OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH, RICHTER, к. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG ANLAGE, EINRICHTUNG UND LEHRMITTEL DER VOLKS- UND MITTELSCHULE. ( Gruppe XXVI, Section 2 und 3.) BERICHT VON ERASMUS SCHWAB, DR. R. PERKMANN, DR. POKORNY, PROF. KNIRR. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. DIE VOLKS- UND MITTELSCHULE. ( Gruppe XXVI, Section 2 und 3.) SCHULBAUTEN UND EINRICHTUNGEN. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von PROF. DR. ERASMUS SCHWAB, Director des Mariahilfer Communal- Real- und Obergymnafiums in Wien. Die Volksfchule ift der Granitunterbau des freien Staates. Es war eine hochbedeutfame Thatfache, dafs von den drei Hauptftämmen der europäifchen Menfchheit, den Romanen, Germanen und Slaven, in der Weltausftellung die Romanen nur mit einem felbftſtändigen Volksfchulhaufe vertreten waren, die Slaven gar nicht, die europäiſchen Germanen durch zwei Schulhäufer, ausgeftellt von Schweden und aus, wenngleich nicht von Oefterreich. Von den übrigen, die weite Erde umwohnenden Völkern waren nur noch die Amerikaner in den Wettkampf eingetreten, und zwar war es gleichfalls die germanifche Raffe, welche mit einer eigenthümlich geftalteten Volksfchule hervorzutreten vermochte. Die Schweizer hatten zwar kein eigenes Schulhaus ausgeftellt, aber doch wenigftens ihr Volksfchalwefen in dem oberen Stockwerke eines in gefälligem Schweizer Stile gehaltenen Häuschens zufammengedrängt, fo dafs, der Befucher in der Lage war, fich, abgefondert von der drängenden Menge, ungeftört dem erfreulichen Eindrucke der Mittel einer fehr entwickelten Volkserziehung zu überlaffen, und das knappe, mit richtiger Auswahl entworfene Bild als ein Ganzes in fich aufzunehmen. Auch von den Schätzen des Unterrichtes in den Schweizer Thälern gebührte der Löwenantheil den deutfchen Cantonen. Das deutfche Reich end. lich hatte einen Unterrichtspavillon aufgerichtet, welcher geftattete, wenn auch nicht erfchöpfende, fo doch tiefe Blicke in die geiftige Werkstatt jenes Landes zu thun, welches- wenigftens bis zur Wiener Weltausstellung als das Land der Schulen" gepriefen wurde. Zuerft war das fchwediſche Schulhaus vollendet, darauf das amerikaniſche, fodann das öfterreichifche, zuletzt das portugiefifche. So möge denn auch die Befprechung der einzelnen Objecte in diefer Reihenfolge ihren Platz finden. - Die Schulhäufer in der Weltausstellung. Das fchwedifche Schulhaus. " In der Nähe des Pavillons der Jury prangte das fchwediſche Schulhaus, eines der reizendften Gebilde der Holzarchitektur in der Ausstellung. In das I 2 Dr Erasmus Schwab. ebenerdige, mit Schiefer gedeckte Haus führte ein Vorbau, und zwar in das Vorzimmer, aus welchem man links in das Schulzimmer, rechts in die übrigen Räume des Haufes gelangte. Der befuchtefte Theil des Objectes, zugleich der Glanzpunkt desfelben war das Schulzimmer, eine grofse Halle, welche für nur 40 Kinder eingerichtet, nicht blos durch ihre Ausdehnung in Höhe, Breite und Länge, alfo durch ihre Luftigkeit und Behaglichkeit den Befucher gefangen nahm, fondern auch durch ihre Freundlichkeit und durch die Nettigkeit und Zweckmässigkeit der Einrichtung, welche durchwegs hell polirt war. Das Licht fiel durch mächtige Fenfter zur Linken und von rückwärts in Maffen ein. Was auf und hinter dem Podium fich befand, ift ungefähr das, was in einer fchönen Schule Oefterreichs oder Deutfchlands auch gefunden wird, nur eleganter, fo dafs man beiſpielsweife Sitz und Pult des Lehrers anderswo in Wirklichkeit nicht fo luxuriös herrichten würde. Auffallend waren auf dem Podium ein äufserft netter Kaften zum Unterrichte in der Naturlehre, neben dem Orgelharmonium ein Pfalmodikon( einfaitiges Inftrument) zur Begleitung des Gefanges, die Schuluhr über dem Sitze des Lehrers und dort, wo in der öfterreichifchen Mufterfchule das Bild des Kaifers hing, das Reichswappen und eine Gruppe von Regentenbildern Schwedens. Die im Schulzimmer aufgeftellten Kaften für Lehrmittel waren, wie in der öfterreichifchen Schule, verglaft; die Objecte felbft, wo es nothwendig war, in Gläfern aufbewahrt, alfo von allen Seiten fichtbar. Die phyſikaliſche Sammlung beftand aus lauter fchönen Inftrumenten. Naturgefchichtliche Abbildungen waren in folcher Menge vorhanden, dafs man erkennen mufste, die fchwediſche Schule lege, zu ihrem Heile, ein Schwergewicht auf diefen Unterricht. Die Bilder bezogen fich, was gleichfalls Schweden zur gröfsten Ehre gereicht, weitaus auf die einheimifche Natur und hatten den weiteren Vorzug, dafs auf jedem einzelnen Blatte nicht ein zerftreuendes Sammelfurium von Abbildungen enthalten war, fondern zunächft Ein Naturgegenftand, und diefer im grofsen Mafsftabe; ringsum, allenfalls in kleinerem Mafsftabe, die übrigen typifchen Repräfentanten der Art. Auch das Herbar war in fachlicher, technifcher und äfthetifcher Hinficht mufterhaft. Mit fo berechneter Einfachheit und Sparfamkeit in der öfterreichischen Mufterfchule und in dem Schweizer Unterrichtspavillon das naturgefchichtliche Materiale untergebracht war, in fo glänzender Schale hatte Schweden diefe Sammlungen ausgeftellt. Die geographifchen Lehrmittel gehörten unftreitig zu dem Beften und Reichhaltigften, was die Schule hierin vorzuführen vermochte. In diefem Lande, wo wegen der Einheit des Volkes und der geographifchen Verhältniffe Heimat und Vaterland zufammenfallen, ift für die Heimatskunde durch Kartenwerke aller Art( für politifche, phyfikalifche Geographie, für Ethnographie) und fpeciell durch Schulkarten in einer Weife geforgt, die man beneiden möchte, weil fie eben nur durch das Zufammentreffen fo vieler günftiger Umstände ermög licht wird, und das Erziehen eines ausgeprägten Nationalcharakters mächtig befördert. Der Rechenapparate waren viele und durchwegs gute vorhanden; doch ftehen die Lehrmittel der deutfchen Schule an innerem Werthe den von Schweden ausgeftellten wohl gleich. Höchft auffallend waren für Jene, die Jugendwehren und verwandte Inftitute nur in der Schweiz fuchen, die kleinen Gewehre für die Schüler. Wenn auch die militärifchen Uebungen in Schweden doch eigentlich erft für die Schüler der Mittelfchulen beftehen, fo find die Anfänge dafür allerdings bereits in der Volksfchule da. Begehrt auch die deutfche Pädagogik für die Schuljugend harmonifche Ausbildung des ganzen Leibes, fo ift doch andererfeits nicht zu überfehen, dafs man in Schweden vortrefflich verfteht, den Körper der Mädchen auszuturnen, und dafs das Militärturnen der Knaben immerhin einen beachtenswerthen Erfatz für das in anderen Ländern betriebene Schulturnen bieten will. Uebrigens hatte Schweden für das Turnen Modelle, Pläne und Schriften ausgeftellt. Einen hochachtbaren Theil des fchwedifchen Schulhaufes bildete die fchöne Schulbauten und Einrichtungen. 3 und reichhaltige Volksbibliothek, welche der Lehrer verwaltet. In Oefterreich werden folche Bildungsmittel des Volkes erft feit einer Verordnung des Unter richtsminifters von 1871 mit Schulen, und zwar nur da und dort in Verbindung gebracht. In Schweden wurden diefelben vor fünfzehn Jahren ins Leben gerufen und haben rafch in allen Theilen des Landes Eingang gefunden; es ift das eben nur möglich in einem Lande, das mit Stolz fagen kann, felbft von feinen Verbrechern feien nur drei Percent des Lefens und Schreibens nicht kundig. Schweden hat übrigens, was entfchieden nachahmenswerth ift, den Gemeinden vor vier Jahren Kataloge für ihre Bibliotheken empfohlen. Wer je auf diefem Gebiete fich umgefehen hat, wird wiffen, dafs fchablonenartig abgefafste Kataloge für Volksbibliotheken in Deutfchland und der Schweiz und in Oefterreich bisher an der Thatfache fcheiterten, dafs der Bildungszuftand der verfchiedenen Gegenden, Schweden ja fogar Gemeinden gegenwärtig noch ein zu verfchiedener ift. aber hat bereits eine verhältnifsmäfsig gleichförmige Maffenbildung erzielt, was ihm erleichtert wurde, abgefehen von der bis zu dem Träger der Krone hinauf reichenden Sorgfalt der Staatsgewalt, dadurch, dafs fich hier nicht Nationalitäten und Glaubensbekenntniffe feindlich gegenüber ftehen, dafs das ernfte und praktifche Volk den Werth der Schulbildung erkennen gelernt hat, deren es zum Kampfe um das Dafein, und zur Verfchönerung des Lebens gar nicht entrathen kann, dafs kein Feudaladel da war, welcher das Selbftbewufstfein der freien Bauernfchaft zu brechen vermochte, und, zu keinem geringeren Theile, dafs- im Gegenfatze zu den einft von Jefuiten beherrfchten Ländern- keine Priefterfchaft vorhanden war, welche die geiftige Entwicklung des Volkes principiell niederhielt. Wohl befitzt die„ Kirche" heute noch gefetzlich grofsen Einfluss auf das Schulwefen; doch hat der fchwedifche Clerus gemäfsigte Anfchauungen geht er doch redlich feiner Verpflichtung zur Förderung der Volksbibliotheken nach!- und kann der Religionsunterricht nie einen culturfeindlichen Charakter annehmen, weil er in weltlichen Händen, in jenen des Lehrers ift. - Höchft intereffant ift, dafs zwar bei dem Schulhaufe kein Schulgarten angelegt war, dafür aber eine Anzahl Pläne von Schulgärten auflag. Keiner konnte fich allerdings mit jenem Schulgarten vergleichen, welchen das Comité der öfterreichifchen Schulfreunde bei der öfterreichifchen Mufterfchule ausftellte; jedoch waren fchon im Jahre 1871 von den 7528 Schulen Schwedens mehr als 2000 mit ähnlichen Lehrmitteln verfehen. Schweden hat in diefer Richtung nur darum manche fchmerzliche Erfahrung gemacht, weil feine Lehrer in den Pädagogien für diefen Theil ihrer Thätigkeit nicht gehörig vorgebildet werden. In Schweden überwiegt die Anzahl jener Schulen, welche wir, ein claffig" nennen, das heifst, in welchen nur Ein Lehrer unterrichtet, fo fehr, dafs die Zahl der Volksfchulen im Lande nur um Weniges von der Zahl der Lehrer übertroffen wird. Deffenungeachtet darf man ja nicht glauben, dafs das überaus zweckmäfsig und glänzend eingerichtete Schulhaus in der Ausftellung etwa das Bild einer gewöhnlichen fchwedifchen Landfchule war. Die Schulen Schwedens find theils ,, kleine Schulen", welche unferen Elementarclaffen der Volksfchule entſprechen, ( im Jahre 1871 beftanden deren 2676), theils eigentliche Volksfchulen, von denen noch vor drei Jahren 1164 blofse Wanderfchulen waren, theils" höhere" Volks. fchulen, deren Zahl verfchwindend klein ift. Es liegt auf der Hand, dafs weder die Kleinfchulen, noch die Wanderfchulen auch nur annäherungsweife fo eingerichtet fein können, als das blendende Ausstellungsobject im Prater war. So find namentlich die phyfikalifchen Sammlungen, welche das Auge fo beftachen, bisher nur Eigenthum weniger Schulen. Die Zeichnungen, welche ausgeftellt waren, find auch nicht als Arbeiten gewöhnlicher Volksfchulen aufzufaffen, da in diefen das Freihandzeichnen noch einen untergeordneten Platz einnimmt. Auch machten Fachmänner bezüglich des Lehrganges und der Methode Bedenken geltend, welche zeigten, dafs der Zeichenunterricht in Schweden, das ja noch keine felbftftändige Kunftinduftrie hat, der Reform bedarf, gerade fo wie anderswo. Das 4 Dr. Erasmus Schwab. Urtheil vieler Befucher des fchwedifchen Schulhaufes wurde unftreitig dadurch irre geführt, dafs die Ausftellung nicht die Scheidung deffen darbot, was Stadt-, was Landfchule ift, was niedere und was höhere Schule. Blickt man nochmals auf das Schulhaus als bauliches Object zurück, fo mufs zunächft bemerkt werden, dafs diefes Object nach einem jener Pläne gearbeitet war, welche die Regierung in weifer Fürforge für Schulbauten und Schulhygiene veröffentlichen läfst. Doch baut Schweden, trotz feines Reichthumes an dem fchönften Holze, feine Schulen gern aus Granit, da es ja den prächtigſten Stein in koloffaler Fülle befitzt. Zu einem wirklichen Schulzimmer fehlten der grofsen Halle im Schulhaufe Vorkehrungen zur Regulirung des Lichtes, fehlte die Ventilation und jede Andeutung über die Art der Beheizung. Alle diefe Dinge fchienen vielleicht nicht nöthig, da ja fchon das Zimmer in Wirklichkeit kein Schulzimmer fein könnte, weil es fich nicht heizen liefse( das Dach war die Decke des Schulzimmers).( Als ein intereffantes Desinfectionsmittel ftanden im Schulzimmer einige Blechbüchfen, gefüllt mit Birkentheer, welche den würzigften Duft aushauchten.) Wie in Schweden die Abortfrage gelöft wird, war gleichfalls nicht angedeutet. Noch müffen aus dem fchwedifchen Schulhaufe zwei Specialitäten hervorgehoben werden- die weiblichen Handarbeiten und die Arbeiten der nicht vollfinnigen Jugend. Die Wahl, der Stufengang, die Behandlung der weiblichen Arbeiten, welche oft in einfamen Dörfern und Gehöften von Wanderlehrerinen gelehrt werden, verdienen alles Lob und wurden, was eigentliche Kunftarbeiten betrifft, nur von den Arbeiten der dänifchen Schulmädchen übertroffen. Schon aus diefer einen Probe liefs fich entnehmen, welche liebevolle und verftändige Sorgfalt in Schweden auf die Bildung des weiblichen Gefchlechtes verwendet wird, dem die Wege zur höchften Ausbildung und zu ehrenhafter Selbftftändigkeit geebnet find. Es ift hier nicht der Ort, diefe Bildungsanftalten zu befprechen; aber mit Achtung mufs anerkannt werden, dafs fich Schweden eine glückliche Zukunft einzig fchon durch die gewiffenhafte Erziehung feiner Mädchen, der künftigen Mütter des fchwedifchen Volkes, fichert. Die Arbeiten der nicht vollfinnigen Kinder find fo correct und gefchmackvoll ausgeführt, dafs Schul- Werkstätten( in Verbindung mit der Volksfchule gedacht) an ihnen die beften Vorlagen für verfchiedene Arten der für Schulkinder paffenden Thätigkeiten fänden. Beide genannte Specialitäten erfüllten den Bodenraum des Schulhaufes, welchen man fich im Sommer als Wohnung des Lehrers denken mag; der dem Schulzimmer benachbarte Theil des Haufes umfchlofs die Ausstellung folcher Lehranstalten, welche den Kreis der Volksfchule überragen, und kann fomit in diefen Studien keinen Platz finden. Was fich als bleibendes Ergebnifs wiederholter Befichtigung des fchwedifchen Schulhaufes ergibt, ift, dafs Schweden allerdings von vornherein die Abficht fefthielt, mit feiner Unterrichtsausftellung zu glänzen, und es berührt ganz eigenthümlich, dafs Schweden die Schwäche hatte, alle möglichen Dinge fich prämiiren zu laffen. Bei all' dem aber ift, obfchon Schweden noch nicht den Höhepunkt in feinem Volksfchulwefen erreicht hat, anzuerkennen, dafs fchon jetzt das von Schweden Erreichte mit Achtung und Sympathie begrüfst werden mufs und die Gewähr einer glücklichen Zukunft in fich fchliefst. Das Unterrichtsbudget für Volksfchulen von 3,777.000 Reichsthalern( ein Thaler ift ungefähr gleich 60 Kreuzer öfterr. Währ. oder 12 Grofchen) bei einer Bevölkerung von nur 4,200.000 Köpfen verdient alle Anerkennung. Der Staat, der auch bei der Einrichtung armen Gemeinden beifpringt, ift dabei mit 1,800.000 Thalern betheiligt. * Im Jahre 1871 hatte Schweden bereits 2800 Lehrerinen an feinen Volksfchulen, allerdings meift an den Kleinfchulen. Diefs ift, nebenbei bemerkt, ein Fingerzeig für andere Staaten als auf eines der Mittel nämlich, wie man dem wachfenden Mangel an Lehrern abhilft. Schulbauten und Einrichtungen. 5 Schweden felbft weifs aber am beften, welchen Fortfchritt es durch die für die Hebung der Volksfchule feit 30 Jahren( 1842) gebrachten Opfer auf geiftigem und fittlichem, politifchem und materiellem Gebiete errungen hat. Das amerikanifche Schulhaus. Nahe dem Weftportale des Ausftellungsraumes, in äufserft günftiger Lage, ftand das„, amerikaniſche Landſchulhaus", ein ebenerdiger Holzbau, mit grauer Oelfarbe angeftrichen und mit Dachpappe gedeckt. Das Gebäude war aber nichts weniger als ein Schulhaus, fondern ftellte zunächft nur ein Schulzimmer dar, in welchem am meiften die für europäiſche Vorftellungen grofsen Raumverhältniffe wohlthätig auffielen. An einander entgegengefetzten Seiten des Haufes traten die Knaben und Mädchen zuerft durch kleine Vorzimmer, zum Ablegen der Kleider beftimmt, jedoch nicht als eigentliche ,, Garderoben" eingerichtet, in das Schulzimmer, deffen Wände einige Schuh hoch mit hölzerner Lambris verkleidet, höher hinauf fogar tapezirt waren. Das ungemein hohe luftige Zimmer erhielt fein Licht durch fechs fchmale und hohe Fenfter, deren zwei weit auseinander ftehend in der Rückenwand, je zwei andere an den Seitenwänden fich befanden. Die Fenfter waren, wie in den meiften amerikanifchen Schulen, einfache, guilottinenartige Schieberfenfter ohne Flügel; Winterfenfter mangelten. Meifterhaft gearbeitet waren die aus beliebigen, wohlfeilen Stoffen herzuftellenden Vorhänge, welche fich nach allen Richtungen verfchieben, ausftrecken und zufammenrollen liefsen, fo dafs das Tageslicht vortrefflich regulirt wurde eine Vorrichtung, die namentlich für den Zeichenunterricht vom höchften Werthe ift. Allerdings war dabei nicht zu überfehen, dafs diefe meifterhafte Einrichtung durch das viele Rollen- und Schraubenwerk fehr theuer wird, ferner dafs das Einfallen des Lichtes von drei Seiten für die rechts fitzenden Schüler eine ganz falfche Beleuchtung zur Folge hat, was fich wohl nur durch den Kampf gegen ein fehr nebliges Klima, nicht aber durch die Gröfse eines Lehrzimmers entfchuldigen läfst. Den Wechfel der Luft beforgten in der Wand angebrachte, einander gegenüber liegende Ventile in der bereits landläufig gewordenen Weife. Ausserdem waren bei den Fenftern mehrere kleinere Apparate aus theilweife fiebartig durchlöchertem Eifenblech angebracht, einer davon mit einem verfchliefsbaren Hahn verfehen, Vorrichtungen die auch bei uns im Handel zu haben find, über deren etwaiges Ausreichen zu Schulzwecken man fich aber kein Urtheil bilden konnte. Etwas Neues war übrigens hier fo wenig zu fehen, wie an der blos markirten Heizvorrichtung. Gewählt war die Luftheizung, als welche man fich jedenfalls eine beffere denken mufs, als jene, die in genug europäiſchen Schulen eingeführt ift und den Lehrern an den betreffenden Anftalten zu einer Reihe von herben Klagen mancher Art Veranlaffung gibt. - Am ftärksten wurde die Aufmerkſamkeit der Befucher durch die Subfellien gefeffelt. Der mächtige Raum des„ Schulzimmers" enthielt nur in fünf Längsreihen je acht einfitzige Stühle, war alfo für die Zahl von 40 Schulkindern berechnet, welche Zahl allerdings als ideales Maximum jedem Schulmanne vorfchwebt. Von den in europäiſchen Schulen gewöhnlichen Einrichtungsftücken wurden die Kaften für Lehr- und Lernmittel ganz vermifst. Einen Erfatz dafür bot ein kleiner Raum in der Mauer hinter dem Sitze des Lehrers, durch eine Tapetenthür verborgen, der fich zunächft für den Gebrauch des Lehrers eignete. Erklärt wird der Mangel eines Kaftens für Lehrmittel dadurch, dafs Amerika unfere Anfchauungsmittel und was fonft zum Inventar des kleinen Claffenmufeums gehört, in feinen Schulen nicht kennt. Eine Schultafel war nicht vorhanden; wohl aber war rückwärts, hinter den Schulkindern eine fchwarze Leinwand aufgefpannt, auf der fich mit Kreide fchreiben liefs. Dagegen befand fich im Schulzimmer ein kleiner Kaften mit Fächern zum Einftellen der Schiefertafeln der Kinder, durch 6 Dr. Erasmus Schwab. welche Vorkehrung das Nachhaufetragen diefer Lernmittel entfällt eine Neuerung, welche auch in den Unterrichtsabtheilungen europäiſcher Staaten zu fehen war, während Schweden fehr gefchickt die Schulbank felbft zur Aufbewahrung diefer Tafeln benutzte. Der Schreibtifch des Lehrers war mit folchem Luxus ausgeftattet, dafs es auf dem europäiſchen Continente unmöglich wäre, derlei Stücke im Ernfte für Schulen zu empfehlen. Eine in diefer nüchternen Umgebung erfreuliche Ueberrafchung war in der Nähe des Schreibtifches ein fchönes Harmonium, das übrigens, wunderlich genug, fo aufgeftellt war, dafs der Lehrer den Schülern den Rücken kehrte. Die Sitze für den Lehrer waren ganz praktifch. Die weitere Einrichtung des Schulzimmers beftand in einem unhübfchen, ordinären Geftelle zum Aufhängen der Notentafel, einem Tifche mit zerlegbaren geometrifchen Körpern*, einem anderen mit Photographien von Schulhäufern und mit Schulfchriften und einem fehr grofsen Globus auf einem Stativ. Die Lehrmittel beftanden in- Abbildungen, welche an der Wand hingen, in nichts weiter! Das Schwergewicht war auf den geographifchen Unterricht gelegt. Sehr grofse, übrigens nicht fehlerfreie Landkarten ftellten nicht blos Amerika, fondern auch alle übrigen Erdtheile in einzelnen Blättern vor. Dem Auge des Schulmannes war fofort klar, dafs man diefes grofse geographifche Material in keiner europäifchen Landfchule auch nur im Groben bewältigen könnte, und dafs, wenn ein Handelsvolk Gründe hat, den erdkundlichen Unterricht in der Volksfchule fo überwuchern zu laffen, alle Kenntniffe in den fonftigen Realien nahezu ganz ausfallen müffen. In der That waren für Naturgefchichte nur einzelne Blätter fehr zweckmässig, da fie blos einen typifchen Repräfentanten in gröfserer Zeichnung enthielten, und ringsum andere Vertreter der betreffenden Art in kleinerem Maſsſtabe; die meiſten Tafeln aber waren wegen der Kleinheit und Maffenhaftigkeit des zufammengefchoppten Materiales ganz verwerflich und dürften fich in Schulen Europas nicht fehen laffen. Naturgefchichtliche Sammlungen, irgend welche Lehrmittel für den phyfikalifchen Unterricht, Lehrmittel zur Veranfchaulichung des Stoffes guter Lefebücher, Modelle für den Zeichenunterricht, dann Volks-, Lehrer- und Schülerbibliothek fehlten gänzlich! Dagegen machte fich ein Abrifs der politifchen Verhältniffe des grofsen Staatenbundes bemerklich. An Lehrmitteln waren Lefe- und Rechenapparate, Schreibhefte, Schreibtafeln, deren Ränder eine Menge Material zum Schreiben, Rechnen und elementaren Zeichen als einfchiebbare Vorlage enthielten, vorhanden, endlich eine Anzahl Bücher. Das Schulhaus enthielt aufser dem Schulzimmer und den beiden kleinen Vorftübchen nichts weiter als ein Zimmer zum Gebrauche der Ausftellungscommiffion, alfo wohl die Amtsftube des Lehrers. Was die Neugier fo vieler Europäer erregt hätte, die Wohnung des Lehrers, war nicht im Haufe untergebracht. In amerikaniſchen Stadtfchulen darf der Lehrer nicht im Schulhaufe wohnen; nur der Schuldiener hat eine Wohnung im Erdgefchoffe. Dafs die Luft im Schulhaufe durch diefen Vorgang leichter rein erhalten bleiben kann, läfst fich nicht leugnen. Leider befanden fich in dem Haufe nicht die Schulaborte, aus deren Einrichtung fich doch gar manches Heilfame für Europa hätte lernen laffen. Hatte man das ,, amerikaniſche Landfchulhaus" wiederholt befucht, fo mufste man fich zwar zugeftehen, dafs in jenem Ausstellungspavillon, welcher Schulzimmer genannt wurde, was den Raum für die Schule betrifft, glänzend geforgt war, fomit auch im Ganzen für die Luft, welche die Kinder athmen, während die Anlage der Fenfter für Europa nicht als Mufter empfohlen werden könnte. Bei näherer Betrachtung ergab fich aber auch bald die Erkenntnifs, dafs Unterrichtshallen mit fo koloffalem Cubikraume in den europäifchen Schulen fchwer oder gar nicht gefchaffen werden könnten, aber auch vielleicht nicht nothwendig find, wenn für reichliche Zufuhr frifcher, reiner Luft geforgt ift. Weiter drängte fich die * Diefe müffen ausdrücklich als etwas fehr Sinnreiches bezeichnet werden. Schulbauten und Einrichtungen. 