TMW- Bibl 87/11 ル C 23 WA87111 LUN S- BERICHT DA AR OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS BÜRGERLICHE WOHNHAUS. ( Gruppe XIX.) DIE NATIONALE HAUSINDUSTRIE. ( Gruppe XXI.) DARSTELLUNG DER BUCHERE WIRKSAMKEIT DER MUSEEN FÜR KUNSTGEWERBE. ( Gruppe XXII.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Technologisches Gewerbe-* seum WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. 333 11 над TX 11 DAS BÜRGERLICHE WOHNHAUS MIT SEINER INNEREN EINRICHTUNG UND AUSSCHMÜCKUNG. ( Gruppe XIX.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. 11. Diefe Gruppe ift beftimmt, einen Beitrag zur Löfung einer der brennend ften focial- wiffenfchaftlichen Fragen zu liefern." So beginnt das officielle Specialprogramm der Generaldirection für die Gruppe XIX der Wiener Weltausstellung, und es mag wohl Recht haben. Durch das Haus wie durch die Wohnung kann man nicht nur den Menfchen, fondern ganzen gefellſchaftlichen Claffen, ja Völkern ins Herz fehen. Das Wohnhaus wie die Wohnung find nicht nur der Ausdruck der perfönlichen Ent wicklung und Selbftftändigkeit des Menfchen und Bürgers und bringen nicht allein Gewohnheiten und Charaktereigenthümlichkeiten der Völker wie der einzelnen Volkskreife zum Ausdrucke, fondern fie üben rückwirkend felbft wieder den gröfsten Einfluss auf das Leben des Menfchen und insbefondere der Familie. Wirthfchaftliche Entwicklung, wie klimatifche Verhältniffe haben dabei vielfach beftimmend mitgewirkt. Gewifs ift, dafs den germanifchen Stämmen das Haus und mit dem Haufe die Häuslichkeit ftets einen höheren Werth und eine gröfsere Bedeutung hatte als den romanifchen Stämmen und Völkern. Es liegt daher auch dem germanifchen Leben fehr nahe, im Haufe oder der Wohnung Alles, was dem Leben der Familiengenoffen nahe fteht, mit demfelben in innigen Einklang zu bringen; die Häuslichkeit findet allenthalben bei den manifchen Völkern eine Ergänzung in dem Begriffe der Wohnlichkeit.„ Die Wohnftube" nimmt daher feit gar langer Zeit, ja felbft heute noch, wo fich die focialen Verhältniffe fehr verändert haben, eine grofse Bedeutung in dem deutfchen und englifchen Wohnhaufe, ja felbft in der blofsen Wohnung ein. Hier fand und findet fich die Familie zufammen, hier wird im engeren Sinne des Wortes die Häuslichkeit zur Liebe und Verehrung für das Familienhaus. Die Wohnftube ziert der erfte und befte Schmuck, und erft, als mit den Fortfchritten der Induftrie die Mittel zur Verfchönerung fich vermehren, verallgemeinert fich im Haufe felbft auch der Zierrath und die Ausftattung, und künftlerifcher Sinn mufs bald die einzelnen Theile der Wohnung nach der Ausftattung in Harmonie brinI* ger 2 Dr. Carl Th. Richter. gen. Anders ift es mit dem unter wärmerer Sonne lebenden Italiener, Spanier und Portugiefen und endlich auch den Franzofen. Durch klimatifche Verhältniffe begünstigt, durch nationale Sitte, Gewohnheit und Eigenthümlichkeit allmälig zur Lebensordnung erhoben, bewegen fich die romanifchen Stämme mehr aufserhalb des Haufes und machen, wie ihre Vorfahren, die Wohnung felbft nur zu einer Zufluchtftätte gegen den Wechfel des Klimas und der Tages- und Nachtzeit. Durch die Erziehung der Kinder aufserhalb des Haufes und des Kreifes der Familie hat das Wohnhaus wie die Wohnung den ethifchen Inhalt verloren. Da aber doch die Wohnung den focialen Beziehungen und Verbindungen zu dienen hat, fo ift bei allen romanifchen Völkern von jeher der ,, Salon" der wefentlichfte Theil der Wohnung und die Vollendung des Wohnhaufes nur in feiner Vollendung erkannt worden. Dafs dabei weniger der Architekt als jede Richtung des Kunstgewerbes, welches den Salon zu fchmücken hat, Werth und Bedeutung empfängt, ift wohl natürlich. Wir wollen mit diefer kurzen Charakteriſtik der Culturvölker vorläufig nicht mehr fagen, als dafs auf der Ausftellung an der Gruppe XIX nur Holland, Deutfchland und Oefterreich fich betheiligt und wenigftens einzelne, das bürgerliche Wohnhaus beachtenden Pläne zur Ausftellung gebracht haben, die Schweiz und England wenigftens verfuchten, fich mit Modellen und Plänen von höher entwickelten Arbeiterwohnungen zu betheiligen, Norwegen einige Zeichnungen von Theilen des bürgerlichen Wohnhaufes ausftellte, die freilich mit ihrem reichgefchmückten Speifefaale, durch Kronleuchter, Kandelaber und Wandleuchter überladenen Tanzfaale die Verhältniffe des bürgerlichen Wohnhaufes weit überftiegen; Spanien, Portugal und Italien dagegen gar nichts zur Ausftattung der Gruppe XIX beitrugen, Frankreich in höchft unberechtigter, aber defshalb keineswegs in befcheidener Weife mit feinen grofsen und kleinen Decorateuren, mit all' feinen Möbel- und Kunfthändlern zu glänzen verfuchte, und hier das Rauch- und Spielzimmer eines Börfenbarons, dort das Schlafzimmer oder Boudoir einer Cocotte, mit dem Raffinement franzöfifcher Erfindung gefchmückt, als Beiträge zur Lösung einer der brennendften focial- wiffenfchaftlichen Fragen" lieferte. Wir werden auf all' diefe Objecte noch in Kurzem fpäter zu sprechen kommen. Der zweite Theil, den das officielle Programm der Gruppe XIX zur Ausftellung zu bringen beabsichtigte, bezog fich auf die Einrichtung des bürgerlichen Wohnhaufes.„ Das Haus foll nicht blos als Bau- Object einen Gegenftand diefer Ausftellung bilden, fondern zu diefem Ende auch vollſtändig eingerichtet werden." Das hat einen tiefen Sinn. Hat der Menfch nicht die wirthfchaftliche Kraft, im feinem Wohnhaufe frei und felbftft ändig fich zu zeigen, in Befitz und Eigenthun hervorzutreten, fo hat und kann er überall die fittliche Kraft haben, diefs zu thun und es wird fich dann feine Freiheit im Schmucke der Wohnung, in deren Zierlichkeit und Sauberkeit äufsern. ,, Willkommen, füfser Dämmerfchein"- fo grüfst Fauft das Stübchen Margarethens " - " Wie athmet rings Gefühl der Stille, „ Der Ordnung, der Zufriedenheit! In diefer Armuth welche Fülle, " In diefem Kerker welche Seligkeit!" Was die Ausftellung für die Erfüllung diefes fchönen Gedankens gethan hat, ift nun freilich nicht der Rede werth. Die Einrichtung des unter Gruppe XIX von England ausgeftellten eifernen transportablen Wohnhaufes für Arbeiter war ebenfo nebenfächlich und unbedeutend, als die des hölzernen, zerlegbaren und tragbaren Haufes, wie es Martin Kien aus Wien ausgeftellt hatte. Mit Ausnahme diefer beiden ungenügenden Beiſpiele war Alles in diefer Richtung fo geartet, wie es das„ Specialprogramm" gerade nicht wollte. Das bürgerliche Wohnhaus. 3 " Das Wohnlichmachen, fagt diefes Programm, wird in zweifacher Richtung erfpriefslich wirken. Wenn die bisherigen Weltausftellungen neuen, für das Haus beftimmten Erfindungen oder Einrichtungen nicht in dem erwünſchten Mafse Verbreitung verfchaffen, fo lag diefs wohl wefentlich mit daran, dafs man diefe Gegenftände, je nach dem Materiale oder der Fabricationsweife, vereinzelt und verftreut zur Anfchauung brachte, nicht aber in ihrer richtigen Verbindung und Anwendung." In Wirklichkeit war nun Alles auf der Wiener Ausftellung gerade fo. Von dem, was die Generaldirection wollte und was fehr fchön gefagt und gedacht war, dafs die Wohnräume, Küche, Keller u. f. w. mit Berücksichtigung aller Bedürfniffe des bürgerlichen Haushaltes und aller bewährten Einrichtungen als ein Ganzes und zur fofortigen Benützung fich geeignet darftellen und fo dem Befucher ein Bild vorführen follten, wie es in gleicher Vollständigkeit und Deutlichkeit auf anderem Wege nicht zu erreichen ift und wie es die Einbildungskraft nie hervorbringen kann" von alledem war in der ganzen Ausstellung nichts zu fehen. Ja nicht einmal die Gewerbetreibenden, welche die Decoration des inneren Haufes zum Gegenftande ihrer Arbeit haben, wollten, das geeignete Terrain zur Bethätigung ihrer Leiftungsfähigkeit" in gemeinfamem Zufammenwirken bebauen, fondern zogen es vor, allenthalben mit ihrer höchft eigenen Perfönlichkeit und Leiftung in den bezüglichen Gruppen zu glänzen oder zu verfchwinden. Und doch hat die Generaldirection vollſtändig Recht, wenn fie fagt:„ Wer fich gegenwärtig hält, dafs der Begriff der Wohnlichkeit aufser der Zweckmäfsigkeit auch Schönheit, mit diefer Harmonie aller Theile verlangt, wird nicht beftreiten, dafs ein vereintes Schaffen vom Standpunkte des Publicums wie von dem der Gewerbetreibenden wünſchenswerth erfcheint." 99 Es ift nach diefer Uebersicht des Programmes und der Erfüllung desfelben auf der Weltausftellung eigentlich in gar nichts die Abficht der Gruppe XIX durchgeführt worden. Und doch ift, wie das Programm gleichfalls fehr fcharf hervorhebt, die angeregte Frage von der weitgreifendften Wichtigkeit. Wohl bei den meiften Völkern ift das bürgerliche Wohnhaus in der Entwicklung zurückgeblie ben. Die Wandlungen in unferem gefellſchaftlichen Leben, die Verkehrsverhältniffe der Neuzeit, noch mehr aber die Steigerung der Bodenpreife haben den Beftand des alten Bürgerhaufes felbft in kleineren Städten nahezu unmöglich gemacht.... Unter dem Einfluffe der den modernen Verkehr beftimmenden Elemente fehen wir die Landplage der Miethkafernen immer mehr um fich greifen und als leider unvermeidliche Folge des Zufammenwohnens Vieler auf engem Raume und des hiedurch gelockerten Familienlebens eine Reihe von für Gefundheit und Sittlichkeit nachtheiligen Wirkungen fich entwickeln." Es ift bei diefer klaren Erkenntnifs eben nur die Frage, wie denn die ganze Anregung, die Beftrebungen zu zeigen ,,, das Familienhaus in neuen, den modernen Verhältniffen angepassten Formen wieder ins Leben zu rufen", mit ganz wenig Ausnahmen fo unbeachtet und fpurlos vorübergehen konnte. Es ift dabei unzweifelhaft wahr, dafs die Gruppeneintheilung der Wiener Weltausstellung der Durchführung der Gruppe XIX grofse Schwierigkeiten entgegenftellte. Sie wird in Betreff der inneren Einrichtung des Wohnhaufes faft durch alle anderen Gruppen durchkreuzt, betreffs ihrer Gefammterfcheinung durch Gruppe XVIII, Bau- und Civilingenieurwefen, ebenfo wie durch Gruppe XX, das Bauernhaus, vielfach zerriffen. Stellt doch der amtliche Katalog das Vorarlberger Bauernhaus unter das bürgerliche Wohnhaus und hat die Jury in ihrer unglaublichen Unklarheit diefes ebenfo wie den Palaft des Vicekönigs von Egypten als bürgerliche Wohnhäufer beurtheilt und ausgezeichnet. Ausserdem hat fie vor Allem Tifchler und Möbelfabrikanten und die 12 Firmen, welche die Ausfchmückung und Einrichtung des Pavillons der franzöfifchen Commiffion geliefert hatten, als Ausfteller in Gruppe XIX prämiirt. Aber diefe Erfcheinungen entfcheiden keineswegs noch ganz über 4 Dr. Carl Th. Richter. die Unvollkommenheit der Ausftellung felbft. Sie find eben nur felbft ein Beitrag zu diefer, und darüber, glaube ich, darf man im officiellen Berichte des weiteren wohl fprechen. Sagen wir es kurz und ganz beftimmt: Man ift in keiner Weife über die mit der Gruppe XIX angeregten Fragen klar, weder über die hier eingreifenden hiftorifchen Erfcheinungen, noch über die heute geltenden thatfächlichen Verhältniffe. Das vielfach angezogene, fo geiftreiche Programm über die Gruppe XIX gibt merkwürdiger Weife auch dafür Belege. Es fpricht in vollſtändiger Verkennung des alten bürgerlichen Wohnhaufes von der Raum und Materialverfchwendung und einer ziemlich willkürlichen Eintheilung und Geftaltung" desfelben. Es fpricht, eben fo unklar über die gegenwärtigen Verhältniffe, von der„, Landplage der Miethkafernen." Es bewegt fich in Betreff der Einrichtung des bürgerlichen Wohnhaufes in dem Gedankenkreife des erften beften Aefthetikers, der dort ftreng kathedermäfsige Weisheit als Zeichen der vollen Menfchenwürde fordert und zur Geltung bringen will, wo die factifchen Verhältniffe felbft dem feinft gebildeten Kreife ein entfcheidendes non possumus entgegenfetzen. 99 " 9 Neben der Landplage der Miethkafernen", die heute fchon weit über die grofsen Städte hinausgreift, entwickelt fich nämlich ganz naturgemäfs neben dem Miethen das Ausmiethen und Kündigen, neben dem Einziehen das Ausziehen, Verhältniffe, welche die architektonifche Einrichtung und Decoration" taufendfach gefährden und unmöglich machen, und felbft, wo fie möglich ift, in ihrem Glanz und Duft fehr oft zerbröckeln. Unter diefen Verhältniffen geftaltet fich das bürgerliche Wohnhaus der Gruppe XIX, und alle Abfichten und Forderungen, die man dabei zur Geltung bringen wollte, ebenfo wie die Summe aller modernen Anfprüche der Berufsäfthetiker, als exiftirend für Jene, welche der Himmel mit Glücksgütern fo reich gefegnet hat, dafs das bürgerliche Wohnhaus für fie in der That als ihr Haus und nicht blos als ihre Wohnung erfcheint, find noch ungeklärt. Wir wollen diefen Verhältniffen gegenüber in einigen kurzen Zügen die Gefchichte und Oekonomie des bürgerlichen Wohnhaufes kennzeichnen. Das Ende diefer Gefchichte wird vielleicht auch im Stande fein, die Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit der Gruppe XIX auf der Ausftellung zu erklären. Es geht ein einziger und dauernd gleicher Zug durch die Gefchichte des Wohnhaufes der Menfchen. Das Haus in feiner Geftaltung und Eintheilung ift nichts Willkürliches und von dem Menfchen allein Bedingtes. Es hängt dauernd und in allen Culturperioden von der wirthschaftlichen Lage der Menfchen ab. Wir können drei grofse Perioden in der Gefchichte des bürgerlichen Wohnhaufes unterfcheiden, Perioden, für welche die deutfche Sprache bezeichnende Namen uns bietet. Ich meine die Periode der einfachen Behaufung, welche mit den Anfängen der menfchlichen Cultur, Jahrtaufende vielleicht für fich in Anspruch nehmend, zufammenfällt. Mit dem grofsen Culturmoment der Sefshaftigkeit oder der Anfäffigmachung der Menfchen beginnt die Periode, wenn wir fo fagen dürfen, des bürgerlichen Wohnhaufes. Sie reicht bis in die Gefchichte unferer Väter und ift in einzelnen Zügen in dem Leben der bäuerlichen Bevölkerung noch immer erhalten. An diefe Periode reiht fich die unfere Zeit beherrfchende und in den grofsen Bevölkerungscentren zum Ausdrucke kommende Periode der Miethwohnung und der Zinshäufer. Dafs diefe Perioden fich nicht mit der Schärfe der Paragraphen abgrenzen, ift leicht erklärlich. Unferer Cultur gehen fchon Culturperioden voraus, die Leid und Freud der Menfchheit, auch die der Wohnung ausgelebt haben. Xenophon und Plutarch erzählen von den Wanderungen und Wohnungswechfeln der Könige und Vornehmen der Perfer, welche es in dem dichtbevölkerten Sufa mit dem Nahen des Frühlings nicht mehr auszuhalten vermochten und ihre Sommerwohnungen in Ekbatana bezogen. Rom hat diefen Luxus frühzeitig nachgeahmt. Das bürgerliche Wohnhaus. 99 5 Wohl mag es nicht befonders behaglich gewefen fein, im Sommer in den Strafsen zu wandeln, die fo eng aneinander ftiefsen, dafs fich die zahlreichen Erker und Vorfprünge faft berührten, unter den vier und fünf Stock hohen Häufern, die von einem immer bedenklicheren Volke bewohnt wurden, je höher das Stockwerk und je billiger dem entſprechend die Miethe war, und die von den Häuferfpeculanten und den von ihrer Hausmiethe lebenden Herren des alten Roms fo gebaut waren, dafs man neben den zahlreichen Feuersbrünften auch von ebenfo viel Hauseinftürzen reden hörte. Erft nach Neros Brandlegung wurde es beffer und entftand jenes glänzende Rom, das Strabo fo begeistert befchreibt, und von dem Amian erzählt, dafs Kaifer Conftantin, als er im Jahre 337 es zum erften Male fah, ftumm vor Bewunderung wurde. Wohin auch fein Auge fich wandte, fah er fich von dem dichten Gedränge der Wunderwerke geblendet." Und in diefer Stadt wogten in ewigem Gedränge 1 Millionen Menfchen hin und wieder, und in dem unerfchöpflichen Schaufpiele von Kaufhallen, Läden und Magazinen konnte man, wie Plinius fagt, die Güter der ganzen Welt in der Nähe prüfen. Da aber vertrieb, wie lange vorher, das wüfte Leben den Reichen aus der Stadt, um im behaglichen Genuffe feiner Villa des Landes fich zu freuen. Den Armen aber drängten damals fchon die Koftfpieligkeit des Lebens und die koloffalen Miethpreife in beftändigem Wohnungswechfel weit an die Enden der Stadt und darüber hinaus. Zu Cäfar's Zeit waren die Miethen in Rom vier Mal höher, als in den übrigen Städten Italiens, und Juvenal behauptet, dafs man in Sora, Fabrateria oder Frufino ein Haus mit Garten für eine Summe kaufen konnte, die man in Rom für eine finftere Jahreswohnung zahlte. Ein langes Jahrtaufend vor uns alfo lebten in anderer Cultur, in anderer Staats- und Wirthfchaftsordnung die Menfchen die gleiche Noth durch, die wir heute leben, und galt der Satz, der heute gilt, dafs man die Hälfte des Lebens vergeudet, um die andere Hälfte annähernd ungeftört zu geniefsen. Kehren wir auf den Ausgangspunkt unferer gefchichtlichen Grundzüge zurück. Wie das Leben des Menfchen im Uranfange feiner Gefchichte von den vorhandenen Lebensmitteln abhängig war, fo lebte er felbft auch unftät und nicht an den feften Wohnfitz gebunden. Der breitblätterige Baum mag ihm damals Schutz und Bedachung, in anderer Gegend der Fels und die Felfenhöhle das Mittel der Umzäunung und Verbergung gegeben haben. Die Behaufung war der einfache Charakter feines Wohnens. Einer ſpäteren Zeit und reicheren Cultur war vielleicht der Baum das Vorbild des Zeltes und die natürliche Höhle das Vorbild des Haufes. Die Araber mit ihrem beweglichen Jäger- und Kriegerleben find heute noch wie vor langen Jahrhunderten Zeltbewohner. In Amerika, Afrika und Afien begegnen, wir unter den wilden und halb civilifirten Stämmen noch den Höhlenbewohnern. Es find Stämme, die in einer geordneten wirthschaftlichen Arbeit noch nicht an die Scholle feftgebunden find. Und das Leben ohne Arbeit ift dauernd bedingt und abhängig von den Nahrungsmitteln, die der Menfch fucht und findet. Erft mit der Sefshaftigkeit und Anfäffigmachung entſteht auch ficher das Wohnhaus des Menfchen. Neben der Scholle, die er bebaut, feftigt er das Zelt durch Holz- und Erdwände, erhebt er die Höhle über den Boden und baut gleichfalls zuerft aus Holz und in einer fpäteren Periode erft aus Stein das Haus und die Hütte, die ihm nun nicht mehr blos Schutz und Zufluchtftätte ift, fondern der Vereinigungspunkt feines Lebens und feiner Wirthfchaft. So weit unfere hiftorifche Kenntnifs reicht, finden wir den Menfchen fchon mit dem Wohnhaufe verbunden. Das Klima entfcheidet über feine Bau- Art, die Lebensweife und öffentliche Ordnung über feine innere Geftaltung. Leichtes Fachwerk bildet die Häufer Perfiens und Egyptens in den älteften Zeiten und Jofephus erzählt in feiner Gefchichte des jüdifchen Krieges, dafs die Römer bei 6 Dr. Carl Th. Richter. Erftürmung der jüdiſchen Gebirgsftadt Gamala auf den Dächern der Häufer kämpften, die bald mit ihnen einftürzten und, da fie aus Lehm beftanden ,,, weithin den Staub aufwirbeln liefsen". Die claffifchen Völker zeigen uns den Bürger nur in der Menge der öffentlichen Gefchäfte und Thätigkeiten; in der Rathsverfammlung und auf den öffentlichen Plätzen ift er eigentlich zu Haufe. Das eigentliche Haus, das Haus von Rom und Athen ift durch Jahrhunderte Zufluchtftätte und Vorrathskammer. Es wird daher für den Schmuck desfelben und die Einrichtung wenig gethan und ein Hausgeräth im Werthe von taufend Drachmen, beiläufig 170 Thaler, foll nach Lyfias etwas ganz Aufserordentliches gewefen fein. Nur die Götter und die Könige haben reicher und ftolzer gewohnt. Naufikaa ſpricht von der prächtigen Wohnung ihres Vaters Alkinous und Homer ift voll des Ruhmes über den Palaft des Königs Priamus mit", in Stein gehauenen Hallen und fünfzig Gemächern im Innern". Wie fo das Haus überwiegend durch Jahrtaufende Vorrathskammer und Arbeitſtätte ift, entwickelt es mit feiner wirthschaftlichen Bedeutung allmälig auch einen politifchen Werth. Das Haus oder der Befitz macht den freien Mann. In Egypten gab es vor uralter Zeit Häufer, die in fechzehn Eigenthumstheile zerfielen, wahrfcheinlich weil Grundbefitz das Zeichen der Freiheit und fomit der höheren Kafte war. Diefe Beziehungen ragen fcharf ausgeprägt ins Mittelalter hinein und, verbunden mit den Zunft- und Gewerbe- Ordnungen, wenn auch bedeutend verändert, bis in unfere Tage. Der Hausbefitz gibt allmälig Bürgergerechtigkeit und Gewerberecht. Er ift dadurch auch die Quelle politifcher und communaler Berechtigung. Da aber allmälig der Ausbau der ftädtifchen Kreife fich vollendet, fo tritt an die Stelle des Hauserwerbes die Zahlung einer Taxe, die Bürgerreluitionstaxe, wie ſie z. B. in Wien genannt und bis in die letzten Jahrzehnte beftehend war, und wird die Geldwirthfchaft auch nach diefer Seite gegenüber der alten Naturalwirthschaft bedeutfam. Das Haus ift in diefen Jahrhunderten als Familienhaus allmälig die Bafis der Häuslichkeit und der Wirthfchaftlichkeit. Es ift Wohnhaus für den Familienvater und die Familie mit dem Gefindewefen, aber es ift auch Werkftatt und Vorrathskammer. Wenn es die Macht des Befitzes geftattet, umfchliefsen die Mauern wie bei den Burgen auch noch die Productionsgebiete, Wiefen und Ackergründe. Es ift ganz falfch, wenn das officielle Programm der Gruppe XIX dem alten bürgerlichen Wohnhaufe Raum- und Materialverfchwendung vorhält. Das Haus musste einft für Alles forgen. Bei der wirthschaftlichen Lage der Vergangenheit, dem Mangel an ausgiebigen Verkehrsmitteln, Wegen, Strafsen und Märkten ift die Sorge für die Erhaltung des Lebens eine fehr ernfte und grofse. Vorrathskammern nehmen den rückwärtigen Theil des Haufes ein, geräumige Keller und Böden find Bedürfnifs der gefammten Wirthschaftlichkeit der Zeit, ebenfo wie die grofse Anzahl der Knechte und Mägde durch die grofse Arbeit des Haufes geboten erfcheint. Wenn wir heute noch von Häuslichkeit fprechen, fo verftehen wir und können wir darunter nichts Anderes mehr als Wirthfchaftlichkeit im engeren Sinne des Wortes verftehen, denn unferer heutigen Häuslichkeit fehlt zur Vollständigkeit des Begriffes in den meiſten Fällen das Wefentlichfte, das Haus. Die wirthschaftliche Entwicklung unferer Tage, die Veränderung des ganzen gewerblichen Lebens, die ungeheuere Entwicklung des Verkehrs und der Verkehrsmittel, die in alle menfchliche Thätigkeit eingreifende Arbeitstheilung haben die Zahl der häuslichen Sorgen bedeutend verringert. Der Hausbefitz wird allmälig das Zeichen grofser wirthschaftlicher Wohlhabenheit oder die Quelle wirthschaftlicher Speculation. Nur in der bäuerlichen Wirthfchaft neben der Ackerwirthfchaft erfcheint er noch als Nothwendigkeit und Das bürgerliche Wohnhaus. 7 hängt auch hier in diefer Nothwendigkeit mit der ganzen bäuerlichen Wirthfchaft zufammen. Allmälig drängt das gewerbliche Leben in die Städte eine ungeheuere Bevölkerung, es fteigern fich die Grund- und Bodenpreife, und wie mit diefer Bewegung, Zeichen der allgemeinen Entwicklung, auch die Staatsausgaben fich ſteigern, erhöhen fich natürlich auch die Bedürfniffe dafür, die Steuern. Und Grundwerth und Steuern wirken neben den fonftigen wirthschaftlichen Veränderungen des Lebens auf die Veränderung des Wohnhaufes und die Geftaltung der bürgerlichen Haushaltung. Grofse Vorrathsräume find überflüffig geworden; die Keller und Bodenräume fchrumpfen ein und werden zu einfachen Bewahrungsräumen für die Gegenftände des täglichen Bedarfs. Es gibt keinen gewerblichen Betrieb mehr in der einzelnen Haushaltung, denn die Organiſation der Induftrie erfetzt Alles, was fie einft felbft zu erzeugen nöthig hatte; Märkte und Verkaufsplätze find jeden Augenblick bereit, aller Nachfrage zu genügen. Unwirthschaftlichkeit wäre heute, was unferen Grofseltern noch höchfte Tugend und Sorge war. Nicht das Haus, die Wohnung allein wird jetzt die überaus befchränkte Sorge der Haushaltung und an die Stelle der Häuslichkeit tritt die Sorge der Wohnlichkeit. Die Räume, die wir dafür benützen, werden immer geringer, weil eine grofse Wohnung nur mehr der grofsen Wohlhabenheit zugänglich oder als ein Zeichen des Luxus und der Verfchwendung zum Ausdrucke kommt. Und je gröfser die Beweglichkeit des jetzigen bürgerlichen Lebens wird und gewiffe Stände, wie die Summe des Beamtenftandes, des Militärs und felbft zahlreiche bürgerliche Wirthschaften beherrscht, defto mehr wird der Bedarf, den die Wohnung repräfentirt zur Verfchwendung und zum Luxus hingedrängt, wenn fie das Nothwendige überfchreitet. Die Wohnung wird aber erft ein fertiger Begriff mit der Summe der Einrichtungsgegenstände und diefe erft wird zum Ausdrucke der Unwirthfchaftlichkeit in den modernen Wohnungsverhältniffen. Wo an Stelle des Haufes die blos gemiethete Wohnung tritt, da ift die Unficherheit der Erhaltung derfelben der ftets gefürchtete Gaft. Erhöhung der Miethpreife und einfache Kündigung verfchieben, wie uns die Statiſtik der gröfseren und zahlreichen kleineren Städte von faft ganz Europa zeigt, in einem einzigen Jahre bei Taufenden von Familien vielfach oft die Verhältniffe. Ueberfiedlung und Delogirung aber find durch fich felbft wie durch Befchädigungen und Verlufte anfehnliche Capitalsvergeudungen. Aber auch dagegen kämpft der praktiſche Geift unferer Zeit rüftig an. Man baut in Paris und anderen Städten, foweit es die Sicherheit des Baues geftattet, mit hohlen Wänden und erfpart Kiften und Kaften, das koftbarfte und für den Transport unbequemfte Einrichtungsstück. In Frankreich wie in Deutfchland ift die Möbelvermiethung für ganze Wohnungen zu einem Gefchäfte geworden und befreit die Haushaltung, die nicht im eigenen Haufe gefichert ift, von unendlicher Sorge und grofsen Koften. Es ift ganz wider. fpruchsvoll, dafs wir bei der fonftigen Beweglichkeit, Schnelligkeit und Rafchheit unferes Lebens in den einzelnen Punkten unferer fogenannten Häuslichkeit die koftfpieligften Schwerfälligkeiten noch behaupten. Die Aefthetik unferer Tage mit ihrer glücklichen, aber oft träumerifchen Kunftforderung, die fie fo allgemein an das Leben ftellt, hat einen fehr befchränkten wirklichen Werth, das heifst einen Werth eben für die ,, oberen Zehntaufend", denen für das Leben überhaupt glücklicher gebettet ift als der grofsen Menge. Hier mag das Wort„ Kunft" im vollften Mafse zur Geltung kommen und was der Patricier Italiens und Deutfchlands im Mittelalter im eigenen Wohnhaufe gefchaffen, das mag der glückliche Renten befitzer von Hunderttaufenden unferer Tage leiften in feinem Wohnhaufe, in und an feinem Zinshaufe, ja felbft blos an feiner Wohnung. Für die übrige grofse Menge des Bürgerthums entfcheidet Einfachheit und Zweckmässigkeit und die unferem Sinne entsprechende Billigkeit und Nützlichkeit der Wohnung und ihrer Einrichtung. 80 Dr. Carl Th. Richter. Hätte die Ausftellung in diefer Richtung etwas leiften wollen, fo hätte die Generaldirection von vornherein mit den nöthigen Mitteln dahin wirken müffen, ein fertiges Haus vollkommen eingerichtet als Ausftellungsobject zu erhalten. Die einzelnen Arbeiterhäufer und darunter auch das eiferne Haus, das England, das hölzerne und zerlegbare, das Martin Kien ausgeftellt hatte, reichten dafür ebenfo wenig aus, als die einzelnen glänzenden Boudoirs und Meublirungen, welche ohne jedes Haus die franzöfifchen Decorateure ausgeftellt hatten. Wir haben jedoch noch einiges Wenige zu unferen gefchichtlichen Grundzügen hinzuzufügen. Der Umfchwung, welcher mit dem XIX. Jahrhunderte unfer ganzes wirthfchaftliches Leben erfafste, die aufserordentlich tief eingreifenden Verfchiebungen der Bevölkerung haben nämlich gar mächtig auf die Erfcheinung und Geftaltung unferes modernen Haufes eingewirkt. Der Volksgeift, der früheren Jahrhunderten fein Zeichen aufprägte, hat damit gar nichts mehr zu thun. Er kommt höchftens zur Erfcheinung in der gemeinfamen Staatsgewalt und der in ihr fich bildenden Form der Polizei, als Sicherheitsund Gefundheitspolizei und der ganzen Summe unferer nützlichen und vielfach höchft nutzlofen Baugefetzgebung. Im Stile hat fich der moderne Geift der Völker noch nicht zurechtgefunden. Wirthschaftlichkeit ift der Inhalt aller Bemühungen, eine äfthetiſche Form ift trotz alles Schwankens zwifchen Gothik und Renaiffance noch nicht gefchaffen. Werden doch alle Kunftformen vergangener grofser Zeiten nur als äufserer Aufputz höchft mittelmäfsig mit dem modernen Wohnhaufe verbunden. Wollen wir den Stil unferer Tage kennzeichnen, fo gebührt ihm ftatt des gehäffigen Kafernenftiles der viel bezeichnendere Name des Zinshausftiles. Ich weifs nicht, wem man den felbft vom officiellen Programme als„ Landplage" bezeichneten Stil in fehr gehäffiger Weife zugefchrieben hat. Gewöhnlich hat ihn unfer Bürgerftand auf Grund einer ficheren Rechnung der Bodenpreife und Steuerlaften mit aller Ruhe und ohne alle äfthetifchen Gewiffens biffe gefchaffen. Diefe Rechnung drängte zur Ausnützung des Raumes in der Höhe, zum Uebereinanderfetzen der Wohnungen und zum Aneinanderdrängen der Häufer. Da gehen leicht die Grenzen der Verhältnifsmässigkeit verloren, in denen allein ein äfthetiſches Werk gelingen kann. Als Erfatz dafür hat die Gegenwart die aufserordentliche Benützung des Raumes und des Lichtes im Innern der Gebäude gefchaffen, die Zweckmäfsigkeit der Ausnützung und Vertheilung derfelben entdeckt, wie frühere Jahrhunderte mit ihren Paläften es kaum geahnt haben. Diefe Fragen der Zweckmäfsigkeit, Tauglichkeit und Gefundheit unferer modernen Wohnräume haben aufserordentlich tief in das Leben der Völker eingegriffen, insbefondere was die Wohnungsverhältniffe des kleineren Bürgerftandes und der niederen Volksclaffen anbelangt. Gerade an diefe Fragen fchliefsen feit neuerer Zeit die Erörterungen der beiden Hauptrichtungen des modernen Wohnhaufes fich an, des Cottageoder des Kafernenfyftems, das heifst des Haufes als Wohnung und der Vielheit der Wohnungen in einem Haufe. Es ift falfch und ganz unrecht, diefe Fragen nur in Beziehung auf die ärmeren Claffen und den Arbeiterftand zu erörtern, da mit ihrer endlichen Löfung unendlich viel für das Wohlfein aller Stände wird entfchieden werden. Es ift bekannt, dafs das erfte Syftem, das in England für alle Stände benützte, das andere dem Continente angehörig ift, nicht nur für die grofsen und gröfseren, fondern auch für kleinere Städte. Unzweifelhaft ift das Einzelnwohnen in einem Haufe gefundheitsgemäfs und Sitte und Familie fördernd, das Wohnen im eigenen Haufe von der gröfsten wirthfchaftlichen Bedeutung. Wir haben diefs allmälig durch die Arbeitercolonien von Mülhaufen, der Kohlen- Bergwerke bei Saarbrücken, der Arbeitercolonie zu Fünfkirchen in Ungarn erkennen gelernt. Die Grundlage diefer Schöpfungen ift vor allen Dingen die Einfachheit der modernen Haushaltung, der Mangel eines Bedürfniffes nach grofsen Vorrathskammern, Keller- und Bodenräumen. Diefer Haushaltung konnte man billig das Haus herftellen, den Erforderniffen des Mate Das bürgerliche Wohnhaus. 9 riales und felbft des Baugrundes nach. Und billig bauen ift die erfte Forderung, um das Ziel zu erreichen, dem kleinen Manne und jedem Bürger die Möglichkeit des Hauserwerbes zu geben. Die Häufer in Mülhaufen kamen zuerft mit Grundwerth und Baukoften auf nicht mehr als 4000 Francs zu ftehen, ja felbft auf der Parifer Weltausftellung fah man noch einftöckige Häufer, die vor einer der Barrièren der Stadt mit Grund und Boden und Bauconto nicht viel mehr kofteten. Wie fehr nun aber auch die Baukoften im Laufe der Zeit fich vermindern laffen werden, die Höhe und das ftetige Steigen des ftädtifchen Grundwerthes und der Steuern wird der ausgedehnten Anwendung des Cottagefyftemes ftets unendliche Schwierigkeiten entgegenfetzen und zwar um fo mehr, je weniger die für den täglichen Bedarf nöthigen Verkehrsmittel entwickelt find. Mit dem Haufe als Einzelwohnung ift felbftverſtändlich die ungeheure Ausweitung der ftädtifchen Bezirke, die Bildung von unendlichen Entfernungen gegeben und damit der nothwendige Verluft und die Vergeudung der Zeit. In England ift das Cottagefyftem mit den Jahren felbft in grofsen Städten allmälig entwickelt worden. Darnach entwickelte der Engländer fein gefammtes Leben, feine Tageszeiten theilten fich genau nach feinen Befchäftigungen aufser dem Haufe und im Haufe. Daneben entwickelten fich, je gröfser die Entfernungen wurden, defto fchneller auch die Transportmittel, Omnibuffe, Eifenbahnen ober und unter der Erde, Dampffchiffe u. f. w. Man fieht, dafs der Bedingungen für die glückliche Geftaltung des bürgerlichen Wohnhaufes fehr viele find. Wo diefe nicht erfüllt werden können, wo der Entwicklung nach diefer Richtung hin fchwere Hinderniffe entgegenstehen, da wird das Kafernenfyftem fich behaupten und entwickeln und das Wohnen des Einzelnen an die Miethwohnung gebunden bleiben. Die Gefchichte der menfchlichen Wohnung, wie fie alfo dauernd durch die bürgerliche Haushaltung bedingt wird, fängt mit der Begründung derfelben an und endet in unferer Zeit mit einer vollkommenen Auflöfung der alten bürgerlichen Haushaltung. Die Verkehrs- und Lebensverhältniffe find allmälig fo geartet, dafs der Bedarf nach Wohnungen ebenfo wie der nach dem Befitze des eigenen Haufes durch die gröfste Wirthfchaftlichkeit bedingt erfcheint. Und darüber herrfcht bei den meiften Menfchen noch die vollfte Unklarheit und mag es erklären, dafs die Wiener Weltausftellung trotz des beften Willens nichts leiftete. Denn wenn wir dem Programme entſprechend vorgehen und, wie wir einleitend fchon bemerkten, ausfcheiden, was danach auszufcheiden ift, fo bleiben in der That für uns nur wenig beachtenswerthe Objecte. Wir wollen fie fogleich betrachten, nachdem wir der Einrichtung und Ausfchmückung des bürgerlichen Wohnhaufes noch einige Worte gewidmet haben. Wir haben fchon angedeutet, dafs die Kunft in den Wohnräumen nur dort gewiffermafsen zur fittlichen Pflicht und möglich wird, wo die bürgerliche Wohnung mit dem bürgerlichen Wohnhaufe zufammenfällt. Alles Aeſthetifiren wird in diefer Richtung nichts nützen, da der Menfch überhaupt und der Hausvater insbefondere dem Rechte und Gefetze der Wirthfchaftlichkeit folgt und folgen foll. Bequemlichkeit, leichte Beweglichkeit und Veränderungsfähigkeit, Vermeidung jedes Ballaftes, felbft des Schmuckes, wenn er überflüffig ift, wird zum Gefetze, zumeift für das, was wir bürgerliche Haushaltung nennen. Glünklich der, der hier nicht zu forgen braucht und fich felbft wie feine Nachkommen im Kreife der Schönheit und Harmonie erhalten kann. Glücklich die Zeit. die es einft für Alle möglich machen wird. Sie wird fchöpferifch, werden und dem bürgerlichen Wohnhaufe inund auswendig vielleicht wieder einen Stil fchaffen, der die Tifchler- und Tapezirerphantafie, von der die meiſten Menfchen heute abhängen, glücklich überwinden wird. Wir haben uns nicht weiter damit zu befchäftigen, da die Ausftellung nichts bot, das der Aufgabe und Abficht der Gruppe XIX entſprechend gewefen wäre. 333 10 99 Dr. Carl Th. Richter. Wir wenden uns nun den Plänen des bürgerlichen Wohnhaufes zu, denn über nichts mehr als über diefe können wir als zur Sache gehörig berichten und wollen wenigftens der prämiirten Ausfteller folcher Pläne, foweit es uns geftattet ift, ohne in die Gruppe XVIII oder gar Gruppe XXV c hinüberzufchweifen, etwas ausführlicher noch gedenken. Wir zählen daher als zu unferer Aufgabe gehörig: die Pläne und Anfichten", wie fie in dem Buch und Prachtwerk der Gefellfchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, Amfterdam, zur Anficht aufgelegt waren; dann„ Mappe mit Zeichnungen eines bürgerlichen Wohnhaufes für eine Familie", von C. Luckow, Architekt aus Schwerin; die beachtenswerthen Zeichnungen und Pläne für bürgerliche Wohnhäufer, vom Architektenverein aus Bremen ausgeftellt; die Oefterreich repräfentirende Wiener Baugefellſchaft mit Plänen von Wohn- und Zinshäufern der Architekten Schumann und Tifchler. und endlich die vorgelegten Pläne des Architekten Wilhelm Stiafsny. Civilingenieur C. Luckhardt, aus Kronftadt in Siebenbürgen und zur ungarifchen Ausftellungsabtheilung gehörig, hatte mit gutem Rechte unter Gruppe XVIII den Plan eines bürgerlichen Wohnhaufes ausgeftellt, der aber mit in den Kreis unferer Aufgabe fällt und ähnliche Arbeiten in derfelben Abtheilung bedeutend überragt. Die gleichfalls prämiirten Ausstellungsobjecte des Georg Warien, Bergwerk und Hüttenvereines bei Osnabrück mit feinen zahlreichen Plänen von Arbeiter- und Beamtenwohnungen, übergehen wir an diefer Stelle ebenfo wie ähnliche zahlreiche nicht prämiirte Ausftellungsobjecte. Defsgleichen die in Grundriffen und Anfichten zahlreich ausgeftellten Villen und Luftfchlöffer. Wenn wir die zu unferer Betrachtung gehörigen, oben aufgezählten Ausftellungsobjecte gewiffermafsen unter fefte Gefichtspunkte bringen wollen, fo bilden die deutfchen mit den ftammverwandten Niederländern eine ebenfo beftimmt abgegrenzte Richtung und Kategorie und gehören dem Cottageſyſteme an. Die Ausftellungsobjecte dagegen der Wiener Architekten repräfentiren das Kafernenfyftem oder das bürgerliche Wohnhaus als Zinshaus. Ein eigenthümliches Problem dagegen hat Karl Luckhardt zu löfen verfucht. Er wollte ein Wohnhaus herftellen, das den verfchiedenften Bedürfniffen zu entsprechen geeignet ift. Was wir nun fchon früher in der Einleitung zu unferer Betrachtung gefagt haben, dafs das germanifche Leben durch das Zuſammenleben der Familie gekennzeichnet wird, das ist nun nicht blos im Allgemeinen dadurch auf der Ausftellung gekennzeichnet, dafs blos diefe Völker etwas zur Löfung diefer Frage beigetragen haben, fondern vor allen dadurch, dafs der Grundzug der gefammten architekto nifchen Anlage bei den deutfchen und niederländifchen Ausftellungsobjecten dahin geht, durch das Haus einmal die Familie nach Aufsen hin vollkommen abzufchliefsen, im Innern aber die ungeftörte und freie Bewegung der Familiengenoffen zu fichern. Das find ja die zwei wefentlichen Erforderniffe deffen, was der Deutfche eine angenehme Häuslichkeit nennt. Die öfterreichifchen Architekten mit ihren ganz anderen Aufgaben fuchen dasfelbe wenigftens durch ihre Wohnungsordnungen im Zinshaufe zu erreichen. Die erfte Aufgabe fuchten die zahlreichen Pläne der Gefellfchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, ebenfo wie jene des Bremer Architektenvereines zu löfen. Für die andere Aufgabe hat Wilhelm Stiafsny, wie Schumann und Fifcher, einige vortreffliche Mufter geliefert. Die fchöne Sammlung von Plänen des bürgerlichen Wohnhaufes der Gefell. fchaft zur Beförderung der Baukunde in den Niederlanden, unter denen befonders einige Pläne des Architekten W. Springer Beachtung verdienten, war überwiegend in die XVIII. Gruppe eingereiht und nur einige Totalanfichten fchienen durch Verfchiebung in die Gruppe XIX gekommen zu fein. Danach erkannten wir, dafs das Mufter des bürgerlichen Wohnhaufes zu einer Hälfte ebenerdig, zur anderen ftockhoch gedacht ift, wobei ein durchgehendes Veftibul einmal den Eintritt in das Haus, das andere Mal den Zugang Das bürgerliche Wohnhaus. 11 zu den rechts liegenden Wohn- und Schlafzimmern und zu dem links liegenden Sprechzimmer und der Küche vermittelt. Um Wohn- und Schlafzimmer zieht fich aufsen eine Veranda, unter der Küche liegt der Keller. Durch eine Thür in der Tiefe des Veftibuls gelangt man zum Abort und den Wirthfchaftsräumen. In der Nähe des Ausganges erhebt fich auch die Treppe zum oberen Stockwerke, welche gegenüber einem kleinen Vorzimmer mit Garderobe mündet. zu deffen beiden Seiten fich Schlafkammern befinden. Die Dimenfionen des Haufes betragen circa II Meter auf 15 Meter, woraus man die befcheidene Gröfse der Zimmer ermeffen kann. Eben defshalb mufs es bedenklich erfcheinen, dafs durch die breite Hausflur der Raum etwas vergeudet erfcheint, was keineswegs durch die feparirten Eingänge zu jedem einzelnen Zimmer aufgewogen werden kann. An den ausgeftellten Zeichnungen des Bremer Architektenvereines, beftehend aus zwölf Blättern mit einigen Unterabtheilungen und Grundriffe und Anfichten enthaltend, vom Arbeiterhaus angefangen bis zur Villa und dem ftädtifchen Gefchäftshaus des Kaufherrn, konnte man die Stabilität und zugleich die Bewegung des Familienlebens einer beftimmten Bevölkerung erkennen. Der Bremer Kaufmann hat den Zug der vollſtändigen Abgefchloffenheit feiner Häuslichkeit bis heute noch bewahrt. Wir fehen auf all' den ausgeftellten Zeichnungen das Haus vollständig felbftftändig und zumeift durch einen Garten bald in gröfseren, bald in fehr befcheidenen Dimenfionen von dem Nachbarhaufe getrennt. Diefer Garten ift nicht nur die Quelle der Vergnügung und des Wohlbehagens der Familie, fondern auch das Mittel, felbft der einfachften Architektur einen gewiffen Schmuck, Frifche und Zierlichkeit zu verleihen. Bremen macht dadurch den Eindruck, trotz des reichen und bewegten Lebens, einer fauberen, wohlhabenden und friedlichen Stadt. Und diefe Sauberkeit und diefer Friede tritt auch auf den Zeichnungen allenthalben hervor. Im Innern dagegen ift die alte Uebung, Freiheit und Selbstständigkeit der einzelnen Familienmitglieder durch die Vertheilung des Raumes, zum Theil befeitigt. Das Leben ift eben gröfser und mächtiger geworden und die Kinder, felbft der Aeltefte und Erbe des Gefchäftes, leben nicht mehr durch lange Jahre im elterlichen Haufe, finden hier auch nicht mehr die volle Befriedigung der gefellfchaftlichen Beziehungen und ftreben darüber hinaus, ihr eigenes Heim zu begründen. Dadurch ift das Gefellſchafts- oder Familien- oder Wohnzimmer aus feinem alten Glanze und feiner bevorzugten Stellung verdrängt worden, die Zimmer der einzelnen Familienglieder nehmen jetzt einen gröfseren Raum ein und haben eine gröfsere Bedeutung errungen, ebenfo wie der Salon, der allenthalben der Schmuck des oberen Stockes in den durchwegs einftöckigen Häufern bildet. Die Dimenfionen find vielfach wechfelnd, je nachdem das bürgerliche Wohnhaus auch dem kaufmännifchen Gefchäfte Raum zu geben hat und engen fich natürlich bei den Arbeiterhäufern am bedeutendften ein. Aber das Syftem des Familienhaufes und der Gärten um das Haus geben den verfchiedenften Gebäuden einen gleichen Charakter. In Mitte der ariftokratifchen Kaufmannswelt gleicht die Architektur die Schroffheit der gefellſchaftlichen Claffen aus und fucht durch den eigenen Befitz und das eigene Haus den freien Bürger zur Geltung zu bringen. Ein befonders fchwieriges Problem hat der Architekt C. Luckow aus Schwerin zu löfen verfucht. Ein ziemlich grofser, aber der Form nach trapezartiger, in Mitte einer gefchloffenen Häuferreihe liegender Bauplatz ift mit Haus und Wirthschaftsräumen auszubauen. Die Schwierigkeit wird noch erhöht dadurch, dafs die fchmale Seite des unregelmäfsigen Bauplatzes nach der Strafse zu gelegen. Die Löfung ift infofern verfucht, als Küche, Speifekammer und Dienftbotenzimmer im Kellergefchofs untergebracht find. Im erhobenen Parterre befinden fich die Wohnzimmer, im oberen Stocke, der vier Zimmer geftattet, die Kinderund Fremdenzimmer. 12 Dr. Carl Th. Richter. Die eine fchräge Seitenwand ift nach innen in jedem Zimmer durch bedeutende Verſtärkung der Mauern ausgeglichen. Zum Theil ziehen fich gerade hierdurch in fehr glücklicher Benützung der verftärkten Mauern die Schornfteine. Um den Raum der einzelnen Zimmer in nichts zu beengen, auch die Fenſter und Thüren gleich entſprechend und zweckmäfsig anzulegen, hat der Künftler die Einzeichnung von vornherein der für jedes Zimmer gehörigen Meubeln vorgenommen. Ein befonders diefs vollkommen darftellendes Blatt geftattet einen klaren Einblick in die forgfältige Methode der Arbeit Luckows. Glücklicher und günftiger in der Raumanlage und zu gleicher Zeit wieder die Anlage eines Gartens um das Haus herum geftattend, präfentirte fich die in Zeichnung und Photographie ausgeftellte Villa des Civilingenieur Luckhardt in Kronftadt. Der Grundrifs ift faft quadratifch, das Haus ftockhoch mit einem ganz flachen Dache. Die kleinere Hälfte des Gebäudes, die vordere, hat einen Vorbau, der zu gleicher Zeit zu ebener Erde ein Entrée gibt, aus welchem Thüren nach den vornheraus gehenden Zimmern führen. Der rückwärtig gelegene gröfsere Theil des Haufes enthält in der Mitte das Treppenhaus, rechtfeitig ein geräumiges Zimmer, welches glücklich mit den beiden vorderen verbunden ift und links die Küche mit anftofsender Speisekammer. Auch nach rückwärts ift ein Ausgang, der die Küche mit den Wirthfchaftsgebäuden verbindet. Der obere Stock ift in gleicher Weife eingetheilt und kann wegen des doppelten Eingangs in das Treppenhaus ohne jede Beläftigung der Parterrebewohner vermiethet werden. Die Treppe ift in der Mitte durch einen Ruheplatz unterbrochen und hier die Dienftboten Kammer angebracht. Der Vorbau des Parterres bildet für den erften Stock einen grofsen Altan. Der Keller zieht fich unter der ganzen rechtsfeitigen Hälfte des Gebäudes hin und hat von aufsen feinen Zugang. Im Garten und an das rückwärtige, ebenerdige Zimmer anftofsend, ift ein Glasfalon erbaut, der, da etwas entfernt davon auch eine Sommerküche angelegt ift, einen fchönen Speifefaal im Sommer abzugeben geeignet ift. Die einzelnen Wirthschaftsgebäude noch dazu gerechnet, bildet das Ganze ein bürgerliches Wohnhaus wie es den verfchiedenften Anforderungen Rechnung tragen kann. Wir kommen nun zu den von den öfterreichifchen Ausftellern zur Anficht gebrachten bürgerlichen Wohnhäufern, das heifst, den Zinshäufern, in welchen fich mehrere bürgerliche Wohnhäufer befinden. Der Zweck des Haufes ift immer der, den gröfstmöglichften Zins aus den im Grund und Bauwerth angelegten Kapitalien herauszubringen. Diefs zu erreichen ift die gröfste Ausnützung des Raumes, ebenfo wie ein äufserer keineswegs unfolider Glanz nothwendig. Die Façade und das durchwegs breite und vornehme Treppenhaus hat diefen zu vertreten. Die Ausnützung des Raumes wird erreicht durch die um das Treppenhaus herum gelegenen Wohnungen, durch das volle Verfchwinden jedes Gartenraumes, der übrigens durch die koloffalen Dimenfionen der Gebäude nur in gleicher Weife möglich, und wenn nicht, fo nur ftörend wäre, endlich aber auch und leider durch die burgverliefsartige Einengung des Hofraumes. Alles mufs eben das Capital reproduciren. Die einzelnen Wohnungen find in den übereinander gethürmten Stockwerken durchwegs gleich und ift die Verfchiedenheit des Werthes derfelben nur durch die Höhe des Stockwerkes gegeben. Freilich werden im erften und zweiten Stocke öfter für höhere Bedürfniffe mehrere Wohnungen in eine zufammengezogen. Da fomit bei diefem Stil das bürgerliche Wohnhaus mit der Wohnung allein zufammenfällt und von der gemeinfchaftlichen Treppe an erft beginnt, fo ift die Aufgabe des Architekten die, in der gegebenen Grenze die gröfste Bequemlichkeit und dabei doch auch Wohnlichkeit herzuftellen. Die Vorlagen von Das bürgerliche Wohnhaus. 13 Wilhelm Stiafsny ebenfo wie jene der Architekten Schumann und Fifcher fuchten diefs nun, wir dürfen wohl fo fagen, den Befuchern der Ausftellung in Plänen näher zu enthüllen. Die Ringftrafse und die neuen Stadttheile von Wien bieten heute in fortfchreitender Vervollkommnung zahlreiche grofsartige Beiſpiele dafür in Wirklichkeit. Wir müffen es dem Architekten und dem Berichterstatter über Gruppe XVIII überlaffen, die Wiener Architektur nach Innen und Aufsen zu beleuchten. Uns fcheint es Eulen nach Athen tragen, wenn wir gerade im öfterreichischen Berichte eine Wiener Wohnung befchreiben wollten. Es fchien uns ohnediefs, als ob wir bei der mangelhaften Befchickung der Gruppe XIX mehr Raum der Kritik diefer Verhältniffe zu widmen haben, als der Darftellung der einzelnen Objecte. Betreffs der Ausfchmückung des bürgerlichen Wohnhaufes weifen wir auf die Berichterftattung über die Zweige der Kunftinduftrie überhaupt, Gruppe V, VI, VII, VIII, IX, und vermeiden Wiederholungen, bei denen man nur ficher ftellen könnte, dafs fehr viel in Gruppe XIX flüchtete, was nicht hineingehörte und auch keine Berechtigung hatte, überhaupt da zu fein. Mag man, durch die Erfahrung belehrt, für alle Zukunft der Weltausftellungen darauf Bedacht nehmen, dafs es nicht darauf ankömmt, eine neue Gruppe in das Ausftellungsgebiet einzufügen, auch nicht darauf, ein von fchönen Gedanken und Wünfchen volles Programm zu fchreiben, fondern darauf, dafs man neben den klaren Zielen und Zwecken, die man anftrebt, auch der Art und Weife fich vollkommen bewufst ift, wie man diefelbe plaftifch geftalte und gerade jenen begreiflich mache, denen man belehrend und aufklärend gegenüber treten will. Bei den Arbeiterhäufern war diefs fchon 1867 vollſtändig gelungen. Bei den Bauernhäufern ift es 1873 bei manchem Objecte höchft glücklich vollendet worden. Hoffen wir, dafs eine nächfte Ausstellung, vielleicht kann es fchon jene von Philadelphia fein, die Frage der Ausftellung des bürgerlichen Wohnhaufes, feiner Einrichtung und Ausfchmückung glücklich löfen wird. DIE NATIONALE HAUSINDUSTRIE. ( Gruppe XXI.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. ,, Zu den Gegenftänden, welche auf der Parifer Ausftellung des Jahres 1867 unter den Kunftfreunden ein ungewöhnliches und überraschendes Intereffe erweckten, gehörten vorzüglich diejenigen Erzeugniffe, welche man, um die ganze Gattung mit einer allgemeinen Benennung zu umfaffen, als die der nationalen Hausinduftrie bezeichnen könnte. 22 Es waren zunächft Thonwaaren aller Art, glafirte und unglafirte, fodann Gewebe und fpitzenartige Handarbeiten, zumal diejenigen, welche zu Volkstrachten dienen, ebenfo aber auch Decken und Aehnliches für den häuslichen Gebrauch, ferner Schmuckarbeiten und mancherlei Geräthe. ,, Diefe Gegenftände boten aber nicht blos ethnographifches Intereffe als eigenthümliche, charakteriftifche Erzeugniffe diefes oder jenes Volksftammes; man fand an ihnen auch viele ältere, zum Theile uralte künftlerifche Motive, an längst vergangene Kunftperioden und Kunftftile erinnernd, und fomit bedeutungsvoll vom gefchichtlichen Gefichtspunkte; man fand an ihnen vor Allem eine Fülle höchft origineller und gefunder Formen, ererbte und für die moderne Kunft verloren gegangene oder aus der Uebung gekommene techniſche Weifen, zahlreiche Ornamente und farbige Ornamentationsarten, die ebenfo durch ihre Richtigkeit, wie durch ihre Einfachheit und Ungewöhnlichkeit das Auge feffelten. Wenn fie um diefer Eigenfchaften willen den Kunftfreund reizten und fchnellen Abfatz fanden, fo mufste fich der Freund der modernen Kunftinduftrie fagen, dafs in jenen Gegenftänden eine reiche Quelle von Motiven, Principien und Kunftweifen fprudelt, welche ergänzend, belebend, erfrifchend auf den modernen Gefchmack und feine Erzeugniffe einzuwirken vermöge. ,, In der That ift auch nicht zu verkennen, dafs diefe Gegenftände, obwohl fie im Jahre 1867 von der grofsen Mehrzahl nur als rein ethnographifche oder coftümliche Raritäten betrachtet wurden, dennoch bereits der allermodernften Kunftinduftrie verfchiedene künftlerifche Motive abgegeben haben. ,, Trotz diefer Bedeutung, die dadurch anerkannt worden, dafs zu Paris 1867 Kunftfreunde und Mufeen fich beeilten, die betreffenden Gegenftände zu erwerben, ift die Ausftellung derfelben immer eine einfeitige, ungenügende und unvollſtändige gewefen, und niemals ift fie aus dem künftlerifchen oder dem Gefichtspunkte der Verwendbarkeit veranstaltet worden. 2 2 Dr. Carl Th. Richter. „ Auf der Parifer Ausftellung des Jahres 1867, welche fich noch als die reichhaltigfte in diefer Beziehung zeigte, war der ethnographifche Standpunkt vorherrschend, daher der gröfste Theil diefer Gegenftände mit Coftümfiguren verbunden. Auch befanden fie fich alle unter den verfchiedenen Ländern und Nationen zerftreut, mitten unter den modernen Arbeiten und entbehrten fomit der Ueberficht, wie fie auch von Vollständigkeit weit entfernt waren. ,, Auf der internationalen Ausftellung 1871 in London hat man fie nicht vergeffen, doch fanden der Natur diefer Ausftellung entſprechend, nur Poterien und Wollgewebe Berücksichtigung, jedoch war nach beiden Seiten hin, ganz befonders aber in Beziehung auf Gewebe, die Vertretung eine fehr lückenhafte. ,, Aus diefen Gründen dürfte eine Ausstellung von Erzeugniffen der nationalen Hausinduftrie, wenn fie mit vollbewufster Abficht, fachkundig, unter den richtigen Gefichtspunkten und mit möglichfter Vollständigkeit zu Stande gebracht wird, auf einer Weltausftellung völlig neu fein und durch fich felbft ein grofses Intereffe erwecken. ,, Diefe Gefichtspunkte follen zunächft beftimmt und darnach die bezüglichen Gruppen und die Stätten der nationalen Hausinduftrie in allgemeinen Zügen bezeichnet werden. " Die Gattung der hier einzureihenden Ausstellungsobjecte wurde als Erzeugniffe der nationalen Hausinduftrie bezeichnet; es ift diefer Ausdruck aber nicht vollſtändig erfchöpfend oder das genau deckend, was in der Abficht diefer Ausftellung liegt. Es werden zwar die meiſten Gegenftände diefes Genres vom Volke felbft für den eigenen Gebrauch im Haufe gearbeitet und für diefe ift der gewählte Ausdruck völlig zutreffend. Es werden aber andere Gegenstände, wenn nicht gerade fabriksmässig, doch gewerblich für denfelben Zweck gearbeitet, und diefe würden ebenfalls in den Bereich diefer Ausftellung fallen, fobald fie in Technik oder Form originell und denjenigen, welche fie erzeugen oder für deren Gebrauch fie gefchaffen werden, erblich und eigenthümlich find. Beiſpielsweife fei der originelle Schmuck der holländifchen Provinzbewohnerinen erwähnt, der, technifch und künftlerifch von den Modeformen gänzlich verfchieden, in den Goldfchmiedeläden zu Utrecht und anderen Orten käuflich zu haben ift, während der entſprechende fchwediſche Schmuck in den Dörfern und Häufern feiner Verfertiger aufgefucht werden mufs. - - ,, Wurde fo der Begriff der nationalen Hausinduftrie erweitert, fo mufs er anderfeits für den Zweck diefer Ausftellung wieder befchränkt werden. Es kann nicht die Aufgabe fein, Jegliches, auch das Rohefte und es gibt natürlich in der Volksproduction deffen fo Manches in die Ausftellung einzubeziehen, fondern es mufs dasjenige ausgewählt werden, was ein weiteres Intereffe bietet. Diefes Intereffe kann offenbar nur das künftlerifche fein, fei es das modern- künftlerifche, d. h. fich vom Gefichtspunkte der Verwendbarkeit für die moderne Kunftinduftrie ergebende, oder das gefchichtlich- künftlerifche. Es wird auf diefe Weife Vieles auszufchliefsen fein, aber fehr Vieles wird übrig bleiben, und die Befchränkung wird den Reiz, die Anziehungskraft diefer Ausftellung nur erhöhen. ,, Diefer Gefichtspunkt des künftlerifchen Intereffes, welcher die Auswahl zu beherrschen hat, fetzt nun freilich die Mitwirkung kunftgebildeter Kräfte voraus, die in den betreffenden Ländern das Nöthige zufammenzubringen und unter demjenigen, was vorhanden oder zur Verfügung fteht, die Entfcheidung zu treffen hätten. ,, Nur folchen Männern wird es möglich fein, auch in dem anfcheinend Geringfügigen den Punkt des Intereffes herauszufinden, auch in dem Rohen, das Gute, das Schöne und Nutzbare zu erkennen. ,, Was die Art der hier aufzunehmenden Gegenstände betrifft, dürften fie der Hauptfache nach beftehen in: I. Poterien, 2. Geweben und Nadelarbeiten, Die nationale Hausinduftrie. 3. Schmuckarbeiten in Metall, 4. Schnitzereien und verfchiedenem Geräthe. 3 " In Poterien verfpricht, wenn ein kunftgeübtes Auge die Auswahl trifft und in Form und Art die antiken Reminiscenzen mit beachtet, zunächft Oefterreich- Ungarn eine äufserft intereffante Collection. Es genügt an die fchwarzen, rothen und gelben, roth ornamentirten Krüge und verfchiedentlich glafirten Gefäfse der Theifsgegend und des Gebietes der füdlichen Donau, Dalmatiens etc. zu erinnern. " Nicht minder eigenthümlich und intereffant ift dasjenige, was die Türkei beizutragen vermag, glafirte wie unglafirte, auch goldverzierte Gefäfse, deren das öfterreichifche Muſeum eine nicht unbedeutende Anzahl befitzt. 99 Gleiche Aufmerkſamkeit verdienen Griechenland, die griechifchen Infeln ( es fei an die Rhodus- oder fogenannten perfifchen Faïencen erinnert), Rumänien, Kleinafien, Perfien. Egypten hätte feine kleinen Gefchirre von fchwarzem und rothem Thone einzufenden. Sehr bedeutend ift ferner dasjenige, was das übrige Nordafrika zu liefern vermag, Tunis, Algier und Marokko. Hier find die weifsglafirten Gefäfse mit blauen Ornamenten oft von ganz ausgezeichneter Schönheit und in ihrer Art muftergiltig. Ausserdem find die buntfarbigen Gefäfse mit rothen Flecken zu beachten und ebenfo Gefäfse von feinem, rothbraunem Thon in alten, faracenifchen Formen, die auch in Sicilien vorkommen. ,, In Portugal und Spanien finden wir ähnliche Genres rother Poterien mit eingravirten Ornamenten von höchft originellen Formen; neben ihnen die wenig dauerhaften, aber oft fehr kunftvoll gearbeiteten Kühlgefäfse von weifslichgelbem Thon. Spanien kennt im Volksgebrauche auch glafirte Gefäfse, die man als fpanifche Majoliken bezeichnen könnte. Noch fei der höchft originellen Gefäfse in den baskifchen Provinzen und in den Pyrenäen gedacht. 99 Ganze Reihen der verfchiedenartigften im Volksgebrauche ftehenden Gefäfse kennt noch Italien. Das öfterreichifche Muſeum befitzt eine vortreffliche Collection, aus verfchiedenen Gegenden gefammelt und voll Erinnerungen an die antike Thonfabrication, fowie an die Majoliken des XVI. Jahrhunderts. ,, Auch Deutfchland kann reiche Beiträge liefern. Beweis dafür das deutfche Gewerbemufeum in Berlin. Diefes hat bereits eine Sammlung begonnen, in welcher fich mit kundigem Auge gefchieden findet, was wirklich alt, eigenthümlich und volksmässig ift, von demjenigen, was eben nur dem gewöhnlichen niederen Haus und Küchengebrauche dient, ohne weitere Bedeutung in Bezug auf Form oder Technik zu haben. Nicht minder fteht ein Beitrag von Rufsland und den übrigen nordifchen Ländern zu erwarten; wie auch der Süden Frankreichs und einige Provinzen Hollands in Betracht zu ziehen find. ,, Die Länder anderer Welttheile vermögen gleichfalls Intereffantes zu bieten. Es fei an Brafilien, Mexico, Peru erinnert. Selbft die rohen Poterien der Wilden bieten Gefichtspunkte, die fie kunftgefchichtlich intereffant machen, weil fie zur Erklärung und Erläuterung urfprünglicher Zuftände dienen. ,, Nicht minder reichhaltig und originell dürfte fich die Ausstellung von Gegenftänden der zweiten Abtheilung, Gewebe und Stickereien, geftalten. Viele Volkstrachten werden hier Beiträge bilden. Oefterreich betreffend fei erinnert an die Trachten der füdlichen Donauländer, Dalmatiens u. f. w. mit ihren reizvollen Gold- und Silberftickereien, des Beitrages, den die übrigen Länder Oefterreich- Ungarns zu leiften vermögen, nicht zu gedenken. Aehnlich verhält es fich mit Rumänien, der Türkei, Griechenland, Albanien u. f. w. Zu den Volkstrachten gefellen fich dann Teppiche aus allen diefen Gegenden, fowie geftickte Leinwanddecken mit fehr alten und eigenthümlichen Muftern. Italien kann z. B. die geftreiften Kopftücher der Frauen( Albanierinen) und mancherlei eigenthümliche Stickereien ftellen. Reiche Ausbeute bietet Spanien. Beiſpielsweife fei erinnert an die farbigen, geftreiften Decken, welche die Männer mantelartig zum Schutze gegen die Witterung verwenden. Schottland kann feine Plaids 2* 4 Dr Carl Th. Richter. fenden, natürlich nur folche, welche noch wirklich und eigenthümlich bei den Clans im Gebrauche find. Aeufserft reichhaltig ift dasjenige, was Schweden und Norwegen liefern können. Hier gibt es Provinzen, wie Dalekarlien, wo jede Ortfchaft ihr befonderes Mufter für gewiffe weibliche Kleidungsftücke hat. Andere Provinzen, wie Schonen und Halland, liefern höchft intereffant decorirte Leinwandgewebe, alle im Bauernhaufe und für dasfelbe gemacht. Induftrie und Handel nehmen keine Notiz davon. Anderswo findet man Wollarbeiten, Jacken und Strümpfe mit farbigen Muftern, die in die früheften Zeiten der Culturgefchichte zurückzugehen fcheinen. Dazu kommen Decken mit applicirter Stickerei und die gewirkten Borten der Frauenkleidung mit vollſtändig mittelalterlicher Mufterung; kurz Skandinavien allein vermag eine reichhaltige, höchft anziehende und lehrreiche Collection zu Stande zu bringen. „ Eine ruffifche Collection kann nicht minder reich und intereffant ausfallen; ein in Rufsland eben erfcheinendes Sammelwerk von Ornamenten und der Reichthum der in Moskau vor einigen Jahren ftattgefundenen ethnographifchen Ausftellung berechtigen zu diefer Erwartung. , Kaum minder bedeutend ift die dritte, die Schmuckarbeiten umfaffende Abtheilung; auch fie bietet ein hohes Intereffe, felbft für die moderne Induftrie. Beifpielsweife fei darauf hingewiefen, dafs es dem Goldfchmied Caftellani in Rom Jahrzehnte lang nicht gelingen wollte, auch nur annähernd die Feinheit und Freiheit des antiken Filigrans zu erreichen, bis er fich aus einem kleinen Gebirgsorte die Arbeiter holte, welche bis dahin nur den Volksfchmuck gemacht hatten. Diefer italienifche Volksfchmuck, mannigfach nach den verfchiedenen Gegenden und originell in feinen Formen, wird auch das bedeutendfte Contingent zu diefer Gruppe zu ftellen haben. Es genügt, als Beleg deffen auf die wundervolle Sammlung hinzuweifen, welche das South- Kenfington- Muſeum in London befitzt. , Italien zunächft, dürfte es Holland fein, welches die intereffantefte Auswahl von gewerbsmäfsig verfertigtem volksthümlichen Frauenfchmucke in Gold und Silber zu ftellen in der Lage ift. Nichtsdeftoweniger ift derfelbe eigenthümlich in Form, Ornament und Gebrauch. Auch die nordifchen Länder vermögen einen Beitrag zu leiften. So die fchwedifchen Provinzen, fo Norwegen mit feinen oft reizenden Filigranarbeiten, die fchleswigfchen Infeln mit ähnlichen Erzeugniffen. Reich ift ebenfalls die Ausbeute in den Donauländern und in den Nebenländern der Türkei, dann von Egypten bis zum Sudan hinauf, wo überall noch das bis in jüngster Zeit von der civilifirten Kunft vergeffene Filigran in Uebung fteht. Auch in Russland und noch manch' anderen Ländern Europas dürfte eine Prüfung der Volkstrachten und der nationalen Coftüme in Bezug auf den Schmuck für diefen Zweck nicht ohne Frucht bleiben. ,, Zu dem verfchiedenartigen Geräthe, das die vierte Abtheilung zu bilden hat, wäre vorzugsweife zu rechnen: Korb- und Strohflechtereien( wozu nichteuropäiſche Nationalitäten wohl den Hauptbeitrag zu liefern hätten), Matten und geflochtene Decken und befonders auch mannigfach ornamentirte und eigenthümlich conftruirte Möbel, deren es an vielen Orten im Haus- und Volksgebrauch gibt. Viele derartige Gegenstände find noch nicht auf den Ausftellungen erfchienen, weil man fie für zu unbedeutend gehalten hat. Ohne Zweifel würden aber Kunftfreunde und Künftler fie fchätzen lernen und wahrfcheinlich befferen Nutzen von ihnen haben als von den fogenannten Bauernfeffeln des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, die heute von den Liebhabern fo gefucht find. " Zu allen vier Abtheilungen würden ohne Frage China, Japan und Indien einen grofsen Beitrag zu ftellen vermögen, wenn lediglich die nationale Eigenthümlichkeit ins Auge gefafst würde. Es ift aber die Kunftinduftrie diefer Länder nicht in dem Sinne eine volksthümliche, wie diejenige, die bisher befprochen wurde; fie ift vielmehr in jedem Falle eine hochcivilifirte und zum gröfsten Theil, zumal in Indien für den Reichthum berechnet. Sie ftellt fich daher unferer modernen Luxusinduftrie zur Seite, welche fie bekanntlich in vielen Dingen, fo Die nationale Hausinduftrie. 5 wohl in künftlerifcher, wie techniſcher Beziehung übertrifft. Es kann daher die Induftrie diefer Länder, deren gröfstmögliche Betheiligung auf das Dringendfte zu wünſchen ift, nur fo behandelt werden, wie jene der civilifirten europäiſchen Länder, das heifst völlig felbftftändig. Von ihr kann daher nur das für die in Rede ftehende Ausftellung der nationalen Hausinduftrie herübergenommen werden, was für den Gebrauch der niederen Claffen beftimmt ift." So lautete das Programm für Gruppe XXI und man wird zugeben, dafs kein zweites, ja ich möchte faft behaupten, dafs niemals ein Programm für eine einzelne Gruppe fo ausführlich und fo vieles berührend zur Geltung gekommen ist, wie das Specialprogramm für die Gruppe der nationalen Hausinduftrie, Nr. 6 der Publicationen der General direction. Man erkennt auf den erften Blick, dafs es fich bei diefer Publication keineswegs blos um ein Programm handelte, das mit jedem anderen gleichbetitelten Actenftücke verglichen werden kann. Der erfte Theil enthält gewiffermafsen die Gefchichte des wiffenfchaftlichen Begriffes der nationalen Hausinduftrie, wie er fich mit den Ausftellungen, durch diefe und für diefelben allmälig entwickelt hat. Daraus werden die nutzbaren Momente und die für die Ausnützung folcher Ausftellungen befonders wichtigen Gefichtspunkte abgeleitet. Im zweiten Theile werden die Gegenftände aufgezählt, welche fich für eine folche Ausftellung und deren künftlerifche Zwecke befonders eignen. In diefen zwei Dutzend Worten wäre eigentlich das Nothwendige für ein Weltausftellungsprogramm gefagt. Gleich darauf folgt nun aber in befter Kathederweife ein Vortrag über Alles, was diefe einzelnen Gegenftände bedeuten, wo fie am hervorragendften erfcheinen, wie fie in dem heutigen Gewerbe benützt oder beffer ausgenützt werden können. Bis zur äufserften Aengftlichkeit verwahrt man fich fchon im Programme, das am I. October 1871 ausgegeben wurde, gegen Irrthümer, welche möglicherweife im Jahre der Ausftellung eintreten könnten.„ Schottland kann feine Plaids fenden, natürlich nur folche, welche noch wirklich und eigenthümlich bei den Clans im Gebrauche find." Ja, um alles nur Mögliche zu erreichen, greift der Verfaffer auf denjenigen gewerblichen Künftler, welcher zuerft das Geheimnifs der Hausinduftrie und die Wichtigkeit der Verbindung derfelben mit dem modernen Gewerbe erkannte, und welcher auch den Schriftgelehrten ihre heute weitbefchriebene Weisheit lehrte, auf den Goldfchmied Caftellani in Rom, und zeigt, was derfelbe gethan und was er Glückliches erreicht hat. Es iſt fomit, um es kurz zu fagen, ftatt eines Programmes für die Weltausftellung ein Bericht über die Gruppe XXI auf der Weltausftellung gefchaffen worden. Wir würden uns felbft gerechte Vorwürfe machen, wenn wir diefe bedeutfame Arbeit des bekannten kunftwiffenfchaftlichen Schriftftellers J. Falke verfchweigen oder mit der Maffe der nothwendigen Publicationen verfchwinden laffen würden. Aber wir können auch nicht leugnen, dafs wir gerade diefes Programmes wegen, das einen Bericht vollständig erfetzt, gerade nicht fehr beftürzt waren, als noch in letzter Stunde der dafür gewählte Berichterftatter fein gegebenes Wort zurückzog. Es bleibt uns eben nichts Anderes übrig, als in Kurzem zu referiren, wie die Thatfachen der Weltausftellungszeit den Hoffnungen der Zeit, in welcher die Programme gemacht wurden, entſprachen. Und da müffen wir freilich geftehen, dafs jene nicht fo grofs und glänzend waren, als diefe Hoffnungen. England verkannte in der gröbften Weife die Aufgabe diefer Gruppe. Es hat höchst nützliche Dinge für das Haus, eine rotirende Mefferputzmaschine, einen Holzkohlenfilter u. f. w. neben Cartonnagearbeiten für Photographien, Goldrähmchen u. dgl. ausgeftellt. Frankreich hat ebenfalls nur Arbeiten von Frauenhänden, alfo Arbeiten gewiffermafsen vom häuslichen Herde eingefendet, Deutfchland hat gar nichts gebracht und das im Programme fchon fo vielverheifsend gefchilderte Italien 6 Dr. Carl Th. Richter. ebenfowenig. Es fei denn, dafs fich die einzelnen italienifchen Objecte, welche in der Gruppe XX( das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und Geräthen) in überaus glänzender Weife aufgezählt und vielverheifsend hin und wieder auch befchrieben find, von irgend einem glücklichen Sterblichen haben auffinden laffen. Uns ift das mit dem ganzen forfchenden Heere der Berichterstatter und felbft mit Herbeiziehung von Hilfstruppen aus den Staats- und Landes commiffionen nicht gelungen. Freilich konnte man gerade, was Italien anbelangt, bei Caftellani, dem Vater und Goldfchmied, ebenfo wie bei Torquato Caftellani, dem Sohne und Sammler der intereffanten Thongefäfse von Ruvo und anderen Töpferftädtchen Italiens fehen, welchen Werth die nationale Hausinduftrie für die Entwicklung unferes modernen Kunftgewerbes haben kann. Es war damit gewiffermafsen der belehrende Theil des Programmes auf der Ausftellung, aber nur nicht in Gruppe XXI praktiſch zur Anficht gebracht worden. Aber auch diejenigen Staaten, welche das Programm richtig erfafsten, haben der Darftellung eine Ausdehnung gegeben und Gedanken damit vertreten, welche ein- für allemal aufgegeben werden müffen. So hat Oefterreich einzelne ganz fchöne, aber ohne jede befondere nationale Richtung, überhaupt ohne durch irgend etwas befonders ausgezeichnete Weifsftickereien, dann Fifchernetze, wie fie der Dalmatiner fich felber macht, auch jeder andere an irgend einem Fluffe oder See anrainende Bauer und Landbewohner, und andere ähnlich geartete Gegenftände ausgeftellt. Damit ift der Vorftellung Raum gegeben, als ob die blofse gewerbliche Hantierung im Haufe und in der Wirthschaft irgend einen befonderen Werth in unferer durch Arbeitstheilung und die Dampfmafchine, durch das Induftriewefen überhaupt hoch entwickelten Zeit habe. Mit diefen Vorftellungen mufs ein für allemal gebrochen werden, denn die Gedanken über die gute alte Zeit, in der Adam grub und Eva fpann, find ebenfo falfch, als jene, welche die Armuth zur Quelle der Tugend machen. Sprechen hier die Acten der Polizei und Straf gerichte fehr laut dagegen, fo fprechen gegen jene Gedanken die Weltgefchichte und die Cultur der Gegenwart. Mag der Romantiker mit beiden Dingen machen, was er will, mag der Dichter fie zur Erziehung der Menfchheit ob gut, ob fchlecht ausnützender praktiſche Forfcher, der wahre Lehrer und Erzieher der Menfchheit, wird heute nur dem Gedanken Recht und Kraft zutrauen, dafs nur durch die Aufnahme aller Fortfchritte in der Kunft und Entwicklung der Arbeit der begrenzte Stoff zum Wohle der Menfchheit gefpart und darum Millionen mehr als früher nutzbar gemacht werde, dafs nur dadurch die unerfchöpflichen Kräfte des Stoffes entfaltet und benützt werden können, dafs nur dadurch die Entwicklung Aller, Reichthum, Glück und Segen und in Wahrheit ein fortgefetztes längeres Leben der Menfchheit gefichert wird. Von diefem Gefichtspunkte aus müffen wir die Hälfte und mehr als die Hälfte der in der Gruppe XXI ausgeftellten und in den Katalogen darunter ver zeichneten Gegenftände ausfcheiden. Wir wüfsten nicht, was wir mit dem in Amerika in dem Gebiete der Hausinduftrie ausgeftellten„ verbefferten Sarg" anfangen follen, oder mit den„ rotirenden" Mefferputzmafchinen, den Kühlungsapparaten, den Holzkohlenfiltern, wie fie von Ausftellern aus London gezeigt wurden. Einen ebenfo geringen Werth hat die Summe jener Gegenstände, welche nur durch die Armuth und Vereinfamung des Lebens, durch die niedere Stufe des Culturzuftandes, der häuslichen Arbeit nicht nur überlaffen, fondern durch die Noth aufgedrängt wird. Dahin gehörten zahlreiche Gegenftände nicht nur aus Venezuela, Brafilien u. f. w., fondern auch aus jenen Staaten, in welchen die nationale Hausinduftrie noch eine höhere Bedeutung für das gefammte Leben in Anfpruch nimmt und nehmen kann, wie aus Schweden, wo man die Arbeiten der * Siehe darüber Schröer: Das Bauernhaus, officieller Bericht. Gruppe XX. Die nationale Hausinduftrie. - 7 Blinden, die fonft ganz intereffanten Gegenftände der Arbeiten der Lappländer unter die nationale Hausinduftrie aufnahm, ebenfo wie in der norwegifchen Abtheilung, wo Schnee- und Eis Schlittfchuhe, Schlitten u. dgl., ja felbft wie in Oefterreich, wo man bei dem fehr belehrenden Reichthume, den die Hausinduftrie noch bietet, dennoch gemeine Befen, gewöhnliche Holzgeräthe, ganz ordinäre Strohgeflechte u. dgl. unter der nationalen Hausinduftrie zur Ausftellung brachte. In diefer Richtung ift jedes Bemühen, die häusliche Arbeit und die fcheinbar gewerbliche Befchäftigung der Hausgenoffen zu erhalten, nicht nur vergeblich, fondern geradezu gefährlich und ganz und gar verdammenswerth. Dort, wo der Familienvater, wie heute noch in einzelnen Gebieten Schottlands, in Schwe den und Norwegen, in der ehemaligen öfterreichifchen Militärgrenze, fein Tifchler, Schuhmacher und Schneider, Maurer und Werkzeugmacher ift, da kann man auch ficher annehmen, dafs hier das unwegfame Hochgebirge oder der Urwald, dort das vereinfamte, von der Heerftrafse entlegene Thal oder die Wüfte den Strom der fortfchreitenden Cultur zurückftaut und in feiner Ausbreitung hemmt. Das Werkzeug, das heute der Werkzeugfabrikant erzeugt, ift beffer geartet und dennoch billiger erzeugt und billiger zu haben, als das, das in häuslicher Arbeit die Nothdurft zurechtmacht. Das hat der alte römifche Bauer fchon gewufst und zog bereitwilligft zu gewiffen Märkten nach Rom, um das gute Ackergeräth vom ftädtifchen Erzeuger zu kaufen. Das Kleid und das Gewebe für das Kleid, das kräftige Leder, das der Fabrikant erzeugt, der mit allen Behelfen der Kunft und Wiffenfchaft arbeitet, ift beffer für den Gebrauch und werthvoller für die Cultur der Menfchheit, als das Stück rohe Leinwand oder Tuch, das einft mühfelig und heute noch hier und dort das Haus erzeugt und das bei allem Aufwande an Arbeit doch nicht ausreicht auch nur für den befcheidenften Bedarf des Menfchen. In diefer Richtung ift die Hausinduftrie nur ein Zeichen mangelnder Cultur und Alles, was wir auf der Ausftellung von folchen Objecten fehen konnten, nur ein Zeichen, wie mühfelig der Menfch einft den Bedarf feines Lebens deckte und wie mühfelig er es oft heute noch thut. Im Uebrigen wird auf diefem ganzen Gebiete die moderne Induftrie immer mehr und mehr Raum gewinnen und ficherlich über kurz oder lang die Refte menfchlicher Ohnmacht vernichten. Sehen wir diefs doch heute fchon felbft dort, wo man der Hausinduftrie eine grofse Sicherheit zutraute, auf dem Gebiete der orientalifchen Teppichweberei, fich vollenden. Nur in wenig Ausnahmen konnte man den alten Glanz der türkifchen oder perfifchen Teppichweberei auf der Weltausftellung wiederfinden. Längft ift in die Werkſtatt diefer Weber der Speculationsgeift des modernen Handels eingedrungen und der Mann arbeitet nicht mehr nach gereiften Erfahrungen und geheiligten Traditionen, fondern nach Art und Weife des europäifchen Fabrikanten, der auf den Markt kommen und verkaufen will. Die Solidität diefer Arbeiten ift zur Hälfte heute Fabel und felbft die Pracht der Naturfarbe verfchwindet vor dem modernen Anilin, das wir bei vielen türkifchen, insbefondere Smyrnaer Teppichen erkannten. Eine Deventer Imitation oder ein perfifcher Teppich von Ph. Haas und Söhne ift heute fchon mehr werth, als das meifte Product der türkifchen oder oftafiatifchen Hausinduftrie. Und wie lebt ein gefchickter Weber diefer Fabriken und was fchafft er gegenüber dem Arbeiter des, Orients, der an feinem unvollkommenen Webftuhle mühfelig die Kette in Ordnung zu halten und nur mühfam den Schufs hindurchzufitzen vermag. Ift es nicht ähnlich mit der Shawlinduftrie Englands und Frankreichs gegenüber der nationalen Arbeit des Indiers zu Cafchemir und zu Lahore? Einige Specialitäten abgerechnet, für deren Erzeugung oft Generationen ausgenützt wurden, ift das Product der fabriksmässigen europäiſchen Nachahmer gleich werthvoll wie das des originellen afiatifchen Arbeiters. Und der europäiſche Arbeiter ift dabei ein freier Bürger feines Staates und im reichen Lohn Gründer und Erhalter einer Familie. Der Indier aber erwirbt durch des langen Tages mühfelige Arbeit eine Handvoll geröfteten Reismehls, das ihn Jahr aus, Jahr ein erhält. 8 Dr. Carl Th. Richter. Darum nur fort mit allen Sentimentalitäten und Sorge und Mühe verwendet, um aus dem Haufe und der Haushaltung all' dasjenige auszufcheiden und zu zerstören, was dem modernen Gewerbe und der Induftrie angehört! Eine andere Frage ift es nun freilich mit jenen Gebieten der Hausinduftrie, welche eigentlich nichts Anderes bedeuten, als die Auflösung eines grofsen gefchäftlichen Unternehmens in einzelne Zweige und Theile der Arbeit, welche dann wieder das Haus oder beffer der Arbeiter in Mitte feiner Häuslichkeit durchzuführen und zu leiften übernimmt. Das Programm für die Weltausstellung hat fich davon keine Rechenfchaft gegeben und doch wäre es gerade von unendlichem Werthe für die Erkenntnifs unferer modernen Industrie, einmal klar und deutlich zu erkennen, wie wenig eigentlich die Dampfmafchine allmächtig ift und wie zahlreiche Induftrien, die auf dem Markte als compacte grofse Körper erfcheinen, in der Herftellung ihres Productes in taufend und abertaufend Hände fich auflöfen, die am häuslichen Heerde befchäftigt find. Und das ift ein grofses und wichtiges Gebiet der Hausinduftrie, welches der Staatsverwaltung und der Ver einsthätigkeit viel zu leiften aufgibt und das für jeden Denkenden höheren Werth und Bedeutung hat, als die ganze Romantik der Fabeln der Pfahlbauten oder eines in einem Grabe gefundenen alten Feuerfteines, oder einer urgermanifchen Heugabel u. dgl. mehr. In diefes Gebiet, um durch einige Beiſpiele klarzumachen, was wir fagen wollen, gehören zahlreiche Zweige der Erzeugung von Eifen und Stahlwaaren, zumeift der feineren Sorten der Mefferfchmied- und Nadlerarbeiten. Es gehören hieher die Erzeugniffe der Korbflechterei, die in jedem Lande Taufende von arbeitenden Händen befchäftigt und in Frankreich einen Handel unterhalten, der fich über die ganze Welt ausbreitet. Die deutfche und öfterreichifche Kinderfpielwaareninduftrie, die gefammte Glaswaarenfabrication, insbefondere die vielfach geartete Böhmens, die den Weltmarkt beherrschende Gold waarenfabrication von Hannau und Pforzheim, das alles find grofse und mäch tige Induftrien, welche in erfter Inftanz als Hausinduftrie erfcheinen und in der Herſtellung der taufendfach verfchiedenen Producte auf die Thätigkeit des Arbeiters in feinem Haufe und in feiner Familie, die er mit Weib und Kind herbeizieht, zurückkehrt. Und es gibt noch zahlreiche andere, ähnlich geartete Induftrien, und taufendfach ift dem Vordringen der Dampfmafchine und der Ausnützung der natürlichen Kraft eine Grenze gefetzt und die menfchliche Hand allein, die menfchliche Arbeitskraft ift die Quelle einer ungeheuren Maffenproduction und eines Erzeugniffes, bei deffen Preis man im einzelnen Producte es kaum für möglich hält, dafs Menfchenarbeit dabei verwendet wurde. Wir erinnern dabei an das, was wir in unferem Bericht„ Die Kinderfpielwaaren" mittheilten, und erwähnen hier nur, dafs man in dem Glasbezirke des böhmifchen Riefengebirges Glasknöpfe erzeugt, von denen das Gros, alfo 12 Dutzend auf 15 bis 30 kr., je nach der Qualität, zu ftehen kommt, oder Vorftecknadeln, bei denen erft im Hundert ein Preis feftgefetzt werden kann, da im Grofsverfchleifs das halbe Taufend mit 20-25 kr. berechnet wird. In Aachen verkauft man das Gros von Nadeln mit Glasfchmelzköpfen mit 50 Centimes, und man kann es wohl begreifen, wenn man bedenkt, dafs ein Mädchen von 10-12 Jahren im Stande ift, bei neunftündiger Arbeitszeit 40.000 folcher Glasköpfe an einem Tage aufzufetzen. Von all den hier angeregten Gebieten war mit Ausnahme einzelner Spitzenarbeiten und der künftlichen Blumen, denn auch die Spitzeninduftrie und die gefammte Erzeugung von künftlichen Blumen gehört zum grofsen Theile der eben gefchilderten Induſtrie, die zugleich Hausinduftrie ift, an, nichts in der Gruppe der Hausinduftrie zur Ausstellung gekommen. Die einzelnen Sectionsberichte weifen wohl an der jeweilig geeigneten Stelle auf die hier angeregte Frage hin und wir wollen in der That nur in Kurzem das Gefammtrefultat unferer Betrach tung und Erkenntnifs zufammenfaffen. Die nationale Hausinduftrie. 9 Allenthalben dort, wo die Erzeugung des Productes und die Qualität desfelben nur durch den Geift und die Hand des Arbeiters beftimmt wird, wird die Sicherheit der Arbeit und die Erhaltung der Erwerbsquelle oder, in Kurzem, die Concurrenzfähigkeit durch die Tüchtigkeit des Arbeiters beftimmt, durch feine Gewandtheit, mit Form und Farbe dem wechfelvollen Bedarfe gefchmackvoll nachzufolgen, durch feine Fähigkeit, dem Materiale felbft neue Formen zugänglich zu machen. Das Alles vermag nun nur die glückliche Erziehung und fachmässige gewerbliche Ausbildung des Arbeiters. Begegnen wir bei zahlreichen Berichten, wie fie diefes Werk enthält, der Forderung, dafs der Staat oder die Gemeinde oder das Vereinswefen das Gewerbe durch Gründung von Fachschulen unterſtützen und entwickeln möge, fo faffen wir diefs hier eben als eine gemeinfame Bedingung der Erhaltung und Entwicklung zahlreicher Induftrien zufammen. Würde man auf der Weltausftellung jene Induftrien, bei denen der Arbeiter Kraft und Stoff zugleich ift, in ihrer grofsen Bedeutung dargestellt haben, fo würde man zu gleicher Zeit allenthalben leicht zur Erkenntnifs gekommen fein, nicht nur wo die gewerbliche Fachfchule, fondern auch wie fie nothwendig errichtet werden foll. Man würde leicht erkennen, wie hier die Technik, dort die Chemie, hier die Kunft der Formgebung und der Reichthum und der beftändige Wechfel der Form das Wefentliche und Charakteriftifche eines gewerblichen Unternehmens ift und dafs dem entſprechend die Schule hier auf technifche und mechanifche Kenntniffe, dort auf chemifches Wiffen das Hauptgewicht legen mufs; dafs in der einen nur in die ideale Form, alfo in die Kunft des Zeichnens und Formens, bei der andern nur in die Kenntnifs des praktiſchen Confums, alfo auf handelspolitifche Bildung das Schwergewicht gelegt werden mufs. Bei der grofsen und bedauerlichen Einfeitigkeit, mit welcher man heute noch allenthalben den gewerblichen Unterricht betrachtet, würde eine ausgiebige plaftifche Darftellung des gewerblichen Lebens überhaupt und jener Zweige insbefondere, welche durch die gewerbliche Erziehung ihre Lebensfähigkeit allein erhalten, von ungemeffenem Nutzen fein. Mag eine fpätere Ausftellung im Programme und in der Durchführung der Darftellung der nationalen Hausinduftrie die grofsen Aeufserungen des wirklichen Lebens nicht aufser Acht laffen. Die dritte Richtung, in welcher die nationale Hausinduftrie zur Darstellung kam und welche vor Allem auch darzuftellen beabfichtigt wurde, kennzeichnet das oben angeführte Programm der Generaldirection für die Gruppe XXI. Manches Gebiet der menfchlichen Arbeit, wie es in der Vereinfamung der einzelnen Haushaltung erhalten worden ift, trägt in fich nach Jahrhundert alten traditionellen Ueberlieferungen die Spuren einer reinen Kunft und einer ftreng nationalen Kunftgeftaltung. Zumeift die bäuerliche Bevölkerung mancher Länder hat in ihren Coftumen und einzelnen Geräthfchaften derartige jahrhundertalte Blüthen eines reinen, zarten und von einer erhabenen Natürlichkeit getragenen Kunftgefchmackes erhalten. Der Bauer ift ja überhaupt in Mitte der Cultur des neunzehnten Jahrhunderts hier und dort der alleinige, vereinfamte Vertreter des ftreng nationalen Lebens geblieben. In einigen Ländern, wie in Schweden und Norwegen, war es die alte, urwüchfige, perfönliche Freiheit, welche ihn innig und treu mit dem nationalen Leben, der nationalen Thätigkeit, der Tradition und Ueberlieferung verbunden erhielt. In anderen Ländern, zumeift in ganz Mitteleuropa, dem Süden und Often Europas war es die Laft der Unfreiheit, das Feftgebundenfein an die Scholle, welche gerade den, Bauer an die Heimat innig und feft fchlofs und ihn in der fchwachen Abforptionsfähigkeit gegenüber der europäifchen Cultur gerade mit dem nationalen Leben dauernd verband Dort war es Stolz und Selbftbewufstfein, hier Schwäche und Troft im heimatlichen Boden und im heimatlichen Leben etwas zu fein und etwas zu bleiben Der grofse Culturprocefs der Grundentlaftung, wie ihn das Jahr 1848 nach einem halbhundertjährigen Kampfe vollendete, hat in feinen Wirkungen in diefer Richtung nur 10 Dr. Carl Th. Richter. wenig bis jetzt geändert. Während der Adel und Bürgerftand in ganz Europa kosmopolitifch wird, einzelne Gefammtbeziehungen des Standes für alle europäifchen Staaten gleich ausbildet, im Staatsbürgerthum feine Macht und Bedeutung findet, vertritt der Bauer allein noch das nationale Leben und nationales Wefen. Was dem modernen Bürger heute fremd und unverftändlich im Leben des Bauernftandes ift, das find alles Refte feiner eigenen Gefchichte, feiner Entwick lung und nationalen Geftaltung. Das war es, was im Jahre 1867 die Parifer Weltausftellung zum erften Male zeigen wollte. Verfprach das Napoleonifche Regiment durch mehr als ein Jahrzehent dem Bauern- und Arbeiterftand eine Neugeftaltung ihrer Lebensverhältniffe, fo wollte die Parifer Weltausftellung in der Darftellung der Bauerncoftume und nationaler Gruppen ein ethnographifches und culturgefchichtliches Bild der Lage, des Lebens nnd der Befchäftigung der bäuerlichen Bevölkerung der verfchiedenen Länder geben. Es war kein Wunder, dafs zahlreiche Befucher der Ausftellung nicht wufsten, was fie mit diefen nationalen Gruppen anfangen follten. Auch war die Frage ganz berechtigt, warum denn eben nur der Bauernftand in folcher Weife zur Darstellung gelange. Und doch gaben jene erften Verfuche, in das innerfte nationale Leben einzudringen, eine aufserordentliche Anregung. Man hat feither erkannt, dafs in den Coftumen und in den Geräthen der ländlichen Bevölkerung zahlreiche Traditionen aufbewahrt und erhalten find, welche oft weit zurückführen in die antike Kunft und in das naive, zierliche Schaffen des Menfchen, wie es nur von der Natur und ihren Vorbildern angeregt und geleitet wurde. Schon auf der Parifer Weltausftellung beobachtete der Kenner in den Coftumen der fchwedifchen und norwegifchen Bauersleute, ebenfo wie in den Stickereien der Stämme und Völker der Donauländer, eine Zierlichkeit und Harmonie zwifchen Mufter, Farbe und Stoff, dafs leicht die Folgerung daraus zu ziehen war, wie viel aus diefen Geftalten, aus diefen Arbeiten am häuslichen Herde eines Bauernhofes ebenfo für das moderne Gewerbe und die moderne Induftrie zu lernen fei, als aus zahlreichen häuslichen Geräthen, welche der Bauernftand hier und dort in jahrhundertalter Gewöhnung, ihm ganz unbewusst, nach den fchönften Muftern vergangener Kunftperioden erzeugt. Auf der Parifer Ausstellung erregte eine kleine Sammlung von Krügen aus einfachem, rothem Thone gebrannt, wie fie die portugiefifchen Bauern für ihren Bedarf felbft erzeugen, die Aufmerkſamkeit aller Kunftkenner. Waren es doch Krüge in der reinften antiken Form. Taufendfach waren die Anregungen, als man einmal erkannte, was man in den Erzeugniffen der Hausinduftrie zu fuchen und wie man das Gefundene zu benützen habe. Die letzten fünf Jahre haben in diefer Richtung vielfach aufklärend gewirkt, und das mag es erklären, dafs die meiſten Staaten die Gruppe XXI, wenn auch vielfach die eigentliche Abficht mifsverftehend, befchickt haben. Nur Italien hat merkwürdigerweife die hier bezügliche Gruppe vernachläffigt, was bei Manchem, der nach fyftematifcher Ordnung nach den Katalogen die Ausstellung befuchte, mancherlei falfche Vorftellungen zu verbreiten geeignet war. Man mufste aber in Italien bei Gruppe VII vor Caftellani's Goldfchmiedearbeiten innehalten, ebenfo wie vor der Ausftellung von Aleffandro und Torquato Caftellani in Gruppe IX, wo man die wunderbaren, bei den italienifchen Bauern gebräuchlichen Töpferwaaren in Porcellanimitationen bewundern konnte. Aleffandro Caftellani hatte in den Thälern der Apenninen die Refte einer uralten Gold- Schmiedekunft entdeckt und in den zierlichen Schmuckgegenständen antike Technik und Form wiedererkannt. Das South Kenfington Muſeum hat mit viel Glück die Sammlung des bäuerlich- italienifchen Goldfchmuckes erworben. In ähnlicher Weife haben in einzelnen abgelegenen Thälern die italienifchen Bauern eine die fchönften und prächtigften antiken Mufter zeigende Thonwaaren- Erzeugung erhalten. Caftellani fammelt feit Jahren diefe Mufter und hat mit den bäuerlichen Arbeitskräften und deren Materialien, ins a مه g 1. S n S go r r d r 1 1 1 e r r 1 Die nationale Hausinduftrie. 11 befondere den Farben, in Rom eine ganz felbftftändige Induſtrie begründet. Neben der reinften antiken Form werden die Formen der Renaiffance treu erhalten. Torquato Caftellani hatte in Wien eine reiche und fchöne Sammlung diefer Gefäfse, nach den beften Renaiffancemuftern gearbeitet, zur Ausftellung gebracht, welche von Muſeen und Kunftliebhabern zehnfach ausverkauft worden ift. Caftellani gebührt der grofse Ruhm, zuerft den Werth der Hausinduftrie erkannt und in der glücklichften Weife muftergiltig gezeigt zu haben, wie die in den einfamen Thälern der Gebirge oder der ftillen bäuerlichen Wirthschaft aufbewahrten Schätze der Kunft ausgenützt werden müffen. Wenn er in der italienifchen Abtheilung, in den Gruppen VII und IX ausftellte und nicht in der Gruppe XXI, fo mag diefs daher kommen, dafs feine Thätigkeit in der That fchon der Gefchichte angehört, in welcher fie immer an erfter Stelle genannt werden wird. Was nun die reichen Ausftellungen der übrigen Staaten anbelangt, fo bleibt uns nur wenig an diefer Stelle zu bemerken übrig, da fich die einzelnen Herren Berichterftatter je in ihren Berichten es fich nicht haben entgehen laffen, über die anregenden Objecte der nationalen Hausinduftrie des Weiteren zu fprechen. Insbefondere gilt diefs von den nationalen Thonwaaren, die aufser von Portugal in wunderfchönen reichen Sammlungen durch die Türkei, Egypten, Tunis, China und Japan vertreten war, und welche bis ins weiteftgehende Detail in dem Berichte von Dr. Emil Teirich, Gruppe IX, Section 2, ihre ausführliche Darftellung gefunden hat. Dasfelbe gilt annähernd von den nationalen Geweben und Nadelarbeiten, welche Dr. F. Stamm in feinem Berichte über Spitzen und Stickereien, ebenfo wie Frau Baronin Roditzky in ihrem Berichte über Frauenarbeiten, mancher eingehenden Betrachtung gewürdigt haben. In Betreff der Schmuckarbeiten in Metall haben wir des Beften fchon gedacht und zeigten annähernd nur noch die Coftume einiger ungarifcher Figuren, beachtenswerthe Filigran und andere Goldfchmiede- Arbeiten. Deutfchland hat überhaupt, fowie Frankreich und England das ganze Gebiet der nationalen Hausinduftrie fehr vernachläffigt, obgleich zumeift in dem Filigranfchmucke, wie ihn die Bäuerinnen Schwabens und Altbaierns hin und wieder noch tragen, ebenfo intereffante Ausstellungsobjecte gegeben wären, wie in den zierlichen Ketten und Behängen, mit denen fich die Bauern der Donauländer ebenfo gern fchmücken als der wilde Bewohner der fchwarzen Berge und zahlreiche andere friedlichere Stämme. Es bleibt uns danach eigentlich nur übrig, gewiffermafsen eine Statiſtik und ein Gefammtbild der Gruppe XXI zu geben. Mit vollem Verftändniffe für die gegebene Aufgabe der nationalen Hausinduftrie trat in erfter Richtung Portugal und zum Theil auch Spanien hervor. Hier, wie insbefondere in den intereffanten Sammlungen von Joachim Antonio Porges, Ant. Man. Guerrero und Joachim Maria da Silva, begegneten wir den fchönen, nach der reinften Antike gehaltenen Thongefäfsen, welche, wie bereits erwähnt, in einzelnen kleinen Sammlungen fchon 1867 die Aufmerkfamkeit der Kunftfreunde im höchften Grade erregte. Frankreich hat nichts Befonderes gebracht, da es die ganze Aufgabe diefer Gruppe als eine blofse Darftellung derjenigen Arbeiten anfah, welche von Frauen und Mädchen im Haufe gearbeitet werden. Das Gleiche gilt von der Schweiz, welche felbft das ganze Gebiet der Holzfchnitzerei aus der Darstellung der Hausinduftrie ausgefchieden hatte. Nur in einem geftickten Kopfputze der Frauen des Cantons Uri, keineswegs durch die häusliche Arbeit erzeugt, fondern durch eine„ Käpplimacherin", welche nach dem Mufter nationalen Gefchmackes gewerblich arbeitet, ausgeftellt, begegnete man einem kleinen Reftchen einer Hausinduftrie, die durch die reiche Grofsinduftrie des Landes feit Jahrzehnten auf ein fehr geringes Mafs eingeengt wurde. Man darf fich überhaupt darüber keiner Täufchung hingeben. In den Ländern des grofsen Induftrie- und Handels 12 Dr. Carl Th. Richter. verkehres, in Deutſchland, Frankreich, Belgien, dann in England und endlich in dem reichen und arbeitstüchtigen Schweizerlande hat die moderne Induſtrie die Spuren einer eigenartigen, im engen finnigen Kreife des Haufes und der Familie. zur Geltung kommenden Arbeitsrichtung längft verdrängt; nur in den mühfam gefammelten Reften der Arbeitsleiftungen früherer Jahrhunderte, wie fie die Mufeen aufbewahrt haben, kann man das frühere Vorhandenfein derfelben erkennen und aus manchem günftig fituirten Beiſpiele ausgiebige Anregung für die moderne Arbeit finden. Nur heute darf man nicht mehr an dem Baume der menfchlichen Arbeit, den die Dampfkraft in andern Boden verpflanzt und mit anderen Nährstoffen kräftigt, die zierlichen Blüthen vergangenen, aber geiftig und materiellen engeren Lebens fuchen. Wir haben diefem Gedanken fchon oben Raum gegeben und wollen hier nur manchen Bemerkungen begegnen, welche fehr tadelnd darauf hinwiefen, dafs gerade die reichften Induftrieftaaten Europas, England, Frankreich, Deutfchland u. f. w., diefe Gruppe der Ausstellung nicht befchickt haben. Ganz anders fteht es mit jenen Staaten, in denen die Dampfkraft noch nicht Millionen Spulen und Hunderttaufende von mechanifchen Webftühlen bewegt, in denen noch nicht in klafterbreiten Zwifchenräumen die Erde aufgedeckt und Kohle und Erz zu Tage gefördert werden. Auf diefe Staaten allein und ihre Ausftellungen wollen wir noch in Kurzem zu fprechen kommen. Wir meinen Schweden und Norwegen, Oefterreich- Ungarn und Rufsland. Bei den beiden erften Staaten waren es die von der fchwedifchen Ausftellungscommiffion in aufserordentlicher Vollendung zur Ausftellung gebrachten Nationaltrachten; faft noch bedeutender durch das aufserordentliche Leben, das ihnen innewohnte, waren die nationalen Gruppen aus den flavifchen Gebieten der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie. Hier erkannte man noch ganz deutlich, was einftens das Haus geleiftet, und was es noch zu leiften im Stande. Weniger bei den Schweden, als bei den ungarifch- flavifchen Volksftämmen, fand man eine Menge von Thongefchirren, welche in ihrer einfachen Formgebung, in ihren kräftigen Farben und Zierrathen dem Forfchenden in jedem einzelnen Stücke mancherlei zu lernen boten. Der Hirte und Bauer, der hier feinen Bedarf an Gefchirren fich felbft erzeugt, hat in hundertjähriger, gleich erhaltener Nachahmung Formen aufbewahrt, welche die geiftig arme Grofsinduſtrie der Culturftaaten in mühfeligen und taftenden Verfuchen bis heute nur in feltenen Fällen zu erreichen befähigt war. In den Nadelarbeiten wie Geweben begegnen wir bei den nordifchen Schweden und Norwe gern ebenfo wie bei den füdlichen Donauftämmen vielfach der gleichen Arbeit und dem gleichen Mufter. Nicht die Culturgemeinfchaft der von Afien vordringenden heutigen europäifchen Bevölkerung, fondern die gleiche Quelle der Erkennt nifs bietet dafür die genügendfte Erklärung. Der Faden, ob der einfache Leinfaden oder glänzende Gold- und Silberfaden, ift wie die Nadel der nationalen Stickerin, grob; die Stiche find es auch ebenfo wie der Stoff, auf welchen der Schmuck der Stickerei aufgetragen wird. Aber allenthalben ift das Mufter dem Zwecke des Gewandftückes und dem Bedarfe des Körpers, der ja mit die Form des Kleides beftimmt, in fo finniger Weife angepafst, dafs die gröbfte Arbeit, ebenfo wie die einfachfte, Zierlichkeit und Reichthum gewinnt, wie uns diefs felten bei den modernen Stickereien, zumeift wenn fie mit dem Gewande in Verbindung gebracht find, entgegentritt. Dazu tritt bei der nationalen Nadelarbeit eine überaus glückliche Wahl des Materiales, das die Stickerin verwendet. An fchwedifchen Nationaltrachten, welche die fchwedifche Ausftellungscommiffion, ebenfo wie Freiherr Carl Bonte ausgeftellt hatten, fah man, wie bei ungarifchen, flovakifchen und rumänifchen Coftümen, Metallplättchen, Ringe und Kettchen fo glücklich verwendet, dafs es dem reichften Schmucke des Gold- und Silberfchmiedes gleichkam. Wir brauchen in der modernen Induftrie keineswegs diefe Ueppigkeit und Sinnlichkeit, wie fie in ie ie m ie en ir er it d en ne S, ht ch en xt re en ei S- n r. t₁ n 1, n r n e t Die nationale Hausinduftrie. 13 dem nationalen Coftüme oft zu Grunde liegt, ebenfo wie den nationalen Schmuck nachzuahmen, fondern einzig und allein Natürlichkeit, innige Verfchmelzung des Zierrathes mit der Form und vor Allem auch mit der Farbe zu lernen. Hier liegt ja das Geheimnifs längft vergangener Kunftperioden, der Zauber der Renaiffance und endlich des Erfolges, den Induftrielle wie Minton, Wedgewood mit ihren Thon, Porcellan- und Majolicawaaren, Caftellani mit feinen Schmuckwaaren, Philipp Haas mit feinen Teppichen, Lobmayer mit feinen Glaaswaren und zahlreiche Andere errungen haben. Was die Teppichfabrication der Bevölkerung der Donauländer anbelangt, fo brauchen wir uns darüber nicht weiter zu ergehen. Sie ift zur Genüge bekannt, und hat einft mit ihren wenigen, aber kräftigen Farben, mit ihren zierlichen, einfachen Muſtern ebenfo wie die orientalifche Teppichweberei günftig auf die moderne Induftrie eingewirkt. Am wenigften bedeutend war fowohl in Schweden und Norwegen wie in Oefterreich, Ungarn und Rumänien die Gold- und Silberfchmied- Kunft vertreten. Bei den Männern bildet der Meffing- oder auch Silberknopf am Spenzer, Gürtel und Beinkleid den gröfsten Zierrath, bei den Frauen die Gold- und Silberftickerei der Haube, des Bruftlatzes und des Mieders. Es ift daneben wenig Raum für anderen Schmuck. Dennoch findet man in ganz Ungarn, Siebenbürgen und Rumänien eine Art Filigranfchmuck in der bäuerlichen Bevölkerung verbreitet, der durch die Art der Arbeit ebenfo wie die Gehänge mancherlei Aehnlichkeit mit dem in anderen Städten erzeugten Filigranfchmucke hat. Dagegen fah man in der ungarifchen Abtheilung Meffer und Gabeln mit Blei-, Zinn- und Kupferdraht verziert von grofser Zierlichkeit und reichem Gefchmacke. In ähnlicher Weife gearbeitet fahen wir mehrere rumänifche Tafchen mit Kupfer- und Meffingdraht reich ausgelegt. Der Bewohner des Banates fchmückt in ähnlicher Weife feine Kürbisflafchen und gibt dadurch dem einfachen Holzgeräthe ein reiches und fchmuckes Ausfehen. Rufsland hatte weniger die Gruppe der nationalen Hausinduftrie mit Ausftellungsobjecten bedacht, als eben feine ganze Ausftellung zeigte, wie innig die gefammte ruffifche Induftrie mit dem nationalen Leben und Wefen verbunden ift und von jeher verbunden war. Nationales Leben tritt überall dem forfchenden Auge entgegen, nationale Geftalten und Eigenthümlichkeiten des Landes bilden die reich ergiebige Quelle der Vorwürfe für den Plaftiker und Maler wie für den gewerblichen Künftler. Dadurch hat Rufsland in wenigen Jahren fo unendlich viel geleiftet und zeigte auf allen Gebieten der Induftrie auf der Wiener Weltausftellung die bewundernswürdigften Fortfchritte. Möchte man aus diefem einzigen, aber bedeutenden Beiſpiele allenthalben erkennen, dafs die Arbeit eines Volkes niemals durch die Unterwerfung unter das Fremde, die blofse Nachahmung fich kräftig entwickeln, fondern einzig und allein durch den unerfchöpflichen Quell des nationalen Lebens und der nationalen Gefinnung jene Kraft gewinnen kann, welche fie felbftftändig und geachtet machen mufs. Charakteriftifch und befonders hervorzuheben ift es, dafs mit Ausnahme weniger bedeutenden Stickereien, einiger Shawls und Gewebe aus Ziegenhaaren hier eine Menge von Beilen in der Gruppe der nationalen Hausinduftrie zur Ausftellung kamen, wie fie eben der ruffifche Arbeiter zu verfchiedenen Hantirungen gebraucht und wie er es im Gürtel trägt als Zeichen der Werthfchätzung feines Werkzeuges. Der Ruffe arbeitet Alles mit dem Beil und das preisgekrönte ruffifche Haus ebenfo wie die Einrichtungsftücke, felbft die des ruffifchen Kaiferhaufes in einigen Zimmern, find durch das Beil allein in ihrer ganzen Formfchönheit und zierlichen Glätte erzeugt. Es ift kein Zweifel, dafs Rufsland zumeift aus den eroberten Objecten des Kaukafus aufserordentlich reiche und belehrende Beiträge für die Gruppe XXI beibringen kann. In die weiten Ebenen feines Landes, ebenfo wie in die Gebiete feiner Gebirge ift Induftrie und Handel noch nicht fo mächtig vorgedrungen, dafs 14 Dr. Carl Th. Richter. das Haus und die häusliche Arbeit die unvollkommene Schnitzbank ebenfo wie den fchmalen und engen Webftuhl hätte verlaffen können. Dazu kommt noch, dafs die Refte altafiatifcher Cultur fich allenthalben hier erhalten haben und insbefondere den Gewebe- und Shawlarbeiten ebenfo wie den Metallarbeiten, zumeift den mit Silber und Meffingdraht eingelegten Gegenftänden, ihren grofsen Glanz verleihen und jene kräftige Anregung dem Bétreffenden geben, welche immer und von jeher an den phantafiereichen Arbeiten des Orientes den Bewohner des Abendlandes entzückt haben. Das ergiebigfte Gebiet für die nationale Hausinduftrie bieten nun unftreitig der Orient und Oftafien. Die gefammte Cultur diefer Völker und Staaten ift feit Jahrhunderten in den Zuftand der Ruhe gerathen und die höchfte Vollendung der chinefifchen und japanefifchen Arbeiten auf zahlreichen Gebieten des wirthfchaftlichen Lebens ift gleich Jener früherer und längftvergangener Jahrhunderte. Freilich unterfcheidet fich das Leben der fleifsigen, reichen Bevölkerung Oftafiens von jenem der Völker des Orients, der Türken, der Perfer u. f. w. dadurch, dafs mit dem Sinken der Bevölkerung hier auch eine Erfchlaffung der Arbeit allenthalben eingetreten und nur noch einzelne Refte vorhandener Kunftfertigkeit eine frühere glänzende Entwicklung verrathen, während China und Japan durch die Ausbeutung ihrer ergiebigen Naturfchätze, durch Fleifs und Arbeitfamkeit die Pflege aller Arbeitszweige dauernd erhalten haben, wenn auch von Gefchlecht auf Gefchlecht fich erbend in ftets gleicher und nicht fich entwickelnder Geftaltung. Alle Arbeit, auch in ihrer höchften Kunftfertigkeit, gehört daher hier dem kleinen gewerblichen Betriebe, wenn wir fo fagen dürfen, der Arbeit im Haufe und der Bethätigung der Familie an. Bei den orientalifchen Stämmen ift der fleifsige Betrieb, die tüchtige Bethätigung der Arbeitskraft durch die Erfchlaffung des ftaatlichen und politifchen Lebens felbft herabgefunken und die Arbeit des Einzelnen hat den Bedarf desfelben mühfelig zu decken. Es gibt kein Gewerbe mehr und das Product, das dennoch auf den Markt kommt, ift das Erzeugnifs in der That des einzelnen Familienvaters und feiner Familie. Kaum dafs auf dem Gebiete der Teppichfabrication der Gefchmack Europas und die Handelsbeziehungen, die denfelben zu befriedigen fuchten, eine regere und entwickeltere Thätigkeit in dem letzten Jahrzehnt erzeugt hat. Die Elemente einer glücklichen Entwicklung, wenn diefelbe überhaupt bei geiftig und auch phyfifch gefchwächten Völkern erwartet werden darf, find reichlich vorhanden. Wie die Arbeit auf den meiften Gebieten ihre höhere gewerbliche Ausbildung aufgab und nur durch häusliche Arbeit den wirthschaftlichen und künftlerifchen Bedarf deckte, fo war gerade das ftagnirende Leben, die innere Verfumpfung das Mittel, die Tradition zu erhalten und Art und Weife der Arbeit, Form und Mufter einer längft vergangenen reinen Kunftepoche zu fichern. Was fowohl die Türkei und Perfien, als auch China und Japan in der Gruppe XXI daher ausgeftellt haben, zierliche Thongefäfse, wie fie zumeift in reicher Sammlung die Türkei brachte oder im Palaft des Khedive und der marokkanifchen Villa gefammelt waren, die Teppiche und Stickereien, wie fie den Glanz der türkifchen und perfifchen Ausftellung bildeten, gefchnitzte Käftchen mit Perlmutter und Elfenbein ausgelegt, Gold- und Silberarbeiten, ebenfo wie Flechtwerk, das alles fand fich in den einzelnen Gruppen der Ausftellung wieder und konnte in diefer Vertheilung und Anordnung eben nichts Anderes lehren, als dafs der Ausgangspunkt der gewerblichen Arbeit, ebenfo wie die Quelle der gefchäftlichen Handtierung bei den Völkern des Orientes, ebenfo wie Oftafiens, hier nur in grofsartiger Geftaltung und Entwicklung, das Haus und die häusliche Arbeit, die Familie und die Familienarbeit ift. Zu ganz intereffanter Belehrung wiefen darauf die einzelnen nationalen Gebäude hin, welche zumeift der Orient in reichem Mafse in dem Ausftellungsgebiete aufgeführt hatte. Die Vorhalle und die Hausflur ift Werkstatt und zugleich Verkaufs- und Gefchäftslocal. e 5- t n e S S Die nationale Hausinduftrie. 15 Für unfere Betrachtung genügt diefe Andeutung, da bei der eben erwähnten Gleichheit der Ausftellungsgegenstände in den einzelnen Gruppen auch jene Producte zur Ausstellung kamen, welche unter einem andern Gefichtspunkte GruppeXXI eben nur wieder vereinigte. Wir verweifen daher auf die einzelnen Berichte und fchliefsen unfere Betrachtung mit dem Wunſche, dafs keine Ausstellung das belehrende Gebiet der nationalen Hausinduftrie zur Darstellung zu bringen verfäumen möge, dafs aber eine nächfte Ausstellung die verfchiedenen Richtungen der Hausinduftrie überhaupt geordnet zur Darstellung zu bringen fich ernftlich bemühen möge. Man mag dabei fich nicht täufchen. Wo immer die Arbeit des Haufes zur Geltung kommt, die Arbeit am häuslichen Herde, die Arbeit mit den Familiengenoffen, da hat das nationale Leben auch Kraft zur Aeufserung und immer Fähigkeit und Neigung, fich geltend zu machen. Hier hat auch die Schule und die geordnete Erziehung anzuknüpfen, die gerade dort, wie wir fchon oben erwähnten, von gröfster Wichtigkeit ift, wo fich ein einzelner grofser Induſtriezweig in der Hausinduftrie auflöft. t H e S DARSTELLUNG DER WIRKSAMKEIT DER MUSEEN FÜR KUNSTGEWERBE. ( Gruppe XXII.) Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. " Die Idee einer Weltausftellung ift durch den Prinzen Albert in das Leben gerufen worden, einen Mann, der um die praktifche Durchführung der Probleme der modernen Civilifation im Allgemeinen und in England fpeciell fich verdient gemacht hat wie kaum ein anderer in diefem Jahrhundert. Was der Weltverkehr bedeutet, was dazu gehört, in denfelben mit ficherer Hand einzugreifen, ift erft durch die Weltausftellungen der grofsen gebildeten Welt fühlbar geworden. Sie erziehen den Menfchen zum Weltbürger und laffen ihn den Werth jener Arbeit erkennen, welche den Menfchen befähigt, der Gefammtheit der Menfchen nützlich zu fein." So fchrieb der um die Frage der Kunftmufeen und deren Wirkfamkeit auf das Gewerbe fo hoch verdiente Eitelberger in feiner Schrift ,, Die öfterreichische Kunftinduftrie und die heutige Weltlage, Wien 1871". Und was er weiter hinzufügt, fich Oefterreich ausfchliefslich zuwendend, das kann man viel weiter ausdehnen und auch auf andere Staaten, insbefondere auf Deutfchland anwenden. Denn ruhen die Wurzeln der öfterreichifchen Wiffenfchaft und der beften Theile des öfterreichifchen Lebens in der Gefchichte und dem Leben des deutfchen Volkes, fo faugt der deutfche Geift feine nährenden Kräfte auch nicht aus dem jeweiligen engeren Heimatlande, fondern aus der grofsen Vergangenheit, die ein Bild vielleicht der heutigen grofsen Zukunft ift, aus dem grofsen, einigen deutfchen Reiche. Und doch! ,, Aufgezogen in engen Gefichtskreifen", fährt Eitelberger fort, ,, befangen durch die Gewohnheiten eines kleinen induftriellen Lebens, wächft der Binnenländer und ein folcher ift der Oefterreicher- heran, pflegt mit Liebe feine particulariftifchen Gefichtspunkte und überfchätzt die kleinen Erfolge in beengten Kreifen, auf befchränktem Gebiete. Er überfieht es gern, wie tief die Wurzeln unferer ftaatlichen Entwicklung in die Gefchichte der Nachbarftaaten reichen, er glaubt nur an das, was an die Oberfläche herantritt, ihn felbft näher berührt." Damit ift ein Bild gegeben, wie es in der That einftens war, zu einer Zeit, wo fich ganz Europa mit Wohlbehagen von franzöfifchen Ideen nährte und im S er ST51 h r r h f e e n e 1 r Darstellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 17 geiftigen Diebstahl fich wohlbefand. Wie ernft auch und bedeutend die deutfche Kunft Gewerbe und Induftrie fchützen und nähren konnte, wie mächtig die deutfche Schule die Arbeit zu erziehen geeignet war auf dem Gebiete des wirthschaftlichen Lebens, der Gütererzeugung und Werthfchaffung blieben fie unfähig, die Kräfte glücklich zu befruchten und das felbftftändige Schöne zu fchaffen. Seit dem Untergange des reichen, gewerblichen deutfchen Städtelebens, das Künftler und Denker hervorgebracht, an deren Namen die fchönften Erfindungen der Kunft fich anlehnen, nährt fich die germanifche Welt von dem Geifte Frankreichs, der, bald wie in Kunft und Wiffenfchaft, auch im Gewerbe und der Induftrie weltbeherrfchend wurde. Man gewöhnte fich, der ſchöpferiſchen Kraft des deutfchen Arbeiters zu mifstrauen, man vermied felbft den Verfuch, fie emporzuheben, fo dafs felbft das heimifche Werk nur unter franzöfifchem Namen oder franzöfifcher Etiquette den Confumenten finden konnte. Was war es wunderbar, dafs man fich fchliefslich begnügte, im engeren Kreife feinen Erwerb zu fuchen und dabei einfeitig und gefchmacklos wurde, oder, wo die breite Heerftrafse des Handels den Strebfamen rief, mit franzöfifcher Nachahmung fich begnügte. Heute noch find die Verhältniffe in vielen Richtungen diefelben, und wer den Muth hat, im Vollgefühl der Erfolge des Krieges vom Jahre 1870, auf Frankreich geringfchätzend herabzublicken, der wird doch zagen, die Arbeit eines Volkes in ihrem Werthe zu bezweifeln, die Arbeit, welche Jahrhunderte grofsgezogen, ein fleifsiges und reichbegabtes Volk entwickelt und eine günftige ftaatliche Organiſation und Lage weltbeherrfchend gemacht haben. Seit Jahrhunderten find die Producte diefer Arbeit durch ihren üppigen Prunk, wie ihre zierliche Grazie, durch ihre Entwicklungsfähigkeit, wie beftändige Neugeftaltung der Welt vertraut. Und man erhielt diefe Vertrautheit felbft, als man anfing, in anderen Staaten, die berufen waren, etwas zu leiften, diefe Leiftungsfähigkeit zu prüfen und durch forgfame Pflege und Erziehung zu entwickeln. Und man wird fie behalten, fo lange Frankreich auf den Gebieten der Faïence und Porcellanmanufactur, der Gobelins und Seidenweberei und zahlreichen anderen Gebieten feiner Arbeit jenen Zauber zu geben weifs, dem alle Welt auf der Ausftellung des Jahres 1873 und nach dem blutigen Kriege bewundernd fich beugte, wie vor diefer Zeit. Als diefs den Denkenden, und noch weniger denen, die nicht denken, noch nicht fo klar bewufst war, gedieh„ die grofse Ausftellung aller Nationen", die erfte Weltausftellung zu London, 1851. Es war ein bemerkenswerthes Ereignifs. Mit einem naiven Enthufiasmus hatte neben England, dem Gaftgeber, die halbe Welt und mehr fich an dem Unternehmen betheiligt. Grofses und Schönes erwartete man, aber Niemand vermochte fich Rechenfchaft zu geben, worin der Werth des ganzen Unternehmens beftehen, und was der Erfolg desfelben eigentlich fein werde. Man wollte fchauen, ohne das Bewufstfein zu haben, dafs die Arbeit eine mächtige, fittliche Macht ift, welche vermag die Verfchiedenheiten der Cultur auszugleichen, und in diefer Ausgleichung eine grofse Culturgemeinfchaft anzubahnen und zu erzeugen. Und fo fchaute man Grofsbritannien mit feinen Colonien, wie es bei einem Raume von mehr als 1 Million Quadratfufs, welche der Ausftellung gewidmet waren, 544.320 Quadratfufs mit feinen Reichthümern, zu denen die ganze Welt beitrug, und von denen die ganze Welt wieder empfing, ausgelegt hatte. Ihm zur Seite hatte Frankreich, im Gefühle feiner gleichen Berechtigung und feiner gleichen Anfprüche an die Weltherrfchaft, den nächftgröfsten Theil in Anfpruch genommen, bemüht den Glanz feines jungen Kaiferreiches zu zeigen und zur Anerkennung zu bringen. Dann folgte Preufsen mit dem Zollverein und Amerika. Nicht ohne Schüchternheit erfchien Oefterreich mit feiner Arbeit, deren Wurzel zurückreichte in eine elende Zeit. Rufsland fuchte durch die Arbeit zweier Welttheile fich in die That der Civilifation zu mifchen, aber vergeblich bemüht, die ertödtende Hand des Defpotismus zu verdecken, welche felbft die wirthfchaftliche Entwicklung nicht gedeihen liefs. Die Arbeit des Menfchen will die Freiheit des Geiftes. Unter den Schätzen 3 18 Dr. Carl Th. Richter. Belgiens, in der Kühnheit der Arbeit der Schweiz, konnte man diefs damals fchon erkennen. Dann folgten die Staaten des Orientes und Oftafiens. Aber nicht allein durch die Gröfse des Raumes, welchen die Staaten für fich beanfpruchten, waren die Richtungen und Erfcheinungen der Nationen verfchieden, fondern auch durch den Inhalt, welchen die Maffe der Reichthümer barg. Da lag England mit der ungeheuren Menge der Producte feiner Millionen Spindeln und Dampfwebftühle, feiner Eifenhämmer und Schmiedewerkftätten. Es war eine koloffale Macht, aber eine Macht, wie fie die ungefügen und noch nicht beherrschten Dampfkräfte emporgehoben. Nirgends erquickte eine Blüthe des Geiftes, der finnigen Anfchauung das Auge. Den Maffenbedarf mochte England in den überfeeifchen Ländern, wie zum Theile auf dem Continente befriedigen. Mit den Aeufserungen höheren Gefchmackes hatte es nichts gemein. Wie ganz anders erfchien Frank reich, Belgien, die Schweiz mit der wechfelvollen Geftaltung ihrer Producte, die mit ihrer Schönheit und ihrem Gefchmacke die ganze koloffale Ausftellung Eng lands verdrängten. Deutfchland und Oefterreich konnten auch dabei freilich nicht in Rede kommen. Und hier knüpft der Werth der erften Weltausstellung an, wie unvorbereitet fie die Welt auch getroffen. Man prüfte jetzt und fuchte die Bedingungen, unter denen ein Induftrieproduct auf dem Weltmarkte zur Geltung kommen kann, forfchte ernft und eingehend nach dem Wefen des Gefchmackes und den Mitteln zu deffen Hebung. Der Vergleich zwifchen den Leiftungen der verfchiedenen Nationen auf dem Gebiete der induftriellen Leiftungen, und die Nachweiſe über die Abfatzfähigkeit derfelben, mufsten Jedermann von der Wichtig. keit diefer Elemente für beinahe jede Art gewerblicher Thätigkeit überzeugen. Vor Allem war es England, das fich rafch und klar über alle Erfahrungen, die es gemacht, Rechenfchaft gab. Nur die Erziehung des Arbeiters, die Entwicklung feines Geiftes und feiner fchöpferifchen Fähigkeiten, können dem Lande und feiner Induftrie, neue, bisher ungeahnte Kräfte zuführen. Mit grofsen Feierlichkeiten eröffnete man noch in dem Jahre der erften Weltausstellung zu Weſtminſter eine Elementar- Zeichenfchule und gründete allmälig Hunderte folcher Anftalten zumeift in unmittelbarer Berührung mit der Werkthätigkeit der Menfchen. Dann folgten die Mechanic Inftitutes und endlich, die zerftreuten Kunftfchätze im ganzen Lande fammelnd, die Gründung des South Kensington Muſeums. Man mag über die Kunftbefähigung Englands denken wie man will, den fchöpferifchen Gefchmack des Engländers mit allem Rechte bezweifeln, dennoch hat fich feit diefer Zeit der Engländer, die englifche Induftrie von der Bevormun dung des franzöfifchen Gefchmackes befreit. Man konnte diefs fchon in einigen kräftigen Zügen auf der Weltausstellung 1855 in Paris erkennen, ebenso wie man allenthalben einzelne Fortfchritte und glückliche Beftrebungen der Entwicklung hervortreten fah, fo dafs man die Darftellung des Fortfchrittes, als das Wefen der Weltausftellungen feftfetzte, und die Wiederholung derfelben von 5 zu 5 Jahren je in einer der grofsen Reichsftädte Europas befchlofs. Der Donner der Kanonen vom fchwarzen Meer her liefs freilich nicht Alles, was man damals fah und erkannte, in ruhiger Erwägung ausreifen. Um fo geneigter war man zu einer durchgreifenden Unterfuchung 1862, wo nach einem Zeitraume von II Jahren fich mannigfache Vergleichungspunkte ergaben und die Erfolge der inzwifchen auf getretenen Beftrebungen innerhalb der Induftrie felbft, wie auf dem Gebiete des gewerblichen Unterrichtswefens und der äfthetifchen Bildung des Volkes, fich gegen einander abwägen liefsen. Konnte England befriedigt auf manche Erfolge der inzwifchen aufgetretenen Beftrebungen, die innerhalb der Induftrie felbft wie auf dem Gebiete des gewerblichen Unterrichtswefens und der äfthetifchen Bildung des Volkes fich gegen einander abwägen liefsen, konnte England befriedigt auf manche Erfolge, die zu reicheren Hoffnungen berechtigten, zurückblicken, konnte Frankreich mit Stolz feine auch in der Aera der Handelsverträge durch nichts bedrohte Induſtrie zeigen, hatte die Schweiz wie Belgien fich die Fortfchritte der ganzen Welt zu Nutzen gemacht, Deutfchland und Oefterreich boten, unter on ch en, ag nd le of en en en k. Lie go ch 11, ie ng es er ie g. n. es go d er en n m n ch n n g n n n d h S h 5 Darstellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 19 diefen Gefichtspunkten betrachtet, kein befriedigendes Bild. Und doch ſteht dem Deutſchen eine reiche Bildung, eine altberühmte Kunft zur Seite, zeichnet den Oefterreicher glückliche Naturanlagen, lebhafter Formen und Farbenfinn und technifches Gefchick in reichem Mafse aus. Aber die Fortfchritte des Jahrzehntes der Weltausstellungen waren hier trotz alldem verfchwindend. Die Arbeit, die man fo lang verfäumt, mufste nun zum erften Geſetze werden. In den katholifchen Gebieten am Rhein, wo man von jeher Kunft und Kunstinduftrie zu pflegen verftand, und wo der Glanz der katholifchen Kirche manches Gewerbe reichlich unterſtützte, vertiefte man die Quellen der Erkenntnifs und fuchte durch glücklich errungene kunftgewerbliche Sammlungen, der reichen Begabung des Rheinländers frifche und kräftige Nahrung zu geben. Im Süden Deutfchlands, wo die Künftlerwelt von Schwaben, von München und Nürnberg, in mancherlei rege Beziehungen mit Gewerbe und Induftrie getreten war, beförderte man mit aller Haft und äufserft glücklichem Erfolge die Errichtung von Zeichenfchulen und gewerblichen Unterrichtsanftalten für alle Stände und jeden Arbeitskreis, und gab dadurch dem auflebenden Kunstgewerbe eine reiche Bildungsquelle. In Oefterreich, wo fchon früher von Aeſthetikern und Künftlern die Frage der äfthetifchen Erziehung discutirt worden war, ergriffen nun die Staatsmänner felbft die Organiſation jener Mittel, von denen eine gedeihliche Pflege des Kunftgewerbes erwartet werden konnte. Am 7. März 1863 erflofs endlich das kaiferliche Handfchreiben Seiner Majeftät an Seine kaiferliche Hoheit, Erzherzog Rainer, in welchem die Gründung eines Muſeums für Kunft und Induftrie" angeordnet wurde. Die Schätze der Hofmufeen, Hofanftalten und Schlöffer wurden dem neuen Inftitute zur Verfügung geftellt. Diefe kaiferliche Liberalität regte die Liberalität des Adels und der Kirchenfürften, der Klöfter und des befitzenden Publicums an, und fchon am 31. Mai 1864 wurde in einem proviforifchen Gebäude das neugegründete Muſeum dem Publicum eröffnet. Erzherzog Rainer war durch Handfchreiben vom 31. März 1864 zum Protector, Rudolf von Eitelberger zum Director, Jacob Falke zum erften Cuftos des Muſeums ernannt worden. 99 Es ift bekannt, was das Inftitut im Laufe von wenigen Jahren leiftete. Die Sammlungen wurden auch in den erbärmlichen Räumen ftets glücklich aufgeftellt. eine permanente Ausstellung von Gegenftänden der modernen Kunftinduftrie glücklich eingerichtet, eine Gypsgiefserei und ein photographifches Atelier zur Vervielfältigung der beften Vorbilder vom Anfange an hergeftellt und die Benützung der Sammlungen und Bibliothek mit gröfster Liberalität freigegeben. Alle Jahre befuchten mehr als Hunderttaufende das Inftitut und bis zum Jahre 1870 683.896 Perfonen; endlich drang das Mufeum von Wien in die Kronländer, eröffnete Filialausftellungen, um diefe in den Kreis der Kunstinduftriellen Wiens einzuziehen und betheiligte fich an den gewerblichen Ausstellungen der einzelnen Städte und Länder. In fünf Jahren hat das Mufeum zwanzig folcher Ausftellungen veranlafst. Gleichzeitig erkannte das Muſeum es als feine Aufgabe, die zweckmäfsigere Einrichtung beftehender oder die Gründung neuer Fachfchulen in Gegenden anzuregen, wo irgend eine Kunftinduftrie gepflegt wurde, oder die Bedingungen für eine folche vorhanden waren. So wurden die Zeichenfchulen in Steinfchönau und Haida reorganifirt, eine neue in Gablonz gegründet, ebenso wie eine Holzfchnitzſchule in Hallein und eine gleiche zu St. Ulrich im Grödener Thale in Tirol. Diefe Thätigkeit fand einen Abfchlufs durch die mit dem Muſeum in Verbindung ftehende und 1871 eröffnete Kunft- Gewerbefchule in Wien. In diefem Jahre wurde auch der Schlufsftein gelegt zu dem neuen Gebäude für das Muſeum, das auf dem Parkring eine Zierde Wiens und ein neues herrliches Denkmal feines Erbauers, Heinrich von Ferftel ift. Aus den engen und niedrigen Räumen einer Holzbude des Ballhaufes zog das Inftitut in die herrlichen und grofsen Räume des neuerbauten Kunfttempels ein, ohne von feiner Organifation felbft diefen oder jenen Zweig zu opfern. Es ift nur Alles grofsartiger entfaltet 3* 3* 20 Dr. Carl Th. Richter. und wir tragen feit dem Einzuge in das neue Gebäude den Wunfch in uns, dafs mit der Vergröfserung und Verherrlichung der Anftalt auch die Kraft in gleichem Mafse wachfe, zu nützen und zu entwickeln. Oefterreich hat durch die Gründung und Ausbildung diefes Muſeums nicht nur für fich felbft, fondern für ganz Deutfchland die Ziele feftgefetzt, die zu erreichen, und die Mittel geordnet, durch welche diefelben erreicht werden können Deutfchland wird diefem Vorbilde nacheifern müffen und wird es jetzt auch können, nachdem es durch die grofsen Kriegsereigniffe der jüngften Ver. gangenheit fich von den franzöfifch- romanifchen Einflüffen auf kunftinduftriellem Gebiete befreit hat. Die Zeit der Belebung ift günftig, da Deutſchland durch die aus Frankreich vertriebenen deutfchen Arbeiter ein Heer von glücklichen Arbeitskräften gewonnen und durch ein auf dem Schlachtfelde errungenes Selbſtvertrauen auch feinen geiftigen Stolz gewonnen hat, auch die gröfsten Hinderniffe zu bewältigen und ein einmal gefetztes Ziel zu erreichen. Und was haben diefe kühnen Schöpfungen des Geiftes, was hat insbefondere das Mufeum für Kunft und Induftrie in Wien erreicht? Man kann es mit voller Genugthuung fagen, dafs es eine Induftrie grofsgezogen hat, welche jeder Rivalität Stand zu halten geeignet ift, es hat Wien zu einem Mittelpunkte der Kunftinduftrie gemacht, der im Weltverkehre ebenfo wie der Wiener Gefchmack heute anerkannt ift, es hat mit feinen Bemühungen und Beftrebungen die Aufmerkfamkeit der übrigen Welt auf fich gezogen, es hat das Bewufstfein im ganzen Volke grofsgezogen, dafs nur Wiffen und Bildung, Kennen und Können die Kräfte der Arbeit glücklich erzieht und die Fähigkeit fchafft, im Kampfe um die Reichthümer der Erde glücklich zu beftehen. Endlich waren es diefe Beftrebungen, welche Oefterreich auf der Ausftellung des Jahres 1867 fo glänzend repräfentirten und welche zum grofsen Theile den Anfpruch reiften, die nächfte Weltausftellung in dem Weichbilde feiner Haupt- und Refidenzftadt zu fchaffen. Das ift die jedem Gebildeten bewufste Gefchichte der Gefchmacksentwicklung der Kunftinduftrie, oder, wenn man will, der Mufeen feit den letzten zwei Jahrzehnten. Niemand, auch nicht der verftocktefte Praktiker verkennt heute den Werth diefer Bewegung und der Satz, dafs Wiffen Macht ift, ift auch dem Gewerbetreibenden und Induftriellen für die Entwicklung in feinem Gewerbe und feiner Induftrie vollkommen klar geworden. Und diefes Bewufstfein, die klare und fichere Erkenntnifs von alledem, was Schulen und Mufeen für Gewerbe und Induftrie gethan haben und was fie noch nicht zu thun und zu fchaffen vermochten, hat die Gruppe XXII der Wiener Weltausftellung erzeugt, die Darftellung der Wirkfamkeit der Muſeen für Kunstgewerbe. Wir find mit unferem Berichte zu Ende. Die Gruppe XXII wurde von keinem Staate beachtet und felbft von Oefterreich auch nicht ein Verfuch gemacht, diefelbe zu vertreten. Das Muſeum für Kunft und Induftrie hat in feinen eigenen Räumen diefe Wirkfamkeit der Muſeen in einer flüchtig zufammengerafften Ausftellung darzuftellen verfucht. Der Verfuch ift unferer Anficht nach vollſtändig mifslungen und die gewifs nicht beabfichtigte Concurrenz des Muſeums mit der Weltausftellung fpurlos vorüber gegangen. Kaum, dafs der erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in der Zeit vom 1. bis 4. September mit feiner reichen Beredfamkeit etwas Leben in die Räume brachte. Und doch hat das Programm der Generaldirection für die Gruppe XXII in einer Darftellung, in welcher die gelehrten Ausfprüche eines Max Müller und eine weitblickende Kenntnifs der Verhältniffe zu Hilfe genommen wurden, grofse Gefichtspunkte aufgeftellt und zu gleicher Zeit die Mittel angegeben, wie fie die Durchführung diefer Ausftellungsgruppe fich gedacht hat. Wie nirgends entwickelte fie auch hier die Fragen, welche der von ihr veranlafste erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in Wien zu erörtern haben foll. Es ist wie erwähnt aufser diefem Congreffe nichts von den Hoffnungen der fs m ht zu en zt r. m ie S- r- zu n- it er er ck f- en en m e- d te n. t- en th i- d n, ir zu t, n t₁ n g er t. 1- n e er h n er Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunftgewerbe. 21 Generaldirection erfüllt worden. Doch feien wir nicht ungerecht. Wir werden in dem Folgenden das Programm der Generaldirection bringen, ebenfo wie in kurzer Zufammenfaffung die Thätigkeit des kunftwiffenfchaftlichen Congreffes. Doch ehe wir diefs thun, fei es geftattet, der Wahrheit die Ehre zu geben und zu kennzeichnen, dafs auch für die Gruppe XXII, wenn auch in anderer Weife als das Programm es dachte, die Weltausftellung Grofses und Dauerndes gefchaffen hat. Wir erwähnen in erfter Richtung, dafs durch die Erfolge der Kunftmufeen in Baron Schwarz Senborn die Idee eines Muſeums zur Aus- und Fortbildung des Kleingewerbes und der Arbeiter angeregt, und das, nachdem durch Erlafs vom 30. März 1872 die Stiftung dafür behördlich genehmigt wurde, auch an demfelben Tage begründet worden ift. Diefes Muſeum, wie es fo als Idee bereits vor der Ausftellung fertig war, nahm den Namen eines Athenäums an und wird in fegensreicher Weife den Namen des Gründers ebenfo wie den Glanz der Weltausftellung und den Triumph, den Oefterreich trotz Allem und Allem dennoch gefeiert, für die Dauer erhalten. Diefes Athenäum foll und kann in glücklicher Weife das Muſeum für Kunft und Induftrie ergänzen. Es hat die Aufgabe, durch Mufterfammlungen, Bibliothek und Schule und durch den mittelft öffentlicher Vorträge dauernd zu erhaltenden Contact der Gewerbetreibenden und Arbeiter mit den Männern der Wiffenfchaft die Fortfchritte der Technik und Mechanik, der Chemie, Waarenkunde u. f. w. jeden Augenblick lebendig dem Auge des Strebfamen und Lernbegierigen vorzuführen. Es wird Mufter und Schule, praktiſche Uebung und Verfuch in glücklicher Harmonie vereinen und fo nach einer Richtung hin das Muſeum für Kunft und Induftrie ergänzen. War der Gedanke des Athenäums fchon vor der Ausstellung fertig, fo hat doch die Schöpfung erft durch die Ausftellung, und zwar durch die zahlreichen Gefchenke und Erwerbungen für die Mufterfammlungen greifbare Formen erhalten. Das zweite bedeutungsvolle Inftitut, welches der Ausftellung und der Kenntnifs der Wirkfamkeit der Mufeen auf Gewerbe und Induftrien zu danken ift, ift die Gefellfchaft zur Beförderung des Handels nach dem Orient und Oftafien. Schon während der Ausftellung haben fich kenntnifs- und erfahrungsreiche Männer in dem durch die Munificenz eines Privatmannes dafür errichteten und gewid meten Gebäude, dem Cercle Oriental, vereinigt, um die Beziehung der orientalifchen und oftafiatifchen Ausfteller und Befucher der Ausftellung mit den europäiſchen Handels- und Gefchäftskreifen zu vermitteln und die Ausftellungen des Orients und Oftafiens im Intereffe der öfterreichifchen Induftrie und des öfterreichischen Handels genau zu ftudiren. Die Initiative zu diefen werthvollen Beftrebungen ift dem ehemaligen Generalconful von Conftantinopel, Herrn Hofrath Ritter von Schwegel, zu danken. Unter feinem Vorfitze hat fich allmälig ein Verein gebildet, welcher durch Sammlungen orientalifcher und oftafiatifcher Induftrie producte und Rohftoffe, durch temporäre Ausstellungen der neueren Leiftungen und Fortfchritte auf dem Gebiete der Gewerbe und der Induftrie der Völker des Orients und Oft. afiens Lehre und Kenntnifs zu verbreiten bemüht ift, um die günftige Lage Oefterreichs, feine handelspolitifche Beftimmung immer mehr und mehr ausnützen zu können. Durch die Durchftechung der Landenge von Suez neigt fich das Schwergewicht des orientalifchen Handels wieder wie einft vor Jahrhunderten der füdöftlichen Hälfte Europas zu. Und der Staat, den man in Gefchichte und Geographie fo gern die Stufe zum Orient nennt, den ein mächtiger Strom mit demfelben verbindet und deffen bedeutendfter Hafen dem Canale von Suez gegenüber liegt, hat in der That die Aufgabe, in dem Kampfe um die fiegreiche Handelsflagge voranzufchreiten. Dafür nun ift für den öfterreichifchen Induftriellen und Kaufmann handelspolitifche Bildung nothwendig. Diefe in den neueften Refultaten jeden Augenblick dem Strebfamen zu vermitteln, ift die Aufgabe der oben genannten Gefellſchaft. Und wenn diefelbe von Seiten der induftriellen Kreife 22 Dr. Carl Th. Richter. nur halbwegs Unterftützung und Theilnahme findet, was wir wünfchen und hoffen wollen, fo wird der glückliche Erfolg des patriotifchen Unternehmens keineswegs ausbleiben. Wird allmälig auch diefe Gefellfchaft in der Form eines Muſeums ihre Thätigkeit gewiffermafsen plaftifch zum dauernden Ausdrucke bringen, dann hat die öfterreichifche Monarchie in einer Weife die Aufgabe der Mufeen und die durch fie zu erreichende Wirkfamkeit für Gewerbe, Induftrie und Handel erfüllt, wie kein Staat in Europa. An die Mufeen für Kunft und Wiffenfchaft reiht fich mit feiner erprobten Thätigkeit das Mufeum für Kunft und Induftrie. An diefes wird fich hoffentlich mit glücklicher Wirkfamkeit das Athenäum reihen, den realen Wiffenfchaften dienend und der Verbindung derfelben mit den wirthschaftlichen Productionsgebieten. Allen von gleichem Werthe und Nutzen, der Gefammtheit zur Quelle des Reichthums, wird die Gefellfchaft für den Orient und Oftafien die Intereffen des Handels und Weltverkehrs vertreten. Wahrlich, wenn die Weltausftellung es auch nicht einmal zu einem Programme für die Gruppe XXII gebracht hätte, mit dem was fie nach diefer Richtung hin angeregt und gefchaffen hat, ift Aufserordentliches geleiftet worden. Aber auch nach der anderen Richtung hin war die Weltausstellung nicht ohne reiche Beiträge für die Erörterung der XXII. Gruppe. Man fah an den franzöfifchen Bronzewaaren, dem Gold und Silberfchmuck, der gefammten Textilinduftrie u f. w., welche Bedeutung die franzöfifchen Gewerbemufeen für die Kunftinduftrie haben. Man konnte in der deutfchen Abtheilung ganz genau den Bahnen folgen, welche zahlreiche gewerbliche Thätigkeiten gehen, geführt von den gleichen Anftalten in Stuttgart, München u f. w., dem germanifchen Muſeum in Nürnberg, dem Muſeum Wallraff Richards in Köln u. dgl. m. Wer war fchliefslich nicht überrafcht von den Leiftungen des Kunftgewerbes in Oefterreich? Und wenn wir die Wirkfamkeit der Mufeen dort in ihrer Aufgabe prüfen wollen, wo fie noch nicht fich geltend gemacht hat, brauchte man defsgleichen nur in den einzelnen Gruppen forfchend umherzublicken, um genügende Aufklärung zu erhalten. Da konnte man fehen, um nur ein Beiſpiel zu geben und mit den Worten unferes verehrten Eitelberger zu reden, dafs Oefterreich keine fo guten Oefen und Faïencen wie Mettlach an der Mofel habe. In allen Zweigen der kirchlichen Metallurgie ift uns Aachen und Cöln überlegen, in allen Zweigen der Illuftration Leipzig, Berlin, ja Stuttgart. In Kupferftich, Lithographie, Chromolithographie, Kupferdruck; ftehen wir weit hinter Deutfchland zurück und find bisher nicht im Stande gewefen, eine illuftrirte Zeitung in der Art der Leipziger, die doch weit hinter den englifchen fteht, zu fchaffen. Die Meissner Fabrik ift jetzt die erfte mitteleuropäiſche Porcellanfabrik; insbefondere nach Auflöfung der kaiferlichen Porcellanfabrik überfluthet fie Oefterreich. In PreufsifchSchlefien arbeitet man in Glas faft fo gut wie in Böhmen. Die Metallurgie am Harze und die Zinkfabrication in Berlin haben in Oefterreich keinen Rivalen... Da heifst es mit offnem, klarem Blicke die Dinge anfehen wie fie find. Das kann man in dem oben erwähnten Schriftchen des erfahrenften Kenners der kunftgewerblichen Verhältniffe in Oefterreich lefen. Und Alles konnte man eben fo genau auf der Ausftellung fehen, um zu begreifen, wie weit die Wirkfamkeit der Kunstgewerbe- Mufeen gediehen und wie weit fie es eben noch nicht ift. Man kann darnach vollſtändig mit den Refultaten der Gruppe XXII zufrie den fein. Wir haben zum Schluffe die Refultate des kunftgewerblichen Congreffes zufammenzufaffen. Für die Verhandlung felbft verweifen wir auf die„ Mittheilungen des k. k. öfterreichifchen Muſeums für Kunft und Induftrie", achter Jahrgang Nr. 97 bis 100 1873. Wer immer einen Blick in diefe Verhandlungen werfen wird, wird fich rafch überzeugen, ein wie hart umftrittenes Gebiet das Gebiet der Kunft und feiner Gefetze ift. Kaum dafs ein oder das andere Mal zwei berufene Streiter in Fen gs ms mn lie lt, ch Tes en en eit lie غة chht en ilie en on m Is? en en f- it me en en e, -k er er ch m S n t. S 11 1 1 1 Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 23 einem und demfelben Punkte einer Meinung waren. Wir wollen uns daher hüten, auch nur einzelne Grundfätze aus der Maffe der zu Tage geförderten Meinungen hervorzuheben Für die Ueberficht der Befchlüffe fei es geftattet, hier das Specialprogramm der Generaldirection für Gruppe XXII einzufchalten. Es lautet: " Zu den Bildungsanftalten der Neuzeit, die fich am fchnellften bewährt haben, gehören unftreitig die Kunftgewerbe- Muſeen und faft jeder ftaatliche Mittelpunkt befitzt fchon ein derartiges Inftitut. Diefe Thatfache allein dürfte hinreichen, um den Verfuch einer Darftellung ihrer Wirkfamkeit zu rechtfertigen. " Durch ihre Ziele fowohl als durch ihre Erfolge ftehen diefe Anftalten mitten zwifchen dem wirklichen Leben und den abftracten Theorien; fie vermitteln fozufagen die Vergangenheit und Zukunft unferer kunftgewerblichen Entwicklung und mahnen unwillkürlich an die geiftvolle Bemerkung eines deutfchen Gelehrten, der Ausdruck Kunft fei keineswegs aus Einer Wurzel entstanden, vielmehr auf zwei Stammwörter zurückzuführen, auf: Kennen und Können. 27 Die hervorragende Stellung, welche die moderne Kunftinduftrie feit wenigen Jahren einnimmt, liefert in der That den beften Beweis für die Richtigkeit der angeführten Bemerkung. Wohl kann die forgfältige Behandlung der verfchiedenen Rohftoffe, die Verwendung finnreich conftruirter Maſchinen Fachleute befriedigen und erfreuen; kommt aber bei all' den auf folche Art entstandenen Erzeugniffen zur Technik nicht das Moment einer gefchmackvolleren Ausführung oder Ausfchmückung hinzu, fo ift man wohl kaum berechtigt, von einer Veredlung des Gewerbes zu fprechen. Einer der nennenswertheften Fortfchritte auf dem Gebiete des Gewerbes datirt von dem Zeitpunkte, wo man darauf Bedacht nahm, den reichen, nur zu lange unbenützten Culturfchatz früherer Jahrhunderte forgfältig zufammenzustellen, Mufterfammlungen anzulegen, die von unferen emfigen Vorfahren in einzelnen Zweigen der Kunftinduftrie und der forgfam gepflegten Kleinkunft erzielten Fortfchritte wieder aufzunehmen und organifch fortzubilden ,, Die techniſche Fertigkeit, mit der irgend ein Object erzeugt wird, genügt eben nicht zur Herstellung eines den Anforderungen kunftfinniger Käufer entfprechenden Gegenftandes; ein feines Verftändniss der zu löfenden Aufgabe, ein richtiges Gefühl für die ihr am meiften entſprechende Form, kurz Gefchmack in Erfindung und Ausführung jedes Artikels find für das gewerbliche Schaffen unbedingt mafsgebende Factoren geworden und ihre Berücksichtigung allein erhebt den Gegenſtand zum Range eines kunftgewerblichen, das heifst nicht blos zweckmäfsigen, fondern auch den Gefchmack befriedigenden Objectes. ,, Diefer Erkenntnifs verdanken auch wohl zumeift jene Gewerbefchulen und kunftgewerblichen Bildungsanftalten ihr Entftehen, welche, unter der Leitung erprobter Kunftkenner mit ftets wachfendem Erfolge dem ererbten Herkommen gedankenlofer Routine in der Thätigkeit der Gewerbetreibenden entgegenarbeiten. ,, In einem noch höheren Grade aber beruht die Gründung der Muſeen für Kunstgewerbe, diefer kunftgefchichtlichen Schatzkammern, auf der richtigen Erkenntnifs des veredelnden Einfluffes der Kunft auf die Induftrie. Von diefem Standpunkte aus wollen die Verdienfte der eben fo reich bedachten, als gemeinnützigen Kunft gewerbe- Muſeen in Paris, London, Edinburgh, Moskau, Berlin, Stuttgart, München, Weimar, Gotha, Limoges, Lyon u. a. m. gewürdigt werden. An diefe reihen fich dann paffend jene Mufeen an, die zwar nicht direct Kunft und Kunstgewerbe fördern, die aber, indem fie wiffenfchaftliche oder ſtatiſtiſche Zwecke verfolgen, indirect gleichen Zwecken dienen. Auch diefe Inftitute find ein Product der modernen Culturbeftrebungen, wie z. B. das germanifche Muſeum in Nürnberg, das römifch- germanifche in Mainz, das Muſeum Wallraff- Richartz in Cöln, die Muſeen in Havre, Amiens, Touloufe u. a. m. 24 Dr. Carl Th. Richter. ,, Wie fehr diefe Schöpfungen der Neuzeit dem Bedürfniffe unferer Genera tion entſprechen, braucht hier nicht eingehend hervorgehoben zu werden; ihr zahlreicher Befuch, ihre eifrige Benützung, ihr bereits deutlich erkennbarer Einflufs auf die moderne Induftrie gehören zu jenen unläugbaren Thatfachen, die jeder Fachmann gern anerkennt. " „ Diefe Mufeen nunwerden ihrerwichtigen Aufgabe in mehrfacher Weife gerecht. Erftens, indem ihre mit Umficht und Auswahl angelegten Sammlungen dem Auge des Kundigen wie des Laien einen wahrhaft äfthetifchen Anfchauungsunterricht gewähren. In ihren Schränken, an ihren Wänden finden nur lehrreiche oder muftergiltige Objecte Platz. Da läfst fich die allmälige Entwicklung und der Fortfchritt in der Erzeugung jeder Gattung von Artikeln hiftorifch verfolgen, und der aufmerkfame Befchauer gewinnt die Fähigkeit, den Gefetzen des induftriellen Fortfchrittes in der bezeichneten Richtung nachzugehen. Für eitles Schaugepränge ift da kein Raum, wo, wie in diefen Anftalten, Alles darauf hinzielt, darzulegen, wie der Werth jedes einzelnen Artikels durch gefchmackvolle Umformung des rohen Naturproductes einer Erhöhung fähig ift, die, weit entfernt feinen Abfatz zu beeinträchtigen, diefen im Gegentheile vermehrt. „ Zweitens wirken diefe Mufeen höchft erfpriefslich durch die mit denfelben verbundenen kunstgewerblichen Fachfchulen. Da findet fich das lebendige Wort zur todten Vorlage, die Erklärung zum Modell. Die hier befchäftigten Lehrer weifen ihren Schülern alle jene wefentlichen Eigenfchaften nach, die jedes Erzeug nifs der Induftrie, auch das zum alltäglichen Gebrauche beſtimmte, befitzen mufs, um den Anforderungen eines geläuterten Schönheitsfinnes zu entſprechen. Hier lernen alfo die Zöglinge den Werth der in fich abgefchloffenen Einfachheit fchätzen, das Stilgefetz der Symmetrie verftehen und anwenden, und werden auf folche Weife zu Männern gebildet, die fpäter den Markt mit kunftgerechten Waaren verfehen, das heifst mit folchen, die fich durch verftändige Gefetzmäfsigkeit, durch mafshaltenden Schmuck auszeichnen. ,, Alle diefe fo überaus nützlichen Arten der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunftgewerbe nun follen in diefer Gruppe dem grofsen Publicum zum erften Male nahe gelegt und dargestellt werden, und zwar in der Weife, dafs es jedem Muſeum überlaffen bleibt, feine Ausstellung felbftftändig zu organifiren, wie der Vorftand der Anftalt es für nöthig erachtet, um das Inftitut auf der Weltausftellung entsprechend zu vertreten. ,, Um jedoch die Gefammtausftellung diefer Gruppe möglichst vollständig und lehrreich zu geftalten, wäre eine vorläufige Andeutung über die Richtung, in welcher die einzelnen Anftalten fich vorzugsweife betheiligen wollen, ebenfo zweckdienlich als erwünſcht. Würde diefem Vorfchlage ein geneigtes Entgegenkommen zu Theil, fo dürfte jeder Künftler und Induftrielle für fein Fach Anwen dung finden, und namentlich, um nur Eines hervorzuheben, die moderne Ornamentik eine wichtige Bereicherung an neuen Motiven erfahren. " Um aber die praktiſche Wirksamkeit diefer Anftalten dem grofsen Publi cum einleuchtend zu machen, ift es unerlässlich, dafs die von den einzelnen Mufeen veranstalteten Publicationen wenigftens in Proben, refpective einzelnen Nummern ausgeftellt werden. Wir faffen hier vorzüglich die Reproductionen ( Gypsgüffe, galvanoplaftifche Abdrücke, Photographien) und die literarifch- arti ftifchen Veröffentlichungen der Mufeen ins Auge. Was die erfteren anbelangt, fo müffen fie, und zwar nicht blos aus räumlichen Gründen, auf jene Kunftgegen. ftände befchränkt werden, deren Originale Eigenthum des ausftellenden Landes find; in Betreff der letzteren kann hingegen der Wunſch nach möglichfter Voll ftändigkeit nicht genug betont werden. ,, Endlich follen die Mufeen genaue ftatiftifche Nachweifungen über den Befuch der Anftalt, über die Organiſation ihrer verfchiedenen Schulen u. f. w. bringen, damit ein brauchbares Material für eine Statiftik der kunftgewerblichen Mufeen gefchaffen werde. Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 25 r " 9 Mit diefer Ausstellung der Muſeen wird zugleich ein Congreſs der Fachmänner in Verbindung gefetzt. Von den zur Verhandlung vorgefchlagenen Fragen feien nur angeführt: e a) die Frage des Verkehres unter den verfchiedenen Mufeen; n 1 1 S E b) die Frage des Austaufches der in den verfchiedenen Mufeen veranſtalteten Reproductionen und literarifch- artiftifchen Veröffentlichungen; c) die Frage, in welcher Weife die Muſeen etwa im Stande wären, der allgemeinen Verfchleppung und Zerftörung der Kunftwerke Einhalt zu thun; d) welche Mittel die geeignetften wären, um zwifchen den Mufeen und dem öffentlichen Leben einen fördernden Wechfelverkehr anzubahnen und lebendig zu erhalten. Von Seite jener Fachmänner, die fich an dem angeregten Congreffe zu betheiligen gedenken, wird die Generaldirection alle in das angedeutete Programm paffenden Vorfchläge mit Dank entgegennehmen." Die Befchlüffe des erften kunftwiffenfchaftlichen Congreffes in Wien, an diefe Vorlage fich annähernd, lauteten: Der kunftwiffenfchaftliche Congress fpricht als feine Ueberzeugung aus, dass eine der wichtigften Anforderungen, welche an die Verwaltung öffentlicher Kunftfammlungen zu ftellen find, auf die wiffenfchaftliche Katalogifirung derfelben gerichtet fein mufs, und empfiehlt die allgemeine, nach beftimmten Grundfätzen durchgeführte Herſtellung einer folchen den Regierungen und den Behörden, unter welchen öffentliche Kunftfammlungen ftehen, auf das Nachdrücklichfte. Zu den dringendften Bedürfniffen gehören wiffenfchaftliche Kataloge von Gemäldegallerien. Für ihre Anlage haben folgende Normen zu gelten: A. Bei der Katalogifirung jedes einzelnen Kunftwerkes find nachgenannte Punkte zu berücksichtigen: 1. Der Name des Meifters, oder, wenn diefer nicht ermittelt werden kann, die Schule und die Entftehungszeit jedes Gemäldes, ift fo zu beftimmen, wie es dem dermaligen Stande der kunftwiffenfchaftlichen Forfchung entspricht. Diefe Benennung des Bildes hat als keine von der oberften Verwaltungsbehörde der betreffenden Gallerie officiell eingeführte zu gelten, fondern der wiffenfchaftlich gebildete Fachmann, dem die Abfaffung des Verzeichniffes anzuvertrauen ift, hat diefelbe perfönlich zu verantworten. 2. Dem Namen des Meifters find die wichtigften bekannten Daten feines Lebens, Jahr und Ort feiner Geburt und feines Todes, feine Lehrmeifter u. f. w. in gedrängter Kürze, aber mit vollſtändiger Benützung der bisherigen Forfchungen beizufügen. Ausführlichere Notizen über das Leben des Künftlers auf Grund von Localforfchungen find nur in folchen Fällen am Platze, in denen eine Gallerie zu einer beſtimmten Künftlergruppe ein näheres Verhältnifs hat. 3. Der Gegenftand des Gemäldes darf nicht mit einem blofsen Titel bezeichnet werden, fondern mufs in einer charakteriftifchen Befchreibung in gedräng. ter Form beſtehen. Am Beginne jedes Kataloges ift anzugeben, ob die Ausdrücke rechts und links heraldifch oder vom Befchauer zu verftehen find. 4. Die Bezeichnung jedes Gemäldes, Name oder Monogramm des Künft. lers nebft Datirung ift genau mitzutheilen. Die Wiedergabe derfelben in Facfimile ift nur dann nöthig, wo die Form der Bezeichnung ungewöhnlicher Art oder fonft von befonderer kunftgefchichtlicher Bedeutung ift. In diefem Falle ift das Facfimile nach genauer Durchzeichnung in Originalgröfse zu geben, oder wenn zu grofser Mafsftab der Infchrift diefs nicht thunlich erfcheinen läfst, nach photographifcher Verkleinerung der Durchzeichnung, mit ausdrücklicher Angabe, dafs eine folche vorgenommen worden. 26 Dr. Carl Th. Richter. Wappen, Zeichen und Infchriften anderer Art find gleichfalls zu nennen, refpective mitzutheilen, doch auch nur im Falle befonderer Wichtigkeit in Facfi mile zu geben. 5. Notizen über die Herkunft und die Zeit der Erwerbung, den Preis, die frühere Gefchichte jedes Bildes einfchliefslich des Nachweifes der vorgenommenen Reftaurationen u. f. w. find anzufchliefsen. 6. Die Literatur, welche von dem betreffenden Gemälde handelt, fowie die Vervielfältigungen desfelben find zu erwähnen. 7. Das Material, auf welches ein Bild gemalt, und die Technik, in der es hergestellt ist, find genau anzugeben. Bei Bildern aus Holz ift z. B. auch die Art des Holzes zu nennen. 8. Die Mafse find, nach Meffung auf der Rückfeite, in dem Meterfyfteme anzugeben. B. Für die Ausftattung der Kataloge und ihre Anordnung im Ganzen ift zu bemerken: 1. Das Format mufs ein handliches fein, zugleich aber hinreichend freien Raum zu Notizen gewähren. Bei der Drucklegung ift durch wechfelnden Satz für möglichft grofse Ueberfichtlichkeit zu forgen. 2. Bei jeder Sammlung find durchlaufende Nummern anzuwenden. Aende. rungen in der Numerirung der einzelnen Bilder find ohne dringendes Bedürfnifs, ohne vollſtändige Reorganiſation der betreffenden Sammlungen zu vermeiden. 