TMW- Bibl WA 87/12 E K ON WA 87/12 RICHT INDES N A OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER PAVILLON DES KLEINEN KINDES. BERICHT VON DR. FERDINAND STAMM. BUCHERE SCHED MUSEUM Technologisahes Gewerbe- em WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. BE EB KTETZEZ KIZDE2 VORWORT. 12. " Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schlufse der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. I* 2 DER PAVILLON DES KLEINEN KINDES. Bericht von DR. FERDINAND STAMM. Die Anregung, auf der Wiener Weltausftellung 1873 in einem befonderen Pavillon alles dasjenige auszuftellen, was auf die Pflege und Erziehung des Kindes von der Geburt bis zu feinem Eintritt in die Schule Bezug hat, ift von Herrn Julius. Hirfch, dem Präfidialreferenten der Weltausftellungs- Direction ausgegangen und in das Programm der Additionalausftellungen aufgenommen worden. Das von einem Comité berathene Programm erhielt die Genehmigung der Generaldirection und wurde veröffentlicht. In Folge deffen fagten die Weltausftellungs- Commiffionen von Grofsbritannien, China und Japan ihre Betheiligung zu. Die fchwer zu bewältigende Aufgabe der Herftellung des Induftriepalaftes verzögerten den Angriff des befonderen Pavillons bis zum April 1873, wo Herr Architect Auguft Weber die Herftellung des Gebäudes übernahm und im Juni vollendete. Das Gebäude hatte einen Mittelfaal, vierzig Meter lang und vierzehn Meter breit. An den vier Ecken vier nach dem Saale geöffnete Cabinette, eines zur Aufnahme der Sammlung aus England, das zweite für die chinefifche, das dritte für die japanefifche Ausftellung, das vierte für die Einrichtung einer Crêche beftimmt. An der Weftfeite des Saales waren noch zwei Cabinette, eines zur Aufnahme der Einrichtungsftücke eines Kinderfpitales, das andere zur Darstellung der Verbefferungen in der Kinderftube armer Leute beftimmt, und darüber hinausragend war ein grösseres Zimmer angebracht, in welchem die Einrichtungsstücke eines fürftlichen Kinderzimmers und die Kinderwäfche ausgeftellt wurden. Gerade gegenüber an der Oftfeite erweiterte fich der Hauptfaal durch einen Vorfprung von fünf Meter Tiefe und vierzehn Meter Breite. Der Hauptfaal war für die Ausftellung alles deffen beftimmt, was im Allgemeinen auf die Pflege, Erziehung und den Unterricht des Kindes Bezug hat. Die Betheiligung war eine lebhafte und es handelt fich darum, aus dem Gebotenen eine Auswahl zu treffen, welche ein überfichtliches Bild von der Pflege und den reichen Mitteln des erften Unterrichtes und der Ausbildung des kleinen Kindes in Oefterreich und in anderen Ländern zufammenftellt. Ein Executivcomité, beftehend aus den Herren Julius Hirfch, Hofrath Dr. Hermann Widerhofer, Dr. Heinrich v. Weil, Leibarzt Dr. J. E. Polak, Director Dr. Friedinger, Dr. Maximilian Herz, Dr. Eifenfchütz, Buchhändler Rudolf Lechner, Profeffor Hans Schmitt, Hof- Chromolithograph Auguft Hartinger, Architect Auguft Weber und den Herren Spielwaaren- Händlern C. A. Müller, Franz Kietaibl und Franz Lutzenleitner unter dem Vorfitze des Dr. Ferdinand Stamm, beforgte die Ausführung der Ausstellung. Der Pavillon wurde erft Ende Juni dem Befuche eröffnet. Wir beginnen bei der Darftellung der Expofition mit den Kinderzimmern. 6 Dr. Ferdinand Stamm. Das Kinderzimmer. Wenn fchon der Naturtrieb der Thiere für den neuen Ankömmling lang voraus forgt und felbft der leichtfinnige Schmetterling das Ei in eine Blüthenknospe legt, damit das auskriechende Raupenkind eine fchöne Wiege und die zubereitete erfte Nahrung findet, und wenn die unftäten Vögel fich im Frühling feftfetzen und ein weiches wohlgefchütztes Neft für ihre Jungen bauen, fo wird es nicht überrafchen, wenn wir bei allen Völkern die hoffende Elternliebe zu der zarteften Sorgfalt für den zu erwartenden neuen Gaft veredelt finden. Der reiche Vater baut einen ganzen Flügel an das Schlofs, um dem erfehnten Stammhalter und den Princeffinen eine befondere Hofhaltung einzurichten und er ftellt für fie goldene Wiegen als erftes Lager hin; die Fürftin beforgt die reiche Ausstattung für ihr Kind: Leibwäfche, Bettzeug, Kleider, hundert Sachen und Sächelchen, für jedes erdenkliche Bedürfnifs und die reichfte Bequemlichkeit des Kindes und ftickt wohl mit eigener Hand die Prunkdecke oder ein Feftkleidchen nach kunstvoller Zeichnung, um zum Guten, den Glanz und Schimmer" zu fügen. Auch der einfache bemittelte Bürger richtet für feine Kinder ein befonderes Zimmer ein, und ftattet es bequem aus, wie wir es in mufterhafter Weife in dem englifchen Kinderzimmer ausgeftellt finden. Und felbft arme Eltern beftimmen den beften Winkel ihrer Stube für die Wiege und die hoffende Mutter näht nach der Tagesarbeit halbe Nächte lang an der Leibwäfche des Kindes und ftattet das vom Vater vielleicht nur roh gezimmerte Kinderbettchen aus. Die Wiffenfchaft gibt den Eltern in diefer Sorge Recht. Sie zeigt ihre ftatiftifchen Tafeln, welche die bedenkliche Erfahrung nachweifen, dafs die Hälfte der Gebornen im erften Lebensjahre ftirbt und ein anderer bedeutender Bruchtheil der übrig gebliebenen aus dem erften Lebensjahre Krankheiten und Gebrechen, Blindheit oder Taubheit, krumme Glieder, Ausfatz, Skrofeln und andere Leiden mit hinübernehmen. Die Lage und Befchaffenheit, die Einrichtung und Ausftattung des Kinderzimmers ift kaum weniger entfcheidend für die Entwicklung der darin wohnenden Kinder, als die Befchaffenheit der Brutzelle für die Bienen, welche bekanntlich in einer gewöhnlichen kleinen Zelle zu verkümmerten Arbeitsbienen, in einer grofsen befonders gebauten Zelle aber zu einem vollkommenen Bienenweibchen, zu einer Königin, heranwachfen. Im Pavillon des kleinen Kindes waren mehrere Kinderzimmer mit ihrer Einrichtung dargestellt. Ein gröfseres Zimmer war von der Möbelhandlung des Herrn S. Löwi aus Wien mit Einrichtungsftücken ausgeftattet, die für muftergiltig gelten können. Im richtigen Verftändniffe des Zweckes war der Prunk und Glanz vermieden, welcher die Sinne des Kindes eher blenden und überreizen, als ausbildend anregen kann. Die blaue Farbe herrfchte vor. Sie ift neben dem heiklen Grün die mildefte Farbe. Bei künftlichem Lichte, das mehr oder weniger gelblich gefärbt ift, ergänzt das Blau die gelbliche Mifchung zu einer rein weifsen Beleuchtung. Die Schränke und Käften für die Wäfche glichen jenen, welche fich in den Zimmern für die kaiferliche Princeffin am öfterreichifchen Hofe befinden. Die Kinderwäfche, welche die Hof- Wäfchehandlung des Herrn Carl Hofmann in diefem Zimmer ausgeftellt hatte, war ganz gleich der Kinderwäfche Ihrer kaiferlichen Hoheit der Erzherzogin Marie Valerie, nur mit dem Unterfchiede, dafs die Leibwäfche der Erzherzogin mit violetter Farbe garnirt ift, während die ausgeftellte Wäfche blau garnirt war. Der Wickeltisch und die Wiege mit ihrer Ausftattung war denen am kaiferlichen Hofe nachgebildet. Ihre Majeftät die Kaiferin hatte geftattet, dafs überdiefs der prächtige Kinderfeffel Seiner kaiferlichen Hoheit des Erzherzogs, dann eine kleine Garnitur Der Pavillon des kleinen Kindes. 7 Tifchchen und Seffel, und ein kleiner Schrank mit dem Spielzeuge, welches Ihre kaiferliche Hoheit die Erzherzogin Gifela in Gebrauch hatte, ausgeftellt wurde. Lebensgrofse Photographien, die Bruftbilder der erhabenen Kaiferfamilie Ihrer Majeftäten des Kaifers und der Kaiferin, und der kaiferlichen Hoheiten des Kronprinzen Rudolf und der Erzherzoginen Gifela und Valerie, fchmückten die Wände und erhöhten das Intereffe an den ausgeftellten Ausftattungen des Zimmers und machten das fürftliche Kinderzimmer zum anziehendften Raum des Pavillons. Das bürgerliche Kinderzimmer mit feiner Einrichtung und Ausftattung war von der grofsbritannifchen Commiffion in einem befonderen Cabinette Anfchauung gebracht. zur Die Engländer find in der Erziehung ihrer Kinder muftergiltig. Nach Klima und Volksfitte bringt das Kind die Jugend meift in einem und demfelben Zimmer zu, die Winterzeit, welche alle Kinder in den Zimmern gefangen hält, dauert in England lang, in den Städten kommen auch im Sommer die Kinder nur wenig ins Freie; von der gefunden Lage, der reinen Luft und der zweckmässigen Einrichtung des Raumes, in welchem das Kind faft ausfchliefslich leben und fich bewegen mufs, hängt feine Gefundheit und feine Entwicklung ab. Wir wiffen, dafs im Haufe des Engländers, das meift nur zwei bis vier Fenfter breit, zwei Zimmer tief und zwei bis drei Stockwerke hoch gebaut ift, das Kinderzimmer in den oberen Stockwerken liegt, denn diefe find in Städten mit engen Gaffen lichter und luftiger und daher gefunder als die Zimmer der unteren Stockwerke. Es ift in diefen Zimmern überdiefs für eine gute Lüftung geforgt. Die Fenfter find zum Schieben derart eingerichtet, dafs ein unteres Schubfenfter hinauf-, das obere Schubfenfter herabgefchoben werden kann; fo entſteht unten und oben eine offene Spalte, weiter oder enger, wie man es nach der jeweiligen Witterung für zweckmässig findet; durch die untere Spalte des Fenfters ftrömt von aufsen die frifche gute Luft ein, durch die obere Spalte ftrömt die wärmere fchlechte Zimmerluft aus. Das erreicht man mit der fenkrechten Spalte der Fenfterflügel, wie fie in den Häufern der meiften anderen Länder im Gebrauch find, nicht fo gut. In allen englifchen Häufern wohlhabender Eltern liegen warme weiche Teppiche auf dem Fufsboden. Das Kind fitzt und rutfcht und läuft felbft auch blofsfüffig auf folchen Teppichen, ohne fich zu verkühlen, und fällt, ohne fich wehe zu thun. Die Grundbedingung eines gefunden Kinderzimmers ift reine mäfsig warme Luft von möglichft gleicher Temperatur. Verdorbene Luft wirkt auf das Kind wie eine verdorbene Nahrung, und wenn diefes einige Male im Tage Nahrung nimmt, fo athmet es in vierundzwanzig Stunden ungefähr dreifsig Taufend Mal und ift mit jedem Athemzug in Gefahr, das Blut in feinen Lungen zu verderben und fich zu vergiften. Man lüftet die Kinderzimmer wenig, weil man Zugluft und Verkühlung des Kindes beforgt. Dagegen kann man durch einen Schirm gegen Zugluft( Paravent) und durch zweckmäfsige Heizung und Kleider fchützen, gute Luft kann man nur durch Zuführung von Aufsen erlangen. Die Appartements der Kinder an einem fürftlichen Hofe und in einem Palafte beftehen daher aus mehreren Zimmern, um das eine zu lüften, während die Kinder in einem anderen Zimmer fich aufhalten. Die Engländer forgen in ihrer ganzen Wohnung für frifche Luft und haben den Kamin und die Fenfter darnach eingerichtet um zu lüften, ohne den Luftzug fchädlich werden zu laffen, eine Vorforge, die den Kindern in erhöhtem Mafse zu Gute kommt. Im Pavillon des kleinen Kindes hatte das Comitémitglied, Herr Dr. Polak, ein Cabinet für eine Familie mit zwei Kindern eingerichtet, um zu zeigen, wie man durch eine Ventilation im Winter und eine zweite im Sommer immer für frifche Luft forgen könnte. 222 8 Dr. Ferdinand Stamm. Für die Ventilation im Winter war ein Rohr von aufsen unter der Diele nach dem Ofen geführt, und mündet hier. Die Luft im Rohre wird durch den geheizten Ofen erwärmt und fteigt im Rohre empor, dabei dringt die kalte Luft von aufsen nach und erneuert die Zimmerluft. Im Sommer wird die Circulation der Luft dadurch bewirkt, dafs an einer äufseren Zimmerwand ein Rohr geftellt oder auch in die Wand eingelaffen wird, das man öffnen und fchliefsen und die Lüftung regeln kann. Die erfte Pflege des Kindes. Nahrung und Bad. Die befte Nahrung des kleinen Kindes ift die Muttermilch, wie fchon der Name ,, Säugling" andeutet. Wenn die Mutter fehlt oder ihr Kind nicht ftillen kann und auch keine Amme fie erfetzt, so ift die frifche thierifche Milch wieder die befte Nahrung für das Kind, denn fie enthält zunächft der Muttermilch die nothwendigen Nahrungsbeftandtheile für das Kind, in der nahezu gleichen Zufammenfetzung. Die natürliche Wärme mufs durch künftliche Erwärmung erfetzt werden. Die nächfte Gefahr bei diefem Erfatzmittel der Muttermilch liegt in der Fälfchung der thierifchen Milch durch Waffer oder noch fchädlichere Zufätze. Um fich von dem Wafferzufatz zu überzeugen, dienen die Mefsinftrumente für den Waffergehalt der Milch, Galaktometer, wie fie vom Herrn Profeffor Mofer im Pavillon ausgeftellt waren. Um die anderen Verfälfchungen nachzuweifen, bedarf es chemifcher Unterfuchungen. Noch fchwieriger ift es, in grofsen Städten fich zu verfichern, dafs die Milch nicht von kranken Thieren herkomme, was dem kleinen Kinde den gröfsten Nachtheil bringen kann. Unter folchen Verhältniffen hat die von dem Chemiker Johann Freiherrn v. Liebig in den Handel gebrachte„ Liebig'fche Kinderfuppe" weite Verbreitung gefunden. Liebig befpricht diefe Suppe für Säuglinge in folgender Weife: Wenn man Milch mit Weizenmehl zu einem dicken Brei kocht und diefem eine gewiffe Menge Malzmehl zufetzt, fo wird die Mifchung nach einigen Minuten flüffig und nimmt einen füfsen Gefchmack an. Auf diefer Ueberführung des Stärkemehls in Zucker und einer Ergänzung des Alkalis in der Milch beruht die Darftellung der neuen Suppe, die ich jetzt befprechen will. Die käufliche abgerahmte Kuhmilch enthält felten mehr wie II Percent fefte verbrennliche Stoffe( 4 Cafein, 45 Zucker, 2.5 Butter); 10 Theile Kuhmilch, I Theil Weizenmehl und ein Theil Malzmehl liefern eine Mifchung, welche fehr nahe den Ernährungswerth der Frauenmilch befitzt: Blutbildende Wärmeerzeugende Beftandtheile. 10 Theile Kuhmilch enthalten I Theil Weizenmehl enthält I Theil Malzmehl enthält Beftandtheile. 0.4 O'14 0.07 0.61 I'OO 0.74 0.58 . 2.32 = 1: 3.8. Das Malzmehl enthält II Percent blutbildenden Stoff, von welchem aber nur 7 Theile in die Suppe übergehen. Da das Weizenmehl und Malzmehl fehr viel weniger Alkali enthalten als die Frauenmilch, fo mufs diefes bei der Bereitung der Suppe zugefetzt werden; ich habe gefunden, dafs der Zufatz von 714 Gran doppelt- kohlenfaurem Kali, oder Der Pavillon des kleinen Kindes. 9 von 30 Tropfen oder 3 Gramme oder 45 Gran einer Löfung von einfach kohlenfaurem Kali, welche II Percent kohlenfaures Kali enthält, genügt, um die faure Reaction der beiden Mehlforten zu neutralifiren. Im Pavillon des kleinen Kindes war das Liebig'fche Nahrungsmittel in zwei Formen ausgeftellt: als Extractpulver der Liebig'fchen Kinderfuppe von Georg Stöger in Wien, und in concentrirter Form von Hermann v. Liebig und A. Widemann. Von anderen Nahrungsmitteln für kleine Kinder war von Herrn Raab, Apotheker in Wien, eine Fleifchextract- Chocolat und von Filipp Suchart aus der Schweiz eine Kinderchocolat ausgeftellt. Das Kind bedarf einer forgfältigen Reinigung. In den erften Monaten foll es täglich gebadet und gewafchen werden. Die Einrichtung dafür befteht in der Badewanne und dem Wickeltisch oder Wafchtifch. Im fürftlichen Kinderzimmer und im englifchen Kinderzimmer waren Wickel- oder Windeltifche ausgeftellt von mufterhafter Einrichtung. In einem Seitencabinette war von Ed. Lipovsky aus Heidelberg die Einrichtung eines Kinderfpitales ausgeftellt mit der Badewanne und einem Wickeltisch und von Franz Zacherl ein zweckmäfsig eingerichteter Tifch, auf welchem das Kind bequem gewafchen werden kann. Die dafür präparirten Schwämme waren von vorzüglicher Qualität. Die Ausftattung des Kinderzimmers. I. Die Kinderwäfche. Das neugeborne Kind hat eine noch unausgebildete Haut, die äufserft empfindlich ift gegen Luftzug und Kälte. Man kann erft nach einigen Monaten, wenn das Kind Schweifse entwickelt, annehmen, dafs die Haut ausgebildet ift. Bis dahin ift dasfelbe, befonders in der Winterszeit, forgfältig warm zu halten. Wenn fich das Kind nafs macht, fo kühlt es an diefen Stellen um fo rafcher ab, es ift daher auch darauf zu achten, dafs es nicht lange in der Näffe liegen bleibt. Darnach mufs die Leibwäfche des Kindes eingerichtet fein. Von einer zweckmässigen Leibeswäfche und deren forgfältigem Wechfel hängt die erfte gefunde Entwicklung des Kindes zum grofsen Theile ab. Die Wäfche und Kleidung des Kindes ift nach dem Klima und der Jahreszeit fehr verfchieden. In der Wiener Ausftellung war Gelegenheit zu eingehenden Studien hierüber geboten. In Photographien und anderen Bildern, in Figurinen und plaftifchen Darftellungen konnte man die Kinder bei verfchiedenen Völkern vom nackten Negerkinde bis zu dem in Pelzwerk eingewickelten und eingenähten Kinde der Eskimos fehen. In dem Pavillon des kleinen Kindes waren nach den Angaben des Hofrathes Dr. Hermann Widerhofer zwölf Statuetten von Müttern, ihr Kind nach der Sitte von zwölf verfchiedenen Völkern tragend, aufgeftellt: eine Wienerin, eine Oberösterreicherin, eine Kroatin, eine Engländerin, eine Nordamerikanerin, eine Egyptierin, eine Kaffernfrau, eine Indierin, eine Chinefin, eine Brafilianerin, eine Lappländerin und eine Samojedin, und man konnte an diefen Statuetten zugleich die Art der Bekleidung des Kindes fehen. Die chinefifche und japanefifche Commiffion hatten jede in einem Seitencabinette Wäfche und Kinderkleider ausgelegt. Die englifche Commiffion hatte in einem der Seitencabinette die vollſtändige Ausftattung eines englifchen Kinderzimmers ausgeftellt, darunter auch die 10 Dr. Ferdinand Stamm. Ausftattung eines Kinderbettes, einer Wiege und eines Wickeltifches mit der dazu gehörigen Wäfche. Nach englifcher Art halten leichte aber dicke Wollstoffe das Kind trocken und warm. Im Uebrigen find die Wäfchftücke und Kleidchen des englifchen Kindes fo eingerichtet, dafs die Kleinen in der freien Bewegung der Glieder wenig gehindert werden. Die vollständigfte Sammlung der Kinderwäfche war in dem fürftlichen Kinderzimmer von der Wiener Hof- Wäfchehandlung des Herrn Carl Hofmann ausgeftellt. Sie war genau nach dem Stoff und in der Form angefertigt, wie fie an dem kaiferlichen Hofe in Wien für Ihre kaiferliche Hoheit die Erzherzogin Valerie im Gebrauch ift, und beftand wohl aus hundert verfchiedenen einzelnen Stücken, faft alle dutzendweife zum Wechfel eingerichtet: Bettwäfche und Leibwäfche, Windeln, Leibbinden, Hemdchen, Bruftlazzen, Hauben, Strümpfe, Leibchen, Jäckchen, geftrickte und gehäckelte Schuhe, Röckchen, Kleidchen, Tragmäntel. Diefe Wäfche, blühend weifs, geftickt und mit Spitzen gefchmückt, war eine wahre Augenluft für Mütter, welche die Ausftellung befuchten. Eine zweite Sammlung von Kindeswäfche und Kinderkleidern hatte Frau Augufte Friedberg aus Wien ausgeftellt. Sie erhielt die in der Form von Puppenkleidchen gebräuchliche Wiener Kinderwäfche und Kleider und zwar für ein Kind noch in Wickelbettchen, dann für ein Kind, wenn es fitzen kann und ausgetragen wird, und endlich für ein Kind von einem bis zwei Jahren, das fchon laufen kann und ausgeführt wird. Nach dem Wiener Klima braucht das kleine Kind für den Sommer und den Winter eigene Kleider, und fo war denn auch eine Sommergarderobe und eine Wintergarderobe befonders ausgelegt. Man fieht daran, wie die Sorgfalt der liebenden Eltern hunderte Sachen und Sächelchen erfunden hat und bereit hält, um den vielerlei Bedürfniffen des Kindes in den erften Lebensjahren zu genügen. II. Die Wiege und das Kinderbett. Das Kind kann von feiner Geburt an zwei bis drei Monate lang feinen Kopf nicht frei heben, noch weniger fich auch nur mit dem halben Leib aufrichten oder fitzen; es mufs liegen wie ein fchwer Erkrankter und daher ift für eine gute Lagerftätte zu forgen, wenn das Kind gedeihen foll. Auch mufs es gut eingehüllt fein, und braucht befonders zur kalten Jahreszeit für die erfte Pflege ein warmes Bettchen, denn die Haut ist noch zart, ein rauher Luftzug kann dem Kinde eine Krankheit bringen. Auch für einen guten Platz in der Stube, wo das Kind ruht, mufs geforgt fein, am beften Halbdunkel, denn ein greller Sonnenftrahl, der in den erften Lebenstagen in das offene Auge des Kindes fällt, kann es blind machen. Was ift nun die beffere Schlafftätte für ein Kind, die fchaukelnde Wiege oder die fefte Bettftatt? Die befte Schlafftätte des Kindes ift der Mutterfchofs. Auf den Armen, an der Bruft der Mutter ruht das Kind am füfseften, fchläft es am liebften und daher am ruhigften. Doch die Mutter mufs ihre Liebe unter die Kinder theilen, fie ift auch Hausfrau und mufs fich dem Säugling entziehen, um Andere noch zu beforgen und zu betreuen. Sie legt das eingefchlafene Kind in fein Bettchen. Damit diefes die fchaukelnde Bewegung des Mutterarmes nachahme, hat der forgfame Vater die fchaukelnde Wiege erfunden, und fie hat fich erprobt. Die befte Wiege ift jene, welche in ihrer leichten Bewegung dem fanften Wiegen des Mutterarmes am nächften kommt. Aerzte und Kinderfreunde haben manches gegen die Wiege eingewendet und finden das Wiegen der Kinder nachtheilig, weil es fchwindlich mache und betäube, und man ging in der Bekämpfung der Wiege fo weit, aus der täglich sich Der Pavillon des kleinen Kindes. 11 wiederholenden Betäubung eine Gefahr für die gefunde Ausbildung des Gehirnes abzuleiten und die fchaukelnde Wiege die Wiege des Blödfinnes zu nennen. Diefe ftrengen Tadler haben dabei fehlerhaft gebaute und übel behandelte Wiegen im Auge, die auf zwei ungleichen Bogen von kurzem Radius geftellten kleinen Wiegenkäften, welche bei der ftarken holpernden Bewegung das eingewickelte Kind fo heftig hin und her werfen, dafs man es wie den Odyffeus bei der Fahrt zwifchen der Scylla und Charybdis anbinden mufs, und die auf einen Erwachfenen, wenn er diefer Folter ausgefetzt würde, die Wirkung einer Seereife im Sturm haben würden. In solchen Wiegen wird das Kind erft ermüdet und betäubt, ehe es einfchläft, was gewifs nicht ohne Nachtheil ift. Allein eine gut gebaute Wiege mit sanfter Schwingung ahmt die Bewegung des Mutterarmes nach und ift für das Kind ebenfo wenig fchädlich wie diefer. Eine gegründete Einwendung gegen den Gebrauch fchaukelnder Wiegen kann man daraus nehmen, dafs bei ihrem Gebrauch unnützer Weise Mühe und Zeit verfchwendet wird, indem die Kinder verwöhnt werden. Viele fchlafen erst ein, nachdem man fie längere Zeit fchaukelte und manche fchlafen nur so lange, als fie gefchaukelt werden. In dem Pavillon des kleinen Kindes und in den anderen Abtheilungen der verfchiedenen Länder waren viele Wiegen ausgeftellt, auch waren in Zeichnungen und Photographien Wiegen bildlich dargeftellt und man hatte die Ueberficht einer vollständigen Reihe, die man in zwei Hauptgattungen eintheilen kann: in hängende und ftehende Wiegen. Zu den hängenden zählen wir alle jene, an welchen der Korb oder das Kinderbett aufgehängt ift, und fich alfo um eine fefte Achfe bewegt. Es find das die Hängematte und das aufgehängte Netz, dann die mit Zapfen in den Zapfenlagern des feften Geftelles oder fonft aufgehängten Wiegenkörbe oder Wiegenkäften. Zu diefer Gattung gehört die fchöne Wiege, welche in den fürftlichen Kinderzimmern des Pavillons ausgeftellt war. Dann die mit Gold- und Silberbronce überzogenen eifernen Wiegen in der englifchen, franzöfifchen, öfterreichifchen und fpanifchen Abtheilung. In der Abtheilung von der Türkei war eine Bettftätte ausgeftellt, welche aus einem Rahmen beftand, der ftatt der Gurten mit einem Netze feftgespannter Lederriemen überzogen war. An der Seite diefer Bettftätte an dem Rahmen war der Wiegenkorb für das Kind aufgehängt. Im deutfchen Bauernhaufe aus Siebenbürgen fieht man den Wiegenkorb an langen Stricken von der hölzernen Stubendecke herabhängen. Bei der anderen Art der Wiegen ruht der Korb oder der Wiegenkaften auf zwei Kreisbögen und fchaukelt pendelartig wie der Kahn auf dem Waffer. Die Bewegung fchaukelt das Kind abwechfelnd auf die linke und rechte Seite. Davon abweichend ift die fchwedifche Wiege aus dem Gebiete von Darlekarlien eingerichtet. Hier find die Bögen, worauf die Wiege fteht, gleichlaufend mit der Lage des Kindes und beim Schaukeln heben fich abwechfelnd der Kopf und die Füfse des Kindes. Die Wiegen der zweiten Art waren unter den deutfchen Kinder- Spielwaaren in vielen kleinen Modellen im Pavillon ausgeftellt und fie find wohl am meiften in Deutſchland verbreitet. Sie fchaukeln nur dann fanft und geräufchlos, wenn der Wiegenfufs genau einen Kreisbogen bildet und die Wiege auf ebenem Fufsboden fteht. Wie fich beim Gebrauch die Wiegenbögen ungleichförmig abnützen, oder der Boden uneben ift, fo holpern und poltern fie und ftofsen das Kind. Die Hängewiegen verdienen daher den Vorzug. In der neueren Zeit macht man die Wiegengeftelle aus runden Eifenftäben und hängt einen Wiegenkorb, der gut ausgepolstert ift, an die Tragftangen, welcher das Rohrgeflecht nachahmt. Man fetzt die Tragftangen in einem Bogen über den Tragkorb fort 2 12 Dr. Ferdinand Stamm. und befeftigt daran Vorhänge, welche an beiden Seiten über den Wiegenkorb herabhängen. Diefe Wiegen, broncirt oder vergoldet, find fehr fchön, fie find auch feft, fchaukeln fanft und angenehm und haben die anderen Vorzüge der eifernen Bettftätten, nur müffen fie gut ausgepolftert und der Rand mufs mit einem weichen Stoff überzogen fein, damit das Kind nicht das kalte Metall berühre. In der Ausftellung konnte man in der englischen und öfterreichifchen Abtheilung mehrere fehr fchön und zweckmäfsig eingerichtete Eifenwiegen fehen. Kant fagt irgendwo in feinen Schriften: Das Bett ist das Neft vieler Krankheiten. Diefer Ausfpruch, den alle Aerzte beftätigen, gilt vorzugsweife von den Kindern in den erften Lebensjahren, wo fie die meifte Zeit liegen und bei der Weichheit und Zartheit ihrer Glieder durch ein fchlechtes Lager, wie durch ein fehlerhaftes Liegen leicht verkrüppeln oder fonst Schaden nehmen können. Wie follen die Kinder liegen? Das ift eine wichtige Frage, und das Comité für den Kinderpavillon benützte die Gelegenheit der Ausftellung, welche Taufende Eltern befuchen würden, um eine richtige Antwort darauf zu geben. Das Comité glaubte diefe Antwort am deutlichften und eindringlichften durch plaftifche Darftellungen vor Augen zu legen. Es wurden in dem Kinderpavillon Statuetten aus Gyps nach den Angaben des Directors Herrn Dr. v. Weil, von Profeffor Taffara modellirt, ausgeftellt: ein Kind, wie es zweckmäfsig liegt, auf dem Rücken, wagerecht, den Kopf durch einen Polfter etwas gehoben, die Füfse gerade, die Arme gleichfalls neben dem Leib abwärts ausgeftreckt; daneben sah man das Bild eines Kindes in fehlerhafter, ungefunder Lage: auf die eine Seite gewendet, den Oberleib auf mehrere Polfter gehoben, das Rückgrat gekrümmt, die Arme unter den Kopf gefteckt, fo dafs die Lunge beim Athmen sich nicht frei ausdehnen kann, der Blutumlauf gehemmt ift, der Rücken gekrümmt und alle Glieder verschoben find. Man fieht diefe beiden Kinder nebeneinander liegen, das eine blühend, lächelnd in gefundem Schlafe, das andere verdriefslich wie von fchweren Träumen und Alpdrücken geängftigt und erkennt mit einem Blicke die Lage des einen für muftergiltig, die des anderen für abschreckend. Eltern ftanden mit ihren Kindern vor den beiden Statuetten und riefen den Kindern zu: So mufst Du dich legen, ausgeftreckt wie diefes, und ja nicht zufammengekrümmt wie das andere! Es ift zu hoffen, dafs der Eindruck diefer Darftellung von Taufenden dauernd aufgenommen wird, und dafs die Eltern auch daheim den Kindern zurufen werden: Wie das Mufterkind im Pavillon auf dem Rücken und gerade follft Du liegen, nicht auf der Seite verfchoben und gekrümmt!" " III. Der Kinderfeffel, Kindertifch und anderes Zimmergeräthe. Ungefähr im vierten Monate feines Lebens ift das Rückgrat des Kindes fo feft geworden, dafs es aufrecht fitzen kann. Die Mutter bringt es jetzt von dem Arme und richtet ihm die Pölfter im Bettchen oder auch in einem Kinderfeffel, dafs es allfeitig angelehnt und geftützt fitze. Der Kinderfeffel, auf welchem das Kind von da ab sehr viel Zeit verbringt, wird wieder zu einem für die gefunde Entwicklung fehr wichtigen Geräthe. Wie follen die Kinder fitzen? Auch diefe Frage glaubte das Comité durch eine plaftifche Darftellung am deutlichften zu beantworten. Ein zweites Paar Statuetten von Profeffor Taffara nach den Angaben des Dr. Heinrich v. Weil zeigt hier ein Kind auf einem Stuhle am Tifche fitzend in gerader zweckmäfsiger Haltung, frei und kräftig, geiftig geweckt und entfchieden Selbftftändigkeit verrathend, daneben ein anderes Kind, gleichfalls auf einem Seffel am Tifche fitzend, aber hockend, den einen Fufs aufgezogen, den Kopf faul und Der Pavillon des kleinen Kindes. 13 mürrifch auf den einen Arm geftützt, und dadurch unnatürlich und unfchön verfchoben und verzerrt; ein unerfreuliches Gegenbild. Die Kinder, welche den Pavillon befuchten, konnten fich eine gute Lehre daraus ziehen, was fie meiden und was fie nachahmen follten; denn der Arzt mufste ihnen fagen: Wenn Ihr wie das hübfche heitere Kind fitzet, werdet Ihr wachfen und gedeihen; wenn Ihr wie das verdriefsliche Kind hockt, werdet Ihr verkümmern und verkrüppeln. Das Vorbild des auf einem Seffel sitzenden Kindes gilt eben nur bei Völkern, welche auf Seffel und Stühlen fitzen, wie die abendländifchen Völker, es ift kein allgemeines Vorbild und gilt nicht bei Völkern, welche auf niedrigen Polftern fitzen oder auf Teppichen hocken wie die Orientalen, bei ihnen führen aber auch nicht fo viele Berufsgruppen, eine fitzende Lebensweife" wie bei den abendländifchen Völkern. Bei diefen müffen alle Kinder vom fechften bis zum zwölften und vierzehnten Lebensjahre auf der Schulbank fitzen, die Jünglinge auf Univerfitäten und anderen Lehranstalten bis in das zwanzigfte Lebensjahr, und wenn die Kinder nach der Schulzeit in die Werkftätten der Weber, Schneider, Schufter, Sattler, Goldarbeiter, Graveure u. s. w., die Jünglinge von der Hochfchule in die Schreibftuben der Aemter, der Advocaten, der Buchhaltungen und Correfpondenzen und an die Schreibpulte der Lehrer und Gelehrten kommen, fo fitzen fie lebelang. Auch ein grofser Theil der Frauen ift während der Schulzeit, und durch das ganze Leben zur fitzenden Lebensweife beftimmt und es ift daher gewifs nützlich und nothwendig, wenn die Kinder fchon frühzeitig zweckmäfsig„ fitzen lernen", um gerade und gefunde Gliedmafsen und im weiten Bruftkorbe eine ausgebildete Lunge zu erhalten. Die Haltung des Sitzenden ift aber durch die Unterlage, fei es der Arm der Mutter, ein Stuhl, ein Seffel oder eine Bank, bedingt. So lange die Kinder auf den Armen getragen werden, find fie von den Trägern abhängig, auf diefen liegt die Verantwortlichkeit, dafs die kleinen Kinder. beim Tragen nicht verkrummen oder fonft Schaden leiden. In dem Pavillon war ein drittes Paar Statuetten aufgeftellt, von denen die eine zeigte: wie das Kind auf dem Arme getragen werden foll, und eine zweite anfchaulich machte, wie es beim Tragen eine fchiefe, der leiblichen Entwicklung nachtheilige Haltung nimmt, die vermieden werden foll. Eine weitere Reihe von zwölf Statuetten, nach den Angaben des k. k. Hofrathes Dr. Hermann Widerhofer, von Profeffor Taffara ausgeführt, ftellen Mütter von verfchiedenen Volksftämmen aus allen Theilen der Erde dar, wie fie nach der Volksfitte ihr Kind tragen, und man konnte fie mit dem Vorbilde vergleichen, welches der Kinderarzt als die befte Art des Tragens anerkennt. Wenn nicht alle Mütter ihre Kinder immer in muftergiltiger Weife auf dem Arme tragen, fo liegt wohl eine Entfchuldigung darin, dafs es eben fehr fchwer ift, ein Kind lang auf dem wagerecht ausgeftreckten Arme zu tragen und dafs die Wärterin das Kind bald auf den rechten bald den linken Arm nimmt, und zur Abwechslung wohl auch auf dem Rücken huckepack trägt, um die Arme ausruhen zu laffen, befonders auf langen Wegen. Anfteigend auf ein Gebirge kann die Trägerin das Kind nur auf ihrem Rücken liegend, am bequemften für die Mutter und das Kind, ausdauernd tragen. Die Mutter pafst dem fitzenden Kinde in jeder Haltung ihren Arm an; das foll nun der Seffel, foweit es möglich ift, erfetzen. Die Füfse müffen aufruhen. können, denn herabhängende Füfse ermüden und das Blut kreift weniger gut. Der Seffel mufs eine zweckmäfsige Höhe haben, damit das Kind, welches auf dem Tifche vor fich fein Spielzeug hat, fchreibt oder in anderer Weife befchäftigt ift, in gerader Haltung bleibt. Wenn die Tifchplatte zu niedrig ist, und das Kind fich tief bücken müfs, fo krümmt es in gefährlicher Weife den Rücken; ift die Tifchplatte zu hoch, fo wird es veranlafst, die Gegenftände zu nahe an die Augen zu bringen, und wird kurzfichtig. Im Pavillon des kleinen Kindes waren mehrere Kinderfeffel ausgeftellt. 14 Dr. Ferdinand Stamm. Die englifchen Kinderzimmer hatten einen vorzüglichen Verfchlufs, damit das kleine Kind nicht nach vorne vom Seffel fallen könne. Im chinefifchen Kinderzimmer ftanden zwei Seffel für ein ganz kleines und für ein etwas gröfseres Kind. Vorne war jeder Seffel mit einer Holzftange gefchloffen, um das Kind vor dem Herabftürzen zu fchützen und an diefer Holzftange hingen drei Ringe von Bambusrohr. Das Kind hatte daran ein Spielzeug, das es nicht wegwerfen konnte und das beim Drehen zugleich klapperte. Wir möchten diefes Spielzeug zurNachahmung empfehlen und zugleich rathen, die Ringe verfchieden zu färben, etwa nach den Grundfarben: roth, gelb und blau. Der Tifch, an welchem das Kind ifst, fpielt oder fich mit den Anfängen des Lefens, Schreibens oder Rechnens befchäftigt, foll im Verhältniffe mit der Höhe des Sitzes gebaut fein, fo dafs der Sitzende während der Befchäftigung fich aufrecht halten kann und die Gegenftände in der richtigen Sehweite vor fich hat. Wenn das Kind vorgebogen mit gekrümmtem Rücken fitzen mufs, so wird es engbrüftig, wenn es die betrachteten Gegenftände zu nahe vor den Augen hat, kurzfichtig; zwei Uebel, die man fo häufig bei Studenten entwickelt antrifft. Zu empfehlen ift eine Tifchplatte, welche nach Art der Fröbel'fchen Spieltifche fich kreuzende Linien von beftimmter Entfernung hat und die ein quadratifches Netz von zwei Centimeter Entfernung der Mafchen bilden, damit das Kind frühzeitig fein Augenmafs üben kann. Je nachdem die Knochen des Kindes früher oder fpäter erftarken, richtet es fich, wenn es ungefähr ein Jahr alt ift, auf, um zu ftehen und fich im Gehen zu verfuchen. Am liebften ergreift es dabei die Mutterhand und läfst fich führen. Auch diefes mufs anfangs mit Vorficht gefchehen, damit das Kind nicht einfeitig gezerrt wird und Schaden nehme. Im Pavillon des kleinen Kindes waren zwei Statuetten zu fehen, von denen die eine zeigte, wie ein Kind fchlecht geführt wird, indem es bei einer Hand fchief in die Höhe gezogen wird, was eine Verrenkung zur Folge haben kann. Die andere Statuettengruppe zeigte ein Kind in der Mitte von zwei Erwachſenen, die es an beiden Händen in der zweckmäfsigften Weife führen. Am Gängelbande, das man dem Kinde um die Bruft fchlingt und unter beiden Armen zurück zufammenfafst, fühlt das Kind die Bruft beim Gehen in nachtheiliger Weife beengt. Um der Mutter die Mühe des Führens zu erleichtern, gebraucht man den Gehftuhl oder die Gehfchule. Ein folcher Gehftuhl war in dem chinefifchen Zimmer ausgeftellt Mehrere Bambusftäbe bildeten ein niederes Geländer um einen etwa zwei Schuh weiten achteckigen Raum. Das Kind kann fich an dem Geländer anhalten und aufrichten. Alle Stäbe find rund und glatt. Das Kind ftöfst nirgends an eine Ecke und kann einige Schritte machen. An dem Geländer hängen einige Ringe aus Bambusrohr gefchnitten und laden das Kind zum Spiele ein. In dem Seitencabinette, wo die Einrichtung einer Crêche ausgeftellt war, fah man eine Gehfchule für mehrere Kinder. Zu den gewöhnlichen Einrichtungsftücken des Kinderzimmers gehört auch die Schaukel und das Schaukelpferd als ein beliebtes Spielzeug der Kinder. Die Natur drängt fie, fich zu bewegen und das Schaukeln ist gefund, es entwickelt die Lungen, indem es ein kräftiges Athmen erregt und übt die Kinder das Gleichgewicht zu halten. Mufterhafte Kinderfchaukeln waren von England ausgeftellt in dem englifchen Kinderzimmer und in der Sammlung von Herrn Kremer jun. aus London. Diefe Schaukel hat drei Sitze und befchäftigt drei Kinder, zwei auf den äusseren Sitzen, welche fich gegenfeitig das Gleichgewicht halten, und ein drittes auf dem Mittelfitz, welches fich rechts oder links neigend die Schaukel in wiegende Bewegung fetzt. Diefe Schaukel kippt nicht leicht um, macht wenig Lärm und hat einen fanften Gang. Der Pavillon des kleinen Kindes. 15 Die Kinder- Spielwaaren. Das Spiel ift der Anfang der Arbeit. Die Kinderfpiele follen daher gepflegt und geleitet werden, denn bei einem zweckmäfsigen Spiele entwickelt das Kind feine Kräfte, feine Sinne und feinen Verftand. Die Kinder, welche gern und anhaltend fpielen, werden als Erwachfene gern und fleifsig arbeiten. An der Art wie ein Kind ſpielt, kann man auf feine Naturanlagen fchliefsen, aus denen fich der Charakter entwickelt. Die Eltern und Erzieher follen daher wohl Acht haben auf die Spiele ihrer Kinder und fie leiten, um ihre leiblichen Kräfte gleichmäfsig zu entwickeln, ihre Sinne auszubilden, den Verftand zu üben, fie an eine geregelte Thätigkeit zu gewöhnen und zu verftändiger Arbeit heranzuziehen. Arme Kinder fpielen mit den Dingen, wie fie ihnen die freie Natur auf dem Lande bietet mit Sand und Steinchen, mit Blumen, Weidenruthen und Mufcheln. Ein Grashalm, einige Binfen genügen ihnen. Können fie ein Meffer handhaben und fchnitzen, dann machen die Kinder fich ihr Spielzeug in unerfchöpflicher Menge; meift ahmen fie das Handwerk oder die Kunft ihres Vaters nach der Sohn des Tifchlers fchnitzt Bänke, Seffel und Tifche, der Müllersfohn baut Wafferräder, der Sohn des Bildhauers.fchnitzt Thiere erft aus Krautftrünken und Rüben, dann aus Holz, der Fuhrmannsfohn baut allerlei Wägen, Futterkrippen und andere Stallgeräthe. Die Eltern follen diefe Verfuche begünftigen und nicht ängftlich dem Kinde das Schnitzmeffer aus der Hand nehmen, wenn es auch fich einmal in den Finger fchneidet, es lernt nur mit Wunden fchnitzen, wie es nur mit Fallen gehen lernte; hat es aber in der Kindheit Luft und Gefchick zum Schnitzen und Bauen, fo wird es fpäter„ praktifch" werden. Die Mädchen armer Leute greifen am erften nach den Blumen als Spielzeug und binden fie zu einem Straufs oder Kranz. Hier foll die Mutter in der früheften Jugend ihr Töchterlein auf die Farben aufmerkfam machen, fie nennen und ihr zeigen, welche Farben im Kranze zufammenftimmen und welche nicht. Der aufserordentliche Nutzen davon wird fich fpäter zeigen, wenn das Kind mit der Puppe fpielt und fie kleidet, und noch später, wenn die Tochter in die Schule geht und Nähen und Sticken lernt und Farben auswählen foll. Für die Kinder wohlhabender Leute und namentlich für alle Kinder in den Städten, denen die Natur ihre grofse Spielwaaren- Bude verfchliefst, forgt der Markt der Kinder- Spielwaaren. Viele Handwerke betheiligen sich an ihrer Erzeugung: Schneider und Schuhmacher, welche Puppenkleider machen, Porzellanfabriken, welche Puppenköpfe erzeugen, Lederarbeiter für Puppenglieder, Drechsler, Tifchler, Glafer, Zinngiefser, Spängler, Töpfer, Wagner, Mufik- Inftrumentenmacher, Buchbinder u. f. w. Auch Fabriken find für die Erzeugung von allerhand Kinder- Spielwaaren entftanden wie zu Nürnberg und Sonnenberg in Deutfchland, Oberleitensdorf in Böhmen, ferner in den meiften Hauptftädten. Der Handel mit Spielwaaren ift ein fehr ausgebreiteter. Europa exportirt maffenhaft über die See. Die Stücke zu einem Kreuzer, die Pfennig- und Pennywaare ift am reichften vertreten; es gibt aber auch in diefen Waaren viel Luxus und manche Puppe und manche Puppenequipage koftet wohl hundert Gulden. Ueberblickte man die Spielwaaren, wie fie in dem grofsen Saale des Kinderpavillons ausgelegt waren, fo konnte man glauben, man betrachte den Weltmarkt durch eine Concavlinfe, und fie erfcheine verkleinert, in Miniatur. Alles wird zur Spielwaare, der Wagen, das Pferd, der Krug und das Haus, wenn man es in einem Modelle darftellt, das drei, zehn und hundert Mal kleiner ift als in der Naturgröfse. Es gibt aber auch Spielzeug im engeren Sinne, dahin gehört das Steckenpferd, der Ball, der Springreif, der Kreifel. 16 Dr. Ferdinand Stamm. Wir wollen fie hier nach dem Zwecke eintheilen, wie fie in dem Pavillon auch gröfstentheils geordnet waren. Der erfte Zweck der Kinderfpiele ift die Entwicklung der leiblichen Kräfte. Die Griechen, welche diefer Seite der Kindererziehung eine vorzügliche Sorgfalt widmeten, fafsten fie mit dem Namen der Gymnaftik zufammen. In Deutſchland hat man in dem Turnen diefen Theil der Erziehung wieder aufgenommen und ausgebildet. Es beginnt im früheften Alter der Kinder mit den Bewegungsübungen. Das erfte Bewegungsfpiel des Kindes, welches in Anwendung kommt, wenn es fitzen kann, ift die Schaukel und das Schaukelpferd. Es dient vorzugsweife zur Ausbildung der Bruft und der Lungen, indem es das tiefe Athmen angenehm anregt. In frifcher guter Luft erquickt das Schaukeln die Lungen wie auf einem Spaziergange ohne zu ermüden, und ift daher vorzüglich bei engbrüftigen Kindern zu empfehlen. An das Schaukelpferd reiht fich das Steckenpferd an. Sein Gebrauch ift uralt, feine Verbreitung geht durch die ganze Welt. Es ift eine originelle Erfindung der Kinder, welche die Kinder- Spielhändler nur mehr ausgebildet haben. In dritter Reihe kommt der Wagen. Er erfcheint in allen Geftalten von dem Handkarren zum befpannten Karren und Laftenkarren, zur Kutfche und Staatscaroffe und bis zu den Waggons eines Eifenbahnzuges, denn das Spielzeug ahmt die Gebrauchsgegenstände nach. In dem Kinderpavillon waren über hundert Wagen ausgeftellt, mehr als in dem grofsen Induftriepalafte, fo bedeutend auch deffen Wagenpark angefüllt war. Eine reiche Gruppe von Bewegungsfpielen bilden die Springreifen, Bälle und Kreifel. Beim Gebrauche diefes Spielzeuges bewegt und übt das Kind alle Glieder, namentlich beide Arme und Beine ebenmäfsig, und der Blutumlauf wird fehr gedeihlich angeregt und gefördert. Im Pavillon war eine ganze Reihe Spiele aus diefer Gruppe ausgeftellt: Springreifen und Wurfreifen, Springfchnüre, Bälle aus Wolle, Leder und Kautfchuk, Federbälle, dichte Kreifel, welche mit der Peitfche umgetrieben werden und hohle Brummkreifel, welche mittelft einer umgewickelten Schnur, die rafch abgewickelt wird, gedreht werden, dann metallene Kreifel, die einen Ring oder eine Scheibe mit fchwerem Rand haben und kräftig gedreht lange Zeit umlaufen. Wir heben daraus zunächft die von der Firma Reithofer ausgeftellten Gummibälle hervor, welche zwei und dreifärbig waren, wobei immer bei zweifärbigen Bällen die complementären Farben, bei dreifärbigen die harmonifche Triade oder Tricolore gewählt war, um beim Spiele den Farbenfinn des Kindes zu wecken und zu bilden. Die Firma C. A. Müller in Wien hatte Kreifel in den zwei complementären Farben ausgeftellt, welche zugleich die daraus entſtehende Mifchfarbe zeigen, wenn fie fich fchnell drehen. Das Kind wird dadurch auf eine ihm gewifs fehr auffällige Erfcheinung hingewiefen, welche die Eltern zum erften Unterricht über die Farbenlehre benützen können. Der Schlagball der Engländer in der Verwendung zum Crocket war in mehreren Formen vertreten und es ift zu wünſchen, dafs diefes der Gefundheit fehr zuträgliche Spiel vom Kinderpavillon aus allgemeine Verbreitung finden möge. Der bei den Franzofen beliebte Federball empfiehlt fich zum Spiele in gröfseren Zimmern und Sälen. Der Wurfball mit der Zielfcheibe bildet den Uebergang zu dem Scheibenfchiefsen. Es gibt eine grofse Zahl folcher Spiele mit Bogen, Flinten, Knallpiftolen u. dgl., die wohl das Augenmafs üben, aber faft alle mit Gefahren verbunden find, welche den Vortheil, den fie haben, aufwiegen. In dritter Reihe kommen die Baufpiele, gefchnittene Holzftücke, welche Quadern und behauene Steine vorftellen oder auch Modelle von Balken, Der Pavillon des kleinen Kindes. 17 Sparren, Thüren, Fenſtern und anderen Beftandtheilen von Gebäuden, welche die Kinder ordnen und zu Gebäuden zufammenfetzen können. Diefe Spiele find als anregende Befchäftigung im Zimmer, befonders in der Sommerzeit von vielfachem Nutzen. Sie feffeln die Aufmerkfamkeit der Kinder und regen ihr Nachdenken an; aber nur dann, wenn fich aus denfelben Baufteinen und Baugeräthen mehrere und verfchiedene Gebäude aufführen laffen; je mehr defto beffer. Baugeräthe, aus welchen man nur ein und dasfelbe Gebäude ausführen kann, ift ganz unzweckmäfsig, denn das Kind fetzt nur einmal mit Freude dasfelbe Gebäude aus den Steinen zufammen, das zweite Mal fieht es nichts Neues daran, und je aufgeweckter das Kind ift, defto ficherer wird es an der Wiederholung wenig Freude haben. Das mögen Eltern beim Kaufe, und noch früher die Spielwaaren- Fabrikanten bei der Anfertigung folcher ,, Baukäften" bedenken. fpiele. In vierter Reihe ftehen die Haushaltungs- und die HandwerksDas Haushaltungs- Spielzeug ift zunächft für die Mädchen berechnet. Die Puppe ift die Hausfrau in diefer Spielwelt und ftellt meiftens das fpielende Mädchen felbft vor. An ihr lernt es fich kleiden und für die Kleider und Leibwäfche forgen; dann arbeitet die Puppe unter Anleitung der Spielenden, kocht, wäfcht, näht, ftrickt, bereitet die Gemächer für Gäfte zu, empfängt, bewirthet und unterhält die geladenen Gäfte. Dafür braucht fie Modelle von Zimmern mit allerlei Einrichtungsftücken, Küche und Keller, Gefäfse und Gefchirre. Das Spielzeug für das Mädchen ift eine ganze häusliche Einrichtung und Ausftattung im Kleinen, und ihr Spiel ift ein erfter Verfuch, Haus zu halten. Die Eltern mögen diefem Verfuch Hilfe leiften, die Mutter foll in kluger Weife diefe Verfuche leiten; je beffer fie im Spiele gelingen, defto mehr Hoffnung machen fie; dafs auch die ernfte Haushaltung fpäter gelingen werde. Im Pavillon des kleinen Kindes hatte die Kinderfpielwaaren- Handlung des Herrn Franz Kietaibl eine Sammlung Kinderpuppen von der einfachften des armen Kindes bis zu der reich ausgeftatteten Puppe einer Princeffin ausgeftellt. Daneben fah man das Hausgeräthe diefer Puppen: Zimmermöbel, Tifche, Seffel, Canapé's, Schränke, Käften, Spiegel, dann die gefammte Küchen- und Wirthfchaftseinrichtung. Die Kinder Spielhandlungen bringen fie nach verfchiedenen Preifen und aus mehrerlei Stoffen auf den Markt. Die wohlfeilften find jene aus Holz, wie fie die Handlung der Herren Müller& Comp. aus der Fabrik von Oberleitensdorf in Böhmen ausgeftellt hatte, Kreuzerwaare und Pennyartikel. Dann kommen die Gefchirre aus verzinntem oder bemaltem Blech und aus Zinn, welche ebenfalls von den Herren Müller& Comp. in reichfter Auswahl ausgeftellt waren. . Die theuerften Gefchirre find die aus Glas und Porcellan, Miniaturen nach dem grofsen gewöhnlich gebrauchten Gefchirre, alles nachahmend, was der Haushalt kennt und hat. Sie waren von Herrn Franz Kietaibl ausgeftellt. Die Kinderpuppe braucht auch Wäfche und Kleider, wenn fie das kleine Mädchen, welches damit fpielt, in den gefammten Haushalt einführen foll. Frau Augufte Gottfried aus Wien hatte die Puppe des Wiener Kindes ausgeftellt: eine Sammlung der Toilette für eine Puppe, die ein Kind in der Wiege, dann ein Kind, das fchon fitzen, und endlich ein drittes, das fchon ftehen kann, braucht, und zwar doppelt, einmal für den Sommer und einmal für den Winter. Die Toilette brachte zugleich die gefammte Wäfche dung, wie fie in diefem Alter der Kinder in Wien gebraucht wird, zur und KleiAnfchauung. Herr Kremer jun. aus London hatte eine Sammlung aller in den Handel gebrachten Kinder- Spielwaaren ausgeftellt; ein eingerichtetes englifches Zimmer, Puppen mit ihrem Spielzeuge, Bewegungsfpiele, darunter das empfehlenswerthe Crocket, Pferde, Wägen, Schiffe, Bretfpiele, Kinderbillards u. f. w. 2 333 18 Dr. Ferdinand Stamm. Diefe Spielwaaren geftatteten einen intereffanten Vergleich mit den in Deutfchland gebräuchlichen. Noch anziehender war der Vergleich mit den Kinder- Spielwaaren, welche die Chinefen und die Japanefen in den für fie beftimmten Seitencabinetten ausgeftellt hatten. Man konnte fich überzeugen, dafs manche von ihren Spielzeugen, nach Europa übertragen wurden, ohne dafs man ihren Urfprung kannte, fo die im Winde fich drehenden Räder aus Federn, die künftlichen Schmetterlinge, die Gaukler, welche fich auf eine fchiefe Ebene oder Treppe aufwärts fchnellen. Neue Spiele find der Gaukler, der an einem gefpannten Rofshaar mit poffirlichen Sprüngen abwärts rutfcht, dann die winzigen Schildkröten, an welchen die Füsse und die Zunge in beftändiger zitternder Bewegung find und den Eindruck machen, als ob das Thier lebendig fei. Alle ihre Puppen und Spielereien find in der zierlichen niedlichen Weise ausgeführt, welche die japanefifche Arbeit auszeichnet. Die geiftige Entwicklung des kleinen Kindes. 1. Die Entwicklung der Sinne. Die Sinne des Menfchen find einer hohen Entwicklung und Ausbildung fähig; fo das Geficht in Bezug auf Schärfe, auf genaue Auffaffung der Formen und Geftalten, oder Farben und Farbenzufammenftellungen; das Gehör in Bezug auf Schärfe, und auf die feine Unterfcheidung der Klangarten, Tonhöhe und des Rhythmus oder Tactes; der Geruch und Gefchmack in Bezug auf Schärfe und Sicherheit; das Gefühl oder der Taftfinn in Bezug der Feinheit und Genauigkeit oder Verlässlichkeit. Die Ausbildung der Sinne, namentlich des Gefichtes und Gehöres, des Farbenfinnes und Tonfinnes oder des mufikalifchen Gehöres mufs in den ersten Lebensjahren beginnen; wird fie in diefer Zeit verfäumt oder vernachläffigt, fo kann das Verfäumte in fpäteren Jahren nicht mehr eingeholt werden. Die Pflege der Sinne bezieht fich einmal auf die Sorge der Eltern, dafs die Sinnesorgane nicht gefchädigt werden, das Auge nicht durch Ueberreiz des Lichtes oder Mangel an Licht in finfteren Stadtwohnungen ftumpf oder gar blind, das Ohr nicht durch Verkühlung, Krankheiten oder durch Ueberreiz bei bedeutendem Lärm krank oder taub werde. Das fällt mit der Gefundheitspflege überhaupt zufammen und das Comité mufste fich begnügen, gute Bücher darüber aufzulegen, unter denen Profeffor Ritter v. Arlts Pflege des Auges hervorgehoben werden kann. Die Pflege der Sinne begreift aber auch die frühzeitige Uebung zur Ausbildung der Sinne und darauf bezogen fich eine Reihe von Ausstellungsgegenständen. Herr Constantin Delhez hatte einen Apparat unter dem Namen:„ Gymnaftik der Sinne" ausgeftellt, welcher fich auf alle fünf Sinne bezog. Die Farbenabftufungen von Roth, Gelb und Blau, von Orange, Violet und Grün, nach einer Seite hin gegen Schwarz, nach der anderen Seite hin gegen Weifs waren auf kleinen, einen Centimeter breiten und drei Centimeter langen Holztäfelchen aufgetragen und geordnet. Die Uebung des Kindes mit diefem Apparat befteht nun darin, dafs man dem Kinde die Farben nennt und wieder nennen läfst, dann dafs man die Täfelchen durch einander mengt und das Kind anleitet, die genauen Reihen wieder daraus herzuftellen, und endlich, dafs man andere Farben aus dem Haushalt oder der Natur: Blumen, Vogelfedern u. s. w. mit den Farbenfcalen zufammenftellen läfst. Der Pavillon des kleinen Kindes. 19 Zur Uebung des Augenmafses und in der Beurtheilung der Geftalten dienten Täfelchen in geometrischen Formen und Stäbchen, einen Centimeter breit und von einem bis vierzig Centimeter lang. Um das Ohr am Klange( an der Klangfarbe) und an der Tonhöhe zu üben, dienen dünne kreisrunde Scheiben aus verfchiedenen Metallen und verfchiedener Gröfse, etwa von zwei bis fünf Centimeter Durchmeffer. Das Kind fchliefse die Augen, man wirft mehrere folche Scheiben auf den Tifch und läfst das Kind errathen, von welchem Metalle die Scheibe und welche von zwei Scheiben gröfser, welche kleiner ift. Es ift eine Vorübung der Mufik, deren Inftrumente wohl noch weit geeigneter find, Klangfarbe und Tonhöhe zu üben. In ähnlicher Weife find in einer Reihe Fläfchchen verfchiedene riechende und fchmeckende Flüffigkeiten und andere unfchädliche Stoffe zufammengeftellt und das Kind wird zur Uebung angehalten, an den Stoffen zu riechen oder einen an der eingetauchten Glasftange hängenden Tropfen zu koften und daraus den Stoff zu erkennen. Für die Uebung des Gefühles hat Herr Delhez eine Reihe handlicher Holzklötzchen von ungefähr fünfzehn Centimeter Länge und fünf Centimeter Dicke ausgeftellt, welche äufserlich ganz gleich find aber durch die im Inneren enthaltenen verfchieden grofsen Bleiftangen ungleiches Gewicht haben. Die Gewichtszunahme wächft nach einer beftimmten Stufenleiter. Man gibt nun dem Kinde in jede Hand ein folches Klötzchen und läfst das Kind prüfen, welches von beiden fchwerer ift, und gewöhnt das Kind daran, Gewichte zu fchätzen. Diefe hier ausgeftellte Art fyftematifcher Sinnenübungen der Kinder ift einer grofsen Vervollkommnung fähig und verdient die Beachtung aller Kinderfreunde. Für die Ausbildung des Farben finnes insbefondere hatte die k. k. HofChromolithographie des Herrn Anton Hartinger& Sohn in Wien einen Farbenkreis und eine Reihe Farbentafeln nach der Angabe des Herrn Hofrathes Profeffor Brücke ausgeftellt. Der Farbenkreis ift in zwölf Theile gefondert, welche in der Reihe des Spectrums die drei Hauptfarben Roth, Gelb und Blau und noch neun Zwiſchenfarben enthalten. Jeder diefer zwölf Farbenftrahlen ift wieder in zwölf Farbenftufen getheilt; gegen den Mittelpunkt der Scheibe verdunkelt fich die Grundfarbe bis zum Schwarz und gegen den Rand der Scheibe hellt fich die Grundfarbe bis zum Weifs auf, fo dafs die Farbentafel die meiſten der in der Kunft und Induſtrie verwendeten Farben enthält. Die Anordnung der Farbenftrahlen ift fo getroffen, dafs die fich gegenüberftehenden Strahlen immer die complementären Farben, das heifst diejenigen find, welche nebeneinander geftellt fich gegenfeitig heben und verftärken. Um diefe Wirkung der harmonifchen Farben noch deutlicher darzuftellen, dient eine Reihe von Farbentafeln, welche je zwei complementäre Farben, und andere, welche drei harmonifirende Farben oder Farbentriaden auf fchwarzem Grunde enthalten. Diefe Tafeln bilden die Grundlage der Farbenlehre, nach welcher die Kinder die Farben nennen, vergleichen und nach den Gefetzen der Farbenharmonie zufammenfetzen lernen. Auch die Anwendung diefer Farbenlehre war in dem Pavillon ausgeftellt. Dahin gehören die von der Gummiwaaren- Fabrik der Herren Reithofer. ausgeftellten Spielbälle mit zwei complementären oder drei harmonifirenden Farben. Das kleine Kind übt fpielend das Auge an richtig zufammengeftellten Farben, und die Luft an fchönen Farben wird geweckt. Die Spielwaaren Handlung der Herren Müller& Comp. in Wien hatte Kreifel mit complementären Farben ausgeftellt, welche im Drehen die Mifchfarben zeigen und das das Kind auf neue Farbengefetze aufmerksam machen. 2* 20 Dr. Ferdinand Stamm. Eine weitere Anwendung der harmonifchen Farben zeigten die von Herrn Anton Hartinger ausgeftellten Sprüche und Sprichwörter für Kinderftuben und Schulzimmer. Nach englifchem Vorbilde find hier die lehrreichen, bald ermunternden, bald abmahnenden Sprüche, welche die Engländer den Kindern vor die Augen ftellen, in fchönen farbigen Buchftaben mit Randverzierungen ausgeführt, und die Farben wieder nach dem Gefetze der complementären, zufammenftimmenden Farben ausgewählt. In den Fröbel'fchen Kindergärten können diefe Uebungen des Farbenfinnes mit dem gröfsten Nutzen angewendet werden, und in der That fahen wir in der Ausftellung des Directors der Leopoldftädter Kleinkinderbewahr- Anftalt, Herrn A. S. Fifcher, auch die Flechtereien mit farbigem Papiere fchon nach den Hartinger'fchen Farbentafeln ausgeführt. Auch in Bezug auf die Ausbildung des mufikalifchen Gehöres des Kindes enthielt die Ausftellung im Pavillon des kleinen Kindes Anregungen und Anleitungen. Es ift nicht zufällig, dafs fich das mufikalifche Gehör und das Virtuofenthum der Mufik in gewiffen Familien vererbt. Viele Belege laffen fich für die Thatfache beibringen. Die berühmte Tonkünftler- Dynaftie„ Bach" blühte durch zwei Jahrhunderte, jeder Sproffe ein Meifter. Man lernt die Mufik eben zuerft und allein mit dem Gehör und wird ein guter Mufiker, wenn man frühzeitig viel und gute Mufik hörte. Wie frühzeitig fich das mufikalifche Gehör ausbildet, lehrt Amadeus Wolfgang Mozart, der mit drei Jahren fchon die Accorde auf dem Clavier herausfuchte, im fechsten Lebensjahre Concerte gab und in einem Alter, wo manche Kinder erft Mufiknoten lernen, fchon componirte. Man kann fich diefe Entwicklung des Mufiktalentes nur dadurch erklären, dafs Mozart fchon in der Wiege anfing Mufik zu lernen. Im Gegenfatze zu diefer frühzeitigen Entwicklung ftehen die mifslungenen Verfuche, einen Erwachfenen, der in feiner Kindheit wenig gute oder gar keine Mufik hörte, fpäter Mufik zu lehren. Er ift mufik taub, wie andere farben blind find, und beide, wie die Phyfiologen neueftens wiffenfchaftlich begründeten, defshalb, weil die Ausbildung des Sinnes in dem erften zur Ausbildung am geeignetften Lebensalter verfäumt, uneinbringlich verfäumt wurde. Wenn Erfahrung und Wiffenfchaft darin übereinftimmen, fo wird es zu einer ernften Pflicht der Eltern und Erzieher, die Bildung des mufikalifchen Gehöres wie die des Farbenfinnes möglichft zeitlich zu beginnen. Diese Bildung kann in Bezug des Tonfinnes in den erften Kinderjahren nur darin beftehen, dafs die Kinder in den erften Lebensjahren gute Mufik hören. Das Wiegenlied der Mutter ift der erfte Mufikunterricht. Dabei lernt das Kind und beruhigt fich, es fchläft darüber ein, aber es lernt auch im Traume weiter. Da tritt der Vater als zweiter Mufiklehrer hinzu, indem er die Violine, das Clavier oder ein anderes Tonwerkzeug ſpielt. Bei jüngeren Gefchwiftern erfetzen die älteren den väterlichen Mufiklehrer, indem fie Mufik üben, während die jüngeren Kinder zuhören. Wie das Kind Spielzeug in die Hand bekommt, können kleine Mufikinftrumente darunter fein; die Kinder werden nicht anftehen darnach zu greifen. Sie haben alles gern, was farbig ift und was klingt und tönt. Weil man das weifs, machen die Mufikinftrumente auch einen grofsen Theil der marktläufigen Spielfachen aus. Leider ist wenig Zweckmäfsiges darunter. Pfeifen und Trompeten mit fchrillen, unreinen Tönen, Geigen, die mehr fchnarren und kreifchen als klingen, Trommeln und Tambourinen, Schellen und Glocken, welche das Gehör der kleinen Leute eher verderben als veredeln und die Erwachfenen mit dem abfcheulichen Lärm zur Verzweiflung bringen. In der neuen Zeit haben die Inftrumente, an welchen eine Metallzunge durch Blasen in tönende Schwingung verfetzt wird, die Mundharmonika und die Der Pavillon des kleinen Kindes. 21 Handharmonika, eine weite Verbreitung gefunden. Sie haben einen angenehmen Ton, den man anfchwellen und abnehmen laffen kann, und es laffen fich auf folchen einfachen Kinderinftrumenten auch Scalen und Accorde anftimmen; fie find aber in ihrer Einrichtung noch wenig brauchbar zur Bildung des Tonfinnes. Die Ausstellung im Pavillon des kleinen Kindes brachte die gefammten Kinder Mufikinftrumente und zeigte einige beachtenswerthe Verbefferungen an ihnen. Auf Anregung des Comitémitgliedes Herrn Profeffor Hans Schmitt wurden von der Spielwaaren- Fabrik des Herrn Mühlhaufer in Wien Harmoniken ausgeftellt, wo jeder Ton mit den ihm zukommenden Buchftaben( a, b, c, d, e, f, g) und auch zugleich mit der italienifchen Benennung( ut, re, mi, fi, so, la, si) bezeichnet ift. Auch waren kleine Claviere mit tönenden Glastäfelchen oder Metallzungen von der Kinderfpielwaaren- Handlung der Herren Müller& Comp. von Wien ausgeftellt, welche über der Claviatur die Bezeichnung der Noten und ihrer Namen trugen. Herr Hans Schmitt, Profeffor am Confervatorium der Mufik in Wien, hatte einen Pedalfchemmel ausgeftellt. Derfelbe kann über das Pedal eines jeden der gewöhnlichen Claviere geftellt werden und erhöht durch zwei Taften den Tritt des Pedales, dafs auch ein kleines Kind das Pedal ohne Anftrengung treten und dadurch die Schönheit des Tones erhöhen und überhaupt frühzeitiger das Pedal gebrauchen lernen kann, als es bei dem Baue der Claviere, deren Pedal nur für erwachfene Perfonen eingerichtet ift, vorher möglich war. Von befonderem Intereffe waren die ausgeftellten verbefferten Kinderviolinen. Die Violine, welche wie die menfchliche Stimme die feinften Tonabftufungen möglich macht, während die anderen Inftrumente, wie Flöten und Clarinetten, nur beftimmte Töne geben oder, wie das Clavier, gar keine fcharfen, fondern nur gemäfsigte Quinten in der Tonleiter haben, bildet das mufikalifche Gehör am vollkommenften aus und follte daher das erfte Inftrument fein, welches der angehende Mufiker lernt; allein die Eltern laffen die Kinder nur ungern darin unterrichten, weil ein lernender Violinfpieler für die Umgebung fehr läftig werden kann durch die falfchen Griffe und die kreifchende Bogenführung. Die im Pavillon ausgeftellte Kindervioline ift nun fo eingerichtet, dafs der Violinbogen die richtige Linie einhalten mufs, ferner dafs die Hand am Halfe der Violine die richtige Lage hat, und endlich dafs durch Linien auf dem Griffbrete der richtige Einfatz der Finger angegeben ift, wodurch der Anfänger mehr Sicherheit gewinnt. 2. Der erfte Anfchauungsunterricht. Die beften Lehrmittel des Anfchauungsunterrichtes find die Naturgegenftände felbft. Kinder, welche auf dem Lande heranwachfen, haben daher die fchärfften Begriffe von den Gegenftänden, die ihrer Betrachtung zugänglich find. Den Stadtkindern, die nur zeitweife und felten auf das freie Land kommen, können die Eltern und Erzieher nur Erfatzmittel für die unmittelbare Anfchauung bieten; diefes find ausgeftopfte Thiere, getrocknete Pflanzen und einzelne Gefteinsarten, dann Modelle von Wirthfchaftsgeräthen und Gewerbsvorrichtungen, endlich Bilder und Zeichnungen. Diefe Lehrmittel geben keine fo klaren, fcharfen Begriffe wie die unmittelbare Anfchauung von lebenden Thieren, frifchen Pflanzen und die Lagerftätten der Mineralien oder die unmittelbare Betrachtung der Landwirthschaft und der Werkstätten der Gewerbsthätigkeit; aber fie können umfaffender fein und die Ueberficht ausdehnen, während das Dorfkind nur auf einen engen Kreis von Gegenftänden befchränkt ift. 22 Dr. Ferdinand Stamm. Im Pavillon des kleinen Kindes war nun eine reiche Auswahl folcher Hilfsmittel des erften Anfchauungsunterrichtes ausgeftellt. Die Spielwaaren Fabrik der Herren Reimann& Müller aus Oberleitensdorf in Böhmen hatte Thiere aller Art, aus Holz gefchnitzt, dann aus Papiermaché, ferner in Schachteln zufammengeftellte Modelle von Landwirthfchafts- Geräthen und Haushaltseinrichtungen, von Ausftattungen der Gewerbswerkftätten, von Wägen, Schiffen, Jagden, Fifchereien, Bergwerken u. f. w. ausgeftellt. Befonders hervorheben müffen wir die fogenannten„ Baukäften", das find Modelle von Baufteinen und Baubeftandtheilen von Häufern, Schlöffern, Kirchen, Thürmen, Brücken und anderen Bauwerken nach verfchiedenen Stilarten und die Holzmodelle. von geometrifchen Figuren. Herr M. Trenfchensky, Kunfthändler aus Wien, hatte eine grofse Anzahl Bilderbogen ausgeftellt, Darftellungen aus allen Gebieten der Natur und des Menfchenlebens. Viele diefer Bilderbogen find zum Ausfchneiden und Aufkleben auf Pappendeckel und zum Aufftellen beftimmt und können in Gruppen zufammengeftellt werden, fo dafs fie einen Garten, eine Landfchaft, eine Jagd, das Hirtenleben, eine Weihnachtskrippe, eine Fifcherei u. f. w. darftellen. Die Kinder können fich aus diefen Bilderbögen auch Theater oder Schaubühnen mit Couliffen aufbauen und diefe durch die Figuren der Perfonen aus vielen Theaterftücken und Opern bevölkern. Eine Sammlung von kleinen, genau ausgeführten Modellen aller Gattungen Karren, Laftwägen, Kutfchen, Staatscaroffen, Omnibus, Tramwaywägen und Eifenbahn- Waggons, welche die Spielwaaren- Handlung Johann Haller's Enkel ausgeftellt hatte, zeichnete fich durch die genaue Ausführung bis in die kleinften Einzelnheiten und die fchöne Befpannung mit Pferden aus. Herr Dielen aus Wien hatte die Modelle von Dampfmotoren und anderen Mafchinen ausgeftellt. Die Figuren von allerlei Soldaten und Kriegsvolk aus Holz oder Blei oder anderen Stoffen üben faft auf alle Knaben eine grofse Anziehungskraft aus und durften zur Vervollſtändigung im Pavillon des kleinen Kindes nicht fehlen. Herr Franz Kietaibl, Spielwaaren- Händler aus Wien, hatte die Gardefoldaten verfchiedener Staaten mit ihren Officieren in fpannenlangen Figuren, in Tuch gekleidet und mit gut nachgeahmter Bewaffnung, in reicher Anzahl ausgeftellt. Daneben Figuren in der Volkstracht aller öfterreichifchen Volksftämme. Auch in den chinefifchen und japanefifchen Kinderzimmern waren vorzüglich ausgeführte Figuren verfchiedener Volksftände ausgeftellt. Als eine Uebergangsftufe von dem erften Anfchauungsunterricht zum ernften Lernen kann man die von dem Lehrer der Handelsakademie in Wien Herrn Carl Winternitz ausgeftellten Lehrfpiele betrachten. Sie find für Kinder von vier bis fieben Jahren beftimmt und beftehen in einem Lefefpiele zur Erlernung der Buchftaben und des Lefens, in einem Schreibfpiele, Rechenfpiele, dem Länderfpiele von Europa für den erften Unterricht in der Geographie, und einer Sammlung von vier und fünfzig Kaiferbildern, dem Kaiferfpiele. Die Buchhandlung des Herrn Rudolf Lechner aus Wien hat aus ihrem Verlage Bildertafeln aus der Naturgefchichte ausgeftellt. An diefe reihen fich zahlreiche Bilderbücher und Bildertafeln in der Sammlung der Kinderbücher, welche Herr Lechner aus der gefammten deutfchen, franzöfifchen und englifchen Literatur ausgewählt und zur Anfchauung gebracht hatte. III. Die erften Befchäftigungsfpiele. Es ift ein grofses Verdienft des deutfchen Kinderfreundes Fröbel, dafs er die erfte Befchäftigung und Arbeit der Kinder in ein beftimmtes Syftem brachte, das unter dem Namen des Fröbel' fchen Kindergartens weite Verbreitung gefunden Der Pavillon des kleinen Kindes. 23 hat. Diefe Befchäftigungen beftehen in dem Zufammenlegen von Holzftäbchen, Ringen und gebogenen Drahtftücken nach beftimmten Vorlagen, in dem Falten von Papierblättern, im Flechten von färbigen Papierftreifen, im Ausftechen und Ausnähen nach gewiffen Muftern und in dem Aufbauen der Baufteinmodelle aus Holz. Diefe Befchäftigungen wechfeln mit dem Unterricht des Lehrers, mit Gefang und Turnen und erhalten die in einem Zimmer oder in einem Garten verfammelten. Kinder in geiftiger Anregung und gefunder leiblicher Bewegung. Drei Ausstellungen im Pavillon des kleinen Kindes bezogen fich auf den Fröbel'fchen Kinderunterricht. Das Modell einer Volksfchule im Zufammenhang mit einem eingerichteten Saale und einem ausgeftatteten Garten nach Fröbel'fchem Syftem von Herrn Rudolf Em. Selber, Lehrer zu Auffig in Böhmen; dann die Sammlung der Fröbel'fchen„ Gaben" von Herrn Hugo Bretfch aus Berlin, endlich in den Arbeiten der Kleinkinderbewahr- Anftalt in der Leopoldftadt in Wien. Herr Lehrer Selber hatte ein vollſtändiges Modell einer Volksfchule in Verbindung mit einem Fröbel'fchen Kindergarten nach einem Mafsftabe ausgeftellt, welcher auch die Einrichtungsftücke deutlich zeigte. Neben den zwei Schulzimmern ift ein Spielzimmer und ein Turnfaal angebaut und von dem Turnfaal kann man in den freien Garten hinaus treten, welcher für die Befchäftigung der Kinder eingerichtet ift. In dem Spielzimmer find die Tifche, welche den Baufpielen zur Unterlage dienen, befonders eingerichtet. Sie find mit Linien überzogen, welche fich in rechten Winkeln fcheiden und ein Netz von gleich grofsen Quadraten bilden. Die Gröfse der Vierecke ift den Baufteinen angepafst, fo dafs diefe in geordneter Reihe darauf gelegt werden können. Die Gröfse der Baufteine felbft ift nach verfchiedenem Mafsftabe genommen. Es erfcheint zweckmäfsig, dafs die Baufteine und folg. lich auch die Eintheilung des Netzes auf dem Tifche nach einem beftimmten Mafse ausgeführt werde. Dafür empfiehlt fich das Metermafs, welches bereits in den meiften Staaten angenommen wurde. Das Netz würde demnach aus ftärkeren Linien in der Entfernung von einem Decimeter, und dazwifchen aus fchwächeren Linien von einem Centimeter Entfernung anzuordnen fein. Nach diefem Mafsftabe müfsten auch die in den Handel gebrachten Baufteine oder Fröbel'fche„ Gaben" gefchnitten fein, und dann würde das Kind ſpielend fein Augenmafs üben können; was fehr wichtig ift. An den Wänden des Spielzimmers hängen Tafeln für den Anschauungsunterricht, in Wandfchränken find die Fröbel'fchen Gaben und anderen Befchäftigungsfpiele aufgeftellt. Der Turnfaal enthält die gebräuchlichen Turngeräthe zur Uebung im Winter und an Regentagen. Der offene Garten hat einen Spielplatz mit dem Turngeräthe und einen Pflanzgarten mit Bäumen und Gewächfen in Beeten für den erften Unterricht in der Pflanzenkunde, und zur Befchäftigung der Kinder in der Gärtnerei. Diefer Garten, der hier in dem Pavillon des kleinen Kindes in einem Modelle angedeutet war, war vom Profeffor Schwab in der Ausftellung neben der öfterreichifchen Mufterfchule als ein Mufterfchulgarten ausgeführt und zeigte wie Knaben und Mädchen in der Schulzeit die Gärtnerarbeiten und die Pflanzencultur erlernen können. Die Kunfthandlung des Herrn Hugo Bretfch aus Berlin hatte eine vollftändige Sammlung der Lehrmittel und Befchäftigungsfpiele nach dem Fröbel'fchen Syfteme ausgeftellt: Vorlagen und Mappen mit Muftern zum Flechten, Ausftechen, Falten, Ausnähen, die Baufteinkäften u. f. w. Der Director der Kleinkinderbewahr- Anftalt in der Leopoldftadt zu Wien Herr A. S. Fifcher hatte die in der Anftalt verfertigten Arbeiten nach diefem Syfteme ausgeftellt. Die Chemikalienfabrik von Auffig an der Elbe hatte die Pläne des Fröbel'fchen Kindergartens, in welchem die Kinder ihrer Arbeitercolonie befchäftigt und unterrichtet werden, eingefendet. 24 Dr. Ferdinand Stamm. IV. Der erfte Unterricht des Kindes im Haufe. Der reichlich den Kindern, befonders in Städten, gebotene Anfchauungsunterricht in Modellen und Bildern und bei ihren Spielen entwickelt die Verftandesthätigkeit fo frühzeitig, dafs die Kinder faft von felbft nach dem Unterricht im Lefen, Schreiben und Rechnen verlangen, ehe fie die Jahre haben, welche für die Aufnahme in die Volksfchule gefordert werden. Wie weit man den Kindern hierbei entgegenkommt, zeigte die Ausftellung in dem Pavillon des kleinen Kindes. Wir haben fchon die Winternitz'fchen Lehrfpiele angeführt, welche für das Kind vom vierten Jahre an beftimmt find. Auch die Chinefen beginnen den Unterricht im Lefen, der zugleich mit dem Schreiben verbunden ist im vierten Lebensjahre des Kindes. Ihr ganzer Sprachfchatz befteht aus 450 einfilbigen Wörtern. die aber durch verfchiedene Betonung bis zu 1203 Wortlauten anwachfen. Aber auch dasfelbe Wort genau auf diefelbe Weife ausgefprochen, hat noch verfchiedene Bedeutungen, oft bis vierzig, daher die Erlernung der Sprache grofse Schwierigkeit bietet. Die Schrift, welche diefe Sprache fefthält, befteht nicht aus Buchftaben oder Lautzeichen, fondern aus Zeichen oder Bildern für die grofse Zahl von Worten und Begriffen, deren es über 40.000 gibt. Indeffen dienen 214 ausgewählte Wortzeichen oder Schlüffel zur Erklärung der anderen. Das chinefifche Kind lernt alfo mit dem Schreiben zugleich lefen und Begriffe bilden oder denken. Wie die ausgeftellten Kinderbücher zeigen, beginnen fie damit im vierten Lebensjahre und für jedes Jahr wird ihnen eine gröfsere Anzahl Schriftzeichen zum Erlernen zugetheilt. Die Ausftellung zeigte diefe erweiterten Unterrichtsbücher in fechs Jahrgängen. Auf den Schreibblättern fteht das Schriftzeichen vorgedruckt und gleich daneben der leere Raum, um die Züge nachzuahmen. Die Japanefen haben eine Buchflabenfchrift von 48 Zeichen. Auch fie beginnen den Unterricht der Kinder frühzeitig und wie die ausgeftellten erften Schreibevorlagen andeuten, fo ift das Zeichen am Anfange des Blattes voll ausgefchrieben oder, da fie einen Pinfel dabei gebrauchen, ausgemalt, daneben fteht nun das Zeichen noch zwanzig Mal in Conturen und das Kind mufs diefe Conturen ausfüllen. Es wird dadurch an die genauefte Ausführung der Zeichen gewöhnt, was bei der grofsen Anzahl derfelben nothwendig ift. Die Kinderbücher der Japanefen find reich mit Zeichnungen und Bildern gefchmückt. Es war eine illuftrirte Gefchichte Japan's, dann des Nachbarreiches, China's, ferner ein Gefchichtsbuch mit dreifsig hiftorifchen Landkarten, welche die jeweiligen Grenzen des Reiches und deffen innere Eintheilung in verfchiedenen Zeiten zeigten, ausgeftellt. Wandtafeln mit naturgefchichtlichen Abbildungen und Scenen aus der Gefchichte oder dem Volksleben fchmückten die japanefifche Kinderftube. Am reichften ift unftreitig die Zahl der Kinderbücher des deutfchen Volkes. Für das zartefte Alter hat man Abcbücher, Fibeln und Schriften, welche das Lefen, Schreiben und Rechnen leicht und als Lernen überhaupt angenehm machen follen. Diefe Bücher find meiftens mit Bildern ausgeftattet, um das kleine Kind von dem Anfchauungsunterricht zu den Zeichen der Buchftaben und Zahlen überzuführen und das Lefen vorzubereiten. Für jedes Alter, für jedes der beiden Gefchlechter, für die Kinder der verfchiedenen Stände ift durch zahlreiche Abcbücher geforgt. Nächft den Deutfchen haben die Engländer und Franzofen die meiſten Bücher für den erften Unterricht der Kinder bis in das zartefte Lebensalter herab. Der Pavillon des kleinen Kindes. 25 Herr Rudolf Lechner, Buchhändler aus Wien, hatte alle deutfchen Buchhandlungen zur Einfendung der in ihrem Verlage erfchienenen Kinderbücher eingeladen und diefelben hatten der Einladung freundlich entſprochen, fo dafs die Sammlung eine vollständige genannt werden konnte. Herr Lechner hatte überdiefs auf einer Reife nach Frankreich und England die gebräuchlichften Kinderbücher für das erfte Lebensalter ausgewählt und der von ihm verfafste Katalog zeigt den Reichthum der Auswahl diefer bedeutenden Kinderbibliothek. Herr Profeffor Hans Schmitt hatte die deutfchen Mufikalienhändler aufgefordert, die Kinderlieder, dann die Mufikftüke, welche für den erften Unterricht in der Mufik und befonders für das Clavier und die Violine beftimmt find, im Pavillon des kleinen Kindes auszuftellen; alle vorragenden Mufikalien-Verlagshandlungen fandten das darauf Bezügliche und die Ausftellung zeigte eine reiche Sammlung, die einen vollständigen Ueberblick über das Befte in diefem Fache geftattete.. 23 35 2 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER SCHREIBUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT von J, HÜPSCHER, Lehrer an der Handels- und nautifchen Schule zu Trieft. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DER SCHREIBUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von J. HÜPSCHER, Lehrer an der Handels- und nautifchen Schule in Trieft. Ein erfchöpfenderBericht über den Gefammtumfang des Schreibunterrichtes, wie er in der Gruppe XXVI von den verfchiedenen Culturvölkern diefs- und jenfeits der Atlantis, als Wahrzeichen des Bildungsgrades und Werthmeffer eines mehr oder minder potencirten Grades anzuftrebender Volkserziehung und formaler Jugendbildung, zur Weltausftellung eingefandt wurde, ift in mehrfachen Beziehungen ein fchwieriges und verwickeltes Stück Arbeit. Wären die von der Erfahrung und Wiffenfchaft gleich gebilligten Grundfätze eines Schreibunterrichts- Verfahrens genau feftgeftellt, böte die Beurtheilung der aufgewiefenen Leiftungen ebenfo wenig Schwierigkeiten, als die Vergleichung und Beurtheilung mathematiſcher Rechenexempel. Aber gerade in unferem Zweige, der im Grunde ebenfo präcis und fchmucklos wie die Elemente der Mathematik, nur Werthzeichen von Lauten und Klängen als Componenten von Wort und Sprache darftellen follte, hat mit den Jahren eine Licenz eingegriffen, die wahrhaft beklagenswerth ift, und die ein Endurtheil über eine gute oder verwerfliche Schrift und Schreibmethode oft recht fchwierig macht. Sehen wir aber von Vorurtheilen und eingebürgerten Angewöhnungen ab, fo werden wir dennoch bald fefte Anhaltspunkte finden, die uns auch hier geftatten, leicht zu erkennen, welcher von den eingefchlagenen Wegen der einzig richtige fei und am leichteften und ſchnellften zum Ziele führen mufs. Wir Alle wiffen, dafs die Schrift nur den Einen Zweck hat, um gelefen zu werden, ferner, dafs alle Kalligraphie nur dazu dient, den Lefeftoff gefällig zu geftalten. Wir werden alfo berechtigt fein, jenen Schreibmethoden den Vorzug zu geben, die bei fteter Fefthaltung der einheitlichen Urform der Lautzeichen beftrebt ift, die Handfchriften deutlich, geordnet, fchmucklos,( nach Längen und Diftanzen) und flieffend zu geftalten und zu lehren. Jene Schriftarten aber, die durch bizarre Formen die Einheitlichkeit der Lautwerthe verwirren, die leichte Lesbarkeit ftören, die, von Verzierungen und Schnörkeln überladen, weniger auf gefchmackvolles Arrangement eines Schriftftückes als auf unmotivirte Schreib- Zeichenkünftelei achten, werden wir auch nicht in die erfte Reihe zu fetzen uns verpflichtet halten. Die geringften kalligraphifchen Schwierigkeiten bietet die deutfche Currentfchrift; die allerfchwierigfte aber und einen äfthetiſchen Gefchmack documentirende ift die auf der Elypfe beruhende, einfache Lateinfchrift. 2 J. Hüpfcher. Sogenannte Zierfchriften bringt der letzte Lithographen- Lehrling mit grofser Fertigkeit zu Stande; aber nur der gebildetfte Gefchmack eines Meifters fchreibt und fticht eine tadellofe Lateinfchrift. Sämmtliche fogenannte National- Handfchriften haben denfelben Werth wie etwa National- Münzen, Gewichte, Mafse und Coftüme; fie kommen meift theuerer zu ftehen als die allgemeine Tracht. Sprache und Kunft find und müffen mannigfaltig fein, da der Menschengeift in feinen unendlichen Geftaltungen fich in denfelben offenbart; aber die conventionellen Zeichen zur Lautfixirung, die reiner Mechanismus find, könnten wahrhaftig ebenfo einfach, einheitlich und wahr fein wie die Photographie. Schreiben ift ein Handwerk, und kann und foll wie jede andere mechanifche Fertigkeit fauber und gefällig ausgeführt werden; aber von der echten Kunft des Zeichnens ift die Kalligraphie eben fo weit entfernt wie die Photographie und andere Reproductionsarten. Nichts wäre daher gebotener, fowohl im Intereffe der Jugendbildung als der allgemeinen Lehreinheit, als in einem Generalcongreffe die Schriftzeichen ein für allemal zu fixiren, und nur nach diefem Normal- Schreibalphabete in fämmtlichen Lehranstalten zu unterrichten. Nur fo könnte dem Unfug der ungezügelten Buchftabenkünftelei kräftig gefteuert und eine gediegene, praktifche, allgemein leicht leferliche Schreibfchrift erzielt werden. Wir haben beiſpielsweife, von den Unterarten abgefehen, eine deutfche, englifche, nordamerikaniſche, ſpaniſche und franzöfifche Lateinfchrift. Welch' verwirrender, nutzlofer Luxus! Dann kommt die deutfche Current-, die griechifche und ruffifche Schrift da gehört ja ein Viertel Lebenszeit dazu, um nur allein die europäifchen Schriftarten geläufig lefen zu lernen. - Bevor wir auf die eigentlichen Schreibmethoden und deren Refultate, die Schülerfchriften eingehen, müffen wir von den Inftrumenten, Objecten und Behelfen fprechen, welche die moderne Induftrie der fchreibenden Welt darbietet. Denn die Auswahl der Mittel und Werkzeuge find beim Schreiben ebenfo entfcheidend wie bei jeder anderen mechanifchen Fertigkeit auch. Und gerade beim Unterrichte ift die Anleitung zu einer richtigen Abfchätzung und Auswahl der Werkzeuge von unbeftreitbar geiftiger und formaler Bildung. Schliefslich wollen wir dabei der mehr oder minder gelungenen Verfuche gedenken, die von mafsgebender Seite gemacht wurden, um das ganze heutige Schreibverfahren zu vereinfachen, oder radical auf phoneto- ftenographifchem Wege zu reformiren, beziehungsweife umzugeftalten. Subfellien. Die humanitäre Richtung, welche fich durch unfer gefammtes modernes Unterrichtswefen hindurchzieht, offenbart fich auch in den vielfachen Veränderungen und Verbefferungen bei Anfertigung von Schulbänken, Schreibpulten etc. Mit den Rückenlehnen haben die Schulbänke- Fabrikanten jedenfalls mehr dem Bedürfniffe entfprochen, als mit den Pulten oder Schreibplatten, die beinahe durchwegs zu fchräge gebaut find. Durch die lang andauernde fchräge Haltung der Hand, befonders beim Schnellfchreiben müffen die Finger durch den erfchwerten Blutzudrang nothwendiger Weife bald ermatten und fich überanſtrengen, was bei einem planen oder nur wenig geneigten Pulte nicht der Fall ift. Die Erleichterung, welche hiedurch dem Auge gewährt wird, ift aber nur eine problematifche, und jedenfalls keine entfcheidende, da dem Uebelftande von„, näher" und ,, ferner" auf fo kurze Diftanzen, als die Schreibzeilen find, durch das mässige und rhythmifche Vorneigen des freifitzenden Oberkörpers leicht abgeholfen werden kann. Das Kerzengrad- und Nagelfeftfitzen beim Schreiben ift überhaupt nicht natürlich, fehr ermüdend für das Rückgrat und verleitet den Schreiber, bewufst 99 Der Schreibunterricht. 3 oder unbewufst, fich mit der Bruft an die Subfellie anzulegen; ein Vorgang, der feiner gefundheitswidrigen Folgen halber nie geduldet werden follte. Kurzfichtigen ift beim Schreiben ein zweckmäfsiges Augenglas zu empfehlen; denn durch das Zunaherücken des Gefichtes an das Schreibobject wird das fpecielle Uebel nur noch gefördert. Für die Hand felber ift es entfchieden vortheilhafter, das Schreibobject fo weit als thunlich niedrig geftellt zu bekommen. Der Referent durfte fich von der Befprechung diefes wichtigen Schulgeräthes um fo weniger dispenfiren, als es hauptfächlich als Schreib- und Zeichenunterlage zu dienen beftimmt ift, und für die Hygiene des zarteren Alters von folgenfchwerer Wichtigkeit ift. Stahl- Schreibfedern. Diefes moderne Schreibinftrument hat heutigen Tages die Kielfeder beinahe gänzlich verdrängt. Das englifche, deutfche, zum Theil belgifche, amerikaniſche und allen voran unfer einheimifches Fabricat, hat eine folche Vollkommenheit erreicht, ift fo bequem, dauerhaft, elaftifch und gefchickt, dafs es in verhälnifsmäfsig kurzer Zeit alle Vorurtheile überwand, und fiegreich bis in die letzte Dorffchule eingezogen ift. Die Befürchtungen, als erzeugte die Stahlfeder eine fchwere Hand, haben fich durchaus nicht beftätigt; aber viel Zeit und Arbeit ift dem Lehrer durch die Einführung der Stahl- Schreibfedern erfpart worden; Zeit, die er bei den heutigen Anforderungen des Unterrichtes kaum entbehren follte. Der Koftenpunkt wird fo ziemlich der gleiche geblieben fein; denn die gröfsere Billigkeit der Gansfeder wird durch die gröfsere Dauerhaftigkeit der Stahlfeder ausgeglichen. Die fchlechtefte, wenigft elaftifche Stahlfeder ift, wie billig fie auch zu haben ift, die theuerfte Schreibfeder. Papier. Hand in Hand mit der Vervollkommnung der Stahl- Schreibfeder ging die Verbefferung des Papieres. Die Mafchinenpapiere find im Ganzen genommen viel weniger rauh als die alten Handfabricate. Zu glattes Schreibpapier eignet fich für Kinder freilich wenig, aber durchaus hindernd und fchädlich für die Nerven der fchreibenden Fingerfpitzen ift das rauhe fliefspapierartige Fabricat, welches feiner gröfseren Wohlfeilheit wegen gerade in fehr vielen Schulen zur Anwendung kommt. Der Profit, welchen diefes unzweckmässige Fabricat abwirft, kommt nur in fehr geringem Mafse dem Käufer zu gut. Leider werden die Schreibpapiere trotz der Maffenerzeugung und der vielfachen Surrogate für die Hadernfubftanz, bei dem ungeheuern Bedarf diefes Artikels und der grofsen Papierverfchwendung, welche unfere Art zu fchreiben erheifcht, von Jahr zu Jahr theurer im Preife. Da der Confum der Druckereien fich kaum verringern wird, ift nur noch von einer vereinfachten und bedeutend kürzeren Schreib- und Druckmethode ein Heil zu erwarten. Schiefertafeln. Unbedingt verwerflich, weil für die zarte Kinderhand höchft fchädlich, find die rauhen Schiefertafeln, welcher Form und Art fie immer fein mögen. Ihre Schädlichkeit wird nur von den harten und dünnen Stiften übertroffen, welche als actives Schreibmittel zu diefem fchlechten Objecte gebraucht werden. Es ift eine wahre Pein zuzufehen, wie fo ein armes Kind fich maltraitirt, und welche abfcheuliche Fingerhaltung es beim Kritzeln mit folchem und auf folchem Materiale fich anzueignen gezwungen wird und da die erften Angewohnheiten nicht fo leicht zu befeitigen find-- oft für fein ganzes Leben beibehält. Auch in diefem Artikel hatte der Erfindungsgeift der neueren Induftrie erfreuliche Fortfchritte auf unferer Weltausftellung aufgewiefen. Schreibgriffel. Diefe in Schulen, befonders in den unteren Claffen, fo häufig benützten Schreibinftrumente müffen, wenn fie nicht verderblich auf die erfte Angewöhnung einer hübfchen und zweckmässigen Federhaltung, und nachtheilig auf die fchreibende Hand felbft einwirken follen, paftös, leicht abfärbend und nie zu hart fein. Zu wünfchen wäre auch, dafs diefe Schreibftifte in dickere Hülfen eingelaffen würden, theils aus Sparfamkeitsrückfichten, theils um die Fingerfpitzen nicht ftumpf und müde zu machen. I* 4 J. Hüpfcher. Schreib- Federnhalter. Die moderne Induſtrie hat die mannigfaltigften Stoffe zu diefem nothwendigen Schreibbehelfe verwendet, hauptfächlich Holz, Bein, Metall und Kautfchuk. Ebenfo erfinderifch war fie in Hinficht der Form. Nach unferem Dafürhalten, das fich auf eine langjährige Praxis, fowie eine richtige Hygiene bafirt, find Metallgriffe die unzweckmäfsigften, Holz oder Cork die geeignetften Materialien zu Federgriffen oder Haltern. Was die Form betrifft, fo find die voluminöfen Federhalter jedenfalls den dünneren, felbft für kleine Kinder, bei Weitem vorzuziehen. Schreibtinte. Bei dem faft allgemeinen Gebrauche der Stahl- Schreibfeder hat die Tinte eine noch gröfsere Wichtigkeit erlangt, als es früher in der Periode der Gänfekiele der Fall war. Die Tinte hat fehr oft die hervorragendfte Schuld, wenn es mit einer Feder nicht vorwärts gehen will. Die Farbe der Tinte thut wenig oder nichts zu ihrer befferen oder fchlechteren Qualification, und bleibt Gefchmackfache. Aber ihre chemifche Zubereitung und Confervirung in einem fehr flüffigen Zuftande, in einem nicht ftark poröfen Gefäfse ift das Entfcheidende. Rothe Tinte follte Schulkindern nie zum Schreiben geftattet werden. Jede Tinte, die in einem zugedeckten Glasgefäfse gut flüffig bleibt und fehr wenig ,, Satz" bildet, ift gut. Hingegen ift vor folchen fchleimigen Tinten zu warnen, die nur fchwer in continuirlich kleinen Quantitäten von der Feder abfliefsen, oder auch dünnflüffigen Tinten, die durch ihre grofse Neigung zum Gerinnen immerwährende Veranlaffung zum Putzen der Feder geben, und die felbft ftundenlang nach ihrer Eintrocknung fich noch leicht verwifchen laffen. Selten wird mit einem Artikel fo viel Mifsbrauch im Handel getrieben, wie gerade mit diefem. Freilich wollen viele nur fehr billige Tinte haben. Gute Waare aber verdient gut gezahlt zu werden. Kreide. Da diefes Schreibmaterial in erfter Linie nicht eigentlich für Schüler, fondern für den Lehrer mafsgebend ift, fo fei hier kurz erwähnt, dafs nur gut gefchlemmtes Material ohne die fatalen Sandkörner, welche die Hand eines Kalligraphen zur Verzweiflung bringen und alle Wandtafeln in der kürzeften Zeit unbrauchbar machen, zu empfehlen ift. In manchen Städten ift es geradezu eine Unmöglichkeit, fich eine reine Schreibkreide zu verfchaffen. An Anpreifungen und Ausflüchten laffen es die Herren Verkäufer freilich niemals fehlen. Alfo gut gefchlemmte Kreide ohne obligaten Sandinhalt! Da die Kinder oft aus ziemlicher Ferne von der Schultafel zu copiren haben, fo ift es, durchaus nicht gleichgiltig, in welchem Farbenzuftande diefe fich befindet, oder ob die Kreide fchön weifs und weithin fichtbar abfärbt oder nicht. Betreffs der einzelnen hierauf bezüglichen Gegenftände verweifen wir auf den Bericht Gruppe XI, Seite 3, von J. Nagel. Unfer Bericht verfolgt andere Ziele. So weit es aber nöthig, kehren wir im Folgenden darauf zurück. Der Schreibunterricht. Amerika. Subfellien. Die hohe Stufe, auf welche fich das Schulwefen im Allgemeinen in Nordamerika in fo unglaublich kurzer Zeit emporfchwang, geht naturnothwendig mit den humanitären Beftrebungen für die Schule felbft in fehr erfreulicher Weife Hand in Hand. Freilich läfst fich nicht gerade Alles, was die philantropifche Fürforge zum Wohle der Schuljugend erfonnen, abfolut gut heifsen, theils weil fie zu einfeitig, theils zu kühn und über das praktiſche n Z, n. e e Co r, D- er Ee h- g en n d u n, en 1- it n. Lit ir r S es it PA e d it er n d f e. t r S t e Der Schreibunterricht. 5 Bedürfnifs hinausgehend fich manifeftirt. In beiden Fällen jedoch läfst fich ihr ein rührender Zug und ein Ringen nach dem Beften nicht abfprechen. Mögen die Nordamerikaner noch fo gute kaufmännifche Rechner fein, für Schule und Erziehung leiften fie, gleichviel aus welchen Urmotiven, wahrhaft Herzerfreuendes. Beweis deffen das amerikaniſche Schulhaus. Ich hoffe, die geehrten Lefer werden es mir verzeihen, dafs ich dafs ich von meinem Gegenftande abzukommen fcheine; ich glaube nicht, dafs diefes der Fall fein wird, und doch, wie wird das Gemüth und die Seele eines alten Schulmannes erregt, wenn er diefe durchaus comfortable Einrichtung, mit vielen der unferigen, befonders in Kleinftädten und auf dem Lande vergleicht! Trotz des unbeftreitbaren Anlaufs zum Beffern, welches unfer gefammtes Schulwefen unter einer erleuchteten Regierung in den letzten Jahren genommen, wie viel bleibt uns noch zu thun und zu fchaffen übrig, bevor wir, Regierung und Volk, dahin gelangt fein werden, und zwar nicht blofs in Oefterreich allein, fondern in Europa überhaupt, das vorgefchrittene Deutfchland nicht ausgenommen, unferen gröfsten Stolz in unfere Schulen zu fetzen, und wären die Motive unferer diefsbezüglichen Anftrengungen anfangs auch keine rein ethifchen, fondern einfache, wohlberechnende kaufmännifche Speculation. Wir opfern ohne Bedenken, blofs dem natürlichen Impulfe unferer felbftlofen elterlichen Liebe folgend und freudig Hunderte von Gulden, wenn eines unferer theueren Kinder erkrankt, aber mit der Schule knaufern wir noch immer entfetzlich, und doch find es nicht wenige der Kinderkrankheiten und oft weit über die Kinderjahre hinausgreifend, die fich die Kleinen eben in den überfüllten und zu wenig beachteten Schulen holen. Würden wir nur den vierten Theil von dem für Schule und Erziehung opfern, was wir jährlich für durchaus leicht entbehrliche Bedürfniffe ausgeben, wahrlich wir könnten Paläfte unferen Kindern bauen, und die bewährteften Lehrkräfte nicht nur angemeffen, fondern glänzend honoriren. Wer dabei am meiften gewänne? Der Staat als Ganzes und wir felber, jeder Einzelne. Die Schreibtheken haben durchwegs gutes halbglattes Papier und find theils mit Vorfchriften und Lineatur verfehen, theils nicht. Eine gewiffe Sorgfalt für die Bedürfniffe des Schreibers ift überall wahrzunehmen. Der Gebrauch der Goldfeder fcheint nach den Refultaten, wie fie fich in den maffenhaft exponirten Schriftproben der Schüler und Schülerinen der nordamerikaniſchen Schulen manifeftirt, ziemlich verbreitet zu fein, da die Goldfedern ziemlich hartfpitzig und lange nicht fo elaftifch find, wie z. B. die englifchen Stahlfedern, oder gar das Wiener Fabricat von Carl Kuhn. C. Southerland aus Baltimore brachte fehr nette linirte Schülerhefte mit Vorfchriften unter dem Titel: Patent Copy Buk. Die Methode ift die des National- Syftems. Das Papier ift weifs, halbglatt und die Schriftmufter tadellos ausgeführt. Schiefertafeln waren in mehreren Gattungen gut vertreten. J. L. Rafs aus Bofton ftellte eine Collection verfchieden linirter SchulSchiefertafeln mit auf den hölzernen polirten Einfaffungsrahmen angebrachten unverlöfchlichen Vorfchriften, Zahlen und verfchiedenen Zeichnungen als verkäuflich aus. 24 Stück zu 14 fl. öfterreichifcher Währung. Der Gedanke ift neu und praktiſch, fowohl für das lernende als fpielende Kind. Das Material ift fehr gut präparirt. F. Soehner aus Hamilton( Ohio) ftellte gute Schiefertafeln mit einem finnreich ausgedachten Patentlineal aus. Diefes beſteht in einer Vorrichtung, die es ermöglicht, viele theils einfache, theils doppelte Linien auf einmal über die Tafel zu ziehen, und da die Zeilenfurcher, die in convex nach aufsen gebogenen Drähten beftehen, feft find, fo geben fie Zeilen von ftets gleichen Diſtanzen. Die Schreibfedern betreffend, haben die Vereinigten Staaten nur ihre Gold- Schreibfedern- Erzeugniffe zur Weltausftellung gebracht und zwar waren meh 6 J. Hüpfcher. rere der hervorragendften Firmen in diefem glänzenden Artikel der modernen Induftrie vorzüglich vertreten. Wie bekannt, ift bei der Gold- Schreibfeder nicht das Gold felbft, fondern die diamantharte in Gold eingelaffene Spitze aus einer Compofition von Iridium und Rodium, die diefem Schreibinftrumente feinen Werth gibt. Bei richtiger Behandlung bleibt die Federfpitze auch nach jahrelangem Gebrauche unverfehrt und gewährt dem Schreiber den Vortheil einer fich ftets gleich bleibenden Schreibfeder. Für Schulkinder ift des Inftrument bei uns wenigftens zu koftfpielig und gar nicht im Gebrauche. Die Federhalter find natürlich auch meiftens Edelmetall, aber die Griffe nach unferem Dafürhalten zu dünn. Schulbänke, ein- und mehrfitzige, hat Nordamerika in reicher Auswahl nach den modernften Conftructionen ausgeftellt und hat fich in diefem Zweige der Schulhygiene fehr erfinderifch erwiefen. Zu einer Maffenanfchaffung dürften auch diefe zum Theil fehr zweckmäfsigen und eleganten Schulgeräthe zu hoch im Preife ftehen. Von den Exponenten nennen wir vor Allen: W. H. Sopers, Baltimore, im Jahre 1869 patentirte, von Charles Stevens ausgeftellte Subfellien mit 2 Sitzen, mit umlegbarem Sitzbrett und aufzuhebendem Pulte, das eine geräumige Caffette bedeckt. Das Dintenfafs mit verfchiebbarem Deckel ift in der Mitte der Bank angebracht. Eine gediegene und dauerhafte Arbeit, zum Theil Eifenconftruction. Ebendafelbft einfitzige Subfellien mit abgefonderten fitzgerechten monopoden Bänkchen. F. W. Nichols, Bofton, ftellte Mufter- Schulbänke für Kleinkinder- Schulen aus mit Sitzen zum Einfchlagen und fixer Platte. Ruffels Schulbänke mit charniermäfsig beweglicher Platte ſcheinen uns für Schulen zu gefährlich, da bei einer Unvorfichtigkeit die fchwere Platte leicht zu Verletzungen gerade desjenigen Körpertheiles der Kinder führen kann, den fie in der Schule am meiften benöthigen, nämlich des Kopfes. G. W. Schattluck, Bofton, Mufter Schulbänke, ausgezeichnet durch gute Conftruction, bequeme Sitze und Lehnen; die Schreibplatten find etwas zu fchräg. W. A. Slaymacker, Bofton, ftellte einfitzige Mufter- Schulbänke von grofser Gediegenheit, ja gewiffermafsen eleganter und doch dauerhafter Conftruction aus Die Sitze zum Einfchlagen find bewegbar. Der Preis mufs verhältnifsmäfsig aber hoch fein. A. H. Andrews& Comp., Chicago, zweifitzige Mufter- Schulbänke mit Einfchlagfitzen und je einem in der Mitte angebrachten Tintenfaffe. Zum Schlufse fei noch hinfichtlich der nordamerikanifchen Subfellien- Expofition bemerkt, dafs die Erfinder und Conftructeure wohl dem Principe der fchiefen Schreibfläche huldigen, jedoch nicht in extremer Weife; die Neigung ift eine fehr fanfte, manchmal kaum bemerkbare. Als Schreibunterrichts- Methode macht fich beinahe ausfchliefslich die fogenannte„ Amerikanifche" geltend. Bei einfachen hübfchen Ovalformen wird befonders auf Schreibflüchtigkeit Rückficht genommen; daher das Vorherrfchen des feinen Striches und nur feltene Anwendung ftärkerer Schattirungen. Die Hauptrepräfentanten diefes Syftems find die Methoden von Payfan, Dunton und Scribners, Herausgeber Shanttluck und das Electric Syftem of penmanship von Tompfon& Bowler bei Wilfen& Hinkle, Cincinnati. Die deutfche Currentfchrift erfreut fich nur einer fehr mittelmässigen Cultivirung. Muftergiltig in der Form der Schriftzeichen und pädagogifcher fortfchrei tender Entwicklung des Stoffes, ift das National- Schreibfyftem von Tompfon und Bowler, Cincinnati. In acht Heften wird die Latein- oder Nationalfchrift behandelt, und zwar in Doppelexemplaren für Knaben oder Mädchen. Das neunte Heft enthält fehr gefchmackvoll ausgeführte Vorfchriften für Kunftfchreiber. Sämmtliche Vorlagen find praktiſch und edel zugleich. Die Schul- Schreibmethode ftützt fich auf den feinen Haarftrich und nur in den ovalen Buchftahen wird etwas mehr Druck angewendet. Der Schreibunterricht. 7 Die verbreitetfte Schreibmethode in Nordamerika ift die ebenfalls fehr gute Mufterfchrift von Payfan, Dunton und Scribners. Die Unterrichtsweife ift diefelbe, wie die vorhergehende, aber nicht fo ganz correct in den Formen wie diefe. Scribners hatte eine grofse Sammlung von Mufter- Schreibheften für die Schule und den Privatunterricht ausgeftellt. Ebenfo ganz nette Schriftproben von Schülern. Wie bei allen Kalligraphien machen fich auch in der amerikanifchen Nationalfchrift Formabweichungen bemerkbar; doch find diefelben wenigftens nicht verkünftelt und immer leicht zu lefen. Die Methode im Ganzen ift zu empfehlen. Eine Methode für den Unterricht in der deutfchen Currentfchrift hat Hermann Reffet aus New- York bei Steiger's deutfcher Schulbücherfammlung aus-, geftellt. Doch fcheint uns die etwas veraltete Façon der meiften Buchftaben und der wenig entwickelte Gang der Methode gerade nicht darnach angethan, den im Verhältnifs zur Nationalfchrift fehr zurückſtehenden deutfchen Current viel auf die Beine zu helfen. Schülerfchriften. Neben fehr hübfchen Schülerfchriften, welche die verfchiedenen Staaten Nordamerikas zur Weltausftellung brachten, machten fich auch fehr unentwickelte und unbeholfene Handfchriften bemerkbar, was nach unferen Schulbegriffen z. B. von Schülern der vierten Claffe kaum begreiflich ift. Schade, dafs nicht neben dem Alter des Zöglings und der Claffe auch noch die Zeitdauer feines Schulbefuches angegeben war, da in Amerika die Wahl der Claffe zum Theil von den Schülern abzuhängen fcheint. Sehr hübfche und geläufige Schülerfchriften exponirten die Volksfchulen von New- York, Cincinnati, minder gute Cleveland( Ohio), befonders die deutfchen Schriftproben waren fehr mittelmäfsig; ebenfo Dayton( Ohio). Befferes leifteten New- Orleans, Baltimore, Bofton, Chicago, Toledo( Ohio) und Andere. Nicht unerwähnt können wir laffen, dafs auf der Rückfeite jedes einzelnen Schriftprobeblattes der Name des betreffenden Lehrers verzeichnet ift. Phonographie. A. E. Burnett aus Cincinnati ftellte einige Wandtafeln mit einer fürs Englifche berechneten phonetifchen Schrift aus, für welches Syftem wir uns aus mehrfachen Gründen nicht erwärmen konnten; denn abgefehen von der unzweckmäfsigen und fchwierigen Schreibung es ift eine complicirte Silbenfchrift mit fehr fubtilen Superpunctationen, hat eine phonetifche Schrift nur dann Werth, wenn fie allgemeine Anwendung finden kann. Dafs für die verzwickte englifche Ortographie eine vernünftige Phonographie fehr zu wünſchen iſt, übrigens mehr wie bei jeder anderen Sprache einleuchtend und begreiflich. ift In Amerika fowohl wie in England hat die Phonographie trotz ihrer offenbaren Mängel dennoch einen bedeutenden Anhang gefunden und es bestehen ganze Vereine und, wie natürlich, periodifche Zeitfchriften für die Verbreitung diefer modernen Schriftgattung. Doch können wir einer Schrift, die nicht alle Bedürfniffe und Defiderien der fchreibenden Welt( nicht eines Volkes allein) berücksichtigt und ausführt, keine Zukunft von Belang prognofticiren; denn fo lange ein Syftem Lücken aufweift, ftellen fich neue Syfteme mit neuen Mängeln ein. In der That beftehen in England und Amerika mehrere folche Schreibfyfteme neben einander und machen fich das Feld ftreitig. England. Methode. Das glückliche Albion! Ohne fein geringftes Hinzuthun kam es, wie das fo den Auserwählten Fortunas zu widerfahren pftegt, in den Ruf - bei vielen Kalligraphen nämlich einer eigenen Nationalfchrift. Umfonft frägt man nach den Motiven, warum die gute lateinifche Curfivfchrift in fo vielen Vorlageheften undBlättern ,, englifche Schrift",„, écriture anglaife" ,,, fcritture inglefe" etc. - 8 J. Hüpfcher. heifst Da es fich doch höchftens um kleine, durchaus unwefentliche Abweichungen in der äufseren Form handelt. Glücklicher Weife ift es nur ein Titel und die Briten fchreiben lateinifch. Die neuere englifche Schreibmethode jedoch, die von keinem Kalligraphen behandelt wird, verdient aber hier einer Erwähnung, trotzdem England in diefer Branche nicht an der Weltausftellung betheiligt war. Diefe Methode verfchmäht nämlich alle die fchwierigen Oval- und Halboval- Striche und geftaltet die gefammte Lateinfchrift fpitzig oder doch eckig. Diefe Methode zu fchreiben ift wenig äfthetifch; dafür aber praktifch und macht wenig Kopfzerbrechens: fie ift eben englifch. Beinahe allgemein wurde diefe eckige Lateinfchrift in England dadurch, dafs fie die jetzt regierende Königin Victoria zuerft adaptirte. In der äufseren Form haben alle diefe Handfchriften eine ungemeine Aehnlichkeit mit einander. Theils aus Bequemlichkeit, theils als Modefache hat fich diefe Schriftfpecies auch auf dem Continente viele Anhänger( befonders Damen) verfchafft und nur die wirklichen Schriftenkünftler fcheinen nichts davon zu wiffen, da noch kein Continental- Kalligraph fie fchönfchreiblich behandelte und in fein Syftem aufnahm. Subfellien. England betheiligte fich an der Wiener Weltausstellung mit drei Syftemen von Schulbänken. Die Firma Callaghan W. London, exponirte ein Syftem von Schulbänken nach Angabe des Augenarztes Herrn Dr. Liebreich. Der Herr Doctor hat in feinem Eifer pro domo ganz aufser Acht gelaffen, dafs zum Schreiben aufser dem controlirenden Auge auch die arbeitende Hand gehört, und liefs eine fo enorm fchiefftehende Schreibplatte auf den fonft recht forgfältig und zweckmäfsig conftruirten Schulbänken anbringen, dafs die Hand überaus angeftrengt und auf die Dauer ganz arbeitsunfähig werden müfste. Hingegen traf er es defto beffer, mit dem nach oben umlegbaren Vordertheile der Schreibplatte zum fchiefftehenden Lefepulte. Die Rückenlehne ift ein fchmaler Concavleiften, in der Gegend des freien Rückgrats horizontal angebracht, und foll zugleich als Stützund Ausruhobject für die unbefchäftigten Arme dienen. Der Schämel ift fchräg. Die Schreibplatte trägt links einen Leiften für ein etwaiges Buch, aus dem copirt wird. Hammer George M., London, exponirte zweifitzige Schulbänke von einfacher Conftruction für die Volksfchule und eine andere Gattung mit vorwärts nach oben überfchlagbarem Lefepulte, convexer Rückenlehne und einer auf der Platte angebrachten Federnfurche. Als Schreibobject find beide Syfteme zu fchräge gebaut. Hawes, C. E., Norvich, zeigte fehr zweckmäfsig gebaute Schulbänke mit nach unten zur Hälfte umlegbarer Schreibplatte. Die Rückenlehne ift ein wenig fchräg nach rückwärts gebogen, und von nicht übertriebener Schiefe das Pult. Stahl- Schreibfedern. Die Stahl- Schreibfedern- Fabrication war durch drei der renommirteften englifchen Firmen ausgezeichnet vertreten. Jofef Gilloff, G. Brandauer und D. Leonhard überboten einander an Reichhaltigkeit und gefchmackvollem Arrangement ihrer zum grofsen Theil vorzüglichen Producte. Als neue Specialitäten erwähnen wir Brandauer's doppelund mehrfpitzige Stahlfedern für Zierfchriften. Brandauer und Leonhard exponirten noch ein reiches Affortiment von manchen fehr zweckmäfsigen Federhaltern. Maurice de Leon& Comp. ftellte feine Federnhalter mit Tinten- Refervoir aus. Diefes Fabricat hat den Vorzug vor denen älterer Conftruction, dafs es auf einen leichten Federdruck fich mit Tinte vollfaugt, die es fodann nach und nach in die Concavität der Schreibfeder abfliefsen läfst, während die erften Tintenfafshalter erft eingefüllt werden mufsten. Trotzdem fchein uns diefs bequeme Schreibwerkzeug zu hoch im Preife. Britifch- Indien. Wahrlich wir müffen uns oft und öfter an unfere ftrenge Referentenpflicht erinnern, um nicht im Uebermafse unferes freudigen Erftaunens und pietätvollen Verfinkens in die Urgefchichte der Menfchenkultur, Der Schreibunterricht. 9 anftatt eines trocken objectiven Berichtes eine reflectirend lyrifche Poefie niederzufchreiben. Man müfste ein Herz von Stahl, jeder edleren Regung unfähig, im Bufen tragen, könnte man ungerührt die Schriften und anderen Unterrichtsgegenstände betrachten, welche uns Indien herüberfandte und die einen Glanzpunkt der gefammten Weltausftellung von 1873 bilden. - Von dem einfachen, dreifüfsigen Tintenzeuge, des einerfeits appretirten und zufammengerollten Schreibleinwand Stückes und der Schreibfeder aus fpanifchem Rohr, bis zu jenen complicirten Buchftaben- Geftaltungen, in welchen die Gefänge und Schriften der Indier und nicht minder die Urtypen unferes fogenannten arabifchen Zahlenfyftemes und der Ziffernformen welche Eindrücke, welche Fluth von Gedanken müffen fie und noch dazu in der Atmoſphäre einer Weltausftellung von dem Umfange und der Bedeutung der unferen, anregen und heraufbefchwören. - Herrn Dr. Leitner und den intelligenten Corporationen und Schulvorftänden von Britifch- Indien aber fagen wir unferen aufrichtigften Dank für die lebhafte Betheiligung an unferer Weltausftellung in dem gerade hier culturell fo ehrwürdigen und wichtigen, als intereffanten Zweige des Unterrichtswefens. Streifen von Palmenpapier, wie wir fie hier vor uns fahen, mögen auch der Stoff gewefen fein, auf welchem die heute fo berühmte, als für uns wichtige uralte Literatur Hindoftans gefchrieben wurde, in einem Alphabete freilich, von welchém, wie bei den meiften todten Sprachen, viele Buchftaben als phonetifch ungelöfte Fragezeichen vor unferem Auge ftehen. Mit eben folchen überkalkten Schreibbretern, wie fie die Schulen Hindoftans ausftellten, mögen auch vor Jahrtaufenden die Kinder Zoroafter's ihre erften Schreib- und Rechenverfuche gemacht haben, und diefelben kalligraphifchen Spielereien und Randverzierungen, wie wir fie hier vor uns fahen, haben ficher fchon vor undenklicher Zeit den naiven Kindern des Lichts Freude und Erheiterung verfchafft. Die Methode des Schreibunterrichtes ift, wie auch in neuerer Zeit bei uns, eine analytifch fortfchreitende, und weift fowohl in den verfchiedenen Formen der einheimifch indifchen Schriftarten, als wie in den arabifchen ganz gute Reſultate auf. Auch die lateinifche Schrift hat unter den eingebornen Schülern, die aus dem Englifchen oder ins Englifche überfetzen, manch' brave Vertreter, und beweifen, dafs fie fich auch der Stahl- Schreibfeder zu bedienen gelernt haben. Die europäiſche Politik mag den Kindern des Oftens manche Unbill nicht erfpart haben, aber die europäiſche Cultur ift human und zahlt mit Wucherzinfen den Enkeln zurück, was deren Urahnen für die geiftige Entwicklung der Menschheit geleiftet haben. Schriftproben von Schülern fandten das Localcomité von Bengalen, das Localcomité von Madras, das Unterrichtsdepartement von Bombay, das Localcomité ebendafelbft, M. Kampfon, Director des öffentlichen Unterrichtes in den nördlichen Provinzen, der Rajah Jye Kifhen Dofs( Kalligraphien), der Director des Regierungscollegiums zu Agra, das Local comité von Punjab, die Regierung von Audh, das Unterrichtsdepartement der Centralprovinzen, das Localcomité von Myfore, das Local comité von Berar und das Localcomité von Hyderabad. Aus Madras fandte Abdus Sarnat gefchmackvoll ausgeführte perfifche Kalligraphien und B. R. Tagure aus Bengalen eine intereffante Zufammenftellung aller in Indien gebräuchlichen Alphabete. In der reichhaltigen und lehrreichen Expofition des verdienftvollen Herrn Dr. Leitner fanden wir auch viele Schriftproben aus den Schulen Indiens und dem Cap der guten Hoffnung. So hat uns England reich entfchädigt für die Lücke, die es in der Ausftellung des eigenen Schulwefens auf der Wiener Weltausftellung gelaffen hat. 10 J. Hüpfcher. Portugal. Wie fich die moderne Idee von der hochwichtigen Bedeutung der Volksfchule bei Regierungen und Völkern fiegreich Bahn bricht, davon gab das portugiefifche Schulhaus einen fprechenden Beweis. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts konnten kaum zehn Percent der Bevölkerung lefen und der gefammte Unterricht lag ausfchliefslich in den Händen des Clerus. Steht Portugal auch heute noch nicht auf der hohen Stufe der Volkserziehung, wie etwa die Schweiz, Deutfchland u. f. w., fo zeigt es doch Ernft und Eifer, das Mögliche zu thun oder wenigftens anzubahnen. Schreibmethoden ftellten aus: J. Wager- Ruffel, Collecçao de pantas Calligraphicos, methodo rapido d'aprender a escrever femmeftre. Methodifch geordnet ift diefes Syftem nach unferen Begriffen durchaus nicht; die Schrift ift gut und zeigt von grofser Formgewandtheit und bei einfacher Behandlung von gutem Gefchmack. Schriftproben nach diefem Syftem fanden fich in zu geringer Zahl vor, um ein endgiltiges Urtheil über deren Werth feftzuftellen. Godinho aus St. Sebaftian brachte Vorlagen und Schriftproben von Schülern. Leider konnten wir diefe Objecte nicht näher durchfehen, da der Schlüffel zur Cafette, in welchem fie eingefchloffen waren, fich niemals vorfand. Schriftproben, zum Theil recht fliefsend und ausdrucksvoll gefchrieben, fanden wir aus der Real cafa pia in Liffabon, Afilo de Pedro V. dafelbft, Communalfchule dafelbft, National- Lyceum in Braga u. m. A. Schreib- Schiefertafel von hübfch glatter Oberfläche in Holzrahmen hat Francisco Lopes dos Santos Manilho, Volongo, ausgeftellt. Die KorkFedernhalter mit Holzkapfel find empfehlenswerth. Schreibpapiere, zum Theil von fehr guter Qualität brachte Conto Joaquim de Sa. Feira, Dias Manuel J. Goes, Falcad L., F. Penella, G.& H. Fradeffo, Liffabon, Villa Nova Vicomte de la Rainha, Liffabon. Subfellien mit abgefonderten, feften Stühlen, Schublade, Federnfurche, verfchiebbarem Verfchluffe des Tintenzeuges und einer Spalte zum Hineinftellen der Schiefertafel mit wenig geneigter Schreibfläche fanden fich im Schulhaufe. Spanien. Gewiffe Wörter und Redensarten werden fo ftereotyp, dafs ernſter Wille und Vorurtheilslofigkeit des Geiftes dazu gehört, fie in ihrer abgeftandenen Schalheit zu entlarven, gerade fo, wie Menfchen, die fich eines unverdienten fchlechten oder auch guten Rufes erfreuen, bis ein unwiderleglicher Beweis das gerade Gegentheil documentirt. So ift bei uns das Wort ſpaniſch rein zur Schablone für Unverſtändliches und Unverftandenes geworden. Der Weltausstellung in Wien blieb es vorbehalten, das Unhaltbare unferer fchiefen Anfichten über diefes Wunderland zu corrigiren, und was den Hunderten von Reife befchreibungen nicht gelang, das hat das grofse Wunderwerk im Prater fchlagend bewiefen. Spanien, einer der intereffanteften und wenigft gekannten Culturherde Europas, hat uns im wahren Sinne überrafcht durch die Grofsartigkeit, den Gefchmack, die Reichhaltigkeit und die treffliche Dispofition feiner Ausftellung. So mancher, der mit einem gewiffen Nafenrümpfen diefe Räume betrat, ift vollauf befriedigt und reich belehrt von dannen gegangen und Vieles ift ihm eher„ fpanifch., vorgekommen, als Spanien felbft. Freilich branden die Wogen am heftigften da, wo ihnen die ftarrften Hinderniffe entgegenragen; doch über den endlichen Sieg im Kampfe zwifchen Geift und Form kann heute nicht mehr geftritten werden. Der Schreibunterricht. 11 Leider ift es uns nicht gegönnt, uns über das ausgedehnte Culturfeld, welches diefes Land vor unferen Augen entrollt, weit zu verbreiten, und wir müffen in den befcheidenen Kreis unferer abgegrenzten Pflicht zurückkehren. Spanien hat feine eigene Schreibmethode und hat fie ganz gut zur Anficht gebracht. Wir find mit den fpanifchen Schriftformen aber nicht einverftanden, weil fie durch die abweichende Bildung der lateinifchen Grundformen nicht die Lefe- Einheit befördern, fondern fo wie die Franzofen mit ihrer Ronde bedeutend ftören, ein Vergehen, das aller Nationalhochmuth nicht ausgleichen kann; aber Methode, Entwicklung, Anordnung und Gefchmack trotz der bizzaren Formen ihrer fogenannten efcritura iluftrada mufs den fpanifchen Schreiblehrern durchaus vindicirt werden. Die mönchifchen Verkrüppelungen der lateinifchen Druckfchrift haben auch die Spanier fchon längft aufgegeben und bedienen fich feit lange keiner„ Fracturfchrift" mehr, diefe Formenthorheiten uns Deutfchen überlaffend, die wir uns noch, weifs Gott was, darauf einbilden. Die folgenden Herren Schreiblehrer betheiligten fich an der Weltausftellung theils mit ihren Vorfchriften allein, theils mit in den Schulheften entwickelten Schreibmethoden: Die Patres der öffentlichen Unterrichtsanftalten in Yecta; diefe Herren verquicken Schreiben und Zeichnen auf eine rügenswerthe Weife. S. de Vicente y Odone, Profeffor und Director der Schreibakademie(?!) in Madrid. Herr Odone ift löblich bemüht, die lateinifche Curfivfchrift einzuführen, und feinen Landsleuten mundgerecht zu machen, Reforma de Letras und Mercantilfchrift benannt. Joaquim Aleixandre, Director einer Privat- Lehranftalt in Madrid. Xifra N. Gerona mit einer mittelmässigen Methode der neugriechifchen Schrift. D. P. Solís aus Valencia. Julian Viñas und Juan Gangoiti aus Madrid. Pablo Uruñuela in Madrid, eine der beften Methoden und correcteften Schriftformen. Francisco Ruiz Morota, fehr gute Methode, fchöne Schrift. Antonio Caftilla in Madrid, Methode und Schrift gleich brav. Francisco Paula Gonzales aus Valencia, Mufteranordnungen für Schriftftücke, ein Unterrichtszweig, der nicht genug zu empfehlen ift, da oftmals die beften Schüler in Verlegenheit gerathen, wenn fie einen einfachen Brief zu fchreiben haben oder ein Conto auffetzen follen. Schreibpapiere von ausgefprochen guter Qualität und verhältnifsmäfsig billigem Preife ftellte Spanien in der füdlichen Quergalerie in ziemlich reicher Auswahl aus. Trotzdem fanden wir die meiften Schreibtheken aus inferiorem Fabricate gefertigt, was bei dem Gebrauche der fpanifchen Schriftformen freilich wenig verfchlägt, da fie nur mit ftumpffpitzigen Federn gefchrieben werden können. Für die gewöhnliche lateinifche Curfivfchrift werden indeffen durchwegs beffere Papierforten verwendet. Subfellien fanden fich nur in Abbildung von Manuel da Sureda; fie boten nichts Bemerkenswerthes und glichen in der Hauptfache den portugiefifchen. Mit hoher Befriedigung und dem Wunfche, es möge fich die lateinifche Curfivfchrift bald allenthalben Bahn brechen, verliefsen wir die lehrreichen Räume des fpanifchen Pavillons. Schweden und Norwegen. Gefegnet fei das Volk, welches feine höchfte Miffion begreift, und nicht nur begreift, fondern fich löblichft bemüht, dem Begriffe die That, foweit feine Kräfte reichen, friſch und freudig folgen zu laffen. Und welch' höhere Miffion. könnte ein denkendes Volk haben, als diejenige für die ftetig fortfchreitende geiftige Entwicklung feiner felbft und feiner Kinder zu forgen? Darin liegt die Kraft, der Wohlftand der künftigen Gefchlechter, darin im wahren Sinne des Wortes die hohe Idee der Unfterblichkeit des Geiftes. Denn nicht durch die natürliche Abftammung fühlen fich die künftigen Gefchlechter mit den dahingegangenen verbunden, fondern durch den Geift und deffen hohes Wollen und edles 12 J. Hüpfcher. Streben. Ein Juftus v. Liebig hat zum wahren Wohlftande unferes Gefchlechtes mehr beigetragen, als fämmtliche Eroberer und Ausbeuter Indiens. Ein würdiger Zweig des edlen germanifchen Stammes diefes Schweden! Der Gefammteindruck, den fein zur Ausftellung gebrachtes, vollkommen eingerichtetes Schulhaus auf uns machte, ift ein feelifcher, erhebender; denn hier wirkten Geift und Herz zufammen und fchufen eine volle Harmonie. Haben wir über viele Ausftellungsobjecte aus dem Gebiete des Schreibunterrichtes gerade aus der fchwediſchen Abtheilung nichts zu berichten; fo erkennt man doch die gute Lehrmethode an den Schülerfchriften und den fchriftlichen Arbeiten derfelben. Vorzüglich nach jeder Richtung hin find aber die Subfellien und Schulbänke, die, was Zweckmäfsigkeit, Solidität und Schönheit in Anordnung, Conftruction und Ausführung angeht, unübertroffen da ftehen; da ift nichts überfehen und nichts zu viel; und fchwerlich könnte man fich etwas Praktiſcheres an Schulbänken vorftellen. Stahlfedern Halter aus Kork, leicht, mit voluminöfem Griff und eingelaffener Metallkapfel zum Fefthalten der Stahlfeder, find nicht genug allen Jenen zu empfehlen, welche viel zu fchreiben und empfindliche Nerven haben. Leider ift das Fabricat für Schüler zu theuer, auch leichter zerbrechlich wie die HolzFedernhalter. Schreibtinte von guter Qualität ftellte Gullberg Th. aus Göteborg aus; ferner Lundgren P. W aus Stockholm. Papier war meift als Holzpapier- Maffe ausgeftellt; doch auch gewöhnliches Schreibpapier von guter Qualität, fo von Lee James aus Göteborg, von der Fabriks- Actiengeſellſchaft Rofendahl u. f. w. Frankreich. Soweit wir die Gefchichte der Menfchheit, des mühfeligen Vorwärtsfchreitens in der Cultur, ihres ruhelofen Ringens nach dem Befferen, ihrer Thorheiten und Verirrungen, und vor Allem ihrer unzähligen Kriege durchblättern; feit Marathon und Salamis hat kein Völkerkrieg fo allgemein menfchliche, fo edle und veredelnde Früchte getragen, als der letzte grofse Krieg und Sieg Deutfchlands gegen Frankreich. Nicht nur dem Sieger fielen diesmal die Früchte feiner Grofsthaten anheim, nein, die ganze Menfchheit und allen voran der Befiegte felber, mag er aus momentanem Groll es auch nicht anerkennen wollen, der Befiegte felber hat mehr, weit mehr gewonnen als verloren. Die Thatfachen find es, die dafür zeugen. Wenn fchon anno 1866 die öffentliche Meinung dem befferen Schulmeifter die Lorbern zufchrieb, die Preufsen über die heldenmüthige öfter reichifche Armee davontrug, um wie viel intenfiver mufste fich nach den unerhörten Grofsthaten von 1870 und 1871 diefe ganz berechtigte Anficht in allen Schichten der durch die heutigen Commnnicationsmittel eng verbundenen Völker des gefammten Erdballs einniften, und welch' unberechenbare Folgen für die Gefammtcultur, wenn diefe Meinung in nacheifernde That umgefetzt wird. Ein guter Anfang hierzu ift bereits gemacht; bis zu den entfernteften Antipoden macht fich das Bedürfnifs nach Schule, und zwar gute, unbeeinflufste Schule, geltend. Dafs auch der grofse Befiegte von 1870 diefe Anficht zu der feinigen macht, beweifen die fchönen und erfreulichen Anftrengungen, die er, trotz aller äufseren und inneren Hinderniffe macht, um fein im Argen liegendes Volksfchul- Wefen zu verbeffern und zu heben. * Nach Angabe des Seminardirectors F. Sandberg in Stockholm. Von den kleineren Bänken kommt das Stück auf 8, und von den gröfseren auf 11 fl. öfterreichifcher Währung zu ſtehen. Aus Norwegen lagen manche gute Schülerfchriften aus verfchiedenen Volksfchulen vor. Der Schreibunterricht. 13 Der Schreibunterricht, als integrirender Theil des gefammten formellen Schulunterrichtes, hatte fich in Frankreich in früheren Zeiten keiner befonderen Beachtung zu erfreuen, dafs es aber auf diefem wichtigen Segmente der Jugenderziehúng in neuefter Zeit auch vorwärts geht, bewiefen die vielen ausgeftellten Schreibmethoden und Schriftproben von Schülern der Volks- und Mittelfchulen. Mafficault Th. aus Paris ftellte feine verbefferte SchreibunterrichtsMethode aus. Das ganze Syftem ift pädagogifch fortfchreitend angeordnet, fafslich und frei von Ueberladungen. Die Schriftformen find hübfch und practifch, ja zum Theile von edler Einfachheit. Die Schreibmethode verdient Anerkennung von Seite der franzöfifchen Schulbehörden. Colombel, Paris. Progreffiver Schreibunterricht, eine gut geordnete Lehrmethode. Die Lateinfchrift ift nichts Befonderes, hingegen die Ronde fehr hübfch ausgeführt. L. Deupes, Paris, hat eine Schreibmethode eingefandt, die von der Univerfité de France approbirt, in zwölf zum Theile vorpunktirten Schriftformen, als Anleitung zum Schul- und Selbftunterrichte dienen. Die Methode ift eine gut geordnete, die Schriftformen find einfach und hübfch. Flament, Donai, Vorlagen für eine auf die ,, Ronde" bafirte franzöfifche National- Handfchrift. Herr Flament hat auch Schriftproben feiner Schüler ausgeftellt, die fich ganz gut anfchauten. Die einfache curfive Lateinfchrift ift ihm weniger gut gelungen, befonders haben die Grofsbuchftaben nicht die gediegendften Formen. Léon François exponirte ein Handbuch der Kalligraphie mit hübfchen. flüffigen und leichten Formen. Taiclet M. J., Rémirmont, brachte Vorlagen und eine vom öffentlichen Diftricts- Schulvorftande genehmigte Lehrmethode, mit hübfcher Schrift und guter Anordnung für den Unterricht. Gedalge, Paris, brachte Vorlagen und Schreihhefte mit theils vorgezeichnetem Unterdruck, theils mit leeren Linien zur freien Nachahmung. Die Kleinfchrift ift gut ausgeführt, ebenfo das grofse Latein; hingegen find die Formen der Grofsbuchftaben mangelhaft. Victorin zeigte eine practifche Schreibmethode, doch mit etwas veralteten Schriftformen von zweifelhafter Schönheit. Diefe Schreibmethode vertheilt fich auf eine Serie von Schülerheften. E. M. C., eine Schreibmethode, um den Schreibunterricht zu vereinfachen, mit zum Theil vorpunktirten Buchftaben. Die Schrift ift gut, die Ausführung recht gefchickt. Touffaint E., Schulinfpector, fandte eine Sammlung von Schüler fchriften aus dem Arrondiffement Peronne; Gédalgo( junior), Schulvorlagen in Schülerheften, die in den Volksfchulen von Paris angewendet werden. Gute Methode, hübfche Formen. Boscary, eine einfache fchulgerechte Schreibmethode für die italienifch fprechenden Provinzen Frankreichs. Die Schülerhefte mit Vorlagen, welche Godchaux herausgab, haben acht Blätter gutes Schreibpapier nebft Einſchlagsdecke und werden zum Preife von fechs Centimes verkauft. Die chriftlichen Schulbrüder und die ,, Schweftern der Vorfehung" brachten Schülerfchriften, von denen fich befonders die kalligraphifchen Mädchenarbeiten vortheilhaft präfentirten durch hübfche Züge und gefchmackvollen Anordnung des Ganzen, zum Theil mit hübfchen Randverzierungen. Eine neue Methode, Taubftummme und Hörende zugleich fchreiben und lefen zu lehren, ift eine intereffante Erfindung von Herrn Emil Groffelin in Paris und heifst phonomimifche Unterrichtsmethode, bafirt fich auf mimifche Zeichen, die auf ein kurzes ftenographifches Syftem übertragen und aus diefem erft in die gewöhnliche Schreibfchrift umgefetzt werden. Nach den Zeugniffen von Schulvorftänden foll diefe Methode fich fehr practifch erweifen, und fei hiermit allen Lehrern von Taubftummen zur Prüfung empfohlen. Der Erfinder 1 14 J. Hüpfcher. ift Secretär einer humanitären Gefellfchaft für den Unterricht von Taubftummen. zu gleicher Zeit mit gefunden Schülern. Schülerfchriften aus Volks- und Mittelfchulen hatte Frankreich reichlich ausgeftellt. Die meiſten waren von fehr gefälliger Form und zum grofsen Theile recht fliefsend und sans gène gefchrieben. Sie zeugen nicht nur von Fleifs und Ausdauer der Schreiber, fondern von dem Ernft und der guten Methode der Lehrer. Befonders hervorzuheben find: Die Stadt Paris: Kalligraphien und fchriftliche Schularbeiten, Lyons, Rouen, Caen, Douai, Mirecourt, Dijon, Foix, Lifieux, Poitiers, Arpajon, Gannat, Verfailles, St. Arnould, Touloufe, Tours und Anderem. Hervorzuheben find noch die hübfche Lineatur, das gute Papier, die Billigkeit des Schreibmateriales und die praktifche und fchöne Anordnung der Titelblätter. Schreib- Schiefertafeln von fehr guter Qualität und praktifcher Herrichtung für Schulen nebft leicht zeichnenden Schreibgriffeln exponirten die Herren Indre, Deupés, Ardoife, Suzanne, theils linirt und mit aufgedruckten Vorlagen, theils einfache und unlinirte. Schreib- Stahlfedern hatte Frankreich beinahe gar keine ausgeftellt. Wir fagen faft gar keine, denn die unzureichenden zwei oder drei Fabricate find kaum der Mühe des Erwähnens werth. Subfellien. Bapteroffes F., Paris, ftellte einige fehr einfach conftruirte Schulbänke aus, welche die Concurrenz mit denen anderer Culturftaaten nicht aushalten. Die Schreibpapiere ftanden weit zurück vor anderen Papiergattungen, die zu Induftrien und Cigarretten verwendet werden. Tinte konnten wir keine prüfen, da fie in verfchloffenen Gefäfsen aufbewahrt ftand. Hingegen waren die Schreibkreide- Würfel von fehr guter Qualität. Stenographie war vertreten durch Montet, der einen gedrängten Curs de Stenographie brachte und Grünebaum's ftenographifche, nach Gabelsberger's Syftem bearbeitete Tafeln, die indefs nicht durchaus abgerundet und egal fich darftellt. Schweiz. Die hohe Stufe, welche diefes glückliche Staatswefen in der allgemeinen Cultur einnimmt, zeichnet es ganz befonders noch in feinen öffentlichen Schuleinrichtungen, feiner durchgreifenden Organiſation der allgemeinen Volkserziehung, vor vielen anderen weit gröfseren und von der Natur unendlich reicher gefegneten Staaten, höchft rühmlich aus. Was uns Portugals Schulhaus als hoffnungsvolle Anfänge auf dem Gebiete des Schulwefens darbietet, das zeigt uns das fchweizerifche Chalet in kräftigfter Blüthe, heranreifender oder vollendeter Frucht. Dem Schreibunterrichte wurde die Ausftellungs- Commiffion ebenfo gerecht, wie allen anderen Unterrichtszweigen in dem weiten Gebiete der Volksbildung und Erziehung. Die Erziehungsdirection des Cantons Bafelland exponirte M. J. Hübfcher's Vorlagenhefte unter dem Titel: ,, Praktiſcher Lehrgang zu einem erfolgreichen Schreibunterrichte". Diefe Methode ift wohl nicht neu, aber immerhin praktiſch und pädagogifch fortfchreitend. Die deutfche Currentfchrift ift wunderhübfch, einfach und gefchmackvoll. Die Lateinfchrift hingegen überfteigt das Durchfchnittsmafs nur fehr wenig. Die lithographifche Ausführung ift meifterhaft, J. Steidinger's Rondevorlagen find fehr empfehlenswerth, in der Formgebung perfect. Die Erziehungsdirection des Cantons Bern ftellte Wandtafeln mit einfachen deutfchen Currentfchrift- Formen für Volksfchulen aus. Die Schriftenvorlagen find gediegen und von praktiſch gefälliger Anordnung. Der Schreibunterricht. 15 Die Erziehungsdirection des Cantons Freiburg ftellte Vorlagecartons auf fteife Deckel gefpannt aus, in der Art wie Zeichenvorlagen an Schulen gehalten werden; die Idee, befonders da der Unterrichtsftoff gradatim geordnet, und auf die einzelnen numerirten Cartons vertheilt ift, verdient Nachahmung. Schrift und Methode find auch entsprechend. Die Erziehungsdirection des Cantons Genf brachte Anifenfel's Exemples d'écriture von nicht unbedeutendem Werthe, da die Methode fortfchreitend durchgeführt und die modernen Buchftabenformen wenig zu wünſchen übrig laffen. Die Erziehungsdirection des Cantons Neuenburg exponirte Vorlagen in franzöfifcher National- Rondefchrift, fowie Lateinvorfchriften, beide gefchmackvoll und pädagogifch gut zufammengeftellt. Die Erziehungsdirection des Cantons Thurgau, deutfche Vorlageblätter für Volksfchulen von Ulrich Schoop in St. Gallen. Nach der Anficht des Herausgebers genetifch" geordnet. Die beigegebenen Ziffermufter find recht dilettantifch in der Form. Auch die Capitalund Rondefchriften find nicht fehr meiſterhaft ausgefallen. Eine Zufammenftellung gebräuchlicher kaufmännifcher Abbreviaturen ift anerkennenswerth. Die Erziehungsdirection des Cantons Zürich, Schreibhefte und Schreibvorlagen, beide gleich gut, nach Corodi's bewährtem Unterrichtsfyftem. Laufanne exponirte Guignard's methodifch gut geordnete und praktiſch gefchmackvoll ausgeführte Lateinvorfchriften. Andere Lateinvorfchriften von Bertholet verdienen ihrer Einfachheit und gediegenen Ausführung wegen alle Anerkennung. Schulbänke nach Dr. J. Frey's Angabe exponirte Zürich in zwei Exemplaren mit abgefonderten und verbundenen Rückenlehnen zum Höher- und Niederfchrauben, Vorleiften zur Aufbewahrung der Schiefertafeln und fehr fchräger Schreibplatte. Italien. Mit klarer Einficht begriff das kaum freiaufathmende Italien die Nothwendigkeit einer befferen Volkserziehung und mit Energie fing es an, die geiftige Lethargie von dem im Knechtfinn und pfäffifcher Verkommenheit verfunkener Nachkommen der Medicäer zu verfcheuchen und mit allen ihm zu Gebóte ftehenden Mitteln neues geiftiges Blut in die entnervten Volksadern zu leiten. - Ein höchft erfreuliches Zeugnifs der glücklichen Cur gab dem Genius Italiens die Wiener Weltausftellung. Die grofsen Völker- Wallfahrten zu den Kunftwerken und Geiftesfchätzen in den Praterauen, wo Italien wahrlich nicht den letzten Rang behauptete nun fie find unftreitig auch lehrreich und auferbaulich, und wer echt frommen Gemüthes diefe Stätten betreten, wird fie gewifs nicht weniger fromm verlaffen haben. Vor welcher culturlichen Riefenaufgabe die giovine Italia ftand, ift leicht begreiflich, wenn man bedenkt, dafs in den mittelitalienifchen Provinzen kaum 8 Percent der männlichen und in den füdlichen kaum 5 Percent lefen und fchreiben konnte. Freilich nimmt die Romantik des Meuchelmordes von Jahr zu Jahr ab, feitdem die Menfchen neben dem Gebete auch lefen und fchreiben lernen und arbeiten und fleifsig Steuern zahlen. Nicht weniger als durch feinen Himmel und andere hübfchen Dinge ift. Italien von jeher durch feine Kakographie bekannt. Wenn die Franzofen die Sprache dahin definirten, fie fei ein Mittel, das zu fagen, was man nicht denkt, fo glaubte jeder Italiener, die Schrift fei darum erfunden, damit fie Niemand lefen könne. Und wie fich fchon zuweilen zur Bornirtheit eine eingebildete Supriorität zu gefellen pflegt, fo waren die Italiener alten Stiles auf ihre Hühnerfüfse noch ftolz. Als draftifches Beifpiel möge dienen, dafs vor etwa zwanzig Jahren ein reicher Wiener Kaufmann einen Advocaten in Mailand befchäftigte, aber trotz der 16 J. Hüpfcher. erdenklichften Entzifferungskünfte keinen Brief feines Anwaltes lefen konnte. In feiner Guthmüthigkeit fchrieb er dem Doctor, er möge auf feine( des Kaufmanns) Rechnung fchönfchreiben lernen; denn er könne unmöglich deffen jetzige Handfchrift lefen. Entrüftet fchrieb ihm der Advocat zurück: Mein Herr! ich kann fchon fchreiben; wenn Sie aber überflüffiges Geld haben, fo lernen Sie felber lefen. Das ift mit der neuen Area auch beffer geworden; in den Schulen Italiens lernen die Kinder heute weniger Latein und beten; dafür aber lefen und hübfch und leferlich fchreiben. In Italien find die Schreiblehrer ebenfo wie anderswo beftrebt, die alten Formen abzufchaffen und der modernen einfachen und. fchnelleren Handfchrift überall zum Durchbruche zu verhelfen. Zur Ausftellung kamen Muftervorfchriften von G. Carlin aus Turin, deren Grofsbuchstaben- und Ziffernform viel zu wünſchen übrig laffen, aber fonft methodifch gut zu verwenden find. Sehr lobenswerthe Vorlagen hatte P. Bruno aus Florenz gebracht. Mehr gekünftelte und weniger einfach gute Schreibvorlagen brachte Grimaldi; etwas beffere Formen von Curfivfchriften exponirte Modaferri aus Reggio, fehr gut lithographirt bei Bühring in Meffina. Profeffor Marco Vegezzi aus Bergamo brachte ein eigenes ftenographifches Syftem, das zwar nicht fo hübfch wie das Gabelsbergerifche fich ausnimmt, dafür aber ungemein kurz ift. Diefes Syftem hat in Oberitalien fich vielfachen Anhang erworben. Von Subfellien fanden wir eine für Volksfchulen zweckmäfsig und einfach conftruirte Schulbank von Profeffor G. Dujardin aus Pavia. Ebenfo fanden wir gute Papierforten und Schiefertafeln, fo wie eine reichhaltige Ausftellung von fehr guten und billigen Tinten. Belgien. Wie nicht anders zu erwarten war, hat fich das induftriös und culturlich hochentwickelte und ftrebfame Belgien auch in der XXVI. Gruppe hervorragend an der Wiener Weltausftellung betheiligt. Es ift höchft erfreulich, dafs die kleinen Staaten in unferem Jahrhunderte zu der Einficht gelangt find, dafs nicht politifche Nothwendigkeit, welche die Diplomatie fo gern im Munde führt, ihren Beftand neben den Staatenkoloffen garantirt, fondern die Intenfität ihres geiftigen und induftriellen Schaffens, ihr humanitäres und freifinniges Wirken ihnen die Sympatien der grofsen Nachbarvölker entgegentragen. Freiheit, Arbeit, Recht und Gefetz haben in unferem Jahrhunderte eine Macht erlangt, von welcher in früheren Zeitläuften nur die beften Geifter träumten. Schreibmethoden hat Belgien mehrere recht gefchickte ausgeftellt; fo: Gellewaert P. ein vollſtändiges methodifch nur etwas zu breit gehaltenes Syftem einer geläufigen kaufmännifchen Handfchrift. Die fehr hübfchen Schriftformen find wohl geeignet, eine gediegene und geläufige Schrift zu erzielen, find aber hier und da durch unnütze Zuthaten und Züge den Principien der Einfachheit untreu. Die deutfche Currentfchrift und die Capitalfchriften entbehren meift der vollendeten Form. Die Ausftattung aber ift alles Lobes werth. Lory- de Lact P. in Brüffel exponirte eine praktiſche Anweifung zur Erlernung einer gediegenen Gefchäftsfchrift. Die Methode ift praktiſch gehalten, die Schriftformen von gediegener Einfachheit und Formfchönheit. Beaujot H. Ch. in Lüttich exponirte eine Schreibmethode von pädagogifch nicht unanfechtbarem Werthe. Hierzu einen ausführlichen Commentar, die Theorie feiner vermeintlich neuen Erfindung behandelnd. Schreibtheken von verfchiedener Form und Lineatur, theils mit, theils ohne Vorfchriften und Vorpunktirungen ftellten aus Gebrüder Gellewaert; Robyns F. A. aus Gelinden in der Provinz Limburg; Braun Th. in Nivelles, Provinz Brabant, fehr fchönes Papier und praktiſch gebunden u. A. Der Schreibunterricht. 17 Dänemark. Wüfsten wir nicht, dafs das Schulwefen in Dänemark, fehr gut beftellt und im Ganzen auf deutfchem Fufse eingerichtet, die erfreulichften Blüthen treibt, aus feiner Unterrichtsabtheilung hätten wir's kaum erfahren. Schreibvorlagen fanden wir von C. Magnus, gediegene einfache Schriften, deutſch und latein. Der Schreibapparat oder vielmehr zufammenfetzbare Wandtafel mit auf Querftreifen überfchriebenen Buchftaben- Muftern, die fich zu Wörtern und Sätzen zufammenftellen laffen, daher den Kalligraphen befonders in Dorffchulen, fo wie Schönfchreib- Vorlagen entbehrlich machen, war fehr intereffant. Malling- Hausens Schreibmafchine gehört nicht hieher und kommen wir später darauf zu fprechen. Die wenigen ausgeftellten Schülerfchriften, obzwar recht lobenswerthe Refultate einer Volksfchule, laffen auf das Ganze keinen allgemeinen Schlufs ziehen. Billige und fehr gute Tinte, fowie ein vorzügliches chemifches, im Waffer augenblicklich fich auflöfendes und prächtige violette Tinte gebendes Tintenpapier exponirte P. Rönning aus Kopenhagen. Niederlande. Der europäiſche Schreibunterricht war nur in wenig Objecten vertreten; hingegen lagen in der niederländifchen Abtheilung für die Colonien fehr beachtenswerthe Vorfchriften und kalligraphifche Methoden für die Völker in den niederländifch- afiatifchen Befitzungen auf, aus denen wir leicht erkennen konnten, dafs die niederländifche Regierung ihre Colonialbevölkerung mit guten Schulen und gutem Unterrichte ausrüftet. Deutfches Reich. So oft wir vor dem mit Gruppe XXVI bezeichneten Holzgehäufe, den fich der deutfche Schulmeifter zwifchen dem Induftrie palafte und Mafchinenhalle aufzimmerte, vorübergekommen, erinnerten wir uns des alten Orakelfpruches, der den Athenern den ftrategifchen Rath ertheilte, fich hinter hölzerne Mauern zu verfchanzen, allwo fie fiegesgewifs den übermüthig heranrückenden Feind erwarten follten. Nun das neue deutfche Reich befitzt ganz refpectable Kriegsfchiffe, deren eines allein hingereicht haben würde, die gefammten Flotten der Athener und Perfer in den Grund zu bohren, und Krupp's und Dreyse's Fabricate haben fich bei mancher Gelegenheit auch nicht fchlecht bewährt; aber trotz alledem hat das Orakel auch heute recht; denn fo lange die Deutfchen ihre Stärke hinter folchen hölzernen Mauern fuchen, wie die mit Gruppe XXVI überfchriebenen, find und bleiben fie unüberwindlich, felbft wenn hundert Xerxeffe über zukünftige Revanche brüteten. Wenn wir fo das deutfche Schul- und Erziehungswefen betrachten, wie es hier zur theilweifen und überwältigenden Anfchauung gebracht wurde, konnte jeder Schulmeifter eine Anwandlung von Stolz bekommen, denn fo reich war Deutfchland nirgends vertreten, wie in feiner Schule. Schreibmethoden. Wie in allen Fächern des Volkfchul- Unterrichtes war das deutfche Reich auch mit vielfachen Methoden für den Schreibunterricht auf unferer Weltausftellung vertreten. An die Spitze fämmtlicher Ausfteller diefes Unterrichtszweiges ftellen wir unbedingt die Schreibvorlagen von Louis Müller aus Frankfurt am Main, deffen vortreffliche Methode nur von der aufserordentlich fchönen Formgebung der Schrift felber übertroffen wird. Die Refultate feiner Methode, die in den Schülerarbeiten und Kalligraphien feiner Zöglinge vielfach 2 18 J. Hüpfcher. zum Ausdruck gelangten, find die möglich glänzendften. Die äufsere Anordnung der Schriften von mufterhaftem Gefchmack, die Ausführung untadelhaft. C. Adler aus Hamburg, progreffive Schönfchreib Hefte mit Vorlagen in 12 Sprachen.(!) Das Papier ift gut, die progreffive Methode ift ziemlich gut eingehalten, die Lateinfchrift von anerkennenswerther Einfachheit und Form, die deutfche Schrift hingegen blieb, was Ausführung und Form betrifft, im Hintertreffen. L. J. Hartmann aus Stuttgart brachte ftufenmäfsig geordnete Vorlagen für die deutfche und lateinifche Schrift unter dem Titel: Methodifche Anleitung zum Schönfchreiben. Das Werkchen ift fehr empfehlenswerth, da die Methode und die Schrift felber gleich trefflich find; nur einige Grofsbuchftaben Formen der Lateinfchrift hätten glücklicher gewählt werden können. Schriftproben nach Bäumel'fchem Ductus brachte das Dresdener FreimaurerInftitut für Töchter und Lehrerinen. Nach den hübfchen Refultaten zu fchliefsen, die fehr befriedigend find, mufs diefe Methode fehr gut fein. Von anderen exponirten Schreibfyftemen und Vorfchriften könnten wir mehr oder minder nur dasfelbe fagen. Schülerfchriften lagen maffenhaft vor und zeugten von der Fürforge, die auch dem Schreibunterrichte an den Volks- und Mittelfchulen Deutfchlands zugewendet wird. Befonders hervorzuheben ift der fortgefetzte Schreibunterricht in den unzähligen Fortbildungs- Schulen. Die betreffenden Schriftproben beweifen, wie nothwendig und wohlthätig die Wirkfamkeit diefer Einrichtungen find, und wie fehr fie allenthalben zu empfehlen find. Ergreifend ift der Anblick der von den Zöglingen des Dresdener BlindenInftitutes ausgeftellten Schriftproben, die fich befonders in Briefen einftiger Zöglinge an den Director rührend ausfprechen. Nicht zu überfehen find die hübfchen und zum Theil fehr geläufigen Schriften der Elevinen der vielen Frauenerwerbs- Vereine. Die Schulhefte haben durchaus paffendes, halbglattes und weifses Schreibpapier. In Lineatur und Vorfchriften weichen fie je nach den verfchiedenen Unterrichtsmethoden von einander ab. Geeignete Schreib- Schiefertafeln ftellten aus Hauf A. aus Holzmaden bei Kirchheim; die weltberühmte Firma A. W. Faber aus Stein bei Nürnberg. Auf merkfamkeit verdient die patentirte deutfche Schreibtafel von Wagner aus Kopitz ( Wagner& Stiezel, Dresden), die in Schulen fowie im Haufe zum Schreiben mit Feder und Tinte dient. Sobald das Gefchriebene nicht mehr gebraucht wird, löfcht man es mit einem feuchten Tuche weg, und die Schreibtafel dient vom Neuen zum Schreiben. Eine folche Tafel foll mehrere Jahre ausdauern. Schulbänke waren in mehreren Modellen vertreten. Die J. Kaifer'fche Schulbank ift recht praktifch conftruirt, doch fanden wir die Schreibplatte zu fchief gebaut. Verbefferte Kunze'fche Schulbänke brachten Bahfe& Haendel aus Chemnitz. Sehr brauchbare, gut und dauerhaft conftruirte Subfellien für Knaben und Mädchen von 6 bis 15 Jahren, und je nach Material und Anftrich zu verfchiedenen Preifen. Eine verftellbare Subfellie fürs Haus dient für gröfsere und kleinere Kinder zugleich. Diefelbe Firma brachte noch die Vieweger'fche Schulbank, die ebenfo finnreich als praktiſch entworfen und ausgeführt ift. Noch erwähnen wir die drehbare Schul- Schiefertafel derfelben Firma. Ferner brachten Mufterfchulbänke B. Schlefinger aus Breslau, Spatz aus Efslingen und Otto Ruppert aus Chemnitz. Stenographie. Die Gabelsberger'fche ebenfo wie die Stolze'fche Stenographie fanden fich reichlich vertreten durch Vereine, Lehrbücher, Schülerfchriften und Zeitfchriften. Ganz zwecklos fanden wir die Auflegung eines Vifitenbuchs vor dem Kaften, der Stolze's Heiligthümer einfchlofs; über den Inhalt, den fich die beiden Syfteme an den Kopf warfen, ift der befte Bericht Schweigen. - Pafigraphie. Eine ideographifche, auf einer Combination von unteren arabifchen Ziffern beruhende Internationalfchrift von Anton Bachmayer aus Der Schreibunterricht. 19 München fcheint durchaus nicht ohne Berechtigung in die Zukunft zu fehen. Die Erlernung ift kaum fo fchwer wie irgend eine beliebige Sprache, und gewährt den Vortheil fich ideographifch mit Jedermann, der diefe Kunft fich angeeignet hat, verftändigen zu können. Der Verein für diefe Schrift hat bereits Wörterbücher in mehreren europäifchen Sprachen herausgegeben. Oefterreich. So Es war für den Vaterlandsfreund ein erhebendes Gefühl, die Räume der 26. Gruppe zu durchwandern. Corporationen und Vereine und Einzelne haben mit der Regierung gewetteifert, das eigentliche Werk der Weltausftellung mit Vielem vom Guten und Beften zu fchmücken, was der Zug der neuen Aera in den Geiftern Es fei ferne von gereift oder doch zu vielverfprechender Blüthe gebracht hat. uns, über das Geleiftete das noch zu Ueberwindende aufser Acht zu laffen. gerechtfertigt unfer Drängen nach kräftiger Initiative von Seiten der Regierung auf dem Gebiete der Volksfchul- Verbefferung ift, das Befte müffen wir Lehrer ftets von uns felbft, von unferer eigenen Veredlung und Vervollkommnung erwarten. Was von der einen und der anderen Seite im abgelaufenen Decennium Gutes gefchah, ift alles Lobes werth und fei uns ein Sporn unermüdet weiter zu fchaffen. Die Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums zeugt von dem edelften Streben diefer hohen Behörde, der Nationalerziehung nach Von fämmtlichen Provinzen Weftöfterreichs Möglichkeit gerecht zu werden. find zu diefem Zwecke auch die fchriftlichen Arbeiten einzelner Volksfchulen fowie Schönfchriften im engern Sinne reichlich eingelaufen, die im Grofsen und Ganzen hinter den beften Schulfchriften anderer Staaten nicht zurückſtehen; ja einzelne ein- und zweiclaffige Volksfchulen leifteten geradezu überraschend gute Refultate. Befremden mufste es, dafs im Gegenfatze zu den Provinzftädten und dem flachen Lande, gerade Wien und die gröfseren Provinz- Hauptftädte in diefem ganz und gar nicht fo unwichtigen Zweige der formalen Jugendbildung beinahe gar nicht, oder nur fehr unzureichend vertreten waren. Umfomehr musste diefe Lücke in der Collectivausftellung auffallen, als gerade die Centren beinahe das ganze Contingent von Vorfchriften und Schreibmethoden ftellten. Wenn wir über die Schülerfchriften uns im Ganzen lobend geäufsert, fo können wir dasfelbe leider von der Anordnung der Schriftftücke nur in fehr eingefchränktem Mafse thun. Und doch ift die äufsere Form ein bedeutendes. pädagogifches Mittel, um Ordnungsfinn, Verftand und guten Gefchmack der Volksfchüler zu entwickeln. Die zierliche Buchftabenform geht meift in fpäteren Jahren verloren und weicht einer praktifcher ausgebildeten oder auch fchweren und unbeholfenen Hand; der geweckte Sinn für gefchmackvolles und paffendes Arrangement von Schriftftücken hingegen bleibt unverkümmert felbft dem mit fchriftlichen Arbeiten felten befchäftigten Handwerker. Selbft auf die Gefahr hin eines kleinen Papierverluftes empfiehlt fich die Beobachtung des hübfchen und verftändigen äufserlichen Arrangements. - Vertreten waren Böhmen durch Kuttenberg, Kolin, Böhmifch- Trübau, Kaile, Nachod, Trautenau, Kralupech, Warnsdorf, Polna, Budyň, Würbenthal, Graber bei Leitmeritz, Chatěružka bei Prag, Opočno, Beraun, Jičin, Schlan, Soběslau; Mähren durch Olmütz; Schlefien durch Troppau und Tetfchen; Bukowina durch Cernowitz und Maienfeld;- Niederöfterreich durch Wels; Salzburg, durch Stadt Salzburg, St. Johann, St. Andre und Aigen; Steiermark, durch Graz, Leibnitz, Marburg, Trifail, Doll, Pragwald, Wildon, Tüffer, Deutſchlandsberg, St. Leonhard, Steinbrück, St. Margarethen, Tfchadram, Hraftnig, St. Gertrud, St. Jofef, Gonobitz; Krain, durch Laak, Kaftua, Dolina, Merkaufch; das Küftenland durch Trieft, Görz, Kormons, Ronchi, Rovigno, Parenzo, Capodiftria, Pirano, Monfalcone, und St. Andrea; Dalmazien durch Zara. 20 J. Hüpfcher. Schönfchreib Methoden und Vorfchriften. M. Greiner's Vorlagen wurden von der Jury prämiirt. Seine Schönfchreibhefte erfreuen fich nur getheilten Beifalls. Die Rofenfeld' fchen Vorlagen leiden an kalligraphifchen Unrichtigkeiten und Härten; deffen Lateinfchrift ift nichts weniger als meifterhaft. Die C. Muck'fche Methode ift im Ganzen pädagogifch richtig, die Schriftformen gröfstentheils gediegen, zeigen nur hier und da Härten, die leicht vermieden werden könnten. Sehr empfehlenswerth find die Schreibvorlagen für die Hand der Schüler an den Volksfchulen des Schulbezirkes Tetfchen. Gute Methode und gediegene Schriftform kennzeichnet fie. Antonio Mazzorana aus Trieft bot feine kalligraphifchen Vorfchriften, die nichts weniger als fchöne Formen find, in einem Chaos von„ Zügen" eingehüllt; das Ganze ift veraltet und wenig empfehlenswerth. Levz von Trieft brachte Schreibvorlagen von ziemlich hübfchen Formen und angehender Methode. Die Pokorny'fchen Schreibvorlagen empfehlen fich befonders als deutſche Currentfchrift; die Lateinfchrift ift bei Weitem nicht tadellos. Bunzel aus Prag ftellte neben recht fchön gefchriebenen kalligraphifchen Arbeiten eine Schreibmethode von zweifelhaft pädagogifchem und durchaus nicht unanfechtbar äfthetiſchem Werthe aus. Den beigegebenen Schriftproben von deffen Privatfchülern legen wir kein Gewicht bei. Johann Marek aus Eger exponirte fehr hübfche deutfche Vorfchriften; die Lateinfchrift hingegen liefs viel zu wünſchen übrig, befonders die Form der Grofsbuchftaben. Franz Folker, Befitzer einer kaiferlichen Auszeichnung, ftellte auch eine nichts weniger als ausgezeichnete Schönfchreib- Methode aus. Eine manierirte, von der fo fehr wünfchenswerthen Schreibeinheit abweichende, mit vielen unnützen Strichen und Zügen verzierte SchönfchreibMethode exponirte Hölder. Aus Windifch- Gratz lagen Schriftproben von Schülern der vierclaffigen Volksfchule vor. Die Fortfchritte in der Schrift find fichtbar, wenn auch nicht glänzend; die Methode befchränkt fich auf das Einfache, Nothwendige. Schade, dafs fämmtliche exponirte Probefchriften in Doppelzeilen gehalten find, die der individuellen Entwicklung der Hand, befonders in einer vorgefchritteneren Claffe, mehr hinderlich als nützlich find. Aus Roveredo fanden wir gefchmackvoll ausgeführte kalligraphifche Arbeiten der Schülerinen der englifchen Fräulein zum„ Heiligen Kreuz". Wir freuten uns doppelt über diefe Arbeiten, weil wir die Buchftaben Malerei für eine echte Frauenarbeit anfehen, fo wie das Sticken, Schlingen und andere zierliche Dinge, die den feinfühlenden Damenfingern ihre Entftehung verdanken, ohne für Zeitverfchwendung gehalten zu werden. Die Kalligraphie im weiteren Sinne ift eine echte Frauen- und Klofterbefchäftigung, ein unfchädlicher Zeitvertreib. Gute, markige Schriftzüge, ohne Verrenkungen und Verzierungen, das find einzig und allein die Attribute, welche der kräftigen Männerhand zuftehen; alles Zierliche, Manierliche, Ueberflüffige möge die Domäne fchöner Hände bleiben. Sobald aber diefe in das praktifche, bis vor Kurzem nur Männern zugängliche Gefchäftsfach übergreifen, wird auch hier das Nothwendige über das blofs Gefällige und Spielende den Sieg davon tragen. Beweis deffen die fchriftlichen Arbeiten der Elevinen der beiden Frauenvereine von Wien und Prag. Hier findet man nur felten den eigenthümlichen Frauenhand- Charakter vertreten, die meiſten Schriften find einfach, kräftig und zeugen von dem Ernfte der Schülerinen und der Lehrer, nur das Praktifche und Nothwendige zu verfolgen. Die Handfchriften der Elevinen des Prager Frauen- Erwerbvereines tragen das Gepräge der ausgezeichneten Fifchel'fchen Schreibmethode an der Stirne. Lobend zu erwähnen ift bei beiden die gute und gefchmackvolle Anordnung der Schriftftücke. Der Schreibunterricht. 21 Dafelbft fanden wir ,, Fink's Schreibfchule" aus den dreifsiger Jahren Wiens. Wir wollen auch hier von den Zierfchriften abfehen, die fich denn mehr oder weniger überall gleich bleiben und nur erwähnen, dafs fowohl die deutfche als lateinifche Schrift methodifch vorfchreitend, vielleicht allzu minutiös bei der Zergliederung der Buchftabenformen einen ausgezeichneten Schreiber und trefflichen Lehrer documentiren. Von Uebertreibungen ift Fink's Methode frei. Die Lateinfchrift befonders ift kräftig und edel. Ein anderes kalligraphifches Klofterproduct bot die„ Additionelle Abthei lung" in den fpärlichen fchriftlichen Arbeiten der Urfulinerinen aus Kuttenberg in Böhmen. Die Methode ift manierirt und eine Unzahl von langen fpiefsähnlichen und ganz überflüffigen„ Zügen" bedecken die fonft nicht ungefälligen Schriftformen. Schriftmufter für Techniker jeder Art nebft wundervollen kalligraphifchen Arbeiten exponirte J. Schrotter, zum Theile in der Abtheilung für graphifche Kunft. J. Winkler in Wien wurde durch eine Schülerin- Schrift repräfentirt; wenn man aus den Refultaten auf die Motoren zu fchliefsen berechtigt ift, fo ift diefer Schreibmeifter aller Anerkennung werth, fowohl was die Formgebung, als die gefchmackvolle Dispofition betrifft, W. Albel's Vorfchriften documentiren einen tüchtigen Fachmann und guten Deutfchfchreiber; deffen Lateinfchrift fteht nicht auf der Höhe der Kunftfchriften. Friedrich Sandtner's Vorlagen boten nichts Bemerkenswerthes. Muck's Schreibhefte zeichnen fich durch gutes Papier und hübfches Format aus. Die Schreibhefte mit Vorlagen von J. Fuchs find billig, doch von fehr mittelmäfsigem Papier. Die Schreibhefte von Muffil empfehlen fich durch gar nichts. An Schulbänken fanden wir mehrere Mufter. Die preiswürdigfte ift unftreitig die von Ernft Gatter aus Simmering bei Wien, deffen Schulbank, was Zweckmäfsigkeit und vielfeitige Brauchbarkeit betrifft, ein wahres en tout cas" ift. Das Staats- Gymnafium in der Rofsau exponirte eine treffliche Schulbank für erwachfene Schüler; nur fcheint uns die Schreibplatte für die Hand etwas zu hoch zu ftehen. Eine fehr empfehlenswerthe Arbeit ift die Volksfchul- Bank aus Theesdorf in Oberösterreich. Dasfelbe gilt von der Mufter- Schulbank J. Grüllmeyer's aus Wien. Eine Schulbank mit trefflicher Vorrichtung zum Höher- und Tieferfchrauben der Schreibplatte von den Gebrüdern Ofterfetzer in Wien ausgeftellt, wurde die Ehre zu Theil, vom Unterrichtsminifterium angekauft zu werden. Von Schreibtafeln für Schulkinder find befonders hervorzuheben die Sparhefte von J. Fuchs und P. A. Krufs in Wien. Ferner die elaftifchen Schiefertafeln von L. Hardtmuth& Comp. in Wien, ebenfo die eigens von diefen drei Ausftellern hergerichteten Sparftifte, die weich und weifs angehen. Stahl Schreibfedern. In der XI. Gruppe fanden wir als einzigen Aus fteller von fabriksmäfsig felbfterzeugten Stahl- Schreibfedern und Federnhalter die gefchmackvoll arrangirte Expofition von Carl Kuhn& Comp. in Wien. Wir ftellen die Fabricate des Herrn Kuhn unbedenklich nicht nur neben, fondern zum Theil über die englifchen Stahlfedern. Die Aluminiumfedern, die Federn Greiner, Klaps, Dörfler, die Correfpondenzfedern fuchen ihresgleichen, und die enorme Auswahl an Gattungen bietet jeder Hand und gewohnten Haltung, jedem Temperament fo gediegene, elaftifche und dauerhafte Schreibfedern, dafs einmal verfucht, fich kaum Jemand entfchliefsen wird, es mit anderen Federn zu verfuchen. Aufser der Iridium- Goldfeder kennen wir kein Fabricat, das fich mit dem Kuhn'fchen an Dauerhaftigkeit meffen könnte, da bei einer etwas vorfichtigen Behandlung( und vorfichtig müffen ja auch die fogenannten Goldfedern behandelt werden) eine einzige Feder durch 8 bis 10 Tage dienen kann, während die gewöhnlichen Dutzendfabricate kaum für einen, höchftens zwei Tage ausreichen. Leider findet man von diefem trefflichen Fabricate eine Unzahl von Imitationen oder gefälschten Nachahmungen, die meift etwas billiger als das 22 J. Hüpfcher. Original zu ftehen kommen, aber durchſchnittlich nicht werth find, gekauft zu werden, da fie keine einzige der oben erwähnten Tugenden des Originales haben. Ebenfo reich und meift zweckmäfsig ift die Auswahl an Federhaltern. Intereffant für Viele dürfte das zur Anfchauung ausgeftellte Verfahren der Stahlfeder- Fabrication gewefen fein. Schultinten von guter Qualität und verhältnifsmäfsig billigen Preifen fanden wir ausgeftellt von Giraldi Giorgio aus Trieft und Rödel Heinrich aus Prag. Eines oder zwei andere Fabricate konnten wir nicht erproben, da fie in Glaskäften eingefchloffen waren. Stenographie. Unfere Gabelsbergerianer nahmen an der Weltausstellung rühmlichen Antheil. Vor allen ift Faulmann C. aus Wien zu nennen, ob feiner fchönen Stenogramme fo wie der von ihm ausgeftellten Schülerfchriften. Der ftenographifche Polyglott von den Schülern des Wiener Therefianums ift ein müssiges und verfehltes Blendwerk. An Schreiber's ftenographirter Iliade bewunderten wir die Geduld desfelben. Solche Arbeiten find in der That eine Nufsfchale werth. Nicht zu überfehen find Faulmann's exponirte Stenographietypen und Conn's Stenogramme. Ungarn. Die Lehrmittel- Ausstellung der öftlichen Hälfte des öfterreichifchen Kaiferthums beweift das ernfte und unausgefetzte Beftreben, fowohl der Regierung, fo wie der Gemeinden und vieler Vereine die Volkserziehung mit den Anforderungen der Neuzeit in möglichen Einklang zu bringen. Die Aufgabe, welche da noch zu löfen bleibt, ift trotz der von Jahr zu Jahr zunehmenden Volksfchulen eine riefengrofse, und bedarf der aufopferndften Anftrengungen und der höchften Energie der mafsgebenden Kreife und der intelligenten Bevölkerung; denn noch im Jahre 1872 befuchten von 2,206.187 fchulpflichtigen Kindern nur 1,233.500 die öffentlichen Schulen, die in 14.550 Schulen von 19.297 Lehrern unterrichtet wurden. Die Schreiblehr- Methode findet auch in Ungarn vielen Anklang und manche Verbefferung. Von Schreibmethoden heben wir hervor vor allen die modernen Schreibvorlagen von Jofef Lowenyi aus Peft, die fich in Ungarn einer nicht unverdienten grofsen Verbreitung erfreuen und gute Refultate in den Schülerfchriften vieler Volks- und Mittelfchulen aufgewiefen haben. Die Netz- Schreibmethode von Dr. J. Zoch aus Nagy- Röcze ift wohl nicht neu, aber in einem gewiffen Sinne und in Dorffchulen von ausgefprochener Verwendbarkeit. Das Netz befteht nämlich aus der Lineatur, die von fchrägen Paralleldiftanzen durchfchnitten werden, ein Verfahren, das zur erften Einübung einer geordneten Handfchrift gute Dienfte leiftet. Th. Fiedler aus Klaufenburg brachte eine neue Schreibmethode, an welcher wir aufser der Verquickung des amerikanifchen Syſtems mit den alten Schriftformen nichts Neues wahrnehmen konnten. Aufser dem angeführten fanden wir noch einige Schreib- Vorlegeblätter, die einzeln zu befprechen wir nicht nothwendig finden. Schülerfchriften waren maffenhaft ausgeftellt, und viele von befonderer Schönheit und Geläufigkeit, fowohl die Arbeiten der öffentlichen, wie der vielen Privat- Lehranstalten.. Charles Louis Posner& Guftav Heckenaft aus Peft ftellten gute Schreibrequifiten, befonders hübfche Schreibhefte aus. Neues. in Peft. Schulbänke nach Schulz'fchem Syftem boten nichts bemerkenswerthes Gute Schultinten fanden wir ausgeftellt von der Firma Gebrüder Müller Der Schreibunterricht. 23 . Russland. Von den grofsen focialen Reformen, die der edle und humane Fürft, welcher die Schickfale Rufslands in feinen Händen trägt, fo durchgreifend inaugurirte, hätte keine andere als eben die XXVI. Gruppe fchlagendere Beweife liefern können, wenn die mafsgebenden Factoren des Czarenreiches es nicht vorgezogen hätten, gerade die Gruppe für Erziehung und Unterricht fo fpärlich auf unferer Weltausftellung figuriren zu laffen. Freilich würde Derjenige fich fehr täufchen, der von den dürftigen Objecten, die er in diefer Gruppe fand, auf das Culturleben inRufsland zurückfchliefsen wollte, denn unftreitig gehen die Wogen der Volksbildung feit der grofsen Bauernemancipation höher und tiefer als jemals früher. Immerhin bleibt es bedauerlich, dafs diefe Gruppe nicht reicher bedacht wurde. Was fpeciell vom formalen Schreibunterrichte da war, befchränkte fich auf fchriftliche Arbeiten von Militärinftituten und einer Methode zum Schön- und Schnellfchreiben. von Moriz Barenzevitfch aus Moskau, einem mit Gefchmack und Sachkenntnifs der modernen Schnellfchrift zweckmäfsig geordneten Behelfe zum Schreibunterrichte. ausgeftellt. An Schulbänken fand fich ein recht gediegenes Modell, aber nur en miniatur Vortreffliche Tinten exponirten Lankowsky& Licop aus Mittau in Kurland, ferner F. Keltfchesky aus Moskau und A. Efersky aus Odeffa. Die Papierfabrication wies recht gute Fabricate, aus allerhand Rohftoffen gefertigt, auf. Rumänien. Die Ausbeute, welche die Unterrichtsgruppe diefes jungen Staates dem Referenten ergibt, fteht in keinem Verhältniffe zur Einwohnerzahl, noch zu der natürlichen Ergiebigkeit und Flächenausdehnung des Landes. Berücksichtigt man aber die Jahrhunderte lange politifche Verkommenheit und die gegenwärtige unruhige Gährung in dem halbcivilifirten Lande, fo werden uns die guten Anfänge genügen, die um fo mehr eine gedeihliche geiftige Entwicklung verfprechen, als die meiſten Wohlhabenden ihre Söhne ins Ausland ftudiren fchicken oder von Privatlehrern unterrichten laffen. Dafs die regierende Hohenzollern'fche Familie ihren Traditionen auch in Rumänien nicht untreu wird, beweifen die Unterrichtsund Erziehungsanftalten, die fich des befonderen Schutzes ihrer Hoheiten erfreuen. Der Schreibunterricht wird nach irgend einer alten Methode oder vielmehr Nichtmethode ertheilt und ift fehr einfeitig in feinen Refultaten. Sowohl Knaben als Mädchen in dem Afyl Elena, fowie im Panteleimon zeigen durch alle Claffen denfelben fteifen, unbeholfenen Strich, der zwar deutliche und leferliche, aber auch ftarre und langfam fchwerfällige Schriften gibt. Dasfelbe gilt von den fchriftlichen Arbeiten der Handelsfchüler, foweit fie die Kalligraphie betreffen. Es fcheint übrigens viel Zeit und Mühe auf Capital- und Ornamentalfchriften verwendet zu werden, die den Unkundigen zwar blenden, aber den rationellen Pädagogen ganz kalt laffen, indem ihr Werth in gar keinem Verhältniffe fteht zum Zeitaufwand und der gedankenlofen Mache und Mühe. Die deutfchen Schriftproben haben etwas mehr Schwung und Geläufigkeit. Auch eine National- Stenographie lag zur Befichtigung auf, über deren Werth wir uns nicht ausfprechen, die aber ihre Aufgabe der Redefixirung eben fo gut entfprechen mag wie alle anderen mehr oder weniger bequemen Syfteme diefer Kunft auch. Schön ift ihre äufsere Form keinesfalls, aber darauf kommt's bei der Stenographie auch gar nicht an. 2 24 J. Hüpfcher. China. Das himmlifche Reich der Mitte trat in der XXVI. Gruppe mit einer grof. sen Befcheidenheit, ja Verfchämtheit auf, die bei einer geeigneten Gelegenheit fich gewifs viel intereffanter ausgenommen hätte. In der Gruppe XI fanden wir nämlich einige nicht unrühmliche Keime zu einer künftigen Gruppe XXVI. Wir überlaffen unferen geehrten Collegen, über den Inhalt der chinefifchen Literaturwerke zu berichten, mit welchen die Söhne Con- fu- tse's die Weltausftellung beglückten, und wollen nur kurz berichten, wie der Sohn des Himmels fchreibt. Aber eigentlich fchreibt der Chineſe gar nicht, ebenfo wenig als er Buchftaben hat. Der Chinefe malt. Die Schriftfiguren oder Configurationen bilden bekanntlich ganze Wörter, und werden mit einem in Tufch getauchten Pinfel auf nur je einer Seite des Doppelblattes aufgetragen. Die beiden Innenfeiten bleiben frei; in gleicher Weife werden die Bücher gedruckt. Je mehr folcher ideographifcher Symbole ein Chineſe feinem Gedächtniffe eingeprägt hat, defto gröfser wird der Werth feines Wiffens gefchätzt, und mancher chinefifche Gelehrte kann das Buch eines anderen chinefifchen Gelehrten gar nicht lefen, da er zufällig die darin vorkommenden Wortfymbole nicht kennt. Aufser des Schreibpinfels bedient fich der Chinefe auch der Bleiftifte; denn für Tinte ift fein Schreibpapier nicht fabricirt, es fliefst. Die Zeilen laufen vom Himmel zur Erde, das heifst von Oben nach Unten und beginnen von rechts nach links. Die Unterrichtsmethode im Schreiben, die zugleich fo viel wie Lefen bedeutet, bafirt fich auf die Paufirung; der junge Chinefe bekommt keine Vor-, fondern Schreibunterlagen. Die Macht der Gewohnheit und die Vorzüglichkeit des einheimifchen Bambusrohres erleichtern dem Lehrer den Unterricht in bedeutendem Grade. Schriftreformen. Das grofse und unabweisliche Culturbedürfnifs unferer Tage, die Reform unferes in keiner Weife zureichenden und unpraktifchen Schreibverfahrens, gelangte in zwei unfcheinbaren Werkchen in die glanzerfüllten Räume des mächtigen Weltausftellungs- Palaftes. J. Kaifer, Lehrer in Baiern, ein intelligenter, praktiſcher und unternehmender Kopf, präfentirte in einer lithographirten Brochure feine Moderne deutfche Currentfchrift". Die Gefichtspunkte, welche Herrn Kaifer beftimmten und leiteten, traten aus einem eng umgrenzten nationalen und fchreiblich hiftorifchen Horizonte nicht heraus. Nur einzig und allein die Vereinfachung der gegenwärtigen Schriftformen, war das Ziel feines ſchreibreformatorifchen Unternehmens. Indem Herr Kaifer mit der allgemeinen deutfchen Lehrerzeitung" über den Zopf unferer Transfcription mit Recht klagt, fchlägt er dem deutfchen Volke feinen eigenen modernen Zopf als Radicalmittel zur Herbeiführung einer neuen Schreib- Aera vor. Denn abgefehen von der gänzlichen Aufserachtlaffung der fo dringend nothwendigen logifchen Schreibung wäre der ganze Gewinn, den uns das Kaifer'fche Syftem brächte, allerhöchftens die Gewinnung der Hälfte der Zeit, die wir für unfer gegenwärtiges Schreibverfahren brauchen. Von einer Möglichkeit, das Kaifer'fche Syftem zur prompten und unfehlbaren Transfcription fremder Sprachen zu verwenden, ift ebenfo wenig eine Spur vorhanden, als bei unferer deutfchen Schrift. Die Buchftaben- Formen find nicht ohne Gefchick aus den beftehenden Schriften entlehnt und zeigen fich zur Verbindung untereinander brauchbar. Für eine fo grofsartige Umwälzung wie die Einführung einer neuen Schrift bietet alfo diefes Project nur ein fehr dürftiges Aequivalent. Das zweite Werkchen, welches fich mit der Reform der hiftorifchen Schrift befafst, ift unter dem Titel„ Neudeutfche Curfivfchrift" von J. Hüpfcher, Der Schreibunterricht. 25 Leipzig, Ed. Peter's Verlag, als fpäter Gaft zur Auftellung gelangt und geht fowohl in den Schriftzeichen wie in der Transfcription mit dem entfchiedenften Radicalismus vor. Um den geehrten Lefern nicht parteiifch zu erfcheinen, da der Autor diefes Werkchens der Verfaffer diefer Zeilen felber ift, fo wollen wir uns auf eine möglichft kurze Auseinanderfetzung diefes neuen Schreibverfahrens befchränken. Alfo die neudeutfche Curfivfchrift ift eine vollkommen phonetifche Schrift, die fchreibt, was das Ohr und wie es hört, oder der Geift zu hören fich vorftellt. Da es ein Ding der Unmöglichkeit ift, wenn auch als Deutfcher nur in deutfcher Sprache fchreibend, allen Fremdwörtern mit ihren von unferer Zunge abweichenden Lauten, aus dem Wege zu gehen, fo ift es natürlich und von der zwingendften Pflicht geboten auf diefe letztere ebenfo Rückficht zu nehmen wie auf die nur deutfchen Laute. Das Syftem eignet fich alfo ebenfo gut, jede andere Sprache lautgetreu zu phonographiren, wie die deutfche felber. Bei fo bewandten Verhältniffen wird es leicht begreiflich, dafs von Orthographie nur in einem fehr befchränkten Sinne die Rede fein kann; denn alle die graphifchen Behelfe oder beffer gefagt, Unbeholfenheiten, zu welchen unfere Schreibung zu greifen gezwungen ift, wie Grofsbuchftaben, Dehnbuchftaben, Schärfungsbuchftaben, Vocalablautungen, zwei-, drei- bis fechsfache Möglichkeit, ein und dasfelbe Wort mit immer gleicher Lautung zu fchreiben oder umgekehrt einen Buchftaben für die verfchiedenften Laute zu verwenden u. f. w. fallen in dem neuen Syfteme weg und nur dasjenige wird gefchrieben, einfach, unveränderlich, und mit ftets gleichen Lautwerthzeichen, was unfere Sprechorgane, und höchftens bezeichnet, wie diefelben die Worte hervorbringen. An Schnelligkeit übertrifft die neudeutfche oder richtiger, die Univerfalfchrift unfere jetzige Schreibmethode um das Dreifache und gewährt mehr als die halbe Raumerfparnifs gegen die deutfche, lateinifche, griechifche, arabifche oder was immer für eine der hiftorifchen Schreibfchriften. An Verbindungsfähigkeit, äufserlicher Darftellung und Lefeficherheit fteht fie kaum einer anderen der gebräuchlichen Schreibfchriften nach. Diefes Schreibfyftem kann ohne grofse Anftrengung in einem einzigen Monate erlernt und praktifch verwendet werden. Hoffentlich wird in nicht allzu ferner Zukunft die Erkenntnifs fich Bahn brechen, dafs im Schreibwefen, das gerade der überbürdeten Schuljugend und dem intelligenteften Theile der Menfchheit fo viel koftbare Zeit raubt, und fo viel überflüffige Arbeit verurfacht, eine Aenderung refpective Verbefferung eine unabweislich gebieterifche Pflicht und ein nicht mehr von der Hand zu weifendes Bedürfnifs ift. Ebenfo wird man einfehen lernen, dafs nur eine auf den Principien der Phyfiologie beruhende Phonographie es ermöglichen kann, mit einem einzigen Alphabet alle Sprachen zu fchreiben und zu drucken. - Es ift ein bedeutender R. Malling Hanfen's Schreibmafchine. Charakterzug unferer vielgeftaltenden Zeitepoche, dafs der Geift unaufhörlich beftrebt ift und es in allen Zweigen der menfchlichen Thätigkeit, zum Theil anbahnend, zum Theil aber mit entfchiedenem Glücke praktiſch verfucht und durchfetzt, fich von allem rein mechanifchen Wirken zu emancipiren, und Zeit und Mufse für edlere Thätigkeiten zu gewinnen. Dafs trotz diefer Emancipation, Arbeit und Induftrie, Handel und Verkehr nicht gelitten, fondern einen Auffchwung genommen haben, den die vergangenen Jahrhunderte kaum ahnten, fteht Jedermann leuchtend vor Augen, der diefe- nicht abfichtlich fchliefsen will. Ein läftiger und unverlässlicher Mechanismus z. B. ift das Rechnen, fowie es aufhört, die combinirenden Functionen des Geiftes zu befchäftigen; man erfand eine Rechnenmafchine, die, was Addiren, Multipliciren, Potenciren, Dividiren etc. betrifft, mit grofser Leichtigkeit und Unfehlbarkeit operirt. Unfere 3 26 J. Hüpfcher. taglöhnernde Schreibearbeit, diefer gedankenlofe, zeitfreffende Mechanismus, widerfteht mit der zäheften Gewalt einer zur Natur gewordenen eifernen. Angewohnheit der zeitgemäfsen Reform; doch fiehe da! keinen Augenblick hat der füfse alte Schlendrian mehr Ruhe, von allen Seiten wird ihm zugefetzt, und von links und rechts brechen die Geifteswellen der Neuzeit in die erftarrten Domänen des Althergebrachten hinein. Die Malling Hanfen'fche Schreibmafchine ift eine geiftige Eroberung auf dem Gebiete des Schreibwefens und ein gewaltiger Nagel zum Sarge der gedankenlofen Buchftaben- Künftelei; ihre Zukunft ift ebenfo gefichert, als das letzte Stündlein alles Kalligraphen- Unwefens nahe ift. Die Mafchine ift eigentlich mehr eine Druck- als Schreibmafchine; aber wer wird nicht lieber, fobald er es im Stande ift, feine Briefe und fonftigen SchriftWer wird ftücke fauber gedruckt, als fchlecht oder felbft gut gefchrieben fehen? fich ferner noch eines Copiften oder Schönfchreibers bedienen wollen, fobald er mit der Mafchine zu jeder Zeit fechs bis zehn Mal fo viel ausrichtet, als ihm der gewandtefte Schreiber zu leiften vermag? Auf eine ausführliche Befchreibung des höchft finnreich conftruirten Apparates können wir uns bei dem befchränkten Raume, der unferem Berichte geftattet ift, nicht einlaffen; wir verweifen dagegen Alle, die fich für die neue Erfindung intereffiren, auf die Firma A. v. Szábel, Wien, Johannesgaffe 19, der diefe Schreib- Druckmafchinen in verfchiedenen Gröfsen und zu verfchiedenen Preifen fabricirt und gewifs Jedermann Tarife, Befchreibung und Anweifung gratis zukommen laffen wird. Dafs der Apparat noch etwas complicirt und mancher Vereinfachung refpective Verbefferung bedürftig ift, wollen wir fchliesslich ebenfo wenig leugnen, als dafs der Koftenpreis ein verhältnifsmäfsig hoher genannt werden mufs. * Wir würden fie Schreib- Druckmafchine benennen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. DER ZEICHNENUND KUNSTUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON J. LANG L, k. k. Gymnafialprofeffor in Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. D DER ZEICHNENund KUNSTUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von J. LANG L, k. k. Gymnafialprofeffor in Wien. Die univerfelle Bedeutung des Zeichenunterrichtes wurde dem vollen Umfange nach wohl erkannt, als fich die Kunft- und Induftrie producte der verfchiedenen Nationen auf den Weltausftellungen begegneten. Es wurde klar, dafs die Form es ift, durch welche die meiften Rohproducte im focialen Verkehre erft zur Geltung gelangen, und dafs die Erziehung der Formen nach äfthetiſchen Grundfätzen die erfte Bedingnifs ift fowohl für eine gedeihliche Entwicklung der Induftrie als für die Hebung des Gefchmackes im Allgemeinen. Schon bei der Londoner Ausftellung im Jahre 1851, wo zum erften Male aus aller Welt die Erzeugniffe der Induftrie zum internationalen Turniere zufammengeführt wurden, fand ein gewaltiger Anftofs zur Reform des Kunftunterrichtes ftatt und England felbft ging damals voran, durch wohlorganifirte Zeichenfchulen den lange von der Willkür geleiteten Gefchmack nach wiffenfchaftlichen Principien zu regeln, das Formenwefen in ein einheitliches Geleife zu bringen und der Fortentwicklung desfelben eine auf äfthetifchen Grundfätzen beruhende Bafis zu geben. Die Induſtrie Frankreichs, welche bis dahin, was Stil anbelangte, den äufseren Einflüffen fol. gend, principlos vorgegangen war und mehr in der virtuofen Mache als durch pofitiven künftlerifchen Gehalt glänzte, fah fich alsbald gezwungen, in diefe Reform einzulenken, wenn ihre Production auf dem Weltmarkt nicht ernftlich bedroht werden follte; denn dem Beiſpiele Englands folgten fpäter Oefterreich, theilweife Deutſchland und in jüngfter Zeit auch Rufsland, und allenthalben waren die Beftrebungen von den beften Erfolgen begleitet. Gleichzeitig mit dem Aufblühen des exacten Kunftunterrichtes entfaltete fich aber in den letzten Decennien in immer mächtigeren Schwingen auch die Kunftwiffenfchaft und trug nicht wenig zur Klärung der äfthetiſchen Anfchauungen unferer modernen Zeit bei. Die Welt hat mit fteigendem Intereffe diefen Umfchwung in der Induftrie auf den weiteren Weltausstellungen, die im Verlaufe von nun zwanzig Jahren in Paris und London abgehalten wurden, verfolgt, aber die Kritik konnte fich dabei blofs an Reſultate halten und felten auf die Urfachen, die im Unterrichte liegen, eingehen, da meift das nöthige Materiale fehlte, durch welches ein Einblick in das Getriebe der I 2 J. Langl. " Formenerzeugung hätte gewonnen werden können. Diefer Forderung ift die Weltausftellung 1873" im reichften Mafse nachgekommen; faft alle Staaten, welche auf dem Gebiete der Induftrie vertreten waren, hatten auch ihren Zeichenund Kunftunterricht repräfentirt und gefucht, die Beftrebungen in diefer Hinficht darzulegen. Der Berichterstatter hat nun nothwendiger Weife bei der Bearbeitung des ausgebreiteten Materiales, welches in Schülerleiftungen, Lehrmitteln etc. aus den verfchiedenen Ländern vorlag, auch ftets die Leiftungen der Induſtrie, als des eigentlichen Ausgangspunktes der jeweiligen Beftrebungen in Betracht gezogen und glaubte zu diefem Hinausgreifen über fein Reffort berechtigt zu fein, da nur dadurch ein richtiges Urtheil über den Unterricht gewonnen werden konnte. Der weitaus gröfsere Theil des Exponirten in der Section des Berichterftatters bezog fich auf den kunftgewerblichen Unterricht, das Uebrige gehörte den Schulen für allgemeine Bildung an, wo durch den Zeichenunterricht das äfthetifche Empfinden in umfangreicherer Weife geweckt werden foll und der Kunft. unterricht als Difciplin der formalen Bildung einzutreten hat. Da diefe Frage allenthalben noch auf eine pofitive Löfung wartet und gerade die Gegenwart eifrig daran arbeitet, fie zu klären, fo hat der Berichterstatter es verfucht, foweit es möglich war, von den verfchiedenen Ländern den gegenwärtigen Stand des bezüglichen Unterrichtes darzulegen und neben den einfchlagenden Gefetzen, Verordnungen etc. fein Augenmerk vorzüglich darauf gerichtet," welche Formen zum Studium für diefen Zweck verwendet werden" und" welche Methoden in Anwendung ftehen". Eine kurze Charakteriſtik der im Gebrauche befindlichen Vorlagewerke, Modelle etc. dürfte diefen Punkt ergänzen. Der Referent glaubt wohl nicht erft hervorheben zu müffen, dafs fein Gebiet, von dem bezeichneten Standpunkte aus aufgefafst, ein weitverzweigtes war und mufs um Nachficht erfuchen, wenn er hie und da feiner Aufgabe nicht ganz gerecht geworden fein follte; die oft ungenügenden Auskünfte über die Lücken des Ausgeftellten mögen es entfchuldigen, wenn manche Partien allgemeiner gehalten erfcheinen. Was fchon in anderen Berichten betont wurde, mufs auch hier wiederholt. werden, dafs nämlich durch die enorme Zerftückelung des Materiales die Arbeit unendlich erfchwert wurde. Gaben fchon vielfach die Bezeichnungen der Gruppen XII und XXV Anlafs, dafs Zufammengehörendes aus der Gruppe XXVI zerftückelt und eine Ueberficht vereitelt wurde, fo kamen im Unterrichtswefen noch die getrennten Ausstellungen in den Schulhäufern dazu, wo ebenfalls Fragmente der einzelnen Unterrichtsmittel zu fuchen waren. Immerhin aber glaubt der Referent Manches aufgezeichnet zu haben, was dem fo hochwichtigen Zweige des Bildungswefens in der Zukunft von Nutzen fein kann. Es ift wohl felbftverſtändlich, dafs die Grofsmächte der Induftrie, wie Frankreich, Deutſchland, Oefterreich, England und Italien eingehendere Behand lung erfuhren als die übrigen Länder, in welchen die Beftrebungen als weniger tonangebend zu betrachten find. Wenn bei Deutſchland und insbefondere bei Frankreich weiter in die Vergangenheit zurückgegriffen wurde, als das Programm des ,, officiellen Berichtes" annahm, fo hat diefs feine Begründung, da es in den früheren Weltausftellungs- Berichten bei Besprechungen unferes Gegenftandes nicht gefchah und es für die Strömung der Gegenwart wichtig erfcheint, die traditionellen Elemente in der Kunftinduftrie näher ihren Quellen zu beleuchten. Oefterreich. Wer die Refultate des Zeichenunterrichtes der öfterreichifchen Volks- und Mittelfchulen mit denen der Anftalten ähnlicher Kategorie anderer Länder verglich, mufste zugeben, dafs im Grofsen und Ganzen diefer Gegenftand hier allenthalben feine weitaus beffere Pflege findet und bedeutendere Erfolge aufzuweifen ie n, m- ht es en es en ur t- en e- 7. ge rt es g- 1. m コー e- n ISC es ht e e- It it n It 1- n S Es n e 1- er ei m n t D- d n Der Zeichen- und Kunftunterricht. 3 hatte. In der relativ kurzen Zeit feit feiner Einführung als Unterrichtsgegenstand haben fich durch die Erfahrung die Lehrmethoden fchon gröfstentheils nach einem einheitlichen Principe geftaltet und gingen jene Anftalten darin als Mufter voran, an welchen eben vorzüglichere Lehrkräfte thätig waren, die den Zweck des Zeichnens als integrirenden Theiles der formalen Bildung auffafsten. Wie alles Neue, fo hatte auch das Zeichnen in den öfterreichifchenSchulen zuerft die Phafen der Kindheit durchzumachen, mufste fich erft einbürgern unter den beftehenden Difciplinen, hatte Vorurtheile zu überwinden und andere Schwierigkeiten zu bekämpfen, bevor die fefte Bafis erreicht wurde, von der aus ein beftimmtes Ziel verfolgt werden konnte. Faft gleichen Schrittes entwickelten fich etwa feit den fünfziger Jahren in Oefterreich( wo wir als Centralftelle Wien betrachten) die Kunftwiffenfchaft, die Induftrie und der Zeichenunterricht. Die Induftrie verlangte Formen die Kunftwiffenfchaft enthüllte fie das Zeichnen trat als Brücke, als vermittelndes Glied zwifchen Beide. Die Reformen, die fich dadurch im Gefchmack vorbereitet haben, können nur durch die Zeichenfäle zu ihrer Durchführung gelangen und das Verlangen der Induſtrie nach diefer Reform einerfeits, das Streben der Kunftwiffenfchaft, diefe durchzuführen, anderfeits machten das Zeichnen zum Centralpunkt der theoretifchen und praktifchen Elemente der Kunfterziehung. Immer näher und näher rückten die Factoren, die nur in ihrem Zufammenwirken von wahrem Nutzen werden können, als in kurzen Zeitabfchnitten die Refultate der Kunft, der Induftrie und des Unterrichtes auf Weltausftellungen fich in nationalen Wettkämpfen gegenüberftellten und dadurch die Strömung befchleunigten. Was England mit dem South- Kenfington- Muſeum und feiner Schule gefchaffen, was in den Hauptftädten von Frankreich und Deutfchland angeftrebt und Rufsland mit feinen Muſeen und Kunftſchulen in Petersburg und Moskau eingerichtet hat, das hat Oefterreich in feinem Muſeum für Kunft und Induftrie gegründet, nämlich dem Reiche einen nothwendigen Centralpunkt für diefe Bewegung. Durch die Hebung des Unterrichtswefens im Allgemeinen, welche fich im letzten Jahrzehent in Oefterreich vollzog, wurde denn auch der Zeichenunterricht in den Schulen für allgemeine Bildung allmälig feiner eigentlichen Beftimmung näher gerückt und hatten wir es anderen Staaten voraus, dafs diefer Gegenftand an unferen Realfchulen, welche wohl ehedem überwiegend technifche Bildung im Ziele führten, von vorneherein als obligatorifch eingeführt wurde und fo eine fefte Bafis gewonnen hatte, auf welcher das Methodifche fich im Laufe der Jahre klären konnte. Die höhere Bedeutung des Zeichenunterrichtes an den Mittelfchulen wurde von Seite der Kunftwiffenfchaft immer mehr und mehr betont; nicht blofs auf das Technifche und die Induftrie follte er Einflufs nehmen; feine gröfsere Aufgabe follte vielmehr darin beftehen, unfere junge Generation zum Verſtändniss der Formenfprache im Allgemeinen zu erziehen, ihren Augen das Schöne in der Natur und Kunft zu erfchliefsen und dadurch den Geift zu bilden und den Gefchmack zu veredeln. Die Errichtung der Realgymnafien, in welchen diefer humaniftifche Theil des Zeichnens ausgefprochener zur Geltung zu kommen hatte, drängte die Frage weiter in den Vordergrund und auch an der Realfchule forderte fie ihre Löfung, als mit dem Jahre 1870 fich ihre Reorganiſation zu Gunften der humaniftifchen Fächer vollzog. Einem Sprichworte nach führen wohl alle Wege nach Rom, und wer fich feines Zieles bewufst ift, wird es, früher oder fpäter, erreichen. Am Meiften wird diefs fliegende Wort in der Kunft angewendet, wo eben das Individuelle meift am Ausgefprochenften hervortritt und doch allerwärts nur ein Ziel ,,, die Wahrheit" angeftrebt wird. Anders verhält es fich jedoch mit dem fyftematiſchen Kunftunterrichte in der Schule; hier find zur Verwirklichung ausgefprochener Tendenzen für das Allgemeine fixe Normen in pädagogifcher Beziehung eine unumgängliche Nothwendigkeit. Nicht Künftler im eigentlichen Sinne follen erzogen werden, fondern gefchulte Denker, die fowie in der Zeit auch im Raume 4 J. Langl. fich Vorftellungen bilden können und durch die Kunftübung zum Begreifen der Kunft befähigt werden. Die Erfahrung hat in diefer Richtung in Oefterreich ftets ihren Einfluss auf die betreffenden Gefetze geltend gemacht, und wenn wir diefe von den fünfziger Jahren an bis zur Gegenwart überblicken, fo fehen wir, wie fich die Lehrpläne für das Zeichnen an den Mittelfchulen allmälig präcifirten und die gefetzlichen Normen auch den methodifchen Theil desfelben in ein einheitliches Geleife zu bringen fuchten. Die letzte diefsbezügliche Verordnung datirt vom 1. September 1873 und enthält für die Volks- und Mittelfchulen den detaillirten Lehrplan für das Freihand- Zeichnen mit den oben dargestellten Tendenzen.* Das Hauptgewicht ift darin auf das Zeichnen plaftifcher Modelle gelegt, und wird es nun die Sorge der Regierung fein müffen, für die Kunfterziehung auf diefem Wege auch den nöthigen Apparat an Unterrichtsmitteln den Anftalten zugänglich zu machen, ein Punkt, welcher auch vom„ kunftwiffenfchaftlichen Congreſs" befonders betont wurde. Die Erfahrungen, die auf der Weltausftellung in Bezug auf den Zeichenunterricht neuerdings gemacht wurden, dürften wohl zur Förderung des guten Princips in mancher Hinficht dienlich fein, und fei es dem Referenten geftattet, hier in kurzem Umrifs den Standpunkt darzulegen, zu welchem er durch eigene pädagogifche Erfahrung und durch den Einblick in die Refultate der auf der Weltausstellung vertretenen diverfen Unterrichtsanftalten gekommen ift. Darüber ift wohl die ganze zeichnende Welt einig, dafs im Unterrichte auf der erften Stufe mit den geometrifchen Formen begonnen und vorerft das Ornament bis zu einem gewiffen Grade gefchult werden mufs, bevor zum Figuralen übergegangen werden kann. Meinungsdifferenzen finden fich nur in Bezug auf Methodik; nämlich ,, wie foll der eine und der andere Theil gelehrt werden", auf das Ausmafs derfelben und die hiezu zu verwendenden Modelle. Das Ornament, fo lange es im wahrften Sinne des Wortes Ornament bleibt, und fich nicht in die variablen Naturformen wie in der Barokzeit verliert, conftruirt fich ftets in einem beftimmten Tact, welcher für die Form Gefetz ift. In der Art diefer rythmifchen Entwicklung, gleichfam in der Eigenthümlichkeit des Wachsthumes des Ornamentes liegt die Charakteriſtik der verfchiedenen Stile; deshalb ift es für den Unterricht unumgängliche Nothwendigkeit, foll der Schüler in den Organismus diefer Formenwelt Einblick erhalten, dafs der Lehrende die Geftalten felbft entwickelt: alfo an der Tafel vorzeichnet. Keineswegs wird aber das Heil der äfthetifchen Erziehung allein in der Kenntnifs aller vorhandenen Ornamentenftile zu fuchen fein; die formale Bildung wird diefs fordern; die Weiterentwicklung der äfthetiſchen Bildung aber wird nur in dem Studium des Beften, was die Völker des Erdballes bisher gefchaffen, fich vollziehen, und werden in der Auswahl der Motive für den Unterricht die hellenifchen, römifchen und Renaiffance denkmäler in erfter Linie zu beachten fein; nebenbei wird aber auch die Natur, die Quelle aller ornamentalen Formen, berücksichtigt werden müffen. Da aber das Ornament ein wenn auch nicht leb- fo doch feelenlofes Gebilde ift, und das Studium desfelben zum Verftändnifs der Kunft in den Schulen für allgemeine Bildung nur als ein techniſch vorbereitendes betrachtet werden mufs, fo wird, fobald der Schüler diefe, Formen im Rythmus" correct wiederzugeben verfteht, und das Techniſche im Darftellen hinter fich hat, das eigentlich bildende Studium der geiftig gehaltvolleren Formen in der menfchlichen Geftalt anzutreten haben. Hier lernt er Seelen durch die Formen kennen, lernt Charaktere fondern, und zugleich die Kunft in ihren Meisterwerken kennen, indem er nach ausgewählten Muftern fich die Technik im Vortrag aneignet. Die neueren franzöfifchen Vorlage. werke gehen alle von diefem Standpunkte aus, und ein unfchätzbares Hilfsmittel befitzt die Gegenwart in den Facfimile Reproductionen in der Photographie. Der Weg im figuralen Zeichnen mufs vom Charakteriftifchen, dem Grellen, Auffallen* Zu vergleichen der Bericht des k. k. Unterrichtsminifteriums über die Collectiv usftellung des öfterreichifchen Unterrichtes S. 409 ff. 5 Der Zeichen- und Kunftunterricht. 5 den zur claffifchen Ruhe der Antike führen. Die Formen eines Phidias werden auf der erften Stufe des figuralen Zeichnens fo wenig am Platze fein, wie die Werke eines Sophokles oder Aeschilos in einem Elementar- Lefebuche. Wenn in vielen Schulen doch damit bisher begonnen wurde, fo blieb eben das figurale Zeichnen nur Ornamentenzeichnen in anderer Art, und konnte ein feineres Auffaffen der Natur des Menfchen, ein Eingehen in das Seelifche nicht ftattfinden. Als Vorfchule für die Antike gehören die Meifterleiftungen des XV. und XVI. Jahrhundertes. Leonardo's Apoftel, Rafael's Köpfe aus der Camera della Segnatura etc., find Modelle, welche in ihren Formen der Phantafie der Jugend näher liegen, da diefs Geftalten find, in welchen Leben pulfirt; die Schönheit eines Zeus Otricolli zu begreifen, gehört einer höheren Stufe an. So vielfach fich auch Anatomen und Künftler ehedem beftrebt haben, die menfchliche Geftalt nach einem beftimmten Canon zu conftruiren und ein Proportions- Ideal zu fchaffen, welches den äfthetifchen Anfchauungen als Grundlage dienen follte, hat doch die Kunft dies nie acceptirt und foll es auch nicht für den Unterricht werden. Wenn von Proportio nen im figuralen Zeichnen die Rede fein foll, fo hat fich diefe ausfchlieslich auf die Wachsthumsgefetze der Knochen zu beziehen, auf die beſtimmten anatomifchen Grundfätze, worin die neuere Forfchung diefer Wiffenfchaft für die Kunft fo fchöne Refultate geliefert hat; aber jedes hohle Recept für das Allgemeine, welches mit den Gefetzen der Natur im Widerfpruche ftehen mufs, ift ferne zu halten. Birgt fie doch noch fo viele Geheimniffe in ihren Differenzen, die in der Jugend, in der Zeit der frifcheften Eindrücke, der tiefften Empfänglichkeit den Geift zum Nachdenken anregen. Das Wahrnehmenlernen des Geiftig Individuellen in den Formen der Natur wird demnach der eigentliche Zweck des figuralen Zeichnens für alle Stufen desfelben fein. Hat es doch kein Lehrer der anderen Fächer fo in den Händen, fich individuell mit jedem einzelnen feiner Schüler zu befaffen wie der Zeichenlehrer. Hier kann der Schwächere, langfamer Arbeitende fo pädagogifch correct zum Ziele geführt werden, wie der Talentirte, da das Vorzutragende, fobald die Hand des Schülers durch das elementare Ornamentenzeichnen frei geworden ift, in den fertigen Vorbildern liegt, und der Vortrag des Lehrers bei der Correctur gefchieht. An diefer Stelle kann er das Individuelle des Schülers berücksichtigen und zugleich den äfthetiſchen und kunftwiffenfchaftlichen Intereffen nach Mafsgabe Rechnung tragen. Der Berichterstatter glaubt in Bezug auf Befprechung der ausgeftellten Schülerarbeiten von Volks-, Bürger- und Mittelfchulen auf die im Auftrage des k. k. öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums verfafsten Berichte des Herrn Profeffors Prandauer und des Herrn Regierungsrathes E. Walfer verweifen zu dürfen, da im Wefentlichen hier nur eine Wiederholung derfelben ftattfinden würde. Es genüge eine kurze Skizze der Wahrnehmungen zur allgemeinen Charakteriftik. In den Volksfchulen wird gröfstentheils nach ganz richtigen Grundfätzen vorgegangen, und lagen aufser den Wiener Schulen befonders von jenen der gröfseren Provinzftädte mitunter muftergiltige Arbeiten vor. Dafs noch hie und da( vorzugsweife in Steiermark und füdlicher hinab) das„ Bildchenmachen" gepflegt wird, ift eben nur dem Umftande zuzufchreiben, dafs noch nicht überall Lehrer vorhanden find, die im Zeichnen die nöthige Vorbildung befitzen. Solchen Uebelftänden wird am beften durch die Einführung der ftigmographifchen Hefte entgegengetreten, was fich in einem grofsen Theil der Volksfchulen Böhmens, wo fich ebenfalls des Zeichnens unkundige Lehrer befanden, ganz gut bewährte. Das Streben, das für die erfte Unterrichtsftufe anerkannt einzig richtige Syftem, nämlich von den geradlinigen geometrifchen Formen zum freien Contur- Ornamente * II. B. S. 127 ff. u. S. 405 ff. 6 J. Langl. vorzugehen, dnrchzuführen, zeigt fich allerorts in der erfreulichften Weile, und ift die Thätigkeit, welche die öfterreichiſche Lehrerwelt im Schaffen von diesbezüglichen Vorlagewerkenentwickelt, rühmlichft hervorzuheben. Zahlreiche Arbei ten, die, dem guten Principe folgend, im Wefentlichen wenig Verfchiedenheit zeigten, lagen neben den bereits publicirten noch in Handzeichnungen vor. Die ftigmographifche Methode wird vielfach mit gutem Erfolge in der erften Stufe des Unterrichtes angewendet. Getheilter wird das Zeichnen an den Bürgerfchulen betrieben, wo befonders in Böhmen an manchen Anftalten die Wahl der Vorlagen Vieles zu wünſchen übrig läfst. Dagegen lagen von den mährifchen, fchlefifchen und öfterreichischen Anftalten diefer Kategorie gröfstentheils gute Arbeiten vor. An den Lehrer- Bildungsanftalten, wo in erfter Linie das Contourornament zur Geltung zu kommen hat und Uebungen darin mittelft Tafelzeichnens zu pflegen find, wird diefem auch meiftens in entſprechender Weife Rechnung getragen, nur find vielfach noch ältere Ornamentenfchulen ohne ausgefprochenen Stil in Verwendung, und werden auch Köpfe im Schatten nach Julien und dergl. gezeichnet, was dem exacten Formenftudium mehr Eintrag thut, als Nutzen fchafft. Mufterhaft hatte die deutfche Lehrer Bildungsanftalt in Prag den correcten Lehrgang in ihren Schülerarbeiten dargestellt. Die Realfchulen waren faft durchwegs mit vorzüglichen Leiftungen vertreten und obenan ftanden hierin die Anftalten von Wien felbft. Die Lehrmethoden fanden fich mit geringen Verfchiedenheiten, die eben aus den individuellen Anfchauungen der Lehrer und oft auch örtlichen Verhältniffen der Schulen hervorgehen, faft überall gleich, und haben zum grofsen Theil fchon die neueren befferen franzöfifchen Vorlagewerke und die vom öfterreichifchen Mufeum für Kunft und Induftrie publicirten Modelle etc. Eingang gefunden. In den böhmifchen Realfchulen, welche noch nach dem alten Syftem eingerichtet find, wird noch übermäfsig Bau- und Situationszeichnen getrieben. Im Freihand- Zeichnen waren die Refultate durchfchnittlich gut, nur war es auffallend, dafs bei Zeichnungen nach Gypsmodellen mit zwei Kreiden faft durchwegs viel zu dunkle Papiere benützt werden, auf welchen die Formen nur hart und gequält dargestellt werden können. In der Wahl der technifchen Mittel find für alle Welt die Franzofen noch immer muftergiltig. Viele Schulen und darunter vorzüglich die Prager hatten auch fehr klar den Lehrgang illuftrirt. Nur einige Anftalten des öftlichen und nordöftlichen Böhmens hatten den Zweck der Ausftellung verkannt und Schauobjecte geliefert, worunter theilweife die gewaltigften Verirrungen in Bezug auf Gefchmack und pädagogifche Erziehung des Formenfinnes vorkamen. Das ornamentale Zeichnen wird meift viel beffer betrieben als das figurale, was aber nur zu oft dem Mangel an guten Vorlageblättern zuzufchreiben ift. Es fehlen überall für die erfte Stufe, wie fchon oben erwähnt, naturaliftifch aufgefafste Contourftudien, durch welche der Schüler allmälig zu dem mafsvollen Schönen der Antike geführt würde. Der Weg durch Julien's ,, Etudes d'apres l'Antique" zeigt keine günftigen Refultate. Die Formen find an und für fich zu nüchtern, als dafs fie anregen würden und dann zu manierirt im Vortrag, als dafs ein Nutzen in diefer Hinficht erzielt werden könnte; und gerade der Vortrag mufs im figuralen Zeichnen nach gediegenen Muftern ftudirt werden, da er in fo viele Nuancen zerfällt, die durch die Empirie nur fchwerfällig, aus einer Befchreibung aber nie gelernt werden können. Wenn hie und da gute Handzeichnungen von den betreffenden Lehrern oder Photographien nach folchen benützt wurden, fo überrafchten in der Regel die Erfolge. Der„ Cours de dessin" von Ch. Bargue, zweiter Theil, ift in Bezug auf das Vortragsftudium für die höheren Claffen der Mittelfchulen bis jetzt das Empfehlenswerthefte. In den Realgymnafien herrfcht im Zeichenunterricht noch grofse Verfchiedenheit. An den Wiener Anftalten kommen die Erfolge denen der Unterreal Der Zeichen- und Kunftunterricht. 7 chulen gleich; nur zeigten fich in Bezug auf das Ausmafs des ornamentalen und figuralen Zeichnens grofse Differenzen. In anderen Anftalten wird zwar meift der Lehrgang der Realfchule feftgehalten, aber das Syftem wird, da der Gegenftand für einen Theil der Schüler in den höheren Claffen facultativ ift, meift fallen gelaffen, und das Angenehmere dem Nützlichen vorgezogen Von den gewerblichen Fortbildungsfchulen waren vorzugsweife die Wiener mit ganz tüchtigen Leiftungen, fowohl im Zeichnen als Modelliren, vertreten. Eine Reform derfelben ift foeben im Vollzuge, und dürften in der Zukunft diefe Anftalten mit weniger Schwierigkeiten zu kämpfen haben, als es bisher der Fall war. Durch die Errichtung von vorbereitenden Claffen werden die Schüler gleichmäfsiger vorgebildet in diefen nun mehr höheren Curfen erfcheinen, und wird hoffentlich die oft gerügte ungleiche Frequenz durch zweckmäfsige Mafsregeln von Seite der Behörden behoben werden. Von den eigentlichen Gewerbefchulen waren nur einige mit Schülerarbeiten in der Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtswefens repräfentirt. Darunter glänzten die Bau- und Mafchinen- Gewerkfchule in Wien und die Gewerbefchule in Prag. Der gröfsere Theil der eigentlichen Fachfchulen hatte, als vom k. k. Handelsminifterium fubventionirt, im Pavillon des Welthandels ausgeftellt. Da diefelben in dem Berichte der Commiffion der Collectivausftellung nicht einbezogen wurden, fo ift hier auf ihre Leiftungen eingehender Bedacht zu nehmen. * Das Gewerbedepartement bildete die VI. Gruppe in der vom k. k. Handelsminifterium veranstalteten Ausftellung, und war in Betreff der diefsbezüglichen Schulen über die örtliche Vertheilung derfelben in den cisleithanifchen Kronländern eine Ueberfichtskarte ausgeftellt. Es war daraus erfichtlich, dafs bis jetzt der Norden Böhmens die meiften derartigen Anftalten befitzt; zunächft kamen Schlefien und Mähren; in den übrigen Kronländern vertheilten fich( mit Ausnahme Galiziens) die Zahlen relativ ziemlich gleich. Beigeftellte Tabellen gaben über die Errichtung der einzelnen Schulen nähere Auskunft, und zeigte es fich, dafs vor dem Jahre 1872 im ganzen Reiche deren blofs zehn beftanden, und zwar zu Reichenbeng, Steinfchönau, Wien, Bielitz, Brünn, Auffig, Haida, Gablonz, Hallein und Afch. Seit dem Jahre 1872 find 23 neu errichtet worden, und zwar in Rumburg, Graz, Rietz, Znaim, Innsbruck, Imft, St. Ulrich( im Grödenthal), Gablonz, Hochftadt, Landskron, Rochlitz, Rothmühl, Gmünd, Tachau, Walkern, Mondfee, Zwittau, Hallftadt, Graslitz, Schönbach, Petrowitz, Carlftein und Hohenelbe.