7 Ueberzeugung auf, dafs fich die Ausfteller gar nicht die Aufgabe geftellt hatten, zu zeigen, wie die fanitären Forderungen an die Schule in Nordamerika wirklich befriedigt werden, oder wie fich diefe Fragen am beften löfen liefsen. Die Vorrichtung zum Bekämpfen des Schulftaubes konnte man nur fymbolifch oder kindifch nennen.( Die viel angeftaunten Bänke werden in der Rubrik Subfellien befprochen.) Aus dem amerikanifchen Land- Schulhaufe" konnte fomit der Befucher fich kein untrügliches Bild holen dafür, wie man in Nordamerika das Schulhaus baut und einrichtet, ebenfowenig ein verlässliches Urtheil darüber bilden, wie dafelbft die meiften Land- Schulhäufer als bauliche Objecte gedacht ausfehen. Nicht einmal die kleinfte Gemeinde Europas wäre im Stande, fich nach dem Modelle diefes Ausstellungsobjectes ihr Schulhaus zu bauen. " Doch auch die Ausftattung des ,, Schulhaufes" mit Lehrmitteln war in vielen Stücken eine ungenügende, denn viele Dinge, welche in europäifchen Schulen längft gang und gäbe find, kennt Amerika noch gar nicht. Andererfeits berechtigten manche der wenigen vorhandenen Lehrmittel zu fehr ernften Zweifeln daran, ob man es der Mühe werth gefunden habe, den Europäern das Bild des wirklichen pädagogifchen Apparates einer amerikanifchen Landſchule vorzuführen.* Nicht abzuweifen war der betrübende Eindruck, dafs das amerikanitche Volksfchulwefen noch grofse Lücken enthält, welche ausgefüllt werden müffen, wenn die Jugend Amerikas einft in allen Stücken der Jugend jener europäiſchen Lande ebenbürtig fein foll, welche einft aus Schulen hervorgehen wird, welche den von den Germanen ausgeftellten gleichen. In Schulen, welche im Geifte des amerikanifchen Ausftellungsobjectes gebaut und eingerichtet werden, kann wohl ein körperlich gefundes und verftändiges, wenn auch nicht ein befonders unterrichtetes Gefchlecht heranwachfen, niemals aber ein ideal gefinntes; Gefchmack und Schönheitsfinn und Poefie des Kindeslebens finden in folchen Schulen keine Stätte. Von einer harmonifchen Erziehung des Schulkindes kann keine Rede fein. Dafs das hochbegabte nordamerikaniſche Volk noch Manches in feinen Schulen hat, was, um von Deutfchland zu fchweigen, beiſpielsweife Oefterreich bereits über Bord geworfen hat, dafs ihm gar Manches fehlt, was die geläuterten Ideale europäiſcher Pädagogen und Schulfreunde längft ins Leben gerufen haben ( z. B. die in volkswirthschaftlicher und fittlicher Beziehung fo wichtige weibliche Arbeitsfchule), das und Aehnliches erklärt fich aber zu Genüge daraus, dafs Nordamerika noch keinen eigentlichen Lehrerftand befitzt, fondern dafs die Befchäftigung mit dem Lehramte in der Regel fo lange dauert, bis fich eine lohnendere Befchäftigung findet. Mit dem Verftande allein kann man Schulen nicht„ einrichten", auch fogar nicht mit gemeinnütziger Gefinnung, in welcher ja Nordamerika unfterbliche Vorbilder erzeugt hat. Dazu gehört noch obenan die liebevolle Vertiefung in einen Lebensberuf, den man als heilig anerkennt, für den man eine gründliche, zeitgemäfse Vorbildung mitbringt, in dem man fich weiterbildet, den man um Vortheil und Bequemlichkeit nicht aufgeben mag. So lange Nordamerika fich nicht einen Lehrerftand erzieht, durch drungen von Pflichtgefühl, erfüllt von echtem Lehrergeift, gefchult in rechtem Lehrgeifte, fo lange wird es wohl, wie bisher, auf dem Gebiete der Schulhygiene Rühmliches leiften und mit feinen gröfseren Geldmitteln den Anftofs zu weiteren Reformen geben können, es mag auch mit feinem Verftande und praktiſchen Gefchicke in Einzelheiten, welche die Schule angeben, Sinnreiches und Nach ahmenswertes ausdenken: im grofsen Ganzen aber wird es wenn nicht bald eine Reformbewegung die Lehrer Nordamerikas erfafst nicht zu den eigent lichen Bahnbrechern auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung der Maffen fich erheben. * Unter den Wandkarten prangte eine Karte des römifchen Reiches. Dergleichen wäre erklärlich, wenn die Sage fich bewahrheitete, dafs einem amerikanifchen Buchhändler, der für feine Sachen keinen Raum mehr im Hauptgebäude gefunden hätte, geftattet ward, die Karten in dem Land- Schulhaufe auszuftellen. - 8 Dr. Erasmus Schwab. Das, amerikanifche Landfchulhaus" wird jene übertrieben gute Vorftellung, welche durch überfchwängliche Schilderungen europäiſcher Federn fich in Europa vielfach feftgefetzt hatte, auf das richtige Mafs zurückführen. Nordamerika mit feiner riefigen Thatkraft aber möge die von den anderen Germanen gegebenen Anregungen herzhaft aufgreifen! Das öfterreichifche Schulhaus.* Unter allen ,, Schulhäufern" in der Weltausftellung war nur das öfterreichifche in Wahrheit ein Schulhaus, das heifst, fo angelegt, dafs jeden Augeblick in demfelben der Unterricht hätte beginnen, und der Lehrer mit feiner Familie und einem behaglichen ganzen Hausrath in dasfelbe hätte einziehen können. Ausgerüftet mit Sommer- und Winter- Turnplatz, Wirthschaftsgebäuden und Schulgarten, in welchem weder das Bienenhaus, noch der Brunnen und der ländliche Zaun fehlten, hatte es an den Bauernhäufern des internationalen Dorfes die paffende Umgebung gefunden, welche den Befucher fogleich in die richtige Stimmung verfetzte und zu fleifsiger Wiederkehr einlud. Das Schulhaus felbft war auch, ungleich den anderen, nicht ein Holzbau, fondern ein imitirter Steinbau mit einem foliden, ziegelgedeckten Dache. Nebenan waren Turnhallen und Wirthfchaftsräume folid ausgeführt. Was die anderen Schulhäufer theilweife oder ganz umgingen, das zog diefes Schulhaus mit grofser Abfichtlichkeit unter die zu löfenden Probleme ein. Diefer Gegenfatz ergab fich aus der Beftimmung diefes Objectes: den öfterreichifchen Gemeinden eine wahre Schule, und zwar eine Mufterfchule vorzuführen, im knappften Rahmen gehalten, alfo tür Jedermann überfchaulich, dabei gefällig und möglichft wohlfeil. Es war alfo ein Object, bei welchem, obfchon der Gedanke hiezu erft wenig Wochen vor der Weltausftellung auftauchte, an Alles gedacht" werden musste. Das Object enthielt eine ſchöne, geräumige Lehrerswohnung, welche zunächft für die Ausftellung der Lehrmittel benuzt wurde, und einen von der eigentlichen Schulpforte ganz gefonderten Eingang hatte. Schon die Anftalten zur Reinigung des Fufswerkes waren fehr einfach und doch die vollſtändigften in der ganzen Ausftellung. Vor dem Haufe befand fich ein langes Kratzeifen, an dem fechs Kinder gleichzeitig die Schuhe abftreifen konnten; der gröfsere Theil des Vorhaufes war hohl gelegt und mit hölzernen Latten benagelt, fo dafs die darüber fchreitenden Kinder die Reinigung des Schuhwerkes gründlich fortfetzen konnten; weiter befand fich unten ein eiferner, zufammenklappbarer Rahmen, der zum Zwecke des Abfchluffes diefer Reinigung mit Stroh gefüllt war, das fich nach Bedarf durch reines leicht erfetzen liefs. Endlich war vor dem Schulzimmer nicht blos für die Reinlichkeit der Hände der Schulkinder fürgeforgt, fondern auch erfichtlich gemacht, dafs ganz durchnäfstes Schuhwerk gegen bereitgehaltenes trockenes, höchft wohlfeiles für die Dauer des Unterrichtes vertaufcht werden folle. Auch die Garderobe war die vollſtändigfte aller Schulhäufer, und in gründlichfter Weife war veranfchaulicht, wie man dem Erbfeinde der Schule, Staub und verdorbener Luft, auf den Leib rücken müffe. Beleuchtung, Beheizung, Lüftung waren im Schulzimmer, und wo fonft im Haufe nöthig, klar veranfchaulicht. Die Beleuchtung war, gleich der im fchwedifchen Schulhaufe, die richtige: das Licht fiel von links und von rückwärts durch fechs Fenfter reichlich ins Schulzimmer; * Die öfterreichifche Mufterfchule mufs fo recht als ein deutfches Werk bezeichnet werden, da nicht blos die Comité- Mitglieder und die Spender Deutfche waren, fondern auch die zu Grunde gelegte Erziehungsidee ganz und gar deutfch ift. So ftellte diefes Object ein fichtbares Symbol dar für die Vereinigung der öfterreichifchen Volker auf der gemeinfamen Grundlage der im deutfchen Geifte ausgebildeten freien Volksfchule. Die Befchreibung des Objectes mit Abbildungen verfehen, und elegant ausgeftattet, koftet, in dritter Auflage erfchienen, im Buchhandel 20 kr. öfterr. Währ.( 4 Grofchen), beim Comité 10 kr. - Schulbauten und Einrichtungen. 9 doch konnte es durch die höchft einfachen Vorhänge, die von unten nach oben bewegt wurden, beinahe fo gut, aber weit wohlfeiler regulirt werden, als im amerikanifchen Schulhaufe. Die Ventilation ging weit über das, was Amerika bot, hinaus und fie erftreckte fich nicht blos auf das Schulzimmer, fondern auch auf Vorhaus, Kleiderkammer und Aborte. Sie wirkte nicht mit unzureichenden Palliativen, fondern fafste die Aufgabe an der Wurzel, indem nicht nur gezeigt wurde, wo und durch welche einfachen und kräftigen Mittel im Sommer, durch welche anderen Canäle im Winter die frifche Luft in das Schulzimmer einftrömen, fondern auch wie die verdorbene Luft über das Dach des Haufes hinweggeleitet werden foll. Der Aborte waren, obfchon die Schule nur für 60 Kinder beftimmt ift, mit Rückficht auf das Bedürfnifs und die Forderungen des Anftandes drei mit zwei getrennten Zugängen für Knaben, für Mädchen und für kleine Kinder. Nicht blos das war ins Auge gefafst, was fchädliche Einflüffe abzuhalten beftimmt ift( fiehe die Subfellien), fondern auch was pofitiv und direct die Gefundheit und Jugendblüthe fördera foll( z. B. Schulgarten, Turnplätze, Arbeitsfchule u. f. w.). Die ärztliche Welt hat auch dem öfterreichifchen Schulhaufe in Bezug auf die Schulhygiene den erften Platz eingeräumt. In bautechnifcher Beziehung hatte diefes Schulhaus das Auffallende, dafs das Schulzimmer in das obere Stockwerk verlegt war. Wenn die Frage, ob in der einclaffigen Volksfchule die Lehrerwohnung hinauf oder hinab zu verlegen fei, heute noch eine ftrittige ift und nach Land und Ort verfchieden beantwortet werden dürfte, fo hatten die Erbauer für ihren Vorgang fehr gewichtige Gründe. Sie folgten dabei nicht blos dem Volksinftincte vieler öfterreichifcher Lande, welcher das Edlere in das obere Stockwerk verfetzt. Dem öfterreichifchen Landvolke follte hier zugleich gezeigt werden, wie man ein fchönes und zweckmäfsiges Wohnhaus herftellt. Keine Gemeinde aber würde ein fo fchönes, luftiges und geräumiges Stiegenhaus bauen, wenn die Lehrerwohnung in den oberen, fchönften Theil des Haufes verlegt werden follte. Auch find jene Gründe, welche bei einer grofsen Schule zwingen, die Lehrerwohnungen in die oberen Stockwerke zu verlegen, für eine kleine Schule faft nicht vorhanden. Vergleicht man die öfterreichifche Mufterfchule für Landgemeinden mit den übrigen Schulhäufern der Weltausftellung, fo fpringen überrafchende Unterfchiede in die Augen, welche fich in Bezug auf Entftehung, Zweck und Folgen kund geben. Während die übrigen Schulhäufer Regierungsunternehmungen bildeten, war die öfterreichifche Schule ein Privatunternehmen nach Anregung und Ausführung( wenn auch der Staat zuletzt mit Geldmitteln unterſtützend eintrat), eine That der Gemeinnützigkeit und des Patriotismus öfterreichifcher Bürger, deren Namen zum gröfsten Theil nirgends in die Oeffentlichkeit gekommen find. Die anderen Schulhäufer waren offenbar von langer Hand vorbereitet und wurden ( wie das fchwedifche) mit dem Aufgebote der beften dem Staate dienftbaren Organe eingerichtet. Die Idee der öfterreichifchen Schule entſprang im letzten Augenblicke, unabhängig von der Regierung, welche fich jedes Einfluffes auf die Geftaltung diefer Schule enthielt, wie denn andererfeits in dem Comité fich kein Volks- Schulmann befand. Während die übrigen Schulhäufer ein blos mehr oder minder verfchönertes Bild der Wirklichkeit ihres Landes zu bieten bemüht waren, oder wenigftens zu bieten vorgaben, wollte das Comité der Schulfreunde einen Ausftellungsgegenftand fchaffen, welcher den Geift des neuen öfterreichifchen Schulgefetzes wiederfpiegelt; aber während es ein theoretifch geläutertes Ideal zu verkörpern fuchte, ftellte es fich zugleich auf einen eminent praktifchen Boden, indem es ein greifbares und in Bezug auf den Koftenpunkt erreichbares Mufter hinftellte. Während die übrigen Schulhäufer fich doch zunächft damit begnügten, Schulzimmer, Einrichtung und Lehrmittel vorzuführen, fich alfo auf den eigent 10 - Dr. Erasmus Schwab. - lichen Unterricht befchränkten, hat die öfterreichifche Mufterfchule den Verfuch gemacht, die ganze neue Erziehungsidee, wie fie feit Peftalozzi bis auf die Gegenwart fich geftaltet hat, in eine concrete Form zu bringen und fie auf das fchwerfte Problem auf die einclaffige Volksfchule anzuwenden. Die geiftige Leitung des Ganzen war fich dabei gar wohl bewufst, dafs viele auf das Volkswohl abzielende Gedanken, die ihr am Herzen liegen, gewifs in die Stadtfchule dringen werden, fobald durch diefes Object jedem denkenden Befucher klar geworden war, dafs diefe Mittel einer forgfältig und grofsartig gedachten Volkserziehung felbft in der Bauernfchule nicht entbehrlich find. Die öfterreichifche Mufterfchule hat darum bei der Darftellung der dem Comité vorfchwebenden Erziehungsidee nicht auf das vorfchulpflichtige Kindesalter vergeffen; fie hat in dem Zimmer für weibliche Handarbeiten, wie in dem Obftgarten des Schulgartens die Keime der Bewahranftalt und des Kindergartens feftgehalten; fie hat, der öfterreichifchen Schulgefetzgebung in etwas vorgreifend, die ländliche Fortbildungsfchule in Schule und Schulgarten, welcher zunächſt als ein lebendiges Stück Heimatskunde im knappften Rahmen aufgefafst ift, zu formen verfucht; fie hat endlich mit Bezug auf die eigentliche Volksfchule fich an die Löfung des fchwierigen pädagogifchen Problems gemacht, wie die Arbeit als erziehendes Moment in den Organismus der Volksfchule einzubeziehen ift, ohne den Charakter derfelben zu fchädigen. Sie hat weiter eine theilweife Reform der Lehrmittel unferer Volksfchule als nothwendig nachgewiefen und gezeigt, nach welcher Richtung und wie diefe Reform ohne grofse Koften durchgeführt werden könne. Ueberdiefs hat fie der Bibliothek für Lehrer und Schüler eine kleine Sammlung gewählter Bücher für die Erwachfenen des Dorfes und fpeciell eine kleine landwirthschaftliche Bibliothek beigefügt. - So hielt fich diefes Object von Allem, was nur zu müffiger Schau oder zur Blendung des Laien dienen konnte, fern und lud zu liebevoller Vertiefung und ernfter Geiftesarbeit ein. Jedes Volk fpiegelt fich in feiner Volksfchule charakteriftifch ab. Die öfterreichifche Schule bildete das ausgefprochenfte Widerfpiel des amerikanifchen Schulhaufes. Diefes trug den Stempel des praktiſchen Sinnes, aber auch der Nüchternheit; jene zeigte fo recht die deutſche Art zu fühlen und zu denken, und feine Stärke lag ausgefprochenermafsen in der innigen Verfchmelzung der Poefie des Kinderlebens mit dem Principe der Unterrichtsund Erziehungsmethode, fowie des Lebens im Allgemeinen. Die ganze Welt des Schulkindes wurde hier vorgeführt und gezeigt, dafs die Schule das Kind- während eines Theiles der Arbeit dorthin zu bringen vermag, wo fein Paradies ift, ins Grüne, zwifchen Blumen und Bäume und Schmetterlinge und Vogelfang. Die Sprüche im Schulzimmer, am Fries des Vorhaufes, beim Eingange u. f. w. legten faft das ganze neue Erziehungsprogramm vor, zurechtgelegt für den Mund des Schulkindes. Das farbige Glas der hohen gothifchen Fenſter des Stiegenhaufes, die mufikalifche Sammlung des Schulhaufes, der Garten, in welchem jedes Mädchen fein Blumenbeetchen hatte, diefs und Anderes erwies fich als ein Stück poetifchen Elementes diefer Schule, welche fich auch die Aufgabe gefetzt hatte, in Allem und Jedem eine Schule des Gefchmackes für das Volk zu werden. - Trotzdem die öfterreichiſche Mufterfchule das idealfte unter den Schulhäufern der Ausftellung war, verabfäumte es nicht, den Gemeinden zu zeigen, woher die Mittel zur Hebung der Schulen befchafft werden können( Schulgarten und im Anfchluffe an denfelben die Verfchönerung des Dorfes durch Obftbaumpflanzungen längs der Strafsen und Wege, die Einführung von Befchäftigungen für die Kinder in der„ Schulwerkſtatt"). Das Comité liefs eine Befchreibung feines Objectes herausgeben, welche, nur II Seiten umfaffend, beftimmt war, jedem denkenden und guten Menfchen kräftige Anregungen zu geben, die Herzen für die dargestellte Idee zu erwärmen und die Hände für deren Ausführung im Leben zu öffnen. Defsgleichen erſchienen Schulbauten und Einrichtungen. 11 fämmtliche Pläne des Objectes und der Einrichtung desfelben fo gehalten, dafs kleine Gemeinden dasfelbe durch gewöhnliche Werkleute nachbilden oder fehr leicht die nöthigen Abänderungen treffen können. Von der internationalen Jury nicht freundlich angefehen, vornehm oder mit Abficht in feinen Einzelheiten ignorirt, hat diefes Object eine nicht gewöhnliche Anerkennung bei den Gebildeten aller Länder gefunden. Das Gedenkbuch der Schule weift neben mancher Spreu-die herzliche und achtungsvolle Zuftimmung denkender Männer aller Zungen Europas, aber auch von Japanefen und Chinefen und von Anglo- Amerikanern auf.** Wenig Objecte der Ausftellung find im Auslande fo oft befprochen worden als diefes. Mit Ausnahme eines Blattes( einer Turnzeitung) fprach fich die Preffe des In- und Auslandes dahin aus, dafs wohl Einzelheiten geändert und verbeffert werden dürften, dafs aber das Ganze ein Mufter für alle Länder fei.