3. Ob der Katalog entweder a) nach alphabetifcher Ordnung der Meifternamen, oder b) in kunftgefchichtlicher Folge, oder c) den Localitäten folgend anzuordnen ift, wird von dem befonderen Charakter jeder einzelnen Sammlung abhängen. 4. Die Kataloge müffen in kleiner Auflage gedruckt und zu möglichft niedrigen Preifen, welche nur die Herftellungskoften decken, verkauft werden. Ferner empfiehlt der kunftwiffenfchaftliche Congrefs, auch die Verzeichniffe von Ausftellungen moderner Kunftgegenstände beffer, als es in Deutfchland und Oefterreich bisher üblich ift, ungefähr nach dem Mufter der officiellen fran zöfifchen Ausftellungskataloge, einzurichten. Solche Verzeichniffe haben mitzutheilen: 1. Das Geburtsjahr und den Geburtsort, fowie den derzeitigen Wohnort jedes Künftlers, feine Lehrmeifter, refpective die Kunftſchulen, die er befucht hat, die Preife, Stipendien und Auszeichnungen, die er empfangen. 2. Neben der Befchreibung oder Inhaltsangabe des Bildes auch das Jahr feiner Entstehung und die Mafse nach dem Meterſyſteme. Genaue Verzeichniffe müffen bei der Eröffnung jeder Ausftellung ausgege ben werden können". ,, Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs erachtet es für wünſchenswerth, dafs Commiffionen eingefetzt werden, die die Reftaurirung von Gemälden im öffent lichen Befitze in jedem einzelnen Falle anordnen, leiten und überwachen. Diefe Commiffionen haben aus Männern, die die fpeciellen Fachkenntniffe und kunftwiffenfchaftliche Bildung befitzen, zu beftehen. Ohne Kenntnifsnahme diefer Commiffion darf kein in öffentlichem Befitze befindliches Gemälde einer Herſtel lung unterzogen werden. Ferner ift dafür zu forgen, dafs wenigftens an einer hierzu geeigneten Anftalt eines Staates oder Landes ein öffentlicher Lehrcurs errichtet werde für die kunftwiffenfchaftliche und techniſche Ausbildung von Reftauratoren. Als folche Anftalten empfehlen fich namentlich Akademien, Gallerien und technifche Schulen. So lange diefe Anftalten die nöthigen Lehrkräfte noch nicht aus fich felbft hervorgebracht haben, wäre dem Bedürfniffe durch das Ausfchreiben eines Preifes für ein auf wiffenfchaftlicher Grundlage ruhendes Lehr buch der Bilderreftaurir- und Confervirkunft entgegenzukommen." en, cfiLie en vie es Art me ift en se e. fs, er. nd ng e- h- nd n. rt 34 r s t. 1. d er 1. S n 1, S 99 Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 27 Der Congrefs ſpricht den Wunſch aus: dafs alle Diejenigen, welche Zeichnungen alter Meifter befitzen, verwahren oder auf deren Aufbewahrungsart irgend einen Einflufs üben, dafür forgen mögen, dafs nur folche Zeichnungen unter Glas und Rahmen ausgeftellt werden, die im Lichte nicht Schaden leiden; dafs die Einrahmung fodann aber auch mit den nöthigen Vorfichtsmafsregeln gefchehe; dafs hingegen folche Zeichnungen, welche insbefondere durch Reibung gefährdet find, durch Verfenkung in vertiefte Paffe par touts gefchützt werden." " Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs ernennt eine Commiffion, welche eine an den deutfchen Reichstag zu richtende Petition ausarbeitet, des Inhaltes, dafs von Reichswegen gefetzliche Beftimmungen für Erhaltung der nationalen Kunft. denkmäler getroffen werden mögen und eine oberfte Behörde für Erforschung und Erhaltung der Denkmäler eingefetzt werde. Das Präfidium reicht die von der Commiffion ausgearbeitete Petition dem deutfchen Reichstage ein." „ Die Verfammlung befchliefst, fich auf dem nächften Congrefs mit den Fragen der Katalogifirung, Anordnung und Confervirung gewerblicher Kunftgegenstände eingehend zu befchäftigen. Die Verfammlung erfucht den ftändigen Ausfchufs, dafür die geeigneten Referenten zu beftimmen." " Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs wolle fich an alle Mufeen und Gypsgiefsereien mit der Aufforderung wenden, die neueften Verzeichniffe ihrer Abgüffe an das Oefterreichifche Muſeum einzufenden, fowie auch alle fpäteren Abformungen der genannten Anftalt anzuzeigen. Das Oefterreichifche Muſeum wird diefe Anzeigen in feinen ,, Mittheilungen" zur allgemeinen Kenntnifs bringen." Den anderen Hauptgegenftand der Tagesordnung bilden die Fragepunkte den kunftwiffenfchaftlichen Unterricht betreffend: 1. Soll im Unterrichte an Mittelfchulen auf Kunft gefchichte Rückficht genommen werden? und zwar a) in Verbindung mit der Gefchichte? b) in Verbindung mit dem Zeichenunterrichte? c) bei dem Unterrichte in der deutfchen Sprache? d) in felbftftändiger Weife? 2. Soll und kann in Mittelſchulen die kunftgefchichtliche Bildung durch Anfchauungsunterricht gefördert werden? 3. In wie weit ift für Zeichenlehrer an öffentlichen Anftalten eine kunftgefchichtliche Vorbildung nöthig? 4. Wie ift gegenwärtig der Zeichenunterricht für Studirende an Hoch fchulen befchaffen? 5. Wie find die Lehrmittelfammlungen für Kunftgefchichte, insbefondere an polytechnifchen Inftituten und Univerfitäten in Städten, die keine Mufeen und Gallerien haben, gegenwärtig befchaffen? 6. Welche Stellung hat gegenwärtig die Kunftgefchichte als Lehrfach an Univerfitäten und polytechnifchen Inftituten?" Ohne weitere Debatte kommt die Refolution in ihren einzelnen Abfätzen zur Abftimmung und wird nach den Vorfchlägen der Commiffion angenommen. Diefelbe lautet: ,, I. Der Congrefs kann nicht wünſchen, dafs im Programme der Mittelfchulen, das heifst, der Gymnafien, Realfchulen, höheren Töchterfchulen und anderer gleich hoch ftehender Anftalten durch Aufnahme eines neuen Unterrichtszweiges die fchon ftark gehäuften Lehrgegenftände diefer Anftalten vermehrt werden. 2. Dagegen wird die Ueberzeugung ausgefprochen, dafs Anfchauung von Kunftwerken in guten und methodifch geordneten Reproductionen und Erfchliefsung des Blickes für Schönheit und Stil fich mit fchon vorhandenen Lehrfächern, hauptfächlich dem Gefchichtsunterrichte und der Lectüre der alten und modernen " 23 28 Dr. Carl Th. Richter. Claffiker fo vereinigen laffen, dafs fie das Erlernen diefer Lehrfächer vielmehr erleichtern als erfchweren. " 3. Damit diefer Anfchauungsunterricht wahrhaft künftlerifch bildend wirke, ift zu wünſchen, dafs jede Mittelfchule in Befitz eines Apparates von Nachbildungen vorzüglicher Kunftwerke komme, welche theilweife auch als Vorlagen beim Zeichenunterrichte verwendet werden können, um das Auge und den Zeichner an die Stilunterfchiede zu gewöhnen. 4. Der Congrefs erklärt für wünfchenswerth, dafs zum Studium der Kunft. gefchichte an allen Univerfitäten die Möglichkeit geboten werde, dafs aber auch fchon vorläufig die Lehramts- Candidaten für die Fächer der claffifchen und modernen Sprachen und der Weltgefchichte Gelegenheit erhalten, fich bei ihrer reglementmäfsigen Prüfung über den Beftand ihrer kunfthiftorifchen Kenntniffe auszuweifen." Auf der Tagesordnung ftand dann die Verhandlung über die Fragepunkte: 1. In weffen Händen liegen gegenwärtig in Deutſchland, Oefterreich, Frank reich, Italien, England und Belgien die Reproductionen von Werken des Alterthums und der Kunft? 2. Inwieweit können und follen Regierungen auf die Reproductionen durch Private Einflufs nehmen? Sollen Staatsanftalten bei Reproductionen mitwirken und in welchem Maſse? - 3. Welche Erfahrungen hat man mit den verfchiedenen Reproductions. materialien gemacht? 4. Sollen fyftematifche Reproductionen und in welcher Weife ver anlafst werden fpeciell für Zwecke des Kunftunterrichtes und des kunft gefchichtlichen Unterrichtes? - 5. Soll auf die Preife der von öffentlichen Anftalten reproducirten Gegenstände und in welcher Weife eingewirkt werden? 6. Auf welcher Grundlage können öffentliche Anftalten unter einander mit reproducirten Werken in Taufch treten? Hofrath v. Eitelberger erklärte darauf:„ Das Oefterreichische Muſeum wurde bereits aufgefordert, was Gypsabgüffe betrifft, die neuen Reproductionen ordnungsmässig zu publiciren und ihr Erfcheinen allen Anftalten mitzutheilen. Die Frage ift aufgeworfen, weil wir wohl in Beziehung auf Mitteleuropa über die Adreffen einigermafsen orientirt find, weil wir aber für das Ausland in der allergröfsten Verlegenheit find, wohin wir uns da zu wenden haben. Ich würde fehr gern erbötig fein, folche Adreffen in den Mittheilungen des Oefterreichifchen Muſeums aufzunehmen und fie fo Allen zur Verfügung zu ftellen." Die endgiltigen Befchlüffe lauten: ,, Mufeen und. öffentliche Kunftinftitute werden erfucht, Privilegien zur Reproduction nur unter folchen Bedingungen zu ertheilen, welche der Ver waltung der betreffenden Inftitute eine Mitwirkung bei der Auswahl der zu reproducirenden Gegenftände wahren." " Staatsanftalten, welche im Befitze kunfthiftorifcher oder zur Weckung des Kunftfinnes wichtiger Werke find, mögen erfucht werden, felbft tüchtige Reproductionen zu veranlaffen und zum Koftenpreife zu debitiren, da auf diefer Grundlage allein öffentliche Anftalten unter einander durch Austausch von Reproductionen in Beziehung treten können." „ Der kunftwiffenfchaftliche Congrefs( als fachwiffenfchaftliche Inftanz) befchliefst, das baierifche Unterrichtsminifterium zu erfuchen, eine Publication der alten Pinakothek und der anderen baierifchen Staatsgallerien, insbefondere auf photographifchem Wege unmittelbar nach den Originalen, in jeder Weife zu begünftigen und zu ermöglichen, refpective es möge gegebenen Falles eine würdige Ausgabe von Originalaufnahmen geftatten." In Betreff der Pofition 3 erklärt g chr nd chen er نے ft. ch Darftellung der Wirkfamkeit der Mufeen für Kunstgewerbe. 29 Herr Hofrath v. Eitelberger:„ Die Herren, welche viel reifen, werden gewifs im Sinne des Congreffes handeln und der Kunft wefentlich nützen, wenn fie ein wachfames Auge auf die reftaurirten Bilder in allen Gallerien haben und über deren Zuftand ihre Beobachtungen in Notizen fammeln, um nicht als Einzelreferenten, fondern Jeder für fich über beftimmte Bilder berichten zu können." Damit ift die letzte Tagesordnung des Congreffes erledigt. Der nächfte Congrefs foll in Berlin abgehalten werden. nd er ffe e: k. er. en en S er. d en er m en e e er h g f h e e r OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. 0. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS BAUERNHAUS MIT SEINER EINRICHTUNG UND SEINEM GERÄTHE. ( Gruppe XX.) BERICHT VON DR. K. J. SCHRÖER. WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. D DAS BAUERNHAUS MIT SEINER EINRICHTUNG UND SEINEM GERÄTHE. ( Gruppe XX.) Bericht von DR. K. J. SCHRÖER. Allgemeines. Bei Feftftellung der Gruppen zur Wiener Weltausftellung von 1873 wurde die XX. in folgender Weife näher beftimmt: " Das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und feinem Geräthe: a) ausgeführte Gebäude, Modelle und Zeichnungen von Bauernhäufern der verfchiedenen Völker der Erde; b) vollſtändig eingerichtete und mit Geräthen ausgeftattete Bauernftuben." Diefe Beftimmung ift leider nicht zugleich von folchen näheren Erläute rungen begleitet gewefen, die eine Uebere inftimmung der Auffaffung in Bezug Mindeſtens ift das auf Zweck und Ziel des Gegenftandes herbeigeführt hätten. Specialprogramm der XX. Gruppe vom 1. October 1871 nicht überall richtig aufgefafst worden. Diefs hatte die Folge, dafs die Aufftellung diefer Gruppe, entweder, weil man den Zweck nicht einfah, übergangen wurde, wie z. B. von Seite eines hervorragend praktifchen Volkes wie die Engländer, oder dafs fie unter ganz verfchiedenen Gefichtspunkten aufgefafst wurde, oder, in Folge einer unklaren Auffaffung, verfehlte und zwecklofe Darftellungen erzielte. 99 Wir wollen abfehen davon, dafs von„, Bauernhäufern der verfchiedenen Völker der Erde" eigentlich wohl nicht die Rede fein kann, indem eine auf Ackerbau und Viehzucht begründete Wirthfchaft und fomit ein Bauernftand nur überhaupt bei einem beftimmten Kreis von Völkern vorhanden ift. Wir müffen ferner auch in Bezug auf diefe Völker wohl den weiteften Begriff für Bauernftand gelten laffen, denn nicht überall ift der Grundbefitz in den Händen von Bauern im engeren Sinne, den der Deutfche mit dem Worte verbindet; es werden demnach nicht nur Vollbauern und Halbbauern, fondern auch Koffaten oder Büdner, Häuslinge oder Kleinhäusler und Pächter hier als Bauern anzufehen fein, wenn fie fich nur mit Feldbau befchäftigen und nicht einem ftädtifchen Gemeinwefen, fondern einer Landgemeinde angehören. I* 2 Dr. K. J. Schröer. Wenn eine folche Auffaffung nun vielleicht als felbftverſtändlich erfcheine mag, fo war doch damit noch nicht der Zweck und das Ziel der Ausftellung, wi die Aufgabe, die fich für den Ausfteller von Bauernhäufern daraus ergibt, übe jeden Zweifel erhaben. Es konnte diefe Gruppe den Zweck haben, die Baukun für landwirthfchaftliche Zwecke zu heben; dann war die Aufgabe die, mit de einfachften Mitteln die zweckmäfsigften Bauten und Einrich tungen herzuftellen. Es konnte aber auch der Zweck fein, der naiven volks mäfsigen Baukunft künftlerifche Motive abzugewinnen und diefelben ftiliftifci idealifirt zur Anfchauung zu bringen. Es konnte endlich die Abfich fein, beſtimmte ländliche Anwefen, wie fie in Wirklichkeit find zur Anfchauung zu bringen, fowie Nationaltrachten ausgeftellt waren Diefs hätte zunächft einen belehrenden ethnographifchen Zweck, es hätte aber neben diefer theoretifchen auch eine praktifche Bedeutung gehabt indem eine folche Ausftellung ein geeignetes Mittel fcheint, den wichtigen Stan der kleineren Landwirthe in den Wettkampf der Völker mit heranzuziehen un deffen Theilnahme lebendig anzuregen. Es konnte fich dabei immer auch das Streben geltend machen, auch die Lage und das Schickfal eines Volkes dem allgemeinen Intereffe der Welt näherzurücken Diefe an dritter Stelle angeführten Gefichtspunkte waren wohl die bei Feft ftellung der XX. Gruppe mafsgebenden, die freilich von den Ausftellern nich überall gleich richtig aufgefafst worden find, wenn auch alle Ausfteller von Bauer häufern, mit Ausnahme des ruffifchen, von diefer Auffaffung ausgingen. Mufterhäufer, Vorfchläge zu möglichft zweckmäfsigen billigen Wohnungen ammt Einrichtung für Landwirthe find nicht vorgekommen. Die Auffaffung war alfo allgemein die, dafs es fich um Aufftellung wirkliche Bauernhäufer mit ihrem Inhalte, oder um Aufftellung von Modellen derfelber handelt. Bei ihrer Beurtheilung konnte in erfter Reihe nur die Echtheit und Vollständigkeit, mit der die Aufgabe gelöft wurde, in Frage kommen. In zweiter Reihe kam dann in Betracht die Wichtigkeit, die der ausgeftellte Gegenſtand an fich hat. Es kann die Darftellung von Zuftänden, Sitten und Gebräuchen, foweit eine folche durch ein Haus und deffen Einrichtung, befonders wenn es von ein gebornen Infaffen bewohnt wird, möglich ift, je nach dem Schickfale, der Lage und Neuheit eines Volksftammes, letzteres in Bezug auf die übrige Welt, gröfser oder geringere Theilnahme erregen, und es wird das Verdienft der Ausftellung von diefer Seite denn auch höher oder geringer angefchlagen werden. Diefe Gefichtspunkte berühren das Verdienft des Ausftellers, der in de meiften Fällen hier von dem Erzeuger zu unterfcheiden ift. Sowie aber die Gefchicklichkeit oder der Gefchmack des Erzeugers bei Gegenftänden des häus lichen Gewerbfleifses einer Anerkennung und ermunternden Auszeichnung wert fein kann, fo kann wohl auch hier, wo das Ausgeftellte nicht Nachahmung, fonden urfprüngliches Erzeugnifs ift, das Gefchick und der Gefchmack des Erzeugers Würd gung finden. Das Preisgericht ift auf folche Erwägungen nicht näher eingegangen und fprach fowohl den preiswürdigen, als auch den verfehlten Objecten der XX. Gruppe ohne Unterfchied gleichmässig diefelbe Anerkennung zu. Nur das walachifche Haus fcheint vergeffen. Wenn dadurch wirklich verdienftliche Ausstellungsobjecte zurück gefetzt erfcheinen, fo foll diefs wahrfcheinlich aufgewogen werden durch die Aufmunterung, die man dem Gegenftande im Allgemeinen zuwenden wollte. Ob ein rein fittengefchichtlicher Zweck nun der Aufgabe einer Weltausftel lung entspricht oder nicht, ob die Mühe und die Koften einer folchen Ausstellung die die Betheiligung entfernterer Ausfteller faft ausfchliefst, durch irgend ein Ergebnis für die Ausfteller hinreichend aufgewogen wird, bleibe dahingeftellt. Die Thatfache läfst fich nicht in Abrede ftellen, dafs die wenigen Bauern häufer, die auf dem Ausftellungsplatze zu fehen waren, auf die Befucher ein aufserordentliche Anziehungskraft übten. Es war in der That auffallend, dal kaum ein anderer Gegenftand der Kunft und des Gewerbfleifses, dafs alle Pracht ne W Libe unf de ch lks fci ich nd ren aber abt Can un age el eft ich ern ge cher ben und iter an veit ein age Gere ung den die ius Perth en di ind Ope aus ckdie el ng ein ΓΠ ine als ht Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 3 Wie aller Glanz kaum fo ungetheilte Theilnahme erregten, als diefe fchlichten Häufer überm ,, Heuftadelwaffer". Wenn ein Gegenftand noch allgemeiner anzog, fo waren es die Häufer der Japanefen. Es fprach fich darin eben aus, dafs der intereffantefte Gegenftand für die Menfchheit doch immer nur der Menfch felbft ift. freute man fich fchon zu Anfang der Ausftellung auf die Eröffnung des„ Wigwam". Man dachte im Waldesdunkel ein Indianerzelt zu finden, von Rothhäuten bewohnt, mit denen man die Friedenspfeife zu rauchen hoffte. Man fand fich freilich bald enttäuscht. Das Indianerzelt hatte nichts von einem echten Wigwam und in demfelben wurden von Mohren verfchiedene Getränke, ganz nach der Art der modernen Trinkhallen, gegen hohe Preife verabreicht. Das ift es nicht, was man fuchte. So ein Wohnhaus mufs echt und von eingebornen Infaffen bewohnt fein, dann übt es aber auch ganz entfchieden die gröfste Anziehungskraft aus. Wir möchten diefe Bauernhäufer nicht gerne miffen auf einer Ausstellung, im Gegentheil wünſchten wir fie nur noch reicher und vollständiger vertreten. Wenn fich wegen Schwierigkeit des Transportes auch in Bezug auf diefe Gruppe die ganze Welt nicht mitbetheiligen konnte, fo war es doch fchon ein Gewinn, wenn der Bauer der einem Ausftellungsplatze näher gelegenen Länder mit feinem Anwefen vertreten war. Für den Landmann des Landes, wo die Ausstellung ftattfindet, ift diefe Gruppe von grofsem Werthe. Es wird damit die Lethargie, die ihm gewöhnlich eigen ift, gebrochen. Dafs die Ausftellung auch ihn angeht, wird ihm an diefen Objecten verftändlich, und fo wird durch fie die Strömung des höheren Culturlebens in Verbindung gebracht mit feiner einfachen Welt. Sämmtliche ausgeftellte Bauernhäufer, neun an der Zahl, waren aus der öfterreichiſch- ungrifchen Monarchie, mit Ausnahme des ruffifchen und des elfaffifchen. Schon aus diefem Umftande ift erfichtlich, dafs die Nähe oder Entfernung der Ausfteller bei diefem Gegenftande entfcheidend und daher eine allgemeine Theilnahme der Völker kaum denkbar ift. Die ausgeftellten Häufer find: Das fächfifche Bauernhaus aus Michelsberg in Siebenbürgen; das deutfche Bauernhaus aus Geidel in Ungarn, Neutraer Gefpanfchaft; das Szekler Bauernhaus aus Siebenbürgen; das rumänifche Bauernhaus aus Oravicza im Banat; das Vorarlberger Bauernhaus; das Elfäffer Bauernhaus; das ruffifche Bauernhaus; das galizifche Bauernhaus; das kroatifche Bauernhaus. go Die öfterreichifche Meierei", in der Kaffee getrunken wurde, hatte doch ein zu modernes, ftädtifches Gepräge, um hieher gezählt zu werden. Sehr zu beklagen ift, dafs die vielen im Kataloge erfcheinenden Modelle von Bauernhäufern zum Theile nicht zu finden, zum Theile wohl auch gar nicht ausgeftellt waren. Wie anziehend klingt die Angabe des Generalkataloges, Seite 234 7. Caftellani Ritter Augufto, Rom. Altrömifches Bauernhaus.". Auch der italienifche Katalog führt es an; dort heifst es:„ Caftellani Augufto, Roma. Antica Cafa colonica dell agro romano. 4995." Und doch hat kein Mitglied der italienifchen Ausftellungscommiffion es gefehen; es war nicht zu finden. Einer der Herren Ausftellungscommiffäre fprach die Vermuthung aus: Caftellani fei eine alte Firma in Rom, ein altes Haus", daraus habe man, aus Mifsverftändnifs, una cafa antica colonica" gemacht. Er hat fonft fchöne Juwelierarbeiten ausgeftellt! Auch die übrigen Modelle von italienifchen Bauernhäufern find nicht zu finden. Ebenfo gelang es bei gründlicher Nachforfchung, die viel Zeit koftete, weder die türkifchen, noch die rumänifchen, noch die franzöfifchen, amerikaniſchen, fchwedifchen Bauernhaus- Modelle aufzufinden. Nach Angabe des Kataloges hat Dr. K. Leyer in Graz Pläne mit Text von Typen der in Steiermark vorkommenden Bauernhäufer ausgeftellt. Alle Nachfrage darnach " 4 Dr. K. J. Schröer. war vergeblich.-Im Hofe 14 b ftand ein Modell eines Bauernhaufes, ohne Nummer, ohne Zettel; Niemand vermochte anzugeben woher es war! Befonders merkwürdig war das Ergebnifs der Nachforfchung nach den ungrifchen Bauernhaus- Modellen, deren der Katalog 24 anführt. Da diefelben nach dem Katalog nicht zu finden find, ergab fich bei einer perfönlichen Anfrage bei der ungrifchen Ausftellungscommiffion, dafs fie alle nicht vorhanden waren! Da nun aber im füdlichen Hofe 14 a doch gegen fieben, fehr fleifsig ausgearbeitete, intereffante Bauernhaus- Modelle von Ungarn ftanden, fo mufste gefragt werden: ob denn nicht unter den 24 Nummern des Kataloges diefe fieben enthalten find! Diefs war nicht der Fall, die vorhandenen Modelle gehörten zur Gruppe XXI: Haus induftrie! Man hatte offenbar unter„ Hausinduftrie" eine Induftrie verftanden, die Hausmodelle macht. Das hinderte nun nicht, diefe doch vorhandenen Bauernhaus- Modelle im Berichte über die XX. Gruppe, wo fie hingehören, zu befprechen. Nun ftellt fich aber heraus, dafs die hohen Nummern, mit denen diefe Modelle bezeichnet waren, einer früheren Katalogifirung angehörten, und dafs man durchaus nicht mehr anzugeben wufste, welche Nummern des Kataloges darunter zu fuchen find. Man weifs alfo nicht, aus welcher Gegend, von welchem Volkftamm ein jedes diefer Modelle herrührte. Auf eine Befprechung namenlofer Modelle aber einzugehen, müffen wir doch verzichten. Am vollkommenften haben ihre Aufgabe jedenfalls gelöft Herr Carl Schochterus aus Hermannftadt und die Presburger Handels- und Gewerbekammer, die Ausfteller des fiebenbürgifch fächfifchen und des Geidler Bauernhaufes.- Das fchöne Vorarlberger Haus verdient wohl auch hervorgehoben zu werden, doch vermifst man hier die Vollständigkeit der inneren Einrichtung. Die netten Bewohnerinnen desfelben repräfentirten eine Seite der Hausinduftrie, gewährten aber nicht das Bild der Familie. Auch fehlte hier eine erklärende Beigabe.- Das Szekler Haus war mehr mit dem Trödel eines Krämers angefüllt, als mit echtem Hausgeräth vom Lande. Die Erftgenannten haben je ein Wohnhaus eines Dorfes, vollkommen echt und wahr, auf dem Ausftellungsplatze dargeftellt, wie es an Ort und Stelle zu finden ift Die Häufer waren in ortsüblicher Weife völlig eingerichtet, fie waren von eingebornen Infaffen bewohnt und die Ausfteller haben in beiden Häufern je eine Brochure für den Zweck fchreiben und in Druck legen laffen, die jede nöthige Aufklärung enthalten. Die Gefchichte und Lage des betreffenden Volksftammes verdient im hohen Grade die allgemeine Aufmerkfamkeit, fie find der übrigen Welt wenig bekannt und fo wäre denn hier wohl aller Grund vorhanden gewefen. den Ausftellern die vollfte Anerkennung zu Theil werden zu laffen. Was den Antheil der Erzeuger anlangt, fo ift hier zu unterfcheiden. Das fiebenbürgifche Haus ift infofern nur Imitation, als es ein Haus aus Backſteinen, wie fie an Ort und Stelle find, darftellte, aber aus Holz mit Mörtel verkleidet ift. Das Geidler hingegen war Urerzeugnifs, aus Baumftämmen des Geidler Waldes gezimmert, von dem Inwohner desfelben felbft auf dem Ausftellungsplatze auf geftellt. Es empfiehlt fich von felbft die Befprechung diefer Häufer voranzuftellen, und wenn wir bei ihnen am längften verweilen müffen, fo liegt diefs auch in dem Gegenftande, da fie eben den reichften Stoff bieten. Dabei foll nicht verfchwiegen fein, dafs eigentlich diefe beiden Häufer allein es find, die den Berichterstatter veranlafsten, die Bauernhäufer überhaupt näher zu betrachten, indem der Volksftamm, von dem fie herrühren, für ihn ein Gegenftand langjähriger Forfchungen ift. Seine Mittheilungen über die Gefchichte und Sprache der Deutfchen des ungrifchen Berglandes, die feit dem Jahre 1858 in de Sitzungsberichten der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften erfchienen find, * 1. Wörterbuch der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes. Wien, Gerold, 1858. 2. Nachtrag dazu, dafelbft 1859. 3. Darftellung der deutfchen Mundarten des ungrifche Berglandes. Mit einer Karte der deutfchen Anfiedlungen im nordweftlichen Ungarn. 1864 4. Die Laute der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes, dafelbft 1864. ohne den lben rage Da tete den: ind! aus die é im aber waren Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 5 die Veranlaffung, dafs die Ausfteller des Haufes aus Geidel ihn beauftragten, eine kleine Schrift abzufaffen, die dem Geidler Haufe beigegeben war, und in demfelben verkauft wurde. Diefs führte weiter die Aufforderung der Wiener Zeitung und der Generaldirection der Ausftellung herbei, den Bericht über die Bauernhäufer zu übernehmen. Die Bauernhäufer wurden, wie gefagt, viel beredet, es find auch Abbildungen derfelben in den Tagesblättern erfchienen; erläuternde, allfeitig würdigende anderweitige Befprechungen blieben faft ganz aus. Es wurde von den Ausftellern eben zu wenig geforgt dafür, dafs die Befucher über den Ausftellungsgegenstand fich unterrichten konnten. So wurde z. B. das Szekler Haus fchweigend hingeftellt, auf den Ausftellungsplatz, von Szeklern bewohnt, die kein Wort Deutfch fprachen und die Befucher fragten fich wohl einer den anderen: was ein Szekler ift? Uebler ftand es noch um die öden, leerftehenden Häufer, zum Theil ohne Einrichtung, ohne Bewohner, ohne irgend einen Fingerzeug über ihren Urfprung. Es ist unter folchen Umftänden eine mifsliche Sache um die Berichterftattung. Ueber das Geidler Haus zu fchreiben, berechtigten den Berichterftatter wohl feine Forfchungen über die Mundarten des ungrifchen Berglandes. Wenn diefe, doch nur einfeitige, zunächft die Sprache angehende Vertrautheit mit dem einen Objecte ihn einigermafsen in die Lage fetzten, über denfelben zu berichten, fo könnte wohl mit Recht gefragt werden, ob diefe Eignung denn auch für die übrigen analogen Objecte ausreichen wird? Darauf kann der Berichterstatter nur erwiedern, dafs er die Aufgabe, infofern fie ihm geftellt wurde, zunächst vom Standorte des Linguiften aufgefafst hat, und fich zu diefer Auffaffung für berechtigt hält, weil fie ihm geftellt wurde. Von der Sprache ausgehend einen Einblick zu gewinnen in die Gefchichte, in die Sitten und Beziehungen eines Volksftammes zu anderen ift oft der einzige Weg, auf dem gefchriebene Urkunden uns in diefen Hinfichten keinen Auffchlufs geben. Der Berichterstatter hat diefen Weg bereits wiederholt betreten*** und wird denn auch hier einiges Thatfächliche auf diefem Gebiete heranziehen, infofern es etwa geeignet fcheint, das Intereffe für den vorliegenden Gegenftand zu erhöhen. Der Zweck der Ausftellung der Bauernhäufer, infofern er darin liegt, dafs diefer Gegenftand den Antheil der das Land bebauenden Bevölkerung heranziehen foll, tritt dabei in den Hintergrund. Dafür wird ein kleiner Beitrag geliefert zur Erhöhung des Antheils der Gebildeten für den Gegenftand. Diefer Antheil liegt in der Strömung der Zeit, befonders innerhalb der germanifchen Welt. Es darf daher auch ein geringer Beitrag gerechtfertigt erfcheinen, der dazu einladet, bei einem Gegenftande wie das Bauernhaus länger zu verweilen. iner eben icht Auf ten Carl und und vohl der eine hlte Födel Erft ahr, ift eineine hige mes gen fen. den che an Das des auf len. his ufer upt ein chte des d. Cold che 864 Sohn. 1870. Die zuerft genannten Häufer I., 2. find deutfche Bauernhäufer. Diefs veranlafst uns vorher einen Blick zu werfen auf die Gefchichte des deutfchen Bauernhaufes überhaupt, worauf wir dann öfter zurückweifen werden. Das deutfche Bauernhaus und deffen Gefchichte. Tacitus gibt in feiner Schrift über Deutſchland einige Andeutungen über die deutfchen Wohnhäufer. Er fagt im fechzehnten Capitel:„ Ihre Dörfer bauen die Deutfchen nicht nach unferer Weife in verbundenen und zufammenhängenden Bauten; jeder läfst Raum um fein Haus herum. Auch der Bruchfteine und Ziegel bedienen fie fich nicht. Gewiffe Stellen beftreichen fie forgfältiger mit fo reiner und glänzender Erde, dafs es wie gemalt ausfieht. Sie machen * Ein Haus und feine Bewohner aus Geidel, befprochen von Dr. K. J. S., Presburg 1873. ** Von dem Berichterstatter kamen Befprechungen in der Wiener Abendpoft vom 8., 21. und 29. Mai, 5. und 19. Juni, 8. und 17. Juli und 7. Auguft. *** Zuletzt in feinem 33 Wörterbuch der Mundart von Gottfchee." Wien, K. Gerold's 6 Dr. K. J. Schröer. auch unterirdifche Höhlen, die mit Dünger belegt und im Winter als Zuflucht, fowie zur Aufbewahrung der Frucht benützt werden."* Ueber diefe Höhlen, fonft Tungen genannt, ift nachzulefen Wilhelm Wackernagel in Haupt's Zeitfchrift für deutfches Alterthum. 7, 128 ff. Die altgermanifchen Wohnftätten waren demnach einzeln ftehende hölzerne Blockhäufer,** theilweife mit Lehm beftrichen. Näheres über die Geftalt diefer Wohnungen in ältefter Zeit ist nicht bekannt. Doch fpricht Heinrich Otte in feiner Gefchichte der deutfchen Baukunft von der Römerzeit bis zur Gegenwart, Leipzig 1861, S. 43-46, darüber eine Vermuthung aus. Er nimmt nämlich an, dafs aus der feftftehenden Geftalt deutfcher Bauernhöfe, wie fie jetzt find, ein Rückfchluss auf die Vergangenheit gemacht werden könnte. Unter den deutfchen Bauernhöfen laffen fich aber vornehmlich zwei Haupttypen unter fcheiden: der altfächfifche und der fränkifche. Die erftere Bauart hält Otte für die ältefte, weil in dem altfächfifchen Bauernhaufe Menfchen und Thiere noch unter Einem Dache beifammen wohnen. 99 Dagegen wies nun Moriz Heyne in Pfeiffer's Germania 10, 55 ff. nach, dafs im Gegentheil die fränkifche Bauart die ältere fei, und dafs die fogenannte altfächfifche fich erft fpäter aus der Vereinigung kleiner Wohnungen mit Stallanlagen entwickelt habe. Das altfächfifche Bauernhaus hatte in Wirklichkeit, wie auch das angelfächfifche, nicht die längliche Form des bekannten weftfälifchen, vulgo altfächfifchen, fondern war quadratisch angelegt. Der nähere Nachweis darüber bei Heyne a. a. O. Eine weitere Entwicklung des altgermanifchen Hausbaues war das Anlegen verfchiedener Bauten für die einzelnen Zweige der Wohnung und Wirth fchaft." Heyne a. a. O. S. 97. In Bezug auf diefen Punkt ift nun gleich hier zu bemerken, dafs die Koften des Transportes und der Aufftellung die Ausfteller freilich veranlafst haben, fich auf das Wohnhaus im engeren Sinne zu befchränken und von der Aufstellung von Nebengebäuden abzufehen, fo dafs dadurch das Bild, das gewonnen wurde, immer ein unvollständiges bleibt. Zu den mit Raumverfchwendung oft angelegten Bauernhöfen, mit grofsen Zwifchenraumen zwifchen Wohnhaus und Scheuer, den eigentlichen Höfen, mit Stallungen, dem Garten hinter der Scheuer und Feldern hinter dem Garten war hier nicht Raum. Der Eingang in die Wohnung im Bauernhaufe findet fich in der Regel im Hofe. Diefs ward aber nur erfichtlich bei dem Elfäffer, dem ruffifchen und dem Szekler Haufe, die auch das Einfahrtsthor zur Anfchauung bringen. Wir werden uns daher nur mit der Wohnung im engeren Sinne zu befchäftigen haben. Das oben erwähnte weftfälifche Bauernhaus, von dem man eine Schil derung und Abbildung unter Anderem auch findet in O. Spamer's illuftrirtem Converfationslexikon, 2. Bd., Sp. 359, 360 ift ganz eigenthümlich angelegt. Gegen die Strafse zu befinden fich die grofse Einfahrt in die Diele, die über dachte Drefchtenne, die rechts und links von Stallungen eingefchloffen ift. Hinter diefem länglichten Haupt- Beftandtheile des Haufes, das mit einem riefigen Strohdache eingedeckt ift, befindet fich auch die Wohnung, deren Fenfter hinten hinaus gehen. Von drei Seiten ift ein folches Haus gewöhnlich vom Obftgarten umgeben. In der Mitte der Wand, zwifchen Diele und Wohnung, befindet fich der Herd, über dem kein Schornftein angebracht ift. Der Rauch hat keinen anderen Ausgang als durch die Thüren. * Vicos locant non in noftrum morem conexis et cohærentibus ædificiis: uam quisque domum fpatio circumdat ne cæmentorum quidem apud illos aut tegularum ufus: quædam loca diligentius illinunt terrâ ita purâ ac fplendente. ut picturam ac lineamenta colorum imitetur folent et fubterraneos fpecus aperire eosque multo infuper fimo onerant suffugium hiemis et receptaculum frugibus. ** Siehe im Allgemeinen darüber: Pfahler's Handbuch deutfcher Alterthümer S. 590. cht, elm ande cht er rt, an, ein len Cer art and ch, die mer aus rm gt. ng für 97 lie fst er as ng nd er el nd zu 1- m t. er S 1. 1. Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 7 Die Wohnung befteht gewöhnlich aus der Wohnftube in der Mitte, hinter der Herdwand und den kleinen Schlafkammern rechts und links. Ein Stockwerk und Wohnräume oberhalb find nicht vorhanden. Die Wände diefer Häufer beftehen aus Fachwerk mit Flechtwerk ausgefüllt, welches mit Lehm beftrichen wird. Ganz verfchieden von der Bauart der weftfälifchen Bauernhäufer find die in den übrigen Gegenden Deutfchlands, die unter einander viel Gemeinfames haben. Hier mag nur hervorgehoben werden dasjenige, woran uns die zu befprechenden Häufer hin und wieder erinnern werden. " Das rhein fränkifche Bauernhaus hat feine Giebelfeite der Strafse zugekehrt, wie das fiebenbürgifch- fächfifche Bauernhaus, der Eingang in den " Hausären"( Flur, Vorhaus) aber befindet fich im Hofe, ebenfalls wie im fiebenbürgifchen Haufe. Vom Flure oder Hausären gerade aus gelangt man in die Küche; fo auch im Geidler und Vorarlberger Haufe. Rechts befindet fich die Wohnftube und daneben die Schlafkammer, im Vorarlberger Haufe der Gaden". Zwei andere Seiten des Hofes werden eingefchloffen von der Scheuer und den Stallungen; die vierte Seite bildet eine Einfriedigung und die Einfahrt in den Hof nach der Strafse zu. Vom Hausären aus führt eine Treppe in das Obergefchofs zu den Schlaf- und Speifekammern. Auch diefe Häufer beftehen aus Fachwerk, doch find die Fächer weifs getüncht und die Balken mit Farbe angeftrichen, was an die Angabe des Tacitus erinnert: dafs es wie gemalt ausfieht.* - - Die oberfächfifchen Bauernhäufer find im Erdgefchoffe in der Regel feftes Mauerwerk, im Stockwerke Fachwerk. Ebenerdig gelangt man vom Thore aus links in die grofse Wohnftube, neben der noch ein Staatszimmer ift. Dem Eingange gegenüber find Küche und Speifekammer angebracht. Vom Flure rechts gelangt man in den Kuhftall. Im Flure befindet fich ferner die Treppe, die in das obere Stockwerk führt. Dort befinden fich die gewöhnlich unbenützte, wohleingerichtete obere Stube und mehrere Schlaf und Aufbewahrungskammern. Eine eigenthümliche, malerifche Bauart hat fich in den Alpenländern entwickelt; in der Schweiz, in Tirol, in Baiern, Salzburg, Steiermark, Kärnten. Sie befteht gröfstentheils aus Holzbau und ift auffallend durch die weitvorfprin genden Dächer aus Brettern oder Schindeln, mit Steinen befchwert, und durch die zum Theile farbigen und durch Holz- Schnitzwerk verzierten Geländergänge. Sehr nüchtern und nichts weniger als volksmäfsig fehen dagegen die kafernenartigen Bauerngehöfte Oberöfterreichs aus, die eine ältere urfprüng. lichere Bauart wohl erft in unferem Jahrhundert verdrängt haben. Die Ausdrücke, die die einfachften Gegenftände von Wohnung und Hausgeräth bezeichnen, find der Mehrzahl nach deutfch. Mitgebracht aus der Urzeit der Gemeinfamkeit mit den übrigen indogermanifchen Sprachen find nur die Ausdrücke das Tor und die Türe, Sanskr. dvâra neutr. und dvâr femin., gr. 9úpa, lat. fori, lith. dváras, flav. dvera, goth. daúr, neutr. daurô fem., ahd. tor, neutr. turi und tura fem., mhd. tor, tür. Die übrigen Ausdrücke haben fich eigenthümlich deutſch, nach der Trennung, entwickelt, oder fie find entlehnt, was aber nur bei der geringeren Zahl der Fall ift. Die Entlehnungen find lateinifchen Urfprungs. Manchmal treten in den einzelnen deutfchen Mundarten verfchiedene Ausdrücke für denfelben Gegenftand ein, was ebenfo bezeichnend ift, wie der Umftand der Entlehnung. Das Wort Haus ift allen deutfchen Stämmen gemein. Goth. hus( kommt zwar nur in der Zufammenfetzung gudhus, Gotteshaus, vor), altfächf., althochd., * Ut picturam ac lineamenta colorum imitetur. Siehe S. 6. 33 8 Dr. K. J. Schröer. mittelhochd., angelf., altfries., altnord., mniederl., und jetzt noch aleman. und niederd. hûs, engl. houfe, nld. huis, fchwed. hus, dän. huus. Es fcheint urfprünglich Schutz und Schirm zu bedeuten, wie fich aus ver wandten Ausdrücken ergibt. Goth. huzd der Schatz, Hort, bedeutet das Gehütete und Hirt und Herde find damit wohl verwandt. Damit ftimmen lat. curare und custos. Es ift in das Magyarifche übergegangen in der Form ház( fprich hâs). Das Dach, ahd. dah, mhd. dach, altnord. thak, angelf thäc, fchwed. tak, nld. dak, ift verwandt mit decken, urverwandt mit lat. tegere. Der oder die Firft, der oberfte Längebalken des Daches, ahd. mhd. die firft, ift nicht fo allgemein verbreitet bei den germanifchen Stämmen, obwohl eine uralte Wortbildung. Es ftimmt zu Sansk. prastha: Ebene auf einem Berggipfel. Die Halle, ahd. halla, angelf. heal, and. höll, der hallende Raum, ein offener Säulenbau. Daher frz. halle. Die Laube, Laubhütte, offener Gang am Haufe, ahd. loupâ( urfprünglich loupia), daher fpätlat. laupia, lobia, logia, frz. loge, ital. loggia( woraus logiren). Der Saal, ahd. fal, altnord. falr; daher ital fala, frz. falle, falon. Die Herberge, ahd. heri berga, daher ital. albergo, frz. auberge. Der Gaden, das Gemach, ahd. kadum, mhd. ga dem. Das Gemach, mhd. gemach. Das Zimmer, ahd, zimbar, altfächf. timbar von goth. tim rjan. Diefs Wort tritt in vielen Mundarten zurück, indem dafür anfpruchsvollere Namen eintreten, wie Stube, heiz bares Zimmer und Kammer, lat. camera. Die Diele, ahd. dillâ. Die Schwelle, ahd. daz fwelli. Die Bühne, mhd. büne, nd. bûn. Der Balke, ahd. balko, daher ital. balcone. Der Hof, ahd. angelf. hof. Der Garten, ahd. garto, goth gardo, gards ift urverwandt mit griech. pros lat. hortus, ruff. gorod. Daher rumän. gard Zaun, ital. giardino, frz jardin etc. Der Stall, ahd. ft al, daher ital. ftallo, frz. etal etc. Die Stube Heizgemach, fchon in der lex aleman. ftub a, ift in alle Sprachen Europas über gegangen. Die Scheune, ahd. fkugina, dann fchiune. Die Scheuer, ahd. fciura, fpätlat. scuria, fpan. escuria, franz. écurie. Der Schorftein Schornftein und der Rauchfang find deutfche, aber nicht fehr alte Bil dungen. In älterer Zeit kannten unfere Ahnen dergleichen nicht. Auch der Schlott mhd. flât ift nicht fehr alt. Hingegen fcheint die Effe alt, ahd. eiffa, effa, was wohl urfprünglich die Feuerftelle bezeichnete. Der Herd, ahd. hert Der Ofen, goth. aú hns, ahd. ofan. Der Stuhl, goth. ftôls. ahd. ftuol. Der Seffel, goth. fitls, ahd. fezal. Der Schrank, ahd. fcrank. Man fieht, dafs die Mehrzahl der noch gebräuchlichen Benennungen für die gewöhnlichen Wohnungs- und Einrichtungsbeftandtheile deutfch ift. Viele find fogar aus dem Deutfchen in die romanifchen Sprachen übergegangen, ein Zeugnifs für den mächtigen Einflufs, den die Germanen dort auf die Neugeftaltung des Lebens übten, vgl. halle, laube, faal, herberge, balken, garten, ftall, fcheuer, ftube. Lateinifchen Urfprungs find die Ausdrücke: Aern aus area. Eftrich aus astrum astricus. Fenſter( im Volksliede Schauladen, goth. augadaúrô, ahd angatorâ) aus fenestra. Die Kachel, aus cacabulus. Die Kamer, aus camera. Der Keller, aus cellarium. Die Küche, aus vulgär lat. coquina Der Palaft und die Pfalz, aus palatium. Der Rahmen, aus rama. Der Schemel, aus scamnum. Der Schrein, aus scrinium. Der Tifch, aus discus, dioxos, gothifch: biuds, ahd. piot, biet. Der Tram, vielleicht au trabs; fiebenb. fächf. noch trôf. Unten werden wir noch einige andere deutfche Ausdrücke kennen lernen, die nicht fo allgemein üblich find. Das fächfifche Haus aus Michelsberg in Siebenbürgen. Wenn man vom Heuftadelwaffer her bei der englifchen Kirche und dem öfterreichifchen Schulhaufe vorbei zu den Bauernhäufern kam, fo erblickte man Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 9 und ver das men orm ä c re. die ohl em nde ner ia, Tal, eri hd. hd. nd eizDie Der Der OTOS frz. be ber er, in em an Bil der fa ert De: afs hen em den ens be m hd. aus na. Der aus au che links an der Strafsenecke ein freundliches, weises, gemauertes Haus, rechts ein Blockhaus aus rohen Balken gezimmert. Das erfte war aus Michelsberg in Siebenbürgen, das andere aus Geidel in Ungarn. Wenn hier, wie ich glaube, der Zufall gewaltet hat, dafs diefe beiden Häufer fo neben einander geftellt erfchienen, fo war es ein glücklicher Zufall. Es find zwei Häufer Eines und desfelben deutfchen Stammes, der feit 700 Jahren von Deutfchland getrennt, zum Theile in Ungarn, zum Theile in Siebenbürgen fortlebt. Beide Theile wiffen von einander nichts und haben fich unter verfchiedenen Verhältniffen verfchiedenartig entwickelt. Die in Siebenbürgen haben ihr freies Gemeinwefen bewahrt und haben fich auf der Höhe deutfcher Gefittung erhalten und den geiftigen Zufammenhang mit dem Stammlande nie verloren. Sie ftellen den freien deutfchen Bauer dar, wie er fich auch in der Ferne, unter anderen Völkern oben erhält und ein menfchenwürdiges Dafein behauptet. Einen Gegensatz zu ihnen bilden die Deutfchen des ungrifchen Berglandes, aus deren Mitte das andere Haus ift. Es führt uns den Zuftand eines Deutfchen desfelben Stammes vor Augen, aber eines deutfchen Heloten. Von feinem Helotenthume fprechen wir später. Intereffant ift es, zu fehen, wie die Sprache der Bewohner beider Häufer, fo fehr fie fich äufserlich bei beiden verfchiedenartig entwickelt hat, in den Ausdrücken, die am häufigften vorkommen, im Wortfchatze, übereinftimmt. Wir finden da Ausdrücke, die, obwohl deutfch, doch in Deutfchland erlofchen oder nur auf befchränktem Gebiete bekannt, beiden gemein find. Der Giebel des freundlichen mit Ziegeln gedeckten Haufes zeigte unter dem Grün des Kaftanienbaumes, der davor ftand, eine Infchrift: 10 Dr. K. J. Schröer. Der Kaifer führt das Schwert, Der Bauer führt den Pflug, Wer alle beid nicht ehrt, Der ift gewis nicht klug. Die Sitte, die Häufer mit Sprüchen zu zieren, herrfcht auf dem Lande bei den Siebenbürger Sachfen noch allgemein, während fie in den Städten fchon im Schwinden ift. Der rührige Sammler und Sprachforfcher der Siebenbürger Sachfen Jofef Haltrich gab in einem Schäfsburger Programm von 1867 eine gehaltvolle Mittheilung über, deutfche Infchriften in Siebenbürgen", in der 336 folcher Infchriften gefammelt find. Obiger Spruch fteht auch fchon in Haltrichs Sammlung unter Nr. 160 mit der Angabe:„ Jakobsdorf im Grofsfchenker Bezirk". Daher ift dann wohl der Spruch entlehnt. Er ift alfo echt volksthümliches Erzeugnifs, nicht zur Weltausftellung gemacht. 99 Das Haus ift von diefer Seite von einem Gartenzaune umgeben; hinter dem Haufe wird der Gartenraum breiter. Vor dem Haufe, auf der Weftfeite, müffen wir uns den Hofraum denken, der weiter durch die Scheunen abge. fchloffen wird, hinter denen wieder ein gröfserer Garten fich anfchliefs. Der Eingang befindet fich denn auch wie im rheinfränkifchen Haufe, das wir oben fchilderten, im Hofe. Das konnte auf der Ausftellung nicht zur Anfchauung gebracht werden Diefe Hoffeite des Haufes ift durch die Aufgangstreppe, die zur Laube führt, ausgezeichnet. Diefe Laube, die auch in der Zips und in Schlefien vorkommt, in der Mundart 1îf* genannt, bildet oben einen Vorplatz des Vorhaufes. Man überfieht von da das Innere der Wirthfchaft wie von einem Fenfter., Der Bauer fchaut von da Morgens nach Wind und Wetter, Abends nach den Pferdedieben aus, wenn der zottige Hund ihre Nähe bellend verkündigt; die Bäuerin fitzt da mit Nachbarinnen im Gefpräch, die Tochter pflegt auf der Brüftung ihre Blumen."( Aus der Brochure, die auf der Ausftellung verkauft wurde.) Unter derfelben befindet fich der Keller, der die Wein- und Vorrathskammer enthält und das Erdgefchofs ausfüllt. Die Wohnung ift oben. Wir treten von der Laube in das Vorhaus, deffen Hintergrund die Küche bildet, wie im rheinfränkifchen Haufe. Diefen Theil des Vorhaufes läfst der Verfaffer der genannten Brochure unberührt. Urfprünglich gehört die Küche wohl nicht hieher. Sie heifst hier mit einem Ausdruck von unfächfifchem**( öfterreichifchem) Gepräge kuchel. Die fächfifche Küche, kôches( Kochhaus) genannt, befindet fich fonft in einem frei für fich ftehenden Häuschen. Der Schornftein heifst in der Mundart käp f. kîp f., daher kipekratzer, Schornfteinfeger. In der Zips heifst der Schornftein käu f., wohl eine Nebenform von käp. Im ungrifchen Berglande kommt dafür noch der Ausdruck kôch m. vor, der auch in das Slovakifche eingedrungen ift. Das Dach ift mit Ziegeln gedeckt. Rechts gelangt man aus dem Vorhaufe in die gröfsere Wohnftube, deren Fenfter man an der Giebelfeite des Haufes auf dem Bilde fieht. Links befindet fich ein kleineres Zimmer, daneben mit dem Eingange von der Küche aus die Speckkammer, hier båflîfchkummer genannt. Båflîfch das ift Bach en fleifch von Bache, das ift Speckfeite, bedeutet Speck. Die Sachfen haben in Siebenbürgen den Spottnamen der Speckfachfen, weil fie den Speck lieben. So hiefsen ehedem die Zipfer Ferkelmacher, das ift Ferkeleffer, weil fie Freunde gebratener Ferkel find. Das grofse Wohnzimmer macht einen fehr freundlichen Eindruck. In der Ecke fteht der grofse Kachelofen, an der Wand links ein Glasfchrank mit dem Sonntagsftaat der Hausbewohner. Daneben das wohlgefüllté ftattliche Bett. * Die italienifche loggia, franzöfifch loge( daher logiren) ift deutfchen Urfprungs. Zunächft aus dem Spätlateinifchen logia, lobia, laupia, welches aus ahd. loupja, loup på das ift Laubhütte entstanden ist. Die fiebenbürgifche Form lif kommt am nächften der aachifchen löif, holl. luif, in Schlefien und in der Zips leub, lê b. Siehe oben S. 8. ** Ueber den Ausdruck fächfifch, den ich hier als den landesüblichen anerkenne, obwohl er eigentlich unrichtig ift( die Siebenbürger Deutfchen find im Ganzen Franken, nicht Sachfen) foll weiter unten gefprochen werden. en en Cef iten er n ur er e, e. er en ng ie in tz m ds t; er It pe n re er де P n ir n n e h e e 1. t. 5. " 1 11 t Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 11 Rund umher an den Wänden laufen Banke, zum Theile Truhen, zum Theile Lebnenbänke( Sieh im Wortverzeichniffe). In der Ecke rechts fteht ein grofser Tifch, daneben Stühle. An der Wand hinter demfelben die årmerô oder almeroa, der bemalte Wandfchrank, im ungrifchen Berglande die almerei genannt, aus lateinifch armarium. Den Schmuck des Zimmers bilden die Gefchirrrahmen an den Wänden und Bildniffe, wie hier die Luther's und des fiebenbürgifchen Reformators Honterus, denn die Siebenbürger Sachfen find ausnahmslos Proteftanten. Die reich gefüllten Rahmen, riemen, im ungrifchen Bergland räme, find bemalt und zierlich gefchnitzt. Sie halten einen grofsen Vorrath von Schüffeln, Tellern, Krügen, Kannen aus Thon, Zinn, gemalt und verfchiedenartig geziert. Diefes Gefchirr ift fchon wegen der oft befonderen Formen intereffant, manchmal auch wegen ihres Alters. Auch unter dem Vorrath des Haufes auf der Ausftellung befand fich altes Zinngefchirr mit intereffanten Gravirungen. Darunter find einige aus dem XVII. Jahrhunderte, worauf die Zeichnungen an Holzfchnitte des XVI Jahrhundertes mahnen Bemerkenswerth find darunter befonders Darftellungen aus der Thierfage. Die deutfche Thierfage, die urfprünglich befonders bei Franken und in den Niederlanden heimifch war, lebt im Volksmunde noch bei den Siebenbürger Sachfen, auch ein Zeugnifs für ihre Herkunft. Darüber erfchien eine vortreffliche Abhandlung von J. Haltrich im Schäfsburger Programm von 1855: Zur deutfchen Thierfage. Das kleinere Wohnzimmer auf der anderen Seite des Haufes ift ähnlich eingerichtet wie das gröfsere. Auffallend ift hier der Anftrich der Möbel, des Tifches, Schrankes und der Stühle. Verfchieden von den buntbemalten Möbeln, wie man fie fonft in folchen Häufern trifft, find diefe braun bemalt, und zwar Holz imitirend. Solcher Anftrich foll gewöhnlich fein. Die Bewohner des Haufes find die Bauersleute Johann Krafft und feine Gemalin Anna, geborene Hann, mit ihrem dreijährigen Töchterlein Anna. Sie fprechen unter fich ihre fchwerverftändliche Mundart, gegen Fremde aber ein gebildetes Deutfch, das auf guten Schulunterricht fchliefsen läfst. Die Schulen der Siebenbürger Sachfen find vielleicht die beften in der Monarchie. Im XII. Jahrhunderte von König Geifa ins Land gerufen, hatten die Siebenbürger Sachfen von jener Zeit an eine verbriefte autonome Verfaffung und genoffen die Rechte eines freien Volkes, in deffen Mitte es keine Leibeigenfchaft gibt. Sie haben bewiefen, dafs fie folcher Freiheit werth waren, wie fie es noch find. Schon im XIV. Jahrhunderte gehörte zum organifchen Ganzen einer jeden Gemeinde bei ihnen ein Schulhaus mit einem Schulmeifter. Als die Regierung 1849 bis 1850 den Unterricht an unferen Gymnafien neugeftaltete, war man erftaunt, zu finden, dafs es bei den Siebenbürger Sachfen faft gar nichts zu reformiren gab! Die Siebenbürger haben bei einer Zahl von 208.000 Seelen fünf Lehrerfeminare, fünf Gymnafien und eine Realfchule, mehrere Untergymnafien und Realfchulen, Gewerbe- und Ackerbaufchulen. Ein Gymnaſium auf 40.000 Seelen! Auf je 50 Kinder entfällt ein Volksfchullehrer und von diefen haben über die Hälfte das Gymnafium abfolvirt und Maturitätsprüfung gemacht. Die Zahl der fchulbefuchenden Kinder ift gröfser, als die der fchulpflichtigen, weil viele auch über die Schulpflicht hinaus in der Schule bleiben. Das' find Thatfachen, die von keinem Lande der Welt überboten, von fehr wenigen erreicht werden. Das Anftändige und Intelligente im Wefen der genannten Infaffen des fiebenbürgifchen Haufes, befonders die fittige Anmuth der Frau, machten einen gewinnenden Eindruck. - * Beide Familiennamen kommen vor in Marienburg's Abhandlung: Die fiebenbürgifchfächfifchen Familiennamen, Sieb. Archiv 1857. Im ungrifchen Bergland kommt der Name Kraft vor z. B. in Leutfchau 1660, Schemnitz 1858. Hann ift ein echt fiebenbürgifch- fächfifcher Name. Der Hann heifst in Siebenbürgen der Vorftand einer Gemeinde, der Schulze. Richter. Es ift das niederrheinifche honne m. altfächfifch hunno, centurio, Hundertmann, Hauptmann, ahd. hunno, aus hunto, Die ungrifchen Familiennamen Hunto, Hunt, Hont, von denen auch die Honter Gefpanfchaft ihren Namen hat, find wohl nichts Anderes. 12 Dr. K. J. Schröer. Sie theilten mir nach dem hochdeutfch gefchriebenen Hausinventar die fächfifchen Ausdrücke der verzeichneten Gegenftände und die Namen der Haus. beftandtheile mit, die ich hier alphabetifch anreihe, zugleich als Sprachprobe. - - almrô f. Wandfchrank, zierlich bemalt. Die Formen wechſeln: almroa armrô; in der Zips* almerei; aus lat. armarium.- aern m. der gefchlagene Fufsboden im Vorhaus; fo auch in der Zips. backfchêf f. plural backfcheiben Backfcheiben, im Geidler Haus heifst die backfchêf: kuchenfcheibe, vergl. fchêf.battfâck m. Bettfack.- battfpunn f. Bettgestelle; holl. bedfponde vergl. lat. sponda.bockelhauw f. eine mit Perlennadeln befetzie koftbare Haube, bockeln eine folche Haube auffetzen. Dabei werden Haarnadeln mit verziertem Kopf zum Feftftecken verwendet; bockeln bedeutet urfprünglich vielleicht ftechen vergl. bickel m. dens ferreus fossorum Schmell. I. 150; dann wäre auch bickelhûbe die Nebenform von boggelhûbe, nicht ein„ beckenförmiger Helm", fondern eine mit bickeln feftgefteckte Haube. Wahrfcheinlich find unter beiden Formen, da diefer Sinn nur für Frauenhauben pafst und auch Männerhelme bickel- und boggelhûbe hiefsen, zwei verfchiedene Wörter und Bedeutungen zu fuchen. Zips bockelhaub.- bråt fànn f. Bratpfanne.- brêchküerw m. Obftkorb; brêchen brechen, befonders Obft pflücken.bruendeifen n. der eiferne Feuerhund auf dem Herd.- buerten m. der kronenartige Kopffchmuck der Jungfrauen, auch dromel genannt. mhd. borte m, in der Zips borten. bunk f. plur. bink, Bank.- dâk f. Bettdecke.defchdéoch n. plur. def.chdecher Tifchtuch. dirpel m. (= dürpel) die Schwelle; in der Zips türpel, ein echt rheinfränkifches Wort, das fchon in feinem zweiten Theil Berührung mit den Römern beurkundet. Es ift ent ftanden aus Tür pfahl( pfâl aus lat. palus). Es erfcheint zuerft in der Form duropellis. Für die Urheimat der Deutfchen der Zips und Siebenbürgens ift das Wort ein fprechendes Zeugnifs. vergl. felpes. drechdeoch n. Handtuch, dröch trocken, Zips trêch, tréog- drêhuolz n. Walgerholz, vergl. buerten.- felpes n. Futterfchwinge, auch Wafchkorb, aus Holzfchienen geflochten. Diefs ift ein fehr merkwürdiges Wort. In Deutſchland nur auf ein beftimmtes kleines Gebiet befchränkt, ift es doch fowohl der Siebenbürger als der Zipfer Mundart eigen und in Nordungarn fogar in das Slovakifche übergegangen. Das Wort lautet in Ruhla in Thüringen fölwes n. Regel: die Ruhlaer Mundart S. 185 bemerkt dazu: ,, diefes in Thüringen fonft nicht bekannte Wort ift offenbar(!) eine Ableitung von ahd. felwa f. salix." Er polemifirt dann weiter gegen Vilmar, der es in feinem Idiolikon von Kurheffen S. III mit füllfafs erklärt. Derfelbe berichtet ferner: es fei in Thüringen und Henneberg gebräuchlich, in Heffen faft unbekannt. Korbflechter fchmalkaldifcher Dörfer hiefsen Fölwes macher. Das Grimm'fche Wörterbuch bezeichnet das Wort Füllfafs als figerländifch. - - dromel Schon Leonhard Frifch kennt das Wort und erklärt es füllfäffer vasa e virgis vel asserculis texta ad apportandos carbones in fodinis". Adelung findet das Wort Füllfafs im Gebrauch 1. im Bergbau, 2. bei Müllern und Bäckern= 2 Dresdner Scheffel und 3. als Füllgefäfs. Im ungrifchen Berglande heifst es flovakifch filfas, Palkowitfch flovakifches Wörterbuch 290, in den Häudörfern, wo f zu w wird: wöl was und welwas, auch welwäffel= füllfäfslein. Aus alledem ift erfichtlich, dafs in Bezug auf die Ableitung doch Vilmar gegen Regel recht behalten wird. Für uns ift es hier befonders überrafchend, wenn wir fehen, wie diefe Schwingen oder geflochtenen Wannen im Siebenbürger und Häudörfler Haus * Der Zipfer Dialekt zerfällt in verfchiedene Mundarten des ungrifchen Berglandes Ich citire hier, Kürze halber, immer nur mit der allgemeinen Bezeichnung Zips. Die Verwandt fchaft diefer mit der Siebenbürger Mundart ift aus den oben angegebenen Gründen befonders intereffant. lie a, ہے کہ k. n- e; ln en tet 11. cht De. en ie. atbft en nd. ettm. as nt rm ift ch. el en ein er en. mer ift ter rt. in s als sa Dei es ch ar fe us es. dters Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. - 13 fich fo ähnlich find und in beiden Häufern mit demfelben Worte noch heute bezeichnet werden, mit einem Worte, das man fonft in der öfterreichischen So ein Wort ift Monarchie nicht kennt, das auch in Deutfchland felten ift. eine Urkunde, die uns die Verwandtfchaft diefer Anfiedlungen bezeugt, wenn fie auch 700 Jahre fchon getrennt, und wenn auch andere Urkunden nicht vorhanden find. Wir werden noch andere folche Ausdrücke finden. Vergl. oben dir pel. - - - - - - - - - - - feng frâen hiem bd n. feines Frauenhemd. flíefchbretj n. Fleiſchbrett. frâ gîrkel m. Frauengürtel. gaffel f. Gabel; auch in der Zips; nd. und nld. gaffel. gebinn n. Zimmerdecke. In Aachen gebön; in der Zips bünn, binn f. Dachboden. gîrkäl m. Gürtel, grôf hiem bd grobes Hemd. grüofs hochzet däppel n. grofser Topf, grofs Hochzeit Töpfel. hêftel n. Plural heftlen filberne, vergoldete, mit Steinen befetzte Spange, Bruftfchmuck der Frauen, mhd. heftel, heftelîn.hidn f. Bettanfatz. Etwahît f. die Höhe, fchlef. hichte.híembd n. det feng van muen, das feine Männerhemd. hiewendéoch n. Haupttuch. -híewer m. Heber; ein Weinheber aus einem Flafchenkürbis. hüafen Hofen. huendfafz n. Wafchbecken; ahd., mhd. war hantfaz der gewöhnliche Ausdruck für Wafchbecken, lavatorium. huet m. Hut. kiedl m. Kittel. Prachtvolle geftickte Kittel find vorhanden: met dem fchurz boengäl, met fegd o gold geftickt, met gieler fegd geftickt( mit dem Schürzenbändel, mit Seide und Gold geftickt, mit gelber Seide geftickt).-kíerfchel triejeltjen n. Kerichtsfafs, Kehrfeltrühelchen. klîd n. Tuchrock für Männer und Frauen. kloft f..Zange; in der Zips kluft, fo auch nd. und nld. daher flovak. kluchta. kôp m. plur. kêp Wafferkanne von Tannenholz; auch in der Zips kopp m. Kanne. Diefs ift die alte Bedeutung von ahd. chuph, kopf, lat. cuppa, woraus Kopf.krieneifen n. Reibeifen; eigentlich Kreneifen von krien, mhd. krên: kren, Meerrettich.- lâs lung f. Wolldecke. Haltrich( Plan 17) fchreibt lúeslenj f. Schuller, Wörterbuch 39: losleng f. làtar, lotar f. Laterne. léanbunk f. Bank mit einer Rückenlehne.lecht n. Licht. lechtfcheir n. Lichtfcheere. lêffel m. Löffel. lengdéoch n. Leintuch. lichtert m. Leuchter. mé old f. Mulde. mierfel m. Mörfer. munkel m. Mantel.- nôlden Nadeln. péälz m. der Staatsrock. pros péälz m. Frauenleibchen, Bruftpelz.pül m. Pfühl, Polfter. pülzech f. Polfterzieche. quatfch f. hölzerne Klammer, die den Schleier zufammenhält. Haltrich fchreibt( Plan 100) quätfch. in Biftritz fagt man dafür kräl.- riem f. riemen Geftelle, Rahmen; Zips rem, reme, ahd. rama f. mhd. rame f.- rôft m. der Hauptbalken an der Zimmerdecke, darauf die tramen liegen, vergl. trôf. Auch im Geidler Haus heifst diefer Balken rûft. Wieder ein bedeutfames Beiſpiel der Uebereinftimmung, vergl. fölpes, dirpel. Das Wort kommt fo rein in Deutfchland kaum fonft wo vor. Im Baierifchen fcheint es in ruesbaum erhalten, im Naffauifchen vielleicht in rüftral, Schmeller 3, 138. Kehrein 334. Es ift das altfächfifche und angelf. hrôft, engl. rooft, nl. ro eft.- fchap f, Wafferfchöpfer, Schöpflöffel aus Kupfer oder Blech, in Hermannftadt fchäp f., in Schäfsburg fchâper, Haltrich( Plan 88), holländifch heifst fchep ein Löffel voll. fchêf f. Scheibe, Teller; auch in der Zips kömmt fcheibe in diefer Bedeutung vor. fchêfken n plur. fchêfker, Schaff. fchåf n. plur. fchaffer Zuber, Haltrich( Plan 88). fchéoghen fchéojen plur. Schuhe, Stiefel; frâfchéoghen Frauenfchuhe. Auch in der Zips gilt noch der deutfche Ausdruck Schuhe für Stiefel. fchid f. Mefferfcheide- fchniezeldéoch - - - - - - - - - - - n. Kopfputz, Kopftuch. fchuplàdkaften m. Komode, Schubladkaften. fientjen n. Seiher.- fpäjel m. Spiegel. - - fpennrâd n. Spinnrad. - fpefs m. Spiefs. das ift Schemmel. Zu-tjen vergl. fientjen. - - - fpennrocken m. Spinnrocken ftâltjen n. Stülchen, fte ol m. plur. ftâl Stuhl. Auch in der Zips ift Seffel unüblich.- ftocheifen n. Schüreifen.- ftrîfa ak m. Strohfack. - trôf m. plur. trêf der Tram. Die Form weift direct auf lat. trab- s, 14 - Dr. K. J. Schröer. - - üawendéoch wengflofchi vergl. rô ft.- trun f. Truhe, Deminutiv triejeltjen n. trunebunk f. Bank die zugleich eine Truhe ift. Der Sitz kann aufgehoben werden n. Vorhang, Ofentuch. Damit wird der Ofenwinkel verhängt. Weinflafche.- wêfchfchoffn. Wafchwanne. zîchen Zeichen, Haus und Hof marken, nur mehr als Gemeindemarken im Gebrauch, aber fehr ähnlich vielen der von Homeyer( Haus- und Hofmarken. Berlin, 1870.) mitgetheilten. Michelsberg hat das Zeichen, Heltau hat das Zeichen: Aber auch walachifche Ort fchaften haben folche Zeichen angenommen, z. B. Refchinar hat das Zeichen: Diefs Zeichen wird dem Rind oder Pferd auf den Hinterfchenkel gebrannt; der Namenszug des Befitzers, aus einem oder zwei Buchftaben beftehend, wird auf das Horn oder den Huf angebracht. Eine Strafe von 10 bis 15 fl. hat der zu zahlen, der, wenn er ein Vieh aus einer anderen Gemeinde kauft, das alte Gemeindezeichen überftempelt. Der neue Stempel mufs an einer anderen Stelle angebracht werden. Es erfchien 1826 zu Hermannftadt eine Sammlung von 243 folcher fiebenbürgifcher Viehbrand- Zeichen in Steindruck zum Gebrauche der Behörden, befonders bei Viehdiebftählen. Sie find zum Theil runenartig, zum Theil Bilder, aber auch lateinifche Initialen kommen darunter vor. Solche Samm lungen follen lithografirt und gedruckt auch in Ungarn vorhanden fein.- zîcker m der geflochtene Korb, baier. zecker.- ziems Sieb. So auch in der Zips, nl. tems, frz. tamis, ital. tamigio. In Gottfchee heifst zemse f., ahd. zemifa, die Kleie.Das Haus des fächfifchen Bauers aus Siebenbürgen ftellt uns den Zuftand des deutfchen Anfiedlers in der Fremde, und zwar als Coloniften aus alter Zeit von der fchönften Seite dar. Ohne unmittelbaren Einflufs des Zeitgefchmackes, der wie überall, fo auch in den Städten Siebenbürgens das Eigenthümliche verwifcht hat, fehen wir hier noch eine Gefittung, wie fie in ununterbrochener freier Ent wicklung geworden ift und durch ftäten Verkehr der Gebildeten des Volkes mit dem Mutterlande fich mit der früheren Heimat doch auf gleicher Stufe erhalten hat. Diefe in der Abgefchiedenheit fchwierige Aufgabe konnte diefes Völklein nur löfen durch befondere Thatkraft und durch befondere Einrichtungen, die ihre freie Verfaffung begünftigte. Solche find das hier fo merkwürdig ausgebildete Genoffenfchaftswefen. Schon in älteften Zeiten fanden Gauverfammlungen und Reichstage ftatt, an denen auch das Volk Theil nahm. Die Selbstregierung durch das Genoffenfchaftswefen beherrfcht bis in unfere Zeit noch das ganze Leben. ,, Das Schwergewicht des ganzen Gemeinwefens," fagt die im fiebenbürgifch fächfifchen Haufe aufliegende Brochure, beruht nach aufsen auf dem gefchloffenen Eigengebiete mit unabhängiger Gerichtspflege unter dem vom Könige gefetzten Königsgrafen, nach innen auf dem Principe der freien Wahl. Von den kleinften Verbindungen des öffentlichen Lebens, der Zehnt- und Nachbarfchaft bis zum höchften Einigungspunkte der Gefammtheit, der Gauverfammlung, wird der Leiter freigewählt. Wenn der Vater fich feinen Schulmeifter und Pfarrer feinen Zehntmann, Nachbarvater, Aldermann, Hannen( darüber oben Seite II) und Richter frei wählt, fo lernt der Sohn fich diefes Rechtes fchon in der Schule bedienen, denn da fteht er am Gregoriustage unter dem gewählten Schulkönig und als Jüngling in der Bruderfchaft der Burfchen feiner Gemeinde unter dem freigewählten Altknecht." ,, Knecht" ift der gewöhnliche Ausdruck für Burfche, fo auch im ungrifchen Berglande; die Knechte bilden in jeder Gemeinde eine Bruderfchaft, deren Haupt der Altknecht ift. Die Bruderfchaft hat ihre gefchriebenen„ Bruderfchafts artikel", nach denen Streite gefchlichtet, Vergehen beftraft werden u. f. w. Auch in der Zips gibt es noch Bruderfchaften, die am Tage Johannes des Täufers beim Bruder bier ihr Oberhaupt wählen. So wohlgeordnet fcheint aber dort diefe Einrichtung nicht mehr, als in Siebenbürgen. Hier fteht dem Altknecht ein gewählter Beamtenftand zur Seite Cank och h f Hof der hat Ort en: nnt; vird r zu alte elle Von der zum mm m. ms and Ceit der fcht Ent mit ten lein hre ete ind rch ch men ten le aft ird er. nd ule mig ter en en ts ch ers e Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 15 Der Unteraltknecht, der Wortknecht, Staatsanwalt, öffentlicher Ankläger, zwei Uertenknechte, die bei Gaftmahlen die Bewirthung beforgen, der Schaffner, der, den Anftand in den Rockenftuben überwacht und bei Tänzen den Saal herrichtet. Alle 14 Tage hält die Bruderfchaft Gerichtstag. Die Aufnahme in die Bruderfchaft gefchieht feierlich nach der Confirmation, durch die der Knabe zum Range eines„ Knechtes" emporfteigt. Am Gerichtstage hat fich jeder Schuldige felbft anzuklagen, wogegen ihm die halbe Strafe erlaffen wird. Gefchieht diefs nicht, fo verfällt er der ganzen Strafe. Eine Berufung findet ftatt an die Knechtväter. Das find zwei gewählte Mitglieder des Presbyteriums. Die oberfte Inftanz ift das Pfarramt. Sehr ftattlich fieht es aus, wenn die Bruderfchaft eines Dorfes mit ihrer Fahne auf guten, fchönen Pferden einem neugewählten Pfarrer im Galopp entgegen reitet. Allen Staat entfaltet natürlich die Bruderfchaft bei dem Begräbniffe eines Knechtes, wobei auch manch fchöner Brauch zur Geltung kommt. Es fchliefst fich da der Bruderfchaft auch noch die Schwefterfchaft" der Gemeinde an, die Genoffenfchaft der ledigen„ Dirnen". Kaum ein zweiter deutfcher Volksftamm hat eine Literatur aufzuweifen über feine volksthümliche Sprache, Sitte, Bräuche, Mythen, Lieder, Sagen, Märchen und Gefchichte, wie die Siebenbürger Sachfen. Wir führen nur einige Schriften an: J. Haltrich: Zur deutfchen Thierfage; Programm von Schäfsburg 1855. J. Haltrich: Die Stiefmütter; Schäfsburg 1856, J. Haltrich: Deutfche Volksmärchen aus dem Sachfenlande in Siebenbürgen; Berlin 1856. J. Mätz: Sächfifche Bauernhochzeit; Programm von Schäfsburg 1856. Fr. Müller: Siebenbürgifche Sagen; Kronftadt 1857. Fr. Fronius: Eine Kindstaufe aus Siebenbürgens Vorzeit und Gegenwart 1857. Gefchichte der Siebenbürger Sachfen von G. D. Teutfch; Kronftadt 1858. Fr. Fronius: Sächfifches Bauernleben, im Hausfreund 1862. Fr. Fronius: Die fächfifche Bruderfchaft, im fächfifchen Hausfreund 1863. G. Schuller: fächfifcher Brauch bei Tod und Begräbnifs; Schäfsburg, Programm 1863, 1865. Fr. Müller: Deutfche Sprachdenkmäler aus Siebenbürgen; Hermannftadt 1869. Fr. W. Schufter: Siebenbürgifch- fächfifche Volkslieder; Hermannftadt 1865. J. K. Schuller: Beiträge zu einem Wörterbuche fiebenbürgifch fächfifcher Mundart; Prag 1865. J. Haltrich: Plan zu einem Idiotikon; Kronftadt 1865. Fr. Fronius: Kinderleben, im fiebenbürgifchen Hausfreund 1862. J. Haltrich: Deutfche Infchriften in Siebenbürgen; Schäfsburger Programm 1867. J. Haltrich: Zur Culturgefchichte der Sachfen in Siebenbürgen; aus der Hermannftädter Zeitung 1867. J. Roth: Laut- und Formenlehre der ftarken verba im fiebenbürgifch fächfifchen Archiv für fiebenbürgifche Landeskunde; Hermannftadt 1872. Der fiebenbürgifch- fächfifche Bauer; Hermannftadt 1873( aufgelegen im fieben bürgifch- fächfifchen Bauernhaufe auf der Weltausstellung). - Werfen wir noch einen Blick auf das fiebenbürgifch- fächfifche Bauernhaus, indem wir der Gefchichte des Volksftammes gedenken, von dem es ein Zeugnifs gibt. Vor 700 Jahren löfte fich derfelbe vom grofsen deutfchen Volke los, ein kleiner Zweig. Das Zweiglein erhielt fich frifch und grün bis in unfere Zeit; diefs Haus ift ein Blatt davon. Die Zeit, da die Lostrennung gefchah, wird durch Urkunden beftimmt, die Gegend, aus der die Auswanderung ftattfand, ift mit Sicherheit aus der Mundart zu erkennen, ebenfo wie die Verwandtfchaft mit den Zipfern. Sie werden Sachfen genannt und nennen fich felbft fo, obwohl fie eigentlich. wie fchon oben bemerkt, dem Hauptbeftandtheile nach niederrheinifche Franken find. Das Vordringen des Sachfenvolkes im flavifchen Gebiete nach Südoften, das mit Otto dem Erlauchten beginnt, hat den Sachfennamen bis an Oefterreichs Grenzen vorgefchoben und im Zufammenhang damit fteht das weitere Vordringen folcher Sachfen, denen fich auch andere mitteldeutfche Elemente zugefellt haben. Sie haben auch in der Zips die urfprünglichen Flandern 2 16 Dr. K. J. Schröcr. und Rheinfranken verftärkt und ihnen den Namen Sachfen verliehen. Name lich zum Bergbau in Ungarn und Siebenbürgen kamen Bergleute aus Sachfen. Siebenbürgen nennt man„ Deutfche" die katholifchen Fremden, die einheimifche Proteftanten find Sachfen. Es gibt ängstliche Seelen, die fürchten, dafs das Völklein der Siebenbürg Sachfen, das fich fo rühmlich gehalten 700 Jahre lang, jetzt untergehen wen unter dem Drucke der magyarifchen Herrfchaft. Wenn das auch kaum ernftli zu befürchten ift, fo möchte man doch wohl wünfchen, dafs der Tag komme, die Staatsmänner Ungarns die Weisheit der Könige, die die Deutfchen ins La gerufen, wieder finden und würdigen lernen, welches Kleinod diefes Element das Land und wie es im Staatsintereffe gelegen ift, es in feiner Eigenart fchützen und zu pflegen, nicht aber feiner Entwicklung und feinem Gedeihe Schwierigkeiten zu bereiten. Das Geidler Bauernhaus. Macht das Haus des fächfifchen Bauers aus Siebenbürgen den freundlichfie Eindruck, fo ftimmt uns das Geidler Bauernhaus eher traurig. Es ift das Bild de Armuth, des mühevollen Kampfes um das Dafein, das nur infoferne wieder i tröftlicherem Lichte erfcheint, indem wir hier doch auch eine gewiffe Tüchtigke erkennen müffen, die über das blofs Nothwendige kräftig hinausftrebt. Diefs wi uns recht fühlbar, wenn wir an die dürftigen Holzhütten der Walachen denken Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 17 me m. I fche Düre wer ftli e, T La ntf rt eihe fter de kei in en oft in den gefegnetften Gegenden oder an flovakifche in der Arver Gefpanfchaft, bei einer Lage der Bewohner, die der der Geidler gleich ift. Wenn man das Haus innen und aufsen betrachtet, fo kann es einem unbegreiflich fcheinen, wie Deutſche in unferem Jahrhunderte und doch nicht fo gar weit von Deutſchland, über 60 Meilen näher als die Siebenbürger Sachfen, in fo primitiven Häufern wohnen können. Es trägt Alles daran den Charakter der Abgefchiedenheit vom Weltverkehre, wie ein Wohnhaus eines auf eine Infel verfchlagenen Robinfon. Nichts deutet hin auf die Bekanntfchaft mit Erzeugniffen des Gewerbfleifses eines gewöhnlichen Handelsplatzes. Alles hat der Bewohner fich felbft bereitet, das Haus mit allen Einzelheiten, das Hausgeräth und die Kleidung. - - Es wurde oben das Haus des fiebenbürgifchen Deutfchen als das eines freien deutfchen Mannes bezeichnet und im Gegenfatze zu demfelben das aus Geidel als das Haus eines deutſchen Heloten. Diefe Bezeichnung bedarf einer Rechtfer tigung. Es könnte dagegen eingewendet werden, dafs die Häufer der Deutfchen in Ungarn doch nimmermehr als mit diefem Haufe gekennzeichnet erfcheinen. können. Andrer Art find, fowol die Häufer von Presburg, Peft, Ofen, Kafchau, Oedenburg, Leutfchau, Käsmark, Temesvár u. f. w., die zum Theil mit Wiener Häufern an Schönheit und Pracht wetteifern können es find doch auch Häufer von Deutfchen in Ungarn als auch die behaglich eingerichteten Bauernhäufer der Schwaben im Banat. Diefs bewiefe hinreichend, dafs der Deutfche in Ungarn ganz wohl gedeihen könne; er fei auch ebenfo ein freier Mann, wie jeder Andere. Und dennoch wird die nationale Stellung des Deutfchen im Allgemeinen fo lange immer als ein Helotenthum zu bezeichnen fein, fo lange er keine deutfchen Schulen bekommt, in denen er die Bildung erlangen kann, die er als Deutfcher haben mufs, um zum Wohle des Staates und zu feinem eigenen Beften zu gedeihen. Die 208.000 Siebenbürger Sachfen haben fünf deutfche Gymnafien. Die 300.000 Schwaben im Banat, die 300.000 Hienzen an der fteierifch- öfterreichifchen Grenze, die 100.000 Deutfchen im ungrifchen Berglande, die 1,592.043 des ganzen Landes Ungarn haben nicht ein einziges deutfches Gymnafium, nicht eine einzige deutfche Realfchule! Der gebildete Stand ift gezwungen fich zu magyarifiren; damit ift der Deutfche zum Helotenthum verurtheilt. Daher ift abzuleiten der beklagenswerthe Mangel an Bildung in Ungarn auch bei den Deutfchen, die mit den Siebenbürger Sachfen in keiner Weife den Vergleich aushalten. Diefs Helotenthum tritt nun wohl in der Form hilflofer und unbehilflicher Armuth nicht hervor, wo der Deutfche, in grofsen Städten befonders durch den Handel, in fruchtbaren Gegenden durch feinen Fleifs, fich Wohlftand erwirbt; überlegen ift er doch immer den übrigen Völkerfchaften. Es wird aber handgreiflich erfichtlich bei jenen armen Häudörflern, Hinterwäldlern in unfruchtbaren Gegenden, zu denen die Geidler gehören, die auch der Mittel beraubt find, durch die der Deutfche anderwärts auch in folchen Gegenden fich zu helfen weifs, der Mittel der Bildung. Wie eine folche Verlaffenheit möglich ift und wie grofs fie ift, diefs begreift man nur, wenn man die Verhältniffe genau kennt. Die Häudörfer ftehen wohl im Zufammenhange mit den ungrifchen Bergftädten, von denen fie durch den Verkehr, durch den Einfluss der dortigen Intelligenz Unterſtützung finden follten. Man muss aber den ganzen Jammer der in diefen Bergftädten herrfchenden Bildung kennen, um zu begreifen, was davon zu erwarten ift. Die eingebornen Bürger, urfprünglich„ Sachfen", wie die Zipfer und Siebenbürger Deutfchen, durch die Schulen ihrer Nationalität entfremdet, bemühen fich, Magyaren zu spielen, radebrechen auch öffentlich gerne magyarifch. Von deutfchen Büchern fieht man bei ihnen natürlich nichts. Bei diefer Abkehr von ihrer angeftammten Nationalität aber werden fie keineswegs Magyaren, fondern durch den täglichen Verkehr mit den Honoratioren der flovakifchen Umgebung, die ebenfalls Magyaren fpielen, aber doch lieber flovakifch reden, immer mehr Slovaken. In Neufohl wird fchon 2* 33.33 18 Dr. K. J. Schröer. in den Häufern der Vornehmeren flovakifch gefprochen. Der Zuftand der Bil dung in jenen Städten ift denn auch ein folchen Verhältniffen entſprechender. Abgefchnitten von jedem Bildungselemente erfticken diefe Städte in geiftiger Trägheit und Imbecillität. Wenn von da aus etwas für Schulen gefchieht, fo gefchieht es von Seite der Panflaviften im Intereffe des Slaventhums, oder von den Anderen im fruchtlofen Bemühen zu magyarifiren; die Volksbildung iſt aber dabei der Verkümmerung unbarmherzig preisgegeben. Wie fegensreich müfsten hier ein tüchtiges deutfches Gymnafium, eine deutfche Realfchule wirken! Wir wollen aber einen Blick werfen auf die Gefchichte der Häudörfer und dann das Geidler Haus näher betrachten. Ich halte mich dabei an die von mir verfafste oben erwähnte Brochure: Ein Haus und feine Bewohner aus Geidel. Gründung der Häudörfer. Aufser den Deutfchen des öfterreichifch fteirifchen Grenzgebietes Ungarns, die mit den deutfchen Bewohnern Oefterreichs und Steiermarks wohl Eines Stammes find und wahrfcheinlich fchon bei der Ein wanderung der Magyaren ihre jetzigen Sitze innehatten, find als die älteften deutfchen Bewohner Ungarns und Siebenbürgens anzufehen, die Siebenbürger Sachfen und die Deutfchen des ungrifchen Berglandes. Sie find der Hauptmaffe nach unter dem ungrifchen Könige Geifa II.( 1141 bis 1161) ein gewandert und erhielten beftimmte Freiheiten. Sowohl die fieben Stühle oder Gerichtsftätten des alten Landes in Siebenbürgen, deren Mittelpunkt Hermannftadt ift, als auch die Zips und die ungrifchen Bergftädte find in jener Zeit colonifirt worden, und zwar durch Flandern und Franken vom Niederrhein. Sitten und Gebräuche, Familiennamen und Mundart deutes noch vielfach auf diefen Urfprung hin. Spätere Zuwanderungen aus Mittel Deutfchland und zum Theile auch aus Oefterreich haben fich diefen erften Ein wanderern beigemifcht. Doch haben im Ganzen die Siebenbürger Sachfen, bis i unfere Zeit in der Sprache vorwaltend den fränkifch- niederrheinifchen Charakter bewahrt; das flandrifche Element ift auch bei ihnen mehr zurückgetreten und nur in Einzelheiten noch erfichtlich. Die Bewohner der Zips und der ungrifche Bergftädte haben durch den Einfall der Tataren fehr stark gelitten und gröfsere Zuwanderungen aus Oberfachfen, Schlefien, Thüringen und anderen Gegenden haben nun ftattgefunden, wodurch die Sprache der Zips und der ungrifchen Bergftädte einen ganz anderen Charakter erhalten mufste. Doch verrathen eine Reihe von Ausdrücken, darunter folche, die, obwohl deutfch, doch in Deutſchland erlofchen oder mindeſtens fehr felten und diefen Deutfchen und den Sieben bürger Sachfen gemeinfam eigen find, noch immer die urfprüngliche Gemeinfan keit der Abftammung der erften Colonien in Siebenbürgen und Ungarn. So: der türpel, die Schwelle; der ertag, Tagwerk, fo viel Ackerlandes, als in einem Tage bearbeitet wird; laawend( læwet, læbert), eine Art Suppe; der honk lich( hantlich), eine Art Brot oder Kuchen; matzen, küffen; füllfafs daher flovakifch filfas, föllfäfslein( welweffel), die Schwinge, in Sieben bürgen felpes; der rooft, Balken; die feife, Bächlein u. a. m. Die Bergftädte in Ungarn, die ehedem nur von Deutfchen bewohnt waren, bildeten einen Städte bund, der noch im XV. Jahrhunderte von Schemnitz bis an die Theifs reichte Diefe Bergftädte find im Verlaufe der Zeit zum Theil flavifirt worden. Die deutfch geblieben find, fprechen noch jetzt eine zum Zipfer Dialekt zu rechnende Mundart. Durch Zuwanderung von Häuern aus dem mittleren Deutſchland, aus Oefter reich, Steiermark und Krain, ift die fogenannte Gründener Mundart entstanden die in den Bergbau treibenden Orten der Zips, in den übrigen ungrifchen Berg ftädten und in den von da aus gegründeten Colonien gefprochen wird. Die Grün dener Mundart unterfcheidet fich von der der übrigen Zipfer durch die Verwand lung des W in B im Anlaute: baffer Waffer; biffen wiffen; bir wir; bunfch Wunfch. Die von den ungrifchen Bergftädten aus gegründeten Märkte und Dörfer müffen eine weitere Zuwanderung aus der windifchen Mark erhalten haben. Bil er. ger fo en Del ier nd mir ch chs Cin ten er ind ein der nk Ite en ten tel Cin si ter mur hen ere len en ine and en der em k fs en dte te te fch and er en rg in d ch nd en Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 19 Ihre Sprache, fonft im Allgemeinen der Gründener Sprache nahe verwandt, nähert fich um einen Schritt noch mehr als diefe der deutfch- lombardifchen Sprache, wie fie noch in den VII comuni Italiens und in Gottfchee gefprochen wird. Sie verwandeln z. B. nicht nur die anlautenden W in B, wie jene Deutfch- Lombarden, fondern auch wie fie die anlautenden F in W( letzteres nicht in allen Orten), z. B. wäuer Feuer. Diefe, von den ungrifchen Bergftädten( aufserhalb der Zips) aus colonifirten Märkte und Dörfer heifsen mit einem gemeinſamen Namen Häudörfer, ihre Bewohner Häudörfler, auch Krickerhäuer, von dem bekannteften diefer Orte, der Stadt Krickerhäu, zum Theil auch Handerburzen, von dem Handel mit Wurzen und Kräutern, der befonders in dem Orte Münichwies( flovakifch Vritzko genannt) getrieben wird. Häu bedeutet foviel als Rodung, Aushau, und wird in Urkunden mit silvæ extirpatio, Waldausrodung überfetzt. Die meiften der Häudörfer find angelegt in unwirthlichen, felfigen Urwäldern, die den Slovaken, die das flache Land fchon feit Jahrhunderten innehatten, unbewohnbar fchienen. Wir haben nun über die Gründung einiger diefer Häudörfer urkundliche Nachrichten. In einer Urkunde des Kremnitzer Stadtarchives findet fich, dafs diefe Bergftadt, die jetzt noch ganz deutfch ift und in der auch der Häudörfler Dialekt gefprochen wird, im Jahre 1360 einem gewiffen Herrn Glafer, dem Sohne Gerhard's, eine waldige Befitzung verliehen habe. Diefe Befitzung habe er zu bevölkern und er und feine Nachkommen haben das Erb- Schulzenamt dafelbft( populanda silvosa possessio scultetia hereditaria). Diefe Befitzung heifst von nun an in den Urkunden Glafirshaw, Glozerhaw und Glafferhaw. Sie heifst heute noch bei den deutfchen Bewohnern Glaferhäu( ausgefprochen Glôferhâ) und fteht unter der Herrfchaft der Stadt Kremnitz. Auf den Landkarten und in geographifchen Handbüchern wird der Ort Skleno genannt. So überfetzen nämlich die Slovaken irrthümlich den Namen, als ob derfelbe einen Ort von Glafe bezeichnete, indem Glafer doch nur der Familienname des Gründers ift. So wurde fchon 1342 Kunefchhäu bei Kremnitz gegründet, das in Urkunden Kunushaw heifst. Im Jahre 1364 gründete ein fcultetus Kricker: Krickerhäu, und fo mögen denn auch um jene Zeit die übrigen Häudörfer entftanden fein, wie: Neuhäu( ung. Uj Lehota), Prochetzhäu( Prochot), Trexelhäu( Jano- Lehota), Hanneshäu( in Urkunden Hanushaw, fonft Lúcska), Käferhäu( Jaszenove), Breftenhäu( Briesztya), Benefchhäu ( Maizel), Schmidshäu( Tuffina). Noch heute nennen die Häudorfler eine Niederlaffung im Walde ein Häu. So fand ich eine folche bei Schmidshäu, die allgemein Mechls hâ( Michels Häu) genannt wurde. Aber auch die anderen deutfchen Orte diefer Gegenden der Honter, Barfcher, Thuróczer und Neutraer Gefpanfchaft, die zum Theil weder durch ihre Lage, noch durch ihre Namen als Häue zu bezeichnen find, werden unter dem Namen der Häudörfer mitbegriffen, fprechen mit geringen Veränderungen diefelbe Mundart und werden wohl auch, wie die übrigen, gröfstentheils im XIV. Jahrhunderte entstanden fein. Es ift bemerkenswerth, dafs auch das deutfche Ländchen Gottfchee in Krain, wie ich in meiner Schrift Wörterbuch der Mundart von Gottfchee, Wien 1870, nachgewiefen habe, um 1360 bevölkert wurde. Es liegt ebenfalls in felfigen Urwäldern, die von den Slovenen für unbewohnbar gehalten wurden. Eine Sage, die fich auf die Anfiedlung der Häudörfler bezieht, die in Szegedy's rubricae juris hungarici, Tirnau 1734, II. pagina 96 mitgetheilt ift, widerlegt fich aus dem Obigen von felbft. Nach derfelben hätte Carl V. nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 feinem Bruder Ferdinand eine Zahl kriegsgefangener Sachfen zugefandt, von denen die Häudörfler herftammen follen. Wie wir fahen, find diefe Anfiedlungen viel älter. Einzelne datiren fogar aus noch früherer Zeit, z. B. Deutfch- Pilfen, ein Marktflecken, magyarifch Börzsöny, der urkundlich mit dem Namen Berfen fchon 1227 genannt wird. Fejér cod. dipl. Hung. III. 2, 106 und 233 20 Dr. K. J. Schröer. Deutfch- Praben, das vielleicht um 1275 entftand, als die terra Prouna dem Grafen von Rechk verliehen wurde. Fejér cod. dipl. Hung. V. 2, 307. Sämmtliche, Häudörfer", wir müffen uns diefes Namens in Ermanglung eines befferen bedienen, unter denen manche Marktflecken find und nicht Dorf, fondern Stadt genannt werden, zählen eine Bevölkerung von etwa 35.000 Seelen, wobei die Bewohner der Bergftädte nicht mitgezählt find. Sie find folgende: In der Honter Gefpannfchaft: Lorenzen( Vámos- Mikola) und Deutfch- Pilfen ( Börzsöny); in der Barfcher Gefpannfchaft: Paulifch( Pila), Hochwies( Welko Pole), Prochetz häu( Prochot), Trexelhäu( Jano- Lehota), Neuhäu( UjLehota), Deutfch- Litte( Kaproncza), Hanneshäu( Lúcska), Perg, Kuneshäu, Blofufs; in der Thuróczer Gefpannfchaft: Ober- und Unter- Turz ( Felfő és Alfó Turcsek), Glaferhäu( Skleno), Alt- und Neu- Stuben( Stubnya), Käferhäu( Jaszenove), Hedwig( Hadviga), Windifch- Praben( TótPróna), Breftenhäu( Briesztya), Münich wies( Vriczko); in der Neutraer Gefpannfchaft: Andreasdorf( Koss. Bel notit. Hung. IV, 445 nennt es noch ganz deutfch; jetzt follen nur mehr die alten Leute dafelbft deutfch fprechen), Krickerhäu( Handlova), die Zeche( Czach), Deutfch- Praben( NémethPróna), Betelsdorf( Szolka), Benefchhäu( Maizel), Schmidshäu( Tuffina), Geidel( Gajdel), Fundftollen( Chvojnicze). Zufammen 31 Ortſchaften. Ihre Lage ift näher erfichtlich aus der Karte, die in meiner Schrift: Darftellung der deutfchen Mundarten des ungrifchen Berglandes, Wien 1864, enthalten ift. Das Geidler Haus und feine Bewohner. Das Haus, das auf der Wiener Weltausftellung 1873 ausgeftellt und als ein Haus aus Geidel bezeichnet war, ift auf Koften der Handels- und Gewerbekammer des Presburger Diftrictes in der genannten Ortſchaft von Eingebornen in üblicher Weife gezimmert und auf dem Weltausftellungs- Platze von dem Häudörfler Andreas Steinhübel, fefshaft in Schmidshäu( in Geidel felbft wollte fich keiner entfchliefsen zur Weltausftellung zu kommen), aufgeftellt worden. Den Familiennamen Steinhübel fand ich in einer Matrikel vom Jahre 1635 zu Deutfch- Praben und vom Jahre 1819 zu Kuneschäu, 1858 in Schemnitz, Oberftuben, Geidel und Schmidshäu. Wir fehen daraus, dafs wir einen Repräsentanten einer verbreiteten Häudörfler Familie vor uns hatten, zugleich auch, wie diefe Häudörfler unter einander und die Bergftädte mit ihnen( Schemnitz) verfchwägert find. Steinhübel war hier mit feinem Weibe Eleonore, geborne Grofs, und mit beider kleinem dreijährigen Söhnchen Honnes, auch Hanfel genannt. Der Familiennamé Grofs, freilich auch fonft nicht felten, ift im ungrifchen Berglande häufig. Ich finde ihn im Jahre 1497 in Kafchau, 1528 in Kremnitz, 1627 in Käsmark, 1643 in Krickerhäu, Kuneschhäu, 1730 bis 1785 in Lorenzen und 1858 in Geidel, Glaferhäu, Unterturz, Schmids häu, Oberftuben, Trexelhäu, Zeche. Alfo fehlt es auch ihr nicht an Ver wandtfchaft, die fich über das ganze Gebiet, bis in die Zips hinein, zu er ftrecken fcheint. Das Haus erfchien wohl fehr einfach, fo hineingeftellt wie es dafteht, mitten in die Ausftellung der hervorragendften Leiftungen des Gewerbfleifses und der Kunft, zu der die gefammte Menfchheit wetteifernd beigefteuert. Dennoch ftellte es etwas dar, was ganz einzig in feiner Art ift. Es zeigt uns den Deutfchen, deffen Kühnheit, Arbeitskraft und geiftige Begabung auch an deutfchen Hinterwäldlern Amerikas bewundert wird, etwa auf der Stufe der Durchschnittsbildung des XIV. Jahrhundertes ftehen geblieben, als Hinterwäldler Ungarns! Auf felfigem, zerklüftetem Boden, im Urwalde, wo kein anderes Volk auf zukommen wagte, haben fie ihre Hütten gebaut und ihr Leben eingerichtet, fo dafs fie, ganz auf fich angewiefen, Alles mit eigenen Händen bereiten. Das Haus, n g f. 3, 11 n 0 j. S t- er h t- er et es d r 5 2, en ch z) не n is r. r. t, 15 n er er f. S, - Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 21 die Geräthfchaften, die Kleidung, die Speifen bereitet jeder von Grund aus fich felbft. Dabei ift unter ihnen eine Ordnung und Disciplin wahrzunehmen, wie man fie bei den Slovaken nicht findet, die fie in fruchtbareren Landftrichen umwohnen. Die Häudörfler find durchaus bekannt als tüchtige Arbeiter von zuverläffiger Ehrlichkeit. Körperlich find fie kräftiger als die Slovaken, ihnen auch in jeder Art von Arbeit überlegen. Sie verdienten in hohem Grade die Gunft der Regierung. Wo fie gröfseren Wohlftand errungen haben, wie in Krickerhäu, Deutfch- Praben, Schmidshäu, forgen fie zwar felbft für fich und bedürfen keiner Hilfe. Wo der Boden aber allzu arm ift, wie in Geidel, Münichwies, da wäre dringend geboten, dafs durch gute Schulen der einreifsenden Verwilderung Einhalt gethan würde. In Münichwies müffen die deutfchen Kinder in eine flovakifche Schule eines Nachbarortes gehen, lernen flovakifch lefen, und verftehen die Sprache nicht. Weil ihre Mundart nicht jedem verftändlich ift, wird behauptet, fie feien Halbflovaken, was unwahr ift. Wohl hat man ihnen flovakifche Beichtformeln und Gebete bei gebracht, auch lernen die Männer im Verkehre flovakifch; die Weiber können nur deutfch, die Sprache in der Familie ift die deutfche. Auch die Familiennamen find deutfch, nur theilweife amtlich ins Slovakifche überfetzt. Auch in Geidel ift leider die Schule fchlecht beftellt. Die Folge ift Verwilderung. Das Haus ift eingefchloffen von der Hürde( jerte*), fo heifst der aus dünnem Holz- Flechtwerk beftehende Zaun. Die Häufer der Häudörfler ftehen einzeln, nicht neben einander verbunden. Sie find ganz von Holz, ohne Eifen-, Steinoder Ziegelbeftandtheilen, innen mit Lehm beftrichen. Alfo ganz noch wie Tacitus in der oben angeführten Stelle ein germanifches Haus befchreibt. Wie alle Häufer unferer Hinterwäldler, ift es ftockhoch,„ zweenftöckig", und befteht aus folgenden Beftandtheilen: Das Erdgefchofs ift abgetheilt in ein Vorzimmer, durch das man eintritt, fürhaus genannt, und geradeaus, der Eingangsthür gegenüber das ft übel. Diefs ftimmt zu der oben gefchilderten Ein heilung des rheinfränkifchen Bauernhaufes. Das ftübel ift zugleich die Küche mit dem Herd. Ein Schornftein ift nicht angebracht. Der Rauch mufs durch Thür und Fenfter hinaus. Dasfelbe bemerkten wir beim altfächfifchen Bauernhaufe S. 7. Bemerkenswerth ift, dafs man bei alledem in den Häudörfern von Schadenfeuern nichts hört. Rechts vom fürhaus ift die ftube, das Wohnzimmer, der Hauptbeftandtheil des Haufes. Im erften Stocke heifst der gröfsere Raum ober dem fürhaus und dem ftübel die büne. Der Raum ober der Stube ift in zwei Kammern abgetheilt, wie im oberfächfifchen Bauernhaufe. Diefe Kammern find Vorrathskammern; wenn die Familie fich vergröfsert, Schlafkammern. Der Raum ober der Bühne und den Kammern, der oberite Raum unter dem Dache, fteht gewöhnlich leer und heifst das Oberfte (' s öberfchta). Von der Bühne aus geht noch eine Thür auf den hölzernen gang. der fich nach der Länge des Haufes und um die Ecke herum, auch der Stubenfeite des Haufes entlang, hinzieht. Der Nafenvorfprung des Daches auf diefer Seite, unten bunt bemalt, wird das türmel genannt. Die Höhe des Geidler Haufes bis zum Dachfirft beträgt 4 Klafter 5 Schuh. Die Länge der Eingangsfeite ift 4 Klafter 512 Schuh, die andere Seite 2 Klafter 5 Schuh. Das Vorarlberger, das Siebenbürger fächfifche und das croatifche Haus haben ungefähr die gleiche Höhe. In den gröfseren, wohlhabenderen Orten, wie z. B. in Deutfch- Praben, fieht man diefe Bauart fchon reicher entwickelt, fo dafs die Häufer ftädtiſches Anfehen gewinnen und einen malerifchen Anblick gewähren. Wie das Haus dafteht, vertritt es die Bauart des deutfchen Hinterwäldlers Ungarns in den allerärmften Gegenden. Ohne Zufammenhang mit dem grofsen Volke, dem er angehört und von dem er wenig Kunde hat, abgefchieden * Ich bemerke hier, dafs ich die Hauptwörter, wo fie in mundartlicher Form mitgetheilt find, in Uebereinstimmung mit denen aus fremden Sprachen, die zuweilen citirt werden, mit kleinen Anfangsbuchftaben fchreibe 22 Dr. K. J. Schröer. von grofsen Völkerftrafsen, fchlägt er fich dort durch und fchafft Alles, was er braucht, wie gefagt, mit eigenen Händen. Unfer Haus ift denn auch mit Proben diefer Erzeugniffe des häuslichen Gewerbfleifses gefüllt, fo dafs man eine Vorftellung bekommt von dem Leben der Bewohner, ja auch von dem Schmucke des Lebens, der nicht fehlt. So einfach Alles ausfieht, fo zeugt es doch von einem Geift, der felbft bei gröfster Armut kräftig hinausftrebt über die Grenzen des nur Nothwendigen. Man fieht, der deutfche Colonift ift nicht nur Ackerbauer oder Hirte, wie der Slovake, der Walache in manchen Gegenden, fondern er hat das Streben nach allfeitiger Bethätigung. Er trägt in fich das Bild von einem Zuftande höherer Gefittung und fucht es zu verwirklichen; er ift Tuchweber, Leinweber, Schneider, Schufter, Zimmermann, Bergmann, Hirte, Ackerbauer, Köhler, Jäger, Fifcher, je nach Umftänden und oft Alles in einer Perfon. Nur die Eifenarbeiten macht er nicht felbft, aber nicht, weil er es nicht könnte, fondern weil der Zigeuner gegen fo billige Entlohnung das Nöthige anfertigt, dafs er feine eigene Mühe beffer auf Anderes ver wendet. Neben dem ftolzen Vorarlberger Haufe auf dem Weltausftellungs- Platze, das dem Geidler gegenüber ftand und neben dem Haufe des Siebenbürger Sachfen auf der anderen Seite, fieht es freilich arm aus. Dafs es ftockhoch ift, wie alle Häufer der Häudörfler, dafs es in feiner Einrichtung den Keim zu ftädtiſch bürgerlichem Leben verbirgt, gewahrt man nicht auf den erften Blick. Dabei ift aber befonders Eines hervorzuheben: dafs Alles daran urfprünglich und echt ift. Das Haus mit feinem ganzen Inhalte ift in Geidel von Eingebornen gemacht und hier von dem Bewohner Steinhübel wieder aufgerichtet, wohl auf Koften der Handels- und Gewerbekammer des Pressburger Diftrictes, fonft aber ohne alles Dazwifchen treten fremden Gewerbfleifses, ohne allen fremden Aufputz. Diefs fpringt befonders bedeutfam in die Augen bei einem Blicke auf das hinter dem Geidler Haufe ftehende kroatifche Haus, das an Umfang und Anfehen dem Geidler Haufe nicht unähnlich ift. Die Bohlen, aus denen es zufammengefügt ift, find aber mit der Dampffäge erzeugt. Die Thür- und Fenfterftöcke find moderne Tifchlerarbeit. Die Küche hat einen Sparherd neuefter Art. Die Bekleidung des Mannes. Die Kopfbedeckung befteht entweder aus einem breitkrämpigen Filzhute oder einer Kappe von Schaffell. Die Filzhüte werden in Deutfch- Praben gemacht Das Wort kappe fpricht der Häudörfler nicht in öfterreichifcher Weife koppn oder kappl, fondern immer kapp', kappe. Die Fufsbekleidung nennt er fchuhe, fowohl die hohen Stiefel, die in Deutfch- Praben gemacht werden, als die zu Haufe bereiteten Lederfchuhe mit Riemen, die auch in Dopfchau kirpel, in den Häudörfern kiarpetzen( vergl. lat. crepida, flovak. krpec) genannt werden. Das fremde Wort Stiefel( ital. ftivále, von lat. aestivalis) ift in den Häudörfern, wie in Siebenbürgen unbe kannt. Das Hemde( ,, hemb") ift von felbftbereiteter Leinwand im Haufe genäht, fo auch die gatte( magyar. gatya), die leinene Unterhofe. Die weifse Tuchhofe, fowie der weifse Tuchrock( rock") find ganz Hauserzeugnifs. Die weibliche Kleidung. Die Haube(, haup") ift aus Leinwand, oft reich geftickt; in Deutfch- Praben gibt es noch Gold- und Silberhauben, bockelhauben genannt, wie bei den Siebenbürger Sachfen. Die Fufsbeklei dung ift gleich der der Männer. In Deutfch- Pilfen tragen die Weiber rothe Schuhe. Das Hemd befteht aus zwei Stücken. Die Schultern und Bruft bedeckt ein gefäl telter Kragen,„ müderla"( Mieder) genannt. Der untere Theil des Hemdes, das pendelhem b", wird von Achfelbändern( pendeln) feftgehalten. Auch bei den fiebenbürgifchen Weibern kommt ein Bändelhemd vor, aber von anderer Form. Der Sonntags- Kopfputz der Frauen heifst das ,, drümel", vergl. fiebenbürgifch- fächfifch ,, dromel" und mittelhochdeutfch bei Wolfram Ueber das Hemd kommt der reich gefchmückte„ prufleck"( Bruftfleck), oft von ,, drümel"? Seide, auch geftickt, in Krickerhäu, prusfleck" genannt( flovak. wurde daraus prusliak, magyar. pruszlik). Dazu kommt die fchüürze"( Schürze) und er 10 hen ben ein mut der der ger und ter, ach cht ige er ze, auf fer em ers us on nd en as en gt d er te er it 1. 1. Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 23 der ,, küttel". Ein röckel von weifsem Tuch wird über Alles angezogen. Die Braut ift mit einem Krönlein gefchmückt, Börtlein genannt( ,, pöartl"), in der Zips borten, wie in Siebenbürgen buerten, magyarifch und flovakifch wurde daraus párta. Die Theile des Haufes haben wir fchon oben benannt. In der stube( das. Wort Zimmer ift ungebräuchlich, der Häudörfler kennt nur ftuben, ftübel und kamern) fehen wir aufser den ftühlen( der Ausdruck Seffel ift ungebräuchlich) und dem tifche, vor Allem den riefigen kachelofen und den zierlich bemalten Schrank, genannt die almrei", in Siebenbürgen armeroa. Ein den Ofen entlang, oben befeftigtes Geftelle aus fchmalen Brettern zum Wäfche trocknen heifst ft engeln. Neben dem Ofen befindet fich ein kleiner Herd, über dem ein irdener Schirm befeftigt ift, der in einen Schlauch endet und in die Wand hineinläuft. Diefs ift der k olofen, darauf wird Feuer an den Abenden gemacht; es dient zur Zimmerbeleuchtung. Die Zimmerdecke durchzieht der Hauptbalken, rûft genannt, fiehe oben S. 14, rôft, der die trêm, Tramen, trägt, fiehe oben S. 14, trôf. Der Wandrechen, auf dem das Gefchirr aufgehängt ift, heifst die reme, in Krickerhäu hräm, in Siebenbürgen riem f. f. d. Spinnrocken und Webeftuhl deuten auf die Winterarbeit in der Stube. Statt des Bügeleifens gebraucht die Häudörflerin noch das glättglas, das uns als alterthümliches Geräthe auffällt. Im ftübel finden wir aufser dem nöthigften Töpfergefchirr noch folgende Küchengeräthfchaften: Die butte, was man in Wien büttel nennt, mit einem Handgriff zu tragen; die mehltis, das Mehlgefäfs; das butterfafs( der in der Zips übliche Ausdruck kirn, Butterfafs, kirnen, buttern, kirnmilch, Buttermilch, in Siebenbürgen körmelch, holländ. kern, kernen fehlt hier),„ butterweffel", mit dem Stöfsel( ftierl); der trog, zum Brotteig Kneten; die knetfche, Geftelle für den Trog( vergl.„ die knetfche ift auf dem Wefterwald ein befonderes Brechbänkelchen"; Kehrein, Volksfprache in Nafsau, I, 232); die kärlein oder brotkärlein, die Brotformen; die ,, fche arr", die Trogfcharre; die kuchenfcheiben, vergl. Siebenbürgerfächfifch fchêf, runde Holzteller mit einem Stiel, zum Teiganmachen und dergl.; das tribholz, eine kleinere Art von Walgerholz zum Teig auswalgen; das ribeifen, das hackmeffer zum Aepfelfchnitz- Schneiden und dergl.; das leffelbretel, die kreck( Feuerkrücke) u. f. f. Was die Speifen anbelangt, ift befonders hervorzuheben das lääbet, in Siebenbürgen lâwend genannt, eine Brühe oder Suppe. Befonders ift fchottenlääbet, Molkenfuppe, als Frühſtück beliebt. Doch gibt es auch ein krautlääbet, effiklääbet, bohnenlääbet, orbeslääbet( Erbfen) u. a. m. Eine Kuchenart, forbeng genannt, ift befonders in Geidel beliebt. Zu Weihnachten werden gewiffe Teigwürfel gebacken, man nennt fie krônhâpel ( Krähenhäupter) oder auch putfchkala, die dann mit Waffer überbrüht, mit Mohn oder mit Käfe beftreut, gegeffen werden. Bei den Slovaken heifsen diefe krônhâpel opekance. Eine andere Mehlfpeife, die mit Mohn, mit Käfe, wohl auch mit Pflaumenmus oder in der Suppe gegeffen wird, ist bei den Deutfchen im ungrifchen Berglande überall ausgebreitet, doch mit kleinen Veränderungen fowohl des Namens als auch der Zubereitung. Sie heifst in der Zips letfchelchen, lifchkelchen, lifchklerchen, in Geidel, wo fie als Weihnachtskuchen auftritt, loketfchen. Der hantlich, in Siebenbürgen honklich, ift in der Zips wohl noch allgemein bekannt, in Geidel nicht. In Deutfch- Praben hat man auch noch pêlfchen, in Siebenbürgen und in der Zips bêltfchen genannt, breitgebackene Kuchen; auch fankuchen( daher flovakifch pankuch, magyarifch fán k), was hier Eierkuchen find. Fleiſch ifst man in den Häudörfern wenig. Gemüfe find Erbfen, Bohnen, Linfen, Kraut, Rüben; in Krickerhäu heifsen die Möhren morchel, in der Zips muren. Unter erdappel verfteht man in Krickerhäu den Kürbis. Erdäpfel, meeräppel in Krickerhäu genannt, find beliebt. Hervorzuheben ift noch das Dürrobft, gedörrte Aepfel und Birnfchnitten 24 Dr. K. J. Schröer. ( ,, eppeftecke, pirnftecke"), Pflaumen(„ flauma") und„ heabeftleng", eine kleine, runde Pflaumenart, die den Mehlfpeifen beigemifcht werden. Zu den Holzarbeiten des Mannes finden wir viele Werkzeuge, die ich nicht alle aufzuzählen vermag: die eiferne nülle, womit er die Rinne in den Holzfchindeln macht, den durchfchlag, den negber( Bohrer), hobel, die hacke etc. Auffallend war ein in der Stube an der Decke hängender, länglicher Korb aus Korbgeflecht, das wiegenkörbel, worin das jüngere Kind gebettet und gewiegt wird. Im fürhaus, ärn, im ftübel, im Gärtchen und vor dem Haufe, finden. wir noch ausser den gut gearbeiteten Geidler Holzkiften, verfchiedene Geräthe. Das Füll fafs oder Füllfäfslein( daher flovakifch filfas, fiehe Palkowitfch flovakifches Wörterbuch, S. 290), gefprochen wellwefsl, in Siebenbürgen fälpes, f. d., die aus Holz geflochtene Schwinge oder Schwingwanne. Das wellwäffl im Geidler Haufe fieht gerade fo aus, wie das fälpes im Haufe des Siebenbürger Sachfen daneben. An Geräthen bemerken wir noch unter dem fchindelgedeckten Dachboden und im Gärtchen vor dem Haufe das aus Ruthen geflochtene hühnerkörbel, den runden, oben offenen hühnerfturz, das kräxl oder heukräxl, den Rückenkorb, den Pflug fammt dem jo och; denfchliffftân, Schleifftein, die fchnaipang, Schnitzbank, hölzerne heugabeln, eiferne Mift ( ,, Stân"?) gabeln und dergl. m. Wenn wir das Ganze überblicken, fo fcheint es uns faft, als ob einfacher der Menfch kaum wohnen könnte. Nur wenn man etwa, wie gefagt, das walachifche Haus daneben ftellt, fo fällt uns das Vornehmere des Haufes aus Geidel auf. Der ftockhohe Bau mit dem Gang im oberen Stockwerke, mit dem Thürmel, den Kammern oben, der Stube unten, der Küche mit dem Herde und dem mannigfaltigen Geräthe der Einrichtung. Scheunen und Schoppen ftehen meift abfeits, die Häufer felbft in urgermanifcher Weife vereinzelt: suam quisque domum spatio circumdat.( Siehe oben S. 6.) Das Szekler Haus Unmittelbar an das Haus des Siebenbürger Sachfen fchlofs fich das Haus eines Szekler Bauers. Diefes gewifs intereffante Haus, das, wie das Michelsberger und das Geidler, von eingeborenen Infaffen bewohnt war, wurde von den Ausftellern fo ftiefmütterlich in die grofse Welt hinaus geftofsen, dafs man nicht begreift, wie man foviel Koften. aufwenden mag, als diefer Gegenftand, fein Transport, feine Aufftellung, feine Unterhaltung verurfachen musste, wenn man ihn fo forglos feinem Schickfal über laffen wollte, wie diefs hier gefchehen ift. In der zweiten Auflage des Weltausftellungs- Kataloges, wo, wie wir fahen, in dem Verzeichniffe der XX. Gruppe Bauernhaus mit Einrichtung, fo viele Gegen ftände( 24) aufgezählt find, die nicht zu finden waren, wird man das Szekler Haus vergeblich gefucht haben: es ift gar nicht verzeichnet! Im Haufe felbft fand man einen Szekler und eine Szeklerin, die mit dem diefem Volke eigenen Selbftgefühl in ihrer Sprache verficherten, dafs fie keine Sprache der Welt verftehen als nur fzeklerifch, das ift magyarifch. Nicht einmal mit feinem Landsmann und Nachbarn auf der Weltausftellung, dem Siebenbürger Sachfen, kann fich der Szekler verftändigen, ebenfowenig mit dem Bewohner des Geidler Haufes aus Ungarn, der auch ein Deutfcher ift. Wäre es hier nicht am Platze gewefen, fowie diefs im Geidler und im Siebenbürger fächfifchen Haufe gefchehen ift, eine Schrift und zwar in deutfcher Sprache- abfaffen zu laffen, die im Haufe feilgeboten werden und aus der der Befucher der Ausftellung fich belehren konnte? Aber auch die innere Ausftattung des Haufes wurde mit der gröfsten Gedankenlofigkeit vorgenommen. Die vordere Stube war über und über angefüllt e e t n e S S 1 Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. r S EKLER HAUS י e t 25 S 1 י mit dem Trödel eines Krämers vom Lande; der Ausfteller, Herr Borfodi, foll Kaufmann fein. Kinder- Spielwaaren, Peitfchen, Reitgerten von der eleganteften Façon, Gefchirre, Holz- Schnitzwerke wurden hier feilgeboten und verkauft, was ein Nebengefchäft des guten Szeklers war, der auf diefe Art den Bazar der Japaneſen copirt, nur mit dem Unterfchiede, dafs feine Waare verfchiedenartiger Trödel war, der durchaus nicht darauf Anfpruch machen konnte, den Szekler Gewerbfleifs kennzeichnend zu repräfentiren, wie der japaniſche Bazar den japanifchen! In der Hinterftube ftand unter Anderem ein kleines altes Clavier! Der gute Szekler fagte darüber, er habe es mitgebracht, weil es ein Alterthum fei. Doch kann weder er, noch die Frau darauf spielen, auch ift das Möbel durchaus kein Gegenftand, der fonft bei Szekler Bauern zu finden ift! Was foll man fich hier von den Ausftellern denken? Einen geringen Theil von Befuchern der Ausflellung mag es fo recht klar geworden fein, was ein Szekler ift. Diefer nur im öftlichen Theil Siebenbürgens vorkommende Volksftamm ſpricht magyarifch und bildet von altersher eine der drei ftändifchen Nationen Siebenbürgens. Man hält fie für die ältefte derfelben und zwar für zurückgebliebene Hunnen. Die zweite ftändifche Nation find die Magyaren, die im IX. oder X. Jahrhunderte den nördlichen Theil des Landes einnahmen. Die dritte Nation find die Sachfen, die im XII. Jahrhunderte von König Geiza II. ins Land gerufen wurden und den füdlichen Theil des Landes urbar machten. Die Anfiedlung aller diefer drei„ Nationen" an den öftlichen, nördlichen und füdlichen Grenze deutet auf eine Anordnung hin, die kaum eine 26 Dr. K. J. Schröer. zufällige ift. Der weftlich an Ungarn anftofsende Theil blieb unbefetzt: es war wohl die Aufgabe der Grenzhut gegen feindliche Nachbarn der Grundgedanke der Könige, die diefe Anfiedelungen ins Leben riefen. Der alte Wappenfpruch der Sachfen der Hermanftädter Anfiedlung hiefs: ,, ad retinandam coronam", zur Wahrung der Krone. Die Szekler werden in den älteften Urkunden cuftodes limitum, ftrenui milites Hüter der Grenzen, rüftige Krieger- genannt. Das fpricht wohl ziemlich deutlich für diefe Annahme. - Jede der drei ftändifchen Nationen hatte ihre Verfaffung für fich. Erft im Jahre 1437 fchloffen fie ein Schutz- und Trutzbündnifs gegen die Türken, woraus fch später eine weitere Gemeinfamkeit der Intereffen und die entſprechenden Organe derfelben in der fiebenbürgifchen Gefammtverfaffung entwickelten. Die Rumänen oder Walachen waren dabei als Nation nicht vertreten. Von ihnen werden wir noch fprechen bei Betrachtung des walachifchen Bauernhaufes. Was nun den Stamm der Szekler anlangt, fo fcheint Manches dafür zu fprechen, als ob fie ein von den Magyaren verfchiedenes Volk wären. Bei der Gefchloffenheit ihrer Verfaffung gönnten fie ehedem auf ihrem Boden nicht einmal dem Magyaren das Recht der Anfiedlung als gleichberechtigtem Mitbürger. Bei dem namenlofen Notar Bela's, der Quelle und Fundgrube vieler ungefchichtlicher Sagen, wird( im 50. Capitel) eine Sage erzählt vom Urfprunge der Szekler. Als Arpad ein Heer gegen den Herzog von Bihar entfendet habe, feien alle Szekler( Siculi),„ die früher des Königs Atila Völker waren", diefem Heere zugelaufen und haben fich ihm angefchloffen. Nach einer anderen Sage waren die Szekler zurückgelaffene Wachtpoften Atila's. Diefelben wurden einft vom Feinde überfallen. Da kamen ihnen auf der Kriegsftrafse, fo nennt der Szekler die Milchftrafse am Himmel, himmlifche Heer fchaaren zu Hilfe, die Geifter hunnifcher Helden. Das find nun Sagen, wie fie ja fo leicht auftauchen, um einen verlorenen oder vergeffenen Zufammenhang zu erklären. Immerhin fieht man aus alledem, dafs es doch intereffant wäre, diefes Volk näher zu kennen. Sollte es wirklich ein Reft der alten Hunnen fein? Unterfcheiden fie fich in Sprache, Brauch und Sitte von den übrigen Magyaren? Wenn man nun der magyarifchen Sprache von Jugend auf kundig ift, wie der Berichterstatter, wenn man, wie er, noch nie mit Székler Landvolk gefprochen. fo wird man wohl überrafcht fein, im Gespräch mit den Székler Landleuten auf der Ausstellung zu finden, dafs fie das reinfte Magyarifch fprechen, wie es in Ungarn überall zu hören ift und durch mundartliche Eigenheiten bei Weitem nicht fo viel von der Schriftfprache abweichend, als etwa der Palotzer Dialekt. Ein Hunnenreft, der bis zur Einwanderung der Magyaren fich- 400 Jahre hindurch erhalten hätte, und dann auch noch abgetrennt von den Magyaren bis in unfere Zeit fortlebte, follte dasfelbe Magyarifch fprechen als die übrigen Magyaren? Dem fteht doch, felbft wenn man den Zufammenhang zwifchen Hun nen und Magyaren zugeben wollte, ein grofses Bedenken im Wege. Die Magya ren find aus einer Mifchung von Kabaren und Kazaren hervorgegangen die fich erft nach dem Hunneneinfalle vollzogen hat; fie müffen fich daher in der Sprache fchon defshalb merklich von den Hunnen unterfcheiden. Dann haben fie in Ungarn einen grofsen Theil ihres Wortfchatzes von Serben, Walachen, Slovaken und Deutfchen angenommen, und zwar in einer Form, die nicht in fo hohes Alter bis zur Völkerwanderung hinauf reicht; und diefe erft in fpäterer Zeit in die Sprache aufgenommenen Fremdwörter gebrauchen die Székler fo gut als die übri gen Magyaren. Die Székler find demnach kein Reft der Hunnen. Was fie find, fagt übrigens ihr Name ziemlich deutlich und wir werden uns der Deutung, die fich ungezwungen aus dem Namen ergibt, umfoweniger widerfetzen können, als fie ganz zu der Annahme ftimmt, die fich fchon oben mit ziemlicher Wahrfcheinlichkeit aus anderen Gründen ergeben hat. Die Székler Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 27 find Anfiedler, Coloniften von den ungrifchen Königen an die öftlichen Grenzen Siebenbürgens zum Zwecke der Landesvertheidigung hin gepflanzt, wie die„ Nation der Magyaren" in den Norden und die ,, Nation der Sachfen" in den Süden. Székler, magyarifch Székely*, bedeutet nichts Anderes, als Anfiedler. Magyarifch szék, heifst der Stuhl, die Niederlaffung; daher das Zeitwort székel- ni, das ift fiedeln, fich zur Wohnung niederlaffen. Székely ift der Anfiedler, Saffe. So wie der Name des Elfaffes entstanden ift aus eli- sâzonô lant, ein Land der Elfaffen, fowie Holftein aus holt saten, Holzfaffen, entftanden ift, hiefsen die Székler fchlechtweg Siedler, Saffen, Coloniften. Es find Magyaren, die von den Königen mit befonderen Freiheiten an jene Grenzen gefetzt find. Sie find alle Edelleute, d. i. von Leibeigenfchaft frei, fowie ja die Siebenbürger Sachfen auch, leben in einem bergigen Gebiete von etwas Ackerbau, Viehzucht und Holzhandel. Zahlreich findet man fie in fächfifchen Ortfchaften als Dienftboten. Auch im Aeufseren find die zwei Repräfentanten des Széklerftammes auf der Ausftellung durchaus nicht verfchieden von den ungrifchen Magyaren. Unter letzteren unterfcheidet man befonders zwei Typen. Der Eine mit dunklem Haar und dunklem Auge, edel gefchnittenem Profil, fchlankem Wuchs; der andere mit breitem Geficht, etwas kalmükifch gedrückt, mit kurzem Hals, zuweilen afchblondem Haar und bleifarbem Auge. Aehnlich laffen fich auch bei den Türken zweierlei Typen, die von einander ganz verfchieden find, unterfcheiden, fo wie man auch bei dem jüdifchen Volke den fpitznafigen Arabertypus neben dem ftumpfnafigen Negertypus oft in Einer Familie nebeneinander antrifft. - Merkwürdiger Weife find die beiden Székler im Széklerhaufe auch Vertreter beider Typen. Der Mann mit breitem Gefichte und ftumpfer Nafe, blondem Haar, die Frau mit dunklem Haar und Auge und regelmäfsigem Profil. Er heifst Farkas, das ift Wolf, ein auch in Ungarn häufiger Name; ihr Name ift Gálfi( das ift des Gallus Sohn). Beide find verheiratet, aber nicht mit einander. Das Széklerhaus fällt auf durch das ungewöhnlich hohe Dach. Der auf der Abbildung erfichtliche Thurm hinter dem Dache gehört zum Gebäude für ungrifche Forfterzeugniffe. Das ftattliche Einfahrtsthor ift mit bemaltem Schnitzwerk verziert. Ober der Thür, neben dem Thore befindet fich, wie auf der Wand des Siebenbürger fächfifchen Haufes eine Infchrift: bëke a belëpökre Friede den Eintretenden, áldás a kimenőkre! Segen den Austretenden. Isten segedelmi böl epitette ezt a házad Borsodi Demeter 1873- ba. Mit Gotteshilfe baute diefs Haus Demetrius von Borsod 1873. In alterthümlicher Weife wird die Länge des Vocals noch mit zwei Punkten bezeichnet. Als Name des Erbauers war früher ein anderer angegeben; man fah, dafs derfelbe weggeftemmt und neuerlich durch einen andern erfetzt worden ift. Die Székler find der Schrift kundig; fie find Proteftanten helvetifchen Bekenntniffes. Neben dem Eingange ift eine Bank mit einem Vordache angebracht. Indem wir in den Hof eintreten, fehen wir recht hoch aufgefchoffenes Welfchkorn, das der Székler hier angebaut hat. Auf der anderen Seite läuft am Haufe hin ein Gang unter dem vorfpringenden Dache, wo Ackergeräth aufbewahrt ift. Darunter bemerken wir eine hölzerne Heugabel, färbig lackirt, aus einem Stück und einen hölzernen, gleichfalls farbigglänzenden Rechen. Diefs find Liebesgaben, die der Burfche vor dem Schnitte feinem Mädchen gibt. Vom Hofe aus tritt man rechts in das Wohnhaus, zunächft in ein kleines Vorhaus, das rechts in die Wohnftube, links in die kleinere Stube führt. Im Vor* Das sz klingt wie deutfches fz, fcharfes f; der Accent bezeichnet die Länge des Selbftlautes, ly ist= lj wie frz. 11 in fille. Alfo Székely Seekelj, beinahe Seekäj. 28 Dr. K. J. Schröer. haufe hängen von der Decke Tabakblätter herab. Wie in Ungarn, fo ift demnach auch im Szeklerland der Magyare ein grofser Freund der Tabakpflanze. Die niedere Wohnftube mit kleinen Fenſtern bietet wenig Eigenthümliches. Im Zim mer hängen Schwammmützen von der Decke herab, die verkauft wurden. Auf dem Tifche lag in Form eines Fifches ein dunkelbraunes Brot, von welchem der Szekler dem Befuchenden ein Stück abfchneidet und anbietet. Es ift eine Art primitiven Lebkuchens, ein Leckerbiffen des Széklers: Székelyi pogács ( fpr. Szeekelji pogaatfch) genannt. Sonft war das Zimmer aufser dem gewöhnlichen Geräth von einfachen Bän ken, Stühlen und dem Tifche, mit verfchiedenen Waaren zum Verkaufe, angefüllt, wie fie bei Krämern auf dem Lande angetroffen werden. Diefe Gegenstände können ebenfowenig auf szeklerifche Eigenthümlichkeit Anfpruch machen, als es dem Szekler befonders eigen ift, dergleichen Handel zu treiben. Ohne uns bei diefem Kram aufzuhalten, wollen wir diejenigen magyari fchen Ausdrücke betrachten, mit denen der Szekler die Gegenftände benennt, die uns hier zunächft in die Augen fielen. Dabei zu beachten, welche Gegenstände mit eigenen unentlehnten magyarifchen Wörtern benannt find, und von welchen Völkern die Fremdwörter genommen find, diefs gibt ein intereffantes Bild von der Entstehung der Cultur, die durch das Szekler Haus vertreten war. Unentlehnte magyarifche Wörter fcheinen: ágy( fpr. aadj.) das Bett; fal die Wand; fedél das Dach; fejkötö Kopfbinde, Kopftuch; ajtó die Thüre; gyepü der Zaun; gaty a die Unterhofe; obwohl altflav. gašti, doch auch finnifch kaatio wogulifch kaš; ing das Hemd; nadrág die Hofe, obwohl altflav. nadragy fcheint es doch magyarifch Miklosich S. 42; küszöb die Schwelle; szék der Stuhl, auch fe czél, vielleicht deutfch vergl. mhd. fezzel, ahd. fezal Seffel; tetö der Giebel; tüzhely Feuerftätte, Herd. Von Slaven entlehnt find: ablak das Fenfter, flav. oblok; asztal der Tifch, altflav. stolь Miklos. S. 55 die Finnen entlehnten ihr Wort für Tifch, pöitä aus dem Gothifchen( biuds, ahd. piot); die Slaven ihr stolь aus goth. stôls Stuhl, litth. ftalas, wo vielleicht Urverwandtfchaft anzunehmen ift, Gr. gr. III., 433; die Deutfchen ver gafsen ihr biuds, piot und entlehnten ihr Tifch aus latein. discus, was wohl immer mit der Entlehnung des genannten Gegenftandes in einer beftimmten fremden Form verbunden war; garádics die Treppe, Miklos. S. 28, fetzt an: gradič; gereben( auch háhel aus dem Deutfchen) die Hechel; altflav greben; gerenda der Balken, altflav. gręda; kabát der Rock, flav. kabát aus caputium; kalap und kalpak der Hut, flov. globuk, türkifch kalpak; köpeny eg der Mantel, flov. kepenek aus capa; pogács Kuchen, flav. pogatfcha aus lat. focatius, ital. focaccia; sapka, csapka, sipka Mütze flav. und rumän. šapkь, šipkь, Miklos. S. 23, mhd. schapel, tschapel altfrz. chapel, ital. capello aus mlat. cappa, japan. kapa Mantel; szoba Stube. Diefes über ganz Europa in der Bedeutung Ofen, Zimmer verbreitete Wort ftammt aus dem Deutfchen, altflav. istьba, nflav. izba, ferb. soba, rumän. soba Ofen, finn. tupa altnd. stofa ahd. stuba etc.; udvar Hof, altflav. dvor; villa die Gabel, flav. vila. Von Deutfchen entlehnt find: aratni, das Feldbauen, ahd. artôn; eke, Egge, ahd. egida, mnld. egghe, nd. egge. Diefe Form haben demnach die Magyaren nicht von Hochdeutfchen, fondern von Niederländern; erkély, Erker, mhd. erkêr; ércz, Erz, mhd. erze; gárgya, Zaun, vergl. kert; ház( fpr haas), goth. hus, ahd. und mhd. hûs, engl. houfe, ahd. haus, nld. huis; kályha, Kachelofen, ahd. chachala; kohnya, konyha, Küche, ahd. kuchina aus coquina, flov. kuhnja, walach. kohnь, Miklos. Fremdwörter buch 103. Slav. im magyar., S. 37; kert, Garten, goth. gards und garda, ahd. gart und garto, ital. giardino etc.; gárgya, Zaun, fcheint nur eine Nebenform; laibli Leibchen, Bruftbekleidung, öfterr. Leibl; pad, der Haus. boden, die Bank; daher padlás, Dachboden, vergl. ahd. podam, altflav m- ie m- uf er Art CS n- It, le Is ri ie de en on mt. d; er 10 БУ er -1; k 5 S, Vo er hl en n: V. V. ch = a 1, a te a, of, d. a, де S. ད Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 29 podь; pantlika, Band, Bändchen; parta, Mädchen- Kopfputz, in der Zips der borten, bei den Siebenbürger Sachfen: der buerten, mhd. der borte. Im Nibelungen- Liede( B. 573) heifst es: man fach( 54 burgundi che Jungfrauen) under liehten porten gân, auch flov. párta; perém, das Bräm, die Verbrämung, mhd. brem; prufzlik, weibliches Leibchen, Mieder, aus Oefterreichichem bruftfleck. Bei Häudörflern prûfleck( in Lorenzen, Deutfch- Praben), prusfleck in Krickerhäu; flov. prusliak; fzoba f. oben; táska, Tafche, altfränk. taska, mhd. tafche, davon ital. tasca etc., zu ahd. zascôn; vefztli, die Wefte, goth. vafti von vasjan, kleiden, urverwandt lat. veftis, franz. vefte. Das nhd. Wefte ift wohl unmittelbar aus dem Franzöfifchen entlehnt. Aus romanifchen Sprachen entlehnt find: almáriom, Wandfchrank, lat. armarium; kamara, die Kammer, lat. camera; kémény, der Schornftein, Kamin, lat. caminus, daher auch magyar. kemencze; fzekreny, Schrank, Schrein, lat. fcrinium, lauter Wörter, die auch bei Slaven und Deutfchen eingedrungen find und daher wohl aus diefen Sprachen entlehnt ein können. Indem ich mich hier nur auf die Benennungen der im Szeklerhaufe in die Augen fallenden Gegenftände befchränke- viel vollſtändiger ift die Aufzählung der flavifchen Ausdrücke im Magyarifchen, z. B. bei Miklofifch, fiehe dafelbft S. 16 ergibt fich folgendes Bild: Der Magyar befafs eine Wohnung, lakás, von lakni aus rumänifch a locui, wohnen, an der die Thüre, ajtó, die Schwelle, küszöb, die Wand, fal, das Dach, fedél, mit dem Giebel, tető, und die Feuerftolle, tüzhely, bemerkbar waren. In derfelben befand fich das Bett, ágy, der Sitz, fzék. Von Kleidungsftücken find wahrzunehmen: Schuhe, Stiefel, czipö, cfizma, Hemden und Hofen, nadrág, gatya, Kopfbinden, fejkötő. Ein Zaun, gyepü, umgab das Haus. Von Slaven lernte er kennen: Das Fenfter, den Tifch, die Treppe, das heizbare Zimmer( das die Slaven von den Deutfchen hatten), ebenfo den deutfchen Kachelofen, die deutfche Küche, Kuchen etc. Kleidung und Geräth ift, wie wir fahen, faft durchaus von Deutfchen und Slaven entlehnt. Unter den Verkaufsgegenständen, die im Szeklerhaufe zu haben waren, wurden auch gedruckte fliegende Blätter verkauft, wie auch fonft in Marktladen,„ gedruckt in diefem Jahr." Darunter find Szeklerlieder: Székelyi dalok, wohl das Anziehendfte gewefen. Was der Deutſche fo gar nicht befitzt, das überaus grofse Wohlgefallen an fich felbft, die Vorliebe für Alles, was ihm eigen ift, befitzt der Magyar in fo hohem Mafse, dafs auch ein Theil diefes Volkes, wie der Szeklerftamm, ein Szekler Nationalgefühl ausgebildet hat, fo ftark, dafs der Deutfche darüber nur ftaunen kann. Mag man immer fagen, diefes Nationalgefühl habe etwas Hohles, weil es eigentlich keinen Inhalt hat wenn der Deutfche auf etwas ftolz ift, fo ift er es auf eine That oder auf eine Tugend- fo liegt doch eine Naivetät in diefem Selbftgefühl, dazu eine Innigkeit und Wärme, dafs wir ihnen nicht gram fein können, ja dafs wir uns davon angezogen fühlen, wenn wir auch darüber lächeln müffen. - In einem diefer Lieder heifst es: Vom Szeklergau aus Marofch- Szék, da bin ich her, Eine Szeklermutter pflegte, liebte mich gar fehr. Ein Stock- Szekler war, das war mein Vater auch, Und ein Szekler herz ward mir vom Vater auch! So geht es in fchwärmerifcher Begeisterung für das Szeklerthum fechs Strophen hindurch fort. Es ift keine Frage, dafs diefe Eigenfchaft der Begeifterungsfähigkeit für das eigene Volksthum die Quelle ungewöhnlicher That kraft, wie die Quelle des Glückes ift für den Befitzer. Enttäufchungen können wohl nicht ausbleiben beim Zufammenftofse mit der Aufsenwelt. Viele der Lieder beziehen fich auf die kriegerifchen Neigungen des Szeklers. Mit dem tapferen Sachfen Siebenbürgens bildete der tapfere Szekler eine 28 Dr. K. J. Schröer. Schutzwehr des Landes gegen hereinbrechende Horden Jahrhunderte lang und hat manch' guten Kampf gekämpft. Die Sekler find auch Proteftanten wie die Sachfen. Mögen die blutigen Erinnerungen aus jüngerer Zeit, die beide Völker trennen, indem die Szekler für Losreifsung von Oefterreich und die Sachfen für den Gedanken der Reichseinheit gekämpft, allmälich verblaffen und die Szekler in friedlichem Wetteifer mit den deutfchen Brüdern ftreben ihnen gleichzukommen! Das rumänische Haus. Im äufserften Nordoften des Ausftellungsraumes, hinter den ungrifchen Forfterzeugniffen, dort, wo felten ein Befucher der Ausftellung fich hinverirrte, befand fich ein hölzernes Bauernhaus, das im officiellen Kataloge ebenfalls nicht erwähnt ift. Es war ein walachifches oder rumänifches Haus, und zwar aus Oravicza im Banat. Es gibt dafelbft ein Deutfch Oravicza( fprich: Orawitza) mit etwa 4000 und ein Walachifch- Oravicza mit etwa 2000 Einwohnern. Das Haus ift aus Holzbalken roh erbaut wie das Geidler, das Szekler, das kroatifche und das galizifche. Es ift das einzige Bauernhaus eines romanifchen Volks ftammes. Freilich keines der weftlichen Romanen, die, mit germanifchem Blute verquickt, eine hohe Bildungsftufe einnehmen, fondern der öftlichen Romanen, der Rumänen. Das Haus ift fehr einfach. Es vertritt unter den Häufern der Ausftellung einen beftimmten Typus, indem es kein oberes Stockwerk hat, dagegen rechts and lie er Für er h- ב Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 31 und links vom Eingange je ein Zimmer. Zu diefer Art gehört das fiebenbürgifchfächfifche, das Szekler-, das rumänifche und das galizifche Haus; verfchieden von diefer Art find das Elfäffer, das Vorarlberger, das Geidler und das ruffifche. Das rumänifche Haus war wohl das kleinfte von allen. Es war unbewohnt und fah fehr primitiv und öde aus. Wenn wir fchon beim Anblicke des Geidler Haufes über die Armuth und Einfachheit des Ganzen ftaunen, fo erfcheint es uns neben diefem rumänifchen Haufe doch wie ein Palaft. Das Geidler Haus hat eine Küche, abgetheilt vom Vorzimmer, und einen kleinen Herd, im erften Stockwerke Schlafkammern und einen Geländergang, der um zwei Seiten des Haufes herumläuft; an der Stirnfeite ein„ türmel". Daneben das rumänifche, ganz ichmucklos, nichts weiter enthält als ein Zimmer rechts und ein Zimmer links neben dem Vorhaufe. Im Vorhaufe wird auf der Erde Feuer gemacht, über dem ein Keffel hängt. Dabei ift zu erwägen, dafs der Geidler in einer der ärmften Gegenden des Landes, der Rumäne im fruchtbaren Banat wohnt. In der Mitte des Zimmers rechts fteht ein fehr kleiner primitiver Webſtuhl, An den Wänden diefes und des anderen Zimmers hängen Kleider und andere Gegenftände, die deutfch und rumänifch auf einem beigegebenen Zettel bezeichnet find:, kes, Túbákbäutel"; fleura, Flöte; klabetz, Pelzmütze; truhe(?), Tabakspfeife von Holz; oglinde, Spiegel; bruefchor, Gürtel; kimefch de om, Männerhemd; bruslug, Leibchen; ismenje, Schlafhofe, peptar, Wams. ploske, Holzflafche; fakje, Kopftuch; streitzä, Hirtentafche. Mehrere " Vorderfchürzen" katrincze und„ Hinterfchürzen": kiffeli. So ungenügend diefe Beigaben des walachifchen Bauernhauſes waren, fo belebten fie es doch einigermafsen und erinnerten an das Volk felbft und an deffen Leben. Die Rumänen Ungarns, Siebenbürgens und der Moldau und Walachei oder Rumäniens betrachten fich gerne als die Ureinwohner des Landes oder doch als Zurückgebliebene aus der Zeit der Römerherrfchaft in Dacien. Neuere Forfchungen haben bewiefen, dafs die Continuität römifcher Einwohnerfchaft in diefen Gegenden durch ein Jahrtaufend unterbrochen ift. In der Ausftellung Rumäniens war der Goldfchatz von Petroffa ausgeftellt, der dafelbft 1837 ausgegraben worden ift. Er ftammt aus dem IV. oder V. Jahrhunderte. Der könnte uns wohl erzählen, ob damals Rumänien von Rumänen bewohnt war. war. Der Schatz ftammt von damaligen Bewohnern des Landes, er trägt eine Infchrift, welche aber befteht aus altgermanifchen Runen und diefe Runen enthalten altgermanifche Worte! Man hält den Schatz für den eines Gothenfürften, etwa des Athanarich. Siehe darüber Wiener Abendpoft" vom 23. Auguft 1. J. Die Rumänen find als ein wanderndes Hirtenvolk allmälich aus dem oftrömifchen Reiche herüber gekommen und in Siebenbürgen und Ungarn, wohl erft nach Einwanderung der Siebenbürger Sachfen vorgedrungen. Wenn fie nach der Siebenbürger Verfaffung völlig rechtlos waren, fo ift diefs diefem Umftande zuzufchreiben. Sie benennen die Flüffe Aluta, Tibiscus nicht mit Namen, deren Form eine rumänifche Umgeftaltung der urkundlichen römifchen Form ift, fondern die Aluta nach der fiebenbürger- fächfifchen Benennung Alt: Oltu und den Tibiscus nach der magyarifchen Benennung Temes: Temešiu. Weiteres darüber fiehe bei Rösler, Dacier und Romänen. Wien, 1866. S. 71 f. " Unter allen romanifchen Nationen ift die walachifche oder rumänifche die einzige, die, wie fchon bemerkt, nicht aus einer Mifchung mit germanifchem Blute hervorgegangen ift. Hier ift das römifche Element mit dem flavifchen vermifcht. Dadurch ſtehen die Rumänen zurück. Hiermit ift nicht gefagt, dafs die Slaven den Germanen fo weit zurückftünden an Begabung. Für die flavifche Welt ift der Tag noch nicht angebrochen, fie fchlummert noch, träumt wohl auch. Ob ihr Tag je kommen wird, das zu erörtern, ift hier nicht der Platz. Die Germanen find das weltbewegende Element des Tages feit dem Sturze Roms. Und mit ihnen in erfter 3 188 మూ 32 Dr. K. J. Schröer. Reihe ftehen jene Romanen, die mit ihnen blutverwandt find. Die Rumänen gehören zur flavifchen Welt. Die oben angeführten Ausdrücke fcheinen mundartlich von der Schriftfprache abweichend und darum beachtenswerth. Wenn wir fie näher betrachten, fehen wir zugleich auch, welch' ein Gemifch die rumänifche Sprache ift. Kes heifst fonft kife a und ift türkifch kife, kifea de tutun, Tabaksbeutel, türkisch tütün kifefi. Rösler, griechifche und türkifche Beftandtheile in Rumänien. Wien, 1865. S. 38;-fleura, Flöte. Rösler a. a. O. gibt an fleur, Plaudertafche und leitet es ab von phúapos. Zu vergleichen ift zu der Bedeutung Flöte m agyar. furulya, Hirtenflöte, das Miklofifch: Slav. im Magyarifchen 56 zu fvire lb ftellt, daneben furuly a auch die Formen furelya und virelya beftehen. Aenlich klingt wohl auch pihópa, Lindenbaft. Die gewöhnliche rumänifche Form für Flöte flujer könnte auf lat. flare zurückgehen;-klabetz, Mütze, eine Nebenform fcheint kalpak, das auch magyarifch und türkifch ift, flovakifch klobuk;- oglinde, Spiegel, fonft oglinda ift flavifch; ferbifch ogledalo Miklofifch: Die flavifchen Elemente im Rumänifchen unter oglindь;- brueschar, Gürtel, fonft cingatore; kimefch de om, Männerhemd, fonft: camafche de omu. Zu mlt. camisia, franz. chemife, vergleiche Diez II., 102; bruslugift das oben magyarifch vorgekommene prufzlik, das aus bruft fleck entſtellt ift;- ismenje, Schlafhofe, fonft ismena, Hofe. Aus ferb. ismiena, Miklof: sflav. im Rumänifchen; peptar, Wams, aus pepta, lat. pectus, Bruft;-katrintze, Schürze. Magyarifch karincza, katrintza und katrinka in demfelben Sinne. In der magyarifchen Bibelüberfetzung des Münchener Codex( XV. Jahrhundert). Evang. Lucas 19, 20 ift fudarium( Schweifstuch): katrincza überfetzt. Die Bezeichnungen des Haufes und feiner Theile find fehr intereffant. Aus der römifchen Bauernfprache haben fich erhalten die Ausdrücke: aco peremintu das Dach, vergl. ital. coperto; caldare der Keffel ital caldaro; camora das Zimmer, lat. camara; cafa das Haus, lat. casa; curte der Hof, ital. corte, lat ,. cohors, chors; fereftra das Fenfter, lat. fenestra; mafa der Tifch lat. mensa; locuinta die Wohnung, fiehe darüber unten; porta das Thor; fcannu der Stuhl, lat. sc amnum; usche die Thüre, uscio, lat. oftium. Das Haus war demnach fehr einfach. Wenn auch die Römer allen Luxus kannten, und wenn auch ihre Nachkommen z. B. die Italiener, die Ausdrücke dafür bewahrten, zu den Vorfahren der Rumänen, den Hirten, ift davon nichts gedrungen. Sie kannten keinen Herd, ihre Thüre hatte keine Schwelle. Wir fahen, dafs das walachifche Bauernhaus keinen Herd hat. Den Begriff entlehnten fie von den Albanefen; fie nennen den Herd vatra, alb. Bárpe; vergl. auch flovakifch watra, Feuer im Freien; die Schwelle nennen fie auch mit einem albanifchen Worte prag, flovakifch práh. Wie aber das germanifche Wefen in das Leben aller Völker Europas umgeftaltend eingriff, fo ift auch hier wahrzunehmen, dafs eine grofse Zahl von Ausdrücken germanifchen Urfprungs ift. Ein Theil davon, den die rumänifche Sprache mit dem Italienifchen und anderen romanifchen Sprachen gemein hat, gehört einer älteren Zeit an, wo das Rumänifche noch mit der Vulgärfprache des römifchen Reiches im Zufammenhange ftand. Ein Theil ift fpäter aus der flavifchen und der magyarifchen Sprache, oder direct aus dem Deutfchen her übergenommen. Deutfche Wörter: detu, fprich: zetzu, dfets, Seffel. ahd. fëz, fëzal; gardu n. der Zaun, auch alb. garde, goth. gards duós, 6ixía, àun; graidu m. der Stall, ftimmt in der Bedeutung zu goth. garda m. v. Stall; gradina Garten, ital. giardino ift in alle rumänische Sprachen übergegangen; locuinta Wohnung, von: a lo cui wohnen; ital. alloggiare ift auf logia zurückzuführen, das, wie wir oben S. II fahen, von laubja Laube abftammt. Sollte a locui auf das lat. locare( vergl. caftra Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 33 locare) zurückzuführen fein, dann wäre die Aehnlichkeit mit ital. alloggiare eine zufällige und locuinta zu den romanifchen Wörtern zu ftellen; patre m. Bette, goth. badi, Bette, magyar. pad Bank. Davon verfchieden erfcheint die Stammfilbe in den rumänifchen Formen: podu Dachboden, Brücke, Bühne, podela, podina Fufsboden, die auf das deutfche Boden ahd. podam mhd. bodem zurückzuführen find. Im Slavifchen pod tabulatum, pad Hausboden, Boden, Bank, magyar. pad Bank, Boden; flovak. podláž magyar. padlás, Boden, Diele, fieh Miklofich flav. im magyar. S. 47, wird nicht klar, wie die Begriffe Bette und Bank mit dem Begriffe Boden zu vereinigen find. Durch die Verfchiedenheit der Formen patu Bette und podu Boden im Rumänifchen, die den Formen goth. badi Bette und ahd. podam entſprechen, wird wahrfcheinlich, dafs auf diefe germanifchen Formen zurückzugehen ift; dann ift magyar. pad Bank von pad Boden zu trennen. Ueber die Etymologie von ahd. podam und fl. pod fiehe Grimm Wörterbuch 2, 209 goth. badi gehört zu bidjan, lat. petere zu Sansk. pat cadere; ahd. podam zu Sansk. budhua aus bath fodio; fala f. Vorhaus, Thor; ital. fpan. port. prov. fala aus ahd. sal n. Saal, Vorfaal; soba f. Ofen, alb. isbe, altfl. iftьba, daher tfchech. izba, ferb. foba, magyar. fzoba: Zimmer. Aus ahd. ftubâ heizbares Gemach. Ital. wurde daraus ftufa. Es ift erfichtlich, dafs die rumänifche Form hier aus dem Serbifchen oder Magyarifchen entlehnt ift; šura f. Scheuer; ahd. scûra, sciura mhd. fchiure. Daher magyar. csür frz. écurie. - Aus der Zeit der Gemeinfamkeit mit den von germanifchem Elemente verquickten römifchen Leben haben die Rumänen demnach noch die germanifchen Wörter für Garten, wohnen, Wohnung und Vorfaal. Die übrigen genannten Ausdrücke find aus dem Slavifchen oder Magyarifchen entlehnt. Ob zetzu dețu magyar. szék ahd. fëz, graidu Stall, patu Bett, podu Boden, šura Scheuer, nicht uomittelbar und fchon in alter Zeit entlehnt find, darf gefragt werden. Deutfches im Rumänifchen wird angeführt in Diez rom. Gramm 1,140. Schott walach. Märchen S. 25. Dazu wäre manches nachzutragen z. B. baiu Qual, das auch magyar. b aj heifst, ift gewifs nicht zu goth. balv jan zu ftellen eher zu goth. vai ahd. wê gr. oúai altfr. wai. Das Vorarlberger Bauernhaus. Unter allen ausgeftellten Bauernhäufern den freundlichften Eindruck machte das Vorarlberger Bauernhaus. Im Kataloge ift es merkwürdiger Weife nicht in der XX.( Bauernhaus), fondern in der XIX. Gruppe( bürgerliches Wohnhaus) einge. tragen, jedoch als„ Bauernhaus" bezeichnet und dargestellt von der Ausftellungscommiffion Feldkirch, Vorarlberg. Seiner Bauart nach unterfcheidet es fich fowohl von dem gewöhnlichen Tiroler oder Schweizer Stil und gleicht in feiner einfachen Form und Eintheilung im Ganzen dem deutfchen Bauernhaufe am Rhein und in Mittel- Deutfchland, wie wir es oben fchilderten. Der Eingangsthür gegenüber befindet fich die Küche und rechts vom Vorhaufe aus gelangt man in die Wohnftube, in die„ ftube", das heifst, das heizbare Zimmer. Vom Vorhaufe aus gelangt man in den oberen Stock in die ,, kammern." Links vom Eingange im Flure fchliefst fich fonft in Vorarlberg fogleich an das Wohnhaus der Kuhftall an, was hier nicht zur Darstellung gebracht ift. Diefe Eintheilung fanden wir auch oben S. 7 im rhein- fränkifchen und im Wefentlichen auch im oberfächfifchen, fowie auch im Geidler Bauernhaufe. Hier hat fich nur diefe einfache Form durch das Hinzukommen neuer Bedürfniffe zu einem reicheren Organismus entwickelt. Das Erdgefchofs wurde gehoben, fo dafs 3* 34 Dr. K. J. Schröer. Vorarlberser Bauernhaus man auf Stufen zur Eingangsthüre gelangt. Der fo einfache Gang im erften Stockwerke des Geidler Haufes, die Laube beim fiebenbürgifch- fächfifchen Haufe, ift hier eine breite Gallerie,„ der Schopf" genannt, die fowohl ebenerdig als im erften Stockwerke die Eingangsfeite des Haufes ziert, und nach einer Seite offen, an den Seiten gefchloffen und oben gedeckt, ein angenehmer Aufenthaltsort im Freien ift, der, wie die Tifche, Bänke und Stühle dafelbft zeigen, von der Familie benützt wird. Zu der Stube ift ein zweites Gemach hinzugekommen, der gaden genannt, das Schlafzimmer, an das fich noch ein kleines Zimmer, das ftübel, anfchliefst. Diefen Räumen entſprechen im erften Stockwerke ähnliche Zimmer in derfelben Eintheilung, die aber nicht heizbar find, und alle zufammen kammern heifsen. Auch die Rückfeite des Haufes ift mit Gallerien verfehen, die hier mehr als Vorrathskammern für Holz,„ der Holzfchopf," und dergl. benützt werden. Was aber dem Haufe ein fo freundliches Ausfehen verleiht, das find die fchönen Verhältniffe und die nette Ausführung des Ganzen. Es ift ein Holzbau. Der gröfste Theil der Aufsenfeite ift gefchindelt", das ift fchuppenartig mit rund auslaufenden, feinen Schindeln bedeckt. Dadurch aber, dafs ein Theil des Haufes, mit richtigem Verſtändniffe der Conftruction, nicht gefchindelt ift, tritt die Zeich nung ausdrucksvoller hervor und gewinnt das Ganze an Leben. An der Gaffenfeite, die uns die ganze Tiefe des Haufes von fünf Fenſtern zeigt, find die Wand mit dem erften und die Wand mit dem letzten Fenfter nicht gefchindelt. Das erfte Fenfter ebenerdig und im erften Stocke gehört zu dem Schopf, zur vorderen Gallerie des Haufes, alfo zu einem leichteren Vorbau. Diefe Schopffenfter ftehen 7 4 Das Bauernhaus mit feiner Einrchtung und feinem Geräthe. 35 auch nicht in gleicher Höhe mit den drei mittleren Fenftern, die ebenerdig zur Stube und zum Boden, oben zu den Kammern gehören. Das letzte Fenfter gehört zum„ ftübel", diefs ift aber nur eine Abtheilung des hinteren Schopfs, alfo auch ein leichterer Anbau. Der gemauerte Unterbau mit den Kellerfenftern, ift natürlich auch nicht gefchindelt. Die Verhältniffe der Fenfter machen einen behäbigen Eindruck; fie find grofs, in ziemlicher Entfernung von einander und deuten auf lichte, geräumige Zimmer. Bis zum Dachfirft ift das Vorarlberger Haus kaum höher, als das Geidler; bei dem letzteren nimmt aber einen grofsen Theil der Höhe das hohe Dach ein; die Zimmer find niedrig. Bei dem Vorarlberger Haufe ift das Dach leicht und mehr flach, am Rande mit Schnitzwerk geziert, dafür find die Zimmer höher. Was nun die Einrichtung und die Bewohner des Haufes anlangt, fo ftand das Vorarlberger Haus hinter dem fiebenbürgifch- fächfifchen und felbft dem Geidler darin zurück, dafs weder Vollständigkeit der inneren Einrichtung eines Bauernhaufes angeftrebt war, noch in Bezug auf die Bewohner das Bild des Familienlebens gegeben wurde. Sowohl der Inhalt des Zimmers, als die Refchäftigung der Bewohnerinnen machten den Eindruck einer Fabrik und ftellten nur eine Seite häuslicher Gewerbethätigkeit dar, die weiblichen Stick arbeiten Vorarlbergs. - Die Mädchen, die das Haus bewohnten, in ihrer eigenthümlichen Tracht, mit ihrem anmuthigen alemannifchen Wefen, machten allerdings den beften Ein druck und es kann ihnen nicht Schuld gegeben werden, wenn fie uns den vollen Begriff des ländlichen Familienlebens zu geben nicht im Stande waren. Einige bemerkenswerthe Ausdrücke, die im Vorarlberger Haufe zu hören waren, mögen auch hier mitgetheilt werden. Die dile, Diele, hier in der Bedeutung Zimmerdecke; ahd. dillâ; fürben auskehren; fürbentrückli n. das Kehrichtfafs, vergl. ahd. furapjan, furban, mhd. vürben, daher ital. forbire franz. fourbir; gaden m. kleineres Zimmer mit einem Fenfter neben der Stube; ahd. gadum mhd. gaden; häfs n. die Kleidung; häfskaften Kleiderfchrank mhd. hæze n. von hâz m;- keer m. Keller, auch in Appenzell und Unterwerden kehr m. Keller; Stalder 2, 93;-mefsli n. die feltfame Kopfbedeckung der Montafonerinnen, ein cylinderförmiger, hoher Männer- Filzhut ohne Krämpe; mottl n. Mädchen, könnte als meitel von mhd. meit, maid, Magd aufgefafst werden; denn mhd. ei wird in Vorarlberg oft o vergl. rotte; vergl. jedoch grödnerifch mutta mädchen;-ômer m. Eimer vergl. rotte, mottl; rotte f. das Geftell, ahd. reita s. d. f; fchaffrotte, Küchenfchrank, ahd. scafareita;- fchapel n. der goldene Kopffchmuck der Jungfrauen an Fefttagen. Eine Art Krone, mhd. fchapel n. Kranz als Kopffchmuck, altfranz. chapel aus fpätlatein capa japanifch kapa Mantel;- fchopf m. Vorhaus, Geländergang, ahd. fchop f veftibulum, introitus; mhd. fürfchopf porticus; fch melk f. Mädchen vergl. Schmeller 3, 470. Schöpf 603; fchüffelft enn f. Schüffelgeftelle; feffel m. der gepolsterte Stuhl; ftul m. der hölzerne gewöhnliche Stuhl; ftube f. das heizbare Zimmer; ftul f. feffel; troc m. eine comodenartige, aus hartem Holz ge chnitzte grofse, tifchhohe Truhe, deren obere Platte aufgehoben wird, um etwas hinein zu legen; ahd. troc, altfranz., wallach. troc, ital. truogo. - Das Wort fchopf kommt in obiger Bedeutung in Schöpf's tirolifchem Idiotikon nicht vor, doch bemerkt Stalder in feinem Schweizer Idiotikon 2, 348: der fchopf heifse auch die Hausflur in einem Bauernhaufe in Appenzell, alfo ganz in der Nachbarfchaft von Vorarlberg. Diefs eine Wort bezeugt uns fogleich, dafs der Vorarlberger nach Stamm und Sprache nicht zum markomannifchen( baierifchen) Tiroler, fondern zum alemannifchen Schweizer zu rechnen ift. Vorarlberg ift das w eftlichfte Gebiet unferer Monarchie, das einzige, in dem die alemannifche Mundart gehört wird, die Mundart jenes deutfchen Stammes, aus dem fowohl die Welfen als die Hohenftaufen, die Habsburger wie die Hohenzollern entfprungen find. 36 Dr. K. J. Schröer. Das Ländchen ift herrlich gelegen. Von Tirol, der Schweiz und Baiern begrenzt, an den Bodenfee und vier bis fünf Meilen lang auch an den Rhein ftreifend, reich an Wäldern und Weidetriften in den fchönen Alpenthälern. In diefem Ländchen denken wir uns nun den fleifsigen, begabten, alemannifchen Volksftamm, der durch Gewerbfleifs und Handel das reichfte Leben hervorruft! Die Bevölkerung des Ländchens, nicht viel über 110.000 Seelen ftark, entwickelt eine aufserordentliche Gewerbthätigkeit. Dort werden in 18 Kalköfen jährlich 52.000 Zentner Kalk gebrannt, hier, in der Schwarzacher Schlucht, werden jährlich 40.000 Zentner Wetzfteine erzeugt; an den Bergabhängen find 118 Sägemühlen thätig, die etwa 11 Million Breter hervorbringen, und hoch oben in der Alpenwelt wird Käfe und Schmalz producirt, wovon im Jahre gegen 15.000 Zentner ins Ausland gehen. Gegen 50.000 Zentner Baumwolle werden in den Spinnereien verarbeitet und von den Webereien in façonnirte Gewebe umgeftaltet. Mit dem Rothgarn Vorarlbergs wird faft die ganze Monarchie verforgt. Und welchen Fleifs die weiblichen Hände entfalten, bezeugen die Stickereien Vorarlbergs! In Dörfern der Ebene, im Bregenzer Walde, auf der Höhe und im Thale fieht man des Sommers Frauen und Mädchen vor den Häufern unter den reichen Obftbaum- Pflanzungen oder in dem gefchilderten„ Schopf" fleifsig fticken und im Winter findet man in den Häufern überall Gefellſchaften mit Stickereien befchäftigt, Arbeiten, die im Handel felbft nach Amerika gehen und mit denen das weib. liche Gefchlecht fchöne Summen erwirbt. Ueberall gewahrt man Nettigkeit und Ordnung und das ungezwungene Benehmen, das dem Vorarlberger eigen ift, die Schönheit und Anmuth des ganzen Volksftammes, die allfeitige Thätigkeit, Alles trägt dazu bei, die Naturfchönheit des Landes auf das erquickendfte mit freundlichen Staffagen zu beleben. Aus diefer Welt ift das Vorarlberger Bauernhaus, bei deffen Anblick uns die Worte eines Vorarlberger Dichters, Vonbun, einfallen, die zugleich als Mundart- Probe hier ftehen mögen: I mein i fech mis Aettis Huus ( Ich meine, ich fehe meines Vaters Haus), Es gugglet ftill zom Bomgert uus ( Es fchaut ftill aus dem Baumgarten heraus) Und s' ftigt der Rooch( Rauch) vom Schindladach Zem Obedhimmel( Abendhimmel) uuf alsgmach. I mein, i fech noch d's Söllerli, Es fchimmert wiifs im Obedfchie( Abendfchein) Und d'Huusehr ifchd druuf zemakoo( zufammengekommen) Und wil a bitz fi z'Rueha loon ( Und will ein wenig ausruhen). Der Aetti( der Vater) zündt fi Pfiifli aa Und d'Muetter fetzt fie nebe dran Und hebt( hält) de Jüngfchta noch im Arm So fargfam decht( doch) und, oh, fo warm! So umgeben und belebt müffen wir uns das Vorarlberger Haus denken. Und zu diefer häuslichen Szene vor dem Haufe denken wir uns nun noch, dafs hoch von der Höhe herab ein Lied eines Alpenhirten gehört wird. Vonbun hat einige aus dem Munde des Volkes aufgefchrieben, z. B.: Dia n'i liab, muafs liabla fii ( Die ich liebe, mufs lieblich fein), Sos wird fie friili nit die mii ( Sonft wird fie nicht die meine), Mit Farba frifch und g'fund, Mit Bagga voll und rund, Mit Ooga wie zwö Sternelii; Korz fie muafs halt liabla fii! Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 37 n == n n <, t, e n 1 Wenn wir die geräumigen Zimmer des Vorarlberger Bauernhaufes betraten, lernten wir die Vorarlberger Stickerinnen kennen, die auch Proben ihrer Arbeit ausgeftellt hatten. Sie tragen, wie bemerkt, ihre eigenthümliche Nationaltracht. Eine aus dem Bregenzer Walde, die eigenthümliche, fchwarze, pyramidifche Wollmütze, kappe genannt, eine andere aus Montafon, einen hohen Filzcylinder ohne Krämpe, das mefsli. Auch das goldene Krönlein, fchap el genannt, das nur bei feftlichen Gelegenheiten getragen wird, wurde auf Verlangen freundlich gezeigt. Nur die Verfchiedenheit der Tracht deutet noch auf die Verfchiedenheit der Abftammung hin. Die Montafoner, die jetzt deutfch fprechen, find nämlich romanifcher Abftammung. Noch bis ins XVII. Jahrhundert hinein wurde hier der fogenannte rhäto- romanifche Dialect gefprochen. Aufser diefen urfprünglich nicht alemannifchen Vorarlbergern romanifcher Abftammung zählt das Ländchen auch noch 6000 Walfer in den beiden Walferthälern, die Bergmann für burgundifchen Stammes erklärte. Sie unterfcheiden fich in der Sprache etwas von den übrigen Vorarlbergern; ihre Mundart ift verwandt jenen deutfch- lombardifchen Mundarten, von denen die der fogenannten Cimbri und die von Gottfchee die bekannteften find.** Wer nähere Auskunft über Vorarlberg fucht, dem ift zu empfehlen, das Büchlein von Dr. Jofef Ritter v. Bergmann, dem hochverdienten Gefchichtsfchreiber Vorarlbergs, feines Heimatslandes: Landeskunde von Vorarlberg. Mit einer Karte. Innsbruck und Feldkirch 1868. Das Elfäffer Bauernhaus. Die elfafs- lothringifche Landescommiffion für die Wiener Weltausftellung hat ein„ Modell eines elfäffifchen landwirthschaftlichen Anwefens" ausgeftellt, ,, welches zugleich zur collectiven Aufnahme aller angemeldeten Gegenstände aus Gruppe II( Land- und Forstwirthschaft) und IV( Nahrungs- und Genufsmittel) diente( Siehe Katalog der Ausftellung des deutfchen Reiches, S. 551)." Aufserdem war das Haus als Gaftwirtshaus benützt. Dasfelbe entſprach leider nicht dem Aushängefchilde, mit der Auffchrift„ Zum Bure Hifel", worunter fogar noch das volksmässige Pentagramm als Bierzeichen, mit einem fchäumenden, gefüllten Glafe in der Mitte, angebracht war. Es wäre nun nicht übel gewefen, wenn man hier einen ländlichen Schenkwirt aus dem Elfafs mit entsprechender Dienerfchaft angetroffen hätte, die landesübliche Speifen und Getränke zu mäfsigen Preifen vorfetzten. Diefs war leider nicht der Fall. Abgefchmackt modern franzöfelnde Kellner und moderne Ausftellungspreife, was Alles nicht in das länd liche Anwefen pafst. Ober der Einfahrt ftand die Infchrift: Halt feft am Reich Bauer, Es fall füfs oder fauer, was eine doppelte Deutung zuliefs. Das Elfaffer Bauernhaus ftellte nicht nur den Theil eines ländlichen Anwefens dar, der zur Wohnung dient, fondern auch die Nebengebäude. Das Ganze beftand aus zwei ftockhohen Fachwerk- Bauten, die durch eine Mauer mit dem Einfahrtsthore verbunden waren. Rechts neben der Einfahrt befand fich das eigentliche Wohnhaus, links fehen wir die Wirtſchafts- Gebäude, die auch den hinteren Hofraum einnehmen. * Si truogen ûf ir houbet von golde liehtiu bant: daz wâren fchapel rîche( Nibelungenliede 1654( 1594). Das Wort wurde bereits oben befprochen. ** Ein ,, cimbrifches Wörterbuch" von Schmeller und Bergmann erfchien bekanntlich 1855, ein Wörterbuch der Mundart von Gottfchee 1870, fiehe oben Seite 5 38 XPX Dr. K. J. Schröer. www Die Bauart hat etwas ftädtifches. Die älteren Häufer von Strafsburg unterfcheiden fich nicht viel von dem zur Wohnung dienenden Theile diefes Bauernhaufes. Auch in Strafsburg fehen wir nämlich noch ältere Häufer aus Fachwerk. Ueber das Innere bot uns das Elfäffer Haus wenig Belehrung, da es zum Theile als Gaftwirthschaft, zum Theile als Ausftellungsraum benützt war. Ein verfchloffen gehaltenes Bauernzimmer mit Holzgetäfel fcheint nur den Zweck gehabt zu haben, bei dem Befuche der deutfchen Kaiferin gezeigt zu werden. An jenem Tage fafsen Elfäffermädchen in jenem Zimmer und ſpannen, die nach diefem Befuche wieder verfchwunden find! Siehe darüber Wiener Abendpoft vom 8. Juli 1873. - Der Eingang des Wohnhaufes, von dem aus rechts die verfchloffene Bauernftube fich befindet, die Treppe im Flure, die zu dem oberen Stockwerke führte, zeigten eine Anlage, wie fie bereits befprochen ift. Die Räume links vom Eingange, zu Gafthaus- Zwecken benutzt, liefsen ihre urfprüngliche Beftimmung nicht erkennen. Das Haus machte im Ganzen einen günftigen Eindruck und liefs auf eine hohe Culturftufe des Elfäffer Bauernftandes fchliefsen. Dem Programm der XX. Gruppe: Das Bauernhaus mit feinen Einrichtungen und feinem Geräthe ift es nur zum Theile nachgekommen, indem es die äufsere Geftalt des Bauernhaufes anfchaulich machte, die innere Eintheilung und Einrichtung aber wegen Verwendung des Haufes zu anderen Zwecken nicht darzustellen verfuchte Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. Das ruffifche Bauernhaus. 