** Im Nachftehenden feien die Refultate der einzelnen Anftalten im Kurzen fkizzirt. Glasinduftrie- Schule in Steinfchönau( errichtet 1855). In der allgemeinen Schule wird in drei Gruppen( oder Stufen) gezeichnet, und zwar in Gruppe I Compofitionen von Verzierungen auf Grundlage der geometrifchen Formenlehre( Linearzeichnen); in Gruppe II Compofitionen von Verzierungen gothifcher Ordnung in beftimmte Räume( freie Blattornamentik mit der Feder gezeichnet), und in Gruppe III Renaiffance- Ornamente. In der Abtheilung für Lehrlinge werden neben elementaren Ornamenten Blumen nach franzöfifchen Origi nalen, die vom öfterreichifchen Muſeum publicirten ,, Renaiffance- Intarfien", dann vorzüglich Gefäfsformen( nach diverfen Mufeen) und auch figurales Zeichnen ( nach Julien) geübt. In der Abtheilung für Meifter und Gehilfen wird das Zeichnen in derfelben Weife fortgefetzt, und waren fowohl von Zeichnungen als plaftifchen Arbeiten die gediegenften Leiftungen vorhanden. Auch die aus* Mit Ausnahme der Manufactur- Zeichenfchule und der Baugewerk Schule von F. Märtens in Wien. ** Aehnliche Anftalten werden im laufenden Jahre in bedeutender Anzahl noch weiter eröffnet. 8 J. Langl. geftellten Glasgefäfse waren fehr gefchmackvoll und zeigten ein allmäliges Verlaffen des alten franzöfifchen Stiles in dem Einkehren zur Renaiffance. Leider wird an der Volksfchule des Ortes, welche für die Fachfchule im elementaren Zeichnen vorbereiten foll, nicht nach dem richtigen Syftem vorgegangen; es wird theils mit Zirkel und Lineal gearbeitet, dann aber wieder die Landfchaft cultivirt. Die Zeichnen- und Modellirfchule für Glasinduftrie in Haida( errichtet 1870), hatte ganz vortreffliche Leiftungen, fowohl im Zeichnenfach als in den praktiſch ausgeführten Glasarbeiten vorgelegt. Die Anftalt verfügt jedenfalls über bedeutende Kräfte, und wäre es nur zu wünfchen, dafs im Grofsen und Ganzen der Unterricht fyftematifcher betrieben würde. Leider wird auch hier fchon in der Stadtfchule auf der erften Stufe das Ornament zu wenig gepflegt und nach den verwerflichen" Hermes- Vorlagen" die Landfchaft und die Blumen gepflegt. Der Talentirtere bricht fich am Ende auch auf diefem Wege Bahn zur technifchen Fertigkeit, bleibt aber dennoch immer mehr oder weniger Dilettant, was felbft bei den bedeutenderen Arbeiten der Lehrlinge und Gefellen der Fachſchule hier bemerkbar ift. Dafelbft werden Blumen nach franzöfifchen Muftern gut copirt, nur mangelt meift das richtige Verſtändnifs für Licht und Schatten, da im Ganzen zu wenig nach Gyps gezeichnet wird. Auch„ Julienköpfe" ( mit zwei Kreiden) find in Verwendung, die mitunter wahrhaft virtuos copirt waren; das Formenverftehen wird aber dadurch nicht gefördert. Mit fehr viel techniſcher Gewandtheit waren( ebenfalls nach franzöfifchen Muftern) einige Aquarellköpfchen copirt. Auch Blumenftücke nach Farbendruck- Bildern verdienen, was die Mache anbelangt, volles Lob. Die Schule arbeitet noch ganz im franzöfifchen Gefchmack; für die neuere Richtung mangeln ihr gediegene Vorlagen. Zeichnen und Modellirfchule für Thoninduftrie in Znaim ( errichtet 1872). Die Anftalt ift erft im Entſtehen begriffen und daher begreiflich dafs die Leiftungen fich noch im Befcheidenen hielten. Der Lehrgang und die hiezu verwendeten Originale waren gut. Die Zeichnen- und Modellirfchule für Glasquincaillerie in Gablonz( errichtet 1870) war im Ganzen mit fehr lobenswerthen Arbeiten vertreten. Die verwendeten Modelle und Vorlagen( meift vom öfterreichiſchen Mufeum) kennzeichneten das Streben der neueren Richtung. Auch fanden fich hübfche Blumen- und Landfchaftszeichnungen( Calame). Ein Mangel war nur in Bezug auf Technik im Gypszeichnen bemerkbar; es wird nämlich mit Kreide auf weifsem Papier in Strichmanier gezeichnet und zu früh zum Figuralen übergegangen. Die praktiſchen Refultate der Anftalt verdienen volle Anerkennung. Seit 1872 ift mit der Anftalt auch eine Fachfchule für Glaschemie verbunden. Von der Holzfchnitz- Schule in Gröden waren. ornamentale Schnitzwerke und ein in anatomifcher Beziehung ganz correcter ,, Chriftus auf dem Kreuze" ausgeftellt. Aus der Lehr- Werkstätte für Holzfchnitzerei( des Sebaftian Steiner) in Innsbruck( errichtet 1872) waren ornamentale Sachen, Thierftücke und kleinere Figuren ausgeftellt, die in technifcher Beherrfchung des Materiales nichts zu wünſchen übrig liefsen, aber ganz im traditionellen Schweizer Stil gehalten waren. Lehr- Werkstätte für Holzinduftrie in Imft( errichtet 1872). Im Ornamentalen ift das Streben nach Stil wahrnehmbar; nur find die Formen noch etwas schwer und breit; im Figuralen lagen fehr nette Studien vor und ift es fehr lobenswerth, dafs antike Mufter dazu gewählt werden. Die Holzfchnitz- Schule in Mondfee und die Fachfchule für Holzfchneiderei und Marmorinduftrie in Hallftadt find noch junge Anftalten und haben vorerft den Elementar- Zeichenunterricht zu pflegen, von welchem auch recht anftändige Refultate vorlagen. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 9 In der Holzfchnitz- Schule zu Hallein( errichtet 1871) wird das Zeichnen in zwei Abtheilungen gelehrt und zwar in Claffe I das Ornament( nach Herdle und Taubinger) geübt, und in Claffe II dasfelbe nach einfachen Gypsmodellen in Schatten fortgefetzt; bei letzterem mangelte die nothwendige Technik. Die Modellirungen waren recht nett. In den Holzarbeiten herrfcht zwar der naturaliftifche Schweizer Stil noch vor, doch find hie und da Anklänge an feftere( Renaiffance-) Formen fchon bemerkbar. Die Zeichnungen der Holzfchnitz- Schule in Gmünd zeigten theilweife ganz hübfche Refultate, doch gewährten fie keinen Einblick in die Lehrmethode, da ganz Mangelhaftes unmittelbar neben dem Vollkommenen lag. Die erft feit Jänner 1873 eröffnete Holzfchnitz- Schule in Wallern ( Böhmen) zeigte in ihren vorgelegten Schülerarbeiten, dafs der dafelbft im Zeichnen eingefchlagene Weg der ganz richtige ift. Die Ornamente mit Bleiftift und Feder waren correct und nett durchgeführt. Etwas fchwächer hielten fich die Linearzeichnungen. Auch von der Schule für Holzinduftrie in Tachau lagen hübfch gezeichnete Ornamente und Blumen vor, fo wie fehr fleifsig gearbeitete Modelle von Holzverbindungen. Die höhere Webefchule in Gumpendorf( Wien) hatte in umfangreicher Weife ihren Lehrgang durch die Schülerleiftungen dargestellt. Die Zeichnungen, durchgehends Stoffdeffins etc. zeigten auch ftets die Uebertragung auf den Webeftuhl. Ueberrafchende Arbeiten hatte auch der Wiener Frauen- Erwerbverein ausgeftellt. Diefelben beftanden in farbigen Flachornamenten und Blumen, von welch' letzteren wahre Virtuofenftücke in Deckfarbe vorlagen, fo dafs die Kühnheit der Pinfelführung kaum Mädchenhänden zuzutrauen war. Die höhere Baugewerkfchule des Ferd. Märtens in Wien hat die Beftimmung, einem möglichft grofsen Theile, auch den ärmeren, und durch Umstände minder vorgebildeten Lernbegierigen Gelegenheit zur fachlichen Ausbildung zu geben. Ihrer Aufgabe als Fachfchule entſprechend, wird nur das ihrem fpeciellen Zwecke Dienende, gelehrt, welches darin befteht, tüchtige Meifter, Bauleiter, Poliere, Werkmeifter etc. heranzubilden. Die Anftalt befteht aus einer Vorbereitungsfchule und drei Fachſchulen, und zwar für Maurer, Steinmetze und Zimmerleute; fie erhielt fich Anfangs aus Privatmitteln, wurde aber ihrer Erfolge wegen zur bedeutfameren Entfaltung im Jahre 1868 von der Commune und im Jahre 1872 auch vom Staate fubventionirt. Die Schule hat feither unter ftets fteigender Frequenz einen erfreulichen Auffchwung genommen und fich auch in Betreff der nöthigen Hilfswiffenfchaften nach verfchiedenen Richtungen in zweckdienlicher Weife ergänzt. Die vorgelegten Refultate gaben der trefflich geleiteten Anftalt neuerdings das befte Zeugnifs und rechtfertigten den Ruf, welchem fie feit Jahren bereits genügt. Von der Wiener Uhrmacher- Fachfchule find nette Linearzeichnungen( Mechanik) zu erwähnen; fonft hatte die Anftalt nur ihre treffliche Collection. diefsbezüglicher Wandtafeln für den Unterricht ausgeftellt. Sehr lobenswerthe Refultate hatte die mechanifche Lehr- Werkftätte in Klagenfurt aufzuweifen. Es wird dafelbft mit den gewöhnlichen geometrifchen Zeichenübungen begonnen und allmälig auf einfache Conftruction. von Maſchinentheilen etc. übergegangen, was fich dann progreffiv auf complicirtere Gegenstände fortfetzt. Auch nett gearbeitete praktiſche Leiftungen in kleinen Modellen von Mafchinen find lobend zu erwähnen: Die Webefchule in Rumburg( befteht erft feit dem Jahre 1872) brachte durchgehends ausgezeichnete Refultate zur Anfchauung. In zahlreichen Portefeuilles wurde der correcte Lehrgang klar dargelegt, welcher vom Contour ornamente( Herdle) ausgeht und allmälig zu complicirten farbigen Flachornamenten fortfchreitet; an der Schule find die neueften und beften Vorlagewerke in 10 J. Langl. Verwendung, und wird befonders auf das exacte Studium der verfchiedenen Stile Werth gelegt. Auch das Linearzeichnen zeigte den beften Erfolg. Schon von früher her allenthalben vortheilhaft bekannt find die Leiftungen der mährifchen höheren Webefchule in Brünn. Im Mufterzeichnen. wird mit Herdle's Ornamenten und Naturblumen begonnen, daran fchliefsen fich Studien der Farbenfcalen, Nomenclaturen etc., Uebungen in Muftern mit Streif und Meliereffecten, Blumenmalen mit Deckfarben in beftimmten Tönen mit Rückficht auf Anwendung für Druck und Weberei, Rofetten- und Palmettenftudien für Damaftbehandlung, Patronenübungen etc. In dem höheren Jahrgange werden dann complicirtere Ornamente mit Farbe in allen Stilen für die verfchiedenen Zwecke der Weberei geübt. Es darf wohl nicht erft hervorgehoben werden, dafs in all' diefen Zweigen Meifterhaftes vorlag und die Schule in ihrer Kategorie in Oefterreich entfchieden den erften Rang einnimmt. Als Lehrer ift an der Anftalt Herr Georg Rödel thätig, nach deffen Originalentwürfen auch gröfstentheils gearbeitet wird. Es lagen von dem bewährten Meifter auch zahlreiche Handzeichnungen in Skizzen für textile Induſtrie vor, fowie feine publicirten Ornamentenfchulen, die alle feine eminente Begabung für diefes Fach beurkundeten. Es feien hier auch die Entwürfe für Zeugdruck, Stickerei etc. von J. Holfelder erwähnt; fie verbinden die Renaiffanceformen mit dem noch beftehenden franzöfifchen Gefchmack. Die anderen Schulen hatten meift nur praktifche Arbeiten ausgeftellt, deren Befprechung nicht in diefes Reffort gehört. Von Zeichnungen find nur noch die Leiftungen der Schule des technifch- gewerblichen Muſeums in Krakau hervorzuheben Es lagen gut gezeichnete Ornamente und virtuos ausgeführte Gypsköpfe( in Kreide und Kohle) vor, die an technifcher, künft lerifcher Vollendung wohl nichts zu wünſchen übrig liefsen. Dem Bedürfniffe nach gewerblichen Zeichnenfchulen wird denn, wie fchon oben angedeutet, gegenwärtig in Oefterreich allerorts Rechnung getragen und dürfte deren Einfluss auf die verfchiedenen Induftriezweige gewifs bald in erfreulicher Weife zu Tage treten. Die bereits erzielten Erfolge der öfterreichifchen Kunftgewerbe auf der Weltausftellung können nur anregend in diefer Hinsicht wirken. Es fei dem Referenten hier geftattet, anknüpfend auch die Thätigkeit und die Erfolge der Kunft- Gewerbefchule des öfterreichifchen Mufeums für Kunft und Induftrie in einigen Worten zu berühren, da diefes Inftitut gleichfam als Mufter allen anderen voranzugehen hat und mit dem Muſeum felbft als die Centralftelle des kunftgewerblichen Unterrichts in Oefterreich zu betrachten ift. Die Ausftellung der Schülerarbeiten fand nicht im Weltausftellungs- Rayon ftatt, fondern im Mufeumgebäude felbft. Die reichen Sammlungen von Kunft- und kunftgewerblichen Gegenständen, welche der Schule zu Gebote ftehen, die tüchtigen Lehrkräfte, die an ihr thätig find, fowie die reichen Unterftützungen, welche die Studirenden( in Stipendien) geniefsen, mufsten ein rafches Emporblühen der Anftalt zur Folge haben. Dafs Induftrie- und Kunftmufeen ihren wahren Einflufs auf die Kunstgewerbe nur durch damit verbundene Schulen ausüben können, deffen wird man fich in neuerer Zeit überall bewusst und dürfte die Einrichtung unferes Inſtitutes mit den des South Kenfington- Mufeums als muftergiltig zu betrachten fein. Die Aufgabe der Schule ift es, für die Bedürfniffe der Kunftinduftrie tüchtige Kräfte heranzubilden, fomit werden jene Zweige der Kunft, welche mit den Gewerben in nächfter Verbindung ftehen, als die Hauptgegenftände des Unterrichtes betrachtet und bedingen die Gliederung der Anftalt. Diefe Zweige find: 1. Die Baukunft in ihrer Anwendung auf die Ausfchmückung der Gebäude; 2. die Bildhauerei; 3. das ornamentale und 4. das figurale Zeichnen und Malen in ihren Beziehungen auf die Kunstgewerbe. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 11 Für noch nicht hinreichend gebildete Afpiranten der Fachschulen ift ein vorbereitender Curs eingerichtet. Eine Reihe von technifchen und wiffenfchaftlichen Nebenfächern verfchaffen den Zöglingen jene allfeitige Ausbildung, welche zu einem erfolgreichen Wirken im Kunstgewerbe nöthig ift. Aufser den ordentlichen Schülern haben auch Hofpitanten zur Vervollſtändigung ihrer künftlerifchen Ausbildung Zutritt. Die ausgeftellten Arbeiten gaben ein klares Bild von der Thätigkeit der einzelnen Schulen und den Tendenzen in Bezug auf die neuere Gefchmacks richtung. Es wird an anderer Stelle des Berichtes diefer Punkt eingehender befprochen werden, und fei hier nur hervorgehoben, dafs die Kunftſchule hierin in muftergiltiger Weife vorangeht. Aus dem vorbereitenden Curfe waren Zeichnungen nach figuralen und ornamentalen Modellen, aus der Stillehre, der Projections- und Schattenlehre, ferner der Perfpective und Anatomie ausgeftellt. Die Fachfchule für figurales Zeichnen war mit trefflichen Studien nach der Antike und dem lebenden Modelle und mit Draperieftudien( in verfchiedenen Darftellungsmitteln) repräfentirt. Die Bildhauer- Schule brachte Studien nach der Antike und dem lebenden Modelle; dann auch eigene Entwürfe. Defsgleichen lagen, neben Aufnahmen von vorhandenen kunftgewerblichen Gegenftänden, reizende Entwürfe aus der Architekturſchule vor; diefe Abtheilung glänzte auch in ihren praktiſchen Leiftungen, ( namentlich in Möbeln), die von den Schülern nach ihren eigenen Entwürfen ausgeführt waren. Die Schule für Ornamenten-, Thier- und Blumenmalerei hatte gleichfalls reizvolle Compofitionen ausgeftellt. Holz-, Email- und Porcellanmalerei war in fehr gelungenen Proben vertreten. Höchft intereffant waren ferner die Löfungen einer beftimmten Aufgabe( die auch im Texte vorlag) von verfchiedenen Schülern, für Sgraffito decorationen etc. Die Entfaltung der Kunftfchule auf dem Gebiete der praktifchen Arbeiten ift leider noch durch die gegebenen Räumlichkeiten eine zu begränzte und wird diefer wichtige Theil der Schule für die Beeinfluffung des Kunftgewerbes erſt im vollen Umfange zur Geltung gelangen, fobald das neue Gebäude der Schule bezogen werden kann, wo dann auch für das Studium der verfchiedenen tech nifchen Proceduren geforgt und Ateliers für Emailirung, Glas- und Porcellan malerei, Holzfchnitzerei etc. eingerichtet werden follen. Den zweiten Theil der Ausftellung bildeten die künftlerifchen Publicationen des Muſeums, welche aus Gypsabgüffen, galvanoplaftifchen Nachbildungen und Photographien beftehen, uud die feit feinem Beftehen veröffentlichten kunft wiffenfchaftlichen Schriften. Ungarn. " Eine Befprechung der ungarifchen Kunftunterrichts- Verhältniffe mufs fich vorläufig blofs auf das befchränken, was im Zuge" ift. Der gegenwärtige Stand derfelben ift gegenüber den Ländern im Weften noch ein äufserft primitiver. Ungarn hat fich noch lange mit den realen Bedürfniffen der Volksbildung zu befchäftigen, ehe den idealen wird Rechnung getragen werden können und hat vorerft von der Volks- und Mittelfchule aus das Allgemeine zu pflegen, bevor Specialdisciplinen in ihrer höheren Bedeutung an die Reihe zu kommen haben. Es ift daher fehr fraglich, ob die Anftrengungen, die von der Regierung aus in Bezug auf Kunftbildung im Lande allenthalben fchon gegenwärtig gemacht werden, rafch ihre Früchte bringen können; ob es nicht zweckdienlicher wäre, die gefammten Mittel dazu zu verwenden, für die nächfte Zukunft eine gediegene Bafis in Hinficht der allgemeinen Bildung zu fchaffen und den idealen Bildungselementen die nothwendige Zeit zur organifchen, naturgemäfsen Entwicklung zu laffen. Freilich müfste dabei die Nation noch geraume Zeit darauf verzichten, fich mit den anderen Staaten in den höchften Culturproductionen meffen zu wollen; 12 J. Langl. ift diefs aber heutzutage noch möglich?- Der Geift der Gegenwart reifst Alles mit fich fort, und wer ftille fteht, geht rückwärts! Ungarn mufs miteilen, fo gut es eben geht; hat aber forgfältig im Hintergrunde feine gewaltigen Lücken auszubauen, die eine brachgelegene Vergangenheit gefchaffen hat. Erft dann, wenn eine geiftige Communication nach allen Richtungen hergeftellt fein wird, ift ein reelles Produciren auf dem Gebiete der Kunft und Wiffenfchaft zu erwarten. Alles vorreife Zufammenraffen kann nur ein haltlofes Bild geben, welches entweder auf fremden Stützen balancirt oder im leeren Scheine brillirt. Die ungarifche Ausftellung mufste auf denjenigen, welcher es wahr mit der Sache nimmt, diefen Eindruck machen. So lange die magyarifchen Künftler ihre Ausbildung ausfchliefslich in auswärtigen Ländern erhalten, ift deren Kunft keine ungarifche; fo lange der Induſtrie ihre Formen und ihre gefchickten Arbeiter nicht im Lande felbft erzeugt werden, ift fie keine nationale. Das Streben, nationale Elemente zu veredeln, ift nach diefer Richtung überhaupt gar nicht vorhanden, trotzdem das Land einen bedeutenden Denkmäler- Reichthum und eine ganz originelle Volksinduftrie befitzt. Ungarn hat im letzten Jahrzehnt mehr für die Kunftpflege gethan, als früher in Jahrhunderten gefchehen war. Sammlungen wurden angelegt oder reorganifirt, Vereine zur Hebung der Kunft gegründet, Schulen errichtet, Stipendien creirt und reiche Aufträge heimifchen Künftlern gegeben. Die Früchte diefer Beftrebungen hat denn die Zukunft zu bringen. Als Centralftelle für die Pflege des Kunftunterrichtes im weiteren Sinne, wurde eine Anftalt ins Leben gerufen, welche in ihrer Organiſation den gegenwärtigen Verhältniffen entſprechend für die Hebung des genannten Bildungsgegenftandes vom wohlthätigften Einfluffe fein wird. Es ift diefs die königl. ungarifche Landes- Zeichnenfchule und das damit verbundene ZeichnenlehrerSeminar in Peft.( Eröffnet 1. November 1871). Es können Verordnungen und Gefetze im Unterrichtswefen zu keiner rationellen Durchführung gelangen, wenn nicht befähigte Lehrkräfte hiezu vorhanden find. Wenn auch fchon in der von der Königin Maria Therefia herausgegebenen„ Ratio educationis publicae" der Zeichenunterricht für die Elemen tar- und höheren Normalfchulen beftimmt erfcheint, fo wird man doch vergebens nach den Spuren irgend welcher Refultate fuchen. Es fehlten eben Lehrer und Lehrmittel. Diefem Mangel foll nun durch die neu ins Leben gerufene Anftalt vor Allem abgeholfen werden. Seit dem Beftehen der Realfchulen, in welchen der Zeichenunterricht eine bedeutendere Rolle zu fpielen hat, wurde das Bedürfnifs officielle Nothwendigkeit; überdiefs wurde in Ungarn der Zeichenunter richt obligatorifch an den Gymnafien eingeführt. Was nun die Einrichtung der genannten Schule anbelangt, fo war es ganz angezeigt, ihr mehr den Charakter einer höheren Kunftgewerbe- Schule mit befonderer Rückficht auf die freien Künfte zu geben, als den einer Kunftakademie, welche, wie fchon einmal der Verfuch lehrte, weder der Kunft noch der Induftrie unter den obwaltenden Verhältniffen viel Nutzen fchaffen würde. Die Direction wurde in die Hände des Herrn G. Keleti gelegt, welcher im Auslande die reichften Studien über den Kunftunterricht gemacht hat und nach feinen Erfahrungen auch die Schule organifirte. Der Hauptzweck diefer Lehranftalt ift es denn, Zeichnenlehrer zu bilden, welche den Forderungen der Gegenwart und den gefteigerten Bedürfniffen des Landes genügen; ferner auf die Entwicklung der heimifchen Induftrie durch kunft gewerblichen Unterricht fördernd und veredelnd einzuwirken, dann aber auch begabtere Schüler für den künftlerifchen Beruf gründlich vorzubereiten. Diefe vorgefteckten Ziele fucht die Anftalt theils durch praktiſche Anweifung in allen drei Fächern der bildenden Künfte, theils durch einfchlägige wiffenfchaftliche Lehrcurfe zu erreichen. Die Anftalt befteht fomit: Aus einer gemeinfchaftlichen Vorbereitungsclaffe. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 13 Aus einer höhern Zeichenfchule, welche wieder in drei Fachclaffen zerfällt; nämlich: Für figurales Zeichnen und Malen; für architektonifches und ornamentales Zeichnen; für figurale und ornamentale Plaftik. Hiezu kommt die Abtheilung für Xylographie. Als Ergänzung des praktiſchen Unterrichtes dienen die Vorträge über Anatomie, defcriptive Geometrie, Perſpective, Schattenlehre, Kunftgefchichte und andere Fächer. Zur Fortbildung im Zeichnen für Gewerbetreibende, welche tagsüber durch ihren Beruf in Anspruch genommen werden, dient der regelmässige Abendcurs. In der Vorbereitungsclaffe werden nur folche Schüler aufgenommen. welche die Unterrealfchule, das Untergymnafium, eine Bürgerfchule oder eine höhere Volksfchule mit genügendem Erfolg befucht haben. Zur Aufnahme in eine der Fachclaffen ift erforderlich, dafs der Schüler entweder die Vorbereitungsclaffe der Anftalt oder die Volkslehrer- Präparandie oder eine der obigen Staatsanftalten mit gutem Erfolge befucht, aufserdem aber im Freihand- Zeichnen bereits eine entsprechende Fertigkeit erlangt habe. Die an diefer Anftalt vom Staate ftipendirten Zeichen Lehramts- Candidaten( zur Zeit 13, mit jährlichen 300 Gulden) haben aufser der Vorbereitungsclaffe einen dreijährigen Lehrcurs mit vorgefchriebenem Studienplan zu abfolviren, worauf diefelben einer Lehrerprüfung unterzogen werden, und je nach dem Erfolge der Prüfung ein Befähigungszeugnifs erhalten. Die Unterrichtsrefultate, welche von der Schule ausgeftellt waren, können als fehr befriedigend bezeichnet werden; fie zeigten durchwegs eine gediegene Auffaffung und im Vortrag eine freie, künftlerifche Behandlung, was in Bezug auf die kurze Zeit des Beftehens der Anftalt um fo anerkennenswerther ift. Defsgleichen waren die Arbeiten der Architekturabtheilung( im Linearzeichnen) mufterhaft zu nennen. An den Realfchulen mangelt es im Allgemeinen, wie erwähnt, eben noch an gefchulten Lehrkräften; eine Ausnahme hievon conftatirten übrigens die Leiftungen der Pefter und Ofner Anftalten. In erfter Linie ift hierin die BudaPefter ftädtifche Ober- Realfchule zu nennen. Die Arbeiten, obfchon fpeciell für die Ausftellung gewählt, zeigten einen feften, richtigen Lehrgang, eine forgfältige, vom künftlerifchen Verftändnifs geleitete Wahl der Originale und ein fachkundiges Handhaben der technifchen Mittel. Im Linearzeichnen waren leider zu viele Ausstellungsblätter vorgelegt, aus welchen wenig Einficht in den Lehrgang und die Methodik gewonnen werden konnte. Die Zeichnungen waren, befonders im Mafchinenfach, brillant aber nur zu brillant in der Farbe und in für die Schule übermäfsiger Ausführung. - Auch an der königl. Ofner Ober- Realfchule ift der Lehrgang ganz correct; doch mufste es zweifelhaft erfcheinen, ob die vorgelegten Arbeiten in der That als Refultate des Unterrichtes zu betrachten waren, oder ob damit blofs der Lehrgang gezeigt werden follte. Dasfelbe mufs vom geometrifchen Zeichnen gefagt werden, wo nach den noch beftehenden Einrichtungen auch Situations-, Bau- und Mafchinenzeichnen repräfentirt wurde, aber in einer Weife, dafs es für das Alter der Schüler bewunderungswürdig genannt werden müfste. Durch ganz gediegene und angemeffene Arbeiten war auch die Pefter Staats- Oberrealfchule vertreten; defsgleichen waren die Modellirungen von beiden Pefter königlichen Anftalten recht lobenswerth. Von den übrigen Schulen des Landes leuchteten die Leiftungen der Prefsburger Oberrealfchule am vortheilhafteften hervor; auch an der Kafchauer und Graner Realfchule wird nach gutem Syfteme gearbeitet, nur zeigte fich an der letztgenannten Anftalt wie an den meiften anderen der Provinz noch ein auffallender Mangel an guten Originalen; dasfelbe gilt auch von den meiften Anstalten 14 J. Langl. in Siebenbürgen, unter welchen nur die Mittelfchule zu Hermannftadt Befriedigendes zeigte. Von den Volksfchulen, die nunmehr in Ungarn fchon gefetzlich geregelt find, waren aufser der Pefter katholifchen Mädchenfchule( Landfchaften, Blumen etc.) keine Schülerarbeiten im Zeichnen ausgeftellt. Die Durchführung eines geregelten Zeichenunterrichtes in den unterften Schulen dürfte hauptfächlich in dem Mangel an gehörig dafür gebildeten Lehrern noch ihre Schwierigkeiten finden. Damit nach einem einheitlichen Syfteme allerorts vorgegangen werde, wurde von der Regierung ein Leitfaden für den Zeichenunterricht herausgegeben, nach welchem die Lehrenden fich zu halten haben. Wir wiederholen nur das am Eingange Ausgefprochene, dafs eben in Ungarn auf diefem Felde erft Alles im Zuge" ift und die getroffenen Einrichtungen vielleicht erft bei einer nächften Weltausftellung eine eingehende Kritik herausfordern dürften. Deutſchland. Dafs die deutfche Ausftellung diefsmal in der Induſtrie und Kunft bei der Concurrenz mit den anderen Staaten einen hervorragenden Platz einnahm, wird wohl jedermann ohne Frage zugeben. Die Maffe fowohl als die Vielfeitigkeit der Productionen zeigte, dafs es der Nation nicht an Reichthum von Talenten mangle, die höchften Ziele anzuftreben und dafs fie alle Mittel befitze, auch auf dem Wahlplatze der Arbeit die Siegespalme zu erreichen. Dafs diefs aber trotz aller Anftrengungen noch nicht gefchehen, dafs der„ Kampf in den Formen" noch immer zu Ungunften der Deutfchen ausfallen mufste, ift hauptfächlich den Mängeln des Kunftunterrichtes, dem Mangel der Kunftpflege überhaupt zuzufchreiben. Als mit Anfang diefes Jahrhunderts die deutfche Kunft fich in bedeutenden Talenten zu entwickeln begann und befonders von den baierifchen Fürften unterſtützt in monumentalen Aufgaben emporblühte, fpielte die Induftrie noch lange die untergeordnete Rolle, da einerfeits die vornehmen Wege der Kunft das Kunft- Handwerk wenig berührten, anderfeits aber der franzöfifche Gefchmack überall zu tiefe Wurzeln gefchlagen hatte, als dafs die Deutfchen mit Reformen der beftehenden Mode hätten opponiren können. So wenig nationalen Charakter die deutfche Induftrie feit der Entartung des Gefchmackes im XVII. Jahrhundert bis zum heutigen Tageim Allgemeinen- zu befitzen fcheint, fo find es dennoch die Elemente der älteren nationalen Kunft gewefen, welche fich gegen den Anfchlufs an die franzöfifche Richtung fträubten und, wenn auch verkümmert und vernachläffigt, ihre Eigenthümlichkeit bis heute bewahrten. Deutfchland hatte vor der Barokzeit in Kunft und Induftrie glänzende Epochen. Die deutfche Renaiffance, in welcher fich die überlieferten mittelalterlichen Formen mit jenen der Antike vermälten, bildet in ihrer reichen Entfaltung im XVI. Jahrhundert die eigentliche Bafis unferer natio nalen Kunft. In der Malerei löften fich die mittelalterlichen Elemente in der antiken Formenanfchauung vollends auf; ein edler Realismus entwickelt fich in der modernften Zeit neben den idealiftifchen Beftrebungen. Die Plaftik trägt die Spuren jener Zeit noch deutlicher an fich, ift aber ebenfalls im Begriffe, durch die Antike fich dem Realismus zuzuwenden. Die Architektur, welche zur Zeit in ihre gothifchen Formen die antike Decoration aufnahm, klärte fich in jüngfter Zeit wieder, als mit der vollſtändigen Wiedererweckung der griechifchen Kunft die Läuterung der Stile fich vollzog. Diefer Strömung in der Entwicklung der Künfte folgte aber, wie fchon angedeutet, nur ſchüchtern die Kunftinduftrie. Auf dem brachgelegenen Felde ging eher eine Löfung als weitere Verfchmelzung der an fich dualiftifchen Elemente vor fich. Das induftrielle Gefchick ift bei den Deutfchen damit nicht abhanden gekommen, aber der erfindende Geift mangelt, das Vorhandene weiter zu entwickeln. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 15 Wer in den deutfchen Unterrichtsausftellungen die zahlreichen Portefeuilles mit Zeichnungen aus den verfchiedenen Kunftſchulen durchblätterte, konnte finden, dafs neben gothifchen und antiken Vorbildern vorzugsweife die Renaiffanceformen vertreten waren. Wo im felbftftändigen Schaffen aber der Verfuch gemacht wurde, diefe verfchiedenen Elemente zu vereinigen, ftörte bisher fo zu fagen mehr ein Stil den anderen, als dafs eine organifche Verfchmelzung derfelben ftattgefunden hätte. Für die Klärung der Ornamentik in der deutfchen Induftrie fehlt noch überall in den Schulen das fo nothwendige Studium der Natur und fpeciell der Pflanze; fo lange blofs Hergebrachtes copirt wird, kann von einer Entwicklung neuer Elemente nicht die Rede fein. Aus der Natur ift dann auch das Verſtändnifs für den Zweck des Ornamentes zu fchöpfen, nämlich das Beziehen zum Gegenftand und zum Materiale oder die Kunft zu lernen, das Harmonifche der Profaformen in die Formen eines rhythmifchen Aufbaues zu übertragen. Die deutſchen kunftgewerblichen Schulen ftehen mit der Induſtrie vielfach in regfter Wechfelbeziehung, und ift ihr Einfluss vielleicht ebenfo mafsgebend wie in Frankreich und anderwärts, was fchon daraus erhellen mag, dafs beiderfeits die gleichen Mängel und Vorzüge zu Tage treten. Die Erfahrungen, die von den Deutfchen auf den früheren Weltausftellungen in Bezug auf ihre Induftrie gemacht wurden, haben wohl langfam eine Wandlung im Gefchmack veranlafst, aber eine entfchiedene Reform ift bisher noch nicht durchgedrungen. Freilich fehlte bis vor Kurzem hiezu die ftaatliche Einheit und mit ihr ein nothwendig leitender und anregender Impuls von„ Oben" herab; dann aber, was fchon Gottfried Semper in feinen„ Vorfchlägen zur Anregung eines nationalen Kunftgefühles" bei Gelegenheit der erften Londoner Weltausftellung niederfchrieb;„ ein zweckmäfsiger allgemeiner Volksunterricht des Gefchmackes". Erft in der jüngsten Zeit beginnt fich's auf allen Seiten zu regen, und wenn die Zukunft rüftig weiter arbeitet, fo dürfte bald der Kunftunterricht feine ihm gebührende Stelle in der Schule einnehmen. Das Zeichnen, welches aufser den Kunftſchulen bisher blofs in den gewerblichen Fortbildungsanftalten, den Sonntags- und Abendcurfen etc. gepflegt wurde, findet nun auch fchon theilweife in den allgemeinen Unterrichtsanftalten Eingang, mit der Miffion, den Sinn für das Schöne in den Formen zu wecken. Vieles bleibt zwar in diefer Hinficht noch zu wünfchen und Vieles ift noch der Hoffnung anvertraut, die vollfte Anerkennung aber verdient fchon jetzt das energifche Streben der deutſchen Zeichenlehrer, welche fich mit dem regften Eifer um ihren Gegenftand annehmen und befonders in Bezug auf Methodik und zweckmäfsige Vorlagewerke für den elementaren Unterricht bereits Treffliches geleiftet haben. Zu bedauern war es nur, dafs auf der Ausftellung wenig Schülerarbeiten aus den Volks- und Mittelfchulen vorlagen; das Meifte bezog fich auf die Fach- und Fortbildungsfchulen, in welcher Hinficht( befonders aus Süd- Deutfchland) ein klares Bild der gegenwärtigen Beftrebungen gewonnen werden konnte. In den folgenden Berichten über das Ausgeftellte der einzelnen deutſchen Länder hat fich denn der Berichterstatter dem vorhandenen Materiale nach vorzugsweife an den gewerblichen, refpective induſtriellen Unterricht gehalten und von den Volks- und Mittelfchulen vielfach nur die auf den Gegenftand bezüglichen gefetzlichen Verfügungen, die aufgelegten Vorlagewerke und fonftigen Unterrichtsapparate der Befprechung unterzogen. Das Materiale war auch in diefer Hinficht ein fehr reiches und hatten überdiefs die meiſten Staaten darauf Bedacht genommen, durch fchriftliche Erläuterungen zu ergänzen, was wegen Raummangels oder anderer Umstände der Ausftellung ferngeblieben war. Baiern. Die Unterrichtsausftellung Baierns erftreckte fich über alle Kategorien von Bildungsanftalten, von der Erziehung des Kindes in den erften Lebensjahren an bis zu den technifchen und kunftgewerblichen Hochfchulen. Zahlreiche 2 16 J. Langl. ftatiftifche Tabellen, Programme etc. gaben über die Gefammtorganiſation des Unterrichtswefens und den gegenwärtigen Stand desfelben in der umfaffendften Weife Auffchlufs, fo dafs von jedem einzelnen Unterrichtszweige eine klare Ueberficht gewonnen werden konnte. Traditionell ruht der Schwerpunkt des Zeichenunterrichtes in Baiern in den kunstgewerblichen Schulen mit den Centralftellen in München und Nürnberg. Der Gegenftand dient faft ausfchliefslich den Gewerben, und wurden ihm aufser den praktiſchen, felbft bis in die neuefte Zeit, keine weiteren Abfichten unterlegt. Es darf wohl nicht auffallen, dafs in Baiern trotz des Aufblühens der Kunft an Akademien, trotz der zahlreichen von kunftfinnigen Königen gefchaffenen Sammlungen, Mufeen, Denkmäler etc. das Kunſtverſtändnifs im Volke noch vieles zu wünſchen übrig läfst, da die Erziehung dafür in den Schulen bisher gänzlich mangelte. Und diefs bleibt denn doch ftets der Hauptzweck des Zeichenunterrichtes, dafs das Auge für das Formenlefen und für das Begreifen derfelben erzogen werde. Seit die deutfche Kunft durch Cornelius wieder erweckt wurde, haben fich für diefen Unterrichtszweig nach genannter Richtung ja fo viele Bahnen erfchloffen, dafs es am meiften Befremden mufs, wenn in dem Lande, wo diefe Wiedergeburt der deutfchen Kunft fich vollzog, der Erziehung des Volkes dafür keine Beachtung gefchenkt wurde.„ Obgleich der Zeichenunterricht", fagt J. Bahm in feinem ftatiftifchen Handbuch des baierifchen Volksfchulwefens( 1872),„ fchon nach dem Lehrplan vom Jahre 1811 obligater Unterrichtsgegenstand der Volksfchule ift, wird er an den meiften Volksfchulen bis heute nicht gepflegt; nur in den gröfseren Städten wird er theilweife gelehrt, und ift es mehr als auffallend, dafs gerade in Nürnberg, der erften Gewerbeftadt Baierns, diefer Lehrzweig gar nicht cultivirt wird." Was von Schülerarbeiten aus den baierifchen Volksfchulen vorlag, zeigte auch bei den wenig bedeutenden Erfolgen keine ausgefprochene Methode. Eine Ausnahme bildeten hierin nur die Münchner Schulen, wo nach dem neuen Lehrplan vom Jahre 1872 fchon in der erften Claffe mit dem Zeichnen auf Schiefertafeln begonnen und in den nächften Claffen dann auf Papier von den einfachen geometrifchen Formen zum Conturornamente vorgefchritten wird. Den befferen Methoden fchloffen fich auch die Schulen von Kirchdorf und Aichbach an, in welch' letzterem Orte auch die ftigmographifchen Hefte mit Nutzen in Verwen dung ftehen. Es mag jedenfalls vielfach mit Urfache an der geringen Pflege des Zeichenunterrichtes in den baierifchen Volksfchulen die getheilte, unfyftematiſche Vorbereitung der Lehrer an den Seminaren fein Die vorgelegten Arbeiten zeigten diefs in auffälliger Weife. Das Gefetz für die Bildung der Lehrer vom Jahre 1866 fchreibt für die drei Curfe folgenden Gang vor: ,, I. Curs: Uebungen des Auges und der Hand im Zeichnen nach entſprechend grofsen Körpern mit ebenen Oberflächen; Erläuterung des Sehens und fonach erfte Andeutung über Perfpective; Uebungen von regelmässigen Curven und Spiralen als Grundform für Ornamentik. II. Curs: Zeichnen einfacher römifcher Ornamente nach Wandtafeln und, wenn thunlich, auch nach plaftifchen Vorlagen. Zeichnen der Proportionen des menfchlichen Kopfes und feiner Eintheilung in einfachen Umriffen. III. Curs: Fortfetzung der Uebungen im Zeichnen nach Wandtafeln und nach dem Runden. Zeichnen des menfchlichen Kopfes und feiner einzelnen Theile in verfchiedenen Gröfsenverhältniffen. Linearzeichnen: Auftragen, Theilen und Meffen gerader Linien, ebener Winkel und Figuren, Conftruction von Mafsftäben mit Beihilfe von Linealund Reifszeug." Die zahlreich vorliegenden Leiftungen der verfchiedenen Lehrerbildungs- Seminaren zeigten, dafs diefen Forderungen nur theilweiſe entfprochen wird; dabei waren von keiner Anftalt die Blätter in fyftematiſcher Folge geordnet, dafs ein Einblick in das methodiſche Fortfchreiten hätte gewonnen werden können. Auch der Mangel guter Originale machte fich vielfach geltend. Herdtle's für die Volksfchulen fo praktiſche Ornamente waren aufer den Anftalten zu Straubing und Rofenheim nirgends zu finden; meift werden ver Der Zeichen- und Kunftunterricht. 17 altete Idealformen copirt, die wohl an die Antike, die Renaiffance oder Gothik erinnern, aber in ihrer Laxheit eher die Tendenzen des Zopfthums vertreten; ebenfo fteht es mit dem figuralen Zeichnen, was übrigens nur nebenbei betrieben wird. Das Zeichnen nach Gypsornamenten zeigt dort Erfolge, wo gutes Conturzeichnen vorangeht; fo lagen ganz nette Arbeiten von den Seminaren zu Speier und Lauingen vor, nur fanden fich in den Portefeuillen der letzteren Anftalt auch verwerfliche Landfchaften. Zeichnungen nach Naturmodellen ( geometrifchen Formen) brachte das Seminar zu Kaiferslautern. Die Anftalten in Würzburg, Freifing, Bamberg und Eichstädt halten fich vorwiegend an das Conturornament; ausnehmend viel nach Gyps wird im Seminar zu Paffau gezeichnet, aber in einer wenig empfehlenswerthen Strichmanier, durch welche nie die Modulation der Form fo beherrscht werden kann, wie im Tonzeichnen. Bezüglich des geometrifchen Zeichnens ift von den genannten Anftalten zu erwähnen, dafs meift Projectionszeichnen in Anwendung auf einfache Architekturmotive, wie Säulen etc. betrieben wird; ein fyftematifches geometrifches Zeichnen ift noch wenig durchgeführt. Von J. Böhm lag ein Handbüchlein für ,, zeichnende Geometrie", fpeciell für die Lehramts- Candidaten verfafst, vor, welches in feiner bündigen Form fich zur Ausfüllung diefer Lücke beftens empfehlen dürfte. An den Realgymnafien Baierns wird das Zeichnen, wenn auch nicht mit bedeutenden, fo doch meift recht anftändigen Erfolgen gepflegt. Es werden faft ausfchliefslich Ornamente gezeichnet und auf ftrenge Conturen das Hauptgewicht gelegt. Die Vorlagen, halten fich an die Renaiffance und Gothik; Zeichenmittel find Bleiftift und Feder. Die erfte Claffe beginnt mit der geometriſchen Formenlehre, an welche fich in der zweiten Claffe freiere Conturornamente anfchliefsen; in der dritten und vierten Claffe wird dann das fchattirte Gypsornament geübt und mit den talentirteren Schülern auch das figurale Zeichnen berücksichtigt. Das baierifche Realgymnafium hat laut einer königlichen Verordnung vom Jahre 1864 die Aufgabe, neben einer allgemeinen wiffenfchaftlichen Fortbildung die entfprechende Vorbereitung für jene Berufsarten zu gewähren, welche eine nähere Vertrautheit mit den exacten Wiffenfchaften erfordern; es hat hiernach wefentlich den Studien für den technifchen Staatsdienft die nöthige Grundlage zu geben und fetzt, dem humaniftifchen Gymnafium parallel laufend, das Wiffen aus den vier Claffen der Lateinfchulen voraus. Es wird demnach auch dem Zeichnen ein bedeutenderer Spielraum eingeräumt, als diefs bei den Anftalten ähnlichen Charakters in Oefterreich der Fall ift, wo freilich die Zweitheilung im Unterbau liegt, die Richtung eine vorwiegend humaniftifche ift und auf das Linearzeichnen wenig Rücksicht genommen wird. Die Geometrie ift nämlich der Mathematik zugetheilt und wird nur in der vierten Claffe neben dem Freihand- Zeichnen auch Projectionszeichnen betrieben, was aber in den vier Stunden per Woche felbft verftändlich nur von geringem Belang fein kann. In den baierifchen Realgymnafien find in den erften drei Claffen drei bis vier und zwei Stunden der Geometrie und durchgehends fechs Stunden dem Zeichnen gegeben und find nach dem von der Regierung beftimmten Programme ftufenweife Conftructionen in der Ebene, Projectionslehre, Schatten conftructionen und Perfpective zu nehmen. Das Realgymnafium in München hatte nach dem„ Leitfaden für den LinearZeichenunterricht" von L. Edelmann, München 1871( der Verfaffer ift an der Anftalt als Lehrer thätig) fehr lobenswerthe Arbeiten vorgelegt, welche auch dem Lehrplane vollkommen entſprachen. Nicht dasfelbe ift von den meiften anderen Anſtalten zu fagen; es wird im Allgemeinen fogleich mit dem Projiciren begonnen und faft ausfchliefslich das Bau- und Architekturzeichnen cultivirt; hie und da auch conftructive Perſpective gepflogen, aber ohne beſtimmten, einheitlichen Lehrgang. Die erften Säulenordnungen fpielen auch hier, wie überhaupt im gefammten Linearzeichnen der baierifchen Schulen die Hauptrolle. 2* 18 J. Langl. Dem Münchner Realgymnafium kam das Regensburger in guten Freihandzeichnungen zunächft und wurde nur durch fchlechte figurale Vorlagen wieder verdorben, was im Ornamente durch ,, Herdtle" gut gemacht war. Wahre Miffethaten im figuralen Zeichnen fanden fich auch in den Portefeuilles der Anftalten von Nürnberg und Würzburg, wobei ganze Acte mit der Feder gezeichnet erfchienen! An letzterer Schule wird übrigens gut mit Bleiftift nach Gypsornamenten gearbeitet. Das Zeichnen an den übrigen Lateinfchulen fpielt auch in Baiern wie allerorts eine ziemlich ifolirte Rolle und wird fie fpielen, fo lange nicht von beiden Seiten, von den realen und den humaniftifchen Fächern eine Brücke angebahnt wird. Die revidirte Ordnung der lateinifchen Schulen und der Gymnafien im Königreiche Baiern vom Jahre 1863 duldet das Zeichnen als facultativen Gegenftand und überläfst es dem ,, Pflichteifer der Rectorate und Lehrer, dafs durch geeignete Belehrung ein lebhaftes Intereffe dafür bei der Jugend erweckt werde". Dafs diefe Verordnung ein Schlag ins Waffer war, wird begreiflich fein- ohne dafs den betreffenden Rectoraten und Lehrern ein Vorwurf zu machen wäre. Eine Ahnung des Bedürfniffes nach dem Zeichenunterricht taucht wohl in dem ,, Entwurf einer Ordnung gelehrter Mittelfchulen im Königreiche Baiern"( ausgearbeitet von der Berathungscommiffion 1870) wieder auf, aber blofs als Irrwifch, feftgehalten wurde der Gedanke noch keineswegs. Der betreffende Paragraph ( 2) heifst: ,, Der Unterricht im Zeichnen ift den bisherigen Beftimmungen der Studienordnung nach als ein facultativer Lehrgegenftand unter die Lehrfächer der Studienanftalten aufgenommen. Bei der Wichtigkeit diefes Unterrichtes für die Erweiterung des Formenfinnes und die Bildung eines geläuterten Gefchmackes ift die Frage eine wohl berechtigte, ob derfelbe nicht wenigftens für die Claffen der lateinifchen Schule als ein obligater Lehrgegenftand vorgefchrieben werden follte. Da indeffen die Commiffion hierüber keine Verhandlung gepflogen hat, fo ift in dem vorliegenden Entwurf in Uebereinstimmung mit den bisherigen Beftimmungen der Zeichenunterricht als ein facultativer Unterrichtsgegenstand behandelt worden." Diefe Frage bleibt dann vorläufig noch offen; aber fie tritt von Tag zu Tag ernfter an die humaniftifchen Bildungsanftalten heran. Der Kunftunterricht pocht mit Gewalt an die Pforten der Gymnafien und fie werden den Titel ,, humaniſtiſche Bildungsanftalten" im vollen Umfange erft rechtfertigen, bis diefe leider zu lange vernachläfffigte Disciplin ergänzend zu den beftehenden getreten fein wird. Wir wenden uns zu jenen Schulen, in welchen das Zeichnen vorwiegend gewerbliche Intereffen zu vertreten hat, nämlich den gewerblichen Fortbildungsfchulen und den eigentlichen Induftrie- oder Gewerbefchulen. Faft jeder bedeuten dere Ort in Bayern hat feine meift von der Commune erhaltene gewerbliche Fortbildungsfchule, in welchen zum Theil rein gewerblichen, dann aber auch land wirthschaftlichen und commerciellen Intereffen Rechnung getragen wird. Diefe Schulen haben zunächft den Zweck, den Handwerker in Bezug auf feinen Beruf weniger für das fpeciell Fachliche, als vielmehr für die allgemeine Bildung vorzubereiten, um gediegene gewerbetreibende Männer zu erziehen, die neben dem Wiffen in ihrem Fache auch eine gewiffe geiftige Reife befitzen, den heutigen focialen und politifchen Anforderungen entſprechen. Dafs in diefen Anftalten das Zeichnen nach jeder Richtung eine wichtige Rolle zu fpielen berufen ift, wird Niemand in Frage ftellen. Es ift damit für's Allgemeine läuternd auf den Gefchmack einzuwirken und dann die fo nothwendige techniſche Fertigkeit zu pflegen, welche fich unmittelbar ins Praktiſche überträgt. Dem erfteren wird nur durch einen fyftematifchen Lehrgang mit gut gewählten Vorlagen entſprochen werden können, während das letz tere von der Thätigkeit und dem Fleifse der Schüler abhängen wird. Die baierifchen gewerblichen Fortbildungsfchulen laffen leider im Allgemeinen, den vorgelegten Arbeiten nach in beiden Richtungen noch Vieles zu wünſchen - f ] 1 S 1 1 r n n Der Zeichen- und Kunftunterricht. 1 übrig. Es mag wohl die Haupturfache an den fchwachen Erfolgen fein, dafs die Vorbildung der Schüler von der Elementarfchule aus eine äufserft ungleichmässige ift und überhaupt der fchwächere Theil der Schüler jener vorbereitenden Claffen den Fortbildungsfchulen zugeführt wird, dann aber find oft locale Verhältniffe zu berücksichtigen, welche ein fyftematifches Vorgehen im Unterricht beeinträchtigen. Gediegene Vorlagewerke wären aber dann das dringendfte Bedürfnifs in den Zeichenfälen. Wer jedoch die zahlreichen Portefeuilles diefer Kategorie von Schulen durchblätterte, mufste in Bezug auf den letzten Punkt noch manchen Mangel conftatiren. Es ftehen zum grofsen Theil noch Formen im Ornamente in Verwendung, die veraltet und felten in Bezug zur Praktik ftehen. Was das Technifche anbelangt, wird dann meift zu früh in Schatten gearbeitet, vielfach auch das Formenzeichnen verlaffen und zum Bildchenmachen in Landfchaften die Zuflucht genommen. Im linearen Zeichnen mangelten in den meiften Schulen die Grundelemente der Geometrie; es werden Zirkelübungen von Flächendecorationen, Mofaikböden etc. auf der erften Stufe gepflegt, an welcher fich dann das Progeftions- und Bauzeichnen anfchliefst. Eine lobenswerthe Ausnahme bildeten nur die Arbeiten der Schule zu Töls, von welcher gute Contourornamente und fehr anftändige Fachzeichnungen vorlagen; auch von Grünzburg ift Befferes zu verzeichnen; gutes Streben zeigten ferner die Anftalten von Werdenfels, Landsberg und Aichach. In den Fortbildungsfchulen der landwirthschaftlichen Richtung wird auch das Situationszeichnen hie und da mit ziemlichem Erfolge geübt. Beffere Refultate werden felbftverſtändlich in den Tagesfchulen erzielt und lagen von der Anftalt in Rofenheim ganz gediegene Arbeiten vor. Es dürfte hier auch der Platz fein, die Leiftungen der Regensburger Baugewerk- Schule zu erwähnen, welche den Lehrgang in allen Sectionen des Bauzeichnens klar illuftrirten und an und für fich zu dem Beften gezählt werden konnten, was im Linearzeichnen von den baierifchen Unterrichtsanftalten überhaupt ausgeftellt war. Die Erfolge des Zeichenunterrichtes an den eigentlichen Gewerbefchulen waren im Allgemeinen befriedigend zu nennen und verdienten die fogenannten Kreis- Gewerbefchulen*( von Kreismitteln erhalten) theilweife den Vorzug, was übrigens der reicheren Dotirung und der befferen Situirung diefer Anftalten zuzufchreiben ift. In der Einrichtung der Schulen ift vielfach localen Bedürfniffen Rechnung getragen und herrfcht im Allgemeinen die commercielle Richtung vor; einen ausgefprochen gewerblichen( induftriellen) Charakter befitzen nur die Schulen von Nürnberg und München. Die vorgelegten Schülerzeichnungen zeigten durchgehends ein zweckmässiges Syftem im Unterrichtsgang. Es wird zumeift im erften Curfe des Freihand- Zeichnens mit den Herdtlefchen oder Volz'fchen Uebungsblättern begonnen und im zweiten Curfe zu leicht fchattirten und Gypsornamenten übergegangen, zugleich aber das Projectionszeichnen in umfaffender Weife durchgenommen; im dritten Curfe wird dann mehr fachliches Zeichnen gepflegt und zwar im Freihand- Zeichnen ausfchliefslich nach der Natur gearbeitet und im linearen Architektur- und Mafchinenzeichnen betrieben. Sehr gute Arbeiten lagen vor von den Gewerbefchulen zu Würzburg, Regensburg, Nürnberg und Fürth. Letztere Anftalt hatte auch eine umfangreiche Sammlung von ftereometrifchen Modellen( aus Glasflächen gebildet) ausgeftellt, welche von dem verdienftvollen Mitgliede des Lehrkörpers der Schule Dr. Langhans gefertigt waren und an exacter Ausführung und praktifcher Zufammenftellung andere ausgeftellte Lehrmittel diefes Genre weit hinter fich liefsen.** * In Baiern beftehen im Ganzen 31 mittlere Gewerbefchulen, wovon fechs der bedeutendften den Namen Kreis- Gewerbefchulen führen. ** Der Berichterstatter glaubt diefe treffliche Arbeit hier befonders hervorheben zu müffen, da fie merkwürdigerweife von der Jury überfehen wurde. 20 J. Langl. Lobende Erwähnung verdienen dann noch die Leiftungen der Schulen von Beyreuth und Freifing. Die Münchner Handwerker- Fortbildungsfchule glänzte vorzüglich im ( technifchen) Linearzeichnen; den Ornamenten, fo trefflich fie mitunter ausgeführt waren, fehlte, wie leider der deutfchen Induftrie überhaupt, die Grazie. Die Wachsboffirungen und Cifellirarbeiten waren in technifcher Hinficht in der Mache gewifs tadellos, nur lag in dem Stile eine gewiffe Schwere, welche die Klarheit der Motive vielfach beeinträchtigte. Die an der Anftalt in Verwendung ftehenden Wandtafeln von L. Volz ,, Ornamenten- und Architekturfchule"( vorwiegend gothifche und griechifche Motive) find ein praktifches Lehrmittel; mir wäre ein ftärkeres Betonen des Heiteren, Anmuthigen, deffen reiche Quellen in die Renaiffance reichen, wünfchenswerth gewefen. In den Zeichnungen, welche vom., polytechnifchen Centralverein in Würz burg" ausgeftellt waren, konnte keine befondere Gefchmacksrichtung entdeckt werden. Der Anfang im Conturornamente ift gut; dagegen mangelhaft das fortgefetzte figurale und Landfchaftszeichnen. Auch das Stab- und Körperzeichnen in folch' übermäfsiger Ausführung, wie es die Arbeiten zeigten, ift Zeitverfchwendung. Anerkennung verdienten dagegen die plaftifch- ornamentalen Zeichnungen, nur fand fich durchwegs zu dunkles, gefchmackwidriges Papier. Ganz unbedeutend war das figurale Zeichnen nach Gyps und der Natur; beffer die Farbenftudien von Blumen, Stillleben etc. Die Blume, refpective Pflanze, von der doch das Ornament auszugehen hat, wird leider, wie fchon im Eingange erwähnt, in den deutfchen Zeichenfchulen im Allgemeinen wenig gepflegt; doch ift ein befferes Beftreben hierfür bereits bemerkbar. Ein ganz treffliches Lehrmittel zum Uebergang vom ornamentalen zum Natur- Pflanzenzeichnen brachte J. Filfer( München) in einer Collection von Gypsabgüffen lebender Blätter, die in ihren natürlichen Bewegungen trefflich in das feftere Material übertragen waren. Sonft wurde an Vorlagewerken in letzterer Zeit in Baiern nicht viel producirt. Profeffor H. Weifshaupt's, des eifrigen Kämpfers für die Hebung des Zeichenunterrichtes, treffliche Arbeiten für das Linear- und Ornamentenzeichnen find allenthalben zu bekannt, als dafs fie hier mehr als der Erwähnung bedürften. E. Volz, Lehrer für das Zeichnen und Boffiren an der Kreis- Gewerbefchule zu Kaiferslautern, hat fich mit feinen Vorlageheften und Wandtafeln für den ElementarZeichenunterricht fehr verdient gemacht. Durch ihn findet befonders in den Zeichenfchulen der Pfalz die für die erfte Unterrichtsftufe fo praktiſche ftigmographifche Methode ihre Verbreitung. Seine kleinen, netten Heftchen dafür verdienen, der forgfältigen, fyftematifchen Zufammenftellung der einfachften geometrifchen Formen wegen, die vollfte Anerkennung; desgleichen find des Verfaffers Vorlagen für den Linear- Zeichenunterricht zum Gebrauche für die unteren Abtheilungen an technifchen Schulen recht zweckdienlich. Den Glanzpunkt der baierifchen Unterrichtsausftellung bildeten dann, wie fchon früher erwähnt, die Arbeiten der höheren Kunft- Gewerbefchulen von Nürnberg und München. In München vertreten die Intereffen der Kunftinduftrie vor züglich die königliche Kunft- Gewerbefchule und der Kunft- Gewerbeverein; die Pflege der eigentlichen Kunft ift der Akademie der bildenden Künfte zugewiefen, welche unter Kaulbach und Piloty gegenwärtig als der Centralpunkt der deutfchen Malerei angefehen werden kann. In Nürnberg find beide Tendenzen in einer Schule vereinigt, und hat diefe ältefte Kunftſchule Deutfchlands( ihr Gründer Joachim v. Sandart 1606 bis 1688) befonders in den zwei letzten Jahrzehnten unter Krelings trefflicher Leitung nach jeder Richtung bedeutfamen Auffchwung genommen. Die von dem Inftitute ausgeftellten Gegenftände geben ein klares Bild von den Beftrebungen in Bezug auf Gefchmacksrichtung und von dem eingeführten Lehrplane, welchem die Beftimmung zu Grunde liegt, die künftlerifche Ausbildung der Schüler in allen Fächern Der Zeichen- und Kunftunterricht. 21 bis zur höchftmöglichen Vollendung anzuftreben, und zugleich die Anwendung der Kunft auf die Gewerbe und dadurch die Veredlung der letzteren fich zum Ziele zu fetzen. Der Unterricht beginnt mit dem Ornamentenzeichnen nach plaftifchen Modellen und hat der Schüler, nach correcter Wiedergabe der Conturen, die ebenfo wichtige innere Bewegung der Formen zu ftudiren. Das Modelliren im Ornamente gefchieht meift nach Zeichnungen mit theilweifer Benützung alter Vorbilder und das für das Induftrielle fo nothwendige Uebertragen vom Graphifchen ins Plaftifche zu lernen. Für die Uebung in der Holz- und Metalltechnik werden an der Anftalt fowohl Holzfchnitzerei- als Cifelirarbeiten gefertigt, die entweder als Modelle in die Werkstätten der Gewerbetreibenden übergehen oder direct für kirchliche oder profane Zwecke verwendet werden. In der Architektur führt das conftructive Zeichnen nach antiken, gothifchen und Renaiffancemuftern zu felbftftändigen Entwürfen baulicher und baugewerklicher Gegenftände und der Anwendung der Architektur auf die Ausftattung kunftgewerblicher Objecte. Im figuralen Fache folgt nach der Antike das Naturftudium im Porträt und dem Acte fowohl im Zeichnen als im Modelliren. Damit ftehen auch die Uebungen im Malen in Verbindung. - Das Inftitut pflegt auch den das Kunstgewerbe fördernden Zweck, unter Leitung der einzelnen Lehrer von den Schülern gröfsere plaftifche oder bildliche Gegenstände zu gewerblichen Zwecken auf Beftellung auszuführen, fo auch rein künftlerifche Aufgaben in derfelben Weife zu löfen. Die Anftalt bildet fonach durch diefe aus der Erfahrung hervorgegangene Einrichtung, was der deutfchen Induftrie vielfach mangelt und was an der Spitze diefes Auffatzes betont wurde, eine Brücke zwifchen der Kunft und dem Kunftgewerbe. Die Organiſation der Nürnberger Kunftfchule, fo wie wir fie hier flüchtig gefchildert haben, läfst mit ihren Ergänzungen der kunftwiffenfchaftlichen und anatomifchen Vorträge, der Zuhilfenahme verfchiedener Vervielfältigungsmittel für ihre Productionen etc. gewifs keinen Wunfch übrig; es handelt fich nur darum, wie die Richtung der Schule( in Bezug auf Stil) fich zu der allgemeinen Strömung der Zeit verhält und welche Rolle fie in diefer Beziehung in der Gegenwart und für die nächfte Zukunft für die deutfche Induftrie fpielt. Wir berühren damit freilich eine Frage von viel allgemeinerer Bedeutung, nämlich: was fpielt die Gothik heute mehr für eine Rolle im Baulichen und Induftriellen überhaupt? Wer das alte Nürnberg durchwandert, wird es begreiflich finden, dafs in Mitten der lebendigften Traditionen des Mittelalters, unter den fchönften Blüthen der deutfchen Kunft in einer Kunftfchule dafelbft diefe Elemente noch fortleben müffen, felbft wenn anderwärts die Zeit längft der Kunft ein neues Gewand gefchaffen und der in fteter Entwicklung wandelnde Gefchmack fich in reichen Veränderungen erging. Seitdem die moderne Kunft vorzugsweife durch die Vorbilder der italienifchen Renaiffance wieder zur Natur zurückkam und die dichtende Phantafie ihre reinften Quellen wieder erkannte, verlor die Gothik das Gebiet der Profankunft gänzlich; fie lenkte fpeciell zum Kirchlichen hin, in welchem fie fich ja in der Vergangenheit in den grofsartigften Schöpfungen entfaltet hatte. Hier allein wird fie auch noch ihr Fortkommen finden, fowohl im Baulichen als im Kunftgewerklichen. Die Nürnberger Kunftfchule, die ehedem vorwiegend die Gothik pflegte, hat nun wohl, von der Zeit gedrängt, nach und nach die deutfche und auch die italienifche Renaiffance aufgenommen. Die heiteren Formen des Südens neben den ftrengen, markigen des Nordens!- Die verfchiedenen Elemente berühren fich, aber vereinigen fich nicht zu neuer Fruchtbarkeit. So achtenswerth die Leiftungen der Schule nach den verfchiedenen Richtungen hin genannt werden müffen, fo war daraus doch nur zu erkennen, dafs in diefem Nachahmen des Hergebrachten auch ihr Erreichtes liegt. Es fehlen die pulfirenden - 22 J. Langl. Elemente, die zu neuen, lebensvollen Formen anregen; den Compofitionen wird immer die Originalität mangeln, wenn nur vorhandene Motive, combinirt" werden. Dort wo der Verfuch gemacht wird, die Nürnberger und Augsburger Vorbilder freier zu behandeln, verliert das Ornament feinen eigentlichen Kern und ernüchtert in den fort und fort aufgerollten Lederftreifen, wodurch zwar ein bewegtes, aber nichts weniger als anmuthiges Formenfpiel erzielt wird. Die Gothik foll im Kirchlichen fich fortentwickeln, wenn von einer Entwicklung überhaupt die Rede fein kann; die Profankunft mufs aber in ihren ornamentalen Motiven von der Natur ausgehen und hat im Dialekte der Renaiffance die Formen für ihre Zwecke zu geben, wenn dem Fortfchritte ebene Bahnen geöffnet fein follen. Diefs bildet denn noch die Lücken in der Nürnberger Kunftfchule. Die Grazie, das Belebende hat aus der Natur geholt zu werden, fowie das Techniſche in den Kunftproducten zu ftudiren ift. Einen rühmenswerthen Anlauf nahm das Inftitut befonders unter Kreling's einflussreicher Leitung in diefer Hinficht fchon im figuralen Fache, wo das Naturftudium fowohl im Zeichen als in der Plaftik eifrigft gepflegt wird. Die zahlreichen Büften und Acte zeigten leider nur im Allgemeinen ein etwas zu frühes Einlenken in das allerdings für das Gewerbliche hochzufchätzende Umfetzen von Zeichnungen ins Plaftifche. Die Formen fchwanken meift noch; es mangelt die Sicherheit im Flächenlegen, die nur durch gründliches Studium nach guter Plaftik oder der Natur erreicht werden kann. In diefem Ringen nach der Form unterliegt natürlich dann das Individuelle, das Geiftige der Auffaffung, welches wie der Duft der Blume dem Antlitz gehört. So mangelte auch den Reliefacten das feinere Gefühl und oft der organifche Zufammenflufs in den Formen, was nur wieder durch gründliches anatomifches Studium und ein nach der Antike gefchultes Können zu erreichen ift; auch wäre dem hohen, faft runden Tractemente das edle Profil der Parthenonreliefs vorzuziehen, wodurch in dem exacteren Formenanfchneiden befonders der Anfänger an ein ftrengeres Formhalten überhaupt gewöhnt würde. Welchen Stilcharakter die zahlreich ausgeftellten Ornamente hatten, wurde erwähnt; fie zeugten alle von der technifchen Gewandtheit der Schüler*. Auch nett gearbeitete Wachsboffirungen, meift als Verzierungen für Gefäffe, Geräthe etc. beftimmt, find erwähnenswerth. Sehr fchöne, ja mitunter mufterhafte Entwürfe lagen in Möbelzeichnungen vor, welche auch an der Anftalt ausgeführt wurden; wie überhaupt in Einrichtungsftücken die Schule auch in anderer Beziehung und befonders im Kirchlichen Rühmliches leiftet. In den baulichen Entwürfen herrfcht die Gothik vor und gaben Photographien und Zeichnungen von der bedeutenden Thätigkeit des Inſtitutes auch nach diefer Richtung Zeugnifs. Die ausgeftellten Holzfchnitzereien bewegten fich wie die Gypsornamente in der Gothik und Renaiffance und liefsen ebenfalls in technifcher Vollendung nichts zu wünſchen übrig. Bei den Zeichnungen wäre nur zu tadeln, dafs die meiften zu viel" ausgeführt waren. Zeit ift Gold- und am meiften für die Kunftjünger; das lithographifche Austüpfeln der Flächen, der Hintergrunde etc. ift aber nicht blofs Zeitverluft, fondern zugleich geifttödtend. Was den Vortrag im Zeichnen anbelangt, ftehen die franzöfifchen Schulen fowohl den deutfchen als den italienifchen noch als Mufter gegenüber, nämlich mit den einfachften Mitteln auf kürzeftem Wege den Zweck zu erreichen. Es fcheint wohl und wäre lebhaft zu wünfchen, dafs die Anftalt blofs auf die Ausftellungsobjecte diefe Zeit verwenden liefs, obfchon damit der Zweck der Ausftellung wieder als verkannt bezeichnet werden müfste, denn gerade in dem Vergleichen der verfchiedenen gangbaren Vortragsmetho den liegt ja ein Hauptmoment für den Fortfchritt. Die gezeichneten Studienköpfe nach der Natur( in Kreide auf weifsem Papier) zeugten von tieferer, individueller Auffaffung als die der Plaſtik; auch die Acte in Kreide und Kohle * Das Inftitut vervielfältigt die meiſten Schülerarbeiten zum Gebrauche für andere Schulen und wurden bis jetzt 436 Modelle für diefen Zweck aufgelegt. Der Zeichen- und Kunftunterricht. - 23 offenbarten ein exactes Studium. Freilich fanden wir darunter auch Namen, die fchon längft das Meifterdiplom in der Kunft erhalten haben! Die Oelftudien waren alle wie von einer Hand gefchaffen; ob diefs ein Vortheil oder Nachtheil der Schule ift, können wir nicht näher unterfuchen. Das Streben des Kunftunterrichtes in allen deutfchen Kunftſchulen geht im Zeichnen vorwiegend nach der Durchbildung der Form und berücksichtigt vielfach zu wenig die denn doch wichtige malerifche Täufchung, d. h. die Nuancen in den Schattentiefen. Die gezeichneten Gypsmodelle erfcheinen in ihren grellen Lichtern und Schatten meift als Broncemodelle; ein leichterer, freierer Vortrag bleibt überall zu wünſchen. Es ift eigenthümlich, dafs als Zeichenmittel der fo dankbare Röthel überall verfchmäht wird. Die ftets wachfenden Sammlungen des Gewerbemufeums in Nürnberg, welchem auch von der Wiener Weltausftellung wieder Bedeutendes zuflofs, dürfte den gewerblichen Unterricht für die Folge nach und nach den modernen Beftrebungen näher führen, was der Induftrie des Nürnberger Bezirkes nur vom Vortheile fein wird. " Ebenfo wie in Nürnberg hat auch in München das Kunstgewerbe einen fpecififch localen Charakter. Hier flochten fich in die germanifchen Elemente durch das reichere Kunftleben im Allgemeinen ganz eigenthümlich heitere, vielleicht romantifche Motive, die mit befonderem Gefchick allen Branchen der Kunftinduftrie einverleibt werden. Hier, wo Schwind, der Vater des Märchens" in der Kunft, feine zaubervollen Geftalten aus dem Innern der Berge, der Steinburgen und dem Dunkel der Wälder in Schlingwerk und Arabesken hervortreten liefs, wo der Meifter des Humors Kaulbach feit Jahrzehnten wirkt und eine Schaar heiterer Kunftjünger der anderen die Hände reicht, deren unverwüftlicher Witz neben echt deutfchem, poetifchem Gemüthe in den„ Fliegenden Blättern" fein claffifches Tagebuch fand: Hier mufste ein Reflex diefes Kunftlebens auf die Induftrie ftattfinden und umfomehr, als ja viele der bedeutendften Künftler fpäter in diefe Sphäre ihre Hauptthätigkeit verlegten. - Den Centralpunkt für diefe Entwicklung bildet der Münchner„ Kunftgewerbe- Verein", von dem feit dem Jahre 1851 die„ Zeitfchrift für Kunstgewerbe" herausgegeben wird, welches Werk auch in zahlreichen Bänden auf der Ausftellung als die Beftrebungen des Vereins kennzeichnend vorlag. Ausserdem war noch eine bedeutende Anzahl Handzeichnungen aus dem Atelier des Vereins ausgeftellt, die in den verfchiedenften Zweigen der Kunftgewerbe den ,, Münchner Stil" weiter charakterifirten. In dem Brunnen vor dem neuen Münchner Rathhaufe hat fich diefes heitere Verbinden des Figürlichen mit der Architektur fogar bis zum Monumentalen gewagt in diverfen Geräthen, Gefäfsen etc., hier begegnete es uns blofs in der ausgelaffenften Weife. Die Ornamentik löft fich überall in menfchlichen oder thierifchen Formen auf; das malerifche Gefchick baut oft die wunderlichften Dinge zufammen, ohne dafs wir uns darüber beleidigt fühlten: fo wächft aus einer Greifenklaue ein Hirſchkopf, in deffen Geweih ein Trinkhorn gefetzt ift; ein Harlequin übt an einem Gefäfse Gymnaftik und bildet in der zufälligen Attitude den Henkel desfelben; Gnomen und Nixlein tummeln fich an allen Ecken herum; das Auge ergötzt fich daran und verzeiht dem Gefchick und dem Humor, mit welchem die Sachen gemacht find, das frivole Spiel mit der Aeſthetik. Die Stilrichtung, welche in der königlichen Kunftgewerbe- Schule in München gepflegt wird, hält fich, wie die Ausstellung zeigte, vorwiegend an die Renaiffance, jedoch wird auch auf ältere claffifche Motive zurückgegriffen. Die Zeichnungen bewegten fich meift in Decorationsmotiven, wohin auch der Schwerpunkt der Schule gelegt zu fein fcheint. Hier belebt ein eifriges Studium der Pflanze die Motive und zeigte fich deffen wohlthätiger Einflufs insbefondere bei den farbigen Decorationsftudien. Die Gypsornamente, von den Schülern meift nach kleinen Skizzen von Director H. Dyck gefertigt, zeigten ein tüchtiges Verftändnifs der Form und waren mit viel Delicateffe durchgeführt; dasfelbe gilt von 24 J. Langl. den Holzarbeiten und Broncen. Schwächer war das figürliche Zeichnen; auch hierin war jedoch der Lehrgang fyftematifch dargestellt, und konnten die Leiftungen von Stufe zu Stufe verfolgt werden, was bei der Nürnberger Schule nicht der Fall war. Im Architekturzeichnen fanden fich Studien der griechifchen und römifchen Denkmäler, dann Renaiffance- Paläfte und Grabmäler mit all' ihrem reichen decorativen Schmuck, Pompejanifche Wanddecorationen u. A. m. Es ift hier von München noch zu erwähnen, dafs auch die Pläne des neuen Polytechnicums ausgeftellt waren und von der Anftalt die zum Verkauf beftimmten Abgüffe der„ Aegineten" aus der Glyptothek. In der Induftriehalle begegneten wir noch der Ausftellung der Holzfchnitz- Schule zu Werdenfels( bei Partenkirchen). Die trefflichen Arbeiten zeigten, dafs dafelbft in dem ungezwungenen Naturftil allmählig feftere Formen zur Geltung kommen und an die Stelle der hohlen Bravour, worin die Schweizer bekanntlich das Gröfste leiften, nach und nach äfthetiſche Regeln treten. Würtemberg. Seit Jahren geht Würtemberg allen anderen deutfchen Staaten in der Pflege des gewerblichen Unterrichtes voran und befitzt bis heute relativ die meiſten diefsbezüglichen Schulen. Schon auf der letzten Parifer Ausftellung imponirten die Leiftungen diefer Anftalten im hohen Grade und bildeten auch diefsmal den Glanzpunkt in der deutfchen Unterrichtsausftellung. Die zahlreichen Zeichnungen, Modellirungen und fonftigen kunftgewerblichen Arbeiten nahmen einen grofsen Theil des nördlichen Flügels vom Pavillon der XXVI. Gruppe des deutfchen Reiches ein, und waren mit denfelben theils die Wände decorirt, theils lagen fie in Portefeuilles oder in Glaskäften zur Anficht vor. Ueberrafchend war es, dafs allerorts mit nahezu gleich guten Erfolgen gearbeitet wurde und felbft die jüngeren Schulen mit den lobenswertheften Leiftungen vertreten waren; es zeigte diefs nur, wie trefflich das gefammte Unterrichtswefen nach diefer Richtung organifirt und wie fehr ein einheitliches Syftem dem Unterrichte felbft förderlich ift. Leider wurde bei der Ausftellung nur auf die Refultate der Schulen Rückficht genommen und nicht in fortfchreitenden Zeichnungen die Methode näher illuftrirt, was gerade der Erfolge wegen wünfchenswerth gewefen wäre. Im Königreiche Würtemberg beftehen bis jetzt an 155 Orten( 110 Städten und 45 Dörfern) gewerbliche Fortbildungsfchulen, welche fich ihrer Einrichtung nach in folgende Gruppen theilen: Fortbildungsfchulen, in welchen Sonntags- und Abendunterricht in gewerblichen und kaufmännifchen Fächern ertheilt wird und offene Zeichenfäle beftehen( 5). Fortbildungsfchulen mit gewerblichem Sonntags- und Abendunterricht nebft offenen Zeichenfälen( 15). Fortbildungsfchulen mit Sonntags- und Abendunterricht ohne offene Zeichenfäle( 92). Fortbildungsfchulen mit gewerblichem Abendunterricht ohne Sonntagsunterricht( 10). Reine Zeichenfchulen ohne weiteren Unterricht( 33). Die Schülerzahl, welche 1870 bis 1871 in 150 gewerblichen Fortbildungsfchulen 8876 betragen hatte, belief fich 1871 bis 1872 in 155 Schulen auf 9763, wovon 7430 unter und 2333 über 17 Jahre zählten. Ausserdem befitzt das Land an technifchen Lehranstalten die polytechniſche Schule und die Baugewerk- Schule in Stuttgart und für die Pflege der Kunft fpeciell die Kunftfchule dafelbft. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 25 Es ift unmöglich, hier die Leiftungen jeder einzelnen Anftalt zu befprechen, da damit der geftattete Raum weit überfchritten werden müfste; es dürfte übrigens zur allgemeinen Charakteriſtik genügen, blofs das Bemerkenswerthe zu berühren. Im Freihand- Zeichnen wird allgemein mit den Herdtle'fchen Vorlageblättern, herausgegeben von der königlichen Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen, begonnen. Das Werk hat fich durch feine Vorzüge auch in den meiften deutfchen und öfterreichifchen Schulen eingebürgert, und wird damit im fyftematifchen Fortfchreiten von den geometrifchen Grundformen zum krummlinigen Ornamente, befonders das Conturzeichnen gefchult; dabei aber Gelegenheit geboten, mit den Schülern auch einfache Pinfelübungen im Anlegen mit der Farbe vornehmen zu können. Ift im Conturzeichnen eine gewiffe Gewandtheit in Bezug auf Auffaffung und des Techniſchen im Darftellen erreicht, fo wird anfangs nach geometrifchen plaftifchen Körpern, dann aber fogleich zu Gypsornamenten vorgefchritten, und zwar erft in Conturen und allmählig mit Schatten. Zu diefem Zwecke wurde in der Modelliranftalt der königlich würtembergifchen Centralftelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart eine Serie von mehr als 400 Gypsmodellen angefertigt, die wieder in fucceffiver Reihenfolge von den geradlinigen geometrifchen Formen ausgehen, dann aber von der einfachften Blattform fich zu reich entwickelten Ornamenten fortfetzen, welche in beftimmte Räume componirt, zugleich die eventuelle praktifche Verwendung zeigen. Dem Stile nach gehören die Motive faft ausfchliefslich der Renaiffance, wenige der Gothik und älteren antiken Stilen an. Zum Uebergang für das Naturblumen- Zeichnen wurden auch Abgüffe von Pflanzen etc. in die Sammlung aufgenommen. Für das figurale Zeichnen findet fich eine Collection von Abgüffen nach antiken Büften, Torfen, Extremitäten, Reliefs und kleinen Rundftatuetten; defsgleichen ift für das Studium der theoretifchen Formen eine Serie von Modellen angereiht. Ein grofser Theil diefer ganz vorzüglichen Sammlung war auch ausgeftellt und eine illuftrirte Preislifte derfelben vorgelegt. Die Zeichnungen nach Gyps werden in den Schulen durchwegs mit Kreide oder Kohle auf weifsem Papier ausgeführt, wobei der Ton bis zum höchften Licht fortgezogen wird. Es ift diefe Manier beinahe in ganz Deutfchland üblich, obfchon dabei die meifte Zeit verloren geht und das getonte Papier der Franzofen vorzuziehen wäre. Die Ausführung der Arbeiten war mitunter meifterhaft und konnte nur die Geduld der Schüler bewundert werden, wenn oft auch bei quadratfchuhgrofsen Hintergründen der Ton minutiös ausgetüpfelt erfchien- freilich mit dem gleichzeitigen Bedauern um die dafür verwendete Zeit. Das Uebermäfsigfte hierin hat die Schule von Rottenburg geleiftet, wo bei grofsen Decorationsftücken für Füllungen die ganze Grundfläche in ein gleichmässiges Korn gelegt war. Diefes zu lange Verweilen an der Form überhaupt ift auch meift die Urfache, dafs in den Schattentönen vielfach zu tief gegangen wird und wie in den baierifchen Schulen die gezeichneten Modelle nicht mehr als Gyps, fondern im Tone der Bronce erfcheinen. Ein entfchiedenes Flächenanlegen mit weniger Ausführung ift für das Formenftudium denn doch dem mühevollen, zeitraubenden Durchbilden vorzuziehen. Im Ornamente, welches immer einem beftimmten Rhythmus folgt, fällt dann die Unficherheit in der Beherrfchung der Form weniger auf als im figuralen Zeichnen, was fich auch in mancher der Schulen deutlich bemerkbar machte. Der fachliche Unterricht im Zeichnen richtet fich nach den örtlichen Bedürfniffen und wird an den meiften Anftalten auch im Linearzeichnen ganz Vorzügliches geleiftet. Wir führen zur näheren Beleuchtung des Zeichenunterrichtes in den gewerblichen Fortbildungsfchulen Würtembergs nur einige Anftalten mit ihrer Leiftungen im Folgenden an: 26 * J. Langl. Aalen: Vorwiegend Mafchinenzeichnungen mit einfachen Anlagen der Querfchnitte; dann gezeichnete Ornamente nach Plaftik; Wachsboffirungen( meiſt in Gypsabgüffen) von reichen Renaiffancefüllungen in leichter, ftilvoller Durchführung. Biberach: Architektonifche Zeichnungen, auch fehr effectvoll mit Farbe behandelt; Ziegel- Rohbau, Schweizer Stil und Renaiffancemotive; dann auch rein Decoratives in Ornamenten; grofse Federzeichnungen von Contourornamenten und figurales Zeichnen, letzteres fchwächer. Von Modellirungen: Renaiffanceornamente, Büften, Thorwaldfen's Relief„ Der Tag". In der Holzfchnitzerei: Füllungsverzierungen, Rahmen etc. mit bedeutender technifcher Vollendung. Ellwangen: Schön durchgeführte Architekturftücke; fyftematiſche Darftellung der Projections- und Schattenlehre. Efslingen: Projectionszeichnungen, Mafchinen- und Architekturtheile, dann kleine Oellandfchaften, Blumen etc. für den Bedarf der örtlichen Induftrie. Geislingen: Wird das Linearzeichnen fehr ausführlich und fyftematifch durchgeführt und auch das Wichtigfte der Perfpective genommen. Im techniſchen Zeichnen vorwiegend Baufach; die Arbeiten waren elegant und präcife durchgeführt; auch gediegene Möbelzeichnungen verdienen Erwähnung. Da in Geislingen die Elfenbeinfchneiderei einen Haupt- Induſtriezweig bildet, fo wird im Freihand- Zeichnen vorwiegend das Kleinornament gepflegt und folgen die Formen der Renaiffance und der blanken Natur; die ausgeftellten Elfenbeinarbeiten waren im Ornamente nur etwas zu überladen. In den gröfseren Modellirungen und Holzfchnitzereien werden mehr die deutfchen Motive nachgeahmt. Gmünd: Hier wird vorzugsweife der Metallinduftrie Rechnung getragen und für die tüchtige Ausbildung der Graveure, Cifeleure etc. geforgt; es lagen fehr fchöne Zeichnungen nach antiken Muſtern und fertige Metallarbeiten von reizender Durchführung vor. Giengen: Gut gezeichnete Ornamente in Kreide und Röthel nach Gyps und Bauzeichnungen. Ehingen; Architekturen, Möbelzeichnungen, Gefäfse etc.; auch fehr fchön in Farbe durchgeführt. Hall: Hübfche Zeichnungen decorativer Motive, nur etwas hart in der Farbe; Studien aus der darftellenden Geometrie. Heilbronn: Faft alle Fächer des gewerblichen Zeichnens; befonders erwähnenswerthe, fchön gezeichnete Gypsornamente( dasfelbe von Balingen). Ludwigsburg: Meift decorative Motive in Farbe für Decorateure, Tapezierer etc.; dann auch Projections- und Mafchinenzeichnungen. Sulgau: Gute architektonifche Zeichnungen und Holzfchnitzereien, vorwiegend im gothifchen Stil. Ravensburg: Alle Fächer des Zeichnens; vorzüglich fchöne Projectionsund Situationszeichnungen; auch gute Farbenftudien in Oel. Rottweil: Alle Fächer des Zeichnens; im Freihand- Zeichnen Anwendung aller Mittel; hervorzuheben find befonders fchön copirte Calame- Landfchaften; im Linearzeichnen fehr hübfche Projectionen und Steinfchnitte; auch lagen gute baudecorative Modellirungen und gefchmackvolle Holz- und und Elfenbeinfchnitzereien vor. Rottenburg: Wie oben erwähnt, fchöne Gypszeichnungen, eine grosse in Holz gefchnitzte Rahme, die nur durch zu viel ornamentales Schlingwerk etwas überladen war; auch eine grofse, mehr tektonifche Umrahmung im Gypsmodell und recht humorvoll erfundene Thiergruppen in Holz. Schweningen: Vorwiegend kleine Landfchaften und Blumen etc. in Oel für den Bedarf der Schwarzwälder Uhreninduftrie. * Sind die gewerblichen Fortbildungsfchulen der betreffenden Orte zu verftehen. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 27 Mit erwähnenswerthen Leiftungen waren ferner vertreten die gewerblichen Fortbildungsfchulen von Ulm, Kirchheim, Laupheim, Mergentheim, Tübingen, Neresheim, Aethauffen, Elingen, Blaubeuren, Waldfee, Herbertingen, Spaichingen und Horb. Die Reutlinger Frauen- Arbeitsfchule hatte fehr gefchmackvolle Handarbeiten und auch fehr nette Zeichnungen ausgeftellt. Der Unterricht im Zeichnen und Coloriren ftellt fich an diefer Anftalt in ftufenweifer Entwicklung die Aufgabe, die Schülerinnen zu eigenem Erfinden und Ausführen von gefchmackvollen Muftern für die verfchiedenen Zweige der weiblichen Handarbeiten anzuleiten; demfelben geht zur Seite der Unterricht im Conftruiren von geometrifchen Flachfiguren und Körpern. Auch die Zimmermaler- Schule in Reutlingen hatte Leiftungen ihrer Schüler vorgelegt, die jedoch in Hinficht auf Gefchmack Manches zu wünſchen übrig liefsen; dasfelbe wäre von den Deffins der dortigen Webefchule zu fagen, welche weder in Bezug auf Farbenharmonie noch in den Formen befriedigten; etwas leichter und graziöfer waren die Motive der Webefchule von Heidenheim. Stuttgart, als die Centralftelle des kunftgewerblichen Unterrichtes, nahm mit feinen höheren Schulen felbftverſtändlich auch bezüglich der Leiftungen die bedeutendere Stelle ein, und wir haben hier im Anfchluffe des bereits Erwähnten zunächft von der königlich würtembergifchen Kunstgewerbe- Schule zu fprechen. Die Leiftungen diefer Anftalt waren im Mittelraume des Pavillons in hübfcher decorativer Anordnung ausgeftellt, fo dafs die verfchiedenen Schularbeiten gleichfam ein architektonifches Ganzes ausmachten. Es war von der Commiffion darauf Rückficht genommen, alle Zweige des Zeichnens und Modellirens, welche an der Anftalt gepflegt werden, zur Anficht zu bringen. Im Stile dominirte die Renaiffance; doch fanden fich unter den Zeichnungen auch fehr fchöne Studien nach claffifchen Denkmalen, Pompejanifchen Wanddecorationen u. a. Sehr zu loben waren Conturornamente, die, mit den einfachften Mitteln( in einem Ton mit Sepia) plaftifch gemacht, für den Zweck der Gewerbetreibenden gewifs ebenfo dienlich find, als die minutiös ausgeführten Kreideftudien. Von den ausgeftellten plaftifchen Gegenftänden verdienen befonders die ftilvollen Metallarbeiten hervorgehoben zu werden. Die Holzfchnitzereien zeugten von bedeutender techniſcher Gewandtheit der Verfertiger. Schwächer war nur die figurale Plaftik vertreten, worin denn freilich eine gründliche Schulung in gewerblichen Kreifen mit grofsen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Anatomie des Ornamentes löft fich in der einfachen tactmässigen Entwicklung des Motives auf und ift in der Praxis bald zu erreichen; anders verhält es fich jedoch bei der Geftalt des. Menfchen, bei welchem die Formen mehr der Willkür folgen und ftets von einer geiftigen Idee durchdrungen fein müffen. Beffer war das Figurale im Zeichnen fowohl nach der Antike als nach dem Acte repräfentirt. Im Linearzeichnen hält hält man fich in der Architektur und dem Decorativen ausfchliefslich an die claffifchen Vorbilder. Die königliche Baugewerk- Schule zu Stuttgart hatte von ihren Schülern aus allen Gebieten des gewerblichen Zeichnens vorzügliche Leiftungen ausgeftellt; darunter die Pläne ihres ftattlichen Gebäudes felbft. In fchöner Zufammenftellung ( auf zwei Wänden in dem füdlichen Tracte des Pavillons) wurden Aufnahmen von Bauwerken verfchiedener Stile, decorative Architekturwerke( worunter mufterhaft durchgeführte, polychrome, griechifche Ornamente) und felbftftändige Entwürfe der Schüler in dem Gebiete der Architektur und des Mafchinenbaues Anfchauung gebracht. - zur Der Zweck der Baugewerk- Schule ift es, zunächft durch fyftematifch geordneten Unterricht Baugewerk- Meifter, Hoch- und Waffer- Bautechniker, Geometer und Mafchinenbauer für ihren Beruf auszubilden. Der Unterricht zerfällt in einen vorbereitenden und fpeciellen Berufsunterricht, und wird letzterer nicht nur in theoretifcher, fondern auch in praktifcher Richtung gegeben. 2 28 J. Langl. Eine Unterweifung in den gewerblichen Handarbeiten, die auf Werk- und Bauplätzen oder in Werkstätten erlernt werden können, findet jedoch an der Baugewerk- Schule nur betreffs folcher Arbeiten ftatt, welche bei dem dermaligen Stand der localen Praxis an den genannten Orten entweder gar nicht oder nur ausnahmsweife erlernt werden können. Die Schule führte bis zum Jahre 1864 blofs Wintercurfe; mit dem Jahre 1865 wurden auch Sommercurfe eingerichtet und die Anftalt bisher noch nach verfchiedenen Richtungen erweitert. Die vorgelegten ftatiftifchen Tafeln zeigten eine ftete Zunahme der Frequenz. waren Aus den„ Abendfchulen" und dem" offenen Zeichenfaale" waren ebenfalls ausgezeichnete Arbeiten ausgeftellt und befonders von den Schülern des letzteren wieder virtuos durchgeführte Gypszeichnungen. Schwächer die Naturköpfe.- Auch von den Schülern des„ Sonntagscurfes für Maler" lagen aus den verfchiedenften Zweigen der Zeichenkunft gediegene Leiftungen vor. Die polytechniſche Schule hatte die Pläne ihres herrlichen Gebäudes ausgeftellt; dann Autographien von Architekturen und die bekannte Sammlung ,, Architektonifche Studien", herausgegeben vom Architektenverein am Polytechnicum in Stuttgart. Das Inftitut zählte im Studienjahre 1871 bis 1872 eine mathemathifche Abtheilung( in zwei Claffen) und eine technifche Abtheilung mit fechs Fachſchulen. Die Kunftſchule in Stuttgart hatte diverfe Naturftudien und felbftſtändige Compofitionen von den Schülern vorgelegt. Von letzteren fiel uns befonders eine reizend gedachte Sommerlandfchaft mit reicher Staffage und eine im Geifte Schwinds gehaltene Zeichnung zu dem Märchen„ Siebenfchön" auf. Die Studienköpfe in Oel zeigten das befte Streben. Mit fchwächeren Leiftungen war das figurale Studium repräfentirt. Wir haben nun noch der Pflege des Zeichenunterrichtes an den Volksfchulen in Württemberg zu gedenken. Der Gegenftand wird laut einer Verfügung des königlichen Minifteriums vom 21. Mai 1870 an den Volksfchulen gelehrt, wo einerfeits das Bedürfnifs, anderfeits die Lehrkräfte vorhanden find; jedoch nur unter der Vorausfetzung, dafs 30 Wochenftunden im Gefammtunterrichte nicht überfchritten werden und die obligaten Lehrfächer keine Beeinträchtigung erfahren. Eine weitere Ausdehnung des Zeichenunterrichtes ift der befonderen Uebereinkunft der Gemeindebehörde mit dem Lehrer überlaffen. In der Regel beginnt der Zeichenunterricht nicht vor dem zwölften Jahre der Schüler, und ift als Zweck und Ziel vorgefchrieben, dafs durch denfelben die Schüler ein Verſtändnifs der Formen fowie einige Gefchicklichkeit in der Darftellung bekommen, damit der Schönheitsfinn entwickelt und geübt, anderentheils aber der Brauchbarkeit der Schüler im Leben vorgearbeitet werde. Im Reglement über das Pädagogische wird nur das eigentliche Freihand- Zeichnen( ohne Hilfsmittel) geftattet und zwar anfangs nach Wandtafeln und später nach Vorlagen, wobei durchwegs nur das ftrenge Conturzeichnen im Auge behalten wird. Die ausgeftellten Arbeiten zeigten überall ein einheitliches Syftem( v. Herdtle's Werk) und die beften Erfolge. Die Conturornamente waren in ziemlich grofsem Mafsftabe ausgeführt, was für den Zweck des Zeichnens in der Volksfchule nur dienlich fein kann. Auch von den Lehrerfeminaren waren Leiftungen im Zeichnen ausgeftellt, und liefs fich fowohl in Freihand- als Linearzeichnen eine treffliche Lehrmethode erkennen. Es werden im Curs I Conturornamente mit Bleiftift und Feder, im Curs II geometriſche Körper in Schatten und Gypsornamente in Kreide oder Tufch und im Curs III Wandtafel- Zeichnen als Studium für den praktifchen Unterricht geübt. Im geometrifchen Zeichnen wird theils Conftructives aus der Geometrie und theils Projectionslehre in Anwendung auf Architektur etc. vorgenommen. Recht gute Arbeiten hatten die Lehrerfeminare von Efslingen, von wo auch das Situations. und Bauzeichnen vertreten war, und Gmünd ausgeftellt. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 29 1 r 1 r e h n S n 16 . g S e CD e S n 2. 2 e 0 r t 1. r k r e r S n e. n t, به تو S d t. s e An den Zeichnungen der Stuttgarter Frauenfchule ift neben der fchönen Ausführung vorzüglich die forgfame Auswahl gefchmackvoller Motive hervorzuheben. Erwähnung verdienen auch noch die Arbeiten der Sträflinge, die in guten Studien nach Gypsmodellen, in farbigen Ornamenten, Mafchinen- und Linearzeichnungen etc. vorlagen. Um zweckmäfsige und praktiſche Vorlagewerke hat fich, wie fchon erwähnt, die Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen in Württemberg die gröfsten Verdienfte erworben. Für die erften Unterrichtsftufen find die von E. Herdtle verfafsten Schulen das Befte, was wir überhaupt derzeit befitzen, wofür auch die reiche Verbreitung derfelben fpricht; es fei davon hier nur die Sammlung von„ Flächenverzierungen des Mittelalters und der Renaiffance"( nach den Originalen gezeichnet von F. H.) der reizenden Motive wegen hervorgehoben. Für den Fachunterricht wurde von der Commiffion eine Serie von Vorlagen für alle Gewerbszweige herausgegeben, welche in Einfachheit und Klarheit der Darftellung fowohl als in der zweckmäfsigen Auswahl der Objecte nichts zu wünſchen übrig läfst. Die meiften Blätter enthalten neben den Zeichnungen auch für diefelben einen kurzen erklärenden Text. 99 Die Vorlageblätter für technifches Freihand- Zeichnen" von P. Hölder ( meift für Eifen) find gut, aber ohne ausgefprochenen Stil. Sehr fchöne Aufgaben über Schattenlehre, Intenfitäts curven etc. enthält C. Riefs's" Schattirungskunde". Auch Guido Schreibers ,, Körperftudien" find für die erfte Stufe, um zu zeigen, wie die Plaftik dargeftellt werden foll, empfehlenswerth.„ Das Zeichnen der Stereometrie als Vorfchule zur darftellenden Geometrie" von A. Brude ift für den Uebergang vom geometrifchen Zeichnen in der Ebene zum Zeichnen im Raume ⚫der darftellenden Geometrie berechnet. Unferes Erachtens ift es denn doch beffer, die Stereometrie fogleich mit guten Lehrmitteln in der geometrifchen Projection durchzuführen, wenn diefe fortgefetzt werden foll. Die zeichnende Geometrie von G. Müller" ift ein fehr praktiſches Werkchen, durch welches der Schüler vorzugsweife im Handhaben feiner Werkzeuge gefchult wird. Die„ Sammlung naturaliftifcher Ornamente" für Zimmermaler von Ch. Kämmerer enthält hübfch gezeichnete Blätter in franzöfifchem Gefchmacke. Als Weltblatt für die Kunftinduftrie war die Stuttgarter, Gewerbehalle" in fieben verfchiedenen Sprachen ausgeftellt. Rühmlich hervorzuheben ift hier noch Conrad Wittwer's Verlag( Stuttgart) von architektonifchen Werken. Baden. Das Grofsherzogthum Baden hatte fich wie in Paris 1867 auch auf der Wiener Weltausftellung im Unterrichtswefen wenig betheiligt. Den gewerblichen Fortbildungsfchulen wird in diefem Lande die befte Pflege gewidmet, und beläuft fich deren Zahl gegenwärtig auf 43; in demfelben wird jedoch weniger rein fachliche, fondern vorwiegend allgemeine Bildung angeftrebt. Auch wird feit 1870 in dem Lande für die Ausbildung des weiblichen Gefchlechtes reichlich Sorge getragen. Es lagen nur Schülerarbeiten von der gewerblichen Unterrichtsanftalt in Carlsruhe vor. In denfelben wurden die meiſten gewerblichen Fächer repräfentirt, und verdienen davon befonders decorative Entwürfe, Gefäfse und Möbel ihres eleganten, gefchmackvollen Stiles und der exacten künftlerifchen Ausführung wegen hervorgehoben zu werden. Auch treffliche Studien nach griechifchen und orientalifchen( polychromen) Ornamenten verdienen erwähnt zu werden. Von Modellirungen war nur Weniges, zumeift Ornamentales ausgeftellt. An Vorlagewerken lagen auf:„ Ornamentenzeichnen für Bürger- und Gewerbefchulen" von W. Tönius( Carlsruhe); die Formen bewegen fich in ver 30 J. Langl. " Die Landfchaftsftudien" von fchiedenen Stilen; der Vortrag ift etwas hart. J. W. Schirmer( † 1863), herausgegeben von Vogelweider( Carlsruhe) find ausgezeichnet reproducirt und dürften auch für Kunftfreunde eine willkommene Gabe zur Erinnerung an den poefievollen Landfchaftsmaler fein. Preufsen. Wenn auch langfamer als im Süden Deutſchlands, fo beginnt denn doch allmälig auch fchon in den preufsifchen Volks- und Mittelfchulen der Zeichenunterricht eine breitere Bafis zu gewinnen. Schon in dem Normal- Lehrplan vom Jahre 1863 wurde die wohlwollende Fürforge für diefen Gegenftand dargelegt und befonders die Pflege desfelben an den mittleren Schulen in's Auge gefafst. Die den Realfchulen und Gymnafien zu Grunde gelegten Lehrpläne wurden zur Zeit von einer Commiffion, beftehend aus Künftlern und Schulmännern, ausgearbeitet und liefsen gewifs nichts als die nothwendige Zeit zu wünſchen übrig, um diefelben dem vollen Umfange nach auch durchführen zu können. Der Gegenftand wurde darin als allgemeines Bildungsmittel aufgefafst und daher als integrirender Theil des Lehrplanes aller höheren Schulen betrachtet. In der Realfchule hat diefen Normen nach das Zeichnen für die Technik und Kunft vorzubereiten und mufs fich die Aufgabe ftellen, die graphifchen Darftellungen auf die geometrifchen Grundoperationen zurückzuführen und durch praktifche Einübung der Projec tionslehre, durch mathematiſch begründete Perfpective, fowie durch fortgefetzte Zeichenübungen nach Gypsmodellen das Verſtändnifs des Raumes und der Form zu vervollständigen. An den Gymnafien, wo dann weniger die techniſche, fondern mehr die aefthetiſche Seite des Zeichnens hervorzukehren ift, wird der Unterricht in vier, an den Realfchulen in fünf Curfe oder Stufen abgetheilt, die unabhängig von dem Fortfchreiten der Schüler in den Claffen fich nach deren Befähigung und deren Fortfchritten in dem Gegenftande felbft fondern. Es foll den weiteren Beftimmungen nach auf der erften Stufe mit der allgemeinen Formenlehre begonnen werden und zwar nach Wandtafeln oder Tafelzeichnungen; im zweiten Curfe hat dann das Zeichnen nach geometrifchen Modellen nebft ornamentalen und figuralen Vorlagen fich anzufchliefsen und im dritten und vierten Curfe das Gypszeichnen im Ornamente zu folgen mit fortgefetzten Uebungen des Figuralen, wobei in der Wahl der Vorlagen und Modelle befonders auf die Bildung und Veredlung des Gefchmackes Rückficht zu nehmen ift. Dem Lehrer wird innerhalb diefer Grenzen in Bezug auf Methodik vollkommen freier Spielraum gelaffen und ganz richtig bemerkt, dafs Mancher mittelft der Methodik, nach welcher er felbft unterrichtet worden ift, als Lehrer gute Refultate erreichen fich befferen wird, während er unter dem Zwange einer, wenn auch an Methode, mit der er nicht vom Haufe aus vertraut ift, vielleicht nur Unzuläng liches leiften würde. Wenn den Wünſchen diefes Lehrplanes die Erfolge weder an den Gymnafien noch an den Realfchulen bisher entfprochen haben, fo hat diefs in erfter Linie feinen Grund darin, dafs, wie gefagt, dem Gegenftande zu wenig Zeit zugewiefen wurde. Mit zwei Stunden in der Woche ift es fchon durch die langen Intervalle fchwierig, die Fertigkeit im Tacte zu halten, gefchweige denn das Intereffe, welches Die königlich preuvorzugsweise durch die Erfolge gefördert wird, anzuregen. fsifche Unterrichtsverwaltung hatte keine Schülerarbeiten der Mittelfchulen vorgelegt, um daraus auf der Ausstellung ein Urtheil fchöpfen zu können. Es zeigte fich jedoch bei dem Durchblättern der zahlreich vorhandenen Schulprogramme, wie in dem Gegenftande das gewünſchte Ziel an den meiſten Anftalten entweder nicht erreicht oder derfelbe in einer Weile aufgefafst und gelehrt wird, welche mit den Intentionen des Lehrplanes nicht übereinftimmt. Vielfach ift das Zeichnen in den Gymnafien unter die Rubrik" Fertigkeiten" geftellt und damit fchon die Stellung des Gegenftandes an den betreffenden Anftalten ausgefprochen. Dann finden fich wieder Claffenrapporte, wo auf der erften Stufe fchon mit dem Kopf d e ht er n gt ie it et en le eil en fs en ECte m rn ht gig ng en en mat guOSen, md rd um ch en en ng. en nie Ten lle es euorgte me, der che en die ann pfDer Zeichen- und Kunftunterricht. 31 zeichnen begonnen wird, an welche fich das Zeichnen von fchattirten Gebäuden und Landfchaften anfchliefst. Weiter folgen dann grofse Köpfe mit Kreide, Baumfchlag- Landfchaften, Thiere etc." da ift wohl bei den talentirteften Schülern in Zweifel zu ziehen, ob diefs Alles mit zwei wöchentlichen Lehrftunden auch erfolgreich betrieben wird! Nicht viel günftiger fteht es bezüglich der normirten Zeit an den Realfchulen, wo das karge Plus an Stunden dann für das dafelbft weiter durchzuführende Linearzeichnen zu verwenden ift. In Preufsen beftehen bekanntlich zwei Ordnungen von Realfchulen und aufserdem die höheren Bürgerfchulen, welche den Realfchulen zweiter Ordnung ähnlich eingerichtet find. Letztere Anftalten ſtehen in wiffenfchaftlicher Beziehung unter denen erfter Ordnung und wäre damit einer befferen Pflege des Zeichenunterrichtes wohl Gelegenheit geboten. Aber auch an diefen Anftalten hängt jeweilig Vieles von der Einficht der betreffenden Rectoren ab, ob die Wichtigkeit diefes Gegenftandes anerkannt wird. do's Den allgemeinen Beftimmungen vom 15. October 1872 nach werden den drei Claffen der Bürgerfchule je zwei Stunden für den Zeichenunterricht zugetheilt. Die bezüglichen Normen find jedoch fo" juridifch" abgefafst, dafs es jedenfalls den Fachmännern überlaffen bleiben mufs, fich das Befte für ihren Gegenftand daraus zu deuten. Der Entwurf lautet:"( I. Stufe.) Linearzeichnen nach Vorzeichnungen des Lehrers an der Wandtafel unter Hinweifung auf die geometrifche Grundlage derfelben.( II. Stufe.) Geometrifche Anfichten von einfach geftalteten Gegenständen nach gegebenem verjüngten oder erweiterten Mafsftabe; Copiren einfach fchattirter Vorlegeblätter verfchiedener Art.( III. Stufe.) Elemente der Perfpective; Zeichnen von Holzkörpern, Gypsmodellen und Naturgegenständen; Schattiren mit fchwarzer Kreide, Tufche und Sepia; Copiren ausgeführter Ornamente, Köpfe etc." msb asilo Die Klagen, welche fchon wiederholt von den höheren technifchen Schulen in Preufsen verlauteten, dafs die aus den Mittelfchulen kommenden Eleven im Linearzeichnen mangelhaft vorgebildet find, haben auch für das freie Zeichnen ihre Geltung, nur wird mit demfelben eben von der Mittelfchule aus kein weiterer praktifcher Zweck verfolgt, ein idealer dem Stande der Dinge nach aber am Wenigften erreicht. So ifolirt demnach der Gegenftand noch immer an den preufsifchen Schulen dafteht und vorläufig hauptfächlich noch an der befchränkten Zeit krankt, fo erfreulich ift die rege Thätigkeit der Zeichenlehrer, welche befonders in den letzten Jahren unermüdlich darauf hinarbeiteten, ihren Gegenftand zu der ihm gebührenden Geltung zu bringen. Diefelben haben den„ Verein zur Förderung des Zeichenunterrichtes" gegründet, um durch ein gemeinfchaftliches Vorgehen in Bezug auf Methodik, Vorlagewerke etc. vorzugsweife im Elementarunterrichte der Disciplin eine fichere Bafis zu geben, durch zeitweilig ftattfindende Ausftellungen von Schülerarbeiten und das Zeichnen betreffenden Lehrmitteln fich von dem Stande diefes Unterrichtszweiges Ueberzeugung zu verfchaffen und eventuelle Neuerungen in Discuffion zu ziehen. Der Verein hatte feinen ,, Comitébericht" über die letzte derartige Ausftellung, die in Berlin 1870 abgehalten wurde, vorgelegt und in der kritifchen Besprechung ein deutliches Bild von dem Stande des Zeichnenunterrichtes in Nord- Deutfchland entworfen. Da derfelbe von Fachmännern herrührt, fo mögen bei der folgenden Befprechung einige Noten daraus hier ergänzen, was fich aus der Ausftellung 1873 eben durch den Mangel an Schülerarbeiten nicht erfehen liefs. In den allgemeinen Beftimmungen vom 15. October 1872" find den oberen Volksfchul- Claffen(§. 13) wöchentlich zwei Zeichenftunden nebft zwei Stunden Raumlehre, was wohl als Formenlehre aufzufaffen ift, zugewiefen. In der weiteren Ausführung diefes Punktes(§. 30) heifst es dann:„ In dem Zeichenunterrichte find alle Kinder gleichzeitig und gleichmässig zu befchäftigen und bei fteter Uebung des Auges und der Hand dahin zu führen, dafs fie unter Anwendung von Lineal, Mafs und Zirkel vorgezeichnete Figuren nach gegebenem verjüngten oder erwei3 32 J. Langl. terten Mafsftabe nachzuzeichnen und geometriſche Anfichten von einfach geftalteten Gegenftänden nach gegebenem Mafsftabe darzuftellen vermögen, z. B. von Zimmergeräthen, Gartenflächen, Wohnhäufern, Kirchen und anderen Körpern, welche gerade Kanten und grofse Flächen darbieten. Wo diefes Ziel erreicht ift, kann befonders begabten Kindern Gelegenheit gegeben werden, nach Vorlegeblättern zu zeichnen." Es wurde fomit officiell die Methode von Domfchke, die fchon feit einigen Jahren in den Berliner Gemeindefchulen allenthalben eingebürgert war, für die erfte Stufe allgemein empfohlen. Dem Referenten liegt es ferne, über den Werth diefer Methode ein Urtheil abgeben zu wollen, da er nicht Gelegenheit hatte, in die dadurch erzielten Refultate Einficht zu nehmen; dafs rafchere Fortfchritte in Bezug auf eigentliche Formenlehre erzielt werden dürften, will er nicht in Zweifel ziehen; bedenklich ift es nur, ob der Schüler durch das Nachahmen der Formen mit mechanifchen Hilfsmitteln in jenem Grade das freie Auffaffen lernt, wie es durch felbftftändiges Wiedergeben des Gefchehenen erreicht wird. Bisher wurde der Zeichenunterricht an den Berliner Gemeindefchulen nach der Domfchke'fchen und der Dupuis'fchen Methode betrieben, und zwar follte Domfchke's" Wegweifer" für das Naturzeichnen der Dupuis'fchen Methode vorarbeiten. Die Figuren wurden aus dem" Atlas" von dem Lehrer an der Tafel grofs vorgezeichnet und von den Schülern mit Hilfe des Kandels und des Zirkels oder auch mit Lineal und Mefspapier gleichzeitig nachgezeichnet. Schon in dem oben erwähnten Berichte heifst es aber, dafs durch die Erleichterung, welche durch das Herbeiziehen diefer Hilfsmittel dem Zeichenunterricht gefchaffen wurde, von vorneweg den Schülern die unmittelbare freie Auffaffung verleidet wurde und die freie Entwicklung der Zeichenfertigkeit hinderte, welche gerade bei der Dupuis'fchen Methode dann am nothwendigften war". Ift es daher fehr fraglich, ob die genannte Methode überhaupt zu dem Ziele führt, welches dem Zeichnen an der Volksfchule gefteckt ift, fo ift es entfchieden verwerflich, wenn Landfchafts-, Thier- und Figurenbilder mit in den Anfangsunterricht hereingezogen werden, wie es bei den Domfchke'fchen Tafeln der Fall ift. Ebenfo gewagt ift aber auch dann die Dupuis'fche Methode, bei welcher durch freies Zeichnen nach Flächen und Körpermodellen gleichzeitig die empirifche Einübung der Perspective angeſtrebt werden foll. Dazu gehört unbedingt eine gewiffe Reife des Verftandes, welche den Schülern in der Volksfchule noch nicht zuzumuthen ift, und, wenn die Methode überhaupt mit Erfolg betrieben werden foll, eine möglichft geringe Schülerzahl, was bekanntlich in den Volksfchulen allenthalben vorläufig noch ein frommer Wunfch der Lehrenden bleibt. " Die Erfolge, welche bei der oben bezeichneten Ausftellung vorgelegt wurden, waren defshalb auch fehr getheilt und zeigten, dafs auch zum Theile den betreffenden Lehrern das gehörige Verſtändnifs in Betreff der Perfpective mangelte, was felbftverſtändlich die Refultate diefer Methode von vorneherein beein trächtigen mufste. Wenn demnach damals viele Schulen diefen vorgefchriebenen Lehrgang verliefsen und fich auf's ,, Bildchenmachen" verlegten, fo hatten fie doch das Intereffe den Schülern für den Gegenftand nicht genommen, wenn auch dabei nichts Pofitives gelernt wurde. Dafs diefem Uebelftande der fich widerfprechenden Methoden allmählig Abhilfe gefchaffen wird, zeigten fchon die zahlreichen Vorlagewerke für die erfte Stufe des Zeichenunterrichtes, welche, in Berlin entftanden, zur Weltausstellung gefandt wurden. Davon find die von dem genannten Zeichenlehrer- Vereine herausgegebenen Wandtafeln zur Zeichenmethode" von Herzer, Jonas und Wendler in ihren einfachen, leicht fafslichen Formen als praktiſcher Lehrgang fehr empfehlenswerth; defsgleichen bieten Ed. Eichen's Wandtafeln für den richganz Elementar- Zeichenunterricht" als Vorfchule des Modellzeichnens einen tigen Weg, nur wäre das Heranziehen der freieren Formen der Naturblumen für den Zweck fraglich, dagegen fehr lobenswerth des Verfaffers Betonen( in der " Der Zeichen- und Kunftunterricht. 33 e n n 1 S e n n d al n i- g t- n e le d en ie d St en de 1. er gt en n- en ch ei ig te ng ernd ng en h- ür er Erläuterung), dafs die Schüler fo grofs wie nur möglich die Figuren zu zeichnen haben, und zwar im erften Entwurf mit der Kohle. Schon bei der erwähnten Ausftellung in Berlin( 1870) erregten die Handzeichnungen des„ Stufenganges für den Elementarunterricht" von Zimmermann ( Lehrer in Zurckau) gerechtes Auffehen und wurde allgemein der Wunfch ausgefprochen, dafs der Verfaffer durch Vervielfältigung feine Blätter auch anderen Schulen zugängig mache Auf der Weltausftellung waren die Tafeln ebenfalls erfchienen und hatten fich der günftigften Beurtheilung zu erfreuen. Wir kommen noch bei Sachfen näher auf diefe Arbeiten zu fprechen. Zu bedauern war es nur, dafs von der fo tüchtig geleiteten Volksfchule in Mainz, deren Schülerarbeiten ebenfalls zur Zeit in Bezug auf Methodik ein fehr beifälliges Urtheil ernteten, nichts eingefandt wurde. In den Provinzen Preufsens wird das Zeichnen dort gut betrieben, wo eben der betreffende Lehrer des Gegenftandes befähigt ift. Es führt diefer Satz uns hier auf den Zeichenunterricht in den Schullehrer- Seminaren, von von wo ja die Pflege desfelben für die Volksfchule auszugehen hat. Bisher fanden fich hierin freilich noch grofse Lücken und wurde, wenn wir dem Berichte weiter folgen, derfelbe durch die häufig ganz ifolirte Lage der Domicile nicht felten in Frage geftellt. Den beftehenden Zeichenlehrern wurde dafelbft nur wenig Zeit für ihre Thätigkeit eingeräumt, und da es ihnen an ausreichender Befchäftigung fehlte, wurden diefelben meift aus den wiffenfchaftlichen Lehrern gewählt. Nur an den Seminaren in gröfseren Städten waren tüchtige Kräfte dazu vorhanden, und wurden auch meift gute Refultate erzielt. Wenn die neueren Beftimmungen in Bezug auf den Zeichenunterricht an den Volksfchulen durchgeführt werden follen, wird wohl die Regierung dafür Sorge tragen müffen, dafs demfelben auch an den Lehrerbildungs- Anstalten in entſprechender Weife Rechnung getragen werde. Auch in Bezug auf auf den gewerblichen Zeichenunterricht ift NordDeutfchland gegenüber den füdlichen Ländern noch weit im Rückftande. Noch bis vor Kurzem lag Alles, was in diefer Hinficht zur Förderung der Kunftinduftrie gefchah, in den Händen von Vereinen, und war es gerade in Preufsen, wo von der Regierung aus am längften gezögert wurde, diefem hochwichtigen Factor für den Wohlftand die gebührende Aufmerkfamkeit zu fchenken. Mit Ausnahme des Berliner Handwerker- Vereines, durch welchen vorzugsweife die norddeutſche Tifchlerei und Weberei einigermafsen gehoben wurden, gab es bis vor nahe zehn Jahren in Preufsen keine Anftalten, in welchen die Kunftgewerbe in ergiebiger Weife eine Unterſtützung gefunden hätten. Die ftädtifchen Gewerbefchulen gewährten eine mehr allgemeine, wiffenfchaftliche Bildung, als dafs den Specialfächern Rechnung getragen werden konnte; defsgleichen war die Einrichtung der Fortbildungsanftalten nicht darnach angethan, eine Pflanzftätte des kunftgewerblichen Unterrichtes zu werden, abgefehen von den ganz unzureichenden SonntagsFreifchulen. Das königliche Gewerbe- Inftitut ift mehr techniſche Anftalt und die königliche Akademie der Künfte gehört fpeciell der Kunft, fo dafs auch von diefer Seite der Kunftinduftrie wenig gedient wurde.* In dem Reorganifationsplane vom 21. März 1870 wurde der Gefammtcurs der preufsifchen Gewerbefchulen auf drei Jahre ausgedehnt und dem Lehrplane die modernen Sprachen einverleibt. Das Lehrziel wurde( in Folge verfchärfter Aufnahmsbedingungen) in den meiften Gegenständen höher geftellt, und zog aus der neuen Einrichtung vorwiegend das Linearzeichnen Vortheile. Im Allgemeinen behielten die Schulen den Charakter von technifchen Schulen, was fchon in der Motivirung des Reorganifationsplanes deutlich ausgefprochen erfcheint; dafelbft heifst es:„ Der angehende Gewerbetreibende mufs im Stande fein, die Fortfchritte * Ueber die Verhältniffe des kunstgewerblichen Unterrichtes in Preufsen bis zum Jahre 1866 zu vergleichen: Die Förderung der Kunstinduftrie in England und der Stand diefer Frage in Deutſchland von Dr. H. Schwabe, III. Theil, S. 188 ff. 3* 34 J. Langl. anderer Nationen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie zu prüfen und in feinem, fowie im allgemeinen Intereffe zu verwerthen; zu diefem Zwecke mufs er fich die franzöfifche und englifche Sprache mindeſtens fo weit angeeignet haben, als zum richtigen Verftändniffe der darin abgefafsten Werke erforderlich ift. Die phyfifchen Verhältniffe der Erdoberfläche, ihre Beziehungen zur Waffer-, Pflanzenund Thierwelt dürfen ihm nicht unbekannt fein. Er bedarf endlich eines Einblickes in die Entwicklungsgefchichte der Völker und Staaten, in ihre Verkehrsverhältniffe und ihre Handelsbeziehungen zu einander." Es liegt wohl auf der Hand, dafs diefe höheren gewerblichen Anftalten nicht für die Erziehung der arbeitenden Claffe beftimmt find, fondern damit nur Bemittelten Gelegenheit zur allfeitigen Fortbildung nach den Bedürfniffen der Zeit gegeben ift. Vorbereitende Claffen als„ niedere Gewerbefchulen" bleiben, wo fie nöthig find, den betreffenden Gemeinden zu errichten überlaffen. Gröfsere Kunftund Gewerbefchulen beftehen in Preufsen bis jetzt nur in Berlin, Danzig, Breslau, Erfurt und Magdeburg. Im Uebrigen find auch bis heute noch die Fachſchulen in Preufsen wenig entwickelt; eine Ausnahme bildet bis jetzt nur das Manufactur fach, in welchem ein erfreulicher Auffchwung in diefer Beziehung zu verzeichnen ift. Die Bedürfniffe nach folchen Schulen treten aber von Jahr zu Jahr allenthalben deutlicher hervor und werden diefer Richtung auch von Seite der Regierung nach und nach freundlichere Blicke zugewendet. Unmittelbar nach dem Kriege mit Frankreich wurden die verfchiedenen Gemeinden von Induſtrie- Orten in Preufsen durch ein Circular des Minifters für Handel und Gewerbe( Haid) aufgefordert. nach dem Beiſpiele Frankreichs Zeichen- und Induftriefchulen ins Leben zu rufen und darauf hingewiefen, welche Wichtigkeit diefelben für die Gewerbe haben und wie fie die eigentliche Bafis des Wohlftandes in Frankreich bilden. Zugleich wurde eine Regelung in Betreff der Lehrkräfte für das Freihand- Zeichnen und Modelliren an den gewerblichen Schulen angebahnt. Wie weit fich feit diefer Zeit die Beftrebungen realifirt haben, war auf der Weltausftellung nicht erfichtlich. Ein umfaffendes Bild feiner Thätigkeit entrollte nur der Berliner Handwerker- Verein in Bezug auf die Einrichtung und Weiter entwicklung feiner Schulen. Es lagen ftatiftifche Tafeln, Berichte bis zum Ausftellungsjahre und die Pläne des Vereinshaufes vor. Neben den Vorträgen in den wiffenfchaftlichen Fächern wird das Zeichnen in all' feinen verfchiedenen Zweigen in der gründlichften Weife gepflegt und wurden bei der letzten Amfterdamer internationalen Ausftellung die Arbeiten aus der Schule des Vereines mit der filbernen Medaille ausgezeichnet. Da fchon in den frühereren Jahren ein bedeutender Theil der Mitglieder den Baugewerben angehörte und nach diefer Richtung eine befondere theoretifche und auch fachliche Ausbildung im Zeichnen wünfchenswerth erfchien, fo wurde im Jahre 1864 von dem Vereine eine befondere Schule für Bauhandwerker gegründet, durch welche in vier auffteigenden Lehrcurfen Eleven der Baugewerbe fich bis zur Meifterprüfung ausbilden konnten. Die Betheiligung war befonders in Anbetracht des letzten Punktes eine fehr lebhafte und hat fich trotz der neuen norddeutſchen Gewerbeordnung, in welcher die Handwerker- Prüfungen abgefchafft wurden, die Zahl der Schüler noch auf einer namhaften Höhe erhalten. Dem Berichte nach wird in diefen Fachcurfen des Vereines vom Winterfemefter 1873 und 1874 an eine noch zweck dienlichere Organiſation eingeführt. Von den königlich preufsifchen Provinzial- Gewerbefchulen lagen nur Arbeiten aus der Anftalt in Saarbrücken vor, und bezeugte diefes Beiſpiel, dafs an diefen Schulen wohl im Allgemeinen das Zeichnen von tüchtigeren Kräften gelehrt wird als an den Communalanſtalten, welches Urtheil auch bei der Berliner Ausftellung 1870, wo fie vertreten waren, faft ähnlich gefällt wurde. Das Fortfchreiten von den einfachen geometrifchen Grundformen zum freien Ornamente nach den Wandtafeln von Fürftenberg, dem Lehrer an der Anftalt. war in den vorgelegten Zeichnungen klar veranfchaulicht, und ift der Methode 1 1 4 1 r t 1 e 1 I S r Der Zeichen- und Kunftunterricht. 35 fowohl als den Erfolgen ungetheiltes Lob zu fpenden. Die Zeichnungen nach Gyps, im Ornamente und der Figur, waren von der zarteften Durchbildung und mir für den Zweck faft zu minutiös à la Lithographie ausgeführt. Ebenfo anfprechend waren die Zeichnungen nach plaftifchen Modellen von den Schülern der unter der Leitung des Confervators Nieffen ftehenden Zeichenfchule im Muſeum Wallraf- Richartz zu Köln am Rhein. Die delicate Modulation der Form wetteiferte mit der Präcifion der Contouren. Auch von dem Gewerbeverein in Naffau lagen Proben der Leiftungen der Handwerker- Fortbildungsfchulen vor, die befonders im Linearzeichnen, fowohl was Exactheit und Reinheit der Ausführung als den zweckmäfsigen Lehrgang anbelangt, volles Lob verdienten. Nur wären im decorativen Fachzeichnen und den Architekturen neuere, frifchere Motive wünfchenswerth. Wird doch fo viel des Guten heutzutage producirt! Correct war der Lehrgang im ornamentalen Zeichnen. Sonft hatte die preufsifche Unterrichtsverwaltung noch die Pläne der Gebäude von den Gewerbefchulen von Brieg, Gleichwitz, Caffel, Mühlheim, des Lehrerfeminars bei Mettmann und des rheinifch- weftphälifchen Polytechnicums zu Aachen ausgeftellt; letzteres im Stile der italienifchen Frührenaiffance von impofanter Wirkung. Bezüglich des Linearzeichnens an den wiffenfchaftlichen und elementaren Bildungsanftalten ift noch zu bemerken, dafs leider zumeift der eigentliche Zweck derfelben überfehen wird und die pofitiven Refultate keineswegs mit den auf dem Papier gezeigten übereinftimmen. Als eines Theiles der Mathematik foll dadurch in der Selbftthätigkeit vorzugsweife das ftreng logifche Denken im Raume eingeübt und nebenbei ein exactes, forgfältiges Arbeiten angewöhnt werden. Nur zu oft wird aber blofs auf den letzten Punkt Gewicht gelegt und in der technifchen Fertigkeit zu prunken gefucht. Es werden die verfchiedenen Aufgaben, welche der Schüler nach den Vorträgen felbft entwickeln und löfen foll, einfach nach Vorlagen copirt und dadurch dem Gegenftand fein eigentlicher Zweck genommen. Es iſt nichts Geifttödtenderes für einen Schüler als das Copiren einer Zeichnung, die er nicht verfteht, und bei der er die verfchiedenen conftructiven Hilfslinien blofs dadurch findet, indem er fie bis zum Rande des Papieres verlängert und diefe Punkte fcalenmäfsig auf fein Bret überträgt. Anders wird felbftverftändlich der Gegenftand in den Fachfchulen aufgefafst, wo das Praktifche mit der Theorie in unmittelbarem Zufammenhang fteht. Vielfach wurde es bedauert, dafs die eigentlichen Hochſchulen, wie die königliche Gewerbeakademie und die königliche Bauakademie mit Studienzeichnungen der Ausftellung fern geblieben find, während fie fich doch fonft bei ähnlichen Gelegenheiten ftets reiche Lorbeern fammelten. Das erftere Inftitut wurde im Jahre 1821 von Beuth ins Leben gerufen und hatte zur Zeit blofs 13 Schüler; bis zum Jahre 1869 ftieg die Zahl derfelben auf 608 und fank nur im Jahre 1871 in Folge der Kriegsereigniffe auf 281 zurück; ift feither aber wieder in rapidem Wachfen begriffen. Die Anftalt hatte nur zwei Glasfchränke mit ihrer ausgezeichneten Modellenfammlung von Mafchinentheilen für das Studium der Mechanik ausgeftellt, welche Objecte die Aufmerkfamke it der Fachmänner lebhaft auf fich zogen. Von den Schülern der königlichen Bauakademie waren die an der Anftalt benützten Wandtafeln für den kunftgefchichtlichen Unterricht ausgeftellt und die nach Profeffor C. Bötticher's Entwürfen ausgeführten Vorbilder und Studienblätter", eine herrliche Sammlung fowohl zur Illuftration von kunftwiffenfchaftlichen Vorlefungen als zum Studium im Copiren felbft. Erwähnt fei hier ebenfalls " * Von der Anftalt waren auch fehr fchone Dachstuhl- Modelle und ein Eadenmodell von einem dreiaxigen Hyperboloid( conftruirt vom Director Wiecke, ausgeführt von Ackermann) exponirt. 36 " J. Langl. die nach den Grundfätzen von C. Bötticher's Tektonik der Hellenen" bearbeitete Grammatik der Ornamente" von E. Jacobsthal, welche als Lehrmittel für höhere Architekturfchulen vorlagen. Die Studierenden des Inftitutes hatten auch ihre zum Zwecke des Studiums der Baudenkmäler angefertigten Autographien ausgeftellt; diefelben erfcheinen feit 1872 auch im Handel und zeichnen fich neben der forgfältigen Auswahl der Objecte und der netten Ausführung noch befonders dadurch aus, dafs fämmtliche Blätter in einem Mafsftabe gezeichnet find, was dem vergleichenden Studium von grofsem Vortheile ift. Das intereffante Werk, von welchem bereits vier Hefte erfchienen find, hat mit der antiken, altchriftlichen und romanifchen Baukunft begonnen und wird fich über die gothifchen und RenaiffanceDenkmäler bis auf die Werke der neueften Zeit erftrecken. Nebenbei fei erwähnt, dafs der Preis von 25 Silbergrofchen pro Lieferung ein ftaunenswerth billiger ift. Der Einflufs Schinkels hat fich am meiften in den Berliner Arckitekturfchulen geltend gemacht und belebt fein Geift noch allenthalben das Schaffen der Gegenwart. Hat fich auch feine fchöpferifche Kraft nicht auf feine Schule vererbt, fo verblieben ihr doch feine künftlerifchen Grundfätze. Den Charakter der Berliner bautechniſchen Beftrebungen bezeugen am deutlichften die namhaften Publicationen auf diefem Felde. Die weltbekannte Firma„ Ernft& Korn" bildet als Verlagshandlung ja den Centralpunkt für ganz Deutfchland; ihre ausgeftellten Werke nahmen nahezu eine ganze Abtheilung des Mitteltractes im Pavillon der XXVI. Gruppe ein. Es würde zu weit führen, die neueren Erfchei nungen hier alle zu befprechen; in Fachkreifen find ja diefe Werke alle durch den Handel bekannt, und mag es genügen, der rühmenswerthen Thätigkeit der Firma hier Erwähnung gethan zu haben. Von anderen bedeutenderen Erfcheinungen, den Kunft- und Zeichenunterricht betreffend, find von dem Ausgeftellten Profeffor E. v. d. Launitz's Wandtafeln des antiken Lebens und der Kunft" obenan zu nennen. Mit diefen Blättern wurde der Anfang gemacht, den kunftwiffenfchaftlichen Unterricht an den Mittelfchulen einzuführen und die Frage darob überhaupt in Flufs gebracht. Das Werk. hat allenthalben feine Verbreitung gefunden und bedarf wohl keiner weiteren Anpreifung. Die Ornamente aller claffifchen Kunftepochen" von W. Zahn( 1870) find fehr fchön( in Farbe) durchgeführt, doch zu klein, um auch als Zeichnungsvorlagen dienen zu können.- Die, ornamentalen Vorlagen" von Bogler( Wiesbaden bei Roth) zeichnen fich durch Einfachheit und Klarheit der Form aus; defsgleichen verdienen die aus demfelben Verlage hervorgegangenen „ Ornamente" von J. A. Müller erwähnt zu werden. - י " Weniger empfehlenswerth ift das Ornamentenzeichnen" von Domfchke mit zwei Kreiden; die Motive find abgetragen und der Vortrag hart und fchwarz. Die Zeichenfchule in Wandtafeln" von Trofchel ift in der Formenlehre und im Ornamente gut; die Fortfetzung im Figuralen verwerflich; die Tafeln für Projectionslehre überflüffig; denn diefe mufs vom Lehrer vorgetragen und die Figuren an der Tafel felbft gezeichnet werden. Die " Berliner fyftematifche Zeichenfchule" von W. Hermes hatte fich in 19 Bänden in ihrer Jubelausgabe vom Jahre 1872 repräfentirt. Dilettanten mögen diefe Hefte immerhin gewidmet fein, für den ernften Zeichenunterricht taugen fie nicht. Auffallend mangelhaft waren die diverfen Bilder für den niederen Anfchauungsunterricht. Mit Ausnahme von Schnorr's Bibelbildern erhob fich nichts über das Niveau der gewöhnlichen Bilderbogen. Sachfen. Die Ausftellung der königlich fächfifchen Regierung umfafste im deutfchen Unterrichtspavillon, wie fchon im Vorworte des bezüglichen Specialkataloges vorausgefchickt wurde, der Hauptfache nach nur folche Lehrmittel und 29 1 T n 1 n r S n 1 ゴ n h n r n e d r e n n t r 1 " 9 Der Zeichen- und Kunftunterricht. 37 andere Gegenftände für die Zwecke des Unterrichtes, welche von Gelehrten, Künftlern, Schulmännern und Induſtriellen des Königreiches herrührten". Im Weiteren hiefs es dann, dafs aber felbft in diefer Hinficht kein vollftändiges Bild gegeben werden konnte, da von den zahlreichen und bedeutenden einfchlagenden Werken und Arbeiten aller Art, welche von den Lehrern an der Landesuniverfität und den technifchen Hochfchulen des Landes ausgegangen find, nur fehr wenige zur Ausftellung gelangt waren." Ueber die Urfachen diefes Fehlens" wurde nicht weiter Auskunft ertheilt, und es fcheint, als ob die Raumfrage eine bedeutendere Entfaltung der fächfifchen Unterrichtsausftellung nicht zugelaffen haben mochte, was nur bedauert werden müfste, da bekanntlich das fächfifche Unterrichtswefen fowohl in Bezug auf allgemeine Volksbildung als in den gewerblichen Richtungen einen hohen Rang einnimmt. Ueber die allgemeinen Einrichtungen und die Statiſtik gab ein fpeciell für die Ausftellung verfafster Bericht die nöthigen Auskünfte. Bezüglich des gewerblichen Unterrichtes wird in Sachfen vorzugsweife den Bedürfniffen der Arbeiter Rechnung getragen, und find gegenüber Preufsen Fachfchulen in viel bedeutenderem Mafse entwickelt, demgemäfs fpielt auch der Zeichenunterricht in den gefammten gewerblichen Schulen des Landes eine gewichtigere Rolle, denn in dem ftärkeren Betonen des Fachlichen hat derfelbe ftets ausgefprochenere Tendenzen zu vertreten. Als Vorbildung wird an den meiften Anftalten blofs der Unterricht der Volksfchule angenommen, und dauern, wie beispielsweife an den Baugewerks- Schulen zu Chemnitz, Leipzig, Plauen, Zittau und Dresden, die Curfe drei Jahre( blofs im Winter) unter gleichzeitig praktifcher Ausübung des Gewerkes. Sachfen befitzt auch eine bedeutende Anzahl von Webefchulen, unter welchen die zu Chemnitz, Glauchau, Frankenberg, Oederna, Werdau, Grofs- Schönau, Hainichen, Limbach und Mittweida die hervorragendften find. In letzterer Zeit wurde auch der Holz- und Spielwaaren Induſtrie im fächfifchen Erzgebirge ein forgfames Auge zugewendet und für die Hebung derfelben in Seiffen und Grünhainichen Zeichnen- und Malfchulen eröffnet. Wie erwähnt, war auf der Ausftellung von Schülerarbeiten wenig vorgelegt; nur die technifchen Hochfchulen zu Dresden und Frankenberg waren darin umfaffend vertreten; fonft lagen Vorlagewerke, Modelle und andere Hilfsmittel für diefen Unterrichtszweig vor. Durch das Volksfchul- Gefetz vom Jahre 1873 wurde das Zeichnen als obligat auch in den unteren Schulen eingeführt, wo es übrigens fchon früher an manchen Orten beftens gepflegt wurde. Als ganz ausgezeichnete Lehrmittel für die erfte Stufe des Zeichenunterrichtes find die Vorlagewerke von H. Schmidt und W. Zimmermann( Lehrer an den Zwickauer Mittelfchulen) hier zuerft zu nennen. Nach der Schmidt'fchen Methode werden im Anfange die einfachften geometrifchen Grundformen von dem Lehrer an der Tafel vorgezeichnet, damit die Schüler das Entſtehen der Figuren lernen und später die complicirteren Formen mit den gegebenen Hilfslinien( die roth angegeben find) frei nach den Tafeln copirt. Die Schattenlinien haben nach vorangegangener Erklärung die Schüler felbft zu fuchen und werden Hintergrund und Zwifchenflächen mit leichten Farbentönen angelegt. Die Zimmermann'fchen Tafeln verfolgen im Allgemeinen denfelben Weg. Die Formen find in kräftigen fchwarzen Umriffen hervorgehoben und durch Farbentöne gefordert, was zur Deutlichkeit für die Ferne viel beiträgt. Die Hilfslinien, welche der Schüler nach dem Entwurfe auf feiner Zeichnung wieder zu entfernen hat, find roth punktirt. Die Methoden verbannen jedes Hilfsmittel und gehen darauf hinaus, neben dem Auge in erfter Linie auch die Hand zu bilden. Als Grundlage diefer, was Syftematik anbelangt, mufterhaften Vorlagewerke wurde F. W. Tretau's( Profeffor in Chemnitz) Kleiner Zeichner" genommen; bei den ornamentalen Formen 1 38 J. Langl. aber vorzugsweife die Werke von Herdtle und Weifs haupt benützt. Die Refultate des Zeichenunterrichtes an der Zwickauer Realfchule verdienten in jeder Hinficht die vollfte Anerkennung. In den höheren Claffen wird dafelbft auch das Verwandeln der Formen als Compofitionsübungen mit recht fchönen Erfolgen betrieben. Durch das Anlegen der Zwifchenflächen im Flachornamente gewinnt die Zeichnung ein lebendiges Ausfehen, und erhält der Schüler zugleich Gelegenheit, mit dem Pinfel umgehen zu lernen. In der Prima wird an genannter Anftalt dann auf leicht getontem Papier nach den Dresdener Gypsornamenten gezeichnet, wobei ebenfalls, um die Grundfläche zu dämpfen, Farbe in Verwendung kommt. Recht lobenswerthe Arbeiten lagen auch von der dafelbft befindlichen Mädchen- Fortbildungsfchule vor. Weniger anfprechend waren die Schülerarbeiten der Realfchule in Chemnitz, woraus kein beftimmter Lehrplan erfichtlich wurde. Hier fanden fich auch Licht- und Schattenftudien an geometrifchen Körpern, grofs mit Kreide durchgeführt, was den Schülern viel Zeit nimmt und wenig Nutzen bietet. Dagegen hatten wieder ganz hübfche Leiftungen die Bürgerfchule von Werdau und die Landesfchule von Planitz vorgelegt, aus welchen auch der Lehrgang klar erfichtlich war. Was aus den Dresdener Schulen an Zeichnungen vorlag, zeigte, dafs gerade in der Hauptftadt des Landes diefer Unterrichtszweig bisher nach fehr getheilten Richtungen gepflegt wurde. Blumen, gemalte Landfchaften, fogar ganze menfchliche Figuren kamen in den unterften Claffen vor; dabei wird Projections- und Perfpectivzeichnen betrieben, was dem Alter der Schüler nicht zuzumuthen ift. Am weiteften in diefen Verirrungen ging wohl die achte Bezirksfchule, aus welcher neben Hermes' Landfchaften auch grofse Köpfe nach Julien( gewifcht) vorlagen. Beffere Leiftungen mit geregelterem Lehrplane find aus der erften Bürgerfchule, der erften Gemeindefchule und der Freifchule des Vereines zu Rath und That" zu verzeichnen. In den Mädchenfchulen wird nach der Fröbel'fchen Zeichnenmethode meift gut begonnen, aber zu rafch mit Blumen und Landfchaften der Weg zu einem klaren Formenverftehen abgefchnitten. " Von den Lehrerfeminarien lagen nur aus der Anftalt zu FriedrichsftadtDresden Zeichnungen vor und wurde darin zugleich der Lehrgang in den vier Stufen dargelegt. Es wird nach Tretau's ,, Kleinem Zeichner" begonnen, mit Herdtle's Ornamenten fortgefetzt und zum Naturzeichnen übergegangen, und zwar zuerft nach geometrifchen Holzmodellen und dann nach Gypsornamenten. Aufser den bereits erwähnten Vorlagewerken der Zwickauer Schulen find von Zeichen- Lehrmitteln die plaftifchen Modelle für den Unterricht FreihandZeichnen und Modelliren" aus der königlichen Schule für Modelliren und Mufterzeichnen in Dresden rühmend hier anzuführen. Diefe Modelle wurden von Profeffor Krumbholz und Hän el entworfen und haben die Beftimmung, fich dem elementaren Zeichnen anzufchliefsen und den Unterricht bis zum Rundmodell fortzufetzen. Die Sammlung befteht aus drei Serien und umfafst die erfte theils fymmetriſche, theils frei behandelte Blattformen und ornamentale Motive, letztere vorzugsweife im Stile der italienifchen Renaiffance, die zweite in fortfchreitender Entwicklung gröfsere Ornamententheile bis zu ganzen abgefchloffenen Ornamenten ( im felben Stile) in Bezug ihrer localen Verwendung, und die dritte bewegt fich dann zwifchen der reinen, ftrengen Ornamentik und der naturaliftifchen Richtung und zeigt den fchon vorgefchritteneren Schülern, in welcher Weife fich die vegetabilifche Natur zu ornamentalen Zwecken verwenden läfst. Da das Unternehmen auf keinerlei Gefchäftsfpeculation angelegt ift, fondern die Arbeiten zunächft aus dem eigenen Bedürfniffe der Anftalt, gute plaftifche Vorlagen zu befitzen, hervorgegangen find, dabei aber der gute Zweck verbunden wurde, auch anderen Schulen Modelle zugängig zu machen, wodurch die Bildung des Gefchmackes und des Schönheitsfinnes angeftrebt werden könne: fo wurde der Preis durch die Vervielfältigung in der eigenen Giefserei fo niedrig geftellt, dafs Der Zeichen- und Kunftunterricht. 39 es auch minder dotirten Anftalten möglich fein kann, fich diefelben anzufchaffen. Die I. Serie( 12 Modelle) koftet 6 Thaler, II. Serie( 12 Modelle) 9 Thaler, III. Serie ( 9 Modelle) 10 Thaler. Ift fchon die forgfältige Auswahl der Motive und die fyftematifche Zufammenftellung derfelben eine ausgezeichnete zu nennen, fo mufs die Ausführung als mufterhaft bezeichnet werden. Die Kanten befitzen eine Schärfe und Reinheit, wie es felbft an Originalmodellen felten angetroffen wird. Es feien diefe Vorlagen allen Anftalten auf das Wärmfte empfohlen. Kleinere Zeichen- Vorlagewerke, welche noch von verfchiedenen Autoren auflagen, boten nichts befonders Bemerkenswerthes; defsgleichen müffen Seltmann's Modelle für den Zeichenunterricht( Holzkörper von verfchiedenen geometrifchen Formen, aus denen Figuren componirt werden können) als ein etwas fchwerfälliges Lehrmittel bezeichnet werden. Bekannt find die nützlichen ftigmographifchen Hefte Fröbel's für die erfte Stufe des Unterrichtes. Für den Anfchauungsunterricht lagen Schwarz's und C. Ehrenberg's Bibelbilder und die ,, deutfche Gefchichte" in Bildern( von mehreren Künftlern) vor; für die höheren Unterrichtsanftalten dann Overbeck's herrlicher Atlas zur griechifchen Kunftmythologie". Von dem umfangreichen Werke find bis jetzt zwei Bände„ Zeus" und" Hera" erfchienen. Die königlich polytechnifche Schule in Dresden hatte Arbeiten der Studirenden aus allen Fächern des technifchen Zeichnens und Modelle für Brückenbau ausgeftellt. Befonders intereffant waren die Arbeiten aus der Abtheilung für mechanifche Technik, in welchen die Mafchinen einer FlachsgarnSpinnerei und einer Papierfabrik in zahlreichen Blättern dargestellt wurden. Die Ingenieur- Abtheilung hatte ein Project zur Ueberbrückung der Elbe bei Dresden, Entwürfe im Eifenbahn- Bau, Eifenbahn- Hochbau, geodätifche Arbeiten etc. aus geftellt. Unter den Modellen befanden fich viele, welche noch nach den Angaben des Dr. E. Winkler zur Zeit gefertigt wurden, als der nunmehr an der Wiener Hochfchule thätige Profeffor als Affiftent an der Dresdener Schule fungirte. Das Polytechnicum in Frankenberg hatte ebenfalls in fchöner Anordnung die Leiftungen der Studirenden zur Ausftellung gebracht und lagen zahlreiche Mappen und Hefte aus der Vorbereitungsclaffe( meift mit Studien aus der darftellenden Geometrie) und treffliche Arbeiten aus den Fachfchulen( vorwiegend Mafchinenzeichnungen) auf. Erwähnt fei hier auch die Ausftellung der fächfifchen Spielwaaren, welche von der Commiffion zur Hebung diefes Induftriezweiges veranstaltet wurde. Mit Recht wird darauf hingearbeitet, dafs auch die erften Bilder, welche dem Kinde in die Hand gegeben werden, fchon den Formenfinn wecken follen, und allmälig in die fabriksmäfsig erzeugten Spielwaaren ein befferer Gefchmack eingeführt werde, damit das Auge das Edlere fühlen lernt. Im fächfifchen Erzgebirge hat fich diefe Induftrie feit Jahrhunderten im Volke fortgeerbt und werden deren Producte über die ganze Welt verbreitet. Die genannte Commiffion ift von der fchönen Anficht geleitet, auf die allmälige Ausbildung derfelben hinzuwirken, was die vollfte Anerkennung verdient. Wie fchon erwähnt, war es nur zu bedauern, dafs von den fächfifchen Fortbildungsfchulen keine Schülerarbeiten vorlagen. Welche forgfältige Pflege dem gewerblichen Zeichnen in Sachfen zugewendet wird, war aus dem oben citirten Berichte der königlich fächfifchen Unterrichtsverwaltung( Seite 27 bis 33) erfichtlich, wo die Einrichtung der verfchiedenen Anftalten, ihre Eintheilung in Kategorien etc. ausführlich dargelegt wurde. Heffen. Aus dem Grofsherzogthum Heffen lagen von Schülerarbeiten im Zeichenfache faft ausfchliefslich Leiftungen der Handwerker- und Fortbildungs 40 J. Langl. fchulen auf. Diefe Anftalten haben fich feit dem Jahre 1838, wo die erften in Darmftadt, Mainz und Giefsen errichtet wurden, in bedeutender Weife vermehrt, fo dafs fich derzeit in jedem Städtchen des Landes eine derfelben befindet. Der Befuch ift überall freiwillig und war der Unterricht, an welchem Lehrlinge und Gefellen theilnehmen können, bis vor Kurzem unentgeltlich; jetzt wird ein mäfsiges Schulgeld( 6 bis 30 kr. per Monat) von den Schülern eingehoben; jedoch find notorifch Arme von deffen Entrichtung befreit und werden an einigen Anftalten noch mit koftenfreier Abgabe von Zeichnen- und Schreibmaterialien unterſtützt. Das Hauptgewicht wird im Unterrichte auf das techniſche Zeichnen gelegt, und fchliefsen fich die anderen Fächer, wie Geometrie, Rechnen, Stilübungen etc., mit Hinficht der praktifchen Bedürfniffe an. In Anbetracht der knapp zugemeffenen Zeit wird nur dahin geftrebt, das für den Handwerker Nothwendigfte und Nützlichfte zu lehren und werden minder wichtige Unterrichtszweige nicht berückfichtigt. Die Schülerarbeiten werden nicht prämiirt, aber alljährlich einer befonderen Commiffion eingefandt, von diefer geprüft und erfolgt darüber ein Bericht, deffen allgemeiner Theil veröffentlicht; der fpeciell kritifche aber den Schulvorftänden und Lehrern vertraulich mitgetheilt wird. Viele Verdienfte hat fich um diefe für die verfchiedenen Gewerbe fo wohlthätigen Schulen der heffifche Gewerbeverein erworben, von welchem die erfte Anregung zur Errichtung derfelben ausging, und der feither Alles gethan hat, um die Anftalten zu vermehren und zu heben. Das Wichtigfte feiner Thätigkeit beftand aber in dem Veranlaffen der Herftellung praktiſcher und zweckmäfsiger Vorlageblätter. Den Grund zu diefer trefflichen Sammlung für alle Fächer des Gewerbewefens legte der frühere Secretär des Vereines, jetzt grofsherzoglicher Oberbaurath Röfsler. Die Vorlageblätter für die Handwerks- Zeichenfchulen im Grofsherzogthume Heffen" fowie die fpäter erfchienenen ,, Mufterzeichnungen für Techniker und die verfchiedenen Zweige des Gewerbebetriebes" haben fich feither in wiederholten Auflagen weit über die Grenzen des Landes verbreitet, für deffen Schulen fie zunächft gefchaffen wurden, und werden ihrer einfachen praktiſchen Darftellung wegen für gewerbliche Schulen ftets ein treffliches Lehrmittel bleiben. Sie illuftrirten auf der Ausftellung am fchönften die Thätigkeit und Fürforge des genannten Vereines für die Hebung der Gewerbe. " Die Arbeiten der Schüler können in Hinficht, dafs die Schulen blofs in Abend- und Sonntagscurfen beftehen, keine fo ftrenge Kritik fordern, wie die aus Tagesfchulen; fie zeigten durchgehends das redlichfte, befte Streben, welches auch zumeift von gutem Erfolge begleitet war. Vorwiegend wird das Mafchinenzeichnen gepflegt; doch fanden fich von einzelnen auch ganz nette FreihandZeichnungen nach Vorlageblättern und nach Gyps. Zum Vortheile des technifchen Linearzeichnens wäre es nur wünfchenswerth, wenn das Projectionszeichnen im Allgemeinen ausgiebiger gepflegt würde; darin zeigten manche Schulen Lücken. Im Ornamente wird meift gut in Contouren gezeichnet, was bei der befchränkten Zeit felbft für die befferen Schulen nützlicher ift, als ein langwieriges Ausfertigen von Schattirungen. Von weiteren Hilfsmitteln für den Zeichenunterricht nahmen, wie bei früheren Ausftellungen, auch diefsmal J. Schröder's Modelle den hervor ragendften Rang ein. Die reiche Sammlung enthielt Darftellungen für die Geometrie, darftellende Geometrie, Mafchinenkunde, Steinconftructionen und Eifenbahn- Bau, Zimmerwerks- Baukunft, Metallurgie und Landwirthschaft. Schröder's Arbeitsinftitut ift durch feine ausgezeichneten Leiftungen allenthalben fo rühmlich bekannt, dafs wohl hier ein näheres Eingehen in diefelben überflüffig ift. Friedrich Löffer hatte ebenfalls Modelle für den Unterricht in der darftellenden Geometrie ausgeftellt, und waren die Körper aus Holz gefertigt und in die Ebenen gefetzt, auf welchen die Projectionen derfelben fammt den Hilfslinien ausgezeichnet waren. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 41 Auch fehr inftructive Apparate über Perfpective find von demfelben Autor zu erwähnen. Für den Elementar- Zeichenunterricht hatte J. Kumpa grofse Wandtafeln ausgeftellt( Verlag von W. Peyerle in Darmftadt), in welchen von den einfachen geometrifchen Elementen in fyftematifcher Weife zum freien Ornamente vorgefchritten wird. Die Formen find breit, in tiefem Ton auf Weifs gezeichnet, und ift das Werk für die erfte Unterrichtsftufe fehr empfehlenswerth. Neben den gewerblichen Schulen war auch die Realfchule in Darmstadt mit Schülerzeichnungen vertreten, und zwar mit ganz achtenswerthen Erfolgen; nur dürfte das Blei der Kreide als Darftellungsmittel für den erften Unterricht vorzuziehen fein. Ein weniger günftiges Urtheil mufs über das fortgefetzte Zeichnen an diefer Anftalt gefällt werden, es mangelt ein feftes Princip; in noch höherem Grade aber am Gymnafium in Darmſtadt, welches ebenfalls Zeichnungen vorgelegt hatte. . Hamburg. In kaum einer zweiten Stadt Deutfchlands wird gegenwärtig der Zeichenunterricht forgfamer und gewiffenhafter gepflegt als in Hamburg. Durch das rege Zufammenwirken intelligenter, tüchtiger Lehrer an der dafelbft befindlichen allgemeinen Gewerbefchule hat fich an diefer Anftalt( was nunmehr auch auf die Volksfchulen übergegangen ift) eine beftimmte Lehrmethode ausgebildet, die in ihrem wohlgeordneten, ftufenmäfsigen Fortfchreiten mufterhaft genannt zu werden verdient. Der günftige Eindruck, welchen die Ausftellung auf die Befucher machte, war aber nicht allein den vorgelegten fchönen Refultaten zuzufchreiben, fondern auch dem forgfältigen Arrangement, der gewiffenhaften Adjuftirung des Ganzen, wodurch der Zweck der Ausftellung ein Bild von Methode und Erfolg zu geben im vollten Mafse erreicht wurde. Es waren Proben der Leiftungen von den Elementarfehulen, der allgemeinen und Bau- Gewerbefchule und der MädchenGewerbefchale ausgeftellt; der fyftematifche Lehrgang aber in gewohnten Blättern ( auf Turbinen) zur Anfchauung gebracht. Bevor wir diefen näher in Betracht ziehen, mögen einige Worte im Allgemeinen die Organiſation und Einrichtung der von O. Jeffen trefflich geleiteten Anftalt fkizziren. - - Die allgemeine Gewerbefchule in Hamburg wurde im Jahre 1865 eröffnet mit der Aufgabe, allen Gewerbetreibenden die für ihren Beruf nothwendige wiffenfchaftliche und künftlerifche Ausbildung zu geben, welche in der Werkstätte nicht erlangt werden kann. Neben den anderen wiffenfchaftlichen und commerciellen Fächern ift dem Zeichenunterrichte das weitefte Gebiet eingeräumt, und fallen demfelben in den verfchiedenen Claffen nicht weniger als 218 Stunden( wöchentlich) zu, und zwar für das Freihand- Zeichnen Zirkelzeichnen . • Fachzeichnen für Bau- Handwerker, Möbeltifchler etc. und Vortrag für Schiffbauer 66 Stunden 28 " " 99 " für Mafchinenbauer, Schloffer etc. für Spängler etc. " " für Maler und Bildhauer etc. für Lithographen.. • 29 99 99 99 99 12 29 86842∞∞ 28000 IO 6 • 44 B Zeichnen nach lebenden Pflanzen und Thieren Kunftgewerbliche Formen- und Farbenlehre Ornamentzeichnen und Entwerfen. Decoratives Malen Modelliren in Thon. Elementarzeichnen für Knaben 42 J. Langl. Der Unterricht ift an Wochentagen von 5 bis 9 Uhr Abends, und an Sonn tagen von 8 bis 12 Uhr. Die unter derfelben Leitung ftehende Schule für Bau- Handwerker bietet diefen gründliche und umfaffende Ausbildung im theoretifchen Unterricht und fachliche Anleitung im Zeichnen. Der vollſtändige Curfus kann in drei WinterHalbjahren durchgemacht werden. Dem Zeichnen fallen im Ganzen 112( wöchent liche) Stunden zu, und zwar im folgenden Ausmafs für die einzelnen Fächer: Freihand- Zeichnen Zirkelzeichnen Darftellende Geometrie. Baukunde, Bauconftructions Lehre, BaukoftenBerechnung, Bauzeichnen 30 Stunden ΙΟ " 18 54" Die Unterrichtszeit ift täglich von 8 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends mit angemeffener Unterbrechung. An der allgemeinen Gewerbefchule find auch noch drei Curfe des Elementarzeichnens für Knaben eingerichtet. Es werden alljährlich zu Oftern Ausftellungen der Schülerarbeiten veranftaltet, wobei jedoch Preisvertheilungen oder fonftige Auszeichnungen nicht ftattfinden. An den vereinigten Anftalten find aufser dem Director gegenwärtig 18 Lehrer und 15 Hilfslehrer befchäftigt und erreichte die Frequenz im Winterfemefter 1872 und 1873 1161 Schüler. Es fpricht wohl diefe Zahl hinreichend für die zweckmäfsige Leitung der Anftalt; ihren ausgezeichneten Ruf hat fie aber vorzugsweife den Erfolgen in den Zeichenfächern zu danken. Die Methode im Elementarunterrichte ift kurz zufammengefafst folgende: Die Schüler beginnen mit Netzzeichnen, und zwar mit der Geraden in den verfchiedenen Richtungen, in der Verbindung zu einfachen Irrwegen, Borduren etc. wobei nach und nach zu complicirteren, fternförmigen Figuren vorgefchritten wird. Der Lehrer zeichnet auf der mit dem quadratifchen Netz verfehenen SchulWandtafel vor, während die Schüler gleichzeitig erft auf Schiefertafeln und später in Heften nachzeichnen; daran fchliefst fich eine kurze, aber gründliche Uebung: 1. im Verwandeln einer Figur in die ihr entgegengefetzte; 2. im Verwandeln der Gegenfätze und 3. im Zufammenfetzen neuer Formen. Endlich läfst der Lehrer auch Figuren ins Netz zeichnen, welche er ohne Netzlinien auf der Tafel vorzeichnet. Auf diefer Stufe hält fich fomit der Unterricht im Allgemeinen an die Fröbel'fchen Grundfätze. Nach diefem folgt das Zeichnen nach gedruckten Wandtafeln; zunächft im Claffen, dann im Abtheilungs- und endlich im Einzelunterricht. Der Unterricht im Zeichnen wird von dem Unterrichte in der fyftematifchen Formenlehre getrennt ertheilt. Die Wandtafeln bieten nur ebene Gebilde in frontaler Anficht und ohne Hilfslinien. Letztere haben die Schüler unter Anleitung des Lehrers felbft zu finden. Es wird mit geradlinigen Figuren begonnen, die der Lehrer zugleich an der Netztafel vorzeichnet( bisher nach Dr. Stuhlmann's Wandtafeln) und auf krummlinige, ornamentale Formen übergegangen( nach H. Wohlien's Wandtafeln*). Haben die Schüler hierin die nöthige Fertigkeit erreicht, fo beginnt das Zeichnen nach körperlichen Gegenftänden im Einzelunterricht. Jeder Schüler( bisweilen wohl auch zwei oder drei) zeichnet nach einem befonderen Modelle, welches in I bis 15 Meter Entfernung vor ihm aufgeftellt ift. Die perfpectivifchen Veränderungen lernt der Schüler mittelft des Vifirens mit dem Bleiftift durch die blofse Beobachtung des Körpers erkennen, abfchätzen und darftellen. Den Anfang bilden F. Heimerdinger's Holzmodelle"; daran و, * Es kommen nach einer Privatmittheilung in der Folge nur mehr H. Wohlien's Tafeln in Verwendung. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 43 fchliefsen fich einfache Gypsmodelle und Geräthe unter Berücksichtigung von Licht und Schatten. In den Mädchenclaffen wird dann noch in der oberen Abtheilung das Zeichnen von Stickmuftern angefchloffen, und werden die Schülerinen zunächft mit den wichtigften Elementarformen vertraut gemacht, dann zum Abändern und Benutzen einer gegebenen Form für verfchiedene Zwecke geführt und fchliesslich zum felbftftändigen Erfinden angeleitet. In der Gewerbefchule wird ausfchliefslich nach Modellen gezeichnet, und zwar im Anfang mit Contouren und allmälig zum Schatten fchreitend, dabei aber die verfchiedenen Darftellungsmittel berücksichtigt. Das figurale Zeichnen wird nur von jenen Gewerbebefliffenen geübt, die derfelben in der Praxis bedürfen. Die ausgeftellten Arbeiten bewiefen, dafs an der Anftalt alle Richtungen des Zeichnens gewiffenhafte Pflege finden, dafs dem Ornamente das Studium der Blume zur Seite fteht und es nicht verfäumt wird, auch die Selbftthätigkeit im Erfinden anzuregen. Die Objecte, welche aus den Fachcurfen der Decorateure, Möbeltischler etc. vorgelegt waren, zeigten in dem zweckmäfsigen, einfachen Aufbau der Formen und in der richtigen Geftaltung und Anwendung des Ornamentes, dafs die Schule dem Fortfchritte in Bezug auf Reform des Gefchmackes, welcher fich in England und Oefterreich Bahn bricht, mit regftem Eifer folgt. Es werden bei der Darftellung der Gegenftände, die nicht als Bilder auf dem Papier zu gelten haben, fondern nur für die praktiſche Ausführung gefchaffen werden, die leichteften Mittel angewandt und alle überflüffige Malerei und zeitraubende Ausführung vermieden. An der Anftalt wird nur gezeichnet und modellirt und ift es dem Fleifse und der Thunlichkeit der einzelnen Schüler überlaffen, in ihren Werkstätten Entwürfe, die fie in der Schule unter der Leitung ihrer Lehrer machen, auszuführen. Es ift diefs ein treffliches Mittel, die Vortheile der Schule unmittelbar in das Gewerbe zu verpflanzen und dadurch das Intereffe für die Schule in den Kreifen der Induftriebefliffenen rege zu halten. Einzelne Objecte, welche auf diefe Weife durch die Anftalt gefchaffen wurden, waren auch ausgeftellt und zeugten von ganz edler Gefchmacksrichtung. Befonders hervorragend waren davon die Tifchlerarbeiten. In den Modellirungen( in Gyps und Wachs) waren ornamentale und figurale Vorwürfe behandelt und verdiente die exacte, ftrenge Behandlung der Formen volles Lob. Ebenfo fyftematifch wie im Freihand- Zeichnen wird auch im Linearzeichnen vorgegangen, und finden die geometrifchen Conftructionen ftets in praktiſchen Beiſpielen ihre Anwendung. Ganz tüchtige Arbeiten lieferte befonders die Schule für Bau- Handwerker, aus welcher auch fehr hübfche bauliche Entwürfe vorlagen. Der Vortrag war in den Zeichnungen ebenfo präcis als einfach, und waren nirgends fogenannte Ausftellungsblätter zu finden, die fonft blofs die Augen der Laien zu feffeln berufen find. Sehr gute Arbeiten lagen auch von der feit 1870 unter der Aufficht und Verwaltung der allgemeinen Gewerbefchule ftehenden St. Pauli- Gewerbefchule vor. Brillirten die Hamburger Gewerbefchulen auch nicht in pomphaften Tableaux, und begnügten fie fich, in befcheidener Form ihre Leiftungen dem Urtheile des Publicums vorzulegen, fo zogen fie gerade durch ihr ungefchminktes Auftreten die Aufmerkfamkeit der Fachmänner in hohem Grade auf fich, und konnten fich die Leiftungen von allen Seiten ungetheilter Anerkennung erfreuen. Das Inftitut hatte faft feine fämmtlichen Lehrkräfte zum Befuch der Ausftellung nach Wien gefchickt und dürften die dafelbft gemachten weiteren Erfahrungen das Aufblühen der Anftalten um fo mehr fördern.* * Es war nur zu bedauern, dafs dem Hamburger gewerblichen Muſeum diefsmal wenig Mittel zur Verfügung geftellt waren, um Einkäufe von kunftinduftriellen Gegenständen auf der Weltausftellung zu veranlaffen, in welcher Hinficht die Sammlungen Deutfchlands, Oefterreichs und Rufslands reichlicher bedacht waren. 44 J. Langl. Seit dem Jahre 1867 ift in Hamburg auch eine Mädchen- Gewerbefchule( in Tagescurfen) eröffnet, welche alle Lehrfächer für allgemeine Bildung umfasst, und wo dem Zeichnen ebenfalls eine befondere Pflege zu Theil wird. Vorzugsweife ift es das Mufterzeichnen, welchem in der höheren Claffe Aufmerksamkeit zugewendet wird. Der Unterricht darin beginnt mit der Darftellung von einfachen Linienverzierungen, Bändern etc. nach fkizzenartigen Andeutungen und folgen dann Verfuche im Erfinden von Rofetten, Flächenverzierungen etc. für Bekleidung und fonftige häusliche Zwecke. Die ausgeftellten Zeichnungen und ausgeführten Objecte zeigten ein ficheres Handhaben der Form und einen gefunden Sinn im felbftftändigen Schaffen. Viele Mufter, die von den Schülerinen der Anftalt erfunden wurden, haben ihren Weg durch diverfe Modejournale weiter gefunden. Lobend find auch die Schülerarbeiten des, Vereines zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit" zu erwähnen. Die Mädchenfchule des Frauenvereines in Paulfenftift hatte Zeichnungen vorgelegt, welche die Zweckmäfsigkeit der Hamburger Methode ebenfalls beſtätigten. Frankreich. Bei keiner Nation hat feit mehr als einem Jahrhundert das Zeichnen an und für fich eine bedeutfamere Rolle gefpielt als bei den Franzofen. Mit Recht konnte man behaupten, dafs fie ihren Wohlftand zum gröfsten Theil ihren Zeichenfchulen zu verdanken haben, welche ja die Hauptftützen ihrer Induftrie auch noch heute bilden. Wir müfsten unfere Blicke weit in die Vergangenheit zurück werfen, wollten wir auf die Urfachen eingehen, wodurch fich ihre Kunft und vorzugsweife ihre Kunstinduftrie über alle Welt dominirend emporfchwingen konnte und bis in die jüngfte Zeit in Bezug auf Gefchmack fich tonangebend erhielt. Erft die freien Wettkämpfe auf Weltausftellungen rüttelten den Nationalgeift anderer Völker aus dem blinden Gehorfam auf, und an der Hand der Kunftwiffenfchaft wurde gegen die Schwächen und Mängel des Hergebrachten zu Felde gezogen. England ging energifch voran; Oefterreich und auch zum Theile Deutſchland folgten nach; die Reform, die von der Londoner Ausftellung 1851 ihren Urfprung nahm, ift bis heute, dank den Mufeen und Kunftſchulen, fchon fiegreich vorgedrungen und hat felbft in Frankreich eine Wandlung in den Formen hervorgerufen; nur find die traditionellen Anfchauungen zu tief gewurzelt, als dafs bei einem fo kunftbegabten Volke, welches mit gerechtem Stolz auf feine Erfolge in der Vergangenheit blicken kann, fich ein rafcher Umfchwung vollziehen könnte. Es ift unabweisbare Thatfache, dafs die Kunftbeftrebungen, welche doch bei jedem Culturvolke unbewusst zu Tage treten, in unferer Zeit mehr als ehedem bevormundet, gepflegt und auch dirigirt werden können. Zunächft ftehen uns durch die rege Thätigkeit auf dem Gebiete der kritifchen Kunftwiffenfchaft die Claffiker der Vergangenheit zu Gebote, die in Sammlungen dem Volke vorgeführt auf den Gefchmack desfelben Einflufs nehmen können, und dann find es die Zeichenfchulen, oder allgemeiner der Kunftunterricht, durch welchen direct auf die Productionen der Kunft und des Kunft- Handwerkes eingewirkt werden kann. In England und Oefterreich ftehen diefe Mittel zur Reform des Gefchmackes in der Kunstinduftrie in erfolgreichfter Anwendung. Die Oppofition gegen die hergebrachten franzöfifchen Kunftanfchauungen, von diefer Bafis aus betrieben, hat aber in Frankreich diefelben fchon längst dagewefenen Mittel zum Bewufstfein gebracht. und nicht zu verkennen find in der jüngften Zeit die energifchen Beftrebungen. durch den Zeichenunterricht läuternd auf die Gefchmackserziehung zu wirken. Es wurde ehedem in den franzöfifchen Zeichenfchulen wenig Werth darauf gelegt. eine beftimmte Richtung des Stils zu cultiviren oder zu veredeln; in der technifchen Fertigkeit, dem Gefchick der virtuofen Nachahmung, im Aeufserlichen allein brillirte der Franzofen gerühmte nationale Kunft und darin ftehen fie auch Der Zeichen- und Kunftunterricht. 45 heute noch unübertroffen da. In wie ferne es ihnen gelingen wird, ihre technifchen Errungenfchaften zu wiffenfchaftlichen und rein künftlerifchen Beftrebungen auszunützen, davon hängt die Stellung ihrer Induftrie nun in der Zukunft ab. Die Concurrenz auf der Ausftellung 1873 dürfte für Frankreich abermals von weit gehendem Einfluffe gewefen fein. Dafs in der Kunft der Franzofen, fowohl in der Malerei und Plaftik als im Decorativen fich vorzugweife das Aeufserliche- hier im Leichten, Anmuthigen, dort im Pompöfen, Theatralifchen entwickelte und die tiefere Empfindung, der feelifche Inhalt ferne blieb, findet feine Begründung in der Gefchichte ihrer Kunft felbft. Die Höfe waren es, welche fie im Dienfte des Luxus erzogen; nicht aus der Poefie und dem Bedürfnifs des Volkes ging fie hervor. Es ift fchon charakteriftifch, dafs in der Renaiffance periode vom Süden herauf in Frankreich nur jene Elemente Eingang fanden, die gleichfam als heiteres Ornament der edlen Gebilde jener Glanzepoche in Italien auswuchfen. - Kein Enthufiasmus für die grofsen Schöpfungen der ernften Kunft fpiegelte fich in Frankreich wieder: hier wird nur die leichte, elegante Decoration aufgenommen, die aber ohne tiefere Bafis bald verflacht und entartet. Fontainebleau bildet gleichfam den Anfang des fpecififch Eigenthümlichen in der franzöfifchen Kunft, welches in der Barockzeit dann in der pomphafteften, theatralifchen Weife fich weiter entfaltete. So fehr wir das Hohle und Nichtsfagende der franzöfifchen Kunft unter Ludwig XIV. und Ludwig XV., den leeren Aufwand der Mittel als Gefchmack verwerflich zurückweifen müffen, fo können wir doch nicht leugnen, dafs durch die reiche Kunftpflege von Seite der Höfe und der Ariftokratie die franzöfifchen Künftler fchon damals zu einem technifchen Gefchick gelangten, welches felbft in ihren Werken der Barockzeit fchon bewunderungswürdig ift. Vorzugsweife war es die Kunftinduftrie und die ihr am nächften ſtehende Plaftik, in welcher Virtuofes geleiftet wurde und wovon fich die Traditionen noch bis heute erhielten. Selbftftändiger ging die Malerei ihre Wege. Von der Revolution an tritt dann auf allen Gebieten der Kunft ein gewaltiger Umfchwung ein. Das erfte Kaiferreich bildet die Periode des Clafficismus. Was David für die Malerei, war Canova und Bofio für die Plaftik. Die Malerei fchlägt aber in die Romantik um und wendet fich im zweiten Kaiferreich zum vollendeten Realismus. Die Plaftik behält die antike Formgebung, aber auch zum grofsen Theil den hohlen Pathos des Rococo. Und die Induftrie, das Ornament?- In die Elemente des Rococo treten die Formen der reinen Natur. So wie fie ift, wird fie copirt; das Ornament wird zur Hauptfache, die Grundform des Gegenftandes aber dadurch gänzlich vernachläffigt, das Gefühl und Verftändnifs für die Form in Bezug auf den Zweck geht verloren und die Materie, der Stoff kommt im widerlichften, falfchen Sinn zur Anwendung. Die künftlerifche Geftaltung des Ornamentes, die organifche Entwicklung desfelben aus den Gebilden der Natur für die zweckmäfsige Grundform des Objectes in der richtigen Verwendung der Materiale, find dagegen die Beftrebungen der Reform. ንን , Wie weit ift nun in Frankreich feit der letzten Ausstellung diefe Klärung der Formen in der Induftrie vorgefchritten? Welche Mittel werden in den Schulen angewendet, in diefem Sinne fortzuarbeiten? Und welchen Einflufs könnte diefer eventuelle Umfchwung in dem Kunftunterrichte auf die eigentliche Kunft in Frankreich ausüben?" Diefs find beiläufig die Punkte, welche der Berichterstatter bei der Beurtheilung der Lehrmittel, Schülerarbeiten etc. ins Auge fafste. Trübe Tage liegen für Frankreich zwifchen dem Jahre 1867 und 1873; die Kriegsfurie hatte in die Kunft- und Induftrie- Werkstätten gewaltige Paufen gefetzt, aber nichts deftoweniger war das Land in der reichften Ausstattung auf dem Wahlplatze der Arbeit erfchienen. In der Kunft( Malerei und Sculptur) wurde nicht viel des Neuen gebracht und wurde im Grofsen und Ganzen der traditionelle Charakter repräfentirt, aber in der Induftrie konnte ein bedeutender Fortfchritt 46 J. Langl. in der Wandlung des Gefchmacks wahrgenommen werden. Zwar dominirt noch immer der Stil aus der Zeit Louis XV., noch immer finden wir die Blume, und das plaftifche Ornament auch dort, wo Beides nicht hingehört: jedoch Schritt für Schritt dringt fchon die ftilifirte Form vor, und das ehemals verpönte Architektonifche findet feinen Eingang in Stoffdeffins, in den Broncen, Fayenzen etc. Es mag der mehr als ehedem gereizte Nationalftolz mit- Urfache fein, dafs weniger die Elemente der allgemeinen Reform Eingang finden, als die Imitation des alten und vorzugsweife des Orientes, wobei jedoch dem nationalen Charakter zufolge vielfach das Effectvolle dem eigentlichen Schönen vorgezogen wird. Wir haben nun zunächst zu erörtern, welche Richtung in Bezug auf Stil an den Schulen gepflegt wird, und auf welcher Stufe der Kunftunterricht überhaupt gegenwärtig in Frankreich fteht. In Betreff des erften Punktes müffen wir hier an die Spitze ftellen:„ Was gezeichnet wird", denn mit den Formen, in welchen der Zeichner erzogen wird, fpricht er fpäter als Ausübender, oder findet doch feinen Gefallen daran. Die Wichtigkeit, welche Vorlagen, Modelle etc. für den Zeichenunterricht haben, wurde in Frankreich längft anerkannt, und feit Jahrzehnten beherrfchen damit alle Welt die Parifer Verleger. Julien mit feinen zahlreichen Vorlagewerken war bis in die fünfziger Jahre herein der tonangebende Autor und nicht nur in Frankreich, wo es überhaupt Zeichenfchulen gab, fand man feine glatt gezeichneten Köpfe, feine phrafenhaften Ornamente, beftechlich für das Auge- bedenklich für einen rationellen Unterricht. Das figurale Zeichnen mufste damit entfchieden auf Abwege gerathen, und auf der Weltausftellung beftätigten diefs wieder die Schülerarbeiten vieler Anstalten, an welchen noch die älteren Schulen des genannten Autors in Verwendung ftehen. Neben diefem wurde dann das leichte Ornament cultivirt, worin vielleicht Bilordeaux das Elegantefte leiftete und die Blume. Im letzteren Genre entstanden nun frühzeitig und noch bis heute muftergiltige Vorlagen: diefs war ja das Hauptelement in der Induftrie! Nun kamen die Weltausftellungen und die Concurrenz forderte exactere Formen in der Induftrie, die aber nur durch den Kunftunterricht eingeführt werden konnten. Der Umfchwung, der auf diefem Gebiete in den letzten Jahren fich in Frankreich vollzog, war das bedeutfamfte Signal für den allmäligen Umfchwung des Gefchmacks in der franzöfifchen Kunftinduftrie. Vorlagewerke entftanden nicht mehr wie ehedem aus der Phantafie Einzelner; es wurde bei der Wahl der Motive ftrenger vorgegangen, und zu den Claffikern eingedenk. 29. Die Firma Julien" felbft brachte die ,, Etudes d'aprés l'antiques", die aber leider wieder nur zu genial, zu breit gezeichnet waren, als dafs fie für die Elementarftufe des figuralen Zeichnens muftergiltig genannt werden könnten. Im Ornamente wurde zunächft zur Renaiffance umgekehrt; dann aber Motive und Formen aus der ganzen Kunftgefchichte, von den Indern, Aegyptern etc. angefangen, bis herauf zum Zopf in den Vorlageblättern vorgeführt. Es mag das Imitiren verfchiedener Stile in der modernen franzöfifchen Induftrie damit in Wechfelbeziehung ftehen. Eine Anzahl hervorragende Verleger, wie Delagrave, Delarue, Ducher, Monrocq( frères), Baudri, Morel etc. erzeugten in diefer Hinficht wahre Prachtwerke. Das Zurückgreifen nach den claffifchen Vorbildern und insbefondere im Figuralen nach der Antike, fteigerte fich noch feit der letzten Ausftellung und ward diefs Beftreben auch von der Regierung in Frankreich felbft bis zur Gegenwart reichlichft unterſtützt. Zwar find im Allgemeinen die Früchte noch nicht überall zu Tage getreten, aber energifches Hinarbeiten, edlere Elemente in das Formenwefen zu bringen, mufs allenthalben conftatirt werden. Von den neueſten Erfcheinungen, die auf der Ausftellung vorlagen, ift vor Allem F. Ravaiffon's" Claffiques de l'art, modellés pour l'enfeigement du deffin" zu nennen. Die Photographien find gröfstentheils nach den claffifchen plaftifchen Der Zeichen- und Kunftunterricht. 47 Werken des Souvre, dann aber auch nach den Handzeichnungen der Meifter in folcher Weife aufgenommen, dafs fie leicht mit Kreide oder fonftigem Materiale copirt werden können. Vorzügliche Beleuchtung und gut gewählter Hintergrund verfchaffen befonders den plaftifchen Objecten die vollfte Klarheit der Form. Das Werk umfafst 200 Blätter und ift leider nur zu brillant ausgeftattet, um Gemeingut werden zu können.( Per Blatt 8 Francs. sitol hasz Es foll einem Wunfche der Regierung zufolge an fämmtlichen Zeichenfchulen, Lyceen etc. in Frankreich eingeführt werden, um den Gefchmack an der Antike zu läutern und die Kunftanfchauungen in ein einheitliches Geleife zu bringen. Vorläufig befitzen es wenige Schulen von Paris. In den Provinzftädten, wo die älteren Elemente noch in tieferen Wurzeln ftecken, haben fogar die neueren Beftrebungen hie und da noch mit argen Vorurtheilen zu kämpfen. In den Tendenzen zwar allgemeiner, aber alle früheren Productionen überragend ift der„ Cours de deffin par Ch. Bargue-( avec le concours de Gérome)." Der erfte Theil enthält Plaftik nach antiken Modellen in äufserft delicater, malerifcher Behandlung; der zweite Theil bringt dann getreue Copien nach claffifchen Werken verfchiedener Art, Handzeichnungen etc. aus allen Zeiten, wobei auch auf die„ guten" deutfchen Meifter nicht vergeffen wurde. Der Vortrag ift leicht, aber exact und nur in einer Kreide. Diese vorzüglichen Blätter( feit 1868) haben ihren Weg auch ſchon nach vielen öfterreichifchen Schulen gefunden und wäre ihre allgemeine Verbreitung nur wünſchenswert. Die„ Exercices au fufain pour préparer à l'etude de l'academie d'après nature"( Hachette 1871) find für höhere Zeichenfchulen als Vorübungen zum Actzeichnen ganz trefflich zu verwenden. Das Werk befteht blofs aus Entwürfen und it in erfter Linie auf gewandtes Auffaffen und correctes Proportioniren der Geftalten Rückficht genommen. Aus dem Verlage Monrocq frères ift der„ grand Cours d'animaux" p. H. Lalaife hervorzuheben; der Vortrag ift wohl etwas frei, aber die Formen mit viel Verſtändnifs wiedergegeben; dagegen lenken die„ Modèles d'après nature" p. J. Ducollet et Felon wieder ganz in die Manier Julien's ein. Von Ornamenten ift der ,, Cours d'ornement" p. Lièvre( Goupil 1868) als vorzüglich in der Auswahl der Motive hier an die Spitze zu ftellen. Die Objecte, Originalmodelle in allen Stilen, find auf lichtgrau getontem Papier in Kreidemanier( unterwifcht) in leicht fafslicher Weife dargestellt. Mit derartigen Vorlagen läfst fich wohl Stillehre in den Zeichenfälen betreiben. Ein ähnliches Werk, nur die Kunftgefchichte in noch grösserem Rahmen umfaffend, ift jenes von Camille Chazal( Et. Hachette). Die erften Blätter fchildern Egypten in Figur, Ornament und Architektur; in ähnlicher Weife folgt dann der Orient, die Claffiker des Alterthums und herauf bis zur Renaiffance. Bei dem letzten Hefte über franzöfifche Kunft ift leider der Zweck als Zeichnenvorlage nicht mehr ganz im Auge behalten worden; die kleineren Genrefachen hätten auch füglich weggelaffen werden können. Im ähnlichen Sinne ift das von dem verdienftvollen frère M. Victoris zufammengeftellte Werk für den Elementarunterricht im Ornamentenzeichnen ,, Enfeignement populaire du deffin d'Ornament" durchgeführt. Die Motive find in Umriffen mit geometrifchen Grundftrichen und leicht fchattirt in hiftorifcher Anordnung dargeftellt. Das Werk ift in den meiften Primärfchulen, die unter der Congregation der Schulbrüder ftehen, eingeführt; wir kommen über die Unterrichtserfolge damit weiter unten noch zu sprechen. In vielfacher Verwendung fteht in den genannten Schulen auch der durch eine leichte, elegante Vortragsweife ausgezeichnete„ Cours d'ornament" par le frère Athanafe. Die Formen beginnen auf den erften Blättern fogleich mit Palmetten, Schneckenlinien etc. und fchreiten bis zu mäfsig fchwierigen Motiven vor, welche den claffifchen Denkmälern der Renaiffance, der Griechen und Römer, Etrusker und der Gothik entnommen find. Die Darftellungsweife ift in einer Kreide auf leicht getontem Papier. - 4 2 48 J. Langl. Vorlagewerke für die erfte Stufe des Unterrichtes find in letzterer Zeit in Paris maffenhaft producirt worden, und ift im Ganzen zu bemerken, dafs das Hauptaugenmerk fchon bei Beginn des Unterrichtes auf eine künftlerifche, freie Darstellungsweife gerichtet ift. Es handelt fich dabei nicht und darin unterfcheiden fich die Franzofen wefentlich von den Deutfchen um die Begründung der Form, um den geometrifchen Aufbau derfelben; das Geradlinige wird rafch abgethan oder einfach überfprungen, und fogleich auf den Gegenſtand, auf das freie, entwickelte Ornament hingearbeitet, und finden überhaupt lange Contourübungen als folche felten ftatt. - Sowie die gefammten Kunftleiftungen der Franzofen dahin ausgehen, zu intereffiren, den Moment im Brennpunkte zu erfaffen und in reicher Abwechslung das Auge anzuregen, fo finden wir auch in den erften Unterrichtsmitteln des Zeichnens fchon diefen nationalen Zug deutlich ausgefprochen. Es hat gewifs in vielen Beziehungen fein Gutes für fich, wenn in der erften Altersftufe des Kindes die Phantafie an Formen, welche unmittelbar aus dem Leben genommen find, genährt wird und das Zeichenheft zunächft den Zweck des lehrreichen Bilderbuches erfüllt, aber zugleich damit die Gelegenheit geboten ift, auf leichtem Wege die Formen nachahmen zu können. Das Intereffe für das Schöne fchon in einer Zeit anzuregen und feftzuhalten, wo mehr oder minder unbewusst die Thätigkeiten des Geiftes fich erft entfalten, ift allerdings ein pädagogifches Kunftftück; es kann aber auf ficheren Erfolg gerechnet werden, wenn fich das Belehrende dem Inftinctiven der menfchlichen Natur anfchliefst. So wie jeder andere Gegenftand bedingt auch das Zeichnen für jede Stufe eine gewiffe geiftige Reife; das Schauenlernen, als die Hauptdifciplin dafür, kann aber nur durch einen reich gepflegten, angemeffenen Anfchauungsunterricht gehoben werden. Von den neueren Erfcheinungen für die erfte Stufe des Formenunterrichtes feien von den thätigen Parifer Verlegern hier blofs die hervorragenderen namhaft gemacht. L'ecolier Parifienne", fimples modèles de deffin avec efquiffe( Monrocq) bietet in kleinen Heften eine Collection einfacher Formen aus den verfchiedenen Fächern des Zeichnens und hat, wie das Motto auf dem Titelblatte fagt, den Zweck, die Hand im Linienziehen zu unterrichten und das Auge für die Form zu erziehen. Die Figuren find in kräftigen Contouren durchgeführt und daneben( rechts) im feinen Rifs, welcher anfangs blofs nachzuziehen ift; in der Folge wird dann das Copiren felbftftändiger. Staunenswerth ift der Preis, zu welchem die Hefte( bis jetzt 60) im Handel erfcheinen, à: 10 Centimes. In ähnlicher Weife, aufserdem aber noch mit kurzem, erläuterndem Texte verfehen, find die Hefte Le deffin pour tous",( Methode Caffagne) eingerichtet. Das ganze Werk geht zwar weit über das Darftellungsvermögen der Kinder, für die es beftimmt ift, hinaus, befonders wäre diefs bei den Etudes du genre zu bemerken, aber der Zweck ift eben, mehr das Auge als die Hand für die Formen zu erziehen und vorzugsweife diefes mit dem Wichtigften und Schönen aus Kunft und Natur bekannt zu machen. Dafür erfcheint in der für den Formen- und Zeichnen unterricht überaus thätigen Verlagshandlung Monrocq frères überdiefs das Journal:„ Le petit artifte"( jeden 1. und 15. des Monats), in welchem in buntefter Abwechslung aus allen Gebieten des Zeichnens Motive mit kurzem Text vorgeführt werden. Wer die bisher erfchienenen Bände durchblättert, wird anerkennen müffen, dafs fowohl die Wahl als die mitunter ganz künftlerifche Ausführung der Objecte danach angethan ift, für den Formenunterricht anregend und zweckdienlich zu wirken. Um das Kind für die Nachahmung der Formen zu intereffiren, find auch Luzanne's Schiefertafel- Vorlagen ein ganz empfehlenswerthes Mittel. Die Zeich nungen find auf der linken Hälfte der Fläche roth ausgeführt und werden durch eine vertical aufgeftellte Glasplatte auf die andere leere Hälfte gefpiegelt, wo die Hand des Zeichners die Contouren dann nachfährt. " Die„, Cahiers d'enfeignement pratique du deffin, par J. Carot", die„ Cahiers esquiffes de deffin d'ornement, par A. le Béalle", fowie die Arbeiten von S r n t S ft n 1. m as zt te t. ir Cu en ft as er rt n. te zu ch h- ch rs on Der Zeichen- und Kunftunterricht. 49 J. Bardin, L. Grunblot, Blery etc. verfolgen dann fchon weitere Zwecke des eigentlichen Zeichenunterrichtes und ift im Allgemeinen nur zu bemerken, dafs überall das plaftifche Ornament vorherrfcht. Die lebende Blume tritt mehr und mehr in den Hintergrund; auch ift Landfchaft mit Recht vom erften Unterrichte ausgefchloffen. Seit Calame's unvergleichlichen Lithographien ift auch nichts Hervorragendes in diefem Genre erſchienen.-Für das elementare figurale Zeichnen ift merkwürdigerweife noch wenig geleiftet worden. Der Kunftunterricht in Frankreich ift eben dem Hauptzuge nach dem Praktifchen, der Induftrie zugewendet, nach welcher Richtung in allen Specialgebieten bisher ja wahre Prachtwerke erfchienen find und die Parifer Verleger, trotz den englifchen Beftrebungen noch immer unübertroffen daftehen. Es würde den gegebenen Raum hier überfchreiten, nur das Hervorragendfte anzuführen. Die Werke find aller Welt gegeben und mag es genügen, hier darauf hingewiefen zu haben. - Auch für den Unterricht im Linearzeichnen lagen zahlreiche Werke vor, die jedoch alle in einem Geleife fich bewegten, nämlich nach dem allgemeinen Theile fogleich die praktiſche Anwendung zum Ziele nahmen. Das Bedeutendste war wieder die vorzügliche Arbeit des frère Victoris, Cours de deffin geometrique et induftriel", welche fchon von der Ausftellung 1867 her vortheilhaft bekannt war. Gleichzeitig waren auch die dazu gehörigen Modelle( in Gyps und Blech) ausgeftellt. Erwähnung verdient dann auch ,, Deffin linéaire induftriel appliqué à la mechanique et à la conftruction par M. S. Petit." Von Modellen zur darftellenden Geometrie find noch zu verzeichnen: zweckmäfsig zufammengeftellte Collectionen von Rives, Delagrave, A. Julien u. A. Befonderes oder Neues boten fie nicht. Hachette& Comp. hatte Holzmodelle für darftellende Geometrie und Steinfchnitt- Conftructionen und kleine Mafchinenmodelle exponirt. Diverfe Modelle für Schloffer, Tifchler, Mafchinenarbeiter etc. waren von der école profeffionelle in Evreux zur Ausstellung gefandt. - Wir wollen uns nun, da wir die neuere Richtung der Vorlagewerke im Allgemeinen gekennzeichnet haben, den Schulen, refpective dem Unterrichte im Zeichnen felbft zuwenden, und in den zugleich vorgelegten Schülerzeichnungen die Methoden, Einrichtungen, Beftimmungen etc. näher in Betracht ziehen. Es ift bekannt, dafs das Unterrichtswefen in Frankreich noch heute Vieles zu wünſchen übrig läfst und trotz den Anftrengungen der Regierung, der Gemeinden und humanitären Gefellſchaften die allgemeine Volksbildung noch eine fehr mangelhafte ift. Der Schulzwang ift nicht durchgeführt, und fo kommt es, dafs felbft in der Metropole, in Paris, es in den Elementarfchulen zur Seltenheit gehört, wenn von der ärmeren Claffe Kinder mehr als drei Jahre dem Unterrichte beiwohnen. Nach den Daten eines Berichtes der Handelskammer in Paris vom Jahre 1864 wurden fchon damals durch die Fabriken und fonftigen Etabliffements in Paris 25.000 Kinder im Schulalter dem Unterrichte entzogen; diefe Zahl hat fich aber bis heute noch bedeutend vermehrt. Dafs dem Zeichenunterrichte fomit in der Volksfchule keine hervorragende Rolle zufällt, wird begreiflich erfcheinen. Trotzdem wird aber der Gegenftand an vielen Anftalten( als unobligat) geübt, und ift fpeciell in Paris an den Municipalfchulen für jedes Arrondiffement ein eigener Zeichnenlehrer angeftellt. Ungleich beffer und fyftematifcher wird das Zeichnen an jenen Elementarfchulen gepflegt, welche durch die frères chretiens beftellt find. Obfchon auch hier die Methode der freien Wahl der betreffenden Lehrer überlaffen bleibt, fo hat fich im Allgemeinen denn doch durch die von der Congregation felbft herausgegebenen Vorlagen und Schulen ein gewiffes Syftem eingebürgert, welches mehr oder minder erfolgreich durchgeführt wird. Die Kinder beginnen im Durchschnitt * Einem Berichte der Société pour l'inftruction élementaire vom Jahre 1870 zu Folge erhalten in Frankreich überhaupt 2 Millionen Kinder gar keinen Unterricht, und gibt es 14 Millionen Erwachfene, die weder lefen noc fchreiben können. ** 50 J. Langl. mit 9 bis 10 Jahren in den Anftalten zu zeichnen, und zwar Freihand- und Linearzeichnen als ganz getrennte Fächer. Es entfallen dadurch im Freihandzeichnen die Vorübungen in den geometrifchen Formen und wird, wie fchon erwähnt, fogleich auf das rythmifche Ornament losgefteuert. Die zumeift in Verwendung ftehenden Vorlagen find die bereits genannten von P. Victoris und Athanas; auch zum Theile noch von J. Carot. Die betreffende Zeichnung wird von dem Lehrer grofs auf der Tafel vorgezeichnet und erklärt; jeder Schüler( bei gröfserer Anzahl auch je zwei) hat dasfelbe Original als lithographirte Vorlage vor fich in derfelben Ausführung wie die Zeichnung erfcheinen foll. Die Schüler zeichnen allerorts auf leichtgetontem Papier mit Kohle und corrigiren durch Wegwifchen( mit Feuerfchwamm oder Tuch) die Formen fo lange, bis fie richtig erfcheinen; dann folgt die Ausführung in Kreide oder auch in Bleiftift. Die vorgelegten Schülerarbeiten zeigten auf diefem Wege oft ganz überraschende Erfolge und find davon jene der école de St. Sulpice( Paris) und St. Michael( Havre) befonders hervorzuheben. Durch die Methode, das plaftifche Ornament nach der Vorlage zu üben, ift der Uebergang zum Gypszeichnen ein viel leichterer, als von den bei uns allenthalben eingeführten Contour-( Feder-) Ornamenten. In den zahlreichen, mit den elementaren Unterrichtsanftalten verbundenen Penfionaten in Frankreich, die befonders in den Provinzftädten vielfach von den„ frères" beftellt find und fich oft Schüler bis zum Alter von 14 bis 16 Jahren befinden, wird das Natur-( Gyps-) Zeichnen meift mit den beften Erfolgen betrieben. Die Modelle gehören im Ornamente faft ausfchliesslich der Renaiffance und im Figuralen der Antike an. Von den maffenhaft vorgelegten Portefeuillen aus den verfchiedenen Unterrichtsanftalten in der Provinz zeigten leider nur wenige einen fyftematifchen Lehrgang; es fanden fich meift nur ausgewählte Schauftücke von bevorzugteren. Schülern, die mitunter allerdings unfere Bewunderung in Anfpruch nahmen, aber für den eigentlichen Zweck der Ausftellung wenig mafsgebend waren. Nur das konnte aus Allem conftatirt werden, dafs jeder Lehrer fein ihm befonders zufagendes Genre, pflegt und ein einheitliches Princip im Allgemeinen nicht durchgeführt ift. In der Regel culminirt der Zeichenunterricht an den genannten Anftalten blofs in der virtuofen Mache, und artet, da ihm pofitive Ziele ferne liegen, auch oft in leeren Dilettantismus aus. So werden beiſpielsweife in der école communale in Marſeille neben den verwerflichen grofsen Julien-( Kreide-) Köpfen, faft ausfchliefslich Heiligenbilder nach fchlechten Lithographien gezeichnet; in dem Penfionat St. Jofef zu Beauregard- Thionville nebft Ornamenten, Figuren und Landfchaften, aus welchen erfichtlich war, dafs das Zeichnen dafelbft nur zur Unterhaltung dient. In Befançon wird wieder die Kohlenlandfchaft geübt etc.;- dagegen brachte das Penfionat zu Touloufe einen ziemlich fyftematiſch zufammengeftellten Lehrgang von den einfachften geometrifchen Formen an bis zum frei entwickelten Ornamente. Gute Gypszeichnungen fanden fich in den Mappen der Anftalten von Moulins, Rouen und Clermont, wo auch nach den neueren Vorlagewerken mit Erfolg gearbeitet wird. In den bedeutenderen Städten find mit den meiften diefer Anftalten auch Abendcurfe verbunden, die von Gewerbetreibenden befucht werden und an welchen das Zeichnen demgemäfs mehr fachlich betrieben wird. Vorzügliches wird in diefen Curfen im conftructiven Zeichnen geleiftet, wie überhaupt das Linearzeichnen fchon in den unteren Unterrichtsanftalten gut gepflegt wird; aber auch im freien Zeichnen lagen fehr lobenswerthe Arbeiten vor. Wir heben hier nur die der Schulen St. Auguftin und St. Etienne du Mont ( Paris) hervor. Ausgezeichnete Zeichnungen nach Gyps hatten die Schulen von Reims und Befançon vorgelegt. Wir kommen damit wohl fchon auf das Gebiet der Specialfchulen, in welchen bekanntlich das Zeichnen in Frankreich am meiften florirt; vorerft haben wir aber nur noch einen Blick auf die höheren Volksfchulen, die Lyceen( die écoles fecundaires überhaupt) zu werfen, an welchen der Zeichenunterricht weniger fachlich, als vielmehr allgemein bildend betrieben werden foll. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 51 Diefem Zwecke ift unfer Gegenftand in den franzöfifchen Schulen bisher nicht nachgekommen, da fchon von den Primärfchulen an im Unterrichte zumeift Specialrichtungen verfolgt werden und das Zeichnen nur für die praktifchen Zwecke der Induftrie gepflegt wird. Dem Kunftunterrichte im allgemeineren Sinne, das heifst der Erziehung des Volkes zum Verftändnifs der Kunft, wurde in Frankreich bisher eben fo wenig Beachtung gefchenkt, als in den anderen Staaten. und ftehen die franzöfifchen Lyceen als Lateinfchulen diefer Difciplin fo ferne, wie noch in Deutfchland und Oefterreich In der amtlichen Verordnung für den Zeichenunterricht an den Lyceen( Departement Seine) ift auch diefe Intention gar nicht ausgefprochen und find darin neben den zugewiefenen Stunden( 1 bis 2 per Woche) nur Vorfchriften für den Lehrgang gegeben, die übrigens fo wenig gehalten werden, als fie eben gehalten werden können. So foll in den erften zwei Jahren bei wöchentlich einer Stunde das Ornament abfolvirt werden; in den nächftfolgenden zwei Jahren( mit 2 Stunden wöchentlich) die menfchliche Figur und Perfpective und fo fort, fo dafs in den letzten Claffen( mit 2 Stunden wöchentlich) ,, Figuren in Licht und Schatten nach Gyps" zu zeichnen kämen!- Was zur Ausstellung an Schülerarbeiten diefer Kategorie hergefandt war, zeigte nur, dafs der betreffende Lehrende eben den Gegenftand ganz willkürlich nimmt und ihm wenig Ernft beilegt. Einige Anftalten aus der Provinz hatten freilich wieder den Fehler begangen, wahre Prachtftücke mit Schülernamen auf der Ausftellung vorzulegen( fo von Nimes), dafs man füglich fchweigend darüber hinweg gehen mufs. Dasfelbe wurde auch von vielen Communalfchulen( und befonders vom Departement Seine) der Ausftellung gegenüber im Linearzeichnen begangen; diefs müfsten denn Wunderkinder fein, die mit 12 Jahren Locomotive mit allen Schnitten in allen Projectionen, oder complicirte Architekturen in Perfpectiven mit folcher Exactheit und technifcher Gewandtheit darzuftellen vermöchten, wie fich manche der Schulen nicht gefcheut, folche Arbeiten den Fachleuten zur Bewunderung vorzulegen. Aus den höheren Curfen der écoles communales( laïque) von Paris waren fehr anftändige Leiftungen ausgeftellt; es wird zumeift nach der erwähnten Methode das leichtfchattirte Kreideornament cultivirt. Das Zeichnen in den nach dem Mufter der école Turgot eingerichteten Schulen( Colbert, Lavoifier. Auteuil) hat mehr den Charakter des Profeffionellen, für welche Zwecke auch die Anftalten zunächft beftimmt find; das conftructive Zeichnen ift vorherrfchend.- Von den écoles commerciales( von der Handelskammer gegründet) hatte die Schule der Avenue Trudaine 23 Schülerarbeiten ausgeftellt, die gröfstentheils in Decorationsftücken und Deffins für Stoffe beftanden, in Bezug auf Stil aber nichts befonders Neues boten. In den Mädchenfchulen für den allgemeinen Unterricht wird zwar überall gezeichnet, doch ftehen die Leiftungen hinter jenen der Knabenfchulen. Bevor noch die Contour hinreichend geübt ift, wird fchon zu den Blumen und Landchaften übergegangen, was felbftverſtändlich dann in die Spielerei des Dilettantismus ausartet. Erfolgreicher wird der Zeichenunterricht an den( weiblichen) écoles profeffionelles, und zwar mehr in jenen, die unter dem Patronate des Archevèque Mgr. Guilbert ftehen als in den von Duruy ins Leben gerufenen. Von den erftgenannten Anftalten find bis jetzt in den verfchiedenen Arrondiffements von Paris, je nach den örtlichen Verhältniffen, 21 eingerichtet und erfährt das Zeichnen befonders in Bezug auf die weiblichen Induftriearbeiten feine Pflege. Befondere Erwähnung verdient ihrer netten Handarbeiten und gefchmackvollen Zeichnungen wegen die école profeffionelle der Faubourg poifonniére. Es mag aus dem bisher Gefagten erhellen, wie viel der Zeichenunterricht in den Schulen für allgemeine Bildung in Frankreich noch zu wünſchen übrig läfst und wie vor Allem noch ein Centralpunkt mangelt, von welchem aus beftimmte Principien allgemein zur Geltung gebracht werden könnten. Dafs es aber in einem Staate, wo das Unterrichtswefen noch in fo getheilten Händen 52 J. Langl. liegt, ja grofsentheils der Privatinduftrie überlaffen bleibt, feine Schwierigkeiten hat, Reformen einzuführen, wird Niemand in Zweifel ziehen; die Anftrengungen, die von der Regierung auch feit 1870 in diefer Hinficht gemacht werden, verdienen alle Anerkennung und wäre der Zukunft Frankreichs nur zu gratuliren, wenn Alles zur Durchführung gelangt, was bereits in Gefetzen gefchrieben fteht. Die Franzofen haben zumeift aus den Bedürfniffen ihre Neuerungen gezogen und fo brachte das Jahr 1870 für ihr Unterrichtswefen, was die letzten Weltausftellungen für ihre Induftrie: die Reform. Dafs fie in der Induftrie allen übrigen Staaten auf der neuen Bahn des Gefchmackes Stand halten können, bewiefen fie uns im Prater deutlich; dazu haben fie traditionelle Vortheile in wie ferne aber die Reformen im Unterrichtsgebiete fich vollziehen werden, ift noch eine Frage der Zukunft. Der Luxus bei den Grofsen in Frankreich felbft hielt während und nach der Barokzeit die franzöfifche Kunftinduftrie in Flor, und verfchaffte ihr Verbreitung über die ganze Welt. Die reiche Befchäftigung erzog jene zahlreichen Induftriefchulen, durch welche die franzöfifchen Arbeiter im Kunft- Handwerke jene techniſche Routine gewannen, welche fie noch heute auszeichnet. Was von der Regierung, von den Gemeinden und einzelnen Induftriellen für den kunftgewerblichen Zeichenunterricht gethan wurde, war, wie erwähnt, weniger in der Abficht, den Gefchmack zu veredeln, als den Wohlftand zu heben und die Gefchäfte in Blüthe zu erhalten. Alle Welt glaubte ja willig und fand fchön, was von Frankreich kam. War es nun anderen Nationen vorbehalten, die Formen aus der Willkür wieder den Gefetzen zurückzuführen, fo hat Frankreich doch den Vortheil, aus feiner Vergangenheit eine Legion von techniſch gebildeten Arbeitern zu befitzen, die auch der Reform ihrer Kunftinduftrie nun zu Gute kommen, während anderwärts erft gefchult werden muss. Die Specialfchulen für die Gewerbe entftanden nach den örtlichen Bedürfniffen und haben in den Provinzen meift einen rein localen Charakter; in Paris find die gröfseren Schulen mehr für allgemeine Intereffen eingerichtet. Die Stadt hat aufser den höheren Kunftfchulen gegenwärtig vierzig öffentliche Zeichen fchulen, welche theils von der Commune, theils von der Regierung und auch von Privaten erhalten werden. An allen Municipalfchulen werden überdiefs Abendcurfe im Zeichnen gehalten, in welchen Lehrlinge und Erwachfene unentgeltlich Unterricht geniefsen. Die Mehrzahl diefer Abendclaffen wurde erft im Jahre 1864 eröffnet und hob fich die Frequenz bis zum Jahre 1869 von 1200 bis 4000; nach dem Kriege fank die Zahl auf 2000 zurück. Welche Aufmerkſamkeit die Commune Paris in letzterer Zeit den gewerblichen Fortbildungsfchulen zuwendet, zeigen am deutlichften ihre fteigenden Ausgaben hiefür, die fich im Anfange der fünfziger Jahre mit 30.000 Francs bezifferten und heute bereits die Summe von 350.000 Francs erreicht haben. Die vorzüglicheren Zeichenfchulen, welche gegenwärtig Paris zählt, wurden meift fchon früher von tüchtigen Künftlern gegründet und später von der Commune fubventionirt. Davon find die von E. Levaffeur und Juft. Lequien noch immer die hervorragendften. Die Schülerleiftungen waren auf der Ausstellung der Expofition de la ville de Paris" einverleibt, wo auch das treffliche Modell der Lequien'fchen Schule ausgeftellt war; es zeigte uns den grofsen gemeinfchaftlichen Zeichen- und Modellirfaal mit aller Einrichtung bis ins kleinfte Detail; anftofsend dann beiderfeits die Säle für wiffenfchaftliche Vorlefungen, den Saal für das Naturmodell, die Modellfammlung, das Bureau etc. Die äufserfte zweckmäfsige Adaptirung diefer Schule wurde fchon bei der letzten Parifer Ausftellung prämiirt und fand auch in Wien von den Fachmännern vielen Beifall. Es werden bei Lequien, fowie in den meiſten anderen MunicipalZeichnenfchulen, alle Fächer des freien und linearen Zeichnens gelehrt und imponirte die Ausftellung der genannten Schule fowohl durch die künftlerifche Vollendung, als auch durch die Vielfeitigkeit der Arbeiten. In der Wahl der Motive Der Zeichen- und Kunftunterricht. 53 im Ornamente ift in diefen höheren Schulen zwar noch nicht mit dem Hergebrachten gebrochen;* das Rococo treibt noch fein heiteres Spiel in ziemlich ausgelaffenen Variationen und hat fich befonders in der Schule Levaffeur's noch erhalten. Neben diefem tritt aber fchon mit ziemlicher Entfchiedenheit die Renaiffance in das Feld und kommen mit den Vorbildern der claffifchen Architektur auch deren ornamentale Motive zur Anwendung. Weit näher der Antike hält fich das figurale Zeichnen. In der Figur haben die Franzofen überhaupt nie fo ausgeartet wie im Ornamente und ihre Vorliebe für antike Formgebung befonders in der Plaftik ift charakteriftifch. Der Vortrag ift im Zeichnen zwar durchgehends malerifch, dabei aber die Modulation keineswegs vernachläffigt und ift ftets das Streben nach vollendeter Täufchung wahrnehmbar. Das Gefühl für Licht und Schatten ift in den franzöfifchen Schulen in viel höherem Grade erzogen, als in den deutſchen, in welchen das Hauptgewicht auf die Durchbildung der Form gelegt wird und der eigentlich malerifche Effect hintangefetzt bleibt. Die deutfchen Gypszeichnungen haben ein plaftifches Ausfehen, aber die Schatten find meift unwahr im Ton und übertrieben fchwarz. Schon in der Wahl des Papiertones find die Franzofen feinfühlender und kommt es nie vor, dafs auf Papieren gezeichnet wird, deren Localton nicht mit dem Ton des Objectes übereinftimmt. Die Actftudien zeigten eine fcharfe, individuelle Auffaffung bei gutem Verftändnifs der Anatomie. Sehr lobenswerth waren bei Lequien( fils) die gepflegten Uebungen in Croquis nach dem lebenden Modelle; die Stellung des Actes wird nach je zwei Stunden gewechfelt und haben die Schüler in diefer Zeit die Natur fo fertig wie möglich aufzufaffen und darzuftellen, ein jedenfalls praktifcherer Weg für das Studium derfelben, als die minutiöfe Ausführung der Objecte, welches in den deutfchen Kunftfchulen noch fo häufig Mode ift. Es bleibe hier nicht unerwähnt, dafs die neuen, oben befprochenen Vorlagewerke in den Municipal- Zeichenfchulen allgemein mit den beften Erfolgen in Verwendung ftehen und mit Julien das Feld geräumt ift. Im Architekturzeichnen waren von claffifchen Motiven griechifche Säulen und Tempel ausgeftellt; auffallend wenig aus der italienifchen Renaiffance. Das Meifte, was an Façaden gezeichnet wird, ift der franzöfifchen Prunkzeit entlehnt oder hält fich an die nüchternen Productionen der Neuzeit. Dagegen florirt das eigentlich conftructive Zeichnen in allen Branchen und vorzüglich im Mafchinenfach. Modellirarbeiten hatten nur die genannten Schulen Le quien und Levaffeur exponirt. Es waren Figurenreliefs nach der Natur und der Antike, die durchwegs malerifche Behandlung zeigten; auch Renaiffance- Ornamente, Büften etc. Die felbftftändigen Compofitionen bewegten fich noch vielfach im Barokftil. Die Schule Levaffeur's hatte auch Pflanzen, nach der Natur modellirt ( in Gyps und Wachs), vorgelegt. Gute Zeichnungen waren ferner ausgeftellt von der école de deffin de rue St. Bernhard 20, école de rue d'Algire und von der école d'avenue d'Italie. Unter den weiblichen Municipal- Zeichenfchulen glänzte die unter der Leitung der Madame Levaffeur ſtehende zumeift in Blumenftudien, aber auch mit ganz gediegenen Figuren und Ornamenten. Diefer Schule kamen zunächst die vom V. und XVI. Arrondiffement. " Die école de deffin" der„ manufactur national des gobelins" hatte fehr intereffante Zeichnungen und Gobelinftudien ausgeftellt. Die Schule ift von den Profefforen Lucas und Maillard trefflich geleitet und wird dafelbft vorzugsweife das figurale Fach und das Blumenftudium gepflegt. * In demfelben Schwanken befinden fich auch gegenwärtig die für kunftinduftrielle Zwecke arbeitenden Deffinateurs. Die Ausftellung derfelben befand fich in der füdlichen Quergallerie der franzöfifchen Abtheilung. V. Dumont, Prignot, J. Dubuiffon coquettiren noch alle mit dem S ile der Zeit Ludwig XV.; zu edleren, fefteren Formen hält fich fchon Edan. J. Gonelle und Charles François bleiben in ihren Shawldeffins unübertroffen. 54 J. Langl. Von der école fpecial d'architectur( gegründet 1865) waren theils Originalarbeiten, theils Photographien nach folchen vorgelegt. Die Schule ift ihrer hervor. ragenden Leiftungen nach bekannt und wurden feit ihrem Beftehen durch fie auch eine bedeutende Anzahl von Architekturwerken publicirt, wovon die„ fragments d'Architecture"( Paris, Morel) als das hervorragendfte zu bezeichnen find. Aus den Provinzftädten lagen ferner treffliche Arbeiten vor von den renommirten écoles profeffionelles zu Rouen, St. Quentin, Havre, Lyon( la martinere) und der école induftrielle de ville de Lille. Auch aus der Normandie und Bretagne, wo die meiſten écoles manufacturelles( in Verbindung mit Fabriken) exiftiren, waren zahlreiche Mappen mit guten Zeichnungen vorhanden. Im Süden bilden noch immer vorwiegend Touloufe und Bordeaux Centralpunkte des Kunftunterrichtes und find ihre Schulen die Vorbilder jener der kleineren Städte. Die Schulen von Bordeaux neigen fich mehr dem Induftriellen zu, während in Touloufe( unter M. Gaillard's Leitung) mehr das Akademifche, rein Künſtlerifche gepflegt wird. - - Gelegenheit ift in Frankreich überall und fpeciell in Paris wohl am meiften dem Arbeiter gegeben, fich künftlerifch zu bilden und die Regierung hat es auch zu keiner Zeit verfäumt, dahin zu wirken, dafs die gebotenen Vortheile auch fruchtbringend ausgenützt werden. Haufsmann hat unter Napoleon zwar Vieles nach diefer Richtung gethan, aber Vieles galt es noch durchzuführen, als die verhängnisvolle Kriegskataftrophe einen gewaltigen Einfchnitt in den Lauf aller Dinge in Frankreich machte. Energifcher noch als früher nahm das jetzige Minifterium die Frage wieder zur Hand und arbeitet vorzugsweife für die Hebung der Bildung in der arbeitenden Claffe. Man ift fich wohl bewufst, dafs die Induftrie in erfter Linie dazu berufen ift, dem Lande feine verlorenen Milliarden wieder zurückzuführen und ift fich wohl bewufst, dafs ein Stillftehen bei dem Emporftreben der anderen Nationen Rückwärtsfchreiten hiefse. So fehr auch die Specialfchulen in Paris floriren und durch fie den Gewerben eine nicht unbedeutende Anzahl kunftgefchulter Arbeiter zugeführt werden, bei dem Gros der arbeitenden Claffen bei den Lehrjungen befonders, dem jungen Nachwuchs, ift es fowohl mit der allgemeinen als fpeciellen Bildung noch äufserft mangelhaft beftellt. Von dem jetzigen Infpecteur general de l'inftruction publique M. Gréard wurde defshalb im vergangenen Jahre in einem Memoire an den Präfecten des SeineDepartements in ausführlicher Weife über die„ écoles d'apprentis" Bericht erftattet und zugleich Vorfchläge eingebracht, wie den beftehenden Mängeln abzuhelfen wäre. Die höchft intereffante Schrift zeigt, dafs der Verfaffer in Betreff diefer Frage für Frankreich die eingehendften Studien gemacht hat und durch die rückhaltslofe Darlegung der beftehenden Uebelftände die ernſteften Ziele im Auge führt. Nicht mit Unrecht fagt der Autor bei der Schilderung der fklavifchen Ausnützung der Lehrlinge von Seite der Lehrherren:" On coupe l'arbre au pied pour en cueillir le fruit" und" on écrafe le fruit dans fa fleur". Diefer Sätze traurige Wahrheit ift ja auch aufserhalb Frankreich und fpeciell in Wien leider erfahren und werden allenthalben Anftrengungen gemacht, diefem Uebel zu fteuern. Strenge Mafsregeln laffen fich von Seite der Regierungen nicht durchführen, da diefe in Widerfpruch mit den freien Conftitutionen des Gewerbewefens überhaupt kämen; es können demnach nur Verfügungen getroffen werden, die der Zukunft Heil und nicht den Gewinn des Augenblickes im Ziele führen. Nachdem der Verfaffer obgenannter Schrift die beftehenden Unterrichtsanftalten für Gewerbetreibende, als: die penfionats und externats d'aprentis, die écoles profeffionelles, écoles induftrielles etc. in Bezug auf Inftitutionen und die erzielten Erfolge ausführlich gefchildert hat, unterzieht er die Frage über Preife und Concurfe in Bezug auf Vor- und Nachtheile für den Unterricht einer eingehenden Erörterung. Die Municipaladminiftration hatte im Jahre 1847 Prämien für die Schülerleiftungen gefchaffen, um das Intereffe für die Schulen zu heben. Bald fah man Der Zeichen- und Kunftunterricht. 55 aber ein, dafs es bei der ungleichen Vorbildung der Schüler fchwierig fei, neben dem Talente zugleich den Fleifs zu belohnen, und fo wurden( 1854) ftatt deffen Stipendien geftiftet. Leider ſpielte dabei die Speculation der Lehrherren wieder eine die Sache verkennende Rolle und der Nutzen für das Allgemeine blieb problematifch. Es wurden fodann( 1864) zahlreiche Abendcurfe eröffnet, um reichere Gelegenheit zur Fortbildung der Gewerbetreibenden zu geben und damit die Zahl der öffentlichen Zeichenfchulen auf 33 vermehrt.* Es wurden Concurfe mit Preifen eingeführt, die alle zwei Jahre bei Gelegenheit der Ausftellungen der „ Union de beaux arts" abgehalten wurden; aufserdem ftellte die Commune jedem Vorfteher der Zeichenfchulen jährlich im Verhältniffe zur Schülerzahl Medaillen zur Verfügung, die von dem betreffenden Profeffor an die fleifsigften Schüler zur Vertheilung kamen. Um aber auch die Erwachfenen( Gehilfen, Gefellen etc.) zu animiren und das Intereffe zur Fortbildung rege zu erhalten, wurden auch für diefe jährliche Concurfe mit Auszeichnungen gefchaffen.** Gréard unterzieht ferner die in Frankreich beftehenden Fachfchulen einer eingehenden Kritik, fucht in Beifpielen die Verhältniffe des allgemeinen und fachlichen Unterrichtes in den verfchiedenen Anftalten darzulegen und entwirft mit Zugrundelegung der Syfteme, nach welchen die bereits bestehenden Schulen zu Creuzot, Nantes, Havre und Paris eingerichtet find, das Programm für eine Muſterſchule, welche den Anforderungen der Zeit und den Verhältniffen von Paris am entſprechendften erfcheint. In der Conclufion empfiehlt der Autor dann der Regierung, dafs in Paris fogleich eine derartige Schule zu errichten fei, die allen fpäter zu fchaffenden als Mufter dienen foll; dafs ferner die Bevölkerung von der Regierung aufzufordern fei, die Lehrjungen zum Befuche der Fortbildungscurfe zu verhalten; dafs die Regierung die von den Genoffenfchaften erhaltenen Gewerbefchuten unterſtütze und die Entwicklung der fonftigen Zeichenfchulen in jeder Hinsicht fördere. Die leitenden Behörden find diefen Wünſchen bisher im vollften Mafse nachgekommen und haben in einer Reihe von Verfügungen dargelegt, dafs fie den kunftgewerblichen Unterricht felbft in den ärgften politifchen Kämpfen nicht aus dem Auge verlieren und gerade darin die Wiedererholung des Landes fuchen. Als ,, Reglement général fur l'enfeignement du deffin dans les écoles primaires et dans les claffes d'aprentis ou d'adulte de la ville de Paris" gelten noch die Verordnungen vom Jahre 1865( von Duruy und C. E. Haufsmann). Die Prüfung, welche Zeichenlehrer der écoles municipales vor der hiezu beftimmten Commiffion abzulegen haben, befteht für das freie Zeichnen: 1. In der Ausführung einer Zeichnung nach einem Gypsornamente; 2. in einer Zeichnung nach einer antiken Statue; 3. in einer vollkommen durchgebildeten Zeichnung der menfchlichen Geftalt nach der Natur; 4. aus einer freien Compofition eines Ornamentes mit figuralen Motiven( kann nach Belieben von den Candidaten gezeichnet oder modellirt werden); 5. in der Correction eines Ornamentes und einer Figur an einer Schülerzeichnung, welche der Candidat vor der Commiffion ( en expliquant à haute voix) vorzunehmen hat. Für das Linearzeichnen hat der Candidat: 1. Nach einem gegebenen Programme eine architektonifche Aufgabe, und 2. eine Aufgabe aus der darftellenden Geometrie zu löfen; ferner 3. mündliche Prüfung abzulegen über die Elemente der Mathematik, Geometrie, darftellende Geometrie, Perſpective, Architektur und Mechanik. * Im Jahre 1851 gab es deren blofs fechs. ** Die noch beftehenden Beftimmungen hiefür find folgende: Von je 25 Schülern einer Anftalt können 3, die der betreffende Profeffor ihren Fortfchritten gemäfs beftimmt, an dem Wettkampfe theilnehmen. Die Schüler der verfchiedenen Schulen verfammeln fich in einem Locale der Adminiſtration und haben unter Aufficht zwei Zeichnungen zu liefern, und zwar 1. die Copie eines Ornamentes nach gegebener Vorlage und 2. die Copie eines Ornamentes nach einem Gypsmodell. Es werden jährlich drei Preife und fechs ehrenvolle Erwähnungen verliehen. Jeder Medaille ift ein vom Präfecten unterzeichnetes Diplom beigegeben. 56 J. Langl. Zur Ueberwachung des Zeichenunterrichtes find( für das Departement Seine) nach der Organiſation vom Jahre 1865( Artikel 2) zwei Infpectoren ernannt, welche einer Commiffion über die Thätigkeit der Lehrer zu berichten und für die Confervirung der Schulen zu forgen haben. Diefe Commiffion befteht aus fünfzehn Mitgliedern und werden alljährlich ein Drittel davon erneuert. Sie prüft die Candidaten, fchlägt die Modelle( Originale) für den Zeichenunterricht vor und entfcheidet über Reglements, Methoden, Programme etc., welche das Zeichnen in den verfchiedenen Schulen betreffen. Der Dienft der Infpectoren wurde in vier Artikeln im Jahre 1870 von den Präfecten Henri Chevreau genauer präcifirt und in einem Circular des jetzigen Directors de l'enfeignement Gréard weiter betont, dafs jede Zeichenfchule des Departements im Jahre mindeſtens zweimal infpicirt werde und dem Präfecten genaue Berichte zu erftatten feien. Die Sorgfalt und Opferwilligkeit, mit welcher in Frankreich der Zeichenunterricht gepflegt wird, gilt wohl ausfchliesslich noch der Induftrie, die ja dafür bisher dem Lande die reichften Zinfen eintrug.