( In techniſcher Beziehung find folgende Verbefferungsvorschläge gemacht worden: Aus der Küche des Lehrers möge noch ein Zimmer, aus dem Vorhaufe die Küche gemacht werden; das Schulzimmer möge ( 6 bis 9 Zoll) länger und breiter, die fo gewonnene Breite der Stiege zugelegt werden; die Garderobe folle gröfser und lichter, die Aborte mögen lichter und ihre Achfen zweckmäfsiger geftellt werden; die Turnhalle möge höhere Fenfter oder Oberlicht erhalten.) Maffenhaft, d. i. zu Taufenden, wurden Pläne und Befchreibung des Objectes fchon während der Ausftellung zum Zwecke der Nachbildung gekauft und in die Ferne wie in die Fremde gefchickt. Die dem öfterreichifchen Volke innewohnende Thatkraft zeigte fich aber glänzend, als fchon Anfangs October das erfte auf öfterreichiſchem Boden entftandene Nachbild in einer Photographie ausgeftellt werden konnte. Schon Ende Jänner 1874 war die Wirkung diefes Objectes fehr anfehnlich. Zunächft traten die beabfichtigten Folgen in Oefterreich hervor, wo an zahlreichen Orten bereits die Anftalten zur Nachbildung des Ausftellungsobjectes getroffen wurden. Landes-, Bezirks, Ortsfchul- Behörden, grofse und kleine Gemeinden, Lehrer, Schulfreunde aller Art( darunter auch katholifche und proteftantifche Priefter), Guts- und Fabriksbefitzer entfalteten eine rühmliche Thätigkeit, um die mannigfaltigen Anregungen, welche das Object geboten, für das Leben zu verwerthen. Aber auch im Auslande laffen fich, zum Theil weithin, die Spuren des gegebenen Anftoffes direct nachweifen. Die öfterreichische Mufterfchule wird nicht gleich den anderen Schulhäufern der Weltausstellung abgetragen, fondern geht in den Schutz der Staatsregierung über, welcher diefelbe von den Erbauern gefchenkt wurde. In der Gefchichte der Entwicklung des öfterreichifchen Volksfchulwefens bleibt diefem Objecte eine dankbare Stelle gefichert. Wurden für Oefterreich durch diefes Object die beiden Fragen anfchaulich beantwortet:" Wie baut man, wie richtet man ein gutes Schulhaus ein?" und:" Woher nimmt man das Geld, um die Schule beffer zu dotiren und den Lehrer beffer zu zahlen?" fo hat diefes Object alle mafsgebenden Kreife auch auf jene zwei Fragen hingewiefen, deren endgiltiger Löfung wir erft entgegengehen:" Was foll man eigentlich in der Volksfchule lehren?" und: ,, Wie werden gute, den berechtigten Anforderungen der Gegenwart gewach fene Lehrer erzogen?" Die öfterreichifche Mufterfchule dürfte auch nach diefer Richtung Oefterreich ein Ziel gefteckt haben, deffen Erreichung ein volles Menfchenalter in Anspruch nehmen, deffen materielle und geiftig- fittliche Folgen aber den Wahrfpruch des Comités der Schulfreunde rechtfertigen werden:„ O efterreich war noch nicht, es wird erft fein!" *) Die Jury, welche Zeit fand, bei den Schweden auch Kleinigkeiten anzufehen und zu prämiiren, hatte hier trotz wiederholten Anfuchens ,, keine Zeit", alle ,, Kleinigkeiten" anzufehen. **) In dem Gedenkbuche der öfterreichifchen Mufterfchule ift von der Hand eines Nordamerikaners zu lefen: ,, Go ahead, we will follow!( Geh voran, wir wollen folgen!)" 12 Dr. Erasmus Schwab. Das portugiefifche Schulhaus. Dem meeranwohnenden Volke der Portugiefen gebührt die Ehre, als Ver treter der Romanen durch die Aufftellung eines Schulhaufes feine Achtung vor der Bedeutung der Volkserziehung Ausdruck gegeben zu haben. Auch leuchtete unverkennbar aus dem vorgeführten Objecte das Streben nach jenem Fortfchritte hervor, für welchen die im Schulwefen tonangebenden Staaten jedem ftrebfamen Lande heutzutage Erprobtes und Verlässliches zu bieten vermögen. Das portugiefifche Schulhaus, ein im gefälligen Blafsgrün gehaltener Holzbau, war eines der freundlicheren Gebäude der Ausstellung. Ueber der Oftfeite des langgeftreckten Erdgefchoffes erhob fich thurmartig ein behaglicher, ftockhoher Auffatz, der allerdings für die Befucher des Haufes nicht zugänglich war. Die Seitenwände hatten je drei, die Hauptwände je fünf Fenfter, hoch, aber ungewöhnlich fchmal. Drei Eingänge führten in das Haus, von denen zwei, für die Gefchlechter getrennt, fich in die den Schulzimmern vorliegenden Garderoben öffneten. Das erfte kleine Zimmer mochte man fich als weibliche Arbeitsfchule denken, während das gröfsere eine Schulftube vorſtellte. So wenig jedoch das Gebäude ein Schulhaus war, fo wenig war der grofse Gelafs ein Schulzimmer. Die Beleuchtung kam von zwei entgegengefetzten Seiten, alfo falfch und in ganz unzureichendem Mafse. Das Zimmer enthielt nicht die vollſtändige Einrichtung einer Schulftube, fondern nur einzelne Einrichtungsftücke, dazwifchen auf Tifchen einzelne Lehr- und Lernmittel, endlich Arbeiten von Schulkindern. Die Bänke, ( welche unter den Subfellien befprochen werden follen) zeigten, dafs man fich in Portugal um das kümmert, was neuerer Zeit auf diefem Gebiete der Schuldiädetik geleiftet wird, und fie hätten noch vor vier Jahren, bis auf die verunglückten Sitze, für ganz gut gegolten. Leider war der Faffungsraum des Zimmers nicht angedeutet. Eine Ventilation war nicht an dem Haufe, fondern nur auf den Abbildungen an der Wand fichtbar und befchränkte fich darauf, dafs die oberen Fenfter fich um eine horizontale Achfe drehen laffen; die Regulirung des Tageslichtes war nicht angedeutet. Mehrere Photographien an den Wänden bewiefen, dafs einzelne grofse Stadtfchulen Portugals, ganz annehmbar eingerichtet find, und dafs eine wohlthätige Gährung auf dem Gebiete der Volkserziehung nicht allzu lange mehr ausbleiben wird. " porAufser einzelnen Lehrbüchern und amtlichen Berichten enthielt das tugiefifche Schulhaus" wohl manches für den Schulfreund und Culturhiftoriker intereffante Material, das aber ein zuverläffiges Urtheil über das portugiefifche Volksfchulwefen nicht geftattete. Vor Allem trat als ftörender Fehler in diefem Unterrichtspavillon hervor der Mangel an reinlicher Abgrenzung der verfchiedenen Kategorien von Schulen, aus welchen hier ein ziemlich buntes Nebenein. ander zur Schau geftellt wurde. Darum war es unmöglich, zu unterfcheiden, was die Volks-, was eine höhere Schule vorftellen follte, was die Stadt-, was etwa eine Landfchule, was die Knaben, was die Mädchenfchule. Im Gegenfatze zu den Schulhäufern der Germanen trat- fehr charakteriftifch der confeffionelle Charakter der portugiefifchen Volksfchule an den Abbildungen von Schulhäufern hervor. Diefer Charakter allein wäre allerdings ausreichend, um die breite Kluft zu erklären, die heute noch die portugiefifche Schule von den ausgeftellten Schulen der Germanen trennt. - Die Schönfchriften und Zeichnungen der Kinder waren forgfältig und nett ausgeführt; doch mufste die Wahl vieler Vorlagen für das Freihandzeichnen beanftandet werden, während für das geometrifche und perfpectivifche Zeichnen nach franzöfifchem Mufter ganz fchätzbare Modelle auflagen. Die geographifchen Kartenwerke waren brauchbar und entfchieden beffer als die fpanifchen. Freilich, welcher Unterfchied zwifchen den Lehrmitteln für Heimatskunde in Portugal und dem fo weit nach Norden hinausgefchobenen Schweden! Schulbauten und Einrichtungen. 13 Leicht läfst fich ausfprechen, was nicht da war. Das waren vor Allem gute Lehrmittel für das, was die europäifchen Germanen bisher am beften eingerichtet haben und wovon aller weitere Unterricht, alle weitere Erziehung in Schule und Leben fo fehr abhängt, für das erfte Schuljahr und für den elementarften Unterricht, Lehrmittel für den Anfchauungsunterricht. Für den natur- und erdkundlichen Unterricht ift bisher noch nicht in halbwegs genügender Weife vor geforgt. Ein Curiofum, angeblich ein mnemotechnifches Mittel für den gefchichtlichen Unterricht, das an der Wand auffiel, mag der Ausfteller doch wohl nicht für Volksfchulen geplant haben. Von den weiblichen Handarbeiten, die in grofser Anzahl da waren. zeigten viele grofse Handfertigkeit und waren mitunter das, was man Kunftstücke nennt. Doch machten fich leider die Luxusarbeiten auf Koften der für den bürgerlichen Haushalt wünſchenswerthen und nothwendigen Arbeiten breit und bildeten damit den polaren Gegenfatz zu den von der Schweiz, von Schweden und Dänemark ausgeftellten Handarbeiten der Schülerinen. Diefe Arbeiten werfen ein fchlagendes Streiflicht auf jenen Theil der Volkserziehung, welcher für die Gegenwart und Zukunft eines Volkes von fo einfchneidender Wichtigkeit ift, auf die bei den Germanen und bei den Nichtgermanen fo grundverfchiedene Mädchenerziehung. Bei den Germanen erzieht das Elternhaus und die auf die Forderungen des wirklichen Lebens gerichtete öffentliche Gemeindefchule, bei den Romanen die Klofterfchule. Darum bei den genannten Germanen zunächst das was zum fchlichten Hausbedarf gehört, auch das Unfcheinbare und von dem Oberflächlichen Geringgefchätze, fodann das Schöne mit dem beften Gefchmacke Ausgeführte( die Arbeiten dänifcher Schulmädchen gehörten zu dem Vollendetften, was die Wiener Ausftellung bot; bei den Portugiefen Luxusgegenstände, welche die kindifche Mutter ihr Töchterlein vergöttern machen, und glänzender Flitterkram, gerade fo wie in Belgien, in polnifchen Landen und wo fonft die Klofterfchulen blühen. Pläne von Schulbauten. Nicht minder intereffant und belehrend als das Studium der Schulhäufer war die Mufterung der von den verfchiedenen, die Ausftellung befchickenden Völkern ausgeftellten Pläne von Schulbauten. Gute und fchöne Pläne und Modelle hatte Schweden ausgeftellt, welches bekanntlich dem Unterrichtswefen eine folche Sorgfalt zuwendet, dafs fchon die Pläne jener Schulen, welche dem Range von Gymnafien entſprechen, vom Könige felbft approbirt werden müffen. Schweden verfteht auch der Schulhygiene Rechnung zu tragen. Deutfchland war mit ähnlichen Plänen reich vertreten. Württemberg, das zuerft eine mufterhafte Verordnung über Schulbauten erlaffen hat, fchickte ein Portefeuille mit fehr guten Schulanlagen ein, zum Theil mit, zum Theil ohne Lehrerwohnungen, ein- und mehrclaffig Die Dimenfionen waren gut, die normirte Schülerzahl mäfsig( 40 bis 56), die Beleuchtung entſprechend, die Aborte fehr zweckmäfsig angebracht oft aufser dem Haufe und mit diefem durch Gänge verbunden, oder nur ebenerdig untergebracht( neue Realfchule in Stuttgart). Einzelne Schulen waren noch in Verbindung mit Rathhäufern und Spritzenräumen. Manche Schulhäufer wiefen eine ebenfo einfache als zweckmässige und nette Anlage auf( z. B. eine Mädchenfchule in Stuttgart.) Nicht allein Fachfchulen mancher Art gefielen durch die zweckmäfsige Eintheilung, fondern auch Bauten von Seminarien. Sehr gefällig waren endlich die im amtlichen Auftrage gearbeiteten Entwürfe von Turnhallen von Jäger und Bock. So viele Volksfchulhäufer Württemberg ausftellte, fo wenige brachte die preufsifche Unterrichtsverwaltung. Auffallend war gegen Württemberg die 14 Dr. Erasmus Schwab. grofse Schüleranzahl( 60, 80 ja fogar 100). Manche der Fachſchulen waren fehr fchöne grofse Gebäude; unter ihnen nahm das Polytechnicum in Aachen einen hervorragenden Platz ein Befondere Aufmerksamkeit erregten die von dem Berliner Magiftrat ausgeftellten Schulbauten. Sind auch nicht alle Berliner Schulen muftergiltige Bauobjecte und läfst fich an den Volksfchulen eine gewiffe Uniformität des Grundgedankens nicht ableugnen fo find doch bei all diefen Anlagen Stiegen, Verbindung und Beleuchtung durchaus gut; bei einzelnen war die Beheizung intereffant, bei anderen die Retiradenfrage glücklich gelöft. Zwei gröfsere Schulen fielen dadurch auf, dafs neben dem Schulhaufe ein befonderes Gebäude mit der Wohnung des Schuldieners und der des Directors( letztere mit fechs Zimmern) fteht. Höchft angenehm fiel das Cölnifche Gymnafium durch feine Lage mitten in einem Gärtchen ins Auge. Selbſtverſtändlich boten auch Sachfen und Baiern( München) viel Materiale zur Belehrung. Grofse Aufmerkfamkeit verdienten die wohldurchdachten Pläne für Schulen und Turnhallen, die von mehreren fchweizerifchen Erziehungsdirectionen ausgeftellt und von dem hinzugehörigen Texte begleitet waren. Jene Cantone, deren Unterrichtswefen auf einer hohen Stufe fteht, zeichneten fich auch durch werthvolle Pläne aus, welche allen fanitären Forderungen zu entfprechen ftrebten. Befonders anregend waren die Bauten des Cantons Bern. Einen grofsen Fortfchritt wies gegen die Ausftellung von 1867 O efterreich auf, wo die ftetig fich vermehrenden Realfchulen, die vielen anderen neu entſtehenden Mittelfchulen, das neue Volksfchul- Gefetz und die auf dem Gebiete des Unterrichtes entfeffelte mächtige Bewegung eine Fluth von Neubauten nothwendig machten. Die Hauptftadt felbft geht hier feit neuefter Zeit mit leuchtendem Beiſpiel voran und auch die Staatsregierung fchafft in und aufser Wien Bauten, welche würdig, zweckmäfsig und gefällig find, wenn auch nicht geleugnet werden foll, dafs Oefterreich durch die Ausftellung auch auf diefem Gebiete das Meifte gelernt hat. Aus Ungarn müffen einige Communalfchulen der Hauptftadt Peft als Beweife achtungswerthen Strebens genannt werden. Die Unterrichtsverwaltung hat Normalpläne für Volksfchulen herausgegeben, welche für das magyarifche Tiefland brauchbar find, weniger für das nördliche und weftliche ausgedehnte ungarifche Bergland. Wie in Preufsen Berlin, in Oefterreich Wien, fo trat in Frankreich Paris mit feinen Schulen auf der Ausftellung hervor, und Paris' zeigte fich mit feinen Schulen, die meift neueren Urfprungs, umfangreich und ftattlich find, allen Anftalten gleichen Ranges in Frankreich überlegen. Viele franzöfifche Schulen, welche Monumentalbauten genannt werden könnten, waren in Modellen, Plänen und Entwürfen ausgeftellt, und es läfst fich den Schulen für beftimmte Unterrichtszwecke die vorzügliche, ja manchmal muftergiltige Einrichtung nicht abfprechen ( fo z. B. der Waifen- und Afylhäufer). Die bei Dupont in Paris erfchienenen Entwürfe charakterifiren die gute Richtung der neueren franzöfifchen Schulbaukunft. An manchen ausgedehnten Bauten in der Provinz fielen Wahl des Platzes, grofsartige Anlage und zweckmäfsige Eintheilung vortheilhaft auf. Nicht genug Lob verdienen die grofsen, ja koloffalen Gartenanlagen bei einzelnen Lehrerfeminarien( z. B. Chartres, Befançon), fowie deren grofser Turnhof. Die franzöfifchen Schulen machen den unverkennbaren Eindruck, dafs, wenn der rechte Mann auftritt, in Frankreich der Schulgarten eine Stätte findet, wie nicht in jedem anderen gebildeten Lande. Sehr anregend war die finnreiche Einrichtung mancher Zeichenfäle, welche Abends zum Zeichnen nach lebenden und plaftifchen Modellen bei künftlicher Beleuchtung benutzt werden. Einzelne der Collegiatgebäude, welche auch zu Wohnftätten der Jugend dienen, imponiren durch Pracht und Grofsartigkeit. Die Parifer Schulhäufer haben die zweckmäfsige Einrichtung im Erdgefchoffe gedeckte und ungedeckte Räume( Préaux) zur Erholung der Schuljugend Schulbauten und Einrichtungen. 15 zu befitzen. Die Anlage diefer Schulhäufer ift überhaupt eine ziemlich uniforme. In der Regel befinden fich unten aufser den Préaux noch Afylclaffen für Kinder von 2 bis 6 Jahren; hat doch Frankreich viel wohlthätigen Sinn und entfchiedene Neigung für den Kindergarten. In den oberen Stockwerken vertheilen fich die Lehrzimmer mit Rückficht auf die Trennung der Gefchlechter; Raumvertheilung und Beleuchtung find gut, die Einrichtung meift alt, die Abortanlage nichts weniger als mufterhaft. Freilich gibt es auf den Plänen auch Lehrzimmer für 160 und 180 Kinder. Eine nicht unwichtige Rolle spielen die Salles d'afile für Kinder von 2 bis 6 Jahren. Das Auffallendfte darin find die einfachen Stufenbänke und die Gradins, Reihen von 8 bis 10 Stufen, welche die ganze Saalbreite einnehmen. Aus Belgien war unter Anderem eine ziemlich grofse Sammlung von Plänen ausgeführter und projectirter Schulen und Gemeindehäufer vorhanden. Die Anlage ift den Verhältniffen gut angepafst; Schul- und Gemeindezwecke werden oft in demfelben Haufe beforgt. Die Lehrerwohnungen befinden fich bei gröfseren Schulbauten gewöhnlich in einem befonderen, doch an die Schulräume anftofsenden Gebäude. Préaux find oft vorhanden, die Aborte befinden fich häufig getrennt auf dem Hofe Zu tadeln ift mitunter die ungünftige Beleuchtung und die übergrofse Schülerzahl.( Es gibt Zimmer für 100 Schulkinder.) Die ausgeftellten Schulen Italiens find mit Ausnahme des technifchen Inftitutes für Handel und Seewefen, eines fchönen Baues im reinen griechifchen Stile, welcher namentlich durch feine Hofanlagen auffällt und fehr zweckmäfsig angelegt ift meift aus älteren Gebäuden adaptirt und ftehen defshalb an Brauchbarkeit hinter den Schulen anderer Länder zurück. Die fanitären Forderungen find bei folchen Adaptirungen bekanntlich nur fchwer vollſtändig zu befriedigen. Die Uebelftände werden aber noch fchlimmer, wenn mehrere verfchiedene Zwecke in demfelben Haufe befriedigt werden follen. Manche Pläne für Volksfchulen find geradezu derart, dafs fie aus Schonung mit Stillfchweigen übergangen werden müffen. Beffer find einzelne Schulen für den höheren Unterricht, die leider auch manchmal mehreren verfchiedenen Zwecken dienen follen und defshalb in baulicher Hinficht nicht mit den Schulen Deutfchlands und der Schweiz fich meffen können. Staat gemacht wurde mit dem Plane der höheren Ackerbaufchule in Mailand, einem umfangreichen Gebäude im grofsen Stile gehalten.*) Städtifche Schulbauten Nordamerikas endlich waren nicht blos durch eine grofse Anzahl von Plänen, fondern auch durch das fehr lehrreiche Modell des Franklin Schulhaufes in Waſhington illuftrirt, alfo einer Stadt, deren Temperatur fich zwifchen den Extremen von 45 Graden bewegt. Die Heizung wird durch Dampf mit Niederdruck bewirkt; für die Ventilation ift das Syftem der Afpiration angewendet. Beide follen fich feit Jahren fehr gut bewähren, laffen fich jedoch ohne Zeichnung dem Laien fchwer klar machen. Jedes Schulzimmer ift 900 Quadratfchuh( 89.9 Quadratmeter) grofs, 15 Schuh( 47 Meter) hoch; leider war die Anzahl der Schüler nicht angegeben. Die amerikanifchen Stadtfchulen haben in der nächsten Umgebung grofse Spielplätze, aber entbehren des Schulgartens( der allerdings fo lange unausführbar ift, als ein eigentlicher Lehrerftand fehlt, der fich in feinen freudig gewählten Beruf mit Leib und Seele einlebt). Im Erdgefchofse enthalten die Schulen Erholungsräume für die Zwifchenpaufen. Diefe Räume werden bei übler Witterung benutzt und laffen fich in der kalten Jahreszeit erwärmen, im Sommer dagegen fpenden fie erfrifchende Kühle. Die Nordamerikaner, deren Gefundheitsapoftel Lewis Leeds den Ausfpruch that:„ Die ausgeathmete Luft ift der gröfste Feind des Menfchen", ventiliren auch diefe Räume gründlich. Die *) Die bisherigen Bemerkungen über ,, Pläne von Schulbauten" verdankt der Verfaffer, deffen Zeit während der Ausstellung fehr in Anspruch genommen war, meift der Güte des Herrn Regierungsrathes Dr. Walfer. 