39 Es hat Aufregung verurfacht, dafs das ruffifche Bauernhaus, von Gromoff in Petersburg ausgeftellt, vom Architekten Winterhalter gebaut, durch das Preisgericht vor allen anderen Bauernhäufern ausgezeichnet wurde. Nach dem Kataloge gehört es in die XX. Gruppe, das Preisgericht hat es aber als Gegenftand der XVIII. Gruppe als architektonifches Kunftwerk, ausgezeichnet. Diefs war es in der That und kam eigentlich in der XX. Gruppe nicht in Betracht. Es find die Motive dem ruffifchen Bauernhaufe entnommen und idealifirt zur Darstellung gebracht worden. Ruffen, die es befuchten. lachten darüber und fagten:„ Lüge, Lüge! nirgends in Rufsland findet man folche Bauernhäufer!" Wenn das Haus als echtes Bild eines ruffifchen Haufes aufträte, wäre ein folcher Ausruf wohl berechtigt gewefen und wenn es in die XX. Gruppe geftellt ward, war er es auch. Da aber über der Thür der Name des Architekten Winterhalter zu lefen war, fo haben wir hier keine„ Lüge" vor uns, fondern ein Kunftwerk nach Art ruffifcher Häufer. Es ift ein Holzbau, reich verziert mit Schnitzwerk. Eine Wand von Holzgitter und Breterwerk mit dem bedachten Einfahrtsthore verbindet die beiden Theile des Ganzen. Vor der Einfahrt links befindet fich das Wohnhaus, zu dem eine befondere Eingangsthüre führt. Das Wohnhaus beſteht aus einem ebenerdigen Zimmer mit kleinen länglichten Fenftern, wie fie auf dem Bilde zu fehen find und aus einem Zimmer im erften Stockwerke mit grofsen Fenſtern und gefchmackvoller Einrichtung, wohl Alles nach Angabe des Architekten. In diefem Zimmer fafs ein Ruffe, der auch deutfch konnte. Wenn das Haus nicht als echtes Bauernhaus gelten konnte, diefer Mann ist zweifellos ein echtes Exemplar, etwa eines ruffifchen Soldaten, bei dem das Anfehen, das er fich im Hinblick auf die Macht, die er vertritt, gab, feltfam ftimmt zu feiner Bildung.- Ein harmlofer Befucher richtete an ihn die Frage, indem er auf ein Zimmergeräth wies:" Was ift das?" worauf der Ruffe mit zornigem Blick ihn anfuhr mit der Antwort:„ Das geht Sie nichts an!" Auf die Frage: Wie nennt man das ruffifch?" antwortete er:„ Das brauchen Sie nicht zu wiffen!" Der Fragende lachte und fragte weiter, worauf der ruffifche Ausstellungsmann mit der Miene eines Gendarmen, der einem Verbrecher auf der Spur ift, fragte:„ Was fragen Sie folche Dinge?"- Diefe Figur war nun wohl originell, gibt uns aber, wie wir gefehen haben, nichtsdeftoweniger über das Innere eines ruffifchen Bauernhaufes keinen Auffchlufs.- In dem Wohnhaufe befand fich neben dem ebenerdigen Zimmer noch eine kleine Küche und dann ein nach der Hoffeite offener Raum, der als Drefchtenne und Scheuer benützt werden mag. In der Ecke kommt man in einen Pferdeftall. Die hintere Hoffeite hatte wieder einen feitlich offenen Scheuerraum, und die zweite Ecke einen Kuhftall. " Auf der rechten Seite neben der Einfahrt fehen wir ein kleineres Gebäude, das als Vorräthekammer benützt werden mag. Diefe Eintheilung wird wohl im Allgemeinen in ruffifchen Bauernhäufern fo vorkommen, wenn hier auch Alles viel vollkommener und reicher ausgeführt erfchien. Beachtenswerth ift, dafs die Eintheilung im Ganzen zu den deutfchen Bauernhäufern ftimmt und von der des kroatifchen und galizifchen Haufes abweicht. Das galizifche Bauernhaus. Das einzige Bauernhaus auf der Weltausftellung, das mit Stroh gedeckt war, war das galizifche. Es ift dem rumänifchen ziemlich ähnlich.- Auch diefes Haus war benutzt von der landwirthschaftlichen Abtheilung der Brodyer Ausftellungscommiffion zu einer forftlichen Collectivausftellung. Es war alfo auch hier das Innere nicht eingerichtet und die Aufgabe der XX. Gruppe nicht erfüllt 40 - Dr. K. J. Schröer. worden. Ueber das Haus fanden wir keine Auskunft. Ob es das Haus eines Ruthenen oder Polen oder Slovaken war?- Einige Heiligenbilder in den Zim mern fahen ruffifch- byzantinifch aus. Einige gemalte Möbelftücke waren ohne befondere Eigenthümlichkeit. Die Eintheilung des Haufes, das nur die Woh nung im engeren Sinne darftellt, ftimmte mit der des walachifchen Haufes. Das Haus war ebenerdig. Dem Eingange gegenüber der Herd, rechts und links je ein Zimmer, wie im Siebenbürger fächfifchen, im Szekler und im walachifchen Bauernhaufe. Das kroatifche Bauernhaus. Diefes Haus hatte viel von fich reden gemacht. Es war immer verfchloffen und als an den Vorftand der kroatifchen Ausftellungscommiffion defshalb eine Anfrage geftellt wurde, erklärte er: Einen Theil brauche er als Empfangszimmer, einen Theil brauche ein Anderer als Wohnung und dergl., man könne das Haus von Aufsen fehen. Es war fo hoch als das Geidler Haus, hinter dem es ftand. Ebenfo ein ftockhohes Blockhaus. Nur waren die Balken nicht von dem Erbauer zurechtgehauen, fondern das Erzeugnifs einer Dampffäge. Die Thür- und Fenfterver kleidungen aber waren moderne Tifchlerarbeit. An die volle Einhaltung des Programms hatten die Ausfteller felbft nicht gedacht. Hervorzuheben ift, dafs hier wie in den galizifchen, walachifchen und den fiebenbürgifchen Häufern von dem Eingange aus rechts und links je ein Zimmer angebracht ift; indem aber die anderen Häufer, an denen wir diefe Eintheilung bemerkten, vorn ebenerdig waren, hatte das kroatifche Haus ein Stockwerk, wie das Geidler, Vorarlberger, Elfäffer etc. Statt eines Geländerganges, wie das Geidler Haus hatte, fahen wir am kroatifchen Haufe nur einen kleinen Balcon im erften Stockwerke in der Mitte Rückblick. Der Stoff, den uns die neun Häufer der Ausftellung boten, war nicht hinreichend, um daraus allgemeine Typen volksmäfsiger Bauart abzuleiten. Dennoch ift das Uebereinstimmende und Abweichende, das wir an ihnen wahrgenommen haben, derart, dafs es hervorgehoben zu werden verdient und vielleicht zu weiteren Beobachtungen Anregung gibt. Den Bauernhäufern ift in der Regel eigen, dafs fie in einem Hofe ftehen, fo dafs vorn die fchmälere Giebelfeite des Wohnhaufes auf die Gaffe, die breitere in den Hofraum zu ftehen kommt. Das Siebenbürger fächfifche Haus z. B. hat man fich der breiten Seite nach im Hofe ftehend zu denken, und die fchmälere Seite mit der Infchrift fteht der Gaffe zugekehrt. Bei dem Geidler Haufe ift die Gaffenfeite die mit dem Thürmel etc. Das Szekler, das Elfäffer und das ruffifche Haus, die auch den Hofraum und das Einfahrtsthor in denfelben darftellen, machen diefe Stellung erfichtlich. Die Stellung der wirthschaftlichen Nebengebäude ift nur in dem Elfäffer und ruffifchen Haufe zu erfehen. Im erfteren freilich war der Zweck der einzelnen Räume verdeckt, weil diefelben, wie bemerkt, zu Ausftellungszwecken verwendet wurden; im letzteren war Alles idealifirt, fo dafs wir nicht wiffen, in wiefern das Bild, das wir gewinnen, der Wirklichkeit entspricht. Wir haben unfere Betrachtung auf die Wohnung im engeren Sinne befchränkt. Diefe Wohnungshäufer nun zerfallen in zwei deutlich unterfcheidbare Typen. Das Wohnhaus ift entweder nur ebenerdig oder es hat noch ein oberes Stockwerk Wenn es ein oberes Stockwerk hat, dann ift die Eingangsthür nicht mes im ne bh. Das je en en ne er, us ein ht. er. Les en er ng ie as m h n e e r 1 1 T Das Bauernhaus mit feiner Einrichtung und feinem Geräthe. 41 in der Mitte der breiten Seite des Haufes im Hofe, fondern mehr links. Sie führt in den Flur, von dem man geradeaus in die Küche und rechts in die Stube gelangt. Links ift kein weiteres Zimmer angebracht, fondern hier fchliefsen fich unmittelbar Stallungen, Scheunen oder andere Wirthschaftsräumlichkeiten an. Vom Flure aus führt eine Treppe in das obere Stockwerk zu den Kammern, das heifst unheizbaren Schlafzimmern und Vorrathsräumen. Diefs ift der Grundtypus, wie es fcheint, des deutfchen ländlichen Wohnhaufes. Wir fanden diefe Grundzüge in Bauernhäufern des mittleren Deutſchland, oben Seite 7 f., und ebenfo in den Häufern aus Geidel, Vorarlberg, in dem Elfäffer und im ruffifchen Haufe, nur dafs im letzteren, wie im oberfächfifchen Bauernhaufe, oben Seite 8 f., das Hauptgebäude links vom Einfahrtsthor fteht, indem es fich fonft rechts befindet, wodurch alle Verhältniffe modificirt find und auch vom inneren Eingange aus die Stube links, wie in Oberfachfen, nicht rechts, wie in Franken, zu fuchen ift. Der zweite Typus von Häufern, die auf der Ausftellung vertreten waren, hat kein oberes Stockwerk, aber ftatt deffen vom Flure aus fowohl rechts als links je ein Zimmer. Das finden wir im Szekler, im rumänifchen und im galizifchen Haufe, fo dafs wir hier vielleicht eine uralte Tradition zu erkennen haben, die von dem deutfchen Typus verfchieden ift. Das Siebenbürger fächfifche Haus und das kroatifche fuchen beide diefe verfchiedenen Typen zu vereinigen. Erfteres hat neben dem Flure ein Zimmer rechts und eines links und kein oberes Stockwerk. Hingegen ift die ganze Wohnung fo hoch herausgebaut, dafs eine Treppe hinauf zur Eingangsthüre führt. Dafs hier die Küche vom Flure nicht abgetheilt ift, fo dafs man den Herd von der Eingangsthüre aus vor fich fieht, erinnert an das rumänifche Haus, nur dafs hier kein Herd angebracht ift, fondern das Feuer auf der Erde gemacht wird. Das kroatifche Haus hat ein Zimmer rechts und eines links vom Eingang und doch ein oberes Stockwerk. Intereffant ift, dafs der Rumäne mit dem Gegenftande auch das römifche Wort für den Herd verloren hat; er nennt den Herd mit einem albanifch- flavifchen Worte watre. Bei diefem Volke, das fich von den weltbeherrfchenden Römern ableitet, fahen wir die primitivfte Art einer Wohnung. Wie der volksmäfsige Bau auf Grundlage des angegebenen Typus fich erweitern läfst durch Zubau von Kammern und Gaden etc., das fehen wir bei dem Elfäffer und dem Vorarlberger Haufe. Ift der Typus des deutfchen Bauernhaufes, der auch nach Rufsland übergegangen ift, wie wir ihn oben nach den Häufern auf der Ausftellung in Grundzügen angedeutet, alt und allgemein deutſch, fo ift doch nicht anzunehmen, dafs derfelbe die einfachfte Art deutfcher Wohnhäufer darftellt. Es mufs eine noch einfachere Stufe vorangegangen fein. Diefs fcheint fich daraus zu ergeben dafs das Wort Zimmer, das das einfach gezimmerte Gemach bezeichnet, für keine Räumlichkeit diefer Häufer verwendet wird. Im Geidler Haufe heifst die Küche Stübel, die heizbare Wohnftube: Stube, die oberen Räume heifsen Kammern. Ebenfo im Vorarlberger Haufe. Daraus möchte zu fchliefsen fein, dafs das Haus, in welchem das Hauptgemach Stube heifst, mit der Einführung von Zimmeröfen zufammenfällt und eine höhere Entwickelungsftufe bezeichnet. Zur felben Zeit mögen die unterirdifchen Tungen( fiehe oben S. 6) als Winteraufenthalt aufser Gebrauch gekommen fein. t OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. KIRCHLICHE KUNST. ( Gruppe XXIII.) BERICHT VON HANS PETSCHNIG, k. k. Profeffor und Architekt in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. KIRCHLICHE KUNST. ( Gruppe XXIII.) Bericht von HANS PETSCHNIG, k. k. Profeffor und Architekt in Wien. EINLEITUNG. Die letzte Parifer Ausstellung 1867 hatte die kirchliche Kunft nicht in eine Gruppe zufammengefafst; zerftreut, in den verfchiedenen einfchlägigen Gruppen, mufste man diefe Richtung der Kunftinduftrie und des Kunftgewerbes erft mühfam auffuchen, um einen Ueberblick über die Thätigkeit der Arbeit in dem Gebiete der Kirche zu erhalten. Der eminente Einflufs jedoch, den der Cultus zu allen Zeiten auf die Kunfterzeugniffe geübt hat, ift fo unleugbar als das religiöfe Bedürfnifs, das fich in den Völkern immer kund gegeben hat. Defshalb wurde, um die Bedeutung der kirchlichen Kunft zur allgemeinen Anfchauung zu bringen, in der Wiener Weltausftellung eine eigene Gruppe gefchaffen und die kirchliche Kunft felbftftändig zur Darftellung gebracht. Wenn wir in der Cultur- und Kunftgefchichte zurückblicken, fo fehen wir in den Dolmen von Saumur, von Locmariaker, in den celtifchen Monumenten von Carnac, von Stonchenge bei Salisbury mit den regelmäfsig angelegten Grundriffen die Anfänge einer erften kirchlichen Architektur. In Mexico zeigen uns der Incas- Tempel auf Titicaca, das Tempelthor bei Tiagnanaco, die Idole auf den Sandwichs- Infeln, die Opferfteine und Reliefs fchon ausgebildete Bauwerke und kunftvoll gearbeitete Bildnereien; noch mehr erkennen wir, wenn wir die egyptifchen Tempel und Grabmäler der Vorzeit durchforfchen, wie fehr die Kunft fchon in frühefter Zeit beftrebt war, ihr Höchftes zu leiften, wenn fie Cultuszwecken dienen konnte. Mächtig mufste jeden Fachmann der Bau des mexikanifchen Tempels, fowie des egyptifchen von Philae ergreifen, welche in der letzten Parifer Weltausftellung die äufseren Anlagen um den Induftriepalaft fchmückten und uns in die Zeit hohen Alterthums zurückführten, wo untergegangene Völker ein hohes Culturleben gefchaffen hatten und beftrebt waren, den idealen Zwecken durch die Kunft den höchften Ausdruck zu geben. Man kann daher dem Gedanken, die kirchliche Kunft als einheitliche Gruppe zufammenzufaffen, nur die gröfste Anerkennung zollen, und es dürfte gewifs im allgemeinen Intereffe liegen, das Specialprogramm, welches fchon am 15. Jänner 1872 feftgeftellt wurde, hier einzufchalten. Es lautet: I 2 Hans Petfchnig. " Je ausgedehnter der Kreis der Gegenftände ift, welche bei den internationalen Ausftellungen zur Anfchauung gebracht werden, je vollſtändiger fich das Bild der Leiftungsfähigkeit der einzelnen Länder durch die Vertretung aller Productionszweige geftaltet, defto erwünſchter, defto willkommener erfcheint es, wenigftens gewiffe Kategorien von Gegenftänden, welche in einem idealen Zufammenhange ftehen, auch vereint zur Darstellung zu bringen und dem Befchauer eine vergleichende Studie derfelben und die Gewinnung eines Gefammteindruckes der zufammengehörigen Objecte zu ermöglichen. „ Eine folche Vereinigung wird fich wohl am meiſten für die Ausftellung der kirchlichen Kunft empfehlen. Wenn auch die Gegenftände, welche auf dem Gebiete der Kunstgewerbe für Cultuszwecke gefchaffen werden, im weiteften Sinne des Wortes Induftrie- Erzeugniffe oder Waaren find, fo unterfcheiden fie fich doch von allen anderen wenigftens infoferne, als fie nicht den Bedürf niffen des gewöhnlichen Lebens dienen, nicht rafch abgenützt oder verbraucht und noch weniger von den Gefetzen der wechfelnden Mode beeinflusst werden. Auch erfcheint der Zweck, zu dem fie erzeugt wurden, als ein höherer und edlerer, infoferne alle Gegenftände diefer Art beftimmt find, zur Sammlung des Gemüthes beizutragen, durch ihre Gefammtwirkung einen erhebenden, feierlichen Eindruck hervorzubringen. Diefe Abficht, diefen ethifchen Zweck foll die Kirche, in deren Dienft alle Künfte des Mittelalters einen neuen Auffchwung genommen haben, die man folg. lich immerhin als die Ziehmutter der modernen Kunft bezeichnen darf, nie aus den Augen verlieren, weder bei der äufseren Ausftattung, noch bei der inneren Ausfchmückung der geweihten Stätten, für welche ein gewiffer ftattlicher Prunk, eine würdevolle Pracht ftets als paffend erkannt wurde. " Je mehr nun die Künftler und Fabrikanten im Sinne diefer gewifs berech tigten Auffaffung arbeiten, ein je ftrengerer Stil fich in Folge deffen, namentlich in den letzten Jahrzehnten in allen Zweigen der kirchlichen Kunft nachweifen läfst, ein je gründlicheres, verſtändnifsinnigeres Schaffen fich allfeitig bemerkbar macht: defto ungeftörter, genauer und felbftftändiger verdienen die für religiöfe Zwecke beftimmten Werke der Kunft und Kunstgewerbe betrachtet, geprüft und gewürdigt zu werden. Zudem führt das höchft anerkennenswerthe Streben nach der Durchführung ftrenger Stilgefetze, das fich in allen Richtungen der kirchlichen Induſtrie geltend macht, den Betrachter auf den Boden der gefchichtlichen Entwicklung der Kunft zurück, alfo ohnehin weit ab von den gefallfüchtigen, wenn auch gefälligen Luxusartikeln. ,, Diefe Erwägungen find es, die den oben angedeuteten Wunsch veranlafst haben, es möge jedes Land die Gegenftände der kirchlichen Kunft in einem abgefonderten Raume zur Ausstellung vereinigen, wobei jedoch dem oberften Grundfatze, dafs die einzelnen Länder ihre Ausftellungen einzig und allein nach ihrem eigenen Ermeffen einrichten, nicht nahe getreten werden foll. Eine Bemerkung aber müffen wir hier noch befonders hervorheben. Die in Gruppe XXIII zu vereinigenden Objecte verfolgen den Zweck, die neueſten Leiftungen der Künfte und Kunstgewerbe auf kirchlichem Gebiete zur Anfchauung zu bringen. Darum find vor Allem die Erzeuger derfelben als Ausfteller geladen; es ergeht aber auch an folche Perfonen oder Körperfchaften, welche durch hier einfchlägige, in ihrem Befitze befindliche Gegenftände die Gruppe XXIII zu bereichern geneigt find, die Bitte, folche einzufenden und bei deren Einfendung die Namen der Producenten bekanntzugeben. " „ In Bezug auf den Inhalt diefer Gruppe wird es genügen, den Text der Gruppeneintheilung" mit wenigen Strichen weiter auszuführen, um zu der Hoffnung berechtigt zu fein, dafs die Ausftellung diefer Gruppe fich als eine der anziehendften und zweckdienlichften geftalten werde. 99 a) Wenn es als wünfchenswerth bezeichnet wird, dafs bei der Kirchendecoration" befonders auf die Ausfchmückung der Wandflächen durch er. ch Ler es, en er es ng uf en en -fht n. r, es k Le S n h n r e 1 1 Kirchliche Kunft. 3 Teppiche und auf Glasfenfter Rückficht genommen werde, fo gefchieht das eben aus dem Grunde, weil in beiden Beziehungen noch viel zu leiften ift, ehe unfer Jahrhundert fich mit der Vergangenheit zu meffen vermag. Die koftbaren Paramente, jene kunftvoll gewirkten und geftickten Teppiche, mit welchen die Kirchen bei feierlichen Anläffen ausgefchmückt werden, fcheinen der Induſtrie unferer Tage faft zu ferne zu liegen und kommen den Kirchenfonds unferer Sprengel meift zu hoch zu ftehen. Wie weit find wir von jener grofsen Epoche entfernt, wo man felbft für die nach Rafael's Cartons ausgeführten Teppiche keine edlere Beftimmung wahrnahm, als zum Schmucke einer Kirchenwand beizutragen? Wenn wir nun die Einfendung folch' finnreicher Wandzierden auch kaum zu hoffen wagen, fo erwarten wir wenigftens neue Mufter der fo allgemein gebräuchlichen Fufsteppiche für kirchlichen Gebrauch. Einer anderen fehr wirkfamen Wandverkleidung hoffen wir in den Glasmofaiken zu begegnen. Auch wenn wir die altehrwürdigen Glasgemälde unferer Dome betrach ten, werden wir trotz allen Fortfchritten unferer Tage zur Befcheidenheit gemahnt. Den architektonifchen Teppichftil der älteren Zeit hat man zwar fchon hie und da mit durchgeführtem Verſtändniffe nachgeahmt; auch an geftaltenvollen, gleichfam fprechenden Glasgemälden find wir feit wenigen Jahrzehnten reicher, aber in Bezug auf den tiefen, fatten, leuchtenden Glanz der Farben, auf eine finnreiche, klare Symbolik der Compofition gibt es noch immer fo viele Schwierigkeiten zu überwinden, fo viele Oberflächlichkeiten zu befeitigen, dafs wir bei der anerkannten Regfamkeit, die gegenwärtig auf dem Gebiete der Glasmalerei waltet, den neueften Leiftungen in diefem Kunftzweige mit erhöhtem Intereffe entgegenfehen. Ungleich mehr vernachläffigt die moderne Induftrie die Erzeugung von charakteriftifchen Bodenfliefen für Kirchen. Es wären defshalb Steinmofaiken, namentlich nach geometrifchen Muftern, in Kreifen, Rauten und ähnlichen Formen, ferner gebrannte und glafirte Thonplatten mit farbig eingelegten Zeichnungen fehr willkommen. Oelgemälde und Statuen, die religiöfe Vorwürfe behandeln, gehören nur dann in diefe Gruppe, wenn fie als integrirender Theil eines Altares auftreten oder eine ausfchliefslich kirchliche Beftimmung haben, wie z. B. Stationsbilder. Im Allgemeinen follen derlei Werke in der Ausftellung der modernen Kunft erfcheinen, wofelbft auch alle vollständigen Anfichten architektonifcher Neubauten einzureihen find, während in Gruppe XXIII nur Entwürfe zu einzelnen Theilen der inneren Ausftattung aufgenommen werden. b) Die„ Gegenftände der Kircheneinrichtung" gehören hauptfächlich den verfchiedenen Zweigen der Plaftik in Holz, Stein und Metall an. Bei dem gothifchen Altar, dem finnig verfchlungenen Gitter, den Chorftühlen, oft mit ftatuarifchem Schmuck gezierten Schränken zur Aufbewahrung kirchlicher Gefäfse oder liturgifcher Gewänder bis zum hohen Lefepult und den gewöhnlichen Kirchenbänken hinab, haben Kunfttifchler, Schloffer und Broncearbeiter den Beweis zu liefern, dafs fie aus den verfchiedenen Fachorganen und Vorlagblättern, für welche die Kirchen, Kapellen und Sakrifteien uralter Capitel und Klöfter durchmuftert und ausgebeutet worden find, Nutzen gezogen haben. Neu componirte, glücklich erfundene Sculpturen und Ornamente aller Art, fei es nun an den genannten Einrichtungsftücken oder an den Prachteinbänden der Evangeliarien und Miffales werden der gröfsten Aufmerkfamkeit begegnen. Endlich follen in diefer Abtheilung auch Orgeln, Kirchenuhren und Glocken zur Ausftellung gelangen. I* 4 Hans Petfchnig. Der Altar und Kanzelfchmuck" mufs einestheils von den Webern und Stickern, anderntheils von den Goldfchmieden, Broncearbeitern etc. beigeftellt werden. Auch in diefer Beziehung hat die Vorzeit fo Vielerlei und in fo trefflicher Weife vorgearbeitet, dafs die Vertreter der Kunftgewerbe nur nach vorgenommenen fpeciellen Studien an die Erzeugung hieher gehöriger Gegenftände, wie: Altardecken, Antipendien, Handtücher, Kreuze, Kelche, Monftranzen, Steh- und Hängeleuchter, Reliquiarien u. f. w. gehen follten, um ihnen vielleicht noch einige neue, organifch entwickelte Motive zuzuführen. Denn die gemusterten Wirk- und Webftoffe nicht minder, als die fogenannten heiligen Geräthe waren es eben, in deren Mannigfaltigkeit die Phantafie, in deren ftilvoller Ausstattung das Kunftvermögen der verfchiedenen Epochen der kirchlichen Kunft einen ebenfo glänzenden, als charakteriftifchen Ausdruck gefunden. Hier gilt es auserlefen reine Formen, edlen, gediegenen Reichthum aufzu weifen. Endlich find noch d) die bei der Taufe und Leichenbeftattung in Verwendung kommenden Objecte" anzuführen, auf deren zahlreiche Vertretung ebenfalls Werth gelegt werden mufs. Vom Weihbrunn- Keffel und Taufbecken bis zu den Grabmonumenten, Grabplatten und Grablampen foll der Befchauer einen Ueberblick erhalten. Wenn wir uns nun von der Kirche felbft zu ihrem Dienfte wenden, find fchliesslich die Mefsgewänder in Betracht zu ziehen. Zur Veranfchaulichung derfelben möge das fein und gefchmackvoll durchbrochene Chorhemd neben dem reich durchwebten Brokat der anliegenden Cafula oder des faltenreichen Pluviales Platz finden und endlich auch die flatternde Kirchenfahne und der ftattliche Baldachin nicht fehlen. Es verfteht fich von felbft, dafs die Weltausftellung nicht ausfchliesslich den Gegenftänden eines fpeciellen Ritus geöffnet ift. Wir sprechen von einer kirchlichen Kunft im Allgemeinen; das Gefagte bezieht fich daher auf alle unter a), b), c), d) fich einreihenden Gegenftände, welchem Ritus fie angehören mögen." Leider aber kann der Berichterstatter nicht verfchweigen, dafs der hohe Gedanke, der fich in diefem Specialprogramme ausfpricht, nicht fo gewürdigt und aufgefasst wurde, als er hätte gewürdigt und aufgefafst werden follen. Im Ganzen mässig befchickt, theils auch zerftreut in anderen Gruppen, hatte man kein umfaffendes Bild der kirchlichen Kunft im Sinne des Programms aufge ftellt, und mühfam, erdrückt von den anderen Erzeugniffen der Induftrie, mufste man die Gegenftände diefer Gruppe zufammenfuchen. Selbft die Jury hatte eine fchwierige Aufgabe, die Arbeiten für kirchliche Kunft überall herauszufinden. Die kirchliche Architektur. Wenn wir uns zuerft den einfchlägigen Baulichkeiten zuwenden, fo fanden wir in dem Palafte des Vicekönigs von Egypten das alte Grabmal des Benihaffan, ein Felfengrab aus der 12. Dynaftie, welche in das Ende des III. Jahrtaufends vor Chriftus gefetzt wird. Intereffant war dabei der, von zwei Säulen getragene Porticus. Man fieht darin den ausgeprägten Vorläufer der griechifchen Architektur, daher man diefe Säulen als protodorifche bezeichnet. Die Cannelirung der Säulen, ihre ftramme Einziehung nach Oben, die Deck platte, das Gebälke, tragen fo fehr das Gepräge primitiver griechifcher Kunft, dafs man fich fogar leicht zur Annahme verleiten laffen könnte, hier ein griechifches Bauwerk vor fich zu fehen. Im Innern wird die in Segmentbögen behaute Decke von vier Säulen mit dem bekannten altegyptifchen Capital der gefchloffenen Lotosblume getragen. n 1. g 1. . - - t r 1 Kirchliche Kunft. 5 Die Säulen find polychromirt und die Wände durchwegs mit gemalten Darftellungen gefchmückt. Die Lotosblume wird als Symbol der materiellen Welt, die aufftrebende Lotosfäule als Sinnbild der emporringenden irdifchen Kraft aufgefafst. Die Aufftellung diefes Felfengrabes war daher fehr belehrend für den Kunftforfcher, und grofse Anerkennung verdient die egyptifche AusftellungsCommiffion, das uralte Denkmal den Befuchern der Ausftellung zugänglich gemacht zu haben. In demfelben Hofe, dem eben befchriebenen Grabmale gegenüber, lag die Mofchee, ein mohamedanifcher Bau, der zwar keine Copie eines beftehenden Bauwerkes war, fondern ein felbftftändiges Werk des viceköniglichen Hofarchitekten Herrn Schmoranz nach Studien der in Kairo gemachten Aufnahmen. Intereffant war bei näherer Befichtigung die conftructive Bauweife, der Uebergang vom Viereck ins Achteck und das Auffetzen der runden Kuppel auf zellenartig vorragende Werkftücke. Die Mofchee mit dem fchlanken Minaret, dem reichen Leiftenwerk auf dem Kuppeldach, dem färbigen Friefs in den vergitterten Fenſtern machte einen ungemein günftigen Eindruck, ebenfo wirkte der luftige, etwas überhöhte Raum im Innern wohlthuend auf den Befchauer. Im Innern war ein Umgang im gleichen Niveau mit dem Obergefchoffe angebracht, der durch weite und hohe Oeffnungen die Umfaffungsmauer der Mofchee durchbrach, und das Innere in feiner Höhe wohlthätig theilte. Die Durchführung war ftreng ftiliftifch, die Wirkung malerifch, wie überhaupt dasganze Gebäude als eine der hervorragendften Bauten im Ausftellungsrayon bezeichnet werden kann. In nördlicher Richtung zwifchen dem Oftportale des Ausftellungspalaftes und der Kunfthalle ftand der Brunnen des Achmet. Wenn diefes Bauwerk auch ftrenge genommen nicht zu den kirchlichen Gebäuden zu rechnen ift, fo läfst fich doch diefer Votivbau auf das religiöfe Gefühl der Wohlthätigkeit zurückführen, welches der Koran an vielen Stellen gegen feine Mitmenfchen zu üben lehrt. Das Bauwerk an und für fich mit feinem reichornamentirten, weit vorfpringenden Schattendache, feinem fchönen Gitterwerk, den rhythmifch angeordneten Friefsen, Alles durch gefättigte und harmonifch geftimmte Farben und Vergoldung gehoben, war ein fchönes Beiſpiel der reichen, malerifch wirkenden Architektur, welche der Orient als mohamedanifchen Bauftil in Wien zur Anficht brachte, und zeigte, wie die Kunft einen einfachen, aber humanen Gedanken in fchöne, wohlthuende Formen zu kleiden im Stande ift. Wenn wir hier ein Bauwerk bewunderten, bei dem ein glücklich begüterter Kunftfreund dem Architekten Gelegenheit geboten hat, feiner Phantafie freien Lauf zu laffen, und die Opfer nicht fcheute, es prachtvoll durchführen zu laffen, fo konnte man in der„ Krieau" ein Beiſpiel fehen, in welchem fich auch zeigte, wie mit einfachen, primitiven Mitteln ein Bau zur künftlerifchen Bedeutung emporgehoben werden kann. Es war diefs die ungarifche Holzkirche, von der ungarifchen Ausstellungscommiffion zur Aufftellung der Holzcultur Ungarns verwendet. Diefe Kirche war ebenfalls keine Copie, fondern das Refultat von Studien, die Architekt Profeffor Koch im Szathmarer Bisthum gemacht hat. Sie veranfchaulichte uns jenen Typus von Dorfkirchen, welche deutfche Coloniften in den reichen Holzgegenden Ungarns feit ihrer Anfiedlung traditionell erbaut haben. Obgleich eigenartig und bedingt durch das Materiale, haben felbe doch einen der romanifchen Architektur verwandten Charakter. Schon unter Stefan dem Heiligen, fpäter unter Emerich, Andreas II. und Bela IV., alfo im XI., XII. und XIII Jahrhundert, kamen deutfche Coloniften in das Ugocsáer, Bergher, Marmarofer Comitat und führten hier ihre Holzkirchen, ähnlich den norwegifchen Bauten, wie felbe noch heute vorkommen, auf. Charakteriftifch ift immer der Thurm mit hohem fpitzen Helm und feiner Glockenftube. 6 Hans Petfchnig. Eine Empore läuft im Innern herum und die Decke ift gewölbartig gefchalt. Kleine Kleeblatt- Fenfter mit Butzenfcheiben erhellen fpärlich den Raum. Wenn diefer Bau, wie er im Ausftellungsraume zu fehen war, vollſtändig kirchlich inftallirt worden wäre, fo hätte die Inneneinrichtung auch Gelegenheit geboten, die originellen Arbeiten, wie fie fich in ihrer traditionellen Einfachheit vererbt haben, zur Anfchauung zu bringen, und fo einen Vergleich zu geftatten, wie das künftlerifche Gefühl für ideale Zwecke auch mit befchränkten Mitteln Gutes und Schönes an verfchiedenen Orten zu leiften vermag. Ein kleiner Tempel in der externen japanefifchen Abtheilung aus Zedernholz zeigte uns dagegen wieder eine ganz eigenthümliche Stilifirung der Ausfchmückung, wobei Blattwerk, Vögel etc., Broncelöwen, welche ftark an die romanifche Stilifirung mahnen, als Aufsenfchmuck dienten. Im Induftriepalafte felbft fahen wir zwei Modelle des Tempels Naiku, wo Amaterafu Ohomirkami, die Ahnfrau des kaiferlichen Haufes, verehrt wurde, und welcher vor 2025 Jahren erbaut worden fein foll; ferner Gekwu, beſtimmt zur Anbetung von Kunirotokachino Mikoto, unferes Schöpfers, vor 1396 Jahren erbaut. Die beiden Tempel find ohne allen Schmuck aus Zedernholz hergestellt, mit einem Stroh- oder Rohrdach verfehen, und liegen in einem eingefriedeten Raume, der noch mehrere andere kleinere Bauten einfchliefst. Der erfte heifst auch der innere, der zweite der äufsere Tempel. Das hohe Alter befitzen jedoch diefe Holzbauten nur dem Principe nach, da felbe alle 21 Jahre ganz neu, jedoch vollkommen identifch mit den alten, wieder erbaut werden. Auch China brachte mehrere Modelle von Pagoden und heiligen Stätten aus Marmor angefertigt. Intereffant war die aufgeftellte Betmafchine. An einem einfachen Geftelle, welches durch zwei Querleiften verbunden ift, fteht fenkrecht eine Achfe, um diefe dreht fich ein Tambour, roth lackirt, mit ornamentirten, vergoldeten Rändern. An diefer Trommel ift das Gebet mit grofsen, in Relief gehaltenen, vergoldeten, Buchftaben in chinefifcher Schrift angebracht. So oft nun die Trommel umgedreht wird, ift das Gebet als gefprochen zu betrachten. Bei einiger Uebung kann man rafch mit der nöthigen Anzahl von Gebeten fertig werden. Es ift diefs der höchfte Ausdruck des Formalismus, der leider in den meiften Religionen das Geiftige überwuchert und fo zum Indifferentismus führen mufs. In unmittelbarer Nähe diefer den Europäern fremden Welt trat uns die claffifche Welt der alten Griechen entgegen. Abgüffe, fowohl von Götterbildern, freilich in meift verftümmeltem Zuftande, ferner Bauformen antiker Tempel, und zahlreiche höchft intereffante Photographien, unter denen jene vom Erechteon und Akropolis hervorvorragten, fchmückten die Ausstellung. Auch Photographien ſpäterer griechifch- byzantinifcher Kirchen- Bauwerke zeigten uns die Umwandlung kirchlicher Architektur auf jener Stätte durch die Einführung der chriftlichen Religion. Mit Bedauern fah der Kunftforfcher diefe Refte der höchften idealen Kunftblüthe zerbröckelt und in Staub verfunken; doch der Geift, der fo Edles und Schönes gefchaffen, er lebt fort und befruchtet noch fortwährend das Kunftbeftreben der nachlebenden Generationen. Angrenzend bot Rufsland einige Photographien ruffifcher Kirchen, in jener, man kann fagen, barbarifch- pittoresk ausgeftatteten byzantinifchen Kunft, in welche fpäter tartarifche Formen einbezogen worden find. Hervorragend und immer tonangebend für diefe Bauten ift die Kathedrale Vafili Blagenoi zu Moskau. Trotz der fpäteren Einführung des abendländifchen Stiles unter Peter dem Grofsen wurde der alte ruffifch- byzantinifche Stil für Kirchen und kirchliche Gebäude ebenfo für ihre Ausftattung beihalten und wird noch heute cultivirt, wie es das preisgekrönte Concursproject der Kathedrale von t. 419 g it it n - e 0 1 r t Kirchliche Kunft. 7 Tiflis, welches vom Architekten Huhn in der ruffifchen Abtheilung der Kunfthalle ausgeftellt war, zeigte. Es würde hier zu weit führen, über die architektonifchen Leiftungen der Jetztzeit auf dem Gebiete des Kirchenbaues in Rufsland fich eingehend auszufprechen, nur fo viel fei erwähnt, dafs die Zeichner, welche in einer ziemlichen Anzahl kirchliche Gegenftände etc. ausgeftellt hatten, Vorzügliches leifteten, und unter ihnen die Studien des Architekten Mefchmacher befonders hervorragten. Reichhaltig war die Collection von Cultusbauten, welche uns die Niederlande von Java, und England von Indien in guten Photographien brachten. Die freiftehenden Tempel, die Dagaps, die Pagodenbauten und Grottentempel der brahma'iftifchen und buddha'iftifchen Religion waren gewifs für jeden Archäologen von hohem Intereffe. Noch mehr erfichtlich wurden diefe Bauformen durch die Naturabgüffe, welche England aufgeftellt hatte. Geradezu überwuchert von Reliefs, in der phantaftifchen, barockften Form erinnerten manche Details, zumal von Friefsen, an die ſpätere romanifche Bauweife in unferen Landen. Pyramidal aufwärts ftrebend, mit ftarken, reich verzierten Abfätzen, oft mit Kuppeln gefchloffen, von Menfchenfiguren, Löwen, Elephanten, Vögeln und anderem Gethiere in Verbindung mit Pflanzenornamenten und geometrifchen Linien belebt, zeigt diefer kirchliche Bauftil eine Eigenart und einen Reichthum, der uns höchlich überrafchen mufste. Wenn wir in diefe Hallen blickten, fo ftaunten wir über den grofsen Einflufs des Cultus auf das Kunftleben und müffen ftaunen, welche Schwierigkeiten überwunden worden find zur Verherrlichung der buddha'iftifchen und brahma'iftifchen Religion. Frankreich hatte ebenfalls Zeichnungen und Sculpturen aus dem kirchlichen Gebiete gebracht. Die Direction der Arbeiten" ftellte Entwürfe und Monographien grofser Kirchen aus, unter denen fich die Dreifaltigkeitskirche von Ballu in moderner Renaiffance befonders auszeichnete, St. Ambroife, romanifch gehalten, ebenfalls von Ballu, ferner die Liebfrauenkirche am Kreuz von Herel, modern mit Zugrundlage romanifcher Bauweife, die Auguftinskirche von V. Baltard, originell im Grundrifs, vom Haupteingang fich gegen den Chor erweiternd, mit einer fchönen Kuppel gefchloffen. Die St. Bernhardskirche von Auguft Magne, ein franzöfifch- gothifcher Bau, eine Synagoge in der Siegesftrafse, romanifirend von Darcollier. Die Jofefskirche, franzöfifch- gothifch, von Ballu, welcher Architekt grofse Kirchenbauten im modernen Renaiffance- im romanifchen und gothifchen Stil aufzuführen Gelegenheit hatte, ift gleich bedeutend. Beachtenswerth ift weiter die St. Laurenziuskirche vom Architekten Bufeux, welcher dabei ins XV. Jahrhundert zurückgegriffen hat, Fifchblafen- Mafswerk in den vielgetheilten Hauptfenftern und ein zierlicher durchbrochener Dachreiter beleben das Kirchengebäude. Auch ift die Kirche St. Pierre de Montrouge von Voudremer mit dem Ciborienaltar im Querfchnitt fehr anerkennenswerth. Aufserden find fchöne Relieffkizzen aus der Klothildenkirche und Wand malereien, Farbenfkizzen zu Glasfenftern für die Dreifaltigkeitskirche von Oudinot, Skizzen für die Zwickelbilder auf Goldgrund von Barrial ausgeftellt gewefen. Ein fchön in Farben ausgeführtes Travée aus der Dreifaltigskeitskirche vom Decorationsmaler Benuelle, Plafonds- Farbenfkizzen für St. Rochus, vom Maler Roger zur Ausftellung gefchickt haben viel Beifall gefunden. Portugal hatte ein Tableau vergleichender Pläne von Dombauten, welche J. da Silva zufammengeftellt hat, gebracht. Dabei waren vor Allem die Kathedrale du Porto, de Lisbone, Alectaca Braya und Batalha bemerkenswerth; mittelalterliche Kirchen, dreifchiffig mit polygonem Chor und Kapellenanbauten. 80 Hans Petfchnig. In der amerikanifchen Abtheilung trafen wir auf Photographien von Kirchen, in welchen die englifch- gothifche Architektur beibehalten und meift in Rohbau aufgeführt ift. Ein Zeichen auch hier, wie Amerika vertraut mit dem Leben und Geifte des Mutterlandes ift, das es gründete und dann bevölkerte. Wir haben diefen engliſch- deutfchen Geift und Charakter auch in anderen Richtungen der Induftrie und Kunft wahrgenommen. Vor der Südfront des Induftriepalaftes weftlich gelegen, nahm ein gothifches Bauwerk unfere volle Aufmerkfamkeit in Anfpruch. Es war diefs der Ueberbau eines Grabmales; die Tumba durfte auf ausdrücklichen Befehl des Herrn Generaldirectors nicht aufgeftellt werden, wodurch diefer Bau dem Publicum im Allgemeinen unverftändlich geworden ift. Eine Stufenanlage bildete den Unterbau; der Aufbau felbft wurde von fechs Säulen getragen, in deffen mit fteilen Giebeln abgefchloffenem Hauptdach fich vier Giebel, die fich über die fpitzbogigen Oeffnungen erhoben, einfchnitten. Die fechs gefchliffenen Säulenfchäfte waren aus prachtvollem Rofagranit, der aus Sachfen herbeigefchafft wurde, angefertigt, Bafen und Capitäle, Figuren und Ornamente, Dach und Giebel, die Rippen des inneren Gewölbes etc. waren harter, feinkörniger Sandftein. Diefes für jeden Fachmann fehr beachtungswerthe Werk ift aus der Steinmetz- Werkstätte des Herrn Baurathes Anton Wafferburger in Wien hervor gegangen und eigens für die Weltausftellung angefertigt worden. Es gab Zeugniss von der Vorzüglichkeit der Steinmetzarbeiten auf dem Wiener Platze und zeigte eine befondere Reinheit der Arbeit fowohl in den Werkstücken, als auch in der reichen bildnerifchen Ausfchmückung. Ebenbürtig reihte fich die für die neuerbaute Fünfhaufer Kirche beftimmte, freiftehende Kanzel aus Sandſtein, welche an der Oftfeite der Rotunde aufgeftellt war, an. Originell erfunden, mit intereffantem Steinfchnitte an der freiftehenden Stiege, vorzüglich ausgeführt, fowohl in dem figuralen als ornamentalen Theile gehörte diefes Object der kirchlichen Architektur mit zu den beften, was die Ausftellung zeigte, und wird immer ein Kunftfchmuck der neuen Kirche bleiben. Der Schalldeckel, aus gefchnitztem Eichenholz, und das Stiegengitter, aus Metall vorzüglich gearbeitet, zeigten die Eigenthümlichkeit des Materiales. Der Bildhauer Schönthaler hat in diefem Werke gezeigt, welches Verftändnifs für ftiliftifche Formen mit Rückficht auf das Materiale in den Ateliers der Wiener Bildhauer zu finden ift. Man kann diefes Werk als muftergiltig für die gothifche Architektur anfehen. Eine bedeutende architektonifche Arbeit in der Rotunde war weiter der metallene Auffatz auf dem Walm eines fteilen, gothifchen Kirchendaches. Er ift von Saeger, Bildhauer in Paris, entworfen und modellirt; reich mit Ornamenten und Figuren in Blei und Kupfer getrieben und zeigte jene charakteriftifchen Formen, welche man als franzöfifche Gothik insbefondere bezeichnet. Ebenfalls in der Rotunde ftand der Aufbau einer Kanzel aus Eichenholz der Gebrüder Goyers aus Louvain in Belgien. Reich ornamentirt, mit figuralifchem Schmuck belebt, fchlank aufgebaut, von fehr wohlthuenden Verhältniffen, in ausgefuchtem Eichenholze fleifsig und flott gearbeitet, verdiente diefe Kanzel umfomehr Anerkennung, als Belgien gerade in diefer Beziehung mitunter fehr unglücklich ftilifirte Arbeiten aufzuweifen hatte, die feltfam contraſtiren mit den reichen, mittelalterlichen Bauten, welche die Städte Belgiens in grofser Anzahl fchmücken. An diefe grofsen Werke der Architektur reihten fich als Bauten noch die Altäre an. Leider waren aber diefelben im Ganzen nicht ftark vertreten. Eduard Stehlik aus Krakau hatte in der Gallerie für Glasgemälde einen fpätgothifchen Altar aus feinkörnigem Sandftein ausgeftellt. Derfelbe war von guter Kirchliche Kunft. 9 Zeichnung, fleifsig und fauber gearbeitet, fowohl in den Gefimsgliedern, als auch in der Ornamentik reich und tüchtig ausgeführt. Die drei Felder, welche mit gemalten Bildern auf Goldgrund ausgefüllt waren, dürften bei einer definitiven Verwendung durch polychromirte Reliefs erfetzt werden müffen, was dem Stile entſprechender wäre als die gemalten Darftellungen. In nächfter Nähe diefer Arbeit ftand ein ziemlich grofses Modell eines reich detaillirten Altars aus Sandftein von Neuwirth aus Meidling bei Wien. Obgleich manche Fehler in Bezug auf die Gliederung vorhanden waren, fo war die grofse Arbeit doch für einen einfachen Arbeiter ein verdienftvolles Werk, und zeugte von anerkennungswerthem Kunftftreben. Der in Gypsmarmor ausgeführte mufivifche Tabernakelaltar, welchen Ignaz Heinze aus Wien in der englifchen Kirche ausgeftellt hatte, und deffen Auffatz mit emaillirten Platten gefchmückt war, kann nicht zur Nachahmung empfohlen werden, denn die kirchliche Kunft foll im Material vor Allem echt fein. Sind die Koften für Marmor zu hoch, fo nehme man Sandftein oder Holz, felbft weiches, wenn polychromirt, ift ricntiger in der Anwendung als diefer nachgeahmte Marmor, welcher doch immer auf den erften Blick als unecht zu erkennen ift. Friedrich Pichler aus Wien ftellte dafelbft einen Renaiffance- Altar mit polychromirten Figuren aus. Hier wurde das in der Renaiffance- und Zopfperiode allgemein angewendete Mittel, Holz durch Anftrich in Marmor zu verwandeln, beibehalten. Der ganze Bau, fowie die Figuren waren aber recht mittelmäfsig und können keine weitere Würdigung für fich in Anspruch nehmen. Viel beffer und von ruhiger Wirkung war der fpätgothifche Altar von J. Munter aus Karnad in Tirol. Hier war das Holzwerk reich vergoldet und durch verftändige Polychromie gehoben. In der Rotunde war ebenfalls ein fpätgothifcher Altar von Gregor Zavadil aus Znaim aufgeftellt, welcher in ganz richtiger Polychromirung und Vergoldung eine ganz treffliche, einheitliche Wirkung machte. Ein grofser Renaiffance- Altar von Ildényi Károly aus Peft lehnte an einem Pfeiler der Rotunde. Es war geradezu jammervoll anzufehen, wie das weiche Holzwerk durch einen ganz miferabel ausgeführten Anftrich das Anfehen von Marmor und Malachit erhalten follte. Die grofsen Figuren ftrahlten ganz in Vergoldung und fchienen als Beispiel aufgeftellt worden zu fein, wie man es nicht machen foll, denn der ziemlich gute Entwurf war durch den Anftrich total um feine Wirkung gebracht worden. Auch aus München war ein wenig wirkungsvoller Renaiffance Altar von Hans Vordermayer in der Abtheilung des deutfchen Reiches aufgeftellt. Die bekannte Mayer'fche Kunftanftalt hatte fehr bedeutend ausgeftellt, und war von vornherein zu erwarten, dafs eine fo renommirte Anftalt Bedeutendes leiften werde. Grofsartig angelegt und reich durchgeführt, machte ein durch Vergoldung und Polychromie gehobener romanifcher Altar eine bedeutende Wirkung, doch war das Ganze zu hoch aufgebaut gewefen, was bei Altären romanifchen Stils nicht paffend und nicht richtig ift; der romanifche Stil will mehr die Breite als Höhe betont wiffen und unterfcheidet fich dadurch von den aufftrebenden gothifchen Altar- Bauwerken. Auf die zahlreichen anderen Arbeiten diefer Anftalt kommen wir im Verlaufe unferer Befprechung am paffenden Orte noch zurück. Muftergiltig aufgelöft dagegen war ein romanifcher Altar aus Bronce von Pouffilque Rufand aus Paris. Freilich ist hier edles Material mit reicher feiner Ornamentirung, die eben in Bronce fchön ausgeführt werden kann, verwendet; hiezu kommen noch die fchönen Emails und die gefchmackvolle Adjuftirung mit den ebenfo reich durchgeführten Leuchtern. Die feine Vergoldung und Zifelirung, Alles wirkte zufammen, 10 Hans Petfchnig. um die Wirkung des Objectes hervorzuheben und als ausgezeichnet erfcheinen zu laffen. Noch gehören zu den Aufbauten die Orgeln, aber aufser der Orgel von Steinmeyer& Comp. aus Oetting in Baiern, welche für die Brigittenauer Kirche beftimmt ift, und fich durch ein fchön entworfenes Gehäufe auszeichnet, ift von anderen Fabrikanten auf das Aeufsere wenig Sorgfalt verwendet worden. Eine mit Weifs und Gold ftaffirte Tifchlergothik, wie man fagt, fand fich am häufigften und zeigte, dafs die Orgelbauer auf die äufsere Ausftattung ihrer Werke auch heute noch, trotz der hohen Anforderung, die man heute an jede Arbeit, die höheren Zwecken dienen foll, ftellt, wenig Gewicht legen. Die kirchliche Sculptur. Von Sculpturen war die aus Tiroler Marmor gemeifselte, in der eng. lifchen Kirche aufgeftellte Statue der Madonna, die Schlange zertretend, von Chriftian Thöni aus Brixen, fehr fchön aufgefafst und edel und fein durchgeführt. Aufserdem waren von demfelben noch eine Immaculata aus Marmor und eine Madonna mit dem Kinde aus Holz ausgeftellt, beide fehr anerkennenswerthe Arbeiten. Vor dem Gypsaltare in der englifchen Kirche ftand ein geftrecktes fchwarzes Kreuz auf reich ausgeftattetem Sockel vom Stift Seitenftätten. Der Chriftus mit den vier Evangeliften aus Elfenbein, die Engel und Beigaben ebenfalls in Elfenbein ausgeführt, müffen als vorzügliche Arbeit diefer in unferer Zeit fo fehr vernachläffigten Kunft anerkannt werden. Es wäre wohl zu wünſchen, dafs diefes edle Material, welches fowohl im Mittelalter als auch in der Renaiffance eine fo bedeutende Verwendung gefunden hat, wieder zu Ehren käme. Freilich, die heutige Forderung„ nur billig", hindert die Neubelebung diefer edlen Kunft, da fowohl das Material an und für fich als auch die Arbeit in felbem niemals billig zu befchaffen ift, und folche Arbeiten nur durch tüchtige und geübte Künftler, gleichfalls fchon des koftbaren und edlen Materiales wegen, ausgeführt werden können. Mehrere polychromirte Figuren aus Holz gehörten mehr dem Handwerk als der Kunft an. Dafür ragte aus Allen muftergiltig eine grofse Madonnenftatue aus der Mayer'fchen Kunftanſtalt in der deutfchen Abtheilung( München) hervor. Die an und für fich vorzügliche Bildhauer- Arbeit war in wunderbarer Weife durch eine reiche, ftofflich gehaltene Polychromie gehoben, und gab ein fchönes, nachahmungswürdiges Mufter, wie die Form durch Farbe zu einer Gefammtwirkung geführt werden kann, ein Vorzug, welchen wir an alten Meisterwerken oft mit Neid bewundern. Ausserdem waren eine grofse Anzahl fchöner, wenn auch einfacher poly. chromirter Figuren aus Holz und aus Maffe aus diefer Anftalt ausgeftellt worden. Erwähnenswerth ift darunter der Kreuzweg, der für Kirchen mit feiner RenaiffanceUmrahmung einen fchönen Schmuck abgeben kann. Eine ziemlich grofse Engelfigur aus Zinkgufs dagegen, fehr wohlthuend in Kupferbronce ftaffirt, war beachtungswerth, namentlich für Aufsenverwendung in Kirchen und Kapellen. Eine ebenfo behandelte Engelfigur ftand auch in der franzöfifchen Abtheilung, von der„ Direction der Arbeiten" aufgeftellt. In der Gallerie für Glasgemälde fah man ein recht fchön modellirtes, in Farbe ſtaffirtes Chriftuskind aus Wachs von Julius Talrich aus Paris. Die kirchliche Glasmalerei. Wir kommen nun zu einer anderen Richtung der kirchlichen Kunft. Eine grofse Bedeutung haben nämlich in neuerer Zeit die Glasgemälde in der kirchlichen Kunft wieder erlangt. Nachdem diefe Kunft lange ganz abhanden gekommen ב ב e 1 1 1 5 Kirchliche Kunft. 11 war, wurde felbe durch das fleifsige Studium der mittelalterlichen Monumentalwerke wieder wachgerufen. Vor Allem hatte das neue Aufblühen der gothifchen Architektur diefen Schmuck, als Hauptbedingung eines kirchlichen Baues, in feiner Wirkung betont, und fo entftanden wieder nach kleinen Anfängen und mifsverftandenen Verfuchen einzelne Glasgemälde, bis fich allmälig eine Entwicklung zeigte, die Werke herftellte, welche mit den alten wetteifern konnten. Hat man in München unter dem grofsen Kunftkönig Ludwig den falfchen Weg eingefchlagen, auf einer Platte ganze Gemälde darzuftellen, und felben den Charakter von durchfichtigen Oelgemälden zu geben verfucht, fo ift man fpäter auf den richtigen Weg gelangt, das Glasgemälde mufivifch zu behandeln, in der Compofition Rückficht auf Fenfterconftruction zu nehmen und ein Glas beizufchaffen, welches durch feine Stärke den äufseren Witterungsverhältniffen widerfteht, das Tageslicht nur durchfchimmern läfst und doch intenfiv und reichhaltig in den Farbennuancen fein kann. Die Generaldirection hat diefem Zweige der Kunftinduftrie mit guter Beachtung feines modernen Charakters eine eigene Gallerie in der Krieau bauen laffen, und fo für Glasgemälde einen internationalen Sammelpunkt gefchaffen. Leider haben bedeutende Anftalten ihre Anmeldung zurückgezogen, wodurch Lücken in der Gallerie entftanden find, die ftörend auf die Gefammtausftellung wirkten. Zwei grofse Glasgemälde von mehr als 40 Fufs Höhe find nun vor Allem zu beachten. Es find diefs das für Mödling beftimmte grofse Fenfter, welches J. Neuhaufer aus Innsbruck ausgeftellt hat, und jenes von F. X. Zettler aus München, welches eigens für die Ausftellung angefertigt wurde. Das Mödlinger Fenfter wirkt durch die einheitliche Compofition von Profeffor Klein, während Zettler darauf bedacht war, das Fenfter auch im Nothfalle theilen zu können, und fo auf die einheitliche Gefammtwirkung nicht das ganze Gewicht legen konnte. Während man im Mödlinger Fenfter die ausgeprägte Manier des Profeffors Klein, der fich zumal am Rhein und in Holland die Anerkennung der dortigen Fachmänner erworben hat, fogleich erkennt, machen fich im Zettler'fchen Fenfter die Studien nach Fiefole mit den einfachen, in langen Linien abfallenden Gewandungen geltend. Farbenprächtig find beide und Zettler hat mit Verſtändnifs auch folche Gläfer zu benützen gewufst, die fchon an und für fich eine fanfte Abtönung vom lichten in den tieferen Ton haben. In alten Glasgemälden, ich erinnere an die fchönen Fenfter in Viktring aus dem vierzehnten Jahrhundert, ift die Verwendung von abgetöntem Glas an vielen Stellen erfichtlich, fo bei dem Fifch als Helmzier, der am Kopfe blafs, gegen die Schwanzfpitze tiefroth nuancirt ift. Neuhaufer hatte aufser dem Mödlinger Fenfter noch zwei kleinere fchlanke Fenfter für St. Valentin, ein ftreng romanifches für Grofsmartin in Cöln und ein Renaiffancefenfter, fchön in der Compofition und Färbung, gebracht. Meyer's Neffen aus Böhmen haben keine fachmännifche leitende Hand, daher die Glasgemälde, welche fie ausftellten, den ernften Anforderungen unferer Zeit nicht genügen konnten; auch Heilig in Wien hat nicht die richtige Manier. Die Bilder fahen zu porzellanartig aus. Das Glasgemälde aber hat in den meiſten Fällen von der Entfernung zu wirken. Geiling aus Wien hat im letzten Momente feine Anmeldung zurückgezogen, was fehr zu bedauern war. Uebrigens waren von ihm die grofsen halbkreisförmigen Fenfler am Süd- und Nordportal, welche die bedeutende Stellung des Künſtlers in der Glasmalerei genugfam zeigten. Die deutfchen Glasmaler haben kleinere Glasgemälde gebracht; die meiſten Künftler aber haben ihre erfte Anmeldung fpäter zurückgezogen, wefshalb diefe 12 Hans Petfchnig. Richtung der deutfchen Kirchenkunft nicht fo ganz gut vertreten war, als man nach den Anmeldungen hätte glauben können. Meift der fpätgothifchen Richtung angehörig, find befonders die Umrahmungen der deutfchen Bilder ftark verzopft, die Figuren find zu stark ausgefleifselt. Kellner aus Ulm hat ein altes Glasgemälde fo gut imitirt, dafs man es in der That für ein altes halten konnte. Einzelnes der deutfchen Glasmaler war übrigens ganz anerkennungswerth. H. Dobbeltaire aus Brügge hat den Stammbaum Chrifti in romanifcher Weife hergeftellt, und hier durch Retouchirung der Scheiben dem Alter nachgeholfen. Allein wenn man die Delicateffe der alten romanifchen Ornamente, wie z. B. die von N. Kreutz bei Baden kennt, fo fah man hier, dafs dem Ornamente die Zartheit und feine Detaillirung fehlt, welche die alten Kunftwerke fo fehr auszeichnet. Die Figuren waren aber gut ftilifirt, nur die Madonna mit dem Chriftuskinde ftand nicht ganz im Einklange mit den übrigen Figuren. Walravens aus Brüffel war nicht bedeutend. Obwohl Frankreich mehrere grofse Bilder erft im letzten Momente abgemeldet hatte, war es doch gut vertreten, aber zeigte weniger Einheit als Deutfchland und Oefterreich und vertrat alle möglichen und unmöglichen Richtungen. A. Luffon& Leon Lefevre aus Paris ftellten ein romanifches Fenfter aus, vorherrfchend in Blau, brillant in den Farben, emailartig wirkend, in Zeichnung, Ornament und Raumeintheilung ftreng ftiliftifch durchgeführt. Ein kirchliches Renaiffancefenfter, die Magdalena und die drei Frauen beim Grab Chrifti, war zwar äufserft brillant in der Farbenwirkung und delicat in der Ausführung, allein es überfchritt vollſtändig die Grenzen der Glasmalerei und war ein durchfichtiges Oelbild. Die Darftellungen, landfchaftliches Beiwerk und architektonische Umrahmung, waren ganz naturaliftifch aufgefafst; der Effect war es, der hier erftrebt fein wollte. In einem glücklichen Gegenfatze zu diefen Glasgemälden ſtand jenes von Attin aus Chartres. Es war eine vorzüglich gelungene Imitation eines Glas fenfters aus St. Quentin, dem XVI. Jahrhundert angehörig, und ftellte die Ent hauptung der heiligen Barbara vor, mit gleichzeitiger Darſtellung von auseinander liegenden Epifoden. Hier wurde, um das Alter täufchend nachzuahmen, auch retouchirt, eine Manier, welche die Franzofen gerne bei neuen Glasgemälden ausführen. So find die Fenfter der neu erbauten Kirche von St. Denis bei Paris durchweg alt gemacht. In Deutfchland und Oefterreich fcheut man fich vor folchen Kunftgriffen und überläfst die Patina der Zeit. Lorin hatte ein Bild im romanifirenden und eines im Renaiffanceftil gebracht. Die Gemälde waren gut, aber ftanden nicht in erfter Linie. Didron aus Paris hingegen hatte im ,, Schiff Petri" ein ganz vorzügliches Werk geliefert, nur waren die Figuren etwas zu gedrängt und zu grofs für das Format. Prächtig und charakteriftifch find die Köpfe, reich und in vorzüglicher Farbenwirkung die Gewandungen gewefen. Das Schiff ift mit„ Cié" gezeichnet und durch kleine Thürmchen decorirt. Die färbigen ornamentalen Fenfter, welche Didron ausftellte, waren von fehr brillanter und doch harmonifcher Farbenwirkung und gut ftilifirt. " Eine unmögliche oder wenigftens nicht zu billigende Richtung für Glasgemälde vertrat das grofse Senfationsbild von Charles des Granges zu Cler mont Ferrand, der letzte Curaffier" aus der Schlacht von Reichshofen, auf einem Schimmel, nahezu in Naturgröfse und fo naturaliftifch als möglich gemacht. Die fenfationelle Abficht drängte fich in diefem Vorwurfe auf den erften Blick auf; und man mufs Mühe und Arbeit bedauern, die auf eine fo verfehlte Arbeit angewendet worden find. Solche Gefchichten find fo wenig geeignet für Glasfenfter, als der Egyptograph im fchwarzen Frack mit Notizbuch und Griffel unter egyptifchen Alterthümern, welchen Befnard aus Lyon ausgeftellt hat. Ebenfo gehört das Glücksrad mit den fünf nackten Frauengeftalten der Zeichnung nach in das„ Journal amufant". h Kirchliche Kunft. 13 Nicht unerwähnt kann ich das in diefer Halle aufgeftellte heilige Grab von E. Zbytek aus Olmütz laffen. Es war diefs das Prototyp jener kirchlichen Ausftattung, welche von Mefsnern und Kirchenpröpften protegirt, von den fogenannten Kirchenftaffirern ausgeführt und von der gläubigen Landbevölkerung bewundert wird. Die glitzernden Glasftücke, von rückwärts beleuchtet, in einer dunklen Ecke der Kirche aufgeftellt, wirken myfteriös und erwecken ein gläubiges Grufeln. Leider werden folche Ausftattungen vom Clerus weit mehr als die wahre kirchliche Kunft, die dem Gefetze der Schönheit und Erhabenheit entſpricht, cultivirt. Es ift daher nicht zu verwundern, dafs Laien und Geiftliche, namentlich vom Lande, Nachfragen nach diefem Werke hielten und gewifs Beftellungen gemacht haben. Den mufivifchen Glasmalereien zunächft ftehen die Moſaiken, fowohl die antiken aus Marmor, als auch die moderneren aus Glasfchmelz. Wir können in diefer Richtung nur einen Ausfteller und feine Ausstellung allein nennen; freilich hat diefelbe einen wahrhaft internationalen Namen. Es ift diefs die Expofition von Dr. Salviati aus Venedig. Ganz Europa kennt feine Arbeiten, fchätzt fie hoch und Aufträge kommen aus aller Herren Länder nach Venedig, wo am Canal Grande feine Kunftanſtalt liegt, zu welcher Murano das Material liefert. Der Kampf, welchen Salviati führte, um diefe beinahe verfchollene Kunftinduftrie wieder ins Leben zu rufen, war fchwer und langwierig, aber fiegreich wurde er ausgefochten, frifch fteht heute diefer Kunftzweig da, voll Anerkennung von Fachmännern und der gebildeten Laienwelt Salviati greift zurück auf die älteften Vorbilder. Facsimile aus Katakomben von Torcelo zu Neapel, dem VI. Jahrhunderte angehörig, ein fchöner Fries und die Figuren von St. Nicolaus und St. Marco, aus der Santa Sofia in Conftantinopel, ein Fries aus Monreale in Palermo und aus Rom, eine Madonna aus der Capelle dei Mascoli zu St. Marco in Venedig, byzantinifche Arbeiten aus Ravenna, aber auch vorzügliche Arbeiten aus unferer Zeit bis zu den modernften, hatte Salviati in feiner intereffanten Expofition ausgeftellt. Die grofse Figur der Minerva im Veftibule der Kunfthalle nach Profeffor Laufberger's Entwurf dürfte eine der letzten Arbeiten gewefen fein, die aus diefer Kunftanftalt hervorgegangen find. Mit ruhigem und ftolzem Bewufstfein kann Salviati auf fein jahrelanges, mühevolles Streben und Ringen zurückblicken, er hat keinen Rivalen, und hätte er einen, fo würde er doch immer den erften Platz einnehmen. An anderer Stelle wird noch Salviati's hervorragendes Wirken feine Anerkennung finden, da aufser den Mofaiken auch die ganze fchöne Glasinduftrie, in welcher Venedig als Specialität einzig dafteht, in feiner Expofition in reichhaltigftem Mafse vertreten war. Die Mofaikarbeiten des Vaticans find verdienftvoll, reichen aber in monumentalem Gröfsenumfang nicht an die Salviati's. Die kirchliche Plaftik. Einen weiteren, höchft wichtigen Zweig der kirchlichen Kunft bilden die Metallarbeiten, zu welchen fowohl die aus Gold und Silber gefertigten Paramente, als auch jene aus Roh- und Gelbgufs, aus Zinn, Eifen und Blei gefertigten Arbeiten zu rechnen find. Vor Allem haben fehr beachtenswerthe Leiftungen der Wiener Kunftinduftrie, zumeift die von Jofef Chadt gefertigten Emailplatten, welche die vom Prager Dombau- Verein ausgeftellten Reliquiare zieren, die Aufmerkfamkeit auf fich gezogen. Es waren diefs die gröfsten Emailplatten auf der Weltausftellung 14 Hans Petfchnig. gewefen und von einer Reinheit in Flufs, wie felbe kaum fchöner gemacht werden können. Das Email wird in Wien erft feit dem feften Auftreten der Gothik bei kirchlichen Werken cultivirt, und Chadt war es, der nach vielen angeftrengten Verfuchen endlich das Email zu einer folchen Vollkommenheit brachte, dafs er in Mitte der grofsen Concurrenz auf der Weltausftellung unbedingt den erften Platz einnahm. Ueberhaupt waren die fechs Reliquiare, fowohl was Zeichnung als Ausführung betrifft, ganz vorzüglich und gereichen der Wiener Kunftinduftrie zur hohen Ehre. Diefen Arbeiten zunächft ftanden die vom Linzer Dombau- Vereine ausge ftellten Kirchenutenfilien aus dem Atelier der Herren Brix& Anders, ein fchönes Partikelkreuz mit den vier Evangeliften in Email translucide, Chriftus aus Elfenbein, dann Leuchter und verfchiedene andere Kirchengeräthfchaften. Brix& Anders hatten übrigens auch in der öfterreichifchen Abtheilung. felbftftändig eine bedeutende Collection ausgeftellt. Monftranzen, Kelche, Ciborien, Lampen, Leuchter, Weihrauch- Fäfschen, Kännchen, aus edlem und unedlem Metall, meift vergoldet, find nach Entwürfen der erften Wiener Architekten, welche fich der kirchlichen Richtung gewidmet haben, ausgeführt worden. Stilftrenge und Ernft zeichnete diefelben aus; auch die techniſche Arbeit, der Gufs, die Cifelirung, das Email etc. verdienen alle Anerkennung. Franz Ludwig Adler aus Wien hatte ebenfalls eine ganz gute Expofition von Paramenten gebracht, jedoch ftehen diefe Erzeugniffe weit hinter jenen von Brix und Anders. Der von den Wiener Kunftinduftriellen noch immer wenig beachtete Fundamentalfatz, dafs der gute Entwurf, d. h. die Zeichnung die Hauptfache iſt, zeigte fich leider nur zu häufig in diefer und mancher anderen Branche und drückte den Werth der Kunfterzeugniffe trotz guter technifcher Ausführung gar fehr herab. Aus den Provinzen hatten Albert Samaffa und N. Schreiner( Laibach) Kirchenutensilien gebracht. Die Arbeiten des Erfteren zeichneten fich durch gute Technik, fchöne, ftiliftifche Form aus, während die Schreiner's fowohl in deffen eigenem Intereffe, als auch in dem des guten Gefchmackes beffer weggeblieben wären. Matzenauer aus Wien hatte einige fchön gearbeitete Gefäfse für katholifchen Cultus zur Anficht gebracht. Eine Filigranmonftranze aus Silber, mit Edelſteinen befetzt, von Stefan Jeftovitz, verdiente die volle Aufmerkfamkeit, die ihr entgegen gebracht wurde, wegen der fchönen und mühevollen Arbeit, wie auch der Präcifion in der Detailausführung. Wenn man dabei noch berücksichtigt, dafs der Ausfteller felbft nur Arbeiter ift und nur in den freien Stunden an diefem Werke arbeiten konnte, fo verdient die Liebe zu feinem Metier, die Ausdauer und Selbſtverleugnung, das Opfer aller freien Stunden durch mehr als ein Jahr, um diefes aus vielen Hundert zufammengefetzten Theilen beftehende Werk zu vollenden, alle Anerkennung. Es zeigt fich dabei, dafs, wenn der Arbeiter unmittelbar Intereffe an feinen Ausführumgen hat, das Kunft- Handwerk rafch wieder fo aufblüht, wie es im Mittelalter und der Frührenaiffance der Fall war. Rufsland hat in Paftinkoff und Klebnikoff zwei fehr ftrebfame Firmen, die fpeciell in der ruffifch- byzantinifchen Kunft Vorzügliches leiften. J. Willmatte Sohn aus Lüttich hatte fonderbarer Weife feine Reliquiare in der Kunsthalle ausgeftellt. Es waren diefs vorzügliche Werke der höheren Kunftinduftrie mit ausgezeichneten Emails, reicher, fchöner Detaildurchführung. Von A. Bourdon de Bruque aus Gent ftand in der Rotunde eine vorzügliche Collection von Kelchen, Monftranzen, Reliquiaren, Partikelkreuzen etc. aus edlem Metalle, reich mit Email und Edelgeftein gefchmückt, durchwegs gothifchen Stile. im en Dei en er en ls ur e. in us g. FPS 1. h וב n r Kirchliche Kunft. 15 Weniger Beachtung wurde den aus Gelbgufs hergeftellten Leuchtern, Lampen, Altarkreuzen gefchenkt, aber auch diefe Utenfilien follen nach guten Zeichnungen ausgeführt werden, um felben einen künftlerifchen Werth bei dem weniger edlen Metalle zu geben. Aus dem deutfchen Reiche ift überhaupt verhältnifsmässig wenig in der Richtung der kirchlichen Kunft ausgeftellt gewefen. Elfter aus Berlin brachte romanifche Candelaber aus Bronce, vergoldet, mit Glaspaften und kaltem Email gefchmückt. Sie ftanden vereinzelt da. Aus München ftellte Rockenftein Leuchter, Monftranzen, Mefskännchen in dem bekannten Münchener gothifchen Stile aus; ferner R. Staeble in moderner romanifcher Richtung; Wöring eine Collection von Grablaternen und Lampen; Kurz aus Stuttgart Zinngefäfse, mittelalterlich, aber ohne befonderen künftlerifchen Werth. A. Delhus aus Strafsburg hatte Kronleuchter aus Bronce, Renkrop aus Weftphalen Gefäfse, Kunne aus Altena Silbergefäfse von ganz guter Arbeit ausgeftellt. Was Frankreich betrifft, fo hält die diefsjährige Ausftellung keinen Vergleich mit der Ausftellung vom Jahre 1867 auf heimifchem Boden und jener im Jahre 1870 in Rom, wo Frankreich in dominirender Weife vertreten war, aus. Pouffielque Rufand aus Paris hatte freilich an und für fich glänzend ausgeftellt und repräfentirte die kirchliche Richtung Frankreichs in diefer Branche in hervorragender Weife. Brillant, reichhaltig und mit befonderem Chic, fowohl im Entwurf als in der Ausführung, zeigten diefe Arbeiten eine hohe Stufe der Vollkommenheit. Kelche, Kreuze, Monftranzen, Bifchofsftäbe, Candelaber, Reliquiare, ein ganzer Altar, Tabernakel, kurz Alles, was an Metallarbeiten für die Kirche nothwendig ift, hatte diefer bedeutende Induftrielle gebracht. Auch war das Ganze fehr günftig und überfichtlich aufgeftellt. Vorwiegend waren diefelben im romanifchen Stile durchgeführt, der gothifche Stil felbft, wo er Anwendung gefunden, lehnte fich an die Frühperiode an und zeigte Verwandtfchaft mit der romanifchen Stilperiode, befonders im Detail. Nicht zu leugnen aber ift das Beftreben nach Effect und Beftechung durch pikante Details. Das Raffinement in der Anordnung und Anfertigung fpielt in der franzöfifchen Kunftinduftrie immer eine hervorragende Rolle, felbft Gegenstände, welche mit vollem Ernft empfunden werden follen und welche Stilftrenge verlangen, werden mit jener blendenden Ausftattung verfehen, wie Toilettegegenftände der Damenboudoirs. Der beftechende Gefchmack, der den Franzofen eigen ift, hilft ihnen über alle ftiliftifchen Schwierigkeiten hinweg, woher es auch kommen mag, dafs kein Stil ftrenge und confequent durchgeführt wird und jedem Stil das Gepräge des fpecififch franzöfifchen anhaftet. Denn auch die erwähnte bedeutende Collection kirchlicher Kunft war mehr brillant als ernft, mehr pikant als ftrenge, mehr auf Effect als auf ruhige Würde berechnet; beftach daher den Laien mehr als jede andere Expofition in diefer Branche, ohne aber dem Kenner vollkommen wohl gethan zu haben. Aus Spanien waren ein prachtvolles, reich ausgeftattetes Vortragekreuz in reicher gothifcher Metallarchitektur mit Nifchen, Baldachinen und figurenreicher Ornamentik und Gefimsgliederung, dann zwei grofse Leuchter, moderngothifch, ein emaillirtes Broncekreuz, maffig gehalten, von Francesco de P. Ifaura aus Barcelona zur Ausstellung gebracht worden und bewiefen, dafs eine einmal in einem Lande feftgewurzelte Kunft auch durch Krieg und Revolution nur schwer auszurotten ift. England, welches doch in kirchlicher Ausftattung Vorzügliches leiftet und den eigenthümlich ausgeprägten gothifchen Nationalftil fefthält, hat fich mit Ausnahme von Fliefen, die für Kirchenpflafter verwendbar find, und einigen Bronce 16 Hans Petfchnig. leuchtern und Pultträgern gar nicht an der Ausftellung kirchlicher Kunftarbeiten betheiligt. Die Kirchenftoffe. Schliefslich bilden die kirchlichen Stoffe und Stickereien eine hervorragende Branche der kirchlichen Kunft. In erfter Linie fteht heute fchon Oefterreich und gebührt feit Jahren der Giani'fchen Kunftanftalt in Wien vor Allen das Verdienft, diefe gewerb liche Richtung wieder zu Ehren gebracht zu haben. Giani, einer der wenigen Induſtriellen Oefterreichs, welche ihr Fach nicht nur als gewinnbringendes Gefchäft betreiben, fondern auch Intereffe, Ver ftändnifs und Liebe für dasfelbe haben, wurde oft prämiirt und hat aller Orten, befonders im Auslande, Anerkennung gefunden. Vor Allem war er beftrebt, die verrotteten Arbeiten, die leider als letzte Ableger der Zopf- und Rococcoperiode die Branche lange beherrfchten und in naturaliftifchen Blumenmuftern ihre einzige Aufgabe fanden, zu befeitigen. Giani's erftes Auftreten fiel in jene Periode, wo der bekannte Canonicus Dr. Pock die reichhaltigen mittelalterlichen Originalmufter bekannt machte, und die kirchliche Kunft, durch das Studium der Archäologie geläutert und durch das Eingreifen talentvoller Fachmänner durchgebildet, in allen Zweigen ftiliftifch reformirt wurde. Merkwürdiger Weife nahm der Clerus, zumeift der öfterreichiſche, an diefer Umftaltung wenig Antheil, fondern blieb bei den zopfigen Formen und den grofsgeblumten Muftern, und bei den in Oel gemalten ftatt geftickten Heiligen. figuren, lehnte vor Allem die Einführung der alten faltigen Schnitte ab, und behielt mit Zähigkeit die hohen, zugefpitzten Infeln, womöglich ganz aus Goldſtoff und dergl. mehr. Unter folchen Verhältniffen und von den Hauptfactoren nicht unterſtützt, gehörte eine grofse Selbſtverleugnung dazu, um trotzdem das als beffer Erkannte durchzuführen. Theilweife wenigftens ift es auch gelungen, einzelne geiftliche Herren zu gewinnen, allein die grofse Menge bleibt noch immer bei der verzopf ten, ausgearteten Richtung, wodurch es erklärlich wird, dafs neben eminent Gutem auch aufserordentlich Schlechtes geleiftet wird. Die Ausftellung gab ein treues Bild diefes Zuſtandes. Noch fchwieriger war es, der Kunftftickerei Eingang in den kirchlichen Bedarf zu verfchaffen. Diefe edle Kunft, die im Mittelalter von hohen Frauen geübt wurde und von der die burgundifchen Gewänder in der kaiferlichen Schatzkammer in Wien ein fo bewunderungswürdiges Zeugnifs geben und im vollen Mafse als Nadelmalerei bezeichnet werden können, diefe edle Kunft war ganz verfchollen oder wurde ohne alles Verſtändnifs in einer traurigen neuen Geftalt gehandhabt. Porträte in Kreppftickerei, Landfchaften mit Trauerweiden und Schwänen oder gedankenlofe Straminarbeit, mit naturaliftifchen Tigern und Löwen, waren allgemein beliebt und felbft kirchliche Gewänder wurden mit grofsen, grellfärbigen, naturaliftifchen Blumen von hohen Spenderinen auf Stramin ausgeführt. Neben den Seidenftoffen nahm fich diefe Stickwoll- Arbeit höchft fonderbar und banal aus, und nur ein verdorbener Gefchmack konnte eine folche Combination für gut finden. Freilich, die Flachftickerei erfordert Uebung, Gefchicklichkeit und gewifs auch Talent, denn nur dann kann eine Farbenfkizze fo ausgeführt werden, dafs diefelbe nach ihrer Wirkung den Entwurf weit übertrifft; die Flachftickerei ift eben darum auch eine Kunft und keine mechanifche Arbeit. Den Induftriellen, zumal Giani, der die Stickerei mit der Stoffweberei als Ganzes verband, erwuchs übrigens in den letzten Jahren, als man diefs Alles begreifen lernte und in die Induftrie einzuführen begann, ein gefährlicher iten Kirchliche Kunft. 17 eine der erb ach eren, zte in mi's lie he en irt an en n. nd off zt, te me f. m es d ב Concurrent in den frommen Schweftern zum Kinde Jefu in Döbling, welche vom Rhein her Stickereien und geübte Stickerinen acquirirt hatten. Während die Induftriellen Steuern zuzahlen haben, ihnen auch bedeutende Regieauslagen für Arbeitsfäle und Arbeitskräfte erwachfen, fallen für die frommen, vom Erzbifchof befonders protegirten Schweftern diefe grofsen Auslagen weg und ihre Concurrenzift leicht erklärlich und um fo bedeutender, als die hohe kirchliche Protection ihnen fichere und gut honorirte Arbeiten zuführt. Diefe die fleifsige Induſtrie fo bedrückenden, künftlich grofsgezogenen gewerblichen Werkstätten, welche aufserhalb der Staatsgefetze ftehen, welche ganz mit Unrecht und ohne volkswirthschaftlichen Werth Vermögen anfammeln, gegen Recht und Gefetz und auf Koften fchon beftimmter bürgerlicher Induſtrien Gewerbe und Handel treiben, müffen früher oder fpäter entweder in die ftaatliche Ordnung einbezogen oder durchgreifend reformirt werden. Wenn trotzdem Giani heute eine grofse Anzahl Stickerinen befchäftigt, fo ift das ein Beweis feines unermüdlichen Strebens, und zeigt, dafs im Publicum diefer lang verfchollene Kunftzweig wieder gefchätzt und anerkannt wird. Neben der immerhin koftfpieligen Stickweife wurde fpäter auch die Application eingeführt, nämlich jene Darftellung, wo Gemälde etc. aus wirklichen Stoffen nach der Zeichnung ausgefchnitten, dann aufgenäht und die entſprechende Schattirung darauf geftickt wird. Es laffen fich in diefer bei Weitem billigeren Darftellungsweife ſchöne Wirkungen erzielen, wie mehrere Beiſpiele, die Giani in der englifchen Kirche aufgeftellt hatte, bewiefen, und die gewifs in jeder Beziehung jenen in Oel gemalten Heiligenfiguren, die noch heute häufig verwendet werden, vorzuziehen find. Man durfte ja nur, um diefs klar zu erkennen, die Arbeiten Giani's z. B. mit jenen Oberbauer's, wie fie in den ungarifchen Gallerien ausgeftellt waren, vergleichen. Carl Giani hatte fowohl in der englifchen Kirche, als auch in feiner Expofition bei den Seidenftoffen in der öfterreichifchen Abtheilung Originalmufter in romanifcher und gothifcher Weife reichhaltig ausgeftellt, aufserdem fchön geftickte kirchliche Gewänder, Infeln in alter Form und edler Zeichnung, von denen befonders jene für den Abt Bubic beachtenswerth war, Traghimmel und Fahnen mit vorzüglich ausgeführten Figuren in Application, ein Tauftuch für proteftantifche Confeffion, von origineller Zeichnung, ftreng ftiliftifch im Ornament und harmonifch in der Farbenwirkung, auch einen Vorhang für ifraelitifche Cultuszwecke mit romanifchen Anklängen. Hermann Uffenheimer aus Innsbruck reiht fich, was Stickerei betrifft, anerkennenswerth dem Streben Giani's an, und ftellte in der englifchen Kirche eine prachtvolle Collection von Kirchenornaten aus, reich geftickt, theils mittelalterlich, theils einer modernen Richtung angehörig mit Anklägen an die mittelalterliche Stilweife. Auch waren bemerkenswerth die vorzüglichen Tambourirungen von Weifszeug. Der Linzer Dombau-Verein ftellte einen geftickten Ornat mit Chriftus und Maria im reichen Weinlaub- Ornament von derfelben Firma aus. Albert Kaftner aus Wien brachte für das Stift Admont ein Pluvial aus dem XVII. Jahrhundert, neu inftallirt, jedoch ohne richtiges Verſtändnifs für ältere Stilweife, dann eine Cafula, reich in Relief- Goldftickerei, für den Fürft Primas von Ungarn, einen modernen Ornat in Silberftoff mit reicher Goldftickerei, wobei nur zu bedauern ift, dafs fo viel Arbeit und edles Materiale auf fo unverantwortliche Art mifsbraucht wurde. Ferner fanden fich dafelbft recht hübfche Weifsftickereien von Therefia Lemik aus Wien und Elife Wurft aus Inzersdorf ausgeftellt, jedoch fehlte das ftiliftifche Element in der Zeichnung. 2 18 Hans Petfchnig. Krickl& Schweiger mit Arbeiten vom Olmützer Domcapitel folgen der Richtung, welche eingangs als verwerflich bezeichnet wurde, und bedauerlich ift der Mangel an Verftändnifs für kirchliche Kunft, welche das Olmützer Domcapitel durch diefe Anfchaffung dargethan hat. Oberbauer aus Peft hatte nicht nur allein weniger als mittelmäfsig, fondern auch überdiefs meift Paramente ausgeftellt, welche ihre Geburtsftätte aufserhalb Oefterreich- Ungarns haben. Das zunächft gelegene Rufsland hatte von Schadrine Stickereien und von Sapoinik off kirchliche Stoffe gebracht. Das deutfche Reich hatte fich nicht fo lebhaft betheiligt, als es wenigftens von Süd- Deutfchland zu vermuthen war. Die fächfifche Regierung ftellte einen geftickten Baldachin, Stühle und Kniedecken, nach dem Entwurf des Malers Andree, aus, welche Giani in gewohnter vorzüglicher Weife ausgeführt hat. Aus Crefeld fandte die renommirte Firma Cafaretto gewebte Seidenftoffe im romanifchen und gothifchen Stile; leider hat diefe Firma in diefer Richtung nicht Alles gezeigt, was fie zu leiften vermag, und fo fchlecht exponirt, dafs man gar keinen Einblick in ihre Leiftungsfähigkeit gewann. Gendeiren und Ebner aus München brachten gut ftilifirte Webereien und Stickereien. Eigenthümlich waren die zu kirchlich- decorativen Zwecken fehr verwendbaren gedruckten Wollftoffe mit Goldmuftern. Aus Stuttgart war ein fchön gefticktes Pluvial der Gefchwifter Horn zu fehen. Gefchwifter Jörres aus München hatten ſchön geftickte Fahnen und tam bourirtes Weifszeug von vorzüglicher Arbeit ausgeftellt, wobei nur die Zeich nung Manches zu wünfchen übrig liefs. Ofiander von Ravensberg aus Württemberg hatte gut ftilifirte Tambourirungen auf Weifswäfche, eine wahre Specialität in diefer Branche, zur Ausftellung gebracht. Aus Leipzig war nur von Hietel„ der Baum des Lebens" auf einen Vorhang für ifraelitifche Cultuszwecke fchön gearbeitet. Schliefslich wäre ein dicker Kirchenteppich von Jofef Dierzer aus Wien noch zu erwähnen, welcher die Altarftufen in der englifchen Kirche deckte, der zwar, was Qualität und Technik betrifft, fehr anerkennenswerth, aber roh in der Erfindung und im Detailornament war und dadurch an Werth fehr verlor. In Teppichmanier gearbeitete Heiligenfiguren hatte Thomas Tafsling & Comp. aus London ausgeftellt. Aus Mailand waren von Fil. Giuffani kirchliche Stoffe mit Stickereien in naturaliftifcher, fchlecht ftilifirter Weife und fehr mittelmäfsiger Technik in der italienifchen Abtheilung ausgeftellt. Die übrigen Länder hatten fich in diefer Branche nicht betheiligt. Unbe greiflich, dafs Frankreich in diefer Richtung fo zurückhaltend war, denn wer die kirchliche Ausftellung 1870 in Rom gefehen hat, konnte fich von dem reichen Wirken Frankreichs in allen Zweigen der kirchlichen Kunft leicht überzeugen. Die Arbeiten Kreichganer's in Paris nahmen zum Glück einen hervorragenden, ja fogar den erften Platz in der ganzen Ausftellung, was kirchliche Stickerei betrifft, ein. Ihre Technik ift immer bewundernswerth. Henry in Lyon hatte nicht das Befte gefchickt, was er zu leiften vermag. Vor Allem hat Oefterreich, freilich auf eigenem Boden ftehend, diefsmal die kirchliche Richtung vorzüglich vertreten, und das Streben nach Reinheit der Gefchmacksrichtung zeigte fich allenthalben auf allen Gebieten der kirchlichen Kunft trotz der ungünftigen Verhältniffe und trotzdem, dafs zwei hervorragende Factoren, Clerus und Adel, fich nur ausnahmsweife zur Förderung des Guten und Schönen in Oefterreich herbeigelaffen haben. Vorwiegend herrfcht in Oefterreich heute die mittelalterliche Stilrichtung, romanifch und gothifch, vor, indefs dürfte die Zukunft der Renaiffance auch auf Kirchliche Kunft. 19 kirchlichem Gebiete gehören, denn es iſt nicht anzunehmen, dafs die ftarke Strömung, welche die Architektur in diefer Richtung genommen hat, fich nicht auch auf die kirchlichen Gebäude und die kirchliche Kunftinduftrie erftrecken follte. Verfolgt die Architektur diefe neue Bahn, fo folgt ihr das Kunstgewerbe ficher bald nach, da die ftiliftifche Durchführung des Mobiliars und der Geräthfchaften bis auf die Stoffe etc. zur Ausfchmückung immer vom Architekten ausgehen und von ihm geleitet werden. Leichter wird es übrigens gewifs fein, das Kunft- Handwerk und die Kunftinduftrie in die uns näher ftehende Renaiffance zu leiten, als es war, diefelbe aus der verzopften Rococcotradition in die ftrenge Stiliftik des Mittelalters herüber zu führen. Nur zögernd und fogar widerwillig folgte das Kunft- Handwerk den Anforderungen der Architektur auf ein ihm ganz fremdes Gebiet, und diefes fchwer und langfam erlangte Verſtändnifs dürfte, wie gefagt, wenn die Strömung der modernen Renaiffance anhält, was nach Allem zu vermuthen ift, bald einer neuen Richtung weichen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. 0. ö. PROFESSOR IN PRAG. OBJECTE DER KUNST UND GEWERBE FRÜHERER ZEITEN. ( EXPOSITION DES AMATEURS.) ( Gruppe XXIV.) Bericht von DR. CARL LIND, Minifterial- Vicefecretär im k. k. Handelsminifterium. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. OBJECTE DER KUNST UND GEWERBE FRÜHERER ZEITEN. ( EXPOSITION DES AMATEURS.) ( Gruppe XXIV.) Bericht von DR CARL LIND, Minifterial- Vicefecretär im k. k. Handelsminifterium. Allgemeines. Auf der Pariter Weltausftellung im Jahre 1867 war der erfte grofse Verfuch gemacht worden, der Ausftellung von Producten der Neuzeit eine Ausftellung von kunft- und culturhiftorifchen Denkmalen unter dem Namen hiftoire du travail als organifches Glied einzufügen. Diefer erfte Verfuch war keineswegs mifsglückt, wenn fich auch fo Manches gegen diefes Unternehmen einwenden liefs und das Ganze vor Allem fchon wegen des angenommenen Titels, vielfach auffallende Lücken zeigte und nur im Einzelnen befriedigte. Doch wurden auf diefem Wege viele Gegenftände, fowohl des öffentlichen, wie Privatbefitzes zur allgemeinen Kenntnifs gebracht und Gegenftände, die man früher gar nicht kannte oder höchftens oberflächlich und nur ungenau, da man zu denfelben nur auf vielen Umwegen und erft nach Befeitigung fo mancher Hinderniffe gelangen konnte, Gegenftände von hohem künftlerifchem Werthe und hiftorifcher Bedeutung wurden damit durch die Möglichkeit ihrer Befichtigung, durch ihre wiederholten und vielfeitigen Befprechungen wie auch durch deren bildliche Reproduction Gemeingut. Durch die Vereinigung zahlreicher derartiger Gegenftände, feien es Fundftücke aus der vorgefchichtlichen Vergangenheit oder Denkmale jeglicher Art der claffifchen Zeit, feien es Schätze der mittelalterlichen Kunft und der Renaiffance oder felbft nur Curiosa, die fich im Privatbefitze befinden, durch die Vereinigung diefes maffenhaften Materiales wurde den Forfchern und Männern der Wiffenfchaft eine höchft 190 2 Dr. Carl Lind. belehrende Ueberfchau möglich gemacht; fie erhielten neue Gefichtspunkte für ihre Studien und manche Bereicherung ihres Wiffens datirt von diefer Zeit. Auch das grofse Publicum wurde dadurch veranlafst, diefen Gegenftänden eine gröfsere Aufmerkfamkeit zuzuwenden, die Denkmale der früheren Kunft und des gewerblichen Schaffens mit einander und mit den einfchlägigen Producten der Neuzeit zu vergleichen und gar mancher Schlufs refultirte dabei zu Gunften diefer Ausftellung. Nicht minder wohlthätig wirkte diefe Ausftellung auf die moderne Kunftinduftrie und Kunfttechnik; es wurden bisher unbeachtet gebliebene Formen und Verzierungen vorgewiefen, denen fich unfere Zeit nicht länger verfchliefsen durfte, es wurden Erzeugungsweifen gezeigt, deren Wiedereinführung und Anwendung heute vom wohlthätigften Einfluffe ift. Von diefen gewifs günftigen Ergebniffen der Parifer Ausftellung aufgemuntert und in richtiger Würdigung des Grundfatzes, dafs das durch die Weltausftellung gelieferte culturgefchichtliche Bild unvollkommen wäre, wenn damit nicht eine Ausftellung der Werke der Vergangenheit verbunden würde, befchlofs die Generaldirection mit der Wiener Weltausftellung auch eine archäologische Ausftellung in Verbindung zu bringen, um den Befuchern der Ausftellung Gelegenheit zu geben, fich von dem Fortfchritte der Leiftungen der Gegenwart gegenüber denen der letzten Decennien bis zurück zu den abgelaufenen Jahrtaufenden überzeugen und darüber aus eigener Anfchauung urtheilen zu können. Doch follte die Wiener antiquarifche Ausftellung im Vergleiche mit jener zu Paris einen anderen Charakter dadurch erhalten, dafs in ihr die Sammlungen der Liebhaber, und zwar möglichft in ihrer Gänze zur Anfchauung gebracht werden follten. Damit war diefe Ausstellung gleichfalls fchon durch ihren Namen von dem Vorwurfe unvollftändig und unzufammenhängend zu fein von vorn herein befreit, ohne dafs doch der gute und nützliche Zweck folcher Ausftellungen gefährdet wäre. Wenn man aber Gelegenheit hatte, eine gröfsere Anzahl von Privatfammlungen kennen zu lernen, fo dringt fich unwillkürlich auch der Gedanke noch auf, dafs in diefer antiquarifchen Abtheilung der Wiener Weltausftellung noch ein Vortheil verborgen liegt, der unzweifelhaft feinen wohlthätigen Einflufs bald erkennen laffen wird. Und diefer Vortheil wird die Läuterung des Gefchmackes der Sammler, des Kunftfinnes der Amateurs in Bezug auf den Zweck ihrer Sammlung und auf die Wahl der Gegenstände fein; denn dafs ein folcher Einflufs, wenige Sammlungen vielleicht ausgenommen, nothwendig ift, wird kaum Jemand, der mit den faktiſchen Verhältniffen vertraut ift, leugnen. Schon im Januar 1872 erfchien für die eingangs bezeichnete Abtheilung der Ausstellung das betreffende Specialprogramm und wurde ein gröfseres Comité mit der Durchführung der ganzen Angelegenheit betraut. Allein im März diefes Jahres 1873 löfte fich dasfelbe auf. Die Generaldirection wollte jedoch den Gedanken, diefe Ausftellung durchzuführen, nicht aufgeben. Nachdem von faft allen in- und ausländifchen Landescommiffionen die Einleitungen für diefelbe getroffen waren, nahm die Generaldirection die Fortführung der Angelegenheit zuerft felbft in die Hände, dann beftellte fie hiefür ein Specialcomité. Die weitere Action überliefs fie diefem, den Vertretern der einzelnen Staaten des Auslandes und der verfchiedenen Provinzen des Inlandes. Die leidigen Folgen der Refignation des grofsen Comités aber blieben leider nicht aus. Wenn auch die Generaldirection im Intereffe diefer Ausftellung grofse Rührigkeit entwickelte, fo hatte einerfeits die fehr fpät erfolgte Uebertragung der Functionen an andere Perfonen einen grofsen Zeitverluft zur Folge, anderfeits trat bei den Vertretern der einzelnen Ländern bald eine fehr weit gehende Meinungsdifferenz über die Bedeutung diefer Ausftellung ein, die fich am deutlichften in der höchft ungleichen Anzahl der zur Ausftellung von den ver fchiedenen Staaten gebrachten Gegenftände, und darin zeigte, dafs manche Staaten die Befchickung diefes Theils der Ausftellung ganz aufgaben, oder erft nachträg lich fich zu einer meiftens fchwachen Theilnahme entfchloffen. ir h e t 1 t : Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 3 An der Ausstellung, welche fo lange Zeit gefährdet war und endlich, ungeachtet fie gefichert war, mit noch vielen Hinderniffen zu kämpfen hatte, betheiligten fich fchliefslich Oefterreich, Ungarn, Spanien, die Schweiz, Italien, Schweden, Dänemark, Rufsland, Griechenland, die Türkei, Rumänien, Marokko und Perfien. Die ausgeftellten Gegenftände wurden nur von einigen Staaten, als eigentliche archäologifche Expofition, von den übrigen Gegenftänden räumlich getrennt, gruppirt; bei den anderen der genannten Staaten und diefs find gerade jene, die an der Zahl wenig Objecte boten, wurden fie mit den Induſtrie- und Kunfterzeugniffen vermengt aufgeftellt. Die Ungleichheit der Betheiligung motivirt, dafs in diefem Referate nur länderweife vorgegangen wird. Oefterreich. Sowie durch den Rücktritt des bei der Generaldirection früher beftandenen grofsen Comités die Thätigkeit für die Ausftellung von Kunftobjecten und Producten der Gewerbe früherer Zeiten im Allgemeinen erlahmte, ebenfo und noch weit fühlbarer war die üble Nachwirkung für diefe Ausftellung hinfichtlich des cisleithanifchen Oefterreich. Nachdem die mit verfchiedenen Perfonen eingeleiteten Verhandlungen behufs der Uebernahme der Durchführung diefer Ausstellung nicht zum gewünſchten Ziele führten, wurden am 7. April 1873 die Herren Dr. Eduard Freiherr von Sacken, Dr. Carl Lind und A. Ritter v. Camefina mit diefer Aufgabe betraut. Nach kurzer Verhandlung war die Sache geordnet und conftituirte fich das durch Beiziehung des Herrn P. E. O bermayer als Chef des Bureaus verftärkte Comité für Cisleithanien, und zugleich auch als Inftallations comité für die XXIV. Gruppe. War fchon Vieles bisher durch den Zeitverluft verfäumt worden, fo zeigte fich bei Durchficht der Anmeldungen, dafs, wenn nur die angemeldeten Gegenftände eingefendet würden, damit, abgefehen davon, dafs bei nur halbwegs ftrenger Prüfung das Meifte zurückgewiefen werden mufste, eine Ausstellung von nur einiger Bedeutung geradezu unmöglich fein würde. Von vielen Seiten waren ftatt Kunftgegenftänden nur Curiofitäten minderer Bedeutung angemeldet worden. Auch fehlten unter den Anmeldungen die meiſten Namen der vielen, durch ihre Kunftfammlungen ausgezeichneten inländifchen Stifte und Klöfter, deren Schätze, wenn man eben eine mittelalterliche Kunftausftellung machen will, unentbehrlich find; defsgleichen ergab fich nur eine ganz geringe Betheiligung von Seite der verfchiedenen Landesmufeen, und doch erfchienen diefe, bei dem Umftande, als auf eine Theilnahme der kaiferlichen Sammlungen an diefer Ausftellung, wie natürlich, nicht gerechnet werden konnte, und die Zahl der bedeutenden Privatfammlungen fehr klein ift, nicht minder unentbehrlich, um auch von den profanen Kunftgegenständen der Vergangenheit, insbefondere aus der Zeit der Renaiffance eine würdige Ausstellung zufammenzubringen. Auch darf nicht unerwähnt bleiben, dafs das k. k. Mufeum für Kunft und Induftrie in Folge feiner ftatutenmässigen Berechtigung zur felben Zeit einen nicht unbedeutenden Theil von mittelalterlichen Kunftgegenftänden des Privatbefitzes in feinen eigenen Räumen zur Ausstellung brachte. Nun galt es, das Verfäumte nachzuholen, die Lücken der Anmeldungen auszufüllen, und die erlahmte Thätigkeit der Landescommiffionen wieder aufzufrifchen, was nur durch den directen Verkehr mit den Befitzern von Sammlungen und durch eine lebhafte und ausgebreitete Correfpondenz erreicht werden konnte. In dem urfprünglichen Programme mufsten in Berücksichtigung der geänderten Verhältniffe und der zur Durchführung der Angelegenheit disponiblen, fehr befchränkten Zeit einige Aenderungen gemacht werden; auch machte das erft kurz vorher fertig gewordene Ausftellungsgebäude den Entfall von Bildern wünſchenswerth, aus demfelben Grunde empfahl fich der Entfall von Schrift- und Druckdenkmalen jeder Art. 4 Dr. Carl Lind. Diefe Umftände, und überdiefs der ungenügende Raum von zwei, wenn auch grofsen Sälen, geftatteten leider auch nicht, der Aufftellung ein beftimmtes und ausfchliefsliches Princip zu Grunde zu legen. Doch durfte dem von vielen Seiten ausgefprochenen, provinzial- patriotifchen, vielleicht etwas engherzigen Wunfche, die Gegenftände nach Ländern aufzuftellen, als für das Comité vor Allem mafsgebend, weil einem nur äufserlichen Grunde, wegen des dadurch bedungenen Ausfchluffes jedes inneren, wiffenfchaftlichen Zuſammenhanges und der dadurch zu erwartenden aufserordentlichen Schwierigkeiten der Aufftellung, auch nicht völlig entſprochen werden. Das Comité fuchte vorerft, wo möglich gleichartige und gleichzeitige Gegenftände in Gruppen zu ver einigen, und erft in zweiter Linie jenem Wunfche Rechnung zu tragen. Dadurch wurde es möglich, in dem einen Saale in einem Kaften römifche und keltifche Gegenftände, in einem Schreine vornehmlich Gegenftände romanifcher Kunft, in einem anderen folche des gothifchen Stiles, in einem dritten der Renaiffance aufzuftellen, meiftens durch Ausfteller aus Nieder- und Oberösterreich, Salzburg, Kärnten, Krain, Tirol und Steiermark eingefendet, u. f. w., in dem anderen Saale konnte man Gegenstände aus Mähren, Böhmen, Galizien und der Bukowina aufftellen. Gegen Ende April konnte man bereits das Ergebnifs der Bemühungen des Comités überblicken und erkennen, dafs das Zuftandekommen der Ausftellung mittelalterlicher gewerblicher und Kunft- Producte gefichert fei. Freilich wohl fanden nicht nur die Schreiben und mündlichen Erfuchen faft allerorts günftige Aufnahme, fondern es gefellten fich in einigen Ländern diefem Unternehmen Männer zu, durch deren Unterſtützung dasfelbe wefentlich gefördert wurde, fo für Oberösterreich der penfionirte k. k. Rittmeifter Winkler, für die Steiermark Graf Heinrich Attems, insbefondere Dr. Beda Dudik für Mähren und der Secretär des Prager Kunftvereines, Czermak für Böhmen, welche beide letztgenannte Herren diefe Angelegenheit für die benannten Länder faft ausfchliefs. lich durchführten. Die Einfendungen begannen gegen Ende April und fchon am 3. Juni konnte die Ausftellung eröffnet werden, die, wenn auch nicht mehr im Sinne des erften Programmes eine Expofition des amateurs, fo doch eine der intereffanteften Ausftellungen älterer Kunft- und gewerblicher Producte bildete. Leider betheiligten fich an diefer Ausftellung nicht alle Provinzen mit gleich reger Theilnahme. Nur etliche Provincial- Mufeen, wenige Domcapitel, dafür aber zahlreiche Klofter- Schatzkammern und etliche Kunftfreunde haben ihre Koftbarkeiten bereitwillig eingefendet. Es bot fich dadurch eine Gele genheit, die kaum fo bald wieder kommen dürfte, an einem Punkte das vereinigt zu fehen, was fich fonft an den verfchiedenften Orten des Kaiferftaates zerftreut findet und mitunter nicht fehr leicht zugänglich ift. Die Sammlungen des cisleithanifchen Oefterreich waren in zwei getrenn ten Sälen des füdlichen Amateurpavillons aufgeftellt. Bei der Befprechung der Gegenstände wollen wir weder der räumlichen Anordnung noch der Reihenfolge des Kataloges folgen, fondern, um wo möglich dem Entwicklungsgange der Kleinkünfte zu entfprechen, die chronologifche Reihenfolge acceptiren. Denkmale der vorhiftorifchen und claffifchen Zeit. Die vorhiftorifche Zeit repräfentirten mehrere vom Joanneum zu Graz zur Ausstellung gebrachte Gegenftände. Wir fanden darunter einen fehr beachtenswerthen Repräfentanten einer, wenn auch höchft primitiven und erft im Beginne fich befindenden Kunftthätigkeit der Bewohner der Steiermark während der fogenannten Broncezeit; es ift diefs der bei Strettweg nächft Judenburg im Jahre 1851 gefundene Opferwagen, eigentlich das in Bronce ausgeführte circa I Fufs grofse Modell eines mit je einem Hirfchen vorne und rückwärts befpannten n ב es en m5mmth en té ch es f. کہ نہ تھے سب کا r. e n 1- 1, ce 2 es S g اد e n r k i S י t t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 5 vierrädrigen Wagens von zahlreichen Priefter- und Kriegerfigürchen umgeben; je zwei Männer halten jeden der beiden Hirſche bei dem Geweihe, dahinter je zwei Figuren, davon die männliche eine Axt fchwingt, endlich an jeder der vier Ecken der Gruppe je ein Reiter mit fpitzer Kopfbedeckung, Speer und Schild. In der Mitte des Wagens fteht eine in gröfseren Proportionen ausgeführte, nackte weibliche Figur mit einem breiten Gürtel um den Leib, die nach Analogie mit einem in Mecklenburg gefundenen ähnlichen Wagen, auf dem Kopfe ein Gefäfs trug, das wahrscheinlich das Opferwaffer enthielt. Die Figuren, obwohl fchlank, erfcheinen doch in Form und Bildung barbarifch roh. Gleich primitiven Charakter haben die weiteren hieher gehörigen, dem Joanneum entnommenen Objecte, fämmtlich Fundgegenftände aus einem Grabhügel bei Klein- Glein im Saggauthale der Steiermark. Es find durchgehends getriebene Arbeiten, nämlich: zwei aus Bronceblech ausgefchnittene und mit Ornamenten bedeckte Hände mit ausgefpreizten Fingern; fie können nicht Rüftungsstücke gewefen fein, fondern wurden ficherlich als Votivgaben den Verftorbenen ins Grab gelegt, und zur Sühnung für die mit den leiblichen Händen verrichteten ungerechten Thaten, in einer ähnlichen Weife wie die in den germanifchen Gräbern von Oberflacht in Würtemberg gefundenen hölzernen Hände und Füfse, als Zoll beim Eingang ins Todtenreich den Leichen mitgegeben. Ferner find da zwei Schilde aus fehr dünnem Bronceblech, am Rande mit den bei Kelten fo fehr beliebten Klapperblechen befetzt, auf der Oberfläche mit fchreitenden menfchlichen Figürchen, Kreuzen, Rädern und Schwänen bedeckt, alles Symbole der Geftirne und Elementarkräfte, welche als Gottheiten verehrt wurden. Auch diefe kleinen Schilde find nur Ehrengaben für den Verftorbenen, Weihgefchenke, zum Gebrauche für das jenfeitige Leben beftimmt, welchen Sinn die gefammte Aus ftattung der Gräber bei den Heiden überhaupt hatte. Vollendeter, wenigftens in technifcher Beziehung, ift ein nach der Form des Körpers getriebener Panzer, beftehend aus Bruftkürafs und Rückenftück, ein wahres Prachtftück, das einzige diefer Art, welches diefsfeits der Alpen bisher zum Vorfchein kam. Der bei Negau( Steiermark) gefundene, mit Palmetten verzierte Broncehelm zeigt entfchiedene Aehnlichkeit mit etruskifchen Rüftungen. Noch haben wir zu verzeichnen drei Broncefchwerter mit SchilfblattKlingen und kleinem, halbmondförmigem Gr ffe, davon eines ebenfalls in KleinGlein gefunden wurde, ierner, wie der Katalog fagt, das Fragment eines Keffels mit erhabenen Querwulften und einem aus Buckeln und Sonnenrädern in getriebener Arbeit gebildeten herumlaufenden Ornamente. Ob diefe Bezeichnung unantaftbar ift, oder ob nicht diefes Fragment einem breiten Leibgürtel als Rüftungsbeftandtheil angehörte, das zu entfcheiden, mufs gewiegteren Sachverständigen überlaffen werden. Wir fahen dafelbft ferner ein kurzes Schwert, Meffer und Nadel aus Bronce, auch Bruchftücke eines entweder als Halsfchmuck oder als Rafirmeffer zu deutenden Gegenftandes aus faft unlegirtem Kupfer. Sämmtliche Gegenftände wurden einem intact gewefenen Tumulus mit Steinkifte auf dem Plateau nächft Warmbad Villach entnommen; vier dabei befindlich gewefene prachtvolle aus freier Hand gearbeitete Thonurnen enthielten die Brandknochen von zwei Individuen, einem älteren und einem jüngeren, wahrfcheinlich weiblichen.( Dr. Lufchan.) Die römifche Kunft, und zwar ihren Verfall unter der Kaiferzeit repräfentiren nur zwei Stücke, nämlich ein in das I. Jahrhundert gehöriger broncener Kochtopf mit breitem Griff und an der Innenfeite des Bodens mit einer fehr fchön ausgeführten Medufenmaske aus Silber in Relief verziert. Diefe Ausstattung läfst die Vermuthung zu, dafs diefer Topf nicht für den Gebrauch, fondern als Prunkftück oder zum Weihgefchenk beftimmt war. Das zweite Stück ift eine bei Cilli gefundene Bronceftatuette, darftellend eine weibliche Figur auf einer Art Thronftuhl fitzend, mit einer Zackenkrone und den Symbolen der Bodenfruchtbarkeit, vielleicht die Darftellung der von den 6 Dr. Carl Lind. Norikern verehrten Göttin Celeja. Endlich war noch eine hübfche Marmorftatuette - ein fitzendes Kind vorftellend- ausgeftellt, die ebenfalls der Antike angehören dürfte.( Dr. Göfzy). Werke aus dem Früh- Mittelalter. Das ältefte Stück frühmittelalterlicher Kunftwerke, und zwar aus deren Frühzeit, ift jener Kelch, welcher fich in der Abtei Kremsmünfter befindet und durch feine Infchrift:„ Tassilo dux fortis Luitpurg virga regalis" als Widmung des Baiernherzogs Taffilo, welcher das Klofter 777 gegründet hat, bezeichnet wird. Seine humpenähnliche Form ift primitiv und wenig gegliedert, der trichter förmige Fufs und Knauf gehen in einander über und nur die fechs Zoll weite, ftark ausgebauchte, eiformige Cuppa wird durch einen Perlenftab von den unteren Theilen gefondert. Die Höhe des ganzen Kelches beträgt eilf Zoll. Das Material ift Kupfer, welches mit filbernen niellirten und golden verzierten Blättchen befetzt ift. Die Bruftbilder Chrifti, der Evangeliften mit ihren Symbolen und vier männ licher Heiligen in Medaillons auf der Cuppa und dem Fufse angebracht, find intereffante Zeugen der barbarifchen, noch rohen und ftillofen, fränkifchen Kunft. Ob der Kelch, der mit Rückficht des Charakters der Ornamente ein heimifches Werk vermuthen läfst, urfprünglich kirchliche Beftimmung hatte, darüber find die Archäologen verfchiedener Meinung. Referent neigt fich der Anfchauung hin, dafs der Kelch ftets nur profane Beftimmung hatte. Hier fanden fich auch zwei Standleuchter aus Kupfer mit aufgelegten niellirten und vergoldeten Silberplättchen, 15 Zoll hoch. Auf der Oberfläche des dreieckigen, kleeblattförmigen Fufses find als Hauptrelief Thiergeftalten und an den Kanten gleichfam als Widerlager drei vorfpringende Salamander oder Greife angebracht. Freiftehend und aufgelöthet befinden fich ferner noch an den Platt. flächen des Fufsgeftelles drei Thierunholde mit aufgefperrtem Rachen und umgebo genem Halfe. Der Fufs ift cifelirt, polirt und vergoldet; die Geftalten der Thiere find mit kleinen aufgelegten Silberftreifen ornamentirt. Aus dem Fufse baut fich der Ständer auf, der an drei Stellen von Knäufen unterbrochen, und mit Bandftreifen aus aufgelegten und mit Laubornamenten gefchmückten Silberplatten beftehend, umwunden ift. Auf jedem der drei Knäufe find Kreife, worin als Basreliefs Tiger angebracht find. Oben fchliefst der Ständer mit einem flachen Schüffelchen ab. Bei dem Streben der romanifchen Kunft, ihren Erzeugniffen einen tieferen Sinn unterzulegen, dürfte in den an den Leuchtern herumkriechenden Beftien wohl das böfe Element dargestellt fein, welches das darüber befindliche, fiegreiche Licht der chriftlichen Lehre fruchtlos bekämpft. Ob man fo ganz richtig diefen beiden Leuchtern den gleichen Urfprung wie dem Kelche zufchreibt, ift, wenn fie auch im Stifte Kremsmünfter aufbewahrt werden und die Tradition fie dem Baiernherzoge zufchreibt, nicht aufser Zweifel, denn fie zeigen entfchieden einen etwas jüngeren Formenkreis. Auch Gegenftände der Elfenbein- Plaftik aus dem frühen Mittelalter fanden fich in diefer Ausftellung. Es ift eigenthümlich, mit welcher Zähigkeit die Kunft des Elfenbein- Schnittes an den antiken Traditionen fefthielt; durch diefe fortwährenden Reminiscenzen wird die Unterfcheidung zwifchen den fpätrömifchen Diptychen und den Arbeiten bis zum Jahre Taufend fehr fchwierig. In die carolingifche Epoche gehören jene zwei bekannten Elfenbeinhörner, wfelche unter dem Namen der Rolandshörner in archäologifchen Fachſchriften fchon wiederholt befprochen wurden. Derlei hauptfächlich als Jagd- und Kriegshörner dienende Denkmale finden fich aufser diefen nur in wenigen Sammlungen, wie zu Aachen, Upfala, Angers, Jaszbereny im Welfen- Schatze und in der Ambrafer Sammlung zu Wien. An denfelben wurde die durch den Elephantenzahn vorgezeich nete Form beibehalten und ihnen durch meift fehr roh ausgeführte Ornamentftreifen und figürliche Darstellungen eine Verzierung gegeben, die gewöhnlich Anfpie te d 1. al t 1. d 1. S e , S n e 1 1 T 1 Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 7 lungen auf die Jagd enthielten. Wo Kaifer Karl IV. diefe Hörner, die wahrscheinlich aufser Europa angefertigt wurden, erworben hat, ift nicht ficher bekannt. Obwohl eine Tradition wiffen will, dafs fie aus dem am Rhein gelegenen Klofter Nonnenwörth ftammen, fo ift doch anzunehmen, dafs er fie auf feiner erften Römerfahrt erwarb. Das gröfsere und reicher verzierte Horn, daran das Mundftück fehlt, ift in vier deffen Körper quer umziehende Streifen abgetheilt, die durch ein Band von fchönen Blattornamenten begrenzt find. Der oberfte und unterfte Streifen enthält Medaillons mit Thierköpfen und Gladiatoren, die beiden mittleren in Galopp dahineilende Viergefpänne, dabei in der dritten Reihe von Hunden ver folgt. Das thierähnliche Ornament bei dem Luftloch des Hornes ift leider verftümmelt. Das zweite Horn ift weit einfacher und in der Hauptfache nur mit Bandverfchlingungen decorirt, die Mitte davon nimmt ein landfchaftliches Reliefbild und eine Jagdfcene ein. Beide Hörner gehören in den Prager Domfchatz. Als einen höchft merkwürdigen Gegenftand müffen wir jenes ElfenbeinSchnitzwerk bezeichnen, das das Stift Heiligenkreuz ausftellte. In einer Umrahmung von Akanthusblättern ift der heilige Gregor dargestellt, er fitzt am Schreibpulte mit dem Griffel in der Hand, die Taube fchwebt, ihn infpirirend, an feinem Ohre. Ueber dem Schreibpulte erhebt fich, von zwei Säulen getragen, ein Baldachin fammt Thürmen und Zinnen und vom Gewölbebogen hängt eine Lichterkrone herab. In der unteren Abtheilung des Schnitzwerkes fieht man drei fchreibende Mönche. Gregor hat als Bekleidung eine lange Tunica, ift bartlos, mit etwas breitem Gefichte und kurzer Geftalt; ebenfo bekleidet find die Mönche, fämmtliche Figuren überhaupt kurz und gedrungen. Vortreffliche Arbeit mit der gröfsten Präcifion bis in das kleinfte Detail ausgeführt! Die ganze Architektur der ober dem Baldachin dargestellten Stadt hat entfchieden fpätrömifchen Charakter und erinnert viel an die frühchriftlichen Darftellungen. Die Meinung über das Alter diefes Schnitzwerkes ift fehr abweichend; während einerfeits von einigen Fachmännern noch das XI. Jahrhundert angenommen wird, fetzen andere dafür das VI. Jahrhundert an, wofür nach der Anficht des Referenten, im Hinblicke auf die Zartheit und weiche Behandlung, die unzweifelhaft von der Antike herübergenommen wurde, die gröfsere Wahrfcheinlichkeit spricht. An diefer Stelle fei auch das in Serpentin gefchnittene, vom Stifte Heiligenkreuz ausgeftellte Relief von 61 Zoll im Durchmeffer und byzantinifchen Urfprungs, erwähnt. Es zeigt das Bruftbild der Mutter Gottes ohne Kind in gerader Anficht, zu beiden Seiten die abbrevirte griechifche Infchrift: mater dei. Der Stein ift gefprungen, zufammengekittet und in einen neuen Holzrahmen gebracht. Das Alter diefes Schnittes läfst fich nicht beftimmen, doch fpricht die Vermuthung für deffen Entftehung zur Zeit des byzantinifchen Reiches. Kunftproducte des romanifchen Stiles. An Kunftwerken diefes Stiles war die öfterreichifche Abtheilung fehr reich. Es waren faft ausnahmslos kirchliche Gegenftände aufgeftellt, für deren Erhaltung wir den Klöftern und Pfarrkirchen einigermafsen zu Danke verpflichtet find. Obwohl die meiſten diefer Gegenstände der wiffenfchaftlichen Welt durch Schrift und Bild, namentlich durch die Mittheilungen der k. k. Centralcommiffion für Kunftdenkmale bekannt geworden find, fo war es doch ein Genufs, die Originale felbft zu fehen. Die Kunft des XI. bis XIII. Jahrhundertes liegt unferen heutigen Anfchauungen fehr ferne und bietet für Viele nur hiftorifches Intereffe; allein es findet fich in ihr der Ausdruck chriftlichen Sinnes, eine folche Fülle echter Poefie und tiefer myftifcher Gedanken, was diefe Kunft eines eingehenden Studiums würdig erfcheinen läfst. 19 8 Dr. Carl Lind. Gegenstände der romanifchen Kunft aus Elfenbein, Bein u. f. w. Die romanifche Kunft verwendete mit Vorliebe zur Ausftellung gewiffer kirchlicher Gegenftände, wie Tragaltäre, Buchdeckeln u. f. w. das Elfenbein, das dann mit Sculpturen geziert wurde. Von folchen Gegenftänden enthielt die Ausftellung Einiges, und zwar fehr werthvolles. Wir nennen zuerft die zu den feltenen kirchlichen Gegenftänden gehörenden beiden vom Stifte Melk zur Ausftellung gebrachten Tragaltäre. Es find diefs kleine Käftchen mit flacher Oberplatte und auf vier Füfsen ruhend. Der innere Raum hatte die Reliquien aufzunehmen, auf der Tifchfläche lag die Hoftie fammt Patena und ftand der Kelch. Das eine diefer beiden Geftatorien gehört noch dem XI. Jahrhundert an, das andere ift etwas jünger. Der in der Mitte der mit reichem Elfenbeinbefatz gefchmückten Deckplatte des älteren Käftchens befindliche Altarftein, ein Serpentin, ift fehr klein und von oblonger viereckiger Form. Ein fchmaler Silberftreifen bildet feine eigentliche Einfaffung. Die weitere Umrahmung befteht aus einem breiten Elfenbeinbande mit kleinen, aber höchft intereffanten Sculpturen, als: nimbirte Engel, eine Scheibe, darin das Lamm Gottes, in einem Kranze die Hand Gottes auf dem Kreuze ruhend, Prophetengeftalten, Evangeliftenfymbole etc. Nach aufsen ift die Deckplatte von einem Silberbande eingefafst, das leider nicht mehr ganz erhalten blieb, was um fo mehr zu bedauern ift, als die Infchrift Auffchlufs gab über die Spenderin diefes Kleinods. Aus dem Infchriftfragment ift zu erfehen, dafs diefes Tragaltärchen ein Gefchenk der Markgräfin Swanhilde, Gemalin Ernft des Tapferen( 1056-1075) aus dem Haufe Babenberg, war, deffen Gunft fich das in der markgräflichen Refidenz Melk errichtete Stift weltlicher Chorherren zu erfreuen hatte. Die Seitenwände des Schreines find ebenfalls mit Elfenbein- Schnitzereien geziert, doch hat bedauerlicher Weife eine Schmalfeite diefen Schmuck bereits verloren. Die Vorftellungen find Mariä Verkündigung, deren Befuch bei Elifabeth, die Geburt Chrifti und deren Verkündigung an die Hirten, die Anbetung durch die drei Könige, die Taufe, der Einzug in Jerufalem und das Abendmahl. Der zweite Schrein hat in der Mitte der Deckplatte einen Porphyrftein eingelaffen, auf deffen bandförmiger, kupfervergoldeter Einfaffung eine Infchrift angebracht ift, die dahin deutet, dafs der Altar eine Reliquie des heiligen Johannes des Täufers enthalten hat. Die Seitenwände find ebenfalls mit Elfenbeinreliefs geziert, doch haben diefelben, wenngleich werthvoll, doch einen minderen Kunftwerth als die des anderen Schreines. Wir fehen Chriftus als Weltrichter, die Verkündigung, die Geburt und die drei Könige, eine aus den Wolken herabreichende Hand mit einem Kranze, Chriftus umgeben von myftifchen Geftalten und endlich eine Wiederholung der erften Vorftellung, die Figuren find derb und hart, doch ift daran keineswegs byzantinifcher Einflufs zu erkennen. Der an älteren Kunftgegenständen nicht reiche Wiener Domfchatz ftellte ein kleines Reliquienkäftchen aus, das noch dem XIII. Jahrhundert angehören mag. Es ift von Holz und mit beinernen Plättchen überzogen. Dasfelbe zeigt auf den Aufsenflächen theils Laubwerk, theils drachenartige, in einander verfchlungene Thiere eingravirt. Die Linien der Gravirung find fchwarz oder roth ausgefüllt. Ein ähnliches und aus derfelben Zeit ftammendes Reliquienkäftchen ftellte das Salzburgifche Stift Sct. Peter aus. Dasfelbe ift an der Aufsenfeite mit zierlich durchbrochenen, fehr feinen Elfenbein- Schnitzwerken bedeckt. Auch das Giebeldach ift mit folchen Elfenbeinplättchen geziert. Durch diefe feinen, äufserft zierlichen Elfenbeinbekleidungen fchimmern überall feine Goldplätt chen durch, welche zwifchen den Wandflächen des Käftchens und den Schnitzereien eingefügt find. Eingehende Beachtung verdienten auch die beiden ausgeftellten Elfen bein- Reliefs. Das eine, dem Stifte Seitenftetten gehörig und dem Ende des XII. Jahrhundertes entſtammende Schnitzwerk( 4% Fufs lang, 4 Fufs breit), ein ffer das Luslen efs ere mt Och mit che Ein ang ten en, de ern nk us enz de at Die rt el in ift en Is en 2 rt e er h e h 3. Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 9 zeigt in der Mitte den fitzenden Chriftus, die Füfse auf den in einem Kranze befindlichen Bogen geftützt, in der Linken das Buch, die Rechte wie fegnend ausgeftreckt gegen ein Kirchenmodell, welches eine zur Seite ftehende kleinere Figur in der Hand hält. Ein Heiliger führt diefen Donator vorwärts und nimmt ihn dabei gleichfam in Schutz; an der anderen Seite fteht Petrus mit den fein Monogramm bildenden Schlüffeln und noch zwei Heilige. Die andere Elfenbeintafel zeigt die Darftellung des Todes Mariens. Maria liegt umgeben von fämmtlichen Apofteln auf einem hohen Bette, Petrus fteht am Kopfende desfelben und fchwingt das Rauchfafs. Gegen die Mitte des Bettes zu fteht Chriftus, mit beiden Händen die Seele Mariens in Geftalt eines Wickelkindes emporhaltend. Ueber der ganzen Gruppe fchweben zwei Engel, wovon der eine einen Schleier und der andere gleichfalls eine Kindesgeftalt, ähnlich der früheren, in den Armen hält und wie aus den Händen Chrifti erhalten in den Himmel trägt; die dreizehnte Figur zu Füfsen Mariens könnte, da fie nicht nimbirt ift, möglicherweife jenen Ifraeliten darftellen, von dem die Legende erzählt, dafs er freventlich den Leichnam berührte und die Hände davon nicht mehr wegbrachte. Mit Rückficht auf die kurz gedrungenen Formen der Figuren, auf deren Bekleidung und Gefichtstypus, endlich auf das Fefthalten der Körperbewegungen an gewiffen conventionellen Formen läfst fich annehmen, dafs diefes Schnitzwerk im Beginne des XIII. Jahrhundertes entſtanden ift. - - Als einen fehr hervorragenden Gegenftand müffen wir die reizende Figurengruppe aus Elfenbein bezeichnen, die das Stift Zwettel in Niederöfterreich ausftellte. Die urfprünglich, wenigftens nicht in der gegenwärtigen Anordnung zufammengehörigen Figuren foll Abt Bohuslav( 1248 bis 1258) von feinen Reifen nach Citeaux mitgebracht haben. Sie werden für ein Gefchenk König Ludwig XI., der oft den Generalcapiteln der Ciftercienfer beiwohnte, gehalten Auf einem Poftamente fteht Maria( das Figürchen einen Schuh hoch), auf dem Arme das ganz bekleidete Kind, welches feinen rechten Arm um ihren Hals fchlingt; fie blickt es freundlich an, und zeigt ein Spielzeug, das fie in der rechten Hand hält. Daneben die Verkündigung in drei Zoll hohen Figürchen, Maria, eine feine, liebliche Geftalt, der Engel ohne Flügel, die rechte Hand in eigenthümlicher Haltung gegen Maria ausgeftreckt, ferner ein Mann, vorwärts fchreitend, in der rechten eine Krone ( vielleicht einer der drei Könige), endlich unten vier kleine Halbfiguren von freundlichem Gefichtsausdrucke, Kronen auf den Händen tragend, möglicherweife die quatuor coronati. Diefe Figürchen fcheinen Beftandtheile eines gröfseren Reliquienkäftchens oder eines Schreines gewefen zu fein. Haare und Verzierungen find vergoldet, Augen, Wangen, Lippen, fo wie das Futter der Gewänder find leicht bemalt. Die Köpfe erhalten einen eigenthümlichen Ausdruck durch den lächelnden Mund mit hinaufgezogenen Winkeln und durch die fchmal gefchlitzten Augen. Diefs, fo wie die leicht gefchwungene Haltung, die mageren Hände mit eckiger Bewegung, die etwas verkürzten Figuren, die feinen Falten der Gewandungen bezeichnen die Kunftrichtung der Mitte des XIII. Jahrhundertes, wo bei lebendiger Empfindung und Streben nach Charakteriſtik eine gewiffe gefuchte Zierlichkeit die Stelle der Anmuth vertritt. Von Bifchofsftäben der romanifchen Stilperiode waren zahlreiche und werthvolle Exemplare ausgeftellt. Zwei davon werden wir fpäter gelegentlich der mit Emailfchmuck ausgeftatteten Gegenftände diefer Kunftperiode erwähnen. Fünf haben wir hier zu befprechen, da fie aus Elfenbein angefertigt find. Der Stab, eines der wefentlichen Abzeichen der bifchöflichen und Abtenwürde, foll die Fülle der Macht derfelben, die dem Bifchofe oder Abte anvertraute kirchliche Kraft, deffen geiftliche Gewalt anzeigen. Seit welcher Zeit der Gebrauch des Stabes befteht, läfst fich nicht genau beftimmen, doch ift derfelbe ficherlich über das XI. Jahrhundert hinauszufchieben. Der ältefte der ausgeftellten Stäbe, und zwar von einer nur bis ins XI. Jahrhundert üblichen Form des oberen Abfchluffes, ift der im Benedictiner 10 Dr. Carl Lind. ftifte St. Peter zu Salzburg aufbewahrte. Diefes Paftorale, welches der Tradition nach vom heiligen Rupert herrühren foll, hat im Ganzen eine Höhe von circa vier Schuh; der Schaft ift von Holz, deffen oberes Ende ift mit einem kupfernen, mit Silber überzogenen Reife verziert, darauf cifelirte Arabesken und eine Infchrift. Den Abfchlufs des Stabes bildet eine Krücke von Elfenbein, an beiden Enden eingerollt, wofelbft je ein Thierkopf angebracht ift. Der Krummftab des Stiftes Göttweig ftammt aus dem Ende des XI. Jahrhundertes. Von demfelben ift nur mehr die elfenbeinerne Krümmung vorhanden, der Schaft ift verloren gegangen. Die Krümmung ift faft kreisrund und wird durch einen Schlangenleib gebildet. Obwohl diefes Fragment in künftlerifcher Bezie hung von fehr geringer Bedeutung ift, fo hat es eine um fo gröfsere Wichtigkeit rücksichtlich der daran befindlichen Darftellung inner der Krümmung. Es find diefs zwei Vögel, vielleicht Tauben oder Pfauen, fie ftehen gegen einander gewendet auf dem Schlangenleibe und haben ihre langen Hälfe in einander verfchlungen. Mit ihren Schnäbeln halten fie gemeinfchaftlich den Stiel einer in die Höhe gerich teten, kreuzförmig gebildeten Pflanze, gegen welche der Rachen der Schlange gerichtet ift. Die Auslegung diefer Darftellung iſt eine verfchiedene, je nach der Art der beiden Vögel. Sind es Tauben, fo ift es die Vorftellung des Schutzes des Glaubens durch den heiligen Geift gegen die Macht des Böfen; find es Pfauen, die Symbole der Hoffart, fo ift es die Vorftellung des Anftürmens des Böfen gegen das Chriftenthum, was wahrfcheinlicher ift. Aus demfelben Jahrhunderte ftammt auch der vom Stifte Altenburg aus geftellte Stab, ebenfalls nur mehr aus dem kryftallenen Nodus und der Krümmung beftehend. Auch hier findet fich eine der früheren ähnliche Darftellung innerhalb der Krümmung. Es find zwei Vögel, der untere ein Pfau, der obere eine Taube, fie breitet die Flügel aus und trägt im Schnabel ein Kreuz, gleichfam als wolle fie es in die Höhe tragen und gegen jeden Angriff, insbefondere gegen den der Schlange, die bereits ihren geöffneten Rachen dahin wendet, fchützen. Ein dritter, nahezu gleich alter Stab gehört dem Stifte Ad mont. Die ganze Krümmung und die beiden Noden find von Elfenbein, der mit dem Obertheile nicht gleichzeitige Schaft und das Vermittlungsglied der Noden von Holz. Die Krüm mung bildet einen Schlangenleib, der mit einem abwärts gewendeten Knopfe endigt. Intereffant ift die Gruppe inner der Krümmung: ein geflügeltes, ganz ruhig ftehendes Pferd, deffen Maul ein ornamental gehaltenes Kreuz berührt,- eine fehr feltene Darftellung. Der Krummftab aus dem Nonnenftifte zu Salzburg entftammt der erften Hälfte des XIII. Jahrhundertes, als der Zeit, in welcher die Abtei mit dem Rechte des Stabes ausgezeichnet wurde. Der ganze Stab befteht aus Elfenbein und ift gegenwärtig noch vollſtändig erhalten. Der Schaft ift mit Blattornamenten, die Krümmung mit einer Infchrift in Roth, Schwarz und Gold bemalt. Die Krümmung wird wieder von einem Schlangenleibe gebildet, der mit einem Ungethümkopfe endigt, aus deffen mit ftarken Zähnen bewaffnetem Rachen die Zunge herausgeftreckt ift. Inner der Rundung erblickt man das nimbirte Ofterlamm mit dem Kreuze; der Kopf des Lammes ift gegen das Kreuz zurückgewendet, dahin auch der offene Schlangenrachen gerichtet. Der Aufsenrand der Krümmung iſt mit flachen Blättern ftrahlenförmig befetzt. Die Radialverzierung und die Gruppe find mit goldfarbigen, grün eingefafsten Ornamenten bemalt. Von ganz eigenthümlicher Form in feinem oberen Abfchluffe ift das Paftorale aus dem Stifte Klofterneuburg( Ende des XIII. Jahrhundertes). Dasfelbe ift vollständig erhalten und ganz aus Elfenbein angefertigt. Der runde Schaft befteht aus vierzehn gleich grofsen Theilen, die durch Schrauben und Stifte miteinander verbunden und mit roth- fchwarz- gelben zweigartigen Ornamenten bemalt find. Ebenfo bemalt ift der kugelförmige Knauf, aus dem ein Schlangenkopf fich ent wickelt, dem zunächft nach zwei Seiten gerichtet je eine in einem mufchelförmigen Ornamente fitzende, ungewöhnlich bekleidete Figur mit jüdifchem Typus ange on ier mit ift. en hr. en, ch ie. eit nd let en. chge er Les lie as ng lb in 55 e, ie er ze ht 1. fe nz en te ie fe S h it d ft nt er 1. 1. Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 11 bracht ift, deren Kopf nach der in der Krümmung befindlichen Vorftellung gerichtet ift. Das obere Ende des Stabes bildet ftatt einer Krümme einen aufrecht geftellten Ring, der am Aufsenrande mit Blattornament in Strahlenform befetzt ift. Das oberfte Blattornament ift doppelt und findet fich darauf die fitzende Figur Gott Vaters. An den Flachfeiten des Ringes finden fich in Farben ausgeführte Infchriften. Inner des Ringes ift eine ziemlich roh ausgeführte bemalte Gruppe angebracht, den englifchen Grufs vorftellend. Das Faltiftorium aus dem Frauenftifte in Salzburg gehört zu den intereffanteften Ueberreften der romanifchen Kunft. Diefer Faltftuhl, ohne Rück- oder Armlehne, ift aus Holz angefertigt, roth angeftrichen, an den Fufsenden mit Broncebefatz verfehen, vorftellend Löwentatzen, in deren Klauen fich verfchiedene Figuren in Todesqualen winden. Die Obertheile fchliefsen mit prachtvoll ausgeführten, ftilifirten Löwenköpfen aus Elfenbein. Die Flachfeiten find ebenfalls mit kleinen Elfenbein- Reliefs geziert, wahrfcheinlich irgend einer Legende oder Sage entnommen. Die Seitentheile, zwifchen welchen das Sitzleder eingefpannt ift, find am Rande mit zwei fehr fchön ftilifirten Drachen ausgeftattet. Die Zeit der Anfchaffung dürfte mindeſtens mit jener der Verleihung des Rechtes an die Aebtiffin, fich des Stabes und Thronftuhles bedienen zu dürfen, zufammentreffen( das ift 1235). Die Schnitzwerke hingegen erfcheinen älter und mögen dem XI. Jahrhunderte angehören und italienifche Arbeit fein. Die an einigen Stellen der Seitenlehne angebrachten Temperamalereien find bedeutend jünger. Jedenfalls hat diefem Stuhle ein weit älterer zum Vorbilde gedient, dem vielleicht diefe Schnitzwerke entnommen wurden. Die Goldfchmiede- Kunft des romanifchen Stiles. Sie wird repräfentirt vornehmlich durch eine Reihe von Kelchen, mitunter von ungewöhnlicher Gröfse und reicher Verzierung. Der Kelch nimmt in der katholifchen Kirche die wichtigfte Stelle unter den Gefäfsen ein. Die Form desfelben ift in der Wefenheit noch gleich jener der antiken Trinkgefäfse. Der Kelch befteht aus drei Theilen, dem Fufse zum Aufftellen des Gefäfses, dem Stiel fammt Knauf zum Anfaffen und der Cuppa oder Trinkfchale. In den erften chriftlichen Zeiten bediente man fich bei Verrichtung des Mefsopfers hölzerner oder gläferner Kelche, ja auch folcher von Zinn oder Elfenbein, allein fchon im III. Jahrhunderte blieben. die edlen Metalle das ausfchliefsliche Material diefer Gefäfse, welche allmählig durch künftlerifchen Schmuck, namentlich Emails und Niellen, koftbare Steine, Filigranbefatz, noch höheren Werth erhielten. Befonderen Einflufs nahmen in diefer Beziehung die verfchiedenen Stilrichtungen, die übrigens auch auf die Form des Gefäfses und das Verhältnifs der erwähnten drei Hauptbeftandtheile zu einander einige Aenderungen bewirkten. Zu unterfcheiden find die zum gewöhnlichen Gebrauche des Priefters bei der Meffe beftimmten kleineren Kelche, die je nach den feierlichen Anläffen, bei denen fie gebraucht wurden, mehr oder minder reich ausgeftattet waren, und die grofsen Speifekelche, die zur Austheilung des Abendmahles, ehe den Laien die Communion unter beiden Geftalten entzogen war, beftimmt waren; die letzteren mufsten gröfser als die gewöhnlichen Priefterkelche fein, da man in der Regel zu gleicher Zeit einer gröfseren Anzahl Gläubiger das heilige Abendmahl fpendete. Sie find mit Handhaben verfehen, um den Diakonen den Gebrauch diefes Gefäfses zu erleichtern. Die Austheilung des Weines gefchah alsdann mittelft eines kleinen Saugrohres( fistula) aus Gold, Silber, Elfenbein, welches mit einer oder mehreren Handhaben verfehen war. Wir hielten die Vorausfendung diefer kurzen Erklärung für nothwendig, um unferen Lefern, bei denen ein eingehendes archäologifches Wiffen nicht vorausgefetzt werden kann, das Verſtändnis der diefsfälligen Partie unferes Berichtes möglich zu machen. Beiſpiele folcher Gefäfse lieferten der aus dem Prämonftratenferftifte Wilten in Tirol und ein zweiter aus dem St. Peters- Stifte in Salzburg ausgeftellte Communion- Kelch. 12 Dr. Carl Lind. Erfterer ift aus im Feuer vergoldetem Silber angefertigt, und ſtammt aus dem XII. Jahrhunderte. Der grofse, flache Fufs ift kreisrund und hat 6 Zoll 8 Linien im Durchmeffer. Der Schaft ift cylinderförmig mit einem runden Knauf verfehen. Als Trennungsglieder zwifchen Cuppa und dem Knaufe, fowie zwifchen diefem und dem Fufse find Ringe in Form von Eierftäben angebracht. Einen befonderen Werth hat diefer Kelch durch den Reichthum ornamentaler Ausfchmückung, mit der er im wahren Sinne des Wortes fo überfäet ift, dafs nicht der kleinfte unverzierte Fleck übrig bleibt. In ornamentaler Beziehung tritt als Hauptanordnung an dem Kelche die Eintheilung der Flächen des Fufses und der Cuppa in runde, aus verfchlungenen Bandftreifen gebildete Felder hervor, von denen jedoch nur jene des Fufses eine regelmäfsige Kreislinie bilden, während jene der Cuppa etwas verzogen erfcheinen. Sämmtliche Felder find mit Scenen des alten und neuen Teftamentes gefchmückt. Die ornamentale Technik befteht theils in Gravirung und Niellirung vorzüglichfter Art, theils in getriebener und gegoffener Arbeit; letzterer Art find der Knauf mit den beiden Ringen und die Henkel, deren Ornament aus ftilifirtem Laubwerke mit zwei Perlenftreifen an der Randfeite befteht. Der Knauf ift beinahe ringförmig und zeigt in erhabener Arbeit in Medaillons je eine Figur, die aus einem Gefäfse reichlich Waffer ausgiefst( die vier Flüffe des Paradiefes). Die am fenkrechten Rande der Schale angebrachte Infchrift nennt als die Stifter diefes Gefäfses einen Berthold, wahrfcheinlich einen Grafen von Andechs, womit auch eine Kloftertradition übereinstimmt. Die Patena ift auf beiden Seiten mit figuralen Darftellungen gefchmückt; die in der Mitte der Rückfeite find in Relief, die der Vorderfeite in Niello ausgeführt. Die Darftellungen auf der äufseren Randung find auf die Fläche gravirt und nur einzelne Theile davon niellirt oder in Silber belaffen. Wir fehen auf der vertieften unteren Seite die Kreuzigung, am Rande die Synagoge in die Pforten der Vorhölle einziehend, die Befreiung der Voreltern aus derfelben und deren Einführung in den Himmel, dann als Mittelbild der oberen Seite, die Frauen beim heiligen Grabe, Chriftus als Gärtner, auf dem Wege nach Emaus und dort felbft, die Scene mit dem heiligen Thomas und die Himmelfahrt. Die beiden jedoch nicht ausgeftellten Fiftulæ find von Silber, kleine dünne Röhrchen, 7½ Zoll lang, an der einen Seite enger und in der Mitte mit einer kleinen, herzförmigen Handhabe verfehen. Der aus dem XIII. Jahrhunderte ftammende Speifekelch im Schatze des Benedictinerftiftes zu St. Peterin Salzburg ift 9½ Zoll hoch und 8 Zoll breit, aus Silber gegoffen und vergoldet. Die Fläche des kreisrunden und am äufserften Rande mit Steinen gezierten Fufses fchmücken zwölf umgeftürzte Bogenreihen, die gegen den Knauf zu ftrahlenförmig zufammenlaufen, in denen aus einer thurm artigen Architektur en relief die Bruftbilder von zwölf männlichen Geſtalten mit Palmen in den Händen( Märtyrer) fichtbar find. Auf diefem Fufse ruht, und zwar von demfelben nur durch den aus Kryftall geformten, runden Nodus getrennt, die Cuppa, die jedoch, abweichend von der Geftalt der gewöhnlichen romanifchen Kelche, fich der Vafenform nähert und in diefer Beziehung zu den eigenthüm lichften Erfcheinungen unter den liturgifchen Gefäfsen diefer Gattung gehört. Auch die Ausfchmückung der mit zierlichen Henkeln verfehenen Cuppa ift ähn lich jener des Fufses. In den zwölf ovalen Feldern ihrer unteren Hälfte find gleichfalls en relief zwölf männliche als Propheten erkennbare Geftalten angebracht, die theils aufwärts fchauen, theils mit erhobener Hand hinaufweifen. Sämmtliche Bruftbilder find ziemlich roh gearbeitet. Die Fläche des oberen Theiles der Cuppa ift mit einem Infchriftftreifen gefchmückt, unterhalb deffen ein mit Orna menten ausgefülltes Zierband herumläuft, das in feiner Form an flavifche Infchriften erinnert und auch durch lange Zeit dafür gehalten wurde, was aber nicht der Fall ift. Auf der Patene( 10%, Zoll im Durchmeffer) ift in der eine dreizehnblätterige Rofe bildenden Vertiefung Chriftus mit den zwölf Apofteln dargestellt, 5 t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 13 und zwar wurde gerade jener Moment gewählt, wo eilf der Apoftel fragend die Rechte emporheben, während Judas gleichzeitig mit dem Heilande die Hand in die rofenförmige Schüffel taucht; in der Mitte der Patene fehen wir das Lamm Gottes in der üblichen Darftellungsweife. Am äufseren Rande wiederholt fich durch vier Engelsbüften unterbrochen der ornamentale Rand des Kelches mit der vermeintlichen kufifchen Inſchrift. Sämmtliche Darftellungen find in feiner Gravirung ausgeführt. Den gewöhnlichen Meffekelch diefes Stiles repräfentirt ein Kelch aus dem Stifte St. Peter. Er ift aus Silber angefertigt und theilweife vergoldet, hat eine Höhe von 42 Zoll und gehört dem XII. Jahrhunderte an. Der Fufs ift rund und fteigt trichterförmig an, der eigentliche Schaft fehlt und wird durch einen runden, ziemlich breiten Nodus erfetzt, die Trinkfchale ift halbkugelförmig mit etwas ausgebogenem Rande gebildet. Zwifchen Nodus und Schale ift ein kleiner Ring mit Perlenornament eingefetzt. Die Patene, welche urfprünglich nicht zum Kelche gehörte, hat einen Durchmeffer von 5½ Zoll und trägt in der vertieften Mitte innerhalb eines Sechspaffes das Bild des Ofterlammes mit dem Kreuznimbus. Von der Bruft geht ein Blutftrom zur Erde und mit dem Vorderfufse rollt es eine Schriftrolle auf. Ueber dem Lamme fieht man eine fegnende Hand fich herabfenken. Kelch und Patene find mit Infchriften verfehen, die uns belehren, dafs Angehörige des Grafengefchlechtes von Burghaufen, das wiederholt die Schutzvogtei über das St. Peters- Klofter innehatte, diefe Patene fammt einem Kelche dem Stifte im Laufe des XII. Jahrhundertes gefchenkt haben und dafs der jetzige Kelch gegen Ende des XI. oder Anfang des XII. Jahrhundertes von einem gewiffen Gerhochus geopfert wurde. Das Mufter eines Pontificalkelches liefert der vom Stifte Lambach ausgeftellte Kelch. Der Fufs ift modern, die filbervergoldete, halbkugelförmige Cuppa hingegen gehört dem XIII. Jahrhunderte an. Die Aufsenfeite derfelben ift mit in Umriffen gravirten Darftellungen, wie der englifche Grufs, Johannes Evangelift, St. Kilian, die Evangeliftenfymbole und mit ebenfo ausgeführten Infchriften gefchmückt. Eines der feltenften kirchlichen Gefäfse ift die fogenannte Columba, davon zwei Exemplare ausgeftellt waren. Das eine gehört dem Domfchatze zu Salzburg, das andere, bei Weitem minder gut erhaltene, der Benedictinerabtei zu Göttweig. Das erftere Gefäfs hat eine Höhe von 9 Zoll, ift aus Kupfer angefertigt und vergoldet. Es führt feinen Namen von feiner taubenförmigen Geftalt; die ganze Figur ift ftilifirt und wenig zierlich aufgefafst, der Leib und die ftelzenähnlichen Beine, die auf einem flachen Poftamente befeftigt find, werden durch federförmige Eingravirungen charakterifirt. Der Schnabel und der mit einer befon deren Stütze verfehene Schweif find glatt, die Augen aus blauem Glasflufs gebildet. Mit befonderem Schmucke wurden die Flügel ausgeftattet, es ift herrliches blaues, rothes und weifses Email champlevé, das nach der Zeichnung der Flügelfedern entfprechend aufgelegt wurde. Der nur mit Gravuren ausgefchmückte Deckel zum Oeffnen des aus dem Leibe der Taube gebildeten Gefäfses ift am Rücken der Figur angebracht. Am zweiten Gefäfse, das jedoch nur 7 Zoll hoch ift, findet fich die Taubengeftalt mehr entwickelt. Es ift aus Meffing angefertigt, glatt, ohne Emailfchmuck, in neuerer Zeit vergoldet, und dürfte ebenfalls aus dem XII. Jahrhunderte ftammen. Stellt man die Frage, welchen Zweck diefe Gefäfse in der kirchlichen Kunft des Abendlandes hatten, fo mufs man bemerken, dafs fchon im IV. Jahrhunderte Spuren von in den chriftlichen Kirchen im Gebrauche ftehenden goldenen und filbernen Gefäfsen in Taubengeftalt vorkommen; fie wurden peristerium oder columba, auch ciborium benannt, in welchem Falle fie dann zur Aufbewahrung der Hoftie dienten; diefe letztere Beftimmung war auch die am meiften übliche. Der Platz, den die Columba mit der Euchariftie einnahm, war auf dem Altare; meiftens ftand diefelbe in einer von der Decke des Ciboriumaltares herabhängen 14 Dr. Carl Lind. den Schale oder Schüffel, die dann heraufgezogen oder niedergelaffen werden konnte. Oefters hing diefes Gefäfs auch über dem Taufbecken und dürfte diefs mit der Uebung im Zufammenhange geftanden fein, dafs Täuflinge nach dem Taufacte das heilige Abendmahl empfingen. Da aber feit dem fpäteren Mittelalter eine andere Behältnifsform für die Aufbewahrung der Euchariftie gewählt wurde, fo verfchwand die Columba aus dem kirchlichen Gebrauche. Die zweite, aber feltener vorkommende Beftimmung der Columba ift die des Chrismariums, zur Auf bewahrung des Chrifams, eine Beftimmung, welche die beiden in Rede ftehenden Gefäfse mit Rückficht auf ihre ganz kleine, büchfenartige Höhlung gehabt haben dürften. Von eigenthümlicher Form ift das vom Stifte Melk ausgeftellte und aus dem XII. Jahrhunderte ftammende Reliquiar. Es ift aus Kupfer angefertigt und ver goldet, I Fufs hoch, mifst 6 Zoll im Durchmeffer und ftellt in ziemlich plumper Arbeit einen weiblichen, mit einer Krone bedeckten Kopf vor, deffen Haare in zwei nach rückwärts hängenden Zöpfen geflochten find. Den Kronreif zieren eingravirte Ornamente und ein abwechfelnd aus Kleeblättern und vier einfachen Rundblättern gebildeter Diadembefatz. Augen und Mund fcheinen bemalt gewefen zu fein. Am Scheitel des Kopfes ift ein grofser Deckel zum Oeffnen des Gefäfses; derfelbe ift auf der Aufsenfeite mit fchwungvollen, romanifchen Laubornamenten und Thiergeftalten reich gefchmückt. Der ungarifche Archäolog Arnold Ipoly. Stummer, Bifchof von Neufohl, will in diefem Gefäfse das Behältnifs für die aus dem Kopfe beftehende Reliquie des heiligen Koloman erkennen. Grofse Bewunderung fand in archäologifchen Kreifen das bisher unbekannte Reliquienkreuz aus dem Stifte St. Paul, auf deffen Exiſtenz Prälat Sebaftian Brunner zuerft aufmerkfam gemacht hat. Die Kreuze, deren Gebrauch fich in der chriftlichen Kirche fchon bis in die Zeit der diocletianifchen Verfolgung erweifen läfst, wurden in der romanifchen Periode je nach ihrer Beftimmung als Vortrage oder Standkreuz, oder als Bruftkreuz mit grofsem Luxus ausgestattet. Das erwähnte Reliquienkreuz, im Innern aus hartem Holze gebaut, zeigt nach Aufsen auf der Vorderfeite eine aus dünnen Goldplatten gebildete Verkleidung, befetzt mit Edelſteinen und Gemmen, auf der Kehrfeite Metallplatten und darein gravirte Infchriften und Vorftellungen. Das Kreuz ift 83 Centimeter hoch, der Querbalken hat 66 Centimeter und ift an feinen Enden, wie auch das Kopfende, mit je einem Qu drate abgefchloffen, welches um einen Centimeter über das Kreuz herausragt. In der Mitte des Kreuzes wird unter einer Kryftall- Glas fcheibe der eigentliche Kreuzpartikel aufbewahrt. Im Ganzen ift die vordere Kreuzfläche mit 170 Steinen gefchmückt, die den dünnen Goldblechen angefügt find, darunter Saphire und andere werthvolle ungefchliffene Edelſteine, auch finden fich werthvolle Onyxe und Carneole; mitunter wurde auch an Stellen, wo Edelſteine abhanden gekommen, gefchliffenes, färbiges Glas eingefügt. Unter diefen Steinen befinden fich 3 egyptifche Skarabäen, I gefchnittener Amethyft, 2 Carneole, dann 24 verfchiedene alte Gemmen in Carneol, Amethyft, Lapis lazuli, Achat und Onyx gefchnitten. Die Zwifchenräume der gefafsten Steine find mit feinem doppeldrähtigem Filigran decorirt. Die Rückfeite des Kreuzes ift durchwegs mit vergoldetem Silber überzogen. In fünf Oeffnungen, die mit feiner, durchbrochener Arbeit gefchloffen find, waren früher an hundert Heiligen reliquien aufbewahrt. Selbe find nicht mehr darinnen, die Verkleidung ift gegenwärtig zum Theil weggeriffen, die Namen der Heiligen aber befinden fich auf der Metallfläche eingravirt. Um diefe fünf Oeffnungen zeigen fich gravirte Heiligengeftalten. An den vier Enden des Balkens find die Symbole der vier Evangeliften angebracht. Die Gefchichte diefes Kreuzes läfst fich in Folgendem zufammenfaffen: Die Kreuzpartikel wurde vor dem Jahre 1077 durch die Königin Adelheid dem Stifte Sct. Blafien übergeben. Selbe bekam von dem Abte Uto( 1100 bis 1108) eine Faffung von Bronce. Abt Guntherus( 1141 bis 1170) entkleidete fie diefer und 1 S Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 15 gab ihr dafür das gegenwärtige, weit koftbarere Gewand von Edelfteinen, Gemmen und Reliquien, das aber durch die Ungunft der Zeiten bedeutende Schäden erlitten hat, in der Hauptfache aber erhalten blieb. Noch vier andere Kreuze find hier zu erwähnen, zwei davon gehören ebenfalls dem Stifte St. Paul; das eine, das erft in neuerer Zeit auf Holz befeftigt wurde, ift höchft einfach und roh, die Figur aus Bronce, mit langem gemusterten Schurze, die Füfse abgeondert genagelt, das Antlitz mit jugendlichem Ausdrucke, das Haupt gekrönt, an der Stelle der Augen Löcher, die ehedem mit Steinen ausgefüllt waren; es dürfte in das XI. Jahrhundert zurückreichen. Beim anderen Crucifix, deffen Figur ganz ähnlich, aber fchwungvoller behandelt ift, und das um ein Jahrhundert jünger fein dürfte, hat fich das Kreuz felbft erhalten. Es befteht aus einer Kupferplatte, die auf der Vorderſeite mit herrlichem Email- champlevé, lineare und Das dritte, ebenfalls aus dem Blumenornamente vorftellend, gefchmückt ift. XII. Jahrhunderte ftammende Crucifix ift auf beiden Seiten mit prachtvollen Emails verziert, wie auch die Chriftusfigur damit ganz überzogen ift. Es gehört dem Das vierte kleinen Kirchlein am Bartholomäiberge in Vorarlberg. Kreuz, dem Domfchatze zu Salzburg entnommen, ftammt aus zwei verfchiedenen Zeiträumen, der Fufs ift ein Werk des XV. Jahrhundertes, während das eigentliche Kreuz ficherlich um drei Jahrhunderte früher entstanden fein mag. Dasfelbe ift aus Holz angefertigt, hat doppelte Querbalken und ift ganz mit Silberplättchen und darauf mit reichem Filigranfchmucke belegt. In einer kreuzförmigen Vertiefung inmitten des durch den unteren Querbalken gebildeten Kreuzes ift die Particula S. crucis eingelegt. Oberhalb befindet fich ein grüner Stein mit der eingefchnittenen Vorftellung des Kampfes des heiligen Georg mit dem Drachen. Als Nodus ift ein Stück gefchliffenen Bergkryftalls verwendet. Mit der Bezeichnung ,, Trinkbecher des heiligen Ulrich", Bifchofs zu Augsburg( 923-973), fand fich ein dem Stiftsfchatze zu Melk entnommenes Gefäfs das aus der gröfseren Hälfte eines ausgehöhlten Kirbiffes befteht, doch ift diefer bereits an vielen Stellen fchadhaft, löcherig, daher in neuerer Zeit etliche Metallfpangen zum Zufammenhalten desfelben angelegt wurden. Innen ift die Schale mit Silberblech bekleidet und am Boden mit einem vergoldeten Medaillon belegt, darinnen auf punzirtem Grunde in Relief die auf einem Faltftuhl fitzende Figur des Bifchofs angebracht ift. An der Aufsenfeite ift der Rand der Schale mit einem dreitheiligen, fchwungvollen Blattornamente verziert. Ueber den ganzen Schalenkörper laufen vom Rande entſpringend zwei fich kreuzende, mit hübfchen Laubornament gefchmückte Spangen und ift jedes der fich dadurch auf der Schale bildenden dreieckigen Felder mit einer Rofette geziert. Der allgemeinen Annahme nach gelangte diefe Schale als ein Gefchenk des Markgrafen Ernft an das Stift, die Faffung gehört mit Rückficht auf das romanifche Laubornament und das fiegelähnliche Medaillon dem XIII. Jahrhunderte an. Wir haben bereits bei einigen Gegenständen, wie bei den Kreuzen von Sct. Paul und Bartholomäiberg der in Emails ausgeführten Verzierungen erwähnt; aufser diefen haben wir noch vieler Gegenftände zu gedenken, die ebenfalls mit Emails reichlich ausgeftattet find. Es dürfte daher gerechtfertigt fein, eher nur mit wenig Worten der Emailirkunft zu erwähnen. Alter und Urfprung des Email find nicht feftgeftellt. Gewifs ift, dafs die Völker des Orientes fchon mit der Behandlung der Glafur und des Glasfluffes vertraut waren, und zu Byzanz, dann in Sicilien, in Deutſchland( den Rheingegenden) und endlich in Frankreich die Emaillirkunft betrieben wurde; befonders in Frank reich zu Limoge blühte diefe Kunft und manches auf uns gekommene Denkmal gibt uns Zeugnifs von der Kunftfertigkeit der damaligen Zeit. Man unterfcheidet dreierlei Emails, den Zellenfchmelz( Email cloifonné) Grubenfchmelz( champlevé) und durchfichtigen Schmelz( Email translucide). Bei erfteren wird die Oberfläche des Metalles, auf der es aufgefchmolzen werden foll, 2 16 Dr. Carl Lind. nach Mafsgabe der Zeichnung in Felder getheilt, welche Untertheilung durch dünne Metallfäden hergeftellt wird. Bei der zweiten Art wurden in der Metallplatte die betreffenden Stellen mittelft des Grabftichels vertieft, dabei die Ränder erhaben belaffen, und diefe Vertiefungen mit Email ausgefüllt. Bei der dritten Art des Emails führte man die Zeichnung auf dem Metall in mehr oder weniger vertieften Linien aus und überzog diefelben mit durchfichtigem Email, eine Kunft, die in Italien aufkam, aber im XIV. und XV. Jahrhunderte in Frankreich und am Rhein ganz befonders blühte. Als hervorragende derartige Werke der Goldfchmiede- Kunft müffen wir nun eine Reihe ganz bedeutender Gegenftände erwähnen. Durch Emailfchmuck zeichnen fich zwei Krumftäbe aus. Der eine gehört der Pfarrkirche zu St. Wolf gang in Oberöfterreich; deffen broncener Obertheil unzweifelhaft eine herrliche Arbeit des XII. Jahrhundertes ift. Die Auffteckhülfe ift gleich dem ganzen Obertheile mit buntfarbigem Email verziert und zeigt etliche theils aufrecht ſtehende, theils vorwärts fchreitende Greife mit erhabenen Flügeln und verfchlungenen Schweifen, die böfen Dämone fymbolifirend, welche als Feinde der Kirche der Hölle entfteigen. Den Nodus, welcher mit einer kleinen Blätterkrone bedeckt iſt, wodurch er das Anfehen eines Granatapfels bekommt, zieren Sterne und Blumen auf blauem Emailgrund, dazwifchen die eingravirten, mit Schmelz ausgelegten Halbfiguren der vier Evangeliften, deren Köpfe aus Meffing gegoffen, vergoldet, reliefartig hervortreten. Der Krone entfteigt ein gekrönter Engel mit entfalteten und nach rückwärts in die Höhe gebogenen, geöffneten Flügeln, in den Händen ein gefchloffenes Buch haltend; Augen, Krone und Gewandfaum find gegen den Hals hin mit Edelſteinen befetzt, die Flügel mit herrlichen Schmelzfarben überzogen, das Uebrige des Engels ift überfilbert. Diefe vor trefflich gearbeitete Figur und insbefondere deren Bekrönung bildet den Vermittler zwifchen dem Nodus und der Curvatura, welche aus zweimal gewundener, fich verjüngender Schnecke des vierfeitigen Krümmungskörpers befteht, der mit farbigen, dreitheiligen Wolken in Schmelzfarben bemalt ift und mit einer zierlichen, aus fünf mandelförmigen Blättern gebildeten Blume endigt. Der mit Elfenbein- Befatz verfehene Schaft ftammt aus dem XVI. Jahrhunderte. Der andere gleich alte Krummftab gehört dem wegen feiner reichen Schatzkammer fchon wiederholt genannten Stifte St. Peter in Salzburg. Er ift vollständig erhalten. Der Obertheil ift aus Bronce, der Schaft aus Holz und mit rother Farbe bemalt, die aber gegenwärtig faft ganz verfchwunden ift. Durchmeffer der Krümmung 3 Zoll 8 Linien. Die mit dem broncenen Obertheile verbundene Hülfe, beftimmt zur Befeftigung am Schafte, ift mit Ornamenten in Email und den eingravirten Halbfiguren zweier Engel auf blauem Grunde geziert. Der kugelige, gegen oben und unten etwas gedrückte Nodus zeigt zwifchen Arabesken in durchbrochenen Rundungen Thiergeftalten mit menfchlichen Köpfen. Oberhalb des Nodus befindet fich eine kleine Krone von fpitzen Blättern gebildet, aus welcher der fehr zarte, faft cylindrifche Krümmungskörper emporfteigt. Die gegen vorwärts gebogene offene Krümmung wird durch einen dünnen, fich allmälig verjüngenden, zweimal gewundenen Schlangenleib gebildet, der an den beiden Aufsenfeiten mit einem zierlichen romanifchen Bandornamente in Email gefchmückt ift. Aufser diefen Emails zeigt die Krümmung nur blankes Bronce. Der Sattel der Windung ift mit kugelartigen Knorren befetzt. In der Krümmung befindet fich ein das Ende der Windung bildender, phantaftifch geformter Schlangenkopf, welcher ein breites, bunt emailirtes Laubornament im Rachen hält. Ein beachtenswerthes Ausftellungsobject, fowohl der Form und Beftimmung nach, wie auch wegen des herrlichen Emailfchmuckes ift das in den Stiftsfchatz von Kremsmünfter gehörige Reliquiar, welches mit Rückficht auf feine Form unter dem Namen Rotula bekannt ift. Diefes liturgifche Schaugeräth ift aus einem mittelft eines Stieles in einen pyramidal geftalteten Fufs eingefügten Scheibe gebildet. Der Fufs von emaillirten Kupfer befteht aus drei Dreieckflächen und ruht auf drei ch 11er rt ert. m ir -k f. e r- e, n er t, d 5- 1, l , n Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 17 Drachen, deren Flügel in die angrenzenden Flächen eingravirt und emaillirt find. In jedem der drei Felder ift ein Medaillon angebracht, darin in prachtvollen Emailfarben, das Schreiben des T"," die Erhöhung der ehernen Schlange" und Samfon trägt die Thorflügel von Gaza" dargestellt ift. Die Scheibe hat 28 Centimeter im Durchmeffer, ift von einem breiten Rande umfchloffen und durch gekreuzte Stäbe in vier Felder getheilt, welche in durchbrochener Weife figurale und ornamentale Geftaltungen aus ftarkem, vergoldetem Kupfer getrieben zeigen, als: das Grab Chrifti, die Himmelfahrt, den fymbolifchen Löwen und den zur Sonne auffliegenden Adler. Diefe Darftellungen find mit entsprechenden Beifchriften verfehen. Leider ift die Scheibe nicht mehr vollständig, denn ohne Zweifel dürfte auf dem jetzigen Rand ein Zierrand aufgelegt gewefen fein, der mit Steinen gefchmückt war. Die Beftimmung diefes in das Ende des XII. oder beginnenden XIII. Jahrhundertes gehörigen Geräthes ift nicht mehr klar zu erkennen, doch ift es wahrfcheinlich, dafs fie die Faffung für eine Reliquie des heiligen Kreuzes gebildet haben mag. Vorzügliche Beiſpiele der Emailkunft find auch die fünf Reliquienkäftchen in Formen von Häuschen mit fchiefer Bedachung, die aus Holz angefertigt, mit reich emaillirten Kupferplatten und theilweife in Relief aufgelegten Figürchen oder doch einzelnen Theilen derfelben belegt find. Die Reliefs find aus Meffing angefertigt und vergoldet, die Emails zeigen auf blauem Grunde buntfärbiges Rankenwerk als Belebung der Flächen. Die Darftellungen variiren nur wenig, wir fehen Chriftus als Weltenrichter oder am Kreuze. daneben Maria und Johannes, die vier Evangeliftenfymbole, Engel im Bruftbilde, bisweilen die Perfonificirung des Chriftenthums und des Judenthums, u. f. w. Zwei diefer aus dem XII. oder beginnenden XIII. Jahrhunderte ftammenden Schreinchen find mit durchbrochenem Firftkamme gefchmückt. Drei gehören dem Stifte Klofterneuburg, je eines dem Prager Domfchatze und dem Stifte Kremsmünfter. Das Stift Vorau in Steiermark ftellte auch ein Reliquiengefäfs aus, doch hat dasfelbe nicht mehr die urfprüngliche Form, nur die Metallplatten der Aufsenbekleidung blieben erhalten, die in neuefter Zeit zu einem höchft gefchmacklofen Käftchen, ähnlich einer Rauchtabacks- Dofe zufammengeftellt wurden. Die Platten find von vergoldetem Kupfer, und mit herrlichen Emails champlevés gefchmückt. Eines kleinen Reliquienkäftchens ift hier zu erwähnen, das der reichhaltigen und vieles Intereffante bergenden Sammlung des Carl Ritter v. Pichler in Graz angehört. Es hat ebenfalls die Häuschenform, ift mit Stéinen und emaillirten Halbfiguren, deren Körper mumienartig eingewickelt und am unteren Ende wie abgefchnitten dargestellt find, béfetzt, und mit durchbrochener Gallerie gefchmückt. Die Rückfeite dürfte in neuerer Zeit hinzugefügt worden fein. Beide Reliquiare gehören dem XII. Jahrhunderte an. Das Stift Lambach und Gundacker Graf Wurmbrand ftellten je ein kupfernes emaillirtes Weihrauch- Schiffchen aus, das im XIII. Jahrhundert entftanden fein mag. Die Broncefchüffel aus dem Stifte Tepl, der Tradition nach, in dem Grabe der Hroznata gefunden, ift ganz mit Emails überzogen; die Mitte bildet ein Kreis, darinnen ein dreieckiger Schild mit Lilien, um den Kreis eine breite Bordure mit fechs Bogenfeldern, drinnen je zwei Figuren; die Verzierungen find emaillirt, die Technik und die künftlerifche Ausführung weifen diefe Schüffel als ein Werk der Schule von Limoges in das XIII. oder XIV. Jahrhundert. Wir kommen nun zu dem bedeutendften, zum hervorragendften Gegenftand ganzen Amateursausftellung. Es ift das grofse, weit berühmte Altarwerk aus Klofterneuburg, bekannt unter der Bezeichnung der Verduner Altar". Es befteht aus 51 Tafeln mit fehr intereffanten Darftellungen, ausgeführt auf vergoldetem Kupfer in Email champlevé. Die Darftellungen gruppiren fich in drei Horizontalreihen, von denen die mittleren 17 Bilder von Begebenheiten aus dem Leben Chrifti( sub gratia), die obere die typologifchen Vorbilder derfelben aus dem alten Teftamente vor der Gefetzgebung Mofis( ante legem) und die untere jene nach der " 2* 18 Dr. Carl Lind. Mofes( sub lege) enthält. Es ift fomit ein typologifcher und zwar fehr vollkomme ner Bilderkreis. Die Typologie fucht nämlich durch die Zufammenftellung ähnlicher oder ähnlich gedachter Momente der beiden Teftamente den Beweis einer ununterbrochenen göttlichen Offenbarung zu