* Dafs aber auch die Kunft, welche dort ftets mehr als den Deutfchen dem Kunftgewerbe dienend zur Seite ftand, von der Regierung als wichtiger Factor für die Induftrie erkannt wird, belehrte wohl ein Spaziergang durch die Kunfthalle. Nahe zwei Dritttheile der 1024 Nummern von Gemälden und plaftifchen Werken trug im Kataloge den Satz„ Appartient à l'Etat". Die Millionen, die dafür ausgegeben wurden, floffen auf anderen Seiten wieder reichlichft dem Staate zurück und es wäre diefe Politik Frankreichs in der Kunft anderen Staaten nur zu empfehlen. Der Lorber ziere nicht allein das Schwert, fondern auch die Leier einer Nation, und dafs die Kunft von Oben herab gepflegt werden mufs, ward uns fchon im claffifchen Alterthume bewiefen; nur verfäume man nicht, fowie zu jener Zeit, auch das Volk zum Verſtändniffe dafür zu erziehen ein Punkt, welcher in Frankreich ebenfo noch feiner Löfung wartet, wie bei uns. - Italien. Es gibt wenig Zweige in der Kunftinduftrie, deren Urfprung und erfte Blüthe nicht auf italienifchem Boden zu fuchen wäre. Der Umfchwung, welcher im Cinquecento fich bezüglich der Kunft in diefem Lande vollzog, fand auch gleichzeitig im Kunft- Handwerke ftatt; wie dort die Geftalten plötzlich zum Leben erwachten, fo löfte fich hier das Ornament aus feiner ftrengen Architektur, fprofs in einer Fülle von Leben auf und entwickelte in den Formen und Motiven einen Reichthum und eine Mannigfaltigkeit, dafs jene an fich felbft nach der Paufe, die durch die Barockzeit in die reinen Kunftbeftrebungen eintrat, der neueren Induſtrie eine unerfchöpfliche Quelle wurden. Die italienifche Induftrie Ausstellung zeigte fo recht, welchen Einflufs gute Vorbilder auf die Entwicklung des Formenwefens in der Kunftinduftrie zu nehmen im Stande find. Italien gleicht ja fo zu fagen heute einem Muſeum von Denkmälern aller Kunftzweige, die eben vor wenigen Jahrhunderten auf diefem Boden ihre höchften Triumphe feierten. Im fteten Hinblick auf diefe Herrlichkeiten ift es nicht möglich, dafs die Induftrie die alten, edlen Traditionen verlaffen kann; fie baut fort, benützt die vorhandenen Motive und verpflanzt fie wie der Gärtner feine Blumen in den verfchiedenartigften Compofitionen zur Decoration der Objecte, was fchliesslich zur Selbfterfindung im Geifte der Alten führt. Aus der Renaiffance haben fich aber auch nebft den Formen die verfchiedenen Techniken fortgeerbt, und Italien fteht in gewiffen Zweigen der Kunft darin noch heute unübertroffen da. Der Geift des Ornamentes hat fich aus jener Glanzperiode ungetrübt in der Induftrie vererbt; in der Figur, der eigentlich * Die Verkehrslifte zeigte im Jahre 1851 1300 Millionen Francs, im Jahre 1869 4000 Millionen Francs, wovon faft die Hälfte der Luxusinduftrie gehörte. e 1 a 0 r r e n n e m er e e e t r h 1- Der Zeichen- und Kunftunterricht. 57 künftlerifchen Geftalt, ftieg er von dem erhabenen Ernft zum Naiven, Profanen. herab. Peinlich mufste es den Kunftfreund berühren, in den italienifchen Sculpturen eine fo glänzende Technik an fo viel Nichtsfagendes verfchwendet zu fehen. Es würde zu weit führen, hier auf die Hauptzweige der italienifchen Kunftinduftrie in Bezug auf die Formen und das Technifche näher einzugehen. Ihre Glas- und Marmorarbeiten, Fayencen, Broncen, und obenan die Holzfchnitzereien find Erbgut der claffifchen Periode des XV. und XVI. Jahrhundertes. Innig hängt mit diefen verfchiedenen Zweigen der Induftrie die traditionelle Erziehung des Formenwefens durch die Schulen zufammen. Es iſt z. B. auffallend, dafs in der Stoffornamentik, die feit Langem in den Schulen ignorirt wird, die Traditionen aus der Renaiffance faft ganz erlofchen find und am meiften fremde( franzöfifche) Elemente Eingang gefunden haben. Ein Beweis, welcher Zufammenhang zwifchen dem Kunftunterricht und der Formbewegung in der Induftrie befteht. In Italien hat zwar nur der Handel die Modelle für die Schule beftimmt und die im Geifte der Renaiffance erzogenen Künftler machten die Formen traditionell; wenn nun die Künftler mit der franzöfifchen Blume in den Stoffdeffins der Mode folgten. kümmerte fich nicht die Schule darum; hätte aber die Schule die Zeichner auch in diefem Zweige an den claffifchen Formen erzogen, fie würden gewifs das Feld behauptet haben. Der Zeichenunterricht ift in Italien demzufolge in den Induftriebezirken mehr als Bedürfnifs und findet auch überall die forgfältigfte Pflege. Die fcuola tecnica hat zumeift auch den Charakter einer Induftriefchule, in welcher mehr befondere technifche Zwecke verfolgt werden, als dafs den Elementen der allgemeinen Bildung Rechnung getragen würde. Ueberall fprach auch aus den Zeichnungen der praktiſche Zweck des Decorateurs, felbft im linearen Zeichnen. wo ftets das geometrifche Ornament( Mofaikböden etc.) eine bedeutende Rolle fpielte. Die Ausftellung war mit Schülerarbeiten im Zeichenfache fehr reich befchickt. Aus allen Provinzen des Landes, das ferne Sicilien nicht ausgenommen, lagen Portefeuilles auf, und war es bei der Maffe des intereffanten Materiales nur zu bedauern, dafs weder in geographifcher Beziehung, noch nach den Kategorien der Anftalten irgend welche fyftematifche Anordnung getroffen war und überdiefs die Regierung es verfäumt hatte, zu näheren Auffchlüffen über das Unterrichtswefen einen Fachmann für die Ausftellung zu beftimmen. Auf die Darftellung des Lehrganges wurde nur theilweife Rückficht genommen; zumeift fanden fich blofs Ausftellungsobjecte, das heifst die beften Leiftungen der Schüler. Wir beginnen mit Norditalien, dem Theile, welcher die Ausstellung am reichften befchickt hatte. Das ,, Iftituto induftriale e profeffionale" zu Turin hatte Schülerleiſtungen aus allen Gebieten des Zeichenfaches vorgelegt. Befonders hervorragend waren die Arbeiten der technologifchen Abtheilungen, unter denen auch der Lehrgang in der vorbereitenden Claffe klar dargestellt wurde. Aus den Fachcurfen war neben tüchtigen Leiftungen im Mafchinen- und Architekturzeichnen auch das Situationszeichnen mit trefflichen Arbeiten vertreten. Im freien Zeichnen brillirte das Ornament( in Blei). Der Zeichenunterricht ſteht an der Anftalt unter der ausgezeichneten Leitung des Profeffors G. A. Boidi, von welchem auch zahlreiche fachliche Werke vorgelegt waren, die hier Erwähnung verdienen. Sein ,, Manuale di difegno lineare geometrico" umfafst die Formenlehre, angewandt in geometrifchen Ornamenten, die Projectionslehre, angewandt in Bauobjecten, und das Wichtigſte der Perfpective. Als Fortfetzung für die höheren Curfe ift dann des Verfaffers„ L'Ingegnere" zu betrachten, in welchem Werke die darftellende Geometrie ausführlich durchgenommen erfcheint und vorzugsweife Beiſpiele aus dem Mafchinenfache herbeigezogen find. Für das Baufach bietet der„ Corfo compiuto di difegno geometrico induftriale" eine treffliche Schule im Conftructiven, während fein„ Manuale di difegno architectonico" fchöne Motive für Decoratives in der Architektur enthält. 58 J. Langl. " Für das Freihand- Zeichnen ift Boidi's Corfo elementare d'ornato" nach den gefetzlichen Beftimmungen des Lehrplanes für die erfte Unterrichtsftufe verfafst und fchreitet von der einfachen Blattform allmählig zum entwickelteren Ornamente vor; als Fortfetzung und zugleich als Vorübung für das Naturzeichnen fchliefst fich daran der„ Corfo progreffivo d'ornato ombreggiato a due dinti," worin neben Renaiffance- auch gothifche Formen vorkommen. Etwas ftörend ift es an diefen Blättern, dafs der Tondruck blofs das gezeichnete Modell ausfüllt und der Grund des Papieres weifs ift; fonft ift der Vortrag und die Behandlung der Form fehr nett. Für die weibliche Induftrie hat der Verfaffer einen„ Corfo di difegno a mano libera" von Blumen gearbeitet, die in Sepia und bunten Farben ausgeführt als minder gelungen zu bezeichnen find. Ganz in franzöfifchem Gefchmack find dann die Motive im" Corfo di difegno applicato ai lavori donneschi" gehalten. Die Thätigkeit Boidi's erftreckte fich auch auf das Gebiet des topographifchen Zeichnens, und lag dafür ein, Corfo metodico teoricopratico di difegno topografico" mit fehr fchönen Tafeln vor, in welchen die Elemente des Situationszeichnens in hübfcher Anordnung zufammengeftellt waren. - Von Turin war ferner die„ Scuola di ornamentacione del r. mufeo induftriale" mit fehr fchönen Modellirarbeiten vertreten, und brillirten diefelben vorzugsweife in der virtuofen Technik, dem Beherrfchen der Form. Vom Profeffor Pietro Giufti, dem Leiter der Schule, war ein kunftvoll in Holz gefchnitzter Rahmen ausgeftellt, an dem im Stile der Frührenaiffance eine Fülle reizender Motive in gefchmackvollfter Weife zu einem Ganzen vereinigt war. Von Giufti lagen auch zwei Bände Handzeichnungen von Entwürfen für decorative Holzplaftik vor, die. durchwegs im Geifte der Renaiffance gehalten, durch das Hereinziehen figürlicher und thierifcher Formen manch' neues, originelles Motiv zeigten. In der„ Scuola governativa di Po" in Turin wird meift nach älteren franzöfifchen Meiftern gearbeitet, und waren die Erfolge von geringerer Bedeutung. Sehr gediegene Arbeiten hatte die" Scuola civica feminile di difegno induftriale" zu Genua ausgeftellt; aus denfelben konnte auch die an der Anftalt gebräuchliche Methode wahrgenommen werden, welche in manchen Beziehungen mit der in Frankreich üblichen übereinftimmt. Die Schülerinen beginnen nämlich mit dem Entwerfen von einfachen Formen, grofs mit Kohle auf grauem Papier, und ziehen diefe mit dem Pinfel im Tufche aus; in den fortgefetzten Uebungen werden dann auch Flächen angelegt und die Formen mit der Feder ausgezogen. Daran fchliefst fich das Zeichnen nach Draht- und plaftifchen ( geometrifchen) Modellen und das Ornamentenzeichnen nach Gyps. In den höheren Curfen dehnt fich das Naturzeichnen dann auch auf andere Gegenftände, wie Blumen, Obft etc., aus, und wird nebenbei das Flächenornament in Farbe geübt. Nach hinreichenden Vorftudien werden die Schülerinen fchliefslich zu felbft ftändigen Compofitionen geführt. Die ausgeftellten Arbeiten diefer Art verdienten, fowohl was die techniſche Ausführung als gefchmackvollen Stil anbelangt. unbedingtes Lob. Die Renaiffanceformen waren auf manchen der Blätter in fo zarter, anmuthiger Weife von der( Natur-) Blume umfpielt, dafs die an und für fich widerfprechenden decorativen Elemente fich ganz harmonifch dem Zwecke " fügten. Faft ausfchliefslich im franzöfifchen Gefchmack wird an der Scuola profeffionale per le artigani" gearbeitet. Auch von diefer Schule war der Lehrgang im Zeichnen recht überfichtlich dargeftellt. Nichts Befonderes boten die Zeich nungen aus der Scuola tecnica occidentale" zu Genua. 22 Sehr anfprechende Leiftungen der Schüler hatte dagegen das„ Iftituto tecnico" zu Aleffandria vorgelegt. Es zeigte fich fowohl im Freihand- als Linearzeichnen ein ganz correcter Lehrgang, und war befonders das Mafchinen- und Architekturzeichnen gut vertreten. Sehr lobenswerth waren auch die topo 1 Der Zeichen- und Kunftunterricht. - 59 graphifchen Zeichnungen; nur im Figuralen fielen Schwächen auf, die fich auch dort bemerkbar machten, wo fich in das Ornament figürliche Motive mifchten. Von der Anftalt ähnlichen Charakters in Guneo waren fchön gezeichnete Contourornamente, Architekturen und hübfche Möbelzeichnungen vorhanden. Von Mailand hatte nur die ,, Scuola fuperiore di agricoltura" Schülerleiftungen im Zeichnenfache ausgeftellt. Unter denfelben fanden fich befonders nett und mit viel Gefchick gearbeitete Landfchaften( Calame) in Blei auf Tonpapier und mit Weifs gehöht; dann auch Blumen nach franzöfifchen Muftern, die im Vortrag jedoch hinter den Originalen zurückblieben. Wahrhaft minutiös ausgeführte Blätter nach plaftifchen Ornamenten hatte die„ Reale Scuola tecnica" von Pavia eingefandt. Die Zeichnungen waren theils mit Bleiftift oder Kreide, theils im Tufche ausgeführt und die Plaftik bis zu photographifcher Täufchung nachgeahmt; diefelbe faft übermäfsige Ausführung machte fich auch im linearen Zeichnen geltend, wo befonders bei den Perfpectivftudien an den ftereometrifchen Körpern das non plus ultra im„ Auspinfeln" geleiftet war. Sonft erfchien aber das eigentliche Conftructive, das Geometrifche an und für fich vernachläffigt, und waren vorwiegend geometrifche Ornamente und Decorationsftücke für das Baufach vor handen. Die Scuola tecnica" zu Lodi brachte gute Ornamente und getufchte Zeichnungen nach geometrifchen Körpern; im Linearzeichnen Conftructives, die Säulenordnungen und Mofaikböden. Weniger anfprechend waren die Arbeiten aus der„ Scuola ferali di Carità" zu Lodi. Ganz fyftemlos wird an der ,, Scuola popolare della focietà d' induftriale e belle arti" in Vigevano- Lomellina gezeichnet; es wird nach der franzöfifchen Weife mit den Ornamenten wohl begonnen, aber neben mangelhaftem Gypszeichnen in rein dilettantifcher Weife Landfchaften, Blumen und dergl. geübt; defsgleichen waren die Refultate der„ Scuola communale maschile- feminile" zu Codogno trotzdem nur Schauftücke ausgeftellt waren nicht zu loben; mit Ausnahme von einigen hübfch gezeichneten Köpfen, mangelte bei Allem die Schule, das Verftändnifs der Form und des Vortrages. Sehr gediegene Arbeiten im Linearzeichnen waren vom„ Iftituto tecnico" zu Mantua vorhanden; fowohl im Mafchinen- und Baufach als auch im Situationszeichnen. Das Reale Iftituto induftriale" zu Piacenza hatte eine Sammlung von Naturabgüffen( Plattformen) und auch modellirten Ornamenten ausgeftellt, die für den Zeichenunterricht recht empfehlenswerth waren. " - - Wie bei der letzten Parifer Ausftellung war auch diefsmal das„ Patrio iftituto Manin" zu Venedig mit hervorragenden Leiftungen vertreten. Im erften Curfus wird nach der gewöhnlichen Weife von den einfachen geometrifchen Formen zum complicirten Ornamente vorgefchritten und im zweiten Curfus dann zum Zeichnen nach plaftifchen Modellen übergegangen. Diefelben waren( in Tufch und Blei) von ebenfo exacter als künftlerifch gediegener Ausführung. Das Hauptgewicht wird aber an der Anftalt auf das eigentliche Fachzeichnen gelegt, wovon für alle Zweige der Kunftinduftrie Eminentes vorlag. Untergeordneter erfchien das Linearzeichnen gepflegt. Eine ganz eigenthümliche Methode verfolgt in der erften Stufe des Zeichenunterrichtes die„ Reale fcuola tecnica" zu Venedig. Es wird nämlich conftructive Perfpective betrieben, wobei aber theilweife auch mit freier Hand hineingezeichnet wird( mitunter waren übrigens auffallende Fehler erfichtlich); daran fchliefsen fich Körperftudien nach der Natur ( minutiös ausgeführt) und mangelhaftes conftructives Zeichnen. Der Hauptfleifs bei den meiften diefer Zeichnungen war jedoch auf die oft kunftvoll durchgeführten Umrahmungen derfelben gelegt, wobei die complicirteften Renaiffanceund à la Grece"-Verzierungen vorkamen, welche gewifs drei-, viermal foviel Zeit in Anspruch nahmen, als das dargestellte Object erforderte. Das Projectionszeichnen war gut und ziemlich ausführlich; in bekannter virtuofer Darftellung dann getufchte Gypsornamente, auch in Gruppen mit anderen Gegenftänden zu kleinen„ Stillleben" arrangirt etc., mitunter recht malerifch, aber ftets als Schauftücke; Zeitverfchwendung bleiben folche Arbeiten dennoch immer. 60 J. Langl." Die„ Scuola tecnica et ferale" zu Ravenna hatte in grofsen Blättern gute Contouren von Renaiffance ornamenten, defsgleichen getufcht, und gröfsere Gruppen von Modellen und Geräthen in Farbe fowie hübfche Architekturen ausgeftellt. Im gleichen Niveau hielten fich die Arbeiten der Scuola tecnica" zu Trevifo und war von der Anftalt auch das Projectionszeichnen gut vertreten und ausnahmsweife auch das Figurale. In dem„ Iftituto tecnico" zu Udine wird in ziemlich ausführlicher Weife das conftructive Zeichnen und die darftellende Geometrie durchgenommen; daran fchliefsen fich geometrifche Ornamente( Mofaikböden) und die Säulenordnungen; auch im Freihand- Zeichnen findet dafelbft das Flachornament in der Farbe feine befondere Pflege. Aus der" Reale Scuola tecnica e fcuola feftiva" find hübfch gezeichnete Ornamente in Blei und Tufch erwähnenswerth; fonft war die Zufammenftellung der Arbeiten ziemlich planlos. Wenn wir uns nunmehr dem Süden zuwenden, fo haben wir zu allererft der prachtvollen Leiftungen aus der„ Scuola tecnica pareggiata" zu Ferrara zu gedenken. Die Zeichnungen diefer Schule, faft ausfchliefslich Renaiffance ornamente, waren zum Theil in Blei, zum Theil in Tufche und Farbe mit bewunderungswürdiger Delicateffe durchgeführt, und brillirten befonders wieder die in Italien überhaupt fo beliebten Gruppenbilder. Vom Linearzeichnen waren gute Projections. ftudien, dann Säulen, Bogenftellungen etc. vorhanden. Im Freihand- Zeichnen ebenbürtig, nur mit ftärkerer Betonung des Farbigdecorativen ftanden die Leiftungen der„ Scuola tecnica diurna" zu Bologna; auch lieferte diefe Anftalt treffliche Architekturftücke. Zu den hervorragendften der Ausstellung überhaupt gehörten jedoch die Arbeiten aus der ,, Scuola tecnica ferale" diefer Stadt. Es fanden fich darunter in der vollendetften künftlerifchen Ausführung grofse decorative Renaiffanceverzierungen( mit verfchiedenen Mitteln dargeftellt), wahre Bravourftücke von„ Stillleben", Blumen, Früchten etc., Zeichnungen nach Schmuckfachen aus der beften Zeit, reizvolle Gefäfse, Möbel etc.- kurz Studien für alle Zweige der Kunftinduſtrie. In fehr überfichtlicher Weife war von der techniſchen Gemeindefchule Dante" in Florenz der Lehrgang und die Methodik des Zeichenunterrichtes in den Schülerleiftungen dargelegt. Die Schule hat zum Zweck, denjenigen jungen Leuten, welche fich einer beftimmten Laufbahn, fei es im öffentlichen Dienfte der Induftrie oder auch der Landwirthfchaft widmen wollen, eine angemeffene allgemeine Bildung zu geben. Die fpecielle Ausbildung wird ihnen dann in den technifchen Hochfchulen ertheilt. Sie befteht aus vier Claffen und fallen dem Zeichenunterrichte in der erften fünf und in den folgenden je neun Stunden zu. Die Freihand- Zeichnungen, von den einfachen Contouren zum Gyspsornamente fyftematifch vorfchreitend, gehörten zu dem Beften, was von den italienifchen mittleren Schulen ausgeftellt war. Die Darftellung gefchieht mit den einfachften Mitteln, oft allein mit Blei; aber in einer Zartheit und Delicateffe, die für das Alter der Schüler( 13 bis 17 Jahre) bewunderungswürdig zu nennen ift. Neben den plaftifchen Zeichnungen fanden fich auch mufterhaft behandelte Flächenornamente( Frührenaiffance). Das Linearzeichnen wird ähnlich wie an unferen Realfchulen betrieben, mit fofortiger Anwendung auf Bau- und Mafchinenkunde. Ganz ausgezeichnete Arbeiten, befonders was darftellende Geometrie und Mafchinenzeichnen anbelangt, lagen auch von der„, Scuola tecnica municipale Leon Battista Alberti" vor; die FreihandZeichnungen zeigten durchwegs eine leichte, künftlerifche exacte Behandlung. - - aber immerhin Die ,, Scuola tecnica" zu Perugia brachte neben guten Ornamenten befonders fchöne Zeichnungen nach Renaiffancegefäfsen, Möbeln mit Intarfien etc. In der Scuola maschile" diefer Stadt werden faft ausfchliesslich Mofaikböden conftruirt. Mit prächtigen Leiftungen im freien Zeichnen und hübfch dargeftelltem Lehr e r 1 1 e 1 e e Er e וד r ], 1, :) n er 1. n 1. n S er t. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 61 gang war ferner die ,, Scuola tecnica" zu Orvieto vertreten. Unter den Arbeiten waren befonders die bei den Italienern mit Vorliebe" getufchten" Gypsornamente wieder von der delicateften Ausführung; fchwächer erfchien das geometriſche Zeichnen an diefer Anftalt; dagegen recht gut das Projectionszeichnen.- Brillant nach jeder Richtung des Zeichnens hatte fich die„ Scuola tecnica" zu Lodi repräfentirt; die Gypszeichnungen waren wieder meift getufcht, dagegen gröfsere Architekturen, Decoratives etc. mit der Feder reizvoll fchraffirt. Wahre Bravourftücke lagen ferner an Schatten Conftructionen vor; man bewundert die Geduld, die technifche Fertigkeit und freut fich der fchönen Arbeit aber die praktiſche Stimme mufs denn doch diefs Alles Zeitverfchwendung heifsen! Was die genannte Schule im Linearen, das leiftet die„ Scuola tecnica di disegno in sant arcangelo di Romagna" im freien Zeichnen. Es lagen grofse Blätter in Kreide nach Florentiner und römifchen Renaiffance- Denkmälern vor, die aber in einer Vollkommenheit dargestellt waren, dafs es nur wünſchenswerth erfchien, wenn diefe Arbeiten auf Stein zur Vervielfältigung gebracht worden wären; fie würden ein Prachtwerk geben. Erwähnenswerth find ihrer guten Leiftungen wegen auch noch die technifchen Schulen' von Afcoli piceno und Piftoja; die Anftalt des letzteren Ortes hatte auch fehr fchön den Stufengang in den Schülerzeichnungen dargestellt. Aus dem füdlicheren Italien nahmen die Schulen von Neapel den hervorragendften Rang ein. Die„ Scuola di disegno applicato alle arti" der„ focietá centrale operaria napoletana" hatte fehr gelungene Arbeiten ausgeftellt. Es werden an der Anftalt alle Zweige des Zeichnens gepflegt und überall der praktifche Zweck, die Anwendung im Auge geführt; auch das figurale Zeichnen. welches mit Ausnahme einiger Schulen in Norditalien faft überall vernachläffigt wird, war theilweife in fehr hübfchen Leiftungen repräfentirt. - Es ist wohl überflüffig zu erwähnen, dafs nur nach„ Julien gezeichne wird. Nebft diefer Anftalt hatten auch die rühmlichft bekannten" Reali iftituti tecnico e di marina mercantile" Leiftungen aus den Zeichenfächern vorgelegt, die fowohl im Architektonifchen als im Mafchinen- und Schiffbau- Technifchen den guten Ruf der Anftalten neuerdings beftätigten. Von Freihand- Zeichnungen find fchön gearbeitete Kreide ornamente zu erwähnen. Das Inftitut hatte auch die Pläne und Anfichten feines Gebäudes vorgelegt. Im Anfchluffe fei hier auch der trefflichen Arbeiten im technifchen Zeichnen für maritime Zwecke des R. Iftituto di marina mercantile di piano" zu Sorrento gedacht. 99 Wenn wir noch die befriedigenden Leiftungen der„ Scuola tecnica provinca" zu Salerno erwähnen, fo dürften wir das Wichtigfte berührt haben, was von der Halbinfel Italien an Schülerzeichnungen zur Wiener Weltausstellung gefandt wurde. Von der Infel Sicilien hatte die„ Società operaria di Meffina" Zeichnungen ausgeftellt, die jedoch fowohl in der Wahl der Modelle als in der Ausführung Manches zu wünſchen übrig liefsen. Es waren vorwiegend figurale Studien, unter denen die nach Julien's Vorlagen noch die beften genannt werden konnten. Ganz ohne Verftändnifs waren Acte( wahrfcheinlich nach Handzeichnungen) copirt. Den fchattirten Ornamenten mangelte die leichte Technik, die fonft gerade die Italiener auszeichnet. Sehr hübfche Refultate hatte dagegen die ,, Scuola tecnica" zu Nola eingefandt; es wird dafelbft im linearen und freien Zeichnen nach dem gewöhnlichen Lehrgang gearbeitet, und verdienten die Erfolge volles Lob. - Von der Infel Sardinien hatte die ,, Scuola tecnica" zu Cagliari die Ausftellung mit Arbeiten ihrer Schüler befchickt, welche jedoch nur im linearen Theile gut zu heifsen waren; im Freihand- Zeichnen wird( nach franzöfifchen Originalen) im Ornamente und Figuralen fyftemlos und ohne Erfolg gezeichnet. Es mag aus dem Gefagten erhellen, dafs es in Italien nicht am Streben fehlt, die Traditionen der reichen Kunftinduftrie fortzuführen und durch Schulen ftets neue Kräfte dafür zu erziehen; dafs aber die Formen felten über diefe 62 J. Langl. Tradition hinausgehen und mithin von einem Fortfchritte diefsbezüglich feit Jahren wenig bemerkbar ift, hat feine Urfache lediglich in den Schulen, in welchen eben nur das Alte nachgeahmt wird und neue Elemente aus der Univerfalquelle für alle Kunft, der Natur, nicht herangezogen werden. Schon der Mangel des figuralen Zeichnens wirkt hemmend auf die freiere Entfaltung des Ornamentes ein, und gerade diefem mufs in erfter Linie in den Unterrichtsanftalten Rechnung getragen werden, wenn das Volk auch zum höheren Verſtändnifs der Kunft erzogen werden foll. Der italienifchen Induftrie fteht heute nicht mehr wie im Cinquecento eine grofse Kunft zur Seite, die einen weiteren Impuls auf fie ausüben würde; fie arbeitet allein auf den alten Wegen fort und erhält blofs an Geiftigem, was damals ihr verliehen. Freilich ift die Zeit, in welcher Reformbeftrebungen mit Bewufstfein in der Kunftinduftrie angeftellt werden, eine noch fehr junge und die Denkmäler Welt Italiens noch lange nicht dafür erfchöpft aber gerade in dem Lande, wo edlere Formen heimifch find, könnte zuerft eine freiere Bewegung im Geifte des Fortfchrittes ftattfinden. Wenn wir die Publicationen für die Zwecke des Kunftunterrichtes feit 20 Jahren überblicken, fo ift der Inhalt derfelben gewifs in zwei Dritttheilen den Denkmälern Italiens entnommen. England, Frankreich, Deutfchland und Oefterreich haben die Schätze diefes Landes für die Erziehung der heimatlichen Kunft herangezogen und fie als Schule für die Fortbildung des Gefchmackes benützt. - Die politifchen Verhältniffe Italien's mochten es wohl hauptfächlich gewefen fein, die ein felbftftändiges Verwerthen des im Lande Vorhandenen bisher hinderten. Jetzt, wo die lange angeftrebte Einheit vollzogen ift, dürfte auch in diefer Hinficht eine erfreulichere Thätigkeit fich entfalten. Was von neueren Publicationen in Betreff des Zeichen- und Kunftunterrichtes vorlag, beftand gröfstentheils in Photographien, einem Induftriezweig, der bekanntlich befonders im Reproduciren in Italien gegenwärtig auf der höchften Stufe fteht.- Neben grofsen Copien nach Gemälden der claffifchen Meifter ift hier des hohen Intereffes wegen die vorzügliche Publication der Handzeichnungen aus der PinaUnter dem Titel„ Sulle scoperte kothek in Venedig von A. Srini zu erwähnen. 1872" ift in archeologiche nelle città et provincia di Roma negli anni 1871. prachtvollen Bildern( v. fratelli Rofa) die alte Tiberftadt mit ihrer Umgebung felbft auf der Ausstellung erfchienen. - Von lithographifchen Werken fei noch genannt ,, Racolta di Ornamenti" nach Terracotten in Siena( aus dem XV. und XVI. Jahrhundert) von S. Rotellini und G. Breuci( Siena 1873); reizvolle Renaiffance- Motive in die verfchiedenften Räume componirt und„ Mufaici chriftiani e faggi pavimenti della Chiefe di Roma"( aus dem XV. Jahrhunderte) von G. B. di Roffi in fchöner chromolitho graphifcher Ausführung. England. Es wurde bereits hervorgehoben, dafs England nach der erften Londoner Weltausftellung im Jahre 1851 allen Staaten Europas darin voranging, durch den Zeichenunterricht den beftehenden Gefchmack in der Kunstinduftrie zu refor miren und damit feine eigenen Productionen diefer Richtung zu heben. Als Centralftelle diefes Unternehmens wurde das South- Kenfington- Muſeum mit der damit verbundenen Kunftſchule gegründet und ein eigenes Adminiftrativamt für Kunft und Wiffenfchaft( Science and Art- Departement) eingeſetzt. In allen bedeutenden Induftrieftädten des Landes wurden Schools of Art" errichtet( bis jetzt über 100), in welchen den jeweiligen Bedürfniffen entsprechend Unterricht im Zeichnen, Malen und Modelliren ertheilt wird. Die Vorbilder, nach welchen diefe Schulen arbeiten, gehen alle von der Centralftelle, der reichen Sammlung des genannten Inſtitutes aus, welches auch in allen anderen Beziehungen für den S t n 7 1 r n d n 9 i n , er n r- S er ir n IS nt D g En Der Zeichen- und Kunftunterricht. 63 Kunftunterricht feinen Einfluss geltend macht. Neben diefen Anftalten beftehen dann noch zahlreiche Abendcurfe für Gewerbetreibende, welche ebenfalls in den angedeuteten Intentionen eingerichtet find.* Es find nun zwei Jahrzehnte verfloffen, feit diefe Bewegung in England begonnen und mit vielem Intereffe wurde auf den Weltausftellungen die Wandlung in der englifchen Kunftinduftrie in Bezug auf Veredlung des Stiles verfolgt. Mit grofser Spannung wartete man ihrer auch auf der Wiener Ausftellung und hoffte, dafs gerade in Hinficht auf den kunftinduftriellen Unterricht ein intereffantes Bild fich entrollen werde. Die Hoffnungen wurden nach diefer Richtung getäuscht. England hatte diefsmal das Hauptgewicht auf die Repräfentation feiner Colonien gelegt; es entfaltete feine afiatifchen Reichthümer, die heimifche Induftrie war lückenhaft, der Unterricht äufserft flau vertreten. Aufser einigen Schülerarbeiten der Kenfington- Schule und einigen Publicationen diefes Inftitutes war weiter nichts vorhanden. Es mufste befremden, dafs ein Land, von welchem doch die Idee zu Weltausftellungen zuerft ausgegangen ift, gerade das hochwichtige Capitel über den Kunftunterricht, dem es feine heutige Stellung in der Induftrie gegenüber den anderen Staaten verdankt, geradezu ignorirte. Dafs der Einfluss der englifchen Kunftfchulen auf das Formenwefen feit zwanzig Jahren von gröfster Bedeutung war, hat jedermann wahrgenommen; doch haben noch keineswegs die ursprünglichen Tendenzen ihre Ziele erreicht und dürfen, wenn wir in der englifchen Kunftinduftrie die Erfolge des Kunftunterrichtes lefen, die Schulen noch nicht auf ihren Lorbeeren ruhen. Der Gefchmack hat fich entfchieden veredelt, die Formen find durchwegs kunftgemäfs, ftilvoller geworden, bewegen fich aber weitaus noch in keinem einheitlichen Geleife, fondern laufen vielmehr in allen Stilen, nach allen Richtungen auseinander. Einen felbftftändigen Weg hat die englifche Kunft vielleicht nur in der Flächendecoration eingefchlagen; dort find die Formen einheitlich, modern ftilvoll, fie bleiben es auch noch an den Möbeln, wo das polychrome Flächenornament Eingang gefunden hat; aber in den Silberwaaren, Broncen, Fayencen und Majoliken wird die gefammte Kunftgefchichte vom alten Indien an bis herauf in die Barockzeit illuftrirt.- Bei letzteren Induftriezweigen fordert denn freilich die hiftorifche Technik auch meift den hiftorifchen Stil, da ja in der Regel mehr den Amateurs als dem kunftgemässen Gefchmack Rechnung getragen wird. Die Hauptaufgabe der wiffenfchaftlichen Leitung des Kunft. unterrichtes in England dürfte aber in der Zukunft fein, diefer Zerfplitterung der Stilrichtung zu fteuern und die Imitation in die Wege des felbftftändigen Schaffens zu lenken. Ob jedoch England es je erreichen wird, in der Kunft und Kunftinduftrie in Bezug auf das Technifche im Künftlerifchen allfeitig eine tonangebende Rolle zu fpielen, ift noch eine Frage der Zeit. Darin find die Franzofen und Deutfchen heute weit voraus, und darf es nicht Wunder nehmen, wenn z. B. die fchönften Erzeugniffe einer Firma„ Minton" von franzöfifchen und deutfchen Künftlern herrühren. Die englifche Nation ift wohl eine kunftfinnige, aber im Grofsen und Ganzen wenig kunftbegabte, das konnte jeder Unbefangene wieder in der Kunsthalle wahrnehmen; und in einem Lande, wo die eigentliche Kunft nicht tonangebend ift, bleibt es ftets problematifch, ob die Kunstinduftrie felbftftändig fich zur höchften Stufe emporfchwingen kann. Das Formenwefen liegt in England, trotz aller Erfolge, noch in der Gährung und dürfte wohl fpäter, wenn fich die Klärung vollzogen haben wird, fich ein Urtheil über den Apparat des Kunftunterrichtes fällen laffen, welcher mit den beften Intentionen ins Werk gefetzt wurde. Wenn wir nun einen Blick auf die Ausftellung der Kenfington- Schule werfen, fo finden wir für alle Zweige der Kunftinduftrie nette, ftilvolle Arbeiten, die Eine * Die Organiſation der Muſeen und des Kunftunterrichtes in England wurde fchon in den öfterreichischen Weltausstellungs- Berichten von 1862 und 1867 ausführlich behandelt. umfaffende Darftellung der Verhältniffe bietet Dr. Hermann Schwabe ,, Die Förderung der Kunftinduftrie in England etc." Berlin 1866. Ut 5 64 J. Langl. das Streben nach einem einheitlichen Principe im Geifte der Reform überall offenbaren. Hervorragend waren die Leiftungen nicht zu bezeichnen; fie liefsen im Ganzen kühl. Die Leitung des Mufeums hatte an einer Tafel die Claffeneintheilung des Inftitutes dargestellt und gefucht, wo möglich von jeder Branche Etwas zu exponiren. Dadurch wurde eigentlich das Bild der Thätigkeit der Schule zerftückelt; denn zwei bis drei Blätter aus einer Specialabtheilung konnten diefe wenig charakterifiren. Auch war es verfäumt, die Programme des Inftitutes feit 1867 aufzulegen, wodurch das Fragmentarifche der Ausstellung hätte ergänzt werden können. Nur mit Mühe konnte der Lehrgang in der vorbereitenden Claffe verfolgt werden. Es waren davon Contourornamente nach Plaftik, dann fchattirt in Sepia und gezeichnete geometrifche Modelle in Kreide vorhanden. Von den höheren( Special-) Claffen waren Copien nach Originalmodellen in diverfen Stilen, Naturfludien und felbftftändige Compofitionen ausgeftellt; das Befte darunter waren die Entwürfe in Flächenverzierungen für Tapeten, Stoffe etc. Die Blume wird mit Sorgfalt ftudirt und in edler Weife zum Ornamente benützt; nur hie und da, befonders bei den Muftern für Fächer", erinnerte ihre Verwendung an den franzöfifchen Gefchmack. Die Compofition des Ornamentes bezieht fich ftets auf den fertigen Gegenſtand und ift der Zweck der Verzierung immer im Auge behalten. Eine geringere Rolle spielte unter dem Ausgeftellten das figurale Zeichnen. Obfchon einige antike Statuen an forgfältiger Ausführung nichts zu wünſchen übrig liefsen, war deffen Schwäche fchon offen in den anatomifchen Studien ( nach dem Discuswerfer) blofsgelegt. Von Naturftudien( Acten) waren nur wenige Blätter ausgeftellt. An Plaftifchem fanden fich nur einige Ornamente und figurale Reliefs, ohne befondere Bedeutung. Das Befte darunter war ein Relief des( anatomifchen) Discuswerfers, an welchem die Formen correct und wahr dargestellt waren. Vom Linearzeichnen lagen Projections- und Perſpectivftudien, Einiges vom Mafchinenfach und hübfche Architekturen auf, unter denen ftilvolle Zimmerdecorationen befonders hervorzuheben find. Eine Reconftruction des LyfikratesDenkmals zu Athen, die fich mit geringen Abweichungen an den Entwurf Hanfen's hielt, verdient der netten, forgfältigen Durchführung wegen Erwähnung. Das Hervorragendfte jedoch, was das Inftitut ausgeftellt hatte, beftand in den Radirungen, die von den Schülern nach Gegenftänden des Muſeums für den Zweck der Vorbereitung ausgeführt wurden. Die ungemein reiche Collection enthielt Blätter von grofser Schönheit; defsgleichen verdienen die von der Anftalt publicirten Chromolithographien nach dem Originale des Muſeums ungetheiltes Lob. Es feien hier auch die von dem talentvollen E. F. Poynter A. R. A. componirten, decorativen Zeichnungen:„ Die zwölf Monate" und„ Die vier Jahreszeiten" erwähnt, welche der Künftler für das Kenfigton- Muſeum( als decorative defings for the grill Room) gefchaffen. Es wurde bereits oben erwähnt, dafs England feine auswärtigen Befitzun: gen in umfangreicher Weife auf der Ausftellung vertreten hielt. Darunter nahm Indien mit feiner Induftrie und feinen Kunftfchätzen den erften Rang ein. Intereffant war darunter die Expofition der School of Art" zu Bombay, welche Modelle und Handzeichnungen der Schüler, fo wie Photographien nach diefen zur Anfchauung brachte. Es find ganz eigenthümliche Wege, welche an der Schule in Bezug auf Stil verfolgt werden. So fanden fich im Modelliren und Zeichnen die Pflanze, das altindifche Ornament und europäiſche Renaiffanceformen gepflegt. Die Compofitionen, welche aus diefen drei verfchiedenen Elementen hervorgingen, zeigten nicht viel Einheitliches und waren meift überladen. Am gelungenften erfchienen noch die Mufter, in welchen die alten heimifchen Formen nachgeahmt waren. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 65 Die Verfuche in der figuralen Malerei nach kunftgemässer Weife erhoben fich nicht viel über die Fabricate der Dilettanten. Rufsland. Auch in der ruffifchen Induftrie ift gegenwärtig das Formenwefen in einer bedeutfamen Umwälzung begriffen. Es durchkreuzen fich zwar noch die verfchiedenften Elemente und machen das Gefammtbild nichts weniger als einheitlich; aber bei näherer Beobachtung ift wahrzunehmen, wie fich nach und nach eine Sonderung der Stile vollzieht und eine Klärung in Bezug auf Principien ftattfindet. Wer bei der letzten Parifer Ausftellung noch zweifeln mochte, ob die alte flavifche Ornamentik in der Induſtrie wieder erneuert und eingeführt werden könne, mufste bei der Wiener Expofition im Angefichte der ruffifchen Goldfchmiede- und Webearbeiten anerkennen, dafs diefer Stil durch die Pflege von Seite der Kunftwiffenfchaft fogar eine bedeutende Zukunft vor fich hat. Die Anftrengungen, welche vorzugsweife in Moskau und Petersburg gemacht werden, die durch den franzöfifchen Einflufs verdrängten nationalen Formen wieder zur Geltung zu bringen, find bisher von den beften Erfolgen begleitet. Wir wollen es dahingeftellt fein laffen, wie viel Byzantinifches und Griechifches neben eigentlich Ruffifchem in diefem nationalen Stil ift darum kümmert. fich ja Rufsland felbft nicht weiter; man nimmt, was den Slaven vor etwa 400 bis 500 Jahren eigenthümlich war und wendet es im modernen Geifte an; das Originelle intereffirt und ift des Beifalls von Seite des Publicums immer ficher. Durch das wiffenfchaftliche Vorgehen in dem Erneuern diefer alten Kunft wurde für fie befonders in der Goldfchmiederei wieder eine ganz fefte Bafis gegründet. Der Stil führt nicht fo entwicklungsreiche Elemente in fich, um vielleicht eine Weltverbreitung zu finden; er wird ruffifch bleiben, und find die fremden, meift veralteten franzöfifchen Formen in Rufsland einmal gänzlich befeitigt, fo hat feine Induftrie dadurch in der That wieder einen nationalen Charakter gewonnen und wird durch ihre Originalität gefucht und gefchätzt werden. Die Ausstellung illuftrirte diefe Beftrebungen in der intereffanteften Weife und war es zu bedauern, dafs durch die oft genug gerügte Zerftückelung das Gefammtbild auch hier total zerriffen wurde, und nur mühfelig von den entlegenften Punkten zufammengetragen werden konnte, was in fyftematifcher Reihenfolge fich vor den Augen des Befchauers entwickeln follte. So hatte die Société d'encouragement des arts" die ,, Société zu St. Petersburg in der Hauptgallerie, das Kunft- und Induftriemufeum mit der damit im Contact ftehenden Zeichenfchule„ Stroganoff", zum Theil im nördlichen Pavillon der ,, amateurs", zum Theil aber in der nördlichen Quergallerie des Induftriepalaftes ausgeftellt; die intereffanteften Induftrie- Erzeugniffe waren wieder dem internationalen Markt in der Rotunde zugetheilt, fo dafs es trotz der gewiffenhafteften Forfchungen nicht unmöglich fein kann. gerade wichtige Dinge überfehen zu haben. Wir ziehen zuerft die Kunftfchule„ Stroganoff" zu Moskau in Betracht, da fie die Ausstellung am reichften befchickte und nach allen Richtungen ein deutliches Bild ihrer Thätigkeit entrollte. In zahlreichen Portefeuills und grofsen Wandtableaux war der fyftematifche Lehrgang der vorbereitenden und der Fachclaffen dargestellt. Neben diefen Arbeiten, auf die wir weiter unten noch näher zu fprechen kommen, lagen auch die Handbücher und Vorlagewerke auf, welche von dem Inftitute für die Zwecke des Unterrichtes herausgegeben wurden. Diefelben verfolgen den gewöhnlichen Lehrgang bis zu den fchattirten Ornamenten, welche aber fchon vorwiegend in byzantinifchen und altruffifchen Formen auftreten. Auch für den Linear- Zeichenunterricht waren zweckmäfsige Lehrmittel vorhanden. Für die weitere Ausbildung der Schüler forgt dann die reiche Sammlung des Induſtriemufeums, welches feit 1868 eröffnet, die Entwicklung der Schule befonders in Hinficht der nationalen Kunftbeftrebungen fördert. 5* 66 J. Langl. Der Zweck der Anftalt ift lediglich der, dem Kunft- Handwerke gefchickte Arbeiter zuzuführen, die Induftrie von der fklavifchen Nachahmung zu befreien und fie zu Originalformen heranzuziehen. Den bedeutfamften Einfluss auf diefe Beftrebungen nimmt das Muſeum, und war für die Ausftellung desfelben im Nordpavillon der Kunfthalle ein ganzer Saal überlaffen. Es befanden fich dafelbft( in einer Auswahl) die von den nationalen Denkmälern gefammelten Modelle von Ornamenten in Gypsabgüffen, in Thon und Galvanoplaftik; Nachbildungen alter Kunftwerke, Gefäfse und andere Geräthfchaften, Photographien, Handzeichnungen von Kunftwerken, wodurch fich das Muſeum und die Schule gegenfeitig unterſtützen und die von dem Inftitute veranlafsten Publicationen. Darüber das höchft intereffante ,, Stroganoff'fche Bilderbuch"( publicirt 1869), welches zu dem Zwecke veröffentlicht wurde, die Bildertypen zu erhalten, welche im XII. Jahrhundert in Rufsland mit der orthodoxen Religion eingeführt wurden. Als das Hauptwerk des Muſeums der Stroganoff'fchen Schule mufs jedoch, was angewandte Kunft betrifft, die Herausgabe der„ Gefchichte der ruffifchen Ornamentik", gefchöpft aus authentifchen Handfchriften* des X. bis XVI. Jahrhundertes, betrachtet werden. Die Tafeln wurden nach den Originalen in Paris in Farbendruck forgfältig ausgeführt, und bildet das Werk gleichfam die Grundlage für die Reformen, welche in der ruffifchen Induftrie gegenwärtig angeftrebt werden. Zur Klärung des Gefchmackes wurde ein Haupt- Augenmerk auch darauf gelegt, die in Rufsland fo verbreitete volksthümliche Heiligenbilder- Malerei zu heben und diefe Kunft auf jene reinen Formen der alten griechifchen Typen zurückzuführen, in welchen fie fich dereinft fo anmuthig entfaltete und die nur durch das Heranziehen fremder Kunftelemente verloren gingen. Aus der Schule treten alljährlich eine bedeutende Anzahl Gewerbekünftler und Zeichner, welche dann die Intentionen derfelben in die Induftrie übertragen. Neben dem erzieht aber die Kunftfchule auch die Zeichenlehrer für andere Anftalten, welche diefelben Zwecke( in den Provinzftädten) verfolgen. Der Zeichenunterricht hat befonders in Moskau auf Anregung der Stroganoff- Schule feit 1867 einen höchft erfreulichen Auffchwung genommen. Nicht nur, dafs der Gegenftand in den Elementar- und Realfchulen obligatorifch eingeführt wurde, find zehn Sonntagsfchulen für Gewerbetreibende gegründet und an der Univerſität ein Zeichencurs für Studirende errichtet worden; abgefehen dafs viele Fabrikanten Zeichenfchulen fpeciell für ihre Inftitute eingerichtet haben. Es fteht zu erwarten, dafs diefem Beiſpiele die anderen Manufacturftädte folgen werden. Wenn wir nun die Leiftungen der Schüler näher in Betracht ziehen, fo kann vorausgefchickt werden, dafs durchwegs ein frifcher, künftlerifcher Geift die Arbeiten belebte, und in den vorbereitenden Claffen, wo im eigentlichen Sinne des Wortes das Zeichnen gelehrt wird, der Unterrichtsgang der ganz richtige war. Nur konnten wir nicht begreifen, warum bei der ausgefprochenen Tendenz der Schule noch hie und da Copien nach alten franzöfifchen Kreideornamenten vorkommen, die im Stile den eckigen, exacten ruffifchen Flachmodellen geradezu entgegengesetzt find. Bezüglich des Vortragftudiums fand fich freilich unter den vom Muſeum publicirten Werken nicht viel Befonderes, und dürften vielleicht blofs zu diefem Zwecke die franzöfifchen Mufter dienen. Sehr gediegen waren die nach byzantinifchen und altruffifchen Modellen gearbeiteten Zeichnungen aus den höheren Curfen. Die Studien im Decorationsfache waren( in Leimfarben) mit grofser technifcher Gewandtheit behandelt; dem Stile nach erfchienen die ruffifchen nationalen Elemente ziemlich frei angewendet. Die Force der Schule zeigte fich jedoch in den Zeichnungen von Gefäfsen, kirchlichen Geräthen, Rahmen etc., für edles Metall, was wohl für Moskau begreiflich fein kann, da ja dafelbft der Hauptfitz der Goldfchmiede ift. In den Möbelzeichnungen halten fich die Hauptformen, was übrigens ganz richtig ift, an die moderne Richtung der Deutſchen * Meift griechifche und flavifche. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 67 und Franzofen und tritt nur im Ornamente das exact Nationale wieder hervor. Erwähnung verdienen auch die fehr fchönen kalligraphifchen Arbeiten. Eingehend wird auch das Zeichnen für die textilen Zwecke betrieben, wobei nur bezüglich der Farbenharmonie noch manche Wünfche übrig blieben. Auch hierin fanden fich wieder franzöfifche Blumen den Deffins untermifcht. Das geometrifche Zeichnen wird in den Elementarcurfen fehr ausführlich genommen und auch Projectionslehre und Perfpective umfaffend gepflegt; daran fchliefsen fich dann die Fachcurfe für Bau- und Mafchinenkunde, worin nach beiden Richtungen tüchtige Arbeiten vorlagen. Weniger günftig mufs das Urtheil über das figurale Zeichnen lauten; es wird nach den Julien's Vorlagen mit Kreide auf weifsem Papier gearbeitet und zu viel Werth auf die Schattirungen gelegt. Die Gypszeichnungen waren zu lithographifch" behandelt; die Acte ohne gründliches Verftändnifs der Formen. Freilich hat das ruffifche Ornament keine figürlichen Motive in fich und bezieht fein Leben blofs durch die Farbe; allein eine Kunftſchule, wenn fie auch vorwiegend das Ornament zu pflegen berufen ift, foll nie das figurale Zeichnen hintanfetzen; für die Freiheit und Veredlung der Formen in jeder Beziehung ift das Studium der menfchlichen Geſtalt vom reichften Nutzen. 99 In ganz ähnlichem Sinne arbeitet in St. Petersburg die„ Société d'encouragement des arts". Sie hatte aus ihrer Induftriefchule nur Zeichnungen der ,, Claffe de Compofition" ausgeftellt, die vorzüglich genannt werden konnten. Es waren meift Gefäfse und kirchliche Geräthe für Gold und Email, Bücherdeckel, profane und kirchliche Holzarbeiten etc., vorwiegend im byzantinifchen Stil. Auch hatte das Muſeum der Gefellfchaft eine intereffante Collection plaques emaillées" aus dem XIV. und XV. Jahrhundert als Mufter für die Schule ausgeftellt, fowie eine Sammlung von nationalen Gewändern und anderen Hausgegenständen, welche die ruffifche Volksinduftrie illuftrirten. Die von dem Inftitute herausgege. benen Nationalornamente" beziehen fich meift auf textile Kunft, und werden damit die Tendenzen der allgemeinen Reform in Rufsland verfolgt. Neben diefen fpeciell kunftgewerblichen Schulen waren von Russland noch die technologifchen Inftitute von St. Petersburg und Moskau mit Lehrmitteln für den praktiſch- technifchen Unterricht auf der Ausftellung vertreten. In beiden Inftituten wird neben dem Theoretifchen ein Hauptwerth auch auf die praktiſche Ausübung der verfchiedenen Fächer gelegt, und ift befonders die Moskauer techniſche Schule darnach eingerichtet, die Zöglinge in allen Zweigen des Mafchinenbaues und der Mechanik auch in der Werkstätte heranzubilden. Die Anftalt zerfällt in zwei Abtheilungen und zwar in eine allgemein wiffenfchaftliche und eine fachwiffenfchaftliche oder Specialabtheilung mit je dreijährigem Curfus. Die Lehrmittel, welche ausgeftellt waren, bezogen fich nur auf den praktifchen Unterricht in den Werkstätten, welcher ganz fyftematifch in den verfchiedenen mechanifchen Fertigkeiten der Drechslerei, Tifchlerei, Metalldreherei, Schlofferei etc. ertheilt wird. Die Schule hat darin nicht den Charakter, wie die in Frankreich exiftirenden, mittleren techniſchen Schulen( zu Châlons, Aix, Angers etc.), wo blofs techniſch gebildete Werkführer erzogen werden; fie ift lediglich Hochfchule, an welcher das Theoretifche den anderen europäifchen Hochfchulen gleichkommt, und dient der praktifche Unterricht nur zur Ergänzung des theoretifchen Wiffens. Es befteht zu diefem Behufe bei der Anftalt eine gröfsere Mafchinenfabrik mit Arbeitern auf Taglohn, welche Beftellungen auf Dampfmaſchinen, Werkzeug- Mafchinen, Pumpen und fonftige landwirthschaftliche Mafchinen annimmt und ausführt* Es konnten leider wegen Raummangel von den einzelnen Kategorien der Lehrmittel nur Bruchtheile ausgeftellt werden, was zu bedauern war, da gerade * Die Fabrik liefert jährlich Mafchinen bis zur Summe von 100.000 fl.; diefelbe hatte auch Objecte in der Mafchinenhalle ausgeftellt. 68 J. Langl. das Pädagogifche der Sache dadurch nicht in voller Klarheit zur Anfchauung gebracht werden konnte. Nach der getroffenen Anordnung zerfielen die Lehrmittel für die verfchiedenen Fächer in drei Gruppen und zwar gehörten zur erften diejenigen Werkzeuge, mit welchen der Lehrling fich vertraut machen foll, bever er zu arbeiten anfängt, und zu deren Gebrauch er während der Arbeit felbft angeleitet werden foll; zur zweiten Kategorie gehörte dann die Sammlung von Modellen, welche dazu beftimmt find, auf fyftematifchem und ftufenweife fortfchreitenden Wege die verfchiedenen Handgriffe in dem betreffenden Fache zu erlernen; die letzte Gruppe bildete dann die Sammlung folcher Gegenftände oder Werktheile, bei deren Bearbeitung alle Stadien der betreffenden Facharbeit vorkommen, welche in den vorhergehenden Curfen durchgenommen worden find. Es genüge hier die Bemerkung, dafs auf der Ausftellung diefe vorzüglichen Sammlungen von Seite der Fachmänner die günftigfte Beurtheilung erfuhren und die Schule nach dem oben angedeuteten Syfteme feit den vier Jahren ihres Beftehens mit den glänzendften Erfolgen arbeitet. Das Arrangement der Ausftellung war mufterhaft zu nennen und ward von der Direction des Inftitutes. ( dem Director Victor Della- Vofs) auch für nähere Aufklärung darüber Sorge getragen. Exponirt war: Eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht in der Drechslerei; eine Sammlung von Arbeiten zur fyftematifchen Erlernung der Drechslerei; eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht in der Modelltifchlerei; eine Sammlung von Modellen der gebräuchlichften Holzverbindungen; eine Sammlung von Modellen für die Giefserei zur Erlernung ihrer Anfertigungsweife; eine Sammlung von Inftrumenten für den Unterricht im SchmiedeHandwerke; eine Sammlung von Schmiedearbeiten zur fyftematifchen Erlernung des Schmiede- Handwerkes; eine Sammlung von Inftrumenten in der Metalldreherei; eine Sammlung von Arbeiten zur Erlernung der Metalldreherei; Modelle von Bohrern und Senkkolben( 6 Mal vergrössert); Modelle verfchiedener Feilenhiebe( 24 Mal vergröfsert), zur anfchaulichen Erlernung ihrer richtigen Conftruction; Modelle von Gewindebohrern und Gewindebacken( 6 Mal vergrössert); eine Sammlung von Bohr- Werkzeugen, Durchfchlägern und Reibahlen für den Unterricht in der Maſchinenfchlofserei; eine Sammlung von Mefsinftrumenten für den Unterricht in der Mafchinen bau- Schlofferei; eine Sammlung von Arbeiten zur fyftematifchen Erlernung der Maſchinenfchlofferei( in drei Curfen); ftände; Richtplatten und Apparate zum Anreifsen der zu bearbeitenden Gegeneine Modellfammlung von Maſchinentheilen zur anfchaulichen Erlernung ihrer Behandlung auf der Richtplatte. Die polytechniſche Schule zu St. Petersburg ift feit 1864 in die Reihe der Hochfchulen einbezogen und wird an der Anftalt das Praktifche ebenfalls in umfangreicher Weife gelehrt; nur dafs dafelbft noch der chemifchen Facultät ein erweiterter Spielraum gegeben ift. Die Ausftellung wurde nur mit Muftermodellen für Mafchinenbau befchickt, welche mit mathematifcher Präcifion gearbeitet waren. Ausserdem hatte das Inftitut eine Anzahl ausgezeichneter Schülerzeichnungen( ebenfalls aus dem Mafchinenfach) exponirt. Ganz felbftftändig war Finnland in der XXVI. Gruppe erfchienen, und Zeichenunterricht mit Lehrmitteln und Schülerzeichnungen. Wer in dem kleinen aufgelegten Heftchen, welches kurze Notizen über das Land und zwar im Der Zeichen- und Kunftunterricht. 69 das Ausgeftellte enthielt, die Beftrebungen auf dem Gebiete des Unterrichtes in diefer nordifchen Provinz verfolgte, mufste fich von dem Vorgelegten in hohem Grade angezogen fühlen. Das Land ift verhältnifsmäfsig arm und die Induftrie noch auf einer niedrigen Entwicklungsftufe; Schifffahrt und Ackerbau bilden noch vorwiegend die Erwerbsquellen der Bewohner; nichtsdeftoweniger aber hat fich das Bildungswefen in dem abgelaufenen Decennium in der erfreulichften Weife gehoben und ift es befonders feit der Trennung von der Kirche( 1867) im rafchen Auffchwung begriffen. Dem Zeichnen wurde, feit zur Hebung der HandwerksInduftrie eine befondere Behörde ,,, die Manufactur- Direction", eingefetzt ist, eine gröfsere Beachtung zu Theil, und wurden in allen bedeutenderen Orten Sonntagsund Abendfchulen hiefür errichtet. Aufserdem forgt für eine höhere künftlerifche Ausbildung der Handwerker eine Gewerbefchule zu Helfingfors. Auch an den meiften Volksfchulen wird der Zeichenunterricht gepflegt, und waren Proben hievon aus der Normalfchule und dem Volksfchul- Lehrer- und Lehrerinenfeminar zu Jyväskylä ausgeftellt. Die Erfolge waren befcheiden, aber zeigten ein gutes Streben. Die Vorlagen für den erften Unterricht von G. A. Hippinfen haben nur den Mangel, dafs fie viel zu kleinlich gehalten find, was auch an den Schülerzeichnungen auszuftellen war. Aus dem Ganzen wurde aber erfichtlich, dafs das Volk Talent für Formen befitzt und es nur auf tüchtige Lehrer ankommen wird ,. das künftlerifche Empfinden pädagogifch zu erziehen. Schweiz. Die Unterrichtsausftellung der Schweiz befand fich im oberen Stockwerke des eleganten„ Chalet fuiffe", welches im Hofraume zwifchen der vierten und fünften füdlichen Quergallerie des Induftriepalaftes als felbftſtändiges Ausftellungsobject errichtet war. Diefelbe beftand jedoch vorzugsweife nur aus den angewandten Lehrmitteln, der Darftellung der Lehrmethoden, ftatiftifchen Berichten etc. Schülerarbeiten waren nur von der ftädtiſchen Specialfchule für Kunstgewerbe in Genf ausgeftellt. Nichts defto weniger aber konnte aus dem aufgelegten Materiale für den Unterricht und aus den Erzeugniffen der Induſtrie des Landes ein Bild der Beftrebungen in Hinficht des Zeichen- und Kunftunterrichtes gewonnen werden. Schwierigkeiten zur Ueberficht bot nur die Zerfplitterung in die verfchiedenen Cantone, von welchen eben jeder wegen der örtlichen und der Bevölkerungsverhältniffe feine eigene Verfaffung und in Bezug auf den Unterricht feine ſpeciellen Einrichtungen befitzt. In Betreff des Zeichenunterrichtes herrfcht aber dennoch eine gewiffe Einheit und wird allenthalben fogar fchon in den Kleinkinder- Schulen damit begon. nen. In den meift dreiclaffigen Elementarfchulen ift neben dem, Zeichnen auch Geometrie eingeführt, welcher Gegenftand dann in den Secundärfchulen weiter fortgeführt wird. An den Induftriefchulen, welche fo ziemlich mit den( früheren) öfterreichifchen Unterrealfchulen übereinftimmen und fich in kaufmännifche und techniſche Abtheilungen fpalten, geniefst der Zeichenunterricht befonders in letzteren forgfame Pflege; defsgleichen wird ihm an den Lehrerbildungs- Anstalten ein aufmerkfames Auge zugewendet und haben die Candidaten überall Prüfung darüber abzulegen. Die Schweiz ift durch ihre Bodenverhältniffe mehr als ein anderes Land gezwungen, zur Induftrie Zuflucht zu nehmen. Der Mangel an Rohftoffen verwies aber die Bewohner frühzeitig der Kunftinduftrie naheliegende Gewerbe zu pflegen, und haben fich gewiffe Zweige zur hohen Vollkommenheit entwickelt, fo dafs damit reichlichft Export getrieben wird. Die Schweizer Holzfchnitzereien, Uhren, Gewebe, Flechtereien etc. geniefsen einen Weltruf und bringen jährlich Hunderte von Millionen ins Land. Aber trotz des fteten Verkehres mit dem Auslande, trotz der zahlreichen Zeichenfchulen zur Hebung des Künftlerifchen in den Gewerben 70 J. Langl. ift in den Productionen noch wenig Fortfchritt in Bezug auf Gefchmack wahrnehmbar. Es wird auf allen Gebieten an den älteren Traditionen feftgehalten und dienen die Schulen meift nur zur Weiterverbreitung des ererbten, techniſchen Gefchicks. Die Schweizer Holzfchnitzereien hängen noch an dem blanken Naturalismus, welcher auch dort in der ungezwungenften Weife angewendet wird, wo der Gegenftand feftere, ftilifirtere Formen verlangte. Selbft in den bedeutenderen Schulen und Ateliers diefes Induftriezweiges findet keine tiefere, künftlerifche Auffaffung Eingang. So wird in Meyringen, Interlaken, Brienz etc. nur nach Natur- Gypsabgüffen ftudirt und fpielt die Pflanze überall die Hauptrolle. Bo finger in Interlaken hatte eine Serie folcher Modelle ausgeftellt, die in Anordnung und technifcher Ausführung das Befte waren, was auf der Ausftellung überhaupt in diefem Genre zu fehen war. Blumen mit durchbrochenen Stengeln und ganz hohlaufliegendem Blätterwerk, oft wie abfichtlich recht complicirt arrangirt, waren mit der gröfsten Treue in das fefte Material übertragen. Diefe Modelle wären befonders den deutfchen Schulen zu empfehlen, in welchen die Stilifirung wieder in zu tiefen Wurzeln fteckt und den Formen oft die gefunde Freiheit mangelt. Wer die Arbeiten eines Althans, Moor( Meyringen), J. Grofsmann( Ringgenberg), Flück, Stähli, Roetter( Brienz) etc. im Parterre des genannten Schweizerhaufes betrachtete, fand überall neben den zierlichen, manierirten Thiergeftalten die Pflanze, Laub, Aftwerk und dergl. in der vollendetften technifchen Ausführung, aber ohne feften Kern. Die Schweizer brauchten einen Früllini", damit ihr Gefchick zu Edlerem, Künftlerifchem verwerthet würde. " Die Uhreninduftrie, welche im Südweften, im Neuenburg'fchen Jura und vorzugsweife in Genf ihren Sitz hat, zeigt in Bezug auf künftlerifche Ausstattung ebenfalls wenig Veränderungen. Der franzöfifche Gefchmack ift noch der vorherrfchende nur hie und da, wie bei Bonnet, Delesnaux und Chautre zeigen fich ftilvollere Formen, welche fich aber mehr den glatten, nüchternen, englifchen, als den deutfchen oder italienifchen nähern. Dasfelbe gilt für die Schmuckgegenftände; hierin dürfte fich übrigens zuerft eine Wandlung im Gefchmack vollziehen und vielleicht gerade durch den Einflufs Englands, welches in diefem Induftriezweige am weiteften in der Reform der Formen vorgefchritten ift. Auch arbeitet die oben erwähnte Specialfchule der Kunftgewerke in Genf mit auf die Veredlung der Formen hin. Die ausgeftellten Zeichnungen, meift Bijouteriegegenftände, waren von brillanter Ausführung und zeigten in der Wahl der Motive das befte Streben. Es fanden fich neben Copien nach den neueren franzöfifchen Werken ( ,, l'art pour tous" etc.) Studien in allen Stilen, dann Pflanzen in das Ornament umgefetzt, kurz Methoden, welche einen Fortfchritt bedingen. Auf den Seiden ftoffen fanden fich faft durchwegs franzöfifche Formen dagegen in den Baumwoll- und Leinen- Textilwaaren noch die eigenthümlichen, an den Orient erinnernden Mufter, die fich noch aus den älteften Zeiten erhalten. haben. So lange die eigentliche Kunft in der Schweiz keine beffere Pflege findet, ift es nicht zu erwarten, dafs das Formenwefen in der Induftrie irgend welchen bedeutfamen Auffchwung nehmen wird. Es fehlt vor Allem noch dafür eine Centralftelle, eine Akademie im Lande, um der nationalen Kunft einen ftabilen Boden zu verfchaffen. Von der gemeinfchaftlichen Regierung werden jährlich blofs 2000 Francs für die hiftorifche Kunft verwendet; von den Cantonregierungen und den einzelnen Gemeinden gefchieht ebenfalls wenig; es ift demnach nicht Wunder zu nehmen, wenn die meiſten Schweizer Künftler nach Deutfchland, Frankreich und Italien auswandern. Die Schweiz befitzt faft in allen hervorragenden Städten Muſeen, mitunter wie zu Bafel, Winterthur und St. Gallen mit ganz Bedeutendem; diefelben find jedoch( mit Ausnahme der archäologifchen Sammlung in Zürich) in ihrer Einrichtung noch wenig geeignet, den Kunftunterricht im Lande zu fördern. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 71 Eine rege Thätigkeit entwickeln aber die verfchiedenen Kunftvereine und Künftlergefellfchaften, deren in Argau, Bern, Bafel, Freiburg, Genf, St. Gallen, Luzern, Schaffhaufen, Solothurn, Winterthur und Zürich exiftiren. Es werden vielfach Ausftellungen veranstaltet, Gemäldefammlungen angelegt, gröfsere Kunftwerke beftellt etc., um in der Bevölkerung den Kunftfinn zu wecken. Von den Lehrmitteln in Bezug auf den Zeichenunterricht war unter dem Ausgeftellten Nachftehendes aus den verfchiedenen Cantonen bemerkenswerth: Canton Argau.„ Mufterhefte für das ftigmographifche Zeichnen" von A. Burri; auch ,, Hefte für das geometrifche Körperzeichnen;" letztere autogra phirt und mit Erklärungen verfehen als Skizzenhefte für die Schüler. Canton Bafel Land. ,, Vorlagen für das Freihand- Zeichnen" für Primärund Secundärfchulen von C. V ollmy; einfache, zweckmäfsige Formen. Canton Bern. ,, Der Zeichenunterricht für Volksfchulen" von A. Hutter, ( Lehrer des technifchen Zeichnens an der Cantonfchule in Bern und am Seminar zu Münchenbuchfee). Beginnt mit geometrifchen Figuren und geht auf freie Pflanzenformen über; im Linearzeichnen: Geometrifche Conftruction, Projectionslehre und Perfpective. Canton St. Gallen. ,, Modelle für den elementaren Claffenunterricht im Freihand- Zeichnen" von G. Bion; verfchiedene geometrifche Formen aus färbigem Carton ausgefchnitten, um diefelben in Zufammenftellungen an der Tafel als Mufter anzuheften. 13 Canton Turgau. Vorlagen für das technifche Zeichnen" für induftrielle Fortbildungsanftalten von J. H. Kronauer( Profeffor in Zürich); die geometrifchen Grundfätze, dann mechanifche und baugewerkliche Beiſpiele; dreifsig Tafeln von fehr fchöner Ausführung. Von demfelben Verfaffer ,, Anfangsgründe des geometrifchen Zeichnens" für Volks- und Gewerbefchulen.- ,, Schoop's Zeichenfchule für Volksfchulen"; in fehr hübfchem Stufengang von den ftigmographifchen Heften zum freien krummlinigen Ornamente. Canton Teffin. ,, Corfo parietale d'ornamenti" von A. Roffi; grofse Wandtafeln mit derben, fchwarzen Contouren von einfachften Blattformen fortfchreitend zu gröfseren Blumen und Ornamenten, auch Thierformen etc.; Lehrgang etwas verwirrend. Von demfelben Verfaffer ,, Corfo progreffivo d' ornamenti"; Contourornamente und fchattirt in zwei Kreiden; hart im Vortrag. Es waren ferner von dem Autor ältere ornamentale Werke in Kupferftich ausgeftellt, die jedoch, wie die Arbeiten des Luganer Profeffors Ferri in Bezug auf Gefchmack Vieles zu wünſchen übrig laffen. Ferri hatte auch feine Stiche nach den reizvollen Marmorreliefs der Kirche St. Lorenzo in Lugano ausgeftellt; fetzte jedoch durch feinen Vortrag die Formen um ein Jahrhundert fpäter. Canton Waadt. ,, Recueil de deffin linéaire" von Th. Stenilen; noch. nach älteren Principien zufammengeftellt. 11 Canton Zürich. ,, Vorlagen zum geometrifchen Zeichnen" von Ferdinand Graberg; meift Motive für das Baufach.- Von demfelben Verfaffer: Wandtafeln für den erften Unterricht im Freihand- Zeichnen"; Blätterformen, wobei jedoch eigenthümliche Randfchattirungen die Form eher ftören als ergänzen. An Handzeichnungen lagen noch vom A. Corrodi aus Winterthur ,, Landchaftsvorlagen" vor, die fich in hübfchen Motiven und netter Ausführung empfahVon demfelben Verfaffer verdienen auch hübfche Studien zur Pflanzenornamentik" Erwähnung. len. - Die Niederlande und Belgien. Wie bei früheren Weltausftellungen war auch diefsmal die Betheiligung der Niederlande in der Unterrichtsgruppe keine fehr rege. Aufser verfchiedenen auf die Schulen Bezug habenden Werken waren Schülerleiftungen nur von der ,, Gefellſchaft der Arbeiterclaffe in Amfterdam" ausgeftellt. Eine Ueberficht über 72 J. Langl. das Gebiet der Volks- und Mittelfchulen des Landes wurde indefs in einem fpeciell für die Weltausftellung von der Regierung veranlafsten Berichte dargelegt, welchem bezüglich des Zeichenunterrichtes die nachftehenden Daten im Auszuge entnommen find. Nach dem Gefetze vom Jahre 1857 wurden in den Elementarunterricht neben anderen Fächern auch die Anfangsgründe der Formenlehre und das Zeichnen aufgenommen. Der erftere Gegenftand wird aber noch nicht überall und zumal nicht da, wo ältere Lehrer den Schulen vorftehen, in der richtigen Weife aufgefafst. Wo er als eine Art Geometrie behandelt wurde, aber ohne die fcharf logifche Beweisführung, welche dabei erforderlich ift, hat er wenig Nutzen geftiftet. Nur wo er gebraucht wird als Mittel, um dem Vorftellungsvermögen der Schüler zu Hilfe zu kommen, oder als eine Vorbereitung zum Zeichenunterrichte hat er zur Ausbildung beigetragen. Auch das Zeichnen ift feither erft an einigen öffentlichen und Privatfchulen zu feinem Rechte gelangt; es befchränkt fich aber gröfstentheils nur auf das Nachzeichnen der an der Wandtafel vorgezeichneten Figuren auf Schiefertafeln. Erft in letzterer Zeit haben einige Hilfslehrer Fähigkeitsacte für diefes Fach erlangt, was hoffentlich zur Hebung des Gegenftandes beitragen wird. In den feit 1863 geregelten Mittelfchulen fpielt das Zeichnen befonders an jenen eine bedeutfamere Rolle, welche zur Ausbildung des Handwerker- Standes eingerichtet find. Früher gab es nur eigentliche Zeichenfchulen, in denen der Unterricht fich blofs auf Freihand- und Linearzeichnen erftreckte und fogenannte Induftriefchulen, wo auch Mathematik und Naturwiffenfchaften gelehrt wurden. Der neuen Beftimmung zu Folge follte diefe Art mittlerer Schulen im weiteren Sinne allgemeine Bildung verfchaffen und wurde als eigentliche Bürgerfchule( mit Abend- und Tagescurfen) eingerichtet. In allen Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern follten derartige Anftalten errichtet werden, was jedoch bis jetzt nicht allgemein durchführbar war. An vielen Orten blieben auch die älteren Zeichenfchulen neben den neuerrichteten Anftalten. Die Frequenz ift befonders in den Abendfchulen in ftetem Wachfen begriffen; weniger befucht find die Tagesfchulen. Die Schüler find zwar verpflichtet, an allen Unterrichtsfächern Theil zu nehmen, doch ift es auch an einigen Schulen geftattet, dafs fie blofs einzelnen Gegenftänden beiwohnen können; was befonders in den höheren Claffen im Zeichenfache der Fall ift. Die Zahl der noch beftehenden Zeichenfchulen betrug im Jahre 1871 dreifsig, an welchen 108 Lehrer über 2500 Schülern Unterricht ertheilten. An 22 diefer Schulen umfafste der Unterricht blofs das Freihand- und Bauzeichnen, an den übrigen wurde auch Mathematik, Phyfik und Mechanik gelehrt; an drei derfelben auch Modelliren. Zu den vorzüglichften diefer Anftalten gehören die königliche Schule für bildende Künfte in Herzogenbufch, die Akademie der bildenden Künfte in Haag und die von der Gefellfchaft des Handwerker- Standes zu Amfterdam errichtete Gewerbefchule. An den höheren Bürgerfchulen fallen dem Zeichnen in den zwei unteren Claffen je 4, in den drei oberen je 2 Stunden zu. Bei der Abiturienten- Prüfung wird vom Candidaten gefordert, dafs er die Fertigkeit befitze, ein Ornament mit Schatten nach Gyps zu zeichnen und einen Kopf nach einer Vorlage zu fkizziren. Soviel in allgemeinften Umriffen über die Einrichtungen und gefetzlichen Beftimmungen. Welchen Einfluss der Zeichenunterricht in den Niederlanden auf die Induftrie übt, konnte felbftverſtändlich aus dem vorliegenden Materiale nicht gewonnen werden. Es zeigte nur die Ausftellung, dafs von ihrer Glanzzeit, im XVI. und XVII. Jahrhundert auch jede Spur verwiſcht ift. Aus den Zeichnungen der oben erwähnten Schule der Arbeiterclaffe in Amfterdam war nicht viel von der neueren Strömung auf diefem Gebiete wahr* Verfafst vom Infpector der Primärfchulen St. Pravé. Der Zeichen- und Kunftunterricht. 73 zunehmen. Die ornamentalen Objecte waren im Grofsen und Ganzen mit Verftändnifs gezeichnet und hiezu franzöfifche und deutfche Modelle verwendet. Befondere Erwähnung verdienen Federzeichnungen nach Gefäfsen und decorativen Motiven; fchwächer waren die figuralen Studien( nach Julien). Dagegen lagen nach allen Richtungen des Linearzeichnens recht lobenswerthe Arbeiten vor und zeigten durchgehends vom praktiſchen Verſtändnifs des Gegenftandes. Die ausgeftellten Holz- und Gypsmodelle erhoben fich nicht viel zu complicirteren Formen, offenbarten jedoch das befte Streben. Von den auf den Zeichen- und Kunftunterricht Bezug habenden Werken find zu nennen:" De kleine Teekenaar" von J. Groeneveld( für Schiefertafel), eine fyftematiſche Schule für die erfte Unterrichtsftufe von welcher der Anfang gut ift, die weiteren Blätter aber weit über das Darftellungsvermögen der Kinder hinausgehen; ferner ,, Sudien naar het levend model" von J. H. Egenberger, mit zwei Kreiden, wovon die Contouren den fchattirten Objecten vorzuziehen find: desfelben Verfaffers„ Minerva's Teekenles," Vorlagewerk für figurales Zeichnen, läfst im Vortrag Manches zu wünfchen übrig. Berghms ,, Teekenvoorbeelden voor School en Huis" find flott gemacht, nur gehörten Thierköpfe nicht in diefen Bereich. Für Architektur waren die trefflichen Werke der„ Société pour la propagation de l'architectur à Amfterdam" und vom Ingenieurfach die Verhandlungen des„ Köniklijk inftitunt van Ingenieurs" ausgeftellt. Als fehr fchön ausgeftattetes Werk ift noch Th. M. M. v. Prieken's„ Burgerlijke Bouwkunft" zu erwähnen. Unter der Ausftellung der afiatifchen Colonien der Niederlande verdient das grofsartige Denkmäler- Werk ,, Bôrô- Boudour dans l'Ile de Java", publicirt auf Anordnung des Minifters der Colonien, hervorgehoben zu werden. Belgien. Faft eben fo fpärlich wie die Niederlande hatte Belgien die XXVI. Gruppe der Ausftellung befchickt. Von der Regierung waren nur Pläne und Anfichten der vorzüglicheren Schulgebäude, Ueberfichtskarten in Bezug auf das Unterrichtswefen, einige Lehrwerke und in verfchloffenen Käften* officielle Rapporte, Gefetze etc. vorgelegt. Umfaffender hatte nur das von den„ Frères chrétiens" beftellte Penfionat von Carlsburg ausgeftellt. Es waren diverfe Lehrmittel und Schülerleiftungen in recht überfichtlicher Weife zufammengeftellt. Das Hervorragendfte darunter bildeten die von dem Director der Anftalt J. J. Piron gefertigten Lehrmittel für darftellende Geometrie. Auf grofsen Wandblättern wurde in fyftematiſcher Weife der Lehrgang in vielfachen Beiſpielen entwickelt, welcher an trefflich gearbeiteten Modellen aus Carton mit den angezeichneten Hilfslinien und den Riffen der Projectionen näher zur Anfchauung gebracht wurde. Die Modelle gehörten zu den einfachften und zugleich zweckmäfsigften, welche überhaupt auf der Ausftellung für darftellende Geometrie vorhanden waren; fie hatten neben der Bequemlichkeit und billigen Herftellungsweife gegen andere noch das voraus, dafs die drei Ebenen beweglich waren und durch das Auflegen derfelben ein deutlicherer Einblick in die Darftellung der Projection gegeben werden konnte. Das Werk foll dem Vernehmen nach von der Regierung aus publicirt werden, was im Intereffe des Unterrichtes nur zu wünſchen ift. Die Schülerzeichnungen des Penfionates waren vorzugsweife im linearen Zeichnen zu loben, und fcheint die darftellende Geometrie an dem Inftitute befonders gepflegt zu werden. Von anderen Lehrmitteln, die fich noch vorfanden, find Stroeffers ( Draht) Modelle für den Unterricht in der Stereometrie, Trigonometrie und Kryftallographie zu erwähnen. Die Zweckmäfsigkeit derfelben ift allenthalben bekannt, und haben diefe Arbeiten von Fachmännern vielfach die günftigften * Dem Berichterstatter war es unmöglich, zur Einficht derfelben zu gelangen. 74 J. Langl. Urtheile auch in der Preffe erhalten. Sehr inftructiv ift bei den mathematifchen Körpern die Unterfcheidung der Grundform von der verwandelten Figur durch die Farbe, was die Anfchauung wefentlich erleichtert. Nur dürfte für den Claffenunterricht der Mafsftab, in welchem die Modelle gehalten find, etwas zu klein fein. Von dem Verfertiger waren auch Holzmodelle und Perfpectivapparate ausgeftellt. Von F. Licot, dem Director der Zeichen- und Modellirfchule zu Nivelles, lag( in Wandtafeln) ein„ Cours de deffin linéaire à vue, bafé fur la géometrie vor, in welchem die Elemente der Formenlehre erft mit dem Freihand- Zeichnen zufammen genommen werden, an welches fich dann Projectionszeichnen und Ornamentenzeichnen anfchliefst. Der Verfaffer hält die Elemente des freien Zeichnens mit denen des linearen noch vereinigt, wo eigentlich die Trennung von felbft fchon vor fich geht und läfst in feinem Werke in bunter Reihenfolge Blätter nach der einen und der anderen Richtung folgen, was unferem Erachten nach für beide Disciplinen nicht von Vortheil fein kann. Für das Studium der Perfpective ift F. Boffuet's" Refumé du traité de perfpective linéaire", was fyftematifche Anordnung und Klarheit der Zeichnungen betrifft, als ein ganz gediegenes Werkchen zu verzeichnen. Wenn wir noch einen Blick nach der anftofsenden Ausftellung der belgifchen Buchhändler werfen, fo haben wir für unferen Zweck Ch. Claefeus ( Lüttich) Verlag von Prachtwerken für Kunft, Archäologie und Kunftinduftrie zu notiren und das in Brüffel( heftweife) erfcheinende Werk von C. Colinet und Soran Requeil des reftes de notre art national du XI à XVI siècle" feines intereffanten Inhaltes wegen zu erwähnen. Schweden und Norwegen. Wer die freundlichen Räume des fchwedifchen Schulhaufes auf der Welt ausftellung befuchte, konnte wahrnehmen, dafs dem Anfchauungsunterrichte in diefem Lande im reichften Mafse Rechnung getragen wird. Es fanden fich bildliche Darftellungen für die Naturgefchichte, Charakter- und Zonenlandfchaften für die Geographie, Modelle für die Geometrie etc., kurz jeder Gegenftand hatte, fo weit es die Möglichkeit erlaubte, feine Objecte zur Illuftration. In dem richtigen Werthfchätzen diefer Mittel wird dann auch für das Zeichnen, durch welches ja das Auge ,, Sehen lernen" mufs, Sorge getragen und war das Beftreben, einen zweckmässigen Zeichenunterricht durchzuführen, fchon aus den Wandtafeln, welche ebenfalls im genannten Schulzimmer aufgehängt waren, wahrnehmbar. Das verhältnifsmäfsig arme und wenig bevölkerte Land befitzt keinen befonderen Induftriezweig, in welchem die Form eine bedeutende Rolle spielen könnte; mit Ausnahme der alten Fayence- und Porzellanfabriken( auf der Ausftellung durch ,, Guftavsberg" und Börftrand" repräfentirt) forgt die übrige Induſtrie nur für die Bedürfniffe des Landes, welches jedoch in Bezug auf Luxusartikel und dergl. fich in zu befcheidenen Grenzen hielt, als dafs bis zur Gegenwart fich in den Formen ein nationaler Charakter gebildet hätte. Rühmenswerth find aber die Beftrebungen der Regierung, die Volksbildung felbft in den entlegenften Bezirken durch Schulen zu heben, und wurde ein deutliches Bild von dem gegenwärtigen Stande des Volks- und Mittelfchulwefens in zwei eigens für die Weltausftellung verfafsten Berichten vorgelegt. Lobend mufs ferner anerkannt werden, dafs von der Regierung Sorge getragen war, auf dem Platze auch mündlich nach jeder Richtung Auskunft zu ertheilen, die leider bei den Unterrichtsausftellungen anderer, felbft hervorragender Staaten oft trotz aller Bemühungen für den Berichterstatter nicht zu erreichen waren. Mit der Geometrie und dem Linearzeichnen wird fchon in der Volksfchule begonnen; felbftverſtändlich ift aber der Gegenftand nicht allgemein einführbar. da es unter den 7528 Unterrichtsanftalten 1145 ambulante gibt, die im Jahre zwei bis vier Mal den Ort wechfeln, um in den ärmeren Gegenden des Nordens die Kinder # Der Zeichen- und Kunftunterricht. 75 doch mit dem Wichtigften des elementaren Unterrichtes bekannt zu machen; in den feften Schulen findet der Gegenftand fchon vielfach feine gute Pflege. Die Geometrie befchränkt fich, dem Alter der Schüler angemeffen, auf die Eigenfchaften der geometrifchen Figuren, das Ausmeffen und Berechnen derfelben. Im Freihand Zeichnen, welches erft in jüngster Zeit in den hervorragenderen Anftalten eingeführt wurde, wird meift nach G. Salomann's oder Sandberg's Wandtafeln gezeichnet. Es find einfache geometrifche Formen, die als zweckmäfsig zu bezeichnen find. Leider hat an manchen Schulen( und diefs gilt befonders von Stockholm), wo wahrfcheinlich fchon früher gezeichnet wurde, diefe gute Methode noch nicht Eingang gefunden und trafen fich auch hier wieder nach Berliner und schlechten Parifer Vorlagen„ Bildchen", die nur den Dilettanten unterhalten können, für einen Recht gute rationellen Zeichnenunterricht aber vollends verwerflich find. Arbeiten waren von der Schule St. Claras( Stockholm) vorgelegt; auch die Schule St. Nicolai hatte auf grofsen Blättern, mit dem Pinfel ausgezogen, gute Contourornamente ausgeftellt,- verderblich zeigte fich nur wieder das figurale Zeichnen nach Wandtafeln. Auch mit dem Linearzeichnen an diefer Anftalt können wir uns nicht einverftanden erklären. Die Schulen St. Maria, St. Nicolai und St. Katharina hatten ferner von ihren Schülern angefertigte Wandbilder für den phyfikalifchen und naturgefchichtlichen Unterricht vorgelegt, die wohl für diefe Gegenftände recht zweckdienlich fein mögen, aber dem Zeichnen nichts weniger als förderlich find. Recht befriedigende Arbeiten im Ornamente und der Geometrie hatte die Taubftummen- Anftalt( Manilla- Inftitut) zu Stockholm ausgeftellt. - In den fchwedifchen Mittelfchulen, welche die, reale und humaniftifche Richtung getrennt verfolgen, ift das Zeichnen obligatorifch für die reale und die vier unteren Claffen der humaniftifchen Linie; für die oberen Claffen ift die Theilnahme an demfelben freiwillig. Es find in dem Lehrplane bis jetzt nur zwei Stunden wöchentlich für den Gegenftand angefetzt, was uns zum mindeften für die reale Richtung unzureichend erfcheint. Das Zeichnen wird von felbftftändigen Lehrern unterrichtet, doch gehören diefe noch in die Kategorie der fogenannten Uebungslehrer und find in ihrer Stellung den Lectoren, Adjuncten und Collegen untergeordnet. Treffliche Schülerarbeiten diefer Art von Unterrichtsanftalten waren von Gothenburg ausgeftellt*. Es wird an der dortigen höheren Mittelfchule das Freihand- Zeichnen nach den Salomann'fchen Wandtafeln begonnen und dann geometrifche Körper nach der Natur gezeichnet, mit recht guten Erfolgen; daran fchliefst fich das figurale und ornamentale Zeichnen, meift nach franzöfifchen Vorlagen. Trotz der vielen Mängel, welche diefe Originale für Zeichenunterricht befitzen, waren doch Blätter darunter von der ausgezeichnetften Durchführung. Julien's Köpfe mit zwei Kreiden fanden fich vielleicht in der ganzen Ausftellung nicht fo nett copirt, wie hier; die Zeichnungen nach Gypsmodellen( der Stuttgarter Sammlung) und anderen Studien nach plaftifchen Gegenftänden zeugten von tüchtigem Verftändnifs der Formen; neben diefen fanden fich auch Landfchaften nach Calame und anderen guten Meiftern. Das Linearzeichnen befchränkt fich auf das Nothwendigfte der Planimetrie und Stereometrie. Mit ähnlich guten Refultaten im Freihand- Zeichnen war auch die Mittelfchule von Oerebro vertreten. Das Befte, was jedoch im Zeichenfache von Schweden vorlag, kam aus der Schule des Gewerbevereines in Gothenburg. Diefe Anftalt wurde im Jahre 1848 von einer Gefellfchaft Induftrieller( Gewerbevereine) gegründet, um den Arbeitern verfchiedener Gewerke Gelegenheit zu verfchaffen, fich in den nothwendigften technifchen und künftlerifchen Fächern weiter auszubilden. Da die Mittel zu einer bedeutfameren Entwicklung den Anforderungen der Zeit zu entsprechen - - nicht mehr ausreichten und das Bedürfnifs diefer Schule aller* Auf dem Bodenraume des Schulhaufes. 76 J. Langl. feits anerkannt wurde, fo nahm fich im Jahre 1865 die Commune ihrer an und erweiterte die Thätigkeit derfelben nach den verfchiedenften Richtungen. Die Schule fteht noch unmittelbar unter der Direction des Gewerbevereines und wird von diefer ftets ihr Vorfteher gewählt. Der Unterricht ift allgemein und dauert vom 15. September bis zu dem darauffolgenden Mai. Im Zeichenfache wird gelehrt: Freihand- Zeichnen, decorative Malerei, Perſpective, Linearzeichnen ( Geometrie etc.), Mafchinen- und Hochbau und Modelliren. Der Unterricht im Freihand- Zeichnen wird in vier, den verfchiedenen Standpunkten der Schüler entſprechenden Claffen von für jede Claffe befonderen Lehrern ertheilt und finden in jenen bei Ueberfüllung der Claffen wieder Parallelabtheilungen ftatt. Zeichenmaterialien erhalten die Schüler unentgeltlich. Die Frequenz hob fich von 20 des Jahres 1850 bis heute auf 508 Schüler, was wohl genug für das Aufblühen der Anftalt fpricht. Alljährlich werden bei Ausftellungen die hervorragenden Leiftungen prämiirt. Die hier vorgelegten Arbeiten waren fieben Claffen der Schule entnommen, und zwar von Claffe I die Anfangsgründe des freien Zeichnens nach Salomann's Wandtafeln, in fehr netten Leiftungen; in Claffe II werden Contourornamente fortgefetzt und mufterhaft das Naturzeichnen nach Modellen geübt; in Claffe III und IV wird dann theils nach guten Vorlagen, theils nach complicirteren Modellen das Darftellen mit verfchiedenen Mitteln fortgefetzt. Es fanden fich darunter Gypsornamente( meift Renaiffance) in virtuofer Ausführung, auch tüchtig gezeichnete Köpfe und Figuren in Kreide( nebft der Antike). Aus der Abtheilung für Decorationsmalerei waren Proben( in Leimfarben) in vorwiegend franzöfifchem Gefchmack ausgeftellt. Das Linearzeichnen wird äufserft fyftematifch und gründlich betrieben. Nach den Elementen der Geometrie wird projicirt mit fofortiger Anwendung auf praktiſche Fälle; dann folgen Schatten- und Perfpectivconftructionen, in welch' letzteren auch auf die verfchiedenen Methoden Rückficht genommen wird. Das eigentliche Fachzeichnen bewegt fich dann, wie fchon erwähnt, vorzüglich in der Bau- und Mafchinenkunde, und lagen nach beiden Richtungen fehr achtenswerthe Arbeiten vor. Es war nur zu bedauern, dafs die Leiftungen der Anftalt in fo beengter Räumlichkeit untergebracht waren, und eine Ueberficht fchwer gewonnen werden konnte. So viel mufs aber conftatirt werden, dafs in allen Fächern auf richtigen Wegen gearbeitet wird und die Refultate des Unterrichtes, wie fie vorlagen, ungetheiltes Lob verdienten. Norwegen hatte die Unterrichtsgruppe nicht befchickt und war auch in der Induftrie nur mit feinen nationalen Arbeiten vertreten, aus welchen blofs der traditionelle heimifche Gefchmack kennen gelernt werden konnte. Die Schnitzereien zeigten keine befonderen Formeneigenthümlichkeiten und war von einer Ornamentik daran keine Rede; mehr Zeichnung zeigten die Spitzenarbeiten, Stickereien und Gewebe, wo bei letzteren beftimmte geometrifche Formen vorherrfchen und die Farben nicht ohne Gefchmack gewählt find. Derb und unkünftTerifch find ihre Schmuckfachen. Manches Gute fand fich übrigens in der Kunsthalle, was jedoch nicht dem Kunftunterrichte im Lande, fondern den Akademien der Deutfchen zu Gute zu rechnen ift; die meiften norwegifchen Künftler find in Düffeldorf, Carlsruhe, München etc. Dänemark. Auch diefes Land hatte die XXVI. Gruppe fpärlich befchickt. Es lagen vom Zeichenunterricht nur Leiftungen aus den Volksfchulen in Kopenhagen vor; diefelben beftanden in Projectionszeichnungen, angewandt auf gewerbliche Der Zeichen- und Kunftunterricht. 77 Gegenftände, und in Contourornamenten, theils nach Vorlagen und theils( nach Gypsmodellen, vorwiegend nach antiken Muftern. Es iſt, als ob der Geift Thorwald fon's fchon bis in die Schulzimmer eingedrungen wäre; in der Induſtrie begegnet er uns überall, und fanden fich feine Zeichnungen reizvoll in die griechifchen Formen der Gefäfse, Geräthe etc. componirt, die vielleicht nirgends fo getreu imitirt werden, wie in Kopenhagen. Der Grofsmeifter der Plaftik war übrigens in kleinen gelungenen Nachbildungen feiner Werke in Bisquit( von Jörgenfen in Kopenhagen) auf der Ausftellung felbft vertreten. Am meisten erinnerte aber an ihn Jerichau's" Hochzeit Alexanders mit Roxane" in der. Kunftausftellung. Das kleine Land hat feinen edleren Gefchmack in der Induſtrie nur dem Impulfe diefes grofsen vaterländifchen Künftlers zu danken, und iſt es erfreulich, dafs die Formen ftets mit gutem Verſtändnifs auch in das Materiale componirt werden. Brinkopf( Kopenhagen) hatte reizend ftilifirte Möbelzeichnungen ausgeftellt, und waren die Formen in edler einfacher Renaiffance nebendem auch äufserft zweckmäfsig. Vom feinften Gefühl in rhythmifchen Contouren zeugten Chriftefen's Gold- und Silberwaaren. Spanien und Portugal. Neben Italien bietet bei keinem Lande die Vergangenheit der Kunftinduftrie fo viel des Intereffanten als Spanien. Schon die arabifch- maurifche Kunft entfaltete fich auf diefem Boden in ihren fchönften Blüthen; eine Anzahl ganz neuer Induftriezweige entſtand dann, als nach der Vertreibung der Maurenfürften ein neuer Welttheil feine Gaben dem Lande zuführte, und Städte, wie: Cordova, Toledo, Madrid, genoffen in ihren fpeciellen Erzeugniffen zur Zeit einen Weltruf; aber nicht blofs die Induftrie auch die Kunft erhob fich in den Namen eines Murillo, Valesquez etc. zu einer Höhe, dafs aller Welt Augen auf fie gelenkt wurden. Und diefs Alles ift vorübergegangen und kaum mehr als die Erinnerung davon geblieben. - Wenn in Italien in gewiffen Zweigen des Kunftgewerbes fich noch das techniſche Gefchick ererbt hat, und noch heut zu Tage die alten Formen in den Zeichenfchulen und durch diefe in der Induftrie fortleben, fo wird man vergebens in Spanien darnach fuchen. Die politifchen Stürme, die faft unausgefetzt über das Land einherzogen und mit ihren culturhemmenden Feffeln noch gegenwärtig jede Entwickelung daniederhalten, haben die Fäden der ruhmvollen Vergangenheit längst zerriffen, und was die Induftrie gegenwärtig in Spanien an Formen bietet, beruht nur geringentheils mehr in Imitation des Alten( Fayencen- und Taufchirarbeiten); im Grofsen und Ganzen dominirt der franzöfifche Gefchmack. Wer die Stoffe Barcelonas und Valencias in der Ausftellung betrachtete, konnte höchftens bei den Erzeugniffen der letzteren Stadt hie und da die reformirenden Elemente wahrnehmen; fonft herrfcht fo ziemlich allgemein die planlofe Willkür in Farbe und Form. Die Ausftellung der Gruppe XXVI war im erften Stockwerke des fpanifchen Pavillons in der erften Zone untergebracht und umfafste dem Kataloge nach wohl viel Intereffantes und Wichtiges zur Charakteristik der gegenwärtigen Verhältniffe; allein es ward dem Berichterftatter unmöglich, irgend welche Auskunft über das vorhandene Material zu erhalten. Es waren nämlich weder Nummern an den Gegenftänden, um mit dem Kataloge diefelben aufzufinden, noch wufsten die anwefenden Vertreter Befcheid zu geben. An Freihand- Zeichnungen hingen ganz oben an den Wänden Rahmen mit ziemlich mangelhaft copirten Julien- Köpfen und franzöfifchen Kreideornamenten( darunter einiges Getufchtes) und lagen in einem verfchloffenen Glasfchrank einige gut gezeichnete Gypsköpfe in Kohle vor. Woher fie gekommen, war nicht eruirbar. Eingebunden fanden fich Linearzeichnungen von der 78 J. Langl. , Efcuela normal central" zu Madrid, in welchen die Formenlehre, geometrifche Ornamente, Bau- und Mafchinentheile behandelt waren. Es ift ganz begreiflich, dafs bei dem Mangel einer bedeutfamen Kunftinduftrie im Lande das künftlerifche Zeichnen eine geringe Pflege findet und mehr Gewicht auf das Technifche gelegt wird, welchem in den nothwendigen modernen Bauten von Eifenbahnen, Häfen, ftrategifchen Werken etc. ein reiches Feld geboten ift. Es zeigte fich auch in fämmtlichen Werken, die über den Zeichenunterricht vorlagen, dafs das Technifche überall vorwiegend betont ift. Wir heben befonders M. Borrell's Werk ,, Tratado teórico y pratico de dibujo" in Anwendung auf die Künfte und die Induftrie hervor, da dasfelbe fich durch die vorzügliche Ausführung der Tafeln( in Kupferftich) und eine treffliche Anordnung in Bezug auf den fortfchreitenden Stufengang auszeichnet. In den erften Theilen wird die Geometrie, Projectionslehre, das geometriſche Ornament, angewandt auf die Baukunft, Schattenlehre etc. behandelt, gleichzeitig aber im FreihandZeichnen aus den geometrifchen Grundformen das Ornament entwickelt, welchem das Acanthusblatt zu Grunde gelegt ift. Fortgefetzt wird dann das Linearzeichnen an architektonifchen Objecten, wobei vorzugsweife griechifche, römifche und gothifche Denkmäler zum Mufter genommen find. Der Text mit fehr fchön ausgeführten Holzfchnitten erklärt die hiftorifche Entwickelung der Stile, und ift, mit befonderer Berücksichtigung des Erwähnten, als Gefchichte der Baukunft zu betrachten. Borrell ift Profeffor des Zeichnens am Inftituto de san Ifidoro in Madrid und arbeitet gegenwärtig noch an der Vollendung feines Werkes, von welchem bis jetzt fechs Theile erfchienen find. Für conftructives Zeichnen, befonders im Mafchinenfach, find noch N. Valde's, Manual del Ingeniero y Arquitecto" und Artemis Perez's ,, Academia de Artileria"( Madrid 1868) als bedeutendere Leiftungen unter dem Ausgeftellten zu erwähnen. Für Situations- und Kartenzeichnungen gibt das fehr fchön ausgeftattete Werk Dubujo topográfico" von M. Rindava ets eine treffliche Anleitung. Von den höheren technifchen Schulen fanden fich nur Schülerarbeiten aus der Efcuela de Ingenieros industriales de Barcelona" vor. Es waren faft ausfchliefslich Mafchinenzeichnungen, die in jeder Beziehung als vorzüglich zu bezeichnen " waren. Von einem Lehrer des genannten Inftitutes D. Joaquin Mata war auch ein Werk unter dem Titel„, Curso de dibujo induftrial" ausgeftellt, in welchem die Geometrie und ihre Anwendung auf Bau- und Maſchinenkunde fehr fchön durchgeführt war; weniger empfehlenswerth könnte der Theil des Freihand Zeichnens genannt werden wo einfach ältere franzöfifche Originale copirt erfchienen. Was noch weiter für das Linearzeichnen vorlag, war älteren Datums und von geringer Bedeutung, fo dafs es füglich hier übergegangen werden kann. Portugal. Weit mehr als Spanien hatte fich das kleine Land Portugal darum angenommen, fein Unterrichtswefen auf der Weltausftellung zu repräfentiren; wenn auch hier wieder der Vorwurf gemacht werden mufs, dafs für die Auskünfte über das Vorhandene äufserft mangelhaft geforgt war und Berichterftatter manchen vergeblichen Gang zu machen hatten. Portugal hatte fein Schulhaus auf der Ausftellung und darin neben den gebräuchlichften Unterrichtsmitteln auch diverfe Schülerleiftungen ausgeftellt. Der Eindruck des Ganzen war ein befriedigender; nur mangelten zu näherer Orientirung die ftatiftifchen und fonftigen gefetzlichen Anhaltspunkte, welche anderwärts entweder in Brochuren aufgelegt oder in Tafeln erfichtlich gemacht wurden. Der Berichterftatter konnte nur aus der in Liffabon erfcheinenden Der Zeichen- und Kunftunterricht. 79 ,, Gazeta pedagogiga", die unter Anderem fich vorfand, das Wichtigfte über die allgemeinen Einrichtungen des Unterrichtswefens erfahren, welches, fo weit es für den Zeichenunterricht eben wichtig ift, hier berührt werden foll. Portugal kennt feine ifolirte Lage und weifs, dafs es in Bezug auf die Cultur keine felbftftändige Rolle spielen kann, fchon defshalb, da die Sprache des Landes keine Weltfprache ift, und fomit die bedeutendften Erzeugniffe der Literatur dem Volke mehr oder weniger fremd bleiben; aber es fchliefst fich nach Kräften dem Fortfchritte an und fucht gerade durch die Schule einen Contact mit den Culturvölkern Mitteleuropas herbeizuführen. Dafs hierin zunächft auf Frankreich reflectirt wird, mufs begreiflich erfcheinen. So ift die franzöfifche Sprache in allen Schulen obligater Lehrgegenstand, und find auch die übrigen Einrichtungen gröfstentheils nach franzöfifchen Muftern durchgeführt. Die Induftrie ift ganz von franzöfifchem Gefchmack beherrfcht; das fchlichte Nationale ift fo unbedeutend, dafs es kaum wahrnehmbar ift. Das Imitiren alter franzöfifcher Kunftzweige, wie Paliffy- Fayencen, ift wohl als Specialität hervorzuheben, gibt aber nur wieder ein Zeugnifs, wie die Formenfchule in Portugal von Frankreich abhängt. Manier hatte in feiner im Jahre 1867 in Paris publicirten„ Carte de l'inftruction primaire en Europe" Portugal in die letzte Kategorie gefetzt und behauptet:„ La population eft ignorante, les écoles font peu nombreuſes et mal frequentées. On ne compte qu'un écolier pour 81 habitants", was fchon zur Zeit entfchieden ein Irrthum war, da fchon im Jahre 1864 laut des ftatiftifchen Ausweifes 2774 Schulen( mit 99.256 Schülern) exiftirten, und fomit auf je 42 Bewohner ein Schüler kam. Seither wurde aber trotz der ungünftigen politifchen Verhältniffe nichts verfäumt, den Volksunterricht zu heben und befonders durch die Gründung von Lyceen auf die Verbreitung der allgemeinen Bildung hingewirkt. Portugal befitzt gegenwärtig in jedem feiner Bezirke ein Lyceum( mit den Infeln 21), deren Vorfteher zugleich Infpectoren der Volksfchulen find, und die alle wieder dem Directeur de l'inftruction publique unterftehen, in welcher Organiſation der Unterricht nach ganz einheitlichen Principien gepflogen wird. Einen namhaften Auffchwung haben in jüngfter Zeit auch die Lehrer- Bildungsanftalten im Lande genommen. Gezeichnet wird an allen Schulen, und lagen als Vertretung der verfchiedenen Anftalten Leiftungen aus der„ Real Cafa Pia", dem„ Lycée national" und der ,, Efcola Normal" vor, fämmtliche in Liffabon. Leider mufste aus den Arbeiten des freien Zeichnens erkannt werden, dafs, obfchon das befte Streben vorhanden ift, nicht die beften Wege zur Erreichung des Zieles eingefchlagen werden; vor Allem machte fich der Mangel an guten Vorlagen geltend. In dem Inftitute ,, Real Cafa Pia" wird auf der elementaren Stufe nach dem von Profeffor A. J. Picard fpeciell für den Unterricht an der Anftalt beftellten quadrirten Heften nach feinem " Corfo Elementa de defenho" vorgegangen; der Stufengang wäre darin wohl zu billigen, nur fand er fich in den vorgelegten Heften der Schüler felten durchgeführt, und war meiftens zu rafch alles Mögliche in den Kreis der Darstellung gezogen und die Kreide und Feder zu frühzeitig angewendet; fortgefetzt wird dann das Zeichnen nach franzöfifchen Ornamenten mit ganz mittelmässigen Erfolgen. Sehr fpärlich waren die Uebungen im Naturzeichnen. Weit beffer ift das Linearzeichnen an der Anftalt gepflegt, welches fchon in dem vorgelegten„ Relatorio" für den„, Curs induftriel" beffere Principien zeigte. Es werden die wichtigften Sätze der„ ebenen Geometrie" durchgenommen, dann Bautheile, Säulenordnungen und gröfsere Architekturftücke gezeichnet, dann Projections- und Schattenlehre eingehend behandelt und fchliefslich zum Mafchinenund Architekturzeichnen übergegangen( meift nach den franzöfifchen Etudes au Lavis). Es fanden fich befonders unter den Arbeiten der letzteren Kategorie trefflich durchgeführte Blätter. 6 80 J. Langl. Ungleich gediegenere Leiftungen waren vom„ Lycée national" ausgeftellt, aber auch wieder vorwiegend im Linearzeichnen. An dem Inftitute ift F. Motta als Lehrer in den Zeichenfächern thätig, deffen ganz gediegene Werke für den Zeichenunterricht an Lyceen ebenfalls vorlagen. Sein ,, Compendio de defenho linear" verfolgt denfelben Weg, nach welchem J. Picard's Werk angelegt ift. Es wird fyftematifch die Geometrie, Projectionslehre und Geometrie behandelt und dann auf praktifche Fälle aus der Bau- und Mafchinenkunde übergegangen. Im Freihand- Zeichnen beginnt der Curs mit quadrirten Heften und fteigt von der geometrifchen Form zum Ornamente auf, welchem aber bei Motte kein ausgefprochener Stil zu Grunde liegt. Die exponirten Zeichnungen zeigten, dafs bis zum Contourornamente in der richtigen Weife vorgegangen wird; nur fanden fich häufig gefchmackswidrige Formen darunter. Mangelhaft waren die Proben aus dem figuralen Zeichnen. Im Linearzeichnen war das Mafchinenfach durch einige fehr fchön gearbeitete Blätter repräfentirt. Aus der Architektur war aufser einigen Säulen nichts von Bedeutung vorhanden. 29 Die„ Efcola Normal" hatte( von Lehrerinen) gut gezeichnete Contourornamente nach fchlechten Muftern und hart fchattirte Kreide ornamente nach Bilordeux"," Julien" etc. ausgeftellt. Mit diefen Vorbildern ift wohl kein Gefchmack zu erziehen! Dasfelbe gilt von den Arbeiten aus dem„ Penfionat de bienfaifance pour jeunes filles" und der„ Efcola regia das Mercieiras", in welch' letzterem Inftitut die Wahl der Meifter eher den Gefchmack verderben als veredeln müffen. Von der ,, Affociation commercial", die zu Porto ihren Sitz hat und fich um die Hebung der Kunftinduftrie im Lande fchon manche Verdienfte erworben hat, war eine Anzahl decorativer polychromer Ornamente( in Gyps und Holz) exponirt, in welchen maureske Formen gelungen nachgeahmt waren. Die Brochuren. über die Thätigkeit der Gefellſchaft waren hinter Glas und Rahmen in der Induftriehalle ausgeftellt; dem Berichterstatter war es unmöglich, zur Einficht in diefelben zu gelangen. Amerika. Von einem unferer hervorragendften deutfchen Kunftgelehrten wurde nach der erften Weltausftellung in London 1851 der bedeutfame Satz ausgefprochen, dafs eine Organiſation des Kunftunterrichtes, übereinftimmend mit den Grundfätzen, auf welchen der damals von England in Vorfchlag gebrachte Plan gegründet war, noch leichter dort durchführbar wäre und beffer wirken könnte, wo keine alten Kunftüberlieferungen zu überwinden find und die freieften Inftitutionen beftehen, nämlich in den nordamerikanifchen Freiftaaten. Diefer Satz hat allerdings feine tiefe Wahrheit; ob aber dem Stande der Dinge nach gegenwärtig fchon ein Unternehmen in diefer Hinficht von Erfolg fein kann, wäre in Frage zu ftellen. So lange Amerika noch in der Entwicklung lebt, fo lange ausfchliesslich der Materie nachgejagt wird und alle Kräfte darin angefogen werden, gibt es keine idealen Tendenzen; und wenn hie und da Anregungen dazu ftattfinden, fo werden nur die von Europa herübergezogenen Traditionen weiter zu fpinnen verfucht, welche aber in der fremden Atmoſphäre eher noch verkümmern oder entarten als emporblühen können. Was Amerika in der Kunft und vorzugsweife in der Plaftik producirt, ift europäifchen Urfprungs; die Induftrie geht mehr auf das Praktifche als künftlerifche aus und ift von einer befonderen Gefchmacksrichtung noch keine Rede. Die Hauptftädte Europas werden den Luxus für Amerika auch noch weiterhin zu beforgen haben. Am eheften könnte fich vielleicht noch in der Baukunft ein felbftftändiger Charakter entwickeln; bis jetzt zeigt aber auch fie nur europäiſche Motive, die oft als Kleid den kühnften Conftructionen in Folge der reicheren Mittel pompös Der Zeichen- und Kunftunterricht. 81 angewendet werden. Die ausgeftellten Photographien von Chicago, Cincinnati und Philadelphia gaben darüber charakteriftifche Beiſpiele. Nur durch wohl organifirte Mufeen und tüchtigen Kunftunterricht in der Schule läfst fich der Gefchmack erziehen; in beiden Punkten aber fteht Amerika noch auf der unterften Stufe. Wenn wir hier zunächft von der Schule fprechen, fo mufs allerdings zugegeben werden, dafs ihre Bedeutung überall wohl erkannt wird und dem Unterrichte die reichften Mittel zu Gebote ftehen. Dem amerikaniſchen Schulhaufe wurde auf der Ausftellung von Fachmännern viel Beifall zu Theil; das Unterrichtsmateriale kann in den Unionftaaten mufterhaft genannt werden: aber damit ift noch nicht Alles erreicht; die erfte Bedingung bleibt in der Schule immer die Lehrkraft, und daran mangelt es in Amerika noch allenthalben, abgefehen dafs noch kein Syftem in Bezug auf Kategorien der Schulen exiftirt und jeder Staat, ja vielleicht jede Stadt andere Einrichtungen befitzt, was ebenfalls einer gedeihlichen Gefammtentwicklung des Bildungswefens hinderlich ift. Es mufs daher begreiflich erfcheinen, wenn Hochfchulen im Charakter der europäifchen bis jetzt nicht zu Stande kamen. Trotz diefer minder günftigen Aufpicien haben fich aber und befonders in letzterer Zeit vielfach Stimmen erhoben, dafs das Zeichnen in den Schulen eingeführt werde, und zwar mit den Intentionen, wie es in neuerer Zeit in Europa gefchieht. In den hervorragenden Städten wird es auch bereits betrieben und lagen Refultate in der Ausftellung vor. Diefelben konnten wohl fchon der erwähnten Umftände halber nicht von befonderer Bedeutung fein, felbft wenn die beften Originale und die befte Methode in Verwendung ftänden; aber gerade der letztere Punkt läfst am meiften zu wünſchen übrig. So wird an vielen Schulen im Zeichnen Unterricht ertheilt, ohne dafs der betreffende Lehrer felbft befondere Kenntnifs von dem Gegenftand befäfse und dazu meift die Berliner Schule( von Hermes) als Vorlage benützt! Hie und da find wohl in den gröfseren Städten eigene Zeichenlehrer beftellt, aber wie foll ein rationeller Unterricht möglich fein, wenn diefelben meift in einer Ueberzahl von Schulen befchäftigt find? So fagt ein Bericht aus Toledo( Ohio), dafs dafelbft für 74 Schulzimmer ein allgemeiner Lehrer für Zeichnen beftimmt ift! Die Methode war in den ausgeftellten Arbeiten diefer Schulen nicht zu erfehen; dasfelbe gilt von dem ,, Grammar Schools" zu New- York, wo nur Landfchaften, Thiere, Blumen etc. gezeichnet werden. Blofs hie und da wird der Verfuch gemacht, geometrifche Körper nach der Natur darzuftellen, was bei der mangelhaften Vorbildung der Schüler jedoch wenig Erfolg zeigte. Von einigen höheren Schulen in New- York waren( von 12- bis 15jährigen Schülern) hinter Glas Zeichnungen von Gefäfsen, Geräthen etc., dann Copien von Köpfen, Landfchaften und Thieren( nach Hermes und Julien) ausgeftellt, die wohl etwas beffer gearbeitet waren, aber mehr als„ Bilder" fungirten, als dafs dadurch der Unterricht illuftrirt worden wäre. Eine Anzahl Ornamente( nach Bauer's Vorlagen) waren fo gleichmäfsig copirt, dafs es zweifelhaft erfchien, ob unter den verfchiedenen Namen, die fich unterfchrieben fanden, auch verfchiedene Hände wahrzunehmen waren. In Chicago fteht es ebenfo; nur werden dafelbft nebenbei viel Landkarten gezeichnet und dabei das Hauptgewicht auf die farbige Umränderung der Meere gelegt. Die Inftruction für den Zeichenunterricht in den Schulen diefer Stadt (§. 16) betont nur die Wichtigkeit und den Werth des Gegenftandes für die verfchiedenen Induftriezweige und enthält kein beftimmtes Programm für den Stufengang im Unterrichte. Von dem ,, Common Schools" in Cincinnati lagen in wahren Prachteinbänden Schülerarbeiten vor, wo im Zeichnen von der ganzen Claffe derfelbe Gegenftand gezeichnet war, fo dafs ein und diefelbe Figur fich in einem Bande oft 50 bis 60 Mal wiederholte.* Es waren meitt kleine geometriſche Ornamente, * Wurde behördlich angeordnet. 6* Jo 82 J. Langl. Der Zeichen- und Kunftunterricht. Sternfiguren etc. ziemlich gleichmäfsig gearbeitet und lag doch ein gewiffes Princip darin: dagegen begegneten uns wieder haarfträubende Sünden wider allen guten Gefchmack in den Arbeiten der„ Teachers-"," Normal-" und„ Highfchools". Im Schulhaufe lagen als Unterrichtsmittel für das Zeichnen die Spencerfchen Zeichenhefte auf, in welchen die Formen auf der linken Hälfte des Papieres vorgezeichnet waren und die Schüler diefelben rechts auf den freien Raum zu copiren hatten. Der Stufengang führte in ziemlich fyftematifcher Weife von den einfachften geometrifchen Formen zur Darstellung von Gefäfsen, Geräthen und dergl. Am beften wird, dem Ausgeftellten nach, in Bofton, überhaupt in Maffachufetts der Zeichenunterricht betrieben. Hier ift in den meiften Schulen„ The Drawing- Book of Standard reproductions and original defings for public fchools, Drawing- Claffes and Schools of art" von Walter Smith eingeführt. Das Werk empfiehlt fich befonders in feinen erften Theilen für den Elementarunterricht, in welchem auf geometrifcher Grundlage bis zum leichten Ornamente vorgefchritten wird; im zweiten Theile, der Fortfetzung des Ornamentes, mangelt dem Vortrag die Frifche und den Formen ein ausgefprochener Stil. Weiter folgen dann in ziemlich willkürlicher Anordnung Köpfe, Thiere, Blumen, felbft ganze menfchliche Figuren, aber Alles in trockenen, kalten Contouren in Federmanier. In dem ,, Public- Schools" wird überall nach diefem Syftem gezeichnet und werden die erften Uebungen meift auf Schiefertafeln vorgenommen. Im Weiteren finden dann auch Studien nach plaftifchen Modellen ftatt, und zeigten die vorgelegten Leiftungen recht gute Erfolge. Es kommen dabei theils ftereometrifche Körper, theils Gefäfsformen, Vafen und dergl. in Verwendung. " Das Bildchenzeichnen" wird hier nur wieder in den Mädchenfchulen eifrig betrieben, wo ausfchliefslich Julien's und Hermes' Vorlagen in Verwendung ftehen. Von den„ Drawing Claffes" waren( nach Smith's Vorlagen) Zeichnungen vorgelegt, welche nur befcheidene Erfolge zeigten; dagegen verdienten die Arbeiten der„ Free Induftrial Drawing Claffes" des Staates of Maffachuſetts volles Lob; es fanden fich darunter befonders hübfch gezeichnete Köpfe( nach Gyps mit zwei Kreiden) und gute Ornamente. Was von dem Ausgeftellten der übrigen Länder auf den Kunftunterricht Bezug hatte, war zu unbedeutend und unmafsgebend, als dafs der Referent für nöthig gehalten hätte, es hier fpeciell anzuführen. Wenn eine Schule in Athen fchlecht gezeichnete( franzöfifche) Blumen und einige Köpfe nach Berliner Vorlagen als Zeugnifs des heutigen Kunftunterrichtes in Griechenland vorlegte, wenn von Conftantinopel( Calame's) Landfchaften, von der technifchen Schule zu Kairo mangelhaft copirte Köpfe( nach Julien) ausgeftellt waren: fo konnte daraus nur erfichtlich fein, wie fehr die Erziehung des Gefchmackes alldort darnieder liegt. Am meiften verletzten das Auge folche dilettantifche Arbeiten in der griechifchen Ausstellung, unmittelbar neben den claffifchen Fragmenten der Akropolis. Diefe ehrwürdigen Refte der Kunft, fie waren auf der Weltausftellung in Mitten des modernen Strebens und Ringens, welches fich auf allen Gebieten des Könnens und Wiffens offenbarte, eine wehmutherregende Illuftration der Vergänglichkeit, aber zugleich in ihrer unfterblichen Schönheit die edelften Vorbilder, in Allem das Höchfte anzuftreben. * Die Modelle waren auch ausgeftellt. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. GEOGRAPHISCHE BILDUNGS- UND UNTERRICHTSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungsmittel im weitesten Sinne, a.) BERICHT VON ANTON STEINHAUSER, kaiferlicher Rath in Wien. WIEN DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREL. 1874. GEOGRAPHISCHE BILDUNGS- UND UNTERRICHTSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungsmittel im weitesten Sinne, a.) Bericht von ANTON STEINHAUSER, kaiferlicher Rath in Wien. Die geographifchen Unterrichtsmittel der Gruppe XXVI gliedern fich in jene für die Volksfchulen, für die Mittelfchulen, für die Fachſchulen, technifchen Hochfchulen, Univerfitäten und in jene zur Fortbildung Erwachſener. Infofern unter die Fachfchulen alle Ackerbau-, Forft-, Handels-, Bergbau-, Militär- etc. Schulen gezählt werden können und auch die Fortbildung Erwachfener alle Richtungen des geographifchen Unterrichtes in fich begreift, würden die gefammten in der Weltausftellung vorkommenden kartographifchen Darftellungen hier einbezogen werden müffen; da jedoch viele derfelben auch anderen Gruppen gemeinfchaftlich find und dort ihre Befprechung finden werden, fo fcheint es angezeigt, eine Ausfcheidung vorzunehmen und folgende Kategorien anderen Referaten zu überlaffen: Topographifche Karten( einfchliefslich die Heliogravuren), Anleitungen zur topographifchen Zeichnung, Schichtenkarten und Reliefs in grofsen Mafsftäben. die fich den topographifchen Karten anfchliefsen, Seekarten und Reliefs vom Meeresgrunde und von Häfen und Küften, geologifche Karten, montaniftifche Karten, Culturkarten, Forftkarten, Communicationskarten( Eifenbahnen, Strafsen, Canäle). I. Geographifche Lehrmittel für Volks- und Bürgerſchulen. Der Begriff Volksfchule umfafst Land- und Stadtfchulen, in weiterer Ausdehnung auch die von den unteren Abtheilungen der Mittelfchulen( Gymnafien, Realfchulen) wenig unterfchiedenen Bürgerfchulen. Daher find die Lehrmittel zum Theile gemeinfchaftlich. Die Aufgabe der Volksfchulen ift jedenfalls der Elementarunterricht in der Erdbefchreibung. Diefer Elementarunterricht wird aus anerkannter Erfahrung am erfpriefslichften nach der fynthetifchen Methode ertheilt, die von der Heimat ausgeht und mit dem Weltall fchliefst. Entwicklung der geographifchen Grundbegriffe, Verftändnifs des verjüngten Mafsftabes, Kartenlefen und eine topifche Ueberficht des Erdganzen machen den Inhalt des Elementar 2 Anton Steinhaufer. unterrichtes aus und erfordern die einfachften, leicht verftändlichen Lehrmittel. Es ift leicht erklärbar, warum man einer vollſtändigen kartographifchen Durchführung vom Schulzimmer- Plane bis zur Heimatkarte, die ohne Mitwirkung zeichnungskundiger Lehrer kaum denkbar ift, in der Weltausftellung nur in einzelnen Beiſpielen begegnet ift, und warum erft mit der Heimatkarte eine ftärkere Betheiligung eintrat, namentlich wenn man den Begriff Heimat nicht auf den Ort befchränkt, fondern auf das Land ausdehnt. Von der Lehrer- Bildungsanftalt in Botzen in Tirol lag ein Cyklus von II Blättern in Folio vor( Schulzimmer, Schulhaus, Gaffe, Stadtplan, Umgebung. Bezirk, Heimatkarte, ohne und mit Terrain) und vom Oberlehrer Haala in Znaim( in Manufcript, Text und Karten in Quart) ein ähnlicher Cyklus, der fich bis zu einer mageren Ueberficht der Erdtheile erweiterte. Da in dem Kreife der Verjüngungen des Mafsftabs der Stadtplan eine Rolle spielt, fo mag im Vorübergehen erwähnt werden, dafs fich eine ziemliche Anzahl von Stadtplänen in der Ausftellung befand, oft wohl zur Illuftration anderer Zwecke bearbeitet. Man fand Pläne von Wien( 1: 1440, nebft älteren Schichtenreliefs der inneren Stadt und von ganz Wien), von Trieft( 1: 1440), von Lemberg und Prag( 1: 2880), alle vom öfterreichifchen Katafter, von Graz( von Profeffor Waftler), von Peft und Ofen( vom Katafter und von Sandor), von Berlin( von Liebenov und von Sineck), von Paris( mehrere, in 1: 5000, in I: 10.000 und kleinere), von Paris( geprefst, bei Belin), von den vorzüglichften Städten Englands und Schottlands( in den 200 Samples von J. Bartholomew in Edinburgh), von Conftantinopel, Madrid, Barcelona( in Schichten mit den Grundriffen der öffentlichen Gebäude), Salamanca, Liffabon( 1: 10.000 von Folque) und der Tajomündung, von Chiwa, Samarkand, Tafchkent, Alexandria, Philadelphia und anderen Städten. Heimatkarten im engeren Sinne waren in der Ausftellung nicht zahlreich, grofsentheils als Wandkarten in Handzeichnung. In diefem Genre war Böhmen am beften vertreten durch die Bezirkskarten von Neupaka( vom Lehrer Mafek, auf Art des Tapetendruckes), Turnau, Landskron, Trautenau, Náchod und andere. In Schweden dienen die im grofsen Mafsftabe ausgeführten Kirchspiels- Karten, in Nordamerika die Countykarten als Heimatkarten. Letztere find meift in Kupfer geftochen und zuweilen in ganze Atlanten vereinigt, z. B. Atlas of Maryland( 1873), Rhode Island. Ohio( 1872), felten vereinzelt, z. B. Atlas of Columbus and Franklin, County, Ohio( 1872). Hiezu könnte man auch die Vogteikarten des Hamburger Gebietes( Eppenberg, Langenhorn 1873) rechnen, die im Mafse in 1: 4000 der Natur ausgeführt find. Die Claffe der Heimatkarten im weiteren Sinne, faft ohne Ausnahme aus mehrblätterigen Wandkarten beftehend, erfchien fehr umfaffend, jedoch fehr ungleich vertheilt, weil mehrere Staaten( z. B. Grofsbritannien, die Südftaaten. Europas) fich in geringem Grade betheiligt haben. Die Ausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums bot eine Anzahl von Wandkarten der meiften Kronländer, I. von Niederöfterreich, von Oberösterreich und Salzburg, von Steiermark, Kärnten, Böhmen, Mähren und Schlefien, fämmtlich von Kozenn( Wien bei Hölzl) in verfchiedenen Mafsftäben( 1: 148.000 bis 1: 200.000)( jene von Niederöfterreich auch geologifch colorirt) und in verfchiedenen Manieren ausgeführt, mit Schraffen und Schummerung, nach fchräger Beleuchtung etc.; 2. von Niederöfterreich nach Angabe des k. k. Rathes A. Steinhaufer( in vier Blatt in 1: 200.000) auf Grundlage der 6 Blätter der Wandkarte von Oefterreich desfelben Autors vom Vereine für Landeskunde herausgegeben und den Volksfchulen des Landes gewidmet; 3. von Steiermark von Dr. Zwiedinek- Südenhorft ( mit ziemlich ausdrucklofem Terrain). Diefen würde fich eine Wandkarte von Tirol und Vorarlberg von Kaler( in 1: 200.000, bei Wagner in Innsbruck) anreihen, die aber nicht angemeldet wurde; 4. von Böhmen, Mähren und Schlefien von Profeffor Erben( mittelft der Buchdrucker- Preffe erzeugt, verlegt bei Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 3 Janski in Tabor, in czechifcher Sprache); 5. von Mähren( Handzeichnung vom Lehrkörper der ftädtifchen Bürgerfchule in Olmütz); 6. von Görz und Gradiska von Friedr. Vodopivec. Die transleithanifche Reichshälfte hat fich mit Wandkarten von Ungarn und feinen Nebenländern durch die geographifche Anftalt in Gotha( J. Perthes) verforgt, durch das Zufammenwirken des Kartographen H. Berghaus und Profeffor Gönczy. Auch die Wandkarte von Siebenbürgen von Obert verdankt der geographifchen Anftalt in Gotha ihr Zuftandekommen. In der Ausftellung des deutfchen Reiches fand man eine Wandkarte der thüringifchen Lande von Graef( 9 Blätter, Weimar, geographifches Inftitut), Wandkarten von Württemberg( von Winkelmann), von Sachfen; in der Ausftellung der Schweiz glänzten die trefflichen Wandkarten der Cantone Zürich( von J. M. Ziegler in 1: 50.000), Waadt( von Cornuz& Weber), Genf, Appenzell, Aargau( von Michaelis& Leuzinger), Karten, die den topographifchen Karten fich ftark annähern; im fchwedifchen Schulhaufe hingen Laen- und Provinzkarten von Schweden und Norwegen; in der amerikanifchen Ausftellung Wandkarten der einzelnen Staaten( Louifiana, Alabama, Miffiffippi, vorwiegend politifche Karten mit grell colorirten Graffchaften). Departementskarten von Frankreich( als Wandkarten) lagen nicht vor und von Graffchaftkarten Englands nur die Wandkarte von Lancaſter, herausgegeben von John Bartholomew in Edinburgh. Die übrigen Graffchaftkarten befanden fich in dem Bande der 200 Stichproben desfelben Verlegers. Die nächfte Suite der Wandkarten für die Schulen bilden die der Staaten, an die fich jene der Erdtheile anfchliefsen. In diefen beiden Abtheilungen ftiefsen wir auf mehrfache Arten der Bearbeitung, auf rein phyfifche, auf rein politifche, auf gemifchte( die gewöhnlichfte Art), auf halbftumme und ganzftumme Wandkarten, und unter diefen wieder auf Karten mit dunklem Grunde, die alle je nach der angewendeten Methode ihre Verwendung finden. Wandkarten der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie haben geliefert: Artaria in Wien( eine von Schulz in fechs Blättern, vorwiegend politifche Ueberfichtkarte, und eine von R. v. Scheda, vorläufig ohne Terrain, in vier Blättern, I: 1,000.000 der Natur) für höhere Bedürfniffe berechnet; Hölzl in Wien( eine von Kozenn in vier Blättern, politifche Ueberfichtkarte mit deutſcher, magyarifcher und flavifcher Befchreibung); Fuchs( Prag und Wien) eine ftumme Wandkarte auf glanzlofem fchwarzen Schieferpapier mit roth gedruckten Umriffen, offenbar mit der Abficht, des Zeichnens unkundigen Lehrern bei Anwendung der conftructiven Methode eine brauchbare Beihilfe zu gewähren. Der Lehrer Ed. Kratky in Tabor hat gleichfalls eine ftumme Wandkarte der Monarchie eingefendet, mit lichten Umriffen auf ftark glänzende fchwarze Wachsleinwand gedruckt. Eine vorzügliche Arbeit ift Dolezal's phyfifche Wandkarte der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie, die 1872 in neun Blättern bei Perthes in Gotha erfchien. Die ausgezeichnet fchöne Gebirgszeichnung wird durch Farbentöne unterftützt, welche Hauptftufen der Erhebung bezeichnen. Die von Kellner& Comp. in Weimar gelieferte Wandkarte( Photo- Lithographie nach einem Relief) ift auf den allgemeinen plaftifchen Eindruck berechnet, ohne mit dem neuen Zeichen für die Unebenheiten wefentlich mehr zu erreichen, als die bisher übliche Darftellungsweife gewährt. Das deutfche Reich war, wie leicht vorauszufehen, im Gebiete der Schul- Wandkarten reichlich vertreten. Die Karte von Petermann( Gotha, geographifches Inftitut) ift für die natürliche Landesbefchaffenheit, die Karte von Kiepert( neun Blätter, Berlin bei D. Reimer) für die politifche Configuration eine ausgezeichnete Leiftung. An fie fchliefsen fich die Wandkarte von Ohmann ( von der königlich preuſsifchen Unterrichtsverwaltung ausgeftellt), von Weiland und Graef( Weimar, geographifches Inftitut), von Winkelmann( Weichardt in Stuttgart), von Moehl in Kaffel( mit einer Terrainzeichnung, die weniger die 4 Anton Steinhaufer. Erhebungen charakteriftifch auffafst und mehr durch outrirte Schatten bei fchiefer Beleuchtung auf plaftifchen Eindruck berechnet ift), von Kellner& Comp. in Weimar( Photo- Lithographic nach einem Relief), endlich die von Fuchs( Wien und Prag) herausgegebene Karte auf ſchwarzem Schiefergrunde, der Pendant zu der früher erwähnten Monarchiekarte. Schauenburg's ftumme Wandkarte von Deutfchland, früher auf glanzlofem, fchwarzem Grunde mit blauen Flufsumriffen gedruckt, nun in neuer Ausgabe auf glänzender Wachsleinwand, hat den Vortheil der Dauerhaftigkeit mit Verluft der übrigen erkauft. Die Schweizer Schulen find verforgt durch die bei Wurfter, Randegger & Comp. beftens ausgeführte Wandkarte von J. M. Ziegler, in acht Blättern im Mafse von I 250.000 der Natur, der eine kleinere in I: 700.000 und eine Handkarte in 1: 1,200.000 zur Seite ftehen, nicht minder durch die Wandkarte von Keller, ferner durch eine von der Meifterhand Leuzinger's gezeichnete Gebirgskarte ohne Schrift. Die Commiffion des öffentlichen Unterrichtes von Belgien hat eine orohydro- mineralographifche Karte diefes Staates ausgeftellt, und unter den 200Proben von Landkarten- Stichen von Bartholomew in Edinburgh fand man rein politifche Wandkarten von England( 15 Blätter und 3 Supplementblätter) und Schottland( 12 Blätter) mit fkizzirtem Terrain, beide zu reichhaltig für den Ele mentar- Schulunterricht. Von den übrigen Staaten von Europa erfchienen Frankreich, Italien, Portugal und Schweden durch Schul- Wandkarten vertreten; Frankreich durch die Wandkarte von Lannée; Italien durch die Carta murale des Profeffors Mangé ( Neapel 1871), und die im geographifchen Inftitut zu Weimar von H. Berghaus und dem Profeffor Schiaparelli bearbeitete Wandkarte in acht Blättern. Die übrigen Wandkarten von Italien von Crivelli, Vallardi, Cerri( Verlag von Artaria in Wien) nähern fich mehr den topographifchen Karten. Portugal durch 2 ganz gleiche Wandkarten des Königreiches von Bettincourt( bei l'Allement frères) mit und ohne Schrift, und Schweden, aufser den( in 1: 500.000 entworfenen) Provinzkarten ( Mettersta& Södra- Sverige) durch eine gröfsere Zahl von Wandkarten der fkandinavifchen Halbinfel in verfchiedener Ausführung; als ftumme Karte mit Angabe der Culturgebiete, als halbhiftorifche mit Andeutung aller früher befeffenen Länder, als Gebirgskarte( mit 5 Tönen für die Erhebungsfchichten), eine ausgezeichnete Arbeit des Lieutenants Mentzer; als einfache politifche Ueberfichts karte und als ftumme Karte, auf welche mit den Namen der Flüffe, Berge, Orte bedruckte Klötzchen von den Schülern aufgefteckt werden. Die Schulen der nordamerikanifchen Freiftaaten erfreuen fich zweier, in kleinerem und gröfserem Mafsftabe ausgeführter, mit Farbentönen( grün und orange), für Tief- und Hochland verfehener ftummer Wandkarten der Union von Profeffor Guyot, dem fie auch eine Wandkarte der britifchen Infeln verdanken, die wie der ganze Cyclus der Guyot'fchen Wandkarten den gleichen Typus trägt. Unter der grofsen Zahl der Erdtheil- und der Erdkarten machten fich fünf Suiten von Wandkarten befonders geltend; die ältefte rührt von E. v. Sydow her, deffen epochemachende, dem geographifchen Unterrichte eine neue Richtung gebende, in mehrere Sprachen Europas( ruffifch, fchwedifch etc.) übertragene Wandkarten immer muftergiltige Arbeiten bleiben werden, und denen die Verlagshandlung( J. Perthes in Gotha), um fie den gefteigerten Anforderungen der Neuzeit in Beziehung auf hypfometriſche Bereicherung durch Hinzufügung einiger Farbennuancen einen erhöhten Werth zu verleihen ftrebt. Sie berücksichtigen mit Vorzug die natürliche Geftaltung der Erdräume und der Verfuch, nebenher auf gleicher Grundlage einen Atlas politifcher Erdtheil- Karten herzuftellen, ift nach dem Erfcheinen der Karten von Nord- und Südamerika abgebrochen worden. Die zweite Folge bildete die eben im Erfcheinen begriffene Reihe von phy fifchen Karten der Erdtheile von H. Kiepert( bei D. Reimer in Berlin; ausgegeben find: Planigloben, Europa, Afien). Sie find auf Veranlaffung der ftädtifchen Schul Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 5 deputation in Berlin in Angriff genommen worden, haben mit Ausnahme der Hochgebirge keine Terrainzeichnung, aber Gradationen für Stufenland und Hochland ( das Tiefland ift weifs geblieben). Die dritte Sammlung von Wandkarten bildeten die von der Firma Holle in Braunfchweig gelieferten( 18 Karten), die fich auch auf öfterreichifche Kronländer ausdehnen und jener gemifchten Gattung angehören, die weder das phyfifche noch das politifche Bild vorzugsweife begünftigt und dem billigen Preife ihre grössere Verbreitung verdankt. Die vierte Suite von Erdtheil- Karten war von den nach Reliefs photolithographifch erzeugten Wandkarten von Kellner& Comp. in Berlin eingenommen, an die fich Photographien nach Reliefs anfchloffen, wie fie Bauernkeller in Paris( Gruppe XIV der franzöfifchen Expofition) und mit Bezug auf Richtigkeit noch beffer Raatz in Berlin herftellen. Der fünfte Cyclus von Schul- Wandkarten der Erdtheile( in Allem 17 Karten) war jener von Profeffor Guyot in New- York( bei Scribner& Comp.), der für Amerika das ift, was v. Sydow für Deutſchland war( leider entzieht ihn feine jetzige Stellung feiner hochfchätzbaren Thätigkeit für die Schule). Auf allen diefen ftummen Wandkarten, die mit den v. Sydow'fchen gemeinfame Vorzüge haben, ift Tiefland und Hochland durch grünen und braunen Ton unterfchieden, auf den ErdtheilKarten wie auf den Planigloben und der Mercatorprojection der Erde. Die disponiblen Räume auf den Planigloben find ähnlich wie bei Sydow zur Darstellung der Nord- und Südpol- Hälfte, der Land- und Waffer- Halbkugel der Erde benützt. An die Karten von Guyot fchloffen fich Cornell's Outlinemaps, die kein Terrain zeigen, nach Staatengruppen colorirt find und auf denen Städte und Flüffe mit Ziffern bezeichnet erfcheinen. Carton. Die grofsen Wandkarten wiederholten fich in kleinerem Formate auf fteifem Guyot's Karten ftehen die 12 Wandkarten von Appleton& Comp. in New- York zur Seite. Aufser diefen zufammenhängenden Suiten begegnete man in der Ausftellung gewöhnlich nur einzelnen Karten von Europa und dem Gemeinplatze der Planigloben. Unter diefe gehören die in mehrere Landesfprachen überfetzte Wandkarte von Europa von Kozenn( Wien bei Hölzl), desfelben Planigloben mit einer Sternkarte der nördlichen Himmels- Halbkugel; die Wandkarten der öftlichen und weftlichen Halbkugel von Keller( Schweizer Schulhaus), die Wandkarten von Europa, Afien( Kiepert) und die Planigloben des Weimarer geographifchen Inftitutes; die ftummen Wandkarten von Europa auf fchwarzem Grunde von Schauen burg und die ähnliche( im Mafse von 1: 4,300.000 bearbeitete), von Europa von Levasseur in Paris auf fchwarzem, glanzlofem Grunde mit weifsen Umriffen, und weifs fchraffirtem Meere, die Wandkarten von C. Adler in Hamburg und andere. Die Wandkarte von Europa des Etabliffements de Carlsburg ( Brüffel) zeigt vier( ziemlich roh gezogene) colorirte Höhenfchichten, eine Höhenleiter, Zeichen für Naturproducte und politifche Nebenkarten. Bevor die Bemerkungen über die Wandkarten gefchloffen werden, fcheint es angezeigt, auch der Schul- Wandkarten vom heiligen Lande zu gedenken, an welchen fich Kozenn( bei Hölzl in Wien, in deutfcher und flavifcher Sprache), Hergt( geographifches Inftitut in Weimar, Farbendruck mit Profilen), Völter und Winkelmann( C. Weychardt in Stuttgart), Kiepert( D. Reimer in Berlin, auf höhere Claffen berechnet) und Kellner& Comp. in Weimar betheiligt haben. Von Ifsleib& Rietfchel in Gera erfchien eine Wandkarte der Länder der heiligen Schrift, auch Kellner& Comp. haben eine Wandkarte zur biblifchen Erdkunde ausgeftellt. Auch im fchwedifchen Schulhaufe hing eine Karte von Paläftina, mit mehreren hiftorifchen Nebenkärtchen und mit Illuftrationen ausgeftattet. Den Wandkarten zur Seite ftehen die Karten für die Schüler, zum Ganzen vereinigt als Schulatlanten. Das Mafs des durch beide vermittelten 6 Anton Steinhaufer. topifchen Unterrichtes in der Volksfchule erfordert eine befchränkte Anzahl einfacher, nicht überladener, aber correcter Karten. Gewöhnlich bilden die Planigloben, die der Erdtheile, die Karten der wichtigften Staaten und Karten des Vaterlandes den Inhalt, und es wurden häufig aus umfangreichen Atlanten durch Ausfcheidung der elementaren Karten eigene Atlanten für die Volksfchule zufammengefetzt. Die Zahl der in der Ausftellung vorhandenen Schulatlanten war zu grofs, um jeden derfelben eingehend würdigen zu können, auch waren mehrere derfelben mittelgrofs in der Zahl der Karten, dafs eine Trennung für Volks- und Mittelfchulen nicht thunlich war. Namentlich galt diefs bei jenen kleinen Special. atlanten, die nur der Kenntnifs des Vaterlandes gewidmet find. Oefterreich erfchien in diefer Beziehung noch nicht reichlich vertreten. Unter den kleinen Atlanten feiner Ausftellung war der mit einigen Blättern Text von Profeffor Simony begleitete Atlas von 7 Blättern( Wien bei Gerold) der ältefte ( 1854). Um 12 Jahre jünger ift der in Gerold's Verlag übergegangene Atlas vom Herrn Director Stein in Prag, der 9 auf beiden Seiten bedruckte Doppelkarten ( Europa-, Monarchie-, Kronländerkarten) enthält, in zweierlei Ausgaben, weifs auf fchwarzem Grunde und fchwarz auf weifsem Grunde, begleitet von einem Hefte gleichartiger Netzkarten. Aus dem Atlas von Kozenn( Wien bei Hölzl 1861) hat der Verleger Separathefte von 6, 12 und 18 Blättern zufammengeftellt und in den Landes- Unterrichtsfprachen( čechifch, flovenifch, kroatifch, magyarifch etc.) befchrieben herausgegeben. Ebenfo hat Artaria in Wien aus dem Atlas von A. Steinhaufer( 1865 bis 1869), deffen erfte zwei Hefte dem Elementarunterrichte und der Vaterlandskunde gewidmet find, eine Auswahl von 6 Karten( Erklärung der Kartenzeichen, Erdanfichten, Europa und Mitteleuropa in Doppelkarten, phyfifch und politifch) als Volksfchul- Atlas( 1872) erfcheinen laffen. Ein Bogen Text erklärt die auf den Karten vorkommenden Abbreviaturen. Ein anderes Heft mit 12 Blättern wurde auf Veranlaffung des Profeffors Grün für die unterfte Claffe des akademifchen Gymnafiums in Wien herausgegeben. Im k. k. Schulbücher- Verlage wurden Planigloben und Karten von Europa und der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie durch Befchreibung in den verfchiedenen Reichsfprachen zum Gebrauche beim Elementarunterricht eingerichtet. Aus dem Atlas von Profeffor Vogel( Wien und Prag bei Fuchs; 35 von eben fo viel alternirenden ftummen Karten begleitete Blätter) wird eine Anzahl von Karten in der Volksfchule gut verwendbar fich erproben. Für die Befriedigung der Bedürfniffe öfterreichischer Volksfchulen hat auch Perthes in Gotha durch ein Heft von 15 Karten( zufammengefetzt aus Karten des Stieler'fchen und v. Sydow'fchen Atlas) beigetragen, und Amther& Ifsleib in Gera durch einen auf der Buchdrucker- Preffe erzeugten billigen, aber im Einzelnen mifslungenen Atlas der öfterreichifchen Kronländer( 12 Blätter 1871). Das deutfche Reich behauptet in allen Richtungen der SchulKartographie eine bedeutende Rolle. Die geographifchen Anftalten in Gotha ( Perthes), Weimar( Arnd), Berlin( Reimer), Hildburghaufen und andere leiften feit geraumer Zeit Vieles und Ausgezeichnetes im Grofsen und Kleinen. Daneben gehen neuere Unternehmungen, und fo ift für die Bedürfniffe der Schulen aller Art fo vorgeforgt, wie kaum in einem anderen Staate. " Ifsleib& Rietfchel's Volksatlas in 24 Karten gehört unter die Erzeugniffe, die durch Wohlfeilheit auf dem Markte einen Platz behaupten; er ift als Atlas populaire" den franzöfifchen Schulen zugänglich gemacht, durch Vermehrung auf 44 Karten auch auf den erweiterten Unterricht berechnet. Analog in der Ausführung erfchien in demfelben Verlage ein Bibelatlas in 8 Blättern. Gleichmäfsig durch niedrigen Preis( 10 Silbergrofchen) ausgezeichnet, aber auch durch Eleganz der äufseren Erfcheinung, durch gleiche Rückficht auf Oekonomie wie auf Dauer, und durch Güte des Inhaltes ragt der bei D. Reimer in Berlin( 1872) erfchienene, auf Veranlaffung der Berliner ftädtiſchen Schuldeputation von Kiepert bearbeitete Atlas von 22 Karten( auf 10 Blättern) hervor; vermuthlich angeregt durch das Beiſpiel, das Hachette in Paris mit dem kleinen Elementar Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 7 atlas von Cortembert ein Jahr zuvor gegeben. Diefem kleinften Atlas fteht ein etwas gröfserer in Foliokarten, auch von Kiepert's Hand herrührend( bei D. Reimer) würdig zur Seite. B. F. Voigt's hiftorifch- geographifcher Atlas( 16 Karten bei Nicolai in Berlin), und der wohlbekannte nette Schulatlas von Adami( bei D. Reimer in Berlin) ftehen dem Standpunkte des Elementarunterrichtes nahe. Andere Atlanten deutſcher Erzeugung, fowie auch die ihnen zur Seite gehenden Geripp-, hydround orographifchen Netz- und anderen Karten, werden bei den Mittelfchulen die rechte Stelle finden, wohin fie theils durch die Zahl der Karten, theils durch die Art der Bearbeitung und Verwendung mehr gravitiren. In der Ausftellung der Schul- Lehrmittel der Schweiz kam der auf die Schulen diefes Landes fpeciell angepafste Atlas von Wettftein vor( 12 Blätter, Zürich 1872), der fich durch Billigkeit( I Franc) und vorzügliche Ausführung( durch die Anftalt Wurfter, Randegger& Comp. in Winterthur) auszeichnet und nebft den gewöhnlichen Elementarkarten zur Erklärung der Mafsftab- Verjüngung eine Reihe von kleinen Kärtchen( Schulort, Gemeinde etc.), eine hübfche Doppelkarte der Schweiz, und zur Erläuterung der Bergzeichnung auf hypfometriſcher Grundlage zwei Darftellungen aus dem Hochgebirge( St. Gotthard, Monte Rofa) enthält. ein Beweis, dafs die Erziehungsdirection des Cantons Zürich es angemeffen fand, das Verftändnifs der Schichtenkarten fchon im Elementarunterrichte zu begründen. Im fchwedifchen Schulhaufe traf man den Atlas für Schule und Heimat von Magnus Roth( analog dem Volksatlas von Ifsleib& Rietfchel in Gera), einen Atlas der fchwedifchen Laene von Lieutenant Mentzer, und gleichfalls von diefer thätigen und gefchickten Hand einen Skolatlas von 24 Karten mit 2 bis 3 Höhenftufen, in verfchiedenen Schraffirungsgradationen deutlich ausgedrückt, abermals ein Verfuch, die Erhebung des Bodens im Grofsen fchon dem Anfänger anfchaulich zu machen. Frankreich bot in diefem Zweige der Schul- Kartographie auf der Weltausftellung ein reiches Contingent. Namentlich ragte Ch. Hachette in Paris durch Zahl und Güte feiner geographifchen und anderen Verlagsartikel hervor. Von diefer Firma lagen vor: Cortembert's kleiner Elementaratlas 12 Karten ( klein Quart, für 50 centimes ohne Text) in Auflagen mit und ohne Text. Defsgleichen ein Atlas de France in 12 Karten, eine Karte von Frankreich( Quart fur métal) mit den Grenzen und Departements- Hauptorten( Fabrik Lorne et le Plazenet) und eine zweite ftumme, analog auf fchwarzem Grunde ausgeführte, zu geographifchen Uebungen beftimmt. Nicht minder ift Delalaine zu nennen, von dem der Atlas von H. Chevalier in 32 Karten, und der für Collegien und Penfionate beftimmte Elementaratlas von Lebrun& Belle vorlagen. Aufser diefen erfchienen Schulkarten von Hermet( Paris), ein kleiner Elementaratlas und ein mit ftummen Karten in Verbindung ftehender Atlas de géographie contemporaine von Lannée( Paris), ein Schulatlas von Paris( bei Bazin in Paris), ein Elementaratlas von Bénard( 26 Karten) und ein auf 38 Blätter reducirter Atlas von Drioux& Leroy( bei Belin in Paris), die fchon in der Mitte zwifchen Volksfchule und Mittelfchule ftehen. Viele diefer Atlanten enthalten auch einige Karten zur alten Gefchichte. Belgien war durch den Schulatlas von Callewaert frères( Brüffel) vertreten, der fchon die 14. Ausgabe erlebt hat und durch Geographie- Uebungen nach der Methode des Bruders Alexis von M. Gochet; die Niederlande durch einen Schulatlas von Brugsma, von 14 Karten( jene von den Colonien eingefchloffen, Groningen bei Wolters), durch Rijkens Schulatlas der Niederlande in 14 Karten ( klein Folio, darunter I agronomifche und 3 Colonialkarten); Italien durch den Atlante fifico politico, nach Handzeichnungen von E. Bergamo( Scalzotto in Mailand) und den Atlante univerfale ftatiftico- pittoresco von Civelli( Mailand 1871, mit Karten in Folio, die an die des Stieler'fchen Atlaffes erinnerten, vis- à- vis mit einem Textblatt mit Xylographicn). 8 Anton Steinhaufer. Die Ausftellung Britanniens ift fehr mager befchickt worden, aufser einigen, zufammen vielleicht einen Atlas bildenden Schulkarten, die unter den von John Bartolomew in Edinburg ausgeftellten Stichproben vorkommen ( worunter auch kleine Städtepläne, Flufsmündungen etc.) mit vorherrfchend politifcher Ausarbeitung, einem Elementaratlas von 8 Karten in hindoftanifcher Sprache, und dem aus 40 Karten( darunter 5 für die Geographie des Alterthums beftimmte) beftehenden comprehenfiv Schoolatlas von Will Hughes( bei Philips and Son in London) war kein derartiges Hilfsmittel vorhanden, obwohl die engliſchen Schulen, auch die der Colonien( z. B. Canada) reichlich mit Wand- und Handkarten verfehen find. Im nordamerikanifchen Schulhaufe fand man SundaySchoolmaps, die Länder der heiligen Schrift umfaffend, Atlanten von Caltwell& Gould, von Mitchell u. A. und gröfsere von Johnfon, die später zu erwähnen Gelegenheit fein wird. Die Zahl der eigentlichen Schulatlanten für die untere Stufe war im Kreife des britifchen Reiches und auch der nordamerikaniſchen Freiftaaten durch jene Textbücher befchränkt, denen Karten und Illuftrationen im Holzfchnitt, oft in nicht unerheblicher Zahl, eingedruckt find. Solche Textbücher beſtehen, auch für den vorgefchrittenen Schüler in mehrere Abtheilungen zerfallend, in den eigentlichen Partien für die Volksfchule in Fragen und Antworten abgefafst. So z. B. Mitchell's Atlas, Warren's elementar- phyfikalifche Geographie, in Guyot's Common Schoolgeographie( Scribner in New- York), in Wilfon's Schulatlas( Hinkte& Comp. in Cincinnati), in Montheith's Manuel of geographie ( Barres& Comp. in New- York 1872). Da die Texte dem Referate für geographifche Lehrbücher zugetheilt find, fo ift ein weiteres Eingehen nicht angezeigt( z. B. auf Stöfsner's Geographie, 3 Abtheilungen, Annaberg 1871), nur fo viel möge geftattet fein zu erwähnen, dafs alle Texte der anglicanifchen Lehrbücher diefer Art mit dem Weltall anfangen, fonach die fynthetiſche Methode in keinem nur entfernt vertreten ift. Einige enthalten auch am Schluffe eine kurze Anleitung zum Kartenzeichnen, mitunter mit Anwendung geometrifcher Conftructionen, und Montheith's Handbuch fogar graphifche Hilfsbilder zur vermeintlich befferen Memorirung der Geftalten der Continente und Länder, ähnlich wie vor Jahren in Wien Conte Paulovich welche veröffentlichte. Sò z. B. gleicht Afrika bei Montheith einem feitwärts fchauenden Adler, bei Paulovich einem Pferdekopf; Südamerika bei Montheith einem Hundskopf, bei Paulovich einem Schinken! Eine Nachahmung von Mitchell's Atlas ift der bei Hachette in Paris 1872 erfchienene Globe illuftré, deffen Text 16 Karten und zahlreiche Holzfchnitte zieren. Eine vor Decennien in Stuttgart verfuchte Nachahınung mit Text von Profeffor Reufchle ift nicht mehr erneuert worden. Dagegen hat der bei Brockhaus in Leipzig verlegte illuftrirte Atlas von Loeder und Schade( 22 Karten in Folio, auf denen Hoch- und Tiefland durch verfchiedenes Colorit unterfchieden find, von fchön geftochenen Illuftrationen rings umgeben) eine zweite Auflage erlebt; der Text iſt nicht für die Volksfchule angelegt, doch die gelungenen Bilder dem Anfchauungsunterrichte fehr förderlich. Es war eben Gelegenheit geboten, der Anleitungen zum Kartenzeichnen zu erwähnen, einer Uebung, deren grofser Erfolg im haftenden Memoriren der gezeichneten Umriffe und Raumverhältniffe befteht, wenn nicht noch andere Vortheile durch die Wahl und Tendenz der Aufgaben hinzukommen. Die Erftlingsverfuche zum Nachahmen der Contouren, fei die Tafelzeichnung des Lehrers das Vorbild( bei der conftructiven Methode) oder ein paffendes Original mit Anhaltspunkten zum Ausfüllen, fallen der Volksfchule anheim, und dienen zu diefem Behufe unvollständige Abdrücke der Karten zur Ergänzung des Fehlenden, oder Netze( quadrirte oder Gradnetze). Bei Karten, die mittelft Zufammendruck mehrerer Farbenplatten entſtehen, ift die Herftellung feparater Karten, die nur das Flufsnetz, oder nur die Grenzen, die Bergzeichnung allein, oder das vollſtändige Gerippe( fogenannte Repetitionskarten) mit Orten, Wegen etc. enthalten, leicht zu bewerkstelligen. Separate Atlanten diefer Gattung beftehen in grofser Zahl, Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 9 worunter in Oefterreich Hölzl in Wien aus dem Atlas von Kozenn eine Suite rein orographifcher Karten, Artaria aus dem Atlas von A. Steinhaufer Suiten von Gerippkarten, orographifchen und vollſtändigen ftummen Karten lieferten. Vom Dr. A. Tille in Wittingau lag im Manufcript eine Anleitung zum Kartenzeichnen vor, die von den einfachften bis zu den complicirten geometrifchen Figuren fortfchreitet und namentlich das Kronland Böhmen durch alle Phafen der Zeichnung confequent durchführt. In Gotha gab das geographifche Inftitut aus dem Sydow'fchen Atlas eine Zahl von Separatatlanten heraus; A. Reimer in Berlin Klöden's Repetitionskarten. Hieher gehören die bei den Wandkarten erwähnten Erzeugniffe deutfchen und franzöfifchen( Lanné's, Suzonne's ftumme Karten auf Schiefergrund) Urfprungs, welche Gelegenheit zum Einzeichnen bieten, endlich die auf weifsem Schiefergrunde( fogenanntem Oekonomiepapier) gedruckten Kartenfkizzen Schönninger's in Wien, welche die oftmalige Anwendung von Kreide, Bleiftift und Pinfel ebenfo gut vertragen, wie die auf fchwarzem Schiefergrunde. Reine Netzkarten, die fchon mehr Uebung im Augenmafse vorausfetzen und daher in der Mittelfchule angemeffene Verwendung finden, werden bei diefen an die Reihe kommen. Bevor der Abfchnitt über Schülerkarten und Atlanten gewöhnlichen Inhaltes gefchloffen wird, fcheint es angezeigt, einer nicht unwichtigen Lücke zu gedenken, die bei der Mehrzahl von Atlanten bemerkbar war, und doch nicht fchwer auszu füllen wäre. Die Erklärung der geographifchen Terminologie, fonach auch der Kartenzeichen, welche die verfchiedenen Objecte andeuten, läfst fich vom Lehrer durch paffende Beifpiele aus den Karten felbft entwickeln, der Schüler aber wird dennoch im Vortheile fein, wenn er nebftbei im Schulatlas ein Blättchen findet, das, ähnlich den Reliefs zur Erklärung der Bergzeichnung und der Schichten eingerichtet, durch Verbindung von Terminus und Bild feine Vorftellung unterftützt. So hat der ausgezeichnete Praktiker v. Sydow feinem Schulatlas erläuternde Zeichnungen und feinem methodifchen Handatlas ein Blatt kartographifche Elemente" vorangefchickt; Kozenn hat diefes Beiſpiel in feinem Schulatlas( Wien bei Hölzl) nachgeahmt, und auch im Atlas von A. Steinhaufer findet man ein inftructives Vorblatt zur Erklärung von Gegenftänden der LandkartenZeichnung, zugleich einen Mafsftab, mittelft deffen jeder Schüler ohne befondere Schwierigkeit im Stande ift, das Verhältnifs einer vorgelegten gewöhnlichen Landkarte zur natürlichen Gröfse zu beftimmen. " Nun gelangen wir zu anderen Gattungen von Karten, theils Flachkarten ( aber in einzelnen Theilen, z. B. in der Darftellung der Unebenheiten, in wefentlich verfchiedener Ausführung) theils erhabenen( plaftifchen) Karten. Je nach der Stufe der Ausbildung werden einzelne Blätter ganzer Suiten fchon in der Volksfchule, die übrigen in den Mittelfchulen in Verwendung kommen können, fei es im erften Falle zur Begründung richtiger Vorftellungen, oder blofs als charakteriftifche Bilder zu Gunften des Anfchauungsunterrichtes. Eine Scheidung vieler der im Folgenden angeführten Karten in jene Partien, die in der Volksfchule Nutzen fchaffen können, von jenen, die beffer einer fpäteren Periode vorbehalten bleiben, würde entweder zu zahlreichen Wiederholungen nöthigen, oder zur Ignorirung beim Elementarunterrichte führen. Es mag defshalb entfchuldigt werden, wenn bei diefen Partien etwas über die Volksfchule hinausgegriffen und bei den Mittelfchulen nur nachgeholt wird, was entfchieden und ausfchliefslich in ihren Bereich fällt. Derfelbe Fall wird fchliefslich bei den inftructiven Wandbildern( von Landfchaften, Monumenten etc.) eintreten, deren theilweifes Vorzeigen in der Volksfchule nur nützlich fich erproben kann, während die volle Suite in der Oberfchule zu wirken hat. Der Unterfchied liegt nur darin, dafs in der Volksfchule zur Erweckung einer allgemeinen Vorftellung ein fpecielles Beiſpiel genügen wird, während es fich beim höheren Unterrichte nicht um den vorläufigen Begriff von der Sache, fondern um die Objecte felbft in ihrer Mannig faltigkeit handelt. 10 Anton Steinhaufer. Eine befondere Claffe der Schulkarten ift erft feit einem Decennium zahlreich geworden, nämlich die Schichtenkarten, auf welchen die Gebirge durch eine Anzahl von Horizontalen( Ifohypfen, das ift Linien gleicher Höhe oder Niveau curven) ausgedrückt find, die beftimmte Höhenftufen bezeichnen, die bei kleinen Mafsftäben ungleich find, gegen die Höhe wachfen und mitunter ein paar Taufend Fufs betragen. Weil fie für fich allein kein plaftifch wirkendes Bild gewähren, hat man Farbenfcalen erfonnen, die in fteigenden und fallenden Tönen einer Farbe oder verfchiedener Farben das gleich Hohe auf einer folchen Karte klar erkennen laffen. Einige charakteriftifche Hauptfchichten haben bei den Erdtheil- Karten bereits Anwendung gefunden. Man hat die Ifohypfen nun auch bei den topographifchen Karten eingeführt, doch fallen diefe nicht in den Rahmen der Schule. Klebt man die ausgefchnittenen Schichten aufeinander, fo erhält man ein Schichtenrelief. Die Erkenntnifs der Nützlichkeit der Schichtenkarten hat das k. k. öfterreichifche Unterrichtsminifterium bewogen, durch den+ Sectionschef Valentin Ritter v. Streffleur unter Mitwirkung des k. k. Rathes A. Steinhaufer 15 Schichtenkarten der öfterreichiſch- ungarifchen Kronländer anfertigen zu laffen, zu deren Ausführung im Farbendruck Profeffor Simony eine Scala entwarf. Sie bilden einen Atlas in der Ausftellung des k. k. Schulbücher- Verlages, und aus ihnen hat Herr Oberlieutenant Köchert das Schichtenrelief der Gefammtmonarchie zufammengefetzt. Aufser diefen Piecen fand man in der Ausftellung eine Schichtenkarte vom Lande ob der Enns( 1: 800.000) von Kozenn( Wien, bei Hölzl); vier Schichten- Wandkarten der Planigloben von Europa und Mitteleuropa, von O. Delitfch( Leipzig, bei Hinrichs, fchon einer älteren Periode angehörig), eine noch unvollendete hypfometriſche Karte von Baiern( 2 Bl. von 7), anderer in befonderen Zufammenftellungen vorkommenden Schichtenkarten deutfcher Production nicht zu gedenken, dann eine neuefte hydro- orographifche ftumme Wandkarte von Frankreich( aus den Nivillements des Dep. de la Guerre abgeleitet) mit Schichten von 100 zu 100 Meter im Mafse von 1: 800.000 der Natur. An Relief Schichtenkarten enthielt die Ausftellung der königlichungarifchen Staatsdruckerei Darftellungen( von Tóth) der Tatra in mehrfachen Varianten, Reliefkarten von Ungarn, von den Südoft- Karpathen, von Mitteleuropa. In der additionellen Ausstellung waren ebenfalls einige kleinere Arbeiten Streffleur's ( Böhmen, Mähren und Schlefien in kleinem Mafsftabe, der Canal la Manche, Corfu) zu fehen, ein Schichtenrelief der Umgebung von Wien( 1: 28.800, auf Grundlage der Section Wien der Adminiftrativkarte) und mehrere andere topographifche Schichtenreliefs in mitunter fehr grofsen Mafsftäben, welche für die Schulen kaum eine locale Beziehung nehmen, und daher anderen Referenten vorbehalten bleiben müffen. Dasfelbe gilt von anderen Ausftellungsobjecten, z. B. von den fehr inftructiven topographifchen Schichtenreliefs des Oberften Bardin( Paris, bei Ch. Delagrave). Die Schichtenreliefs bilden den Uebergang zu den reinen plaftifchen Karten, von denen drei Arten wohl zu unterfcheiden find. 1. Terminologifche Reliefs, das ift folche zur Erklärung der verfchiedenen Formen der Bodenerhebung und ihrer Zufammenfetzung zu charakte riftifchen Ganzen. Unter die erftgenannten gehören, um mit den wenigft vollkommenen anzufangen, ein Relief vom städtifchen Lehrer Braut in Wien( ohne erklärende Nebenkarte), ein gröfseres und kleines Modell des Bruder Alexis ( bei Gochet in Brüffel 1871), das topographifche Relief von Ch. Muret( Paris, bei Ch. Delagrave) mit erläuternder Flachkarte; dasfelbe unter der Direction Levaf feur's zur Etude de topographie erweiterte Modell mit einem in Schichten gelegten menfchlichen Antlitz. Selbſtverſtändlich drängen diefe die Bergformen, die übliche; in Schraffen ausgeführte Bergzeichnung und die Entstehung der Niveau curven bezweckenden plaftifchen Modelle auf kleinftem Raum zufammen, was in der Natur weit Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 11 auseinanderliegt. Um diefer unnatürlichen Combination auszuweichen, erübrigt nur die Theilung der Objecte. Diefen Verfuch bringen die vom k. k. öfterreichifchen Schulbücher- Verlage ausgeftellten kleinen Reliefs vor Augen, die das k. k. Unterrichtsminifterium durch den Official des militär geographifchen Inftitutes Pauliny anfertigen liefs. Sie find aus den Aufnahmsmappen auf 1: 72.000 der Natur reducirt, von Beikarten gleicher Gröfse( in Schraffen und mit Schichtenlinien) begleitet, und ftellen ein Stück der Alpen( Ortlerumgebung) mit Gletfchern, den Haupttheil der Tatra, das Riefengebirge( Kuppenform) und ein Stück Karft( Adelsberg- Zirknitz), nun vergriffen, vor*. 2. Plaftifche Karten in grofsen Mafsftäben. Obwohl fehr geeignet für die Schule zur Veranfchaulichung von Naturformen, namentlich wenn keine Ueberhöhung ftattgefunden hat, werden fie aus mehrfachen Gründen( Koftfpieligkeit, Umfang, Gebrechlichkeit etc.) nur felten in Schulen Eingang finden. Doch könnte in grofsen Städten durch die Gründung eines geographifchen Mufeums den Schülern aller Anftalten Gelegenheit gegeben werden, an folchen, dem Naturbilde getreu fich annähernden Illuftrationen richtige Vorftellungen fich zu bilden, und in diefer Beziehung werden fich auch folche Schauftücke, wie fie die Weltausftellung in ziemlicher Anzahl bot, nützlich erproben. Darunter gehören: Paris und Umgebung von Bauernkeller, die Frucht eines zwölfjährigen Fleifses; Jerufalem in 1: 500 von Stephan Illès; Conftantinopel und der Bosporus in 1: 2500 vom Ingenieur Seefelder( nach Moltke's Aufnahme modellirt von C. Straub); Keil's Alpenrelief vom Glockner bis zum Untersberg in 1: 48.000( additionelle Ausftellung); Keil's Schneeberg in 1: 43.200( eben dort, auch mit geologifchem Colorit); das Riefengebirge vom Förfter Niederhofer trefflich in Holz gefchnitzt( Agriculturhalle), die Tatra in Metallgufs( Ausftellung der königlich- ungarifchen Staatsdruckerei); Beck's Relief des Aletfch- Gletfchers und des St. Gotthard( 1: 50.000 der Natur, in der Ausftellung der Schweiz), Dickert's Modell des Vefuv's( ältere Arbeit), Belin's Relief des Montblanc( Paris, bei Delagrave?), Winkler's Reliefs aus den baierifchen Alpen ( Tegernfee etc. auch geologifch bearbeitet), und noch mehrere Andere, deren Tendenz der Schule zu ferne liegt. 3. Plaftifche Karten kleineren und kleinften Mafses. In der Weltausftellung ftiefs man auf mehrere mehr und weniger gelungene Verfuche, die Unigebung der Heimat mittelft der Geoplaftik zum deutlichen Verftändnifs zu bringen; fo haben Profeffor N. Nawratil die Umgebung von Olmütz, Profeffor Hickmann die Umgebungen von Prag und Reichenberg, plaftifch ausgeführt und der Preffe zugänglich gemacht. Bei plaftifchen Karten kleinen Maſses, wie es jene ganzer Länder auf einem Blatte find, ift in den meiften Fällen einer bedeutenden Ueberhöhung nicht auszuweichen. Diefe Ueberhöhung und der durch den kleinen Mafsftab verurfachte Verluft an Detail machen aus dem Naturbilde ein ideales, dem der Schein bleibt, wefshalb Anfänger Gefahr laufen, in dem plaftifchen Bilde mehr zu fehen, als ein conventionelles greifbares Zeichen, das nicht viel mehr zu fagen weifs, als das conventionelle Zeichen der Flachkarten und jedenfalls weniger, als das abftracte Bild der Schichtenreliefs. Trotz diefer Anftände finden die plaftifchen Landkarten Anwerth, und waren daher in der Weltausftellung zahlreich repräfentirt. Am günftigften fallen die Karten der Schweiz aus, weil das Land klein ift und die Maffen und Höhen grofs find. Bürgi's Karte der Schweiz( etwas gröfser und beffer ausgeführt als Beck's Schul- Reliefkarte) ift eine der wenigen nicht überhöhten. Eine fleifsige Arbeit trat uns in Wilhelm Mehnert's Reliefkarte der Schweiz entgegen, nicht minder in der Reliefkarte der fächfifchen Schweiz desfelben Autors. In grösserer * Schon früher hat das Minifterium dem Official Pauliny eine Anzahl Copien feines Reliefs des Salzkammer- Gutes abgenommen und an die Lehranstalten vertheilt. Leider erlaubte der Koftenpunkt nicht die Ausführung in doppelt fo grofsem Masse. 12 Anton Steinhaufer. Anzahl erfchienen die fabriksmäfsigen Erzeugniffe von Schotte in Berlin ( Oefterreich- Ungarn, Deutſchland, Europa etc.), welche aber die faft ein halbes Jahrhundert älteren Arbeiten von Bauernkeller und die früheren Arbeiten von Ravenftein und Anderen nicht überflügeln. Sowie die Bergzeichnung auf Flachkarten ihre Stufen hat von der richtigen allgemeinen Charakteriſtik bis zum bedeutungslofen rohen Zeichen, fo zeigen auch die Reliefs, ob ein tüchtiger Geograph oder oder ein reiner Techniker ihnen die Geftalt gab. Aufser den durch die Preffe erzeugten Reliefkarten( Ungarn, Mitteleuropa, füdöftliche Karpathen, Gegend von Rom von Tóth; Böhmen von Hickmann, mit der Grenze abgefchloffen)' fand man noch in der Ausftellung des k. k. Unterrichtsminifteriums eine Reliefkarte des Kriegsfchauplatzes in Mexico, in der englifchen Expofition eine grofse Reliefkarte von Oftindien, in der egyptifchen eine folche von Egypten und Nubien( dürftig befchrieben) und im Kataloge der italienifchen Ausstellung eine Reliefkarte von Italien von Profeffor E. Tironi. In Frankreich enthielt die Gruppe XXVI in verfchiedenen Gröfsen plaftifche, zweckmässig nach Hauptfchichten colorirte Karten von Frankreich von Caroline Kleinhans( ohne Grenzen, ohne Flufsnamen, aber mit den bedeutendften Orten), nicht minder von derfelben Künftlerin Reliefkarten von eilf Departements ( l'Aisne, Cote d'Or, Vosges, Orne, Haute Saone, Gironde, Haute Garonne, Ain, Alps Franc., Isère, Savoye) alle mit dunkleren Gebirgsregionen auf dem gelblichten Grunde der tieferen Landfchaften. Eine fleifsige Arbeit des öfterreichifchen Hauptmannes Menzinger, ein Relief von Europa mit zwanzigfacher Ueberhöhung für Militärfchulen beftimmt, mag hier vorübergehend Erwähnung finden. In der Ausstellung des deutfchen Reiches machte fich auch ein Relief( Adler in Hamburg) der Erde und des Meeres in Mercatorprojection auffällig bemerkbar, bei dem natürlicher Weife der vielfach outrirte Höhen- Mafsftab mit dem bis zur Unendlichkeit wachfenden Mafsftabe der Projection nicht gleichen Schritt halten kann. Mögen die Reliefkarten kleinen Maſses ihre Mängel haben, fo bleiben fie doch mit Hinzufügung anderer Zeichen( Fäden oder Drähte für Strafsen, Stecknadel- Köpfe verfchiedener Gröfse für Orte, vertiefte Rinnchen für Flüffe, erhabene Punkte für Grenzen etc.) fehr brauchbare Hilfsmittel für Blinde, und auch in diefer Claffe von Karten fand man Beiſpiele: in der öfterreichifchen Ausftellung ( Karten, adjuftirt vom Lehrer Glötzl des Wiener Blindeninftitutes), in der Ausftellung des deutfchen Reiches( Reliefkarte von Thüringen von C. Oehlwein, plaftifcher Plan von Hamburg vom Lehrer Panz und von Hannover vom Tifchler Hartmann), und in der englifchen Ausftellung( Physical map of England von Brion und Sohn, 1872 mit erhabenen Grenzen und Gebirgen). Mit der Ueberficht des Erdganzen fchliefst bei einem wohlvertheilten Unterricht der Elementarcurs der Erdbefchreibung. Zu diefer Ueberficht dient weitaus beffer als alle Surrogate( Planigloben z. B.), der Globus, aber ein magerer, ohne den Ballaft von topographifchem und phyfikalifchem Detail, was erft viel fpäter verwerthet werden kann, und ohne jenen Ueberflufs von Montirung, der nur zur Löfung mathematifcher Aufgaben nöthig ift. Die in der Weltausftellung vorhandenen Globen aller Gröfsen( fie erreichten von 4 bis 30 Zoll Durchmeffer) war die Mehrzahl nach reichlicher ausgeftattet, als für Anfänger abfolut erfor derlich ift; man glaubt genug gethan zu haben, wenn man den Durchmeffer verkleinert und dadurch auch den Inhalt befchränkt. Am nächften kommt dem früher aufgeftellten Ideale ein kleiner Globus mit indifcher Schrift, für die Schulen in Bengalen beftimmt( ausgeftellt, wie ein Zettelchen befagt, wegen Wohlfeilheit!). Ihm ähnlich zeigte fich ein Globus aus einer Cocusnufs, und ein anderer auf einem Meffinggeftelle mit fchief geftellter Achfe. In der Ausftellung Frankreichs erfchienen Globen von Perifot, von Levaffeur( eine Gattung von mäfsiger Gröfse, mager befchrieben und mit vorzugsweifer Berücksichtigung des Hoch- und Tieflandes durch einige Farbentöne, die andere Gattung gröfser mit reichem Detail, Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 13 beide bei Delagrave), von Profeffor Bonnefont( bei Ch. Rochette in zwei Gröfsen nach Angabe des Titels für Elementarfchulen beftimmt. Im italienifchen Kataloge find Globen von Paravia in Turin angeführt. In der Ausftellung von Nordamerika( zum Theile auch im nordamerikanifchen Schulhaufe) fand man Globen von Schedler( bei Steiger in New York) von 4, 9, 12 und 20 Zoll in einer Schulausgabe und mit reicherem Inhalt, namentlich in Bezug auf Communicationen zur See, und Erd- und Himmelsgloben von Joslin, die fich von allen anderen dadurch unterfcheiden, dafs die Figur 8, die entſteht, wenn man die Sonnenorte des wahren Mittags im Meridian mit einer Linie verbindet, nebft Angabe der jeweiligen Sonnenhöhe darauf angebracht ift. Im fchwedifchen Schulhaufe ftand ein Erdglobus( mit Angabe der Meeresftrömungen) und ein Himmelsglobus, deffen Figuren durch lichtblaue Färbung von dem dunkelblauen Grunde fich abhoben. Die Ausftellung des deutfchen Reiches war fehr reichlich mit Globen ausgeftattet von allen Gröfsen, in verfchiedener Montirung. Ohne Schrift find nur die Reliefgloben von Adami( bei Reimer in Berlin, zwei Ausgaben, die beften diefer Art). Die anderen von Adami zeichnen fich durch befondere Nettigkeit der Ausführung im Farbendrucke aus, eine Eigenfchaft, die man auch an den Globen aus dem Atelier von Schotte in Berlin ( das auch Reliefgloben erzeugt) beobachten konnte. Auch das geographifche Inftitut in Weimar liefert lobenswerthe Erd- und Himmelsgloben in verfchie.. denen Gröfsen Auch von C. Adler in Hamburg werden Globen( für Lehrer) verfertigt. In Oefterreich- Ungarn befchäftigen fich nur Fr. Schönninger in Wien und Felkel in Prag mit Globenfabrication in mehreren Gröfsen; die des letzteren werden auch in anderen Sprachen geliefert und waren( in magyarifcher Sprache) in der ungarifchen Expofition zu finden, Schönninger's Globen( von 6, 9 und 12 Zoll) in der Ausftellung des k. k. öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums. Ein achtzehnzölliger Reliefglobus von der Hand Schönninger's ift nicht vollendet worden; deffen Magnetglobus, Mondglobus und andere Globen ( z. B. die von grofsem Durchmeffer) und jener von Hugel etc. werden später zur Befprechung gelangen. Der Himmelsglobus ift für die Volksfchule ein entbehrlicher Apparat, umfomehr, als er durch Flach- Sternkarten mit beweglichem Horizont leicht erfetzt werden kann. Er wird daher später zur Erwähnung gelangen. Hier mufs noch der Inductionsgloben gedacht werden, nämlich jener Kugeln mit fchwarzem Schiefergrund und Meridian, die beftimmt find, An fängern die Entstehung des Gradnetzes der Erdkugel zu veranfchaulichen. Sie werden in den meiften Anftalten erzeugt, die fich mit der Fabrication von Globen befaffen, und es mag hiebei noch erwähnt werden, dafs Schönninger der Erfte war, der die früher üblichen zerbrechlichen Gypskörper durch folides Materiale erfetzte, fo dafs die Kugeln felbft beim Falle aus der Höhe unbefchädiget bleiben. Nach dem Ueberblick der Erde folgt als Schlufs des Volksfchul- Unterrichtes die Kenntnifsnahme von der Entftehung von Tag und Nacht, der Jahreszeiten und Mondesviertel, mit anderen Worten von der fcheinbaren Bewegung der Sonne, des Mondes und der Sterne und der wirklichen Bewegung der Erde. Dazu dienen beffer als alle Zeichnungen die Ringkugeln und die Tellurolunarien. Die Ringkugel( Armillarfphäre) der alten Zeit war mehr Planetarium, fowie es noch mehrere der ausgeftellt gewefenen Apparate find, und ift in diefer Geftalt für die Volksfchule nicht anwendbar; wohl aber leiftet die zur hohlen. Himmelsfphäre degradirte Ringkugel( mit dem verftellbaren Horizont um die in der Mitte befindliche Erde) die beften Dienfte, um Anfängern zuerft die fcheinbare Bewegung des Sternenhimmels und der Sonne zu zeigen, dann die naturgemässe, wirkliche Bewegung mit ihren Folgen zu erklären. In der Weltausftellung figurirten nur wenige Ringkugeln. Eine fehr fchön gearbeitete von 30 Zoll Durchmeffer, von D. Reimer in Berlin ausgeftellt, ift eigentlich ein von einer Ringkugel umfchloffenes Tellurolunarium, und wird 14 Anton Steinhaufer. durch eine mechanifche Vorrichtung in Bewegung gefetzt. Der celeftial Indicator von H. Bryant bei Hartford( Vereinigte Staaten von Nordamerika) ift von geringer Gröfse( circa 12 Zoll), zugleich Planetarium( bis zum Mars). Die innere Fläche des Thierkreis- Ringes nimmt ein Streifen einer Sternkarte ein, aufsen ift die Gebrauchsanweifung angebracht. Profeffor Culik in Brünn hat zwei Ringkugeln eingefendet, von zierlicher Arbeit mit einem breiten Zodiacus von Meffingblech, in dem die Himmelszeichen durchgefchlagen find. Bei einem Apparate ift die Erde mit einem Horizonte verfehen, bei dem anderen befteht der Horizont allein. Von Schönninger in Wien waren mehrere Ringkugeln ausgeftellt, 22 bis 24 Zoll im Durchmeffer, die fich weniger durch die Eleganz der äufseren Erfcheinung empfahlen, als durch die einfache Einrichtung. Alle haben Kreife aus ftarkem Eifendraht, verfchieden bemalt, um fie aus der Ferne noch gut unterfcheiden zu können; fie haben die Ekliptiklinie, aber keinen Streifen des Thierkreifes, der viel verdecken würde, die Erde mit dem beweglichen Horizont und ein Sonnenfcheibchen zum Aufftecken und Verfchieben auf der Ekliptik. Die gröfseren Apparate find noch mit einem feinen Drahtnetz überzogen, das aus Allignements zufammengefetzt ift, wodurch die Sterne erfter bis dritter Gröfse verbunden find. Selbftverständlich ift die complicirtere Einrichtung nicht für die Volksfchule beftimmt, noch weniger, wenn fie, in dritter Compofition bei abermal vergröfsertem Durchmeffer, bis zum durchfichtigen Himmelsglobus( Sterne bis inclufive fünften Grades) und zum Uranoplanetarium gefteigert wird. Ein reines Planetarium von Schotte in Berlin mit auf Radien aufgeftellten Planeten ift folchen Apparaten franzöfifchen Urfprunges fehr ähnlich, gewährt wie faft alle Planetarien nur eine höchft dürftige Vorftellung von dem Zuftande unferes Sonnenfyftems, und theilweife fogar eine ganz falfche, indem die grofse Menge der kleinen Planeten zwifchen Mars und Jupiter, die beffer ganz wegbleiben, durch ein doldenartiges Conglomerat von einem halben Dutzend Kügelchen verfinnlicht wird. Der Katalog der italienifchen Regierung zählte Sfere aftronomiche und Planetarien von Paravia(+) in Turin auf, eine Machina aftronomica von Profeffor Chiofin Brescia, die wegen vergeblicher Nachforschung( wie manches Andere) nicht einbezogen werden konnten. Das Planetarium von J. H. Milberg in Hamburg theilt das gleiche Schickfal. Um die Bewegung der Erde um die Sonne, den Parallelismus der Erdachfe und die dadurch bedingten Jahreszeiten und Tageslängen zu erklären ift das Tellurium, um die Mondesphafen und die Finfterniffe zu erklären das Lunarium conftruirt worden. Es liegt ein Vortheil in der Einrichtung, wenn die zur Mondbewegung gehörigen Theile anftandslos entfernt und wieder hinzugefügt werden können, damit die Auffaffung ungeftört bleibt, und die zweite Erklärung folgen kann, wenn die erfte wohl verftanden wurde. Gewöhnlich find beide Apparate vereinigt, und in den meiften Fällen dient ein durch eine Kurbel bewegtes Räderwerk zum Umtrieb des Armes, deffen Ende die Erde trägt. Man fand in der Ausftellung einfache Tellurolunarien von Schönainger in Wien, durch Schnüre ohne Ende bewegt, viele andere mit meffingenem Triebwerke, wie fie Felkel in Prag, Schotte in Berlin, das geographifche Inftitutin Weimar, und andere Anftalten verfertigen laffen. Aufserdem kamen vor: Tellurien vom Pfarrer C. Heinrich in Sauggart bei Riedlingen( mit Text) und von C. Adler in Hamburg. Selbftverftändlich können alle diefe Conftructionen nur eine fehr oberflächliche Vorftellung von der Sache geben, die( namentlich was die Bewegung des Mondes betrifft) fpäter vielfach berichtigt werden mufs. Meiftens wird auf das natürliche Verhältnifs zu wenig Rückficht genommen. Wenn auch eine vielmalige Vergröfserung der Körper, in noch viel höherem Grade der Entfernung des Mondes von der Erde als unausweichliches Uebel geduldet werden mufs, fo darf doch diefe Uebertreibung nicht fo weit gehen, dafs der Mond, wie es bei einem von Schotte ausgeftellten Tellurolunarium der Fall ift, bei feinem Umlaufe der Sonne bedeutend näher kommt als der Erde. Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 15 Alle übrigen Hilfsmittel für die mathematifche( aftronomifche), für die phyfikalifche Geographie etc. werden bei der Mittelfchule in Betracht kommen; für die Volksfchule, bei der der Anfchauungsunterricht eine grofse Rolle fpielt, mufs noch der Illuftrationen gedacht werden, der Wandbilder, von denen wir in der Ausftellung nur wenigen Repräfentanten begegneten. Zwar fehlte es nicht an ganz zweckmäfsig arrangirten Sammlungen beinahe für jeden Zweig der Erdkunde, wie es z.B. das Bilderwerk zum Brockhaus'fchen Converfations lexikon ift, auch nicht an Stereofkopen, aus denen man eine Rundreife über die halbe Erde zufammenftellen könnte, allein Wandbilder, landfchaftliche, monu mentale, ethnographifche etc., von denen die Schulen Gebrauch machen können, find im Ganzen noch ein frommer Wunfch, und die Ueberzeugung von ihrer nütz lichen Verwendung beim Unterrichte das Auge lieft aus ihnen viel mehr ab, als Befchreibungen zu geben vermögen kann vielleicht einmal zu einem inter nationalen Unternehmen führen, wie deren fchon mehrere anderer Art durch das Zufammenwirken der Staatsregierungen zu Stande gekommen find. Die Bilder bleiben für alle Schulen gleich, nur die Unterfchrift wechfelt nach der Landesfprache. Alle Anläufe von Privaten zu diefem Ziele find theils im Keime fchon erftickt, theils viel zu dürftig angelegt worden und des Koftenpunktes wegen und ob der in Folge davon geringen Theilnahme Stückwerk geblieben. - - In der Weltausftellung hingen aufser Profeffor Simony's fchon bekanntem Wandbilde der Gletfcherphänomene, ein Theil des von ihm mit bekannter Naturtreue aufgenommenen Saarftein- Panoramas und die von ihm herrührenden fechs Alpenbilder, die von der geographifchen Anftalt in Gotha publicirt wurden, und die nur einen kleinen Theil der Arbeiten diefes Vertreters der wiffenfchaftlichen Landfchafts- Zeichnung in Oefterreich bilden; einige vom Taborer Gymnafium ausgeftellte Wandbilder( Samum, Nordlicht, Pompeji etc.), eine Anzahl von Beftandbildern egyptifcher Denkmäler( Originalzeichnungen von Profeffor Langlin Wien, in Farbendruck von E. Hölzl's Anftalt), ein Panorama vom Stuhleck( Steiermark) gezeichnet von Jäger, gemalt von Schmölzer. Ungern vermifste man Profeffor Unger's(+) ideale Landfchaften der geologifchen Perioden, die freilich fchon einer älteren Periode angehören, und an die man durch Profeffor Erxleben's Handzeichnungen( Geognoftifche Partie der öfterreichifchen UnterrichtsminifterialAusftellung) lebhaft erinnert wird. Die Photographie hat reichliches Materiale für die geographifche Kenntnifs vieler Länder geliefert, welche Stoff zu ebenfo vielen Wandbildern geben würden. Die vielen Aufnahmen indifcher Monumentalbauten und Gegenden aus allen Erdtheilen bilden ganze Sammlungen und namentlich bieten die der nordamerikanifchen Freiftaaten eine grofse Fundgrube für die Kenntnifs des Felfengebirges, der Sierra Nevada und überhaupt des inneren weftlichen Theiles der Union. Es ift glücklicher Weife dortlands( ohne den Koftenpunkt zu fcheuen) der Gedanke beftens ausgeführt worden, mit der geologifchen Aufnahme unter der Auff.cht des Profeffors Hayden eine photographifche Aufnahme aller intereffanten, pittoresquen und lehrreichen Naturgebilde, vom Hemiorama der Höhen bis zum erratifchen Block herab, zu verbinden. Wie viel grofsartige Bilder hat nur allein das Jofemitethal und die Geyferregion geliefert! Auch die Ethnographie fand Ausbeute in der Weltausftellung durch die vielen Coſtumefiguren, die in der türkifchen, chinefifchen, fchwediſch- norwegifchen Ausstellung, im Pavillon Sidoroff und anderwärts zu finden waren. In Beziehung auf geographifche Naturgefchichte boten Hunderte von ausgeftopften Thieren Belehrung für Liebhaber der Zoologie, und viele exotifche Pflanzen erregten das Verlangen nach reichlicherer Schau. Kann man fich jetzt noch keine Schule denken, felbft eine reichlich dotirte, wo nicht blofs, wie es jetzt der Fall ist, ein paar Wände mit naturgefchichtlichen Wandtafeln, fondern auch einige Cabinette mit geographifchen Wandbildern behangen find, fo liegt doch der Gedanke nahe, dafs die grofsen Städte, denen die Mittel dazu zu Gebote ftehen, für alle Schulen ihres Weichbildes ein gemein 16 Anton Steinhaufer. fchaftliches geographifches Mufeum errichten, das nicht blofs den Schülern aller Anftalten, fondern auch den blofsen Dilettanten der Wiffenfchaft, felbft dem Fachgelehrten, reichlichften Stoff zur Belehrung bieten könnte. Ein folches Mufeum ift nicht als eine fchöne Phantafie zu betrachten, deren Verwirklichung aufser dem Bereiche des menfchlichen Wollens liegt, es kann jede Stunde gegründet werden, fobald das Verftändnifs der Nützlichkeit und Zweckmäfsigkeit eines folchen Unternehmens in die leitenden Körperfchaften gedrungen ift, und zum Willen fich die Thatkraft findet. II. Geographifche Lehrmittel für die Mittelfchulen. In den Mittelfchulen wiederholt und erweitert fich der geographifche Unterricht, in Folge davon wachfen auch die Unterrichtsmittel an Qualität und Quantität. Wenn in der Volksfchule aufser der Heimatkarte ein halbes Dutzend Wandkarten und ein Schulatlas von doppelt fo viel Blättern ausreichte, plaftifche Karten nur zur Erklärung der Bergzeichnung und als Mufter in Anwendung kamen, der Globus nur als Ueberficht der Land- und Waffermaffen u. f. w., fo treten nun Wand- und Schulkarten in gröfserer Zahl und mit reicherem Detail auf, Schichtenkarten und plaftifche Karten als hypfometrifches Materiale, der Globus zur Löfung mathematifcher Aufgaben. Viele der bei der Volksfchule erwähnten kartographifchen Unterrichtsmittel find auch in den unteren Claffen dei Mittelfchulen noch zu brauchen; um zu viele Wiederholungen zu vermeiden, werden nur jene, in der Weltausftellung befindlich gewefenen Hilfsmittel vorzugsweife erwähnt werden, welche durch Umfang und Inhalt entfchieden für die Mittelfchulen fich eignen. Im Bereiche der reicher ausgeftatteten Hand- und Wandkarten( kleineren und gröfseren Umfanges) fand man in der Ausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums drei Karten öfterreichifcher Kronländer( Böhmen 2 Blätter, Mähren, Oefterreich mit Salzburg 2 Blätter), redigirt von A. Steinhaufer( Wien bei Artaria 1870-1872), mit Nebenkarten( Umgebung von Prag und Brünn) im Mafse von 1: 432.000 der Natur und die Karte von Europa von Oberft Ritter v. Scheda( Neue Ausgabe. Wien bei Artaria, 25 Blätter, im Mafse 1: 2,000.000 der Natur), die, in Farbendruck ausgeführt, fich zu einer detaillirten orohydrographi fchen Karte umgeftalten läfst. Die Ausftellung des deutfchen Reiches zierten: H. Kiepert's Wandkarten von Europa( 9 Blätter, Berlin bei D. Reimer 1873 in I: 3,000.000), von Rufsland( 6 Blätter 2. Auflage 1873) und von der europäiſchen Türkei( 4 Blätter, 2. Ausgabe 1872).* Eine zweite Wandkarte der Türkei in 18 Blättern von Handtke( Glogau bei Flemming) lag ebenfalls auf. Ungern vermifste man die fleifsig bearbeitete Wandkarte des deutfchen Reiches von Ravenftein( Hildburghaufen, bibliographifches Inftitut), die auch Weftöfterreich umfafst. Zu den Wandkarten kann man auch jene vortrefflichen Karten rechnen, die fich aus Blättern des Stieler'fchen Atlanten zufammenfetzen laffen, als: die Karte von Spanien von C. Vogel( 4 Blätter), die Karte der Vereinigten Staaten von Nordamerika von A. Petermann( 6 Blätter), die von H. Berghaus überarbeitete Mayer'fche Karte der Alpen( 8 Blätter). Ebenfo jene aus 8 Blättern beftehende Karte von Auftralien von A. Petermann aus den geographifchen Mittheilungen. Zur Claffe der Wandkarten gehört auch die noch unübertroffene Chart of the World von H. Berghaus( 8 Blätter Gotha bei J. Perthes), die fchon in 6. Ausgabe *) Mit Zugrundelegung diefer Karte und mit Benützung der Aufnahmen von Preffel und anderer Materialien ift die grofse Generalkarte der Türkei im Mafse von 1: 400.000 der Natur hervorgegangen, die unter der Leitung des Generalconfuls R. v. Schwegel auf Koften des Baron Hirfch von Gereuth von Hauptmann Stuchlik und Oberlieutenant Moretti gezeichnet wurde. Die Namen der Länder, Meere und andere Hauptnamen find von Ali Efendi in türkischer Schönfchrift neben beigefetzt Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. - 17 erfchienen, fich bei allen feefahrenden Nationen eingebürgert hat. Der englifche Text ift für den Schulgebrauch kein wefentliches Hindernifs, dagegen der phyfikalifche Inhalt der Karte( Polareis, Meeresftrömungen, Vegetation etc.) ein ficherer Gewinn. Auch die Mercatorprojection kann nicht beirren, da die Oberfchüler die richtigen Vorftellungen vom Verhältnifs der Erdräume fchon mitbringen und es nur der Volksfchule obliegt, der Ueberficht der Continente und Oceane keine Mercatorprojection zu Grunde zu legen. In der Ausftellung Italiens begegnete man einer Wandkarte von Europa von F. Arrigoni in 28 Blättern( bei Crivelli in Mailand); in der ruffifchen einer Wandkarte von Turkeftan( 1872 Tafchkent), einer zweiten von Centralafien, einer dritten von den Kaukafusländeru; in der britiſchen ( Colonial) Ausftellung einer Wandkarte von Afrika und in dem von John Bartholomew( Edinburgh) ausgeftellten Bande von 200 Stichproben Wandkarten von England und Schottland in 18 und 12 Blättern; in der franzöfifchen einer Wandkarte von Tunis( 2 Blätter 1857 Paris) von Oberft Blondel; in der nordamerikanifchen der geologifchen Erdkarte von Marcou( 8 Blätter, 2. Auflage, Winterthur bei Wurfter); den Wandkarten der Vereinsftaaten von Colton( New- York 1872) und von Drummond( 1871 general- land- office); in der füdamerikaniſchen einer Wandkarte von Paraguay vom GenieoberftWiesner( Handzeichnung in 1: 355.000), die erfte auf trigonometriſchen Meffungen beruhende Karte diefes Staates, und einer Karte von Venezuela nach Codazzi mit 28 Porträts, Bolivar's an der Spitze; in der japanefifchen zwei riefigen Wandkarten von Japan( Nipon), einer Küftenkarte und einer vollſtändigen Karte mit Angabe der Leuchtfeuer; beide verkehrt orientirt und vielleicht angewiefen, in der Schule Japans die Stelle unferer Vaterlands- Karten einzunehmen. Es ift auch zu beachten, dafs aus umfaffenderen Kartenwerken, z. B. aus der( nicht ausgeftellten) Karte von Centraleuropa von Oberft R. von Scheda, oder aus der Karte Deutfchlands von Reymann( Glogau bei Flemming) Wandkarten kleinerer Länder und Staaten zufammengefetzt werden können. Auch grofse topographifche Karten können nach Umftänden in den Mittelfchulen Anwendung finden, z. B. die meifterhaft geftochene Karte der Schweiz von Dufour ( 25 Blätter in 1: 100.000 der Natur, eidgenöffifches Bureau). Eine zweite Claffe der Wandkarten bilden jene zur mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Diefes Feld ift noch fehr dürftig angebaut. Aufser der Wandkarte von Wetzel( Berlin bei D. Reimer) und ihrem Nachfolger von Jaufs( Wien bei Hölzl), welche die zerftreut vorkommenden Zeichnungen in Werken der mathematiſch- aftronomifchen Geographie( Planetenlauf, Gefchwindigkeiten, Gröfsen, Mondlauf etc.) zu einem Wandtableau vereinigen, bot die Ausftellung getrennte Wandtafeln desfelben Inhaltes im fchwedifchen Schulhaufe und die in den gröfseren Atlanten enthaltenen Eingangsblätter. Phyfikalifche Wand karten im engeren Sinne, wie es die Blätter des berühmten Atlas von Heinrich Berghaus find, erfchienen in der Ausftellung weder einzeln noch in Suiten, wenn man nicht die eben zuvor erwähnten Karten von Marcou und Berghaus' Weltkarte einzwängen will.* In diefer Beziehung fteht der wiffenfchaftlichen Speculation ein grofser Wirkungskreis offen, der hoffentlich nicht leer bleiben wird, da fich das Bedürfnifs fchon intenfiv in mafsgebenden Kreifen kund gibt. Im weiteren Sinne würden Profeffor Simony's Arbeiten über die Seen des Salzkammergutes und Anderer hier erwähnt werden müffen, wenn es nicht angemeffen erfchiene, folche fpecielle Unterfuchungen und Zeichnungen der Univerſität vorzubehalten. Eine dritte Claffe von Wandkarten machen die hiftorifchen aus, unter welchen die das Alterthum umfaffenden die Mehrzahl ausmachen. Hier waren Deutfch* Einige phyfikalifche Wandkarten( Handzeichnungen von Lehramts- Candidaten in Sobieslau), die in der Vorausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums vorlagen, waren nur vergröfserte Nachbildungen von Berghaus'fchen Karten 2* 18 Anton Steinhaufer. land in vorzüglichem Grade vertreten und H. Kiepert, der gelehrtefte Kartograph nach C. Ritter's Ausfpruch, nahezu und mit Recht Alleinherrfcher. Von feiner Hand rühren die bei D. Reimer in Berlin erfchienenen Wandkarten der alten Welt, von Altitalien, Altgriechenland und vom römifchen Reiche her, defsgleichen die analogen( früher bearbeiteten) Wandkarten gleichen Umfanges, die das geographifche Inftitut in Weimar verlegt, und zu denen noch eine Umgebungskarte des alten Rom in 4 Blättern hinzukam. Im zweiten Range erfchienen 13 Blätter eines Wandatlas für alte Gefchichte aus dem fruchtbaren Atelier von Holle in Braunfchweig. Die Wandkarte des Impero romano von de Colle(?) und eine von Altgriechenland von Guyot( New- York) machen den Reft der Wandkarten für das claffifche Alterthum aus. Jene von Paläftina find fchon unter den Hilfsmitteln für die Volksfchule erwähnt worden; für die Mittelfchulen würde darunter nur Kiepert's Wandkarte( 8 Blätter, Berlin bei D. Reimer) höheren Anforderungen genügen( für das Palästina der Neuzeit die im geographifchen Inftitute in Gotha erfchienene Karte von van der Velde). Zur Gefchichte des Mittelalters und der Neuzeit leiften die 10 Wandkarten von Europa( Gotha, bei J. Perthes) erfpriefsliche Dienfte. Unter die hiftorifchen Wandkarten kann man auch die photographifchen Reproductionen von Originalen von Karten und Plänen aus früheren Jahrhunderten zählen, wovon die Ausftellung zwei intereffante Piecen enthielt, nämlich ein Facfimile der Weltkarte von Fra Mauro vom Jahre 1459( in der Rotunde), und ein anderes von einem Plane von Paris vom Jahre 1540. Für die Schule find es vorübergehende Schauftücke, für das eingehendere Studium der hiftorifchen Geographie höchft fchätzbare Quellenwerke. Nun kommen die Schulkarten und Schulatlanten höherer Ordnung an die Reihe ohne Rückficht, ob einzelne Theile derfelben fchon in der Volksfchule Anwendung finden. Unter den von Oefterreich- Ungarn auf der Weltausftellung vorgekommenen drei, von Kozenn( Wien, bei Hölzl, begonnen 1861), A. Steinhaufer( Wien, bei Artaria& Comp., begonnen 1865, 5 Hefte und 1 Supplement) und von Profeffor C. Vogel( Wien, bei J. Fuchs, 35 Karten) hält fich der erftere mehr an das Vorbild des Stieler'fchen Atlas, letzterer nähert fich in der Anlage und in der Ausführung im Farbendrucke mehr dem Sydow'fchen und ift von einem Texte begleitet, der die in den erften Heften gebrauchten Abbreviaturen erklärt und die Rolle eines topifchen Leitfadens mit den fortfchreitenden Karten der für Mittelfchulen beftimmten Hefte III bis V zunehmend aufgibt. Das IV. Heft. enthält 6 Karten von Mitteleuropa( hydrographifche, orographifche Schichtenkarte, Bevölkerungsdichte, Eifenbahnen-, Staatenkarte). Den Staatenkarten laufen Schichtenkarten zur Seite mit den Ifohypfen für 500, 1000, 2000, 4000, 8000, 12.000 Fufs. Sowohl aus dem Atlas von Kozenn wie aus dem von Steinhaufer find eine Anzahl orographifcher und ftummer Karten hergeftellt worden. Vogel's Atlas ift von gleich vielen ftummen Karten begleitet, die offenbar zu Repetitionskarten beftimmt find, und muthmafslich einem Umdruck vor der Schrift ihre Entftehung verdanken. Ein vierter noch nicht vollendeter Atlas von Scheda- Steinhaufer ( Wien, bei Artaria feit 1870, von dem 17 fertige Blatter vorliegen), es fehlt noch die Schweiz und die Karten der öfterreichifchen Kronländer), ift für höhere Claffen beſtimmt als Erfatz für den veralteten Fried'fchen Atlas und mit vielem Aufwand in Kupfer geftochen. In der Ausstellung des deutfchen Reiches wurde. uns viel des Guten geboten. Aufser dem rühmlich bekannten Stieler'fchen Schulatlas, deffen neue von H. Berghaus reducirte Blätter dem Sprichworte entſprechen für die Schule ift nur das Befte genug", der in verfchiedenen Kartencombinationen ausgegeben wurde, dem auf der Buchdrucker- Preffe hergeftellten, durch den Druck mit verfchiedenen Platten in feparate( oro-, hydro-, topifche) Atlanten zerfallenden Sydow'fchen Atlas, ( 42Karten), der, mit feltener Confequenz nach erprobten Principien durchgeführt, eine heilfame Reform im methodifchen Unterricht bewirkte, und den für höhere Claffen Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 19 berechneten gleich werthvollen methodifchen Handatlas desfelben Meifters der Schul- Kartographie, hat das geographifche Inftitut in Gotha( Juftus Perthes) ebenfo wie durch den grofsen Stiele r'fchen Atlas( 90 Blätter, eben in jüngfter Erneuerung begriffen) fich ein nie verfchwindendes Verdienft um die Wiffenfchaft und den Unterricht erworben. Der weltbekannte Stieler'fche Atlas, von dem aufser dem Titel kein Blatt mehr an den urfprünglichen Gründer erinnert, ift dem Zufammenwirken von drei ausgezeichneten Kartographen zu verdanken, Aug. Petermann, Herm. Berghaus und Carl Vogel, und zeichnet fich die Redaction desfelben durch die fchnellfte Affimilirung aller neuen Entdeckungen und fonftigen Veränderungen befonders aus. Einen nicht minder guten Ruf hat fich H. Kiepert's Handatlas( Berlin, bei D. Reimer, 2. Ausgabe, grofs Folio, 45 Blätter, 1871) erworben, als eine Kartenfammlung, deren äufsere Ausftattung elegant, deren harmonifche Durchführung die leitende eine Hand verräth, und deren innere Güte durch den Namen des Autors verbürgt ift. Aus dem grofsen Atlas ift eine Auswahl von 21 Blättern zufammengeftellt worden. Das geographifche Inftitut in Weimar( Dr. Arnd) debutirt mit einem Atlas von 67 Karten in grofs Folio, an denen in früherer Zeit H. Kiepert, in fpäterer Graefe Antheil hatten. Er war einer der erften in Deutfchland, erlebte nun die 44. Erneuerung und erlangte beim jüngften geographifchen Congreffe die Medaille. Die fünf Karten der weftlichen öfterreichifchen Kronländer, zu welchen Graefe eine hübfche Terrainzeichnung geliefert hat, wurden durch Hinzufügung des hydrographifchen Netzes und eines Textblattes zu gut verwendbaren orohydrographifchen Karten diefer Länder. Ein zweiter Atlas von Graefe in kleinerem Formate ift im gleichen Verlage erfchienen und eine nette und correcte Arbeit.- Unter den übrigen Atlanten fand man den geographifchen Schulatlas von Lange( Leipzig, bei Brockhaus, 2. Auflage 30 Blätter, darunter eine Schichtenkarte von Mitteleuropa in 4 Blättern); den hydroorographifchen Atlas aus Karten, nach Gypsmodellen photolithographifch hergestellt, beftehend, von Kellner& Comp. in Weimar, die mit den analogen Wandkarten derfelben Erzeugungsquelle in nächfter Verwandtfchaft ftehen; den fchon älteren, durch äufsere Eleganz und gefchmackvolle Farben beftechenden Atlas von Ewald( 80 Blätter mit einer Suite phyfikalifcher Karten); den Atlas von Sorr, Glogau bei Flemming; der Mayr'fche Atlas( bibliographifches Inftitut in Hildburghaufen), wie der vorige eine Kartenfammlung mit Blättern von verfchiedenem Werthe ohne harmonifchen Zufammenhang( darunter Ravenftein's hypfometriſche Schichtenkarte von Deutſchland in vier Blättern), fcheint zu fehlen. Ein phyfifch- ftatiftifcher Atlas von Sachfen von E. Rommel( Leipzig 1873 bei Fleifcher) bietet in 17 Karten ein Bild des Vaterlandes in allen Beziehungen, von der allgemeinen Lage, der geometrifchen Form, dem hydro- und orographifchen Verhältniffe etc. bis zur Ueberficht der ftatiftifchen Daten, ohne das letztere Gebiet zu erfchöpfen. Frankreichs Expofition zeichnete fich durch eine grofse Menge vielblätteriger Atlanten aus, theils auf die ganze Erde ausgedehnt, theils auf das Vaterland allein befchränkt und häufig auch auf das gefchichtliche Gebiet hinüberftreifend. Aus dem Verlage von Hachette in Paris lagen drei Atlanten auf; ein noch im Werden begriffener von Vivien de St. Martin, der auf 100 Blätter angelegt ift, und eine der vorzüglichften Leiftungen zu werden verfpricht, wenn alle Karten jenen fertigen der Schweiz ebenbürtig werden, bei der fich die Kunft des Grabftichels mit verſtändiger Reduction vereinigt. Ein Cahier mit Probeabdrücken läfst das Befte hoffen. Der zweite Atlas ift von Cortembert bearbeitet, umfafst 80 Karten und ift auch in Reductionen auf 66 und 22 Karten ausgegeben; der dritte von Adolf Joanne enthält in 95 Blättern Karten aller Departements. L. Vat's Atlas nouvelle claffique, phyfique, politique, hiftorique, commercial( bei Jeune in Paris) ift in drei Partien getheilt und von ftummen Karten begleitet, ebenfo der Atlas von Frankreich( phyfifch und politifch) und Levaffeur& Perigot, der ausdrücklich für Grammatikal- und Humanitätsclaffen beftimmt ift. Belin in Paris verlegt den Atlas von Drioux& Leroy von 76 Karten( 3 Abtheilungen von 30, 20 Anton Steinhaufer.. 30 und 16 Karten, deffen erftes Blatt einer Erklärung der Kartenzeichen und Projectionen gewidmet ift. Der Atlas univerfel von Groffelin- Demarché( bei Bertaux in Paris) hat 100 Karten, darunter 24 hiftorifche; der Atlas von Dufour für alte und neue Geographie( bei Chevalier in Paris), geftochen von Dyonnat, umfafst 40 Karten, eine Einleitung, eine Anzahl Nebenkärtchen, Höhentableaux und 9 hiftorifche Karten; der Atlas du Cosmos, bearbeitet von Vuillemin, geftochen von Jacobs unter der Direction von Barral( bei L. Guerin 1867) mit 26 Karten, abwechfelnd mit Text, fcheint dem deutfchen Atlas von Bromme zum Kosmos nachgebildet zu fein. Italien wies nur den Atlas von Vallardi( corografico, iconografico, ftorico e geologico, dem Könige gewidmet) auf, der im Jahre 1871 eine Prämie erhielt, 15 Blätter in grofs Folio enthält, darunter im Anhange 9 Profile. In der Ausftellung des britifchen Reiches lag kein Atlas höheren Ranges mit Karten politifchen Inhaltes vor, wenn nicht die in den 200 Stichproben von John Bartholomew in Edinburgh vorkommenden 48 Karten in Folio einen folchen bilden. Die Urfache diefer und anderer Lücken darf nicht in der Nichtexiftenz folcher kartographifcher Erzeugniffe gefucht werden, die bei einer feefahrenden Nation, deren Flotten die Meere beherrfchen, undenkbar ift; da jedoch weder Marine noch Landesvermeffung mit ihren reichen Schätzen fich bei der Weltausftellung betheiligt haben, fo fällt es weniger auf, wenn die Privatinduftrie in diefem Fache fern geblieben ift. Rufsland war durch einen grofsen Atlas von Glykow vertreten, in welchem ftatiftifche Karten( ethnographifche, Cultur-, Induftriekarten) und Karten aller Gouvernements vorkommen. Die Befchreibung in ruffifcher Sprache macht diefe werthvollen Arbeiten einem grofsen Theile der civilifirten Welt fchwer zugänglich. Nordamerika, d. i. die Freiftaaten, ftellte den neuen topographifchen Atlas von Pennſylvanien von Profeffor Welling und Ingenieur O. W. Gray aus, der zu Philadelphia im Jahre 1872 erfchien und mit Text verfehen ift. Er enthält 6 Generalkarten der Vereinigten Staaten( botanifche, klimatifche, geologiſche, Bergwerks-, Eifenbahn- und Staatenkarten), 66 Countykarten und 12 Städtepläne. Im nordamerikanifchen Schulhaufe lag John fons Atlas( New- York 1873) auf, der in Paris mit einer Medaille bedacht wurde und 62 Karten in Folio fafst. Er ift mit einem Text und einer phyfikalifchen Geographie von Guyot verfehen, und nebft den phyſikaliſchen, politifchen und hiftorifchen Karten mit Blättern ausgeftattet, auf welchen Uhren- Diagramme, Berghöhen, Flaggen und dergleichen Objecte zur Anfchauung gebracht werden. Südamerika war durch einen( officiöfen) Atlas von Brafilien betheiligt, der aus einer ftatiftifchen Generalkarte( mit einem Plane von Rio- Janeiro) und den Karten der einzelnen Provinzen befteht, die mit Nebenkärtchen ausgeftattet find. Eine Karte des füdlichen Brafiliens mit Uruguay und Paraguay hat wahrfcheinlich als Kriegskarte gedient. Schliefslich mag noch eine photographifche Copie einer echt chinefifchen Karte der Provinz Kiang erwähnt werden und als kaum übertreffbares Mufter technifcher Ausführung die Karten der niederländifchen Refidenzfchaften auf Java( Samarang, Pekalongan, Soerakarta etc.), die in die Cultur diefer tropifchen Landftriche die befte Einficht gewähren. Solche Karten haben zwar keine Berechtigung, als Schul- Unterrichtsmittel zu gelten, aber dennoch enthalten fie Stoff zur Belehrung, rückfichtlich zur Wahrnehmung der Landesbefchaffenheit tropifcher Gegenden, fo gut wie landfchaftliche Bilder, und in diefer Beziehung find fie als vorübergehende Schauftücke kein todter Schatz für eine höhere Claffe, insbefondere, wenn der Lehrer es verfteht, in feinen Begleitworten die Augen der Schüler auf jene Objecte zu fixiren, die ihrer Auffaffungsfähigkeit zugänglich find, und ihnen das Verftändnifs des Culturbildes ermöglichen. Nachdem alle Wandkarten, die gröfseren Atlanten mit vorwiegend politifchen Karten und einzelne Karten gleicher Art die Reihe paffirt haben, erübrigt Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 21 die Erwähnung der Atlanten, Karten und anderer Lehrmittel mit fpecieller Tendenz für die verfchiedenen Zweige der Geographie. Mögen jene für die mathematifche Geographie den Anfang machen. In der Ausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums lag ein Folioheft mit 15 fehr nett gezeichneten aftronomifchen Tafeln auf( nebft einem handfchriftlichen Text 1871), die das Verhältnifs der Planeten zur Sonne, der Erde zu Sonne und Mond zur Anfchauung bringen. Der Autor, Herr Schufter, penfionirter Bezirkshauptmann von Neutitfchein, hat bei der Zeichnung der Himmelskörper auf das richtige Gröfsenverhältnifs befondere Rückficht genommen. Eine Sonnenbahn- Karte" betitelte Vorrichtung mit beweglicher Ekliptikzone von Dr. Schloffer dient dazu, durch Stellung der letzteren nach der auf den Säulen, die den Himmel einfchliefsen, angebrachten Sonnenhöhe die Tageslänge für jeden Ort der Erde zu finden. Die Löfung derfelben Aufgabe bewirkt der von Director Hugel in zweierlei Ausgaben ausgeftellte Apparat, dem er den Namen„ Sonnenkreuz" gegeben hat, für jeden Ort und jeden Tag mit grofser Präcifion. Director Hugel hat auch einen Globus exponirt, blofs das Gradnetz und die Ekliptik enthaltend, um die Vorrückung des Frühlings und Herbftpunktes, mit anderen Worten die Präceffion der Nachtgleichen damit anfchaulich zu machen. Eine Weltuhr", deren Mitte eine drehbare Zeichnung der nördlichen Halbkugel einnimmt, rührt von dem Oberlehrer Schellenberger her; ein beweglicher Zeiger, der in jede Meridianlage gebracht werden kann, vermittelt das Ablefen und Beftimmen der Zeitunterfchiede. " Diefe Weltuhr gibt Veranlaffung, eines Objectes der portugiefifchen Ausftellung zu gedenken, das ein Zwitter zwifchen Uhr und Mercatormappe ift, fo dafs es zweifelhaft ift, welche von beiden die Hauptfache ift. Die Mercatorprojection der Erde ift um einen Cylinder gewickelt, der am oberen Rande einen Ring trägt, der zugleich als Zifferblatt einer Uhr dient, deren Stunden Saturnus, dem die Säule als Poftament dient, mit einem Griffel zeigt. Die Erdkarte unterfcheidet fich dadurch von anderen, dafs in disponiblen leeren Räumen( z. B. in den Oceanen) kurze Schilderungen der naheliegenden Länder angebracht find, wie man fie auf den Weltkarten des Mittelalters findet. Als Ausfteller diefer Univerfaluhr ift Pereire Veriffimo Alves genannt. Diefe Darftellung der Erde als Cylinder verdient öftere Anwendung, fie erklärt das Wefen der Projection der wachfenden Breiten auf anfchauliche Art und gibt die Erde als ein gefchloffenes Ganzes. In der Gruppe XXVI des deutfchen Reiches hat Schotte( Berlin) hemifphärifche Sonnenuhren und der Mathematicus C. Keffelmeyer aus Dresden ein calendarium perpetuum mobile ausgeftellt. An Sternkarten mit beweglichem Horizont, mittelft deffen, man den Stand des fichtbaren Firmamentes für jede Minute, die Zeit des Auf- und Unterganges der Geftirne etc. finden kann, bot Paris eine ziemlich reiche Auswahl; es waren welche da von Profeffor Beaumarché, von Bertaux( mit Allignements), von Chatelain( bei Lannée), von Vinot. Eine kleinere, den nördlichen Himmel umfaffende, mit etwas abweichender Einrichtung ift vom Director Hugel in Wien veröffentlicht. Mondkarten waren mit Ausnahme der längft überflügelten von Reichardt[ Wien]( in der additionellen Ausftellung) nicht vorhanden, wohl aber Photographien von Neyt zu Gand( Belgien), wie fie mit einem Fernrohr von 9 Zoll Oeffnung erhalten wurden. So gut fie, aller Schwierigkeiten ungeachtet, gerathen find, bieten fie im Grunde doch weniger als jede aus der Beer- Mädlerfchen Mondkarte gut reducirte Copie von gleicher Gröfse. Erd- und Himmelsgloben find theilweife fchon bei den Lehrmitteln für die Volksfchule zur Sprache gekommen; bei den Mittelfchulen kommen fie in voller Montirung zu betrachten, weil fie nur fo zur Löfung aller Aufgaben der mathematifchen Geographie geeignet find. Die Adjuftirung der Globen ift in der 22 Anton Steinhaufer. Regel ziemlich gleich; Horizont, Meridian, mitunter ein aparter Höhenkreis, Stundenuhr bilden die gewöhnliche Zugehör, gleichviel ob die montirten Globen 6 Zoll oder 30 Zoll Durchmeffer haben, alles Uebrige wechfelt zwifchen dem einfachen Geftelle von Holz und dem eleganteften von Bronce. Alle früher genannten Firmen betheiligen fich an der Erzeugung von Globen bis 12, bis 13 Zoll, einige mit gröfseren, darunter Schotte und Reimer in Berlin mit folchen von 30 Zoll Durchmeffer. Die Streifen der von Reimer gelieferten find von H. Kiepert gezeichnet. Für die Mittelfchulen kann der Detailinhalt ein reicherer fein, wie er gewöhnlich auch ift, und die phyfikalifchen Daten( z. B. Meeresftrömungen, Erhebungsfchichten in Farben etc.) find da ganz an ihrem Platze. Die Berliner Fabrication zeichnet fich durch auffällige Eleganz aus und Adami's Globen( Reimer) fcheinen durch ihren ausdrucksvollen Farbendruck zuerft überall Nacheiferung erweckt zu haben. Grofse Globen find für Schulen ein entbehrlicher Luxusgegenftand und fchon der Koften wegen auf einen kleinen Verbreitungskreis befchränkt. Noch mehr gilt diefs von den Himmelsgloben, die durch eine planifphäre Sternkarte erfetzbar find, und vor diefer nur das voraus haben, dafs fie für jede Breite ohne weiters brauchbar find, während bei der flachen Sternkarte der ausgefchnittene Horizont nur für eine beſtimmte Breite pafst, und für jede andere modificirt werden mufs. Director Hugel( Wien) hat Erdgloben in zwei Ausgaben, einer billigeren ( für Schulen mit Blechhorizont) und einer eleganteren, ausgeftellt, welche letztere eine von der gewönlichen Montirung bedeutend abweichende Form zeigt. Die Unterfchiede von der üblichen Montirung beftehen 1. in dem Wegfall des Horizontes um die Mitte der Kugel und feine Verfetzung ins Fufsgeftell, wodurch die Kugel fich frei darftellt. Ein mitrotirender Zeiger am Horizont und ein Stift auf einem vertical ftehenden Arme( Sonnenftrahl) vermitteln die Löfung aller Aufgaben; 2. in der Anbringung eines Dämmerkreifes in gehöriger Entfernung; 3. in der Vereinfachung der Stundenuhr durch Uebertragung auf den Globus felbft und Anbringung von Transverfalen, um noch fünf Minuten ablefen zu können. Von Globen anderen Inhaltes waren in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung vorhanden: Mondgloben( 9 Zoll) nach Riedl v. Leuenftern's Zeichnung von Schönninger in Wien verfertigt( eine ältere Arbeit), und magnetifche Globen von demfelben, auf denen Declination und Inclination durch verfchiedenfarbige Linien, die Intenſität durch fteigende Farbentöne dargestellt ift. Percy( New- York) hat von feinen magnetifchen Globen kein Exemplar eingefendet. Diefe Art von Globen gehört jedoch mehr in das Gebiet der phyfikalifchen als mathematifchen Geographie und mag den Uebergang zu den Lehrmitteln diefes Zweiges der Erdkunde vermitteln. An Lehrmitteln für die phyfi kalifche Geographie zeigte fich in der Weltausstellung, wenn man die Schichtenkarten und Reliefs als Studien für die verticale Bodenerhebung nicht dazurechnet, kein grofser Ueberflufs. Es darf aber nicht überfehen werden, dafs viele, mitunter ganz vortreffliche einzelne phyſikaliſche Karten( z. B. die zwei Erdkarten in Mercatorprojection von Hermann Berg. haus im Stiele r'fchen Atlas) integrirende Theile von Atlanten find. Von dem claffifchen grofsen phyfikalifchen Atlas von Heinrich Berghaus( Gotha bei Perthes) hat die Verlagshandlung einen kleineren in Quart für Schulen reduciren laffen, der auch den vollſtändigen Schulatlanten von Stieler beigebunden wird. Was Heinrich Berghaus für Deutfchland war, ift in Fufsftapfen diefes Veterans geographifcher Wiffenfchaft Johnfton für England geworden. Der werthvolle phyfikalifche Atlas von Keith Johnfton mit Text enthält wohlarrangirte Schichtenkarten für die Maffen von 250, 500, 2000 und 5000 Fufs Erhebung, zwei Regenkarten, eine Karte für Flufsfyfteme etc. Man begegnete diefem fchönen Atlas um fo lieber, je fpärlicher die britifche Kartographie auf der Weltausstellung vertreten war. In den fchon öfter erwähnten 200 Samples of engraving von J. Bartholomew in Edinburgh findet man eine mit Nebenkärtchen ( Ifothermen etc.) verfehene halbphyfikalifche Erdkarte in Herfchel's Projection. Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 23 In der öfterreichifchen Abtheilung hat Artaria in Wien vier phyfikalifche Karten in Farbendruck ausgeftellt, die von A. Steinhaufer zufammengeftellt, die Wärmeverbreitung( nach Dove), die Oceanographie, den Magnetismus, die geologifchen Verhältniffe( 8 Formationsglieder) der Erde zu illuftriren beftimmt find. Zwei fpätere Karten( Tellurifche Karte und Atmoſphäre) follen den Cyclus vorläufig abfchliefsen.- Profeffor Simony's klimatologifche Tableaux zeichnen fich durch Klarheit und Genauigkeit aus.