2 16 Dr. Erasmus Schwab. Aborte, mit mufterhaften Water- Clofets verfehen, befinden fich in den neuen Stadtfchulen meift, nicht wie in Europa, im Schulgebäude felbft, fondern aufserhalb desfelben und find durch gedeckte Gänge mit ihm verbunden; wo fie aber im Haufe untergebracht wurden, find fie forgfältig abgefchloffen, gut ventilirt und, was grofse Beachtung verdient, fämmtlich ins Erdgefchofs verlegt. Mit Bezug auf Beheizung und Ventilation läfst fich für grofse Schulen, nach, dem Mufter der Nordamerikaner und Schweizer, die Verbindung beider durch eine Centralheizung empfehlen. Sollen die Corridore als Garderobe dienen, fo dürfte es gut fein, gleich den Nordamerikanern, vor den Retiraden kleine Zimmer mit den Wafchkäftchen( zum Reinigen der Hände) anzubringen. Schuleinrichtung. Subfellien. Die Schulbank. Erft feit einer Spanne Zeit ift die Bedeutung der Schulbank für die Schulgefundheitspflege erkannt worden, und vor wenig mehr als zehn Jahren herrfchte in aller Welt bezüglich der Schulbank völlige Principlofigkeit. Nordamerika hat hierin mit dem alten Schlendrian aufgeräumt; es hat zuerft die Bank der Gröfse des Kindes angepasst, es hat fie mit einer Lehne verfehen, es hat zweifitzige, ja fogar einfitzige Bänke gearbeitet, eiferne Geftelle erfunden und auch Bedacht genommen auf Bänke für Schulen mit geringen Geldmitteln. In Europa hat zuerft der Schweizer Dr. Guillaume den Bänken aus der Urväterzeit den Krieg erklärt und die traurigen Folgen aufgedeckt, welche durch die unvermeidliche vorgebeugte Haltung des Kindes aus einer fchlechten Bank entfpringen, Folgen, welche heute nicht blos der Arzt, fondern auch jeder gebildete Laie kennen foll( Verkrümmung der Wirbelsäule, Kurzfichtigkeit, Kopfweh, Störung der Verdauung und Blutbildung.) Faft gleichzeitig unterfuchte Dr. Fahrner in Zürich den Einflufs der alten gedankenlos gearbeiteten Schulbänke auf die Gefundheit des Nachwuchfes und wies auf die erfchreckende Diftanz"( den Abftand des Bankpultes von dem Sitze) und die allzu hohe Differenz"( die Erhebung des Tifchbrettes über die Sitzfläche) mit Nachdruck hin. Fahrner begehrte dabei eine Lehne, entfchied fich aber nicht für die Rücken fondern für eine Kreuzlehne und empfahl für die Kinder der Volksfchule, je nach ihrer Körpergröfse, fieben Banknummern anzuwenden. Fahrner's Grundfätze fanden fogleich die verdiente Beachtung. Bald tauchte der Vorfchlag auf, die ganze Tifchplatte in Scharnieren beweglich zu machen, damit fie zum Zwecke des Schreibens vorgezogen und fodann wieder zurückgefchoben werden könne, was allerdings bei einer langen Bank unpraktiſch ift. Director Buchner wies nun auf die zweifitzige Bank hin, die fo viele, felbft dem Laien in die Augen fpringende Vortheile hat und keinen befonderen Mehrbedarf an Raum verurfacht; Neuefter Zeit theilte Kaufmann Kunze in Chemnitz die Tafelplatte in fo viele felbftftändige, bewegliche Theile, als Schüler in der Bank fitzen, und gab jedem Sitze eine ifolirte Kreuzlehne. In Oefterreich ging der Anftofs zur Bankreform in weiteren Kreifen vor drei Jahren von Olmütz aus und zwar durch praktiſche Schulmänner. " Die auf Wiffenfchaft und Erfahrung beruhenden Anfchauungen der gebildeten Welt über die Schulbank find heute folgende: Gute Schulbänke müffen fo gebaut fein, dafs fie der jeweiligen Gröfse der fie benutzenden Kinder angemeffen find und mit Ausfchliefsung jeder unnützen und fchädlichen Muskelermüdung eine normale, der Gefundheit zuträgliche Haltung des Körpers- fowohl in der Ruhe als auch beim Schreiben- ermöglichen. Die„ Differenz" mufs etwas höher genommen werden, als der Abftand des Ellbogens von der Sizfläche beträgt; die Tifchplatte mufs etwas geneigt und dabei genügend lang und breit fein; die Bankhöhe mufs zwei Siebentel der Körperlänge betragen, das Schulbauten und Einrichtungen. 17 heifst dem Abftande der Fufsfohle von der Sitzfläche entſprechen; die Tiefe der Bank, mufs reichlich bemeffen fein( 21-29 Centimeter); die Sitzfläche iſt etwas auszuhöhlen und vorne abzurunden; die Breite der Sitzfläche mufs etwas mehr als ein Fünftel der Körperlänge ausmachen. - Eine gute Bank mufs aber auch eine Lehne befitzen. Wie diefe am beften. conftruirt werden foll, darüber gehen allerdings die Anfichten noch auseinander, und zunächft die Lehne ift es, welche die Schulbankfrage noch nicht als abge. fchloffen erfcheinen läfst. Entweder mufs diefelbe nämlich, wie das Sitzbrett, negativ den Körperformen entſprechen, oder fie ift eine forgfältig gerundete Leifte, welche in die Vertiefung der Lendenwirbelfäule eingreift( Fahrner), oder fie ift endlich eine möglichst hohe und fchräge Lehne. In den beiden erften Fällen heifst fie Kreuz, in dem letzteren Falle Rückenlehne. Die maffive Kunze'fche Lehne kann übrigens fowohl als Einzel, wie als fortlaufende Lehne gearbeitet werden. Die Kreuzlehne gibt felbft beim Schreiben eine Stütze ein Vorzug den kein anderes Bankfyftem befitzt fie nimmt weniger Raum ein und geftattet dem Lehrer eine beffere Aufficht der Schüler. Die fchräge Lehne kann drei Geftalten haben: fie ift entweder durchaus fchräg, oder fie ift blos oben abgefchrägt und dann fteigt fie entweder unten fenkrecht auf, oder fie ift unten für das Gefäfs etwas ausgefchweift. Vorzügliche Schweizer Aerzte beruhigen fich, wenn die Höhe der Lehne ein Fünftel der Körpergröfse des Kindes erreicht. Nur dort, wo es fich um unvermeidliche Erfparung an Raum, oder an Koften handelt, können als Nothbehelf die Vorderwände der Bankpulte fo fchräg gebaut werden, dafs fie zugleich die Rücklehne für die voranftehende Bank bilden.( ,, Preufsifche" Schulbank; dritte Gattung der in Württemberg geftatteten Bänke.) - Fufsbretter, den meiften Schulmännern ein Greuel, find nur bei den Kindern der erften vier Schuljahre anzuwenden, wenn man es nicht vorzieht, fämmtliche Bänke diefer kleinen Schulkinder auf ein gemeinfchaftliches Podium zu ftellen. In der Weltausstellung waren nicht alle Arten der beftehenden Bankfyfteme vertreten, die vorgeführten reichten jedoch aus, um zu klaren Urtheilen über den Werth der wichtigſten beftehenden Syfteme zu gelangen. Am meisten traten hervor, fchon darum, weil fie in zahlreicher Anzahl vorhandene Einrichtungsftücke felbftftändiger, äufserft befuchter Schulhäufer waren der amerikaniſche Sitz, das fchwedifche Pult und die zweifitzige Olmützer Bank( eine Modification der Kunze'fchen). - Auffallend war der amerikanifche Sitz von Peard. Auf eifernem Geftelle ruhte diefer Sitz, zum Zurückklappen eingerichtet, aus fchönen, breiten, polirten Holzleiften hergeftellt, welche zur Vermeidung der Erhitzung der Sitztheile nicht dicht an einander gefügt waren, während die Tifchplatte, nach vorn beweglich, eine fchmale Lade zum Aufbewahren der Bücher hatte. Der Sitz der vorderen und der Vordertheil der hinteren Bank bildeten ein Ganzes, fo dafs die Stütze des rückwärtigen Pultes als Lehne für die Voranfitzenden diente. Diefe Lehne war abgerundet, zurückgebogen und bequem. Diefe Sitze ganz zufammenzuklappen -hatten für den naiven Befucher etwas fehr Beftechendes, weil Herren von ftattlicher Körperfülle und Damen mit baufchigen Kleidern in ihnen vortrefflich Platz fanden; fie waren nämlich für Erwachfene gebaut! Es liefs fich alfo ganz und gar nicht entnehmen, wie viel Banknummern für die Kinder der verfchiedenen Altersftufen nothwendig feien. Der Preis eines folchen einfitzigen Subfelliums wurde zuerft mit 20 fl.( 13 Thaler 3 Grofchen) angegeben und zuletzt mit 16 fl.( 10 Thalern 15 Grofchen) beziffert. In Europa kämen folche Sitze nach dem Ausfpruche von Technikern fehr hoch. Neben diefen Auffehen erregenden Sitzen befanden fich kleinere, für Kinder paffende, in der Schreibeftellung gearbeitete Pulte mit feftgefchraubtem Stuhle, deffen Lehne für Rücken und Arme fehr bequeme Stützen darbot. Weit mehr praktiſches Intereffe hatte für den Schulfreund das einfitzige fchwedifche Pult. Diefe Subfellien in 10 Banknummern für Kinder der 2* 18 Dr. Erasmus Schwab. Volksfchule, aus dem prachtvollften nordifchen Nadelholze gearbeitet, gaben durch ihre freundliche, lichte Farbe in dem architektonifch gedachten Schulzimmer einen reizenden Anblick und verliehen dem ganzen Objecte etwas Vornehmes. Jedes Subfellium hatte eine fchliefsbare Pultlade, deren Tafelplatte in die Schreibftellung vorzufchieben war; vorn befand fich ein fenkrechter Rahmen zum Einfchieben der Schiefertafel des Schulkindes. Durch Einfchieben eines Stiftes in Löcher, welche die durchbohrten Träger des Sitzes hatten, wurde der Sitz verftellbar gemacht. So ungemein anziehend diefes elegante Pult neuefter Erfindung war, fo gibt es doch einiges zu bedenken. Einmal ift der Sitz horizontal und nicht ausgehöhlt, fo dafs durch langes Sitzen ein ftarker Druck auf die Schenkel ausgeübt wird; dann ift die Lehne durchweg fchräg, nicht gewölbt. Eine folche Lehne ift wohl trefflich zum Ausruhen für Erwachfene, welche längere Zeit gerade gefeffen find; doch bedarf das zarte Rückgrat des Kindes einer befferen Unterſtützung. Das fühlte man auch in Schweden und hat darum eine Art Schlummerrolle aus elaftifchem Stoffe an die Lehne gehängt, damit diefelbe das leifte, was fie eben nicht vollſtändig leiftet. Ferner ift die Tafelplatte, damit man in das Pult gelangen könne, aus zwei Theilen zufammengefetzt, welche durch eiferne Bänder verbunden find. Die Folge davon ift, dafs, weil Holz- und Eifenverbindung nicht maffiv fein können, einer der beiden Holztheile mit der Zeit fich leicht wirft, was auf das Schreiben und Zeichnen ftörend wirkt. Endlich ift. überall ein Fufsbrett da, was vom fünften Schuljahre an zu vermeiden ift. Ein folches Pult koftet ohne Transport 8 fl. 50 kr. öfterreichifcher Währung in Schweden. Andere intereffante Pulte waren von Dr. Sandberg da. - Das fchwedifche Pult und der amerikanifche Einzelfitz, beide gegenwärtig noch nicht weit über das Experiment hinaus, imponirten dem Laien ungemein und hatten das grofse Verdienft, Taufende von Männein und Frauen zum Nachdenken über die Nützlichkeit der Schulfubfellien anzuregen. Schlicht und anfpruchslos gab fich die Olmützer zweifitzige Bank in der öfterreichifchen Muſterſchule. aus weichem Holz gearbeitet und braun gebeizt. Je 9 Banknummern bauten fich hintereinander die Sitze auf; zwifchen den 4 Reihen Bänke waren 3 fchmale Längsgänge für den Lehrer offen. Jedes Kind nimmt in einer folchen Bank einen Eckfitz ein und hat alle Vortheile eines Einzelfitzes, ohne dafs es verwöhnt und felbft füchtig wird; das kleinfte Kind hat feinen Sitz und fein Tifchchen fo breit, als das gröfste in der letzten Bank, was ein Bild harmonifcher Ordnung gibt und die Bank fehr geeignet zum Zeichnen macht. Das Sitzbret ift gehöhlt, die Einzeln- Kreuzlehne gibt eine Unterſtützung auch beim Schreiben, die Tafelplatte läfst fich leicht in die Schreibeftellung und zurückſchieben. Das Fufsbret ift entgegen der Originalbank Kunze's( welche z. B in der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches als 1, 2, 3, 4fitzige Bank ausgeftellt war) bei den Bänken für gröfsere Kinder weggefallen, was die Bank wohlfeiler und einfacher machen hilft. Eine folche Bank koftet( in Olmütz) 9 fl. öft. W. Sie mufs ftark im Holze fein, damit fie nicht wackelig werde. Die Olmützer Bank gewinnt täglich mehr an Boden; fie ift bereits in Gemeinden nahezu aller öfterreichiſch ungarifchen Lande eingeführt; Modelle wurden nach Deutfchland und der Schweiz begehrt. Einigen Aerzten gefiel ein englifches Subfellium, nach dem Augenarzt Liebreich in London von dem Optiker Callagham gearbeitet, welches auf eifernem Geftelle eine nicht zu gute Bank, aber dafür ein Pultbret hat, welches zum Schreiben in einem Winkel von 20 Grad gebaut ift, während der vordere Theil des Tafelbretes in einem ftarken Scharnier zurückgefchlagen werden kann und dann ein Lefepult conftruirt in einem Winkel von 45 Grad darftellt. Diefe maffiv gebaute Bank war fozufagen durchfichtig, da vorn kein fenkrechtes Pultbret angebracht ift. Einer allgemeinen Verbreitung ftünde der hohe Preis entgegen, während die Regulirung des Sehwinkels fich lächerlich wohlfeil durch eine patentirte Erfindung des öfterreichifchen Profeffors Fialkowski vornehmen läfst. Ein Schulbauten und Einrichtungen. 19 fpannhohes Lefepult, aus einem Stück Pappendeckel gefchnitten, welches zufammengelegt von den Kindern in dem nächftbeften Schulbuche zur Schule getragen werden kann, wird nämlich mit einigen Handgriffen vorgerichtet und beim Lefen auf das Pultbret geftellt. Ein folches, Pult koftet elegant 5 kr. öfterreichifcher Währung( 1 Silbergrofchen), einfach 3 kr. Einige aus Deutfchland und der Schweiz ausgeftellte Bänke enthielten im Einzelnen finnreiche Gedanken( fo z. B. hatten einige Bänke ein Pultbret, deffen vorderer Theil umzufchlagen und unten mit einem Nähkiffen für weibliche Arbeiten verfehen war). Doch erfchienen die meiſten derfelben fo complicirt und andere hatten fonft fo Unpraktiſches an fich, dafs ihre Besprechung hier keinen Platz finden kann Die franzöfifchen Bänke von Bapteroffes hatten den Nachtheil des fortlaufenden Pultes und eines zu kleinen( ifolirten) Sitzes; der Sitz war übrigens an den Boden gefchraubt und die„ Diftanz" zu grofs. Auch Portugal hatte trotz der breiten Tifchplatte keine Bank, welche als Mufter empfohlen werden könnte, Rufsland hatte unter die Arbeiten der Schulwerkftatt eines Lehrerfeminars in Finnland einige Miniaturmodelle von Schulbänken ausgeftellt, die ganz gut waren, aber keinen Schlufs auf deren Einführung in die Wirklichkeit geftatteten. - - Gönnt man dem ruhigen Urtheile Raum, erwägt man die Koften der Bank und bedenkt man die riefige Gröfse der Schulzimmer, welche durch die einfitzigen Pulte bei einer grofsen Schülerzahl nothwendig würde, fo ftellen fich für die Schulen Europas die einfitzigen Pulte wohl nur als ein theoretifches Ideal heraus. Als die beften praktiſchen Ideale drängen fich aber allmälig die zweifitzigen Bänke auf, welche und das ift mitentfcheidend diefelben Dienfte leiften, wie die einfitzigen Pulte. Zweifitzige Bänke waren auf der Ausftellung in gröfserer Anzahl vorhanden, fo z. B. aus Baiern, Sachfen, der Schweiz, Portugal u. f. w. Man kann diefelben, wo man aus Sparfamkeitsrückfichten weder das Pult beweglich macht, noch bewegliche Sitze anbringt, in der Schreibeftellung arbeiten laffen, das heifst, die Diftanz mufs dann in Unterclaffen minus I Zoll fein ( mit anderen Worten, der Tifchrand mufs mindeſtens 1 Zoll fein) und in Oberclaffen gleich Null. Ueberdiefs müffen zum Zwecke des befferen Ein- und Austrittes alle einander zugewendeten Ecken an Pult und Bank gut abgerundet, müffen die feitlichen Tifchftützen ftark ausgefchweift fein und mufs endlich die Sitzbank um 4 Zoll( 10 Centimeter) kürzer gehalten werden als das Tifchbret. ( Solche Bänke find in der Schweiz nicht felten.) Haben die Bänke jedoch mehr als 2 Sitze, fo ift die Bank nur dann vollkommen entsprechend, wenn das Pult oder der Sitz verfchiebbar gemacht wird. Man hat wohl auch da und dort Verfuche angeftellt, eine längere Sitzbank verfchiebbar zu machen; doch waren die Ergebniffe nicht befonders glücklich. Bänke, deren Sitze fich zurückklappen laffen, wie die Sperrfitze in den Theatern, waren aus Nordamerika, Schweden, vom Lehrer Kaifer in München, endlich aus Oefterreich ausgeftellt. Seit Kunze's Erfindung der getheilten Tafelplatte find die Scharniere zum Aufklappen und theilweifen Umklappen der Tafelplatte allerdings ein überwundener Standpunkt geworden; allein, wo ältere mehrfitzige Bänke zeitgemäfs umgeftaltet werden follen, dort ift die Anwendung von Scharnieren zum Umklappen von Tifch oder Bank nicht zu umgehen. Die Ausftellung hat Subfellien zu Tage gefördert, deren Pultbreter ganz zum Hinaufklappen waren, oder theilweife zum Umklappen( z. B Hawes in Norwich). Letztere haben fämmtlich das Bedenken wachgerufen, dafs die beiden Theile nicht lange in einer Ebene liegen werden; das Widerfinnige der erfteren liegt auf der Hand. Man hat neuefter Zeit Bänke conftruirt, deren Theile fich faft fämmtlich. mit Schraubenvorrichtungen bewegen und für gröfsere, wie für kleinere Kinder herrichten laffen; die Erfahrung mufs lehren, ob fie auch Feftigkeit behalten. 20 Dr. Erasmus Schwab. Die Anzahl der in einer Volksfchule bei achtjähriger Schulpflicht anzuwendenden Gröfsennummern(„ Modelle") fchwankt, wie die Ausftellung zeigte, in verfchiedenen Landen, auch wohl je nach Stadt und Dorf, zwifchen 3 bis 12. Nett und überfichtlich ist es, wenn man bei allen Bänken eine und diefelbe Dimenfion des Tifches anwendet, fo dafs nur die Differenz, die Höhe und Tiefe des Sitzes, endlich nur die Höhe und Tiefe der Lehnen verfchieden ift.( Siehe Olmützer Bank.) Oefterreich hatte zur Ausstellung viel von Bänken eingefendet, und zwar meift Brauchbares. Nicht vertreten war die Marburger Schulbank( aus Steiermark). Sie iſt zweifitzig mit einer verfchiebbaren Tafelplatte, das Sitzbrett ift der Länge nach zweifach gefchlitzt, um das Erhitzen der Sitztheile zu vermeiden; die Lehne ift fortlaufend und hat hinter jedem Sitze eine Aushöhlung. Wer die aufserordentliche Mannigfaltigkeit unferer Cultur- und pecuniären Verhältniffe im Auge behält, wird von der Schulbank in Oefterreich Ungarn im Vorhinein fagen: Eines fchickt fich nicht für Alle.* Der Werth der zweifitzigen Bank wird in Oefterreich mit rafchem Blicke erkannt und in der Praxis wird fich die Schulbankfrage in Oefterreich wohl fo geftalten: 1. Gemeinden, welche Einficht und Opferwilligkeit befitzen, werden die Kunze'fche Bank, in einer Form, welche der Olmützer Modification entſpricht, wählen, alfo zweifitzig( und nur in zwingenden Fällen dreifitzig) wenn fie fich nicht entfchliefsen, jedem Kinde einen Seffel zum Bankpulte zu ftellen. 2. Ihnen zunächft ftehen jene Gemeinden, welche die zweifitzige Buchner'fche, in der Schreibeftellung gearbeitete, wählen. 3. Aermere Gemeinden werden fich für Bänke mit geringer Diftanz entfcheiden, oder mit am Tifchbrette haftenden Scharniere, bei welchen beiden Arten von Bänken die Lehne durch die fchräge Wand des Pultes der nächften Bank erfetzt wird. Wo das Sitzbrett nicht ausgehöhlt ift, wird wenigftens das Sitzbret vorne abgerundet werden und rückwärts einen Zoll tiefer ftehen als vorne. - Auch das Privathaus, welches durch fchlechte Arbeitstifche und Stühle fich in der Regel gegen das Kind noch mehr verfündigt als die Schule, wird die wohlthätige Rückwirkung der Bankreform erfahren und wie in Deutſchland und Holland für die Kinder richtige Arbeitspulte nach Kunze's Syftem arbeiten laffen. Solche Pulte waren bereits in der Ausftellung auch aus Oefterreich vertreten. Sachfen hatte fie verftellbar eingefchickt.( Bahfe und Händel.) Andere Subfellien. Am vollſtändigften war die Subfellienfrage in der öfterreichiſchen Muſterſchule gelöft, welche nicht weniger als vier Arten der Beftuhlung zu verfchiedenen Zwecken vorführte. Aufser den Bänken im Schulzimmer waren nämlich Seffel für den Lehrer im Schulzimmer und in der Wohnung vorhanden; ferner Seffel für die Mädchen in der weiblichen Arbeitsfchule, endlich Sitze in der Schulwerkstatt, beftimmt für beide Gefchlechter der Schulkinder. Der Sitz an dem Seffel des Lehrers war aus fchmalen, von einander abftehenden Leiflen gefügt, nicht horizontal, fondern nach rückwärts abfallend, die Lehne in einem Winkel von 100 Grad abgefchrägt. Diefe Seffel wurden allge mein als für Erwachſene fehr bequem befunden. In der weiblichen Arbeitsfchule ftanden Seffel in drei Dimenfionen; das Sitzbrett war zweckmäfsig durchbrochen, die Stützen der Lehne in einem Winkel von 105 Grad gebaut und oben mit einer nach rückwärts ausgebogenen Leifte verbunden, fo dafs arbeitende Mädchen beim Anlehnen in den nöthigen Paufen behaglich ausruhen könnten. Die Seffel in der Schulwerkſtatt endlich waren nach dem landläufigen Modell des Schufterfchemels gebaut, in drei Dimenfionen. Der Sitz war nicht flach, fondern gehöhlt, die Füfse befriedigten durch ihre Geftalt den Schönheitsfinn. * Die erfte und noch immer die einzige auf öfterreichifchem Boden gefchriebene Monographie über die Schulbank ift ,, die Olmützer Schulbank" von J. Schober. Wien 1873. Pichler'fche Buchhandlung mit drei Tafeln, Abbildungen und einer Mafstabelle. Preis 20 kr. öfterr. Währung. Schulbauten und Einrichtungen. 