führen und Begebenheiten des alten Teftamentes als Vorbilder beftimmter Ereigniffedes neuen hinzuftellen. Zwifchen diefen Bilderreihen und den einzelnen Tafeln find in Halbfiguren in der oberen Reihe Engel, in der Mitte Propheten, unten die Tugenden dargeftellt. Jede Darftellung wird durch einen leonifchen Vers erläutert. Endlich ist noch zu erwähnen, dafs das ganze Werk mit kleinen Plättchen eingefafst ift, die mit in verfchiedenfärbigem Email ausgeführten Ornamenten geziert find. Man zählt davon 44 Mufter, davon die meiften fich durch befonderen Gefchmack auszeichnen. Die Farbenftimmung der Bilder und der erwähnten Umrahmung fetzt fich aus Blau, Roth und Gold zufammen, hie und da, befonders in den Heiligenfcheinen findet fich ein mattes Grün, dann auch noch Weifs, Schwarz und ein Gemengfel aus Grau, Weis und Roth, in welchem Tone vor nehmlich die Trennungsfäulchen im Rahmen der einzelnen Bilder ausgeführt find. Zufolge der Infchrift wurde diefes grofsartige Werk, das bedeutendfte Emailwerk des Mittelalters, das man kennt, als Widmung des fechften Probftes Wernher durch Nikolaus von Verdun im Jahre 1181 ausgeführt, und zwar als Verkleidung eines Lefepultes( Ambo), fpäter als Antipendium des Kreuzaltars; erft nach dem Brande des Stiftes wurde es über Wunfch des Probftes Stefan von Sierndorf ( 1322) zu einem Altarauffatz in Form eines Flügelaltars umgeftaltet und durch Einfügung von fechs Bildern, die in Wien angefertigt wurden, vergröfsert. Die conventionelle Richtung des XII. Jahrhundertes bildet an diefen Tafeln die entfchiedene Grundlage ihrer ftiliftifchen Behandlung. Aber fie entwickelt fich, wie Kugler treffend bemerkt, von folcher Grundlage ausgehend, zu einem bewegten Leben, das bei manchem auffälligen Ungefchick, bei manchem fehr Uebertriebenen, die bered'fte dramatifche Ausfprache des Moments zum Ausdruck bringt, fie geftaltet fich bei einzelnen, namentlich weiblichen Geftalten zu den durchgebildeten Grundzügen eines claffifch geläuterten Adels, der mit Empfindung auf die Mufter der Antike zurückgeht und in ftaunenswürdiger Meifterfchaft bereits das vorweg nimmt, was erft in neuer jüngerer Zeit zur umfaffenden Ausbildung gelangte. Mag man auch Camefina's prachtvolle und höchft getreue Publicationen diefes Altarwerkes noch fo gut kennen, mag man das Original in feiner ungünfti gen Aufftellung im ehemaligen Kapellenhaufe des Stiftes, beeinträchtigt durch die ungenügende Beleuchtung, noch fo fleifsig ftudirt haben, erft hier- in Folge der guten Aufftellung und günftigen Beleuchtung konnte man fich diefes Kunftwerkes ordentlich erfreuen. Wir wollen, obwohl mit Rückficht auf die Anfertigungszeit nicht hieher gehörig, erwähnen, dafs die Rückfeite diefes Altars mit vier Temperagemälden auf Holzgrund geziert ift, die Probft Stefan von Sierndorf in der erften Hälfte des XIV. Jahrhundertes bei der eben erwähnten Umgeftaltung zu einem Flügelaltar anfertigen liefs. Jeder Flügel enthält eine Tafel, das doppelt fo breite Mittelftück zwei. Erftere wurden, wie diefs bei Flügelaltären gewöhnlich, während der Faftenzei: gefchloffen, in welchem Falle zwei Hauptmomente der Paffion, die Kreuzigung und die Frauen am Grabe, dabei Chriftus als Gärtner fichtbar wurden. Die Rückfeite enthält Bilder aus der Legende Mariens: ihren Tod und ihre Krönung. Diefe intereffanten Gemälde find die älteften bisher datirten Tafelgemälde Oefterreichs und gehören zu den früheften Producten deutfcher Malerei. Als diefer Stilperiode angehörig haben wir zweier charakteriftifcher Bronce leuchter zu gedenken, die, dem XII. oder beginnenden XIII. Jahrhunderte entftammend, vom kärntnerifchen Landesmufeum ausgeftellt wurden; Profeffor Klein hatte einen einfacheren, romanifchen Leuchter ausgestellt. e- ng en enn- b. en en en en en rs [ s, r d. rk ch es m rf h n It k n 1 1 1 י Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 19 Denkmale der Textilkunft des romanifchen Stiles. An Denkmalen diefer Kunft fand fich Bedeutendes und Hervorragendes in den Käften der öfterreichifchen Amateursexpofition. Wir nennen zuerft die drei Prieftergewänder, die das kärntnerifche Stift Sct. Paul ausftellte, die gleich den übrigen Schatzgegenftänden ehemals dem Stifte Sct. Blafien im Schwarzwalde gehörten und, als zu Beginn diefes Jahrhundertes Kaifer Franz den obdachlofen Conventualen aus dem Schwarzwalde eine neue Heimat in Sct. Paul gaftlich eröffnete, dahin mitgebracht wurden. Da ift eine Cafula von altem Schnitte, ohne Ausfchnitt für die Arme, im Halbmeffer I Meter 67 Centimeter weit, die ganze Fläche durch ornamentale Streifen, die vertical und horizontal gezogen find, in quadratifche Felder getheilt und unterhalb mit einer Bordure abgefchloffen. Im Ganzen find 38 Felder gefchaffen, doch bilden davon nur 26 vollkommene Quadrate. Die Nadelmalerei ift in vortrefflicher Seidenftickerei auf ftark gewebtem, ungebleichtem Straminleinen, im Zopf- und Kettenftich ausgeführt. Die Farbenwirkung ift eine fehr einfache. Die zwei Hauptfarben, in denen mit nur vereinzelten Ausnahmen der Grund der figuralifchen Darftellungen ausgefüllt ift, find gelb und blafsroth. Aufser diefen finden wir noch Blau, Grün, Braun, Weifs und eine tiefere Abstufung des Roth. Vom Golde wurde nirgends Gebrauch gemacht. Die Felder find entweder mit figuralen Darftellungen oder mit Thiergeftalten gefchmückt. Alle Verzierungen zeigen entfchieden den Charakter des entwickelten Romanismus, wie er fich vom Beginne des XII. Jahrhundertes bis in die erfte Zeit der Gothik in fteter Fortbildung erhalten hat. Die Darftellungen in den Quadratfeldern beziehen fich auf neuteftamentarifche Begebenheiten, Prophetengeftalten, typologiſche Bilder aus dem alten Bunde, Heiligengeftalten, endlich werden in den 35 Medaillons der Bordure Evangeliften, Apoftel und einzelne hiftorifche Perfonen( Kaifer Otto) vorgeführt. Dr. Heider spricht die Vermuthung aus, dafs diefes im zweiten Viertel des XII. Jahrhundertes entstandene kirchliche Kleid in dem Frauenmünfter der Benedictinerinen zu Zürich angefertigt wurde und entweder für das Stift Sct. Blafien oder für das berühmte Benedictinerklofter Sct. Gallen beſtimmt war. Das zweite liturgifche Gewand ift ein im Beginn des XIII. Jahrhundertes entftandenes Pluviale( cappa pluvialis, casula cuculatta, processoria, Mantel) von der gleichen Form wie die Casel, nur vorne offen und über der Bruft mittelft eines Querftreifens zufammengehalten, rückwärts mit einer kleinen Caputze. Durch einen längs des Rückens herumlaufenden, ornamental verzierten Streifen wird der in feiner Ausbreitung einen Halbkreis bildende Mantel in zwei gleiche Theile gefchieden. Auf jedem derfelben find neunzehn ganze Kreife und fünf theils gröfsere theils kleinere Kreisfegmente als Räume für figuralifche Darftellungen hergeftellt, deren jede durch eine dem Kreisumfange folgende, im leonifchen Versmafse gehaltene Umfchrift erläutert wird. Die Zwifchenräume, welche durch die aneinander gereihten Kreife gebildet werden, enthalten aus Blättern gebildete Ornamente. Die figuralifchen Darftellungen führen auf der einen Hälfte die vollständige Legende des heiligen Vicentius, Schutzpatrones des Stiftes Sct. Blafius vor. Rückfichtlich des Stoffes, der Stickerei und Farben gilt das vom erften Gewande Gefagte, nur erfcheinen hier auch noch Goldfäden verwendet. Das dritte liturgifche Gewand ift eine der früheren gleichgeformte Cafula aus dem beginnenden XIII. Jahrhunderte, die jedoch im XVIII. Jahrhunderte in ibrer Form etwas verftümmelt wurde. Auch fie wird durch einen längs des Rückens herablaufenden Stab in zwei Theile getheilt, deren jeder 18 zum Theile verfchnittene Quadrate als Räume für figurale Darftellungen enthält. Die Abgrenzung diefer Felder bilden Streifen, welche oberhalb jeder Darftellung zur Anbringung der fie charakterifirenden, im leonifchen Versmafse gehaltenen Umfchrift dienen, zur Seite der Darstellungen aber mit verfchiedenen Band- und Laub 20 Dr. Carl Lind. Verzierungen gefchmückt find. Was die Stichweife und den Wechfel der Farben betrifft, fo gleicht diefe Cafula dem eben befprochenen Pluviale fo vollſtändig, dafs kein Zweifel über die gleichzeitige und örtlich zufammenfallende Anfertigung beider zulässig erfcheint. Hinfichtlich des Inhaltes der Darftellungen ift zu bemerken, dafs fie entweder neuteftamentarifche Scenen vorbringen, oder folche aus dem Leben des heiligen Nikolaus, Bifchof von Nicea. In den neun Medaillons : des Stabes fieht man das Lamm Gottes, die Bilder der Evangeliften und die vier grofsen Propheten. Nicht minder werthvoll, wie die kirchlichen Gewänder von St. Paul find jene aus dem aufgehobenen, ehemals in hohen Ehren ftehenden Nonnenftifte Goefs in Steiermark. Diefelben ftammen aus der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhundertes und find in ähnlicher Weife, wie die eben genannten, mit Seidenftickerei überzogen. Leider find fie nicht fo gut confervirt wie jene, und wurden die fchadhaften Stellen durch andere Stoffe ergänzt. Der Ornat befteht aus einer Cafula, die nicht zur Ausftellung gelangte, zwei Dalmatiken, einem Pluviale und einem Antipendium. Auf der einen gröfseren Dalmatica ift oben beim Halsausfchnitte am Rück theile in einem Medaillon zum Theile die Darftellung der Verkündigung Mariens mit dem Legendarium des englifchen Grufses fichtbar. Um diefelbe grup pirten fich die Symbole der Evangeliften, wovon noch zwei erhalten find. Den übrigen Raum der Rückfeite nehmen zwölf Darftellungen fymbolifcher Thier geftalten ein. Diefe find auf farbige Flächen geftickt und theilweife von Infchriften umgeben. Die Darftellungen find auf feinem Canevas zuerft in fcharfen Contouren angedeutet, die fodann theils in Ketten- und Sprungftichen, theils in Flecht- und Flammenftichen beftickt wurden. Die Grundfarbe ift roth. Die zweite etwas kleinere Dalmatica ift in Bezug auf Reichthum bildlicher Darftellungen viel einfacher, doch in der Technik gleich. Der Chormantel hingegen ift eines der intereffanteften Gewänder, er ift aus zwei Hälften zufammengefetzt, und in den Stickereien theils ornamental, theils figural gehalten. Als Mittelftück zeigt fich ein grofses Rundmedaillon mit der Vorftellung der Mater Dei, auf einem Faltistorium fitzend. In der buntförmigen Umringung des Medaillons ein leider nicht mehr les bares Legendarium und aufserhalb die Evangeliftenfymbole. Der Mantel ift fehr befchädigt und wurden die Lücken durch nicht paffende Stücke ausgefüllt; darauf finden fich Darftellungen der Apoftel. Auch unter der Madonna kniet als fpäteres, von einer anderen urfprünglichen Stelle entnommenes Flickwerk die Aebtiffin Chunegunde, unter deren Amtsführung diefer prächtige Ornat entstand. Den übrigen Theil des Mantels füllen nur fymboliſche Thiergeftalten in Quadratfeldern aus. Das dazu gehörige Antipendium ift 9 Fufs 5 Zoll breit, 3 Fufs 2 Zoll hoch. Auf diefer palla altaris find in gröfseren, durch kleine Kreife mit einander verbundenen Medaillons dargeftellt: Maria als Himmelskönigin, der englifche Grufs und die Anbetung der drei Könige. Zu beiden Seiten Mariens, aufserhalb des Medaillons knien weibliche Geftalten, wovon die eine die Stifterin( adula fundatrix) der Nonnenabtei mit dem Bildniffe der Kirche und die zweite( Chunegundis abbatissa me fecit) durch die Infchrift die Verfertigerin und Gefchenkgeberin des Antipen diums vorſtellen. Ueber der Darstellung Mariens erblickt man zwei Engel, die in kniender Stellung dem Heilande zugewendet find, zu beiden Seiten der drei Medaillons vielfarbig geftickte Ornamente, welche auf der einen Seite von Quadraturen eingefchloffen und auf der anderen Seite von rhomboidenförmigen Linien umgeben find. Das St. Peters ftift in Salzburg exponirte eine Glockencasula aus einem fehr feften orientalifchen Seidenftoffe von matt grüner Farbe, Als Deffin zeigt der Stoff Kreife, darin geflügelte Löwen und Vogelpaare. Als Verzierung trägt das Kleid nur vorne auf der Nath eine Goldborte und ebenfo um den Hals herum, welche auch ftellenweife mit Perlenreihen und Edelſteinen gefchmückt ift. Diefes Priefterkleid mag noch im XII Jahrhunderte angefertigt worden fein. ben ig, ng zu he ns er nd fte r- enen te, ته k ns P en r On en in te el er en in m S ar if n il น a S T Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 21 Wir haben hier auch der vier intereffanten Mitren zu gedenken, die in die Zeit des XII. und XIII. Jahrhundertes fallend, uns die von den Bifchöfen des Abendlandes damals allgemein angenommene Form diefer, einen integrirenden Theil des bifchöflichen Ornats bildenden Kopfbedeckung zeigen. Es iſt diefs eine Kappe, die vorne und rückwärts mit je einem dreieckigen, aufgeftellten, aber fehr niedrigen Schilde verfehen war. Man verwandte für die Aufsenfeiten der Mitra koftbare Stoffe, fügte nicht minder koftbare Bandftreifen in beftimmter Zeich nung darauf und als rückwärtige Anhängfel bei, fpäter kam noch Metall-, Steinund Perlenbefatz hinzu. Die eine, mitra ftellata genannt, weil fie mit einer grofsen Anzahl kleiner Sterne, d'e mit verfchiedenfärbigen Seidenfäden auf den Grundft off geftickt wurden, verziert ift, zeigt an den Schilden im Stoffe eingearbeitete, gröfsere Sterne mit ungleich langen Flammenftrahlen, welche dem Ganzen einen mehr phantaftifchen orientalifchen Charakter verleihen. Die andere, mitra simpliciter aurifrigiata, trägt im Allgemeinen dentelben Kunft charakter wie die vorige; ift aber bedeutend höher, was feinen Grund lediglich darin haben dürfte, dafs am unteren Rande eine aufserordentlich breite Goldborte von normänifch- ficilianifchem Charakter herumläuft. Der Grundftoff ift weifse, deffinirte Seide Befonders auffallend find die an der Infel rückwärts herabhängenden langen Bänder, welche in fehr frifchen Farben ein Gewebe mehr orientalifchen Charakters repräfentiren. Beide Mitren gehören dem St. Peterftifte in Salzburg. Zwei fehr intereffante Mitren befitzt die Domkirche zu Salzburg, davon jedoch nur eine ausgeftellt war. Diefelbe hat eine Breite von 91% Zoll und II Zoll Höhe, ift aus weifsem glattem Seidenftoffe angefertigt. Ein breites Band, von reichem Goldftoff dient als aurifrifia in circuito und in titulo. Das Band ift mit aufgelegten Perlen, theils in Linien theils in abwechfelnden geometrifchen Muftern zufammengeftellt, gefchmückt. Die durch das fenkrechte Band getheilten Schilder find in jedem der beiden Felder mit einem Medaillon geziert, das innerhalb einer Umrahmung aus Goldftoff und Perlenftickerei je ein Evangeliftenfymbol mit entfprechender Umfchrift ebenfalls in farbiger Seide und mit Perlen geftickt enthält. Die breiten Stolæ find von weifsem Seidenftoffe, darauf in Gold geftickt ein romanifches, bandartiges Ornament, und endigen mit reichem Franfenbefatze. Es war noch eine vierte derartige Mitra ausgeftellt, die jedoch nahezu um ein Jahrhundert jünger fein, und in das XIII. Jahrhundert gehören dürfte, was fich befonders durch die darauf angebrachten, den Charakter der Uebergangszeit an fich tragenden Metallornamente rechtfertigt. Sie iſt aus weifser Seide angefertigt und mit einer breiten Goldborte und aufserdem mit fehr zierlichen Filigran Agraffen gefchmückt, davon einige kleeblattförmig, andere ſchnekenförmig, gewunden find. Diefe Mitra gehört ebenfalls dem Petersftifte Kunftproducte des gothifchen Stiles. Die fociale Umgeftaltung, die fich bald allenthalben durch das fich kräf tigende Bürgerthum und Städteleben Bahn brach, begünftigte eine neue zierliche Stilrichtung gegenüber dem in mächtigen Formen auftretenden Romanismus, diefem, man könnte fagen, mit dem befchaulichen Klofterleben entstandenen und nur von geiftigem Gehalt belebten Principe. Natürlich ftand wie bei jeder neuen Kunftrichtung die Architektur an der Spitze; diefer entfprach auch der neue Stil am meiften, von ihr ging der befruchtende Gedanke auf die anderen Künfte und auf das Kunft- Handwerk über. In ihr blieb die leitende Idee, das Princip für die Formvollendung, für äufseren Glanz und für fchwungvolle Ornamentik, doch gingen auch von ihr alle Ausartungen aus, und wurden von ihr in die Sculptur, Malerei und Kleinkunft übetragen, wo fie gehorfam übernommen und getreulich 22 Dr. Carl Lind. nachgeahmt wurden. Die Gothik drang in alle Zweige der Kunft, wobei ihr zu ftatten kam, dafs fie fich in ihrer Anwendung aufserhalb der Architektur jedem beftehenden und noch fo eigenthümlichen Grundgedanken zu accomodiren fuchte. Werke der gothifchen Goldfchmiede- Kunft. Wir wollen unfere Ueberfchau von Kunftgegenständen der gothifchen Epoche mit den Producten der Goldfchmiede- Kunft beginnen. Da ift es wieder die Kirche, die uns für diefe Gruppe die gröfsten Koftbarkeiten liefert. Wir finden Reihen von Kelchen und Monftranzen, die alle mehr oder minder gelungen, diefen Stil repräfentiren. Wir nennen zuerft den Kelch von Admont. Derfelbe vereinigt in fich die Reminiscenzen des romanifchen Stiles und Vieles der Gothik. Auf der Fläche des noch runden Fufses find vier ovale Medaillons mit Darftellungen aus dem Leben Chrifti angebracht, der Knauf ift ebenfalls noch rund, nur oben und unten etwas platt gedrückt und im Halbkreisbogen mit Thier- und Pflanzenbildungen geziert. Die Cuppa hat bereits die der Gothik charakterifirende, nach unten zugefpitzte Form. Ueber die Entftehungszeit( 1350) bringt eine zunächft des Knaufes angebrachte Infchrift Nachricht. Diefer Kelch, eine Ausnahme von der während des gothifchen Stiles allgemein angenommenen Form, liefert den Beweis, dafs felbft zur Zeit der Allmacht des gothifchen Stiles die Formen des früheren Stiles in der Kleinkunft noch nicht ganz vergeffen waren. Die allgemeine Form der Kelche der gothifchen Epoche charakterifirt fich durch den blattförmigen, meiftens fechstheiligen Fufs, durch polygonen Nodus, der in der Spätgothik bisweilen bis zum Capellenbau fich erweitert und durch die nach unten fich verengende Trinkfchale, welch' letztere Eigenfchaft fich in der Spätgothik ebenfalls abfchwächt, indem man zur Tulpenform überging. Die darauf verwendete Verzierung ift theils Email, meiftens durchfchimmerndes, bisweilen Stein- oder Glasbefatz, ferner reiche Filigranirung und Befatz von Relieffiguren, die bisweilen in reicher Anzahl auf der Fufsplatte, namentlich aber am Nodus angebracht find. Als ausgezeichnet durch Emailfchmuck nennen wir jenen Kelch von Sct. Paul( XVI. Jahrhundert). Mit Filigranfchmuck als der hauptfächlichften Ver zierung find ausgeftattet: Die beiden Kelche aus Ebenfurt( XVI. Jahrhundert), Ibbs ( XVI.), Sct. Leonhard( XVI.), von Klofter Strahov und der Goldfchmiede Genoffenfchaft in Prag, endlich nennen wir noch die einfachen Kelche von Judenburg( XVI.), Oberdrnovitz( XV.), Brünn, Sct. Jakobskirche( 1478), Kunewald( XV.), Selowitz( XV. Jahrhundert) und die drei durch ihre gewal tigen Noden, mit figuralem Schmucke eigenthümlichen Kelche des Tarnower Domes. Die Kirche zu Maria Saal hat einen fchön cifelirten Kelch von unge. wöhnlicher Gröfse mit eingravirten figuralifchen Darftellungen am Fufse und an der Cuppa ausgeftellt, der von Jörg Ungnad( 1466) ftammt. Einen eigenthümlichen Kelch müffen wir hier erwähnen, es ift diefs der fogenannte Reifekelch aus Klofterneuburg, der wahrfcheinlich im XV. Jahr hundert entstanden fein mag und die von uns befchriebene Form der gothifchen Kelche hat. Seine Beftimmung als Reifekelch charakterifirt fich dadurch, dafs er in drei Theile zerlegbar ift, die mittelft eines am Fufse befindlichen Zapfens in einander gefchraubt werden können. Die Mefskännchen find fo geformt, dafs fie der Fläche des Fufses aufgelegt werden können, worüber dann die Cuppa geftürzt wird. In die Höhlung des Fufses pafst die Hoftienkapfel und als letzter Abfchlufs dient die Patene. Um die Euchariftie würdig aufzubewahren, bediente man fich fchon in altchriftlicher und romanifcher Zeit gewifser verfchliefsbarer Gefäfse, von denen jedoch keines auf die Ausftellung gebracht wurde, wenn man nicht die fchon erwähnten taubenförmigen Gefäfse als Ciborien annehmen will. In der gothifchen Zeit erhielten die Ciborien eine fchlanke, thurmartige Form und im Aufbau Gliederung und Verzierung nach dem Charakter diefes Stiles. Wir fanden vier derartige Gefäfse; weitere drei Ciborien haben eine Form, die von den conventio es of ihr dem chte. fere Cten für chen ren. die des ben was ert. tzte geend lafs les ich Her ch ik ete asin on erbs e. on 3). aler e- an er n s S e 1 Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 23 nellen mehr oder minder abweicht. Wir nennen vor Allem das Ciborium von Klofterneuburg, aus vergoldetem Silber, 1 Schuh 1½ Zoll hoch. Der achttheilige Fufs ift ziemlich reich gehalten und auf der Fläche theils mit Medaillons, darin die Evangeliftenfymbole, theils mit Figuren und Blattornamenten geziert; den Ständer fchmückt ein mit Glaspaften und Email ausgeftatteter Nodus. Die Schale fammt Deckel ift ebenfalls achtfeitig und vollſtändig mit in herrlichem Email auf blauem Grunde ausgeführten Darftellungen bedeckt. Auf dem Deckel finden fich acht Darftellungen, an der Schale ebenfalls acht Felder, doch find fie für je zwei Darftellungen untertheilt und ift jeder Darftellung noch das Bild eines Propheten beigegeben. Der Bildercyklus beginnt mit der Verkündigung Mariens und endigt mit der Kreuzabnahme. Eine weitere Darftellung findet fich in der Cuppa, nämlich die Auferstehung, und in der Höhlung des Fufses die fymbolifche Beziehung auf die Auferstehung, nämlich der feine Jungen anhauchende Löwe. Cuppa und Deckel dürften dem Anfange des XIV. Jahrhundertes angehören, während der Ständer in der erften Hälfte desfelben Jahrhunderts' entftanden und Wiener Arbeit ift. Die Dekanalkirche zu Melnik ftellte eine filberne, theilweife vergoldete Hoftienbüchfe aus. Sie ift kreisrund und hat inclufive der Figuren eine Höhe von 5 Zoll bei einem Durchmeffer von 42 Zoll. Das Gefäfs, das mit Rückficht auf die Ornamentation aus dem ablaufenden XV. oder beginnenden XVI. Jahrhunderte ftammen mag, ruht auf drei Füfsen, deren jeder einen knieenden, muficirenden Engel darftellt. Die Schale ift unten flach und hat fenkrechte Seitenwandung, die nach oben mit einem fortlaufenden gothifchen Lilienornamente abfchliefst. Um die ganze Aufsenfeite der Wandung fchliefst fich ein meifterhaft durchgeführtes Ornament aus rankenden Blumen und Blättern, das, felbftftändig ausgeführt, reliefartig aufliegt. Der abhebbare Deckel ift nach aufsen mit einem Zaune abgefchloffen, was die geflochtene Umzäumung des Oelberges vorftellen foll. Inner desfelben ift die Todesangft Chrifti auf dem Oelberge dargeftellt. Wir fehen Chriftus gegen einen Felfen gewendet knieen, darauf der Kelch fteht, um ihn liegen fchlafend feine Begleiter Petrus. Jacobus und Johannes. Die Figuren find ungenügend, doch die Gruppirung lebhaft. Mit Rückficht auf Zeichnung und Ausführung ift anzunehmen, dafs diefes Werk ein Goldfchmied von Strebfamkeit und künftlerifcher Begabung angefertigt hat, dem manche bedeutende Werke diefes Kunft- Handwerkes aus früheren Zeiten nicht unbekannt geblieben find, wodurch in ihm eine gewiffe und an dem Werke deutlich merkbare Läuterung des Gefchmackes bewirkt wurde. Das Brünner Franzensmuſeum ftellte ein kugelförmiges Ciborium aus Meffing aus, das auf fchlankem Fufse fteht und noch ins XVI. Jahrhundert gehören mag. Auch unter den aus Galizien eingefendeten Gegenftänden fand fich ein Ciborium des nichtunirt- griechifchen Klofters zu Suczawica und noch aus dem XVI. Jahrhundert ftammend; es ift aus vergoldetem Silber angefertigt, ftellenweife mit Emails geziert und ftellt eine Kirche mit drei hintereinander gereihten Kuppelthürmen vor. Wir kommen nun zu den Monftranzen, fie find die jüngften in der Reihe der kirchlichen Gefäfse. Sie entstanden in Folge der Einführung des Frohnleichnamsfeftes, deffen Feier in Deutfchland fich erft feit dem Beginn des XIV. Jahrhundertes allgemein verbreitete. Um das Venerabile bei diefer Gelegenheit dem Volke zeigen und im feierlichen Zuge entſprechend tragen zu können, fchuf die gothifche Kunft aus den zierlichften Formen der Architektur jene prachtvollen Behältniffe oft von koloffalen Verhältniffen, die noch jetzt unfere lebhafte Bewunderung erregen. Der Fufs zum Aufftellen und der Stiel mit Knauf zur Handhabe find den entsprechenden Theilen der Kelche nachgebildet, der obere das Retabulum bildende Theil entwickelt fich in der Regel zu drei zierlich durchbrochenen Spitzen, von denen die mittlere höher emporfteigt, während die feitlichen nach unten confolartig abgefchloffen find. Das Retabulum felbft hat die Geftalt eines viereckigen 24 Dr. Carl Lind. Kaftens, oder einer kürzeren liegenden Hülfe mit Kryftallverfchlufs, oder eines aufrecht ftehenden cylindrifchen Behältniffes von Kryftallglas, darinnen die Hoftie von der halbmondförmigen Lunula umfchloffen fichtbar ift. Die Verehrung der Reliquien brachte es mit fich, dafs die monftranzenförmigen Gefäfse auch für die Aufbewahrung und Schauftellung der Reliquien ver wendet wurden. Unter den ausgeftellten Monftranzen verdienen als hervorragend befonders befprochen zu werden, das prachtvolle Reliquien- Oftenforium des Stiftes Klofterneuburg. Dasfelbe aus vergoldetem Silber, 2 Schuh 4 Zoll hoch, baut fich auf einem achtfeitigen, mit vier vorfpringenden Feldern verfehenen Fufse auf. Der polygone Ständer ift mit einem fechseckigen gothifch ornamentirten Knaufe befetzt. Der zur Aufbewahrung der Reliquie beftimmte, oben und unten mit einem Lilienbande gefchmückte Glascylinder ift zu beiden Seiten mit fich verjüngenden fchlanken Streben umgeben und mit einer kleinen Capelle bekrönt, die mit einer zierlichen Spitze fammt Kreuzblume abfchliefst. Die Fufsfläche zieren acht Vorftellungen in flach getriebener Arbeit auf Silberplatten. Der figurale Schmuck befchränkt fich blofs auf zwei Figuren, die an der Aufsenfeite des Tabernakelbaues angebracht find. Diefes herrliche Product der Goldfchmiede- Kunft dürfte gegen Ende des XIV. Jahrhundertes angefertigt worden fein. Von den aus dem XV. Jahrhunderte ftammenden Oftenforien nennen wir vor Allem die fchöne und grofse Monftranze aus der Sammlung von Koftbarkeiten und Prachtgegenftänden des Freiherrn Anfelm von Rothfchild in Wien, der wir noch wiederholt werden zu gedenken haben. Sie ist aus Silber angefertigt und theilweife vergoldet, hat eine Gefammthöhe von 48 Zoll und charakterifirt fich durch einen äufserft fchlanken Aufbau. Der Fufs zeigt die häufig vorkommende fechsblättrige Rofe. Der Stiel ift fehr dünn und hoch, baut fich fechsfeitig auf und ift mit einem kapellenartigen Nodus befetzt. Der eigentliche Kapellenbau ift ebenfalls fechsfeitig conftruirt, das Hoftienhäuschen ift cylindrifch. Figuraler urfprünglicher Schmuck findet fich an dem Gefäfse nicht, obfchon zahlreiche Nifchen und Confolen an demfelben angebracht find. In das Hoftienhäuschen ift in neuerer Zeit eine, jedoch nicht hineinpaffende zierliche Figur, den heiligen. Petrus vorftellend, eingefetzt worden. Wir erkennen an diefer Monftranze bereits den feit dem Beginne des XV. Jahrhundertes zunehmenden Einfluss des decorativen Elements gegenüber dem zurückgedrängten conftructiven, auf Koften des harmonifchen und ftilgemäfsen Aub'aues. Die Strebepfeiler und Bogen erfcheinen nicht mehr als Träger und Stützen des Gebäudes und find ohne conftructiver Beftimmung nur Spielzeug. Die Monftranze aus der Sct. Leonhardskirche in Tamsweg, im Jahre 1412 aus Silber angefertigt und vergoldet, von 33 Zoll Höhe, ift von der gewöhnlichen Durchführung des gothifchen Aufbaues, wefentlich abweichend con ftruirt, daher man mit Recht annehmen kann, dafs die Zeichnung für diefelbe kein Goldfchmied entwarf, fondern dafs mit Rückficht auf die ftreng architektonische Gliederung und Durchführung der Entwurf aus der Hand eines geübten Architekten hervorging und dafs bei der Ausführung fich der Goldfchmied ängftlich an das ihm gegebene Vorbild gehalten hat. Der fehr flache Fufs bildet eine achtblättrige fehr breite Rofe, die Oberflächen find blank, der Stiel ift acht feitig mit einem kräftigen Nodus in Form einer Kapelle geziert. Auf dem Stiele ruht eine Platte als Trägerin der unteren Kapelle oder beffer gefagt, eines mächtigen Spitzbogens, unter welchem die über 5 Zoll hohe Figur des heiligen Leonhard fteht. Die Figur ift vergoldet, Geficht und Hände find mit Oel farbe bemalt. Eine auf diefen Spitzbogen ruhende. breitere und längere Platte trägt den eigentlichen Bau des Retabulums. Dasfelbe ift viereckig, vorn und rückwärts mit einer Glasplatte verfehen, damit man die darin in einer von Engeln gehaltenen Lunula getragene Hoftie fehen kann. Der darüber fich entwickelnde Abfchlufs zeigt eine dreitheilige durchbrochene Kapelle, daran fich die beiden 1 e r Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 25 Aufsentheile mit einer vierfeitigen, mit Knorren und Kreuzblume befetzten Spitze anfchliefsen. Die Mittelkapelle trägt noch einen weiteren auf vier Säulen ruhenden Aufbau, darin der Ecce homo fteht. An der Schmalfeite des Tabernakels erhebt beiderfeitig fich eine offene Kapelle, darinnen je ein Figürchen, darüber fteigt endlich eine weitere viereckige Kapelle empor, deren Fenfter mit Mafswerkblenden auf blauem oder violettem durchfchimmerndem Emailgrunde geziert find. Schliefslich bildet deren Abfchlufs gleich dem Mittelbau ein viereckiger maffiver Spitzhelm. Sodann eine Monftranze des Benedictinerftiftes St. Paul in Kärnten. Diefes fchöne, kirchliche Gefäfs, welches zweifelsohne aus der zweiten Hälfte des XV. Jahrhundertes ftammt, ift aus Silber gearbeitet, vergoldet und 19% Zoll hoch. Der Fufs hat die Form eines achttheiligen, oblongen Sternes, um deffen glatten Rand von einfacher Profilirung fich eine kunftreich durchbrochene Gallerie mit Vierpafsformen und ein zierliches, kettenartiges Band windet. Die Ecken find mit kleinen Widerlagspfeilern ornamentirt. Von jeder Spitze der Bafis läuft je eine eingekerbte und durch aufgefetzte Punkte rauhe Rippe gegen die Mitte der glatten, allmälig anfchwellenden oberen Fufsfläche, wofelbft fie eine mit Glas überdeckte kreisrunde und flachliegende Reliquienkapfel umfchliefsend und freiftehend fich nach aufwärts wendet. Diefe acht Rippen vereinigen fich in einer gemeinfchaftlichen Deckplatte und bauen damit über der Reliquienkapfel eine Art Tempel. Erft über der Deckplatte beginnt der gewundene an und für fich kurze Stiel mit dem runden, oben und unten gedrückten Nodus in der Mitte. Die auf dem Stiel ruhende Platte als der Träger des Tabernakels ift an jeder Seite mit einer Volute confolartig gefchmückt. Der Tabernakel hat die Geftalt einer vierfeitigen Capelle mit der zur Aufnahme der Euchariftie beftimmten Kapfel in der Mitte, die eine runde Form hat, und mit einem breiten mit Edelſteinen und Perlen gezierten Metallreifen eingefafst ift. An den Seiten der Kapfel bauen fich Strebepfeiler auf, die nach oben mit Fialen endigen. Der Tabernakel wird durch einen fechsfeitigen Thurmbau bekrönt, der unten eine mit fpitzbogigen Fenftern gezierte Kapelle bildet. Die Spitze ift an den Kanten mit kleinen Krabben und zu oberft mit Kugel und Kreuz gefchmückt. Ein nicht minder beachtenswerther Gegenftand war das dem Capuzinerklofter in Wien gehörige Reliquiar in Form einer Monftranze. Den flachen, fcheibenförmigen Fufs, der in feinem Aufbau zierlich durchbrochen ift, fchmückt vorne die eingravirte Darftellung des gekreuzigten Erlöfers. Der Nodus bildet ein aufrecht geftelltes Medaillon, das nach der einen Seite das auf Pergament gemalte Bildnifs des heiligen Jacobus und Reliquien, auf der anderen Seite ein vergoldetes Siegel mit der Umfchrift: Sigillum judicum pacis saxoniæ general. zeigt. Das Mittelftück der Monftranze bildet eine in Form eines Vierpaffes componirte, zierlich durchbrochene und aufgeftellte Scheibe mit den vier Evangeliftenfymbolen, in der Mitte eine kleine Kapfel. Zwei Fialen an den Seiten und ein Spitzgiebel in der Mitte, darin auf der Vorderfeite das gemalte Bildnifs des Heilands, auf der Rückfeite im getriebenen Relief das des heiligen Jacobus als Bifchof, fchliefsen den Aufbau ab. Diefes herrliche, mit Steinen reich gefchmückte filberne und vergoldete und in feiner Form höchft originelle Gefäfs ftammt aus dem XV. Jahrhunderte, das Siegel und das getriebene Relief am Giebel dürften mindeſtens um zwei Jahrhunderte, die durchbrochene Scheibe um ein Jahrhundert älter fein. In das XV. Jahrhundert gehören noch die Monftranzen von Tifchnovitz und Rabenftein und das Oftentatorium aus Melk, in das XVI. jene der Stifte Schotten und Raigern, von Matzen, Freiftadl, Kopsčivnice, Drafow, Jamnitz, Borftendorf, aus der Burgcapelle zu Vöttau und die fchöne Monftranze von Hradich. Nebft diefen verdienen noch zwei Monftranzen eine etwas eingehendere Beachtung. Die Monftranze von Prieglitz, laut darauf befindlicher Jahreszahl aus dem Jahre 1515 ftammend, zeigt grell die Verflachung der Gothik in ihrer Anwendung auf die kleine Kunft. An diefer 26 Dr. Carl Lind. haben ich die einzelnen Träger und Stützen des Aufbaues unter Aufgeben der kräftigen Gliederung und ihrer conftructiven Wichtigkeit zu äufserlichen, fpielenden Zierrathen bereits vollends verflüchtigt, und finken zu dünnen Stäben und Fäden herab, die mitunter in allerlei Windungen und Schnörkeln endigend, an den Seiten des Tabernakels angebracht werden und in ganz unnatürlicher Weife einen mächtigen, wenn auch luftigen Aufbau zu ftützen und zu tragen haben. Und doch mufs man zugeben, dafs hier in Form und Zierlichkeit der Ornamente Bedeutendes erreicht wurde, und der von dem Gewöhnlichen und Stilgerechten abweichende Aufbau des ganzen Gefäfses immerhin als fchön entwickelt bezeichnet werden kann. Der Fufs diefes filbernen drei Schuh hohen Gefäfses zeigt die Form einer fechsblättrigen, gegen die beiden Seiten verbreiterten Rofe und ift auf den Flächen durch eingravirte Darftellungen ver ziert. Der den Glascylinder, das Hoftienhäuschen, umfaffende und fich darüber hinausbauende Tabernakel ift fechsfeitig und bildet drei übereinander ftehende Capellen. An der Monftranze zu Seitenftetten zeigt fich, obwohl der thurmartige Aufbau mit der im gothifchen Stile üblichen Conftruction beibehalten ift, bereits der entfchiedene Einfluss der Renaiffance auf die Ornamente, insbefondere an den Einfaffungen der Fenfter, an den Verzierungen des Nodus und der Querunter lage des Tabernakels. Wir kommen nun zur Gruppe der Reliquiare und Kreuze, welch' letztere meiftens auch zur Aufnahme von Reliquien eingerichtet waren. Wir nennen zuerſt das fogenannte Melker Kreuz, enthaltend eine vom Markgrafen Adalbert 1045 dem gleichnamigen Stifte gefchenkte Kreuzpartikel, die von Herzog Rudolf IV. 1363 nebft anderen hinzugefügten Reliquien mit einer koftbaren Faffung verfehen wurde; es war das einer der werthvollften Gegenftände der Ausstellung; ein zwei Fufs hohes Kreuz aus Goldblech mit kleeblattförmigen Enden, an deffen Vorderfeite in getriebener Arbeit der gekreuzigte Heiland, eine magere Geftalt, doch von guter Modellirung, in den Kleeblatt- Enden der Kreuzesarme die vier Evangeliften in der feltfamen Darftellungsweife, dafs die Figuren die Köpfe der fymbolifchen Thiere haben; fie halten Streifen in den Händen, auf denen ihře Namen ftehen. Die Rückfeite ift mit Perlen und ungefchliffenen Edelfteinen gefchmückt, von denen die gröfseren zugleich die Schrauben zum Oeffnen des Kreuzes bil den; einer derfelben zeigt einen wahrfcheinlich antik gefchnittenen Kinderkopf. Der Grund ift mit ganz frei gearbeitetem Laub werk( Weinlaub), mit vielen zarten fchwungvollen Ranken belegt, die inneren Bogen und die Evangeliften find theilweife emaillirt. An jedem Balken- Ende der Rückfeite fieht man in einem Dreiecke oder Dreipaffe drei Kronen in gleicher Arbeit. Das Kreuz fteht auf einem Fuſse, der eine Zugabe des XV. Jahrhundertes ift, aus vergoldetem Silber in Rofenform, der Stiel ift fehr dünn und mit einem eckigen Knaufe verfehen. Aus dem Schatze des felben Stiftes fanden fich noch zwei Kreuze ausgeftellt. Das eine aus dem Ende des XV. Jahrhundertes ftammend, ein höchft zierliches Werk, deffen Kern aus Kryftall, aus verfchlungenem Aftwerk aufgebaut, deffen Ränder mit zarten Blätterranken, die Ausgänge der Arme mit aus Laubwerk hervorragenden Perlen gefchmückt find. Im Durchfchneidungspunkte der Kreuzesfchenkel ift und zwar vorne ein zartes Elfenbein- Relief( die Aufnahme Mariens darftellend), auf der Rückfeite ein Apoftelbild auf Goldgrund angebracht. Das dritte Kreuz, 18 Zoll hoch, ebenfalls dem XV. Jahrhunderte angehörig, war für diefe Ausstellung von erhöhter Bedeutung, da die lilienförmigen Arme aus Bergkryftalı angefertigt und Gegenftände aus diefem Materiale und aus jener Zeit ftammend, nur wenige auf der Ausftellung zu finden waren. Das vom Stifte Strahov ausgeftellte Altarkreuz aus dem Ende des XIV. Jahrhundertes, war in der Gefammt compofition, im Steinbefatze und in der Technik dem fchon befprochenen Melker Prachtkreuze fo ähnlich, dafs es nur als eine Nachbildung des letzteren angefehen werden kann. Ferner ftellte das Domcapitel zu Tarnow ein goldenes Crucifix mit Maria und Johannes Den en, Den nd. her gen Her and ön uh en erDer de ge its an er. re rit 45 V. en ei te on en en en Et, 1 f. n 1. e e S T r Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 27 an den Seiten( XVI. Jahrhundert), die Pfarrkirche zu Hradifch ein filbernes Standkreuz aus, das mit einzelnen Theilen in das XVI. Jahrhundert zurückreicht. Das koftbare Kreuz aus dem Stifte Hohenfurt mufs als eines der fchönften Producte der Goldfchmiede- Kunft bezeichnet werden. Diefes koftbare, theils aus vergoldeten Silberplatten, theils aus reinem Golde angefertigte Reliquiar hat die Form eines Patriarchenkreuzes mit zwei queren und lilienförmigen Enden. Einer ununterbrochenen Tradition nach hat diefes Kreuz der im Jahre 1390 zu Hohenfurt beerdigte Zawis v. Rofenberg und Falkenftein der dortigen Kirche gefchenkt. Einer weiteren Nachricht zu Folge hat Heinrich v. Rofenberg diefes Kreuz um das Jahr 1410 umgeftalten und zu einem Vortragekreuz einrichten laffen. Nur der obere, koftbare Theil des nunmehrigen Kreuzes ift urfprünglich und älter als das auf Heinrich v. Rofenberg bezogene Datum, da das einft bei Weitem prächtigere Poftament der Sage nach fchon vor vielen Jahrhunderten auf eine ganz unbekannte Weife verloren gegangen fein foll. Im Jahre 1839 wurde das gegenwärtige Poftament angefertigt. Das Kreuz ift mit doppelt übereinander gefügten Platten belegt, zwifchen denen Kapfeln mit Reliquien eingefchloffen find, dabei ift das ganze Werk reich mit Perlen, Edelfteinen und Emailbildern verziert und an der Vorderseite mit einer bewunderungswürdigen Filigranarabeske überdeckt. Diefe im blühendften romanifchen Stile ausgeführte Arabeske gehört dem XII., höchftens dem Anfange des XIII. Jahrhundertes an und fcheint italienifche Arbeit zu fein; die auf der Rückfeite angebrachten Emails( émmaux cloifonnés), vorftellend Bruftbilder von Heiligen, tragen griechifche Infchriften und find byzantinifchen Urfprunges. Als Reliquiare verzeichnen wir endlich noch zwei dem Stifte Strahov gehörige Tafeln aus vergoldetem Silber getrieben, an den Ecken mit den Symbolen der vier Evangeliften in Relief; das erftere aus dem XIV. Jahrhundert enthält in der Mitte die Krönung Mariens und Darftellungen aus dem Leben Chrifti, oben die Dreifaltigkeit, unten den Tod Mariens auf Pergament gemalt. Die zweite Tafel ift einfacher, mit zwifchen den Feldern durchlaufendem Aft- und Blattwerk geziert, das mit der Punze in ziemlich unbeholfener Weife ausgeführt wurde und circa um ein Jahrhundert jünger ift. Hieher gehört ferner ein Reliquiar aus der Heilthümerfammlung des Capuzinerconventes in Wien in Form einer cylinderförmigen, aufrecht ftehenden Cryftallröhre, die auf vier, den Bärentatzen ähnlichen Füfsen ruht, auf dem Deckel ein eingravirtes Medaillon, die Verkündigung vorftellend( XV. Jahrhundert). Endlich ein Reliquiar in Form einer Tafel, angeblich ein Buchdeckel. Es befteht aus einer Holzplatte, die jedoch nur auf einer Seite reich verziert ift. Die Verzierungen find in vergoldetem Siber ausgeführt und theilweife emaillirt. Die eigentliche Fläche des Rahmens ift in reichlicher Weife mit Ahornlaub- Ornament belegt, in jeder Ecke ift in einem Dreipaffe eine fitzende Figur, wahrscheinlich die Evangeliften, angebracht. Die Mitte der oberen Rahmenfläche ziert ein plaftifches Figürchen, der tronende Welterlöfer, dem eine vierpafsförmige Emailplatte zur Unterlage dient, in dem unteren Rahmen ift ein halbkugelförmiger Rauchtopas eingelaffen. Die beiden Seitentheile fchmückt je ein Figürchen des englifchen Grufses, einem Vierpaffe aufgelegt und aufserdem noch rhombenförmige Emailblättchen mit phantaftifchen Thiergeftalten. Das tiefer gelegene Mittelbild ftellt ein aus Erdgefchofs und Stockwerk gebildetes Gebäude vor. In den drei fpitzbogigen Nifchen, die mit reichen gothifchen Ornamenten geziert find, ftehen in vollrunder Form ausgeführt, drei Figürchen, als: die gekrönte Mutter Gottes mit dem Kindlein im Arme, eine ganz vorzüglich ausgeführte Gruppe, ein Abt und eine Figur ohne Attribute, vielleicht Donator und Künftler. Das obere, etwas niedrige Stockwerk enthält in der gröfseren Mittelnifche Chriftus mit einer Krone auf dem Haupte, fitzend, die Linke auf ein Buch ftützend, die Rechte zum Segen erhoben, daneben und gegen links gewendet die heilige Maria mit gefalteten Händen. 28 Dr. Carl Lind. Ein über der Gruppe fchwebender Engel fetzt Marien die Krone auf; in den beiden erwähnten Figuren und dem gothifchen Charakter diefes Prachtftückes ift anzunehmen, dafs es unter Abt Arnold II.( 1247 bis 1276) entſtanden ift. Ob es eine Reliquientafel urfprünglich war, oder der Reft eines Retabulums ift, if zweifelhaft. Jedenfalls ftammt diefes Relief, gleich der fchon befprochenen Monftranze, dem Kreuze und den Gewändern aus dem aufgehobenen, berühmten Benedictinerklofter St. Blafien im Schwarzwalde, und wird in St. Paul aufbewahrt. Es dürfte auch gerechtfertigt fein, gelegentlich der Reliquiare hier des Tragaltars aus Admont zu gedenken. Derfelbe hat die Form einer viereckigen Platte von 16 Zoll Breite und 1½ Zoll Höhe und 34 Zoll Dicke. Der in der Mitte der Platte befindliche flache Stein, ein Amethyftquarz, ift in einen Holzrahmen gefafst, deffen Vorderfeite mit dünnen und durch Nägel befeftigten Metallplatten von Silber überzogen ift. Diefelben find vergoldet und enthalten in den zwölf vierpafsförmigen Feldern in Niello ausgeführte und gut gezeichnete Darftellungen, theils Apoftelbilder, theils Scenen aus dem Leben Chrifti. An der Querfläche des Tragaltars läuft eine auf die Metallflächen flach und zart getriebene und dann cifelirte Infchrift, die mittheilt, dafs diefes Geräth 1375 von Bifchof Albert von Sternberg geweiht wurde. Die Rückfeite des Tragaltars ift gleichfalls in zwölf Felder getheilt, worin fich zwei Wappen regelmässig wiederholen. Das eine führt im Schilde ein Kreuz und foll jenes des Bisthums von Leitomifchl fein, das zweite führt im Schilde einen Stern und ift das Familienwappen der Sternberge. Ein fehr fchönes Reliquiar aus dem XV. Jahrhunderte, von Silber, ein Medaillon in Form eines Vierpaffes und ehemals der Olmützer Schützenzunft gehörig, wurde von diefer Stadt ausgeftellt. Bei Weitem werthvoller war das filberne theilweife vergoldete Reliquiar in Form einer fiebenblätterigen Rofe, und als Agraffe dienend, aus dem Prager Domfchatze. Die obere Hälfte ift mit reichem Laubornament, edlen Steinen und in der Mitte mit einem Basrelief- Medaillon aus Perlmutter verziert, darauf der Tod Mariens dargestellt ift. Die Rückfeite enthält in der Mitte hinter Kryftallverfchlufs eine Reliquie, um welchen der Künftler fieben blattförmige Medaillons auf blau emaillirter Fläche angebracht hat, vor ftellend Chriftus, die vier Evangeliften, einen Straufs und einen Drachen; Compofition und Ausführung des Schnittes, Faffung und Email laffen vermuthen, dafs diefes fchöne Werk in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhundertes entstanden ift. Eigenthümlich ift das vom Stifte Strahov ausgeftellte und ins XV. Jahrhundert gehörige Reliquiar aus vergoldetem Silber. Die Reliquie, ein Rückenwirbel, ruht auf einem gothifchen Unterbaue, und auf ihm fteht ein zierliches Figürchen eines Heiligen; die Reliquie ift fomit nicht in ein Gefäfs verfchlofsen, fondern als Theil des Schauftückes behandelt. Das fogenannte Eligius- Reliquiar, Eigenthum der Prager Gold fchmiede zunft, ftammt aus dem Jahre 1378 und hat die Form einer niedrigen Bifchofsmütze, wie felbe während des zu Ende gehenden XIV. Jahrhundertes noch üblich war. Das Gerippe des Reliquiars ift aus Silbergeftänge conftruirt, die Wände find von Kryftall. Auf einem breiten metallenen Reifen als dem Unterbaue des ganzen Gefäfses ruhend, erheben fich Spangen und Stützen mit zierlichem, gothifchen Ornament, wie an einer Mitra, die beiden Schilder bildend, deffen oberen Rand Blätterknorren und die Spitze Kreuzblumen fchmücken. In diefem durchfichtigen Häuschen erblickt man hinter den hellen Kryftalltafeln einen rothen Seidenftoff, der die Mitra des heiligen Eligius, des Patrons der Goldfchmiede, verhüllt. Aufmerkſame Beachtung verdiente die Reliquientafel aus dem Stifte Břevnov; ehemals ein Buchdeckel, wie diefs die Randinfchrift ausdrücklich noch für das Jahr 1406 angibt, wurde etwa ein halbes Jahrhundert fpäter daraus die heutige Reliquientafel angefertigt. Von der Ausstattung des Buchdeckels dürfte höchftens der Steinbefatz am Rande und einige Stücke der Perlmutter- Schnitzerei, nämlich jene mit den Paffionstcenen und die Wappenemails übrig fein, alles Uebrige gehört der fpäteren Umgeftaltung an; die Tafel ift 1 Fufs II Zoll hoch und 1 Fuls in kes Ob if on ten hrt. des gen der men ten er. en, les nn on ölf rt ite ein mft me, als ша us Filt er or 1- afs A ert ht es eil d. 11 en ch es n d 日 e Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 29 2 Zoll breit, mit einem breiten, filbervergoldeten Rahmen eingefafst, darauf der Befatz von ungefchliffenen Steinen und drei Emails mit den Wappen des Stiftes und Böhmens. An den Ecken Medaillons, die in Email translucide die Evangeliftenfymbole zeigen. Das vertiefte Mittelfeld theilt fich der Breite nach in drei fenkrechte Felder, davon die beiden äufseren, je vier, unter fpätgothifchen mit Perlmutter verzierten Baldachinen eingeftellte Perlmutter Reliefs[ die Verkündigung ( Doppelbild), Geburt, drei Könige, Geifelung und Kreuzestod und je einen Evangeliften] enthalten, während der in der Mitte angebrachte Cylinder die Beftimmung hat, einen Arm der heiligen Margaretha aufzunehmen. Eine fchöne fpätgothifche Architektur in Form von weitvorfpringenden Baldachinen dient oben und unten dem Cylinder zur Stütze, der aufserdem in der Mitte durch einen aus Lilienornamenten gebildeten Reifen gehalten wird. Gelegentlich diefes aus einem Buchdeckel gebildeten Reliquiars feien noch einige koftbare Einbände erwähnt, die in die Zeit der Gothik gehören. Das eine ift ein Evangelarium, deffen Buchdeckel auf der vorderen Seite aus vergoldetem Silber mit Email und Steinfchmuck geziert ift; in der Mitte die hochgetriebene Figur des fegnenden Chriftus, von einer emaillirten Mandorla umfchlofsen und auf dem Regenbogen fitzend, im Grunde kräftige Laubranken, in den Ecken die Symbole der vier Evangeliften, fämmtliche Darstellungen, fowie die Umrahmung getriebene Arbeit, auf dem hinteren Deckel befinden fich vier Knöpfe von Berg kryftall, um das liegende Buch bequem auffchlagen zu können, nebft zwei Ringen, um dasfelbe aufzuhängen; endlich find an der unteren Seite beider Deckel Füfschen angebracht, mit deren Hilfe das Buch geftellt werden kann. Der Einband ftammt aus dem XIV. Jahrhundert, das Buch gehört der Stadtgemeinde WienerNeuftadt. Der zweite Einband ift einem Gebetbuche beigegeben, das im Minoriten klofter in Wien aufbewahrt wird. Es werden auf beiden Deckeln mittelft aufgelegter geprefster Streifen von Silber, die nicht vergoldet gewefen zu fein fcheinen, einzelne Felder gebildet, darinnen theils Heilige, theils Ornamente auf Pergament gemalt und eingelegt find, und ehemals durch durchfichtige Hornblätter überdeckt waren. Vier Felder und zwar die beiden oberen und unteren jeder Seite find mit Ornamenten ausgefüllt; im Mittelfelde der Vorderfeite ift das Bildnifs des heiligen Ricolm, auf der Rückfeite des heiligen Oswald angebracht. Neben dem Mittelbilde der Vorderfeite find vier heilige Aebte, auf der Rückfeite unbeftimmte Heilige dargeftellt. Der Rücken des Buches ift mit deffinirtem Goldftoff belegt. Als Verfchlufs des Buches find an dem vorderen Deckel zwei Goldborten befeftigt, deren Vorder theile durch aufgelegte vergoldete Silberfchliefsen geziert find. Es find zwei durch Charniere verbundene viereckige Blättchen mit vertiefter Füllung, an deren einem drei Buchstaben, an dem anderen aber ein kleiner fitzender Löwe angebracht ift. Die Buchftaben der beiden Schliefsen bilden zufammen den Namen Elsbet. Diefer Name im Zufammenhalte damit, dafs diefes Buch dem Minoriten- Convente in Wien gehört, läfst keinen Zweifel zu, dafs als deffen Befitzerin, die Herzogin Elifabeth( Ifabella) von Argonien, Gemalin Friedrichs des Schönen, eine befondere Wohlthäterin und Mitftifterin diefes Klofters, anzufehen ift. Sie ftarb am 12. Juni 1330 und wünſchte letztwillig in der Ordenskirche ihre Ruheftätte zu erhalten. Das Buch felbft, abgefehen vom Einbande, dürfte jedoch bedeutend älter fein. Zwei werthvolle Buchdeckel aus dem XV. Jahrhunderte hatte Freiherr Anfelm von Rothfchild ausgeftellt, fie find aus Silber angefertigt, theilweife vergoldet und mit gothifchen Verzierungen und Heiligenfiguren reich ausgeftattet. Auf der Vorderfeite in der Ecke die Kirchenväter, das urfprüngliche Mittelstück fehlt, und wurde durch eine mit Mafswerk ausgefüllte Scheibe nicht ganz gelungen erfetzt, auf der Rückfeite die Krönung Mariens in vollrunden Figuren und in den Ecken in Medaillons die Kirchenväter. Bei Befprechung der ausgeftellten kirchlichen Gegenftände der Goldchmiede- Kunft haben wir ferner zu erwähnen ein Pacifi cale aus dem Domfchatze on St. Stefan, enthaltend ein von Herzog Rudolf IV. der St. Stefanskirche zu 30 Dr. Carl Lind. Wien verehrte Kreuzpartikel. Die filbervergoldete, fehr zierliche Faffung mit Email und reichem Steinbefatz dürfte in der Zeit Friedrichs IV. angefertigt worden fein. Der fechsblätterige, in die Breite gedrückte Fufs ift mit zwei Wappen, nämlich mit dem in Email ausgeführten deutfchen Doppeladler und dem öfterreichifchen Bindenfchilde gefchmückt. Muftergiltig find die zwei fehr zierlichen fpätgothifchen Mefskännchen von Silber, vergoldet, aus der Sammlung des Baron Rothfchild; ferner find hervor zuheben zwei Rauchfäffer, das eine von Bronce, aus dem XV. Jahrhunderte, dem Stifte St. Florian gehörig, das andere von Silber und Eigenthum des Stiftes Seitenftetten, letzteres repräfentirt eine der fchönften Arbeiten aus der Zeit der Gothik und zwar der erften Hälfte des XV. Jahrhundertes, hat eine Höhe von 1 Fufs 3 Zoll und an der breiteften Stelle einen Durchmeffer von 4 Fufs 8 Zoll. Der Fufstheil hat die bei faft allen gothifchen Gefäfsen ftereotyp gewordene Geftalt einer fechsblätterigen Rofe. In den Zwickeln derfelben ift je ein kleines Blattornament eingefügt. Der Fufs felbft ift in feinem unteren Theile mit einer Gallerie zierlich durchbrochen, unter welcher der einfach profilirte Rand angefetzt ift. Unmittelbar über dem niedrigen Fufse erhebt fich ohne Vermittlung eines Verbindungsgliedes die eigentliche Räucherfchale, in welche das eiferne Becken mit den Kohlen eingefetzt wurde. Die Schale ift gleich dem Fufse fechsfeitig gebildet, und find die fechs Seitenflächen mit einem Schuppenornamente geziert und eben falls durch gerippte Wulfte von einander gefchieden. Den oberen Rand der Schale ziert ein Lilienband, und find an drei Stellen desfelben die Schwingkettchen befeftigt, die fich durch den unteren Theil des Deckels ziehen und in einem fechstheiligen Griffe vereinigen. Ueber diefer Schale baut fich als der reichfte Theil des ganzen Gefäfses der bewegliche Deckel auf, der die Geftalt einer zweiftöckigen fechsfeitigen gothifchen Capelle hat. Die fechs Mittelwände der unteren Abtheilung werden von je einem durchbrochenen viertheiligen Fenfter mit zier lichem Fifchblafen- Mafswerk und von je einem doppelten darüber fich wölbenden und vorfpringenden Spitzbogen, der mit einem leeren Wappenfchilde gefchmückt ift, belebt. Die Ecken bilden ftarke mit je einem Figürchen gezierte Strebe pfeiler. In faft gleicher Durchbildung, nur minder verziert, erhebt fich der zweite verjüngte Abfatz des Deckels, welcher mit einem fechstheiligen niederen und einwärts geftreiften Dachhelm bekrönt und durch eine grofse Kreuzblume abgefchloffen wird. Der 28 Zoll hohe Hausaltar aus dem Schatze des Benedictinerftiftes St. Peter in Salzburg, ein Werk von befonderer Zierlichkeit, wurde im Jahre 1494 vom falzburgifchen Goldarbeiter Berthold angefertigt. Das Ganze ift von Silber theilweife vergoldet, hat eine Höhe von 2 Schuh 21 Zoll und ftellt fich als ein äufserft feines und koftbares Werk in Form eines fpätgothifchen Flügelaltars dar. Der Fufs ift in die Breite gezogen und aus acht Blättern gebildet. Der eigenthümlich geformte Nodus ift auf feiner Vorderfeite mit einem auf blauem Emailgrunde aufgelegten Perlmutter- Schnitzwerk geziert. Das den Altaraufbau und den Stil vermittelnde, fich allmälig verbreitende Mittelglied fchmückt eben falls ein Schnitzwerk aus Perlmutter, die Verkündigung Mariae darftellend. Die inneren Flächen des geöffneten Kaftens find mit feinen Perlmutter- Schnitzereien auf glänzendem Goldgrunde ausgefüllt. Das Motiv der mittleren Haupt fläche ftellt Jefus am Kreuze dar und an den beiden Flügeln find das Gebet Jefu am Oelberge, die Anklage vor Pilatus, die Kreuztragung und die Grablegung abgebildet. Den Altarkaften ſchliefst nach oben und unten ein kräftiges Gefimfe ab, von denen das untere mit der Jahreszahl" 1494", das obere mit einer Infchrift verfehen ift. Ueber dem Altarkaften baut fich dann der im fpätgothifchen Gefchmacke ausgeführte Giebel auf. Die Bafis davon bilden drei Rundmedaillons, zwei kleinere und ein gröfseres, theils aus Perlmutter, theils aus Elfenbein gefchnitten. Darüber fteht unter dem Baldachin der Giebelfpitze ein Figürchen, wahrfcheinlich ein Ecce homo. Die Aufsenfeiten des vierblätterigen i S r t e t 1 1 t не d S S 1 t j Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 31 Fufses und die Rückfeiten des Stieles und Altarkaftens find mit äufserft kunftvoll gravierten Darftellungen ausgefüllt, fo dafs am ganzen Gegenftand kein Plätzchen erübrigt, das vom Künftler unbenützt geblieben wäre. Die Gravirungen auf der Rückfeite des Kaftens ftellen das Abendmahl, an den Seiten Paffionsfcenen, am Nodus das Weltgericht dar; auch die Flächen des Fufses find mit fchwung- und ausdrucksvoll ausgeführten Bildern gefchmückt. Einen anderen Hausaltar ftellte die Pfarrkirche Maria Pfarr im falzburgifchen Lungau aus. Er ift aus Silber angefertigt, reich vergoldet und mit fpäter hinzu gefügtem Steinbefatz geziert, in Form eines Triptichons aufgebaut und von 3 Fufs Höhe. Der Tabernakel, das ift das Hauptfeld des geöffneten Schrankes, enthält die Darftellung des Kreuzestodes Chrifti, zur Seite des Kreuzes fieht man Johannes und Maria, ftehende Figuren, am Kreuzesfufse die kniende Magdalena, ober dem Kreuze Sonne und Mond durch Steine( Carneol und Opal) dargestellt. Der Tabernakel wird eingerahmt von kleinen Reliquienbehältern, doch wird diefer Rahmen rechts durch die kniende Figur des Donators in Priefterkleidung unter einem kleinen zierlichen Baldachin unterbrochen. Sämmtliche Figuren des Hauptfeldes find als Hochrelief getrieben in der bekannten Formengebung und vollen deten Technik des XV. Jahrhundertes. Unter den Figuren und beim Kreuze find Gebete oder Stellen der heiligen Schrift enthaltende Infchriften angebracht. Die Innenfeiten der beiden in je zwei Felder horizontal getheilten Flügel, die in gefchweiften Wimbergen mit Kreuz- Blumenbefatz abfchliefsen, enthalten Darftellungen, in gegoffenen Reliefs ausgeführt, fammt erklärenden Infchriften. Wir fehen die Darftellung der Geburt Chrifti und der Reinigung Mariens, ferner den englifchen Grufs und den Tod Mariens( Maria kniet vor dem Bette und Chriftus führt ihre Seele gegen den Himmel.) Die Rückfeite der Flügel zieren Figuren in kräftiger Gravirung, als: oben links die beiden Johannes, darunter zwei nimbirte Bifchöfe, rechts die Heiligen Petrus und Paulus, Barbara und Katharina. Die dem Altärchen untergebaute Mensa hat eine Infchrift, welche den Pfarrer Grillinger als Donator bezeichnet. Auf der Rückfeite des Schrankes hatte der Künftler in finnreicher Laubwerks- Verzierung die Evangeliftenfymbole, das Lamm Gottes und das Schweifstuch eingravirt; in dem Mittelfelde findet fich ebenfalls eine lange Infchrift, welche die in dem Altare hinterlegten Reliquien aufzählt und aufserdem noch die Widmung des Peter Grillinger( 1443) wiederholt. Ueber dem Schranke baut fich ein luftiger Baldachin aus verfchlungenem Aft- und Laubwerk auf, darunter die Figur des Ecce homo. Leider ift diefer Theil des Altärchens fo arg befchädigt, dafs der oberfte Abfchlufs nicht ganz klar ift. Unter den vielen Schätzen und Merkwürdigkeiten des Prager Domes feffelte vorzüglich eine grofse Onyxfchale die Aufmerkfamkeit der Befucher der Weltausftellung, denn einerfeits ift ein ausgehöhlter Onyx von diefer Grösse eine Seltenheit, anderfeits ift die Faffung von grofser Zierlichkeit. Der Fufstheil ift länglich und enthält die Infchrift, die den König Carl von Böhmen als den Spender diefes Gefäfses an den Prager Dom bezeichnet. Aufserdem befinden fich am Fufse vier kleine, emaillirte Wappenfchilder mit Nägeln ziemlich roh aufgeniethet und zwar je zweimal der einköpfige Reichsadler und der böhmifche Löwe. Vier Goldreifen verbinden die innen gerippte Schale mit dem Fufse und mit dem filbervergoldeten Reif, der den Rand der wahrfcheinlich antiken Schale einfafst. Endlich haben wir noch zu gedenken des werthvollen, viertheiligen Altär chens, zum Zufammenlegen eingerichtet, aus dem Salzburger Domfchatze, 32% Zoll hoch und 11 Zoll breit, mit den filbervergoldeten und in Relief ausgeführten Darftellungen aus der Paffionsgefchichte auf blau emaillirtem Hintergrunde. Die Rückfeite diefes dem XV. Jahrhunderte angehörigen Kleinodes zeigt andere der Leidensgefchichte entnommene in durchfchimmernden Emailmalerien ausgeführte Darftellungen der herrlichften Arbeit. Eines der fchönften Producte der Goldfchmiede- Kunft aus der Zeit der Gothik ift ein Abtenftab des St. Peter- Stiftes in Salzburg. Er gibt zugleich ein 3 32 Dr. Carl Lind. lehrreiches Beiſpiel vom Einfluffe des gothifchen Stiles auf die GoldfchmiedeKunft. Diefer in feiner Art prachtvolle und vollſtändig erhaltene Krummftab ift ein Gefchenk des Abtes Rupert V. an die Abtei. Er ift ganz aus Silber verfertigt und hat eine Höhe von 6 Schuh 6 Zoll. Der Schaft ift hohl und befteht aus einer Holzröhre, welche mit Silberblech überzogen ift; er ift durch vergoldete Wulfte, zunächft denen er durch Abfchrauben zerlegt werden kann, in vier Theile getheilt, davon die drei unteren mit Blumen und Verfchlingungen in geftauchter Arbeit verziert find. Um den oberften diefer Theile fchlingt fich ein Spruchband. Befonders zierlich find Nodus und Krümmung, der erftere ift lang geftreckt, nicht fehr hervortretend, hat die Geftalt einer Capelle, und ruht auf einer fechsfeitigen Confole, welche mit kleinen Flächen geziert ift, auf denen ein Ecce homo und fünf Engelgeftalten mit Leidens- Werkzeugen eingravirt find. Der Nodus felbft befteht aus zwei Abtheilungen, doch ift nur der untere Theil entwickelt, während der obere gedrückt und auch minder geziert ift. Im unteren Theile find unter den mit Fialen und pflanzenartigen Verfchlingungen reich verzierten fechs Bögen je ein und zwar vorzüglich gearbeitetes Figürchen angebracht. Die Schnecke ift einmalig gewunden und nach vorwärts gebogen. Diefelbe ift am Aufsenrande mit Knorren befetzt, hat an den beiden Flachfeiten zierliche Filigranarbeiten, die in neuerer Zeit durch Schmuck von Perlen und Edelſteinen bereichert wurden. Inner der gefchloffenen Krümmung befindet fich unter einem gefchweiften Spitzbogen, deffen Kreuzblumen über den Rand der Schnecke hinausftehen, die Figur der heiligen Katharina mit Rad und Schwert auf einer Confole ftehend. Noch find zwei Figuren an diefem mit figuralem und ornamentalem Schmucke reich ausgeftatteten Kunftwerke zu erwähnen. Die eine kniet auf einer über den Nodus hervortretenden Confole und ftellt einen Priefter mit der faltenreichen Flocke angethan, ohne Zweifel den Abt Rupert V., vor, deffen Wappen am Nodus angebracht ift. Die andere fteht auf dem über diefer Figur angebrachten polygonen, flach angefchloffenen Baldachin. Sie iſt nackt, hält mit beiden Händen die Schnecke und ftöfst mit dem linken Fufse gegen die ihr zunächft angebrachte Knorre. Sie fcheint ohne einen weiteren tieferen Sinn blofs zur Unterftützung der Krümmung angebracht zu fein. Der Künftler diefes grofsartig ausgeführten Denkmales dürfte der ,, aurifaber pertoldus" von Salzburg fein, welcher laut der Rechnungen des Abtes Rupert V. im Jahre 1487 mehrere Silberarbeiten für denfelben geliefert hat. Der Obertheil des Pedums aus dem Stifte Raigern ift aus vergoldetem Kupfer, der Schaft aus Meffing angefertigt, letzterer, der den fpätgothifchen Cha rakter an fich trägt, unzweifelhaft ein jüngerer Erfatz für den urfprünglichen, wahrfcheinlich hölzernen Stiel. Der Nodus befteht eigentlich aus drei Theilen, deren oberer und unterer achtfeitig, der dritte Theil klein ringförmig und in einer Art Einkehlung zwifchen den beiden anderen Theilen angebracht ift. Aus dem Nodus entwickelt fich die fchön gebogene Krümmung mit einer Rückbiegung beginnend. Diefelbe ift an ihrem oberen Rande mit dünnen, wellenförmig eingekerbten, eine einfache Schlinge bildenden Krabben befetzt. Auf den, beiden flachen Aufsenfeiten der Krümmung findet fich je eine Infchrift auf dunkelrothem und dunkelblauem Emailgrunde mit gothifchen Minuskeln zwifchen goldenen, niellirten Laubverzierungen. Die Mitte der Krümmung zieren Doppelreliefs aus Elfenbein. Die eine Seite derfelben zeigt die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Arme, an den Seiten je ein Engel mit einem grünbemalten Stab, die andere Seite den gekreuzigten Erlöfer mit Maria und Johannes. Beide Flachfeiten find mit Steinen befetzt, welcher Befatz eine jüngere Zuthat zu dem aus dem Ende des XIV. Jahrhundertes ftammenden Stabe ift. Von Producten der Goldfchmiede- Kunft profaner Beftimmung aus der Zeit der Gothik fand fich in der öfterreichifchen Abtheilung nur Ein hervorragendes Object, es ift diefs der grofse Pocal aus vergoldetem Silber, der ein Eigenthum der Stadtgemeinde Wiener Neustadt und unter dem Namen Corvinusbecher b er d h , ב m h f 1 Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 33 bekannt ift, ein Gefäfs von höchft eleganter Form. Am fechsblätterigen Fufse, am Nodus und am Deckel, der eine Krone bildet, fowie an der Schale, welche zum Theile mit ineinandergreifenden Buckeln befetzt find, findet fich aufgelegtes Blattwerk in fehr gefchmackvoller Weife und in feltener Vollkommenheit. Auf der Spitze des 14 Zoll hohen Deckels ein kniender Mann mit einem Wappenfchildchen. Diefes muftergiltige Meisterwerk der Goldfchmiede- Kunft dürfte im XV. Jahrhundert entftanden und foll ein Gefchenk des ungarifchen Königs Corvinus an diefe Stadt fein. Ungarifche Archaeologen beftreiten jedoch die Richtigkeit der Tradition. Holzfchnitzereien im gothifchen Stile. Ein würdiger Repräfentant der Holzfculptur aus der Zeit der Gothik war der Holzfchrein, den die kleine Gemeinde Möchling in Kärnten zur Ausftellung fendete. Er bildet im Grundrifs ein längliches Viereck und hat die Geftalt einer gothifchen Kirche. Mächtige Strebepfeiler an den Ecken, fchwächere an der Langfeite und der Façade, wie auch am polygonen und abnehmbaren Chorfchluffe halten den Aufbau, der mit einem kammgezierten, hohen Dache abfchliefst. Wie ein zartes Spitzengewebe, auf allen Seiten durchfichtig, in den zierlichften Muftern durchbrochen, erhebt fich der herrliche Bau leicht und luftig bis zu einer Höhe von 7 Schuh 6 Zoll. Die Verzierungen aller Theile mit Krabben, Kreuzblumen, Rofetten, Gefimfen und gallerieähnlichen Bekrönungen mit gröfseren oder kleineren Fialen, durchbrochenen Fenftern u. f. w. find, ohne den Eindruck der Ueberladung hervorzubringen, fo überreich, dafs jede Detailbefchreibung, fo ermüdend fie einerfeits wäre, doch anderfeits unzureichend bliebe. Nur Eines ift zu erwähnen nöthig, nämlich dafs weder ein Mafswerk- Motiv, noch die Zeichnung der einzelnen durchbrochenen Felder des Dachftuhles fich wiederholt. Als den Schöpfer diefes, unzweifelhaft für ein heiliges Grab beftimmten Schreines, diefes Meisterwerkes der Holzfchneide- Kunft, der, wenn auch kein Architekt, fo doch eine mit den Kunftformen der Gothik gründlich vertraute Perfon war, bezeichnet die Tradition einen gegen die Mitte des XV. Jahrhundertes lebenden Benedictiner- Mönch aus Sct. Paul. Diefes Kunftwerk ging nach Schlufs der Ausftellung nicht mehr nach Kärn ten zurück, fondern wurde von Sr. Majeftät für die Ambraferfammlung angekauft. Wir erwähnen hier auch der beiden kleinen Reliquienfchreine aus Holz, die das Stift Klofterneuburg ausftellte, der eine 8 Zoll 2 Linien lang, 5 Zoll 3 Linien tief und 81 Zoll hoch, hat fämmtliche Flächen mit Pergament überzogen, worauf auf Goldgrund theils Scenen aus dem Leben Chrifti, theils Heiligengeftalten, und auf dem Deckel die Symbole der vier Evangeliften gemalt find; der zweite Schrein ift etwas gröfser, und hat an den Seitenflächen in Quadratfeldern gefchnitzte und vergoldete Rofetten, die Kanten des Deckels find mit Krabben befetzt und deffen Flächen mit Ornamenten bemalt. Das erftere fällt ins XIV., das andere Käftchen ins XV. Jahrhundert. Obwohl in das XVI. Jahrhundert gehörig, mufs an diefer Stelle, weil unzweifelhaft noch dem gothifchen Stile angehörig, ein bemaltes, vergoldetes Holz- Schnitzwerk befprochen werden, vorftellend das Pfingftfeft; wir fehen in der Mitte Maria kniend, geftützt auf Johannes, herum die übrigen Apoftel in lebhafter Gruppirung.( Eigenthum des Stiftes Herzogenburg.) Von kleineren Holz- Schnitzwerken nennen wir noch zwei dem Stifte Klofterneuburg gehörige und aus dem XV. Jahrhunderte ftammende Kämme mit gothifchen Verzierungen und altfranzöfifchen Infchriften. Ein intereffantes Stück war der vom Franzensmufeum zu Brünn ausgeftellte Original- Holzftock für Xylographie, der mit einiger Gewifsheit dem Johann von Brünn( 1480) zugefchrieben wird und auf der einen Seite die Meffe des heiligen Gregorius( folio Bild), auf der anderen Seite den Wucher des Judas( kleines Bild) vorftellt. Gothifche Elfenbein- Sculpturen. Von den ausgeftellten Elfenbein- Schnitzwerken diefer Zeit nimmt den erften Rang ein die in ihrer 3* 34 Dr. Carl Lind. Ausführung äufserft edle und anziehende Marienftatuette des Prager Domfchatzes Die Madonna hält in eleganter Bewegung mit beiden Händen das auf dem linken Arme fitzende Kindlein und fcheint mit ihm im Zweigefpräch begriffen zu fein. Diefe wechfelfeitige Beziehung hat der Künftler fehr naiv und in lieblichfter Weife ohne allen Zwang zum Ausdrucke gebracht. Von grofser Schönheit und edler Durchführung ift die wellenförmig herabfliefsende Gewandung, noch frei von künftlichem Faltenwurf. Gleichwie das Piedeſtal mit vergoldeten Rändern, welches als Reliquiar fich unten öffnet und mittelft eines Kryftalles die Befestigung der Reliquie zuläfst, ebenfo find die Krönchen Zugaben des XV. Jahrhundertes. Die Statuette felbft, franzöfifche Arbeit, dürfte in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhundertes entſtanden fein. Im XIV. und XV. Jahrhunderte wurden, befonders in Italien, zahlreiche zweiund dreitheilige Klappaltärchen angefertigt, davon fich in den Alterthumsfammlungen noch immer viele Exemplare erhalten haben; auch auf der Ausstellung fanden fich einige derartige Schnitzereien, wie zwei Diptychen aus dem Stifte Klofterneuburg und eines aus dem Stifte Rain, beide dem XIV. Jahrhunderte angehörig, zwei Triptychen aus derfelben Zeit von den Stiften Sct. Florian und Neuklofter. Das fchöne Diptychon des Dr. Dudik gehört, abgefehen von der jüngeren Faffung, dem XV. Jahrhunderte an. Unter den vom Grafen Jaromir Czernin ausgeftellten Elfenbein- Täfelchen fand fich ebenfalls ein folches kleines Diptychon vor. Das Stift Rain fendete auch eine aus dem XIV. Jahrhunderte ftammende Elfenbein- Faffung eines Handfpiegels, auf der Rückfeite die Erftürmung einer Liebesburg, die in der bekannten Weife aber in reizender Auffaffung dar. geftellt ift. Wir fehen die Vorderfeite eines viereckigen Burgbaues, in der Mitte das mit Seitenbauten gefchützte Thor. Von allen Seiten wird das Bollwerk heftig beftürmt, aber auch nachdrücklich vertheidigt. Die Stürmenden find Ritter, die Vertheidiger Frauen, die Gefchoffe Blumen und Ringe. Die Compofition ift lebendig und malerifch. Merkwürdig war ein mit Elfenbein Platten belegter Sattel aus dem XV. Jahrhunderte, Eigenthum des Grafen Franz Enzenberg in Innsbruck; die Platten find mit eingefchnittenen Infchriften auf Spruchbändern und mit Figuren geziert. Solche Sättel find höchft felten, die Ambrafer Sammlung befitzt einen, das ungarifche Nationalmuſeum zu Peft drei, davon einer in der ungarifchen Abtheilung ausgeftellt war. Von anderen Elfenbein- Arbeiten profaner Natur kamen noch vor zwei der im Mittelalter fo fehr beliebten Schmuckkäftchen, die häufig als Brautgefchenke verwendet wurden und defshalb meift mit Abbildungen von Liebespaaren verziert find. Ein folches kleineres Käftchen ftellte das Stift Vorau, ein anderes gröfseres, fechseckiges das Stift Klofter neuburg aus. Denkmale gothifcher Textilkunft. Die Stickerei des fpäteren Mittelalters wird durch zahlreiche Mefsgewänder vertreten. Wir nennen hievon das grünfammtene Mefskleid aus der ehemaligen Karthaufe in Geirach, das auf feiner Rückfeite mit fehr fchöner Flachftickerei in Kreuzform befetzt ift, dann die Prachtcafula der Abtei Braunau in Böhmen, die auf der Rückfeite mit einem auf Goldfond in farbiger Seide und mit Perlen geftickten Kreuze fammt Figurengruppe an deffen Fufse verziert ift. Aus vielen Kirchen Mährens wurden Mefs kleider ausgeftellt, darunter die Cafula aus der Domkirche zu Brünn und eine aus weifsem, gemustertem Sammt mit aufgelegtem Kreuze und eine ähnliche von grünem Sammt aus der Pfarrkirche zu Nicolsburg befonders bemerkbar erfchienen. Alle diefe Gewänder gehören theils in das XIV. und XV., theils XVI. Jahrhundert und haben natürlicherweife bereits den noch heute üblichen unfchönen Zuſchnitt. Das bedeutendfte Werk der Textilkunft der gothifchen Epoche iſt das Antipendium aus dem Salzburger Dome. Es ift II Fufs 3 Zoll lang, 3 Fufs hoch und gänzlich mit Stickereien überzogen. In zwei nach drei Reihen geordneten Feldern enthält es eben fo viele Darftellungen aus dem Leben des n r t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 35 Heilandes von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt. Die Gefäfse fo wie die Kronen der Figuren find aus vergoldetem Silber gearbeit, mit Steinen gefchmückt und enthalten eine Infchrift, welche erzählt, dafs Erzbifchof Friedrich III.( 1315 -1338) diefen fchönen Altarbehang befchaffen liefs. Ein kleines Antipendium mit Flachftickerei aus dem XV. Jahrhunderte ift beachtenswerth durch die darauf angebrachten Wappen der Familie Walfee und Rofenberg( Franz Koch in Wien). Ein Gegenftand grofser Seltenheit ift die an dem fchon befprochenen romanifchen Pedum von Sct. Peter angebrachte und aus dem XIV. Jahrhunderte ftammende, mit Perlen und Silberfäden geftickte Burfa, welche dazu diente, um daran das Sudarium zu befeftigen. Die Mitren des XIV. und XV. Jahrhundertes zeigen in ihrer Form eine bedeutende Gröfsenzunahme gegenüber der älteren, ohne dafs defshalb eine gewiffe Zierlichkeit aufgegeben worden wäre. Wir fanden auf der öfterreichifchen Amateurausftellung zwei Mitren aus diefer Zeit, die eine ift die Prunkmitra, die fich im Stifte Admont befindet und aus dem zu Ende gehenden XV. Jahrhunderte ftammt. Die Schilder find durch breite Borten von fchwarzer Farbe mit Goldftickerei in zwei Felder getheilt, die mit je einem in Stickerei ausgeführten Figürchen gefchmückt find. Der Abfchlufsrand der Schilder ift mit metallenen Krabbenblättern und Perlen, die Spitze mit Agraffen befetzt. Zu den Stolen find ebenfalls koftbare Goldborten verwendet und deren Enden mit vergoldeten Silberplatten befetzt, darauf auf carrirtem Tiefgrunde fchwungvoll gezeichnete Thierbilder eingravirt find. Eine vom Stifte Sct. Peter ausgeftellte Prachtinfel, aus dem Ende des XV. Jahrhundertes ift ganz mit Perlenftickerei überzogen und mit zahlreichen mitunter fehr grofsen Steinen belaftet. Sie zeigt uns fo recht eigentlich, wie man gegen den Ausgang des Mittelalters und noch weiter herein, in die fogenannte Neuzeit die kirchlich- liturgifchen Kunftgegenftände mit fchwerem Metall- und Steinbefatze zu fchmüc ken fuchte als Erfatz der um diefe Zeit fchon fehr verfallenen Kunftftickerei. Wo ehedem die fchönen ftilgerechten Borten und Stickereien angebracht waren, da funkeln nun unverhältnifsmäfsig grofse Steine. Im Ganzen prangen an diefer Infel weit über 500 Steine und viele Hunderte von grofsen und kleinen Perlen. Die Kanten der Schilde find mit zierlichem vergoldetem Silberbefchläge eingefafst und den Abfchlufs der Schilde bildet eine knorrenblättrige Metallfpitze mit blauem Steine befetzt. Ebenfo, wie die Mütze felbft find auch die Bänder reich mit Steinen befetzt. Andere Kunft gegenstände im gothifchen Stile. Als folche haben wir zu verzeichnen: die fehr zierliche Laterne von gothifcher Form mit vielen Thürmchen und ftatt Gläfern mit Hornplatten verfchloffen. Sie befand fich urfprünglich im Sterbezimmer Kaifer Max I.( † 1521) in Wels und gehört jetzt dem Mufeum zu Linz. Ein Mufter der im Mittelalter fo beliebten Kronleuchter, zufammengefetzt aus Geweihen und irgend einer aus Holz gefchnitzten Figur, gibt uns der von dem heutigen Befitzer des Schloffes Velthurns, Ritter von Goldegg ausgeftellte Kronleuchter in Geftalt einer Jungfrau mit dem Wappen der Madruzzi aus Holz gefchnitzt und bemalt, daran zwei Steinbock- Hörner, an denen die Lichterreifen angehängt waren. Der Kopfputz der Figur deutet ebenfalls auf das Madruzzo'fche Wappen. Urfprünglich befand fich diefe Lichterkrone in dem der Familie Madruzzo gehörigen Schloffe Nonsberg. Aus dem Muſeum zu Linz fand fich auf der Ausftellung ein dem XV. Jahrhunderte angehöriges Trinkhorn, wozu ein Auerochshorn benützt wurde, das man in vergoldetes Meffing fafste und mit zwei Füfschen verfah, am oberen Ringe das Hohenloh'fche Wappen zur Erinnerung an den Spender des Gefäfses, Georg I. von Hohenlohe, Bifchofs von Paffau( 1388), der im Schloffe zu Ebelsberg bei Linz refidirte. Ein zweites derartiges, aber bedeutend reicher gefafstes Horn gehört dem Baron Rudolf Mandell in Graz, es ift in vergoldetem Silber gefafst und dürfte um mehr als ein halbes Jahrhundert älter fein. it rn -t. en e d e m n u e r e h 5, r S n 1 Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 37 Bedingungen zuerft und in glücklicher Weife vollziehen konnte. Auch emancipirte fich dortfelbft bei der gröfseren Sinnlichkeit des Volkscharakters und bei deffen vorherrfchend malerifcher Richtung zuerft die Plaftik von der Architektur und folgte in ihrer Entwicklung der Malerei. Der Reichthum und die Prunkliebe des Landes gaben talentvollen und grofsen Meiftern Gelegenheit, Werke von hoher Bedeutung und hervorragender Formvollendung in diefem neuen Stile zu fchaffen. Frankreich folgte bald nach, dann erft nahm Deutſchland den von Italien und jenfeits des Rheins kommenden kunftreformatorifchen Impuls auf. Gar manche Künftler hatten in Italien die neuen Formen bewundern gelernt und brachten die Begeisterung dafür ihrer Heimat zurück. Das deutfche Volk kam den von jenfeits der Alpen gebrachten Reformen mit einer gewiffen Empfänglichkeit entgegen und überliefs gerne denfelben alle Kunftgebiete als Bereich ihres erfolgreichen Wirkens. Aus der Frühzeit der italienifchen Renaiffance fahen wir in den beiden fogenannten Reliquienfchreinen, die früher in der Burg jetzt im Dom zu Graz aufgeftellt find, Denkmale von hoher kunfthiftorifcher Bedeutung. Sie find ganz mit Elfenbein belegt und haben an der Vorderfeite je drei in viereckigen, reich eingerahmten Feldern angebrachte Darftellungen allegorifcher Triumphzüge nach der Dichtung" I trionfi" von Petrarca und zwar auf dem einen Schrein den Triumph des Ruhmes der Zeit und der Gottheit, auf dem anderen den der Liebe, der Keufchheit und des Todes. Beim Triumph des Amors fehen wir den Wagen, auf welchem Amor fackelfchwingend fteht, von Göttern, Helden, Dichtern, von Alexander dem Grofsen, von Hercules, Mercur, Mars, Sappho umgeben. Den Triumph der Keufch heit fehen wir durch die jungfräuliche Minerva dargestellt, fie fteht am Triumphwagen und vor ihr kniet Amor gefeffelt, ohne Waffen und ohne Flügel. Die den Wagen begleitenden Frauen haben fich der Flügel und Waffen des Liebesgottes bemächtigt; der Wagen ift mit Einhörnern befpannt. Den Triumph des Todes repräfentirt der Knochenmann, auf einem mit Gerippen und Todtenfchädeln verzierten katafalkartigen Wagen ftehend, den zwei Büffel träg ziehen. Der Weg ift mit Menfchen- und Hundeleichen bedeckt, über die der Wagen dahinfährt. Beim Triumph der Zeit fehen wir einen Greis auf einem von Hirfchen gezogenen Wagen, den die Weifen des Alterthums umgeben. Der Triumph des Ruhmes wird durch die Siegesgöttin dargestellt, deren Wagen mit Elephanten befpannt und von den Helden des Alterthums umgeben ift, wie Hercules, Jofue mit der Sonne, Samfon, Judith etc. Der Triumph des Chriftenthums ift in erhabener Weife durchgeführt. Chriftus thront in einer Wolkenglorie, umgeben von Engeln, den Wagen zieren die Evangeliftenfymbole an den Enden und Engel ziehen ihn. Apoftel fchaaren fich herum und der Täufer Chrifti eröffnet den Zug. Zwifchen den Bildfeldern find Lefenen mit herrlichen, fehr zierlich aufgebauten candelaberartigen Ornamenten angebracht. Jede Schmalfeite der Schreine ift mit einer gleichbehandelten Darftellung gefchmückt, als eine Blume, ein fiebenköpfiger Drache, eine zur Sonne aufblickende Hirfchkuh, dabei auf einem Spruchbande die deutfche Infchrift ,, bider- rakt"( das ift: bieder recht), endlich zwei Adlerflügel mit Krallen, die den Ring der Ewigkeit halten. Sämmtliche Darftellungen find als höchft zierlich gearbeitete, auf Hornplatten aufgelegte Elfenbein- Reliefs ausgeführt; Compofition und Technik meifterhaft. Die Einrahmungen von drei Bildern auf der Vorderseite des einen Schreines find wahrfcheinlich im XVII. Jahrhunderte, und zwar nicht in ganz gelungener Weife erneuert worden. Diefes bedeutend roher ausgeführte Elfenbein Ornament wurde in fchwarzen Kitt eingelaffen, auch die Arbeit nicht mehr forgfältig ausgeführt. Die Bedachung bildet ein Kreisfegment mit oben aufgelegter Platte. Auf dem gebogenen Theile des Daches find theils rothe, theils grüne, theils weifse Schuppen von Elfenbein angebracht, auf der Platte fieht man eine aus Wellenlinien und 38 Dr. Carl Lind. Sonnen combinirte Ornamentirung und in der Mitte ein Wappen mit einem Kreuze belegt und je einen einköpfigen Adler in den vier Feldern. Freiherr von Sacken fagt in feinem Berichte über die öfterreichiſchcisleithanifche Abtheilung im Pavillon des amateurs( Abendpoft der Wiener Zeitung) bezüglich diefer zuverlässlich aus Italien ftammenden Schreine in treffender Weife:„ Der Gedankengang, welchen uns diefe Bilder conform der Dichtung vorführen, ift klar und umfafst den Inhalt des menfchlichen Lebens und Strebens; die Leidenfchaft, deren Zügelung und Läuterung durch die Sittenreinheit, die Macht des Alles gleichmachenden Todes, über den hinaus der Ruhm fortdauert, endlich die Ewigkeit und Vollendung in der Glorie des Heilands; diefer tiefe und fo poetifche Gedanke ift in den Reliefs der Schreine in ergreifender Weife zur Darstellung gebracht, fie muthen den Befchauer wunderfam an durch ihr Gemifch antiken Geiftes und des eigenthümlichen italienifchen Wefens, das in den Werken des fpäteren Mittelalters, befonders in den herrlichen Gufsmedaillen von Pifani und anderen eine fo fchlagende Wirkung ausübt. Das dramatifche Element diefer Zeit erfcheint hier in kräftigen markigen Zügen, die Geftalten find von fefter Gedrungenheit, die Gewänder faltenreich, einzelne Köpf chen von feiner Schönheit, die Behandlung der fehr flachen Reliefs zum Theil mit landfchaftlichen Hintergründen ift eine durchaus malerifche. Manche Details erinnern an Giotto, andere an Maffachio felbft an Mantegna. Die Sujets der Darftellungen fprechen nicht dafür, dafs diefe Schreine für kirchliche Zwecke angefertigt wurden, im Gegentheil dürften fie urfprünglich eine profane Beftimmung, etwa die von Kleidertruhen einer Braut, gehabt haben. Ihre jetzige, mit ihrer Verzierung gar nicht in Einklang ftehende Beftimmung und in Folge deffen ihren gegenwärtigen, höchft unpaffenden und die Kunftwerke felbft arg gefährdenden Aufftellungsplatz haben fie erft in neuerer Zeit erhalten. - Minder werthvolle Schnitzwerke aus Elfenbein find: Ein grofses Crucifix ( XVII. Jahrhundert), Eigenthum der Stadt- Pfarrkirche in Linz; ein zweites aus der Pfarrkirche in Hruska in Mähren ein grofses Relief, vorftellend die Kreuzigung aus dem XVIII. Jahrhunderte und Herrn Reifinger gehörig; ein Horn mit reicher Schnitzarbeit, darunter das Bildnifs Heinrichs von Frankreich nebft der Jahreszahl 1575( Stift Heiligenkreuz); ein hübfcher Meffergriff, gebildet aus drei Amoretten, italienifche Arbeit des XVII. Jahrhundertes( Graf d'Orfay); der Scepter des Königs Auguft II. von Polen und Churfürften von Sachfen, vom Jahre 1697, Eigenthum des Grafen Czernin; eine Statuette, Maria mit dem Kinde und Johannes, italienifche Arbeit des XVII. Jahrhundertes( Dr. Dudik); zwei kleine Reliefs aus dem XVII. Jahrhunderte, die heilige Familie und die unbefleckte Empfängnifs vorftellend, aus der k. k. Fideicommifs- Bibliothek, ferner eines aus dem Stifte Klofterneuburg, vorftellend Chriftus mit den MarterWerkzeugen; ein Medaillon mit einem männlichen Porträt( XVIII. Jahrhundert), Eigenthum des Herrn Reimitzer in Brünn, endlich mehrere Elfenbein- Krüge in vergoldetem Silber gefafst, davon der fchönfte dem Stifte Neuklofter gehört. Perlmutter- Schnitzwerke ftellten nur das Stift Klofterneuburg und Carl v. Pichler in Graz aus; es find fechs Medaillons mit chriftlichen Darftellungen aus dem XVI. Jahrhunderte.. Die Sculptur in Stein repräfentirten zwei lebensgrofse Büften aus rothem Marmor mit eingefetzten Augen, vorftellend Bachus und Ariadne, Werke des XVIII. Jahrhundertes, Eigenthum des Freiherrn v. Rothfchild, und eine CarraraMarmorbüfte der Kaiferin Jofephine, Gemalin Napoleons I., von Chinard, Eigenthum des Grafen Enzenberg in Schwaz. Der Zeit der italienifchen Frührenaiffance gehört die fchöne Marmorbüfte aus Neuklofter, das Porträt eines zarten Mädchens von finnigem Ausdruck, welches fchöne Werk ebenfalls für die k. k. Ambrafer- Sammlung erworben wurde. Werke des Bronceguffes von gröfserer Bedeutung find: Die Porträtbüfte eines italiénifchen Nobile, ein mit höchfter Virtuofität modellirtes, kraftvolles ze 1. er - d - n 1- m t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 39 Kunftwerk von grofsartiger Auffaffung aus dem XVI. Jahrhunderte( Eugen Ritter v. Miller), und die fchöne, von einem tüchtigen Künftler herftammende Büfte Kaifers Carl V., ein Gefchenk diefes Kaifers an die Stadt Brüffel. Leider hat diefes jetzt dem Fürften R. Metternich gehörige Kunftwerk durch irgend einen Brand ftark gelitten; eine grofse Jardiniere in Form eines auf Seepferden ruhenden Schiffes( Freiherr N. v. Rothfchild), zwei Statuetten, ruhender Hercules, die Augen von Silber( Ritter v. Braifach), ein nackter Krieger mit gezücktem Schwerte, deutfche Arbeit des XVI. Jahrhundertes( Joanne um zu Graz). Grofse Koftbarkeiten der Renaiffance brachte die freiherrlich Anfelm Rothfchild'fche Sammlung, die unter den inländifchen Privatfammlungen unftreitig hinfichtlich der Renaiffance- Arbeiten den hervorragendften Platz einnimmt. Wir nennen von den ausgeftellten Gegenständen vor Allem die zwei prächtigen Niellotafeln aus der Gallerie Manfrin ftammend, koftbare Werke von vorzüglicher Zeichnung, im Charakter der Venetianer Malerfchule zu Beginn des XVI. Jahrhundertes. Jede Tafel enthält mehrere, dem Leben Chrifti entnommene Darftellungen, die von einer breiten, mit herrlichem Ornament und eingeftreuten Wappen und Genien gefchmückten Leifte umrahmt werden. Auf der einen fehen wir eben die figurenreiche Darstellung der Hochzeit zu Canae, in der Mitte die Taufe Chrifti, unten die Erweckung des Lazarus; auf der zweiten die Verkündigung, Geburt Chrifti und Anbetung der Könige; die Einrahmungen find im feinften Renaiffanceftile, mit Engelsfigürchen und Wappen ausgeführt. In drei Vitrinen waren prachtvolle Emailarbeiten aus Limoges, Schüffeln, Teller, Taffen, Kannen, Salzfäffer, Leuchter und Tafelauffätze aus diefer Samınlung ausgeftellt, zwar in höchft einfacher Form aus Kupferblech hergestellt, dafür defto koftbarer durch den Emailfchmuck. Ein Theil diefer Gemälde ift grau in grau mit ftellenweifem Fleifchton, der andere in hellen durchfichtigen Farben und Gold nach bekannten Kupferftichen der Renaiffance periode ausgeführt. Wir fanden darunter Koftbarkeiten erften Ranges, entsprechend den Namen der berühmteften Meifter, wie Jean Courtois, François und Leonard Limoufin u. f. w., von denen fie ftammen. Nicht minder vorzüglich waren die vielen aus edlem Metall angefertigten Trink- und Prunkgefäfse diefer Sammlung, zum Theile grofse Pocale und Krüge mit fchönen Reliefs, Wappen und fein modellirten Deckeln ( darunter einer aus dem Regensburger Silberfund), zum Theile Gefäfse in Menfchen- und Thiergeftalten, mitunter fehr bizarrer Form und ohne Rückſicht, ob fie dadurch der Aufgabe des Trinkbechers entſprechen oder nicht. Wir fahen darunter einen Fahnenträger, einen Winzer und eine Winzerin, einen Pilger fammt Weib, einen Jäger, die Schweinsfeder gegen den Eber ftofsend, den Knaben Bachus auf einem mit Perlmutter belegten Faffe reitend; ferner gehört hieher als Capitalgegenftand diefer Sammlung eine Schüffel aus vergoldetem Silber, in deren Innenfeite vier Darftellungen aus dem römifchen Leben angebracht find, in der Mitte der Schüffel fteht ein Statuettchen des Kaifers Auguftus, unzweifelhaft eine Arbeit italienifchen Urfprungs aus dem XVI. Jahrhunderte. Nebft diefen Koftbarkeiten find noch zu erwähnen mehrere Schalen von in vergoldetem Silber gefafsten Amethyft-, Heliotrop- oder Jafpisdrufen. Edlen Stil zeigt das jüngerer Zeit angehörige, aus Kanne und grofser Taffe beftehende Taufzeug der gräflichen Familie Herberft ein; beide Stücke find aus vergoldetem Silber angefertigt und mit Medaillonsrelief und fonftigem fchönen Ornament gefchmückt, fie dürften noch in das XVI. Jahrhundert gehören. Demfelben Ausfteller, Grafen Heinrich Herber ftein, gehört auch die fechseckige, aus Lapis- lazuli- Platten zufammengefetzte Büchfe, deffen Silberfaffung mit fchöner Emailmalerei ausgeftattet ift. Schöne Pocale und Silberkrüge lieferten auch die Sammlungen des Grafen Meran in Graz, das Stift Sct. Florian und die Privaten Kornfeld und Lublin in Brody, Dr. Wladimir Gniewosz in Kutny und Ritter v. Lanna in Prag. Zu erwähnen find auch der prachtvolle Pocal aus Bergkryftall, Eigenthum des Grafen Lanthieri in Wippach und ein folcher aus Rauchtopas, dem Grafen von 40 Dr. Carl Lind. Meran gehörig; erner ein Trinkhorn mit reicher Silberfaffung, Eigenthum der Bergwerks- Direction in Wieliczka. Dem Stifte Herzogenburg gehört der ganz widerfinnig als Reliquiar verwendete fchöne Kryftallpocal fammt Deckel mit feiner überaus zierlichen Faffung aus vergoldetem Silber( XVI. Jahrhundert). Der Rococozeit entftammen die Credenztaffen fammt Kännchen und die Spühltaffen fammt Kanne, die die Stifte Schotten und Neureifch, das Minoritenklofter zu Altbrünn, ferner die Judengemeinde zu Brody ausftellten. Andere kirchliche Gegenftände der Renaiffance und ihrer Stilnachfolger find ein mit gothifchen Reminiscenzen ausgeftattetes Vortragekreuz aus Grofs- Lobming in Steiermark, eine grofse Monftranze in Form eines Hollunderbufches mit Steinbefatz aus dem Stifte Melk und eine zweite in Sonnenform aus dem Prager Domfchatze, ausgezeichnet durch die an derfelben angebrachten Agraffen, die einem Hochzeitskleide eines ungarifchen Magnaten entnommen wurden. Diefelben zeigen kleine Thiergruppen( Strauſse, Elephanten, Hirfche, Hunde etc.) von vor züglichfter Zeichnung mit den herrlichften, durchſchimmernden Emails gefchmückt. Es ift hier die Wirkung des Emails mit jener des getriebenen, gegoffenen und cifelirten Goldes und des Edelſteinbefatzes in eine ganz befonders harmonifche Verbindung gebracht. Aus derfelben Sammlung ift ein mächtiger, aber unfchöner Kelch, wie auch die mit reichem Filigranbefetz gefchmückte Volute eines Krummftabes ausgeftellt. Auch das Stift Kremsmünster brachte einen Renaiffance- Krummftab zur Ausftellung, doch dürfte der Nodus mit Rückficht auf einige gothifche Details theilweife von einem älteren Stabe auf diefen übertragen worden fein. Die im XVII. Jahrhunderte fo häufig vorkommenden Cocusnufs- Becher waren nur durch zwei Exemplare vertreten, davon der eine dem Stifte Altenburg, der andere, fchönere, der Rothfchild'fchen Sammlung angehört. Die Bewunderung der Kunftfreunde erregte mit Recht ein die Anbetung des Chriftkindes durch die drei Könige vorftellendes Relief aus Gold, welches an den meiſten Stellen mit färbigem Email überdeckt ift. Die Arbeit ift bei den kleinen Dimenfionen des Gegenftandes eine wahrhaft Erftaunen erregende und präcife; das Stift Klofterneuburg ift der glückliche Befitzer diefes Kleinods im vollen Sinne des Wortes, das während feiner Ausftellnug die Kaufluft einer Menge von Kunftfreunden vergeblich reizte. Kleine Emailtafeln ftellten Meyer in Brünn und Ritter v. Lanna in Prag aus. Wir wollen hier auch die vielen herrlichen Emailporträts erwähnen, davon einige der Künftlerhand Petito t's entſtammen, die letzteren Eigenthum des Ritter v. Camefina und Ar. Artaria; andere drei gehören dem Carl Grafen Latour in Graz; ferner zwei fehr zierliche medaillonförmige Reliquienkapfeln mit Perl- und Emailbefetz aus dem XV. oder XVI. Jahrhunderte und Eigenthum der Stadt Wiener Neuftadt; das ältere, einem gekrönten Wappen ähnliche Kleinod foll aus Rom ftammen, von wo es zwei aus jener Stadt dahin zur Krönung Friedrich IV. abgeordnete Magiftratsperfonen als päpftliches Gefchenk mit brachten. Von den zahlreichen ausgeftellten Schmuckkäftchen erwähnen wir vor Allem jenes aus der Rothfchild'fchen Sammlung; aus Ebenholz aufgebaut, wurde es an feinen Flächen mit Reliefs und Ornamenten von Silber, auf dem Deckel durch eine liegende Figur gefchmückt, die Wahrheit vorftellend, welche ein Medaillon mit dem Porträt Königs Heinrich IV. von Frankreich und deffen Gemalin Maria von Medici in der Hand hält, vorzügliche franzöfifche Arbeit des XVI. Jahrhundertes. Derfelben Sammlung gehört auch jenes nette Käftchen von vergoldetem Silber, mit kleinen Platten von Lapis- lazuli belegt, an, das im XVII. Jahrhundert entstanden fein mag. Aus dem Prager Domfchatze fahen wir ein ziemlich grofses Schmuckkäftchen von der Kaiferin Eleonore dahin gewidmet, es ift an den Flächen und Enden mit färbigen Emailornamenten im Gefchmacke des Rococo befetzt. der der mit Der affen ter dere mit gin ein. ger die ben or kt. und che mer m zur mils im ch re, SPES ng an en nd m ge in I on S es n n m e r Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 41 Carl v. Pichler ftellte ein fehr hübfches Käftchen aus Schildpatt mit Ornamenten aus eingefchlagenen Gold- und Silberftiften; einen in diefer Technik ( pickirt) ausgeführten Deckelpocal, der überdiefs durch eingelegte Perlmutterund Silberplättchen geziert ift, Freiherr v. Rothfchild aus. Indem wir noch der beiden fchönen, fechseckigen Flachuhren und der fchönen, der Stadt Olmütz gehörigen Bronce- Stockuhr, ferner der beiden fehr zierlichen Markenzähler und des Weihbrunnens aus Silber von vorzüglicher deutfcher Arbeit des XVI. Jahrhundertes gedenken, nöthigt uns einerfeits der Raum unferes Berichtes und die übergrofse Zahl von kleinen, dem XVI. bis XVIII. Jahrhundert angehörigen Gegenftänden, als von kleinen Kryftallgefäfsen und Leuchtern, Gegenftänden aus Achat oder Bernftein, von Dofen, Ringen, Uhren, Efsbeftecken, Schmuckgegenftänden u. f. w. abzufehen und zur Befprechung von fünf Goldgefäfsen( Münzbecher) aus dem Schatze des Herzogs Adolph v. Nafsau überzugehen. Es find diefs fünf aus Gold angefertigte Gefäfse in gefchmackvoller Weife mit echten antiken Münzen befetzt. Die zwei grofsen Pocale fammt Deckel auf Ständern enthalten je 139 Goldmünzen aus der Zeit der Kaifer Auguftus bis Commodus; die kleineren zwei Becher mit Deckel mit je 31 und eine Schale fammt Deckel, 41 Münzen, aus der Zeit des Antoninus pius. Fauftina sen. und Marc. Aurel. Jedes diefer Gefäfse ift im Innern des Fufses mit dem in Email ausgeführten Wappen des Churfürften Johann Hugo von Trier, der diefe Gefäfse anfertigen liefs, und überdiefs am Obertheile des Deckels mit emaillirten Bouquets gefchmückt. Die beiden gröfseren, pocalförmigen Gefäfse find am reichften ausgeftattet. Als Trager der Schalen dienen fein geformte Figürchen, die Innenfeite des Deckels fchmücken die in herrlicher Emailmalerei ausgeführten Porträts der Kaifer Leopold I. und Jofef I., umgeben von einem aus Diamanten und Smaragden gebildeten Kranze. Ueber die Entftehung diefer Koftbarkeiten gibt die am Fufse der erwähnten gröfseren Gefäfse angebrachte Infchrift Nachricht. Die dazu verwendeten Münzen wurden nämlich 1691 unweit Perfcheid in Weftphalen gefunden und auf Befehl des obbenannten Churfürften Johann Hugo zum Schmucke diefer Gefäfse verwendet. Zimmeraltäre fanden wir in der öfterreichifchen Amateurausftellung drei; einer, von bedeutender Gröfse, aus Ebenholz mit Silberbefetz und Silberreliefs aus dem XVIII. Jahrhunderte, gehört dem Stifte Lambach; der andere mit einigem Steinbefetz, in der Mitte ein Oelbild von Scozzi, dem Stifte Schotten; der dritte von Ebenholz mit Halbedel- und Lafurfteinen gefchmückt, in der Mitte ein fpäter eingefetztes Ebenbein- Relief, vorftellend Samfon, und aus dem XVII. Jahrhunderte ftammend, gehört der Rothfchild'fchen Sammlung an. Beachtenswerth waren die ausgeftellten Bürgermeifter- und StadtrichterStäbe, davon der der Gemeinde Gurkfeld gehörige ganz aus Silber angefertigt, theilweife vergoldet, die aus Linz und Enns von Holz und nur mit Silber befchlagen find. Wir kommen nun zu den ausgeftellten Holz- Schnitzwerken. Wir führen vor Allem an das nach Dürer's Stich die drei nackten Frauen," vortrefflich ausgeführte Relief, Eigenthum des Stiftes Strahow. Das in Holz gefchnitzte Porträt des Georg Tanftetter mit feinem Sohne aus dem Jahre 1521 zeigt uns diefen am Hofe Kaifers Max I. lebenden Gelehrten en face mit etwas zu breit gehaltenem, vollem Gefichte( Melk). Weiters find zu erwähnen eine fehr hübfche Statuette, vorftellend einen fitzenden Ecce homo, ein Werk des XVII. Jahrhundertes, dem Muſeum zu Linz gehörig, eine kleine Figurengruppe vorftellend Hercules den Antäus erdrückend, aus der Sammlung Rothfchild; ein hoher Becher von geringem Durchmeffer, ganz bedeckt mit feinem figuralifchen Schnitzwerk, aus dem XVI. Jahrhunderte und der Stadt Melnik gehörig; ein dem Regierungsrath Dr. Dudik gehöriges Hausaltärchen mit Bernini'fchen Holzfchnitz- Bildchen, endlich ein Bild, die Opferung im Tempel, dem Muſeum zu Brünn gehörig. 42 Dr. Carl Lind. Uebergehend zu den Werken der Keramik, die im Ganzen hier nur geringe Vertretung fand, führen wir als intereffant jenes kleine Relief aus bemalter Terra cotte an, das Regierungsrath v. Camefina ausftellte. Dasfelbe ift medaillonförmig gehalten und zeigt das Bruftbild Margarethens, der Tochter Kaifers Maximilian I., es ift mit der entsprechenden Umfchrift und der Jahreszahl 1528 verfehen und auch infoferne beachtenswerth, als es Aufklärung gibt über die Bedeutung jener kleinen, köftlichen Holzbüfte, die fich in der Sammlung Roth fchild befindet und unzweifelhaft diefelbe Perfönlichkeit vorftellt. Wir können die fechs Kachel, die Franz Graf Enzenberg in Innsbruck ausftellte, nicht mit Stillfchweigen übergehen. Sie ftammen aus der Hand des berühmten Töpfers Goltius in Beureut( 1608) und zeigen die Darftellungen der fünf Sinne und das fechste ein in Relief ausgeführtes Bouquet. Majolica's ftellte, und zwar eine Suite Teller fammt einer Schüffel, das Stift Neu- Reifch und eine gröfsere Gruppe vorftellend den heiligen Franciscus in der Felfenzelle das Minoritenklofter in Brünn, erftere Collection gelangte als Gefchenk in die Sammlung des Mufeums für Kunft und Induftrie. Alt Sevres porzellan hatte in einer reichhaltigen Collection, ausgezeichnet durch die blaue Farbe und die feinen vergoldeten Reliefsornamente, Freiherr v. Rothfchild, einzelne Stücke auch Dr. Dudick ausgeftellt. Ausserdem fand fich die Wiener und Meifsner Fabrik und auch die ehemalige Fabrik zu Korec in Galizien vertreten. An diefer Stelle fei auch der fchöne opalifirende, gegoffene Glasbecher mit Meergottheiten in Relief erwähnt, der der Sammlung Rothfchild angehört. Von Kunftfchloffer- Arbeiten diefer Abtheilung feien hervorgehoben: Ein mächtiges Vorhängefchlofs mit eingeätzten Ornamenten aus dem XVII. Jahr hunderte( Stadt Wiener- Neuftadt); ein kleines Vorhängefchlofs von unge wöhnlicher Form aus derfelben Zeit( Stift Neuklofter); ein grofses, fchön und kunftreich gearbeitetes Thürfchlofs( Stift Herzogenburg); ein kleineres diefer Art mit durchbrochener Platte( Carl v. Pichler). Herr Blumauer in Vöklabruck hatte eine intereffante, reichhaltige Collection von Schlüffeln mit der römifchen Zeit beginnend und bis ins XVIII. Jahrhundert reichend ausgeftellt. Eine fehr fchön aus Eifen getriebene Tafel mit Heiligenfiguren( XVI. Jahrhundert) ftellte Freiherr v. Rothfchild aus. Von Gegenständen aus Zinn angefertigt nennen wir vor Allem die fechs hohen Krüge der Stadt Steier, aufsen mit dem Stadtwappen, innen mit einem fehr fchönen Medaillon gefchmückt, aus dem XVII. Jahrhunderte und eine Reihe mitunter fehr grofser und fchöngeformter Willkommbecher aus dem XVII. und XVIII. Jahrhunderte, von den beftandenen Innungen der Bäcker, Binder, Nadler u. f. w. herftammend, jetzt Eigenthum der Stadt Olmütz. Graf Meran brachte drei reichverzierte Schüffeln aus diefem Metalle. Wir kommen nun zu den Waffen. Sie find zwar im Ganzen nicht zahlreich, doch fanden fich Vertreter der vielen im XV. bis XVIII. Jahrhunderte gebräuchlichen Waffen und Wehren wie Schwerte, Biedenhänder, Rappiere, Panzerftecher, Hiebmeffer, Degen, Dolche, Hirfchfänger, Lanzen, Partifanen, Hellebarden, Armbrüfte, Rüftungen, Cüraffe, Gewehre und Piftolen und mitunter von grofsem Kunſtwerthe. Wir nennen zuerft die halbe Rüftung fammt Helm und zwei Rundfchilden aus der Sammlung Rothfchild, Gegenftände von hohem Kunſtwerthe, befonders einer der beiden Schilde. Getriebene, italienifche Arbeit von fchwarzer Grundfarbe mit reich in Goldtauffia ausgeführter Verzierung. Laut Infchrift ftammt der werthvollere Schild von dem Mantuaner Georg Ghyfis, 1554. Der zweite Schild ftammt aus dem Jahre 1563 und wurde gleichwie die Rüftung ficherlich nicht vom erf benanntem Meifter angefertigt. Der Ghyfi s'fche Schild zeigt in der Mitte einen prachtvoll gezeichneten, lebhaften Reiterkampf, herum allegorifche Figuren, der andere enthält die Darstellung des Triumphes des Bachus, die Rüftung auf der Bruft Venus und Amor, Trophäen. Einen ähnlichen, ebenfalls fehr koftbaren Rundfchild hatte Graf Daun am Helmkamme fchön gruppirte ringe erra llon ifers 1528 die oth nen mit fers und eine ppe in ums gen ten ick die der nt Ein hr. ge. nd fer ck en hr te S m де 92 I, n 1, n T t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 43 aus feiner Sammlung im Schloffe Vöttau zur Ausftellung gefendet. Von dort her kamen auch zwei andere polirte Rundfchilde mit eingeäzten Ornamenten; ferner ein Panzerhemd, welche Gegenftände dem Helden von Szigeth Niclas Zriny mit ziemlicher Berechtigung zugefchrieben werden. Aus dem Joanneum zu Graz wurde eine ganze Rüftung aus dem XVI. Jahrhunderte mit geäzten Streifen und Rändern ausgeftellt, auf der Bruft ein vor dem Crucifixe knieender Ritter; der Helm ift eigenthümlich durch deffen Stachelvifier. Der Helm des Vertheidigers von Wien aus dem Jahre 1529, des Grafen Niclas Salm, an einigen Stellen mit Silber taufchirt, im Ganzen aber einfach, gehört dem Mufeum zu Brünn. Wir fahen auch zwei grofse Tartfchen aus dem XV. Jahrhundert, auf deren jeder auf weifslichem Grunde der heilige Georg als Drachentödter gemalt ift. Diefe beiden Schilde, von deren Gattung nicht viele Exemplare, mit Ausnahme der Sammlung im Wiener ftädtifchen Waffenmufeum erhalten blieben, gehören der Stadt Enns. Kleinere bemalte Holztartfchen fendeten das Brünner Mufeum und Carl v. Pichler. Von der Zahl der ausgeftellten Schwerter und Säbel heben wir hervor: Das Schwert zu anderthalb Fauft des Hochmeifters des Sct. Georg- Ritterordens in Millftatt aus dem Jahre 1499; Griff- und Parirftange, Scheidebefchläge von Silber, am Knopf ein emaillirtes Wappen( Mufeum zu Klagenfurt); ein Vortragefchwert mit filbernem Griffe und geäzter Klinge, darauf das Wappen des mährifchen Landeshauptmannes Johann v. Rottal( Graf Wrbna); das fogenannte fächfifche Churfchwert yon 1533, ein prachtvolles Stück der Renaiffance, Griff und Scheide von Silber, reich verziert mit den herrlichften Ornamenten in getriebener Arbeit im Stile des H. Aldegrever( Fürft Clary); ein breites Kurzfchwert aus dem XVI. Jahrhunderte mit gravirtem und theilweife vergoldetem Griffe und Scheidebefchläge( Carl v. Rehazek); ferner die an Griff und Scheide mit getriebenen Silberbefchlägen reich verzierten Stadtrichter- und Bürgermeifter- Schwerter aus Wien, Steyer und Enns, und die einfacheren aus Linz, Wels und Olmütz; Richtfchwerte mit ihren abfonderlichen Darftellungen auf der Klinge, der Städte Hradifch, Iglau, Mährifch- Neuftadt und Znaim. Ferner find zu erwähnen: der Prunkdegen Carls v. Zierotin, deffen Griff und Scheidefpitze von Achat mit Rubinen und Perlen befetzt. Er trägt die Jahreszahl 1663 und gehört dem Mufeum zu Brünn; ein fchöner dreifchneidiger Dolch mit fchön gearbeiteter, filberner Scheide, italienifche Arbeit des XVI. Jahrhundertes( A. Widter); ein Hirfchfänger mit Elfenbein- Griff aus dem XVIII. Jahrhunderte( A. Widter). Unter den Feuerwaffen erfchienen beachtenswerth: Eine Radfchlofs Büchfe mit Elfenbein eingelegtem Schaft( Graf Lanthieri), ein grofses Gewehr mit Luntenfchlofs, der Lauf mit erhaben eingelegten Verzierungen in Gold und Silber; ein Granatgewehr von Meffing mit dem Zriny'fchen Wappen; eine Damenflinte aus dem XVII. Jahrhunderte, der Schaft mit Gold, Perlmutter und Elfenbein eingelegt; eine grofse Mufkette, das Rohr mit Gold, der Schaft mit Elfenbein eingelegt( Graf Daun); endlich ift an diefer Stelle ein fehr fchön geätzter Lunten tock zu erwähnen, deffen fich im XVII. Jahrhunderte die Officiere bedienten. ( Carl v. Pichler). Freiherr Anfelm v. Rothfchild ftellte zwei Reiterpiftolen aus, eine mit fein gefchnittenem und mit Elfenbein zart eingelegtem Laufe, die andere mit Elfenbein belegtem Schafte, darauf Plättchen mit Eifenfchnitten und fehr feiner Taufchirarbeit. Armbrüfte waren nur zwei ausgeftellt, die eine mit eingelegtem Elfenbeinornament( Stift Raigern), die andere, am Schafte ganz mit Elfenbein belegt, fammt eiferner Winde, dem Grafen Daun gehörig. Eine gröfsere Sammlung fchöner orientalifcher Waffen ftellte H. Biela-. dinovich aus Dalmatien aus, aufserdem noch einzelne Stücke: ein Befteck in 44 Dr. Carl Lind. Gold montirt, und einen Dolch mit filberner, getriebener Scheide Herr A. Widter das Muſeum zu Brünn ein fchönes türkifches Meffer, und Fürft Camill Rohan einen Dolch und ein Dolchmeffer. Sättel mit reichen Decken haben wir drei zu verzeichnen, den einen mit einer Decke von gelbem, in Silber reich gefticktem Sammt überdeckt, den anderen, dem Niclas Zriny zugefchrieben, deffen Decke von blauem Sammt mit Gold ftickerei( Graf Daun) und der dritte der Gräfin Walewska in Krakau gehörig, mit vollſtändigem Reitzeug und koftbaren Decken verfehen. Zu diefem gehör auch ein geflochtener Schild mit Stein befetzt und ein prachtvoller Bufikan. Wir kommen nun zu den Gegenftänden der textilen Kunft. Wir verzeichnen die prächtigen Maulthierdecken, die eine aus Goldbrocat, die andere aus rothem Seidenftoff, am Rande mit reicher, erhabener Goldftickerei und in der Mitte mit dem grofsen, in bunter Seidenftickerei ausgeführten Wappen des 1717 ausgeftorbenen Fürftenhaufes Eggenberg geziert, in deffen Erbe die gräfliche Familie Herber ftein trat. Diefe Decken, die einer Sammlung von zehn derartigen Stücken ent nommen find und in dem dem Grafen Heinrich Herberftein gehörigen Schloffe Eggenberg nächft Graz aufbewahrt werden, dürften aus Anlafs der zweiten, in Graz gefeierten Vermälung des Kaifers Leopold I. angefertigt worden fein. Gobellins ftellten das Stift Kremsmünfter und Graf Enzenberg aus. Der von erfterem, von bedeutender Gröfse, entftammt dem XVII. Jahrhunderte und ftellt Judiths Abfchied vor, eine lebhafte Gruppe mit fchönem Colorit; die beiden anderen, nach Zeichnungen von van Schoor, ftellen die Perfonification Europas und Amerikas vor und gehören in die gleiche Zeit, wie der erftere. Ein Fragment eines fehr fchönen Gobellins ftellte Frau Hirfch aus, derfelben gehören auch drei geftickte Tapeten mit Vorftellungen der Gefchichte der Europa ( XVIII. Jahrhundert). Einen bedeutenden Theil der Wand bedeckten zwei Stücke eines prachtvollen perfifchen Teppiches( Graf Dürheim); ein durch feine Bordure bemerkenswerther kleiner Teppich gehörte dem Stifte Kremsmünfter. Von kirchlichen Gewändern nennen wir die vielen Cafeln aus den Kirchen zu Zafchau, Bitefch, Wallachifch- Meferitfch, Nikolsburg u. f. w.. mehrere koftbare Kelch- und Taufdecken, wie auch eine Kreuzfahne aus pracht vollem, deffinirtem Goldftoff( H. Weininger), Handfchuhe mit reicher Goldftickerei( Stift St. Florian) und die grofsen unförmlichen Mitren aus dem Prager Domfchatze, aus dem Schatze des Kapuziner- Klofters in Wien und des Stiftes St. Florian. Alte Spitzen( Poins- Guipures) fandten zur Ausftellung die Stifte Heiligen kreuz und Neu- Reifch. Noch erübrigt uns die Befprechung der Gegenftände, welche von den griechifchen Kirchen der Bukowina zur Ausftellung gefendet wurden. Wir heben davon hervor die prachtvollen Decken und Hängeteppiche mit reicher Gold- und Silberftickerei, davon eine vorftellend die Grablegung Chrifti, eine Arbeit aus dem Jahre 1494, die andere den Tod Mariens( 1612), eine dritte aus dem Jahre 1610, mit der Darstellung des Begräbniffes Mariens, dabei wieder der Ifraelit, dem, der Legende nach, bei Berührung des Sarges die Hände an demfelben haften blieben, worauf fie ein Engel abhieb und ihn tödtete. Diefe, in ihrer Art intereffanten Teppiche find Eigenthum der Klöfter Suczawica, Putna und Dragomirna. Die Stickereien find in technifcher Beziehung vorzüglich, die Geftalten hingegen fteif, fogar unheimlich, entſprechend den Traditionen der auf der Bahn der Entwicklung ftehen gebliebenen Kunft der griechifchen Kirche. Nicht minder intereffant waren die beiden Begräbnifsdecken der Stifter des Klofters Suczawica aus demfelben. Sie find rothfammten, mit reichen Silber- und Goldftickereien verziert, welche die lebensgrofsen Figuren der Fürften Irmid und Simon Movilla darftellen. Die Zeichnungen erinnern fehr an die während des Mittelalters im Abendlande gebräuchlichen Grabdenkmale- eine Platte mit der lebensgrofsen Geſtalt des Verftorbenen;- die beiden Fürften find im vollen fürftlichen Schmuck dargestellt ter han mit eren, Hold Orig hört nen hem mit nen ber ent offe , in aus. erte die ion ere. Den ра ke ne 12 zu V.. t- d. m n n n d t e f Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 45 und tragen das Modell des Kloftergebäudes ihrer Stiftung auf der Hand. Koftbare und muftergiltige Stickereien fanden fich auch an den von diefen Kirchen ausgeftellten Stolen und Kelchdecken. Von Geräthen der griechifchen Kirche waren noch ausgeftellt eine Ripide, eine Art Schirm in Form eines Vierpaffes zum Vortragen bei Proceffionen( 1479), aus vergoldetem Silber angefertigt, reich durchbrochen mit fchöner Filigranarbeit ausgefüllt; ferner fahen wir drei Kirchenbücher mit werthvollen Einbänden aus vergoldetem Silber mit Darftellungen in flach getriebener Arbeit, fämmtlich aus dem Beginn des XVII. Jahrhundertes. Noch find zu erwähnen zwei aus Holz fein gefchnitzte Vortragekreuze mit doppelten Querbalken aus den Jahren 1560 und 1600. Aehnliche Kreuze ftellten auch aus das Stift Herzogenburg und Wenzel Wolf in Prag. Von Möbeln fand fich in der öfterreichifchen Amateursabtheilung nur ein Stück; es ift der Schreibtisch des ehemaligen öfterreichifchen Staatskanzlers Fürften Metternich, der ehedem Eigenthum des Herzogs von Choifeul war. Er ift aus Nufsbaum- Holz angefertigt, mit vergoldeter Bronce im Gefchmacke des XVIII. Jahrhundertes ausgeftellt und wurde vom Fürften Richard Metternich zur Ausftellung gebracht. Obwohl nicht in den Räumen der öfterreichifchen Amateurs ausgeftellt, müffen wir des prachtvollen Holzplafonds im Gefchmacke des Zopfftiles, autentisch italienifche Arbeit, Erwähnung thun, der die Decke eines Saales des füdlichen Kunftpavillons fchmückte und aus dem Stifte Schlierbach in Oberösterreich ftammt.( Eigenthümer Herr Scharf.) Münzen waren zahlreich und in koftbaren, feltenen Exemplaren ausgeftellt. Wir fahen eine Collection folcher des weftrömifchen Kaiferreiches, Goldmünzen aus der Zeit des Kaifers Octavian Auguftus( 29 vor Chriftus) bis zum Sturze des römifchen Reiches( 475 nach Chriftus), fodann Silbermünzen von Pompejus und Cæfar bis Honorius( 48 vor Chriftus bis 243 nach Chriftus). Sie zeigen den Verfall der Silberwährung unter Caracalla( um 200) durch fchlechte Legirung und die Erneuerung der Feinfilber- Prägung unter Diocletian( um 300), den Schlufs bildete eine Serie von Broncemünzen und Medaillons von verfchiedenen Kaifern aus allen Zeiten des Reiches( Ausfteller Carl Trau in Wien). Ein zweiter Tifch enthielt Gold-, Silber- und Kupfermünzen des oftrömifchen Kaiferreiches von Arcadius bis zum Sturze des byzantinifchen Reiches durch die türkifche Invafion unter Conftantin XIV. ( 395 bis 1453 nach Chriftus), zum Theil in Schüffelform( Theodor Rohde in Wien). Bracteaten( Hohlmünzen) Deutfchlands und der Schweiz mit hölzernen Stämpeln gefchlagen, aus dem XIII. Jahrhunderte( Eduard Forchheimer in Wien). Arabifche Gold-, Silber-, Glas-, Kupfermünzen, zehn Stück des Khalifen Harun al Rafchid( 786 bis 808), zehn Stücke des Eroberers Timur( Tamerlan), geftorben 1405, 130 egyptifch arabifche gegoffene Glasmünzen und Münzgewichte vom Beginne des VIII. bis Ende des XV. Jahrhundertes. Das erfte und ältefte Stück vom Jahre 712. Zwei Reihen arabifcher Bildmünzen des XII. und XIII. Jahrhundertes, zur Zeit der Kreuzzüge an Stelle des Silbergeldes als Nothmünzen gebraucht( Dr. Karabáček in Wien); endlich Münzen und Medaillen vom Ende des XV. Jahrhundertes bis in die neuere Zeit, darunter die fchöne Medaille aus dem Jahre 1521 von der Stadt Nürnberg zu Ehren Carl V. gefchlagen, Doppelthaler des Grafen Franz Ditrichftein, Bifchof von Olmütz( 1598 bis 1616), Thaler des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz( 1619 bis 1621). Hermannftädter Thaler von 1605, der überaus feltene Thaler des Herzogs Bernhard von Sachfen- Weimar von 1634, der des kunftfinnigen Erzbifchofes von Salzburg Leonhard Keutfchach von 1504, die Kaifers Max I. vom Jahre 1479 und 1505, und endlich der ältefte Thaler von Sigmund von Tirol um 1484 gefchlagen( Stift Schotten). Eine reiche Münzcollection ftellte das Olmützer Hochftift aus. Das Münzregale der Olmützer Bifchöfe gründet fich auf ein Privilegium Rudolf II. als König von Böhmen, de dato 5. Jänner 1608. Als Prägeort war die bifchöfliche 46 Dr. Carl Lind. Refidenz Kremfier bezeichnet und zugleich war angeordnet, dafs die bifchöflichen Münzen den landesfürftlichen an Schrot und Korn ganz gleich fein follen. Als man in den Jahren 1663 und 1664 die Münze an Privaten verpachtete, die diefes Recht nur zu ihrem Vortheil ausbeuteten, wurde die Münzftätte auf kaiferlichen Befehl gefchloffen. Doch aus der Zeit des Bifchofes Carl von Liechtenſtein( 1664 bis 1695) finden fich wieder Münzen, daher es fcheint, als wäre das Münzrecht neuerlich ertheilt worden. Die fortwährenden Befchwerden über die verfchlechterten Olmützer Scheidemünzen bewogen Kaifer Carl VI., den Olmützer Bifchöfen das Recht auf Prägung von Scheidemünzen ganz zu entziehen( 1726), bis Kaiferin Maria Therefia das Münzrecht im Jahre 1759 ganz einzog. Seither begnügten fich die Olmützer Kirchenfürften mit dem Schlagen von Inthronifationsmedaillen und einer Anzahl von Currentmünzen. Gegenwärtig find 608 Gattungen Olmützer Münzen vorhanden, die fämmtlich in wenigftens einem Exemplar ausgeftellt waren. Die höchft werthvolle Münzfammlung des deutfchen Ritterordens zu Wien war durch gröfsere Suiten vertreten. Mit der Schenkung des Kulmer Landes ( 1226) erhielt der deutfche Ritterorden von Kaifer Friedrich II. das Münzregale Der Orden nahm die Kölner Mark als die in der Handelswelt am meiften accre ditirte zum Mafsftabe feiner Münzberechnung( 1233). Die herben Veriufte im Ordenslande hatten eine bedeutende Münzverfchlechterung zur Folge und brachten es im Verlaufe von 300 Jahren dahin, dafs unter dem letzten Hochmeifter in Preufsen, Albrecht von Brandenburg aus einer feinen Mark Silber bereits 13 Mark Münze erzeugt wurden. Die Haupt- Münzftätte des Ordens war bis 1454 zu Thorn, eine zweite zu Marienburg, jedoch nur auf kurze Zeit, eine dritte zu Danzig, fpäter trat an deren Stelle eine Münzftätte zu Königsberg, Neben dem Orden hatten auch einige Ordensbifchöfe in ihren Territorien( Dorpat, Riga u. f. w.) das Münzregale. Münzen des deutfchen, Ordens find: Denare, die einzige Münzgattung bis 1382; Schillinge im Gebrauche bis 1497; Grofchen feit diefem Jahre im Umlauf und eine fehr gefuchte Münze; Halbthaler nur um 1424 verfuchsweife geprägt und Vierchen( 4 Pfennige) blofs um 1390 geprägt. Die Münzforten waren von Silber, Goldmünzen kennt man nur vom Hochmeifter Heinrich v. Plauen( 1470) und Albrecht von Brandenburg. Nachdem durch Kailer Carl V., Diplom vom 6. December 1526, die Adminiftration des Hochmeifterthums in Preufsen mit dem Deutfchmeifterthum verbunden wurde, überging das Münzregale des Ordens in Preufsen auf die in den Reichs- Fürftenftand erhobenen Meifter in Deutfch- und Wälfchland. Doch machten diefe mit wenigen Ausnahmen von ihrem Münzrechte geringen Gebrauch. Nach der Aufhebung des Ordens in Deutſchland( 1809) hörte die Münzberechtigung von felbft auf. Heutzutage exiftirt der Orden, deffen Gefammtbefitz ein unmittelbares Kronlehen geworden ift, nur in der öfterreichifchen Monarchie. Wir kommen nun zur fphragiftifchen Ausstellung. Sie befchränkte fich blofs auf Stempel und Abgüffe, Originalfiegel fanden fich nicht vor. Die vorhan denen Stempel reichten in wenigen Exemplaren bis ins XIII. Jahrhundert zurück, einige gehören dem XIV., die meiften hingegen dem XV. bis XVIII. Jahrhunderte an. Die Stempel find theils aus Silber angefertigt, theils wurde dazu Bronce ver wendet. Einige Stempel beftehen blofs aus einer mehr oder minder dicken Platte, etliche find auf der Rückfeite mit einem theils feften, theils beweglichen, mitunter verzierten Bügel als Handhabe verfehen. Die jüngeren Stempel find bereits auf eiferne Stöcke gelöthet oder an hölzernen Griffen befeftigt. Wir fanden unter den Städte und Gemeindefiegeln bedeutende Schnitte an jenen von Braunau, Enns, Grein, Wien, Leipnik, Iglau, Hradifch und Znaim; von den kirchlichen Siegeln nennen wir das des Klofters Zeio bei Varaljia( 1291), des Dominikanerklofters in Steyr( 1629), des Klofters Chotifchau( 1674); unter den Siegeln von Innungen, gewerblichen urd fonftigen Corporationen das der Weberinnung zu Timmelkam ( 1625), und der Frohnleichnams- Bruderfchaft in Klagenfurt( 1633); als Familien. chen man echt fehl 95 lich rten das erin fich und tzer ren. ens des male Cre im and ch ber var ine en 72 at, lie eit 24 Die er Her ms en en ns Te en ch k te r- 1 Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 47 und Perfonalfiegel find hervorzuheben das des Sibotto von Lonsdorf( 1230), des Hermann von Kranichfeld( 1240), des Sebaftian Oed von Götzendorf( 1587), des Alexander Schwendi( 1625), des Joachin Enzmüller, Grafen von Windhag( 1669). An diefer Siegelausftellung betheiligten fich aufser den betreffenden Gemeinden die Herren von Hartmann- Franzenshuld, v. Weitenhiller, Eduard v. Planck, Jofef Schwertner, die Mufeen zu Linz, Brünn, die Stadt Wien u. f. w. Gleichfam als Anhang wurde der öfterreichifchen Amateurausftellung noch eine Collection koftbarer, alter Gefäfse und Elfenbein- Schnitzereien, Emails- und Lackarbeiten aus China und Japan beigegeben. Ein Theil diefer Gegenstände gehört dem Altgrafen Franz zu Salm- Reifferfcheid. Es find diefs zumeift vorzügliche Gefäfse altchinefifcher Emailcloifonée der verfchiedenen Epochen. Den Grundftock diefer Sammlung bildet die ehemalige Collection Addington, in der nach dem chinefifchen Kriege alle Gegenftände mit befonders feltenem Emailfchmuck, welche von Europäern zuerft nach Europa gebracht wurden, vereinigt waren. Wir heben von diefen Gegenftänden als befonders koftbar hervor: ein Räuchergefäfs, gebildet aus drei mit dem Rücken gegeneinander geftellten Kranichen, eine Vafe in Form einer Melone mit gelbem Grund, ein goldgrundiges Rauchgefäfs mit Email in Edelſtein- Manier eingelegt, von fehr fchwungvoller Form, eine grofse fechseckige Vafe mit weifsen Medaillons, ein Räuchergefäfs mit dem befonders feltenen fchwarzen Emailgrunde, zwei koloffale Blumenvafen mit Emails, ferner die 54 Zoll hohe Satzumavafe, die gröfste in Europa von diefer feltenen Gattung, endlich eine weifse, theilweife vergoldete, altchinefifche Porcellanvafe mit Blumenornamenten. Den anderen Theil derartiger Gegenftände lieferte H. Carl Trau. Wir fahen dafelbft einige bemerkenswerthe, kleine, altchine fifche EmailcloifonéeGegenftände, insbefondere eine Landfchaft mit Rofen und Myrthen. Sehr intereffant war eine aus beiläufig fünfundzwanzig diverfen altchinefifchen Porcellanväschen beftehende Collection, welche Craqueléarten in mannigfaltigen Farben repräfentirte; nicht minder beachtenswerth fchien uns eine namhafte Suite kleiner, altjapanefifcher, zum Theile bemalter Elfenbein- Figürchen, worunter manche von fehr zarter Behandlung und von lieblichem Ausdruck. Endlich fanden fich dafelbft ein Becher aus Rhinoceroshorn( Eigenthum des B. Widter), eine hübfche Auswahl von feinen, altjapanefifchen Goldlack- Gegenständen, werthvolle Gefäfse von Achat, Jade, Amethift u. f. w.; fie vervollſtändigten das Enſemble der Ausftellung, das dem Befchauer einen ziemlichen Einblick in die gefammte ältere und neuere Kunstinduftrie der beiden Länder China und Japan gewährte. Ungarn. Die XXIV Ausftellungsgruppe war in der ungarifchen Abtheilung durch die Menge, wie auch durch den antiquarifchen Werth der ausgeftellten Gegenftände vorzüglich vertreten. Es fand fich eine fo bedeutende Anzahl von Objecten in dem einen, dafür eingeräumten Saale des füdlichen Amateurs pavillons vereinigt und dafelbft in vielerlei Käften und Schränken theils freiftehend, theils an den Wänden untergebracht, dafs dadurch nicht allein die allgemeine Ueberficht etwas erfchwert, fondern fogar auch die Bewegung dem Befchauer beengt, und in Folge deffen das ruhige Befichtigen und Geniefsen der einzelnen Gegenftände einigermafsen befchwerlich wurde. Man kann, ohne gegen die Amateursexpofition der übrigen Staaten ungerecht zu fein, behaupten, dafs diefe Expofition nach jener Cisleithaniens den nächften Rang einnahm, ja felbft fie in manchen Partien übertraf. Die dafelbft vereinigten Gegenstände lieferten in ihrer Gefammtheit ein Bild der künftlerifchen Vergangenheit des Landes, insbefondere des engeren Ungara, und den Beweis, dafs Sammelluft und Verſtändnifs für die antiquarifchen 4 48 Dr. Carl Lind. Denkmale in neuerer Zeit auch jenfeits der Leitha mächtige Wurzeln gefchlagen haben. Wenngleich bei der Ausftellung diefer Gegenftände das Princip der chronologifchen Folge gänzlich unbeachtet geblieben ift, und vor Allem das einer Amateursausftellung der allein leitende Gedanke war, was zur Folge hatte, dafs die verfchiedenen Sammlungen oder doch ihre Repräfentanten ungetrennt auf geftellt wurden, fo mufs man doch zugeftehen, dafs diefe Abtheilung mit befonderer Liebe und Sorgfalt geordnet wurde, und dem unermüdlichen Ordner Dr. Henczelmann, aus deffen Feder auch der das ungarifche Ausstellungsmaterial weitläufig behandelnde Katalog ftammt, die verdiente Anerkennung nicht verfagt werden kann. Was aber die Anordnung der Gegenftände nach den Sammlungen betrifft, fo hat gerade diefe Ausftellung bewiefen, dafs ein folches leitendes Princip nicht anempfohlen werden darf. Wir wollen bei Mufterung diefer Sammlung uns ebenfalls an die chronologifche Folge halten. Sehen wir daher zuerft nach den Gegenftänden der prähiftorifchen Zeit. Wir fanden da unter Anderem ein eigenthümliches Schmuckstück aus der übrigens nur durch wenige Nummern vertretenen Steinzeit, eine foffile Schnecke, aufsen mit kleinen Flufskiefeln befetzt. Ferner ift zu erwähnen die kleine Lehocz ky'fche Sammlung von intereffanten Fundftücken aus dem Beregher Comitate, ent haltend Ahlen, Nadeln, Pfeifenfpitzen etc. aus Obfidian, einem Stein, der am Tokayer Berge gefunden wird. Die Broncezeit ift vor Allem durch die Georg v. Rath'fche Sammlung, und zwar in ausgezeichnetfter Weife vertreten. Nicht leicht dürfte fich eine Privatfammlung finden, die fo viele Denkmale aus diefer von uns durch Taufende von Jahren entfernten Zeit aufzuweifen vermag. Es ift diefs eine Amateurfammlung im vollen Sinne des Wortes. Um den Eindruck diefer eminenten Collection nicht abzufchwächen, wurden die ihr einverleibten antiken, altchriftlichen, bizantinifchen und mittelalterlichen Gegenftände nicht ausgefchieden, fondern vereint im felben Kaften ausgeftellt. Von den mehr als 1000 prähiftorifchen Broncegegenständen, fämmtlich in Ungarn gefunden, nennen wir Bronceklumpen und mehrere unfertige Werk zeuge, ein Zeichen, dafs die Broncegegenftände nicht nur eingeführt wurden, fondern dafs man auch im Lande felbft das Bronce zu erzeugen wufste; ferner 27 Palftabe, 37 Kelte, viele Meifsel, 30 vollkommene Spiralen, deren Zweck die Wiffenfchaft bis heute noch nicht mit Sicherheit feftgeftellt hat; wo man fie in Gräbern um die Hand- oder Fufsknochen gewunden fand, ftellen fie unzweifelhaft Schmuck vor; übrigens befteht die Meinung, dafs fie als eine Art Geld dienten, indem man Stücke abhieb, und den Verkäufern als Bezahlung übergab; ferner 89 Fiebeln der verfchiedenften Formen, mehrere grofse Schwerter, zahlreiche Hacken, Hämmer, Ringe, Nadeln, Sicheln u. f. w. Insbefondere mufs hervor gehoben werden, ein broncener Halsberg, von welcher Art( wahrfcheinlich einem Rüftftücke) man überhaupt nur drei Exemplare kennt, die alle in Ungarn gefunden wurden. Von unbekannter Verwendung find maffive Ringe, welche meiftens fechs ftarke Köpfe an ihrer ganz gefchloffenen Peripherie haben. Etliche Gegenstände aus der Broncezeit hatten auch die Mufeen zu Erlau und Klaufenburg ausgeftellt. An egyptifchen Denkmälern ift Ungarn zwar nicht reich, doch fanden fich darunter einige Gegenftände von ganz exquifiter Natur; es find diefs eine Schüffel und ein Weinkrug, von folcher Vollendung, dafs man fie als einzig in ihrer Art betrachten kann; beide wurden in den zwanziger Jahren in Enyed, Oedenburger Comitat, gefunden, und find jetzt Eigenthum des ungarifchen Nationalmufeums. Der Krug von ziemlich bauchiger Form zeigt auf den Flächen feines Körpers den Aufzug egyptifcher Gottheiten, in eingelegten Gold- und Silberftreifen ausgeführt. Oben und unten Mäander- und Lorbeerblatt- Verzierungen und zunächft des Halfes eine Reihe egyptifcher Symbole. Die mit einem Stiele verfehene Flachschüffel ift ähn lich behandelt, doch minder gut erhalten; als Darftellung des vertieften Mittel gen romer afs Luf onher ial gt en cip 0- en er e₁ 2- 1 m d t. n m 1- d t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 49 feldes fehen wir den Kampf eines Nilpferdes mit einem Krokodil, rings herum Vögel und Laubverzierung. Beide Gegenftände, von denen jedoch der letztere weniger egyptifchen Charakter an fich trägt, werden von Sachverständigen in die Zeit der Ptolemäer gefetzt. Franz v. Pulsky ftellte drei Broncen( zwei Katzen mit eingelegten Augen, und eine fitzende Gottheit), H. v. Mailath einen grofsen Scarabæus aus. Affirifche Denkmäler hatte die ungarifche Abtheilung nicht aufzuweifen. Weit zahlreicher waren die Broncen der claffifchen Zeit. Vornehmlich enthielt die Franz v. Pulsky'fche Sammlung grofse Koftbarkeiten. Von griechifchen Broncen nennen wir die Statuette einer Priefterin und eines Gaucklers, ferner eine Vafe von eleganter Form, die einft von Admiral Grimani aus Griechenland nach Venedig gebracht worden fein foll; einen Lanzenfchwinger, und eine filberne Marsftatuette von höchfter Vollendung, einen laufenden Knaben in malerifcher Bewegung, eine Minerva, einen Apollo, und endlich eine Bachantinbüfte. An einer Dioscuren- Statuette zeigten fich in den Gewandfalten fchwache Spuren von Email. Unter den römifchen Broncen verdienen Erwähnung, die Büfte des Kaifers Lucius Verus, eine Kybeleftatuette aus der beften römifchen Zeit, eine Fortuna und ein Morpheusfigürchen. Aus der Rath'fchen Sammlung eine Pallasftatuette, ein Mercur, ein grofser Broncekrug, deffen Körper von einem Mädchenkopfe gebildet wird, eine Lampe in Form eines zu Pferde fitzenden Imperators, ein kleines Modell eines römifchen Rennwagens, und ein Gefäfs in Form eines Kriegsfchiffes mit Katapulte und beweglichem Anker, ein überaus belehrender und intereffanter Gegenftand. Eine eigenthümlich geformte, ziemlich flach gerundete Vafe mit langem Halfe ftellte Alexander Pofonyi aus. Das Klaufenburger Muſeum brachte zwei Wachstafeln mit römifcher Curfivfchrift aus den Jahren 162 und 164, in welchen verfchiedene Rechtsgefchäfte notirt find; gefunden wurden derlei Tafeln, und zwar in einigen Exemplaren, in den fchon von den Römern betriebenen Gold- Bergwerken Siebenbürgens; ferner ein getriebenes und fchön gearbeitetes, aber leider fehr fchadhaftes Bronceblech mit der Darftellung römifcher Bewaffneter zu Fufs und zu Pferde, gefunden zu Szamos Ujvar. Die Erklärung des Zweckes und der Bedeutung diefes Stückes konnte bisher nicht gelingen, obfchon die Kunde von diefem Fundftücke, das in das II. oder III. Jahrhundert unferer Zeitrechnung gehören dürfte, weit verbreitet ift. Ferner eine gegoffene filberne, zum Theil vergoldete Schale, ringsherum mit Fifchen, Waffervögeln und Fifcherei- Geräthen in Relief gefchmückt, ein Gefäfs, das an Zierlichkeit und Schönheit den Gefäfsen des Hildesheimer- Fundes nicht nachfteht; einige Mithrasreliefs und kleine Bronceftatuetten. Das Pefter Mufeum lieferte von Gegenftänden diefer Epoche nur einige Repräsentanten feiner Sammlung, darunter zwei Seiten einer der römifchen Spätzeit entftammenden, urfprünglich aus drei Bronceplatten gebildeten Pyramide mit getriebenen panteiftifchen Darftellungen. Intereffant find auch die demfelben Muſeum gehörigen Fundgegenftände, darunter einige mit Gold eingelegte filberne Schnallen, die man im Jahre 1864 aus einem Grabe in Altofen ans Tageslicht brachte. Wir nehmen auch hier Anlafs, der von Franz v. Pulsky ausgeftellten prachtvollen, gefchnittenen Steine( Cameen und Intaglios) Erwähnung zu thun. Faft alle Stücke davon find koftbar, einige von hervorragendem Kunſtwerthe; eines oder das andere davon hervorheben, würde fich gegenüber den übrigen nicht rechtfertigen laffen. Auch Herr Alexander Pofonyi ftellte einige werthvolle, gefchnittene Steine aus, defsgleichen fanden fich unter den Ringen des Grafen Emanuel Andráffy mehrere mit beachtenswerthen Intaglios. Wir kommen nun zu den Ausstellungsobjecten, die in der Zeit des Verfalles byzantinifcher Kunft von Kaifer Conftantin an bis gegen das Ende der deutfchen Ottonen entstanden find, oder in den Stürmen der Völkerwanderung ihre Geburt feierten. Es war diefs eine Zeit, in der fich die Kunft an den kümmerlichen Tra4 50 Dr. Carl Lind. ditionen der Antike noch nährte, doch dabei die einzelnen Völker auch eine gewiffe Charakteriſtik mit ihren unter diefem Einfluffe entftandenen Kunftwerken ver banden. Als bedeutendfte Vertreter der byzantinifchen Kunft erfcheinen uns jene fieben vom Pefter Mufeum zur Ausftellung gefandten Rundbogen- Schildchen fammt zwei kleinen Medaillons aus Goldblech, die in den Jahren 1860 und 1861 im Neutraer Comitate beim Pflügen eines Feldes gefunden wurden. Diefelben find mit farbenprächtigem Zellenfchmelz ftellenweife überzogen, und zeigen figurale Darftellungen, darunter fich die Figuren des oftrömifchen Kaifers Conftantin Monomachos und feiner beiden Frauen finden. Die Figuren find ähnlich jenen der Stefanskrone behandelt, und durch Infchriften erklärt. Die Wiffenfchaft bezeichnet diefe Bruchftücke als Beftandtheile jener Krone, die diefer Kaifer zwifchen 1042 und 1050 dem ungarifchen Könige Andreas zum Gefchenke machte. Mit diefen Kronfragmenten wurde auch ein Ring mit der in Zellenfchmelz aus geführten Darftellung eines Gekrönten gefunden. Ferner ein etwa zur Aufbewahrung von Reliquien beftimmtes Goldfchächtelchen, das mit einem Kryftallverfchlufse verfehen ift. Die von uns in dem Früheren gezogenen Zeitgrenze überfchreitend, wollen wir gleich hier eines anderen byzantinifchen Kunftwerkes Erwähnung thun. Es ift diefs jene koftbare Tafel aus dem Graner Domfchatze, die zur Aufbewahrung einer Kreuzpartikel beſtimmt, in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhundertes angefertigt worden fein dürfte; die ein wenig tiefer liegende Mittelplatte diefes herrlichen Werkes enthält in einem doppelkreuzför migen Ausfchnitte einen Kreuzesfplitter; der übrige Theil der Goldblech- Tafel ift ftellenweife mit Zellenfchmelz überzogen, und zeigt mehrere Figurengruppen in der der griechifchen Kunft eigenen charakteriftifchen Zeichnung. Am Rahmen windet fich ein getriebenes Bandornament in den abfonderlichften Verfchlingungen, und ftellenweife von filbernen Relieffiguren mit Zellenfchmelz unterbrochen. Auch die Rath'fche Sammlung führte einige kleine Stücke der byzantinifchen Kunft vor, auf denen fich das Kreuzzeichen, ja auch ein conftantinifches Monogramm als Verzierung findet. Aus der Zeit der Völkerwanderung ftammen die unzweifelhaft von den Gothen herrührenden Gegenstände der zu Sct. Andrae, Bakod und Ozora gemachten Funde, davonjedoch nur Etliches ausgeftellt war. Wir fahen darunter Ohrgehänge, Gewand fchliefsen, Ringe, Armbänder, Knöpfe, Ketten, meiftens nur aus dünnen Blättchen beftehend und an antike Mufter erinnernd. Ferner kleine Goldfcheiben mit drei Buckeln in der Mitte, ein Armband mit Drachenköpfen, eine grofse armbruft förmige Fibel, ein Halsband von gewundenem Golddraht, und goldene Ohrgehänge in Form von geftürzten Pyramiden. Manche diefer Gegenftände find mit rothem Glasflufs gefchmückt, der fehr häufig nach Art des byzantinifchen Zellerfchmelzes in Metall gefafst, den Edelſteinbefatz erfetzen foll. Die Zeit des roman ifchen Stiles repräfentirten mehrere bedeutende Gegenftände, als: ein niederer broncener Standleuchter aus dem XIII. Jahrhunderte, defien Fufs aus drei Drachen mit Reitern gebildet, und deffen Schaft mit einer grofsen Kryftallkugel als Nodus geziert ift. Diefer Leuchter mufs zu den fchönften feiner Art gezählt werden, die fich bis auf unfere Tage erhalten haben.( v. Kavàfs). Aufserdem erwähnen wir noch eine aus dem XIII. Jahrhundert ftammende Platte mit vorzüglichem Email champlevé überzogen, wahrfcheinlich ein Fragment eines Reliquienfchreines mit theilweife plaftifchen Figuren, vorftellend den triumphirenden Chriftus auf dem Regenbogen, um ihn herum die Evangeliſtenzeichen, endlich zwei Elfenbein Täfelchen, das eine einen Löwen vorftellend, der einen Efel zerreifst, der Rath'fchen Sammlung angehörig, das andere, vorftellend Daniel in der Löwengrube, etwas jüngeren Alters, aber durch die Auffaffung des Bildes ikonographifch intereffant. Die meiften aus der Zeit der Gothik ftammenden Kunftwerke, welche diefe Ausstellung uns vorwies, haben kirchliche Beftimmung, dahin gehören drei Te er. me ant m d e n t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 51 prachtvolle filberne, vergoldete Mefskelche, der eine mit Email- und Filigranfchmuck, ein zweiter mit reichem Filigranbefetz von feinfter Arbeit, wahrfcheinlich aus dem Beginne des XVI. Jahrhundertes und der dritte, koftbarfte aus der Mitte des XV. Jahrhundertes mit Emails und reichem figuralem Schmucke, an dem zu einer grofsen Kapelle entwickeltem Nodus, ferner zwei Büffelhörner, davon eines befonders grofs, beide als Oelgefäfse verwendet, in vergoldetem Silber auf die zierlichfte Weife gefafst und in den letzten Jahren des XV. Jahrhundertes angefertigt; drei medaillonförmige Reliquienbehälter, das Mittelftück des einen ein Perlmutter- Relief, des anderen eine Kryftallplatte, und des dritten und kleinften die in Gold getriebene und ausgefchnittene Darftellung der Verkündigung auf blauem, durchfchimmerdem Emailgrunde. Zu den zierlichften Gefäfsen gehört ein kleiner Chryfambehälter aus Bergkryftall in Form einer aus zwei Hälften beftehenden facettirten Kugel, getragen von mit Emailtranslucide über zogenen Figürchen, vorftellend den verlornen Sohn. Diefes in Form und Ausftattung ganz reizende Gefäfs, das urfprünglich kaum diefe Beftimmung gehabt haben mochte, mag ein kunftfertiger Goldfchmied zu Anfang des XVI. Jahrhunderts angefertigt haben. Alle diefe Koftbarkeiten gehören dem Schatze der ungarifchen Primatialkirche. Durch Gröfse und Gewicht hervorragend, verdient die hübfch componirte Monftranze der Prefsburger Capitelkirche einige Beachtung, wie auch ein grofses Proceffionskreuz mit in Silber gefafsten kryftallenen Balken. Ausserdem fahen wir noch zwei koftbare Kelche aus dem Prefsburger Dome, und einen des ungarifchen Nationalmufeums, ausgezeichnet durch Email und Filigranfchmuck, ferner ein fchlankes, der Leprofen- Kapelle zu Leutfchau gehöriges, thurmförmiges Ciborium aus dem XV. Jahrhunderte. Der Krumftab aus dem Graner Schatze und die grofse filberne Monftranze von Jahrendorf ftehen bereits an der Grenze der Gothik. Letztere behauptet zwar noch im Aufbaue die Tradition der Gothik, im Ornament hingegen wird diefer Stil faft gänzlich verleugnet. Dasfelbe gilt von einem ausgeftellten, leider nicht mehr vollſtändig erhaltenen Vortragekreuze mit prachtvollen Emailtranslucide- Schmuck, einer ausgezeichneten Arbeit des beginnenden XVI. Jahrhunderts; florentinifchen Urfprunges Hier fei auch auf das fchöne, mit reichem Filigranfchmucke und Steinbefatz ausgeftattete Armband, einen breiten Reif aus Gold hingewiefen, das nun im Befitze des Muſeums zu Peft, in Grofswardein gefunden, der Königin Maria I. als Eigenthum zugefchrieben wird( Anfang des XIV. Jahrhundertes). Kirchliche Eifenarbeiten diefes Stiles repräfentirten ein zwölfarmiger Standleuchter, ferner zwei Armleuchter, die die Beftimmung hatten, zu Seiten des Altars angebracht zu werden, und ein einfacher fchmiedeiferner Lufter, fehr gefchmackvolle Arbeiten des XVI. Jahrhundertes, der Bartfelder Kirche gehörig. Von Holzfchnitzereien, die kirchliche Beftimmung hatten, nennen wir einen theilweife bunt bemalten, theilweife vergoldeten Ofterkerzen- Ständer aus dem XV. Jahrhunderte, eine Holzftatuette des Erzengels Gabriel, eigenthümlicherweife unbeflügelt dargestellt, und den grofsen auf Rädern ftehenden Schrein aus dem XVI. Jahrhunderte, den der Katalog als das Grab des heiligen Benedict bezeichnet. Seine Beftimmung war, entweder die Gebeine oder wenigftens Reliquien diefer Heiligen zu verwahren, oder was im Hinblicke auf die ähnlichen Schreine zu Salzburg und Möchling wahrfcheinlicher ift, in der Ofterzeit als heiliges Grab verwendet zu werden. Die grofsköpfigen Geftalten am Fuſse des Schreines, die übrigens ebenfo wenig künftlerifchen Werth haben, als die Figuren am Aufbaue, und höchft fchlichte Gefellenarbeit find, deuten unzweifelhaft auf deutfchen Urfprung diefes Schreines. Diefer ursprünglich gut componirte Holzbau wurde in neuefter Zeit, wahrfcheinlich zu Ehren der Ausstellung mit freigiebiger Verwendung von Gold und Farben etwas zu durchgreifend reftaurirt, was einigermassen zu bedauern ift( Domkirche zu Gran). Von den aus der Zeit der Gothik ftammenden Elfenbein- Arbeiten nennen wir ein Dyptichon aus dem XIV. Jahrhunderte mit Darftellungen aus dem Leben 52 Dr. Carl Lind. Chrifti, ein Spiegelgehäufe, ähnlich dem aus dem Stifte Rein in Steiermark, mit der Darftellung der Erftürmung einer Liebesburg, eine fehr gelungene Arbeit; das Fragment eines Schmuckäftchens mit Darſtellungen nach einem mittelalterlichen Romane und einen mit prachtvollem Elfenbein- Schnitzwerk befetzten Sattel. Die Seltenheit folcher Sättel haben wir bereits gelegentlich der Befprechung der öfterreichifchen Abtheilung hervorgehoben. Das ungarifche Nationalmufeum, das diefen Sattel ausftellte, befitzt drei folcher, im XV. Jahrhunderte angefertigten Sättel, die jedoch kaum je ihrer Beftimmung gemäfs verwendet wurden. Die ganze Fläche des Sitzes ift mit Figuren und Infchriften bedeckt. Die Darftellungen dürften fich auf damals verbreitete Dichtungen beziehen, daher deren Erklärung heutzutage ganz befonders fchwierig wird. An diefer Stelle ift auch der Ausftellungsgegenstände textiler Kunft zu gedenken, als da find die vielen aus den Sacrifteien von Gran, Neufohl und Bartfeld eingefendeten Mefsgewänder, die zwar bereits alle den noch üblichen. nichts weniger als hübfchen Zufchnitt haben, aber doch in einigen Exemplaren bis ins XV. Jahrhundert zurückreichen. Sie zeichnen fich durch die dazu ver wendeten koftbaren Stoffe, faft ausfchliefslich Goldbrocat oder Sammt mit den herrlichften, eingearbeiteten Deffins und durch die darauf angebrachten Sticke reien aus. Es find diefs entweder breite Mittelftreifen oder auf dem Rücktheil auf. gelegte Kreuze, theils mit Gold- und Silberfäden, theils mit farbiger Seide geftickt und mit Perlen befetzt. Die in Stickerei ausgeführten Darftellungen veranschaulichen meiftens Scenen aus dem Leben Jefu, den Kreuzestod oder Apoftelgeftalten. Von anderen Stickereien verdienen hervorgehoben zu werden: eine mit Gold- und Silberfäden vortrefflich ausgeführte Hochftickerei, die Paffions- Werkzeuge vorftellend, und ein Hochrelief- Diphtychon, vorftellend die Schmerzensantlitze Chrifti und Mariens, endlich ein kleiner fehr fchöner Gobellin mit der Jahreszahl 1580, vorftellend die Magier das Chriftkind anbetend. Auch die zum Graner Domfchatze gehörige Mitra fei hier erwähnt; obwohl ftark erneuert, hat fich an ihr noch die ältere, niedrigere Form erhalten, fie ift ganz mit Perlen beftickt und mit Edelſteinen befetzt, fteht aber auch an Zierlichkeit und Pracht der gleichzeitigen Mitra des St. Peter- Stiftes in Salzburg nach. Den mit dem Eintreten der Renaiffance fich Bahn brechenden gewaltigen Umfchwung der Kunft fehen wir in der ungarifchen Ausftellung durch eine dem früheften Beginn derfelben angehörige, fchön geformte Terracotta- Gruppe aus drei Figuren beftehend( Chriftus und zwei Engel) repräfentirt, welche gegen Eintritt des XV. Jahrhundertes angefertigt wurde und wahrfcheinlich italienifchen Urfprunges ift. Eine andere als Relief behandelte Gruppe aus gebrannter Erde, ebenfalls italienifche Arbeit, ftellt eine Grablegung in ziemlich realiſtiſcher Ausführung dar; beide Gegenftände find Eigenthum des Franz v. Pulfky. Ferner fahen wir ein Stück einer rothmarmornen Platte mit einem Wappen darauf von der Bacs'fer Burg herrührend; einen kleinen Hausaltar, beftehend aus einem Oelgemälde nach Michael Angelo Buonarotti in reicher, gefchmackvoller Umrahmung mit Steinbefatz. Hieher zählt auch ein vortrefflich gearbeiteter Dolch fammt Scheide mit fchwunghaften Laubverzierungen in Gold und Silber( Graf Andraffy), und ein zweiter Dolch( Graf Waldftein), deffen Griff aus Achat, das Querſtück aus Jaspis, endlich ein herrlich in Onyx gefchnittener Medufenkopf auf einer Gewandfchliefse. Beachtenswerth ift der Einband eines im Jahre 1492 gedruckten und dem Grafen H. Keglevich gehörigen Buches, enthaltend Petrarca's Triumphe und Sonetten. Wir finden nämlich auf dem Buchdeckel innerhalb eines reichen, in Elfenbein ausgeführten Renaiffance- Rahmens je eine in Bein gefchnittene Darftel lung, entnommen jenem Cyclus, der auf den prächtigen, im Grazer Dom aufgeftellten Schreinen, ausgeführt ift. Die eine Darftellung zeigt den Triumph der Liebe, die andere den des Todes. Obgleich mit den bezüglichen Bildern diefer Schreine Lit as n де S 11 n g 1 n . Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 53 in der Zeichnung gleich, ftehen die Schnitte jenen in der Ausführung doch bedeutend nach. Producte der franzöfifchen Renaiffance find: zwei getriebene und cifelirte Silberfiguren, Braut und Bräutigam( XVI. Jahrhundert) Eigenthum des Franz v. Pulfky, und eine Kryftallcaffette mit vergoldeten, niellirten Silberbändern montirt( Graner Domfchatz). Werke der deutfchen Renaiffance fanden fich in reichlicher Menge, wir nennen davon einen Humpen von vergoldetem Silber mit vielen Darftellungen und Infchriften, ferner einen theilweife vergoldeten Silberbecher, welcher auf feiner Aufsenfläche vortreffliche Gravuren im Geifte Schongauer's und Durer's zeigt und mit der Jahreszahl 1512 verfehen ift.( Nationalmuseum). Aus der barokken Zeit enthielt diefe Ausftellung mehrere Gegenftände; vor Allem feien erwähnt: zwei Broncevafen von bedeutenden Dimenfionen, mit reichen für ihre Zeit charakteriftifchen Reliefs auf ihrer Ausbauchung. Bis vor einigen Jahren ftanden diefelben, nur von wenig Kunftfreunden gekannt, unbeachtet auf der Stiege eines Privathaufes in Wien; ferner Leuchter mit gewundenem Stiel, und fechseckige Teller( Graf Andraffy), vergoldete Silberfchüffeln Schatullen, Kelche, Mefskännchen fammt Taffe, Bifchofsringe, Pectoralkreuze, u. f. w., letztere durch das herrliche Email einer ganz befonderen Beachtung würdig. Schliefslich find noch die in diefe Zeit fallenden Elfenbein- Arbeiten, meiftens die Cylinder für Humpen bildend und reich mit Silber montirt, zu erwähnen, dann ein ungefafstes Schnitzwerk, vorftellend einen Zug von Meeresgöttern, von ganz befonderer Schönheit( Henczelmann). Da Wollten wir all' die Koftbarkeiten anführen, die diefe Abtheilung befonders aus neuerer Zeit enthielt, wir würden kein Ende unferes Berichtes finden. fahen wir ungarifche Nationalkleider und Trachtenftücke verfchiedener in Ungarn lebender Völkerfchaften fammt den dazu gehörigen, mitunter fehr koftbaren Schmuckfachen, wie: Mantelfchliefsen, Kleiderfpangen, Armbändern, Gürteln, Knöpfen, Forgos und Diademen, dann alte Spitzen, Fächer, Dofen, Uhren, Befteck, Wiener, Meifsner und franzöfifches Porcellan, chinefifche und japanefifche Gefäfse mit Emailfchmuck, darunter eine vortreffliche Zellenfchmelz- Schüffel mit Henkeln, an denen Elftern niften, altperfifche Käftchen mit ElfenbeinSchnitzwerk, eine grofse Suite von den verfchiedenft geformten Thonkrügen bis in die prae- hiftorifchen Zeiten zurückreichend und auch die neueſte Zeit berührend. Auch zahlreiche Waffen waren ausgeftellt, theils wurden fie in den verfchiedenften Käften untergebracht, theils an den Wänden und zwar in Gruppen vertheilt. Viele Stücke gehören an und für fich zu Seltenheiten, Vieles wird durch Material und Ausftattung koftbar. Wir fahen türkifche und tfcherkeffifche Säbel, Dolche, Meffer, ungarifche Säbel, darunter einer, der dem Rakoczy zugefchrieben wird, Panzerftecher und fpanifche Degen, Streitkolben, eiferne Fokos, Buzigany, filberne Hellebarden, Gewehre und Piftolen mit Rad- und Steinfchlöffern, einige deren Schäfte mit Elfenbein, Perlmutter, Korallen und gefchnittenem Eiſen herr lich verziert find, einen Revolver- Karabiner zu acht Schüffen aus dem XVII. Jahrhundert, Pferde- Riemzeuge, Sättel, Schabracken, etliche Helme, darunter ein fchön geätzter Burgunder Helm aus dem beginnenden XVI. Jahrhunderte, eine Eifenrüftung und zwei japanifche Kriegsrüftungen. Von miniirten Handfchriften erwähnen wir ein Pfalterium XIII. Jahrhundert, ein Pontificale aus dem XV. Jahrhundert( Primatial Bibliothek), ein Rituale und Antiphonale aus derfelben Zeit, fehr fchön gebunden, dem Prefsburger Capitel gehörig, eine Handfefte der Stadt Wien vom Jahre 1444, zwei Bücher aus der Corvinifchen Bibliothek, Gefchenk des Sultan an Seine Majeftät den Kaifer und des letzteren an das ungarifche Nationalmuſeum, und das Antiphonal von Raab mit dem intereffanten Einbande, der bezüglich des Alters der dazu verwendeten Befchläge von einigen Fachmännnern angezweifelt wird 54 Dr. Carl Lind. endlich ein Officium mit zehn miniirten Pergamentblättern( Grau in Grau mit Gold und Silber), ein befonders fchönes Werk der italienifchen Renaiffance. Für Sphragiftiker und Heraldiker ftellte Ungarn einen kleinen Schatz aus. Da fanden fich Urkunden auf Pergamentblättern mit anhängenden Wachsfiegeln oft von koloffalen Dimenfionen, Typare, mitunter von Silber, auch eines von Stein, auf zwei Seiten gravirt, von König Geifa II.