-Ein nachahmungswerthes Mufter für klimatifche Darstellungen ift Profeffor Woldřich's klimatographifches Modell, das Klima von Wien darftellend. Es beſteht aus einer die numerifchen Daten bewahrenden Lade, auf der zehn Doppelreihen verticaler Drähte ftehen, an denen in entſprechender Höhe Kügelchen angebracht find( je nach Bedarf mit Streifen verbunden), welche die Temperatur, den Luftdruck, den Dunftdruck, die Feuchtigkeit, die Menge der Niederfchläge, der Tage mit Regen, Schnee, Nebel und Gewitter, die Angaben über Bewölkung, Windrichtung und Stärke verfinnlichen. Die vordere Reihe jedes Paares der Drähte zeigt die Monatmittel, die zweite Reihe die Mittel für die vier Jahreszeiten und im Mittelpunkte das Jahresmittel. Le Chevalier's( in Paris) Planifphére agricole et climatologique und des Ingenieurs E. Diamilla- Müller magnetifche Karte von Italien fchliefsen fich ebenfalls den phyfikalifchen Karten an, nicht minder die Wheatermaps( Witterungskarten) der nordamerikanifchen Freiftaaten, die den Stand der Witterung in der Union in Karten für jeden Tag zeigen. Sie liegen vom Jänner 1873 vor. Die Wiener Central- meteorologifche Anftalt würde im Stande gewefen fein, ein würdiges Seitenftück zu diefen Publicationen auszuftellen. Von jenen phyfikalifchen Karten und Illuftrationen zur phyſikaliſchen Geographie, die in Texten fo zu fagen die Nebenfache bilden( z. B. in Guyot's phyfikalifcher Geographie), ift fchon bei den Lehrmitteln für die Volksfchule die Rede gewefen; eben dafelbft ift auch ein grofser Theil der in der Ausstellung vorhandenen Schichten- und Reliefkarten gewürdigt worden; nahe alle derfelben nehmen auf die Mittelfchule einen noch intenfiveren Einflufs, infofern von den dortorts angeführten Suiten( z. B. von den Schichtenkarten der öfterreichiſchungarifchen Kronländer) die Mittelfchule in ganzer Ausdehnung Gebrauch machen kann, während die Volksfchule fich mit ein paar Blättern( Vaterland, Staat) begnügen wird. Aus Urfache des ungleichen Bedürfniffes erfcheint in den Heften I, II des Schulatlas von A. Steinhaufer, die für die Volksfchule beſtimmt find, nur eine Schichtenkarte( Monarchiekarte). während alle anderen in die für die Mittelfchulen berechneten Hefte verwiefen wurden. In den meiften Atlanten haben fich Schichtenkarten von Mitteleuropa oder Deutfchland( feltener von Europa) eingebürgert, z. B. in dem Stieler'fchen eine von H. Berghaus, in dem Mayer'fchen( Hildburghaufen) zwei( Deutfchland in vier Blättern und Europa) von Ravenftein, im Weimarer Atlas des geographifchen Inftitutes in Weimar und vielen anderen. Man fand aber in der Weltausftellung noch manche einzelne Schichtenkarte, die für jede Mittelfchule, an der man Geographie mit Erfolg betreiben will, Anwendung finden kann, z. B. die Ueberfichtskarte der dänifchen Infeln( ohne Fünen) vom dänifchen Generalftabe mit Schichten von 90 Fufs Diftanz, die franzöfifche Nivellementskarte von Frankreich( 1: 800.000) mit Niveau curven von 100 zu 100 Meter. Dagegen vermifst man fehr ungerne mehrere Publicationen von Bedeutung z. B. Kořift ka's hypfometrifche Karte von Böhmen( mit Textbegleitung), von der ein Blatt ausgegeben, ein zweites vorbereitet ift, eine Arbeit, die zu den ausge. zeichnetften diefer Art gehört. Ein Abdruck mit den Schichten( à 25 Meter) allein, unterſtützt durch Kreidefchummerung und Farbentöne, gewährt einen plaftifchen Eindruck von fo bewältigender Art, dafs er geeignet fcheint. jeden Gegner diefer Darftellungsweife zum Befferen zu bekehren. Nicht minder fehlte Kořiftka's Schichtenkarte von Mähren, Gobanz' Schichtenkarte von Steiermark, die in R. v. Hausla b's Farbenfcale ausgeführte Karte der 24 Anton Steinhaufer. norifchen Alpen( Artaria in Wien). Es ift bedauerlich, dafs von den hypfometrifchen Arbeiten des Feldzeugmeifters Ritter v. Hauslab, die in der Londoner kartographifchen Ausstellung fich befanden, die Weltausftellung nichts aufzuweifen hatte. Gerade in einer öfterreichifchen Ausftellung follten Arbeiten eines Mannes nicht fehlen, deffen Name immer genannt werden mufs, wenn von Geographie in Oefterreich die Rede ift, und insbefondere, wenn es fich um Schichtenaufnahme und Schichtenkarten handelt, die Hauslab fchon im Jahre 1820 als Profeffor an der Ingenieurakademie vortrug und feither mit Wort und That kräftigft unterſtützte. Von den Reliefkarten, die fchon in dem Abfchnitte für Volksfchulen vorkamen, gilt dasfelbe, was im Obigen von den Schichtenkarten gefagt wurde. Während einzelne für die Volksfchule Charakterbilder find, erhalten fie für die Mittelfchule eine individuelle Wichtigkeit. Als Anhang zu den orographifchen Schichten- und Reliefkarten können Profile betrachtet werden, die häufig auf den Karten felbft angebracht zu werden pflegen. Sie können auch unabhängig davon gedacht werden, auch in einer plaftifchen Geftalt, oder in Verbindung mit den Karten felbft. Die Weltausftellung bot in jeder Richtung Beiſpiele davon. Von Lehramts- Candidaten in Leitmeritz erfchienen in der Ausftellung des k. k. öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums Profile in Carton gefchnitten, die zwar als folche ziemlich primitive Arbeiten find, aber die Idee verfolgen, auf folche Weife erzeugte Profile( z. B. von den Alpen oder anderen Hochgebirgen) couliffenartig hintereinander aufzuftellen, wie das bei einem geologifchen Relief der Umgebung des St. Gotthardpaffes( Schweizer Ausftellung) in ausgiebigfter Weife ins Werk gefetzt wurde. Schade, dafs die k. k. geographifche Gefellſchaft in Wien die ihr vom Finanzminifterium zum Gefchenk gemachte Karte von Tirol( in 1: 144.000 vom k. k. Katafter gezeichnet, und mit circa 12.000 Höhencoten verfehen) nicht zur Anficht gebracht hat. Eine eben fo grofse Nebenkarte enthält auf Grundlage des transparent durchfcheinenden Flufsnetzes Profile des Landes( von Weft nach Oft) von Meile zu Meile.* Zum Studium der Gefchichte bedürfen die Schüler der Mittelfchulen eigener dazu geeigneter Karten, insbefondere zur Gefchichte der alten Zeit. In diefem kartographifchen Genre zeigt fich Deutſchland beffer verforgt als irgend ein anderer europäiſcher Staat. Der grofse hiftorifche Atlas von Spruner, nun durch Menke in neuer Ausgabe bearbeitet( Gotha bei J. Perthes), ift wohl kein Werk für den Gebrauch von Schülern und in der Schule, aber ein wünfchenswerthes Inventarftück jeder Bibliothek einer Mittelfchule, während Schüler mit den daraus( in Quart) gemachten Auszügen( auch für Oefterreichs Gefchichte hat das geographifche Inftitut zu Gotha einen hiftorifchen Schulatlas geliefert) fich zu behelfen angewiefen find. H. Kiepert's Verdienfte um die Illuftrationen zur Gefchichte des claffifchen Alterthums find bereits bei den Wandkarten erwähnt worden, fie kommen auch den Schülern im Kleinen zu Gute durch deffen Schulatlanten der alten Welt( bei Reimer in Berlin etc.). Eine weiter gehende Arbeit ift Kiepert's Atlas von Hellas( 15 Blätter, grofs Folio, Berlin bei Nicolai), auch ein kaum entbehrliches Werk für die Schulbibliotheken, deren Schätze dem Lehrer wie dem Schüler nützen follen, befonders den Erfteren, wenn fie fich genöthigt fehen, Karten zu ihren Vorträgen durch eigene Thätigkeit zu fchaffen, namentlich wenn verworrene Partien der Gefchichte ( z. B. die Völkerwanderung) eine Illuftration erfordern. Manzer, Director der Bürgerfchule zu Tetfchen in Böhmen, hatte gerade in diefer Richtung eine recht gelungene Karte der Völkerwanderung ausgeftellt. Aufser obigen Kartenwerken traf man in der Weltausftellung einen Atlas zur Gefchichte der fächfifchen Lande von Tutfchmann( 22 Karten, Grimma bei * Karten mit Höhencoten find ein unentbehrliches hypfometrifches Materiale für jeden Kartographen. In der Ausftellung Oefterreichs( Gruppe XII) fand man vom Katafter cotirte Höhen- Ueberfichtskarten von Niederösterreich( 9 Blätter), von Salzburg( 1 Blatt), Kärnten( 1 Blatt) theilweife mit graphifchen Höhenleitern. Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 25 Gebhard 1852), einen Atlas zur fchwedifchen Gefchichte in 19 Blättern vom Profeffor der Gefchichte Wiberg und Lieutenant Mentzer, einen Atlas zur belgifchen Gefchichte von Ch. Vercomer, Volksfchul- Infpector zu Brüffel, und einen Atlas von Dufour zur Gefchichte der katholifchen Kirche von Rohrbacher( bei Gaumes frères& Duprey in Paris 1870), einen grofsen Wandplan des alten Rom ( Ausftellung des königlich preufsifchen Unterrichtsminifteriums). Die Gefchichte einer Hauptftadt fpiegelt fich in Plänen aus verfchiedenen Perioden, wozu fich in der franzöfifchen Expofition ein Beispiel in den Plänen von Paris vom Jahre 1380, 1515 und 1609 fand. Zur fpeciellften Landesgefchichte gehört die Karte der fchottifchen Clans vom Jahre 1587 bis 1594 von Johnfon und Oberft Robertfon. Mit der Gefchichte fteht die Ethnographie in enger Beziehung; felbftverſtändlich ift fie in polyglotten Staaten von Wichtigkeit, daher in öfterreichifchen Schulen die vielfach ausgebeutete ethnographifche Karte des Kaiferftaates von Czörnig( 4 Blätter oder die Reduction in 1 Blatt) kein überflüffiges Lehrmittel. Nicht minder wichtig find für Realfchulen Karten, welche die Verbreitung der Induftrie und des Handels darftellen. Auch zu diefer Abart der Kartographie bot die Ausftellung, theils in Handzeichnung, theils veröffentlicht, fchätzbare Beiträge. Gröfsere Atlanten zur gefammten Handelsgeographie( wie jener von Klun& Lange) fand man zwar nicht, dagegen folche von einzelnen Ländern. Im Pavillon des Welthandels lag in Manufcript neueften Datums ein Induftrieatlas von Böhmen auf vom Profeffor der Staatswiffenfchaften in Prag Carl Th. Richter, der mit einer Strafseneifenbahn- und Telegraphenkarte beginnt, der eine Kohlenund Forftkarte folgt, worauf Karten der fünf Handelskammer- Bezirke die reiche und mannigfaltige Induftrie diefes Kronlandes vor Augen bringen und zuletzt Böhmens Antheil am Welthandel illuftrirt wird. Die Induftriezonen unterfcheiden fich durch verfchiedenes Colorit, bei den Erzeugungsorten ift auf Signalifirung der Quantität Rückficht genommen. Diefes Product emfigen Fleifses unterfcheidet fich von der älteren Arbeit Hickmann's durch den Wegfall einiger nebenfächlicher Karten und durch die Vereinigung der Induftrie, während Hickmann den Induſtriegruppen eigene Karten widmete. Mousnitzky hat für Rufsland eine Suite von Induftriekarten geliefert, für Mineralien, brennbare Stoffe, Webeinduftrie, Kautfchukerzeugung, Eifen- und Steinarbeiten, durch zweckmäfsige Anwendung von Farbe und Zeichen klar und überfichtlich; aufserdem rührt von ihm die Wandkarte her über die Induftrie von Moskau und Umgebung( 9 Gruppen in Farben und Quantitätszeichen). Aufser diefen Karten fand man noch eine über die Wollinduftrie, eine andere über die Lederinduftrie, eine dritte( in der ungarifchen Agriculturhalle) über die Flachsinduftrie Rufslands. Ein Induftrieatlas der Schweiz( 8 Blätter bei Wurfter, Randegger& Comp. in Winterthur) wurde von Dr. H. Wartmann für die additionelle Ausstellung bearbeitet. Die Ausftellung der Vereinigten Staaten von Nordamerika enthielt einen Atlas der Bergwerke( zum III. Bande der Schriften des Ingenieurdepartements gehörig), darunter eine Karte, aus der man erfah, welche Gegenden der Staaten geometrifch aufgenommen, welche blofs erforfcht, und welche noch zu erforfchen find; damit fteht eine Terrainkarte der weftlichen Länder in Verbindung und eine geologifche Karte mit Niveau curven. Eine riefige( in Tapetendruck) Karte der deutfchen Rübenzucker- Induftrie wollen wir als für die Schule unpraktifch übergehen, und mit der Münzkarte von Auguft Eggers( im Pavillon des Welthandels) fchliefsen, auf der die Verbreitungsbezirke der vorzüglichften Handelsmünzen( Gold und Silber, Dollars, Pfund Sterling, Thaler, Gulden, Francs, Mark) angegeben find. Mit dem Handel und der Induftrie ift die Communication durch Canäle, Eifenbahnen, Strafsen, Telegraphen innig verknüpft. So wichtig eine angemeffene Kenntnifs derfelben für Schüler ift, fo müffen fie fich in der Regel mit dem begnügen, was ihnen jeweilig ihre à jour gehaltenen Schul- und Handkarten bieten. Eine fortlaufende Kenntnifsnahme würde eine jährliche Erneuerung aller bezüglichen 26 Anton Steinhaufer. Publicationen bedingen. Da diefe Art Karten ohne diefs einem befonderen Referate zugetheilt find, fo werden fie gleich jenen im gleichen Falle befindlichen hier übergangen. Dasfelbe fcheint auch für jene Publicationen und kartographifchen Arbeiten der ftrenge officiöfen Statiſtik angezeigt, wenn fie auch, wie es bei Oefterreich mit den drei Karten über den Schulbefuch, vom Hoffecretär A. Schimmer, mit der mufterhaften Einfchulungskarte von( Nord-) Steiermark, mit den allgemeinen und fpeciellen Karten der Schulbezirke Böhmens vom Schulinfpector Pátek(+) unter Anderem der Fall ift, der Zufall in die Claffe XXVI verfetzt hatte. Nur möge geftattet fein, eine in die Statiſtik einfchlagende Karte von Südnorwegen( in der fchwedifchen Expofition) zu nennen, der vom Gewöhnlichen abweichenden ( wenn gleich nicht mehr neuen) Darftellungsweife halber, da die abfolute Bevölkerung durch Proportionalkreife, die überdiefs durch fteigende Farbentöne ausgezeichnet erfcheinen, erfichtlich gemacht ift. Schliesslich erübrigt noch, auch bei den Mittelfchulen der Hilfsmittel zum Zeichnen von Landkarten zu erwähnen, da in Gymnafien und Realfchulen das Kartenzeichnen höher getrieben wird, als die Verhältniffe der Volksfchule es ermöglichen. Nach der in diefer durch Ergänzen unvollständiger Abdrücke mit den fehlenden Elementen, durch Einzeichnen in Netze mit Anhaltspunkten zur Controle, erlangten Uebung wird es möglich, den Schülern reine Gradnetze ( ohne irgend eine unterſtützende Krücke) in die Hand zu geben. Solcher Netze gibt es viele, in Atlanten und vereinzelt. In der Ausftellung fand man Netzatlanten v. Sydow( bei Perthes, Gotha) mit einer Anleitung zum Kartenzeichnen, von O. Delitfch( bei Hinrichs in Leipzig) weifs auf fchwarzem Grunde, von A. Steinhaufer( Artaria in Wien). Der letzgenannte Atlas unterfcheidet fich von den übrigen durch Beigabe von Schlüffeln zur Zeichnung der Netze, namentlich der Mercatorprojection, durch Netze in der( Polar-, Aequatorial- und Horizontal-) Projection von Mollweide( Babinet) und durch Netze in Mercatorprojection für das adriatifche Meer, das mittelländifche Meer und die Oceane. Bei Scribner in NewYork find Guyot's Map- drawing- carts verlegt. Der Culminationspunkt des Kartenzeichnens wird fchliefslich darin zu fuchen fein, dafs die Schüler auch die Netze felbft conftruiren. Es gibt Karten, welche keinen Schulzweck verfolgen, z. B. die topogra phifchen, deren Verftändnifs aber dem gereifteren Schüler fehr nützlich werden kann und deren einmalige Vorzeigung und Erklärung zur Auffaffung ihrer Zeichenfprache genügen wird. Die Blätter einer grofsen topographifchen Karte find als eben fo viele Heimatkarten anzufehen und den Schülern eben defshalb leichter begreiflich. Selbft Umgebungs- und Touriftenkarten erfüllen diefen Zweck, wenn fie entſprechend gezeichnet find. Die Weltausftellung bot im Schweizer Haufe am Schulatlas von Wettstein ein Beiſpiel der Einführung von Muſtern ſpeciell topo graphifcher Karten in die unteren Schulen, Kartenftücken, die von den Excurfionskarten des Schweizer Alpenclubs wenig verfchieden find. Freilich verlieren die Atlanten durch folche Einfchübe ihren allgemeinen Typus und werden zu fpecififchen Lehrmitteln für beſtimmte Landes- und Stadtfchulen. Die öfterreichifche Weltausftellung bot in der Gruppe XXVI ein Paar Karten, die als Interpreten topographifcher Zeichnung gleich gut wie topographifche Sectionen verwendet werden können, es find: Scheda's Umgebung Wiens( im Mafse von 1: 72.000 der Natur) und Mafchek's Karte der öfterreichifchen Alpen( beide im Verlage von Artaria in Wien); unter den Erzeugniffen des deutfchen Reiches kann man Vogel's meiſterhafte Karte des Thüringer Waldes nennen und mehrere andere. Der Gebrauch folcher oder anderer topographifcher Kartenblätter wird bei den Studirenden auf Excurfionen in den Ferien und auf kleineren Ausflügen das volle Verftändnifs aller conventionellen Zeichen am fchnellften herbeiführen. Was die Illuftrationen der geographifchen Vorträge durch Wandbilder aller Art anbelangt, fo ift fchon gelegenheitlich bei den Lehrmitteln für die Volksfchule ausgefprochen worden, dafs der Unterfchied bei der Verwendung in den Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 27 Mittelfchulen nicht in die Qualität, fondern in die Quantität zu legen ift, und es fcheint diefsfalls eine Wiederholung der bei der Volksfchule genannten Ausftellungsobjecte unnöthig. Durch die Verbindung der Taufende von Photographien( auf Glas), die Landfchaften, Städte, Gebäude, Volkstrachten etc. vorftellen, mit einem optifchen Apparate, der die Bilder vergröfsert auf einer Wand oder auf einem Vorhange projicirt, läfst fich die( freilich vorübergehende) Erzeugung einer höchft zahlreichen Menge von Wandbildern denken, die, geographifch geordnet, eine Rundreife über die ganze Erde zufammenfetzen würden. III. und IV. Lehrmittel für höhere Lehranstalten, Fachſchulen und zur Fortbildung Erwachſener. Die Geographie wird an den Univerfitäten( lange nicht an allen!) aus einem Lehrgegenftande zur Wiffenfchaft; fie umfafst das Detailftudium ebenfo gut als die Ueberficht aller kosmifchen Erfcheinungen, an denen unfere Erde Antheil hat. Sie fchreitet vor mit den Entdeckungen, die der menfchliche Geift auf allen Gebieten der mit ihr im Contact ftehenden Disciplinen im Laufe der Zeit macht, mit den Forfchungen und Entdeckungen wiffenfchaftlicher Reifender in allen Zonen unferes Erdballs. Diefes grofse Gebiet kann nicht allfeits bewältigt werden, daher die gewöhnliche Theilung, infoferne Aftronomie, Geologie, Meteorologie, Statiftik etc. fich abfondern und ihre Fortbildung durch befondere Anſtalten und Profeffuren beforgt wird. Zu den vorzüglichften Hilfsmitteln für diefes höhere Stadium gehören die Zeitfchriften der gelehrten Gefellſchaften( Akademien), der Vereine zur Förderung der Erdkunde( geographifche Gefellſchaften von London, Paris, Petersburg, Berlin, Wien, Rom etc. etc.) und andere Anftalten, worunter A. Petermann's Mittheilungen einen der erften Plätze einnehmen. Die diefer und anderen homogenen Zeitfchriften beigegebenen Karten find eine unentbehrliche Quelle für den Kartographen vom Fach und für die fortfchreitende Erweiterung unferer Kenntniffe von der Erde. Namentlich ift es die phyfikalifche Geographie, welche auf der Univerſität gepflegt wird, zu deren Vorträgen häufig die Illuftrationen fehlen, da, wie fchon erwähnt wurde, eine Suite phyfikalifch- geographifcher Wandkarten mangelt und weil für den Fall, als der Profeffor fich die anfchaulichen Behelfe zu feinen Vorlefungen felbft fchaffen wollte, es fogar an tauglichen ftummen Gerippen von Wandkarten der Erde fehlt, die man zur Einzeichnung anftandslos verwenden könnte. Was die Unterſtützung des Detailftudiums durch kartographifche und tableauartige Darftellungen anbelangt, ift der Profeffor gröfstentheils auf fich angewiefen und durch folche Nöthigung verdankt die Ausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums der Thätigkeit des Profeffors Simony eine Suite von Schichtenkarten der Seen des Salzkammergutes, die auf zahlreichen Tiefenmeffungen beruhen, mit Profilen und Temperaturangaben, ferner ein Tableau der Temperatur von Wien, eine Ueberficht der Amplituden der Temperaturen. Eine Anzahl gewählter charakteriftifcher, einzelner und panoramatifcher Anfichten aus den Alpen bekunden, dafs fich in Simony der gewiffenhafte Naturforfcher mit dem treu wiedergebenden Künftler vereinigt hat. Von diefen Zeichnungen, die zum Theile durch Radirung auf Kupfer der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, kann insbefondere der Geologe und Topograph Nutzen ziehen, da der durch die Formation den Felfen aufgeprägte Typus getreu copirt erfcheint. Fafst man die mit der Geographie in innigfter Verbindung ftehenden Zweige der Wiffenfchaften ins Auge, fo würden fehr viele, befonderen Referaten zugefallene Karten( geologifche, topographifche, marine und andere) hier Erwähnung finden müffen. Aufser diefen erübrigten in der Ausftellung wenige, die in diefen Bereich fallen; darunter gehören: der Atlas vom Aetna von Sartorius( eine topographifche und geologifche Aufnahme diefes Vulcans), Curti's Atlas vom alten Athen( Gotha bei Perthes). 28 Anton Steinhaufer. An den technifchen Hochfchulen werden in der Regel nur fpecielle, praktiſche Zweige der Erdkunde gepflegt, Geometrie und Vermeffungskunft, Geologie, Phyfik, Handelsgeographie, Induftrieftatiftik und fo fort, und dasfelbe Verhältnifs wiederholt fich bei den Fachfchulen( Ackerbau- Schulen, WeinbauSchulen, Forftfchulen, Handelsakademien, Gewerbefchulen, Bergbau- Schulen aller Art, Kriegsfchulen, Militärakademien, Marineakademien, nautifche Schulen etc.); die zahlreichen kartographifchen Arbeiten, die für diefe Zweige in der Ausftellung faft aller Länder in der Weltausftellung vorkamen, fallen entweder nicht in die Gruppe XXVI, fondern in andere, die eigenen Referaten zugewiefen find, oder, wenn fie, wie z. B. die Arbeiten der öfterreichiſch- geologifchen Reichsanftalt zu Folge der Unterordnung derfelben unter das k. k. Minifterium des Unterrichtes in der Gruppe XXVI aufgeftellt erfchienen, gehören fie doch der Gleichartigkeit wegen zur Befprechung in jene Gruppen, denen fie bei anderen Staaten zugewiefen wurden. Demnach bleiben hier alle ftreng topographifchen Karten und die ihnen gleichkommenden Reliefs, Seekarten und Küftenreliefs, geologifche, montaniftifche Culturund Forftkarten, alle ftatiftifchen Karten, die fich auf Ackerbau, Viehzucht, Handel und Communicationen beziehen, ausgefchloffen. Ihre Anführung und Würdigung am gehörigen Orte wird den Beweis liefern, wie viele ausgezeichnete und mufterhafte Arbeiten die Weltausftellung zierten, und dafs namentlich Oefterreich- Ungarn hinter ähnlichen Erzeugniffen der übrigen Staaten nicht zurückſteht. Die Mittel zur Fortbildung Erwachfener im Fache der Geographie richten fich nach dem erlangten Grade der Vorbildung und nach der Richtung, in der die Geographie zu dem gewählten Berufe fteht; geht die Vorbildung über die erften Rudimente nicht hinaus, fo gelten die für Bürger- und Mittelfchulen brauchbaren geographifchen Lehrmittel auch für die fucceffive Nachholung und Weiterbildung, gefchehe fie durch Autodidaktik oder mit Unterſtützung von Privatunterricht. Hat die Fortbildung eine beftimmte Tendenz, fo werden aus der Zahl der aufgezählten mannigfaltigen Lehrmittel jene zu wählen fein, die diefe Tendenz begünftigen. In jedem Falle bieten die in den Abfchnitten für Volks- und Mittelfchulen aufgezählten Lehrmittel jenen Individuen Stoff genug zur Fortbildung, welche, von der Fortfetzung der Studien abgehalten, durch Privatfleifs nachträglich geographifche Kenntniffe fich aneignen wollen. Ueberblick. Eine Ueberficht des feit einem Decennium im Fache der Kartographie, Geoplaftik, graphifchen Statiſtik etc. in Beziehung auf den Unterricht Geleifteten verfchafft die erfreuliche Ueberzeugung, dafs im Allgemeinen ein Fortfchritt zu verzeichnen ift, wenn er auch in den verfchiedenen Staaten, die die Weltausftellung befchickt haben, nicht gleichen Schritt eingehalten hat. Diefer Fortfchritt äufsert fich in zweierlei Richtungen: 1. in dem inneren Gehalte; 2. in der technifchen Ausführung. In Bezug auf den inneren Gehalt hat die weit gröfsere Rückficht, die nun auf die verticale Gliederung genommen wird, einen gewaltigen Umfchwung in der gefammten Kartographie hervorgebracht und die Schichtenkarten mehren fich in und aufser den Atlanten, und man gewahrt mehrere Verfuche, fie auch in die Schulatlanten zu verpflanzen. Mit den hypfometriſchen Karten ift auch die Geoplaſtik mehr in Anwendung gekommen, und hat eine Vollendung erreicht ( man fehe die Küftenreliefs vom Lieutenant Hopfgartner, Lieutenant Lehnert und Hauptmann v. Wutzelburg; das Schichtenrelief der Hausruckbahn von Loefslund Anderen), die kaum übertroffen werden kann,* Ein anderer Fortfchritt ift in der wachfenden Beachtung der Heimatkunde zu bemerken, was mit * Schade, dafs der Geoplaftiker Keil, im Dienfte der Wiffenfchaft verunglückt, nun der Subfiftenzmittel entblöfst, eine Exiftenz zwifchen Leben und Sterben friftet. Was für werthvolle Leiftungen von feiner Hand würde die Weltausftellung aufzuweifen haben! Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel. 29 einer Ausbreitung der fynthetiſchen Methode gleichbedeutend ift. In Oefterreich insbefondere machen fich die Erfolge der verbefferten Lehrerbildungs- Anstalten bemerkbar, und die Geographie, noch vor nicht gar langer Zeit in der Volksfchule ein unbekannter Gegenftand, hat fchon in mancher Dorffchule Wurzel gefafst, in der nun Globen, Tellurien und Karten zu finden find, wo früher nur eine abgenützte Rechentafel ftand. Die Fortfchritte der Technik( obenan Photo- Lithographie und Heliographie) kommen, vorläufig die erftere, auch der Schule zu Gute, denn die wohlfeilere Erzeugung macht billige Preife möglich, und diefe vergröfsern den Abfatz oder, mit anderen Worten, verallgemeinern die Verbreitung. Selbftverftändlich ftehen die kartographifchen und anderen geographifchen Lehrmittel der Schulen in gewiffer Beziehung unter dem Einfluffe der Organiſation des Lehrfyftems. Je freier und felbftftändiger ein Lehrgegenftand fich entwickeln kann, defto zahlreicher und mannigfaltiger werden auch die ihm zuftändigen Lehrmittel fich geftalten. Wird die Geographie in den Mittelfchulen, wo fie, beinahe in allen Staaten, mit der Gefchichte nach dem alten Vorurtheile der Zufammengehörigkeit, wie die fiamefifchen Zwillinge verwachfen ift, diefer für den einen oder den anderen Gegenftand unheilvollen Verquickung mit der Zeit entledigt, und von einem Profeffor ohne Unterbrechung durch alle Jahrgänge gelehrt werden, fo werden fich die wohlthätigen Folgen in der Einheit des Unterrichtes, der Methode, der Lehrmittel äufsern, und würde die angedeutete heilfame Amputation bald zu erwarten fein, fo würden in dem folgenden Decennium wahrfcheinlich noch grössere Fortfchritte in der Schul- Kartographie und den übrigen Lehr mitteln( Globen, Tellurien etc.) verzeichnet werden können. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873. DER UNTERRICHT IN DER GESCHICHTE. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON DR. EMANUEL HANNAK, Privatdocent an der Univerfität in Wien und Director des Landes- Profèminars in Wiener Neufladt. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. . VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausstellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DER UNTERRICHT IN DER GESCHICHTE. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von DR. EMANUEL HANNAK, Privatdocent an der Universität in Wien und Director des Landes- Profeminars in Wiener- Neustadt. Die Art und Weife, wie eine Weltausftellung überhaupt zu Stande kommt, und namentlich die kurze Frift, welche zwifchen der Verkündigung und der Eröffnung der gegenwärtigen Ausftellung lag, brachte es mit fich, dafs hauptfächlich in der reichhaltigen XXVI. Gruppe das Meifte dem Zufall überlaffen wurde und defshalb der Beobachter felten einen richtigen Eindruck von dem Stande des Unterrichtes in jedem der ausftellenden Staaten erhielt. Noch viel fchwieriger ift es, den Stand des Unterrichtes in einer beftimmten Disciplin nach den in der Ausftellung vorhanden gewefenen Materialien zu beurtheilen. Mancherlei fchwer zu bewältigende Hinderniffe ftellten fich dem Berichterstatter entgegen. Defshalb ift es wohl gerechtfertigt die wichtigften derfelben hervorzuheben, um eine gerechte Würdigung des Berichtes zu ermöglichen. Das bedeutendfte Hindernifs liegt in der Ungleichmäfsigkeit in der Ausstellung der Unterrichtsmittel der einzelnen Staaten. Vom Orient abgefehen, hatten fich viele Staaten, wie z. B. England und Rufsland( mit Ausfchlufs von Finnland) in diefer Gruppe faft gar nicht betheiligt. Andere, wie die Schweiz und Portugal haben blofs das Volksfchul- Wefen berücksichtigt, die Niederlande gaben uns eine treffliche Ueberficht der Organifation ihrer Volks- und Mittelfchulen, aber einen blofs kärglichen Einblick in ihre Unterrichtsmittel. Wenn auf der einen Seite der Mangel, fo bot auf der anderen Seite die Ueberfülle grofse Schwierigkeiten der Berichterstattung. Diefs gilt namentlich von dem deutfchen Unterrichtswefen, wo Regierungen, Verleger, Dilettanten, Buch-, Kunft- und felbft Spielwaaren Händler wetteiferten, um ein würdiges Bild von dem hochftehenden Unterrichts- und Bildungswefen ihres Vaterlandes zu entwerfen. Auch in Oefterreich und Frankreich erfchwerte die grofse Maffe des aufgefpeicherten Materiales das Amt eines Berichterstatters. I 2 Dr. Emanuel Hannak. Wohl hat auch Amerika eine Fülle von Lehrmitteln ausgeftellt, aber der praktiſche Geift der amerikanifchen Buchhändler erleichterte, wie auch bei Frankreich, die Ueberficht und Beurtheilung derfelben. Lagen die bisher angeführten Schwierigkeiten in der Art der Ausftellung der Unterrichtsmittel im Allgemeinen, fo häuften fich diefelben insbefondere für den Berichterstatter über den Gefchichtsunterricht. Es waren, abgefehen von den Gefetzen, hauptfächlich Bücher, Karten und Bilderwerke, die derfelbe einzufehen hatte. Wer nur flüchtig die Menge der ausgeftellten Bücher betrachtet hat, wird leicht ermeffen, welche Mühe es koftete, diefelben durchzufehen. Wenn auf dem Aeufseren derfelben, wie diefs in Amerika, Frankreich, den Niederlanden, Würtemberg und anderen Staaten der Fall war, der Titel erfichtlich gemacht wird, fo ift die Arbeit wefentlich erleichtert, dagegen ift diefelbe ermüdend und höchft unfruchtbar, wenn der Berichterftatter Hunderte von Büchern auffchlagen mufs, ehe er auf eines trifft, das in fein Fach einfchlägt. Dies gilt zum Theil von Deutſchland, von Ungarn und von Belgien, bei welch' letzterem überdiefs die Schwierigkeit dazukam, dafs die Bücher in abgefchloffenen Käften über einander aufgefpeichert lagen. Ein gründlicher Specialkatalog hätte in diefer Beziehung Abhilfe fchaffen können. Leider war ein folcher für Lehrbücher und Lehrmittel mit Ausfchlufs von Oefterreich, Sachfen und Ungarn von keinem anderen Staate herausgegeben worden. Nur die Buchhändler haben von einem der Berichterftattung ferne liegenden Standpunkte Kataloge ihrer Verlagswerke beigegeben und hiedurch in etwas die Arbeit des Berichterstatters erleichtert. Die bisher angeführten Schwierigkeiten follen es erklären, warum der vorliegende Bericht weder in allen Punkten gleichmäfsig, noch auch erfchöpfend ift. Es erübrigt noch, über die Anlage des Berichtes einige Bemerkungen hinzuzufügen. Unmöglich kann es Aufgabe des Berichterstatters fein, eine Ueberficht über den Gefchichtsunterricht der einzelnen Staaten im grofsen Ganzen zu geben. Als Weltausftellungs- Bericht hat er lediglich das, was wirklich zur Ausftellung gelangte, zu berücksichtigen. Da die vorhandenen Objecte vielfach nur verftändlich werden durch einen Einblick in die Organiſation der Schulen, fo wird gelegentlich auf diefelben eingegangen werden müffen. Die wichtigſte Aufgabe des Berichtes foll es fein, durch Anführung der fremden Unterrichtsmittel und Unterrichtsmethoden in der Gefchichte die Vergleichung derfelben mit den einheimifchen zu ermöglichen und fo die Hebung diefes Unterrichtszweiges, Verbefferungen in Gang und Methode des Gefchichtsunterrichtes und der hiebei in Anwendung gebrachten Hilfsmittel anzubahnen. Von diefen Punkten ausgehend wird der Bericht da kurz und fummarifch fein können, wo die auswärtigen Verhältniffe wenig von den einheimifchen abweichen. Es wird z. B. Deutfchland, fo weit es den übrigen Staaten vorangeht, doch nicht in dem feiner Bedeutung entſprechenden Umfange behandelt zu werden brauchen, weil einerfeits der Gefchichtsunterricht in den deutfch- öfterreichifchen Ländern, die doch der Bericht hauptfächlich im Auge zu behalten hatte, nach dem in Deutſchland organifirt ift und weil anderfeits die in Deutſchland erfchienenen Lehrbücher und Lehrmittel auch bei uns benützt werden. Ausführlicher wird er fich da geftalten, wo der Unterricht in diefem Zweige auf eine, von der unfrigen wefentlich verfchiedenen Weife ertheilt wird, wie z. B. in Frankreich und Amerika, oder wo die Reichlichkeit des vorhandenen Materials uns einen tieferen Einblick in Verhältniffe geftattet, die bisher dem gröfsern Theile der für den Gefchichtsunterricht Intereffirten unbekannt waren. Bezüglich der Gliederung fei bemerkt, dafs die Staaten fich alphabetifch folgen und dafs innerhalb der einzelnen Staaten zuerft die unteren, Elementaroder Volksfchulen und mit diefen im Zufammenhange die Anftalten zur Heran Der Unterricht in der Gefchichte. 3 bildung der für fie beſtimmten Lehrer, dann die Mittelfchulen( Gymnafien, Lyceen, Realfchulen und dergl.) behandelt werden. Amerika( Vereinigte Staaten). In dem Lande politifcher und kirchlicher Freiheit, wo fchon im XVII. Jahrhundert allen chriftlichen Confeffionen gleiche Berechtigung zugeftanden wurde, ( zuerft 1632 durch Lord Baltimore in der katholifchen Colonie Maryland) hat der Gefchichtsunterricht einen günftigeren Boden als in irgend einem anderen Staate, wo Rückfichten auf die herrfchende Religion und die regierenden Häupter denfelben vielfach in Feffeln fchlagen. Es ift hauptfächlich die Volkserziehung, auf die feit Waſhington grofses Gewicht gelegt, deren Pflege fchon der Jugend in den erften Schulclaffen zur heiligften Pflicht gemacht wird. Darum verdient vor Allem der Gefchichtsunterricht in den Common Schools unfere vollfte Beachtung.* In diefen wird, wie die in dem amerikanifchen Schulhaufe ausgeftellten Lehrbücher bekunden, die Gefchichte zumeift im Anfchlufs an das Lefebuch ( Reader) gelehrt. Das vierte Lefebuch( fourth Reader von Wilsor) enthält nur Skizzen aus der biblifchen Gefchichte( Sketches from facred Hiftory) als Vorbereitung für den eigentlichen hiftorifchen Unterricht. Im fünften Lehrbuche( fifth Reader) wird hauptfächlich die alte Gefchichte und ihre Cultur betont. Der fechfte Abfchnitt von Wilfons Lefebuch enthält z. B. Abhandlungen über griechifche und römifche Architektur und ein befonderes Lefeftück über athenifche Baukunft. Im eilften Abſchnitte find in Profa und in Verfen Epifoden aus der griechifchen und römifchen Gefchichte und Cultur aufgenommen, Auch ein Stück aus Ariftophanes hat dafelbft Platz. Diefes Hervorkehren der griechifchen und römifchen Gefchichte fchon auf der unterften Stufe des Unterrichtes zeugt von dem richtigen pädagogifchen Tacte der Amerikaner. Für die Verfaffer unferer Lefebücher für Volksfchulen liegt darin ein bedeutungsvoller Wink. Gewöhnlich pflegen fie, einem beliebten Schlagworte der gegenwärtigen Pädagogik und den deutfchen Vorbildern folgend, in jedem Lefebuche alle Zeitalter in einzelnen Lefeftücken zu behandeln und erzeugen hiedurch ein Chaos von Anfchauungen in dem jugendlichen Geifte, indem derfelbe antike, mittelalterliche und moderne Begriffe und Zuftände bunt untereinander mengt und bei dem Mangel der Vorftellung einer Entwicklung in der Zeit auch identificirt. Der praktifche Amerikaner huldigt, wie wir fehen, dem für uns nicht genug zu beherzigenden Grundfatze, non multa sed multum". Wie in dem fünften Lefebuch das Alterthum, fo tritt in dem fechften( Sixth Reader), das für die erweiterte( advanced) Volksfchule beftimmt( und von G. S. Hillard verfafst) ift, die Neuzeit in den Vordergrund. Das Lefebuch ift nach Stilgattungen geordnet und es find nicht fo fehr Gefchichtserzählungen, als vielmehr Abhandlungen einzelner hervorragender Perfönlichkeiten und Charaktere, die wir dafelbft antreffen. Der Tod und Charakter des Lord Chatam, der Charakter Waſhingtons, eine Parallele zwifchen Canning und Brougham, eine Darftellung von John Hampdon's Wirkfamkeit und dergleichen haben dafelbft ihren Platz. Die Aufnahme * Ich kann nicht umhin, als bedeutungsvolles Symptom für die Wichtigkeit, die man der Volkserziehung beilegt, die Worte anzuführen, mit welchen M. Willfon( ein fruchtbarer Jugendfchriftfteller) fein Lehrbuch der amerikanifchen Gefchichte für die Primärfchulen fchliefst: As another article in our creed, we fhould ever regard it as one of our higheft duties to cheriſh and promote the interefts of Education- efpecially connected with our Common Schools, knowing that they are" The peoples Colleges" and that fo long, as they can be rendered effectual ,, nurſeries of Learning and of Virtue" the will be better guardians of our Liberty than fleets and ſtanding armies. I* 4 Dr. Emanuel Hannak. von dergleichen Abhandlungen möchte ich von pädagogifchem Standpunkte nicht befürworten; aber es ſpricht fich darin der auf das Praktiſche gerichtete Sinn der Amerikaner aus. Weil jeder einzelne berufen und verpflichtet ift, im öffentli chen Leben durch Wort und That zu wirken, fo werden ihm fchon in früher Jugend hauptfächlich folche Staatsmänner vor Augen geführt, die nicht fo fehr auf blutigen Schlachtfeldern, als vielmehr im Parlamente, überall aber im Dienfte des Volkswohles, ihre Lorbeeren errangen. Auch wir follten bei der wachfenden Bedeutung des öffentlichen Lebens diefer Richtung in der Volksbildung Rechnung tragen, wiewohl es fchwer hielte, aus der einheimifchen Gefchichte derartige Charaktere hervorzufinden. Auch liegt für uns ein bedeutfamer Wink in dem Umftande, dafs das Mittelalter in den Lefebüchern der Volksfchule gar nicht berücksichtigt erfcheint. In diefem Punkte weichen die Amerikaner wefentlich von den Deutfchen ab. Allerdings mufs zugeftanden werden, dafs für die deutfche Gefchichte gerade diefer Zeitabfchnitt von hervorragender Bedeutung ift; aber bei dem Umftande, als mittelalterliche Zuftände fo vielfach verwickelt und von den unferigen fo grundverfchieden find, drängt fich uns unwillkürlich die Frage auf, ob nicht durch gröfsere Befchränkung in diefer Periode und durch kluge Erweiterung des aus der alten und neuen Gefchichte entlehnten Stoffes unferer Jugend mehr gedient wäre. Auf derfelben Stufe wie die Common Schools ftehen in den Städten die Primary Schools, für diefe find fchon beftimmte Lehrbücher in der Gefchichte vorhanden, und zwar nicht etwa gedrängte Compendien, wie man fie in Oefterreich feit Einführung des Gefchichtsunterrichtes zu fchreiben anfängt, fondern ausführlichere Erzählungen, die, durch Bilder und Karten erläutert, die Jugend nicht blofs belehren, fondern auch unterhalten. In der Regel behandeln fie blofs die griechifche, römifche, englifche Gefchichte: und die Gefchichte der vereinigten Staaten, fo z. B. Goodrich pictorial hiftory of Greece, of Rome, of England of the United States, oder Bonner's A Childs history of Greece 2 Bände, of Rome 2 Bände, of England 2 Bände, of the United States 3 Bände. Häufig find Fragen jedem Abſchnitte beigegeben wie z. B. in Harper's( des Verlegers) ancient history for the ufe of fchools by J. Abbott und deffen Engliſh Hiftory oder bei dem fchon erwähnten Büchlein Willson's Primary American hiftory for Primary Schools New- York 1871. Doch auch ein Lehrbuch der allgemeinen Gefchichte findet fich für diefe Stufe vor. Es ift dies Peter Parley's Univerfal Hiftory, New- York 1872. In derfelben ift eine befondere Methode bemerkbar. Die Bafis des Gefchichtsunterrichtes bildet, die Geographie. Zuerft wird z. B. die phyfifche und politifche Geographie Afiens vollſtändig abgehandelt, an die fich dann die Gefchichte der Culturftaaten diefes Welttheiles anfchliesst, welche mit der biblifchen Gefchichte ihren Anfang nimmt. Es ift dies eine Verquickung der Geographie und Gefchichte, wie fie vielleicht die öfterreichifche Regierung in dem Statut für Realschulen vom 13. Auguft 1851 beabsichtigte und Warhanek( Zdobinský) und Schmued in den von ihnen verfafsten Lehrbüchern zum Theile durchführten. Als unzweckmäfsig und pädagogifch falfch wurde diefe Methode aber bald aufgegeben. Ob Markhams hiftory of France auch für die erfte Stufe des Gefchichtsunterrichtes beftimmt ift, ift aus derfelben deutlich nicht erfichtlich. Jedenfalls ift fie in den öffentlichen Schulen nicht in Gebrauch. Wahrfcheinlich wird fie in Privatfchulen, die auf das Franzöfifche viel Gewicht legen, benützt. Hier findet fie defshalb Erwähnung, weil fie nach franzöfifchem Gefchmacke hinter jedes Capitel ein Gespräch( eine Causerie) über dasfelbe einfügt. Die Common Schools und Primary Schools entfprechen etwa unferen Volksund Bürgerfchulen. Die Lehrer für diefelben müffen offenbar mit der allgemeinen Gefchichte vertraut fein. Zwar findet fich in einem Wegweifer für Lehrer( The teachers Inftitute by Will. B. Fowle, New- York 1873) keine befondere Anweifung Der Unterricht in der Gefchichte. für den Gefchichtsunterricht, aber ein Werk, das eine Sammlung von Fragen bildet, die ein Candidat des Lehramtes zu beantworten hat. The elementary and complete Examiner or Candidates Affiftant by Ifaac Stone( New- York 1873) enthält im neunten Abfchnitte Fragen aus der allgemeinen Gefchichte, und zwar find diefelben nach Willard's Univerfal Hiftory zufammengeftellt, fo dafs diefe und die mit ihr auf gleicher Stufe ftehenden Werke die Quellen fein dürften, aus welchen die Lehramts- Candidaten ihr Wiffen zu fchöpfen haben. Als folche ift zunächst zu nennen Willards United States Hiftory, fowie die Univerfal hiftory mit Bildern, Karten und Fragen ausgeftattet. In derfelben Sammlung erfcheint neben Berard's hiftory of England, Ricord's hiftory of Rome und Alison's hiftory of Europe, auch Hanna's Bible hiftory und Marfh's Ecclesiaftical Hiftory, fo dass wir voraussetzen dürfen, dass die Lehramts- Candidaten der Bibel und Kirchengeschichte besondere Aufmerksamkeit zuwenden müffen. Unferen Mittelfchulen entſprechen die Grammar Schools und die Colleges, auch High Schools. Die Pläne der Schulen von New- York und Baltimore zeigen uns, wie der Gefchichtsunterricht auf die einzelnen Jahrgänge vertheilt wird. In der achtjährigen Grammar School wird erft in der vierten Claffe der Gefchichtsunterricht begonnen. In dem Normal College for Female in NewYork, das fechs Jahrgänge umfafst, wird Gefchichte nur in den erften drei Jahrgängen gelehrt. In dem Plan des männlichen College of the City of New- York, das zehn Claffen in fünf Stufen aufweift, erfcheint die Gefchichte nur auf der zweiten und dritten Stufe. In der erften Stufe( Introductory department) wird keine Gefchichte gelehrt und in den zwei oberften Stufen( Junior Class und Senior Class) treten an die Stelle der Gefchichte Orationes. Auf die zwei mittleren Stufen wird die Gefchichte derart vertheilt, dafs auf der zweiten Stufe( Freſhman Class) im erften Term drei Stunden alte Gefchichte, im zweiten Term in eben fo viel Stunden Mittelalter, auf der dritten Stufe( Sophomore Class) im erften und zweiten Term mit je zwei Stunden Gefchichte der Neuzeit gelehrt wird. Als Lehrmittel in der Gefchichte werden für die unteren Stufen der Grammar Schools diefelben Lefebücher benützt, die bei der oberen Stufe der Primary School erwähnt wurden. In den höheren Claffen der Grammar Schools und Colleges wird befonders häufig das Werk Outlines of Hiftory by M. Wilfon( Ivifon Blakem and Taylor) New- York 1872 gebraucht, was eben darum unfere Aufmerkfamkeit in hohem Grade in Anspruch nimmt. Die Anlage desfelben ift wefentlich von der unferer Lehrbücher verfchieden. In den beiden erften Abfchnitten wird ausfchliefslich politifche Gefchichte behandelt. Gelegentlich, namentlich in der alten Gefchichte werden Quellen angeführt. Karten und Zeichnungen find in den Text aufgenommen. Befonders betont erfcheint die alte, dann die englifche und amerikaniſche Gefchichte, während Deutfchland fehr ftiefmütterlich bedacht ift. Der dritte Theil des Werkes führt den Titel ,, Outlines of the philofophy of hiftory" und enthält vorherrfchend Culturgefchichte, fo z B. Civilifation der Egypter, Affyrier, Babylonier, Griechen und dergl. Auffallend und zugleich bezeichnend für die freifinnige Denkungsweife der Amerikaner ift der Eingang in diefe Philo fophie der Gefchichte. Sie fcheuen fich nicht, an die Stelle der Bibel, die bei uns noch in den meiſten Lehrbüchern den Eingang in die Gefchichte bildet, die Refultate der neuen Forfchung auf dem Gebiete der praehiftorifchen Zeit zu fetzen und eröffnen die Culturgefchichte mit einer Schilderung der„ Antediluvian World". Referent ift nicht in der Lage, die Trennung der Culturgefchichte von der politifchen Gefchichte zu befürworten, da beide nur in ihrer Wechfelwirkung verftändlich erfcheinen, aber dafs die Gefchichte nicht mit der Mythe eines einzelnen, uns fremdartigen Volkes, fondern mit den durch mühfame Forfchung gewonnenen unwiderleglichen Refultaten der Naturwiffenfchaft über Entwicklung der Erde und ihrer Bewohner zu beginnen habe, mufs jeder Unbefangene als richtig anerkennen. Eine Beftätigung hiefür liefert die Thatfache, dafs ein deutfcher 6 99 Dr. Emanuel Hannak. Hiftoriker( Kolb in feiner Culturgefchichte) derfelben Anfchauung huldigt. Was diefer für weitere Kreife verfuchte, follte nach dem Vorbilde der Amerikaner auch für die Kreife der Schule, natürlich mit weifer Befchränkung in Anwendung kommen. Ferner verdient auch eine befondere Art von Lehrbehelfen unfere Aufmerkfamkeit. Es find diefs die Handbücher, die unter dem gemeinſamen Titel The Students Series" by Harper& Brothers in New- York erfchienen. Schon die Bezeichnung The Students Gibbon, The Students Hume, Hallams middle Ages by Dr. Smith, Hiftory of Perfic Wars nach Grote und dergl. belehren uns über die Anlage derfelben. Sie find Bearbeitungen anerkannt vorzüglicher Gefchichtswerke und der Bearbeiter Dr. Smith ift felbft ein genauer Kenner der alten, fpeciell orientalifchen Gefchichte, wie diefs aus feiner Ancient hiftory of the Eaft, in welcher die neueſten Forfchungen auf dem Gebiete der Keilfchrift verwerthet erfcheinen, erfichtlich ift. Dergleichen Handbücher laffen fich mit den Charakterbildern aus der Gefchrichte, wie folche Dr. Pütz, Schöppner und Andere edirten und in denen auch einzelne Epifoden aus den bedeutendften deutfchen Hiftorikern entlehnt oder doch nach ihnen bearbeitet find, vergleichen. Aber fie haben vor diefen den Vorzug einer einheitlichen und continuirlichen Darftellung. Gewifs wäre es ein glücklicher Verfuch, nach dem Vorbilde der Amerikaner für den Handgebrauch der Schüler oberer Claffen höherer Lehranstalten eine kurze Bearbeitung von Rawlinfons five geat Monarchies, von G. Curtius griechifcher, Theod. Mommfens römifcher Gefchichte, Giefebrechts Mittelalter, Raumers Hohenftaufen, Rankes Reformationszeit und dergl. zu liefern. Selbft bei minderbegabten Schülern, denen die Originalwerke zu fchwer und zu umfangreich find, könnte durch folche Bearbeitungen das Verftändnifs der Gefchichte erleichtert, das tiefere Eindringen in diefelbe gefördert werden. Neben den Lehr- und Handbüchern der Gefchichte zogen keinerlei andere bemerkenswerthe Hilfsmittel für den Unterricht in diefer Disciplin unfere Aufmerkfamkeit an fich. Selbft hiftorifche Kartenwerke waren nicht vertreten. Ihr Mangel ift dadurch gerechtfertigt, dafs in die Lehrbücher Karten, Pläne und andere Illuftrationen aufgenommen find und fomit ein befonderer Atlas überflüffig erfcheint. Das Vorwort zu den Elements of Hiftory by Worceſter Bofton 1872 gibt aber noch eine weitere Erklärung zu diefem Mangel. Der Verfaffer erzählt darin, dafs er zu den früheren Auflagen feiner Gefchichte einen Atlas herausgab, dafs er diefs aber wegen der grofsen Koften, die es verurfachte, in der neueften unterliefs. Im Allgemeinen läfst fich nicht läugnen, dafs der Gefchichtsunterricht in den amerikanifchen Schulen, was Stoff fowohl als Methode anbelangt, nach englifchem Mufter gelehrt wird. Doch zeigt die Aufnahme der Gefchichte unter die Lehrgegenstände der erften Stufe in den Common und Primary Schools, fo wie das geringe Betonen der Bibel und Kirchengefchichte in den Volksfchulen und Lehrer- Bildungsanftalten die felbftſtändige Entwicklung diefes Unterrichtszweiges auf dem Boden eines freien Staates. Auch darin ift der freiere und darum höhere Standpunkt der amerikanifchen Schulmänner erkennbar, dafs in den Gelehrtenfchulen nicht einfeitig wie in England blofs alte, englifche, refp. amerikanifche Gefchichte, fondern Univerfal- Gefchichte betrieben und gelehrt wird. Nähern fich in diefem Punkte die Amerikaner den Deutfchen, fo ift in dem Hervorheben franzöfifcher Gefchichte* fo wie in der Anlage ihrer Lehrbücher der Gefchichte, der Einflufs des franzöfifchen Unterrichtswefens unverkennbar. Belgien. Der Gefchichtsunterricht diefes Landes ift nach franzöfifchem Mufter eingerichtet. Es iſt vorzugsweife vaterländifche Gefchichte, auf die in den * Abgefehen von der für die untere Bildungsftufe berechneten und fchon erwähnten Markhams hiftory of France ift auch in der Sammlung The Students Series, eine hiftory of France, nirgends aber eine Gefchichte Deutfchlands. Der Unterricht in der Gefchichte. 7 Schulen aller Werth gelegt wird. So werden in der Volksfchule( inftruction primaire) und den mit diefer zufammenhängenden Fortbildungsfchulen ( écoles d'adultes) der Jugend die Elemente der Gefchichte an der vaterländifchen Gefchichte beigebracht, und wir erblicken an den petit cours d'hiftoire nationale à l'ufage des écoles primaires par Dr. J. Dumont, Mons 1872( 2. Auflage) einen für diefe Stufe berechneten Leitfaden. Auch in den drei Jahrgängen der Lehrer- Bildungsanftalt( StaatsNormalfchule) wird die Gefchichte des Mittelalters und der Neuzeit nur im Anfchluffe an belgifche Gefchichte gelehrt, und neben der nationalen Gefchichte nur der Gefchichte des Alterthums im I. Jahrgange ein Platz eingeräumt. In dem Cours d'hiftoire de Belgique à l'ufage des elèves inftituteurs primaires par L. Ganonceaux, Bruxelles 1872, war ein für diefe Zwecke gefchriebenes Werk ausgeftellt. Welch' untergeordnete Stellung aber der Gefchichtsunterricht in diefen Schulen einnimmt, ift aus dem Umftande erfichtlich, dafs demfelben in jedem Jahrgange nur eine Stunde zugewiefen wird. An der Mifsachtung diefer Disciplin ift jener romanifche Einflufs erkennbar, der, jederzeit ein Feind objectiver Gefchichtsdarftellung, diefen Unterrichtszweig nur ungern unter den Gegenständen der Schule namentlich der Volksfchule duldet. Auch an den Mittelfchulen( Enfeignement moyen) ift der Gefchichte keineswegs ein Spielraum eingeräumt, der ihrer Bedeutung entſpricht. An den niederen Mittelfchulen( écoles moyennes), die etwa unferen Bürgerfchulen entſprechen, hat die Geographie und Gefchichte in drei Jahrgängen nur zwei, höchftens drei wöchentliche Stunden zugetheilt, in welchen die Gefchichte der hervorragendften Weltereigniffe, angeknüpft an biographifche Bilder und die Gefchichte Belgiens gelehrt wird. Erft an den Athenäen erlangt die allgemeine Gefchichte eine ihr entfprechende Stellung unter den Disciplinen diefer Anftalten. Hervorzuheben ift aber, dafs in der humaniftifchen Section Section( entfprechend unferen Gymnafien) derfelben die Gefchichte, die man doch mit allem Grunde als ein humaniftifches Fach bezeichnet, nur auf einer, dagegen in der profeffionellen Abtheilung( entfprechend unferen Realfchulen) auf zwei Stufen gelehrt wird. Es ift nämlich für die humaniftifche Section im III. Jahrgange( Quatrième), mit dem der Gefchichtsunterricht beginnt, in drei wöchentlichen Stunden für Geographie und Gefchichte, eine überfichtliche Gefchichte des Orients, eine ausführliche Griechenlands und Roms bis zur Zerftörung Karthagos, im IV. Jahrgange( Troifième) in nur zwei wöchentlichen Stunden der Schlufs der römifchen Gefchichte und die Gefchichte des Mittelalters bis zu den Kreuzzügen; im V. Jahrgange( Poefie) der Schlufs des Mittelalters und die ganze Gefchichte der Neuzeit bei zwei wöchentlichen Stunden vorgefchrieben, während in dem VI. Jahrgange( Rhetorique) nur Gefchichte Belgiens gelehrt wird. Dagegen wird in der profeffionellen Section fchon im I. Jahrgange ( Cinquième) der Gefchichtsunterricht begonnen, und zwar in zwei wöchentlichen Stunden die gefammte alte Gefchichte; im II. Jahrgange( Quatrième) in eben fo viel Zeit das ganze Mittelalter und die gefammte Neuzeit abgethan. Für den III. und IV. Jahrgang( Troifième et Deuxième) ift eine zufammenhängende Darftellung der allgemeinen Gefchichte von den älteften Zeiten bis auf die Gegenwart in drei wöchentlichen Stunden vorgefchrieben. Den Schlufs bildet wieder belgifche Gefchichte mit zwei Stunden im fünften Jahrgange( Première). Zugleich foll in den letzten zwei Jahrgängen diefer Section, Gefchichte des Handels und der Induftrie gelehrt werden. Dafs bei der geringen Zeit, die dem Gefchichtsunterrichte eingeräumt erfcheint, und bei der Fülle des Stoffes unmöglich etwas Erfpriefsliches geleiftet werden kann, wird jeder mit der Sache genauer Vertraute einfehen. Bezüglich der Lehrbücher ift nichts befonders Bemerkenswerthes zu verzeichnen. Sie gleichen den in Frankreich benützten in Methode und Inhalt. 2 8 Dr. Emanuel Hannak. Ein Cours élémentaire d'Hiftoire univerfelle par J. Möller, Bruxelles und Paris 1871, fcheint befonders häufig gebraucht, da er fchon eine dritte Auflage erlebte. Eine Hiftoire du Commerce et de l'Induftrie de la Belgique von Barlet, Mecheln 1870, kennzeichnet die Art und Weife, wie diefe Seite menfchlicher Culturgefchichte als befonderer Gegenftand in der realiftifchen Section der Athenäen betrieben wird und erinnert unwillkürlich an die Bedeutung, die einft auf dem Gebiete des Handels die Vereinigten Niederlande hatten und die noch gegenwärtig Belgiens Induftrie befitzt. Unter anderweitigen Hilfsmitteln für den Gefchichtsunterricht find in erfter Linie hiftorifche Karten hervorzuheben, von denen der Atlas zur belgifchen Gefchichte von Ch. Vercomer, Volksfchul- Infpector zu Brüffel. vorlag. Ueberdiefs gehören hieher Handbücher, welche der Jugend die Vertiefung in diefen Gegenftand ermöglichen. Unter folchen fiel fchon durch die äufsere Ausftattung die Hiftoire de Belgique von Theodor Jufte auf, die populär gehalten fich grofser Verbreitung zu erfreuen fcheint, indem fchon die vierte Auflage vorliegt. Es macht fich nämlich die Vorliebe, mit der die vaterländifche Gefchichte in den Schulen betrieben wird, auch in den wiffenfchaftlichen Arbeiten geltend. Der Verfaffer der erwähnten Gefchichte Belgiens, Theodor Jufte, ift aufserdem durch feine„ Hiftoire des Etats Genereaus de Pays- Bas", Bruxelles 1864, durch„ Le foulevement de la Hollande en 1813" Bruxelles 1870, durch ,, La revolution Belge de 1830" Bruxelles 1872 und durch„, Guillaume le Taciturne" Bruxelles 1873 vertreten. Auch der germanifche Theil der belgifchen Bevölkerung pflegt befonders die einheimifche Gefchichte wie die„ Gefchiedenis von Hertog van den Erften van Braband en zije Tijdvak von Karel Stallart" Brüffel 1861 bekundet. In diefer Richtung ift auch die königliche Akademie der Wiffenfchaften, fpeciell die Commiffion für Gefchichte durch ihre Publicationen thätig, unter denen die„ Table chronologique des Chartes et diplômes imprimés confervent l'hiftoire de la Belgique par Alph. Wanters" Bruxelles 1871, befonders rühmend hervorzuheben ift. Wenn die zuletzt genannten Werke eigentlich nicht in den Gefchichtsunterricht als folchem gehören und zumeift von nicht unbedeutendem wiffenfchaftlichen Werthe find, fo kennzeichnen fie doch die Richtung, in welcher das Gefchichtsftudium fich vorherrfchend bewegt. Wie fehr die Pflege der vaterländifchen Gefchichte in Belgien vorwiegt, belehren uns, um noch Entfernteres herbeizuziehen, auch die hiftorifchen Gemälde belgifcher Künftler. Wenn de Vriendt Jacobine von Baiern und Philipp den Guten, Wauters Maria von Burgand, de Biefve die Gräfin Egmont, Soubre den Blutrath Albas, D. Kayfer und van Brée Carl V. und dergl. in ihren Gemälden behandeln, fo beweifen fie hiedurch dasfelbe, was die belgifchen Gelehrten durch Behandlung einzelner Momente einheimifcher Gefchichte beweifen. Zum Schluffe fei noch zweier Werke gedacht, die als Hilfsmittel zur Belebung des Gefchichtsunterrichtes nicht ohne Erfolg benützt werden könnten. Es find diefs bildliche Darftellungen, und zwar ,, Choix de vafes peints de Mufée d'antiquitées de Leide par Roulez" Gent 1854, und insbefondere das bei Ch. Claeffen in Lüttich erfchienene Album Archeologique deffine par Camille Renard, das auf 85 Blättern das Alterthum und auf je 75 Blättern das Mittelalter und die moderne Zeit behandelt. Es ift wohl dies Album vorherrfchend für künftlerifche Zwecke edirt, aber es kann nicht blofs in Kunftfchulen, fondern auch in den Mittelfchulen mit Nutzen zur Erläuterung der Cultur der verfchiedenen Völker und Länder benützt werden. Deutſchland. Es ift fchwer, auch nur annähernd ein erfchöpfendes Gefammtbild von dem Stande des Gefchichtsunterrichtes und der bei diefem Der Unterricht in der Gefchichte. 9 angewandten Lehrbehelfe der verfchiedenen zum deutfchen Reiche gehörigen Länder zu liefern, zumal aufser Sachfen kein anderer deutfcher Staat einen detaillirten Katalog der ausgeftellten Gegenftände beigegeben hat. Doch wird die Schwierigkeit theilweife dadurch gemindert, dafs die deutfch- öfterreichifche Lehrerwelt, für die doch zunächft der Bericht berechnet ift, mit dem Unterrichtswefen diefes Reiches gerade am vertrauteften ift, indem Lehrmethoden, Lehrmittel und Lehrbehelfe in den deutfchen Ländern Oefterreichs entweder Deutfchland unmittelbar entlehnt oder doch den deutfchen nachgebildet find. aus " Volksfchule. der Zuerft( im Jahre 1835) hat Sachfen, diefem folgend haben aber auch die übrigen Staaten die Gefchichte" unter die Gegenftände der Volksfchule aufgenommen. Der Standpunkt, welcher bei der Aufnahme diefer Disciplin mafsgebend war, war jedoch urfprünglich ein fehr engherziger. Die Gefchichte follte im Anfchluffe an die Bibel gelehrt und auf die fpecielle Gefchichte des Heimatslandes befchränkt werden. Es follte demnach diefer Zweig des Unterrichtes lediglich kirchlichen und den mit diefen zufammenhängenden dynaftifchen Zwecken dienen. Die Die freiheitliche Bewegung der Jahre 1848 und 1849, welche das Streben hatte, die confeffionelle Schule zu befeitigen und zur Staatsanftalt umzugeftalten( VI. Art. der Grundrechte des deutfchen Volkes §. 23) verfchaffte der Gefchichte keine würdigere Stellung; denn bald trat die Reaction ein, die in richtiger Erkenntnifs der Bedeutfamkeit diefes Unterrichtszweiges ihn zu ihren Zwecken auszubeuten wufste. Vor Allem kennzeichnend für die in ganz Deutfchland herrfchende Strömung find die berüchtigten preufsifchen Regulative vom Jahre 1854, welche den Lehrer in der Volksfchule beauftragen, die Kinder einzuführen in die Kenntnifs der Gefchichte preufsifchen Herrfcher und des preufsifchen Volkes, wie der göttlichen Liebe, die fich in derfelben offenbart". Befonderen Stunden wurde diefer Unterrichtszweig zugewiefen, vaterländifche Gedenktage namhaft gemacht, in denen hauptfächlich die Erinnerung an wichtige Momente aus der Landes-, aber auch der evangelifchen Kirchengefchichte gepflegt werden follte, und patriotifche Lieder zur Erwärmung des jugendlichen Herzens, für Kirche und König anempfohlen. Die preufsifchen Regulative fanden in den übrigen deutfchen, namentlich den proteftantifchen Ländern bereitwillige Nachahmung. Die Gefchichte gelangte auf diefe Weife allerdings in eine ihr würdige Stellung unter den Disciplinen der Volksfchule; aber fie follte nur befchränkten Zwecken der herrfchenden Kirche und der herrfchenden Dynaftien dienen. Indeffen überfchritt fie bald diefe enggezogene Grenze. Es war unmöglich, preufsifche, würtembergifche, fächfifche etc. Gefchichte zu lehren, ohne auf die Gefchichte des Gefammtvaterlandes einzugehen, die Jugend für einen Particularherrfcher zu begeiſtern, ohne der Heldenthaten des ganzen grofsen deutfchen Volkes zu gedenken. Darum hatte die Aufnahme der Landesgefchichte in die deutfche Volksfchule nur für kurze Zeit dem Localpatriotismus und dem Abfolutismus in Kirche und Staat Früchte getragen Bald machte fich der mächtige Einflufs diefer Disciplin in anderen, den früheren geradezu entgegengefetzten Richtungen geltend. Die Gefchichte des engbegrenzten kleinen Vaterlandes und Volksftammes weckte die Liebe zu dem grofsen dentfchen Vaterlande, zu dem ganzen deutfchen Volke. Der durch die Gefchichte erzogene Volksgeift begann die Feffeln zu fühlen, welche die Kirche ihm angelegt hatte. Das Streben nach nationaler Einheit einer-, nach Emancipation der Kirche anderfeits, das waren die nicht gewünſchten und nicht erwarteten Refultate von der durch die Reaction in ihrer Weife begünftigten Pflege des Gefchichtsunterrichtes in der Volksfchule. Wenn die letzte Parifer Weltausftellung fchon ein bedeutendes Stadium des Weges zur nationalen Einheit von 10 Dr. Emanuel Hannak. und kirchlichen Freiheit als bereits zurückgelegt verzeichnen konnte, fo kann die Wiener Weltausftellung fchon nahezu die Vollendung desfelben begrüfsen. Und gerade in dem Gefchichtsunterrichte machen fich die genannten Factoren in eminenter Weife geltend. Es genügte nicht mehr die Gefchichte eines befonderen Staates, einiger Momente aus dem Leben feiner Particularherrfcher, aus den kirchlichen Bewegungen des Volkes den höher geftiegenen Bedürfniffen der Schule. Von der durch kirchliche und dynaftifche Rückfichten eingeengten Landesgefchichte fchritt man zur objectiven Gefchichte des ganzen deutfchen Volkes und des ganzen Menfchengefchlechtes vor. Man behielt nicht blofs eine beſtimmte Kirche oder eine beſtimmte Dynaftie im Auge. Die ganze Menfchheit in ihrer allmäligen Entwicklung kennen zu lernen, das wurde das Ziel des Gefchichtsunterrichtes; die objective Wahrheit zur Darftellung zu bringen, das Beftreben feiner Lehrer. Zuerft war es Baden, das die Volksfchule in den Jahren 1862 bis 1864 vom kirchlichen Einfluss emancipirte, ihm folgte Würtemberg im Jahre 1865, Baiern 1869, zuletzt kam Preufsen 1872 und Sachfen 1873. In den neuen Schulordnungen aller diefer Länder erfcheint die Gefchichte ohne Befchränkung auf das Vaterland als Gegenftand der Volksfchulen. Dafs die deutfche, und in Unterordnung unter diefer die Landesgefchichte hauptfächlich betont wird, ift felbftverſtändlich. So ift, um einzelne Beiſpiele anzuführen, in Baiern für die zweite Claffe der Volksfchule( Erlafs vom 21. September 1869) vorgefchrieben: Erzählungen über die älteften Bewohner Baierns, von der Verbreitung des Chriftenthums, von dem fegensreichen Wirken baierifcher Regenten, namentlich der Wittelsbacher; für die dritte Claffe Gefchichte, mit befonderer Rückficht auf die Vaterlands- und deutfche Gefchichte. Einzelne Kaifer und einzelne Epochen find ausführlicher zu behandeln. Und in Preufsen hat das liberale Minifterium Falk mit Erlafs vom 15. October 1872 für Volksfchulen Lebensbilder aus allen Zeiten der Gefchichte des deutfchen Vaterlandes mit Berücksichtigung der culturhiftorifchen Momente, für die Bürgerſchulen, die den gehobenen Volksfchulen entſprechen, Biographien aus der Gefchichte aller Zeiten verordnet. In den unteren Claffen wird die Gefchichte meift nur im Anfchluffe an die deutfchen Lefebücher gelehrt, in den oberen Claffen find häufig auch befondere Leitfäden üblich. Früher pflegte man fich mit armfeligen Skizzen, mit Zahlen und Namensverzeichniffen zu begnügen. Noch heutzutage hat diefe Methode, von den Leitfäden für die Landesgefchichte abgefehen, ihre Vertreter in Dielitz's, Grundrifs der Weltgefchichte" Berlin, R. Laffer, oder in dem ,, Wiederholungsbuch für den geographifch- gefchichtlichen naturkundlichen und deutfchen Unterricht in Volksund Bürgerfchulen von Schumacher, Wrede und Anderen", Berlin, Oehnigke, 1872, wo auf 42 Seiten die ganze Weltgefchichte abgethan ift; oder in dem Werkchen„ Die nothwendigften gefchichtlichen Zahlen, bearbeitet von einem Lehrerkreife in Dresden." Dresden, C. C. Meinhold& Söhne und Andere. Kein Zweifel, dafs Namen und Zahlen das Gerippe der Weltgefchichte bilden, und darum dem Kinde wohl eingeprägt werden müffen. Aber auf der unterften Stufe verlangt der kindliche Geift faftigere Koft. Darum trat das Beftreben zu Tage, der Jugend den gefchichtlichen Stoff in einer anmuthigen Form zu bieten. Mit Vorliebe gruppirte man die wichtigften Begebenheiten um eine Perfönlichkeit, mit der man die Jugend durch eine ausführliche Schilderung vertraut macht. Es entstand die biographifche Methode, die noch immer mit Vorliebe auf der unterften Stufe des Gefchichtsunterrichtes feftgehalten wird. Werke, die in diefer Form abgefafst erfcheinen, find z. B. S piefs' fächfifche Gefchichte, Dresden 1867, in Sachfen verwendet, die Biographien deutfcher Kaifer von Carl dem Grofsen an von G. Waitz, in Würtemberg im Gebrauch. Doch laffen fich für jede Gefchichtsepoche nicht immer Perfönlichkeiten finden, und es wäre gefehlt, wollte man Der Unterricht in der Gefchichte. 11 folche Epochen ganz hinweglaffen. Auch ift die phyfifche und geiftige Cultur eines Volkes ein wichtiger Factor feiner Gefchichte, und doch läfst fich diefe nicht an einzelne Perfönlichkeiten anfchliefsen. Es trat defshalb das Bedürfnifs ein, die rein biographifche Form aufzugeben und den Biographien auch Schilderungen einzelner Perioden und Bilder aus der Cultur einzelner Völker einzufügen. Auf diefe Weife entstanden„ Gefchichtsbilder", an denen die deutfchen Lefebücher befonders reich find. Solcher Art ift auch das bei Nikolai in Berlin erfchienene Elementarbuch der Weltgefchichte von Gohr und die in Würtemberg benützte deutfche Nationalbibliothek mit volksthümlichen Bildern und Erzählungen und andere Werke, die zumeift über die Grenze der Volksfchule hinausreichen. Bei dem Umftande, dafs in der Volksfchule die Kinder oft nicht bis zur höchften Claffe auffteigen, fondern fchon vor Eintritt in diefelbe nach Erreichung des vorgefchriebenen Alters ausfcheiden, ift ein fyftematifcher Unterricht in chronologifcher Aufeinanderfolge unmöglich. Es ftellte fich daher die Nothwendigkeit heraus, Bilder aus allen Gefchichtsperioden in jeder Claffe zur Behandlung zu bringen. So entstanden Gefchichtsbilder, die fich in concentrifchen Kreifen erweitern. Neben den Lefebüchern, die häufig in diefer Art die gefchichtlichen Abfchnitte behandeln, ift unter Anderem auch die Weltgefchichte von Spiefs und Berlet 3 Bände, Hildburghaufen 1869, in drei fich erweiternden Kreifen abgefafst. Hat man fchon in der Anlage der gefchichtlichen Lefeftücke, Lehrbücher und Leitfäden für Gefchichte dem kindlichen Geifte Rechnung getragen, fo fucht man demfelben überdiefs durch alle Mittel den Unterricht in diefer Disciplin nicht Das Kind weilt mit feiner blofs geniefsbar, fondern auch angenehm zu machen. regen Phantafie gerne in dem Reiche der Dichtung. Es fagen ihm daher zunächſt die Dichtungen aus der Kindheit der Völker die Sagen und Mythen zu. In richtiger Erkenntnifs diefer Eigenthümlichkeit des kindlichen Geiftes hat man in den Lefebüchern fowohl, als auch in felbftftändigen Handbüchlein der Jugend den Genufs der Mythen- und Sagenwelt des claffifchen, fowie auch des germanifchen Alterthums erfchloffen. Die verfchiedenen Bearbeitungen der Sagen der Griechen und Römer( Schwab, Grimm u. A.) und der in den Dichtungen des Mittelalters behandelten Sagenkreife( Ofterwald, Richter) zeigen von dem herrfchenden Zuge unferer Zeit. Durch die Lectüre von dergleichen ihm zufagenden Stoffen wird das Kind für den eigentlichen gefchichtlichen Unterricht vorbereitet und erwirbt fich überdiefs eine Fülle von Kenntniffen, die es dann bei dem tieferen Eindringen in die literarifchen Erzeugniffe feines und anderer Völker verwerthet und ohne die es diefelben nicht geniefsen kann. Wirken dergleichen Dichtungen auf die innerliche Anfchauung des Kindes, fo bemüht man fich auch auf die äufserliche Anfchauung unterftützend einzuwirken. Als Mittel hiezu dienen zunächft Karten. So wichtig diefer Lehrbehelf ift, fo wenig wird er noch in den Kreifen der Volksfchule angewendet. Aufser Karten zur Erläuterung der biblifchen und hie und da( z. B. Sachfen, Tutzfchmann's Atlas zur Gefchichte Sachfens, Leipzig Gebhard, Preufsens hiftorifche Karten von Fix) der Landesgefchichte, ift felten ein hiftorifcher Wandoder Handatlas für die allgemeine oder deutfche Gefchichte in Volksfchulen im Gebrauch. Neben den Karten unterſtützen auch Tabellen die Anfchauung. Schon oben wurde eines derartigen Werkes gedacht. Zeittafeln finden fich in gröfserer Zahl, namentlich für Landesgefchichte und haben neben einer ausführlicheren Gefchichtserzählung ihre volle Berechtigung. - Vor Allem aber dienen Abbildungen dazu, das Verſtändnis der Gefchichte durch Anfchauung zu fördern und das Gedächtnifs zu unterſtützen. Zwar ist in diefer Richtung fchon Mancherlei gefchehen; fo z. B. erblickten wir in Sachfen ein Tableau der deutfchen Könige bis auf Kaifer Wilhelm; 200 Bildniffe und Lebensabriffe berühmter deutfcher Männer; die deutfche Gefchichte und 12 Dr. Emanuel Hannak. Bilder mit Text, von Dr. Bülau( fortgefetzt von Dr. Brandes und Flathe). Dresden 1862. Gräfse, Sachfens Fürften in Bildern. Dresden 1855. Aber noch immer haben die bildlichen Darftellungen aus der allgemeinen Gefchichte nicht jene Berücksichtigung gefunden, die fie verdienen. So allgemein man Bilder zur Veranfchaulichung der biblifchen Gefchichte antrifft, fo felten erblickt man folche aus der Profangefchichte. Lehrer Bildungsanftalten. Der Gefchichtsunterricht in denjenigen Anftalten, welche zum Lehrerberufe vorbereiten, Profeminaren, Präparandien und Seminaren, hält mit dem in der Volksfchule gleichen Schritt. Auch hier hat urfprünglich die Rückficht auf Kirche und Dynaftie vorgewaltet. Die preufsifche Regulative vom Jahre 1854 bemerkt fogar:" Sorgfältige Beobachtungen haben ergeben, dafs Unterricht in der allgemeinen Weltgefchichte nicht mit dem erwarteten Erfolge in den Seminaren betrieben werden kann, vielmehr Unklarheit und Verbildung erzeugt, dafs über ihm Wichtigeres verfäumt wird. Dagegen mufs es als eine wichtige Aufgabe der Schullehrer angefehen werden, bei dem heranwachfenden Gefchlechte und in ihrer Umgebung Kenntnifs der vaterländifchen Erinnerungen, Einrichtungen und Perfonen aus der Vergangenheit und Gegenwart und damit Achtung und Liebe zur Herrfcher Familie vermitteln zu helfen." Darum fchreibt diefes Gefetz zunächſt die deutfche Gefchichte mit vorzugsweifer Berücksichtigung der preufsifchen, refpective Provinzialgefchichte vor. Die unentbehrlichften Mittheilungen aus der allgemeinen Gefchichte find theils an die Bibel anzufchliefsen, theils nur gelegentlich einzufügen. Diefe Befchränkung auf die vaterländifche Gefchichte war lange Zeit in Deutfchland vorherrfchend und in Baiern hält felbft das neue Volksfchulgefetz vom 29. September 1866 an derfelben feft, indem es in allen drei Jahrcurfen nur baierifche Gefchichte in innigfter Verbindung mit deutſcher Gefchichte vorfchreibt. Dagegen hat Sachfen fchon im Jahre 1859( Verordnung vom 15. Juni) neben der fächfifchen und deutfchen Gefchichte, das damit zufammenhän gende Wichtigfte aus der jedesmaligen Zeitgefchichte und ein kleines, aber frifches, farbenreiches Bild von der älteren und älteften Zeit zur Aufnahme in den Gefchichtsunterricht für nöthig erachtet. Die neue Gefetzgebung von Würtemberg( 25. Mai 1865) und Baden( 7. April 1868) betont wohl die deutfche und fpeciell die vaterländifche Gefchichte, legt aber auf die allgemeine, und insbefondere die Gefchichte der Griechen und Römer grofses Gewicht. Endlich hat auch Preufs e n mit Gefetz vom 15. October 1872 feinen früheren Standpunkt verlaffen und den 3 Jahren des Seminares allgemeine Gefchichte, u. z. der 3. Claffe alte, der 2. mittelalterliche, der 1. neuere, der 2. und I. Claffe mit Hervorhebung der deutfchen, der 1. mit befonderer Berücksichtigung von brandenburgifch- preufsifchen Gefchichte als Lehrpenfum vorgezeichnet. Unter den Lehrbüchern weift fchon die erwähnte Regulative auf Dittmar's deutfche Gefchichte hin. Neben diefer waren desfelben Verfaffers Leitfaden der Weltgefchichte, Webers Lehrbuch der Weltgefchichte, und Pütz' Lehrbuch der Geographie und Gefchichte von Würtemberg; Sattler's Grundrifs der deutfchen Gefchichte und Leitfaden der bairifchen Gefchichte von Baiern; Stacke's Erzählungen aus der alten Welt, Welter's Weltgefchichte, Schmidt's Handbuch der Gefchichte, Pierffon's preufsifche Gefchichte, Dr. David Müller's alte und deutfche Gefchichte, die Lehrbücher von Kolfufs, Förfter und Pütz von der preufsifchen Unterrichtsverwaltung unter den Lehrmitteln der Seminarien ausgeftellt. Neben den Lehrbüchern ftehen auch Zeittafeln und Karten im Gebrauche, die theils fchon bei den Volksfchulen erwähnt wurden, theils bei den Lehrbehelfen der Mittelfchulen Platz finden werden. Der Unterricht in der Gefchichte. 13 Mittelfchulen. In den Mittelfchulen,( den Realfchulen, Realgymnafien, Progymnafien, Gymnafien, Lyceen) ift die allgemeine Gefchichte mit befonderer Hervor hebung der deutfchen und der fpeciellen Landesgefchichte feit jeher unter die Disciplinen aufgenommen. Dem Gefchichtsunterrichte geht der Unterricht in der Geographie voraus, wefshalb erfterer nicht mit der unterften Claffe, fondern erft im 2. oder 3. Jahrgange beginnt. Gewöhnlich erfcheinen beide Gegenftände mit einander verbunden, jedoch in der Weife, dafs in den Gymnafien auf die Gefchichte, in den Realfchulen auf die Geographie befonderer Werth gelegt wird. Die Stundenzahl, die diefen Gegenftänden zugewiefen ift, fchwankt zwifchen 4 und 3 Stunden. Selten meift nur an Realfchulen, werden beide Gegenftände getrennt behandelt; für diefen Fall entfallen auf jeden zwei Stunden. Der fyftematifche Unterricht in der Gefchichte wird meift auf zwei Stufen ertheilt. Die erfte Stufe bringt die hauptfächlichften Begebenheiten der Weltgefchichte in chronologifcher Aufeinanderfolge mit Einprägung der wichtigften Jahreszahlen zur Kenntnifs der Schüler und betont befonders in der alten Gefchichte das ethnographifche Moment, befchränkt fich aber im Mittelalter und der Neuzeit meift auf deutfche Gefchichte mit Berücksichtigung der fpeciellen Landesgefchichte. Die zweite Stufe behandelt die allgemeine Gefchichte pragmatifch. Mit dieſem höheren Standpunkte, von dem die Gefchichte auf diefer Stufe zu lehren ift, ift es nicht leicht vereinbar, blofs die Gefchichte eines einzelnen Volkes oder Landes im Auge zu behalten. Darum wird von der fpeciellen Landesgefchichte abgefehen und Univerfalgefchichte getrieben. Auf beiden Stufen wird die Cultur der Völker, namentlich die der Griechen, Römer und Deutfchen, gebührend berücksichtigt. Als Einleitung in die Gefchichte dient in den erften Claffen der Unterricht in der biblifchen Gefchichte; auch werden in demfelben entweder im Anfchluffe an die Geographie oder an das deutfche Lefebuch die Mythen und Sagen der Griechen, Römer und Deutfchen und Gefchichtsbilder aus der vaterländifchen Gefchichte mit befonderer Betonung des biographifchen Momentes behandelt. Rechnet man diefe Vorftufe in den Gefchichtsunterricht ein, fo ergibt fich eine Gliederung in drei Gefchichtscurfe: den biographifchen, ethnographifchen und pragmatifchen oder univerfellen. Auf allen drei Stufen wird neben der deutfchen auf griechifche und römifche Gefchichte befonders Gewicht gelegt. Namentlich ift diefs in den Gymnafien der Fall, wo die alte Gefchichte einmal in Quarta, dann zwei Jahre in Secunda ausführlich gelehrt und am Schluffe der Prima nochmals mit Benützung der inzwifchen erweiterten Kenntnifs der Quellen wiederholt wird. Ueber die Erfolge des Gefchichtsunterrichtes liegen blofs aus Baierns Lateinfchulen und Gymnafien detaillirte Berichte vor. Aus den forg fältigen Daten der Unterrichtsftatiftik diefes Staates ift erfichtlich, dafs in den ifclirten Lateinfchulen. die Durchfchnittsnorm( bei 10 Abftufungen 1, 13, 128, 2, 413, 22, 3, 31, 32, 4) im Jahre 1870/71 2:03, in den humaniftifchen Gymnafien 192, alfo eine fehr günftige war. Zahlreich find die in Deutfchland beim Unterricht verwendeten Lehrbehelfe. Was zunächft die Lehrbücher anbelangt, fo find fchon viele bei Befprechung der Lehrerbildungs- Anftalten erwähnt worden. Im Allgemeinen find in katholifchen Schulen andere im Gebrauche, als an proteftantifchen. Zu den an katholifchen Schulen üblichen gehören die Lehrbücher von Pütz, Tücking, Beitelrock, Welter und anderen. An den proteftantifchen ftehen Beck, Dielitz, Dittmar, Duller, Herbft, Eckertz, Lange, Kohlrauch, Pfalz, Knochenhauer, Dietfch, Wolf und andere im Gebrauch. Ausserdem gibt es befondere Lehrbücher für die Landesgefchichte, z. B. Bader, Böttiger, Heinrich in Baiern, Pierfs on und Hahn in Preufsen, Spiefs in Sachfen. Einzelne der genannten find in zweierlei Ausgaben, von denen eine für 14 Dr. Emanuel Hannak. Gymnafien, die andere für Realfchulen beftimmt ift, bearbeitet. Die für Gymnafien beftimmten legen befonderes Gewicht auf die Gefchichte und Cultur der Griechen und Römer und enthalten zumeift Angaben über Quellen und Hilfsfchriften, namentlich in der griechifchen, römifchen und deutfchen Gefchichte. Die meiſten Lehrbücher gliedern fich in die oben gekennzeichneten zwei Stufen in ein Lehrbuch für Unter- und eines für Oberclaffen. Neben den Lehrbüchern dienen als wichtiges Förderungsmittel hifto rifche Karten. Es ift kein Zweifel, dafs Deutfchland in Hinficht auf diefes Hilfsmittel allen anderen Staaten voranfteht. Hauptfächlich gilt diefs von den Wandkarten. H. Kiepert's hiftorifche Wandkarten der alten Welt, Paläftinas und der umliegenden Länder, Alt- Griechenlands, Alt- Italiens, der Umgebung Roms und des römifchen Reiches, gehören zu den beften Erzeugniffen diefer Art und vervollkommnen fich in jeder neuen Auflage, deren bei einzelnen fchon die dritte nothwendig wurde. Ein anderes Werk diefer Art ift der in Wolfenbüttel erfchienene Schul- Wandatlas zur alten Gefchichte von L. Holle, der Paläftina, Griechenland, Italien und Gallien umfafst. An Schönheit und Genauigkeit der Ausführung fteht er hinter dem erftgenannten Werke zurück, hat aber den Vorzug, dafs er von jedem Lande nicht blofs eine Karte, die für alle Epochen beſtimmt ift, fondern mehrere, den verfchiedenen Epochen angepasste, zur Darstellung bringt. Ein drittes Werk, das die von den früher angeführten Werken gelaffenen Lücken theilweife ergänzt, find die von Reinhard bei C. Hoffmann in Stuttgart herausgegebenen Kartenwerke. Neben der Wandkarte Galliens zur Zeit des Julius Cäfar find eine Karte von Athen und von Roma vetus erfchienen, deren Bedürfniss fowohl beim Gefchichtsunterrichte, namentlich aber bei dem Lefen der alten Claffiker fchon lange fühlbar war. Aufserdem producirte Deutſchland mehrere hiftorifche Karten von Paläftina, z. B. die unter Leitung von E. Schäfer und W. Issleib in Gera und die von Dr. K. F. Schneider in Leipzig, von Hergt in Weimar erfchienene und andere dergl. Einzig in feiner Art ift der hiftoriſch geographifche Wandatlas von K. Spruner und Bretfchneider, der in zehn Karten Europa in den hauptfächlichften Epochen des Mittelalters und der Neuzeit darftellt. Durch Originalität und zierliche Ausführung zeichnet fich die hiftorifche Karte Europa's, Weftafiens und Nordafrika's von Dr. C. Spruner aus, in welcher die hiftorifch denkwürdigen Orte aus dem Alterthum mit rother, aus dem Mittelalter mit grüner und aus der Neuzeit mit fchwarzer Farbe ver zeichnet erfcheinen. Diefe Karte kann im Nothfalle die Kiepert'fchen und Spruner- Bretfchneider'fchen Wandkarten erfetzen und als Erläuterung der alten, mittleren und neuen Gefchichte dienen; hauptfächlich eignet fie fich aber für den Privatgebrauch und bei Repetitionen Auch für die Erläuterung der Landesgefchichte werden hie und da Wandkarten benützt, zu denen die hiftorifche Karte Preufsens von Fix zu rechnen ift. Zahlreicher find noch die hiftorifchen Hand- und Schulatlanten. In erster Linie ftehen die Werke von H. Kiepert: Atlas antiquus in zwölf Karten( auch in niederländifcher, ruffifcher, italienifcher, franzöfifcher und englifcher Ausgabe). Hiftorifch- geographifcher Atlas der alten Weltgefchichte( fchon in fiebzehnter Auflage) und neuer Atlas von Hellas und der hellenifchen Colonien; von Dr. C. Spruner und Menke der Atlas antiquus in gröfserer und kleinerer Ausgabe, und der Bibelatlas von Dr. C. Spruner; Hiftoriſchgeographifcher Handatlas zur Erläuterung des Mittelalters und der Neuzeit, und deffelben Verfaffers hiftorifch- geographifcher Schulatlas, fowie der Atlas von Athen von E. Curtius. Aufserdem find die hiftorifch- geographifchen Schulatlanten für allgemeine Gefchichte von Voigt, Pütz, Rhode, König, Völter( nach Angabe von Dittmar), für preufsifche Gefchichte von Leeder, für fächfifche von Tutzfchmann, felbft für öfterreichifche Gefchichte von Dr. C. Spruner und für biblifche Gefchichte von Weiland( mit Erklärungen von Dr. Ackermann), Producte des Fleifses deutfcher Gelehrten. Sie geben Zeugnifs Der Unterricht in der Gefchichte. 15 davon, wie viel Gewicht darauf gelegt wird, den Gefchichtsunterricht der Jugend zu erleichtern und hiedurch angenehmer und nutzbringender zu geftalten. Wenn durch Kartenwerke der Raum, auf dem die Gefchichte der Culturvölker fich entwickelte, dem jugendlichen Geifte vor Augen geführt wird, fo fand man auch ein Hilfsmittel, um die Zeit, in der die Begebenheiten auf einander folgen, mit Hilfe der Anfchauung lebendiger dem Gedächtniffe einzuprägen. Es find dies die Zeittafeln oder Gefchichtstabellen, die namentlich bei den, in den Unterrichtsgefetzen ftark betonten Repetitionen mit grofsem Erfolge benützt werden. Solche find für allgemeine Gefchichte von Bräutigam, Cauer, Hirfch, Peter, Schäfer, Schmidt und anderen auch für fpecielle Landesgefchichte, wie z. B. von Schäfer für fächfifche Gefchichte in Gebrauch. Namentlich müffen Dr. C. Peters Gefchichtstabellen zur griechifchen und römifchen Gefchichte hervorgehoben werden, weil fie durch genaue Angabe der Quellen und häufige Citate aus denfelben auch in einer anderen bald zu berührenden Richtung den Gefchichtsunterricht fördern. Hier mögen auch zwei zur Ausftellung gelangte Objecte Erwähnung finden, deren Werth namentlich für eine Schule ein problematifcher genannt werden darf. Es ift diefs zunächft der mit grofser Mühe ausgeführte synchroniftifche Atlas von C. Mertens, Lübeck 1870, der auf 48 Tafeln mit Beihilfe von Farben eine Ueberficht der Weltgefchichte zu geben beftimmt ift. Wie wenig er diefe Aufgabe erfüllen kann, konnte jeder Befchauer aus der ausgeftellten Ueberfichtskarte ermeffen, in deren Chaos fich zurechtzufinden fchon ziemliche Kenntnifs der Gefchichte vorausfetzt. Ferner ift in der fächfischen Abtheilung ein Calendarium perpetuum mobile von Keffelmayer ausgeftellt, das denjenigen, die fich befonders mit Chronologie befafsen, manchen Dienft thun kann, aber in der Schule wenig brauchbar fein dürfte. - Ein Noch viel nachdrücklicher als Karten- und Zeittafeln bringen wirkliche Antiquitäten oder Nachbildungen und Abbildungen derfelben, fowie Bilder hiftorifch berühmter Bauten und Oertlichkeiten oder auch denkwürdiger Begebenheiten die Cultur der Völker und ihre Gefchichte zur Anfchauung der Jugend und fördern deren Verſtändnifs. Von wirklichen oder nachgebildeten Antiquitäten abgefehen, deren Befprechung nicht in diefe Zeilen gehört, ift als das ausführlichfte Lehrmittel diefer Art, das fich über alle Zeiträume erftreckt, L. Weifers Bilderatlas zur Weltgefchichte hervorzuheben, deffen erfter Band in zwei Theilen mit befonderer Rückficht auf griechifch- römifche Alterthümer die alte Gefchichte und deffen zweiter Band die Gefchichte des Mittelalters und der Neuzeit durch Abbildungen erläutert. anderes Bilderwerk, das in Befchränkung auf die bildenden Künfte abgefafst erfcheint, ift der Atlas von Lübke und Kugler. Lediglich auf die Gefchichte und Cultur der Griechen und Römer beziehen fich Reinhard's Album des claffifchen Alterthums( Stuttgart), Ed. von der Launitz' Wandtafeln zur Veranfchaulichung antiken Lebens und antiker Kunft( Kaffel) und Dr. Overbeck's Atlas der griechifchen Kunftmythologie.-Neue und treffliche photographifche Aufnahmen wichtiger Oertlichkeiten Griechenlands bietet das Album claffifcher Landfchaften und Denkmäler Griechenlands von Paul de Granges, Verlag von Qua as in Berlin.- Die herrfchende Pietät gegen jenen Monarchen, der Deutfchland zur Einheit führte, findet ihren Ausdruck in Still fried's Alterthümern und Kunftdenkmälern des Haufes Hohenzollern, Verlag von Ernft und Korn in Berlin, die zur Belebung des Unterrichtes in preufsifcher Gefchichte und zur Erweckung der Liebe gegen das Herrfcherhaus fich eignen. - Neben den angeführten, fyftematifch angelegten Sammlungen von Abbildungen find auch illuftrirte Handbücher, die der Jugend zur Privatlectüre dienen, geeignet, durch Anfchauung den hiftorifchen Unterricht zu fördern. Es würde zu weit führen, wollte man auch nur annähernd die Fülle 16 Dr. Emanuel Hannak. diefer Literatur kennzeichnen. Es foll genügen, als Beiſpiele einige der bedeutfamften Handbücher diefer Art namhaft zu machen. Zu diefen gehören für die reifere Jugend der Oberclaffen: Guhl und Koner: Das Leben der Griechen und Römer, und Overbeck's Pompeji mit mehr wiffenfchaftlichem Charakter und die populärer gehaltenen Werke derSpamer'fchen Jugendbibliothek, z. B. Opp e l's ,, Land der Pyramiden", Wägner's„ Hellas und Rom", Göll's, illuftrirte Mythologie und gelehrtes Alterthum", Otto's" Pantheon", Bilder aus der Gefchichte Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., O. Höcker's ,, Vaterländifches Ehrenbuch und das grofse Jahr 1870 auf 1871 u. A. Um einzelne Seiten der Cultur der Völker recht lebendig der Jugend zu vergegenwärtigen, hat man es verfucht, Modelle der von ihnen erzeugten Bauten oder Geräthfchaften zu entwerfen. Wenn in einem anderen Staate die Pfahlbauten der Urbewohner nachgebildet erfcheinen, fo hatte Deutſchland befonders das Kriegswefen der Griechen und Römer durch ausgeftellte Modelle illuftrirt. Ein grofses Kriegsfchiff( Pentere), mehrere fchwere Gefchütze, ein Skorpion, zwei Katapulten und eine Ballifte, fowie zwei Pilen ftanden in zierlicher Nachbildung vor uns und zeugten von der Gründlichkeit, mit welcher Dr. Körbly die zerftreu ten Ueberlieferungen des Alterthums über diefen Zweig der Cultur zu verwerthen wufste. Auch die römifchen Soldaten, die Du Bois in Hannover in Zinn nachgebildet ausftellte, find weniger Spielzeug als befonders Hilfsmittel zum Verſtändnifs des römifchen Kriegswefens.- Aehnliches gilt von den Helden und Götterfiguren aus dem trojanifchen Kriege, die eine Spielwaaren- Handlung aus Sonneberg( Meiningen) zur Ausftellung brachte. - Soll aber der Gefchichtsunterricht auf der oberften Stufe der Mittelfchule das Intereffe der fchon gereiften Jugend in höherem Grade feffeln, fo mufs diefe zur Selbftthätigkeit nicht blofs durch Reproduction des Percipirten, fondern durch felbftftändige Production angeregt werden. Darum hat fchon wiederholt, und am lauteften Dr. C. Peter in feinem weit verbreiteten Buche über Gefchichtsunterricht an Gymnafien an diefen Anftalten Lectüre der Quellen gefordert. Das Ideal, das Peter anftrebt, ift wohl nirgends auch nur annähernd erreicht worden. Man konnte die allgemeine Gefchichte aller Zeiträume nicht quellenmäfsig behandeln. Dazu fehlte es in Gymnafien an Zeit und auch an den nöthigen Sprachkenntniffen. Aber bei dem Umftande, dafs das Gymnafium das hauptfächlichfte Gewicht auf das Griechifche und Lateinifche legt, lag es nahe, die in diefen Sprachen gewonnenen Kenntniffe auch in der Gefchichte derartig zu verwerthen, dafs die wichtigften Quellenwerke der griechifchen und römifchen Gefchichte gelefen werden. Durch die Lectüre und Kenntnifs der Quellen wird die Gefchichte des claffifchen Alterthums um fo fefter der Jugend eingeprägt und fie in den Stand gefetzt, die erften Schritte in felbftftändiger Forfchung zu machen. Als Anleitung zu diefer Thätigkeit find den meiften Lehrbüchern für Gefchichte des Alterthums die Quellen entweder vor jedem gröfseren Abſchnitte im Allgemeinen oder bei jeder überlieferten Thatfache im Befonderen angeführt. In erfter Art ift z. B. das Lehrbuch für Oberclaffen von Dr. D. Müller, in letzterer das von Dietfch abgefafst. Auch wurden fchon oben Peter's Gefchichtstabellen zur griechifchen und römifchen Gefchichte als geeignetes Mittel namhaft gemacht, um die Gefchichte des claffifchen Alterthums quellenmässig zu lehren. Ueberdiefs find befondere chronologifch angeordnete Sammlungen der Gefchichtsquellen der Griechen und Römer angelegt worden. Von den älteren abgefehen ift aus der neueften Zeit das hiftorifche Quellenbuch zur alten Gefchichte" von Herbft, Baumeifter und Weidner namhaft zu machen. " Die neuefte Zeit hat neben der griechifchen und römifchen auch die deutfche Gefchichte zu Ehren gebracht. Das in den Freiheitskriegen erwachte Nationalbewufstfein konnte die folgende Reaction nicht unterdrücken. Unter dem äufseren Drucke erhob es fich nur noch mit um fo gröfserer Kraft. Die durch den Freiheitsminifter Stein angeregte Sammlung deutfcher Gefchichts Der Unterricht in der Gefchichte. 17 usum quellen ,,, Monumenta Germaniae", diente dazu, diefes Bewufstfein unter den Gebildeten zu nähren. Mit Vorliebe warfen fich diefe Kreife auf die deutfche Gefchichte und Literatur. Das Mittelalter, die Blüthezeit des deutfchen Reiches und Volkes, wurde nach allen Richtungen durchforfcht, die Quellen hiezu forgfältig gefammelt. Pertz, Böhmer, Jaffé, Potthart edirten das kritifch gefichtete Quellenmateriale. Sollte die Jugend nicht auch Kunde erhalten von den Gefchichtsquellen ihrer eigenen Nation? Es war und ift nur ein billige Forderung, dafs auch die deutfche Gefchichte quellenmäfsig behandelt werde. Es erfchienen defshalb die Scriptores rerum germanicarum in scholarum von Pertz in lateinifchen und die Gefchichtsfchreiber der deutfchen Vorzeit von Grimm, Pertz und Lachmann in deutfcher Bearbeitung. Auch verfafste Afsmann in Braunfchweig ein Handbuch der allgemeinen Gefchichte, in welcher die deutfche Gefchichte befonders ausführlich mit Hinweis auf die Quellen abgefafst ift. Ob aber an den deutfchen Gymnafien wirklich die vorhandenen Hilfsmittel zur quellenmäfsigen Behandlung der vaterländifchen Gefchichte benützt werden, und welcher Erfolg auf diefe Weife erzielt wird, ift eine Frage, deren Beantwortung aus den zur Ausftellung gelangten Berichten nicht erfichtlich ift. Doch dürfte die Behauptung nicht irrig fein, dafs es in Prima, für welche das Mittelalter und die Neuzeit und überdiefs eine Repetition des Alterthums mit Herbeiziehung der Quellen vorgefchrieben find, an Zeit mangeln dürfte, auch die Quellen des Mittelalters gebührend zu würdigen. Frankreich. Frankreich hatte feine Lehrmittel in folcher Weife angeordnet, dafs man mit Leichtigkeit einen Ueberblick über diefelben gewinnen konnte. So grofs aber die Zahl der ausgeftellten Lehrmittel war, fo wenig erfährt man über deren Benützung und die mit ihnen erzielten Erfolge. Was den Unterricht in der Gefchichte anbelangt, fo wird diefer in Frankreich höchft einfeitig betrieben. Man fcheute fich nicht die, Thatfache zu Gunsten Frankreichs zu fälfchen und erzeugte dadurch jene Selbftüberhebung der Franzofen, von der fie felbft durch die letzten fchweren Schläge nur zum kleinften Theil geheilt fcheinen. Doch bricht fich fchon, wie wir aus einzelnen Verordnungen der letzten Jahre erfehen, die beffere Einficht Bahn. In den öffentlichen Primärfchulen( Enfeignement primaire public) war in der Kaiferzeit kein gefchichtlicher Unterricht vorgefchrieben, es war nur geftattet, wo örtliche Verhältniffe es erlaubten, die Elemente franzöfifcher Gefchichte zu lehren. Doch die letzten Ereigniffe riefen einen vollftändigen Umfchwung hervor. Ein Circular aus dem Jahre 1872 von Gerard, das den Lehrern der Volksfchulen die Matiêres d'Enfeignement auseinanderfetzt, fordert nicht blofs eine der erften Bildungsftufe angemeffene Behandlung der franzöfifchen Gefchichte, fondern fchiefst weit über das Ziel hinaus, indem es dem Lehrer zur Pflicht macht, der Jugend die Urfachen der Begebenheiten entdecken und ihre Folgen ausfindig machen und würdigen zu lehren( le maître s'efforcera d'en faire découvrir les caufes aux eleves, il leur en fera egalement rechercher et apprécier les confequences). Die Jugend foll das mündlich Mitgetheilte fchriftlich wiedergeben und der Lehrer foll auf der Tafel die Karten Frankreichs in den wichtigften Epochen der franzöfifchen Gefchichte zeichnen, eine Forderung, die gewifs nicht leicht zu erfüllen ift. Wir erblickten mehrere Lehrbücher für franzöfifche Gefchichte in den Volksschulen, fo G. Ducoudray premières leçons d'hiftoire de France", M. A. Mazin hiftoire de France abregée" in neuer Auflage von Condorcet und„ Petite hiftoire de France" par M. H. Pigeonneau, die fpeciell für die Volksfchulen der Stadt Paris bearbeitet wurde. Dafs die biographifche Methode fchon in 2 - 18 Dr. Emanuel Hannak. Frankreich Eingang fand, zeigt die„ Hiftoire de Français par la biographie" von J. A. Fleury. Auch ein hiftorifcher Atlas zur Gefchichte Frankreichs ift zu erwähnen Er ift in mehrere Hefte( zu 30 Centimes) abgetheilt, jedes Heft enthält vier Karten mit fortlaufendem Texte, in den Abbildungen von Antiquitäten aus der Periode, welcher die Karte angehört, aufgenommen find. Ueberdiefs ift reines Papier beigegeben, auf dem das Kind die Mittheilungen des Lehrers notiren kann. Es ift gewifs ein trefflicher Gedanke, den Combarieu bei der Herausgabe diefes Atlas hatte, der bei richtigem Gebrauch viel Nutzen bringen kann. Nicht ohne Intereffe war die Sammlung von Prämienbüchern, welche die Stadt Paris( la Ville) ausgeftellt hatte. Sie beziehen fich lediglich auf fran zöfifche Gefchichte, fo Barante, hiftoire de Jeanne Arc", Barreau ,, hiftoire de la Revolution françaife", Bonnechofe" Lazare Hoche". Befonders hervorzuheben ist die„, Hiftoire de S. Louis" par Joinville ins moderne Franzöfifch übertragen von M. Nat. de Wailly, weil dadurch ein Verfuch gemacht ift, auch die Quellen der Gefchichte der Jugend zu erfchliefsen. In den nicht öffentlichen Volksfchulen, dem Enfeignement primaire libre wird neben franzöfifcher auch allgemeine Gefchichte getrieben, doch befchränkt fich diefelbe nur auf die alte Gefchichte, befonders die der Griechen und Römer. Es ift diefs erfichtlich aus den Büchern, die ausgeftellt wurden. Solche find ,, Petite hiftoire ancienne du jeune age" par J. L. C. Renaudin und desfelben Verfaffers ,, Petite hiftoire Romaine"; ferner die ,, hiftoire Grecque" und die ,, hiftoire Romaine" par M. A. Riquier und die Mythologie" par A. Riquier et Abbé Courbes, die nicht blofs die griechifche und römifche, fondern auch die egyptifche und indifche Götterlehre behandelt. Die angeführten Lehrbücher find mit hiftorifchen Karten, Plänen und kleinen Bildern ausgeftattet; dem Texte find Fragen eingefügt.. " " In den Schullehrer- Seminarien( écoles normales) wurde in der reactionären Kaiferzeit die Gefchichte aus begreiflichen Gründen wenig betont. Sie erſchien in der 3. Claffe und da nur mit einer(!) Stunde bedacht. Die oben erwähnten Forderungen, welche die jetzige republikanifche Regierung an die Lehrer ftellt, zeigen, dafs man diefer Disciplin eine würdige Stellung angewiefen hat. Zwar wird die franzöfifche Gefchichte befonders berücksichtigt, wie die ausgeftellten Bücher Les Grandes Epoques de la France" par Hubault et Marguerin, die ,, Recits de l'hiftoire de France" par C. Heffe und die ,, Hiftoire de France chronologique et methodique" bekundeten. Das zuerft angeführte enthält gelegentlich Citate der Hilfsfchriften, die beiden letzteren entſprechen unferen Gefchichtstabellen. Doch wird neben der franzöfifchen hauptfächlich alte Gefchichte gelehrt, wie es aus dem„, Cours d'hiftoire et de Geographie" par Ed. Anfart et A. Rendu erhellt, deffen I. Theil die alte, der II. Theil die franzöfifche Gefchichte umfafst. Dasfelbe beftätigt das„ Manuel des Aspirants et Afpirants aux Brevets de Capacité de l'Inftruction primaire" par Lefranc & Gallais, ein, wie die II. Auflage beweift, fehr benütztes Handbuch zur Vorbereitung für die Lehramtsprüfung. In Fragen und Antworten ift der ganze gefchichtliche Stoff, der fich auch über die alte Gefchichte erftreckt, auf 106 Seiten abgethan. Sowohl Methode als auch Inhalt find nicht geeignet, uns einen hohen Begriff von der Wichtigkeit, die man dem Gefchichtsunterricht an LehrerbildungsAnftalten beilegt, zu verfchaffen. An den Mittelfchulen( Enfeignement fecondaire) ift der Ge fchichtsunterricht je nach der Richtung derfelben verfchieden. Weniger Gewicht wird auf denfelben gelegt in dem Enfeignement fecondaire profeffionell( unferen Realfchulen entsprechend). Dafelbft wird im Vorbereitungsjahre Gefchichte Frankreichs in wöchentlich einer Stunde gelehrt. Natürlich kann diefs nur oberflächlich mit Befchränkung auf einfache Erzählungen hervorragender Thatfachen und und bedeutfamer Perfönlichkeiten Der Unterricht in der Gefchichte. 99 - 19 gefchehen. Die„ Simples Recits d'hiftoire de France" par Ducondray et Feillet können uns über die Art und Weife der Behandlung Auffchlufs geben. Im I. Jahrgange foll in wöchentlich zwei Stunden alte, befonders griechifche, römifche und mittelalterliche Gefchichte betrieben werden, ein Lehrftoff, der unmöglich in diefer kurzen Zeit bewältigt werden kann. In Emil Kleine's Recits d'hiftoire ancienne, Grecque, Romaine et de moyen age" erblicken wir ein Lehrbuch für diefe Claffe.- Für den II., III. und IV. Jahrgang ift Gefchichte Frankreichs, für den letzten auch Gefchichte der Erfindungen vorgefchrieben. Kleine's zweiter Band und Simonet's, hiftoire de France" etc. werden hiebei als Leitfaden verwendet. Beide Werke reichen blofs bis 1789, woraus wir fchliefsen dürfen, dafs man überhaupt nicht weiter zu kommen vermochte, hauptfächlich wohl darum, weil das Lehrziel des I. Jahres zu weit gefteckt ift. Ein eigenes Werk über die Gefchichte der Erfindungen lag nicht vor.- Dafs neben den Büchern auch Karten beim Unterrichte benützt werden, beweift die Beigabe folcher in Kleine's Lehrbuch. Bei dem claffifchen Secundärunterricht an den Lyceen wurde dem Gefchichtsunterricht eine wichtigere Stellung eingeräumt. Er ift in den vier oberen Claffen( Divifion fuperieure) mit je zwei Stunden bedacht und wird in zwei Abtheilungen ertheilt.- Die erfte Stufe umfafst die drei erften Jahrgänge ( Divifion élémentaire, die 9., 8. und 7. Claffe) und befchränkt fich auf ein fache Erzählungen aus der heiligen Gefchichte( in 9. und 8.) und auf die Gefchichte Frankreichs( in 7.). Mit der 6. Claffe( Sixième) beginnt der fyftematifche Gefchichtsunterricht und zwar ift für diefelbe Gefchichte des Orients, für die 5. Claffe Gefchichte des alten Griechenland, für die 4. römifche Gefchichte, für die 3. Ge fchichte Frankreichs und des Mittelalters vom V. bis XIV. Jahrhundert, für die 2. Gefchichte Frankreichs, des Mittelalters und der Neuzeit vom XIV. bis XVII. Jahrhunderte für die 1. Claffe( Rhetorique) moderne Gefchichte und Gefchichte Frankreichs vom XVII. Jahrhunderte bis 1815 vorgefchrieben. Ueberdiefs wird in der Philofophie( der deutfchen Oberprima) Gefchichte der Neuzeit von 1789 bis zur Gegenwart gelehrt, im auffallenden und kennzeichnenden Gegenfatz gegen Deutſchland, wo in der Oberprima befonders auf Wiederholung der alten Gefchichte und Herbeiziehung der Quellen Werth gelegt wird. Charakteriftifch ift auch der Umftand, dafs nur die franzöfifche Gefchichte den Vorzug befitzt, auf zwei Stufen gelehrt zu werden und dafs überhaupt der Gefchichtsunterricht im Mittelalter und der Neuzeit auf franzöfifche Gefchichte befchränkt ift und fich nicht zu einer univerfellen pragmatifchen Gefchichte erhebt. Fügen wir noch hinzu, dafs in den meiften Lehrbüchern Alles gethan ift, um der Nationaleitelkeit zu fchmeicheln, fo erklärt fich aus diefem Umftande fchon der enge Horizont, den felbft gebildetere Franzofen in der Gefchichtskenntnifs haben. Dafs aber in Folge der letzten Kataftrophe die beffere Einficht platzgreift, beweift ein Circular der Regierung vom 27. September 1872, das bei Gelegenheit des Studienplanes für die Lyceen fich über den Gefchichtsunterricht folgendermafsen äufsert:„ Le profeffeur doit avoir pour but de faire aimer fon pays; mais il ne faut pas arriver à ce but en falfifiant les faits. Outre que le premier devoir de l'hiftorien eft d'être vrai, les défillufions viendraient trop vite et ferait trop funeftes. Toutefcience donne, outre fon enfeignement fpecial, un enfeignement géneral, l'hiftoire furtout. Elle doit donner le goût de l'exactitude et de la véracité. Quand on dit dans un cours public, qu'il n'y a pas en de vaincus à Waterloo, on fattire des applaudiffements; mais il vaut mieux dire, que la France a été vaincus à Waterloo et en chercher caufe. Si même nous avons mérité d'être vaincue il faut l'avouer. La fcience est autre chofe, que la poefie, l'hiftoire est tout autre chofe qu'un roman; le patriotisme eft un fentiment ferieux et facré, qui ne doit pas être fuscité et entretenu par le menfonge. Les profeffeurs 2* 20 Dr. Emanuel Hannak. d'hiftoire font au fond des profeffeurs de morale et de philofophie". Ob in Folge der richtigen Erkenntnifs der regierenden Kreiſe ſchon ein Fortfchritt in der angegebenen Richtung eingetreten ift, erfcheint uns mehr als zweifelhaft, weil die Allen längft gewohnten Wege nicht fo leicht und nicht fo bald und am allerwenigften von Allen verlaffen werden. " - " Zahlreich find die Lehrbücher, die für diefen Lehrgang der Gefchichte gefchrieben wurden. Für die heilige Gefchichte lag auf Drioux ,, hiftoire sainte" und hiftoire de l'églife". Duruy, hiftoire fainte", Guadet" hiftoire fainte chronologique"; für die Gefchichte des Orients: Emil Kleine„ hiftoire de l'Orient", Drioux, hiftoire de l'Orient" und desfelben Verfaffers ,, Precis de l'hiftoire ancienne", Victor Duruy" Abrégé d'hiftoire ancienne", Guillemin ,, hiftoire ancienne de l'Orient", Ed. Anfart et J. Rendu, hiftoire de l'Orient" und A. Dauban hiftoire de l'Orient", unter welchen namentlich Guillemin und Kleine die neueften Forfchungen auf dem Gebiete der egyptifchen und mefopotamifchen Gefchichte verwerthen, Duruy befonders die jüdifche Gefchichte betont; für griechifche Gefchichte Anfart et Rendu hiftoire Grecque"; Duban, Drioux, hiftoire de la Grece", Duruy ,, hiftoire Grecque"; E. Kleine„ hiftoire ancienne de la Grece"; für römifche Gefchichte Ed. Anfart& A. Rendu, Dauban, Drioux( ,, hiftoire Romaine" und" Precis de l'hiftoire Romaine") und Duruy,- für franzöfifche Gefchichte im Mittelalter Anfart und Rendu, Chevallier, Dauban, Drioux, Duruy,- für franzöfifche Gefchichte in der Neuzeit( 1453 bis 1815) Anfart& Rendu, Briffaud, Dauban, Drioux, Duruy,- für neuefte Zeit hiftoire contemporaine"( 1759 bis zur Gegenwart) Briffand& Marechal. In einigen der angeführten Lehrbücher wie z. B. Dauban, Drioux find Quellen und Hilfsfchriften angeführt, einzelnen wie Duruy find Abbildungen, den meiften aber hiftorifche Karten beigegeben. Die Cultur findet im Allgemeinen die gebührende Berücksichtigung, namentlich gilt diefs von der franzöfifchen Literatur. - Neben den Karten, die den Lehrbüchern angefügt erfcheinen, find auch hiftorifch geographifche Atlanten als Hilfsmittel beim Gefchichtsunterrichte in Gebrauch. Für allgemeine und franzöfifche Gefchichte find die Atlanten von Levaffeur Levaffeur& Perigot, von & Perigot, von Cortembert, von Drioux & Lacroix, und H. Chevalier bemerkenswerth. Ein befonderer Atlas der Gefchichte des XVII. und XVIII. Jahrhunderts von Guftav Hubault ift beftimmt, die Kriege der Republik und des Kaiferthums zu erläutern. Auch für die Kirchengefchichte exiftirt ein nach deutfchem Mufter gearbeiteter„ Atlas geographique pour l'hiftoire de l'églife catholique de Rohrbacher par Dufour." Im Allgemeinen reichen die Kartenwerke der Franzofen trotz mancher fchönen Leiftung( namentlich gilt diefs von Cortembert und Dufour's Atlas) keineswegs an die beften deutfchen an. Schul- Wandkarten fcheinen bei der Gefchichte weniggebraucht zu werden. Wenigftens war aufser einer Wandkarte Paläftinas von Michelot keine andere gefchichtliche Wandkarte zu entdecken. Gering mag auch der Gebrauch von Zeittafeln und Gefchichtstabellen fein, die als Hilfsmittel zum befferen Einprägen der chronologifchen Daten fich befonders eignen. Doch fehlen fie nicht vollſtändig. Eine, Chronologie universelle von Ch. Dreyfs behandelt befonders ausführlich das Alterthum und die Neuzeit, für allgemeine Gefchichte find Zeittafeln von Royé ausgeftellt. Hierher gehört auch das Werk von Clouet, Simples réponses aux queftions officielles d'hiftoire et de geographie" denen fich Notes mnemoniques anfchiefsen. Umfo zahlreicher find die Dictionnaire d'hiftoire et de Geographie, eine Literatur, die in Deutfchland keinerlei Pflege findet, hier aber befonders florirt, weil man mit Beihilfe eines Dictionaire d'hiftorie ohne grofse Mühe als in diefer Disciplin wohl unterrichtet erfcheinen kann. Es fei nur der Dictionnaires von M. N. Bouillet, dem ein Atlas angefügt ift, von Gregoire, das auch die Mythologie betont, von Dezobry und Bachelet, das auch die Antiquitäten, die Der Unterricht in der Gefchichte. 21 Kunft und Literatur, Politik und Philofophie in feinen Bereich zieht, und von Privat Defchantel et Focillon gedacht. Auf Lectüre der Quellen fcheint kein befonderes Gewicht gelegt zu werden. Selten erfcheinen die Quellen in einem Lehrbuche angeführt. Es iſt gewifs nicht Zufall, dafs diefs in Emile Belots hiftorie des Chevaliers Romains der Fall ift, denn gerade die römifche Gefchichte erfreut fich in Frankreich befonderer Berücksichtigung. Schon im Lehrplane ift diefs erfichtlich, denn während die alte Gefchichte des Orientes und Griechenlands( in der fechften und fünften Claffe) nur täglich mit fünfzehn Minuten bedacht erfcheint, find der römifchen Gefchichte( in der vierten Claffe) wöchentlich zwei Stunden zugewiefen. Und wir brauchten blofs die franzöfifche Gallerie in der Kunfthalle durchzufchreiten, um zu derfelben Ueberzeugung zu gelangen. Unter den nicht zu zahlreichen hiftorifchen Bildern fielen jedem Beobachter Géromes Gladiatoren oder Ullmann's Sulla und Marius auf. Die Erklärung für diefe Vorliebe der Franzofen zur römifchen Gefchichte ift unfchwer zu finden. Sie datirt aus der Zeit Ludwigs XIV., in der man die römifche Gefchichte und Literatur der Kaiferzeit mit Eifer pflegte, weil in Frankreich analoge Verhältniffe beftanden. Montesquieu's Werke wiefen wieder auf die römifche Gefchichte hin und die republikanifchen Beftrebungen am Ende des vorigen Jahrhundertes fanden in der Gefchichte der römifchen Republik Nahrung, bis das Empire wieder Cäfar und die Kaiferzeit zu Ehren brachte. Zum Schluffe fei eines Hilfsbuches noch gedacht. In Raffy's lectures d'Hiftorie erblicken wir eine fyftematifche Sammlung von gefchichtlichen Lefeftücken über orientalifche, griechifche, römifche und franzöfifche Gefchichte, die theils Quellenwerken theils den beften franzöfifchen Hiftorikern entlehnt find. Es bietet diefes Werk Aehnliches, was Pütz's Charakteriſtiken aus der Weltgefchichte oder Schöppner's Gefchichtsbilder. Italien. Nur mit grofser Mühe war es möglich aus den maffenhaft aufgehäuften Büchern, Schriften, Bilderwerken und Zeichnungen das für den vorliegenden Zweck Geeignete hervorzufuchen, zumal fich weder eine Perfon, noch ein Katalog als Führer in der ungeordneten Fülle des Gebotenen vorfand. Doch im Allgemeinen war erfichtlich, dafs fich die erlangte Einheit der Apenninen- Halbinsel in dem Gefchichtsunterrichte ihrer Schulen abfpiegelt. Vorrherrfchend wird italienifche Gefchichte, zu welcher auch die alte römifche Gefchichte gezählt wird, gelehrt. In den Volksfchulen wird ausfchliefslich vaterländifche Gefchichte getrieben, zu welcher die biblifche Gefchichte die Vorftufe bildet. Neben einer Piccola ftoria d'Italia, die in kurzer Ueberficht zufammenhängend die Gefchichte erzählt, ift auch die biographifche Methode vertreten. So enthält das für die Alumnen der fcuole elementari e fuperiori da Paolo di Paoli„ Il fanciuletto" beftimmte biographifche Erzählungen aus der römifchen und italifchen Gefchichte, die von Cec. Macchi edirten„ Racconti ftorici del medio Evo" Biographien hervorragender Perfönlichkeiten. Ebenfo die ,, Cento biografie di fanciulli illustri Italiani con brevi cenni sulla storia d'Italia" von 1000 bis 1867 p. Chr. von G. M. Bourelly, welchem Werkchen auch Abbildungen beigegeben find. Doch ift neben Italiens Gefchichte die des königlichen Haufes nicht vergeffen. Ein für die dritte und vierte Elementarclaffe beftimmtes Lefebuch enthält kurze Biographien der bedeutendften Regenten aus dem favoifchen Königshaufe ,, Storia della reale Cafa di Savoia" von Profeffor T. Gallo. Wir dürften nicht irren, wenn wir annehmen, dafs diefes Lehrbuch hauptfächlich in der Provinz Sardinien im Gebrauche ift. Auch ein Hilfsmittel fei erwähnt, das zunächft für Volksfchulen beftimmt ift, um durch Anfchauung das Erlernen der einheimifchen Gefchichte zu unter 22 Dr. Emanuel Hannak. ftützen. Es führt den Titel„ L'Italia illustrata ossia spiegazione della nuova carta storiografica del Regno ad uso delle scuole populari, von Mongi. Wie in der Volksfchule, fo wird auch an den Lehrer- Bildungsanft alten vorherrfchend italifche Gefchichte betrieben. Die Werke, die als für die Scuole normali e magistrali beftimmt bezeichnet erfcheinen, behandeln nur vaterländifche Gefchichte. Es find das Vago Giuſeppe Storia d'Italia in 3 Theilen und Montefridini Storia d'Italia del medio evo e moderna. Auch in den Mittelfchulen, fowohl Gymnafien als Realfchulen, wird grofses Gewicht auf die einheimifche Gefchichte gelegt. Neben dem fchon erwähnten Lehrbuche von Vago fteht eine„ Storia d'Italia ad uso delle scuole claffiche tecniche e magistrale per Seb. Turbiglio, in 2 Theilen in Gebrauch. Doch wird daneben auch die römifche Gefchichte befonders betont. In dem Lehrplan eines neapolitanifchen Gymnafiums erfcheint in der erften Claffe italifche Gefchichte ( von Vago), in der zweiten Claffe Lang's Storia Romana, in der dritten und vierten Claffe keine Gefchichte, in der fünften Claffe wieder Lang's Storia Romana und Lang's Storia del medio evo vorgefchrieben. Ob die angeführten Werke Ueberfetzungen aus dem deutfchen find, war aus dem Titel nicht zu erfehen. Bezeichnend ift es jedenfalls, dafs neben diefer Storia del medio evo in der allgemeinen Gefchichte nur eine Ueberfetzung des bei uns gangbaren Lehrbuches von Dr. W. Pütz ausgeftellt war. Es ift daraus erfichtlich, dafs deutfcher Einflufs namentlich in Folge der durch Oefterreich eingeführten deutfchen Organiſation der lombardo- venetifchen Schulen fich noch jetzt in Italien bemerkbar macht. An Hilfsmitteln zum Gefchichtsunterrichte war die Ausftellung Italiens arm. Wir könnten hieher allenfalls die Monumenti della Sicilia" von Cavallari und„ Gli Scavi di Pompei" von G. Fiorelli rechnen, wenn fie als Prachtwerke nicht einen weit über den Gefichtskreis der Mittelfchule reichenden Werth hätten. Doch aus dem Umftande, dafs H. Kiepert fich veranlafst fah, eine italienifche Aus gabe des Atlas antiquus zu veranſtalten, dürfen wir fchliefsen, dafs auch in hiftorifchen Kartenwerken die italifchen Schulen Deutſchlands muftergiltige Producte verwerthen. Niederlande. Ueber Gefchichtsunterricht in den Elementar- und Mittelfchulen ( letztere entſprechen unferen Bürger- und Realfchulen) diefes Landes find wir durch den, im Auftrage des Minifters des Innern ausgearbeiteten Bericht genauer informirt, dagegen fehlt es an einer ähnlichen Schrift über die Gymnafien, refp. die gelehrten Schulen. Einiges hierüber läfst fich aus den von dem Buchhändler J. B. Wolters ausgeftellten Büchern erfehen. In den Elementarfchulen find feit 1858 die Anfangsgründe der Gefchichte" vorgefchrieben; doch hebt der Bericht hervor, dafs der Unterricht in diefer Disciplin noch immer daran leidet, dafs die Lehrer zumeift in diefem Gegenftande nicht hinlänglich vorgebildet find und darum nicht die Gabe befitzen, das der Jugend Angemeffene auszuwählen und es in der ihr entsprechenden Form zu bieten. Dafs indefs die Methode fich fchon gebeffert hat, die Gefchichte in Verbindung mit Geographie mit Nutzen gelernt wird, dürfen wir mit Beſtimmtheit annehmen. Von Büchern, die für die Volksfchulen beftimmt find, begegneten wir in der genannten Buchhandlung Nuiver en Reinders, Nieuwe geschiedenis 2. Auflage und Nuiver en Reinders Vaderlandfche geschiedenis 2. Auflage; woraus fchon erfichtlich ift, dafs in der unterften Stufe hauptfächlich auf die Gefchichte der Neuzeit und auf vaterländifche Gefchichte Werth gelegt wird. Die Methode ift vcrherrfchend biographifch. Ebenfo in Lennep's Gefchiedenis des Vaderlands, Leyden 1865, die überdiefs mit Bildern verziert ift. In den Anftalten zur Heranbildung der Volks- Schullehrer, die im Jahre 1860 neu organifirt wurden, namentlich in den vom Staate gegründeten Der Unterricht in der Gefchichte. 23 Schullehrer- Seminarien( zu Herzogenbufch, Gröningen, Harlem), und den mit Staatsfubfidien bedachten Schullehrerinen- Seminarien( Arnheim, Rotterdam, Amfterdam, Maftricht) mufs in der Gefchichte Unterricht ertheilt werden, da die Volksfchulen von den Lehrern und den Lehrerinen Kenntnifs der Gefchichte fordern. In welcher Weife diefer Unterricht ertheilt wird und welche Lehrbücher üblich find, ift aus den gebotenen Daten nicht erfichtlich. Der„ mittlere Unterricht" umfafst in den Niederlanden verfchiedene Schulen. Neben unferen Bürgerfchulen( Handwerker- Schulen) und Realfchulen ( höhere Bürgerfchulen) werden auch Fachschulen( polytechnifche, Landbau-, Handels- und dergl. Schulen) dahin gerechnet. Die Gefchichte wird nur in den eigentlichen Mittel-( Handwerker und höheren Bürgerfchulen), nicht aber in den Fachſchulen gelehrt. Und zwar erftreckt fich diefer Unterricht in den niederen Bürgerfchulen auf eine Ueberficht über die niederländifche Gefchichte und Kenntnifs einiger Hauptbegebenheiten der allgemeinen Gefchichte, in den höheren Bürgerfchulen aber, wo ihm in jeder der drei( bis fünf) Claffen 3 Stunden zugewiefen erfcheinen, auf die allgemeine mit befonderer Betonung der neuen Gefchichte. Es wird nämlich einige Kenntnifs der alten Gefchichte und des Mittelalters und eine umfaffendere der neuen Gefchichte verlangt. Ueberdiefs haben, der Charakter der Hauptabfchnitte und das Eigenthümliche des Zuftandes der verfchiedenen Völker in jeder Periode in den Vordergrund zu treten". Unter den Unterrichtsmitteln werden hiftorifche Wand- und Handkarten erwähnt, von denen leider keine in der Ausftellung fichtbar waren. Auch kein befonderes Lehrbuch für diefe Unterrichtsftufe war ausgeftellt, es fei denn, dafs eines der vielen Werke von Dr. A. Wijnne diefem Zwecke diene. Der Gefchichtsunterricht an Gymnafien wird allem Anfcheine nach auf zwei Stufen und mit befonderer Berücksichtigung der vaterländifchen Gefchichte ertheilt. Es ift diefs aus den Lehrbüchern des Gymnafialrectors von. Gröningen, Dr. J. A. Wijnne, erfichtlich. Für die Unterftufe dient die„ Overzigt der algemeene Gefchiedenis", 7. Auflage, und die„ Beknopte Gefchiedenis van het Vaderland". Beide find kurz gefafste Lehrbücher nach Art des kleinen Leitfadens von Dr. W. Pütz. Für die Oberftufe fchrieb Dr. A. Wijnne: Algemeene Gefchiedenis in drei Theilen und eine Gefchiedenis van het Vaterland. Es tritt in der Anlage diefer gröfseren Lehrbücher kein beachtenswerthes Moment zu Tage. Der Verfaffer citirt weder Quellen noch Hilfsfchriften und befchränkt fich mit Uebergehung der Cultur meift auf die Politik, fo dafs fein Werk hinter den befferen deutfchen Lehrbüchern für die höheren Claffen der Mittelfchulen zurückſteht und nur den fchlechteren, etwa dem gröfseren Welter, coordinirt werden kann. Von anderweitigen Hilfsmitteln für den gefchichtlichen Unterricht erwähnen wir zunäch ft den Schoolatlas van Nederland von R. R. Rijkens, der zur Erläuterung niederländifcher Gefchichte mit Nutzen zu brauchen ift. Als Handbücher, die als Privatlectüre von der Jugend zur Förderung bei dem Studium der Gefchichte benützt werden können, find hervorzuheben: Mr. A. W. Engelen Algemeene Gefchiedenis der wereld, 4 diele, und hiezu von demfelben Verfaffer Zeittafeln, Tijdr. tafelen der algemeenen Gefchiedenis; Dr. van den Es: Grieckfche antiquieteiten und Dr. J. G. Schlimmer: Romeinfche antiquieteiten; populäre Darftellungen der griechifchen und römifchen Alterthümer ohne Quellenangaben zur Orientirung in der Cultur der claffifchen Völker bei der Gefchichte und Philofophie. Befonders heimelte uns aber die Ueberfetzung eines Buches an, das bei uns weite Verbreitung erlangt hat. Es ift diefs H. W. Stoll Grieckfche en Romeinfche Godsdienftleer en mythologie. Zum Schluffe möge eines Prachtwerkes gedacht werden, das in mancher Beziehung ein Hilfsmittel für den Gefchichtsunterricht abgeben kann. Es ift diefs eine Sammlung von Stahlftichen nach Gemälden bedeutender Meifter, betitelt: Nederlands Gefchiedenis en Volksleven, herausgegeben von der Maatſchappnis arti et amicitiae te Amfterdam. 24 Dr Emanuel Hannak. Oefterreichiſch- ungarifche Monarchie. Oefterreich. Der Gefchichtsunterricht nahm in Oefterreich fchon durch die Verfassungs änderung im Jahre 1861, namentlich aber durch die im Gefolge der December verfaffung vom Jahre 1867 erfchienene neue Volksfchul- Gefetzgebung vom 14. Mai 1869 einen gewaltigen Auffchwung. Vorher war er von den Volks- und Bürgerfchulen und den Lehrerbildungsanftalten faft ganz ausgefchloffen, und an den Mittelfchulen, wo er aufgenommen war, wurde er ungern gelitten oder dazu beftimmt, den Zwecken der Reaction zu dienen. Seitdem aber nach dem Sturze Hohenwart's das conftitutionelle Leben fich feftigte und die Schule von dem Einfluffe der Kirche emancipirt wurde, gewann der Gefchichtsunterricht eine erhöhte Bedeutung und zeigte fich auf diefem Gebiete ein erfreulicher Fortfchritt. Ehe zur Befprechung der Methode und Hilfsmittel für diefen Zweig des Unterrichtes gefchritten wird, möge noch der Ungleichmäfsigkeit der Schulverhälniffe in dem vielfprachigen Oefterreich gedacht werden, in welchem fich aber trotz allem Ungleichartigen etwas Gemeinfames, nämlich der prädominirende Einflufs des deutfchen Bildungswefens nachweifen läfst. Volks- und Bürgerfchulen. Durch die neuen Volksfchulgefetze ift in den Volks- und Bürgerfchulen die Gefchichte im Allgemeinen, aber insbefondere die des Vaterlandes in den Lehrplan aufgenommen, ja für die Bürgerschulen wurde mit Erlafs vom 20.Auguft 1870 ein fyftematifcher Lehrgang fvorgefchrieben. In dem 1. Jahre find die wichtigften Culturerfcheinungen des Alterthums, in dem 2. Gefchiche des Mittelalters mit befonderer Berücksichtigung der vaterländifchen Gefchichte und im 3. Gefchichte der Neuzeit befonders der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie zu behandeln. Die Art und Weife der Behandlung ift aber eine verfchiedene. Zum Theile wird kein befonderes Lehrbuch für diefen Gegenftand gebraucht und das Wiffenswürdigfte aus der Gefchichte im Anfchluffe an die Lefebücher gelehrt. Es mufs conftatirt werden, dafs nicht blofs die in der letzten Zeit erfchienenen Lehrbücher von Mair, Niedergefäfs, Binftorfer, Deinhardt und Jeffen, Jacobi und Mehl die Hiftorie reichlich bedachten, fondern dafs auch der k. k. Schulbücherverlag in feinen Lehrbüchern dem neuen Bedürfniffe Rechnung trug und namentlich in das 4. Lehrbuch in Gefchichtsbildern eine faft vollſtändige Gefchichte Oefterreichs aufnahm. Doch find in der letzten Zeit auch befondere Lehrbücher der allge meinen und öfterreichifchen Gefchichte entftanden. Solcher Art find der Leitfaden zur Gefchichte der Culturvölker des Alterthums von J. Ziegl Wien 1868, desfelben Verfaffers Leitfaden zur Gefchichte der älteften Völker Europas Wien 1869 und Leitfaden für öfterreichifche Gefchichte Wien 1870; dann der Leitfaden bei dem erften Unterrichte in der Weltgefchichte von Dr. E. Netoliczka, Wien 1872 und desfelben Verfaffers Gefchichte der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie in 2. Auflage, Wien 1873,- Grundrifs der Weltgefchichte von K. Schubert 2. Auflage, Wien 1871,- Biographifche Bilder aus der Weltgefchichte von M. Stein, Wien 1873, Gefchichte Oefterreich- Ungarns von C. Markus und das( wie Schubert) zunächft für Bürgerfchulen berechnete Werk von W. Ernft, Lehrbuch der Weltgefchichte von dem bisher der 1. Band, der das Alterthum umfafst, erfchienen ift. Neben den genannten öfterreichifchen Werken ſtehen auch die für Mittelfchulen. beſtimmten Lehrbücher von Gindely und Hannak, fowie Deutfchland erfchienene Leitfäden zum Beiſpiel Welter, Spiefs& Berlet namentlich an Bürgerfchulen in Gebrauch. in - Der Unterricht in der Gefchichte. 25 In den nicht deutfchen Ländern fcheint die Gefchichte an der Volksund Bürgerfchule fich noch wenig eingebürgert zu haben. Wenigften find weder im Polnifchen, noch Ruthenifchen, weder im Rumänifchen noch im Slovenifchen Lehrbücher für diefen Zweig des Unterrichtes erfchienen. Nur in den italienifchen und in den čechifchen Volks- und Bürgerfchulen erfcheinen felbftftändige Lehrbücher für Gefchichte. Im Italienifchen ift nur die vom Schulbücher Verlage veranstaltete Ueberfetzung Welters, Compendio della ftoria univerfale, als Lehrbuch hervorzuheben, dagegen haben die Čechen fchon früher daran gedacht, ihre Jugend mit der Nationalgefchichte vertraut zu machen und erfreuen fich ihre Werke, wie die vielen Auflagen bezeichnen, weiter Verbreitung, find auch wahrfcheinlich ein gutes Mittel zur nationalen Agitation. Derartige Werke find von P. P. Neumann,„ Gedrängte Gefchichte für die Jugend und für Erzieher" fchon in 9. Auflage. 1872; Poklop J. V.,„ Gefchichte für die čechoflavifche Jugend", dritte Auflage; Nikolau,„ Böhmifche Gefchichte in Bildern", 1873, zweite Auflage illuftrirt; Hornof ,,, Gedrängte Gefchichte Böhmens für die Schuljugend", vierte Auflage und Kučera F. J. ,,, Gedrängte Geographie und Gefchichte Mährens". Es ift, wie an den Titeln erfichtlich, nicht fo fehr allgemeine oder öfterreichifche, als vielmehr böhmifche Gefchichte, welche man in der Volksfchule berücksichtigt. " Neben den Lehrbüchern werden auch anderweitige Hilfsmittel benützt. Von folchen find an deutfchen Schulen die Tabellen zum Unterrichte in der Weltgefchichte von J. K. Markus und desfelben Verfaffers Gefchichtsnotizen für öfterreichifche Volksfchulen" im Gebrauch. Erftere find chronologifche Wandtafeln, letztere ein nach Art der Gefchichtstabellen abgefafstes Compendium der öfterreichifchen, mit theilweifer Berücksichtigung der allgemeinen Gefchichte. Hiftorifche Atlanten werden im Allgemeinen noch wenig gebraucht und wenn diefs der Fall ift, fo werden die in Deutſchland erfchienenen Schul- und Wandkartenwerke benützt. Auch Bild werke find mit Erfolg zur Belebung und Förderung des Unterrichtes in der Gefchichte in Anwendung. Viele der Lefebücher und Lehrbücher enthalten Abbildungen hiftorifcher Perfönlichkeiten, charakteriftifche Bauten, Geräthfchaften u. dergl. der Culturvölker. Auch ein felbftftändiges Werk ift hervorzuheben, das in diefer Richtung den Volks- und Bürgerfchulen von dem Minifterium ( mit Erlafs vom 3. Mai 1870) empfohlen wurde. Es find diefs die in der Anftalt von A. Hartinger unter Leitung des Hofrathes M. A. Becker durch tüchtige Künftler ausgeführten Bilder aus der Gefchichte, die fich dazu eignen, die Schulwände zu zieren und zugleich den Schülern gewiffe hiftorifche Begebenheiten und Perfönlichkeiten frifch im Gedächtniffe zu erhalten. Lehrer- Bildungsanftalten. Dafs diefe in der Reactionsperiode ebenfo wenig Antheil am Gefchichtsunterrichte hatten als die Volksfchulen, wurde fchon früher hervorgehoben. Erft durch das Gefetz vom 14. Mai 1869 ift unter die Disciplinen der Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten die Gefchichte und vaterländifche Verfaffungslehre aufgenommen, und zwar( nach Minifterialverordnung vom 19. Juli 1870, Zahl 7033) für die erfte Claffe Gefchichte von Oefterreich mit Rückficht auf die gleichzeitigen welthiftorifchen Ereigniffe; für die zweite Claffe Allgemeine Gefchichte von der älteften Zeit bis auf das XVI. Jahrhundert; für die dritte Claffe allgemeine Gefchichte vom XVI. Jahrhundert bis auf die Gegenwart und für die vierte Claffe überfichtliche Kenntnis der Verfaffung und der Staatseinrichtungen der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie, Wiederholung des ganzen Unterrichtsftoffes und Methodik. Bisher find noch keine befonderen Lehrbücher der Gefchichte für diefe Anftalten in Oefterreich gefchrieben und ftehen meift die für die Mittelfchulen approbirten im Gebrauch. Auch die übrigen Hilfsmittel beim gefchichtlichen Unterrichte find diefelben wie an Bürger- oder an Mittelfchulen. 26 Dr. Emanuel Hannak. Mittelfchulen. Gymnafien. Der Gefchichtsunterricht an diefen Anftalten war bisher mancherlei Wandlungen unterworfen, nicht fo fehr in der Art der Behandlung, als vielmehr in feinen Beziehungen zur Geographie. Urfprünglich wurde die Geographie der Gefchichte untergeordnet; aber fchon im Jahre 1857 machte fich eine realiftifche Strömung geltend, welche gegen die Beeinträchtigung der Geographie durch die Gefchichte und für die Emancipation der Geographie eintrat. Im Jahre 1870 fand diefe Strömung in der zur Revifion des Organifationsentwurfes zufammenberufenen Enquête Ausdruck, indem diefe befchlofs, den Unterricht in der Gefchichte bis zur Gegenwart fortzuführen und der Geographie einen befonderen Lehrplan zuzuweifen. Mit Berücksichtigung diefer Befchlüffe erliefs das Minifterium am 12. Auguft 1871, Z. 8568, eine Verordnung, durch die der Gefchichtsunterricht definitiv geregelt wurde. Nach derfelben ift im UnterGymnafien der 2. Claffe in 2 Stunden die Gefchichte des Alterthums, der 3. Claffe in 1 Stunde eine Ueberficht des Mittelalters und in dem 1. Semefter der 4. Claffe in wöchentlich 4 Stunden eine Ueberficht der Gefchichte der Neuzeit mit befonderer Rückficht auf öfterreichifche Gefchichte vorgefchrieben. Im 2. Semeſter wird keine Gefchichte gelehrt. Im Ober- Gymnafium ift in der 5. Claffe ( 4 Stunden wöchentlich) die Gefchichte des Alterthums bis auf Auguftus, in der 6. Claffe( 3 Stunden wöchentlich), die Zeit von Auguftus bis zum Schluffe des Mittelalters, in der 7. Claffe( 3 Stunden wöchentlich) die Neuzeit und im 1. Semefter der 8. Claffe die Gefchichte der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie durchzunehmen, während das zweite Semefter diefer Claffe keinen Gefchichtsunterricht hat. Gegenüber dem früheren Lehrplan find die Befchränkungen des Mittelalters im Unter- Gymnafien auf eine Stunde, des für das Gymnafium fo wichtigen Alterthums auf eine Claffe, und die Aufnahme der ganzen öfterreichiſchen Geſchichte in ein Halbjahr, Mafsregeln, deren Durchführbarkeit erft die Praxis darthun mufs. Bezüglich der Lehrbücher hielt fich Oefterreich zunächft an Deutfchland. Die Werke von Pütz und Welter waren durch lange Zeit die in den deutfchen Schulen zunächft verwendeten. Erft in den Jahren 1865( Minifterialerlafs vom 18. Auguft) und 1866( Minifterialerlafs vom 5. Juli) wurde ein in Oefterreich erfchienenes Lehrbuch der Gefchichte, das von Dr. Anton Gindely, approbirt. Es ift in zwei Stufen( für Unter- und Obergymnafien) abgetheilt und unterfcheidet fich von den in Deutfchland erfchienenen Lehrbüchern, an die es in feiner ganzen Anlage erinnert, durch eine gröfsere Berücksichtigung Oefterreichs und durch das Hinzufügen von Abbildungen, welche die Religion, die bildenden Künfte, die Kleidung, das Kriegswefen und dergl. der wichtigften Culturvölker zu erläutern beftimmt find. Aufser diefem Lehrbuche für allgemeine Gefchichte ift nur noch ein derartiges Werk in deutfcher Sprache erfchienen. Es ift das von Dr. E. Hannak gearbeitete, das in 3 Bänden, Alterthum, Mittelalter und Neuzeit mit Rückficht auf den Lehrplan von 1871 behandelt und zunächft für den Gebrauch des Untergymnafiums und der Unterrealfchule berechnet ift. Hannak betont die Cultur im Mittelalter und Neuzeit ftärker, als diefs Gindely thut, hat wie diefer Abbil dungen, nicht aber am Schluffe des Buches, fondern in den Text aufgenommen, befchränkt fich aber in denfelben faft ausfchliefslich auf die Werke der Baukunft. Die zwei erften Bände erhielten die behördliche Genehmigung, Alterthum, ( 3. October 1870, Zahl 9836), Mittelalter( 30. September 1872, Zahl 11.523); der dritte harrt ihr entgegen. Auch für öfterreichifche Gefchichte find nur zwei Lehrbücher in deutfcher Sprache behördlich approbirt. Es ift diefs die öfterreichische Gefchichte von Neuhaufer( zunächft für Realfchulen mit Erlafs vom 19. September 1865, Zahl 9788) approbirt, in neuer Auflage von G. Herr herausgegeben, und die öfterreichifche Vaterlands- Kunde von Dr. E. Hannak, die in ihrem erften Theile auch öfterreichifche Gefchichte bis zum Jahre 1526 behandelt. Der Unterricht in der Gefchichte. 27 Um fo reicher ift in Oefterreich die čechifche Literatur an Lehrbüchern für den Gefchichtsunterricht. Schon im Jahre 1851 erfchien eine öfterreichifche Gefchichte von W. W. Tomek, die von Dr. Kraus ins Deutfche überfetzt wurde, und auch die behördliche Approbation erhielt. Der Schulbücherverlag veran lafste dann die Abfaffung einer Gefchichte fürs Obergymnafium durch Lanyi Carl, die bis zum Mittelalter gedieh. Aufserdem fchrieb Ninger Carl eine allgemeine Gefchichte für Untergymnafien, die in der 2. Auflage erfcheint, und Johann Le pař eine folche für Obergymnafien. Auch erfcheint eine čechifche Ueberfetzung von Dr. Gindely's Lehrbuch für Untergymnafien. Die übrigen flavifchen Stämme können mit der czechifchen Production hiftorifcher Lehrbücher nicht concurriren. Die Polen können nur Ueberfetzungen deutfcher Werke( W. Pütz, überfetzt von Jerzykowski, Niedzielski, Golembowski und Tatomir, Welter von Sawczynski, Hannak's Vaterlandskunde von Sternal) und ein einziges Lehrbuch der polnifchen Gefchichte von Schmidt aufweifen; die Ruthenen befitzen gleichfalls eine Ueberfetzung von W. Pütz, bearbeitet von Ilnicki und aufser diefer, was befonders betont werden mufs, ,, Erzählungen über Rufsland und die Rufsinen"( Wisty pro zemlu rusku i Ruffiniw) als Hilfsbuch zur Landesgefchichte. Nur die Slovenen ftreben den Czechen nach. Sie befitzen eine allgemeine Gefchichte von Vertovec und Verne, die an der Lehrer- Bildungsanftalt in Görz gebraucht wird, und eine Weltgefchichte für die unteren Claffen der Mittelfchulen von Jesenko. Ueberdiefs eine populäre Gefchichte des flovenifchen Volkes von Terdina. An den italienifchen Mittelfchulen wurde anfangs nach Ueberfetzung franzöfifcher Werke, namentlich der Gefchichte von Lamé Fleury, die Gefchichte gelehrt; aber bald machte fich deutfcher Einflufs geltend. Gegenwärtig find die Ueberfetzungen von Welter, die verfchiedenen Bearbeitungen von W. Pütz( durch Maffei, Mafchka, Pullich) faft allgemein in Gebrauch. Als Hilfsbücher werden von Italienern felbftftändig verfafste Werke, wie T. d'Angeli's alte und Univerfalgefchichte, Schiaparelli's orientalifche und griechifche Gefchichte, Bertolini's römifche Gefchichte benützt. - Realfchule. Bis zum Jahre 1869 war der Gefchichtsunterricht in den Realfchulen fehr vernachläfsigt. Für die Unterrealfchule war gar kein Gefchichtsunterricht vorgefchrieben, fondern es follten gelegentlich nur Erzählungen biographifchen Inhaltes in den geographifchen Unterricht verwoben werden. An der Oberrealfchule wurde in der 1.( 4) Claffe Alterthum bis 800 p. Chr., in der 2.( 5. Claffe) Mittelalter und Neuzeit bis 1815, in der 3.( 6. Claffe) öfterreichifche Gefchichte gelehrt. Selbft als die Realfchul Ordnung im Jahre 1867 revidirt wurde( 1867 31. Auguft), blieb der Stoff ungeändert, wiewohl in der Vertheilung der Stunden eine Verbefferung Platz griff. Erft das Jahr 1869 brachte diefen Unterrichtszweig auch in der Realfchule zu Ehren. Nach den verfchiedenen Landesgefetzen von den Jahren 1869 und 1870 find für Gefchichte in der Unterrealfchule je 2, in der Oberrealfchule je 3 Stunden beftimmt, und zwar für die 2. Claffe Alterthum, für die 3. Claffe Mittelalter, für die 4. Claffe Neuzeit, Mittelalter und Neuzeit mit Hervorhebung der öfterreichifchen Gefchichte; für die 5. Claffe pragmatifche Gefchichte des Alterthums, für die 6. Claffe Gefchichte des Mittelalters und der Neuzeit bis zum XVII. Jahrhundert; für die 7. Claffe ausführliche Behandlung des XVIII. und XIX. Jahrhunderts und Verfaffungslehre. Von Lehrbüchern werden zumeift die an den Gymnafien üblichen gebraucht. Doch find noch fpeciell für Realfchulen approbirt: L Schmued's Leitfaden zum gefchichtlichen Unterricht an den Unterrealfchulen( 1. Band Minifterialerlafs vom 30. Jänner 1864, 2. Band Minifterialerlafs vom II. Auguft 1868) und Dr. A. Gindely's Lehrbuch der Gefchichte für Realfchulen( 1. Band Minifterialerlafs vom 12. October 1859 und 2. Band Minifterialerlafs vom 17. Juli 1860). 30 Dr. Emanuel Hannak. Für die erfte Stufe dienen die Lehrbücher ungarifcher Gefchichte von Finkei, Horwáth, Környai, Ladányi, Száfs u. A., doch zeigt Ladányi's Weltgefchichte für Untergymnafien und Füfsy's Ueberfetzung der Welter'fchen Weltgefchichte, dafs nicht überall auf der Unterftufe nur ungarifche Gefchichte gelehrt wird, fondern der frühere Brauch noch hie und da herrfchend ift. Da in Obergymnafien in gleicher Weife, wie in den Lyceen allgemeine Gefchichte gelehrt wird, fo läfst fich aus den blofsen Titeln der Werke nicht erfehen, welche Lehrbücher für diefe oder für jene Stufe beftimmt find. J. Hunfalvy, Ladányi, Somofi, Vincze haben jeder in drei Theilen allgemeine Gefchichte des Alterthums, Mittelalters und der Neuzeit herausgegeben, überdiefs ift das in Oefterreich weit verbreitete Lehrbuch der Geographie und Gefchichte von W. Pütz ins Ungarifche überfetzt und mehrere Verfaffer, wie Szilagyi und Kifs haben das Alterthum, andere wie Ribáry das Alterthum und Mittelalter behandelt und werden wahrfcheinlich das noch Fehlende ergänzen. Von Werken, die ihrer ganzen Anlage nach nur für Lyceen beftimmt fein können, find nur Ribary's pragmatifche Gefchichte Ungarns für höhere Claffen der Mittelfchulen und Szabo's Rom und die Gefchichte des römifchen Reiches( in zwei Theilen) anzuführen. Im Allgemeinen ift aus den citirten Werken erfichtlich, dafs die Ertheilung des Gefchichtsunterrichts auf zwei Stufen, wie fie vor dem Jahre 1867 üblich war, fich noch erhalten hat, dafs trotz der reichen Pro duction an Lehrbüchern diefe noch nicht der neuen Ordnung accommodirt wurden. Neben den eigentlichen Lehrbüchern glauben wir in Horfetzky's weltgefchichtlichem periodifchen Leitfaden(!) und in Vamofsy's allgemeinem gefchichtlichen, periodifchen Leitfaden(!) eine Art Zeittafeln, fomit ein Hilfsmit tel für den gefchichtlichen Unterricht zu erkennen, fowie Nemeth's gefchichtliches Tafchen- Wörterbuch, ein gewifs nach franzöfifchem Mufter gearbeitetes Auskunftsmittel für folche, die keine Gefchichte kennen und doch fich mit deren Kenntnifs brüften wollen, ift. Von anderweitigen Lehrbehelfen zur Gefchichte lag nicht viel vor. Unter den Jugendfchriften können einzelne zur Belebung des hiftorifchen Studiums dienen, wie die mit Bildern ausgeftattete Gefchichte der Griechen von Bedö oder die Ueberfetzung von Grimm's Märchen aus der griechifchen und römifchen Vorzeit. Unter den Kartenwerken, welche fehr forgfältig angeführt erfcheinen, fuchen wir vergeblich nach hiftorifchen Karten. Wenn folche überhaupt verwendet werden, fo find es aller Wahrfcheinlichkeit nach die in Deutſchland und Deutfch- Oefterreich üblichen. - Portugal. Diefes Land hat an dem Modelle eines Schulhaufes uns ein Bild feines VolksSchulwefens zu entwerfen verfucht. Die Gefchichte hat in der portugiefifchen Volksfchule keinen Platz gefunden. Selbft in den Lefebüchern fuchen wir ver geblich nach hiftorifchen Erzählnngen. Mit Vorliebe werden nur die Endeckungsreifen der Portugiefen behandelt, was wir freilich diefem Volke zu Gute halten müffen, da ja diefe Periode die Glanzperiode feiner Vergangenheit ift. Ueberdiefs erblickten wir ein mnemotechnifches Hilfsmittel zur Erlernung der Gefchichte, das uns die Ueberzeugung verfchaffte, dafs der Gefchichtsunterricht in Portugal noch auf keine, auch nur annähernd feiner Bedeutung entsprechende Stellung Anfpruch erheben darf. Es ift die Methodo Zaba para o eftudo da Historia Univerfal com mappe chronologico 1872. Der Verfaffer theilt feine Tabellen in Quadrate ein, deren jedes ein Jahr bedeutet. In diefe Quadrate werden fymbolifche Figuren hineingemalt, deren Bedeutung das Kind fich zuerst einprägen mufs, um überhaupt fich auf der Tabelle zu orientiren. Dergleichen Tabellen find für uns nichts Neues. Ein Pole Stanislaus Zaranski verfafste eine ähnliche finnbildlich chronologische und geographische Geschichts Der Unterricht in der Gefchichte. 31 karte, die fogar auch mit Erlafs vom 24. Februar 1866, Zahl 1377, behördlich zur Anfchaffung empfohlen wurde. Indefs helfen folche Krücken bei dem Geschichtsunterrichte nicht nur nicht, fondern würdigen denfelben zur Tändelei herab. Wir werden nicht irren, wenn wir annehmen, dafs die Methode„ Zaba" nicht in öffentlichen Schulen, sondern blofs in privater Lehranftalt, die fich über das Niveau der Volksfchule erheben, in Gebrauch fei. Ob fie auch in den unteren Stufen, der Volksfchulen angewendet wird, wagen wir zu bezweifeln. Beftimmtes hierüber, fo wie überhaupt über den Gefchichtsunterricht an LehrerBildungsanftalten und an den Mittelschulen läfst fich wegen Mangel jedes Ausstellungs- Objectes nicht conftatiren. Rufsland. Dafs diefer Staat fich überhaupt bei der XXVI. Gruppe nur in geringem Mafse betheiligte, darf uns nicht wundern. Seine Volksfchulen nehmen gewiſs keine hervorragende Stellung ein und für feine Gymnafien und Realgymnafien ift wohl ein treffliches Statut vom 19. November 1864 gegeben, aber die Wirklichkeit reicht nicht im Entfernteften an das dafelbft Geforderte heran. Von Gefchichte in der Volksfchule kann demnach nicht die Rede fein; wohl aber hat diefer Gegenftand in der Mittelfchule einen nicht unbedeutenden Raum zugewiefen. An Gymnafien und Realgymnafien beginnt der Unterricht in demfelben in der 3. Claffe mit zwei Lectionen( à 12 Stunde) und wird in allen folgenden Claffen( 4. bis 7. Claffe) in je drei Lectionen ertheilt. Es ift alfo diefem Gegenftande im Ganzen mehr Zeit als in Deutſchland oder bei uns zugewendet. Im Uebrigen erhielten wir über Lehrmittel, Methode und Erfolg des Geschichts- Unterrichtes in Rufsland keinerlei Auskunft in der Ausftellung; es fei denn, dafs der mythologische Atlas von Iwinski Laurentius darauf hindeuten follte, dafs der Unterricht in der Geschichte durch Anfchauung von Abbildungen unterſtützt wird. Nur eine Anftalt zur Bildung von Lehrern und Lehrerinen in dem lange unter germanifchen Einfluffe ftehenden Finnland ftellte Lehrbücher aus. Es ift diefs das Seminar in Jyväskylä. Unter den Lehrbüchern ift eine Suomen Hiftorien, aus der wir erfehen, dafs diefes Land feinen Zufammenhang mit Schweden fefthält; ferner eine Wanhan ajan hiftoria alkawile von O. Wallin, eine alte Gefchichte, die mit den Chineſen, Indern, Affyriern, Medern beginnt, die Juden ausführlich behandelt und über Aegypten, Perfien zu den Griechen und Römern gelangt und mit Cæfar fchliefst, endlich eine Keski ajan hiftoria alkawille von O. Wallin eine mittelalterliche Gefchichte, die mit den Germanen anhebt und bei der Entdeckung Amerikas fchliefst. In Anlage und Stoff erinnert diefes Werkchen an die kurzgefafsten Lehrbücher der deutfchen Mittelfchulen, etwa den kleinen Leitfaden von Dr. W. Pütz. Schweden. Mit Behagen verweilen wir in dem Schulhaufe der Schweden. Es heimelt uns dafeblft Alles an; denn das Unterrichtswefen diefes Bruderftammes ift in vielen Beziehungen dem Deutfchen nachgebildet, auch in Bezug auf den Gefchichtsunterricht. Schon in der Volksfchule beginnt der Gefchichtsunterricht zunächſt in der vaterländifchen, aber auch in der allgemeinen Gefchichte. Von 712.520 Kindern die im Jahre 1871 die Volksfchule befuchten, genoffen 215.841 Kinder( alfo 33 Percent) den Unterricht in Gefchichte und Geographie. Es find vorherrfchend Gefchichtsbilder, die auf der erften Stufe des Unterrichtes in der Gefchichte verwendet werden. Dergleichen find z. B. Starbaeck Berättelfer( Erzählungen) ur svenska Hiftorien& Sandberg Taflor 32 Dr. Emanuel Hannak. ( Bilder) och( u) berättelfer ur Sveriges hiftoria für fchwedifche GefchichteErfteres behandelt entſprechend dem jugendlichen Geifte die Sagen befonders ausführlich, lezteres enthält Abbildungen. Für allgemeine Gefchichte find Kaftmann Bilder ur allmänna hiftorien in ähnlicher Weife abgefafst, doch ift auch eine zufammenhängende Gefchichtserzählung in der Volksfchule nicht ganz ausgefchloffen. Unter den in der Volksfchule im Gebrauch ſtehenden Lehrbüchern erblicken wir auch C. F. Odhner's Lärobock i svenska hiftorien, das auf 69 Seiten in gedrängter Ueberficht die fkandinavifche Gefchichte behandelt und Wannerftröms Lärobock i allmänna hiftorien, das zunächft für die unteren Claffen der Mittelfchule( Elementar Lörowerk) beftimmt, auf 122 Seiten einen Ueberblick der allgemeinen Gefchichte gibt. Von Hilfsmitteln für den gefchichtlichen Unterricht find zunächſt Karten zu erwähnen, vor Allem der„ Atlas till Sveriges hiftoria of C. F. Wiberg och T. v. Menzer" der neben kartographifchen Darftellungen, wie fie fich aus den Werken des Pytheas, Eratofthenes, Jornandes und anderer alten Geographen ergeben, Skandinavien nach der Ynglingafagen, die Feldzüge Guftav Adolfs, Bernhards von Weimar, Wrangel's, Baner's und dergl. zur Anfchauung bringt. - Auch Abbildungen find zur Belebung des gefchichtlichen Unterrichtes in Verwendung; ganz allgemein fchmücken Sveriges regenter( Schwedens Regenten) die Schulzimmer, fie dienen auch dazu, der Jugend die vaterländifche Gefchichte durch häufige Anfchauung der wichtigften Perfönlichkeiten beffer einzuprägen. Aus der Wichtigkeit, welche dem Gefchichtsunterrichte in den Volksfchulen zuerkannt wird, läfst fich fchliefsen, dafs diefem Unterrichtszweige auch in den Seminarien zur Bildung der Lehrer und Lehrerinen für Volksfchulen die gerechte Berücksichtigung zu Theil wird. Es erfcheint factifch unter den Unterrichtsgegenständen diefer Anftalten die Gefchichte ohne jede Befchränkung, fo dafs wir mit Recht annehmen können, dafs nicht blofs vaterländifche, fondern auch allgemeine Gefchichte in denfelben betrieben wird. Ueber Lehrmittel und Lehrbücher wird nichts Befonderes angegeben, wefshalb diefe wahrfcheinlich mit denen der Mittelfchulen gleichartig find. Mittelfchulen. In den Elementarlärowerken( die unferen Gymnafien und Realfchulen entſprechen) wird die Gefchichte in Verbindung mit Geographie in allen 9 Jahrgängen refp. 7 Claffen, gelehrt. Es unterfcheiden fich aber die Elementarfchulen mit humanistifcher von denen mit realer Richtung. In erfterer ift die Gefchichte und Geographie an den vier unteren Claffen mit je 4 an den drei oberen mit je 3 Stunden bedacht, während in letzteren an allen 7 Claffen je 4 Stunden diefem Gegenftande zugewiefen erfcheinen. Es wird diefer Unterricht ähnlich wie in Oefterreich in zwei Stufen ertheilt und neben der allgemeinen auch befonders fchwedifche Gefchichte betrieben. Für allgemeine Gefchichte find nebft dem fchon bei den Volksfchulen erwähnten Werken von Wennerftröm die Lehrbücher von Melander, Lärabok i gamla Tidens hiftoria( Alte Gefchichte) und Lärabok i nyare Tidens hiftoria( Neuzeit), Pallin Lärabok i medeltidens hiftoria( Mittelalter) und Vulliet Allmänna hiftoria ausgeftellt. Sie erinnern an die deutfchen Lehrbücher diefer Art auch dadurch, dafs im Alterthume jedem Volke in den fpäteren Zeitperioden jedem Zeitraume ein geographifcher Ueberblick der in Betracht kommenden Länder vorausgefchickt wird. Bemerkenswerther find die Lehrbücher für fchwedifche Gefchichte: F. Odhner fchrieb ein Lärobok i swenska hiftorien for laegre Elementar Lärowerk, ein folches auch for högre Elementar Lärowerk, dagegen fcheint Alander's vollſtändiger Lehrcurs der fchwediſchen Gefchichte für beide Stufen beſtimmt zu fein, indem ein Theil durch kleineren Druck ausgefchieden und für die Oberftufe vorbehalten ift. Letzteres Lehrbuch ift auch defshalb hervorzuheben, weil zur Belebung der gefchichtlichen Erzählung Gefänge aus der Edda eingeftreut erfcheinen. Der Unterricht in der Gefchichte. 33 Die Hilfsbücher und Hilfsmittel zum gefchichtlichen Unterrichte beweifen, dafs deutfcher Einfluss auf fchwedifches Unterrichtswefen nicht ohne. Wirkung war. Die Kartenwerke find diefelben wie in Deutfchland. Wir erblicken dafelbft Kiepert's Atlas antiquus, Menke orbis terrarum antiquus und den hiftorifch geographifchen Schulatlas von Dr. Spruner und der in Schweden erfchienene Atlas öfver Allmänna hiftoria von C. F. Wiberg und Th. von Mentzer ift nach Spruner, Wedell, Kiepert, Menke und Voigt, alfo nach den beften deutfchen Werken diefer Art gearbeitet. Dagegen ift fpecififch fchwediſch der fchon erwähnte Atlas till Sveriges hiftoria of C. F. Wiberg und Th. v. Mentzer. Wie in Deutfchland, fo wird auch in Schweden grofses Gewicht auf die griechifche und römifche Gefchichte gelegt. Es beweift diefs das ausdrücklich für Elementar- läroverkens beftimmte Lehrbuch der römifchen Antiquitäten, Romerfka antiquiteterna von C. Thumfon, neben welchem das auch in Deutſchland bekannte Werk von Boje fen, die mit Abbildungen ausgeftattete Mythologie von Brodén als Hilfsbücher hervorzuheben find. Ein hiftorifches Lefebuch, in biographifcher Form, das fich zunächft auf die griechifche und römifche Gefchichte bezieht, ift, wie ausdrücklich angeführt wird, dem deutfchen von Stacke nachgebildet. Auch die in Deutfchland verbreiteten Gefchichtsbilder von Grube treffen wir in fchwediſcher Ueberfetzung an. Für fchwedifche Gefchichte ift ein treffliches Hilfsbuch mit genauen Quellenangaben von Fryxell Berättelfer ur Swenfka hiftorien ausgeftellt. Von demfelben. Verfaffer in Verbindung mit Starbäck ift auch ein ausführliches Handbuch der allgemeinen Gefchichte edirt, das, um Bekanntes zu nennen, etwa der Beckerfchen Weltgefchichte zu vergleichen ift und gewifs in den meiften Bibliotheken der Elementar- Lärowerke einen Platz findet. Neben der fchwediſchen, griechifchen und römifchen Gefchichte wird auf die biblifche und kirchliche Gefchichte Werth gelegt. Es ift diefs aus Norlins Kriftra Kyrkans Hiftoria und aus J. Aug. Beek Bibel Handbok erfichtlich. Das letztere Werk behandelt mit hiftorifcher Objectivität den Urfprung und Inhalt der einzelnen Bücher und deren Verfaffer und ein befonderer Atlas zur Bibelkunde von Wadner, gibt nicht blofs Karten, fondern auch Abbildungen jüdiſcher Antiquitäten. Von anderweitigen Abbildungen, die als Hilfsmittel für den gefchichtlichen Unterricht dienen können, find neben den fchon angeführten fchwedifchen Regenten die ,, Gallerie des Savants et des Artiftes celebres en Suède publié par Sandberg" und ein älteres Werk Svecia antiqua et hodierna mit Abbildungen von Regenten, Münzen, Häufern und Landfchaften namhaft zu machen. Auch einzelne, durch Klemmings Antiquariat ausgeftellte Werke gehören hieher, fo W. G. Anckarsvärd Sveriges märkwärdigafte ruiner; R. Dybeck Malärens öar( für die praehiftorifche Zeit) und M. N. Mandelgren Monuments fcandinaves du moyen age. Spanien. In dem Gefchichtsunterrichte diefes Landes herrfcht der in der vaterländifchen Gefchichte bedeutend vor. Schon auf der erften Stufe des Unterrichtes wird fpanifche Gefchichte gelehrt. Mehrere Lehrbücher lagen vor, unter denen wir wieder gewiffe Abftufungen wahrnehmen können. Das elementarfte ift die Nueva hiftoria de España para los niños por D. L. Garcia Sanz. Dem Anfange jeder Epoche werden Verfe vorausgefchickt, denen fich Fragen und Antworten anfchliefsen. Es ift demnach hauptfächlich auf mechanifches Einlernen abgefehen. Einen wiffenfchaftlicheren Charakter haben die Hiftoria de España para niños von D. P. Izquerdo y Ceacero und das Compendio de Hiftoria de España por D. Miguel Arago, fo 3 34 Dr. Emanuel Hannak. dafs fich annehmen läfst, dafs namentlich das zuletzt genannte Werkchen für die erweiterte Volks- oder Bürgerfchule beftimmt ift. Was von den Volksfchulen gefagt wurde, gilt auch von den Lehrerbildungs- Anstalten. Auch in der Scuola Normal- Centrale wird nur fpanifche und neben diefer noch Kirchengefchichte getrieben. Es tritt hierin jener engherzige Standpunkt zu Tage, der lange Zeit auch bei uns herrfchend war. Ein Werk ift hervorzuheben, das eine Anleitung zur Ertheilung des Unterrichtes in der vaterländifchen Gefchichte enthält: La Educacion de las niños por la hiftoria de Españoles illuftres von Da. Luciana Cafilda Monreal. Es bezieht fich auf den Unterricht der weiblichen Kinder und empfiehlt die biographifche Methode. Ueberdiefs ift ein Hilfsbuch zu erwähnen: Hiftoria de España por D. J. Cortada, fortgefetzt von Borao in drei Bänden, das zum Nachlefen für diefe Kreife berechnet zu fein fcheint. Bilder, die demfelben beigegeben find, follen die Anfchauung fördern. Für den Secundärunterricht ift wohl allgemeine, aber mit befonderer Berücksichtigung der fpanifchen Gefchichte vorgefchrieben. Es fand fich unter den zahlreichen Lehrbüchern, die zur Ausftellung gelangt find, nur ein Lehrbuch für allgemeine Gefchichte vor, nämlich Compendio de Hiftoria univerfal y particular de España von D. Juan Cortada. Das Compendium führt die Gefchichte mit hauptfächlicher Betonung Spaniens bis auf das Jahr 1815. Da es nur in geringem Mafse die Cultur der Völker betont und wenig übersichtlich abgefafst ift, fo kann es nur den mittelmäfsigften Anforderungen genügen. Wiewohl fchon in der allgemeinen Gefchichte die ſpaniſche befonders hervortritt, fo wird doch noch fpeciell fpanifche Gefchichte in den Mittelfchulen betrieben. Wir erblicken für diefe Stufe ein Compendio de Hiftoria de España von Alf. Moreno y Espinofa und welcher Werth gerade auf diefen Theil des Gefchichtsunterrichtes gelegt wird, ift daraus erfichtlich, dafs ein befonderes Hilfsbuch für diefen Zweck zur Ausftellung gelangte. Die„ Ejercicios metodicos para facilitar el eftudio de la hiftoria de España por D. Pedro Cabello y Madurga" geben eine gute Ueberficht der gefchichtlichen Begebenheiten mit deutlicher Hervorhebung des Bedeutfamen und eignen fich nach Art unferer Zeittafeln zur Unterftützung des Gefchichtsunterrichtes in den Mittelfchulen. Von anderen Hilfsmitteln war nicht viel fichtbar. Der Umftand, dafs eine hiftorifche Karte Spaniens im XIV. Jahrhundert Mapa de España en el figlo XIV. erft im Entwurfe ausgeftellt war, führt uns zu der Vermuthung, dafs bisher hiftorifche Karten wenig in Gebrauch waren und dafs erft jetzt das Bedürfnifs nach Ausfüllung diefer Lücke fich geltend macht. Auch das Mufeo arqueologico de Madrid, von deffen reichen Sammlungen die ausgeftellten Objecte Zeugnifs geben, wäre berufen, durch Abbildungen von Antiquitäten und deren Verbreitung den Gefchichtsunterricht an Mittelfchulen zu unterſtützen. Schweiz. Die Schweiz brachte hauptfächlich die Lehrmittel der Volksfchulen( der Gemeinde- oder Primärfchulen) zur Ausftellung. Die Mittelfchulen( Secundär- und Cantonfchulen) find nur gelegentlich vertreten, dafür lagen zahlreiche Verzeich niffe der Lehrkräfte und Lehrmittel folcher Schulen vor, die aber mehr vom ftatiftifchen Standpunkte abgefafst erfchienen, zur Beurtheilung der Methode und der Lehrmittel in der Gefchichte wenig Erhebliches bieten. Im Allgemeinen kann als feftftehend angenommen werden, dafs, wie überhaupt, fo auch in der Gefchichte je nach der Nationalität der Unterricht in verfchiedener Weife ertheilt wird. Die deutfchen Cantone ſchliefsen fich an deutfche, die franzöfifchen und italienifchen an franzöfifche Mufter. Der Unterricht in der Gefchichte. 35 In der Primärfchule, die fich zuweilen bis auf das 16. Lebensjahr erftreckt, wurde fchon früher als in Deutfchland( feit 1831) vaterländifche Gefchichte unter die Unterrichtsgegenstände aufgenommen. Und zwar beginnt der Unterricht. meift mit Biographien hervorragender Perfönlichkeiten der Schweizer Gefchichte, um dann zur zufammenhängenden Gefchichte der Schweiz überzugehen. Von Lehrbüchern, die in diefes Gebiet gehören, liegen vor: G. Geilfus vaterländifche Sage und Gefchichte mit Abbildungen, welches Werk fich als Handbuch eignet, und der Auszug aus diefem Werke, der als Schulbuch benützt wird; ferner der Abrifs der Schweizer Gefchichte für Primärfchulen von Alexander Daguet, die Schweizer Gefchichte für Schulen von Vögelin und Anderen. Als geeigneter Atlas für Gefchichte und Geographie der Schweiz ift der hiftorifch- geographifche Atlas von Vögelin und Anderen in Zürich( Schulthefs 1870) hervorzuheben, der 15 Blätter mit an der Seite fortlaufendem Texte und zahlreichen Abbildungen enthält. Neben der allgemeinen Gefchichte der Schweiz wird auch gelegentlich die Gefchichte eines einzelnen Cantons gelehrt, wie diefs an der Hiftoire du Canton de Vaud von Descomb az erfichtlich ift. An den Secundär- oder Bezirksfchulen und an den Cantonfchulen fowie an den Lehrer- Bildungsanftalten ift in erfter Linie auch fchweizerifche, dann aber auch allgemeine Gefchichte unter die Unterrichtsgegenftände aufgenommen, wobei hervorzuheben ift, dafs auch in der allgemeinen Gefchichte der zufammenhängenden Gefchichtserzählung deren Behandlung in biographifcher Form vorangeht. Unter den Lehrbüchern für die Gefchichte der Schweiz find namhaft zu machen: Grundrifs der Schweizer Gefchichte für mittlere und höhere Lehranftalten von Strickler in zwei Bänden; Schweizer Gefchichte für Mittelfchulen von A. Daguet, von H. Zfchokke, Lamé Fleury und Anderen. Für allgemeine Gefchichte auf der Unterftufe waren zu bemerken das kleine Lehrbuch der Weltgefchichte in vorzugsweife biographifcher Form von P. Dietfchi"; der Cours Elémentaire d'hiftoire générale von J. Duperrex"; der„ Abrégé d'hiftoire générale à l'enfeignement fecondaire von Magnenat" und der„ Efsai d'une hiftoire univerfelle par S. Blanc. Die Lehrbücher für Oberclaffen gelangten nicht zur Ausftellung, defshalb war von Lehrbüchern der Gefchichte für diefe Stufe nur die ,, Hiftoire Grecque et Romaine par Vuiillet" bemerkbar. " Von anderweitigen Lehrmitteln für den Gefchichtsunterricht find die chronologifche Ueberficht der Schweizer Gefchichte für höhere Bildungsanftalten von Zellweger, zur befferen Einprägung der chronologifchen Aufeinanderfolge der Begebenheiten und für Repetitionen befonders geeignet, und der politifch- hiftorifch- geologifche Atlas der Schweiz von Gerfter und Weber, der nach franzöfifchem Mufter gearbeitet ift, hervorzuheben. Ueberdiefs erfahren wir aus den ftatiftifchen Verzeichniffen der Secundär- und Cantonsfchulen, dafs viele derfelben Abbildungen, Modelle und Sammlungen von Antiquitäten befitzen. So find z. B. unter den Lehrmitteln der Cantonfchule in Zürich Launitz'ens Wandtafeln, ein Modell des Athenetempels(?) auf Aegina, der Rheinbrücke und Andere, im Thurgau Gemmenabgüfse( 103), römifche Münzen und Schwefelpaften von Münzen( 55); in Bern und Luzern Münzen, Medaillen und Antiquitäten angeführt. Im Allgemeinen überwiegt die Pflege der Schweizer Gefchichte auf allen Stufen und in allen Richtungen des Unterrichtes. Und wie fich diefs in den Lehrmitteln ausfpricht, fo ift diefs auch an der Ausftellung der Schweizer Kunstwerke erfichtlich, wo die Porträts hervorragender Schweizer, wie die Haller's, Hallwyl's, Bubenberg's und andere hiftorifche Gemälde mit Motiven aus der Landesgefchichte, wie Weckeffers Segnung von Alois Reding durch feinen Vater und dergl. vorwiegen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873. MUSIKALISCHE LEHRMITTEL UND DAS MUSIKALISCHE ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSWESEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON RUDOLF WEINWURM, k.k. Univerfitäts- Gefanglehrer u. Profeffor an der k. k. Lehrerinen- Bildungsanftalt zu St. Anna, Chormeister des Wiener Männer- Gefangvereines und der Wiener Singakademie. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF. UND STAATSDRUCKEREI. 1873. TH VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. MUSIKALISCHE LEHRMITTEL UND DAS MUSIKALISCHE ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSWESEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von RUDOLF WEINWURM, k.k. Univerfitäts- Gefanglehrer u. Profeffor an der k. k. Lehrerinen- Bildungsanftalt zu St. Anna, Chormeister des Wiener Männer- Gefangvereines und der Wiener Singakademie. Bei den vorangegangenen Weltausftellungen kam die Mufik nur infoweit. in Betracht, als es fich um Organe zur Ausübung diefer Kunft, um mufikalifche Inftrumente und deren Fabrication, um techniſche Erfindungen und Fortbildungen auf dem Gebiete derfelben handelte. Damit war der induftriellen Seite der mufikalifchen Kunft, das ift jener Seite Rechnung getragen, welche dem Begriffe„ Ausftellung" vor Allem entſpricht. Erft der Weltausftellung des Jahres 1873 war es vorbehalten, das culturelle Moment im Allgemeinen hervorzuheben und nach Thunlichkeit zur Anfchauung zu bringen, erft fie gab in Aufftellung der XXVI. Gruppe „ Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen" die Gelegenheit, die Mufik nach einer weiteren, dem Wefen diefer idealen Kunft entſprechenden Seite hin in Betracht zu ziehen. Von diefem Standpunkte geht der nachfolgende. Bericht aus, welcher auf Grund der in der Ausftellung befindlichen mufikalifchen Lehr- und Bildungsmittel den gegenwärtigen Stand des bezüglichen Unterrichtes und die Beftrebungen auf diefem Gebiete in den verfchiedenen Staaten darzuftellen verfucht. Auf eine erfchöpfende Darstellung mufs der Referent von vornherein verzichten, da die in der Weltausftellung fich vorfindenden Anhaltspunkte ganz und gar unzulänglich erfchienen. Bei vielen Staaten, darunter auch bei folchen, wo die Mufik bekanntermafsen einer ziemlich eingehenden Pflege im Allgemeinen fich erfreut, wie z. B. Belgien, Dänemark, war das mufikalifche Gebiet officiell gar nicht vertreten; bei vielen anderen Staaten befchränkte man fich darauf, den eingefendeten wiffenfchaftlichen Lehrmitteln auch einige Liederbücher und andere wenig belangreiche mufikalifche Werke beizufchliefsen. Es erfcheint begreiflich, wenn Völker, die im Allgemeinen auf einer niedrigeren Culturftufe ftehen und vielleicht bis zum Augenblicke nicht über die rein finnliche Wirkung des Klangwefens hinweggekommen find, oder wenn Nationen, die in augenblicklicher politifcher oder focialer Umgeftaltung, das ift, in Zuftänden begriffen find, welche die künftlerifche Entwicklung beeinträchtigen, auf eine Repräsentanz in der fraglichen Richtung 2 Rudolf Weinwurm. Verzicht leiften; wo jedoch folche Zuftände nicht obwalten und wo, wie in allen hervorragenden Culturftaaten, man den Einfluss der mufikalifchen Kunft als Bildungsmittel zu würdigen angefangen hat, da mag die geringe Vertretung nach jener Seite hin Befremden erregen. Wenn auch zugegeben werden mufs, dafs die mufikalifche Kunft, an fich betrachtet, dem Wefen und den Zwecken der modernen Ausftellungen von felbft und infolange fich entziehe, als nicht Jedermann die Fähigkeit befitzt, eine etwa aufliegende Partitur zu lefen und den Werth und die Bedeutung derfelben als eines mufikalifchen Kunftwerkes fofort zu erkennen, fo bietet fie anderfeits, fchon nach Analogie anderer wiffenfchaftlicher und künftlerifcher Gebiete, eine Reihe von culturellen Momenten dar, die durch Wort und Zahl dargestellt und in ihrer Bedeutung durch das Auge erfafst werden können. Das Verlangen ift berechtigt, dafs dort, wo es fich in einem gegebenen Momente um ein anfchauliches Bild der gefammten Cultur handelt, auch die Mufik, diefe populärfte und tiefgreifendfte aller Künfte, nicht fehle, und dafs insbefondere die Sorgfalt, welche die verfchiedenen Staaten und Corporationen der Pflege diefer Kunft als Unterrichts- und Bildungsmittel zuwenden, zur Darstellung gelange. Diefer Forderung wurde, wie aus dem Nachfolgenden hervorgeht, nur in den feltenften Fällen entſprochen; im Uebrigen vermifste man in der Weltausftellung faft in allen Ländern ftatiftifche und andere hieherbezügliche graphifche Darftellungen: die Berichte der Mufik- Lehranstalten und Mufikvereine, die wefentlichen Angaben über die ftaatliche oder private Organiſation und Verbreitung des Mufikunterrichtes und viele andere für eine genauere Darftellung diefes Gebietes unentbehrliche Angaben. Nach diefen einleitenden Bemerkungen, welche den Standpunkt des Berichtes und deffen durch die vorliegenden Umftände bedingte Begrenzung kennzeichnen, wenden wir uns nunmehr den einzelnen Ländern zu Oefterreich. In Hinficht auf den Mufikunterricht war die Betheiligung Oefterreichs an der Weltausftellung eine dreifache: 1. Durch die Aufftellung einer ziemlich vollſtändigen Collection der gegenwärtig an den öffentlichen Schulen in Verwendung ftehenden muſikaliſchen Lehrmittel und Liederfammlungen, als Theil der vom k. k. Unterrichtsminifterium veranlafsten Collectivaus ftellung des öfterreichischen Unterrichtes; 2. durch einen auf diefe Collection bezüglichen und im Auftrage des k. k. Unterrichtsminifteriums abgefafsten Bericht über den Mufikunterricht; 3. durch die in diefes Gebiet einfchlägigen Materialien in dem ein Ausftellungs object bildenden öfterreichifchen Schulhaufe. Die wichtigften Angaben des erwähnten Berichtes mögen hier eine Stelle finden. Er conftatirt, dafs die Pflege des Gefanges- wenigftens in dem deutſchen Sprachgebiete der öfterreichifchen Monarchie- von Jahr zu Jahr im Fortfchreiten begriffen ift, an Umfang und Bedeutung zunimmt, dafs der Staat die bezüglichen Beftrebungen begünftigt und neuerdings mit der Einführung von Lehrerprüfungen für Mufik auch nach und nach die geeigneten künftlerifchen Kräfte diefem Gebiete zuzuführen die Abficht hat. Er weift ferner die gefetzlichen Beftimmungen nach, welche hinfichtlich des Mufikunterrichtes an den öffentlichen Lehranstalten in Geltung find, woraus hervorgeht, dafs der Gefangunterricht an den Volks- und Bürgerfchulen, an den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten obligatorifch ift, an den Realfchulen und Gymnafien jedoch in die Kategorie der fogenannten freien Lehrgegenstände, das ift folcher Gegenftände, eingereiht ift, die nur in gewiffen Fällen, namentlich wenn das bezügliche Unterrichtsbedürfnifs erwiefen und die geeigneten Lehrkräfte hiefür vorhanden find, in den Lehrplan aufgenommen werden. Mufikalifche Lehrmittel. 3 Aufser dem Gefangunterrichte zählt noch zu den obligaten Fächern an LehrerBildungsanftalten Violinfpiel, an Lehrerinen- Bildungsanftalten Clavierfpiel. Für die Lehrerfeminarien ift Clavier- und Orgelfpiel nicht obligat, das heifst die Betheiligung daran ift den Candidaten freigeftellt, jedoch ift für die Möglichkeit des Unterrichtes in diefen Fächern vom Staate Sorge getragen. Was die Zeit anbelangt, fo find dem Gefangunterrichte an Volks- und Bürgerfchulen I Stunde wöchentlich, an den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten für jedes der genannten Mufikfächer und jeden der vier Jahrgänge diefer Anftalten je 2 Stunden wöchentlich im Lehrplane beftimmt; an den Mittelfchulen, wo der Gefang in Uebung und Pflege ift, werden die Schüler einer ganzen Anftalt gewöhnlich in zwei Gruppen getheilt und in wöchentlich je 2 Stunden unterrichtet. Jener Bericht enthält aufserdem die Zufammenftellung der oben unter Zahl I erwähnten gebräuchlichen Lehrmittel und der Referent kann fich demnach eines näheren Eingehens auf diefe Seite der öfterreichifchen Ausftellung um fo eher entfchlagen, als eine Anzahl der geeignetften Lehrmittel noch bei Befprechung des öfterreichifchen Schulhaufes zur Aufzählung gelangen wird. Die erwähnten Angaben des Berichtes find noch durch Folgendes zu ergänzen: Der Unterricht an den öfterreichifchen Seminarien liegt faft überall in den Händen von Fachmännern. Ihre bisherige Rangordnung war die von Hilfslehrern, doch befafst fich die Regierung in der neueften Zeit mit den Mafsregeln, um diefe Stellungen in einer dem Intereffe der Sache entſprechenden Weife zu organifiren. Die Errichtung öffentlicher Mufikfchulen ift feit der definitiven Organifation des Volks- Unterrichtswefens durch den Staat von der Bewilligung der betreffenden Landes- Schulbehörde und in letzter Inftanz vom k. k. Unterrichtsminifterium abhängig gemacht. Das Gleiche gilt in neuefter Zeit von der Einführung neuer Lehrmittel für Gefang an den ftaatlichen Unterrichtsanftalten. Das Ziel des mufikalifchen Unterrichtes ift ein allgemeines, durch keinerlei Rückficht auf irgend eine Confeffion befchränktes; die Methode war bisher dem Ermeffen des Lehrers anheimgegeben. Die zum Unterrichte an den Staatsanftalten erforderlichen Inftrumente: Claviere, Violinen, Pedalharmoniums etc. werden vom Staate beigeftellt und find die diefem Zwecke in den letzten Jahren zugewendeten Summen ziemlich bedeutend. Auch an mehreren Univerſitäten Oefterreichs finden fich fpecielle mufikalifche Fächer vertreten; fo hat die Univerſität Wien feit 1864 eine aufserordentliche Lehrkanzel für Aefthetik und Gefchichte der Mufik, Graz eine Docentur für diefelben Fächer, Wien noch aufserdem eine Docentur für Gefang. Weitere hieherbezügliche Momente, aus denen die Sorgfalt der öfterreichifchen Regierung, der Reichs- und Landesvertretungen, endlich auch vieler Gemeinden und Corporationen für die Pflege der Tonkunft erhellt, wären noch: die Subventionirung der bedeutenderen Theater in der Reichs- Hauptftadt und in den Landes- Hauptftädten; die alljährliche Einstellung eines Betrages für fpecielle Kunftzwecke und für Unterſtützung begabter Künftler in das von der Reichsvertretung zu bewilligende Budget des Staates von welchem Betrage bisher gewöhnlich ungefähr je ein Dritttheil zu Stipendien für Tonkünftler verwendet wurde; die Organiſation und Erhaltung der Militärkapellen und die Heranbildung der für diefelben erforderlichen Kräfte; die Beförderung der Tonkunft, infoweit fie mit kirchlichen und religiöfen Zwecken zufammenhängt; endlich die directe oder indirecte Unterſtützung von Mufikvereinen, Mufikfchulen und Confervatorien. Unter den letztgenannten Inftituten ift in Oefterreich das hervorragendfte das Confervatorium der Gefellſchaft der Mufikfreunde in Wien, deffen Jahresbericht für das Schuljahr 1872/73 in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung auflag. Daraus entnehmen wir, dafs im genannten Jahre an demfelben 38 Profefforen und Lehrer Unterricht in den verfchiedenen Fächern der Mufik ertheilten, dafs es 493 Schüler zählte und dafs die dem Unterrichte in diefem Schuljahre zugewendete Zeit über 14.000 Stunden betrug; gewifs eine ftattliche Reihe von Ziffern, welche den grofsen - 4 Rudolf Weinwurm. Auffchwung diefes Inftitutes in den letzten 10 Jahren zu illuftriren geeignet find. Einen gleich erfreulichen Einblick in das Gebiet mufikalifcher Cultur gewähren die Jahresberichte und Mittheilungen der öfterreichifchen Mufikgefellſchaften und Vereine, aus welchen hervorgeht, dafs die Pflege der Mufik von Jahr zu Jahr an Intenfität zunimmt und immer weitere Kreife der Bevölkerung zur activen und paffiven Theilnahme gewinnt. Die hervorragendften diefer Vereine finden fich naturgemäss in der Reichs- Hauptftadt und es dürfte genügen, in diefer Beziehung auf die Gefellfchaft der Mufikfreunde in Wien", auf die ,, Wiener Singakademie", auf die" Philharmonifche Gefellfchaft" und auf den weit berühmten, Wiener Männer- Gefangverein" hinzuweifen; doch befitzen auch die Landes- Hauptftädte, fo insbefondere Prag, Salzburg, Brünn, Innsbruck, Graz, Troppau, Linz, Klagenfurt, Laibach, Lemberg, Trieft treffliche Mufikanftalten und Mufikgefellſchaften, und die Affociation zu mufikalifchen Zwecken findet fich vielfach auch in kleineren Provinzftädten und Märkten und erreicht mehr oder weniger anerkennenswerthe künftlerifche Erfolge. " Es würde uns zu weit führen, auf das Gefammtbild mufikalifcher Cultur in Oefterreich noch näher einzugehen; bekannt ift ja einerfeits, welch' geeigneten Boden die öfterreichifchen Länder feit jeher der Tonkunft dargeboten haben, anderfeits der genaue und untrennbare Zufammenhang der Cultur Oefterreichs mit der Gefammtcultur Deutſchlands, deren eingehendere Darftellung aufser dem Bereiche unferer Aufgabe liegt und von vornherein der Bafis einer politifchen Eintheilung widerftreben würde. Nur Eines fei noch hervorgehoben: Die Schattenfeiten in jenem Bilde fehlen weder hier noch anderwärts und treten um fo mehr hervor und verlangen um fo dringendere Abhilfe und Ausgleichung, in je weitere Kreife die Erkenntnifs der fegensvollen Wirkung der Kunft gedrungen ift. Sie beziehen fich hauptfächlich auf Mangel in der einheitlichen und künftlerifchen Organiſation des Unterrichts, auf den Mangel äfthetifcher Ziele in der Kunftübung und auf den Mangel ausreichender Unterſtützung von Seiten des Staates oder der hiezu berufenen Körperfchaften. Man hat feit einiger Zeit auch in Oefterreich angefangen, den hieherbezüglichen Beftrebungen Beachtung zuzuwenden und eine Verbefferung der betreffenden Zuftände allmälig anzubahnen. Um nur Einiges anzuführen: Man ftrebt nach Erweiterung und künftlerifcher Geftaltung des Unterrichtes an den ftaatlichen Lehrer- Bildungsanftalten und nach Aufnahme des Gefanges als eines obligaten Unterrichtsgegenstandes auch an den Realfchulen und Gymnafien; die Mufikbildung an den befferen Confervatorien befchränkt fich nicht mehr allein auf die Erwerbung der erforderlichen techniſchen Fertigkeiten, fondern zieht in ihren Kreis jene Fächer, welche zur Completirung der allgemeinen Bildung geeignet find; an die öffentlichen Aufführungen wird vielfach ein ftrengerer Mafsftab gelegt, welcher auf die Richtung des mufikalifchen Gefchmackes nur fördernd einwirken wird; man hat angefangen, die Frage der Heranziehung der niederen Volksclaffen in gröfseren Städten zu unmittelbarer Bethätigung an der Kunftübung einer Erwägung zu unterziehen. Diefe und ähnliche Beftrebungen werden gewifs die wohlthätigften Folgen für die Zuftände der mufikalifchen Erziehung und der allgemeinen Bildung herbeiführen. Die im öfterreichifchen Schulhaufe exponirten mufikalifchen Lehrmittel ſtehen bereits zum grofsen Theile auf dem letzterwähnten Standpunkte, der nur infoweit ein idealer genannt werden kann, als die Durchführung desfelben erft nach verfchiedenen Richtungen hin anzubahnen fein wird. In der That trifft man in mehreren öfterreichifchen Landgemeinden, in Dörfern, Märkten und kleineren Städten ein ziemlich reges mufikalifches Leben, das feinen Ausgangspunkt vom Schulhaufe, das ift dort nimmt, wo die geeignete Perfönlichkeit, der mufikalifch gebildete Lehrer, fich findet. Solchen Beftrebungen fuchte nun die mufikalifche Ausftattung des öfterreichifchen Schulhaufes entgegen zu kommen. Sie berückfichtigte nicht allein die Bedürfniffe der mufikalifchen Jugenderziehung, indem fie eine Mufikalifche Lehrmittel. 5 Reihe der beften und zugeich billigften gefanglichen Lehrmittel zufammenftellte, fondern bot auch dem Lehramts- Candidaten und dem Lehrer felbft in einer Auswahl vorzüglicher Unterrichtswerke die Mittel zur eigenen Fortbildung und zur erfpriefslichen Wirkfamkeit in der Gemeinde. Es ift ja bekannt, wie mannigfaltige und weitgehende Anforderungen in diefer Beziehung an den Lehrer geftellt werden, der häufig zugleich Organift, Violinfpieler, Dirigent u. f. w. fein foll. Alle diefe Qualitäten find in der kurzen Zeit, welche das Gefetz für feine pädagogiſche Bildung vorfchreibt, nicht in dem erforderlichen Mafse erreichbar; er mufs diefelbe, wenn er anders von dem Ernfte feines Berufes innerlich durchdrungen ift, nach allen Seiten hin zu ergänzen trachten. Demnach erftreckte fich jene Auswahl auf folgende Gebiete der Mufik: A. Gefang, B. Clavier, C. Violine, D. Orgel und Mufikwiffenfchaft, und ftellt fich folgendermafsen dar: Name des Verfaffers oder Herausgebers Titel des Werkes Verleger Preis und Verlagsort A. Gefang. I. Stufe, Gefangunterricht nach dem Gehöre. H. Bönicke „ Der Gefangunterricht nach dem Gehöre; eine VorbereiBrandftetter, Leipzig. 3 Sgr. tung zur Chorgefangfchule." Fr. Schneider, Liederbuch für Volksfchu- H. W. Schmidt, len." I. Heft. 12 Sgr. Erk und Greef ,, Singvögelein." 1. Heft. Halle. Bädecker, Effen. 1 Sgr. 3 Pf. II. Stufe, Gefangunterricht nach Noten. J.J. Schäublin, 30 Wandtabellen für den Bahnmeier, Leipzig. Gefangunterricht." J. P. R. Rein- ,, Für Schule und Haus." Breitkopf& Härtel, ecke Sammlung ein-, zwei- und mehrftimmiger Lieder aus Leipzig. neuerer und neuefter Zeit. Baierifcher Liederbuch für VolksfchuVolksfchullen." lehrer- Verein Roller Dannheimer, Kempten. 2 Thlr. 5 Sgr. Liederbuch für die öfter- Mährifch- Trübau. reichifchen Volksfchulen." Erk und Greef, Singvögelein." 2., 3. und Bädecker, Effen. à 1 Sgr. 3 Pf. H. Bönicke H. Bönicke 4. Heft. III. Stufe, Vorbereitung zum Chorgefange. ,, Chorgefangfchule". I. Curfus enthaltend 92 ein- und zweiftimmige Uebungen und Gefänge für Sopran und Alt; 2. Curfus, 66 mehrftimmige Uebungen für Sopran undAlt. Commentar zum 1. Curfus. Brandftetter, Leipzig. 3½ Sgr. 5 Sgr. 99 3½ Sgr. 23 6 Rudolf Weinwurm. Name des Verfaffers oder Herausgebers H. Bönicke Titel des Werkes Verleger und Verlagsort IV. Stufe, Fortbildung. Chorgefangfchule." 3. Curfus, 89 Uebungen, Lieder und Gefänge für Sopran, Alt, Tenor und Bafs zum Gebrauche für Mittelfchulen und Gefangvereine. Partitur. H. Bönicke, Chorgefangfchule für Männer Stimmen" enthaltend 66 zwei- und vierftimmige Uebungen und Gefänge zum Gebrauche für Seminarien Preis Brandftetter, Leipzig. 12 Sgr. 12 Sgr. und Männer- Gefangvereine. J. Heim Sammlung von Volksge- Depôt der Züricher fängen für den gemifchten Schulcommiffion. Chor", enthaltend 254 Num10 Sgr. mern in Partiturausgabe. 99 15 Sgr. Fr. Schubert Sämmtliche Chorgefang- Ed.Peters, Leipzig. Werke für Frauenchor" in Partitur mit untergelegtem Clavierauszug. Fr. Schubert Sämmtliche ChorgefangWerke für Männerchor." Fr. Schubert, Chorgefang- Werke für 2 Thlr. " I Thlr. 15 Sgr. " gemifchten Chor." B. Clavier. " Kinder- Clavierfchule." H. Wohlfahrt Anaft. Struve 50 harmonifirte Uebungsftücke zu 2 und 4 Händen." 4 Hefte. Breitkopf& Härtel, Leipzig. Kahnt, Leipzig. à 15 Ngr. C.H.Hohmann ,, Prakt. Clavierfchule" 3 Curfe. W. Schmid, Münch. à 2212 Ngr. L. Köhler , Erfter Unterrichtsgang im André, Offenbach. Clavierfpiel." H. Bönicke, Der erfte Unterricht im Breitkopf& Härtel, J. Knorr · ע Pianoforte- Spiel." de." 2 Theile. C. Reinecke Op. 54, Vierhänd. Clavier, Ausführliche ClaviermethoLeipzig. Kahnt, Leipzig. Senff, Leipzig. à 15 Ngr. Kahnt, Leipzig. I Thlr. 20 Ngr. à 10 Ngr. " ftücke." 2 Hefte. J. Handrock Op. 32,„ Der Clavierfchüler im erften Stadium." 2 Hefte. Op. 199, 30 kleine melo- Gotthard, Wien. difche L. Köhler C. Czerny Unterrichts- Stücke." 3 Hefte. ,, 100 Uebungsstücke." Holle, Wolfenbüttl. Mufikalifche Lehrmittel. Name des Verfaffers oder Herausgebers Titel des Werkes Verleger. und Verlagsort J. Mofcheles Op. 107,„ Tägliche Studien Kiftner, Leipzig. über die harmonifirten Scalen." 59 vierh. Charakterftücke. 2 Hefte. Preis à 2 Thlr. 7 Bertini , Etuden." Op. 29 und 32. R. Volkmann ,, Mufikalifches Bilderbuch." Litolff, Braunfchweig. Kiftner, Leipzig. 10 Sgr. à 20 Ngr. Zu 4 Händen, 2 Hefte. Bertini " Etuden." Op. 100. 10 Sgr. C. Czerny Schule der Geläufigkeit." " 3 Hefte. Litolff. Holle. Stephen Heller Op. 45,, Etudes melodiques." Schlefinger, Berlin. à 22½ Sgr. R. Schumann Op. 15.„ Kinderfcenen." L. Plaidy Cramer R. Schumann Clementi Seb. Bach S. Lebert " 9 " Technifche Studien." , Etuden." 2 Hefte. Op. 82. Waldfcenen." " Gradus ad Parnassum." Breitkopf& Härtel. " 25 Ngr. 2 Thlr. 15 Ngr. Ed. Litolff. Senff, Leipzig. I Thlr. 5 Ngr. Ed. Litolff. ,, Das wohltemper. Clavier." Holle, Wolfenbüttl. 2 Thlr. 5 Ngr. ,, Inftructive Ausgabe claffi- Cotta, Stuttgart. fcher Clavierwerke"( Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, H. Ulrich " 9 Weber). Leuckart's Hausmufik." Leuckart, Leipzig. Sammlung claffifcher Inftrumentalwerke im vierhändig. Arrangement, bisher 13 Lieferungen. à 15 Ngr. C. Violine. Moriz Schoen, Praktifcher Lehrgang für Leuckart, Leipzig. d.Violinunterricht." 25 Lieferungen. C.H.Hohmann Praktifche Schule für W. Schmid, Münangehende Violinfpieler." 5 Curfe. Op. 85, 60 Uebungen." L. Janfa F. Krieger R. Kreutzer " F. David " 9 Hefte. à 12 Ngr. à 18 Ngr. chen. Spina, Wien. 3 Thlr.22Ngr. 2 Thlr. " Technifche Studien." Forberg, Leipzig. Etuden für Violine", revidirt Leuckart, Leipzig. 1 Thlr. 15 Nge. von Hering. Vorftudien zur hohen Breitkopf& Härtel, Schule des Violinfpieles. Leichtere Stücke aus Werken berühmter Meifter des 17. und 18. Jahrhunderts für Violine und Clavier bearbeitet." Bisher 10 Hefte. Leipzig. 8 Name des Verfaffers oder Herausgebers Rudolf Weinwurm. Titel des Werkes Verleger und Verlagsort Preis D. Orgel und Mufikwiffenfchaft. G. Hertzog " C.H.Hohmann, Praktiſche Orgelfchule für Schmid, München. Jul. André H. Rink B. Kothe Ad. Heffe A. B. Marx E. F. Richter Orgelfchule." angehende Organiften." „ Orgelfchule." Deichert, Erlangen. 2 Thlr. 22½ Ngr. André, Offenbach. 3 fl. 36 kr. à 1½ Thlr. ,, Praktifche Orgelfchule." Simmrock, Bonn. 6 Theile. ,, Handbuch des Organiften." Leuckart, Leipzig. " Sammlung von Orgelcompofitionen." 20 Hefte. " ,, Allgemeine Mufiklehre." Breitkopf& Härtel. , Harmonielehre." " C.H.Hohmann, Harmonie- und General- Schmid, München. bafs- Lehre." Diefe Zufammenftellung führt, wie man fofort erkennt, die muſikaliſche Bildung auf allen Gebieten, namentlich aber auf dem Gebiete des Gefanges, bis zu dem Punkte eigentlich künftlerifcher Uebung fort. Sie fetzt voraus, dafs man es nicht, wie bisher, bei den geringen mufikalifchen Anregungen und mangelhaften Kenntniffen bewenden laffe, die in der Volksfchule erworben werden. Auch darüber hinaus und durch das ganze Leben foll die Kunft, der ein fo hoher Einfluss auf die fittliche und gemüthliche Richtung des Volkes zukommt, den Menfchen begleiten. Demnach finden fich fchon in der 2. Stufe der Abtheilung ,, Gefang" mehrere Werke aufgezählt, die ebenfowohl in den höheren Claffen der Volksfchulen und den anfchliefsenden Mittel- und Lehrerfchulen, als auch dort verwendet werden können, wo die Mittel und Wege vorhanden find, die weitere mufikalifche Bildung des Volkes ins Auge zu faffen. Diefs ift bisher nur einfeitig, nur nach der Richtung des Männergefanges und auf private Initiative hin gefchehen. Das künftlerifche Ziel aber darüber herrfcht nur eine Meinung - mufs der gemifchte Chor fein, der ja den Männergefang gleichfalls in fich fafst. Der Weg hiezu ift in den Ueberfchriften zur 3. und 4. Stufe der Abtheilung Gefang: Vor bereitung zum Chorgefange" und" Fortbildung" angedeutet und eine Anzahl der beften hiehergehörigen Werke angegeben. Es wäre Sache der Staatsbehörden und der Gemeinden, die Löfung diefer Frage, an welcher die Kunft und die Gefellſchaft ein gleiches Intereffe haben, in die Hand zu nehmen. - " Was nun einzelne der hier angeführten Werke betrifft, fo find aus der Abtheilung Gefang die von künftlerifchem Hauche belebten Unterrichtswerke von Bönicke( derzeit Mufikdirector in Hermannftadt) insbefonders hervorzuheben; eine beffere Sammlung kleiner ein- und zweiftimmiger Lieder aber als die von Reinecke( weiland Mufiklehrer in Altona) wird man trotz der zahllofen Erfcheinungen auf diefem Gebiete kaum entdecken können, wenn auch nicht zu verkennen ift, dafs die pädagogifche und methodifche Anordnung des kleinen Büchleins noch zu wünſchen übrig läfst und feine Anwendbarkeit in der vorliegenden Form( ohne die nothwendige Clavierbegleitung) nur in der Hand eines tüchtigen Fachmannes möglich ift. Den Schäublin'fchen Gefangunterrichts- Werken wie auch den Sammlungen von Heim werden wir noch an anderem Orte Schweiz begegnen und bei diefer Gelegenheit Näheres, namentlich über die letzteren, mittheilen; des erfteren 30 Wandtabellen für den Gefangunterricht - - in der Mufikalifche Lehrmittel. 9 erfcheinen dem Referenten als das vorzüglichfte Werk dieter Art. Die fchönen, aufserordentlich billigen und dabei vollſtändigen Ausgaben der Chorwerke Schubert's aus dem Verlage von Peters haben lange fchon die Anerkennung des Publicums erworden. Unter den Clavierwerken haben wir die bekannten Werke eines Czerny, Bertini, Köhler, Clementi, Cramer gefunden, über deren Werth zu fprechen wohl überflüffig wäre. Die Claffiker Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert waren vertreten durch die grofse und aufserordentlich werthvolle„ inftructive Ausgabe claffifcher Clavierwerke" aus dem Verlage Cotta in Stuttgart. Diefe Ausgabe, an welcher bekanntlich Liszt, Bülow, Faifst und mehrere andere hervorragende Künftler mitgearbeitet haben, ift eines der fchönften Denkmäler deutfchen Kunftfinnes und wird überall unentbehrlich fein, wo es fich nebft kunftgerechter Ausführung der Tonwerke um das geiftige Verftändnifs derfelben handelt. Ausserdem fand fich auch die unter dem Namen„ Leuckart's Hausmu fik" bekannte vortreffliche Sammlung claffifcher Inftrumentalwerke im vierhändigen Arrangement. Die in den weiteren Gebieten noch aufgezählten Werke find fchon durch ihren Titel hinlänglich charakterifirt. Zu bemerken ift nur noch, dafs in allen Gebieten für die erften Stadien des Unterrichtes mehrere Werke angeführt worden find, theils um der fo verfchiedenartigen natürlichen Begabung und der damit zufammenhängenden pädagogifchen Auswahl, theils um der nothwendigen Rückficht auf den Maffenunterricht in der Schule oder den Einzelunterricht in der Familie Rechnung zu tragen. An mufikalifchen Inftrumenten waren vorfindlich: ein kleines Harmonium( älterer Art) und eine Violine im Schulzimmer, letztere von der Firma Lemböck in Wien, und in der Wohnung des Lehrers ein fehr fchönes Pianino aus der Fabrik des Herrn Ehrbar in Wien. Letztere Firma geht dem Vernehmen nach eben daran, die Fabrication eigener aufserordentlich billiger und folider Schulinftrumente in Angriff zu nehmen. Eine weitere Art der Betheiligung Oefterreichs und fpeciell Wiens an der Weltausftellung, die während des Zeitraumes derfelben hier ftattgefundenen Aufführungen, liegen aufser dem Bereiche unferer Befprechung. Sie waren und find allerdings, wie hier nur kurz bemerkt werden foll, geeignet, ein anfchauliches Bild der Pflege der Tonkunft zu geben und der Kaiferftadt Wien den Ruf zu wahren, welchen fie feit Langem als eine der erften und bedeutendften Mufikftädte der Welt geniefst. Ungarn. Der Auffchwung, der fich in der neueften Zeit in Ungarn auf allen Unterrichtsgebieten kundgibt, wird auch die erfreulichften Folgen für das muſikaliſche Gebiet herbeiführen. Ein anfchauliches Bild diefes Auffchwunges gibt der„ Bericht des königlich ungarifchen Minifteriums für Cultus und Unterricht" an den( ungarifchen) Reichstag über den Zuftand des öffentlichen Unterrichtes in den Jahren 1870 und 1871, welcher die für die Weltausftellung zufammengeftellte Collectivausftellung im Unterrichtsfache illuftrirt. Der Bericht widmet der Mufik und dem Mufikunterrichte ein eigenes, wenn auch fehr kurzes Capitel, dem wir einige bemerkenswerthe Angaben entnehmen. Seit dem Jahre 1868 ift für die Elementarund Bürgerfchulen Gefang, für die Lehrer- Bildungsanftalten Gefang und Mufik als obligatorifcher Lehrgegenftand erklärt, und die Regierung läfst es fich angelegen fein, dafür zu forgen, dafs diefe Lehrgegenftände„ nicht nur im Lehrplan figuriren, fondern dafs die Jugend in denfelben auch wirklich gebildet und durch diefe Schulerziehung der edlere Gefang und die edlere Mufik im Volke verallgemeinert werde". Es fehlte bis dahin an geeigneten Lehrmitteln in ungarischer die Regierung veranlafste ihre Abfafsung- es fehlte ferner an den Sprache - 10 - Rudolf Weinwurm. Lehrkräften die Regierung fchickte, wie aus anderen Stellen jenes Berichtes hervorgeht, einige befonders begabte Lehrer ins Ausland, damit fie die Kenntniffe in ihrem fpeciellen Fache ergänzen und fie nach ihrer Rückkehr den VolksfchulLehrern mittheilen, für welche Ergänzungslehrgänge in verfchiedenen gröfseren Städten des Landes angeordnet wurden. Dadurch wurde auch die Methode des Gefangunterrichtes- über welche wir noch weiter unten zu fprechen haben werden in vielen Theilen des Landes eine einheitliche. Weiter führt jener Bericht an, dafs in das Budget der Jahre 1871 und 1872 je 2500 Gulden als mufikalifche Stipendien und Unterſtützungsgelder eingeftellt waren und dafs mit einem gleichen Betrage das Pefter National confervatorium unterſtützt wurde. Diefes hatte im Jahre 1871 12 angeftellte Musiklehrer und 217 Schüler und leiſtete bei nur geringem jährlichen Einkommen aufserordentlich Erfpriefsliches. Auch das Vereinswefen hat fich in Ungarn fchon fehr entwickelt. - Die in der Collectivausftellung vorfindlichen mufikalifchen Lehrmittel waren zwar fehr wenig zahlreich, doch gewährten fie einen deutlichen Einblick in die beim Unterrichte acceptirte Methode und in den Umfang des Unterrichtes. Für die Bedürfniffe der allererften Jugend forgen mehrere Hefte„ Kinderlieder" etc. ,, zu Fröbel's Entwicklungsfyftem" von Kohányi, die für den Unterricht nach dem Gehöre recht brauchbar angelegt find. Sie enthalten viele Nummern deutfchen Urfprunges, überdiefs auch einige original- ungarifche Weifen. Zwei Hefte davon find auch in einer deutſchen Ausgabe erfchienen. Die weiter vorfindlichen Unterrichtswerke, in summa 33, wurden laut Katalog theils vom Minifterium, theils von Verfaffern und Verlegern der Collection einverleibt. Unter ihnen nahmen die auf Veranlaffung des Minifteriums verfafsten Werke von Stefan Bartalus vor Allen anfere Aufmerkfamkeit in Anfpruch. Es find die mit den Nummern 410-413 und 1118-1120 im Katalog bezeichneten Werke in ungarifcher Sprache mit folgenden Titeln Gefangs- ABC für Volksfchulen 1., 2., 3. und 4. Jahrgang", ferner damit correfpondirend:" Leitfaden für Volksfchul- Lehrer zum Unterrichte im Singen, 1., 2., 3. und 4. Jahrgang" und„ Einleitung zum Clavier- und Orgelfpiel". Der in diefen Gefang- Unterrichtswerken angewendeten Methode werden wir im Verlaufe diefes Berichtes noch an zwei Orten begegnen, nämlich in Amerika und( wie es fcheint im gemeinſamen Stammlande derfelben) in der Schweiz. Im letzt genannten Lande foll fie zu Anfang diefes Jahrhunderts von Michael Pfeiffer, der eine Zeit lang an der Peftalozzi'fchen Anftalt den Gefangunterricht leitete, wahrfcheinlich über Anregung Peftalozzi's, und nach ihm von Johann Georg Nägeli, dem Vater des Volksgefanges", beim Maffenunterrichte zuerft angewendet worden fein. Von dort verbreitete fie fich in andere Länder; in mehreren Theilen der Schweiz fteht fie noch gegenwärtig in Anwendung, wie diefs namentlich die in der Schweizer Abtheilung exponirten Werke von Johann Weber in Zürich darthun, welche fich Bartalus anfcheinend zum Mufter genommen hat. Jene Methode entwickelt die Elementarkenntniffe der Mufik in aufserordentlich langfamem Stufengange, wie er der geringen Faffungskraft im frühen kindlichen Alter wohl angemeffen fein mag, und zertheilt fie nach ihren Grundelementen, nach Tonhöhe, Rhythmus, Notation u. f. w. Die Notenlinie z. B., die bekanntlich aus einem Syftem von fünf über einander gefetzten Linien und den entſprechenden Zwifchenräumen besteht, wird nach jener Methode im Anfange durch eine einzige Linie repräfentirt, der fich nur nach und nach und in langen Zeiträumen die übrigen Linien anfchliefsen( das zuerftgenannte Bartalus'fche Werk z. B. weift erft im 4. Jahrgange die gewöhnliche Notenlinie auf). Ein näheres Eingehen auf die Methode und einen weiteren Vergleich zwifchen den angeführten Werken der ungarifchen und fchweizer Abtheilung müffen wir uns hier verfagen. Schien es auf dem Gebiete des Gefangunterrichtes angemeffen, eine tüchtige Lehrkraft mit der Bearbeitung eines bezüglichen Werkes in ungarifcher Sprache und mit Rückficht auf locale Verhältniffe und etwa nothwendige Verbefferungen, Erweiterungen und Abänderungen zu betrauen, fo war es nach der Mufikalifche Lehrmittel. 11 Meinung des Referenten überflüffig, auf anderen Gebieten der mufikalifchen Erziehung die nationale Production wachzurufen. Das alte ungarifche Sprüchlein: ,, Extra Hungariam nulla vita, Si est vita, non est ita" mag zwar in vielen Beziehungen des Lebens noch heute feine Geltung haben, ja, man könnte ihm fogar eine fpecififch muſikaliſche Beziehung beilegen, wenn es fich allenfalls um die Nationalinftrumente Cymbal und Czakan handelte; der Unterricht in diefen bildet aber wohl keinen Gegenftand der ungarifchen Semi narien; hier handelt es fich um Clavier-, Violin- und Orgelfpiel, und Unterrichtswerke dafür find in Hülle und Fülle und in einer Qualität vorhanden, die nicht leicht übertroffen werden wird. Die Regierung konnte fich die Sorge um ein ,, Anleitungsbuch zum Clavier- und Orgelfpiel", der Verfaffer die Mühe einer folchen Arbeit erfparen; man hätte einfach eines der hiehergehörigen befferen deutfchen Werke, z. B. Czerny, Köhler, Hohmann, Rink, Hertzog etc., in dem begleitenden Texte ins Ungarifche überfetzen und fich allenfalls damit begnügen follen, es zu einem fehr billigen Preife in die Hände der Schüler gelangen zu laffen. In der That fteht das unter dem eben erwähnten Titel von Bartalus verfafste Werk hinter ähnlichen Leiftungen bei anderen Nationen zurück, wenngleich die Richtigkeit der darauf bezüglichen Bemerkung des Minifters im officiellen Berichte zugegeben werden kann:„ Ich habe mich durch perfönliche Anfchauung und Erfahrung davon überzeugt, dafs...... .. Jünglinge, die vor einem Jahre noch gar nichts von Mufik verftanden, obwohl gemeinſam lernend, fowohl im Clavier als auch im Orgelſpiel überraschende Fortfchritte machten." 9.99 Diefelbe Methode im Gefangunterricht, wie Bartalus, befolgt Nagy in feinem„ Enektanitásra gyakorlókörny"( Gefangbuch für Volksfchulen) und dem correfpondirenden Leitfaden für die Lehrer," Vezérkönyv az énektanitásban népiskolák számára"( Nr. 414 und 1121 des Katalogs), nur fafst er fich etwas kürzer und fondert die Lieder von dem vorangegangenen theoretifchen und Uebungstheile. Unter den Liedern finden fich auch mehrere deutfche Weifen mit ungarifchem Text, z. B. ,, Kukuk ruft's aus dem Wald"," Weifst du, wie viel Sterne ftehen," ferner Liedchen von Anfchütz, Sechter. Das Werkchen ift in feiner aufliegenden Geftalt für die 1. und 2. Claffe der Volksfchulen beftimmt, es ift fomit unvollendet, obzwar in feinem Erfcheinen etwas älteren Datums als das früher erwähnte von Bartalus. Es fcheint faft, dafs die beiden Verfaffer gleichzeitig um die Gunft der Regierung fich bewarben, dafs jedoch Nagy in diefer Beziehung unterlegen fei und auf die Weiterführung feines Werkes verzichtet habe. Von den übrigen noch ausgeftellten Werken heben wir noch folgende hervor:„ Egri dalnok...."( Auserlefene Sammlung ernfter und heiterer Gefänge für ungarifche Gymnafien, Realfchulen und gefellige Kreife) für Sopran, Alt, Tenor und Bafs, einige auch blofs für Männerftimmen gefetzt und in Erlau erfchienen. Sowohl in diefer Sammlung ( Nr. 421) als in der„ Harmonia, 50 dalgyüjtemény", Sammlung von 50 Liedern für Männerftimmen( Nr. 1141 des Katalogs) traf man eine Reihe wohlbekannter Lieder und Gefänge in ungarifcher Uebertragung; wir führen hier nur an: Kapelle und Chor aus dem Nachtlager von Kreutzer; Gebet aus Freifchütz, Chor aus Preciosa, Gebet vor der Schlacht und Lützow von Weber; Loreley von Silcher; Chöre aus Tannhäufer, Lohengrin und fliegender Holländer von Wagner; Volkslied, Jägerlied, Choral von Mendelsfohn; die Nacht von Schubert; Abendftunden von Mozart; Ständchen von Marfchner etc. Ka poffy's" Szerkönyv kathol. kántarock számára"( Ritualbuch für katholifche Cantoren, Katalog Nr. 1132) enthält eine grofse Anzahl kirchlicher Gefänge mit fpecieller Rückficht auf liturgifche Zwecke. Der Text ift ungarifch, theilweife auch lateinifch, der mufikalifche Satz ift durchaus für Männerftimmen. Das Werk trägt auf dem Titelblatte eine Empfehlung von Fr. Liszt, ift in Erlau 1870 erfchienen und dafelbft, wie auch in mehreren anderen Lehrer- Bildungsanftalten eingeführt. Auffällig darin, wie auch in anderen ähnlichen ungarifchen Werken find die für die Char 12 Rudolf Weinwurm. woche beftimmten Gefänge, die Paffionsgefänge, die mit vertheilten Rollen im Anfchlufs an die biblifche Erzählung der Leidensgefchichte in den Kirchen aufgeführt werden. Künftlerifche Ausbildung hat Langer's, Gefanglehre" in 2 Theilen ( ungarifch- deutfch, Katalag Nr. 1126 und 1127) im Auge; das Werk fteht dem Vernehmen nach am Confervatorium in Peft in Verwendung; desgleichen Huber's Violinfchule"( Katalog Nr. 1124), die für den erften Unterricht fehr brauchbar zu fein fcheint. Dem Kataloge der Collectivausftellung entnehmen wir ferner die Bemerkung, dafs im laufenden Jahre die Errichtung einer„ Landes- Mufikakademie" befchloffen wurde, die noch heuer eröffnet werden foll. In Siebenbürgen herrfcht ein ziemlich entwickeltes muſikaliſches Leben; Hermannftadt namentlich befitzt eine blühende Mufikfchule und einen hohe künftlerifche Ziele verfolgenden Mufikverein. Deutſchland. - Man würde fehlgehen, wenn man fich nach den Anhaltspunkten, welche die hieherbezügliche Ausftellung Deutfchlands in der Gruppe XXVI bot, ein Gefammtbild mufikalifchen Erziehungs- und Bildungswefens in Deutſchland bilden wollte. Das bedeutendfte Mufikland der Welt, das fowohl nach Seite der mufikalifchen Schöpfungen, als nach Seite der Mufikübung und der Anftalten zur Pflege der Tonkunft gegenwärtig unbeftritten den erften Rang behauptet, begnügte fich mit der Einfendung einiger Lehrmittel, die an Volks- und Mittelfchulen und Seminarien in Gebrauch ſtehen! Wenn doch wenigftens diefe Sammlung vollſtändig gewefen wäre, damit man ein Bild des Schulunterrichtes gewonnen hätte! Sie war jedoch, wie dem Referenten bekannt ift, fehr unvollständig und dürfte kaum mit Ausnahme Sachfens, das etwas beffer vertreten war die Hälfte deffen repräfentirt haben, was gegenwärtig an den Schulen wirklich in Verwendung fteht. Abgefehen davon, hat man in den hiehergehörigen Ländern( wieder mit Ausnahme Sachfens) es verfäumt, die mufikalifchen Werke in eine Rubrik zufammenzuftellen und ordentlich zu katalogifiren, fo dafs ihre Auffindung in der Collectivausftellung mit aufserordentlicher Mühe verbunden war. Nur der fächfifche Katalog ift ein Muſter von Anordnung und Genauigkeit und erleichterte in geeigneter Weife die Arbeit. Mittheilungen und Angaben, die fich auf die Pflege der Tonkunft und die Mufikbildung in weiterem Sinne beziehen, fuchte man faft überall vergebens. Ueber die hervorragendften Mufikinftitute der Welt, eine Leipziger, Berliner, Münchener u. f. w. mufikalifche Hochfchule, deren gegenwärtige Zuftände gewifs von allgemeinem Intereffe fein würden, war nichts zu finden, defsgleichen nichts über die Zuftände des muſikaliſchen Vereinswefens, das doch in dem mit Vereinen fo überaus gefegneten Deutfchland eine fo bedeutende Rolle fpielt. Unter folchen Umftänden mufs fich der Referent, gemäfs dem für diefen Bericht vorgezeichneten Plane, auf eine Sichtung des wirklich vorhandenen Materials befchränken, der nur einige mit nicht geringer Mühe aus verfchiedenen Quellen gefammelte allgemeine Bemerkungen über den Musikunterricht an Schulen vorhergehen follen. A. Preufsen. Nach den Falk'fchen Regulativen vom 15. October 1872 ift der Gefangunterricht an den Volksfchulen obligat und werden demfelben in der Unterftufe I Stunde, in der Mittel- und Oberftufe je 2 Stunden wöchentlich zugewendet. Ziel ift die fichere Einprägung einer Anzahl von Chorälen und Volksliedern, letztere möglichft mit allen Strophen der bezüglichen Texte. Der Lehrplan für Mufikalifche Lehrmittel. 