21 Die fonft auf der Ausftellung vertretenen Subfellien boten nichts wefentlich Neues und berechtigen nicht zur felbftftändigen Befprechung. Unter den Zeichentifchen, für welche fich wohl wegen des Geldpunktes fchwer eine allgemein giltige Form wird finden laffen, mögen die fchönen einfitzigen Zeichentifche von Flinzer in Leipzig erwähnt werden, welche fehr bequem, zweckmässig und dabei gefällig find. Sonftige Schuleinrichtungs- Stücke. Von harten Schultafeln waren nicht allein mehr oder minder zweckmäfsige Tafeln aus Holz ausgeftellt, darunter fehr leicht bewegliche mit einem Gegengewichte, fondern auch Tafeln aus Schiefer, um eine horizontale Achfe drehbar, und neuefter Zeit beiſpielsweife auch in den Schulen am Rhein als fehr zweckmäfsig gerne gefehen, endlich aus Belgien eine dunkle Tafel aus Glas. Weiche Tafeln waren und zwar aus Patent- Schiefertuch von Groll in Hernals bei Wien ausgeftellt, und haben als leicht und dauerhaft fich bereits bewährt; diefe Tafeln werden auch als rotirende( mit Rollenaufzug ohne Ende) erzeugt von Hieber in Tattendorf bei Baden( Niederöfterreich). In guten öfterreichifchen Schulen ift bereits neben der harten Tafel die weiche eingeftellt, welche mit einem Stücke alten Rehleders oder einer Bürfte aus Wolle trocken abgerieben wird und den Kindern eine leichte Hand fichert. Von den Lern- und Lehrmittel- Kaften für Volksfchulen müffen die des fchwedifchen und öfterreichifchen Schulhaufes, von den Lehrmittel- Kaften für Naturgefchichte jene des Leopoldftädter Communalgymnafiums in Wien, welche nur die Rückwand aus Holz hatten, genannt werden. Für fonftige Einrichtungsftücke war manches zu lernen in der Ausftellung der Holz- und Baufabrik von Bahfe& Händel in Chemnitz( z. B. Kleiderfchränke für Schulen mit Rollen) dann in der öfterreichifchen Mufterfchule, von welcher bekanntlich zehn Detailpläne um einen Spottpreis beim Comité der Schulfreunde" in Wien zu haben find. In diefer Schule waren alle. Stücke bis zum Spucknapf herab ftiliftifch fchön, zweckmäfsig und wohlfeil. " Als ein fehr beachtenswerthes Stück der grofsartigen öffentlichen Arbeit in Paris mufs das Magasin scolaire gerühmt werden, welches Riefengebäude in einem fchönen Modelle ausgeftellt war und allen Grofsftädten zur Beherzigung empfohlen werden mufs. Die zahlreichen Räume des Haufes dienen theils zur Erzeugung, theils zur Aufbewahrung der für die Schulen von Paris nothwendigen Lehrmittel und Einrichtungsgegenstände. Bücher, Globen, Sculpturen, Vorlagenwerke find in diefer reichhaltigen Centrale aufgeftapelt, aber auch die Arbeiten des Schloffers und Tifchlers bis herab zu den geringften Reinigungsapparaten. Alles ift mit grofser Sorgfalt ausgeführt, im Gegenfatze zu jenen mitteleuropäifchen Schulen, deren Einrichtungsftücke von den Gemeinden an den Mindeftbietenden hintangegeben werden und fich fchliefslich wegen der geringeren Haltbarkeit als recht theuer herausftellen. Schlufswort. Denkt man an die Parifer Ausftellung von 1867 zurück und fragt man, welcher Staat auf der Wiener Weltausftellung den gröfsten Fortfchritt in Bezug auf Schulbauten und Einrichtung der Schulen nachgewiefen hat, fo mufs das Urtheil entfchieden zu Gunften Oefterreichs ausfallen. Aus Oefterreich wurde die einzige wirkliche Schule ausgeftellt, welche die fanitären Forderungen nach allen Richtungen vor Augen hatte und einen grofsen Erziehungsgedanken durchzuführen verfuchte. So elegant das Ausftellungsobject Schwedens war, fo einfach, gefällig und im Wefentlichen zweckmäfsig erwies fich was Oefterreich vorführte, das noch vor Kurzem Deutfchlands Schüler war und keineswegs daran denkt fich 22 Dr. Erasmus Schwab. Schulbauten und Schuleinrichtungen. felbftgenügfam abzufchliefsen, fondern in Deutſchland die Wurzeln feiner pädagogifchen Thatkraft erblickt. Seit der Erlaffung des neuen Schulgefetzes bis zur Wiener Ausftellung waren nur vier Jahre vergangen; aber diefe Spanne Zeit genügte, um eine tiefe Kluft zu fchaffen zwifchen der Schule von ehedem und der von heute. Der Staat ringt wirklich frifch und energifch nach höheren Bildungszielen; alle Schichten des Volkes werden herangezogen zur Hebung der Volksfchule, und wenn auch die Bevölkerungsverhältniffe der öfterreichifchen Schulorganiſation manches Eigenthümliche aufnöthigen, wenn auch die Organifation der Volksfchule im Leben noch keine abgefchloffene fein kann, fo hat Oefterreichs Volk doch eine Energie im Guten bewiefen, welche allen auswärtigen Befuchern Anerkennung abnöthigte. In der Reform der Volksfchule liegt der archimedifche Punkt, durch welchen Oefterreich dauernd in die Bahnen der Verjüngung gedrängt wird, zugleich der Punkt, welcher ihm die Sympathie der gebildeten Welt fichert. So Vieles auch auf dem Gebiete der Volksfchule in Oefterreich noch zu fchaffen ift, mit Wahrheit kann ausgefprochen werden und ift durch die Weltausftellung von 1873 erhärtet: Die Gefchichte kennt kein Beifpiel dafür, dafs ein Staat fo rafch einen fo grofsen Fortfchritt auf dem Gebiete der Volkserziehung gemacht hat, als Oefterreich mit feinem Schulgefetze vom 14. Mai 1869. LEHR MITTEL UND LEISTUNGEN DER VOLKS- UND MITTELSCHULE. DIE GEOGRAPHIE. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von DR. R. PERKMANN. Die grofse Ausftellung in den Auen und Wäldern des Wiener Praters hat ohne Zweifel für keinen der Millionen Befucher ein fo reiches und fo mannigfaltiges Materiale dargeboten, wie für diejenigen, welche diefelbe auch vom Standpunkte der Geographie aus betrachtet haben. Da gab es keine generelle Gruppe, keine fpecielle Section, keine individuelle, noch fo grofse oder noch fo kleine Sache, welche nicht geeignet gewefen wäre, die eine oder die andere, in den meiften Fällen aber eine ganze Reihe von geographifchen Fragen hervorzurufen, Fragen, angefangen von dem engen Kreife der Topographie, durch alle Verzweigungen und Abftufungen der Chorographie, der phyfikalifchen, naturgefchichtlichen, ethnographifchen, commerciellen, politifchen und hiftorifch- culturellen Geographie hindurch bis hinauf zu den philofophifchen Höhen der Culturwiffenfchaft. Keine aber mag fo fchwer zu beantworten gewefen fein, wie die Frage, auf welche Weife, nach den betreffenden Ausftellungsobjecten zu urtheilen ,,, die Geographie als Lehrgegenftand" in den verfchiedenen Rangftufen der Schulen einzelner Staaten behandelt werde. Das Materiale zum Studium und zur Beantwortung anderer Fragen lag grofsentheils offen vor Aller Augen da; es war vielfach nach gewiffen, mehr oder weniger praktifchen Grundfätzen geordnet, daher im Einzelnen bequemer zugänglich, im Grofsen und Ganzen leichter zu überfchauen. Was aber unfere Aufgabe betrifft, fo haben von den Staaten, welche, abgefehen von den geographifchen ,, Lehrmitteln" im engeren Sinne, wie Globen, Planetarien, Landkarten u. f. w., überhaupt dahin gehörige Gegenftände ausftellten, nur die allerwenigften in hinreichendem Mafse dasjenige dargeboten, was unbedingt nothwendig ift, um den vollſtändigen Gang des geographifchen Unterrichtes, wenigftens bezüglich der Eintheilung, Gliederung und Behandlung des Lehrftoffes, in ununterbrochener Reihe von der unterften elementaren bis zur oberften organifch wiffenfchaftlichen Stufe verfolgen zu können. Ferner waren die einzelnen einfchlägigen Ausstellungsartikel beinahe in keinem Staate fyftematifch vertheilt. Wiffenfchaftliche Werke der mannigfaltigften Sorte, Abhandlungen über Didaktik und Pädagogik, wo in dickleibigen Bänden neben vielen anderen Dingen auch der Unterricht in der Geographie mehr oder weniger ausführlich befprochen wurde; Lefe und Lehrbücher und Leitfaden für die verfchiedenften Fächer und Schulen, Lehrordnungen, Jahresberichte, Schulprogramme, Lectionskataloge, Organiſationspläne, Regulative, Directive, umfang 2 Dr. R. Perkmann. reiche Brochuren und Hefte von drei und zwei Blättern, weitläufige Befchreibungen der ganzen Unterrichtsmethode an einzelnen Schulen und lakonifche, man möchte fagen, telegraphifche Anzeigen, welche buchftäblich nichts weiter enthielten, als die Bemerkung, dafs an diefer und jener namentlich bezeichneten Lehranstalt aufser den übrigen Lehrfächern auch„ Einiges aus Geographie" vorgetragen worden fei- kurz, Druck- und Schriftwerke für alle erdenklichen Nuancen und Angelegenheiten des Schulwefens und Unterrichtes, nicht blos zu Dutzenden, fondern zu Hunderten, ftanden und lagen meift in wildem Chaos durcheinander. Dazu kam folgender Uebelftand. Um bei dem Studium der auf den geographifchen Unterricht fich beziehenden Ausftellungsobjecte eine vorläufige Ueberficht über das vorhandene Materiale zu gewinnen und bei der Befprechung desfelben nach einem beftimmten Plane vorgehen zu können, hat der Referent nach der Uebernahme der geftellten Aufgabe, an der Hand des allgemeinen und einzelner Specialkataloge, fowie nach dem Ergebniffe der eigenen Entdeckungsgänge, ein Verzeichniss der vorgefundenen Artikel angelegt. Als diefelben im Verlaufe der Zeit der Reihe nach durchftudirt und verglichen werden follten, zeigte es fich, dafs manche, und darunter nicht die geringfügigften, felbft ganze Bände, fchon längere oder kürzere Zeit vor dem Schluffe der Ausftellung aus den ihnen angewiefenen Räumen, wahrfcheinlich aus dem ganzen weiten Ausstellungsrayon- verfchwunden waren. Dagegen find von Seite einzelner Staaten oder Lehranftalten Sammlungen derjenigen Gefetze ausgeftellt worden, welche für die verfchiedenen Unterrichtsfächer auf den einzelnen Unterrichtsftufen die Gliederung der Gegenftände, fowie die Art und Weife der didaktifchen Behandlung derfelben näher beftimmen. Bei einigen Staaten hat der Referent nur Bruchftücke davon gefunden; bei anderen aber lagen diefe Vorfchriften und Principien fo vollſtändig vor, dafs an der Hand derfelben der ganze Lehrgang vom unterften elementaren Unterrichte bis zur Vollendung desfelben in den oberften Claffen der Gymnafien und der Realfchulen verfolgt werden konnte. In Bezug auf die Geographie war diefs namentlich in den Abtheilungen von Oefterreich, Preufsen und Sachfen der Fall. " Als der Verfaffer die Berichterstattung über den geographifchen Unterricht übernahm, glaubte er diefe Gelegenheit benützen zu können, um feinen fchon feit Jahren gehegten Plan zu realifiren und eine ausführliche, möglichft vollſtändige Abhandlung über die gefchichtliche Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des geographifchen Unterrichtes" zu veröffentlichen; eine Arbeit, die um fo zeitgemäfser fcheint, als es wohl vorzügliche Werke über die Gefchichte der Geographie als Wiffenfchaft, aber nicht über jene des geographifchen Unterrichtes in den Schulen gibt, und als eine folche Arbeit, entfprechend durchgeführt, die verlässlichften Anhaltspunkte und Fingerzeige dafür enthalten könnte, wie der geographifche Unterricht in Zukunft befchaffen fein müffe, wenn er einerfeits dem heutigen Stande der allgemeinen Wiffenfchaft angemeffen fein, andererfeis die didaktifchen Aufgaben der Schule erfüllen, die Anforderungen der modernen Bildung und die Bedürfniffe des praktifchen Lebens befriedigen foll. Eine folche umfaffende Abhandlung hätte aber den Charakter eines Ausftellungsberichtes" vollſtändig verläugnen und den diefem ftrenge zugewiefenen Raume um ein Vielfaches überfchreiten müffen; anftatt eines fpeciellen Berichtes wäre ein allgemein wiffenfchaftliches Werk zum Vorfchein gekommen. Um der Pflicht des Berichterftatters gerecht zu werden, mufste der Verfaffer, wenn auch ungern, feiner Lieblingsidee vorläufig entfagen, die Ausführung derfelben auf eine fpätere Zeit verfchieben, und fich hier, foweit als es nöthig und nützlich fchien, an die Ausstellungsobjecte felbft halten. Es konnte ihm jedoch nicht einfallen, alle die einzelnen, grofsen und kleinen Ausstellungsartikel hervor zuheben und zu befchreiben. Ein grofser Theil war ohne jede wiffenfchaftliche Geographifche Lehrmittel. 3 Bedeutung und augenfcheinlich nur ausgeftellt, um die Maffe zu vergrössern. Ohne, in diefer Hinficht, nach Vollſtändigkeit geftrebt zu haben, hat der Bericht fich zunächft, namentlich bei den drei genannten Staaten, an die officiellen Normen gehalten, als der thatfächlich in Kraft beftehenden organifchen und breiten Grundlage für den Unterricht; fodann hob er jene Ausftellungswerke, Lehrbücher Lefebücher etc. hervor, welche den gefetzlichen Vorfchriften und den didakti fchen Anforderungen mehr oder weniger entfprechen oder in irgend einer Weife felbft über die Gegenwart hinausreichen und bereits auf jenes Ziel hinweifen, welches die Gefetzgebung fich erft noch anzueignen hat, um die jeweiligen Fortfchritte der Zeit und der Wiffenfchaft zu befriedigen. Oefterreich. Durch die grofsen Entdeckungen während des XV. und XVI. Jahrhunderts war die Erde gleichfam um ihre ganze andere Hälfte weiter geworden. Damit erwachte das Bedürfnifs, diefe epochemachenden materiellen Eroberungen auch für den geiftigen Befitz zu erwerben und dadurch den gefammten Erdkreis nicht blos nach feiner Quantität, fondern auch nach feiner mannigfaltigen Qualität kennen zu lernen. Den Entdeckungsfahrten folgten die den ganzen Planeten umfaffenden Forfchungsreifen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, an welchen namentlich Holländer, Dänen, Engländer, Deutfche, Franzofen und Ruffen den regften Antheil genommen haben. Die Refultate diefer Arbeiten haben den wiffenfchaftlichen Gefichtskreis insbefondere in den verfchiedenen Zweigen des naturhiftorifchen, des phyfikalifchen und des geographifchen Gebietes rafch erweitert und mit wahrer Lebenskraft jenen Baum der Erkenntnifs erfüllt, welcher fich im Verlaufe einer verhältnifsmäfsig kurzen Zeit, Dank dem Sonnenftrahle der aus den kirchlich- politifchen Kämpfen zur Freiheit erftandenen Vernunft zu der grofsartigen Blüthe und Fruchtfülle entfaltet hat, die wir heute mit ungetrübter Freudigkeit des Herzens an ihm bewundern können. Es konnte nicht verfehlen, dafs diefe Leiftungen auch in Oefterreich den mächtigften Wiederhall fanden und zu ähnlichen Unternehmungen anregten. Während öfterreichifche Forfcher nach fremden Ländern und Welttheilen reiften und eine wiffenfchaftliche Expedition unter Maria Therefia nach Indien fegelte, fehen wir daheim eine beträchtliche Anzahl von Männern, darunter folche mit weithin bekannten Namen und bleibenden fcientififchen Verdienften damit befchäftigt, die natürlichen Verhältniffe des Vaterlandes nach den verfchiedenften Richtungen zu unterfuchen. Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ift reich an wiffenfchaftlichen Erfcheinungen auf dem naturkundlichen und ſpeciell auf dem geographifchen Felde in Oefterreich. Befchränkte fich die Mehrzahl derfelben auf den öfterreichifchen Staat, ja zumeift fogar nur auf einzelne Provinzen oder Theile derfelben, waren fie alfo überwiegend chorographifchen und topographifchen Charakters, fo haben fie gleichwohl mit nur feltenen Ausnahmen auch innerhalb diefer engeren Rahmen fchon alle jene Gefichtspunkte berücksichtiget, welche überhaupt bei dem damaligen Stande der allgemeinen Erdkunde verfolgt werden konnten und, welche die Grundlagen der heutigen geographifchen Wiffenfchaft geworden find. Sie enthalten nicht nur rein landbefchreibende, gefchichtliche, politifche und ftatiftifche Daten, fondern auch ethnographifche, aftronomifche, phyfikalifche, klimatologifche, pflanzengeographifche und geognoftifch- geologiſche Partien, welche letzteren fich auch unter der Bezeichnung„ unterirdifche Geographie" zufammengefafst finden. Darunter befinden fich vielfach Abhandlungen, welche lange Zeit, theilweife fogar bis auf den heutigen Tag werthvolle Fundgruben des erd- und naturkundlichen Wiffens geblieben find. Eine folche Regfamkeit des geiftigen Strebens und Schaffens, begleitet von dem Auffchwunge der fchönen Literatur und der philofophifch- humaniftifchen Studien in und aufser Oefterreich, konnte auf den öffentlichen Unterricht um fo 4 Dr. R. Perkmann. weniger ohne günftigen Einfluss fein, als alle darauf hinzielenden Bemühungen der wärmften Sympathien und der kräftigften Unterſtützung feitens der damaligen Regierung ficher fein durften. In der That wurde fchon in den erften Jahren der Regierung der Kaiferin Maria Therefia eine zeitgemässe Organiſation des gefammten Schul- und Studienwefens in Angriff genommen. Welchen Aufblühens dasfelbe fähig war, wenn ihm die volle Freiheit einer natürlichen Entwicklung gegeben und auch gelaffen wurde, davon hat die medicinifche Wiffenfchaft und der Weltruf, deffen fich, die Wiener Schule" feither zu rühmen berechtigt war, den glänzendften Beweis geliefert. Allein die übrigen Zweige und Abtheilungen des öffentlichen Unterrichtes hatten fich nicht lange jener Unabhängigkeit von culturfeindlichen Elementen zu erfreuen, welche unbedingt nothwendig ift, wenn das geiftige und mit diefem auch das wahrhaft fittliche Leben eines Volkes wirklich gedeihen foll. Die verfchiedenen Verfuche und Vorfchläge, welche wiederholt von tüchtigen und vorurtheilsfreien Männern gemacht wurden und die ganz geeignet fchienen, den Anforderungen der Zeit und des jeweiligen Standes der Wiffenfchaft zu entfprechen, fie fcheiterten jedesmal, früher oder später an den offenen und geheimen Machinationen der Gegner einer vernunftgemäfsen Erziehung des ganzen Volkes und einer wiffenfchaftlichen Bildung der Einzelnen. Nach allen den ,, Reformen", ,, Revifionen“ und„ ,, Reorganifationen" oder wie die Entwürfe zur Hebung der Schule in Oefterreich geheifsen haben, war es fchliefslich immer nur die Reaction", welche zuletzt das Feld behauptet hat. Erft unfere Zeit verfpricht ihren eigenen, befferen Schöpfungen und Einrichtungen auf dem Gebiete des Unterrichtswefens auch dauernden Beftand und ftetigen Fortfchritt. Durch die Schulordnung vom 1747 wurde die Geographie in den Unterrichtsplan der Gymnafien aufgenommen. Sie follte urfprünglich nur in einem Curfe, in der„ Poefie" und da nur in Form einer„ Synopfis" gelehrt und gelernt werden, erhielt jedoch bald gebührende Erweiterungen Die allgemeine Schulordnung vom Jahre 1774 beftimmte ferner, dafs auch in den Normal- und Hauptfchulen ,, Etwas aus der Naturgefchichte und aus der Erdbefchreibung, befonders in Hinficht auf das Vaterland gelernt werden foll". Von dem Geifte des therefianifch- jofephinifchen Zeitalters durchweht war auch der Unterrichtsplan, welchen der Lehrer am Piariftengymnafium zu Wien, Pater F. J. Lang, noch im letzten Decennium des vorigen Jahrhundertes ausgear. beitet hat. Ungeachtet einzelner Mängel, welche ihm anhafteten, bezeichnete diefer Entwurf einen wefentlichen Fortfchritt gegen früher und ein ernftliches Betreten des richtigen Weges, welcher, mit Feftigkeit eingehalten, zu ganz anderen Refultaten hätte führen müffen, als es auf der später wirklich eingefchlagenen Bahn möglich fein konnte. Zeigt Pater Lang in der Gliederung des Gegenftandes eine gründliche, wiffenfchaftliche Beherrschung des ganzen Lehrftoffes, fo bekundet er in der methodifchen Behandlung desfelben eine reiche didaktifche Erfahrung und den klaren Blick des tüchtigen Schulmannes. Er verlangt für die Geographie eine felbft ftändige Stellung neben den anderen Disciplinen des Gymnafiums und ftellt als Grundlage für alle ihre Zweige den phyfikalifchen Theil auf, Principien, welche die geographifche Wiffenfchaft heute mit nur noch ftärkerem Nachdrucke geltend macht, ohne dafs diefelben bis jetzt fchon vollſtändig und überall in die Praxis des Unterrichtes eingeführt wären. Die Zeitperiode, welche die für die Ausführung des Lang'fchen Planes nöthigen und günftigen Elemente in fich trug, war bereits abgelaufen und hatte die Geiftesrichtung in Oefterreich fich mittlerweile vom Grunde aus geändert. Nachdem er durch volle zehn Jahre im Schoofse einer eigens eingefetzten StudienRevifionscommiffion geruht hatte, kam er im Jahre 1805 nach einfchneidenden Modificationen und Verftümmelungen wieder an das Tageslicht und wurde in diefer verkümmerten Geftalt fanctionirt. Wenn es möglich war, den Unterricht in der Geographie an den öfterreichifchen Lehranstalten noch tiefer hinabzudrücken, fo gefchah diefs durch den Geographifche Lehrmittel. " ንን 5 Studienplan vom Jahre 1819. Derfelbe hob das Fachlehrer Syftem ganz auf und fetzte für den vereinigten Unterricht in Geographie und Gefchichte die Anzahl der wöchentlichen Lehrftunden in allen fechs Claffen des Gymnafiums zufammen auf dreizehn herab. Officiell verfafste und eingeführte Schulbücher fetzten genau die Ländergruppen feft, welche in jeder Claffe behandelt werden mussten. In der erften Claffe wurde ein dürres Skelet der mathematifch- aftronomifchen Geographie" vorgeführt und daran eine möglichft allgemeine Ueberficht über die Oceane, die Erdtheile, deren Gebirgsfyfteme und Gewäffer geknüpft. So mager diefer Theil auch war, fo hatte er doch wenigftens einen Anflug von rationeller Methode, was in den folgenden Claffen nicht mehr der Fall war Für diefe wurde die fefte Oberfläche des Planeten nicht etwa nach phyfikalifchen, fondern nur nach den zufälligen politifchen Verhältniffen in eine Anzahl regellofer Gruppen von Ländern, beziehungsweife Staaten zerriffen und jedem Jahrgange eine oder mehrere derfelben zur„ Bearbeitung" zugewiefen. Diefe Bearbeitung" befchränkte fich