( 1141 bis 1161) herftammend; Bela III. führte das Kreuzwappen ohne Dreiberg und Krone, fein Sohn Andreas II. nahm die acht Balken auf. Zuweilen kommen unter demfelben König auf den Silberbalken einherfchreitende Löwen in unbeftimmter Anzahl vor; nachdem der Löwe das urfprüngliche Wappen des Arpad'fchen Haufes ift, fcheinen die Balken wahrfcheinlich durch Bela III. Gemahlin aus Frankreich gebracht worden zu fein, worauf die Löwen ganz und gar aus dem Wappen und aus den Münzen verfchwan den. Wir fahen ferner Goldbullen Bela IV.( 1235 bis 1270) und Carl IV. des deutfchen Kaifers und Königs von Böhmen aus dem Haufe Luxenburg, ein Silbertipar der philofophifchen Facultät in Wien aus dem XIV. Jahrhundert, ein Statut des Georgs- Ritterordens mit anhängendem intereffantem Siegel von 1436, Wappenbriefe des Königs Sigismund aus den Jahren 1431 und 1437 mit in Farben ausgeführten Wappen für Josza Farkafics und Michael Paroh. Noch erübrigt über die Münz- und Medaillen Sammlungen zu berichten, die theils complet, theils in Hauptrepräfentanten zur Ausftellung gebracht wurden. Da war vor Allem die lehrreiche Sammlung von Denaren und Goldmünzen mit den Arpaden beginnend und bis ins XVI. Jahrhundert reichend. Erft mit Bela III. nimmt das Münzenftempel- Schneiden einen künftlerifchen Charakter an. Diefe Sammlung follte auch eine Ueberficht geben über die Form, den Gehalt und die fonftigen Eigenthümlichkeiten der ungarifchen Münzen während der verfchiedenen Epochen. Beginnend mit Stephan den Heiligen um das Jahr 1000 zeigte fich bereits hundert Jahre fpäter die erfte Wandlung des Münzwefens. Anfänglich lagen die ungarifchen Münzen hinfichtlich ihres Aeufsern im Argen. Goldmünzen erfchienen zuerft mit König Carl Robert( 1308 bis 1342), der die florentinifche Präge zum Mufter nahm, thalerartige Münzen erft mit Mathias Corvinus( 1458 bis 1490), dem berühmten, fchlimmen Zeitgen offen Kaifer Friedrich IV. Diefer Sammlung und fie gewiffermafsen ergänzend fchlofs fich jene des Klaufenburger Muſeums an. Sie enthielt hauptfächlich Münzen nationaler Fürften vom XVI. Jahrhunderte an. Ungarifche Münzen und Medaillen in feltenen Exemplaren und von hohem Werthe, darunter viele Stücke von zehn bis dreifsig Ducaten im Werthe, enthielt die complet ausgeftellt gewefene Collection des Fürften Montenuovo. Es fanden fich darunter grofse Raritäten, ftern- und halbmondförmige Medaillen. Auch die Sammlung von Porträtsmünzen der Gebrüder Egger enthielt manch' Bedeutendes. Obwohl wir im Verlaufe unferes Berichtes fchon fo manche Perlen und Kleinodien diefer Abtheilung erwähnt haben, fo erübrigt doch noch über einen Schatz derfelben, über eine Koftbarkeit erften Ranges zu berichten. Es ift diefs eine ganz befondere Auswahl von Original- Handzeichnungen und Kupferftichen der ehemals fürftlich Efterhazy'fchen Sammlung, nunmehr ungarifchen National gallerie. Unter den erfteren fanden wir die bedeutungsvollen Namen A. Altdorfer, Hans Burkmayr, Albrecht Dürer, Auguft Hirfchvogl, Wohlgemuth, Rembrandt, Rubens, unter den Letzteren Marc Anton, Mantegna, Peregrini de Cefina vertreten. Auch die aus der Franz v. Pulsky' fche Sammlung ausgeftellten vielen Rembrandt's ftanden der eben erwähnten Sammlung nicht nach. Deutſchland. Für die antiquarische Ausftellung Deutfchlands war ebenfalls im füdlichen Pavillon des amateurs ein geräumiger Saal beftimmt worden. Es ist jedoch höchft bedauerlich, dafs man von einer Betheiligung Deutfchlands an diefer Partie der Weltausstellung nur Weniges berichten kann. Der geräumige Saal fah recht nüchtern mit us. hses d: II. en ler en in, anes er tut en15en, en. nit II. -fe lie en ch ch en he Dis es er en ig es nd er nd en fs en 1 t. ' s n ft er ־ Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 55 aus. An Stelle der vielen Denkmale der vergangenen Jahrhunderte, die das daran überreiche Deutſchland hätte ausftellen können, machten fich Reproductionen aller Art, darunter die ganz anerkenswerthen Leiftungen des römifch- germanifchen Muſeums zu Mainz, des reichen bairifchen Nationalmufeums zu München, und des Gewerbemufeums zu Nürnberg, wie auch einige antiquarifche Publicationen breit, ohne die zahlreichen Schränke auch nur halbwegs füllen zu können. Doch ift damit Deutfchland kein Vorwurf zu machen, die Verzögerung, welche die Befchlufsfaffungen über die Amateurs Ausftellungen erlitt, entfchuldigt diefs vollkommen. Nur von vereinzelten Orten langten einzelne antiquarifche Gegenftände ein, die jedoch während der Ausftellungsdauer ein fehr kümmerliches Dafein frifteten und nicht einmal gewürdigt wurden, im Kataloge aufgeführt zu werden. Diefe wenigen Objecte waren: Eine circa vierzig Stück umfaffende Collection von mitunter fehr fchönen älteren Gläfern, Elfenbein- und Thonkrügen, Pocalen und Bechern, Toilettegegenständen, Handfpiegeln, Käftchen, Kämmen und Becken, Rofenkränzen fämmtlich aus Silber, meiftens den beiden letzten Jahrhunderten entftammend, und als Eigenthum des Grofsherzogs von Baden bezeichnet; ferner eine kaum fehr alte, ziemlich grofse Statuette fammt Poftament aus Silber, eine Kehlheimerplatte, darauf das fürftlich Fürftenberg'fche Wappen nebft einigen Ornamenten eingeätzt und theilweife bemalt, mit der Jahreszahl 1569, ferner Bruchftücke antiken Glafes, das die römifche Induftrie in fo vorzüglicher Weife erzeugte; ein grofses, mit reichen Schnitzereien, eine Hirfchjagd vorftellend, geziertes Elfenbein- Horn Königs Friedrich Auguft II. von Polen und aus dem Wagnermufeum in Würzburg ein fehr fchöner, grofser Wandteppich, vorftellend Chriftus am Kreuze, umgeben von Maria und Johannes; diefes textile Kunftwerk, ficher für kirchliche Zwecke beftimmt, dürfte in der Zeit des ablaufenden XV. Jahrhundertes angefertigt worden fein. Italien. Diefe Ausstellung, die wie die übrigen noch zu beiprechendeu antiquarifchen Ausftellungen im nördlichen Pavillon des amateurs untergebracht war, ftand nahezu auf dem Standpunkte der deutfchen. In jenem Saale, der mit dem herrlichen, fchon erwähnten Holzplafond gefchmückt war, ausgebreitet, trat uns zuerft vor Augen eine grofse Collection von Stein- Werkzeugen, darunter noch viele unpolirte, davon ein Theil im Vibrajathale gefunden wurde; doch weift diefe Collection faft nur kleine Gegenftände und keine Befondernheiten. Wie es fcheint, treibt Italien in neuerer Zeit das Studium der vorhiftorifchen Alterthümer mit gröfserer Aufmerkſamkeit. Wenn wir noch der in Bronce und Ebenholz ausgeführten Copie des capitolinifchen Thrones, daneben das Modell eines antiken, römifchen Haufes, einer antiken Doppelherme( Bacchus- Ariadne), alter Spitzen und geftickter Bettdecken, ferner eines Marmor- Basreliefs aus dem XV. Jahrhunderte, vorftellend Maria, umgeben von Engeln und Heiligen, zwölf fehr ſchöne Teller mit Limoges- Email, deren Vorftellung meiftens dem alten Teftamente entnommen ift, und endlich einer mit Gold cifelirten Flinte erwähnen, haben wir die Hauptgegenftände diefer Gruppe erfchöpft. Bezüglich des altitalienifchen Kaftens kann uns die Verficherung des Kataloges über deffen Alter im Hinblick auf uns bekannte, in Mailand ausgeführte Compofitionen folcher Käften aus Fragmenten vieler anderer, nichts weniger als überzeugen. Auch wollen wir den fchönen egyptifchen Schmuck nicht ganz mit Stillfchweigen übergehen, obgleich von demfelben nur die Scarabæ en echt, refpective alt find. Rufsland. Die Ausftellungsgegenstände diefes Staates waren in einem kleineren Saale diefes Pavillons vereinigt. Man fah dafelbft eine namhafte Zahl von Gypsabgüffen altehrwürdiger, meift kirchlicher Objecte, darunter auch die beiden 56 Dr. Carl Lind. Thorflügel der Sophienkirche aus Nifchnei- Nowgorod. Diefelben wurden durch Meifter Riquinus auf Befehl des Bifchofs Alexander von Plock gegen die Mitte des XII. Jahrhundertes verfertigt und zeigen in den Darftellungen den Sünden fall und das Erlöfungswerk. Diefer Gipsabgufs ift Eigenthum des germanifchen Muſeums zu Nürnberg. Aber auch in Originalen nahm Rufsland, das, wenngleich wenig, doch Einiges von Bedeutung ausftellte, eine beachtenswerthe Stellung ein. Dem Prachtvollften der Ausftellung mufs die viele Stücke umfaffende Collec tion von Sèvres Porcellan aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhundertes angereiht werden, die Prinz Nicolaus Ripnik aus Kiew zur Schau brachte. Aehnlich jener Suite folchen Porcellans des Freiherrn Anfelm v. Rothfchild in der öfterreichifchen Amateursabtheilung zeichnen fich die Stücke diefer Sammlung durch das herrliche Blau, die vorzügliche Malerei und gefchmackvolle Vergoldung aus. Auch hier findet fich ein Elfenbeinhorn, wie wir derartige in der öfterreichifch- ungarifchen und deutfchen Abtheilung kennen gelernt haben. Es führt die Jahreszahl 1695, ift in der üblichen Weife ausgestattet und wird dem Czar Peter dem Grofsen zugefchrieben. Intereffant find die vielen und vielerlei Heiligenfcheine aus Gold und häufig mit Email befetzt, die für Madon nen- und Heiligenbilder der griechifchen Kirche beftimmt, in einigen Exemplaren bis ins XV. Jahrhundert zurückreichen. Manche diefer Nimben find durch ihre Ornamente intereffant. Wenn wir noch einiger Silbergefäfse des XVI. und XVII. Jahrhundertes, einer grofsen altchinefifchen Vafe und eines Gobelins mit Vorftellungen aus der Gefchichte des baierifchen Regentenhaufes erwähnen, haben wir diefe Ausftellung fo ziemlich erfchöpft. Auch alte Bilder mit Namen grofser Meifter, wie Andrea del Sarlo, Rafael u. f. w. hatte Rufsland eingefendet; wir erfreuten uns jedoch nur eines Gemäldes, vorftellend den Stammbaum Jeffe, ein fchönes Bild der niederdeutfchen Schule des beginnenden XVI Jahrhundertes. England, Dänemark, Schweden und Norwegen. Die englifche Amateursabtheilung befchränkte fich auf die Vorweifung einer höchft bedeutenden Collection von Silber-( theilweife vergoldet) und Meffinggegenftänden: Bechern, Krügen, Kannen, Pocalen, Taffen, Leuchtern, Löffeln, Theekeffeln, Spülgefäfsen u. f. w., die aus den Zeiten Carl I. und II. und Georg I. und II. ftammen, aber weder in Form noch Verzierung etwas Hervorragendes bieten. Dänemark begnügte fich, eine Sammlung der wichtigften Typen der Steinzeit, zufammengeftellt aus Fundgegenftänden verfchiedener Länder, auszulegen. Wir fahen grob gehauene Werkzeuge, gefchliffene Axtblätter, halbrunde Meffer oder Sägen, Schaber, Pfeilfpitzen aus Feuerftein, wenige Stücke aus Bein, alle meift von geringen Verhältniffen mit Ausnahme jener, die aus Dänemark felbft ftammen. Sie wurden nebft denen in Dänemark auch noch in Frankreich, Belgien, Holland, Irland, Schottland, auf der Infel Rügen, am Cap der guten Hoffnung, in Indien, in Pennfylvanien, Brafilien, auf den Sandwichsund Freundſchafts- Infeln( auf letzteren auch noch zu Beginne unferes Jahr hundertes im Gebrauche ftehend) gefammelt. Diefe Collection lehrte uns, dafs die in der europäifchen Vorzeit gebräuchlichen Werkzeuge mit jenen, deren Benützung durch die wilden Völker noch unfere Zeit erreicht, in einer gewiffen Uebereinstimmung stehen. Sehr intereffant find die grönländifchen Antiquitäten, deren eine grofse Anzahl in Gräbern und unter den fogenannten Küchenabfällen gefunden wurde. Leider ist die königliche Sammlung in Kopenhagen, die an derlei Funden überreich ift, nicht vertreten gewefen. Wir hätten dadurch Gruppen hochintereffanter Gegenftände kennen gelernt, die theils in den Torfmooren auf Fünen und Seeland ausgehoben( Waffen, Geräthe, Kleider, Gewebe), theils mit Kiökenmoddings ch tte enen n- ng ن مو es e. d er не n Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 57 ( Küchen- Abfallreften) vermifcht( hauptfächlich Stein- Werkzeuge) aufgefunden wurden. Die letztgenannten find maffenhafte Anhäufungen von Auftern- und anderen Mufcheln mit Thierknochen( von Hirfchen, Wildfchweinen, Bären, Wölfen, Auerhähnen, Häringen) und eben jenen Fundftücken gemengt, die an den Ufern des Kattegats und der beiden Belte in Millionen Kubikfchuhen gefunden werden und deren Alter man über 10.000 Jahre annimmt. Schweden ftellte unter Anderem ältere Broderien und Gewebe, dann Holzarbeiten älterer Zeiten aus, darunter ein Service aus dem XVI. Jahrhunderte, die Formen der Trinkgefäfse find ähnlich den Kelchen und verziert mit kleinen Beinkügelchen, etliche dem Göteborger Muſeum gehörige filberne Löffel und zwei ziemlich neu fcheinende Trinkhörner mit Silberfaffung. Einer Art Wandteppich mufs auch erwähnt werden, der fich durch die in ganz abfonderlicher Weife ausgeführten Bilder der Paffion beachtenswerth machte. Die Figuren find in höchft primitiver Weife gezeichnet und in Farben ausgeführt, das Coftüm aller Figuren, fei es Chriftus oder die Apoftel, Pilatus oder Kriegsvolk, ift das der fchwedifchen Landbevölkerung. Schweiz. In der archäologifchen Expofition der Schweiz, die einen der geräumigeren Säle faft ganz füllte, wurde mit gutem Erfolge der Verfuch gemacht, eine möglichft umfaffende Ueberficht ihrer älteften Culturperiode und der damit verbundenen gewerblichen Thätigkeit vorzuführen. Es find diefs vor Allem Gegenftände der vorhiftorifchen Zeit, welche auf Schweizer Boden befonders zahlreich gefunden werden, die Denkmale der fogenannten Stein-, Bronce- und Eifenzeit, zu deren eingehenderer Erforschung die Entdeckung der Pfahlbauten in den Schweizer Seen( feit 1853 beginnend) die Hauptveranlaffung gab. Es kam zu diefem Zwecke eine eigene Art Fängerei auf, mit deren Hilfe die neben und zwifchen den ins Waffer getriebenen Piloten auf dem Boden liegenden Gegenftänden in grofser Menge emporgehoben wurden. Wir werden durch diefe Ausftellungsgegenstände bis in die Anfänge der Cultur zurückgeführt, als der Menfch nur aus Steinfplittern und Knochen fich einige Werkzeuge zu fchaffen wufste, um mit deren Hilfe die zur Erhaltung des Lebens, zur Ernährung und Bekleidung allernöthigften Arbeiten vollführen zu können. Dr. Grofs in Neuenftadt ftellte eine reichhaltige Anzahl derartiger Fundobjecte aus der Station Locras aus. Wir fanden darunter zahlreiche Beile, Meifsel und Hämmer aus Diorit, Hornblende, Serpentin und Feuerftein; Meffer, Dolche und Nadeln aus Knochen und Hirfchhorn, Amulette und Schmuckgegenftände aus Bärenzahn, Knochen und Steinfplittern, Thonteller und thönerne Trink gefäfse. Herr Meffikomer in Stregen ftellte Schnüre, Fäden, Gewebe in ver fchiedener Stärke, Franfen, vielartige Geflechte, meiftens aus Baft aus, die in den Pfahlbauten am Pfäffikerfee bei Robenhaufen gehoben wurden. Diefe intereffanten Fundftücke liefern den Beweis, dafs fchon damals die Weberei, wenn auch in ihrer mechanifchen Kindheit ftehend, nicht unbekannt war und bereits zu Beginn der Cultur geübt wurde Die Zeit diefes Culturanfanges, die jedenfalls einen grofsen, mehrere Generationen zählenden Zeitraum umfafste, läfst fich wohl nicht in Ziffern ausdrücken, doch ift es aufser Zweifel, dafs damals nicht nur die Vereinigung in der Familie, fondern auch in einem ftaatlichen, wenn auch fehr primitiven Organismus beftand. Die Zeit einer etwas höheren Entwicklung, etwa 1000 bis 1500 Jahre vor unferer Zeitrechnung, begrenzt fich durch den Gebrauch der Bronce, die zu den früher erwähnten Materialen hinzutritt. Es ist wahrfcheinlich, dafs das Bronce den Völkern des mittleren und nördlichen Europas anfänglich von anderen im Süden wohnhaften Völkern im Handelswege bereits verarbeitet überbracht wurde, bis diefe Völker felbft, und zwar erft bedeutend später, kundig wurden, Bronce 58 Dr. Carl Lind. geräthe zu erzeugen. Broncegegenftände aus Pfahlbauten des Neuenburger, Züricher und Bieler Sees, ferner der Jura Gewäffer- Correction ftellten in zahlreichen und belehrenden Exemplaren Profeffor Defor in Neuenburg, das Mufeum Schwabi Biel und die Stadtbibliothek in Bern aus. Wir fanden darunter plattgedrückte Ringe, die am Arme getragen und, wie fchon bemerkt, für Münzen gehalten wurden. Nadeln mit Oehr und Einfchnitten, welche zum Verfertigen von Kleidern gedient haben mochten, einfache und doppelte Fifchangeln, Pfeile, Sicheln, Meffer, darunter eines mit Hirfchhornheft, Dolche, Grabfticheln, Beile, Hämmer, Lanzenfpitzen, Gürtelbefchläge, Sägen, dünne Klingen, Rafirmeffer, Drahtgewinde, Haarnadeln Ohrgehänge, Schnallen, Arm- und Fingerringe, die erfteren mitunter bedeutend grofs und mit Gravirungen verziert, Pferderüftungs- Beftandtheile, aufserdem Glas und Bernfteinperlen, folche aus Thon, fteinerne Taffen, Trinkgefäfse, Schmelz tiegel, ein Werkzeug aus Hirfchhorn, wahrfcheinlich als Weberfchiffchen verwendet u. f. w. Eine weitere Stufe der Culturentwicklung charakterifirt fich für viele nordund mitteleuropäifche Völker durch Einführung des Eifens im allgemeinen Ge brauche, die Eifenzeit, neben den in den früheren Culturperioden verwendeten Materialien, was etwa um das erfte Jahrhundert unferer Zeitrechnung gefchehen fein mag. Die Vermittlung diefes Materiales dürfte anfänglich durch die Römer beforgt worden fein. Je weiter wir in diefer Periode vorwärts fchreiten, defto mehr nähern fich die Werkzeuge in ihren Formen wie in ihrer Verwendung den unferigen. Eiferne Gegenftände, befonders Waffen, find in reicher Auswahl in der fchon erwähnten Collection des Profeffors Defor, des Muſeums Schwab und der Berner Stadtbibliothek ausgeftellt. Die bedeutenderen und zwar meift Fund gegenstände aus dem Neuenburger See find: Schwerter mit hölzernem Griff fammt Scheide, auf der Klinge einiger fogar ein Fabrikszeichen, Lanzenfpitzen; einige mit Holzreften, Heftnägel, Gürtelringe, Sicheln, Senfen, Fragmente eines Schildes fammt den Nägeln, mit deren Hilfe derfelbe auf die hölzerne Unterlage befeftigt wurde; zahlreiche mitunter zierliche Fibeln, Pferdegefchirre, Aexte, darunter eine von bedeutender Gröfse. Alle diefe Gegenftände wurden, wie erwähnt, in Pfahlbauten vermengt den ins Waffer geworfenen Ueberreften der Nahrung gefunden, was den Beweis liefert, dafs diefe Wohnungen in der Stein- und Broncezeit, wie auch zum Theil noch in der Eifenzeit im Gebrauche waren. Die Art und Weife einer Pfahlbaute verfinnlichte ein von Max Götzinger in Bafel ausgeftelltes Modell und Bild einer Pfahlbau- Anfiedlung, das uns, wenn auch etwas ideal ausgeführt, doch ein werthvolles culturgefchichtliches und ficher belehrendes Bild für jene Zeit liefert. Suchen wir nach einer Veranlaffung für diefe eigenthümlichen über dem Waffer fchwebenden und nur auf Pfahlwerk Anfiedlungen geftützten, die mittelft verfchliefs barer Holzbrücken mit dem Feftlande verbunden waren, fo ift diefelbe unzweifelhaft darin zu fuchen, dafs fich der Menfch dadurch gegen die Angriffe wilder Thiere zu fchützen fuchte. Doch nicht allein Fundftücke aus Pfahlbau- Reften wurden zur Ausftellung gebracht, Dr. Schild wies auch zahlreiche Broncewaffen vor, die an der Stelle einer Landanfiedlung bei Grenchen gefunden wurden. Aus der beiläufig in die Mitte des erften Jahrhundertes und in die nächften darauffolgenden Jahrhunderte fallenden Zeit des burgundifchen und merovingi fchen Reiches brachte das Canton- Muſeum zu Laufanne eine Reihe mitunter befonders intereffanter Gegenftände, wie mannigfaltig geformte Schnallen von damascirtem Eifen oder von Bronce, eine darunter mit verzierter filberner Platte in der Mitte, Agraffen, Halsbänder, Fibeln, Gürtelplatten mit Emailfpuren oder mit filber nen, ja felbft goldenen eingefchlagenen Verzierungen, die meiftens phantaftiſche, geflügelte, fchlangenähnliche Thiere darftellen, ferner Plättchen mit Infchriften oder figuralifchen Darftellungen, wie Daniel in der Löwengrube, endlich Bronce kämme, Beile, Meffer, Schildfragmente. cher und bin ckte den lient nter zen, eln end las elz hen rdGe ten hen ner fto en in nd d. mt ge es ne it 1 n T r J Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 59 Diefe Gruppe verlaffend ftehen wir am Beginne des Mittelalters, einer Zeit des allmälig fortfchreitenden aber gewaltigften Umfchwunges der Cultur und ihrer Erfcheinungen im Gebiete der Kunft. Doch gerade diefe Zeit, fei es die des romanifchen Stiles oder die Epoche der Gothik, war in der fchweizerifchen Ausstellung faft gar nicht vertreten, obwohl das Land genug Denkmale der Kleinkunft diefer Stile befitzt. Gegenftände der Spätgothik fanden wir mehrere exponirt, als da waren: Etliche kleine geftickte Teppiche, wahrfcheinlich beftimmt zur Bedeckung der Rücklehnen von Geftühlen und eine Thüre mit Eifenbefchlägen. Schlofsplatte und Schlofs find von prächtiger Arbeit, die Thürbänder in ihren Veräftungen über die ganze Fläche, um die Holzbohlen zufammenzuhalten, von folcher Feinheit und eleganter Zeichnung, wie man fie kaum mehr irgendwo an einem folchen Gegenftand finden dürfte. Weit bedeutender war die Collection von Gegenftänden der Rennaiffance und ihrer nicht ebenbürtigen Nachfolger. Da ift es vor Allem die Ausstellung von 26 in den pikanteften, durch Scherz und Laune motivirten Formen ausgeführten Prunkgefäfsen gewefen, theils Trinkbecher, theils Tafelauffatz- Stücke aus Gold, Silber und Elfenbein, die unfere volle Bewunderung und Aufmerkfamkeit auf fich zog. Die meiſten diefer Trinkgefäfse find im Befitze der Berner Bürgergemeinde oder doch von dortigen Zünften. Die bedeutendften davon fchienen uns ein aufrecht ftehender Löwe mit einem Gerbermeffer, ein auf einem Krebfe rückwärts reitender Affe, ein aufrecht ftehender, vorwärts gehender Affe, ein aufrecht ftehender Bär, ein grofser Greif, ein Pocal in Geftalt eines ftehenden Metzgers mit dem Beile auf der Schulter, ein anderer in der eines Kaufmannes, deffen Rechte auf einen Waarenballen geftützt, ein Becher, darauf ein Schützenzug, ein kleiner Becher in Form einer Narrenkappe, zwei in Form und Verzierung gefchmackvollft ausgeführte Stauffe, das find Gefäffe aus je zwei Pocalen gebildet, davon der eine auf den anderen geftürzt ift. Das Hauptftück diefer Collection war ein Pocal fammt runder Schüffel, ein herrliches Werk in getriebenem, cifelirtem, vergoldetem Silber mit prachtvollen durchfichtigen Emails und mit Darftellungen en relief, in den Medaillons am Rande 23 Wappen; laut der darauf befindlichen Infchrift dürften beide Kunftwerke, fowie der dazu gehörige Bär im Jahre 1583 angefertigt worden fein. Diefer Sammlung faft ebenbürtig fchlofs fich eine Reihe von Glasgemälden ( Eigenthum des Herrn J. Vincent in Conftanz) an. In das XIV. Jahrhundert reichen nur wenige Gemälde zurück; diefelben, in Farbenton und Zeichnung hervorragend, find: Ein heiliger Johannes, ein betender Mönch, das Wappen der Abtei Wettingen; fämmtlich Bilder mit kirchlicher Beftimmung, wie überhaupt fich die Glasmalerei damals nur diefer Aufgabe widmete. Jüngere Bilder find der öfterreichifche Bindenfchild zwifchen Ritter und Edeldame, das Votivbild des Cafpar von Klingenberg und feiner Gattin Elifabeth von 1559 mit Dürer'fchen Reminiscenzen, eines mit dem Jof. Murer'fchen Doppelwappen und der Orpheusgruppe darüber, wie auch das Hans Müller'fche Wappen mit der fchönen Pilafter- Umrahmung. Die Schweiz konnte leicht eine fo fchöne Collection von Glasgemälden zur Ausftellung bringen, denn gerade dort kamen noch gute Glasgemälde zu einer Zeit vor, wo man fich in anderen Gegenden bereits mit den das volle Tageslicht gebenden Vernuftfcheiben begnügte. Eine Ergänzung diefer Collection bildeten die zahlreichen, mitunter ganz vorzüglichen Entwürfe zu Glasmalereien, faft alle aus dem XVI. Jahrhundert ftammend. Hinfichtlich der Textilkunft erwähnen wir eines aus Cafula und zwei Levitenkleidern beftehenden Ornates, deffen immerhin beachtenswerthe, in bunter Farbe und Gold ausgeführte Hochftickereien mit Rückficht auf die Ornamentirung im XVII. Jahrhunderte angefertigt fein mögen. Zum Schluffe wollen wir noch gedenken der durch die hübfchen Reliefs beachtenswerthen und aus Klofter Einsiedeln ftammenden Bronceglocke( 1573), zahlreicher Werke des Buchdruckes in alten, werthvollen Ausgaben, mitunter mit intereffanten Holzíchnitten und fonftigen Illuftrationen ausgeftattet und 60 Dr. Carl Lind. meiftens in Beziehung auf die Druckgefchichte der Schweiz ftehend, zweier mit reichen Schnitzarbeiten verzierten Käften und des reich gefchnitzten, leider graufam reftaurirten, als Herrfchaftsfymbol dienenden Hängeftückes der Familie Steiner( 1620). In Bezug auf Wehren und Waffen hat man fich auf die Ausstellung eines einzigen laffetirten Gefchützes befchränkt; dafür ift dasfelbe um fo intereffanter gewefen, nicht fo fehr der Verzierungen als der Conftruction wegen. Es ift diefs die von der Zeughaus- Verwaltung zu Zürich eingefendete fogenannte Zürichbraut oder Jungfrau, ein Broncegefchütz, Hinterlader mit 18 gewundenen Zügen. Es führt feinen Namen von dem Reliefbilde einer Dame, welches auf dem Kopfftücke angebracht und mit folgenden Verfen begleitet ift:„ Ich bin ein' Jungfrau wohl geftalt, welchen ich küfs', der wird nit alt." Heinrich Füfsle in Zürich hatte 16n das Rohr als Probeftück gegoffen. Perfien. Um mit der Ausftellung in dem Pavillon des Amateurs abfchliefsen zu können, erübrigt nur der antiquarifchen Expofition des Reiches des Königs der Könige noch zu gedenken. Es ift diefs eine Sammlung von chinefifchen Porzellangefäfsen, von perfifchen Teppichen und geftickten Decken, die einem perfifchen Prinzen und Minifter, deffen ungewöhnlich langer Name felbft der geläufigften europäiſchen Zunge kaum ausfprechbar fein dürfte, gehören. Die Porzellans haben keineswegs ein ehrwürdiges Alter und find gerade fo gefchmacklos, wie alles Uebrige diefer Sammlung. Das wenige Gute, das fich darunter fand, wurde mit Kennerauge ausgefucht und einer bedeutenden Wiener Amateurfammlung einverleibt. Spanien. Spaniens antiquarifche Ausftellung war in einem von den übrigen antiquarifchen Ausftellungen weit entfernten, unfcheinbaren Gebäude untergebracht und blieb daher manchem Kunftfreunde unbekannt. Ein ziemlich ausgedehntes, einftöckiges Breterhaus, aufsen einem Ziegelbau ähnlich bemalt, enthielt ebenerdig viele intereffante und werthvolle Producte des Bergbaues und der Landwirthschaft. Die Räumlichkeiten des erften Stockwerkes waren der Ausftellung zahlreicher und vielartiger Gegenftände gewidmet, wie modernen Waffen, militärifchen Ausrüftungsgegenständen, Modellen fortificatorifcher Bauten, Producten des Buch- und Kunsthandels Lehrmitteln und Schülerarbeiten, Mufikinftrumenten, anatomifchen Wachspräparaten, und endlich auch den Denkmalen früherer Zeiten, was alles in fo ziemlich bunter Folge nebeneinander gereiht war. In dem letztgenannten Fache hat Spanien, deffen Betheiligung an der Ausftellung überhaupt im Hinblick auf die gegenwärtigen politifchen Verhältniffe volle Anerkennung verdient, wenn auch nur wenig, fo doch gröfstentheils Gegenftände von höherem kunftgefchichtlichem und wiffenfchaftlichem Werthe eingefendet. Vor Allem lenkten die vollfte Aufmerkfamkeit des Befchauers einigen Stücke auf fich, durch welche die an koftbaren Rüftungen und Waffen reiche Armeria nacional zu Madrid vertreten war. Da fand fich der intereffante arabifche Helm Boabdil's, des letzten Fürften von Granada. Derfelbe repräfentirt eine ganz eigenthümliche und in kaum mehr als diefem Exemplare erhaltene, fehr zierliche Helmform, ift oben ziemlich flach, deckt vorne nur die halbe Stirne( das Geficht bleibt frei) und verlängert fich rückwärts und an den Seiten bis gegen die Achfeln. Am Rande und an der Kopfrundung iſt ein reich ornamentirtes in Goldtaufchirung ausgeführtes Band angebracht. Die Fufsrüftungen Carl V.( 1500 bis 1558) und Philipp II.( 1527 bis 1598) auffallend durch den mächtigen, glockenförmigen Schurz, zeichnen fich durch ihre reiche Verzierung, beſtehend in fchön ornamentirten gold mit ider milie nes ter iefs raut Es cke اماد 1611 en, ge en, nd men egs fer ge tiht es, elt d er en n, k- en ht er - -ב n e e e t Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 61 taufchirten Strichen und in einer breiten Bordure des Schofses aus. Die Prunk. rüftung Philipp III.( regierte 1598 bis 1621) gehört hinfichtlich der darauf verwendeten Verzierung theils in getriebener, theils in goldtaufchirter Arbeit zu den intereffanteften Objecten diefer Abtheilung. Sämmtliche Rüftungsbeftandtheile find mit zierlich gemufterten, aneinander gereihten Bändern überzogen, deren Deffins neben fchwungvollen Renaiffancemuftern auch ein dem gothifchen Lilienbande ähnliches Ornament in Relief ausgeführt enthalten. Die vierte Rüftung, beftimmt für das fchwere Geftech, wird dem Don Juan d'Auftria, dem Sohne Carl V. und der fchönen Regensburgerin Barbara Blumbergerin( geboren 1547, geftorben 1577) zugefchrieben. Sämmtliche Theile find mit ftark hervortretenden, vergoldeten Strichen verziert, die Bruft ift mit einem derben Rüfthaken, rechtfeitiger Schwebfcheibe und an der linken Seite mit kleiner, unten abgerundeter, gegitterter Tartfche verfehen. Ausserdem find noch zwei Rüftungen für Kinder ausgeftellt gewefen, beftehend aus blau angelaufenem Harnifch fammt Helm und Armzeug; fämmtliche Stücke haben die gewöhnliche, gegen die Mitte des XVI. Jahrhundertes übliche Form und find mit reicher, vergoldeter Aetzung verziert. Von den übrigen Gegenftänden aus der Armeria nacional feien erwähnt: eine Sturmhaube von der bekannten, in eine Spitze zulaufenden Geftalt ohne Genickſchirm, mit Nafeneifen und geätzter, vergoldeter Verzierung, erbeutet in der Schlacht bei Lepanto und zugefchrieben dem Ali Pafcha, zwei kleine Schilder runder Form, der eine mit mit goldtaufchirter Einfaffung, der andere mit reichem Figurenfchmuck in getriebener Arbeit, wahrfcheinlich italienifches Product, endlich vier theils ins XVIII., theils ins XIX. Jahrhundert gehörige Gewehre, beachtenswerth durch die gefchmackvollen, in Gold ausgeführten Verzierungen am Laufe und Schloffe. Die Rückwand des Cabinetes, in welchem diefe Gegenftände aufgeftellt waren, zierte ein grofser, mit Hochrelief- Stickereien gefchmückter Teppich aus dem Anfange des XVIII. Jahrhunderts. Als Beiſpiel recht hübfcher Holzfchnitzereien find zu erwähnen: ein kleiner tragbarer, der Kathedrale zu Leon gehöriger Predigtftuhl und der Rücktheil eines Chorftuhles, erfterer ohne Schalldeckel hat die acht Felder der Brüftung mit Schnitzereien in Relief gefchmückt, der obere Theil jedes Feldes ift mit gothifchem Mafswerk, der untere mit Blumengewinden und Engelfigürchen im Gefchmacke der Renaiffance ausgefüllt. Aehnliches gilt vom Chorgeftühle, das in der Zeit Ferdinand des Katholifchen entftanden fein dürfte und in feinen Verzierungen gothifche und Renaiffancemotive vereint. Den zweiten bedeutend gröfseren Raum betrat man durch eine Thüre, in welcher eigenthümlicher Weife, wenn auch gut arrangirt, ein Pluviale als Vorhang verwendet wurde. Diefes kirchliche Gewand, aus rothem, gold durchwirktem Stoffe beftehend, insbefondere die breite, koftbare, mit Stickereien auf Goldgrund gefchmückte Borte am Vorderrande des Kleides und der ebenfo behandelte Rückenfchild verdienten einige Beachtung. In der Nähe der Thüre befanden fich noch einige mit Stickereien gezierte Fragmente von Kirchengewändern, fämmtlich der Capelle des Sct. Jacob- Spitales in S. Jago entnommen und aus dem XV Jahrhundert ftammend. In diefem Saale fanden fich zahlreiche Antiquitäten der verfchiedenften Art, wie zwei Truhen mit Holzfchnitzereien, eine mit fpätgothifcher Verzierung, die andere mit folcher im Gefchmacke der Renaiffance, Steinwaffen, altperfifche und peruanifche Vafen, zwei broncene Aftrolabrien, alte fpanifche Landkarten, antike, orientalifche und mexicanifche Gefäfse, Figuren und Reliefs, folche aus der frühromanifchen Zeit und noch ältere aus der Zeit der Völkerwanderung mit unverkennbarem Einfluffe des gothifchen Volkes theils in Originalen, theils in Gypsabgüffen, Publicationen der neueſten Zeit über die Kunftdenkmale Spaniens und deffen Gemäldefammlungen, zahlreiche, mitunter grofsen Meiftern zugefchriebene Gemälde, etliche Tafelmalereien, Münzen etc. Das bedeutendfte Ausstellungsobject diefes Saales war die grofse aus Bronce gegoffene Grabplatte, welche vom archäologifchen Muſeum zu Madrid zur Aus 62 Dr. Carl Lind. ftellung gebracht wurde. Sie bedeckte urfprünglich die Begräbnifsftätte der Familie Caftrourdiales und trägt die Jahreszahl 1411. Die ganze Platte ift mit theils architektonifchen, theils figuralen, in tiefgravirten Umriffen ausgeführten Darftellungen bedeckt. Wir fahen in der Mitte unter einem baldachinartigen Ueberbau, auf gemustertem Hintergrunde eine männliche Figur auf einem Löwen ftehend in langer Kleidung mit fpitzen Schuhen, unbedeckten, gelockten Hauptes, die Hände gefaltet. Die Umrahmung ift mit dem fich oft wiederholenden Wappen und fechs Apoftelfiguren, der Baldachin zuoberft mit der Figur des thronenden Erlöfers und muficirenden Engeln geziert; den äufserften Rand füllt das fchmale Infchriftsband aus. Gleichwie in Deutfchland derlei metallene, erft feit Mitte des XIV. Jahrhundertes in gröfserer Anzahl erfcheinende Grabplatten immer Koftbar keiten, ja Seltenheiten find, dürften derlei Kunftwerke, foweit wir aus den neueſten kunftgefchichtlichen Handbüchern darüber Nachrichten befitzen, auch in Spanien nur felten zu finden fein. Der dritte Raum des erften Stockwerkes enthielt in archäologifcher Bezie hung nur wenig, dafür für den Ethnographen defto mehr, wie Waffen aus Mexico und Peru und einen höchft merkwürdigen Codex der Azteken. Von Antiquitäten find zu erwähnen ein grofser, vergoldeter, etwas nüchterner Holzaltar aus der Spät renaiffance und ein Vortragekreuz aus derfelben Zeit mit unverleugbaren, aus der Gothik herübergenommenen Motiven bezüglich der Form. Zum Schluffe haben wir nun noch eine kleine Umfchau zu halten im Induſtriepalafte, wo zwar keine Amateursausftellungen veranſtaltet waren, aber unter fo vielem Neuen und Herrlichen fich hie und da doch auch eine beachtenswerthe Antiquität fand. Tunis Marocco und Griechenland. In den Abtheilungen der beiden erftgenannten Staaten ftanden unter den Erzeugniffen der neueften Zeit mehrere fehr intereffante, claffifch- antike Sculpturen, insbefondere eine prachtvolle Ceresftatue und die eines Bacchus, dann herrliche, ornamentale Reliefs, Friefe, Grabdenkmale u. f. w., fämmtlich aus weiſsem Marmor, Fragmente aus Mofaik- Fufsböden und einige metallene Schmuckgegenstände, darunter eine hübfche Kette, die defshalb bemerkenswerth erfcheint, weil fie gewifs nicht orientalifchen, fondern europäiſchen und zwar italienifchen Urfprunges und eine Arbeit des frühen Mittelalters ift. Griechenland legte eine grofse Collection von Gypsabgüffen antiker Sculp turen aus, daneben Bruchftücke von folchen Originalen und eine gröfsere Partie farbiger Amphoren. Rumänien. Rumänien, fowie das mit feiner Induftrie- Ausstellung daneben untergebrachte Perfien hatten einige ältere Waffen ausgeftellt, darunter fchöne tfcherkeffifche Helme mit Goldtaufchirung. Erfteres zeigte überdiefs einige ältere kirchliche Gefäfse, darunter ein Ciborium in Form einer dreithürmigen Kirche mit fchönem Zellenfchmelz, mehrere filberne, vergoldete, getriebene Buchdeckel, ähnlich den in der öfterreichischen Abtheilung aus den griechifch- orientalifchen Klöftern der Bukowina ausgeftellten, fein gefchnitzte Holzkreuze mit Metallfaffungen, etliche Ripiden, mehrere für den Gebrauch der morgenländifchen Kirche beſtimmte, gröfsere und kleinere Hängeteppiche mit darauf in Flachftich geftickten Darftel lungen, meiftens die Grablegung Chrifti oder den Tod Mariens vorftellend. Die Anfertigungszeit derartiger Producte mit Rückficht auf Technik und Ornamentik felbft nur annäherungsweife zu beftimmen, hält fehr fchwer, da in der byzantini fchen Kunft eine zähe Stabilität herrfcht, die diefelbe zu einer, man könnte fagen, unveränderlichen, ja verknöcherten macht. Wird diefe ftrenge Richtung einmal e of der mit ten gen wen Ees, Den en ale les ar. en en ie. CO en ät. er e. ல் ம் Cer s- en n, e, r, e₁ ie es де e e Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 63 verlaffen und dem Kunftgefchmacke der Neuzeit Conceffionen gemacht, fo hat diefs eine gewiffe Nüchternheit zur Folge, wie diefs die Ausftellung kirchlicher Kunftgegenstände der Neuzeit in der ruffifchen Abtheilung zeigte. Der antiquarifche Hauptgegenstand der romanifchen Abtheilung war der Schatz von Petroffa, der jetzt hier, wie im Jahre 1867 in Paris mit Recht grofses Auffehen erregte. Diefer Schatz wurde im Jahre 1837 von zwei Bauern entdeckt, als fie mit dem Ausheben von Steinen bei dem Berge Iftritza im Bezirke Petroffa befchäftigt waren. Im Jahre 1842 brachte Fürft Ghika diefe koftbaren Reliquien vergangener Zeiten durch Kauf an fich, um fie dem Muſeum in Bukareft zu über. geben. Leider gelang es nicht mehr, fämmtliche Fundftücke dort zu vereinen. Man vermuthet allgemein, dafs der Schatz in feiner Urfprünglichkeit aus 22 Stücken beftand, jetzt befteht er nur aus 12 Objecten. Diefe find: eine äufserft fchlanke Kanne, eine grofse flache, in vier Theile zerbrochene Schüffel mit breitem Bandornament als Randverzierung; ein grofser goldener Becken, in der Mitte mit einer aufrecht fitzenden, weiblichen Figur, welche mit beiden Händen einen eigenthümlich geftalteten Becher hält, die Innenfläche des Beckens ift mit fechzehn ftrahlenförmig gegen den Mittelpunkt gruppirten getriebenen Figuren geziert. In bunter Aufeinanderfolge erblicken wir männliche und weibliche erwachfene Geftalten und ein Kind, die Männer meiftens unbärtig. Die Figuren tragen in den Händen mannigfaltige Attribute, eine Leier, Scepter, Füllhorn, Fakeln, Keulen u. f. w.; der vierte Gegenftand ift eine vieleckige Schale mit zwei Henkeln, die aus auffpringenden Panthern gebildet werden; ferner ein kleineres, zwölffeitiges Trinkgefäfs; ein Trinkgefäfs in Form eines Adlers, drei Gewandtfchliefsen in phantaftifchen Vogelgeftalten, ein grofses ringförmiges Armband mit Buchftaben darauf, ein Drahtring und eine Art Halsberg. Mehrere diefer Stücke find maffiv aus Gold und mit Cifélirungen gefchmückt, während andere mit Kryftall und farbigen Steinen befetzt waren, wovon noch Refte erhalten blieben. Dr. Franz Bock hält diefe in ihrer Mehrzahl von byzantinifchen Künftlern angefertigten Gegenstände für einen Schatz des Gothenkonigs Athanarich, den er anlässlich feiner Flucht vor den Hunen in die Erde verbarg. Athanarich ftarb in Byzanz und mit ihm gerieth der Schatz, wie fein Verfteck in Vergeffenheit bis ein günftiger Zufall ihn wieder ans Tageslicht brachte und der kunfthiftorifchen Forschung als eine grofse Merkwürdigkeit übergab. - Auch fand fich hier eine Reihe von römifchen Glasgefäfsen ausgeftellt, die in Afrika gefunden wurden. Egypten und Türkei. In Egyptens Abtheilung fand fich zwar wenig Altes, doch gehörten die drei Glaslampen, Mofcheen entnommen, und das broncene Aftrolabium zu grofsen antiquaren Koftbarkeiten. Die Türkei, deren Brennpunkt hinfichtlich antiquarifcher Gegenftände die telbstständig aufgeftellte herrliche Sammlung von Waffen, Helmen, Gefäffen u. f. w. aus dem Schatze der Sultane war, brachte in ihrer Abtheilung auch noch etliche Gegenstände, meiftens alte Stickereien, Spitzen, Meffer, Säbel und Gewehre untergeordneten Werthes. Der Kaiferfchatz war im Hofraume des Induftriepalaftes nächft der türkifchen Abtheilung aufgeftellt. Ein auf gemauertem Unterbau freiftehender Kiosk aus Eifen, zu dem zwei breite Steintreppen emporführten, enthielt in feinem kleinen Raume an den vier Wänden und in der Mitte freiftehend je einen Glasfchrank. Drei der Schaukäften enthielten faft ausfchliesslich Waffen und Rüftftücke, der vierte Gefäfse und Raritäten, der Mittelfchrank nebft Porzellangefchirren und Gewehren den viel gerühmten Thron Nadir- Schahs mit feinen wunderbaren Emails translucides und dem koftbaren Steinbefatze, nebft Helm und Panzerhemd 5 64 Dr. Carl Lind. Murad IV. und den reichtaufchirten Armfchienen Tamerlan's. Wir nennen von den Gegenftänden das gerade Schwert Mohamed II., die ftark gekrümmte Damas cenerklinge des vorletzten egyptifchen Mamelukenfultans Eh Ghui und die Klinge Skanderbeg's, jenes Epiroten, von welchem die Ambrafer- Sammlung und das kaiferliche Waffenmufeum ebenfalls Denkmale befitzen. Als eigenthümliche Waffe müffen wir auch feinen Säbel mit der gefpaltenen Spitze bezeichnen. Die Satteldecke und goldenen Steigbügel mit dem Juwelen-, Corallen und Lapislazzali- Befatz Achmed III. erregten durch den Reichthum ihrer Ausstattung allge. meine Bewunderung. Wir verzeichnen noch die ftählerne eiferne Streitkeule mit reicher Goldtaufchirung Selim II., den Säbel Murad III., deffen Scheide mit Rubinen und Diamanten bedeckt, fowie deffen Pfeilköcher aus getriebenem Golde mit Edelgeftein beftreut, den Prachtdolch Suleiman I. Die Kleinodien: Parfum- Ei, Opiumkapfel, Schreibfchatulle und Sackuhr Ibrahims, das albanifche Gewehr mit filbereingelegtem Schaft aus Rofenholz Achmed I., die zwar nicht fchönen Zinngefäfse, aber eigenthümlich durch den Steinbefatz und folche aus Rhinozeroshorn und Porcellan. Ausserdem waren noch viele perfifche Waffen, ein goldbefchlagenes Koran- Pult, aber auch manche Gegenftände ausgeftellt, die offenbar franzöfifchen Urfprunges find. Wir kommen nun zum Schluffe unferes Berichtes. Obwohl wir überzeugt find, dafs fich noch fo Manches in den Ausftellungen von Frankreich, Portugal, Oftindien u. f. w. vereinzelt vorfand, was wir zu befprechen hätten, wollen wir nur noch der Expofition der anthropologiſchen Geſellſchaft in Wien gedenken, welche die durch die ungenügende Ausftellung von Gegenftänden der prähiftorifchen Zeit entstandene Lücke in der öfterreichifchen antiquarifchen Ausftellung beftens deckte. Wir können zwar auf die Ausftellung von Funden menfchlicher Gebeine nicht eingehen, allein das ausgeftellte grofse Lendengehänge, beftehend aus einer verzierten Scheibe mit Plättchen und Ringen aus Bronce, Armknochen mit Bronce verzierungen, Thongefäfs- Fragmente, hauptfächlich in Böhmen gefunden, Pfahlbauten- Funde aus dem Atterfee, verdienten alle Beachtung. Faffen wir noch zum Schluffe die Bedeutung und den Nutzen diefer antiqua rifchen Ausstellung ins Auge, wobei wir nicht vergeffen dürfen, dafs diefelbe für faft jedes Land nur eine fragmentarifche war, fo kommen dabei mehrere Gefichtspunkte in Betracht. Der eine, aber leider nur für Oefterreich und Ungarn allein, und felbft da nur annähernd mafsgebende, ift die damit erzielte Ueberficht des reichen Materiales an Denkmalen der Kleinkunft, Kunftinduftrie und handwerks mäfsiger, wie auch hausgewerblicher Thätigkeit von den älteften Zeiten an bis zur jüngften Vergangenheit, der Andere die Aufforderung und Anregung der Fachgelehrten zum tieferen Eingehen auf den geiftigen Inhalt der alten Kunftproducte, wie auch die Belehrung der Sammler, nicht jeden alten Gegenftand feines Alters und verfallenen Ausfehens wegen der Aufbewahrung würdig zu halten, fondern mit feinem Gefühle unterfcheiden und erkennen lernen, was einer forgfältigen Erhal tung werth ift; endlich foll diefe Expofition auch in praktifcher Beziehung nutz bringend werden und der Kunftinduftrie, wenn auch nicht Vorbilder zur unmittel baren Nachahmung liefern, fo doch zum Studium jener Principien und Eigenthüm lichkeiten anregen, welche die Producte jeder Zeit und jeden Stiles charakte rifirten, zur Erforschung der an denfelben angewendeten Kunftweifen, zu einem Studium, das für die Läuterung des Gefchmackes und für das Aufblühen der Kunft der Gegenwart und Zukunft als deffen Fundament unentbehrlich ift. Mag mancher der Befucher ein oder das andere ausgeftellte Object nur leichthin beurtheilt, ja belächelt und darin nur eine Rarität gefehen haben, fo bilden doch alle Gegenftände zufammen eine wohl gegliederte Reihe von Denkmalen, aus der nicht ein Gegenftand entbehrt werden kann, und an deren Hand gründliche Kunft und culturgefchichtliche Studien gemacht werden können. - Objecte der Kunft und Gewerbe früherer Zeiten. 65 Alles, was geboten wurde, gab Zeugnifs von dem fortwährenden Drange des Menfchen nach dem Schönen und Edlen, und wenn auch Verirrungen nicht abzuleugnen find, fordert doch jedes Stück Achtung vor dem Geifte, der, feiner Individualität und feinem Bildungsgrade entſprechend, nach gefälliger, fchöner Geftaltung und äfthetiſchem Werthe feines Productes ftrébte. Ein Zeitalter fordert das andere und jedes fchöpft aus dem früheren, das ältere reicht dem jüngeren die Fülle der Erfahrungen, der eigenen Errungenfchaften und die Menge des Gewonnenen, aber es überlässt ihm auch feine Mängel und Fehler zur Verbefferung. Eben diefe Abhängigkeit der Gefchlechter und Zeiten foll uns Ehrfurcht vor den entfchwundenen Generationen, aber auch Nachficht mit ihren Leiftungen und Bewunderung ihrer, mitunter in Form und Gebrauch, wenn auch längft veralteten Schöpfungen lehren. es of OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 187 3. BILDENDE KUNST DER GEGENWART. ( Gruppe XXV.) BERICHT VON JOSEF BAYER UND JOSEF LANGL. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE MALEREI. ( Gruppe XXV.) Bericht von DR. JOSEF BAYER, Profeffor der Aefthetik an der k. k. technifchen Hochfchule in Wien. Der gegenwärtige Kunftzuftand, wie er fich in der umfaffenden, für die vorherrfchenden Richtungen zumeift auch bezeichnenden Ausftellung in der Kunfthalle abfpiegelte, läfst fich nicht fo leicht nach einfachen Kategorien des Urtheiles abfchätzen. Das Gefammtbild war jedenfalls ein fehr reiches und glänzendes; aber die Frage nach dem tiefergreifenden, nachhaltigen Fortfchritte in der Kunft beantwortet fich nicht allein aus dem allgemeinen Eindrucke jener Glanzerfcheinung heraus. Statiftifch betrachtet, ftellt fich das gegenwärtige Verhältnifs der Production fehr günftig; die Kunftthätigkeit ift unzweifelhaft in vielen Händen, und demgemäss ift auch das Ausftellungsbedürfnifs in der Steigerung begriffen. Gegen die 3973 Kunftwerke, welche die Parifer Ausftellung von 1867 im Ganzen aufwies, tritt die unfere mit der imponirenden Gefammtfumme von 6060 Werken aus dem Bereiche aller drei bildenden Künfte auf, von denen wieder die weitaus gröfsere Zahl auf die Malerei entfällt. Darunter wuchs die franzöfifche Ausstellungsziffer am wenigften, von 1043 auf 1573, weil damals fchon die Production und die Ausftellungsfähigkeit grofs genug war; Deutfchland dagegen ift von 555 auf 1026, Oefterreich- Ungarn von 193 fogar auf 1079 geftiegen. Freilich entfcheidet die umfoviel geringere Betheiligung von damals nicht in ganz gleichem Mafse für das geringere Quantum der Production, namentlich da, wo es fich um die Verfendung von Kunſtwerken an einen fremden Ausstellungsort handelt; doch drückt immer eine fo bedeutende Ziffern differenz etwas und fogar viel, wenn auch nicht Alles aus. Wie es qualitativ um die gegenwärtige Kunftthätigkeit fteht, diefs hält wirklich fchwer, ganz rundweg und beftimmt mit einem Worte, das man nicht mehr einzufchränken und halb zurückzunehmen braucht, zu beantworten. Die Antwort können wir nur, von Land zu Land vorgehend, mit Rückficht auf die fpeciellen Kunftzuftände präcifer geben. Der allgemeinfte Eindruck liefse fich wohl nur fo ausfprechen: Alles, was an der Kunft fich äufserlich lehren, üben und mittheilen läfst, was in ihr von der fertigen Hand zu Hand, weniger Jenes, was vom ſchaffenden Geift zum Geift übergeht, das ift in der That im regften Fortfchritt, in rühriger Entwicklung begriffen. Jene Eigenfchaften, wodurch fich die I* 2 GI Dr. Jofef Bayer. - Kunft dem Publicum präfentabel macht: Leichtigkeit und Eleganz des Vortrages, finnliche Kraft und zugleich Gefchmack im Colorit, eine auf die gefällige Wirkung gerichtete Wahl des Motives und dergleichen mehr diefs Alles ift ficherer als je in der Hand und fogar in vielen Händen, und weil man folche Eigenfchaften fo mannigfach verbreitet und ausgebildet findet, fo ift die Kunft jetzt vielleicht aus ftellungsfähiger geworden, als fie es früher war. Dasjenige auch, was fogar in der Maffe, bei rafcher Ueberficht fofort wirkt, was kein intimeres, in ftillere Betrachtung fich verfenkendes Studium der einzelnen Werke erfordert, das ift in den meiften Fällen da, und die Summirung diefer Eindrücke gibt eben jenes glänzende Gefammtbild, von dem ich früher fprach. Das Uebungsfeld ift gröfser und weiter, der Gedankengehalt geringer und leichtwiegender geworden; ich meine da die künftlerifchen Gedanken und productiven Eingebungen, nicht die fogenannten, in Kunftwerken auszudrückenden„ Ideen". Wie die Dinge nun ftehen, bewegt fich die Technik freier als je, gleichfam als Herrin im Haushalte der Kunft, aber freilich vielleicht nur aus dem Grunde, weil der eigentliche Herr, der fchaffende Genius, im Augenblicke nicht zu Haufe zu erfragen ift. Die dominirenden Talente im gröfseren Stile, welche die Richtung, die Wege der Kunft innerhalb ihres Wirkungskreifes auf längere Zeit beftimmten, find entweder nicht mehr unter den Lebenden, wie Ingres und Delacroix bei den Franzofen, oder von der Höhe ihres Schaffens abwärts gehend, wie der Belgier Gallait; den kürzlich gefchiedenen Kaulbach können wir da kaum mitnennen, weil es ihm trotz feiner perfönlich grofsen, künftlerifchen Eigenfchaften nicht gelang, einen Schuleinflufs zu begrün den. Nun ift die Demokratie der mittleren Talente an die Stelle der Autokratie der hervorragenden Geifter getreten. Damit fetzen wir die Kunftzeit des gegen wärtigen Momentes in der allgemeinen Schätzung keineswegs herab. Einmal ift die Anzahl jener mittleren Talente eine fehr namhafte, die Verbreitung eines ganz refpectablen Durchfchnittsmafses der Kunftbegabung fogar günftiger, als fie es während des Einfluffes jener gröfseren, leitenden Künftler gewefen und gerade diefs entfcheidet den in die Breite gehenden Fortfchritt der Kunft. production, den wir in dem oben bezeichneten Sinne mit voller Befriedigung conftatiren müffen. ich Wir beginnen nun unfere Umfchau durch die wichtigſten Kunftländer, deren nähere Betrachtung uns eben die meifte Belehrung bietet. So ungern von mir felbft rede, fo ift es doch an diefer Stelle nöthig, wo es fich um das Verhältnifs der Perfönlichkeit zur Sache handelt. Ich bin weder Kunftgelehrter im ftricten Sinne, noch praktiſch gefchulter Kenner, und weifs recht wohl, dafs man mit einer allgemeinen äfthetifchen Bildung allein an die Beurtheilung eines vielfach bedingten Kunftzuftandes fchwer herantreten kann. Dazu kommt noch diefs, dafs ich, bis auf die letzten Jahre hin in provinziell eingefchränkter Stellung lebend, nichts dafür thun konnte, meinen in der Stille gepflegten Kunftſtudien durch Bildungsreifen, durch ein reicheres Material von Anfchauung den nöthigen ficheren Rückhalt zu geben. Man kann nur im Strome fchwimmen lernen, nur einer grofsen Menge von Kunftwerken gegenüber, die man allmälig kennen gelernt hat, künftlerifch fehen lernen, wenn man nicht in der zufammenfluthenden Fülle der Eindrücke, wie fie unfere Weltanschauung darbot, hilflos unterfinken foll. Es erging mir auch felbft im Anfange nicht beffer, bis ich erft nach und nach den Andrang der neuen Erfcheinungen nach dem Schema meiner früheren Studien mir gruppirte und ordnete. Gewifs hätte ich die Aufgabe diefes Berichtes nie übernommen, wenn fich eine berufenere, eine durchaus fachkundige Feder dafür hätte bereit finden laffen, was aber nicht der Fall war. Möge denn der Lefer fich's genügen laffen, hier an der Hand eines eifrig und ehrlich Lernenden felbft auch zu lernen, foweit diefs eben möglich ift. Und fo treten wir denn, weil die heimatlichen Kunftzuftände unferem Intereffe doch zunächft ftehen, bei unferem Rück blicke vor Allem an die öfterreichiſch- ungarifche Abtheilung der Kunsthalle heran. S, g Die Malerei. e of 3 fo er g en e h er به e e S n ES t $ $ I. Oefterreich- Ungarn. Wir waren fehr ftattlich im eigenen Haufe vertreten; auch war die Anzahl des neu Producirten, oder des zwar Aelteren, aber nicht allgemein Bekannten,. grofs genug, dafs man fich die Anleihe bei der modernen Abtheilung des Belvedere wohl hätte erfparen können. Dagegen wäre Wien allein ganz wohl in der Lage gewefen, der„ Specialausftellung der Stadt Paris" ein bedeutfames Seitenftück gegenüberzuftellen, und in Entwürfen, Farbenfkizzen, Cartons ein überfichtliches Bild deffen zu geben, was an monumentaler und decorativer Malerei, in religiöfer und profaner Richtung, vom Bau der Lerchenfelderkirche und des Arfenals bis auf jenen des Opernhaufes, dann weiter bis auf die Banquierpaläfte und Ringftrafsen- Bauten hinab diefe Jahre hindurch producirt worden ift. Es wäre eine folche Sammlung, in möglichfter Vollständigkeit zufammengeftellt, wohl eine der inftructivften Partien der grofsen Kunftausftellung geworden, und hätte an fich die Illuftration eines der intereffanteften Capitel der modernen Kunftgefchichte abgegeben. Es ift übrigens ziemlich fchwierig, in den frifchen und regfamen, aber bunt durcheinanderlaufenden Kunftbeftrebungen Oefterreichs eine klare und beftimmte Ueberfchau zu gewinnen. Nach grofsen Gruppen laffen fie fich wohl zufammenftellen, weniger nach entfcheidenden Richtungen fondern. An erfter Stelle tritt uns felbftverständlich das Wiener Kunftleben entgegen, fowohl nach der Bedeutfamkeit einzelner hervorragender Künftler, als auch nach dem Quantum der Production und dem Ausgreifen in die gröfsere Mannigfaltigkeit der Stoffe. Den Wiener Stadt- und Modemalern ftellen nun die Tyroler ihre bäuerlichen Sittenmaler, wie Defregger, Math. Schmidt, Al. Gabl und Andere gegenüber, die bei voller Wahrung ihrer Eigenthümlichkeit doch mit München im nächften Schulzufammenhange ftehen. Das böhmische Kunftleben, das fchon feit längerer Zeit in matteren Pulfen fchlägt, nährt fich an der ziemlich dürftigen Hauskoft der Prager Akademie, fo weit nicht die bedeutfameren Talente, wie Jar. Czermak bei Gallait, Gabriel Max in München, ſchon bei Zeiten unter andere Einflüffe traten. Eine grofse, in der modernen Kunſtwelt gar ftattlich fich präfentirende Gruppe bilden die polnifchen Maler; ihr Charakter ift durchaus eigenthümlich ausgeprägt, nicht fowohl was die vielfach divergirende Kunftweife, als den ftarken Grundzug der nationalen Empfindung, das Zufammentreffen in demfelben, durch das hiftorifche Vaterlandsgefühl bedingten Stoffkreife betrifft. Selbſtverſtändlich greift diefe Gruppe weit über Oefterreichs Grenze nach Ruffifch- Polen hinüber; auch die Schulherkunft der einzelnen Maler mufs an verfchiedenen Orten, in München, in Brüffel, wohl auch in Paris erfragt werden; gleichwohl hat Oefterreich den Bedeutendften der Polen, Ján Matejko aus Krakau, der zudem in Wien gebildet ift, auf feiner Künftlerlifte ftehen, und aufserdem zählen unter den Malern, die bei Oefterreich ausftellten, H. v. Rodakovski, Walery Eljasz, Julius Koffak, Fr. Tepa zu der anfehnlich vertretenen galizifchen Landsmannfchaft. Ungarn, welches fich in der Kunsthalle in fcharfer dualiſtiſcher Scheidung dem übrigen cisleithanifchen Oefterreich gegenüberftellte, können wir in künftlerifcher Beziehung durchaus nicht als volle Reichshälfte, fondern eben wieder nur als Gruppe gelten laffen, die gegenüber der polnifchen um Vieles leichter in die Wagfchale fällt. Dazu zeigt fich allenthalben die Dependenz der äufseren Kunftbildung von Wiener, Münchner, Düffeldorfer Einflüffen bei unausgegohrenem volksthümlichen Naturell, das mit jenen Schuleinwirkungen oft feltfam im Kampfe liegt. Ein tüchtiges Streben tritt vielfach hervor, die Reſultate ftehen noch zu erwarten. Wenn wir nun zunächft zu den Wienern zurückkehren, fo müffen wir da manches wohl fchon bekannte Wort wiederholen. Das Wiener Kunſtwefen 4 - Dr. Jofef Bayer. ift ein gar complicirter Sammelbegriff, wie er ebenfo vielfach nach anderen Beziehungen hin wiederkehrt. Es gibt fo einen gewiffen Kern von Wiener Originalkunft aber was hat fich nicht fonft Alles daran gefetzt! Echte Wiener der Herkunft nach wie Steinle, Schwind, vor allen Rahl, dann auch Canon, haben fo ftark nach Aufsen gewirkt, fo weite Kreife ihrer nachhaltigen Wirkung gezogen, dafs man einige Mühe hat, fich zu befin nen, dafs fie von hier aus felbft aus engerer Sphäre ihren Ausgang nahmen; Andere, wie Friedländer, v. Lichtenfels, Ammerling, Guft. Gaul find mehr nur Künftler von localem Einfluffe geblieben; eine ganze, nicht unanfehnliche Künftlerniederlaffung aus dem Reich", die fich hier zufammengefunden, hat wieder allmälig den nicht näher definirbaren Wiener Kunft charakter nicht allein angenommen, fondern ihn felbft zu fchaffen und ver vollſtändigen geholfen. Und worin befteht beiläufig derfelbe? Ihn bezeichnet vielleicht das leichte und rafche Erfaffen mannigfacher Stoffe zunächft mit Rückficht auf die wirkfame finnliche Erfcheinung, die bequeme Art, fich auszudrücken bei etwas laxer künftlerifcher Gefinnung eine gewandte, weltläu - - in dem fige, felbft brillante Technik, der man allerdings nicht immer genau auf den Pinfel fehen darf, wenn fie nur ihre Wirkung erzielt. Diefs gilt freilich für den immer ganz achtbaren Durchfchnitt, von dem fich die zahlreichen ernfteren Beftrebungen um fo bedeutfamer abheben. Auch darf man die Conftatirung diefes Thatbeftandes nicht mifsverftehen. Wien ift eben eine Grofsftadt von aufserordentlicher Bedeutung, aber ohne compacten nationalen Rückhalt; ein Centrum, in das viele Radien zufammenlaufen, aber deffen Peripherie vielfach verdämmert und fchwankt. Man kann unter diefen Umftänden nur ein glückliches, felbft glänzendes Zufammentreffen von künftlerifchen Kräften in diefem Mittelpunkte erwarten, aber nicht ein Gefammtrefultat aus tieferer Wurzel auf gefogener idealer Beftrebungen, das nur ein zufammengefafstes, grofses Volks thum zu bieten vermag, und( wie wir es zu unferem Trofte wenigftens fehen auch unter günftigeren Bedingungen jetzt nicht anderwärts viel beffer bietet. In einem Punkte können wir in der Parallele, die wir den anderen Kunftvölkern gegenüber auf der Ausftellung ziehen konnten, völlig mit uns zufrie den fein: man hat etwas bei uns inzwifchen gelernt und fogar viel, beinahe noch mehr gelehrt. Wenn auch die Wiener Kunft in die Tiefen des bedeutenden Lebens feltener hinabtaucht, und fich mehr nur an feine glänzende und wirkfame Aufs enfeite hält, fo hat fie eben in diefer Richtung frifchen Erfaffen der malerifchen Erfcheinung, der Bemeffung ihres Farbenwer thes in dem geübten Auge, in der Kunft des Malens an fich aufserordentliche Fortfchritte gemacht. Ein Name allein, der von Hans Makart, bedeutet in diefem Fortfchritte geradezu eine Eroberung. Er vertritt da jene höchfte Steigerung der fpecififch Wiener Kunftanschauung, die nicht nach einer geiftig grofsartigen, fondern nach der feftlichen Erfcheinung des Lebens hinftrebt, in dem heiteren Triumphe der fchönen Wirklichkeit vor Allem fich wohlgefällt. Einen folchen hat uns Makart damals im Künftlerhaufe, gleichzeitig mit der Weltausftellung, in feiner ,, Katharina Cornaro" vorgeführt. Es repräfentirt diefes grofse Gemälde fo recht den farbenblühenden, finnlichen Idealismus der Wiener Kunft, der von dem farbigen Realismus, welcher im Dienfte des charakteriftifchen Aus druckes fteht, fehr wohl zu unterfcheiden ift. Die unerfättliche coloriftifche Schwelgerei, die fich in der Gluth des Tons, in dem wirksamen Widerſpiel und Zufammentönen der Farben gar nicht genügen kann, findet ihr entsprechendes Seitenftück in dem Bilderdrang, dem oft unruhigen Farbenfchimmer der poetifchen Schilde rung fo mancher öfterreichifcher Dichter, von Halm bis weiter hinab auf Hammer. ling; auch das ift finnlicher Idealismus in der Poefie. Uebrigens hat die Kunft. form Makart's mit der hiftorifchen Gattung beinahe nichts gemein; fie ift gleich fam das Genre im Feierkleide, eine Kunft für die Feftfchau und den Genufs, nicht für die ernſtere Stimmung und geiftige Erhebung. Es liegt kein Vorwurf darin, Die Malerei. 5 en er te 1, fe 1; l ht 7. T et it 5- n n wenn wir diefe Richtung als eine decorative bezeichnen; wo eben das finnliche Moment in der Kunft überwiegt, gibt es aus diefer Grundlage heraus keine andere Steigerung, als zur decorativ wirkenden Compofition, die ja felbft einen monumentalen Charakter annehmen kann. So wurden die Venezianer, diefe nächften infpirirenden Vorbilder Makart's, fofort decorativ, wie fie mit ihren Compo fitionen ins Grofse gingen. Ein rafcher Blick auf die Malereien des Dogenpalaftes überzeugt uns ohne Weiteres davon, mögen fie nun mythologifch, allegorifch oder religiös fein; fo Tizian's grofses Präfentationsbild mit dem Dogen Grimani in der Sala delle quatro porte, die mythologifchen Wandbilder Tintoretto's und der ,, Raub der Europa" von Paolo Veronefe in der Sala dell' Anticollegio, die thronenden Venezien und die„ Präfentation des Siegers von Lepanto vor Chriftus", ebenfalls von Veronefe in der Sala del Collegio. Diefe Beiſpiele aus der Kunftgefchichte liefsen fich leicht noch häufen, aber es ift hier nicht unfere Aufgabe, ein kunfthiftorifches Repetitorium zu geben. Makart's Bild pafst. ebenfo gut als glänzender Schmuck in eine Fefthalle; nur läfst fich allerdings dagegen einwenden, dafs die Huldigung vor der Schönheit, die hier der herrlichen Venezianerin, der Fürftin von Cypern dargebracht wird, zu dem gegenwärtigen Leben keine andere Beziehung hat, als die der blofsen Augenweide. Der ideelle Gehalt in der Kunft, das was in ihr zum Gedanken ſpricht, kann jedem Zeitalter entstammen; die Darftellung des Feftpomps ift aber eigentlich nur für die Zeit da, die das Vorbild desfelben in der Wirklichkeit aufzuweifen hat. Die Hauptgattung der Wiener Kunft ift im Uebrigen die Genremalerei, aber auch diefe mehr von ihrer finnlich- malerifchen Seite, als nach der durch den Gegenftand wirkenden, nach der charakteriftifchen oder pfychologifchen Richtung. Wie Menfchen und Dinge bei einer gewiffen Beleuchtung, unter einer beftimmten Farbenwirkung ausfehen, nicht was fie ihrem Wefen nach find und was fich von diefem Wefen im Bilde anfchaulich machen läfst das ift's, was die richtigen Wiener Genremaler zunächft in ihrem Studio intereffirt. So hat Alois Schönn viel herumgemalt, gelegentlich auch, wie in der ausgeftellten ,, Siefta türkifcher Frauen", die franzöfifche Orientmode mit mäfsigem Erfolge mitgemacht, bis er endlich mit feinen Marktfcenen, feinen Fifchern und Volksgruppen im Süden Pofto fafste. Es ift nicht italienifches Volksthum, fondern lediglich die Lichtwirkung der italienifchen Sonne, was ihn dabei anzog. Sein„ Fifchmarkt in Chioggia", ein anderer im Ghetto zu Rom, dann fein Bild aus dem Belvedere " Fifcher an der genuefifchen Küfte" und Aehnliches mehr find nichts als Farbenfchilderungen in grellem, unvermitteltem, faft beunruhigendem Lichte. H. Grasberger machte in einem Kunftreferat der„ Preffe" die ganz richtige Bemerkung: ,, Sie find nicht unwahr, diefe ftarken Contrafte, aber die füdliche Natur weift auch manches gedämpftere Licht- und Farbenfpiel auf, das nicht nur angenehmer wirkt, fondern auch Perfonen und Sachen mehr zur Geltung kommen läfst." Es kommt nur darauf an, ob fie der Künftler felbft zur Geltung bringen wollte, nachdem er fich einmal feinen malerifchen Specialeffect ausgefunden hatte. In feinen italienifchen Bildern ift Schönn vorzugsweife Farbenvirtuófe, der durch einen oft übertriebenen coloriftifchen Reiz zu wirken fucht; dagegen zeigt er fich mit einfacheren Mitteln als ein wirklich geiftreicher Beobachter und Charakteriſtiker in dem ,, Vorhof einer Synagoge" und dem ganz vorzüglichen Gänfemarkt in Krakau". Ein mehr äufserlich malerifches Intereffe ift es auch, welches die Vorliebe für venezianifche Scenen bedingt, die meiftens, wie bei Eugen Blaas als hiftorifche Coftümebilder im Sinne der feinen, eleganten Farbenwirkung benützt werden; fo in feiner„ Dogareffa" oder in feinem„ Brautzug in S. Marco". Auch wenn er einmal einige hübfche Wafferträgerinen an einer Cifterne aus dem gegenwärtigen Venedig uns vorführt, ift es nicht ein Stück Volksexiftenz, fondern nur die gefällige malerifche Erfcheinung, die er da im Bilde fefthält. Ebenfo wird das hiftorifche Genre meift nur coloriftifch ausgebeutet: fo in den Bildern des talentvollen und farbenfinnigen Wilhelm 29 6 Dr. Jofef Bayer. Koller, eines Olmützers, der in Brüffel der Malweife von Leys fich anfchlofs- , Kaifer Maximilian I. bei Dürer"," Kaifer Karl V. bei Fugger",„ Ein Gaukler des XV. Jahrhunderts". Wir haben da nicht im hiftorifchen Sinne individualifirte Figuren und Situationen vor uns, fondern nur ein beiläufig aufgegriffenes gefchicht liches Motiv als finnlich feffelndes Farbenbild. In gleicher Weife, als malerifche Zeitftaffage und Scenerie ift Koller's„ Margaretha, aus der Kirche kommend" behandelt. Ueberall in derfelben Art diefe reinlich und anziehend gemalten Geftalten, in feinen und klaren Umriffen, ohne Rückficht auf die Luftwirkung wie auf flachen Plan nebeneinander geftellt, aber in der forgfamen und gefchmackvollen Durchführung trotz der angeeigneten Manier von namhaftem Kunftwerthe. Wo einmal die bewegtere gefchichtliche Epifode zur Darstellung kommt, wie in Leopold Löffler's" Kaifer Rudolph von Habsburg in Lebensgefahr bei Murten“ und„ Herzog Alba zu Rudolftadt", ift die Aufgabe bei aller anerkennens werthen Tüchtigkeit etwas akademifch nüchtern gelöft; immerhin ift das letztere Bild von Löffler neben der Behandlung des gleichen Gegenftandes von Fr. Wide mann in München entfchieden im Vortheil. Das, Turnier zur Zeit Maximilian's I von Fr. Ruben ift ein romantifch- hiftorifches Sittenbild, ganz hübsch in der conventionellen Art, wie man es fo malt, wenn Einem nichts Volles und Lebendiges einfällt ein recht forgfam ausgeführter Bilderbogen gefchichtlicher Illuftration. Es verfteht fich von felbft, dafs fich der unvermeidliche dreifsig. jährige Krieg, wie in jedem Salon, auch auf der Weltausftellung einfinden mufste fo in dem Bilde von Jof. v. Berres ,, Wallenftein, fchwediſche Documente verbrennend". Im Ganzen halten fich die Wiener Künftler dem objectiven Ernfte der wirklichen Gefchichte ziemlich fern; auch liegt ihrer Sinnesart die fingirte Anekdote weit näher als die hiftorifche, befonders wenn jener ein theatralifchwirkfamer Zug, ein leidenfchaftlich packendes Moment abzugewinnen ift. So wirkt das glänzend durchgeführte Bild von Heinrich v. Angeli:„ Der Rächer feiner Ehre", wie eine illuftrirte Scene aus einem Senfationsroman; ebenfo auch deffen„ Verweigerte Abfolution". Das erftere Bild ift fo charakteriftifch und anfchaulich, als es eine erfundene Situation durch die belebende Kraft der malerifchen Phantafie nur immer werden kann; freilich macht es eben nur mehr den Eindruck einer fehr gut gefpielten Theaterfcene mit Bühnenftellungen und Bühnenleidenfchaft, als eines wirklichen Lebensbildes. Auch hier tritt der Maler dem Charakteriſtiker, die äussere techniſche Vollendung der beabsichtigten pathe. tifchen Wirkung felbft wieder in den Weg. Ganz treffend hebt da Friedr. Pecht hervor, dafs der pfychologifche Inhalt doch nicht den Hauptreiz, den entfchei denden Vorzug des Bildes ausmache; diefer beftehe offenbar in der wirklich bewunderungswürdigen Ausführung des Einzelnen, befonders des Stofflichen. ,, Dabei ift der Ton von einer Feinheit, die Figuren ftehen fo frei, find fo von Luft umgeben, nichts tritt heraus oder bleibt zurück, dafs diefer artiſtiſche Reiz über den pfychologifchen weit hinausgeht, ja ihn entfchieden beeinträchtigt. Bei einer folchen Scene, die in rafchefter Bewegung vor fich geht, da haben wir doch nicht Zeit, jedes Fältchen an den Halskraufen der Betheiligten, das Deffin jeder Stickerei an ihren Gewändern auf's ausführlichfte zu ftudiren. Da fieht man zunächft auf die Köpfe und Hände, die Bewegung der Perfonen... und eben defshalb, weil man doch jeden Knopf und jede Litze fo genau und ruhig gefchmackvoll ausgeführt fieht, wie das bei fich heftig bewegenden Perfonen unmöglich, verliert das Ganze an Wahrfcheinlichkeit; man glaubt, je länger man fie ſpielen ſieht, immer weniger an die Gefchichte." Es kommt hier wieder darauf hinaus, was ich fchon früher hervorhob: das Intereffe an der malerischen Erfchei nung tritt, der Wiener Kunftweife gemäfs, auch hier bei dem affectvollen Gegen ftande zunächft in den Vordergrund. Der virtuofe Pinfel befchäftigt fich( felbft bei der Schilderung der Leidenfchaft) zuviel mit dem äufseren Menfchen, ftatt das jenige, was den inneren in diefem Momente erregt, überzeugend zu verfinnlichen; es ce t. e i Die Malerei. 7 der Ausdruck des Affectes befchränkt fich zu fehr nur auf die Stellung und Bewegung, auf ,, Geberden, die man auch ſpielen könnte", und fällt eben dadurch ins Theatralifche, das fich mit jener äufserlichen, techniſch exacten Vollendung ganz wohl verträgt. Mehr wirklicher leidenfchaftlicher Gehalt fcheint in der Beichtftuhl. fcene Angeli's zu liegen; die Verzweiflung der händeringenden Bäuerin, die clericale Erbarmungslofigkeit des Paters find da, fo möchten wir beim ersten Blicke glauben, fehr eindringlich zur Anfchauung gebracht. Wenn wir aber näher zufehen, müffen wir hinzufügen: eindringlich wohl, aber zugleich mit einer fich vordrängenden Abficht. Der Geiftliche erfcheint uns, je genauer wir feine Züge ftudiren, wie ein Charakterfpieler, der feine Rolle chargirt fpielt. Es bekommt eben der Wiener Kunftrichtung nicht wohl das fehen wir gerade bei ihren namhafteren Repräfentanten wenn fie aus dem ruhigen finnlichen Behagen an der Erfcheinung, aus dem geniefsenden Anfchauen und Darftellen in die Schilderung des Affectes übergeht; fie bleibt auch da finnlich und äufserlich und erfetzt durch grelle Züge das, was ihr an Tiefe und Energie mangelt. - Jenes völlig ungetrübte, ruhige Behagen, den hellen, weltfreudigen Blick, der mit heiterer Objectivität ins Leben fieht und das frifch Angefchaute, unbefangen Wahrgenommene mit bewunderungswürdiger Farbenfrifche wiedergibt, befitzt in feltenem Mafse Ludwig Paffiny. Obgleich er derzeit dem Berliner Künftlerkreife angehört und feine herrlichen Aquarell- Meifterftücke theils der königlichen Nationalgallerie in Berlin angehören, theils fich fonft in Dresden oder in Berlin im Privatbefitz befinden, fo hat er fie doch, feiner Wiener Herkunft eingedenk, den öfterreichifchen Sälen als werthvolle Zierde zugedacht. Italien ift die Welt, in der Paffiny's beobachtendes Auge heimifch ift. Seine mannigfachen Volkstypen, feine Kinder auf der Strafse und in der Schule, feine Frauen und Pfaffen ftellt er unermüdlich vor den Pinfel, den er mit fo feiner und ficherer Meifterhand führt. Die weichere Natur des Wieners zieht es überhaupt nach dem Süden; er hat fich dort eine zweite Heimat für feine Genrekunft gefchaffen, und Venedig fcheint da das nächfte malerifche Abfteigquartier, wie etwa bei Rudolf Geyling, wenn nicht eine dauernde Niederlaffung zu fein, wie bei Eugen Blaas. Andere öfterreichifche Maler gehen in Italien zunächft nur auf coloriftifche Abenteuer aus, wie etwa der oben befprochene Al. Schönn. Paffiny dagegen ift ebenfo bedeutender Colorift wie geiftvoller Beobachter; ja unter den Eroberungen, die die Kunft feit jeher am Leben gemacht hat, ift die feine eine der überraschendften und vollſtändigften und zugleich eine der liebenswürdigften. Es gibt keinen erfreulicheren Eindruck in der Kunft, als wenn ein Maler mit fo klarem Gemüth und Auge fich ganz in feinen Stoffkreis einlebt und fich fo einen malerifchen Fonds anlegt, aus dem er bei aller beftimmten Art der Geftaltung immer etwas Neues herauszufchöpfen vermag. Er fchildert uns das temperamentvolle, leicht erregte, aber in feiner Erregbarkeit gutmüthige Volk Oberitaliens und Venedigs, das für den Beobachter von Wiener Herkunft, der doch auch Temperament hat, fo manche verwandte Seite darbietet. Die Fifcher von der Riva dei Schiavoni oder von Chioggia, die Jungen, die in der Chriftenlehre katechifirt werden, die Frauen, felbft aus der befferen Gefellfchaft, die fich von ihrem geiftlichen Berather einen Stachel aus ihrem wunden Gewiffen ziehen laffen, fie gehören Alle zu demfelben lenkfamen, beſtimmbaren, halbkindlichen Gefchlecht, für das fich Paffiny eine unvergleichliche malerifche Menfchenkenntnifs gebildet hat, und zur Vervollſtändigung gehören die Volksdeclamatoren und Vorlefer dazu, die ihr naives und empfängliches Auditorium mit mässigem Aufwande enthufiasmiren, die Priefter geringeren oder höheren Ranges, die es klug lenken oder fchlau überliften. Wie prächtig ift der fenfationelle Erfolg gefchildert, den der Vorlefer in Chioggia vor feinem Publicum von Fiſchern und Schiffsknechten feiert. Die Volksfeele offenbart fich fo recht da, wo eine gemeinfame ftarke Erregung auf fie wirkt; in den fcharf individualifirten Gefichtern spiegelt fich der Eindruck auf die mannigfachfte Weife; es ift gar fchön zu fehen, wie in folchen Naturen, die 8 Dr. Jofef Bayer. zunächft mit der Arbeit der Fauft, mit der Handhabung der Ruderſtange ihre Tage verbringen, ein naiver Idealismus aufblitzt und fich mit unmittelbarer finnlicher Gewalt ihrer Gemüther bemächtigt. Einen nicht fo vollständigen pädago. gifchen Erfolg hat fchon jener junge Geiftliche bei feinem Religionsunterrichte. Es find freilich römifche Rangen, die er in die Lehre nimmt; die heilige Stadt erzeugt ein pfiffigeres Knabengefchlecht. Der erbauliche Einflufs des frommen Lehrers reicht nur in die nächfte Nähe; weiter hinten emancipirt fich der knabenhafte Muthwille immer ungebundener, obgleich man den Burfchen dabei nicht im Geringften gram werden kann. Ein Bild von feinftem pfychologiſchen Reize ift die Beichtfcene in der Sacriftei, wo eine junge Dame offenbar fehr verlegen und zer knirfcht einem geiftlichen Herrn entgegentritt, dem diefe Art von confidentiellen Mittheilungen aus fchönem Munde nichts Neues zu fein fcheint; eine ganze kleine Gefchichte liegt in dem Bilde, das fo köftlich aus der Beichte fchwatzt. Die ,, Domherren im Chor", die eben mit dem Rauchfaffe feierlich beräuchert werden, find aber vor Allem ein Meifterftück feiner, fchlau beobachtender Charakteriſtik. Eine bezeichnendere Elite höchft individueller clericaler Charakterköpfe aus der höheren Hierarchie kann man nicht wieder beifammen fehen. Und bei alledem ift der Maler keineswegs ein Satiriker; die fcharf angeſchaute Wirklichkeit trägt ihre leife Ironie in fich felbft, welche der Darfteller in dem fpiegeltreuen Bilde auffängt, ohne fie mit Abficht zuzufchärfen. Man fühlt wohl den leichten, fchmun zelnden Zug heraus, mit dem er feine Geftalten im bezeichnenden Momente erfafst und fixirt; aber nirgends überfchreitet feine helle und beftimmte Auffaffung die Grenze der Objectivität. Und mit diefer Klarheit und fonnigen Weichheit der malerifchen Anfchauung vereinigt fich eine durchgebildete Aquarelltechnik, welche bei längerer Schau immer neuen Genufs gewährt. Neben dem durchaus natürlichen Paffiny treten die forcirten, wenn auch coloriftifch fehr verdienftlichen Bilder Charles Herbfth offer's nicht in das günftigfte Licht. Franzöfifcher Einflufs ift in der Wahl und Behandlung der Gegenftände, wie in der auf einen finnlichen Farbenreiz berechneten Technik wohl zu erkennen; wer aber im Sinne der Franzofen wagt und fpeculirt, muís noch kühner und refoluter wagen, um gleich ihnen eine blendende und finnbe thörende Wirkung zu erzielen. Eine Scene des tollften religiöfen Paroxismus, wie die auf dem„ Friedhof von St. Médard in Paris" darzuftellen, ift fchon an fich ein wunderlich gewähltes Thema; zudem erftarren hier die Aeufserungen des feltfamen Wahnfinnes in bloise Attituden bei höchft fauberer coloriftifcher Behandlung, ftatt fich in eiu finnlich ergreifendes Bild von wirklicher, aufgewühlter Leidenfchaftlichkeit aufzulöfen. Entblöfste Brüfte, herausgewälzte Augen und halbunmögliche Stellungen allein thun es nicht. Die anderen, kleineren Bilder, wie„ Die Herausforderung"," Eine Plünderungsfcene"," Ein Duell" erinnern ftark an die franzöfifchen Rococomaler; es find doch eigentlich blofse manie rirte techniſche Probleme ohne felbftſtändige Empfindung, die uns fofort kalt laffen. Da wurde uns denn gleich wieder recht behaglich deutfch zu Muthe, wenn wir neben diefer franzöfirenden Experimentalmalerei Kurzbauer's wohlbekanntes Bild„ Die ereilten Flüchtlinge" aus unferer Belvederegallerie betrachteten; das ift fo ganz ein mit liebenswürdiger Laune und fchalkhafter Beobachtung vorgetragenes Gefchichtchen im allerbeften Sinne des Münchner Genres. Es wäre zu bedauern, wenn die Wiener Genrekunft der Mode und dem Luxus, fowie den Gelüften reicher Kunftliebhaber nachziehend, fich ihren deutfchen Charakter entwinden liefse, und auf der Suche nach dem Pikanten dasjenige, was unferer Gemüthsart gemäfs ift, aus den Augen verlöre. Dann würde die Nuditätenmalerei, die bereits lange im beften Zuge ift, bei uns immer mehr um fich greifen, und jene Bacchantin, wie fie Felix nach franzö fifcher Manier ins Grüne gebettet, ihre immer zahlreichere nackte Camaraderie finden; nebenbei würde die blofse Pikanterie, wie in der Schönen, die auf gefährlichen Wegen" wandelt, von Jofef F ux, die gefchmackvolle breitcoloriftifche es of те 0. Es dt en m e e e 1, t t 1. e g h S T S e 1 - Die Malerei. - 9 Behandlung ohne weiteren beftimmten Inhalt, wie in deffen ,, Taubenopfer", in die Hauptlinie der eleganten falonmäfsigen Genrekunft treten, gelegentlich dann die oder jene in ein malerifches Coftüme gefteckten Banquierjungen, die zum Namensfefte des Papa's fertig gemalt fein müffen, die würdigfte Aufgabe derfelben ſchliefslich bilden. Der Gefchmack der Plutokratie, obgleich fie fich ihre Kunftliebhabereien etwas koften läfst, wirkte nicht im höheren Sinne fördernd auf unfere Kunft ein; den technifchen Wetteifer derfelben fteigerte fie wohl, aber fie höhlte ihren inneren Gemüthsfonds aus. Gerade bei uns, wo vor einem Menfchenalter bereits die gemüthvoll anregende Auffaffung des nächften Lebens im Genre durch Meifter Waldmüller die erfte verjüngende Neubelebung früher als fonftwo in Deutfchland gefunden, läuft heutzutage die Genrekunft Gefahr, zu blofse Modemalerei zu werden. Und doch hat fie von Haus aus einen fchlichten, deutfchen Zug, und unfere Künftler hätten, wenn fie fich felbft recht verftänden, mehr den Beruf Volksmaler als Gefellſchaftsmaler zu fein. Auffallend ift in unferem gegenwärtigen Genre die gänzliche Vernachläffigung der nächften localen Anregungen. Das Wiener Volksthum verwifcht fich allmälig in feinen charakteriftifchen Aeufserungen, aber es ift noch Vieles fehr malenswerth, was eben nicht gemalt ift. Selbft was die Benutzung der ganz äufseren Phyfiognomik des Wiener Treibens betrifft, haben fich z. B. unfere Maler von dem genialen Berliner Menzel felbft den Eszterházykeller wegnehmen laffen. Es ftellt fich fo ziemlich nur der einzige Friedr. Friedländer, der jedoch zur alteren Wiener Schule gehört, mit feinen ftädtifchen oder ländlichen Volksfcenen gelegentlich ein, die freilich von ungleichem Werthe find; einmal führt er uns in dem älteren Belvederebilde vor die Hausflur des Verfatzamtes", oder er läfst feine herrfchaftlichen Jäger charmiren, feine Stelzfüfse von Veteranen renommiren und dergl. mehr. Allerdings hat feine Auffaffung etwas Eingefchränktes und geht im Ernſt wie im Humor nicht fonderlich tief; er hat mehr gemüthliche Beziehungen als charakterifirende Kraft für den Lebenskreis und die Gegenftände, die er darftellt, aber als ein Vertreter eines Zuges, der uns im Leben und in der Kunft verloren zu gehen anfängt, immer ein namhaftes Verdienft. Von entfchiedenem künftlerifchen Werthe, ebenfo anziehend in der Auffaffung wie malerifch- zufammenftimmend in der Wirkung, waren einige ländliche Scenen von Leopold Müller:„ Am Brunnen",„ Die letzte Tagesmühe"( im Belvedere),„ Drefcher" etc. Wenn wir noch Franz Rumpler's Bild„ Bei der Grofsmutter" und Carl Riedl's ,, Mittagsfchläfchen des Pfarrers" und" Der kleine Reconvalescent" mit verdienter Anerkennung erwähnen, fo wären wir auch nebenher mit der fpärlich vertretenen humoriftifchgemüthlichen Richtung im Wiener Genrebild zu Ende. Die köftlichen Meifterbildchen von A. Pettenkofen, deren einundzwanzig ausgeftellt waren, geleiten uns über die Leitha hinüber, wo die Volkstypen und Trachten immer feltfamer und bunter werden und die Genremalerei, die ihnen ihr Studium zuwendet, endlich ganz und gar den malerifch ethnographifchen Charakter annimmt. Einem fo untergeordnet naturwüchfigen Volksthume, wie dem der Czikos und Zigeuner, das mehr im Allgemeinen durch Temperament und Race, als durch perfönliche Eigenfchaften wirken kann, entſpricht ganz das kleine Bilderformat; das Bezeichnende concentrirt fich da und das Rohe und Stumpfe tritt zurück, oder macht fich doch weniger aufdringlich geltend. Bei einer entsprechenden Vergröfserung, bei wichtigerer Behandlung der Einzelfigur fpricht fich die geringe, geiftige Bedeutung, der fragliche Werth des Individuellen immer unabweislicher aus und das Bild wirkt unerfreulich. Wir fahen diefs an den Zigeunerinen und Walachinen von Georg Vaftay( in der ungarifchen Abtheilung) trotz des coloriftifchen Verdienftes zur Genüge. Pettenkofen bringt alles malerifch Brauchbare und zugleich Charakteriftifche in feinen kleinen Gruppen- und Staffagenbildchen zur vollen Geltung; diefe lagernden Zigeuner, die ungarifchen Marktfcenen, die im Galopp hineilende Honvédfähre, das Rendezvous nach ländlich- fittlicher Art u. f. w., diefs Alles macht den rich 10 - Dr. Jofef Bayer. tigen, naturfrifchen Eindruck, fowohl durch die rafch erfafste Beobachtung, als die geiftreiche und fichere Handfchrift des Pinfels. Des Charakteriftifchen haben wir in diefer Kleinmalerei gerade genug und verlangen da nicht nach mehr. Die ungarifchen Maler geben uns aber nach diefer Richtung mehr, als nöthig und eben erquicklich ift. Im transleithanifchen Genrebild geht es bunt genug und keineswegs civilifirt und fäuberlich her;„ ruhende Betyaren"( Johann Gregufs), verfchiedene Bettler( Bela Grofs),„ muficirende Zigeuner"( Johann Valen tini), treiben fich da nebeneinander umher. Am meiften energifche Eigenthüm lichkeit nach diefer Seite freilich auch mehr Energie als Gefchmack- zeigt Mich. Munkácsy, der magyarifche Genremaler par excellence. Er fteigt noch tiefer in feiner Stoffwahl herab vom verwahrloften Volke zum richtigen Gefindel. Mit Vorliebe malt er jenen Theil der Menfchheit, der dem argwöhnifchen Auge der Polizei und dem ftrafenden Arme der Juftiz am nächften fteht. Reif für das Gefängnifs oder doch für den Gemeindekotter find feine Geftalten alle; wenn nicht als Verbrecher, fo kann man fie doch als Vagabunden unbedenklich einzie hen. Munkácsy ift der Maler der Verlotterung und des Branntweinraufches; als folcher erfcheint er auch in den ausgeftellten Bildern Nachtfchwärmer" und Wankende Heimkehr". Nie bringt er es zur Darstellung eines luftigen Exceffes, wo der Eindruck der Verkommenheit durch Humor gemildert würde; feine allerdings geiftreiche Technik, die Alles refolut und kühn hinfetzt, die düfter geftimmte, ganz merkwürdige Haltung feiner Bilder, in der er, wie Dr. A. Springer richtig gefehen, den franzöfifchen Einfluss auf fich wirken läfst, als ob er Ribot's aus fchwarzen und weifsen Tönen gemifchtes Colorit nach Ungarn verpflanzen wollte, kann uns artiftifch in hohem Grade intereffiren, aber nicht mit der Stoffwahl und Grundftimmung feiner Bilder verföhnen. " " Indem wir uns wieder nach Wien zurückwenden, müffen wir da wenigftens im Vorübergehen der bedeutenden und gefchmackvollen Entwicklung der Bildnifsmalerei gedenken. Wien vereinigt einmal eine Anzahl auserlefener Talente in diefer Gattung, deren Gedeihen auch, wie in Paris und Berlin, mit den Beziehungen zu den diftinguirten Gefellſchaftskreifen zufammenhängt. Den repräfentativen Anftand bei Männern, die gefellſchaftliche feine Haltung bei Frauen, überhaupt jenen Ausdruck der Perfönlichkeit, der durch ihre Stellung zur Welt bedingt wird, wiffen unfere Porträtmaler vortrefflich wiederzugeben, nicht immer die intimern pfychologifchen Züge, das feinere, poetiſch- finnige, oder charakteriftifch zugefchärfte Element der Individualität, auch da, wo es wirklich aus der Phyfiognomie hervorzuholen wäre. Eine elegante und effect. volle Technik vervollſtändigt in den meiften Fällen den falonfähigen Eindruck der Wiener Porträtkunft. Angeli und Fr. Lenbach treten da mit einer Reihe glänzender Leiftungen in den Vordergrund; ihre beiden Kaiferbildniffe brauchen wir an diefer Stelle einfach nur zu erwähnen, da ihre vergleichende Befprechung fchon als Zeitungsftoff in den Weltausftellungstagen fich erfchöpfte. Neben feinem Meifter Amerling trat uns J. M. Aigner wieder als der langbewährte Bildnifsmaler von feinem künftlerifchen Gefühle und gefchmackvoller techniſcher Durchbildung in drei ausgeftellten Porträts entgegen. Lafite. Schrotzberg, Guftav Gaul, Ar. Oeconom o brachten ihre eigenthümlichen Vorzüge und Manieren in bezeichnenden und werthvollen Leiftungen zur Geltung. Ed. Charlemont ftellte ein Bildnifs zweier Knaben in der malerischen Tracht des XVII. Jahrhundertes aus, anmuthig und zwanglos in der Stellung und von grofsem coloriftifchen Reize. Das Kriegsbild war in der öfterreichifchen Ausftellung nicht zahlreich vertreten. Die militärifchen Actionen, wie fie Sigm. l'Allemand mehr mit fcharfem Auge für das Detail als mit Wiedergabe des Totaleindruckes des entfcheidenden Gefechtes zu verfinnlichen pflegt, find bekannt genug. Wir fahen hievon wieder drei meifterhafte Proben,„ Die Erftürmung des Belvedere in der Schlacht bei Cuftozza ( 1866)"„ Die Schlacht bei Caldiero( 1805)" und„ Die Schlacht bei Kolin", theils Die Malerei. 11 s n e d t 1 im Befitze Sr. Maj. des Kaifers von Oefterreich und Sr. kaif. Hoheit des Erzherzogs Albrecht. Deutlich und beftimmter drückt fich das Kampfgewühl und die kriegerifche Leidenfchaft in den Schlachtbildern von Wilhelm Emele aus: Die Schlacht bei Würzburg( 1796)"," Die Schlacht bei Nerwinden( 1793)", " Reitergefecht bei Langenbruck( 1866)", der für grofse Choc's der Cavallerie eine glückliche Art bewegter und zufammenfaffender Darftellung hat. Von Blaas, dem Vater waren die geiftreich entworfenen Farbenfkizzen von feinen Schlachtfresken im Arfenal ausgeftellt. Der Marinekampf fand eine glänzende künftlerische Vertretung in Bolonachi's ,, Seefchlacht von Liffa". Die nähere Würdigung der Leiftungen in der Landfchafts- und Thiermalerei, im Architekturftück und dergleichen entzieht fich einem zuſammenfaffenden Kunftberichte, der das Bild des gegenwärtigen Kunftlebens nur in grofsen Umriffen wiedergeben, und blos bei einzelnen Erfcheinungen, die, eine Richtung beftimmend, in den Vordergrund treten, länger verweilen kann. Das rafcher Wechfelnde in der Kunft; die deutlicher wahrnehmbaren Veränderungen und Fortfchritte in derfelben gehören zunächft den Darftellungen des bewegten Menfchendafeins an. Auch ift die Landfchaft vor Allem eine zu ftille Gattung für die grofse Kunftfcenerie auf einer Weltausftellung; fo etwas geniefst man ruhiger und mit gefammelterem Sinne im Schönbrunnerhaufe oder bei den Ausstellungen im Künftlerhaus. Allerdings war die öfterreichifche Landfchaftsmalerei gleich den übrigen Kunftgattungen fehr würdig und wirkfam auf der Ausftellung vertreten. Mannigfach genug ftellt fich das Naturbild der öfterreichifchen Länder dem Auge des Malers dar: wir haben den Wald und das Mittelgebirge mit feinen ftilleren landfchaftlichen Reizen, die hochaufgethürmte Alpenwelt, die breithingefpannte Ebene der ungarifchen Pufzten, die pittoreske Küfte und das hochaufraufchende Meer. Und unfere Landfchafter ftellen ihre Studien vielfeitig und umfaffend genug an, um fich wenigftens ein gutes Stück diefer unerfchöpflichen Anregungen zu Nutze zu machen. Anfpruchslos in der Wahl des Motivs, aber fehr fein und ftimmungsvoll in der Naturauffaffung zeigte fich Ed. von Lichtenfels in feinen Bildern, An der Donau"," Dorfpartie aus Niederöfterreich" und den„ Motiven aus Lundenburg". A. Ditfcheiner's" Moorgegend" und„ Seeufer" zeigen eine liebevolle Naturbeobachtung bei grofsem coloriftifchen Verdienfte. L. Halauska hat den malerifchen Gebirgsfinn, er ift bei Salzburg und am Atterfee zu Haufe, aber brachte uns daneben auch eine gute Fähre am Main"; Hanfch ift ein trefflicher Maler des Hochgebirges, in das er uns wieder in feinem„ Gebirgsbach" und feiner„ Gebirgswildnifs" führte, um uns dann in einem vorzüglichen Bilde den weiten Blick auf die hohen Tauern mit dem Wiesbachhorn und dem Grofsvenediger zu eröffnen. G. Seelos wählt feine Motive in Südtyrol; er brachte Partien aus Meran und dem Eggenthal und ging von da hinab bis an die Küfte von Genua; Obermüllner trat uns in feinen ebenfo poetifchen als malerisch vorzüglichen Alpenbildern„ Ein Friedhof in der Natur",„ Blick auf den Montblanc" und" Am Bodenfee" mit feiner wohlbekannten Meifterfchaft wieder entgegen. Eugen Jettel nimmt unter den Wiener Landfchaftern einen ganz vorzüglichen Rang ein; fein ,, Motiv von Hinterfee", die Viehweide am Waffer", und vor Allem die„ Partie an der Küfte von Dieppe" zeigte ebenfo feine ftimmungsvolle Auffaffung, wie fein hohes coloriftifches Talent. Auch Rob. Rufs zog es wieder einmal nach den holländifchen Canalanfichten und Windmühlen hin; es ift zunächft der äussere malerifche Reiz, die decorative Wirkung der Vedute, durch welche er da mehr mit wohlberechneten, als mit empfundenen Mitteln, aber in ganz glänzender Weife zu wirken weifs. Sein Schlofshof bei Burgeis in Tyrol" ift aus dem Belvedere bekannt. Em. Schindler findet fich, was wir nur loben können, nicht veranlafst, in die Ferne zu fchweifen, da das Gute doch fo nahe liegt; er bringt doch einmal auch das herrliche Stück Landfchaftspoefie, das uns fo knapp vor der Nafe liegt, die Partien aus der Praterau, in trefflicher Weife zur Geltung; fo in den Bildern: " Am Kaiferwaffer"" Am Landungsplatze" " " 12 Dr. Jofef Bayer. Unter den ungarifchen Landfchaftern ift zunächft Victor Meszöly in München hervorzuheben; er hat einen„ Plattenfee im hellften Morgenlichte" ausgeftellt, ein eigenthümlich frifches, wirkungsvolles Landfchaftsbild. Jener kleineren naturaliftifchen Landfchaft, die fich zunächft dem Bilder markte zuwendet, hätte die Landfchafts compofition im grofsen monumental- decora tiven Sinne, wie fie bei uns der hochbegabte Rahlfchüler Jof. Hofmann in eminenter Eigenthümlichkeit vertritt, gleichfalls auf der Weltausftellung gegenübergeftellt werden follen, um das Bild der öfterreichifchen Kunftbeftrebungen auch nach diefer Seite hin zu vervollſtändigen. Ich weifs es nicht recht, warum die Bildertrilogie Hofmann's, die er in einer etwas feltfamen Künftlergrille, Drama, Tragödie und Idylle" überfchrieb( alfo ein Stück Gedankenmalerei in Landfchafts. form), aus der öfterreichischen Abtheilung exilirt war und fich damals in den Saal der Handelsakademie zu einer wenig dankbaren Separatausftellung zurückziehen mufste. Unter den öfterreichifchen Thiermalern ift der Wiener Otto von Thoren, der fich in Paris aufhält, fichtlich von Troyon's Auffaffungsweife und Manier beein flufst. Seine, Kühe, von Wölfen angefallen" find aus dem Belvedere, feine„ Nähe des Wolfes" aus der Akademie der bildenden Künfte bekannt; fonft brachte er noch mehrere vorzügliche Bilder zu felbftbewufsten hohen Preifen, in denen das Thierftück in die Stimmungslandfchaft wirkfam hinübergenommen ift. Jof. v. Berres, der mehrere fehr gute Bilder ausftellte( ,, Ungarifcher Pferdemarkt"," Hundeporträt",„ Neapolitanifche Ochfenhändler"," Römifche Pferde an der Tränke") zeigt fich der Manier Thoren's ziemlich verwandt, cultivirt aber mit Vorliebe das Rind und das Pferd; G. Ranzoni verbindet wieder die landfchaftliche Stimmung der Pufztafläche oder des Buchenwaldes glücklich mit der Beobachtung des Treibens der Schafheerden. C. Bühlmeyer's fchönes Bild„ Abtrieb von der Alpe" kannten wir aus dem Belvedere; X. Huber brachte Pferde, Kühe, Schaf heerden mit guter Landfchaft dazu, fowie der Salzburger Paufinger wieder das Leben der Gemfen und ihre Jagdbedrängnifs mit Vorliebe ftudirt hat. Es ift' nun Zeit, dafs wir uns wieder zu der grofsen Malerei zurückwenden, die fich auf der öfterreichifchen Abtheilung in Entwürfen, Cartons und Zeichnungen mehr nur als Gaft, denn als Hausgenoffe eingefunden hat. Vom Alt meifter Jofef Ritter v. Führich fahen wir abermals drei Cartons zu feinen grofsen, feierlich ftilvollen Fresken in der Lerchenfelder Kirche, dann eine neuere hochbedeutfame Leiftung von ihm, die Gefchichte des verlorenen Sohnes" in acht Blättern, in Befitze der Kunstakademie. Man fieht in dem letztgenannten Cyclus, dafs feine bedeutende, im geweihten Banne einer ftreng bedingten religiöfen Anfchauung eingefchloffene Idealwelt mit dem Alter nichts an productiver Kraft, an Reinheit und Adel des Umriffes einbüfst. Sein längst bekanntes Belvederebild ,, Maria's Gang über das Gebirge" hiefsen wir gleichfalls inmitten des profanen Welttreibens der Ausftellungskunft mit herzlicher Verehrung willkommen. In diefer religiöfen Idylle liegt foviel echte Schönheit und Poefie, dafs auch ein minder orthodoxes Herz, wie das des Meifters und feiner Partei, fich davon innig ergriffen fühlt. Führich's Schüler, L. Mayer, hat ein älteres Bild ,,, Jerufalem nach dem Tode Chrifti", ausgeftellt, das fich durch eine ergreifende poetifche Stimmung hervorthut, während fein grofser„ Ecce homo" auf der Weltausftellung nicht fonder lich Figur machte. Der Herr fieht bei den religiöfen Darftellungen vielleicht nur auf das Herz, doch wir profanen Menfchenkinder und Kunftfreunde möchten in der Farbe und künftlerifchen Anordnung da auch etwas Erfreuliches zu fehen bekommen. Um nun zu Führich's weltlichem Gegenfatze in der grofsen Malerei überzugehen, fo fei hier der Schule Carl Rahl's gedacht, die freilich der Ausftellung faft ganz fern blieb. Als ein Ehrendenkmal an den aufserordentlichen Meifter wurden feine Farbenfkizzen zu dem Fries für die Univerſität von Athen zur Schau gebracht, und von feinen Schülern war aufser den Ungarn Than und Lotz zunächft der hochbegabte, der Kunft allzu früh entriffene Ed. Bitterlich, mit feinen Cartons für Die Malerei. 13 den Vorhang im Opernhaufe und den decorativen Entwürfen für das Palais Guttmann, dann Chriftian Griepenkerl mit der Aquarell- Studie feines Hochzeitszuges des Poſeidon und der Amphitrite und vier Entwürfen zu den Wandmalereien im Sitzungsfaale zu Athen fehr bedeutfam vertreten. Von den älteren Meiftern, an deren Namen fich bereits ein kunfthiftorifcher Begriff knüpft, hatte fich Ed. Steinle unter den Aquarelliften eingefunden; er erzählte uns in feiner Weife, mit finnig feiner Auffaffung die Gefchichte des Kaufmannes von Venedig, aber mehr als ein naiv romantifches Märchen, wie als eine malerifche Wiedergabe des Shakespeare'fchen Stückes. - Dem hiftorifchen Stile, weniger was den Gegenftand, als die Art der Behandlung betrifft, gehören nun auch die grofsen Bilder von Canon an, die fich jedenfalls den hervortretendften Kunfterfcheinungen der Weltausftellung anreihten. Er ift ein Künftler von grofser, allerdings gefuchter Eigenthümlichkeit; man merkt bei ihm fofort die Abficht, feine Bilder gleich als Galleriewerke von der Staffelei herabzunehmen. So tritt denn Canon gewiffermafsen in eine nachträgliche Concur. renz mit den alten Meiftern und reproducirt mit kluger Berechnung der Wirkung ihre Technik und Manier freilich weniger in Rückficht darauf, wie fie unter dem Pinfel wirklich entftanden ift, als wie fie nach der Hand ausfieht. Es hat denn auch, wie Fr. Pecht bemerkt, das Colorit feiner fämmtlichen Bilder etwas Gläfernes und Gelbes, als ob ein dicker, alter Firnifs auf ihnen läge". Ich halte diefe Richtung für bedenklich, obgleich Canon mit einer ftark ausgeprägten künftlerifchen Individualität für fie einfteht. Das Befte, was man von den claffifchen Schöpfungen der älteren Malerei fagen kann, ift diefs, fie fähen aus, als wären fie heute gemalt; für zweifelhafter halte ich den Vorzug eines modernen Werkes, von dem man behauptet, es fähe einem venezianifchen oder flandrifchen Bilde frappant ähnlich, bis auf die zur Täufchung mitgehörige Umbildung des Colorits durch die Zeit. Canon fchliefst fich übrigens nicht nur in der Technik, in dem Streben nach Kraft und Tiefe der Farbe ( doch ohne jene feiner empfundenen Vermittlungstöne, welche immer ein Geheimnifs der originellen Meifterfchaft bleiben) gewiffen claffifchen Vorbildern an- er thut es auch in dem künftlerifchen Gedankenzuge, in der ganzen Weife der Compofition. So ift denn fein grofses Bild ,,, die Loge des heiligen Johannes", welches einen Ehrenplatz im Centralfaale einnahm und nun dem Belvedere angehört, etwa in der Weife einer Santa converfazione oder eines religiöfen Ceremonienbildes aus der beften italienifchen Kunftzeit zurechtgedacht. Erft bei näherer Betrachtung fehen wir, dafs das vermeintliche Altarblatt eine moderne Aufklärungs- Idee mit den Ausdrucksmitteln der alten religiöfen Kunftconvenienz fymbolifirt. Neuen Wein giefst man nicht in alte Schläuche der Spruch aus dem Evangelium gilt auch hier. Ift ein moderner Inhalt malerifch auszudrücken, fo fei auch die künftlerifche Ausdrucksweife, die Art der Symbolik, ebenfo der technifche Vortrag ein folcher, dafs man es fühlt, der ganze Gegenftand des Bildes fei nach Stoff und Form aus der modernen Empfindung frifch und urfprünglich emporgeftiegen. So wie Canon das Bild gemalt hat, macht es trotz des würdig- ernften, feierlichen Aufbaues feiner Compofition eher den Eindruck abfichtlich geiftreicher Täufchung, gleichfam eines rationaliftifch gefälfchten Altarblattes- es wirkt mit einem Worte nicht überzeugend, fowie auch den einzelnen, rein figurirenden Geftalten die innere Befeelung fehlt. Zuletzt kommt man auf die Vermuthung, der Künftler fuche zu feinen technifchen Experimenten die Stoffe, nicht umgekehrt zu den Stoffen, die ihn erfüllen, den entsprechend technifchen Ausdruck. Sein„ Rüdenmeifter"," Der Fifchmarkt", der, Page" und die„ Früchteträgerin", die ebenfalls ausgeftellt waren- jedes diefer Bilder geiftreich durchftudirt und von merkwürdiger, kühner Energie der techgehören, wie die geiftlichen Herren in der Loge St. Johannis in diefelbe Gattung der mehr künftlichen, malerifchen Probleme. nifchen Behandlung - - Nur im Vorübergehen kann ich hier der fehr fpärlich vertretenen Gruppe der böhmifchen Maler gedenken, die fich im Ausstellungsgedränge fo ziemlich verlor. Chr. Ruben hat zu feiner Zeit, als er noch Akademie director in Prag war, 14 Dr. Jofef Bayer. eine gewiffe akademifche Richtung im Münchener Sinne, freilich formal- kalt und ziemlich abgeftanden, dahin verpflanzt und diefe nicht eben fruchtbaren Einflüffe fcheinen noch immer nachzuwirken. Es hat fich dort eine matte, hiftorifirende Richtung feftgefetzt, die zwifchen energifchem Naturalismus und höherem Stil fo akademifch in der Mitte hängt und fchwebt; felbft tüchtige und edel angelegte Talente, wie Carl Swobodą, von dem„ Die befiegten Mailänder vor Kaifer Bar baroffa" ausgeftellt waren, konnten fich davon nicht recht frei machen. Einen eigenthümlicheren Weg fchlug fpäter Jof. M. Trenkwald ein, obgleich er aus ähnlichen Schuleinflüffen feine künftlerifche Herkunft leitet. Sein grofses Bild: ,, Leopold des Glorreichen Rückkehr vom Kreuzzuge", welches fich jetzt im Belvedere befindet, hat eine Menge äufserft fein empfundener Einzelheiten, während es auf den eigentlich hiftorifch- dramatifchen Zug, auf die zufammenfaffende Einheit des Eindruckes faft ausdrücklich verzichtet. Es ift ein echtes Hiftorienbild der romantifchen Gattung, von einer mehr in erzählender Art fich ausbreitenden Compofition, die fich in der liebevollften Ausführung der einzelnen Epifoden mit finnigem Behagen ergeht. Sonft bleibt von den Prager Malern nicht viel zu berichten. Em. Lauffer fchlug mit dem Bilde, Graf Eberhard der Greiner, der feinen Urenkel nach der Schlacht bei Difflingen begrüfst"( im Kaiferpavillon ausgeftellt) in die akademifch hiftorifirende Hauptrichtung der Prager Schule, aber nicht ohne namhaftes Talent und eine gewiffe Frifche und Kräftigkeit des Vortrages. Von dem der Kunft leider durch den Tod entriffenen, trefflichen Porträtmaler Johann Brandeis fahen wir ein vorzügliches, fcharf bezeichnetes Bildnifs. Guido Manes hat ein anziehendes Talent fürs Genre, das fonft in der Prager Schule fehr wenig gepflegt wird; ebenfo Victor Barvitius. Jof. Hellich malt nach einer langweiligen, aber erbaulichen Schablone, die ihm für Stil gilt, religiöfe Hiftorien; etwas Aehnliches, wie diefer in feinen Kreuzwegbildern, thut auch Anton Jedlitzka in feinen, Werken der Barmherzigkeit." Fr. Sequens( gegenwärtig in Rom) hat fich, wie wieder feine letzte Verkündigung Maria's" zeigt, faft unrettbar in die Vorbilder Fiefole's und der älteren Sienefen verfchaut. Eine ftarke Neigung zur Gefchichtsmalerei, mehr von nationalen Inftincten, als einem künftlerifchen Programm ausgehend, finden wir fowohl bei den Polen als bei den Ungarn. Jene werden nicht müde, ihr politifch zerftücktes Vaterland im Bilde wenigftens als Ganzes wieder herzuftellen, den Ruhm und die fchweren Leidenszeiten desfelben mit aller vergegenwärtigenden Kraft der Farbe und der ausdrucksvollen Charakteriſtik neu auferftehen zu laffen; bei ihren magyarifchen Nachbarn, deren nationale Landespolitik ebenfo in ihrem ftark ausgeprägten, special hiftorifchen Bewufstfein wurzelt, nimmt diefer Cultus der gefchichtlichen Erinnerungen, wie eine malerifche Feftfeier der politifchen Verjüngung Ungarns, fogar einen officiellen Charakter an: fo insbefondere in dem Compendium der ungarifchen Gefchichte in Bildern, das Lotz und Than für das Treppenhaus des Nationalmuseums entworfen haben und welches gerade von Attila bis auf Koffuth hinabreicht. Künftlerifch fteht aber die hiftorifche Elegie der Polen jedenfalls höher als der nationale Gefchichtspanegyricus der Magyaren, aus deffen bildlicher Darſtellung man förmlich die Eljenrufe herausfchreien hört. Wie quantitativ- ftark aufser jenen fehr tüchtig und achtenswerth, wenn auch etwas conventionell gezeich neten Stiegenhaus Compofitionen die Recapitulation der Landesgefchichte in der ungarifchen Kunft fonft noch vertreten ift, zeigt fchon ein flüchtiger Blick in den Katalog. Da wäre z. B. das Bild:„ Tölöki im Schloffe Arva, feinen Sohn zur Flucht drängend" von B. Székely; ,, Ladislaus Pofthumus unter Cilly's Bevormundung von demfelben;„ Nach der Marchfelder Schlacht" von Moriz Than;„ Die letzten Momente der Vefte Szigeth" von Fr. We ber; Gabriel Bethlen unter feinen Gelehrten" und„ Georg Dozfa, der Freiheitsmärtyrer" von V. Madarász. Allent halben fehlt es da an der künftlerifchen Sichtung und Auslefe des Gegenftandes, ebenfo an der dramatifchen Concentration des bedeutfamen Momentes. Das ftofflich patriotifche Intereffe ift durchaus entfcheidend: Alles erfcheint ohne Unterſchied " Die Malerei. 15 nd de fo gte ar en us d: e- es es n- п en er er t er r S 0 e T - malenswerth, was fich zu irgend einer Zeit in Ungarn zugetragen hat. M. Than, der in der Schule Rahl's etwas gelernt hat, macht wohl auch hier eine rühmliche Ausnahme und hat in der That ein Gefühl für dasjenige, was der hiftorifche Stil be. deutet. Wenn wir uns jetzt zu den Polen zurückwenden, fo nimmt da freilich Jan Matejko eine durchaus eminente, eigenthümliche Stellung ein. Wir können ihn den malenden Epiker der vaterländifchen Gefchichte feines Volkes nennen; er hat dem hiftorifchen Leben desfelben wie Keiner auf den Puls gefühlt. Ohne alle formalen Stilrückfichten geht er direct auf den Gegenftand los und fafst ihn mit energifcher Hand; er ift der Charakteriſtiker oder, wenn ich fo fagen darf, der Phyfiognomiker der polnifchen Gefchichte und fieht den Königen, den Magnaten, den Staroften und den Pfaffen feines Vaterlandes auf Jahrhunderte zurück ſcharf ins Geficht, als ob fie leibhaftig vor ihm ftänden. Obgleich in leidenfchaftlicher Theilnahme, in Liebe wie im Schmerz ganz in dem Gegenftande befangen und dahingenommen, den er fchildert, völlig ein fubjectiver Parteimaler durch und durch hat er doch eine Schärfe und Beftimmtheit der Charakteriſtik, eine ganz aufsergewöhnliche Energie der Geftaltung, mit der er Menfchen und Vorgänge in faft beängftigender Nähe vor unfere Augen rückt. Er verräth uns die intimften Züge des polnifchen Volkscharakters und deutet ihn, legt uns ihn im Bilde aus, ohne es eben zu beabfichtigen wir, die wir als ruhigere Befchauer vor jenen grofsen, figurenreichen Haupt- und Staatsactionen aus der polnifchen Gefchichte ftehen, fehen dann in diefen leidenfchaftlich unftäten oder unklar hinbrütenden Blicken, in diefen Stirnfalten und Gebärden den Schickfalszug, der durch die Erlebniffe des ganzen Volkes bis zu feinem ftaatlichen Ausgange hindurchzieht. Etwas Dumpfes und Gebundenes, in der Intelligenz fowohl wie im Willen, geht durch jene Charaktertypen; man lieft es in ihren Mienen, wie bei dem Nationalhelden Stephan Bathory in der Scene mit den Gefandten Iwan des Graufamen heraus, dafs fie im entfcheidenden Augenblicke, felbft auf der Höhe glänzender Erfolge, nicht das Schlagwort des richtigen Entfchluffes in ihrer Bruft finden werden. Da tritt die fchlangenkluge Vermittlung, welche die Wirkung der That im letzten Moment abzufchwächen und zu fälfchen verfteht, fofort in ihr Gefchäft ein; fo hier der geiftvoll charakterifirte päpftliche Legat, der mit den feinen, fegnenden Diebsfingern fo gefchickt den Erfolg des Schwertes zum gröfsten Theile wieder zu entwenden weifs. In der That find eben diefelben Polen, die wie die Palatine, Magnaten und Landboten des Reichstages auf einem anderen Meifterbilde Matejko's, fich von der Predigt eines rhetorifchen Jefuiten, des Scarga, fo kinderweich zerknirfchen liefsen, gelegentlich der Ueberliftung eines diplomatifchen Jefuiten, wie jenes Antonio Poffevini, immer zugänglich gewefen. Die kirchliche Abhängigkeit, ein fo bezeichnender Zug in dem Staatsleben Polens tritt faft überall in den Bildern Matejko's heraus: fo auch in der„, Union der Polen und Lithauer zu Lublin"( 1569), einem ceremoniellen Staatsact, der mit allem erdenklichen religiös theatralifchen Pomp in Scene gefetzt ift, wo die Verbindung des kirchlich- feierlichen mit einem naiven politifchen Pathos, das Weihevolle und Aufgeregte fo durcheinander gehend faft fchon einen kindifch barbarifchen Eindruck hervorrufen. Aber gerade in diefer charakteriftifchen Wiedergabe ift das grofe Gemälde durchaus meifterhaft, und das Feftliche der Situation gibt auch der Farbenpracht Matejko's den Anlafs, hier in ihrer vollen intenfiven Kraft fich zu zeigen, obgleich er die Technik hier noch nicht mit fo freier Meifterfchaft beherrfcht, wie auf feinem Bilde von Stephan Bathory. Auch als Colorift ift übrigens Matejko zunächft Charakteriſtiker; die Farbe, fo glänzend und kräftig fie bei ihm leuchtet, ift bei ihm Ausdrucksmittel, nicht eitel Selbftzweck; fie gehört eben mit zur finnlichen Erfcheinung der an fich fo bunten, farbenprunkenden polnifchen Gefchichtswelt, die uns der Künſtler von innen und aufsen fo wahrheitsgetreu vorführt. " In der Art, wie er feine Technik handhabt, zeigt fich wohl auch der kühne aber auch unruhige Zug feines echt nationalen künftlerifchen Naturells; fo bringt 2 16 Dr. Jofef Bayer. er denn feine glänzenden Vorzüge nie ganz ins Gleichgewicht. Er hat von dem Warfchauer Reichstag von 1773 in unferem Belvedere bis auf feinen Stephan Bathory, wie ein kundiges Urtheil( von Fr. Pecht) über ihn befagt, die bedeutendften Fortfchritte in der Ausprägung der Charaktere, des Individuellen gemacht, aber zum Theil auf Koften der Gröfse der Auffaffung; das„ Gypferne" in der Färbung, die violetten kalten Lichter, die noch eines feiner vorzüglichen Frauenporträts auf der Ausftellung zeigte, wäre überwunden; dafür ift die ganze coloriftifche Behandlung fleckig, haltungslos und unruhig geworden, jedes Detail fcheint ohne Unterordnung nur für fich da zu fein, Alles fchreit durcheinander und von Harmonie und Stimmung ift kaum mehr die Rede; zudem bekommt im ,, Bathory", wo zu den Farben noch das Weifs des Schnee's blendet und es auf dem Bilde faft keine Schatten gibt, das Ganze dadurch beinahe etwas Gobelinartiges. Indefs find dies bei alledem beneidenswerthe Fehler, fo auffallend fie immerhin fein mögen, und gehen aus einer ausnehmend malerifchen Kraft her vor, die nur ihr Mafs fofort nicht zu finden weifs; wenn Matejko auch wirklich die edle, ftrenge Plaftik feiner Form über der einfeitig entwickelten Energie der coloriftifchen Gegenfätze einigermafsen vergeffen zu haben fcheint, fo dürfte er wohl auch feine achtungsvollen Tadler bald wieder mit einer neuen, aus geglicheneren Wendung feiner Technik überrafchen. Seine Porträts, deren mehrere von hohem eigenthümlichen Werthe ausgeftellt waren, haben denfelben fcharf ausgeprägten nationalen Zug, wie feine hiftorifchen Typen, ja fie find wohl noch fubjectiver gefafst als diefe. Ein gutes Stück polnifchen Gemüthslebens ift in diefe originellen Bildniffe durchgängig verfenkt. Matejko malt eben das Vater land wenigftens als Stimmung zu Allem mit, was er malt. - Neben diefem glänzenden Talente nehmen nun die anderen Maler der galizifchen Landsmannfchaft eine zum Theil zwar fehr achtungswerthe, aber doch untergeordnete Stellung ein. Unter den Zeichnern und Aquarelliften hatten fich mehrere derfelben mit fehr fchätzenswerthen Leiftungen eingefunden: fo Julius Koffak und Valery Eljasz aus Krakau, Fr. Tepa aus Lemberg. Der Erftere, wohl der Bedeutendfte, wirft Reiterattaquen und Kriegsepifoden in glän zender und geiftreicher Aquarelltechnik aufs Blatt; Eljasz verherrlicht die Waffenthaten Kosciuszko's, und Tepa fchildert in netten Genreftudien galizifche Bäuerinen, ackernde Bauern und polnifche Juden. Zum Schluffe hebe ich, da ich eben bei den Zeichnern angelangt bin, noch ein fehr beachtenswerthes Talent in der ungarifchen Abtheilung hervor, das einen ziemlich felbftftändigen, wenn auch etwas abenteuerlichen Weg geht; es ift Mich. Zichy, der eine ganze Reihe von Kohlen, Sepia und Bleiftiftzeichnungen, drei Aquarelle, und aufserdem zwei Cartons(, Chriftus und die Priefter", dann Luther und der Papft") ausgeftellt hat. Es arbeitet in ihm ein gährender Compofitionsdrang, der mitunter die feltfamften Blafen treibt, aber fich vielleicht zu wirklicher Bedeutung herausklären dürfte, wenn zu der Kühnheit des Gedankenwurfs noch die Bildung des künftlerifchen Gefühles, der Sinn für den Adel der Contour hinzuträte. Ohne diefes bleibt das Grofse der Kunft nur in der Intention ftecken, und der effective Eindruck, der wirklich erreicht wird, ift nur der der Bizarrerie. II. Deutfches Reich. ,, Die bildende Kunft hat in Deutfchland feit der letzten Weltausstellung zu Paris 1867 durch den politifchen und materiellen Auffchwung des Reiches einen gewaltigen Zuwachs an Aufgaben und glänzende Mittel zur Ausführung erhalten Zur augenblicklichen Befriedigung des plötzlich erwachten Bedürfniffes nach feft licher Pracht hat fich die blofe Ausdehnung der vorhandenen künftlerifchen Elemente nicht als ausreichend erwiefen. Man fucht nach reicheren Ausdrucksmitteln, als die feit dem Anfang des Jahrhundertes herrfchende knappe Formenftrenge des Clafficismus fie gewährt. Die decorative Malerei und Plaftik, auf lange hinaus völlig em an d. nt. er n. 0- ail nd m uf де ch er er 5. t r h , Die Malerei. 17 vernachläffigt, werden zu frifchem Leben erweckt... Für die Malerei und Plaſtik überhaupt hat der zunehmende Reichthum den Vortheil gehabt, dafs fich das Bedürfnifs, Kunftwerke zu befitzen, in überrafchender Weife gefteigert hat. Die alten Kunftvereine haben ihre unterſtützende Wirkfamkeit zum gröfsten Theile einftellen können; ftatt der fonft gewöhnlichen Gypsmodelle zeigen die Ausftellungen fertige Arbeiten in Marmor und Erz. Die ältere Richtung, welche fich mit einer gedankentiefen Erfindung begnügen zu können glaubte, ift verfchwunden; man fordert tüchtige Ausführung und volle malerische Erfcheinung des Bildes, in der Sculptur genaues Verſtändnifs und fichere Beherrschung aller Mittel." An diefe Sätze, die dem Vorworte zu dem Verzeichniffe der Kunftwerke im amtlichen Ausftellungskataloge des deutfchen Reiches entnommen find, knüpfe ich meinen Bericht über die deutfchen Säle der Kunfthalle an Wohl ift da zunächſt auf den techniſchen Fortfchritt, auf die zunehmende Sicherheit in all dem, was das Aufsenwerk der Kunft betrifft, der entfcheidende Nachdruck gelegt- und an diefer Stelle nicht mit Unrecht. Es ift diefs der Weltausftellungs- Standpunkt, der bis zu einem gewiffen Grade auch auf die Kunft Anwendung findet. Sobald fie fich auf diefer grofsen Arena des technifchen Wettkampfes mit der Induſtrie, den Gewerken, dem Maſchinenwefen zugleich einer gemeinfamen Prüfung unterzieht, mufs fie fich auch einen verwandten Mafsftab der Schätzung gefallen laffen. Der äufserliche Fortfchritt, wie er fich in der ficheren und erfolgreichen Handhabung der Kunftmittel zeigte, beftimmte daher auch wefentlich das Urtheil der Ausftellungsjury, die eine andere Inftanz ift, als jene, aus der die kunftwiffenfchaftliche Beurtheilung ihr Verdict fällt. Die letztere braucht zur Ueberfchau des Fortfchrittes auf diefem Gebiete weit längere Abſchnitte, als es die Ausftellungsepochen find. Der Stoffkreis der Kunft, der Hauptzug des künftlerifchen Erfindens und Geftaltens kann fich in fo wenig Jahren nicht wefentlich verändern; neue entfcheidende Richtungen können nicht leicht von einer Weltausftellung zur anderen wachfen und reifen, wohl können aber neue Fertigkeiten durchgeprobt, die Mache kann ficherer, der Vortrag glänzender geworden fein. Es ift damit nicht ausge fchloffen, dafs inzwifchen die Kunft auch innerlich gewachſen fein kann; aber was fie zunächft an äufseren Ausdrucksmitteln gewonnen hat, das ist dasjenige, was fich nach fo kurzer Zeit im Ganzen deutlich fehen und nach feinem Werthe beſtimmt abfchätzen läfst. - Diefsmal freilich ift der Fortfchritt in der deutfchen Malerei kein fo ganz äufserlicher aber doch nicht wieder fo intenfiv und durchgreifend, wie Manche es durchaus annehmen, denen das kritifche Urtheil mit dem Patriotismus und der Siegesfreude durchgeht. Die Kunft hat ihren eigenen Gang, der fich manchmal fogar in einen Flug verwandeln kann aber nie geht fie im Marfchtempo völlig gleichen Schrittes mit den Thatfachen. Sie wächft nicht auf den Exercierplätzen und Schlachtfeldern, fondern nur in den Ateliers und Kunftfchulen grofs. Diefe find eben ihr Exercierplatz. Die entfcheidenden Zeitereigniffe haben, abgefehen von einzelnen ftofflichen Anregungen in den nicht einmal allzu zahlreichen Zeitbildern, den Hauptzug der deutfchen Malerei insbefondere nicht wefentlich beeinflusst; und follte diefs noch gefchehen, fo bedürfte es dazu einer längeren Nachwirkung. Die Kriegsbilder entfcheiden da auch nichts. Die Palette für diefe neuen militärifchen Ereigniffe war fchon früher vorbereitet und zum guten Theile finden wir fie in denfelben längft bewährten Händen. - Wenn nun auch die deutſche Kunft nicht mit klingendem Spiele und wehen den Fahnen, gleich den deutfchen Heeren, avancirte fo merkte man doch mit freudiger Ueberrafchung auf unferer Ausftellung, dafs fie auf ihre Art im Stillen vorwärts gegangen war, indefs man gerade fein Augenmerk auf andere Dinge richtete. Es regt fich wieder der Wein im Faffe; eine Gährung, die ftiller verläuft, nicht eben tumultuarifch, aber nachhaltig ift, geht im deutfchen Kunftleben der Gegenwart vor fich und wird wohl nach einiger Zeit ihre Ergebniffe ans Licht ftellen. Der Drang nach realem Lebensinhalt, das gefunde Streben, in diefer 2* 18 Dr. Jofef Bayer. Richtung den Beobachtungs- und Darftellungskreis zu erweitern, gibt fich vielfach und in erfreulicher Weife kund. Die Malerei der letzten Epoche geht nicht auf monumentale Eroberungen aus; fie bringt nicht neue Ideen, wohl aber mannigfachere Ausblicke ins naheliegende, wirkliche, und eben auch bedeutfame Dafein. Jene Nebelbildungen, die zwifchen abgefchwächtem- Realismus und unwahrem Idealismus eine ſchwankende Mitte einnahmen, all jene Reflexe der Tafchenbuch- Empfindfamkeit und die fentimentale Pinfelei von ehedem diefes und Aehnliches ift durch die fcharfe Luft, die unfere Zeit durchweht, meift glücklich hinweggefegt. Ebenfo tritt die Anekdotenmalerei, die blofse illuftrirende Verdeut lichung witzelnder Einfälle nicht ganz fo anfpruchsvoll in den Vordergrund. Die Kunft fpielt nicht mehr blos mit der Realität, fondern läfst fich in ernftem Sinne, mit gründlichem Studium der beobachteten Erfcheinungen auf fie ein. Früher, da die monumentale Richtung der Malerei in München einer edlen königlichen Paffion ihre Pflege zu danken hatte, die dann vorübergehend, freilich nur für wenige grofse Aufgaben, auch auf Berlin überging, da trieb der Realismus bei den mitt leren Talenten, deren Pinfel wandfcheu war und fich blos mit den kleineren Leinwand- Formaten befreunden mochte, nur fo nebenbei fein befcheideneres Kleingefchäft. Die Anekdoten- und Gefchichtchenmaler, die Schilderer häuslichen Glückes und die malenden Kinderfreunde, die Darfteller der Hochzeits- und Kindestaufen- Schmäufe ftellten fich fchaarenweife ein und variirten endlos ihr Thema, indefs Andere zahme Bauernmalerei mit obligatem Citherfpiel trieben oder unferen biederen deutfchen Forftleuten zu jeder Jahreszeit, ja felbft mit Vorliebe bei Hundewetter und Schneegeftöber auf die Pürfch folgten. Es gefchah diefs fchon des lieben Publicums willen, dem es zwifchen den jüngften Gerichten" und„ apokalyptifchen Reitern" der grofsen Malerei doch etwas bange wurde, das auf die neue Münchener Mythenfymbolik der, drei Kronidenreiche" in den Feſtfälen der Glyptothek nicht einzugehen wufste und felbft nicht zwifchen den grofsen malerisch verfinnlichten Hauptepochen der Gefchichte im neuen Muſeum zu Berlin fortwährend Treppen auf- und abfteigen wollte. Eben defshalb, weil die grofse ideale Richtung in der Malerei nicht organifch in dem gefammten deutfchen Kunftleben wurzelte, weil Cornelius, Julius Schnorr, Heinrich Hefs mit ihren Intentionen individuell vereinzelt blieben und über die kleine Gemeinde ihrer Mitarbeiter. eines K. H. Hermann, Ph. Foltz, Hermann Stilke und Anderer ihren Einflus nicht erftrecktenweil ferner das im engften Sinne Perfönliche diefer höchften Kunftbeftrebungen auch nur auf die perfönliche Unterſtützung einzelner fürftlicher Kunftfreunde und Gönner traf: fo drang diefes Hohe der Kunft nicht als circulirendes Blut in die Adern des deutfchen Kunftlebens. Der Idealismus blieb ifolirt im Innern feines Heiligthumes und der Realismus trieb fich gefchäftig im Vorhofe herum, ohne einen höheren regelnden Schulgedanken. Das Publicum hatte das Bedürfnifs, fich von den übergrofsen Gegenftänden einer Malerei, die ihm mit abftracter Fremdheit entgegentrat, bei den allerkleinsten Stoffen und jenen gemüth lichen Geringfügigkeiten, die ihm geläufig waren und Beziehungen Leben hatten, fo gut es'anging, zu erholen. So finden wir in einer kaum noch abgelaufenen Periode der neueren deutfchen Kunft neben das Unpopulär Bedeu tende in harter Nähe den populären Durchschnitt einer untergeordneten Production geftellt- ohne Vermittlung und fichtlichen Zufammenhang. Es wird noch eine Zeit koften, ehe die vornehme Erbfchaft der Kunftgedanken, die fich von Carftens bis auf Genelli in immer neuer Umbildung hinziehen, zum wirklichen Gebrauche angetreten und das von jenen Meiftern nur fkizzirte Bild einer grofsen Kunftepoche in farbiger Lebensfülle neu erftehen wird; künftlich befchleunigen läfst fich nun einmal ein folches höchftes Ergebnifs nicht. Der weit richtigere Weg ift der, den Realismus gewiffenhaft in die Lehre zu nehmen, als einen fchattenhaften Idealismus der Kunft aufzuzwingen oder gar im akademifchen Tone die ennuyante Klage über den Verfall des Stiles erheben zu wollen. zu feinem en on ach cht ber me ah. ennd ch ut Die e. da on ge t - d n h a Die Malerei. 19 Ich möchte es unter den gegenwärtigen Umftänden faft für ein Glück halten, dafs die monumentalen Aufgaben jetzt ausbleiben und die Kunft, die vorerft anderweitig mit fich zu thun hat, durch folche Aufgaben nicht genöthigt wird, ihren Stil zu forciren, ftatt ihn naturgemäfs zu fteigern. Ich finde im Allgemeinen die deutfche Kunft auf dem richtigen Wege. Er geht darauf hinaus, Ernft und Gründlichkeit in die realiftifchen Beftrebungen zu bringen. Man hat früher zu kühn in die Spitze hinaufgebaut, jetzt forgt man für eine breitere Bafis. Die kleineren Gattungen, die früher auch in jedem Sinne klein behandelt wurden, füllen fich mit Leben und Inhalt. Das gefundefte Mittel gegen die Abirrung ins Gedankenhafte, der Sinn für das Charakteriftifche, lebensvoll Bezeichnende tritt immer kräftiger und bedeutungsvoller hervor. Die grofsen dominirenden Erfcheinungen, welche die Strömung des Kunftlebens nach grofsen Richtungen theilen, zufammenfaffen und lenken, find wohl in unferer Epoche ausgeblieben, aber wo fänden fie fich jetzt auch fonft? Was aus der Reihe tritt, trägt weniger den Stempel der vollen Genialität, als den des fogenannten„ glänzenden Talentes", das aus der Umgebung hervorleuchtet, ohne fie aber geiftig fo recht zu beherrschen. Es fcheint überhaupt ein Kennzeichen unferer Epoche zu fein, dafs wir uns mit diefem Surrogat des eigentlich Grofsen, mit dem„ Glänzenden" begnügen müffen und nach der vorherrfchenden Gefchmacksrichtung felbft ganz gern damit begnügen. Wenn wir Alles zufammennehmen, fo tritt die deutfche Kunft, wie fie fich uns in einem umfaffenden Ueberblicke auf der Weltausftellung zeigte, in der Breite Achtung gebietend, ja imponirend auf, freilich ohne fich zu einer bedeutenden Höhe emporzugipfeln. Am wenigften können wir erwarten, dafs fich jetzt fchon ein neuer Gipfel in ihr emporhebe. Wohl aber tritt uns die Tüchtigkeit des künftlerifchen Könnens, der technifchen Gefchultheit vielfacher vertheilt und ausgebreitet entgegen, als es je früher der Fall war. Wir können es nur mit Freuden begrüfsen, jene Grundeigenfchaft, die der Solidität der deutfchen Stammesart entfpricht, auch in der Kunft fo reichlich vertreten zu finden. 99 Ein Moment, welches das Vorwort zum deutfchen Katalog gleichfalls hervorhebt, erfordert auch im Verlaufe diefer allgemeinen Charakteriſtik unfere Beachtung. Es ift diefs die Wahrnehmung, dafs der fpecielle Typus der früheren entfcheidenden Kunftfchulen, nämlich der Münchener und Düffeldorfer, fo gut wie verfchwunden ist und auch in anderen Hauptfitzen deutfcher Malerei, die neu hinzukamen, fich ein folcher gemeinfamer Typus nicht weiter gebildet hat. München ift der Vorort einer fehr regen coloriftifchen Schule" geworden, die von den früheren localen Traditionen völlig abweicht und zunächft auf die Thätigkeit Carl Piloty's, welcher zu Anfang der fünfziger Ja re an der dortigen Akademie zu wirken begann, zurückzuführen ift. Franzöfifcher Einflufs drang da fichtlich herüber, obgleich diefe neueren coloriftifchen Beftrebungen nicht auch in gleicher Weife gegen den Stil die Kühnheit, Lebhaftigkeit und Eleganz des Vortrages eintaufchten. Düffeldorf übt keinen akademifchen Einflufs mehr in beftimmter Richtung; es ift nur noch ein Collectivname für die verfchiedenften individuellen Tendenzen, höchftens durch die Pflege der Landfchaft und dann des Genrebildes in geiftreicherem Sinne nach Knaus' und Vautier's Vorgang fich neu hervorthuend. Das Dresdener Kunftleben hat aufser einer durchfchnittlichen, gemäfsigten Zahmheit nichts befonders Bezeichnendes; Frankfurt am Main, Carlsruhe, Stuttgart bilden locale Kunftniederlaffungen, in denen auch kaum entfcheidende Schuleinflüffe hervortreten; eine fehr namhafte Künftlergruppe, auch noch nach Genelli's Hinfcheiden bedeutend, vereinigt in fich Weimar, wo, wie einft für unfere claffifche Literatur, ein glückliches, wenn auch minder hellglänzendes Geftirn zu leuchten fcheint. In Berlin geht bei wachfender Mannigfaltigkeit der Kunftbeftrebungen immer mehr der grofse hauptftädtifche Charakter hindurch, beiläufig fo, wie wir ihn auch in Wien fanden: ein refolutes Herausgehen der Kunft in ftärkere Wir 20 Dr. Jofef Bayer. kungen, eine ausgefprochene Richtung auf das Glänzende und Effectvolle, das zu dem monumentalen Ernfte der früheren Münchener Epoche einen bezeichnenden, fo ganz modernen Gegenfatz bildet. - Wer denn alfo das deutfche Kunftleben der Gegenwart durchaus fchematifiren und fo hübfch überfichtlich nach gewiffen allgemeinen Erkennungszeichen der Schulen fich zurechtftellen möchte, der würde gerade jetzt bei feinem„ kriti fchen Bestreben" etwas in die Enge gerathen. Käme es auf eine ganz genaue Charakteriſtik an, fo müfste man im einzelnen Falle nach den Einflüffen, die von den Ateliers namhafter Künftler ausgehen, Umfrage halten nicht weiter mehi oder nur in zweiter Reihe nach denen der akademifch geregelten Schulen. Die innere gröfsere Ausbreitung jener Richtung, die fich entfchieden den coloriftifchen Wirkungen zuwendet, lockert den uniformen akademifchen Schulzwang, um aber umfomehr den Einfluss perfönlicher künftlerifcher Anregung zu fteigern. Freilich wirken bedeutende Coloriften zunächft nur für das Machwerk fchulbildend, nicht auch für die Kunftideen und Auffaffungsformen. Das Band, welches lediglich die Technik zwifchen Meifter und Schüler knüpft, ift für kurze Zeit ein höchft intimes, um fich aber dann ebenfo fchnell wieder zu löfen da nur eine gewiffe Ideengemeinfchaft, wie fie der Stil und die Compofition allein gibt, jenes Band für die Dauer zu befeftigen vermag. Daher auch die ziellofe und bunte Mannig faltigkeit des gegenwärtigen deutfchen Kunfttreibens in Allem, was Wahl und Behandlung der Stoffe, überhaupt die eigentlich geiftige Auffaffung betrifft: eine Mannigfaltigkeit bedenklicher Art, die man faft Zerfplitterung nennen möchte. - Das Ueberhandnehmen des coloriftifchen Elementes führt häufig zur Gleich giltigkeit gegen die geiftige Bedeutung des Stoffes oder zur Abfchätzung desfelben nach dem Effect. Die Farbe ſpricht eine Allerweltsfprache in der Kunft; gewiffenhaft verwendet fteht fie im Dienfte der fcharfen individuellen Charakteriſtik- wenn fie aber blos auf das Gefällige und Elegante losarbeitet, dann macht fie Zugeftändniffe an jeden Modegefchmack. Sie treibt in der Kunft von Innen heraus das Lebensblut ins Antlitz, aber fie trägt auch die cokette Schminke auf die Wangen. Es gibt eine folche coloriftifch gefchminkte Modekunft, die mit den Wirkungen eines im grofsen Sinne ftudirten Colorits nichts gemein hat; fie macht jetzt ihre Reife durch die Welt und verfucht gelegentlich auch ihre Erfolge in der font ehrlichen deutfchen Kunft. Zum Glücke nur gelegentlich. In der Regel gebraucht man bei uns Deutfchen die Farbe als Ausdrucksmittel, nicht als Selbftzweck coloriftifcher Bravour und Coketterie. Bei allem löblichen Bemühen, die Kraft und Harmonie derfelben zu ftei gern, widerfteht man doch in den meiften Fällen mannhaft der Verfuchung, fich in eine banale, weltläufige Popularität hineinzumalen. Die Deutfchen haben zu wenig kecke Courage, eben auf alle Abenteuer des Pinfels einzugehen; eher ver tiefen fie fich einmal nach ihrer Art in eine feltfame Farbengrübelei, von der der hochbegabte Arnold Boecklin in feinem„ Centaurenkampf" und noch mehr in feiner miftifchbunten„ Pietà" die verwunderlichften Beiſpiele gegeben hat. Sonft bewegt fich in der Regel die deutfche Farbengebung nicht zwifchen den weiteften Extremen; eine feine, aber doch geiftreich bezeichnende Eleganz wie bei Ram berg, eine glänzende, auf die Gefammtwirkung wohl calculirte Farbenharmonie wie bei Piloty, eine für den Zweck des feelifchen Ausdruckes und der aller beſtimmteften Menfchendarstellung mit etwas fpitzem Pinfel hingefchriebene Farbe bei dem genialen Ludwig Knaus, dann das warme, leuchtende, wenn auch nicht immer wahre Colorit des Berliner Farbenvirtuofen Guftay Richter- diefs wären fo einige Haupttöne in der chromatifchen Scala der modernften deutfchen Malerei. Zwifchendurch ſteht eine Reihe der refpectabelften Künftler, welche die Farbe nur wie eine fefte, ausgefchriebene Handfchrift gebrauchen, ohne Rückficht darauf, ob fie zierlich ausfieht, wenn fie nur den künftlerifchen Zweck deutlich und ganz ausdrückt. Ich meine damit folche Maler, welche wirklich mit dem Pinfel ihre Sachen hinfchreiben, nicht blos ihr gezeichnetes Concept illumi VO Die Malerei. 21 niren, wie es früher bei den fchwächlichen Nachzüglern der ftiliftifchen Richtung der Brauch war. Einen bezeichnenden Pinfelftrich voll Beftimmtheit und deutlicher Energie führt da der ältere Berliner Adolf Menzel, immer mit der Abficht auf das Auszudrückende, nicht auf die finnliche Wirkung der Farbe. Freilich gibt es von da herab auch manche Abftufungen bis ins Trockene, vor dem nur eine fo bedeutende künftlerifche Perfönlichkeit glücklich zu bewahren vermag. Nach diefen allgemeinen Bemerkungen wäre es an der Zeit, auf die ein zelnen Gattungen und die Pflege, deren fie fich gegenwärtig in der deutfchen Malerei erfreuen, in Kürze einzugehen. Aus herkömmlichem Refpect beginnt man gewöhnlich mit der religiöfen Hiftorie, die auf dem geräufchvollen Fefte der Arbeit und Induftrie freilich ein etwas allzu feierlicher und fremder Gaft war. Adalbert Begas aus Berlin brachte ,, eine Mutter mit dem Kinde" in edlem claffifchen Gefchmack gemalt, obgleich der Madonnencharakter da etwas zweifelhaft ift; Erich Correns in München zeigt in feiner heilige Familie" viel Anmuth und Feinheit der Empfindung, und Carl Müller in Düffeldorf hat in feiner. ,, Ruhe auf der Flucht nach Egypten" die Innigkeit Fiefole's und der Sienefen ohne jede nazarenifche Affectation unferem Verftändniffe glücklich nahe gebracht. Ein jugendlicher Johannes der Täufer von Ferdinand Schaus in Berlin erinnert nicht eben zu feinem Schaden ftark an Murillo; das Bild ,, Noli me tangere" von Bernhard Plockhorft in Berlin, fchon von früheren Ausftellungen bekannt, ift edel, aber wohl etwas zu modern empfunden. Sehr würdevoll vertritt das alte Teftament ein Abraham mit den drei Engeln" von Ne he.„ Das letzte Abendmahl" von Eduard von Gebhardt in Düffeldorf, ein fonft fehr wackeres Bild, macht dagegen ganz den Eindruck, als ob der Künftler den hiftorifchen Jefus ftatt des mythifchen Chriftus im Kreife feiner Jünger hätte malen wollen. Auch diefen ift jeder ideale Reflex benommen, den der Heiligenfchein und die Tradition über ihre Typen verbreitet hat. Ein Verfuch folcher Art, die heiligen Stoffe ins Nüchterne und Realiftifche hinüberzuführen, nachdem die Kraft, fie in idealem Sinne weiter zu geftalten ausgegangen ift, fcheint mir verfehlt. Für die Kunft find die durch Jahrhunderte durchgebildeten Typen des chriftlichen Geftaltenkreifes, die fortgefetzte malerische Arbeit an diefen Idealen, an der fich die gröfsten Künftler betheiligt haben, die nächſte unleugbare Thatfache. Kann man in diefer Richtung weiter empfinden und jene Geftalten neu zur Anfchauung bringen, nun fo male man fie getroft aufs Neue; wenn nicht- fo künftle und rücke man nicht an diefem traditionell gefchloffenen Kreife. Ich fage diefs keineswegs aus religiöfem Standpunkte, der mir persönlich ganz fern fteht, fondern rein in künftlerifchem Sinne. Wie fich das Chriftusideal und die Apofteltypen bis auf Leonardo da Vinci's Abendmahl und die Tapeten Raphael's hinab entwickelt haben, das wiffen wir genau: es find Geftalten, die nicht blos ein gläubiger Wahn, fondern künftlerifche Begeisterung erzeugte, Geftalten, die, um ein Goethe'ſches Wort hier anzuführen,„ ewig find, weil fie find. Von dem wirklichen Jefus und den wirklichen Jüngern haben wir ohne Vermittlung jener Kunfttradition abfolut keine plaftifche Vorftellung; die heiligen Gefchichten fo etwa im Sinne des modernen hiftorifchen Genres verfinnlichen zu wollen, führt wieder zu einer realiftifchen Fiction, die noch weit mehr in der Luft hängt, als alle Heiligenmalerei felbft mit dem fchwülftigften Wolkenapparate. Es ift ganz dasfelbe, als ob ein griechifcher Bildhauer verfucht hätte, die Götter des Olymps nach der euhemeriftifchen Auffaffung der Mythen als ordinäre Menfchen darzustellen. Von gröfserem Intereffe, als wir es der religiöfen Hiftorie entgegenbringen, von einem Intereffe, in welches fich auch der fcharfe Reiz der Streitfrage mit einmifcht, ift für uns allerdings die profane Gefchichtsmalerei, der wir uns jetzt zuwenden. Diefe Gattung hat auch fo ihre kleine Gefchichte für fich, namentlich was die hiftorifchen Stoffe betrifft, die an die jeweilige Tagesordnung des Malens 22 - Dr. Jofef Bayer. kamen. Eine lange Zeit über dominirte das Mittelalter: die deutfche Kaiferzeit jener Jahrhunderte, wo die Edelſteine der alten Reichskrone noch im romantifchen Glanze leuchteten alfo die Ottonen, die Hohenftaufen und für das tragiſch- fentimentale Bedürfnifs die rührende Geftalt Conradins von Schwaben und die Kinder König Manfreds. Heinrich von Ruftige hat uns ganz in der abgeblafsten Manier jener deutfchen Kaifermalerei einen Otto I. geliefert. Es ift in diefer Richtung nicht mehr viel zu holen. Man hat das Mittelalter ganz fo akademifirt, wie früher einmal die antiken Stoffe. Heutzutage, wo das deutſche Reich ein ganz moderner Staatsbegriff geworden ift und das lebhaftefte Tagesintereffe fich feiner vorwärtsdrängenden politifchen Lebensthätigkeit zuwendet, find uns jene grofsen, auf Leinwand übertragenen Bilderbogen aus dem Mittelalter ziemlich gleichgiltig geworden. Jene ganze Malerei war ein Ergebnifs der Gefchichtsromantik und hatte etwas von dem Schattenhaften der Heiligenmalerei an fich. Intereffanter find uns die Gefchichtsmaler, die fich nach perfönlicher Neigung, nicht blos einem allgemeinen Zuge folgend, ihre Helden felbft wählten. Freilich geriethen diefe auch wieder in eine hiftorifche Tendenz- und Stimmungsmalerei, die man fich aber, wie alles Perfönliche, immer lieber in der Kunft gefal len läfst. Mit einer echten Düffeldorfifch fubjectiven Theilnahme, allerdings mit einer über die ganze Schulrichtung weit hinaus gehenden Tiefe und Kraft ver weilte Carl Friedrich Leffing bei der Darftellung feines Lieblingshelden, des Märtyrers Johannes Hufs; dem Aachener Alfred Rethel war es fpäterhin vergönnt, die Gefchichte feines Helden, Carls des Grofsen, für den Rathhausfaal zu Aachen felbft zu malen und ihn dort in bedeutenden Compofitionen bis in fein geheimnifsvolles Grab hinabzuleiten. Auch Carl Bendemann hatte fich viel früher fchon feinen Helden gewählt, den elegifcheften der biblifchen Propheten, aber im Moment einer hiftorifchen Kataftrophe. Die fanfte Düffeldorfer Schwermuth konnte leicht auch in den Ton der Jeremiade übergehen; dennoch bleibt es ein grofses Verdienft des Meifters, dafs er das biblifche Thema nicht mehr im hergebrachten Sinne des Legendenbildes auffafste, fondern es mit einer gewiffen Entfchloffenheit auf den Boden der Gefchichtsmalerei hinüberführte. Bei feinem neuen Jeremias, den er ausftellte( eigentlich benennt fich das Bild ,, Wegführung der Juden in die baby. lonifche Gefangenfchaft") ift diefs noch in gefteigertem Mafse der Fall, obgleich das berühmte ältere Bild mehr Stimmungsgehalt hat. Der kräftig hervorgehobene Gegenfatz des ftolzen Siegers und der theils verzagten, theils in wilder Aufregung begriffenen Befiegten gibt der Darftellung die volle bedeutfame Spannung eines hiftorifchen Momentes; der Prophet felbft fitzt inmitten der brandenden Wogen der Volksleidenfchaften da wie erftarrt in einem grofsen, geiftig vertieften Schmerz, der über die blofe momentan heftige Empfindung des Nationalunglückes in den Maffen weit hinausgeht. Der Triumphzug des chaldäifchen Herrfchers im Hintergrunde ift wirkungsvoll und bedeutfam angeordnet; wie überhaupt diefes Gemälde, wenn es auch unter der Nachwirkung eines älteren Kunftprinci pes gedacht und ausgeführt ift, zu den ganz wenigen, in höherem Sinne componirten Bildern der deutfchen Ausstellung zählt. Die Seele der Die neue coloriftifche Richtung in Deutſchland hat kein eigentliches gefchichtliches Pathos und darum auch keine Lieblingshelden. Sie fchätzt die hiftorifchen Stoffe meift nur nach demjenigen ab, was fich ihnen in der Farbe abgewinnen läfst, und malt aus der Gefchichte Alles, was da gleifst und glänzt, durch Licht- und Farbeneffecte und naturaliftifche Wiedergabe des Stofflichen fich für den malerifchen Tagesgefchmack verwerthen läfst. deutschen Kunft werden wir im Augenblicke gerade bei diefer pompös heraus geftutzten Gattung am wenigften erfragen. An die Stelle der Compofition in grofsem und ernftem Sinne tritt bei unferen modernen Coloriften eine gewiffe raffinirte Kunft der Infcenirung, die der Bühne abgefehen und auf das Gemälde übertragen zu fein fcheint. Ein prächtiges Farbenfchauftück diefer Art, mit glück Die Malerei. - 23 licher Verwerthung localer ethnographifcher Studien höchft brillant arrangirt, ift der vielbefprochene" Pyramidenbau" von G. Richter; freilich vermag uns diefes Bild, wo die Racentypen und Abftufungen der Hautfarbe, die Stoffwirkung der Gewänder, die Färbung des Gefteins und der fonnige Glanz der Atmofphäre, Alles und Jedes genau nach feinem coloriftifchen Werthe abgefchätzt und benützt ift, faft nur finnlich und äufserlich zu befchäftigen, ohne uns zugleich, was auch kaum beabfichtigt war, einen geiftigen Blick in jene fremde und ferne Culturwelt zu eröffnen. Das thut ein jeder bemalte Mumienfarg beffer, ebenfo die Pharaonenbilder im Flachrelief an den Pylonen der egyptifchen Tempel. Von Herodot hinweg führt uns C. Piloty zu Tacitus von dem Bau der Cheopspyramide zu dem Triumphzuge des Germanicus und zu der Cheruskerfürftin Thusnelda. Man entfchliefst fich fchwer, auf das viel gelobte und viel beredete Gemälde nach längerer Zeit wieder zurückzukommen; und doch mufs es an diefer Stelle gefchehen. Was man auch fagen mag: es iſt weit mehr ein Erzeugnifs des Calculs, als wahrer künftlerifcher Begeifterung. Die Bezeichnung„ Senfationsbild", die man auch diefem Kunftwerke, fogar mit Unterftreichung des Wortes gegeben hat, klingt uns etwas verfänglich und bedenklich. Weder der Gottvater Michel Angelo's, der mit einer malerifchen Allmacht ohnegleichen den beiden grofsen Lichtern des Himmels ihre Bahnen zeigt, noch die Sixtinifche Madonna oder die Schule von Athen von Raphael haben jenes fcharfe und herausfordernde Moment in ihrer Wirkung, das man fenfationell nennen könnte; der herrliche Reiterzug am Parthenon Fries hat auch nichts davon, obgleich man mit diefen Werken ein Höchftes in der Kunft bezeichnet. Das Auffehen ift eine Wirkung, die fich calculiren läfst und die der kluge und gewandte Künftler erreicht, wenn er nicht nur die Kunft, fondern auch fein Publicum ftudirt und einen Ueberfchlag der vielfach erprobten Mittel macht, die fchon früher ihre Schuldigkeit gethan haben. So wirkt denn auch Piloty's grofses Bild durch das volle Enfemble jener Mittel, nicht durch einen grofsen, durchgeiftigten Zug. Es ist auch ein fprechendes Exempel hiefür, wodurch fich die malerifche Infcenirung und kluge Kunft des Arrange. ments von einer fchöpferifchen Compofition in grofsem hiftorifchen Sinne unter fcheidet. Man hat oft von dem Theatralifchen diefes Bildes gefprochen; das wäre nicht fo fchlimm, wenn nur richtiges theatralifches Naturell in demfelben wäre, wie etwa in den Bildern der Franzofen. Aber es fteckt ein gutes Stück Munchener, altbaierifcher Schwerfälligkeit in den eingejochten germanifchen Kriegern und den gefeffelten blond- und rothhaarigen Schickfalsgenoffinen Thusneldens; das theatralifche Moment liegt lediglich in dem Arrangement, in der abfichtlichen Zufammenftellung, und drängt fich darum um fo deutlicher auf. Die Heldin felbft, eine ganz moderne Bühnenfigur, fpielt ihre tragifche Rolle fo recht nach der Kunft. Wie ganz anders spricht fich der tiefe, aber gefafste Schmerz in dem ergreifend ernften Antlitz jener antiken Barbarenfrau in der Loggia dé Lanzi zu Florenz aus, die man wiederholt als eine Thusnelda bezeichnet hat! Nun wohl, eine wirkliche Heroine diefer Art würde in die ganze mehr natu raliftifche Conception und den unruhigen Bühnenpomp des Piloty'fchen Bildes nie recht gepasst haben. Die Bedeutung der Situation wird durch eine Reihe einzelner Haupt- und Nebenzüge fehr fcharf bezeichnet und verdeutlicht; was der Künftler nicht in einfacher Gröfse zufammenfasst, fucht er uns durch folche wohlberechnete Details zu erklären. Diefe Details machen das Werk Piloty's zu einem geiftreichen und beredten Bilde, obgleich in jene malerifche Beredfamkeit auch mancher ftörende, vorlaute Ton eindringt; fo insbefondere der frech aus dem Bilde in das Publicum hinauslachende Soldat, der den greifen Barden an feinem langen Barte zerrt und mit der anderen Hand das Prachtexemplar eines Bären an der Kette führt. Die ftachelnde Wirkung des Contraftes geht durch das ganze Bild hin und her. Die vornehmen römifchen Damen auf der Tribüne find zu Thusnelden, diefe zu ihrem Söhnchen, den fie am Arme führt, die gefangenen deutſchen Frauen untereinander, der finftere Tiberius zu dem Triumphator Germanicus u. f. f. 24 Dr. Jofef Bayer. in contraſtirende Beziehung geftellt. Die Compofition des Bildes redet überhaupt keine andere Sprache, als die des Contraftes. Es ift diefs eines der wichtigften Ausdrucksmittel der Kunft, aber er darf nicht allein für fich fprechen und mufs fich einer höheren, zufammenfaffenden Wirkung unterordnen. Ich habe hier aus meiner Empfindung heraus ziemlich viel gegen das Bild eingewendet, aber doch wird man mir zugeftehen, dafs man nur mit dem wirklich Hervorragenden auch im Widerspruch fich fo eingehend befchäftigt. Es bezeichnet das ungemein wirk fame Bild jedenfalls einen Höhepunkt des coloriftifchen Vermögens der deutſchen Malerei und hat auch fonft eine Rhythmik der Anordnung und einen harmoniſchen Flufs der Linien, wie man fie aufser Piloty bei den Meiftern der abfoluten Farbe äufserft felten zu finden pflegt. Die Stoffe die fonft aus der römifchen Gefchichte gemalt zu werden pflegen, bewegen fich um Nero und die erften Chriften herum. Den Erfteren hat eben auch Piloty feit jenem bekannten Bilde, wo er ihn nach dem Brande die Strafsen Roms durchfchreiten läfst, unferen Ateliers näher gebracht und nun wird jener höchfte Repräfentant des Cäfarenwahnfinns bald gemalt, bald poetifch dargestellt wie von Rob. Hammerling, bald gefpielt wie von Cav. Roffi. Die auffallende Vorliebe für diefe Geftalt ift charakteriſtiſch für die extravaganten Kunftgelüfte unferer Zeit. Unfere Coloriften verfteigen fich dabei nicht fo hoch etwas Feuersbrunft, einige Palaftdirnen und Luftknaben und allenfalls ein bischen Feuerfchein und Reflexe auf weifsen, üppig nackten Leibern das meinen fie, wäre im Ganzen recht gut für die Farbe. Nicht völlig nach diefem Recepte, aber auch nicht höher gefafst ift der Nero" von F. Keller in Carlsruhe. Der Tyrann kraut einer vor ihm fitzenden Dirne in den Haaren, während eine andere, hinter ihm ftehend, fich mit den feinigen zu fchaffen gibt; fo fchaut er hinaus über das brennende Rom. Indels fpielt vorn ein nackter Burfche, der fo beiläufig an den Satyr Periboëtes mahnt, die Flöte. Im Ganzen ift wohl das Bild von vortrefflicher Haltung und energifch wirkender Farbe. Den erften Chriften wendet fich wieder Alb. Bauer in Weimar zu. Sein wohlbekanntes, vorzügliches Bild„ Chriftliche Märtyrer werden von ihren Angehörigen zum Begräbnifs abgeholt" ift ein werthvoller Befitz der Gallerie von Düffeldorf. Es hier noch näher zu befprechen, wäre überflüffig; nur im rafchen Vorübergehen werfen wir noch einen Blick auf das mildfchöne Antlitz des todten Chriftenmädchens, das eben aus der Arena getragen wird, um deffen beruhigte Schmerzenszüge ein Himmelstraum von Verklärung und Seligkeit fchimmert. Die Maler der Gefchichts- Anekdote befchäftigen fich noch immer mit Vorliebe mit dem Unglücke fürftlicher Frauen, fchielen aber bei allem fentimentalen Antheile an demfelben zugleich nach der malerifchen Wirkung des Coftümes. Wenn Folingsby, ein englifcher Künftler aus der Piloty'fchen Schule, eine Johanna Gray mit warmer Empfindung malt, fo mag diefs aus dem nationalen Intereffe gerechtfertigt fein. Herterich's" Friedrich mit der gebiffenen Wange" ift dagegen ein Anekdotenbild im engften Sinne und findet fich auch als ein Stück gemalter Hausgefchichte der Erneftinifchen Linie im Befitze des Herzogs von Coburg. A. Treidler's ,, Churfürftin Elifabeth, die heimlich das Abendmahl in beiden Geftalten nimmt", ein gut gemaltes Bild, führt uns wieder ebenfo in die brandenburgifche Familiengefchichte hinüber. Seitdem Schiller im„ Deutſchen Mercur" vom Jahre 1788 die Hiftorie von dem Frühstücke des Herzogs von Alba auf dem Schloffe von Rudolftadt in fo lebendiger Weife erzählt hat, lugt die Illuftrationsmaierei nach diefer Scene aus. Zweimal wurde die entfchloffene Gräfin Katharina auf unferer Weltausstellung wieder verherrlicht, durch Fr. Wiede mann in München und Leop. Löffler in Wien. Nur beiläufig erwähne ich im Uebergang von dem blofen hiftorifchen Anekdotenbild zu dem bedeutfamer erfafsten gefchichtlichen Genrebild der beiden Darftellungen Luther's in feiner Familie, dann im Kreife der Reformationsgenoffen, mit der Bibelüberfetzung befchäftigt, von Spangenberg in Berlin. Es find recht wackere, in der - Die Malerei. 