13 Mittelfchulen"( worunter man in Preufsen die der Volksfchule fich anfchliefsenden fechsclaffigen Bürger- und Realfchulen verfteht) enthält gleichfalls den Gefang als obligaten Lehrgegenftand und fchreibt die Grundzüge der einzuhaltenden Methode gefetzlich vor. Der bezügliche, fehr intereffante Abſchnitt der Regulative lautet: ,, Gefang. Sechste Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen innerhalb des Tonumfangs von bis d. Als Tonarten kommen vorzugsweife in Betracht: G-, F- und D- dur. Die fämmtlichen Treffübungen find mit beftimmter taktifcher( zweiund dreitheiliger) Betonung auszuführen. Als Tonzeichen dient die Ziffer. Es wird durchgehends nur in den Stärkegraden von mezzo- forte und piano gefungen. Einübung von etwa fechs bis acht Choralmelodien und einigen( acht bis zehn) einftimmigen weltlichen Gefängen aus dem Bereiche obiger Tonarten. Fünfte Claffe. Zwei Stunden. Der bisherige Tonumfang wird durch die Töne und erweitert. Die Stimm- und Treffübungen erftrecken fich auf die Töne von bis f. Sämmtliche Uebungen treten in beftimmter taktifcher Form auf. Zwei-, drei- und viertheiliger Takt unter der Form von einfachen, doppelten und dreifachen Takttheilen und Taktgliedern erften Ranges. Die Ziffer dient als Tonzeichen. Einübung von acht bis zehn Choralmelodien und eben fo vielen weltlichen Liedern. Alles einftimmig und im Bereiche der in Claffe fechs vorgekommenen Tonarten auszuführen. Vierte Claffe. Zwei Stunden. Als Tonzeichen tritt die Note auf. Die Stimm- und Treffübungen werden an der C- dur- Tonleiter gemacht. Auch Gefänge aus F- und G- dur können nach der( bis jetzt noch etwas mangelhaften) Notenbezeichnung eingeübt werden, mit der durch den Standpunkt der Kinder gegebenen Befchränkung. Die bisherigen rhythmifchen Tonverhältniffe im Zweiviertel-, Dreiviertelund Vierviertel- Takt werden an der Note veranfchaulicht und eingeübt. Aus dem dynamifchen Elemente tritt poco- forte und forte nebft lindem crescendo und diminuendo auf. Acht bis zehn Choralmelodien und weltliche Lieder aus C., F- und G- dur werden eingeübt. Alles noch einftimmig zu fingen. Dritte Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen in den Tonarten C-, F- und G- dur. Der Tonumfang erhält eine Erweiterung durch die unterhalb gelegenen Töne h, a, g. Die Töne fis und 6 in der G- und F- dur- Tonleiter gelangen jetzt zur gründlichen Anfchauung und Einübung. Auch die übrigen chromatifchen Töne cis, gis etc. find vorzuführen. Vorführung und Einübung des Dreiachtel- und Sechsachtel- Taktes nebft Einführung der Tondauer von anderthalb Takttheilen. Vorführung und Einübung der Paufen und Paufezeichen. Einführung in den zweiftimmigen Gefang. Zehn einftimmige Choralmelodien, zehn bis zwölf weltliche Lieder, in einund zweiftimmigem Tonfatze. Zweite Claffe. Zwei Stunden. Stimm- und Treffübungen in den Tonarten D-, B-, A- und Es- dur. , Einführung in die verfchiedenen Tempograde. Viertheilige Gliederung der Takttheil- Noten in den bisherigen Taktarten, Vorführung der auf viertheilige Gliederung des Takttheiles geftützten punktirten Form. Als Stärkegrad tritt Forte hinzu. Zehn bis zwölf theils ein-, theils zweiftimmige Choräle. Zehn bis fünfzehn zweiftimmige weltliche Lieder. Erfle Claffe. Zwei Stunden. Es werden die bekannteren Moll- Tonarten: A-, D-, E-, G- und C- moll vorgeführt und eingeübt. 2 14 Rudolf Weinwurm. Einführung in den dreiftimmigen Gefang für zwei Soprane und ein Alt. In Schulen mit mehr als fechs Claffen kann der Gefang für gemifchten Chor eintreten. Die Bäffe haben fich alsdann in fehr mäfsigem Tonumfange zu ergehen. Das Auswendigfingen ift vorzugsweife auf einftimmige Choräle und Lieder, weniger auf drei- und vierftimmige Tonfätze anzuwenden." - Diefe Methode ift offenbar im Hinblicke auf ein ganz beftimmtes Werk- vielleicht das weiter unten angeführte, allerdings beachtenswerthe von Kotzolt- vorgefchrieben worden. Ob eine Entfcheidung in Fragen künftlerifchen Inhalts Sache des Gefetzes fei, möge dahingeftellt bleiben. Der Referent möchte behaupten, dafs es unter allen Umftänden gerathen fei, Spielraum zu laffen zur Auswahl unter mehreren guten Unterrichtswerken, welche die Regierungen durch geeig. nete Fachmänner in Evidenz zu bringen und zu halten hätten. Durch eine Vorfchrift, wie die vorftehende, find alle anders gearteten Unterrichtswerke von der Benützung von vorneherein ausgefchloffen, mögen fie auch noch fo viele innere Vorzüge befitzen. Der immenfe Reichthum Deutſchlands an derartigen Werken ift bekannt; fie bildeten und bilden noch immer die, Grundlage für ähnliche Leiftungen faft in der ganzen übrigen Welt; nicht minder bekannt ift, dafs etwa zwei Dritttheile derfelben in das Gebiet der Dutzendwaaren zu rechnen find, ohne künftlerifchen Beruf, ohne pädagogifchen Ernft abgefafst, Producte gewinnfüchti ger Speculation oder leidiger Eitelkeit. Immerhin reftirt eine anfehnliche Anzahl von Werken, welche die angeführte Methode nicht befolgen und dennoch vortreff lich find. Sie enthält zwar manches Gute, z. B. die Beftimmungen über die Stärkegrade, in welchen gefungen werden foll, im Ganzen aber erfcheint fie dem Referenten als ungenau, unvollständig und die Luft an der herrlichen Kunft eher hemmend als befördernd. Jeder Fachmann wird um nur Einiges zur Begründung unferer Meinung anzuführen- z. B. wiffen, dafs bei einer grofsen Zahl der SopranKinderftimmen die höheren Töne f, g u. f. w.( die fogenannte Kopfftimme) oft ganz klar und deutlich anfprechen und mufikalifch verwendbar find, während die darunter liegenden oberen Töne des Bruftregifters h, c, d noch gar nicht oder nur unvollkommen vernehmbar find. Eine künftlerifche Methode wird nun darauf ausgehen, vorerft jene oberen Töne nicht brach liegen zu laffen und ferner die Stimme von jenen aus nach abwärts zu entwickeln, um die Verbindung mit dem Bruftregifter nach und nach zu gewinnen. Vergleiche man nun hiemit die obenangeführ ten Vorfchriften für die fünfte Claffe:„ Der bisherige Tonumfang wird durch die Töne é und erweitert; die Stimm- und Treffübungen erftrecken fich auf die Töne von bis f." Man wird vielleicht einwenden, dafs es fich hier um die Stimmentwicklung im Maffenunterricht handle, nicht um die Stimmbildung im eigentlichen künftlerifchen Sinn. Dem wäre zu entgegnen, dafs der Maffenunterricht nicht darauf ausgehen darf, das Stimmmaterial zu ruiniren, dafs aber in unferem Falle das Gefetz den Ruin der Stimme geradezu herbeiführen würde. Kann man es ferner gerechtfertigt finden, dafs das Gefetz für die fechste und fünfte Claffe vorfchreibt: Als Tonzeichen dient die Ziffer"? Die Ziffer ift bekanntlich ein Sinnbild des. Zahlenbegriffes, nimmermehr ein Anfchauungsmittel des Tonbegriffes, für diefen bildet fie einen ungenügenden und nur ganz ausnahmsweife zuläffigen Nothbehelf, für ihn ift die Note und find die übrigen Zeichen der mufikalifchen Notation da, deren Aneignung man Kindern, welche die Mittelfchule befuchen und für diefe ift ja jenes Gefetz beftimmt wohl ohne Schwierigkeit zumuthen darf. - Indem wir von weiteren Bedenken hinfichtlich diefer Methode abfehen, wenden wir uns den Verfügungen hinfichtlich des Mufikunterrichts an preufsifchen Schullehrer- Seminarien zu. Diefe find in vielen Beziehungen muftergiltig. Zum Verſtändnifs derfelben mufs hier vorausgefchickt werden, dafs fchon die Auf nahme in ein preufsifches Seminar in der Regel auch an den Nachweis der Leiftun gen in der Mufik gebunden ift, und zwar im Gefange, Clavierfpiele, Violinfpiele, a S Mufikalifche Lehrmittel. 15 der allgemeinen Mufiklehre und Harmonienlehre, und dafs bei Beurtheilung diefer Leiftungen ein ziemlich ftrenger Mafsftab angelegt wird, z. B. ,, der Präparand foll im Clavierfpiele fämmtliche Dur- und Moll- Tonleitern mit dem richtigen Fingerfatz feft einftudirt haben, einige leichte memorirte Stücke, Etuden, Sonatinen vortragen, auch leichte Clavierfätze mit einiger Sicherheit vom Blatte ſpielen können". Das Regulativ vom 15. October 1872 beftimmt für den Unterricht während der( drei) Seminarjahre Folgendes: i e 1 ,, Mufik. I. Clavierfpiel. In der dritten Claffe rein techniſche Uebungen für Anfchlag und Geläufigkeit; eigentliche Etuden in einer Stufenfolge, wie fie in den befferen Clavierfchulen gegeben ift; freie Tonftücke; auffteigend etwa von den Clementi'fchen Sonatinen in einer Reihe, worin neben bewährten Aelteren auch das berechtigte Neue Vertretung findet. In der zweiten Claffe Fortfetzung der Etuden; bei befonders begabten und geförderten Schülern felbft bis zum Cramer'fchen Werke hin; Sonaten von claffifchen Meiftern wie Mozart, Beethoven, Haydn u. f. w. nach einer vom Lehrer zu treffenden progreffiven Anordnung. In der erften Claffe bleibt das Clavierfpiel Privatübung. II. Orgelfpiel. Der Seminarift hat von Claffe zu Claffe in der eingeführten Orgelfchule nach dem Mafse feiner Begabung und feiner Vorbildung fortzufchreiten. Ausserdem fallen jeder Claffe noch allgemeine Aufgaben zu, nämlich: Der dritten: Fortgefetzte Uebung fämmtlicher Nummern des eingeführten Choralbuches; der zweiten: Einfpielen der in der Harmonielehre analyfirten und transponirten kleinen Orgelfätze, Abfpielen derartiger Stücke vom Blatte. Sichere Aneignung eines Vorfpieles zu jedem gebräuchlichen Choral, als Ausrüftung für würdiges gottesdienftliches Orgelfpiel; der erften: Choral- Transpofition, Uebung im Moduliren, Erfinden kleiner Choraleinleitungen und einfacher Zwifchenfpiele. III. Harmonielehre. Diejenigen Seminariften, welche zum Organiftendienfte nicht ausgebildet werden follen, haben zwar nichts deftoweniger an dem Unterrichte theilzunehmen, aber nur das Penfum der dritten Claffe und aus dem der erften den gefchichtlichen Theil zu abfolviren. Dritte Claffe. Aufftellung und Einübung der Dreiklänge in dur und moll, der Septimen- und Nonenaccorde nach ihren Hauptformen und den Grundgefetzen ihrer Verbindung. Zweite Claffe. Befeftigung der Zöglinge in der Kenntnifs des harmonifchen Materials und fortwährende Verwendung desfelben im Ausfetzen von Chorälen, fowie im Analyfiren, Transponiren und Einfpielen kleiner harmoniſcher, vom Lehrer gegebener Orgelfätze. Erfter Curfus der Modulation. Erfte Claffe. Harmonifirung des Chorals und des Volksliedes. Erfindung einfacher Choraleinleitungen, Bildung von kirchlich würdigen Zwifchenfpielen. Zweiter Curfus der Modulation. Die alten Tonarten. Einiges zur Kenntnifs der wichtigsten Formen der Vocal- und der Inftrumentalmufik. Bau und Pflege der Orgel. Einiges zur Gefchichte der Mufik. IV. Violinfpiel. Die Seminariften werden nicht nach Jahrescurfen, fondern nach dem Mafse ihrer Fertigkeit in Abtheilungen gefondert. Jede Abtheilung hat die Aufgaben der eingeführten Elementar- Violinfchule von Stufe zu Stufe correct zu löfen. Neben diefer formalen Aufgabe find folgende in Bezug auf den Stoff und die Fertigkeit zu löfen: 2* e t S ] 16 Rudolf Weinwurm. a) fefte, gedächtnifsmässige Einübung der Choralmelodien, fowie der in der Seminarfchule vorkommenden Volkslieder, b) Heranziehung von Duetten in fyftematiſcher Folge, c) Einführung der oberen Abtheilung in die höheren Lagen. V. Gefang. Dritte Claffe in befonderem Unterrichte: Elementarübungen zur Stimmbildung und zur felbftthätigen Auffaffung und Darftellung der melodifchen, rhythmifchen und dynamiſchen Tonverhältniffe. Choräle und Volkslieder, erftere einftimmig, letztere ein-, zwei- und dreiftimmig. Aufserdem: Gemifchter Chor combinirter Claffen. Weiterführung der Elementarübungen, und zwar a) in eigentlichen, als felbft. ftändige Tonftücke ausgeprägten Vocalifen und Solfeggien, b) in mehr und mehr eingehender Behandlung der Intervalle, befonders aber auch der Accorde und ihrer verfchiedenen Geftalten. Fefte Einprägung der gangbarften Kirchenmelodien. Mehrftimmige Choräle. Figuralgefänge: a) die liturgifchen Chöre, welche die erfte Claffe auch dirigiren lernt; b) andere geiftliche Chorgefänge, Motetten, Pfalmen von claffifchen Meiftern; c) weltliche Chorlieder unter befonderer Betonung des edleren Volks- und des Vaterlands- Liedes. Erfte Claffe in befonderem Unterrichte: Methodiſche Anleitung zur Ertheilung des Gefangunterrichtes in der Volksfchule, verbunden mit prakti fchen Uebungen. Ausführung von gemifchten Chorgefängen in Gemeinfchaft mit der Oberclaffe der Seminarſchule. Der Unterricht hat die Ausbildung der Seminariften zu guten Gefanglehrern, zu Cantoren und Organiften zum Ziele. Die Erreichung diefes Zieles darf nicht durch die Ausbildung einzelner Zöglinge zu Virtuofen beeinträchtigt werden. Auch find die Seminariften zum Verftändniffe der Meifterwerke zu erziehen und dadurch vor der Neigung zu bewahren, in der Kirche den Gemeinden, im Unterrichte den Schülern eigene Compofitionen ftatt derfelben zu bieten. Die Stundenzahl von je fünf für die beiden unteren, drei für die Oberclaffe ift fo zu verftehen, dafs bei Abtheilungsunterricht in den technifchen Gegenständen jede Abtheilung die betreffende wöchentliche Stundenzahl erhält." Das Mufik- Lehramt in den preufsifchen Seminarien ift fowohl hinfichtlich des Gegenftandes als der damit betrauten Perfonen den anderen Fächern vollkommen gleichgeftellt. An den preufsifchen Gymnafien ift, wie aus mehreren in der Ausftellung befindlichen Gymnafialprogrammen hervorgeht, der Gefang als facultativer Gegenftand eingeführt. Um nun auf die preufsifche Collection mufikalifcher Lehrmittel überzugehen, fo fanden fich dafelbft im Ganzen 51 Werke für Gefang, II für Clavier, 7 für Violine, 13 für Orgel und 3 auf Theorie und Mufikwiffenfchaft bezügliche. Unter den Gefangswerken waren 25 Liederbücher und Sammlungen ein-, zwei- und mehrftimmiger Gefänge, Choräle u. f. w. mit fpecieller Rückficht auf Schulen, 7 Sammlungen von Gefängen für gemifchten Chor, II Sammlungen für Männerchor und 8 Werke, die auch das Methodifche des Gefangunterrichts in ihr Bereich ziehen. Die bemerkenswertheften find folgende: Th. Drath:„ Der Gefanglehrer und feine Methode, ein Hilfsbuch für Präparanden und Candidaten des Schulamtes, für Seminariften und Lehrer beim Schul- und Privatunterrichte, zugleich auch eine Beigabe zu dem SchulLiederbuch des Verfaffers", Berlin, Stubenrauch 1865; Th. Rode:„ Leitfaden für den Gefangunterricht, in fünf Abtheilungen und mit Rückficht auf alle Bedürfniffe von den Volksfchulen angefangen bis zu den höheren Unterrichtsanftalten und Seminarien abgefafst", Berlin, Gut tentag, 1870; H. Bönicke:" Chorgefang- Schule"( fiehe unter Oefterreich). T r d e. 71 d it rf d ſe PA en es n g ن مع n, e₁ en m- 189 e m 1. mit 加 zu t Mufikalifche Lehrmittel. 17 H. Kotzolt:„ Gefangfchule für den a capella- Gefang" in vier Curfen für Realfchulen, Gymnafien und Seminarien fowie für Volks- und höhere Töchterfchulen und Commentar hiezu, Berlin, Trautwein 1869; Die Sammlungen von Erk und Greef, die ob ihrer Billigkeit, verhältnifsmässig guter Ausftattung und Brauchbarkeit eine ganz aufserordentliche Verbreitung und nur einen einzigen gefährlichen Concurrenten in den weiter unten anzuführenden Schweizer Sammlungen gefunden haben. Von diefen Sammlungen find hervorzuheben: Erk und Greef:„ Singvögelein"( fiehe unter Oefterreich), Erk und Greef:" Sängerhain", Sammlung heiterer und ernfter Gefänge für Gymnafien, Real- und Bürgerfchulen, ein-, zwei-, dreiund mehrftimmig, 3 Hefte; Fr. und L. Erk:" Frifche Lieder und Gefänge für gemifchten Chor zum Gebrauche an Gymnafien und anderen höheren Lehranstalten" 3 Hefte; L. Erk:„ Sammlung mehrftimmiger Gefänge für Männerchor" zum Gebrauche für Seminarien, Gymnafien und Singvereine, 2 Hefte; W. Greef:„ Männerlieder" 10 Hefte, in nahe an 300.000 Exemplaren verbreitet; diefe Sammlungen find fämmtlich bei Bädecker in Effen erfchienen; Steinhaufen:„ Neues und Altes für mehrftimmigen Männergefang", Neuwied, Heufer; Sering: Concordia", Auswahl deutfcher Lieder für Männerchor, Magdeburg, Heinrichshofen; Stein:„ Sammlung von Liedern und Gefangübungen für den Unterricht in höheren Schulanftalten mit befonderer Rückficht auf höhere Töchterfchulen", Potsdam, Stein 1866. Kreutz:„ Liederbuch für die oberen Claffen der Bürgerfchulen fowie für Gymnafien", Halle, Schmidt. Jacob:„ Liederwäldchen", Sammlung von Volksweifen mit alten und neuen Texten für die Kleinkinder- und Volksfchulen, Effen, Bädecker; Musica sacra", Sammlung für gemifchten Chor( ohne Angabe eines Verfaffers), Göttingen, Vaudenhöck& Ruprecht. " E. Kuhn: Theoretifch praktiſche Gefangfchule für Volksfchulen, Töchterfchulen und Mittelfchulen", Mannheim, Bensheimer 1871. Unter den Clavierwerken treffen wir die allbekannten: Czerny, 100 Uebungsftücke und Schule der Geläufigkeit; Clementi, Sonatinen; Bertini, Etuden; Cramer, Etuden; Köhler, op. 50; Mozart, Sonaten, revidirt von Köhler; Handrock, op. 40 und einige weniger belangreiche Werke; unter den Violinwerken die für Präparandien und Seminaranftalten abgefafsten Schulen von Sering, Volkmar, Mettner, Michaelis; unter den Orgelwerken die bekannte Schule in 3 Theilen von Ritter, ferner ein gutes Werk von Sering unter dem Titel:„ Der theoretifch- praktiſche Organift", mehrere Hefte, Leipzig, Körner; ferner noch Choralbücher, Vor- und Nachfpiele etc. von Steinhaufen, Rink, Hentfchel, Kothe, Volkmar. Die mufikalifche Theorie iſt nur durch wenige Werke vertreten, unter denen Th. Drath's„ Mufiktheorie, enthaltend Elementar-, Harmonie- und Formenlehre in kurzgefafsten Erläuterungen, Regeln, Notenbeiſpielen und Uebungsaufgaben", Berlin, Stubenrauch 1870, eingehender Beachtung empfohlen werden kann. B. Sachfen. Laut dem Gefetze über das Elementar- Schulwefen vom 9. Juni 1835 ift Gefangbildung ein Unterrichtsgegenstand in den Volksfchulen und„ foll hauptfächlich zur Erzielung eines reinen und milden Kirchengefanges gereichen, und ift daher mit Einübung der gebräuchlichften Kirchenmelodien zu verbinden." 18 Rudolf Weinwurm. Das Regulativ für Realfchulen vom 2. Juli 1860 1chreibt im§. 94 Fol gendes vor: ,, Alle Schüler find verpflichtet, am Gefangunterrichte theilzunehmen, foweit nicht aus gefundheitlichen Rückfichten, namentlich zur Zeit der Mutation der Stimme, mit Genehmigung des Directors und nach vorgängigem Gehör des Gefanglehrers eine zeitweilige Dispenfation davon eintritt. Derfelbe erftreckt fich in drei Abtheilungen auf wöchentlich eine Stunde Choralgefang und für die Anfänger auf eine Stunde Uebung im Notenlefen. Diejenigen, welche zum Chor gehören, haben überdiefs zwei Stunden Figuralgefang." Das Regulativ für Gymnafien beftimmt im§. 76: ,, Der Gefangunterricht wird zunächft allen Schülern zur Ausbil dung ihrer Stimme, zur Erlernung der Kirchenmelodien für den kirchlichen Gebrauch, und zwar in' den drei Unterclaffen in wöchentlich zwei, in allen übrigen Claffen in wöchentlich einer Stunde ertheilt. Von der Theilnahme an diefem Unterricht haben die Rectoren nach Vernehmung mit den Gefanglehrern nur die Schüler zu dispenfiren, deren Stimme mutirt, oder für die aus anderen Gründen nach ärztlichem Zeugniffe von der Theilnahme an diefem Unterrichte Nachtheile zu befürchten ſtehen." Der Bekanntmachung des Cultusminifteriums vom 15. Juni 1859, welche die Ordnung der evangelifchen Schullehrer- Seminare zum Gegenftande hat, entnehmen wir folgende hiehergehörige Beftimmungen: ,,§. 36. Die nächfte Stelle unter den Unterrichtsgegenständen( nach dem Religionsunterrichte) gebührt der mufikalifchen Ausbildung, weil diefelbe das andere Stück ift, was den Lehrer zum kirchlichen Dienfte befähigt und ihm zur Bildung und Erziehung feiner der chriftlichen Gemeinde zuwachfenden Schulkinder für kirchliche und häusliche Andacht unentbehrlich, überdiefs auch ein wichtiges Mittel zu feiner eigenen Veredlung, zur Beför derung feines Fortkommens und zur Befferung feiner äufseren Lage ift. Es follen daher in Zukunft Jünglinge ohne alle mufikalifchen Naturanlagen überhaupt nicht und ausnahmsweife nur in dem Falle in das Seminar aufgenommen werden, wenn diefer Mangel durch andere wirklich ausgezeich onete Gaben und Eigenfchaften für den Lehrerberuf einigermafsen aufgewogen wird und nur in diefem einzigen Falle follen in Zukunft Seminarzöglinge, und zwar nur nach eingeholter ausdrücklicher Genehmigung der Kreisdirection, eine theilweife Dispenfation von der Theilnahme am vollſtändigen mufikalifchen Unterrichte erlangen können. Alle Zöglinge aber, denen eine folche Dispenfation aus jenem einzig ftatthaften Grunde nicht zu Theil geworden ift, haben fich fowohl bei den Schulamts- Candidaten- als bei der Wahlfähigkeits- Prüfung auch der vollſtändigen mufikalifchen Prüfung zu unterziehen." ,,§. 37. Der mufikalifche Unterricht im Seminar umfafst die Unterweifung feiner Zöglinge im Violinfpiel, Clavierfpiel, Orgelfpiel, Gefang und Generalbafs. Im Violin fpiel foll es jeder Seminarift bis zu der Fertigkeit bringen, die gangbarften Choräle und Schullieder rein und ausdrucksvoll, erftere womöglich auch auswendig, vorzutragen. Mit den fähigften Schülern mögen auch leichtere Duette und Quartette geübt werden. Das Clavierſpiel foll, weil es der allgemeinen Mufikbildung, der Orgelfertigkeit, dem Gefange und der Generalbafs- Lehre zur wefentlichen Förderung dient und aufserdem für nicht wenige Schulamts- Candidaten das einzige Mittel bleibt, die im Seminar erworbene Fertigkeit im Orgelfpiele fich zu bewahren, in jedem Seminar während der ganzen Bildungszeit eines Zöglings betrieben werden. Richtige techniſche Behandlung des Inftrumentes, die Fertigkeit, gediegene Tonftücke von mässiger Schwierigkeit mit Ausdruck vorzutragen, Sinn und Gefchmack für claffifche Claviercompofitionen ernften Styles zu wecken 1 r n e 1. n 1. n n e n er де ch gt h- h, r- ft. en f h- en e, is en ne eil ei ng ernd eit ll, ern iel ge em im em en. ne nd en e Mufikalifche Lehrmittel. 19 und auszubilden, ift die Aufgabe diefes Unterrichtes. Der Unterricht im Orgel fpiel foll die Seminariften befähigen, einft das Amt eines Organiften würdig zu verwalten. Dazu gehört mindeftens, dafs diefelben jeden ausgefetzten Choral nach dem Hiller'ichen oder einem ähnlichen Choralbuche, fowie gedruckte einfache Zwifchen- und leichte Vorfpiele mit kunftgemäfsem Vortrage vom Blatte ſpielen lernen. Die Gefchicklichkeit, gute Zwifchenfpiele und kurze, durchaus kirchlich gehaltene Vorfpiele felbft zu erfinden, ift wünſchenswerth, und wird darum ebenfalls, jedoch nur bei dazu hinreichend begabten Zöglingen, ernftlich anzuftreben fein. Dem Unterrichte ift eine gute Orgelfchule zu Grunde zu legen, welche von den elementaren Manual- und Pedalübungen ausgehend, nach inftructiver Methode zum Vortrage von Orgelcompofitionen verfchiedener Form führt und auch für höhere technifche Leiftungen, welche jedoch nur mit gut befähigten Schülern erreicht werden können, einen ficheren Weg bahnt. Sobald die elementaren Uebungen der Schüler abfolvirt find, was in der Regel nach einem halben Jahre möglich fein wird, tritt das Choralfpiel als ftehende Uebung ein und wird mit den Uebungen der Orgelfchule bis zum Schluffe der Seminar- Bildungszeit fortgefetzt. Aufserdem ift ein kurzer Unterricht über den Bau der Orgel, fowie über die bei diefem Inftrumente vorkommenden Fehler und deren Abftellung zu ertheilen. Der Unterricht im Gefange ift für den künftigen Beruf in Kirche und Schule von grofser Bedeutung und überdiefs als eines der wichtigſten Mittel zu behandeln, in fittlicher und äfthetiſcher Beziehung veredelnd und bildend auf das Gemüth der Seminarzöglinge einzuwirken. Der Gefanglehrer hat daher vor Allem die techniſche Ausbildung der Stimme und des Gehörs durch wohlgeordnete Uebungen in der Tonbildung und im Treffen zu pflegen, demnächft aber als Hauptaufgabe anzufehen, dafs, fo lange es noch an einem Landes- Gefangbuche fehlt, jeder Schüler von den in den Gefangbüchern des Bezirks gangbarften Choralmelodien in der Regel 60 bis 70 auswendig, die übrigen aber ficher von Noten fingen lerne. Endlich find, wie gute Lieder, fo insbefondere geiftliche Figuralgefänge zu üben und die Zöglinge nicht nur in Bekanntfchaft mit hieher gehörigen guten Tonerzeugniffen zu fetzen, fondern auch zu paffenden Wahlen für feftliche Gelegenheiten zu befähigen. Der Unterricht im Generalbafs hat zunächft ein einfaches theoretifches Verftändnifs derjenigen Tonftücke zu vermitteln, die der Schullehrer als Gefanglehrer, Cantor und Organiſt einzuüben oder vorzutragen hat, fodann foll er die dazu befähigten Schüler zu correcter Invention einfacher Vor- und Zwifchenfpiele für die Orgel führen. Die Unterweifung hat fich nur innerhalb des reinen Satzes zu bewegen und da zu behandeln: die Lehre von den Tonleitern und Intervallen, von den Accorden und deren Verbindung zu mufikalifchen Sätzen, von der Modulation, von den Cadenzen und Nebennoten. In den praktifchen Arbeiten ift in der Regel über den einfachen Choralfatz für vier Stimmen und die Anfertigung von ganz einfachen Vor- und Zwifchenfpielen nicht hinauszugehen. Während für den Gefangunterricht im Chore oder in einzelnen Seminar- Abtheilungen wöchentlich mindeſtens drei, und für Generalbafs wöchentlich eine Stunde für jede Claffe getrennt anzufetzen find, find die übrigen Unterrichtsftunden für die mufikalifchen Uebungen von der gröfseren oder geringeren Anzahl der Zöglinge abhängig und darnach zu beftimmen." Der über die ausgeftellten Lehrmittel abgefafste fächfifche Katalog war, wie fchon früher erwähnt wurde, mufterhaft angeordnet. Bei den mufikalifchen Werken gibt er zunächft den Namen des Verfaffers, dann den Titel des Werkes, Verlagsort und Verleger. Zur Vollständigkeit fehlt fomit nur die Angabe des Preifes. Unter die befferen Werke wir richten uns nach der alphabetifchen Ordnung - 20 Rudolf Weinwurm. des Katalogs und fetzen die entſprechenden Nummern desfelben hier bei- möchte der Referent folgende zählen: " Nr. 430 Elfsner E.: 30 Lieder und Canons", Löbau, G. Elfsner( namentlich gute Texte für Kinder im zarten Jugendalter). » 433 Flade O. op. 7," Chorfolfeggien zum Gebrauche an höheren Lehranftalten", 4 Stufen, Dresden, Hoffarth. , 437 Gaft:„ Hiller's vollſtändiges Choralbuch", Plauen 1867, Hohmann. 440 Hering K. E.: 250 Choräle", Bautzen, Weller. , 441 Ifrael:" Anleitung zur Erfindung von Choral- Zwifchenfpielen", Annaberg, Nonne. " 27 77 " 444 Löchner: ,, Sammlung vierftimmiger Lieder und Gefänge für Gymnafien, Real- und Bürgerfchulen", Leipzig, Klinghardt. 445 Lohfe:„ Auswahl von Gefängen für höhere Schulen", Plauen, Hohmann. 447 Lohfe:„ Der Gefang in der Schule zu Plauen", Plauen, Hohmann. 448 Meifsner K. F.:,,Winke und Rathfchläge für Cantoren"( enthält eine gute Anweifung zur Prüfung einer Orgel), Leipzig, Klinkhardt. 451 Müller J. G.:„ Liederkranz", 3 Hefte( namentlich das erfte Heft mit 40 kleinen einftimmigen Liedern empfehlenswerth für Volksfchulen), Dresden, Friedel. ,, 458 Reichardt B.: 54 Lieder und Canons", Plauen, Neupert. ,, 462 Scharfe G.:„ Die Entwicklung der Stimme", 3 Theile, Dresden, Hoffarth. 23 465, 466, 467 Schütze F. W.:,,Handbuch zur praktifchen Orgelfchule", ,, Praktiſche Harmonielehre" ,,, Beiſpielbuch zur Harmonielehre"; Leipzig Arnold. » 472 Steglich Ed.:„ Choralbuch." " 475 Wermann O.:,,60 fignirte Choräle", Dresden, Brauer. , 476 Wermann O.:,,Technifche Uebungen für das Clavierfpiel", Dresden, Brauer. » 479 Becker C. E.:,,Gefänge für wendifche Schulen", 2 Hefte, Bautzen 1856 ( weniger muſikaliſch als literarifch intereffant, es ift zweifprachig, wendifch und deutfch, und enthält lauter urfprünglich deutfche Lieder in zwei ftimmigem Satze). C. Baiern. Der Gefangunterricht ift in den baierifchen Elementarichulen feit längerer Zeit obligatorifch; an den Mittelfchulen( Gymnafien und Realfchulen) bildet er einen facultativen Gegenſtand, wie auch der Unterricht in Streichinftrumenten, namentlich der Violinunterricht. Die letztere Beftimmung ift in dem ,, Entwurf einer Ordnung der gelehrten Mittelfchulen auf Grund der Befchlüffe des königlichen Staatsminifteriums vom 30. October 1869" enthalten. Jeder Claffe find zwei wöchentliche Unterrichtsftunden für jeden diefer Gegenstände zugewiefen. Das Normativ für die Bildung der Schullehrer und Lehrerinen vom 29. September 1866 beftimmt drei Jahre für die vorbereitende( Präparandien) und zwei Jahre für die Fachbildung( Seminarien). Jedem Seminar ift laut§. 54 ein vom Könige ernannter Infpector vorgefetzt ,,, bei deffen Beftellung die Bifchöfe, beziehungsweife die proteftantifchen kirchlichen Oberbehörden, gutachtlich vernommen werden". Laut§. 55 find dem Infpector zwei Lehrer beizugeben, der erfte diefer Lehrer ,, bei deffen Beftellung gleichfalls die gutachtliche Vernehmung der Bifchöfe, beziehungsweife der proteftantifchen kirchlichen Oberbehörden, einzutreten hat, foll in der Regel und insbefondere dann, wenn der Inspector felbft nicht ein Geiftlicher ift, dem geiftlichen Stande angehören." Man wird fich dem Mufikalifche Lehrmittel. 21 - nach nicht wundern, wenn die Endziele der muſikaliſchen Bildung gleichfalls eine vorwiegend kirchliche Färbung annehmen und wenn, wie aus dem Folgenden hervorgeht, manche Werke- namentlich im Gebiete des Gefanges gefetzlich empfohlen werden, welche diefe Empfehlung vom künftlerifchen Standpunkte aus nicht vertragen würden. Die auf die mufikalifche Bildung bezüglichen Beftimmungen jenes Normativs lauten wie folgt: a) Präparandenanftalten. I. Curs( Fahr). A. Gefang. ,, Erlernung der allgemeinen Regeln für die Stimmbildung in Bezug auf Körperhaltung, Mundftellung und Athmen. Singen der Dur- und Moll- Tonleiter. Allgemeine Mufiklehre verbunden mit verfchiedenen Treffübungen und Abfingen kleinerer Tonfätze innerhalb der diatonifchen Leiter. B. Clavier. Erklärung der Taftatur nach den verfchiedenen Octaven. Notenkenntnifs und Takteintheilung. Fingerübungen im Umfange von fünf Tönen. Spielen leichter Dur- und Moll- Tonleitern. Hiebei find zu benützen: Clavierfchule von Wohlfahrt, Theil 1, Etuden von Alois Schmid für fünf Noten, 100 Uebungsftücke von Czerny Heft 1, oder der erfte Anfang für Clavierfchüler von Enkhaufen. C. Violine. Bemerkungen über die Haltung der Violine und richtige Führung des Bogens verbunden mit Streichübungen der leeren Saiten, Spielen der leichten Dur- und Moll- Tonleitern. Uebung im Treffen der verfchiedenen Intervalle. Leichte Uebungsftücke in der erften Lage. Zu benützen ift Hohmann's Violinfchule Curs I. II. Curs. A. Gefang. Treffen fchwierigerer Intervalle. Richtiges Abfingen kleiner Tonfätze mit zufälligen Verfetzungszeichen. Bei vorhandenen Mitteln werden die beiden Stimmlagen Sopran und Alt zu zweiftimmigen Gefängen verwendet. Auf das richtige Athmen ift befonders Rückficht zu nehmen. B. Clavier. Einüben der fchwereren Tonleitern mit beiden Händen und durch zwei Octaven. Fortfetzung der hundert Uebungsftücke von Czerny und der Schule von Wohlfahrt. Zwei- und vierhändige Sonaten von Diabelli, Mozart, Haydn, Clementi und Enkhaufen. C. Violine. Erlernung fämmtlicher Tonleitern. Studien leichter Etuden und Duetten zur gründlichen Erreichung der Taktfeftigkeit und des Treffens. Zu benützen ift Hohmann's Schule, Curs II. D. Harmonielehre. Intervallenlehre. Lehre von Confonanzen und Diffonanzen. Erkennung der auf den verfchiedenen Stufen der harten und weichen Leiter ruhenden Dreiklänge. Verbindung von zwei oder mehreren Dreiklängen mit genauer Rückficht auf reine 22 Rudolf Weinwurm. Stimmführung. Die Verbindungen der Dreiklänge des I., IV., V., I. Tones( Cadenzen) find in allen Lagen und in allen Tonarten auswendig zu spielen. III. Curs. A. Gefang. Durch die vorausgegangenen Uebungen wird der Schüler im Stande fein, wenn ihn die Mutation nicht hindert, auf dem Kirchenchore mitzuwirken. Die Gefangübungen erftrecken fich in katholifchen Anftalten auf fehlerfreien Vortrag leichter deutfcher oder lateinifcher Meffen, in proteftantifchen Anftalten auf Erlernung einiger leichter Motetten von Rink oder Drobifch, fowie auf die Fähigkeit, die minder fchweren vierftimmigen Choräle aus dem baierifchen Melodienbuche von Zahn ftimmenweife fingen zu können. B. Clavier. Einüben der progreffiven Etuden von Bertini, op. 29, Paffagenübungen von Czerny, Sonaten von Haydn, Mozart, Clementi, Bertini's vierhändige Etuden. C. Orgel. Erklärung der Pedal claviatur und der verfchiedenen Regifter. Uebungen von einfachen Cadenzen. Rink, die erften drei Monate auf der Orgel. D. Violine. Gefteigerte Uebung im Spielen von Etuden und Duetten. Der III. Curs der Violinfchule von Hohmann. Als Treffübungen follen in katholifchen Anftalten Violinftimmen aus Meffen und Vefpern von Horák, Michael Haydn, Mozart ftudirt werden. E. Harmonielehre. Umwendungen der Dreiklänge. Verbindungen derfelben mit Dreiklängen. Die freien Septaccorde und ihre Umwendungen. Schriftliche Beiſpiele nach Hoh mann's Generalbafs- Schule. Förfter's Beiſpiele, 1. Heft. Da die Leitung der Figuralmufik bei kirchlichen Feften zu den Berufspflichten der Schullehrer gehört, fo find auch fchon die Zöglinge der Präparandenfchule mit der Behandlung anderer Streich- und Blasinftrumente thunlichft bekannt zu machen, indem ohnehin im Seminar wenig Zeit hiefür erübrigt werden kann. Der Unterricht hierin ift jedoch für keinen Zögling geboten. b) Schullehrer- Seminare. I. Curs( Fahr). A. Gefang. 1. Für katholifche Anftalten. Theorie des Choralgefanges. Einübung der Pfalmtöne, Antiphonen und anderer Kirchengefänge. Einftimmige kirchliche Choräle find mit und ohne Orgelbegleitung, welche der Sänger felbft zu fpielen hat, einzuüben. 2. Für proteftantifche Anftalten. Auswendiglernen mehrerer Chorale aus dem baierifchen Melodienbuche für die proteftantifche Kirche. Choräle für vier Männerftimmen nach der Zahn'fchen Bearbeitung. Ebenfo vierftimmige Volkslieder mit paffenden Texten, z. B. nach der Bearbeitung von Rietz. Mufikalifche Lehrmittel. B. Clavier. 23 Progreffive Etuden. Die Schule der Geläufigkeit oder die Paffageübungen von Czerny. Zugleich ift der Clavierunterricht als Vorübung der auf der Orgel vorzutragenden Stücke zu benützen. C. Orgel. Wiederholung des im III. Curfe der Präparandenfchule Erlernten. Genaue Einübung der Pedalclaviatur. Präludien und Verfetten nach Rink's praktiſcher Orgelfchule oder Brofig's Orgelbuch. In katholifchen Seminarien find Ett's Cantica sacra einzuüben. In proteftantifchen Anftalten: Einübung aller Choräle im baierifchen Melodienbuche für die proteftantifche Kirche. Leichte Präludien aus Hertzog's Präludienbuche, Theil 1 und 2, und aus dem Orgelbuche von Ett. D. Violine, Wiederholung und gefteigerte Uebung zur Befeftigung des Lehrftoffes in den drei Vorbereitungsjahren. Hohmann's Violinfchule, IV. Curs. Geübtere follen fich bei figurirter Kirchenmufik und bei Orcheftervorträgen betheiligen. E. Harmonielehre. Die Lehre von den gebundenen Septaccorden und ihren Umwendungen. Die Lehre von den Vorhalten und ihren Umwendungen. Orgelpunkt. Spielen bezifferter Bäffe. Beiſpiele aus Hohmann's Schule. Förfter's Generalbafs- Beiſpiele, Heft 2 und 3. II. Curs. A. Gefang. 1. Für katholifche Anftalten. Sicherer Vortrag der Officien für die kirchlichen Fefte, als da find: Weihnachten, Charwoche etc. Die Officien pro defunctis. Der Figuralgefang nimmt feinen Stoff aus der Kirchenmufik. Jeder Zögling mufs die Befähigung erlangen, deutfche und lateinifche Meffen vorzutragen. Als Enfembleübungen follen Quartette für vier Männerftimmen ftudirt werden. 2. Für proteftantifche Anftalten. Fortfetzung im Auswendiglernen von Chorälen. Als Enfembleübungen: Kirchengefänge für den Männerchor aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Zahn;„ Volksklänge", Lieder für vierftimmigen Männerchor von L. Erk; geiftliche Männerchöre, herausgegeben von Greef. B. Clavier. Der Clavierunterricht foll auch in diefem Curfe die Vorübung der auf der Orgel vorzutragenden Stücke fein. Befonders Befähigte mögen Sonaten von Beethoven oder Clementi's Gradus ad Parnassum ftudiren. C. Orgel. I. Für katholifche Anftalten. Spielen von Verfetten, dann fämmtlichen Kirchenliedern und Chorälen, welche im Kirchenjahre vorkommen. Ausweichungen und freies Präludiren. Rink's 3. Theil. Cadenzen in den Kirchentonarten. 2. Für proteftantifche Anftalten. Als Vorftudien zu den fchwierigen Präludien follen J. S. Bach's vierftimmige Choräle benützt werden. Sodann follen die gröfseren Präludien und Choralbearbeitungen aus Hertzog's und Ett's Präludienbuch eingeübt werden. Freies Präludiren, Kirchen- Tonarten. 24 Rudolf Weinwurm D. Violine. Der 5. Theil von Hohmann's Schule ift einzuüben und durch fleifsiges Studiren von Etuden die Fertigkeit zu erringen, die erfte Violinftimme von gröfseren Meffen oder Ouverturen von Mozart und Haydn rein vortragen zu können. E. Harmonielehre. Die Lehre von der Modulation. Beiſpiele von Ausweichungen in verfchiedenen Tonarten find theils fchriftlich, theils praktiſch auf dem Clavier vorzunehmen. Befähigtere follen gegebene Melodien oder Choräle vierftimmig unterfetzen. In beiden Curfen ift, foweit hiezu die Zeit vorhanden ift, der fchon im Vorbereitungsunterricht begonnene Unterricht in anderen Inftrumenten fortzufetzen. Der Unterricht hierin ift jedoch für keinen Zögling geboten. Von den mufikalifch beffer befähigten Seminariften dürfen Orchefterübungen in einer Wochenftunde, fei es zum Studium leichterer claffifcher Mufikftücke, fei es zur Begleitung von Chorgefängen, vorgenommen werden. Förmliche Productionen dürfen nur bei befonders feierlichen Anläffen, aufserdem aber nur mit Genehmigung der Kreisregierung ftattfinden. Die Pflege der fogenannten Blechmufik bleibt unbedingt unterfagt." In jedem diefer Curfe( Jahre) find der Mufik wöchentlich 6 Stunden im Lehrplane zugewiefen. Die Aufnahmsprüfung für Seminare ift laut§. 75 auch für Mufik zu machen und hat der Afpirant wenigftens die„ genügende" Befähigung nachzuweifen. Für die Bildung von Lehrerinen ift der Mufikunterricht auf Gefang und Clavier befchränkt. In der baierifchen Unterrichtsabtheilung fanden fich im Ganzen 28 mufi kalifche Werke vor von folgenden Verfaffern: Göttfried, Grell, Helm, Kornmüller, Krieger, Krieger und Kellner, Löfflad, Lützel, Maier, Renner, Scherer, Tifchler, Winkler, Zahn, Zahn und Helm und eine vom baierifchen Volksfchullehrer- Verein herausgegebene, recht gute Liederfammlung für Volksfchulen. Aufser dem eben genannten dürften am meiſten Beachtung verdienen folgende Werke: Renner: ,, Liederbuch für Volksfchulen", Regensburg 1872, Coppenrath; Helm und Zahn:„ Ausgewählte geiftliche Arien von Händel, Bach und Haydn mit Clavierbegleitung", 2 Hefte, Nürnberg, Löhe; Tifchler:" Methodifche Elementar Violinfchule mit ausreichendem Uebungsftoffe für die erften Unterrichtsjahre", 3 Theile, Landshut 1869, Thomann; Helm:„ Allgemeine Mufik- und Harmonielehre", Nürnberg, Löhe; Krieger: ,, Harmonielehre", Erlangen, Deichert; Krieger:„ Der rationelle Mufikunterricht", Verfuch einer mufikalifchen Pädagogik und Methodik, Leipzig, Schäfer; 22 Musica ecclesiastica"( ohne Angabe eines Herausgebers), Freiburg, Herder; Winkler:„ Allgemeine Mufiklehre und Harmonie- und Compofitionslehre", Nördlingen, Beck. Schliefslich haben wir in Baiern noch von einer fehr merkwürdigen Mufikanftalt zu melden, deren Kenntnifs uns durch die Unterrichtsausftellung der Stadt München vermittelt wurde. Dafelbft lag ein ftattlicher Band auf mit der Ueberfchrift ,, Münchener Fortbildungsfchulen", der Nachrichten über das Entftehen, die Einrichtung, Lehrpläne, Koften u. f. w. diefer unter Subvention der Bürgerfchaft in München beftehenden Schulen enthält. Darunter ift nun ein Capitel:„ Die Central- Singfchule" und eine ausführliche Gefchichte diefer Anftalt, der wir folgendes Wefentliche entnehmen: Die erfte Anregung zur Errichtung der Anftalt fällt in das Jahr 1829. Ein Hoffänger, Namens Löhle, und ein Beamter, Namens Fifcher, wurden mit der Ausarbeitung des Planes von Seiten der Regierung beauftragt. Der Magiftrat Mufikalifche Lehrmittel - 25 ficherte einen jährlichen Beitrag von 300 Gulden unter der Bedingung zu, dafs arme und talentvolle Schüler unentgeltlich aufgenommen würden, während die übrigen ein monatliches Schulgeld von 48 Kreuzern zu entrichten hatten. Löhle bereitete eine Anzahl von Elementarlehrern zur Ertheilung des Gefangunterrichtes ( hauptfächlich mit Rückficht auf Peftalozzi'fche Grundfätze) während des Jahres 1829/30 vor und unter feiner Leitung wurde die Anftalt im Jahre 1830 eröffnet. Unter grofser Theilnahme der Bevölkerung fchien das Unternehmen zu gedeihen, jedoch bald, insbefondere feit Löhle's Tod 1837, trat der Mangel an ergiebiger Dotation hemmend auf. Der Magiftrat wendete fich an die Regierung um Zuſchüffe aus Staatsmitteln; die Regierung fand fich aber hiezu nicht bewogen, obwohl fie den entfcheidenden Einfluss auf die oberfte Leitung der Anftalt fich vorbehalten auch Franz Lachner bekleidete hatte. Nach mehrfach wechfelnder Leitung eine Zeit lang zwifchen 1842 und 1843 das Amt eines ,, Vorftandes der CentralSingfchule"- und nachdem die Anftalt im Jahre 1843 gänzlich fiftirt worden war, wurde fie im Einvernehmen mit der Regierung am I. Jänner 1845 unter dem Namen„ Städtifche Singfchule" unter der Leitung des Infpectors Koch wieder eröffnet und befteht noch gegenwärtig. Die Chronik diefes zweiten Abfchnittes der Gefchichte der Anftalt ift minder bewegt als die frühere. Das Schulgeld ift feit 1861 in zwei Claffen auf 48 und 36 Kreuzer monatlich feftgefetzt. Zum Eintritte in die Anftalt genügen die Elementarkenntniffe, die in der Volksfchule erworben. werden; der Unterricht wird zwei Mal wöchentlich in je zwei Stunden ertheilt. Als Lehrziel gilt: Singen vom Blatte, Chorgefang; die Methode ift dem Lehrer überlaffen. Durch Befchlufs der Gemeinde wurde vom Jahre 1872 an den beſtehenden zwei Curfen ein dritter angereiht, da der Zeitraum von zwei Jahren fich zur Erreichung des Lehrzieles als ungenügend erwies. Jeder der drei Curfe ift einem Lehrer anvertraut; der Inſpector ift der techniſche Leiter der Schule. Der gegenwärtige Status ift laut den dort beiligen den Nachweifen 30 Schüler, 63 Schülerinen. Der Aufwand aus Gemeindemitteln für diefe Anftalt ift in dem Voranfchlage des Jahres 1873 mit 525 Gulden eingeftellt, wobei bemerkt werden mufs, dafs die Koften für Beleuchtung, Beheizung etc. in diefer Summe nicht enthalten find, fondern beim Aufwand für die Elementarfchulen zur Verrechnung gelangen, da deren Localitäten zugleich auch für die Zwecke der Central- Singfchule benützt werden. Leider find in dem Berichte die an der Anftalt in Verwendung befindlichen Lehrmittel und die Erfolge des Unterrichtes nicht erfichtlich die Exiftenz der Anftalt an und für fich aber ift von folcher Bedeutung, dafs man wünſchen möchte, diefes unferes Erinnerns einzig daftehende Beiſpiel der kunftfinnigen Stadt Münchenmöchte auch in anderen gröfseren Städten Nachahmung finden. Es leuchtet wohl von felbft ein, welch' immenfer Nutzen für die Bildung des Volkes im Allgemeinen und fpeciell für die Kunft aus folchen Fortbildangsanftalten" erwachfen kann und mit welch' geringem Aufwande er, wie das vorliegende Beiſpiel zeigt, erreichbar ift. - " D. Württemberg. - Nach dem Normal- Lehrplan für Volksfchulen( eingeführt mit Minifterialverfügung vom 21. Mai 1870) ift der Gefangunterricht an denfelben obligat. Der bezügliche Abfchnitt lautet: ,, Singen. Zweck und Ziel im Allgemeinen. Durch den Unterricht im Singen, welcher zugleich feinen Beitrag zur Bildung der Sprachorgane zu geben hat, follen die Schüler fo weit gebracht werden, dafs fie fähig find, fich an dem gottesdienft 26 Rudolf Weinwurm. lichen Gemeindegefange zu betheiligen, beziehungsweife denfelben zu fördern. Zugleich follen fie eine Anzahl von paffenden weltlichen Liedern mit aus der Schule nehmen. Hiebei ift überhaupt auf die Bildung des mufikalifchen Gehörs, auf die Entwicklung der Stimme und wo möglich auf eine grundlegende Bekanntfchaft mit dem Ton- und Zeichenfyftem mittelft elementarer Uebungen Bedacht zu nehmen. Dadurch foll diejenige Singfertigkeit erzielt werden, welche die Schüler in den Stand fetzt, die nach dem Austritt aus der Schule fich darbietenden Gelegenheiten zur Weiterbildung zu benützen. I. und II. Abtheilung erhalten einen befonderen Gefangunterricht fo lange, als fie auch fonft in zeitlicher oder räumlicher Abfonderung von den beiden oberen Abtheilungen gefchult werden. Am Schluffe des dritten Schuljahres müffen geübt fein: 10-15 Choral- und ohngefähr 8 fonftige Melodien( katholifch etwa 10 Kinderlieder, ebenfo in der ifraelitifchen Schule); die diatonifche Leiter und der Accord 1, 3, 5, 8 auf- und abfteigend; all diefes mufs richtig und ohne weitere Beihilfe als Angabe des Grundund Anfangstones gemeinfchaftlich und auch in kleineren Gruppen gefungen werden können; auch follen die Kinder vorgefungene leichtere, leitereigene Tonfolgen richtig nachzufingen im Stande fein. Der Stoff wird geeigneten Sammlungen entnommen. Bei der Auswahl ift darauf zu fehen, dafs die Melodie gut ins Ohr fällt, dafs fie fliefsend und lebendig, der Text aber angemeffen und würdig fei. Trocken profaifche oder kindifch fpielende Reimereien müffen ferngehalten werden. In der evangelifchen Schule werden vornehmlich die in der Gemeinde gebräuchlichen Melodien zu den Memorirliedern diefer Stufe gefungen. Behandlung. Das Singen gefchieht hier vorherrfchend nach dem Gehör und ift einftimmig. Die tonrichtige Einübung ift durch die Violine, der gute Vortrag durch das Vorfingen des Lehrers, nach Umständen auch eines fähigen älteren Schülers zu unterstützen. Da bei dem Choralfingen der Rhythmus durch die Fermaten am Schluffe der Zeilen häufig unterbrochen wird, fo ift auf Taktrichtigkeit defto mehr bei den Kinderliedern zu halten; auch mufs bei allem Singen fchon von den erften Anfängen an für die entsprechende Körperhaltung, die richtige Oeffnung des Mundes, ein gutes Vocalifiren, beſtimmtes Intoniren, fangmäfsige Ausfprache des Textes, für Mafshalten in der Stärke des Tones fowie für das richtige Athemholen geforgt werden. Einzelgefang ift zuläffig, aber nicht geboten. Den Kindern darf keine Ueberfchreitung des natürlichen Umfanges ihrer Stimme zugemuthet werden, daher der Singftoff auch nach diefer Rücksicht ausgewählt fein mufs. Kinder mit fchlummernder Singfähigkeit dürfen beim Unterrichte nicht zurückgeftellt, und folche Schüler, welche beim Gefange ftark detoniren, können erft dann vom Mitfingen ausgefchloffen werden, wenn fich der Mangel nach längeren Verfuchen als ein unverbefferlicher herausgeftellt hat. III. und IV. Abtheilung. Das Ziel ift das oben im Allgemeinen feftgefetzte. Stoff. Uebungen in der Tonleiter, den Intervallen und im Takt, vornehmlich in Verbindung mit der Einübung von Melodien. Ohngefähr 15 Arien und Volkslieder und evangelifcherfeits neben den für die zwei erften Abtheilungen bezeichneten Chorälen von den übrigen vorgefchriebenen Choralmelodien bis zur Gefammtzahl von 60. In den katholifchen Schulen find die durch das Gefangbuch vorgefchriebenen Melodien von zwei Werktags- Meffen und der zum Mitfingen der Kinder geeigneten Sonn- und Feftags- Lieder, der Vefperpfalmen, Hymnen und Antiphonien und Cafuallieder( etwa 36) einzuüben. Mufikalifche Lehrmittel. 27 In den ifraelitifchen Schulen find etwa 40 Lieder, 25 religiöfe und 15 weltliche einzuüben. Behandlung. Die bei Abtheilung I und II gegebenen Regeln find fortwährend zu befolgen. Zu wünſchen ift, dafs von den älteren Schülern nicht blofs nach dem Gehör, fondern auch unter Beihilfe von Ton- und Taktzeichen( Noten oder Ziffern) als Anfchauungs- und Erinnerungsmitteln gefungen werde. Einzelgefang ift auf diefer Stufe zu pflegen. Die Melodie ift bei allen Singftücken von fämmtlichen Schülern einzuüben. Diefs gilt namentlich für die im Gottesdienft gebräuchlichen Gefänge. Das zweiftimmige Singen aus dem vierftimmigen Satz ift in der Schule durchaus unzuläffig. Zum mehrftimmigen Gefang taugt überhaupt keine Harmonifirung, bei der nicht auch die Unterftimmen ihren ohrfälligen dem natürlichen Secund entfprechenden- Gang haben. Ganz unzuläffig ift, alle Mädchen zur Melodie, alle Knaben zur Unterftimme zu nehmen, vielmehr find aus beiden Gefchlechtern je nur etliche, und zwar diejenigen für die Unterftimme zu bilden, deren natürliche Stimmlage hiezu geeignet ift. Tritt in der älteften Abtheilung bei einzelnen Schülern der Anfang der Mutation, beziehungsweife die Entwicklung ein, fo find diefelben um der Stimmbildung wie um der Gefundheit willen vor jedem anftrengenden Singen zu bewahren." An den Mittelfchulen ift nach eingezogener Erkundigung der Gefangunterricht facultativ. An den Präparandenanftalten bildet Mufik infoweit ein obligates Fach des Unterrichtes, als die hierin erworbenen Kenntniffe bei der Aufnahmsprüfung für ein Staatsfeminar dargethan und in Anfchlag gebracht werden müffen. Diefe Prüfung umfafst laut Minifterialverordnung vom 16. Juni 1866: a) Kenntnifs der Noten, Taktarten, Dur- und Moll- Tonleitern und ihrer Verwandfchaft; b) im Singen: Fähigkeit, ein bekanntes Kirchen- oder Schullied auswendig, ein minder bekanntes leichteres nach Noten melodifch und rhythmifch richtig vorzutragen; c) im Clavierfpiel: Die Fähigkeit mit richtiger Haltung, regelrechtem Fingerfatze und ficherem Anfchlage, die Tonleitern, eine Anzahl zweckmäfsiger Fingerübungen und einige leichtere Clavierftücke aus einer Vorfchule zu fpielen; d) im Violinfpiel: Die Fähigkeit mit reinem Ton und richtiger Bogenführung die gebräuchlichften Tonleitern, ferner ein einfaches Kirchen- oder Schullied zu spielen; e) im Orgelfpiel, das übrigens, wie bisher, nur bei den katholifchen Präparanden Prüfungsgegenftand ift: Die Fähigkeit, aus einer Orgelfchule die erften Uebungen auf dem Manual mit richtiger Fingerordnung und regelrechtem Anfchlag zu fpielen. Bezugnehmend auf diefe Verordnung haben die Unterrichtsbehörden, das königliche evangelifche Confiftorium unterm 8. Februar 1867 und der königliche katholifche Kirchenrath unterm 9. Jänner 1867 Inftructionen veröffentlicht und darin folgende Werke zur Benutzung empfohlen: Davin:„ Elementarmufik- Lehre für Schulafpiranten", Silcher: ,, Gefanglehre für Schulen", Widmann:„ Kleine Gefanglehre für die Hand der Schüler", Bönicke: Chorgefang- Schule", 29 Zweigle: Elementarfchule für den Clavierunterricht", " Weeber: Die Tonleitern für Clavier", Clementi: Die bekannten fechs Sonatinen für Clavier, Hoppe:„ Violinfchule", Mettner: Violinfchule", 29 28 Rudolf Weinwurm. Mayer: Schullieder- Sammlung", Brähmig: ,, Violinfchule", Braun:„ Orgelfchule". Einige aus diefen Werken lagen auch in der württembergifchen Unterrichtsabtheilung auf, aufserdem noch: Weeber„ Männerchöre"; Sering„ Gefangfchule für Männerftimmen"; Schletterer ,, Chorgefang- Schule"; Weber und Kraufs„ Liederfammlung für die Schule", 4 Abtheilungen; Schütze, Orgelwerk"; Ritter, Orgelfchule"; Braun, Orgelfchule" umgearbeitet von Mayer; Fink„ Choralvorfpiele"; Mayer„ Orgelwerke"; Widmann„ GeneralbafsUebungen"; Richter ,, Harmonielehre". Mehreren diefer Werke find wir bereits in früheren Abtheilungen begegnet. Weitere Angaben über den Mufikunterricht in den württembergifchen Seminarien waren im Ausftellungsraume nicht erfichtlich. Durch private Mittheilung wurde dem Referenten bekannt, dafs dem berühmten Sänger Julius Stockhaufen vor mehreren Jahren die Oberaufficht über den Gefangunterricht an allen öffentlichen Lehranftalten des Königreiches übertragen wurde. Aus einem ftatiftifchen Werke über das Unterrichtswefen in Württemberg ( aus dem Cotta'fchen Verlag) entnehmen wir ferner, dafs das Confervatorium der Mufik in Stuttgart aus Staatsmitteln fubventionirt wird und dafs der Status im Winterfemefter 1871/72 folgender war: Anzahl der Profefforen und Lehrer 27, der Zöglinge 453, der Unterrichtsftunden wöchentlich 542. Schweiz. Die Schweiz war auf unferem Gebiete in der Weltausstellung glänzend vertreten, nicht nur durch eine faft vollſtändige Collection der gegenwärtig an den öffentlichen Unterrichtsanftalten in Verwendung ftehenden muſikaliſchen Lehrmittel und eine auf die Entwicklung des Vereinswefens Bezug nehmende Sammlung, fondern noch überdiefs durch einen vortrefflich angelegten ftatiftifchliterarifchen Bericht über die fchweizerifchen Mufik- und Gefang vereine. Diefelbe Sorgfalt, welcher fich die Mufik und die mufikalifche Erziehung feit langer Zeit in der Schweiz feitens der öffentlichen Behörden erfreut, trat auch hier wieder zu Tage und die Expofition wie auch jener Bericht müffen geradezu mufterhaft genannt werden. Ein Gefammtbild der hieher bezüglichen fchweizerifchen Einrichtungen wäre wohl nur dadurch erreichbar, dafs man die Verfügungen, wie fie in den einzelnen Cantonen gelten, neben einander ftellte. Um jedoch unferen Bericht in befcheidenen Grenzen zu halten, befchränken wir uns darauf, einige wichtigere und wefentliche Momente kurz zu berühren, wobei wir theils die Anhaltspunkte benützen, die uns die Ausftellung felbft bot, theils auch auf private Mittheilungen und Erfahrungen uns ftützen. Der Gefangunterricht ift in der Schweiz an den Volks- und Mittelfchulen allenthalben obligatorifch und es find demfelben in der Regel zwei wöchentliche Stunden eingeräumt; er wird in den meiften Volksfchulen mittelft der Violine, in Mittelfchulen bei Clavier, hier und da auch bei Harmonium ertheilt. Die mufikalifchen Lehrmittel werden in der Regel von den Cantonal- Lehrervereinen geprüft, und es werden dann an die Erziehungsbehörden bezügliche Vorfchläge gemacht; letztere entfcheiden hierüber endgiltig. Nicht in allen Cantonen find diefe Lehrmittel obligatorifch; in einigen, wie z. B. im Canton Bafel Stadt, werden fie nur zum Gebrauche empfohlen. Mehrere gefangliche Lehrmittel wurden von Seminarlehrern im Auftrage der betreffenden Erziehungsbehörden verfafst und dann auf Staatskoften gedruckt. Nicht fo gleichmäfsig liegen die Verhält nifse auf dem Gebiete des Mufikunterrichtes in den Seminarien. Jeder Canton hat hier feine eigenen Verfügungen, die vor Allem mit Rückficht auf locale Bedürf niffe entworfen find. Gefangunterricht ift felbftverſtändlich an allen Seminarien Mufikalifche Lehrmittel 29 Lehrgegenftand, die demfelben zugewendete Zeit und Methode aber ergibt an verfchiedenen Anftalten unterfchiedliche Abweichungen. An der Mehrzahl der Seminarien wird aufserdem noch in der Harmonielehre, im Violin- und Clavierfpiel und in der Methodik des Gefanges Unterricht ertheilt, Orgelunterricht nur in den Cantonen, in welchen die Gemeinden Orgeln haben. Dem Chorgefange wird in der Schweiz eine ganz befondere Pflege zugewendet und er hat dafelbft eine Verbreitung gefunden wie nirgends anderwärts. ⚫ Faft jede Gemeinde hat ihren aus freier Vereinigung hervorgegangenen Männerchor, in mehreren Städten finden wir auch Frauenchöre mit felbftftändiger Organifation. Das Verdienft in diefer Beziehung läfst fich zurückführen auf Hans Georg Nägeli( den Componiften der weltbekannten Melodie ,, Freuet euch des Lebens") geboren 1768 zu Zürich und dafelbft geftorben 1836. Er gab den Anftofs zur Einführung des Männergefanges in das Volksleben, componirte felbft viele Werke für Männerftimmen und fchrieb aufserdem, angeregt durch die Peftalozzi'fche und Pfeiffer'fche Methode im Jahre 1809 eine„ Gefangbildungs- Lehre", die noch heute in vielen Partien nicht veraltet ift und die Grundlage für eine Reihe ähnlicher Werke wurde. Nägeli's Ideen und feine patriotifchen und religiöfen Gefänge fanden rafche Verbreitung; allenthalben wurden Sängervereine gebildet und Sänger herangebildet. Der oben erwähnte graphifch- ftatiftifche Bericht über die Schweizer Gefangvereine, bearbeitet von Ignaz Heim in Zürich, dem gegenwärtigen Director des„ eidgenöffifchen Sängervereines", gibt die hieher bezüglichen, höchft intereffanten Daten. Er ift äufserft forgfältig zufammengeftellt nach folgenden Rubriken: Name des Gefangvereines, Sitz des Vereines nach Canton und Gemeinde, Gründungsjahr, Zahl der Sectionen und Mitglieder, ob der Verein eine Zeitfchrift publicirt? feit wann? wie oft? Stärke der Auflage, ökonomifche Verhältniffe in Rückficht auf Vermögen zu Ende des Jahres 1871, Einnahmen und Ausgaben im Jahre 1871. Nebft dem find bei vielen Vereinen Notizen über ihre Wirkfamkeit beigefetzt. Diefer Bericht führt an, dafs Pfarrer Weifshaupt in Appenzell im Jahre 1818 das erfte Central- Sängerfeft organifirte und dafs Zürich, Aargau, Thurgau, St. Gallen, Schaffhaufen und noch andere Städte alsbald diefem Beiſpiele folgten. Schon im Jahre 1824 berechnete Nägeli die Zahl der in Vereinen thätigen Sänger auf 20.000. Bei allen Canton- und Volksfeften ſpielten und ſpielen auch heute noch die mufikalifchen Aufführungen eine grofse Rolle; bei vielen derfelben wurden Preife ertheilt für die beften Leiftungen im Chorgefange. Im Jahre 1842 ift es den Sängervereinen von Aarau und Zürich gelungen, alle hervorragenden Männer- Gefangvereine der Schweiz zu einem grofsen Ganzen zu vereinigen: zum„ eidgenöffifchen Sängervereine". Seit 1843 gibt es bei den gröfseren Sängerfeften„ Wettgefänge" nach den beiden Kategorien: Kunftgefang und Volksgefang.„ Diefe Einführung verurfachte mancherlei Diffonanzen, die man durch immer erneute Reglemente für die Preisrichter und die Vereine zu löfen fuchte, bisher immer vergebens"( Siehe Bericht S. 230). Der Status zu Ende des Jahres 1871 war folgender: Anzahl der Gefangvereine 1593, Zahl der Mitglieder 50.000, Vermögen 239.173 Francs, Einnahmen 273.854 Francs, Ausgaben 225.204 Francs. Diefe enorme Verbreitung des Männergeianges, eines zwar berechtigten, jedoch einfeitigen und in vieler Beziehung unkünftlerifchen Gebietes der Muſik, hat nach unferer Meinung auf den Gefchmack des Volkes nicht veredelnd gewirkt. Der Sinn für gröfsere Formen, für reinere Klangwirkungen, für die eigentlichen Schätze unferer claffifchen Kunft erftirbt unter der Unmaffe von fchalen Producten mufikalifcher Kleinkunft, die dem Volke immer wieder als edle Koft angepriefen und dargereicht werden. Auf die verheerenden Wirkungen jenes Gebietes auf die Stimmorgane ganzer Generationen wollen wir hier nicht erft aufmerksam machen. Aus der Mitte des Schweizer Volkes felbft erheben fich bereits Stimmen, welche 3 30 Rudolf Weinwurm. den künftlerifchen Standpunkt betonen und die Pflege des gemiichten Chores als gleichberechtigtes Ziel der Volksbildung hinftellen. Diefen Standpunkt vertritt mit Einficht und Entfchiedenheit insbefondere J. J. Schäublin, ein um die mufikalifche Jugenderziehung in der Schweiz hochverdienter Mann, deffen Werken wir noch weiter unten begegnen werden, in feiner gleichfalls in der Schweizer Abtheilung aufliegenden Brochure:" Ueber die Bildung des Volkes für Musik und durch Mufik". Zwar hat man hier und da angefangen, in die Programme der Cantonsfefle auch gemifchte Chöre aufzunehmen, und an mehreren Orten, namentlich in den gröfseren Städten, verbinden fich unter der Aegide der gleich unten zu befprechenden Mufikvereine Frauen- und Männerchöre zur Pflege des gemifchten Chores; der Männergefang dominirt aber bei allen feftlichen Gelegenheiten und allerorten in einem feine künftlerifche Berechtigung weitaus überfteigendem Mafse. Auf welchem inneren Eintheilungsgrunde die erwähnte Theilung diefes Gebietes in Kunftund in Volksgefang beruht, vermag der Referent trotz genauer Durchficht des vorfindlichen Materiales nicht anzugeben, wir treffen im Gegentheile in den Sängerfeft- Sammlungen Nummern( z. B. Kreutzer's" Kapelle"), die fowohl unter der Rubrik Kunftgefang, als ein ander Mal unter der Rubrik " Volksgefang" vorkommen. Nebftbei zeigt aber die Durchficht diefer Hefte und die Durchficht der Liederfammlungen, dafs felbft auf dem Gebiete des Männergefanges in künftlerifcher Hinficht noch viel zu thun übrig bleibt. Man darf lange blättern, um irgend einem claffifchen Namen zu begegnen; am häufigften kommt noch Mendelsfohn vor, Schubert und Schumann find höchft mangelhaft und auf eine Weife vertreten, die ihre Bedeutung für diefes Gebiet nicht erkennen läfst. In den Liederfammlungen, deren einige noch weiter unten zur Aufzählung gelangen, trifft man mufikalifche Sünden und Gefchmacksverirrungen, die fich allenfalls mit dem Mangel claffifcher Nummern auf diefem Gebiete entfchuldigen, wohl aber nicht rechtfertigen laffen. Was foll man z. B. fagen, wenn man in einer der verbreitetften und fonft brauchbarften diefer Sammlungen: ,, Volksgefänge für den Männerchor, herausgegeben von einer Commiffion der Zürich'fchen Schulfynode" unter Nr. 56 und dem Titel:„ Schwur freier Männer" den wundervollen Doppelchor ,, Bacchus hymne" aus der Antigone von Mendelsfohn, einen der Glanzpunkte diefes Werkes, in einer Geftalt und Faffung findet, die fich kaum befchreiben läfst: ohne Begleitung; der Doppelchor auf einen einfachen reducirt; rhythmifche Aenderungen, die dem urfprünglichen Ductus widerftreiten; das Tonftück blofs im erften Theile benützt und demnach aus einander geriffen und fchliefslich ein Text untergelegt, der von hellenifcher Schönheit und dithyrambifchem Schwunge wohl gar nichts an fich hat? Oder wenn in derfelben Sammlung ( Nr. 179) ein inftrumentales Variationenthema Beethoven's als Männerchor verarbeitet wird auf einen Text:" O Welt, du bift fo fchön"? Oder wenn man das zauberduftige Lied Schumann's:„ Erftes Grün" in einer Verballhornung für Männerchor antrifft, entkleidet des geradezu unentbehrlichen Reizes der Begleitung? Oder wenn man in einer anderen Sammlung:„ Neue Volksgefänge für den Männerchor" I. Heft, Seite 51 den zweiten Satz aus der Sonate op. 90 von Beethoven bis zur Unkenntlichkeit entftellt, als Männerchor unter dem Titel: " Fahr wohl, du gold'ne Sonne" findet? Derartige Beifpiele wären noch mehrere anzuführen; fie zeigen aufs Deutlichfte die Gefahren, die dem mufikalifchen Gefchmacke aus einfeitiger Kunftübung erwachfen. Jener Bericht enthält auch die Nachweite über die Schweizer Mufikvereine, nach den vorerwähnten Rubriken abgefafst von Mufikdirector Methfeffel in Bern. Ihre Gefammtzahl beträgt 210; die Zahl der Mitglieder 6461; Vermögen 253.591 Francs; Einnahmen 255.621 Francs; Ausgaben 280.129 Francs; die Gründung der meiſten datirt aus den Jahren 1850 bis 1870; die älteften Vereine find: Mufikcollegium in Winterthur( 1629), Cäciliengefellfchaft in Rapperswyl Mufikalifche Lehrmittel. 31 ( 1737), Concertgefellfchaft in Bafel, Stadt( 1750), Mufikcollegium in Zofingen ( 1750), in Schaffhaufen( 1760), in Brugg( 1788), in Lenzburg( 1795). Als befonders hervorragend durch ihre Bedeutung und Leiftungsfähigkeit werden unter Anderen namhaft gemacht: Die Gefellſchaften in Winterthur, Zürich, Bern, Luzern, Bafel, Lenzburg, Zofingen. Unter den ausgeftellten Lehrmitteln finden wir nur Gefangswerke, theils in deutfcher, theils in franzöfifcher Sprache, darunter mehrere, denen wir bereits an anderen Orten diefes Berichtes begegnet find, namentlich die Werke von J. R. Weber( fiehe Ungarn), Schäublin und Heim( fiehe Oefterreich). Weber's Methode ift ausführlich enthalten in" Anleitung zu einem rationellen Gefangunterricht in der Volksfchule und fpecielle Behandlung der Gefang- Lehrmittel der Cantone Bern, St. Gallen und Appenzell", St. Gallen 1869, Huber; im genaueften Zufammenhange mit ihr ftehen feine„ Gefangtabellen", Bern, Lips, und feine„ Gefangbücher für die erfte, zweite und dritte Stufe der Primarfchule" Bern, Antenen, fowie die für den Canton Zürich von ihm bearbeiteten Gefangbücher. Unter Schäublin's hieher gehörigen Werken machen wir namentlich auf folgende aufmerkfam: " , Wandtabellen zum Gefangunterricht", ,, Gefanglehre für Schule und Haus", Leipzig, Bahnmeier " " Kinderlieder"( anfchliefsend an das Tabellenwerk)," 9 " وو , Lieder für Jung und Alt", a) Ausgabe für die Schweiz, b) Ausgabe für Deutſchland, mit Hinweglaffung der localen Texte, 2 Bändchen, wovon namentlich das zweite mit durchaus dreiftimmigen Liedern und Chorgefängen empfohlen werden kann.( Ebendafelbft.) Die Heim'fchen Sammlungen find von einer erftaunlichen Billigkeit bei gröfstentheils praktifcher Anlage, guter mufikalifcher Redaction und Ausstattung. Sie haben in kurzer Zeit eine ganz aufserordentliche Verbreitung gefunden. Letztere wird nur einigermafsen beeinträchtigt durch eine grofse Anzahl von Liedern im Schweizer Dialekt und durch manche mufikalifche Fahrläffigkeiten Das Publicum nimmt aber diefe Momente mit in den Kauf, da die Sammlungen andererfeits fehr viele Vorzüge aufweifen. Auch eine Art von Interdict, das gegen diefelben von Seiten einiger deutfchen Mufikalienhandlungen auszuüben verfucht wurde und darin beftand, dafs man die Werke gegenüber dem Publicum verfchwieg und deren directen Bezug zu behindern verfuchte, und zwar aus dem Grunde, weil der Herausgeber eine Anzahl von Compofitionen der neueren claffifchen Meifter ohne Bewilligung der Originalverleger in die Sammlungen aufgenommen hatte, war ihrer Verbreitung kaum hinderlich. In der Schweizer Collection lagen diejenigen auf, welche auf Veranlaffung der Zürich'fchen Schulfynode von J. Heim abgefafst und herausgegeben wurden: ,, Sammlung von drei- und vierftimmigen Volksgefängen für Knaben, Mädchen und Frauen, Liederbuch für Haus, Schule und Vereine." 232 Chöre für Sopran und Alt, Partiturausgabe; " Sammlung von Volksgefängen für gemifchten Chor." 254 Nummern in Partitur, 10. Stereotypausgabe; " Sammlung von Volksgefängen für den Männerchor." 235 Nummern in Partitur, 26. Auflage. Preis für jede diefer Sammlungen bei directem Bezug vom Depot in Zürich 8 Ngr. Wenn man bedenkt, dafs eine einfache Salonpiece oder ein Tanzftück für Clavier im Mufikalienhandel ebenfoviel oder häufig mehr koftet als eine folche ganze Sammlung in Partiturausgabe, fo wird man erft den richtigen Mafsftab für Beurtheilung diefer Leiftungen gewonnen haben. Heim hat diefe Sammlungen fortgefetzt und bereits neue, ebenfo billige Hefte für Männerchor und für gemifchten Chor veröffentlicht; auf welchen Umftand hiemit im allgemeinen Intereffe hin3* 32 Rudolf Weinwurm. gewiefen fei. Von den übrigen Getangs- Lehrmitteln mögen hier noch folgende Erwähnung finden: Elfter: Gefangbuch für die Gemeindefchulen des Cantons Aargau, drei Abtheilungen; a) für die unteren Schulclaffen oder für Kinder von 6-9 Jahren, b) für die mittleren " " " " 9-12 " c) für die oberen Schulclaffen oder für Schüler von 12-15 Jahren und für diefelben Claffen der Bezirksfchulen. Davon ift namentlich die erfte Abtheilung mit gut gewählten und methodiſch geordneten ein- und zweiftimmigen Liedern empfehlenswerth. Käftlin: Lehrapparat für den Mufikunterricht aus Holz mit Schiebtäfelchen zur Veranfchaulichung der Elementarkenntniffe. Das ausgeftellte Modell koftet nach eigener Erklärung des Verfaffers 80 Francs. Der Vorzug, den die Anwendung diefes Apparates beim praktifchen Unterricht mit fich brächte, ift nach der Meinung des Referenten gegenüber einem Tabellenwerk, deffen Anfchaffung doch mit bedeutend geringeren Koften verbunden ift, nicht belangreich. L. Kurz: Repertoire musical pour les écoles", 3 Hefte, Neuchatel. Faft fämmtliche Nummern des Werkchens find deutfchen Urfprungs; empfehlenswerth ift das 3. Heft: Chants pour quatre voix mixtes. J. Verfel:„ Reçueil de chants à trois et quatre voix égales pour les Colléges écoles moyennes et pour les premières écoles primaires." Laufanne. Auch in diefer Sammlung finden fich viele deutſche Nummern in franzöfifcher Uebertragung. Die aufliegenden Werke von Meylan und Hoffmann zeigen, dafs in einigen Cantonen, namentlich in Genf, Neuchatel und Vaud auch die franzöfifche Ziffernmethode im Gefangunterricht herrfcht. Der Referent hat bereits gelegentlich der preufsifchen Abtheilung über diefe Methode berichtet und es fei demnach geftattet, auf die bezüglichen Stellen hinzuweifen. Es finden fich noch einige weniger belangreiche Sammlungen dreiftimmiger Lieder für gemifchten und für Männerchor( darunter die weitverbreitete, obwohl mufikalifch inhaltsleere Sammlung:„ Das Rütli"; ferner die intereffanten Gefangs hefte für die eidgenöffifchen Sängerfefte von 1848( Bern), 1850( Luzern), 1852 ( Bafel), 1860( Olten), 1862( Chur), 1864( Bern), 1866( Rapperswyl), 1868( Solothurn), 1873( Luzern); fchliesslich noch mehrere ältere kirchliche Gefangbücher, Mufikdrucke und Liederfammlungen, die vom Standpunkte der Mufikgefchichte und der Typographie fehr intereffant zu fein fcheinen. Italien. Auf dem Gebiete der mufikalifchen Erziehung ift Italien höchft mangelhaft vertreten. Es kann wohl vorkommen, dafs man die Ausftellung des„ Ministerio dell' instruzione publica" ftundenlang durchfucht, ohne ein einziges mufika lifches Werk anzutreffen. Ob die thatfächlichen Verhältniffe des Landes damit im Einklange find, bleibe dahingeftellt. An den Volksfchulen ift Gefangunterricht nicht obligatorifch; wie weit die Pflege der Mufik an Lehrer- Bildungsanftalten geht, darüber fehlen gefetzliche Beftimmungen und es dürften, wie dem Referenten verfichert wurde, hier ähnliche oder gleiche Verhältniffe obwalten, wie in Frankreich. Unter den wenigen in der Collection des Minifteriums befindlichen Leiftungen auf diefem Gebiete heben wir die Werke von Varifco hervor, die zwar den Ansprüchen, mit welchen der Deutſche an derartige Leiftungen herantritt, nicht vollſtändig genügen, jedoch in Oberitalien ziemliche Verbreitung gefunden haben und beim Schulunterricht in mehreren gröfseren Städten in Verwendung ftehen. Wie grofs und ftaunenswerth die natürliche Begabung des Mufikalifche Lehrmittel. 33 italienifchen Volkes für Gefang ift, geht aus diefen Varifco'fchen Werken recht deutlich hervor; die erften Uebungen fchon nehmen in der Regel die Form von OpernCantilenen an und der getragene Gefang- das letzte Ziel ftimmlicher Ausbildung- waltet hier durchaus, auch in den Liederfammlungen vor.( In dem Werkchen:„ I primi Doni di Fröbel, Fiori di Melodie pei gardini e afili d'infanzia composte per Canto con accomp. di Pianoforte o Harmonium" trifft man z. B. unter Nr. 10 ,, Al fanciuletto, che dorme" eine viertaktig gegliederte Melodie und dem kleinen Kinde ift fomit die Aufgabe geftellt, vier Takte in mässigem Tempo in einem Athem zu fingen!) Von demfelben Verfaffer lagen noch auf:" Canti o Melodie popolari", 3 Hefte, mit Clavierbegleitung, prämiirt von der italienifch- pädagogifchen Gefellſchaft; , l'Orfeonista italiano, nuova publicazione di canti e melodie popolari per diverse voci" gleichfalls mit Clavierbegleitung;„ Manuale per insegnamento del canto alla prima età" und" Corso completo di canto"; fchliefslich ein Unterrichtswerk für Clavier:" Corso di Lezioni progressive", das jedoch einen Vergleich mit den befferen ähnlichen Werken Deutfchlands nicht vertragen würde. Frankreich. Obzwar die Ausftellung des franzöfifchen Unterrrichtsminifteriums in der Gruppe XXVI als fehr umfangreich fich repräfentirte, fo ift doch die Ausbeute für unfer Gebiet nur eine geringe und war überdiefs erfchwert durch den Mangel einer überfichtlichen Ordnung und eines Specialkatalogs. Allerdings mag fie zu den thatfächlichen Zuftänden des hieherbezüglichen öffentlichen Schulwefens in richtigem Verhältniffe ftehen, denn diefe liegen nach den Erfahrungen, die aus der Durchficht der betreffenden Lehrmittel und nach fonftigen Anhaltspunkten gewonnen wurden, noch ziemlich im Argen. An den Volksfchulen Frankreichs ift Gefangunterricht gefetzlich nicht vorgefchrieben; es wird zwar hier und da gefungen, aber nur wie das Titelblatt einer muſikaliſch unbedeutenden, doch weitverbreiteten ,, Liederfammlung der Schulbrüder" fich ausdrückt rapport avec l'esprit de l'église"; es ift fomit derfelbe Zuftand der Dinge, wie er ehedem vor der Einführung der Schulreformen auch in mehreren deutfchen Ländern und in Oefterreich geherrfcht hat; man begnügt fich mit der Einübung einiger religiöfer Lieder, von einem eigentlichen fyftematifchen und fortfchreitenden Unterricht wird jedoch abgefehen. In einigen gröfseren Städten Frankreichs follen zwar in diefer Beziehung fchon feit längerer Zeit wefentliche Aenderungen eingetreten feinfo hat namentlich Paris eine eigene Commiffion zur Uéberwachung des Gefangunterrichtes in den Communalfchulen, unter deren Mitgliedern man eine Reihe glänzender Namen lieft doch find diefs eben nur vereinzelte Beifpiele und Ausnahmen von der Regel. ,, en In welcher Ausdehnung Mufik an den Lehrer- Bildungsanftalten ( mit 3 Jahren) gepflegt wird, ift leider aus dem Organifationsgefetze nicht erfichtlich. Man fcheint hier der localen Organiſation Raum gelaffen und im Uebrigen, nach mehreren in der Collection befindlichen Lehrmitteln zu fchliefsen, das einzige Gewicht der mufikalifchen Bildung auch hier auf die kirchliche Seite der Tonkunft gelegt zu haben. Der Unterrichtsplan für das Pädagogium in Verfailles z. B., welcher dem aufliegenden Grundrifs des Gebäudes diefer Anftalt beigefetzt war, findet feinen Schwerpunkt einzig im ,, Plain Chant"( Choralgefang), deffen Ausführung und Begleitung; desgleichen haben mehrere der ausgeftellten Lehrmittel z. B. Naudet: Méthode très- élémentaire d'Harmonium; Battmann: Méthode d'Orgue Harmonium; Clément: ,, Le livre d'Orgue" einzig diefes Ziel im Auge. Liederfammlungen, wie fie in Deutſchland zu Dutzenden exiftiren, find in Frankreich, wo der Born des Volksliedes weniger reich fprudelt und die Schätze der 34 Rudolf Weinwurm. älteren Zeit kaum mehr im Bewufstfein des Volkes fortleben, feltener vertreten; die Ausftellung enthielt nur fechs derartige Werke, darunter folgende beachtenswerthe: Vaft: ,, Récréations muficales, 30 Choers variés à 3 voix égales."; Rogat: ,, Chants de jeuneffe, Solos et Choers à 3 voix égales avec accompagne ment de Piano ou d'Orgue"; Lemoine: ,, Chants d'école", II Hefte zwei- und dreiftimmiger Gefänge, theils mit, theils ohne Accompagnement; Baumier, ein gefchriebenes Heft, jene Lieder enthaltend, welche in der Communalfchule in d'Angers geübt werden, unter denen wir folgende deutfche in franzöfifcher Uebertragung finden: ,, Ueb' immer Treu und Redlichkeit", ,, Alle Vögel find fchon da" ,,, Fuchs, du haft die Gans geftohlen", Komm, lieber Mai" ,,, Der gute Camerad"; dagegen wird in allen Stufen des Gefangunterrichtes auf Vocalexercitien ein befonderer Nachdruck gelegt; diefe fpielen fowohl in den vorfindlichen Elementarmethoden als auch in den Lehrplänen verfchiedener Schulen eine hervorragende Rolle und die Production auf diefem Gebiete ift eine aufserordentlich ergiebige, um nicht zu fagen luxuriöfe. Es fanden fich Solfeggienwerke für eine, zwei, drei, vier Stimmen, mit und ohne Begleitung, von den einfachften bis zu den complicirteften Formen und wie hoch die Ziele find, die man fich dabei ftellt, geht daraus hervor, dafs man bei Durchficht mehrerer diefer Werke häufig in Zweifel kommen kann, ob der mufikalifche Satz für Menfchenftimmen oder für Streichinftrumente eingerichtet ift. Als die intereffanteften daraus heben wir hervor die ,, Symphonies vocales ou Solfèges d'enſemble à 3 et à 4 voix" von Chelard, die einund zweiftimmigen Solfèges von Carulli et Lemoine und das Solfège von Rodolphe. Von Elementarunterrichts- Methoden find bemerkenswerth: Mouzin , Petite Grammaire musicale à l'usage des écoles primaires.." und Chochery ,, Premières leçons de lecture musicale.." Ob die Auswahl der weiteren in der franzöfifchen Unterrichtsausftellung vorfindlichen mufikalifchen Werke mit Rückficht auf den Unterricht in Lehrer- Bildungsanftalten oder aber mit Rücksicht auf die Fachbildung in Confervatorien getroffen wurde, bleibt ungewifs. Für das erftere fpricht eine Anzahl von Werken, theils für Clavier, theils für Violine, deren Anwendung in Seminarien gewifs am Platze fein würde, für das letztere der Umftand, dafs fich eine Reihe von Methoden für Inftrumente vorfand, deren Uebung und Pflege wohl nur einen Gegenftand der Confervatorien bilden kann. Auf dem Gebiete des Clavierunterrichts begegnete man auch hier den bekannten Namen eines Czerny, Bertini, Heller, Henfelt( Etudes characteristiques), aufserdem war Lemoine durch eine gute Schule und durch zwei- und vierhändige Etudenhefte, Duvernoy durch eine Elementarfchule und waren die folgenden Componiften durch Etuden vertreten: Schulhoff, op. 13; Taubert, op. 40; Ravina, op. 28; Rofenhain, op. 17; Lefebure- Wely, op. 23 und 24; Vilbac; Luffy. Für Violine fanden fich zwei recht gute Werke: Mazas ,, Méthode de Violon" und Herman ,, Méthode compléte de Violon" für Violoncell eine Schule von Lebouc; an theoretifchen Werken unter Anderem die weitverbreitete Harmonielehre von Catel und ein beachtenswerthes, eben im Erfcheinen begriffenes Werk von Luffy ,, Traité de l'expression"; und fchliefslich fanden fich Schulen für fämmtliche Inftrumente in einer fehr billigen, gleichförmigen und brauchbaren Ausgabe der Firma Ik elmer& Comp. in Paris. Die bisher angeführten mufikalifchen Werke bedienen fich fämmtlich der gewöhnlichen Notenfchrift; es wurde jedoch bereits früher bemerkt, dafs an vielen Orten Frankreichs die Galin- Paris- Chevé'fche Ziffernfchrift in Verwendung fteht. Die Verbreitung derfelben wurde namentlich durch den Umftand begünftigt, dafs die Gefangvereine und ,, Liedertafeln"( ,, Orphéons"), die fich feit dem Anfange der fünfziger Jahre nach dem Vorgange Deutfchlands und der 4 Mufikalifche Lehrmittel. 35 Schweiz allenthalben in Frankreich gebildet haben, fich zum grofsen Theile diefer Notation, wenigftens für den Beginn ihrer Uebungen, bedienten. Auch an vielen jener Schulen, in denen Gefangsunterricht betrieben wird, ift diefe Ziffernmethode einheimifch. In der Unterrichtsabtheilung finden fich nun mehrere diefer chiffrirten Werke, ja fogar eine von Chevé nach der Ziffernmethode abgefafste Harmonielehre. Noch weiter ,, vereinfachte" angeblich L. Danel die mufikalifche Notation durch eine ,, Buchftaben- Methode"; feine diefsbezüglichen Vorfchläge find enthalten in mehreren Artikeln eines ausgeftellt gewefenen ,, Journal populaire de Musique et de Chant" und praktiſch durchgeführt in dem fich anfchliefsenden ,, Petit Solfège". Der Referent glaubt in diefen Beziehungen auf die Bemerkungen hinweifen zu dürfen, welche hier fchon bei einer früheren Gelegenheit ihren Platz gefunden haben. Es fei fchliefslich nur noch erwähnt, dafs das Bild, welches man über die mufikalifche Bildung und Erziehung auf Grund der in der franzöfifchen Unterrichtsabtheilung ausgeftellt gewefenen Lehrmittel gewinnen würde, ein ganz und gar unvollständiges, weder mit den thatfächlichen Verhältniffen übereinstimmendes, noch auch der hohen Stellung angemeffenes fein würde, die Frankreich auf dem Gebiete der mufikalifchen Kunft feit Langem eingenommen hat und gewifs auch in Zukunft behaupten wird. Niederlande. Dem auf Veranlaffung des Minifteriums des Inneren abgefafsten und in der Gruppe XXVI vorgelegenen Berichte über die Elementar- und Mittelfchulen im Königreiche der Niederlande entnehmen wir folgende hieherbezügliche Angaben: Nach dem Gefetz vom 13. Auguft 1857 ift der Gefangunterricht an allen Elementarfchulen obligat. Dem entfprechend wird auch auf die mufikalifche Ausbildung in den Lehrer- und Lehrerinen- Seminarien grofser Nachdruck gelegt und erftreckt fich das Examen zum Erlangen einer Fähigkeitsacte als Lehrer auch auf die Theorie des Gefanges. Den gegenwärtigen Zuſtand des Unterrichtes fchildert jener officielle Bericht mit folgenden Worten: „ Gefang. Diefer Theil des Volksunterrichtes ift in den letzten Jahren allgemein eingeführt worden, trägt aber noch nicht die Früchte, welche nach folch' einem Zeitverlaufe davon zu erwarten waren. Zu einem kräftigen Erwachen der Singluft unter dem Volke hat er wenigftens noch nicht überall geführt. Die Fortfchritte der Schüler find fehr abhängig von der mufikalifchen Anlage und dem Gefchmack der Lehrer. Während in mehreren Schulen zwei- und fogar dreiftimmige Lieder richtig gefungen werden und ein auf die Wandtafel gefchriebenes einfaches Thema von den Schülern der höchften Claffe gleich auf den erften Blick gefungen wird, fcheinen anderswo der fchleppende Ton und das laute Schreien, wodurch fich öfters der Gefang der weniger gebildeten Volksclaffe kennzeichnet, nicht immer befiegt werden zu können." An den Mittelfchulen wird Gefangunterricht nicht ertheilt, wenigftens erfcheint er nicht unter den Gegenständen des vorgefchriebenen Lehrplanes. Eine Collection von Lehrmitteln war in der niederländifchen Abtheilung nicht vorfindlich, man müfste denn die eigentlich in Gruppe XII rangirenden Verlagswerke des Buchhändlers Wolters in Groningen, die allerdings vieles Hieherbezügliche aufweifen, als folche anfehen. Diefs hat infoferne einige Berechtigung, da die in diefem Verlage vorfindlichen mufikalifchen Werke am Staatsfeminarium in Groningen und in den dortigen Elementarfchulen in Verwendung ftehen. Dazu zählen insbefondere die Werke von J. Worp, nämlich: " De zingende Kinderwereld", Kinderlieder für eine und zwei Stimmen mit Clavierbegleitung, mehrere Hefte; ferner Liederfammlungen für Schulen, zwei 36 Rudolf Weinwurm. und dreiftimmig; einige Solfeggienhefte( Oefeningen voor Stemvorming") und einige Orgelwerke. Das zuerft genannte ift laut Vorrede eine Ueberfetzung und theilweife Bearbeitung des gleichnamigen deutfchen Werkes:„ Die fingende Kinderwelt" von Graben- Hoffmann, das fehr viele Kinderlieder- Dichtungen von Hoffmann v. Fallersleben enthält, die längft in den hochdeutfch Auch die fprechenden Kreifen der Niederlande verbreitet und beliebt waren. übrigen Liederbücher enthalten viele Uebertragungen urfprünglich deutfcher Lieder in die verwandte Sprache, und felbftverſtändlich begegnet man in den Sammlungen für Orgel vielen deutfchen Namen, die den genannten Werken zur Empfehlung gereichen. Weitere Anhaltspunkte für unferen Bericht lagen leider nicht vor. Diefs ift umfo mehr zu bedauern bei einem Lande, das einftens einem vollen Jahrhundert der Mufikgefchichte feinen Namen gab und in dem auch gegenwärtig viele hervorragende Concertgefellſchaften und Mufikinftitute thätig find für die Pflege und Beförderung der Tonkunft. Spanien. Spanien, das unter endlofen inneren Kämpfen leidende Land überrafchte die Befucher der Weltausftellung durch eine ziemlich zahlreiche und wohlgeordnete Expofition von Gegenständen der XXVI. Gruppe. Darunter fanden fich auch viele mufikalifche Werke, theils gefchrieben, theils gedruckt und dazu beftimmt, den gegenwärtigen Stand des muſikaliſchen Unterrichtes an den gröfseren Mufikanftalten des Landes zu veranfchaulichen, zugleich aber auch Zeugnifs zu geben von dem eigenthümlichen Reichthum des Landes an Volks liedern. Nicht weniger als eilf folche Sammlungen von Volksliedern aus Andalufien, Afturien, Catalonien und anderen Theilen des Landes lagen auf, darunter einige von hohem mufikalifchem oder mufikgefchichtlichem Intereffe, wie die Sammlungen von Fuertes, Santesteban und Muñez- Robres. Sie enthalten eine Fülle von Tanzliedern: Bolero's, Seguidilla's, Zapeteado's, Fandango's u. f. w.; an die Stelle der urfprünglichen Begleitung durch Guitarre oder Mandoline ift in den neueren Ausgaben das Clavier getreten. Von den Werken für den mufikalifchen Unterricht find hervorzuheben die im Verlage von A. Romero in Madrid erfchienenen Gefangfchulen und Methoden, für faft alle mufikalifchen Inftrumente, in fehr hübfcher einheitlicher und praktifcher Ausgabe; für den Unterricht in Seminarien fcheinen mehrere vorfindliche Choral- und Officienbücher zu dienen, wie auch die recht gut zufammengeftellte, wenn auch fchwer leferliche Notentabelle von Flores Laguna, die als Führer durch die mufikalifche Notenfchrift vom Beginne bis zur Gegenwart dienen kann; das wiffenfchaftliche Gebiet der Mufik war gleichfalls durch mehrere Werke vertreten, unter denen wir die„ Historia de la musica española" von Mariano Soriano Fuertes, Madrid 1855, hervorheben. Ferner fanden fich noch einige intereffante Angaben über Anftalten zur Pflege der Tonkunft, namentlich über die Madrider National- Mufikfchule, die Concertvereine dafelbft und die ſpaniſchen MännerGefangsvereine. Die„ Escuela National de Musica" in Madrid ift gegründet im Jahre 1830, ihre definitive Organiſation datirt jedoch aus der neueften Zeit: vom 2. Juli 1871. Der Unterricht wird von zehn Profefforen und von Hilfslehrern gegeben; die Gefammtanzahl der Schüler und Schülerinen zu Ende December 1872 war 866. Die Sociedad de Conciertos" in Madrid, eine aus freier Vereinigung von Mufikfreunden hervorgegangene Gefellſchaft, ift im Jahre 1866 gegründet und hatte laut einem von Jofé Maria Provenza veröffentlichten Bericht über ihre Thätigkeit bis zum vorigen Jahre 43 Aufführungen, in welchen in summa 110 Inftrumental- und 14 Choralwerke zu Gehör gebracht wurden. Unter den Componiftennamen treffen wir 13 deutfche( Beethoven, " Mufikalifche Lehrmittel. 37 Händel, Haydn, Mendelsfohn, Meyerbeer, Mozart, Nicolai, Schubert, Schumann, Spohr, Johann Straufs, Wagner, Weber), 16 ſpaniſche, 6 franzöfifche ( Auber, Gounod, Labarre, Mehul, Onslow, Thomas), 9 italienifche, 2 englifche ( Paquis, Wallace), I dänifchen( Gade), I ruffifchen( Glinka). Auch eine„ Sociedad de Cuartetos"( Streichquartett- Gefellſchaft) befitzt Madrid, und zwar bereits feit 1863. Die Anzahl der Aufführungen beträgt im Durchfchnitt jährlich fechs, Beethoven, Haydn, Mendelsfohn, Mozart, Schumann, Spohr, Weber bilden die Bafis des Repertoires, das aufser den Streichquartetten auch Werke für Clavier allein und für Clavier und Violine etc. in fein Bereich zieht. Die Angaben über die ,, Sociedades corales", die wir gröfstentheils einem Werke von Mariano Soriano Fuertes entnehmen, reichen nur bis zum Jahre 1865; man zählte zu Anfang diefes Jahres in den verfchiedenen Provinzen des Landes in summa 85 folcher Vereine, die nach franzöfifchem Mufter organifirt und in einem Gefammtbunde„ Associacion Euterpense" vereiniget waren. Die ältefte diefer Gefellfchaften ift die in Barcelona 1850 gegründete„ Euterpe", die meiſten übrigen find in dem Decennium 1860 bis 1870 gegründet. Die gemeinfamen Fefte wurden in Barcelona abgehalten, das erfte am 17. September 1860; daran nahmen ungefähr 200 Sänger Theil, beim folgenden, am 9. October 1861 betheiligten fich zwölf Gefellſchaften mit 420 Mitgliedern, beim dritten, vom 27. bis 29. September 1862, wobei auch ein Wettkampf mit Preisvertheilung ftattfand, war die Anzahl der Sänger bereits 1200, beim vierten am 4., 5. und 6. Juni 1864, überftieg diefe Anzahl bereits 2000. Seit jener Zeit fcheinen diefe Gefellſchaften unter den politifchen Verhältniffen erheblich gelitten zu haben. Schweden. Gefangunterricht wird in Schweden faft an allen öffentlichen Schulen ertheilt, er ift an den Volksfchulen obligat fchon feit dem Jahre 1842, desgleichen an den Mittelfchulen in den drei unterften Claffen, in den folgenden Claffen der Mittelfchulen werden nur diejenigen Zöglinge davon befreit, welche keine mufikalifchen Anlagen haben, oder fich im Stimmwechfel befinden. An den Mittelfchulen ift aufserdem der Unterricht in der„ Inftrumentalmufik" als facultativer Gegenftand eingeführt und für jeden Zögling mit zwei Stunden wöchentlich bedacht( königliche Ordonnanz vom 29. Jänner 1859). An den Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten wird„ Mufik und Gefang" gelehrt. Genauere Daten hierüber lagen uns leider nicht vor; nur fei bemerkt, dafs die beiden erften Jahre des dreijährigen Curfes vorzugsweife der eigenen Ausbildung des Candidaten gewidmet find, während er im dritten Jahre bereits felbftthätig an der Uebungsfchule des Seminars einzugreifen hat. Als Begleitungsinftrument beim Gefangunterricht dient, felbft in den Volksfchulen, ein Harmonium( Physharmonika). Es ift ftaunenswerth, zu welch' billigen Preifen diefe Inftrumente in Schweden hergeftellt werden. In dem ein Object der Weltausftellung bildenden, fchwedifchen Schulhaufe" fanden fich zu Anfang zwei der artige Inftrumente; der Preis des kleineren von Nyftröm in Carlftadt würde fich laut privater Mittheilung ungefähr auf 45 fl. öfterreichiſcher Währung, der des gröfseren Inftrumentes von Wilgren in Stockholm ungefähr auf 65 fl. öfterreichifcher Währung ftellen. Dabei find die Inftrumente, wenn man eben nur den Gefangunterricht an den Volksfchulen im Auge hat, vollkommen zweckentfprechend; befcheiden, aber nett in ihrem Aeufseren und von recht angenehmem Klang und folider Befchaffenheit. Auch was weiter an mufikalifchen Lehrmitteln im fchwedifchen Schulhaufe fich findet, ift anregend und vergleichsweife fehr intereffant. Zu den befferen an Volksfchulen und Seminarien derzeit in Verwendung ftehenden mufikalifchen Werken möchten wir insbefondere die folgenden rechnen: 4 38 Rudolf Weinwurm. - Sandberg( Seminarrector in Stockholm):„ Sångbock för skolor", Nr. 154 des Kataloges. Es enthält 50 Nummern, theils einftimmig, theils mehrftimmig, unter den letzteren auch einige für gemifchten Chor, und fchliefst fich was hier befonders hervorgehoben werden mufs an das in den Volksfchulen eingeführte Lefebuch an, dem die Liedertexte entnommen find. Ein ähnliches Werk desfelben Verfaffers" Folksskolans sångbok", Katalogs- Nr. 153, enthält hundert ein- und mehrftimmige Gefänge, gröfstentheils fchwedifche Volksmelodien, aber auch einige deutfche in fchwedifcher Uebertragung, z. B. Mozart's" Komm', lieber Mai", Weber's Chor aus„ Oberon". Lundh( Mufiklehrer am Seminar in Stockholm): ,, Tonträffningsskola", Katalogs. Nr. 159, Sammlung von 450 Uebungen zum Gefangunterricht an Seminarien, ausgehend von dem Umfang von fünf Tönen und ihn allmälig erweiternd. Cronhamn( Profeffor am Confervatorium in Stockholm):„ Sånglära" für Volksund Elementarfchulen in zwei Ausgaben, a) für den Lehrer mit Beigabe einer methodifchen Anleitung; b) für den Schüler, Katalogs- Nr. 156. Jofephfon( Mufikdirector an der Univerfität Upfala):„ Skolsänger", Katalog Nr. 152; ein- und mehrftimmige Lieder für die höheren und niederen Schulen in drei Theilen. Darin finden wir eine Reihe der beften deutſchen Gefänge in fchwedifcher Uebertragung. Schliefslich feien noch die hübfchen fchwediſchen Choralfammlungen für Kirchen- und Schulgebrauch hervorgehoben, deren mehrere im fchwediſchen Schulhaufe auflagen, und die fowohl durch ihre handfame Form, als durch ihre mufikalifche Ausftattung fich vortheilhaft bemerklich machten. Rufsland. In der ruffifchen Abtheilung fanden wir unter Gruppe XXVI aufser einer in Petersburg erfchienenen Clavierfchule von Villoing und einigen ManufcriptCompofitionen desfelben Verfaffers nur noch die Gefangs- Lehrmittel, die an dem Volkslehrer- und Lehrerinenfeminar in Jywässkylä, Grofsfürftenthum Finnland, Gouvernement Wafa in Verwendung ftehen. Es find die beiden folgenden: " Kleine Gefanglehre und fünfzig Lieder", herausgegeben von H. Wächter und: ,, Suomalainen Laulufeppele"( Sammlung von Gefängen?) von E. A. Hag fors, Helfingör 1871; beide in finnländifcher Sprache, das erfte ein- und zweiftimmig, das andere für gemifchten Chor. Wenn man die beiden Werke nur nach ihrem muſikaliſchen Inhalte betrachten würde, könnte man leicht glauben, es mit deutfchen Werken zu thun zu haben, fo häufig finden fich deutfche Melodien und deutfche Componiftennamen. Erft die Betrachtung des Textes, eines ganz und gar fremden Idioms, belehrt uns eines Anderen und zeigt uns, dafs deutfche Volksweifen und die Errungenfchaften deutfcher Kunft auch im grofsen Czarenreiche angetroffen werden. Selbftftändiger, obwohl mufikalifch weniger belangreich, ift noch das kleinere Werkchen, die Gefanglehre etc. von Wächter; es bringt unter den fünfzig kleinen Melodien nur fieben deutfche, nämlich Nr. 7 und 15: „ Mit dem Pfeil, dem Bogen", Nr. 8:„ Geftern Abend ging ich aus", Nr. 20 und 28:„ Kommt ein Vogel geflogen"( entftellt), Nr. 24 Fuchs, du haft die Gans geftohlen", Nr. 29: ,, Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus". Die übrigen Liedchen, obwohl fie auch häufig an die Anfänge deutfcher Melodien erinnern( z. B. 43 und 44) fcheinen einheimifchen, d. i. finnländifchen Urfprunges zu fein, und find als folche hauptfächlich durch die rhythmifche Gliederung intereffant. Die billige und praktiſche Sammlung von Hagfors aber ift laut Vorrede des Verfaffers durchaus eine Anthologie aus mehreren deutfchen Werken, und zwar wurden für den erften Theil: ,, Auswahl ernfter Gefänge" die bekannten Werke von Jacob, Erk und Mufikalifche Lehrmittel. 39 Greef benützt; für den zweiten Theil: ,, Choralbuch", die entſprechenden Werke von Hentfchel und ,, der Lehrmeifter im Orgelfpiele" von W. A. Müller. Die Auswahl und das muſikaliſche Arrangement find übrigens vortrefflich; Druck und Ausftattung entſprechend. Bei diefen wenigen Zeilen mufs es der Referent bewenden laffen, da auch bei diefem Lande weitere Objecte und Anhaltspunkte in der Gruppe XXVI nicht vorlagen. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Das ein Object der Weltausftellung bildende ,, amerikanifche Schulhaus", wie auch mehrere Objecte, die unter Gruppe XXVI im WeltausstellungsPalaft felbft vorkamen, zeigten den erfreulichen Umftand, dafs man angefangen hat, dem Gefangunterrichte an den amerikaniſchen Schulen befondere Aufmerkfamkeit zuzuwenden. Damit ftimmt überein, dafs unter den öffentlichen Schulbehörden mehrerer Staaten ein fpecieller Repräfentant für Mufik( ,, Superintendent" oder auch„ Superviſor of Mufic") fich findet, deffen Aufgabe es ift, den mufikalifchen Unterricht an den öffentlichen Schulen zu überwachen. Der Generalkatalog der Ausftellung enthielt bei dem Objecte ,, amerikanifches Schulhaus" ausdrücklich den Beifatz:„ ,, mit gewöhnlicher, in den Ruraldistricten von Amerika gebräuchlicher Einrichtung". Man kann dem Lande nur gratuliren, welches den Aufwand nicht fcheut, die Schulhäufer betreffs unferes Gebietes nicht nur mit einigen der unten angeführten Liederbücher und einem Mufik- Tabellenwerke, fondern insbefondere noch mit einem Begleitungsinftrumente für den Gefang auszuftatten, wie das hier vorfindliche. Es ift ein recht gutes Harmonium( Schulorgel) von der Firma Mafon& Hamlin Orgel- Company in Bofton, die, wie wir vernehmen, einen Zweig ihrer Fabrication fpeciell für die Bedürfniffe der Schulen eingerichtet hat. Sie liefert zu diefem Zwecke vieroctavige Inftrumente zum Preife von ungefähr 85 fl. öfterreichiſcher Währung, ein für amerikanifche Verhältniffe immerhin fehr billiger Preis, wenn er auch den Vergleich mit den in Schweden erwähnten Preifen nicht verträgt. Das im Schulhaufe befindliche Inftrument ift nun freilich keines diefer allerbilligften; es hat fünf Octaven Umfang, zwei Verftärkungsregifter und eine Schwebeton- Vorrichtung, und der Preis würde fich, ficherem Vernehmen nach, auf ungefähr 250 Gulden ö. W. ftellen. Die reicher fundirten Schulen, wie auch die Seminarien benützen zum Accompagnement gewöhnlich diefe Inftrumente, die fich vorkommenden Falls auch zu felbftftändiger Leiftung wenigftens für die Anfänge des Unterrichts qualificiren. In den Seminarfchulen werden beim Unterrichte ferner noch Claviere und Harmoniums mit Pedal( Zimmerorgeln) verwendet. Die grofsen Vortheile, welche ein derartiges Begleitungsinftrument und fei es auch eines der allerbilligften beim Gefangunterrichte gegenüber der in faft allen übrigen Staaten beim Volksunterrichte herrfchenden Violine mit fich führt, leuchten von felbft ein. Entgegenftehende Meinungen glaubt der Referent auf den bezüglichen Abfchnitt des der öfterreichifchen Unterrichtsausstellung beigegebenen officiellen Berichtes verweifen zu dürfen. Die ausgeftellten amerikanifchen Lehrmittel boten ein doppeltes Intereffe. Einmal an und für fich, indem fie die Methode des Unterrichtes zeigten, ferner aber auch, indem fie den Einflufs anderer Länder nachwiefen, der fich hier, den natürlichen Verhältniffen entſprechend, in hervorragender Weife geltend machte. Mag es namentlich für den Deutfchen fchon intereffant fein, der Verbreitung feiner Volksmelodien in europäifchen Ländern nachzugehen in welcher Beziehung im Laufe des Vorangegangenen manche Andeutungen gegeben wurden fo wird diefes Intereffe geradezu zur Herzensfache bei einem Lande, das einen grofsen Theil feiner Blüthe und Cultur der deutfchen Einwanderung verdankt. Das deutfche Volkslied spielt nun in den aufliegenden amerikanifchen Liederbüchern - 40 Rudolf Weinwurm. Mufikalifche Lehrmittel. eine fehr bedeutende Rolle, und zwar nicht allein in den zweifprachigen Sammlungen wie z. B. Reffelt:" Deutfch- englifches Liederbuch", New- York, Steiger, fondern auch in den rein englifchen ein- und zweiftimmigen Liederbüchern. Aller Orten begegnen wir lieben alten Bekannten, den Freunden und Gefährten unferer eigenen Jugend und wir begrüfsen fie als folche, wenn fie auch hier und da mit einem fremdartigen Kleide angethan find, vielleicht auch ihren Namen und ihre Herkunft verleugnen wollen und die weite Reife oft nicht ohne nachtheiligen Einfluss auf ihre urfprünglich gefunde Organiſation geblieben ift. Den praktifchen Theil des Gefangunterrichtes beftreitet faft überall und mit geringen Ausnahmen Deutfchland und der kleine Amerikaner freut fich z. B. mit denfelben Klängen wie der kleine Junge Deutſchlands, dafs der ,, Winter" fortgezogen, dafs der„ Mai" gekommen, dafs der„ Kukuk" ruft, dafs der„ Tannenbaum" auch im Winter grünt, dafs das„ Glöcklein klingt"; er warnt den ,, Fuchs, der die Gans geftohlen" hat, er ruft zum Reigen herbei" u. f. w. u. f. w. Die Aufzählung würde aufserordentlich anwachfen, wenn man fie noch auf die dreiund vierftimmigen Sammlungen ausdehnen wollte, die mit manchem deutfchen Werke auch das gemein haben, dafs fie künftlerifchen Geift und Anordnung vermiffen laffen. Die Methode des Elementarunterrichtes ift, im Ganzen genommen, eine befriedigende. Jede Schule befitzt ein Tabellenwerk, an welches fich der Unterricht in den erften Jahren anfchliefst. Die im amerikanifchen Schulhaufe vorfindlichen Tabellen( Mufic Charts) find von Mafon und Sharland in Bofton verfafst und halten ungefähr den Gang ein, den die Schäublin'fchen( fiehe Schweiz) oder die bekannten Silcher'fchen Wandtabellen verfolgen. Neben diefen Wandtabellen fteht dann, insbefondere in den oberen Jahrgängen, ein Liederbuch in Verwendung. Mehreren diefer Liederbücher ift eine kurze methodifche Anleitung für die Hand des Lehrers vorausgefetzt, fo dafs fie auch für die Zwecke der Lehrer- Bildungsanftalten verwendet werden können. Auch die früher erwähnte Schweizer Methode( ausgehend von einer Linie) finden wir hier vertreten in einem Werke von Loomis„ First Steps in Mufic", New- York und Chicago. Am meiften verbreitet follen die Mafon'fchen mufikalifchen Lehrmittel fein, deren einige hier auflagen. Aufserdem fand fich vor eine Sammlung von Sololiedern, Duetten, Terzetten, Quartetten der beften Meifter unter dem Titel ,, The cantara", herausgegeben von Nash und Bristow New- York, und mehrere Sammlungen kirchlicher Gefänge, Hymnals und Choralbücher. Andere Gebiete des mufikalifchen Unterrichts find nicht vertreten. Liefs das Vorhandene im Allgemeinen noch viel zu wünfchen übrig, fo kann man doch die Hoffnung daran knüpfen, dafs die Vereinigten Staaten binnen kurzer Zeit grofse Fortfchritte auf diefem Gebiete aufzuweifen im Stande fein werden. Die in diefem Berichte nicht angeführten Länder waren in der Gruppe XXVI, foweit in derfelben das mufikalifche Gebiet in Frage kommt, nicht vertreten. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, к. к. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DAS GEWERBLICHE UNTERRICHTSWESEN. ( Gruppe XXVI, Section 4.) BERICHT VON ARMAND FREIHERRN VON DUMREICHER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. TH DAS GEWERBLICHE UNTERRICHTSWESEN. ( Gruppe XXVI, Section 4.) Bericht von ARMAND FREIHERRN VON DUMREICHER. Die Stellung des gewerblichen Unterrichtswefens im Culturleben > der Gegenwart. Ausftellungen gewerblichen Unterrichtswefens bieten der Betrachtung dankbaren und überreichen Stoff, und von all' den mannigfachen Gebieten individuellen wie ftaatlichen Seins und Schaffens, welche in der Wiener Weltausftellung Vertretung gefunden, erfüllt nur wenige ein Inhalt, den eine fo ftarke Strömung der Zeit trägt; denn nie zuvor begegneten fich wie heute in den continentalen Induftrieftaaten die Gedanken des Nationalökonomen und des Staatspädagogen fo fehr auf gleichem Wege und ftrebten fo bewufst dem Ziele nach, der bisherigen empirifchen und darum fchwanken Entwicklung des Gewerbewefens von nun an in der Schule einen feften Unterbau zu fchaffen. In folche Richtung hinein drängen gegenwärtig zahlreiche zufammenwirkende Factoren die Geifter. Während die einzelnen Zollgebiete, fortgeriffen von dem freihändlerifchen, Zuge, der unfere Epoche beherrscht, fich zu ftrafffter Anfpannung ihres induftriellen Könnens getrieben fehen, während ein märchenhaft gefteigertes Verkehrswefen alte, hochentwickelte Induftrieftaaten mit zermalmender Concurrenzkraft auf dem entlegenften Boden auftreten läfst, und während der alfo gefallene Schutzzoll des Gefetzes und des Raumes allerorten und in jedem Zweige den Gewerbsmann das zu lernen zwingt, was irgend ein Anderer im fernften Lande bereits kann, vollzieht fich innerhalb der Gemarkungen der einzelnen Staaten ein gewaltiger focialer Procefs, der, vorbereitet von einem glänzenden Auffchwunge der Naturwiffenfchaften, eingeleitet und gefördert durch ein mächtig emporgedeihendes Mafchinenwefen und ins Unberechenbare gefteigert durch die überall unaufhaltfame Entwicklung der Gewerbefreiheit, im wirthfchaftlichen Leben des einzelnen Landes der Grofsinduftrie jenes Uebergewicht dem Kleingewerbe gegenüber leiht, mit dem in der Weltwirthfchaft reiche und ftarke Induftrieftaaten fchwächere und ärmere zu erdrücken drohen. So müffen diefe Entwicklungen ebenfo dem Staatsmanne, deffen Blick fich auf internationale Verhältniffe richtet, die Aufgaben des gewerblichen Unterrichtswefens als tief bedeutende enthüllen, wie dem, der vorwiegend den inneren Zuftänden und den Fragen der Socialpolitik feine Aufmerkfamkeit widmet. Wir ſtehen da vor einer unabfehbaren Kette werdender Geftaltungen, deren Endpunkte noch in kimmerifchem Dunkel liegen. Die abendländifchen Culturvölker, in ihren Wohnfitzen von einer die Arbeitskraft fördernden Ermässigung aller phyfikalifchen und organifchen Gegenfätze begünftigt, haben durch den riefigen Hebel der Beherrfchung der Naturkräfte im Grofsen fich zur Weltherrschaft I* 21 Armand Freiherr von Dumreicher. aufgefchwungen; aber fchon tauchen die erften Zweifel auf, ob fie die Herrfchaft über fich felbft zu bewahren vermögen, und ob ihre Gefellſchaft nicht von der unerhörten Umwälzung in den Productionsverhältniffen der Zerfetzung und Zerrüttung entgegengeführt wird. So gibt eine Entwicklung, deren Samenkorn, Keimkraft und Wachsthum in den Naturwiffenfchaften liegt, heute den Staatswiffenfchaften neue Probleme zur Löfung. Und die Staatskunft der Gegenwart hat, indem fie die grofse Frage zu klären trachtet, dem gewerblichen Unterrichtswefen ihr Intereffe zugewendet und den Staatsorganen ein neues, bisher nur von anderen Intereffenten unvollkommen gepflegtes Verwaltungsgebiet zugewiefen. Für jene Organe ein fchwieriges Verwaltungsgebiet; darum fo fchwierig, weil ihnen hier die Traditionen mangeln. Denn der Staat war Jahrzehnte lang mit feiner Unterrichtsadminiftration hinter den wirthschaftlichen und focialen Ereigniffen zurückgeblieben. Nachdem er bereits in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhundertes die Leitung oder Beeinfluffung der alten Gelehrtenfchulen als feine Aufgabe erkannt und zugleich der Verbreitung elementarer Bildung in den Volksmaffen feine organifatorifche Kraft zugewandt, nachdem er fodann auch dem erfolgreicheren Betriebe und der erweiterten Anwendung der Erfahrungswiffenfchaften durch Gründung einer neuen Art von Hochſchulen Rechnung getragen, und in Folge deffen fpäter auch die Bifurcation der Mittelfchule durchgeführt hatte, fchien ihm das Gebäude abgefchloffen, fein Beruf erfüllt, fein ftaatspädagogifches Geftaltungsvermögen erfchöpft. Indeffen waren aber neue Bedürfniffe grofs gewachfen, welche er im Anfange ignoriren und deren Befriedigung er allenfalls privater Strebfamkeit überlaffen zu können glaubte. Doch ftets weiter und weiter fchob das fortfchreitende Leben diefe Bedürfniffe in den Vordergrund, und immer zweifellofer drängte fich die Erkenntnifs auf, in wie hohem Mafse die Lücke im Unterrichtsfyfteme allgemeine Intereffen gefährdet. Schon feit den erften Decennien unferes Jahrhundertes fing auf dem europäifchen Feftlande jene für Staat und Gefellſchaft bedeutfame Veränderung in der Production fich zu bilden an: die Arbeit auf Verkauf begann ftatt der Arbeit auf Beftellung fich einzubürgern, die Erzeugung für den localen Markt ftrebte dem Weltmarkte zu, die Theilung der Arbeit vollzog fich allmälig in mehr und mehr gewerblichen Zweigen, neue Erfindungen vereinfachten und erhöhten den induftriellen Betrieb, gröfsere Unternehmer benützten die billigfte Arbeitskraft, die Mafchine, und bemächtigten fich des ausfchlaggebenden Einfluffes auf Einkaufswie Verkaufspreife. Auch Kaufs- und Fabriksherren fanden fodann ihren Meifter in mit unerhört grofsen Mitteln arbeitenden Actienunternehmungen. Die Oekonomie der continentalen Länder trat in die Epoche der Capitalsherrfchaft ein. Das fociale Ergebnifs diefer Entwicklung ift ein neuer Stand, der Arbeiterftand. Neue Elemente und Mitglieder der ehemals zünftigen Gewerbe bilden ihn; er umfafst ländliche Volksbeftandtheile, welche in letzterer Zeit den Fabriken zugeftrömt find, aber auch alte bürgerliche Kreife, Handwerks- Gehilfen und Kleingewerbetreibende, welche eine gefellſchaftliche capitis deminutio erlitten haben. Mit der Entftehung eines neuen Standes find dem Staate auch neue Pflichten erwachfen, deren Erkenntnifs er näher und näher kommt, je fchärfer das Claffenbewufstfein in den Arbeitern fich auszuprägen und eine breite und ftarke Volksfchichte von den übrigen Staatsgenoffen zu ifoliren beginnt. Diefe Pflicht befteht für ihn um fo gewiffer, als er, dringenden Anforderungen des Zeitalters entſprechend, dem Gewerbsmanne ein Jahrhunderte altes, hiftorifch gewordenes Recht genommen hat, ein Privilegium, welches in Form von Innungs- und Zunftgefetzen ftarken Schutz gewährt hatte. In edlerer Geftalt kann der Staat nunmehr eine Entfchädigung hiefür nicht fchaffen, als indem er dem von Das gewerbliche Unterrichtswefen. neuer Concurrenz hart Bedrängten Bildungsftätten bietet, welche ihm die Erwerbung jenes Wiffens und Könnens ermöglichen, deffen er den veränderten Verhältniffen gegenüber nicht mehr entrathen darf. Abgefehen von folchem ethifchen Momente, hat aber der Staat auch ein Lebensintereffe, die Kluft zu überbrücken, welche Geift und Capital vom vierten Stande trennt, und dem mittleren Gewerbeftande als focialem Zwifchengliede jene Fürforge angedeihen zu laffen, welche er der Förderung höherer induftrieller Thätigkeit durch reiche Dotirung polytechnifcher Inftitute und durch Errichtung von Realfchulen bereits zugewendet hat. Zurückgebliebene Unterrichtseinrichtungen haben nachgerade den ungefundeften Zuftand gefchaffen. Alle Bildung ftrebt vom Volksboden weg und hält fich, gleich warmer Luft, nur in den oberen Schichten auf, und die wiffenfchaftlich oder künftlerifch höchftftehenden Leiter moderner Werke fehen unter fich faft nichts als einen Haufen mechanifch arbeitender Handlanger. Eine fo naturwidrige Trennung von Kopf und Arm, eine folche Ausfchliefsung des Arbeiterftandes vom geiftigen Gehalte feines eigenen Thuns läfst für die Zukunft des Gewerbewefens, für die fittliche Tüchtigkeit des Volkes, für unfere ganze Cultur befürchten. Und Hilfe von innen heraus kann da nicht kommen. Der Staat, die Gemeinde mufs hier eintreten. Denn der einzelne Gewerbszweig ift unter den heutigen Verhältniffen, bei der Zerfahrenheit der perfönlichen Intereffen nicht mehr im Stande, unter feinen Mitgliedern die Traditionen des Handwerkes voll und fchulgerecht weiterzuführen, in der Art etwa, wie die Bauhütte des Mittelalters fich ihre Schule felber zog und den Arbeiter, den Steinmetz zum Baumeifter, ja zum Künftler heranbildete. Darum mufs heute dem öffentlichen Intereffe durch öffentliche Organe genügt werden, wenn es anders in den Augen der Staatslenker ein öffentliches Intereffe genannt zu werden verdient, dafs eine zahlreiche Menge kleinerer, ein wohlumhegtes Familienleben pflegender Gewerbetreibender fich ihre Selbftftändigkeit erhalte, und dafs das neueftens vom Zufluffe frifcher Elemente faft abgedämmte Bürgerthum keiner Verderben zeugenden Stagnation verfalle, fondern dafs vielmehr der Mittelftand im Emporringen der markigften, energievollften Volkskräfte fich ewig neu gebäre zum Heile der Gefellfchaft, des Staates und der Cultur. Wie ein in den ruhigen Wafferfpiegel gefchleuderter Stein zieht die grofse gefellfchaftliche Frage ftets weitere und wei tere Ringe um fich; fie ift zu diefer Stunde bereits in den Bereich eingetreten, welchen eine fernerblickende Socialpolitik überfchauen foll. Diefe Erwägungen find fo wichtig, dafs fie felbft jene anderen in Schatten ftellen, welche die Nothwendigkeit einer eifrigen Pflege des gewerblichen Unterrichtswefens zum Zwecke der Erzielung befferer Concurrenzfähigkeit der Induftrie eines Staates mit der aller anderen zum Ausgangspunkte nehmen. Allerdings liegt die letztere Auffaffung den gouvernementalen Kreifen in der Regel näher, da die Steigerung der Steuerkraft, die Erweiterung der Ausfuhr, die Vermehrung der Handelsbeziehungen und dadurch des äufseren Einfluffes und der politifchen Macht rafcher und handgreiflicher in die Erfcheinung treten, und da die von allen Culturvölkern mehr oder minder angenommenen Principien des Freihandels- Syftemes gebieterifch zur Erhöhung der induftriellen Spannkraft zwingen. Denn feit dem Jahre 1776, da Adam Smith's denkwürdiges Werk ,, Wealth of nations" die Preffe verliefs, hat, unendlich langfam, aber unverrückbar dem Ziele zufchreitend, eine Bewegung die Welt durchzogen, von welcher ein Land nach dem anderen erobert und zur Befchleunigung feiner gewerblichen und commerciellen Fortfchritte genöthigt worden ift. Ein klar bewufstes Streben in folcher Richtung haben aber namentlich auch die feit zwei Decennien veranſtalteten grofsen internationalen Ausftellungen zur Folge gehabt. Indem fie den Trägern jedes Gewerbszweiges eine lebendige Darftellung der induftriellen Kraft ihrer Mitbewerber in anderen Staaten vor 247 4 Armand Freiherr von Dumreicher. Augen führten und fie auf Bemühungen aufmerkfam machten, durch welche fremde Unternehmer mittelft vervollkommneter Technik ihnen einen bisher ficher beherrfchten Markt abzujagen drohten, regten fie die Einen zu frifchem Nach- und Aufftreben an, rüttelten Andere aus felbftbefpiegelndem Narcifsdafein auf und wirkten befruchtend und anfpornend in taufendfacher Beziehung. So hat denn auch das Intereffe an den Fragen des gewerblichen Unterrichtes von Ausstellung zu Ausftellung eine Steigerung erfahren, und heute wird bereits von keiner Seite mehr verkannt, wie bedeutfam für jeden Staat das Studium des induftriellen Bildungswefens feiner Concurrenten ift. In den dem Unterrichte gewidmeten Abtheilungen der Wiener Weltausftellung entfalteten fich lehrreiche Bilder der Pflanz- und Pflegeftätte jener gewerblichen Kräfte, deren mächtiges Schaffen wir in fo vielen anderen, den Gewerben angewiefenen Gruppen exponirt fahen. Doch zeigte die Ausftellung anderfeits, dafs faft in ganz Europa, einige kleinere Länder ausgenommen, das GewerbefchulWefen noch in anfänglichen Entwicklungsftadien befangen ift und eine allfeitig befriedigende Ausgeftaltung erft von der Zukunft erwarten läfst. Aber gerade diefes Werden der heranwachfenden Schöpfungen zu verfolgen, wie es von einer Ausftellung zur anderen ftets deutlichere Umriffe und feftere Form gewinnt, bietet ja der Beobachtung die belehrendften Erfcheinungen und dem Studium den feffelndften Reiz. Neben allen diefen in knappfter Kürze angedeuteten focialen und national ökonomifchen Gefichtspunkten, welche heute der Werthfchätzung des gewerblichen Unterrichtes fo fehr zu Statten kommen, macht endlich zu deren Gunften noch ein ftärkster Zug der Zeit fich geltend, welcher, Hoffnungen fchwellend, fchon jetzt unfere Tage verfchönt: mit der ganzen Macht einer rein geiftigen, von idealem Bedürfniffe getriebenen Bewegung vollzieht das Abendland eine Wandlung und Läuterung feines Gefchmackes. In einigen der gröfseren Brennpunkte europäifcher Cultur fieht die Gegenwart eine begeiſterte Schaar beredter Verkünder der Reform unermüdlich thätig; fie wirkt in Wort, in Schrift, in Bild auf die Zeitgenoffen und verfteht fich mit wunderbarem Eifer und Gefchick darauf, das Volk für ihre äfthetifche Ueberzeugung zu erwärmen. 27 Ihre rafche Entfaltung hatten auch diefe Beftrebungen der Entwicklung des Ausstellungswefens zu danken. Was die feineren und reicheren Geifter fchon vorher mit Unbehagen empfunden: die jämmerliche Zerrüttung und Verwahrlofung des Gefchmackes im europäiſchen Gewerbe, das ftellte die erfte internationale Ausftellung zu London in craffer Realität und Vollständigkeit vor aller Welt Augen. Man erkannte nicht blofs den Mangel an Einheit und Originalität, die charakterlofe Mannigfaltigkeit der Imitationen, die Verwirrung und Vermifchung der Stile, fondern man fah auch, dafs in aller induftriellen Thätigkeit das Kunftgefühl überhaupt zu Grunde gegangen fei, dafs man die Gefetze der Farben verkenne, dafs man vom Relief kein Verſtändnifs, fo wenig wie Gefühl für die Linie habe, dafs man überhaupt gar nicht mehr wiffe, was fchön fei, ja was nur Wirkung mache."( J. Falke. Die Erfahrungen jener erften Weltausftellung, welche unter Anderem unferen Gewerbetreibenden auch die werthvolle Bekanntfchaft mit der künftlerifch weit überlegenen Induſtrie der orientalifchen Völker eingetragen hatte, zeitigten alsbald ihre Früchte. England ging mit der epochemachenden Gründung des South- Kenfington- Muſeums und einer mit felbem verbundenen KunstgewerbeSchule voran. Oefterreich folgte im Jahre 1864 als der erfte der Staaten des Feftlandes mit der Errichtung eines ähnlichen Muſeums nach, und adjungirte diefem einige Jahre fpäter gleichfalls eine Schule, welche alsbald folche überrafchende Erfolge erzielte und darum auch fo grofse, alle Erwartung überbietende Theilnahme fand, dafs ihr bereits feit mehr als Jahresfrift der in einem ausgedehnten neuen Gebäude reichlich zur Verfügung geftellte Raum zu enge und die Führung eines abermaligen Neubaues nachgerade unabweisbar geworden ift. Das gewerbliche Unterrichtswefen. 5 Seither ahmten auch andere continentale Länder diefe Schöpfungen mehr oder minder glücklich nach. In ganz Europa gerieth die Bewegung im Gebiete kunftgewerblicher Läuterung und Schulung in Flufs. Seit der letzten Parifer Ausftellung hat fie bedeutende Fortfchritte auf. zuweifen, und heute befchränkt fich die Wirkfamkeit derfelben keineswegs mehr auf einzelne Centren, auf grofse kunftgewerbliche Lehranftalten; vielmehr rufen die hervorragendften Culturftaaten nach und nach an allen wichtigen Punkten Zeichen und Modellirfchulen in Verbindung mit der Induftrie ins Leben und fuchen durch fachkundige, theils aprioriftifch, theils kunftgefchichtlich vorgehende Unterweifung ein richtiges, zweckbewufstes Formgefühl zu wecken, fowie durch die Aufftellung gutbewährter Abbilder- und Mufterfammlungen den Gefchmack auch des gemeinen Arbeiters zu lenken und zu verfeinern. So zeigte denn die Wiener Ausftellung auf mehr Gebieten und in ftärkerem Mafse als ihre Vorgängerinen eine Umkehr von der früheren naturaliftifchen und finnlofen Compofitions- und Ornamentationsweife zu gröfserer Vernunftmässigkeit, Strenge und Stilgerechtigkeit. Wenn auch unfere neuefte Culturpolitik, indem fie im wiffenfchaftlichen Geifte ihrer Zeit mittelft der fyftematiſch und hiftorifch unterweifenden Schule die Gefchmacksreform zu bewirken trachtet, einen in der Gefchichte der Kunftgewerbe bisher nicht dagewefenen Weg befchreitet und wenn auch in Folge deffen ftatt der bezaubernden Naivetät alter Meifterleiftungen des Kunft- Handwerkes eine gewiffe Reflectirtheit im kunftinduftriellen Schaffen der Gegenwart hervortritt, fo bezeichnet doch der jetzige Zuftand einen riefigen Fortfchritt gegen eine jüngft vergangene Periode und geftattet die zuverfichtliche Erwartung, dafs der einmal vom Wufte der Verwilderung gefäuberte und forgfam beftellte Boden in einer folgenden Epoche volle und reine Blüthen hervorbringen werde. So hat denn gegenwärtig der gewerbliche Unterricht nach zwei Richtungen die Aufgabe, Ergebniffe moderner Wiffenfchaft für die beruflichen Zwecke des Gewerbeftandes zu popularifiren: was die exacten Wiffenfchaften feit hundert Jahren an im Leben anwendbaren Errungenfchaften zu Tage gefördert haben, foll den Gewerbetreibenden in Schulen erfchloffen werden, welche die Refultate diefer mathematifch- naturwiffenfchaftlichen Forfchungen in praktiſcher, knapper Lehre darbieten; ebenfo wie auch die reichen Fundgruben culturhiftorifchen und ethnographifchen Wiffens, welche in unferer Zeit eine mannigfaltige Ausbeute künftlerifcher Geftaltungen geliefert und die Einficht in Entwicklung, Zweck, Zufammenhang und Sinn diefer Formen geklärt haben, für die Hebung der Induftrie nutzbar gemacht, und zur äfthetifchen Erziehung des Volkes verwerthet werden müffen. Auf folchem Wege allein kann in den occidentalen Ländern einerfeits die grofs. artig erweiterte Kenntnifs der Materie und ihrer Gefetze der gefammten Bevölkerung zum Segen werden und anderfeits die hochentwickelte Gefchichtswiffenfchaft als unerfchöpflicher Jungbrunnen die Phantafie des gewerbetreibenden Volkes veredeln und bereichern mit einer vielgeftaltigen Fülle wiedererweckter, dem fchönen Schaffen anderer Zeiten oder Nationen entnommener Formen. Das gewerbliche Unterrichtswefen einzelner Staaten. Nachdem der Gegenftand diefes Berichtes in feiner Bedeutung für das Culturleben der Gegenwart charakterifirt und dadurch in die richtige Sehlinie gerückt ift, wird im Folgenden wohl mit erhöhter Sicherheit ein Urtheil über die Stellung gefällt werden können, welche das gewerbliche Unterrichtswefen auf der Wiener Weltausftellung eingenommen hat. Wenn auch England, Frankreich, Belgien, Holland auf diefem Felde überhaupt nur fpärlich und durchaus nichts ausgeftellt hatten, was nicht fchon von früheren Expofitionen her bekannt gewefen wäre, fo bot dafür die Ausftellung 6 Armand Freiherr von Dumreicher. des weiten deutſchen Culturkreifes in eben demfelben Gebiete eine um fo reichere Fundgrube für Betrachtung und Studium. Mit einiger Vollständigkeit waren nämlich nur Oefterreich und Deutfchland vertreten. Eine eingehendere Behandlung der betreffenden Ausftellungen diefer beiden Reiche wird defshalb um fo nothwendiger beinahe den ganzen unferem Berichte zugemeffenen Raum ausfüllen, als das von der Redaction aufgeftellte Programm die letzte Parifer Weltausftellung zum Ausgangspunkte der kritifchen und gefchichtlichen Betrachtungen aller Detailberichte genommen wiffen will, und als die diefsmalige, fehr ungleichmäfsige, lückenhafte und ausfchliefslich Zeichnungen und Malereien enthaltende Ausftellung der anderen Staaten die Conftatirung von feit der 1867er Expofition etwa eingetretenen Veränderungen und allenfalls vollzogenen Fortfchritten im Gewerbe- Schulwefen zur Unmöglichkeit macht. Insbefondere im Hinblicke darauf, dafs die bedeutendften Induſtrieländer des Weftens, namentlich England und das die vorige Ausftellung veranſtaltende Frankreich, überhaupt feinerzeit in Paris in diefem Gebiete ftärker ausgeftellt hatten, fowie mit Rückficht auf die ausführliche Darstellung der Organiſation des gewerblichen Unterrichtswefens der romanifchen und angelfächfifchen Weftländer in dem öfterreichifchen officiellen Weltausftellungs- Berichte vom Jahre 1867, dürfen wir uns hier defto kürzer faffen, je gröfsere Aufmerkfamkeit wir der Expofition der deutfchen Staaten, deren gewerbliche Unterrichtsorganifation im öfterreichifchen Berichte über die Parifer Ausftellung nicht mit gleichmässiger Ausführlichkeit behandelt worden war, zuwenden müffen, und je mehr Raum der Befprechung des öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtswefens aufbehalten werden mufs, welches in den allerletzten Jahren befonders rafche und ausgedehnte Veränderungen erfahren hat. Es ergeben fich fomit für unfere Darſtellung drei Gruppen, deren erfte die deutfche, deren zweite die öfterreichifche und deren dritte die Gewerbefchul- Ausftellung aller übrigen Länder umfafst. Wenn wir die Schilderung des deutfchen gewerblichen Unterrichtswefens hier voranftellen, fo leitet uns hiebei hauptfächlich der Gedanke, dafs dasfelbe für die Beurtheilung der analogen Leiftungen Oefterreichs den natürlichen Mafsftab bildet und dafs es darum erwünfcht erfcheint, wenn die Darftellung öfterreichifcher Verhältniffe welcher Lefer und Verfaffer wohl das meifte Intereffe entgegenbringen, fich auf Vorausgegangenes beziehen kann. Die Deutfchland und Oefterreich gewidmeten Abfchnitte werden fich demgemäfs in je zwei Theile gliedern, deren erfter die Organiſation des gewerblichen Unterrichtes in diefen Reichen darzulegen und deren zweiter die zur Ausftellung gebrachten Objecte zu behandeln haben wird. Eine Darſtellung der Organiſation des gewerblichen Schulwefens darf nämlich nicht umgangen werden, wenn die Befprechung der von den verfchiedenartigen gewerblichen Unterrichts anftalten exponirten Gegenftände richtiges Verſtändnifs foll finden können. Im dritten Abfchnitte werden wir kaum mehr als einen rafchen Blick auf die Ausftellung der anderen Länder werfen und im Uebrigen auf die erfchöpfende Darftellung verweifen, welche im Referate über den Zeichen- und Kunftunterricht den wenigen Ausftellungsobjecten aus nichtdeutfchen Gewerbefchulen zu Theil geworden ift. Deutfches Reich. Die Organifation des gewerblichen Unterrichtes in den deutfchen Staaten. Nächft dem die Weltausftellung veranſtaltenden Staate hatte, wie fchon gefagt, das deutfche Reich allein ein ziemlich umfaffendes Bild von feinem gewerblichen Unterrichtswefen gegeben. Dafs es gerade Deutfchland war, das in Das gewerbliche Unterrichtswefen. 7 diefem Zweige reicher ausgeftellt hatte, als andere Staaten, erfchien um ío werthvoller für den Volkswirth und Schulmann Oefterreichs, als dasfelbe einerfeits feinen nationalen, gefellſchaftlichen und ökonomifchen Verhältniffen nach von fämmtlichen europäiſchen Induſtrieftaaten den weftöfterreichifchen Ländern am nächften fteht und fomit unter den ähnlichften Bedingungen im Gebiete gewerblichen Unterrichtes arbeitet wie diefe, und als anderfeits eine der wichtigften Arten gewerblicher Lehranstalten gerade in Deutſchland fich zuerft und am fruchtbarften ausgebildet hat und fodann von dort über Belgien nach Frankreich, England und neueftens nun auch nach Oefterreich verpflanzt worden ift. Die moderne, ganztägig und täglich unterrichtende Gewerbefchule, auch ,, mittlere" Gewerbefchule genannt, im Gegenfatze zur gewerblichen Hochfchule, oder„ höhere" Gewerbefchule zur Unterfcheidung von der gewerblichen Fortbildungsfchule- hat fich nämlich vor mehr als vierzig Jahren insbefondere im nördlichen Deutfchland zu entwickeln angefangen und unter dem belebenden Einfluffe und den gebieterifchen Anforderungen des praktifchen Gewerbelebens zu hauptfächlich nach bau- und mafchinengewerblicher Richtung fich fpaltenden Organismen ausgeftaltet, deren didaktifch- pädagogifche Traditio nen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt fich mehr feftigen und deren Einrichtungen fich in den verfchiedenften Theilen des Reiches allmälig gleichmäfsiger formen. In nicht mehr ferner Zeit dürfte die mittlere Gewerbefchule zu einem kaum minder feften pädagogifchen Begriffe geworden fein, wie die von älteren Ueberlieferungen getragenen Gattungen von Lehranstalten der deutfchen Culturftaaten. Die ältefte Baugewerbe- Schule des ganzen deutfchen Culturgebietes ift die im Jahre 1823 errichtete Münchener; und die erfte norddeutſche BaugewerkSchule wurde vom Kreis- Baumeifter Haarmann zu Holzminden im Herzogthume Braunfchweig vor mehr als vier Decennien gegründet. Allmälig entstanden ähnliche, dem Bedürfniffe der ftrebfameren Arbeiter dienende Anftalten, theils von Privatunternehmern, theils von Gemeinden ins Leben gerufen, erhalten oder unterſtützt, in den meiften Mittel- und Kleinftaaten Deutſchlands, zumal auch mehrere Staatsregierungen ihr Intereffe den neuen Schöpfungen fchenkten und mehrfach, wie namentlich in dem fonft fo fparfamen, in Unterrichtsangelegenheiten aber ftets freigebigen Sachfen, fehr bedeutende Mittel zu folchen Zwecken verwendeten. Den baugewerblichen traten, der induftriellen Entwicklung Deutfchlands gemäfs, mit der Zeit maſchinengewerbliche Schulen zur Seite oder wurden als ergänzende Abtheilung den fchon beftehenden Baugewerk Schulen angefügt. Bis heute hat fich eine Gliederung herausgebildet, derzufolge eine folche Anftalt in der Regel aus einem den beiden oder den mehreren, etwa noch chemifchen Abtheilungen gemeinfamen Vorbereitungscurfe und aus hieran fich anfchliefsenden, getrennten Fachcurfen befteht. Preufsen. In Preufsen fanden diefe Anftalten, welche die Arbeiterclaffe für bestimmte, fcharf begrenzte Gruppen verwandter Gewerbe auszubilden ftreben, minderen Anklang und der Staat wendete feine Pflege faft ausfchliefslich Gewerbefchulen von mehr allgemeinem Charakter zu, welche in mancher Hinficht den früheren öfterreichifchen Realfchulen nicht unähnlich waren und welchen lange Zeit als vorwiegende Aufgabe zufiel, dem königlichen Gewerbe- Inftitute zu Berlin technifch vorgebildete Schüler zuzuführen. Vom Jahre 1817, wo zu Aachen die erfte derartige Anftalt gegründet wurde, bis zum Jahre 1869, in welchem eine folche zu Oppeln ins Leben trat, wurden 27 folche Schulen in Preufsen errichtet; gegenwärtig beträgt deren Zahl 30. Nach dem Organifationsplane vom 5. Juni 1850 follten an diefen ProvincialGewerbefchulen vorzugsweife Mathematik, Naturwiffenfchaften und die verfchiedenen Richtungen des Zeichnens in zwei Jahrgängen Pflege finden. Als Bedingung der Aufnahme wurde eine Vorbildung gefordert, welche der an einem Gymnafium bis zur Quarta inclufive oder an einer höheren Bürger- oder Stadtfchule erreichbaren entſpricht. 8 Armand Freiherr von Dumreicher. Der Reorganifationsplan vom 21. März 1870 dehnte fodann den Gefammtcurs der Gewerbefchulen auf drei Jahrgänge aus, fügte den Unterricht in neueren Sprachen in den Lehrplan ein, und verfchärfte die Aufnahmsbedingungen auf das bedeutendfte, fo dafs die Candidaten nunmehr die Reife für Secunda eines Gymnafiums oder einer Realfchule erfter Ordnung( in Oefterreich 7. Claffe) nachzuweifen haben. Aus dem früheren Lehrplane gingen in den neuen folgende Unterrichtsgegenftände, theilweife mit wefentlicher Hinausrückung des Lehrzieles, über: Mathematik, Phyfik, Chemie, Mineralogie, Mechanik, Mafchinenlehre, mechaniſche und chemifche Technologie, Freihand- und Linearzeichnen, Bau- und Mafchinenzeichnen, Bau- Conftructionslehre und Modelliren; neu hinzu kamen: deutfche, franzöfifche und englifche Sprache, Gefchichte, Geographie und Comptoirwiffenfchaft. Die beiden unteren Claffen umfaffen vorwiegend den theoretischen Unterricht, während die dritte als Fachclaffe für die Anwendung des Erlernten auf das Gewerbe beftimmt ift. Diefe Fachclaffe befteht aus vier Abtheilungen: 1. für diejenigen Schüler, welche höhere technifche Lehranstalten: als ein Polytechnicum oder die Berliner Gewerbe- Akademie befuchen wollen( allgemein wiffenfchaftliche Abtheilung); 2. für bau- technifche; 3. für mechanifch- technifche; 4. für chemifchtechnifche Gewerbe. Wie ernft die geiftige Hebung des Gewerbeftandes von Seite des preufsifchen Staates gemeint ift, erhellt aus dem Circular des Minifters an die könig. lichen Provinzialregierungen vom 21. März 1870, in welchem zur Motivirung des Reorganifationsplanes gefagt wird:„ Der angehende Gewerbetreibende mufs im Stande fein, die Fortfchritte anderer Nationen auf dem Gebiete der Technik und Induftrie zu prüfen und in feinem, fowie im allgemeinen Intereffe zu verwerthen; zu diefem Zwecke mufs er fich die franzöfifche und englifche Sprache mindeſtens fo weit angeeignet haben, als zum richtigen Verftändniffe der darin abgefafsten technifchen Werke erforderlich ift. Die phyfifchen Verhältniffe der Erdoberfläche, ihre Beziehungen zur Waffer-, Pflanzen- und Thierwelt dürfen ihm nicht unbekannt fein. Er bedarf endlich eines Einblickes in die Entwicklungsgefchichte der Völker und Staaten, in ihre Verkehrsverhältniffe und ihre Handelsbeziehungen zu einander." Es ift einleuchtend, dafs diefe Schulen nicht den Arbeitern, fondern nur den Söhnen bemittelterer gewerblicher Unternehmer zugänglich find und fich darin wefentlich von jenen früher erwähnten Baugewerk- und Mafchinen- Gewerbefchulen unterfcheiden. Der Organifationsplan vom Jahre 1870 fpricht übrigens aus, dafs es der Gemeinde überlaffen bleibt, im Falle des Bedürfniffes Vorbereitungsclaffen für die Gewerbefchule einzurichten. Diefe Vorbereitungs claffen follen ein in fich abgegrenztes Penfum haben und unter der Leitung des Directors der Gewerbe. fchule ftehen." Wo folche Vorbereitungs- oder„ niedere" Gewerbefchulen von den Communen ins Leben gerufen wurden find diefelben dreiclaffig, ftreben faft einzig die Vermittlung allgemeiner Bildung an und fordern zur Aufnahme den Nachweis der Reife für Obertertia( welche der fünften öfterreichifchen Gymnafialclaffe gleichkommt). Somit fällt auch diefen Communal- Gewerbefchulen nicht die Aufgabe zu, den eigentlichen Arbeiter, der ja nur die Bildung der Volksfchule fein eigen nennt, zum felbftftändigeren gewerblichen Fachmann emporzuheben. Baugewerk- Schulen in dem letzteren Sinne finden fich übrigens auch auf preufsifchem Boden, fo die ftädtifchen Anftalten zu Eckernförde in SchleswigHolftein, zu Nienburg und Hildesheim in Hannover, zu Idftein in Naffau, zu Höxter und Siegen in Weftphalen. Von gewerblichen Lehranstalten, welche der Verwaltung des preufsifchen Minifteriums für geiftliche, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten unter ſtehen, wären aufserdem hier noch zu erwähnen: die Kunft- und Gewerkfchulen Das gewerbliche Unterrichtswefen. 9 in Berlin und Danzig, die Kunft-, Bau- und Handwerks- Schulen zu Breslau und Erfurt und die Kunft- und Baugewerk- Schule in Magdeburg. Die Ausbildung der Arbeiter fucht Preufsen durch fogenannte HandwerkerSchulen( Fortbildungsfchulen mit Abend- und Sonntagsunterricht), welche mit den Gewerbefchulen in lofer Verbindung ftehen, zu fördern; aufserdem beſtehen noch etwa 700 Sonntagsfchulen. Doch vermitteln diefe Curfe, indem fie faft ausfchliefslich einen elementaren Wiederholungsunterricht ertheilen, keine fachliche, den gewerblichen Bedürfniffen der Lehrlinge entgegenkommende Bildung und können daher dem Arbeiter keineswegs, wie z. B. die Wintercurfe der Baugewerk- Schulen, die Möglichkeit bieten, fich durch geiftige Anftrengung, Sparfamkeit und Fleifs in eine höhere fociale Schichte aufzufchwingen. Der eigentliche gewerbliche Fachunterricht ift in Preufsen, von einigen Webefchulen abgefehen, noch wenig entwickelt. Unter den Webefchulen behauptet, feit die im Jahre 1845 gegründete ältefte zu Elberfeld im Jahre 1868 wieder eingegangen ift, die Mühlheimer den erften Rang, welche Werkmeifter, Fabrikanten, fowie Einkäufer und Verkäufer des Manufacturfaches bildet und in vier Curfe gegliedert ift. Der erfte ift dem allgemeinen Unterrichte im Vorbereiten der Materialien zum Weben, der zweite der Kamm- oder Trittweberei, der dritte der Jacquardweberei, der vierte der Vermittlung der Kenntnifs der Rohftoffe, der Appretur der gewebten und der Calculation der zu fabricirenden Stoffe gewidmet. Eine Schule für Mufterzeichnen ift mit der Webefchule in Verbindung gebracht. Die Dauer des Curfes beträgt ein Jahr. Das hohe Unterrichtsgeld ( 90 Thaler) befchränkt den Kreis der Schüler fo ziemlich auf die wohlhabenderen Claffen. Zu Crefeld in der Rheinprovinz, zu Grüneberg in Schlefien und zu Einböck in Hannover beftehen ähnliche Anftalten. Sachfen. Vorwiegender als bisher in Preufsen hat das in Sachfen herrfchende gewerbliche Unterrichtsfyftem die Bedürfniffe des Arbeiterftandes im Auge. So knüpfen die feit 1837 errichteten, in drei Wintercurfe gegliederten Baugewerk- Schulen zu Chemnitz, Leipzig, Plauen, Zittau und Dresden direct an die Volksfchule an und verlangen von ihren Zöglingen nur noch den Nachweis einer vorausgegangenen praktifchen Verwendung im Steinmetz-, Polier-, Stuccateur- oder Zimmergewerbe. Den Zwecken der anderen grofsen Induftrien dient in vorzüglicher Weife die Werkmeifter- Schule in Chemnitz, welche fowohl für mafchinen- technifche als auch für chemifche Gewerbe eigene Abtheilungen enthält und gleichfalls bei ihren Schülern nur elementare Bildung vorausfetzt. Drei halbjährige Claffen formiren einen Lehrcurs, fo dafs in anderthalb Jahren die Zöglinge als fachlich vollkommen gebildete Werkmeifter des Mafchinen-, Webe, Spinner-, Brunnen- und Mühlenbauer- etc. oder des Färber, Bleicher-, Brauer-, Brenner etc. Gewerbes von der Anftalt abgehen. Aufserdem befteht in Chemnitz eine Gewerbe- Zeichenfchule, an welcher von Lehrkräften der Werkmeifter- Schule in den Abendftunden der Wochentage im geometrifchen und Freihand- Zeichnen fowohl Lehrlingen als auch felbftftändigen Gewerbsleuten Unterricht ertheilt wird. Ausfchliefslicher als an diefer tritt an der in der Regel eine fünfjährige Unterrichtszeit umfaffenden königlichen Schule für Modelliren und Mufterzeichnen in Dresden die kunft gewerbliche Richtung hervor, welche fowohl Modelleure für die auf plaftifche Geftaltung und Ausfchmückung als auch Mufterzeichner für die auf flache Decoration angewiefenen Gewerbe erzieht. Minder entwickelt zeigt fich bis jetzt das gewerbliche Fortbildungs- Schulwefen Sachfens. Im Verhältniffe zu dem hohen Stande der Induftrie diefes Landes fcheinen zwanzig folcher Schulen eine allzu niedrige Anzahl. Im Gegenfatze zu den gleichartigen Anftalten Preufsens findet an den fächfifchen Fortbildungsfchulen das fachliche Moment ftarke Betonung, indem der gewerbliche Zeichengenaue Rückficht auf die local vorwaltenden Gewerbszweige nimmt und unterricht 10 Armand Freiherr von Dumreicher. auch fonft getrachtet wird, die Fertigkeit des Arbeiters in der Ausübung beftimmter Induftrien praktifch zu fördern. Aufserdem befitzt Sachfen mehr als 90 Sonntagsfchulen mit Elementarunterricht und eine Reihe gewerblicher Fachſchulen. Unter den letzteren nehmen die niederen Webefchulen zu Chemnitz, Glauchau, Frankenberg, Oederan, Werdau, Hainichen und Mittweida einen hervorragenden Platz als eigentliche Arbeiterfchulen ein. Ebenfo wie diefe dienen die Pofamentirfchulen in Buchholz und Annaberg dem praktiſchen gewerblichen Unterrichte. Endlich mögen hier auch die feit 1817 allmälig ins Leben gerufenen dreiunddreifsig Klöppel- und Stickfchulen für Mädchen im fächfifchen Erzgebirge und die Zeichen- und Malfchulen für HolzSpielwaaren Induftrie zu Seiffen und Grünhainichen Erwähnung finden. Die hier mitgetheilten Daten müffen dem Beobachter wohl die Ueberzeugung aufdrängen, dafs in Sachfen im Gebiete gewerblicher Unterrichtsverwaltung die focialpolitifche Strömung, welche hauptfächlich die Hebung der niederen Stände anftrebt, die vorherrfchende ift. Doch wird das Intereffe der höheren Gewerbetreibenden, auch abgefehen vom wiffenfchaftlich- polytechnifchen Unterrichte, defswegen keineswegs vernachläffigt. Die höhere Webefchule zu Chemnitz wie die Webefchule zu Grofs- Schönau und die höhere Wirkereifchule zu Limbach wollen Fabrikanten, Meiftern und Manufacturiften eine gründliche fachliche Ausbildung geben und haben in der That die Concurrenzfähigkeit der fächfifchen Induftrie, die namentlich im Gebiete der Wirkwaaren- Erzeugung durch Belgien bedroht war, fichtlich gekräftigt. Andere Staaten Nord Deutfchlands. Von Gewerbefchulen im nördlichen Deutfchland wären noch zu nennen: zwei Baugewerbe- Schulen in dem übrigens auch vierzehn Fortbildungsfchulen befitzenden Herzogthum SachfenCoburg- Gotha, eine im Grofsherzogthum Mecklenburg( zu Schwerin) und eine in Bremen; ferner eine 1841 zu Lübeck errichtete Gewerbefchule, welche vorwiegend den Charakter einer Fortbildungsfchule trägt. Durch vielfeitige und rationelle Pflege der Bildung des Gewerbeftandes zeichnet fich aber vor fämmtlichen norddeutfchen Staaten die freie Stadt Hamburg aus, deren Ober- Schulbehörde in der allgemeinen Gewerbefchule und der Schule für Bau- Handwerker eine wahre Mufteranſtalt gefchaffen hat. Beide Schulen haben einen gemeinfamen Lehrkörper, die Aufnahmsbedingungen gehen über den Nachweis der nothdürftigften Elementarbildung nicht hinaus. Die allgemeine Gewerbefchule ertheilt Abend- und Sonntagsunterricht; aufserdem wird aber Gewerbetreibenden, welche mehr Zeit auf ihre Ausbildung im Zeichnen verwenden können, während der Tagesftunden Unterricht in den verfchiedenen Zweigen desfelben gegeben, und zwar zunächft im Freihand- und Zirkelzeichnen, in der darftellenden Geometrie und im Fachzeichnen für das Bau- und Möbelfach und für die Kunstgewerbe. Die Schule für Bau- Handwerker gibt täglichen und ganztägigen Unterricht. Sehr beachtenswerth find ferner die Beftrebungen des Vereines zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit in Hamburg, deffen Gewerbefchule für Mädchen, wiewohl fie erft feit dem Jahre 1867 befteht, gediegene Leiftungen aufzuweifen hat. Diefe Hamburger Schulen find mit Lehrkräften in fo reichem Ausmafse verfehen, wie kaum ähnliche Anftalten fonft irgendwo, und die rationelle Art, in welcher der Unterricht an denfelben ertheilt wird, macht fie zu einem der würdigften Objecte des Studiums für den Schulmann. Heffen Darmstadt. Eine kräftige Entwicklung hat das gewerbliche Forbildungs- Schulwefen im Grofsherzogthum Heffen feit geraumer Zeit genommen; Ende der dreifsiger Jahre begannen die Beftrebungen des heffifchen LandesGewerbevereines nach folcher Richtung. Heute zählt das Ländchen bereits 46 folcher Inftitute mit 3000 Schülern. Das hauptfächlichfte Gewicht wird auf den Das gewerbliche Unterrichtswefen. 11 Zeichenunterricht gelegt, welcher die fachlichen Bedürfniffe der jungen Gewerbetreibenden nach Möglichkeit berücksichtigt; dem Zeichnen zunächft finden Arithmetik, Geometrie, Stilübungen aufmerkfame Pflege. 151 Aufser diefen Handwerker- Schulen find als Lehranstalten mit täglichem, ganztägigem Unterrichte die 1850 errichtete Winter- Baufchule in Darmftadt, die Kunstgewerbe- Schule in Mainz und die Kunftinduftrie Schule in Offenbach hervorzuheben, fo dafs fich denn das gewerbliche Schulfyftem Heffens, fowohl was Fortbildungs- als auch was gewerbliche Mittelfchulen betrifft, als ein gut ausgeftaltetes zeigt. Baiern. Das gewerbliche Unterrichtswefen in den drei füddeutfchen Staaten weift einen wenig einheitlichen Charakter auf, indem in Württemberg und Baden feit Längerem auf die Fortbildungsfchulen ebenfo fehr das Hauptgewicht gelegt wird, als diefelben bis vor wenigen Jahren in Baiern vernachläffigt wurden. Doch hat das letztere Königreich in jüngfter Zeit hierin bedeutende Fortfchritte gemacht, und ift dasfelbe heute, die mit Gewerbefchulen verbundenen Curfe abgerechnet, bereits im Befitze von etwa 130 gewerblichen Fortbildungsfchulen, welche in je eine Elementar- und mehrere Fachabtheilungen gegliedert find. Während der erften Abtheilung die Aufgabe zufällt, neben Ertheilung eines Wiederholungsunterrichtes in den Gegenftänden der Volksfchule die Anfangsgründe des Zeichnens zu lehren, umfafst der Unterricht der Fachcurfe Conftructions-, Architektur- und kunftgewerbliches Zeichnen, ornamentales oder figürliches Modelliren in Thon, Gyps oder Wachs, Arithmetik, Chemie, Phyfik, Buchführung und gewerbliche Materialienkunde, und geftaltet fich entſprechend den fpeciellen Bedürfniffen der einzelnen Gewerbe. Mittlere Gewerbefchulen, welche nur Volksfchul- Bildung vorausfetzen, wurden in Baiern fucceffive in bedeutender Zahl feit 1833 errichtet; gegenwärtig beftehen deren 33; die 8 bedeutendften unter diefen führen den Namen königlicher Kreis- Gewerbefchulen. Diefelben umfaffen gewerbliche, commercielle und landwirthschaftliche Abtheilungen und tragen fomit einen gemifchten Charakter an fich, der manche Bedenken wachrufen mufs. Die wichtigften Lehrgegenftände find: deutfche, franzöfifche und englifche Sprache, Gefchichte und Geographie, Arithmetik, Phyfik, Chemie, Handelskunde, Freihand- und Linearzeichnen und Modelliren. Der Unterricht vertheilt fich auf drei Jahrescurfe, und bezüglich der Durchführung desfelben ftrebt das Lehrprogramm vom 2. October 1870 einen möglichft gemeinfamen Unterricht der verfchiedenen Abtheilungen an, fo dafs im erften Jahre noch gar keine Spaltung eintritt, und auch im zweiten Curfe in der gewerblichen und landwirthfchaftlichen Abtheilung ein und diefelben Fächer gelehrt werden und erft im zweiten Curfe der Handels- und im dritten Curfe der anderen Abtheilungen fich die fpeciellen Fach- Lehrgegenftände fondern. Im Range am nächften ftehen diefen Anftalten die Baugewerk- Schulen in München und Nürnberg, welche in zwei Wintercurfen in deutfcher Sprache, Arithmetik, Geometrie, Linear, Conftructions- und Ornamentenzeichnen, Phyfik, Modelliren, Bau- Conftructionslehre, Mechanik und Buchführung Unterricht ertheilen, an die Volksfchule anfchliefsen und von den eintretenden Schülern den Nachweis einer mindeſtens zweijährigen Befchäftigung in einem Bau- Handwerke fordern. Eine ähnliche Stellung, wie fie in Sachfen die Chemnitzer Werkmeifter Schule einnimmt, kömmt in Baiern den beiden königlichen Induftriefchulen in München und Nürnberg zu, welche in eine mechanifch- techniſche, eine chemiſchtechniſche und eine bau- techniſche Abtheilung fich verzweigen, ihre Aufgabe in je zwei ganzjährigen Curfen löfen, und neben dem beruflichen Wiffen im engeren Sinne auch die Kenntnifs moderner Sprachen vermitteln. Allen drei Abtheilungen ift der Unterricht in den grundlegenden Wiffenfchaften, Arithmetik, Geometrie, Chemie, Mineralogie gemeinfam. Diefe Schulen verfolgen wie die königlichen Gewerbefchulen in Preufsen den zweifachen Zweck, fowohl Gewerbetreibenden 12 Armand Freiherr von Dumreicher. - eine in fich abgefchloffene Bildung für den praktifchen Beruf zu geben, als auch für das Studium an einem Polytechnicum vorzubereiten eine Verquickung zweier Ziele, welche manche Nachtheile mit fich bringen mag, aber auch nicht ohne gute Seiten in focialer Beziehung fein dürfte. Die verhältnifsmäfsig liebevollfte Pflege finden in Baiern die Kunstgewerbe. Die königlichen Kunstgewerbe- Schulen in München und Nürnberg nehmen einen fehr bedeutenden Rang unter den ähnlichen Anftalten Deutfchlands ein; ja die letztgenannte Schule hat innerhalb der deutfchen Reichsgrenze überhaupt kaum eine ebenbürtige Rivalin.. An der Münchener Kunftgewerbe- Schule wird fowohl im Ornamentenzeichnen nach plaftifchen Vorbildern als auch im Zeichnen, Coloriren und Entwerfen von Flachornamenten für die in der Textilinduftrie nothwendige Decoration, für Tapeten etc Unterricht ertheilt; ferner im Modelliren in Thon und Wachs, im Schnitzen, Treiben, Cifeliren und Emailliren. Eine erhöhte allgemeine künftlerifche Bildung der Gewerbetreibenden fucht die Schule durch Unterricht im architektonifchen Zeichnen wie durch Vorträge über Kunftgefchichte und Stillehre zu erzielen. Unter den Aufnahmsbedingungen findet fich neben der Forderung genügender Vorkenntniffe im elementaren Freihand- und Linearzeichnen auch der Nachweis über zurückgelegte Lehrjahre eines Kunftgewerbes vorgefchrieben. Ziele von bedeutendfter Höhe ftellt fich die unter v. Krelings Leitung blühende königliche Kunftgewerbe- Schule in Nürnberg. Der Zeichenunterricht an diefer Anftalt umfafst Ornamentzeichnen, Zeichnen nach dem lebenden Modelie, Ausführung von Cartons für Gemälde u. f. w. Gemalt wird nach plaftifchen Gegenftänden wie nach dem lebenden Modelle und die Ausführung eigener Compofitionen bildet den Höhepunkt der künftlerifchen Leiftungen diefer Gruppe. In der Abtheilung für Sculptur reicht der Unterricht gleichfalls bis zum Modelliren nach dem lebenden Modelle und nach eigener Compofition, und wird aufserdem die Technik der Holzfchnitzerei, des Gravirens und Cifelirens und des Erzgiefsens gelehrt. Die Architekturabtheilung endlich leitet ihre Schüler zu ftilgerechter Löfung kunftgewerblicher Aufgaben an und bewegt fich hiebei faft ausschliesslich in den Formen der Renaiffance und Gothik. Wenn wir von allen gleichartigen Lehranstalten Deutfchlands nur der Nürn berger eine eigenthümliche und ziemlich felbftftändige ftiliftifche Richtung zuerkennen dürfen, fo mag fich folche Thatfache aus alten und glänzenden reichsftädtifchen Traditionen erklären, welche für die künftlerifchen Strebungen der Gegenwart einen unerfchöpflichen Boden abgeben. Ein rühriges gewerbliches und künftlerifches Leben der Umgebung kömmt der Nürnberger Schule mannigfach zu Statten, und aus dem Beftande der neuangelegten Gallerie auf dem Rathhaufe, wie des germanifchen Muſeums, der Merkel'fchen Sammlung und vor Allem des vor wenigen Jahren gegründeten baieri fchen Gewerbemuſeums erwächft dem kunftgewerblichen Unterrichte reichliche Anregung und Unterstützung. Württemberg. Gröfsere Aufmerkſamkeit als irgend welcher andere Staat wendet Württemberg feit einigen Decennien dem gewerblichen Unterrichtswefen zu. Die königliche Baugewerk- Schule in Stuttgart, eine reich dotirte, von etwa 700 Schülern befuchte Anftalt, ertheilt im Winterhalbjahre einen nur die Bildung der Volksfchule und einige praktiſche Verwendung in einem Baugewerbe vorausfetzenden fyftematifchen Unterricht in den bau- und mafchinen- technifchen Fächern. Die Lehrgegenftände der einzelnen Fachabtheilungen find in der Regel auf fünf halbjährige Curfe vertheilt. Aufser den Mafchinenbauern und Bau Handwerkern fteht die Schule auch den Arbeitern anderer mehr oder minder verwandter Gewerbe offen: als Schieferdeckern, Schloffern, Glafern, Schreinern und Drechs lern, Stuccateuren, Graveuren, Gold- und Silberarbeitern u. f. w. Der von der Das gewerbliche Unterrichtswefen. 13 Anftalt geftiftete volkswirthschaftliche und gefellfchaftliche Nutzen rechtfertigt den grofsen Jahresaufwand von ungefähr 36.000 Gulden füddeutfcher Währung. Von den übrigen württembergifchen Fachſchulen verdienen aufser der Frauen- Induftriefchule zu Reutlingen abgefonderte Erwähnung nur die vier Webe fchulen zu Reutlingen, Heidenheim, Sindelfingen und Leuchtingen, da die Fort bildungsfchulen in Württemberg theilweife fachlichen Charakter befitzen und fo eine gröfsere Anzahl felbftftändiger Fachſchulen als entbehrlich erfcheinen laffen. Grofsartig entwickelte Fortbildungsfchulen bilden die eigentlichfte Specialität des württembergifchen Unterrichtswefens. Hinfichtlich ihrer inneren Einrich tung theilen fie fich in nachfolgende Gruppen: Stadtfchulen, in welchen Sonntags- und Abendunterricht in gewerblichen und commerciellen Fächern ertheilt wird, und bei welchen offene Zeichen. fäle beftehen. Solche gibt es in Stuttgart, Ulm, Heilbronn, Reutlingen und Ravensburg. Numerifch kömmt unter diefen Stuttgart der erfte Rang zu, da dort neben der vereinigten Sonntags- und Abendfchule und einer kaufmännifchen Fortbildungsfchule auch eine weibliche Fortbildungsfchule befteht. Stadtfchulen, in welchen blofs gewerblicher Sonntags- und Abendunterricht ertheilt wird, und in welchen offene Zeichenfäle beftehen. Deren gibt es 15. Unter diefen weifen den relativ ftärksten Befuch die Schulen zu Ehingen und Geislingen auf. Schulen, welche gewerblichen Sonntags- und Abendunterricht ertheilen und welche keine offenen Zeichenfäle befitzen, deren beftehen 92 in 71 Städten und 21 Dörfern. Gewerbliche Abendfchulen ohne Sonntagsunterricht gibt es in 4 Städten und 6 Dörfern, und Zeichenfchulen ohne anderen Fortbildungsunterricht in 13 Städten und 20 Dörfern. Wenn wir uns hier über diefen bemerkenswerthen Unterrichtsorganismus nicht weiter verbreiten, fo gefchieht diefs mit Rücksicht auf die intereffante Publication, welche die königliche Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen in Württemberg aus Anlafs der Wiener Weltausftellung herausgegeben hat. In diefem 57 Seiten ftarken, lehrreiche hiftorifche und ftatiftifche Daten enthaltenden Werkchen wird der Schulmann die Mittheilungen fo mancher werthvoller Erfahrungen niedergelegt finden, und es enthebt uns diefe Veröffentlichung nebenbei bemerkt die einzige ihrer Art von allen an der Ausftellung theilnehmenden Staaten Deutſchlands einer ausführlicheren Darftellung, welche ja ohnediefs kaum mehr als eine Abfchrift der genannten Publication zu fein vermöchte. Auf die zur Ausftellung gebrachten Leiftungen der württemberg'fchen Schulen kommen wir fpäter zurück. -- Baden. In dem kleinen„ Mufterftaate" Baden find gewerbliche Fortbildungsfchulen feit einer Regierungsverordnung vom Jahre 1834 allmälig ins Leben getreten. Gegenwärtig 43 an der Zahl, theilen fie fich in der Regel in zwei Claffen und lehren Arithmetik, Geometrie, Zeichnen, induftrielle Wirthfchaftslehre, deutfchen Auffatz, fowie nach Bedürfnifs Naturkunde, Mechanik und Model liren. Ein leifer Anflug fachlicher Tendenz tritt an einigen diefer Schulen hervor Seit 1870 find in Carlsruhe Fachcurfe zum Zwecke der Ausbildung von Lehrerinen für weibliche Handarbeiten errichtet worden. Wenn auch den Gewerbefchulen im badifchen Unterrichtswefen eine geringere Rolle zukommt als im württem bergifchen, fo erfcheinen diefelben doch im Verhältniffe zum Umfange des Landes bedeutend genug entwickelt und geniefsen ihre Leiftungen in den fachmännischen Kreifen Deutfchlands auch eines durchaus günftigen Rufes. Hiemit find wir am Schluffe unferer Darftellung angelangt, da wir, um nicht allzu weitfchweifig zu werden, die kleinften Staaten um fo mehr übergehen zu dürfen glauben, als in ihnen felbftftändige Entwicklungen des gewerblichen Schulwefens nicht hervorgetreten find und wohl auch nicht hervortreten konnten, 14 Armand Freiherr von Dumreicher. und als die wenigen, bisher nicht erwähnten Länder Deutfchlands fich an der gewerblichen Unterrichtsausftellung nicht betheiligt haben. Trotz des verfchiedenen Grades, bis zu welchem in dem einen und dem anderen deutfchen Staate bis heute das gewerbliche Unterrichtswefen emporgediehen ift, mufs doch zweifellos zugeftanden werden, dafs wie auf fo vielen pädagogifchen Gebieten, auch auf diefem Deutſchland fich gegenwärtig den meiften Culturftaaten überlegen zeigt. Speciell Oefterreich wird nur mit grofsen Opfern an Geld und durch angefpanntefte geiftige Kraft ein durch Jahrzehnte Verfäumtes nachholen können. Die Vertretung des gewerblichen Unterrichtes der deutfchen Staaten auf der Wiener Weltausftellung. Königreich Preufsen. Entfprechend dem Stande feines gewerblichen Unterrichtswefens hatte Preufsen feinen gewerblichen Mittelfchulen in der Ausftellung eine vorwiegende Vertretung zugewiefen. Schon was wir von den räumlichen Bedingungen, unter welchen diefe Schulen ihre Wirkfamkeit entfalten, zu fehen bekamen, erweckte bedeutende Vorftellungen von der Vorforge der Regierung für diefe Anftalten. Die königlich preufṣifche Handelsverwaltung hatte Pläne von den ProvinzialGewerbefchulen in Kaffel, Gleiwitz und Brieg, fowie von der Webefchule in Mühlheim am Rhein ausgeftellt, nach welchen fich die Localitäten diefer Anftalten nicht nur als fehr weitläufige und ftattliche, fondern auch als zweckmäfsig eingetheilte und eingerichtete Gebäude darftellten. Die Ausftattung diefer Schulen mit Lehrmitteln inländifcher Erzeugung erwies fich in Preufsen als eine leicht durchführbare, wie man fich durch Betrachtung einer Reihe von Expofitionen von preufsifchen Buchhändlern und von Fabrikanten wiffenfchaftlicher Apparate und Modelle überzeugen konnte. Eine der älteften Unternehmungen ift die 1761 von Carogatti in Königsberg gegründete Fabrik phyfikalifcher und mechanifcher Inftrumente und Apparate. Der gegenwärtige Befitzer, Otto Moewig, hatte eine Serie hübfch ausgeftatteter Lehrmittel ausgeftellt, als: Modelle von Dampfmafchinen der verfchiedenften Syfteme mit liegenden und ftehenden Keffeln, von Locomotiven und Locomobilen, von Baggerwerken, Wafferhebwerken, Druckpumpen, Paternofter- Werken, Wafferfchnecken u. f. w.; ferner Modelle von Vertical- und Kreisfägen, Mühlen, Dampframmen, Dampffchiffen etc. Diefer Expofition reihte fich die Ausftellung der 1823 errichteten Fabrik von J. C. Schlöffer in Königsberg würdig an, welche Modelle verfchiedenfter Arten von Dampfmafchinen, Locomotiven, Locomobilen, dann eines Dampfhammers, einer Verticalfäge, einer Saugpumpe, einer Kreisfäge, einer Stampfmühle, eines Paternofter- Werkes, einer Dampframme, einer Hochdruckmafchine u. f. w. umfafste. Die 1845 gegründete Fabrik des Mechanikers J. G. Lochmann in Zeitz hatte aufser Luftpumpen und hydraulifchen Preffen heizbare Modelle einer Locomotive, einer Dampfmafchine und eines Dampffchiffes ausgeftellt. So fehr die Sauberkeit der Arbeiten der drei genannten Firmen anerkannt werden mochte, müffen wir doch geftehen, dafs der didaktifche Werth gerade der niedlichften Expofitionsobjecte folcher Art als ein fehr zweifelhafter erfcheint. Denn an complicirten Mafchinen lernt der Schüler nur dann, wenn er fie in voller Gröfse praktiſch arbeiten fieht, und für den Gebrauch, der Schule genügen gut gearbeitete Mafchinen- Elemente. Die Firma Adolf Paris zu Wilfter in Holftein hatte eine Sammlung von Apparaten für den Anfchauungsunterricht in den Naturwiffenfchaften, darunter fpeciell 34 Apparate für die Elementarmechanik der feften, flüffigen und luftförmigen Körper ausgeftellt. Die Erzeugung folcher Lehrmittel bildet eine Specialität der erwähnten, feit Kurzem beftehenden Fabrik und waren die Das gewerbliche Unterrichtswefen. 15 exponirten Gegenftände durchaus für die Zwecke des Unterrichtes wohl berechnet. Ferner hatte Dr. Th. Schuchardt's Fabrik in Görlitz eine Sammlung chemifch- technifcher Producte, Repräfentanten fämmtlicher Elemente, Gebrauche von Gewerbefchulen zur Expofition gebracht. zum Von preufsifchen Buchhändlern, welche Lehrmittel für den gewerblichen Unterricht ausgeftellt hatten, wären Wilhelm Roth in Wiesbaden und Cohen und Rifch in Hannover insbefondere zu erwähnen. Der Verlag der letzteren Firma war unter Anderem durch zwei Lieferungen Flächenverzierungen des Mittelalters" von dem um die deutfche kunftgewerbliche Bildung fo verdienten Herdtle und durch vier Hefte der bekannten Publication, Kunft und Gewerbe" vertreten. " An Lehrmitteln baugewerblicher Richtung hatte die königliche höhere Gewerbefchule zu Kaffel treffliche Modelle für den Unterricht in den Bauwiffen fchaften und in der Stereometrie, unter Anderem das Dach der Kirche zu Meldorf in Holftein, einzelne Holzverbindungen etc. exponirt. Mit den Tendenzen künftlerifcher Erziehung in Preufsen machte uns die königliche Unterrichtsverwaltung durch eine Auswahl aus den Unterrichtsvorlagen der Kunftſchulen in Berlin, Breslau und Erfurt bekannt. Von denfelben Lehranftalten kamen auch Sammlungen von Zeichnungen der Schüler aus je einer Claffe zur Ausftellung. Sonft waren Schülerarbeiten von preufsifchen Gewerbefchulen auffallend fchwach und fchlecht vertreten. Die königliche Provinzial- Gewerbefchule in Saarbrücken natte eine Anzahl fleifsig gemachter Zeichnungen- Köpfe und Ornamentezur Ausftellung gebracht, in welchen der Charakter der Paradearbeit mit übermäfsig ausgetüpfelter Schattirung allzufehr hervortrat. Die didaktifche Werthlofigkeit folcher, dem Schüler koftbare Zeit raubender, auf das wenig urtheilsfähige, grofse Publicum berechneter Ausftellungsobjecte kann nicht oft genug betont werden. Dagegen konnte an der Saarbrückener Expofition die Anordnung gelobt werden, welche einen Einblick in den durchaus gut durchdachten Lehrgang des Zeichenunterrichtes geftattete. Fein und genau ausgeführt waren eine Anzahl Zeichnungen der Schüler des Confervators des Muſeums Wallraf- Richartz in Köln, Johannes Nieffen. Eine gewiffe antikifirende, kühle Glätte und ftrenge Stilgerechtigkeit bildeten den hervorftechenden Zug diefer nach plaftifchen Modellen, mit forgfältiger Abftufung der Töne verfertigten Arbeiten. der Die vom Curatorium der höheren Webefchule zu Spremberg exponirten Schülerarbeiten erweckten die möglichft ungünftige Vorftellung von Gefchmacksbildung der Leiter diefer Lehranftalt. Die leider auch andere Expofitionen verunzierenden gewebten Porträts hingen da gleich Prachtftücken an den Wänden. Ein nur aus dem riefigen Dreimafter enträthfelbarer, alter Fritz," ein arg mifshandelter Bismarck, eine als„ Germania" bezeichnete weibliche Jammergeftalt und mehrere andere praktifche Illuftrationen zu einer Aeſthetik des Hässlichen erinnerten hier an ähnliche, leider auch in den Ausftellungen einiger anderer Staaten vorgekommene Verfündigungen. Erfreulichere Eindrücke bereiteten die wenigen Ausftellungsobjecte, welche die Fortbildungsfchulen Preufsens eingefandt hatteu. So gaben die vom Centralvorftande des Gewerbevereines für Nafsau ausgeftellten Zeichnungen der Handwerker- Fortbildungsfchulen Zeugnifs von der verftändigen Art, in welcher der Zeichenunterricht an diefen Inftituten ertheilt wird. Die in Mappen verwahrten Zeichnungen liefsen erkennen, dafs der Zweck des Unterrichtes in fchlicht reeller Weife verfolgt wird, und dafs nur die architektonifchen Zeichenvorlagen, welche etwas veraltet fchienen, forgfältiger ausgewählt werden follten; Schauftücke an follten; Schauftücke an den Wänden fehlten gänzlich. 2 16 Armand Freiherr von Dumreicher. In etwas marktfchreierifcher Art hatte der Berliner Handwerker- Verein durch eine bunte Wanddecoration mit in ftolzem Lapidarftil abgefafster Infchrift der Welt feine Exiftenz ins Gedächtnifs gerufen. Hoffentlich haben fich hiedurch nicht allzu viele Befucher des deutfchen Unterrichtspavillons von einem genaueren Studium der Wirkfamkeit diefes grofsen und fegensreich wirkenden Vereines abfchrecken laffen. Aufser Zeichnungen, einem trefflichen, von der Unterrichtscommiffion des Vereines herausgegebenen Lehrbuche und anderen Druckfachen befand fich unter den Ausftellungsgegenftänden eine Brochure, welche über die Thätigkeit und Organifation diefer im Jahre 1843 gegründeten, gegenwärtig 2500 Mitglieder umfaffenden und über ein Barvermögen von 40.000 Thalern verfügenden Corporation umftändliche Nachricht gibt. Von dem anfehnlichen Vereinshaufe waren Grundund Aufriffe ausgeftellt. Es enthält entſprechend geräumige Unterrichts., Verfammlungs- und Erholungslocalitäten. Die Vorträge, welche in den wöchentlich viermal ftattfindenden Verfammlungen gehalten werden, find unentgeltlich und umfaffen alle Zweige gemeinnützigen Wiffens mit Ausfchlufs der Tagespolitik und des religiöfen Gebietes. Neben einem von tüchtigen Lehrern ertheilten Elementarunterrichte werden noch folgende Disciplinen betrieben: Einfache Buchführung, Wechfelkunde, doppelte Buchführung, franzöfifche und englifche Sprache, Gefang, Stenographie, Mufterausnehmen, Zeichnen, Modelliren, befchreibende Geometrie und Turnen. Seit einigen Jahren befteht auch eine vom Vereine ins Leben gerufene Baugewerk- Schule. Die mehr als 5000 Bände zählende Vereinsbibliothek wird im Sommer durchfchnittlich von 500, im Winter von etwa 700 Lefern benützt. Im Uebrigen entſprach der Eindruck der preufsifchen Ausftellung dem thatfächlichen Sachverhalte, nach welchem das gewerbliche Fortbildungs- Schulwefen namentlich in Betreff des kunftgewerblichen Unterrichtes in Preufsen weit zurückfteht hinter den Leiftungen und Organiſationen anderer deutfcher Länder( insbefondere der drei füddeutfchen Staaten). " Nach den in neuerer Zeit von dem Statiftiker Schwabe gegebenen Nachweifungen über den Umfang der Betheiligung der Frauen an der Arbeit in Berlin mufste jeder Ausftellungsbefucher mit gefpanntem Intereffe an die Expofition des Berliner Lettevereines zur Förderung höherer Bildung und Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes" herantreten. Leider war die Ausftellung weiblicher Handarbeiten, wenn auch das Vorhandene qualitativ befriedigen mufste, quantitativ nicht bedeutend, und aufser diefen Handarbeiten nur noch ein Bericht über die Thätigkeit des Vereines exponirt. Bei der vielfachen Nachahmung, welche die Schöpfung des edelgefinnten Lette in allen Theilen Deutfchlands und auch in Oefterreich gefunden, kommt der Ausftellung des Berliner Vereines neben dem praktiſchen ein hiftorifches Intereffe entgegen und zu Gute. Schliefslich mag hier noch erwähnt werden, dafs Berlin fich auch in feiner Bedeutung als Verlagsort von zur Hebung gewerblicher Fachbildung beftimmten Zeitungen auf der Ausftellung documentirte, indem der bekannte Redacteur F. A. Günther feine ,, deutfche Schuhmacherzeitung", feine, deutſche Gerberzeitung", feine ,, deutſche Sattlerzeitung", feine ,, deutfche Töpferzeitung" und endlich fein Werk die Fabrication des lohbaren Leders in Deutſchland" aufgelegt hatte. Königreich Sachfen. Wenn man das, wie wir oben ausgeführt haben, fehr entwickelte Gewerbefchul- Wefen Sachfens nach feiner Vertretung auf der Wiener Weltausftellung beurtheilen wollte, fo käme man zu fehr falfchen und mangelhaften Vorftellungen. In der vom königlich fächfifchen Minifterium des Cultus und öffentlichen Unterrichtes veranſtalteten Collectivausftellung waren die Gewerbefchulen, auf welche der genannte Staat doch fo bedeutende Mittel verwendet, geradezu ignorirt worden. Von den mittleren Gewerbefchulen Sachfens hatten nur die königliche Schule für Modelliren, Ornament- und Mufterzeichnen in Dresden und das Tech Das gewerbliche Unterrichtswefen. 17 nicum Frankenberg nennenswerthe Objecte ausgeftellt; und zwar die erfte Anftalt eine Reihe fehr tüchtiger, ftilreiner und wunderbar exact ausgeführter Gypsvorlagen für Freihandzeichnen und Modelliren nach Angabe des Profeffors Krumbholz und des Lehrers Hähnel, die zweitgenannte Schule eine Suite von Mafchinen conftructionen und Maſchinenzeichnungen, welche fehr ftattlich Figur machte, ferner einige Profpecte, Jahresberichte und andere auf die Anftalt bezügliche Druckfachen. Wenn wir noch die Apparate für alle Zweige der reinen und angewandten Chemie zum Schulgebrauche hier anführen, welche der Mechaniker Franz Hugershoff in Leipzig ausgeftellt hatte, fo find wir mit unferem Thema bereits zu Ende. Von niederen Fachfchulen waren nur die Klöppel- und Spitzenfchulen vertreten durch Sortimente der Spitzengattungen, durch Arbeitsgeräthe der Schüler und durch intereffante Darftellungen des Lehrganges im Grundiren und im Sticken. Da die gleichartigen öfterreichifchen Induftrien in Böhmen und Krain ähnlicher Schulen dringend bedürftig find, fo bot diefer Theil der fächfifchen Unterrichtsausftellung dem inländifchen Fachmanne wichtige Materialien. Leider war über einen Zeichenunterricht an den Klöppelfchulen aus diefer Ausftellung nichts zu entnehmen. Aufser einiger von der Gefammt commiffion zur Hebung der fächfifchen Spielwaaren- Induftrie in Dresden exponirter Spielwaaren vermögen wir keiner bemerkenswerthen fächfifchen Ausstellungsobjecte gewerblich- pädagogifcher Art mehr zu erwähnen.. Freie Stadt Hamburg. Die Hamburger Unterrichtsausftellung verdient fchon defshalb befonders hervorgehoben zu werden, weil fie eine der wenigen war, welche bezüglich der Schülerarbeiten die Beftimmungen des Programmes gewiffenhaft eingehalten hatte. Diefe fehr fachgemäfsen Beftimmungen hatten gefordert, dafs jeder Arbeit Name, Gewerbszweig und Alter des Schülers, die Dauer feiner bereits an der Schule zurückgelegten Unterrichtszeit, die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsftunden und der Name des Lehrers beigefügt werde. An der Hand folcher Daten allein läfst fich in die Leiftungsfähigkeit einer Lehranftalt und in den Gang des Unterrichtes ein klarer Blick thun. Den Geift des Reellen, der die Hamburger Expofition beherrschte, konnte man aufserdem daraus entnehmen, dafs alles effectvolle Voranftellen glänzender Lehrmittel und Schulhaus- Pläne vermieden und. der Schwerpunkt durchaus in die wie fchon bemerkt- Stück für Stück mit den genaueften Qualificationen verfehenen Schülerarbeiten verlegt war. Diefe letzteren, ihrer Natur nach die geeignetften Objecte für Schulausftellungen, waren ferner in fo bedeutender Zahl vorhanden, dafs ein Erkennen des wahren Sachverhaltes dadurch vollkommen gewährleiftet wurde. Das Hauptgewicht fchien auf Zeichnungen gelegt, wie denn auch in Hamburg im gewerblichen Unterrichte das Zeichenfach die hervorragendfte Pflege findet und der Einflufs der Lehrkräfte der allgemeinen Gewerbefchule auf den Betrieb diefes Lehrgegenftandes an den Volksfchulen auffallend an den von den letzteren Anftalten exponirten Objecten hervortrat.* Die Hamburger Ober- Schulbehörde hatte im deutfchen Unterrichtspavillon 3 Drehftänder und 45 Mappen mit Zeichnungen gefüllt. Von den elementarften Anfängen des Unterrichtes an den Volksfchulen bis zu den fchwierigften Compodenfelben zu * Wir können nicht umhin, hier auf die eingehende Darftellung zu verweifen, welche im 36. Hefte diefes Berichtes( der Zeichen- und Kunftunterricht von J. Langl) Seite 41 bis 44 der Einrichtung der Hamburger Schulen und der Organiſation des Zeichenunterrichtes an Theil geworden ift, und glauben den fachmännifchen Kreifen Oefterreichs die Beachtung der lehrreichen Schilderung der Hamburger Thätigkeit in diefem Gebiete umfo wärmer empfehlen zu follen, als wir der Ueberzeugung find, dafs die Entfendung eines öfterreichifchen Pädagogen nach Hamburg zu längerem Studium der bezüglichen Einrichtungen, des Lehrganges und der erzielten Erfolge im Intereffe unferes gewerblichen FortbildungsSchulwefens dringend gewünſcht werden mufs. Im Laufe diefes Winters werden in Hamburg auf Koften der Stadt 19 Zeichen- und Modellirfäle eröffnet, in welchen täglich in den Abendftunden 2000 Handwerkern gleichzeitig Unterricht ertheilt werden foll. 2* 18 Armand Freiherr von Dumreicher. fitionen der Gewerbefchüler war die hindurchgehende Einheitlichkeit der Lehrmethode in die Augen fpringend und bei Vermeidung allen dem grofsen Publicum. fchmeichelnden Glanzes kam die klare, den Unterrichtsgang darlegende Anordnung der Zeichnungen den Wünſchen des Fachmannes auf ganzem Wege entgegen. Auch die complicirteften Zeichnungen, Modellirarbeiten oder fertig ausgeführten kunftinduſtriellen Objecte waren eigene Entwürfe der Schüler. Diefs mufs defshalb nachdrücklich betont werden, weil in den Expofitionen vieler anderer Schulen die fchönften, beftechendften Leiſtungen der Schüler nur Copien von Meifterhänden gefchaffener Vorbilder waren. Dem die Hamburger Gewerbefchul Ausftellung betrachtenden Laien mag darum manchmal ebendiefelbe Arbeit recht unfcheinbar vorgekommen fein, welche dem Kenner die aufrichtigfte Achtung vor den Erfolgen diefer Unterrichtsanftalt einflöfste. Unter den nach eigener Compofition ausgeführten kunftgewerblichen Schülerarbeiten befanden fich übrigens mehrere, welche auch vor hochgefpanntem abfolutem Urtheile trefflich beftanden. So namentlich ein Wandfchrank zur Verwahrung von Schmuck, ein Spiegel, ein. Albumdeckel( Holzfchnitzereien), ferner ein Gitter und ein Wandleuchter( Metallgufs). Diefe fämmtlich mafsvoll, im edelften Renaiffanceftile entworfenen Arbeiten. waren auch techniſch tadellos ausgeführt und bezeugten ebenfo wie zahlreiche theils nur mit Bleiftift, theils farbig zu Papier gebrachte Compofitionen, dafs die für die Geftaltung des gewerblichen Unterrichtes in Hamburg mafsgebenden Kreife in der vollen Strömung der modernen Gefchmacksreform mit feftem Willen klar erkannten Zielen zufteuern. Eine nahe geiftige Verwandtfchaft mit den lauterften der gleichartigen kunftinduftriellen Strebungen auf dem Wiener Boden mag manchen Fachmann überrafcht und erfreut und an eine andere Kunftgebiete betreffende Aeufserung des vielerfahrenen Dramaturgen Heinrich Laube erinnert haben, die ein auffallendes Zufammentreffen des Gefchmackes des Wiener und Hamburger Theaterpublicums conftatirt. Der Verein zur Förderung weiblicher Erwerbsthätigkeit in Hamburg hatte fehr rationelle und von den Schülerinen felbft entworfene weibliche Handarbeiten. und Zeichnungen ausgeftellt. Diefe Arbeiten zeichneten fich ebenfo durch einfache, der Natur des Materiales entſprechende, jede Verzierung im Sinne des künftlerifchen Motivs verftändnifsvoll entwickelnde Compofition wie durch genaue und faubere Ausführung aus. Einige Pläne des Schulgebäudes gaben dem Befchauer einen bedeutenden Begriff von der Ausdehnung der Anftalt. Als ganz im gleichen Geifte geleitet zeigte fich in der Ausftellung das fogenannte Paulfenftift, eine Mädchen- Volksfchule, welche tüchtige Arbeiten der Schülerinen und Pläne des ftattlichen Schulhaufes exponirt hatte. Grofsherzogthum Heffen. Den Glanzpunkt der heffifchen Unterichtsausftellung bildete in Wien wie fchon auf allen vorhergegangenen Weltausftellungen die Expofitionen von Lehrmitteln des polytechnifchen Arbeitsinftitutes von J. Schröder in Darmſtadt. Diefe berühmte, feit 1837 wirkende Firma hatte auch diefsmal quantitativ wie qualitativ fehr bedeutend ausgeftellt. Ein faft den ganzen Durchmeffer des deutfchen Unterrichtspavillons einnehmender Glasfchrank enthielt eine grofse Sammlung von Unterrichtsmodellen für Stereometrie, darftellende Geometrie, Kryftallographie, Mafchinenwefen, für Hoch- Waffer- und Eifenbahn- Bau, für Metallurgie, Technologie etc., aufserdem Zeichen- Werkzeuge, als Reifsfchienen, Winkel, Curven, Lineale u. f. w. Die ähnlichen Ausftellungen der früher erwähnten preufsifchen Firmen wurden durch die Maffenhaftigkeit wie durch die vollendete Ausführung des Einzelnen in der Schröder'fchen Expofition gänzlich verdunkelt. Das Intereffe des einheimifchen Fachpublicums wandte fich diefer Ausftellung umfo lebhafter zu, als Schröder, welcher nach den meiften Ländern Wefteuropas und Amerikas feine Lehrmittel exportirt, in neuefter Zeit auch in Oefterreich ein Abfatzgebiet gewonnen hat. Und diefs ficher nicht zum Schaden unferes gewerblichen Unterrichtes. Das gewerbliche Unterrichtswefen. 19 Auf die anderen, übrigens fehr tüchtigen heffifchen Ausfteller von Lehrmitteln wirkte die Nachbarfchaft des grofsen Schröder'fchen Schrankes drückend. So auf die von Zeichenlehrer L. W. Möfer in Darmstadt ausgeftellten Unterrichtsmodelle für Geometrie, darftellende Geometrie und perfpectivifches Zeichnen und auf die Ausftellung von Zeichen- Werkzeugen der Fabrik von Friedrich Löffer in Darmstadt. Ferner waren von Lehrmitteln Vorlegeblätter für den Zeichenunterricht an gewerblichen Fortbildungsfchulen durch die grofsherzogliche„ Centralftelle für die Gewerbe und den Landes- Gewerbeverein" in Darmftadt, welche Herausgeberin derfelben ift, zur Ausftellung gebracht worden In diefen, auch aufserhalb Heffens verbreiteten und rühmlich bekannten Vorlegeblättern, wie in den von derfelben Centralftelle exponirten Schülerarbeiten der Handwerker- Schulen kam eine gediegene ftiliftifche Richtung zum Ausdrucke, und war befonders ein fein und doch ziemlich kräftig entwickelter Farbenfinn um fo erfreulicher zu bemerken, als diefer leider in der Regel in anderen ähnlichen deutfchen Arbeiten vermifst zu werden pflegt. Durch guten Gefchmack ragten insbefondere die Entwürfe einiger Möbel, eines Fächers und eines Kruges hervor. Uebrigens waren in noch bedeutenderer Zahl tüchtige Schülerarbeiten baugewerblicher und maſchinentechnifcher Art da. Die Schreibhefte von zahlreichen heffifchen HandwerkerSchulen, welche zur Einficht auflagen, gaben den vortheilhafteften Begriff von den Erfolgen des an diefen Anftalten ertheilten elementaren Fortbildungsunterrichtes. Endlich hatte das„ Comité für Frauenbildung und Erwerb" in Darmſtadt einige Proben von Frauenarbeiten aus Schulen und dem Alice- Bazar ausgeftellt, welche fich in Zeichnung und Farbe über die Durchfchnittshöhe analoger moderner Leiftungen von anderwärts nicht erhoben, aber auch nicht durch Bizarrerien die Blicke auf fich zogen, wie das bedauerlicher Weife mehreren derartigen Schulausftellunen im deutfchen Unterrichtspavillon nachgefagt werden kann. Königreich Baiern. Unter den aus Baiern zur Ausftellung gekommenen Unterrichtsmitteln erregte bei der Mehrzahl der Befucher die gröfste Aufmerkſamkeit eine vom Zeichnungsinftituts- Inhaber Jacob Filferin München exponirte Sammlung von 150 Naturabgüffen in Gyps von Blättern und Pflanzen in verfchiedenen Motiven. Die Anfichten der Fachmänner über diefe Unterrichtsmittel waren aber getheilt. Zwar mufste die fchöne, forgfältige Ausführung der Pflanzenabgüffe allgemein anerkannt werden, bezüglich der Frage jedoch, ob diefe Gypsmodelle, welchen auch bei forgfältigfter Behandlung eine gewiffe Steifheit nicht benommen werden kann, für den Zeichenunterricht empfehlenswerth feien, gingen die Meinungen auseinander. Und in der That fcheint die diefen Abgüffen anhaftende leblofe Starrheit wenig geeignet, den Schüler zum Erfaffen und zur Wiedergabe des wahren Charakters des Blattes und der Pflanze anzuleiten. Ferner hatte die Mafchinen- Werkstätte der königlichen Kreis- Gewerbefchule in Würzburg hübfche Modelle von Mafchinenelementen für den Unterricht im Mafchinenzeichnen ausgeftellt und fich dadurch als wohldotirte Anftalt ausgewiefen. Ob an diefer Schule das Syftem herrfche, nur nach plaftifchen Modellen und nie nach Vorlagen zu zeichnen, konnte hieraus nicht mit Sicherheit gefolgert werden. Löblich wäre aber folches Syftem jedenfalls. Ausserdem befanden fich einige Lehrmittel für gewerblichen Unterricht in der Expofition der baierifchen Volksfchulen und in der vom„ Polytechnifchen Centralverein für Unterfranken und Afchaffenburg" veranstalteten Ausftellung. Kaum beachtenswerther als diefe fich in allen Ausftellungen gewerblicher Schulen gleichartig wiederholenden Lehrmittel waren die von demfelben Vereine exponirten, meift nach veralteten Figuren- und Landfchaftsvorlagen fchlecht gemachten, übermäfsig ausgeführten Schülerarbeiten der unterfränkifchen Fortbildungsfchulen, der höheren Zeichen- und Modellirfchule in Würzburg und der Holzfchnitzer- Schule in Bifchofsheim vor der Rhön. Die Arbeiten der letztge 20 Armand Freiherr von Dumreicher. nannten Schule zeigten fo ziemlich denfelben vorwiegend naturaliftifchen Charakter, welcher nördlich der Alpen in der Holzfchnitzerei, infoferne fie nicht der Kunftfchreinerei dient, noch überall hervortritt. Diefe Thatfache erwies auch die Expofition einer anderen baierifchen Schule, welche nicht im deutfchen Unterrichtspavillon, fondern in der Hauptgallerie des Induſtriepalaftes eine bedeutende Menge von Schülerarbeiten auf demfelben Tifche mit den Waaren einiger Metallartikel- Fabrikanten nicht eben leicht auffindbar ausgebreitet hatte. Es war diefs die Schnitzfchule zu Werdenfels im Bezirke Partenkirchen. Die Technik in den Arbeiten diefer Schule zeigte fich als eine ganz gut ausgebildete und einigen Thierftücken mufste grofse Lebenswahrheit nachgerühmt werden; aber alle Freude an dem täufchenden Spiele diefer Lebenswahrheit und an der Sicherheit und Sauberkeit jener Technik konnte mit dem platten Naturalismus nicht verföhnen, der die Erzeugniffe einer fchrankenlofen und doch ideenarmen Phantafie beherrfchte. Eine läuternde Einwirkung auf den Unterricht an diefen kleinen Schnitzfchulen würde den beiden Kunftgewerbe- Schulen Baierns gar wohl anftehen und ihre mannigfachen Verdienfte um ein Neues und wahrlich nicht Geringftes vermehren. Die Münchner königlich baierifche Kunft gewerbe- Schule hatte auf der Wiener Weltausftellung fich nicht ganz glücklich vertreten laffen. Eine hohe, grell und plump decorirte Wand bildete den unruhigen Hintergrund des von den Arbeiten der genannten Schule occupirten Tifches. Schlimm genug, dafs diefe Arbeiten, ftatt unbefangene Beobachter zu finden, vorerft die ungünftige Meinung widerlegen mufsten, welche die rothen und gelben Felder der Wandflächen von dem Farbenfinne und die neben plaftifch hervortretende Gypspilafter in falfcher Stellung gemalten Confolen von den architektonifchen Begriffen und der Conftructionsmethode der Schulleiter bei jedem gebildeten Befchauer erzeugen mochten. Da genauere Angaben bei den Schülerarbeiten fehlten, war leider ein Einblick in den, den einzelnen Schüler betreffenden Unterrichtsgang ausgefchloffen. Solche Vernachläffigung fchädigt die Ausftellung einer wirklich tüchtigen Lehranftalt, da manche fchöne Leiftung eines Schülers erft dann in ihrem vollen Werthe gewürdigt werden kann, wenn man die Dauer der Unterrichtszeit kennt, innerhalb welcher folche Leiftungsfähigkeit erzielt wurde. Der an der Anſtalt im Allgemeinen eingehaltene Lehrgang war jedoch durch die Anordnung der Arbeiten veranfchaulicht. Diefe ausgeftellten Arbeiten beftanden aufser den bereits erwähnten fchweren und roh behandelten Wandmalereien in Gypsmodellen, Schnitzwerken, Cifelirarbeiten, Zeichnungen und Flachornamenten. Die Mehrzahl der in Gyps ausgeführten Objecte waren gut gemacht, alle ftilifirt und von befriedigendem Gefchmacke. Unter den Holzfchnitzereien fanden fich einige treffliche Sachen; fo ein hübfches Wandfchränkchen, zwei in ebenmässigen Verhältniffen aufserordentlich graziös aufgebaute Candelaber und mehrere kleinere Geräthe mit befcheiden angewandter Polychromie. Alle diefe Gegenftände gehörten dem beften Renaiffanceftile an, einige, namentlich die hölzernen, braunen Candelaber machten den Eindruck edler Vornehmheit. Ein Urtheil über den vollen Werth diefer Ausftellungsobjecte läfst fich leider nicht fällen, da nicht zu erfehen war, ob diefelben von den Schülern nach ihren eigenen Entwürfen ausgeführt worden. Guter Gefchmack und gewandte Technik müffen ferner auch den Metallarbeiten und der überwiegenden Zahl der in mehreren Mappen enthaltenen Zeichnungen nachgerühmt werden. Der griechifche, römifche und Renaiffanceftil theilten fich in diefen in die Herrfchaft. Eine ähnliche Richtung verfolgten die von der Münchner HandwerkerFortbildungsfchule ausgeftellten technifchen Linear- und kunftgewerblichen Zeichnungen, Cifelirarbeiten und Wachsboffirungen. Diefe kunftinduftriellen Arbeiten legten trotz des Mangels an Leichtigkeit in der Behandlung des Ornamentes doch im Ganzen von den in München in den Kunstgewerben empor Das gewerbliche Unterrichtswefen. 21 ftrebenden ftiliftifchen Tendenzen fchönes Zeugnifs ab. Eine mehr romantifche Richtung charaktérifirte die zahlreichen vom Atelier des Kunft Gewerbevereines in München ausgeftellten Entwürfe, welche von fehr verfchiedenem Werthe waren. Einige recht wirkungsvoll componirte und auch in der Farbe gelungene Compofitionen von Möbeln und Geräthen theilten Mappe oder Wand mit den bizarrften Abgefchmacktheiten. Letztere bildeten jedoch glücklicherweife nicht die Mehrzahl und einige Entwürfe von Seitz und von Barth, welche die Witze einer ſchlimmen Zeit des Verfalles mit Vorliebe cultivirten und Schwäne mit abnehmbarem Kopfe zu Trinkpocalen, deutfche Reichsadler zu Effig- und Oelgefchirren, Pantoffel zu Salz und Pfeffergefäfsen als Motive verwendeten, wurden durch manches fchöne, phantafievolle Blatt, in welchem die willkürliche und phantaftiſch ſpielende Compofitionsweife einer gewiffen malerifchen Wirkung und märchenhaften Reizes nicht entbehrte, reichlich aufgewogen. Ein Anflug viel edlerer Romantik tritt wie ein Familienzug in vielen Leiftungen der Nürnberger Kunstgewerbe- Schule auf; aber nicht fowohl blofs mittelalterlicher Romantik als vielmehr auch jener Romantik, welche der Zeit der Wiedererweckung des Culturlebens der antiken Völker, der fchöpferifchen Epoche des XVI. Jahrhundertes in den Augen des fehnfuchtsvollen Sohnes des Säculums der Eifenbahnen innewohnt. Diefe anfehnliche Nürnberger Anstalt hatte die Ausftellung mit Zeichnungen, Schnitzarbeiten, Gypsmodellen und Cifelirarbeiten ihrer Schule fehr reich befchickt und nahm in ihrem Gebiete den erften Rang im deutfchen Unterrichtspavillon ein. Schöne Entwürfe von Renaiffancemöbeln, gut gemachte Architekturzeichnungen, reizende Holz-, Metall- und Gypsarbeiten ſprachen es beredt aus, dafs die feit Entdeckung des Caps der guten Hoffnung und feit der grofsen Bahnverän derung des Welthandels allmälig verfunkenen Ueberlieferungen in unferen Tagen wieder erwacht find und dafs eine grofse Epoche, in der Nürnberg, den in Kaufmannsgefchäften erworbenen Reichthum den Werken der Schönheit zuwendend, fich eine eigene charaktervolle Kunftwelt fchuf, von nun an nicht mehr vergeffen ift. Solche fernwirkende, mächtige Vergangenheit mag es erklären, dafs hin und wieder ein archaifirendes Gepräge den Compofitionen der Nürnberger Schule aufgedrückt erfcheint; eine gewiffe Magerkeit, welche an manchen kunftgewerblichen Arbeiten auffällt, hängt hiemit zufammen und ift übrigens der Eigenart diefes Stils vollkommen angemeffen. Man wird da an ein anderes Kunftgebiet und an ein treffendes Wort Grillparzer's erinnert, das eine Gattung deutfcher Poefie als„ Nürnbergerei" bezeichnete. Die Nürnberger Kunftgewerbe- Schule fteckt fich fo hohe Ziele, dafs ein detaillirtes Eingehen auf ihre Leiftungen mehr die Aufgabe des Kunftreferates als des unferen ift, wefshalb wir uns auf obige allgemeine Bemerkungen befchrän ken und die an der Ausstellung der Anftalt hervorgetretenen Mängel hier nicht erörtern zu follen meinen. Königreich Württemberg. Vollständiger als alle anderen deutſchen Staaten hatte auf der Wiener Weltausftellung das Königreich Württemberg die verfchiedenen Zweige feines gewerblichen Schulwefens zur Anficht gebracht und dadurch den Befucher in die Kenntnifs der ganzen Stufenleiter feiner den induftriellen Claffen dienenden Lehranstalten verfetzt. Der für fämmtliche Gewerbetreibende gleich wichtige Gegenftand, welcher nicht mit Unrecht die Sprache der Technik genannt worden ift, das Zeichnen, wird an den württembergifchen Volksfchulen fo weit gelehrt, dafs der Unterricht an den Fortbildungsfchulen an eine bereits vorhandene elementare Ausbildung in diefem Lehrfache anknüpfen kann. Defswegen war es auch vom Standpunkte des gewerblichen Unterrichtes von grofsem Intereffe, die Art kennen zu lernen, wie an den Lehrerfeminarien die künftigen Volksfchul- Lehrer zur Ertheilung des in Württemberg feit nunmehr zwanzig Jahren in ftets gröfserem und gröfserem Umfange eingeführten, heute an 22 Armand Freiherr von Dumreicher. Hunderten von Schulen gepflegten Zeichenunterrichtes vorbereitet werden. Zeichnungen, welche hievon einen günftigen Begriff gaben, hatten die Seminare zu Efslingen und zu Gmünd ausgeftellt. Diefe Zeichnungen waren nach durchaus gut gewählten Vorlagen mit geübter Hand gemacht; erfreulicher wäre es freilich, wenn bei diefem meift elementaren Unterrichte Vorlagen gar nicht mehr oder doch in viel befchränkterem Mafse, als diefs an den genannten Anftalten der Fall zu fein fcheint, in Verwendung kämen. Uebrigens drängte fich wohl jedem fachkundigen Befucher der württembergifchen Unterrichtsausftellung die Wahrnehmung auf, dafs in diefem Lande der im Zeichenunterrichte zu Tage tretende Gefchmack fo weit ein ganz guter ift, als diefer Unterricht fich auf elementare Gegenftände befchränkt, dafs er aber defto mehr zu wünfchen übrig läfst, je bedeutender feine Aufgaben werden und mitunter eben dann ganz vermifst wird, wann eine Arbeit kunftgewerblicher Art ihn am meiften fordert. Der Unterricht im Freihand- Zeichnen beginnt an den württembergifchen Schulen mit den auch aufserhalb des Landes fehr verbreiteten, tüchtigen Herdtle' fchen Vorlagen. Hierauf wird zum Zeichnen nach plaftifchen, geometrifchen Modellen übergegangen und fchliefslich das Arbeiten nach Gypsornamenten in Angriff genommen. Für Lehrmittel hat die Regierung reichliche Vorforge getrof fen durch Herausgabe der bereits erwähnten Herdtle'fchen Vorlageblätter( edirt von der königlichen Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen) und durch Anfertigung von über 400 Gypsmodellen von geometrifchen Formen, Ornamenten, Pflanzen und figürlichen Objecten( aus der Modelliranftalt der könig lichen Centralftelle für Gewerbe und Handel). Soweit mit Benützung diefer Lehrmittel an den Schulen gearbeitet wird, erzielt der Unterricht fehr achtbare Refultate, nur die zu grofse Zeitverfchwendung, welche eine die Lithographie imitirende Manier bedingt, mufs bei den Arbeiten nach Gyps bedauert werden, da das Bildchenmachen" mit den Zwecken der Schule nichts zu thun hat. Wenn auf den bisher erwähnten Stufen des Zeichenunterrichtes im Allgemeinen Befriedigendes geleiftet wird, fo nimmt aber leider die Tüchtigkeit der Arbeiten durchgängig ab, je directere Beziehung zur gewerblichen Praxis fie haben. Eine Auswahl aus den Leiftungen von 53 Fortbildungsfchulen, welche die„ königliche Commiffion für gewerbliche Fortbildungsfchulen" in Stuttgart vorgeführt hatte, lieferte nach folcher Richtung zahlreiche Belege. Aufser Freihand, Linear- und Fachzeichnungen enthielt diefe Expofition auch Modellirarbeiten, Decorationsmalereien, Holz- und Elfenbein- Schnitzereien und Steinhauer- Arbeiten. An der überwiegenden Mehrzahl der erwähnten Objecte war von Einflüffen der nun feit einem Jahrzehnt in Deutfchland in Flufs gekommenen Gefchmacksreform nur fehr wenig zu bemerken. Vielmehr herrfchte eine veraltete, willkürliche, häufig rein naturaliftifche Richtung vor und der Gefchmack der Franzofen, wie er vor fechs und mehr Jahren war, jedoch ohne die Grazie der Franzofen, fchien häufiger mafsgebend gewefen zu fein, als es für Württembergs gewerbliche Entwicklung erwünſcht fein kann. Die meiften Entwürfe von Möbeln und anderen Geräthen des Haufes wie faft alle Arbeiten in Holz zeigten eine unfchöne Plumpheit und Starrheit; die Decorationsarbeiten wiefen häufig grelle und unvermittelte Farbenzufammenftellungen und eine der Anmuth entbehrende Härte der Linien auf; naturaliftifche Blumen erfchienen als beliebtefter Schmuck der verfchiedenften Gegenftände und auch das eine und andere gefucht fcherzhafte Motiv bezeugte das Vorhandenfein eines anderwärts in Deutfchland im Schwinden begriffenen Ungefchmackes. So hatte die Schule in Rottweil ein riefiges, mit Kreide ftärkft fchattirtes, ganz graufchwarz gehaltenes Blumenftück mit einem fchweren, überaus plump gearbeiteten, dunkelbraunen Holzrahmen umgeben und damit eine an und für fich abfcheuliche, befonders aber der fpeciellen Natur des Gegenftandes in erftaunlicher Weife widerfprechende, düftere Wirkung hervorgebracht. Dieielbe Das gewerbliche Unterrichtswefen. 23 Schule hatte ein in hellem Holz gefchnitztes Käftchen ausgeftellt, deffen gar keinem Stile angehörender Bau mit harten und kahlen, willkürlich erfundenen Verzierungen einen gar unerfreulichen Anblick gewährte. Die von Reutlingen ausgeftellten Zimmermaler- Arbeiten zeugten zwar nicht immer vom feinften Farbenfinn, wiefen aber in ihrer Art beffere Sachen auf, als die erwähnten Rottweiler Ausftellungsobjecte. Die Gmünder Schule hatte einige recht tüchtige Gravir- und Cifelirarbeiten ausgeftellt, deren ornamentaler und figürlicher Schmuck alle billigen Anforderungen befriedigte. Dagegen waren von derfelben Schule einige Zeichnungen und Aquarelle da, welche an der tiefften Grenze der Mittelmäfsigkeit ftanden. Namentlich eine nach der Natur gemalte Aquarelle, welche zwei Silberkannen auf einem mit fpitzengarnirtem weifsblauem Tuche bedeckten Tifche darftellte, erfchien, abgefehen von der fteifen Behandlung der Tuchfalten und anderen Ungefchicklichkeiten der Ausführung, fchon durch Wahl und Aufftellung der zu copirenden Objecte als eine typifche Leiftung des fpiefsbürgerlichen Ungefchmacks, der fo vielen kunftinduftriellen Arbeiten württembergifcher Schulen einen ihnen eigenthümlichen Stempel aufprägte. Ein ebenfalls von Gmünd ausgeftellter, in Holz gefchnitzter Vifitkarten- Behälter mit der Devife ,, Niemand zu Haufe" gehörte der Kategorie jener Arbeiten an, die den Mangel künftlerifcher Erfindung durch fogenannte gute Einfälle zu decken fuchen, aber kaum zur Gefchmacksveredlung der aufwachfenden gewerbetreibenden Generation beitragen dürften und darum von der Schule ftreng ausgefchloffen fein follten. Die Geislinger und Rottweiler Elfenbein- Schnitzereien, meift ungraziös und naturaliftifch, wiefen nur wenige nicht ganz reizlofe Arbeiten auf, und die Uhrenfchild- Malereien von Schwenningen bewegten fich meift innerhalb der banalen, bunten Decorationsweife, welche in diefem Genre noch immer vorherrfcht. Die Ausstellung der württembergifchen Fortbildungsfchulen, welche hauptfächlich durch grofse Maffen von ganze Wände bis zum Gefimfe bedeckenden Zeichnungen zu wirken fuchte, gewährte nur in den einfacheren Gegenftänden, in welchen eine künftlerifche Seite gar nicht oder erft in zweiter Linie hervorzutreten braucht ,, Befriedigung. So waren das Befte unter den exponirten Schülerarbeiten die Schreib- und Rechnungshefte und durfte auch an den einfacheren Zeichnungen das hervortretende didaktifche Moment anerkannt werden. Ferner verdienen einige fehr praktiſche Handbücher für Gewerbsleute, welche zur Einficht auflagen, rühmende Hervorhebung. Die Entwürfe und Ausführungen von Deffins für wollene, halbwollene, feidene und leinene Stoffe, welche von den Webefchulen in Reutlingen und Heidenheim eingefendet waren, glänzten zwar nicht durch graziöfe Leichtigkeit der Zeichnung und augenerfreuende Farbenwirkung, waren aber in ihrer Art beffer als manche Arbeiten der Fortbildungsfchulen. Diefe Schulen lehren eben das, was in der betreffenden Induftrie Württembergs heutigen Tages„ geht", und der Gefchmack der Confumenten befchränkt ja die Lehrer in ihren Beftrebungen. Unter diefen Verhältniffen ift es fchon ein Vorzug, dafs kein Stück von ganz entfchiedenem Ungefchmack vorhanden war. Zu den befferen ihrer Gattung konnte auch die Ausftellung der Frauenarbeits- Schule in Reutlingen gerechnet werden, welche den methodifchen Unterrichtsgang der Schule durch Vorführung von Zeichnungen und fehr zahlreichen Handarbeiten darlegte. Zwar in keinem Stücke von feiner Eleganz, vielmehr durchgehends im fchwerfälligen Gefchmacke des niederen, kleinftädtifchen deutfchen Mittelftandes gehalten, machten diefe Arbeiten doch oder eben defshalb den Eindruck leichter Verwerthbarkeit, und überzeugten Jedermann von der wohlthätigen Wirkung, welche die in denfelben unterrichtende Anftalt auf die Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes übt. Als geradezu gediegen und felbft künftlerifch lobenswerth erfchienen die Reutlinger Arbeiten aber, wenn man fie mit der wunderlichen Ausstellung der 24 Armand Freiherr von Dumreicher. katholifch- kirchlichen Inftitute verglich, welche ihre didaktifchen Leiftungen im Fache der Frauenarbeiten in unmittelbarer Nähe der Reutlinger Expofition ausgebreitet hatten. Da waren die pfundfchweren Blumenknäuel auf Ruhekiffen, die mit grellen Blumen faft ohne alle Anordnung überftickten Lehnftühle, die Pudel in Perlenftickerei, die wollenen Papageien und feidenen Landfchaften und andere Ausgeburten der fchlimmften Gefchmacksperiode unferes Jahrhundertes in fchreiendfter Farbenpracht vertreten, und legten Zeugnifs ab, dafs die reformirende Strömung des letzten Jahrzehntes an den Kloftermauern der Schulfchweſtern zu Rottenburg, wie der Franziskanerinen zu Sieffen, Saulgau, Bonlanden und Leutkirch fpurlos ihre Wellen vorbeigetragen hat. Im Ganzen beffer repräfentirte fich die vom königlichen Cultusminifterium exponirte Collection von Erzeugniffen einiger weiblicher Arbeitsfchulen, wiewohl auch in diefer hin und wieder Objecte von gräulichem Ungefchmacke zu finden waren. Von mit einer Volkfchule verbundenen Curfen, wie die zu Dewangen und Ehingen, läfst fich nicht Grofses verlangen, doch können die einfachften, primitivften Arbeiten dem Materiale gemäfs und mit Gefchmack gemacht werden, und armfelige Prachtftücke, wie einen geftickten Pintfch, hätte das letztgenannte Inftitut aus feiner Ausftellung lieber ausfchliefsen oder vielmehr überhaupt von den Schülerinen nie anfertigen laffen follen. Die Stuttgarter Kunstgewerbe- Schule hatte fich mit ihrer Ausftellung im Unterrichtspavillon des deutfchen Reiches gegenüber der Expofition der gleichartigen Münchner Anftalt niedergelaffen und forderte dadurch unwill kürlich zu Vergleichungen heraus. Angaben über das Alter und die Dauer der Unterrichtszeit der Schüler fehlten hier wie bei der Münchner Schule. Der Katalog fagte zwar:„ Arbeiten nach dem Stufengange des Unterrichtes", über diefen Stufengang war aber aus den ausgeftellten Objecten nichts zu entnehmen. Der Naturalismus fpielte hier im Gegenfatze zu den Münchner Arbeiten noch eine bedeutende Rolle. Von den Gypsarbeiten waren alle fchön ausgeführt, manche aber in den Motiven verfehlt; fo unter den verfchiedenen Medaillons eines mit einer fchweren, gefüllten Rofe. Als fehr graziös mufs dagegen ein Renaiffance- Degengriff in Gyps bezeichnet werden. Unter den in Metall ausgeführten Sachen fand fich wenig Gutes; ein Weihbrunnkeffel, getriebene Arbeit und galvanifch vergoldet, war von geradezu gemeinem Gefchmack, ein Crucifix mit einer Mufchel ohne alle künftlerifche Auffaffung, die übrigen Gegenftände meift fchwerfällig und naturaliftifch, eine der wenigen Ausnahmen ein gut aufgebauter filberner Pocal. Die Porzellanmalereien, faft nur Wappenfchilder, wurden durch Kälte der Farbe in ihrer Wirkung beeinträchtigt. Weit hinter den Münchner Leiftungen blieben die Holzfchnitzereien zurück, welchen alle Anmuth und Feinheit des Stiles fehlte. Diefe Arbeiten der Kunstgewerbe- Schule erklärten es auch, dafs die gleichen Mängel an den Holzfchnitzereien der Fortbildungfchulen beftehen. Hinter dem von den erwähnten Arbeiten occupirten Tifche ftieg wie bei dem gegenüberftehenden Tifche der Münchner Schule eine Wand auf. Die Decorationsmalerei auf derfelben zeichnete fich vor ihrem vis- à- vis durch ruhigere Stimmung, wenn auch nicht eben durch befonders feinfühlige Farbenzufammenftellung aus. Das Befte waren aber einige in Aquarell ausgeführte architektonifche Entwürfe und gelungen insbefondere ein Himmelbett im Renaiffanceftile und einige andere Compofitionen von Möbeln. Die Linearzeichnungen, meift Copien von antiken und Renaiffancevorbildern oder Entwürfe in den genannten Stilrichtungen, ver dienten alle Anerkennung. Die Baugewerbe- Schule in Stuttgart imponirte mit dem Plane ihres ftattlichen, aus Sandftein- Quadern palaftartig aufgeführten Schulhaufes, das einen schönen Säulenhof umfchliefst, mit Zeichnungen von der Möblirung der Das gewerbliche Unterrichtswefen.. 