gröfstentheils auf die Anführung von politifch- topographifch- ftatiftifchen Materialien und Daten, mitunter in wahrhaft erfchreckender Maffenhaftigkeit und Regellofigkeit. Die beigefügte peremtorifche Vorfchrift, der Lehrer habe fich ftrenge an das officielle Schulbuch zu halten, ift ohne Zweifel für die meiſten Fälle überflüffig gewefen; gab es doch damals für den angehenden Gymnafiallehrer in Oefterreich noch keine Gelegenheit, wo er einen fpeciellen wiffenfchaftlichen Unterricht in der Geographie hätte geniefsen, wo er fich durch fyftematifche Studien für feinen Beruf hätte vorbereiten und dadurch feinen geiftigen Gefichtskreis über das geographifche Lehrbuch hinaus hätte erweitern können. Daher ift es mehr als blos glaubhaft, was von fo vielen öfterreichifchen Gymnafien diefer Periode berichtet wird, dafs nämiich die Schüler zu einem rein mechanifchen Auswendiglernen von Namen, Zahlen und maffenhaften Daten fogenannter Merkwürdigkeiten einzelner Orte angehalten worden find, wobei oft genug Dinge angeführt waren, welche nicht einmal vom engften localen Standpunkte aus betrachtet irgend eine ernftliche Bedeutung oder Wichtigkeit befeffen haben. Es ift leicht begreiflich, dafs von diefem, auf folche Weife aufgehäuften Gedächtnifskram nach der halbjährigen Prüfung, für welche er in Bereitfchaft gehalten werden mufste, im Geifte der Jünglinge kaum andere Spuren auf die Dauer übrig geblieben find, als eine unüberwindliche Abneigung gegen ein Lehrfach, welches, naturgemäfs und rationell behandelt, wie kaum ein zweites geeignet ift, den Geift anzuregen und das Intereffe dauernd lebendig zu erhalten. Auch während diefes Zeitraumes hat es nicht an Männern gefehlt, welche die Mängel des Unterrichtswefens in Oefterreich erkannt, und das Bedürfnifs, denfelben abzuhelfen, gefühlt hatten. Aber die wiederholten Vorfchläge zu Verbefferungen fanden keine Beachtung. Erft die politifche Neugeftaltung des Reiches brachte das Werk in Flufs und der„ Entwurf zur Organifation der Gymnafien und Realfchulen in Oefterreich", welchen das k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht am 16. September 1849 erlaffen hat, bezeichnet einen entfcheidenden Wendepunkt, wenn auch nicht fpeciell und direct für den geographifchen Unterricht, fo doch für das Schulwefen im Allgemeinen; und von dem neuen, wiffenfchaftlichen Geifte, der, bis dahin daraus verbannt, hiemit feinen Einzug in die öfterreichifchen Lehranstalten feiern durfte, war es mit Zuverficht zu erwarten, dafs er früher oder fpäter auch auf das geogra phifche Fach feine befruchtende und belebende Kraft ausüben werde. Für den geographifchen Unterricht zeigt der„ Entwurf bei weitem nicht jene Auffaffung, welche dem damaligen Stande der Wiffenfchaft entfprochen hätte. Während mehr als ein halbes Jahrhundert früher im Entwurfe des P. Lang für die Geographie eine vollkommen felbftftändige Behandlung und die phyfikalifche Seite als Grundlage gefordert worden ift, verlangt diefer neue Organiſationsplan, dafs die Geographie nur eine Begleiterin und Dienerin der Gefchichte fei. Geographie fei nur in Beziehung zur Gefchichte zu behandeln; denn für den " 6. Dr. R. Perkmann. weiteren Unterricht in der Geographie wird die Beziehung des Menfchen zur Erde zu einem Hauptgefichtspunkte, welcher ohne näheres Eingehen auf die Gefchichte nicht verftändlich ift." Nachdem der Verfaffer des„ Entwurfes" diefe Grundthefis der Ritter'fchen Geographie, wenn auch ganz am unrechten Platze und in unrichtiger Form, herangezogen hat, fucht er die Nothwendigkeit der Verbindung des gefchichtlichen und geographifchen Unterrichtes durch den Beweis zu kräftigen, weil in den Lehrplänen der Schulen gewöhnlich die diefen beiden Gegenftänden gewidmete Zeit gemeinfam angefetzt ift"!! Ein felbftftändiger Unterricht hat nach dem Entwurfe für die Geographie nur in der unterften Claffe des Untergymnafiums ftattzufinden, wobei eine ,, über fichtliche Befchreibung der Erdoberfläche nach ihrer natürlichen Befchaffenheit: Meer und Land, Gebirgszüge und Flufsgebiete, Hoch- und Tiefländer u. f. w., zu geben ift. Damit zu verbinden ift das Wichtigfte aus der Eintheilung derfelben nach Völkern und Staaten. Gelegentlich können biographifche Schilderungen angeknüpft werden als Vorbereitung des hiftorifchen Unterrichtes". Welche mageren Reſultate in einem einzigen Jahre und bei den Schülern der unterften Claffe über ein folches Penfum erreicht werden mögen, braucht nicht erft hervorgehoben zu werden, und ,, auf Grundlage der in der erften Claffe bereits gelernten allgemeinen Umriffe" wird in den folgenden Claffen nur ein geographifcher Ueberblick des Landes gegeben, welches gerade im gefchichtlichen Penfum zu behandeln ift. Im Obergymnafium befchränkt fich die Anforderung an den geogra phifchen Unterricht darauf, dafs ein ficheres Wiffen der hiezu"( zur Gefchichte) , nöthigen geographifchen Verhältniffe mit dem hiftorifchen Unterrichte in Verbindung zu ftehen hat".„ Die geographifchen Kenntniffe werden aber im Ober gymnafium dadurch gefichert, indem von jedem im Verlaufe der Gefchichte vorkommenden Orte feine Lage beim Vortrage an der Wandkarte gezeigt und die Angabe derfelben bei der Wiederholung vom Schüler verlangt wird." Und als follte die Geographie nichts Anderes enthalten, als eine dürre Lifte von Namen, fügt der Entwurf den Troft und die Beruhigung hinzu: ,, Wenn der geographifche Unterricht in der Verbindung mit der Gefchichte auch ein Paar einzelne Namen weniger einprägen follte, als bei felbftftändiger, abgefonderter Behandlung, fo wird dagegen das, was gelernt wird, durch die Verbindung, in welche es unmittelbar tritt, zu einem fefteren Eigenthum der Schüler, das fich dann leicht genug bei Gelegenheit im Speciellen erweitern läfst." " In diefem Punkte leidet der fonft einen wefentlichen Fortfchritt bezeichnende Organifationsentwurf vom Jahre 1849 noch an dem altererbten Uebelftande", dafs der Unterricht in der Geographie demjenigen in der Gefchichte beinahe vollständig untergeordnet blieb. Die oft genug und rafch wechselnden geographifchen Daten der Staatengefchichte follten den Mafsftab bilden für die auf dauernderen Verhältniffen bafirende allgemeine Geographie. Die Erdkunde, die weltumfaffende, follte fich nur in den engeren Kreis der Kunde einzelner Staaten einzwängen. Der Hemmfchuh, welcher hiemit der Geographie angehängt wurde, war um fo fchwerfälliger und fchmerzlicher zu empfinden, als das Studium und die didaktifche Behandlung der Gefchichte in den öfterreichifchen Schulen damals felbft noch fehr Vieles, wenn nicht Alles zu wünfchen übrig liefs, als es felbft den rechten Boden für feine Entwicklung erft fchaffen musste. Dafs auf folcher Grundlage für die Geographie kein Gewinn zu erzielen war, konnte nicht zweifelhaft fein. Und wenn in der darauffolgenden Periode gleichwohl an einzelnen öfterreichifchen Lehranstalten ein Auffchwung diefer Disciplin zu verzeich nen ift, fo ift diefs wenigftens theilweife dem Umftande zuzufchreiben, dafs diefe und jene Lehrer der Gefchichte, von dem Organifationsentwurfe abfehend, beim eigentlichen Unterrichte in der Geographie nach Grundfätzen vorgegangen find, welche weniger in der Staatengefchichte als in den natürlichen Verhältniffen unferes Planeten ihre Wurzel haben. Geographifche Lehrmittel. 7 Wenn deffen ungeachtet der ,, Entwurf" auch für den geographifchen Unterricht an den Gymnafien belebende Principien enthält und ihm neue, wahrhaft zeitgemäfse Elemente zuführt, fo find diefelben nicht in der Gruppe der Staatengefchichte, fondern in den naturgefchichtlichen und phyfikalifchen Fächern zu fuchen, welche, bis dahin von den Gymnafien ferne gehalten, in den Lehrplan diefer Anftalten aufgenommen worden find. Innerhalb diefer Gruppen follen in entsprechender Weife phyfifche Geographie, Geognofie, Meteorologie, geographifche Verbreitung der Pflanzen, der Thiere und fo weiter gelehrt werden. Mehr Nachdruck auf die Geographie legte der Organiſationsentwurf für die Realfchulen. Doch wurde fie auch hier nicht von ihrer Verbindung mit der Gefchichte emancipirt, und ift der Schwerpunkt des Gewinnes, den fie auf diefem Boden errungen, wie in den Gymnafien, bei den naturwiffenfchaftlichen Fächern zu fuchen. Für die Gefchichte der erdkundlichen Wiffenfchaft und zugleich des geographifchen Unterrichtes in Oefterreich find ferner drei Thatfachen als befonders Diefe find: die einflussreich, oder vielmehr epochemachend zu bezeichnen. Gründung der geologifchen Reichsanftalt( 1849), der Centralanft alt für Meteorologie und Erdmagnetismus( 1852) und die Creirung einer Lehrkanzel für Geographie an der Wiener Univerfität. Die Lehramts Candidaten für die hiftorifch- geographifche Gruppe hatten bisher in Oefterreich keine Gelegenheit, fich auf fachmännifche Weife und fyftematifch für den Unterricht in der Geographie zu qualificiren. Die Errichtung der Lehrkanzel für Geographie an der Wiener Hochfchule, überhaupt die erfte Lehrkanzel diefer Art in Oefterreich, konnte demnach eine grofse Lücke im öffentlichen Studienwefen ausfüllen. Entfprang diefes Ereignifs auch nicht einem beftimmt angelegten, weiter hinauszielenden Plane, war es vielmehr nur einem glücklichen Zufammentreffen. günftiger Umftände zu verdanken, fo wurde es doch dadurch um fo bedeutungsvoller, dafs Profeffor Friedrich Simony, der den Lehrftuhl einnahm, den Gegenftand vorzugsweife von der bis dahin vernachläffigten, phyfikalifchen Seite zu behandeln anfing und den Hauptaccent auf die phyfifche Geographie legte. Simony ift den Befuchern der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung der Weltausstellung, fowie den Lefern des kartographifchen Berichtes durch feine allgemein anerkannten Leiftungen hinlänglich bekannt. Leider ift die geographifche Lehrkanzel in Wien durch volle zwei Decennien in Oefterreich die einzige geblieben und felbft heute haben fich noch nicht alle vaterländifchen Hochfchulen einer folchen zu erfreuen. Dagegen ift in Wien diefer Tage eine zweite errichtet und mit dem durch hervorragende Arbeiten über Meteorologie und phyfikalifche Geographie rühmlichft bekannten Dr. Julius Hann befetzt worden. Neben und nach den beiden genannten Anftalten für Geologie und Meteorologie find in Oefterreich noch andere zahlreiche wiffenfchaftliche Gefellfchaften und Vereine entstanden, welche alle mehr oder weniger direct oder indirect der Geographie und der Erdkunde dienftbar find. Um blos einige von denjenigen zu nennen, welche ihren Sitz in Wien haben: fo wurde 1851 die zoologifch- botanifche Gefellfchaft, 1856 die k. k. geographifche Gefellfchaft, 1863 die öfterreichifche Gefellfchaft für Meteorologie, 1871 die anthropologifche Gefellfchaft und viele andere gegründet. Dazu kommen an den Univerfitäten und technifchen Hochfchulen die Lehrkanzeln für verfchiedene Zweige der Phyfik und Naturgefchichte, der Aftronomie, der Geognofie, der Geologie, der Ethnographie und vergleichenden Sprachwiffenfchaft und andere. Das find zahl- und inhaltreiche Quellen, aus denen der Geographie und dem geographifchen Unterrichte ohne Unterbrechung immer neue wiffenfchaftliche Nahrung zufliefst und mittels der dazu berufenen 8 Dr. R. Perkmann. Lehrorgane, in entſprechender Zubereitung durch die verfchiedenen Abftufungen der Schule, durch diefe aber auch allmälig in alle Schichten der Bevölkerung hinausftrömt. Allerdings follte auch der geographifche Unterricht an den öfterreichifchen Lehranftalten, namentlich auf den niederen Stufen, fich nicht fo ganz frei und ungeftört entfalten können. Es gibt Staaten, wo das rein intellectuelle Leben in der Schule, wie in einem Heiligthume, unabhängig und ungehindert von den jeweiligen ftaatlichen und kirchlichen Richtungen, wenn auch langfamen Ganges, dafür aber harmoniſch fortfchreiten und fich immer reicher geftalten kann. In Oefterreich aber zeigt fich die eigenthümliche, aber aus den Verhältniffen leicht erklärliche Erfcheinung, dafs fich die verfchiedenen nationalen, politifchen und kirchlichen Parteien, die fortfchrittlichen, wie die rückfchrittlichen, immer mit Eifer, ja vielfach mit Leidenfchaft und Fanatismus auf das Schulwefen, gleichfam die wichtigfte ftrategifche Pofition im Kampfe um ihr ganzes Sein und Nichtfein, werfen und fich des entfcheidenden Einfluffes auf dasfelbe zu bemächtigen fuchen. Um diefen Punkt tobt der Kampf am heftigften. Rückfchritt und Fortfchritt gefchehen nicht rhythmifch, fondern immer ftofsweife. Doch fehlt auch hier nicht jener univerfelle Regulator, den jedes„ Zuviel" im natürlichen, wie im gefellfchaftlichen und geiftigen Leben in fich felbft trägt, und fchützt jedesmal gegen vollſtändige Vernichtung wie gegen fchädliche Ueberftürzung, bis der Sturm fich endlich zu legen beginnt und das wiffenfchaftliche und culturelle Element, dem fchliesslich allerwärts der Sieg zufallen mufs, einer ruhigeren Entwicklung fich hingeben kann. Die Angriffe welche zu Anfang der Fünfziger- Jahre gegen die neuen Einrichtungen im öfterreichischen Schulwefen unternommen worden find, waren vorzugsweife gegen die„ Realien", fomit direct und indirect auch gegen die Geographie gerichtet. Hinfichtlich der Volksfchule fehen wir einen Erlafs des Minifteriums für Cultus und Unterricht, der nahezu gleichzeitig mit den Artikeln des Concordates veröffentlicht worden ift, um ein volles halbes Jahrhundert zurückgreifen und felbft dasjenige aus der Schule hinausweifen, was fogar die alte politifche Schulordnung" vom Jahre 1805 noch geduldet hatte. Doch auf dauernde Erfolge konnte eine folche Richtung im Staatsleben unmöglich mehr rechnen. Innere und äufsere Urfachen, wiffenfchaftliche und politifche Factoren wirkten zufammen, um endlich das gefammte Schulwefen auf den Principien aufzubauen, welche die heutige Wiffenfchaft und das moderne Leben fordern und alle Elemente ferne zu halten, welche dem Gedeihen der neuen Schöpfung hinderlich fein könnten. In den Lehrerkreifen aller Grade entfaltete fich ein reger Eifer für Wiffenfchaft und Lehramt, und was hier gleichfam im Stillen vorbereitet wird, das fehen wir bald, zuvörderft unter dem Schutze einzelner Gemeinden, in die Oeffentlichkeit hinaustreten und die Sanction der Staatsregierung erlangen. Die erfte Gemeinde des Reiches, die Grofscommune Wien, darf mit Recht ftolz fein auf den Antheil, welchen fie an der Um- und Neugeftaltung des Unterrichtswefens in Oefterreich genommen hat. Nach der neueren Organiſation der Wiener Communalfchulen findet auch die Geographie wieder in der Volksfchule ihre Stelle, und zwar auf Grundlage der phyfikalifchen Seite. Halten wir den Lehrplan für die fechs claffige Schule im Auge, fo wird in der erften und zweiten Claffe dem geographifchen Unterrichte durch den Anfchauungsunterricht vorgearbeitet. In der dritten Claffe foll er an der Hand des Lefebuches ,, die Kinder mit den wichtigften heimatlichen Producten aller drei Naturreiche bekannt machen, die am häufigsten wiederkehrenden Naturerfcheinungen, namentlich die klimatifchen und Witterungsverhältniffe des Ortes, die Tages und Jahreszeiten, den Kreislauf des Waffers u. dgl. befprechen, zum Lefen eines Planes der Schule und ihrer Umgebung, des Gemeindebezirkes u. f. w. anleiten und aus der Kenntnifs der engften Heimat die einfachften erdkundlichen Grundbegriffe entwickeln". In der vierten " Geographifche Lehrmittel. 9 Claffe wird überfichtlich das Gefammtvaterland befprochen und mit einer Befchreibung der Erdtheile mit Rückficht auf Grundgeftalt, Hauptgebirge, Ströme und Bevölkerung gefchloffen". Für die fünfte und fechste Claffe wird als Lehrziel aufgeftellt:„ Die überfichtliche Bekanntfchaft mit dem Erdkörper nach Geftalt, Gröfse und Bewegung, nach der Vertheilung der grofsen Land- und Waffermaffen, dem Klima und der Lagerung der Thier- und Pflanzenwelt; die genauere Kenntnifs Europas, insbefondere Mitteleuropas und fpeciell Oefterreichs. Aus der politifchen Geographie ift nur das Wichtigfte mitzutheilen, fchliefslich jedoch eine Ueberficht der Grundzüge der öfterreichifchen Verfaffung zu geben." 99 Nach der„ Schul- und Unterrichtsordnung für die allgemeinen Volksfchulen" vom 20. Auguft 1870 hat der Unterricht in den Realien das Wiffenswürdigfte aus der Naturkunde, der Geographie und Gefchichte ins Auge zu faffen. Hiebei ift der Grundfatz feftzuhalten, dafs fich diefer Unterricht auf den unteren und mittleren Stufe zunächft an die Fibel und die SchulLefebücher anfchliefst, und dafs er erft auf den oberen Stufen felbftftändig auftritt." Was fpeciell den geographifchen Unterricht betrifft, fo wird das Lehrziel desfelben in Paragraph 58 folgendermafsen definirt: Ueberfichtliche Kenntnifs der Heimat und des Vaterlandes nach phyfifchen und topifchen, ethnographifchen und politifchen Verhältniffen; Kenntnifs des Wichtigften über Europa und die übrigen Erdtheile mit Hervorhebung der Bodenverhältniffe; Verftändnis der naheliegenden Erfcheinungen, die aus der Geftalt, Stellung und Bewegung der Erde hervorgehen. Den Ausgangspunkt des Unterrichtes bildet der allmälig unter den Augen der Schüler fich entwickelnde Plan des Wohnortes und feiner Umgebung; daran fchliefst fich die allmälige Einführung in das vollſtändige Verſtändnifs der Karte." Zu gleicher Zeit hat das Minifterium für Cultus und Unterricht den Lehrplan für die neu errichteten dreiclaffigen Bürgerfchulen veröffentlicht. Derfelbe ftellt als Ziel des geographifchen Unterrichtes auf:" Kenntnifs des Wichtigften aus der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Ueberfichtliche Kenntnifs Europas und der übrigen Erdtheile. Genauere Kenntnifs der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie und des Heimatlandes. Kenntnifs der Reichsund Landesverfaffung." Hinzugefügt wird die Bemerkung, dafs„ der Unterricht fo viel als möglich vergleichend vorzugehen" habe. Für die einzelnen Claffen ift der Lehrftoff vertheilt, wie folgt: I. Claffe. Verftändnifs des Globus und der Karte. Ueberficht der Erdtheile nach horizontaler und verticaler Gliederung, nach ethnographifchen und politifchen Verhältniffen. II. Claffe. Geographie Europas nach Naturverhältniffen und Bewohnern und mit Bezug auf materielle und geiftige Cultur. III. Claffe. Eingehende Betrachtung der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie; Kenntnifs der Verfaffung derfelben. Reiche Nahrung findet die Geographie und die Erdkunde in der modernen Volks- und Bürgerfchule auch durch den Unterricht in der Naturgefchichte und Phyfik. An den Gymnafien hätte der Unterricht in der Geographie nach den Grundfätzen des Organiſationsentwurfes vom Jahre 1849 ertheilt werden. follen. Wo diefelben befolgt wurden, war an einen Auffchwung diefes Unterrichtszweiges nicht zu denken; im Gegentheile wäre, wenn ein folcher gegen die vormärzliche Zeit überhaupt noch möglich war, ein weiterer Verfall unvermeidlich gewefen. Die Klagen über die Mangelhaftigkeit des geographifchen Wiffens der abfolvirenden Gymnafiaften wurden von Jahr zu Jahr lauter, der Ruf nach Reorganifation und Verbefferung des geographifchen Unterrichtes immer ftärker. In dem Beftreben, den Anforderungen der Zeit nach und nach gerecht zu werden, fehen wir wieder die Grofscommune Wien vorangehen, und zwar an den von ihr( 1864) 3 • 10 Dr. R. Perkmann. errichteten Realgymnafien. Ihrem Beiſpiele folgte auch die Regierung, und mit Erlafs vom 12. Auguft 1871 wurde der geographifche Unterricht einigermassen verbeffert und erweitert. Im Untergymnafium erhielt er für alle Claffen einen eigenen Lehrplan, in eigenen Lehrftunden, mit eigenen Penfa, welche jedoch nach Mafsgabe der gleichzeitigen Penfa der Gefchichte vertheilt find. Diefer Lehrplan lautet: Lehrziel: Kenntnifs der Erdoberfläche nach ihren wichtigften natürlichen und politifchen Abgrenzungen und Umriffen mit befonderer Hervorhebung der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie. I. Claffe. 3 Stunden. Fundamentalfätze der mathematifchen Geographie, foweit diefelben zum Verftändnifs der Karte unentbehrlich find und in elementarer Weife erörtert werden können. Befchreibung der Erdoberfläche mit Bezug auf ihre natürliche Befchaffenheit und die allgemeinen Scheidungen nach Völkern und Staaten. Das Kartenlefen und Kartenzeichnen. II. Claffe. 