25 Charakteriſtik löbliche Bilder, aber von einem gewiffen philiftröfen Zug, dabei tonlos und trocken im Colorit, fo dafs fie gleich einem Kirchenliede wie ein officiöfer Ausdruck proteftantifcher Empfindung wirken. Das hiftorifche Genrebild der bedeutfameren Richtung holt feine Anregun gen meiftens aus der neueren Gefchichte. Hier find zunächft des Müncheners Wilhelm Lindenfchmidt Bilder zu nennen, die einen hervortretenden Schmuck der deutfchen Ausftellung bildeten:„ Der Tod des Prinzen Wilhelm von Oranien", John Knox unter den Bilderftürmern" und„ Das Abenteuer Ulrichs von Hutten mit den drei Franzofen in Padua". Der Meifter zeigt fich in diefen Bildern durchaus als geiftreicher hiftorifcher Epifodenmaler, der das Erregte eines fpannenden Momentes in richtiger malerifcher Wirkung zu erfaffen und wiederzugeben weifs. Auguft Fifcher's ,, Erftürmung von Rom durch die deutfchen Landsknechte 1527" gehört bei aller Tüchtigkeit der Ausführung doch zunächft unter die hiftorifchen Coftumeftudien, wo die coloriftifch wirkfamen Röcke die Leute machen. Mitten ins gefchichtliche Leben der neueren Zeit greift mit kühner Hand Max Adamo in München in feinem bekannten Bild„ Der Sturz Robespierre's". Die fieberhafte Erregung der revolutionären Krifis ift beinahe mit jenem malerifchen Blick für das Leidenfchaftliche wiedergegeben, wie er fonft nur den Franzofen eigen zu fein pflegt. Von den oberften Sitzreihen des " Berges" bis hinab zu der entfcheidenden Action des Vordergrundes ift Alles lauter Bewegung und Affect; wir fchauen da förmlich hinab in den dampfenden Krater der Revolution. Der Gegenftand hätte wohl eine Ausführung in gröfserem Mafsftabe vertragen, aber es ift freilich die Frage, ob dafür auch die Kraft des Meifters für die beftimmte Charakteriſtik der einzelnen Figuren und die grofsartigere Zufammenftimmung des Ganzen ausgereicht hätte. So, wie wir es da fehen, wirkt das Bild beiläufig in der Weife, als ob es urfprünglich als Farbenfkizze für eine gröfsere Compofition gemeint, dann aber aus jener Skizze heraus beendigt worden wäre. Damit wären wir auch mit der hiftorifchen Gattung fo ziemlich zu Rande. Die gefangenen Cavaliere vor Cromwell", ein älteres, gewiffenhaft ausgeführtes Bild von Conftantin Cretius in Berlin, dann, die Flucht des Winterkönigs aus Prag" von Otto v. Faber in München gehören in die früher ftark gepflegte Claffe der hiftorifchen Calamitätenmalerei, während uns in dem vielbekannten Gemälde Carl Becker's: Befuch Carls V. bei Fugger", das der königlichen Nationalgalerie entnommen war, ein hiftorifches Novellenbild der heiteren und anziehenden Art entgegentrat. Sowie Becker mit Vorliebe feine Stoffe aus dem Kreife der eleganten Welt nimmt, fo verfinnlichte er uns auch hier ganz das vornehme Behagen des feinen Haushaltes eines Geldfürften aus dem XVI. Jahrhundert und läfst unferen Blick wohlgefällig auf der zierlichen Geftalt der Tochter des Haufes ruhen, die uns da wohl mehr noch intereffirt, als Kaifer und Reich und die fo bequeme Tilgung feiner Schulden. Die ideale Gattung der Allegorie, der Mythologie, des Märchens ift eben nur der Convenienz und dem Namen nach ideal; auf ihrem eigenen Felde rückt ihr fogar der Realismus an den Leib. Boecklin erzielt in dem„ Centaurenkampf mit feinem coloriftifchen Experimente eine dem Gegenftande angemeffenere Wirkung, als in feiner„ Pietà".„ Die über ein Schlachtfeld reitenden Walküren" von Auguft v. Heyden in Berlin haben gleichfalls einen kühnen, poetiſch phantaftifchen Zug.„ Ceres, die ihre Tochter fucht" von Ludwig Thierfch in München zeigt etwas von dem Stilgefühle, das zu diefer Gattung gehört, während Robert Beyfchlag's„ Pfyche" mit ihrem gar zierlichen, feinen Soubrettengefichtchen, das wir auch fonft in den Genrefiguren diefes Malers wiederfinden, doch eine andere, als eine mythologiſch- ideale Stimmung anregt. Echter antiker Adel liegt in der„ Iphigenia" von Feuerbach; es weht um diefe Geftalt ein Anhauch von dem Zauber der Goethe'fchen Dichtung. In Henneberg's" Jagd nach dem Glücke" tritt die Allegorie 26 Dr. Jofef Bayer. nicht als ein froftiges Gedankenproduct auf, fondern fteigert fich im Ausdrucke, wie in der Compofition zu einer tieferen, pathetiſchen Wirkung. Die finnreiche Perfonification des Märchens" von demfelben Meifter führt uns auf diefes Gebiet hinüber, das auch, freilich nur nebenher, auf der deutfchen Ausftellung vertreten war. Aber das Märchen felbft blickt uns nicht mehr mit feinen rührenden Kinderaugen aus der altklugen Technik diefer Bilder an. Die Zeit ift vorüber, wo Schneewittchen, Afchenbuttel und die fchöne Melufine mit zarten, fchmiegfamen Leibern, mit leichtem, zierlichem Geiftertritt in den wunderfamen Aquarellcompofitionen von Moriz Schwind, wohl auch von Eugen Neureuther an uns vorübergeführt wurden. Die Realiften find keine guten Märchenerzähler: fie verfetzen die Traumwelt der Fee Mab ins helle beſtimmte Tageslicht und geben ihr den Anfchein einer genreartigen Wirk lichkeit, welche die zartgewobene Poefte des Märchens völlig zerftört. Befonders ift dies bei Hermann Kaulbach's Hansl und Gretel bei der Hexe" der Fall. Auch Bethke in München(, Rothkäppchen") verfteht nicht recht zu fabuliren. Derfelbe Gegenftand von Paul Meyerheim hat die volle Liebenswürdigkeit feiner übrigen Kindergeftalten in genreartigem Sinne, ob fie nun dem Wolfe im Walde begegnen oder nicht, aber kaum den eigentlich märchenhaften Zug. Dasfelbe wird wohl auch von feinem„ Afchenbrödl" gelten. Auch Franz Meyerheim führt uns in ähnlichem Sinne Schneewittchen und Dornröschen eben nur als anziehende Genrefiguren vor. Vom Märchen kommen wir auf die Literaturmalerei, eine Gattung, die bei uns nie ausgehen will. Im Märchen liegt ebenfowohl ein malerifches, wie ein poetifches Element: wenn wir fo fagen dürfen, ein fchwimmender Geftaltenzug, der der Dichtung ebenfo, wie dem Zeichenftift und der delicateren Palette gemein ift. Anders ift es um jene Stoffe beftellt, welche den berühmten Partien der Literatur entlehnt find. Sie repräfentiren eine förmliche Vorfchufsbank für die unproductive Malerei. Der momentane Vortheil ift dabei erfichtlich genug. Jeder Lefer von einiger Einbildungskraft entwirft fich im Kopfe eine Contour zu den populären Hauptfiguren unferer Dichtungen. Man weifs beiläufig, wie diefe Traumzeichnungen im Kopfe ausfallen, wenn man felbft ein belefener Maler ift. Man greift in diefen Durchfchnitt hinein und hat fofort ein Bild. Dem Geftaltungstriebe der Kunft, dem realen ebenfowenig wie dem idealen, ift damit nicht fonderlich gedient. Zwifchen den Blättern der Bücher fteigen die Figuren nur fchmal und dünn hervor: das wirkliche Leben mufs ihnen Fülle und Wahrheit, der eigenthümliche ideale Zug der Kunft höheren Adel geben; das Leihgefchäft der Lecture, das mitten hinein tritt, nimmt auch eine Zwitterftellung zwifchen der idealen und realiftifchen Richtung der Kunft ein, ohne fie nach einer oder der anderen Seite hin zu fördern. Ich will hier die einzelnen Bilder, welche der bezeichneten Gattung angehören, noch keineswegs abfchätzen, wenn ich fie in einer Reihe aufzähle; jedenfalls find es fehr ungleiche Glieder diefer Reihe. Da wäre die Scene vor den Käftchen aus den„ Kaufmann von Venedig" von Ferdinand Barth in München;„ König Alarich's Begräbnifs nach Platen" von M. v. Beckerath in Düffeldorf; die Mutter mit ihrem Kinde an dem Grabfteine des Ritters", nach der Chronik eines fahrenden Schülers von Clemens Brentano, von Leopold Bode in Frankfurt a. M.; wieder eine Scene aus dem Kaufmann von Venedig" von Alexander Gierymski; Fallſtaff in den„ lufti gen Weibern" von Wilhelm Lindenfchmidt; dann Fallftaff mit Dortchen Lackenreifser" von Ed. Grützner;„ Gretchens Erfcheinung in der Walpurgis nacht von Gabriel Max; Siegmund und Siegelinde aus Richard Wagner's küre" von Theodor Pixis in München; Ophelia, Kränze an die Weidenzweige hängend, von Roland Riffel in Düffeldorf; das Waldfräulein von Zedlitz von Paul Martin in München;„ Lear mit Cordelia" von Friedrich Pecht;„ Elaien nach einer Ballade von Tennyfon von Toby E. Rofenthal; Sufanne aus Figaro's Hochzeit" und Gretchen aus" Fauft" von W. Souchon in Weimar; " Wal Die Malerei, 27 Fauft bei den Bauern unter der Linde von Claudius Schraudolph j. in München; ,, Ueberfall Weifslingen's durch Götz von Berlichingen" von A. Wagner in München. Die Lifte ift kaum noch vollſtändig. Wenn wir da eine Auslefe treffen, fo zeigen fich da die gemalten Opernmotive als die leerften und ungünftigften; fie haben den mindeſten geftaltbaren Fonds und fagen vielleicht defshalb den geftaltungsunfähigen Malern am meiften zu: fo insbefondere die aus dem breiten Mufikbrei Richard Wagner's herauffteigenden Figuren, auf die fich Th. Pixis geworfen hat. Aeufserlich am wirkfamften und wohl auch am meiften lebensfähig ift jene Form des Illuftrationsbildes, die völlig in der genreartigen Auffaffung aufgeht; Barth's Porzia und Baffanio" gehört hieher, ein Bild, das fich ganz in die Reihe des coloriftifch beliebten venetianifchen Coftumegenres ftellt. Als humo riftifche Genrefigur mufs immer wieder der dicke Ritter Sir John herhalten, der nicht nur felbft witzig war, fondern auch der verfchuldende Anlafs zahllofer Malerwitze wurde. Grützner's" Falftaff" hat da alle Eigenfchaften eines populären Genrebildes, und in der Charakteriſtik des Helden das richtige fchlemmerhafte Behagen, während die für die Beleibtheit des Ritters fo unbehagliche Wafchkorbsfcene bei Lindenfchmidt mehr mit geiftreichem Pinfel als mit vollem Humor vorgetragen ift. Zu einem altdeutfchen Genrebilde voll gemüthlichen Gehaltes und treffender Charakteriſtik wufste Schraudolph d. j. die Bauernfcene aus Fauft's Ofterfpaziergang zu beleben. Die Situation der Dichtung ift hier nur das anregende Motiv, das dann felbftftändig in malerifchem Sinne durchgebildet ift. Das, Gretchen" von Max ift eine gemalte Vifion, als folche freilich viel zu farbendeutlich und körperlich, aber immer von ergreifendem Eindrucke. Das Gefpenftige liegt da im Ausdruck dem krankhaft Gequälten ziemlich nahe. Diefes Gretchen ift in malerifchem Sinne ganz eine Schwefter jener blinden Chriftin an der Pforte der Katakomben, die der Maler ebenfalls ausgeftellt hat. Uebrigens durchfchritt die Geftalt Gretchens faft alle Säle der Kunfthalle; feit Ary Schefer hat fie es der Illuftrationsluft der Maler angethan. Gabriel Max gefällt fich überhaupt in der Dämmerfphäre poetifcher Stim mungen, mag nun die Anregung dazu literarifch entlehnt oder eine felbftftändige Eingebung fein. Er träumt und dichtet gern, aber doch immer als Maler, und wenn feine Phantafien ganz ins Bild hineinwachfen und in ihm Körper und Farbe bekommen, kann man fie fich wohl gefallen laffen. Ein überreizter Zug der Empfindung, ein Pulsfchlag der Phantafie, der nicht ganz normal ift, zeigt fich wohl überall; er geht den Bildern des Schmerzes, der Sehnsucht, felbft der Luft auf eigenen Wegen nach und verwechfelt wohl das Ungewöhnliche und Frappante manchmal mit dem Bedeutenden. Das Letztere hat trotz der ungeheuren Diftanz mit dem Alltäglichen und Gewöhnlichen das gemein, dafs es ebenfo natürlich und felbftverständlich erfcheint, wenn es einmal in einem Kunftwerke erreicht und ausgefprochen ift. Gabriel Max ift ein Maler der krankhaften und überreizten Exiftenzen, des fahlen, matten Teints, ob er fchon von frommem Martyrium oder der ermüdeten, weltlichen Sünde herrührt. Seine geblendete Chriftin, fein Gretchen mit dem Blutftreifen um den Hals, die junge, frühverblühte Dame von fehr zweifelhaftem Rufe, die nach dem Balle entkleidet im fahlen Frühdämmerfchein auf dem Bette fitzt, gehören der malerifchen Grundftimmung nach in dasfelbe Gefchlecht; krank find fie eben Alle. Auch fein ,, Mädchen im Frühlingsgrün" ift nicht gefund und felbft der Mai, der fie fproffend umgibt, fcheint uns hektiſch angehaucht zu fein. Max ift ein bedeutendes, ernft ftrebendes Talent, aber die höchfte Göttergunft der Begabung, die freiathmende Gefundheit fcheint ihm nicht verliehen zu fein. Die deutfche Kunft fcheint fich deffen bewufst zu fein, dafs fie der fortgefetzten Auffrifchung durch das Volksleben bedarf. Sie begibt fich auf das Land, wenn fie das Bedürfnifs der gründlichen Genefung fo recht dringend fühlt. Was die Dorfgefchichte in unferer Literatur, das ift das Bauerngenre in der modernen 28 Dr. Jofef Bayer. deutfchen Malerei. Diefe Gattung ift fchon von früherem Datum; aber ehedem war fie nur eine Specialität, ein malerifches Studium jetzt geht fie aus einem tieferen Triebe hervor und gewinnt dadurch in gefteigertem Mafse an Bedeutung und Gehalt. Wenn Hamlet einmal fagt, dafs der Bauer dem Hofmanne nun auf die Ferfe trete, fo könnte man ein ähnliches Wort von der neuen deutfchen Genremalerei brauchen. Auch die Bauern von Knaus, Vautier, Riefftahl, Def regger und Anderen treten mit ihrem höchft realiftifchen Nagelfchuh den vornehmen Geftalten des abgeblafsten idealen Stils längft fchon auf die Ferfe. Die Entwicklung des ländlichen Genres in der deutfchen Kunft hat auch fo ihre kleine Gefchichte für fich. Als die Düffeldorfer noch ihren ausgeprägten Schulcharakter hatten, traten die Dorf- und Volksmaler der conventionell fentimentalen Hauptrichtung der Schule reagirend entgegen. Sie bildeten gleichfam die realiftifch gefinnte Düffeldorfer Linke, die fich von den trauernden Königsföhnen hinweg dem Leben und Treiben des Volkes zuwandte. Die Meiften diefer Maler fuchten fich ihre Specialität heraus und ftudirten fich, wie die Landfchafter in den Localcharakter gewiffer Gegenden, in eine beſtimmte Stammesart und volksthüm liche Lebensweife hinein. So lieferte Rudolf Jordan regelmäfsig feine Bilder aus dem Lootfenleben des Nordfeeftrandes; Chriftian Böttcher war im Schwarzwald, der treffliche J. Becker im Wefterwald und in heffifchen Dörfern zu Haufe, und fo theilte fich weiter das deutfche Volksbild nach Gauen und Landsmannfchaften. Es wäre da von grofsem Intereffe, das aufgefuchte Volksthum und jenes, aus dem der Künftler hervorgegangen oder in das er fich gemüthlich eingelebt hat, näher zu unterfcheiden. Zwifchendurch nahm das Dorfgenre felbft auch etwas Conventionell Sentimentales an. Die Dirndl'n auf dem Kirchgang, die ländlichen Zitherfpieler in fauberer Sonntagstracht, die Sennerinen, die finnend ins Abendroth blicken, waren kein fonderlicher Gewinn gegenüber der Schatten haften Düffeldorfer Wehmuth. Daneben ftellte fich auch eine zwar gefündere, aber ftereotype Gemüthlichkeit der Bauernftube ein, bei der Grofsmutter und Enkel, Bauernföhne, die als ftramme Soldaten wiederkehrten u. f. w. immer wieder herhalten mufsten. In der letzten Wendung, die das deutfche Genrebild nahm, erhob fich aber die Volks- und Sittenmalerei zu einer ganz bedeutenden Höhe. Wir müffen fie geradezu als diejenige Gattung bezeichnen, in welcher jetzt das Herz der deutfchen Kunft am vernehmbarften fchlägt. Man begnügt fich nicht mehr mit äufserlichen Gruppirungen und anekdotenhaften Motiven; die führenden Meifter diefes Faches greifen tief in die Volksfeele und fteigern die Schilderung derfelben oft zum höchften bezeichnenden Ausdruck, der ins Ganze und Volle geht. Ein fkandinavifcher Maler der Düffeldorf'fchen Schule, Adolf Tidemand aus Mandal in Schweden, ift mit feinen Schilderungen des norwegifchen Volkslebens, mit tiefer Empfindung und inniger Befeelung des liebevoll erfafsten Stoffes in die neue, bedeutendere Wendung des ländlichen Genres eingegangen. Sein„ Norwegifcher Brautzug durch den Wald", der in der fkandinavifchen Abtheilung ausgeftellt war, gehört zu den feine Richtung bezeichnenden, wenn auch nicht vielleicht zu feinen hervorragendften Bildern. Dort im Norden ift die Literaturgattung der Dorfgefchichte dem Dorfgenre in der Malerei nachgefolgt; Björnfon fchildert uns, was Tidemand malt, mit verſtärkter Tiefe und Nachhaltig keit der Empfindung. In Deutfchland tritt erft jetzt fo recht die gemalte Dorf gefchichte als eine dominirende Gattung auf. Dafs wir zunächst ein Literaturvolk find, zeigt fich auch darin, dafs fich die entfcheidenden geiftigen Richtungen im richtigen oder auch im verkehrten Sinne bei uns zuerft literarifch und dann erft künftlerifch ausfprechen. So folgten auf die Romantiker der Feder die des Pinfels, auf das Convertitenfieber in literarifchen Kreifen das Nazarenerthum der Malerei, auf den gelehrten Sammeleifer für das Märchen die Nachdichtung desfelben im Aquarell, zuletzt auf die Dorfnovelliften die Dorfmaler, obgleich nicht Alle unter denfelben- fo gewifs nicht der fchlichte Tiroler Bauernfohn Defregger- literarifch von der gedruckten Dorfgefchichte abhängig fein mögen. Die Malerei. 29 Es thut der deutfchen Kunft gut, dafs fie ganz entfchloffen auf die Wurzeln unferer Volksexiftenz zurückgeht. Sie gewinnt dadurch an Kern, was ihr an idealer Hoheit, an grofsem Compofitionsfinn einmal fchon abgegangen ift. Die deutfche Kunft kann nur da etwas leiften, wo fie gründlich vorgeht: fei es nun in gründlicher realiftifcher Beobachtung oder in gründlicher Durchbildung eines idealiftifchen Compofitionsgedankens. Auf dem letzteren Wege geht es nicht mehr; diefe Richtung hat mit Kaulbach's Tode für lange ausgeredet. Auch kön nen nur die genialen, die grofsgefinnten Naturen fich in diefem höheren Sinne künftlerisch äufsern; die Beobachtung des Lebens, die malerifch und pfychologifch getreue Wiedergabe desfelben ift eine ins Breite gehende Arbeit, in welche fich die gröfsere Schaar der Talente, die mehr Tüchtigkeit als Schwungkraft befitzen, mit Erfolg zu theilen vermag. Ludwig Knaus, der allerdings mit feinem geiftvoll charakterifirenden Pinfel fein Beftes auf dem Boden der Volksmalerei leiftet, fowie der Waadtländer Benjamin Vautier, der mit der Illuftration zu Immermann's Oberhof die literarifche Dorfgefchichte zuerft mit der malerifchen vermittelte, find und bleiben noch immer die genialen Chorführer und Chormeifter diefer Gattung, auf der auch die mittleren Talente bei offenem Auge und redlichem Eifer mit- und nachgehen können. Die directe Schuleinwirkung diefer Meifter ift vielleicht nicht fo grofs; defto weiter reichend aber gewifs ihr mittelbarer, richtung beftimmender Einflufs. Da die Bilder von Knaus und Vautier auf der Weltausftellung zur gröfsten Popularität gelangten, fo braucht diefer Bericht, deffen Aufgabe eine Charakteriftik der Richtungen, nicht blose Bilderbefchreibung ift, bei ihnen nicht weiter zu verweilen; auch was zur Vergleichung der beiden„ Leichenbegängniffe im Dorfe" zu bemerken wäre, ift ein bereits erfchöpftes feuilletoniftifches Thema. Sonft theilen fich die Volksmaler zunächst in die Münchener und Düffeldorfer Gruppe. In der erfteren hatte D efregger, der feiner Landsmannfchaft nach entfchieden in die öfterreichifche Ausftellung gehört hätte, eine weitaus überragende, völlig felbftftändige Stellung. Seine Welt ift die heimifche Alm und die Tiroler Bauernftube; nur ausnahmsweife begibt er fich mit feinem„ Preispferd" unter baierifche Bauern. Er ift ein Volksmaler in dem Sinne, in welchem man von Volksfängern in der beften Bedeutung des Wortes fpricht. Das Individualifiren feiner Geftalten ift für ihn kaum eine überlegte künftlerifche Aufgabe, fondern eine ganz natürliche Aeufserung deffen, was von den Eindrücken feiner Heimat in feinem Gemüth und feinem Auge lebt. Er gibt uns die Wahrheit aus erfter Hand; in jeder Bauernftube ſpricht er felbft vor, deren Bewohner er uns im Bilde zeigt; er beobachtet nicht blos diefe kleine, mit dem gefundeſten Blick erfafste Volkswelt, er lebt in ihr und fie in ihm. Während feiner künftlerifchen Wanderjahre blieb fein Blick ftets nach der Heimat geheftet; fremder Stoff und fremde Manier verfing bei ihm nicht. In den Parifer Ateliers wie in der Schule Piloty's eignete er fich eine fichere malerifche Ausdrucksweife für den Inhalt an, der ihn von vornan erfüllte; er lernte da ficher und beftimmt malen, aber nicht coloriftifch experimentiren, was ihm auch feine Bauern malerifch verdorben, die reine überzeugende Kraft feiner Schilderung und feines Vortrags im Kerne beeinträchtigt. hätte. Defregger ift ein feltenes Beiſpiel dafür, wie man fich die Vortheile moderner Technik aneignen und dabei doch innerlich fchlicht und naiv, im reinften Sinne volksmäfsig bleiben kann. Neben Defregger ift die Tiroler Landsmannfchaft in der Münchner Schule -wenn diefer vage Begriff weiter gelten darf noch durch Mathias Schmidt und Alois Gabl vertreten. Sie haben manche verwandte Züge miteinander gemein, obgleich fie doch wieder durch gewiffe individuelle Eigenthümlichkeiten und Grundftimmungen fich voneinander fondern. Schmidt gehört zu den fchneidigen Tirolern; er hat es fcharf auf die Pfaffen, die in den Verftand, den Gemüthsfrieden und wohl auch den Geldbeutel feiner bäuerlichen Landsleute fo manchen ftörenden Eingriff thun. Gegen ein folches polemifches Element im Bilde ift nichts einzuwenden, wenn 30 Dr. Jofef Bayer. nur die lebendige und bezeichnende Charakteriſtik mit der Abficht gleichen Schritt hält. Ich fehe nicht ein, warum das Genrebild harmlofer ausfehen foll als die Wirklichkeit. Solange die Bauern Defregger's nicht klüger und geweckter werden, werden ihnen die Landpfaffen, wie fie M. Schmidt malt, ftets an den Leib rücken. A. Gabl fchildert mit grofsem Talente eine für die ländliche Bevöl kerung alarmirende Scene, die fich da oft wiederholt: den Moment der Affentirung. Es ift etwas Dörfifch- Theatralifches in dem fonft wackeren Bilde, das feine unleug baren Vorzüge hat. J. Hiddemann in Düffeldorf hat in feinem meifterhaften Bilde: Preufsifche Werber zur Zeit Friedrich des Grofsen" denfelben Gegenftand mit geiftreicher Objectivität und fefterer Charakteriſtik behandelt, was alerdings hier leichter anging, wo der Vorgang in eine gewiffe hiftorifche Diftanz geftellt ift. Ed. Kurzbauer, von dem auch das Belvedere ein Bild herlieh, gab in feinem ländlichen Fefte in Württemberg eine humoriftifch belebte Schilderung, zu der das Land mehr nur die Scenerie bietet. Die Düffeldorfer Volksmaler begnügen fich wenigftens in den Bildern, die fie diefsmal ausftellten, nicht durchaus mit der Schilderung einfacher Zuftände, fondern geben uns irgend eine Gefchichte, einen spannenden, felbft aufregenden Moment. So führt uns C. Lafch eine Verhaftung vor, und ebenfo Jul. Geertz die Abführung eines Gefangenen vor das Schwurgericht. In folchen Bildern zeigt fich das Beftreben, die genreartige Schilderung zum dramatifchen Ausdrucke zu fteigern; es iſt aber die Frage, ob diefe Gattung durch die fcharfe Beize des criminaliftifchen Intereffes fonderlich gewinnt. Uebrigens bewegt fich der erftgenannte Meifter doch wohl mit günftigerem Erfolge in der gemüthlichen Sphäre ( wie feine Bilder Des alten Lehrers Geburtstag" und" Mutterglück" darthun), und Geertz fcheint fich auch bei der humoriftifchen Darftellung feiner muthwilli gen Jungen, die nur Verhaftung fpielen, behaglicher zu fühlen. Hub. Salentin der langbewährte Düffeldorfer Meifter im Genrefach, führt uns mit Vorliebe in die Kinderwelt des Dorfes, die er mit heiterer Charakteriſtik und köftlicher Beobachtungsgabe zu fchildern weifs. Das Erfcheinen des kleinen Erbprinzen im Dorfe und die fpafshafte Senfation, die der feine Fürftenknabe unter den länd lichen Rangen und Altersgen offen hervorruft, hat in dem vielbefprochenen Bilde auch feine Wirkung auf das Publicum nicht verfehlt. Ein ganz reizendes Kinder bild ift jenes, das der Katalog unter dem Titel„ Hol' über" anführt, und unter den Andächtigen feiner ,, Wald capelle" find wieder die kleinen Beter am beften gerathen. Im Allgemeinen konnten wir mit Vergnügen wahrnehmen, dafs die füfsliche und fentimentale Auffaffung der Kindernatur in der deutfchen Genremalerei merklich abnimmt und der heiteren und humoriftifchen Behandlung der Kindertypen den Platz räumt. Und auch hierin ift die gefunde Kunft diefen kleinen Gefchöpfen gegenüber in ihrem vollen Rechte. Auch der wilde Range macht einen erfreuli cheren Eindruck, als jene Tragantpüppchen von frommen und fanften Kindern. die wir früher fo häufig zu fehen bekamen. Mit den Volksmalern ift nicht fo leicht abzufchliefsen. Da käme von den Münchenern noch Carl Kronberger hinzu mit feiner ergötzlich charakteri firten ,, Tagfatzung aus der Zeit der Patrimonialgerichte", Hugo Kaufmann's " Auction", Rud. Epp's, Gaukler in der Dorffchenke", Eberle's Bild„ Nach der Taufe", Ed. Young's" Hochzeitszug im Gebirge" u. a. m. E. Harburger ebenfalls zur Münchener Gruppe gehörig, beutet wieder einmal mit viel Humor und Behagen den Contraft zwifchen derber, ländlicher Urfprünglichkeit und ftädtiſcher Ziererei aus, indem er in einer Dorfkneipe zechende baierifche Bauern und einen Engländer mit feiner Lady, die durch irgend einen Zufall dahin ver fchlagen worden find, an einen Tifch zufammenfetzt. Ein anderes Bild von Ant. Seitz, dem bewährten Münchener Künftler, das einen vornehmen Grundherrn nach der Jagd in eine ähnliche Dorfkneipe einkehren und mit dem dicken fchlauer Wirth irgend eine luftige Zwiefprach halten läfst, ift von echtem Genrehumor belebt und mit feinem malerifchen Talent ausgeführt. Von den älteren Düffel S Die Malerei. 31 dorfern hat fich Jordan mit feinem„ Seemannshaus", das der Nationalgallerie in Berlin angehört, und K. Hübner mit drei Stücken eingeftellt, von denen insbefondere„ Die Sünderin vor der Kirchenthür", ebenfalls ein Berliner Galleriebild, dem von diefem Meiſter einft mit Vorliebe gepflegten fentimental- pathetifchen Genre angehört. An refoluter Kraft der Charakteriſtik, fowie auch an malerifcher Verve erfcheinen jene älteren Meifter doch von der neueren Wendung der deutfchen Genrekunft fichtlich überholt. Simmler's vortreffliches Bild„ Der erfchoffene Wilderer" wäre in der Düffeldorfer Gruppe zunächft noch zu nennen; die todesdüftere Gebirgslandfchaft und im Vordergrunde die in einem Bergfpalte liegende Leiche find zu einer ergreifenden Wirkung zufammengeftimmt. Ganz vorzüglich verfteht sich, wie wir fchon feit längerer Zeit wiffen, Wilh. Riefftahl in Carlsruhe auf jene Mittelgattung zwifchen Landfchaft und Genre, wo die Naturfcenerie und dasjenige, was die Menfchenbruft bewegt, fich zu einem tiefanklingenden Accord zufammenfaffen. Seine ausgeftellten Bilder„ Allerfeelentag im Bregenzer Walde" , Die Feldandacht der Paffeyer Hirten" und" Die Trauerverfammlung vor einer Bergkirche am Sentis" waren eminente Belege hiefür. Er kennt die localen Volkstypen eben fo genau wie die Alpennatur, innerhalb deren fich diefes Stück Menfchendafein von der Wiege bis zum Grabe abfpielt; er ift eben fo fcharfer Charakteriſtiker als finnvoller Stimmungsmaler. - Doch wir find mit Riefftahl rafch zu dem ernften Thema der letzten Dinge" gelangt. Mit einem fröhlicheren, freilich auch oberflächlicheren Blicke fchaut Paul Meyerheim in das Volksleben hinein, dasfelbe mehr nur für den durchſchnittlichen Genregebrauch durchmufternd. Zum Theil handelt es fich ihm dabei nur um ein glückliches humoriftifches Motiv, wie in feiner fo populären Menagerie im Dorfe, oder um eine naturaliftifch getreue Wiedergabe, wie in feiner bekannten Schaffchur. In dem„ Abend im Wald" Holzfäller bereiten fich zur Heimfahrt, indefs das verdämmernde Abendroth über den Föhrenwipfeln mit ermattender Röthe fchimmert begibt fich aber der nüchterne Naturalift wieder auf das Gebiet der Stimmungsmalerei. Noch einmal wenden wir uns nach München zurück, um ein in coloriftifcher Beziehung vorzügliches Bild von Hirt, „ Die Hopfenpflückerinen", zu erwähnen, ebenfo die mit niederländifchem Behagen gemalte ,, Grofsmutter" von A. Spring, die für ihre Enkelin Aepfel fchält. Neben den inhaltsreicheren und tiefergreifenden Schilderungen des Volkslebens, die uns im pfychologifchen und charakteriftifchen Sinne befchäftigen, haben folche einfache, fchlichte Situationsbilder auch ihren unbeftrittenen malerifchen Werth. Die deutfchen Genremaler haben im Ganzen fowohl nach der ernften, als der humoriftifchen Seite hin einen faft zu weit gehenden Erzählungseifer; jedes Bild foll uns eine Gefchichte, und zwar möglichft deutlich vorführen. Es thut nichts, ja es ift fogar gut, wenn fich daneben auch folche Bilder wieder einfinden, welche einfach anfprechen, ohne ausdrücklich viel fagen zu wollen. Wo fich die Eindrücke in Maffe herandrängen, bleibt zuletzt nichts Anderes übrig, als fummarifch zufammenzufaffen, fo gern man auch bei dem Einzelnen, was uns bedeutender angeregt hat, verweilen möchte. Das deutſche Genrebild geht gar fehr ins Breite und umfafst die verfchiedenften Lebensbeziehungen der Gegenwart und Vergangenheit, immer im Reflex des deutfchen Gemü thes oder Humors. Gegenüber dem reich vertretenen Dorfgenre ift allerdings die Zahl jener Bilder klein, die das Gefellſchaftsleben der höheren Claffen darftellen; nur wenige darunter nehmen das Motiv aus dem Salon der Gegenwart, wie Albert Keller in München, der in einem Bilde,„ Chopin", die moderne ClavierSentimentalität fehr pikant und in falonfähig elegantem Colorit fchildert. Meiftens wird da in eine frühere Zeit zurückgegriffen, am liebften in die bürgerliche Gefellfchaftswelt des achtzehnten Jahrhundertes, in die claffifche Zeit des Puders, der Spitzen und der Empfindfamkeit, wie diefs z. B. der treffliche A. v. Ramberg in feinem feinen Bilde„ Die Stickerin" that. Unter den Darftellungen, die - 3 32 Dr. Jofef Bayer. durch die einfache Macht des Gegenftandes ohne künftlich beabfichtigte Rührung ergreifen, gehört das treffliche Bild ,, Mozart's letzte Tage" von dem jüngeren Kaulbach.- Die Mönchszelle und der Klofterkeller üben noch immer ihren ftachelnden Reiz auf den Humor der deutfchen Maler aus. Eduard Grützner in München hat uns in feinen ebenfo luftigen als gelungenen Bildern Im Klofterkeller" und„ Die Klofterbräuerei" hievon die ergötzlichften Proben gegeben; R. S. Zimmermann dagegen betrachtet in feinem gröfseren Gemälde Im Vorzimmer eines Fürften" die clericalen Typen von der Soutane bis zur Mönchskutte herab mit einem durch die Zeitftimmung verfchärften fatirifchen Ernfte. - Wenn der deutfche Krieg die ganze Lage des Reiches mit einem gewaltigen Ruck verändert und emporgehoben hat, fo ift das Kriegsbild felbft in den Grenzen der gewohnten Darftellungsweife geblieben. Nach wie vor ftellt fich die militärifche Branche in der deutfchen Malerei nur an die Seite des Genrebildes, nicht der grofsen Hiftorienmalerei; ja fie ift auch obendrein oft eine minutiöfere Nebenart des Genres, da die zufammengedrängte Fülle der Figuren bei dem allzu mässigen Bilderformat eine Verkleinerung derfelben bedingt, die fich auch als eine geiftige dem Stoffe gegenüber herausftellt. Der deutfchfranzöfifche Krieg hat auf diefem Felde kaum zu einer neuen Kunfteroberung geführt. In derfelben fchlichten, faft anspruchslofen Weife, wie früher die klei neren Kriegsactionen, erzählt jetzt das militärifche Zeitbild von 1870 dem Befchauer die gröfsten kriegerifchen Erfolge Deutfchlands. Beinahe fehen die meiften diefer Darftellungen illuftrirten Bulletins ähnlich gemalten Schlachtberichten, die fich an das einfach Thatfächliche halten, den Krieg im Bilde illuftriren, aber nicht im eigentlich höheren Sinne, mit künftlerifcher Kühnheit der Auffaffung darftellen. Das pathetifche Moment im Schlachtenbilde, die Kriegsleidenfchaft fehlt faft durchgängig in den deutfchen Bildern, und am Ende hat auch in dem Kriege felbft die Ausdauer, die Vorficht und Befonnenheit weit mehr die Erfolge herbeigeführt, als das militärifche Pathos. Die Franzofen laufen mit Vorliebe Sturm, in der Wirklichkeit wie im Bilde, die Italiener thun es ihnen nach; bei den deutfchen Kriegsmalern wird auf das Vorbereiten des entfcheidenden Schlages, auf die Zurüftung zu einer kriegerifchen Action oder die Nachwirkung derfelben Gewicht gelegt. Die dramatifche Seite des Krieges, das Gefecht felbft in feinen ſpannungsvollen Momenten kommt feltener und da nicht immer glücklich zur Darstellung. Das Bild von Heinr. Lang in München, Batterie Prinz Leopold im Gefecht bei Villepion" macht da eine rühmenswerthe Ausnahme. Es liegt darin etwas von der richtigen Feldfrifche, wenn ich fo fagen darf; ein entfcheidender Moment, bei dem die baierifche Kriegsehre mit Auszeichnung fich bewährte, ift von dem Künftler, der den Feldzug felbft mitgemacht, fehr charakteriftifch erfafst und wiedergegeben. Ein anderer talentvoller Münch ner, der gleichfalls als Freiwilliger in diefen Krieg zog, Fried. Bodenmüller, brachte ein bedeutfames Kriegsbild, die Action des erften baierifchen Armeecorps v. d. Tann, aus der Schlacht bei Sedan, und dann zwei genreartig gefafste Kriegsepifoden„ Bivouac bei Ingelsheim 5. bis 6. Auguft" und„ Nach der Schlacht von Wörth bei Frofchweiler 6. Auguft". Es find diefs gleichfam Memoirenbilder aus dem Kriege, eine ftimmungsvolle Vergegenwärtigung felbfterlebter Situa tionen. In der militärifchen Genremalerei trat als ein Bild von ergreifendfter Wirkung jenes vom Grafen Ferd. Harrach in Berlin hervor: die Scene zwifchen dem zu Tode verwundeten Preufsen und dem Turco aus den Weinbergen von Wörth eine rührende Verherrlichung echten deutfchen Gemüthes inmitten des verwildernden Krieges. Der vorgefchobene Poften" desfelben Künftlers find lauernde Schützen im Morgennebel,„ aus dem gefpenftifch die Silhouette des Mont Valérien auftaucht" können wir als ein intereffantes Beiſpiel jener Gattung des Kriegsbildes anführen, wo die landfchaftliche Stimmung zur Verfinn lichung des dargestellten Momentes mitwirkt. G. Bleibtreu in Berlin, deffen - es Die Malerei. 33 Kunftweife ausreichend bekannt ift, illuftrirte den deutfchen Krieg in zwei Bildern:„ Einzug des Kronprinzen in das brennende Wörth" und" Redoute von Chatillon vor Paris"; von beiden ift letzteres das bedeutendere, überhaupt eine der allervorzüglichften Leiftungen Bleibtreu's. Der„ Uebergang nach Alfen" aus der königlichen Nationalgallerie in Berlin ift eines feiner früheren, fchon wohlbekannten Meifterbilder. Wenn wir noch Emil Hünten's aus Düffeldorf lebendig charakterifirtes Gefecht der grofsherzoglich heffifchen Divifion vom 18. Auguft 1870, fowie des Berliners A. von Werner vortreffliches Bild ,, General Moltke vor Paris", dann zuletzt noch das während der Ausftellung vielbesprochene Zeitbild von Gyfis ,, Napoleon gefangen" nach Gebühr hervorheben, fo wären wir mit der unmittelbaren künftlerifchen Ausbeute des deutfchen Krieges, wie fie fich auf der Ausstellung präfentirte, fo ziemlich fertig. Nicht fo ganz mit der Gattung des Kriegsbildes überhaupt. Da wären vor Allem aus der polnifchen Künftlerniederlaffung in München zwei hervorragende Talente, Jofef Brandt und M. Gierymski, an diefer Stelle zu nennen. Der Erftere ftellte ein ganz imponirendes Schlachtenbild, Die Türkenfchlacht bei Wien im Jahre 1683", aus, welches in dem grofsen Zuge der Kampfbewegung, fowie in der reichen und doch haltungsvollen Farbenwirkung den meiften andern Bildern diefer Art auf der deutfchen Ausftellung fich überlegen zeigte. Vor Allem war es eine in dramatifchem Sinne gut componirte Schlacht, wo die entfcheidende Wendung im Kampfe mit finnlicher Deutlichkeit vors Auge tritt. Die gepanzerten polnifchen Reiter find es, die, eben keilartig vordringend und das Gewoge der Schlacht theilend, mit unwiderftehlicher Macht fich auf das türkifche Lager geworfen haben; hinter ihnen dringen die Reihen der Oefterreicher und Baiern nach; im Vordergrunde die verftörten Gruppen der Fliehenden; im ganzen Bilde eine gewaltige, aber doch künftlerifch beherrfchte Bewegung der Maffen. Von dem deutfchen Phlegma in der Schlachtenmalerei wird man da kaum etwas gewahr; das erregtere polnifche Naturell förderte da fichtlich den Maler in diefer mehr phantafiereichen Auffaffung des Krieges. Max Gierymski erzählt uns wieder, der Gegenwart näher rückend, Vorgänge und Epifoden aus dem polnifchen Aufftande von 1864. Friedr. Pecht, der diefen Künftler wohl von München her näher kennt, hebt richtig hervor, dafs es ihm bei feinen Stoffen doch weniger um Darftellung der Menfchen, als um irgend eine mit befonderer Prägnanz ausgefprochene landfchaftliche Stimmung zu thun ift. Aber diefe ift eben von bezeichnender Wirkung, und wirft einen vollen Reflex auf den Gegenftand felbft. So fchildert er uns Kofaken, die in langem Zuge, begleitet von Raben, über eine fchneebedeckte Fläche hinreiten, fo winterlich fchaurig und traurig wie nur möglich; polnifche Vedetten auf einer Strafse in brennender Sommerglut; ein polnifches Infurgentencorps, das im Walde gelagert in der Frühe auffitzt, wo die heitere Morgenftimmung, wie die Leute felbft, vortrefflich gegeben find; ferner eine Weichfelufer- Sonne, wo in tieffter Sommerabend Dämmerung fich allerlei Volk am Waffer umtreibt, Weiber, Kinder und Soldaten, und man auf dem höchften Theile des Ufers Häufer fieht, in denen fchon Lichter brennen. So einfach, fo gefliffentlich nüchtern- photographifch die Gegenstände in der Zeichnung find, fo eigenthümlich grofs ift der coloriftifche Reiz, den der Künftler darüber zu breiten weifs." Auch die köftlichen Bilder von Profeffor Wilhelm Dietz in München wären im Zufammenhange der kleinen Epifode aus dem foldatifchen Treiben mitzunennen; fo „ Der Ueberfall",„ Der Schimmel"," Vor dem Zelte". Es ift diefs eine Nebengattung, wie fie von älteren Meiftern des Genres, wie Wouvermann, mit Vorliebe gepflegt wurde; eine Verwerthung der Kriegsftoffs in der kleinften Dofis und lediglich im Sinne des malerifchen Motives. " Von den Schlachtfeldern und den verfchiedenen Darftellungen kriegerifchen Treibens wende ich mich nun dem ftilleren Naturbereiche der Landfch ft zu, nicht ohne einiges Bangen an die fchwer überfichtliehe Maffe des in d. fem Fache Ausgeftellten heranzutreten. 3* 34 Dr. Jofef Bayer. Es ist kaum möglich, die deutfche Landfchaftsmalerei auf einer Weltausftellung zu ftudiren. Ihr Hauptcharakter zeigt fich, wenige Ausnahmen abgerechnet, in einem feinfinnigen Naturalismus, in einem liebevollen Detailftudi um der Natur. Die Stimmungs- und die Vedutenlandfchaften gehen nebeneinander einher, greifen auch oft ineinander über. So wefentlich hat fich das allgemeine Gepräge der landfchaftlichen Auffaffung feit geraumer Zeit in Deutſchland nicht geändert, und da hält es fchwer, die deutfche Landfchaftskunft in grofsen Zügen nach Ablauf einer kürzeren Zeit wieder zu charakterifiren. Und diefe grofsen Züge find es eben, die man bei einem folchen Anlaffe, wie es die Weltausftellung war, gleichfam mit der Hand erfaffen möchte, um da einen Anhaltspunkt für die Charak teriftik zu gewinnen. Es hat fich unter den deutfchen Landfchaftern eine ganze Schaar von Talenten aller Rangftufen eingeftellt, die man zum Theil nur auf kleineren Ausftellungen richtig würdigen kann, wo fich die Eindrücke nicht fo vielfach zufam mendrängen. Die ftarke künftlerifche Subjectivität wird fich auch in der Landfchaft inmitten der übrigen grofsen Kunftproduction zur richtigen Geltung bringen- weniger der ob auch noch fo verdienftliche Durchfchnitt. Und diefer prävalirt entfchieden. Eines mufste man bei einer Umfchau in diefer Gattung conftatiren, dafs die Naturftudien unferer Maler allenthalben in die Breite gehen, dafs die deutfche Landfchaftsmalerei auf einer geradezu unermüdlichen Jagd nach dankbaren Motiven begriffen ift. So fehr wir diefes emfige Ablaufchen der mannigfachften Natureindrücke, diefes Herumfchauen nach allen Seiten hin zu würdigen wiffen, fo kommt es doch hier noch auf etwas Anderes an, um in die Landfchaftskunft einen grofsen malerifchen wie poetifchen Zug zu bringen. Gerade die grofsen Maler diefer Gattung haben oft mit einfachen Motiven die höchften Wirkungen erreicht. Auch hier gilt es, nicht blos der Fülle der Erfcheinungen nachzugehen, Touriftenlandfchafterei zu trei ben, überwältigende Naturfcenen im Bilde mit feiner Empfindung niedlich zu ver kleinern, Gletfcher und Alpenfeen zur Salonlandfchaft zurechtzuftimmen und dergleichen mehr; fondern irgend ein Stück gut beobachteter Natur mit voller und ganzer Individualität zu erfaffen, dafs man gleich fieht, fo habe diefe Natur, ob klein oder grofs, im Gemüth und im Auge diefes Malers gelebt. Nur eine mäfsige Anzahl der modernen deutfchen Landfchafter entspricht annähernd jenem höchften Begriffe, und das find auch wieder die älteren Künftler, die lang erprobten Namen. Da wir hier nicht auf einzelne Leiftungen näher eingehen können, fo wollen wir wenigftens etwas landfchaftliche Kunftgeographie oder, wenn man will, Kunft ftatiftik treiben, nur um zu fehen, wie weit der Bereich der deutfchen Landfchaftsftudien um fich greift. Ich gehe da einmal ganz fyftematifch, was fonft nicht meine Art ift, nach Ländern und Gauen vor. Zunächſt war die Schweizer Alpenwelt von Münchenern und Düffeldorfern mehrfach und auch bedeutfam im Bilde wiedergegeben. " ,, Vierwaldstätter Ich zähle da einfach auf: den, Rofenlauigletfcher im Berner Oberland" von J. G. Steffan, von ganz grofsartiger Auffaffung; einen„ Vierwaltftädter See und das Wetterhorn" von , Wetterhorn" von Horft Hacker; wieder einen See mit dem Uri- Stock" von Julius Lange; dann abermals einen„ Vierwald ftätter See" und den Grindelwald Gletfcher" von dem bewährten Landfchafts maler Leopold Voefcher. Zu diefen Münchenern tritt der Düffeldorfer Alfred Chavannes mit einer Schweizer Landfchaft" hinzu. Aus der Weimarer Künft lergruppe ftellte fich der Director der dortigen Kunftfchule Graf von Kalck reuth mit einigen feiner bedeutenden Alpenbilder ein:„ Die Jungfrau, der Mönch und Eiger",„ der Vierwaldstätter See mit dem Rothftock", waldftätter See". Obgleich von der naturaliftifchen Auffaffung ausgehend, nähern fich diefe Bilder durch grofsen Sinn faft fchon der Stillandfchaft. Profeffor Theodor Hagen brachte ein Motiv von der„ Gotthardftrafse", Johann Chri ftian. Heerdt aus Frankfurt am Main eines vom„ unteren Murgfee". Der " Motiv vom Vier Die Malerei. 35 r n e t U t Reichenbachfall" von A. Hörter in Carlsruhe war bedeutend in der Wafferwirkung, frifch und virtuos in der Farbe. Von den Schweizer Alpen geleitet uns der Münchener Julius Rofe bis zum Montblanc hinan; wieder einer der bedeutendften deutfchen Landfchafter, Valentin Ruths, der nebenbei in feinem ,, Frühlingstag" und" einem heffifchen Dorf bei Abenddämmerung" zwei fchöne Stimmungsbilder bot, führte uns in dem Gletſcher von Argentières ein grandiofes Gebirgsbild vor. Leopold Voefcher, den ich fchon früher nannte, brachte das „ Mer de glace" am Montblanc, von ähnlichem Werth wie feine anderen Alpenbilder und die Via mala Schlucht". " Nach Nordtirol machten die Münchner Tob. Andreae( ,, Kufftein im Nebel") und A. Doll(„ Mühle im Wippthale am Brenner"," Motiv aus dem Unterinnthale bei Brixlegg": Aquarelle) ihre landfchaftlichen Ausflüge. Reichlicher fanden fich die Motive aus Südtirol ein; abermals find hier mehrere Münchener, als: C. Maibach( ,, Caftello di Dublino im Sorcathal"), E. Kirchner mit einem vorzüglichen, in ftilmäfsigerem Sinne aufgefafsten Bilde von Montano, Julius Lange ( Schlofs Arco"). A. Lohr( ,, Motiv aus dem Pfelderthale") zu nennen; zu ihnen gefellt fich auch wieder Johann Chriftian Heerdt aus Frankfurt am Main mit feinem Dorf Tirol bei Meran". - Oberbaiern liegt den Münchener Landfchaftsftudien zunächft bequem; da brachten denn E. Gleim und Nic. Pfyffer jeder ein„ Motiv bei Brannenburg", Jofef Hahn die ,, Hohe Göll am Hinterfee", Fr. Leinecker ein„ Motiv aus der Ramsau" fämmtlich Münchener Künftler. Vor Allem find bekanntlich die oberbaierifchen Gebirgsfeen ein Wanderziel der Studienfahrten, und jeder derfelben wieder Gegenftand eines befonderen malerifchen Specialcultus. An erfter Stelle fteht noch immer, wie fchon feit Menfchengedenken, der Chiemfee; Motive von daher, gelegentlich auch Stimmungs- und Gewitterbilder malten die Münchener Boshart, H. Deuchert, E. Gleim, Emil Hellrath( der ein befonders fchönes, ftimmungsvolles Bild vom„ Klofterteich" brachte), Julius Köckert, A. Meermann, R. Schietzold, zu denen aus der Weimarer Schule der Freiherr von Gleichen Rufswurm hinzutrat. Den hochverdienten, aber nachgerade altgewordenen Meifter Heinrich Heinlein finden wir etwas abfeits wandelnd, in einer Bucht am Walchenfee" und nebenher auch in einer Enzianhütte in einem Geklüfte des Oberinnthales". Am Oberfee bei Berchtesgaden haben fich gelegentlich Julius Lange in München, dann Adalbert von Waagen mit ihrer Studienmappe niedergelaffen; ein ,, Motiv vom Gofaufee" malte der Düffeldorfer C. Jungheim, den„ Königs fee bei Morgenbeleuchtung" der Münchener F. v. Hoffftetten. Am Starnberger See treffen wir Carl Heffner mit einem" Waldesdurchblick auf den See" und Arno Meermann, dem wir fchon am Chiemfee begegneten, beide aus München. Arnold Steffan allein hat fich am Traunfee in unferem Salzkammergut mit zwei Landfchaften eingeftellt; eine Bodenfeelandfchaft brachte ferner Heinrich Rafchaus München. Spärlicher vertreten waren die deutfchen Flufslandfchaften. Dem Rhein widerfuhr nur mässige Ehre, die Donau war fichtlich vernachläffigt. Die„ Profilanficht des Rheinfalls" von Profeffor Ed. Pape in Berlin ift allerdings als treffliches Landfchaftsbild hervorzuheben; C. Maibach in München ftellte neben feinem füdtiroler Bilde ein„ Rheinthal mit Ragatz" aus, und der Düffeldorfer W. Klein geleitete uns fofort an den Niederrhein. Für die Donau und noch überdiefs für die in der Regulirung begriffene, zeigte nur J. Blau in München ein landfchaftliches Intereffe. Die Mainlandfchaft war blos von C. P. Burnitz in Frankfurt am Main, aber auf vorzügliche Weife durch fein„ Bamberger Landfchaftsbild" und fein„ Mainufer bei Frankfurt" vertreten. " Das deutfche Mittelgebirge, das Wald- und Hügelland fand nur vereinzelte Pflege, aber zum Theil gerade von einigen vornehmeren Talenten. Es thäte auch gut, wenn es häufiger gefchähe. Hier gerade finden fich am zahlreichften jene Motive, die entweder durch ſtillen Reiz anziehen, oder fich auch 36 DI. Jofef Bayer. im grofsen und ernften Sinne zu erhöhter, künftlerifcher und poetifcher Wirkung fteigern laffen; während hingegen die Darftellungen des vermeintlich Gröfsten in der Natur, die Alpenbilder, fo häufig zu kleinlicher Vedutenmalerei herabfinken. In den Harz zunächft geleiten uns zwei ältere Bilder Leffing's; er wufste damals gar wohl, was fich den Waldthälern und Felswänden diefes romantifchen Gebirgsfleckes für die landfchaftliche Compofition abgewinnen läfst. Freilich erfchienen jetzt die Leffing'fchen Bilder etwas ftumpf und matt in der Färbung neben dem frifcheren, energifcheren Colorit der neueren landfchaftlichen Nachbarfchaft. Auch mahnt die Staffage, eine Gruppe Soldaten aus dem 30jährigen Krieg, die einen gefallenen Officier auf ihrem Waldwege finden, gar fehr an den Gefchmack älterer Meifter, welche ihre weitläufigen Landfchaften mit verkleiner ten Hiftorien, romantifchen Genrebildern en miniature, Jagdftücken etc. zu ftaffiren liebten. Eine folche redfelige Staffage, die wieder eine eigene Gefchichte für fich erzählt, theilt die Stimmung, ftatt in den Accord der Landfchaft mit einzuklingen. Eine Harzlandfchaft nach gewöhnlicher naturaliftifcher Art brachte ferner H. L. Frifche aus Düffeldorf. Nach Weftphalen verfetzte uns wieder in einem bedeutenden Landfchaftsbilde ein wohlbekannter Meifter erften Ranges, dem wir weiterhin noch einmal begegnen werden, Andreas Achenbach; ebenfo auch Paul Hoffmann in Düffeldorf. Die heimlich reizvolle Landfchaft Thüringens liegt den tüchtigenWeimarern C. Buchholz und Hans P. Fedderfen für ihre Studien nahe genug; aus Sachfen brachte der Düffeldorfer C. Jungheim, den wir fchon am Gofaufee trafen, eine Anficht von Tharand; ein Motiv aus dem Spreewald C. Krüger aus Dresden, eine gute Anhalt'fche Waldlandfchaft W. Schröter in Karlsruhe; Der Teutoburger Wald war durch zwei Landfchaftsbilder von P. Flickel in Weimar und Carl Ludwig in Düffeldorf vertreten. H. Funk, Profeffor in Stuttgart, ftellte ein ,, Haidebild aus der Eifel" aus, ein durchaus poetifch gedachtes und fchön geftimmtes Bild. Die heffifche Landfchaft repräfentirte Fritz Ebel in Düffeldorf und in vorzüglichfter Weife Val. Ruths. Die Münchener zieht es ab und zu in die defolaten Gegenden des Freifinger Moors, wie den treff lichen Dietrich Langko, oder in das Dachauer Moos, wie Paul Weber. Dem reinen Stimmungsbilde ift ein abfolutes Nichts an Linien- und Umrifswirkung gerade genug; und fo find denn die Moorgründe der Münchener Umgebung ein wahrer claffifcher Boden für die Stimmungslandfchaft geworden. Meiter Ed. Schleich ftellte fich mit ein paar herrlichen Ifarlandfchaften, eine Morgen- und Spätabendftimmung, nach feiner lang bekannten und bewährten Weife ein. Was vom Alpenland über Tirol hinaus liegt, ift auch aufserhalb der gewöhn lichen landfchaftlichen Kunfttouren gelegen; fo war denn Steiermark gar nicht, Kärnten nur durch zwei Bilder von Willroider in München( ,, Landfchaft aus, Oberkärnten" ,,, Verlaffener Steinbruch aus Unterkärnten") in den deutfchen Sälen vertreten. Und damit verlaffen wir den auch deutfchen Boden und ziehen mit der reifeluftigen Schaar unferer Landfchafter hinaus in die Fremde. Die Karpathen zunächft find fchon denn deutfchen Landfchaftsftudien fremd genug. Dort treffen wir ausnahmsweife R. Assmus in München(„ Ein Karpathendorf") und G. Genfchow in Düffeldorf(, Wafferfall im Tatragebirge"); fonft durchftreifen die deutfchen Landfchaften felten diefe Gegenden, wo es wohl manches fchöne Motiv, aber ficherer noch eine fchlechte Unterkunft gibt Bequemer ift da jedenfalls der Weften; fo brachte aus Frankreich Wilh. Bos hart, ein namhafter Landfchafter der Schleich'fchen Richtung, eine wohlgeftimmte Flufslandfchaft, die Brücke über die Seine bei Rouen", der Berliner Herm. Efchke ein Mondfcheinbild:" La plage du Riz bei Douarnenez" in der Bretagne. Die Manier Ch. Hoguet's ift in ihren glänzenden Vorzügen wie in ihren manierirten Eigenheiten bekannt genug, dafs man einfach auf feine hieher gehörigen Bilder(„, Mühle auf Montmartre"" Küfte bei Fécamp") nur zurückzu- O Die Malerei. 37 weifen braucht. Das niederländifche Flachland ift auch in der deutfchen Kunft eine mehrfach gepflegte Specialität; die holländifche Morgenlandfchaft mit Vieh ftaffirt, von Rich. Burnier in Düffeldorf, die trefflichen Stimmungsbilder von P. F. Peters in Stuttgart aus der Umgebung von Nymwegen( ,, Abend an der Waal", dann noch ein Morgen- und Abendbild) find an diefer Stelle zu nennen. 99 Nach Norwegen und feinen Fjords, nach der Waffer-, Felfen- und Nebelwelt des Nordens mit den kühl und dunftig durchbrechenden Lichtern geleitet uns Knud Baade in München( ,, Motiv an der Küfte Norwegens"), Johann Duntze in Düffeldorf( ,, Norwegifcher Fjord") und Hans Gude in Carlsruhe ( ,, Norwegifche Küftenlandfchaft" und" Hafen von Chriftiana") Wie bekannt, ist der Letztere ein Meifter in der Verfinnlichung des vom Sonnenglanz überblitzten Wellenfchlags; die Wirkung des Lichtes fowohl, wie der endlos fich fortfetzen. den Bewegung bei weitem Horizont weifs er in bewunderungswürdiger Weife wiederzugeben. ,, Der Hafen von Chriftiana" war wieder eine feiner brillanteften Leiftungen in diefer Art. Ein anderes Hauptbild von ihm zierte die kleine, nur 71 Nummern ſtarke Ausftellung von Norwegen. Ein Fjord zwifchen ungeheuren fchwarzen Felsmaffen, rings der Ausblick auf das weite Meer, deffen Brandung an einem jener Felfen fich bricht, zur Rechten ein halbverfumpftes, klippiges Geftade mit einem Fifcherdörfchen und kleinen Barken, die davor auf den Wogen treiben, diefs ift die Scenerie des Bildes; ein Sturm zieht eben herauf, deffen Anhauch man förmlich verfpürt und ein feiner Sprühregen mit hie und da durchblitzenden Sonnenblicken hüllt die grandiofe landfchaftlche Scene in einen grauen Schleier. Mit Recht bemerkt Fr. Pecht, dafs die wilde Grofsartigkeit der nordifchen. Natur in ihrer drohenden Majeftät kaum überzeugender wiedergegeben werden könne, als in diefem claffifchen Bilde, das doch kaum eine andere Farbe, als alle Nuancen von Grau zeigt". Wir können an diefer Stelle gleich die übrigen Landfchafter der fchwedifchen und norwegifchen Künftlergenoffenfchaft mitnehmen, die zum grofsten Theil eine Düffeldorfer Kunftcolonie des Nordens bilden. Da wäre zunächft L. Munthe mit einer weiten, fchneebedeckten Ebene bei düfterer Abendstimmung hervorzuheben; dann Morten Müller mit drei meifterlichen Bildern:„ Motiv aus Thebmarken"," Abendftimmung"," Fichtenwald"; N. B. Moeller mit einer Partie von der Weftküfte Schwedens", einer„ Mondfcheinlandfchaft von Oilo in Valders"; Johann und Amaldus Nielfen mit trefflichen norwegifchen Küftenlandfchaften: A. Rafs muffen mit zwei Fjordbildern, Hermann Schauche mit dem ,, Wafferfall in Sogn" und dem„ Fjord in Hardanger" und Andere mehr. Ed. Berg's" Ufer des Mälarfees" und" Fifcherdorf in Bohuslehn" verdient neben anderem Vortrefflichen noch befonders hervorgehoben zu werden, ebenfo die verdienftvollen Bilder von Wahlberg, Jacobfen und Nordgren. Faft durchwegs find die die norwegifchen Landfchaften Küftenbilder mit dem düfteren romantifchen Reiz der elementaren Aufregung und einer malerifchen Lichtwirkung. Die Natur der Heimat erfcheint in ihnen richtig ftudirt und bei der vorwiegenden Einfachheit des Motives trotz der überwältigenden Gröfse desfelben zu gröfserer künftlerifcher Wirkung gebracht, als diefs durchfchnittlich bei der complicirteren Scenerie unferer Alpenbilder der Fall ift. " Da wir fchon einmal am Meere find, fo wenden wir uns noch den übrigen Küften- und Strandlandfchaften der Nordfee, fowie den wenigen Marinen zu, welche die deutfche Ausftellung aufwies. Andreas Achenbach's Hafendamm von Vlieffingen", auf den die erregten Meereswellen rechts und links anftürmen und den fie an einzelnen Stellen als Spritzfluthen überftrömen, zeigt die ganze Kühnheit des berühmten Meifters und die Familiarität feines Pinfels mit den Elementen; dazu trat eine andere nicht minder werthvolle " Hafenpartie von Oftende".„ Eine holländifche Küfte" und„ Eine Marine bei Amfterdam" ftellte Wagner- Deines in München aus; Moriz Erdmann in Berlin einen„ Strand bei Braderup"( Infel Sylt), von bedeutender Wirkung; 38 Dr. Jofef Bayer. R. Frefenius von Frankfurt am Main eine Abendftimmung an der Nordfee" Unter den Marinen find die Nordfee- und Sundbilder von dem Münchener W. Xylander, fehr wirkfam in der Mondbeleuchtung geftimmt, zunächft zu nennen, dann weitere, fehr verdienftliche Leiftungen in diefer Gattung von dem Hamburger Franz Hünten, den Münchenern Carl v. Malchus, G. Michel, von Thiefenhaufen( Oftfeebild) und Andere. Ein, Motiv vom frifchen Haff" ftellte Rudolf Jonas aus Berlin ,,, Strandbilder von der englifchen Küfte" R. v. Pofchinger in München aus. Recht anfehnlich ſtellte fich die italienifche Landfchaft zur Schau. Doch überwiegt auch hier die naturaliftifche Auffaffung, die zunächft auf die Lichtwirkung der füdlichen Sonne und die Intenfität des Colorits, weniger auf die grofsen landfchaftlichen Umrifslinien ihr Augenmerk richtet. Hier, wo die Natur felbft mit reinerer und ftrengerer Hand zeichnet, als anderswo und den Künftler gleichfam direct in die Schule des Stiles nimmt, follte die Landfchafterei nicht fo ausfchliesslich auf die coloriftifchen Wirkungen losgehen, wie es bei der jetzt vorherrschenden Richtung in der Kunft doch meiftens gefchieht. Diefe vertritt zunächft in der italienifchen Landfchaft Oswald Achenbach, der, wenn man fo fagen darf, den ganzen Farbenreiz der Realität in der italienifchen Landfchaft und Staffage erfchöpft, und allerdings in der Wahrheit feines Localtones und der meift fonnig glänzenden Haltung feiner Bilder bei allem Naturalismus oft fogar poetifch wirkt. Freilich ift diefs mehr nur die zufällige Poefie der momentanen Naturerfcheinung, nicht die höhere des im grofsen Sinne überfchauten und zufammengefafsten Naturbildes. Sein„ Blumenfeft in Genzano" ift ein italienifches Strafsenbild mit der reichen, feftlichen Staffage einer Proceffion, dem aber der volle Abendglanz über den buntgefchmückten Häufern zufammt der Blumenfülle, die auf dem Wege fich hinbreitet, eine wahrhaft prachtvolle, blendende Haltung gibt. Weit bedeutender ift aber fein hinter dem Campo fanto von Neapel anfteigender Vefuv, der bei all dem, was den vollen Reiz des naturaliftifchen Eindruckes bedingt, zugleich wie ein componirtes Bild wirkt; dasfelbe gilt auch von einem andern Bilde von feltener Schönheit und wohl zufammengeftimmter landfchaftlicher Harmonie, der„ Villa Torlania bei Frascati". Albert Flamm, der in der Naturauffaffung wie im Gebrauche der Kunftmittel fich Oswald Achenbach zunächft beigefellt, brachte nur ein Bild in feiner bekannten wirkungsvollen Art: ,, Ein Motiv aus dem Volsker- Gebirge". Ein gewiffes feines Hinüberneigen zur ftilifirenden Auffaffung finden wir bei dem Düffeldorfer Alfred Metzener, in feinem„, Lago di Tenno" und einem„ Gardafee". Jungheim ftellte zu feinen deutfchen Landfchaften auch ein fchönes italienifches Landfchaftsbild ohne nähere Bezeichnung aus. Profeffor Ferdinand Knab in München brachte einen Garten in Italien" mit glühender Abendbeleuchtung, ein Bild von imponirender Wirkung; Chr. Wilberg in Rom eine„ Villa Pamfili" von hervorragendem Werthe. Neben ihm war Lindemann- Frommel in Rom mit feiner Ausficht von Taormina" und dem„ Thal des Pouffin" ein fo ziemlich vereinzelter Vertreter des ftärker betonten Stilgefühles in der füdlichen Landfchaft. Unter den emfigen Weimarer Landfchaftern brachte Profeffor Carl Hummel eine verdienftvolle corficanifche Landfchaft: eine„ Ausficht über den Canton von Serraggio". Der Düffeldorfer Meifter Aug. Leu, fonft zunächft wie Wenige im Norden heimifch, liefs diefsmal die Sonne über dem Bufen von Sorrent in etwas zu gelben Tinten untergehen. Sowie die Infel Capri eine Lieblingsftation der Reifefeuilletoniften ift, fo wird fie auch ohne Unterlafs über die Malermappe hinweg cernirt; die Ausstellung bot eine ganze kleine Collection folcher Capribilder zur Schau. Da fand fich Ernft Körner in Berlin mit einem„ Monte Caftiglione", A. Lutteroth in Berlin mit einer fehr schönen Landfchaft aus Capri ein. Noch zwei weitere Berliner Maler, H. Efchke und Albert Hertel gefellten fich gleichfalls hinzu. Jener verfuchte fich wieder einmal an dem malerifch riskirten Problem der„ Blauen Grotte", Hertel brachte eine Strandfcene von Capri und den„ Ausblick vom 97 Die Malerei. 39 Hotel Pagano"; Robert Heck in Stuttgart ftellte eine Felspartie, den„ Arco naturale in Capri", Waldemar Rau in Dresden eine Anficht der Infel felbft aus. Bedeutend im Range waren die Bilder von Profeffor Auguft Bromeis in Kaffel: eine italienifche Landfchaft aus der königlichen Nationalgallerie in Berlin und ein„ Motiv bei Olevano". Die„ Villa Hadrian" von Guftav Closs in Stuttgart zeigt wieder eine ftilvollere Haltung, Eduard Agricola's( aus Carlsruhe) Ruine des Polio bei Neapel" bei verdienftlicher Mache eine kältere, mehr conventionelle Landfchaftsmanier. Adolf Höffler von Frankfurt am Main malte beliebte Taffo- Eiche in Rom. Der Münchener Bernhard Fries brachte ein Abruzzenbild; Carl Happel eine„ Vedute am Golf von Neapel". Dazu kommt noch fchliesslich der Dresdner, Auguft Reinhardt mit einem Landfchaftsbild von Girgenti, und fo wäre denn damit unfere, voyage pittoresque" durch Italien fo ziemlich beendigt. " Als fremdartigere Zugabe ftellte fich denn die orientaliiche Landfchaft, wenn auch nur vereinzelt ein; fo in den Bildern A. Heerenburg's aus Dresden:„ Die Memnonkoloffe in Ober- Egypten"," Abufchär an der Küfte von Iran"," Die Ebene von Paphos in Cypern", dann in des Leipzigers C. W erner Aquarellen aus Egypten und Paläftina. Dazu kam weiter die exotische Landfchaft mit ihrem gefteigerten Reize, zunächft nach der Seite des virtuofen Farbeneffectes durch ein älteres Bild von Hildebrandt ,, Ein heiliger See zu Birma" vertreten. Die andere Seite, die Grandiofität der vegetativen Natur, fafste wieder Profeffor Ferdinand Bellermann in Berlin in feinem„ Südamerikanifchen Urwald aus Venezuela" ins Auge. Diefes tropifche Waldbild, fowie das Motiv von der Hochebene von Merida" find allem Anicheine nach bedeutende Landfchaftsbilder, die man aber ohne Vergleichung mit dem Naturvorbilde doch nicht ganz würdigen kann. Landfchaften ohne örtliche Bezeichnung des Motivs, aber dabei doch mit deutlich ausgefprochenem Localcharakter gab es auf der deutfchen Ausstellung ziemlich viele, und darunter nicht die geringften an künftlerischem Werthe. Da fand fich denn zunächft Meifter Adolf Lier in München mit vier höchft anziehenden Bildern ein. Es waren diefs fo eigentlich ftimmungsvolle Charakterlandfchaften der vier Jahreszeiten, ein Frühling mit all der frifchen Blüthenherrlichkeit der Bäume und dem lichtdurchglänzten, weifsen Gewölke am Himmel, eine prachtvolle, fommerlich geftimmte Abendlandfchaft, eine Landftrafse im Herbfte mit entlaubten Alleebäumen bei feinem Regen, dann ein Garten im Winter, wo das Abendroth zwifchen den kahlen Baumftämmen glüht. Von A. Vollweider in Carlsruhe fahen wir drei gute Waldbilder, bei denen nur eine kräftigere Färbung wünschenswerth gewefen wäre; einen grofsen Sinn für die Poefie der Waldlandfchaft zeigte auch diefsmal Carl Ebert in München in einem Buchenwald und noch einem zweiten bedeutend componirten Bild diefer Art. Stademann in München ftellte fich wieder mit feinen Eis- und Schneebildern von wohlbekannter Meifterfchaft ein. Zu den am beften gezeichneten Landfchaften, harmonifch in der Haltung und edel wirkend in der Compofition, gehörte ein Landfchaftsbild des Düffeldorfers A. Weber, das der königlichen Nationalgallerie in Berlin entnommen war. Neben feinen Bildern aus Capri brachte der Berliner Erneft Körner ein prächtig glühendes Abendroth am Damm'fchen See"; gute Stimmungslandfchaften in Lier's Richtung, gelegentlich mit Weidevieh ftaffirt, die Münchener Hermann Baifch, Wenglein, Weishaupt und fo gäbe es noch manches Verdienftliche zu nennen, wenn fich dem Berichterstatter nicht die feineren und frifchen Eindrücke des Details trotz aller Notizen vor den Bildern felbft in der Erinnerung nicht fchon halb verwiſcht hätten. Um aber mit dem Bedeutendften zu fchliefsen, fei zuletzt noch der grofsen Stillandfchaft Friedrich Preller's mit der mythologifchen Staffage von Diana und Aktäon gedacht. Trotzdem das Colorit etwas kühl und dünn wirkt- mehr als bei den berühmten Odyffeelandfchaften des Meifters in Weimar, denen die - 40 Dr. Jofef Bayer. nachträglich gemachten Naturftudien in Unteritalien in der Farbe ſehr aufge holfen haben macht das grofse Gemälde durch den Adel der landfchaftlichen Compofition einen durchaus imponirenden, ja hohen Eindruck. In der Thiermalerei bewährte fich wieder, wie immer feither, die Münchener Kunft. Friedrich Voltz verfteht es ganz befonders, dem„ fchwer hinwandelnden Rind" eine idyllifche Stimmung abzugewinnen und das Thierftück mit der Poefie des landfchaftlichen Eindruckes harmonifch zu vereinen. Seine Viehweide im Herbft" und vielleicht noch mehr ein zweites kleineres Bild,„ Kühe am See", find neue, fchöne Proben feiner uns fchon wohlbekannten Meiſterſchaft. Das mehr dem Genre verwandte Thierftück, gleichfam die erzählende und charakterifirende Behandlung desfelben, war nach der humoriftifchen Seite aufs vorzüglichfte durch ein grofses Schafbild von Otto Gebler vertreten, während das. Thierleben in Situationen der Aufregung von Braith in feiner Heerde, die auf der Alm an einem hochangefchwollenen Bache inne hält, auf grandios- ernfte Weife, von C. Roux in den Schafen, die von preufsifchen Uhlanen in Frank reich hergetrieben werden auf mehr draftifche Art dargestellt ift. Das Hochwild ift zunächst von Guido v. Maffei in München, dann auch Ed. Ockel in Berlin vortrefflich erfafst; dazu kommen dann noch des Berliners C. Steffeck Pferde ftall- Scenen und des Müncheners Benno Adam Parforcehunde. Das Architekturbild und die Stadtvedute war nicht allzu zahlreich, aber dafür bedeutfam repräfentirt. Carl Gra e b's Intérieur aus dem Dom von Halberstadt( Eigenthum der Nationalgallerie in Berlin) zeigt die Meifterfchaft des Künftlers im günftigften Licht. G. Schönleber's aus München, Strafse in Genua" ift von ernfter und eigenthümlicher Wirkung; die ganz landfchaftlich behandelten Krakauer Veduten königliches Schlofs und Vorftadt von Krakau - von den in München gefchulten Polen W. Malecki find von fehr anfprechender, lichter und ftimmungsvoller Haltung. Louis Mecklenburg's S. Giorgio maggiore in Venedig bei Abendbeleuchtung" braucht man nur einfach zu erwäh nen, um eine alte Bekanntfchaft von fo manchen Kunftausftellungen her in Erinne rung zu bringen. Die Ereigniffe des Jahres 1870 haben neben dem Kriegsbild auch die Por träts der militärifchen Berühmtheiten in den Vordergrund geftelit. Da wäre zunächft Lenbach's Kaifer Wilhelm, von ebenfo virtuofer Farbe als keck nachläffiger Zeichnung, ein Bismarck und ein Moltke von Otto Heyden in Berlin, dann wieder ein Moltke in feinem Arbeitszimmer zu Verfailles von A. v. Werner. Der vornehme Militär- wohl von königlichem Geblüt- den Profeffor C. Steffeck zu Pferde gemalt, fitzt wahrfcheinlich nur dem Letzteren zulieb im Sattel, da ja Pferde die nächfte Specialität des Künftlers find. Immer häufiger werden in Deutfchland auch die fogenannten eleganten Porträts, die uns gleichfam die gefellſchaftliche Stellung der Perfon notificiren, den zunächft für eine diftinguirte Aufsenwelt exiftirenden Menfchen zeigen; wie bei Guftav Graef in Berlin( Porträt des Minifterpräfidenten Grafen von Roon, ferner zwei vornehme Damenbildniffe); Ernft Hildebrand in Berlin( drei Damenporträts); Profeffor A. Weber ebendafelbft( ein Frauenbildnifs) u. f. w. Profeffor Julius Schrader erfreute uns durch einige fein charakterifirte Bildniffe grofser Gelehrten, in deren Zügen wir zunächft die tief gezogenen Spuren der Gedankenarbeit, weniger die äufseren Beziehungen der Repräsentation fanden; er ftellte ein Porträt Humboldt's, dann zwei weitere von Profeffor A. Wolf und Ranke aus, neben denen fein Moltke auch faft wie ein Kriegsgelehrter, was er denn auch it, ausfah. Die bezeichnenden, gut individualifirten Porträts von Profeffor Fr. Reiff in Aachen.verdienen gleichfalls eine ehrenvolle Nennung. A. Hörter in Carlsruhe brachte ein treffliches Bildnifs von Ed. Devrient; Charles Verlat ein belgifch archaifirendes von Profeffor Preller. Neben den fchärfer gefafsten Porträts felbftſtändiger und bedeutender Perfönlichkeiten, die fich ihren Charakterkopf durch ihre Gedankenarbeit oder praktiſche Thätigkeit felbft ausgearbeitet haben, e- en e er k e 1 S Die Malerei. 41 dann neben den weltläufigen Repräfentationsporträts, die viel zahlreicher noch mitgehen, ift glücklicherweife das gemüthliche, häuslich geftimmte Bildnifs auch noch vertreten, dem man es anmerkt, dafs es zunächft auf die Familienglieder und intimeren Hausfreunde traulich hinabfchauen foll. Freilich findet der Effect. diefer moderne Verfucher, auch oft Einlafs in die Heimlichkeit des Haufes. Von Profeffor Guftav Richter in Berlin wurde ein Porträt feiner Frau, einer Tochter Meyerbeer's, mit dem Jüngften auf dem Arme und ein Selbftbildnifs des Künftlers( wenn ich nicht irre) mit einem luftigen Knaben, der zum Fenfter hinaus toaftet, zur Ausftellungszeit fehr populär. Es find Bilder von glänzendfter Eleganz des Colorits, aber bei allem gewinnenden fympathifchen Reiz doch ohne das feinere, intime Gefühl des Hausbildniffes. Das ftille Glück daheim foll fich nicht ausdrücklich, wie es hier gefchieht, dem grofsen Publicum zur Schau bieten und in eine wenn auch immerhin gemüthliche Beziehung zu der Strafse, zu den draufsen Vorübergehenden ftellen. Wir treten gern ins Haus, um da den Menfchen in feinen engften traulichften Beziehungen aufzufuchen; es ziemt fich aber nicht, dafs fich der häusliche Menfch fo felbft auf die öffentliche Bühne ftelle. " Gegen die Modemalerei, wie fie auch in der Piloty'fchen Schule nachgerade zu einer geläufigen Methode wird, reagiren in München einige begabte jüngere Künftler, wie Hans Thoma, Carl Haider und Wilhelm Leibl, letzterer auch zunächft im Bildnifs. Er gehört zu Jenen, die in der Parteiftellung der Kunft auf der äufserften realiftifchen Linken fitzen. Ganz richtig bezeichnet Pecht feine altdeutfch coftumirte Dame als ein ,, coloriftifches Bravourftück" von hervorragendem Range, wenn auch der Künftler mit der Form, nicht dem Charakter, zu Gunften der Farbe etwas zu cavalièrement umgeht"; ebenfo anerkennt er in den beiden mit einander zechenden Malern, einem geistreichen Genrebild Leibl's, das„, eminente Naturgefühl". Leibl gehört unter die refoluten und wagenden Künſtler; er geht der Erfcheinung direct an den Leib, ohne ein Compromifs mit der zu glättenden Eleganz, diefer weltmännifchen Converfationsfprache der Kunft, zu fchliefsen. ,, Er ift Realift in des Wortes fchärffter Bedeutung"-fo charakterifirt ihn ein fcharffinniger Kunftartikel die Münchener Kunft nach dem Tode Kaulbach's", der mir eben jetzt in der„ Neuen freien Preffe" Nr. 3527( vom 21. Juni 1874) vorliegt " er kennt keine geläuterte Auffaffung, gefchweige denn Idealifirung und Erhöhung des Gegenstandes, den er darftellt; ja er verfchmäht jedes leife Zugeftändniss an den conventionellen Gefchmack, jedes augenfällige Arrangement, jedes entgegenkommende Zurechtlegen des nicht felten unintereffanten Vorwurfes. Er malt die Dinge, wie er fie fieht, ohne Unterfchied und Vorliebe, gleichgiltig dagegen, welchen Rang ein Object in der natürlichen oder moralifchen Ordnung einnimmt." Das Urtheil ift fehr zutreffend; und ein folcher Radicalismus in der Kunft thut ganz gut, fobald fie einmal Miene macht, fich in conventionelle Bahnen zu verfahren. - Auf einem längeren Umwege kommen wir„ via München" wieder nach Berlin zurück; von den neuhiftorifchen Porträts Bismarck's und Moltke's zu den impofanten, richtig hiftorifchen Reiterporträts des grofsen Kurfürften und Friedrichs II. von Profeffor Camp haufen. Sie gehören in ihrer fchlichten, ernften Gröfse zu jenen Bildern, in denen fich das wohlbegründete Bewufstfein des preufsifchen Ruhmes ausdrückt. Auf diefe beiden monumentalen Fürftengestalten mufs derfelbe immer zurückgehen, wenn er feine Erinnerungen gründlich recapitulirt Neben diefem ernſteren Zuge in der norddeutfchen Malerei will mir- um nur noch einen beiläufigen Seitenblick in eine andere Gattung zu werfen der neue Berliner Modegefchmack um fo weniger behagen, wie er z. B. in Auguft von Hey. den's Bild„ Werbung der Gefandten des Königs von Frankreich um Blimenis von der Provence" bedenklich genug fich kundgibt. Das Bild gehört in das Genre der gefuchten Pikanterien. Die Princeffin mufs fich, aus den Bettgardinen vortretend, diefen Herren völlig nackt zeigen, damit fie fich von ihrer körperlichen Tadel - 42 Dr. Jofef Bayer. lofigkeit gründlich überzeugen können. Man fieht ordentlich, wie den nicht mehr ganz jungen Mitgliedern der Jury, die über diefes weibliche Cabinetsftück in natura entfcheiden foll, die Augen bei dem Verdict lüftern übergehen. Die Berliner Kunft fcheint aber auch, wie die von Wien, dem grofsftädtifchen Nuditätenkitzel nicht widerftehen zu können. Gegen die Nacktheit in der Kunft ift nichts einzuwenden; wohl eben gegen diefes elegante, modifche Gefchmäckchen an Nuditäten, welches fich halb lüftern, halb verfchämt, aber immer doch fcheinbar anftändig geberdet. Um den Bericht über die deutfche Abtheilung mit der Erwähnung eines hervorragenden Werkes zu fchliefsen, fo nenne ich zuletzt noch Adolf Menzel's wohlbekanntes Bild, die„ Krönung in Königsberg 1862", das der Nationalgallerie in Berlin einverleibt ift. Es hat vielfachen Widerspruch erfahren; auch ein befonnener und geiftreicher Beurtheiler, wie Dr. Adolf Görling( in feiner„ Gefchichte der Malerei", II. Band, Seite 261) fagt, dafs diefes Werk die Vorzüge wie die Mängel des genialen Künftlers lebhaft zu Gefühle bringe. ,, In diefem umfangreichen Ceremonienbilde", meint Görling,„ hat Menzel den naturaliftifchen Eigenfinn fo weit getrieben, dafs er zu Gunften der vollen Wahrheit felbft auf eine der male rifchen Gefammtwirkung günftigere Lichtwirkung verzichtet hat, als fie der Schauplatz der Ceremonien darbot." Friedrich Pecht ereifert fich faft bis zur Heftigkeit über diefes Bild; er findet die Hauptfigur, den König felbft, höchft imponirend, die Umgebung dagegen um ihn ganz formlos aufgefchichtet, obgleich das individuelle Wefen eines jeden Einzelnen mit feltener Energie aufgefafst fei; das ganze Menfchengedränge fchwanke wie in einem Erdbeben durch die offenbarften Fehler in Lichtvertheilung und Luftperfpective; das Publicum verliere fich im Hinter grunde in langen Reihen und fähe fehr gelangweilt aus, weil es ohne alle pikante Lichtwirkung gemalt fei. Menzel, der das feinfte Auge für jeden einzelnen Zug befäfse, habe die Erfcheinung in ihrer Totalität fo unvollkommen wiedergegeben, dafs fie unwahr ausfähe. Bei alldem glaube ich, dafs der Künftler es wohl auf die Gefammterfcheinung abgefehen habe, doch ohne fie recht in Auge und Hand bekommen zu können. Da machten fich denn die negativen Seiten des Bildes, die Lichtarmuth, die Trockenheit des Vortrages u. f. w., zunächft bemerkbar; man fieht, wie bei allen halb erreichten künftlerifchen Abfichten mehr nur, was der Künftler zu einem beftimmten Zwecke aufgab, als womit er da hinauswollte. Das Bild wirkt bei alldem bedeutend, wenn auch zugleich mit einem gewiffen nüchtern feierlichen, echt preufsifchen Ernft; über die künftlerifche Schwierigkeit der Aufgabe, die Totalerfcheinung einer fo grofsen Verfammlung in Aug und Bild feftzuhalten und unter entſprechender Beleuchtung malerifch getreu zu fixiren, liefse fich noch weiter rechten. Indem wir diefe Frage vorläufig der weiteren fachkundigen Erwägung überlaffen, wenden wir uns jetzt den anderen Abtheilungen der Kunsthalle zu, wo dann Frankreich, als politifcher und artiftifcher Gegensatz zu Deutſchland, unferer gleichmäfsig abwägenden Betrachtung zunächft liegt Frankreich. Ein hervorftechendes Merkmal, welches die franzöfifche Malerei in dem grofsen Ausstellungswettkampf charakterifirte, war das Imponirende des Gefammteindruckes, das Zufammengehen der Einzelnwirkungen der vielen hier vereinigten Kunftwerke in gewiffe grofse Hauptzüge, die das Auge und das Gefühl ſchnell herausfindet, ohne dafs fie fich fo genau im Worte fixiren liefsen. Das mächtig Durchgreifende einer grofsen malerifchen Gefammterfcheinung drang fich fogleich beim Eintritte in die franzöfifchen Säle auf, ehe man noch daran gehen konnte, das Einzelne nach feinem vielfach abgestuften Werthe zu prüfen und auf fich wirken zu laffen. Man wurde fofort deffen inne, dafs diefer ganze Verein von Geftalten, mochten fie der Mythe oder Allegorie, dem bedeutenderen hiftorifchen Dafein oder den befcheideneren Lebenskreifen der Genrewelt entftammen, irgend Die Malerei. 43 ar n er !, S wie zufammengehöre und aus einer gemeinfamen nationalen Kunftanfchauung feine Herkunft leite. Gewifs war den deutfchen Bildern nicht minder deutlich ihr nationaler Urfprung auf die Stirne gefchrieben, und doch fprachen fie in einem ganz anderen Sinne zu uns. Das Rein- Individuelle entfchied da den erften Eindruck; man mufste von Bild zu Bild gehen, die einzelnen Maler in ihrer Eigenthümlichkeit fchätzen und würdigen lernen und erft nach diefen vielen, allmälig angeknüpften und gepflegten Kunftbekanntfchaften kam man mehr auf dem Wege der Abftraction des Urtheils zu der allgemeinen Vorftellung deffen, was beiläufig die deutfche Kunft in ihrem gegenwärtigen Zuftande fei. Die Gefammtwirkung hatte etwas Zerftreutes, oft ganz Ungleichartiges, weil die Wirkung des Einzelnen zu fehr überwog. Namentlich im Genrefache beeinträchtigt die deutfche Gründlichkeit in der Charakteriſtik und Seelenmalerei oft die ruhig zufammenftimmende malerifche Gefammthaltung; aus jedem Bilde war da eine andere Gefchichte abzulefen, und zwar allmälig und bedachtfam, wie aus einem gut gefchriebenen Buche. Wo fo viele Maler fich aufs Erzählen und Schildern legen, mufs man ihnen einzeln folgen, jedem Gefichte feine feelifche Bedeutung abfragen, und für die grofse Ueberfchau ift da wenig gewonnen. Der individuali firende Trieb, der durch unfere Literatur geht, ſpricht fich ebenfo auch in unferer Kunft aus. Bei den Franzofen war diefs kein abgezogener Begriff, fondern eine unmittelbare finnliche Wirkung, die uns da fagte: Das ift die franzöfifche Kunft, wie fie fich eben jetzt präfentirt. - - Das Erfte und Unmittelbare, was man wirklich fah, und fich nicht blos aus verfchiedenen Merkmalen combinirte, das war eben der allgemeine Kunftcharaktererft in zweiter Reihe löfte fich diefes Allgemeine in die individuellen Unterfchiede auf. Man konnte fich von diefer Art der Wirkung fofort überzeugen, wenn man rafchen Ganges die vier franzöfifchen Hauptfäle durchfchritt. Ob man da den Perfeus von P. Blanc der Medufa den Kopf abfchlagen fah, ob man einen Blick über den Sclavenmarkt Giraud's hingleiten liefs, oder den Schäferhund Troyon's fixirte, der von erhöhtem Standpunkte aus die Schafheerde vor fich Revue paffiren läfst ob man Regnault's General Prim, ftolz. zu Pferde fitzend, fich nach dem Pöbelchorus von Madrid umblicken fah, oder Breton's Proceffion durch das fonnige Kornfeld folgte ob man fich von Jules Lefebvre's„ nackter Wahrheit" mit ihrer hocherhobenen Leuchte den ganzen Saal mit einem Male beleuchten liefs, oder den aus der Synagoge vertriebenen Chriftus von Laurens mit echt franzöfifch- theatralifchem Pathos die Treppen hinabfteigen und Barrias' Sokrates in ähnlicher Geberde fich zum Tode rüften fah: es ging durch alle diefe Geftalten, fo verfchiedener Herkunft fie fein mochten, ein verwandter nationaler Familienzug; fie fprachen im malerifchen Sinne dasfelbe ſtark und nachdrücklich accentuirte Franzöfifch. Aber noch mehr: fie redeten auch deutlich die Sprache der grofsen Kunftſchulen, die in Frankreich feit der Blüthezeit des Einfluffes von Ingres, Delacroix und Delaroche trotz der vielfach berufenen Verwilderung der neueften franzöfifchen Kunft. zuftände noch immer ihre ftarke und unverkennbare Nachwirkung äussern. Das entfchiedene Hervortreten des nationalen Zuges, und zwar nicht blos dem geiftigen Inhalt nach, fondern in der finnlichen Erfcheinung, in der augenfälligen Lebensäufserung- diess ift ein ganz unfchätzbarer Vorzug für die bildende Kunft. Es kommt in der Malerei nicht blos darauf an, wie viel Gemüthsfond und innerliches Leben hinter den Bildern fteckt, fondern vielmehr darauf, was von dem volksthümlichen Naturell und Geifte völlig in die Darftellung aufgeht. Trifft diefe Bedingung zu, dann ergibt fich daraus eine Leichtigkeit und Sicherheit im Ausdruck und Vortrag, welche ganz fälfchlich als Oberflächlichkeit aufzufaffen wäre, blos weil Alles, was man da ausdrücken will, wirklich an die Oberfläche kommt. Die moderne franzöfifche Malerei hat, ganz abgefehen von den fittlichen 44 Dr. Jofef Bayer. Bedenken, die man gegen fie erheben mufs, Eines mit den beften Kunftzeiten gemein: fie befitzt das richtige Gleichgewicht zwifchen künftlerischer Abficht und techniſchem Vermögen, fie hat für ihre Intentionen die richtigen malerifchen Ausdrucksmittel, und fie kennt überhaupt, wenigftens der Regel nach, keine anderen Intentionen, als folche, die malerifch auszudrücken find. Diefs ift es, was die Franzofen im Augenblicke noch immer als das erfte Kunftvolk der Gegenwart erfcheinen läfst, obgleich ihre Leiftungen von der Ver derbnifs ihres Gefellſchaftslebens fehr deutlich fignirt find. Wir haben in Deutſchland, und auch nicht mehr im letzten Moment, einzelne genialere Künftler, als fie die Franzofen aufweifen können; bei uns ift der Werth des Individuums für das künftlerifche Schaffen zu erfragen, was aber die umfaffende Kunftübung, die lebensvolle Ausbreitung der Schuleinflüffe bedeutet, das zeigt fich nur fo ganz in Frankreich. Dazu kommt der Vortheil gewiffer nationaler Eigenfchaften, die leicht in den malerifchen Ausdruck übergehen: die Grazie, das Pathos, der Affect, die fich lebhaft und gleichfam mit einer gewiffen finnlichen Fertigkeit äussern, die Seelenbewegungen, die nicht innerlich gebunden find und rafch und bezeichnend fich der Bewegung und Stellung mittheilen. Hat auch Alles diefes einen überreizten Zufatz, jenen eigenthümlichen modernen Charakter, in dem die Berechnung des Effectes mitinbegriffen ift, fo darf man doch den fpecififch künftlerifchen Werth davon nicht unterfchätzen. Man darf fich mit einem Worte durch dasjenige, was uns an der franzöfifchen Malerei aus ethifchen Gründen oder aus folchen der verfchiedenen nationalen Empfindungsweife heterogen oder wohl auch abftoffend erfcheinen mag, nicht im objectiven Kunfturtheil als folchem beirren laffen. Ich berührte früher die Schuleinflüffe, die aus der letzten Zeit des Auffchwunges der franzöfifchen Malerei fehr ftark und nachdrücklich bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt herüberwirken. Es ift diefs ein befonders wichtiges Moment zum Verſtändnifs des franzöfifchen Kunftlebens. Unfere bedeutendften deutfchen Meifter, welche die Kunft am tiefften durchdachten und durchempfanden, finden wir bald in freiwilliger und wohl auch unfreiwilliger Ifolirung; fo wie fie fich fchwer dazu entfchloffen, vom Malergerüfte zur Staffelei herabzufteigen, fo wurde es um fie herum bald ftille in ihren Ateliers. In unferen Tagen gibt fo ziem lich nur die Schule Piloty's in München einen Mittel- oder Durchgangspunkt für gewiffe Kunftbeftrebungen ab. Im Uebrigen hat die deutfche Kunft weniger ihre ftetigen Lehrjahre, als ihre experimentirenden Wanderjahre mit wechfelnden Verfuchsftationen. Hie und da fpringt ein frifcher Quell in der deutfchen Kunft hervor, zeigt fich in der Nähe feines Urfprungs als ein gar munteres Gebirgswaffer, aber er bildet in feinem weiteren Laufe kein tieferes Rinnfal und nimmt nur wenig von den benachbarten Zuflüffen in fich auf. Der deutfche Particularismus und Individualismus in der Kunft( der von der energifch ausgeprägten Individualität wohl unterſchieden werden mufs, denn diefe fammelt, wo jener zerftreut) zeigt ſich vornehmlich darin, dafs fo wenige Ateliers einen entfcheidenden und weithin fichtbaren Einfluss ausüben. Die officiellen Meifterfchulen an den Akademien und das Kunftprofefforenthum bieten keinen Erfatz für die Schule, die fich durch fpontane Anziehungskraft bildet. Auch der bedeutendfte Meifter wirkt nicht mehr im rechten lebendigen Sinne, wenn er nur als beftallte Lehrkraft" zu wirken hat. In Frankreich theilt fich das Kunfleben nach grofsen und breiten Strö mungen, die von namhaften Meiftern ausgehen. Der Strom trübt fich in feinem weiteren Laufe; er ift dann in weniger reinliche Ufer gefafst, aber fein Bett ift breit und voll. Die Originalität der hervorragendften Künftler zog fich da nicht auf fich felbft zurück, fondern wirkte triebkräftig nach Aufsen; fie fchuf neue überraschende Auslegungen des Begriffs der nationalen Kunft, fie wirkte mit der vollen Ueberredungskraft neuer glänzender Manieren, und was fo in die Welt hinaustritt, fchafft fich immer in ihr Raum und gewinnt lebendigen Einfluss. Die Malerei. 45 Man hat off den Franzofen vorgeworfen, dafs fie zu direct auf den Effect losgehen, aber zuletzt zeigt fich doch nur in dem Wirkenden, nicht blos in dem Erfonnenen die Kraft der Kunft. Wenn die modernfte franzöfifche Malerei oft eine unlautere Buhlfchaft mit dem Effecte treibt, fo haben die Führer der entfcheidenden Richtungen aus letzter Zeit das wirklich Bedeutende, das fie anftrebten, eben auch mit finnlicher Kraft der Wirkung auszufprechen gewufst, und in diefer Art darf man den Effect wohl gelten laffen. Nur folche ftark prononcirte Ausdrucksweifen können auch für längere Zeit ihren Einflufs bewahren, und geben dann, indem fie fich fchulmäfsig vererben, auch wenn fich der geiftige Gehalt vermindert, der Kunft jene äufserlich imponirende Gefammterfcheinung, wie fie uns in den franzöfifchen Sälen entgegentrat. Sie ift wefentlich ein Ergebniſs gewiffer, in compacten Maffen auftretenden Hauptfchulen, zu denen die einzelnen Maler ihre Zugehörigkeit auch ausdrücklich bekennen. Jean Ingres' reinerer Einflufs ift noch nicht ganz verwifcht; zum Panier des energifchen und vielfeitigen bei aller Kraft des Ausdruckes doch künft. lerifch gemäfsigten Delaroche bekennt fich noch eine ftattliche Reihe von Künftlern; etwas Wenigere, folgen der Fährte des geiftvoll wagenden Dela croix. Picot's Schule wirkt noch aus den Tagen der Juliregierung nach; Couture's Einwirkung, deffen Atelier im Anfange der fünfziger Jahre mit Schülern fich füllte, ift zurückgetreten, aber nicht gerade erlofchen; Horace Vernet's Schule fondert fich deutlich genug aus; Charles Gleyre, der den formalen Idealismus in der Kunft wohl auf bequemere und fafslichere Weife als Ingres felbft zu vermitteln wufste, bewahrt als fchulbildender Meifter auf lange hinaus feine Bedeutung. Ganz befonders zahlreich ift aber der Schülerkreis von Lion Cogniet in der neueften franzöfifchen Malerei vertreten; wie häufig lafen wir nicht in dem Katalog den Zufatz:" élève de L. Cogniet"! Er hat, feitdem er. fich felbft von der Production zurückgezogen, als Lehrer nachhaltig auf das jüngere Gefchlecht Ein flufs geübt; er insbefondere verftand es, feinen Stil- und Formfinn zu popularifiren, indem er zugleich durch coloriftifches Verftändnifs den Neigungen der Zeit entgegenkam. Die fpecififch modernen Einflüffe gehen nun weiter in umfaffender Weife von Cabanel und Gérôme, den tonangebenden Meiftern des zweiten Empire aus; in der Landfchaft machen Corot, Bertin, Daubigny, ebenfalls Schule. Die franzöfifche Ausftellung hat fich allerdings dadurch fehr in Vortheil zu fetzen verftanden, dafs fie ganz gegen das Programm bis auf mehrere Decennien zurückgriff und auch noch einige berühmte Todte citirte, um die prunkhafte Infcenirung diefer Expofition vervollständigen zu helfen. Hätte man fich ftreng nur auf die Production der letzten Ausftellungsperiode befchränkt, dann hätte es auch nicht an einzelnen fehr bedeutenden Leiftungen gefehlt, aber die Wirkung des Enfembles wäre weit befcheidener geblieben. So aber bekamen wir eigentlich eine ausgepackte Gallerie moderner Kunftwerke älteren und jüngeren Datums zu fehen, die entweder fchon früher wiederholt ausgeftellt waren oder bereits in öffentlichen und Privatfammlungen fich befinden. Das Palais Luxembourg allein ftellte ein fehr anfehnliches Contingent von Bildern. So konnte man in den franzöfifchen Sälen einen ganzen Curfus neuerer Kunftgefchichte durch die Zeit des zweiten Kaiferreiches bis in jene des Juli- Königthums und der Reftauration hinauf durchmachen. Delacroix, von dem eine Reihe bedeutender Bilder umherhingen, geleitete uns bis in die romantifche Schule der franzöfifchen Malerei zurück. Die Ingres'fche Schule war ftark vertreten und der berühmte Meifter felbft trat uns in dem Zeichnungsentwurfe zu feiner„ Apotheofe Homer's" entgegen. An die ältere Malerei des Kriegs- und Soldatenlebens aus der Kunftepoche des Julikönigthums gemahnte uns H. Bellangé, noch ein Schüler des alten Gros, mit feiner wohlbekannten„, Epiſode von dem Rückzuge aus Rufsland". Die von Paul angeregte gefchichtliche Richtung konnte man wenigftens nachwirken fehen. Allmälig kam man dann durch verfchiedene Mittelftufen zu der modernen Delaroche 46 Dr. Jofef Bayer. Darftellung des Nackten mit ihrem gefuchteren finnlichen Reiz. Wir konnten auf dem, Triumph Flora's" von Cabanel feine gefallenen weiblichen Engel durch die frühlingshellen Lüfte jubiliren und in reizendem Reigen in die Höhe fchweben fehen, während gegenüber der düftere Wiertz die gefallenen Engel männlichen Gefchlechtes mit biblifch ftrenger Unerbittlichkeit in den flammenden Abgrund ftürzte. Wir konnten weiter die entkleideten Halbweltideale der modernen franzöfifchen Malerei in den verfchiedenften finnlich herausfordernden Stellungen zumeist in jener der„ Venus Anadyomene" von Cabanel abgelaufchten LieblingsAttitüde mit dem fchwimmenden Blicke, der weichlichen Schlaffheit der Glieder und der heftig gewölbten Wellenlinie der einen Hüfte, immer und immer fchauen und wieder fchauen. Auch die keufche Sufanne, die Jean Jacques Henner fchon 1864 aus Rom eingefchickt, ftieg abermals vor unferen Augen aus dem Bade, um ihre Reize auch vor dem Wiener Weltausftellungs- Publicum zu ent hüllen, und jene nackte Schläferin Antigna's, eines Schülers von Delaroche, über der eine braunrothe Teufelsfratze hockt und den fpitzen Arm in ihr weiches fchwellendes Fleiſch ſtemmt jenes feltfame Un Cauchemar" benannte Bild aus dem Parifer Salon von 1866 hatte fich gleichfalls bei uns eingefunden. Endlich kamen wir wieder unter angekleidete Menfchen und zu jenen Malern, die das Sittenbild in der modern- realiftifchen Richtung vertreten. Aus den Boudoirs, wo hinter feidenen Vorhängen mit halbverfchloffenen Augen die lüfterne Sinnlichkeit laufcht, geleiteten uns die Socialiften des Pinfels, die Darfteller der niederen Volksclaffen, in die Manfarden, welche die Armuth bewohnt. Das Eine ftellte fich als Raffinement dar wie das Andere und Beides erwies fich als echt franzöfifch, die fexuelle wie die focialiftifche Malerei, die forcirte Sinnenluft wie das forcirte Elend. Auch hier begegneten wir wieder demfelben Antigna, deffen„ Scene aus einer Feuersbrunft" wohl das Bild von 1850 im Luxembourg fein dürfte. Aus der Enge der Strafsen, aus den dunftigen Wohnungen des Proletariats führte uns zuletzt Jules Ad. Breton hinaus ins Freie in feine fo ftimmungsvollen und malerifchen Bauernidyllen aus Artois, über die fich bald warmer Mittagsfonnenglanz, bald weicher Dämmerungsfchein verbreitet, um uns da auch wieder in feiner„ Segnung der Felder" von 1857 und in den„ Aehrenleferinen" von 1859 die früheren Zeugniffe feiner erften Erfolge vorzuführen. Zwifchendurch konnten wir, um uns durch die Einkehr in den Naturfrieden von den ftachelnden und erregenden Eindrücken vollends zu erhohlen, vor dem prachtvoll normannifchen Weidevieh Troyon's verweilen oder unter den Eichengruppen Theodor Rouffeau's in feinen fchönen Waldpartien von Fontainebleau uns finnend ergehen. Diefe beiden berühmten Todten waren gar wackere und emfige Ausfteller. Troyon( geftorben 1865) war mit nicht weniger als 12 Bildern( Katalog Nr. 614 bis 625), Rouffeau( geftorben 1867) mit 9 Bildern( Katalog Nr. 565 bis 573) vertreten. Diefe Werke der älteren Meifter, mit denen man die Ausstellung fo reich lich ftaffirte, brachten allerdings Haltung und erhöhte Bedeutung in diefelbe und gaben auch Gelegenheit, den Zufammenhang der neueften Production mit der unmittelbar vorangegangenen prüfend zu verfolgen. Je mehr wir uns dem gegen wärtigen Zeitpunkte nähern, defto bedenklicher wird freilich ein entfcheidendes Symptom: es ift das offenbare Mifsverhältnifs der zunehmenden Gewandtheit und Verve im Machwerk zu dem inneren künftlerifchen Gehalt, der gleichmässig im Sinken begriffen ift. Die Malerei, wie es jetzt in Frankreich um fie fteht, ift eine technisch glänzend eingefchulte Kunft, der aber die Gefinnung und das Ideal, die felbftſtändige künftlerifche Ueberzeugung faft gänzlich abhanden gekommen. Daher auch das willkürliche Umhertaften nach Gegenständen der Darstellung, bei deren Wahl zuletzt nur die Speculation, nicht ein inneres Bedürfnifs, am wenigften die fchon obfolet gewordene Begeisterung entfcheiden; daher auch oft die Rathlofig keit in diefer Richtung, da man doch nicht immer wieder die beliebten Halbwelt. ideale ohne jeden plaufiblen Vorwand zu reproduciren vermag. Die Malerei. 47 f h m d r Wie foll man malen? Darauf haben felbft die Künftler zweiten und dritten Ranges von den erprobten Schulen her, aus denen fie hervorgingen, eine Auskunft in Bereitfchaft. Was foll man malen? Darauf weifs die Kunft aus fich felbft heraus keine Antwort, fie mufs fie von den Stimmungen der Gefellfchaft, von dem Tag und der Mode erfragen, und es wirkt immer demoralifirend auf diefelbe, wenn fie fo viel herumfragen, und das, was man von ihr erwartet von Aufsen her erlaufchen mufs. Ein Verhängnifs für die neufranzöfifche Kunftrichtung ift ihre vollſtändige gefellſchaftliche Abhängigkeit; fie führt bei aller äufseren technifchen Sicherheit zu einer völligen Zerfahrenheit in den anzuftrebenden Zielen. Die franzöfifche Kunftkritik weifs diefs fchon feit langer Zeit; aber die Kritik allein kann da nicht helfen, und fie gefällt fich fogar in der Betrachtung diefes Zuftandes, weil er Gelegenheit gibt, in geiftreicher und witziger Weife über ihn zu klagen. Das treffende Wort Th. Gauthier's fällt uns da immer wieder ein: „ Wenn der Kopf unficher ift, fo ift die Hand um fo fefter; die Gewandtheit ift Allen als Erbe zugefallen; ein Ungefchickter ift eine Seltenheit, und wenn alle diefe Leute etwas auszudrücken hätten, wie gut würden fie fich ausdrücken!" Dies ift fchon ziemlich lange gefagt, gilt aber bis zum heutigen Tage, ja es gilt immer mehr. Das zweite Kaiferreich hat viel an der Kunft verfchuldet. Sie ift während diefer Periode äufserlich glänzender und innerlich leerer geworden; die Richtungslofigkeit und Frivolität derfelben hat da gleichfam einen halbofficföfen Charakter angenommen. Seither ift die franzöfifche Gefellſchaft in dem gewaltigen Umfchwunge der Dinge noch nicht recht zur Befinnung gekommen, als dafs die Kunft, von den Zuftänden der letzteren völlig bedingt, bereits in neue Bahnen hätte einlenken können. So fpiegelt auch die Weltausftellung im Wefentlichen noch ziemlich das unveränderte Bild der letzten imperialiftifchen Epoche ab. Wenn nun da den Stoffen felbft, namentlich wo fie das ideale Gebiet ftreifen, die höhere Befeelung fehlt, fo ift der Stoffkreis der franzöfifchen Malerei äufserlich noch immer weit genug gezogen; allerdings zehrt fie da zum Theil auch von einem conventionellen und überlieferten Vorrathe. Wir beginnen unfere Betrachtung zunächft mit den religiöfen Gegenftänden. Das Chriftenthum ftellt fich in der franzöfifchen Malerei in wechſelnden Formen dar. Es kreuzen fich da verfchiedene Richtungen: theils die künftlerifche Schulüberlieferung, die von dem Einfluffe von Ingres, von Hyppolite Flandrin, Alphonfe Perin und A. ausging, theils die kirchlichen Impulfe der religiöfen Empfindung, denen fich das leicht erregbare franzöfifche Naturell zu Zeiten auch hingibt. - Die Kunft zeigt da häufig nur die Exantheme der letzteren Richtung, die bei ihr dann fichtlich an die Oberfläche heraustreten. Das Nazarenerthum unferer Nachbarn fördert zum Theil noch feltfamere Erfcheinungen zutage, als feinerzeit bei uns. Man braucht da nur einen Blick auf die ascetifchen Heiligengeftalten von Jean Marie Doze eine Reproduction feiner in der Kirche von St. Cervaffy ausgeführten Malereien( Nr. 213 bis 216) zu werfen, um fich davon zu überzeugen. Das ift die richtige archaifirende Kunftfrömmigkeit, doch ohne jene innige Rückempfindung älterer frommer Kunſtweife, wie bei den deutfchen Nazarenern. Ein affectirtes Muckerthum, ein füfslicher, augenverdrehender Tendenzcultus blickt uns aus den Bildern von Charles H. Michel fchon faft mit einer frommen Grimaffe an( Nr. 495 bis 497:„ Das Kreuz";" Die heilige Communion";„ Die Bekehrung des heiligen Auguftin"). Doch diefs find nur Ausnahmen: die vorherrfchende Ausdrucksform für die religiöfen Stoffe bleibt in der franzöfifchen Malerei noch immer diefelbe, wie für jene des Alterthums und der Sage: die der Emphafe und des Pathos. Wie die antiken Helden, fo werden auch die geheilig. ten Geftalten der Bibel und des Evangeliums für fie zu theatralifchen Heroen. Von diefer Art ift namentlich der Chriftus von Jean Laurens( Nr. 409), der in dem Moment, wo er aus der Synagoge vertrieben wird, einen pathetiſch- wirkfamen 4 33 48 Dr. Jofef Bayer. Abgang gewinnt; im Uebrigen ein ausdruckvoll und energifch concipirtes Bild. Michel Dumas fteht mit feiner„ Verfuchung Chrifti"( Nr. 219) noch innerhalb der Schranken der Ingres'fchen Schule, ohne doch ihren vollen Inhalt aufgenom men zu haben. Dem Compofitionsfchema, dem eintönigen Colorit fehlt bei allem formalen Sinne für das Bedeutfame des Gegenftandes die individuelle Seele. Jean Gigoux, der allenthalben herummalende franzöfifche Eklektiker, der in der nackten Geftaltenwelt der Mythologie heimifcher ift, als in den erbaulichen Stoffen des Evangeliums, ftellte gleichwohl neben feiner„ Galathea" und„ fterbenden Cleopatra" auch einen„ barmherzigen Samaritaner"( Nr. 287) aus. Ein zweiter von Theodule Ribot( 549) übt das Werk der Barmherzigkeit an einem Wanderer, der als verkürzte Actfigur behandelt ift. Eugène Leygue, ein Schüler Delacroix's, brachte eine„ Samaritanerin"( Nr. 452), doch ziemlich entfernt von der genialen Manier des Meifters; von dem älteren Charles Lefébvre( Nr. 420 und 421) fahen wir eine„ Erziehung der heiligen Jungfrau" und eine„ Magdalena", die letztere natürlich eine echt franzöfifche Büfserin. Auch Cabanel ftellte etwas Religiöfes aus, einen Johannes Baptifta; malerifch eine glücklich wirkende Figur, doch ohne befondere Empfindung. Legendarifche Stoffe brachten de Conninck, Douillard, le Camus Duval, Merfon, Jean Nemo z; für manche diefer Darftellungen, z. B. die ,,, Vogelpredigt des heiligen Franz von Aflifi" von L. Pros per Roux, dem trefflichen Schüler von Delaroche, fehlt freilich uns modernen Menfchen nachgerade die nöthige Einfalt des Herzens, um da ganz ernsthaft in den Sinn der Legende einzugehen. Unter den verfchiedenen Heiligen, welche fich mitten unter das nackte Frauenvolk und die fonftige frivole Bildernachbarfchaft der Ausftellung hineingewagt haben, find die beiden hei.igen Einfiedler St. Paul und St. Anton, dann der St. Severinus von Eugène Thirion( Nr. 600 und 601) die bedeutendften und ftilmäfsigften, auch im Colorit breit und ernft gehalten. Beinahe nur fcherzweife erwähne ich in diefem Zufammenhange das präch tige Bild ,, La tentation"( Nr. 643) von G. Vibert. Eigentlich follte es nicht in einem Zuge nach fo ernfthaft gemeinten Heiligenbildern genannt werden; denn faft macht es den Eindruck einer parodirten Legende. Wenn die Verfuchung des heiligen Antonius fchon von den Niederländern her auch für die Einbildungskraft der Maler eine Verfuchung war, ins Wüftabenteuerliche oder Grellfinnliche zu gehen, fo regt fich bei Vibert diefem Stoffe gegenüber der Schäker. Er gibt der Legende eine pikante moderne Nuance; frivole Carnevalsmasken fetzen mit Weinbechern und neckendem Spotte dem geängftigten Mönche zu, der fich vor diefem phantasmagorifchen Befuche aus dem Ball der grofsen Oper, der ihn in feiner Zelle überfällt, in fein Gebet hineinflüchtet, um finnliche Brunft durch andächtige Inbrunft niederzukämpfen. Wenn wir nun wieder ganz ins ascetifche Chriftenthum zurück wollen, fo finden wir uns bei Alph. Maraton's", betendem Mönch" und", Philipp II., der im Escurial Reli quien betrachtet" gerade am rechten Orte. Beide Bilder( Nr. 510, 511) haben bei namhaftem künftlerifchen Verdienft jenen Zug unangenehmer, pfäffifch- tendentiöfer Bigotterie, von der man in der modernen Kunft ab und zu eine neue Auflage zu machen verfucht. Georges Becker's, Witwe des Märtyrers"( Nr. 27) fchlägt wieder in die fentimentale Religiofität hinüber, in jene chriftlich- melodramatifche Stimmung, die aus den Katakomben, an den Märtyrergräbern und ihren theil weife fehr unorthographifchen Infchriften melancholifche Nahrung fchürft. Uebri gens ift Becker ein Schüler Gérôme's; feine Chriftenwitwen find alfo in der Ateliernachbarfchaft von türkifchen Almehs und nackten Hetären aufgewachſen. Das Raffinement in der Kunft grenzt immer zufammen, liege es nun auf der weltlichen oder der religiöfen Seite. Einmal fieht uns die franzöfifche Malerei mit dem lüfternen Hetärenblicke an, das andere Mal zeigt fie uns das bethränte Magdalenenauge; jetzt entblöfst fie herausfordernd den üppigen Leib, dann kafteit fie wieder das finnliche Fleiſch. Die Malerei. 49 Ein gefährlicher Ueberreiz zeigt fich nach beiden Seiten hin, in der exceffiven Sinnlichkeit wie der gelegentlich ausbrechenden religiöfen Exaltation. Der Gefchmack an dem claffifchen Idealkreis der Mythologie und Heroenfage haben die Franzofen noch immer beibehalten; es ift diefs ein altes romanifches Erbftück. Emil Levy behandelt da, wenn ich fo fagen darf, mit Efprit und Anmuth die mythologiſche Novelle; bald mehr nach der pikantironifchen Seite, wie in dem„ Urtheil des Midas"( Nr. 448), bald auch in den ergreifenderen Momenten, wie in feinem„ Tod des Orpheus"( Nr. 449, vom Salon 1866). Bis zum Tragifchen erhebt er fich da freilich nicht; die kleine Manier der Zeichnung läfst es an fich fchon nicht zu, und die Mänaden, die unter Flötenklang und Cymbelnfchall den Orpheus umtoben, bleiben noch in ihrer Raferei zierlich und anmuthig. Die pathetiſche Gattung des Mythenbildes geht bei den Franzofen ins grofse Format, hat da aber meiftens etwas formaliftifch Leeres, rein Decoratives, Tapetenartiges. Ein prahlerifcher Zug liegt nebenbei auch in diefen alten nackten Haudegen, die der lernäifchen Schlange auflauern, die Medufa köpfen oder die Chimäre befiegen; in der Manier, wie fie diefe heroriſche Arbeit bei Jean Bin, bei P. Blanc, bei P. Lehoux erledigen, ift fchon fo etwas von der national- franzöfifchen Heldenbravour. " Dünn in der Farbe und flach in der Empfindung, zu leer im Ausdrucke und in der Compofition für die anfpruchsvoll grofse Leinwand ift dasjenige, was uns Jules Machard in feinem ,, Narcifs"( Nr. 459) und feiner„ gefeffelten Angelica" ( Nr. 460) aus der antiken und romantifchen Sage vorzutragen hat. Von kräftigerer Durchbildung der Körperform fchien Layraud's„ Marfyas"( Nr. 411), hing aber für eine genauere Beurtheilung zu hoch. Sobald wir fun bei den Nymphen und Dryaden, bei den nackten Göttinen und dem olympifchen Demimondegefchlechte des bacchifchen Kreifes anlangen, gewinnt die Farbe an Reiz des Incarnates, und ftatt der mangelnden Idealität und Formenreinheit gibt es wenig. ftens finnlich lockendes Fieifch und Blut in diefer ,, claffifchen" Walburgisnacht. Da wäre denn die Diana auf der Infel Scyra"( Nr. 125) von H. de Callias, die„ Dryade"( Nr. 443) von Jacques Lematte, Leon Riefener's- ,, Erigone" ( Nr. 553), ein„ Satyrweib im Bade"( Nr. 491) von Jules Meynier ,,, die Nymphe und Bacchus"( Nr. 424) von Jules Lefebvre, die„ Bekränzung der Ariadne durch Bacchus"( Nr. 535) von Jean Pon'cet, Jofef Ranvier's Kindheit des Bacchus" ( Nr. 541). Wo aber einmal die poetifche Seite der Mythe geftreift wird, da wird die Darftellung fofort akademifch- kühl, ftatt fich zu Stil und Idealität zu erheben; fo in Dupain's" Tod der Nymphe Hefperia"( Nr. 222). Henri Giacomotti ftellt bei uns wieder feine„ Entführung der Amymone"( Nr. 280) aus, die 1865 in Paris viel Beifall gefunden. Er ift ein Nymphenmaler par excellence, wenn ihm nicht gerade fromme Märtyrerbilder, wie z. B. die Zerreifsung des Hippolyt durch wilde Pferde, zu anderer Zeit zu fchaffen geben: Eines ein Raffinement wie das andere. Unter den vielen alten Bildern, mit denen man die franzöfifche Ausftellung decorirte, befand fich auch die Galatea" von Gigoux( Nr. 285), in dem Augenblicke dargestellt, wo eben das Steinbild Pygmalion's zum Leben erwacht. Ueber das alte Bild fetzen wir ganz einfach ein altes, aber ganz zutreffendes Urtheil her.„ Der Gegenftand, fchon früher von Girodet behandelt", fo äussert fich darüber Dr. Julius Meyer,„ reizte den Coloriften, an ihm die Kraft feiner belebenden Farbe zu zeigen. Aus dem wollüftigen Fleifche foll das Blut, das eben in den Adern zu fliefsen beginnt, glühend hervorleuchten, gehoben noch durch den Contraft der Marmorfarbe, in der die Beine bis zum Knie noch gefangen find; was dem„ Charivari" zu der nicht unpaffenden Caricatur Anlafs gab, diefe Galatea als eine nackte Frauensperfon darzuftellen, die nur noch nicht ihre Strümpfe ausgezogen hat." " Ueberhaupt mufs für die Götterleiber zumeift die Nacktheit auf Beftellung, in Boudoir's wie in Ateliers, herhalten; ftatt der edlen Contour der nackten 4* 50 Dr. Jofef Bayer. Körperform nur die Ueppigkeit des entblöfsten Fleiſches. Wenn aber die antiken Künftler gelegentlich die Phrynen in Göttinnen verwandelten, fo machen die modernen Franzofen die Göttinen wieder zu Phrynen. Es ift einmal die Nachfrage nach Nuditäten in der franzöfifchen Kunft fehr grofs: da mufs denn auch, wo die Mythologie als Vorwand nicht mehr ausreicht, die Allegorie und Perfonification zu Hilfe genommen werden, die ja auch ein willkommener Freibrief für das Nackte ift. Endlich folgt dann die Nudität als Selbftzweck, ohne jeden Prätext, und zuletzt dann als cynifche Pointe diefer ganzen Gattung das widerliche Motiv des Sclavinenmarktes, die Nacktheit des lebendig feilgebotenen Menfchenfleifches. - - - Nuditäten, unter allegorifcher Etiquette auf den Markt gebracht, hatte die franzöfifche Expofition mehrere aufzuweifen; fo die, Nacht" von Alboy- Rebou et( Nr. 2), den, Frühling" von Bouvier( Nr. 82), den„ Schlaf" von B. v. Gironde ( Nr. 293) und vor Allem die Primadonna in der Schauftellung des Leibes und der wirkfamen Actftellung: Jules Lefebvre's ,, Wahrheit"( Nr. 423). Der letztgenannte Künftler fcheint überhaupt nur das Weib, an fich", ohne jede verhüllende Zuthat zu malen;„ La Cigale"( Nr. 425) und die Femme couchée"( Nr. 422), letztere im Befitz des rechten Mannes, des Herrn Al. Dumas fils, find weitere virtuofe Proben diefer geilen Körpermalerei. Von ehrlicher Allegorie, die wirklich einen Gedanken durch Figuren finnbildlich ausdrücken will, enthielt die franzöfifche Abtheilung auch mancherlei, das freilich zuweilen neben der wohlgemeinten Abficht und forgfältigen Behandlung auch den Stempel der Langweile trag: fo z. B. die„ nationale Elegie"( Nr. 22) von R. Balze;„ Der Greis und die drei Jünglinge", Illuftration zu einer Lafontaine'fchen Fabel( Nr. 141) von Ch. Coëffin de la Foffe;„ Becher und Leier"( Nr. 539) von L. Priou, wenigftens von frifcherer und lebhafterer Farbe, als fie fonft bei Allegorien Brauch ift;„ Die Wahrheit von der Lüge verleitet"( Nr. 578) von Frau Ad. Salles Wagner; „ Die Comödie"( Nr. 537) von J. Poncet; ,, La Piété"( Nr. 603). und„ Die Muſe und der Dichter"( Nr. 604) von Ch. Timbal, das letztere Bild von guter Haltung, wenn auch von mittelmäfsiger Compofition. Das wirkfamfte und figurenreichfte der allegorifchen Bilder war jedenfalls„ Das Glück" von Achille Sirouy( Nr. 594) Ein Thema fürwahr, das unferer von fpeculativen Glücksträumen aufgeregten Zeit ernftlich zu fchaffen gibt, und über das blofe allegorifche Spiel weit hinausgeht. Von den Abenteurern der Weltmeer- Ritterfchaft, den Eldoradoträumern bis zu unferen Börfenglücksrittern hinab, fehen Alle mit fieberhafter Erregung nach der Göttin hin, die mit behenden Füfsen die gläferne Kugel unter fich weiter fchiebt; das Thema von der Jagd nach dem Glücke" ift fürwahr ein zeitgemässes geblie ben, und ift es immer mehr geworden, feitdem fchon Albrecht Dürrer feine„ grofse und kleine Fortuna" concipirte. In diefem Stoffe haben wir eine Concurrenz zwifchen einem deutfchen und einem franzöfifchen Künftler vor uns. Henneberg's Bild ift von ergreifenderer, phantaftifcher Tragik; bei ihm ift's wirklich eine wilde Jagd nach der lockenden Irrwifchgeftalt der Glückshexe, die unwiderftehlich nachziehend über den Abgrund hinfauft, und ein einzelner Wahnverblendeter ift's, der da dem Phantom in tollem Ritte nachfetzt. In dem grofsen Gemälde Sirouy's blickt ein ganzes aufgeregtes Menfchengedränge zu der übel berufenen Göttin empor, die es in der Höhe überfchwebt; fie wirft Kronen und Gefchmeide, Lorbeerkränze und Gold unter die raffgierige Menge Männer und Frauen, Vornehm und Gering durcheinander- die fich unter einander ftofsen, drängen, niederwerfen, um die gleifsenden, durch die Luft fliegenden Gaben zu erhafchen. Ift Henneberg's Compofition origineller und geiftvoller, fo können wir dem franzöfifchen Bilde, wenn es auch mehr für die decorative Wirkung arrangirt erfcheint, eine glänzende malerifche Wirkung nicht abfprechen. Das Phantaftifche und Abenteuerliche mifcht fich überall der franzöfifchen Kunft bei; rein präparirt tritt es aber in einer eigenen Gruppe von Bildern in ganz verwunderlicher Form auf. Es find feltfame Nachzügler der n e r n S 0 Die Malerei. 51 romantifchen Schule, die uns da entgegentreten. Ein folcher ift zunächft Augufte Glaize, ein Schüler des Romantikers Eugène Devèria, den es fchon von früher her gelüftete, feine peffimiftifche Gefchichtsanfchauung im Bilde fymbolifch vorzutragen. Man kennt fein älteres Bild ,,, Le Pilori", von der Weltausftellung 1855, auf dem die Märtyrer der Humanität, des Fortfchrittes und des Wiffens in langer Reihe an Schandpfähle gekettet find. Wir finden da Sokrates, Chriftus, Columbus, dann auch Salomon de Caus mit Galilei, eine Auswahl von Duldern für eine grofse Idee, wie fie der Künftler nach feinem Gutdünken zufammenftellte. Am Fufse der Eftrade, von der fich die Pranger erheben, lagern fich die allegorifchen Figuren des Elends und der Gewalt, der Dummheit und der Heuchelei. In dem ausgeftellten Bilde ,, Spectacle de la folie humaine"( Nr. 295) tritt uns nun eine Variante diefer Manier, das Zerrbild der Culturgefchichte zu fymbolifiren, abermals entgegen. Die Blutgräuel der Chriftenverfolgungen, der Inquifition, der Glaubenskriege etc., jene Momente der Gefchichte, wo der fanatifche, der beftialifche Zug in der Menfchheit durchbrach, find wie auf einer Freske oder einem Gobelin nach Abtheilungen zufammengeftellt und davor fteht der Maler felbft, mit bitterfarkaftifcher Miene fich gegen das Publicum verbeugend, als ob er dasfelbe aufforderte, fich an diefem bildlich zufammengefafsten Compendium der Weltgefchichte zu fpiegeln. Eigentlich foll der bildende Künftler nach dem guten alten Wort hinter fein Werk zurücktreten und es allein für fich fprechen laffen; hier tritt er aber buchftäblich vor fein Bild und verläugnet in feiner eigenen phyfiognomifchen Selbftcharakteriſtik nicht einen Moment die verrannte Subjectivität, welche diefen culturhiftorifchen Fiebertraum hervorgerufen. Das Bild gehört in die Gattung der tollgewordenen Gedankenmalerei, und man kann diefs um fo mehr beklagen, da es fonft ganz entfchiedene malerifche Vorzüge, fowie eine merkwürdige Compofitionskraft in der Bewältigung des widerftrebendften Stoffes bekundet. P. Glaize der Sohn, der Schüler feines Vaters und Gérôme's, fteht nach dem ausgeftellten Bilde ,, Das erfte Duell"( Nr. 296) zu fchliefsen, zu der Richtung des Vaters in naher Beziehung. Was ftellt er da vor? Zwei nackte Athleten der Urzeit ringen in brünftiger Wuth an einem Abgrunde um den Befitz einer Dame, die noch vor der Epoche des Feigenblatts lebt; fie ift das Weib an fich, zugleich das Weib als Thier, das mit gefühllofer Neugierde zufieht, was für einen Ausgang wohl der Kampf um fie haben werde. Das wären in der That die richtigen prähiftorifchen Menfchen, wie fie zu dem Gefchichtsbilde des älteren Glaize paffen; der Sohn dichtet nur die peffimiftifche Genefis, die entsprechende Vorgefchichte hinzu. Die raffinirte Beſtialität, von den erften Menfchheitstagen an im Zuge, kann fich dann weiterhin um fo gloriofer offenbaren. Xavier Alph. Monchablon hingegen führt uns fcheinbar wieder mit feinem Bilde ,, Les terreurs de Caïn" ( Nr. 500) auf den Boden der biblifchen Genefis zurück. Aber in der That nur fcheinbar: diefer Kain fteht fo zwifchen Byron und Victor Hugo mitten inne, und hat von daher etwa feinen fcheuen, wilden Blick geborgt. Damit es auch an dem materiell wirkenden Schrecken nicht fehle, mufste Mazeppa auf dem Bilde von L. F. Guesnet( Nr. 308) wieder einmal noch auf das wilde Steppenpferd gebunden werden. Freilich fticht gegen den craffen Vorgang, wie Friedr. Pecht richtig bemerkt, die heitere glänzende Farbe auffallend ab, die dem Bilde in der coloriftifchen Wirkung faft ein fröhliches Ausfehen gibt. Um das Enfemble des Schreckhaften und Phantaftifchen zu vervollſtändigen, darf auch die Hexe nicht fehlen. Henri Axenfeld führt fie( Nr. 20) in einem düfteren Nachtftück inmitten des unheimlichften Treibens vor; fie beugt fich über ein ermordetes Kind, deffen blutige Glieder fie zu irgend einem unheimlichen Zauberwerk gebrauchen wird. Es ift nicht gut, bei folchen Darſtellungen länger zu verweilen, nicht blos weil fie an fich gräfslich find, fondern weil das Gräfsliche in denfelben mühfam gefucht und zufammengeklügelt ift. Da die franzöfifche Malerei feit dem Beginne des zweiten Kaiferreiches fo ganz im Dienfte der Gefellſchaft fteht und ihren Stimmungen und Schaugelüften 52 Dr. Jofef Bayer. huldigt, fo finden in ihr die ernſten Geftalten der Gefchichte jetzt nur einen fehr eingefchränkten Raum. Sie cultivirt das Sinnlich- Wirkfame und Reizende, das Pikante und Aufregende, nicht aber das gehaltenere hiftorifche Pathos, zu dem der ganzen Zeit der Ernft der Rückfchau, fowie auch das ftolze Gelüfte der David'fchen Epoche fehlt, ihr eigenes Spiegelbild in früheren Heldenzeiten aufzufuchen. Mehr nur als eine akademifche Tradition ſteht noch das Bild des Alterthums da, um mit einem äufserlichen theatralifchen Effect gelegentlich producirt zu werden. Felix Clement( Nr. 135) entwickelt in feinem Tode Cäfar's bei trockener Färbung eine gewiffe Gröfse und dramatifche Energie der Compofition, der freilich zum ftilvollen Eindrucke die Harmonie der Linien fehlt; Robert Fleury dagegen taucht die tragifche Kataftrophe von Korinth in die Reize einer blühenden Farbe und macht die Darftellung des erfchütternden Unglücks durch die nackten Frauengeftalten, die fich vor dem Altar der Schutzgöttin niederwerfen, finnlich pikant( Nr. 555). Felix Barrias fchildert den Abfchied Sokrates' von feiner Familie und feinen Schülern in dem pathetifchen Stile der claffifchen franzöfifchen Tragödie( Nr. 25). Benjamin Ulman's grofses Gemälde„ Sulla und Marius"( Nr. 627) hat etwas von dem ftrengen Ernfte eines Römerbildes und ſcharfe, ausdrucksvolle Charakteriſtik der Köpfe, ftellt aber einen Moment dar, der malerifch nicht anfchaulich zu machen ift und auch durch die lange hiftorifche Note des Kataloges kaum verdeutlicht wird. Als der kaiferliche Autor fein Buch über Cäfar fchrieb und deffen Strategie im gallifchen Kriege ftudirte, fchritt diefer auch ab und zu durch die Bilder folcher Maler hindurch, die fich in der Regel nicht mit welthiftorifchen Perfönlichkeiten befaffen; fo folgt ihm auch Guftave Boulanger auf dem Zuge nach Gallien( Nr. 77), während er fonft lieber bei den eleganten Salondamen und Blumenmädchen von Pompeji ver weilt. Freilich ift Boulanger's Cäfar eben auch nur zu einer Genrefigur ver kleinert. " Die franzöfifche Gefchichte dient, merkwürdig genug, nur noch zu genreartigem Gebrauche. Man befchränkt fich da fchon feit geraumer Zeit nach einem bezeichnenden Worte Julius Mayer auf die Schilderung der malerifchen Vergangenheit", und hat es fo ziemlich aufgegeben, den geiftigen Gehalt der frühe ren Epochen im Bilde wiederzugeben. Wenn man in einer illuftrirten franzöfifchen Gefchichte blättert, fo trifft man da auf Zeiten, die viel Farbenverlockendes haben. Das bunte Mittelalter, die glänzende und gefchmackvolle Renaiffance von Franz I. bis auf Heinrich IV., das pompöfe Hofleben Ludwig's XIV., die läffig feine Eleganz der Regentfchaft, dies Alles bietet eine reiche Ausbeute coloriftifch dankbarer Stoffe. Und jemehr fich das technifche Können nach der Seite des Colorits hin fteigert, defto mehr kommt der hiftorifche Menfch nur in feiner Aeufserlichkeit in Betracht. Die bewegenden Mächte der Gefchichte treten nicht weiter ins Bild; höchftens die elementare Leidenfchaft, der Moment spannungs voller Erregtheit findet in der hiftorifchen Epifodenmalerei Raum, nicht aber die grofsen Züge, die den gefchichtlichen Menfchen über das gewöhnliche Mafs emporwachfen laffen. Dagegen kommen Gewaltthätigkeiten, Morde und Maffacrefcenen um fo häufiger an die Reihe, denn Blut ift auch für die Coloriften von Fach, ein ganz befonderer Saft". Wenn wir ein wenig fchematifiren wollen, fo ergibt fich für das hiftorifche Genre aus der franzöfifchen Gefchichte folgendes Ergebniſs für die Weltausftellung: Erfte Gruppe: Gallifche Vorzeit und früheftes Mittelalter. Da verfucht man auch theilweife, in eine grofse Manier zu gehen, bringt es aber doch nur zu einem decorativen Effectftücke, wie Alfred Didier in feinen nor manniſchen Seekönigen an der Küfte Frankreichs( Nr. 209) oder zu einer Art militärifchen Genrebildes der Vorzeit, wie Ev. Luminais in feinen gallifchen Plänklern und Vedetten( Nr. 456 bis 458). Zweite Gruppe: Mittelalterliches Coftume- und Anek dotenbild, letzteres von der deutfchen Art der Anekdotenmalerei durch einen Die Malerei. 53 n r : leidenfchaftlichen, ienfationellen Zug fich unterfcheidend. Hierher gehören z. B. die Bilder von Ifidor Patrois, fein, Jacques Coeur"( Nr. 523) und die. Johanna d'Arc"( Nr. 524), gegen welche Soldaten, die fie bewachen follen, ein NothzuchtsAttentat verfuchen. Die dritte Gruppe: Die Renaiffance; Coftumeftudien, malerifche Einzelfiguren, hiftorifche Typen aus der Epoche der kleidfamften Trachten, der liederlichften Sitten und des entfeffelten religiöfen Fanatismus, des ebenfo lebensluftigen als blutgierigen Frankreich in den Tagen der letzten Valois und der nächften Folgezeit. Da wäre zu nennen: Jofef Chavet's" Heinrich III. in St. Cloud"( Nr. 125); Erneft Duez's ,, Ein Jahrestag aus der Zeit Heinrich's IV. ( Nr. 218); Jules Ravel's, Gefangennehmung Bonnivard's", ein nachbarlich nahe liegender Stoff, durch Byron's Gefangenen von Chillon angeregt, wirkfam erfafst und componirt und von trefflicher coloriftifcher Haltung( Nr. 542); Ferdinand Roybez's" Edelknabe aus der Zeit Heinrich's III.( Nr. 575), eine rein farblich wirkende hiftorifche Genrefigur, ebenfo Lucien Gros's, Büchfenfchütze aus der Zeit Ludwig's XIII." Dazu kommen als Gegenftück die Blutfcenen und Maffacrebilder, die Vor- und Nachſpiele der Greuel- und Rache Acte jener Zeit: fo von Eugène Fichel„ Die Nacht vom 24. Auguft 1572 vor der Metzelei"( Nr. 255); eine Scene aus der Bartholomäusnacht( Nr. 350) von Louis G. Ifabey, in fkizzenhafter Weife geiftreich und breit mit grofsem Farbenfinne hingeſetzt; dazu noch ein Rückgriff in die Blutzeiten des Mittelalters von Benjamin Ulmann , Carl V., der auf feinem Einzuge in Paris vor den Leichnamen feiner Gegner Etienne Marcel, Philipp Giffart und Jean de Lisle ftille hält"( Nr. 626). 99 Vierte Gruppe: Die Zeit Richelieu's, Mazarin's und des grofsen Königs, für welche die franzöfifche Literatur und Kunft durch alle Wendungen der politifchen Gefinnungen hindurch einen unveränderten Reſpect bewahrt hat. Da wäre das effectreich gedachte Bild eines älteren Künftlers Henri Schopin, eines Schülers von Gros, Vifion des Cardinals Richelieu auf feinem Sterbebette"( Nr. 582); dann jenes Bild von Hégésippe Vetter, in welchem der Künftler uns Mazarin in feinen letzten Augenblicken vorführt( Nr. 635); ferner fein bekanntes Gemälde„ Molière als Gaft Ludwig's XIV."( Nr. 636), auf dem die verdutzten Höflinge fich wie unfreiwillige Luftfpieltypen um das fcharfe Auge des komifchen Dichters zu gruppiren fcheinen. Bekanntlich ift H. Vetter ein Künftler, der fich mit Vorliebe in feinen trefflichen Bildern durch den Humor Rabelais und Molière's infpiriren liefs; wir hatten Gelegenheit, in jenem Bilde vom Salon 1864 hievon eine anziehende Probe zu fehen.„ Der Nachmittag im Schlofs" aus der Zeit Ludwig's XV. von Mme. Armand Leleux( Nr. 438) hält fich ganz im Durchfchnitte des Genrebildes. Fünfte Gruppe: Die Zeit der Revolution und des erften Kaiferreiches. Hier kommen wir aus dem Coftumebild heraus und gelangen zu den Scenen politifcher Leidenfchaft, wie fie in dem franzöfifchen Naturell immer wieder aufzuckt. Weiterhin geht in den Stoffen der Kaiferzeit das hiftorifche Genre fachte in das Kriegsbild, in eine Nachlefe des Ruhmes oder der Leiden der grofsen Armee über, oder verläuft fich in das ruhigere Gefellfchaftsbild aus den Tagen des erften Empire. Charles Louis Müller ift vor Allem der Maler der neueren Gefchichtsepoche Frankreichs und zunächft der Revolution, nachdem er mit feinem berühmten Bilde„ Verlefung der letzten Opfer der Schreckenszeit zur Hinrichtung im Gefängniffe" St. Lazare"( ausgeftellt im Salon 1851) zuerst mit fo grofsem Erfolge diefes Feld betreten hat. Sein„ Lanjuinais auf der Tribüne, 2. Juni 1793"( Nr. 509), das Bild, das fich auf unferer Weltausftellung befand, verfetzt uns mit ergreifendem Ausdrucke mitten in die hochauffchlagenden Wogen jener Zeit und fixirt in meiſterhafter Weife das Momentane des erregteften Affectes. Claudius Jacquand bringt uns in einem wohl älteren Bilde ,, Bonaparte zu Nizza 1794", eine rührende Anecdote aus dem Leben Napoleon's. Bellanger's Epiſode aus dem Rückzuge von Rufsland wurde fchon früher genannt; Meiffonier, 54 Dr. Jofef Bayer. dem grofsen Meifter im kleinen Genre, werden wir auch ſpäter ausnahmsweife auf der napoleonifchen Heeresftrafse wieder begegnen. Ein erheiterndes Nachfpiel zu den napoleonifchen Kriegsfcenen wäre dann fchliefslich das Bild„ La Romance à la mode" von Jules Worms( Nr. 653), eine mit viel Humor und geiftreicher, fcharfer Charakteriſtik gefchilderte Scene aus dem Salonleben des Empire. Diefe Ueberfchau zeigt uns beiläufig, wie viel die franzöfifche Gefchichte auf der modernen Palette wiegt. Ihr Bild wird in der neueften Malerei nur nach Farben componirt oder vielmehr blos in kleinere Bilder und Bildchen zerlegt; nur die Darftellungen der Revolution erheben fich ab und zu zu einer gröfseren Auffaffung, und auch diefe hält für die Dauer nicht mehr nach. Wenn die hiftorifche Gattung immer mehr einfchrumpft, fo dehnt fich das Genre- nach dem gewöhnlichen Kunftbegriffe, den man damit verbindet- in glei chem Mafse aus, fo dafs man feine Grenzen faft nicht mehr zu beftimmen vermag. Früher was es nur ein Fach in der Malerei, jetzt hat die ganze Kunft, und diefs nicht in Frankreich allein den genreartigen Charakter angenommen. Dort ftellt fich aber das Verhältnifs doch noch ganz befonders. Man hat es da verftanden, die Genrekunft zu einer grofsen Gattung zu fteigern, fie mit dem bunteften Farbenfchimmer, mit dem reichften wechſelnden Glanze eines blendenden Lebensfcheines auszuftatten. Ein Reichthum von Stoffen breitet fich da aus, die, fo verfchieden ihre Herkunft fein mag, alle für den Eindruck der finnlichen Schau und des pikanten Reizes zurechtgeftellt werden. Der Orient und das Alterthum müffen mit herhalten, den genre artigen Stoffkreis zu erweitern und im Sinne des modernen franzöfifchen Gefchmackes fich in Scene fetzen zu laffen. Léon Gérôme hat nach beiden Seiten hin die ftärksten Impulfe gegeben. Hier wie dort fucht er den gefteigerten Sinnenreiz oder das gewaltfam Erregende auf; er ift der richtige, in feiner Art grofse Meifter der Kunft für ein blafirtes Gefchlecht, das frappirt und gepackt, nicht ergriffen und bewegt fein will, auch für den ruhigeren Normalgenufs in der Kunft nicht mehr fo leicht zu haben ift. Bei ihm treten wir in das Gynaeceum oder in das antike Amphitheater, in den Harem, auf den Sclavenmarkt oder die Blutftätte mitten hinein in die Sinnenluft oder das finnliche Grauen. Das Menfchendafein ift feil für den fexuellen Genufs oder für das aufregende Schauſpiel des Sterbens. Die Benennung des prachtvoll gemalten Bildes von unferer Ausstellung ,, A'Vendre"( Nr. 277), wo fich neben Papageien und anderer Waare ein paar üppige nackte Weiber auch als Kaufgegenstände an die Mauer eines Marktftandes lehnen, und das Motto feines berühmten Gladiatoreneinzuges in die Arena: Ave Caefar Imperator, morituri te falutant diefs find überhaupt die bezeichnenden Auffchriften und Schlagwörter jener Welt, wie fie Gérôme uns vorführt. Es iſt eine farbenfchimmernde, von allem finnlichen Glanze des Colorits umleuchtete, aber geiftverlaffene Welt, in welcher der Menfch faft nur als ein Object dargestellt wird für fremdes raffinirtes Gelüfte. Gérôme ift der Maler des Leibes ohne Seele. Schöne Sclavinen und robufte Fechterfclaven, Hetären, orientalifche Almehs, Phrynen ohne Unterfchied der Nationalität, der durch die allgemeine Nacktheit leicht befeitigt wird, find die Hauptperfonen auf der Bühne feiner Gemälde. Und vor diefe Bühne gehört ein Publicum, welches entweder mit lüftern- begehrendem Blicke dreinfieht oder mit graufamer Paffion den Daumen nach abwärts kehrt, wie die vornehmen Damen auf Gérôme's berühmtem, meifterhaftem Bilde:" I Gladiatoren"( Nr. 273). - Die Es wird bei ihm nacktes Fleiſch gezeigt- fei es in den griechifchen Interieurs oder in den Heimlichkeiten des türkifchen Frauengemaches- oder Fleiſch gemacht, ob durch die Gladiatorenwaffe in der römifchen Arena oder das Henkerfchwert der orientalifchen Despotenwirthschaft. Das Leben wie der Tod wirken durch den gleichen raffinirten Ueberreiz auf uns ein.- Die von dem Meifter ausgeftellten Bilder einzeln zu befprechen, ift bei der bereits feftftehenden kunftgefchichtlichen Stellung, die er in der franzöfifchen Malerei einnimmt, ziemlich überflüffig. Unter Die Malerei. 55 den fieben Nummern, mit denen er vertreten war, war das früher erwähnte Bild Gladiateurs" wohl das bedeutendfte und überhaupt eines der glänzendften Kunftwerke der Weltausftellung; die Mofcheethüre in Cairo, an der die abgefchlagenen Köpfe hingerichteter Beys gar niedlich aufgefchichtet find- diefer fcheufslichen Staffage des Vordergrundes mit einem malerifch bezaubernden abgefehen von Blicke in das Intérieur ift fchon von dem Salon 1866 her bekannt. - An Gérôme fchliefst fich nun die ganze Gruppe der Orient maler und Derjenigen, die das Alterthum für Genrezwecke benützen, unmittelbar an. Theils ftehen fie unter feinem Einfluffe, theils begegnen fie ihm, wenn ihre Schulherkunft etwa fchon eine frühere ift, auf demfelben Wege. Boulanger geht in feinen reizenden Genrebildern aus Pompeji( Nr. 78 und 79) nicht auf den fchärferen Sinnenreiz los, fondern begnügt fich da mit jener coketten Grazie, die jenen franzöfifchen Römerinen ganz zierlich fteht.„ Die fterbende Kleopatra" von Giboux ift fchon ein älteres Bild; es gehört einfach in die Claffe der Nuditätenmalerei mit Benützung einer beftimmten hiftorifch gegebenen Situation. Im antikifirenden Genre- und Studienbild, treten fonft noch Alboy- Rebout( Nr. 3) und J. Dehaufsy( Nr. 79) hinzu. Victor Giraud, ein Schüler Picot's, fchlägt mit feinem„ ,, Sclavenhändler" gleichwohl ganz in die Art Gérôme's. Das in Frankreich vielfach gemalte Thema des Weiberverkaufes auf offenem Markt ift ftatt des fonft üblichen orientalifchen Schauplatzes in die antike Scenerie verfetzt, wieder nur eine Variation von Gérôme's: A'Vendre. Die grofse Meifterfchaft in der Farben bravour und Modellirung des Nackten verdeutlicht aber die Widerlichkeit des Gegenftandes, ftatt fie zu mindern. Und nun noch zu den Orientmalern. Da, wo fie die fremde Stammesart mit energifchem Pinfel in ihrer Eigenthümlichkeit fchildern, wirken fie künftlerifch am bedeutfamften: fo abermals Boulanger in feiner„ Erinnerung an die Sahara"( Nr. 80) und in der ,, Flucht der Kabylen"( Nr. 81). Befonders auf dem letzteren Bilde find die nackten, dunkelfarbigen Körper in ihrem hageren, fehnigen Bau vortrefflich gezeichnet; die Aufregung in den Köpfen und der ganzen Bewegung, das Drängende der Flucht, die einen Berg hinab gerade auf den Befchauer losgeht, erfcheint meifterhaft erfafst. Auch Léon Bonnat begegnen wir im Orient mit feiner„ Strafse in Jerufalem" und den Sheiks von Allabah"( Nr. 61 und 62); ebenfo L. Aug. Belly mit feinen bereits lang bekannten„ Pilgern nach Mecca"( von 1861). Der Letztere ging, wie man weifs, von der Landfchaft aus, verfteht es aber auch, das volle Sonnenlicht und den wolkenlofen Himmel für die orientalifche Staffage wirkfam zu verwerthen. Felix Clement, von dem im Centralfaale der Tod Cafar's" ausgeftellt war, ift feiner vorwiegenden malerifchen Gewohnheit nach gleichfalls Orientmaler; er iſt in dem Strafsenleben Cairo's zu Haufe, wie fein älteres Bild:" Fêtes au Caire"( Nr. 140) zeigt, und liebt es, uns ebenfó Typen und Einzelftudien aus Egypten, Nordafrika und der Levante vorzuführen: fo einen Berberknaben, der einen kleinen Hund kneift( Nr. 137), eine Wafferverkäuferin aus Caferzaiak( Nr. 138), eine ägyptifche Pomeranzenhändlerin( Nr. 139). " 9 G. Guillaumet ftudirt wieder mit Vorliebe die Landbevölkerung Nordafrikas zufammt der landfchaftlichen Wirkung der ausgebrannten Natur mit ihrem trockenen Sonnenglanze, den fcharfen, grell beftimmten Localfarben(„ Weiber von Douar am Fluffe", Nr. 311;„ Feldarbeiter an der Grenze von Marokko", Nr. 312); ein eigenthümlich geftimmtes Bild bringt er zudem in feinem„ Abendgebet in der Sahara"( Nr. 312). Auch darum pilgern die franzöfifchen Maler fo häufig nach dem Orient, weil fie für ihre brillante, immer noch nach einer Ueberfteigerung des Effectes ftrebende Technik des heifsen Sonnenfcheines und der blendenden Farbe nie genug haben können, die man dort eben aus erfter Hand bezieht.- Wieder nur einzelne Volkstypen und Halbfiguren, vergrösserte malerifche Abfchriften aus der Studienmappe, aber von vorzüglichfter Ausführung, brachte die bewährte Künftlerhand Charles Landelle's: ein Fellahweib( Nr. 383), eine Jüdin von 56 Dr. Jofef Bayer. - Marokko als Wafferträgerin( Nr. 385), eine Almeh( Nr. 387); zwifchendurch aber auch, mit beliebiger Erweiterung der ethnographifchen Studien, Zigeuner und Zigeunerinen, einen Serbenknaben und eine Circaffierin. Das eigentliche, intimere Sittenbild der algerifchen Provinz und Egyptens ift in liebenswürdiger Weife durch Mr. Henriette Browne vertreten. Da ift kein blofes, äufserlichmalerisches Befchauen der fremden Volksart, die etwa zur Studie ausreichen mag fondern durchaus ein gemüthliches Sich- Einleben in diefelbe, wie fie das richtige Genrebild fordert. Die vorzügliche Künftlerin ift bei den Parteien in dem orientalifchen Gerichtshof und unter der Schuljugend von Cairo( Nr. 98 und 99) fo heimifch, wie unfere deutfchen Genremaler es nur irgendwie unter den Schwarz wälder Bauern und der bezüglichen lieben Landjugend fein können Die feine Eleganz ihres Pinfels bei grofser, detaillirender Beftimmtheit, die helle Tonleiter ihrer Farbe erinnert übrigens, wie Jul. Meyer hervorhebt, deutlich an ihren Meifter Chaplin. Jules Clarin, ein Schüler Picot's, brachte einen Teppichhändler aus Tanger", gut gemalt, aber bei Weitem nicht fo individuell. Wenn die Judenmalerei fo ziemlich durch das Genrefach aller Länder geht, bald fentimentalernsthaft, bald nur mit einem malerifchen Intereffe an dem fremdartigen und feltfamen Extérieur, bald auch mit einem ironifch- malitiöfen Zuge, der fchon bei uns in Oefterreich beginnt und fich durch Polen und Rufsland hin nicht nur in den focialen Beziehungen, fondern auch auf der Palette fteigert: fo fcheint in Frankreich zunächst nur der orientalifche Jude das volle malerifche Bürgerrecht zu haben. Alfred Deñodency, der zunächft den Charakter des fpanifchen Wefens in Local und Colorit treu wiederzugeben verftand, hat fpäter dem jüdifchen Leben im Orient, namentlich in Marokko, feine Aufmerkfamkeit zugewendet. Wir fahen von ihm auf der Weltausftellung eine„ jüdiſche Hochzeit" und ein„ jüdiſches Feft in Tanger"( Nr. 182 und 184). - Die richtige, modern- franzöfifche Verwerthung des Orientes ift allerdings jene nach der Seite des Sinnenreizes und dann der malerifchen Blutgier, wenn man uns diefes Wort geftatten mag. Jetzt müffen vorerft noch etliche Tänzerinen auftreten, von denen es zweifelhaft ift, ob wir fie für wirkliche Almehs oder für etwas mehr entkleidete Ballerinnen zu halten haben(„ Braïfa, die Tänzerin") ( Nr. 163) von Pier Cot, eine Almeh in Cairo( Nr. 633) von Em. Vernet Lecomte; dann bekommen wir gelegentlich durch die gelüfteten Vorhänge des Harems eine nackte Odaliske zu fehen, wie jene von F. Roybet( Nr. 579) und als Schlufstableau folgt dann eine orientalifche Henkerfcene, das Bild einer Hinrichtung inmitten der Pracht und Herrlichkeit eines maurifchen Herrfcherpalaftes. Ich erwähne da das vielbefprochene und vielbeftrittene Bild von Al. Regnault:„ Exécution fans jugement"( Nr. 544). Im Gräfslichen ift da allerdings das Aeufserfte geleiftet. Der Henker, der fich eben mit theatralifcher Geberde den Säbel am Gewande abwifcht- die unheimliche Beziehung der beiden Köpfe zu einander: desjenigen, der noch auf den Schultern fitzt und des abgefchlagenen auf dem Boden, der mit verglaften Blick zu feinem Henker emporzufchauen fcheint- dazu die niederriefelnde, mit grauenhafter Wahrheit gemalte Blutlache auf der weifscn Marmortreppe des Palaftes: diefs Alles gibt einen Gefammteindruck des mit finnlicher Unmittelbarkeit fich aufdrängenden Entfetzens, wie man ihm in der Kunft nicht leicht wieder begegnet. Mit der Blutfcene contraftirt würdig der feftlich- heitere, faft märchenhafte Farbenfchimmer des Intérieurs der Alhambra, welcher den mit höchfter coloriftifcher Virtuofität ausgeführten Profpect des Gemäldes bildet.( Die Aquarellftudien dafür das Motiv ift von, dem Saale der beiden Schweſtern" entnommen- find an fich fchon von feltener Meifterfchaft; wir fahen fie gleichfalls unter der reichen und höchft werthvollen Collection von Zeichnungen und Aquarellen, welche die Franzofen ausgeftellt haben). Trotz des entfetzlichen Gegenſtandes feffelt uns das Bild Regnault's künftleriſch in hohem Grade; das bizarre, blutig- häfsliche Problem ift mit grofsem malerifchen Sinne gelöft, der Henker, wie der Rumpf des Enthaupteten find nicht ohne Grofsheit - - ganz merk Die Malerei. 57 der Auffaffung und der erftere, bei all feiner theatralifchen Haltung, die übrigens in die franzöfifche Kunftweife mit eingerechnet werden mufs, beinahe fchon eine Figur im echten hiftorifchen Stil. Jedenfalls hat die franzöfifche Kunft in Regnault, der, wie man weifs, am 19. Jänner 1871 im Gefechte von Buzenval fiel, eines ihrer glänzendften Talente verloren. Als ein Prunk- und Ceremonienbild aus dem orientalifchen Alterthume könnte man füglich Charles Chazal's Königin von Saba"( Nr. 128) bezeichnen. Im biblifchen Sinne ift das Bild nicht gedacht, eher findet man fich an eine affyrifche Hoffcene gemahnt, die nach den ninivitifchen Reliefs in modernifirter Weife arrangirt und colorirt ift. Wir haben an diefem Bilde, das fonft in der Farbe feftlich wirkt, auch fo eine Probe von der Rückwirkung der modernen Ausgrabungsftudien auf die Kunft. An die Stelle der grofsen hiftorifchen Auffaffung ift die hiftorifche Coftümkunde getreten; der gefchichtliche Sinn hat fich an das archäologifche Intereffe entäufsert. Die Ausftattungsoper und das Ballet bedienen fich heutzutage ebenfo des archäologifchen Effectmittels, wie gelegentlich die Malerei. Chazal's Königin von Saba, fo wie in der deutfchen Ausstellung der Pyramidenbau von Guftav Richter fchlagen da künftlerifch in diefelbe Richtung, wie Verdi's" Aida" oder die Ausftattung zu dem grofsen Ballet Sardanapal. Wenn man die ftärkeren Reizmittel des Effectes aus dem Orient bezieht, fo fucht man die anfprechenden malerifchen Motive wieder mit Vorliebe in Italien und Spanien auf. In beiden Ländern kehrt die franzöfifche Genrekunft häufig ein. Befonders fanden wir die italienifchen Stoffe ebenfo reichlich als anziehend vertreten. Ein guter Theil davon waren Studien und Einzelfiguren; fo Charpentier's junge Italienerin"( Nr. 124), Ed. Sain's„ Mädchen von Capri"( Nr. 577), de Connink's reizende Römerin( Nr. 177). Auch hier war das Weib, wie überall im franzöfifchen Genre, bevorzugt. Schönen Italienerinen, wenigftens folchen mit einem pikanten oder intereffanten Zuge, fahen wir allenthalben in die tiefen fchwarzen Augen, dagegen trafen wir kaum an einer Stelle auf umfaffendere Schilderungen aus der Volkswelt felbft. Einfache und anfprechende Momente aus dem Gefühlsleben der Mutter, des Mädchens und des Kindes, durch die natürliche Anmuth und lebhafte Aeufserung des italienifchen Naturells gehoben, brachten in ausgezeichneter Weife zunächft der treffliche William Bouguereau, dann auch Diogène Maillard vor allem Léon Bonnat. Namentlich deffen„ römifche Mutter", der ihr Töchterchen fo recht herzhaft um den Hals fällt( Nr. 64), erfreute fich bei der Ausstellung einer grofsen Popularität. Es iſt diefs auch in der That ein ebenfo liebenswürdiges, als bedeutendes Bild, aus dem uns vier leuchtende Augen voll Temperament und Liebe entgegenblicken. Das glänzende und warme Colorit, fo wie die treffliche Modellirung erhöhen den Werth der anmuthig abgefchloffenen Darſtellung. Nicht weniger anziehend, voll frifcher anmuthender Naivetät war ein anderes kleines Bild von Bonnat, mit der Bezeichnung:„, Non piangere!" ein italienifcher Junge fein Schwefterchen beruhigend, dem die Thränen in den Augen ſtehen. Das find bei aller Einfachheit ftets fruchtbare Motive, die fich für die Genremalerei immer wieder empfehlen. und Die Frauengruppe in dem etwas anfpruchsvoll grofsen Gemälde Jean Benner's„ Nach dem Sturm zu Capri" hatte zu viel Pofe und theatralifches Pathos, als dafs man wirklich darin eine richtige Aeufserung der italienifchen Volksfeele wahrnehmen könnte. Sehr intereffant war es uns hingegen, Erneft Hébert's bekanntes Bild: Die Frauen von Cervara", die eben vom Brunnen kommen( Nr. 223), und noch eine zweite italieniſche Brunnenfcene desfelben ( Nr. 224) auf der Ausftellung zu finden. Das erftere war mit feiner„ Rofa Nera" ichon 1859 in Paris ausgeftellt; es gehört mit Recht zu den berühmten Bildern des Meifters. Sowie Robert der Epiker des italienifchen Sittenbildes war, fo ift Hébert gleichfam der Lyriker desfelben; der plaftifch grandiofen Behand32 58.. Dr. Jofef Bayer. lung des erfteren tritt bei ihm zugleich eine gewiffe malerifche Weichheit gegenüber. Sein Hauptthema find eben die Brunnenfcenen, die eben fo unerfchöpflich an Poefie, wie an malerifchem Reiz bleiben.- Damit auch die italienifche Kirchthür und Strafsenftaffage nach ihrer derb realiftifchen Seite zur Geltung kommen, fo hat uns T. Robert Fleury die alten Weiber vom Platze Novana in der Kirche St. Maria della pace( Nr. 556) vorgeführt. Es find die Damen der Halle" vom Gemüſemarkte zu Rom. Von Spanien wiffen uns die franzöfifchen Genremaler auch Mancherlei zu erzählen. Die Arena der Stiergefechte bietet da zunächft intereffante Motive für das novelliftifche Genrebild dar, denen der aufregende Reiz, felbft auch ein gewiffes tragifches Intereffe nicht fehlt. Dahin gehört das Bild von Jules Worms Picador partant pour la courfe"( Nr. 652) und Pierre Giraud's " La Devifa"( Nr. 291); beide ebenfo ftofflich intereffant, wie malerifch effect voll behandelt. Georges Vibert's" Une Cour de Diligence"( Nr. 639) ift wieder ein geiftreiches, luftiges Gegenftück zu jenen ernften Bildern mit echt fpanifchen, humoriftifch aufgefafsten Typen. Enrique Melida, felbft ein Spanier, der fich zur franzöfifchen Schule bekennt, gibt uns in dem Bilde„ Une Meffe de Relevailles en Espagne( Nr. 478) eine ebenfo bezeichnende als gut gemalte Genrefcene. Das unterhaltende Genrebild im engeren Sinne des Wortes, in welchem fich der deutfche Malerhumor fo fehr gefällt, mit feinen kleinen Ge fchichtchen, feinen bald deutlich ausgedrückten, bald halb zu errathenden Beziehungen fanden wir in der franzöfifchen Ausftellung weniger vertreten. Die Franzofen haben nicht jenen unermüdlich redfeligen deutſchen Erzählungseifer im Bilde, und thun recht daran. Die Genremaler der bedeutenden Kunftzeiten, fo die guten Niederländer, hatten diefe Paffion auch noch nicht und begnügten fich ftets nur mit der einfachen, malerifch dankbaren Situation. Der Humor im Bilde, ebenfo das Pikante und Anregende darin liegt in der Geberde und Bewegung, in gewiffen feinen charakteriftifchen Zügen, ohne dafs wir dabei eine ganze Anekdote mit in den Kauf bekommen müffen. Bunte Lebensbilder, in diefem Sinne erfafst, von feiner Beobachtung und meift grofser coloriftifcher Fertigkeit, bot die franzöfifche Ausstellung mehrere zur Schau. Da wären zunächft die vorzüglichen Bilder von Et. Berne Bellecour:„ Nach der Proceffion"( Nr. 40),„ Ruffifcher Chaffeur"( Nr. 41), ,, Aus dem Sattel gehoben"( Nr. 42); fämmtlich Cabinetsftücke von auserlefe nem Range. Dasfelbe gilt von den Genrebildern Georges Vibert's:„ Der Hochzeitsmorgen"( Nr. 641),„ Ein Trödler"( Nr. 642). Sein Proträt des Schaufpielers Coquelin von der Comédie Françaife in der Rolle des Mascarill und des Herrn Albert Goupil in perfifchem Coftüm find intereffante Beiſpiele einer geiftvollen genreartigen Benützung der Bildnifsmalerei. Unter den Genrebildern der humoriftifchen Richtung ift Pierre Frère's" Bubenfchlacht mit Schneeballen"( Nr. 265) mit glücklichfter Laune erfafst und von geiftreicher Behand lung; das anmuthige Element im Genre, mit ebenfo grofser Feinheit in der Empfindung, wie in der malerifchen Ausführung, vertritt auf das Vorzüglichfte W. Bonguereau in den Bildern:„ Das Gelübde zur heiligen Anna"( Nr. 72). Verführung"( Nr. 73),„ Die Spinnerin"( Nr. 74). Hart daneben ftellte fich wieder das Bizarre, noch obendrein in wildfremder Umgebung, in L. Leloir's " Zauberin"( Nr. 450), die mit ihren Schlangen, die fie um Hals und Arme hinüberwirft, fich vor einem Publicum von Wilden producirt, die mit glotzenden Blicken dareinfehen. Von einem malerifchen Intereffe, ohne durch den abfichtlichen Reiz des Nackten wirken zu wollen, find die badenden Frauen zu Douarnenez" von Fr. Bridgeman( Nr. 91), einem Newyorker und Schüler von Die Möncherei, für das deutſche Genrebild ein breites Feld fatyrifcher Schärfe und humoriftifchen Behagens, fpielt in der franzöfifchen Kunft kaum eine " Gérôme Die Malerei. 59 Rolle. Theils ift da der katholifche Refpect noch ziemlich grofs, theils entfcheidet fich der malerifche Tact da, wo Mönche figuriren, für den Gebrauch derfelben als Staffagefiguren in Klofterhöfen oder ftimmungsvoll gehaltenen Intérieurs. Hieher wären die trefflichen Klofterftudien aus Nizza( Nr. 281-283) von Theophile Gide zu rechnen: dann das Laboratorium der Capuzinerapotheke in Rom von Armande Leleux( Nr. 436). Der Letztere hat noch eine Reihe fehr anziehender Genrebilder ausgeftellt; zwei davon find aus dem Schweizer Volksleben gegriffen:„ Die proteftan tifche Trauung"( Nr. 431) und„ La cauferie à la fontaine"( Nr. 432). Es find wohl auch ältere Bilder diefes erprobten Genremalers, der unter die wandernden Maler gehört, zuerft fchon in den Vierzigerjahren Scenen aus dem Schwarzwalde und aus Tirol brachte, dann gelegentlich in der fpanifchen Pofada mitkneipte, hierauf auch in der Schweiz fich umfah und endlich italienifche Mönche vor feine Palette nahm. Auch Guftave Jundt, ein Strafsburger, der fich noch als Schüler von Drolling bezeichnet, ift ein Reifemaler, wohl auch ein Gefchichtenerzähler, ein Freund der Bauernanekdote, die er fich wiederum aus dem Schwarzwalde und aus Tyrol herbeizuholen liebte: eine Paffion, in der fich fein elfäffifchmanifches Naturell nicht verläugnet und worin er mit anderen Elfaffer- Landesgenoffen, felbft mit den bedeutenderen G. Brion gelegentlich zufammentrifft. Obgleich der Kunftſchule nach franzöfifch, gehören doch die Elfäffer Maler in der Empfindungsweife zu uns. Von den Bildern Jundt's wären diefsmal die ,, Amme im Walde"( Nr. 372),„ Ein Wafchplatz"( Nr. 373),„ Seiltänzer im Regen"( Nr. 374), Die Rückkehr vom Fefte"( Nr. 375) zu erwähnen; ein franzöfifches Tendenzbild des Elfaffers, durch den Krieg von 1870 angeregt, kommt fpäter noch an die Reihe. -gerEinen ganz eigenen Eindruck macht es, dafs wir gelegentlich auch die franzöfifche Gelehrtengefchichte im Genrefache auftauchen fehen. Da malt Eugène Fichel, ein Schüler von Delaroche, einmal ,, Daubenton in feinem Laboratorium der Mineralogie und Ornithologie"( Nr. 253) und„ Lacépède, die Naturgefchichte der Fifche fchreibend"( Nr. 254). Das find allerdings nichtsweniger als malerifche Motive; gleichwohl ift der ftille, ruhig fortwirkende Gelehrtenfleifs in dem Ausdrucke der Köpfe fowohl, als in der ganzen Umgebung der wiffenfchaftlichen Werkstätte mit feinem und gewiffenhaftem Pinfel charakterifirt. Fichel fteht in der Delicateffe und Sorgfamkeit der Ausführung, fowie in dem mikrofkopifchen Auge für das Detail Meiffonier fehr nahe; nur ift er in der kleinen Malerei nicht fo geiftreich wie diefer. Wir werden auf die gröfseren Meifter im Kleinen gleich zu fprechen kommen. Vorerft müffen wir aber noch ein ganz grofses Bild aus der Gelehrtengefchichte von A. Feyen- Perrin,„ Die Vorlefung über Anatomie von Dr. Velpeau"( Nr. 246) erwähnen. Es ift die moderne Variation des wohlbekannten Rembrandt'fchen Themas. Das Demonftriren und aufmerkende Mitfolgen und Beobachten in den Köpfen ift gut charakterifirt; fie machen den Eindruck von Porträts in einer beftimmten Situation. Mit Rembrandt ift es freilich fchwer, da zu concurriren. Doch nun zu Meiffonier. Mit grofser Achtung begrüfsten wir in der Ausftellung die gröfseren und kleineren Bilder des berühmten Meifters( Nr. 479 bis 485). Man weifs, was diefer Name wiegt und bedeutet. Er hat von dem holländifchen Cabinetsbild der beften Zeit eine freie Ueberfetzung im eleganteften modernen Franzöfifch geliefert, und diefs ift fo eigentlich feine Specialität. Fern von dem leidenfchaftlichen Zuge der modernen franzöfifchen Richtung, entwickelte er bei fich eine kühle Schärfe der Beobachtung, eine bewunderungswürdige Reinlichkeit und Beftimmtheit des Colorits und jene Feinheit des malerifchen Sehens, die im Kleinen ihre Wunder wirkt. In feinem koftbaren Bildchen fafst fich gefundes Gemüth und klarer Blick in eine engbegrenzte Wirklichkeit knapp und beftimmt zufammen. Faft möchte man diefem Meifter gegenüber glauben, dafs Beides in der franzöfifchen Kunft fich nur in diefer Miniaturform concentriren 60 Dr. Jofef Bayer. läfst, während es in ihren gröfseren Formen bei aller effectvollen Darftellung zergeht. Da wird fie mehr grofsfprecherifch als grofs und gibt das Gemüth an die bewufste Phantafterei, die beobachtete Wirklichkeit an eine für den Effect zurechtgeftellte preis. Meiffonnier machte bekanntlich feine Studien zunächft in den Sälen des Louvre; er copirte nicht geradezu die alten Cabinetsmaler, aber er fah durch ihre Bilder hindurch in ihr Auge und fragte ihnen das Geheimniss ab, wie fie die Menfchen und die Dinge anfahen und im Bilde wiedergaben. So gelang es ihm bei lebendigem Leibe eine Kunfthändler- und Auctionstaxe für feine Leiftungen zu erreichen, wie fie fonft nur bei den Werken altberühmter Meifter vorkommt. So fcharf ausgeprägt ift feine Eigenthümlichkeit, dafs felbft feine kleinen coloriftifchen Gebrechen, der kühle graue Ton, der durch feine etwas grell aufgefetzten Localfarben geht, fein mehr fcharf hinfchreibender als faftig malender Pinfel, die mitunter mangelhafte Abtönung in den Mittel- und Hintergrund hinein nicht als Fehler, fondern nur als ein bezeichnendes individuelles Merkmal gelten, wie man folches auch an älteren Meiftern nicht tadelt, fondern vielmehr als eine Befonderheit, als Erkennungszeichen hervorhebt und fchätzt. Und fo ift es auch bei Meiffonnier. Jene kleinen Mängel find zugleich Bedingung feiner fo durchaus beſtimmten Ausdrucksweife. Die aufmerkſammen Befucher der Ausftellung hatten Gelegenheit genug, die Eigenthümlichkeit des Meifters an den Bildern ,, Der Schildermaler"" Eine Kugelpartie zu Antibes"," Ausgang einer Kartenpartie"," Der Weg von Salice nach Antibes" zu ftudiren. Die Epiſode aus irgend einer der Schlachten Napoleon's I. dagegen zeigt uns ihn auf dem Felde der Kriegsmalerei, zu dem ihm 1859, wo er im Gefolge des Kaifers den italieniſchen Feldzug mitmachte, ein officieller Anlafs geboten wurde. Ich kenne nicht fein militärifches Hauptbild:„ Der Kaifer vor Solferino", das im Salon von 1864 aus: geftellt war und fich nun im Luxembourg befindet. Die vereinzelte Probe, die wir diefsmal fahen, vermag uns in diefer Richtung Meiffonier's nicht hinreichend zu orientiren. Es ist viel charakteriftifche Beftimmtheit in dem Bild; ob aber der geniale Kleinmeifter für den Esprit militaire nach franzöfifchen Begriffen völlig ausreiche, mögen die Franzofen felbft entfcheiden. Das Bild ift übrigens nicht fertig gemalt und die Farbe befonders in dem fcharfen Grün unvermittelt und grell. Mit Meiffonier in der zierlichen Kleinmalerei verwandt find die reizenden Bilder von Eugène Feyen. Wenn fich Meiffonier in der Regel nur auf wenige Figuren befchränkt und nur feltener, wie in feinen„ Joueurs des boules" oder in dem Bilde ,, Der Sonntag" fich unter viele Mefchen, in das bunte Treiben des Volkes begibt, fo ift Feyen fo recht in der Menfchenmenge zu Haufe. Dabei weifs er doch feine niedlichen Figürchen ohne Andrang und Verwirrung hinzuftellen und fie felbft in diefer Kleinheit bewunderungswürdig individuell zu faffen. Seine Wäscherinen von Cancalais"," Die Verfammlung auf dem Mont Dole", dann zwei prächtige Strandfcenen( Nr. 241 bis 244) find bezeichnende Proben feiner eigentlichen Meifterfchaft, fo wie der glatten, feinen, allerdings auch etwas kühlen Manier feines Vortrages. 