25 Lehrfäle und mit einem Katalog der reichhaltigen Bibliothek. Ferner lagen fehr praktiſch abgefafste, autographirte Unterrichtscompendien fammt den zugehörigen gleichfalls autographirten Zeichnungen, mehrere Druckfchriften über die Einrichtungen der Schule und eine graphifche Darftellung zur Schulftatiftik auf. Die in reicher Auswahl ausgeftellten Schülerarbeiten erwiefen fich würdig des grofsen und koftfpieligen Apparates. In einer Reihe von Mappen waren trefflifche Conftructionszeichnungen, Entwürfe ganzer Gebäude, Aufnahmen von Architekturwerken verfchiedener Stile u. f. w. enthalten. An den Wänden waren die effectvollften Arbeiten ausgebreitet, unter welchen ſchöne polychrome, griechifche Ornamente befonders hervorftachen. Jedenfalls ftellte fich in Wien diefe Schule als die befte der württembergifchen gewerblichen Unterrichtsanftalten dar. Der Gefammteindruck, welchen das gewerbliche Unterrichtswefen Württembergs auf der Wiener Weltausftellung machte, läfst fich dahin charakterifiren, dafs mit grofsem Aufwande an Fleifs und Geldmitteln die geiftige Hebung des Gewerbeftandes und die Steigerung feiner Erwerbsfähigkeit angeftrebt zu werden, dafs aber ein zu enger culturhiftorifcher Gefichtskreis diefe kleinftaatlichen Strebungen einzufchränken und eine zweckbewufst fchöpferiſche Veredlung und Verfeinerung des wenn man fo fagen darfäufseren Culturlebens der württembergifchen Gefellſchaft zu hindern fcheint. - " Grofsherzogthum Baden. Das badifche gewerbliche Unterrichtswefen war 1873 in Wien fchwach vertreten. Die Carlsruher gewerbliche Lehranstalt hatte gefchmackvolle Schülerarbeiten, Studien nach antiken und orientalifchen Ornamenten, Entwürfe von Gefäfsen und Möbeln und einige wenige Modellirarbeiten zur Ausftellung gefandt. Einige im Gefchmacke ziemlich mittelmäfsige Mufter von weiblichen Handarbeiten, deren Anfertigung an der Volksfchule gelehrt wird", und einige im Katalog als„ Kunftarbeiten" bezeichnete Frauenarbeiten können noch hierher gerechnet werden. Diefe Objecte waren vom Vorftande des badifchen Frauenvereines in Carlsruhe eingefendet worden. Die Bezeichnung derfelben als„ Mufter" rechtfertigte die Annahme, dafs man da keineswegs Schülerarbeiten vor fich habe, und die präcife Ausführung fchien diefe Annahme zu beſtätigen. Oefterreich. Die Bedeutung und Organifation des gewerblichen Unterrichtes in Oefterreich. An keinem Orte verdiente eine Ausftellung gewerblichen Unterrichtes fo ernfte Würdigung von Seite der Bewohner wie in der induftriellen und politifchen Hauptftadt Oefterreichs. Denn neben allen Factoren, welche die neuere wirthfchaftliche Entwicklung des gefammten Continentes beeinfluffen, und neben allen Erwägungen in gefellfchaftlicher Richtung, welche alle Culturländer betreffen, wird hier auch eine Betrachtungsweife vom ftaatlichen Standpunkte aus von faft gleich grofser Bedeutung wie vom focialen. Ift ja doch die Entwicklung, welche die in Oefterreich feit nicht viel mehr als einem Jahrzehnt aufgerichtete moderne Staatsform nehmen wird, ftreng abhängig von der Entwicklung des Bürgerftandes, des eigentlichften Schöpfers und Vertreters diefer Form; und derjenige Volksftamm, in welchem die öfterreichiſche Staatsidee fich am lebendigften und fefteften ausgebildet hat, der deutfche Stamm, findet hauptfächlich in feinem entwickelteren Gewerbewefen jenes Mehr an wirthschaftlicher Kraft, welches er fo ausfchlaggebend in das ftaat. liche Leben zu übertragen weifs, indem er es den centrifugalen, vorwiegend ackerbauenden Majoritäten gegenüber politifch in die Wagfchale legt und fo ftaatfördernd und ftaaterhaltend verwerthet. Gerade diefe politifch werthvolle 26 Armand Freiherr von Dumreicher. wirthschaftliche Kraft wird heute von den gewaltigen Veränderungen im gewerblichen Betriebe, welche den Hankwerker- Stand ftets mehr zerfetzen und die Grofsinduftrie zur Alleinherrfchaft führen, in mehr denn einer Beziehung bedroht. Unter den Schutzmitteln aber, welche gegen diefe Gefahren aufgeboten werden müffen, nimmt, neben der Gründung von Vorfchufsvereinen, Rohftoff- Genoffenfchaften, Magazinvereinen, Productivaffociationen, die Organiſation eines tüchtigen gewerblichen Unterrichtes eine erfte Stelle ein. Aber nicht nur dem Kleingewerbeftand der Städte mufs in folcher Weife zu Hilfe gekommen werden; auch auf dem Lande erwächft dem gewerblichen Unterrichte die Aufgabe, Gefahren zu begegnen und Schädigungen wenigftens zu mildern, welche ein feit Kurzem in der Landwirthschaft Europas beginnender Procefs von unabfehbarer Tragweite in fich birgt. Die neueften Fortfchritte des modernen Communicationswefens im Often des Welttheiles führen ausgedehnte, fruchtbare Agriculturgebiete in den grofsen Weltverkehr ein; ein fich rafch entwickelndes Syftem von Schienenfträngen fteigert das ökonomische Ausftrömungsvermögen der Donau- und Weichfelländer nach dem Weften und ermöglicht dem fernften Bewohner der weiten öftlichen Tiefebenen den Abfatz feines Ueberfluffes an landwirthfchaftlichen Erzeugniffen. Wenn bisher in Folge deffen acute Erfcheinungen noch nicht aufgetreten find, fo dankt diefs die wefteuropäiſche Bodencultur einzig dem Umftande, dafs die gegenwärtige tiefgreifende Umwälzung iu feinen Agrarverhältniffen Rufsland einftweilen an der vollen Ausbeutung feiner fo fchnell und eifrig vermehrten Ausfuhrmittel hindert. - Jedenfalls aber bedrohen die neuern Aenderungen in den europäiſchen Verkehrs- und Productionsbedingungen den Bauernftand in den weftlichen Län dern mit fchweren Erfchütterungen, insbefondere den Bauernftand in den öfterreichifchen Gebirgsländern, minder die meift flavifchen Bevölkerun gen in den gefegneten Niederungen Böhmens, Mährens und Unter- Steiermarks. In dem letzten Decennium hat fich die Bevölkerung der öfterreichischen Alpenländer um 3.62, der Sudetenländer um 8.40, der Karftländer um 10'60, der Karpathenländer um 1813 Percent vermehrt. Das find Zahlen, die zu ernfteftem Nachdenken anregen. Ein Wechfel im landwirthschaftlichen Betriebe fowohl, wie eine ausgedehntere Entwicklung der Hausinduftrie in unferen Alpengebieten fcheinen die einzigen Mittel zur Ueberwindung der unvermeidlichen Krife, und hiemit erwachfen einem neuorganifirten gewerblichen Fachunterrichte Aufgaben von tieffter Bedeutung für die Lebensintereffen des Volkes und des Staates. Während ein Theil der deutfch- öfterreichifchen Gebirgsbewohner, da er im Bau von Cerealien nicht mehr zu concurriren vermag mit der Production der ungarifchen Hinterländer, fich ausfchliefslich der Viehzucht wird zuwenden müffen, wird ein anderer Theil nur durch Vervollkommnung und Wiederbelebung alter, an manchen Orten fchon dem Ausfterben naher, fowie durch Einführung neuer, den localen Verhält niffen angemeffener Hausinduftrien fich vor Verarmung und Untergang retten können. Diefem letztern Proceffe aber kann und mufs durch Gründung von Fachfchulen und Lehr- Werkstätten, durch Vermehrung der Kenntniffe und Hebung des Gefchmackes werkthätig nachgeholfen werden. So fordert in Oefterreich die wirth fchaftliche, gefellfchaftliche und ftaatliche Lage eine allfeitige Ausbildung des lange vernachläffigten gewerblichen Unterrichtswefens. Sie fordert diefs dringend, denn die Kraft des ftaatlich wichtigften Elementes in Oefterreich fchmilzt an der Bafis. Bedenklich grofs erfcheint fchon jetzt die Menge der Kleinbürger, die aus dem dritten in den vierten Stande hinabgeftiegen find, und die Zahl der Gebirgsbauern, die ein veralteter Betrieb und eine neue Concurrenz in Gant und um Haus und Hof gebracht haben. So zeigen fich denn, während in den Fabrikftädten die Arbeiterbevölkerung riefig anwächft, auch bereits die erften Anfänge eines ländlichen Proletariats Das gewerbliche Unterrichtswefen. 27 Keineswegs kann aber die mächtige Entwicklung der Grofsinduftrie einiger Hauptplätze focial und ftaatlich erfetzen, was dem Volke in feinen breiteften Schichten an felbftftändigen Exiſtenzen verloren gegangen ift. Was zunächft den Rückgang in der Claffe der kleineren Unternehmer betrifft, fo erklärt es fich aus dem Zuftande unferes gewerblichen Unterrichtswefens nur allzuleicht, warum derfelbe in Oefterreich noch auffälliger in die Erfcheinung tritt als in anderen betriebfamen Ländern, in welchen ja auch die. meiften der die Grofsinduftrie einfeitig begünftigenden Productionsfactoren mächtig genug wirken. Denn einer diefer Factoren wenigftens, die Benützung der von der fortfchreitenden Wiffenfchaft gebotenen Hilfsmittel, fteht anderwärts nicht in gleichem Mafse im Alleinbefitze der Grofsinduftrie wie in Oefterreich. Diefes Oefterreich, welches doch im Beginne des XIX. Jahrhundertes allen Staaten des deutfchen Culturgebietes mit der Gründung polytechnifcher Lehranstalten für den höheren Gewerbebetrieb vorangegangen war, unterliefs es, von einem unbedeutenden Anfatze in den vierziger Jahren abgefehen, bis in die neuefte Zeit, fein gewerbliches Unterrichtsfyftem nach unten auszubauen, und erzog daher feiner Induftrie einzig eine naturgemäfs wenig zahlreiche Claffe wiffenfchaftlich gebildeter Arbeiter, fo dafs fein Gewerbeftand zu einem Heere von Officieren und Mannfchaften, aber ohne Unterofficiere wurde. Und ein tüchtiges Unterofficiers- Corps vor Allem gibt der Armee ihr feftes Gefüge. In jüngfter Zeit ift die Lücke im gewerblichen Unterrichtsorganismus noch empfindlicher geworden, da eine längft erwünſchte Reform nunmehr der öfterreichifchen Realfchule den reinen und ausfchliefslichen Charakter einer Vorbereitungsanftalt für die technifche Hochfchule gegeben hat. An unmittelbar verwendbaren Berufskenntniffen bietet daher die Realfchule jetzt natürlich noch weniger als früher, an allgemeiner Bildung dagegen mehr, als der unbemittelte Praktiker, dem die für den Schulbefuch gefparte Zeit Geld ift, in feinem Handwerke zu verwerthen vermag. Es erfcheint fomit als unabweisbar, dafs dem ftrebfameren Arbeiter und Gehilfen wie auch dem gereifteren Lehrlinge eine Schule geboten werde, an welcher das einem oder mehreren verwandten Gewerben zu Grunde liegende berufliche Wiffen mit Einfchlufs der vorbereitenden Hilfskenntniffe und des Zeichnens in einer Ausdehnung gelehrt wird, wie fie der heutige Gefchäftsbetrieb verlangt. Eine folche mittlere Gewerbefchule wird, wenn fie ihr Ziel erreichen foll: ihre Schüler für mittlere Stellungen im Gewerbeleben als Werkmeifter, Werkführer, kleinere felbftftändige Unternehmer, Monteurs, Bau- und Mafchinenzeichner u. A. m. zu bilden, der Ertheilung täglichen und ganztägigen, auf das knappfte und praktifchefte eingerichteten, übrigens meiftens auf die Wintermonate befchränkten Unterrichtes nicht entrathen können; ihr Publicum wird fie in den Söhnen der minder wohlhabenden Gewerbsleute und in fparfamen, aufftrebenden Arbeitern finden, welche von ihrem Arbeitslohne die Koften ihres Unterhaltes während der Dauer des Curfes und das( erfahrungsgemäfs anfpornend wirkende) Schulgeld erübrigt haben; ihr Vorbild endlich wird fie hinfichtlich der Organifation und der Unterrichtsmethode in den Gewerbefchulen Deutfchlands fuchen, welche bereits auf eine nach vier Decennien zählende Entwicklung zurückblicken. In den letzten Jahren ift denn auch die Einficht von der Nothwendigkeit folcher neuer Schöpfungen in Oefterreich zum Durchbruche gekommen. Der im Jahre 1865 in Wien nach dem Mufter der Anftalten in Holzminden und Nienburg gegründeten Märtens' fchen Baugewerks- Schule wurde durch die Gewährung von Subventionen von Seite des Staates ein erweiterter Wirkungskreis eröffnet, defsgleichen auch der Prager Gewerbefchule. Im Jahre 1870 erfolgte fodann die Aus 28 Armand Freiherr von Dumreicher. geftaltung der k. k. Gewerbe- Zeichenfchule in Wien zu einer Bau- und MaſchinenGewerbefchule und die Subventionirung einiger gewerblicher Lehranstalten in Provinzialftädten. Eine gröfsere adminiftrative und organifatorifche Bewegung im Gebiete des gewerblichen Mittelfchul- Wefens macht fich jedoch erft feit Jahresfrift bemerkbar. Nunmehr darf aber auch erwartet werden, dafs im Laufe der nächften Jahre eine Reihe von folchen Schulen in Landes- Hauptftädten und anderen wichtigen Induftrialplätzen Oefterreichs vom Staate und von anderen Intereffenten wird ins Leben gerufen werden. Da mufste es denn eine günftige Fügung genannt werden, dafs gerade im Beginne einer folchen neuen Epoche eine reichbefchickte Ausstellung allen unfern betheiligten Kreifen und vor Allem den Organen der Unterrichtsadminiftration die Gelegenheit bot zu vergleichenden Studien über die Leiftungen, Einrichtungen und Tendenzen einer grofsen Zahl gewerblicher Lehranstalten der entwickelteren Induftrieftaaten. Aber auch in anderen Zweigen des gewerblichen Unterrichtes können wir einer gewiffenhaften Beachtung der anderwärts gewonnenen Erfahrungen und erzielten Erfolge, wie fie in der Ausftellung zur Erfcheinung kamen, nicht entrathen. Denn unfere Organiſation der gewerblichenFortbildungsfchulen erfreut fich bis heute, mit einziger Ausnahme des Landes Niederöfterreich, kaum gröfserer Reife als unfer mittleres gewerbliches Schulwefen. Wer fich in der Ausftellung davon überzeugte, was in einigen anderen Staaten an diefen, nur über Abendftunden und Sonntage verfügenden Anftalten geleiftet wird, und wer die grofse extenſive Wirkung auf den gefammten niederen Arbeiterftand in Anfchlag bringt, welche von diefen häufig zu Pflichtfchulen erklärten Curfen ausgeht, der wird lebhaft bedauern müffen, dafs diefer feiner Natur nach umfangreichfte Zweig des gewerblichen Unterrichtes bisher nur in einer einzigen Provinz Oefterreichs eine gefetzliche Regelung erfahren hat. Denn darüber darf man fich einer Täufchung nicht hingeben, dafs die Hebung der geiftigen Kraft in der Maffe unferer Arbeiter um fo energifcher angeftrebt werden mufs, als das lang verkümmerte, nunmehr faft neu begründete und viel angefeindete Volksfchulwefen wohl nur fehr langfam eine allerwärts fruchttreibende Blüthe wird entfalten können. Das aber fteht aufser Frage, dafs eine gedeihliche ununterbrochene Entwicklung im Gebiete öfterreichifcher Induftrie nur dann erwartet werden kann, wenn man die Zukunft des Gewerbewefens von unten auf ficherftellt durch eine allgemeine und rationelle Heranbildung der ganzen aufwachfenden gewerbetreibenden Generation. Läfst doch auch die Wiener Weltausftellung wieder vielfach erkennen, wie die Länder des deutfchen Zollvereines der rechtzeitigen Erkenntnifs der gewaltigen Culturbedeutung der Schule wie auf anderem, fo auch auf wirthschaftlichem Gebiete jene bewundernswerthen Erfolge danken, die einem methodifchen und umfichtigen Vorgehen auf richtiger Grundlage nie zu fehlen pflegen. Als fehr wünſchenswerth wäre es erfchienen, wenn kleinere Fachfchulen für bestimmte Induftriezweige in der Ausstellung eine ftärkere Vertretung gefunden und zahlreichere Parallelen mit den öfterreichifchen Expofitionen diefer Art herbeigeführt hätten, namentlich defshalb, weil diefe letztere Gattung öfterreichifcher Induftriefchulen, eine Schöpfung der allerjüngften Zeit, wie fie faft durchwegs ift, an einem leicht erklärlichen Mangel jeglicher pädagogifchen Tradition leidet, einem empirifchen Vorgehen der Staatsadminiftration ihr Beftehen dankt und eine klare und billige Würdigung umfomehr erfchwert, je fpärlicher die Gelegenheit zum Vergleiche mit der Richtung, dem Streben und den Erfolgen ähnlicher Anftalten in anderen Induftrieländern fich darbietet. An die Erfolge zwar könnte, was jene kaum begründeten öfterreichifchen Fachſchulen betrifft, ohnediefs keinesfalls ein ftrenger Mafsftab gelegt werden; dagegen hätte fich das abfolute Urtheil, welches über die an ihnen zur Erfcheinung kommende Richtung fich allerdings bereits jetzt fällen läfst, vielleicht in Folge zahlreicher Das gewerbliche Unterrichtswefen. 29 zu Gebote ftehender Vergleiche mit den Tendenzen gleichartiger ausländifcher Anftalten öfter in ein relatives- je nachdem milderes oder härteres verwandelt. Ein Mangel, welchen die gewerbliche Unterrichtsverwaltung Oefterreichs mit der der meiften anderen Länder theilt, und welcher darum in der Natur der Sache zu fuchen fein dürfte, befteht darin, dafs die oberfte Leitung diefes pädagogifchen Zweiges nicht in einer Hand vereinigt ift. Dafs eine folche Zerfplitterung in der höchften Centralverwaltung in den verfchiedenften Staaten zu Tage tritt, läfst auf überall mehr oder minder gleichartig wirkende Urfachen fchliefsen. Und in der That erfcheint es einerfeits naturgemäfs, dafs die oberfte Centralftelle für die Unterrichtsadminiftration auch die an die Volksfchule anknüpfenden, das Lehrperfonale der Volksfchulen wie der Mittelfchulen benützenden, vielfach mit anderen Unterrichtsinftituten verbundenen und pädagogifcher Einficht mindeſtens in gleichem Mafse wie andere Schulen bedürfenden gewerblichen Lehranstalten verwalte und überwache, anderfeits aber läfst fich nicht verkennen, dafs die höchfte Centralftelle für Handel und Gewerbe in viel genauerer, fortlaufender Kenntnifs der vielfach wechſelnden und manchmal mit dem Tage entſtehenden Bedürfniffe der fpeciellen Landesinduftrien fteht, dafs fie mit den am gewerblichen Unterrichte zunächft intereffirten Claffen einen geregelten Verkehr pflegt und überhaupt innerhalb einer von wirthschaftlichen Ideen erfüllten Atmoſphäre fich bewegt, welche die Lebensluft des Schulmannes. nicht ift. In Oefterreich wurde in neuefter Zeit ein Ausweg aus den Unzukömmlichkeiten einer Doppelverwaltung gefucht. Man verfiel auf die Einfetzung einer ftändigen Commiffion für Gewerbefchul- Angelegenheiten, welche aus Vertretern und Vertrauensmännern des Handels- und des Unterrichtsminifteriums gebildet und mit dem Rechte ausgeftattet wurde, fich von Fall zu Fall in unbefchränkter Weife durch Beiziehung von Sachverständigen zu verftärken. Bei allen Anläffen, wo es fich nicht um Mafsnahmen rein adminiftrativer Art handelt, wird feit dem Frühjahre 1872 das Gutachten diefer Commiffion von den Minifterien eingeholt und dadurch ein organifches Zufammenwirken der beiden oberften Stellen ermöglicht. Bezüglich der Abgrenzung der Competenzen gelten feit der Einfetzung der genannten Commiffion folgende Gefichtspunkte: Schulen von ausgefprochen fachlichem Charakter, welche fich an eine beftehende Fabriks oder Hausinduftrie anlehnen und Lehrgegenftände allgemein gewerblicher Natur nicht, oder nur in befchränktem Umfange in das Gebiet ihres Unterrichtes einbeziehen, fowie insbefondere Schulen für Weberei, unterftehen der oberften Leitung des Handelsminifteriums. Dagegen find dem Reffort des Unterrichtsminifteriums zugewiefen: Schulen welche in ihren Unterricht Lehrgegenftände allgemein bildender Natur( z. B. Mathematik, Mechanik, allgemeine Chemie) in einem gröfseren Umfange aufnehmen; ferner Schulen, welche wie die gewerblichen Fortbildungsfchulen( im Gegenfatze zu den gewerblichen Fach curfen) oder die mit den Volksfchulen verbundenen Fortbildungscurfe theilweife die Beftimmung haben, die Lücken der Volksfchulbildung zu ergänzen; endlich Lehranstalten, welche als eigentliche gewerbliche Mittelfchulen anzufehen find, z. B. Baugewerke- Schulen, WerkmeifterSchulen( mittlere Schulen für die Mafchineninduftrie) insbefondere dann, wenn fie( wie beispielsweife die Bau- und Mafchinen- Gewerbefchule in Wien, die Akademie für Handel und Induftrie in Graz) in mehrere Fachabtheilungen gegliedert find. Da gegenwärtig das gewerbliche Unterrichtswefen Oefterreichs in rafchefter Entwicklung, man darf faft fagen, von Woche zu Woche erweiterte Geftalt annimmt, fällt es fchwer, hier eine ähnliche Darftellung zu geben, wie fie von dem confolidirteren Zuftande Deutſchlands entworfen werden konnte. Statiftifche Daten wären morgen veraltet. Denn während vom Unterrichtsminifterium in dem gegen wärtig laufenden Schuljahre drei neue mittlere Gewerbefchulen in Brünn, Bielitz 30 Armand Freiherr von Dumreicher. und Czernowitz den in anderen Städten bereits beftehenden hinzugefügt werden, während die von der Regierung ausgehende Anregung zur Inangriffnahme fernerer ähnlicher Neufchöpfungen in verfchiedenen Gegenden eine vielleicht demnächft erfolgreiche Bewegung hervorruft und während unter dem frifchen Eindrucke der Wiener Weltausftellung locale Kräfte, vom Staate unterſtützt, an einigen gröfseren Induſtrieorten Mufterlager in Verbindung mit Unterrichtsinftituten errichten, arbeitet der Landesausfchufs von Niederöfterreich an der Ausgeftaltung und Vermehrung der von ihm zahlreich gegründeten Fortbildungsfchulen und ruft dadurch auch an anderen Punkten des Reiches manche nacheifernde Beftrebung hervor, und fpannt die eifrige Thätigkeit des Handelsminifteriums ein grofses, fich ftets verdichtendes Netz gewerblicher Fachschulen, Verfuchsftationen und Lehr- Werkftätten über die ganze Monarchie aus. Solche Sachlage rechtfertigt es hinreichend, wenn wir unfere Darftellung der Organiſation des öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtswefens auf die über die Oberleitung diefes Adminiftrationszweiges gegebenen Daten einfchränken und uns der Schilderung der Betheiligung der gewerblichen Lehranstalten Oefterreichs an der Wiener Weltausftellung um fo eher zuwenden, als fich im Folgenden mannigfacher Anlafs darbieten wird, im Zufammenhange mit der Befprechung der Ausftellungsobjecte auch wichtiger organifatorifcher Fragen zu gedenken. Die Vertretung des gewerblichen Unterrichtswefens Oefterreichs auf der Wiener Weltausstellung. Der oben mitgetheilten Theilung der Oberleitung gemäfs fanden fich die von den öfterreichifchen gewerblichen Unterrichtsinftituten eingefandten Objecte getrennt in den Ausftellungen der Minifterien des Unterrichts und des Handels vor. Ausftellung des Unterrichtsminifteriums. In der in einem Seitenhofe des Induftriepalaftes vom k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht veranſtalteten Ausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen waren die Gewerbefchulen durch 14 Nummern vertreten. Die Commiffion für die Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums hat eine umfangreiche, die umfaffendften Materialien enthaltende Publication in zwei Bänden unter dem Titel Bericht über öfterreichifches Unterrichtswefen aus Anlafs der Weltausstellung 1873" herausgegeben. Im zweiten Theile diefes für jeden öfterreichifchen Schulmann fortan unentbehrlichen Quellenwerkes find eingehende, von anerkannten Fachleuten erftattete Referate über die einzelnen Partien der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung enthalten. In dem vom Regierungsrathe Eduard Walfer verfafsten Berichte über den Unterricht im Zeichnen und Modelliren( Mittelfchulen, XII, Seite 405 bis 424) werden die Leiftungen der Gewerbefchulen in den genannten Disciplinen mit folcher Ausführlichkeit und Sachkenntnifs befprochen, dafs uns hier kaum eine Nachlefe übrig bliebe. Wir begnügen uns defshalb mit der Verweifung auf den erwähnten Bericht und wenden uns in Folgenden der Betrachtung der vom k. k. Handelsminifterium veranſtalteten Gewerbefchul- Ausftellung zu. Ausstellung des Handelsminifteriums. Der„ Specialkatalog der Collectivausftellung der vom k. k. Handelsminifterium fubventionirten Fachfchulen im Pavillon des Welthandels" gibt in gedrängter Kürze ftatiftifche und hiftorische Daten über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des gewerblichen Fachschul- Wefens in Oefterreich. Schade, dafs diefer Katalog erft im Laufe des letzten Drittels der Ausftellungszeit erfchienen ift! Die aus ihm erfichtlichen Angaben hätten manches abfolut ausgefprochene Urtheil gemildert. So aber haben Taufende die Ausstellung der genannten Fachfchulen gefehen, ohne ihr gegenüber den einzig zuläffigen Standpunkt, der durch die Rückficht auf die Jugend diefer Schöpfungen gegeben ift, einnehmen zu können Das gewerbliche Unterrichtswefen. 31 Die Regierung hat in diefem Gebiete eigentlich nur ihren guten Willen ausgeftellt, nur diefen ausftellen können. Wenige Mittheilungen aus der neueften Gefchichte der öfterreichifchen gewerblichen Fachfchulen werden zur Aufhellung folchen Sachverhaltes genügen. - Noch in den erften Monaten des Jahres 1872 befafs Oefterreich 7 WebeLehranstalten, 3 Fachzeichen- Schulen für Glasinduftrie und Glasquincaillerie und I Schule für Holzfchnitzerei und bereits im Frühjahre 1873 wies die Statiſtik desfelben Unterrichtszweiges folgende Zahlen auf: 12 beftehende, 9 in Errichtung begriffene Webe- Lehranstalten, I beſtehende, I in Errichtung begriffene Wirkereifchule, I beftehende, I in Errichtung begriffene Pofamentirfchule, I beftehende, 2 in Errichtung begriffene Fachſchulen für Porzellan- und Thoninduftrie, 9 beftehende, 5 in Errichtung begriffene Fachfchulen für Holzfchnitzerei, Marmorinduftrie und verwandte Gewerbe, 5 Fachfchulen für Glasinduftrie, 5 beftehende, 4 in Errichtung begriffene Fraueninduftrie- Schulen und Mufter- Werkstätten für Spitzenerzeugung, 2 beftehende, 5 in Errichtung begriffene mechanifche Lehr- Werkstätten, Mafchinenund Baugewerbe Schulen und Fachfchulen für Waffenfabrication, 2 beftehende und 2 in Errichtung begriffene Lehr- Werkstätten für Stroh- und Korbflechterei und Siebmacherei, I Fachschule für Schneider, I Lehr- Werkftätte für Schuhmacher, 4 beftehende, 2 in Errichtung begriffene Fachfchulen für Spielwaaren- Erzeugung, Uhren und Mufikinftrumenten- Fabrication. Endlich war die Gründung von 9 neuen Fachfchulen für verfchiedene, namentlich Kunftgewerbe im Sommer 1873 im Zuge". Somit hatten fich die gewerblichen, vom Staate fubventionirten Fachſchulen innerhalb Jahresfrift von II auf 44 vermehrt und waren ferner 40 Schulen in Errichtung begriffen. Wir ftehen da vor der Thatfache einer adminiftrativen Schöpfungskraft, wie fie in der Gefchichte der europäifchen Schulverwaltung fich extenfiv vielleicht noch nie im gleichen Mafse geäufsert hat, und faft bangend fragen wir uns, ob menfchliche Energie mit kühner Ueberwindung des trägen Waltens der Gefetze organifchen Wachsthums Jahrzehnte lang unbeachtete und vernachläffigte Inftitutionen mit einem Schlage ins Leben zu rufen vermag, Inftitutionen des Unterrichtes, die felbft nach vorfichtigfter Erforschung von Boden, Sonne und Wind erfahrungsgemäfs langfam genug Wurzel zu fchlagen und nur allzu leicht zu entarten pflegen. Möge grofsherziger Opferbereitheit und raftlofer Thatkraft ein ebenfo nachhaltiger als rühmlicher Erfolg nicht verfagt fein! Wie immer auch die Zukunft fich geftalte, fo viel erhellt jedenfalls aus den obigen Angaben, dafs in der Gegenwart ein definitives Urtheil über die Leiſtungsfähigkeit der plötzlich in folcher Maffe gefchaffenen Anftalten um fo weniger gefällt zu werden vermag, als innerhalb der Frift eines Jahres, eines Halbjahres oder gar nur einiger Monate eine neu errichtete Schule wahrhaft charakteriftifche Ergebniffe ihrer didaktifchen Wirkfamkeit noch nicht erzielt haben kann. Hieraus ergibt fich für die Kritik der zur Ausftellung gebrachten Arbeiten die Nothwendigkeit der Anwendung von zweierlei Mafsftäben, je nachdem diefe Arbeiten von einer der eilf älteren oder von einer der vierundvierzig neugegründeten Anftalten herrühren; und während bei den erfteren die Beurtheilung fowohl Lehrftoff und Lehrmethode als auch Tendenz und Ausführung zu berücksichtigen gezwungen ift, darf fie die Ausftellungsobjecte der letzteren kaum auf mehr prüfen als auf die Exiftenz zweckbewufster Strebungen und auf die Berechtigung der vorhandenen Intentionen, wie felbe insbefondere in der Wahl des Lehrmateriales zum Ausdrucke gelangen. Webefchulen. Als der focial- politifch wichtigfte unter den Gewerbszweigen, welche Oefterreich gegenwärtig auf dem Wege der Schule zu fördern trachtet, erfcheint die Webe Induftrie, da diefelbe unter den 2,273.316 Menfchen, welche nach 3 32 Armand Freiherr von Dumreicher. der Volkszählung vom 31. December 1869- nicht felbftthätige Familienglieder und Befitzer und Arbeiter von Hüttenwerken ungerechnet- im Gewerbebetriebe Oefterreichs befchäftigt find, mit einer Arbeiterbevölkerung von 797.398 Seelen den oberften Poften einnimmt. Welche Bedeutung aber der genannten Induſtrie auch unter dem rein. wirthschaftlichen Gefichtspunkte beigelegt werden mufs, erhellt daraus, dafs vom Geldwerthe der gefammten jährlichen Induftrie Production, welcher in runder Ziffer mit 1500 Millionen Gulden zu veranfchlagen ift, etwa 150 Millionen auf die Induftrie in Flachs und Hanf, ungefähr 140 Millionen auf die Schafwoll- und 120 Millionen auf die Baumwoll- Induftrie entfallen. Das Gewicht folcher Thatfachen erklärt es denn auch, dafs diefem Gewerbszweige allein bereits vor dem Jahre 1870 bedeutendere Förderung durch Schulen zu Theil geworden war. Es beftanden nämlich fchon vor dem bezeichneten Zeitpunkte in Oefterreich fünf Webe- Lehranstalten, darunter drei höhere zu Wien, Brünn und Reichenberg, welche alle Zweige der Textil- Induftrie in ihren Unterricht einbeziehen. Die beiden anderen älteren Webefchulen Bielitz- Biala und Auffig, fowie alle feither errichteten, find entweder niedere Webefchulen, welche fich in ihrem Lehrziele den localen Induftriebedürfniffen anfchliefsen( aufser den obengenannten gehören hieher Afch, Rumburg, Rochlitz, Zwittau, Hohenelbe und die Pofamentirfchule in Wien) oder Lehr- Werkftätten( wie Auffig. Landskron und Rothmühl). Die hervorragendfte der höheren Webefchulen ift die im VI. Bezirke in Wien. Als Schule für Mufterzeichner im Jahre 1845 ins Leben gerufen, hat fie fich nach mannigfachen Schickfalen zu einer in zwei Curfe gegliederten, mit einer vorzüglichen Manufactur- Zeichenfchule verbundenen Webe- Lehranstalt entwickelt. Die Ausftellung diefer Schule hätte, wenn man fchon die Provenienz der Staatsfubventionen im Katalog als Kriterium der Zugehörigkeit der bezüglichen Ausftellungsobjecte andeutete, eigentlich nicht in den Pavillon des Welthandels, fondern in den Hof des Unterrichtsminifteriums gehört, da letztere Centralftelle feit Jahren die genannte Anftalt ganz erhalten und in jüngfter Zeit ihr wenigftens bedeutende Unterſtützungen gewährt hatte. Doch mag ein Abweichen von dem im Allgemeinen für die Ausftellung angenommenen Principe hier mit einigem Rechte als fachgemäfser erfchienen fein, da nach der vereinbarten Abgrenzung der Competenzen künftig dem Handelsminifterium die Oberleitung, refpective financielle Unterftützung der in Rede ftehenden Anftalt obliegen wird. - Diefe Schule hatte aufser einer Auswahl aus ihren reichen, wohlgeordneten Lehrmitteln Schülerarbeiten in grofser Menge ausgeftellt. Der genaue Einblick in den Gang des Unterrichtes, welcher durch die gediegene Art der Ausstellung eröffnet wurde, mufs hier umfomehr lobend hervorgehoben werden; als wir bei den Ausftellungen anderer Schulen leider nur mehr felten eines gleichen Vorzuges werden Erwähnung thun können. Die Schülerarbeiten aus dem Webe- und Zeichnungsfache die Zeichnungen zeigten ftets die Uebertragung auf den Webeſtuhlwaren durchaus correct ausgeführt und vom trefflichften Gefchmacke, und die grofse Zahl derfelben bürgte für die reelle Tendenz, welche die Veranſtalter der Expofition geleitet hatte. Wir können nicht umhin, befonders zu betonen, dafs die Entwürfe von Deffins faft ausnahmslos der ftiliftifchen Richtung huldigten, welcher die öfterreichifche Kunftinduftrie auf mehr als einem Felde in jüngfter Zeit fo glänzende Erfolge dankt, und zwar heben wir diefs im Hinblicke auf die Arbeiten mehrerer Provinzfchulen hervor, welche fich in diefer Beziehung leider noch wenig beeinflufst zeigten von den hoffnungsvollften Strebungen im Gewerbewefen des eigenen Staates. Zu diefen Schulen mufste bedauerlicherweife nach dem Augenfcheine ihrer Ausftellung auch die höhere Webefchule in einem der drei bedeutendften Induftrieplätze Oefterreichs gezählt werden. Die 1852 errichtete Reichenberger Schule hatte Arbeiten von Schülern der beiden Semefter und des Buchhaltungs Das gewerbliche Unterrichtswefen. 33 Curfes, darunter vier Stück Teppiche, zwei Stück Gobbelins, ein Stück blauen Damaftes, mehrere Decken und dergl. m. ausgeftellt. Bei gewandter Technik fprach fich in den Arbeiten ein wenig gefchulter künftlerifcher Sinn aus, ja mehrere geradezu abfurde Sachen, deren Anfertigung und Ausftellung bei einigem Verftändniffe den Leitern der Anftalt nie hätte beikommen können, zeigten die dort mafsgebende Richtung im allerübelften Lichte. Charakteriftifch genug hiefür waren die ausgeftellten, einer„ höheren" Schule durchaus unwürdigen Arbeiten aus dem Zeichenunterrichte und es konnte darnach kaum mehr Wunder nehmen, dafs auch einige fchwarz in weifs gewebte Landfchaften in kleinen Goldrähmchen an den Wänden prangten. Ein gewebtes Portrait Seiner kaiferlichen Hoheit des Kronprinzen Rudolph wurde glücklicherweife noch rechtzeitig caffirt, ehe aller Welt Augen die unglaubliche Verirrung gefchaut hatte, deren loyale Motive wohl fchwer zu ihrer Entfchuldigung hätten geltend gemacht werden können. Glücklicherweife haben feit Eröffnung der Wiener Weltausftellung und unter den moralifchen Einflüffen derfelben die Verhältniffe in Reichenberg bereits einen hoffnungerweckenden Umfchwung genommen und läfst die im Werke befindliche Gründung eines Gewerbemuſeums und einer Zeichenfchule dafelbft, fowie die eifrige Unterſtützung folcher localer Beftrebungen von Seite der Staatsregierung die Anbahnung einer tüchtigeren kunftgewerblichen Erziehung der jüngeren Generation erwarten. Die im Jahre 1866 eröffnete mährifche höhere Webereifchule in Brünn, welche wie die Wiener und die Reichenberger Anftalt in zwei Stufen gegliedert ift, präfentirte fich mit fünf Büchern Schülerarbeiten, einem Buche mit gewebten Stoffproben, Mufterzeichnungen und einer gröfseren Anzahl von in der Schule erzeugten Geweben aller Art in ziemlich vollſtändiger und fehr einnehmender Weife. An den Schülerarbeiten war nicht nur die Technik lobenswerth, fondern auch die Zeichnung der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Objecte ftilgerecht und die Farbe von glänzendem Effecte. Der Unterricht im Mufterzeichnen beginnt an diefer Schule mit Herdtle's Ornamenten und Naturblumen. und fteigt zu Uebungen in geftreiften oder melirten Muftern, in Blumen-, Rofetten-, Palmettenftudien etc. auf. Hieran fchliefsen fich im zweiten Jahrgange Compofitionen in Farbe für die verfchiedenen Gattungen der Weberei. Zur Ergänzung der Ausftellung diefer Schule dienten die von dem Lehrer des Mufterzeichnens an derfelben, Georg Rödel, exponirten Lehrmittel, als: Entwürfe von Deffins und ausgeführte Arbeiten in Seide und anderen Stoffen. Ein ausgebildeter, manchmal brillante Wirkungen erzielender, felten fehlgreifender Farbenfinn und eine faft immer gut entwickelte confequente Verwendung der Motive liefsen diefe Lehrmittel als empfehlenswerth erfcheinen. Nachdem folches über die Leiftungen des Lehrers mitgetheilt worden, braucht kaum noch erwähnt zu werden, dafs die Schülerarbeiten faft alle auf das Trefflichfte in ftilifirten Muftern entworfen waren. Von den niederen Webefchulen ift dem Alter nach die erfte die im April des Jahres 1866 eröffnete Bielitz- Bialaer. Zur Ausftellung hatte diefelbe Coupons von Rock- und Hofenftoffen, Damaftgewebe, mehrere Mufterbücher und Zeichnungen gebracht. Der Eindruck der fchön und gleichmäfsig gewobenen Arbeiten wurde leider abermals durch einige abfcheuliche Bildniffe beeinträchtigt, welche wohl der Ausstellung ein ftattlicheres Relief hatten geben follen. Der in Dingen des Bielitzer Gefchmackes minder Eingeweihte mufste es wohl für ein Zeichen von Gemüthlofigkeit nehmen, dafs die dortige Webefchule dem Handelsminifter für die Zuwendung einer Subvention damit dankte, dafs fie fein nicht allzu gefchmeicheltes, gewebtes Conterfei in die Oeffentlichkeit brachte. Seine Excellenz mag fich damit tröften, dafs ihm eine Auftria an derfelben Wand Gefellfchaft leiftete, welche der Spremberger Germania im deutfchen Unterrichtspavillon eine gar würdige Schwefter war. Ahnliche Sünden hat die Webefchule zu Afch in Böhmen auf dem Gewiffen, welche ein Fauteuilgewebe mit den Porträts des öfterreichifchen Kaifer3* 34 Armand Freiherr von Dumreicher. paares, dem Reichs-, dem böhmifchen Landes- und dem Afcher Stadtwappen ausgeftellt hatte. Was fonft von diefer wie von den Schulen in Rochlitz in Böhmen, in Zwittau in Mähren und von den Lehr- Werkstätten in Auffig und in Landskron in Böhmen eingefendet worden war, blieb innerhalb der Grenzen anftändiger Mittelmäfsigkeit. Die Fachfchule der Pofamentirergen offenfchaft in Wien, im Jahre 1870 eröffnet und vom k. k. Handelsminifterium, wie auch alle vorgenannten Inftitute, fubventionirt, hatte das Modell eines Pofamentir- Handftuhles mit Wellen, ein Gimpenrad, ein Gold- Spinnrad, ferner praktifche Schülerarbeiten und Zeichnungen ausgeftellt. Die letzteren, forgfältig ausgeführten Arbeiten hielten fich fo ziemlich auf der Höhe, welche das Pofamentirgewerbe gegenwärtig in Wien einnimmt. Auszeichnende Hervorhebung verdient die mit Subvention des Handelsmini fteriums erft feit Beginn des Jahres 1872 beftehende Zeichen und Webefchule in Rumburg. Die Ausftellung diefer Schule fiel unter allen Concur rentinen durch mufterhafte, den Lehrgang offen darlegende Arbeiten auf. Diefe Arbeiten umfafsten den gefammten Zeichenunterricht. Tüchtige Linearzeichnungen, gut gewählte Ornamente nach Herdle's Vorlagewerk, endlich reiche farbige Compofitionen von ftrenger Stilrichtung füllten die Mappen und bedeckten die Wandfläche. Eine ebenfo gefchmackvolle, als ftilgerechte, fich dem Motiv entfprechend entwickelnde Zeichnung überrafchte nicht minder in der angenehmften Weife als das feine Gefühl für Farbe, welches fich in den als Schülerarbeiten bezeichneten Entwürfen ausfprach. Merkwürdig genug war diefer Leiftungen, welche zu den beften ihrer Art gehörten, im Kataloge gar keine Erwähnung gethan worden. Wenn man die Ausftellung der öfterreichifchen Webe- Lehranftalten im Ganzen überblickte und die Jugend der Mehrzahl diefer Inftitute in Anfchlag brachte, fo durfte das Gefammturtheil immerhin weit günftiger ausfallen, als der vielen Einzelheiten gegenüber unvermeidliche Tadel zuzulaffen fcheint. Fachschulen für Bau- und mechanifche Gewerbe. Oefterreich befafs bisher nur wenige Schulen für die Bau- und mechanifchen Gewerbe. Die k. k. Bau- und Mafchinen- Gewerbefchule in Wien, die Fachcurfe an den Gewerbefchulen in Prag und Graz, die Baugewerkfchule von F. Märtens in Wien, endlich die mechanifchen Lehr- Werkstätten in Klagenfurt und Graz( an der Aka demie für Handel und Induftrie) waren bis vor Kurzem die einzigen Anftalten ihrer Art auf öfterreichifchem Boden. Seit dem Herbfte des Jahres 1873 find die vom Unterrichtsminifterium errichteten Gewerbefchulen in Brünn und Czernowitz hinzugekommen. Demnächft wird von dem genannten Minifterium eine Gewerbefchule für bauliche, mechanifche und chemifche Induftrie in Bielitz- Biala eröffnet werden; der Landesausfchufs von Niederöfterreich hat mit dem Winterfemefter 1873 eine Fachschule für Mafchinenwefen in Wiener- Neuftadt ins Leben gerufen. Eine Reihe anderer Lehranstalten gleicher Richtung foll nach der Abficht der Regierung in allen hervorragenden Induftrieplätzen der Monarchie fucceffive gegründet werden. Die in Rede ftehende Art von Schulen gehört in den Reffort des k. k. Minifteriums für Cultus und Unterricht. In der vom k. k. Handelsminifterium veranſtalteten Expofition waren defshalb nur die mechanifche Lehr- Werkstätte in Klagenfurt und die Märtens'fche Baugewerkschule in Wien durch Ausftellungsobjecte vertreten, da blofs diefe Anftalten von der bezeichneten Centralftelle Subventionen beziehen. Die Märtens'fche Schule hatte fich aufserdem auch an der Collectivausftellung des Unterrichtsminifteriums betheiligt. Die von Fridrich Märtens im Jahre 1864 in Wien errichtete, vom Unterrichts- und Handelsminifterium, von der Stadtgemeinde Wien und dem Lande Das gewerbliche Unterrichtswefen. 35 Niederöfterreich unterſtützte Baugewerk- Schule( Winterfchule) fetzt fich zur Aufgabe, Zimmer-, Steinmetz-, Maurer- und Baumeifter zu bilden. Sie knüpft an die Praxis an und fetzt nur Volksfchul- Unterricht voraus. Ihre zur Ausftellung gebrachten Schülerarbeiten, Copien und Entwürfe, wurden kaum von den Leiftungen einer anderen Winter- Baufchule irgend eines Landes übertroffen. Einige Bedenken wurden jedoch wachgerufen durch allzu fehr nach Reclame ausfehende Paradeftücke; und insbefondere Entwürfe von luxuriös ausgeftatteten Monumentalbauten fchienen weder Schülerarbeiten in dem gewöhnlichen Sinne diefes Wortes, noch überhaupt im Einklange mit den fpeciellen Zwecken einer Winter- Baufchule. Die im Jahre 1862 eröffnete mechanifche Lehr- Werkstätte in Klagenfurt hat die Aufgabe, junge Gewerbetreibende, welchen der Befuch einer höheren technifchen Unterrichtsanftalt unmöglich ift, die Gelegenheit zur Erwerbung fachlicher Bildung zu bieten. Der Unterricht gliedert fich in drei Jahrgänge und umfafst folgende Gegenftände: die Erlernung aller in das Mafchinen- Baufach und die Metallarbeiten einfchlagenden Hand- und Maſchinenarbeiten, fowie die Behandlung und Bedienung der Dampfmafchine; ferner Maſchinen-, Freihand- und Ornamentzeichnen, Mathematik, Phyfik, Chemie, Mechanik und Projectionslehre. An der Ausftellung hatte fich die Lehrwerkstätte mit mehreren Werkzeugen und Zeichnungen und einigen Mafchinenmodellen betheiligt. Die Schülerarbeiten, beginnend mit geometrifchen Zeichnungen, vorfchreitend zu einfacheren Conftructionen von Mafchinentheilen und in der Darftellung complicirter mechanifcher Objecte gipfelnd, bezeugten die fchlichte Tüchtigkeit der Lehrmethode. Die ausgeftellten Modelle von verfchiedenen Mafchinen waren fehr hübfch und correct ausgeführt. Zur Gruppe der hier in Rede ftehenden gewerblichen Lehranstalten gehört ferner die erft im October 1872 eröffnete Fachfchule der Wiener Uhrmacher Genoffenfchaft, welche fich die Heranbildung von theoretisch und praktifch gefchulten Uhrmacher- Gehilfen zum Ziele fetzt. Diefe Schule hatte eine Sammlung der an ihr im Unterrichte gebrauchten, vorzüglichen Wandtafeln und forgfam ausgeführte Schülerzeichnungen aus dem Gebiete der Mechanik ausgeftellt. Fachschulen für Glas- und Thoninduftrie. Zur Förderung der Glasfabrication gab es vor dem Jahre 1870 in Oefterreich nur eine Fachschule, die 1856 errichtete ,, Kunft- Gewerbefchule für Glasinduftrie" zu Steinfchönau. Seither wurden diefem uralten und weltberühmten Gewerbszweige Böhmens, deffen Geldwerth jährlich etwa 20 Millionen Gulden beträgt, noch vier Lehranstalten vom Handelsminifterium gewidmet. Während die Schulen zu Steinfchönau und Haida vorwiegend der Gefchmacksbildung in der Decoration und der Förderung der Technik im Schliffe ihre didaktifche Kraft zuwenden, fucht die Fachzeichen und Modellirfchule in Gablonz in Verbindung mit einer Specialfchule für Glaschemie das als Hausinduftrie betriebene Glasquincaillerie- Gewerbe zu heben. Eine im Jahre 1872 ins Leben gerufene Wanderfchule hat die Beftimmung, die Technik der Glasfpinnerei und Gefpinnftverarbeitung zu vervollkommnen, welche vor einem halben Jahrhundert aus Murano in einige Hausinduftrie- Bezirke Böhmens verpflanzt worden ift. Die Schule in Steinfchönau ertheilt Tagesunterricht. Ausserdem befteht an ihr ein Sonntagscurs. Der Unterricht umfafst: Geometrifches und Freihandzeichnen, Malen, Modelliren und Compofition von Gefäfsformen und Gefäfsdecorationen. In der Ausftellung fanden fich von der genannten Schule mannigfache Objecte, als: Schülerzeichnungen, Aquarellftudien, Thonmodelle, Gypsabgüffe und fertige Hohlglas- Arbeiten mit Schliff, Schnitt, Vergoldung und Malerei. Diefe Ausstellung läfst fich allgemein leider gar nicht charakterifiren, denn zwei ganz 36 Armand Freiherr von Dumreicher. verfchiedene Zeit- und Stilrichtungen liefen in ihr fremd neben einander her. Während viele Gegenftände hinfichtlich der Gefäfsform wie der Art des decorativen Schmuckes dem Wefen des Materiales zu entfprechen und deffen fpecififche Vorzüge künftlerifch zu verwerthen fuchten und während manchen Objecten ein löbliches Studium der beften Renaiffancemufter anzufehen war, zeigten mindeftens ebenfoviele andere Arbeiten ein aller Initiative bares Verweilen auf nahezu überwundenem Standpunkte und eine willenlofe Nachahmung des nachgerade veralteten Stiles der Franzofen. So war die von den hervorragendften der öfterreichifchen Glasinduftriellen bereits aufgegebene Manier der Porzellanimitation in Glas verhältnifsmäfsig ftark vertreten und mehrere gleich niedlichen Porzellanmalereien ausgeführte Genrebildchen, Frauenportraits und mythologifche Scenen bezeugten, dafs die Steinfchönauer Kunftgewerbe- Schule anftatt der heraufwachfenden Generation principienftreng und zielbewufst eine Richtung anzuweifen, welcher die Zukunft gehört, fogar hinter den Tendenzen der begabteren öfterreichifchen Praktiker zurückgeblieben ift, wiewohl doch diefe Praktiker vom confervativen und banalen Zeitge fchmacke viel unmittelbarer abhängig find als die Schule. Die Zeichnungen und Modellirarbeiten machten im Ganzen einen gefälligen Eindruck. Bei näherer Betrachtung fielen freilich manche pädagogifche Mifsgriffe auf. So konnte an einigen Zeichnungen reich decorirter Renaiffancegefäfse bemerkt werden, dafs die Hauptconturen ganz falfch verliefen, dafs gröbfte perfpectivifche Fehler begangen waren und dafs der Schüler, welchem die complicirte Aufgabe anvertraut worden war, offenbar noch nicht die nothwendige Sicherheit in der Wiedergabe felbft weit einfacherer Objecte nach dem Runden fich zu eigen gemacht hatte. Techniſch fehr fchön ausgeführt und von reizender Wirkung waren dagegen einige Glasarbeiten im Renaiffanceftil, namentlich ein prächtiger, gefchmackvoll decorirter Pocal von gefchliffenem Hohlglafe im Werthe von 1000 fl. öfterreichifcher Währung. Die 1870 eröffnete Zeichen- und Modellirfchule in Haida hatte fich an der Ausftellung mit Zeichnungen und einigen Schülerarbeiten in Glas betheiligt. Von zweierlei an diefer Schule zu Tage tretenden Richtungen kann hier kaum wie bei Steinfchönau die Rede fein. Vielmehr herrfchte nahezu ausfchliefslich der naturaliftifche Gefchmack. Gefäfse von zopfiger Geftalt, durch tiefe grüne, rothe oder blaue Farbe des dem Glafe eigenthümlichen Reizes beraubt, gefchmückt mit in geleckter Manier gemalten, medaillonförmig umrahmten Frauenbildniffen, zeigten die Schule in der Hinterhand aller tüchtigeren Strebungen im Gebiete modernen Knnftgewerbes. In den Zeichnungen überwog in bedauerlicher Weife die naturaliftifche Blumen- und Landfchaftmalerei nach franzöfifchen Vorlagen, und eine markant hervortretende Syftemlofigkeit, von welcher keinerlei Erfolge fich hoffen laffen, zwang zu dem Schluffe, dafs es den Leitern des Unter richtes an Verſtändnifs der Lehrmethode nicht minder als des kunftgefchichtlichen Proceffes fehlt, in welchem fich die öfterreichifche Induftrie gegenwärtig befindet. Höchftens zwei bis drei Entwürfe von Vafen und Pocalen konnten als anftändige Leiftungen bezeichnet werden; anderes mochte als Compofition für Ausführung in Porcellan hingehen, nicht aber für Glasarbeit. Der zu Ende des Jahres 1870 in Gablonz eröffneten Zeichen- und Modellirfchule fällt die Aufgabe zu, Graveure, Bronce- und Glasarbeiter im Zeichnen bis zur Fertigkeit im felbftftändigen Entwerfen auszubilden. Der Unterricht erftreckt fich auf Zeichnen, Stillehre, Perfpective und Anatomie, ferner auf Modelliren in Thon und Wachs. Die Technik in den zur Ausftellung gebrachten Zeichnungen und Modellirarbeiten war in Anbetracht der kurzen Existenz der Schule nich allzu ftreng zu beurtheilen. Doch dürfen im Intereffe der Sache einige Wahrnehmungen nicht verfchwiegen werden. Ein fchon bei Steinfchönau gerügter Fehler der Lehrmethode, die vorzeitige Uebertragung zu fchwieriger Aufgaben an noch minder reife Schüler trat auch hier hervor. Die nach Gypsmodellen Das gewerbliche Unterrichtswefen. 37 angefertigten Zeichnungen von Köpfen gehörten zu den fchlechteften der ganzen Ausstellung erträglicher waren die Blumenftücke, und in pädagogifcher wie induftrieller Richtung fchienen ganz zwecklos die äufserft unbeholfen gemachten Landfchaften( mit Bleiftift und in Aquarell), darunter die überaus dunkel gehaltene Copie einer wilden Hochgebirgsgegend nach Calame. Von den Thonmodellen liefsen einige die nothwendige Leichtigkeit vermiffen, mehrere waren geradezu plump. Trotz alledem mufs die Gefchmacksrichtung an der in Rede ftehenden Schule im Ganzen als gute anerkannt werden. Sie gewänne Anfpruch auf unbe. dingtes Lob, wenn nicht aufser den vortrefflichen Gypsabgüffen des öfterreichifchen Mufeums und der Modellir- Werkstätte in Stuttgart hin und wieder andere Lehrmittel verfehlter Wahl benützt würden. Die Sammlung von Glasflüffen und Glasmofaik Arbeiten, welche die Gablonzer Glaschemie Schule exponirt hatte, erfchien neben den Leiftungen der Zeichenfchule in günftigerem Lichte, als fonft wohl der Fall gewefen wäre. Endlich waren von der Wanderfchule für Glasfpinnerei in Gablonz und Morchenftern fehr fchöne, von Schülern verfertigte Glasgefpinnfte von täufchendem Seidenglanze ausgeftellt. Die öfterreichifche Thonwaaren Induftrie, deren Productionswerth im Jahre etwa 25 Millionen ausmacht, war bis vor Kurzem in pädagogifch didaktifcher Beziehung gänzlich vernachläffigt. Erft feit dem Herbfte des Jahres 1872 befteht in Znaim eine Fachzeichen und Modellirfchule zur Hebung des Gefchmackes für Formung und Decoration von Thongefäfsen. Für die PorcellanInduftriegebiete im nordweftlichen Böhmen werden demnächft Fachſchulen in Carlsbad und Ellbogen errichtet werden. Die Znaimer Fachzeichen und Modellirfchule war wie fo viele andere Anftalten in Folge ihrer erft nach Monaten zählenden Exiſtenz kaum in der Lage, auf der Ausftellung mit Erfolgen von Bedeutung hervorzutreten. Wenn auf Grundlage der exponirten, fehr einfachen Schülerarbeiten defshalb fich einerfeits ein die Leiftungsfähigkeit und Richtung des Inftitutes charakterifirendes Wort nicht ausfprechen läfst, fo kann doch auch anderfeits kein befonders auffälliger Mangel conftatirt werden. Vielmehr fchien, fo weit das fpärliche und primitive Materiale ein Urtheil überhaupt geftattete, der Gang des Unterrichtes rationell. Die Lehrmittel der Anftalt wurden feinerzeit von fachkundiger Hand ausgewählt, ein Umftand, welcher feinen Einfluss auf die ftiliftifche Richtung der Schule wohl fpäter wahrnehmbar äussern dürfte. Fachfchulen für Holz- und Marmorinduftrie. In den forftreichen Gebirgsländern Oefterreichs. wo gewaltige, thalumfäumende Höhenzüge den Gefichtskreis verengen, hat fich im Volke feit Jahrhunderten jener in fich abgefchloffene und das Naheliegende fcharf beobachtende Sinn entwickelt, in welchem plaftifche Geftaltungskraft und künftlerifche Schaffensluft wurzeln, und aus ferner Zeit ift der Ruf alter berühmter Bildfchnitzer und manch wurmftichiges Meifterwerk ihrer Kunft bis auf die Gegenwart gekommen. Aber der Verfall des modernen Gefchmackes war bis in die Berge hineingedrungen und hatte fchliefslich auch die blofse einfache Technik verkümmern und an manchen Orten faft ausfterben laffen, fo dafs in unferem Jahrhunderte der Bedarf Oefterreichs an Holzfchnitzereien zum grofsen Theile aus dem Auslande gedeckt werden musste und die Schweiz, die baierifchen Alpen und der Schwarzwald für den Export in Länder arbeiteten, in welchen eine Fülle von Talent für das genannte Kunstgewerbe verwahrloft oder in rückwärtsfchreitender Entwicklung entartet war. Und doch könnte bei richtiger Pflege diefe Kunftinduftrie zu umfo bedeutenderer Entfaltung gebracht werden, als ja die Wiener Luxus- Möbelfabrication gleich der verwandten Parifer, in den naheliegenden Alpenländern fich eine treffliche und billige Bezugsquelle von gefchnitzten Möbelbeftandtheilen, figür 38 Armand Freiherr von Dumreicher. lichem Schmucke und häufiger vorkommenden Ornamenten zu erfchliefsen vermöchte, und als in den Alpengebieten wie in den gebirgigen Landestheilen Böhmens, Mährens und Schlefiens grofsartige Schätze faft unbenützten, edlen Schnitzholzes fich vorfinden. Von folchen Erwägungen geleitet, rief die öfterreichiſche Regierung mit hochherziger Munificenz feit dem Jahre 1871 neun Fachfchulen für Holzinduftrie ins Leben und bereitete die fernere Errichtung von fünf folchen Schulen vor. Die Wahl der Orte für diefe Schulen wurde beftimmt theils durch die notorifche Existenz zahlreicher Talente in einer Gegend, theils durch das Vorhandenfein des Rohmateriales und befonders befähigter heimifcher Lehrkräfte, theils endlich neben diefen Factoren durch die Thatfache des Ausfterbens bisheriger Erwerbszweige. Umstände der letzteren Art wirkten ausfchlaggebend darauf ein, dafs die übrigens für Holzfchnitzerei fehr befähigte Bevölkerung des Salzkammergutes, deffen Salineninduftrie vielleicht ein wefentlicher Rückgang bevorfteht, mit mehreren Fachfchulen bedacht wurde. Nach einem gewifs fehr richtigen Gedanken der Regierung follte ferner darauf gefehen werden, dafs jede der Fachſchulen womöglich eine befondere Specialität der Holzinduftrie pflege. So follte die Lehr- Werkstätte in Imft vorzugsweife die Herftellung von Wohnungsausftattungen, die Schule in Mondfee die Erzeugung von Renaiffancemöbeln und Thiergruppen, jene in St. Ulrich im Grödener Thale das Schnitzen von Heiligenfiguren und Kinder- Spielwaaren, jene in Wallern die Verfertigung von Möbelzierathen und Uhrkäften, jene in Innsbruck die figürliche Holzplaftik und Relieffchnitzerei ins Auge faffen. Die ältefte unter den Fachfchulen für Holzinduftrie ift die 1871 eröffnete Halleiner. An der Ausstellung hatte fich diefelbe mit Zeichnungen, Gypsmodellen und Holzfchnitzereien betheiligt. Die nach Vorlagen angefertigten Ornamentzeichnungen waren ganz anerkennenswerth, minder gut gemacht dagegen die fchattirten Zeichnungen nach Gypsmodellen. Die ziemlich unbedeutenden Modellirarbeiten konnten weder Lob noch Tadel herausfordern. Der Gefammteindruck der Ausftellung war jedoch insbefondere defshalb ein günftiger, weil die auf Erzielung täufchender Effecte verzichtende Wahrheitsliebe der Schulleitung fich deutlich im Arrangement ausfprach. Ausdrückliche Erwähnung verdient der Umftand, dafs den Arbeiten genaue Daten über die Schüler, welche felbe verfertigt hatten, beigegeben waren und dafs dadurch fo manche Arbeit, welche an fich wenig vorftellte, in den Augen des Befchauers bedeutend an Werth gewann. Unter den Holzfchnitzereien spielten kleine Bilderrahmen die Hauptrolle. Diefelben waren ausnahmslos naturaliftifch gehalten und trotz der fauberen Ausführung, welche allen nachgefagt werden mufs, befand fich nicht ein wirklich gefchmackvolles Exemplar darunter. Der traditionelle fogenannte Schweizer Stil herrfcht eben in diefer Gebirgsinduftrie noch immer alleingebietend, und die Reformbewegung der grofsen Culturcentren hat bisher ihren Wellenfchlag noch nicht bis in die entlegeneren Gebiete fortgepflanzt. Eigentliche Abgefchmacktheiten, wie fie anderwärts mehrfach vorkamen, fanden fich jedoch unter den Halleiner Ausftellungsobjecten nicht vor. Die vom Handelsminifterium fubventionirte Lehr- Werkstätte des Holz- Bildhauers Johann Griffemann in Imft war unter allen HolzfchnitzSchulen die einzige, in deren Arbeiten ftiliftifche Tendenzen, und zwar mit aller Entfchiedenheit hervortraten. Die von der genannten Anftalt ausgeftellten Möbel( Tifch und Stühle) und anderen Objecte der Wohnungsdecoration( Gefimfe, Confolen, Friefe etc.) trugen den Charakter einer etwas fchweren, hin und wieder in die Barocke übergehenden Renaiffance, und liefsen nicht daran zweifeln, daſs ein fo ausgeftatteter Innenraum wenigftens den entfcheidenden Vorzug einheitlicher und ausgeprägter Stimmung befäfse, trotz des einen und anderen nicht im Geifte der höchften Kunftperioden gefchaffenen Details. Einige figürliche Arbeiten nach der Antike waren fehr tüchtig ausgeführt, und die Ausstellung diefer Lehr Das gewerbliche Unterrichtswefen. 39 Werkstätte machte überhaupt im Ganzen unter den Expofitionen der gleichartigen Schulen bei Weitem den beften Eindruck. Eine aufserordentliche Gewandtheit der Technik zeichnete die von der Lehr- Werkftätte Sebaftian Steiner's in Innsbruck ausgeftellten Arbeiten aus. Zwar find die von Steiner mit Vorliebe gepflegten Reliefbilder in Holz, welche übrigens im Handel hohe Preife erzielen, künftlerifch ganz verfehlt, die Mache an denfelben aber verdient unbedingtes Lob. Namentlich der von Alphons Walcher gefchnitzte Zitherſpieler in einer Tiroler Bauernftube mufs aus folchem Gefichtspunkte als gefchickt angefertigtes Kunftftück hervorgehoben werden. Einige Figuren, wie Andreas Hofer, Kaifer Max I., waren nach den in Innsbruck befindlichen Originalen vortrefflich ausgeführt. Die Thierftücke und ornamentalen Objecte wichen in keiner Weife von der hergebrachten naturaliftifchen Manier ab. Allen Arbeiten aber fah man den Einflufs an, welchen ein erfahrener und hochbegabter Bildfchnitzer auf diefelben genommen hatte. Die Leiftungsfähigkeit diefes Leiters der Innsbrucker Lehr- Werkstätte wurde durch eine im Induftriepalafte ausgeftellte Schnitzerei nach einem der berühmten M. Colin'fchen Marmorreliefs vom Grabdenkmale Kaifer Maximilians glänzend dargethan. In falfcher Kunftrichtung mit vollendeterer Technik zu arbeiten, fchien kaum mehr möglich. Die Holzfchnitzerei- Schule in St. Ulrich im Grödener Thale hatte Thiergeftalten, Crucifixe, Bilderrahmen und dergl. zur Ausstellung gebracht. Die Körperformen eines gekreuzigten Heilandes waren anatomifch richtig dargestellt, einige Thiere nicht ohne Lebenswahrheit ausgeführt, die ornamentalen Arbeiten wiefen dagegen eine Gefchmacksrichtung auf, unter deren Herrfchaft diefer Induftrie eine bedeutendere Zukunft niemals erblühen kann. Da die Fachfchule für Holzinduftrie zu Tachau in Böhmen erft am 1. Jänner 1873 eröffnet worden war, konnte fie wohl auf der Ausftellung mit hervorragenden Unterrichtsrefultaten unmöglich glänzen. Die ausgeftellten ornamentalen und Blumenzeichnungen, wie auch einige Modelle von Holzverbindungen waren übrigens ganz anftändige Leiftungen. Die zur felben Zeit wie die vorige eröffnete Schule zu Wallern in Böhmen hatte fich auffallend ftark an der Ausftellung betheiligt. Leider ftärker als ihrem erft zu begründenden Rufe nützlich fein konnte. Denn während man die Zeichnungen im Ganzen und Grofsen gelten laffen durfte, konnte eine gleiche Duldung den ausgeführten Arbeiten gegenüber kaum geübt werden. Befondere Erfolge darf man von einer fo jungen Schöpfung allerdings nicht fordern, die Tendenz zum Richtigen und Guten jedoch kann bemerkbar fein. Und leider war folche Tendenz durchaus zu vermiffen. Eine ganze Reihe von Zeichnungen und Arbeiten in Holz wies das fonderbare Motiv eines verlotterten Bretterzaunes, in welchen ein Loch zur Aufbewahrung der Uhr oder von dergleichen eingefchnitten war, auf. Drei Stück halbaufgefchlitzter Maiskolben(?) konnten aufgeklappt werden, und überraschten dann durch ein in ihnen verborgenes Tintenzeug. Geflochtene Körbe, fteif in Holz gefchnitzt, follten als Behälter für allerlei kleine Gegenftände dienen kurz, ein erfindungsarmer Naturalismus vernichtete mit feiner ganzen gemeinen Plumpheit jeden Reiz in diefen kläglichften Ausgeburten moderner Holzplaftik. Von Gmünd in Kärnten wie von Mondfee und Hallftadt im Salzkammergute waren nur unbedeutende elementare Zeichnungen ausgeftellt. Die erftgenannte Schule, welche auch einige wenige, fchwierigere Schülerarbeiten exponirt hatte, machte es durch Unterlaffung aller Nachweifungen unmöglich, über den Gang des Unterrichtes zu urtheilen. Fachfchulen für Frauenerwerb. Während die Agitation in der fogenannten Frauenfrage in Nordamerika. und England eine vorwiegend politifche und in Frankreich eine revolutionär 40 Armand Freiherr von Dumreicher. focialiftifche Färbung angenommen hat, ift ihr bisher in Deutſchland der Charak ter rein wirthschaftlicher Beftrebung erhalten geblieben. Der auf dem Arbeitertage in Gera 1867 ausgefprochene Satz:„ Die Frau ift wirthschaftlich zu allen Arbeiten berechtigt, zu denen fie befähigt ift", gibt dem Standpunkte, welchen die Deutfchen dem Probleme gegenüber einnehmen, treffenden Ausdruck. Wie faft alle fchöpferifchen Ideen und geiftigen Bewegungen find auch die mit der Frauenfrage zufammenhängenden Strebungen aus Deutfchland nach Oefterreich verpflanzt worden. Die etwa feit den erften fünfziger Jahren genau conftatirbaren Bemühungen edelgefinnter, in Wien anfäfsiger norddeutſcher Frauen um die Ausbildung der ärmeren weiblichen Claffe in Arbeiten, welche der Ordnung im Haufe und dem Erwerbe für das Haus gleichmässig zu Gute kommen, bereiteten den Wiener Boden fo weit vor, dafs um die Mitte der fechziger Jahre bereits an die Gründung eines grofsartigen Vereines gedacht werden konnte, welchem die Theilnahme der gefammten wohlhabenden und gebildeten Gefellſchaft eine fruchtfpendende Zukunft in Ausficht ftellte. Dafs in Folge folcher Entwicklung die Frauenfrage in Oefterreich in deutfcher Formel geftellt wurde, gab von Anfang an der Agitation eine praktiſche naturgemässe Richtung. Es hat fich diefelbe bis jetzt glücklicher Weife den auf reelle Erfolge gerichteten, von aller widernatürlichen Phantafterei freien Charakter der deutfchen Beftrebungen bewahrt und dadurch auch die werkthätigen Sympathien der leitenden politifchen Kreife erworben. Die öfterreichifche Regierung konnte zu folchen modernen Tendenzen um fo freundlicher Stellung nehmen, als fie in diefer Sache an ältere Staatstraditionen anzuknüpfen in der rühmlichen Lage war. Schon Kaiferin Maria Therefia hatte die Wichtigkeit der Heranbildung des weiblichen Gefchlechtes richtig gefchätzt und die Errichtung zahlreicher Spinnftuben in Böhmen eifrig betrieben, und feit dem Beginne des neunzehnten Jahrhundertes trachtete die Regierung befonders im Erzgebirge die Hausinduftrie des Spitzenklöppelns durch Gründung von Lehrwerkftätten zu heben. Diefe Inftitute vermochten fich leider auf die Dauer nicht zu halten und einem gleichen Schickfale erlagen die im Jahre 1867 in 16 Orten errichteten Lehr- Werkstätten für Spitzenklöppelei. Die Veranſtaltungen zur Förderung der weiblichen Erwerbsfähigkeit durch ein wohlorganifirtes Vereinswefen nach bewährter deutfcher Art haben dagegen in neuefter Zeit glänzende Erfolge gehabt, und es fteht zu hoffen, dafs in einer Reihe von öfterreichischen Städten die in Wien, Prag, Graz und Klagenfurt erzielten Refultate zu opferwilligem Nachftreben aneifern werden. Der Wiener Frauen- Erwerbverein, im November 1866 ins Leben gerufen, hatte fich während eines fiebenjährigen Beftandes fo weit entwickelt, dafs er 1872 bereits acht Schulen verwaltete und mit materieller Unterſtützung der Regierung und anderer Körperfchaften den Bau eines neuen Schulhaufes unternehmen konnte. Die erwähnten Schulen find folgende: Eine Vorbereitungsfchule, eine höhere Bildungsfchule in zwei Jahrgängen, eine Handelsfchule, eine Sprachfchule für franzöfifche und engliſche Sprache, eine Zeichenfchule, eine höhere Arbeitsfchule mit zwei Jahrgängen, eine Nähfchule, eine Telegraphenfchule. Die genannten Schulen des Vereines wurden bis zum Schluffe des Schuljahres 1872 von 4331 Schülerinen befucht. An der Ausftellung hatte fich der Verein mit weiblichen Handarbeiten, Zeichnungen und schriftlichen Arbeiten betheiligt. Sämmtliche genannte Arten von Schülerarbeiten waren fehr reich vertreten und legten glänzendes Zeugnifs ab für die Wirkfamkeit des Vereines. Die Das gewerbliche Unterrichtswefen. 41 weiblichen Handarbeiten verleugneten nicht ihre Entftehung inmitten einer eleganten Grofsftadt und die Mehrzahl derfelben unterfchied fich durch ein gewiffes unfagbares Etwas auffallend genug in Zeichnung und Farbeneffect von den ähnlichen Arbeiten anderer deutfcher und öfterreichifcher Inftitute. Ebenfo waren die Zeichnungen faft fämmtlich von trefflichem Gefchmacke. Die farbigen Flachornamente übten kräftige und doch ruhige Wirkung aus und unter den Blumenftücken fanden fich Malereien von geradezu erftaunlichem Glanze. des Vortrags. Eine Reihe fehr fchöner Entwürfe für Straminftickerei, für Tapeten, für Sonnenfchirm- Ueberzüge, Sophalehnen, Bettteppiche, Portièren, Kiffen u. f. w. waren reizend componirt und mit ficherer Gewandtheit zu Papier gebracht, wie denn die Mache der meiften Zeichnungen mit dem Gefchmacke der Idee Schritt hielt. Diefs mag defto ftärker betont werden, als beide Vorzüge bei Schülerarbeiten fich felten vereint vorfinden. Die fchriftlichen Arbeiten aus verfchiedenen Gebieten des Unterrichtes( Arbeiten der franzöfifchen, englifchen und der Telegraphenfchule) bezeugten nicht minder die Trefflichkeit der Schulleitung als Handarbeiten und Zeichnungen. Der Prager Frauen Erwerbverein, nach dem Mufter des Wiener gegründet, unterhält feit dem 1. Jänner 1869 eine Handelsfchule, eine Nähfchule, einen Lehrcurs für Kindergärtnerinen und einen Curs für Telegraphie. Mit November 1873 trat unter Leitung des Vereins auch noch eine Lehr- Werkstätte für Cartonnage und Buchbinderei ins Leben. Die ausgeftellten Hand- und Mafchinnähereien von Schülerinen waren recht gefchmackvoll und fchön ausgeführt. Die von der Mädchen Arbeits- und Fortbildungsfchule in Graz( eröffnet 1866) und von der Induftriefchule des Frauen- Erwerbvereines in Klagenfurt( errichtet 1866) ausgeftellten Handarbeiten verdienten als den Zweck erfüllende alle Anerkennung, ohne aber eingehenderer Befprechung bemerkenswerthe Seiten darzubieten. Das Gleiche gilt von den Strohgeflechten, Handfchuhen, geklöppelten Spitzen und Strohhüten der im April 1873 eröffneten, vom Handelsminifterium fubventionirten Mädchen- Induftriefchule zu Hochft adt in Böhmen. Von Hermann Uffenheimer's Spitzenklöppel- Schule zu Rietz in Tirol, welche feit 1872 befteht und vom Handelsminifterium unterftützt wird, waren einige Guipurefpitzen von tadellofem Gefchmacke eingefendet worden. Eine grofse Anzahl weiblicher Handarbeiten von öfterreichifchen Volks und Bürgerfchulen war an einem anderen Orte, im Pavillon für Frauenarbeiten, ausgeftellt. Der Gefammteindruck mufs als ein günftiger bezeichnet werden, namentlich in Betreff der von den Wiener Volks- und Bürgerfchulen und vom Wiener Frauenverein für Arbeitsfchulen ausgeftellten Arbeiten, aber auch aus der Mehrzahl der von den Provinzialftädten ausgeftellten Objecte fprach mehr Grazie und Sinn für Mafshalten als aus den meiften ähnlichen Arbeiten im deutfchen Unterrichtspavillon. Bedauert mufste werden, dafs durch die Ausstellung in verfchiedenen Räumlichkeiten die Wirkung vielfach zerfplittert war; fo befanden fich manche der früher erwähnten vorzüglichen Leiftungen des Wiener Frauen- Erwerbvereines nicht im Pavillon des Welthandels, fondern in der letztgenannten Localität. Nach dem, was hier bisher über die einzelnen öfterreichifchen Fachfchulen mitgetheilt worden, ftellt fich deren Werth als ein aufserordentlich verfchiedener dar und kann in einem Worte über die ganze Ausftellung ein richtiger Ausfpruch nicht gethan werden. Denn während an einigen Punkten ein kräftiges Streben nach edleren Geftaltungen bereits feine erften Erfolge aufweift, zeigen fich an anderen kaum die erften Schwingungen einer neuen Bewegung. Die auf gewerblich- pädagogifchem Gebiete allenthalben in Europa aufgetauchte Reformarbeit ift eben bis jetzt in Oefterreich nur um wenig mehr als anderwärts über ein jugendliches Stadium hinausgekommen, noch in keinem Lande 42 Armand Freiherr von Dumreicher. und kaum in einer Disciplin haben die alten gährenden Elemente fich zu beftimmten Körpern kryftallifirt, noch ringt das neunzehnte Jahrhundert nach feften einheitlichen Formen feinės äufseren Culturlebens und die bereits vor zwei Jahr zehnten von Semper ausgegangene Anregung eines nationalen Kunftgefühles" hat fich bisher noch in keiner Gegend des weiten deutfchen Culturgebietes auf die Maffe des Volkes erftreckt. Wenn fchon folche allgemeine Lage einen wahrhaft befriedigenden Eindruck einer Ausftellung gewerblicher Fachfchulen heute noch nicht zu Stande kommen läfst, um wie viel mehr mufste die Ungunft der Verhältniffe fich in einem Falle fteigern, wo erft kürzlich in den Boden gepflanzte Schöpfungen ein Bild ihrer fruchttreibenden Wirkfamkeit hätten entfalten follen. Unter folchen Umftänden war es ein kühner Entfchlufs der Regierung, dennoch die Veranſtaltnng diefer Ausstellung zu wagen und die Refultate einer zweijährigen, mit bedeutenden Geldopfern entfalteten organifatorifchen Thätigkeit durch vielleicht verfrühte Veröffentlichung den mannigfachften Mifsverftändniffen auszufetzen. Eine wichtige Erwägung mochte hier fragentfcheidend eingewirkt haben. Die Regierung mufste nämlich für fich felbft eine Gelegenheit herbeiwünfchen, wo fie einen Ueberblick über das Gefammtergebnifs ihrer bisherigen Anftrengungen und einen Einblick in die an ihren Schulen zu Tage tretende Richtung gewinnen und zugleich das Urtheil weitefter fachmännischer Kreife vernehmen konnte. Und eine folche Gelegenheit bot die Wiener Weltausstellung in ausgezeichneter Weife. Wenn wir die Ausftellung der gewerblichen Fachſchulen unter dem Gefichtspunkte folcher Belehrung über den Zuftand der Gegenwart und über die fich aus demfelben ergebenden Forderungen der Zukunft betrachten, fo müffen wir fagen, fie habe ihren Zweck erfüllt und dadurch ihre Veranſtaltung gerechtfertigt. Welche Forderungen aber an die Zukunft zu ftellen feien, kann in der That für Niemanden zweifelhaft fein, der einerfeits die Ausftellung mit einiger Aufmerkfamkeit ftudirt hat und anderfeits über das Wefen und die Grundlagen der durch diefe Fachſchulen zu hebenden Induftrien klar geworden ift. Die weitaus überwiegende Mehrzahl diefer Fachfchulen foll nämlich dem Kleingewerbe oder der Hausinduftrie dienen, und es handelt fich fomit zunächft für jeden Kenner wiffenfchaftlicher Theorie und praktifcher Verhältniffe um Beantwortung zweier Fragen: Gibt es in der Wirthfchaft der Neuzeit überhaupt noch Gebiete, in welchen Kleingewerbe und Hausinduftrie fich naturgemäfs auf die Dauer und aus eigener Kraft neben der Grofsinduerhalten werden? und bejahenden Falles: Worin ift das charakteriftifche Moment zu fuchen, welches diefe Gebiete zur natürlichen Domäne des Kleingewerbes und der Hausinduftrie macht? Und wir werden nicht lange zu fuchen brauchen, um zu finden, dafs in dem Mafse, als ein einer Gattung von Gütern aufgedrücktes Gepräge individueller Arbeit deren Verkehrswerth zufteigern im Stande ift, die Eignung der Grofsinduftrie zur Erzeugung diefer Güter abnimmt, dafs alfo, je wichtiger die künftlerifche Seite in einer Gattung von Gütern an fich erfcheint und je ftärker und tüchtiger fie im concreten Falle ausgebildet worden ift, defto gröfs er auch der Vortheil fein muss, welchen bei deren Production das Kleingewerbe der Grofsinduftrie gegenüber befitzt. Wenn es nun keinem Zweifel unterliegt, dafs jenes gefuchte charakteriftifche Moment kein anderes als das künftlerifche fein kann, fo ift der weitere Schlufs unabweisbar, dafs die künftlerifche Bildung und die Gefchmackserziehung die wichtigſte Aufgabe von Anftalten fein mufs, welche zur Entwicklung und Erftarkung des Kleingewerbes dienen follen. Der Punkt, auf welchen nicht mehr und nicht weniger als Alles ankommt bei Beurtheilung der Ausftellung der gewerblichen Fachschulen liegt fomit auf der Hand: in erster Linie mufs die Ausstellung auf den in ihr zur Erfcheinung gekommenen Gefchmack geprüft werden. -- Das gewerbliche Unterrichtswefen.. - 43 Da läfst fich denn freilich die Thatfache fchwer befchönigen, dafs eine geringe Zahl faft die Minderzahl der Schulen bisher den Anfprüchen genügt, welche in folcher Beziehung unerbittlich an fie geftellt werden müffen, ja dafs fogar mehr als eine Schule ihre Zöglinge zur Verfertigung von Gefchmacklofigkeiten anleitet, welchen feinerzeit alles Anrecht auf ein Plätzchen in der in London beftandenen chamber of horors zugekommen wäre. Das ift die werthvolle Lehre der Ausstellung. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, fo wird fie keine verlorene fein. Solcher Hoffnung darf man fich um fo eher hingeben, als der Regierung eine in Dingen der praktifchen Verwaltung fo feltene Gunft der Verhältniffe zu Statten kömmt, in Folge deren fich hier die idealen und die realen Intereffen vollftändig decken; denn, wenn es einerfeits wahr ift, dafs die Gefchmackserziehung den Kern der Frage bildet, und wenn anderfeits die Thatfache feftfteht, dafs die moderne europäifche Kunftinduftrie in eine Epoche fich aufwärts bewegender Entwicklung eingetreten ift, fo trifft für die Adminiftration des gewerblichen Fachfchul- Wefens der künftlerifche mit dem national- ökonomifchen Gefichtspunkte genau zufammen, da es dann zweifellos erfcheint, dafs die Tüchtigkeit der Gefchmacksbildung der Gewerbetreibenden die Rolle beftimmt, welche die WebeGlas, Thon, Holz. etc. Induftrie auf dem Markte fpielen wird. Dafs die Dinge fich wirklich fo verhalten, ift auch bereits durch die Erfahrung erwiefen, indem der Weltruf, den fich die Wiener Kunftinduftrie in kurzer Zeit erworben hat, auf Rechnung der reformatorifchen Einflüffe zu ftehen kommt, welche in Wien auf den Gefchmack der Gewerbsleute fich geltend gemacht haben. Diefe erfolggekrönten Wiener Beftrebungen haben einem Theile der öfterreichifchen Induftrie einen ihm eigenthümlichen Charakter aufgeprägt, und auf der Befonderheit diefes Charakers beruht die Concurrenzkraft der betreffenden Gewerbszweige auf dem Weltmarkte. Die ganze Entwicklung treibt darum naturgemäfs darauf hin, nunmehr, der Gefammtheit der hier in Betracht kommenden öfterreichifchen Gewerbserzeugniffe diefen Charakter mitzutheilen und auch die bisher unbeeinflufsten Gebiete des Reiches in die vom Centrum ausgehende kunftinduftrielle Bewegung hinein zu ziehen. Fachſchulen, welche man in den Provinzen errichtet, fiele fomit als wichtigfte Aufgabe die bahnbrechende Uebertragung der in der Hauptftadt bewährten Tendenzen in alle entfernteren Induftriegegenden und die Erziehung des heran wachfenden Gefchlechtes im Geifte der Reform zu. Gegenwärtig aber arbeitet die Mehrzahl der Fachfchulen in den Provinzen, indem fie den Gefchmack der Jugend in ausgelebten Stilrichtungen und in geiftiger Abhängigkeit vom Auslande erzieht, und der aufwachfenden Generation in einem Fache veraltete Mufter und Formen franzöfifcher, in einem anderen den platten Naturalismus fchweizerifcher Induſtrie als einzige ideelle Nahrung zuführt, den von Wien ausgehenden Beftrebungen geradezu entgegen, fo dafs befürchtet werden mufs, dafs Selbftftändigkeit, Auffchwung und Zukunft des öfterreichifchen Kunstgewerbes durch den Beftand mehrerer diefer Schulen eher gefchädigt als gefördert werden. - - Es heifst das Wefen geiftigen Schaffens verkennen, Probleme löfen zu wollen, bevor man fie noch correct aufgeftellt hat. Eine Formulirung des Problems, wie fie in den obigen Ausführungen verfucht worden ift, fcheint leider nicht mit voller Präcifion ftattgefunden zu haben, ehe die Organiſation der öfterreichischen gewerblichen Fachfchulen trotz des empfindlichen Mangels an für diefe befonderen pädagogifchen Zwecke vorgebildeten Lehrern in grofsartigem Mafsftabe in Angriff genommen wurde. Doch haben fich die realen Verhältniffe fofort von felbft geltend gemacht und es kann conftatirt werden, dafs die Regierung den felben alsbald, foviel in ihrer Macht ftand, mit Energie und Einficht Rechnung zu tragen fuchte. So wurden im Auftrage der Staatsleitung durch Vermittlung des Mufeums für Kunft und Induftrie in Wien den meiften Fachfchulen tüchtige Vorlagewerke zugewendet, zu deren Anfchaffung theils das Handelsminifterium, theils das Unterrichtsminifterium bedeutende Summen widmete. Ferner trug und trägt 44 Armand Freiherr von Dumreicher. die Leitung des genannten Mufeums mit Unterſtützung des Handelsminifteriums auch Sorge für die Ausarbeitung neuer gediegener Vorlagewerke. So wurde ihr durch eine vom Handelsminifterium gewährte Subvention die Entfendung des Profeffors Valentin Teirich nach Italien zu dem Zwecke ermöglicht, um Vorlagen für eingelegte Marmorarbeiten und für Broncen zu gewinnen. Zur Anfchaffung von Spitzen-, Stick-, Weberei- und anderen Muftern erhielt das Muſeum namhafte Jahresfubventionen. Auch hat bereits die Ausarbeitung eines Vorlagenwerkes für Tifchlerei begonnen; ein Original- Stichmufterbuch der Renaiffance erfchien vor längerer Zeit im Buchhandel, und mittelft einer Subvention, welche das Handels- und das Unterrichtsminifterium zu gleichen Theilen trug, ward die Abfaffung kurzer, populär gehaltener Lehrbücher über Stillehre und über Kunftgefchichte für Zeichen- und Gewerbefchulen in Angriff genommen. Nachdem die Regierung durch die Ausstellung tieferen Einblick in die Gefammtleiftungen der gewerblichen Fachſchulen zu nehmen und fich hiebei namentlich über die Qualification der von ihr angeftellten Lehrer zu unterrichten in der Lage war, kann ein erfolgreiches adminiftratives Wirken in diefen Angele genheiten um fo ficherer gehofft werden, als bereits eine Reihe von in neuerer Zeit getroffenen Mafsnahmen erkennen läfst, wie hoch der Werth eines einheit lichen Arbeitens der gewerblichen Fachſchulen im Sinne der Tendenzen der Wiener Kunft- Gewerbefchule gegenwärtig von Seite der Staatsleitnng angefchlagen wird. So wurde in der Pfingstwoche 1873 im Handelsminifterium mit Conferenzen begonnen, in welchen die Organiſation und die Lehrpläne der gewerblichen Fachſchulen einheitlich und fyftematiſch in Berathung gezogen wurden. Zuerft beriethen die auf Koften des Handelsminifteriums zur Befichtigung der Weltausftellung nach Wien berufenen Leiter und Lehrer fämmtlicher von dem genannten Minifterium fubventionirten gewerblichen Fachſchulen im Vereine mit hervorragenden Induftriellen, Technikern und Schulmännern gruppenweife die Organifation der Webe, der Holzfchnitzerei- und Metallinduftrie, der Porzellan-, Glasund Thoninduftrie, endlich der Frauen- Erwerbfchulen. Hierauf wurde eine Commiffion bewährter Fachmänner unter dem Vorfitze des Directors des Muſeums für Kunft und Induftrie Hofrathes Rudolph v. Eitelberger mit der Aufgabe betraut, Lehrziel, Unterrichtsgang und Vorlagenwerke für den Zeichenunterricht an fämmtlichen gewerblichen Fachfchulen feftzuftellen. Mehreren Arten von Fachſchulen wurde ferner die Verpflichtung zu periodifchen Ausftellungen von Schülerarbeiten im Muſeum für Kunft und Induſtrie in Wien auferlegt, damit dadurch ein Contact diefer Anftalten mit der Wiener kunftgewerblichen Bewegung hergeftellt und die Beauffichtigung der Wirkfamkeit derfelben durch Fachleute erften Ranges ermöglicht werde. Diefe fämmtlichen Mafsnahmen kommen den oben dargelegten Bedürfniffen in eminenter Weife entgegen und berechtigen zur Annahme, dafs den gewerblichen Fachfchulen Oefterreichs vielleicht eine weit glücklichere Zukunft bevorſtehen dürfte, als es die diefsmalige Ausftellung derfelben hätte erwarten laffen. Wenn wir an der Spitze unferer Ausführungen hervorgehoben haben, dafs die Ausftellung unferes erft neubegründeten gewerblichen Fachfchul- Wefens nur auf die in ihr zur Erfcheinung gekommene Richtung geprüft werden könne, und wenn wir im Verlaufe unferer Darstellung eingeftehen mussten, dafs diefe Richtung bisher eine vielfach falfche fei, fo befinden wir uns am Schluffe unferer Erörterungen in der erfreulichen Lage, an das einfichtsvolle Vorgehen der Regierung die Hoffnung auf eine fchöne und gefunde Entwicklung jener wichtigen pädagogifchen Schöpfungen knüpfen zu können, deren thatkräftige Begründung dereinft noch fpätefte Generationen der Gegenwart danken mögen. Andere Staaten. Es wurde bereits an anderer Stelle diefes Berichtes angekündigt, dafs wir die Ausstellung von Objecten des gewerblichen Unterrichtes der übrigen Länder Das gewerbliche Unterrichtswefen.. 45 nur mit wenigen Worten berühren werden. Denn erftens ift die Organiſation des gewerblichen Unterrichtswefens diefer Staaten im öfterreichifchen officiellen Ausftellungsberichte vom Jahre 1867 feinerzeit mit der nothwendigen Ausführlichkeit befchrieben worden und find die feit diefem Jahre eingetretenen Aenderungen nicht erheblich genug, um uns hier zu abermaligem Eingehen auf diefe Seite des Gegenftandes zu veranlaffen; was aber die 1873 nach Wien eingefendeten Ausftellungsobjecte gewerblich- pädagogifcher Art betrifft, fo gehörten diefelben faft ausfchliefslich dem Gebiete des Zeichenunterrichtes an und wurden in diefer Eigenfchaft im officiellen Ausftellungsberichte der Generaldirection der Weltausftellung unter dem Titel„ der Zeichen und Kunftunterricht" von Profeffor J. Langl mit folcher Ausführlichkeit und Sachkenntnifs gewürdigt, dafs hier dem dort Gefagten um fo weniger etwas hinzugefügt zu werden braucht, als eine abermalige Befprechung derfelben Thatfachen und Fragen auf ein blofses Wiederholen hinauslaufen müfste. Aufser Gegenftänden des Zeichenunterrichtes fanden fich aber von Leiftungen gewerblicher Schulen nur noch einige weibliche Handarbeiten auf der Ausftellung, welche im officiellen Berichte unter dem Titel die Frauenarbeiten" von Freiin Helene v. Roditzky befprochen worden find. " Somit geben wir hier über den Inhalt der gewerblichen Unterrichtsexpofitionen der übrigen Staaten nur eine knappe, auf das Meritorifche nicht eingehende Ueberficht und verweifen bezüglich aller Details auf die drei citirten Berichte. Ungarn war im Gebiete des gewerblichen Unterichtes fo gut wie gar nicht vertreten, und es dürfte folche Art der Repräfentation auf der Wiener Weltausftellung dem thatfächlichen Stande diefes pädagogifchen Zweiges in dem wenig entwickelten Ackerbau- Lande entſprechen. Von den Gewerbe- Zeichenfchulen Frankreichs, deren Zahl etwa auf 40 fich beläuft, hatten mehrere an der Ausftellung fich betheiligt, ebenfo verfchiedene Special- Induftriefchulen und Volksfchulen. Insbefondere waren die Ausftellungen von Zeichnungen der Schulen der frères chrétiens, der écoles communales( laïque) von Paris, der écoles commerciales, der weiblichen écoles profeffionelles fehr bedeutend. Einige der ausgezeichneten, von der Gemeinde fubventionirten Parifer Zeichenfchulen waren in der Ausftellung der Stadt Paris" vertreten; unter Anderen durch ein hübfches Modell ihrer Zeichen- und Modellirfäle die Lequien'fche Schule. " Von der genannten Anftalt und von der berühmten Levaffeur' fchen Zeichenfchule waren Modellirarbeiten ausgeftellt. Unter den Expofitionen der Schulen überwiegend fachlichen Charakters glänzten die der„ école de deffin" und der manufactur national des gobelins zu Paris" fowie die der„ écoles profefionelles" von Rouen, St. Quentin, Havre und Lyon, ferner die der école induftrielle de Lille. Endlich waren von verfchiedenen Fabrikfchulen( écoles manufacturelles) der Normandie und Bretagne und von kunftgewerblichen Zeichenfchulen in Bordeaux und Touloufe zahlreiche Schülerarbeiten ausgeftellt. Frauenarbeiten franzöfifcher Schulen waren in fehr geringer Zahl eingefendet worden. Der gewerbliche Unterricht Italiens erfchien durch Zeichnungen in Wien ftark vertreten, fobald man die italienifche scuola tecnica( eigentlich Realfchule) als Gewerbefchule gelten läfst, wofür die an diefen Anftalten vorherrschende Richtung allerdings Anhaltspunkte darbietet. Aufser einer grofsen Zahl diefer Schulen hatten fich auch viele eigentlich induftrielle Lehranstalten mit theilweife trefflichen Leiftungen an der Ausstellung betheiligt; fo vor Allem drei Turiner Anftalten, als: das Iftituto induftriale e profeffionale mit ausgezeichneten technologifchen Schülerarbeiten, die scuola di ornamentacione del reale muſeo indu triale mit prachtvollen Modellirarbeiten und die scuola governativa di Po mit Schülerzeichnungen; ferner drei Genuefer Schulen: die scuola civica feminile di difegno induftriale mit trefflichen Zeichnungen der Schülerinen, und mit minder 46 Armand Freiherr von Dumreicher. Das gewerbliche Unterrichtswefen. guten, franzöfifcher Schule angehörenden Zeichnungen die scuola profeffionale per le artigani und die scuola tecnica occidentale. Vom iftituto tecnico in Aleffandrien waren vorwiegend tüchtige Mafchinen- und Architektur, minder gediegene figürliche Zeichnungen exponirt. Vorzüglich war das„ Patrio iftituto Manin" in Venedig durch kunftgewerbliche Entwürfe, und durch gute Schülerarbeiten die Scuola di difegno applicato alle arti in Neapel vertreten. England hatte nur einige Arbeiten der Kunftſchule des South- Kenfington Muſeums eingefendet, deren Würdigung dem Kunftreferate vorbehalten bleiben mufs. Objecte aus der Sphäre des englifchen mittleren und niederen gewerblichen Unterrichtes fehlten auf der Wiener Ausftellung gänzlich. Stärker hatte Rufsland in diefem Gebiete ausgeftellt und die gediegenen Arbeiten der zur Erziehung tüchtiger Kunft- Handwerker beftimmten Schule„ Stroganoff" in Moskau und der Induſtriefchule der„ Société d'encouragement des arts" verdienten in Anbetracht des ernften Strebens und der originellen Richtung, welche in ihnen zur Erfcheinung kamen, ein aufmerkfamftes Studium von Seite der Kunftinduftriellen, Kunftgelehrten und Schulmänner. Die Schweiz hatte in den engen Räumen des zierlichen Interlakener Chalets einige auf den gewerblichen Unterricht bezügliche Gegenftände ausgeftellt. Die mit gewandtefter Technik gemachten Holzfchnitzereien der Schulen, in Meyringen, Interlaken und Brienz waren fämmtlich in dem traditionellen Stile gehalten; eine auf dem Wege der Schule verfuchte Gefchmacksreform verkündete fich kaum durch ein leifes Anzeichen; die einzigen Leiftungen, welche einen harmonifchen Eindruck hervorriefen, waren von der Specialfchule der Kunftgewerke in Genf ausgeftellt. Der Lehrgang an diefer vorwiegend der Ausbildung von Bijouterie- Arbeitern gewidmeten Schule, welche Zeichnungen nach Racinet und anderen franzöfifchen Vorlagewerken exponirt hatte, fcheint ein guter zu fein, und namentlich auch das Umfetzen der natürlichen Pflanze in die ftilifirte, welches die Aufgabe mehrerer ausgeftellten Schülerarbeiten bildete, fprach für das Vorhandenfein höherer kunftgewerblicher Ziele. Nur war es in einem Falle befremdend, eine fehr unbeholfen gezeichnete, natürliche Pflanze und daneben ein gewandt gemachtes, aus diefer ftilifirtes Ornament als Arbeit eines und desfelben Schülers bezeichnet zu fehen. Mehrere Vorlagewerke und Modelle für den Zeichenunterricht bezeugten, dafs in der Schweiz in diefem didaktifchen Gebiete eine ziemlich rege Thätigkeit herrfcht. Aus Holland waren nur Schülerzeichnungen von der„ Gefellſchaft der Arbeiterclaffe in Amfterdam" eingefendet worden; aus Belgien nur Schülerarbeiten und Lehrmittel von dem Penfionat jener frères chrétiens", welche auch in der franzöfifchen Unterrichtsabtheilung eine hervorragende Rolle spielten; aus Schweden war nur von der Schule des Gothenburger Gewerbevereins eine Reihe tüchtiger Schülerzeichnungen aus den Gebieten des Linearzeichnens, der decorativen Malerei, des Maſchinen- und Hochbaues zur Ausftellung gekommen. Sonft waren nur noch einige weibliche Handarbeiten fchwedifcher Volksfchulen exponirt, welche von einem anderen als dem Standpunkte des gewerb lichen Unterrichtes zu beurtheilen find. Dänemark und Spanien hatten die Ausftellung des gewerblichen Unterrichtes gar nicht, Portugal fehr fchwach befchickt. Die in letzterem Staate zu Porto beſtehende Affociation commercial", welche fich die Hebung der Kunftgewerbe zum Ziele fetzt, hatte eine Suite polychromer plaftifcher Ornamente maurifchen Stils ausgeftellt. Ausserdem befanden fich von weiblichen Arbeiten im portugififchen Schulhaufe einige correct ausgeführte Spitzen neben fehr gefchmackswidrigen Stickereien. Ueber den Stand des gewerblichen Unterrichtswefens Amerikas konnte auf der Wiener Weltausftellung keine Belehrung gefchöpft werden, OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER BLINDEN- UND TAUBSTUMMENUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) BERICHT VON EDUARD KALTNER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI, 1873. VORWORT. ") Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausftellung 1873 foll der officielle Bericht noch während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausstellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. I* TOWOW DER BLINDEN- UND TAUBSTUMMENUNTERRICHT. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von EDUARD KALTNER. Das blinde und taubftumme Kind. Die Zahl der blinden und der taubftummen Kinder ift eine fo grofse, dafs die vorhandenen Blinden- und Taubftummen- Unterrichtsanftalten nur einen fehr kleinen Theil diefer Unglücklichen aufnehmen können. Es ift ficher, dafs nur fehr felten Kinder blind oder taub geboren werden, meiftens tritt diefes Uebel erft nach der Geburt ein, wobei Unwiffenheit der Eltern, oder auch klimatifche Verhältniffe und verfchiedene Krankheiten die Schuldtragen. Heute, wo fchon die Volksfchule der Gefundheitslehre ihre Aufmerkſamkeit zu widmen beginnt und ihre Schüler durch entſprechenden Unterricht über den Bau des menfchlichen Körpers, über die Functionen der einzelnen Theile des Körpers, über zweckmässige Lebensweife, Ernährung und Bewegung zu belehren fucht, dürfte es, wenn noch die übrigen dazu berufenen Organe getreulich mitwirken, dahin kommen, dafs die Uebel der Blindheit und Taubheit fich allmälig mindern wird. Befonders find Aerzte, Priefter und Hebammen vermöge ihrer Stellung in der Lage, belehrend auf junge, noch unerfahrene Frauen während der Schwangerfchaft und des Wochenbettes einzuwirken; denn gerade hier werden die meiſten Fehler begangen, und dadurch die Neugebornen für immer unglücklich. Aber auch die Regierung darf die Hände nicht müffig in den Schofs legen; fie mufs dafür forgen, dafs auch der Arme, der im Schweifse feines Angefichtes fein Brot verdient, eine der Gefundheit zuträgliche Wohnung finden könne; fie dulde nicht, dafs Wohnhäufer in gefundheitsfchädlichen Gegenden, oder felbft gefundheitsgefährlich erbaut werden; fie verpflichte die Gemeinden für Reinlichkeit zu forgen, Ueberfüllung der Wohnungen durch Zufammenleben mehrerer Familien hintanzuhalten, fie forge dafür, dafs ärztliche Hilfe überall rechtzeitig möglich werde; endlich wende fie durch ihre Organe der Ueberwachung der 2 Eduard Kaltner. Nahrungsmittel ihre Sorgfamkeit zu, und fuche durch energifches Einfchreiten ihren Ordnungen und Gefetzen den gehörigen Nachdruck zu geben. Gerade für die ärmere Volkclaffe ift die gröfste Sorgfalt von Seite der Regierung nöthig, weil erwiefen ift, dafs gerade hier der Herd für Blinde, Taubftumme und Blödfinnige zu finden ift, und weil dann diefen Menfchen Zeit, Mittel und Kenntniffe fehlen, um ihren nicht vollfinnigen oder geiftesfwachen Kindern die nöthige Erziehung zu geben, wodurch dann endlich für Gemeinde und Staat eine Laft entsteht, für welche alle Mittel nicht mehr ausreichen. Betrachten wir fo ein unglückliches Kind im Kreife der Familie, fo ftellt fich uns oft ein wahrhaft fchauerliches Jammerbild vor Augen. Blindheit und Taubheit haben die natürliche Folge der Unbeholfenheit, die Angehörigen der Unglücklichen wiffen fich mit ihnen nicht zu helfen, und fo kommt es, dafs diefe Kinder ohne alle Thätigkeit fich in die Winkel des Wohnzimmers verkriechen, ganz vernachläffigt werden, bis fich zu dem einen Uebel ein zweites, nämlich Blödfinn oder Stumpffinn gefellt. Die Erziehung in der erften Kindheit fordert fchon bei vollfinnigen Kindern grofse Aufmerkſamkeit, noch mehr aber bei folchen, denen das Licht des Auges oder das Gehör fehlt. Letztere lernen dann auch nicht fprechen, wenngleich die Sprachwerkzeuge vollkommen in Ordnung find. Was ift nun zu thun? Wo fich ein blindes oder ftummes Kind befindet, da follen Priefter und Lehrer mit Rath und That den Eltern ftets zur Seite stehen. Sie mögen den Eltern und namentlich der Mutter zeigen, was fie zu thun hat und wie fie es zu machen hat, dafs das Kind im häuslichen Kreife lernt, fich felbftändig bewegen, wafchen, kämmen, an- und auskleiden, in der Wohnung und im Haufe herumzugehen, kleine Gefchäfte zu verrichten u. f. w. Natürlich mufs Ordnung herrfchen, und namentlich bei blinden Kindern Alles aus dem Wege geräumt werden, wodurch fie fich felbft leicht befchädigen oder Schaden anrichten könnten. Die Blinden laffe man wiederholt Gegenftände betaften, damit fie unterfcheiden und Gegenftände erkennen lernen. Dabei fpreche man fleifsig mit ihnen. So werden diefe Kinder Selbftvertrauen und Muth bekommen, den Eltern wird eine bedeutende Laft abgenommen, und die Kinder werden für einen folgen. den Unterricht empfänglich und vorbereitet. Sobald das fchulfähige Alter eintritt, follen blinde und taubftumme Kinder in die Schule gebracht werden; fie werden gar bald, wenn fie im Elternhaufe nicht gänzlich vernachläffiget wurden, in mancher Beziehung ohne befondere Mühe des Lehrers mit den Vollfinnigen gleichen Schritt halten. Die wenigen, unumgänglich nöthigen Lehrmittel müffen dem Lehrer durch die Gemeinde, oder wenn diefe unfähig ift, durch die Landesregierungen verfchafft werden. Lehrmittel für Blinden und Taubftummen- Unterricht in der Wiener Weltausstellung. Wenn wir mit forfchendem Blicke die vielen Räume der Weltausftellung durchwanderten, fo fanden wir, dafs alle Länder nebft den mannigfachen Induftrie- und Kunfterzeugniffen auch der Jugendbildung gedachten und ihre Schuleinrichtungen von der Hochfchule herab bis zur Dorffchule zur Schau ftellten. Ganze Schulgebäude fanden wir als Mufterbauten entweder in wirklicher Gröfse oder im Modelle. An anderer Stelle werden diefelben eine würdige Besprechung finden, hier wollen wir nur deffen gedenken, was fich auf den Blindenund Taubftummen- Unterricht bezieht. Perfonen, welche fich für den Blinden- oder Taubftummen- Unterricht intereffiren, ift anzurathen, ein Inftitut für folche Kinder zu befuchen; fie werden hier Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 3 Vieles fehen, was wohl in dem für diefes Fach befchränkten Raume in der Weltausftellung nicht zu finden war. Wir empfehlen namentlich Prieſtern und Lehrern den Befuch des k. k. Blinden- und Taubftummen- Inftitutes in Wien, dann des vortrefflich eingerichteten ifraelitifchen Blindeninftitutes auf der hohen Warte und des ifraelitifchen Taubftummen- Inftitutes auf der Landftrafse. Die Herrn Directoren werden gewifs den Eintritt gerne geftatten und bereitwilligft Auskünfte ertheilen. Was nun die Ausftellung felbft betrifft, fo fanden wir den Blindenunterricht durch Lehrmittel und Schülerarbeiten am meiften vertreten von den Inftituten in Wien, Brünn, Dresden, Hannover, Stuttgart, Italien, Spanien, Ungarn, Dänemark und Linz, ferner das Taubftummen- Inftitut von St. Pölten, Wien, Madrid. Die ausgeftellten Gegenftände waren: Lehrbücher und Leitfäden für Lehrer. So fanden wir in der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung alle von dem Gründer des Wiener Inftitutes Herrn Joh. W. Klein verfafsten Werke, ein Werk des gegenwärtigen Directors Pabla fek, und ein recht brauchbares Werkchen des Wiener- Blindenlehrers Entlicher. Lehrmittel, wenn auch nur Bruchftücke, für die gewöhnlichen Unterrichts gegenftände, als: Anfchauungsunterricht( ein Theil des im Wiener Blindeninftitute befindlichen Allerlei), eine fyftematiſch geordnete Sammlung von verfchiedenen im Leben vorkommenden Gegenftänden, als: Getreidearten, Hülfenfrüchten, anderen Sämereien, Münzen, Stoffen, Mafsftäben, Zwirn, Wolle, Seide u. f. w., welche als Anknüpfungspunkte zu Befprechungen verwendet werden, und dazu dienen, Gefühl( Taftfinn), Gehör, Geruch und Gefchmack der Blinden zu üben, und für den eigentlichen Unterricht vorzubereiten. Für den Lefeunterricht fanden wir: Vom Blindeninftitute zu Neapel, Dresden, Brünn und Wien Alphabete, theils aus Metall, theils aus Holz, von Brünn aus rother Maffe ausgeftellt und zwar in vier Stufen, fo dafs das von Neapel die gröfsten, das von Wien die kleinften Buchftaben enthält. Bücher mit erhabener Prefsfchrift fanden wir von allen Inftituten, die fich an der Ausftellung betheiligten, auch von Schweden, Norwegen, Frankreich, Amerika u. f. w. Der Inhalt diefer Bücher ift dem unferer Lehrbücher ähnlich oder er ift gefchichtlich, geographifch, naturgefchichtlich, oder es enthalten diefe Bücher biblifche Erzählungen, Evangelien, Religion, oder verfchiedene Sprüche. Einzelne Inftitute, wie Wien und Brünn, haben ihren Alphabeten Setzapparate beigegeben, welche horizontal auf den Tifch oder die Schulbank gelegt werden, mit Querleiften verfehen find, in deren Falz die Lettern eingefchoben werden. Diefe Setzapparate geben den Blinden zugleich ein Erfatzmittel für das Schreiben. Das National- Inftitut für Blinde und Taubftumme zu Madrid hatte eine gewöhnliche Schultafel mit Satzleiften ausgeftellt, welche zum Rechnen mit Ziffern und zum Zufammenfetzen von Wörtern und Sätzen verwendet werden kann. Ebenfo fahen wir in der fpanifchen Unterrichtsabtheilung eine tabellarifche Darftellung des Alphabetes für Taubftumme( Hand- oder Fingerfprache). In derfelben Abtheilung fanden wir einige Käftchen, an denen oben ein Spiegel angebracht ift. Darunter ift eine genaue Abbildung der Mundftellung bei einzelnen Buchftabenlauten. Durch genaue Nachahmung kommt der Taubftumme zur Mundsprache. Für den Unterricht im Rechnen fanden wir faft überall die ruffifche Rechenmafchine ausgeftellt, die fchon fo bekannt ift, dafs es nicht nöthig erfcheint, weiter darüber zu fprechen. Sie kommt einfach und combinirt vor, auch nach Jarifch. Herr Schwarz vom Blindeninftitute in Brünn hatte einen Rechenapparat für Blinde ausgeftellt, der aus einem horizontalen Brete befteht, in zehn Reihen, gleichweit von einander entfernt ftehende Löcher hat, wovon jede Reihe deren 4 Eduard Kaltner. zehn enthält, in welche zur Zahlenbezeichnung halbkugelähnliche Körper mit ihrem nach abwärts ftehenden Zapfen gefteckt werden. Ungarn hatte in feiner Unterrichtsabtheilung eine der ruffifchen Rechen mafchine ähnliche, für den Pytagoräifchen Lehrfatz ausgeftellt, die mit geringer Aenderung anch für den Blindenunterricht verwendbar ift. Statt der Kugeln finden wir hier verfchliefsbare Kapfeln, auf denen die Zahlen ſtehen. Nehmen wir z. B. in der erften Reihe oben die Zahl 5, fo finden wir darunter in der fünften Reihe davon das Quadrat 25 u. f. f. Auch Brüffel und Madrid haben ruffifche Rechenapparate ausgeftellt, wovon der von Brüffel fich in vier Theile theilt, und in einem folchen Theile Mafse und Gewichte, im Rechnen die Längenmafse enthält; diefer Apparat müfste für Blinde theilweife Umänderungen erhalten. Im Ganzen find alle diefe Apparate nichts weiter als Verfinnlichungsmittel, zum eigentlichen Rechnen für Blinde aber bald entbehrlich, weil die meiſten derfelben mit aufserordentlicher Leichtigkeit und Schnelligkeit im Kopfe rechnen, ebenfo auch die Taubftummen, denen auch das fchriftliche Rechnen( Zifferrechnen) keine Schwierigkeiten macht. Blindenfchrift. Wie der Sehende fühlt auch der Blinde das Bedürfnifs der Gedankenmittheilung, und betrifft diefe abwefende Perfonen, fo kann diefes eben nur fchriftlich gefchehen. Zu diefem Zwecke lehrt man die Blinden in allen Inftituten fchreiben und zwar nach der ftehenden Lateinfchrift. Wenn fchon die beften Schreiblehrer darüber einig find, dafs die Lateinfchrift überhaupt auch für fehende Kinder am leichteften zu erlernen ift, wenn man ferner noch bedenkt, dafs gerade diefe Schriftart am weiteften verbreitet und allgemeiner bekannt ift, als z. B. die deutfche Currentfchrift, fo ift es leicht erklärlich, warum man für Blinde diefe Schrift als die zweckmäfsigfte betrachtet. Zur Herftellung derfelben hat fchon Director Klein einen ganz einfachen Schreibapparat eingeführt, der auch in der Blindenabtheilung der öfterreichifchen Lehrmittel- Ausftellung zu fehen war, und mittelft deffen die blinden Zöglinge des Wiener Inftitutes ganz gute Schriften herſtellen. Der Apparat ift eine einfache hölzerne Tafel mit fühlbaren Querlinien, darüber wird das Papier gelegt und mit einem darauf paffenden Rahmen feftgehalten. Der Blinde legt nun die Spitze des Zeigefingers der linken Hand an die oberfte Linie, die Daumenfpitze der linken Hand an die zweite Linie, und fchreibt feine Buchftaben zwifchen den beiden Fingerfpitzen mit Bleiftift, wobei er bei jedem Buchftaben mit den Fingerfpitzen gegen rechts vorrückt. Ift eine Zeile fertig, fo fährt er mit den Fingerfpitzen in denfelben Linien nach links zurück und rückt jetzt um eine Zeile tiefer, um in gleicher Weife die nächfte Zeile zu fchreiben u. f. f. Haben die Zöglinge einmal einige Fertigkeit erlangt, fo genügt es auch, die Linien mittelft des Apparates blofs durchzudrücken, und dann das fo fühlbar linirte Papier, ohne Apparat auf gleiche Weife zu verwenden. Häufiger findet man jetzt den Hebold'fchen Schreibapparat, der auch zur Punktfchrift, von der wir fpäter fprechen werden, zu verwenden ift. Diefer Apparat war in der Ausstellung in allen Blindenunterrichts- Abtheilungen zu finden, Amerika ausgenommen, wo er aber ebenfalls verwendet wird. Er befteht aus dem eigentlichen Schreibbrete, an deffen beiden Rahmentheilen links und rechts in Linienweite fich eine gleiche Anzahl von Löchern befindet. Statt der Linien, wie bei Klein's Apparat, hat der Hebold'fche Apparat einen oder zwei Meffingquerftreifen, diefe find an den beiden Enden nach abwärts mit Zäpfchen verfehen, mittelft welcher der Streifen, der nun eine Schreiblinie Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 5 bildet, in zwei gegenüberftehende Löcher zur Befeftigung eingelaffen wird. Gleichweit von einander entfernt, enthält der Meffingftreifen rechteckförmige Ausfchnitte, in welchen mittelft eines Stiftes auf untergelegtes Papier die Buchftaben gefchrieben werden. Ift eine Zeile fertig, fo wird der Meffingftreifen um ein Loch tiefer nach abwärts gerückt u. f. w. bis die Schrift zu Ende, oder die Seite voll ift. Gefchrieben wird nur auf einer Seite, auch ift die Schrift, fo wie bei Klein's Apparat, nur für Sehende lesbar und dient als Verſtändigungsmittel für Blinde mit Sehenden. Gold ftein's Schreibapparat aus Wien ift in Einrichtung und Gebrauch der Hauptfache nach dem Hebold'fchen ähnlich. Schon Klein erkannte, dafs der Erfolg des Schreibunterrichtes bei Blinden mit der Mühe in einem fehr ungünftigen Verhältniffe ftehe, dafs aber auch das Schreiben nicht ein hinreichendes Verftändigungsmittel zwifchen Blinden und Sehenden fei, zwifchen Blinden felbft aber gar nicht gebraucht werden könne. Er fann nun auf ein befferes Mittel und kam auf die von ihm eingeführte Stachelfchrift, die nach und nach in allen Blindeninftituten Europas eingeführt wurde, bei welcher die Buchftaben wie mit Nadeln durchftochen erfcheinen und auf der Rückfeite fühlbar find. Die Vorrichtung hiezu war in der öfterreichischen Unterrichtsabtheilung ausgeftellt. Der Apparat befteht aus dem Buchftabenbehälter und aus dem Druckbrete. Zur Stachelfchrift wird das grofse Alphabet der ftehenden Lateinfchrift ( A B C D u. f. w.) verwendet. Die Buchftaben beftehen aus Nadelfpitzen, die verkehrt an der Grundfläche eines vierfeitigen Metallprismas eingegoffen werden, damit fie bei der Wendung des Blattes die richtige Form haben. Am oberen Ende des Prismas ift derfelbe Buchftabe in feiner richtigen Lage fühlbar angebracht, damit ihn der Blinde leicht finden und nach dem Gebrauche wieder an Ort und Stelle bringen kann. Der Buchftaben- Behälter ift ein in beiläufig zwei Zoll tiefe Fächer abgetheilter Kaften, deffen Boden mit Filz oder Flanell belegt ift, damit die Nadelfpitzen nicht leicht verderben. Alphabetifch geordnet kommt in jedes Fach fenkrecht geftellt ein Buchftabe. Beim Gebrauche legt der Blinde diefen Behälter rechts neben das Druckbret. Das Druckbret ift ein glattes, mit Filz oder Flanell belegtes Bret in Rechteckform, darüber wird das Papier gelegt, welches mit einem über das Druckbret paffenden, durch Querftäbe in Zeilenräume getheilten Rahmen feftgehalten wird. Im Gebrauche wird nun ein Buchftabe nach dem anderen mit der rechten Hand aus dem Buchftaben- Behälter genommen. Der erfte Buchftabe wird in der unterften Reihe des Druckbretes links, fenkrecht eingeftellt und mit der linken Hand gehalten, mit dem Daumen der rechten Hand wird nun der eingefetzte Buchftabe abgedruckt, und gleich neben ihn der nächfte Buchftabe eingefetzt, die linke Hand hält jetzt fo lange beide Buchftaben, bis der zweite abgedruckt ift, dann läfst die linke Hand den erften Buchstaben los, und die rechte Hand gibt ihn in fein Fach zurück. An den zweiten lehnt fich der dritte Buchftabe, ein Zeichen, ein Spacium oder eine Ziffer an u. f. f. bis, die Seite voll ift. Nun wird das Blatt fo gewendet, dafs die unterfte Zeile die oberfte wird und fo fteht nun die ganze Schrift in der richtigen Lage. Die fo hergestellte Schrift ift für Blinde und Sehende lesbar, und gibt daher ein ganz paffendes Correfpondenzmittel. In einzelnen Blindenanftalten hat man die fogenannte Punktfchrift eingegeführt, und wir fanden z. B. in der fpanifchen Unterrichtsabtheilung Bücher mit diefer Schrift. Sie befteht aus lauter Punkten, durch deren verfchiedenartige Nebenund Uebereinanderftellung das kleine und grofse Alphabet dargestellt wird. Bisher konnte fich diefe Schreibeweife nicht allgemeine Bahn brechen, was wohl feinen Grund darin haben mag, dafs fie kein Verftändigungsmittel zwifchen Blinden und Sehenden bildet, was erft gefchehen könnte, wenn diefe Schrift allgemein auch für Sehende eingeführt würde. 6 Eduard Kaltner. Der Hebold'fche Schreibapparat ift auch für die Punktfchrift verwendbar, und hat zu dem Zwecke für Anfänger eine zweite Vorrichtung, nämlich für eine Schreibzeile einen verfchiebbaren Meffingftreifen, in welchem fich für jeden Buchftaben in zwei Nebenreihen drei übereinanderftehende Löcher zur Bezeichnung der Punkte befinden.() Die Blindeninftitute verfertigen fich in der Regel ihre Bücher felbft und befitzen hiezu eine einfache Schraubenpreffe. Eine Anzahl von Bleilettern mit taftbarer Schrift befindet fich in einem Behälter, auch die nöthigen Satzzeichen, Ziffern und Spacien. Ganz fo wie bei Buchdruckern werden nun ganze Seiten gefetzt, ift der Satz fertig, legt man ein Blatt befeuchtetes, ftarkes Papier darauf, und darüber einen mit Filz gefütterten Deckel. Diefs in die Preffe geftellt und zugedreht, ift das ganze Gefchäft. Ift die Seite fo oft abgeprefst, als man fie braucht, fo wird der Satz zerlegt, die Lettern eingereiht und eine neue Seite gefetzt. Director Pablafek aus Wien hat an dem gewöhnlichen Schreibapparate, der eigentlich beffer Druckapparat heifst, eine einfache, verfchiebbare Hebelvorrichtung angebracht, um die Buchftaben abzudrucken. Für Taubftumme hat die gewöhnliche Schrift der Sehenden keine Schwierigkeit, und fanden fich auch vom Taubftummen- Inftitute zu St. Pölten Schriftproben in der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung. Geographie. Ausgehend vom Wohnorte, liegt dem Kinde, ob vollfinnig oder nicht, das Wohnhaus, und in diefem das Wohnzimmer am nächften. Aus verfchiedenen Gründen tritt aber befonders für das blinde Kind die Nothwendigkeit auf, dafs es fein Wohnzimmer, fein Schulzimmer fein Arbeitszimmer und das Haus, in dem fich Alles diefes befindet, zunächft kennen lernt. Es ift ja diefes Alles, was er in der weiten Welt, in die zu fchauen ihm das Schickfal verfagte, jetzt mit feinen Händen betaften, mit feinen Schritten durchmeffen kann. Dr. Ludwig Auguft Frankl, der bekannte öfterreichifche Dichter und wackere Freund der Blinden, hat im Modelle das ifraelitifche Blindeninftitut auf der hohen Warte den Befuchern der Ausftellung hingeftellt, und demfelben, für Blinde als Lehrmittel fühlbar dargestellt, den Grundrifs der einzelnen Stockwerke diefer fehr zweckmäfsig eingerichteten Anftalt beigegeben. In der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches fanden wir in fehr fchöner Arbeit den plaftifchen Plan von Hamburg, für Blinde als Unterrichtsmittel von dem Lehrer der Naturwiffenfchaft C. H. Partz ausgeftelit, dann eine Reliefkarte des Thüringer Waldes. Karten von Oefterreich, Deutſchland, Europa u. f. w. find in verfchiedener Weife für den Blindenunterricht eingerichtet und ausgeftellt So fanden wir Grenzen, Flüffe, Gebirgszüge durch Seidenfäden verfchieden. artig bezeichnet, Ortfchaften durch Nadelköpfe. Auch mit Nadeln durchftochen oder mit fchnell trocknender Maffa gezogen, find die wichtigen Theile auf Landkarten bezeichnet. In der italienifchen Abtheilung, auch Dänemark fanden wir die Umriffe der Karten, die Flüffe und Gebirge etc. in Hochdruck. Endlich waren Karten und Globen in Relief dargestellt. In ähnlicher Weife, wie Landkarten fanden wir auch für den naturhiftorifchen Unterricht die Umriffe von Thieren dargeftellt. Das Dresdner Inftitut hatte auch einige Modelle von Thieren ausgeftellt, deren wir noch mehrere in der Hamburger Abtheilung fanden, die zwar nicht von einer Blinden- Lehranstalt herrühren, aber ganz gut dort Verwendung finden können. Vom Taubftummeninftitute in St. Pölten( Oefterreich) waren Abbildungen aus den drei Naturreichen ausgeftellt, von denen die aus dem Mineralreiche von Kurr bei Jofef Schreiber in Efslingen Beachtung verdienen. Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 7 Für den Unterricht in der Phyfik fanden wir nur bei Dresden das Modell eines Saugwerkes, des Auges und des Ohres, eine Locomotive mit beweglichen Beftandtheilen. Für den Gefchichtsunterricht dienen Lehrbücher und für Taubftumme Abbildungen wichtiger Begebenheiten. Zum Unterrichte in der Geometrie fanden wir von Schwarz aus Brünn auf einem Brete die verfchiedenen geometrifchen Formen aus dünnen Blechftreifen ins Holz eingelaffen, fo wie in Druckfabriken oder zum Vordrucken für weibliche Handarbeiten, als: Schlingen, Sticken die Modelle herge richtet werden. Geometrifche Körper aus Holz waren ausgeftellt vom Blindeninftitute in Brünn und Dresden. Von letzterer Anftalt lagen auch hölzerne Dreiecke zur Zufammenftellung verfchiedener geometrifcher Formen auf. Einfache, taftbar dargeftellte Zeichnungsvorlagen waren von Glötzl, Hauptlehrer des Wiener Blindeninftitutes, ausgeftellt. Blinde ftellen ihre Nachahmungen geometrifcher oder anderer Zeichnungen mittelft Stecknadeln auf Kiffen oder auch dadurch her, dafs fie in Wachsflächen mit einem Stifte die Figuren einzeichnen. Auch benützen Blinde dünne Holzftäbchen zur Zufammenfetzung geometrifcher Formen( Stäbchenlegen und Erbfenarbeiten) oder Streifen aus Papier oder Pappe, oder fie fchneiden Figuren aus Pappe u. f. w. Handarbeiten. Arbeit und Sparfamkeit führen zum Wohlftand und zur Zufriedenheit; Arbeit fchützt aber auch gegen Müffiggang und bewahrt vor einer Menge von Sünden und Laftern und ift ein vortreffliches Mittel zur Erhaltung der Gefundheit; Arbeit gibt reichen Stoff zur Geiftesthätigkeit und bietet reines, unverfälschtes Vergnügen. Auch der Blinde fühlt in fich den natürlichen Trieb zu körperlicher und geiftiger Thätigkeit; wird diefer Trieb nicht befriedigt, fo verfällt er in Trübfinn, endlich in Stumpffinn und Lafter. Der Unterricht in allen Blinden und Taubftummen Inftituten führt ftufenweife auch zur nützlichen Befchäftigung, und fucht allmälig die Zöglinge dahin za bringen, dafs fie in fpäteren Jahren als nützliche Glieder menfchlicher Gefellfchaft daftehen, dafs fie nicht mehr ihren Mitmenschen zur Laft fallen, fondern felbft für ihren Lebensunterhalt zu forgen im Stande find; ja, dafs fie eine gewiffe innere Ruhe des Gemüthes erlangen und fich mit innerer Selbftbefriedigung fagen können:„ Auch ich bin kein dürrer Aft an dem unendlichen Baume der irdifchen Welt, auch ich trage nützliche Früchte!" Wenn wir es dahin gebracht haben, dann erft ift unfer Werk gelungen und wir können fagen: " Wir haben dem Blinden das Auge, dem Taubftummen das Ohr und die Sprache gegeben, die ihnen die Natur verfagt hat!" Schon während des eigentlichen Schulunterrichtes beginnen die Zöglinge irgend eine Arbeit zu lernen. Bei Taubftummen find die Schwierigkeiten viel geringer als bei den Blinden. Die Anfichten, welche Arbeiten die Blinden lernen follen, find verfchieden. So lernen die männlichen Zöglinge des Blindeninftitutes in Dresden nur Seilerei und Korbflechterei. Mit Schuhmacher- Arbeiten wurde der Verfuch gemacht, es wurde aber davon wieder abgegangen, während diefe Profeffion im Blindeninftitute in Wien, Kopenhagen und anderen mit Vortheil betrieben wird. fo manchen divergirenden Anfichten hat der von Dr. Frankl einberufene Blindenlehrer- Congrefs eine Einigung erzielt oder wenigftens angebahnt. In Es fei uns hier geftattet, einige Grundfätze, die bei dem Erlernen von Handarbeiten leitend fein follen, und die theilweife auch beim Congreffe ausgefprochen und angenommen wurden, aufzuftellen. 8 Eduard Kaltner. Jeder Zögling, ob männlich oder weiblich, lerne irgend eine Arbeit, wozu er Talent befitzt und wodurch er fich feinen Unterhalt verfchaffen kann. Er lerne eine Arbeit, die er felbftftändig, alfo ohne Mithilfe von Sehenden, vollſtändig ausführen kann. Er lerne eine folche Arbeit, für welche er den nöthigen Abfatz findet. Er lerne eine Arbeit, zu welcher ihm auch die nöthigen Geldmittel nicht fehlen oder wozu fie ihm leicht zur Verfügung geftellt werden können. Wir kommen auf einzelne Punkte noch bei unferen Mittheilungen über den Blindenlehrer Congrefs zu fprechen. Selbſtverſtändlich ift, dafs die localen Verhältniffe wohl berücksichtigt werden müffen. Wenn wir nun die einzelnen Räume, in welchen Arbeiten von Blinden oder Taubftummen in der Wiener Weltausftellung zu finden waren, durchfchritten, fo ftand hier obenan das k. k. Blindeninftitut von Wien. Allerdings mag hiezu noch beigetragen haben, dafs eben die Ausftellung in Wien war, und es daher dem Wiener Inftitute leichter möglich war, fich vollſtändiger an der Ausftellung zu betheiligen. Von den Arbeiten blinder Mädchen im Alter von 12 bis 18 Jahren gaben die vorliegenden Stickereien, die von grober Wolle bis zur feinften und zum feinften Zwirne reichten, den vollſtändigen Beweis, dafs bei Fleifs und Ausdauer und bei zweckmäfsiger Anleitung alle Schwierigkeiten zu überwinden find. Einzelne Arbeiten waren fo fchön, dafs fie auch von Sehenden nicht beffer fein könnten. Wir fanden hier Arbeiten der verfchiedenften Unterrichtsftufen, vom Strumpfbande bis zum Häubchen, Jäckchen und Umhängtuche. Einige aufgelegte Häkel- und Netzarbeiten zeigten, dafs auch in diefem Fache mit Mühe und Fleifs gearbeitet wurde, ja felbft Näharbeiten fehlten nicht. Die Arbeiten der männlichen Blinden gleichen Alters( von 12 bis 18 Jahren) erftreckten fich auf Korbflechterei, Drechsler- und Bürftenbinder- Arbeiten. Diefe Arbeiten waren ganz hübfch hergeftellt und fanden durch thatkräftige Vermittlung des Hauptlehrers und Rechnungsführer Glötzl reichen Abfatz. Es lagen nahe an 200 verfchiedene Arbeiten der männlichen Zöglinge des Wiener Blindeninftitutes auf. Für manche Arbeiten der Blinden werden einzelne Beftandtheile von Sehenden geliefert, fo Vergoldungen, Lackarbeiten. Nebft den bereits genannten Drechsler-, Korbflechter- und Bürftenbinder- Arbeiten wird im Wiener Inſtitute auch Tifchlerei und Schuhmacherei getrieben und eben ift die Direction daran, eine Seilerwerkstätte einzurichten. Mit weifer Vorficht wird hier den Blinden jene Profeffion gelehrt, welche ihnen ihren Lebensunterhalt möglich macht und welche fie allein, ohne Beihilfe von Sehenden betreiben können, oder welche fie als Gehilfen bei ihren Angehörigen ausüben können. Sind die blinden Zöglinge erwachfen und fo weit gebracht, als es das Ziel des Blindeninftitutes vorfchreibt, fo werden diefelben ihren Familien zurückgegeben oder fie treten in die Verforgungsanftalt für erwachfene Blinde über. Diefe Anftalt ift jedoch nicht eine Verforgungsanftalt gewöhnlicher Art, fondern fie bildet gleichfam eine Fortfetzung des Blinden- Erziehungsinftitutes. Auch diefe Anftalt hatte fich bei der Ausftellung betheiligt, und den Beweis geliefert, dafs Talent und Fleifs eine Macht bilden, die felbft das Auge, ein fo unfchätzbares Gut, entbehrlich macht. So fanden wir unter den vielen Holz- Schnitzarbeiten eine Arbeit des erwachfenen Blinden Jofef Kleinhans aus Nauders in Tirol, die, wenn fie auch kein vollendetes Kunftwerk ift, dennoch Staunen erregt. Es ift diefe Arbeit ein Chriftus am Kreuze. Als Unterrichtsmittel zur Kenntnifs der inneren Conftruction eines Claviers, befonders für blinde Clavierftimmer fanden wir unter den Ausstellungsgegenftän Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 9 den das Modell des Saitengerüftes, theilweife mit Saiten bezogen; ferner Taften mit Wiener und englifcher Mechanik von Jofef Prombergerjun. aus Wien. Aehnlich den Arbeiten der Mädchen des Wiener Inftitutes fanden wir Arbeiten von den Inftituten zu Brünn, Linz, Dresden, Hannover, Kopenhagen, Stuttgart, Neapel, Madrid, Peft, Brüffel, Brügge. Von den Arbeiten der männlichen Blinden verdienen befonders Erwähnung: Brünn. Hier fanden wir Seffelflechterei aus Rohr in verfchiedenen Muftern und vorzüglich ausgeführt; ferner Strohgeflechte, Teppiche aus Tuchftücken, Bürftenbinder- Waaren. Zur Herftellung der Maffebuchstaben für Blinde hatte Herr Schwarz auch eine Modellirplatte ausgeftellt. Faft fämmtliche vom Brünner Blindeninftitute ausgeftellt gewefenen Lehrmittel find von Herrn Schwarz felbft hergeftellt oder von ihm erfunden und nach feinen Angaben verfertigt. Linz. Rohrfeffel Geflechte, Körbe aus Weidenruthen, Fufsdecken aus Stroh, Teppiche mit Wollfranfen, Tifchdecken aus färbigem Holze. Von Arbeiten der Mädchen find befonders erwähnenswerth: Schnüre mit Quaften aus weifser Baumwolle, eine Damencravate und ein Serviettenband, eine grofse Bettdecke, Kinderjäckchen, Nachthäubchen, ein Glockenzug, eine Altarfpitze. Diefes Inftitut hatte auch die Wachsbüfte des blinden Fräuleins Therefe v. Paradies ausgeftellt.( 15. Mai 1759 in Wien geboren. 1. Februar 1824 dafelbft geftorben.) Mit ihrer Büfte war auch ihr Stammbuch ausgeftellt, deffen Inhalt fich in einer hölzernen Chatulle befand. Am Deckel derfelben befand fich ihr Bildnifs nebft zwei Blättern von Denis und dem blinden Dichter Pfeffel. Therefe v. Paradies hat felbft zu einer Zeit, in der es noch kein Blindeninftitut gab, einige für den Blindenunterricht wichtige Erfindungen gemacht, und gab Veranlaffung zum Entstehen des erften Blindeninftitutes der Welt. Copenhagen. Hier fanden wir Schuhmacher- Arbeiten, dazu die verfchiedenen Holzformen zum Zufchneiden des Leders. Ferner Seiler-, Bürftenbinder- und Flechtarbeiten. Nach den dortigen Verhältniffen finden diefe Arbeiten reichen Abfatz. Dresden und Hannover. Hier wird den localen Verhältniffen entfprechend nur Korbflechterei und Seilerei getrieben, weil die dadurch erzeugten Waaren den beften Abfatz finden.* Die einträglichfte Erwerbsquelle finden die blinden Mädchen in Sachfen durch Verfertigung von Chignons, wozu fie die Haare aus den Magazinen des Dresdener Inftitutes erhalten. Stuttgart. Auch hier fanden wir Korbflechter- Arbeiten, RohrfeffelGeflechte, Drechslerwaaren ausgeftellt. Auch ftanden in diefer Abtheilung einige recht nette Holzfchnitzereien. Mufik. Die Anfichten über den Mufikunterricht find fehr divergirend. Das hat fich auch bei dem Blindenlehrer- Congrefs hinreichend gezeigt. Herr Reinhard, Director des Dresdner Blindeninftitutes, ein ganz tüchtiger Mann und ein warmer Freund und Vater feiner blinden Zöglinge und mit ihm einige andere Herren finden in der Mufik das Mittel des Bettelwefens und Vagabundirens. Sie befchränken den Mufikunterricht auf den Chorgefang, Clavierund Orgelfpiel, und verwerfen jeden Unterricht mit tragbaren Inftrumenten. Herr Wilhartiz aus Louisville in Amerika, felbft Mufiklehrer, ift der Anficht, dafs Blinde niemals wahre Künftler werden. Diefe Anficht möchten wir wohl als eine fehr gewagte bezeichnen, und weifen hierauf bezüglich auf das allgemein, zurück. * Wir kommen in dem Artikel ,, Blindenlehrer- Congrefs" noch auf diefe Erwerbszweige 10 Eduard Kaltner. auch in Künftlerkreifen bewunderte Fräulein von Paradies hin. Aus dem Wiener Inftitute find auch in der neueren Zeit ganz tüchtige Künftler und Compofiteure hervorgegangen. Wir wollen hier auf die Namen Hartl, Zackreis, Labor( Kammervirtuos des blinden Exkönigs von Hannover) und Weftermeyer hinweifen. Herr Director Pablafe k vom Wiener Inftitute durchkreuzte die Anfchauungen Reinhard's und Wilhartitz's durch eine eben fo geiftreiche als auf Erfahrung bafirte Auseinanderfetzung, und es ftimmten ihm fchliefslich faft alle Congrefsmitglieder bei. Wir werden fpäter auf diefen Vortrag zurückkommen, und wollen jetzt uns auf die Ausftellung befchränken. Fräulein Therefe v. Paradies bediente fich zu ihren Studien und Mufikübungen eines Bretes mit Drahtlinien und Löchern, in welche die aus Holz hergeftellten Noten gefteckt wurden. Diefe Vorrichtung, wenn gleich nicht mehr im Gebrauche, verdient infoferne Achtung, als fie eine Erfindung aus jener Zeit ift, in welcher es noch kein Blindeninftitut gab, und in welcher man überhaupt die Möglichkeit eines Blindenunterrichtes bezweifelte. Daher kam es auch, dafs die Regierung zur Errichtung von Blinden- Erziehungsanftalten gar nichts that, was uns um fo weniger wundern darf, da es ja heute, wo der Erfolg des Blindenunterrichtes als thatfächlich erwiefen ift, noch Leute gibt, die noch nicht zu der Anficht zu bekehren find, dafs der Blindenunterricht ein Theil, und zwar der fchwierigfte des allgemeinen Volksunterrichtes ift. Gegenwärtig benützt man beim Mufikunterrichte das Notenfyftem der Sehenden in Reliefdruck. Herr Glötzl hat dasfelbe auch in Maffefchrift hergeftellt, in welcher Art auch Mufikübungen und ganze Tonftücke hergestellt werden können. Der blinde Claviervirtuofe Labor, ehemaliger Zögling des Wiener Blindeninftitutes, kam auf den Gedanken, Klein's Stachelfchrift- Apparat auch für die Notenfchrift zu benützen. Unter den ausgeftellt gewefenen Gegenständen fanden wir noch Colard Vienot's Noten- Schreibmafchine, mittelft welcher jedoch nicht taftbare Noten hergeftellt werden können, wodurch diefer finnreich conftruirte Apparat für den Blinden einen grofsen Theil feines Werthes verliert. Arbeiten von Taubftummen- Inftituten. Es ift fehr zu bedauern, dafs die Taubftummen- Inftitute fich nur in gerin gem Mafse an der Ausftellung betheiligten, da doch anderfeits die Leiftungen einzelner diefer Anftalten als vorzügliche bekannt find. Wer nun blofs nach der Ausftellung auf die Leiftungsfähigkeit diefer Inftitute fchliefsen würde, der würde jedenfalls zu einem fehr unrichtigen Schluffe kommen. Der Taubftumme kann jede Arbeit erlernen, zu deren Ausübung das Gehör nicht unumgänglich nöthig ift, er wird auch manche Arbeit fich aneignen, ohne einen eigentlichen Unterricht dafür nöthig zu haben. So exiftirt beiſpielsweife in Wien ein Taubftummer, der fich durch Ausfchneiden von Malerpatronen eine ganz günftige Stellung verfchafft hat und anftändig feine Familie ernährt. Von den weiblichen Zöglingen der Taubftummen- Inftitute in Graz, St. Pölten, Stockholm, Madrid waren Handarbeiten, namentlich Strickereien, Häkel- und Netzarbeiten, Nähereien, Weifs- und Buntftickereien ausgeftellt, die an Reinheit und Genauigkeit vollkommen zufriedenftellend find. Die ausgeftellten Arbeiten der männlichen Zöglinge der TaubftummenInftitute von Graz, St. Pölten, Stockholm und Madrid find den verfchiedenen Gewerben angehörend. So fanden wir Schuhe, Stiefel, Männer- und Frauen- Kleidungsstücke, Strohund Rohrflechtereien, Webwaaren. Auch Zeichnungen und Schriften vom Taubftummen- Inftitute zu St. Pölten waren ausgeftellt. Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 11 Spiele und Turnen der Blinden. Der Blinde durch fein Schickfal fehr zur Schwermuth geneigt und in feinen Bewegungen aus Furcht mehr oder weniger unbehilflich, bedarf um fo mehr jener künftlichen Mittel, welche Gefundheitspflege und Erziehung dem erfahrenen Lehrer bieten, um die angeborne Scheu, Angft und Traurigkeit feiner Schüler zu verfcheuchen. Spiele und Turnen nebft Arbeit, Mufik, Vorlefungen und Spaziergängen find hier geeignete Mittel zur Erreichung diefes Zweckes. Wenn fchon aus verfchiedenen Gründen es wünfchenswerth ift, dafs jede Schule ihren Garten haben foll, fo ift derfelbe ganz gewifs für Blindenfchulen ein unabweisbares Bedürfnifs. Ein kleines Plätzchen, das den Blinden überlaffen wird, wird von ihnen, fowohl von Knaben als Mädchen, forgfältig bearbeitet und bebaut, und wenn die jungen Pflänzchen aus der Erde fpriefsen, dann werden fie mit grofser Freude Tag für Tag mit aller Sorgfalt betaftet, begoffen und gepflegt. So wird nebft dem Vergnügen zugleich Liebe zur Natur in das Herz der unglücklichen Blinden gepflanzt. Aber der Garten ift ihnen auch der Ort der Erholung. Hier wandeln fie einzeln oder zufammen herum, meffen mit ihren Schritten jeden Weg ab, kennen genau jedes Plätzchen, auf dem etwas fteht, gehen auf jeden etwa Entgegenkommenden horchend unbehindert ihres Weges, und gewinnen allmälig in ihrer Haltung und Bewegung eine Sicherheit, wie fie den Sehenden eigen ift. Der Garten enthält aber auch abgefondert für Knaben und Mädchen die nöthigen Spielplätze, für die Knaben auch eine Kegelbahn, eine Schaukel u. f. f. Ebenfo wird im Garten der Sommer- Turnplatz eingerichtet. Auch im Winter, wenn es die Witterung geftattet, wird der Garten zu Spaziergängen benützt. Im Zimmer unterhalten fich die Zöglinge mit Domino, mit Würfelfpiel( die Augen find natürlich fühlbar angebracht), mit Damenziehen und felbft mit Schachfpiel und noch anderen Spielen, die im Zimmer ausgeführt werden können. Wir fahen auch Damenbret, Domino und Schachfpiel ausgeftellt. Jene, welche gerade an dem Spiele nicht theilnehmen, unterhalten fich mit Lefen, Schreiben, Rechnen oder mit irgend einer Arbeit oder mit Mufik. So gehen den Blinden die freien Stunden in Luft und Freude hin. Unter den Ausftellungsgegenständen des Wiener Blindeninftitutes befand fich auch unter Glas und Rahmen von dem Turnlehrer diefer Anftalt Herrn Franz Woftry eine Darftellung fämmtlicher Turngeräthe des Inftitutes gezeichnet. Der Blindenlehrer- Congreſs in Wien. Bei der Entfernung der einzelnen Blindeninftitute von einander ift die Verftändigung des Unterrichtsperfonales eine fehr fchwierige oder faft unmögliche. Um einen einheitlichen Vorgang, einen Austaufch der Anfichten und Erfahrungen in das Blinden Unterrichtswefen zu bringen, erging durch die Herren Paul Hübner und E. Kaltner fchon im Jahre 1870 bei Gelegenheit der neunzehnten allgemeinen deutfchen Lehrerverfammlung in Wien eine Einladung an die Blindenund Taubftummen- Lehrer zu einer Verfammlung. Diefe wurde damals unter dem Vorfitze Kaltner's im k. k. akademifchen Gymnafium in Wien abgehalten, und der Befchlufs gefafst, dahin zu wirken, dafs baldmöglichft ein allgemeiner Congreſs von Blinden- und Taubftummen- Lehrern zufammentrete. 12 Eduard Kaltnor. Die Wiener Weltausftellung bot hiezu die paffendfte Gelegenheit, und Herr Dr. Ludwig Auguft Frankl, ein wahrer Freund der Blinden, ergriff den Moment, und lud die Blindenlehrer zu einer Verfammlung ein. Seinem Rufe folgend erfchienen am 4. Auguft 1873 im Feftfaale des k. k. akademifchen Gymnafiums Blindenlehrer und Freunde von Blinden aus faft allen Ländern Europas, aus Afrika und Amerika, um an den Berathungen theilzunehmen. Auch einige Volksfchul- Lehrer Wiens und mehrere Blinde wohnten den Verfammlungen bei. Unter den anwefenden Gäften befanden fich Fürft Georg Chartorynski aus Lemberg, Baron Königswarter, Dr. Hoffer als Vertreter der Stadt Wien, Magiftratsrath Le ban als Stellvertreter des Bürgermeifters, Hoffecretär Fleifsner als Vertreter des Unterrichtsminifteriums. Dr. Frankl eröffnete die Verfammlung mit einer wohl durchdachten Anfprache, in der er das Gefchichtliche des Blinden- Unterrichtswefens darlegte, bafirt auf die drei Worte:" Verehrt, ernährt, belehrt!" Im grauen Alterthume fchrieb man den Blinden profetifche Sehergabe zu man wendete fich an fie, um künftige Schickfale zu erfahren und verehrte fie. 1178 wurde vom Herzog Welf VI., der im Alter felbft erblindete, zu Meiningen( um 82 Jahre früher als in Frankreich) das erfte Blindenafyl gegründet. Walter von der Vogelweide befang es in einem Gedichte mit den Worten: ,, Es bleibt fein ganzes Lob auch nach dem Tode." Das Blindenafyl war jedoch nichts weiter, als eine Verforgungsanftalt; man befchränkte fich darauf, Blinde zu ernähren. . Da tauchte plötzlich aus dunkler Nacht ein leuchtender Stern auf! Eine Wienerin, Fräulein Therefe v. Paradies, deren wir bereits wiederholt erwähnten, machte durch ihre Virtuofität grofses Auffehen, wodurch in' Valentin v. Hany der Gedanke reifte, in Paris ein Blinden- Erziehungsinftitut zu errichten, welcher Gedanke 1784 auch zur Ausführung kam. Ganz unabhängig von diefer Anftalt gründete Johann Wilhelm Klein 1809 das Blindeninftitut zu Wien, welches 1816 zur Staatsanftalt erhoben wurde. Auch die Verforgungsanftalt für erwachfene Blinde verdankt diefem edlen Manne feine Entstehung. Bald entftanden ähnliche Anftalten in verfchiedenen Ländern und heute gibt es bereits 143 folche Inftitute. Und fo bewähren fich die anfangs ausgefprochenen Worte:" Verehrt, ernährt, belehrt!" Das als unmöglich Geglaubte ift zur lebendigen That geworden, und jedes Blindeninftitut hat ausgezeichnete Zöglinge aufzuweifen. Nach Herrn Dr. Frankl nahm der Gemeinderath Herr Dr. Hoffer das Wort, um die Verfammelten im Namen der Stadt Wien zu begrüfsen. Redner hob befonders das humanitäre Wirken unferes Jahrhunderts und zwar befonders der zweiten Hälfte desfelben hervor. Der ungarifche Unterrichtsminifter Auguft v. Tréfort fendete durch einen Abgeordneten, Herrn Minifterialrath Karffy dem Congreffe feinen Grufs. Im Namen der Congrefsmitglieder fprach Herr Director Mecker aus Düren in Preufsen dem Comité für die viele Mühe, und der Stadt Wien für den herzlichen Empfang feinen Dank aus. Schon am 3. Auguft wurde eine Vorverfammlung abgehalten und dabei das Präfidium gewählt und die Tagesordnung aufgeftellt. Hierüber erftattete ein Herr Paul Hübner Bericht und wurden die in der Weife gefafsten Befchlüffe auch angenommen. Gewählt wurden: Herr Dr. Frankl als Präfident, " Director Pablafek von Wien, als Präfes- Stellvertreter, Paul Hübner, Redacteur des„ Heilpädagog" und Entlicher, Lehrer des Wiener Blindeninftitutes als Schriftführer, Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 13 Herr Glötzl, Lehrer und Rechnungsführer des Wiener Blindeninftitutes als Caffier. Tagesordnung: 1. Verhandlungstag: Die Blinden Amerikas und ihre Erziehung; Vortrag, gehalten von Wilhartitz, Lehrer an der Blindenanftalt zu St. Louis, Miffoury. Ueber Blinden- Vorfchulen, Director Riemer in Hubertsburg. 2. Verhandlungstag: Welche find die Urfachen, dafs man bisher keine allgemeinen praktifchen Refultate der Blindenerziehung erzielt hat? Director Moldenhaver aus Kopenhagen. Der Mufikunterricht in der Blindenfchule. Director M. Pablafek aus Wien. 3. Verhandlungstag: Ueber die technifche Ausbildung und Fürforge der Blinden. Director Reinhardt aus Dresden. Leipzig. Ueber eine gemeinfchaftliche Blindenfchrift. Director von St. Marie in Herr Wilhartitz erhält das Wort. Nach den Auseinanderfetzungen des Redners liegt die Blindenerziehung der meiften Central- und füdamerikanifchen Staaten in den Händen der Klofterbrüder und Miffionäre, welche fich auf eine blofse Ernährung und Pflege der Blinden befchränken. In Peru gibt man arme Blinde in die Hofpitäler, die reichen leben zu Haufe, jedoch ohne Unterricht. In Equadore, Guatemala, Venezuela, Nicaragua, den argentinifchen und columbianifchen Republiken und auf Cuba ift bis jetzt für Blindenunterricht nichts gefchehen. In Brafilien ift ein Blindeninftitut mit 33 Zöglingen, in Mexico, wo es fehr viele Blinde gibt, find 3 Blindeninftitute. So, wie Frankreich feinen Hany, Oefterreich feinen Klein und Frankl, die Vereinsftaaten ihren Dr. Howe haben, fo befitzt auch Mexico einen Mann, der trotz aller Schwierigkeiten, die ein uncultivirtes Land bietet, mit unverfiegbarem Muthe Schulen für Blinde baute, und fich der gröfsten Anerkennung würdig machte. Der Mann, der noch immer mit gleicher Liebe wirkt, heifst Ignatio Trigueros. Canada befitzt 2 Inftitute, in denen dasfelbe gelehrt wird, wie in England. Obfchon Amerika das Land der Freiheit ift, fo find doch die Schulen der vereinigten Staaten nicht als ein Product der Freiheit zu betrachten. Mit aller Strenge fordern die Schulgefetze, dafs jedes Kind, wenn auch blind, ftumm, einarmig, einbeinig oder höckerig oder überhaupt idiotifch, fo weit es möglich ift, unterrichtet werde. So entstanden Schulen für Alle, und da man nicht überall einen Blindenlehrer anftellen kann, fo baut man in einer leicht erreichbaren Stadt ein Haus, und hier erhalten die Blinden Wohnung, Koft, Wäfche und Unterricht umfonft. Die Staaten gründen und erhalten diefe Inftitute als Abwehr gegen Bettelei, Lafter und Verbrechen. Der Unterricht In den Vereinigten Staaten befinden fich 27 Inftitute. theilt fich: 1. in primären, 2. literarifchen, 3. Mufik, 4. Technik, 5. Haushalt. Der Unterricht in den Handwerken richtet fich nach den Bedürfniffen der Gegend. Es werden herangebildet: Korbflechter, Drahtflechter, Befenbinder, Bürftenbinder, Matratzenmacher, Haufierer, Clavierftimmer, Rohrflechter, Buchhändler, Schachtelmacher und Gehilfen für die Farm. Die Mädchen lernen Stricken, Häkeln, Wafchen, Bügeln, Kleiderzufchneiden und Nähen mit und ohne Mafchine u. f. w. Unwiffenheit und falfches Mitgefühl des grofsen Publicums zerftören leider oft jahrelange Mühe. Menfchen, welche einen Blinden nicht fehen können ohne dafs ihnen die Thränen in die Augen treten, kaufen doch dem Blinden nichts ab, nehmen ihn nicht in die Arbeit, unterſtützen ihn nicht in feiner Arbeitsluft. Herr Riemer aus Hubertsburg in Sachfen erhielt das Wort, um über Blindenvorfchulen zu sprechen. Seine Anfichten gehen dahin, dafs die meiſten 14 Eduard Kaltner. blinden Kinder im Kreife ihrer Angehörigen entweder ganz und gar vernachläffigt oder verbildet werden, wodurch später der Unterricht fehr erfchwert wird. Es erfcheint daher von gröfster Wichtigkeit, dafs, fo wie für fehende Kinder Kinderbewahr- Anftalten, Kindergärten u. f. f. mit Nutzen gegründet werden, auch für blinde Kinder diefe Vorforge nicht aufser Acht gelaffen werden folle. Die Errichtung und Erhaltung derfelben wäre Pflicht des Staates. Die Aufgabe folcher Blindenvorfchulen beftünde im Wefentlichen darin, dem phyfifchen Elende der blinden Kinder abzuhelfen, ihnen die üblichen Angewohnheiten zu nehmen, fie zur Selbftthätigkeit und Selbfthilfe anzuleiten und ihre geiftigen Anlagen naturgemäfs zu wecken und zu entwickeln, und durch Unterricht den Grund zu einem fittlich frommen Leben zu legen. Angemeffene Leibespflege in Bezug auf Wohnung, Nahrung, Kleidung und Reinlichkeit, Stärkung der Kräfte durch freie Bewegung, Turnen und Thätigkeit, Fröbel's Spiele, elementarer Schulunterricht und eine geordnete Lebensweife find die Mittel, deren fich diefe Vorfchulen bedienen müffen, um ihren Zweck zu erfüllen. Sachfen befitzt eine folche Blindenvorfchule, und Herr Director Reinhardt, der nach dem Vorredner das Wort ergreift, fpricht fich in anerkennenswerther Weife über den Nutzen folcher Anftalten aus und fordert die anwefenden Mitglieder auf, alles aufzubieten, damit in jedem Lande folche Vorfchulen gegründet werden. Wir haben uns bei verfchiedenen Gelegenheiten, namentlich aber fchon im Jahre 1866 in mehreren Artikeln in dem Fachblatte„ Freie Schule" über die Wichtigkeit von Blindenvorfchulen ausgefprochen, haben dafür aber noch andere Gründe als die durch Herrn Riemer bezeichneten. Die meiften Blinden- Erziehungsinftitute, wie diefes namentlich bei dem Wiener Inftitute der Fall ift, befinden fich in grofsen Städten, wo die Möglichkeit geboten ift, den Zöglingen den weit gehendften Unterricht zu verfchaffen. Sie find in der Regel auch fo ausgeftattet( freilich nicht auf Koften der Regierung, fondern meift durch Privatunterſtützung) dafs fie, wenn diefelben in der Hand einer erfahrenen und umfichtigen Leitung ftehen und über tüchtige Lehrkräfte zu verfügen haben, als Mufteranſtalten des Landes gelten können und follen. Nun erhalten diefe Anftalten durch die damit verbundenen Stiftungen, wie diefes wieder in Wien der Fall ist, aus allen Provinzen Zöglinge. Darunter find denn manche, bei denen, der geringen geiftigen Fähigkeiten wegen, eine folche Ausbildung, wie fie das Inftitut geben könnte, ganz unmöglich wird. Dagegen fchlummert vielleicht da und dort ganz verborgen und von aller Welt vergeffen, ein Talent, aus dem fich Grofses machen liefse, wenn es das Glück hätte, in das Inftitut aufgenommen zu werden, und fo verkümmert es, weil dem Keim die erwärmende Sonne, der fruchtbare Boden und der befruchtende Thau fehlt. Würden aber in jeder Provinz Oefterreichs eine, in den gröfseren zwei Blindenanftalten errichtet, wie diefes in Amerika der Fall ift, und diefe Anftalten fo eingerichtet, dafs die Zöglinge dafelbft die nöthigfte Schulbildung erhielten und nach Umftänden, wenn diefelben eben nicht an ein Mufterinftitut des Landes abgegeben werden können, weil ihnen hierzu der höhere Grad geiftiger Befähigung mangelt, auch eine gewerbliche Ausbildung erlangen könnten; dann würde die Mufteranſtalt nur befonders begabte blinde Zöglinge zur weiteren Ausbildung erhalten. Solche Vorbildungsfchulen find aus Landesmitteln zu errichten und zu erhalten, und mufs es möglich gemacht werden, dafs alle blinden, unterrichtsfähigen Kinder Aufnahme finden. Was hier an Geldmitteln aufgewendet wird, wird fpäter an Verforgungshäufern erfpart werden.- Der zweite Verhandlungstag war fehr zahlreich befucht und befanden fich unter den Damen die Gräfinen Teleki und Bethlen. Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 15 Der Präfident ertheilte dem Herrn Moldenhaver aus Kopenhagen das Wort. Auch diefer Redner fpricht für Gründung von Blinden- Vorfchulen, da der Unterricht der Blinden, der auch die gewerbliche Ausbildung in fich fchliefst, auf eine zu kurze Zeit zufammengedrängt werde. In Kopenhagen befteht ein Verein, der fich zum Ziele gefetzt hat, eine Blinden- Werkflätte zu errichten. Der Verein verfchafft den Blinden die Arbeit und zahlt ihnen ihren Verdienft wöchentlich aus. Aehnliche Werkftätten beftehen in Edingburgh und London. Oberinfpector Bittner aus Dresden fpricht fich dahin aus, dafs die Blindenanftalten nicht die gewünfchten praktifchen Refultate aufweifen, weil fie einerfeits mehr Blindenfchulen als Blinden- Erziehungsanftalten find, andererfeits, dafs der Staat fich der Blindenanſtalten gar nicht annimmt, wie es doch feine Pflicht wäre, fondern diefelben immer auf die Privat- Wohlthätigkeit verweift. Auch Herr Director Schäfer aus Friedberg beklagt fich darüber, dafs in Heffen die Blindenanſtalten feit ihrem Beftehen nur von milden Beiträgen erhalten werden müffen. Anders ift es in Dänemark. Hier deckt der Staat die Koften für die Inftitutszöglinge, welche nicht felbft zahlen können. Wilhartitz ftellt den Antrag: Der Congrefs wolle befchliefsen, die Staaten follen die Blindeninftitute übernehmen und für die intellectuelle, techniſche und mufikalifche Ausbildung der Blinden forgen. Auch Ohlwein aus Weimar meint, der Staat müffe für die blindgebornen Kinder und für Errichtung von Blinden- Werkflätten forgen. Herr Henri Lavanchi aus Kairo behält fich das Wort vor. Der Vorfitzende bemerkt, dafs die Frage am dritten Verhandlungstage noch zur Sprache komme, worauf die Debatte gefchloffen wurde, und Herr Director Pablafek aus Wien das Wort erhielt zum Vortrage über Mufikunterricht. Durch einen wohl durchdachten, gediegenen Vortrag tritt Redner für die Ertheilung des Mufikunterrichtes ein. Er weift, auf gemachte Erfahrungen gegründet, die trefflichen Erfolge diefes Unterrichtes nach, bekämpft fchon von vornherein Einwendungen, die gegen den Mufikunterricht gemacht werden könnten, und citirt eine Reihe von darauf bezüglichen Artikeln aus dem„ Heilpädagog", den Jahresberichten der Blindeninftitute und aus verfchiedenen Fachblättern und anderen Zeitfchriften. Schliefs lich ftellt er folgende Thefen zur Annahme auf: 1. Soll der Mufikunterricht ein Lehrgegenftand in der Blindenfchule fein? 2. Ift er blofs auf den Gefang zu befchränken? 3. Ift er blofs auf Gefang, Clavier und Orgel auszudehnen? 4. Ift er auch auf andere Inftrumente auszudehnen? Nachdem Pablafek noch den Antrag ftellte: Der Congrefs möge die Gründe für die Unbedenklichkeit des Mufikunterrichtes und der Mufikinftrumente in Erwägung ziehen, und im Einklange mit dem Befchluffe des amerikaniſchen Congreffes anerkennen, dafs die Mufik als äfthetifches Bildungsmittel, als Quelle der Erheiterung und des Erwerbes einen Hauptgegenftand bilde, und nach Mafsgabe der zu Gebote ftehenden Mittel, Lehrkräfte und örtlichen Verhältniffe auf tragbaren und nicht tragbaren Inftrumenten zu lehren fei, wurde zur Debatte über die aufgeftellten Thefen gefchritten. Die vierte Thefe wurde angenommen, wodurch die übrigen entfallen. Dazu wird noch beftimmt, dafs jeder blinde Zögling auch ein Handwerk erlernen foll. Herr Reinhardt aus Dresdes erftattet eingehend Bericht über das Blinden- Unterrichtswefen in Sachfen. Sachfen befitzt eine Blindenvorfchule, ein Blindeninftitut und damit verbunden die Verforgung der erwachfenen Blinden, jedoch aufserhalb des Inftitutes. 16 Eduard Kaltner. Das Hauptgewicht liegt hier in der Blindenverforgung, welche in Sachfen vortrefflich durchgeführt wird, was jedoch in der Weife nur in kleineren Ländern möglich ift, befonders da die Sachfen im Allgemeinen ein gutmüthiges Volk find. Mit fünf Jahren werden die blinden Kinder zu Hubertsburg in die Blindenvorfchule aufgenommen, wo fie bis zum zehnten Jahre bleiben. Von hier aus treten fie wohl vorbereitet in das Hauptinftitut in Dresden ein. Wiffenfchaftliche und technifche Bildung gehen hier neben einander. Von Arbeiten wird hier nur Seilerei und Flechterei betrieben; von Muſik: Gefang, Clavier- und Orgelfpiel. Schon während des Aufenthaltes im Inftitute wird jedem Blinden von feinem Verdienfte ein Theil gutgefchrieben, den er fpäter ausbezahlt mit ins Leben nimmt; dadurch entſteht Anfpornung zum Fleifse und zur Thätigkeit. Ift die Ausbildung vollendet, dann mufs jeder Blinde hinaus ins Leben. Der Austritt aus dem liebgewonnenen Haufe führt zu rührenden Szenen, und doch fagt Reinhardt: Als ich einft einen bitterlich weinenden Zögling fragte: Willft du da bleiben? antwortete er ſchnell: Ne, ne, ins Vogelhaus will ich mich nicht fperren laffen! Die Zöglinge werden aber nicht ohne Weiteres hinausgefetzt in die Welt. Sie bilden mit dem Inftitute eine grofse Familie.„ Wenn die Zeit zum Austritte herannaht, dann ziehe ich auf meinen Infpectionsreifen Erkundigungen ein; ich wende mich, führt Reinhardt fort, an die Angehörigen, an den Pfarrer, Bürgermeifter u. f. w., und erft, wenn ich kein Bedenken habe, werden die austretenden Zöglinge ihren Angehörigen übergeben. Sonft aber wird für fie eine paffende Stelle ausgemittelt, Mädchen werden als Arbeiterinen bei verlässlichen Leuten untergebracht, die männlichen Blinden werden in einer Werkstätte bei Sehenden oder Blinden verforgt, oder es wird ihnen felbft, wenn fie dazu tauglich find, eine folche eingerichtet." Bei dem Austritte erhält jeder Blinde vollſtändige Kleidung, Wäfche, Werkzeuge und fein erfpartes Geld, die Mädchen ein vollſtändiges Bett, nöthigenfalls wird ihnen der Zins gezahlt. Aus den Magazinen des Inftitutes erhalten fie das nöthige Arbeitsmaterial auf Rechnung, und wenn fie die fertige Waare nicht felbft verkaufen, fo wird fie vom Inftitute übernommen. ,, Hat es ein Blinder einmal dahin gebracht, dafs er fich einige Hundert Thaler erfpart hat; fo denkt er auch daran, fich ein Häuschen zu erwerben, da bin ich wieder da, und ftrecke das fehlende aus dem Inftitutsvermögen, das nur durch milde Beiträge entftanden ift, ohne Zinfen gegen Vormerkung vor." Von Zeit zu Zeit werden von dem Director alle Blinden des Landes befucht, und wenn der bekannte Mann aus Dresden kommt, da geht das Herz auf, die Freude zieht in die Hütte des Blinden ein, ein Verhältnifs des Vaters zu feinen Kindern. Da wird Alles mitgetheilt, Gutes und Schlimmes, wo es noth thut, wird geholfen, der Zins gezahlt, die Wäfche oder Kleider gekauft, Apotheke oder Arzt bezahlt u. f. w. Das fordert viel Geld, meine Regierung würde mir die Hilfe nicht verfagen, aber ich habe fie nicht nöthig, meine Mitbürger und die Behörden, Katholiken, Proteftanten und Juden verfehen, mich reichlich; denn fie erkennen das fegensvolle Wirken diefer Einrichtung." Director Reinhart ftellt folgende Thefen zur Annahme auf: 1. In den Blindenanftalten find nur jene Arbeiten zu lehren, welche der Blinde ohne Beihilfe Vollfinniger felbftftändig herzuftellen vermag und für die er im bürgerlichen Leben genügenden Abfatz findet. 2. Jeder Anftaltszögling ift techniſch auszubilden. 3. Neue Verſorgungshäufer für Blinde find nicht zu gründen, die alten fobald als thunlich aufzuheben. 4. Der Blinde ift bei uns nach der Entlaffung aus dem Inftitute moralifch und materiell zu unterſtützen, wenn er deffen bedarf und würdig ift. Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. 17 Zu diefem Zwecke foll jede Anftalt einen Unterſtützungsfond für die Entlaffenen gründen. Nach längerer Debatte wurden fämmtliche Thefen angenommen, nur zu Thefe 3 gab Moldenhaver das Separatvotum ab: Verforgungsanftalten für Mädchen feien zweckentfprechend. In der um halb 5 Uhr wieder aufgenommenen Sitzung wurde von St. Mari ( Leipzig) die Braill'fche Punktfchrift für die Praxis und das Hebold'fche Syftem für den Schulunterricht empfohlen. Wait aus New- York fetzte fein Syftem einer Punktfchrift auseinander, und wurde dann ein Ausfchufs gewählt aus den Herren: St. Mari, Pablafek, Bittner, Riemer und Moldenhaver. Diefes Comité foll den Gegenftand in Berathung ziehen, und das Ergebnifs durch Fachblätter bekannt geben. Nachdem die Verhandlungen eine unerwartete Ausdehmung annahmen, reichten die beftimmten drei Tage nicht aus, und es muiste eine Verlängerung der Congrefsdauer eintreten. Mehrere Sectionsanträge, über welche Herr Entlicher referirte, kamen zur Verhandlung. 1. Der Congrefs erkennt es als eine Nothwendigkeit, dafs Bibliotheken für Blinde gefchaffen werden; zu diefem Zwecke follen fich die Blindenlehrer einer Nation zur Herausgabe einigen.( Angenommen.) 2. Die Blindeninftitute follen fich die Jahresberichte, die Abhandlungen enthalten follen, zufchicken.( Angenommen.) 3. Wird befchloffen, das Organ für Taubftummen- und Blindenanftalten von Dr. Mathias in Friedberg zu unterſtützen. 4. Der Congrefs ſpricht den Wunſch aus, dafs eine Pfychologie und Pathalogie der Blinden verfafst werde.( Angenommen.) 5. Der Congrefs wolle ausfprechen, dafs, wo diefes nicht der Fall ift, es nothwendig fei, dafs zum ferneren Gedeihen des Blinden- Unterrichtswefens eine legislative Regelung desfelben unter Beiziehung von Fachmännern durchzuführen fei.( Angenommen.) Director Martin aus Edingburgh theilt mit, dafs bei ihnen die Arbeiten unter Aufficht in grofsen Werkstätten fabriksmäfsig betrieben werden, wobei eine Theilung der Arbeit nicht ftattfindet, und dafs dort nur felten Blinde in ihre Heimat zurückkehren. Er verfpricht feine Erfahrungen in diefer wichtigen Frage in deutfcher Sprache drucken zu laffen und an die Blindeninftitute zu fenden. Herr Lavanchi, Vorfteher und Gründer der Blindenanftalt zu Kairo, von welcher in der egyptifchen Abtheilung auch Lefebücher auflagen, motivirt in längerer, franzöfifch gehaltener Rede, einen Antrag, dafs ein ftändiger Ausfchufs gewählt werde, welcher einerfeits wieder einen Congrefs einberufen, anderfeits die weitere Leitung der diefsbezüglichen Angelegenheiten in die Hand nehmen foll. Es wird befchloffen, im Jahre 1876 zu Dresden wieder einen Blindenlehrer- Congrefs abzuhalten und das gegenwärtige Comité, verſtärkt durch die Herren Reinhardt und Bittner, beide aus Dresden, mit den Vorarbeiten zu betrauen. Hiemit find die Verhandlungen des erften internationalen BlindenlehrerCongreffes beendet, und ergreift Dr. Ludwig Auguft Frankl als Präfident das Wort zur Schlufsrede. ,, Heute, am Tage des Abfchiedes erfafst mich ein doppeltes Gefühl, das der Wehmuth und das der Freude. Nur noch wenige Stunden, und Sie, die Herren der Wiffenfchaft und die Apoftel der Humanität, werden unferer Stadt den Rücken kehren. Hier bewährt fich das Wort Goethe's:„ Es ift gut den Genius bewirthen. Gibft Du ihm Gaftgefchenke, er gibt ein fchöneres dir zurück." Wir konnten Ihnen nur geringe Gaftfreundfchaft beweifen, Sie aber laffen uns durch Ihre Erfahrungen und Anfchauungen göttliche Gefchenke zurück. Ich erinnere Sie an den bekannten, grauen, unfcheinbaren Bolognefer Stein, der in der Sonne die Licht 18 Eduard Kaltner. Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht. ftrahlen einfaugt und in der Dunkelheit wieder ausftrahlt. Sie thun dasfelbe, lichtlofe Menfchen nehmen Sie, die Strahlen Ihres Geiftes werden von ihnen ein gefogen, dafs ihre Herzen zu leuchten beginnen. Ich erachte es als die gröfste Ehre, dafs Sie mich zu ihren Vorfitzenden wählten, und hoffe, dafs wir uns nicht für immer trennen. Zugleich erlaube ich mir, der Preffe, die unferen Verhandlungen fo grofse Aufmerkſamkeit fchenkte, den wärmften Dank auszufprechen. Wir, die wir die Erziehung und Bildung der Blinden mit reger Theilnahme verfolgen, und als einen wichtigen, zugleich aber als den fchwierigften Theil der Volksbildung betrachten, wir freuen uns, dafs nun auch die Blindenlehrer an die Oeffentlichkeit getreten find. Wir wünſchen von ganzem Herzen, dafs der Same, der hier ausgeftreut wurde, fruchtbaren Boden finden und zum herrlichen Baum wachfe.g Ihr Lehrer aber alle, die Ihr an der Volksbildung arbeitet, Ihr feid berufen, die Finfternifs zu zerftreuen, und himmlifches Licht in die dunkle Nacht zu. bringen. Lafst Euch nicht abfchrecken durch die Dornen, die Euere Bahn bedecken, fchleudert fie hinweg oder zertretet fie, ein Kranz der fchönften Rofen wird Euer Haupt zieren. Ihr Grofsen der Reiche, in deren Hand das Wohl und Wehe der Völker liegt, wendet Eure Blicke herab zu den Kindern, und bedenket, dafs aus ihnen dereinft die Stütze der Reiche erftehen foll. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. LANDWIRTHSCHAFTLICHE LEHRE UND FORSCHUNG. ( Gruppe XXVI, Section 4.) BERICHT VON PROF. DR. C. THEODOR VON GOHREN, Director der landwirth fchaftlichen Lehranstalt ,, Francisco- Jofephinum" in Mödling bei Wien. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. n TEHKE DVD EC OD EOKPO 2221EF 22- BEBICHI LANDWIRTHSCHAFTLICHE LEHRE UND FORSCHUNG. ( Gruppe XXVI, Section 4.) Bericht von PROF. DR. C. THEODOR VON GOHREN, Director der landwirthschaftlichen Lehranstalt ,, Francisco- Jofephinum" in Mödling bei Wien. Wer feiner Zeit der Anficht gewefen fein follte, dafs er auf der Weltausftellung eine überfichtliche Darftellung des gegenwärtigen wirklichen Standes des landwirthfchaftlichen Unterrichtes in den einzelnen Ländern finden würde, wird fich fehr enttäuscht gefehen haben. Höchftens war zu entnehmen, welche Länder und Anstalten geneigt und mehr oder weniger vorbereitet zur Befchickung der Weltausftellung mit auf die landwirthschaftliche Lehre und Forfchung Bezug habenden Objecten waren. Es darf uns das nicht Wunder nehmen. Aus mehrfachen Gründen. Vor Allem ift es überhaupt fchwer, ja in manchen Richtungen ganz unmöglich, den Unterricht ,, auszuftellen". Die Hauptfache, das intellectuelle Capital, welches dem Schüler beigebracht worden ift, läfst fich nicht unter Glas und Rahmen bringen. Der Erfolg, die Leiftungsfähigkeit einer Lehranftalt hängt von der Perfönlichkeit, der Individualität der Lehrer ab, in zweiter Linie von der Methode und in dritter erft von dem gröfseren oder geringeren Reichthume an Lehrmitteln. Gerade das umgekehrte Verhältnifs macht fich aber bei Ausftellungen bemerkbar. Das gröfste Terrain, hie und da wohl ganz ausfchliefslich, wird beherrfcht von Lehrmittelfammlungen, die wie die Ausftellung von Neuem bewies- zumeift nicht von den Lehrern oder Schülern gefammelt, geordnet und gefchaffen find, fondern je nach den Mitteln der Inftitute bald fplendider und zahlreicher, bald im befcheidenen Mafse von irgend einer Handlung acquirirt wurden. Bedeutend fpär licher begegnen wir Belegen über die Unterrichts methode, welche an den Anftalten eingehalten wird und verhältnifsmäfsig noch feltener liefs fich der Unterrichts erfolg erkennen; denn die von einzelnen Inftituten ausgeftellten Schülerarbeiten aus den befferen die beften ausgewählt find leider nur geeignet, falfche Vorftellungen oder doch mindeſtens Mifstrauen zu erwecken. Es iſt aus diefer Sachlage vorerft Niemandem ein Vorwurf zu machen, wohl aber kennzeichnet fie den Stand der Dinge auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Unterrichtes. Alles und Jedes predigt und beweift der landwirthschaftliche Unterricht, die landwirthschaftliche Forschung entbehren noch der feften Organifation. Mollusken- I* 2 Dr. C. Theodor von Gohren. artig und in vielfachen Farben fchillernd, geben fie äusseren Einflüffen nach, fich anpaffend den jeweiligen localen Verhältniffen und der momentan herrfchenden Strömung. Diefe Charakterunklarheit machte fich fchon äufserlich in der Ausftellung geltend. Wo follte man die landwirthfchaftlichen Lehranstalten und Verfuchsftationen fuchen? Die Kataloge( man vergleiche zum Beiſpiel den trefflichen des deutfchen Reiches) verwiefen fie in Gruppe XXVI,„ Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen", de facto aber waren fie in Gruppe II, in der Agriculturhalle zu finden, oder richtiger gefagt, nur zum gröfsten Theil zu finden; ein anderer hierher gehöriger Theil erfuhr das Schickfal fo vieler auf die Ausftellung gebrachter Objecte er war zerftreut in den diverfeften Gruppen und an den verfchiedenften Orten, verfteckt unter allerlei anderen fchönen Dingen, eines unermüdlichen Entdeckers harrend. Für den Referenten fteht es feft, dafs die Ausftellungsobjecte der landwirthschaftlichen Lehre und Forfchung" in Gruppe XXVI gehört hätten, denn Unterricht ift und bleibt Unterricht, wenn auch die Unterrichtsziele von einander abweichen. Wie anders und wie feft gegliedert zeigten fich dem landwirthfchaftlichen Unterrichte gegenüber die anderen Unterrichtsabtheilungen. Der Befuch des Unterrichtspavillons des deutfchen Reiches und der von dem k. k. Minifterium für Cultus- und Unterricht veranstalteten Collectivausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen hat gewifs Niemanden unbefriedigt gelaffen; die Revue des landwirthfchaftlichen Unterrichtes und der Verfuchsftationen hingegen wird mit Recht manchen Zweifel, manches Bedenken wachgerufen haben, kaum bei irgend wem volle Befriedigung. Dem Referenten will bedünken, als hätte eine energifche, fachverständige Hand gefehlt, die fich des zum Schlagworte gewordenen Afchenbrödels unter den Bildungszweigen, des landwirthschaftlichen, angenommen hätte. Dafs das Studium des zur Ausftellung Gebrachten durch das fchon vielfach beklagte Arrangement nach Ländern, ftatt nach der Materie, wefentlich erfchwert wurde, braucht nicht erft verfichert zu werden. Doch treten wir unferer Aufgabe näher. Das Programm der officiellen Berichterstattung verlangt,„ ,, dafs jeder Detailbericht in feinen kritifchen und gefchichtlichen Betrachtungen die letzte Parifer Weltausftellung zum Ausgangspunkte zu nehmen, das Referat auf die ausgeftellten Gegenftände zu befchränken und nur dort, wo es der Stand der Wiffenfchaft und der Entwicklung gebieten follte, die Lücken in der Ausstellung auszufüllen hat". Mit Befchränkung auf diefes deutlich begrenzte Terrain mufs zunächft conftatirt werden, dafs mit Ausnahme der immer mehr und mehr fich Bahn brechenden Strömung, den höchften landwirthfchaftlichen Unterricht an die Univerfitäten zu verlegen, keine neue Organiſation, kein neuer Gedanke fich auf dem Gebiete der landwirthfchaftlichen Lehre und Forfchung geltend gemacht hat. Die Lücken, welche fich in der Ausftellung zeigten, werden felbftverständlich auch in dem Berichte wahrzunehmen fein. Dabei ift es freilich Pflicht des Referenten, den nicht fo wie viele andere Befucher die zahlreich angebrachten„ Noli me tangere" abhalten durften, die aufgelegten Berichte und Bücher durchzufehen, auch hinter die Couliffen zu blicken und fich mit der Organiſation des landwirthschaftlichen Unter richtes in den einzelnen Ländern im Allgemeinen und Speciellen fo weit als mög. lich vertraut zu machen. Doch zur Sache. Von allen Ländern war auch auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Unterrichtes das deutfche Reich verhältnifsmäfsig am beften repräfentirt. Es fei geftattet, die deutfche Expofition auch zuerft zu befprechen. Deutfches Reich. Allgemeines. Dafs Referent nicht zu weit gegangen ift, als er oben fein Bedauern ausfprach, dafs es mit dem landwirthfchaftlichen Unterrichtswefen in allen Ländern noch nicht fo beftellt fei, wie es wünſchenswerth erfcheine, Landwirthfchaftliche Lehre und Forschung. 3 bekundet die Bemerkung im deutfchen Kataloge:" Ein Zweig, der namentlich in Preufsen noch fehr der Ausbildung bedarf, find die Ackerbau- Schulen. Die land wirthschaftliche Vorbildung erftreckt fich bis jetzt auf zu kleine Kreife. Der Süden und Weften Deutfchlands ift hierin voran. Preufsen zählt nur 29 Ackerbau- Schulen, meift Privatunternehmungen; dazu kommen noch 41 landwirthschaftliche ,, Winterfchulen", deren im übrigen Deutfchland noch einige 50 exiftiren." Und weiter heifst es bezüglich des höheren landwirthschaftlichen Unterrichtes: Die höheren landwirthfchaftlichen Lehranstalten verbinden fich mehr und mehr mit den Univerfitäten, fo in Berlin, Halle, Göttingen, Königsberg, Heidelberg, Gieffen, Jena, Leipzig und nur drei beftehen in Preufsen noch für fich: Eldena, Proskau und Poppelsdorf.* Aus dem übrigen Deutſchland feien noch genannt Hohenheim, Weihenftephan, München und Braunfchweig". Naturgemäfs gliedert fich der landwirthschaftliche Unterricht in den Unterricht in der Volksfchule, an den fich ganz fpecielle, wenn auch nur vereinzelt vorkommende Erziehungsanftalten mit landwirthfchaftlichen Tendenzen anfchliefsen- der Fortbildungsunterricht, das Wanderlehrer- Inftitut, die niederen, mittleren und höheren landwirthfchaftlichen Fach- und Specialfchulen und die landwirthschaftliche Hochſchule. Auffallend ift es, dafs fich in keinem Lande fo, wie im deutfchen Reiche, die Individualität der einzelnen Landestheile in der gröfseren oder geringeren Entwicklung einzelner Unterrichtsftufen documentirt. So fanden zum Beiſpiel die in Württemberg allgemein und zahlreich verbreiteten Fortbildungsfchulen in Preufsen und Norddeutſchland überhaupt keinen rechten Anklang, während in Sachfen hinwiederum niedere Ackerbau- Schulen gänzlich fehlen. Gehen wir aber nun die einzelnen Länder mit Zugrundelegung eben berührter Eintheilung durch und beginnen wir mit dem durch die Intenfität feines landwirthschaftlichen Betriebes und die eifrige Förderung des Unterrichtes mit Recht berühmten Königreiche Württemberg. In der dankenswertheften Weife hat die königliche Centralftelle für die Landwirthfchaft die von ihr ausgeftellte Sammlung landwirthfchaftlicher Unterrichtsmittel mit einem kurzen Commentar begleitet über die Anftalten, welche von diefen Unterrichtsmitteln Gebrauch machen, und über den Organismus, der das Leben und Wirken diefer Anftalten bedingt. Die Akademie Hohenheim hat ihrerfeits eine befondere Darftellung über den höheren Unterricht gegeben. Es würde den Rahmen diefes Berichtes weit überfchreiten, wenn Referent fich in die Details der Organifation des landwirthfchaftlichen Unterrichtes in Württemberg einlaffen wollte. In kurzen Zügen fei nur Folgendes bemerkt: In die Pflege und Förderung der landwirthschaftlichen Bildung theilen fich das königliche Minifterium des Kirchen- und Schulwefens und die könig. liche Centralftelle für die Landwirthfchaft. Jenem ift die Akademie Hohenheim zugewiefen, diefer der mittlere und niedere landwirthfchaftliche Unterricht. Von unten beginnend, mufs vor Allem hervorgehoben werden, dafs man in Württemberg, wie in den meiften deutfchen Ländern, einen fachlichen Unterricht in der Volksfchule nicht für erfpriefslich hält. Wir glauben, mit vollem Rechte. Hingegen erfreuen fich die landwirth fchaftlichen Fortbildungsfchulen, welche jenen, die nicht in der Lage find, in Fachfchulen aufgenommen zu werden, Gelegenheit bieten follen, fich für das landwirthfchaftliche Gewerbe vor- und weiter zu bilden, des beften Gedeihens. Die Normalverfügung, welche den land. wirthschaftlichen Fortbildungsunterricht in Württemberg organifirt, datirt vom 1. Februar 1866. Der Unterricht wird in der Regel in einigen Wochenftunden am Abend während des Winterhalbjahres abgehalten. Da und dort knüpft fich einiger * Neuerdings wurde im preufsifchen Abgeordnetenhaufe der Antrag geftellt, auch Eldena und Poppelsdorf mit den Univerfitäten Greifswalde und Bonn zu verfchmelzen. 4 Dr. C. Theodor von Gohren. Fortbildungsunterricht auch an erweiterte Sonntagsfchulen. Da man fich zunächst nach den Fähigkeiten der Lehrer, nach der Empfänglichkeit der Schüler, nach dem Bedürfniffe in den einzelnen Gemeinden richten mufste, fanden und finden in der einen Schule mehr die Elementar-, in einer anderen mehr die naturkundlichen und in einer dritten mehr die landwirthfchaftlichen Fächer Vertretung. Bei all' den Erfolgen, welche man bisher erzielte, verhehlt man fich keineswegs, dafs immerhin noch viel zu thun bleibt, bis es einmal keine Gemeinde mehr gibt, welche einer Fortbildungsfchule entbehrt, und noch viel mehr, bis auch für die bäuerlichen Töchter ein naturgemässer Fortbildungsunterricht in den Fächern des weiblichen landwirthschaftlichen Wirkungskreifes als ebenbürtiges Bedürfnifs anerkannt und ins Leben getreten fein wird. Um zahlreichere und fähigere Lehrkräfte für den landwirthschaftlichen Fortbildungsunterricht zu gewinnen, wurden feit 1860 landwirthschaftliche Unterrichtscurfe für Schulmeifter in Hohenheim( feit 1860), Ellwangen( feit 1861) und Ochfenhaufen( feit 1867) eingerichtet. Das Ziel diefer Lehrcurfe ift nicht die Ertheilung eines ausführlichen landwirth fchaftlichen Unterrichtes, fondern nur die Erörterung der bei der Landwirthfchaft in der Heimat der Theilnehmer hervortretenden Mängel und die kurze Begründung der zu empfehlenden Verbefferungen. Bei der Auswahl der Theilnehmer an den einzelnen Lehrcurfen wird defshalb auch darauf gefehen, dafs diefelben je folchen Gegenden angehören, deren klimatifche, geognoftifche und landwirthfchaftliche Verhältniffe fich ähnlich find. Neben diefen landwirthschaftlichen Lehrcurfen werden zur weiteren Ausbildung der Lehrer für den Unterricht in der Naturkunde, naturwiffenfchaftliche Curfe abgehalten, wie auch alljährlich in verfchiedenen Bezirken Lehrcurfe über Obftbau für die Schullehrer der betreffenden Bezirke durch pomologifche Wanderlehrer der Centralftelle ftatthaben. Im Jahre 1871 bis 1872 beftanden 210 freiwillige landwirthschaftliche Fortbildungsfchulen, 697 obligatorifche Abendfchulen mit landwirthschaftlichem Unterrichte, 164 landwirthschaftliche Abendverfammlungen Erwachfener und 121 Lefevereine Die Schülerzahl betrug nahezu 20.000, die Zahl der Theilnehmer an Abendverfammlungen und Lefevereinen 9500. Ein weiterer wichtiger Factor für die Volksbildung in Württemberg ift das Inftitut der Ortsbibliotheken, das einen folchen Fortgang genommen hat, dafs im Jahre 1872 bereits 574 Bibliotheken diefer Art mit 69.828 Schriften im Lande gezählt wurden. Die landwirthschaftliche Centralftelle ihrerfeits hat in dem Zeitraume von 1853 bis 1872 mehr als 22.000 Schriften an Fortbildungsanftalten und Ortsbibliotheken unentgeltlich vertheilt und mindeftens 10.000 Schriften um namhaft ermäfsigte Preife abgegeben. Das Alles in einem Ländchen von 347 Quadratmeilen Fläche und 1,779.000 Einwohnern! Für die Zwecke des Wanderunterricht es wirken meiftens die im Departement des Innern angeftellten Perfonen, insbefondere die landwirthschaftlichen Infpectoren der Centralftelle; fowie die anderen fpeciellen Sachverständigen der letzteren für Obft- und Weinbau und ähnliche Zweige. Je nach der zu befprechenden Materie wird der Mann gewählt; dabei wird vorläufig als Grundfatz feftgehalten, dafs die Wanderlehrer nicht unberufen erfcheinen, fondern ftets nur da fich einfinden, wohin fie berufen werden. Oefters geht den Vorträgen eine Vifitation der betreffenden Markung voraus, um bei dem Vortrage an Beftehendes anknüpfen zu können. Von Seite des Departements des Innern und des Cultus wurden auch Lehrcurfe für einzelne landwirth fchaftliche Zweige ins Leben gerufen. So in Hohenheim für Schäfer, Wagner und Schmiede, Obftzüchter, Geometer und Wiefenbautechniker, in Stuttgart Curfe für Huffchmiede, in den einzelnen Landesbezirken Curfe für Baumwärter, Bienenzüchter, endlich auch Curfe an den Schullehrerfeminarien in Obft- und Gartenbau. Die Theilnehmer an diefen Curfen er Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 5 halten ganz freien Unterricht und, wenn fie unbemittelt find, Unterftützungen von der Centralftelle, auch von den betreffenden Gemeinden und Vereinen. Seit dem Winter 1869 bis 1870 beftehen in Württemberg auch landwirthfchaftliche Winterfchulen und wie die rafche Vermehrung( 1869 bis 1870 Ravensburg, 1870 bis 1871 Reutlingen, 1871 bis 1872 Heilbronn, 1872 bis 1873, Hall und Ulm) beweift, mit gutem Erfolge. Der Lehrplan ift auf zwei Winter berechnet; der Unterricht wird in wöchentlich 36 Stunden ertheilt, und zwar in der deutfchen Sprache, Rechnen, Geographie, Geometrie, Chemie, Phyfik und Mechanik, Thierkunde, Landwirthschaft, Zeichnen. Die landwirthschaftlichen Winterfchulen haben neben den übrigen landwirthfchaftlichen Bildungsanftalten ihre felbftftändige Bedeutung. Sie haben mit den Acker- und Weinbau- Schulen gemein den methodifchen Unterricht, ertheilt von berufsmäfsigen Sachverständigen, durch welch' letzteren Umftand in Verbindung mit der Ausdehnung der Lehraufgabe und der ihr gewidmeten Zeit, fie fich von den Fortbildungsfchulen unterfcheiden. Sie befchränken fich auf theoretifche Bildung mit Ausfchlufs des praktifchen Betriebes. Als Ziel der landwirthschaftlichen Winterfchulen wird bezeichnet: Anregung und Anleitung zum felbftſtändigen Nachdenken, Fortbildung in den der Volksfchule angehörigen Fächern, insbefondere Fertigung von Auffätzen, Rechnen, Erlangung der Kenntnifs des Wefentlichen aus der Naturkunde, Hauptgrundfätze der Landwirthschaft, der Thier beziehungsweife Thierheilkunde. Zugleich wird auch Veredlung der Sitten, namentlich des gefelligen Verkehrs angeftrebt und Gelegenheit zu einer felbftſtändigen angemeffenen Bewegung aufserhalb der Heimat oder dem Betriebe eines landwirthschaftlichen Gutes und damit ein Beitrag zur Bildung des Charakters geboten. Alle diefe Schulen ftehen unter der nächften Aufficht der Centralftelle für die Landwirthschaft, welche den aus Staatsmitteln zu befoldenden Vorftand und jeweiligen Landwirthfchaftslehrer beruft. Ackerbaufchulen befitzt Württemberg vier: die fchon im Jahre 1818 gegründete in Hohenheim für den Neckarkreis, Ellwangen( 1843) für den Jaxtkreis, Ochfenhaufen( 1843) für den Donaukreis, Kirchberg( 1851) für den Schwarzwaldkreis. Alle diefe Schulen gehören zu den fogenannten praktiſch- theoretifchen, das heifst, die Zöglinge werden neben dem theoretifchen Unterrichte praktiſch in dem mit der Schule verbundenen Gutsbetriebe verwendet. Der Vorfteher der Schule, der zugleich Pächter der mit der Anftalt verbundenen Staatsdomäne ift und als folcher diefes Gut für eigene Rechnung bewirthfchaftet, wird auf Vorfchlag des Cultusminifteriums durch den König, der Lehrer von der Centralftelle auf den Vorfchlag des Vorftehers ernannt. Die Dienft- und Penfionsverhältniffe der Lehrer an den Ackerbaufchulen find denjenigen eines Volksfchul- Lehrers gleich. Der von dem Vorfteher anzuftellende Wirthschaftsauffeher bedarf der Approbation der Centralftelle. Wöchentlich in zwei Stunden ertheilt auch ein Thierarzt Unterricht. Die Unterrichtsfächer find: Pflanzenbau, Thierzucht, Lehre von den landwirthschaftlichen Gewerben, Einrichtung und Betrieb kleiner Wirthschaften, deutfche Sprache, Arithmetik, Geometrie nebft Feldmeffen, Thierheilkunde, das Nöthige aus der allgemeinen Naturlehre mit Rückficht auf Landwirthschaft. Der Curfus ift ein dreijähriger und nur bei Kirchberg wurde feit Herbft 1872 ein Verfuch mit einer blos zweijährigen Lehrzeit eingeleitet. Den Zöglingen hat wöchentlich der Vorfteher im Winter vom 1. November bis zur Beftellung der Sommerfaat wenigftens 7, im Sommer mindeſtens 6 Stunden, der Lehrer im Winter mindeſtens 10, im Sommer mindeſtens 6 Stunden regelmässigen Unterricht nach den aufgeftellten Lehrplänen zu geben. Die Dauer der bei der Wirthfchaft zu leiftenden Arbeit ift während des Frühjahres, Sommers und Herbftes täglich auf 10 Stunden feſtgeſetzt und vermindert fich im Winter mit der Abnahme des Tages bis auf 8 Stunden. 6 Dr. C. Theodor von Gohren. Die, Aufzunehmenden müffen das 17. Lebensjahr zurückgelegt und die Fähigkeit, einen populären Lehrvortrag über Landwirthfchaft und deren Hilfsfächer auffaffen zu können, haben. Lehrgeld ift nicht zu entrichten. Die Zöglinge erhalten freie Wohnung mit Betten von der Anftalt, die Koft nach einer beftimmten Speifeordnung von dem Vorfteher gegen die von ihnen bei der Wirthfchaft zu leiftende Arbeit. Von Specialfachfchulen ift die Weinbaufchule zu Weinsberg zu erwähnen, welche 1867 eröffnet wurde. Diefe Schule, welche in ihrer Einrichtung den bewährten Einrichtungen der Ackerbaufchulen des Landes nachgebildet wurde, bezweckt, junge Männer vorzugsweife aus dem Weingärtnerftande durch paffenden Unterricht und durch Einübung beim Betriebe der mit der Anftalt verbundenen Weinberge, Obft- und Gemüfepflanzungen, Baum- und Rebfchulen und fo weiter theils zu einer befferen Bewirthschaftung ihres eigenen Grundbefitzes zu befähigen, theils zu tüchtigen Auffehern und Arbeitern für derartige Betriebe heranzuziehen. Die der Anftalt, welche in eigene Regie übernommen wurde, zugewiefenen Liegenfchaften betragen: 31 28 Hektaren, worunter 6.80 Hektaren Wein berge, 2.92 Hektaren Gärten, II 52 Hektaren Aecker und 9.77 Hektaren Wiefen. An Perfonal find aufser dem Vorftande ein ftändiger Lehrer, ein Weingartenmeifter und ein Gärtner angeftellt. Nach dem'auf zwei Jahre berechneten Lehrplane foll den Zöglingen im Winter in mindeftens 17 und im Sommerhalbjahre in 14 Wochenftunden in den Hilfsfächern auf der Grundlage des in der Volks- und Fortbildungsbeziehungsweife in der Realfchule Gelernten Unterricht ertheilt werden. Den Hauptfächern find im Winter 9, im Sommer 6 Unterrichtsftunden wöchentlich gewidmet. Bei diefem ganzen Unterrichte ift der Zweck der Heranbildung tüchtiger Praktiker mafsgebend. Hier dürfte auch der Platz fein, des pomologifchen Inftitutes zu Reutlingen, eines Privatunternehmens des D. E. Lucas, zu gedenken, das zwar als folches auf der Ausftellung nicht vertreten war, deffen Director aber wenigftens das Modell feiner Wanderdörre ausgeftellt hatte. Das pomologiſche Inftitut zu Reutlingen nimmt unter allen Inftituten mit gleicher Tendenz, Dank der Rührigkeit und Tüchtigkeit feines Directors, eine fehr ehrenwerthe Stelle ein Im Jahre 1860 gegründet, beläuft fich die Anzahl der an ihm ausgebildeten jungen Leute auf 696. Das Inftitut befteht aus einer höheren Lehranstalt für Pomologie und Gartenbau, einer Garten- und Obftbaufchule und einem Curfus für Baumwärter. Als einer mit der Landwirthschaft eng zufammenhängenden Specialfchule fei auch der Thierarznei- Schule in Stuttgart gedacht, welche eine Sammlung befchlagener Hufe mit abnormen und kranken Zuftänden, von Hufeifen für Pferde mit fehlerhaften Stellungen und Gangarten, für Efel, Maulthiere und Rindvieh ausgeftellt hatte. Der höhere landwirth fchaftliche Unterricht befitzt in Württemberg zwei Stätten: die land- und fortwirthschaftliche Akademie Hohenheim und die Univerfität Tübingen. Hohenheim ift in feiner Organifation und mit feinen Einrichtungen fo oft befchrieben worden, dafs wir uns kurz faffen können. Der Sturm, welcher fich vor etwa 16 Jahren gegen die landwirthfchaftlichen Akademien erhob in jenem bekannten Streite über das höhere landwirthschaftliche Unterrichtswefen, ift an Hohenheim keineswegs fpurlos vorübergegangen. Trotz der im September 1865 durchgeführten Reorganiſation, nach welcher die Akademie der unmittelbaren Aufficht des k. Minifteriums des Kirchen- und Schulwefens überwiefen wurde, kränkelt das Inftitut und vermag fich nicht zu feinem alten Glanze emporzuarbeiten. Ob man wohl daran gethan hat, von der Aufnahme folcher Disciplinen in das Lehrprogramm, welche eine allgemeine Bildung verleihen und fo mittelbar der Fachbildung dienen, abzufehen, möchte bezweifelt werden können. Referent vermag nicht die Anficht zu theilen, dafs eine Vermehrung der Lehrfächer in ange Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 7 deuteter Richtung als eine Inconfequenz und Disharmonie des Lehrplanes der Fachſchule erfcheinen müffe und dafs der Charakter der Fachfchule dadurch verwifcht werde, und zwar defshalb nicht, weil eine harmonifche Ausbildung des angehenden Landwirthes nur möglich ift, wenn deffen Blick nicht einfeitig dem Fache als folchem zugewendet wird. Opportunitätsgründe mögen den Ausfchlufs der mehr philofophifchen Disciplinen erklärlich machen, vermögen denfelben aber nicht zu rechtfertigen. Wie reich Hohenheim an Lehr- und Forfchungsmitteln ift, ift bekannt; als von befonderem Intereffe fei hervorgehoben die landwirth fchaftliche Verfuchsftation, die im Sommer 1872 ins Leben getretene forftliche Verfuchsftation, welche dem in Braunfchweig jüngft gegründeten Vereine der forftlichen Verfuchsftationen Deutfchlands beigetreten ift, und die landwirthschaftlich- technologifche Werkstätte. Die Univerſität Tübingen, welche fchon feit dem Jahre 1817 in der ftaatswirthschaftlichen Facultät einen Lehrftuhl für Land- und Forstwirthschaft befitzt, ift bezüglich des landwirthschaftlichen Unterrichtes ausfchliefslich für die Bedürfniffe angehender Staatsbeamten des Cameral- und Adminiftrationsfaches berechnet. Das in kurzen Zügen foeben gefchilderte landwirthschaftliche Unterrichtswefen Württembergs follte durch die Seitens der königlichen Centralftelle, fowie Seitens der Akademie Hohenheim in der öftlichen Agriculturhalle veranlafste Ausstellung von Lehrmitteln illuftrirt werden. Die Ausstellung der königlichen Centralftelle umfafste die Lehrmittel für das landwirthschaftliche Fortbildungswefen, fowie für die Ackerbau-, Weinbau- und Gartenbau- Schulen. Es waren da rückfichtlich des erfteren ausgelegt: Populäre Bilderwerke und Lehrbücher, deren Herausgabe die königliche Centralftelle veranlafst oder vermittelt hat, oben an die bekannten in den Verlagen von Ulmer in Ravensburg, Schickhardt und Ebner in Stuttgart und Schreiber in Efslingen erfchienen landwirthfchaftlichen Abbildungen, dann eine kleine Bibliothek bewährter Werkchen von Kik, Erzinger, Lucas, Fritz u. f. w. Von den Sammlungen, Abbildungen und Schriften für den Unterricht in der Naturgefchichte feien die Haug'fchen und Seyerlen'fchen Herbarien, die kleine Haug'fche Mineralienfammlung mit geognoftifchem Kärtchen von Württemberg, die geologifchen Wandtafeln von Fraas, Bach's geognoftifche Karte von Württemberg, Ahles' Pflanzenkrankheiten, Lucas' Veredlungsarten, Schmidlin's Futter- und Wiefenkräuter, fowie Schubert's Naturgefchichte erwähnt. Der Lehrmittel für die Naturlehre hatte fich ganz fpeciell Profeffor Bopp in Stuttgart angenommen. Genannter Herr war beftrebt, auf nicht zu koft. fpielige Weife die für den Unterricht in der Naturlehre ganz unerlässlichen Expe. rimente durchzuführen und hat fo die Acquifition der nöthigen Apparate auch minder bemittelten Gemeinden und Schulen möglich gemacht, Referent empfiehlt dringend Allen jenen, welche Luft und die Mittel haben, für die Bildung der Landbevölkerung etwas zu thun, diefe Bopp'fchen Sammlungen als ein überaus inftructives Gefchenk für Fortbildungsfchulen. Bopp hat fpeciell für diefe Kategorie von Schulen einen phyfikalifchen Apparat( 41 Gegenftände zur Erläuterung des Magnetismus, der Reibungselektricität, der Stromelektricität, Licht und Wärme, Waffer- und Luftdruck und Mechanik), einen chemifchen Lehrapparat( 50 Stück) und einen einfachen metrifchen Lehrapparat( II Stück) zufammengeftellt. Nicht vergeffen waren auch die wohl fchon in den meiften Fortbildungsfchulen zu findenden Bopp'fchen Wandtafeln für den phyfikalifchen Anfchauungsunterricht. Aus der Abtheilung:" Ackerbaufchulen, Weinbaufchulen und Gartenbaufchulen" waren ausgeftellt: diverfe Anfichten der Anftalten, Situationspläne der Gebäude, Grundriffe der Schulräume, Gutspläne, Abbildungen von Zuchtthieren ( Simmenthaler, Neckar-, Montafuner- und Limpurgerfchlag), zahlreiche Schülerarbeiten mit Correcturen der Lehrer( Hohenheimer Ackerbauſchule), zahlreiche Bücher und Schriften, von denen manche allerdings nicht an diefe Stelle gehört hätten, fo z. B. die uralte Weckherlin'fche Thierproduction; dann eine bedeutende Zahl von Modellen und Werkzeugen: Pflüge, Eggen, Walzen, Säemafchinen und Reini 8 Dr. C. Theodor von Gohren. gungsapparate, Wiefengeräthe, Fuhrgefchirre, Geräthe für den Stall und Viehftand, Molkereigeräthe, Scheunen- und Magazinsgeräthe, Geräthe für den Obft- und Weinbau, Obft- und Weinbereitung und diverfe fonftige Geräthe und Mafchinen. Auch fehlte es nicht an Lehrmitteln zum Unterrichte in der Phyfik und Chemie, fowie an Gefteinspetrefacten, Bodenarten- Sammlungen, Herbarien, Blüthenmodellen, Gebifsfammlungen u. f w. Hervorragendes oder befonders Bemerkenswerthes ift nicht zu verzeichnen. - Nicht ohne Spannung und Erwartung wird mancher Landwirth an die Ausstellung der altberühmten Akademie Hohenheim herangetreten fein. Viele dürften fich enttäufcht gefühlt haben. Ein Capitalsftück war eigentlich nur die Sammlung der Ackerböden von primärer Lagerftätte als Repräfentanten der Hohenheimer Bodenfammlung. Es waren vertreten von Lias a( Quenftedt), Lias( Quenftedt), der Lettenkohlen- Gruppe des Mufchelkalkes unverwittertes Geftein, dann die erfte, zweite und dritte Verwitterungsftufe. Dafs die Modellfammlungen der Akademie Hohenheim, Dank der dortigen Fabrik, reich find, weifs jeder Befucher Hohenheims und ein Theil diefes Reichthums figurirte auch auf der Ausftellung. Bemerkenswerther waren jedenfalls die Repräfentanten aus der landwirthschaftlich- technologifchen Modellfammlung. Der vielverdiente Profeffor Siemens hatte ausgeftellt: einen Kartoffeldämpfer für Hochdruck mit Einmaifchung, das Modell einer Maifchmafchine mit verftellbaren Flügeln, Modelle einer Maisentfchalungs- Mafchine, einer Deftillationsfäule mit Rotationsfcheiben, einer Hopfendarre mit Luftheizung, einer Vorrichtung zur Torfheizung für Braupfannen und eines Stärkeapparates mit Schüttelfieb. Ebenfo intereffant war der Plan der baulichen und Betriebseinrichtungen der landwirthfchaftlichtechnologifchen Fabrik und der Plan der Bauten der landwirthfchaftlichen Verfuchsftation. Bemerkenswerth find noch die geognoftifche Karte des Hohenheimer Akademiegutes, die Boden- und Terrain-, fowie die Culturkarten. Mehr decorativen Zweck hatte die Photographie des Hohenheimer Schloffes. Auch die Collection officieller Druckfchriften der Akademie fehlte nicht. Bei der graphifchen Darftellung der Frequenz der Akademie nach den Heimatländern der Studirenden merkte man zu fehr die Abficht. Grofsherzogthum Heffen. Die grofsherzogliche Centralftelle für die Landwirthfchaft und die landwirthfchaftlichen Vereine hatte zwar eine Collectivausftellung von landwirthschaftlichen Producten aus allen Theilen des Landes arrangirt, leider aber das landwirthschaftliche Unterrichtswefen nicht zur Darftellung gebracht, man möchte denn eine ftatiftifche Karte über das Fortbil dungs- Schulwefen und einige Schülerarbeiten als folche anfehen. Eine kurze Skizze möge die Lücke ausfüllen. Am beften ſcheinen in Heffen die Fortbildungsfchulen zu gedeihen. Um für die Fortbildungsfchulen tüchtige Lehrkräfte zu haben und mit Rückficht darauf, dafs man es als richtig erkannt hatte, die Leitung der Fortbildungsfchulen den Volksfchul- Lehrern anzuvertrauen, diefe aber bei der ungenügenden Berücksichtigung der Naturwiffenfchaften in den Lehrerfeminarien nicht überall die Fähigkeit zur Uebernahme folcher Functionen zeigten, haben die landwirthschaftlichen Vereine des Landes feit 1867 einen regelmässigen landwirthfchaftlichen Lehrcurs für Volks- Schullehrer unter Leitung der grofsherzoglichen Centralftelle für die Landwirthschaft unterhalten. Der Befuch diefes Curfes, der im Ganzen eine Zeitdauer von 12 Wochen umfafst und in zwei Abfchnitten von je 6 Wochen in zwei aufeinander folgenden Jahren abfolvirt wird, ift nach jeder Richtung hin ein freiwilliger und haben bis jetzt hieran etwa 300 Lehrer Theil genommen. In neuerer Zeit neigt man fich, in Folge der gemachten Erfahrungen, der Anficht zu, auch in den ländlichen Fortbildungsfchulen einen eigentlichen landwirthfchaftlichen Unterricht mehr zurücktreten zu laffen und an deffen Stelle die allgemeinen Lehrfächer zu erweitern, namentlich auch mit Rückficht auf die oft fchwierige Entfcheidung, Landwirthschaftliche Lehre und Forschung. 9 ob das landwirthfchaftliche oder das gewerbliche Intereffe in einer Gemeinde das vorwiegende ift, da in vielen Fällen kleinere Befitzer zugleich Handwerker find. In Folge deffen wurde denn auch der Lehrcurs für Volks- Schullehrer allmälig mehr und zuletzt faft ganz feines landwirthfchaftlichen Charakters entkleidet. An den Schullehrer- Seminarien hat man feit einigen Jahren, um die zukünftigen Volkfchul- Lehrer zur Ertheilung des Fortbildungsunterrichtes befähigter zu machen, dem Unterrichte in den Naturwiffenfchaften eine gröfsere Ausdehnung gegeben und ift zu diefem Zwecke von der Staatsregierung die Erweiterung der Unterrichtszeit an diefen Anftalten von zwei auf drei Jahre angeordnet worden. Der auf der Weltausftellung zur Anfchauung gebrachten ftatiftifchen Karte über das Fortbildungs- Schulwefen in Heffen waren nicht Nachweife über das eigentliche landwirthfchaftliche Fortbildungs- Schulwefen, beziehungsweife ein folches auf dem flachen Lande zu Grunde gelegt, fondern es gab diefelbe nur ein Bild über den Stand des heffifchen Fortbildungs- Schulwefens überhaupt. Gegenwärtig find im Grofsherzogthume thätig 147 Schulen mit 3812 Schülern, die fich nach Provinzen fo vertheilen: Provinz Starkenburg Oberheffen Rheinheffen Schulen Schüler. 93 36 2243 954 615 18 Davon find in den Kreifen der ländlichen Bevölkerung 126 Schulen mit 2724 Schülern. Der Aufwand für diefe Schulen, ebenfo wie die für den Befuch des Lehrercurfes von den Lehrern zu beftreitenden Koften werden von den betreffenden Gemeinden theils ganz getragen, theils werden hiezu von landwirthfchaftlichen Vereinen, Sparcaffen etc. nicht unerhebliche Zufchüffe gewährt. Die Staatsregierung beabsichtigt, den Fortbildungsunterricht in denjenigen Gemeinden, in denen ein folcher bereits befteht oder der Gemeindevorftand die Ein führung befchliefst, obligatori fch, und zwar für die Gemeinde, die Lehrer und die aus der Volksfchule entlaffene Jugend zu machen. An landwirthfchaftlichen Fachunterrichts- Anftalten beftehen im Grofsherzogthume vier Ackerbau- Schulen( je zwei in den Provinzen Starkenburg und Oberheffen), die höhere landwirthfchaftliche Lehranftalt zu Worms ( Rheinheffen) und das landwirthfchaftliche Inftitut an der Univerfität Gieffen ( Oberheffen). Von den vier erfteren find drei ausfchliefslich Unternehmen der betreffenden landwirthfchaftlichen Provincialvereine und eine geniefst nur eine Subvention durch den Provincialverein. Der Gefammtaufwand für diefe vier Schulen beträgt circa 6000 fl. und find diefelben mit Lehrmitteln und Lehrkräften gut verfehen. Die landwirthschaftliche Lehranstalt zu Worms ift ein Privatunternehmen. Die Zahl der Theilnehmer an diefen Anftalten, von denen letztere fich nur auf die fünf Wintermonate von November bis März erftreckt und auf zwei Curfe in zwei Winter vertheilt, beträgt zufammen 150 bis 200 in jedem Winter. Für die Aufnahme in die erfteren ift erforderlich, dafs die Schüler das 15. Lebensjahr überfchritten haben, aus der Volksfchule entlaffen find und in der Landwirthschaft bereits praktiſch thätig waren; letztere verlangt das zurückgelegte 18. Lebensjahr, eine höhere allgemeine Vorbildung und ebenfalls vorausgegangenes Prakticum. Das landwirth fchaftliche Inftitut zu Gieffen, mit der Univerfität verbunden, fetzt eine gleiche Vorbildung voraus, wie fie für den Befuch der Univerſität gefordert wird. Die Theilnahme an demfelben erftreckt fich vorzugs. weife auf die Cameral- und Forstwirthschaft- Studirenden und weniger auf prak. tifche Landwirthe. Aufser den vorerwähnten Anftalten werden von den landwirthschaftlichen Vereinen in jedem Jahre Curfe für Wiefenwärter, Obftbaum- Wärter, HufbefchlagSchmiede abgehalten. 10 Dr. C. Theodor von Gohren. Als Forfchungsftätte befitzt Heffen feit 1871 die Verfuchs- und Auskunftsftation in Darmstadt, deren Thätigkeit fich erftreckt auf die Aus. übung einer umfaffenden Düngercontrole, auf die Unterfuchungen verfchiedener Erforderniffe und Producte der Landwirthschaft, fowie auf die Ausführung gröfserer wiffenfchaftlicher Arbeiten, auf die Unterfuchung landwirthfchaftlicher Handelsfämereien und auf das Streben, dem Rath fuchenden Landwirthe durch Auskunft und Belehrung an die Hand zu gehen. Grofsherzogthum Baden. Das Grofsherzogthum Baden war auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Unterrichts- und Forschungswefens nicht eben zahlreich vertreten, aber das, was geboten wurde, hat unftreitig grofses Intereffe erweckt. Manche Inftitutionen Badens ftehen fogar bis nun einzig im ganzen deutfchen Reiche da und bezeugen, dafs in diefem Lande ein frifcher, initiativer Geift zu finden ift. In Betracht kommen an diefer Stelle: 1. Die Kreis- Waifenanftalt Hegne; 2. die permanente Ausstellung landwirthschaftlicher Lehrmittel in Carlsruhe; 3. das önochemifche Laboratorium in Carlsruhe, fowie die Rebfchule bei Blankenhornsberg. Die Kreis- Waifenanftalt und die landwirthfchaftliche Winterfchule Hegne bei Conftanz. Zur Orientirung über diefe wohl nicht blofs in Baden, fondern in Deutfchland( in Frankreich finden fich ähnliche Inftitutionen) einzig daftehende Anftalt empfiehlt Referent die auf Veranlaffung der badifchen Landes commiffion für die Weltausftellung von dem Vorftande diefer Kreis- Waifenanftalt, Theodor Propft, verfafste Schrift. Die Errichtung der Anftalt wurde 1865 befchloffen und 1867 activirt. Die ihr zugewiefenen Liegenfchaften belaufen fich auf 68 Hektaren, 68 Are, 27 Meter. Der Organiſation des Inftitutes liegt das fogenannte Familienfyftem zu Grunde, wie folches von Dr. Wichern im ,, Rauhen Haufe zu Horn bei Hamburg ,, zuerft eingeführt wurde und bedeutende Nachahmung in der Schweiz gefunden hat. Die Grundprincipien diefes Syſtems find etwa folgende: Jedem an der Anftalt wirkenden Lehrer find 12 bis 15 Kinder zur felbftftändigen Erziehung anvertraut. Er theilt mit ihnen Wohnung( die aus einem Wohnzimmer und Schlaffaal befteht mit einfach ländlicher Einrichtung) und Koft, Arbeit und Erholung und vertritt gewiffermafsen Vaterftelle. Die Eintheilung in einzelne Familien findet nicht nach dem Alter ftatt, fondern wie es der Eintritt mit fich bringt. Die Gröfseren follen den Kleineren an die Hand gehen, fie anleiten und miterziehen helfen, wodurch das Anftaltsleben erft an Werth gewinnt. Der Schulunterricht wird von den Familienlehrern in befonderen Localen ertheilt, wobei die Zöglinge nach Fähigkeiten und Vorkenntniffen getrennt find. Die Oberaufficht und Leitung der Anftalt ift dem Vorftande übertragen, der einerfeits als Hausvater mit feiner Frau für Nahrung, Bekleidung und Gefundheitspflege der Kinder, überhaupt für das ganze Hauswefen beforgt ift; andererfeits als Erzieher die Aufficht führt über Erziehung und Unterricht und fpeciell ein wachfames Auge hat auf die phyfifche, geiftige und fittliche Entwicklung der Kinder. In Verbindung mit dem Oberknecht leitet und ordnet er die landwirthfchaftlichen Arbeiten und vertheilt diefelben unter die einzelnen Familien, fo dafs alle Zöglinge unter fteter Aufficht und Anleitung und jeder nach Mafsgabe feiner Kräfte und Fähigkeiten mitzuarbeiten hat. Die Aufzunehmenden ſtehen im Alter vom zurückgelegten fechsten bis zum zurückgelegten zwölften Jahre und müffen geiftig bildungsfähig und dürfen nicht mit körperlichen Gebrechen behaftet fein, welche eine befondere Wartung und Pflege erfordern. Mit dem Eintritte des Zöglings übernimmt die Anftalt die Erziehung desfelben vollſtändig und trägt fomit jede Verantwortung gegenüber den Auffichtsbehörden. Statutengemäfs haben die Zöglinge bis zum zurückgelegten fechzehnten Lebensjahre in der Anftalt zu verbleiben. Für das Jahr 1873 find die Gefammtausgaben der Anftalt für 118 Zöglinge auf 23.926 fl. veranfchlagt. Die eigenen Einnahmen für Verpflegsbeiträge etc. betragen 7207 fl., fo dafs ein Zufchufs von 16.719 fl aus der Kreiscaffe nöthig ift. Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 11 Der Ertrag des Gutes, welcher in die Kreiscaffe fliefst, beträgt nach dem Voranfchlage 4754 fl. Wie rafch, trotz der vielen Hinderniffe, die Anftalt beim Landvolke Wurzel gefafst hat, beweift der Umftand, dafs in einem Zeitraume von zwei Jahren acht Familien mit 118 Zöglingen eingerichtet werden konnten. Die landwirth fchaftliche Winterfchule zu Hegne hat mit Rückficht auf den allgemeinen Arbeitermangel ihre Organiſation fo getroffen, dafs ihre Schüler nicht in der arbeitsreichen Zeit des Sommers, fondern im Winter ihre Weiterbildung in der Schule fuchen können. Ein weiteres Moment zur Befchränkung des Unterrichtes auf die Wintermonate lag auch in dem Koftenpunkte. Der Unterricht ift wefentlich ein theoretifcher. Zur Aufnahme genügt, wenn die Aufzunehmenden lefen, fchreiben und in den vier Species rechnen können. Die Koften für den Befuch der Schule find möglichft niedrig gehalten und berechnen fich inclufive eines mäfsigen Tafchengeldes auf etwa 100 fl. per Winterfemefter, das ift für die Zeit November bis inclufive März. Als Lehrer wirken an der Anftalt: der Vorftand, welcher zugleich landwirthfchaftlicher Fachlehrer ift, ein zweiter landwirthschaftlicher Fachlehrer, ein Hilfslehrer für ThierHeilkunde, ein Hilfslehrer für Obftbau und ein Hilfslehrer für Elementarfächer. Der Unterricht wird in zwei Claffen ertheilt. Der erften Claffe gehören in der Regel die Schüler an, welche die Anftalt zum erftenmale, in der zweiten Claffe find diejenigen Schüler, welche die Anftalt zum zweitenmale befuchen. Eine zur Nachahmung fehr zu empfehlende Einrichtung ift die Carlsruher permanente Ausstellung landwirth fchaftlicher Lehrmittel, welche auch auf der Weltausftellung nicht unvertreten geblieben ift. Die Anftalt hatte in Wien einen naturwiffenfchaftlichen Gefammtapparat( Preis 250 Thaler) als Ausftattung einer gehobenen Volksfchule ausgeftellt. Wer fich für die Gründungsgefchichte, Zwecke und Ziele diefes Inftitutes fpeciell intereffirt, den verweifen wir auf den Erften Bericht über die Thätigkeit der permanenten Ausftellung landwirthschaftlicher Lehrmittel zu Carlsruhe 1870 bis 1871. Im Auftrage des Curatoriums verfafst von Dr. C. Weigelt, Carlsruhe. Selbſtverlag der permanenten Ausftellung. 1872." " Jeder Lehrer ift von der Wichtigkeit und Nothwendigkeit der Lehrmittel überzeugt, jeder Lehrer an einer landwirthfchaftlichen Fachfchule wird aber auch ficherlich die mancherlei Schwierigkeiten kennen gelernt haben, die fich der Auswahl und Acquifition entſprechender Lehrmittel und Apparate entgegenftellen. Es war daher ein überaus glücklicher Gedanke, den Fachmännern den Vergleich und die Kritik der einzelnen Lehrmittel durch eine folche permanente Ausstellung zu vermitteln.* Von den der Forfchung gewidmeten Inftituten des Grofsherzogthums Baden war nur das önochemifche Laboratorium des Dr. Blankenhorn in Carlsruhe vertreten. Diefes Privatunternehmen, an welchem aufser dem Dirigenten ein Laboratoriumsvorftand, ein Affiftent, zwei Secretäre und ein Laboratoriumsdiener befchäftigt find, hat feit feiner Gründung im Jahre 1867 ( Rebfchule und Weingarten, fowie Laboratoriumsbau nicht mitgerechnet) bis jetzt circa 33.000 fl. beanfprucht. Der jährliche Aufwand beträgt zur Zeit etwa 6000 fl. Die fämmtlichen wichtigeren Arbeiten des Laboratoriums find in den feit 1867 erfcheinenden Annalen der Oenologie veröffentlicht. Dr. Blankenhorn hatte ausgeftellt: die Annalen der Oenologie wohl die befte und gründlichfte Fachfchrift auf diefem Gebiete; ein kleines Notizbuch für wiffenfchaftliche Buchführung; die Buchführung des Rebgutes Blankenhornsberg; die Babo'fche Moftpeitfche; das Album des Laboratoriums, welches eine Reihe noch - * Leider lauten die neueften Nachrichten über die permanente Ausftellung nicht fehr erfreulich. Sie foll eingehen, refpective vollſtändig ihre feitherigen Tendenzen ändern. Wir und mit uns gewifs viele Andere würden diefs im Intereffe des landwirthschaftlichen Unterrichtes aufrichtig bedauern. 