2 Stunden. Specielle Geographie von Afien und Afrika Eingehende Befchreibung der verticalen und horizontalen Gliederung Europas und feiner Stromgebiete, ftets an die Anfchauung und Befprechung der Karte geknüpft; fpecielle Geographie von Süd- und Weft Europa.( Der gefchichtliche Unterricht hat in diefer Claffe, das Alterthum" zu behandeln, ift fomit im Allgemeinen auf Weft Afien, Nord- Afrika und Süd Europa angewiefen.) III. und IV. Claffe. 1. Semefter. 2 Stunden, Specielle Geographie des übrigen Europas, jedoch mit Ausfchlufs der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie; dann Geographie von Amerika und Auftralien.( In der Weltgefchichte wird, das Mittelalter" behandelt.) IV. Claffe. 2. Semefter. 4 Stunden. Specielle Geographie der öfterreichischungarifchen Monarchie. 27 Im Obergymnafium findet die Geographie bis jetzt noch keine felbftftändige Behandlung, jedoch werden im Anfchluffe an den Unterricht in der Gefchichte die Hauptmomente der Völker- und Staatenkunde der Gegenwart dargestellt und im 2. Semefter der VIII. Claffe wird bei 3 wöchentlichen Lehrftunden gegeben eine„ eingehende Schilderung der wichtigften Thatfachen über Land und Leute, Verfaffung und Verwaltung, Production und Cultur der öfterreichiſch ungarifchen Monarchie unter fteter Vergleichung der heimifchen Verhältniffe und derjenigen anderer Staaten, namentlich der europäiſchen Grofsftaaten". Gleichfalls in der VIII. Claffe wird aufserdem noch ein eigener Curfus der allgemeinen Erdkunde" durchgenommen. Doch ift der erdkundliche Unterricht auch an den Gymnafien nicht auf die ,, hiftorifch- geographifche Gruppe" befchränkt. Reichen Zuflufs an intellectuellem Materiale erhält er aus den Fächern der Naturgefchichte und der Phyfik. Schon der öfters erwähnte Organiſationsentwurf von 1849 hat diefe Richtung des naturwiffenfchaftlichen Unterrichtes mit Nachdruck, ja in übertriebenem Grade betont. Aber auch die Gegner der neuen Studienordnung, namentlich der Naturwiffenfchaft. gingen in ihrem Eifer für die Ausweifung diefes Theiles der Unterrichtsgegenstände aus dem Lehrplane für Gymnafien viel zu weit, fo dafs fchliesslich aus dem Streite entgegengefetzter Meinungen und Wünfche doch ein erhebliches Quantum für die geiftige Ausbildung der Schüler gerettet werden konnte. Obwohl die Geographie an den Realfchulen im Allgemeinen mehr berücksichtigt wurde, fo ift es doch auch hier noch nicht gelungen, fie fo felbftftändig zu machen, wie es ihre wiffenfchaftliche, didaktifche und pädagogische Aufgabe erfordert. Sie wird auch hier noch als„ halber" Gegenftand bezeichnet. Aber in einem Punkte zeigt fich ein wenngleich fcheinbar unbedeutender, in der That aber nicht unwefentlicher Unterſchied vom Gymnafium zu Gunften des Faches, und diefer liegt darin, dafs die Lehramtscandidaten auch abgefondert von der hiftorifchen Gruppe die Prüfung zum Zwecke der Lehrbefähigung für Geographie innerhalb der naturwiffenfchaftlichen( naturgefchichtlichen) Abtheilung machen Geographifche Lehrmittel. 11 dürfen. Was aber heute noch facultativ ift, das wird mit der Zeit hoffentlich nicht blos für die Realfchule, fondern auch für das Gymnaſium obligatorifch werden, wenn es nicht fchliefslich gar dahin kommen follte, dafs für die Geographie vollends eine eigene Gruppirung angeordnet wird. ንን Der fpecielle Lehrplan für die Realfchule ift demjenigen für das Gymnafium ähnlich, nur foll hier auch auf die gewerblichen und commerciellen Verhältniffe und Beziehungen der Staaten befonders Rückficht genommen werden. In der Phyfik wird als Lehrziel angegeben: für die unteren Claffen eine durch das Experiment vermittelte Kenntnifs der leichtfafslichften Naturerfcheinungen und ihrer Gefetze", für die oberen Claffen: ,, Verſtändnifs der bedeutendften Naturerfcheinungen und Naturgefetze, durch den elementar- mathematifchen Beweis gefichert; ferner Anwendung diefer Lehren auf das Gefammtbild der Erde, als eines aus Naturkörpern zufammengefetzten, einheitlichen, gefetzmäfsig entwickelten Ganzen". Aus der Naturgefchichte, die, wie die Phyfik, abgefehen von ihrer fonftigen Selbftftändigkeit, als eine unerlässliche Hilfswiffenfchaft für die Erdbefchreibung und Erdkunde angefehen werden mufs, weist der Lehrplan für die VII. Claffe u. A. Geognofie und Grundzüge der Geologie auf, verlangt ferner das Wichtigfte aus der Klimatologie, der Phyto- und Zoogeographie, oder geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere. Zur Heranbildung von Lehrkräften waren früher die„ Präparandien" beftimmt, wo die Schüler in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit, fogar in fechs, ja drei Monaten, fich alle Kenntniffe aus den verfchiedenen Gegenftänden aneignen follten, in welchen fie fpäter felbft zu unterrichten hatten. Bei der äufserft dürftigen Vorbildung, welche die Zöglinge in diefe Lehrerfchule mitzubringen pflegten, ift es begreiflich, dafs damit felbft den befcheidenften Anfprüchen kaum genügt werden konnte. Bei Lehrern, welche ihre didaktifche und pädagogifche Bildung an folchen Präparandien genoffen haben und noch jetzt im Lehramte thätig find, darf es nicht Wunder nehmen, wenn ihnen die Geographie, wenigftens in ihrer neueren Geftalt, vollständig fremd ift. Da kann leicht möglich fein, was erft neulich vorgekommen, dafs ein Lehrer, als ihm von Seite der Schulbehörde eine fogenannte ,, ftumme" Karte von Sydow zum Gebrauche für den Unterricht überreicht wurde, die claffifche Erklärung abgab:„ Solche Karten kann man ja nicht brauchen, es fteht ja gar nichts d'rauf!!" Die neu errichteten Bildungsanftalten für Lehrer und Lehre rinen umfaffen vier Jahrgänge. Der Lehrplan, in der Verordnung des Minifteriums für Cultus und Unterricht vom 19. Juli 1870 definitiv feftgefetzt, beftimmt den Unterrichtsgang in der Geographie, wie folgt: Ziel: Verftändnifs der Karte und des Globus, Kenntnifs der Erdoberfläche in phyfikalifcher und politifcher Hinficht nach den wichtigſten Momenten, insbefondere Europas und fpeciell Mitteleuropas; einige Uebung im Kartenzeichnen. I. Claffe, wöchentlich 2 Stunden. Das Wefentlichfte aus der mathematifchen und phyfifchen Geographie mit vorwiegender Rückficht auf die nächfte Umgebung. Heimatkunde. Ueberfichtliche Kenntnifs der Erdoberfläche. Land und Waffer. II. Claffe, 2 Stunden. Elemente der Völker- und Staatenkunde. Die europäifchen Länder. III. Claffe, 2 Stunden. Die aufsereuropäiſchen Länder. IV. Claffe, 2 Stunden. Wiederholung des gefammten Lehrftoffes. Methodik des geographifchen Unterrichtes in der Volksfchule, insbefondere Anleitung, wie der Lehrer Heimatkuude zu behandeln hat. Ausserdem enthält diefelbe Verordnung unter dem Artikel ,, Naturgefchichte" die für Geographie wichtige Beftimmung:„ Den Schlufs des naturgefchichtlichen Unterrichtes foll die phyfikalifche Geographie bilden, wobei das in den verfchiedenen Zweigen des naturwiffenfchaftlichen Wiffens Gelehrte zufammengefafst und die gegenfeitige Bezie3* 12 Dr. R. Perkmann. hung und Ergänzung der auf unferem Planeten befindlichen Körper dargelegt werden foll. Es find hiebei vornehmlich die Wirkungen des Waffers in geologifcher Hinficht zu berücksichtigen, und ift die Architektonik der Erdrinde, die geologifche Entwicklung des Erdkörpers und die geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere darzulegen." Nach dem fpeciellen Lehrplane wird in der vierten Claffe, bei zwei wöchentlichen Unterrichtsftunden, vorgetragen: Allgemeine Begriffe der Geologie. Verbreitung der Thiere und Pflanzen mit Rückficht auf die phyfikalifchen Lebensbedingungen. Endlich beftimmt die Verordnung, dafs beim Unterricht in der Phyfik auf die Begründung der meteorologifchen Erfcheinungen und auf die mathematifche Geographie überall Rückficht zu nehmen fei. Seit der Neugeftaltung des Unterrichtswefens und feit der Aufhebung des Schulbücherzwanges hat fich auch bezüglich der Lehrbücher für Geographie eine reiche Literatur in Oefterreich entfaltet. Ein Theil davon war in der Ausftellung vertreten. Die Mehrzahl, namentlich die meiften von den älteren Werken haben fich von einer langgewohnten Schablone noch nicht loszumachen vermocht; fie behandeln überwiegend die choro- und topographifche Seite, wobei nicht felten durch eine für die betreffenden Lehrftufen zu grofse Anhäufung von Details und ftatiftifchen Daten das eigentliche Bedeutungsvolle getrübt und dasfelbe vor den noch ungeübten Augen des Schülers durch weniger Bedeutendes in den Hintergrund gedrängt wird. Von der vielfach noch herrfchenden Unficherheit in der Auswahl oder von dem Mangel an geeigneten Lehrbüchern für die einzelnen Lehrftufen mag unter Anderem als ein fprechendes Anzeichen dienen, dafs ein bekannter, bereits in vierzehnter Auflage erfchienener„ Leitfaden" in allen Claffen an Gymnafien und Realfchulen, aber auch an Lehrer- Bildungsanftalten und felbft an Bürgerfchulen verwendet wird. Aehnliches war der Fall mit einem noch 1873 in einundzwanzigfter Auflage erfchienenem, Lehrbuche der Geographie", welches erft jetzt mehr und mehr zurückgedrängt wird durch zeitgemäfsere Arbeiten. In den neueren Lehrbüchern ift jedoch vielfach ein entfcheidender Fortfchritt wahr zunehmen, der noch um fo bedeutungsvoller erfcheint, wenn man auf die Stellung zurückblickt, welche die Geographie und der geographifche Unterricht noch bis, vor kurzer Zeit an öfterreichifchen Lehranstalten einzunehmen verurtheilt gewefen ift. In den unteren Claffen der Volksfchule foll das Verftändnifs für geographifche Aufgaben durch den Anfchauungsunterricht vorbereitet werden. In den nächften Claffen vertreten noch die Lefebücher die Stelle der eigentlichen Lehrbücher. Die Ausftellung hat mehrere derfelben enthalten. Das ,, Sprach- und Lefebuch für Volksfchulen" vom k k. SchulbücherVerlag. Die zahlreichen Erzählungen von wunderbaren Dingen, welche die früheren officiellen Lefebücher ausfüllten, find nun gröfstentheils aus denfelben verfchwunden und haben naturgemäfsen Darftellungen Platz gemacht. Das angeführte Buch enthält einen eigenen Abfchnitt für einfache und kurze Schilderungen aus der Natur- und Erdkunde; es befpricht die gewöhnlichften Erfchei nungen des Tages und des Jahres und gibt eine gedrängte Skizze von OefterreichUngarn, von der Donau, von den Alpen, von den Gletfchern. Für jede Claffe der Volks- und Bürgerfchule ein eigenes Lefebuch hat der Bürgerfchuldirector und k. k. Volksfchul- Infpector in Wien, Franz Mair, herausgegeben unter dem Titel: Lefebuch für die Volks und Bürgerfchulen Oefterreichs.( Wien, bei Sallmayer und Comp.) In den unteren Claffen ift das gleiche Buch für Knaben und Mädchen; von der vierten Claffe an aber find eigene Lefebücher für die Knaben und eigene für die Mädchenfchule. Sie enthalten gut gewählte Lefeftücke über Natur-, Länder- und Völkerkunde, mit paffenden Skizzen und monographifchen Schilderungen, wobei befonders Oefterreich, dann Deutfchland berücksichtigt find. Ferner find vorgelegen fieben Bände des Lefebuches Geographifche Lehrmittel. 13 für Volks- und Bürgerfchulen von M. Binftorfer, H. Deinhardt und Ch. Jeffen, eine reiche Sammlung ausgezeichneter und je den Lehrstufen angemeffener Lefeftücke, deren Werth für den Unterricht noch dadurch erhöht wird, dafs fie vielfach von bildlichen Darftellungen begleitet find. Für die Mittelfchulen war namentlich vorhanden das deutfche Lefebuch" von Alois Neumann und Otto Gehlen, vierte Auflage( die fünfte ift unter der Preffe), mit einer ebenfo reichen als forgfältig gewählten, den beften Autoren entnommenen Sammlung von Befchreibungen und Schilderungen aus allen Reichen der Natur, für Geographie, Ethnographie, Zoologie, Botanik und Phyfik. 99 Von eigentlichen Lehrbüchern war in der Ausftellung am stärksten vertreten die Heimatkunde. Bereits haben die meiften Provinzen und Theile der Gefammtmonarchie ihre topo- und chorographifche Bearbeitung gefunden, Nieder- Oefterreich in Jul. Ergenzinger und in Fr. W. Schubert, OberOefterreich in K. Schuller, Steiermark in Dr. Fr. Ilw of, Mähren in M. La ber und in W. Wanek, Böhmen in R. Werner, Ungarn in J. H. Schwicker. Die Befchreibung von Oefterreich- Ungarn haben A. Steinhaufer, der bewährte Meifter in der Kartographie, ferner Bl. Kozenn, E. Hannak, Fr. Schmitt und Andere unternommen. Von denjenigen, welche die allgemeine Geographie bearbeitet haben, feien befonders genannt: G. Herr, " Lehrbuch der vergleichenden Erdbefchreibung". Diefes Werk, von dem erft der erfte Curfus vorlag, verfpricht namentlich den phyfifchen Theil der Geographie ausführlicher zu behandeln, und ift fomit beftimmt, eine wefentliche Lücke auszufüllen und dem geographifchen Unterrichte feine naturgemäfse Grundlage zu geben. Speciell hervorgehoben zu werden verdient ,, Elemente der Geographie" in Karten und Text, ausgeftellt vom evangelifchen Lehrerfeminar in Bielitz. Andere Lehrbücher lagen vor von dem bereits genannten kaiferlichen Rath Steinhaufer, Fr. W. Schubert, D. Grün, Bl. Kozenn, K. Hafelbach, E. Netoliczka, Lüben, W. F. Warhanek, Hauke, Klun etc. Von einem ganz fpeciellen Gefichtspunkte aus mufs hervorgehoben werden das Werk: Allgemeine Erdkunde, Leitfaden der aftronomifchen Geographie, Meteorologie, Geologie und Biologie. Bearbeitet von Dr. J. Hann, Dr. F. v. Hochftetter und Dr. A. Pokorny. Mit 143 Holzfchnitten im Text und 5 FarbendruckTafeln. Prag. 1872. Verlag von F. Tempsky. Diefes Buch ift weniger dem gegenwärtigen Charakter unferer Mittelfchulen entſprechend; es greift über den Gefichtskreis derfelben hinaus. Dafür zeigt es die Richtung und die Zielfcheibe an, welche der geographifche Unterricht wenigftens nach feiner phyfikalifchen Seite und namentlich auf den höheren Lehrftufen, für die Zukunft im Auge behalten mufs. Wenn es alfo auch nicht ein Lernbuch für die Schüler ift, fo ift es als ein folches mit um fo gröfserem Nachdrucke für die Lehrer der Geographie zu bezeichnen. Nur im Vorbeigehen fei hier die Nebenbemerkung angefügt, dafs auch. Lehrbücher von aufser öfterreichifchen Verfaffern Verwendung finden, befonders die von Daniel, Guthe, Seydlitz. Schliefslich muss noch ein befonderer Zweig der Geographie erwähnt werden, nämlich der Handelsgeographie, obwohl nur ein einziges Buch in der Sammlung einer Wiener Handelsfchule ausgeftellt war, welches diefen Titel führt. Der mittelft Verordnung des Minifteriums für Cultus und Unterricht im Jahre 1873 feftgefetzte Lehrplan für dreiclaffige Handelsfchulen beſtimmt als Lehrziel des geographifchen Unterrichtes:„ eine auf die allgemeine Kenntnifs der phyfikalifchen, topifchen, ethnographifchen, hiftorifchen und politifchen Verhältniffe fich gründende fpecielle Kenntnifs der wichtigeren Productions- und Handelsländer nach all den Richtungen, welche auf den Handelsbetrieb des betreffenden Landes mit anderen Ländern Bezug haben, und im 14 Dr. R. Perkmann. fteten Vergleiche mit den entſprechenden Verhältniffen der öfterreichiſch- ungarifchen Monarchie". Lehrplan. I. Claffe, 3 Stunden wöchentlich. Ueberblick des Wichtigsten aus der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie. Die öfterreichiſch- ungarifche Monarchie. Deutfchland. II. Claffe, 2 Stunden. Das übrige Europa, Afien, Afrika und Auftralien. III. Claffe, 2 Stunden. Amerika. Der Welthandel und deffen culturhiftorifche Bedeutung. Da eine genauere Präcifirung der Behandlung des fpeciellen Gegenstandes nicht gegeben ift, fo fei nur erwähnt, dafs diefer Lehrplan, obwohl für eine Specialfchule beſtimmt, eigentlich nur dasjenige verlangt, was bereits in den unteren Abtheilungen der Mittelfchulen gelernt werden mufs. Falls aber die Schüler in die Handelsfchule jene geographifchen Vorkenntniffe, welche das Gefetz vorfchreibt, auch wirklich mitbringen, dann könnte die Zeit für die Behandlung des fpeciellen Zweiges verwendet werden, und wäre wenigftens in der zweiten und dritten Claffe der Platz, wo auf Grundlage der vorhandenen Vorkenntniffe jene befonderen Partien der Geographie gelehrt werden könnten, welche die unerläfsliche Voraussetzung einer wiffenfchaftlichen Behandlung der Handelsgeographie bilden. Ferner ift das Thema„, die culturhiftorifche Bedeutung des Welthandels" eher für die Handels- Hochfchule geeignet; denn die Culturgefchichte fetzt bei den Schülern Kenntniffe voraus, welche auf diefer Lehrftufe, wie die tägliche Erfahrung zeigt, nur ganz ausnahmsweife vorhanden find. 99 - Die Literatur der Lehrbücher für Handelsgeographie befindet fich noch in einem niederen Stadium der Entwicklung. Von den mehreren, welche diefen Namen tragen, entſprechen nur die allerwenigften dem wiffenfchaftlichen Begriffe und der didaktifchen Aufgabe diefes Faches. Unter den betreffenden Erfcheinungen in Oefterreich kann nur ein einziges Buch angeführt werden, welches das Thema in einer den Anforderungen einer ftrengeren Methode nahekommenden Weife behandelt. Es ift die„ Handelsgeographie für Mittel und Handelsfchulen", von Profeffor Friedrich Körner, früher Director der Handelsakademie in Peft. Zweite, gänzlich umgearbeitete Auflage. Peft 1870. Der Verfaffer fchickt in gedrängtefter Kürze eine Wiederholung der auf einer anderen Lehrftufe bereits behandelten Vorbegriffe aus der allgemeinen Geographie voraus und theilt dann die Erde nicht nach den zufälligen, künftlichen und veränderlichen Begrenzungen der Staaten ein, fondern gruppirt die Länder nach natürlichen Grundzügen, wie folche durch die Befchaffenheit des Bodens, des Klimas und der davon abhängigen Production gegeben find; ferner nach den belebteften Handelsftrafsen und den commerciell wichtigften Meeresbecken. In Hinficht der ftatiftifchen Daten beobachtet er ein fehr weifes Mafs und vermeidet jede Ueberhäufung der fonft fo gern angebrachten Details, welche wohl für Comptoir und Steueramt und bei fpeciellen wiffenfchaftlichen Fragen am Platze fein mögen, für die Schule aber nur geringen und relativen Werth haben, wenn fie nicht gar den Unterricht wefentlich beeinträchtigen. Der Schüler erlangt dafür ein deutliches, zugleich anziehendes und bleibendes Bild von dem commerciellen Verkehre der Ländergruppen und eine lichtvolle Ueberficht über den Welthandel, innerhalb welcher fich dann der Antheil leichter ermeffen läfst, den die einzelnen Staaten an demfelben nehmen. Die in der öfterreichifchen Abtheilung ausgeftellte„ Handelsgeographie" ift zwar auf Grundlage der neueften Forfchungen und Ergebniffe der Statiftik" verfafst, erinnert aber feiner Anlage nach, mutatis mutandis, an die geographifchen Lehrbücher, welche, wie früher bemerkt, vor der Neugeftaltung des öfterreichifchen Unterrichtswefens und vor dem Erfcheinen des Organifationsentwurfes für die Gymnafien vorgefchrieben waren. Bei einer derartigen Vertheilung oder Zerftückelung des handelsgeographifchen Lehrftoffes, noch dazu ohne vorangehende allgemeine Ueberficht dürfte " Geographifche Lehrmittel. 