94 Das ländliche Genre, die Schilderung des Bauernlebens, hat in Frank reich auch fo wie in Deutſchland eine bedeutende Entwicklung genommen Allerdings unterfcheidet fich das franzöfifche Bauernbild von dem deutſchen bei läufig fo, wie eine Dorfgefchichte der Georges Sand von einer von Auerbach oder Jeremias Gotthelf. Gewöhnlich gefteht man den franzöfifchen Bildern, die das Leben und Treiben des Landvolkes fchildern, die malerifche Wirkung zu, will aber in ihnen einen Abgang des feelifchen Lebens, eine mehr äufserliche Auffaffung der Bauernexiftenz nach der mehr typifchen, als individuellen Seite bemerken. Empfindung möchte ich in den bedeutenderen Leiftungen diefer Art keineswegs vermiffen; es ift eben ein anderer Zug des Empfindens, als bei uns; und es ift auch wohl kein Fehler, dafs die Empfindung da ganz in dem male. rifchen Ausdrucke aufgeht. Hat das deutſche Bauerngenre eine mehr ins Einzelne gehende gemüthvolle Charakteriſtik, fo das franzöfifche wieder mehr Haltung Die Malerei. 61 und allgemeine Stimmung. Wenn unfere perfönliche Bekanntfchaft mit den Dorffchulzen, den Grofs- und Kleinbauern der Bretagne und Normandie auch nie fo eingehend und intim wird, wie mit den Bauern unferes Schwarzwaldes oder der oberbaierifchen und Tiroler Alpenthäler, fo empfangen wir dort doch auch den vollen Eindruck der ländlichen Exiftenz und fühlen uns durch fie geftimmt und bald freundlich, bald ernft angemuthet, felbft wenn wir uns nicht veranlafst fühlen, jedem Einzelnen diefer biederen Landleute fo fcharf ins Geficht zu fehen. Neben dem porträtirten und haarklein erzählten Bauernleben in unferen deutfchen Bildern hat jene Schilderung desfelben im Allgemeineren gleichfalls ihre Berechtigung. Wir hatten Gelegenheit, die beiden bedeutendften Meifter des bäuerlichen Sittenbildes auf der Weltausftellung nebeneinander zu fehen: Jean François Millet und Jules Adolphe Breton. Von dem Erfteren war fein ,, Sämann" ausgeftellt und jenes merkwürdige Bild, welches das ländliche Genre ins PhantaftifchTragifche hinüberführt und von der Ausstellung 1859 einftmals zurückgewiefen worden war:„ Der Tod und der Holzhacker." Der Letztere brachte aufser den längftbekannten Bildern, Die Segnung der Felder" und„ Die Einberufung der Aehrenleferinen" aus der Sammlung im Luxembourg, zwei vorzügliche Gemälde, die fich im Privatbefitz befinden:„ Die Freundinen"( Nr. 87) und die„ Brunnenfcene"( Nr. 89). Millet ift herber und fchroffer als Breton; obgleich Naturalift, hat er einen gewiffen Stil in der Art, die Form breit und feft zu umfchreiben, das Colorit auf wenige entfchieden hingefetzte Töne zu befchränken, die aber doch die volle Wirkung der Naturwahrheit wiedergeben. Es ift ein rüftiger Bauernftil in der Malerei, den er fich gefchaffen, feinem Gegenftande und feiner Auffaffung des Landlebens durchaus gemäfs, derb und markig, ohne doch niedrig zu werden; und fowie der Landmann während feiner fchweren Arbeit nicht leicht ein überflüffiges Wort verliert, fo ift auch die Pinfelführung Millet's zufammengefasst, ernft und fchweigfam, ohne alle Farbenplauderei. Er fchildert den Bauerncharakter, wie er in feiner Befchäftigung aufgeht, meift freudlos, ernft und verfchloffen; fo ift fein Sämann", der diefsmal ausgeftellt war, fo auch feine anderen zum Theil wohl bedeutenderen Bilder, die fich in Frankreich befinden: die, Heubinder", die ,, Schnitter beim Mittagsmahl", der Bauer, der ein Bäumchen gepfropft hat oder auf feine Hacke geftützt ausruht u. dgl. Breton ift farbenfreudiger als Millet; fein Auge ift heller und hält weitere Umfchau, fein Horizont, auch in buchstäblich malerifchem Sinne genommen, ift gröfser. Man athmet bei ihm den Hauch der Flur und des Getreidefeldes ein und fieht die blauen Kornblumen zwifchen den Halmen hervorleuchten. Er ift fo recht ein Maler der Feldarbeit, der Mühen um die Ernte und des heifsverdienten Segens, den fie den Landleuten bringt. Die Mädchengeftalten überwiegen bei feinen Darftellungen des bäuerlichen Lebens, fie bringen einen mildernden, anmuthenden Zug in die Schilderung der ländlichen Arbeit. Die Tageszeiten derfelben weifs er im Einklang der Naturftimmung vortrefflich zu fchildern, und wenn man bei Millet zunächft an die harte Plackerei des Bauernftandes gemahnt wird, fo fühlt man bei Breton fo recht mit, was denn auch ein ländlicher Feierabend nach den Mühen des Tages bedeutet. Seine„ Aehrenleferinen", die beim einbrechenden Abend zur Heimkehr gerufen werden, find ein Mufterbild diefer Art. Ich erinnere hier an ein treffendes Wort aus Julius Mayer's Gefchichte der modernen franzöfifchen Malerei, das nicht nur diefs Bild, fondern die Auffaffungsweife Breton's überhaupt kennzeichnet:" Was über diefe harte Realität einen poetifchen Hauch und Schimmer ausgiefst," das ift die feine über das ganze Bild gleichmässig ausgebreitete Lichtftimmung. Darin ift Breton Meifter. Er weifs die Landfchaft wie die Menfchen in das feelenvolle Element des Tons, hier in die fanfte dämmerige Stimmung des fpäten Abends hereinzunehmen und doch den Figuren Deutlichkeit der Formen und die Klarheit der Localfarbe zu laffen." Derfelbe Vorzug tritt bei dem neueſten der Bilder Breton's, den beiden lebensgrofsen Mädchen am Brunnen" hervor. Ein mildes Helldunkel bei klarem Luftton webt ע " 62 Dr. Jofef Bayer. feine Schleier um das Gemälde. Die beiden Mädchen, von denen das eine den Krug fchon gefüllt hat, und das andere ihn noch knieend hält, find von einer fchlichten Anmuth, die den vollen Reiz einer Idylle übt. So fucht das ländliche Sittenbild der Franzofen das Landvolk bei der Arbeit des Tages oder der Ruhe des Abends, bei härteren oder einfacheren Befchäftigungen auf. Es fchildert dasfelbe mehr nach generellen als perfönlichen Zügen; es läfst die landfchaftliche Wirkung mit der ländlichen Existenz in diefem eingefchränkten Menfchendafein zufammenwirken, deffen ftrenge Härte durch die weichumfangende Stimmung von Luft und Licht wie gemildert erfcheint. Solche Bauernfcenen, wo die einzelnen Geftalten individuell heraustreten, ein Paar Augen in einem fcharf charakterifirten Angefichte fich auf uns heften, finden wir da nicht. Die Details des Familienlebens in der Bauernftube, das Sonntagstreiben in der Schenke, der Kirmestanz und der Ausbruch feftlicher Luft fcheinen da ein ebenfo fremdes Element zu fein, wie andererfeits die mit tieferem Ernfte erfafsten Momente des bäuerlichen Lebens. Bezeichnend ift es, dafs, wie über haupt in der franzöfifchen Kunft, auch im ländlichen Genre das Weib den Vortritt hat. So bringt uns Augufte Feyen- Perrin einmal eine Kornfchwingerin als Einzelfigur, dann wieder eine Gruppe von Bäuerinen aus Cancale, in derfelben Befchäftigung begriffen. Edmund Hedouin, der mit Vorliebe das arbeitfame Treiben des Landvolkes fchildert, aber dabei mehr einen gefchärften realiftifchen Blick, als den poetifchen Zug Breton's zeigt, ftellte abermals feine ,, Aehrenleferinen aus Loiret" aus, die fich im Luxembourg befinden, zudem eine„ Bäuerin aus St. Jean de Luz in den Unterpyrenäen". Jean Trayer zeigt uns einen Kreis bretonischer Schneiderinen, die mit ihrer Nadel auf dem Lande wohl keinen Sparpfennig verdienen. Luftiger geht es bei Marchal's ,, Dienftmädchen- Jahrmarkt zu Buchsweiler im Elfafs" zu. Eigentlicher Humor ift freilich nicht in dem Bilde, ja die Art, wie die Bauern die in einer Reihe aufgeftellten Mägde muftern, hat fogar faft einen frivolen, fehr unländlichen Beigefchmack. Die drallen, frifchen Elfafferinen von demfelben Maler, die auf dem Kirchgange unterwegs im Freien Luther's Choral anftimmen, vereinigen dagegen fehr gut den Eindruck der Lebens. luft mit dem der naiven Andacht. Bekanntlich hat der Elfafs für die franzöfifchen Genremaler feit jeher neben der Bretagne und Normandie die gröfste Anziehungs kraft geübt. Diefes Land hat nun nicht allein der Staat, fondern wohl auch die Kunft in Frankreich verloren, und die deutfche Volksmalerei, im Schwarzwald längft fchon fefshaft, dürfte fich wohl bald auch das Gebiet bis zu den Vogefen hin annectiren. Es mag weh thun, wenn auch die Kunft vorausfichtlich eine Provinz verliert. Guftave Brion und der ebenerwähnte Charles Marchal,-jener felbft ein Elfaffer aus Rothau, aber Schüler von Guérin, diefer ein Parifer,- haben fich in die elfafs'fche Stammesart mit Eifer einftudirt und deutfches Volkswefen mit franzöfifchen Kunftmitteln, oft, aber auch mit einem ftarken Anklange an die deutfche Empfindungsweife wiederzugeben gefucht. Bei Marchal, der erft fpäter fich von den Pikanterien des modernen Parifer Lebens hinweg dem Elfafs zuwandte, fieht man wohl die Abficht durch, fich dem Naiven nähern zu wollen, wie in beiden obenangeführten Bildern, die fchon von 1863 und 1864 herdatiren. Tiefer in feiner Empfindung geht Brion. Er nähert fich auch hierin den deut fchen Volksmalern, dafs er gleich diefen auf die Bedeutfamkeit der Situation Gewicht legt, das Leben des Landmannes in Freud und Leid nach feinen wichtigeren Momenten, felbft mit detaillirender Charakteriſtik der einzelnen Figuren, vorführt. Er erzählt und fchildert, wie wir es in Deutſchland bei unferen Darftel lungen aus den Bauernkreifen gewohnt find, wenn auch mit jener flüchtigeren nier der Ausführung, die wieder feiner franzöfifchen Kunstweife eigen ift. Die Ausftellung brachte mehrere, allerdings nicht durchaus die bezeichnendften Bilder von ihm; fo feine„, Rheinflöffer",„ Die Hochzeitsgefchenke" und„ Die Pilger St. Odile". Um fchliesslich uns wieder dem anderen Ende Frankreichs zuzukehren, fo bildet in der Bauernmalerei die Bretagne einen gar intereffanten Gegenfatz " Mavon Die Malerei. 63 zum Elfafs. Es iſt eine mehr dumpfe, befangene Exiftenz, ein eingefchränktes, abgefchiedenes Bauernleben gegenüber dem freieren Wefen, den offenen Stirnen und hellen Augen, die uns im Elfafs, in der Wirklichkeit fowohl, als im Bilde, entgentreten. Eugen Leroux ift( fo wie Fortin) in der Häuslichkeit der dürftigen bretonifchen Hütten heimifch und weifs uns das Stück Leben, das fich da in engftem Raume abfpielt, malerifch anfchaulich zu machen. Sein Bild ,, Vor der Beerdigung"( Nr. 445) im Innern eines Haufes in der Bretagne zeigt uns die Ausstellung der Leiche eines breton'fchen Bauern. Es hat die richtige Stimmung des Momentes und jenen brütenden Zug der Trauer, der fich freilich nicht zu der ergreifenden Kraft der Bauernbegräbniffe von Knaus und Vautier erhebt. Einen gelegentlichen Blick in die Bretagne läfst uns auch Charles Giraud thun; in den Bildern:„ Die Rückkehr vom Markte"( Nr. 289) und„ Fifcherin von der Küfte der Bretagne"( Nr. 290). Nicolas Berthon ift wieder der Maler des Landvolkes aus der Auvergne und beobachtet diefe kleine locale Welt mit fcharfem, realiſtifchem Blicke. Sein, Tanz aus der Auvergne"( Nr. 47), das frifchbelebte Bild„ Die Barbierin von Chatel Guyon"( Nr. 50) und noch zwei andere Localbilder diefer Art( Nr. 48 und 49) zeugen ebenfo von feiner grofsen malerifchen Begabung, wie von feinen realiftifchen Neigungen. Alexander Collette gehört mit feinen, Erdarbeitern"( Nr. 145), der„ favoyifchen Bäuerin"( Nr. 146) und einer andern von Cernay la Ville( Nr. 147) der vollſtändigen Aufzählung wegen auch in diefe Gruppe. - - Die Schlachtenmaler haben fich diefsmal von der franzöfifchen Ausftellung fern gehalten, und zwar aus begreiflichen Gründen, die in der Stimmung der Zeit liegen. Die Erinnerungen an den Krieg von 1870 tauchten hie und da, aber ziemlich kleinlaut auf. Nur die Kriegsepifode, das militärifche Genrebild fanden wir vertreten; von der Hauptfache, den Angriffsactionen und den Schlachten felbft brachten die Bilder keine Kunde. Alexander Protais, ein genialer Vertreter des Soldatenbildes, ftellte fich wohl auch diefsmal ein. Er führt uns mit Vorliebe den Krieger als Individuum, nicht als Maffe vor. Das tragifche Einzelgefchick auf dem Schlachtfelde intereffirt ihn; er weifs es ergreifend zu fchildern und in feinen meiftens tiefen Localfarben in der entsprechenden düftern Tonart zu ftimmen. Auf jenem Bilde( Nr. 540), welches kurzweg nach der verhängnifsvollen Jahreszahl 1870" benannt ift, ift es auch wieder der einzelne Soldat, auf den er den Blick des Befchauers lenkt aber feine Darftellung hat hier eine weitere tragifche Perfpective. Auf dem todesöden, mit Leichen bedeckten Felde fehen wir einen verwundeten Soldaten, der fich fpähend erhebt, ob er die Fahne in Sicherheit bringen könne, die er feinem gefallenen Cameraden abgenommen. Im Hintergrunde zuckt ein Feuerfchein auf über das Bild breitet fich wie ein Trauerflor eine tiefe, fchmerzvolle Stimmung aus. Ganz objectiv gefafst ift der ,, Kanonenfchufs"( Nr. 39) von Et. Berne- Bellecour, ein Bild, das mit Recht in der Ausstellung fehr populär wurde. Die Situation ift mit einem fo fcharfen Beobachtungstalent fixirt und wiedergegeben, die Typen der Officiere und der Mannfchaft, die fich über die Böfchung lehnen, um die Wirkung des Schuffes zu verfolgen, find von fo überzeugender Charakteriſtik, dafs das meiſterliche Bild, wie alles Wahre in der Kunft, fofort feffelt und dauernd intereffirt. Ein vorzügliches Epifodenbild aus dem Kriegsleben ift auch„ Die internationale Ambulance im Schneegeftöber" von Ed. Caftres( Nr. 120); die Figuren abermals fehr bezeichnend, das Ganze in die Naturftimmung der Winterlandfchaft trefflich mit hineingenommen. Der fonft friedliche Elfaffer Genremaler Guftave Jundt gerieth einmal durch den Krieg auch in den tendentiöfen Militarismus hinein. Er zeigt uns internirte Soldaten, wie fie unter dem Rufe, Vive la France!" die Schweiz verlaffen( Nr. 378). Der Mobilifirte( Nr. 528) von Léon Perault gehört ebenfalls unter die gemalten Reminifcenzen von 1870. Das hiftorifche Kriegsgenre, das in vergangene Zeiten zurückreicht, war mehrfach und glücklich vertreten; fo in einer Scene aus dem dreifsigjährigen Kriege von Lucien Gros 5 64 Dr. Jofef Bayer. ( Nr. 305), wie in der ebento farbig wirkfamen, als charakteriftifchen Revue deutfcher Landsknechte"( Nr. 439) von Louis Leloir. Der ältere Philippoteaux geleitet uns durch die Einnahme der grofsen Redoute in der Schlacht an der Moskowa"( Nr. 532) wieder auf die napoleonifchen Schlachtfelder. " Die literarifch angeregte Illuftrationsmalerei, die bei den Deutfchen und den Engländern eine fo bedeutende Pflege findet, ift bei den Franzofen in mässigerem Gebrauche. Auch da mufs man ihnen zugeftehen, dafs fie das poetifche Motiv ganz in die malerifche Wirkung umzufetzen wiffen und infoferne über die blofse Illuftration hinausgehen. Von Jules Bertrand war der„, Tod der Virginie"( nach Bernardin de St. Pierre) und ein„ Grethchen im Kerker"( Nr. 52 und 53) ausgeftellt. Dem erfteren Bilde begegnete ich fchon vor Jahren auf einer Kunflausftellung; es ift von einem ergreifend rührenden Zauber. Weit weniger vermag man diefem franzöfifchen Grethchen zuzuftimmen, fowohl was die unfchöne Stellung, als auch den Ausdruck betrifft. Alexander Cabanel malte den Tod der Francesca von Rimini und des Paolo Malatefta( Nr. 108) etwa im Stil der grofsen Oper, mit mehr äufserlichem Pathos, als tieferer Empfindung. Beide fpielen den Tod für die Wirkung auf den Zufchauer. Die Technik ift die wohlbekannte glänzende, aber auch berechnete Cabanel's. Es ist kaum möglich bei dem überreichen Ausftellungsftoffe der franzöfifchen Abtheilung da eine vollſtändige Umfchau zu halten. Das Porträt an fich verdiente fchon eine eingehende Befprechung, fowie überhaupt eine vergleichende Betrachtung der Porträtkunft nach den einzelnen Ländern viele lehrreiche Gefichtspunkte darböte. Wie der einzelne, gegenwärtige Menfch im Bildniffe erfafst und wieder gegeben wird, diefs ift bezeichnend für die ganze Menfchen darftellung, für die gefammte Ausdrucksweife einer nationalen Kunft. Die bedeutenderen Franzofen individualifiren fcharf und fchlagend im Porträt, aber in einem ganz andern Sinne als die Deutfchen. Sie haben ein rafches, geiftreiches Auge für das Bezeichnende, das Habituelle einer Perfönlichkeit, aber fie geben ihr Wefen mehr mit Esprit, als mit tiefer eindringendem, ruhigem Blick wieder. Ihre Bildniffe bereiten uns einen fo überraschenden und frappanten Eindruck, wie ihre übrigen Kunftleiftungen; wir machen eine mehr fchnelle, als eine eingehende Bekanntfchaft mit einer ganzen Gallerie von Perfönlichkeiten. Ihr Porträt ift auch meiftens das Bild des Menfchen in der Gefellſchaft und für diefelbe; das intimere Bildnifs, das Porträt als Familienbild, die Darftellung des Menfchen im Haufe oder für das Haus ſteht der franzöfifchen Bildnifskunft fchon ferner. In jener entfcheidenden Hauptrichtung nehmen die Bildniffe des Fräuleins Nelie Jacquemart( Nr. 356 bis 365) den oberften Rang ein. An Energie und Glanz der Farbe, an der Behandlung der Incarnation, wie des Stofflichen in der Gewandung, vor Allem aber an geift. reicher Individualifirung in echt franzöfifchem Sinne finden fie kaum ihresglei chen. Diefe geniale Porträtmalerin ift in ihrer Kunft fo ganz gefellſchaftliche Menfchenkennerin. Sie hat ein fehr helles Auge dafür, den Menfchen rafch da auszufinden, was er vor der Welt gelten und wie er vor ihr erfcheinen möchte. und im wohlbeobachteten Momente auch wirklich vor ihr erfcheint. Ohnehin malt fie meiftens Perfönlichkeiten, die etwas Wichtiges nach Aufsen hin vor ftellen und wo ein guter Theil des Menfchen in das Gefühl der äufseren Stellung und der Repräfentation aufgeht.- Cabanel's Porträt der Frau Pinchot und ihrer Kinder( Nr. 110) ift ein fehr elegant und fein gemaltes Coftümebildnifs, vor nehm und hoffähig in Haltung und Farbe. Der Kopf Liszt's ift wie prädeftinirt für die franzöfifche Porträtkunft und Layraud gibt auch feinen eigenthümlichen Ausdruck in geiftvoller Weife wieder. Grofsentheils Vorzügliches trat uns ferner in den Bildniffen von W. Bouguerreau, Carolus Duran, Charles Bonne grâce, Claude Gaillard u. A. m. entgegen, ohne dafs wir hier auf ihre eigent lichen Kunftvorzüge näher eingehen können. Die Charakteriſtik der franzöfifchen Landfchaftsbilder müffen wir uns verfagen, wie wir auch in der deutfchen Abtheilung nur flüchtigeren Blickes an ihnen Die Malerei. 65 де ht n e r 2 I T e r vorübereilten. Die feinen Unterfchiede in der Naturbeobachtung der einzelnen Künftler können in einer fummarifchen Befprechung nicht ihre Würdigung finden. Mit blofser Nennung ift da nicht viel gethan; dennoch fei, um nur der formalen Referatspflicht an diefer Stelle zu genügen, Dasjenige hier genannt, was fich zunächft als Vorzüglichftes auch der rafcheren Betrachtung darftellte. Zunächſt die herrlichen Stimmungslandfchaften von Charles François Daubigny, jenes Meifters, der bekanntlich einen Wendepunkt in der neueren franzöfifchen Landfchaftskunft bezeichnet; die Schnee- Landfchaften von Fleury Chenu von bewunderungswürdiger Wahrheit und ftimmungsvoller Haltung; ein Wald im Schnee, im Abenddämmerfchein mit aufgehendem Mond, der fich im Eife fpiegelt, von Emil Breton, von bedeutendfter Naturempfindung; eine treffliche Baum- Landfchaft von Paul Huët; das Thal von Joury von Viollet le Duc, grofs componirt und ftimmungsvoll gehalten. Die der Stillandfchaft fich nähernde Gattung, die in Frankreich trotz des vorherrfchenden Realismus noch immer vertreten ift, wurde durch die Namen Paul Flandrin, Jean Bapt. Corot getragen, während in der naturaliftifchen Behandlung der Landfchaft aufser Daubigny, dem Vater, noch deffen Sohn, dann Jules Hereau, Bernier, Ziem u. A. zunächſt fich hervorthaten. - Zum Schluffe erwähne ich noch gewiffe eigenthümliche und bedeutende Leiftungen, die früher in einem anderen Zufammenhange nicht anzuführen waren. Einmal die Bilder von Desgoffe, die eine ganz eigene künftlerifche Specialität für fich bilden. Er fucht bekanntlich die Gegenstände feiner Darftellung unter den Kunftcuriofitäten der Renaiffance; koftbare Vafen, Kannen und Schalen von Bergkryftall, Achat, Onyx und Amethyft, emaillirte Schmuckfachen und Elfenbeinfigürchen find die Objecte feiner minutiöfen malerifchen Liebhaberei, die er mit einer fabelhaften Genauigkeit wiedergibt. Freilich erreicht er damit nur die Wirkung eines äufserft virtuofen Kunftftückes; er gibt uns, wie J. Meyer fehr richtig fagt, nur ein Stück Muſeum in einem Stück Spiegel". Die Ausftellung enthielt( Nr. 199 bis 201) einige feiner Hauptleiftungen diefer Art. Ganz im Gegenfatze zu feinem glättenden, überfeinen, detaillirenden Pinfel gefällt fich Louis Ifabey in einer breiten, die Farben refolut und unvermittelt hinfetzenden Skizziftenmanier, hinter der aber ein rafches Talent der Erfindung ein bedeutender Sinn für figurenreiche Gruppirung und breite Wirkung der Farbe liegt. Der Eigenfinn, nicht über die Farbenfkizze hinauszugehen, ift freilich an fich fchon eine Manierirtheit. Gleichwohl gehörten feine effectvollen, mit Figuren reich ftaffirten Intérieurs, dann feine mit ficherer Farbenempfindung hingefchriebenen Compofitionen„ Die Hochzeit"," Das Frühftück im Walde",„ Die Taufe" zu den originellften Bildern der Expofition. So treffen wir in der franzöfifchen Kunft allenthalben auf Contrafte, die aus dem Beftreben hervorgehen, durch feltfamen Gebrauch der Kunftmittel Aufmerkfamkeit zu erregen und dem Ziele des Effectes in einfeitig verfolgten Richtungen nachzugehen. Belgien. Die belgifche Ausftellung präfentirte fich fehr vortheilhaft. Sie ftellte eine namhafte Anzahl von Kunftwerken- Alles zufammen 298 Nummern und darunter fehr viel Tüchtiges, ja fogar in eminentem Sinne Hervorragendes, aus. Im Verhältniffe zu der geringen geographifchen Ausdehnung ift diefe glänzende Concentration von Kunftbeftrebungen auf engftem Raume bewunderungswürdig; der fcherzhafte Statiſtiker würde fagen, es käme in Belgien viel Kunft auf jede Quadratmeile. Aber auf die Ausdehnung kommt es ja in diefen Dingen gar nicht an. Wie viel Kunftleben hat fich in dem kleinräumigen Venedig von den Bellini's an bis auf die Spätzeit des Palma Giovane concentrirt! Vieles wirkt auch in Belgien zufammen, um die Kunft äufserlich zu fördern. Ihre Pflege gilt dort als eine Staatsfache, als eine nahezu öffentliche Angelegenheit. Die Kunfterziehung wird 5* 333 66 Dr. Jofef Bayer. methodiſch betrieben und vereinigt die akademifche Disciplin mit den perfonlichen Einflüffen und Anregungen der Meiſterſchulen. Ohne dafs eben die belgifche Malerei eine monumentale Richtung nähme, können doch bedeutendere Werke des Ankaufs für Staatsgebäude oder Rathhäufer, fowie für ftädtiſche Muſeen gewärtig fein. Als Belgien felbftftändig wurde, fand man unter den Specialitäten, welche die Eigenthümlichkeit des Volkes und Landes conftituirten, auch eine lebendig nachwirkende nationale Kunfttradition vor und fühlte fich zu ihrer fortgefetzten Pflege wie zu einer Ehrenfache verpflichtet. Zu denjenigen Kundgebungen, in denen fich fpecififch belgifches Wefen ausfpricht, die geiftige Selbstständigkeit des rührigen Kleinftaates nach Aufsen hin fich zeigt, gehört eben auch die Kunft, oder vielmehr da in den Küftenländern von jeher das Auge mehr auf dem malerifchen Reize der Erfcheinung und ihrer Details, als auf den grofsen plaftifchen Formen ruhte- ganz befonders, ja faft ausfchliefslich die Malerei. - Freilich, Selbftftändigkeit in diefem Sinne ift nicht immer auch völlige Unabhängigkeit. Die Künftler des Landes find auf eine gute Zeit bei den Franzofen in die Schule gegangen, aber doch, um fchliefslich als richtige Belgier aus ihr hervorzugehen. Wenn fich auch jetzt ftarke Parifer Mode- Einflüffe in gewiffen Brüffeler Ateliers vorfinden, fo wird es doch nie gelingen, Belgien als eine franzöfifche Kunftprovinz zu annectiren. Das Volksnaturell, welches zwifchen hollän difchem Phlegma und auffprühender franzöfifcher Beweglichkeit eine eigene Mitte hält, fichert der heimifchen Malerei auch da, wo Fremdes vorübergehend auf fie wirkt, ihr eigenes Gepräge. Man ahmte zur Zeit die Coloriften Frankreichs nach, ohne aber geiftig mit ihnen desfelben Weges zu gehen und mit ihren malerifchen Ausdrucksmitteln dasfelbe fagen zu wollen, was diefe anftrebten. Techniſch eignete man fich die franzöfifche Farbe an, nicht aber auch das Pathos und die Leidenfchaft, die in ihr zuckte und glühte. Es ift charakteriſtiſch, dafs gerade zur Zeit diefes Einfluffes Delacroix, der Führer des grofsen coloriftifchen Umfchwunges in Frankreich, in belgifchen Ateliers faft als Barbar verfchrieen war. Die Tiefe der Stimmung und des Affectes, die in feiner Farbenwelt fich ausdrückte, trat dem vlämifchen Wefen fehr bald als ein Fremdes entgegen, fo äufserlich feffelnd fein Colorit auch erfcheinen mochte. Bald fchied fich denn Beides auf das Beftimmtefte: die vlámifch- belgifche Farbenfreudigkeit ohne tiefere innere Erregung, dann die auch im Hiftorifchen mehr fchildernde und erzählende Richtung und drüben bei den Franzofen die in Scene gefetzte Farbe, das pathetifch- dramatifche Element, das kühne und geiftvolle Experimentiren mit den Mitteln des coloriftifchen Ausdruckes. - Es iſt eigenthümlich, wie bei den Belgiern die der Landesgefchichte zugewendete patriotifche Richtung der Malerei mit dem technifchen Fortfchritte im Colorit innig zufammenhängt. Als fie ihre bewegtefte Gefchichtsperiode, von Kaifer Maximilian und Maria von Burgund an bis auf den Compromifs, den Herzog von Alba und die Geufen hinab, auf ihren Leinwanden zu recapituliren anfingen, da waren diefe malerifchen Gefchichtsftudien zugleich auch ein Sieg der Farbe über die letzten Nachwirkungen des David'fchen Clafficismus, für den diefer während feines zehnjährigen Aufenthaltes in Brüffel einen Anhang geworben. Das war dazumal wirklich ein franzöfifcher Annectirungsverfuch in Kunftfachen, aber ohne nachhaltigen Erfolg. Es währte nicht lange und die Führer der neuen Richtung fühlten fich, auf dem einheimifchen Gefchichtsboden neu erftarkt, patriotifch wie künftlerifch als echte Belgier. Ein beftimmtes Wollen n der Kunft, das fich befonders in der confequent feftgehaltenen Stoffwahl kund gibt, führt auch häufig zu einem ficheren technifchen Können: fo war es hier. Die hervorragenden Gefchichtsmaler find zugleich die bahnbrechenden Coloriften der belgifchen Malerei; es wurde ihnen fofort klar, dafs die Hauptepoche der vaterländifchen Gefchichte, die im XVI. Jahrhunderte spielte, fchon in dem Coftüme, der Scenerie und der ganzen äusseren Erfcheinung auf eine kräftige und n- ie re e 29 e rt S f h S Die Malerei. 67 glänzende Färbung dringe, um nach ihrem eigenften Wefen verfinnlicht zu werden. Die Forderungen des Stoffes und ihre eigenen künftlerifchen Inftincte kamen einander auf halbem Wege entgegen; das Colorit trat gleichfam mit hifto rifcher Legitimation auf, und der reiche, nicht fo ſchnell zu erfchöpfende Kreis der einheimifchen Gefchichtsftoffe, denen nach Seite der Farbe immer etwas abzugewinnen war, gab dem Realismus der belgifchen Kunft eine gewiffe Gefchloffenheit und Vornehmheit und bewahrte ihn vor dem Zergehen in die kleinen Gattungen, dem allzu grofsen Uebergewichte des Genres und der blofsen, inhaltsleeren Pinfelvirtuofität. Dies fcheint mir die wichtigſte Ausbeute jener Wendung im belgifchen Kunftleben zu fein, die mit Guftav Wappers begann, in Ed. de Bièfve und Nicaife de Keyfer fo erfolgreich fich fortfetzte, um dann in Louis Gallait ihren Höhepunkt zu erreichen. Allerdings kam man da in der ideellen Durcharbeitung des Stoffes über eine gewiffe Stufe nicht hinaus. Das gefchichtliche Leben ift in dem Glanze der Technik, in dem brillanten Colorit wie in einer farbigen Prachterfcheinung gleichfam eingefangen; innerhalb derfelben ift nur mässige Bewegung, faft nirgends ſpricht fich die volle Kraft der Handlung aus. Die porträtartige Charakteriſtik ift vorherrfchend, nicht der eigentlich dramatifche Zug; fo felbft in Bièfve's Hauptbild: " Der Compromifs des niederländifchen Adels". Auch Louis Gallait, der fich innerhalb des Kreifes der belgifchen Kunft zu der höchften hiftorifchen Darftellungskraft erhob, drückt in feiner berühmten„ Abdankung Carl's V.", hierin dem deutfchen Leffing verwandt, mehr die Stimmung des hiftorifchen Momentes und der bedeutfamen Handlung, als diefe Handlung felbft nach ihrer vollen dramatifchen Geltung aus. Weiterhin befchränkt er fich ganz darauf, das hiftorifche Stimmungsbild im höchften malerifchen Sinne durchzubilden; er umgeht den entfcheidenden dramatifchen Moment und malt nur das Vor" oder„ Nach" zu demfelben:„ Egmond mit feinem Beichtvater im Kerker"," die Brüffeler Schützengilde vor den Leichen Egmond's und Hoorn's. Die glänzendfte techniſche Detaillirung der Farbenwirkung und die pfychologifche der über das Bild fich verbreitenden Stimmung klingen da in einen Accord zufammen; der volle dramatifche Ausdruck würde eine folche breite und feine Detaillirung nicht mehr zulaffen, die Farbe müfste zum Ausdrucksmittel eines bewegteren, ins Grofse gehenden hiftorifchen Styls werden, das ganze belgifche Behagen der coloriftifchen Einzelausführung wäre ans feiner Ruhe aufgeftört. Hier fallen, wie fo häufig, die bezeichnendften Vorzüge und zugleich die Grenzen einer Kunftrichtung in demfelben Punkte zufammen. Es bleibt noch immer fchwer zu entfcheiden, wie weit jenes farbige Stück niederländifcher Gefchichte infpirirend auf die Durchbildung des Colorits gewirkt, oder inwiefern das gefteigerte coloriftifche Bedürfnifs, mehr nur einem äusserlichen malerifchen Zuge folgend, fich jener Gefchichtsftoffe als der techniſch möglichft dankbarften und zugleich im nationalen Sinne populärften Stoffe bemächtigt hat. In dem letzten Stadium, in welchem fich gegenwärtig die belgifche Malerei befindet, hat jedenfalls diefe hiftorifche Kunftbegeisterung merklich nachgelaffen. Was die Ausstellung in jener Richtung aufwies, ift meiftens von viel früherem Datum und rührt von den älteren bewährten Meiftern der Brüffeler Schule her. Solche Bilder find Schauftücke aus einer Gallerie moderner Maler, keine eigentlichen Ausftellungsobjecte, die uns über den Kunftzuftand in feiner letzten Phafe unterrichten. Im Allgemeinen zieht es die belgifche Malerei von der hiftorifchen Höhe wieder nach abwärts ins Genrefach. Nur ift im letzteren jedenfalls viel von der vornehmen und glänzenden Behandlung, von dem höheren malerifchen Gefchmacke geblieben, der fich an jenen Gefchichtsftoffen gefchult hat. Unter den älteren Meiftern begegnen wir Nicaife de Keyfer, dem bereits verstorbenen Henri Leys, Eduard de Bièfve und Louis Gallait. Von dem Erfteren hing im internationalen Saale fein„ Karl V. in Tunis"; von Bièfve war die„ Gräfin Sabine von Egmond" ausgeftellt, die vom Himmel die Befreiung 3333 68 Dr. Jofef Bayer. ihres Gatten erfleht. Henri Leys konnten wir in den Porträts Philipp's des Guten", der„ ,, Maria von Burgund", fowie befonders in einem gröfseren Bilde, ,, Lancelot van Urfel, Bürgermeifter von Antwerpen, die Bürgermiliz zur Vertheidigung der Stadt haranguirend", in feinen archaifirenden Grillen ftudiren, die ihn dazu verführten, mit aller Meifterſchaft moderner Technik zu alterthümeln und fich in die Weife der älteren Niederländer, zunächft die des Memling fo hineinzuklügeln, fo wie fich unfere Nazarener in die Weife der kölnifchen oder altfienefifchen Schule hineinempfindelten. Wenn wir ihn auf dem„ Fefte der Büchfenfchützen von Antwerpen" innerhalb der Reminiscenzen der beften niederländifchen Kunftblüthe als einen ganz veränderten Menfchen wieder antrafen und die ganze Haltung und Compofition des Bildes, das prachtvolle warme Helldunkel feines Colorits höchlich bewundern mufsten, fo konnten wir uns doch nicht verläugnen, dafs diefer Meifter einer abftract künftlerifchen Richtung verfallen war, die gleichfam Manier auf Manier pfropft. Es ift diefs eine Malerei für Kunftgenoffen, nicht fürs Publicum, fowie einmal unfere Romantiker eine Literatur wieder für Literaten züchteten. Gallait geht aus dem Kreife des hiftorifchen Stimmungsbildes in den beiden Gemälden„ Der Friede" und„ Der Krieg" ins Allgemeine, ja faft Allegorifche, nicht eben zum Vortheile feiner Kunftweife; wo man Kraft des Ausdruckes erwarten follte, ftöfst man nur auf eine in der Antithefe fich ergehende Abfichtlichkeit, die in der Darstellung des„ Krieges" fogar verletzend wirkt. Wir wollen nun fehen, was fich hieran in der hiftorifchen Kunft zunächft anfchliefst. Gefühlsmomente, Situationen, welche an die Rührung appelliren, der Frauen Klag' und Leid im Drang der Ereigniffe treten da. wie fchon in dem Bilde von Bièfve, in den Vordergrund; fo auch in dem verdienftvollen Gemälde von Albrecht de Vriendt:„ Jacobine von Baiern, die Philipp, den Guten, von Bur gund um Gnade für ihren Gemal bittet; dann in einer Compofition verwandter Richtung von Emil Wauters:„ Maria von Burgund, die Schöffen Gents um Gnade für ihre Räthe Hugonet und Humbercourt anflehend". Julian de Vriendt's ,, Heilige Elifabeth, die von den Bewohnern Eifenachs zurückgewiefen wird" geht fchon ins Legendarifche hinüber. Im Ganzen thut es der Gefchichtsmalerei nicht gut, wenn das melodramatifche und fentimentale Element fich in ihr zu fehr vordrängt; der tragifche Schmerz foll in ihr eine hervorragende Stelle haben, nicht aber die Emotion und Schauftellung des hochgeftellten Unglücks für das Mitleid. Die Gefchichtsmalerei ift eine Kunftgattung männlichen Gefchlechtes; grofse Gefchicke follen fich da nicht blos in Frauenthränen feucht abfpiegeln. Auch fonft ift es nicht gerathen, dafs die rührende Epiſode, ob fie fchon Männer oder Frauen betrifft, mit der vollen Wichtigkeit der hiftorifchen Gattung fich zur Geltung bringt. Emil Wauters fcheint vor Allem fich in der Darftellung des Erfchütternden zu gefallen, das mit ftarker Wirkung auf unfer Mitleid eindringt. Neben feiner flehenden Maria von Burgund hat er feinen, wahnfinnigen Hugo van der Goes" ausgeftellt. Es ift ein durchaus vorzügliches Bild fowohl im phyfiognomifchen Ausdrucke der Hauptperfon, als der poetifch bedeutfamen Ver finnlichung des Zuftandes; die malerifche Kraft und Tiefe des Vortrages kommt dem vortrefflich zu Statten, was der Künftler ausdrücken wollte. Doch hier find wir eben ganz bei der rührenden Epifode angelangt, fo fehr die Auffaffung und Darftellung fich noch der hiftorifchen Richtung der belgifchen Kunft verwandt zeigt. Von de Bièfve und Gallait führt ganz fachte der Weg bis zu Stoffen diefer Art hinab. Der individualifirende, porträtartige Zug der belgifch- hiftorifchen Kunft, im befcheideneren Rahmen des hiftorifchen Sittenbildes verwendet, tritt uns in Alexander Markelbach's trefflichem Bilde„ Antwerpner Rhetoren, die fich auf eine Disputation vorbereiteten", fehr bezeichnend entgegen. Es ift ein richtiges Stück niederländifcher Gelehrtenrepublik aus dem XVII. Jahrhunderte. Es ift auffallend, dafs die Belgier nur bei einheimifchen Gefchichtsftoffen charakteriſtiſch find; greifen fie in die Fremde, in das Mittelalter oder gar ins Die Malerei. 69 Alterthum zurück, fo finden wir fie auf den Wegen des coloriftifchen Eklekticismus, oft auch nur des blofsen effectvollen Arrangements. Das Bild des älteren Meifter Guftav v. Wapper's:„ Bocaccio der Johanna von Nepal fein Decamarone vorlefend" ift nur coloriftifch und zudem im Sinne einer älteren Technik zu beurtheilen; fonft ift es ein blofses Farbenfchauftück und gehört, abgefehen von dem finnlichen Reize des tiefften Negligés der Damen, ganz in die Reihe der Vorlefebilder, die in der belgifchen Kunft eine gewiffe Rolle spielen. Jofef Stalaert's Tod der Dido" hat ebenfo etwas von franzöfifchem Pathos, wie von franzöfifcher Farbentechnik; ift übrigens gut componirt und von harmonifcher Wirkung. Slingeneyer's Bild, das fchlechthin Carthago" benannt ift eine auf den Trümmern der Stadt hingeftreckte Frau mit zwei todten Kindern, darüber ein tragifch verglühendes Abendlicht- ift auch zunächft im Sinne der Farbenund Beleuchtungswirkung zu nehmen. 99 - Im Genrefach überwiegt bei den Belgiern ein gewiffer weltmännifch- eleganter Zug. In diefer Gattung zeigt fich Brüffel als ein Klein- Paris und treibt gelegentlich Modemalerei. Die gemüthliche Austiefung des Genres in deutfchem Sinne ift dem belgifchen Wefen nicht recht erreichbar, obgleich manche Maler nahe daran ftreifen; gewöhnlich aber begnügen fie fich mit einer mehr techniſch wirkfamen, als geiftig inhaltsreichen Löfung ihrer Aufgabe. Eigentlich gehen da zwei Strömungen nebeneinander, die, wie das Waffer zweier Flüffe in der Nähe der Einmündung, auf eine Strecke hin fich deutlich unterfcheiden laffen, dann aber wieder ineinander übergehen und verfchwimmen. Es ift diefs einmal der ganz moderne franzöfifche Gefchmack, der hier deutlicher als in der Hiftorienmalerei herüber wirkt und daneben wieder die einheimifchen Traditionen aus der Blüthezeit des flandrifch- holländifchen Genres, wo Teniers der Jüngere ebenfo Anregungen gibt, wie die Atlafs- und Toilettenmaler von dazumal. Jene moderne Richtung fteht unter dem Einfluffe der Gefellfchaft, diefe, mehr nur in artiftifchem Sinne nationale, unter dem der einheimifchen Gallerien. Oft geht Beides ineinander über; gerade hier fcheint mir die Technik wie die Auffaffung nicht fcharfe Grenzen einzuhalten und fich kaum ein anderes Programm zu ftellen, als das des Pikanten und Gefälligen, aus welchen Kunftmitteln es auch beftritten werden mag. Florentin Willems gab dem Cabinetsftücke und der Feinmalerei, wie fie einft Terburg und Netfcher vertraten, eine moderne Auffrifchung und nachgerade auch einen modernen Inhalt; eine den älteren Bildern nachempfundene Manier ohne Manierirtheit verbindet fich bei ihm mit einem frifchen heiteren Blick ins gegenwärtige Leben. Dagegen repräfentirt Alfred Stevens fo ganz den Parifer SalonmodeGefchmack des zweiten Kaiferreiches und malt unermüdlich feine Boudoirfcenen, feine Damen aus der guten, wie aus der halben Welt, überhaupt jene weiblichen Toilettenexiftenzen, bei deren niedlichen und pikanten Gefichtern uns am allerwenigften beifällt, was in ihrem Innern vorgeht, und ob hinter dem feinen Corfet auch fo etwas wie ein Herz fchlägt. Ueber diefem Frauenvolke leuchtet die Parifer Sonne; eine lichtblaue und rofenrothe Modefärbung überwiegt durchaus; tiefere, kräftigende Schatten find in der hier dargestellten Welt ebenfowenig, wie in der ihr ganz entsprechenden Technik. Einen intereffanten Gegensatz zu Alfred Stevens bildet Jean Bapt. Madou, ein wohlbekannter Führer der neueren vlämifchen Richtung im Genrefach. In den Bildern mit zwei oder drei Figuren, die von ihm ausgeftellt waren, führt er ebenfo Männer aufser der Mode vor, wie Stevens Frauen nach der Mode malt: ift diefer ein Darfteller der glatten Eleganz, fo ift jener ein Maler des Schneidigen, der geiftreichen Charge. Er ift von den älteren niederländifchen Genremalern angeregt; aber das fcharf Pointirte in feinen Bildern ift ebenfo wieder ein moderner Zug. Bei einer gewiffen Verwandtſchaft mit der älteren Technik und Beobachtungsweife ift ihm doch das altniederländifche Behagen ziemlich fern. Er fieht feine Figuren durch den fcharfen Stecher an, den die Ironie an den Augenwinkel drückt. So direct er auf das Charakteriftifche losgeht, fo fcheint er mir darin doch nicht mannigfaltig zu fein; 333333 70 Dr. Jofef Bayer. er fpielt da nach Virtuofenart immer nur auf einer Saite. In naher Beziehung zu Stevens ftehen die Damenbilder von Guftav de Jonghe und die Kinderbilder von Jean Verhas, die einen wie die andern ganz im Sinne falonfähiger Malerei mit feinem, gefchmackvollem Pinfel und dabei mit juft fo viel Empfindung gemalt, als es diefe zunächft auf die Eleganz gerichtete Vortragsweife verträgt. Jenes uns Deutſchen fo vertraute Genre, welches mit gemüthlichem Antheil und mit Humor ins Volksleben greift, war auf der belgifchen Ausftellung fchwach vertreten. Das vlämiſche Dorf fpielt mehr als Profpect in der Landfchaft eine Rolle, als dafs im Figurenfach fein Lebensinhalt zu einer vielfeitigeren Darftellung käme. Nur Adolf Dillens ift hier wieder in gebührenden Ehren zu nennen, dem feine Volksfcenen aus Flandern und Zeland fchon früher einen Namen gemacht; fein„ Werber“ und„ die Kirmes in Süd Beveland" zeigen frifchen Humor und lebendige Auffaffung. Mehr nur malerifch intereffant durch wohlgeftimmte Farben und Beleuchtungswirkung find die Intérieurs, bei denen das genreartige Sujet fich der Gefammthaltung unterordnet, eine von mehreren Belgiern mit Vorliebe betriebene Gattung. Hieher gehören die Bilder von Victor Lagye, unter denen, die Hexe" als Arzneibereiterin aufser dem wohlabgewogenen malerifchen Effect auch durch die Behandlung der Figuren intereffirt; bei Henri de Brackeleer(„ Der Geburtstag der Grofsmutter"," Ein Künftleratelier") ift es faft nur die treffliche coloriftifche Haltung, nicht der figurale Inhalt, der uns da anzieht. In einem fehr guten Intérieur von David de Noter find die Figuren nach altem Malerbrauch von anderer Hand, nämlich von Jules Goupil hinzugemalt. Einzelfiguren in gröfserem Format. in gröfserem Format. meift malerifch geftellte Modellftudien ohne weiteren geiftigen Inhalt, waren bei den Belgiern feit jeher beliebt:„ Das Mädchen bei der Toilette" und„ Die junge Sclavin, ihre Herrin erwartend" von Charles Hermans gehören bei ihren technifchen Vorzügen völlig hieher. Volkstypen, fowohl in einzelnen Studien wie in grösseren Gruppen, find gleichfalls beliebt, werden aber meiflens nur äufserlich nach ihrem coloriftifchen Werthe abgefchätzt. Eugen Smits hat einer folchen Collection von Typen, die er in einem gröfseren Bilde" Roma" zufammenftellt, bei allem gediegenen Ernft der Ausführung auch in malerifchem Sinne nicht viel abge. wonnen. Beffer gelang ihm diefs bei dem italienifchen Fenfter" und der Wahrfagerin". Slingeneyer bietet auch in diefer Richtung Treffliches in feinem ,, Fellahmädchen" und der„ Strafsenfcene in Tunis", fowie in der„ Orangenverkäuferin“.„ Die junge Hexe" von Jean Fr. Porta els nähert fich in dem kühnen phantaftifchen Zug und der coloriftifchen Ausführung der franzöfifchen Effect malerei, während Jofef Dyckman( ,, Der blinde Mann"," Alte betende Frau") mit fein detaillirter Behandlung eine weiche gemüthliche Auffaffung nach germanifcher Sinnesart verbindet, die ftark an die fentimentale Stimmung des Befchauers fich wendet. Der Lebenskreis, den das belgifche Genre durchmifst, ift nach diefer rafchen Umfchau in den Ausftellungsfälen nicht grofs. Zunächft ift, wie wir fahen, das Augenmerk auf die malerifche Wirkung gerichtet. Die gute Gefellſchaft tritt im Bilde mehr in gleichgiltigen Epifoden, als in bezeichnenden Situationen auf; dabei findet fich mehr Eleganz in der Färbung, als Grazie in der Stellung und Bewegung. Ebenfo epifodifch ift ferner das Volksleben behandelt, ohne jene Austiefung durch Gemüth oder Humor, die wir hier zu erwarten gewohnt find. Der belgifche Pinfel befafst fich im Genrefach nicht fonderlich mit Seelenmalerei. Das Strafsenleben tritt zunächst nach feiner malerifchen Aufsenfeite nicht in den charakteriftifchen Momenten auf. Die Atelierftudie tritt in den häufigen Einzelfiguren etwas vordringlich in die Kunft. Diefs beiläufig drängt fich zunächft der zufammenfaffenden Betrachtung auf, fo fehr auch einzelne Erscheinungen über diefes Niveau hinausgehen mögen. Im Allgemeinen aber darf man wohl fagen: wenn bis vor Kurzem die Gefchichtsmalerei der belgiſchen Die Malerei. 71 Technik ein höheres Ziel wies, fo geht die Genremalerei dort grofsentheils in dem technifchen Ziele auf. Sie ift zunächft eine Domäne der malerifchen Gefchicklichkeit. Die bedeutenden Ausnahmen hievon find meift von älterem Datum. Nur feltener erhebt fich das Genre zu einem inhaltsreicheren Situationsbild, das durch Energie und humoriftifche Schärfe der Charakteriſtik oder durch Ernft des Gefühles, durch ftimmungsvolle Haltung über die gewöhnlichere Behandlung diefer Gattung hinausginge. Das vorzügliche Bild von Jofef Lies,„ Der Feind naht, ift eben nicht mehr das Werk eines lebenden Meifters. Franz Vinck's ,, Einzug eines Schützenkönigs" übertrug die achaifirende Manier des Henri Leys mit grofsem Gefchicke auf eine heitere Epifode des guten altniederländifchen Bürgerlebens. Gegenüber diefen hellen farbigen Bildern breitet fich ein tiefer Ernft über Conftantin Meunier's ,, Begräbnifs eines Trappiften" aus. Die Stimmung diefes Bildes ift in malerifchem wie in poetifchem Sinne gleich bedeutfam. Intereffant ift es, die Belgier fich einmal auch zur Allegorie rückwenden zu fehen, in welcher einft die flandrifche Kunft fich fo vielfach erging. Man weifs, wie fiegreich das üppige Fleiſch von Rubens auch in diefes abftracte Kunftgebiet eindrang. So kühn geht Eugen Smits in feinem Gang der Jahreszeiten" aller dings nicht ins Zeug; gleichwohl weht uns aus diefem edel componirten Bilde, was Umriffe und Stellung der Figuren, ja auch die coloriftifche Haltung betrifft, fo ein Hauch aus dem XVII. Jahrhunderte der flandrifchen Kunft an. Wenn auch nicht an das Gröfste, fo gemahnt uns das Bild doch an das Gute jener Zeit. Die religiöfe Hiftorie ift durch eine fehr würdig gehaltene Mater dolorofa von Meunier ziemlich vereinzelt vertreten; wo bringt fonft Belgien feinen vielen Katholicismus in der Kunft unter? Wie Anton Jofef Wiertz in feiner ungeheueren Leinwand den Engelfturz darftellt und die biblifche Mythe nach feiner Weife ins ungeheuerlich Phantaftifche emportreibt, fteht diefem Berichte nicht an, weiter auseinanderzufetzen. Es war wohl lehrreich, jenes riefige Gemälde und die Photographienfammlung nach den Hauptwerken von Wiertz auf unferer Weltausftellung zu finden übrigens gehört aber die nähere Beleuchtung diefes bereits 1863 verftorbenen Malers, der fich felbft eigenfinnig weit ab vom Wege ftellte und bei dem Genialität und mit Methode betriebener Wahnfinn hart aneinander grenzen, fchon völlig der Kunftgefchichte an. - Sowie die belgiſche Gefchichtsmalerei fich an der porträtartigen Auffaffung kräftigt und von ihr Beftimmtheit und Lebensfülle leiht, fo erhebt fich das Porträt felbft in fo vornehmer Nachbarfchaft zu einer edleren und bedeutfameren Gattung. Das Erbe und der Kunftfegen der alten flanderifchen Maler fcheint da noch immer nachzuwirken; wenn uns auch bei Gallait in dem Porträt des Staatsminifters Dumortier und jenem des Herrn Saint Paul de Sinçay ganz moderne Menfchen entgegentreten, fo find fie doch mit jener malerifchen Beobachtungsgabe erfafst, die fich in Flandern und Holland von Van Dyk, Frans Hals etc., wenn auch mit fehr veränderter Technik bis heute in gerader Linie vererbt zu haben fcheint. Noch immer find die hervorragenden Belgier die Maler des Individuellen, aber mehr in feiner ruhigen Erfcheinung, als in feiner activen Aeufserung; daher der eminente Beruf zum Porträt. Hinter den Franzofen mögen fie hierin an Verve und geiftreich kühner Behandlung, nicht aber an beftimmter Kraft der Individualifirung zurückſtehen; die Perfönlichkeit tritt klar und voll aus dem Bilde in felbftredender Gegenwart. Alexander Robert's Porträt des dänifchen Malers Hägelftein, de Keyfer's Porträt des Sir John Murray Naesmyth und andere wären unter den wenigen, aber trefflichen Bildniffen in den belgifchen Sälen da zunächft zu nennen. In der Landfchaft der Belgier ift es auch wieder die Technik in befferem Sinne, welche die Wirkung meiftens entfcheidet. Ein klarer und fcharfer Sinn für locale Motive und Naturerfcheinungen, die bei ihrer nicht allzugrofsen Mannigfaltigkeit um fo genauer ftudirt werden können- ftatt der eigentlichen 72 Dr. Jofef Bayer. Landfchaftspoefie eine mehr nüchterne Auffaffung und Beobachtung, zu der fich aber als Erfatz für das poetifche Stimmungselement malerifche Kraft und Wärme des Vortrags gefellt: das fcheinen mir fo eigentlich die Grundzüge der belgifchen Landfchaftsmalerei zu fein. Von dem mäfsigen Berglande der Ardennen, aus dem die Studien in den Mappen der einheimifchen Maler nicht allzu zahlreich find( von Franz Keelhoff brachte z. B. die Ausstellung eine Anficht aus den Ardennen), fteigt fie hinab in die Flächen an die Ufer der Maas, der Schelde und der Marne, um fich dann behaglich in den Anblick der Stillwaffer am Strande zu verlieren. Hier fraternifirt dann die Landfchaft mit der Marine. Das innere Land ift durch die gemüthliche Dorfvedute, die Baumgruppen an den Flussufern und die Waldlandfchaft mit hell einfallendem Sonnenlicht vertreten; wie in der deutfchen Landfchaft der Berg, fo prävalirt hier der Baum, für deffen durchfchienenes Laubgrün die belgifche Palette die richtigen Farben bereit hält. Mit Vorliebe verweilt die landfchaftliche Beobachtung in den„ Kempen", bei den malerifchen Mühlen dafelbft( das ausnehmend fchöne Bild von dem bereits verftorbenen Theodor Fourmois), ihren Wiefengründen mit Weidevieh und ihren Schaf hürden( Louis Robbe, Eugéne Verboeckhoven), wo gelegentlich der Thier maler den Landfchafter ablöft. Dazu kommt die forgfältige Beobachtung von Luft und Wolken, von Morgen- und Abendlicht und von Gewitterftimmung, wie in den ganz vorzüglichen Bildern von Jean P. F. Lamorinière. Die belgifche Thiermalerei bewährte auch auf unferer Ausstellung ihren erprobten Ruf. Jofef Stevens excellirte durch feine Epiſode aus dem Hundemarkt in Paris", von Verboeckhoven fahen wir wieder feine einft berühmten Schafe, Jean de Haas brachte ein grofses Bild mit weidendem Rind.- Von vorwiegend technifchem Intereffe, aber dabei in Rücklicht auf frifche energifche Färbung und die Wirkung der Perfpective meiftens von entfchiedenem Werth ift das belgifche Architekturbild und die Strafsenvedute; es feien in diefer Gattung die vorzüglichen Sachen von J. Fr. Carabain, von Fr. Stroobant und Jean B. Van Moer nur in fummarifcher Würdigung erwähnt. Italien. Man hat den modernen Italienern häufig den Vorwurf gemacht, dafs die Nachwirkungen ihrer grofsen Kunftvergangenheit in den Leiſtungen der Gegenwart fo wenig hervortreten. Es hätte faft den Anfchein, als wäre diefs Alles nur für die„, Foreftieri", die zugereiften Maler und ihre für Studien temporär gemie theten Ateliers da. Diefer Vorwurf dürfte doch etwas einfeitig und ungerecht fein. Einmal haben die Italiener da, wo fich von der Kunft wirklich erben läfst, in der That diefes Erbe angetreten und bis in unfere Tage hinein verwerthet; fo in der Ornamentik ihrer Kunftinduftrie, insbefondere ihrer fchönen Majoliken, wo das edle und phantafievolle Ornament des Cinquecento noch immer feine heiteren Ranken treibt. Vererben läfst fich in der Kunft eben nur das Ueberlieferungs. fähige beftimmte, im nationalen Kunftftile entwickelte Formen, die dann von Hand zu Hand gehen, von Gefchlecht zu Gefchlecht übermittelt werden können. Der grofse productive Zug gehört lediglich dem Zeitalter oder vollends nur der eminenten Begabung des Einzelnen an. Die ganze italienifche Renaiffancemalerei, von ihrem kräftereichen Aufgange bei den Quatrocentiften bis zu ihrem kräftevergeudenden Niedergange in den Schnellmaler- Schulen der Spät- Neapolitaner nach Art der Luca Giordano und Solimena ift ein völlig gefchloffener Lebensgang der Kunft, grossartig, aber doch dabei normal abgelaufen, der von da an, wo er fein natürliches Ende gefunden, fich nicht mehr fort- und nachleben läfst. Nachdem fchon die Eklektiker mit ihren gelehrten akademifchen Principien, die letzten Caracciften und letzten Römer fo ziemlich verthan hatten, kam noch ein in Die Malerei. 73 ftrenger häuslicher Kunftzucht und im feften Glauben an die hohen italienifchen Vorbilder aufgewachſener Deutfcher Raphael Mengs, nach Italien, um die allerletzte Nachlefe des Eklekticismus zu halten, die letzten noch übrigen Halme vom Rande des Feldes abzulefen und als Fremder jene Kunftzeit, die fchon den Einheimifchen fremd zu werden begann, hiftorifch abzufchliefsen. Es täufcht und beirrt zwar bei einem noch lebenden und thätig wirkenden Volke, das fogar nach anderer Seite einen neuen vielverfprechenden Auffchwung nimmt, von einer grofsen Kunft aus noch ziemlich naher Vergangenheit reden zu hören, die ganz hiftorifch fertig fein foll, ohne mit dem Volke, das fie erzeugt hat, gleichmäfsig wieder fort- und aufzuleben. Und doch ift es nicht anders. Die Malerei der italienifchen Renaiffance ift ebenso eine gefchichtlich abgefchloffene Kunftwelt, wo nichts mehr hinzu noch hinweg zu thun ift, wie es in ähnlicher Weife die in der Zeit uns fo fernftehende claffifche Sculptur des Alterthums ift. Mit folchen ganz fertigen grofsen Epochen gibt es keinen anderen Zufammenhang, als jenen, den man felbft auffucht, den der Studien. Diefe find rein eine Angelegenheit des perfönlichen Bildungsganges; der allgemeine Kunftzuftand im Grofsen und Ganzen kann nicht lediglich das Gepräge folcher Studien tragen. Was der kunftbegabte Nachbar im Augenblicke malt und wie er es malt, wirkt da ganz ungleich entfcheidender, als was der grofse Vorfahr, fogar bei einem Volke vom älteften Kunftadel gefchaffen haben mag. Denn noch einmal: die Gefammtproduction kann nur von unmittelbaren, lebendigen Anregungen leben; fie mufs directe Einflüffe und Impulfe ererfahren, fo fehr es dem Einzelnen für feine Kunftbildung auch frommen mag, auf eine gewiffe Strecke weit den hiftorifchen Weg einzufchlagen und in die Schule der älteren Vorbilder zu gehen. Diefs Alles nun vorausgefetzt, wie fteht es da um die moderne italienifche Malerei? Was ift ihr bezeichnender Charakter, wenn fie nicht an die eigene Renaiffance anknüpft und doch dabei echt italienifch, wirklich national fein foll? Es ift eben eine ganz junge, aus den Bedingungen der Gegenwart neu herausgewachfene Kunft, nur bedingt originell, und diefs mehr in der Auffaffungsweife gewiffer nationaler Stoffe und in dem allenthalben durchbrechenden italienifchen Naturell, als in der künftlerifchen Behandlungsweile felbft, worin viel des Angelernten, ja felbft des flüchtig Abgeguckten unterlaufen mag; eine Kunft voll unruhigen juvenilen Drangs fo zwar, dafs diefe Gährung kaum anders verlaufen könnte, wenn man dort in neuerer Zeit ganz von vorne angefangen und nicht large glorreiche Jahrhunderte voll der höchften Thaten des künftlerifchen Schaffens hinter fich hätte. Wo hätte fich auch da zunächft anknüpfen laffen? Jene clafficiftifche Richtung, dem Bonaparteftil Jacques L.David's verwandt, welche in Mailand bei Andrea Appiani, in Florenz bei P. Benvenuti, in Rom bei Vincenzo Camuccini ihre vornehm kühle, malerifche Phrafeologie ausbildete, die fo bis in die dreifsiger Jahre nachhielt: fie war durch die rafcheren Pulfe unferer Zeit überholt, die abfolut keinen Formalismus, kein akademifches Wefen mehr verträgt. Frifche Anregungen gingen in neuerer Zeit von Oberitalien aus; wieder war es das farbenfreudige Venedig, dann Mailand ein wichtiger Vorort neuitalieniſcher Kunft, wo von Franco Hayez, von feinen Schülern Domenico und Gugl. Induno für den Sieg des Realismus und der wärmeren coloriftifchen Behandlung tapfer gewirkt wurde. Nun malte man fich in die kleineren, dem Leben näher ftehenden Gattungen ein: man ftudirte die Strafse und ihre Gruppen, man bildete fich ein da kam dem Italiener über Nacht das Zeitereignifs und die politifche Wendung feiner nationalen Zustände ins Haus und die Morgenfonne der neuen Epoche fchien auch den Malern in ihre Ateliers, direct auf ihre Leinwanden, die nun mit einem Male in gröfserem Format befchafft werden mussten. diefs kaum zur Abklärung der italienifchen Kunftzuftände bei, ja es ftörte geradezu ihre normale Entwicklung. Genrefach aus Es trug - Der moderne Italiener hält fich nun auch mit dem Pinfel in der Hand feinem politifch- nationalen Pathos verpflichtet und macht fich demgemäss an Stoffe, die 190 74 Dr. Jofef Bayer. da mehr gut italienifch, als gut gemalt ausfallen. Wenn die Gedankenmalerei die Kunft abftract und unlebendig macht, wie wir es in Deutſchland vielfach erfahren haben, fo geräth fie durch die Tendenzmalerei in der Regel in leichtfertige und forglofe Behandlung. Das einige Italien ſpiegelt fich eben nicht vortheilhaft in der Malerei ab, und namentlich, wo fie dem Re galantuomo eine perfönliche patriotifche Huldigung bringt, fei es bei feinem Einzuge in Rom( Sagliano in Neapel), oder in dem Thronfaale mit Garibaldi( Bufi aus Bologna) oder bei der Inauguration der herculanifchen Ausgrabungen( Eugen Tano aus Florenz), kommen wir über blofse Cavalcaden oder Ceremonienfcenen nicht hinaus. Es fcheint diefem Patriotismus der Palette einfach zu genügen, den populären König und die modernen Helden der Nation nur recht häufig dem Volke zu zeigen, nicht aber fie in wirklich bezeichnender und bedeutfamer Action vorzuführen. Vielleicht ift es erft fo beffer, denn fonft käme gewifs ein Zug theatralifcher Aufregung hinzu. Die Erfüllung der politifchen Wünfche der Nation ift noch von zu jungem Datum, als dafs die Kunft fie fchon mit ruhiger Hand, aber grofsem Sinne erfaffen und darftellen könnte. In Allem, was zur malerifchen Technik gehört, erfcheint das moderne Italien faft wie eine Kunftfiliale von Frankreich; nur find die technifchen Mittel häufig mehr nach der allgemeinen Wirkung abgefchaut, als mit gründlicherem Verſtändniffe und ernfterer Behandlung benützt. Das Raffinement der neufranzöfifchen Malerei wirkt deutlich herüber, weniger die zugrundeliegenden gröfseren Kunftbeftrebungen. Zunächst zeigt fich diefs bei den auch in Italien beliebten Nuditäten. Es wäre ganz verkehrt, gegen das Nackte in der Kunft zu polemifiren. Die Auflehnung gegen dasfelbe möge für alle Zeiten den Päpften der Gegenreformation, die über das viele nackte Fleifch des Cinquecento plötzlich erfchraken, fowie dem ehemaligen preufsifchen Cultusminifter Mühler neidlos überlaffen fein. Aber der ehrliche künftlerifche Cultus des Nackten ift doch wefentlich verfchieden von jener pikanten Schauftellung desfelben, die ausdrücklich auf den lüfternen Effect losarbeitet. Die nackte Phryne, die, wie von dem eigenen wollüftigen Blute gejuckt, in coquet herausfordernder Stellung mit jenem unfagbaren metiermässigen Lächeln dafteht, diefe frivole marmorne Verfuchung befand fich bekannt. lich in erfter Reihe unter den italienifchen Sculpturen, und auch Clefinger hat unter den Franzofen diefelbe Dame ebenfo ſplitternackt, aber dabei im reichften Gemmen- und Goldfchmucke vorgeführt, der wieder eine kleine Specialausftellung für fich bildete. Bezeichnend ift es, dafs die moderne Kunft der romanifchen Völker mit Vorliebe zu diefer Geftalt zurückkehrt; auch die nackten Fräulein, die als„ Bachantinen", als„ Nymphen nach dem Bade" oder auch ohne jeden mythologifchen Vorwand in allen Sälen der Kunsthalle, mit Ausnahme der deutfchen, im Waldesgrün des Ueberfalles gewärtig, herumlagen, gehören zu demfelben Gefchlechte. So auch das nach dem Bade im Walde eingefchlafene Mädchen von Cattaneo in Rom, das allerdings feine unläugbaren malerifchen Verdienfte hat. Eine„ Idylle aus Theben" von Viotti in Turin gibt uns wieder eine Nudität unter archäologifchem Vorwande. Weil in egyptifchen Wandgemälden aus der Zeit der Rhamfefiden die hockenden, harfenfpielenden Sclavinen bei den Hoffeften völlig nackt erfcheinen, fo glaubte der Künſtler in feinem, in affectirtem Archaismus mit einem Hieroglyphenrahmen verfehenen Bilde hievon die paffende malerische Nutzanwendung machen zu können. Uebrigens ift fein Bild wirkfam beleuchtet und die Geftalt der jungen Sclavin im fonnigen Lichte, ganz in der Weife franzöfifcher Technik trefflich modellirt. Meiftens merkt man es diefen Damen geradezu an, dafs fie fich ad hoc, nämlich, um fo gemalt zu werden, ab fichtlich erft ausgezogen haben. Buchftäblich ift diefs bei der Brautfchau von Rob. Fontana in Mailand der Fall. Ich weifs nicht, wo in Rufsland ein folcher Gebrauch exiftiren foll, nach welchem fich die Bräute vor ihrer Vermählung unbekleidet den prüfenden Blicken ihrer Cameradinen zeigen. Abgefehen davon Die Malerei. 75 war diefes Bild eines der beftgemalten, coloriftifch glänzendften der italienifchen Ausstellung. Der leuchtende Körper in dem gar trefflich gehaltenen helldunklen Intérieur, die neugierig guckenden, glücklich charakterifirten Mädchen und dazu der Blick durchs Fenfter auf die fchneebedeckten Dächer, das Alles gab ein fehr gut geftimmtes Enfemble. Ein franzöfifcher Zug geht auch durch ein anderes Bild desfelben Künftlers hindurch, welches eine Illuftration des Nonnenballets aus„ Robert der Teufel" verfucht. Wie dort mit der Sonne, operirte er hier mit dem Monde; nur ift man nicht ganz im Klaren darüber, ob man es mit dem wirklichen oder dem Theatermonde zu thun hat. Es liegt immer etwas Bedenkliches darin, Decorationseffecte der grofsen Oper wieder in das Staffeleibild zurückzuübertragen, namentlich wie hier, bei einem phantaftifchen Stoffe. Unwillkürlich beeinflusst die Scenerie und künftliche Beleuchtung der Bühne den Blick des Künftlers; er reproducirt eine Opernreminifcenz, ftatt uns ein freiconcipirtes malerifches Märchen zu geben Bei alledem hat das Bild die volle Pikanterie des theatralifch Gefpenftigen und Abenteuerlichen. Auch in der Neigung zu malerifchen Orientreifen glaube ich eine franzöfifche Einwirkung wahrzunehmen. Wenn nichts Weiteres dabei erzielt wird, fo ift doch das Eine erreicht: die Schwelgerei im fonnigen Licht und in refolut hingefetzten Localfarben. In diefem Sinne geht nach dem Orient auch die Mekkafahrt der Coloriften. Profeffor Stefan Uffi aus Florenz macht uns nun geradezu zu Zeugen des Aufbruches einer grofsen Pilgercarawane nach dem heiligen Mekka. Es war das farbenberedtefte Bild der italienifchen Kunftfäle, voll Sonnenglanzes, heifsen Staubes und bunten Menfchengewimmels. Das Ganze kann als eine brillante ethnographifche Studie gelten, beiläufig fo, wie der Pyramidenbau von dem Berliner Guftav Richter; entfcheidend ift dabei der orientalifche Charakter, die gut getroffenen Typen und nicht das hiftorifche Zeitalter. Ueberhaupt exiftirt der ganze Orient für unfere Malerei blos ethnographifch, nicht gefchichtlich. St. Uffi gibt in feinem grofsen Gemälde in der That eine reiche und lebensvolle Zufammenftellung typifcher Geftalten, zu einer Monftreproceffion mit allem dazu gehö rigen Spectakel vereinigt; Derwifche und Fromme, Gaukler und Schlangenbefchwörer, das treibt fich bunt und toll durcheinander, und doch behält dabei das Ganze eine harmonifche Haltung im Colorit und ift auch in jenem Sinne componirt, wie ihn ein fo weit gehender Realismus eben verträgt. Ganz in dasfelbe Orientgenre, trotz des Hinweifes auf eine gefchichtliche Thatfache, gehört des Mailänders Tullus Maffarani anfpruchsvolles Bild, das uns die Verbrennung der Alexandrinifchen Bibliothek verfinnlichen foll. Ich mufs fagen, dafs es mir in der ausfchweifenden Willkür feiner Zufammenftellung, in feiner malerifchen wie hiftorifchen Buntfcheckigkeit, die das Fremdartigfte durcheinanderwirft, geradezu unbegreiflich war. Das ift ja ein Rendezvous von Masken aus ganz verfchiedenen Zeitaltern, und fonft auch nichts Anderes! Da fehen wir im Vordergrunde die Saraftro- artige Geftalt wohl des letzten Alexandrinifchen Bibliothekars, ganz Opernfigur; daneben einen halbnackten Kerl mit dem altegyptifchen Schurz und dem Kopffchmuck der Uräusfchlange, aus einem alten Wandbild von Theben herabgeftiegen; in nächfter Nachbarfchaft ein paar gebräunte kriegerische Geftalten mit tartarifchen Phyfiognomien und ähnlicher Ausrüftung und Bewaffnung. Die Schätze der Alexandrinifchen Bibliothek, mit denen die Bäder Omar's geheizt werden follen, find mittelalterliche Codices, in Schweinsleder gebunden, ftatt antiker Schriftrollen. Ohne allen denkbaren Grund wird im Hintergrunde eine nackte, nur mäfsig verfchleierte Dame auf einer Tragbahre von einigen robuften Kerlen hereingetragen, der mehrere Frauen in jenem Theatercoftüme folgen, das wir bei dem Wartburger Sängerfeft in Wagners„ Tannhäufer" zu fehen gewohnt find. Dazu lehnt fich rechts über eine Ambonenbrüftung mit Moſaikmuftern im altchriftlichen Bafilikenftil irgend ein Jude oder Araber, indefs weiter vorn eine völlig unbefchäftigte Odaliske auf einen Teppich fich hinftreckt, in deren Nähe der Maler, um die tolle Buntheit voll zu machen, noch ein epifodifches Frucht3333323 76 Dr. Jofef Bayer. ftück abgelagert hat. Damit in dem Bilde ja die letzte Spur der Confequenz getilgt fei, ift auch fchon der maurifche Stil in der Architektur anticipirt, fo dafs man annehmen mufs, die Alexandrinifche Bibliothek fei bereits eine arabifche Stiftung. Wenn fich das Bild für ein hiftorifch angeregtes Traumgeficht ausgibt, fo mag es als ein folches gelten; in einem anderen Sinne wiffen wir anderen nüchternen Leute trotz des effectvollen Arrangements, das für den erften Blick imponiren mag, kaum eine rationelle Deutung des feltfamen Werkes zu finden. Eine Anknüpfung an die guten Vorbilder der grofsen einheimifchen Kunftzeiten tritt uns, wie fchon eingangs bemerkt wurde, nur hie und da als Ergebnifs individueller Studien entgegen. Dafs die vereinzelten modernen Künftler Italiens, die wir auf diefem Wege antreffen, nicht, wie fo manche fromme deutſche Maler fich in die Prä- Rafaeliten verfchauen und mit affectirter Kindlichkeit archaifiren, damit hätte man wohl keinen Grund, unzufrieden zu fein. Amos Caffioli gemahnt uns zwar in feinem vortrefflichen Bilde Salvani fammelt Almofen, um feinen Freund aus dem Gefängniffe loszukaufen", an die Weife gewiffer Quatro. centiften, wenn diefe, wie Filippino Lippi, Carpaccio und Andere die legendarifchen Vorgänge und Wundergefchichten in die Canäle und Strafsen oder auf den Marktplatz ihrer Heimatftädte verfetzen und die zahlreich herbeiftrömenden Bürger zu unmittelbaren Zeugen derfelben machen. Die Freude am Charakteriſti fchen, das durchbrechende Intereffe am gegenwärtigen realen Leben, das damals plötzlich fich regte, gab fich bekanntlich mit einem frifchen und fröhlichen Uebermafse kund, das uns ganz eigen anmuthet: ftatt einiger bezeichnenden Typen geben jene Maler deren gleich ein ganzes Gedränge und bringen fo die ftädtifche Landsmannfchaft nach allen Gilden und Zünften zu Ehren. Ein altitalienifches Strafsenbild diefer Art von feinempfundenem, ganz wenig alter thümelndem Realismus gibt uns nun Caffioli in feinem verdienftvollen Bilde. In bezeichnenden, genreartigen Details, in der Ausführung des Epifodifchen nach der älteren Manier durchaus nicht fparfam, zeigt diefes Bild in den Gruppen, wie in den einzelnen Figuren ganz die liebevoll detaillirende Charakteriſtik, die der Meifter jenen Quatrocentiften nicht fowohl abgefchaut, als nachempfunden zu haben fcheint. Jofef Bertini aus Mailand gibt uns in feinem Gemälde, Leonardo da Vinci und Beatrice d'Efte" die Darftellung einer Atelierfitzung; ein bekanntes, nicht fehr zu empfehlendes Thema, das Gefchäft des Malens wieder zu malen. In der Behandlung der Contour und der verfchmolzenen, etwas lackartig wirkenden Farbe fucht fich der Maler einigermassen der alten lombardifchen Schule zu nähern; er fcheint aber diefes nur dem Gegenftande zu Gefallen, aus dem Refpect vor dem Atelier Leonardos gethan zu haben. Seine vorherrschende Malweife ift diefs nicht, wie feine anderen, durchaus modern colorirten Bilder ,, Franz I. und Marfchall Trivulcio" und das fein und elegant gemalte Porträt der Princeffin Margharita, fowie ein zweites meifterhaftes, all' amico Tinzi" bezeichnet ausreichend bewiefen. Anton Ciferi's„ Niedermetzelung der Makkabäer" zeigt ein Compofitionsgefühl im gröfseren Sinne, eine ernfte gediegene Auffaffung und jenen bedeutenden Zug, wie er der richtig verftandenen Aufgabe des Hiftorienbildes gemäfs ift. Ciferi ift ein Florentiner. Man darf wohl annehmen, dafs das Studium der Meifter der fpätflorentinifchen Schule aus der zweiten Hälfte des XVI. und dem Anfange des XVII. Jahrhundertes fowohl in der Farbe, wie in der Compofi tion nicht ohne Einfluss auf ihn geblieben ift. Man glaubt fich da nicht allzuweit von Aleffandro Alori und Cigoli zu befinden, ohne dafs dabei die Selbſtſtändig keit des modernen Meifters Abbruch leidet. Die Neigung zur Allegorie, die gelegentlich hervortritt, wäre wohl gleichfalls fo ein Stück Gedankenerbfchaft aus der Renaiffance. Ich hätte gegen diefe Kunftgattung nicht fo viel einzuwenden, als vom Standpunkte gewiffer äfthetiſcher Theorien dagegen geltend gemacht wurde. Wenn die Kunft einmal durch den Rationalismus und eine nüchterne Lebensauffaffung entgöttert ift, wenn Die Malerei. 77 die religiöfen Ideale künftlerifch abfterben oder nur fchattenhaft reproducirt werden, dann bietet die Allegorie ein gewiffes Erfatzmittel für die höhere Idealwelt dar, welche die Kunft doch fchwer zu miffen vermag. Die Renaiffance hat neben die Geftalten der kirchlichen Legende und die wiederzurückgeführten Götter des heidnifchen Olymps eine reiche Fülle allegorifcher Erfindungen hingeftellt, denen fie beinahe den Hauch individuellen Lebens zu geben wufste. Raphael, der unvergleichlichfte Meifter der legendarifchen und hiftorifchen Kunft, war auch zugleich der genialfte Allegoriker unter den Cinquecentiften; doch gehört eben die volle Reinheit des Umriffes, eine gewiffe gedankenhafte Hoheit des Stiles und Klarheit der auszudrückenden Beziehungen nothwendig dazu, um diefe Art künftlerifcher Ausdrucksweife zu rechtfertigen und die äfthetifchen Bedenken gegen diefelbe zu widerlegen. Die klügelnde und überladene, bald nüchterne und bald wieder fchwülftige Allegorik der Spätrenaiffance und des Zopfes ift aller dings wieder ganz angethan, der Ablehnung der Theorie Recht zu geben. Eugen Agneni, ein Hauptvertreter der neuallegorifchen Richtung, behandelt nun diefe Art von Gedankenmalerei wieder in fehlerhaft modernem Sinne mit dem ausgefprochenen Streben, in den Contraften fchlagend, in den auszudrückenden Gedanken fcharf pointirt zu wirken. Sein Hauptthema ift der Kampf der Naturmächte mit der Eifenbahn- und Induftrialcultur der Gegenwart oder vielmehr das tragifche Erliegen der erfteren unter der fiegreich vordringenden Gewalt der kühnften menfchlichen Unternehmungen. Der Durchftich der Landenge von Suez, die Bohrung des Tunnels im Mont Cenis, der Maffenmord der Dryaden beim Aushauen der Forfte werden in diefer Weife finnbildlich gefafst. Es find in Handlung gefetzte Allegorien mit einer gleichfam leidenfchaftlichen Spannung der Gegenfätze. Es war diefs einftmals die königliche Domäne des Rubens, die Allegorie zu dramatifiren und zu einer effectvollen Handlung zu fteigern; er dichtete da völlig als Maler, während der moderne Italiener die gefucht verwegenen Einfälle feines Kopfes nur mit unzureichendem Pinfel zu illuftriren vermag. Das Auszudrückende geht nicht in der malerifchen Ausdrucksweife auf. Wir fehen da lauter Abfichten, aber keine in künftlerifches Gleichgewicht gebrachte Compofitionen vor uns. Er ift weder Colorift noch Stilift, obgleich er von Beiden etwas borgt und ebenso diefe beiden Darftellungsweifen mit einander verwirrt. Die mehr als Tableau aufgeftellte Allegorie, welche die Einheit Italien" verfinnlichen foll, macht die Compofitionsfehler und den Mangel an reinem Liniengefühl um fo bemerkbarer, weil wir uns da auf dem geläufigeren Boden des allegorifchen Schemas befinden und die Ausrede auf das Gewagte und Aufsergewöhnliche des Vorwurfes wegfällt. Einen breiten Raum- fo fcheint es nimmt in der italienifchen Malerei der Cultus der nationalen Gefchichtserinnerungen ein, insbesondere jener der Vorgefchichte der Italia una und jener Opfer und Leiden, die den Prolog zur Begründung der jetzigen politifchen Zuftände der Halbinsel bildeten. Es geht bei folchen Darftellungen nicht ohne einen gewiffen theatralifchen Zug ab; gleichwohl finde ich hier das ftoffliche Intereffe in der Kunft trotz aller gegentheiligen äfthetiſchen Auseinanderfetzungen berechtigt. Es mag immerhin den patriotifch gefinnten Maler reizen, eine künftlerische Satisfaction an den widerftrebenden Gewalten zu nehmen, welche die Wünsche der Nation hintertreiben wollten und die Vorkämpfer derfelben dem Kerkerdunkel oder dem Tode überlieferten. Schlecht kommen dabei insbefondere die Bourbonen weg; fo zeigt uns der Neapolitaner Nicolo Parifi das Schickfal des Patrioten Carlo Poerio, der auf Befehl der Bourbonen mit gemeinen Sträflingen zufammengekettet wird, und Raphael Tancredi fucht uns, in eine frühere Zeit zurückgreifend, durch die Scene zu erfchüttern, wie der neapolitanifche Admiral Caracciolo einem niedrigen, perfiden Verrathe zum Opfer fällt. In diefen und ähnlichen Bildern liegt eine gewiffe fenfationelle Schauftellung nationalen Unglücks, aber fie find jedenfalls mit Verve gemalt und echt 333333 I 78 Dr. Jofef Bayer. italieniſch empfunden. An Kriegsbildern aus der Zeit der letzten Kämpfe ift noch weniger ein Mangel. Die gröfste Wirkung unter denfelben machte des Römers Mich. Cammarano„ Erinnerung an den Feldzug von 1870". Es ftellt eine Bajonnette Attaque italienifcher Berfaglieri in vollem Sturmlauf dar und hat durchaus jenen efprit militaire", den die Franzofen feit Horace Vernet vom Kriegsbilde verlangen, fogar mit einem ftarken Anfluge prahlerifcher Bravour. Man fieht nicht ohne Bangen diefer rabiaten Tapferkeit in die wild entflammten Augen, umfomehr, da die ftürmende Colonne, von Sonnengluth ebenso wie von kriegerifcher Leidenfchaft erhitzt, direct auf den Befchauer in feindfeligfter Abficht fich ftürzt. Das Bild ift übrigens von der vortrefflichften coloriftifchen Wirkung und war äufserlich wohl das effectvollfte der italienifchen Ausftellung. Neben den neu- italienifchen Erinnerungen wird auch fleifsig in der älteren italienifchen Gefchichte zurückgeblättert; in der Regel treiben aber da die italienifchen Maler blofse Specialgefchichte, zunächft novelliftifch und romanhaft mit möglichfter Hervorhebung des fpannenden Momentes. Wir befinden uns da irgendwo zwifchen hiftorifchen Roman- und Opernfcenen, aber nirgends auf dem Boden des echten Hiftorienbildes; im beften Falle treffen wir auf noble repräfentative Haltung oder ftarke leidenfchaftliche Aeufserungen des nationalen Naturells, aber felten oder nie auf eine Durchgeiftigung des Stoffes in höherem Sinne. Der Ueberfall, die auf der Lauer ftehende Rache, der zum Stofs bereite Dolch kehren mehrfach wieder, und Gegenftände diefer Art fcheinen in der Wahl der Maler bevorzugt zu fein. So die Epiſode aus der florentinifchen Gefchichte, die Cefar Muffini aus Mailand malte: Der Bruder Imelda's dei Lambertazzi, der ihr und ihrem Geliebten, dem Feinde feines Gefchlechtes, auflauert und das kofende Paar überfällt; dann eine andere Epifode, ebendaher entlehnt, wieder von einem Mailänder El. Pagliano: Die Verfchwörung der Amedei gegen Buondelmonte, der von den Brüdern und Vettern feiner Geliebten an der Schwelle des Haufes ermordet wird. Das letzte Bild namentlich ift prächtig gemalt und gibt die leidenfchaftliche Spannung des Momentes mit grofser Wahrheit wieder: es läfst fich diefem Bilde gegenüber nicht läugnen, das der Italiener fo eine Verfchwörung auch mit malerifchem Kennerblicke zu erfaffen verfteht. Der Venetianer Raphael Giannetti fchildert uns einen chevaleresken Act Giovanni Barbarigo's, der der Königin Maria von Ungarn die Freiheit fchenkt, im grofsen Format, aber mehr in eleganter coloriftifcher Ausführung als mit grofsem hiftorifchen Sinne. Das fehr fleifsig gemalte Bild wirkt zunächft farbig, doch nicht charakteriftifch: die betheiligten Perfonen fehen mit fehr modernen Gefichtern darein und haben ein entfchieden opernhaftes Ausfehen. Sonft hat das Bild allerdings jene malerifchen Vorzüge, welche die bevorzugte Stelle, die ihm in dem internationalen Saale angewiefen war, rechtfertigten. - Das Weib geliebt oder beleidigt, beglückend oder fich rächend, aber immer affectvoll und pathetifch- fchreitet mit Theaterfchritten durch die ganze italienifche Gefchichtsmalerei hindurch. So malt uns auch Lod. Stabile aus Neapel eine nicht Jedem geläufige Scene, wie Camiola Turinga aus Meffina die Hand des Prinzen Orlando von Aragon aus triftigen Gründen, die aber nicht auch mitgemalt werden können, feierlich ausfchlägt. Gegen Vaterlandsverrath, auch in früheren Zeiten verfchuldet, ift der italienifche Pinfel ftets unerbittlich; fo läfst der Neapolitaner Jac. di Chiroco den Vaterlandsverräther Buofo da Duera, an der Thüre eines Klofters hingeftreckt, ohne Weiteres noch einmal Hungers fterben. Von der bewährten Hand des Prof. Francesco Hayez war der letzte Gang des Dogen Marino Falieri ausgeftellt, ein wohl componirtes, würdig gehaltenes Bild, zugleich von fchöner coloriftifcher Wirkung. Wenn wir aus der Hohenftaufenzeit die ,, Mailänder Confuln gegenüber den Gefandten Friedrich's I." von demfelben Meifter, dann die mehr nur in äufserlichem Sinne componirte Schlacht von Bene vento von dem Neapolitaner Andrea Cefali hinzunehmen und zum Schluffe noch dem wirkfam, aber mit einem gewiffen theatralifchen Effect infcenirten Triumph Die Malerei. 79 zuge Mafaniello's von Vincenzio Marinelli folgen wollen, fo wären wir nach diefer Seite hin mit den malerifchen Gefchichtsftudien der Italiener fo ziemlich fertig. An die Seite der eigentlichen Gefchichtsmalerei tritt eine erkleckliche Anzahl von Bildern, die fich damit begnügen, in der Vorführung bedeutfamer Einzelfiguren dem vaterländifchen Heroencult zu huldigen. Oft ftehen oder fitzen diefe Geftalten blos in finnender Haltung da, ohne jede beftimmte Situation; fie werden ganz einfach vor den Pinfel citirt. Es ift diefs, ich möchte fagen, die malerifche Anwendung von der Redefigur der Apoftrophe. Da hätten wir in diefem Sinne einen fehr nachdenklichen Machiavell" von dem Mailänder Pier. Cel. Gilardi; zwei Galilei's" von Ponz. Loverini aus Mailand und von Gius. Boschetto aus Neapel; den ganz unausweichlichen, Dante" wieder zweimal von Aug. Mazzia aus Mailand und Gius. Penfabene aus Palermo; weiter einen Savonarola" von Ign. Affanni und einen„ Torquato Tasso von Fort. Aureggi aus Mailand. Da wäre denn fo ziemlich der Kreis der populärften Geftalten aus der Ruhmeszeit Italiens beifammen; ihnen gefellt fich noch ein„ Alexander Volta" zu, der in dem Bilde des Mailänders Rinaldi neuerdings die Entdeckung der Elektricität machen mufs. 95 Mit Vorliebe verweilen die italienifchen Maler bei der Gefchichte des heimifchen Kunft- und Literaturlebens, um da ihre Stoffe fich zu fuchen. Die literarifche, fowie die Künftleranekdote mufs wiederholt herhalten, um bald nach der pathetiſchen Seite, bald in mehr genreartiger Auffaffung benützt zu werden. Auch da müffen wir uns mit einfacher Nennung begnügen. Hieher gehört z. B. Eug. Agneni's, Domenichino, der vor feinem Nebenbuhler Ribera flieht"; Teob. Patini's geiftreiches und charakteriftifches Bild, das uns das Atelier Salvator Rofa's zeigt;„ Die Tochter Tintoretto's" von dem Mailänder Eleut. Pagliano;„ Michel Angelo bei dem Urbinaten" von dem Florentiner Preti und vielleicht noch einiges Andere diefer Art. Die literarifche Anekdote war in Enr. Gamba's( aus Turin) geiftreich heiterem Bilde aus Goldoni's Leben im beften Sinne einer anziehenden genreartigen Auffaffung vertreten. Der berühmte Luftfpieldichter ergötzt fich, in einer Gondel vorüberfahrend, an einer Zankfcene von Marktweibern und weifs mit Kennerblick das komifche Motiv der Situation zu würdigen. Das Bild ift von fehr bezeichnender Charakteriſtik, dabei fein, elegant colorirt und trefflich in der Haltung. Da in den Malergefchichten im Bilde meift viei Pathos und Sentimentalität verbraucht wird, fo war uns diefs erheitern de Stück Wahrheit und Dichtung" doppelt willkommen. " Das Alterthum, fagenhaft wie gefchichtlich, hellenifch, aber häufiger noch römifch, liegt dem Intereffe der italienifchen Kunft noch immer nahe genug. Es regt fich noch ab und zu im Grunde des claffifchen Bodens und zwifchen den Ruinen fteigen die claffifchen Geftalten deutungsvoll empor. Das Befte im Mytho logifchen fchien mir die„ Sirenenfage" von Ed. Dabono aus Neapel, ein wirklich poetifches Bild. In der Darstellung von Anakreon's Tod von dem Neapolitaner Mich. Tedesco find namentlich die Frauengeftalten weder griechifch noch fchön; ein fahler, leichenhafter Ton fcheint fich von der Hauptgeftalt über das ganze Bild und die plötzlich erftarrende Heiterkeit feiner Gruppen zu verbreiten. Es ift in der Stimmung gut intentionirt, aber nicht maleriſch richtig ausgeführt. Gius. Sciuti aus Mailand brachte aufser einer„ pompejanifchen Scene" einen, Pindar bei den olympifchen Spielen". Das letztere Gemälde gibt in Anordnung und Haltung ein durchaus würdiges Bild einer feftlichen Verfammlung, allerdings nicht mit hinreichender Concentration des Vorganges. Dafs auch Frauen als Feftgenoffinen bei den olympifchen Spielen vorkommen, ift ein archäologiſcher Schnitzer. Lebhafter als in Hellas geht es auf den Bildern in Rom her. Wir erhalten da ein Stück römifcher Gefchichte nach italienifcher Lesart und Interpretation Lod. Muffini aus Siena verfinnlicht uns das Capitel aus Sueton, das 6 80 Dr. Jofef Bayer. uns die letzten Lebensftunden Nero's fchildert, aber mehr mit malerifchem Fleifs der Ausführung in dem Intérieur und Beiwerk, als in der Charakteriſtik des verzweifelnden Tyrannen, der keine fonderliche Energie der Auffaffung zeigt. Gius. Boschetto aus Neapel, von dem wir fchon einen Galilei anführten, fchildert uns die Epiſode einer auf der Flucht ergriffenen Sclavin in Rom mit aller aufregenden Wirkung, die in der Situation liegt. Diefer Maler zunächft ift es, der die ganze Lebhaftigkeit, ja Heftigkeit des italienifchen Naturells in die Auffaffung römifcher Stoffe überträgt. Sein grofses Bild, welches die Ausstellung der Profcriptionstafeln Sulla's und die Wirkung davon auf das mordluftige Gefindel darftellt, halte ich in diefem Sinne für eines der bezeichnendften Werke der neuitalienifchen Kunft und in der Beredfamkeit der verwilderten Affecte, die fich in Stellung, Gefticulationen und Mienen kundgibt, für ganz vortrefflich. Bei den römifchen Stoffen haben wir auch der letzten Veftalin" von Vinc. Hayez in Ehren zu gedenken. Mit frem dländifcher Gefchichte geben fich die Italiener nicht viel zu fchaffen und dann behandeln fie diefelbe entweder novelliftifch oder opernhaft, immer auf den calculirten Einzeleffect des Momentes, mag er nun fpannend, auf eine feine Spitze geftellt fein, oder die Rührung und den Affect im vollen Mafse entfeffeln. Schon die einfache Angabe der Stoffe deutet auch die Richtung und vorherrfchende Auffaffungsweife an. So zum Beiſpiel A. Cattaneo in Rom: Cardinal Ferdinand von Medici bei Franz I., dem der Verdacht auffteigt, er fei eben vergiftet worden"( novelliftifch); Lod. Norfini in Florenz:„ Jacob II., der feinem Neffen, dem Herzog von Monmouth, die Begnadigung verweigert" ( pathetiſch im Sinne der hiftorifchen Oper) und fo weiter. Wir kommen auf die italienifche Genremalerei, eine Gattung, welche fich die Italiener, feitdem jene Repräfentanten der Mailänder Schule, die Genremaler Domenico und Guglielmo Induno, die Fahne des Realismus aufgehifst haben, erft in neuerer Zeit zu eigen machten. Die objective Beobachtung, den liebevoll eindringenden, gefchärften Blick, der diefer unerfchöpflichen Gattung die gröfsten malerifchen Eroberungen in den kleinften Gebieten erringt, befitzen die Italiener noch nicht Sie find für die künftlerifch confequente Durchbildung des Genrefaches bei aller Lebhaftigkeit momentaner Beobachtung zu flüchtig, zu erregt und unruhig. Auch hier gehen fie gern direct auf die spannenden Momente, die Spitze der Situation los; im Gegenfatze zu der deutfchen Gemüthstiefe, die ihren ganzen Segen diefer Kunftgattung zutheil werden läfst, überwiegt im italienifchen Genre der ftachelnde Reiz des Pikanten oder Erregenden, des Sentimentalen oder Leidenfchaftlichen. Auch wo der Stoff heiter erfafst wird, ift er zugefpitzt, auf die momentane Situationswirkung geftellt. Das theatralifche Wefen des Italieners bricht auch hier durch; er kann auch im Genre nicht ruhig beob achtend erzählen, er mufs Alles womöglich mit ftarker gefticulirender Begleitung in Scene fetzen. Das ftimmt wohl nicht zu dem äfthetiſchen Principe diefer Gattung, im einzelnen Fall kann es aber wieder ein Vorzug fein; jedenfalls ift es für das italienifche Kunftnaturell charakteriftifch. Wie ſpannungsvoll ift die Scene aus einem italienifchen Hausdrama, die uns Dom. Induno unter dem Titel:„ Un amore occulto" vorführt! Und in diefer Art geht es fort. Die Empfindung äufsert fich ftark, mit jener eigenthümlichen romantifchen Sentimentalität, die von dem ftilleren deutfchen Empfindungsleben wefentlich verfchieden ift. Da wäre zum Beiſpiel eine im Kirchftuhl betende vornehme Italienerin, die ihren Gatten oder ihren Sohn in Gedanken auf einem Schlachtfelde zu fuchen hat, von M. Bianchi aus Mailand, für diefe Richtung befonders bezeichnend. Das Muttergefühl gibt fich im Genrebild, fei es in Freud oder Leid, auch mit einer gewiffen pathetifchen Lebhaftigkeit kund; fo in den coloriftifch vortrefflichen Bildern von Lod. Bufi in Bologna ,,, Mutterfreude" und" Mutterfchmerz". Der Jammer der Witwen und Waifen tritt ziemlich anfdringlich an unfer Mitleid heran; zum Beiſpiel in den Die Malerei. 81 Bildern von Cecrope Barilli in Rom, von Rubbio in Florenz, von Alex. Zezzos in Venedig. 17 Die heitere Kinderexiftenz, mit der fich die neuitalieniſche Salonfculptur fo viel zu fchaffen gibt, nimmt in der Genremalerei einen befchränkteren Raum ein; Einzelnes diefer Art, wie„ Das Bad" von Caj. Chierici aus Reggio, ift von herzgewinnender, lachender Lebensluft. Das bäuerliche Genre und die Volkstypen finden merkwürdigerweife weniger Pflege, obgleich fie für charakteriftifche Auffaffung, ja felbft für eine rein malerifche Behandlung fo dankbar wären: die Bauernfamilie" von Enr. Bartez ago in Mailand, das„ bäuerliche Nationalfpiel" von Alfr. d'Andrade in Genua, die„ lombardifchen Bäuerinnen" von Raph. Casne di in Mailand und dergleichen find fpärlich vertretene Beiſpiele diefer Art. Die junge römifche Gärtnerin" von Arth. Moradei in Ravenna, welche eben ihre Waare ausfchreit, ein prächtiges Halbfigurenbild, ift ein rechtes Kind aus dem Volke, wie man deren auf der italienifchen Ausftellung gern mehrere gefehen hätte. Dagegen fanden wir gelegentlich den keuchenden Arbeiter dort vor, mit dem echten mürrifch- focialiſtiſchen Zuge. Narc. Malatefta in Modena läfst in feiner Familie des Ueberläufers" die düfteren Schlagfchatten eines aufregenden Ereigniffes in die Bauernftube fallen; die italienifche Malerei liebt ein mal in der Wahl der Sujets diefe ftärkeren Reizmittel. Geronimo Induno, deffen Bauernfamilie fich um den Kram eines Heiligenbilder- Haufirers drängt, zeigt uns in diefem techniſch meiſterhaften Bilde das heimifche Bauernleben in einem andern Sinne, als wir es von unfern deutfchen Genremalern gewohnt find. Der italienifche Pittore verhält fich entfchieden als Städter und beobachtet gelegentlich, aber mehr nur in äufserlicher Weife das Landvolk, ohne fich in feine Exiftenz tiefer einzuleben; die gemalte Dorfgefchichte fteht ihm noch ziemlich fern, die im Augenblicke fogar die bezeichnendfte Specialität unferer deutfchen Kunft bildet. Der deutfch gemüthlichen und innigen Auffaffung im Genre nähert fich am meiften noch Ant. Rotta in Venedig an, aber auch wieder mit einem merklichen Zufatze von Sentimentalität. In der Hauptfache befchäftigt fich das italienifche Genrebild mehr mit der fogenannten guten Gefellſchaft und mit dem malerifch hiftorifchen Coftumbild aus früheren Zeiten, dem namentlich das Venedig des XVI. Jahrhundertes mit feinen Gondelfahrten, feinen Mandolinenftändchen und Carnevalsfcenen eine willkommene Ausbeute bietet. Auch für die malerifche Entfaltung des gegenwärtigen italienifchen Lebens, wie es fich bei öffentlichen Feften, bei Aufzügen und dergleichen kund gibt, haben die Italienier den richtigen allgemeinen Blick, der hier vollkommen genügt, fo fehr ihnen an anderer Stelle der Sinn für das im Einzelnen Bezeichnende ge. brechen mag. Ich hebe ftatt mancher Beifpiele die Kreuzweg- Proceffion im Coloffeum" von Anatol Scifoni in Rom hervor, die Alles, was ein folcher Aufzug an Farbenwerth und malerifch wirkfamer Sonderung der Gruppen darbietet, fehr glücklich benützt. Das Thierftück und die Landfchaft, welche in der nordifchen Malerei eine fo eminente Pflege finden, treten in Italien auffallend zurück. Es gäbe da nur eine mäfsige Anzahl des Guten, noch eine geringere des Bezeichnenden, das befonders hervorzuheben wäre. Carl Pittara aus Rom brachte in dem Gefpann eines" piemontefifchen Pfluges" und des ,, Marchigianer Karrens" ganz treffliches Rind in gut durchempfundener landfchaftlicher Umgebung; von Carl Mancini in Mailand verdienen einige Landfchaften rühmliche Erwähnung, und Achill Vertuni's" Anfichten des Agro Romano" und fein„ Blick von der Höhe der Apenninen" erregten durch ihre energifche Naturauffaffung felbft allgemeinere Aufmerkfamkeit. Zwifchendurch gab es noch manches Tüchtige und Beachtenswerthe, das aber unter dem Andrange der Eindrücke fchwer im Gedächtniffe haften bleibt. Von einer ausgefprochenen landfchaftlichen Kunftrichtung, einer im umfaffenderen Mafse durchgebildeten Naturbeobachtung der fo unerfchöpflichen Motive des herrlichften Landes kann in Italien, fo wie es den Anfchein hat, noch nicht 6* 82 Dr. Joief Bayer. recht gefprochen werden; deutfche und franzöfifche Landfchaftsmaler fetzen noch immer ihre Pilgerfchaft auf diefem, auch für die grofsen plaftifchen Naturformen claffifchen Boden fort, während die einheimifche Production der Landfchaftsmalerei hinter diefem fchwunghaft betriebenen Kunftexport fichtlich zurückbleibt. Seitdem die Politik und das patriotifche Pathos den Italienern auch in der Kunft foviel zu fchaffen gibt, ift die religiöfe Hiftorie fo ziemlich beifeite geftellt. Die italienifchen Säle machten durch den faft gänzlichen Abgang religiöfer Bilder einen ausgefprochenen weltlichen Eindruck und wir haben diefs in Anbetracht der Kunftverhältniffe der Gegenwart nicht fonderlich zu beklagen. Was fich aus den italienifchen Kunftzuftänden herausgähren wird, wie die verfchiedenen, zum Theil einander widerftrebenden Elemente derfelben fich ins Gleichgewicht fetzen werden, ift eine Frage an die Zukunft. Es regt fich gar fehr in der italienifchen Malerei, freilich ohne innere Stetigkeit. Sie ift eben eine fpät verjüngte Kunft mit etwas forcirtem juvenilen Charakter, die von den Eigenfchaften der Jugend das Wagnifs, dem fich zuweilen auch der Leichtfinn an die Ferfe heftet, nicht aber fo ganz die Frifche und den normalen Entwicklungsdrang befitzt. An Talent gebricht es nicht, wohl aber an Ernft und Vertiefung, an der klaren Einficht in die leitenden Kunftaufgaben Der angeborne italienifche Formenfinn wirkt fort, doch ohne die Leuchte des Ideals, die früher die Wege der italienifchen Kunft erhellt hat; der moderne Realismus hat fich, namentlich von dem Norden Italiens, von Mailand und Turin aus Bahn gebrochen, doch ohne fich zu einer charakteriftifchen Energie zu fteigern. die diefer Richtung das Ideal zu erfetzen vermag. So ift es denn jener, elegante Naturalismus", der zwifchen dem Formal- Schönen und Realiftifch- Ausgeprägten auf gewundenen Pfaden mitten hindurch geht, bald nach diefer, bald nach jener Seite fich neigt und für keine fich endgiltig entfcheidet, welcher fich als das nächfte Kennzeichen der italienifchen Kunft auch bei ganz flüchtiger Ueberfchau aufdrängt. Damit kommt man freilich nicht weit, fo rafch man auch das Publicum auf diefem Wege gewinnen mag Die italienifche Kunftbedarf einer ernften Gewiffenserforfchung, wenn es mit ihr trotz aller Beweglichkeit und eines vielfeitig rührigen Strebens wirklich auf wärts gehen foll. Hat fich da einmal die Begabung, die reichlich vorhanden ift, mit einer beftimmten, ausgefprochenen Kunftgefinnung ins Gleichgewicht gefetzt, dann wird es auch an diefer Richtung nach aufwärts nicht weiter fehlen VIII. England. Die englifche Expofition, an Oelgemälden und Aquarellen nicht mehr als 121 Nummern umfaffend aber dabei qualitativ fehr gewählt, war für Jeden, der auf moderne Kunftſtudien in der Weltausftellung ausging, fehr lehrreich. Der Gegenfatz zu Italien fällt zunächft in die Augen. Dort, auf der apenniniſchen Halbinsel ein richtiges Kunftvolk, das aber leichtfertig und flüchtig geworden und mit dem Talente mehr fpielt, als es austieft; hier auf dem britifchen Infellande eine Nation voll grofsartig- praktifcher Thätigkeit, in deren Adern nur wenig Tropfen echten Künftlerblutes rollen, die aber, wenn fie fich einmal mit der Kunft befafst, diefelbe mit dem gleichen gemeffenen Ernft und eben der Gewiffenhaftigkeit betreibt, wie ihre übrigen vielumfaffenden Angelegenheiten. Der gründliche Fleifs, die Accurateffe und fichere Verftändigkeit des englifchen Induftrialgeiftes fcheint fich da auch auf die Kunft übertragen zu haben. Anmuth, Feuer und Kraft findet fich da wenig, aber ein grundfolider Zug geht entfchieden durch. Es ift eine Kunft, wie fie der Gefinnung der„ höhft ehrenwer then" Esquires und Ladies entſpricht, in deren Salons diefe Bilder zu hängen pfle gen, die erft mit dem Enſemble der comfortablen englifchen Hauseinrichtung den richtigen zufammenftimmenden Eindruck machen. Charakter liegt in diefer Malerei vor Allem, und diefs nicht blos im natio nalen, fondern auch im ethifchen Sinn. Freilich hat fie zum Theil etwas von der M Die Malerei. 83 matteren Lebenskraft, der zarten Hinfälligkeit der Treibhauspflanze, auch da, wo fie fich ein kräftig ftrotzendes Ausfehen zu geben fucht. Die Engländer fahen eben ein, dafs zum vollſtändigen geiftigen Haushalte einer Nation auch die Kunft gehöre, und als ihnen diefs klar wurde, forgten fie auch für eine folche. Bezeichnend fcheint mir diefs, dafs fie dort mehr nur Ausdrucksmittel für Stimmungen und Gefinnungen ift, die in einem andern Boden, als in der Welt des Ateliers wurzeln. William Hogarth war zunächft Moralift und fcharfer Beobachter der Menfchen, für deren Thorheiten und Verirrungen er den echt englifchen Scharfblick pfychologifcher Beobachtung befafs, und diefen Tendenzen lieh er feine Radirnadel und feinen Pinfel. Der englifche Familienfinn infpirirt die Malerei für die Kinderbilder und gibt ihnen, wie dem„ Mafter Lambton" von Lawrence etwas fo Liebliches, Zartgepflegtes, beinahe Verwöhntes. Das gefchärfte Intereffe für alles Individuelle und Perfönliche läfst das Porträt in England gedeihen, wohl aber auch als burlesken Begleiter deffelben die Caricatur. Mit der Jagdliebe und dem Sport der Pferderennen hängt all das feit Edwin Landfeer gemalte Wild und die zahllofen Preispferde zufammen, die in folcher Ueberfülle nur den Engländer allein nicht langweilen. Der fcharfe Beobachtungsfinn verweift die englifche Malerei auf die realiftifche Richtung. Wenn ein Engländer ausnahmsweife im Idealismus macht und akademifirt, dann geräth er faft unfehlbar ins Leere und Oede, in eine ſchulgerechte Kälte und Förmlichkeit hinein, von der z. B. Benjamin Weft in feinen Bildern aus der claffifchen Gefchichte und Mythe bedenkliche Beiſpiele lieferte. Aber Realismus ift für die Bezeichnung einer ganzen nationalen Kunſtweife ein zu vages Wort. Ift nicht die belgifche, die holländifche Malerei, die neue Münchner Schule unter Piloty's Einflufs, die düffeldorfifche Pflege des Genrefaches ebenfalls realiftifch? Und welche Verfchiedenheiten treten uns da entgegen, für die nur eine ganz fcharfe Charakteriſtik das zutreffende Wort findet. Der englifche Realismus drückt in der Malerei fowohl als in der Dichtung, namentlich in der Schilderung des Romanes, das echt germanifche Princip des Individualismus in höchfter Potenz aus. Sowohl der Realift wie der Idealift kann uns Typen geben, das heifst, die Erfcheinungen mehr zufammenfaffend und dem allgemeinen Eindruck nach darftellen. Die englifche Kunft gibt uns da, wo fie fich am stärksten zeigt, nur das Eigengeartete, fcharf Significante wieder; fie fafst das Individuum an jener Stelle, wo es am individuellften ift, ohne Sorge dafür, wie es fich dann repräfentiren möge. So find auch die englifchen Maler vor Allem Charakteriſtiker, und felbft wo fich der Humor und die komifche Richtung einftellt, da ftammt fie durchaus aus derfelben Quelle. Ihre Darftellung geht nicht mit directer Tendenz auf das Komifche los, fondern diefes findet fich ungefucht ein, fobald es durch das Charakteriftifche an die Oberfläche herausgetrieben wird. Diefer prononcirte Individualismus geht durch alle Gattungen, durch die Menfchen- fowie die Thierdarftellung. Der englifche Köter im Bilde ift ein höchft perfönlicher Hund; und auch fonft fieht das englifche Auge die Thierwelt pfychologiſch auf das individuel! Unterfcheidende an, während anderswo das gemalte Vieh oft nur ganz generelles Vieh ift. Die Thierbilder des fchon früher erwähnten Landfeer, fein Hund des Lords und des Portiers, feine damenhaft coketten Meerkatzen u. f. w. find bekannt genug; doch um einen näherliegenden Beleg zu nennen, bieten für das eben Bemerkte die beiden prachtvollen Hunde desfelben Malers, die ihm auf feinem Selbftporträt als freundfchaftliche Kritiker in die Mappe gucken, ein ganz eminentes Beiſpiel, das uns von der Weltausstellung her zunächft geläufig ift. Doch das eben Bemerkte bedarf der Einfchränkung, um als richtig zu gelten. Der Tendenz auf das icharf Bezeichnende und Charakteriftifche tritt eine andere Richtung entgegen, welche fie ebenfo häufig kreuzt und hemmt. Sie ftammt aus dem ftark entwickelten Convenienz- und Schicklichkeitsgefühl der englifchen Gefellſchaft, welches auch bedingend auf die Kunft und ihre fpontanen Triebe wirkt. Mehr als anderswo fteht diefelbe in England unter der gefellſchaftlichen 2323 84 Dr. Jofef Bayer." Disciplin und Gefetzgebung. Durch diefe Gegenwirkung ift der charakteriftifche und individualifirende Grundzug nicht zurückgedrängt, wohl aber ins Zahme getrieben und gezügelt. Das Individuelle bleibt, aber es verfteift fich in conventionellem Sinne und wird dann trocken und kalt. Man könnte Beiſpiele hiefür der ganzen englifchen Malerei, insbefondere der Porträtkunft entnehmen, die übrigens auf der Ausftellung aufser den Bildern des berühmten Millais, dann jenen von Sir Boxall nicht fehr bedeutend vertreten war. Der entfchloffenen Aeufserung des Realismus als einer ftarken und vorwärtsdringenden Kunftgefinnung weichen die Engländer auch im Genre und der Hiftorie aus; fie näheren fich bei aller ausgefprochenen Fähigkeit des Individualifirens der vollen künftlerifchen Wahrheit nur auf eine gewiffe höfliche Diſtanz. In der Farbe von einer zahmen und kühlen Delicateffe, in der Zeichnung ohne kühne Beftimmtheit und grofses Liniengefühl, halten fie fich gegenüber den Entfcheidungsfchlachten, die für den Realismus in Frankreich und Belgien auf der Wahlftatt der Kunft gefchlagen werden, in einer neutralen Ferne. Dabei gehen fie ruhig auf ihrem eigenen Wege des Individualifirens fort aber nur im Sinne der feinen und fcharfen Wiedergabe, nicht in jenem der energifchen und bewältigenden Auffaffung. Energie in der Kunft fcheint einmal ein Verftofs gegen die englifchen Gefellſchaftsregeln zu fein. Nebenbei wird auch fleifsig auf der Palette dem Stahlftiche vorgearbeitet, namentlich in der fo ftark betriebenen illuftrirenden Richtung der englifchen Kunft. Wie überhaupt bei den nordifchen Völkern die literarifche Auffaffung häufig den Ausgangspunkt für die artiftifche bildet, fo ganz insbefondere bei den Engländern. Ihre Nationalpoefie in erfter Reihe, aber auch die anderen Literaturen gelten ihnen gleichfam als Aufforderung, fort und fort ein malerifches Bilderbuch daraus zu machen. Schon Fuefsli fprach den freilich ganz unrichtigen Grundfatz aus, dafs die Dichtkunft das reichfte Feld für die Malerei darbiete, und man weifs, mit welchem Eifer er und vor ihm fchon George Romney fich an der Boydell fchen Shakespearegallerie betheiligten. Nun nahm die Illuftrationskunft einen immer breiteren Raum in der englifchen Malerei ein. Bekannt find William Allan's Darstellungen nach Walter Scott; C. R. Leslie hat fich in Shakespeare, Cervan tes und Yorik hineingemalt, William Powell Frith ebenfo aus Shakespeare, Goldfmith und Molière feine Stoffe genommen, Francis Stone Liebesfcenen aus aller lei Romanen nacherzählt. " Manchmal geräth der englifche Realismus durch die Illuftration nach Dichterwerken auf einen melodramatifchen Seitenweg, wie bei Georges Cattermole u. A. Die Weltausftellung zeigte ziemlich viel Bilder diefer Art. Una unter den Waldnymphen" von W. E. Froft, ein fonft fehr refpectables Bild, ift doch zunächst ein malerifch vorgetragenes Modemärchen, deffen Heldin ziemlich ladylik inmitten ihrer phantaftifch wilden Umgebung dareinfieht. Elmore verfinnlicht uns die Strophen der Bürger'fchen Lenore, in denen der Kirchhofsfpuk losgeht, im echten Wolfsfchluchtsftil, aber nicht ohne einen Sinn für die Poefie des Schauerlichen und die malerifche Verdeutlichung desfelben. C. W. Cope läfst Othello dem Brabantio feine Abenteuer erzählen und fchildert uns nach Chaucer die Hochzeit Grifeldens. Mit köftlichem Humor charakterifirt Orchardfon die Scene, wo Falftaff fich fchuldbewufst hinter die Tapete zurückzieht, und John Pettie läfst nicht minder glücklich den Clown aus„ Wie es Euch gefällt“ mit echter Schalks narrengalanterie dem Schäfermädchen den Hof machen. Selbft das Hiftorifche nimmt feinen Umweg durch die Anregung der Dich tung, vornehmlich des Romans. So in dem vorzüglichen Bilde von Marcus Stone:„ Eduard II. und fein Günftling Pierce Gavefton", welches nach Walter Scott ein Stück scharf bezeich netes engliſches Mittelalter uns vorführt. Wo die englifchen Illuftrationsmaler mit dem Realismus in der Poefie zufammentreffen, fehen fie mit dem Dichter Die Malerei. 85 haarfcharf nach derfelben Richtung; fie faffen das, was er gemeint, im Kern und folgen ihm nicht blos, wie es fonft häufig in diefer Gattung der Fall ift, als fchwächlich nachdichtende Copiften. Es ist im Allgemeinen nicht rathfam, dafs die Maler fich ihre Bilder herbeilefen; in diefem Falle, wo die malerifche Anfchauung mit folcher Beftimmtheit hinzutritt, kann man fich jedoch die Illuftrations. kunft fchon gefallen laffen. Doch auch da, wo die Engländer die wirkliche Gefchichte unmittelbar im Bilde darftellen und fie nicht blos dem hiftorifchen Romane nachmalen, verhalten fie fich der Auffaffung nach mehr illuftrirend, als dafs fie fich eine eigentlich hiftorifche Compofitionsaufgabe ftellen würden. Hier auch geht ihre Tendenz auf das Charakteriftifche, nicht auf den idealen Augenblick in der Begebenheit, der künftlerifch fixirt und verewigt werden foll." Des Herzogs von Argyll letzter Schlaf von E. M. Ward, in lebensgrofsen Figuren gemalt, macht hievon wohl eine Ausnahme und geht fchon im Format über die gewöhnlichen Abfichten des hiftorifchen Genrebildes hinaus; auch ift die tiefe und ernfte Haltung der Farbe. fehr abweichend von dem feinen grauen Silberton und der füfsen bunten Färbung benachbarter Bilder, fchon coloriftifch zufammenftimmend mit dem tragifchen Vor wurf des Gemäldes. Unter den Aquarellen hat Gilbert's„ Einzug der Jungfrau Jeanne d'Arc in das befreite Orleans" einen hiftorifch bedeutenden Zug und eine Breite und Kraft des Vortrages, wie man fie kaum bei den Oelgemälden im benachbarten Saale vorfand. Dagegen nimmt Yeames in dem Bilde Königin Elifabeth den franzöfi fchen Gefandten nach der Bartholomäusnacht zur Audienz empfangend" feinen Gegenftand beiläufig fo, als ob er zuerft für eine grofse illuftrirte Zeitung entworfen und dann erft in Farben übertragen wäre. Der Moment ift wohl fehr bezeichnend mit grofser vergegenwärtigender Kraft charakterifirt; aber in diefer Weife ift man gewohnt, einen fenfationellen Staatsact illuftrirt, nicht das hiftorifch Bedeutfame malerifch ausgedrückt zu fehen. In der englifchen Genremalerei begegnen fich zweierlei Züge, von denen man doch glauben follte, dafs fie fehr ferne abftehen: das Phlegma und die Sentimentalität; der Humor geht fo zwifchen durch. Empfindfame Stimmungen drücken fich nicht blos im Genre aus, fie verbreiten auch ihre Reflexe über die regenfeuchten Horizonte der meift elegifch gehaltenen Landfchaften, in denen auch der übliche Regenbogen felten fehlt. Der treffliche Philipp Calderon, der in dem köftlichen Bilde„ Nach der Schlacht" einen fehr gefunden Humor ausfpielt, läfst in einem anderen Gemälde„ die Seele in das Antlitz der Geliebten fich ausfeufzen"; S. L. Fildes( ,, Stille und füfse Ruhe") treibt gefellſchaftliche Contemplation im Bilde und G. F. Watts malt fogar einen Todesengel. In diefe fentimentale Stille fchallt der Lärm ganz aufmunternd herein, den die ſchottischen Schuljungen des verdienftvollen, bereits hingefchiedenen Sir G. Harvey machen. Man fieht daraus, dafs die Freude über die entlaffene Schule" unter der Bubenfchaft in aller Herren Länder gleich grofs ift. Auch Mark's" Zug der Bettler zur Stadt" ift trefflich gemalt und humoriftifch fehr gut charakteri firt. Unter den Volksfiguren, die, wie es fcheint, in der modernen englifchen Malerei nur befchränkteren Zutritt finden, ift manches Vorzügliche. In erfter Stelle der„ Fayencehändler" von Nicol, ein Muſterſtück jener scharf detaillirenden englifchen Charakteriſtik, die den Menfchen fo genau ins Geficht, ja bis in das Gebifs des Mundes hineinfieht. Wir hätten da ein glänzendes Beiſpiel jener Genre kunft, die ganz porträtmässig individualifirt, nicht den Typus oder ein Stück Volksleben, fondern immer nur den einzelnen Mann als folchen fieht.- Dafs in der englifchen Malerei neben den verfchiedenen, wohl aufgetakelten Fahrzeugen und Marinen auch das Schiffs volk feine Vertretung im Genre finden mufs, verfteht fich von felbft. Von J. C. Hook(„ Des Schiffsjungen Brief",„ Aufhiffen der Segel") gab es in diefem Fache zwei bezeichnende Bilder. Hie und da klingt auch ins Volksbild ein leifer Ton der Sentimentalität, aber daneben auch eine vollere und 223 33333 86 Dr. Jofef Bayer. ernftere Empfindung hinein. So befonders in den durch Reproductionen lang bekannten Bildern von Faed, deren unmittelbare Bekanntfchaft aus der Weltausftellung fchon defshalb, weil fie einen Höhepunkt der englifchen coloriftifchen. Technik bezeichnen, fehr intereffant fein musste. Die drei Waifen auf dem Friedhofe im Hochland" find wohl die bedeutendften unter den vielen Darftellungen, in denen der mitleidsvolle Cultus des Waifenkindes von Italien bis zum Norden in der Kunsthalle gepflegt wurde; bei dem berühmten Bilde„ Der Letzte feines Stammes" genügt die einfache Erwähnung, um die bedeutende Wirkung deffelben in Erinnerung zu bringen. - Wenn man die wenigen Bilder, welche Figuren aus dem Volke darftellten, durchmuftert, fo hat man den Eindruck, als ob fie alle die Probe des Einlaffes in das Vorzimmer beftehen könnten: fie find fein, anftändig und manierlich, haben ihr fauberes Sonntagskleid an und Exceffe find von ihnen ebenfowenig zu befürchten, als man von ihnen eines freudigen, vollen Ausbruches des Volksnaturells gewärtig fein kann. Auch werden die Leute aus dem Volke nur einzeln in dem faſhionablen Salonbilde vorgelaffen, nicht in gröfserer Menge, wo es doch nicht fo ruhig herginge. Das Intérieur der Bauernstube und der Dorffchenke mit ihrer Gemüthlichkeit und ihrem ftellenweife nicht ganz correcten Behagen diefes Lieblingsthema des deutfchen Genrebildes ift der englifchen Kunft fremd, fowie auch das englifche Volksthum kein rechtes urfprüngliches Bauernleben mehr hat. Dagegen dürfte das vornehmere Gefellfchaftsbild dort eine weit grössere Bedeutung noch haben, als man es aus einigen, wirklich auserlefenen Proben der Ausftellung völlig entnehmen mag. An diefer Stelle ift die nüchterne Eleganz der Farbengebung die ziemlich behutfame Delicateffe des Pinfels faft fymbolifch für die refervirte anftändig kühle und gemeffene Haltung des gefellſchaftlichen Lebens in England. Die kräftige und entfchiedene Färbung der Franzofen, das leichtfertig elegante Modecolorit eines Stevens wäre als malerifches Ausdrucks mittel geradezu ein Attentat gegen die englifchen Geſellſchaftsideen. Jenes fchöne Bild von Fildes, das wir unter feinem fentimentalen Titel fchon früher erwähnten, eine Wafferpartie junger Herren und Ladies mit obligater Mufikbegleitung, ift fo ein Stück gefellfchaftlicher Poefie nach englifchem Gefchmacke. In mehr realiſtiſchem Sinne geleitet uns Frith in die elegante Societät des Seebades von Ramsgate und fordert uns gleichfam auf, feine bezeichnenden und ergötzlichen Gruppen durch die Lorgnette zu betrachten. Er weifs uns dabei auch malerisch für die Luft- und Reflexwirkungen feines feinen und geiftreichen Bildes im höchften Grade zu intereffiren. In gefchloffenem Raume fpielt das Behagen englifcher Häuslichkeit in der milden Beleuchtung des Bildes, auch da, wo es eine Decoration aus früherer Zeit aufftellt, wie bei der trefflichen ,, Schachpartie" von Horsley. Sonft greift das Genre in wenig andere Gebiete hinüber. Das ethnographifche Studienbild( Elmore:„ Auf den Dächern der Häufer", John Lewis: Eine Strafse in Cairo", Hodgfon:„ Der Schlangenbändiger") macht die orientalifche Mode mit und importirt aus dem Often einigen warmen Sonnen fchein und kräftigere Localfarben in die englifche Malerei. Das Genre mit idealem Anfluge gräcifirt ein wenig, wie das trefflich componirte und gezeichnete Bild von Leighton, einem Schüler Steinle's in Frankfurt, das fich Kleobulus und Kleobule nennt; aber der antike Stoff ift mit falonfähigem Clafficismus ganz novelliftifch behandelt. Findet die Mythe manchmal Einlafs, fo bedarf dagegen die englifche Hochkirche keinen legendarifchen Succurs. In der englifchen Salonkunft und eine folche ift ja ausfchliefslich die Malerei des britiſchen Infel landes- wird der Herrgott aus dem Spiele gelaffen. Man hat dort fo viel officiofe Andacht, eine fo ftreng eingehaltene Sonntagsfeier, dafs man darüber die religiöfen Anklänge in der Kunft wohl entbehren kann. Die englifche Landfchaftsmalerei müfste man an Ort und Stelle ein gehend ftudiren, um über fie ein ganz zutreffendes Urtheil abzugeben. Sowie fich überhaupt die landfchaftliche Natur im Bilde nach dem Menfchen richtet, das ift Die Malerei. 87 nach feinem Auge und feiner vorherrfchenden Gemüthsftimmung, fo ganz befonders hier. Die Natur in den englifchen Bildern erfcheint zuweilen mürrifch, in ein gewiffes Phlegma verfunken, zuweilen auch empfindfam angehaucht- nur feltener mächtig und grofsartig oder von reiner idyllifcher Heiterkeit, zu welcher auch fonft mehr Sonne gehörte. Innerhalb diefer Grenzen zeigt fich aber derfelbe individualifirende Naturfinn, wie in der Schilderung des menfchlichen Dafeins. Die gleiche liebevolle Wiedergabe des Wirklichen mit feinen Pinfelftrichen und zarten Abtönungen der Farbe. Turner, der einen Höhepunkt in der ganzen neuen Landfchaftsproduction bezeichnet und von dem Bolckow ein Prachtbild hergeliehen hat, ragt freilich über jede den Durchfchnitt bezeichnende Charakteriſtik weit hinaus. Er fieht mit feinem künftlerifch geklärten Auge das Naturbild reiner und heller, als es die Ungunft des heimifchen Klimas gewährt. Seine grofse Landfchaft, ein Motiv von den Themfe Ufern mit reicher Staffage von Weidevieh, ift in der gehaltenen Ruhe wie in der Behandlung der Atmoſphäre ein voller Nachklang der breit und ferne austönenden landfchaftlichen Stimmungsaccorde bei Claude Laurin. An Turner's Seite tritt Linnel mit feiner, Windmühle", die gleichfalls unter den älteren Schauftücken, deren es auf der Ausftellung mehrere gab, einen Hauptrang einnahm. Im Uebrigen fieht es in den anderen Landfchaftsbildern ziemlich verregnet aus; auch die Hochlandsmotive, die häufig herhalten müffen, präfentiren fich mehr mit grämlichem als mit grofsartigem Ernfte. Faft möchte man glauben, dafs die Natur da felbft am Spleen litte. Wirklich grandios, von einer eigenen elementaren Landfchaftspoefie, die ganz aus dem Feuchten heraus, aus fchäumenden Wildbachwogen, fchweren Wolken und wafferziehenden Lichtftrahlen ihre originellen Wirkungen zaubert, ift Graham's" Flufsanfchwellung in den fchottifchen Hochlanden". Um nur noch das zunächft Beachtenswerthe in der Landfchaft hervorzuheben, nenne ich an diefer Stelle Redgrave's Waldbilder und eine Abenddämmerung von Vicat Cole, ohne damit den Werth fo mancher anderer Landfchaftsbilder, befonders unter den Aquarellen, verkürzen zu wollen. Ueberhaupt gehören die letzteren Leiftungen, auch fo im Figurenfach wie im Thierflück und Architekturbild, zu den bedeutendften künftlerifchen Eindrücken, die wir auf der Weltausftellung erhalten konnten. Es kam uns fo vor, als ob im Aquarell der englische Kunftgeift fowohl in der Erfindung wie in der Farbe aus feiner fonft fo behutfamen und refervirten Stellung heraustreten würde. Im Oelbild hat das englifche Colorit zuweilen etwas Glanz, meift aber eine an die Paftellmanier erinnernde, trockene Gedämpftheit, kaum in einem Falle wirkliche Wärme und Gluth. Woher follte fie auch kommen? Sie ift kein blos technifches Moment -fie fpringt aus dem Blut und Naturell auf die Palette über. Aber im Aquarell, diefem Seitentract der Kunft, wo es weniger officiös hergeht, wagen es felbft die Engländer, einiges Naturell zu haben und ihre Ideen in mehr refoluter, kräftig wirkender Farbe hinzufetzen. Auch in der Behandlung des Stoffes entwickeln fie eine leichte, kecke Eleganz, die fonft der umftändlichen englifchen Kunft ferner liegt, fie werden gelegentlich novelliftifch pikant trotz der Franzofen, bedeutfam charakterifirend in gefchichtlichen Scenen, wie der fchon genannte John Gilbert, voll Verſtändnis für die Farbenpoefie und die feineren malerifchen Wirkungen, wie die meiſten Landfchafter- und Architekturmaler unter den Aquarelliften. Man geräth in Verlegenheit, einzelne Namen, wie des bereits hingefchiedenen W. Deane, dann E. Duncan, C. Haag, D. Roberts, F. Tayler, F. Walker, Cooper und andere zu nennen, wo man einer ganzen impofant entwickelten, mit vollfter technischer Sicherheit entwickelten Kunftrichtung gegenübersteht. 88 Dr. Jofef Bayer. Die übrigen Kunftländer. Holland, die Schweiz, Rufsland, die fkandinavifchen Länder, Spanien, Nordamerika. Nachdem ich fo ziemlich die Hauptländer der gegenwärtig blühenden Kunftthätigkeit eingehender befprochen, mufs ich mich darauf beschränken, den Reft der Aufgabe nur in der allgemeinften Faffung zu erledigen. Da ich erft ziemlich lang nach Schlufs der Ausftellung an die Abfaffung diefes Berichtes ging, fo wurde mir die Arbeit bei dem nicht mehr gegenwärtigen Stoffe fo mannigfacher Anfchauungen, die mühfam und ftückweife aus der Erinnerung neu zu beleben waren, immer fchwieriger und ermüdender. Der ftets fich erneuernde Verfuch, aus dem Notizenmateriale fich den Eindruck halbwegs herzuftellen, diefes innere Schauen mit dem Gehirn ftatt mit dem Auge ift für die Dauer hinaus kein normales geiftiges Gefchäft. Man fieht fich zuletzt einfach genöthigt, ein Ende zu machen. - Unter den Haupt- Kunftländern hätte allerdings noch Holland eine eingehendere Befprechung finden follen. Der eine Saal, in dem die Niederländer ausftellten, machte mit feiner immerhin ftattlichen Zahl von 167 Bildern einen fehr abgefchloffenen, beinahe gallerieartigen Eindruck. Der nationale Kunftcharakter spricht fich in der holländifchen Malerei denn nur von diefer Kunft kann da allein die Rede fein- geiftig wie techniſch auf das Nachdrücklichfte aus. Ueber alle Gattungen, wie fie dort eben gepflegt werden, ob Genrebild, Landfchaft oder Thierftück, breitet fich die gleiche folide Ruhe, dasfelbe behäbige Phlegma, an der Natur wie Menfch theilzuhaben fcheinen; die Auffaffung durchaus urrealiftifch, aber nicht aus beſtimmter Kunfttendenz, fondern weil es fich da von felbft verfteht und das nationale Kunftwefen fich von altersher nicht anders äufsert und ausfpricht; die Technik gewiffenhaft und reinlich, forgfam beendigend, in der harmoniſch zufammenftimmenden Haltung, die fich bei der rafchen Ueber fchau ganzer Bilderreihen zeigt, auf eine gewiffe Gleichartigkeit des künftlerifchen Sehens, fowie auf fehr beftimmt fortwirkende locale Schultraditionen hindeutend. So ungemein ftattlich der Haupteindruck der holländifchen Malerei fich erwies. fo wenig trat da verhältnifsmäfsig die einzelne Künftlerperfönlichkeit in ihrer Eigenart und in hervorragender individueller Bedeutung heraus. Der Genremaler Ifraels, der über das alte Rembrandt'fche Kunfterbe des Helldunkels mehr mit voller techniſcher Meifterfchaft, als mit einer den Stoff befeelenden Genialität verfügt, dominirte mit feinen Bildern die holländifche Ausftellung. Sein Begräbnifs der Katalog verzeichnet das Bild mit der Auffchrift:„ Durch Finfternifs zum Licht" war wohl darunter das Bedeutendfte. Wir befinden uns in einem fehr ärmlichen Hauswefen, aus dem eben der Sarg mit der Leiche des Vaters hinaus. getragen wird, während die Mutter mit zwei Kleinen trauervoll in der Stube zurückbleibt. Der Titel bezeichnet zunächst den Helldunkel- Effect des Bildes, den man wohl nach Belieben auch finnbildlich nehmen könnte: aus dem dämmeri. gen Dunkel der Stube tragen factifch die Träger den Sarg hinaus an das Licht, das hell durch die offene Thüre von draufsen hereinfällt. Die Wirkung iſt immerhin eine treffliche und ftimmungsvolle, und wir verlangen und erwarten es auch nicht von dem holländifchen Meifter, dafs er über das rein Malerifche der Auffaffung hinausgehe, und nach deutfcher Art, wie es eben Knaus und Vautier in fo ergreifender Weife gethan, die Darftellung ins pfychologifch Charakterifirende hinüberführe. Van Trigt ift unter den Holländern der Einzige, der mit feinem " Melanchton" und der„ Predigt des Juftus Jonas vor Johann Friedrich von Sachfen" den hiftorifchen Boden betritt und nach gehaltvolleren Stoffen greift; er thut es aber auch mit ftarker Betonung der technifchen Wirkung, wie denn namentlich fein in einem halb dunklen Hörfaale lehrender Melanchton mit den zum Theil nur - ex 333333 Die Malerei. 89 von Reflexlichtern erhellten, charaktervollen Köpfen der Zuhörer wieder ein reizvoll gehaltenes Helldunkelbild ift. Das Genre bild fchildert die behäbige holländifche Familienexiftenz, gelegentlich auch Wirthshausfcenen und etwas Bauernleben. C. Bisfchop, Bles, Herm. ten Kate haben fich da mit Bildern von erprobtem Werthe eingefunden. Etwas von der alten holländifchen Kunftzeit fteckt der modernen Malerei der Niederländer noch im Geblüt: fo mahnt die , Werkstatt eines Waffenfchmiedes" von Liegeman gar fehr an die Intérieurs von Oftade. Das Fifcherleben, beiher auch die Häringsräucherei ftellt B. J. Blommers als echt holländifchen Localftoff dar; Lootfen und Matrofen, fo recht gebeizt von der fcharfen Seeluft, malt mit geiftreich charakterifirendem Pinfel Elchanon Verveer, fo in dem vorzüglichen Bild„ Die See- Invaliden" aus dem Muſeum im Haag. Die Landfchaft ift auf Haide, Wiefe und etwas Wald, auf Baumgruppen, Bach und Mühle befchränkt und häufig mit Weidevieh ftaffirt; gelegentlich kommt auch die Canal- Landfchaft hinzu. Alles von fehr tüchtiger und ficherer Technik, aber nicht von fonderlich individueller Naturauffaffung. Befonders trat da William Roelofs, der bekannte Schüler Hendrik Backhuijfen's, mit feinen meifterlichen Landfchaftsbildern hervor; dann J. G. Vogel, A. Mauve, Bilders, van Borfelen, Maaten, Destrée, van Everdingen und J.B. Tom, der Letztere ſpeciell mit Viehftaffagen und Thierftücken. Holländifche Stadtanfichten von eminentem Werthe( Zütphen, Noordwyk, Scheveningen) ftellte S.L. Verveeraus, ebenfo Bosboom und Spring er vorzügliche Architekturen; van Heemskerek beherrscht mit Meifterfchaft die Gattung der Marine. blirt - Die Schweiz hat fich auf der Ausftellung in einem eigenen Saale etanicht fo ganz mit Recht, da ja die Kunft zu Lande felbft nicht im eigenen Haufe wohnt. Es gibt eine Anzahl namhafter, ja bedeutender Schweizer Künftler, kaum aber eine eidgenöffifche fchweizerifche Kunft, die fich gleich der franzöfifchen und belgifchen aus dem Landesbegriffe heraus ableiten liefse. Da fertigt doch die Schule den allein giltigen Heimathsfchein aus, und jener der Schweizer Maler lautet meiftens auf Düffeldorf, München, wohl auch auf Paris, fowie wieder die Teffiner Sculptur künftlerifch nach Mailand zuftändig ift. Wie das dreifprachige Land, redet auch dort die Kunft in ebensoviel Zungen und Schulrichtungen. Bei all diefer Verfchiedenheit gibt es aber doch etwas Hindurchwirkendes in ihr, einen gewiffen Schweizer Grundcharakter, mit dem aber die Kunft mehr unbewufst ringt, als dafs fie ihn zum Ausdrucke brächte; es ift der trockene und derbe Pofitivismus der fchweizerifchen Sinnesart, der als ein eigentlich kunftwidriger Zug fogar den Künftlern felbft im Nacken fitzt und auch den höheren Intentionen ernüchternd fich beimifcht. Die Holländer find doch auch Realiften und diefs trotz den Schweizern; aber der grofse Unterfchied in der holländifchen Kunft ift der, dafs fie feit jeher nichts Anderes ausdrücken will, als diefe Anschauung und Gefinnung, und der volksthümliche Realismus bei ihr ganz und gar in den künftlerifchen Ausdruck übergegangen ift. Die Schweizer nehmen in der artiftifchen Production eine unbeftimmte Stellung ein zwifchen dem Induftrialfinn ihrer Lebenspraxis und dem Bischen aus Deutfchland herftammen den Idealismus, von dem man immerhin etwas für die Kunft auffparen zu müffen glaubt. Es ift fo ein Parnafs zwifchen Fabriksfchloten. Der Widerfpruch, der in die Darſtellung nicht rein aufgehende Lebensinhalt bringt da gelegentlich das Langweilige und Trockene herein. Die äufseren Kunftverhältniffe, ihre Exiftenzbedingungen zunächft, ftellen fich in der Schweiz durchaus nicht günftig. Dr. Rob. Rüdy, der fie wohl kennt, fprach fich in einem trefflichen Feuilleton der„ Preffe"( vom 29. Juli 1873)„ Die Schweiz in der Kunfthalle" folgendermassen darüber aus:„ Was die fchweizerifche Eigenart und ihre Gefinnung in Kunstfachen betrifft,... fieht es da, zumal in dem überwiegend deutſchen Theile der Schweiz, fehr mifslich aus. Nicht nur, dafs ihr zwei bedeutende Factoren mehr oder weniger abgehen- ein in claffifchen 90 Dr. Jofef Bayer. Studien gebildetes Beamtenthum und die der Kunftliebhaberei fich zuwendenden Rentiers auch die übrigen Stände, die etwa von der Univerfität hervorgehen. find mit der grofsen Majorität des Bürgerthums in der Anficht einig, die fchönen Künfte feien brodlofes Zeug.... Man hat zwar durch die Affociation zu helfen gefucht und die Kunftvereine haben manches Erfpriefsliche gewirkt, aber das Gefammtrefultat der Ankäufe zeigt fich doch nicht als ausreichend. Dazu kommt noch Eines: Die kläglich verbauerte katholifche Kirche beftellt gar wenig, und für ihre geringen Bedürfniffe lieferten die beiden Defchwanden nach der Scha blone ihre charakterlofen Madonnen und Engelsköpfchen." " Jala So ift denn der fchweizerifche Künftler, auch abgefehen von der fremden Herkunft feines Schulzufammenhanges, der noch in anderen Umftänden feinen Grund hat, meift nur ein Gaft in feiner Heimath. Er hat fich in fremden Schulen herangebildet und malt im Ausland und für das Ausland. Die vornehmen Namen, die man in der fchweizerifchen Abtheilung der Kunsthalle traf, find alte Bekannte von deutfchen Ausftellungen und von dem Parifer Salon und es fieht ein wenig darnach aus, als ob fie nur aus Patriotismus einige kleinere Bilder hereingeftiftet hätten, um das Heimathland fich würdig präfentiren zu laffen." 99 Freilich gehört unter diefe„ kleineren Bilder" keineswegs das bewunderungswürdige„ Begräbnifs in einem Dorfe des Schwarzwaldes" von Benjamin Vautier; diefer Schweizer aus Laufanne, gegenwärtig ein Hauptrepräfentant des Kunftlebens in Düffeldorf, der lange fchon in der deutfchen Kunft- Landsmannfchaft nationalifirt ift", hat da feiner Heimath auf der Ausftellung einen gar bedeutfamen Ehrenbefuch gemacht. Auch die zwei anderen Bilder Vautier's, „ Confultation beim Advocaten" und" Am Krankenbette", gehörten zu den erften Zierden des Saales. In gezien ender Entfernung folgte ihm Conrad Grob aus Andel fingen( jetzt in München), der, fo wie früher vom Schmiede- Ambos Hubert Salentin. aus der Schlofferwerkstätte zur Palette überging. Sein Maler, der auf der Studienreife im Dorfe ein Bauernmädchen abconterfeit, während fich die anderen weiblichen Familienglieder neugierig verwundert hinzudrängen. ift ein frifches und liebenswürdiges Bild. E. Stückelberg in Bafel nähert fich mit feinem ,, Narcifs", feiner ,, Echo" und der Wahrfagerin" den franzöfifchen Vorbildern bei feinem Talent, aber mancher Willkürlichkeit im Colorit. Ganz nach Frankreich gehört bekanntlich Charles Gleyre von Laufanne, als einer der namhafteften, fchulbildenden Meifter der franzöfifchen Kunft. Es war eben eine landsmännifche Höflichkeit. wenn er fich diefsmal mit dem Bilde" La Charmeuse" bei den Schweizern einfand. 1e asdalisosiowdal bangaivinilo dob 155 Nous Die Gefchichtsmalerei und das hiftorifche Genre tritt bei den Schweizern nur fo nebenher auf und doch böte die eidgenöffifche Gefchichte felbft hiezu einen reichen, nicht leicht zu erfchöpfenden Stoffkreis dar. Auch käme dazu ein wefentlicher künftlerifcher Vortheil: das Hereinwirken das Hereinwirken der landwirth fchaftlichen Scenerie in die hiftorifche Action, das fich malerifch ebenfo im grofsen Sinne verwerthen liefse, wie diefs Schiller poetifch in feinem"," Wilhelm Tell" auf fo unvergleichliche Art gethan. Aber unter allen Richtungen der Kunft ift gerade die hiftorifche am wenigften praktiſch und marktfähig, und die Schweizer find eben praktifche Maler. Auch kommen fie in der Fremde nicht allzu häufig dazu, patriotifche Gefchichtsmalerei zu treiben, von der z. B. die Polen unter allen Umftänden nicht laffen. Nur was fich hievon für den genreartigen Gebrauch herrichten läfst, alfo die leichter behandelte Gefchichtsepifode, findet da aufmerkfamere Beachtung und Pflege. Auf der Ausftellung war das Schweizer Gefchichtsgenre nach der Seite der humoriftifchen Charak teriftik durch die Kappeler Milchfuppe" von Alb. Anker in höchft frifcher und anfprechender Weife vertreten, der hier einen Anekdotenftoff aus dem einheimifchen Reformationskriege mit glückl chem Griff benützte. Die Darftellung eines gefchichtlichen Momentes von fentimental- pathetifchem Gehalte wurde von A. Weckeffer aus Winterthur( derzeit in Rom) in der Segnung des 99 Die Malerei. 91 Alois Reding durch feinen Vater vor der Schlacht an der Schindellegi" ganz verdienftlich, aber mit einem nicht fo rein zufammenftimmenden Eindruck verfucht. Der, Auszug der Abgebrannten im Sabinerbilde" von demfelben Künftler ift ein ernftes, düfter gehaltenes Bild, das fich mehr zur einheitlichen Wirkung zufammenfafst. Der Züricher Arnold Corrodi in Rom intereffirt fich dort für italienifch- hiftorifche Charakterfcenen, weniger vom Standpunkte des Com pofitionsgehaltes, als des äufserlichen Arrangements und der coloriftifchen Wirkung, die fich ihnen abgewinnen läfst; fo in feiner ,, Staatsaction im Dogenpalafte", dann in einem anderen Bilde ,, Petrarca vor dem Könige von Neapel", wo freilich der bedeutende Dichter und Gelehrte als ein gewöhnlicher theatralifcher Declamator für den bekannten malerifchen Modegebrauch benützt wird. An verfchiedenen Gaisbuben, verunglückten Gemfenjägern, englifchen Touriften etc. vorbei, die ich früher unter den Genrebildern ohne befondere Verantwortung verfchweigen durfte( nur die„ Ingenieure" und die„ Botaniker" im Gebirge von Raph. Ritz, vielleicht auch das„ Aelplerfeft im Appenzeller Gebirg" von Rittmeyer verdienten etwa in diefem localen Genre einige Beachtung) wenden wir uns fofort wieder zu einer Hauptzierde des Schweizer Saales, den Thierftücken von Rudolf Koller in Zürich herüber. Seine Schweizeridylle" das weidende Vieh auf der Alpe im Nebel, die„ Herbftweide" und" Pferdefchwemme" find fämmtlich Meiſterſtücke in genauer Beobachtung der Thiernatur. Während Troyon z. B. feine Thiere, ohne es felbft mit dem Bau derfelben allzu genau zu nehmen, mehr nur dem allgemeinen Habitus und der Bewegung nach naturwahr behandelt, zugleich mit nächfter Rückficht auf die malerifch zufammenftimmende Gefammtwirkung, um derenwillen er felbft in der Wahrheit des Einzelnen mancherlei nachgiebt: fo ift Koller in der Charakteriſtik feines Weideviehs bis auf die Specialität der localen Race und Züchtung durchaus fcharf und beſtimmt; er individualifirt fein Rind, indefs es der Franzofe mehr nur gruppirt, da er auch hier zunächft in geiftreicher Weife auf einen gewiffen decorativen Eindruck bedacht ift. " وو Die Landfchaft ftellte, wie es fich bei der überreichen Anregung dazu im Herzen der Alpenwelt von felbft verfteht, den anfehnlichften Beitrag zu den gerade 100 Nummern, deren die Schweizer Ausftellung an Oelgemälden zählte. Soviel ich mich erinnere, fchien die Wage des Bedeutenderen nach der Seite der franzöfifchen Schweiz, namentlich der Genfer Maler hin auszufchlagen; freilich hatte von den Deutfchen einer der hervorragendften Meifter, Steffan, bei den Münchenern ausgeftellt. Unter den Alpenlandfchaften find wohl in erfter Reihe die von Guftav Coftan in Genf ,, Herbftlandfchaft" und Schneefturm" zu nennen; Diday brachte in meifterhafter Färbung den Aquäduct von Frejus und den Salève bei Sonnenuntergang", Alb. Lugardon die ,, Engftleralpe" mit weidendem Vieh, Fr. Zimmermann( ebenfalls wie die Vorgenannten in Genf) ,, einen Sonnenuntergang am Genfer See" und das„ Arvethal". Zu diefen Künftlern gefellte fich zunächft Louis Jacottet aus Echallens, mit feinem ,, Handeckfall". Die herrliche italienifche Landfchaft von Arthur Calame ,, Strand am Mittelmeere"- neben Coftan's Bildern unftreitig das Befte im Landfchaftsfache, was die Schweizer Ausftellung bot zeigt den hochbegabten Sohn im vollen künftlerifchen Erbe feines genialen Vaters. Das Landfchaftsbild aus Italien war fonft noch durch die wohlgeftimmten, naturwahren Bilder von Hermann Corro di aus Zürich, Pinienwald in den Maremmen" und" Ninfa in den pontinifchen Sümpfen" vertreten; in dem forgfamen Studium der Localftimmung der italienifchen Küften- Sumpflandfchaft der richtige Gegenfatz zu der einheimifchen gefunden Alpenluft, die fonft in den anderen Bildern des Saales vorherrfchte. Auf der Seite der Landfchaftsmaler aus der deutfchen Schweiz ftünde noch Carl Bodmer in Zürich, der zwei duftige Waldftücke, Fuchshöhle" und", Waldwiefe", ausftellte; Möller in Winterthur mit einem Föhnwetter am oberen Reichenbach" und einem„ Herbftwetter am 29 - " 27 3335 92 Dr. Jofef Bayer. Wetterhorn" u. A. Noch wäre eine Gebirgslandfchaft von Aug. Berthoud in Interlaken mit der ergreifenden Staffage des todten Gemsjägers rühmend zu erwähnen; unter den Aquarellen endlich die vorzüglichen italienifchen Anfichten: ,, Vico" ,,, Sorrent"," Caftel Gandolfo" und ,, Campagna di Roma" von Sal. Corrodi dem Vater. - Von ruffifcher Malerei als Ausdruck einer felbftftändigen einheimifchen Schulentwicklung kann noch nicht die Rede fein, wie überhaupt nicht bei der Kunft der flavifchen Völker. Die nationale Prägung tritt wohl deutlich genug hervor, aber mehr nur ftofflich, in der Wahl und Auffaffung der Gegenstände, nicht der Form nach, als eigentlicher nationaler Kunft charakter. Ein eifriges Streben gibt fich wohl durchaus kund: die Ruffen ftehen fo recht im Stadium des künftlerifchen Wollens, das fich freilich ungleichmäfsig äufsert, und bei einem fchwankenden, hie und da ins Naive und Rohe zurückfallenden Gefchmacke oft zu feltfamen artiftifchen Kunftgebungen führt. Gelehrigkeit und Anregfamkeit in Kunftfachen theilen die Ruffen mit den Polen, obgleich die letzteren ein noch höher entwickeltes, beweglicheres Kunftnaturell haben; in der artiftifchen Emigration in München, in Paris, in Brüffel gibt es immer wieder irgend ein eminentes polnifches Talent, das die Schule ziert und zugleich mit einem eigenthümlichen individuellen Zuge heraustritt. Wenn übrigens die Polen nicht vermeiden, über ihre politifche Theilung leidenfchaftliche Klage zu führen, fo wäre eine artiftifche Theilung Rufsland nach den Schulen, wo die einzelnen Künftler etwas gelernt, eine wahre Wohlthat, felbft für die eigene Selbfterkenntnifs und Orientirung der ruffifchen Kunft über fich felbft. Es bleibt nicht aus, dafs, wenn man Kunftwerke blos nach einem politifchen Begriffe vereint wie diefs in dem ruffifchen und bei uns ebenfo in dem ungarifchen Ausftellungslocale der Fall war immer das ftoffliche Intereffe über das äfthetifche vorwiegen wird, das Dilettantifche fich dann ganz unbefangen neben das künftlerifch Gereiftere ftellt, felbft die fchulfremde, wild aufgefchoffene Malerei zwifchendurch unter diefem oder jenem Vorwande fich mit herzudrängen darf. Der Gefammteindruck wird unter folchen Umftänden nur ein beunruhigend bunter und verworrener fein, ja bei allem Vortrefflichen, das der Einzelbetrachtung entgegentritt, im grofsen Ganzen- warum foll ich den harten, aber wahren Ausdruck zurückhalten? doch ein halb barbarifches Ausfehen erhalten. Damit will ich der Anerkennung, die dem Einzelnen im vollen Mafse gebührt, nicht im Geringften entgegentreten. Was zunächft die hiftorifche Malerei betrifft, fo zeigen da die Ruffen völlig den ehrgeizigen Drang des Sturm und Drangwefens in der Kunft, ganz direct auf die bedeutenden, oder richtiger, auf die ungewöhnlichen Stoffe loszugehen, und je ungewöhn licher und feltfamer diefe fein mögen, um fo beffer. H. J. Semiradky's grofses Bild ,, Die Sünderin" nach Totstoi's gleichnamigem Gedicht ift dafür gleich das bezeichnendfte Beiſpiel. Ein Chriftus in fo fremdartiger Uebertragung aus dem Evangelifchen ins Ruffifch- Novelliftifche überfetzt, ihm gegenüber die Opernfigur der eleganten Sünderin, eine pikantere Magdalena in einem dramatifch gefpannten Moment diefs Alles zufammen ift eine harte Zumuthung für unfere Empfindung, die fich da kaum zurechtfinden kann. War es fchon ein Mifsgriff des Dichters, auf die evangelifche eine moderne Legende zu pfropfen, fo ift es ein noch grösserer von Seite des Malers, fo etwas darzuftellen. Uebrigens hat Semiradsky, wenn man von dem Verhältniffe zum Gegenftande abfieht, ein coloriftifch glänzendes Bild geliefert; es befitzt etwas von dem modern franzöfifchen Reiz, ift von effectvoller, allerdings theatralifcher Anordnung der ganzen Scenerie und gefchickten Berechnung der malerifchen Wirkung des Sonnenlichtes auf die Mauerflächen und Figuren. Waffili Werefchtagin malte ein Stück drakonifcher Kirchenjuftiz aus der Zeit der ftrengften Zucht: Ein Mönch wird wegen feiner Habgier nach dem Strafurtheile Gregor's des Grofsen mit feinem Geldbeutel lebendig begraben. Wieder ein ganz feltfames, ja grufeliges Thema, aber fehr gut gemalt und com - Die Malerei. 93 ponirt, mit bedeutfamen Köpfen und Geftalten. Aus der ruffifchen Sage brachte uns derfelbe Maler den Helden Dobrynja; aus der neueren ruffifchen Gefchichte Nicolai Gay einen„ Peter den Grofsen und Carewitfch Alexis", den Letzteren mit einem ganz confiscirten Prinzengefichte, niedergedonnert und doch dabei unverbefferlich. In der monumentalen Richtung der Malerei waren Theodor Bruni's Cartons zu den Fresken in der Ifaakskirche im höchften Mafse beachtenswerth: ein durchaus intereffanter Verfuch, für den religiöfen Gegenftand im Sinne der griechifch- ruffifchen Glaubensempfindung und doch zugleich nach den Anforderungen der edleren Kunft einen ftiliftifchen Ausdruck zu finden, ohne im Geringften nach Art der alten Ikonoftafen- Heiligen zu archaifiren. Beinahe glaubten wir da eine freie ruffifche Ueberfetzung der Compofitionsweife von Cornelius vor uns zu fehen. Nebenbei fanden wir auch ein Stück gemalter ethnographifcher Ausftellung in dem ruffifchen Saale: z. B. eine„ Zigeunerin", dann ein„ mordwinifches. Mädchen", ferner die ruffifchen Sectirer" Duchoborzi" von Alexius Charlamoff; eine Frau aus dem Gouvernement Kursk" von Gregor Sfed off, vor wiegend Coftümftudie;" wandernde Bettler" von J. M. Prianifchnik off; endlich, vor Allem charakteriftifch, aber für den Culturmenfchen nichtsweniger als erfreulich, die„ Barkenzieher an der Wolga" von Elias Riepin. Macht es an fich fchon keinen erhebenden Eindruck, die Pferde Arbeit des Schiffziehens von keuchenden Menfchen verrichten zu fehen, fo wird derfelbe doppelt deprimirend, wenn man diefe Kerle mit den wirren ins Geficht fchlagenden Haaren, mit den ftumpf- brutalen Zügen näher durchmuftert. Inmitten des intenfiven Sonnenglanzes, der über der breiten Wafferfläche und dem trockenen Uferboden brennt, tritt die wildfremde, barbarifche Gruppe in beunruhigender greifbarer Nähe an uns heran. In der energifch wiedergegebenen, fonnigen Haltung, wie in der Charakteriſtik der Figuren ift das Bild übrigens ganz vortrefflich. Einen Blick in die ruffifche Volksfeele, Schilderungen aus dem Leben und Treiben des Volkes nach der gemüthlichen oder humoriftifchen Seite hin gaben uns mehrere echt nationale Genremaler von gutem Aug' und frifcher Auffaffung. Zunächft Conftantin Makowsky in einem grofsen Bilde, die„ Butterwoche in Moskau", einem völligen Compendium des Strafsenlebens dafelbft bei feftlichem Anlaffe, mit einer Reihe fcharf bezeichneter Typen durch alle Claffen der Gefellſchaft. hinab; dann Wladimir Makowsky in einigen nicht minder verdienftlichen Genrebildern:„ Knöchelfpielende Bauernjungen" ,,, Empfangszimmer eines Arztes" und„ Die Nachtigallenliebhaber". Zwei Kinderbilder von Carl Huhn in Peters burg wohl keinem Ruffen, Kinder und Kätzchen" und" Das kranke Kind" find eben fo gemüthlich anziehend, als fein behandelt. - - - Von kriegerifchen Darftellungen enthielt die ruffifche Abtheilung einiges Vorzügliche. Zunächft Alexander Kotzebue's grofses Gemälde Avantgardengefecht bei Karftula in Finnland 1809". Der dargestellte Kampfmoment die Ruffen haben eine von dem Feinde fchon theilweife in Brand gefteckte Brücke forcirt, während diefer, hinter langen Verhauen verfchanzt, fich zum letzten Kampfe zufammennimmt ift geiftreich und lebendig vergegenwärtigt, die Be handlung der Soldatengruppen trotz der wenig kleidfamen Adjuftirung jener Zeit von grofsem malerifchen Reiz; zugleich gefellt fich dazu der merkwürdig wahre Localton des Ganzen, der nach Fr. Pecht's eingehender Schilderung diefes Bil. des uns fo ganz den Charakter jener zerftreuten Kämpfe in einem menfchenarmen, öden, aus Seen, Sümpfen und nackten Felfen beftehenden Lande zeigt und uns das Rauhe, die düftere Dürftigkeit diefer nur mit Waffer und Steinen gefegneten Natur, fowie das Schreckliche eines Kampfes in folch' unwirthlicher Gegend auf's Deutlichfte anfchaulich macht." Von Bogdan Willewalde waren drei Schlachtbilder( von Grochow, Bronnizi, Gravelotte) ausgeftellt; kleine Cabinetsftücke meifterlicher Bataillenmalerei, von feinfter, faft allzu zierlicher Durchbildung. Peter Grufinsky gab eine fehr charakteriftifche Epiſode aus dem 94 Dr. Jofef Bayer. ruffifchen Kriegsleben mit Talent wieder:„ Kaukafifche Bergbewohner, beim Herannahen ruffifcher Truppen ihr Dorf verlaffend". Noch wären Johann Schifchkin's geiftreiche und originelle Federzeich nungen zu erwähnen, dann von Landfchaften E. Dücker's Strandbild, ferner von Alexius Bogoljub off ein„ Eisgang auf der Newa" und„ Die grofse Rhede in Kronftadt", um auch nach diefer Seite hin die flüchtige Ueberfchau der ruffifchen Expofition zu vervollſtändigen. Einige Polen aus Wilna und Warfchau haben ebenfalls bei den Ruffen ausgeftellt; fo Ignaz Korwin Milewski, der in zwei Bildern polnifche Juden beim Gebet, wie es fcheint, mit fehr richtiger Beobachtung fchilderte: ein Vorwurf allerdings, in diefer Art der Auffaffung mehr bezeichnend als anziehend. Uebrigens treffen wir die Polen auch hier zu meift auf dem Boden nationaler Gefchichtsmalerei, den fie mit Vorliebe pflegen, obgleich mit der patriotifchen Gefinnung da nicht immer, wie bei Matejko, auch das Talent gleichen Schritt hält. So malte W. Gerfon in Warfchau einen„ König Sobiesky, der in Willjanow Bäume pflanzt", und noch einen zweiten polnifchen Stoff ,,, Keiftut undWitold, Jagello's Gefangene"; ein beachtenswerthes Bild diefer Richtung brachte noch ein zweiter Warfchauer mit einem deutfchen Namen Stanislaus, König von Polen, die Künftler empfangend". 22 - Unter den fkandinavifchen Staaten fand fich Dänemark mit 83 Gemälden ein. Die Bilder der Profefforin Elifabeth Jerichau- Baumann- 15 an der Zahl bildeten da wieder eine kleine Specialausftellung für fich. Es war immerhin intereffant, die künftlerifche Thätigkeit diefer in früheren Jahren vielbefprochenen Malerin fo in einem gewiffen Zufammenhange zu überblicken und von einer gröfseren Wandfläche, wo die Bilder nebeneinander hingen, gleichfam ablefen zu können. Aufser dem von Paris her bekannten Gemälde„ Die Schiffbrüchigen", welches im Centralfaal hing. waren in der dänifchen Abtheilung folgende Bilder von ihr ausgeftellt:„ Chriftliche Märtyrerinen in den Katakomben", Mutterfreude( Capri)" ,,, Hirt von der Akropolis",„ Mädchen von Hymettos",„ Fellah";" Auf den Gräbern von Memphis"," Zulma, die Favoritin", Ein dänifcher Fifcher mit feinem Kinde"," Zwei Mädchen aus dem Foundling- Hofpital",„ Liebesworte", " Amerika"," Ein Meerweib"," Porträt de Königin Olga von Griechenland", ,, Porträt des Profeffors Jerichau". Wir hatten da fo ziemlich die Richtungen ihrer Kunftthätigkeit beifammen: die Stoffe von ernftem Gehalte, wo denn in der That ,, Die Schiffbrüchigen" von ergreifender Wirkung find; die mit einem gewiffen grofsen Sinne erfafsten Genrefiguren aus Italien, Griechenland und Egypten, die Schilderungen aus dem däni fchen Volksleben, die mythifch- allegorifche Gattung und fchliefslich das Porträt. Ich weifs nicht, zu welcher Zeit alle einzelnen Bilder gemalt find, jedenfalls ift die Manier und Technik nicht mehr vom jüngften Datum. Eine entfchloffene Kräftigkeit und markige Auffaffung geht entfchieden hindurch nebenher aber auch eine gewiffe Schärfe und Trockenheit. Das Urtheil Dr. Ad. Görling's in feiner Gefchichte der Malerei zeigte fich diefen Bildern gegenüber als richtig und zutreffend:" Ihre Leiftungen zeichnen fich durch eine für ihr Gefchlecht feltener bis zur naturaliftifchen Unfchönheit gehende Energie und Kühnheit der Charakteriſtik aus, die dort am unangenehmften auffällt, wo fie in das Gebiet der Allegorie hinübergreift." Von dem Letzteren konnten wir uns auch diefsmal überzeugen. Wir vermifsten den weiblichen Zug in den Bildern der Künftlerin, die durchaus wie ftrenge, ja harte Mannesarbeit erfchienen. Es ift fo, als ob das ganze Verhältnifs der bedeutenden Frau zur Kunft mehr in dem Willen, als in der Empfindung fich wirkfam zeigte, und doch liegt in der letzteren die eigentliche Macht des Weiblichen in der Kunft, fowie im Leben. Sonft bot die dänifche Ausftellung neben einer Reihe tüchtiger Leiftungen, die von einer gewiffenhaften und nach verfchiedenen Seiten hin gepflegten Kunftübung Zeugnifs gaben, nicht viel des befonders Eigenthümlichen und Charakte Die Malerei. 