12 Dr. C. Theodor von Gohren. unveröffentlichter Arbeiten, einen Bericht über den Gang und die Koften der Arbeiten, ein alphabetifches Verzeichnifs der Mitarbeiter und Pläne des früheren und des jetzigen neuerbauten oenochemifchen Laboratoriums enthält; ferner eine Zufammenftellung der gefammten oenologifchen Literatur, den Bibliothekskatalog, mikrofkopifche Präparate von oenochemifchen und oenologifchen Objecten; das Reb- Schulbuch des Gutes Blankenhornsberg; einige Exemplare von im Jahre 1867 in Glycerin confervirten Baftardtrauben; einen Lüftungsapparat zur Lüftung, eine Gährflafche; Thermoregulator; Apparat zur Erwärmung des Moftes für die Praxis für folche Kellereien, die keine Dampfapparate befitzen; fchliefslich eine Reihe von Analyfen, die Präparate von dem Weinftocke fchädlichen Infecten( Phylloxera, Sauerwurm, Stichling) vonBrifchke in Danzig und eine geologiſche Reliefkarte. Königreich Baiern.* Gleich Württemberg hat Baiern überaus fchätzbare Fortfchritte des Fortbildungs- Unterrichtswefens aufzuweifen. Die von dem landwirthschaftlichen Kreiscomité der Pfalz ausgeftellten Arbeiten der landwirthschaftlichen Fortbildungsfchulen zu Göllheim, Alfenz, Grünftadt, Siebeldin gen, Neuftadt, Mufsbach, Deidesheim, Hoerdt, Zeiskam und Rützheim vermochten, da fie wie es fchien nicht befonders für die Weltausftellung präparirt waren, ein recht deutliches Bild von den fchönen Erfolgen des Fortbildungsunterrichtes zu geben. - Bei der Organiſation des landwirthschaftlichen Fortbildungsunterrichtes in Baiern, welche erft nach der im Jahre 1864 erfolgten des gewerblichen Fortbildungsunterrichtes ftattfand, war man von der anfänglich vielfach vertretenen Anfchauung, als ob es fich hiebei um die Einführung eines theoretifchen oder wohl gar praktiſchen Landwirthschafts Unterrichtes handeln könne, immer mehr zurückgekommen und ziemlich allfeitig zu der Ueberzeugung gelangt, dafs zunächft nur die Fortführung und feftere Begründung des Elementarunterrichtes, und zwar beim Schreiben, Lefen und Rechnen zum Ziele führen könne. Anleitung zur einfachen landwirthschaftlichen Buchführung und die Benützung eines vom Lehrer entſprechend zu erläuternden landwirthschaftlichen Lefebuches, dann je nach dem Befähigungsgrade der Lehrer und Schüler ein leichtfafslicher Unterricht in den für den Landwirth wichtigſten Gegenftänden der Naturlehre, Naturgefchichte, fowie in anderen nützlichen Gegenftänden ift nicht nur zuläffig, fondern wird auch empfohlen. Der Unterricht ift in Anfehung der Lehrer und Schüler ein durchaus freiwilliger. Die landwirthfchaftliche Fortbildungsfchule zu Göllheim, welche wohl als ein Prototyp für die anderen gelten kann, hatte ausgeftellt 5 Auffatz- und 5 Gefchäftsauffatz- Hefte, letztere als Dictandohefte; 5 Schönfchreib- und 5 Rechenhefte, fowie 5 Zeichnungen und 5 Landkarten. An diefer Schule fungirt ein Elementarlehrer, die Zahl der Schüler 1872 und 1873 betrug 32; die Koften der Schule find jährlich 600 bis 650 fl. Die Lehrgegenftände, welche in der Schule behandelt werden, find: deutfche Sprache mit Auffatz und Rechtfchreiben, Rechnen, Buchführung, Gefchichte und Geographie, Naturlehre und Naturgefchichte, Chemie, Zeichnen, Schönſchreiben und Gefang. Die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsftunden ift 24, der Unterricht wird in der Regel des Vormittags von acht bis zwölf Uhr ertheilt und befchränkt fich auf die Wintermonate. Aufser Vereinsund Gemeindezufchüffen fteuerten 1872 für den landwirthschaftlichen Fortbildungsunterricht bei: die Kreisvertretung in den acht Regierungsbezirken Baierns 27.150 fl. und die Kammern des Landtages 10.000 fl. 1872 beftanden in Baiern 853 landwirthschaftliche Fortbildungsfchulen mit 15.723 Schülern. 1871: 929 Schulen mit 17.919 Schülern. * Eine Fülle intereffanten Materiales zur Orientirung über den landwirthschaftlichen Unterricht in Baiern bietet die foeben im Commiffionsverlage von E. A. Fleischmann in München erfchienene ,, Statiſtik des Unterrichtes im Königreiche Baiern von Dr. Georg Mayr, Minifterialrath und Vorftand des königlichen ftatiftifchen Bureaus." Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 13 An landwirthfchaftlichen Winterfchulen zählt Baiern zehn, von denen die meiften in Niederbaiern und in der Oberpfalz find. Die Organiſation diefer Winterfchulen ift den landwirthschaftlichen Vereinen zunächft anheimgegeben und defshalb auch keine gleichförmige. Behufs einer mehr angemeffenen landwirthfchaftlichen Vorbildung der Schullehrer befteht zu Würzburg ein auf die Feriendauer befchränkter Unterrichtscurs, an dem fich im Jahre 1871 zwanzig Elementarlehrer betheiligten. In dem II. Jahrescurfe der Schullehrer- Seminarien wird landwirthfchaftlicher Unterricht ertheilt. Special Lehrcurfe werden in Baiern zahlreich abgehalten, fo für Schäferei in Schleifsheim und Triesdorf; für Käferei und Viehhaltung zu Sonthofen; für Brauerei in Weihenftephan; für Brennerei in Schleifsheim und Freimann; für Obftbaum- Zucht in Weihenftephan, Schleifsheim, Landshut, Triesdorf, Regensburg und Würzburg; für Hufbefchlag in München und Würzburg. Die Frequenz betrug 1871 und 1872 185 Befucher, die Koften 4206 fl. Das Inftitut der Wanderlehrer fieht in Baiern einer allgemeinen Verbreitung erft entgegen, vorerft find als Wanderlehrer zur Förderung der landwirthfchaftlichen Thierzucht im Gefammtumfange des Landes befonders thätig die Profefforen May in Weihenftephan und J. Lehmann in München. Ortsbibliotheken, eine Inftitution neuefter Zeit, beftehen 383 mit 15.627 Büchern. Die baierifchen Ackerbau- Schulen und landwirthschaftlichen Mittelfchulen waren auf der Weltausstellung nicht vertreten. Erwähnt fei, dafs Baiern fechs Ackerbau- Schulen( Schleifsheim, Schönbrunn, Pfrentfch, Bayreuth, Ramhof und Triesdorf) befitzt, deren Unterricht ein theoretifch- praktiſcher ift und zwei Jahrescurfe umfafst. Die Einnahmen fämmtlicher Ackerbau- Schulen betragen 44.684 fl., die Frequenz ift eine geringe. An die einzige baierifche landwirthfchaftliche Mittelfchule zu Lichtenhof bei Nürnberg mit einer Vorbereitungsfchule und drei Jahrescurfen fchliefsen fich die landwirthschaftlichen Abtheilungen an den Gewerbefchulen in Freifing, Kaiferslautern und Straubing an. Der höhere landwirthfchaftliche Unterricht ift in Baiern vertreten durch die landwirthfchaftliche Abtheilung der polytechnifchen Schule in München und durch die königliche landwirthfchaftliche Centralfchule in Weihenstephan. Beide Anftalten waren auf der Weltausstellung vertreten. Die Ausftellung Weihenstephans, in der öftlichen Agriculturhalle mit grofsem Fleifs und grofser Sorgfalt zufammengeftellt, bot manches Neue. Freilich fand fich nicht Alles beifammen. fondern war vielfach in der Halle verftreut untergebracht. Sehr zweckmäfsig war bei der Weihenftephaner Ausstellung die deutliche Etiquettirung, wodurch das fo zeitraubende, umftändliche Umherfuchen und meift Nichtfinden im Kataloge erfpart wurde. Von den ausgeftellten Objecten nennen wir: die von Profeffor May zufammengeftellte Collection der nach Racen und deren Kreuzungen geordneten Wollproducte der baierifchen Schäfereien( 42 Tableaux). Gleichfalls wie eben genannte Collection etwas getrennt von der eigentlichen Ausftel. lung, über der Expofition verfchiedener Düngerfabrikanten, war ein grofses, etwa 6 Meter breites und 5 Meter hohes Tableau, die Handgeräthe Baierns darftellend, angebracht. Diefe durch Vermittlung des Kreiscomités in Baiern ermöglichte Sammlung( 200 Stück) lieferte den Beweis, dafs in Baiern eine gröfsere Mannigfaltigkeit in den Handgeräthen herrfcht, als man zuvor irgend geglaubt hatte. Namentlich war es intereffant, nach den verfchiedenen geognoftifchen Verhältniffen der betreffenden Gegenden auch eigenthümlich entſprechende Conftructionen der Geräthe zu finden. Die aus 45 Stück beftehende Sammlung von Hopfenbau Geräthen umfafste Repräfentanten aus Baiern, Böhmen, 14 Dr. C. Theodor von Gohren. Preufsen, Heffen und England. Nach oben hin wurde die Ausftellung Weihen. ftephans abgefchloffen durch eine Anzahl grofser, vom penfionirten Lieutenant Sailer in München nach Abbildungen der Lehrbücher von Otto etc. gefertigte Tableaux zur landwirth fchaftlichen Technologie". Jeder Lehrer der landwirthschaftlichen Technologie an höheren landwirthschaftlichen Lehranftalten wird fchon oft fchmerzlich zweckentfprechende Modelle und grössere bildliche Darftellungen zu Demonftrationen vermifst haben. Die von Sailer auf Veranlaffung des Profeffors Lintner in Weihenftephan gefertigten Tableaux find zwar nicht billig, können aber für Unterrichtszwecke auf das wärmfte empfohlen werden. Eine lange Reihe von verglasten Rahmen( 183) führten die von Profeffor Braungart angelegten, von dem Verfuchsdirigenten Günther ausgeführten Collectionen der Varietäten der vier Hauptgetreide. arten vor. Vertreten waren 74 Weizen-, 21 Roggen-, 40 Gerfte- und 45 Hafervarietäten. Zur landwirthfchaftlichen Betriebslehre waren recht nette Modelle ausgeftellt, welche demonftriren follten, wie der Wirthschaftshof nicht fein foll, wie er fein foll und wie der Kampf ums Dafein nach Naturverhältniffen und Landesfitte denfelben geftaltete. Das erfte Modell zeigte den Wirthschaftshof in länglichem Vierecke, bei welcher Anordnung die wirthschaftlichen Arbeiten nicht gut von Statten gehen. Das zweite Bild einen Wirthschaftshof in Quadratbau, die nämliche Grundfläche wie bei erfterem Hof idealer Form, nach Paul Schönlau, Culturingenieur in Detmold; gröfstmögliche Ausnützung der Fläche, befte Anordnung der Gebäude und beftes Ineinandergreifen der wirthschaftlichen Anordnungen. Drittes Modell: der Bauernhof auf den friefifchen Infeln Pellworne. Die den Sturmfluthen des Meeres ausgefetzten Infeln haben eine Form vom Wirthfchaftshof, welcher auf kleinftem Terrain auf einem Hügel die Wirthfchaftsräume einfchliefst, fich fomit der idealen Form am meiften nähert. Die Modelle find von Anton Wagner, Modelleur an der Central- Landwirthfchaftsfchule in Weihenftephan, künftleriſch ſchön und correct ausgeführt. An diefe Modelle fchloffen fich zwei weitere: Darftellung des Hopfenbaues in feinen Bearbeitungs- und Entwicklungsftadien( 1:20), Schneiden des Hopfens, erfte Bearbeitung und Anbinden, Entwicklung der Hopfendolde, zweite Bearbeitung und Ernte, Ausftellung der Stangen a in der Hallertau ( Baiern), Kamm- Hopfen- Bau b in Kent( England), Ebener Hopfenbau. Gefertigt wurden diefe Modelle von dem Verfuchsdirigenten Günther. Neu und der Beachtung werth war das von dem Modelleur Wagner gefertigte Modell eines Stangen Imprägnirapparates zum Hopfenbau( Verh. 1:20). Die von dem Lehrer des Obftbauès G. Schufter gearbeiteten 24 Formbau- Modelle verdienten ihrer exacten fachmännifchen Ausführung wegen befondere Aufmerkſamkeit. Sie demonftrirten in klarer Weife die Entwicklung der Formbäume vom kleinen Stämmchen an. Fünf Modelle von Düngerftätten nach Kintzel und von der Goltz und ein Modell eines ländlichen Abtrittes zur Poudrettebereitung dienten als Repräfentanten der Lehrmittel zur Düngerlehre. Noch ift zu gedenken der 104 von Profeffor Braungart ganz ausgezeichnet zufammengeftellten Weingeift- Präparate, darftellend die embryonale Entwickelung der Flufsforelle, des Seelach fes und der Lachsforelle ( veranfchaulicht waren die Entwicklungsftadien der Fifche im Zeitraume vor. I bis 180 Tagen in je 10 Abſchnitten; befonders intereffant in diefer Sammlung war eine doppelköpfige Flufsforelle); fowie der Collection zymotechnifcher Lehrmittel( 22 neuere Apparate zur Bierunterfuchung), welche von Profeffor Lintner zufammengeftellt wurde. Hervorgegangen waren die Apparate aus der mechanifchen Werkftätte des baierifchen Bierbrauers" in München und find in dem 1873er Jahrgange citirten Fachblattes eingehend befchrieben. Damit auch die Kunft nicht leer ausging, war letztgenannte Collection gekrönt von einem kleinen Aquarellbildchen, welches den Befuchern die in einem fchönen Parke auf der " 7 Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 15 Höhe eines fchmucken Hügels thronende k. Central- Landwirthfchafts- Schule zeigte. Schliefslich fei noch erwähnt, dafs die Weihenftephaner Brauerei, wenn auch an anderer Stelle, vertreten war. Die landwirthfchaftliche Abtheilung des Polytechnikums in München, welche erft im Winterfemefter 1872 bis 1873 eröffnet worden ift, war trotz ihres kurzen Beftandes doch durch einige recht tüchtige Arbeiten ihrer Docenten vertreten. Wir zählen hieher die von Profeffor Wollny zufammengeftellten, von Steinacker gezeichneten Tableaux, die hauptfächlichften Krankheiten der landwirthschaftlichen Culturpflanzen darftellend, fodann die anatomifchen und phyfiologifchen Präparate des Profeffors Frank. Weniger gut waren die von Profeffor Thiel ausgeftellten Photographien, welche die Bewurzelung von landwirthschaftlichen Culturpflanzen in verfchiedenen Stadien der Entwicklung darftellen follten. Der Katalog führte ferner noch auf eine Sammlung von Proben der Victoriaerbfe und von Sommerweizen, welche den Einfluss der Qualität des Saatgutes, wie des Nährftoffgehaltes des Bodens auf Qualität und Quantität des Ertrages darthun follten; Skelette von Schweinen desfelben Alters und derfelben Race zur Demonftration des Einfluffes verfchiedener Ernährungsweifen und verfchiedene Brodproben zur Erläuterung von Lehmann's Methode der Verwerthung des Mehls von ausgewachfenem Getreide, mittelft Salzzufatzes bereitet.. Wir können Baiern nicht verlaffen, ohne der Ausftellung des Lehrers der Landwirthschaft und Modelleurs, J. Anfelm, in Schleifsheim bei München zu gedenken. So manche landwirthschaftliche Lehranftalt bezieht ja den Haupttheil ihrer landwirthschaftlichen Modelle, die dann unter den Lehrmittel- Ausftellungen der betreffenden Anftalten prangen, von Schleifsheim. Anfelm ift kein eigentlicher Fabrikant, fondern betreibt zum Theil die Erzeugung von Geräthen aus Liebhaberei. Eine dem Referenten vorliegende Zufammenftellung gibt intereffante Auffchlüffe, welche Lehranstalten von Anfelm bezogen haben. Das Abfatzgebiet erftreckt fich auf Deutſchland und Oefterreich in erfter Linie und hier fehlt kaum eine einzige Lehranftalt; aber auch nach Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Schweden, Dänemark, die Schweiz, Serbien, Rufsland und Brafilien find nicht unbeträchtliche Sendungen verlangt worden. Leider verlor Anfelm's Ausftellung fehr viel dadurch, dafs man die Sammlung im Ausftellungslocale theils zufammenpferchte, theils weit von einander trennte, wodurch eine Ueberficht unmöglich wurde. Die von Anfelm ausgeftellte Sammlung umfafste 108 Stück und repräfentirte einen Gefammtwerth von 1200 Thaler. Sie läfst fich eintheilen wie folgt: I. Pflüge. A. Europa: a) Belgien I Stück, b) Deutſchland 27 Stück, c) England 8 Stück, d) Frankreich 3 Stück, e) Oefterreich 5 Stück, f) Rufsland 8 Stück, g) Schweden 2 Stück; B. Amerika 7 Stück; C. Afien 7 Stück; D. Afrika 2 Stück; II. Eggen, Schleifen und Walzen 17 Stück; III. Mafchinen 8 Stück; IV. Demonftrationspferd und Kuh; V. Collection von Mufterdungftätten; VI. Modelle von Stallungen; VII. Lehrmittel für den forftlichen Unterricht, in Tableaux geordnet; VIII. Modelle für das Cultur- Ingenieurwefen. Das Königreich Sachfen war auf dem Gebiete der landwirthschaftlichen Lehre und Forfchung nur vertreten durch die pflanzenphyfiologifche Verfuchsftation in Tharand. Eine kurze Skizze des gegenwärtigen Standes des landwirthfchaftlichen Unterrichts- und Forfchungswefens in diefem durch feine hohe Cultur mit Recht gerühmten Königreiche dürfte aber nicht überflüffig erfcheinen; zumal Sachfen in diefer Richtung manche auffällige Erfcheinung bietet. So gibt es z. B. eigentliche landwirthfchaftliche Fortbildungsfchulen dort nicht; ebenfo wenig wird an den Volksfchulen und in den Lehrerfeminarien landwirthschaftlicher Unterricht ertheilt. Wohl find in vielen Theilen des Landes von den landwirthschaftlichen Vereinen Fortbildungsfchulen zu dem 2 16 Dr. C. Theodor von Gohren. Zwecke ins Leben gerufen worden, um den Söhnen kleinerer Landwirthe, die nicht in der Lage find, für die Weiterbildung ihrer Kinder einen erheblichen Aufwand an Zeit und Geld zu machen, nach ihrer Entlaffung aus der Volksfchule noch einen weiteren Unterricht zu gewähren; fie find aber( mit ganz vereinzelten Ausnahmen an Orten, wo gerade eine geeignete Lehrkraft für den fachlichen Unterricht fich darbot) nur als allgemeine Fortbildungsfchulen zu betrachten, da fie jeden Fachunterricht, ausfchliefsen und fich nur auf Befeftigung und Erweiterung des in der Volksfchule Gelernten befchränken. Die Einrichtung diefer Schulen, die theils als Sonntagsfchulen, theils als Winter- oder Winter- Abendfchulen auftreten, ift eine höchft mannigfaltige, entſprechend den verfchiedenen örtlichen Verhältniffen, unter denen und für die fie entstanden. Viele diefer fogenannten landwirthschaftlichen Fortbildungsfchulen find nach kurzer Thätigkeit wieder eingegangen und im Ganzen hat fich überhaupt ihre Zahl namentlich in letzterer Zeit vermindert. Diefelbe dürfte zwifchen 15 und 20 anzunehmen fein. Bis jetzt hat irgend ein Zwang im Bezug auf den Fortbildungsunterricht nicht beftanden. Auch Ackerbau- Schulen für den niederen landwirthschaftlichen Unterricht find in Sachfen nicht vorhanden und nur eine vom landwirthschaftlichen Kreisvereine Dresden 1857 gegründete Gartenbau- Schule dürfte an diefer Stelle zu erwähnen fein. Für den mittleren landwirthfchaftlichen Unterricht beftand an der königlichen Gewerbefchule zu Chemnitz vom Jahre 1850 bis Oftern 1870 eine landwirthfchaftliche Abtheilung. An deren Stelle ift Oftern 1872 eine mit der Realfchule I. Ordnung zu Döbeln verbundene landwirthfchaftliche Abtheilung getreten. Ausserdem befteht noch an der Privat- Lehranftalt„ Albertinum" zu Burgftädt eine landwirthschaftliche Abtheilung nebft landwirthfchaftlicher Winterfchule. Als die Anfänge des höheren landwirthfchaftlichen Unterrichtes in Sachfen dürften die„ Privatvorträge über Landwirthfchafts- Wiffenfchaft" betrachtet werden können, welche ein Lehrer der damals nur als forftliche Staats- Lehranstalt beſtehenden Akademie zu Tharand im Jahre 1828 für die auf der Akademie befindlichen jungen Landwirthe hielt. Im Jahre 1830 wurde dann mit der genannten Akademie eine landwirthschaftliche Abtheilung als höhere Staats- Lehranftalt verbunden, welche bis zum Jahre 1870 beftand, wo fie aufgehoben wurde, nachdem bereits im Sommerfemefter 1869 bei der Landesuniverfität Leipzig ein eigenes Inftitut für den höheren landwirthschaftlichen Unterricht errichtet, die nöthigen Fachlehrer berufen und ein eigenes agricultur- chemifches Laboratorium einge richtet worden war. Je ärmer Sachfen an landwirthschaftlichen Unterrichtsanftalten ift, verhältnifsmässig um fo reicher ift es an der Forfchung gewidmeten Inftituten, an land. wirthfchaftlichen Verfuchsftationen. Ift doch die erfte deutfche Verfuchsftation in Sachfen und zwar 1851 in Möckern begründet worden( Koften 1872 circa 3760 Thaler). Aufser Möckern find noch zu nennen: Döbeln( begründet 1853 zu Chemnitz und 1872 bei Eröffnung der landwirthschaftlichen Abtheilung der Realfchule in Döbeln dahin übertragen. Koften 1872 circa 667 Thaler); Pommritz( begründet 1857 zu Weidlitz, 1864 nach Pommritz verlegt. Koften 1872 circa 4433 Thaler); Dresden( 1862 an der königlichen Thierarznei- Schule begründet: Koften 1872 990 Thaler); phyfiologifche Verfuchsftation zu Tharand( 1869 mit hauptfächlicher Beihilfe des landwirthfchaftlichen Kreisvereines zu Dresden errichtet. Koften 1872 755 Thaler). Bei dem landwirthschaftlichen Inftitute der Univerfität Leipzig beftehen: ein agricultur- chemifches Laboratorium, Vorftand Profeffor Dr. Knop, ein Affiftent, und auf einem zu diefem Zwecke von der Stadt Leipzig erpachteten umfangreichen Grundftücke eine landwirthfchaftliche Verfuchswirthschaft( 1869); Vorftand Director Dr. Blomeyer, ein Affiftent; fowie eine landwirthschaftliche phyfiologifche Verfuchsanftalt( errichtet 1871) unter Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 17 Leitung des Profeffors Stohmann mit zwei Affiftenten, ausgeftattet mit einem chemifchen Laboratorium und einem Respirationsapparat. Schliesslich dürfte auch der agricultur- chemifchen Thätigkeit A. Stöckhardt's in Tharand zu gedenken fein. Wie fchon erwähnt, hatte fich von allen diefen Anftalten nur die phyfiologifche Verfuchsftation in Tharand an der Weltausftellung betheiligt. Profeffor Nobbe, der Leiter diefer Verfuchsftation, hatte ausgeftellt: vier grofse Photographien, deren zwei die Durchfchnittspflanzen der in wäfferigen Nährftofflöfungen erzogenen Verfuchsreihen darftellten, welche unternommen waren zur Erörterung der Wirkungen des Kali, Kalk, Chlor und Stickſtoff im Pflanzenkörper; die anderen beiden repräfentirten dreijährige, durchaus gefunde Holzgewächfe in Waffercultur( Negundo fraxinifolia und Betula alba). In unmittelbar praktifcher Richtung hat die Verfuchsftation Tharand fich den land- und forftwiffenfchaftlichen und gärtnerifchen Samenmarkt als Arbeitsfeld auserfehen. Ein fehr dankbares Gebiet, wenn man bedenkt, dafs der GefammtCapitalswerth des Saatgutes fich per Jahr für Deutfchland allein auf 158 Millionen Thaler beziffert und erwägt, dafs den forgfältigften Auszählungen zufolge ein Percent fremder Beftandtheile" mehr oder weniger in einem Kilogramm durchfchnittlicher Marktwaare einen Unterfchied von etwa 6000 Unkrautkörnern im Rothklee, 2000 Unkrautkörnern im Lein, 20.000 Unkrautkörnern im Thimotheegras, 8000 Unkrautkörnern im franzöfifchen Raygras entspricht; es würden alfo mit diefer nämlichen Durchfchnittswaare auf die Fläche einer Hektare ausgefäet werden im Lein 335.100 Körner( 41 Arten) Unkrautfamen, im Rothklee 602.500 Körner( 44 Arten) Unkrautfamen, im Timotheegras 3,069.000 Körner( 31 Arten) Unkrautfamen, im franzöfifchen Raygras 55,146.000 Körner( 45 Arten) Unkrautfamen. Zur Erläuterung aller diefer Verhältniffe hatte Profeffor Nobbe in überaus anfchaulicher und inftructiver Weife zur Ausftellung gebracht: Etwa hundert Standgläfer, enthaltend die gewöhnlichften Verfälschungsmittel und Verunkrautungen der landwirthfchaftlichen Saatwaare; drei auf Pappe gezogene Tableaux ( unter Glas und Rahmen), welche die Qualitäten des in den Handelsfamen von Lein, Klee und franzöfifchem Raygras gefundenen Unkrautfamens botanifch fpecificiren; Keim- Apparate aus Thon, zum Behufe der Keimkraft- Prüfung von Saatwaaren conftruirt, fowie endlich verfchiedene andere für eine exacte Werthbeftimmung von Samenproben erforderliche Apparate und Geräthfchaften: Siebfatz, Spreufege, Apparat zur Herstellung der Mittelprobe u. f. w.coital Von den landwirthschaftlichen Lehrmitteln, die von Sachfen ausgeftellt waren, wird fpäter noch eine Anzahl aufgeführt werden; hier feien nur genannt eine Kryptogamen- Sammlung von Dr. Rabenhorft und die naturhiftorifchen Sammlungen des Dr. Schaufufs. Preufsen und die anderen norddeutfchen Staaten. Wie fchon in der Einleitung erwähnt wurde, hat fich bis jetzt der niedere landwirthfchaftliche Unterricht in Nord Deutfchland keiner befonderen Pflege und keines befonderen Anklanges zu erfreuen gehabt. Namentlich hat der landwirthschaftliche Fortbildungsunterricht nicht rechtes Terrain erobern können. Von welchen Gefichtspunkten aus man aber für die Folge vorzugehen gedenkt, dürften am beften die Refolutionen beweifen, welche in diefer Angelegenheit der nächſten Berathung des deutfchen Landwirthfchafts- Rathes vorliegen. Sie lauten: 1. Die Errichtung von Fortbildungsfchulen auch auf dem Lande ift im ftaatlichen und volkswirthschaftlichen, wie fpeciell landwirthfchaftlichen Intereffe dringendes Bedürfnifs. 2. Die Aufgabe ländlicher Fortbildungsfchulen foll aber keineswegs * Auch der jüngfte( V.) Congrefs deutfcher Landwirthe in Berlin hat fich mit diefer Frage befchäftigt, leider aber unter Ablehnung der Anträge des Referenten nur fehr allgemein gehaltene Refolutionen gefafst. 2* 18 Dr. C. Theodor von Gohren. eine landwirthschaftliche Fachbildung fein, fondern einzig und allein Befeftigung und Erweiterung des in der Volksfchule Gelernten, mit thunlicher Berücksichti gung landwirthschaftlicher und naturwiffenfchaftlicher Gegenftände. 3. Solche Fortbildungsfchulen follten in allen deutfchen Ländern als für die männliche Jugend vom 14. bis 17. Lebensjahre obligatorifch angeftrebt und auf dem Wege der Gefetzgebung eingeführt werden. 4. Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dafs die Lehrer für die ihnen zugemuthete gröfsere Leiftung pecuniär entſprechend geftellt werden. Der Koftenpunct für die Fortbildungsfchule ift gefetzlich zu regeln. 5. Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dafs die Lehrer für die in obigem Sinne angeftrebten Fortbildungsfchulen die nöthige fpecielle Vorbereitung in ihrer Seminarbildung erhalten. 6. Zur Durchführung eines gemeinfamen Lehrplanes in folchen Fortbildungsfchulen ift es dringendes Bedürfnifs, für ein Lehr- und Lefebuch zu forgen, welches landwirthfchaftlichen und naturwiffenfchaftlichen Gegenftänden in geeigneter Weife Rechnung trägt. 7. Die Errichtung von Fortbildungsfchulen für Mädchen bis zum vollendeten 16. Lebensjahre, eigenartig für diefelben, ift ebenfalls dringendes Bedürfnifs und defshalb gefetzlich obligatorifch einzuführen. 7. Es liegt im national- ökonomifchen und landwirthschaftlichen Intereffe, dafs zur Hebung der Fachbildung des Bauernftandes landwirthfchaftliche Winterfchulen in allen Gauen Deutſchlands alsbald etablirt werden. Dafs bei folcher Sachlage das Fortbildungs Unterrichtswefen NordDeutſchlands auf der Weltausftellung nicht vertreten war, darf nicht Wunder nehmen. Auch die niederen Ackerbau Schulen waren als Unterrichtsanftalten nicht vertreten, nur einzelne, wie Nieder Briesnitz bei Sagan, Popelau bei Rybnik, Hohenweftedt bei Rendsburg u. f. w. hatten fich mit Getreide und Sämereien an den Collectivausftellungen der Provinzen, in welchen die Schulen gelegen find, betheiligt. Die mittleren landwirthfchaftlichen Lehranstalten, welche übrigens wegen des geringen Alters, das von den Aufzunehmenden gefordert wird, eine ganz andere Stellung einnehmen, als z. B. die fogenannten landwirthschaftlichen Mittelfchulen Oefterreichs, erfreuen fich, infoferne fie mehr die theoretifche Richtung einhalten, in Nord- Deutſchland eines von Jahr zu Jahr wachfenden Anklanges; fie waren auf der Ausftellung nicht vertreten. Zu den landwirthschaftlichen Mittelfchulen in dem Sinne, was man in Oefterreich darunter verfteht, wenn auch mit wefentlich abweichender Organifation, dürfte das im Jahre 1818 in Idftein von Albrecht gegründete und 1834 nach Wiesbaden verlegte, in dem Hofgute Geisberg untergebrachte landwirthfchaftliche Inftitut zu zählen fein. Charakteriftifch für diefes Inftitut ift das von ihm ausgehende Syftem der ausfchliefslichen Winter Unterrichts curfe. Geisberg war als Anftalt zwar nicht auf der Weltausftellung vertreten, wohl aber hatte einer ihrer Lehrer, Dr. Freiherr v. Canftein, eine treffliche Collectivausftellung aus dem Regierungsbezirke Wiesbaden arrangirt und fich mit feinen eigenen Privatarbeiten an derfelben betheiligt; befonders hervorzuheben find: 1. eine Collection der zehn beften Weinbergs- Böden des Rhein- und Maingaues nebft nachstehender mechanifcher Analyfe; 2. graphifche Darftellung der feit dem Jahre 1830 in Naffau an Wein gewonnenen Mengen in Stück zu 1200 Liter; 3. graphifche Darftellung der feit dem Jahre 1672 gewonnenen Weine nach der Güte der Jahrgänge; 4. Karte des Rhein- und Maingaues mit den Weinbergen nach der Güte in gewöhnliche, gute und vorzügliche geordnet. Vom Hof Geisberg, deffen Bewirthschaftung von Freiherrn v. Canftein dirigirt wird, war eine ftattliche Sammlung von Aehren- und Körnerproben ausgeftellt. * Die ftatiftifche Zufammenftellung über den mittleren und niederen landwirthschaftlichen Unterricht in dem Jahresberichte des königl. preufsifchen Landes- Oekonomie- Collegiums pro 1872 läfst leider fehr viel zu wünfchen übrig. Vergl. auch Wilbrand's kritifche Briefe. Hannover 1873. Nr Namen Boden der zehn vorzüglichften Weinberge in Naffau. Tiefe der BodenDer Obergrund enthält in Percenten fchichten Geologifche Formationen GerotOber- Mittel- teter grund grund UnterCtm. Ctm. Steine und Gebirgstrümmer grund 3 Millimeter Ctm. Durchmeffer Feinerde Die Feinerde enthält: Körner von Körner un1 bis 3 Millim. ter 1 Millim. Durchmeffer Durchmeffer Eckerftein 2 Rüdesheimer Berg 1 Afsmannshaufen, Obere glimmerreiche Schichten des Taunusfchiefers mit Taunusquarziten Obere thonige Schichten des Taunusfchiefers mit wenig Taunusquarzit Taunusquarzit mit ganz vereinzeltem Taunusfchiefer und Alluvialgeröllen. Der Schiefer zu Feinerde verwittert Eifenhaltige Taunusquarzite mit wenig Taunusfchiefer. Diefer zu Feinerde ver3 Rüdesheimer Hinterhaus 4 Geifenheimer Rothenberg 5 Johannisberg Schlofs 6 Steinberg Zehntftück wittert Eifenhaltige Taunusquarzite mit ganz ver einzeltem Taunusfchiefer. Diefer zu Feinerde verwittert. Taunusqarzite mit vereinzeltem Taunusfchiefer in fecundärer Lagerstätte( Alluvium) 30 25 20 47.00 53.00 5:35 47.65 15 45 20 54.66 45 34 8.23 37.11 20 40 25 27.71 72.29 4:53 67.76 22 43 30 39.00 6100 5.66 55.34 21 28 25 30.00 70.00 5.42 64.58 Landwirthfchaftliche Lehre und Forfc hung. 25 20 30 18.00 81 10 7 Marcobrunn 8 Gräfenberg 7:03 74.07 Taunusfchiefer und Quarzite in fecundärer Lagerftätte, Cyrenenmergel u. Alluvium Reiner Sericitfchiefer oberer und mittlerer Schichten 26 15 34 2.44 97.56 0.87 96.69 16 24 26 6150 38.50 6.61 31.89 9 Rauenthal Gehren Chloritifcher Taunusfchiefer mittlerer und 10 Hochheimer Domdechanei Quarzige Alluvial- Taunusgerölle und Thone mit thonigen und kalkigen Tertiärfchichten unterer Schichten. 20 48 65.83 34 17 5.71 28.46 18 27 36 2'IO 97.90 I'IO 96.80 19 20 Dr. C. Theodor von Gohren. Beffer vertreten- in gewiffem Sinne wenigftens- war Preufsens höherer landwirthfchaftlicher Unterricht. Eine auffallende Erfcheinung bot aber diefe Vertretung. Von den acht mit deutfchen Univerfitäten verbundenen land. wirthschaftlichen Inftituten hatten nämlich nur zwei( Berlin und Göttingen) ausgeftellt, während die drei überhaupt noch beftehenden ifolirten Akademien Eldena, Proskau und Poppelsdorf mit einem gewaltigen Apparat erfchienen waren. Wollte man die Leiftungsfähigkeit der beiden jetzt rivalifirenden Richtungen des höheren landwirthschaftlichen Unterrichtes nach der äufseren Repräfentation auf der Wiener Weltausftellung beurtheilen, man müfste fich ohne Zweifel für die fogenannten ifolirten Akademien entfcheiden. Es kann nicht die Aufgabe des Referenten fein, die Gründe zu erörtern, welche die landwirthfchaftlichen Inftitute der Univerfitäten von einer Betheiligung an der Ausftellung abgehalten haben; theilweife mögen es principielle fein, hie und da mag wohl auch die Kürze des Beftandes gehindert haben beffer wäre es aber jedenfalls gewefen, wenn fothaner Sachlage auch Göttingen und Berlin auf eine Betheiligung verzichtet hätten. - unter Das landwirthschaftliche Inftitut der Univerfität Göttingen hatte nämlich nur ausgeftellt: den Plan des dortigen neuen landwirthschaftlichen Inftitutes, einige Bände des Journals für Landwirthfchaft und die Drechsler'fche Brofchüre: „ Das landwirthschaftliche Studium an der Univerfität Göttingen." Berlin war repräfentirt durch eine von Profeffor Orth zufammengeftellte Collection der wichtigſten Bodenarten für die Zuckerproduction im deutfchen Reiche. Proskau. Von allen auf der Weltausstellung vertretenen landwirthfchaftlichen Unterrichtsanftalten war diefes Inftitut unftreitig am beften und durchdachteften repräfentirt. Der Referent glaubt nicht fehl zu greifen, wenn er das Verdienft, die Ausftellung der Proskauer Akademie würdig durchgeführt zu haben, in erfter Linie dem Inftituts director Settegaft vindicirt. Die Akademie Proskau in Schlefien wurde eröffnet im Herbfte 1847. Gegenwärtig wirken an ihr, aufser dem Director Dr. Settegaft, 12 ordentliche Lehrer, 5 Hilfslehrer und 1 Privatdocent. Die Bedürfnisse der Anftalt, einfchliefslich der mit derfelben verbundenen Verfuchsftation und des Verfuchswefens erfordern eine jährliche Ausgabe von 31.750 Thaler, von denen der Staat 20.320 Thaler zufchiefst; die anderen 11.430 Thaler werden aus den Einkünften des mit der Akademie verbundenen 1050 Hektaren grofsen Landgutes und aus dem dem Staate zufallenden Antheile der Collegienhonorare beftritten. In den erften 25 Jahren ihres Beftehens wurde die Anftalt von 1534 Studirenden und Hospitanten befucht. Nähere Auskunft über die Einrichtung, Lehr- Hilfsmittel etc. der Akademie ertheilt die auch unter den Ausftellungsobjecten gewefene Schrift:„ Die Akademie Proskau etc. Berlin. Wiegandt und Hempel 1872." Aufser diefer Schrift hatte Proskau ausgeftellt: 1. Karte der Gutswirthfchaft der Akademie Proskau. Diefelbe diente zur Erläuterung der Bodenverhältniffe, Eintheilung( Feld, Wiefe etc.), Drainage, Rotationen und Fruchtfolgen der betreffenden Grundftücke und enthielt aufserdem die nothwendigen ftatiftifchen Nachweife. 2. Die Ackerclaffen I bis VIII nach dem Syfteme von Thaer, Koppe, Settegaft, repräfentirt durch Bodenarten der Domäne Proskau, nebft chemifchen und mechanifchen Analyfen. Die Proben waren bis drei Fufs Tiefe entnommen und je in zwei Gefäfsen à 1½ Fufs enthalten. Die chemifchen und mechanifchen Analyfen waren nach der von Profeffor Knop für Bonitirung der Ackererde vorgefchlagenen Methode ausgeführt und von Profeffor Dr. Krocker zufammengeftellt worden. 3. Zwei Sammlungen von Modellen, darftellend die Entwicklung der Drefchmafchine und der Säemafchine, ausgeführt vom Modelleur Günther in Proskau. Die Drefchmafchinen- Modelle waren in vier Abtheilungen geordnet: 1. Flegel- Drefchmaschinen fahrbare feftftehende Landwirthschaftliche Lehre und Forschung 2. Stampf- Drefchmaschinen 3. Walzen- Drefchmaschinen 4. Schlegel- Drefchmaschinen í fahrbare feftftehende ( mit rollenden Walzen mit quetfchenden Walzen zu Handbetrieb zu Göpélbetrieb zu Dampfmafchinen- Betrieb. 21 Die Sammlung der Modelle von Säemafchinen repräfentirte I. Mafchinen, die in keiner Beziehung zu den gegenwärtig gebräuchlichen Syftemen ſtehen. 2. Maſchinen für Reihenfaat( Getreide, Mais, Bohnen, Erbfen, Rüben, Raps). 3. Mafchinen für horftweife Saat. 4. Mafchinen für breitwürfige Saat. 5. Mafchinen für Klee- und Grassaat. 4. Zwei Wollfammlungen und zwar 1) der Entwicklungsgang der Schafzucht Deutfchlands in charakteriftifchen Wollmuftern und 2) fyftematiſch geordnetes Wollcabinet für Lehrzwecke. Settegaft hatte die Wollmufter fo geordnet: A) Aeltere Zeit: 1) Urfprünglicher Zuftand( Herrschaft primitiver Racen). 2) Uebergang zur Zucht des Merinofchafes( Reinzucht importirter fpanifcher Merinos und Kreuzung derfelben mit obigen primitiven Landracen). 3) Bewufstes Streben, fefte Züchtungsziele a) Herausbildung und Höhepunkt der Electoralzucht Sachfens; b) Schlefiens goldenes Vliefs; c) Oefterreichs und Mecklenburgs Negrettizucht. B) Neuere Zeit: 1) Uebergangsftadien von der Zucht des Wollfchafes zu der des Fleifchfchafes, a) Moderne Richtung der MerinoKammwoll- Erzeugung, gröfstentheils mit Benützung des Rambouilletblutes; b) Annäherung an die Fleifchfchaf- Zucht Englands mit Benützung der Southdown- Race. 2) Entfchiedene Verfolgung der Fleifchfchaf- Zucht, unterſtützt durch rationellen Futterbau und günftigen Fleiſchmarkt, Reinzucht englifcher hochgezogener Racen; frühreife und leichte Ernährung der Thiere erhält höhere Bedeutung, als die Production feiner edler Wolle.( Kurzwollige Racen für leichten Boden und Binnenklima). 3) Anbahnung und Perfpective der Schlufsentwicklung edler Schafzucht Deutſchlands.( Langwollige Racen für reichen Boden und Küftenklima.) Vorftehend angeführte Ausftellungsobjecte beweifen wohl zur Genüge den ernften, ftreng wiffenfchaftlichen, hiftorifchen Geift, der in Proskau zu finden ift. Gewifs hat fich diefe Akademie auf der Weltausstellung in diefer Beziehung befonders bemerkbar gemacht. Wenn auch nicht ftreng hierher gehörig, fo fei doch fchliefslich bei Proskau noch erwähnt die von Profeffor Dammann in Proskau zufammengeftellte Hufbefchlags Sammlung aus den Sammlungen der Akademien Eldena, Proskau und des landwirthfchaftlichen Mufeums in Berlin. Sie enthielt: 1) Hiftorifche Befchläge Eifenbefchlag; Lederfohlen der Griechen und Römer, römifche Eifenfohlen in verfchiedenen Formen; afiatifche Kapp- Eifenfohlen, Schwedeneifen, deutfche Eifen aus dem 16. Jahrhundert und englifche Eifen; 2) jetzt gebräuchliche Eifen; 3) Winter- Hufeifen; 4) Hufeifen für Pferde mit fehlerhaften Stellungen und Gangarten; 5) Hufeifen für kranke und deformirte Hufe; 6) Befchläge für normale Hufe. Eldena, die ältefte der preufsifchen landwirthschaftlichen Lehranstalten, wurde 1835 eröffnet. Ihr Lehrplan umfafst die ganze Land-, Volks- und Staatswirthfchaft mit deren Hilfswiffenfchaften. 12 Lehrer. Jährliche Koften 25,240 Thaler. Zu ihrer Gründung und erften Einrichtung hat die Univerſität Greifswald 127.000 Thaler und der Staat 35.000 Thaler beigetragen. Nähere Details liefert die Schrift:„ Die königl. ftaats- und landwirthschaftliche Akademie Eldena bei der Univerfität Greifswald, dargestellt von ihrem Director. Berlin 1870". Das hervorragendfte Ausftellungsobject Eldenas waren die Photographien der von Dr. Rhode zufammengebrachten Schädelfammlung der wichtigften Racen ( es waren vertreten: 6 Schweinefchädel, von Rindern: Innthaler, Vogtländer, 22 Dr. C. Theodor von Gohren. Wilsler, Marfch, Breitenburger, Natalrace, Urochfe, Allgäuer, Holländer, Pufterthaler, Shorthorn, Waldler, Hinterländler, Schwedifche Landrace, Zillerthaler und zwar je in einer Gruppe Bulle, Kuh, Ochs); freilich noch imponirender und inftructiver wären die Schädel felbft gewefen. Ein zweites überaus lehrreiches Object war die Darſtellung der gebräuchlichen Veredlungsarten in Modellen und Veredlungsverwachfungen nach verfchiedenen Jahrgängen in Durchfchnittsflächen. Ferner ift zu erwähnen das von P. Pietrusky ausgeftellte Cabinet mit 664 Gypsabgüffen, darftellend die Knollen und Wurzeln von 332 Kartoffel-, Möhren- und Rübenforten. Die Kartoffelforten waren fyftematifch eingetheilt in Frühkartoffeln",„ mittelfrühe" und„ fpäte" Sorten. Jede diefer Gruppen zerfiel in die Unterabtheilungen„ lange",„ ovale" und„ runde". Weiter theilten fich diefe Unterabtheilungen nach der Tiefe der Augen, ob fie:„ tief",„ mitteltief" oder„ flachfitzend" find und diefe Sectionen waren wieder gefchieden nach der Form des auf die Längenachfe der Knolle geführten Querfchnittes in folche, welche einen„ runden" und einen„ ovalen" Querfchnitt zeigten. " Dem Verzeichniffe der Collection waren Bemerkungen über die Farbe, die Färbung des getriebenen Auges, die Höhe des Krautes, die Blüthe, Gröfse der Knollen, Befchaffenheit des Nabels und den Stärkemehl- Gehalt( vom Jahrgang 1872) beigefügt. An den Gypsabgüffen, einer Arbeit des Herrn Weidner, war die natürliche Färbung der Knollen, Möhren und Rüben durch Oelfarben wiedergegeben. Ein Herbarium der auf dem Verfuchsfelde der Akademie angebauten Nutzpflanzen mit ihren verfchiedenen Culturvarietäten umfafste 150 Varietäten, von denen die der hülfenfrüchtigen Pflanzen( fpeciell die der Erbfe 68 Nummern) in 12 Tableaux das meifte Intereffe boten. In jedem der vorgeführten Exemplare waren nächft dem Namen der Art und der Varietät noch Notizen gemacht über die Bezugsquelle( von Alten in Lappland 71 Grad nördlicher Breite bis Tasmanien in Ausftralien) und den Jahrgang der zur Ausfaat verwendeten Samen, die Saatzeit, die Blüthe, die Ernte, die Meffungen an Stengel, Aehre und Hülfen der Schoten, endlich über die Zahl der Schoten. Noch hatte Eldena ausgeftellt die geognoftifch- agronomifche Karte des füdöftlichen Theiles der Infel Rügen, kartographifche Darftellung der geognoftifchen und agronomifchen Verhältniffe, Drainage etc. des akademifchen Gutes Eldena, verfchiedene Photographien der Anftalt, Photographien von Zuchtthieren und von Verfuchsfchafen der fogenannten rauhen Racen etc. Leider war Eldenas Ausstellung räumlich fehr auseinandergeriffen. In der Ausstellung der Akademie Poppelsdorf konnte der Befucher manches altbekannte Object von der Parifer Weltausftellung wieder treffen; vor allen die in Gläfern von diverfen Gröfsen ad oculos demonftrirte chemifche Zufammenfetzung eines Kilo Wiefenhe Zuckerrüben, Erbfen, Kartoffeln, gelber Lupinen, Hafer, Mais, Reis, Weiz und Raps, die vielleicht den Laien zu imponiren vermag, dem Fachmanne aber von fehr zweifelhaftem Werthe erfcheint. Noch war Noch war zu finden: eine Collection der von den Docenten der Akademie publicirten Werke, von Fried. Körnicke eine fyftematifche Ueberficht der Cerealien und monokarpifchen Leguminofen in Aehren, Rispen, Früchten und Samen, die Dampfdrefchmafchine in 5 Blättern, eine Samenfammlung und diverfe Baupläne. Nicht hierher gehörig, aber in der nächften Nähe der Poppelsdorfer Ausftellung befand fich eine graphifche Darftellung der landwirthschaftlichen und zweckverwandten Vereine, der landwirthschaftlichen Unterrichtsanftalten und agriculturchemifchen Verfuchsftationen des preufsifchen Staates, welche auf Anordnung des königlichen Minifteriums für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten nach bis Ende Juli 1872 eingelangtem Materiale verfafst worden war. Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 23 Von den preufsifchen agriculturchemifchen Verfuchsftationen* hatten ausgeftellt: Weende, Dahme, Kufchen und Altmorfchen. Wir hätten gewünſcht, dafs die landwirthfchaftlichen Verfuchsftationen beffer vertreten gewefen wären. Woh! mufs eingeräumt werden, dafs eine überfichtliche Darftellung der Verfuchsftations- Thätigkeit nicht leicht ift, dafs fie aber doch möglich ift, haben die öfterreichifchen Verfuchsftationen bewiefen. Die Verfuchsftation Weende fteht unter einer vom Centralausfchuffe der königlichen Landwirthschafts- Gefellſchaft( dem Gründer und Erhalter der Anftalt) gewählten Direction. Als techniſcher Dirigent fungirt Profeffor Dr. Henneberg, zwei Affiftenten. Mit Ausfchlufs der Gehalte( in Summa 1900 Thaler) ftehen der Verfuchsftation jährlich 1370 Thaler für Verfuchszwecke und Befoldung des Unterperfonals feft zur Verfügung Dazu kommen circa 100 Thaler jährlich durch Honorare für Analyfen. Mit Rückficht auf die Entwicklungsgefchichte der Verfuchsftationen( zur Zeit der Gründung insbefondere praktifche Feldverfuche etc. in Ausficht genommen, mit der Zeit mehr und mehr davon abgegangen und zu wiffenfchaftlichen Forfchungen übergegangen, die in der Stadt, namentlich der Univerfitätsftadt leichter auszuführen find als auf dem Lande) wird die Verlegung der Verfuchsftation von Weende nach Göttingen für nächstes Jahr beabfichtigt. Die Verfuchsftation kommt in einen Neubau, der aufserdem das agriculturchemifche Unterrichtslaboratorium und das landwirthschaftliche Inftitut umfafst. Die diefsbezüglichen Pläne waren ausgeftellt und find fchon oben bei dem landwirthschaftlichen Inftitut Göttingen erwähnt worden. Die in Weende ausgeführten Arbeiten, zum überwiegenden Theile auf phyfiologifch- chemifche und landwirthschaftlichpraktiſche Fütterungsverfuche fich beziehend, find publicirt in dem„ Journal für Landwirthschaft" und in den„ Beiträgen zur Begründung einer rationellen Fütterung der Wiederkäuer". Die Verfuchsftation Weende hat fich mit der Ausftellung letztgenannter Werke begnügt. Während die Verfuchsftation Weende das Schwergewicht ihrer Thätigkeit auf thierphyfiologifche Unterfuchungen legte, hat die Verfuchsftation Dahme ( gegründet 1858) vornehmlich den Zweck, durch eine zufammenhängende Reihe von Verfuchsarbeiten die Wirkung der verfchiedenen Factoren aufzuklären, die das Wachsthum und den Ertrag der landwirthschaftlichen Culturpflanzen bedingen. Die Fragen, welche die Verfuchsftation in Angriff nahm, find etwa folgende: Welchen Einfluss auf die künftige Entwicklung der Pflanze hat das abfolute und fpecififche Gewicht, fowie der Reifezuftand des Samenkorns? Bei welcher Minimaltemperatur vermögen die Samen der landwirthschaftlichen Culturpflanzen noch zu keimen? Wie viel Stickftoff vermögen die Culturgewächfe aus der Luft aufzunehmen und wie viel von diefem Nährftoffe müffen fie nothwendig im Boden in affimilirbarer Form vorfinden, um zu einer verlangten Entwicklung zu gelangen? Wie viel Kali, Kalk, Magnefia, Phosphorfäure, Schwefelfäure etc. mufs jede unferer vier Haupt- Getreide; Arten mindeſtens aufnehmen können, um eine beftimmte Erntemaffe zu liefern? Wie viel von jedem diefer Stoffe kann fie in maximo vertragen, ohne in ihrer normalen Entwicklung geftört zu werden? Wie verhält fich die Pflanze überhaupt gegen die Boden- Nährstoffe, wenn fie ihr in variablen Mengen geboten werden und läfst fich aus der Analyfe einer Pflanze ein ficherer Rückfchlufs ziehen auf die Nährfähigkeit des Bodens, in welchem fie gewachfen ift? Wie viel Waffer braucht die Pflanze nothwendig zu einer normalen nnd reichen Entwicklung und wie wirken Trockenheitsperioden auf diefelbe, wenn fie in das Jugendalter- und wie, wenn fie in die Zeit des Schoffens, der Blüthe oder der Reife fallen? Genügt der durchfchnittliche Regenfall einer beftimmten Gegend zur Hervorbringung einer Maximalernte- und wenn nicht, - * Statiftifches Material über die preufsifchen Verfuchsftationen findet fich in den landwirthschaftlichen Jahrbüchern 1873, pag. 421. 24 Dr. C. Theodor von Gohren. gibt es Mittel, den Wafferverbrauch einer Pflanze einzufchränken oder derfelben eine gröfsere Wafferquantität zuzuführen? Ift die Verdunftung der Pflanze überhaupt ein mechanifcher oder phyfiologifcher Act? Steht diefelbe in directem Verhältniffe zur Production, und welchen Einfluss auf die Verdunftung hat die Höhe der Bodenfeuchtigkeit, das Alter der Pflanze, die Blattfläche und der Feuchtigkeitsgrad der Atmoſphäre? Wie tief können die Wurzeln der Pflanzen in maximo gehen und wie weit mufs ihnen in minimo die Möglichkeit geboten werden, in den Boden einzudringen, wenn fie normal bleiben follen? Wie entwickelt fich überhaupt das Wurzelnetz der verfchiedenen Arten unferer Cultur pflanzen unter gegebenen Verhältniffen, und welche Mächtigkeit der Bodenfchicht darf man mithin zu Grunde legen bei Rechnungen betreffs des Bodenreichthums und der Bodenerfchöpfung? Welchen Einfluss üben Unterfchiede in der Bodenwärme auf die Entwicklung der Pflanze aus? Wie influiren die Schwankungen der Lufttemperatur und der Lichtintenfität auf die Functionen des Pflanzenlebens? Auf den von der Dahmer Verfuchsftation auf der Wiener Weltausstellung ausgeftellten vier koloffalen Tableaux waren Beiſpielspflanzen erfichtlich, deren Zweck es war, nicht durch fich felbft zu wirken, fondern Zeugnifs davon abzulegen, dafs die Verfuchsftation ihr Ziel confequent vor Augen hat. Während Dahme 1867 nach Paris Beiſpielspflanzen gefendet hatte, die geeignet waren, den Minimalbedarf der Gerfte an Bodenftickftoff, Kali, Kalk, Magnefia, Eifen, Phosphorfäure, Schwefelfäure u. f. w. ad oculos zu demonftriren, fo follte diefsmal das Stickftoffbedürfnifs von Culturpflanzen, die nicht der Familie der Gräfer angehören und die Wurzelentwicklung unter beftimmt gegebenen Verhältniffen dargeftellt werden. Die auf den vier Tableaux zur Anfchauung gebrachten Pflanzen waren in folgender Weife gezogen worden: Tabelle I. Pflanzen, in reinem Quarzfand mit befchränkten Nährstoffmengen erzogen: a) Gerfte. Nr. 2 erhielt auf 1000 Theile Quarzfand zugefetzt: 0047 Theile Kali, 1000 Theile Kalk, o 010 Theile Magnefia, o 053 Theile Phosphorfäure, 0.020 Theile Schwefelfäure und 0 432 Theile Salpeterfäure und brachte Ertrag an trockener Pflanzenmaffe . 34.000 Milligramme. Nr. 1 erhielt diefelben Zufätze wie Nr. 2, mit Ausnahme der Salpeterfäure, war alfo mit feinem Stickſtoffbedarf nur auf die Atmoſphäre angewiefen, und brachte Ertrag an trockener Pflanzenmaffe 1.053 Milligramme. Nr. I a) erhielt diefelben Zufätze wie Nr. 2, mit Ausnahme der Phosphorfäure, und brachte Ertrag an trockener Pflanzenmaffe 1377 Milligramme. b) Sommerrübfen. Die Nummern 3 bis 8 erhielten als Nährstoffzufatz auf 1000 Theile Sand gleichmässig o 047 Theile Kali, 1000 Theile Kalk, o'oro Theile Magnefia, o 053 Theile Phosphorfäure, o 020 Theile Schwefelfäure und aufserdem als Stickftoffnahrung noch: Nr. 3 0.082 Die producirte Erntemaffe wog trocken: 68 Milligramme 3500 pro 1000 Theile Sand falpeterfauren Kalk Stickftoff Theile - Theile Nr. 4 Nr. 5 0 164 Nr. 6 0 246 Nr. 7 0410 Nr. 8 0.656 99 " " F 0014 0.028 0.042 " 7000 IIOOO 0.070 18000 F " O'112 " " 25900 " Landwirthfchaftliche Lehre und Forschung. c) Buchweizen. 25 Die Nummern 9 bis 12 erhielten diefelben Nährstoffzufätze wie die Nummern 3 bis 8 und aufserdem als Stickftoffnahrung noch: pro 1000 Theile Sand falpeterfauren Kalk Nr. 9 Theile Nr. 10 0 082 Nr. 11 0 246 Nr. 12 0 410 Stickstoff Die producirte Erntemaffe wog trocken: Theile 191 Milligramme 0.014 2800 0.042 10300 0.070 15700 d) Erbfen: Die Nummern 13 bis 16 erhielten zunächft ebenfalls diefelben Nährstoffzufätze wie die Nummern 3 bis 8 und fodann als Stickftoffnahrung noch: pro 1000 Theile Sand falpeterfauren Kalk Stickftoff Nr. 13 Theile Theile Die producirte Erntemaffe wog trocken: 11200 Milligramme Nr. 14 0 082 Nr. 15 0.164 Ο ΟΙ4 0.028 14500 19700 Nr. 16 0.328 27 0.056 27500 Nr. 17 erhielt ganz diefelben Nährftoffzufätze wie Nr. 16, mit alleiniger Ausnahme der Phosphorfäure, und brachte Ertrag an trockener Pflanzenmaffe 1580 Tabellen II, III und IV zeigen Pflanzen, in befchränktem Bodenraume erzogen, und zwar betrug der zur Verfügung geftellte Bodenraum immer: Durchmeffer des Höhe des Bodencylinders bei Pflanze Nr. I 14 Centimeter 15 Centimeter Nr. 2 14 30 29 29 Nr. 3 14 60 " 99 29 " Nr. 4 14 90 29 " Bei der Verfuchsftation Dahme fei auch der Ausftellung des an genanntem Inftitute als Pflanzenphyfiolog wirkenden Dr. Grönland gedacht; es iſt das eine Collection von 200 pflanzenanatomifchen Präparaten, welche den Zweck haben, den Unterricht in Pflanzen- Anatomie und Morphologie anfchaulich zu machen. Die von Grönland verwendeten Schneide- Inftrumente geftatten bis zu 20 Quadrat- Millimeter Durchmeffer dünne Scheibchen von 1/20 bis 40 Millimeter Dicke, die durch die ganze Fläche gleichmässig ift, herzuftellen; auch verfchmäht Grönland alle Aufbewahrungs- Media, die dem Gegenftand eine grössere Durchfichtigkeit geben, als er von Natur hat, befonders den Canada Balfam; er verwendet gewäffertes Glycerin oder mit Chloroform gefättigtes Waffer. Grönland hat feine Collection folgendermafsen fyftematiſch geordnet: 1. Die verfchiedenen Zellenarten; 2. Blattgewebe, Oberhaut und Haargebilde; 3. dikotyle Gefäfsbündel; 4. Gefäfsbündel von Coniferen, Cafuarineen und Cykadeen; 5. Monokotyle Gefäfsbündel; 6. Kryptogamifche Gefäfsbündel; 7. Morphologie der Phanerogamen; 8. Morphologie der Kryptogamen. Etwas verfteckt war die Ausftellung der Verfuchsftation Kufchen, ( Provinz Pofen); leider befand fich aufserdem auch keine Nummer und keine Auffchrift an den Ausstellungsobjecten, einigen Tableaux von Gerften-, Hafer- und Erbfenpflanzen, welche mit Zufätzen von Harnftoff, Harnfäure, Hippurfäure, phosphorfaurem Ammoniak, Kreatin und falpeterfaurem Ammoniak erzogen worden waren. 26 Dr. C. Theodor von Gohren. Altmorfchen, die Verfuchsftation für den Regierungsbezirk Kaffel, 1857 von dem landwirthschaftlichen Centralvereine für Kurheffen gegründet, verfügt über eine jährliche Dotation von circa 2200 Thaler. Die Station ift zunächst beftrebt, die praktifchen Bedürfniffe der Landwirthschaft zu erfüllen und ihre Thätigkeit erftreckt fich in erfter Linie auf Düngercontrole, Unterfuchung von Futter- und Düngemitteln etc. Die wiffenfchaftliche Thätigkeit ift auf eine genauere Erforschung der phyfikalifchen und chemifchen Eigenſchaften der im Regierungs. bezirke Kaffel vorzugsweife auftretenden Bodenarten gerichtet; es wird die Verwitterungsfähigkeit der bodenbildenden Gefteine, ihre Zerfetzbarkeit durch Ammonfalze, Kalk etc., durch den Einfluss der Vegetation geprüft; es wird ferner der Einflufs des Bodens auf die Zufammenfetzung der Ernten der verfchiedenen Culturpflanzen ermittelt, der Einflufs beſtimmter Düngergemifche auf die Erhöhung der Erträge und auf die Veränderung der Zufammenfetzung der Ernten und insbefondere ihrer Afchen ftudirt etc. In der Weltausftellung war Altmorfchen durch nachftehende Objecte vertreten: Auf zwei grofsen, unter Glas und Rahmen gebrachten Pappen waren landwirthschaftliche Cultur- und forftliche Gewächfe im getrockneten Zuftande aufge klebt. Diefe Pflanzen waren in Sand aus unverwittertem Geftein gezogen und follten das den Pflanzen in verfchiedenem Grade eigenthümliche Vermögen, die Gefteine aufzufchliefsen, zur Anfchauung bringen. Das Gedeihen der Pflanzen oder die Production an Pflanzenmaffe gaben den Mafsftab für den Einfluss der betreffenden Pflanze ab, das Geftein zur Verwitterung zu bringen und deren Beftandtheile fich zu eigen zu machen. Die Extreme diefes Vermögens waren einerfeits durch Lupinen- und Akazienpflanzen mit der üppigften Wurzelentwicklung und bezweigt mit reichlichem Fruchtanfatz anderfeits durch Hafer-, Buchweizen- und Fichtenpflanzen dargestellt, welche die dürftigfte Entwicklung zeigten, und es zu Pflänzchen gebracht hatten, die offenbar nur das Product der im Samenkorn aufgefpeicherten Nahrung waren. - Weiter waren ausgeftellt zwei Photographien des zur Anftalt gehörigen, durch feine Conftruction bemerkenswerthen Culturhaufes. Die Culturhäufer, mit welchen die meiften der deutfchen Verfuchsftationen verfehen find, follen den Pflanzen als Verfuchsobjecten einen Standort gewähren, der hinfichlich der Einwirkung des Lichtes, der Luft und theilweife auch der Feuchtigkeit den natürlichen Verhältnifsen angepafst ift; die Pflanzen follen möglichft in freier bewegter Luft vegetiren. Gleichzeitig follen die Culturhäufer den Pflanzen Schutz gegen feindliche Einflüffe, gegen den nachtheiligen Einfluss einer zeitweife ungünftigen Witterung gewähren. Die Vegetationshäufer der Stationen Dahme, Hohenheim, Tharand, find aus Glas conftruirt und haben Schienenftränge, auf welchen tifchförmige Wagen mit den Verfuchspflanzen in's Freie gefchoben werden können. Diefe Häufer leiden an mangelhafter Ventilation und an naturwidriger Erhöhung der Temperatur, welche Mängel bei ungünftiger Witterung, wo die Pflanzen innerhalb des Haufes ftehen müffen, fühlbar werden. Das Altmorfchener Culturhaus hat Wände von Drahtgeflecht und ein aus beweglichen Fenftern beftehendes Dach. Bei regenfreiem Wetter kann das ganze Dach fowohl als einzelne Fenſter desfelben geöffnet werden. Bei Regenwetter wird das Dach gefchloffen; das Drahtgeflecht geftattet auch bei gefchloffenem Dach ungehinderten Luftwechfel, fo dafs die Luft bezüglich ihrer Dunftſpannung, ihres Feuchtigkeitsgehalts und ihrer Temperatur mit der aufserhalb des Haufes übereinstimmt. Als eine für Lehr- und Unterrichtszwecke werthvolle Inftitution mufs weiter das königliche landwirthfchaftliche Muſeum in Berlin, bezeichnet werden. Das Muſeum wurde 1868 in einem proviforifchen Local eröffnet und verdankt feine anfänglichen Sammlungen zum gröfsten Theil der Parifer Ausftellung von 1867. Gegenwärtig fteht ein Neubau in ficherer Ausficht. Das Muſeum reffortirt direct vom Minifterium für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten; Zweck deffelben ift die Förderung der Landwirthschaft a) durch Vorführung guter Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 27 Mufter aus ihren verfchiedenen Gebieten; b) durch belehrende Darftellungen der mannigfachften Art In erfter Beziehung will das Mufeum namentlich auf die be währteften neueren Erfcheinungen aufmerkfam machen und zu deren Einführung beitragen; insbefondere dabei die Mafchinen und Geräthe berücksichtigen und die Hebung des landwirthschaftlichen Mafchinenwefens nach allen Seiten hin zu fördern fuchen. Im Allgemeinen will das Muſeum ferner dem Studirenden der Landwirthschaft das Material zu feinem Unterricht gewähren, dem Forfcher den Stoff zu feinen Unterfuchungen in möglichfter Fülle bieten, und dem gröfs e- ren Kreife der Befucher in anfchaulicher Weife das Wiffenswerthefte aus den verfchiedenen Zweigen der Landwirthfchaft vorführen. Die Arbeiten des Inftituts erftrecken fich auf Anfertigungen von Zeichnungen, Modellen, Abbildungen etc., kurz auf alle Arten von landwirthfchaftlichen Anfchauungsmitteln, fodann auf Unterfuchungen von Samenproben und dergleichen. Eine Hauptaufgabe ift, die äufserft reichen Collectionen wiffenfchaftlich zu ordnen und für folche Sammlungen, bei denen es bisher noch an einem genügenden Syfteme gefehlt hat, wie zum Beifpiel beim Getreide, ein folches an der Hand des reichen Materiales aufzuftellen. Aufserdem ift das Muſeum gleichfam ein grofses Auskunftsbureau und beantwortet koftenfrei jegliche Anfrage über landwirthfchaftliche Mafchinen etc. Die Ausstellungsobjecte in Wien follten nur an einzelnen Muftern zeigen, in welcher Weife das Muſeum die Förderung der Landwirthschaft anftrebt. Ausgeftellt waren: 1. Modell der verfchiedenen Ausftreuevorrichtungen an Säemaſchinen nach fieben Syftemen; 2. Modelle zur Gefchichte der Mähemaſchinen, nach Angaben des Profeffors Perels, ausgeführt vom Mechaniker C. Potzelt in Halle, darftellend a) Mähemafchinen der alten Gallier nach Plinius und Palladius, b) Hand- Mähemafchine von R. Meares in Frome( 1800, Scheeren- Princip), c) Mafchine nach Salmon in Wobure( 1807), d) rotirende Mafchine von Smith in Deanftone( 1811, Heiner'fche), e) Mafchine mit rotirenden Senfen, von Gompertz( 1852), f) Mafchine mit drei Syftemen rotirender Senfen etc. von Mafon( 1852), g) Mafchine von Patrick Bell( 1826), h) ältere Mafchinen von C. H. Mac Cormick( 1834). Näher befchrieben find diefe Mafchinen im„ Führer durch das königliche landwirthfchaftliche Muſeum. Berlin 1873." 3. Modell einer Locomobile, Syftem Rufton, Proctor& Comp., körperlich und im Durchfchnitt ebenfalls nach Profeffor Perel's Angaben von Potzelt ausgeführt. 4. Modell einer Hodgfon'fchen Drahtfeilbahn. Da auf der ganzen Ausftellung keine Hodgfon'fche Drahtbahn vorhanden war, fo konnte das Modell wenigftens in etwas den Mangel erfetzen. 5. Modell einer von Dücker'fchen Drahtbahn, ausgeführt vom Bergrath aufser Dienft von Dücker in Caffel. Diefe Bahn ift viel einfacher, billiger und für landwirthfchaftliche Zwecke geeigneter, wird auch bei den Feftungsbauten von Metz gebraucht. 6. Modell einer fahrbaren Centrifugalpumpe, Syftem Weber's, ausgeführt vom Muſeumstifchler A. Michel. Bezüglich des Meliorationswefens waren ausgeftellt: 7. zwei Karten des Oderbruchs, Zuftand 1766 und 1866 und 8. zwei neuerdings erft vollendete Karten des Warthebruchs 1770 und 1870. Um die Arbeiten des Muſeums über Sämereien etc. zu veranfchaulichen hatte deffen Cuftos Wittmark ausgeftellt: 9. ein Tableau über die wichtigſten Gras- und Kleefamen, nebft deren Verwechslungen und Verunreinigungen, auf welchem die betreffenden Samen in natura auf blauem Grund aufgeklebt waren und auf weifsem Grund die vergröfserten farbigen Abbildungen fich befanden. Die Verwechslungen etc. waren in ähnlicher Weife neben den betreffenden Samen angebracht. Ferner hatte Wittmack eine Reihe graphifch- ftatiftifcher Darftellungen ausgeftellt. Es umfafsten diefelben ein grofses Tableau über die abfolute Getreideproduction der wichtigften Länder der Erde, nebft Darſtellung der Ein- und Ausfuhr, des relativen Ertrages( Ertrag pro Hektare in Hekto. litern) und der Anbauverhältniffe; ein kleines Tableau über Zuckerproduction der Erde, Confum und Handel, von den erften Zeiten der Rübenzuckerfabrication ab; ein Tableau über die Wollproduction der Erde, Ein- und Ausfuhr und Confum; ein folches über den Verkehr auf den wichtigften preufsifchen Wollmärkten; - 28 Dr. C. Theodor von Gohren. endlich ein Tableau über Pferde-, Rindvieh-, Schafe, Schweineftand und Handel. Da es fich zunächft nur um landwirthschaftliche Lehr- und Forschungsanftalten handelt, fo kann auf die forftlichen Lehr- und Verfuchs- Inftitute, obgleich diefelben viel auch für Landwirthe verwerthbares Material( es feien nur genannt: die Collectionen Forftinfecten und Frafsproben, ausgeftellt von Profeffor Altum in Neuftadt- Eberswalde, die meteorologifchen Inftrumente des Profeffors Ebermayer- Afchaffenburg und des Profeffor Remele in Neuftadt Eberswalde, die Bodenproben und Analyfen des Dr. Schütz in Neuftadt- Eberswalde) brachten, nicht eingegangen werden. Wollte Referent feinen Bericht auf alle übrigen ausgeftellten, für landwirthschaftliche Lehranftalten verwendbaren Lehrmittel ausdehnen, fo würde der zugemeffene Raum bei weitem überfchritten werden müffen. Sind doch zum Beiſpiel fämmtliche naturwiffenfchaftliche Lehrmittel auch an landwirthschaftlichen Unterrichts- Inftituten mehr oder weniger in Gebrauch. Eine Befchränkung auf die Anführung einiger weniger Ausfteller dürfte hier um fo mehr genügen, als jedenfalls eine eingehende Berichterftattung über diefen Theil der Weltausftellung von anderer Seite zu erwarten ift. Von den Lehrmitteln für den naturgefchichtlichen Unterricht in der Ausftellung des deutfchen Reiches feien erwähnt: die plaftifchen anthropologi fchen Lehrmittel, nach Profeffor Bock's Angaben von den Brüdern F. und G. Steger in Leipzig in Gyps ausgeführt; die von Dr. Fiedler in Dresden entworfenen und von Kraufs ausgeführten anatomifchen Wandtafeln( 3. Aufl. Meinhold und Söhne); anatomifch- pathologifche Objecte der Firma C. F. Fleifchmann in Nürnberg; die phyfiologifchen Wachspräparate von Dr. A. Ziegler in Freiburg und Ulrich Bauer in München( fchön gearbeitete, auf die Anatomie und Entwicklungsgefchichte des Pferdes und des Rindes bezügliche Objecte); die ganz ausgezeich neten zoologifchen Objecte des Dr. Landois in Münfter, welche die Thiere in voller Lebensthätigkeit zeigen; eine ähnliche Sammlung des Profeffors Altum( Forftakademie zu Neuftadt- Eberswalde); Pollmann's Bienencabinet; Dr. W. Schaufufs in Dresden naturhiftorifche Mufter- Schulfammlungen; die biologifch- entomologifche Sammlung von Georg Speidel, Lehrer in Dinkelsbühl. Von Bilderwerken: die Wandtafeln der Verlagshandlung Schreiber in Efslingen und die von Rupprecht und Voigtländer in Dresden, nebft den Atlanten von Reichenbach und Arends. Von botanifchen Lehrmitteln feien genannt: Robert Brendel's botanifche Modelle( bis jetzt 65 Modelle, 55 Familien umfaffend); die Büchnerfchen plaftifchen Pilze( herausgegeben von A. v. Löfeke und F. A. Böfemann in Hildburghaufen); Ziegler's Wachspräparate, in welchen die Formen eines monokotylen und dikotylen Embryo, die Entwicklung der Blüthe von Carum carvi und eines anorthotropen Eichens dargestellt ift; des Obergärtners Lindemuth Blattfkelette; die landwirthfchaftliche Pflanzenfammlung des Apothe kers Roth in Echte bei Northeim; Profeffor Cohn's Lehrmittel für den botanifchen Unterricht; Möller's und Rodig's mikrofkopifche Präparate. Von den ver fchiedenen botanifchen Wandtafeln feien nur die bekannten Ahles'fchen genannt. Dem mineralogifchen Unterricht dient die von Langhans ausgeführte aus gezeichnete kryftallographifche Modellfammlung der königlichen Gewerbefchule zu Fürth( III grofse Glasmodelle mit durchgezogenem Axen- Syfteme und markirten Zwillings- Ebenen und Zwillings- Axen); die Glaskryftallmodelle von Thomas in Siegen und die Kryftallmodelle aus durchfichtigem Horn von A. Preller. Unter den ausgeftellten mineralogifch- geognoftifchen Sammlungen war die der bergakademifchen Mineralienniederlage zu Freiberg in Sachfen jedenfalls die ausgezeichnetfte. Lehrmittel für den phyficalifchen und chemifchen Unterricht hatten ausgeftellt: Ausgezeichnete Waagen die Firma Schikert in Dresden, Oert Landwirthfchaftliche Lehre und Forschung. 29 ling in Berlin, Weftphal in Celle, Runge in Hamburg, Staudinger in Gieffen; Mikrofkope: Hartnack in Potsdam, Blafchke in Glogau; Spektralapparate und Polarifationsinftrumente: Schmidt& Haenfch in Berlin; Polariftrobometer von Mittelftrafs in Magdeburg, Geifsler in Bonn war durch feine prächtigen Röhren und andere Apparate; Greiner& Friedrichs in Stützerbach( Thüringen) durch die Erzeugnisse ihrer weltberühmten Glasbläferei; Defaga in Heidelberg durch die Bunfenfchen Apparate. Hugershoff in Leipzig durch ein completes nach Ahrend eingerichtetes Laboratorium vertreten. Treffliche meteorologifche Inftrumente waren von Greiner in München da, unter anderen vier Stück Bodenthermometer, in Zehntel Grade eingetheilt, für 1-3; 10; 07: 04 Meter Tiefe; ein Verdunftungsmeffer mit Regenmeffer von Ebermayer; Verdunftungsmeffer nach Greiner'fcher Conftruction( Verdunftungsfchale o'I Meter Durchmeffer wird mit 100 Cubikcentimeter Pipette gefüllt. Das Verdunftungsquantum wird an der Scala der Mefsröhre abgelefen, welche auf der einen Seite in Millimeter, auf der anderen in Zehntel Cubikcentimeter getheilt ift); Pfychrometer; Evaporationsapparat für die Verdunftung der Bodenfeuchtigkeit etc. Von Ausftellern chemifcher Präparate zu Lehrzwecken fei Dr. Th. Schuchardt in Görlitz genannt. Die Lehrmittel für den landwirthschaftlich- technologifchen Unterricht waren fehr fpärlich vertreten; zu nennen wären etwa Heftermann's( in Hamburg) technologifch- naturwiffenfchaftlichen Veranfchaulichungsapparate, die Ausftellung des polytechnifchen Arbeitsinftitutes von J. Schröder in Darmstadt und die Dampfmafchinen- Modelle von Bardorf in Hamburg. Wo es fich aber um Verbreitung landwirthfchaftlichen Wiffens, landwirthschaftlicher Intelligenz handelt, darf nicht unerwähnt bleiben die rührige landwirth fchaftliche Verlagsfirma von Wiegandt, Hempel& Parey in Berlin, welche ihre zahlreichen Verlagsartikel auch zur Weltausftellung gefendet hatte. Oefterreich- Ungarn. In Oefterreich darf das landwirthschaftliche Unterrichts- und Forschungswefen in neuefter Zeit feitens der Regierung auf energifche Unterſtützung und Förderung rechnen, während bis vor Kurzem fowohl die Errichtung landwirthschaftlicher Lehranstalten, als die landwirthschaftlichen Verfuchsftationen lediglich der Initiative von Privaten überlaffen geblieben und dadurch eine Syftem- und Prin cipienlofigkeit eingeriffen war, die die gute Sache ernftlich zu gefährden drohte. Wie günftig ein klares, zielbewusstes und ernftes mit den Mitteln nicht allzukarges Vorgehen von Oben auf die Entwicklung von Inftituten obengenannter Tendenzen einwirkt, zeigte die Ausftellung der erft feit wenigen Jahren ins Leben getretenen k. k. Verfuchsftationen im Pavillon des Ackerbau- Minifteriums. Dafs das landwirthschaftliche Unterrichtswefen Oefterreichs nicht fo auf der Weltausftellung vertreten war, wie es von fo Manchem gewünſcht worden ist, hat wohl feinen Grund eines Theils darin, dafs ein grofser Theil der dem Unterrichte gewidmeten Inftitute noch zu neuen Datums ift, um fchon mit Refultaten hervortreten zu können, theils in dem leidigen Umftande, dafs der landwirthschaftliche Unterricht zu einem fehr grofsen Theil( niederer und mittlerer) als Landes cultur- Angelegenheit" in manchem Lande" etwas ftiefmütterlich behandelt, einer feften Organiſation und ausreichender Mittel bisher entbehren mufste. Den erfreulichen Auffchwung auf dem Gebiete des landwirthschaftlichen Unterrichtes in Oefterreich in neuerer Zeit bekundete übrigens der im Pavillon des Ackerbau- Minifteriums ausgeftellt gewefene Bericht über den Stand der landwirthschaftlichen Unterrichtsanftalten von 1868 bis 1873. Folgende ftatiftifche Notizen aus dem Jahre 1873 dürften einiges Intereffe bieten: 30 Dr. C. Theodor von Gohren. I. Landwirthschaftlicher Fortbildungsunterricht. Kronland Zahl der eigentlichen mit Volksfchulen verbundenen landwirthfchaftlichen Fortbildungsfchulen In Volksfchulen wird noch Unterricht ertheilt Landwirthfchaft überhaupt Obftbaumzucht Bienenzucht Seidenzucht Niederöfterreich Oberösterreich Salzburg Tirol Vorarlberg Steiermark Kärnten Krain Görz Trieft Iftrien Dalmatien. Böhmen Mähren. Schlefien Galizien Bukowina Summa 35 14436 9 53 102 4 67 185 49 51 39 158 ΙΟ 76 178 58 II IO 47 44 16 825826518 98 1230 1883 489 50 29 10 3 39 IO 17 20 2 4 I 51 3 350 44I 4 4 I I 2 5 10 420 444 360 219 15 843 1191 624 473 15 II2 231 97 87 I 315 619 281 37 I II 19 14 5 77 1982 3569 1543 989 II. Ackerbaufchulen. ( Vorbildung: Die Volksfchule. Zu erreichendes Ziel: Die Heranbildung von felbftſtändigen Landwirthen auf kleinen oder von Hilfsorganen auf grösseren Wirthschaften.) Kronland: Niederöfterreich Oberösterreich Tirol. Steiermark. Kärnten Krain. Iftrien Zahl der Ackerbau- Schulen 4 I 2 I I Dalmatien Böhmen. Mähren.. Schlefien Galizien. I 7 7 I 2 Summa. 27 1584 Landwirth fchaftliche Lehre und Forfchung. III. Landwirthschaftliche Mittelschulen. 31 ( Vorbildung: Abfolvirung der Unterrealfchule oder des Untergymnafiums; zumeift ein Jahr landwirthfchaftliche Praxis. Ziel: Ausbildung von Grundbefitzern, Pächtern und Wirthfchaftsbeamten.) Kronland: Galizien. Böhmen Niederöfterreich Schlefien Mähren Küftenland Bukowina Zahl der Mittelfchulen I 2 2 I I I I Summa 9 IV. Landwirthschaftliche Hochſchulen. Kronland: Niederöfterreich Steiermark Zahl I Summa 2 V. Schulen für Obft-, Wein- und Gartenbau. Kronland: Niederöfterreich. Tirol Krain Steiermark Mähren. Böhmen Galizien Summa Zahl 4 I I I I 2 3 13 Dafs in der Volksfchule kein fachlicher, alfo auch kein landwirthfchaftlicher Unterricht ertheilt werden foll, darüber find fo ziemlich alle Schulmänner einig, und doch gibt es ein treffliches Mittel, die Zwecke, welche man mit Einführung des landwirthfchaftlichen Unterrichtes in die Volksfchule etwa erreichen wollte, doch zu erreichen, ohne den eigentlichen Volksfchul- Unterricht zu fchädigen. Das Mittel ift die Errichtung eines Schulgartens. Bekanntlich war bei dem öfterreichifchen Schulhaus auf der Weltausftellung ein Schulgarten angelegt und erfreute fich des allgemeinen Beifalls. Auf die Details diefes vom Director Schwab in Gemeinfchaft mit dem Inftituts- Obergärtner Heinrich in Mödling angelegten Gartens einzugehen, fehlt hier der Raum. Wer fich für die VolksfchulGärten, deren Tendenz und Anlage intereffirt, den verweift Referent auf die kleine Brofchüre von Dr. E. Schwab:" Der Volksfchul- Garten, ein Beitrag zur Löfung der Aufgabe unferer Volkserziehung". Wien und Olmütz. Eduard Hölzel 1873. " Genoffenfchaften, Vereine, Schriften, Vorträge, Ausftellungen, Prämien, Fortbildungsfchulen, Wanderlehrer und wie die Mittel zur Hebung der Landwirthfchaft fonft heifsen mögen, fie alle werden zu fpät kommen, wenn nicht die Volksfchule zu rationeller Betreibung der Landwirthschaft den Grund gelegt hat" , Und diefs gefchieht am wohlfeilften, ſchnellften und natürlichften im Schulgarten, welcher unter gewiffen Verhältniffen, z. B. im armen Gebirge, wo eine landwirthfchaftliche Schule nahezu unmöglich ift, während fie gerade hier einem dringen" 3 32 Dr. C. Theodor von Gohren. den Bedürfniffe abhelfen würde, das einzige, aber auch unentbehrlich nothwendige Surrogat für die landwirthfchaftliche Schule bilden wird". Es fei bemerkt, dafs das neue öfterreichische Reichs- Schulgefetz von den Lehrer- Bildungsanftalten auch den Unterricht in der„ LandwirthschaftsLehre mit befonderer Rückficht auf die Bodenverhältniffe des Landes" verlangt und anordnet, dafs in Landgemeinden nach Thunlichkeit eine Anlage für landwirthschaftliche Verfuchszwecke zu befchaffen ift. Manchem dürfte es vielleicht unbekannt fein, dafs die Gefetzgebung Ungarns die erfte in Europa war, welche den Schulgarten als integrirenden Beftandtheil der Volksfchule einführte. Um auch den aus den Seminarien früher ausgetretenen VolksfchulLehrern die Ertheilung landwirthschaftlichen Fortbildungsunterrichtes zu ermöglichen, hat das k. k. Ackerbau- Minifterium feit einigen Jahren in den einzelnen Kronländern landwirthschaftliche Lehrercurfe abhalten laffen. Die öfterreichifchen landwirthschaftlichen Fortbildungsfchulen waren auf der Weltausftellung nicht vertreten, noch find fie zu neuen Datums und noch zu wenig in Fleiſch und Blut der Bevölkerung übergegangen, um greifbare Refultate bieten zu können. Das Inftitut der Wanderlehrer möglichft zu verallgemeinern ift man in Oefterreich feitens der Regierung und der landwirthfchaftlichen Kreife redlich beftrebt. Leider macht fich aber wie in anderen Ländern auch- ein Mangel zu diefer fchweren Aufgabe geeigneter Perfönlichkeiten recht fühlbar. Von den öfterreichifchen Ackerbau- Schulen waren auf der Weltausftellung nur fehr wenige vertreten, und von den wenigen die meiſten, wie Kaaden in Böhmen, Eibenfchitz in Mähren, Grottenhof in Steiermark, nur durch landwirthschaftliche Producte bei den diverfen Collectivausftellungen. So hatte Kaaden( gegründet 1862, zwei Jahrgänge, 5 Lehrer, 35 Schüler) ausgeftellt: Wunderweizen, Wicken, Erbfen, Hirfe, Ackerfpörgel, blaue und gelbe Lupinen, Hafer, vier Arten Gerfte, Hopfen, Seide und eine kleine Sammlung von Gefteinen und Bodenarten. Eibenfchitz( gegründet 1866, 13 Schüler, 6 Lehrer): Ruffifchen Sommerroggen( mit Analyfe von Profeffor Schwackhöfer), mit Stroh, Wurzeln, Körnern und Brot; Kartoffeln mit Kraut, Wurzeln und Knollen und die fämmtlichen Modelle der an der Eibenfchitzer Schulwirthfchaft gebrauchten landwirthschaftlichen Geräthe und Mafchinen. Grottenhof: Getreide- Arten; Flachs und Hanf bereitet mit Wafferröfte und nach belgifcher Methode mit Mafchinen gehechelt und gefchwungen und Pläne der Anftaltswirthschaft nebft deren Befchreibung. Am reichften war unftreitig die Acker- und FlachsbereitungsSchule in Mährifch Schönberg( gegründet 1867, zwei Jahrgänge, 5 Lehrer, 14 Schüler) vertreten, fie hatte exponirt: ein treffliches Herbarium der vorzüglichften den Boden charakterifirenden Pflanzen und zwar die Flora des Thon, Lehm-, Sand-, Torf- und Kalkbodens; des naffen, feuchten und trockenen Bodens in zwölf Bildern. Ferner Halmgetreide in Aehren und Körnern, Leinfamen, Leinftengel mit Knoten- geboldelt, geröftet, gefchwungen und gehechelt; 200 Samengattungen in Gläfern, zum gröfsten Theile geerntet vom Verfuchsfelde der Ackerbaufchule; die geognoftifchen und oryktognoftifchen Mineralien der Umgebung von Mährifch- Schönberg; die dort gebräuchlichen Handgeräthe; die Handgeräthe zur Flachsbereitung in Modell und natürlicher Gröfse als: Riffelbank, belgifcher Schwingftock, Schwingbeil und Schabmeffer; Modell einer Röftgrube; Tableaux von den Culturpflanzen fchädlichen Infecten; agriculturbotanifche Modelle( Brendel). Die Privat- Ackerbaufchule des Fürften Schwarzenberg in Rabin hatte im Schwarzenberg Pavillon ausgeftellt die Statuten, Programm und Unterrichtsplan der Schule nebft einer Anzahl Tagebücher der Schüler. Die mittleren und höheren landwirthfchaftlichen Lehranft alten fanden ihre Vertretung durch die beiden böhmifchen Landes Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 33 Lehranstalten Tabor und Liebwerd. Während Tabor nur mit landwirthfchaftlichen Producten bei der Collectivausftellung des Königreiches Böhmen betheiligt war, hatte die Landes- Lehranftalt Lieb werd ein feparate Ausftellung arrangirt. Das Material war ein ziemlich reichhaltiges, wenn auch hie und da manches in gar zu kleinen Quantitäten zur Anfchauung gebracht wurde. Liebwerd( 1850 als Ackerbau- Schule gegründet, 1856 zu einer höheren landwirthschaftlichen Lehranftalt erweitert, 1866 zur Landes- Lehranstalt erwählt) ift eine Schöpfung des verdienftvollen A. E. Ritter von Komers und fteht gegenwärtig unter der oberften Leitung eines eigenen Curatoriums. Es wirken an der Anftalt 5 ordentliche Lehrer, 3 Adjuncten und 8 aufserordentliche Lehrer. Im Schuljahre 1872/73 ftudirten an der Anftalt 88 Hörer. Die jährliche Dotation des Landes beträgt 12.000 fl. An Brochuren lagen auf: Gefchichtliche Entwicklung und ftatiftifche Darstellung der Anftalt vom Jahre der Gründung an. Diefe vom Profeffor A. A. Schmied mit grofsem Fleifse und inniger Pietät bearbeitete Schilderung ift unftreitig ein werthvoller Beitrag für die Gefchichte der Entwicklung des landwirthschaftlichen Unterrichtes in Oefterreich überhaupt. Die Organiſation der Anftalt vom Localvorftande Dörre; Darftellung der Verhältniffe der Inftitutswirthfchaft, mit fünf lithographirten und theilweife colorirten Plänen vom Docenten A. Bucek verfafst; Generalkatalog fämmtlicher Lehrmittel und Lehrbehelfe, der leider von einer Fülle von Druckfehlern wimmelt( Andlipite, Agitokl, Exikator, Bansen, Söfftröm. Schaalenantirung, Baccau Lauri u. f. w. in infinitum); das Unterrichtsprogramm der Anftalt; das organifche Statut; Jahresberichte feit dem Jahre 1866; die Statuten der an der Anftalt beftehenden freiwilligen Feuerwehr; die Lehrbücher, Leitfäden der Anftalt und die literarifchen Arbeiten der gewefenen und jetzigen Docenten. An Bildern, Photographien und Plänen waren zu finden: Zwei Anfichten von Liebwerd; photographifche Anfichten der Anftalt und deren Räumlichkeiten; Situationsplan von Liebwerd; Pläne der Anftaltsgebäude; Culturpläne der Anftaltsökonomie vom Jahre 1850 und 1870; Pläne des botanifchen Gartens, der Gehölz- und Baumfchulen; Pläne der Verfuchsfelder, des Gemüfegartens, fowie Meliorationspläne der Anftaltsökonomie; An Ueberfichten, Tabellen und Zeichnungen, graphifchen Darftellungen waren ausgeftellt: Ueberficht der Unterrichtsftunden- Eintheilung für die drei Jahrgänge ( einer Revifion dringend bedürftig); Ueberficht der an der Anftalt aufliegenden Fachfchriften; graphifche Darftellung der chemifchen Zufammenfetzung der bei der landwirthfchaftlichen technifchen Induftrie verwendeten Rohftoffe und der daraus gewonnenen Producte. Als Repräfentanten der Unterrichtsmittel hatte die Anftalt exponirt: Eine Sammlung der Bodenarten der Inftitutswirthschaft und die Darftellung von deren mechanifcher Analyfe( viel zu fehr ,, en miniature" um eine verftändliche Anfchauung zu ermöglichen); Zufammenftellung der auf der Domäne Tetfchen cultivirten Obftforten( verwendet war das bekannte Arnoldifche Obftcabinet); Darftellung der im Rayon der Inftitutswirthschaft und im Bezirke Tetfchen vorkommenden Krankheiten der Obftbäume, fowie natürliche Darftellung aller Veredlungsarten der Obftbäume und der dabei in Anwendung kommenden Werkzeuge( jedenfalls eine fehr verdienftliche Arbeit vom Obergärtner Herrn Jofst, die auch mit der Fortfchrittsmedaille belohnt wurde); Sammlung der bei der Zuckerfabrication, Bierbrauerei, Spiritusfabrication und Mühlinduftrie zur Verwendung kommenden Rohftoffe und der daraus erzeugten Fabrikate und Abfälle( theilweife fo liliputanifch, dafs der Zweck verfehlt werden mufste); endlich eine Collection der verfchiedenen in der Anftaltsökonomie geernteten Sämereien. Ein befonderer Vorzug der Liebwerder Ausftellung war, dafs fie auch Schülerarbeiten zur Einficht und Prüfung brachte. Freilich beffer wäre es gewefen, wenn man nicht nur vereinzelte herausgegriffen, fondern fämmtliche Arbeiten eines Jahrganges gute und fchlechte vorgelegt hätte. Aus drei fehr fchön gefchriebenen Tagebüchern läfst fich kein Urtheil fchöpfen über die Leiſtungen - 3* 34 Dr. C. Theodor von Gohren. der Majorität der Schüler. Zahlreicher waren die Organifationspläne vertreten und darunter in der That ganz treffliche Leiftungen. Die pflanzenpathologifchen Zeichnungen zweier Hörer werden immer nur als ausnahmsweife Arbeiten. betrachtet werden können. Zu erwähnen find noch die Bodenkraft- Erfchöpfungsberechnungen der einzelnen Wirthschaftsfyfteme; Baupläne der von der Anftalt als Lehrbehelfe benützten landwirthfchaftlichen und technifchen Objecte; Pläne zur Illuftration des Vorganges beim Unterrichte im Situations- und Modellzeichnen; Pläne, darftellend den fyftematifchen Vorgang beim Unterrichte in den praktiſchen Uebungen in der Geodäfie und endlich Zeichnungen der auf der Domaine Tetfchen gehaltenen Rindviehracen. Die beiden landwirthfchaftlichen Hochfchulen die in Wien und die in Graz hatten fich an der Ausftellung nicht betheiligt. Von öfterreichifchen Special- Fachfchulen ift zu nennen: Die Landes Obft- und Weinbau- Schule in Klofterneuburg, über welche bereits in dem Berichte des Herrn Director Göthe über ,, Obft-, Weinund Gemüfebau" referirt wurde. Die Flachsbau- Schule in Grzeda in Galizien hatte Leinftengel, Flachs und Hanf ausgeftellt. Ungleich beffer wie fchon erwähnt als die landwirthschaftlichen Unterrichtsanftalten waren die öfterreichifchen Verfuchsftationen auf der Weltausftellung vertreten: Die k. k. landwirthschaftliche- chemifche Verfuchsftation Wien, die k. k. chemifch- phyfiologifche Verfuchsftation für Wein- und Obftbau zu Klofterneuburg, die k. k. Seidenbau- Verfuchsftation in Görz und die Privat- Verfuchsftation des Fürften Schwarzenberg in Lobofitz. Die Ausftellung der k. k. Verfuchsftation Wien umfafste folgende Gegenftände: 1. Eine, der von dem Präparateur Sittel in Heidelberg in den Handel gebrachte analoge Collection chemifch- phyfiologifcher Präparate von Subftanzen, welche entweder an der Zufammenfetzung des Thierkörpers theilnehmen oder deffen Zerfetzungsproducte find. Geordnet war diefe Sammlung nach der von Gorup- Befanez in feinem Lehrbuche der phyfiologifchen Chemie gewählten Eintheilung. Dem Fachmanne befonders intereffant waren die auch fchon auf der Molkereiausftellung von der Wiener Verfuchsftation exponirten Präparate aus der Milch und aus Milchproducten( diverfe Milchzucker, Cafeïn aus Kuhmilch, Pferdemilch, Ziegenmilch, Emmenthaler- und Parmefankäfe, Lecithin- und elaïnfreies Fett der Kuh- und Ziegenmilch, fefte Fettfäuren aus Ziegenmilch- Fett, gefchmolzenes Ziegenmilch- Fett, Fett aus Käfeforten, flüffiges Fett der Pferdemilch, ein gedampfte Ziegenmilch, Lactoproteïn aus Kuh- und Ziegenmilch u. f. w.). Von den verfchiedenen im pflanzlichen Organismus vorkommenden und daraus refultirenden Stoffen heben wir hervor: Die Pflanzenwachfe aus Heu, Mais, Sorgho und Stroh, die Rohfafer aus Heu und Stroh und den unverdauten Theil der Rohfafer von Mohar, Grünmais und Sorgho. 2. Dünger. Den zu den Düngungsverfuchen auf dem Gutenhof verwendeten Handelsdünger( 54 Nummern) hatten 21 Firmen aus Oefterreich und Deutſchland geliefert. Sämmtliche Proben waren mit Angabe der Zufammenfetzung ausgeftellt. Ausserdem fanden fich noch in der Collection: Fledermausguano von Orfowa und vom Balkan, Büffelmift aus der Türkei, Guanape- Guano, Fifchguano aus Fiſchabfällen in der Nähe von Trieft dargestellt, diverfe Poudrette- und Blutdünger. Die phosphatifchen und kalihaltigen Gefteine waren vertreten durch eine Collection von Phosphoriten aus den wichtigften Fundorten verfchiedener Länder; Phosphorite aus Podolien und dem öfterreichifchen Dnieftergebiete, aus Nordwest-, Böhmen Korallenerze und Korallen- Sandfteine aus Idria, Kali- Feldfpathe aus Böhmen und Oberöfterreich und Kalifalze aus Kalufz. 3. Darftellung der Zuſammenfetzung von fechs Erdarten( Ackererde von Gutenhof, Kalkboden von Hirfchftätten, Schwarzerde von Grymalow und von Horodenka, Moorerde aus dem Hanifàg und Banater Weizenboden). Die Zuſammen Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 35 fetzung diefer Erdarten war in der Art dargeftellt, dafs die einzelnen Beftandtheile in den ihren Gewichtspercenten entſprechenden Mengen in Glasfchalen zur Schau gebracht wurden nach den bei der chemifchen und mechanifchen Analyfe gefundenen Refultaten. Eine recht fchöne Arbeit war 4. die Darftellung der percentifchen Zufammenfetzung der Milch( Kuh, Ziege, Schaf, Pferd, Efel), der Milchfette( Theebutter, gute Marktbutter, fchlechte Marktbutter, gutes Rindsfchmalz und fchlechtes Rindsfchmalz) und von 12 Käfeforten. 5. Die Darftellung der Zufammenfetzung vegetabilifcher Nahrungsmittel des Menfchen zeigte feines und ordinäres Weizenmehl, ftarkgemahlenes Roggenmehl, Schwarzbrod, Erbfen, Bohnen und Linfen. 6. Die Darftellung der Zufammenfetzung von Rauhfutter und gewerblichen zur Fütterung dienenden Abfällen umfafste: Heu, Klee, Mohar, Rapskuchen, Maiskeimkuchen und Kleie. 7. Die Darftellung der Zufammenfetzung von Körnerfutter: Weizen, Roggen, Hafer, Gerfte, Mais und Buchweizen. Eine Reihe von Wandtafeln ftellte die gewöhnlichen Schmarotzer auf Culturpflanzen, das Anfangsgewicht und die Gewichtszunahme der neun im Stalle der Verfuchsftation gebornen Saugkälber und den Gehalt der Culturpflanzen an organifchen und den wichtigften anorganifchen Beftandtheilen dar. Bemerkenswerth war weiter ein Centrifugalapparat zum Ausrahmen der Milch und ein Apparat zur quantitativen Ermittlung der Wafferverdunftung aus lebenden Pflanzen. Auch Pflanzenculturen in Waffer, Sand, Kohle und Torf führte die Wiener Verfuchsftation den Weltausftellungs- Befuchern vor. Freilich litten die Culturen unter den fehr wechfelnden Verhältniffen. denen fie im Pavillon des AckerbauMinifteriums ausgefetzt waren, ganz augenfcheinlich. Die k. k. chemifch- phyfiologifche Verfuchsftation für Weinund Obftbau zu Klofterneuburg hatte die Refultate ihrer bisherigen Thätigkeit in vier Abtheilungen aufgeftellt. Die erfte Abtheilung enthielt die auf die Zufammenfetzung und die Ernährung des Weinftockes bezüglichen Unterfuchungsrefultate und einen Theil der dabei angewendeten neuen oder verbefferten Apparate. Aufser den zahlreichen Analyfentableaux und graphifchen Darftellungen von Rebholz, Blättern, Trauben von Düngungsverfuchen, Temperaturbeobachtungen, Moftunterfuchungen etc. waren in diefer Abtheilung Bodenproben, Gefteinsarten, Apparate zur Beftimmung einiger phyfikalifchen Eigenfchaften des Bodens, ein Apparat zum Verafchen zuckerreicher oder viel Kali und Phosphorfäure enthaltender Subftanzen zu finden. Die zweite Abtheilung enthielt die auf die Zufammenfetzung der Traube und des Moftes, fowie die auf Gährungs- und Weinchemie bezüglichen Objecte. Aus diefer Abtheilung feien befonders erwähnt: das Modell eines Gährbottichs für Rothweinmaifche; eine Sammlung der durch rationelle Verwerthung der Nebenproducte bei der Weinbereitung zu erzielenden Subftanzen; ein Apparat zum Studium der fpontanen Gährung und der Einwirkung des Sauerftoffes bei derfelben( der Haupttheil diefes Apparates befteht aus dem Recipienten einer Luftpumpe, welcher fo conftruirt ift, dafs der Fruchtfaft aus den Früchten gewonnen werden kann, ohne dafs derfelbe mit atmoſphärifcher Luft in Berührung kommt, oder dafs man ihn unmittelbar bei feinem Austritte aus der Frucht mit anderen Gafen in Contact bringen kann. Durch eingelegte Holzfcheiben wird ermöglicht, den Fruchtfaft fo zu filtriren, dafs er frei wird von jeder Zellmembran); ein Apparat zur Beobachtung der Gährung bei conftanter Temperatur im luftverdünnten Raume und unter Zutritt von verfchiedenen Gafen. Aus der dritten Abtheilung nennen wir vor Allem die Vegetationsverfuche, theils Wafferculturen, theils Verfuche über die Wurzelbildung bei Schnittreben theils Vegetationsverfuche in künftlichen Bodenmifchungen. 36 Dr. C. Theodor von Gohren. Die vierte Abtheilung umfafste das Reich des Mikrofkops, darunter fehr fchöne mikrofkopifche Zeichnungen und Photographien der verfchiedenen Hefeformen, der wichtigften Pilzformen, Studien über den Bau und die Lebensweife von Phyloxera vaftatrix, eine Reihe mikrofkopifcher Präparate u. f. w. Niemand wird in Abrede ftellen können, dafs die oenologifche Verfuchsftation in Klofterneuburg ausgezeichnet repräfentirt war. Von der Ausftellung der k. k. Seidenbau- Verfuchsftation in Görz über deren Organiſation und Leiftungen der Katalog der Ausftellungen des k. k. Ackerbau- Minifteriums für die fich dafür Intereffirenden eingehende Details liefert, feien in erfter Linie die von Profeffor Haberlandt und J. Bolle prächtig hergeftellten anatomifchen Präparate des gefunden und kranken Seidenfpinners aufgeführt. Nicht unintereffant war ferner ein auch von den genannten Herren erfundener Brutofen mit Petroleumheizung, ein Apparat zur Abtödtung der Cocons mittelft Schwefel- Kohlenftoff, Serimeter und Dynamometer für die Beftimmung der Elafticität, Dehnbarkeit und Feftigkeit der Seide, die Darftellung der Krankheiten der Blätter des Maulbeerbaumes und noch fo manches Andere. Die fürftlich Schwarzenberg'fche Verfuchsftation Lobofitz ( 1864 gegründet und reichlich ausgeftattet) hatte im Pavillon Schwarzenberg ein fprechendes Bild ihrer regen Thätigkeit gegeben. Mancher Befucher wird an den graphifchen Darftellungen( 4 Cartons), die eine Fülle von Mühe und Fleifs bergen, achtlos vorübergegangen fein. Diefe Cartons enthielten die überfichtliche Darftellung fechsjähriger Ernte- Ergebniffe von Getreide und Zuckerrübe in ihrer Abhängigkeit von Wärme, Regenfall, Wafferabforption und Verdunftung in Bezug auf Qualität und Quantität der Ernte, bei fortgefetztem Anbau diefer Culturgewächfe a) ohne Wiedererfatz, b) bei Erfatz durch Stalldünger, durch künftliches Volldüngen und durch mineralifche Partialdünger auf zwölf phyfikalifch und chemifch in ihrer Conftitution erforfchten Böden. Nicht minderen Fleifs documentirten die graphifchen Darftellungen der Niederfchläge, der Luftund Bodentemperaturen, der Evaporationen, überhaupt der an der Station feit ihrem Beftande bis 1872 gefammelten meteorologifchen Beobachtungen. Eine inftructive Ueberficht geftatteten zwanzig Tafeln, auf welchen die Bewurzelungsfyfteme durch getrocknete Culturpflanzen in vollendeter Entwicklung( darunter eine neun Fufs lange Hopfenwurzel) zur Anfchauung gebracht wurden. Auch Beiträge zur Pflanzencultur in wäfferigen Nährftoff- Löfungen und zwar von Gerften-, Bohnen-, Wicken- und Buchweizen- Pflanzen brachte die Lobofitzer Verfuchsftation und diverfe Producte der Mohncultur( Opium, Mohnöl u. f. w.). Erwähnenswerth ift noch ein Hopfen- Confervirungsverfuch( zwei Jahre alter Hopfen wurde gefchwefelt, geprefst und in Eis gelegt), fowie die von Dr. Breitenlohner zufammengeftellten„ Præparata chemica turfofae" und ein„ Herbarium turfosae dominii Treboniensis". Von den, den landwirthschaftlichen Unterricht berührenden Lehrmittel Ausstellungen Oefterreichs gilt dasfelbe, was bei Deutfchland gefagt wurde. Einzig in ihrer Art und wohl überhaupt bisher noch nie in folcher Vollkommenheit dagewefen, war die hiftorifche Pflugfammlung im Pavillon des k. k. AckerbauMinifteriums, über welche wohl an anderer Stelle eingehender referirt werden dürfte. Nächftdem ift die vom k. k. Minifterium für Unterricht und Cultus veranftaltete Collectivausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen zu erwähnen. Von Lehrmitteln für Naturgefchichte an niederen Lehranstalten feien aus diefer reichen Ausstellung genannt: die kleinen Schulfammlungen der Naturalienhandlung Frič in Prag, die Schülerherbarien der evangelifchen Schule in Graz, der Fitzingerfche Bilderatlas, die Darſtellung der Bienenzucht von Thuma in Chrudim, die Infectenfammlung von Grimme in Baden. Phyfikalifche Lehrmittel für niedere Schulen hatte M. Hauck in Wien ausgeftellt. Am beften waren die Lehrmittel für Mittelfchulen vertreten. Wir nennen die die Formation der Erdfchichten darftellen J Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 37 den geologifchen Bilder( vier Käftchen mit Gefteinen und Petrefacten) von Exleben in Landskron, das Naturalien cabinet von Frič in Prag( im Ganzen über 4000 Arten als Repräfentanten aller Haupttypen der drei Naturreiche), die Ausftellung des Naturalienhändlers Erber, und des Dr. Eger in Wien, die Nachbildungen von Schmetterlingen und Schwämmen von Adler; die Hilfsmittel zur mikroskopifchen Unterfuchung des Seidenfpinners von Weinzierl in Wien; die ausgeftopften Vögel des Pfarrers Hauf in Mariahof, die Sammlung häufig vorkommender Mineralien aus Oefterreich in guter Auswahl und inftructiven Stücken. Sehr inftructiv war die Zufammenftellung mährifcher Gefteine in terminologifcher Anordnung von A. Makovsky in Brünn. Die Stücke felbft waren von gefälligerem gröfseren Formate und man konnte aus der Sammlung unmittelbar die Terminologie und den Namen des Gefteines, feine Formation, den Fundort und die technifche Verwendung entnehmen. Nicht minder lehrreich war R. Beranek's botanifche Terminologie. In einer Reihe von Tableaux waren plaftifch getrocknete Pflanzen und deren Theile in terminologifcher Beziehung zufammengeftellt. Die Pflanzen waren in heifsem Sande getrocknet und hatten Form und Farbe meift fehr gut erhalten; gefchützt waren fie durch einen Gummiüberzug. Die phyfikalifchen Lehrmittel waren reichhaltig und in befter Ausführung vertreten durch den Lehrapparat des Hofmechanikers Hauck; durch Kappeller's in Wien prächtige Glasinftrumente und Rüpprecht's ganz ausgezeichnete Waagen; die chemifchen Lehrmittel durch Hauck's Apparate. Dr. Willigk in Prag hatte in zwei Tableaux den Gehalt an plaftifchen Nahrungsftoffen und Waffer in je 10 Grammen Nahrungsmittel, zur Anfchauung gebracht. Ebenfo anfchaulich waren die Mengen verfchiedener Beleuchtungsmaterialien bei gleichem Lichteffect und die Mengen verfchiedener Heizmaterialien bei gleichem Wärmeffect zufammengeftellt. Etwas ganz ausgezeichnet fchönes, ein für jede höhere land- oder forftwirthschaftliche Schule höchft werthvolles Lehrmittel war die entomologifch- biologifche Sammlung fchädlicher und nützlicher Infecten mit befonderer Rückficht auf Land- und Forstwirthfchaft von F. A. Wachtl in der Ausftellung der Güterdirection des Erzherzogs Albrecht. Faft die Hälfte der ausgeftellten Objecte waren Käfer( 53 Käftchen); einen grofsen Umfang hatte aber auch die Schmetterlings- Sammlung( 37 Käftchen). Den Reft machten die fchädlichen Vertreter aus den übrigen Ordnungen aus, foweit fie auf den erzherzoglichen Gütern aufgefunden wurden; in den drei letzten Käftchen aber hatten die nützlichen Infecten aus allen Ordnungen vollauf Platz gefunden. Der hohe Werth diefer Sammlung liegt darin, dafs von allen wichtigeren Arten nebft den vollkommen ausgebildeten Thieren in beiden Gefchlechtern auch die ganze Entwicklungsgefchichte nebft inftructiven Belegftücken für die verderbliche Thätigkeit derfelben mit ftaunenswerthem Fleifse zufammengetragen und mit nicht genug zu rühmender Sorgfalt dargestellt find. Was die landwirthfchaftliche Literatur in Oefterreich betrifft, fo ift von den öfterreichifchen Verlagsbuchhandlungen in erfter Linie die Firma W. Braumüller& Sohn in Wien zu nennen; man kann wohl fagen, dafs diefe Verlagshandlung eine öfterreichifche Fachliteratur erft hat mit fchaffen helfen. Auch die jüngere Buchhandlung von Faefy und Frick in Wien verlegt meift landwirthfchaftliche Werke. Ungarn's landwirthfchaftliche Unterrichtsanftalten waren vertreten durch die landwirthschaftliche Schule zu Grofz- St. Miklos, welche Tabak und Weizen und die Agricolarfchule zu Liptó- Hradek, welche Getreide ausgeftellt hatte; durch die landwirthschaftlichen Lehranstalten Debreczin und Keszthely, die land- und fortwirthschaftliche Lehranftalt Kreutz( Croatien) und die landwirthschaftliche Akademie Ungarifch- Altenburg. 38 Dr. C. Theodor von Gohren. Keszthely( gegründet 1864. 2 Jahrgänge. Staatsfubvention per Jahr 24.000 fl.) betheiligte fich an der Ausftellung nur mit Vieh und Obftbäumen. Debreczin( 1867 eröffnet, verbunden mit einer einer Ackerbaufchule, fechs Profefforen, zwei Affiftenten. 1871 Staatsfubvention 43.000 fl. 2 Jahrgänge) hatte die Weltaus ftellung befchickt mit einer durch Profeffor Lackner verfertigten Studie über die Zuwachsverhältniffe der Akazie( Robinia pfeudoacacia) auf Flug- und anderem Sande, fowie auf gebundenem Boden im Vergleiche mit dem Zuwachsgange anderer Holzarten. Die Darftellung war durch grofse graphifche Bilder( wirkliche Stärke, ½, der natürlichen Höhe) gefchehen, welche mit den Stammquerfchnitten belegt wurden; dann durch kleine graphifche Bilder, welche in verjüngtem, fehr genauem Mafse theils die Stärken- Zuwachsverhältniffe betrafen, theils fich auf den laufend jährlichen und Durchfchnitts- Jahreszuwachs in Cubik- Fufs folider Holzmaffe bezogen. Zuwachstafeln von fünf zu fünf Jahren, ausgearbeitet für einzelne Bäume und Beftände, gaben Auffchlufs über Zahlengröfsen und enthielten, aufser der Charakteriſtik des Beftandes, das Alter des Stammes, refpective Beftandes, den Durchmeffer in Brufthöhe in 1/20 der Scheitelhöhe, die Scheitelhöhe, die Holzmaffe, Formzahl, laufenden und Durchfchnittszuwachs und Prefsler's Zuwachs- Percente. Beigegeben waren die Bodenarten der verfchiedenen Standorte mit ihren phyfikalifchen Analyfen, dann eine Reihe von Gegenftänden, welche die Verwendbarkeit des Akazienholzes demonftriren follten. Kreutz( Križevac)( gegründet 1860, verbunden mit einer Ackerbaufchule, Landesinftitut, 2 Jahrgänge, 90 Zöglinge, 12 Profefforen; Unterrichtsfprache kroatifch ferbifch). Die Ausftellung diefer Lehranftalt umfafste: eine Sammlung aller in Kroatien, Slavonien und der Militärgrenze vorkommenden Erdarten( 32) Proben) mit den entſprechenden phyfikalifchen Bodenanalyfen, eine Samensammlung, Hopfen, 12 Sorten Tabake, Wein aus dem Inftitutsweingarten, eine vollſtän dige Hufeifenfammlung( 52 Stück), in der Inftitutsfchmiede gearbeitet und eine Sammlung von von den Zöglingen gezeichneten Bau- und Situations- Zeichnungen. Die königlich ungarifche höhere landwirthschaftliche Lehranstalt Ungarifch- Altenburg( 1818 von dem Herzog Albert Sachfen- Tefchen gegründet, 1850 zur k. k. Reichsanftalt erhoben, 1869 von der königlich ungarifchen Regierung übernommen, 2 Jahrgänge; Lehrfprache deutſch und ungarifch, 8 Profefforen und 9 Docenten; verbunden mit einer agriculturchemifchen Verfuchsftation und einer Station zur Prüfung landwirthschaftlicher Geräthe und Maſchinen). Schon von weitem präfentirte fich dem Befucher der öftlichen Agriculturhalle die Ausftellung Altenburgs durch das aus Moos, Bohnen, Paprikafrüchten und Mais hergeftellte, alfo die Nationalfarben tragende Wappen des Königreiches Ungarn. Flankirt war das Wappen von Schädeln landwirthschaftlicher Nutzthiere; eine Collection Getreide und Gräferarten in Aehren vervollſtändigte den Hintergrund. Auf den Tifch hatte Profeffor Ulbrich eine Darftellung der chemifchen Analyfe von Traubenweinen exponirt und zwar zunächft drei Tafeln, welche die chemifche Zufammenfetzung ungarifcher Traubenweine zeigten, fodann die zur Unterfuchung angewendeten Apparate, von denen nur Ulbrich's Apparat zur Beftimmung der Kohlenfäure in nicht mouffirenden Weinen( durch Ueberführung derfelben in Baryumcarbonat und Beftimmung als Baryumfulfat) genannt fei. Ausserdem war noch ausgeftellt: das Modell eines vollſtändigen Wirthfchaftshofes fammt Grundrifs und Situationsplan( Hof Barnim bei Potsdam); die morphologifche Zufammenfetzung und die Lagerungsverhältniffe des Bodens des Akademiegutes; ein Tableau für Meteoroprognoftik und zwei Ungarifch- Altenburger Bienenftöcke. Das war die Expofition der altberühmten Akademie Ungarifch- Altenburg 1873; wie anders nahm fich diefelbe 1867 in Paris aus! Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. Italien. 39 Auf dem Gebiete des landwirthfchaftlichen Unterrichts- und Forfchungwefens herrfcht in neuefter Zeit in Italien eine ungemeine Rührigkeit und Schaffensluft. Deutfchland und Oefterreich find die Mufter, nach welchen die italienifche Regierung bei ihren Organiſationen vorgeht. Vielfach freilich hat Italien uns übertroffen, namentlich in Bezug auf Durchführung des Verfuchswefens. Was man dort thut, thut man aus voller Hand, ganz, ohne ängftlieh die Mittel zu fparen. Der landwirthfchaftliche Unterricht Italiens war auf der Weltausftellung fehr fpärlich vertreten und zwar nur der mittlere und höhere. Der mittlere landwirthfchaftliche Unterricht wird an einer Reihe technifcher Inftitute ertheilt. Diefe Inftitute gehören zu jener Art von Lehranstalten, welche nach dem gegenwärtigen Amtsftyl Lehranstalten zweiter Ordnung"( di iftruzione fecondaria) benannt werden, womit angedeutet ift, dafs folche unmittelbar nach den Univerſitäten rangiren. Um in ein techniſches Inftitut aufgenommen zu werden, ift die Abfolvirung der Elementar- und Realfchule nothwendig; jeder Zögling hat fich aufserdem einer Aufnahmsprüfung zu unterwerfen. Nach der neueren Studienordnung haben die eintretenden Studirenden in den erften zwei Jahren fämmtlich die gleichen Vorlefungen zu befuchen. Diefes ,, biennio commune" umfafst die Studien in der italienifchen Sprache und Literatur, in Geographie, Gefchichte, franzöfifcher und deutfcher Sprache, Mathematik, Naturgefchichte, Phyfik, Chemie und Zeichnen. Für die nachfolgenden Jahre beftehen Studien- Abtheilungen und zwar eine phyfikalifch- mathematifche, eine induftrielle, eine agronomifché, eine commercielle und eine Abtheilung für Buchführung. Einige techniſche Inftitute des Königreiches entbehren einer oder der anderen diefer Abtheilungen. Die agronomifche Abtheilung hat den Zweck, Feldmeffer und Gutsadminiftratoren heranzubilden, fowie den Zöglingen, welche höhere landwirthschaftliche Lehranftalten zu befuchen beabfichtigen, eine geeignete Vorbildung zu geben. Von diefen technifchen Inftituten war eines der jüngften, das zu Udine( gegründet 1866), auf der Weltausftellung vertreten und zwar bezüglich der landwirthfchaftlichen Abtheilung durch eine Sammlung von Hölzern und landwirthfchaftlichen Producten der Provinz Udine( Friule) zufammengeftellt und geordnet von G. Ricco- Rofellini; durch eine geologifche Profil- Tafel von Friaul( Verhältnifs I: 25.000) von Profeffor Taramelli und durch ein gleichfalls von Profeffor Taramelli zufammengeftellte Collection von Mineralien und Felsarten Friauls, als Illuftration zur vorerwähnten Karte( 102 Exemplare). Von den höheren landwirthfchaftlichen Lehranstalten zu Mailand und Portici war nur erftere vertreten durch Statuten, Programme und Zeitfchrift der Schule. Speciell für die Weltausftellung war ein prächtig ausgeftattetes Werk herausgegeben worden:„ La R. fcuola fuperiore di Agricultura in Milano. Notizie raccolte e publicate dal configlio direttivo in occafione della espofizione Univerfale di Vienna nel 1873. Milano coi Tipi G. Bernardoni 1873", dem wir folgende Notizen entnehmen: Die Errichtung der höheren landwirthfchaftlichen Lehranftalt in Mailand wurde im Provincialrath 1868 angeregt, 1870 wurde das Decret vom König ausgefertigt und 1871 die Anftalt eröffnet. Die Zwecke und Ziele der Anftalt find diefelben wie die der deutfchen höheren landwirthschaftlichen Lehranstalten. An der Spitze fteht ein Directionsrath( configlio direttivo), beſtehend aus einem Delegirten des Ackerbau- Minifters als Präfidenten, zwei Provincial- Deputirten, einem Delegirten des Provincial- Rathes und einem Delegirten des Communal- Rathes. Als Director fungirt gegenwärtig Dr. G. Cantoni. Profefforen zählt die Anftalt II, Affiftenten 5, einen Gärtner und 5 Diener. Mit der Anftalt ift eine agriculturchemifche Verfuchsftation verbunden. Untergebracht ift das Inftitut im Collegio Militare von S. Luca. Der Curfus ift ein dreijähriger. Im erften Jahre werden in wöchentlich 34 Stunden vorgetragen: Italie 40 Dr. C. Theodor von Gohren. nifche Literatur, deutfche Sprache, Botanik, organifche Chemie, Thier- Anatomie, und Phyfiologie, Zeichnen, mikrofkopifche Uebungen. Im zweiten Jahre( wöchentlich 44 Stunden): Italienifche Literatur, deutfche Sprache, Botanik, organifche Chemie, Agriculturchemie, Agronomie, Zootechnik, Zoologie, Phyfik, Situationszeichnen; Uebungen im Laboratorium aus organifcher Chemie und Agriculturchemie, Uebungen im zootechnifchen und zoologifchen Laboratorium. Im dritten Jahre ( wöchentlich 40 Stunden): Agronomie, landwirthschaftliche Buchführung, Gefetzund Rechtskunde, Statiſtik, landwirthfchaftliche Mafchinen- und Geräthekunde, praktifche Geometrie, techniſche Chemie, topographifches und Conftructions. zeichnen, Uebungen im chemifchen und agriculturchemifchen Laboratorium. Manches liefse fich wohl gegen diefe Eintheilung einwenden, namentlich das, dafs nicht immer die begründeten Fächer( Zoologie und Zootechnik gleichzeitig u. f. w.) den zu begründenden vorausgehen. Im Uebrigen entſpricht das Unterrichtsprogramm fo ziemlich dem der deutfchen analogen Lehranstalten. Die Gefammtfchülerzahl betrug im letzten Studienjahre 52. Die Ausftattung des Inftitutes ift, dem obigen Werke beigegebenen Zeichnungen und Photographien nach zu urtheilen, eine fehr fplendide. Verfuchsftationen hat Italien jetzt 14 und zwar in Venetien 2( Udine und Padua), in der Lombardei 3( Mailand, Lodi und Pavia), in Piemont 3( Turin, Afti und Gattinara), in Mittelitalien 4( Florenz, Modena, Rom und Forli), in Süditalien 2( Cafferta und Palermo). Die Gründungskoften beliefen fich auf 141.250 Lire, die jährlichen Erhaltungskoften betragen 139.350 Lire. Die Verfuchsftation Udine, gegründet 1870, ift mit dem technischen Inſtitute verbunden. Ihre Thätigkeit richtet fich vornehmlich auf Wein und Seidenzucht. Director: Profeffor Seftini. Jährliche Koften 7000 Lire. Verfuchsftation Florenz, gegründet 1871; vornehmlichfte Forfchungsrichtung: Wein und Seide. Jährliche Koften 14.000 Lire. Director: Profeffor E. Bechi. Verfuchsftation Turin, gegründet 1871 in Verbindung mit dem italienifchen Induftriemufeum, Unterhaltungskoften jährlich 18.000 Lire. Director Profeffor Ulofchini. Verfuchsftation Modena, gegründet 1871. Thätigkeitsrichtung: Oel, Wein, thierphyfiologifche Verfuche. Jährliche Koften 6000 Lire. Director: Profeffor Celi. Verfuchsftation Mailand, gegründet 1871, verbunden mit der höheren landwirthschaftlichen Lehranstalt, Thätigkeitsrichtung Thierernährung, Seidenzucht. Director: G. Cantoni. Seidenbau- Verfuchsftation in Padua, gegründet 1871. Thätigkeitsrichtung: wiffenfchaftliche Unterfuchung über die Phyfiologie des Seidenfpinnens. Jähr liche Koften 15.000 Lire. Director: Profeffor Verfon. Verfuchsftation für Käfebereitung in Lodi, gegründet 1871. Thätigkeitsrichtung: Milch und Käfe. Jährliche Koften 10.000 Lire. Vicedirector: Manetti. Verfuchsftation Rom, gegründet 1871, verbunden mit dem technifchen Inftitut. Thätigkeitsrichtung: Bodendüngung, Oelbaum- Zucht. Gründungskoften 15.000, Erhaltungskoften 15.000 Lire. Director: Profeffor F. Seftini. Verfuchsftation Forli. gegründet 1872, verbunden mit dem technifchen Inſtitute. Thätigkeitsrichtung: Bodendüngung, Wein, Oel. Lein und Hanf. Jährliche Koften 6100 Lire. Director: Pasqualini. Oenologiſche Verfuchsftation Afti, gegründet, 1872. Jährliche Koften 10.500 Lire. Director E. Graffi. Verfuchsftation Cafferta, gegründet 1872, verbunden mit dem landwirthschaftlichen Inftitute. Thätigkeitsrichtung: Boden, Düngung, Zucht des Olivenbaumes. Gründungskoften 36.000, jährliche Unterhaltungskoften 11.000 Lire. Director Ferrero. Verfuchsftation Palermo, gegründet 1872. Thätigkeitsrichtung: Boden, Düngung, Thierernährung, Wein. Gründungskoften 11.000, jähr liche Unterhaltungskoften 12.250 Lire. Director Profeffor Briofi. Oenologiſche Verfuchsftation Gattinara, gegründet 1872. Jährliche Unterhaltungskoften 10.000 Lire. Director: B. Cerletti. Das Cabinet für Parafitenkunde in Pavia, gegründet 1871. Jährliche Unterhaltungskoften 3500 Lire. Director: Profeffor Garavoglio. Von diefen Verfuchsftationen waren auf der Weltausftellung vertreten: Forli mit einer Futterfammlung der Romagna und die Seidenbau- Verfuchs Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 41 ftation Padua. Dr. Verfon, der Leiter letztgenannter Station, hatte den erften Bericht über die Station, Coconproben und Modelle und Zeichnungen des Seidenwurmes ausgeftellt. Die Modelle hatten die Anatomie und die Pathologie der Seidenraupe zum Gegenftande und zeichneten fich durch gröfsere Correctheit vor den ähnlichen Auzoux'fchen aus. Die grofse Gruppe kranker Seidenraupen, welche gleichzeitig ausgeftellt wurde, war wohl die erfte Arbeit diefer Art, welche bisher überhaupt hergeftellt wurde und eignet fich wegen ihrer Naturtreue ganz befonders zu zu Schulzwecken. Der techniſche Ausführer diefer Gruppen, Luziardi, ift ein gewöhnlicher Figurenverfertiger( ftatuario), von jedenfalls grofser Begabung. Von der italienifchen Ausstellung feien ferner als unter die Rubrik„ Lehrmittel" gehörig, hier noch aufgeführt: die prächtige Collection von Obft- und Trauben, Imitationen von H. Valetti in Turin; die trefflichen plaftifchen und natürlichen anatomifchen Präparate über die Metamorphofe des Seidenwurms von A. Maeftri; die Monographie über Anatomie und Naturgefchichte der Saturnia Yhama Maï von Profeffor A. Brizzolari; dann Profeffor Sartori's die Bienenzucht- Lehre betreffende Ausftellung. Schweiz. Die Schweiz fahen wir auf dem Gebiete, über welches gegenwärtiger Bericht referirt, nur vertreten durch die Milch Verfuchsftation in Thun. Die Leiftungen des Directors Dr. Schatzmann find bekannt und erft auf der jüngft abgehaltenen Molkereiausftellung in Wien gewürdigt worden. Es fanden fich, wie der Katalog aufzählte, der Plan einer EmmenthalerKäferei von Architect Merz in Thun, Modell einer Käfereifeuerung und Käfepreffe, Darftellung der centrifugalen Butterprobe und eine Sammlung landund alpenwirthschaftlicher Schriften des Directors Schatzmann. Wer fich für diefe Verfuchsftation näher intereffirt, den verweifen wir auf deren erften Jahresbericht( 1873. Druck von J. J. Chriften in Aarau). Die disponiblen Mittel der Station belaufen fich auf 2269 Francs. Von hohem Werthe fcheint uns die mit der Verfuchsftation verbundene permanente Ausstellung von Geräthen und Producten der Milchwirthfchaft zu fein; auch Lehrcurfe werden an der Station abgehalten, von denen die einen nur die Milchwirthfchaft, die anderen Alp-, Vieh- und Milchwirthschaft umfaffen. So ift die Milch- Verfuchsftation in Thun, eine populäre Lehr- und Auskunftsanftalt für das Gebiet der Milchwirthschaft, beftrebt, in gemeinnützigem Sinne die für die Schweiz und fpeciell deren Bauernftand fo bedeutungsvolle Milchinduftrie in jeder Beziehung zu fördern. Von den feitens der Schweiz ausgeftellten naturwiffenfchaftlichen Lehrmitteln nennen wir die von Profeffor Menzel in grofser Zahl vorgelegten, zum Theil auch vom Lehrer Wettftein in Zürich ausgeführten naturgefchichtlichen Wandtafeln und die Schülerherbarien des Cantons Aarau. Die zoologifchen Sammlungen waren, namentlich was Infecten anbelangte, nicht gut vertreten; befonders erwähnenswerth waren F. G. Bofinger's( Interlaken) Naturabgüffe von Thieren und Pflanzen; an Mineralien und Petrefacten fehlte es felbftverftändlich auch nicht. Sehr fchön und inftructiv war ein Modell aus Glasplatten, in welchem ein Herr Heim in Zürich den geologifchen Bau einer Alpenlandfchaft vorführte. Die phyfikalifchen Apparate waren gut und folid gearbeitet; befondere Erwähnung verdienen die meteorologifchen Regiſtririnftrumente. Frankreich. Vergebens fah man fich in der franzöfifchen Abtheilung nach einer eigentlichen Vertretung des landwirthschaftlichen Unterrichts- und Forschungswefens um; denn die Ausftellung des„ Penfionnat des frères de la doctrine 42 Dr. C. Theodor von Gohren. chrétienne des Reims"( Weizen, Gerfte, Hafer, Mais, Kartoffel, Runkelrüben etc.) ift doch wohl kaum hieher zu rechnen, ebenfowenig wie die Ausftellung der Orphelinats agricoles de St. François- Xavier in Gradignan bei Bordeaux und de la Seine in Paris. Wohl aber fand fich eine intereffante Darftellung Guftav Henzé's, die, im Auftrage des franzöfifchen Minifteriums für Ackerbau und Handel verfafst, die in der weftlichen Agriculturhalle befindliche landwirthschaftliche Ausstellung Frankreichs erläutern follte. Diefer Darftellung, fowie dem nicht genug zu empfehlenden Berichte Michel Chevalier's gelegentlich der Parifer Ausftellung feien einige Notizen über Frankreichs landwirthschaftliches Unterrichtswefen entnommen. Obwohl Paudier fchon im Jahre 1771 in Annel bei Compiègne eine Ackerbau- Schule errichtete, fo hatte doch der Tribun Chaf firon in der Debatte über den öffentlichen Unterricht der erften franzöfifchen Republik am 1. Mai 1802 nicht Unrecht, als er behauptete:" Dans nos Académies, dans nos discours oratoires, nous l'appelons l'agriculture le premier des arts; dans nos lois, dans nos inftitutions, nous l'appelons le dernier des métier. Que dis- je? le plus vil des métiers exige encore un apprentiffage, l'agriculture eft abandonnée à la plus honteufe routine." Frankreich war es, welches allerdings fpäter die Idee, landwirthschaftlichen Unterricht in der Volksfchule zu ertheilen, befonders begünftigte. Bald freilich kam man zu der Ueberzeugung, dafs diefer Unterricht nicht entſpreche, ,, car, à cet âge, on s'inftruit bien mieux par les yeux que par les oreilles. On aime mieux voir qu'écouter". Eine ganz befondere Einrichtung Frankreichs find die fogenannten„ Afiles agricoles" und die„ ,, colonies pénitentiaires". Das erfte diefer nach Peftalozzi's Ideen errichteten Afyle war das zu Neuhoff bei Strafsburg 1828 gegründete. In demfelben Jahre noch gründete M. Bazin die Colonie MesnilSaint- Firmin im Departement der Oife. Auf Anregung des Maires von Ornay, Herrn M. Rifsler, wurde 1847 unter der Direction eines Herrn Zweifel ein weiteres Afyl in Mühlhaufen errichtet und bald folgten mehrere andere nach, fo zu Vaujours, in Algerien u. f. w. Freilich entſprachen auch in diefer Richtung nicht immer die Erfolge den gehegten Erwartungen, wie der Rapport der zum Studium diefer Frage eingefetzten Enquête deutlich erkennen läfst. Die Organiſation des Fortbildungsunterrichtes und des WanderlehrerInftitutes fcheint man in Frankreich noch nicht verfucht zu haben. Hingegen hat der eigentliche landwirth fchaftliche Fachunterricht ziemlich früh Eingang gefunden. Aufser der oben erwähnten 1771 gegründeten Ackerbaufchule gründete Thouix fchon 1793 am Jardin des Plantes einen Cours, Physiologie végétale appliquée à la culture" und 1785 Daubenton an der Veterinärfchule zu Alfort einen Curfus für Landwirthschaft; 1836 wurden am Confervatoire des arts et métiers drei Lehrftühle für die landwirthfchaftlichen Disciplinen und weitere Lehrkanzeln für Landwirthschaft in Quimper, Bordeaux, Rodez, Toulouse, Nantes, Rouen, Besançon und Compiègne errichtet. Den erften Mufterhof( Ferme Exemplaire) eröffnete Mathieu de Dombasle 1822 auf der Domäne von Roville. Roville ift der Ausgangspunkt geworden für alle weiteren Beftrebungen zur Organiſation des landwirthschaftlichen Unterrichtes in Frankreich. Dem von Dombasle gegebenen Impulfe folgend, gründete man die landwirthfchaftlichen Inftitute zu Grignon ( Seine- et- Oise), Grand- Jouan( Loire Inférieure) und La Saulsaie bei Mont tuel( Ain). Die erfte Idee zur Gründung einer folchen Anftalt in Frankreich ging von einem Herrn Polonceau aus, der fie felbft von einem feiner Freunde, einem Schüler Albrecht Thaer's, empfing. Er machte mit feinen Wünfchen und Plänen eine grofse Anzahl einflussreicher Perfonen, unter anderen auch den Herzog von Doudeauville, Minifter des Königs Carl X., bekannt und der König Carl X. kaufte 1827, da er wollte, dafs die in der Gründung begriffene Gefellſchaft ihre Unternehmung auf feinem Grund und Boden einrichte, die Domäne Grignon, Landwirthschaftliche Lehre und Forfchung. 43 welche Herr A. Bella, der als Director an die Spitze geftellt worden war, aus gewählt hatte. Der Unterricht ift an allen drei Lehranstalten ein theoretifcher und praktifcher. Der theoretifche Unterricht umfafst: Agricultur, Zoologie und Thierzucht, Phyfik, Chemie und Mineralogie, Botanik und Forftwirthfchaft, landwirthfchaftliches Ingenieur- und Mafchinenwefen, landwirthschaftliche Technologie, Nationalökonomie und Landwirthschaftsrecht, Betriebslehre und Buchführung. Der praktifche Unterricht umfafst die Uebungen in den Laboratorien, den Zeichenunterricht, den Gebrauch der Geräthe und Mafchinen, die hauptsächlichften landwirthfchaftlichen Verrichtungen, die Pflege der Nutzthiere, das Studium der fchädlichen Pflanzen, die verfchiedenen landwirthfchaftlichen Fabricationen, die Einrichtung und Leitung der Wirthschaft und des Rechnungswefens. Je nach der Jahreszeit werden landwirthschaftliche, botanifche, forftliche, technologifche, geologifche Excurfionen unter der Führung der Profefforen vorgenommen. Diefe Uebungen und praktifchen Arbeiten find für alle Zöglinge obligatorifch. Die Schüler theilen fich in interne und auswärtige. Die Erfteren zahlen beiſpielsweife in Grignon jährlich eine Penfion von 1200 Francs, die Letzteren entrichten ein jährliches Schulgeld von 200 Francs. Am Ende ihrer Studien unterziehen fich die Zöglinge einer Abgangsprüfung und erhalten die Befähigten ein Zeugnifs; auch werden diefe fpäter zum Concurs um ein Diplom eines landwirthfchaftlichen Ingenieurs zugelaffen. Das ältefte und befuchtefte diefer drei Inftitute ift jenes in Grignon. Es besteht feit 1826, und befuchten dasfelbe bis heute 1245 Zöglinge. So viel man auch gegen diefe Anftalten eingewendet hat und fo viele Krifen fie überftehen mussten, fie haben fich doch bis heutigen Tages erhalten. Während die oben genannten Schulen dem höheren landwirthschaftlichen Unterrichte dienen, gründete man für den Kleinwirth die unseren Ackerbaufchulen analogen Fermes- écoles. Der Hauptzweck letztgenannter Schulen, von welchen Frankreich jetzt 42 befitzt, ift die Heranbildung tüchtiger Praktiker, tüchtiger Pächter und Hilfsarbeiter. Diefe Aufgabe wird erreicht durch einfache Demonftrationen, durch einen vorwiegend praktifchen Unterricht in der Wirthfchaft oder im Lehrfaal während einer dreijährigen Lehrzeit. Der Lehrling, welcher bei feinem Abgang von der Schule von der Prüfungscommiffion für tüchtig befunden worden ift, erhält nebft dem Zeugnifs noch 300 Francs; verdient er ein folches Zeugnifs nicht, fo beträgt feine Vergütung nur 200 Francs. Diefe Entfchädigung entfpricht nämlich nahezu der Summe, welche ein Arbeiter fich hätte erfparen können, wenn er, ftatt Zögling einer Ackerbaufchule zu werden, fich als Arbeiter verdingt hätte. Jede Ackerbaufchule hat durchſchnittlich 27 bis 36 Zöglinge, fo dafs in den Jahren 1835 bis 1867 bei 6000 junge Leute der Landwirthschaft zugeführt worden find, welche durch ihre höhere Ausbildung die verwendeten Koften reichlich erfetzen. Von denfelben bewirthschaften nicht weniger als 2992 ihre eigene Wirthschaft, 765 find Wirthfchafter anderer Landwirthe, 845 find Gärtner, 46 Draineurs und Auffeher von Bewäfferungen, über 1000 find Vorfteher verfchiedener Wirthfchaftszweige geworden. Nicht mit Stillfchweigen kann der feiner Zeit von dem Unterrichtsminifter Duruy am Mufée d'hiftoire naturelle in Paris eingerichtete landwirthschaftliche Curfus übergangen werden, welcher die Aufgabe hat, Lehrer und Vorfteher an Verfuchsftationen( wie in Oefterreich die Hochfchule für Bodencultur) zu bilden. Der Curfus ift zweijährig und mufs vollendet oder ergänzt werden durch den Eintritt in eine Gutswirthschaft mit mindeſtens einjähriger Lehrzeit in der Praxis. Diefer Curfus hatte eine heftige Polemik in den wiffenfchaftlichen Kreifen Frankreichs hervorgerufen; namentlich wurde betont, dafs derfelbe das innerfte Wefen, den wiffenfchaftlichen Charakter und das Anfehen des Muſeums als Hochfchule alterire und herabfetze. Eröffnet wurde diefer Curfus am 1. April 1869. Die 44 Dr. C. Theodor von Gohren. Erläffe des Minifters über die Organiſation und alle weiteren Beftimmungen datiren vom 31. Juli 1868. Von landwirthfchaftlichen Verfuchsftationen ift die nach deutfchem Mufter in Nancy von Dr. Grandeau eingerichtete zu nennen. Von Firmen, welche landwirthfchaftliche Lehrmittel ausftellten, waren vertreten die Buchhandlungen von Hachette& Comp. und Ducrogu in Paris. Recht inftructiv und dabei fehr gefchmackvoll waren die von Deyrolle Sohn in Paris exponirten 19 Tabellen für den Anfangsunterricht in den Naturwiffenfchaften. Erwähnt fei fchliefslich noch die Sammlung von Ackerbau Werkzeugen für Landfchulen von Didelot in Nancy, die trefflichen Mikrofkope von Nachet und die ausgezeichnete Collection meteorologifcher Inftrumente der Infpection générale des ftations météorologiques de France. Spanien. Spaniens landwirthschaftliche Lehranftalten waren vertreten durch die Escuela general de agricultura in La Monclava bei Madrid, welche diverfe landwirthfchaftliche Producte, Seide, Wolle und zum Oel- und Weinbau gehörige Inftrumente, dann durch die Granja escuela de la provincia de Gerone, welche Getreide und Leguminofen; das Inftituto agricola Catalan de S. Ifidro, welches eine Collection von Holzarten, das Inftituto Agricola zu Barcelona, welches feine feit 20 Jahren erfcheinende Revue und die Escuela veterinaria zu Cordoba, welche ein anatomifches Präparat ausgeftellt hatte. Belgien. Der landwirthschaftliche Unterricht wurde definitiv organifirt durch ein Gefetz vom 18. Juli 1860. Er umfafst: eine Thierarznei- Schule, ein landwirthfchaftliches Inftitut, zwei Gartenfchulen und öffentliche Conferenzen. Das königliche belgifche Minifterium des Innern, zu deffen Reffort diefe Inftitutionen gehören, hatte die Berichte und Statuten vorgenannter Anftalten, denen die Pläne von Gembloux und Vilvorde beigegeben waren, auf der Weltausftellung exponirt und nur dadurch war Belgiens landwirthschaftlicher Unterricht vertreten. Die Staats- Thierarzneifchule wurde von einer Anzahl von Veterinärärzten gegründet, im Jahre 1835 vom Staate übernommen und 1836 nach Cureghem übertragen. 1860 wurde die Schule reorganifirt. Der Unterricht umfafst: Phyfik, Chemie, Botanik, befchreibende und vergleichende Anatomie der landwirthschaftlichen Hausthiere, allgemeine Anatomie, Phyfiologie, Arzneimittel- Lehre, Pharmakologie, allgemeine Therapeutik, allgemeine Pathologie, pathologiſche Anatomie, fpecielle Pathologie und Therapie, chirurgifche Pathologie, Zootechnik, Gefundheitspolizei, gerichtliche Medicin, Pferdezucht, Operationslehre, Geburtshilfe, Klinik. Der Unterricht ift theoretifch und praktiſch und dauert 4 Jahre. Kein Eleve darf öfter als zweimal einen Jahrgang wiederholen, auch darf keiner länger als fechs Jahre die Schule frequentiren. Um zu dem dritten oder vierjährigen Curfe zugelaffen zu werden, mufs man den Grad eines„ Veterinärcandidaten" erlangt haben. Die Zahl der Eleven belief fich 1872 bis 1873 auf 84. Nur jene Veterinärärzte, welche ein Diplom erlangt haben, dürfen in Belgien practiciren und nur Veterinärcandidaten werden zur Diplomprüfung zugelaffen. Die Prüfungscommiffion wird vom König ernannt und theilt fich in zwei Sectionen, die eine für die Candidatur- und die andere für die Arztprüfung. - Das landwirthfchaftliche Staatsinftitut wurde 1860 zu Gembloux errichtet. Die Lage Gembloux's ift eine fehr günftige, inmitten der ausgedehnten Culturen Belgiens, nicht weit von Brüffel und Namur, verbunden durch Eifenbahnen mit allen Theilen des Landes. Die Anlage ift eine ausgedehnte, Landwirthschaftliche Lehre und Forschung. 45 dem Inftitute eine Gutswirthfchaft von 60 Hektaren beigegeben; auch ift den Eleven Gelegenheit geboten, fich in den landwirthschaftlich- technifchen Gewerben auszubilden. Der Unterricht ift ein theoretifcher und praktifcher; erfterer umfafst Mathematik und die landwirthfchaftlichen Ingenieurfächer, die phyfikalifchen und chemifchen Disciplinen, Naturgefchichte, Zootechnik, Acker-, Wald- und Obftbau, Volkswirthschaft, landwirthschaftliche Comptabilität. Der praktiſche Unterricht bezieht fich auf alle vorgenannten Fächer. An dem Inftitute fungiren 7 Profefforen, 3 Repetitoren und 1 Gärtner. Die Unterrichtsfprache ift die franzöfifche, der Unterrichtscurfus ift ein dreijähriger. Der theoretifche wie praktifche Unterricht ift obligatorifch. Entfprechende Sammlungen ergänzen die Vorträge. Die Aufnahmsbedingungen find ein Alter von 16 Jahren und das Beftehen einer Aufnahmsprüfung vor einer vom Minifter des Inneren ernannten Commiffion. Diefe Prüfung ift mündlich und fchriftlich, und bezieht fich auf Mathematik, franzöfifche Sprache und Geographie. Dispenfirt von diefer Prüfung find alle, welche durch ein ftaatsgiltiges Zeugnifs eine genügende Summe von Kenntniffen darthun. Die Zulaffung gefchieht durch den Minifter des Inneren. Das Studienjahr beginnt mit October. Die Frequenz beträgt 65 bis 70 Hörer. Die jährlichen Koften find für die Internen 700 Francs und 300 Francs für die Externen. Am Schluffe des Trienniums kann eine Schlufsprüfung( Diplomprüfung) abgelegt werden. Die Mitglieder der Prüfungscommiffion werden durch den Minifter des Inneren ernannt. Die Prüfung ift eine fchriftliche, mündliche und praktifche. Die fchriftlichen und mündlichen Prüfungen umfaffen: Bewäfferung, landwirthfchaftliche Baukunde, landwirthfchaftliche Technologie, Thierproductions Lehre, fpecielle Pflanzenproductions- Lehre, Betriebslehre, Forftwirthfchaft und landwirthfchaftliche Comptabilität. Die praktiſche Prüfung bezieht fich auf Vifirungen und Bewäfferung, chemifch analytifche Unterfuchungen, die Behandlung der Nutzthiere und Abfchätzungen. Die Diplome werden ausgeftellt au nom du Roi des Belges". Die die Prüfung gut beftanden haben, erhalten den Titel„ ingénieur agricole". " 9 Die Staats Gärtnerfchule in Vilvorde. An der im Jahre 1860 reorganifirten Schule umfafst der theoretifche Unterricht: franzöfifche und vlämifche Sprache, Arithmetik, Buchführung, Botanik, Architektur der Treibhäufer und Gärten, Obftbau, Wald- und Ziergehölzkunde, Blumenzucht, Gemüſebau und Treiberei. Dem praktifchen Unterrichte dienen Baumfchulen, Sammlungen, Gemüfegärten, Gewächshäufer u. f. w. Die Dauer der Studien ift eine dreijährige. Mit der Schule ift ein Penfionat verbunden. Jährlich werden auch theoretifche und praktiſche Curfe über Obftbaum- Pflege öffentlich abgehalten. Die Oberaufficht über die Anftalt führt eine vom König ernannte Commiffion. Durchschnittlich befuchen jährlich 25 Eleven die Schule. Allgemein wird anerkannt, dafs diefes Inftitut dem Lande fehr viel Nutzen gefchaffen hat. Heute gibt es in Belgien bekanntlich ganz ausgezeichnete Gärtner, die in der Obftbaumzucht einen vollſtändigen Umfchwung hervorgebracht haben; ebenfo ift der Obfthandel über die Grenzen Belgiens ein ganz bedeutender geworden, wozu nicht wenig die 146 mit Diplom aus der Schule von Vilvorde hervorgegangenen Gärtner beigetragen haben. Die Staats- Gartenbaufchule zu Gand ift ganz analog der von Vilvorde organifirt. Frequentirt wird fie von durchſchnittlich 21 Eleven. Die öffentlichen Conferenzen wurden im Jahre 1871 an 172 verfchiedenen Oertlichkeiten abgehalten, und zwar 490 Vorträge in franzöfifcher und 413 in vlämifcher Sprache. Theilgenommen haben über 20.000 Perfonen, 13.243 an den vlämifchen Vorträgen und 7,102 an den franzöfifchen. Die Inftitution der Conferenzen ift fchon fehr populär geworden und erfetzt einem grofsen Theile der ländlichen Bevölkerung in etwas den eigentlichen landwirthschaftlichen Unterricht. Am meiften Erfolg haben die Conferenzen über Obftbaumzucht. Jede derfelben umfafst etwa zehn Vorträge, welche zumeift von alten Schülern Vilvords 46 Dr. C. Theodor von Gohren. und Gendbrugges abgehalten werden. Die Vortragenden wurden ermächtigt, den an den Curfen fleifsig Theilnehmenden nach einer Prüfung ihre Kenntniffe und Fortfchritte zu beftätigen. Diefes Verfahren hat, wie verfichert wird, ungemein anregend gewirkt, und hält es jeder für eine Ehre, ein folches Certificat zu bekommen. Im Ganzen wurden bisher 656 Certificate ausgefolgt. Specialcurfe über Gemüſebau werden an der Thierarzeneifchule in Cureghem abgehalten, umfaffen auch je zehn Vorträge und find von einer grofsen Zahl Praktiker befucht. Neuerdings find ähnliche Curfe in Namur und Peruwelz eingerichtet worden. Auch bei diefen Curfen werden nach beftandener Prüfung den Theilnehmern Certificate ausgeftellt; bisher betrug die Zahl derfelben 721. Seit 1866 find ferner öffentliche Conferenzen angeordnet worden, über Gefundheitspflege der Hausthiere, und zwar werden die Thierärzte unter Ueberwachung der Provincial- Commiffion für Ackerbau damit beauftragt. Die agriculturchemifche Verfuchsftation zu Gembloux wurde nach dem Mufter der deutfchen Station von der ,, Affociation pour la fondation des Stations agricoles expérimentales en Belgique" 1872 gegründet. An der Spitze der Station fteht als Director der deutfche Chemiker Dr. Petermann. Die Regierung fteuerte zur erften Einrichtung einen Betrag von 20.000 Francs und für die laufenden Koften per Jahr 10.000 Francs bei. Das Gefammtbudget für das Jahr 1873 beläuft fich auf 31.533 Francs 29 Centimes. In Folge des erfreulichen Auffchwunges, den diefe Station fchon im erften Jahre ihres Beftehens, namentlich in Rückficht auf die Düngercontrole, genommen hat, wird beabfichtigt, in Flandern eine zweite Station zu gründen. Dem Referenten liegen fechs von der Verfuchsftation bisher publicirte Bulletins vor. Das erfte enthält den Tarif für die Honoraranalyfen, das zweite ein Expofé über die Controle der Handelsdünger, das dritte Refultate der in Folge der Düngercontrole durchgeführten Analyfen, das vierte die Analyfe eines englifchen Superphosphates und anderweitiger Dünger, dann von Rüben und eines Bodens von Brügge, das fünfte ein Expofé über die Phosphate der Phönixinfeln, fpanifche Phosphate und über eine neue Rübenkrankheit, das fechste endlich eine Erläuterung der Darftellung der Refultate der Controlsanalyfen, des Nobbe'fchen Keimapparates und Analyfen des Frägers- Guanos. Von den in der belgifchen Abtheilung ausgeftellten Lehrmitteln find befonders die chemifchen Apparate von L. Henry zu nennen. Schweden. Wer auf dem Weltausftellungsplatze das fchwediſche Schulhaus befucht hat, wird fich gewifs über die praktifche und forgfältige Durchführung diefer Abtheilung des öffentlichen Unterrichtes in Schweden aufrichtig gefreut haben. Die Fürforge für die Volksfchule fteht aber in diefem Lande nicht vereinzelt da, auch andere Fächer finden in dem nordifchen Reiche in allen Kreifen der Bevölkerung ernfte Pflege und Unterftützung. Ueber den landwirthfchaftlichen Unterricht gibt ein kleines gelegentlich der Weltausftellung edirtes Werkchen von dem beftändigen Secretär der königlichen Akademie des Ackerbaues von Schweden J. Arrhenius:" Expofé fuccinct des Institutions et des établiffements relatifs à l'agriculture en Suède", manchen intereffanten Auffchlufs. Sämmtliche auf den Ackerbau Bezug habenden Angelegenheiten reffortiren in Schweden den Minifterien des Innern, der Finanzen und der Culten. Man hat zwei Kategorien landwirthfchaftlicher Unterrichtsanftalten( Landtbruks- läroverken), höhere und niedere. Höhere Landes- Lehranstalten( Landtbruks- Inftituten) exiftiren zwei, die eine zu Ultuna( auf der Ausftellung vertreten durch eine Sammlung von Modellen zu landwirthschaftlichen Geräthen) im Gouver nement von Upfala und die zweite zu Alnarp im Gouvernement von Malmö. Ultuna, die ältere, wurde 1848, Alnarp 1862 eröffnet. Jede Anftalt ift verbunden mit einer Gutswirthschaft und unterfteht einem Curatorium, beftehend aus einem Präfidenten Landwirthfchaftliche Lehre und Forfchung. 47 und vier vom König ernannten Mitgliedern. Der theoretifche Unterricht umfafst: unorganifche, organifche, technifche und Agriculturchemie, Geologie und Mineralogie, Anatomie und Phyfiologie, Thierheilkunde, Forft- und Gartenwirthschaft Ackerbaulehre, Viehzuchtlehre, Milchwirthschaft, Baukunde, Betriebslehre, landwirthschaftliche Buchhaltung, Botanik, Zoologie, Phyfik und Rechtskunde. Die praktiſchen Uebungen find chemifch analytifche, Zeichen- Uebungen und Arbeiten auf dem Felde. Der Studienplan vertheilt fich auf zwei Jahre. In Ultuna find II Lehrer angeftellt. Der Curfus beginnt am I. November. Die Bedingungen für die Aufnahme find: ein Alter von wenigftens, 18 Jahren, Maturitätszeugnifs aus einer höheren Lehranftalt, Examen als Officier oder Examen beim Eintritt. An der Anftalt befteht ein Internat. Das Honorar für das erfte Jahr beträgt 750 Reichsthaler, für das zweite Jahr 600 Reichsthaler, wofür Wohnzimmer mit Pflege und Feuerung, Koft, Arzenei bei Krankheiten und der ganze Unterricht gegeben wird. Die Anzahl der Studenten ift in Ultuna 50, darunter vier Stipendiften. Die üblichen Sammlungen, Laboratorien etc. fehlen felbftverſtändlich nicht. Zuni Dominium von Ultuna gehören 600 Tonnen Acker, 200 Tonnen Wiefen, mit 50 Tonnen Weide, 200 Tonnen und 4 Frohnftellen mit zufammen 64 Tonnen. Die Oekonomie ift vertheilt in eine Hauptökonomie mit 256 Tonnen, welche ganz mit den Zöglingen und zwei Nebenwirthschaften, die durch Taglöhner beftellt werden. Das Dominium hat einen Viehftand von 40 Pferden, 100 Kühen, 3 Stieren, 50 Jungthieren, 150 Schafen und 10 bis 50 Schweinen. Der niederen Ackerbaufchulen( Landtbruks- Skolorna), deren Organiſation. 1863 gefetzlich feftgeftellt wurde, find 27 an Zahl, von denen 3 in Småland, 2 im Gouvernement Skaraborg, 2 im Gouvernement Elfsborg und eine in jedem der übrigen Gouvernements fich befinden. Mit den beiden höheren Lehranstalten zu Ultuna und Alnarp find gleichfalls Ackerbaufchulen verbunden. Die dirigirenden Commiffionen für die Ackerbaufchulen werden von den landwirthfchaftlichen Provinzialgefellſchaften oder durch die landwirthschaftlichen Affociationen, die die Anftalt gegründet haben, ernannt. Diefe Commiffion erwählt den Director. Der Unterricht wird von zwei Lehrern ertheilt und durch eine Anzahl Hilfslehrer und Unterweifer je nach Bedürfnifs. Der theoretifche Unterricht umfafst: Kalligraphie, Orthographie, Arithmetik, Zeichnen, Berechnung von Linien, Flächen und Körpern, Nivelliren und Aufnahme landwirthschaftlicher Pläne, die allgemeinen wiffenfchaftlichen Principien des Ackerbaues und der Viehzucht, die Elemente der Botanik und des Gartenbaues, Wagnerei und Schmiedekunft, die Accordarbeiten und die Taglöhnerarbeiten und landwirthfchaftliche Buchführung. Der praktifche Unterricht umfafst alle Arbeiten im Feld und Stall. Der Curfus beginnt am I. November jeden Jahres und ift ein zweijähriger. Der theoretifche Unterricht wird in wöchentlich fechs Stunden des Abends ertheilt. 24 Zöglinge erhalten Wohnung, Koft und Unterricht ohne Abgaben, 4 bezahlen für das erfte Jahr 150 und für das zweite Jahr 50 R.- Thlr. Die Bedingungen für die Aufnahme find: ein Alter von 22 Jahren, Tauglichkeit zum Arbeiten und Kenntnifs des Lefens, Schreibens und Rechnens. Die höheren und niederen landwirthfchaftlichen Lehranftalten find in das Budget mit jährlich 147.100 R.- Thlr.( 205.960 Francs) eingeftellt; aufserdem geben die landwirthfchaftlichen Gefellſchaften den Ackerbaufchulen noch Jahresfubventionen. An Specialfchulen befitzt Schweden zwei Molkereifchulen( Mejeriskolorna), die eine zu Ultuna und die zweite zu Bergquara in Småland. An jeder dieser Schulen erhalten fechs Staatspenfionäre Unterricht über alles, was auf Molkereiwefen und Kuhhaltung Bezug hat. Die Schulen beftehen feit 1856 und erhalten einen jährlichen Beitrag von 3000 R.- Thlr. In Ultuna wurden auch fechs weibliche Zöglinge unentgeltlich aufgenommen. Der Curfus befteht in Vorlefungen und Uebungen im Kuhftall und in der Meierei, beginnt mit 4 48 Dr. C. Theodor von Gohren. 1. November und dauert ein Jahr. Am Ende jedes Curfus wird ein öffentliches Examen gehalten und Zeugniffe ausgeftellt. Die landwirthschaftliche. Gefellſchaft von Oftgothland hat an der Provinzial- Ackerbaufchule zu Haddorp eine Molkereifchule für drei weibliche Eleven eingerichtet. Ausserdem find in verfchiedenen Theilen des Landes 13 Muftermeiereien( Laiteries modèles) errichtet, welche ausfchliefslich fich mit dem praktiſchen Unterrichte in dem Molkereiwefen befaffen und an welchen eine Anzahl Eleven auf Staatskoften unterwiefen werden. Diefer Unterricht, welcher zwei Jahre dauert, koftet dem Staate jährlich 3000 R.- Thlr.! Ferner tragen noch zur Belehrung der landwirthschaftlichen Bevölkerung 12 landwirthfchaftliche Ingenieure( Landtbruks Ingeniörene) bei, welche, vom Minifter des Innern ernannt, jährlich von dem Verwaltungscomité der Ackerbau- Akademie delegirt werden, um den Landwirthen bei Anlagen von Bewäfferungen, Bauten, Drainagen und allen landwirthfchaftlichen Ange. legenheiten behilflich zu fein. Zwei landwirthfchaftliche Wanderlehrer find beftimmt für die Belehrung über Viehzucht und Milchwirthschaft, einer für Schafzucht und Wollkunde. Für die Fifcherei ift ein befonderer Intendant ( Fiskeri- Intendenten) beftimmt, dem zwei Affiftenten beigegeben find und aufserdem noch ein Wanderlehrer. Den oben erwähnten landwirthschaftlichen Ingenieuren find Eleven beigegeben, die fich in den einzelnen Zweigen ausbilden follen. Das Inftitut der landwirthschaftlichen Ingenieure und Wanderlehrer koftet dem Staate jährlich 50.950 Thaler. Noch wäre zu erwähnen, dafs die königliche Landbau- Akademie ein Verfuchsfeld( Experimentalfält) und eine Verfuchsftation( Agriculturkemisk Förföksanftalt) befitzt. In mehr oder weniger Zufammenhang mit den landeswirthschaftlichen Belehrungsanftalten ftehen die 26 landwirthfchaftlichen Vereine Schwedens, die Generalcongreffe des Ackerbaues, die Provinzialräthe, die Gartenbaugefellfchaft, das königliche Bureau für Geologie, das Bureau für die landwirthschaftlichen und ökonomifchen Aufnahmen, die Direction für Brücken und Chauffeen, die Direction der Staatsforfte, die höhere Forft- Lehranstalt zu Stockholm, die höhere Thier- Arzneifchule zu Stockholm und die niedere Thier- Arzneifchule zu Skara. Niemand wird in Abrede ftellen können, dafs auch auf dem Gebiete des landwirthfchaftlichen Unterrichtes Schweden nichts unterlaffen hat, was die Intereffen des Landes zu fördern im Stande ift. Zu den weiteren als Lehrmittel hieher gehörigen Ausftellungsobjecten Schwedens übergehend, feien angeführt die von C. E. Bergftrand in Stockholm ausgeftellte Collection phosphorfäurehaltiger Gefteine nebft daraus bereiteten Producten, die Sammlungen von Fifchen in verfchiedenen Entwicklungsftadien von C. Freiherrn v. Cederftröm, v. Yhlen, A. W. Malm und Anderen und die Ausstellung des Muſeums zu Göteborg. Norwegen. Norwegens landwirthschaftliche Unterrichtsanftalten waren auf der Weltausftellung vertreten durch die landwirthfchaftliche Akademie zu Aas, welche Samen- und Getreideproben, eine norwegifche Egge und Jätemafchine ausgeftellt hatte. Die Sammlung von Samenforten verfchiedener Culturpflanzen hatte den Zweck, die Entwickelung derfelben unter 59 Grad 40 Fufs nördlicher Breite zu zeigen. Die königliche landwirthschaftliche Akademie oder Hochſchule Norwegens ,, Aas höiere Landbrugsfkole" in der Gemeinde Aas, 4% geographifche Meilen von Chriftiania gelegen, fing ihre Wirkfamkeit den 1. October 1859 mit 32 Studi renden an. Der Unterricht war bis zum Herbfte 1871 für alle Studirenden derfelbe Landwirth fcha ftliche Lehre und Forfchung. 49 und der Curfus zweijährig. Seit diefer Zeit ift der Unterricht in zwei Abtheilungen eine niedere und eine höhere getheilt. Der Unterricht in der niederen Abtheilung wird in zwei Jahren vollendet. Die Studirenden in diefer Abtheilung find zum Theilnehmen an allen landwirthschaftlichen Arbeiten verpflichtet. Die Vorträge werden nur in den Wintermonaten( October bis April) gehalten. Die Anzahl der Studirenden in diefer Abtheilung ist auf 20 Inländer als Maximum feftgeftellt. In der höheren Abtheilung ift der Unterricht nur einjährig und ausfchliefslich theoretifch, doch mit praktifchen Uebungen im chemifchen Laboratorium, Diffection und Waldcultur. Die in die niedere Abtheilung aufzunehmenden Schüler werden einer Prüfung in den gewöhnlichen Schulkenntniffen unterworfen, von deren Ausfall ihre Aufnahme abhängt. Der Eintritt in die höhere Abtheilung fteht dagegen Jedermann offen. Jeder Schüler in der niederen Abtheilung bezahlt jährlich 75 Thaler, jeder in der höheren Abtheilung 225 Thaler; fie geniefsen dafür Unterricht, Koft und Wohnung. Am Ende des Lehrcurfes jeder Abtheilung wird öffentliches Examen mit fchriftlichen und mündlichen Prüfungen gehalten. Die Akademie fteht unter Leitung eines Directors, welcher zugleich als theoretifcher Lehrer fungirt; aufserdem wird der Unterricht von vier Profefforen und drei Functionären beftritten. Als Lehrgegenftände werden vorgetragen: a) In der niederen Abtheilung: Die Muttersprache, die Elemente der Mathematik, allgemeiner Acker- und Pflanzenbau, Geräthekunde, allgemeine Thierzucht, Meiereibetrieb, unorganifche Chemie, kurze Ueberficht der organifchen Körper, Mineralogie und Geologie, Botanik, die Grundzüge des Waldbaues. Die Schüler erhalten zugleich praktifchen Unterricht in der qualitativen chemifchen Analyfe, im Zeichnen landwirthschaftlicher Geräthe, im Feldmeffen und Nivelliren, im Gartenbau und in der Waldcultur; aufserdem werden botanifche Excurfionen vorgenommen. b) An der höheren Abtheilung: Bodenkunde, Gefchichte der Landwirthschaft, Düngerlehre, Betriebslehre, Anatomie, Phyfiologie, Zoologie, Thierheilkunde, Phyfik, organifche Chemie, allgemeine Agriculturchemie, Pflanzenphyfiologie, Pflanzengeographie, Forftbotanik, Forftwirthfchafts- Lehre, Infectenlehre. Zum Gebrauche der Schüler hat die Akademie eine Bibliothek und verfchiedene Sammlungen. Der Akademie gehört eine Wirthfchaft, welche für Rechnung des Staates betrieben wird; fieumfafst ein Areal von circa 440 preufsifchen Morgen Ackerland; 80 Morgen Garten, Park, Pflanzfchule und Experimentalfeld, 680 Morgen Wald, Beim Gute werden 60 Milchkühe, 20 bis 30 Stück Jungvieh und Weide etc. 14 Pferde gehalten. Die Milch wird in der Meierei unter Anwendung der feit 1867 eingeführten und jetzt von hier aus faft in allen norwegifchen Meiereien verbreiteten Kaltwaffer Methode zu Butter und Käfe verarbeitet. Von der Pflanzfchule wird jährlich eine grofse Anzahl Obftbäume, Parkbäume und Zierfträucher verkauft. Weiter gehören dem Gute Werkstätten für Fabrication der gewöhnlichften Ackergeräthe und eine Drainröhren- Fabrik. Wer fich fpecieller für die Einrichtungen diefer Akademie intereffirt, den verweifen wir auf die von dem Director F. A. Dahl verfafste Brochure:„ Befkrivelfe over Aas höiere Landbrugsfkole, Chriftiania." Von den als naturwiffenfchaftliche Lehrmittel geeigneten Ausftellungsobjecten in der norwegifchen Abtheilung feien genannt: die Sammlungen norwegifcher Fifche und die Entwickelung des Dorfches und Härings von dem Muſeum in Bergen, die Sammlung von Ackerbau- Geräthen von der königlichen Domäne Ladegardföen, der Fifchguano der norwegifchen Fifchguano Gefellfchaft, die vom 4* 50 Dr. C. Theodor von Gohren. norwegifchen Jäger- und Fifcherverein ausgeftellte Jagdfauna, endlich die Klimatologie Norwegens von H. Mohn in 16 Blättern und die Bücher, Karten und Pläne des Dr. Schübeler in Chriftiania. Rufsland. Von den ruffifchen landwirthfchaftlichen Unterrichtsanftalten vertreten die Goretzkifche landwirthfchaftliche Lehranftalt im Gouvernement Mohilew mit Korn, Grasfamen und Schafvlifsen; defsgleichen die Marienfchule für Landwirthschaft bei Sfaratow; die Befsarabifche Gartenbau- Schule zu Kifchinew mit Wolle, Tabak, Reben, Herbarium, Plan und Befchreibung des Gartens, dendrologifche Sammlung verfchiedener Baumarten und Modelle; die Umann'fche Gartenbau- Schule im Gouvernement Kiew mit Cocons und die landwirthfchaftliche Verfuchsfchule in Kafan mit Körnerfrüchten und Leguminofen. Von den höheren landwirthfchaftlichen Lehranftalten lagen feitens der land- und forftwirthfchaftlichen Akademie zu Pétrowskoié bei Moskau eine Reihe von Tabellen über Bodenanalyfen, ausgeführt von den Herren Fadeieff, Griorieff, Petroff und Sabanaieff, vor. Die höheren landwirthschaftlichen Lehranstalten zu Petersburg und zu Neu- Alexandria bei Warfchau waren nicht vertreten. Nicht ohne Intereffe war die Ausftellung A. Yermoloff's( chemifcher Dünger, Plan eines Verfuchsfeldes) und einige Brochuren, unter Anderem Notizen über die chemifche Zufammenfetzung der Tfchernozem von Ilyenkow, fowie die Unterfuchungen über die Lagerungsverhältniffe der foffilen Kalkphosphate von A. S. Yermoloff. Es ift bedauerlich, dafs über die ruffifchen landwirthfchaftlichen Unterrichtsanftalten fo wenig in die Oeffentlichkeit dringt, denn was man hie und da erfährt, zeigt von einem ungemein rührigen Streben auf diefem Gebiete. Wie entfchieden man vorgeht, beweift, dafs die Aufnahme in die höheren landwirthfchaftlichen Lehranstalten nur jenen geftattet wird, welche eine Maturitätsprüfung abgelegt haben. Der Curfus ift ein vierjähriger und foll in einen fechsjährigen umgewandelt werden. Mittlere landwirthfchaftliche Lehranstalten beftehen in Gorki, Charkow und Moskau. Sehr gut eingerichtet und ausgeftattet find die landwirthschaftlichen Mufeen in Petersburg und Moskau. Griechenland. Ueber die Beftrebungen auf dem Gebiete des landwirthfchaftlichen Unterrichtes in Griechenland mögen nachftehende Notizen ein kleines Bild geben. Im Jahre 1846 wurde zu Tirynthos( in der Provinz Nauplia auf dem Peloponnes) eine theoretifch- praktifche Ackerbau- Schule gegründet, zu deren Inslebenrufen fchon 1829 Schritte gethan worden waren. Diefe Ackerbau- Schule unterftand der Regierung und auch die Eleven wurden von der Regierung unterhalten. Hinderniffe verfchiedener Art, Geldmangel, Vorurtheile etc. waren die Urfache, dafs man feit 1865 den theoretifchen Unterricht ganz bei Seite liefs und lediglich praktiſche Zwecke verfolgte. Die Wirthschaft, mit der ein Geftüte verbunden wurde, umfafst 1300 Hektaren des beften Bodens. Aufserdem wurden 1835 in Athen ein botanifcher Garten und eine Baumfchule errichtet, welche letztere dem Lande fehr grofse Dienfte geleiftet hat und auch auf der Weltausftellung durch verfchiedene Obftbäume, Zierpflanzen und namentlich durch Proben der Ramée und lebenden Pflanzen derfelben, fowie in den Jahren 1871 und 1872 angebauten Havanah- und ManillaTabak vertreten war. Botanik. Der botanifche Garten dient mehr dem höheren Unterrichte über Landwirthschaftliche Lehre und Forschung. 51 In diefem Jahre ift in Griechenland eine Gefellſchaft für die Pflege der Landwirthschaft ins Leben getreten, welche die Verpflichtung übernommen hat, im Lande einige landwirthfchaftliche Mufteranſtalten zu errichten. Rumänien. Für den theoretifchen und praktifchen landwirthfchaftlichen Unterricht befteht bei Bukareft zu Fereftreon eine land- und forftwirth fchaftliche Centralfchule. Vorgetragen wird von fünf Profefforen: Ackerbau, Waldbau, Botanik, Viehzucht, Chemie, Phyfik, Geologie, Mechanik, landwirthschaftliche Betriebslehre und Comptabilität Die Eleven werden in einem Alter von 17 Jahren aufgenommen und müffen mindeftens die Vorkenntniffe, wie fie die Unterrealfchule bietet, befitzen. Die Studien dauern drei Jahre; beim Austritte erhalten jene, welche gute Erfolge zeigen, ein Diplom. Bis jetzt find aus diefer Schule mehr als 250 Eleven hervorgegangen, jedes Jahr etwa 18 bis 25. Mit der Anftalt ift eine Werkstatt zur Conftruction landwirthfchaftlicher Geräthe und Mafchinen verbunden, in welcher 30 junge Leute während fünf Jahren die Fabrication der Mafchinen erlernen. Der Unterricht ift ein rein praktiſcher. Die Centralfchule befitzt eine Wirthfchaft von 250 Hektaren, ausgedehnte Obftgärten und Weinanlagen und alle fonftigen Erforderniffe für einen erfolgreichen praktifchen Unterricht. Täglich müffen die Eleven drei Stunden auf dem Felde arbeiten, aufserdem werden die üblichen Demonftrationen und Uebungen in den Laboratorien abgehalten. Der gegenwärtige Director iſt ein früherer Schüler von Grignon, Herr P. S. Aureliano. Vertreten war die Centralfchule auf der Weltausftellung mit Getreide, Mais, Bohnen und Mohn. Brafilien. Das Imperial Inftituto I. Fiumenfe de agricultura in Rio de Janeiro hatte Seidencocons ausgeftellt. " Alles in Allem kann nur wiederholt werden, was fchon einleitend bemerkt wurde: Wenn auch fchon viel auf dem Gebiete des landwirthfchaftlichen Unterrichtes und der landwirthfchaftlichen Forfchung gefchehen ift, unendlich mehr bleibt noch zu thun übrig. Möge keine Nation in dem Beftreben, landwirthschaftliches Wiffen zu fördern und zu verbreiten, zurückbleiben; mögen alle eingedenk fein der ernften Mahnung Humboldt's: ,, Der oberflächlichfte Blick auf den Zuftand des heutigen Europas lehrt, dafs bei ungleichem Wettkampfe oder dauernder Zögerung nothwendig partielle Verminderung und endlich Vernichtung des Natio nalreichthums eintreten müffe; denn in dem Lebensgefchick der Staaten ist es, wie in der Natur, für die, nach dem finnvollen Ausfpruche Goethe's es im Bewe gen und Werden kein Bleiben" gibt und die ihren Fluch gehängt hat an das Stilleftehen. Nur ernfte Belebung chemifcher, mathematifcher und naturhiftorifcher Studien wird einem von diefer Seite einbrechenden Uebel entgegentreten. Der Menfch kann auf die Natur nicht einwirken, fich keine ihrer Kräfte aneignen, wenn er nicht die Naturgefetze nach Mafs- und Zahlverhältniffen kennt. Auch hier liegt die Macht in der volksthümlichen Intelligenz. Sie fteigt und finkt mit diefer. Wiffen und Erkennen, find die Freude und die Berechtigung der Menfchheit; fie find Theile des Nationalreichthums, oft ein Erfatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Mafse ausgetheilt hat. Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen induftriellen Thätigkeit in Anwendung der Mechanik und technifchen Chemie, in forgfältiger Auswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückftehen, bei denen die Achtung einer folcher Thätigkeit nicht alle Claffen durchdringt, werden unausbleiblich von ihrem Wohlftande herabfinken. Sie werden es umfomehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wiffenfchaft und induftrielle Künfte in regem Wechfelverkehre mit einander ftehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts fchreiten." OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH, RICHTER, к. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG ANLAGE, EINRICHTUNG UND LEHRMITTEL DER VOLKS- UND MITTELSCHULE. ( Gruppe XXVI, Section 2 und 3.) BERICHT VON ERASMUS SCHWAB, DR. R. PERKMANN, DR. POKORNY, PROF. KNIRR. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE VOLKS- UND MITTELSCHULE. ( Gruppe XXVI, Section 2 und 3.) SCHULBAUTEN UND EINRICHTUNGEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von PROF. DR. ERASMUS SCHWAB, Director des Mariahilfer Communal- Real- und Obergymnafiums in Wien. Die Volksfchule ift der Granitunterbau des freien Staates. Es war eine hochbedeutfame Thatfache, dafs von den drei Hauptftämmen der europäifchen Menfchheit, den Romanen, Germanen und Slaven, in der Weltausftellung die Romanen nur mit einem felbftſtändigen Volksfchulhaufe vertreten waren, die Slaven gar nicht, die europäiſchen Germanen durch zwei Schulhäufer, ausgeftellt von Schweden und aus, wenngleich nicht von Oefterreich. Von den übrigen, die weite Erde umwohnenden Völkern waren nur noch die Amerikaner in den Wettkampf eingetreten, und zwar war es gleichfalls die germanifche Raffe, welche mit einer eigenthümlich geftalteten Volksfchule hervorzutreten vermochte. Die Schweizer hatten zwar kein eigenes Schulhaus ausgeftellt, aber doch wenigftens ihr Volksfchalwefen in dem oberen Stockwerke eines in gefälligem Schweizer Stile gehaltenen Häuschens zufammengedrängt, fo dafs, der Befucher in der Lage war, fich, abgefondert von der drängenden Menge, ungeftört dem erfreulichen Eindrucke der Mittel einer fehr entwickelten Volkserziehung zu überlaffen, und das knappe, mit richtiger Auswahl entworfene Bild als ein Ganzes in fich aufzunehmen. Auch von den Schätzen des Unterrichtes in den Schweizer Thälern gebührte der Löwenantheil den deutfchen Cantonen. Das deutfche Reich end. lich hatte einen Unterrichtspavillon aufgerichtet, welcher geftattete, wenn auch nicht erfchöpfende, fo doch tiefe Blicke in die geiftige Werkstatt jenes Landes zu thun, welches- wenigftens bis zur Wiener Weltausstellung als das Land der Schulen" gepriefen wurde. Zuerft war das fchwediſche Schulhaus vollendet, darauf das amerikaniſche, fodann das öfterreichifche, zuletzt das portugiefifche. So möge denn auch die Befprechung der einzelnen Objecte in diefer Reihenfolge ihren Platz finden. - Die Schulhäufer in der Weltausstellung. Das fchwedifche Schulhaus. " In der Nähe des Pavillons der Jury prangte das fchwediſche Schulhaus, eines der reizendften Gebilde der Holzarchitektur in der Ausstellung. In das I 2 Dr Erasmus Schwab. ebenerdige, mit Schiefer gedeckte Haus führte ein Vorbau, und zwar in das Vorzimmer, aus welchem man links in das Schulzimmer, rechts in die übrigen Räume des Haufes gelangte. Der befuchtefte Theil des Objectes, zugleich der Glanzpunkt desfelben war das Schulzimmer, eine grofse Halle, welche für nur 40 Kinder eingerichtet, nicht blos durch ihre Ausdehnung in Höhe, Breite und Länge, alfo durch ihre Luftigkeit und Behaglichkeit den Befucher gefangen nahm, fondern auch durch ihre Freundlichkeit und durch die Nettigkeit und Zweckmässigkeit der Einrichtung, welche durchwegs hell polirt war. Das Licht fiel durch mächtige Fenfter zur Linken und von rückwärts in Maffen ein. Was auf und hinter dem Podium fich befand, ift ungefähr das, was in einer fchönen Schule Oefterreichs oder Deutfchlands auch gefunden wird, nur eleganter, fo dafs man beiſpielsweife Sitz und Pult des Lehrers anderswo in Wirklichkeit nicht fo luxuriös herrichten würde. Auffallend waren auf dem Podium ein äufserft netter Kaften zum Unterrichte in der Naturlehre, neben dem Orgelharmonium ein Pfalmodikon( einfaitiges Inftrument) zur Begleitung des Gefanges, die Schuluhr über dem Sitze des Lehrers und dort, wo in der öfterreichifchen Mufterfchule das Bild des Kaifers hing, das Reichswappen und eine Gruppe von Regentenbildern Schwedens. Die im Schulzimmer aufgeftellten Kaften für Lehrmittel waren, wie in der öfterreichifchen Schule, verglaft; die Objecte felbft, wo es nothwendig war, in Gläfern aufbewahrt, alfo von allen Seiten fichtbar. Die phyſikaliſche Sammlung beftand aus lauter fchönen Inftrumenten. Naturgefchichtliche Abbildungen waren in folcher Menge vorhanden, dafs man erkennen mufste, die fchwediſche Schule lege, zu ihrem Heile, ein Schwergewicht auf diefen Unterricht. Die Bilder bezogen fich, was gleichfalls Schweden zur gröfsten Ehre gereicht, weitaus auf die einheimifche Natur und hatten den weiteren Vorzug, dafs auf jedem einzelnen Blatte nicht ein zerftreuendes Sammelfurium von Abbildungen enthalten war, fondern zunächft Ein Naturgegenftand, und diefer im grofsen Mafsftabe; ringsum, allenfalls in kleinerem Mafsftabe, die übrigen typifchen Repräfentanten der Art. Auch das Herbar war in fachlicher, technifcher und äfthetifcher Hinficht mufterhaft. Mit fo berechneter Einfachheit und Sparfamkeit in der öfterreichischen Mufterfchule und in dem Schweizer Unterrichtspavillon das naturgefchichtliche Materiale untergebracht war, in fo glänzender Schale hatte Schweden diefe Sammlungen ausgeftellt. Die geographifchen Lehrmittel gehörten unftreitig zu dem Beften und Reichhaltigften, was die Schule hierin vorzuführen vermochte. In diefem Lande, wo wegen der Einheit des Volkes und der geographifchen Verhältniffe Heimat und Vaterland zufammenfallen, ift für die Heimatskunde durch Kartenwerke aller Art( für politifche, phyfikalifche Geographie, für Ethnographie) und fpeciell durch Schulkarten in einer Weife geforgt, die man beneiden möchte, weil fie eben nur durch das Zufammentreffen fo vieler günftiger Umstände ermög licht wird, und das Erziehen eines ausgeprägten Nationalcharakters mächtig befördert. Der Rechenapparate waren viele und durchwegs gute vorhanden; doch ftehen die Lehrmittel der deutfchen Schule an innerem Werthe den von Schweden ausgeftellten wohl gleich. Höchft auffallend waren für Jene, die Jugendwehren und verwandte Inftitute nur in der Schweiz fuchen, die kleinen Gewehre für die Schüler. Wenn auch die militärifchen Uebungen in Schweden doch eigentlich erft für die Schüler der Mittelfchulen beftehen, fo find die Anfänge dafür allerdings bereits in der Volksfchule da. Begehrt auch die deutfche Pädagogik für die Schuljugend harmonifche Ausbildung des ganzen Leibes, fo ift doch andererfeits nicht zu überfehen, dafs man in Schweden vortrefflich verfteht, den Körper der Mädchen auszuturnen, und dafs das Militärturnen der Knaben immerhin einen beachtenswerthen Erfatz für das in anderen Ländern betriebene Schulturnen bieten will. Uebrigens hatte Schweden für das Turnen Modelle, Pläne und Schriften ausgeftellt. Einen hochachtbaren Theil des fchwedifchen Schulhaufes bildete die fchöne Schulbauten und Einrichtungen. 3 und reichhaltige Volksbibliothek, welche der Lehrer verwaltet. In Oefterreich werden folche Bildungsmittel des Volkes erft feit einer Verordnung des Unter richtsminifters von 1871 mit Schulen, und zwar nur da und dort in Verbindung gebracht. In Schweden wurden diefelben vor fünfzehn Jahren ins Leben gerufen und haben rafch in allen Theilen des Landes Eingang gefunden; es ift das eben nur möglich in einem Lande, das mit Stolz fagen kann, felbft von feinen Verbrechern feien nur drei Percent des Lefens und Schreibens nicht kundig. Schweden hat übrigens, was entfchieden nachahmenswerth ift, den Gemeinden vor vier Jahren Kataloge für ihre Bibliotheken empfohlen. Wer je auf diefem Gebiete fich umgefehen hat, wird wiffen, dafs fchablonenartig abgefafste Kataloge für Volksbibliotheken in Deutfchland und der Schweiz und in Oefterreich bisher an der Thatfache fcheiterten, dafs der Bildungszuftand der verfchiedenen Gegenden, Schweden ja fogar Gemeinden gegenwärtig noch ein zu verfchiedener ift. aber hat bereits eine verhältnifsmäfsig gleichförmige Maffenbildung erzielt, was ihm erleichtert wurde, abgefehen von der bis zu dem Träger der Krone hinauf reichenden Sorgfalt der Staatsgewalt, dadurch, dafs fich hier nicht Nationalitäten und Glaubensbekenntniffe feindlich gegenüber ftehen, dafs das ernfte und praktifche Volk den Werth der Schulbildung erkennen gelernt hat, deren es zum Kampfe um das Dafein, und zur Verfchönerung des Lebens gar nicht entrathen kann, dafs kein Feudaladel da war, welcher das Selbftbewufstfein der freien Bauernfchaft zu brechen vermochte, und, zu keinem geringeren Theile, dafs- im Gegenfatze zu den einft von Jefuiten beherrfchten Ländern- keine Priefterfchaft vorhanden war, welche die geiftige Entwicklung des Volkes principiell niederhielt. Wohl befitzt die„ Kirche" heute noch gefetzlich grofsen Einfluss auf das Schulwefen; doch hat der fchwedifche Clerus gemäfsigte Anfchauungen geht er doch redlich feiner Verpflichtung zur Förderung der Volksbibliotheken nach!- und kann der Religionsunterricht nie einen culturfeindlichen Charakter annehmen, weil er in weltlichen Händen, in jenen des Lehrers ift. - Höchft intereffant ift, dafs zwar bei dem Schulhaufe kein Schulgarten angelegt war, dafür aber eine Anzahl Pläne von Schulgärten auflag. Keiner konnte fich allerdings mit jenem Schulgarten vergleichen, welchen das Comité der öfterreichifchen Schulfreunde bei der öfterreichifchen Mufterfchule ausftellte; jedoch waren fchon im Jahre 1871 von den 7528 Schulen Schwedens mehr als 2000 mit ähnlichen Lehrmitteln verfehen. Schweden hat in diefer Richtung nur darum manche fchmerzliche Erfahrung gemacht, weil feine Lehrer in den Pädagogien für diefen Theil ihrer Thätigkeit nicht gehörig vorgebildet werden. In Schweden überwiegt die Anzahl jener Schulen, welche wir, ein claffig" nennen, das heifst, in welchen nur Ein Lehrer unterrichtet, fo fehr, dafs die Zahl der Volksfchulen im Lande nur um Weniges von der Zahl der Lehrer übertroffen wird. Deffenungeachtet darf man ja nicht glauben, dafs das überaus zweckmäfsig und glänzend eingerichtete Schulhaus in der Ausftellung etwa das Bild einer gewöhnlichen fchwedifchen Landfchule war. Die Schulen Schwedens find theils ,, kleine Schulen", welche unferen Elementarclaffen der Volksfchule entſprechen, ( im Jahre 1871 beftanden deren 2676), theils eigentliche Volksfchulen, von denen noch vor drei Jahren 1164 blofse Wanderfchulen waren, theils" höhere" Volks. fchulen, deren Zahl verfchwindend klein ift. Es liegt auf der Hand, dafs weder die Kleinfchulen, noch die Wanderfchulen auch nur annäherungsweife fo eingerichtet fein können, als das blendende Ausstellungsobject im Prater war. So find namentlich die phyfikalifchen Sammlungen, welche das Auge fo beftachen, bisher nur Eigenthum weniger Schulen. Die Zeichnungen, welche ausgeftellt waren, find auch nicht als Arbeiten gewöhnlicher Volksfchulen aufzufaffen, da in diefen das Freihandzeichnen noch einen untergeordneten Platz einnimmt. Auch machten Fachmänner bezüglich des Lehrganges und der Methode Bedenken geltend, welche zeigten, dafs der Zeichenunterricht in Schweden, das ja noch keine felbftftändige Kunftinduftrie hat, der Reform bedarf, gerade fo wie anderswo. Das 4 Dr. Erasmus Schwab. Urtheil vieler Befucher des fchwedifchen Schulhaufes wurde unftreitig dadurch irre geführt, dafs die Ausftellung nicht die Scheidung deffen darbot, was Stadt-, was Landfchule ift, was niedere und was höhere Schule. Blickt man nochmals auf das Schulhaus als bauliches Object zurück, fo mufs zunächft bemerkt werden, dafs diefes Object nach einem jener Pläne gearbeitet war, welche die Regierung in weifer Fürforge für Schulbauten und Schulhygiene veröffentlichen läfst. Doch baut Schweden, trotz feines Reichthumes an dem fchönften Holze, feine Schulen gern aus Granit, da es ja den prächtigſten Stein in koloffaler Fülle befitzt. Zu einem wirklichen Schulzimmer fehlten der grofsen Halle im Schulhaufe Vorkehrungen zur Regulirung des Lichtes, fehlte die Ventilation und jede Andeutung über die Art der Beheizung. Alle diefe Dinge fchienen vielleicht nicht nöthig, da ja fchon das Zimmer in Wirklichkeit kein Schulzimmer fein könnte, weil es fich nicht heizen liefse( das Dach war die Decke des Schulzimmers).( Als ein intereffantes Desinfectionsmittel ftanden im Schulzimmer einige Blechbüchfen, gefüllt mit Birkentheer, welche den würzigften Duft aushauchten.) Wie in Schweden die Abortfrage gelöft wird, war gleichfalls nicht angedeutet. Noch müffen aus dem fchwedifchen Schulhaufe zwei Specialitäten hervorgehoben werden- die weiblichen Handarbeiten und die Arbeiten der nicht vollfinnigen Jugend. Die Wahl, der Stufengang, die Behandlung der weiblichen Arbeiten, welche oft in einfamen Dörfern und Gehöften von Wanderlehrerinen gelehrt werden, verdienen alles Lob und wurden, was eigentliche Kunftarbeiten betrifft, nur von den Arbeiten der dänifchen Schulmädchen übertroffen. Schon aus diefer einen Probe liefs fich entnehmen, welche liebevolle und verftändige Sorgfalt in Schweden auf die Bildung des weiblichen Gefchlechtes verwendet wird, dem die Wege zur höchften Ausbildung und zu ehrenhafter Selbftftändigkeit geebnet find. Es ift hier nicht der Ort, diefe Bildungsanftalten zu befprechen; aber mit Achtung mufs anerkannt werden, dafs fich Schweden eine glückliche Zukunft einzig fchon durch die gewiffenhafte Erziehung feiner Mädchen, der künftigen Mütter des fchwedifchen Volkes, fichert. Die Arbeiten der nicht vollfinnigen Kinder find fo correct und gefchmackvoll ausgeführt, dafs Schul- Werkstätten( in Verbindung mit der Volksfchule gedacht) an ihnen die beften Vorlagen für verfchiedene Arten der für Schulkinder paffenden Thätigkeiten fänden. Beide genannte Specialitäten erfüllten den Bodenraum des Schulhaufes, welchen man fich im Sommer als Wohnung des Lehrers denken mag; der dem Schulzimmer benachbarte Theil des Haufes umfchlofs die Ausstellung folcher Lehranstalten, welche den Kreis der Volksfchule überragen, und kann fomit in diefen Studien keinen Platz finden. Was fich als bleibendes Ergebnifs wiederholter Befichtigung des fchwedifchen Schulhaufes ergibt, ift, dafs Schweden allerdings von vornherein die Abficht fefthielt, mit feiner Unterrichtsausftellung zu glänzen, und es berührt ganz eigenthümlich, dafs Schweden die Schwäche hatte, alle möglichen Dinge fich prämiiren zu laffen. Bei all' dem aber ift, obfchon Schweden noch nicht den Höhepunkt in feinem Volksfchulwefen erreicht hat, anzuerkennen, dafs fchon jetzt das von Schweden Erreichte mit Achtung und Sympathie begrüfst werden mufs und die Gewähr einer glücklichen Zukunft in fich fchliefst. Das Unterrichtsbudget für Volksfchulen von 3,777.000 Reichsthalern( ein Thaler ift ungefähr gleich 60 Kreuzer öfterr. Währ. oder 12 Grofchen) bei einer Bevölkerung von nur 4,200.000 Köpfen verdient alle Anerkennung. Der Staat, der auch bei der Einrichtung armen Gemeinden beifpringt, ift dabei mit 1,800.000 Thalern betheiligt. * Im Jahre 1871 hatte Schweden bereits 2800 Lehrerinen an feinen Volksfchulen, allerdings meift an den Kleinfchulen. Diefs ift, nebenbei bemerkt, ein Fingerzeig für andere Staaten als auf eines der Mittel nämlich, wie man dem wachfenden Mangel an Lehrern abhilft. Schulbauten und Einrichtungen. 5 Schweden felbft weifs aber am beften, welchen Fortfchritt es durch die für die Hebung der Volksfchule feit 30 Jahren( 1842) gebrachten Opfer auf geiftigem und fittlichem, politifchem und materiellem Gebiete errungen hat. Das amerikanifche Schulhaus. Nahe dem Weftportale des Ausftellungsraumes, in äufserft günftiger Lage, ftand das„, amerikaniſche Landſchulhaus", ein ebenerdiger Holzbau, mit grauer Oelfarbe angeftrichen und mit Dachpappe gedeckt. Das Gebäude war aber nichts weniger als ein Schulhaus, fondern ftellte zunächft nur ein Schulzimmer dar, in welchem am meiften die für europäiſche Vorftellungen grofsen Raumverhältniffe wohlthätig auffielen. An einander entgegengefetzten Seiten des Haufes traten die Knaben und Mädchen zuerft durch kleine Vorzimmer, zum Ablegen der Kleider beftimmt, jedoch nicht als eigentliche ,, Garderoben" eingerichtet, in das Schulzimmer, deffen Wände einige Schuh hoch mit hölzerner Lambris verkleidet, höher hinauf fogar tapezirt waren. Das ungemein hohe luftige Zimmer erhielt fein Licht durch fechs fchmale und hohe Fenfter, deren zwei weit auseinander ftehend in der Rückenwand, je zwei andere an den Seitenwänden fich befanden. Die Fenfter waren, wie in den meiften amerikanifchen Schulen, einfache, guilottinenartige Schieberfenfter ohne Flügel; Winterfenfter mangelten. Meifterhaft gearbeitet waren die aus beliebigen, wohlfeilen Stoffen herzuftellenden Vorhänge, welche fich nach allen Richtungen verfchieben, ausftrecken und zufammenrollen liefsen, fo dafs das Tageslicht vortrefflich regulirt wurde eine Vorrichtung, die namentlich für den Zeichenunterricht vom höchften Werthe ift. Allerdings war dabei nicht zu überfehen, dafs diefe meifterhafte Einrichtung durch das viele Rollen- und Schraubenwerk fehr theuer wird, ferner dafs das Einfallen des Lichtes von drei Seiten für die rechts fitzenden Schüler eine ganz falfche Beleuchtung zur Folge hat, was fich wohl nur durch den Kampf gegen ein fehr nebliges Klima, nicht aber durch die Gröfse eines Lehrzimmers entfchuldigen läfst. Den Wechfel der Luft beforgten in der Wand angebrachte, einander gegenüber liegende Ventile in der bereits landläufig gewordenen Weife. Ausserdem waren bei den Fenftern mehrere kleinere Apparate aus theilweife fiebartig durchlöchertem Eifenblech angebracht, einer davon mit einem verfchliefsbaren Hahn verfehen, Vorrichtungen die auch bei uns im Handel zu haben find, über deren etwaiges Ausreichen zu Schulzwecken man fich aber kein Urtheil bilden konnte. Etwas Neues war übrigens hier fo wenig zu fehen, wie an der blos markirten Heizvorrichtung. Gewählt war die Luftheizung, als welche man fich jedenfalls eine beffere denken mufs, als jene, die in genug europäiſchen Schulen eingeführt ift und den Lehrern an den betreffenden Anftalten zu einer Reihe von herben Klagen mancher Art Veranlaffung gibt. - Am ftärksten wurde die Aufmerkſamkeit der Befucher durch die Subfellien gefeffelt. Der mächtige Raum des„ Schulzimmers" enthielt nur in fünf Längsreihen je acht einfitzige Stühle, war alfo für die Zahl von 40 Schulkindern berechnet, welche Zahl allerdings als ideales Maximum jedem Schulmanne vorfchwebt. Von den in europäiſchen Schulen gewöhnlichen Einrichtungsftücken wurden die Kaften für Lehr- und Lernmittel ganz vermifst. Einen Erfatz dafür bot ein kleiner Raum in der Mauer hinter dem Sitze des Lehrers, durch eine Tapetenthür verborgen, der fich zunächft für den Gebrauch des Lehrers eignete. Erklärt wird der Mangel eines Kaftens für Lehrmittel dadurch, dafs Amerika unfere Anfchauungsmittel und was fonft zum Inventar des kleinen Claffenmufeums gehört, in feinen Schulen nicht kennt. Eine Schultafel war nicht vorhanden; wohl aber war rückwärts, hinter den Schulkindern eine fchwarze Leinwand aufgefpannt, auf der fich mit Kreide fchreiben liefs. Dagegen befand fich im Schulzimmer ein kleiner Kaften mit Fächern zum Einftellen der Schiefertafeln der Kinder, durch 6 Dr. Erasmus Schwab. welche Vorkehrung das Nachhaufetragen diefer Lernmittel entfällt eine Neuerung, welche auch in den Unterrichtsabtheilungen europäiſcher Staaten zu fehen war, während Schweden fehr gefchickt die Schulbank felbft zur Aufbewahrung diefer Tafeln benutzte. Der Schreibtifch des Lehrers war mit folchem Luxus ausgeftattet, dafs es auf dem europäiſchen Continente unmöglich wäre, derlei Stücke im Ernfte für Schulen zu empfehlen. Eine in diefer nüchternen Umgebung erfreuliche Ueberrafchung war in der Nähe des Schreibtifches ein fchönes Harmonium, das übrigens, wunderlich genug, fo aufgeftellt war, dafs der Lehrer den Schülern den Rücken kehrte. Die Sitze für den Lehrer waren ganz praktifch. Die weitere Einrichtung des Schulzimmers beftand in einem unhübfchen, ordinären Geftelle zum Aufhängen der Notentafel, einem Tifche mit zerlegbaren geometrifchen Körpern*, einem anderen mit Photographien von Schulhäufern und mit Schulfchriften und einem fehr grofsen Globus auf einem Stativ. Die Lehrmittel beftanden in- Abbildungen, welche an der Wand hingen, in nichts weiter! Das Schwergewicht war auf den geographifchen Unterricht gelegt. Sehr grofse, übrigens nicht fehlerfreie Landkarten ftellten nicht blos Amerika, fondern auch alle übrigen Erdtheile in einzelnen Blättern vor. Dem Auge des Schulmannes war fofort klar, dafs man diefes grofse geographifche Material in keiner europäifchen Landfchule auch nur im Groben bewältigen könnte, und dafs, wenn ein Handelsvolk Gründe hat, den erdkundlichen Unterricht in der Volksfchule fo überwuchern zu laffen, alle Kenntniffe in den fonftigen Realien nahezu ganz ausfallen müffen. In der That waren für Naturgefchichte nur einzelne Blätter fehr zweckmässig, da fie blos einen typifchen Repräfentanten in gröfserer Zeichnung enthielten, und ringsum andere Vertreter der betreffenden Art in kleinerem Maſsſtabe; die meiſten Tafeln aber waren wegen der Kleinheit und Maffenhaftigkeit des zufammengefchoppten Materiales ganz verwerflich und dürften fich in Schulen Europas nicht fehen laffen. Naturgefchichtliche Sammlungen, irgend welche Lehrmittel für den phyfikalifchen Unterricht, Lehrmittel zur Veranfchaulichung des Stoffes guter Lefebücher, Modelle für den Zeichenunterricht, dann Volks-, Lehrer- und Schülerbibliothek fehlten gänzlich! Dagegen machte fich ein Abrifs der politifchen Verhältniffe des grofsen Staatenbundes bemerklich. An Lehrmitteln waren Lefe- und Rechenapparate, Schreibhefte, Schreibtafeln, deren Ränder eine Menge Material zum Schreiben, Rechnen und elementaren Zeichen als einfchiebbare Vorlage enthielten, vorhanden, endlich eine Anzahl Bücher. Das Schulhaus enthielt aufser dem Schulzimmer und den beiden kleinen Vorftübchen nichts weiter als ein Zimmer zum Gebrauche der Ausftellungscommiffion, alfo wohl die Amtsftube des Lehrers. Was die Neugier fo vieler Europäer erregt hätte, die Wohnung des Lehrers, war nicht im Haufe untergebracht. In amerikaniſchen Stadtfchulen darf der Lehrer nicht im Schulhaufe wohnen; nur der Schuldiener hat eine Wohnung im Erdgefchoffe. Dafs die Luft im Schulhaufe durch diefen Vorgang leichter rein erhalten bleiben kann, läfst fich nicht leugnen. Leider befanden fich in dem Haufe nicht die Schulaborte, aus deren Einrichtung fich doch gar manches Heilfame für Europa hätte lernen laffen. Hatte man das ,, amerikaniſche Landfchulhaus" wiederholt befucht, fo mufste man fich zwar zugeftehen, dafs in jenem Ausstellungspavillon, welcher Schulzimmer genannt wurde, was den Raum für die Schule betrifft, glänzend geforgt war, fomit auch im Ganzen für die Luft, welche die Kinder athmen, während die Anlage der Fenfter für Europa nicht als Mufter empfohlen werden könnte. Bei näherer Betrachtung ergab fich aber auch bald die Erkenntnifs, dafs Unterrichtshallen mit fo koloffalem Cubikraume in den europäifchen Schulen fchwer oder gar nicht gefchaffen werden könnten, aber auch vielleicht nicht nothwendig find, wenn für reichliche Zufuhr frifcher, reiner Luft geforgt ift. Weiter drängte fich die * Diefe müffen ausdrücklich als etwas fehr Sinnreiches bezeichnet werden. Schulbauten und Einrichtungen. 7 Ueberzeugung auf, dafs fich die Ausfteller gar nicht die Aufgabe geftellt hatten, zu zeigen, wie die fanitären Forderungen an die Schule in Nordamerika wirklich befriedigt werden, oder wie fich diefe Fragen am beften löfen liefsen. Die Vorrichtung zum Bekämpfen des Schulftaubes konnte man nur fymbolifch oder kindifch nennen.( Die viel angeftaunten Bänke werden in der Rubrik Subfellien befprochen.) Aus dem amerikanifchen Land- Schulhaufe" konnte fomit der Befucher fich kein untrügliches Bild holen dafür, wie man in Nordamerika das Schulhaus baut und einrichtet, ebenfowenig ein verlässliches Urtheil darüber bilden, wie dafelbft die meiften Land- Schulhäufer als bauliche Objecte gedacht ausfehen. Nicht einmal die kleinfte Gemeinde Europas wäre im Stande, fich nach dem Modelle diefes Ausstellungsobjectes ihr Schulhaus zu bauen. " Doch auch die Ausftattung des ,, Schulhaufes" mit Lehrmitteln war in vielen Stücken eine ungenügende, denn viele Dinge, welche in europäifchen Schulen längft gang und gäbe find, kennt Amerika noch gar nicht. Andererfeits berechtigten manche der wenigen vorhandenen Lehrmittel zu fehr ernften Zweifeln daran, ob man es der Mühe werth gefunden habe, den Europäern das Bild des wirklichen pädagogifchen Apparates einer amerikanifchen Landſchule vorzuführen.* Nicht abzuweifen war der betrübende Eindruck, dafs das amerikanitche Volksfchulwefen noch grofse Lücken enthält, welche ausgefüllt werden müffen, wenn die Jugend Amerikas einft in allen Stücken der Jugend jener europäiſchen Lande ebenbürtig fein foll, welche einft aus Schulen hervorgehen wird, welche den von den Germanen ausgeftellten gleichen. In Schulen, welche im Geifte des amerikanifchen Ausftellungsobjectes gebaut und eingerichtet werden, kann wohl ein körperlich gefundes und verftändiges, wenn auch nicht ein befonders unterrichtetes Gefchlecht heranwachfen, niemals aber ein ideal gefinntes; Gefchmack und Schönheitsfinn und Poefie des Kindeslebens finden in folchen Schulen keine Stätte. Von einer harmonifchen Erziehung des Schulkindes kann keine Rede fein. Dafs das hochbegabte nordamerikaniſche Volk noch Manches in feinen Schulen hat, was, um von Deutfchland zu fchweigen, beiſpielsweife Oefterreich bereits über Bord geworfen hat, dafs ihm gar Manches fehlt, was die geläuterten Ideale europäiſcher Pädagogen und Schulfreunde längft ins Leben gerufen haben ( z. B. die in volkswirthschaftlicher und fittlicher Beziehung fo wichtige weibliche Arbeitsfchule), das und Aehnliches erklärt fich aber zu Genüge daraus, dafs Nordamerika noch keinen eigentlichen Lehrerftand befitzt, fondern dafs die Befchäftigung mit dem Lehramte in der Regel fo lange dauert, bis fich eine lohnendere Befchäftigung findet. Mit dem Verftande allein kann man Schulen nicht„ einrichten", auch fogar nicht mit gemeinnütziger Gefinnung, in welcher ja Nordamerika unfterbliche Vorbilder erzeugt hat. Dazu gehört noch obenan die liebevolle Vertiefung in einen Lebensberuf, den man als heilig anerkennt, für den man eine gründliche, zeitgemäfse Vorbildung mitbringt, in dem man fich weiterbildet, den man um Vortheil und Bequemlichkeit nicht aufgeben mag. So lange Nordamerika fich nicht einen Lehrerftand erzieht, durch drungen von Pflichtgefühl, erfüllt von echtem Lehrergeift, gefchult in rechtem Lehrgeifte, fo lange wird es wohl, wie bisher, auf dem Gebiete der Schulhygiene Rühmliches leiften und mit feinen gröfseren Geldmitteln den Anftofs zu weiteren Reformen geben können, es mag auch mit feinem Verftande und praktiſchen Gefchicke in Einzelheiten, welche die Schule angeben, Sinnreiches und Nach ahmenswertes ausdenken: im grofsen Ganzen aber wird es wenn nicht bald eine Reformbewegung die Lehrer Nordamerikas erfafst nicht zu den eigent lichen Bahnbrechern auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung der Maffen fich erheben. * Unter den Wandkarten prangte eine Karte des römifchen Reiches. Dergleichen wäre erklärlich, wenn die Sage fich bewahrheitete, dafs einem amerikanifchen Buchhändler, der für feine Sachen keinen Raum mehr im Hauptgebäude gefunden hätte, geftattet ward, die Karten in dem Land- Schulhaufe auszuftellen. - 8 Dr. Erasmus Schwab. Das, amerikanifche Landfchulhaus" wird jene übertrieben gute Vorftellung, welche durch überfchwängliche Schilderungen europäiſcher Federn fich in Europa vielfach feftgefetzt hatte, auf das richtige Mafs zurückführen. Nordamerika mit feiner riefigen Thatkraft aber möge die von den anderen Germanen gegebenen Anregungen herzhaft aufgreifen! Das öfterreichifche Schulhaus.* Unter allen ,, Schulhäufern" in der Weltausftellung war nur das öfterreichifche in Wahrheit ein Schulhaus, das heifst, fo angelegt, dafs jeden Augeblick in demfelben der Unterricht hätte beginnen, und der Lehrer mit feiner Familie und einem behaglichen ganzen Hausrath in dasfelbe hätte einziehen können. Ausgerüftet mit Sommer- und Winter- Turnplatz, Wirthschaftsgebäuden und Schulgarten, in welchem weder das Bienenhaus, noch der Brunnen und der ländliche Zaun fehlten, hatte es an den Bauernhäufern des internationalen Dorfes die paffende Umgebung gefunden, welche den Befucher fogleich in die richtige Stimmung verfetzte und zu fleifsiger Wiederkehr einlud. Das Schulhaus felbft war auch, ungleich den anderen, nicht ein Holzbau, fondern ein imitirter Steinbau mit einem foliden, ziegelgedeckten Dache. Nebenan waren Turnhallen und Wirthfchaftsräume folid ausgeführt. Was die anderen Schulhäufer theilweife oder ganz umgingen, das zog diefes Schulhaus mit grofser Abfichtlichkeit unter die zu löfenden Probleme ein. Diefer Gegenfatz ergab fich aus der Beftimmung diefes Objectes: den öfterreichifchen Gemeinden eine wahre Schule, und zwar eine Mufterfchule vorzuführen, im knappften Rahmen gehalten, alfo tür Jedermann überfchaulich, dabei gefällig und möglichft wohlfeil. Es war alfo ein Object, bei welchem, obfchon der Gedanke hiezu erft wenig Wochen vor der Weltausftellung auftauchte, an Alles gedacht" werden musste. Das Object enthielt eine ſchöne, geräumige Lehrerswohnung, welche zunächft für die Ausftellung der Lehrmittel benuzt wurde, und einen von der eigentlichen Schulpforte ganz gefonderten Eingang hatte. Schon die Anftalten zur Reinigung des Fufswerkes waren fehr einfach und doch die vollſtändigften in der ganzen Ausftellung. Vor dem Haufe befand fich ein langes Kratzeifen, an dem fechs Kinder gleichzeitig die Schuhe abftreifen konnten; der gröfsere Theil des Vorhaufes war hohl gelegt und mit hölzernen Latten benagelt, fo dafs die darüber fchreitenden Kinder die Reinigung des Schuhwerkes gründlich fortfetzen konnten; weiter befand fich unten ein eiferner, zufammenklappbarer Rahmen, der zum Zwecke des Abfchluffes diefer Reinigung mit Stroh gefüllt war, das fich nach Bedarf durch reines leicht erfetzen liefs. Endlich war vor dem Schulzimmer nicht blos für die Reinlichkeit der Hände der Schulkinder fürgeforgt, fondern auch erfichtlich gemacht, dafs ganz durchnäfstes Schuhwerk gegen bereitgehaltenes trockenes, höchft wohlfeiles für die Dauer des Unterrichtes vertaufcht werden folle. Auch die Garderobe war die vollſtändigfte aller Schulhäufer, und in gründlichfter Weife war veranfchaulicht, wie man dem Erbfeinde der Schule, Staub und verdorbener Luft, auf den Leib rücken müffe. Beleuchtung, Beheizung, Lüftung waren im Schulzimmer, und wo fonft im Haufe nöthig, klar veranfchaulicht. Die Beleuchtung war, gleich der im fchwedifchen Schulhaufe, die richtige: das Licht fiel von links und von rückwärts durch fechs Fenfter reichlich ins Schulzimmer; * Die öfterreichifche Mufterfchule mufs fo recht als ein deutfches Werk bezeichnet werden, da nicht blos die Comité- Mitglieder und die Spender Deutfche waren, fondern auch die zu Grunde gelegte Erziehungsidee ganz und gar deutfch ift. So ftellte diefes Object ein fichtbares Symbol dar für die Vereinigung der öfterreichifchen Volker auf der gemeinfamen Grundlage der im deutfchen Geifte ausgebildeten freien Volksfchule. Die Befchreibung des Objectes mit Abbildungen verfehen, und elegant ausgeftattet, koftet, in dritter Auflage erfchienen, im Buchhandel 20 kr. öfterr. Währ.( 4 Grofchen), beim Comité 10 kr. - Schulbauten und Einrichtungen. 9 doch konnte es durch die höchft einfachen Vorhänge, die von unten nach oben bewegt wurden, beinahe fo gut, aber weit wohlfeiler regulirt werden, als im amerikanifchen Schulhaufe. Die Ventilation ging weit über das, was Amerika bot, hinaus und fie erftreckte fich nicht blos auf das Schulzimmer, fondern auch auf Vorhaus, Kleiderkammer und Aborte. Sie wirkte nicht mit unzureichenden Palliativen, fondern fafste die Aufgabe an der Wurzel, indem nicht nur gezeigt wurde, wo und durch welche einfachen und kräftigen Mittel im Sommer, durch welche anderen Canäle im Winter die frifche Luft in das Schulzimmer einftrömen, fondern auch wie die verdorbene Luft über das Dach des Haufes hinweggeleitet werden foll. Der Aborte waren, obfchon die Schule nur für 60 Kinder beftimmt ift, mit Rückficht auf das Bedürfnifs und die Forderungen des Anftandes drei mit zwei getrennten Zugängen für Knaben, für Mädchen und für kleine Kinder. Nicht blos das war ins Auge gefafst, was fchädliche Einflüffe abzuhalten beftimmt ift( fiehe die Subfellien), fondern auch was pofitiv und direct die Gefundheit und Jugendblüthe fördera foll( z. B. Schulgarten, Turnplätze, Arbeitsfchule u. f. w.). Die ärztliche Welt hat auch dem öfterreichifchen Schulhaufe in Bezug auf die Schulhygiene den erften Platz eingeräumt. In bautechnifcher Beziehung hatte diefes Schulhaus das Auffallende, dafs das Schulzimmer in das obere Stockwerk verlegt war. Wenn die Frage, ob in der einclaffigen Volksfchule die Lehrerwohnung hinauf oder hinab zu verlegen fei, heute noch eine ftrittige ift und nach Land und Ort verfchieden beantwortet werden dürfte, fo hatten die Erbauer für ihren Vorgang fehr gewichtige Gründe. Sie folgten dabei nicht blos dem Volksinftincte vieler öfterreichifcher Lande, welcher das Edlere in das obere Stockwerk verfetzt. Dem öfterreichifchen Landvolke follte hier zugleich gezeigt werden, wie man ein fchönes und zweckmäfsiges Wohnhaus herftellt. Keine Gemeinde aber würde ein fo fchönes, luftiges und geräumiges Stiegenhaus bauen, wenn die Lehrerwohnung in den oberen, fchönften Theil des Haufes verlegt werden follte. Auch find jene Gründe, welche bei einer grofsen Schule zwingen, die Lehrerwohnungen in die oberen Stockwerke zu verlegen, für eine kleine Schule faft nicht vorhanden. Vergleicht man die öfterreichifche Mufterfchule für Landgemeinden mit den übrigen Schulhäufern der Weltausftellung, fo fpringen überrafchende Unterfchiede in die Augen, welche fich in Bezug auf Entftehung, Zweck und Folgen kund geben. Während die übrigen Schulhäufer Regierungsunternehmungen bildeten, war die öfterreichifche Schule ein Privatunternehmen nach Anregung und Ausführung( wenn auch der Staat zuletzt mit Geldmitteln unterſtützend eintrat), eine That der Gemeinnützigkeit und des Patriotismus öfterreichifcher Bürger, deren Namen zum gröfsten Theil nirgends in die Oeffentlichkeit gekommen find. Die anderen Schulhäufer waren offenbar von langer Hand vorbereitet und wurden ( wie das fchwedifche) mit dem Aufgebote der beften dem Staate dienftbaren Organe eingerichtet. Die Idee der öfterreichifchen Schule entſprang im letzten Augenblicke, unabhängig von der Regierung, welche fich jedes Einfluffes auf die Geftaltung diefer Schule enthielt, wie denn andererfeits in dem Comité fich kein Volks- Schulmann befand. Während die übrigen Schulhäufer ein blos mehr oder minder verfchönertes Bild der Wirklichkeit ihres Landes zu bieten bemüht waren, oder wenigftens zu bieten vorgaben, wollte das Comité der Schulfreunde einen Ausftellungsgegenftand fchaffen, welcher den Geift des neuen öfterreichifchen Schulgefetzes wiederfpiegelt; aber während es ein theoretifch geläutertes Ideal zu verkörpern fuchte, ftellte es fich zugleich auf einen eminent praktifchen Boden, indem es ein greifbares und in Bezug auf den Koftenpunkt erreichbares Mufter hinftellte. Während die übrigen Schulhäufer fich doch zunächft damit begnügten, Schulzimmer, Einrichtung und Lehrmittel vorzuführen, fich alfo auf den eigent 10 - Dr. Erasmus Schwab. - lichen Unterricht befchränkten, hat die öfterreichifche Mufterfchule den Verfuch gemacht, die ganze neue Erziehungsidee, wie fie feit Peftalozzi bis auf die Gegenwart fich geftaltet hat, in eine concrete Form zu bringen und fie auf das fchwerfte Problem auf die einclaffige Volksfchule anzuwenden. Die geiftige Leitung des Ganzen war fich dabei gar wohl bewufst, dafs viele auf das Volkswohl abzielende Gedanken, die ihr am Herzen liegen, gewifs in die Stadtfchule dringen werden, fobald durch diefes Object jedem denkenden Befucher klar geworden war, dafs diefe Mittel einer forgfältig und grofsartig gedachten Volkserziehung felbft in der Bauernfchule nicht entbehrlich find. Die öfterreichifche Mufterfchule hat darum bei der Darftellung der dem Comité vorfchwebenden Erziehungsidee nicht auf das vorfchulpflichtige Kindesalter vergeffen; fie hat in dem Zimmer für weibliche Handarbeiten, wie in dem Obftgarten des Schulgartens die Keime der Bewahranftalt und des Kindergartens feftgehalten; fie hat, der öfterreichifchen Schulgefetzgebung in etwas vorgreifend, die ländliche Fortbildungsfchule in Schule und Schulgarten, welcher zunächſt als ein lebendiges Stück Heimatskunde im knappften Rahmen aufgefafst ift, zu formen verfucht; fie hat endlich mit Bezug auf die eigentliche Volksfchule fich an die Löfung des fchwierigen pädagogifchen Problems gemacht, wie die Arbeit als erziehendes Moment in den Organismus der Volksfchule einzubeziehen ift, ohne den Charakter derfelben zu fchädigen. Sie hat weiter eine theilweife Reform der Lehrmittel unferer Volksfchule als nothwendig nachgewiefen und gezeigt, nach welcher Richtung und wie diefe Reform ohne grofse Koften durchgeführt werden könne. Ueberdiefs hat fie der Bibliothek für Lehrer und Schüler eine kleine Sammlung gewählter Bücher für die Erwachfenen des Dorfes und fpeciell eine kleine landwirthschaftliche Bibliothek beigefügt. - So hielt fich diefes Object von Allem, was nur zu müffiger Schau oder zur Blendung des Laien dienen konnte, fern und lud zu liebevoller Vertiefung und ernfter Geiftesarbeit ein. Jedes Volk fpiegelt fich in feiner Volksfchule charakteriftifch ab. Die öfterreichifche Schule bildete das ausgefprochenfte Widerfpiel des amerikanifchen Schulhaufes. Diefes trug den Stempel des praktiſchen Sinnes, aber auch der Nüchternheit; jene zeigte fo recht die deutſche Art zu fühlen und zu denken, und feine Stärke lag ausgefprochenermafsen in der innigen Verfchmelzung der Poefie des Kinderlebens mit dem Principe der Unterrichtsund Erziehungsmethode, fowie des Lebens im Allgemeinen. Die ganze Welt des Schulkindes wurde hier vorgeführt und gezeigt, dafs die Schule das Kind- während eines Theiles der Arbeit dorthin zu bringen vermag, wo fein Paradies ift, ins Grüne, zwifchen Blumen und Bäume und Schmetterlinge und Vogelfang. Die Sprüche im Schulzimmer, am Fries des Vorhaufes, beim Eingange u. f. w. legten faft das ganze neue Erziehungsprogramm vor, zurechtgelegt für den Mund des Schulkindes. Das farbige Glas der hohen gothifchen Fenſter des Stiegenhaufes, die mufikalifche Sammlung des Schulhaufes, der Garten, in welchem jedes Mädchen fein Blumenbeetchen hatte, diefs und Anderes erwies fich als ein Stück poetifchen Elementes diefer Schule, welche fich auch die Aufgabe gefetzt hatte, in Allem und Jedem eine Schule des Gefchmackes für das Volk zu werden. - Trotzdem die öfterreichiſche Mufterfchule das idealfte unter den Schulhäufern der Ausftellung war, verabfäumte es nicht, den Gemeinden zu zeigen, woher die Mittel zur Hebung der Schulen befchafft werden können( Schulgarten und im Anfchluffe an denfelben die Verfchönerung des Dorfes durch Obftbaumpflanzungen längs der Strafsen und Wege, die Einführung von Befchäftigungen für die Kinder in der„ Schulwerkſtatt"). Das Comité liefs eine Befchreibung feines Objectes herausgeben, welche, nur II Seiten umfaffend, beftimmt war, jedem denkenden und guten Menfchen kräftige Anregungen zu geben, die Herzen für die dargestellte Idee zu erwärmen und die Hände für deren Ausführung im Leben zu öffnen. Defsgleichen erſchienen Schulbauten und Einrichtungen. 11 fämmtliche Pläne des Objectes und der Einrichtung desfelben fo gehalten, dafs kleine Gemeinden dasfelbe durch gewöhnliche Werkleute nachbilden oder fehr leicht die nöthigen Abänderungen treffen können. Von der internationalen Jury nicht freundlich angefehen, vornehm oder mit Abficht in feinen Einzelheiten ignorirt, hat diefes Object eine nicht gewöhnliche Anerkennung bei den Gebildeten aller Länder gefunden. Das Gedenkbuch der Schule weift neben mancher Spreu-die herzliche und achtungsvolle Zuftimmung denkender Männer aller Zungen Europas, aber auch von Japanefen und Chinefen und von Anglo- Amerikanern auf.** Wenig Objecte der Ausftellung find im Auslande fo oft befprochen worden als diefes. Mit Ausnahme eines Blattes( einer Turnzeitung) fprach fich die Preffe des In- und Auslandes dahin aus, dafs wohl Einzelheiten geändert und verbeffert werden dürften, dafs aber das Ganze ein Mufter für alle Länder fei.( In techniſcher Beziehung find folgende Verbefferungsvorschläge gemacht worden: Aus der Küche des Lehrers möge noch ein Zimmer, aus dem Vorhaufe die Küche gemacht werden; das Schulzimmer möge ( 6 bis 9 Zoll) länger und breiter, die fo gewonnene Breite der Stiege zugelegt werden; die Garderobe folle gröfser und lichter, die Aborte mögen lichter und ihre Achfen zweckmäfsiger geftellt werden; die Turnhalle möge höhere Fenfter oder Oberlicht erhalten.) Maffenhaft, d. i. zu Taufenden, wurden Pläne und Befchreibung des Objectes fchon während der Ausftellung zum Zwecke der Nachbildung gekauft und in die Ferne wie in die Fremde gefchickt. Die dem öfterreichifchen Volke innewohnende Thatkraft zeigte fich aber glänzend, als fchon Anfangs October das erfte auf öfterreichiſchem Boden entftandene Nachbild in einer Photographie ausgeftellt werden konnte. Schon Ende Jänner 1874 war die Wirkung diefes Objectes fehr anfehnlich. Zunächft traten die beabfichtigten Folgen in Oefterreich hervor, wo an zahlreichen Orten bereits die Anftalten zur Nachbildung des Ausftellungsobjectes getroffen wurden. Landes-, Bezirks, Ortsfchul- Behörden, grofse und kleine Gemeinden, Lehrer, Schulfreunde aller Art( darunter auch katholifche und proteftantifche Priefter), Guts- und Fabriksbefitzer entfalteten eine rühmliche Thätigkeit, um die mannigfaltigen Anregungen, welche das Object geboten, für das Leben zu verwerthen. Aber auch im Auslande laffen fich, zum Theil weithin, die Spuren des gegebenen Anftoffes direct nachweifen. Die öfterreichische Mufterfchule wird nicht gleich den anderen Schulhäufern der Weltausstellung abgetragen, fondern geht in den Schutz der Staatsregierung über, welcher diefelbe von den Erbauern gefchenkt wurde. In der Gefchichte der Entwicklung des öfterreichifchen Volksfchulwefens bleibt diefem Objecte eine dankbare Stelle gefichert. Wurden für Oefterreich durch diefes Object die beiden Fragen anfchaulich beantwortet:" Wie baut man, wie richtet man ein gutes Schulhaus ein?" und:" Woher nimmt man das Geld, um die Schule beffer zu dotiren und den Lehrer beffer zu zahlen?" fo hat diefes Object alle mafsgebenden Kreife auch auf jene zwei Fragen hingewiefen, deren endgiltiger Löfung wir erft entgegengehen:" Was foll man eigentlich in der Volksfchule lehren?" und: ,, Wie werden gute, den berechtigten Anforderungen der Gegenwart gewach fene Lehrer erzogen?" Die öfterreichifche Mufterfchule dürfte auch nach diefer Richtung Oefterreich ein Ziel gefteckt haben, deffen Erreichung ein volles Menfchenalter in Anspruch nehmen, deffen materielle und geiftig- fittliche Folgen aber den Wahrfpruch des Comités der Schulfreunde rechtfertigen werden:„ O efterreich war noch nicht, es wird erft fein!" *) Die Jury, welche Zeit fand, bei den Schweden auch Kleinigkeiten anzufehen und zu prämiiren, hatte hier trotz wiederholten Anfuchens ,, keine Zeit", alle ,, Kleinigkeiten" anzufehen. **) In dem Gedenkbuche der öfterreichifchen Mufterfchule ift von der Hand eines Nordamerikaners zu lefen: ,, Go ahead, we will follow!( Geh voran, wir wollen folgen!)" 