95 riftifchen; der„ Fangetanz der Eingebornen in der dänifchen Colonie Godthaab" von Carl Rasmuffen gehört da höchftens zu dem Abfonderlichen. Sehr anziehend durch ergötzlichen Humor, wie durch treffliche techniſche Behandlung waren die Genrebilder Profeffor Carl Bloch's; zunächft das am Kochherd eingefchlafene, vom Feuerfchein beleuchtete Dienftmädchen, fein„ Fifcherknabe" und drei fehr luftige Capucinaden:„ Der taube Mönch"," der Capuciner mit Zahnfchmerzen" und„ der Frater Küchenmeifter, der Hühner rupft". Die Marine, fowie die Fjord- und Küftenlandfchaft war durch C. Sörenfen, A. Melbye, G. Libert, G. Groth, Chr. Eckardt fehr ftattlich vertreten; einen Blick in Scenerie und Volksthum von Island gewährte Profeffor H. Schiött( ,, Ein Sagalefer in einer isländifchen Bauernftube"," Anficht von Tingewalle"), fügte aber freilich in dem Bilde ,, Braga und Idun" etwas conventionelle nordifche Mythologie hinzu. Eine weitere Probe derfelben wurde uns in der fchwedifchen Abtheilung( die nebenbei bemerkt nur 43 Bilder enthielt) gleich in grofsem Format in M. Winge's Gemälde„ Der Kampf Thor's mit dem Riefen" geboten. Es ift kaum möglich, die nordifchen Götter aus den Nebeln, in die ihre Geftalten längst zerfloffen find, in beftimmten künftlerifch brauchbaren Umriffen wieder hervorzuholen. Ein Verfuch diefer Art führte höchftens zu einem kalten und leeren, deco. rativen Phantafieftücke wie eben hier. Graf Georg v. Rofen in Stockholm treibt, wie es fcheint, mit Vorliebe fchwedifche Specialgefchichte im Bild; von ihm war ein„ König Erich XIV." in einer nicht klar geftellten Situation, und„ Herr Thüre Jenffon, vom Reichstage zu Wefteräs zurückkehrend." Pecht fah diefs in dem erftgenannten Bilde, der wahnfinnige König folle von einem Geiftlichen zur Unter fchreibung einer Abdication genöthigt werden; A. W. Ambros fand darin die Verweigerung der Unterzeichnung eines Todesurtheiles. Ich habe mir weiter nicht die Mühe einer beftimmten Anficht über die Situation des Bildes genommen; nur die Verrücktheit des Königs, fowie die Unzuläffigkeit des fo gefafsten Moments für die richtig erwogene künftlerifche Darftellung möchte ich keinen Augenblick bezweifeln. Ein Genrebild von Fagerlin, dann drei folche von Jernberg ( ,, Markttag"," Vorbereitungen zum Feftmahle",„, 12 Uhr") waren von frifcher und erfreulicher Wirkung; ein heiteres und charakteriftifches Volksbild aus heimatlichem Land war aber insbefondere„ Eine Hochzeit in Blekinge" von Nordenberg, der gleich den beiden zuletzt genannten Künftlern in Düffeldorf lebt. Die hervorragenden Landfchafter unter den Schweden, den Genremaler A. Tidemand, welcher als Profeffor in Düffeldorf wirkt, dann die Landfchaftsmaler aus der norwegifchen Kunftgenoffenfchaft dafelbft habe ich bereits an anderer Stelle mit der Malerei des deutfchen Reiches mitbefprochen; dorthin gehören auch diefe Künftler nicht nur der Schule und Richtung nach, fondern in mehreren Fällen auch durch einen langjährigen Wirkungskreis. So leben von den 29 Malern, die zufammen mit 69 Bildern die norwegifche Abtheilung, befchickten, nur 12 in der Heimath; und zwar in Chriftiania: Eckersberg, v. H anno, Morten Müller, Amaldus Nielfen, Ed. Skari, J. Thurmann, Chr. Wexelfen; in Bergen: A. Askew old, Frants Boe, A. Rasmuffen, J. Lofting; in Stavanger: Benetter. In Düffeldorf verweilen allein zehn von den Norwegern, die ausgeftellt haben: A. Tidemand, L. Munthe, N. B. Möller, A. Normann, K. Lorck, Jacob Schive, Herm. Schauche, Vinc. Lerche( der das Aquarell mit einer Reihe trefflicher Architekturftudien aus dem Drontheimer Dom, der Marienkirche in Bergen, dem Dom von Roeskilde u. f. w. vertrat), Sophus Jacobfen und E. Bodom; in Karlsruhe finden wir aufser Profeffor II. Gude noch Johann Nielfen, Frithjof Smith, Otto Sinding, And. Difen; in München lebt Knud Baade, in Paris der Schlachtenmaler P. N. Arbo. Es ergibt fich aus diefer einfachen Zufammenftellung von felbft, dafs wir die norwegifche Kunft aufser Lande, und zwar zunächft in Düffeldorf 7 96 Dr. Jofef Bayer. aufzufuchen haben, da auch die Meiften derjenigen, die wieder in der Heimath thätig find, von dort ihre Kunftbildung herleiten. Wir wären nun mit der rückblickenden Umfchau in der Kunfthalle der Weltausftellung fo ziemlich zu Rande, fo weit wir da ins Volle greifen konnten und die nöthigen Anhaltspunkte zu einer inftructiven Gruppirung der Kunfterfcheinungen, zu einer vom Einzelnen ins Allgemeine hinübergeführten Betrachtung fich uns ergaben. Das blos Vereinzelte und Zerftreute, das fich nicht zum Gefammtbilde eines beftimmten Kunftzuftandes in deutlich erkennbare Beziehung bringen liefs, lag aufser der Aufgabe diefer Befprechung. So auch z. B. die Bilder, die im fpanifchen Pavillon in wahllofer Zufammenftellung ver einigt waren. - Neben einigen gröfseren Sachen von höherer künftlerifcher Richtung überwog da entfchieden die kleinere Bilderbagatelle, zum Theile von verdächtigſtem dilettantifchen Ausfehen. Manche Bilder, wie Mercada's" Tod des heiligen Franz von Affifi", ein„ Seneca, nachdem er fich die Adern geöffnet" von Domin guez, Johanna die Wahnfinnige" von Valles etc., dazu einige tüchtige Architekturen würden nähere Betrachtung verdienen; da mir aber die letzte Parifer Weltausftellung fremd blieb, wo fich die Spanier angeblich beffer präfentirt haben follen, ich auch fonft nie eine gröfsere Anzahl von modern- fpanifchen Werken beifammen gefehen habe, fo weifs ich in der That nicht Befcheid, in welchem Kunftzufammenhange da auch das wenige Beffere fteht. Dagegen könnte die artiftifche Verwilderung, die bedenkliche Zuchtlofigkeit in der Wahl der Motive, im Vortrage und der Technik, wie fie fich in den kleinen Genrebildern von der Strafse und aus dem Volksleben, in den Landfchaften und Stillleben kundgab, zu ganz unerfreulichen Schlüffen über den gegenwärtigen Kunftzuftand in Spanien führen. wenn wir wirklich diefes Ausftellungsmaterial als typifch und bezeichnend anzufehen hätten. Griechenland zeigte fich in der Sculptur jedenfalls intereffanter und bedeutfamer, als in der Malerei; die rumänifche Bildergruppe, abfeits im Induftriepalafte, geftehe ich nicht näher beachtet zu haben. Was von Amerika herüber kam, gehört eben auch nur zu dem Vereinzelten, zu dem zufällig Eingetroffenen; aus Brafilien war nur ein„, hiftorifches Gemälde aus dem Kriege mit Paraguay" da, ein roh hingeworfenes, tapetenartiges Bataillenbild; immerhin ein merkwürdiges Exempel, wohin eine ganz ifolirte Kunft gelangen mag. Aus Nordamerika gab es etwa ein Dutzend Gemälde auf der Ausstellung. M. Waterman aus dem Staate Rhode Island hat einen„ ,, Gulliver in Lilliput" grofs gemalt; es ift diefs ein Stoff, der, wie alles Phantaftifche der Art, wohl dem Aquarell, nicht aber dem Oelbilde zuzuweifen ift. Das Bemerkenswerthefte, was die Kunfthalle von amerikaniſcher Kunft aufzeigte, waren wohl die Landfchaftsbilder von Albert Bierstadt in New- York im Centralfaale:" Der Smaragdteich in den weifsen Bergen von New Hampfhire" und noch eine zweite grofse Landfchaft aus Amerika. Bei einem gewiffen profpectartigen, beinahe decorationsartigen Ausfehen imponirten diefe Bilder durch eine grofse Scenerie und eine umfaffende Weite der landfchaftlichen Anfchauung. " Ich fchliefse nun diefen Bericht, nicht ohne die Beforgnifs, dafs bei der verspäteten Abfaffung desfelben und meiner nicht eben vollständigen Orientirung in Kunftfachen fich manche Irrthümer im Detail eingefunden haben dürften, die der kundige Lefer berichtigen und entfchuldigen mag. Vielleicht wird er aber wenigftens mein redliches Beftreben wahrnehmen, einer nicht frei gewählten Aufgabe nach Möglichkeit gerecht zu werden, und überall doch die Hauptlinien der gegenwärtigen Kunftentwicklung nachzuziehen, foweit ich fie wie in punktir. ten Andeutungen in dem überreichen Bildervorrathe der Ausftellung wahrzunehmen glaubte. DIE SCULPTUR. ( Gruppe XXV.) Bericht von JOSEF LANGL. Einleitung. Es dürfte wohl überflüffig fein, hier weitläufiger voranzufchicken, welche Rolle die Sculptur in der Culturgefchichte von den Dämmerungen vorhiftorifcher Zeiten an bis zur Gegenwart gefpielt hat: aller Welt ftehen die Denkmale aus verwichenen Jahrtaufenden, von der Hand der Wiffenfchaft geordnet, vor Augen, und aller Welt ift darin der allmälige Stufengang unferes Wiffens und Könnens in greifbaren Bildern dargelegt. Reflexe des politifchen, religiöfen und focialen Lebens treten uns in markigen Scenen felbft noch aus jenen Epochen entgegen, von denen kein gefchriebenes Blatt die Zeit bewahrt hat, über die jede Tradition fchweigt. Steine erzählen uns im Nilthale ein Culturleben, das vor 4000 Jahren dort in höchfter Blüthe ftand; Steine fchildern uns aus unbekannten Zeiten die Gedankenwelt der Hindu, und wieder nur Steine begegnen uns in den Ebenen Mefopotamiens, an den Ufern des Euphrat und Tigris, dort in der Wiege des allmälig nach Weften fich weiter entwickelnden Culturzuges, in deffen Strombette wandernd wir dann auf griechifchem Boden die bildende Kunft, in ihrem höchften Triumphe ftrahlend, als Spiegelbild einer neuen idealen Welt entfaltet finden. Wir lefen in Bilderwerken die Blüthe und den Untergang dcs Griechenvolkes; fehen in ihnen die Macht Roms auf- und niedergehen und begleiten das Chriftenthum von feinen primitiven bildlichen Darftellungen der erften Jahrhunderte unferer Zeitrechnung an bis zur Glanzzeit feiner Aera im Cinquecento. In dem Zeitalter der Klärung und Läuterung der Weltanschauung, in welchem der Begriff des modernen Staatslebens aus dem befchränkten mittelalterlichen Gemeinwefen, durch weltgefchichtliche Fügungen begünftigt, fich zum Leitftern der Freiheit des Geiftes formulirte, fallen dann der Kunft die Feffeln, die bis dahin eine verknöcherte Scholaftik um fie gebunden, und die individuelle Phantafie gelangt zur Herrfchaft über die Traditionen. Von den Claffikern wird der Staub der Vergeffenheit gefchüttelt und in ihrem Geifte in den Darftellungen der Natur näher getreten; es werden an der Hand der Wiffenfchaft ihre Räthfel zu löfen gefucht. und ihre Reichthümer an Schönheiten dem Auge wieder geoffenbart. Gegen die Reaction des XVIII. Jahrhunderts, die im Barockftile, dem verwilderten Dialekte der Renaiffance, ihren künftlerifchen Ausdruck fand, wurde von einem Winkelmann, Leffing, Goethe etc. mit denfelben Waffen zu Felde gezogen, mit welchen zur Zeit die Wiedererweckung der Kunft durch die Medicis durchgeführt worden: die hellenifchen Vorbilder wurden wieder zu Regulatoren der verirrten Tendenzen. 7* 21 Jofef Langl. Die Ländergrenzen find auf dem Boden der gegenwärtigen Culturwelt nicht mehr wie im Alterthume unwegfame Gebirgszüge, Meere oder Wüften; die Linien, welche die Diplomatie auf dem Erdglobus zieht, fallen nicht immer mit jenen zufammen, welche einheitliche Völkerftämme oder Nationen umgrenzen; überdiefs umfchliefst durch den Auffchwung der Verkehrsmittel, denen kein Berg zu hoch, kein Meer zu weit ift, alle Völker das Band der geiftigen Verbrüderung, fo dafs Wiffenfchaften und Künfte heute weniger nationalpolitifchen, als vielmehr kosmopolitifchen Intereffen zu dienen berufen find. Die Zeit ift um, in der Völker die Kunft ihr charakterifirendes Eigenthum nennen konnten; den Nationen der Gegenwart fehlt dazu einerfeits jede tiefere religiöfe Begeisterung und andererfeits die nothwendige Ifolirtheit. Diefes Aufgehen in gemeinfchaftlichen Tendenzen nahm wohl feinen Anfang fchon in der Renaiffance, war aber zur Zeit noch in Italien, feiner Geburtsftätte, zu fehr unter dem Schirme des Katholicismus, als dafs ein nachhaltiges Echo in den anderen Culturländern erklungen wäre; erft als die geiftigen Freiheitskämpfe auf deutfchem Boden fich vollzogen hatten, erft als die Kunft fich den Verirrungen der Barockperiode entwand, konnte fie allerwärts vorurtheilslofer einem gemeinfchaftlichen Ziele zufteuern. Die Ideenwelt ift eine gröfsere geworden; die Phantafie der Künftler ift nicht mehr an beftimmte gemeffene Kreife gebunden: neben einem Schatze glanzvoller Poefien fteht ihr die Gefchichte mit ihren reichen Bildern und das unmittelbare Leben der Gegenwart zu Gebote, Motive zur Darstellung zu wählen. Das Schaffen folgt der individuellen Infpiration; die Kunftproducte find die reinen Reflexe des Empfindens und die Natur, der Urquell alles Schönen, ift zum alleinigen Vorbilde der Darftellung geworden. Die Kunft ift von diefem Standpunkte aus wohl wieder der Spiegel des Zeitalters, vorläufig des Zeitalters des Mannigfachen. Was das Nationale in der Kunft betrifft, fo ift es mehr das Perfönliche, Individuelle des Schaffenden, welches allerdings von Zonen und Sprachftämmen abhängt und in Bezug auf das Stoffliche und auch auf die Formgebung gewiffe Charakteriſtiken innerhalb beftimmter Terri torien zeigt: keineswegs aber ift es von der Zukunft mehr zu erwarten, dafs irgendwo die Kunft ausfchliefslich fich politifchen oder religiöfen Zwecken unterordnen wird. Steuern wir alfo der vollen Freiheit in Bezug auf das Stoffliche entgegen und fetzen als unbedingte Nothwendigkeit diefer Freiheit den Realismus in der Formgebung voraus, fo ift es die wichtigfte Frage für die Gegenwart, in der fich diefer Umfchwung vollzieht; welchen Einfluss hat der Classicismus( hier in der Plaftik), von dem zu Anfange diefes Jahrhunderts ausgegangen wurde, auf die Productionen bis zur Gegenwart genommen, welcher Nachklang ift bei den HauptKunftvölkern( den Deutfchen, Franzofen und Italienern) in der unmittelbaren Naturnachahmung noch wahrnehmbar, und welche Charakteriſtiken treten in Bezug auf die Wahl der Vorwürfe bei den einzelnen Nationen und im Allgemeinen zu Tage? Die Weltausstellung 1873 illuftrirte in umfaffender Weife den gegenwärtigen Stand der Anfchauungen und die beftehenden Tendenzen. Der Berichterstatter hat denn feine Aufgabe von dem oben bezeichneten Standpunkte aus aufgefafst und verfucht im Nachftehenden ein Bild des Schaffens der Gegenwart in der Sculptur zur Beantwortung jener Fragen zu geben. Die Maffe des Vorhandenen liefs es wohl nicht zu, bei dem gemeffenen Raume hier jedes Einzelne der Befprechung zu unterziehen; es wird jedoch genügen, die wichtigften charakterifirenden Werke in näherer Beleuchtung hervorgehoben zu haben." Vorauszufchicken ift hier nur eine kurze Bemerkung über die Art und Weife der Aufftellung der Sculpturen auf der Ausftellung felbft. Sie, als die Edelfte unter den Künften, als die Blüthe menfchlichen Schaffens und jedweder Thätigkeit, die uns über das reale Alltagsgefchäft zu idealen Kreifen emporhebt, hätte doch bei einem internationalen Fefte, wie es in nie dagewefenem Glanze Die Sculptur. 3 fich in den Praterauen vollzog, die bevorzugtefte Rolle spielen follen, die fchönfte Schale hätte den edelften Kern erwarten follen; denn weitaus mehr als die Malerei bedarf das plaftifche Werk einer ftimmungsvollen Umgebung und einer wirkungsvollen Beleuchtung, da ja nur Formen fprechen und in der Linienfchönheit allein die Intention des Künftlers zum Ausdrucke gelangt; in diefem Punkte ift denn die Sculptur auf der Weltausftellung 1873 übel weggekommen. Für alles Andere fand der Befuchende zweckmässige Räume, Pavillons etc., nur der Plaftik war kein Plätzchen gewidmet, wo fie fich im Zuſammenhange hätte entfalten können und ihre Werthfchaft zur Geltung gekommen wäre. Vieles von ganz Bedeutendem ging dem Gros des Publicums dadurch verloren und ſpielten plaftifche Kunftwerke überhaupt mehr die Rolle des Decorativen, als die einer felbftändigen Bedeutung auf der Weltausftellung. Die Marmorarbeiten der Italiener fand man in der Induftriehalle an allen Ecken und Enden bei äufserft zerftreuendem Hintergrunde und in meift ganz wirkungslofer Beleuchtung. Die wichtigften Werke der Franzofen waren in den Sälen der Malerei in der Kunfthalle untergebracht, wo fie vielfach total vom Oberlichte gefchlagen wurden und überdiefs durch Goldrahmen und Farben im Hintergrunde jeder ruhigen Betrachtung entzogen waren. Die beften Gegenftände, die überhaupt von der deutfchen Plaftik fich vorfanden, waren vor dem Weft- und Südeingange poftirt, wo fie den aus- und einwogenden Maffen nur im Wege ftanden und den Tag über Sonnenlicht hatten. Nur Weniges der öfterreichifchen und fchweizerifchen Plaftik war in den öftlichen kleinen Nebenfälen der Kunfthalle einigermafsen geniefsbar placirt Ganz verloren gingen begreiflicherweife die Bildwerke, welche in dem eigenthümlichen Clair- obscur der Rotunde fich der Welt zu präfentiren hatten. Es war zu bedauern, dafs, während gerade in der Gegenwart die Träger des Humanismus am regften daran arbeiten, den Kunftfinn im Volke durch Mufeen, Sammlungen, Schulen etc. wieder zu beleben, es in der Ausftellung im Prater verfäumt wurde, darin anregend zum Verftändniffe des Schönen in der Form zu wirken, was doch mit wenig Mitteln hätte bewerkstelligt werden können. Werden doch, feit die Malerei fich vollends dem Realismus zugewendet hat und in den Seelenfchilderungen ihre Triumphe feiert, leider die Sympathien für die Plaftik im Publicum immer geringer und noch immer läfst eine Erziehung des Geiftes für das Edle im Raume an unferen humaniftifchen Bildungsanftalten auf fich warten; Perikles wird noch immer ohne Phidias in der Gefchichte gefchildert, das XV. und XVI Jahrhundert tradirt, ohne nur die Namen zu erwähnen, die für alle Zeiten mit goldenen Lettern in der Kunft- und Culturgefchichte prangen, unvergänglicher als manche Heldenfcala, mit der das Gedächtnifs unferer Gymnafiaften gequält wird. - Rückblick. Wenn die Griechen die Formen der Natur unbewufst nach gewiffen Gefetzen in eine ftrengere Tektonik fetzten und darin ihre Götterideale zu perfonificiren fuchten, fo folgten fie wohl zunächft dem Geifte ihrer Mythen, in welchen ja nach ähnlichen Gefetzen das Reale ins Wunderbare, Uebernatürliche umgefetzt erfcheint als Potenz des wahrgenommenen Schönen. Auch als das philofophifche Denken fich gegen das leere Dahinleben in den hergebrachten Vorftellungen auflehnte, als dem vorgefchrittenen Bewufstfein in der Kunft Befriedigung gefchaffen werden musste und Phidias in vollfter Freiheit feine Geftalten in Marmor fchuf, blieben es noch beftimmte tektonifche Normen, nach denen die Naturformen höher geftimmt wurden, als fie das Leben begegnen liefs. Dem Geheimnifsvollen der menfchlichen Natur wurde in der Erfcheinung nicht näher zu treten verfucht; fremd blieb der Kunft noch die Scala feelifcher Affecte und das Kunftwerk hielt fich in feiner Bedeutung noch rein auf der Stufe der 88 4 Jofef Langl. Symbolik der Idee. Der olympifche Götterkreis konnte aber nicht beffer perfonificirt werden; das Volk nicht beffer in den Götterftatuen felbft geehrt fein, als wenn in denfelben jede Individualität verläugnet und die Kunft zum Ausdrucke des Gemeinwefens wurde. Die ethifch reinen, edlen Charaktere, in welchen die Götter Griechenlands in den Gefängen Pindar's und den Dramen des Aefchylos und Sophokles auftreten, fanden in den Werken des Phidias auf den Giebeln des Parthenon ihre plaftifche Verkörperung, und wenn antike Sculpturen als Vorbild menfchlicher Hoheit für alle Zeiten zu gelten haben, fo werden es die„ Elgin marbles" fein. Wir fehen in dem Pantheon der griechifchen Göttergeftalten von dem heiteren Kinde Eros an bis zu dem Symbole männlicher Würde Zeus, von Aphrodite, der lieblichen Jungfrau, bis zur Mutter Hera, wie die griechifche Kunft wohl Altersftufen in der Geftaltung berücksichtigte, nirgends aber tritt in dem anatomifchen Relief irgend welches perfönliche Gefühl oder eine feelifche Emotion zu Tage; ein ernftes, faft wehmüthiges Lächeln fpricht überall der halbgeöffnete Mund, als ob um mit W. Schlegel zu sprechen die Götter es geahnt hätten, dafs -- ihr Reich von keiner Dauer fein werde. Der neu auftretende chriftliche Cult verlangte jedoch fchon Seelen in feinen Geftalten; eines Menfchen Sohn ftand an der Spitze der neuen Religion und die Kunft hatte nicht mehr Symbole von Begriffen, fondern leibhafte Menfchen darzustellen, des Lebens unmittelbarfte Wahrheit. Obfchon im Katholicismus, wie er auf italienifchem Boden fich später zu entfalten begann, die kofmopolitifchen Ideen des Urhebers, des Centralmenfchen fich nicht in der Weife entwickelten, dafs die Kunft, die mit dem Volke und dem Zeitgeifte wandelte, in ihnen derart aufgehen konnte, wie auf griechifchem Boden in den Gefängen Homer's und Hefiod's, obwohl die vollſtändige Emancipirung der Kunft von der Religion vorauszusehen war, fo wirkten die Elemente diefer neuen Gedankenwelt doch fördernd auf die Anfchauungen der Natur und rückte diefe der Kunft um ein gewaltiges Stück näher. Brachte das XV. Jahrhundert fchon in der naiven Naturna chahmung eines Lucca della Robia, Donatello und Ghiberti Geftalten, die aus der von der Antike herübergefponnenen Starrheit allmälig erwachten, fo vollzieht fich in energifcher Weife der Umfchwung mit den Koryphäen der folgenden Periode, in welcher der Kunft auch eine neue Wiffenfchaft von höchfter Bedeutung zuwächft, die von da an ihren Einflufs geltend macht: nicht mehr das Aeufserliche in feiner ftarren Leblo figkeit kann dem Künftler genügen, feine Gedanken greifen tiefer; aus dem Innern entwickelt er feine Formen, fucht ihre Begründung und ftudirt die Erfcheinungen der Phyfiognomik. Mit Marcantonio della Torre, Jac. Berengario da Carpi und vor Allem dem grofsen Vefal tritt die Anatomie als Begleiterin zur Kunft und ebnet ihr die Bahnen zur Wahrheit. Dem leblofen, hohlen Idealismus war dadurch wohl eine Schranke geboten, aber nicht dem Manierismus, in welchem die gefammte Kunft in der Ausartung des kirchlichen und höfifchen Luxus thatfächlich für ein Jahrhundert verfiel. Die Antike ward wieder zu Hilfe gerufen, die verfahrenen Anfchauungen in das richtige Geleife zu lenken und von diefer Bafis aus die verlorenen Ziele der Renaiffance wieder aufzunehmen verfucht. Es war eine ganz eigenthümliche Periode, die des modernen Clafficismus, durch welche die Kunft fich allmälig zu ihrer Freiheit wieder emporzuringen hatte, eine Periode, in welcher fich bei den gemeinfamen Tendenzen fchon fcharf das National- Individuelle der drei Hauptvölkerfchaften ausprägte, welche zu den eigentlichen Trägern der modernen Kunft berufen waren; es find diefs die Italiener, die Deutfchen und die Franzofen. Canova war der Erfte, der die Plaftik aus den barocken Verirrungen wieder in ihre Grenzen zurückführte und in edlerer Einfachheit den claffifchen Vorbildern nachftrebte. Gelang es ihm auch nicht, feinen Schöpfungen hohe, Die Sculptur. 5 monumentale Würde zu verleihen, und haftet feinen Formen im Ganzen auch noch eine gewiffe Geziertheit und Nüchternheit an, die theatralifchen Affecten näher liegt, als tieferer Wahrheit: fo war fein Einfluss auf feine Zeitgenoffen und die folgenden Generationen von Plaſtikern doch von gröfster Bedeutung. Italien, fein Heimatland, wird von feiner Zeit an die Pflanzfchule der Künfte für die ganze civilifirte Welt. Die Anmuth und Grazie in der Darftellung( vorzugsweife des weiblichen Ideals), in welchen Canova feine Triumphe feierte, fand bei den Italienern, den Virtuofen in der Marmorbehandlung, die begabteften Nachahmer; Chaudet und fpäter Bosio verpflanzten die antikifirende Richtung nach Frankreich, die dort bis in die neuefte Zeit fich dominirend erhielt; in Dannecker, dem Schöpfer der berühmten Ariadne( in Bethmann's Mufeum zu Frankfurt a. M.), begegnet uns in Deutfchland Canova's Idealismus. Die Malerei, die bis dahin mit der Plaftik aufser geringem Schwanken gemeinfamen Tendenzen ergeben war, beginnt aber mit jener Epoche( dem Anfange diefes Jahrhunderts) ihre felbftftändigeren Wege zuwandeln; fie bemächtigte fich der Stoffkreife, die noch lange der Plaftik ferne blieben, vor Allem der nationalen Poefie; fie wandelt den Dichterfternen nach und greift zum Realismus, in Deutſchland wie in Frankreich; die Romantik webt fich in die Schöpfungen der Literatur und bildenden Kunft, und fo fteigen aus ihren ifolirten Höhen die Grazien wieder zum Volke herab. Die Mufen werfen die ftarren Masken hohlen Affectes dahin und kreifen wieder mit den Horen in ungezwungener, natürlicher Anmuth. Tiefere Wurzeln, als in Frankreich, fchlug der Idealismus wohl inj der deutfchen Kunft, die mit Carftens, Cornelius, Overbeck, Schnorr neben der Nachahmung des würdevollen Ernftes der griechifchen Vorbilder auch zum Reflexe edler germanifcher Elemente wurde; aber der letzte Repräfentant diefer Künftlerkette, W. v. Kaulbach, entledigte fich auch der letzten Bande traditioneller Vorurtheile und fchuf feine Ideale nicht allein mehr nach den leblofen Marmorbildern, fondern nahm aus der Natur, was die Form an Schönheit verlangte. Neben diefen Namen, die den Stamm der modernen deutfchen Malerei bilden, fehen wir jedoch die daraus entfproffenen Zweige fammt und fonders in den vollendeten Realismus einkehren. Mit Führich dürfte wohl auch der letzte Stern der chriftlichen Kunft untergehen, und es bleibt den lehrenden Kunfthiftorikern überlaffen, das Andenken der Stiliften zu feiern, das Publicum von heute wird fich jedoch kaum mehr für fie erwärmen; es will die Kunft verftehen, fie foll ihm wahr und natürlich fein und nicht, wie manche Münchner Freske, ein ftarres Räthfel, ein unlösbarer Rebus. In nicht fo directe Correfpondenz mit dem Volke konnte ihrer Wefenheit nach die Plaftik treten. Bei Thorwaldfen feierte das Griechenthum in feiner ganzen Strenge und Reinheit feine Erneuerung: ihm hat die moderne Plaftik hauptfächlich die formelle Vollendung zu danken. Gottfried Schadow brachte dann zuerft die realiftifche Richtung energifch zum Durchbruch und erfchlofs ihr wieder das Gebiet, das fie fchon zwei Jahrhunderte vor ihm bedeutungsvoll betreten hatte. Die Schule gewann unter der einflussreichen Wirkfamkeit Chriftian Rauchs in Berlin feften Boden und fand dafelbft bis heute ihre tüchtigften Vertreter, obfchon Fried. Tieck und feine Schüler in einer Reihe von bedeutenden Schöpfungen noch ftrenge der antiken Auffaffung ergeben blieben. Die neueren Meifter der Berliner Schule, unter denen viele, wie Drake, Kifs, Bläfer, Kalide, W. Wolf etc., fich zu ganz felbftftändiger Bedeutung emporfchwangen, blieben wohl vorwiegend dem edlen Naturalismus treu, nahmen jedoch in manchen ihrer Werke noch die Antike zum Hintergrunde, bis Reinhold Begas mit feinen lebensfrifchen Gruppen wieder in den reinften Realismus einkehrte. Seine„ Bacchantenfamilie“ und„ Pfyche von Pan getröftet" feierten in den Fünfziger- Jahren auf den deutfchen und franzöfifchen Ausftellungen einen wahren Triumphzug. 6 Jofef Langl. Mit dem feinfühlenden, tief empfindenden Ernft Rietfchel verpflanzten fich die Tendenzen der Berliner Schule nach Dresden. Rietfchel gehört unter den Plaftikern diefes Jahrhunderts neben Rauch und Thorwaldfen die nächfte Stelle. Sein Talent bewährte fich an monumentalen Werken ebenfo, wie an Idealfchöpfungen; überall begegnen wir der edelſten Auffaffung, hoher Formvollendung und fcharfer Charakteriſtik. Es darf hier nur auf feine unvergleichliche Leffingftatue( Braunfchweig) hingewiefen werden, um alle Bedenken gegen den Realismus in der modernen Plaftik niederzufchlagen. Nicht in demfelben Geifte führt Ernft Hänel die Dresdner Schule weiter. Seine Richtung kann wohl keineswegs antikifirend genannt werden, feinen Geftalten ift Anmuth und ein gewiffes Leben nicht abzufprechen: man fühlt aber immer den Architekten und den nüchternen Einfluss Genelli's in feinen Linien, die meift fo fchön als langweilig find. Treuer und bei weitem lebendiger bewegt fich Schilling in diefer ftilifirenden Richtung. Seine vier Tageszeiten, Gruppen auf der Brühl'fchen Terraffe in Dresden, gehören zu dem Bedeutendften, was die moderne Plaftik aufzuweifen hat. Auch fein für Wien beftimmtes Schillerdenkmal vereinigt lebensvolle Wahrheit mit edler, monumentaler Würde. In München entwickelte Lud. Schwanthaler in der Kunftepoche unter König Ludwig feine reiche Thätigkeit und fchuf eine Reihe monumentaler Werke, die jedoch vorwiegend in dem Charakter des Decorativen blieben und keine felbftftändige Richtung in fich führten. Die Maffe der Arbeiten und die körperliche Hinfälligkeit Schwanthaler's vereitelten eine gründliche Durchbildung der Form von Seite des Schaffenden und konnte zumeift nur in dem Anlehnen an die Antike die fchärfere individuelle Charakteriſtik der Geftalten umgangen werden. Auch mangelte es der Münchner Schule bis zur Neuzeit an bahnbrechenden Talenten Schaller, Widemann, Burgger erhoben fich nicht viel über ihren Meifter; der begabtefte aus der Schule Schwanthaler's war noch der leider zu früh verftorbene Hans Gaffer. Wie gegenwärtig die Dresdner, nahm zur Zeit die Münchner Schule auf die Entwicklung der Plaftik in Wien bedeutfamen Einfluss. Gefchickte Decorateure find auch die Wiener Bildhauer von Klieber an geblieben; dafs fich aber trotz mancher ausgefprochener Talente die Wiener Schule zu keiner Bedeutung erheben konnte und felbft bis heute noch, wo in den letzten Jahren doch ein regeres Leben in die Kunftverhältniffe fuhr, jede gröfsere Aufgabe im Auslande beftellt werden mufs, hat feine Urfachen in ganz localen Verhältniffen, deren wir bei Befprechung der öfterreichifchen Plaftik auf der Weltausftellung en paffant gedenken wollen. 27 Es ift ein charakteriftifcher Zug unferer modernften Zeit und gerade der Gegenwart, dafs in dem Strome der materiellen Tendenzen, in welchem fich der Weltgeift bewegt, mehr als in einer anderen Epoche den Saiten der Lyrik gelaufcht wird, und gerade in der Kunft das Seelifche, Naive, was zum Herzen geht", weit mehr Beifall findet, als das wahrhaft Grofse, Erhabene und Ernfte. Je mehr fich die Gedanken im realen Leben über den Horizont der Vergangenheit emporfchwingen und geradezu jedes Gefühlsleben verläugnen, defto empfäng. licher zeigt fich der Geift dafür in der Idealwelt der Kunft. Sie ift zum Afyl des Seelenlebens geworden; das Begegnen entwohnter Stimmungen ruft uns zum Beifall: wir freuen uns, die Poefie des Dafeins in Bild und Wort und Tönen zu geniefsen, da uns das Leben felbft nur fpärlich diefe bietet; zu rafch verwiſcht die farbenreiche, bunte Welt oft fchön Empfundenes, die Kunft erweckt in ihren Bildern wieder die Erinnerung und erhält, wenn auch nur in Schattenträumen. was uns in der Welt fremd geworden. Defshalb find auch diejenigen Künfte, in welchen die lyrifchen Wellen am tiefgreifendften fchwingen, dem Volke am fympathifchften und heutzutage die beftgepflegten. Hierin fteht denn obenan die Mufik. Sie ift für unfere modernen Kunftverhältniffe im Allgemeinen ein Factor, der für die Wandlung des Gefchmacks, felbft in der bildenden Kunft, von hoher Die Sculptur. 7 Bedeutung ift. Die Mufik ift heute Gemeingut aller Welt, ihr Cultus in den gebil deten Kreifen ein über alle anderen Künfte dominirender. In der Melodie entfliehen die Gedanken am leichteften und angenehmften dem trockenen Boden des Lebens, und feit Claviere erfunden find, wen foll es Wunder nehmen, wenn Euterpe in den Kreis der Familie tritt und allen anderen Mufen den Platz ftreitig macht? Wir fehen es in der Literatur und wir fehen es in der Malerei, wo Mufik gefchrieben oder gemalt wird, ift der Beifall. Und welche Stellung nimmt diefer Welt gegenüber die Plaftik ein? Soll fie kann fie diefer allgemeinen Strömung folgen? Kann fie ihrer Wefenheit nach überhaupt heute mehr mit ihren Schwefterkünften um die Gunft des Publicums in dem Mafse concurriren, dafs fie wieder zu jener Stellung und Bedeutung gelangt, wie einft im Alterthume oder felbft in der Renaiffance, ohne auf Abwege zu gerathen? - - Es war auf der Weltausftellung 1873 der kleine ,, weinende Knabe" von Guarniero, der vom Publicum tagsüber fchaarenweife umftanden und nicht weniger als einundzwanzigmal bei dem Künftler beftellt wurde, den Plaftikern wohl ein Warnungszeichen, aber zugleich ein Fingerzeig für die Zukunft. Soll die Kunft leben, fo bedarf fie des Beifalls; denn kein Künftler ift der irdifchen Bedürfniffe ganz entbunden und kann nach den olympifchen Höhen wandern, um von den Göttern Nektar für fein Dafein zu erhalten er ift gezwungen und wird in der Regel von dem Zeitgeifte unbewufst mitgezogen, fich dem herr fchenden Gefchmacke, der aus gar vielen und mannigfachen Quellen feine Färbung bezieht, zu accommodiren. Wenn das Publicum den italienifchen Sculpturen auf der Ausftellung vor allen anderen, viel edleren Werken Beifall zollte, fo darf diefs weitaus nicht als eine Verirrung des Gefchmacks betrachtet werden, welcher der denkende Künftler opponiren foll: nicht der Hohlheit der Vorwürfe galt der Beifall, nicht den finnlichen Reizen, welche eine Anzahl der Statuen wohl zur Schau trug, fondern allein der Vollendung und Wahrheit der Formen- dafs die Gefichter nicht le blofe Ornamente, das heifst feelenlos- antikifirend, fondern individuell- charakteriftifch waren, dafs man im Antlitz, dem Spiegel der Seele, auch Reflexe von Empfindungen wahrnahm, die, wenn auch nicht der Ausdruck bedeutungsvoller, tieffinniger Ideen waren, immerhin aber das Vorhandenfein eines Gefühlslebens zur Erfcheinung brachten. Es ift nicht abfolut nothwendig, dafs die Plaftik ihre Vorwürfe von der Strafse und aus der Kinderftube hole, man ahme darin nicht die Italiener nach; Gefühlsleben, was vor Allem die Welt heute in der Kunft fucht, begegnet auch in Geftalten höheren Ranges, deren Verkörperung der Würde der Plaftik angemeffen ift, aber man verfuche, Seelen in der Weife durch die Form wiederzugeben, wie die Italiener ihre meift harmlofen Gedanken zum Ausdrucke zu bringen fuchen, in der Wahrheit, die in der greifbaren Form, wie in den abftracten Regionen des philofophifchen Denkens nur vom Realen, der Natur ausgehen kann. Gerade das Volk der Denker, die Deutfchen, follten den Hauptzug ihres nationalen Charakters, das Ausprägen des Geiftig. Individuellen am Wenigften in der Maske des griechifchen Gefichtes verläugnen und in der Ohnmacht eines immerhin bewunderten Zeitalters deffen Gröfse nachahmen wollen. Das Erhabene foll nicht auf Koften der Wahrheit erftrebt werden; es wird kein Vorwurf dem Kunftwerke fein, wenn es in der Wahrheit reizt: das Edle braucht nicht verloren zu gehen, wenn das Weib in feiner Weiblichkeit dargeftellt wird und die Former die Täufchung der platonifchen Liebe bewahren; darin beruhe ja gerade der Stolz der Kunft, im Sittlichen der Welt Gleichniffe der Vollendung vorzulegen. die fie in ihrem organifchen Leben nur durch die Gefetze der Moral erftreben kann. Die Kunft fei aber nicht blos ein Spiegel der phyfifchen Erfcheinungen: ihre weitaus höhere Aufgabe liegt in dem Reflectiren des Seelenlebens; fie greife in den Formen weder über die phyfifchen Gefetze der Natur hinaus, noch fuche fie in einem trockenen Idealismus dem Leben läuternde Bilder vorzulegen, die dem heutigen Empfinden mehr weniger unverftändlich find. Nur auf diefem 8 Jofef Langl. Wege kann die Plaſtik in der gegenwärtigen Weltftrömung zu den Tiiumphen gelangen, die ihren fchmiegfameren Schwefterkünften bis jetzt viel näher lagen. - Die deutfche Sculptur. Es mufste jeden Freund der Kunft befremden, dafs die deutfche Sculptur auf der Wiener Weltausftellung fo lückenhaft, ja man könnte den Franzofen gegenüber fagen armfelig vertreten war. Die meiften Namen von gutem Klange fehlten, und was von anderen zur Ausstellung kam, gehörte vielfach gerade zu den fchwächeren Arbeiten der Meifter; nebenbei dann viel Schülerhaftes, Unreifes- was im Ganzen genommen keineswegs geeignet war, einen günftigen Gefammteindruck hervorzubringen. Es ift zwar in letzterer Zeit in allen deutfchen Staaten an bedeutenderen Aufträgen eine fühlbare Ebbe eingetreten; Monumentales ift in der jüngften Epoche nicht viel auf deutfchem Boden entftanden, dafs die bevorzugten Talente befchäftigt worden wären; aber gerade diefer Paufe wegen hätte man erwarten follen, dafs auf der erften Weltausftellung in einer deutfchen Stadt zum Mindeften Entwürfe oder Modelle in reicherem Mafse vertreten gewefen wären. Verlangen doch die Thaten der Nation aus der jüngften Vergangenheit fo manches Erinnerungszeichen für künftige Gefchlechter, zu deren Ausführung die Plaftik wohl in erfter Linie berufen ift. Wo blieben doch die Entwürfe zum Denkmale auf dem Niederwalde? Soll die Siegesfäule in Berlin die einzige künftlerifche That in Folge des franzöfifchen Krieges fein? Und warum wird doch das Feld der Idealplaftik, worin die Franzofen und Italiener fo fruchtbar find, fo fpärlich, ja geradezu ängftlich bebaut?- Mannigfache Urfachen treffen wohl hier zufammen. Die deutfchen Plaftiker ftecken gröfstentheils noch zu tief in der antiken Stilifirung, ihre Arbeiten find zu fehr von der akademifchen Kälte umweht, als dafs das Publicum davon angezogen würde; das Streben, antike Hoheit ganz modernen Sujets zu verleihen, hatte jene Hohlheit und Nüchternheit in der Form zur Folge, die ganz richtig mit ,, akademifch" bezeichnet wird; denn gerade die Akademien und unfere gröfseren Kunftfchulen waren und find zum Theil noch der Sitz der Traditionen, an denen mit unverrückter Confequenz feftgehalten wird, und in welchen oft die entwicklungsreichften Talente durch die Erziehung nach der hergebrachten Schablone verflachen. Ein weiterer Grund, dafs die Plaftik bei den Deutfchen in geringerem Maſse dem Volke gegeben ift, als bei den Franzofen und Italienern, ift ihr vornehmes Verfchliefsen der Induftrie gegenüber. Erft in den letzten Jahren wird eine Verbrüderung der Kunft mit dem Kunfthandwerke in den deutfchen Kunftſchulen wieder angeftrebt, was gewifs beiden Theilen nur zum Vortheile fein wird. Dann mangelte aber bisher zum tieferen Verftändnifs der Kunft überhaupt in allen unferen gelehrten Schulen jedweder geregelte Kunftunterricht und beginnt fich's erft in allerjüngfter Zeit zu regen, lange Verfäumtes in diefem Punkte der allgemeinen Volksbildung nachzutragen. Wenige Werke der deutfchen Sculptur auf der Ausftellung waren von fo chlagendem Effecte und künftlerifcher Bedeutung, dafs fie auf ein nachhaltiges Echo in der Erinnerung des Publicums Anfpruch machen könnten; in Folgendem wollen wir das Hervorragendfte in kurzer Befprechung berühren. Von monumentalen Werken ift hier wohl Adolph Breymann's( Dresden) Statue Heinrich's des Löwen"( nördlicher Hof der Rotunde) voranzufetzen. Die edle, würdevolle Auffaffung, der íchöne natürliche Flufs der Linien und vor Allem der harmonifche Aufbau des kleinen Denkmales, das Uebereinftimmen der tektonifchen Formen des Piedeftals mit der Figur machten auf den Befchauer den angenehmften, befriedigendften Eindruck; als weit weniger anfprechend mufs das koloffale Denkmal„ Maximilian's II." von Zumbufch bezeichnet werden.( Hinter der Rotunde.) Wohl mag die äufserft unruhige Umgebung dem Gefammteindrucke mit gefchadet haben; der Hauptfehler an dem im Einzelnen gewifs lobenswerth Die Sculptur. 9 - gearbeiteten Werke beruht aber zunächft fchon im Aufbau des Ganzen und dann in der für monumentale Objecte immerhin gefährlichen Zufammenftellung allegorifcher Figuren mit einem realen Hauptmotiv:„ Ich will Frieden haben mit meinem Volke!" Wenn wir in Coftüm und Porträt einen Mann erkennen, der leibhaftig mit uns gelebt hat und den wir in diefem Bilde ehren, wer berechtigt da vier koloffale, uns ganz fremd erfcheinende Geftalten am Fufse des Piedeftals, blos um der guten Eigenfchaften des Gefeierten willen die Aufmerkfamkeit von deffen Bilde abzulenken? Wenn Symbolik an einem Monumente eine Rolle spielen foll, fo hat fie fich doch vor Allem dem Hauptobjecte unterzuordnen; en relief feien die Noten unter'm Strich, die das Dargeftellte weiter commentiren, nur nicht in dominirender Vollplaftik, wie es in neueren Entwürfen überhaupt wieder beliebt zu werden fcheint. " Anders verhält es fich wohl, wenn das Denkmal zum Ausdrucke umfaffender Ideen, zur Verkörperung des Abftracten dienen foll; da wird das Ganze zum Symbol der Begriffe und die Gliederung im Tektonifchen wird in der Definition des Grundgedankens fich dem geiftigen Zuſammenhange nach zu entfalten haben. M. Wagmüller( München) hat mit feinem Entwurfe zu einem deutfchen Nationaldenkmale( Kunfthalle) in diefer Art ein ganz geniales Werk geliefert; trotz der freien und flüchtigen Behandlung war die Skizze von der grofsartigften Wirkung; auch der Entwurf zu einem monumentalen Brunnen" zeigte von dem Talente des Künftlers in Bezug auf das harmonifche, effectvolle Aufbauen des Ganzen, wenn hiebei auch die etwas zu malerifche Behandlung der Formen fchon an das ,, Barocke" erinnerte. Wie edel Wagmüller übrigens feine Arbeiten auch zu vollenden weifs, bezeugte feine reizvolle Broncegruppe ,, Das Mädchen mit der Eidechfe" und feine Marmorgruppe„ Mädchen mit dem Kinde fpielend". Durch beide Arbeiten ftreift ein zarter, humorvoller Zug, der mit feelenvollem Empfinden in der delicateften Formenbehandlung feinen lebendigen Ausdruck findet; dabei ift aber keineswegs in der Darstellung die Grenze des Plaftifchen überfchritten. Der Hauptrepräfentant der realiftifchen Plaftik, Reinhold Begas, war mit vier Werken vertreten( Kunfthalle), unter welchen eine Copie( in Bronce) feiner bekannten Gruppe" Venus, Amor tröftend" als das befte zu bezeichnen war. Der kleine zürnende Schelm, der gegen alle akademifche Regel feinem Unmuthe fo lebendig in der Geberde Ausdruck gibt, hat zur Zeit die Stiliften in nicht geringe Beftürzung verfetzt; die tröftende Venus, da fie als„ Weib" dargestellt war, wurde ebenfo gefcholten, als ihr ungezogenes Söhnlein die Welt fand aber unbehindert Gefallen an dem Werke, in welchem die gewöhnten ftrengen Mythengeftalten auch einmal mit Fleiſch und Blut, mit Seelen und Empfindungen dargestellt waren. Der Olymp, welchen Begas uns in feiner Plaftik vorführt, ift freilich nicht der der Griechen: er läfst die Götter in einer der Zeit entfprechenden Incarnation erfcheinen und benützt fie zum Ausdrucke feiner künftlerifchen Ideen. Wir werden von Begas nicht verlangen, dafs er tragifche Charaktere aus den Mythen herbeizieht; aber die naiven, anmuthigen Elemente werden in ihm ftets den talentvollften Ueberfetzer finden. In feinem„ Mercur"( Wefteingang der Kunfthalle) und einem kleineren Brunnenfigürchen ift es auffallend, wie Begas jeder hergebrachten akademifchen Actſtellung abfichtlich aus dem Wege geht und in die Bewegung neue Motive zu legen fucht. Des Künftlers Marmorfigur ,, Badendes Mädchen" war leider im Centralfaale vor Piloty's Bild aufgeftellt, wo fie vom Publicum geradezu erdrückt wurde. Das anmuthige Werk war von früheren Ausstellungen her bekannt und beftätigte in allen Theilen nur wieder die bekannten Vorzüge des Meifters. : Von feinen Nachfolgern hat M. Otto( Berlin) mit feiner Gruppe, Faun und Nymphe"( füdlicher Eingang) einen ganz glücklichen Wurf gethan. Der ftruppige Waldgott hat das zarte Wefen umklammert, ihm einen Kufs zu rauben; mit Energie aber wehrt fich die arme Bedrängte und nimmt keinen Anftand, dem Zudringlichen felbft etwas unzart in den Bart zu fahren Der natürliche Flufs der Linien, fowie der leichte realiftifche Vortrag im, anatomifchen Relief machte die 10 Jofef Langl Gruppe zu dem Anziehendften in der deutfchen Kunftabtheilung. Als Pendant ftand( am Südeingange der Kunfthalle), Delila's Triumph" von C. Daufch( derzeit in Rom). Die Idee mufs freilich als eine etwas gewagte bezeichnet werden, den fchlafenden Simfon fitzend darzuftellen und Delila mit der Scheere ihm auf den Schoofs zu poftiren; der Künftler konnte dem Vorwurf auch keine weiteren Reize abgewinnen und legte das Hauptgewicht auf das Arrangement und die Durchbildung der Form, was ihm auch trefflich gelungen ift. Befonders ift der Geftalt der Delila in diefer Beziehung das Schönfte nachzufagen; die Erfcheinung war für ihre Bezeichnung nur zu würdevoll, zu nobel; die Durchführung im Detail bei allem Realismus edel und exact. In ftrenger Naturwahrheit, wenn auch in gemeffeneren Grenzen als bei den genannten Meiftern, bewegt fich auch Jof. Kopf( Stuttgart) in feinen Werken, deren eine reiche Anzahl auf der Ausftellung erfchienen war. Wenigen Künftlern der Gegenwart mögen fo viele Steine auf ihrer Laufbahn begegnet fein, als J. Kopf ( geboren zu Umbingen in Württemberg); mit wahrhaft bewunderungswürdiger Energie aber bekämpfte er alle Hinderniffe und zählt heute zu den beften deutfchen Bildnern. Seine Hauptwerke befinden fich alle in feinem Vaterlande und wären darunter vorzugsweife die gediegenen Porträte des württembergifchen Hofes hervorzuheben. Auf der Ausftellung waren feine„ badenden Knaben"( Marmor, in der Kunfthalle) das Gelungenfte in zarter, anmuthvoller Auffaffung und vollendeter Durchführung. Der ältere, der feinen jüngeren Bruder auf den Schultern trägt, ift foeben im Begriffe, mit dem fchüchtern vorgeftreckten Fufse ins Waffer zu fteigen, worüber der Kleine in nicht geringe Angft geräth und mit halb weinendem Gefichte fich an Hals und Kopf klammert. - So genrehaft der Vorwurf an und für fich ift, erhob der Künftler durch die feinen pfychologiſchen Reize und die eminente Behandlung der Form dennoch die Gruppe zu einem plaftifch abgefchloffenen Ganzen. Auch feine„ Pietas"( Südeingang der Kunsthalle) hatte grofse Vorzüge, und war daran befonders die Geftalt des Chriftus mit edler Empfindung und feinem anatomifchen Verftändniffe durchgeführt. Wie wohlthuend es doch ift, den Geftalten des chriftlichen Cultus hie und da in der Kunft als Mitmenfchen- was fie ja in der That waren zu begegnen, in ihren Köpfen Gemüth und Empfinden zu lefen und in ihren Leibern das lebensfähige Schöpfungsideal zu erkennen! Dafs die moderne Kunft fich wieder von der Antike aus entwickelte, war der fpecififch religiöfen Kunft wohl keineswegs vom Vortheile. Das Volksthümliche in der chriftlichen Kunft verfchwand fchon während der Barockzeit; die hohlen, trockenen Geftalten wurden leerer Zierrath der Altäre, Ornamente der Kirche; tiefere Geltung hatten fie im Kreife der Gläubigen nicht mehr. Die neuere Kunft ging aber, wie gefagt, nicht direct zur Natur zurück, fondern knüpfte bei der Philofophenzeit der Kunft der Griechen an; philofophirende Elemente bemächtigten fich auch zunächft der religiöfen Kunft, und die fogenannten ,, Nazarener" illuftrirten den katholifchen Cult nun vom kritifchen Standpunkte und fuchten damit weniger auf das Gemüth der Gläubigen zu wirken, als den modernen theologiſchen Ideen Befriedigung zu verfchaffen. Die Typen, die in der Renaiffance fich entwickelt hatten, wurden zwar aufgenommen, blieben aber für die Welt ftumm, und wenn die bildende Kunft auf der Weltausftellung 1873 als Reflex der Zeit angefehen werden kann, fo find der Jetztwelt die griechifchen Götter wieder näher als die Geftalten des Chriftenthums; unter den gefammten nahe an taufend plaftifchen Werken waren drei Chriftusftatuen und davon kam eine auf Deutfchland, die wir eben erwähnten, während der Götterftaat des Olymps noch in allen Variationen feine Verkörperung findet. Das ftarre Fefthalten an der von der Antike herübergenommenen ftilifirten Formgebung, das völlige Verzichtleiften auf alles Vergängliche, Irdifche und leider nur zu oft auch auf gefundes Naturftudium- mufste der religiöfen Kunft ihren heutigen Stand bedingen - Die Sculptur. 11 Erwähnen wir noch achtungsvoll Kopf's" Amor und Pfyche"( Marmorgruppe, Kunfthalle) und bleiben am Südeingange, wo wir noch M. Schulz's ( Berlin) Gypsgruppe„ die Nacht als Charitas" finden. In dem Schoofse der fitzenden weiblichen Geftalt fchlummern zwei allerliebfte Knäblein, gefchützt von dem Mantel der Ruhefpenderin; der Eindruck der Gruppe war ein durchwegs edler und mufste nur wieder bedauert werden dafs für fie kein ruhigeres, ftimmungsvolleres Plätzchen gefunden wurde. Voll Anmuth und Leben waren Ferdinand Miller's jun.( München) ,, Indianerbube"( Kunfthalle) und W. Engelhardt's( Hannover) ,, Schleuderer". Letztgenannte Gruppe, deren Original in der Kunftfammlung zu Darmſtadt fich befindet, gehört zu den Perlen unter des Meifters Werken und ift durch die Vervielfältigung wohl allenthalben bekannt. F. Miller's Figuren für einen Brunnen in Cincinnati find fchön; bewegt und originell erfunden, nur etwas roh in der Ausführung. A. Donndorf( Dresden) hatte das Modell des Reiter- Standbildes des Grofsherzogs Carl Auguft von Weimar( in Gyps, Südeingang der Kunfthalle) ausgeftellt, welches, edel aufgefafst, fich in hübfchen Linien aufbaute; das Werk war jedoch zwifchen den zwei Pfeilern fo unglücklich placirt, dafs es zu keiner Geltung gelangen konnte. Donndorf( ein Schüler Rietfchel's) hat jüngft bei der Concurrenz um die Ausführung des Corneliusdenkmals( in Düffeldorf) den Sieg errungen und auch diefs Werk bereits übernommen. Was von den deutfchen Bildhauer- Profefforen, das heifst von den Meiftern. die zugleich an Kunftfchulen als Lehrer thätig find, ausgeftellt war, gibt wenig Anlafs zu kritifchen Erörterungen über die Tendenzen der deutfchen Plaſtik. Sie waren fammt und fonders nur noth dürftig vertreten; zumeift mit älteren bekannten Werken. Friedrich Drake( Berlin) hatte neben einigen kleineren Objecten die Statue feines Meifters" Ch. Rauch" ausgeftellt( Wefteingang); ein Werk voll edler, würdevoller Auffaffung, welches neben den franzöfifchen Bronce und Marmorarbeiten im fchlichten Gypsabgufs in der Ausftattung wohl etwas armfelig ausfah; defsgleichen ging G. Kaubert's( Frankfurt) Eva" ( nebenan) durch das nüchterne Material und die zerftreute Beleuchtung verloren. Die Figur mit dem obligaten Apfel und der Schlange am Baumftamme bot auch kein befonders neues Motiv; defsgleichen konnte den anderen Arbeiten des fonft verdienftvollen Meifters kein weiteres Intereffe abgewonnen werden. Kaubert's fchönfte weibliche Geftalt bleibt denn doch immer feine„ Loreley." " Auguft Wittig's( Düffeldorf)„ Hagar und Ismael"( Marmor, Mittelfaal) war wohl in der Form und vorzüglich in den nackten Theilen mit viel Empfindung durchgebildet, liefs aber im Ganzen kühl; dasfelbe gilt auch für M. Widemann's( München) jugendlichen ,, Hermes"( Marmor, Kunfthalle), der immerhin anmuthig bewegt war, aber eigentliches Leben vermiffen liefs. In ähnlich ftilifirter Manier hielten fich die Arbeiten Emil Wolff's( Rom), von denen eine„ Judith" ( Marmor, Mittelfaal) ganz hübfche Einzelmotive befafs, die leider nur wieder durch das zu forgfältige akademifche Arrangement der Lebendigkeit der Figur Eintrag thaten. Des Künftlers„ trauernde Pfyche"( Kunfthalle) erinnerte in ihren glatten, eleganten Formen an die befte Zeit Canova's. Weit Lebensvolleres begegnete uns in Albert Wollf's( Berlin) neueften Arbeiten, die in den Seitennifchen des Hauptportales der Rotunde aufgeftellt waren, nämlich die Statuen der Juftitia" und der„ Kunft und Induftrie"( Bronce) für das Piedeftal des Monu mentes König Friedrich Wilhelm's III. im Luftgarten zu Berlin. Befonders letztere Gruppe imponirte durch grofsartige Auffaffung und virtuofe technifche Vollendung. Als ganz fchöner Gedanke ift B. A finger's Marmor Grabmal( Hochrelief, Südeingang der Kunfthalle) zu bezeichnen. Eine edle Frauengeftalt fchreitet aus der Pforte der Gruft die Stufen hinab und blickt bedeutungsvoll in die Ferne. Die tektonifche Einrahmung der Figur verlangte wohl eine ftilvollere Behandlung der Formen, was dem Künftler befonders in der Draperie meifterhaft gelungen 12 Jofef Langl. ift, ohne in die nüchternen, akademifchen Alltagsmotive verfallen zu fein. A finger ift einer der wenigen deutſchen Bildner, die noch mit Vorliebe religiöfe Motive zur Darftellung wählen; feitdem Mayer's Kunftanftalt in München( ausgeftellt im nördlichen Hofe der Induſtrie- Abtheilung) die Kirchen fo billig mit Heiligen verforgt, hat denn freilich die eigentliche chriftliche Plaftik einen fchweren Stand, und ift es kein Wunder, wenn die begabteften Künftler, wie beifpielsweife Knabl, fchon Jahre lang faft unbefchäftigt find. Was noch von deutfcher Sculptur ausgeftellt war, gehörte zum gröfseren Theil dem Minderbedeutenden an und bewegte fich ausfchliefslich in der ftilifirenden Richtung E. Andrefen's" Genius des Ruhmes"( Marmor, Kunfthof) und C. Schlüter's" Germane"( Wefteingang der Kunfthalle) erhoben fich nicht viel über die akademifche Actftudie; H. Schubert's Gypsgruppe" Jakob ringt mit dem Engel"( Wefteingang der Kunsthalle) mufste neben den gediegenen franzöfifchen Arbeiten doppelt fchwerfällig erfcheinen; fein jugendlicher„ Faun" war ebenfo langweilig in der Form, wie C. Steinhäufer's ,, Ophelia", die„ Loreley" von Vofs,„ die Spinnerin" von Gerhardt u. A. m. Dafs das mechanifche Copiren der Antike noch immer einem gründlichen anatomifchen Studium vielfach von Seite der Bildhauer vorgezogen wird, ift leider die Haupturfache, dafs den Formen meift das Leben mangelt und unfere Plaftik das Publicum kalt läfst. Die Anatomie fpielt an unferen Kunftfchulen noch immer eine zu ifolirte Rolle und greift diefe hochwichtige Disciplin felten direct in das Naturftudium felbft ein. So lange die Profefforen der Anatomie nicht felbft ausübende Künftler und die Lehrer im Actfaale find, wird fich im Allgemeinen der Realismus noch immer auf fchwankendem Boden bewegen. Hie und da wird wohl ein Genie fich den Traditionen entwinden und fich in den Lehrjahren feine individuelle Anfchauung nicht erfticken laffen; wie Wenigen gelingt aber diefes? Die Antike fpielt in unferen Kunftfchulen( in der Plaftik) noch eine zu dominirende Rolle, die Anatomie gibt nicht viel mehr, als die fchematifche Topographie der Formen; auf das Pfychologiſch- Anatomifche, was freilich auch nicht an Modellen, am allerwenigften aber an der Antike ftudirt werden kann, fondern aus dem Leben felbft geholt werden mufs, dahin erftrecken fich nirgends noch die Vorlefungen. Es fei ferne, damit ausfprechen zu wollen, dafs etwa das gefammte Seelenleben des Menfchen in feinen Reflexen philofophifch analifirt werden. folle; dafs Lachen und Weinen, Hafs und Neid etc. nach gewiffen Recepten in der Kunft dargestellt werden foll oder die unbewussten Erfcheinungen nach irgend welchen Gefetzen zu regeln feien aber auf die Mittel zu den Erfcheinungen, alfo auf das Eingehen in die Urfachen der Erfcheinungen follte mehr Werth gelegt und die Formentopographie von vorne weg in diefem Sinne behandelt werden. Harlefs hat in feinem Werke einen kühnen Verfuch gethan, als Anatom den lebenden Menfchen zu zergliedern; Duchenne hat in intereffanter Weife die„ Symbolik der Mienen", die Räthfel des menfchlichen Antlitzes, zu enthüllen gefucht: aber noch immer fehlt den Künftlern ein fchlagfertiger Führer im Actfaal, wo bisher gröfstentheils nur die Empirie das Auge für die Beobachtung der Natur und des Lebens erzog. 99 Für das Studium der Formentopographie der menfchlichen Geftalt ift von dem talentvollen Bildhauer Ch. Roth( München) aus der Ausftellung noch deffen anatomifche Figur"( Athlet) zu erwähnen, die äufserft lebendig aufgefafst, in correcter Weife das Spiel der Muskeln in ihrer Thätigkeit zeigt. Der Berichterftatter kann für die Leiftungen Ch. Roth's auf dem Gebiete der Künftleranatomie hier nur das Lob wiederholen, das er an anderer Stelle fchon einmal ausgefprochen. * Zu vergleichen in Lützow's ,, Zeitfchrift für bildende Kunft" Nr. 35, 1873. ,, Zur plaftichen Anatomie". Die Sculptur. 13 Die öfterreichische Sculptur. Der Donauftadt hat nie eine befondere Glanzepoche in der Sculptur geblüht; keine Namen von Weltruf haben Werkstätten in ihren Mauern aufgefchlagen, die Kunft hat hier von jeher in befcheidenen Sphären dahingelebt, und wenn wir einen Blick auf das Centralinftitut für die Künfte, auf die Akademie werfen, fo finden wir auch dort von feiner Gründung an bis in die jüngften Tage eine Befcheidenheit im Schaffen und Wirken, dafs die Gefammtthätigkeit des Inftitutes nichtsweniger denn als eine mit dem Volke und der Welt correfpondirende bezeichnet werden mufs. Vorübergehend hatte wohi die Malerei Dämmerungen eines regeren Lebens: Füger's Name hatte zur Zeit guten Klang; Führich ift in feinem Genre hoch gefchätzt; Rahl malte wohl nicht fürs Volk und ging in Form und Farbe zuweilen über das Schöne hinaus, leiftete aber als denkender Maler Vorzügliches; Geiger war als Lehrer und Künftler eminent; Steinfeld und vor Allen Zimmermann brachten die Wiener Landfchaftsfchule zu Ehren doch die Plaftik? Ihre Gefchichte bietet am allerwenigften Intereffantes, wenig des Bedeutungsvollen. Nie hat fie fich von der Antike getrennt, nie einen Anlauf genommen, auf feinere Darftellung einzugehen, und felbft als die Naturmodelle eingeführt und ganz treffliche Acte modellirt wurden, blieb den felbftftändigen Compofitionen der Realismus fremd, da kein Empfinden für complicirtere Affecte oder Effecte überhaupt vorhanden war. Von den älteren Meiftern Fifcher und Zauner abgefehen, erhoben fich auch Käsmann und Schaller zu keiner befonderen Selbftftändigkeit und blieben in ihren Formen halb Schwanthaler, halb Canova; fo pompös fie auch manche ihrer Gruppen aufbauten, mehr als das techniſche Gefchick bewundern wir in ihnen nicht. - Klieber war der Gefchäftsmann par excellence, und feine Arbeiten find decorativ mitunter Meifterftücke; höhere künftlerifche Weihe befitzen fie mit wenig Ausnahmen nur in befcheidenem Mafse. Aus Klieber's Atelier ging Fr. Bauer hervor. Das Jahr 1848 warf für die Kunft feine dunklen Schatten bis weit in die fünfziger Jahre herein; erft zu Ende derfelben, als durch läuternde politifche Ereigniffe für Künfte und Wiffenfchaften die Epoche der Gegenwart fich vorzubereiten begann, als das alte Wien feine Mauern abfchüttelte und fich nach allen Richtungen dem Fortfchritte die Bahnen geöffnet, wurde es in den Ateliers wieder lebendiger, und fuhr der Geift der Arbeit wieder in die Werkstätten der Kunft. Vor Allem gab es in der Architektur reiche Befchäftigung; es fehlte auch nicht an talentirten jungen Kräften in den Schulen, da praktifch active Profefforen da waren, die anzuregen und zu begeiſtern wufsten. Wer die Ringftrafse heute durchwandert, wird anerkennen müffen, dafs die letzten Decennien hier in der Architektur entwicklungsreicher waren als früher Jahrhunderte. Die Architekturfchule ift aber nicht nur der Localität, fondern auch den Fortfchritten nach als getrennt von der Malerei und Plaftik in der Akademie zu betrachten. Nur die Landfchaftsfchule erhob fich, wie bereits erwähnt, unter Alb. Zimmermann in einer bedeutenden Anzahl talentvoller Schüler, und glänzt die öfterreichische Landfchaftsmalerei gegenwärtig hauptfächlich in Namen aus jener Epoche. Doch war diefem genialen Meifler und Lehrer kein langes Wirken an dem Inftitute befchieden, wie leider auch Rahl zu früh feinem Schülerkreife freilich für immer entriffen wurde. - Das Schaffen erlahmte, da Niemand anregte, und die Hiftorienmalerei fchlummerte fanft neben der Plaftik, fowie es auch in der Schule Führich's an " gefunden" Schülern mangelte. 14 - Jofef Langl. Bauer, dem die moderne Welt fo zuwider war, wie der modernen Welt die akademifche Plaftik, konnte auf feine Schüler keinen bedeutfamen Einfluss üben, da er als fleifsiger Lehrer fei er hoch gefchätzt als Künftler nicht jenes univerfelle Terrain beherrschte, welches einem Lehrenden gegeben fein mufs. Darüber find wohl die Kunftpädagogen einig, dafs nicht der Schüler in dem Lehrer, fondern der Lehrer in dem Schüler aufgehen muſs und feine Individua lität fich der Individualität des Schülers gegenüber rein objectiv zu verhalten hat. Man kann den fechsjährigen Knaben zur Lautirung des A B- C zwingen, aber den gereiften Jünglingen Vorurtheile octroyiren, hiefse den Vogel fliegen lehren wollen, indem man ihm die Flügel ftutzt. Die Schule Bauer's erzog Decorations- Bildhauer, die für die Neubauten Wiens( und bei den Weltausftellungs Gebäuden ward es neuerdings beftätigt) trefflich den Architekten unterftützten; freie Künftlerbahnen eröffnete fie nicht. Wenn Einzelne anderwärts( meift in Dresden) fich weitere Ausbildung verfchafften, war wohl meift der erfte Trieb fchon erlahmt, und das Vorurtheil gegen allen Realismus tief genug gewurzelt, um fie nur als elegantere Stiliften in die Heimath zurückkehren zu laffen. - - - Es wäre für die gegenwärtige Wiener Plaftik höchft charakterifirend, einige Epifoden hier anzuführen, die der Schreiber diefes in feinen Lehrjahren felbft miterlebte, die das Gefagte näher illuftrirten; doch geftattet es hier weder der gemeffene Raum noch der Titel diefer Abhandlung. So mancher Stern, in deffen Lichte fich freilich Wenige erwärmten, ift gefunken, und bald werden die neuen Räume der Akademie der bildenden Künfte hoffen wir es auch von einem neuen Geifte bezogen werden, und ift es nur zu wünſchen, dafs mit den neu herangezogenen Kräften neues Leben in die Plaftik kommt und die Staatsunterſtützungen ferner beffere Früchte tragen als in der Vergangenheit. Dem Streben nach höheren Zielen, fei es in was immer für einem Fach, fobald es in focialen, Wettkämpfen gepflegt werden foll, fchadet nichts fo fehr als das Gefpenft der Protection; wo es mit feinem Gifthauch fich einfchleicht, da ift oft weniger die That an und für fich das Bedauernswerthe, als der Reflex diefer That, in welchem das Vertrauen welkt und das edelfte der Gefühle, das des Rechtes, fchwankend wird. - Dafs unter den obwaltenden Verhältniffen die Wiener Bildhauerfchule keine Talente anzog und die Intelligenz in ihrem Kreife eher fank als fich erhob, wird als natürlich erfcheinen. Die Begabteren, mit welchen fich leider auch meift Befcheidenheit paarte, mufsten verflachen wegen Mangels an reelkünftlerifcher Befchäftigung; die anderen konnten fich trotz Befchäftigung nicht über das Niveau des Handwerksmäfsigen erheben, und fo repräfentirte fich die Wiener Plastik auf der Weltausftellung denn hauptfächlich in Objecten, die man( mit wenig Ausnahmen) als Mittelgut zu bezeichnen pflegt. Manches von den Entwürfen und kleineren Modellen der Idealplaftik zeigte jedoch, dafs es unferem Vaterlande nicht etwa an Talenten mangle, auch die höchften Ziele der Kunft zu erftreben, dafs wir für die moderne Strömung die begabteften Vertreter hätten und nur der richtige Mann an die Spitze gehört, die alten Traditionen abzufchütteln und die Elemente des Zeitgeiftes in das Schaffen einzuführen. Erwähnen wir zu allererft Kundtmann's Gruppe„ Der barmherzige Samariter" als entfchieden edelftes Werk, welches die öfterreichiſche Plaftik aufzuweifen hatte; dasfelbe hatte Kundtmann fchon in den fünfziger Jahren bei Hähnel in Dresden gearbeitet und gab es bei der grofsen akademifchen Ausstellung im St. Annahaufe zur Zeit neben Begas' Gruppen zwifchen Stiliften und Realiften zu heftigen Disputen Anlafs. Der natürlich fchöne Aufbau der Gruppe, die correcte, im Nackten eher naturaliftifch als antikifirend durchgeführte Modulation des Details find Vorzüge, die fich felten in folcher Vollendung wiederfinden. Befäfse Paris feit fünfzehn Jahren ein folches Modell von einem feiner Künftler, wir wären ihm ficher auf der Weltausstellung mit der Devife„ appartient à l'état" in Marmor begegnet. Kundtmann ift gegenwärtig als Nachfolger Bauer's Profeffor Die Sculptur. 15 an der Wiener Akademie und gehört weitaus nicht zu jenen ftrengen, gegen die Natur unbarmherzigen Stiliften der deutfchen Schulen; feine neueren Werke belebt gerade im Fleifche ein ausgefprochener Realismus, der in der edlen Auffaffung wohl die Antike zum Vorbilde nimmt, darunter aber das Leben der Natur nicht vergibt. Seine zwei ausgeftellten Reliefs ,, ein Centaur, wie er einen Knaben Flöte blafen lehrt" und eine Centaurin, ein Mädchen tanzen lehrend", mögen als Beftätigung des Ausgefagten dienen; auch fein reizend componirter ,, Bacchuszug" fchliefst fich diefen Tendenzen an. ,, C. Zumbufch war in der öfterreichifchen Plaftik nur mit einigen Por träten vertreten, darunter das des Grafen von Moltke( in Medaillonform) von trefflicher Wirkung. Von gröfseren Reliefcompofitionen war D. Werner's" Jagdauszug" wohl das Befte unter dem Ausgeftellten. Werner ift zwar ein Hannoveraner, hat jedoch feine Thätigkeit nach Wien verlegt, fo dafs die Befprechung feines Werkes hier gerechtfertigt erfcheinen wird. Der lange Fries war auch, was bekanntlich wenigen Objecten der Plaftik auf der Ausftellung zu Theil wurde, trefflich beleuchtet ( durch Oberlicht im kleinen Eckfaale der Kunfthalle). Der figurenreiche malerische Zug war in fchön abgewogene Gruppen gegliedert, die jedoch unter fich in lebensvoller, dramatifcher Beziehung ftanden. Zeichnung und Vortrag( im griechifchen Relieffchnitt) waren von mufterhafter Vollendung. " ን In der Detailausführung konnten fich wohl J. Rössner's Reliefs mit diefer Arbeit meffen, fo befonders, wie Gretchen das Orakel fragt"; nur zwängte fich in der Compofition Manches ,, ins Relief", was den natürlichen Flufs der Linien beeinträchtigte. Von monumentaler Plaftik und der Idealplaftik im grofsen Stile waren nur Entwürfe und Modelle in Gyps ausgeftellt. V. Pilz ift gegenwärtig für ernftere, gröfsere Aufgaben wohl der begabtefte unter den Plaſtikern. Leider ift von feinen bedeutenderen Entwürfen bisher nichts zur Ausführung gekommen. Seine Skizze des Schwarzenberg- Reiterftandbildes, welches fchon zur Zeit der erften Concurrenz im Zauner'fchen Atelier als der gelungenfte unter den damals eingelaufenen Entwürfen bezeichnet wurde, ift es wohl trotz des Hähnel'fchen Werkes für ein Monument noch immer geblieben. In den anderen ausgeftellten Arbeiten, dem ,, Auftriamonumente"," Goethe und feine Zeit", Kaifer Max" etc. documentirte der Künftler überall feine vollfte Herrfchaft über die Maffen und bezeugte, dafs er oft dem complicirteften Motive die Tektonik des Ganzen anzuordnen verfteht. Als gewagt mufs nur die Idee mit den koloffalen allegorifchen Figuren an den Stufen des Piedestals bezeichnet. werden; fie würden bei der Ausführung im Grofsen den Effect des Hauptgegenftandes, der doch über Alles dominiren foll, gewifs im hohen Grade beein trächtigen. Weniger im Grofsartigen und Effectvollen, dafür aber mit feinerem Gefühle für Linienfchönheit und anmuthvolle Würde begegnet A. Wagner in feinen Entwürfen. Wie zart der Künftler Formen zu behandeln weifs, davon gibt wohl fein reizendes Gänfemädchen auf dem Brunnen der Brandstätte genugfam Zeugnifs; wie er Charaktere aufzufaffen verfteht- fein für das Künftlerhaus beſtimmter " Michel Angelo". Die verfchiedenen Entwürfe zu Denkmalen( Schiller, Goethe, Tegethoff) gehörten zu den vorzüglichften Arbeiten der Ausstellung. Wir fchliefsen hier die Leiftungen Pöninger's an, unter denen das edel aufgefafste und bis ins Detail forgfältig durchgeführte Reiterbildnifs des Herzogs Carl Wilhelm von Braunfchweig als das gelungenfte Werk zu bezeichnen ift. Pöninger war lange Zeit in Fernkorn's Atelier thätig und nachmals alleiniger Leiter der k. k. Erzgiefserei und ift fchon manches treffliche Werk aus feinen Händen hervorgegangen. 8 16 Jofef Langl. Von den jüngeren Künftlern ift wohl E. Hellmer einer der talent- und hoffnungsvollften. In der Auffaffung bewahrt er den Ernft der Antike und in den Formen die ftrenge Individualität der Natur. Schon fein verwundeter Achill", die erfte Leiftung, mit welcher der Künftler vor die Oeffentlichkeit trat, erntete reichen Beifall, der auch feinen folgenden Arbeiten nicht vorenthalten blieb. In feiner ( ausgeftellten)„ Andromeda" hielt er fich im Ganzen wohl mehr an die antiken Vorbilder; lebensvoller in Compofition und Form war dagegen das Relief ,, Hyppolit's und Phädra's Tod". Benk wurde ganz von Bauer erzogen und fand feine weitere Ausbildung in Dresden. Sein Talent offenbart fich fchon in feinem Entwicklungsgange; daher weniger in dem feineren Auffaffen feelifcher Emotionen, als vielmehr im tektonifchen Anordnen der Maffen, im fchönen Fluffe der Linien und im plaftifchen Gefammtaufbau der Gruppen. Als die bedeutendfte unter feinen ausgeftellten Arbeiten ist das Koloffalmodell der Auftria( zur Ausführung in Marmor für das k. k. Arfenal in Wien beftimmt) anzuführen. Seine Genovefa"," Ruhe auf der Flucht nach Egypten", und„ Madonna mit Chriftus und Johannes" find Arbeiten aus des Künftlers Studienjahren, und Ausdruck der Wiener und Dresdener Schule. Sehr frifch und lebendig componirt war eine Zeichnung, für eine Fruchtfchale ( in Bronce auszuführen) beftimmt, die das Thema„ Liebe, Wein und Gefang" in der anmuthigften Weife behandelte. " Wie bei Benk, fo bewegen fich auch Al. Düll's Arbeiten alle im Geifte Bauer's; feine Lieblingsthemata„ Der verlorene Sohn",„ Pietas" begegnen uns auch hier wie bei anderen feiner Schüler wieder. In freieren Linien baut fich des Künftlers Rebekka" auf. 99 Düll ift gegenwärtig an der Seite Kundmann's an der Akademie in Wien als Affiftent in der Schule für Plaftik thätig. Von A. Schmidgrüber überraschte eine hübfche Brunnenfigur( Marmor), die ebenfo graciös componirt als techniſch gewandt durchgeführt war. Sein Albrecht Dürer"( für das Künftlerhaus beſtimmt) ift bereits älteren Datums und als charaktervoll durchgeführte Geftalt wohl allenthalben bekannt. ท Entfchiedenes Talent verrieth die Gruppe" Pero und Cimon" von E. Alexius; bei guter Anatomie in der Form bauten fich die lebensvoll gehaltenen Geftalten in ganz impofanten Linien auf und mangelte es auch den Köpfen nicht an Empfindung. Schon in der ganzen Anordnung der Gruppe zeigte fich eine gewiffe wohlthuende Freiheit, die dem Betrachtenden die Geftalten viel näher rückte als es fonft bei den abgewogenen akademifchen Attituden der Fall ift. Als weit fchwächer mufs die Arbeit Matzan's ,, Thetis tröftet Achilles"( Gypsgruppe) bezeichnet werden, die vor Allem an der Unficherheit der Formen krankte; das Suchen nach Effect in einem der Antike entlehnten Gefichte bleibt fchon an und für fich eine heikle Sache und fordert neben gründlicher Kenntnifs der pfychologifchen Erfcheinungen die volle Herrfchaft über das anatomifche Relief, was dem jungen Künftler vorläufig noch abgeht. Von Fr. Gaftell( aus Schwanheim, derzeit in Wien) ift hier ein Gypsrelief,„ die Auffindung Abels" darftellend, der malerifchen, lebendigen Compofition halber zu erwähnen. Im Porträt find die Arbeiten V. Tilgner's voranzuftellen. Die fcharfe Charakteriſtik im Detail und lebensvolle Auffaffung der Individualität find Vorzüge, die uns in allen feinen Büften begegnen. Auf der Ausftellung fand fich neben Anderem von dem Künftler das Porträt der Hoffchaufpielerin Wolter und H. Laube's origineller Kopf. Deloyé ftreift in feinen Formen zuweilen ans Barocke und haben feine Porträte nicht felten etwas Gefchraubtes, Geziertes, was auch an feiner Gypsgruppe..Je t'aime" bemerkbar war. Von Fr. Melnitzky, dem befchäftigteften( decorativen) Bildhauer Wiens, waren einige Marmorftatuen ausgeftellt und rührte auch die TerracottaGruppe auf dem Triumphbogen des Kunfthofes, Schifffahrt und Induftrie"( für Die Sculptur. 17 die Akademie der Wiffenfchaften in Athen beftimmt) von ihm her; fämmtliche Arbeiten bezeugten neuerdings den tüchtigen Praktiker, der feine meift für die Architektur berechneten Aufgaben in der wirkfamften Weife zu löfen verfteht. Einen auffallenden Contraft bildeten zu der fpecififch Wiener Plaftik die Arbeiten des Trientiners Malfatti; fie waren eben die Arbeiten eines Italieners und glänzten im blanken Realismus und in virtuofer Technik.„ Eine Enttäufchung" nannte der Künftler eine feiner Marmorftatuen, die an delicater, präcifer Ausführung zu dem Schönften gehörte, was überhaupt Italien in der Sculptur aufzuweifen hatte. Ein Mädchen in ganz modernem Seidengewande, welches die Arme ganz nachläffig herabhängen läfst, als Attribut blos ein zerknittertes Schreiben in der Rechten hält und mit lächelnd- bitterer Miene, ihren Schmerz und Zorn verleugnend, vor fich hinftiert, ift denn doch ein zweifelhaftes Sujet für die Plaftik; und doch war das Figürchen anziehender als fo manche ftarre olympifche Hoheit feiner Umgebung, die in dem Gewande des akademifchen Schnittes vornehm des Lebens Fleifch und Blut verleugnete. - Von kleinerer Plaftik find Profeffor O. König's reizvolle Gypsgruppen der befonderen Erwähnung werth; fie fchilderten heitere Epifoden aus dem Leben und Treiben Amors in der naivften und anmuthigften Weife. Hier finden wir den kleinen Schelm, wie Mama Venus ihn Bogenfchiefsen lehrt; dort fchmückt fie ihn mit Blumen; wir fehen, wie er ein Nixlein verführt, dann aber wieder, wie er, von einer Nereide gefangen, fich vergebens bemüht, den Umfchlingungen des Fifchleibes zu entkommen; wir treffen ihn bei den Mufen, in ihren Künften Unterricht nehmend etc. humorvolle Nippfachen, an denen gern das Auge verweilt! In ähnlicher Weife, nur noch fchärfer in der Ausführung charakterifirend, begegnete uns Rohrdorf in feinen humoriftifchen Gruppen, die freilich nicht dem Olymp, fondern blankweg der Strafse entnommen find. Er greift feine Vorwürfe aus dem täglichen Leben und weifs befonders heitere Scenen in wahrhaft claffifcher Schärfe in Terracotta wiederzugeben. Seine fatalen Gäfte", zwei Handwerksburfchen, die dem Wirthe die Zeche nicht bezahlen können, die„ erfte Schwimmlection", die„ Falfchfpieler" unter Anderen werden wohl Jedermann in lebendiger Erinnerung bleiben. 99 Von Medailleurarbeiten verdienen eine Gufsmedaille in Bronce auf ,, Prinz Eugen" von Profeffor K. Radnitzky und vorzügliche Wachsboffirungen von S. Scharff und J. Tautenhayn befondere Erwähnung. Es wurde bereits oben angedeutet, dafs die Wiener Plaftiker fich an der decorativen Ausfchmückung der Weltausftellungsgebäude in hervorragender Weife betheiligten, und Vielen wird der Eindruck der herrlichen Portale mit ihren reichen plaftifchen Motiven noch lebendig im Gedächtniffe fein, wefshalb wir hier in aller Kürze noch der Namen gedenken wollen, welchen die Urhe berfchaft des Wichtigften zufällt. 27 Die Hauptgruppe auf dem Südportale,„ Auftria", von geflügelten Genien und allegoriíchen Figuren umgeben, die Völker des Erdballs begrüfsend, wurde. von V. Pilz ausgeführt; die koloffalen pofaunenden Engel in den Dreifchlitzen zwifchen dem Bogen und dem Architrave entftammten Pönninger's Atelier; der reizvolle Kinderfries war von Deloyé, die allegorifchen Figuren in den Nifchen Friede" und" Wohlftand" von Koch modellirt. Die wirkungsvollen Medaillons Ihrer Majeftäten hatten Donath zu ihrem Urheber. In der Tiefe der Eingangshalle auf dem fortlaufenden Kämpfergefimfe des Hauptbogens erhoben fich die edlen Geftalten der ,, Auftria" und" Hungaria" von Hellmer. An der Ausführung der allegorifchen Figuren des Nord-, Weft- und Oftportales betheiligten fich Preleuthner, Schmidgruber und Gaftell; die impofanten Atlantengruppen über den Bogen des Oft- und Weftportales kamen aus Me l- nitzky's Atelier; der plaftifche Schmuck über den Eingängen der Kunsthalle und des Pavillons des Amateurs wurde von J. Beuk und Hellmer und die 8* 18 Jofef Langl. Giebelfiguren der Maſchinenhalle,„ Zeus, Aeolus, Pluto und Neptun" von J. Si l- bernagel ausgeführt. Von ungarifcher Plaftik, wenn überhaupt davon die Rede fein darf, mögen nur die Arbeiten J. Engel's Erwähnung finden und darunter die Gruppe ,, Achilles und Penthefilea"( in der Rotunde) als Beftes und in der Compofition als gelungen bezeichnet werden; die Arbeiten, die in der Kunsthalle etc. aus geftellt waren, boten wohl wenig des Bemerkenswerthen. - Die franzöfifche Sculptur. Es iſt eine auffallende Erfcheinung, dafs fich in der franzöfifchen Plaftik der Umfchwung zum Realismus keineswegs in fo fchlagender Weife vollzog als in der Malerei, und dafs felbft bis heute noch die meiften Bildner der idealen Formgebung mit Vorliebe ergeben find, obfchon fie in ihren Vorwürfen weniger den hohen Ernft der Antike anftreben, fondern einerfeits mehr das Naive, Reizende andererfeits aber das Effectvolle, Auffallende auffuchen. Mit Bofio, dem Zeitgenoffen Canova's, trat die Sculptur in Frankreich aus der wüften Zeit des Rococo in ein edleres Gewand und fuchte in dem Anlehnen an die Antike den Formen mafsvollere Eleganz abzugewinnen und der Compofition beſtimmte Schönheitsprincipien zu Grunde zu legen. Bofio's Einfluss auf feine Zeit war von hoher Bedeutung; ein anfehnlicher Schülerkreis führte die Idealrichtung fort, die wohl bei dem Genfer James Pradier befonders in der Darstellung weiblicher Schönheit ihren gefeiertften Vertreter fand. Pradier's Geftalten, wie die leichte Dichtung"," der Frühling" etc., wanderten in zahllofer Vervielfältigung durch die Welt und verbreiteten den Ruhm des Meifters auch aufserhalb des Landes feiner Thätigkeit; noch auf der Weltausftellung 1873 begegneten uns an zahlreichen Orten( befonders bei den Erzgiefsern) feine poefievollen, edlen Figuren. In Jean Pierre David d'Angers und feiner Schule brach fich dann zuerft der Realismus Bahn; die Feffeln der antiken Formgebung wurden mit aller Entfchiedenheit abgeworfen, es wurde zum wirklichen Leben, zur Natur zurückgekehrt. " Das Auftreten des Realismus in der Sculptur war aber weit weniger oppofitionell als in der Malerei, wo durch Courbet Delacroix, Delaroche etc. ein hitziger Parteikampf mit den Vertretern der älteren Richtung eines David, Ingres etc. heraufbefchworen ward. Es dürfte kaum ein zweiter Künftler David( d'Angers) an Vielfeitigkeit der Schöpfungsgabe und an Productionskraft zur Seite zu ftellen fein. Auf allen Gebieten der Darftellung: der Gefchichte, des Religiöfen, der Allegorie, fowie im Porträte begegnen wir ihn in gleicher Höhe der Vollendung und finden uns ftets von der Wahrheit des vorgeführten Gegenftandes gefeffelt; freilich kümmerte er fich oft wenig um die Grenzen des Plaftifchen und griff nicht felten übermüthig nach Effectmitteln, die fich der Wefenheit der Sculptur nicht mehr unterordneten fo befonders in feinen Reliefcompofitionen immerhin aber war feine reiche Thätigkeit( bis 1855) für die gegenwärtige franzöfifche Plaftik von höchfter Bedeutung. Seine Nachfolger kehrten zwar mehr oder minder wieder zur idealen Formgebung zurück, aber die Geftaltung war durch das Berücksichtigen der feineren Affecte, die einmal der Natur entlehnt in der Plaftik Eingang gefunden hatten, aus den trockenen Schemen und der Hohlheit der früheren Afterclafficität herausgetreten und der Reiz des Lebens pulfirte wieder in den Formen. - - Wohl ift aber zu beachten, dafs felbft dort, wo die franzöfifche Plaftik im reinften Realismus auftritt, fie nie in den Vorwürfen trivial wie bei den Italienern wird; eines gewiffen Adels entbehrt fie felbft in der Darftellung mehr genrehafter Sujets nicht, und darf wohl nur an Duret's, Rude's, Hebert's und Jouffroy's Geftalten erinnert werden, um diefs beftätigt zu finden. Die Sculptur. 19 Nie hat fich die Sculptur in Frankreich von der Induftrie fo fehr abgefondert, wie es in Deutſchland bis in die jüngste Zeit der Fall ift; der ftete Contact war beiden Theilen nur von weitgehendftem Nutzen; einerfeits fanden Talente reichliche Befchäftigung und blieben kunftgeübte Hände nie brach liegen, und andererfeits gelangte durch das Heranziehen künftlerifcher Kräfte eine Anzahl Kunftgewerbe( vorzugsweife die Broncefabrication) in der Welt zur dominirenden Stellung, was dem Lande Ruhm und Geld eintrug. Diefes Factum wurde auch von den verfchiedenen Regierungen in Frankreich bis zur Gegenwart ftets wohl im Auge behalten und der Kunft von Seite des Staates reiche Unterſtützung geboten. Was auf der einen Seite ausgegeben wurde, flofs ja auf der anderen reichlichft wieder zurück; und welchen Werth auch die gegenwärtige Regierung auf die Künfte legt, zeigte wohl deutlich die Ausftellung: kein Land war in der Sculptur fo reich und glänzend vertreten wie Frankreich, und zumeift ging die Expofition der Objecte auf Koften des Staates, denn nahe zwei Dritttheile des Ausgeftellten trugen im Kataloge den eingeklammerten Satz ,, appartient à l'état". Es mufste für uns Deutfche befchämend fein, auf dem Wahlplatze der Arbeit in einem fo erhabenen Kunftzweige Frankreich gegenüber fo armfelig vertreten zu fein, wo es doch von früher her bekannt war, worin die Stärke diefes Landes hauptfächlich befteht, und wodurch es gröfstentheils zu feinem Wohlftande kam. Freilich haben die Franzofen in Bezug auf Entwicklung der Talente den Vortheil, dafs fie weniger Bildhauerprofefforen haben, aber defto mehr fleissige und befchäftigte Meifter; der Kunfteleve hat nicht das Gute, was ihn die Mutter Natur mitgegeben hat, in feinen Lehrjahren verfteckt zu halten er wählt feine Meifter nach deren Schöpfungen und erzieht fich felbft nach den feinem Individuell zufagenden Vorbildern. - Die franzöfifche Ausftellung bot, wie in der Malerei, fo auch in der Sculptur keineswegs viel Neues( das aus den letzten fechs Jahren datirte), fondern umfafste die Production von nahezu zwei Decennien. Ging hierin alfo die Commiffion über das aufgeftellte Programm hinaus, fo durfte ihr darob wohl keineswegs ein Vorwurf gemacht werden; denn auch andere Staaten repräfentirten einen weiteren Zeitraum der Kunftthätigkeit als den von der letzten Ausstellung an, und weifs wohl alle Welt, was für Paufen in den vergangenen vier Jahren die Ereigniffe in Frankreich in die Kunftthätigkeit und Induftrie gefetzt. haben, fo dafs das Vorführen von älteren Arbeiten als gerechtfertigt erfcheinen mag. Da es, wie berührt, in Frankreich gegenwärtig weit weniger als in Deutſchland ausgefprochene Schulen in der Plaftik gibt und mehr aus dem Ueberein ftimmen der Individualität der Künftler eine Majorität in Betreff beftimmter Charakteriſtiken fich bildet, fo dürfte es wohl gleichgiltig fein, in welcher Folge wir die Befprechung der hervorragendften Objecte nehmen; es ift vorzuziehen, hierin die Topographie der Ausftellung in der Kunfthalle zu berücksichtigen, um das Gedächtnifs des freundlichen Lefers in unferer Rundfchau nicht durch fprungweifes Herausheben der einzelnen Werke zu ermüden. Wir beginnen denn unfere Wanderung vom Achmed- Brunnen aus nach dem Haupt- Mittelfaal, wenden uns durch die franzöfifche Abtheilung zum Nordportale und kehren durch die weftlich gelegenen Seitenfäle zum Haupt-( Weft-) Eingange wieder zurück. Zunächft begegnet uns C. Bourgeois' ,, Pythia auf dem Dreifufs". Das wahrfagende Weib war pompös aufgefafst, im Momente der höchften Ekftafe; vielleicht, wie uns Plutarch einen Fall fchildert, in einer Aufregung, die durch die nervenreizenden Dämpfe fogar den Tod der Priefterin herbeiführte. Die Linke fährt in das reich herabwallende Haar, die Rechte hebt fich prophetifch empor; die verzerrten Augen, der geöffnete Mund, die fliegenden Draperien geben der Geftalt etwas Furienhaftes, mehr Bewufstes, als dafs darin der eigentlich krankhafte Zuftand gefchildert würde. Die Formenbehandlung lehnte fich an die Canova's. 20 Jofef Langl. Bedeutendere Werke traten uns aber in der( Weft-) Portalhalle felbft entgegen. Darunter ift wohl E. Frémiet's Reiterftatue ,, Louis d'Orléans"( Bronce) der kecken ungezwungenen Auffaffung und der legeren Behandlung der Form wegen voranzuftellen. Der kühne Rittersmann fafs mit feinem langen Spiefse in aller Ruhe fo flott und lebendig auf feinem Gaule droben, dafs ihn wohl mancher Held, dem ein„ bewegtes" Reitermonument zu Theil wurde, um diefen fchlichten Effect beneiden könnte. Frémiet ift bekanntlich einer der begabteften Thierbildner unter den franzöfifchen Plaftikern, und war eine bedeutende Anzahl vorzüglicher Arbeiten diefes Genres von dem Künftler in den Nebenfälen der franzöfifchen Kunftabtheilung ausgeftellt. Neben ihm treffen wir Cain als Meifter auf diefem Felde; er holt feine Vorwürfe meift aus der Wüfte; der Leu, der Tiger etc. find feine Lieblinge, die er mit wahrhaft claffifcher Wahrheit in Erz wiederzugeben verfteht. Jedermann werden die zwei Broncegruppen des Künftlers in Erinnerung fein, die am Weftportale der Kunsthalle zu beiden Seiten der Aufgangsftufen auf. geftellt waren. Von fchlagendftem Effect war befonders die nördliche Gruppe, wie der Tiger das Krokodill erwürgt". Die grüngraue Patina erhöhte noch den Reiz der lebenswahren Formen, die, in breiten Flächen aufgebaut, trotz der rein naturaliftischen Auffaffung das Werk plaftifch wirkfam erhielten. " Die packende Lebendigkeit diefer Gruppe beeinträchtigte wohl zum Theil den Effect des Pendants,„ ein Löwe, der einen Straufs erlegt hat", doch zeigte fich auch darin des Künftlers Talent im hohen Grade. Von Cain rührten auch die Thiergruppen vor dem Eingange der südlichen Quergallerie der franzöfifchen Induftrie- Abtheilung her, und waren fämmtliche Werke im Atelier Chriftofle" gegoffen. وو Von Broncen ift hier noch Maillet's, Chaffeur" der edlen idealen Auffaffung wegen zu nennen. Maillet ift einer der begabteften Schüler Pradier's und der Schöpfer einer Anzahl reizvoller Gruppen an der Façade der neuen Oper in Paris. Neben dem erwähnten Werke ftand J. Crauk's Statue des„ Marfchalls Pelliffier" ( Marmor), die in den Detailformen wohl etwas weich behandelt war, jedoch in der Gefammtauffaffung und vorzugsweife im Kopfe eine gewiffe Energie nicht verleugnete. Crauk ift befonders Meifter im Portrait und fchuf zur Zeit für das Parifer Stadthaus das Bildnifs der Kaiferin Eugenie. Erwähnen wir aus der Vorhalle noch J. Baujault's, Gaulois" als lebendig, wenngleich etwas theatralifch aufgefafste Figur und wenden uns fonach zu den Objecten des Centralsaales. In der Mitte begegnete uns Caudron's Statue„ Molière's", des geiftvollen Luftfpieldichters und Directors der„ troupe de monfieur". Die legere Haltung der Figur und befonders die feine Auffaffung des Kopfes, aus deffen Zügen wohl die„ précieufes ridicules" zu lefen waren, gaben dem Werke einen vornehmen, edlen Reiz und verliehen ihm hohe Anziehungskraft. Zu bedauern war es nur, dafs die Figur mitten im Kreuzfeuer der Malerei ftand und fich der Betrachtende zumeift erft den Platz erkämpfen mufste. Caudron ift ein Schüler David's und bewegt fich in feinen Formen ficher und elegant innerhalb der naturaliftifchen Grenzen. Mehr der idealen Richtung gehört CarrierBelleufe an, deffen unter dem Adlerflügel fchlafende Hebe( Marmor) zu den reizvollsten Werken der franzöfifchen Plaftik auf der Ausftellung gehörte. Mit überfchlagenen Füfsen, die fich in fchönen Linien durch äufserft mafsvolle Draperiemotive zeichneten, fafs das zarte Wefen fo lieblich in der Nifche des fchützenden Greifenfittigs, fchlummerte fo holdfelig an der Bruft des mächtigen Vogels, dafs wohl nichts als der belebende Athemzug zu wünſchen übrig blieb. Das Werk dürfte wohl des Künftlers berühmtem„ Kufs" würdig zur Seite ftehen. Von Sculptur in grofsem Stile find hier die Werke von Dieudonné und Barrias zunächft zu erwähnen. Beide Künftler find Vertreter der idealen Richtung und imponirten ihre grandiofen Gruppen durch edle, mafsvolle Auffaffung und vollendete Durch Die Sculptur. 21 bildung der Form; befonders des letzteren„ Spartacus" war von grofsartiger Wirkung und die Geftalt des Jünglings in Bezug auf Anatomie ein Meiſterſtück. Dieudonné's verlorenes Paradies"- Eva, die Schuldbeladene, finkt Adam mit thränenfchwangeren Augen in die Arme, während zu ihren Füfsen zwei Kinder mit dem verhängnifsvollen Apfel fpielen- baute fich als Gruppe in fchönen Linien auf, erinnerte aber in den Formen lebhaft an die antikifirende Richtung Bofio's. Dasfelbe wäre Millet's ,, Mercur" nachzufagen, obfchon diefer Künftler als Schüler David's im Uebrigen weniger den Idealiften angehört. Als äufserft anmuthige und lebensvolle Figur ift aus diefem Saale noch Cailles ,, Bacchus"( Bronce), der mit einer emporgehaltenen Traube einen jungen Tiger neckt, zu erwähnen. Bei folchen heiteren, harmlofen Vorwürfen kommt es denn freilich vorzugsweife auf die virtuofe, elegante Mache an, der wir bei den franzöfifchen Bildnern durch die Reihe begegnen; wahre Bravourftücke befon. ders in Bronce waren in den eigentlichen Sälen der franzöfifchen Kunft zu finden, die wir denn in flüchtigem Gange durchwandern wollen. " 9 Lequesne's Nègre romain" mit Souvenirs vom Bacchusfefte( laufend dargeftellt) erinnerte in der lebendigen, charaktervollen Auffaffung und in der breiten, ficheren Behandlung der Musculatur lebhaft an den borghe fifchen Fechter; trotzdem die Figur im Ganzen genommen nur ein groteskes Genreftück genannt werden mufste, war fie durch die technifchen Vorzüge von fchöner plaftifcher Wirkung. Das harmonifche Ineinandergreifen der Formen über dem feften Knochenbau und vor Allem der Ausdruck des pulfirenden Lebens im äufseren Relief gaben diefer und in gleich hohem Grade der Statue von C. Bourgeois, dem ,, Schlangenbändiger", jenen hohen Reiz, welchen ftets die Wahrheit der Darftellung auf das Auge auszuüben vermag. Ein Neger tanzt vor einer kleinen Schlange und feffelt das Thier durch die Töne feiner Flöte; zugleich aber übt er die Dreffur mit einem Stäbchen in feiner Linken. Das Balanciren der Geftalt in der tanzenden Bewegung hatte der Künftler in eminenter Weife für die Schönheit der Linien ausgebeutet, was bei der mufterhaften Ausführung den höchften Effect erzielte. In graciöfer Auffaffung wetteiferte mit den genannten Geftalten auch E. Delaplanche's ,, Knabe auf der Schildkröte"; das Motiv wurde feit Rud e's" Neapolitanifcher Fifcherknabe"( Muſeum Luxemburg) von verfchiedenen Künftlern wiederholt. Delaplanche läfst den Knaben auf dem Rücken des Thieres balanciren, welches fich vergebens abmüht, mit feiner ungewohnten Laft weiter zu kommen. Wie felten verirren fich doch die deutfchen Plaſtiker zu ähnlichen, naiven, aber ihre Wirkung nie verfehlenden Vorwürfen! Das plaftifche Genre bewegt fich bei den Franzofen durchwegs in der Sphäre des Anmuthigen und bewahrt bei der würdevollen, idealen Auffaffung dennoch ftets den Reiz der Natur. Wie fehr die Plaftik fogenannte malerifche Elemente in fich aufnehmen kann, ohne ihre bedingten Tendenzen zu gefährden, hat wohl P. Dubois am eklatanteften in feinen Bronceftatuen gezeigt. Wer kennt nicht feinen„ Florentiner Sänger"? Das reizende Figürchen gehörte wieder zu den Perlen der Ausftellung; auch fein weltbekannter " Johannes" begegnete uns wieder. Minder glücklich war diefsmal der Künftler in feiner Marmorftatue ,, Narcifs", wie überhaupt das Sentimentale fich mit der franzöfifchen Kunft fo wenig vereinbart, als der ganze Charakter der Nation dazu inclinirt. Geiftreich in der Nonchalance und al fresco im Affect, ift die Devife; feine Nuancen des Seelenlebens in der Ruhe wiederzugeben, liegt ihrer bildenden Kunft fo ferne wie der Poefie. Als reizendes Figürchen, das durch die Wahrheit in der Bewegung zu dem Anziehendften der Ausftellung gehörte, ift hier auch J. Blanchard's„ Jeune Équilibrifte" zu erwähnen; die jugendlichen Formen waren mit dem feinften Verftändniffe behandelt. Blanchard ift ein Schüler Jouffrois, des auf die jüngere Künftlergeneration vielleicht eiuflufsreichften Meifters der Gegenwart, und zeichnen fich alle feine Werke befonders durch feines Gefühl und lebensvolle charakteriſti88 22 Jofef Langl. fche Bewegung aus. Auch bei Moreau- Vauthier's ,, Amor" waren diefe Vorzüge anzuerkennen; nur ſtörten bei der Figur auffallende Proportionsfehler an den oberen Extremitäten. A. Mercie's" David" mangelte in der ganzen Compofition der franzöfifche, esprit"; wie der Hirtenknabe das Schwert in die Scheide fteckt, ift nicht die Pointe des Ereigniffes für ein plaftifches Werk, fo wenig die Idee des Wiener Schwarzenberg- Denkmals für die Plaftik taugt. Ins rein Malerifche verfiel nur E Hebert mit feiner Schaudergruppe " Les Fiancés". Ein bis zum Skelet Verwefter steigt aus dem Grabe und umarmt " fie", die Todte und nun mit ihm Vereinte! Auf dem Deckel der Gruft fteht als Devife et toujours et jamais". ንዓ Bronce ift das Material der Vervielfältigung; die meiften Werke werden auch ſpeciell für diefen Zweck von den Künftlern gefertigt und wird wohl in der Wahl der Sujets fchon von vorneweg mehr oder weniger auf das Gros des Publi cums Rückficht genommen, daher uns meift heitere, anmuthige, naive Vorwürfe begegnen, die decorativ verwendbar find; ein gröfseres Gebiet umfaffen dagegen die Marmorfculpturen. Die Sujets werden aus allen Kreifen herangezogen; wir finden die griechifchen Mythen mit derfelben Vorliebe plaftifch illuftrirt wie die Werke moderner Poeten; Pikantes aus dem täglichen Leben ebenfo geiftreich verkörpert wie Symbolifches in Idealgeftalten. Ganz à part liegt wohl die Bibel der franzöfifchen Plaftik; die Genefis allein mit ihren Geftalten intereffirt noch die Bildner; das Weib und der Sündenfall- diefes merkwürdige Räthfel, welches Mofes der denkenden Nachwelt niedergefchrieben, in dem doch Alles verborgen liegt, was unfere Beftimmung im Unklaren hält es zieht fich ja wie ein rother Faden durch unfer ganzes Dafein und dürfte wohl die franzöfifche Literatur bisher in der ungefchminkteften Form deffen Löfung verfucht haben; die bildende Kunft ergeht fich aber dabei weniger in den Tiefen der pfychologifchen Geheimniffe fondern verwerthet blos die Erfcheinung, das Aeufserliche, und überläfst jede weitere philofophifche Analyfe dem Denken des von der Erfcheinung angezogenen Befchauers. - Es ift ganz charakteriftifch wie ein Franzofe Eva nach dem Sündenfalle" in der Plaftik auffafst! Die Statue, welche E. Delaplanche ausgeftellt hatte, zeigte uns keineswegs das fchwache, in Schmerz zerfliefsende Weib, keineswegs die Reue über die begangene Sünde, welche für die Zukunft des Menfchengefchlechtes fo verhängnifsvoll werden follte; das war eine Brunhild nach der Brautnacht, die zornentflammt das Schickfal verdammt, das ihrer Beftimmung einen Querftrich gefpielt hat. Diefe furienhafte Auffaffung hatte allerdings keinen tieferen pfychologifchen oder philofophifchen Hintergrund; fie gefiel dem Künftler um des Effectes willen, welchen er in dem faft übermässigen Formenaufwande auch reichlichft erzielte. 99 Diefelbe Rolle hatte wohl auch F. Leroux's„ Somnolence" zu fpielen. Was foll ein fchönes Weib in malerifcher Attitude auf einem Lehnfeffel fitzend. mehr als reizend erfcheinen! Der durch die Form erzielte Effect hat zu befriedigen; dafs juft die Figur Somnolence heifst, ift Nebenfache. Wird doch gar oft in wichtig eren Fällen das Sujet Nebenfache um der Erfcheinung willen. So hatte A. Schoene werk gewifs nur darum ein Motiv aus der Dichtung Cheffiers zur Darftellung gewählt, um unter dem Titel„ ,, la jeune Tarentine" eine reizvolle Mädchengeftalt in einer gewifs an die Grenze des Effectvollen ftreifenden Stellung an den ,, bords de Camarine" zur Darstellung zu bringen. Die Figur war in anatomifcher Beziehung von wunderbarer Wahrheit, in der Durchführung von höchfter Vollendung; aber Niemand kümmerte fich bei dem Anblicke wohl um Cheffier's Dichtung. Um der Figur einen Namen zu geben, nannte auch V. Fengère- des- Forts feinen meifterhaft gemeifselten liegenden Act Abel mort"; milder und gewifs ebenfo annehmbar hätte die Figur auch als, fchlafender Hirtenknabe" bezeichnet werden können. Die Sculptur. 23 Die Barockzeit, fo fehr fie feit den Reformbeftrebungen in der Kunft als vergangen zu betrachten ift, klingt denn doch noch bei einigen franzöfifchen Plaftikern hie und da in deren Werken nach und erinnerte darunter der begabte J. Clefingerin feinen Marmorarbeiten vielleicht am lebhafteften an den Gefchmack Ludwigs XIV. Seine Gruppen„ Ariadne auf dem Tiger" und„ der Raub der Jungfrau Europa" fungirten auf der Ausftellung als Spiegelbilder der Zeit jener hohlen, nichtsfagenden Decorationskunft. Ungleich anziehender waren dagegen des Künftlers Broncen, darunter eine Tänzerin mit Caftagnetten" von leichter graciöfer Bewegung und elegantefter Durchführung. Auch feine„ Phryne vor dem Areopag hatte bedeutende Vorzüge. Befondere Erwähnung verdienen daran die an den Schmuckringen angebrachten imitirten, von Staiger in Paris gefchnittenen Gemmen. 99 Wohl näher der antiken Formgebung, aber in der Conception denn doch noch mit der Geziertheit des vorigen Jahrhundertes kokettirend, ftanden die beiden Bacchus- Gruppen von J. Perraud und A. Doublemard. Des letz teren ,, Erziehung des Bacchus" ein Satyr läfst den jungen Gott des Weines Trauben in einem Gefäfse eintreten war voll des köftlichften Humors; in nicht minder heiterer Laune hatte auch Perraud feinen Vorwurf aufgefafst, wo der kleine Bacchus auf den Schultern eines Faun fitzt und diefen in aller Derbheit an feinem langen Ohre zieht. - Noch bleibt uns übrig, aus den( Haupt-) Sälen der Malerei einige Gruppen zu erwähnen, in welchen den Vorwürfen nach mehr ruhiges, tiefergreifendes Empfinden zum Ausdrucke zu gelangen hatte, worin freilich, wie ſchon ange. deutet, die franzöfifchen Künftler meift zur Maske der Antike greifen und fich auf die blofse Schönheit der Form befchränken. B. Frifon's" première Impreffion", ein junges Mädchen blickt mit ziemlich unleferlichen Gefühlen ein Bildnifs an, E. Chatrouffe's Source et Ruiffeau, L. Perrey's, L'innocence et Amour", Boiffeau's ,, La fille de Céluta", um ihr Kind weinend, Barrias'" La fileufe de Mégare" theilen alle die Vorzüge edelfter Formvollendung, aber auch jene Nüchternheit in der Gefühlsfprache. " Eine Anzahl hervorragender Werke der franzöfifchen Plaftik waren in der nördlichen Eingangs- Vorhalle aufgeftellt und infoferne beffer als die an anderen Orten zu geniefsen, da fie doch einigermassen ruhigeren Hintergrund befassen und vom Sonnenlichte verfchont blieben. Die Statue ,, Mirabeau's" von Truphême gehörte zu den geiftvollft aufgefafsten Portraitftatuen, die ausgeftellt waren. Durch fchöne Linien zeichnen fich Truphême's Werke, die wohl zumeift mehr naiver Natur find, alle aus, hier offenbarte aber der Künftler auch fein Talent im Ernften, Energievollen und zeigte befonders in der Behandlung der Gewandung aus dem vorigen Jahrhundert, die für die Plaftik immer etwas Unerquickliches bleibt, feine Meifterfchaft. Von grofsartiger Wirkung war auch Lepère's ,, fterbender Spartaner bei den Thermopylen"; das Zufammenbrechen des Heldenkörpers, das Schwinden der Kraft war in dem anatomifchen Relief mit bewunderungswürdiger Wahrheit wiedergegeben; defsgleichen ftand der Ausdruck des Kopfes mit dem der dargestellten Momente in edler Harmonie. Minder einheitlich und am wenigften griechifch" war desfelben Künftlers ,, Diogenes", der in feiner affectirten Stellung und feinem rein gallifchen Kopftypus eher an einen modernen Gaukler als an den alten Cyniker erinnerte. 99 L'Hiolle's Narcifs" und", Arion auf dem Delphin" können in Bezug auf exacte Durchführung als meifterhaft bezeichnet werden; nur mangelte wieder den Köpfen jedwedes Leben; befonders auffallend, ja geradezu enttäufchend. war diefe Kälte" im Gefichtsausdrucke bei dem in fich felbft verliebten Narcifs. Wo der Kopf nicht ſpricht, bleibt auch die Bewegung der Geftalt ftumm und mögen die Formen noch fo virtuos behandelt fein; diefem begegneten wir auch in J. Perraud's Verzweifelndem": man konnte fich nicht in diefer Attitude 99 99 24 Jofef Langl. den Hoffnungslofen denken, da das Geficht gar nichts fprach! Einen Anlauf zur feineren Charakterifirung nahm wohl L. Perrey in feinem„, Geizigen", doch kam dabei der realiftifch gehaltene Kopf wieder mit den antikifirenden Formen des übrigen Körpers in Widerspruch. Der Harpagon fitzt zufammengekauert auf feinen Geldfäcken, hält einen davon feft umklammert und blickt ängftlich nach der Ferne. Der Zufall ftellte in die unmittelbare Nähe diefer Statue A. Noel's Relief ,, La morte". Hier begegneten wir in einem ergreifenden Bilde dem vollendeten Realismus. Ein verblühtes Weib liegt todt auf dem Lager dahin geftreckt, und eine häfsliche Alte neigt fich, fie an den Armen faffend, zu ihr herab Wohin diefs Bild gehören mag? Der Tod bedarf in der Kunft verföhnender Motive; die Erinnerung an die Vergänglichkeit foll nicht in grauenhaften oder gar häfslichen Bildern erregt werden; in wie edlen Gedanken feierten doch die Griechen auf ihren Stelen das Andenken des Dahingefchiedenen; lebhaft erinnerte E. Hébert's ,, L'Oracle"( Relief) an diefe fchlichten Scenen. Von Reliefs fei noch Soldi's reizend componirter„ Akteon" erwähnt und von Gruppen Conny's, Charité fraternelle"; ein gefallener Athlet wird von feinem Bruder theilnahmsvoll unterftützt ein an und für fich etwas trockener Vorwurf, der auch durch die kalte antike Behandlung der Form von diefer Seite kein Intereffe bot. Von tief ergreifendem Eindrucke war jedoch die zwifchen den Mittelpfeilern fitzende ganz verhüllte Geftalt von Cabel. Lag fchon in der ganzen Bewegung etwas Myftifches, Schmerzverbergendes, fo fprach aber der wahrhaft claffifch modellirte Kopf in feinem unvergleichlichen Ausdrucke Infchrift am Sockel für Frankreich bedeutete, nämlich„, 1871". - - Alles, was die In den kleineren Sälen der franzöfifchen Abtheilung( retour vom Nord- bis zum Mittel Haupteingange) fanden wir fogleich im erften Saale zwei reizvolle weibliche Figürchen, die, was anmuthige Bewegung und edle, liebevolle Durchführung anbelangt, wohl ihres Gleichen fuchten; es waren diefs J. Franceschi's ,, Revei!" - ein Mädchen vom Schlafe erwachend, das in holdfeliger Unfchuld zwei kofende Täubchen betrachtet und eine ,, Mufe" von Aizelin; letzteres Figürchen war auch in Bronce bei Barbedienne( in der Induftriehalle) ausgeftellt. Aizelin's zartes Gefühl für weibliche Formen zeigte fich übrigens auch in eminenter Weife an feiner Pfyche( Hauptfaal nebenan) und feiner Amazone( nördliche Vorhalle). Cordier's Arbeiten, die hier in bedeutender Anzahl ausgeftellt waren, müffen allerdings als intereffant bezeichnet werden; ob des künftlerifchen Werthes würden wir, befonders bei feinen„ Lampadaires", einer Fellah und einer Araberin ( aus Onyx und Bronce), einiges Bedenken tragen. Cordier ift der ungeftüme Realift, der mit allen Mitteln( fo mit dem vereinigen verfchiedenen Materiale( auf den Effect losgeht, fich aber dabei oft wenig um das Exacte der Form kümmert; feine Draperien erinnern mitunter ftark an die Barockzeit. Cordier holt feine Modelle aus aller Welt zufammen und birgt wohl jeder feiner originellen Köpfe eine intereffante Gefchichte, welchem Umftande er auch vorzugsweife feinen Ruhm zu verdanken hat. Bronce in verfchiedene Patina zu legen, ift in der Plaftik, um die Maffen zu fondern, ein wohlerlaubtes Effectmittel; hatten doch die Griechen felbft den e llen Marmor in ähnlicher Abficht mit Farbe belegt und damit ihre Sculpturen und die Architektur zu beleben gefucht. In der franzöfifchen Bronce- Induſtrie findet neueren Datums das„ Polychrome" in der Patina wieder feine befondere Pflege und wird mit viel Glück auch an bedeutenderen Kunstobjecten angewendet. So treffen wir am Ausgange unferer Wanderung noch ein Werk, welches zu den vorzüglichften Arbeiten diefer Art auf der Ausftellung gehörte, nämlich Rochet's ,, Caffandra"( ausgeführt im Atelier Chriftofle). Die Tochter des Priamus ftürzt, von Ajax verfolgt, fchutzflehend zur Bildfäule der hehren Minerva. War die Geftalt fchon an und für fich in der energifchen Bewegung im Gegenfatze zu der ftarren Göttin von grofsartiger Wirkung, fo wurde diefe vornehmlich durch die Sonderung der Hauptmaffen durch Gold und Silber) in der Patina noch in bril Die Sculptur. 25 lanter Weife gehoben. Die effectvolle Gruppe war nur leider fo ungünftig( zwifchen zwei Fenftern) aufgeftellt, dafs fie vom Publicum nicht ihrem Werthe nach beachtet wurde. Wir kämen zu weit ins Induftrielle, wollten wir noch dem Ausgeftellten der franzöfifchen Erzgiefser, wie Barbedienne, Durenne etc. eingehende Betrachtung widmen; es würde indefs zu keiner weiteren Charakterifirung der franzöfifchen Plaftik Anlafs geben, da wir ja dort zumeift denfelben Namen begegneten, die wir in den Werken der Kunfthalle kennen gelernt haben. Die italienifche Sculptur. - viel bewunderten und auch vielgeZur objectiven Beurtheilung der fchmähten modernen italienifchen Sculpturen ift es wohl nöthig, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen und der Verhältniffe zu gedenken, welche die Urfachen ihrer heutigen Vorzüge und Mängel in fich fchliefsen. In keinem anderen Lande können wir die Gefchichte der bildenden Kunft vom Anfange diefes Jahrtaufendes in vorhandenen Denkmälern fo genau verfolgen wie in Italien und darin einerfeits den Einflufs religiöfer und politifcher Verhältniffe, andererfeits den Kampf um den Realismus neben den antiken Traditionen beobachten. Wer je aus dem kühlen Norden über die Alpen nach dem gelobten Lande der Künfte hinabzog und den Herrlichkeiten der Renaiffance feine Bewunderung zollte, wird fich der Wehmuth und des Bedauerns nicht erwehren können, dafs von dem glanzvollen Anlaufe, welchen die Sculptur damals zu ihren höchften Zielen nahm, auf die Gegenwart nur ein matter Widerfchein gekommen ist, dafs die Kunft überhaupt in fich felbft zerfallen musste, ehe fie diefe Ziele erreichte, und die Urfachen der Erweckung reinerer Tendenzen auch die Urfachen zu deren Untergang waren. In der Poefie und in der bildenden Kunft entfaltete fich der griechifche Mythenkreis; die Freiheit des Denkens nach allen Richtungen der geiftigen Bedürfniffe hielt Volk, Kunft und Religion in inniger Wechfelbeziehung und gab der Nation jene Einheit und fittliche Kraft, die wir ftets an den Hellenen bewundern. In vielen Beziehungen geradezu entgegengefetzte Verhältniffe brachte das Chriftenthum der Kunft. Keine Idealwelt wurde den Denkern geoffenbart; fefte unwandelbare Dogmen nahmen dem Schaffen den freien Flug der Selbftftändigkeit, und war von vornweg eine Weiterentwicklung des Stoffgebietes oder eine ideale Gliederung desfelben fchon durch das Wort„, Glaube" unmöglich. 99 - So plaftifch auch die Geftalten des neuen Teftamentes erfcheinen mochten und fo fehr das Concrete des neuen Stoffkreifes die Naturanfchauung in der Kunft förderte dem Volke ftanden diefe Erfcheinungen kalt gegenüber fie waren ja nur gemalte oder gemeifselte Gefetze, die wohl gläubig verehrt wurden, in ihrem Wefen aber keineswegs mehr in jenes intime, klare Verhältnifs zum Leben treten konnten wie die Geftalten des Olymps im Alterthume. Der eigentlich reale hiftorifche Boden war der Kunft noch fremd; fie mufste durch das religiöfe Gebiet erft dahin geführt werden; die nothwendige reale Auffaffung der Geftalten konnte hiezu wohl als Vortheil angefehen werden, doch ftand diefer lange hartnäckig die traditionelle antike Formgebung im Wege; erft als die Künftler fich über diefe erhoben hatten und ihre Ideale unmittelbar der Natur entlehnten, konnte fich das Stoffgebiet nach anderen Richtungen hin erweitern und war die Möglichkeit geboten, dafs die Kunft, wenn auch nimmer von religiöfer Seite her, wieder mit dem Volke in directen Contact trete. Triumphe hatte die Malerei in diefem Wandel bis gegen 1630 gefeiert, da fie weniger an die Antike gebunden war als die Plaftik, in der fich diefe Tendenzen nur langfam vollzogen und die ihrer 26 Jofef Langl. Ziele( in der Barockperiode) verluftig wurde, bevor fie fich zur nothwendigen Freiheit emporgefchwungen hatte. Wenn wir die Künftlerkette von Niccolo Pifano( 1230) bis herauf zu Michel Angelo überblicken, fo offenbart fich bei Allen zunächft der Drang nach Freiheit in der Formgebung; doch vollzieht fich die Entwicklung des neuen Idealftils in den auf dem Leben bafirten Formen nicht in fo leichter Weife. Einerfeits erhält fich die Antike, die als Grundlage der Schönheitsprincipien angenommen wird, noch zu dominirend in den Darftellungen, als dafs ein feineres Empfinden gefchult werden könnte; und andererfeits verfällt die Kunft wieder in den blanken Realismus, in dem( wie z. B. bei Donatello, Verrocchio, Mazzoni) oft das Charakteriftifche über das Schöne geftellt wird, oder fie greift in das Gebiet der Malerei( wie bei Ghiberti) und überhebt fich der ihrer Wefenheit nach beftimmten Gefetze. Nur einzelne Meifter, unter denen Lucca della Robbia( im XV.) und Andra Sanfovino ( im XVI. Jahrhundert) den erften Rang einnehmen, verbinden bei feinem Naturfinne mit milder, inniger Empfindungsweife zugleich auch hohe Schönheit der Form. Die Thätigkeit aller Bildner diefer Zeit bewegte fich jedoch faft ausfchliefslich im Kirchlichen, wo, wie fchon angedeutet, der Kunft unfichtbare Schranken geftelit waren. Die Profanfculptur des XVI. Jahrhundertes erging fich zumeift als Decoration der Architekturen, blos in Allegorien; in den Geift des Volkes konnte fie auch von diefer Seite her nicht eindringen. Was die Sculptur im XV. Jahrhundert an Leben von der Natur aus erreicht hatte, zum Erhabenen und Schönen empor zuführen, das noch Willkürliche den edlen Gefetzen der Plaftik unterzuordnen, dazu nahm das XVI. Jahrhundert wohl einen kühnen Anlauf, aber zu bald folgte in der Ausartung des Aeufserlichen die Erfchlaffung aller ordnenden Principien und die Phrafe trat an die Stelle des Natürlichen. Michel Angelo, der die menfchliche Geftalt wie kein Bildner bis zu feiner Zeit ftudirte, deffen gewaltige, ungeftüme Natur jedoch ftets nach höheren Stilgefetzen in der Darftellung rang und das Erhabene im Uebermenfchlichen fuchte, fteht an der Grenze jener Glanzepoche der Sculptur: nicht feinen Geift finden wir mehr in den Werken feiner Nachahmer, wohl aber die in vollendeten Manirismus ausartende virtuofe Behandlung des Aeufserlichen. Lorenzo Bernini war der Hauptmeifter diefer denkwürdigen Epoche und der gefeiertefte und meiftbefchäftigte Künftler feiner Zeit. Die Parole in der Kunft hiefs von nun an, Affect"; die Mittel jedoch, die zur Erreichung desfelben angewendet wurden, blieben nicht natürliche: wie die Draperie alien Gefetzen der Schwere Hohn ſprach, in derfelben Weife ging die Anatomie ins Regellofe und trug diefe Wiffenfchaft in mancher Hinficht fogar zur Vollendung des craffen Realismus noch bei. Das Schönheitsideal diefer Zeit kokettirte wohl zuweilen noch mit der antiken Auffaffung, wie überhaupt der Werth der Antike trotz des prononcirten Realismus keineswegs mifsachtet wurde: nur wurde alles Edle und Einfache nach dem Geifte der Zeit umgemodelt und die fchlichte Natur wie die erhabenen Vorbilder des Alterthums ins Phrafenhafte, Theatralifche umgefetzt. Ludwig XIV. konnte Bernini den„ erlauchten Meifter" nennen; denn für Frankreich wurde der Günftling des römifchen Hofes dasfelbe, was er für Italien war der tonangebende Beherrscher des Gefchmackes. Das Leben Bernini's glich einem Künftler- Triumphzug; Könige und Päpfte buhlten geradezu um feine Gunft, und wenn man die Anzahl feiner Werke in der Sculptur, Malerei und Architektur überblickt, fo kann man dem Meifter wohl nicht die Bewunderung feines Genies verfagen, aber auch nicht begreifen, wie nach der unmittelbar vorangegangenen Epoche, nach Lionardo und Raphael und im Angefichte der Antike die Welt an diefen Verirrungen des Gefchmackes Befriedigung finden konnte. Diefe Zeit war es denn vornehmlich, in welcher die virtuofe Marmortechnik in den reichbefchäftigten Ateliers der Italiener ihre Ausbildung erlangte. Abfichtlich wurden die complicirteften Aufgaben zu löfen gefucht, um nur in dem Künftlichen" zu brilliren, worüber freilich auf jeden weiteren Gehalt am Gegen20 Die Sculptur. 27 ftande verzichtet wurde. Es darf wohl nur auf die berühmten Statuen der Capelle der Sangri in Neapel aus jener Zeit hingewiefen werden, um noch für die Gegenwart der italienifchen Plaftik eine Reminiscenz zu geben: da ift( von San Martino) ein„, Chriftus" ganz in Linnen gehüllt, eine fogenannte„ Pudicità"( von Corradini), ebenfalls nur der„ Künftlichkeit" halber ganz von durchfcheinender Draperie umflort und als das non plus ultra des Genuefen Queirolo Gruppe, il Difinganno", ein Mann ift in einem Fifchnetz verftrickt und wird von einem herbeifchwebenden Genius befreit. Diefes Suchen nach complicirten Motiven um der Technik willen, bei gänzlicher Vernachläffigung tieferen Empfindens, hat fich denn theilweife noch bis in die Gegenwart vererbt. Die modernen italienifchen Sculpturen find, was Anatomie anbelangt, aus dem Barockftil wohl wieder zum Natürlichen zurückgekehrt, die Wahl der Vorwürfe erinnert aber noch lebhaft an jene nüchterne Zeit. Die Bildner haben ihrem Gefchicke nur ein ftrengeres Naturftudium unterlegt, fie find in Porträts, in unmittelbaren Copien des Vorhandenen die unübertrefflichen Meifter; das Wiedergeben feelifcher Emotionen gelingt ihnen jedoch nur im Sinne der Barockzeit: entweder füfsliche Sentimentalität oder theatralifcher Affect; überall begegnet uns eine gewiffe reflectirende Abfichtlichkeit, wir vermiffen nicht Seelen in ihren Geftalten, wohl aber Geift. Neben diefer realiftifchen Richtung, die feit der Wiederbelebung der Kunft in der italienifchen Sculptur gepflegt wird und die ihren Urfprung fchon in der Barockzeit nahm, findet die ideale Formgebung Canova's noch ihre eifrigen Nachahmer. Das Denkmal Clemens' XIV.( S. S. Apoftoli zu Rom) war das Signal zur Umkehr aus dem Zeitalter der äfthetiſchen Verirrungen. Hätte auch Canova weiter nichts als diefes Werk gefchaffen, fein Name müfste in der Kunftgefchichte für alle Zeiten als bedeutungsvoll genannt werden. Wenn auch nicht mehr der Geift, fo wurde doch die mafsvolle Einfachheit der Antike wieder der Anfchauung vorgehalten und von diefer Bafis aus der Weg zur Wahrheit, zur Natur angeftrebt. Italien war jedoch nicht mehr der Boden, auf welchem' die Kunft neuerdings die Stufen zu den Idealen emporwandeln konnte; die politifchen Ereigniffe von der franzöfifchen Revolution angetangen bis zur Errichtung des neuen Königreiches konnten allem Anderen eher als der Kunft im Lande förderlich fein; dafür aber wurde, unbehindert von allen Wirren, Rom der Mittelpunkt der Künftlerfchaft des Auslandes, und waren es vorzugsweife die deutfchen Meifter, die dort ihre Werkftätten auffchlugen und mit einem bedeutenden Schülerkreife bis in die jüngfte Zeit ein reges Kunftleben in der Tiberftadt erhielten. Die Finanznoth des neuen Staates geftattete es der Regierung wohl am allerwenigften, die Kunft zu unterſtützen; liefs ja doch manche reale Nothwendigkeit noch Vieles zu wünſchen übrig: was konnten die Künftler thun, als fich an die fremden Nationen wenden? Es ift diefs eine traurige Thatfache im Angefichte einer fo glanzvollen Vergangenheit- doch unter den obwaltenden Verhältniffen nicht anders denkbar. Die Anregung zu gröfseren, ernfteren Arbeiten fehlt der Gegenwart, ebenfo wie es an bedeutenderen Aufträgen mangelt; wie viel Sammlungen mufsten doch veranftaltet werden, ehe Bartolini's Pyrrhusgruppe( Eigenthum der Stadt Florenz) in Marmor ausgeführt werden konnte! Die italienifchen Bildhauer find angewiefen, für den Export zu arbeiten und dürfen, da fie zunächft das Publicum der Ausftellung berücksichtigen müffen, fchon defshalb keine geiftig complicirten Probleme zur Darstellung wählen, fondern mehr das Naive und Anmuthige, leicht Verſtändliche cultiviren; dafs fie hiebei in die Schablone verfallen und das Stoffgebiet nicht von grofsem Umfange fein kann, mufs einleuchten. Sie copiren, was ihnen im täglichen Leben begegnet und find zumeift Realiften; feltener verfteigen fie fich in idealer Formgebung nach den Mythen oder zur Allegórie. - Am ficherften bewegen fie fich in unmittelbárem Nachahmen der Natur, im " plaftifchen Photographiren", was auch dem Publicum am nächften liegt und feinen Zweck erfüllt, nämlich gefällt. Die Plaftik gleicht in diefer Beziehung fo recht der modernen italienifchen Mufik: füfse, leichte Melodien, die ein- oder 28 Jofef Langl. - zweimal fich gefällig anhören, dann aber monoton werden oder Affect in leerem, phrafenhaftem Rhythmus, wie Verdi feinen„ Zorn" zuweilen im Walzertempo auszudrücken beliebte. Mit dem Religiöfen ift es in der italienifchen Plaftik wohl gänzlich vorbei, fowie noch zu bemerken ift, dafs das ,, Relief", welches fchon im XVI. Jahrhundert blos mehr ein Anhängfel der Malerei war, in der modernen Zeit ebenfalls fehr fpärlich gepflegt wird; felten findet man in Ausstellungen mehr diefe Darftellungsweife. Es ift fchwer, gegenwärtig in Italien von fogenannten Schulen in der Plaftik zu fprechen, obfchon es deren im eigentlichen Sinne des Wortes im Lande eine Anzahl gibt. Die Gleichartigkeit der Production ift fo allgemein, dafs felbft bei genauefter Prüfung nur kleine locale Abweichungen hervortreten. Dafs in Rom noch vorwiegender die ideale Richtung gepflegt wird, ift wohl zunächft dem Einfluffe der bedeutenden fremden Meifter zuzufchreiben, die dort ihre Ateliers aufgefchlagen hatten und fich durchwegs an die antike Formgebung anlehnten. Der kürzlich verftorbene Tenerani( 1869), ein Schüler Canova's und Thorwaldfen's, kann wohl als der begabtefte unter den neueren Meiftern gelten. In Florenz fcheinen die Vorbilder der Meifter aus dem XV. und XVI. Jahrhundert wieder Einfluss zu gewinnen; lebensvolle Naturauffaffung, feine individuelle Charakteriſtik tritt feit Bartolini's und Dupré's Thätigkeit auch bei den zahlreichen Schülern diefer Meifter allenthalben zu Tage. Der eigentliche naive Realismus ift aber vorzugsweife im nördlichen Italien und vielleicht am ausgefprochenften bei den Mailänder Künftlern zu finden. Die Mailänder Sculpturen dominirten auch auf der Weltausftellung und fanden fchon der Vorwürfe halber bei dem Gros des Publicums am meiften Beifall, Es war nur zu bedauern, wie fchon am Eingange erwähnt, dafs viele der reizvollen Figürchen durch die Art und Weife der Aufftellung total um ihre Wirkung kamen: die meiſten derfelben waren nämlich in der Induftriehalle( im weftlichen Tranfept) neben allen erdenk lichen anderen Gegenftänden placirt und hatten weder gutes Licht noch ruhigeu Grund. Die Mehrzahl der Arbeiten war fchon im Jahre 1871 bei Gelegenheit der grofsen Ausstellung in Mailand( in der Brera) exponirt und, wie fich der Berichterftatter mit Vergnügen erinnert, dort in fo delicater Weife arrangirt und beleuchtet, dafs man in der That über dem Zauber der Arbeit das Nichtsfagende der Gegenstände vergeffen konnte. Es wurde damals wohl von einigen Seiten gegen die Färbung des Lichtes( mit Blenden) Einfprache erhoben doch gewifs mit Unrecht! Es gibt doch kein einfacheres Mittel, dem Marmor die fpröde Weifse zu nehmen, als das Licht mit einem angenehmen Farbentone zu dämpfen. Welch wunderbarer Effect wird doch damit bei Dannecker's ,, Ariadne"( Frankfurt, Bethmann's Muſeum) erreicht! -- Ein junger deutfcher Bildhauer, Adolf Hildebrand( derzeit in Florenz), hatte zur Zeit der Weltausftellung im öfterreichifchen Muſeum für Kunft und Induſtrie einen„ fchlafenden Hirten" in Marmor ausgeftellt und der Oberfläche durch Einreibung von Tabakfaft eine äufserft milde, wohlthuende Patina verliehen, was als Mittel zur Dämpfung der unangenehmen Härte des Marmors hier erwähnt fein mag. Laffen wir von den Mailänder Künftlern den Profefforen Tantardini und Magni hier den Vortritt. Tantardini ift der feine Idealift, das heifst in dem Sinne, dafs er die Natur in ihrer edelften Geftaltung wiederzugeben fucht, ohne dabei in irgend welche ftrengere Stiliftik zu verfallen; das Zarte, Weibliche fpricht ihm am meisten zu; er behandelt feine Formen mit bewunderungswürdiger Eleganz und weifs auch in die Bewegung der Geftalten viel Anmuth zu legen. Seine„ Betrachtende" und die„ Badende" zeigten bei den genannten Eigenfchaften einen leichten, gefälligen Linienflufs, was auch feine„ Italia" am Cavourdenkmal auszeichnete. Von der edlen Figur war ein Gypsabgufs( Vorhalle des nördlichen Amateur Die Sculptur. - 29 Pavillons) ausgeftellt, der hier freilich in der gegebenen Pofition wenig Effect geben konnte; wer aber in Mailand von der Via del Giardino aus dem Monumente begegnet, wird gewifs von der Erfcheinung der ,, Schreibenden" angenehm überrafcht fein; ftörend ift leider dabei nur die Geftalt Cavour's felbft in moderner Kleidung; eine Büfte würde wohl eher zu dem unten ausgefprochenen Gedanken paffen. Ein reizendes Figürchen war auch ,, die Leferin" von demfelben Künftler; nur liefs das Köpfchen, fo fchön es auch war, kalt; dem Motive wäre doch ein Reflex im Antlitz fo nahe gelegen. - " Mit mehr Pathos weifs dagegen Magni feine Geftalten auszuftatten. Die " Juftitia" war eine impofante Erfcheinung; trotz der ausgefprochen realiftifchen Formgebung bewahrte die Geftalt eine gewiffe Erhabenheit und vornehme Würde; wohl beeinträchtigten die etwas zu gerade laufenden Linien der Drapirung die Zeichnung des Nackten, wie es überhaupt bei Magni zu tadeln ift, dafs er im Faltenwurf fich zu viel an das todte Modell hält und manchen„ Bruch" ganz unmotivirt einfetzt. Die Fehler traten befonders an feinem Sokrates" hervor, einer übrigens edel aufgefafsten Figur, an welcher der antike Kopf mit viel Gefchick ins ,, Realiftifche" umgefetzt erfchien. Bei des Künftlers Beatrice" war nur die reizvolle Ausführung zu bewundern; der Künftler hat daran die Anmuth der Keufchheit geopfert; die Verzückte" blickte gar zu ftarr nach den himmlifchen Höhen und konnte den Befchauer keineswegs erwärmen. Ein wundervolles Köpfchen voll zartefter Empfindung zeichnete dagegen feine„ Sappho" aus; an der Geftalt ftörten nur wieder die zu profaifchen Faltenmotive. ,, 99 Ani populärften wurden auf der Ausftellung die Sculpturen des Mailänders Quarniero, da er mit feinen Vorwürfen dem Publicum fo recht ins Gemüth griff; ,, die Jugend Raphael's" nannte er einen gar fentimental dahinblickenden Knaben im Florentiner Coftume, der, den Stift in der Hand, mit der Mappe graciös an einer gebrochenen Säule lehnt; die Rofe der Unfchuld" reichte ein halbentblöfstes und darüber wohl etwas verfchämtes Mädchen dem Befchauer entgegen. Das Kind des Tages war jedoch fein„ erzwungenes Gebet"; ein kleiner Knabe im Hemdchen wird zum Beten gezwungen und fucht feine Thränen und feinen Unwillen zu„, verbeifsen". Wir haben des an und für fich nichtsfagenden Gegenftandes fchon in der Einleitung gedacht und können hier nur wiederholen, dafs das Publicum nur defshalb den Kleinen fo fanatifch umfchwärmte, weil er eine Seelenftimmung auszudrücken fuchte, worin Quarniero freilich nur in diefem leichten Genre als einer der begabteften unter den Mailänder Realiften zu bezeichnen ift. Seine Geftalten intereffirten, fie gaben zum Mindeften ein Stück Leben, wenn auch von der edelſten der Künfte, der Sculptur, höhere Tendenzen in Bezug auf das Stoffliche zu verlangen wären. - Als Gegenftück zu dem erwähnten jungen Raphael konnte Egido Pozzi's ,, Michel Angelo" gelten, ein Figürchen voller Grazie und vollendetfter Durchführung, an welchem jedoch einige Proportionsfehler in den oberen Extremitäten. zu verzeichnen wären. Der jugendliche Künftler hat einen Satyr in einen Steinblock gemeifselt und blickt, den Kopf auf den Arm geftützt, nachfinnend auf fein Werk ,,, als ob ihm bange Zweifel über feine Künftlerlaufbahn aufftiegen", wie die beigegebene Erklärung bemerkte. Harmlos in die Saiten des Gefühls zu greifen, oft nur um der Erfcheinung einen Vorwand zu geben, find es denn zumeift jugendliche Geftalten, die von den italienifchen Bildnern auf das Schaupiedeftal gebracht werden. In wahrer Legion erfchienen Kinderfigürchen, an denen das„ Naive" in allen möglichen Variationen gefchildert wurde. Zu den befferen diefer Gattung gehörten von den Mailändern die Arbeiten von Peduzzi, Calvi, Zanoni, Pereda und Pietro dal Negro. Das Meifterftück in techniſcher Beziehung lieferte jedoch für diefes Genre Donato Baccaglia mit feiner Gruppe„ die Seifenblafe". Es mufs geradezu eine Keckheit genannt werden, für eine Marmor fculptur einen folchen Vorwurf zu wählen!" Auf einer blumenumrankten Balu 30 Jofef Langl. ftrade fitzt oder balancirt vielmehr ein Knabe und hält an einem Röhrchen eine Seifenblafe( in Glas nachgebildet) empor, nach welcher ein zweiter, in rein fchwebender Stellung an dem Poftamente emporkletternd, übermüthig die Hand ausftreckt" Arme und Füfse hingen dabei fo frei herum, das Ganze war fo luftig gebaut, dafs man bei der vollendeten Ausführung über die Bravour des Meifsels nur zu ftaunen vermochte. Ein ähnliches Virtuofenftück hatte übrigens auch Branca in feinem Traubendieb" geliefert. A. Bezzola fchilderte einen launenhaften„ Modellino"; vergebens fchmeichelt eine junge Künftlerin ihrem Amor- Modell, feine gewifs heitere Rolle weiter zu fpielen der kleine Schelm fträubt fich gegen das langweilige Gefchäft in ganz köftlicher Geberde, die übrigens lebhaft an Begas'" zürnenden Amor" erinnerte. 29 99 Ganz im Dufte mittelalterlicher Romantik brachte C. Teffin unter der Devife La bocca mi baccio tutto tremante" die Liebenden Paolo und Francesca" in Marmor zur Erfcheinung.„ Il baccio" wäre wohl der einfachere Titel der Gruppe gewefen, an welcher übrigens das Arrangement in der Gewandung manch hübfches Motiv bot. Barzaghi führte uns an das Nilufer und liefs uns von der Tochter des Pharao den kleinen Mofes im Binfenkörbchen präfentiren; die Geftalt war reizend durchgeführt, nur drängte fich, wie an des Künftlers„ Phryne", das Sinnliche etwas auffällig in den Vordergrund, was wohl auch bei Imanuelle's ,, Mädchen im Bade", dem„ Schlaf der Unfchuld" und der" Eva" von Argenti und fo manch Anderen mit berechneter Abficht der Fall war. Die Figur Imanuelle's hätte wohl der anatomifchen Gewiffenhaftigkeit nach, mit welcher das betreffende Modell copirt war, beffer ,, die Frau im Bade" heifsen follen. Barzaghi's Eitle", ein Kind, das fich im Schleppkleid probirt, erinnerte an Makart's Amoretten. 9 Bemerkenswerth ist, dafs mit dem vollendeten Realismus in der Form auch die Compofition fich wenig um die plaftifchen Gefetze kümmert und darin rein malerifch zu Werke gegangen wird. Wie abfichtlich fanden fich Werke, die diefer Richtung angehörten, in der Vorhalle des nördlichen Amateur- Pavillons ausgeftellt, von welchen wir Oldofredi's, Chislehurst", Napoleon, tief gebeugt auf einem Lehnstuhle fitzend, und Larrochi's( Profeffor in Siena) originelle Gruppe, Tobias, eine Leiche beftattend" erwähnen wollen; es begegnete wohl zum erften Male in der Plastik, in dem Piedeftal einer Gruppe ein Grab gehauen zu finden und darüber mit gefpreizten Füfsen eine Geftalt einen Leichnam an einem Tuche in die Tiefe fenken zu fehen. Das Werk befafs jedoch, befonders in den nackten Theilen, grofse Vorzüge und war auch fonft, wenn man einmal der Möglichkeit der Darstellung zuftimmte, fehr fchön aufgebaut. Nebenan ftand auch Oldofredi's Kriegsgenius", der vor feinen Werken zurückfchaudert; eine impofante Figur, die wohl fchon in ihrer gemeinen Haltung( fitzend mit aufgefchlagenem Fufse) das rauhe Gefchäft andeutete, in welchem mit jenen Werkzeugen hantirt wird, die zu ihren Füssen lagen. Ob fich die Plaftik zur Erhöhung des Effectes in einem Bildwerke zweierlei Materiales bedienen darf, hat wohl fchon das Alterthum entfchieden, und wird ja die Schönheit von Phidias' chriselephantinen Statuen von den Schriftftellern über alle Mafsen gepriefen. Calvi's Büften des„ ,, Othello" und der„ Selica" in Bronce und Marmor waren als decorative Stücke gewifs von überrafchender Wirkung, mochte man auch gegen ,, Büften mit Armen" einiges Bedenken tragen. " Von den Genuefer Künftlern hatte Monteverde( früher in Rom) mit feiner Gruppe Jenner, am eigenen Kinde die Einimpfung verfuchend" für den Realismus einen kecken Trumpf ausgefpielt. Wer follte doch einen folch profanen Vorwurf für eine lebensgrofse Gruppe in der Plaftik annehmbar halten! Die Sculptur. 31 Und doch wufste der Künftler in feinem Werke durch die Schärfe der Charakteriſtik und die tiefe pfychologiſche Wahrheit den Befchauer zu feffeln. Der kleine, fich fträubende Knabe, der nicht weifs, was mit ihm gefchieht, die gefpannte Aufmerkſamkeit des nachmals fo berühmten Verfaffers der„, Inquiry in to the causes and effects of the variolae vaccinae" waren fich gegenfeitig trefflich ergänzende Contrafte und machten das Werk einheitlicher und abgefchloffener, als manche fchüchtern componirte Epiſode aus dem Olymp. Mondeverde's brillante Technik ift von feiner Gruppe„ Kinder mit Katzen ſpielend"( Münchener Ausftellung 1869) her bekannt. Als reizendes Figürchen, mit unendlich zarter Empfindung behandelt, mufs hier auch des Künftlers Columbus" Erwähnung finden. " - Er ftellte uns nicht den gewaltigen, kühnen Weltumfegler vor noch ift's der fehnfuchtsvoll nach dem Meere blickende Knabe, der wohl aus dem zufammengefchlagenen Buche die Nahrung faugt zu feinen Plänen, nach dem Weften hinzufegeln. - Wie fehr für die Italiener das Gebiet der Plaftik ein unbegrenztes ift, hat Tabacchi( Turin) mit feinem Debardeur am ausgelaffenften bewiefen. Es gehört wohl von technifcher Seite eine Verwegenheit dazu, eine Figur, auf einem Marmortifche fitzend, darzuftellen andererfeits kommt man aber denn doch in Verlegenheit, ob man den Künftler fchelten oder belachen foll, ein Sujet für die Sculptur von der Mascherata" geholt zu haben. Solche Vorwürfe werden doch felbft im Journal amusant nur in lofer Contour gezeichnet: der Italiener nimmt keinen Anftand, fie in edlem Marmor zu verkörpern als ob es ihm ebenfo wenig Mühe koftete! - Als Repräfentant der idealen Richtung erfchien von den Turinern Jofef Tini, deffen Marmorftatuen„ Frühling" und„ Herbft" ganz im Stile Canova's gehalten waren. Als Romantiker wäre den genannten Meiftern Cuglierero ( Turin) hier anzufchliefsen. Seine Marmorgruppe„ Pompejanifche Idylle" befitzt zwar wieder eine gewiffe Dofis jener keufch- finnlichen Reize, in welchen die platonifchen Aesthetiker den Untergang aller Kunft erblicken; doch hat der Künft. ler hier die Geftalten fo unfchuldig poftirt, wie Canova in feiner Gruppe„ Amor und Pfyche fich küffend"; nur ift es in dem berühmten Werke der Villa Carlotta nicht fo fehr mit dem Weiblichen auf den Befchauer abgefehen als hier, wo die unbefangene Naivität, die fchon Boulanger in feinen pompejanifchen Epifoden ziemlich lofe fpielen läfst, wohl an ihrer Grenze erfcheint. Holdfelig neigt, fie", an den Pfeiler gelehnt, ihr Köpfchen nach rückwärts und neckt den Knaben, der fich zum Kuffe neigt, fo zierlich mit der Hand am Kinne, dafs in dem zarten Sträuben wohl nur ein zartes Verlangen zu lefen ift. Von den Florentinern wollen wir Piatti in feinen Arbeiten hervorheben, in denen fich Anmuth und Schönheit der Linien mit hoher Formvollendung paart. Seine ,, Angelica" kann fich ohne Scheu neben die mediceifche Venus ftellen; in edler Auffaffung bei der reizvollften Durchführung( befonders in der Drapirung) zeigte fich feine„ Jone". Als Virtuos in Marmor producirte fich im wahrften Sinne des Wortes der gegenwärtig in Florenz lebende Teffiner Caroni.( Die Arbeiten waren in einem kleinen Saale der Schweizer Kunftausftellung in der Kunfthalle exponirt.) Neben allerlei fcherzhaften Kinderfcenen, deren Titel, als die Kälte", der Eindruck des Waffers"," die kleine Leda" wohl fchon die Art und Weife der Behandlung bezeichnen mögen, fand fich ein Figürchen die Jugend", an dem der Meifsel wieder Bewunderungswürdiges geleiftet hatte. 77 " 9 Aus einem Rofenftrauche fchwebt eine Mädchenknofpe mit Schmetterlingsflügeln in holdfeliger Verzückung empor und hat fich zur Freiheit des Dafeins nur noch dem hemmenden Netze zu entwinden, das ihre Füfse umfchlungen hält. Als Titel wäre wohl beffer„ Frühling" zu wählen doch wen kümmert bei folchen Erfcheinungen, bei denen es blos auf den Duft der Sache ankommt, der Titel! - 9 32 Jofef Langl. Diefelbe Vollendung in technifcher Hinficht zeigte uns der Künftler auch an feiner„ Afrikanerin"; fo realiftifch die Formen gehalten waren, fo fchön waren fie auch. Ein ganz fonderbares Effectftück hatte Grilla in feiner„ lefenden Blinden" gebracht: das arme unglückliche Wefen taftete mit den Fingern in einem Buche mit erhabenen Lettern, und dem Befchauer blieb es überlaffen, das Bild fich aus. zumalen, wozu ihr ftarres Antlitz die Folie bot.inques ishlo " Von den Römern hatte Maffini in feiner Fabiola" ein Meifterftück in der Drapirung geliefert; wie überhaupt in der ganzen Geftalt die Natur fozufagen abgefchrieben erfchien. Bottinelli's ,, Eitelkeit", Rofetti's, Naivetät“,„ die Quelle der Liebe" etc., fowie Rondoni's" Bacchantin" waren anmuthige Geftalten, bei denen die Formen fich zumeift an die ideale Richtung hielten. Anfiglioni's Sculpturen gingen nur auf technifche Bravour aus; viel mehr war an ihnen nicht zu bewundern. Zur Erinnerung an Monti's" Traum der Freude" brachte er neben Anderem auch eine ganz verfchleierte fchwebende Geftalt als Flora". Die blinde Nidia", Blumen pflückend, von Dinotti, mufs wohl als unplaftifches Motiv bezeichnet werden, war aber durch die reizvolle Behandlung des Details von anfprechender Wirkung. " Es dürfte das Angeführte für die Charakteriſtik der gegenwärtigen italienifchen Sculptur genügen; denn, was fich unter den nahe 300 ausgeftellten Werken Weiteres vorfand, war weniger bedeutend und fchlofs fich der einen oder anderen der localen Richtungen an, die übrigens, wie aus dem Gefchilderten erfichtlich fein mag, unter fich nur geringe Unterfchiede zeigen. Die Sculpturen der übrigen Staaten. Den befprochenen Grofsmächten der Kunft gegenüber bot die Plaftik der anderen Staaten keine auffallenden Sonderheiten in Bezug auf die allgemeinen Beftrebungen. Die Künftler erhalten ja ausfchliefslich ihre Ausbildung auf deutfchem, franzöfifchem oder italienifchem Boden, und ift es begreiflich, dafs fie fich in ihren Productionen je den betreffenden Schulen anfchliefsen. Vielfach ift es denn auch die nationale Verwandtfchaft mit einer diefer drei Hauptvölkerfchaften, dafs die Künftler fchon von Haufe aus ähnlichen Tendenzen ergeben find. So finden wir beiſpielsweife in der Schweiz die deutfche, franzöfifche und italienifche Richtung vertreten; Belgien hält fich an Frankreich, England an Italien, Rufsland an Deutfchland und Italien etc. Nur die Künftler Dänemarks correfpondiren feit Thorwaldfen direct mit dem alten Griechenland; wie auch die modernen Bildner diefes einftigen Kunftlandes noch Reflexe des goldenen Zeitalters zur Erfcheinung zu bringen fuchen. Griechenland hatte Sculpturen aus dem Alterthume und der neueften Zeit auf der Ausftellung repräfentirt; die Ueberrefte von den Bauten der Akropolis und Anderes aus Attica wurden in Gypsabgüffen vorgeführt, an denen freilich das Gros des Weltausftellungs- Publicums mit gerin gem Intereffe vorübereilte; höchftens zogen hie und da die Photographien des ehrwürdigen Burgfelfens einen Philhellenen an, die Gedanken in der Vergangen heit fchweifen zu laffen doch wie wenige waren diefs! - Als der begabtefte unter den Bildnern der Gegenwart, die in Attica ihre Werkstätte haben, ift Leonidas Droffis hier anzuführen. Seine Werke, die in bedeutender Anzahl auf der Ausftellung erfchienen waren, lehnen fich unmittelbar an die alten Vorbilder an und find durchwegs vom edelften Geifte getragen. Glücklicher ift der Künftler jedoch in Einzelftatuen als in gröfseren Compofitio. nen, welchen( wie bei den Giebelfculpturen der Sina'fchen Akademie) der organifche Zufammenhang fehlt und wo die Geftalten nur aneinandergereiht ausfehen. Die Sculptur. 33 Von hoher Schönheit und vorzüglicher Durchführung war feine Penelope; die zarte Behandlung der Drapirung erinnerte lebhaft an die weiblichen Geftalten des Oftgiebels vom Parthenon; auch die„ Sappho" zeigte von edler Auffaffung, und war es dem Künftler trefflich gelungen, die Geftalt in den reizvollen Motiven der Gewandung durchzuzeichnen; etwas kühl war nur der Ausdruck des Kopfes. Die Statue Alexander der Grofse" machte durch den maffigen Aufbau der Formen wohl einen impofanten Eindruck; nur ftörte den Effect einigermafsen die unentfchiedene Haltung der Figur; Stand- und Spielfufs hielten ihre Rollen zu getheilt. 99 Ebenfalls ganz vom Geifte der Antike getragen und in Bewegung und Form gleich lebensvoll war G. Vitalis' ,, Thefeus". Der Held ift eben im Begriff, fich die Sandalen anzuriemen, erfcheint aber durch einen Vorgang in der Ferne abgelenkt und hat ftolz das helmgekrönte Haupt dahingewendet. Gegen die Ergänzung der mileifchen Venus von J. Koffos( der Künftler läfst fie ihr Spiegelbild fchauen) wäre wohl manches einzuwenden; im Ganzen war jedoch die herrliche Statue( Originalgröfse in Marmor) mit grofsem Verſtändniffe copirt. Von draftifchem Effecte war dagegen der nicht ferne davon placirte " gefangene Neger" von Vitzaris, der auf feinem elenden Lager fitzend den Befchauer fo verfchmitzt anblinzelte, dafs er in feinem traurigen Lofe eher ergötzte, als das Erbarmen wachrief; wie es der Gegenſtand verlangte, waren die Formen im derbften Realismus gehalten. Wenn wir noch der originellen Idee - " das Syftem des Kopernicus" plaftifch in einem Genius mit einer Weltkugel von G. Brutos dargestellt gedenken und auch noch den ziemlich kühlen„ Schnitter" von Philippotis erwähnen, fo dürften wir von dem Bedeutenderen der modernen griechifchen Sculpturen auf der Ausftellung nichts vergeffen haben. " Der ftrenge hellenifche Stil wird von dem Dänen Jerichan, dem begabten Schüler Thorwaldfen's, mit edler Confequenz feftgehalten. Von feinen ausgeftellten Arbeiten erinnerte der Fries, die Hochzeit der Roxane" am lebhaf teften an feinen grofsen Meifter, deffen Alexanderzug" ihm allerdings zum Vorbilde diente. Die Compofition ift reich an lebensvollen Gruppen, deren Zufammenftrömen nach dem Centralpunkte( dem Brautpaare) dem Werke eine wohlthuende Einheit verleiht, was vielleicht in manchen Punkten bei Thorwald. fen's Fries nicht der Fall ift; als am gelungenften dürften wohl die Partien der herbeigeführten Stiere, der Tanzenden und Muficirenden und des Trinkgelages - zu bezeichnen fein; ganz an die edlen Geftalten des panathenäifchen Feftzuges erinnerten die„ Griechen" links von der Hauptgruppe. In Bezug auf die Durchführung ift diefe befonders in den nackten Theilen zu loben; die Drapirung erfchien in manchen Partien etwas fchwerfällig. Von einem Totaleindrucke des gewifs bedeutenden Werkes war felbftverftändlich keine Rede, da nur Theile des Ganzen in Gypsabgüffen ausgeftellt waren. und eine Ueberficht nur aus ziem lich fchlechten Photographien gewonnen werden konnte. 29 Des Künftlers ,, badende Mädchen" find von früheren Ausftellungen her bekannt; fie fitzen wie zwei Nixlein beifammen und fchauen in die Ferne; die Köpfe waren mit zartem Empfinden durchgeführt, nur fchade, dafs die übrigen Formen in der Starrheit der antiken Formgebung das Leben verläugneten. Voll Leben und Feuer war dagegen des Meifters Broncegruppe der Pantherjäger" ( Vorhalle des füdlichen Amateurpavillons). Derfelbe hat ein Junges geraubt und ift im Begriff, die an ihn heranfpringende Mutter mit der Lanze zu durchbohren. Erwähnenswerth ift von dem Künftler noch ein„, Chriftus am Kreuz"( Marmor) als Unicum auf der Weltausftellung. 190 leidubal ob nende Die Arbeiten von Hafsciriis. Saabye und Thielmann( fimmtlich aus Kopenhagen) boten kein befonderes Intereffe.bnov low sibisdo 77 9* 34 Jolef Langl. Von der fkandinavifchen Halbinfel waren in der Plaftik blos drei Künftler mit je einem Werke auf der Ausftellung erfchienen. Erwähnenswerth ift davon die Marmorftatue" David" von Borch( Chriftiania). Der Hirtenknabe hält dankend zu Gott den Stein empor. Die Geftalt hatte im Nackten fchöne Details und machte im Ganzen einen gefälligen Eindruck; etwas kalt liefs indefs der Kopf. " In der ruffifchen Kunftabtheilung fielen befonders die Arbeiten Walter Runeberg's auf. In den Formen wohl etwas nüchtern, mangelt feinen Geftal ten jedoch keineswegs edle Zeichnung und würdevolle Auffaffung; fein Beftes war die Gruppe„ Apollo und Marfyas"; ein äufserft zart durchgebildetes Figürchen der ,, fchlummernde Amor"; etwas ängftlich dagegen die Gruppe ,, Pfyche mit Cupidonen". Ein mehr realiftifcher Zug geht durch die Arbeiten Tfchishoff's, was fowohl bei feinen Marmorgruppen im Unglück“ und„ Blindekuhfpiel" und noch ausgefprochener in feinen Porträtreliefs zu Tage trat. Ganz an die akademifchen Regeln hielt fich Brozk in feiner Gruppe, das erfte Liebeslispeln"; an die Italiener lehnte fich Kamensky mit feiner Gruppe„ der erfte Schritt" an. Wie ein kleiner Knabe unter Aufficht der Mutter„ gehen lernt", ift denn doch ein für die Plaftik etwas profaner Vorwurf! Ganz eigenthümlich hatte der Künftler in einer zweiten Gruppe die ,, Politik" fymbolifirt. Die Geftalt verhüllte fich den Mund, hatte auf dem Schofse Schwert, Feder, Orden und Depefchen liegen, trat mit dem Fufse auf das Geld und hielt einen Hund am Halsbande, der mit einer Katze ſpielte! Weitzenberg's Idealgeftalten zu den Verfen ,, Das Herz ift geftorben, die Welt ift leer" und" So bleichet meine Jugend, wie die Kränze fchnell verblüh'n" hatten manches hübfche Detail, im Ganzen erwärmten fie wenig. Die kleinen Broncegruppen( meift Thiere) von Kadt und Lanaray hielten fich an die franzöfifchen Vorbilder. England, welches fich fo fehr bemüht, feiner Kunft und Induftrie ein felbftftändiges nationales Gepräge zu geben, mag diefs in allem Anderen eher als in der Sculptur erreichen. So wenig plaftifchen Sinn wir in der englifchen Malerei entdecken, fo wenig verftehen es auch die Bildner, das Leben plaftifch zu verkörpern. Seit John Flaxman glorreichen Andenkens die edle Einfachheit der Antike in feinen Umrifszeichnungen zu Dante und Homer wieder in Erinnerung brachte, folgte die gefammte Sculptur Englands der idealen Formgebung, was jedoch bei den unfähigen Nachfolgern diefes Meifters in Hohlheit und Nüchternheit ausarten mufste. Mangelt daher fchon der Form jedes Leben, fo bieten in der Regel auch die Vorwürfe kein befonderes Intereffe; fie tragen zumeift jene verfchwommene Sentimentalität zur Schau, in welcher die Mylady intereffant zu fein fucht, und entbehren einerfeits den Reiz der Anmuth, andererfeits jede Energie. Wenden wir uns gleich zu dem Werke eines der bedeutenderen Meifter, zu C Marshall's Undine"; melancholifch lehnt das feuchte Weib an einem Fels und blickt ziemlich gedankenarm in die Weite. Die Formen waren fchön und von bewunderungswürdiger Glätte, doch kalt wie das Materiale, aus dem fie gemeifselt. Diefelbe edle Langweile brütete auch über Stephen's ,, Euphrosyne, und Cupido". J. Durham's Marmorgruppe„ Schlaf ein", ein Kind mit einem Hunde, und Adams- Acton's Guiocatore" boten nichts Erhebliches. Ein frifcherer Geift belebte nur die kleinen Thierftücke( Bronce), von denen H. W. Davis ,, laufender Stier" und die Arbeiten J. E. Boehm's befonders hervorzuheben find. 99 Wenn wir, unferer Pflicht getreu, auch einen Blick nach den Ländern jen feits des Oceans werfen, fo haben wir vom ganzen Erdtheil nur ein Werk zu ver zeichnen, nämlich die ,, fchlafende Schönheit" von Ames van Wart( New- York) ( Wefteingang der Induftriehalle). Der Künftler hatte darin Tennyson's Gedicht ,, der Tagtraum" illuftrirt; auf einem ziemlich gefchmacklofen Sopha ruhte, die Schönheit", die wohl von den Paffanten wenig in ihren Träumen geftört wurde. Die Sculptur. 35 Von belgifcher Plaftik machten fich zunächft die Arbeiten Ch. A. Fraikin s bemerkbar. Seine Marmorgruppe„ ein erftes Kind" war mit viel Leben aufgefafst; nur drängte fich bei dem fchon an und für fich unplaftifchen Motive das Sinnliche etwas zu derb in den Vordergrund. Des Künftlers Büfte der Königin und Dutrieux Büfte des Königs waren hübfch modellirt, weiteres Intereffe boten fie nicht. Glänzend war von den Belgiern die Medailleurkunft in den Namen Sandoz, Jacques und Charles Wiener und J. Danfe vertreten. Von den Schweizer Plaftikern waren F. Schlöth aus Bafel( derzeit in Rom) und Rob. Dorer( Baden, Argau) mit bedeutenden Arbeiten auf der Ausftellung erfchienen. Von Schlöth ift zunächft das für Bafel beftimmte Jakobsdenkmal zu verzeichnen, welches in der Rotunde ausgeftellt war. Die fchlechte Beleuchtung, fowie die ftörende Umgebung vereitelten wohl einen ruhigen Totaleindruck des Werkes, wie es überhaupt ftets mifslich bleibt, fürs Freie beftimmte Plaftik im gefchloffenen Raume zu beurtheilen. So viel konnte jedoch wahrgenommen werden, dafs die äufserft lebendig componirten Figuren ihren Effect nicht verfehlen werden; die Geftalten am Piedeftal dürften unferes Erachtens nur zu bewegt gehalten fein, und das Auge von der Hauptgeftalt, welche denn doch zunächft imponiren mufs, zu fehr ablenken. Ob die Wirkung nicht einheitlicher wäre, wenn die gigantifche Helvetia, ftatt mit fliegender, in ruhiger Drapirung erfchiene, wollen wir hier blos berühren; zum Mindeften erreichte Dorer mit feinem„ Genfer Nationaldenkmal" in der ruhigen, würdevollen Auffaffung feiner Geftalten denfelben, wenn nicht noch grösseren Effect. Dorer's Werk baute fich auch fchon vom Piedeftal an in fchöner Harmonie auf, und wäre dafür nur ein befferer Ort der Aufftellung( als in der Rotunde) wünschenswerth gewefen. Von Schlöth ift dann noch ein Marmorrelief„ Ganymed vom Adler in dem Olymp getragen" als lebendig componirt und fleifsig durchgeführt zu erwähnen; feine Marmorgruppe„ Adam und Eva" erhob fich jedoch nicht viel über akademifch ftilifirte Actftudien. Recht zart behandelt und gelungen, in die Kreisform componirt, waren Ruf's Marmorreliefs die vier Tageszeiten". " 9 Von Spanien, dem Heimatlande Murillo's und Velasquez's, wo heutzutage wohl die Kunft im tiefen Schlummer ruht, hatten nur zwei Bildner aus Barcelona, A Vallmiyana und R. Nobas, ausgeftellt, und zwar erfterer einen fehr fchön gearbeiteten Chriftus im Grabe"( Marmor) und letzterer eine charaktervolle Büfte des Dichters des Don Quixote. 90 Längft find die Hallen im Prater gefchloffen und in alle Welt zog wieder heimwärts oder ging dem Orte feiner Beftimnung zu, was fich zum internationalen Fefte als Culturzeugnifs eingeftellt hatte. Rafch blättert die Zeit im Buche der Ereigniffe und fchlägt im Fluge in die Vergangenheit, was in der Zukunft verborgen ruht. Manches Blatt fällt wohl der Vergeffenheit anheim, und manches erlebte Ereignifs ftreift fpäter in der Erinnerung nur einem Irrwifch gleich durch die Gedankenwerthlos dem Streben und Ringen unferes Dafeins! Wohl Keinem von all' den Taufenden, die im Sommer 1873 von Nah und Fern nach den Paläften des Praters hinab gewandert, werden jedoch die Tage des dortigen Aufenthaltes fobald aus dem Gedächtniffe entfchwinden; das Riefenwerk, wie es in niedagewefener Pracht vor Augen lag, hat in feiner Grofsartigkeit und feinem Reichthume gewifs auf Jeden den unvergesslichften Eindruck gemacht. Theilte fich das Intereffe auch zunächft in Fachgruppen und fuchte jeder vorerft das„ Seine" unter dem Ausgeftellten: in den Hallen der Kunft traf fich alle Welt und wird ihr Andenken allerorts am lebendigften bleiben; fand doch ein Jeder in den mannigfachen Reflexen des Lebens und der Natur, was feinem Empfinden fympathifch war und die Funken wohlthuend entflammte, die das Leben fonft gebunden hält. Gleichgiltig wandeln wir oft an Dingen vorbei, die, von des. Künftlers Hand dargestellt, uns anregen und zum Nachdenken auffordern; felbft das Unbe 36 Die Sculptur. Jofef Langl. deutende, aus dem Weltgewühle herausgehoben, kann uns Gedankenkreife eröff nen, in welchen fich unfer Empfinden veredelt und wir der Erkenntnifs näher rücken. Diefe hohe Pflicht kann jedoch die Kunft nur erfüllen, wenn fie ftets die Natur zur Quelle nimmt und in der Form die vollendete Wahrheit anftrebt! im Die allgemeine Strömung der Zeit ift diesen Tendenzen günftiger denn je, und in den Bahnen, in welche bereits die Malerei eingelenkt hat, edlen Realismus wird auch die Plaftik ihr Heil in der Zukunft zu fuchen haben! 33 3 D C D 2 จิ จ จ TMW- Bibliothek 0020925 O WEL OPEN