12 Dr. Erasmus Schwab. Das portugiefifche Schulhaus. Dem meeranwohnenden Volke der Portugiefen gebührt die Ehre, als Ver treter der Romanen durch die Aufftellung eines Schulhaufes feine Achtung vor der Bedeutung der Volkserziehung Ausdruck gegeben zu haben. Auch leuchtete unverkennbar aus dem vorgeführten Objecte das Streben nach jenem Fortfchritte hervor, für welchen die im Schulwefen tonangebenden Staaten jedem ftrebfamen Lande heutzutage Erprobtes und Verlässliches zu bieten vermögen. Das portugiefifche Schulhaus, ein im gefälligen Blafsgrün gehaltener Holzbau, war eines der freundlicheren Gebäude der Ausstellung. Ueber der Oftfeite des langgeftreckten Erdgefchoffes erhob fich thurmartig ein behaglicher, ftockhoher Auffatz, der allerdings für die Befucher des Haufes nicht zugänglich war. Die Seitenwände hatten je drei, die Hauptwände je fünf Fenfter, hoch, aber ungewöhnlich fchmal. Drei Eingänge führten in das Haus, von denen zwei, für die Gefchlechter getrennt, fich in die den Schulzimmern vorliegenden Garderoben öffneten. Das erfte kleine Zimmer mochte man fich als weibliche Arbeitsfchule denken, während das gröfsere eine Schulftube vorſtellte. So wenig jedoch das Gebäude ein Schulhaus war, fo wenig war der grofse Gelafs ein Schulzimmer. Die Beleuchtung kam von zwei entgegengefetzten Seiten, alfo falfch und in ganz unzureichendem Mafse. Das Zimmer enthielt nicht die vollſtändige Einrichtung einer Schulftube, fondern nur einzelne Einrichtungsftücke, dazwifchen auf Tifchen einzelne Lehr- und Lernmittel, endlich Arbeiten von Schulkindern. Die Bänke, ( welche unter den Subfellien befprochen werden follen) zeigten, dafs man fich in Portugal um das kümmert, was neuerer Zeit auf diefem Gebiete der Schuldiädetik geleiftet wird, und fie hätten noch vor vier Jahren, bis auf die verunglückten Sitze, für ganz gut gegolten. Leider war der Faffungsraum des Zimmers nicht angedeutet. Eine Ventilation war nicht an dem Haufe, fondern nur auf den Abbildungen an der Wand fichtbar und befchränkte fich darauf, dafs die oberen Fenfter fich um eine horizontale Achfe drehen laffen; die Regulirung des Tageslichtes war nicht angedeutet. Mehrere Photographien an den Wänden bewiefen, dafs einzelne grofse Stadtfchulen Portugals, ganz annehmbar eingerichtet find, und dafs eine wohlthätige Gährung auf dem Gebiete der Volkserziehung nicht allzu lange mehr ausbleiben wird. " porAufser einzelnen Lehrbüchern und amtlichen Berichten enthielt das tugiefifche Schulhaus" wohl manches für den Schulfreund und Culturhiftoriker intereffante Material, das aber ein zuverläffiges Urtheil über das portugiefifche Volksfchulwefen nicht geftattete. Vor Allem trat als ftörender Fehler in diefem Unterrichtspavillon hervor der Mangel an reinlicher Abgrenzung der verfchiedenen Kategorien von Schulen, aus welchen hier ein ziemlich buntes Nebenein. ander zur Schau geftellt wurde. Darum war es unmöglich, zu unterfcheiden, was die Volks-, was eine höhere Schule vorftellen follte, was die Stadt-, was etwa eine Landfchule, was die Knaben, was die Mädchenfchule. Im Gegenfatze zu den Schulhäufern der Germanen trat- fehr charakteriftifch der confeffionelle Charakter der portugiefifchen Volksfchule an den Abbildungen von Schulhäufern hervor. Diefer Charakter allein wäre allerdings ausreichend, um die breite Kluft zu erklären, die heute noch die portugiefifche Schule von den ausgeftellten Schulen der Germanen trennt. - Die Schönfchriften und Zeichnungen der Kinder waren forgfältig und nett ausgeführt; doch mufste die Wahl vieler Vorlagen für das Freihandzeichnen beanftandet werden, während für das geometrifche und perfpectivifche Zeichnen nach franzöfifchem Mufter ganz fchätzbare Modelle auflagen. Die geographifchen Kartenwerke waren brauchbar und entfchieden beffer als die fpanifchen. Freilich, welcher Unterfchied zwifchen den Lehrmitteln für Heimatskunde in Portugal und dem fo weit nach Norden hinausgefchobenen Schweden! Schulbauten und Einrichtungen. 13 Leicht läfst fich ausfprechen, was nicht da war. Das waren vor Allem gute Lehrmittel für das, was die europäifchen Germanen bisher am beften eingerichtet haben und wovon aller weitere Unterricht, alle weitere Erziehung in Schule und Leben fo fehr abhängt, für das erfte Schuljahr und für den elementarften Unterricht, Lehrmittel für den Anfchauungsunterricht. Für den natur- und erdkundlichen Unterricht ift bisher noch nicht in halbwegs genügender Weife vor geforgt. Ein Curiofum, angeblich ein mnemotechnifches Mittel für den gefchichtlichen Unterricht, das an der Wand auffiel, mag der Ausfteller doch wohl nicht für Volksfchulen geplant haben. Von den weiblichen Handarbeiten, die in grofser Anzahl da waren. zeigten viele grofse Handfertigkeit und waren mitunter das, was man Kunftstücke nennt. Doch machten fich leider die Luxusarbeiten auf Koften der für den bürgerlichen Haushalt wünſchenswerthen und nothwendigen Arbeiten breit und bildeten damit den polaren Gegenfatz zu den von der Schweiz, von Schweden und Dänemark ausgeftellten Handarbeiten der Schülerinen. Diefe Arbeiten werfen ein fchlagendes Streiflicht auf jenen Theil der Volkserziehung, welcher für die Gegenwart und Zukunft eines Volkes von fo einfchneidender Wichtigkeit ift, auf die bei den Germanen und bei den Nichtgermanen fo grundverfchiedene Mädchenerziehung. Bei den Germanen erzieht das Elternhaus und die auf die Forderungen des wirklichen Lebens gerichtete öffentliche Gemeindefchule, bei den Romanen die Klofterfchule. Darum bei den genannten Germanen zunächst das was zum fchlichten Hausbedarf gehört, auch das Unfcheinbare und von dem Oberflächlichen Geringgefchätze, fodann das Schöne mit dem beften Gefchmacke Ausgeführte( die Arbeiten dänifcher Schulmädchen gehörten zu dem Vollendetften, was die Wiener Ausftellung bot; bei den Portugiefen Luxusgegenstände, welche die kindifche Mutter ihr Töchterlein vergöttern machen, und glänzender Flitterkram, gerade fo wie in Belgien, in polnifchen Landen und wo fonft die Klofterfchulen blühen. Pläne von Schulbauten. Nicht minder intereffant und belehrend als das Studium der Schulhäufer war die Mufterung der von den verfchiedenen, die Ausftellung befchickenden Völkern ausgeftellten Pläne von Schulbauten. Gute und fchöne Pläne und Modelle hatte Schweden ausgeftellt, welches bekanntlich dem Unterrichtswefen eine folche Sorgfalt zuwendet, dafs fchon die Pläne jener Schulen, welche dem Range von Gymnafien entſprechen, vom Könige felbft approbirt werden müffen. Schweden verfteht auch der Schulhygiene Rechnung zu tragen. Deutfchland war mit ähnlichen Plänen reich vertreten. Württemberg, das zuerft eine mufterhafte Verordnung über Schulbauten erlaffen hat, fchickte ein Portefeuille mit fehr guten Schulanlagen ein, zum Theil mit, zum Theil ohne Lehrerwohnungen, ein- und mehrclaffig Die Dimenfionen waren gut, die normirte Schülerzahl mäfsig( 40 bis 56), die Beleuchtung entſprechend, die Aborte fehr zweckmäfsig angebracht oft aufser dem Haufe und mit diefem durch Gänge verbunden, oder nur ebenerdig untergebracht( neue Realfchule in Stuttgart). Einzelne Schulen waren noch in Verbindung mit Rathhäufern und Spritzenräumen. Manche Schulhäufer wiefen eine ebenfo einfache als zweckmässige und nette Anlage auf( z. B. eine Mädchenfchule in Stuttgart.) Nicht allein Fachfchulen mancher Art gefielen durch die zweckmäfsige Eintheilung, fondern auch Bauten von Seminarien. Sehr gefällig waren endlich die im amtlichen Auftrage gearbeiteten Entwürfe von Turnhallen von Jäger und Bock. So viele Volksfchulhäufer Württemberg ausftellte, fo wenige brachte die preufsifche Unterrichtsverwaltung. Auffallend war gegen Württemberg die 14 Dr. Erasmus Schwab. grofse Schüleranzahl( 60, 80 ja fogar 100). Manche der Fachſchulen waren fehr fchöne grofse Gebäude; unter ihnen nahm das Polytechnicum in Aachen einen hervorragenden Platz ein Befondere Aufmerksamkeit erregten die von dem Berliner Magiftrat ausgeftellten Schulbauten. Sind auch nicht alle Berliner Schulen muftergiltige Bauobjecte und läfst fich an den Volksfchulen eine gewiffe Uniformität des Grundgedankens nicht ableugnen fo find doch bei all diefen Anlagen Stiegen, Verbindung und Beleuchtung durchaus gut; bei einzelnen war die Beheizung intereffant, bei anderen die Retiradenfrage glücklich gelöft. Zwei gröfsere Schulen fielen dadurch auf, dafs neben dem Schulhaufe ein befonderes Gebäude mit der Wohnung des Schuldieners und der des Directors( letztere mit fechs Zimmern) fteht. Höchft angenehm fiel das Cölnifche Gymnafium durch feine Lage mitten in einem Gärtchen ins Auge. Selbſtverſtändlich boten auch Sachfen und Baiern( München) viel Materiale zur Belehrung. Grofse Aufmerkfamkeit verdienten die wohldurchdachten Pläne für Schulen und Turnhallen, die von mehreren fchweizerifchen Erziehungsdirectionen ausgeftellt und von dem hinzugehörigen Texte begleitet waren. Jene Cantone, deren Unterrichtswefen auf einer hohen Stufe fteht, zeichneten fich auch durch werthvolle Pläne aus, welche allen fanitären Forderungen zu entfprechen ftrebten. Befonders anregend waren die Bauten des Cantons Bern. Einen grofsen Fortfchritt wies gegen die Ausftellung von 1867 O efterreich auf, wo die ftetig fich vermehrenden Realfchulen, die vielen anderen neu entſtehenden Mittelfchulen, das neue Volksfchul- Gefetz und die auf dem Gebiete des Unterrichtes entfeffelte mächtige Bewegung eine Fluth von Neubauten nothwendig machten. Die Hauptftadt felbft geht hier feit neuefter Zeit mit leuchtendem Beiſpiel voran und auch die Staatsregierung fchafft in und aufser Wien Bauten, welche würdig, zweckmäfsig und gefällig find, wenn auch nicht geleugnet werden foll, dafs Oefterreich durch die Ausftellung auch auf diefem Gebiete das Meifte gelernt hat. Aus Ungarn müffen einige Communalfchulen der Hauptftadt Peft als Beweife achtungswerthen Strebens genannt werden. Die Unterrichtsverwaltung hat Normalpläne für Volksfchulen herausgegeben, welche für das magyarifche Tiefland brauchbar find, weniger für das nördliche und weftliche ausgedehnte ungarifche Bergland. Wie in Preufsen Berlin, in Oefterreich Wien, fo trat in Frankreich Paris mit feinen Schulen auf der Ausftellung hervor, und Paris' zeigte fich mit feinen Schulen, die meift neueren Urfprungs, umfangreich und ftattlich find, allen Anftalten gleichen Ranges in Frankreich überlegen. Viele franzöfifche Schulen, welche Monumentalbauten genannt werden könnten, waren in Modellen, Plänen und Entwürfen ausgeftellt, und es läfst fich den Schulen für beftimmte Unterrichtszwecke die vorzügliche, ja manchmal muftergiltige Einrichtung nicht abfprechen ( fo z. B. der Waifen- und Afylhäufer). Die bei Dupont in Paris erfchienenen Entwürfe charakterifiren die gute Richtung der neueren franzöfifchen Schulbaukunft. An manchen ausgedehnten Bauten in der Provinz fielen Wahl des Platzes, grofsartige Anlage und zweckmäfsige Eintheilung vortheilhaft auf. Nicht genug Lob verdienen die grofsen, ja koloffalen Gartenanlagen bei einzelnen Lehrerfeminarien( z. B. Chartres, Befançon), fowie deren grofser Turnhof. Die franzöfifchen Schulen machen den unverkennbaren Eindruck, dafs, wenn der rechte Mann auftritt, in Frankreich der Schulgarten eine Stätte findet, wie nicht in jedem anderen gebildeten Lande. Sehr anregend war die finnreiche Einrichtung mancher Zeichenfäle, welche Abends zum Zeichnen nach lebenden und plaftifchen Modellen bei künftlicher Beleuchtung benutzt werden. Einzelne der Collegiatgebäude, welche auch zu Wohnftätten der Jugend dienen, imponiren durch Pracht und Grofsartigkeit. Die Parifer Schulhäufer haben die zweckmäfsige Einrichtung im Erdgefchoffe gedeckte und ungedeckte Räume( Préaux) zur Erholung der Schuljugend Schulbauten und Einrichtungen. 15 zu befitzen. Die Anlage diefer Schulhäufer ift überhaupt eine ziemlich uniforme. In der Regel befinden fich unten aufser den Préaux noch Afylclaffen für Kinder von 2 bis 6 Jahren; hat doch Frankreich viel wohlthätigen Sinn und entfchiedene Neigung für den Kindergarten. In den oberen Stockwerken vertheilen fich die Lehrzimmer mit Rückficht auf die Trennung der Gefchlechter; Raumvertheilung und Beleuchtung find gut, die Einrichtung meift alt, die Abortanlage nichts weniger als mufterhaft. Freilich gibt es auf den Plänen auch Lehrzimmer für 160 und 180 Kinder. Eine nicht unwichtige Rolle spielen die Salles d'afile für Kinder von 2 bis 6 Jahren. Das Auffallendfte darin find die einfachen Stufenbänke und die Gradins, Reihen von 8 bis 10 Stufen, welche die ganze Saalbreite einnehmen. Aus Belgien war unter Anderem eine ziemlich grofse Sammlung von Plänen ausgeführter und projectirter Schulen und Gemeindehäufer vorhanden. Die Anlage ift den Verhältniffen gut angepafst; Schul- und Gemeindezwecke werden oft in demfelben Haufe beforgt. Die Lehrerwohnungen befinden fich bei gröfseren Schulbauten gewöhnlich in einem befonderen, doch an die Schulräume anftofsenden Gebäude. Préaux find oft vorhanden, die Aborte befinden fich häufig getrennt auf dem Hofe Zu tadeln ift mitunter die ungünftige Beleuchtung und die übergrofse Schülerzahl.( Es gibt Zimmer für 100 Schulkinder.) Die ausgeftellten Schulen Italiens find mit Ausnahme des technifchen Inftitutes für Handel und Seewefen, eines fchönen Baues im reinen griechifchen Stile, welcher namentlich durch feine Hofanlagen auffällt und fehr zweckmäfsig angelegt ift meift aus älteren Gebäuden adaptirt und ftehen defshalb an Brauchbarkeit hinter den Schulen anderer Länder zurück. Die fanitären Forderungen find bei folchen Adaptirungen bekanntlich nur fchwer vollſtändig zu befriedigen. Die Uebelftände werden aber noch fchlimmer, wenn mehrere verfchiedene Zwecke in demfelben Haufe befriedigt werden follen. Manche Pläne für Volksfchulen find geradezu derart, dafs fie aus Schonung mit Stillfchweigen übergangen werden müffen. Beffer find einzelne Schulen für den höheren Unterricht, die leider auch manchmal mehreren verfchiedenen Zwecken dienen follen und defshalb in baulicher Hinficht nicht mit den Schulen Deutfchlands und der Schweiz fich meffen können. Staat gemacht wurde mit dem Plane der höheren Ackerbaufchule in Mailand, einem umfangreichen Gebäude im grofsen Stile gehalten.*) Städtifche Schulbauten Nordamerikas endlich waren nicht blos durch eine grofse Anzahl von Plänen, fondern auch durch das fehr lehrreiche Modell des Franklin Schulhaufes in Waſhington illuftrirt, alfo einer Stadt, deren Temperatur fich zwifchen den Extremen von 45 Graden bewegt. Die Heizung wird durch Dampf mit Niederdruck bewirkt; für die Ventilation ift das Syftem der Afpiration angewendet. Beide follen fich feit Jahren fehr gut bewähren, laffen fich jedoch ohne Zeichnung dem Laien fchwer klar machen. Jedes Schulzimmer ift 900 Quadratfchuh( 89.9 Quadratmeter) grofs, 15 Schuh( 47 Meter) hoch; leider war die Anzahl der Schüler nicht angegeben. Die amerikanifchen Stadtfchulen haben in der nächsten Umgebung grofse Spielplätze, aber entbehren des Schulgartens( der allerdings fo lange unausführbar ift, als ein eigentlicher Lehrerftand fehlt, der fich in feinen freudig gewählten Beruf mit Leib und Seele einlebt). Im Erdgefchofse enthalten die Schulen Erholungsräume für die Zwifchenpaufen. Diefe Räume werden bei übler Witterung benutzt und laffen fich in der kalten Jahreszeit erwärmen, im Sommer dagegen fpenden fie erfrifchende Kühle. Die Nordamerikaner, deren Gefundheitsapoftel Lewis Leeds den Ausfpruch that:„ Die ausgeathmete Luft ift der gröfste Feind des Menfchen", ventiliren auch diefe Räume gründlich. Die *) Die bisherigen Bemerkungen über ,, Pläne von Schulbauten" verdankt der Verfaffer, deffen Zeit während der Ausstellung fehr in Anspruch genommen war, meift der Güte des Herrn Regierungsrathes Dr. Walfer. 2 16 Dr. Erasmus Schwab. Aborte, mit mufterhaften Water- Clofets verfehen, befinden fich in den neuen Stadtfchulen meift, nicht wie in Europa, im Schulgebäude felbft, fondern aufserhalb desfelben und find durch gedeckte Gänge mit ihm verbunden; wo fie aber im Haufe untergebracht wurden, find fie forgfältig abgefchloffen, gut ventilirt und, was grofse Beachtung verdient, fämmtlich ins Erdgefchofs verlegt. Mit Bezug auf Beheizung und Ventilation läfst fich für grofse Schulen, nach, dem Mufter der Nordamerikaner und Schweizer, die Verbindung beider durch eine Centralheizung empfehlen. Sollen die Corridore als Garderobe dienen, fo dürfte es gut fein, gleich den Nordamerikanern, vor den Retiraden kleine Zimmer mit den Wafchkäftchen( zum Reinigen der Hände) anzubringen. Schuleinrichtung. Subfellien. Die Schulbank. Erft feit einer Spanne Zeit ift die Bedeutung der Schulbank für die Schulgefundheitspflege erkannt worden, und vor wenig mehr als zehn Jahren herrfchte in aller Welt bezüglich der Schulbank völlige Principlofigkeit. Nordamerika hat hierin mit dem alten Schlendrian aufgeräumt; es hat zuerft die Bank der Gröfse des Kindes angepasst, es hat fie mit einer Lehne verfehen, es hat zweifitzige, ja fogar einfitzige Bänke gearbeitet, eiferne Geftelle erfunden und auch Bedacht genommen auf Bänke für Schulen mit geringen Geldmitteln. In Europa hat zuerft der Schweizer Dr. Guillaume den Bänken aus der Urväterzeit den Krieg erklärt und die traurigen Folgen aufgedeckt, welche durch die unvermeidliche vorgebeugte Haltung des Kindes aus einer fchlechten Bank entfpringen, Folgen, welche heute nicht blos der Arzt, fondern auch jeder gebildete Laie kennen foll( Verkrümmung der Wirbelsäule, Kurzfichtigkeit, Kopfweh, Störung der Verdauung und Blutbildung.) Faft gleichzeitig unterfuchte Dr. Fahrner in Zürich den Einflufs der alten gedankenlos gearbeiteten Schulbänke auf die Gefundheit des Nachwuchfes und wies auf die erfchreckende Diftanz"( den Abftand des Bankpultes von dem Sitze) und die allzu hohe Differenz"( die Erhebung des Tifchbrettes über die Sitzfläche) mit Nachdruck hin. Fahrner begehrte dabei eine Lehne, entfchied fich aber nicht für die Rücken fondern für eine Kreuzlehne und empfahl für die Kinder der Volksfchule, je nach ihrer Körpergröfse, fieben Banknummern anzuwenden. Fahrner's Grundfätze fanden fogleich die verdiente Beachtung. Bald tauchte der Vorfchlag auf, die ganze Tifchplatte in Scharnieren beweglich zu machen, damit fie zum Zwecke des Schreibens vorgezogen und fodann wieder zurückgefchoben werden könne, was allerdings bei einer langen Bank unpraktiſch ift. Director Buchner wies nun auf die zweifitzige Bank hin, die fo viele, felbft dem Laien in die Augen fpringende Vortheile hat und keinen befonderen Mehrbedarf an Raum verurfacht; Neuefter Zeit theilte Kaufmann Kunze in Chemnitz die Tafelplatte in fo viele felbftftändige, bewegliche Theile, als Schüler in der Bank fitzen, und gab jedem Sitze eine ifolirte Kreuzlehne. In Oefterreich ging der Anftofs zur Bankreform in weiteren Kreifen vor drei Jahren von Olmütz aus und zwar durch praktiſche Schulmänner. " Die auf Wiffenfchaft und Erfahrung beruhenden Anfchauungen der gebildeten Welt über die Schulbank find heute folgende: Gute Schulbänke müffen fo gebaut fein, dafs fie der jeweiligen Gröfse der fie benutzenden Kinder angemeffen find und mit Ausfchliefsung jeder unnützen und fchädlichen Muskelermüdung eine normale, der Gefundheit zuträgliche Haltung des Körpers- fowohl in der Ruhe als auch beim Schreiben- ermöglichen. Die„ Differenz" mufs etwas höher genommen werden, als der Abftand des Ellbogens von der Sizfläche beträgt; die Tifchplatte mufs etwas geneigt und dabei genügend lang und breit fein; die Bankhöhe mufs zwei Siebentel der Körperlänge betragen, das Schulbauten und Einrichtungen. 17 heifst dem Abftande der Fufsfohle von der Sitzfläche entſprechen; die Tiefe der Bank, mufs reichlich bemeffen fein( 21-29 Centimeter); die Sitzfläche iſt etwas auszuhöhlen und vorne abzurunden; die Breite der Sitzfläche mufs etwas mehr als ein Fünftel der Körperlänge ausmachen. - Eine gute Bank mufs aber auch eine Lehne befitzen. Wie diefe am beften. conftruirt werden foll, darüber gehen allerdings die Anfichten noch auseinander, und zunächft die Lehne ift es, welche die Schulbankfrage noch nicht als abge. fchloffen erfcheinen läfst. Entweder mufs diefelbe nämlich, wie das Sitzbrett, negativ den Körperformen entſprechen, oder fie ift eine forgfältig gerundete Leifte, welche in die Vertiefung der Lendenwirbelfäule eingreift( Fahrner), oder fie ift endlich eine möglichst hohe und fchräge Lehne. In den beiden erften Fällen heifst fie Kreuz, in dem letzteren Falle Rückenlehne. Die maffive Kunze'fche Lehne kann übrigens fowohl als Einzel, wie als fortlaufende Lehne gearbeitet werden. Die Kreuzlehne gibt felbft beim Schreiben eine Stütze ein Vorzug den kein anderes Bankfyftem befitzt fie nimmt weniger Raum ein und geftattet dem Lehrer eine beffere Aufficht der Schüler. Die fchräge Lehne kann drei Geftalten haben: fie ift entweder durchaus fchräg, oder fie ift blos oben abgefchrägt und dann fteigt fie entweder unten fenkrecht auf, oder fie ift unten für das Gefäfs etwas ausgefchweift. Vorzügliche Schweizer Aerzte beruhigen fich, wenn die Höhe der Lehne ein Fünftel der Körpergröfse des Kindes erreicht. Nur dort, wo es fich um unvermeidliche Erfparung an Raum, oder an Koften handelt, können als Nothbehelf die Vorderwände der Bankpulte fo fchräg gebaut werden, dafs fie zugleich die Rücklehne für die voranftehende Bank bilden.( ,, Preufsifche" Schulbank; dritte Gattung der in Württemberg geftatteten Bänke.) - Fufsbretter, den meiften Schulmännern ein Greuel, find nur bei den Kindern der erften vier Schuljahre anzuwenden, wenn man es nicht vorzieht, fämmtliche Bänke diefer kleinen Schulkinder auf ein gemeinfchaftliches Podium zu ftellen. In der Weltausstellung waren nicht alle Arten der beftehenden Bankfyfteme vertreten, die vorgeführten reichten jedoch aus, um zu klaren Urtheilen über den Werth der wichtigſten beftehenden Syfteme zu gelangen. Am meisten traten hervor, fchon darum, weil fie in zahlreicher Anzahl vorhandene Einrichtungsftücke felbftftändiger, äufserft befuchter Schulhäufer waren der amerikaniſche Sitz, das fchwedifche Pult und die zweifitzige Olmützer Bank( eine Modification der Kunze'fchen). - Auffallend war der amerikanifche Sitz von Peard. Auf eifernem Geftelle ruhte diefer Sitz, zum Zurückklappen eingerichtet, aus fchönen, breiten, polirten Holzleiften hergeftellt, welche zur Vermeidung der Erhitzung der Sitztheile nicht dicht an einander gefügt waren, während die Tifchplatte, nach vorn beweglich, eine fchmale Lade zum Aufbewahren der Bücher hatte. Der Sitz der vorderen und der Vordertheil der hinteren Bank bildeten ein Ganzes, fo dafs die Stütze des rückwärtigen Pultes als Lehne für die Voranfitzenden diente. Diefe Lehne war abgerundet, zurückgebogen und bequem. Diefe Sitze ganz zufammenzuklappen -hatten für den naiven Befucher etwas fehr Beftechendes, weil Herren von ftattlicher Körperfülle und Damen mit baufchigen Kleidern in ihnen vortrefflich Platz fanden; fie waren nämlich für Erwachfene gebaut! Es liefs fich alfo ganz und gar nicht entnehmen, wie viel Banknummern für die Kinder der verfchiedenen Altersftufen nothwendig feien. Der Preis eines folchen einfitzigen Subfelliums wurde zuerft mit 20 fl.( 13 Thaler 3 Grofchen) angegeben und zuletzt mit 16 fl.( 10 Thalern 15 Grofchen) beziffert. In Europa kämen folche Sitze nach dem Ausfpruche von Technikern fehr hoch. Neben diefen Auffehen erregenden Sitzen befanden fich kleinere, für Kinder paffende, in der Schreibeftellung gearbeitete Pulte mit feftgefchraubtem Stuhle, deffen Lehne für Rücken und Arme fehr bequeme Stützen darbot. Weit mehr praktiſches Intereffe hatte für den Schulfreund das einfitzige fchwedifche Pult. Diefe Subfellien in 10 Banknummern für Kinder der 2* 18 Dr. Erasmus Schwab. Volksfchule, aus dem prachtvollften nordifchen Nadelholze gearbeitet, gaben durch ihre freundliche, lichte Farbe in dem architektonifch gedachten Schulzimmer einen reizenden Anblick und verliehen dem ganzen Objecte etwas Vornehmes. Jedes Subfellium hatte eine fchliefsbare Pultlade, deren Tafelplatte in die Schreibftellung vorzufchieben war; vorn befand fich ein fenkrechter Rahmen zum Einfchieben der Schiefertafel des Schulkindes. Durch Einfchieben eines Stiftes in Löcher, welche die durchbohrten Träger des Sitzes hatten, wurde der Sitz verftellbar gemacht. So ungemein anziehend diefes elegante Pult neuefter Erfindung war, fo gibt es doch einiges zu bedenken. Einmal ift der Sitz horizontal und nicht ausgehöhlt, fo dafs durch langes Sitzen ein ftarker Druck auf die Schenkel ausgeübt wird; dann ift die Lehne durchweg fchräg, nicht gewölbt. Eine folche Lehne ift wohl trefflich zum Ausruhen für Erwachfene, welche längere Zeit gerade gefeffen find; doch bedarf das zarte Rückgrat des Kindes einer befferen Unterſtützung. Das fühlte man auch in Schweden und hat darum eine Art Schlummerrolle aus elaftifchem Stoffe an die Lehne gehängt, damit diefelbe das leifte, was fie eben nicht vollſtändig leiftet. Ferner ift die Tafelplatte, damit man in das Pult gelangen könne, aus zwei Theilen zufammengefetzt, welche durch eiferne Bänder verbunden find. Die Folge davon ift, dafs, weil Holz- und Eifenverbindung nicht maffiv fein können, einer der beiden Holztheile mit der Zeit fich leicht wirft, was auf das Schreiben und Zeichnen ftörend wirkt. Endlich ift. überall ein Fufsbrett da, was vom fünften Schuljahre an zu vermeiden ift. Ein folches Pult koftet ohne Transport 8 fl. 50 kr. öfterreichifcher Währung in Schweden. Andere intereffante Pulte waren von Dr. Sandberg da. - Das fchwedifche Pult und der amerikanifche Einzelfitz, beide gegenwärtig noch nicht weit über das Experiment hinaus, imponirten dem Laien ungemein und hatten das grofse Verdienft, Taufende von Männein und Frauen zum Nachdenken über die Nützlichkeit der Schulfubfellien anzuregen. Schlicht und anfpruchslos gab fich die Olmützer zweifitzige Bank in der öfterreichifchen Muſterſchule. aus weichem Holz gearbeitet und braun gebeizt. Je 9 Banknummern bauten fich hintereinander die Sitze auf; zwifchen den 4 Reihen Bänke waren 3 fchmale Längsgänge für den Lehrer offen. Jedes Kind nimmt in einer folchen Bank einen Eckfitz ein und hat alle Vortheile eines Einzelfitzes, ohne dafs es verwöhnt und felbft füchtig wird; das kleinfte Kind hat feinen Sitz und fein Tifchchen fo breit, als das gröfste in der letzten Bank, was ein Bild harmonifcher Ordnung gibt und die Bank fehr geeignet zum Zeichnen macht. Das Sitzbret ift gehöhlt, die Einzeln- Kreuzlehne gibt eine Unterſtützung auch beim Schreiben, die Tafelplatte läfst fich leicht in die Schreibeftellung und zurückſchieben. Das Fufsbret ift entgegen der Originalbank Kunze's( welche z. B in der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches als 1, 2, 3, 4fitzige Bank ausgeftellt war) bei den Bänken für gröfsere Kinder weggefallen, was die Bank wohlfeiler und einfacher machen hilft. Eine folche Bank koftet( in Olmütz) 9 fl. öft. W. Sie mufs ftark im Holze fein, damit fie nicht wackelig werde. Die Olmützer Bank gewinnt täglich mehr an Boden; fie ift bereits in Gemeinden nahezu aller öfterreichiſch ungarifchen Lande eingeführt; Modelle wurden nach Deutfchland und der Schweiz begehrt. Einigen Aerzten gefiel ein englifches Subfellium, nach dem Augenarzt Liebreich in London von dem Optiker Callagham gearbeitet, welches auf eifernem Geftelle eine nicht zu gute Bank, aber dafür ein Pultbret hat, welches zum Schreiben in einem Winkel von 20 Grad gebaut ift, während der vordere Theil des Tafelbretes in einem ftarken Scharnier zurückgefchlagen werden kann und dann ein Lefepult conftruirt in einem Winkel von 45 Grad darftellt. Diefe maffiv gebaute Bank war fozufagen durchfichtig, da vorn kein fenkrechtes Pultbret angebracht ift. Einer allgemeinen Verbreitung ftünde der hohe Preis entgegen, während die Regulirung des Sehwinkels fich lächerlich wohlfeil durch eine patentirte Erfindung des öfterreichifchen Profeffors Fialkowski vornehmen läfst. Ein Schulbauten und Einrichtungen. 19 fpannhohes Lefepult, aus einem Stück Pappendeckel gefchnitten, welches zufammengelegt von den Kindern in dem nächftbeften Schulbuche zur Schule getragen werden kann, wird nämlich mit einigen Handgriffen vorgerichtet und beim Lefen auf das Pultbret geftellt. Ein folches, Pult koftet elegant 5 kr. öfterreichifcher Währung( 1 Silbergrofchen), einfach 3 kr. Einige aus Deutfchland und der Schweiz ausgeftellte Bänke enthielten im Einzelnen finnreiche Gedanken( fo z. B. hatten einige Bänke ein Pultbret, deffen vorderer Theil umzufchlagen und unten mit einem Nähkiffen für weibliche Arbeiten verfehen war). Doch erfchienen die meiſten derfelben fo complicirt und andere hatten fonft fo Unpraktiſches an fich, dafs ihre Besprechung hier keinen Platz finden kann Die franzöfifchen Bänke von Bapteroffes hatten den Nachtheil des fortlaufenden Pultes und eines zu kleinen( ifolirten) Sitzes; der Sitz war übrigens an den Boden gefchraubt und die„ Diftanz" zu grofs. Auch Portugal hatte trotz der breiten Tifchplatte keine Bank, welche als Mufter empfohlen werden könnte, Rufsland hatte unter die Arbeiten der Schulwerkftatt eines Lehrerfeminars in Finnland einige Miniaturmodelle von Schulbänken ausgeftellt, die ganz gut waren, aber keinen Schlufs auf deren Einführung in die Wirklichkeit geftatteten. - - Gönnt man dem ruhigen Urtheile Raum, erwägt man die Koften der Bank und bedenkt man die riefige Gröfse der Schulzimmer, welche durch die einfitzigen Pulte bei einer grofsen Schülerzahl nothwendig würde, fo ftellen fich für die Schulen Europas die einfitzigen Pulte wohl nur als ein theoretifches Ideal heraus. Als die beften praktiſchen Ideale drängen fich aber allmälig die zweifitzigen Bänke auf, welche und das ift mitentfcheidend diefelben Dienfte leiften, wie die einfitzigen Pulte. Zweifitzige Bänke waren auf der Ausftellung in gröfserer Anzahl vorhanden, fo z. B. aus Baiern, Sachfen, der Schweiz, Portugal u. f. w. Man kann diefelben, wo man aus Sparfamkeitsrückfichten weder das Pult beweglich macht, noch bewegliche Sitze anbringt, in der Schreibeftellung arbeiten laffen, das heifst, die Diftanz mufs dann in Unterclaffen minus I Zoll fein ( mit anderen Worten, der Tifchrand mufs mindeſtens 1 Zoll fein) und in Oberclaffen gleich Null. Ueberdiefs müffen zum Zwecke des befferen Ein- und Austrittes alle einander zugewendeten Ecken an Pult und Bank gut abgerundet, müffen die feitlichen Tifchftützen ftark ausgefchweift fein und mufs endlich die Sitzbank um 4 Zoll( 10 Centimeter) kürzer gehalten werden als das Tifchbret. ( Solche Bänke find in der Schweiz nicht felten.) Haben die Bänke jedoch mehr als 2 Sitze, fo ift die Bank nur dann vollkommen entsprechend, wenn das Pult oder der Sitz verfchiebbar gemacht wird. Man hat wohl auch da und dort Verfuche angeftellt, eine längere Sitzbank verfchiebbar zu machen; doch waren die Ergebniffe nicht befonders glücklich. Bänke, deren Sitze fich zurückklappen laffen, wie die Sperrfitze in den Theatern, waren aus Nordamerika, Schweden, vom Lehrer Kaifer in München, endlich aus Oefterreich ausgeftellt. Seit Kunze's Erfindung der getheilten Tafelplatte find die Scharniere zum Aufklappen und theilweifen Umklappen der Tafelplatte allerdings ein überwundener Standpunkt geworden; allein, wo ältere mehrfitzige Bänke zeitgemäfs umgeftaltet werden follen, dort ift die Anwendung von Scharnieren zum Umklappen von Tifch oder Bank nicht zu umgehen. Die Ausftellung hat Subfellien zu Tage gefördert, deren Pultbreter ganz zum Hinaufklappen waren, oder theilweife zum Umklappen( z. B Hawes in Norwich). Letztere haben fämmtlich das Bedenken wachgerufen, dafs die beiden Theile nicht lange in einer Ebene liegen werden; das Widerfinnige der erfteren liegt auf der Hand. Man hat neuefter Zeit Bänke conftruirt, deren Theile fich faft fämmtlich. mit Schraubenvorrichtungen bewegen und für gröfsere, wie für kleinere Kinder herrichten laffen; die Erfahrung mufs lehren, ob fie auch Feftigkeit behalten. 20 Dr. Erasmus Schwab. Die Anzahl der in einer Volksfchule bei achtjähriger Schulpflicht anzuwendenden Gröfsennummern(„ Modelle") fchwankt, wie die Ausftellung zeigte, in verfchiedenen Landen, auch wohl je nach Stadt und Dorf, zwifchen 3 bis 12. Nett und überfichtlich ist es, wenn man bei allen Bänken eine und diefelbe Dimenfion des Tifches anwendet, fo dafs nur die Differenz, die Höhe und Tiefe des Sitzes, endlich nur die Höhe und Tiefe der Lehnen verfchieden ift.( Siehe Olmützer Bank.) Oefterreich hatte zur Ausstellung viel von Bänken eingefendet, und zwar meift Brauchbares. Nicht vertreten war die Marburger Schulbank( aus Steiermark). Sie iſt zweifitzig mit einer verfchiebbaren Tafelplatte, das Sitzbrett ift der Länge nach zweifach gefchlitzt, um das Erhitzen der Sitztheile zu vermeiden; die Lehne ift fortlaufend und hat hinter jedem Sitze eine Aushöhlung. Wer die aufserordentliche Mannigfaltigkeit unferer Cultur- und pecuniären Verhältniffe im Auge behält, wird von der Schulbank in Oefterreich Ungarn im Vorhinein fagen: Eines fchickt fich nicht für Alle.* Der Werth der zweifitzigen Bank wird in Oefterreich mit rafchem Blicke erkannt und in der Praxis wird fich die Schulbankfrage in Oefterreich wohl fo geftalten: 1. Gemeinden, welche Einficht und Opferwilligkeit befitzen, werden die Kunze'fche Bank, in einer Form, welche der Olmützer Modification entſpricht, wählen, alfo zweifitzig( und nur in zwingenden Fällen dreifitzig) wenn fie fich nicht entfchliefsen, jedem Kinde einen Seffel zum Bankpulte zu ftellen. 2. Ihnen zunächft ftehen jene Gemeinden, welche die zweifitzige Buchner'fche, in der Schreibeftellung gearbeitete, wählen. 3. Aermere Gemeinden werden fich für Bänke mit geringer Diftanz entfcheiden, oder mit am Tifchbrette haftenden Scharniere, bei welchen beiden Arten von Bänken die Lehne durch die fchräge Wand des Pultes der nächften Bank erfetzt wird. Wo das Sitzbrett nicht ausgehöhlt ift, wird wenigftens das Sitzbret vorne abgerundet werden und rückwärts einen Zoll tiefer ftehen als vorne. - Auch das Privathaus, welches durch fchlechte Arbeitstifche und Stühle fich in der Regel gegen das Kind noch mehr verfündigt als die Schule, wird die wohlthätige Rückwirkung der Bankreform erfahren und wie in Deutſchland und Holland für die Kinder richtige Arbeitspulte nach Kunze's Syftem arbeiten laffen. Solche Pulte waren bereits in der Ausftellung auch aus Oefterreich vertreten. Sachfen hatte fie verftellbar eingefchickt.( Bahfe und Händel.) Andere Subfellien. Am vollſtändigften war die Subfellienfrage in der öfterreichiſchen Muſterſchule gelöft, welche nicht weniger als vier Arten der Beftuhlung zu verfchiedenen Zwecken vorführte. Aufser den Bänken im Schulzimmer waren nämlich Seffel für den Lehrer im Schulzimmer und in der Wohnung vorhanden; ferner Seffel für die Mädchen in der weiblichen Arbeitsfchule, endlich Sitze in der Schulwerkstatt, beftimmt für beide Gefchlechter der Schulkinder. Der Sitz an dem Seffel des Lehrers war aus fchmalen, von einander abftehenden Leiflen gefügt, nicht horizontal, fondern nach rückwärts abfallend, die Lehne in einem Winkel von 100 Grad abgefchrägt. Diefe Seffel wurden allge mein als für Erwachſene fehr bequem befunden. In der weiblichen Arbeitsfchule ftanden Seffel in drei Dimenfionen; das Sitzbrett war zweckmäfsig durchbrochen, die Stützen der Lehne in einem Winkel von 105 Grad gebaut und oben mit einer nach rückwärts ausgebogenen Leifte verbunden, fo dafs arbeitende Mädchen beim Anlehnen in den nöthigen Paufen behaglich ausruhen könnten. Die Seffel in der Schulwerkſtatt endlich waren nach dem landläufigen Modell des Schufterfchemels gebaut, in drei Dimenfionen. Der Sitz war nicht flach, fondern gehöhlt, die Füfse befriedigten durch ihre Geftalt den Schönheitsfinn. * Die erfte und noch immer die einzige auf öfterreichifchem Boden gefchriebene Monographie über die Schulbank ift ,, die Olmützer Schulbank" von J. Schober. Wien 1873. Pichler'fche Buchhandlung mit drei Tafeln, Abbildungen und einer Mafstabelle. Preis 20 kr. öfterr. Währung. Schulbauten und Einrichtungen. 21 Die fonft auf der Ausftellung vertretenen Subfellien boten nichts wefentlich Neues und berechtigen nicht zur felbftftändigen Befprechung. Unter den Zeichentifchen, für welche fich wohl wegen des Geldpunktes fchwer eine allgemein giltige Form wird finden laffen, mögen die fchönen einfitzigen Zeichentifche von Flinzer in Leipzig erwähnt werden, welche fehr bequem, zweckmässig und dabei gefällig find. Sonftige Schuleinrichtungs- Stücke. Von harten Schultafeln waren nicht allein mehr oder minder zweckmäfsige Tafeln aus Holz ausgeftellt, darunter fehr leicht bewegliche mit einem Gegengewichte, fondern auch Tafeln aus Schiefer, um eine horizontale Achfe drehbar, und neuefter Zeit beiſpielsweife auch in den Schulen am Rhein als fehr zweckmäfsig gerne gefehen, endlich aus Belgien eine dunkle Tafel aus Glas. Weiche Tafeln waren und zwar aus Patent- Schiefertuch von Groll in Hernals bei Wien ausgeftellt, und haben als leicht und dauerhaft fich bereits bewährt; diefe Tafeln werden auch als rotirende( mit Rollenaufzug ohne Ende) erzeugt von Hieber in Tattendorf bei Baden( Niederöfterreich). In guten öfterreichifchen Schulen ift bereits neben der harten Tafel die weiche eingeftellt, welche mit einem Stücke alten Rehleders oder einer Bürfte aus Wolle trocken abgerieben wird und den Kindern eine leichte Hand fichert. Von den Lern- und Lehrmittel- Kaften für Volksfchulen müffen die des fchwedifchen und öfterreichifchen Schulhaufes, von den Lehrmittel- Kaften für Naturgefchichte jene des Leopoldftädter Communalgymnafiums in Wien, welche nur die Rückwand aus Holz hatten, genannt werden. Für fonftige Einrichtungsftücke war manches zu lernen in der Ausftellung der Holz- und Baufabrik von Bahfe& Händel in Chemnitz( z. B. Kleiderfchränke für Schulen mit Rollen) dann in der öfterreichifchen Mufterfchule, von welcher bekanntlich zehn Detailpläne um einen Spottpreis beim Comité der Schulfreunde" in Wien zu haben find. In diefer Schule waren alle. Stücke bis zum Spucknapf herab ftiliftifch fchön, zweckmäfsig und wohlfeil. " Als ein fehr beachtenswerthes Stück der grofsartigen öffentlichen Arbeit in Paris mufs das Magasin scolaire gerühmt werden, welches Riefengebäude in einem fchönen Modelle ausgeftellt war und allen Grofsftädten zur Beherzigung empfohlen werden mufs. Die zahlreichen Räume des Haufes dienen theils zur Erzeugung, theils zur Aufbewahrung der für die Schulen von Paris nothwendigen Lehrmittel und Einrichtungsgegenstände. Bücher, Globen, Sculpturen, Vorlagenwerke find in diefer reichhaltigen Centrale aufgeftapelt, aber auch die Arbeiten des Schloffers und Tifchlers bis herab zu den geringften Reinigungsapparaten. Alles ift mit grofser Sorgfalt ausgeführt, im Gegenfatze zu jenen mitteleuropäifchen Schulen, deren Einrichtungsftücke von den Gemeinden an den Mindeftbietenden hintangegeben werden und fich fchliefslich wegen der geringeren Haltbarkeit als recht theuer herausftellen. Schlufswort. Denkt man an die Parifer Ausftellung von 1867 zurück und fragt man, welcher Staat auf der Wiener Weltausftellung den gröfsten Fortfchritt in Bezug auf Schulbauten und Einrichtung der Schulen nachgewiefen hat, fo mufs das Urtheil entfchieden zu Gunften Oefterreichs ausfallen. Aus Oefterreich wurde die einzige wirkliche Schule ausgeftellt, welche die fanitären Forderungen nach allen Richtungen vor Augen hatte und einen grofsen Erziehungsgedanken durchzuführen verfuchte. So elegant das Ausftellungsobject Schwedens war, fo einfach, gefällig und im Wefentlichen zweckmäfsig erwies fich was Oefterreich vorführte, das noch vor Kurzem Deutfchlands Schüler war und keineswegs daran denkt fich 22 Dr. Erasmus Schwab. Schulbauten und Schuleinrichtungen. felbftgenügfam abzufchliefsen, fondern in Deutſchland die Wurzeln feiner pädagogifchen Thatkraft erblickt. Seit der Erlaffung des neuen Schulgefetzes bis zur Wiener Ausftellung waren nur vier Jahre vergangen; aber diefe Spanne Zeit genügte, um eine tiefe Kluft zu fchaffen zwifchen der Schule von ehedem und der von heute. Der Staat ringt wirklich frifch und energifch nach höheren Bildungszielen; alle Schichten des Volkes werden herangezogen zur Hebung der Volksfchule, und wenn auch die Bevölkerungsverhältniffe der öfterreichifchen Schulorganiſation manches Eigenthümliche aufnöthigen, wenn auch die Organifation der Volksfchule im Leben noch keine abgefchloffene fein kann, fo hat Oefterreichs Volk doch eine Energie im Guten bewiefen, welche allen auswärtigen Befuchern Anerkennung abnöthigte. In der Reform der Volksfchule liegt der archimedifche Punkt, durch welchen Oefterreich dauernd in die Bahnen der Verjüngung gedrängt wird, zugleich der Punkt, welcher ihm die Sympathie der gebildeten Welt fichert. So Vieles auch auf dem Gebiete der Volksfchule in Oefterreich noch zu fchaffen ift, mit Wahrheit kann ausgefprochen werden und ift durch die Weltausftellung von 1873 erhärtet: Die Gefchichte kennt kein Beifpiel dafür, dafs ein Staat fo rafch einen fo grofsen Fortfchritt auf dem Gebiete der Volkserziehung gemacht hat, als Oefterreich mit feinem Schulgefetze vom 14. Mai 1869. LEHR MITTEL UND LEISTUNGEN DER VOLKS- UND MITTELSCHULE. DIE GEOGRAPHIE. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von DR. R. PERKMANN. Die grofse Ausftellung in den Auen und Wäldern des Wiener Praters hat ohne Zweifel für keinen der Millionen Befucher ein fo reiches und fo mannigfaltiges Materiale dargeboten, wie für diejenigen, welche diefelbe auch vom Standpunkte der Geographie aus betrachtet haben. Da gab es keine generelle Gruppe, keine fpecielle Section, keine individuelle, noch fo grofse oder noch fo kleine Sache, welche nicht geeignet gewefen wäre, die eine oder die andere, in den meiften Fällen aber eine ganze Reihe von geographifchen Fragen hervorzurufen, Fragen, angefangen von dem engen Kreife der Topographie, durch alle Verzweigungen und Abftufungen der Chorographie, der phyfikalifchen, naturgefchichtlichen, ethnographifchen, commerciellen, politifchen und hiftorifch- culturellen Geographie hindurch bis hinauf zu den philofophifchen Höhen der Culturwiffenfchaft. Keine aber mag fo fchwer zu beantworten gewefen fein, wie die Frage, auf welche Weife, nach den betreffenden Ausftellungsobjecten zu urtheilen ,,, die Geographie als Lehrgegenftand" in den verfchiedenen Rangftufen der Schulen einzelner Staaten behandelt werde. Das Materiale zum Studium und zur Beantwortung anderer Fragen lag grofsentheils offen vor Aller Augen da; es war vielfach nach gewiffen, mehr oder weniger praktifchen Grundfätzen geordnet, daher im Einzelnen bequemer zugänglich, im Grofsen und Ganzen leichter zu überfchauen. Was aber unfere Aufgabe betrifft, fo haben von den Staaten, welche, abgefehen von den geographifchen ,, Lehrmitteln" im engeren Sinne, wie Globen, Planetarien, Landkarten u. f. w., überhaupt dahin gehörige Gegenftände ausftellten, nur die allerwenigften in hinreichendem Mafse dasjenige dargeboten, was unbedingt nothwendig ift, um den vollſtändigen Gang des geographifchen Unterrichtes, wenigftens bezüglich der Eintheilung, Gliederung und Behandlung des Lehrftoffes, in ununterbrochener Reihe von der unterften elementaren bis zur oberften organifch wiffenfchaftlichen Stufe verfolgen zu können. Ferner waren die einzelnen einfchlägigen Ausstellungsartikel beinahe in keinem Staate fyftematifch vertheilt. Wiffenfchaftliche Werke der mannigfaltigften Sorte, Abhandlungen über Didaktik und Pädagogik, wo in dickleibigen Bänden neben vielen anderen Dingen auch der Unterricht in der Geographie mehr oder weniger ausführlich befprochen wurde; Lefe und Lehrbücher und Leitfaden für die verfchiedenften Fächer und Schulen, Lehrordnungen, Jahresberichte, Schulprogramme, Lectionskataloge, Organiſationspläne, Regulative, Directive, umfang 2 Dr. R. Perkmann. reiche Brochuren und Hefte von drei und zwei Blättern, weitläufige Befchreibungen der ganzen Unterrichtsmethode an einzelnen Schulen und lakonifche, man möchte fagen, telegraphifche Anzeigen, welche buchftäblich nichts weiter enthielten, als die Bemerkung, dafs an diefer und jener namentlich bezeichneten Lehranstalt aufser den übrigen Lehrfächern auch„ Einiges aus Geographie" vorgetragen worden fei- kurz, Druck- und Schriftwerke für alle erdenklichen Nuancen und Angelegenheiten des Schulwefens und Unterrichtes, nicht blos zu Dutzenden, fondern zu Hunderten, ftanden und lagen meift in wildem Chaos durcheinander. Dazu kam folgender Uebelftand. Um bei dem Studium der auf den geographifchen Unterricht fich beziehenden Ausftellungsobjecte eine vorläufige Ueberficht über das vorhandene Materiale zu gewinnen und bei der Befprechung desfelben nach einem beftimmten Plane vorgehen zu können, hat der Referent nach der Uebernahme der geftellten Aufgabe, an der Hand des allgemeinen und einzelner Specialkataloge, fowie nach dem Ergebniffe der eigenen Entdeckungsgänge, ein Verzeichniss der vorgefundenen Artikel angelegt. Als diefelben im Verlaufe der Zeit der Reihe nach durchftudirt und verglichen werden follten, zeigte es fich, dafs manche, und darunter nicht die geringfügigften, felbft ganze Bände, fchon längere oder kürzere Zeit vor dem Schluffe der Ausftellung aus den ihnen angewiefenen Räumen, wahrfcheinlich aus dem ganzen weiten Ausstellungsrayon- verfchwunden waren. Dagegen find von Seite einzelner Staaten oder Lehranftalten Sammlungen derjenigen Gefetze ausgeftellt worden, welche für die verfchiedenen Unterrichtsfächer auf den einzelnen Unterrichtsftufen die Gliederung der Gegenftände, fowie die Art und Weife der didaktifchen Behandlung derfelben näher beftimmen. Bei einigen Staaten hat der Referent nur Bruchftücke davon gefunden; bei anderen aber lagen diefe Vorfchriften und Principien fo vollſtändig vor, dafs an der Hand derfelben der ganze Lehrgang vom unterften elementaren Unterrichte bis zur Vollendung desfelben in den oberften Claffen der Gymnafien und der Realfchulen verfolgt werden konnte. In Bezug auf die Geographie war diefs namentlich in den Abtheilungen von Oefterreich, Preufsen und Sachfen der Fall. " Als der Verfaffer die Berichterstattung über den geographifchen Unterricht übernahm, glaubte er diefe Gelegenheit benützen zu können, um feinen fchon feit Jahren gehegten Plan zu realifiren und eine ausführliche, möglichft vollſtändige Abhandlung über die gefchichtliche Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des geographifchen Unterrichtes" zu veröffentlichen; eine Arbeit, die um fo zeitgemäfser fcheint, als es wohl vorzügliche Werke über die Gefchichte der Geographie als Wiffenfchaft, aber nicht über jene des geographifchen Unterrichtes in den Schulen gibt, und als eine folche Arbeit, entfprechend durchgeführt, die verlässlichften Anhaltspunkte und Fingerzeige dafür enthalten könnte, wie der geographifche Unterricht in Zukunft befchaffen fein müffe, wenn er einerfeits dem heutigen Stande der allgemeinen Wiffenfchaft angemeffen fein, andererfeis die didaktifchen Aufgaben der Schule erfüllen, die Anforderungen der modernen Bildung und die Bedürfniffe des praktifchen Lebens befriedigen foll. Eine folche umfaffende Abhandlung hätte aber den Charakter eines Ausftellungsberichtes" vollſtändig verläugnen und den diefem ftrenge zugewiefenen Raume um ein Vielfaches überfchreiten müffen; anftatt eines fpeciellen Berichtes wäre ein allgemein wiffenfchaftliches Werk zum Vorfchein gekommen. Um der Pflicht des Berichterftatters gerecht zu werden, mufste der Verfaffer, wenn auch ungern, feiner Lieblingsidee vorläufig entfagen, die Ausführung derfelben auf eine fpätere Zeit verfchieben, und fich hier, foweit als es nöthig und nützlich fchien, an die Ausstellungsobjecte felbft halten. Es konnte ihm jedoch nicht einfallen, alle die einzelnen, grofsen und kleinen Ausstellungsartikel hervor zuheben und zu befchreiben. Ein grofser Theil war ohne jede wiffenfchaftliche Geographifche Lehrmittel. 3 Bedeutung und augenfcheinlich nur ausgeftellt, um die Maffe zu vergrössern. Ohne, in diefer Hinficht, nach Vollſtändigkeit geftrebt zu haben, hat der Bericht fich zunächft, namentlich bei den drei genannten Staaten, an die officiellen Normen gehalten, als der thatfächlich in Kraft beftehenden organifchen und breiten Grundlage für den Unterricht; fodann hob er jene Ausftellungswerke, Lehrbücher Lefebücher etc. hervor, welche den gefetzlichen Vorfchriften und den didakti fchen Anforderungen mehr oder weniger entfprechen oder in irgend einer Weife felbft über die Gegenwart hinausreichen und bereits auf jenes Ziel hinweifen, welches die Gefetzgebung fich erft noch anzueignen hat, um die jeweiligen Fortfchritte der Zeit und der Wiffenfchaft zu befriedigen. Oefterreich. Durch die grofsen Entdeckungen während des XV. und XVI. Jahrhunderts war die Erde gleichfam um ihre ganze andere Hälfte weiter geworden. Damit erwachte das Bedürfnifs, diefe epochemachenden materiellen Eroberungen auch für den geiftigen Befitz zu erwerben und dadurch den gefammten Erdkreis nicht blos nach feiner Quantität, fondern auch nach feiner mannigfaltigen Qualität kennen zu lernen. Den Entdeckungsfahrten folgten die den ganzen Planeten umfaffenden Forfchungsreifen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, an welchen namentlich Holländer, Dänen, Engländer, Deutfche, Franzofen und Ruffen den regften Antheil genommen haben. Die Refultate diefer Arbeiten haben den wiffenfchaftlichen Gefichtskreis insbefondere in den verfchiedenen Zweigen des naturhiftorifchen, des phyfikalifchen und des geographifchen Gebietes rafch erweitert und mit wahrer Lebenskraft jenen Baum der Erkenntnifs erfüllt, welcher fich im Verlaufe einer verhältnifsmäfsig kurzen Zeit, Dank dem Sonnenftrahle der aus den kirchlich- politifchen Kämpfen zur Freiheit erftandenen Vernunft zu der grofsartigen Blüthe und Fruchtfülle entfaltet hat, die wir heute mit ungetrübter Freudigkeit des Herzens an ihm bewundern können. Es konnte nicht verfehlen, dafs diefe Leiftungen auch in Oefterreich den mächtigften Wiederhall fanden und zu ähnlichen Unternehmungen anregten. Während öfterreichifche Forfcher nach fremden Ländern und Welttheilen reiften und eine wiffenfchaftliche Expedition unter Maria Therefia nach Indien fegelte, fehen wir daheim eine beträchtliche Anzahl von Männern, darunter folche mit weithin bekannten Namen und bleibenden fcientififchen Verdienften damit befchäftigt, die natürlichen Verhältniffe des Vaterlandes nach den verfchiedenften Richtungen zu unterfuchen. Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ift reich an wiffenfchaftlichen Erfcheinungen auf dem naturkundlichen und ſpeciell auf dem geographifchen Felde in Oefterreich. Befchränkte fich die Mehrzahl derfelben auf den öfterreichifchen Staat, ja zumeift fogar nur auf einzelne Provinzen oder Theile derfelben, waren fie alfo überwiegend chorographifchen und topographifchen Charakters, fo haben fie gleichwohl mit nur feltenen Ausnahmen auch innerhalb diefer engeren Rahmen fchon alle jene Gefichtspunkte berücksichtiget, welche überhaupt bei dem damaligen Stande der allgemeinen Erdkunde verfolgt werden konnten und, welche die Grundlagen der heutigen geographifchen Wiffenfchaft geworden find. Sie enthalten nicht nur rein landbefchreibende, gefchichtliche, politifche und ftatiftifche Daten, fondern auch ethnographifche, aftronomifche, phyfikalifche, klimatologifche, pflanzengeographifche und geognoftifch- geologiſche Partien, welche letzteren fich auch unter der Bezeichnung„ unterirdifche Geographie" zufammengefafst finden. Darunter befinden fich vielfach Abhandlungen, welche lange Zeit, theilweife fogar bis auf den heutigen Tag werthvolle Fundgruben des erd- und naturkundlichen Wiffens geblieben find. Eine folche Regfamkeit des geiftigen Strebens und Schaffens, begleitet von dem Auffchwunge der fchönen Literatur und der philofophifch- humaniftifchen Studien in und aufser Oefterreich, konnte auf den öffentlichen Unterricht um fo 4 Dr. R. Perkmann. weniger ohne günftigen Einfluss fein, als alle darauf hinzielenden Bemühungen der wärmften Sympathien und der kräftigften Unterſtützung feitens der damaligen Regierung ficher fein durften. In der That wurde fchon in den erften Jahren der Regierung der Kaiferin Maria Therefia eine zeitgemässe Organiſation des gefammten Schul- und Studienwefens in Angriff genommen. Welchen Aufblühens dasfelbe fähig war, wenn ihm die volle Freiheit einer natürlichen Entwicklung gegeben und auch gelaffen wurde, davon hat die medicinifche Wiffenfchaft und der Weltruf, deffen fich, die Wiener Schule" feither zu rühmen berechtigt war, den glänzendften Beweis geliefert. Allein die übrigen Zweige und Abtheilungen des öffentlichen Unterrichtes hatten fich nicht lange jener Unabhängigkeit von culturfeindlichen Elementen zu erfreuen, welche unbedingt nothwendig ift, wenn das geiftige und mit diefem auch das wahrhaft fittliche Leben eines Volkes wirklich gedeihen foll. Die verfchiedenen Verfuche und Vorfchläge, welche wiederholt von tüchtigen und vorurtheilsfreien Männern gemacht wurden und die ganz geeignet fchienen, den Anforderungen der Zeit und des jeweiligen Standes der Wiffenfchaft zu entfprechen, fie fcheiterten jedesmal, früher oder später an den offenen und geheimen Machinationen der Gegner einer vernunftgemäfsen Erziehung des ganzen Volkes und einer wiffenfchaftlichen Bildung der Einzelnen. Nach allen den ,, Reformen", ,, Revifionen“ und„ ,, Reorganifationen" oder wie die Entwürfe zur Hebung der Schule in Oefterreich geheifsen haben, war es fchliefslich immer nur die Reaction", welche zuletzt das Feld behauptet hat. Erft unfere Zeit verfpricht ihren eigenen, befferen Schöpfungen und Einrichtungen auf dem Gebiete des Unterrichtswefens auch dauernden Beftand und ftetigen Fortfchritt. Durch die Schulordnung vom 1747 wurde die Geographie in den Unterrichtsplan der Gymnafien aufgenommen. Sie follte urfprünglich nur in einem Curfe, in der„ Poefie" und da nur in Form einer„ Synopfis" gelehrt und gelernt werden, erhielt jedoch bald gebührende Erweiterungen Die allgemeine Schulordnung vom Jahre 1774 beftimmte ferner, dafs auch in den Normal- und Hauptfchulen ,, Etwas aus der Naturgefchichte und aus der Erdbefchreibung, befonders in Hinficht auf das Vaterland gelernt werden foll". Von dem Geifte des therefianifch- jofephinifchen Zeitalters durchweht war auch der Unterrichtsplan, welchen der Lehrer am Piariftengymnafium zu Wien, Pater F. J. Lang, noch im letzten Decennium des vorigen Jahrhundertes ausgear. beitet hat. Ungeachtet einzelner Mängel, welche ihm anhafteten, bezeichnete diefer Entwurf einen wefentlichen Fortfchritt gegen früher und ein ernftliches Betreten des richtigen Weges, welcher, mit Feftigkeit eingehalten, zu ganz anderen Refultaten hätte führen müffen, als es auf der später wirklich eingefchlagenen Bahn möglich fein konnte. Zeigt Pater Lang in der Gliederung des Gegenftandes eine gründliche, wiffenfchaftliche Beherrschung des ganzen Lehrftoffes, fo bekundet er in der methodifchen Behandlung desfelben eine reiche didaktifche Erfahrung und den klaren Blick des tüchtigen Schulmannes. Er verlangt für die Geographie eine felbft ftändige Stellung neben den anderen Disciplinen des Gymnafiums und ftellt als Grundlage für alle ihre Zweige den phyfikalifchen Theil auf, Principien, welche die geographifche Wiffenfchaft heute mit nur noch ftärkerem Nachdrucke geltend macht, ohne dafs diefelben bis jetzt fchon vollſtändig und überall in die Praxis des Unterrichtes eingeführt wären. Die Zeitperiode, welche die für die Ausführung des Lang'fchen Planes nöthigen und günftigen Elemente in fich trug, war bereits abgelaufen und hatte die Geiftesrichtung in Oefterreich fich mittlerweile vom Grunde aus geändert. Nachdem er durch volle zehn Jahre im Schoofse einer eigens eingefetzten StudienRevifionscommiffion geruht hatte, kam er im Jahre 1805 nach einfchneidenden Modificationen und Verftümmelungen wieder an das Tageslicht und wurde in diefer verkümmerten Geftalt fanctionirt. Wenn es möglich war, den Unterricht in der Geographie an den öfterreichifchen Lehranstalten noch tiefer hinabzudrücken, fo gefchah diefs durch den Geographifche Lehrmittel. " ንን 5 Studienplan vom Jahre 1819. Derfelbe hob das Fachlehrer Syftem ganz auf und fetzte für den vereinigten Unterricht in Geographie und Gefchichte die Anzahl der wöchentlichen Lehrftunden in allen fechs Claffen des Gymnafiums zufammen auf dreizehn herab. Officiell verfafste und eingeführte Schulbücher fetzten genau die Ländergruppen feft, welche in jeder Claffe behandelt werden mussten. In der erften Claffe wurde ein dürres Skelet der mathematifch- aftronomifchen Geographie" vorgeführt und daran eine möglichft allgemeine Ueberficht über die Oceane, die Erdtheile, deren Gebirgsfyfteme und Gewäffer geknüpft. So mager diefer Theil auch war, fo hatte er doch wenigftens einen Anflug von rationeller Methode, was in den folgenden Claffen nicht mehr der Fall war Für diefe wurde die fefte Oberfläche des Planeten nicht etwa nach phyfikalifchen, fondern nur nach den zufälligen politifchen Verhältniffen in eine Anzahl regellofer Gruppen von Ländern, beziehungsweife Staaten zerriffen und jedem Jahrgange eine oder mehrere derfelben zur„ Bearbeitung" zugewiefen. Diefe Bearbeitung" befchränkte fich gröfstentheils auf die Anführung von politifch- topographifch- ftatiftifchen Materialien und Daten, mitunter in wahrhaft erfchreckender Maffenhaftigkeit und Regellofigkeit. Die beigefügte peremtorifche Vorfchrift, der Lehrer habe fich ftrenge an das officielle Schulbuch zu halten, ift ohne Zweifel für die meiſten Fälle überflüffig gewefen; gab es doch damals für den angehenden Gymnafiallehrer in Oefterreich noch keine Gelegenheit, wo er einen fpeciellen wiffenfchaftlichen Unterricht in der Geographie hätte geniefsen, wo er fich durch fyftematifche Studien für feinen Beruf hätte vorbereiten und dadurch feinen geiftigen Gefichtskreis über das geographifche Lehrbuch hinaus hätte erweitern können. Daher ift es mehr als blos glaubhaft, was von fo vielen öfterreichifchen Gymnafien diefer Periode berichtet wird, dafs nämiich die Schüler zu einem rein mechanifchen Auswendiglernen von Namen, Zahlen und maffenhaften Daten fogenannter Merkwürdigkeiten einzelner Orte angehalten worden find, wobei oft genug Dinge angeführt waren, welche nicht einmal vom engften localen Standpunkte aus betrachtet irgend eine ernftliche Bedeutung oder Wichtigkeit befeffen haben. Es ift leicht begreiflich, dafs von diefem, auf folche Weife aufgehäuften Gedächtnifskram nach der halbjährigen Prüfung, für welche er in Bereitfchaft gehalten werden mufste, im Geifte der Jünglinge kaum andere Spuren auf die Dauer übrig geblieben find, als eine unüberwindliche Abneigung gegen ein Lehrfach, welches, naturgemäfs und rationell behandelt, wie kaum ein zweites geeignet ift, den Geift anzuregen und das Intereffe dauernd lebendig zu erhalten. Auch während diefes Zeitraumes hat es nicht an Männern gefehlt, welche die Mängel des Unterrichtswefens in Oefterreich erkannt, und das Bedürfnifs, denfelben abzuhelfen, gefühlt hatten. Aber die wiederholten Vorfchläge zu Verbefferungen fanden keine Beachtung. Erft die politifche Neugeftaltung des Reiches brachte das Werk in Flufs und der„ Entwurf zur Organifation der Gymnafien und Realfchulen in Oefterreich", welchen das k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht am 16. September 1849 erlaffen hat, bezeichnet einen entfcheidenden Wendepunkt, wenn auch nicht fpeciell und direct für den geographifchen Unterricht, fo doch für das Schulwefen im Allgemeinen; und von dem neuen, wiffenfchaftlichen Geifte, der, bis dahin daraus verbannt, hiemit feinen Einzug in die öfterreichifchen Lehranstalten feiern durfte, war es mit Zuverficht zu erwarten, dafs er früher oder fpäter auch auf das geogra phifche Fach feine befruchtende und belebende Kraft ausüben werde. Für den geographifchen Unterricht zeigt der„ Entwurf bei weitem nicht jene Auffaffung, welche dem damaligen Stande der Wiffenfchaft entfprochen hätte. Während mehr als ein halbes Jahrhundert früher im Entwurfe des P. Lang für die Geographie eine vollkommen felbftftändige Behandlung und die phyfikalifche Seite als Grundlage gefordert worden ift, verlangt diefer neue Organiſationsplan, dafs die Geographie nur eine Begleiterin und Dienerin der Gefchichte fei. Geographie fei nur in Beziehung zur Gefchichte zu behandeln; denn für den " 6. Dr. R. Perkmann. weiteren Unterricht in der Geographie wird die Beziehung des Menfchen zur Erde zu einem Hauptgefichtspunkte, welcher ohne näheres Eingehen auf die Gefchichte nicht verftändlich ift." Nachdem der Verfaffer des„ Entwurfes" diefe Grundthefis der Ritter'fchen Geographie, wenn auch ganz am unrechten Platze und in unrichtiger Form, herangezogen hat, fucht er die Nothwendigkeit der Verbindung des gefchichtlichen und geographifchen Unterrichtes durch den Beweis zu kräftigen, weil in den Lehrplänen der Schulen gewöhnlich die diefen beiden Gegenftänden gewidmete Zeit gemeinfam angefetzt ift"!! Ein felbftftändiger Unterricht hat nach dem Entwurfe für die Geographie nur in der unterften Claffe des Untergymnafiums ftattzufinden, wobei eine ,, über fichtliche Befchreibung der Erdoberfläche nach ihrer natürlichen Befchaffenheit: Meer und Land, Gebirgszüge und Flufsgebiete, Hoch- und Tiefländer u. f. w., zu geben ift. Damit zu verbinden ift das Wichtigfte aus der Eintheilung derfelben nach Völkern und Staaten. Gelegentlich können biographifche Schilderungen angeknüpft werden als Vorbereitung des hiftorifchen Unterrichtes". Welche mageren Reſultate in einem einzigen Jahre und bei den Schülern der unterften Claffe über ein folches Penfum erreicht werden mögen, braucht nicht erft hervorgehoben zu werden, und ,, auf Grundlage der in der erften Claffe bereits gelernten allgemeinen Umriffe" wird in den folgenden Claffen nur ein geographifcher Ueberblick des Landes gegeben, welches gerade im gefchichtlichen Penfum zu behandeln ift. Im Obergymnafium befchränkt fich die Anforderung an den geogra phifchen Unterricht darauf, dafs ein ficheres Wiffen der hiezu"( zur Gefchichte) , nöthigen geographifchen Verhältniffe mit dem hiftorifchen Unterrichte in Verbindung zu ftehen hat".„ Die geographifchen Kenntniffe werden aber im Ober gymnafium dadurch gefichert, indem von jedem im Verlaufe der Gefchichte vorkommenden Orte feine Lage beim Vortrage an der Wandkarte gezeigt und die Angabe derfelben bei der Wiederholung vom Schüler verlangt wird." Und als follte die Geographie nichts Anderes enthalten, als eine dürre Lifte von Namen, fügt der Entwurf den Troft und die Beruhigung hinzu: ,, Wenn der geographifche Unterricht in der Verbindung mit der Gefchichte auch ein Paar einzelne Namen weniger einprägen follte, als bei felbftftändiger, abgefonderter Behandlung, fo wird dagegen das, was gelernt wird, durch die Verbindung, in welche es unmittelbar tritt, zu einem fefteren Eigenthum der Schüler, das fich dann leicht genug bei Gelegenheit im Speciellen erweitern läfst." " In diefem Punkte leidet der fonft einen wefentlichen Fortfchritt bezeichnende Organifationsentwurf vom Jahre 1849 noch an dem altererbten Uebelftande", dafs der Unterricht in der Geographie demjenigen in der Gefchichte beinahe vollständig untergeordnet blieb. Die oft genug und rafch wechselnden geographifchen Daten der Staatengefchichte follten den Mafsftab bilden für die auf dauernderen Verhältniffen bafirende allgemeine Geographie. Die Erdkunde, die weltumfaffende, follte fich nur in den engeren Kreis der Kunde einzelner Staaten einzwängen. Der Hemmfchuh, welcher hiemit der Geographie angehängt wurde, war um fo fchwerfälliger und fchmerzlicher zu empfinden, als das Studium und die didaktifche Behandlung der Gefchichte in den öfterreichifchen Schulen damals felbft noch fehr Vieles, wenn nicht Alles zu wünfchen übrig liefs, als es felbft den rechten Boden für feine Entwicklung erft fchaffen musste. Dafs auf folcher Grundlage für die Geographie kein Gewinn zu erzielen war, konnte nicht zweifelhaft fein. Und wenn in der darauffolgenden Periode gleichwohl an einzelnen öfterreichifchen Lehranstalten ein Auffchwung diefer Disciplin zu verzeich nen ift, fo ift diefs wenigftens theilweife dem Umftande zuzufchreiben, dafs diefe und jene Lehrer der Gefchichte, von dem Organifationsentwurfe abfehend, beim eigentlichen Unterrichte in der Geographie nach Grundfätzen vorgegangen find, welche weniger in der Staatengefchichte als in den natürlichen Verhältniffen unferes Planeten ihre Wurzel haben. Geographifche Lehrmittel. 7 Wenn deffen ungeachtet der ,, Entwurf" auch für den geographifchen Unterricht an den Gymnafien belebende Principien enthält und ihm neue, wahrhaft zeitgemäfse Elemente zuführt, fo find diefelben nicht in der Gruppe der Staatengefchichte, fondern in den naturgefchichtlichen und phyfikalifchen Fächern zu fuchen, welche, bis dahin von den Gymnafien ferne gehalten, in den Lehrplan diefer Anftalten aufgenommen worden find. Innerhalb diefer Gruppen follen in entsprechender Weife phyfifche Geographie, Geognofie, Meteorologie, geographifche Verbreitung der Pflanzen, der Thiere und fo weiter gelehrt werden. Mehr Nachdruck auf die Geographie legte der Organiſationsentwurf für die Realfchulen. Doch wurde fie auch hier nicht von ihrer Verbindung mit der Gefchichte emancipirt, und ift der Schwerpunkt des Gewinnes, den fie auf diefem Boden errungen, wie in den Gymnafien, bei den naturwiffenfchaftlichen Fächern zu fuchen. Für die Gefchichte der erdkundlichen Wiffenfchaft und zugleich des geographifchen Unterrichtes in Oefterreich find ferner drei Thatfachen als befonders Diefe find: die einflussreich, oder vielmehr epochemachend zu bezeichnen. Gründung der geologifchen Reichsanftalt( 1849), der Centralanft alt für Meteorologie und Erdmagnetismus( 1852) und die Creirung einer Lehrkanzel für Geographie an der Wiener Univerfität. Die Lehramts Candidaten für die hiftorifch- geographifche Gruppe hatten bisher in Oefterreich keine Gelegenheit, fich auf fachmännifche Weife und fyftematifch für den Unterricht in der Geographie zu qualificiren. Die Errichtung der Lehrkanzel für Geographie an der Wiener Hochfchule, überhaupt die erfte Lehrkanzel diefer Art in Oefterreich, konnte demnach eine grofse Lücke im öffentlichen Studienwefen ausfüllen. Entfprang diefes Ereignifs auch nicht einem beftimmt angelegten, weiter hinauszielenden Plane, war es vielmehr nur einem glücklichen Zufammentreffen. günftiger Umftände zu verdanken, fo wurde es doch dadurch um fo bedeutungsvoller, dafs Profeffor Friedrich Simony, der den Lehrftuhl einnahm, den Gegenftand vorzugsweife von der bis dahin vernachläffigten, phyfikalifchen Seite zu behandeln anfing und den Hauptaccent auf die phyfifche Geographie legte. Simony ift den Befuchern der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung der Weltausstellung, fowie den Lefern des kartographifchen Berichtes durch feine allgemein anerkannten Leiftungen hinlänglich bekannt. Leider ift die geographifche Lehrkanzel in Wien durch volle zwei Decennien in Oefterreich die einzige geblieben und felbft heute haben fich noch nicht alle vaterländifchen Hochfchulen einer folchen zu erfreuen. Dagegen ift in Wien diefer Tage eine zweite errichtet und mit dem durch hervorragende Arbeiten über Meteorologie und phyfikalifche Geographie rühmlichft bekannten Dr. Julius Hann befetzt worden. Neben und nach den beiden genannten Anftalten für Geologie und Meteorologie find in Oefterreich noch andere zahlreiche wiffenfchaftliche Gefellfchaften und Vereine entstanden, welche alle mehr oder weniger direct oder indirect der Geographie und der Erdkunde dienftbar find. Um blos einige von denjenigen zu nennen, welche ihren Sitz in Wien haben: fo wurde 1851 die zoologifch- botanifche Gefellfchaft, 1856 die k. k. geographifche Gefellfchaft, 1863 die öfterreichifche Gefellfchaft für Meteorologie, 1871 die anthropologifche Gefellfchaft und viele andere gegründet. Dazu kommen an den Univerfitäten und technifchen Hochfchulen die Lehrkanzeln für verfchiedene Zweige der Phyfik und Naturgefchichte, der Aftronomie, der Geognofie, der Geologie, der Ethnographie und vergleichenden Sprachwiffenfchaft und andere. Das find zahl- und inhaltreiche Quellen, aus denen der Geographie und dem geographifchen Unterrichte ohne Unterbrechung immer neue wiffenfchaftliche Nahrung zufliefst und mittels der dazu berufenen 8 Dr. R. Perkmann. Lehrorgane, in entſprechender Zubereitung durch die verfchiedenen Abftufungen der Schule, durch diefe aber auch allmälig in alle Schichten der Bevölkerung hinausftrömt. Allerdings follte auch der geographifche Unterricht an den öfterreichifchen Lehranftalten, namentlich auf den niederen Stufen, fich nicht fo ganz frei und ungeftört entfalten können. Es gibt Staaten, wo das rein intellectuelle Leben in der Schule, wie in einem Heiligthume, unabhängig und ungehindert von den jeweiligen ftaatlichen und kirchlichen Richtungen, wenn auch langfamen Ganges, dafür aber harmoniſch fortfchreiten und fich immer reicher geftalten kann. In Oefterreich aber zeigt fich die eigenthümliche, aber aus den Verhältniffen leicht erklärliche Erfcheinung, dafs fich die verfchiedenen nationalen, politifchen und kirchlichen Parteien, die fortfchrittlichen, wie die rückfchrittlichen, immer mit Eifer, ja vielfach mit Leidenfchaft und Fanatismus auf das Schulwefen, gleichfam die wichtigfte ftrategifche Pofition im Kampfe um ihr ganzes Sein und Nichtfein, werfen und fich des entfcheidenden Einfluffes auf dasfelbe zu bemächtigen fuchen. Um diefen Punkt tobt der Kampf am heftigften. Rückfchritt und Fortfchritt gefchehen nicht rhythmifch, fondern immer ftofsweife. Doch fehlt auch hier nicht jener univerfelle Regulator, den jedes„ Zuviel" im natürlichen, wie im gefellfchaftlichen und geiftigen Leben in fich felbft trägt, und fchützt jedesmal gegen vollſtändige Vernichtung wie gegen fchädliche Ueberftürzung, bis der Sturm fich endlich zu legen beginnt und das wiffenfchaftliche und culturelle Element, dem fchliesslich allerwärts der Sieg zufallen mufs, einer ruhigeren Entwicklung fich hingeben kann. Die Angriffe welche zu Anfang der Fünfziger- Jahre gegen die neuen Einrichtungen im öfterreichischen Schulwefen unternommen worden find, waren vorzugsweife gegen die„ Realien", fomit direct und indirect auch gegen die Geographie gerichtet. Hinfichtlich der Volksfchule fehen wir einen Erlafs des Minifteriums für Cultus und Unterricht, der nahezu gleichzeitig mit den Artikeln des Concordates veröffentlicht worden ift, um ein volles halbes Jahrhundert zurückgreifen und felbft dasjenige aus der Schule hinausweifen, was fogar die alte politifche Schulordnung" vom Jahre 1805 noch geduldet hatte. Doch auf dauernde Erfolge konnte eine folche Richtung im Staatsleben unmöglich mehr rechnen. Innere und äufsere Urfachen, wiffenfchaftliche und politifche Factoren wirkten zufammen, um endlich das gefammte Schulwefen auf den Principien aufzubauen, welche die heutige Wiffenfchaft und das moderne Leben fordern und alle Elemente ferne zu halten, welche dem Gedeihen der neuen Schöpfung hinderlich fein könnten. In den Lehrerkreifen aller Grade entfaltete fich ein reger Eifer für Wiffenfchaft und Lehramt, und was hier gleichfam im Stillen vorbereitet wird, das fehen wir bald, zuvörderft unter dem Schutze einzelner Gemeinden, in die Oeffentlichkeit hinaustreten und die Sanction der Staatsregierung erlangen. Die erfte Gemeinde des Reiches, die Grofscommune Wien, darf mit Recht ftolz fein auf den Antheil, welchen fie an der Um- und Neugeftaltung des Unterrichtswefens in Oefterreich genommen hat. Nach der neueren Organiſation der Wiener Communalfchulen findet auch die Geographie wieder in der Volksfchule ihre Stelle, und zwar auf Grundlage der phyfikalifchen Seite. Halten wir den Lehrplan für die fechs claffige Schule im Auge, fo wird in der erften und zweiten Claffe dem geographifchen Unterrichte durch den Anfchauungsunterricht vorgearbeitet. In der dritten Claffe foll er an der Hand des Lefebuches ,, die Kinder mit den wichtigften heimatlichen Producten aller drei Naturreiche bekannt machen, die am häufigsten wiederkehrenden Naturerfcheinungen, namentlich die klimatifchen und Witterungsverhältniffe des Ortes, die Tages und Jahreszeiten, den Kreislauf des Waffers u. dgl. befprechen, zum Lefen eines Planes der Schule und ihrer Umgebung, des Gemeindebezirkes u. f. w. anleiten und aus der Kenntnifs der engften Heimat die einfachften erdkundlichen Grundbegriffe entwickeln". In der vierten " Geographifche Lehrmittel. 9 Claffe wird überfichtlich das Gefammtvaterland befprochen und mit einer Befchreibung der Erdtheile mit Rückficht auf Grundgeftalt, Hauptgebirge, Ströme und Bevölkerung gefchloffen". Für die fünfte und fechste Claffe wird als Lehrziel aufgeftellt:„ Die überfichtliche Bekanntfchaft mit dem Erdkörper nach Geftalt, Gröfse und Bewegung, nach der Vertheilung der grofsen Land- und Waffermaffen, dem Klima und der Lagerung der Thier- und Pflanzenwelt; die genauere Kenntnifs Europas, insbefondere Mitteleuropas und fpeciell Oefterreichs. Aus der politifchen Geographie ift nur das Wichtigfte mitzutheilen, fchliefslich jedoch eine Ueberficht der Grundzüge der öfterreichifchen Verfaffung zu geben." 99 Nach der„ Schul- und Unterrichtsordnung für die allgemeinen Volksfchulen" vom 20. Auguft 1870 hat der Unterricht in den Realien das Wiffenswürdigfte aus der Naturkunde, der Geographie und Gefchichte ins Auge zu faffen. Hiebei ift der Grundfatz feftzuhalten, dafs fich diefer Unterricht auf den unteren und mittleren Stufe zunächft an die Fibel und die SchulLefebücher anfchliefst, und dafs er erft auf den oberen Stufen felbftftändig auftritt." Was fpeciell den geographifchen Unterricht betrifft, fo wird das Lehrziel desfelben in Paragraph 58 folgendermafsen definirt: Ueberfichtliche Kenntnifs der Heimat und des Vaterlandes nach phyfifchen und topifchen, ethnographifchen und politifchen Verhältniffen; Kenntnifs des Wichtigften über Europa und die übrigen Erdtheile mit Hervorhebung der Bodenverhältniffe; Verftändnis der naheliegenden Erfcheinungen, die aus der Geftalt, Stellung und Bewegung der Erde hervorgehen. Den Ausgangspunkt des Unterrichtes bildet der allmälig unter den Augen der Schüler fich entwickelnde Plan des Wohnortes und feiner Umgebung; daran fchliefst fich die allmälige Einführung in das vollſtändige Verſtändnifs der Karte." Zu gleicher Zeit hat das Minifterium für Cultus und Unterricht den Lehrplan für die neu errichteten dreiclaffigen Bürgerfchulen veröffentlicht. Derfelbe ftellt als Ziel des geographifchen Unterrichtes auf:" Kenntnifs des Wichtigften aus der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Ueberfichtliche Kenntnifs Europas und der übrigen Erdtheile. Genauere Kenntnifs der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie und des Heimatlandes. Kenntnifs der Reichsund Landesverfaffung." Hinzugefügt wird die Bemerkung, dafs„ der Unterricht fo viel als möglich vergleichend vorzugehen" habe. Für die einzelnen Claffen ift der Lehrftoff vertheilt, wie folgt: I. Claffe. Verftändnifs des Globus und der Karte. Ueberficht der Erdtheile nach horizontaler und verticaler Gliederung, nach ethnographifchen und politifchen Verhältniffen. II. Claffe. Geographie Europas nach Naturverhältniffen und Bewohnern und mit Bezug auf materielle und geiftige Cultur. III. Claffe. Eingehende Betrachtung der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie; Kenntnifs der Verfaffung derfelben. Reiche Nahrung findet die Geographie und die Erdkunde in der modernen Volks- und Bürgerfchule auch durch den Unterricht in der Naturgefchichte und Phyfik. An den Gymnafien hätte der Unterricht in der Geographie nach den Grundfätzen des Organiſationsentwurfes vom Jahre 1849 ertheilt werden. follen. Wo diefelben befolgt wurden, war an einen Auffchwung diefes Unterrichtszweiges nicht zu denken; im Gegentheile wäre, wenn ein folcher gegen die vormärzliche Zeit überhaupt noch möglich war, ein weiterer Verfall unvermeidlich gewefen. Die Klagen über die Mangelhaftigkeit des geographifchen Wiffens der abfolvirenden Gymnafiaften wurden von Jahr zu Jahr lauter, der Ruf nach Reorganifation und Verbefferung des geographifchen Unterrichtes immer ftärker. In dem Beftreben, den Anforderungen der Zeit nach und nach gerecht zu werden, fehen wir wieder die Grofscommune Wien vorangehen, und zwar an den von ihr( 1864) 3 • 10 Dr. R. Perkmann. errichteten Realgymnafien. Ihrem Beiſpiele folgte auch die Regierung, und mit Erlafs vom 12. Auguft 1871 wurde der geographifche Unterricht einigermassen verbeffert und erweitert. Im Untergymnafium erhielt er für alle Claffen einen eigenen Lehrplan, in eigenen Lehrftunden, mit eigenen Penfa, welche jedoch nach Mafsgabe der gleichzeitigen Penfa der Gefchichte vertheilt find. Diefer Lehrplan lautet: Lehrziel: Kenntnifs der Erdoberfläche nach ihren wichtigften natürlichen und politifchen Abgrenzungen und Umriffen mit befonderer Hervorhebung der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie. I. Claffe. 3 Stunden. Fundamentalfätze der mathematifchen Geographie, foweit diefelben zum Verftändnifs der Karte unentbehrlich find und in elementarer Weife erörtert werden können. Befchreibung der Erdoberfläche mit Bezug auf ihre natürliche Befchaffenheit und die allgemeinen Scheidungen nach Völkern und Staaten. Das Kartenlefen und Kartenzeichnen. II. Claffe. 2 Stunden. Specielle Geographie von Afien und Afrika Eingehende Befchreibung der verticalen und horizontalen Gliederung Europas und feiner Stromgebiete, ftets an die Anfchauung und Befprechung der Karte geknüpft; fpecielle Geographie von Süd- und Weft Europa.( Der gefchichtliche Unterricht hat in diefer Claffe, das Alterthum" zu behandeln, ift fomit im Allgemeinen auf Weft Afien, Nord- Afrika und Süd Europa angewiefen.) III. und IV. Claffe. 1. Semefter. 2 Stunden, Specielle Geographie des übrigen Europas, jedoch mit Ausfchlufs der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie; dann Geographie von Amerika und Auftralien.( In der Weltgefchichte wird, das Mittelalter" behandelt.) IV. Claffe. 2. Semefter. 4 Stunden. Specielle Geographie der öfterreichischungarifchen Monarchie. 27 Im Obergymnafium findet die Geographie bis jetzt noch keine felbftftändige Behandlung, jedoch werden im Anfchluffe an den Unterricht in der Gefchichte die Hauptmomente der Völker- und Staatenkunde der Gegenwart dargestellt und im 2. Semefter der VIII. Claffe wird bei 3 wöchentlichen Lehrftunden gegeben eine„ eingehende Schilderung der wichtigften Thatfachen über Land und Leute, Verfaffung und Verwaltung, Production und Cultur der öfterreichiſch ungarifchen Monarchie unter fteter Vergleichung der heimifchen Verhältniffe und derjenigen anderer Staaten, namentlich der europäiſchen Grofsftaaten". Gleichfalls in der VIII. Claffe wird aufserdem noch ein eigener Curfus der allgemeinen Erdkunde" durchgenommen. Doch ift der erdkundliche Unterricht auch an den Gymnafien nicht auf die ,, hiftorifch- geographifche Gruppe" befchränkt. Reichen Zuflufs an intellectuellem Materiale erhält er aus den Fächern der Naturgefchichte und der Phyfik. Schon der öfters erwähnte Organiſationsentwurf von 1849 hat diefe Richtung des naturwiffenfchaftlichen Unterrichtes mit Nachdruck, ja in übertriebenem Grade betont. Aber auch die Gegner der neuen Studienordnung, namentlich der Naturwiffenfchaft. gingen in ihrem Eifer für die Ausweifung diefes Theiles der Unterrichtsgegenstände aus dem Lehrplane für Gymnafien viel zu weit, fo dafs fchliesslich aus dem Streite entgegengefetzter Meinungen und Wünfche doch ein erhebliches Quantum für die geiftige Ausbildung der Schüler gerettet werden konnte. Obwohl die Geographie an den Realfchulen im Allgemeinen mehr berücksichtigt wurde, fo ift es doch auch hier noch nicht gelungen, fie fo felbftftändig zu machen, wie es ihre wiffenfchaftliche, didaktifche und pädagogische Aufgabe erfordert. Sie wird auch hier noch als„ halber" Gegenftand bezeichnet. Aber in einem Punkte zeigt fich ein wenngleich fcheinbar unbedeutender, in der That aber nicht unwefentlicher Unterſchied vom Gymnafium zu Gunften des Faches, und diefer liegt darin, dafs die Lehramtscandidaten auch abgefondert von der hiftorifchen Gruppe die Prüfung zum Zwecke der Lehrbefähigung für Geographie innerhalb der naturwiffenfchaftlichen( naturgefchichtlichen) Abtheilung machen Geographifche Lehrmittel. 11 dürfen. Was aber heute noch facultativ ift, das wird mit der Zeit hoffentlich nicht blos für die Realfchule, fondern auch für das Gymnaſium obligatorifch werden, wenn es nicht fchliefslich gar dahin kommen follte, dafs für die Geographie vollends eine eigene Gruppirung angeordnet wird. ንን Der fpecielle Lehrplan für die Realfchule ift demjenigen für das Gymnafium ähnlich, nur foll hier auch auf die gewerblichen und commerciellen Verhältniffe und Beziehungen der Staaten befonders Rückficht genommen werden. In der Phyfik wird als Lehrziel angegeben: für die unteren Claffen eine durch das Experiment vermittelte Kenntnifs der leichtfafslichften Naturerfcheinungen und ihrer Gefetze", für die oberen Claffen: ,, Verſtändnifs der bedeutendften Naturerfcheinungen und Naturgefetze, durch den elementar- mathematifchen Beweis gefichert; ferner Anwendung diefer Lehren auf das Gefammtbild der Erde, als eines aus Naturkörpern zufammengefetzten, einheitlichen, gefetzmäfsig entwickelten Ganzen". Aus der Naturgefchichte, die, wie die Phyfik, abgefehen von ihrer fonftigen Selbftftändigkeit, als eine unerlässliche Hilfswiffenfchaft für die Erdbefchreibung und Erdkunde angefehen werden mufs, weist der Lehrplan für die VII. Claffe u. A. Geognofie und Grundzüge der Geologie auf, verlangt ferner das Wichtigfte aus der Klimatologie, der Phyto- und Zoogeographie, oder geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere. Zur Heranbildung von Lehrkräften waren früher die„ Präparandien" beftimmt, wo die Schüler in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit, fogar in fechs, ja drei Monaten, fich alle Kenntniffe aus den verfchiedenen Gegenftänden aneignen follten, in welchen fie fpäter felbft zu unterrichten hatten. Bei der äufserft dürftigen Vorbildung, welche die Zöglinge in diefe Lehrerfchule mitzubringen pflegten, ift es begreiflich, dafs damit felbft den befcheidenften Anfprüchen kaum genügt werden konnte. Bei Lehrern, welche ihre didaktifche und pädagogifche Bildung an folchen Präparandien genoffen haben und noch jetzt im Lehramte thätig find, darf es nicht Wunder nehmen, wenn ihnen die Geographie, wenigftens in ihrer neueren Geftalt, vollständig fremd ift. Da kann leicht möglich fein, was erft neulich vorgekommen, dafs ein Lehrer, als ihm von Seite der Schulbehörde eine fogenannte ,, ftumme" Karte von Sydow zum Gebrauche für den Unterricht überreicht wurde, die claffifche Erklärung abgab:„ Solche Karten kann man ja nicht brauchen, es fteht ja gar nichts d'rauf!!" Die neu errichteten Bildungsanftalten für Lehrer und Lehre rinen umfaffen vier Jahrgänge. Der Lehrplan, in der Verordnung des Minifteriums für Cultus und Unterricht vom 19. Juli 1870 definitiv feftgefetzt, beftimmt den Unterrichtsgang in der Geographie, wie folgt: Ziel: Verftändnifs der Karte und des Globus, Kenntnifs der Erdoberfläche in phyfikalifcher und politifcher Hinficht nach den wichtigſten Momenten, insbefondere Europas und fpeciell Mitteleuropas; einige Uebung im Kartenzeichnen. I. Claffe, wöchentlich 2 Stunden. Das Wefentlichfte aus der mathematifchen und phyfifchen Geographie mit vorwiegender Rückficht auf die nächfte Umgebung. Heimatkunde. Ueberfichtliche Kenntnifs der Erdoberfläche. Land und Waffer. II. Claffe, 2 Stunden. Elemente der Völker- und Staatenkunde. Die europäifchen Länder. III. Claffe, 2 Stunden. Die aufsereuropäiſchen Länder. IV. Claffe, 2 Stunden. Wiederholung des gefammten Lehrftoffes. Methodik des geographifchen Unterrichtes in der Volksfchule, insbefondere Anleitung, wie der Lehrer Heimatkuude zu behandeln hat. Ausserdem enthält diefelbe Verordnung unter dem Artikel ,, Naturgefchichte" die für Geographie wichtige Beftimmung:„ Den Schlufs des naturgefchichtlichen Unterrichtes foll die phyfikalifche Geographie bilden, wobei das in den verfchiedenen Zweigen des naturwiffenfchaftlichen Wiffens Gelehrte zufammengefafst und die gegenfeitige Bezie3* 12 Dr. R. Perkmann. hung und Ergänzung der auf unferem Planeten befindlichen Körper dargelegt werden foll. Es find hiebei vornehmlich die Wirkungen des Waffers in geologifcher Hinficht zu berücksichtigen, und ift die Architektonik der Erdrinde, die geologifche Entwicklung des Erdkörpers und die geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere darzulegen." Nach dem fpeciellen Lehrplane wird in der vierten Claffe, bei zwei wöchentlichen Unterrichtsftunden, vorgetragen: Allgemeine Begriffe der Geologie. Verbreitung der Thiere und Pflanzen mit Rückficht auf die phyfikalifchen Lebensbedingungen. Endlich beftimmt die Verordnung, dafs beim Unterricht in der Phyfik auf die Begründung der meteorologifchen Erfcheinungen und auf die mathematifche Geographie überall Rückficht zu nehmen fei. Seit der Neugeftaltung des Unterrichtswefens und feit der Aufhebung des Schulbücherzwanges hat fich auch bezüglich der Lehrbücher für Geographie eine reiche Literatur in Oefterreich entfaltet. Ein Theil davon war in der Ausftellung vertreten. Die Mehrzahl, namentlich die meiften von den älteren Werken haben fich von einer langgewohnten Schablone noch nicht loszumachen vermocht; fie behandeln überwiegend die choro- und topographifche Seite, wobei nicht felten durch eine für die betreffenden Lehrftufen zu grofse Anhäufung von Details und ftatiftifchen Daten das eigentliche Bedeutungsvolle getrübt und dasfelbe vor den noch ungeübten Augen des Schülers durch weniger Bedeutendes in den Hintergrund gedrängt wird. Von der vielfach noch herrfchenden Unficherheit in der Auswahl oder von dem Mangel an geeigneten Lehrbüchern für die einzelnen Lehrftufen mag unter Anderem als ein fprechendes Anzeichen dienen, dafs ein bekannter, bereits in vierzehnter Auflage erfchienener„ Leitfaden" in allen Claffen an Gymnafien und Realfchulen, aber auch an Lehrer- Bildungsanftalten und felbft an Bürgerfchulen verwendet wird. Aehnliches war der Fall mit einem noch 1873 in einundzwanzigfter Auflage erfchienenem, Lehrbuche der Geographie", welches erft jetzt mehr und mehr zurückgedrängt wird durch zeitgemäfsere Arbeiten. In den neueren Lehrbüchern ift jedoch vielfach ein entfcheidender Fortfchritt wahr zunehmen, der noch um fo bedeutungsvoller erfcheint, wenn man auf die Stellung zurückblickt, welche die Geographie und der geographifche Unterricht noch bis, vor kurzer Zeit an öfterreichifchen Lehranstalten einzunehmen verurtheilt gewefen ift. In den unteren Claffen der Volksfchule foll das Verftändnifs für geographifche Aufgaben durch den Anfchauungsunterricht vorbereitet werden. In den nächften Claffen vertreten noch die Lefebücher die Stelle der eigentlichen Lehrbücher. Die Ausftellung hat mehrere derfelben enthalten. Das ,, Sprach- und Lefebuch für Volksfchulen" vom k k. SchulbücherVerlag. Die zahlreichen Erzählungen von wunderbaren Dingen, welche die früheren officiellen Lefebücher ausfüllten, find nun gröfstentheils aus denfelben verfchwunden und haben naturgemäfsen Darftellungen Platz gemacht. Das angeführte Buch enthält einen eigenen Abfchnitt für einfache und kurze Schilderungen aus der Natur- und Erdkunde; es befpricht die gewöhnlichften Erfchei nungen des Tages und des Jahres und gibt eine gedrängte Skizze von OefterreichUngarn, von der Donau, von den Alpen, von den Gletfchern. Für jede Claffe der Volks- und Bürgerfchule ein eigenes Lefebuch hat der Bürgerfchuldirector und k. k. Volksfchul- Infpector in Wien, Franz Mair, herausgegeben unter dem Titel: Lefebuch für die Volks und Bürgerfchulen Oefterreichs.( Wien, bei Sallmayer und Comp.) In den unteren Claffen ift das gleiche Buch für Knaben und Mädchen; von der vierten Claffe an aber find eigene Lefebücher für die Knaben und eigene für die Mädchenfchule. Sie enthalten gut gewählte Lefeftücke über Natur-, Länder- und Völkerkunde, mit paffenden Skizzen und monographifchen Schilderungen, wobei befonders Oefterreich, dann Deutfchland berücksichtigt find. Ferner find vorgelegen fieben Bände des Lefebuches Geographifche Lehrmittel. 13 für Volks- und Bürgerfchulen von M. Binftorfer, H. Deinhardt und Ch. Jeffen, eine reiche Sammlung ausgezeichneter und je den Lehrstufen angemeffener Lefeftücke, deren Werth für den Unterricht noch dadurch erhöht wird, dafs fie vielfach von bildlichen Darftellungen begleitet find. Für die Mittelfchulen war namentlich vorhanden das deutfche Lefebuch" von Alois Neumann und Otto Gehlen, vierte Auflage( die fünfte ift unter der Preffe), mit einer ebenfo reichen als forgfältig gewählten, den beften Autoren entnommenen Sammlung von Befchreibungen und Schilderungen aus allen Reichen der Natur, für Geographie, Ethnographie, Zoologie, Botanik und Phyfik. 99 Von eigentlichen Lehrbüchern war in der Ausftellung am stärksten vertreten die Heimatkunde. Bereits haben die meiften Provinzen und Theile der Gefammtmonarchie ihre topo- und chorographifche Bearbeitung gefunden, Nieder- Oefterreich in Jul. Ergenzinger und in Fr. W. Schubert, OberOefterreich in K. Schuller, Steiermark in Dr. Fr. Ilw of, Mähren in M. La ber und in W. Wanek, Böhmen in R. Werner, Ungarn in J. H. Schwicker. Die Befchreibung von Oefterreich- Ungarn haben A. Steinhaufer, der bewährte Meifter in der Kartographie, ferner Bl. Kozenn, E. Hannak, Fr. Schmitt und Andere unternommen. Von denjenigen, welche die allgemeine Geographie bearbeitet haben, feien befonders genannt: G. Herr, " Lehrbuch der vergleichenden Erdbefchreibung". Diefes Werk, von dem erft der erfte Curfus vorlag, verfpricht namentlich den phyfifchen Theil der Geographie ausführlicher zu behandeln, und ift fomit beftimmt, eine wefentliche Lücke auszufüllen und dem geographifchen Unterrichte feine naturgemäfse Grundlage zu geben. Speciell hervorgehoben zu werden verdient ,, Elemente der Geographie" in Karten und Text, ausgeftellt vom evangelifchen Lehrerfeminar in Bielitz. Andere Lehrbücher lagen vor von dem bereits genannten kaiferlichen Rath Steinhaufer, Fr. W. Schubert, D. Grün, Bl. Kozenn, K. Hafelbach, E. Netoliczka, Lüben, W. F. Warhanek, Hauke, Klun etc. Von einem ganz fpeciellen Gefichtspunkte aus mufs hervorgehoben werden das Werk: Allgemeine Erdkunde, Leitfaden der aftronomifchen Geographie, Meteorologie, Geologie und Biologie. Bearbeitet von Dr. J. Hann, Dr. F. v. Hochftetter und Dr. A. Pokorny. Mit 143 Holzfchnitten im Text und 5 FarbendruckTafeln. Prag. 1872. Verlag von F. Tempsky. Diefes Buch ift weniger dem gegenwärtigen Charakter unferer Mittelfchulen entſprechend; es greift über den Gefichtskreis derfelben hinaus. Dafür zeigt es die Richtung und die Zielfcheibe an, welche der geographifche Unterricht wenigftens nach feiner phyfikalifchen Seite und namentlich auf den höheren Lehrftufen, für die Zukunft im Auge behalten mufs. Wenn es alfo auch nicht ein Lernbuch für die Schüler ift, fo ift es als ein folches mit um fo gröfserem Nachdrucke für die Lehrer der Geographie zu bezeichnen. Nur im Vorbeigehen fei hier die Nebenbemerkung angefügt, dafs auch. Lehrbücher von aufser öfterreichifchen Verfaffern Verwendung finden, befonders die von Daniel, Guthe, Seydlitz. Schliefslich muss noch ein befonderer Zweig der Geographie erwähnt werden, nämlich der Handelsgeographie, obwohl nur ein einziges Buch in der Sammlung einer Wiener Handelsfchule ausgeftellt war, welches diefen Titel führt. Der mittelft Verordnung des Minifteriums für Cultus und Unterricht im Jahre 1873 feftgefetzte Lehrplan für dreiclaffige Handelsfchulen beſtimmt als Lehrziel des geographifchen Unterrichtes:„ eine auf die allgemeine Kenntnifs der phyfikalifchen, topifchen, ethnographifchen, hiftorifchen und politifchen Verhältniffe fich gründende fpecielle Kenntnifs der wichtigeren Productions- und Handelsländer nach all den Richtungen, welche auf den Handelsbetrieb des betreffenden Landes mit anderen Ländern Bezug haben, und im 14 Dr. R. Perkmann. fteten Vergleiche mit den entſprechenden Verhältniffen der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie". Lehrplan. I. Claffe, 3 Stunden wöchentlich. Ueberblick des Wichtigsten aus der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Die öfterreichiſch- ungarifche Monarchie. Deutfchland. II. Claffe, 2 Stunden. Das übrige Europa, Afien, Afrika und Auftralien. III. Claffe, 2 Stunden. Amerika. Der Welthandel und deffen culturhiftorifche Bedeutung. Da eine genauere Präcifirung der Behandlung des fpeciellen Gegenstandes nicht gegeben ift, fo fei nur erwähnt, dafs diefer Lehrplan, obwohl für eine Specialfchule beſtimmt, eigentlich nur dasjenige verlangt, was bereits in den unteren Abtheilungen der Mittelfchulen gelernt werden mufs. Falls aber die Schüler in die Handelsfchule jene geographifchen Vorkenntniffe, welche das Gefetz vorfchreibt, auch wirklich mitbringen, dann könnte die Zeit für die Behandlung des fpeciellen Zweiges verwendet werden, und wäre wenigftens in der zweiten und dritten Claffe der Platz, wo auf Grundlage der vorhandenen Vorkenntniffe jene befonderen Partien der Geographie gelehrt werden könnten, welche die unerläfsliche Voraussetzung einer wiffenfchaftlichen Behandlung der Handelsgeographie bilden. Ferner ift das Thema„, die culturhiftorifche Bedeutung des Welthandels" eher für die Handels- Hochfchule geeignet; denn die Culturgefchichte fetzt bei den Schülern Kenntniffe voraus, welche auf diefer Lehrftufe, wie die tägliche Erfahrung zeigt, nur ganz ausnahmsweife vorhanden find. 99 - Die Literatur der Lehrbücher für Handelsgeographie befindet fich noch in einem niederen Stadium der Entwicklung. Von den mehreren, welche diefen Namen tragen, entſprechen nur die allerwenigften dem wiffenfchaftlichen Begriffe und der didaktifchen Aufgabe diefes Faches. Unter den betreffenden Erfcheinungen in Oefterreich kann nur ein einziges Buch angeführt werden, welches das Thema in einer den Anforderungen einer ftrengeren Methode nahekommenden Weife behandelt. Es ift die„ Handelsgeographie für Mittel und Handelsfchulen", von Profeffor Friedrich Körner, früher Director der Handelsakademie in Peft. Zweite, gänzlich umgearbeitete Auflage. Peft 1870. Der Verfaffer fchickt in gedrängtefter Kürze eine Wiederholung der auf einer anderen Lehrftufe bereits behandelten Vorbegriffe aus der allgemeinen Geographie voraus und theilt dann die Erde nicht nach den zufälligen, künftlichen und veränderlichen Begrenzungen der Staaten ein, fondern gruppirt die Länder nach natürlichen Grundzügen, wie folche durch die Befchaffenheit des Bodens, des Klimas und der davon abhängigen Production gegeben find; ferner nach den belebteften Handelsftrafsen und den commerciell wichtigften Meeresbecken. In Hinficht der ftatiftifchen Daten beobachtet er ein fehr weifes Mafs und vermeidet jede Ueberhäufung der fonft fo gern angebrachten Details, welche wohl für Comptoir und Steueramt und bei fpeciellen wiffenfchaftlichen Fragen am Platze fein mögen, für die Schule aber nur geringen und relativen Werth haben, wenn fie nicht gar den Unterricht wefentlich beeinträchtigen. Der Schüler erlangt dafür ein deutliches, zugleich anziehendes und bleibendes Bild von dem commerciellen Verkehre der Ländergruppen und eine lichtvolle Ueberficht über den Welthandel, innerhalb welcher fich dann der Antheil leichter ermeffen läfst, den die einzelnen Staaten an demfelben nehmen. Die in der öfterreichifchen Abtheilung ausgeftellte„ Handelsgeographie" ift zwar auf Grundlage der neueften Forfchungen und Ergebniffe der Statiftik" verfafst, erinnert aber feiner Anlage nach, mutatis mutandis, an die geographifchen Lehrbücher, welche, wie früher bemerkt, vor der Neugeftaltung des öfterreichifchen Unterrichtswefens und vor dem Erfcheinen des Organifationsentwurfes für die Gymnafien vorgefchrieben waren. Bei einer derartigen Vertheilung oder Zerftückelung des handelsgeographifchen Lehrftoffes, noch dazu ohne vorangehende allgemeine Ueberficht dürfte " Geographifche Lehrmittel. 15 es dem Schüler fchwer fallen, die grofse, Maffe kleiner Details zu beherrfchen und von feinem Studium dauernden geiftigen Nutzen zu ziehen. Deutſchland. Im früheren Mittelalter waren die claffifchen Sprachen, insbefondere die lateinifche, dann theologiſche Fächer beinahe ausfchliefslich die Gegenftände des Schulunterrichtes. Allmälig kamen mathematifche und phyfikalifche Zweige hinzu. An diefe fchloffen fich Aftronomie und Kosmographie an, vertreten durch Männer, deren Namen in der Gefchichte der Wiffenfchaft unvergänglich find. Als Deutfchland fich nach den Wirrniffen des dreifsigjährigen Krieges wieder zu fammeln, als es fich aus der Rohheit und Barbarei, in welche es zufolge der langwierigen kirchlich- politifchen Kämpfe verfunken war, wieder zu humanerem Denken und Fühlen emporzuringen begann, lenkte es fein Augenmerk mit erhöhtem Eifer auf die Schule hin. Das gefammte Unterrichtswefen, wenngleich noch auf befcheidener Bafis angelegt, konnte fich wenigftens in einzelnen Staaten Deutſchlands fortan um fo ficherer und harmonifcher entfalten, als es von den Strömungen des politifchen und kirchlichen Lebens nach der Reformation nicht mehr fo nahe berührt und bis in feinen innerften Kern erfchüttert worden ift, wie diefs in anderen Ländern der Fall gewefen. Wenn deffenungeachtet die Schule auch in folchen Staaten Perioden des Stillftandes oder des relativen Rückfchrittes aufzuweifen hat, fo liegen die Urfachen diefer Erfcheinungen weit weniger in gewaltfamen Eingriffen von Factoren, welche wahre Wiffenfchaft und freie Forfchung aus der Schule verbannen oder überhaupt ganz unterdrücken möchten, als vielmehr in einer zeitweiligen Erfchlaffung der eigenen geiftigen Thatkraft und in einem gewohnheitsmäfsigen Beharren bei Anfchauungen, welche nicht in der Unbefangenheit des naturgemässen Denkens und Forfchens liegen. In Folge der epochemachenden Entdeckungen, welche während des vorangegangenen Zeitalters fowohl auf der Oberfläche unferes Planeten, als auch in der Sternenwelt gemacht worden waren, erweiterte fich im XVIII. Jahrhunderte der geiftige Gefichtskreis der Culturvölker des Abendlandes mit rafchen Schritten. Von allen Seiten, auf allen Wegen wurden die Materialien herbeigetragen, welche zu einer genaueren Kenntnifs der Länder und der Völker der Erde führten. In Frankreich, England, Holland, Dänemark und Skandinavien traten Männer auf, welche auf den neuen Grundlagen neue wiffenfchaftliche Syfteme aufzuführen begannen. Wenn fich in Deutſchland im Allgemeinen der Eifer für diefe Arbeiten fpäter regte, fo wurde er dafür um fo intenfiver und lebhafter. Naturforfcher, Philofophen und Gefchichtsfchreiber bemächtigen fich der jungen Schätze, und Herder, getragen von feiner erhabenen Weltanschauung, entwirft mit begeisterten Worten ein leuchtendes Bild von der echten Geographie ein Bild, fo wahr und fo richtig, dafs auch heute noch Gefetzgeber und Lehrer nicht eindringlich genug auf dasfelbe verwiefen werden können, wenn nach dem höheren Ziele gefragt wird, welches dem Lehrer beim geographifchen Unterrichte vor Augen fchweben foll. Carl Ritter und alle feine Geiftesverwandten bis auf unfere Tage haben an der Ausführung des Planes gearbeitet, welchen Herder entworfen hat. Haben diefe Männer mehr die Aufgabe des„ höheren" Unterrichtes verfolgt, fo gab und gibt es zahlreiche andere Arbeiter, welche auf den tieferen Stufen thätig waren und noch thätig find. Die Unterrichtsabtheilung des deutſchen Reiches hat glänzende Belege für die Zuftände feines Schulwefens, fpeciell für Geographie, enthalten. Freilich war die Literatur der Geographie, gerade in neuefter Zeit ungemein bereichert durch vorzügliche Werke verfchiedener Art, verhältnifsmäfsig nur durch wenige Artikel vertreten, wogegen die Lehrmittel im engeren Sinne reichlich vorhanden waren. Auch von den vielen im Buchhandel erfchienenen Lehrbüchern war nur ein fehr kleiner Theil, doch darunter die 16 Dr. R. Perkmann. beften, vorgelegen. Betrachten wir aber zunächft die gefetzliche Organiſation des geographifchen Unterrichtes. Preufsen. In diefem Staate beruht die gegenwärtige Organiſation in Hinficht der niederen Schulen auf den„ Allgemeinen Beftimmungen", welche das königliche Minifterium der geiftlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten am 15. October 1872 erlaffen hat. Zu den Gegenftänden des Unterrichtes in den Volksfchulen gehören die Gefchichte, die Geographie und die Naturkunde. Der geographifche Unterricht beginnt mit der Heimatkunde, fchreitet fort zur Behandlung von Deutfchland und fchliefst daran das Hauptfächlichfte aus der allgemeinen Weltkunde, wie: Geftalt und Bewegung der Erde, Entstehung der Tages- und Jahreszeiten, die Zonen, die Weltmeere, die Erdtheile, die bedeutendften Staaten und Städte der Erde, die gröfsten Gebirge und Ströme. Hiebei ift zur Belebung, Ergänzung und Wiederholung" des Lehrftoffes, der vom Lehrer anfchaulich und frei dargeftellt werden foll, das Lefebuch zu benutzen. Das mechanifche Einlernen von Länder- und Städtenamen und von Einwohnerzahlen ift ftrenge unterfagt. Auf die Anfchaulichkeit wird der Hauptnachdruck gelegt. Man folle lieber den Umfang des Lehrftoffes befchränken, als auf deffen Veranfchaulichung verzichten und den Unterricht in Mittheilung blofser Nomenclatur ausarten laffen. Ferner legt die preuſsifche Schulordnung, mit vollem Rechte, ftrengen Nachdruck auf die häufigen Wiederholungen des Gelernten; diefelben werden in den fpeciellen Lehrplänen auf allen Lehrftufen ausdrücklich gefordert. 27 In Preufsen befteht unter verfchiedenen Benennungen eine beträchtliche Anzahl von Unterrichtsanftalten, welche einerfeits ihren Schülern eine höhere Bildung zu geben verfuchen, als diefs in der mehrclaffigen Volksfchule gefchieht, andererfeits aber auch die Bedürfniffe des gewerblichen Lebens und des fogenannten Mittelftandes in gröfserem Umfange berücksichtigen, als diefs in höheren Lehranstalten regelmäfsig der Fall fein kann. Sie heifsen Stadt-, Bürger-, Rector, Mittel- oder höhere Knabenfchulen und find den Bürgerfchulen in Oefterreich ähnlich. In den allgemeinen Beftimmungen" ift bezüglich der Geographie folgende Vertheilung vorgefchrieben. Der Unterricht beginnt, wie in der Volksfchule, mit der Heimat, aber in erweiterter Behandlung: dabei wird das Wichtigfte über die Erfcheinungen des Luftkreifes vorgenommen, namentlich diejenigen, welche in der Heimat vorzukommen pflegen; ferner der Horizont, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Tages- und Jahreszeiten. Einführung in die kartographifche Darstellung. Dann kommen an die Reihe; die Geftalt und Bewegung der Erde in näher eingehender Behandlung, Entwurf des mathematifchen Netzes, Ueberficht der Continente und Oceane, zuletzt Europa im Allgemeinen, befonders nach feinen phyfifchen Verhältniffen. Diefen Partien folgt weiter das Hauptfächlichfte aus der phyfifchen und politifchen Geographie aller Erdtheile. Dann wird ausführlich Deutfchland und fpeciell Preufsen behandelt. Zum Schluffe findet eine überfichtliche Wiederholung des ganzen Penfums ftatt, wobei die mathematiſche Geographie befonders berücksichtigt werden foll. Falls eine Schule diefer Kategorie aus mehr als fechs Claffen befteht, fo kann aufser einer entſprechenden allgemeinen Erweiterung des Penfums insbefondere eine genauere Darftellung der fremden Länder gegeben werden. Ebenfo haben in letzterem Falle bei der Naturbefchreibung auch Mittheilungen über Bau und Bildung der Erdrinde hinzuzutreten. - Die Lehrerfeminarien find zur Heranbildung von Lehrern beftimmt. Um in ein folches zugelaffen zu werden, mufs der Candidat nachweifen, eine allgemeine Bekanntfchaft mit den Erdtheilen und Weltmeeren, eine nähere Bekanntfchaft mit Europa, und eine fpecielle mit Deutfchland; aufserdem mufs er mit den Hauptbegriffen der mathematifchen Geographie vertraut fein. Geographifche Lehrmittel. 17 Der Lehrplan für den geographifchen Unterricht im Seminar umfafst in der unterften Claffe das Wichtigfte aus der Heimatkunde und aus der allgemeinen. Geographie; ferner eine überfichtliche Kenntnifs der Erdoberfläche; die aufsereuropäiſchen Erdtheile, Kartenlefen. In der mittleren Claffe wird zuerft Europa, fpeciell Deutſchland, fodann mathemathifche Geographie gelehrt; fodann Anleitung zur Ertheilung des geographifchen Unterrichtes in Mufterlectionen und Abnahme von Lehrproben. In der letzten Claffe Fortfetzung der methodifchen Anleitung, namentlich in Bezug auf die unterrichtliche Verwerthung von Atlanten, Wandkarten, Globen, Tellurien und anderen Veranfchaulichungsmitteln. Aufserdem wird bei der Naturbefchreibung in der mittleren Claffe über Bau, Leben und geographifche Verbreitung der Pflanzen vorgetragen und in der oberften Claffe eine Ueberficht über den Bau der Erdrinde gegeben. An Gymnafien find für die beiden unterften Claffen( VI und V) je zwei Stunden wöchentlich der Geographie gewidmet. Bei paffender Gelegenheit follen geeignete hiftorifche Notizen„ eingeftreut" werden. An Anftalten, wo in diefen beiden Claffen keine Naturgeschichte gelehrt wird, foll Geographie an deren Stelle treten, wobei aber der Lehrer diefen Gegenftand befonders durch Berückfichtigung des naturgefchichtlichen Stoffes zu beleben und dadurch nach diefer Seite hin den Gefichtskreis der Schüler zu erweitern hat.- Der fpecielle Lehrplan fordert, dafs in der VI. Claffe die allgemeinen Grundlagen der phyfifchen und mathematifchen Geographie kurz veranfchaulicht werden, dafs ferner eine oro- und hydrographifche Ueberficht der Erdoberfläche gegeben werde und zwar mit gelegentlicher Anknüpfung geeigneter Mittheilungen aus den Sagen, aus der Gefchichte, aus dem Natur- und Menfchenleben. Ausserdem Orientirung am Globus und auf den Landkarten. In der V. Claffe foll zunächft das Penfum aus der VI. Claffe wiederholt werden. Nach diefer Wiederholung folgt eine fpeciellere Ueberficht über die Erdtheile, ferner über die Hauptländer Europas, aufser Deutſchland, mit den wichtigften Gebirgen, Flüffen und Städten, Anleitung zum Kartenzeichnen, Anknüpfung gefchichtlicher und anderer Mittheilungen wie in der vorausgegangenen Claffe. In der Quarta beginnt neben der Geographie auch der Unterricht in der Gefchichte und find für beide Gegenftände zufammen drei Stunden wöchentlich beftimmt. Im geographifchen Theile wird zuerft eine Wiederholung von Europa vorgenommen, dann fpeciell Deutfchland und zuletzt ausführlich Preufsen behandelt. In Untertertia: kurze Wiederholung des Penfums aus der IV. Claffe, dann weitere Behandlung Deutſchlands und Preufsens. Hierauf werden wieder die übrigen Länder von Europa, aber in Verbindung mit den zu Europa in näherer Beziehung ftehenden aufsereuropäiſchen Ländern vorgenommen. In Obertertia Wiederholung und Erweiterung des Penfums aus dem vorangegangenen Curfe mit Wiederholung aller in den früheren Claffen behandelten Partien. In der Secunda und Prima fchliefst fich der geographifche Unterricht an den gefchichtlichen fo an, dafs zur Gefchichte des Alterthums die geographifchen Verhältniffe der betreffenden Länder dargestellt werden. Namentlich wird in Oberfecunda ein geographifches Bild des ganzen Imperium Romanum gegeben. Zugleich aber werden in regelmäfsigen Intervallen Repetitionen der wichtigeren Theile der ganzen in den unteren Claffen behandelten Geographie abgehalten, und hat in Prima der Lehrer der Phyfik auch die mathematifche Geographie in den Kreis feiner Darſtellung hineinzuziehen. An den Realgymnafien unterfcheidet fich der geographifche Unterricht von jenem an den Gymnafien durch eine ftärkere Betonung der phyfikalifchen, naturgefchichtlichen, culturellen und commmercielle n Momente, wie Productenkunde, geographifche Vertheilung der Pflanzen- und Thiergattungen über die Erdoberfläche, Gewerbe, Handelsverkehr, Culturverhält. 18 Dr. R. Perkmann. niffe, Gefchichte der Geographie mit Berücksichtigung der geographifchen Entdeckungen und der Erweiterung des Weltverkehrs. Ferner werden Erklärungen aus Paläontologie, Geognofie und Geologie gegeben und das Wichtigfte aus der populären Aftronomie gelehrt. Zu bemerken ift, dafs in der VI. Claffe des Realgymnafiums die naturwiffenfchaftlichen Belehrungen über Thiere und Pflanzen auch gänzlich mit dem geographifchen Unterrichte verbunden werden dürfen. An den Realfchulen erhält der felbftftändige Unterricht in der Geographie, wie es der Beftimmung diefer Lehranstalten entſpricht, eine weitere Ausdehnung, als es am Gymnafium der Fall ift. Als Lehrziel ift hiefür aufgeftellt: eine klare Einficht in die phyfifchen, klimatifchen und die damit zufammenhängenden Productionsverhältniffe der Erde im Allgemeinen und der wichtigeren Länder insbefondere; ferner foll auf Ethnographie, auf die culturgefchichtlichen Momente, auf die gewerblichen und commerciellen Zuftände Rückficht genommen werden. In einem vom 6. Juni 1859 datirten Erlaffe des königlichen Minifteriums wird in charakteriftifcher Weife befonders darauf aufmerkfam gemacht, dafs die naturwiffenfchaftlichen Fächer des Lehrplanes für Realfchulen dem Lehrer der Geographie reiche Gelegenheit darbieten, feinen Unterricht auch zu weiteren Anregungen zu benutzen und die Wechfelbeziehungen zwifchen verfchiedenen Lehrobjecten lebendig hervortreten zu laffen. Insbefondere feien die ,, vier geographifchen Elemente" und ihre Einwirkung auf einander zu verdeutlichen: das Starre nach dem mineralogifchen Charakter der Gebirgsarten, das Waffer nach dem Kreislaufe feiner Aggregatzuftände, die atmofphärifche Luft und die Wärme.. " In rein methodifcher Hinficht findet fich in demfelben Erlaffe eine Bemerkung, welche gegenüber der in der Volksfchule als unerlässliche Grundlage aufgeftellten Heimatskunde die Forderung ausfpricht, dafs der Mittheilung und Betrachtung des Einzelnen überall die Totalvorstellung vorangehen müffe. Demgemäfs foll auch fchon in den unterften Claffen der fogenannten Heimatskunde eine Belehrung über die allgemeinen Verhältniffe der Erdgeftalt und Oberfläche vorausgefendet werden; damit in Verbindung der Nachdruck, welcher auf den Gebrauch des Globus in der unteren Claffe gelegt wird. In den oberen und oberften Claffen der Realfchule wird die wiffenfchaftliche Behandlung der mathematifch- phyfikalifchen Geographie theils der Phyfik, theils der Naturgefchichte zugewiefen. Unter den in den Schulen des Königreiches Preufsen und anderer Staaten von Mittel- und Norddeutfchland mehr oder weniger in Verwendung ftehenden Lehrbüchern lagen, aufser den vielen Heimatskunden", vor: Klöden, Lehrbuch der Geographie, und desfelben Verfaffers Leitfaden der Geographie; Roon, Anfangsgründe der Geographie; Dielitz' und Heinrich's Grundrifs der Geographie; vielfach gebräuchlich ift das auch in Süddeutſchland und Oefterreich bekannte und benützte Lehrbuch der vergleichenden Erdbefchreibung von Pütz. Aufserdem fanden fich vor: Mathematifche Geographie von Dr. A. Hoffmann, Lehrbuch der Erdkunde von Dr. H. Th. Traut, in welchem man, nebenbei bemerkt, unter anderen unrichtigen Angaben auch der wohl im alltäglichen Leben, niemals aber in der Wiffenfchaft zuläffigen Behauptung begegnet, dafs Afrika in Folge der Durchftechung des Ifthmus von Suez eigentlich in eine grofse Infel umgefchaffen" worden fei( pag. 86). Als Lecture anziehend und zugleich zu wiederholendem Studium in den oberften Claffen der höheren Schulen geeignet ift das Werk: Geographifche Repetitionen von Profeffor Dr. R. Fofs. Mehr als diefe fteht in Gebrauch die ,, Schulgeographie" von Ernft von Seydlitz, deren praktifche Verwendbarkeit durch eine anfehnliche Anzahl von Auflagen bezeichnet wird. Es fehlt zwar nicht an Gegnern feiner Abbildungen und Skizzen; indeffen وو Geographifche Lehrmittel. 19 leiften fie an der Hand eines tüchtigen Lehrers in der Schule mehr, als die feinften und genaueften Zeichnungen, die, in der Schule ausgeführt, wenn durch nichts Anderes, fo fchon durch die lange Zeit, welche fie erfordern, ihren wahren didaktifchen Werth wefentlich herabftimmen. Die gröfste Verbreitung aber hat das Lehrbuch der Geographie für höhere Unterrichtsanftalten von Dr. H. A. Daniel und desfelben Verfaffers Leitfaden für den Unterricht in der Geographie. Seit dem Tode des Autors beforgt die Herausgabe beider Bücher Profeffor Dr. A. Kirchhoff. Vom„ Lehrbuch" ift im Jahre 1873 die vierunddreifsigfte, vom„ Leitfaden" vor Kurzem die fechsundachtzigfte Auflage erfchienen. Daniel fteht in der geographifchen Literatur durch fein grofses Werk: Handbuch der Geographie und durch fein: Deutfchland nach feinen phyfifchen und politifchen Verhältniffen in der vorderften Reihe der neueren Geographen. Seine Schulbücher zeichnen fich vor vielen anderen durch Einfachheit und durch Vermeidung des die Ueberfichtlichkeit ftörenden Details an Zahlen und Daten aus. Sachfen. Die Unterrichtsabtheilung des Königreiches Sachfen hat für unfere fpecielle Aufgabe quantitativ viel weniger geboten, als die meiſten anderen Staaten, welche überhaupt in diefer Gruppe vertreten waren; dagegen hat die Qualität der ausgeftellten Artikel unfere Aufmerkfamkeit und unfer Intereffe in einem Grade gefeffelt, wie diefs, fonft bei keinem einzigen Lande der Fall gewefen. Schon in der Anordnung und in der regelrechten Katalogifirung des Materiales hat es fich mufterhaft gezeigt. Das Königreich Sachfen, wie überhaupt die Mehrzahl der fogenannten fächfifchen Länder, find von jeher in Bezug auf den Unterricht in gleicher Linie neben den beften Staaten, wenn nicht vollends an der Spitze derfelben gestanden. Die königlich fächfifche Regierung hat auch in den neueften Gefetzen und Regulativen, welche das öffentliche Unterrichtsleben betreffen, bewiefen, dafs fie ftets den intellectuellen und ethifchen Forderungen der Zeit und ihrer Wiffenfchaft gerecht zu werden verfteht. Bezüglich der Volksfchule datirt das neuefte Gefetz vom 26. April 1873. Nach demfelben umfafst diefe Kategorie von Lehranstalten: a) die einfache, die mittlere und die höhere Volksfchule; b) die Fortbildungs-( Sonntagsoder Abend-) Schule. Zu den wefentlichen Gegenftänden des Unterrichtes in der Volksfchule gehören unter Anderem auch: Gefchichte, Erdkunde, Naturgefchichte und Naturlehre. Aus einzelnen Schulprogrammen und Jahresberichten ist als allgemeines Charakteriſtikon zu entnehmen, dafs dem geographifchen Unterrichte durch den naturgefchichtlichen vorgearbeitet werden foll, dafs ferner in jeder Hinsicht auf die Anfchaulichkeit hingewirkt wird. Der geographifche Unterricht beginnt mit: Himmelsgegenden, Auf- und Untergang der Sonne, die verfchiedenen Geftaltungen des heimatlichen Bodens, Betrachtung des Globus, Deutfchland und Europa im Umrifs, ausgeführte geographifche Bilder über Land und Leute aus dem fächfifchen Vaterlande. Auf diefer Grundlage fchreitet er fort zur Behandlung weiterer geographifcher Begriffe und der aufsereuropäiſchen Länder und hält fodann, je nach den Abftufungen der Claffen, feft an der concentrifchen Methode. Die jüngfte ausführliche Lehrordnung für die Schullehrer- Seminare, in welchen die Volksfchul- Lehrer herangebildet werden, datirt vom 14. Juli 1873. Als Lehrziel des Seminarcurfes wird bezüglich der Geographie beſtimmt: Die Bekanntfchaft mit den Hauptlehren der phyfikalifchen und mathematifchen Geographie, überfichtliche Kenntnifs der geographifchen Verhältniffe aller Länder, fpeciell Europas und insbefondere Deutfchlands, fowie der mit Europa in Verkehr ftehenden Länder in völliger Unabhängigkeit von Globus und Karte. Auf die einzelnen Claffen, beziehungsweife Gruppen, ift der Unterrichtsftoff ver 20 Dr. A. Perkmann. - theilt wie folgt: Erfte Gruppe, umfaffend die, Claffen VI und V, behandelt geographifche Vorbegriffe; Heimatskunde; Sachfen. Ueberficht über die ganze Erde mit Hervorhebung von Europa, insbefondere Deutfchland.- Zweite Gruppe ( Claffe IV und III): Ausführliche Geographie von Europa; Deutſchland eingehend behandelt; Beginn der Darftellung der aufsereuropäiſchen Erdtheile. Dritte Gruppe( Claffe II und I): Fortfetzung und Schlufs der Geographie der aufsereuropäiſchen Erdtheile; phyfikalifche und mathematiſche Geographie.- Im naturwiffenfchaftlichen Unterrichte mufs am Ende des Seminarcurfes eine überfichtliche Kenntnifs der Botanik, Mineralogie, Zoologie und Anthropologie, fowie der hauptfächlichften Lehren der Phyfik und Chemie erreicht fein. Darin ift auch enthalten: Grundzüge der Pflanzen- und Thiergeographie, Ueberblick über Geognofie und Geologie. In den Gymnafien, welche neun Claffen enthalten, ift der geographifche Unterricht nur in den Claffen von der Sexta bis inclufive Obertertia( Claffe IX bis V) felbftftändig und getrennt vom gefchichtlichen in wöchentlich zwei Stunden, von Unterfecunda( Claffe IV) an aber in Verbindung mit dem gefchichtlichen Unterrichte in wöchentlichen drei Stunden zu ertheilen. Das Lehrziel ift die Bekanntfchaft mit den Hauptlehren der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie, überfichtliche Kenntnifs der geographifchen Verhältniffe aller Länder, fpeciell Europas und Deutfchlands und der mit ihnen im Verkehr ftehenden Länder, Alles in Unabhängigkeit von dem äufseren Hilfsmittel der Karten. Nach diefer Beftimmung fährt das Regulativ in charakteriftifcher Weife fort: ,, Da aber erfahrungsmässig in den nachfolgenden vier Jahren bis zur Beendigung des Gymnafialcurfus von dem erworbenen geordneten und fpeciellen geographifchen Wiffen viel wieder verlorengeht, wenn die Erneuerung desfelben blos der gelegentlichen Erinnerung daran beim Gefchichtsunterrichte überlaffen bleibt, fo empfiehlt es fich, in den Claffen von Unterfecunda an zu Anfang oder am Ende eines jeden Semefters einige Stunden ausfchliefslich der Repetition und Vervollständigung zufammengehöriger Partien des geographifchen Unterrichtes zu widmen." Bezüglich der Vertheilung des Lehrftoffes auf die einzelnen Claffen beftimmt das Regulativ Folgendes: Sexta, 2 Stunden, Gebrauch der Landkarte; geographifche Fundamentalfätze, d. h. von der Geftalt der Erde, den Weltgegenden, der Bedeutung der Längenund Breitengrade, der Zonen, der Pole und des Aequators. Die politifche Geographie kann gelegentlich in diefer Claffe berührt, foll aber in ihr noch nicht fyftematiſch behandelt werden. Das Wichtigfte aus der Geographie Sachfens und Paläftinas. Quinta, 2 Stunden. Repetition und Erweiterung des Penfums von der Sexta; Ueberficht des Erdganzen. Das engere und weitere Vaterland find befonders zu berücksichtigen.- Quarta, 2 Stunden. Die fünf Erdtheile einzeln betrachtet, und zwar im I. Semefter Afrika, Afien, Auftralien, Amerika; im II. Semeſter Europa, fpecieller Deutfchland.- Untertertia, 2 Stunden. Die aufsereuropäifchen Welttheile. Obertertia, 2 Stunden. Geographie von Europa, ausführlicher von Deutfchland.- Bei den Jahrespenfen der beiden letzteren Claffen ift befonders auf die politifchen und ethnographifchen Beziehungen der behandelten Länder und Erdtheile Rückficht zu nehmen. Unter der Gruppe der Naturwiffenfchaften werden in Obertertia die Anfänge der phyfifchen und mathematiſchen Geographie gelehrt und in Unter- und Oberprima hat der Unterricht in der Phyfik auch die Bewegungen der Himmelskörper in den Kreis feiner Betrachtungen zu ziehen. - - - Die Realfchule widmet, ihrer Beftimmung entſprechend, auch hier der Geographie eine gröfsere Sorgfalt, als das Gymnafium. Schon bezüglich der Vorbildung, welche zur Aufnahme in diefe Art Lehranftalt verlangt wird, ist unter der " Bekanntfchaft mit den erften Anfängen in den Realien" jene mit den geographi Geographifche Lehrmittel. 21 fchen Vorbegriffen fpeciell betont. Der Unterricht ift in wöchentlich zwei Stunden durch alle Claffen der Realfchule zu ertheilen, und wird, wie es in der Natur des Gegenftandes gegeben ift, in gehörige Beziehung zu dem gefchichtlichen und naturgefchichtlichen Unterrichte zu fetzen fein. Er hat die Aufgabe, die Schüler nach und nach in topifcher, phyfikalifcher, politifcher und ethnographifcher Hinficht auf der ganzen Erdoberfläche zu orientiren. - Die Vertheilung des Lehrftoffes auf die einzelnen der fechs Claffen foll folgendermafsen gefchehen: Claffe VI, 2 Stunden. Aufser dem Thema, wie es für die Sexta des Gymnafiums vorgefchrieben ift, foll in diefer Claffe der Realfchule noch gegeben werden: eine Ueberficht der Vertheilung von Waffer und Land auf der Erde, Namen, ungefähre Gröfse, Geftalt und gegenfeitige Lage der Welttheile, ihre Hauptgebirgszüge und Hauptftröme Wenn es die Zeit zuläfst, foll noch das Wichtigfte aus der Geographie von Sachfen und( zur Unterſtützung des Religionsunterrichtes, namentlich der biblifchen Gefchichte) von Palästina gegeben werden.-In Claffe V, 2 Stunden. Repetition und Erweiterung des Penfums aus Claffe VI. Ueberficht des Erdganzen. Claffe IV, 2 Stunden. Die fünf Erdtheile, einzeln betrachtet. Claffe III. Die Länder Europas mit Rück ficht auf Handel und Induftrie, insbefondere Deutfchland. Claffe II und I. Die aufsereuropäifchen Erdtheile, gleichfalls mit Rückficht auf ihre commerciellen und gewerblich- induftriellen Verhältniffe. Ferner follen in den beiden letzten Claffen, laut der Nachtragsbeftimmungen vom 2. December 1870, noch mathematifche und phyfikalifche Geographie, fowie die Elemente der Aftronomie hinzukommen. Aus der Naturbefchreibung, welche in allen Claffen der Realfchule gelehrt wird, wird in den zwei oberften Claffen das Wichtigfte aus Geognofie und Geologie vorgenommen. 95 - Aufser diefen gefetzlichen Beftimmungen, welche die gemeinfame Grundlage für das Unterrichtswefen des ganzen Landes, aber nicht die unüberfchreitbaren Schranken für die einzelnen Schulen bezeichnen, wird es zur Illuftration des öffentlichen Unterrichtes beitragen, wenn aus einzelnen vorliegenden ,, Jahres berichten" und Schulprogrammen" noch fpecielle Daten hervorgehoben werden, welche für den geographifchen und erdkundlichen Unterricht an beftimmten Anftalten charakteriftifch find. Der vierte Bericht über das königliche Seminar zu Friedrichftadt Dresden zum Schuljahre 1872 bis 1873, herausgegeben vom Director Franz Wilhelm Kockel, enthält folgende nähere Angaben bezüglich der Geographie in Claffe IV; die natürliche Ausftattung Sachfens als Grundlage und Hebel feiner Induftrie etc. Erläuterung der Grundbegriffe der Verfaffungs- und Verwaltungskunde im Anfchluffe an die Verfaffungsverhältniffe Sachfens. Befchreibung und Charakteriſtik des Reliefs von Deutfchland. Natürliche Ausstattung Deutfchlands; Culturbild von Deutſchland auf Grund des Naturbildes. Das Kaiferreich und die einzelnen Staaten in politifcher Beziehung( überfichtlich). Nach denfelben Gefichtspunkten die übrigen Staaten des germanifchen Europas. Claffe III: Das aufsergermanifche Europa in phyfifcher und politifcher Hinficht. Vergleichung der Länder untereinander und mit" Deutſchland. Charakteriſtik Europas. Abhängigkeit feiner Cultur und Gefchichte von feiner natürlichen Ausftattung.-In der Naturgefchichte werden in diefer Claffe die Grundzüge der Pflanzengeographie dargelegt.- Claffe II: Die fremden Erdtheile in phyfifcher und geographifch- hiftorifcher Hinficht. Vergleichung untereinander und mit Europa; ihre Beziehungen zu Europa.- Claffe I: a) Phyfikalifche Geographie: Lage und Ausbreitung der Landmaffen. Reliefgefetze. Gebirge. Geologifche Epochen, Vulcanismus. Die continentalen Gewäffer. Delta bildungen. Das Weltmeer. Wefen und Höhe der Atmosphäre. Temperatur; thermifche Linien, Klima, Bewegung der Luft. Feuchtigkeitsgehalt, Niederfchlagszonen.- Pflanzen- und' Thiergeographie. Menfchenracen, Sprachen, Cultur und Civilifation, Verbreitung der Krankheiten. b) Mathematifche 22 ten. - Dr. R. Perkmann. Geographie: Liniennetz auf dem Erd- und Himmelsglobus. Geftalt, Abplattung, Rotation und Revolution der Erde. Tellurium. Die Kepler'fchen Gefetze. Mond. Sonne. Finfterniffe. Kalender. Planetenfyfteme. Weltfyfteme. Kometen und MeteoriAls Lehrbücher für den geographifchen Unterricht werden an diefem Seminare benützt, und zwar in allen vier Claffen das auch an öfterreichifchen Lehranftalten vielfach in Gebrauch ftehende„ Lehrbuch der vergleichenden Geographie" von Pütz; in Claffe II und I aufserdem der„ Leitfaden zur phyfikalifchen und mathematifchen Geographie" von Dr. Dr. Fl. Winkler, Oberlehrer am Seminar. Von der praktifchen Anwendung der allgemeinen Lehrordnung gibt ein Beifpiel der von der ftädtifchen Schulbehörde erftattete Jahresbericht über die Schulen verfchiedenen Grades in Bautzen. Zur Kategorie der einfachen Volksfchule gehört die Stifts- und Freifchule. Sie befteht aus fechs Claffen und zerfällt in die Knaben- und Mädchenfchule. In den unteren Claffen findet kein felbftftändiger Unterricht in der Erdbefchreibung und Erdkunde ftatt. In der IV. und III. Claffe bietet das zweite ,, Hilfsbuch" zum Lefe- Unterricht Gelegenheit, das naturkundliche Gebiet zu berühren und durch Anfchauungsunterricht auf die Geographie vorzubereiten. Auch in der II. Claffe werden aus dem dritten Hilfsbuche" befonders folche Lefeftücke gewählt, die den Unterricht in Gefchichte und Geogra phie zu beleben und zu unterſtützen geeignet find. In der III. Claffe findet aufser.dem auch ein eigentlicher geographifcher Anfchauungsunterricht ftatt und umfafst fpeciell die Heimatkunde. In der II. Claffe kommt zur Behandlung: Die Erde als Kugel, fpeciell mit Benutzung des Globus; die Oberfläche der Erde, Land und Waffer, das Allgemeine von den Erdtheilen. In der letzten Claffe: Genauere Kenntnifs von Deutfchland und das Nothwendigfte aus der mathematifchen, Geographie zum Verftändnifs des Kalenders". 95 - In der fiebenclaffigen Bürgerfchule für Knaben wird in den unteren Claffen, fowie bei der einfachen Volksfchule, nur in entſprechender Erweiterung, durch das Hilfsbuch" beim Lefen auf Natur- und Erdkunde vorbereitet. Mit der V. Claffe beginnt aus der Naturgefchichte die Befchreibung von Gegenständen aus den drei Naturreichen, welche dem kindlichen Anfchauungskreife naheliegen. In der IV. Claffe tritt die Geographie mit zwei wöchentlichen Stunden hinzu, behandelt die allgemeinen Erfcheinungen an Sonne, Mond und Sternen, ftellt ferner die geographifchen Grundbegriffe feft und hebt fchlièfslich das Hauptfächlichfte vom Königreich Sachfen hervor. In der III. Claffe: Die Erde als Kugel, Globus, Erdoberfläche. Von den fünf Erdtheilen: Lage, Grenzen, Geftalt, Glieder, bedeutende Hoch- und Tiefländer, Gebirgs und Flufsfyfteme. Eingehendere Betrachtung von Sachfen II. Claffe: Europa mit feinen Infeln und Halbinseln, mit feinen Meeren, Meerbufen und Strafsen, mit feinen Gebirgs- und Tiefländern, mit feinen Seen und Flüffen; Deutfchland mit feinen Staaten im Norden und Süden des Main, deren Eintheilung und vorzüglichfte Städte; zuletzt überfichtlich die anderen Staaten Europas. I. Claffe: Die Erde, ihre Gröfse, Rotation und Circulation nebft dem, was fich daraus ergibt; Waffer und Land und deren beiderfeitige Gliederung und mit Ausnahme von Europa Befchreibung der vier anderen Erdtheile nebft ihren Infeln, nach ihrer Lage, Begrenzung, Bodengeftaltung, Bewäfferung und Eintheilung in Staaten. Damit im Zufammenhange ſtehen Auffätze, welche die Schüler für die Gruppe des Unterrichtes im Deutfchen ausgearbeitet haben. Sie behandeln der Mehrzahl nach Partien aus der phyfikalifchen Geographie und aus der Naturgefchichte, aber auch aus der Länderbefchreibung. Ein ähnlicher Lehrgang, wenn auch mit Befchränkung des Lehrftoffes, findet an der fechs claffigen Bürgerfchule für Mädchen ftatt. Wenn es kein Lapfus calami des Berichtes ift, dann wurden hier die aufsereuropäiſchen Erdtheile keiner felbftſtändigen, wenn auch nur überfichtlichen Betrachtung unterzogen, deffenungeachtet aber in Claffe I ,, die Befitzungen europäiſcher Völker in den übrigen Erdtheilen" hervorgehoben, was vom didaktifchen Standpunkte nicht - - Geographifche Lehrmittel. 23 gebilliget werden kann. Auch an diefer Schule find für die deutfchen Auffätze vielfach Themata aus der phyfikalifchen und mathematifchen Geographie, aus der Topo- und Chorographie gewählt worden. Der Kategorie der höheren Volksfchule angehörend ift die höhere Töchterfchule in Bautzen. Sie hat nicht blos die Lehrgegenftände der einfachen und mittleren Volksfchule, fondern verfolgt ein weiteres Ziel bei verlängerter Unterrichtszeit und Vermehrung der Unterrichtsfächer. Daher darf die Anzahl der Schülerinen in einer Claffe nicht über 40 fteigen. Diefe Lehranstalt umfafst acht Claffen. In den unteren Claffen wird bei den Lefeübungen durch geeignete Behandlung der betreffenden Lefeftücke auf den naturkundlichen und geographifchen Unterricht vorbereitet. In Claffe V wird die Naturbefchreibung eingeführt. In Claffe IV tritt die Geographie hinzu und behandelt in anfchaulicher Weife: die Himmelsgegenden, Auf- und Untergang der Sonne, die verfchiedenen Geftaltungen des heimatlichen Boden, Betrachtung des Globus, Deutſchland und Europa im Umrifs und ausgeführte geographifche Bilder über Land und Leute aus dem fächfifchen Vaterlande. In den Claffen III und II: Deutſchland ausführlich, Europa im Allgemeinen, das Leichtere aus der mathematifchen Geographie. Claffe I: Die Länder Europas ausführlich. In der Gruppe Naturkunde: Pflanzengeographie. In der„ Selecta"( fo heifst eine eigene Claffe zur Fortbildung confirmirter Mädchen): a) Sommerfemefter I. mathematiſche Geographie und Himmelskunde. 2. Der Bau der Erde( Geognofie und Geologie). b) Winterfemefter:. Politifche Geographie( Amerika, Afrika, Afien). Auch hier wurden für die deutfchen Auffätze meift fehr paffende Themata aus dem Gebiete der Erdbefchreibung und Erdkunde gewählt. In der Vorbereitungsfchule mit vier Claffen werden die Knaben, welche fpäter in das Gymnafium oder in die Realfchule übertreten wollen, mit den Elementen des geographifchen Unterrichtes( Globus, Karte, allgemeine Ueberficht der Erdoberfläche fpeciell Europa, Deutfchland, Sachfen) bekannt gemacht. An diefe Schule fchliefst fich in Bautzen eine Realfchule zweiter Ordnung an, fünf Claffen umfaffend. Nach dem Programme vom Director Ludwig Wangemann ift der Lehrftoff der Geographie, Erd- und Naturkunde für das Schuljahr 1873 bis 1874 in der Weife vertheilt gewefen, wie folgt. In der unterften Claffe( V) 2 Stunden wöchentlich: Die einfachsten Lehren der mathematifchen Geographie. Der Globus. Die Landkarte( Verſtändnifs derfelben; Uebungen in graphifcher Darftellung aus der nächften Heimat). Geographifche Ortsbeftimmungen. Die phyfifche Geographie aller Erdtheile in allgemeinen Zügen. IV. Claffe 2 Stunden phyfifche Geographie. Das Penfum der V. Claffe in eingehenderer Weife. Erweiterung der geographifchen Begriffs beftimmungen an geeigneten Beiſpielen. Uebungen im Strichkartenzeichnen. III. Claffe, 2 Stunden: Die Elemente der mathematifchen Geographie. Phyfifche Geographie aller Erdtheile in eingehenderer Betrachtung, namentlich der Production und des Handels. Die Grundzüge der politifchen Geftaltung. Die wichtigften Verkehrsftrafsen der Erde. Aus der allgemeinen Geographie: Vom Meere, von der Atmoſphäre, von den Gebirgen. Kartenzeichnen. II. Claffe, 2 Stunden: Europa. Die Wichtigkeit feiner horizontalen Gliederung. Klima. Bodengeftaltung im Allgemeinen. Die peripherifchen Gebirge. Die Centralgebirge( eingehend behandelt die Geographie der Alpen und der deutfchen Mittelgebirge). Die Stromfyfteme. Das Wichtigfte der politifchen Geographie. I. Claffe, 2 Stunden: Phyfifche Geographie. Die aufsereuropäifchen Erdtheile mit befonderer Berücksichtigung der Production, des Handels und der politifchen Bedeutung. Sodann mathematifche Geographie. Die Arten der Himmelskörper, ihre Bewegung, die Erde Beweife für die Kugelgeftalt( Berechnung des Gefichtskreifes von beftimmten Standpunkten). Beweis der Achfendrehung( trigonometrifche Gradmeffung). Revolution der Erde. Stellung zur Sonne( Jahreszeiten und Zonen). Der Mond. Finfterniffe. Entftehung des 24 Dr. R. Perkmann. Sonnenfyftemes. Aus der Naturbefchreibung ift unter Anderem zu erwähnen: Entfprechende Partien aus der Geologie. Vulcanismus( und Vulcane). Geologifche Thätigkeit des Waffers. Geologifche Veränderungen durch Thiere und Pflanzen. Der Geographie gehören hievon fpeciell diejenigen Momente an, welche die Verbreitung der Vulcane und der geologifchen Veränderungen durch Thiere und Pflanzen behandeln. Zur Illuſtration des geographifchen Unterrichtes an Gymnafien liegt der Jahresbericht des Gymnafiums zu Zwickau vor. Nach demfelben werden in der Sexta( 2, refpective I Stunde wöchentlich) einleitende Begriffe vorausgefchickt, dann wird Sachfen, dann Deutfchland behandelt. Quinta( 2, refpective I Stunde): Geftalt und Bewegung der Erdtheile. Die Erde. Quarta( 2, refpective I Stunde): Europa. Untertertia( 2 Stunden): Allgemeines( Hauptpunkte der mathematifchen Geographie, Ueberblicke über die äufseren Verhältniffe der Erdtheile überhaupt). Afien, Amerika. Obertertia( 2 Stunden): Fortfetzung der Befchreibung Amerikas. Europa im Allgemeinen. Unterfecunda( I Stunde): Allgemeine Geographie von Deutfchland. Dazu kommt in diefer Claffe aus der Gruppe. Naturwiffenfchaft: Populäre Aftronomie und mathematiſche Geographie. Oberfecunda( 1 Stunde): Deutfchland nach feinen natürlichen Verhältniffen. ,, Gelegentlich" Allgemeineres. Unterprima( 1 Stunde): Ueberblick über die Geographie Amerikas und Afiens. Gelegentlich" Allgemeineres. Oberprima ( 1 Stunde): Ueberblick über die Geographie Afrikas und Amerikas. AltGriechenland. Ein Vergleich zwifchen den Lehrplänen für Realfchulen und Gymnafien zeigt, wie verfchieden die Geographie an diefen zwei Sorten von Lehranstalten auch in Sachfen behandelt wird. Abgefehen von dem eingreifenden Unterſchiede bezüglich der Art und Weife, wie der Lehrftoff in beiden Schulen gegliedert und vertheilt wird, find an der Realfchule dem Unterrichte in der Geographie in jeder Claffe zwei, im Gymnafium aufser einigen wenigen Claffen nur eine einzige Stunde in der Woche gewidmet. Dazu kommt, dafs dem geographifchen und erdkundlichen Unterrichte an der Realfchule auch aus den Gruppen anderer Lehrgegenstände, namentlich aus der Naturgefchichte und Phyfik reiches und wefentliches Materiale zufliefst. Dafs an beiden Kategorien von Schulen einem und demfelben Lehrer aufser Geographie noch zwei und drei, darunter ganz heterogene Gegenftände übertragen werden, das findet fich wohl auch in anderen Staaten; doch dürfte die Zeit nicht mehr ferne fein, wo diefem Uebelftande zu Gunften der Lehrer wie der Wiffenfchaft begegnet werden wird. Unter den ausgeftellten Lehrbüchern befanden fich namentlich folgende befonders erwähnenswerthe: Rommel, E. A; Leitfaden für den Unterricht in der Heimatkunde von Leipzig( Leipzig. J. J. Weber); Flathe, Profeffor, Dr. Th.: Engelhardt's Vaterlandskunde für das Königreich Sachfen( Leipzig, 1869. 10. Auflage. J. A. Barth.) Berthel, Jäkel und Petermann: Geographie, Gefchichte und Verfaffung des Königreiches Sachfen( Leipzig, 1873. 8. Auflage. J. Klinkhardt.) Die Geographie im Allgemeinen behandeln unter anderen die Werke: Berthelt, Aug.: Geographie( Leipzig, 1871. 5. Auflage. J. Klinkhardt.) Von demfelben Verfaffer ftammt: Die Geographie in Bildern, herausgegeben vom Bürgerfchullehrer Trentzfch in Dresden,( 1871. 3. Auflage.) Winkler, Fl.: Leitfaden zur phyfifchen und mathematiſchen Geographie für höhere Bildungsanftalten. ( Dresden, 1871, Wolffche Buchhandlung.) Von demfelben Verfaffer: Methodik des geographifchen Unterrichtes insbefondere für Lehrerfeminare etc.( 1872.) Delitfch, Dr. O.: Stein's Geographie für Schule und Haus.( Leipzig. 27. Auflage. Heinrich's Buchhandlung.) Speciell für Real- und Handelsfchulen beſtimmt ift das Lehrbuch von Ruge, Dr. Soph.: Geographie für Handels- und Realfchulen.( Dresden. 1872. 4. Auflage, Schönfeld'fche Buchhandlung.) Für Repetitionen beftimmt ift: Allgemeine Erdkunde in Tabellenform von Dr. B. Klein paul.( Dresden, 1873. Meinhold und Söhne.) Geographifche Lehrmittel. 25 Von den ausgeftellten Büchern mögen zwei Werke ganz befonders hervorgehoben werden. Sind fie auch in ihrem Urfprunge von einander unabhängig, bildet jedes für fich ein felbftftändiges Ganzes, fo können fie doch infoferne als zufammengehörig betrachtet und daher zufammengeftellt werden, als beide zufammen genommen das Ganze des geographifchen Unterrichtes enthalten, foweit. derfelbe in den niederen und höheren Schulen verfolgt werden kann. Beide find nach der concentrifchen Methode bearbeitet, umfaffen fomit auf jeder Stufe ein harmoniſch geordnetes, vollſtändiges Bild der Erde, wie es je einer Abtheilung des Unterrichtsganges entſprechend erfcheint. Es liegt in der Natur des concentrifchen Verfahrens, dafs durch die öfteren Wiederholungen dem Gedächtniffe und der Vorftellungskraft dauernd eingeprägt wird, was auf den vorausgegangenen Stufen gelernt worden ift. Die beiden Werke find: 1. Stöfsner, Dr. Eduard: Elemente der Geographie in Karten und Text. Drei Curfe. Annaberg, 1873. 6. Auflage. Verlag von Rudolph und Dieterici.) Dazu gehört von demfelben Verfaffer, aus demfelben Verlage: Geographifche Fragen für Schüler zur Einübung der Elemente der Geographie. Drei Curfe. - 2. Flathe, Profeffor Dr. Th.: Dommerich's Lehrbuch der vergleichenden Erdkunde für Gymnafien etc. in drei Curfen.( Leipzig, 1870. 3. Auflage. Verlag von B. G. Teubner.) Der erfte Curfus der Elemente der Geographie von Stöfsner umfafst elf Karten mit Begleitung des entſprechenden Textes. Die erfte Karte, die mathematifche, zeigt zuerft den Globus, dann die Eintheilung der Erdkugel auf Grundlage der Ebene des Aequators und derjenigen des Meridians, die mathematifchen Zonen auf der Kugel und auf der Ebene; zuletzt die öftliche und die weftliche Hemiſphäre mit den allgemeinen horizontalen Umriffen der Erdtheile und Oceane und den Benennungen derfelben. Der Text befchränkt fich auf die einfachfte Erklärung der wichtigften Punkte und Grundlinien. Die zweite Karte ftellt die öftliche und weftliche, die füdliche und nördliche Halbkugel dar, und zwar jeden diefer Erdtheile mit den allgemeinen Umriffen der demfelben angehörenden grofsen Waffer- und Landflächen. Von den Benennungen, die nur bei den am meiften hervortretenden Hauptpunkten angegeben find, erfcheinen diejenigen, welche bereits auf den Zeichnungen der erften Karte vorkommen, in fchwarzen Buchftaben, die wenigen neuen dagegen in rothen Lettern. Diefes ebenfo einfache als praktifche Mittel zur Verdeutlichung des Lehrftoffes, wie zur Erleichterung des Lernens wird auf allen folgenden Karten der drei Curfe in gleichmäfsiger Weife und confequent angewendet. Es möge zur näheren Charakteriſtik der Art und Weife dienen, in welcher Stöfsner vorgeht, wenn die Punkte angeführt werden, welche der jugendliche oder kindliche Schüler aus diefer Karte feinem Gedächtniffe und feiner noch wenig agilen Phantafie neu einzuprägen hat. Die weftliche Hemifphäre, mit den ein fachen, wenig gegliederten Umriffen von Süd- und Nordamerika auf blauem Grunde, welcher, die Oceane andeutend, nur nach den mathematifchen Zonen nuancirt ift, bringt nur fünf neue, daher rothe Namen, nämlich: Cap Horn, Cap Roque, Panama, Weftindifches Meer und Behrings ftrafse. Von den auf diefe Hemifphäre entfallenden Infeln und Infelgruppen Polynefiens ift noch keine gezeichnet, als die Doppelinfel Neu- Seeland, jedoch noch nicht unter ihrem eigenen Namen, fondern unter dem Namen des Erdtheiles, dem fie zugehört. Oben auf der Karte find die füdlichen Umriffe von Grönland fkizzirt. Die Infeln des nördlichen Eismeeres find noch nicht angeführt. Auf der öftlichen Halbkugel erhält der einförmigfte Erdtheil aufser feinem Namen, der vorher allein angegeben war, fomit hier fchwarz erfcheint, nur folgende neue, daher rothe Bezeichnungen: Cap der guten Hoffnung, als äufserfter Punkt im Süden, Cap Guardafui, als äufserfter Punkt im Often und diefem gegenüber - 4 26 Dr. R. Perkmann. - den für Afrika einzig charakteriftifchen Meerbufen von Guinea,( das Cap Tarifa, als füdlichfter Punkt Europas); endlich hat es mit dem aſiatiſchen Erdtheile gemeinfam den Namen: Landenge von Suez, im Nordoften. Weiterhin kommen auf diefer Hemiſphäre hinzu die Namen: Nord Kyn, Nordoftcap, Cap Romania, Meerbufen von Bengalen, perfifches Meer, Mittelmeer. Der zu diefer Karte gehörige Text enthält aufser den angeführten Namen nur in runden Zahlen die Gröfse der Erdoberfläche und jene der fünf Erdtheile; Vertheilung der grofsen Landmaffen nach den mathematiſchen Zonen; charakteriftifche Andeutungen über die letzteren. Anzahl der Menfchen auf der ganzen Erde. Polytheiften, Monotheiften, Chriften, Mohamedaner, Juden. Die dritte Karte ift eine Erdkarte und nach Mercator's Projection entworfen. In Amerika erfcheinen aufser den fchon auf der zweiten Karte angegebenen, daher hier mit fchwarzen Buchftaben ausgedrückten, Namen die Bezeichnungen: Felfengebirge, Halbinfel Californien, Miffouri und Lorenzo im Norden, Anden, Amazonenftrom, Orinoco und La Plata im Süden, Antillen und Cuba in Mittelamerika. Ferner find neu die Namen der Davisftrafse und von Grönland, und am linken Rande der Karte erfcheint nun auch der Eigenname der früher nur nach dem betreffenden Erdtheile bezeichneten Doppel- Infel Neufeeland. Es mufs fpeciell bemerkt werden, dafs der Verfaffer zum Beiſpiele bei der Anführung der charakteriftifchen Wafferlinie zwifchen den Alleghanen und Cordilleren in Nordamerika nicht an dem Haupt namen, fondern an der Hauptfache fefthält, alfo nicht den Miffiffippi, fondern den Miffouri als den hier vor anderen zu merkenden Strom aufftellt. Die Erfahrung lehrt, dafs, wenn man dem Kinde das zwar nominell, aber nicht reell Richtige angibt und den Miffiffippi als Hauptftrom, den Miffouri als Neben flufs bezeichnet, es wenig mehr nützt, nachträglich hervorzuheben, dafs der letztere in jeder Hinsicht grösser fei als der erftere; das kindliche Denkvermögen wird den erften Eindruck der dem Namen nach richtigen, der Sache nach aber falfchen Bezeichnung nur äufserft fchwer mehr auslöfchen können. Es ift hier wie bei fo vielen anderen Ausdrücken der geographifchen Terminologie, die dem Schüler von allem Anfange an unrichtige, mitunter ganz falfche Vorftellungen einprägen, Vorftellungen, von denen fich Manche in ihrem ganzen Leben nicht mehr befreien können, um die wahren an deren Platz zu fetzen. Der begleitende Text enthält, aufser den auf der Karte befindlichen Bezeichnungen und einigen kurzen Erläuterungen zu denfelben, nur die Angabe und kurze Charakteriſtik der gewöhnlich angenommenen fünf Menfchenracen, nebft der allgemeinen Verbreitung derfelben über die Erde. - Es würde zu weit führen, wollte man die Specification diefer und der folgenden Karten in gleicher Weife fortfetzen. Indem wir uns damit begnügen, bei den nächften Karten nur den Hauptgegenftand anzuführen, werden wir erft bei den vier letzten Karten diefes erften Curfus noch etwas länger verweilen. Die vierte Karte zeigt die horizontale und die wichtigſten Momente der verticalen Gliederung von Afien, deffen gröfsere Ströme und die bedeutendften Städte. Die fünfte Karte enthält Amerika und Afrika. Die fechste und fiebente zeigen Europa, und zwar zuerft mit den wichtigften Gebirgen, Flüffen und Städten, ohne jede politifche Begrenzung; dann die politifche Eintheilung unferes Continentes. Der Text zu der letzteren gibt unter Anderem den Flächeninhalt des ganzen Erdtheiles, fowie der gröfseren Staaten, dann die Einwohnerzahl der bedeutendften Städte an. Die folgenden vier Karten und der diefelben begleitende Text behandeln fpeciell Deutfchland. Auf der erften( Karte VIII) ftehen nur die Hauptzüge der Alpen, des hercynifchen Gebirges mit den Weftkarpathen, der Schwarzwald, die Vogefen, Speffart und Rhön, Teutoburger Wald und, ifolirt, der Harz. Die Namen der Alpen und Karpathen find fchwarz, die der anderen Gebirge roth. Die Flüffe Donau, Rhein, Elbe und Weichfel find fchwarz, die wenigen Nebenflüffe Geographifche Lehrmittel. - 27 derfelben, dann die Wefer und Oder roth bezeichnet. Die politifche Abgrenzung ift nur gegen die nicht deutfchen Länder angedeutet und zwar nur einfach punk. tirt, um jede Störung durch ftark aufgetragene oder colorirte Linien foweit als möglich zu vermeiden; im Inneren find gar keine ftaatlichen Unterfchiede fichtbar und wird das Ganze nur mit Deutfchland" bezeichnet, an das fich noch Deutfch- Oefterreich anreiht. Von den Ländern find die eigenen Namen fchwarz gedruckt, weil fie fchon auf der vorausgegangenen politifchen Karte von Europa ( Karte VII) vorgekommen find; nur vier Provinzen von Preufsen, dann Galizien find hier neu und defshalb roth. Von Städtenamen enthält die ganze Karte: Wien, Ofen- Peft, Warfchau, Trieft, Venedig, Amfterdam, Berlin und Hamburg( fchwarz); Bremen, Stettin, Danzig, Memel, Koblenz, Mainz, Bafel, Regensburg, Prag( roth). Die zweite Karte( Nr. IX) ift in demfelben Mafsftabe, wie die vorige und bringt nur die wichtigeren Nebenflüffe der früher genannten Ströme, einige niedrigere. Gebirgszüge und einige der anfehnlicheren Städte hinzu. Die dritte Karte ( Nr. X) wiederholt die vorige und fügt nur die Namen von 24 neuen Städten hinzu. Der Text bringt die Einwohnerzahl diefer und der früher angeführten Städte( letztere alfo wiederholend) der Reihe nach von der gröfsten bis zur kleinften der bisher genannten; aufserdem find diefelben Städtenamen noch einmal wiederholt, aber fo gruppirt, dafs fie zur Einübung der geographifchen Länge und Breite dienen können.-Erft die vierte Karte( Nr. XI) enthält die politifche Eintheilung Deutfchlands. Nachdem der Schüler fich auf den vorausgehenden Karten ein überfichtliches und zugleich einheitliches Bild von dem plaftifch fo ausdrucksvoll geftalteten Lande in die Vorftellung eingeprägt hat, ift hier die Gefahr, ein zerriffenes und damit für immer ein geographifch unwahres Gemälde zu erhalten, kaum mehr vorhanden, oder kann wenigftens leichter umgangen werden. Der Text enthält die einzelnen Staaten mit ihren Hauptftädten; dann die Gefammtbevölkerung des deutfchen Kaiferreiches, ferner die Gröfse und Einwohnerzahl aller Staaten desfelben. - Der zweite Curfus umfafst dreizehn Karten, jede wieder mit einem einfachen, alle Ueberladung vermeidenden Texte. Die erfte ift wieder mathematifcher Natur und enthält unter Anderem die Windrofe, drei Abbildungen des geftirnten Himmels, annähernd innerhalb des Horizontes von Mitteldeutſchland, mit der jeweiligen Stellung einiger befonders hervortretenden Sterngruppen für drei verfchiedene Zeiträume des Jahres. Planeten, nach ihrer ungefähren Gröfse der Reihe nach geordnet. Geftalt der Erde, Kugel und Abplattung. Der Text erläutert die auf der Karte angeführte Zeichnung, gibt den Umfang der Erde am Aequator und an einzelnen Breitenkreifen, die Länge der Erdachfe, verfchiedene ,, erfte" Meridiane. Nr. II gibt eine Ueberficht der phyfikalifchen Verhältniffe Amerikas, nebft einer Karte des Küftenftriches von Bofton bis Waſhington. Nr. III enthält eine allgemeine Darftellung der phyfi kalifchen Verhältniffe von Afien, fpeciell jene von den Gebieten der afiatifchen Türkei. Auch einige der gröfsten Städte find eingezeichnet, deren Einwohnerzahl der Text angibt. Nr. IV zeigt hauptfächlich die politifche Eintheilung Afiens und Amerikas, fpeciell die Nordoft- Staaten der Union. Der begleitende Text gibt namentlich die Bevölkerung der Staaten und der gröfsten Städte an. Nr. V bringt Afrika. Speciell das Gebiet des Atlasgebirges. Aufserdem Neuholland mit dem wichtigeren Infelgruppen der Südfee. Nr. VI enthält den Südoften, Often und Norden Europas, während die nächftfolgende Karte den Süden, Südweften und Weften( Italien, Spanien, Frankreich) umfafst.- Nr. VIII zeigt die Alpen in ihrer gefammten Ausdehnung nach Länge und Breite, nach ihrer Gliederung in Hauptknoten und Hauptzüge, fpeciell die Schweiz. Nr. IX bringt Oefterreich- Ungarn. - - - - Die drei folgenden Karten behandeln wieder Deutfchland und zwar Nr. X die Flüffe und Gebirge von ganz Deutfchland. Nr. XI die Staaten von Norddeutfchland. Nr. XII die Staaten von Süddeutſchland, dann fpeciell die kleinen Staaten Mitteldeutfchlands, aufserdem das Königreich Sachfen.- Die letzte Karte, die - 4* 28 Dr. R. Perkmann. Erdoberfläche nach Mercator's Projection zeigend, dient wieder ausfchliefslich zur Uebung in den Ortsbeftimmungen nach Länge und Breite. - Der dritte Curfus enthält achtzehn Karten. Die erfte ift wieder die mathematifche, mit der Erdbahn, den Mondphafen, den drei auf der vorigen Stufe angegebenen Partien des geftirnten Himmels mit erweiterten Angaben, dann eine Abbildung zur Entftehung der Mondphafen und der Finfterniffe, endlich eine Antipodenkarte. Der begleitende Text behandelt die fe einzelnen Punkte, namentlich den Horizont, die Jahreszeiten, Gegenfüfsler, Gegen- und Nebenwohner und fo weiter. Nr. II Phyfikalifche Karte von Nord- und Südamerika, mit wenigen, aber charakteriftifchen Erweiterungen der betreffenden Karte des vorausgegangenen Curfus. Nr. III Phyfikalifche Karte von Afien. Nr. IV Politifche Karte von Afien und Amerika, nebft einer fpeciellen Angabe der Nordoft- Staaten der Union.- Nr. V Karte von Rufsland und Skandinavien. Nr. VI enthält in einer Abtheilung die politifche Gliederung der griechifch- türkifchen Halbinfeln, auf der anderen Grofsbritannien.- Nr. VII mit der pyrenäiſchen und Nr. VIII mit der apenninifchen Halbinfel, beide politifch. Nr. IX mit Frankreich. Nr. X die Alpen und die Schweiz. Nr. XI Politifche Eintheilung der öfterreichiſch ungarifchen Monarchie.- Nr. XII bis Nr. XVI behandeln Deutfchland; zuerft oro- hydrographifch, dann politifch, nach den Gruppen von Nord-, Weft-, Mittel- und Süddeutfchland, fpeciell Sachfen; Eifenbahnkarte. Nr. XVII ift eine überfichtliche culturgeographifche Karte, enthaltend die Verbreitung der wichtigeren Pflanzen und Thiere; Eintheilung nach natürlichen Wärmegürteln. Die letzte Karte dient wieder zur Uebung in der Ortsbeftimmung, enthält aber aufserdem die wichtigſten Strömungen des Meeres und der Luft, permanente, periodifche und veränderliche Winde. - - - Auf diefe Weife erhält der junge Schüler ein allgemeines, überfichtliches, alle wefentlichen Seiten des Gefammtlebens der Erde berührendes, im Ganzen ein nach den wichtigften und wichtigeren Theilen entſprechend beleuchtetes, harmonifches Bild von der Oberfläche unferes Planeten. Im Vordergrunde fteht die Heimat, das Vaterland, Deutſchland; ihm zur Seite die Nachbarländer, weiterhin die übrigen Staaten Europas, dann Amerika, befonders die Union, fpeciell der Nordoften derfelben; ferner Afien, Afrika, Neuholland mit Polynefien. Ueberall wird nur das Bedeutende, Charakteriftifche, Wichtige hervorgehoben; alles nur Nebenfächliche und kleine Detail, fei es geographifcher, phyfikalifcher oder ftatiftifcher Natur, ift forgfältig vermieden; nirgends ftört daher Ueberladung die freie Ausficht oder fchreckt Ueberbürdung den jugendlichen Geift vom weiteren Studium ab; im Gegentheil reizt feinen Wiffenstrieb der Umftand, dafs er auf jeder neuen Karte auch fofort das neue Object feines Studiums erblickt und das Verhältnifs des neuen Materiales zu dem von früherher vorhandenen fofort ermeffen kann. Damit hat der Schüler die breite, umfaffende, aber auch bleibende Grundlage für alle weiteren Kenntniffe diefer Art gewonnen, mag er diefelben durch Fortfetzung feiner Studien in der Schule, oder auf dem Wege feines praktifchen Lebensberufes fich aneignen müffen. Den vielen und wefentlichen Vorzügen des Werkes von Stöfsner gegenüber verfchwinden die wenigen, theilweife nur formellen Mängel und Lücken, welche in Karte und Text noch vorkommen. Gewifs werden von diefem nicht warm genug zu empfehlenden Lehrmittel beim geographifchen Unterrichte noch weitere Auflagen veranſtaltet werden müffen, und bei folcher Gelegenheit wird der geübte Blick des erfahrenen Schulmannes leicht die wünfchenswerthen Verbefferungen eintreten laffen. - Das andere Werk ift das Lehrbuch der vergleichenden Erdkunde für Gymnafien und andere höhere Unterrichtsanft alten, urfprünglich entworfen und verfafst von Dr. F. A. Dommerich, nach deffen Tode theilweife umgearbeitet, zum Theile neu verfafst von Dr. Th. Flathe. Die erfte Lehrftufe beginnt mit der allgemeinen aftronomifch phyfikalifchen Erdkunde, behandelt die hauptfächlichften Momente, welche bezüg Geographifche Lehrmittel. 29 lich der Weltftellung der Erde zur Sonne, zum Monde zu berücksichtigen find; geht dann über zur Gliederung der Erdoberfläche nach Land und Waffer, zur Luft und zum Klima, knüpft daran eine allgemeine Ueberficht über die geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere und fchliefst diefe Abtheilung mit der allgemeinen Menfchen- und Völkerkunde, nach Urheimat und Verbreitung, nach Gliederung der Menfchheit in Stämme und Völker, nach der Lebensweife, den politifch- focialen, ethifch- religiöfen und intellectuellen Culturverhältniffen. Der Zufammenhang der verfchiedenen Erfcheinungen des Erdenlebens tritt in feinen äufseren Zügen und Umriffen hervor. Zahlreiche Illuftrationen find in den Text eingefchaltet, hauptfächlich in Bezug auf den mathematifch- aftronomifchen Theil, fodann zur graphifchen Verfinnlichung der Verbreitung der Wärme, der Pflanzen und Thiere, der Menfchenracen, Völkerftämme und Religionen, endlich der Strömungen des Meeres, der Atmoſphäre und der atmoſphärifchen Niederfchläge. Nur wäre bei denfelben eine gröfsere Deutlichkeit und Ueberfichtlichkeit zu wünfchen. Der befondere Theil behandelt zunächft die Oceane, jeden für fich, dann fie untereinander vergleichend; hierauf jeden Erdtheil für fich, nach feinen phyfikalifchen, politifchen und culturellen Verhältniffen; dann auch fie untereinander vergleichend. Auf der zweiten Lehrftufe werden alle diefe Gefichtspunkte von Neuem behandelt, aber der Umfang ift erweitert, der Inhalt reicher gegliedert. Der Grundplan ift der nämliche geblieben, doch das Gebäude ift indeffen höher geworden, in feinem Inneren find neue Raumabtheilungen entſtanden. Vorzugsweife ift diefs der Fall in Hinficht der mathematifch- aftronomifchen Verhältniffe der Erde, der horizontalen und verticalen Gliederung ihrer Oberfläche, der Vertheilung von Land und Waffer, der Vorgänge in der Atmoſphäre und der naturgefchichtlichen Partien. Auch die Culturmomente haben neue Anfätze an dem bereits bekannten Stamme aufzuweifen. Die zweite Lehrftufe erfährt wieder ihrerfeits eine angemeffene Erweiterung und Bereicherung, aber auch eine entsprechende Vertiefung bei der Behandlung desfelben Lehrftoffes auf der dritten Stufe. Die Schüler haben mittlerweile aufser dem geographifch- phyfikalifchen Materiale noch andere Kenntniffe gefammelt, ihre Faffungskraft ift gefteigert, ihr Blick gefchärft, ihr Verftand mehr gereift und hat nunmehr die Befähigung, tiefer in das Innere der Verhältniffe des Lehrobjectes einzudringen. Defshalb werden in diefem Stadium die geographifchen Thatfachen nicht blos in ihrem aufseren Zufammen- und Nebeneinanderfein hingeftellt, fondern es wird auch auf ihre innere Geſetzmäfsigkeit hingewiefen, die Begründung der natürlichen Erfcheinungen in eine mehr wiffenfchaftliche Form eingekleidet und der Zufammenhang der einzelnen Theile des grofsen Ganzen genauer verfolgt. Hier kann der Ritter'fche Grundgedanke klarer und nachdrücklicher zur Geltung kommen, indem gezeigt wird, wie aus und auf der Bafis der Naturverhältniffe fich das Culturleben der Menfchheit im Allgemeinen und einzelner Völker im Befonderen nach feinen mannigfaltigen Beziehungen und Verzweigungen geftaltet hat. Mit Recht ift der Verfaffer auch auf diefer Stufe im topographifchen Theile bei Anführung von Orten, Daten, hiftorifchen und anderen Notizen mit grofser Sparfamkeit zu Werke gegangen. Er hat fich dadurch von einem Fehler fo ziemlich ferne gehalten, in welchen bei Weitem die meiften geographifchen Lehrbücher, zum empfindlichften Nachtheile des Unterrichtes, noch immer zu verfallen pflegen. Dagegen hätte er die culturellen Momente eingehender berücksichtigen follen. Namentlich darf heutzutage eine Ueberficht über die Verkehrsverhältniffe auf dem Erdballe, wenigftens nach ihren Hauptpunkten und Hauptrichtungen, in keinem Lehrbuche der Geographie und auf keiner Lehrftufe mehr fehlen. Dafür mufs Anderes wieder entfernt werden. Denn es ift ungemein ftörend, wenn Hindeutungen auf eine teleologifche und providentielle Anordnung und Ausftattung unferes Planeten in einem fonft fo vortrefflich angelegten Lehrbuche vorkommen und fich 30 Dr. R. Perkmann. noch dazu öfters wiederholen. Abgefehen davon, dafs diefelben wiffenfchaftlich in keiner Weife berechtigt, daher didaktifch unzuläffig erfcheinen, können fie auch vom pädagogifchen Standpunkte aus nicht gebilligt werden; denn fie blenden nur das geiftige Auge des Schülers und lenken dasfelbe, falls er fich noch nicht bis zur vollen wiffenfchaftlichen Freiheit und Selbftftändigkeit emporgefchwungen, von der foliden, ficheren Bahn eines naturgemäfsen Gedankenganges ab. Sie gleichen nur den Irrlichtern, die in der Dämmerung und in dunfterfüllten Gegenden auftreten, aber zurückfchwanken, wenn man fich ihnen nähert, und vollends verfchwinden, fobald man unter dem Lichtfcheine der forfchenden Vernunft nach ihnen greifen will. In Folge der verhältnifsmäfsig grofsen Ausdehnung, welche wir einer Skizzirung der gefetzlichen Lehrbeftimmungen in Oefterreich, Preufsen und Sachfen, fowie der Durchficht einzelner Lehr- und Lefebücher geben zu müffen glaubten, bleibt es uns verfagt, auch den übrigen deutfchen Staaten eingehendere Aufmerkfamkeit zuzuwenden, um fo mehr, als ihre Einrichtungen, welche hier in Frage kommen müfsten, den bisher angeführten mehr oder weniger ähnlich find und auch die fehr wenigen ausgeftellten Lehrbücher keine befonders hervorragenden Gefichtspunkte oder wefentliche Fortfchritte und Vorzüge aufzuweifen hatten, im Gegentheile zumeift unter dem Niveau, wenigftens der fächfifchen Ausftellungsartikel, ftehen geblieben find. Allerdings waren auch Werke vorhanden, welche für die Gefchichte der Geographie und des geographifchen Unterrichtes bedeutungsvolle Schätze enthielten; fo führte eines derfelben den Lefer auf den claffifchen Boden der Aftronomie, der Kosmographie und Geographie des Mittelalters, in die Klofter und Stiftfchulen von St. Emmeran, Reichenbach und Waldfaffen und machte ihn mit den damaligen erften Vertretern diefer Disciplinen bekannt, wie mit einem Albertus Magnus, einem Abt Engelhardt und deffen Nachfolger Johannes Volkenfteiner, mit dem Freunde des Aeneas Sylvius, Johannes Tröfter, mit einem Johannes Tolufus, Nicolaus de Donis, einem Kepler und Anderen. Doch diefe und andere Materialien gehören mehr in die„, Gefchichte des geographifchen Unterrichtes" und werden darin feiner Zeit zugleich mit der Darftellung des gegenwärtigen Zuftandes der Geographie in den Schulen ausführlich behandelt werden. Schweiz. Die Organiſation des Schulwefens in der Schweiz hängt nicht von der Bundesregierung, fondern von den einzelnen Cantonen ab. Daraus hauptfächlich läfst fich die Erfcheinung erklären, dafs die Schule in diefem Lande nicht blos hiftorifch, das heifst in der Aufeinanderfolge der Zeitperioden, je nach dem Wechfel in den Strömungen des Zeitgeiftes harte Kämpfe zu beftehen hatte und manchen Schwankungen ausgefetzt war, fondern dafs fie auch geographifch, das heifst in verfchiedenen Cantonen zu gleicher Zeit, je nach dem Vorherrschen diefer oder jener Partei, wefentliche Verfchiedenheiten aufzuweifen hat. Während die herrfchende Partei in dem einen Cantone der Wiffenfchaft und der Bildung des Volkes abhold ift und der Schule den Stempel der Stagnation, der Sterilität aufgedrückt und erhalten wiffen will, fehen wir im nächften Nachbarcantone die Majorität der Staatsbürger mit Entfchiedenheit den Principien des Fortfchrittes huldigen und den Anforderungen eines rationellen Schulunterrichtes in vollem Mafse gerecht werden. In folchen Cantonen ift, unter dem Einfluffe der Ideen eines Pestalozzi, eines Fellenberg und Anderer, namentlich das Volksfchulwefen in fo erfreulicher Weife gehoben worden, dafs es auswärtigen Ländern zum Mufter und zur Anfpornung dienen konnte. In der fchweizerifchen Abtheilung der Weltausftellung war, abgefehen von den Lehrmitteln im engeren Sinne für den Anfchauungs- Unterricht, die Geographifche Lehrmittel. 31 Geographie nur fchwach vertreten. Unter den Cantonen, welche fich an diefer Section betheiligt hatten, find hervorzuheben: Appenzell, Thurgau, Zürich, Aargau, Luzern, Bern, Freiburg, Neuenburg, dann Waadt, Genf und Teffin. Als befonders hervortretender Charakterzug läfst fich bei den meiften der ausgeftellten Artikel, die hier in Betracht kommen würden, die Anfchaulichkeit bezeichnen und die Tendenz, den Schüler daran zu gewöhnen, dafs er die Gegenftände des Studiums felbft forgfältig beobachte, klar und frei von jedem Vorurtheile darüber nachdenke, um dadurch auch für das praktiſche Leben in Staat und Gefellſchaft die erforderliche Freiheit und Selbftftändigkeit des Geiftes und Charakters zu erringen. Ohne auf die einzelnen, einander mehr oder weniger ähnlichen Lehrbücher einzugehen, müffen wir doch eines fpeciell hervorheben, einmal weil es zum Gebrauche beim Unterrichte im Canton Zürich als obligatorifch eingeführt, fomit geeignet ift, die Behandlungsweife der Geographie in diefem Theile der eidgenöffifchen Schulen zu illuftriren, fodann weil es überhaupt den Grundfätzen einer rationellen Didaktik in hohem Grade entſpricht. Abweichend von dem Ufus in den meiſten anderen Ländern, ift hier der Unterricht in der Geographie von demjenigen in der Gefchichte getrennt und in die Gruppe der naturkundlichen Gegenstände eingereiht. Vorher fei noch bemerkt, dafs der geographifche Unterricht in der Volksfchule diefes Cantons nach zwei Lehrftufen abgetheilt und concentrifch gehalten ift. Die erfte Stufe beginnt mit dem vierten und dauert bis zum vollendeten fechsten Schuljahre( 9. bis 11. Altersjahr); die zweite füllt die drei letzten,( 7. bis 9.) Jahre der Volksfchule, beziehungsweife die Altersjahre 12 bis 15 aus. Das hier zu befprechende, in der Ausftellung vorhanden gewefene Werk umfafst nur die zweite Lehrftufe und ift betitelt: Lehr- und Lefebuch für die Volksfchule, 7. bis 9. Schuljahr( 12. bis 15. Altersjahr). Erfter Theil: Natur- und Erdkunde von H. Wettftein. I. Leitfaden mit 200 Holzfchnitten. II. Lefebuch. Zürich, 1871. Verlag der Erziehungsdirection. Dazu gehört: H. Wettftein's Schulatlas in zwölf Blättern, bearbeitet von J. Randegger. ,, Obligatorifches Lehrmittel für die allgemeine Volksfchule des Cantons Zürich". Zürich, 1872, Verlag der Erziehungsdirection. Das Lehrbuch oder der Leitfaden behandelt die Pflanzen- und Thierkunde, die Phyfik, die Chemie und die Mineralogie, darunter die Felsarten und den Gebirgsbau, das Alter der Felsfchichten, die Vulcane und Erdbeben, endlich zum Schluffe die Erdkunde fpeciell. Der Lehrftoff der letzteren wird auf die drei Jahrgänge der zweiten Stufe vertheilt, wie folgt: I. Claffe: Einleitung, die Schweiz; II. Claffe: die fünf Erdtheile; III. Claffe: die Erde als Weltkörper. Die Einleitung behandelt in gedrängter Kürze die Erdkugel und die wichtigsten Linien und Punkte am Globus, erläutert die elementaren Begriffe, wie geographifche Länge, Breite, die mathematifchen Zonen, die Himmelsgegenden, Land und Meer, die Erdtheile und Oceane, die Landkarte und das Entwerfen derfelben. Zur Veranfchaulichung dienen Blatt I und II des Schulatlas. Die erfte Karte enthält die Hemifphären, nach verfchiedener Eintheilung; fo die gewöhnlichen in der Ebene des Meridians von Ferro( öftliche und weftliche), des Aequators( nördliche und füdliche); dann die Halbkugeln des Atlantifchen und des Grofsen Oceans; ferner nach der orthographifchen Projection endlich die öftliche und weftliche Hemifphäre zur Darstellung der mathematifchen Zonen. Die zweite Karte dient befonders zur Verfinnlichung der phyfifchen Verhältniffe der Erdkugel. Zuerft werden auf der Erdkarte nach Mercator's Projection die Meeresftrömungen, die kalten und die warmen, dargestellt, dann die Wafferfcheiden der Oceane und die grofsen oceanifchen und Steppen- Stromgebiete. Weil bei der Projection nach Mercator die Gröfsenverhältniffe, falfch find, fo wird gleichfam zur Correctur die homalographifche gleich daneben geftellt. Die letztere enthält. zugleich eine Ueberficht der Verbreitung der Menfchenracen, wie fie Blumenbach eingetheilt hat, aufserdem die Angabe der Polargrenzen einiger Culturpflanzen, endlich die wichtigften Luftftrömungen und einige dadurch bedingte Hauptfahr 32 Dr. R. Perkmann. linien für Segelfchiffe. Weiter ftellt dasfelbe Blatt die Landhalbkugel und die Wafferhalbkugel nebft einer graphifchen Ueberficht der Gröfsenverhältniffe der Oceane und Feftländer dar. Im Lehrbuche folgt der Einleitung eine, wenigftens relativ betrachtet, fehr ausführliche Befchreibung der Schweiz, zunächft nach Lage, Gröfse und Bodengeftalt im Allgemeinen; dann die Gebirge, Thäler und Gewäffer, das Klima, die Lawinen und Gletfcher, die Mineralien, Pflanzen und Thiere des Landes; weiterhin die Einwohner nach Zahl und Vertheilung in die Cantone; die Sprachen, der Bildungszuftand und die Befchäftigung der Schweizer; endlich das Staatswefen im Allgemeinen und die Cantone im Befonderen. Dazu gehören aus dem Schulatlas die Karten III, IV, V A und V B. Blatt III dient vorzugsweife, um in das Verftändnifs der Karten in verfchiedenem Mafsftabe einzuführen; fie enthält die Gemeinde Hedingen im Mafsftabe von I: 1000, 1: 10,000, 1: 25,000, 1: 50,000 nebft einem Profil der Gegend, ferner Zürich und Umgebung in Mafsftäben 1: 25,000, 1: 100,000, 1: 250,000, 1: 500,000, 1: 1.000,000. Endlich Gebirgsgruppen im Glarnifchen und den Rigi. Einige zeigen die Höhenfchichten an. Blatt IV zeigt die Regionen der Schweiz, den Gebirgsbau, die Volksdichtigkeit, die Sprachen der Schweiz und zwei Abfchnitte der Dufour'fchen Karte. Blatt V gibt in A die Orographie und Hydrographie, ohne Namen und Zahlen, um die Ueberficht der Plaftik des Landes in keiner Weife durch Ueberladung zu trüben und zu erfchweren. Blatt VB enthält die Topographie und politifche Chorographie mit der Nomenclatur, nebft den Plänen von Bafel, Bern, Genf und Luzern im Mafsftabe 150.000. Im zweiten Theile der Erdkunde, der für die II. Claffe diefer Lehrftufe beftimmt ift, behandelt der Leitfaden die fünf Erdtheile fowohl im Allgemeinen, wie nach den einzelnen Staaten, letztere in möglichft gedrängter Kürze. Die Chorographie von Spanien z. B. füllt eine halbe Seite, jene von Frankreich circa drei Viertel, Deutſchland anderthalb, Oefterreich- Ungarn kaum zwei Drittel Seiten. Damit ift dem Lehrer ein freierer Spielraum gegeben. Die Schweiz ift bereits in der I. Claffe, und zwar auf achtundzwanzig Seiten behandelt und fehlt defshalb im zweiten Jahrgange unter den übrigen Staaten Europas. Es hätte uns aber zweckmäfsiger gefchienen, wenn der Verfaffer feine Heimat hier gleichfalls angeführt hätte, und zwar ganz im Mafsftabe der übrigen Staaten, weil die Schüler gerade in einer folchen Wiederholung einen paffenden Anhaltspunkt zur Bemeffung und Beurtheilung der Verhältniffe der fremden Länder finden würden. Für diefe Partie find im Atlas die Karten VI bis XI beftimmt, welche die Erdtheile, aufserdem Cartons mit Specialgebieten und Plänen von Städten enthalten. Der dritte Theil des Lehrbuches ift für den letzten Jahrgang der Volksfchule beftimmt und ftellt die Erde als Weltkörper dar: Geftalt und Gröfse der Erde, die Tages- und Jahreszeiten, Klima, Verbreitung der Pflanzen und Thiere und Menfchen; Mond, Finfterniffe, Sonne, Fixfterne, Kometen, das Weltall. Aufser den in den Text eingefchalteten Abbildungen dienen zur Verfinnlichung diefes Abſchnittes mehrere Zeichnungen auf der Karte XII des Schulatlas. Das Lefebuch bietet eine fehr reiche Auswahl von Lefeftücken, welche die einzelnen Capitel fowohl aus der Natur- wie aus der Erdkunde eingehender befprechen. So befchreibt ein Auffatz fehr ausführlich die Gemeinde Hedingen und liefert ein gutes Mufterbild für Heimatskunde. Andere Lefeftücke bringen anfchauliche Bilder aus der Schweiz, aus dem übrigen Europa, aus Afien, Afrika, Amerika und Auftralien; ferner Berichte über Weltreifen, wie von Magellan, James Cook, oder von Forfchern in der Schweiz, wie Sauffure. Geographifche Lehrmittel. 33 Frankreich. Die Franzofen haben an dem Aufblühen der mathematifchen, aftronomifchen, naturgefchichtlichen, phyfikalifchen und geogra phifchen Wiffenfchaft der neueren Zeit bis auf den heutigen Tag den ruhmvollften Antheil genommen. Auch hat es nicht an Beftrebungen gefehlt, beim Schulunterrichte mit der ftetig fortfchreitenden Wiffenfchaft in Einklang zu bleiben und die jeweiligen Refultate diefer letzteren in geeigneter Form dem erfteren fortwährend zugänglich und dadurch praktiſch nützlich zu machen. Napoleon I. hat der Univerſität die hohe Aufgabe geftellt, unaufhörlich dahin zu arbeiten, den Unterricht in allen Zweigen der Wiffenfchaft zu vervollkommnen und die Abfaffung tüchtiger Lehrbücher zu befördern; die Univerfität folle vorzüglich darüber wachen, dafs der Unterricht immer mit dem Fortgange der Wiffenfchaft gleichen Schritt halte. Auch unter den Regierungen, welche der Herrfchaft Napoleon's gefolgt find, wurden zu öfteren Malen Verfuche gemacht, den Unterricht im Allgemeinen und fpeciell den Unterricht in der Volksfchule zu heben. Victor Coufin wurde in das Ausland gefchickt, um das Schulwefen fremder Staaten zu ftudiren. Diefer bezeichnete feiner Regierung als befonders nachahmenswerth die Einrichtungen einzelner deutfcher Staaten, vor allen die Schulnormen in Preufsen.„ Die Erfahrungen Deutſchlands," fagt Coufin, ,, befonders Preufsens dürfen für Frankreich nicht verloren gehen; nationale Eiferfucht und Empfindlichkeit wäre hier nur vom Uebel." Aber diefe und andere an fich vortreffliche Verfuche zur Hebung des Unterrichtes erwiefen fich jedesmal fchwächer, als die fremdartigen Einflüffe, welche in Frankreich wie in manchen anderen Staaten zum gröfsten Nachtheile des intellectuellen und ethifchen Lebens. der Bevölkerung nur zu oft und zu lange das mafsgebende Wort führen durften. Die Wiffenfchaft und die Forfchung mufsten allerdings frei bleiben, weil es für fie überhaupt keine haltbaren Feffeln gibt, aber der öffentliche Unterricht follte an diefer Freiheit keinen Antheil haben und daher konnte unter dem Drucke feindfeliger Elemente auch in diefem Lande das Schulwefen fich niemals zu einem thatkräftigen und zugleich dauernden Auffchwunge emporraffen. Die neuefte Zeit fcheint jedoch auch für Frankreich eine durchgreifende Wendung zum Befferen herbeigeführt zu haben. Der Minifter für Unterricht und Cultus hat unter dem Datum vom 19. September und 10. October 1871 Inftructionen erlaffen, welche Mafsregeln zur Verbefferung des Unterrichtswefens enthielten. In dem minifteriellen Rundfchreiben vom 27. September 1872 wurden diefe Instructionen erweitert und neue Mafsregeln für das Schuljahr 1872 bis 1873 proviforifch erlaffen, zugleich den Schulvorftänden aufgetragen, mit Ende des Lehrcurfes 1873 Vorfchläge zur definitiven Organiſation des Schulwefens vorzulegen. Die charakteriftifchen Gefichtspunkte, welche das bezeichnete Rundfchreiben als den einftweilen zu beobachtenden Mafsftab für den geographifchen Unterricht enthält, und die vorausfichtlich auch bei einer definitiv feftzufetzenden Schulordnung Berücksichtigung finden werden, laffen fich kurz in Folgendem zufammenfaffen: Der Minifter hebt hervor, dafs die bisher beim Unterrichte in der Geographie beobachtete Methode der Logik und der Erfahrung widerfpreche. Man fei mit dem Kinde vom Unbekannten ausgegangen, um zum Bekannten zu gelangen, wenn man überhaupt zu diefem gelangt fei; man habe mit ihm von der Erdkugel gefprochen, von welcher es keine Idee hatte, anftatt mit ihm in die Umgebung der Stadt oder des Dorfes hinauszugehen. Der Schüler wurde angehalten, Auftralien oder China kennen zu lernen, bevor er von feinem Departement etwas wufste. Es fei Zeit, dafs man in der Pädagogik wieder eine naturgemäfse Methode befolge. Zu diefem Zwecke fordert der Minifter, dafs man zu den Vorfchriften der Conftituante von 1789 zurückgreife und, wie es in Deutfchland Sitte fei, mit der Befchrei 34 Dr. K. Perkmann. bung der Gemeinde beginne, dann fortfchreite zum Arrondiffement, von diefem zum Departement bis zu ganz Frankreich, um fernerhin zur Karte von ganz Europa und zuletzt zur Weltkarte zu gelangen. Mit befonderem Nachdrucke betont das Rundfchreiben die Nothwendigkeit des Anfchauungsunterrichtes. Apprenons à nos élèves à beaucoup voir et à bien voir. - C'est par la vue que l'enfant commence à s'instruire." Da die Reformen des franzöfifchen Schulwefens auch die Leibesübungen heranziehen und zu diefem Zwecke unter Anderem auch Excurfionen empfohlen werden, fo verlangt der Minifter, dafs mit diefen ,, Promenaden" der Unterricht verbunden werde. ,, La marche, qui est essentiellement hygiénique, peut être associée avec avantage à l'instruction des élèves; on peut, suivant le pays et le climat, faire de l'herborisation, visiter un vieux château, des ruines importantes, un ancien champ de bataille, une collection d'objets d'arts, une usine. En tout cas, on peut faire de la topographie, s'habituer ainsi à la lecture et à l'usage des cartes." Bei diefen„ Promenades géographiques et topographiques" foll den Schülern auf einer Karte der Weg gezeigt werden, den fie in Wirklichkeit zurücklegen und der Lehrer foll damit diejenigen Erklärungen verbinden, welche die Gefchichte, die Wiffenfchaft, die Induſtrie intereffiren. Ferner wird im Rundfchreiben auf den inftructiven Werth der Wandkarten hingewiefen, welche die Regierung zum Gebrauche in den Schulen anfertigen läfst; felbft der grofsen Karten, wie fie in den Wartefälen der Bahnhöfe Mode geworden, wird nicht vergeffen. In dem Schulmufeum( Musée scolaire), welches neu gegründet werden foll, werden Globen, Karten und überhaupt das ganze Materiale für den geographifchen Unterricht ausgeftellt fein. Endlich fordert der Minifter die Schulvorftände auf, ihm die Bedürfniffe ihrer Anftalten und überhaupt Rathfchläge mitzutheilen, fo wie er auch die Theilnahme von Privaten zu ermuntern fucht:" Meine Hilfe ift allen ernften Verfuchen gefichert." In der That zeigt fich in Frankreich und fpeciell in Paris ein reger Eifer, den Wünfchen des Minifters entgegenzukommen. Die franzöfifche Abtheilung der Weltausftellung hatte eine Anzahl neuer Lehrbücher für den geographifchen Unterricht aufzuweifen. Vor Allem feien erwähnt die einfchlägigen Arbeiten von M. E. Levaffeur, Profeffor am Collège de France, unter dem Titel: Nouveau cours d'enseignement géographique. Das ganze Werk zerfällt in die drei Theile: Petit cours, cours moyen und cours complet. Der erfte Theil ift für den elementaren Unterricht in den unteren Claffen der Primärfchulen beftimmt und enthält die Grundbegriffe der allgemeinen Geographie, eine kurze Ueberficht über die Vertheilung von Land und Waffer auf der Erdoberfläche und die Erdtheile, fodann eine Ueberficht über Frankreich und deffen Colonien. Der zweite Theil( cours moyen) ift für die oberen Claffen der Primärfchulen und einzelnen Fachfchulen beftimmt und gibt eine eingehendere Befchreibung der Erdtheile und Frankreichs nebft deffen Colonien; diefes Buch ift betitelt: Manuel de la géographie physique, politique, économique. Die dritte Abtheilung( cours complet), für Lyceen, Colléges, Seminarien etc., ift nach einem dreijährigen Lehrgange gegliedert, und zwar enthält fie die Befchreibung von Frankreich nebft feinen Colonien, dann von Europa ohne Frankreich, endlich die Erdtheile ohne Europa. Der Inhalt des erften Curfus diefes Lehrbuches umfafst die phyfifche, die politifche, die topo- und chorographifche, die commerciell- induftrielle, die culturelle und adminiftrative Seite von Frankreich und deffen Colonien, ift fomit nicht mehr ein dürres Verzeichnifs nackter Namen", fondern eine lebendige Schilderung von Land und Leuten. Dabei möchten wir die nämliche Bemerkung machen, welche wir oben bei Gelegenheit des Lehrund Lefebuches von A. Wettftein anfügen zu müffen glaubten, dafs die Heimat bei Befchreibung der europäiſchen Staaten in demfelben Mafsftabe berührt wer den follte. Diefe Lehrbücher gehören zu den erften Publicationen eines neuen " Geographifche Lehrmittel. 35 Inftitutes, welches fpeciell zur Beförderung der Geographie fowohl als Wiffenfchaft wie als Gegenftand des Schulunterrichtes gegründet worden ift und den Titel: Institut Géographique de Paris führt. Unter der Aegide diefer hoffnungsvollen Anftalt find aufser zahlreichen Globen, Karten etc. und den bereits genannten Werken von Levaffeur noch andere geographifche Schulbücher im Verlage von Charles Delagrave erfchienen, wie von Ch. Périgot: Cours de géographie; M. A. Roche: Géographie physique; M. Périgot: Petite géographie; ferner Abrégé de géographie moderne; M. Eyfferic: Géographie de la France. Aufserdem waren von der bekannten Firma Hachette et Co. ausgeftellt von den in ihrem Verlage erfchienenen Lehrmitteln Petit Atlas élémentaire de géographie moderne- accompagné d'un texte explicatif avec des notions préliminaires et un questionnaire von E. Cortambert. Ein ähnliches Lehrbüchlein mit Karten von Vivien de St. Martin. Ohne die übrigen zahlreichen neuen Erfcheinungen ſpeciell anzuführen, fei nur noch des methodologifchen Büchleins von E. Levaffeur erwähnt: Inftruction sur la manière de se servir du globe terrestre et de l'appareil cosmographique pour donner aux enfants les premières notions sur le Ciel, la Terre, le Soleil et la Lune. Bei der Energie, mit welcher die Reorganiſation des Schulwefens in Frankreich seitens der Regierung in Angriff genommen worden ift, und bei dem Eifer, welcher ihr bei diefem Werke von Seiten der gelehrten Welt entgegengebracht wird, ift mit Sicherheit anzunehmen, dafs auch der Unterricht in der Geographie einen rafchen Auffchwung nehmen werde. Nur ein Bedenken können wir nicht unterdrücken, und zwar gerade im Hinblicke auf das hervorragendfte der ausgeftellten Werke von Levaffeur. Wenn Levaffeur dadurch ,, eine wohlthuende Umwälzung im Unterrichte in der Geographie hervorgerufen hat, dafs nach feiner Methode das Gedächtnifs nicht mehr in nutzlofer Weife mit leeren Namen beläftigt wird, fondern dafs er aufser einer mehr entwickelten Befchreibung der phyfifchen Verhältniffe der Länder uns auch mit den Völkern, ihren Sitten, ihren Gefetzen, ihrer Agricultur und Induftrie, ihrem Handel etc. etc. bekannt macht", fo kommt er in Gefahr, den Schüler mit dem mannigfaltigen Materiale zu überladen, und die Erfolge des Unterrichtes, die fonft nicht ausbleiben können, par embarras de richesses wieder in Frage zu ftellen. Da die übrigen Staaten Europas diefe fpecielle Section der UnterrichtsAbtheilung entweder gar nicht oder doch nur mit einzelnen, zufammenhanglofen Artikeln befchickt hatten, und diefes Wenige faft durchaus im Style der allgemein und altgewohnten Schablone gehalten war, fo können wir uns auf eine kurze Ueberficht über die Abtheilung der Nordamerikaniſchen Union befchränken. In den deutfchen Schulen der Vereinigten Staaten begegnet man nicht felten Lehrbüchern aus Deutſchland. So ift der Leitfaden und das Lehrbuch von Daniel vielfach verbreitet. Unter den einheimifchen Producten erfcheinen als als charakteriftifch: First lessons in geography for young children, enthaltend kurze Lefeftücke mit Erläuterungen der elementaren Begriffe der Geographie von Auguft Mitchell; ferner von demfelben Autor: A System of modern geography; weiterhin Guyot: Geographical series. Ueberall herrfcht der phyfikalifche Charakter vor, während der politifche Theil nur in überfichtlicher Weife behandelt wird. In den Text eingefchaltet find zahlreiche Abbildungen. Befonders hervorgehoben müffen werden die Lehrbücher von D. M. Warren. Diefelben umfaffen drei Stufen des geographifchen Unterrichtes. Das Lehrbuch der erften Stufe der New Series of Geogra 36 Dr. R. Perkmann. phies enthält Warren's New primary Geography und ift für Anfänger beftimmt. Es behandelt die Grundbegriffe und Principien diefer Wiffenfchaft in befchreibender Form und gibt fodann eine kurze Ueberficht der verfchiedenen Länder der Erde, begleitet von zahlreichen Zeichnungen und Karten. Die zweite Stufe enthält Warren's Common- school Geography, beſtimmt für Stadt- und Diſtrictsfchulen, und gibt eine weitere Befchreibung der Erdoberfläche. Die dritte Stufe trägt einen mehr wiffenfchaftlichen Charakter und behandelt die Physical Geography für Colleges, Akademien, Seminarien und hohe Schulen. Die Einleitung gibt eine kurze Ueberficht der aftronomifchen Geographie. Der erfte Theil behandelt das Feftland, den Bau der Erdrinde mit den Verfteinerungen von Pflanzen und Thieren, Gebirgsfyfteme u. f. w. Im zweiten Theil wird das Waffer behandelt: Quellen, Flüffe, Seen, Meere, Meeresftrömungen etc. Im dritten Theile die Atmoſphäre, Temperatur, Luftftrömungen, meteorifche Erfcheinungen. Der vierte Abſchnitt: organifches Leben, Pflanzen und Thiere und deren geographifche Verbreitung; ferner: der Menfch( Racen, Völker, Stämme und Verbreitung derfelben). Ausführlich wird die phyſikaliſche Geographie der Vereinigten Staaten behandelt. Schlufsbemerkungen Nach den Zeugniffen der Gefchichte des geographifchen Unterrichtes find die Klagen über das unzureichende Mafs an erdbefchreibendem und erdkundlichem Wiffen, welches die Jugend beim Verlaffen der Schule in der Regel aufzuweifen habe, ebenfo alt wie diefer Unterricht felbft. Anftatt allmälig abzunehmen und zu verftummen, werden fie vielmehr von Jahr zu Jahr zahlreicher und lauter, felbft in denjenigen Staaten, ja gerade da am ftärksten, wo für den öffentlichen Unterricht im Allgemeinen und für diefen Zweig im Befonderen am meiften gethan wird. Sie kommen von Seiten der Regierungsorgane( Minifterien), einzelner Berufsstände( z. B. der Handelswelt), wie aus den Kreifen der Lehrer felbft und der wiffenfchaftlichen Fachmänner. Was eine folche Zunahme von Aeufserungen der Unzufriedenheit hauptfächlich veranlafst, ift nicht etwa eine abfolute Verminderung der Leiftungen in der Schule, als vielmehr das ftetige und immer rafcher werdende Steigen der Anfprüche, welche von der Fachwiffenfchaft, von der fortfchreitenden allgemeinen Bildung und von den praktifchen Bedürfniffen des gefammten modernen Weltlebens an das einzelne Individuum, wie an die ganze Gefellfchaft geftellt werden. Sollen diefe erhöhten und fortwährend wachfenden Anforderungen befrie. digt werden, dann wird allerdings auch die Behandlung, welche die Geographie in den Schulen bisher faft allenthalben erfahren hat und zum grofsen Theile noch gegenwärtig erfährt, es wird die Stellung, welche ihr unter den übrigen Lehrgegenständen gefetzlich angewiefen ift, eine wefentlich andere werden müffen. Denn bei der bisherigen Art und Weife ift es felbft den fonft tüchtigſten Kräften nicht möglich, den Erwartungen, welche die Natur des Gegenftandes felbft in fo reichem Mafse erwecken kann, vollkommen gerecht zu werden und alle die in ihm enthaltenen intellectuellen, fcientififchen und praktifchen Vortheile daraus zu ziehen, gefchweige denn alle die Schätze zu heben und auszubeuten, welche ein organifch gegliederter und vollſtändig durchgeführter Unterricht über die grofse, fchöne Heimat des Menfchengefchlechtes und deren Bewohner für die gefammte ethifche Erziehung und Bildung der Jugend in unerfchöpflicher Fülle darzubieten im Stande ift. Wenngleich das Materiale, welches die Weltausftellung bezüglich der Geographie als Lehrgegenftand vorgeführt hat, relativ ein geringes war, fo enthält doch auch diefes Wenige hinreichende Anhaltspunkte, um die princi Geographifche Lehrmittel. 37 pielle Seite der Frage hinfichtlich einer rationellen Behandlung der Erdbefchreibung und der Erdkunde in der Schule wenigftens in Kürze berühren zu können und glaubt der Referent einige diefer Punkte hier andeuten zu follen, eine ausführliche Darlegung derfelben feiner Gefchichte des geographifchen Unterrichtes vorbehaltend. Bei diefem kurzen Rückblicke follen auch nur jene Lehranstalten im Auge behalten werden, die ihren Abfchlufs erft an der Schwelle der Univerfitäten oder der technifchen Hochfchulen finden. Bei allen Gegenftänden, welche an den mittleren und höheren Schulen gelehrt werden, gefchieht diefs in den geiftig fortfchreitenden Staaten nur nach folchen didaktifchen Grundfätzen, welche aus der eigenen und eigenthümlichen Natur und Wefenheit eben diefer Gegenftände felbft entſpringen und dem Charakter der betreffenden Schulen angemeffen find. Damit ift zugleich die natürliche Grundlage gegeben, auf welcher die Lehrgegenftände felbft wiffenfchaftlich weiter entwickelt, die Lücken ausgefüllt und ungehörige Elemente, welche fich früher etwa eingefchlichen haben mögen, allmälig daraus entfernt werden können. Dem Unterrichte in der Geographie war eine folche, feiner fpeciellen Natur entfprechende Behandlung von allem Anfange an nicht befchieden. Schon bei ihrer Aufnahme unter die Unterrichtsfächer der öffentlichen Schulen wurde ihr die volle wiffenfchaftliche Selbftftändigkeit verweigert, und nur der Charakter einer Gehilfin für einen anderen Gegenftand zugefchrieben Selbft wiffenfchaftlich noch wenig entwickelt, wurde fie noch dazu an ein Lehrfach gebunden, welches damals an wiffenfchaftlicher Ausbildung ihr um keine Linie voranftand. Nur zur Dienerin berufen, wurde fie auch nur wie eine Dienerin behandelt. Sie follte nur jene Kenntniffe liefern, ohne welche der Unterricht in der Gefchichte überhaupt gar nicht ertheilt werden kann. Wo, und fo lange die„ Gefchichte" nur als politifche Gefchichte, als die Gefchichte einzelner Staaten behandelt wurde, war die Geographie in der Schule dazu verurtheilt, auf ein weites, wichtiges, ihr naturgemäfs zugehöriges Gebiet zu verzichten. Es find ungeheuere Landftriche, um nicht zu fagen ganze Welttheile, welche in den Lehrbüchern der Staatengefchichte kaum berührt werden. Und felbft innerhalb jener Gebiete, welche die Geographie als Hilfsfach zu behandeln hatte, blieb fie überwiegend auf die Angabe topographifcher und ftatiftifcher Daten befchränkt und mufste wefentliche Momente und Factoren des ganzen grofsen Gegenftandes ihrer wiffenfchaftlichen Aufgabe übergehen. Anftatt ein reiches, lebensvolles und harmonifches Ganzes zu bieten, hatte fie nur magere Splitter und todte, zufammenhanglofe Trümmer aufzuweifen. Kein Wunder, wenn fich der Geift der lernenden Jugend an folchem Chaos nicht erwärmen, von ihm nicht anregen laffen wollte! Wie der voranftehende Bericht zeigt, ift in neuerer Zeit die Stellung und Behandlung der Geographie in mehreren Staaten, darunter auch in Oefterreich eine würdigere, eine naturgemäfsere geworden; aber bis zur Erlangung der vollen ihr gebührenden Selbftftändigkeit und Freiheit hat fie auch in diefen Ländern vorausfichtlich noch einen weiten, langwierigen Weg zurückzulegen. Wir wollen nicht mehr an die ganz unwiffenfchaftliche Anfchauung erinnern, welche der Verfaffer des„ Organiſationsentwurfes" noch vor 25 Jahren von der Geographie gehabt hat; auch die gegenwärtig, felbft in den fortgefchrittenften Staaten geltenden Normen bezüglich des geographifchen Unterrichtes laffen noch Vieles und darunter Wefentliches zu wünſchen übrig. Wohl wird der Gegenftand vielfach fchon ,, felbftftändig", in einer ihm allein zugewiefenen Anzahl von Lehrftunden behandelt; allein das gefchieht nur in den unteren Abtheilungen der angedeuteten Lehranstalten und felbft da wird das Lehrobject mit Ausnahme des unterften Jahrganges nicht nach geographifchen Principien, fondern fo vertheilt, wie es der Unterricht in der Gefchichte wünſchenswerth erfcheinen läfst. Nicht blos ganze Continente, felbft einzelne Theile derfelben werden in verfchiedenen Semeftern, ja in verfchiedenen Jahrgängen vorgenommen. Dadurch wird das Ganze des Unterrichtsgegenftandes nicht gegliedert, fondern zerriffen. 38 Dr. R. Perkmann. - da In den oberen Abtheilungen diefer Schulen, wo die Jünglinge fchon erweiterte Kenntniffe, eine allgemeinere Bildung, überhaupt geübtere Geifteskräfte mitbringen, alfo auch für einen erweiterten und zugleich tiefer greifenden Unterricht in der Erdbefchreibung und Erdkunde beffer qualificirt wären hört er auf. Allerdings wird verlangt, dafs beim Unterricht in der Gefchichte der Lehrer zur„ Befeftigung und Sicherung des geographifchen Wiffens" die von Fall zu Fall vorkommenden Ortsnamen an der Wandkarte„ zeige" und beim Examiniren fie auch vom Schüler wieder„ zeigen" laffe; einen ferneren Erfatz für den ausgefallenen Unterricht in der Geographie follen die„ gelegentlichen Einftreuungen"," Anknüpfungen",„ Erinnerungen" und dergleichen bieten. Dafs aber durch folche„ gelegentliche" Mittel, die aufserdem je nach der fonftigen Geiftesrichtung und Bildung des Lehrers fehr verfchiedenartig auszufallen pflegen, kein geregeltes Wiffen erreicht wird, dafs die„ Ein ftreuungen“ nur zu häufig zur Zerftreuung führen, das lehrt die Erfahrung, das lehren die Warnungen der bewährteften Schulmänner. Anders ift es mit dem wirklichen Erfatze an wiffenfchaftlichem Materiale, welches nach den neueften gefetzlichen Vorfchriften mehrerer Staaten in einzelnen Claffen der oberen Abtheilung die Lehrer der Naturgefchichte und der Phyfik durch fpecielle Behandlung einzelner Zweige ihres Faches herbeizufchaffen haben. Aber felbft, wenn diefs nicht blos vom rein naturgefchichtlichen und phyfikalifchen, fondern zugleich auch vom geographifchen Standpunkte aus gefchieht, fo ift damit die Gefahr, welche mit jeder Zerftücklung eines wiffenfchaftlichen Gegenftandes verbunden ift, noch immer nicht befeitiget, abgefehen davon, dafs, wie einer und der andere der oben angeführten Lehrpläne zeigt, naturgefchichtliche Partien fchon in einem früheren Jahrgange vorgenommen werden, während jene Partie, welche die unerläfsliche Vorausfetzuug dafür bildet, von Seite der Phyfik erft in einem fpäteren Jahrgange dargestellt wird. Wie der Eine die Geographie nur als ein trockenes Verzeichnifs von Namen aufgefafst hat, bei welchem es auch auf ein paar" mehr oder weniger gar nicht einmal ankomme, fo bezeichnen fie Andere, darunter felbft Männer der Wiffenfchaft und Mitglieder der Commiffionen für Lehramtsprüfungen als ein " Conglomerat". Solchen Anfchauungen können offenbar nur die wiederholt angedeuteten„ Einftreuungen" und" Anknüpfungen" zu Grunde liegen; die Wiffenfchaft hat eine ganz andere Idee davon. Auch unfere Erde, der Gegenſtand der geographifchen Darftellung, ift kein Conglomerat, kein regellofer Haufen der verfchiedenften, chaotifch durcheinander geworfenen, todten Dinge, keine rudis indigeftaque moles, fie ift ein einheitliches, harmoniſch gegliedertes Ganzes von Elementen, belebt durch Kräfte, die nach beftimmten Gefetzen thätig find, aus deren Gegeneinander- und Zufammenwirken Bewegung, Leben und Schaffen hervorgeht. Auf der höchften Abftufung, in der höchften Sphäre ihrer individuellen Schöpfungen erheben fich diefe Kräfte und Gefetze zu einem freieren Organismus, indem fie hier, im Menfchengefchlechte zum Bewufstfein erwachen, zur Vernunft kommen. Die Einwirkungen diefer mit Bewufstfein thätigen, nach bewufsten Zwecken und Zielen ftrebenden, vernünftigen Kräfte bringen in dem äufseren Leben, in der äufseren Phyfiognomie der Erde mannigfaltige Veränderungen hervor. Diefe neuen, vernünftigen Schöpfungen ertheilen dem unbewufsten Leben der Natur die geiftige Weihe, die Weihe der Cultur. Sollen die Erdbefchreibung, die Erdkunde und der Unterricht in denfelben ein wahres geiftiges, ein wiffenfchaftliches Abbild ihres lebendigen und organifch gegliederten Vorbildes liefern, fo darf dasfelbe nicht ein Conglomerat, eine zerftückelte, zerriffene und todte Maffe von einzelnen Vorftellungen fein, die nur nach zufälligen Momenten zufammenkommen; auch in dem Abbilde mufs Einheit, Gliederung, Organifation und Leben herrfchen. Wie in dem Vorbilde die einheitliche in fich reich gegliederte Natur, die Phyfis, die wahre Grundlage des gefammten Dafeins, Lebens und Schaffens ift, fo mufs auch in dem getreuen Geographifche Lehrmittel. 39 Abbilde der natürliche Theil, die phyfi kalifche Geographie die Bafis bilden, auf welcher fich der reichgegliederte, grofsartige Bau der Culturgeographie und in höchfter Inftanz, als ideelles Ineinandergreifen der phyfikalifchen und culturellen. Geographie jener der Culturwiffenfchaft erhe. ben kann. Soll der geographifche Unterricht diefes ihm von der Wiffenfchaft vorgefteckte Ziel erreichen, fo mufs er vor Allem auf jeder feiner Abftufungen vollkommen felbftftändig gemacht werden. Als felbftftändiges Hauptfach mufs er zugleich der Brennpunkt aller jener Wiffenfchaftszweige fein, welche ihm als feine Hilfswiffenfchaften das in ihnen liegende, ihm nothwendige Materiale zuzuführen haben. Je mehr auf diefe Weife die Erdbefchreibung, die Erdkunde, die Culturgeographie und die Culturwiffenfchaft ausgebildet, je vollendeter der Unterricht auf diefem ganzen Gebiete und in feinen einzelnen Theilen fein wird, defto beffer und leichter wird die Geographie dann auch jene Seite ihrer Aufgabe zu erfüllen im Stande fein, wo fie als Hilfswiffenfchaft zu dienen hat. Ift fie felbft in ihrem ganzen Organismus vollſtändig entwickelt, dann wird fie auch der Staaten und Weltgefchichte gefunde Kraft und frifches Leben mittheilen können, was fie in ihrer heutigen Geftalt noch nicht vermag. Dafs ein ungewöhnlich reiches Mafs vielfeitiger Kenntniffe dazu gehört, wie es kein anderer Wiffenfchafts- und Unterrichtszweig erfordert, dafs der Lehrer diefes weite Feld auch klar überfehen muſs, um das Wichtige und das Charakteriftifche überall von dem weniger Wichtigen und nicht Charakteriftifchen unterfcheiden zu können, ift felbftverftändlich. Diefe Thatfache aber darf für die Erfüllung der didaktifchen und pädagogifchen Aufgabe des geographifchen Unterrichtes kein Hindernifs fein. Ift die Schule die Quelle des fyftematifchen Wiffens, fo wird ein vollſtändig gegliederter Organismus des gefammten Schulwefens eines Staates Das nicht fchwer leiften, was jetzt Manchem noch als unmöglich erfcheinen mag. Die Hochſchule, die Univerfitas literarum und das LehrerSeminar würden in diefem Falle zufammenwirken, um das erforderliche Materiale in entſprechender Weife je für die Mittel- und Volksfchule herbeizufchaffen. Die Zeit wird kommen, wo namentlich die deutfchen Univerfitäten, diefe Perlen im Ehrenkranze der deutfchen Nation, aufser den Lehrftühlen für phyfikalifche Geographie auch die Katheder für Culturgeographie und Culturwiffenfchaft zu ihren Glanzpunkten zählen werden, und von diefen aus wird die geeignete Geiftesnahrung, entſprechend zubereitet, in die mittleren und niederen Schulen hinüberftrömen und fomit den Kreislauf des ganzen Unterrichtsproceffes vollenden können. www CO C CO A C C C MAAAAAA TMW- Bibliothek 0020926 7 WELL OFF