15 es dem Schüler fchwer fallen, die grofse, Maffe kleiner Details zu beherrfchen und von feinem Studium dauernden geiftigen Nutzen zu ziehen. Deutſchland. Im früheren Mittelalter waren die claffifchen Sprachen, insbefondere die lateinifche, dann theologiſche Fächer beinahe ausfchliefslich die Gegenftände des Schulunterrichtes. Allmälig kamen mathematifche und phyfikalifche Zweige hinzu. An diefe fchloffen fich Aftronomie und Kosmographie an, vertreten durch Männer, deren Namen in der Gefchichte der Wiffenfchaft unvergänglich find. Als Deutfchland fich nach den Wirrniffen des dreifsigjährigen Krieges wieder zu fammeln, als es fich aus der Rohheit und Barbarei, in welche es zufolge der langwierigen kirchlich- politifchen Kämpfe verfunken war, wieder zu humanerem Denken und Fühlen emporzuringen begann, lenkte es fein Augenmerk mit erhöhtem Eifer auf die Schule hin. Das gefammte Unterrichtswefen, wenngleich noch auf befcheidener Bafis angelegt, konnte fich wenigftens in einzelnen Staaten Deutſchlands fortan um fo ficherer und harmonifcher entfalten, als es von den Strömungen des politifchen und kirchlichen Lebens nach der Reformation nicht mehr fo nahe berührt und bis in feinen innerften Kern erfchüttert worden ift, wie diefs in anderen Ländern der Fall gewefen. Wenn deffenungeachtet die Schule auch in folchen Staaten Perioden des Stillftandes oder des relativen Rückfchrittes aufzuweifen hat, fo liegen die Urfachen diefer Erfcheinungen weit weniger in gewaltfamen Eingriffen von Factoren, welche wahre Wiffenfchaft und freie Forfchung aus der Schule verbannen oder überhaupt ganz unterdrücken möchten, als vielmehr in einer zeitweiligen Erfchlaffung der eigenen geiftigen Thatkraft und in einem gewohnheitsmäfsigen Beharren bei Anfchauungen, welche nicht in der Unbefangenheit des naturgemässen Denkens und Forfchens liegen. In Folge der epochemachenden Entdeckungen, welche während des vorangegangenen Zeitalters fowohl auf der Oberfläche unferes Planeten, als auch in der Sternenwelt gemacht worden waren, erweiterte fich im XVIII. Jahrhunderte der geiftige Gefichtskreis der Culturvölker des Abendlandes mit rafchen Schritten. Von allen Seiten, auf allen Wegen wurden die Materialien herbeigetragen, welche zu einer genaueren Kenntnifs der Länder und der Völker der Erde führten. In Frankreich, England, Holland, Dänemark und Skandinavien traten Männer auf, welche auf den neuen Grundlagen neue wiffenfchaftliche Syfteme aufzuführen begannen. Wenn fich in Deutſchland im Allgemeinen der Eifer für diefe Arbeiten fpäter regte, fo wurde er dafür um fo intenfiver und lebhafter. Naturforfcher, Philofophen und Gefchichtsfchreiber bemächtigen fich der jungen Schätze, und Herder, getragen von feiner erhabenen Weltanschauung, entwirft mit begeisterten Worten ein leuchtendes Bild von der echten Geographie ein Bild, fo wahr und fo richtig, dafs auch heute noch Gefetzgeber und Lehrer nicht eindringlich genug auf dasfelbe verwiefen werden können, wenn nach dem höheren Ziele gefragt wird, welches dem Lehrer beim geographifchen Unterrichte vor Augen fchweben foll. Carl Ritter und alle feine Geiftesverwandten bis auf unfere Tage haben an der Ausführung des Planes gearbeitet, welchen Herder entworfen hat. Haben diefe Männer mehr die Aufgabe des„ höheren" Unterrichtes verfolgt, fo gab und gibt es zahlreiche andere Arbeiter, welche auf den tieferen Stufen thätig waren und noch thätig find. Die Unterrichtsabtheilung des deutſchen Reiches hat glänzende Belege für die Zuftände feines Schulwefens, fpeciell für Geographie, enthalten. Freilich war die Literatur der Geographie, gerade in neuefter Zeit ungemein bereichert durch vorzügliche Werke verfchiedener Art, verhältnifsmäfsig nur durch wenige Artikel vertreten, wogegen die Lehrmittel im engeren Sinne reichlich vorhanden waren. Auch von den vielen im Buchhandel erfchienenen Lehrbüchern war nur ein fehr kleiner Theil, doch darunter die 16 Dr. R. Perkmann. beften, vorgelegen. Betrachten wir aber zunächft die gefetzliche Organiſation des geographifchen Unterrichtes. Preufsen. In diefem Staate beruht die gegenwärtige Organiſation in Hinficht der niederen Schulen auf den„ Allgemeinen Beftimmungen", welche das königliche Minifterium der geiftlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten am 15. October 1872 erlaffen hat. Zu den Gegenftänden des Unterrichtes in den Volksfchulen gehören die Gefchichte, die Geographie und die Naturkunde. Der geographifche Unterricht beginnt mit der Heimatkunde, fchreitet fort zur Behandlung von Deutfchland und fchliefst daran das Hauptfächlichfte aus der allgemeinen Weltkunde, wie: Geftalt und Bewegung der Erde, Entstehung der Tages- und Jahreszeiten, die Zonen, die Weltmeere, die Erdtheile, die bedeutendften Staaten und Städte der Erde, die gröfsten Gebirge und Ströme. Hiebei ift zur Belebung, Ergänzung und Wiederholung" des Lehrftoffes, der vom Lehrer anfchaulich und frei dargeftellt werden foll, das Lefebuch zu benutzen. Das mechanifche Einlernen von Länder- und Städtenamen und von Einwohnerzahlen ift ftrenge unterfagt. Auf die Anfchaulichkeit wird der Hauptnachdruck gelegt. Man folle lieber den Umfang des Lehrftoffes befchränken, als auf deffen Veranfchaulichung verzichten und den Unterricht in Mittheilung blofser Nomenclatur ausarten laffen. Ferner legt die preuſsifche Schulordnung, mit vollem Rechte, ftrengen Nachdruck auf die häufigen Wiederholungen des Gelernten; diefelben werden in den fpeciellen Lehrplänen auf allen Lehrftufen ausdrücklich gefordert. 27 In Preufsen befteht unter verfchiedenen Benennungen eine beträchtliche Anzahl von Unterrichtsanftalten, welche einerfeits ihren Schülern eine höhere Bildung zu geben verfuchen, als diefs in der mehrclaffigen Volksfchule gefchieht, andererfeits aber auch die Bedürfniffe des gewerblichen Lebens und des fogenannten Mittelftandes in gröfserem Umfange berücksichtigen, als diefs in höheren Lehranstalten regelmäfsig der Fall fein kann. Sie heifsen Stadt-, Bürger-, Rector, Mittel- oder höhere Knabenfchulen und find den Bürgerfchulen in Oefterreich ähnlich. In den allgemeinen Beftimmungen" ift bezüglich der Geographie folgende Vertheilung vorgefchrieben. Der Unterricht beginnt, wie in der Volksfchule, mit der Heimat, aber in erweiterter Behandlung: dabei wird das Wichtigfte über die Erfcheinungen des Luftkreifes vorgenommen, namentlich diejenigen, welche in der Heimat vorzukommen pflegen; ferner der Horizont, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Tages- und Jahreszeiten. Einführung in die kartographifche Darstellung. Dann kommen an die Reihe; die Geftalt und Bewegung der Erde in näher eingehender Behandlung, Entwurf des mathematifchen Netzes, Ueberficht der Continente und Oceane, zuletzt Europa im Allgemeinen, befonders nach feinen phyfifchen Verhältniffen. Diefen Partien folgt weiter das Hauptfächlichfte aus der phyfifchen und politifchen Geographie aller Erdtheile. Dann wird ausführlich Deutfchland und fpeciell Preufsen behandelt. Zum Schluffe findet eine überfichtliche Wiederholung des ganzen Penfums ftatt, wobei die mathematiſche Geographie befonders berücksichtigt werden foll. Falls eine Schule diefer Kategorie aus mehr als fechs Claffen befteht, fo kann aufser einer entſprechenden allgemeinen Erweiterung des Penfums insbefondere eine genauere Darftellung der fremden Länder gegeben werden. Ebenfo haben in letzterem Falle bei der Naturbefchreibung auch Mittheilungen über Bau und Bildung der Erdrinde hinzuzutreten. - Die Lehrerfeminarien find zur Heranbildung von Lehrern beftimmt. Um in ein folches zugelaffen zu werden, mufs der Candidat nachweifen, eine allgemeine Bekanntfchaft mit den Erdtheilen und Weltmeeren, eine nähere Bekanntfchaft mit Europa, und eine fpecielle mit Deutfchland; aufserdem mufs er mit den Hauptbegriffen der mathematifchen Geographie vertraut fein. Geographifche Lehrmittel. 17 Der Lehrplan für den geographifchen Unterricht im Seminar umfafst in der unterften Claffe das Wichtigfte aus der Heimatkunde und aus der allgemeinen. Geographie; ferner eine überfichtliche Kenntnifs der Erdoberfläche; die aufsereuropäiſchen Erdtheile, Kartenlefen. In der mittleren Claffe wird zuerft Europa, fpeciell Deutſchland, fodann mathemathifche Geographie gelehrt; fodann Anleitung zur Ertheilung des geographifchen Unterrichtes in Mufterlectionen und Abnahme von Lehrproben. In der letzten Claffe Fortfetzung der methodifchen Anleitung, namentlich in Bezug auf die unterrichtliche Verwerthung von Atlanten, Wandkarten, Globen, Tellurien und anderen Veranfchaulichungsmitteln. Aufserdem wird bei der Naturbefchreibung in der mittleren Claffe über Bau, Leben und geographifche Verbreitung der Pflanzen vorgetragen und in der oberften Claffe eine Ueberficht über den Bau der Erdrinde gegeben. An Gymnafien find für die beiden unterften Claffen( VI und V) je zwei Stunden wöchentlich der Geographie gewidmet. Bei paffender Gelegenheit follen geeignete hiftorifche Notizen„ eingeftreut" werden. An Anftalten, wo in diefen beiden Claffen keine Naturgeschichte gelehrt wird, foll Geographie an deren Stelle treten, wobei aber der Lehrer diefen Gegenftand befonders durch Berückfichtigung des naturgefchichtlichen Stoffes zu beleben und dadurch nach diefer Seite hin den Gefichtskreis der Schüler zu erweitern hat.- Der fpecielle Lehrplan fordert, dafs in der VI. Claffe die allgemeinen Grundlagen der phyfifchen und mathematifchen Geographie kurz veranfchaulicht werden, dafs ferner eine oro- und hydrographifche Ueberficht der Erdoberfläche gegeben werde und zwar mit gelegentlicher Anknüpfung geeigneter Mittheilungen aus den Sagen, aus der Gefchichte, aus dem Natur- und Menfchenleben. Ausserdem Orientirung am Globus und auf den Landkarten. In der V. Claffe foll zunächft das Penfum aus der VI. Claffe wiederholt werden. Nach diefer Wiederholung folgt eine fpeciellere Ueberficht über die Erdtheile, ferner über die Hauptländer Europas, aufser Deutſchland, mit den wichtigften Gebirgen, Flüffen und Städten, Anleitung zum Kartenzeichnen, Anknüpfung gefchichtlicher und anderer Mittheilungen wie in der vorausgegangenen Claffe. In der Quarta beginnt neben der Geographie auch der Unterricht in der Gefchichte und find für beide Gegenftände zufammen drei Stunden wöchentlich beftimmt. Im geographifchen Theile wird zuerft eine Wiederholung von Europa vorgenommen, dann fpeciell Deutfchland und zuletzt ausführlich Preufsen behandelt. In Untertertia: kurze Wiederholung des Penfums aus der IV. Claffe, dann weitere Behandlung Deutſchlands und Preufsens. Hierauf werden wieder die übrigen Länder von Europa, aber in Verbindung mit den zu Europa in näherer Beziehung ftehenden aufsereuropäiſchen Ländern vorgenommen. In Obertertia Wiederholung und Erweiterung des Penfums aus dem vorangegangenen Curfe mit Wiederholung aller in den früheren Claffen behandelten Partien. In der Secunda und Prima fchliefst fich der geographifche Unterricht an den gefchichtlichen fo an, dafs zur Gefchichte des Alterthums die geographifchen Verhältniffe der betreffenden Länder dargestellt werden. Namentlich wird in Oberfecunda ein geographifches Bild des ganzen Imperium Romanum gegeben. Zugleich aber werden in regelmäfsigen Intervallen Repetitionen der wichtigeren Theile der ganzen in den unteren Claffen behandelten Geographie abgehalten, und hat in Prima der Lehrer der Phyfik auch die mathematifche Geographie in den Kreis feiner Darſtellung hineinzuziehen. An den Realgymnafien unterfcheidet fich der geographifche Unterricht von jenem an den Gymnafien durch eine ftärkere Betonung der phyfikalifchen, naturgefchichtlichen, culturellen und commmercielle n Momente, wie Productenkunde, geographifche Vertheilung der Pflanzen- und Thiergattungen über die Erdoberfläche, Gewerbe, Handelsverkehr, Culturverhält. 18 Dr. R. Perkmann. niffe, Gefchichte der Geographie mit Berücksichtigung der geographifchen Entdeckungen und der Erweiterung des Weltverkehrs. Ferner werden Erklärungen aus Paläontologie, Geognofie und Geologie gegeben und das Wichtigfte aus der populären Aftronomie gelehrt. Zu bemerken ift, dafs in der VI. Claffe des Realgymnafiums die naturwiffenfchaftlichen Belehrungen über Thiere und Pflanzen auch gänzlich mit dem geographifchen Unterrichte verbunden werden dürfen. An den Realfchulen erhält der felbftftändige Unterricht in der Geographie, wie es der Beftimmung diefer Lehranstalten entſpricht, eine weitere Ausdehnung, als es am Gymnafium der Fall ift. Als Lehrziel ift hiefür aufgeftellt: eine klare Einficht in die phyfifchen, klimatifchen und die damit zufammenhängenden Productionsverhältniffe der Erde im Allgemeinen und der wichtigeren Länder insbefondere; ferner foll auf Ethnographie, auf die culturgefchichtlichen Momente, auf die gewerblichen und commerciellen Zuftände Rückficht genommen werden. In einem vom 6. Juni 1859 datirten Erlaffe des königlichen Minifteriums wird in charakteriftifcher Weife befonders darauf aufmerkfam gemacht, dafs die naturwiffenfchaftlichen Fächer des Lehrplanes für Realfchulen dem Lehrer der Geographie reiche Gelegenheit darbieten, feinen Unterricht auch zu weiteren Anregungen zu benutzen und die Wechfelbeziehungen zwifchen verfchiedenen Lehrobjecten lebendig hervortreten zu laffen. Insbefondere feien die ,, vier geographifchen Elemente" und ihre Einwirkung auf einander zu verdeutlichen: das Starre nach dem mineralogifchen Charakter der Gebirgsarten, das Waffer nach dem Kreislaufe feiner Aggregatzuftände, die atmofphärifche Luft und die Wärme.. " In rein methodifcher Hinficht findet fich in demfelben Erlaffe eine Bemerkung, welche gegenüber der in der Volksfchule als unerlässliche Grundlage aufgeftellten Heimatskunde die Forderung ausfpricht, dafs der Mittheilung und Betrachtung des Einzelnen überall die Totalvorstellung vorangehen müffe. Demgemäfs foll auch fchon in den unterften Claffen der fogenannten Heimatskunde eine Belehrung über die allgemeinen Verhältniffe der Erdgeftalt und Oberfläche vorausgefendet werden; damit in Verbindung der Nachdruck, welcher auf den Gebrauch des Globus in der unteren Claffe gelegt wird. In den oberen und oberften Claffen der Realfchule wird die wiffenfchaftliche Behandlung der mathematifch- phyfikalifchen Geographie theils der Phyfik, theils der Naturgefchichte zugewiefen. Unter den in den Schulen des Königreiches Preufsen und anderer Staaten von Mittel- und Norddeutfchland mehr oder weniger in Verwendung ftehenden Lehrbüchern lagen, aufser den vielen Heimatskunden", vor: Klöden, Lehrbuch der Geographie, und desfelben Verfaffers Leitfaden der Geographie; Roon, Anfangsgründe der Geographie; Dielitz' und Heinrich's Grundrifs der Geographie; vielfach gebräuchlich ift das auch in Süddeutſchland und Oefterreich bekannte und benützte Lehrbuch der vergleichenden Erdbefchreibung von Pütz. Aufserdem fanden fich vor: Mathematifche Geographie von Dr. A. Hoffmann, Lehrbuch der Erdkunde von Dr. H. Th. Traut, in welchem man, nebenbei bemerkt, unter anderen unrichtigen Angaben auch der wohl im alltäglichen Leben, niemals aber in der Wiffenfchaft zuläffigen Behauptung begegnet, dafs Afrika in Folge der Durchftechung des Ifthmus von Suez eigentlich in eine grofse Infel umgefchaffen" worden fei( pag. 86). Als Lecture anziehend und zugleich zu wiederholendem Studium in den oberften Claffen der höheren Schulen geeignet ift das Werk: Geographifche Repetitionen von Profeffor Dr. R. Fofs. Mehr als diefe fteht in Gebrauch die ,, Schulgeographie" von Ernft von Seydlitz, deren praktifche Verwendbarkeit durch eine anfehnliche Anzahl von Auflagen bezeichnet wird. Es fehlt zwar nicht an Gegnern feiner Abbildungen und Skizzen; indeffen وو Geographifche Lehrmittel. 19 leiften fie an der Hand eines tüchtigen Lehrers in der Schule mehr, als die feinften und genaueften Zeichnungen, die, in der Schule ausgeführt, wenn durch nichts Anderes, fo fchon durch die lange Zeit, welche fie erfordern, ihren wahren didaktifchen Werth wefentlich herabftimmen. Die gröfste Verbreitung aber hat das Lehrbuch der Geographie für höhere Unterrichtsanftalten von Dr. H. A. Daniel und desfelben Verfaffers Leitfaden für den Unterricht in der Geographie. Seit dem Tode des Autors beforgt die Herausgabe beider Bücher Profeffor Dr. A. Kirchhoff. Vom„ Lehrbuch" ift im Jahre 1873 die vierunddreifsigfte, vom„ Leitfaden" vor Kurzem die fechsundachtzigfte Auflage erfchienen. Daniel fteht in der geographifchen Literatur durch fein grofses Werk: Handbuch der Geographie und durch fein: Deutfchland nach feinen phyfifchen und politifchen Verhältniffen in der vorderften Reihe der neueren Geographen. Seine Schulbücher zeichnen fich vor vielen anderen durch Einfachheit und durch Vermeidung des die Ueberfichtlichkeit ftörenden Details an Zahlen und Daten aus. Sachfen. Die Unterrichtsabtheilung des Königreiches Sachfen hat für unfere fpecielle Aufgabe quantitativ viel weniger geboten, als die meiſten anderen Staaten, welche überhaupt in diefer Gruppe vertreten waren; dagegen hat die Qualität der ausgeftellten Artikel unfere Aufmerkfamkeit und unfer Intereffe in einem Grade gefeffelt, wie diefs, fonft bei keinem einzigen Lande der Fall gewefen. Schon in der Anordnung und in der regelrechten Katalogifirung des Materiales hat es fich mufterhaft gezeigt. Das Königreich Sachfen, wie überhaupt die Mehrzahl der fogenannten fächfifchen Länder, find von jeher in Bezug auf den Unterricht in gleicher Linie neben den beften Staaten, wenn nicht vollends an der Spitze derfelben gestanden. Die königlich fächfifche Regierung hat auch in den neueften Gefetzen und Regulativen, welche das öffentliche Unterrichtsleben betreffen, bewiefen, dafs fie ftets den intellectuellen und ethifchen Forderungen der Zeit und ihrer Wiffenfchaft gerecht zu werden verfteht. Bezüglich der Volksfchule datirt das neuefte Gefetz vom 26. April 1873. Nach demfelben umfafst diefe Kategorie von Lehranstalten: a) die einfache, die mittlere und die höhere Volksfchule; b) die Fortbildungs-( Sonntagsoder Abend-) Schule. Zu den wefentlichen Gegenftänden des Unterrichtes in der Volksfchule gehören unter Anderem auch: Gefchichte, Erdkunde, Naturgefchichte und Naturlehre. Aus einzelnen Schulprogrammen und Jahresberichten ist als allgemeines Charakteriſtikon zu entnehmen, dafs dem geographifchen Unterrichte durch den naturgefchichtlichen vorgearbeitet werden foll, dafs ferner in jeder Hinsicht auf die Anfchaulichkeit hingewirkt wird. Der geographifche Unterricht beginnt mit: Himmelsgegenden, Auf- und Untergang der Sonne, die verfchiedenen Geftaltungen des heimatlichen Bodens, Betrachtung des Globus, Deutfchland und Europa im Umrifs, ausgeführte geographifche Bilder über Land und Leute aus dem fächfifchen Vaterlande. Auf diefer Grundlage fchreitet er fort zur Behandlung weiterer geographifcher Begriffe und der aufsereuropäiſchen Länder und hält fodann, je nach den Abftufungen der Claffen, feft an der concentrifchen Methode. Die jüngfte ausführliche Lehrordnung für die Schullehrer- Seminare, in welchen die Volksfchul- Lehrer herangebildet werden, datirt vom 14. Juli 1873. Als Lehrziel des Seminarcurfes wird bezüglich der Geographie beſtimmt: Die Bekanntfchaft mit den Hauptlehren der phyfikalifchen und mathematifchen Geographie, überfichtliche Kenntnifs der geographifchen Verhältniffe aller Länder, fpeciell Europas und insbefondere Deutfchlands, fowie der mit Europa in Verkehr ftehenden Länder in völliger Unabhängigkeit von Globus und Karte. Auf die einzelnen Claffen, beziehungsweife Gruppen, ift der Unterrichtsftoff ver 20 Dr. A. Perkmann. - theilt wie folgt: Erfte Gruppe, umfaffend die, Claffen VI und V, behandelt geographifche Vorbegriffe; Heimatskunde; Sachfen. Ueberficht über die ganze Erde mit Hervorhebung von Europa, insbefondere Deutfchland.- Zweite Gruppe ( Claffe IV und III): Ausführliche Geographie von Europa; Deutſchland eingehend behandelt; Beginn der Darftellung der aufsereuropäiſchen Erdtheile. Dritte Gruppe( Claffe II und I): Fortfetzung und Schlufs der Geographie der aufsereuropäiſchen Erdtheile; phyfikalifche und mathematiſche Geographie.- Im naturwiffenfchaftlichen Unterrichte mufs am Ende des Seminarcurfes eine überfichtliche Kenntnifs der Botanik, Mineralogie, Zoologie und Anthropologie, fowie der hauptfächlichften Lehren der Phyfik und Chemie erreicht fein. Darin ift auch enthalten: Grundzüge der Pflanzen- und Thiergeographie, Ueberblick über Geognofie und Geologie. In den Gymnafien, welche neun Claffen enthalten, ift der geographifche Unterricht nur in den Claffen von der Sexta bis inclufive Obertertia( Claffe IX bis V) felbftftändig und getrennt vom gefchichtlichen in wöchentlich zwei Stunden, von Unterfecunda( Claffe IV) an aber in Verbindung mit dem gefchichtlichen Unterrichte in wöchentlichen drei Stunden zu ertheilen. Das Lehrziel ift die Bekanntfchaft mit den Hauptlehren der mathematifchen und phyfikalifchen Geographie, überfichtliche Kenntnifs der geographifchen Verhältniffe aller Länder, fpeciell Europas und Deutfchlands und der mit ihnen im Verkehr ftehenden Länder, Alles in Unabhängigkeit von dem äufseren Hilfsmittel der Karten. Nach diefer Beftimmung fährt das Regulativ in charakteriftifcher Weife fort: ,, Da aber erfahrungsmässig in den nachfolgenden vier Jahren bis zur Beendigung des Gymnafialcurfus von dem erworbenen geordneten und fpeciellen geographifchen Wiffen viel wieder verlorengeht, wenn die Erneuerung desfelben blos der gelegentlichen Erinnerung daran beim Gefchichtsunterrichte überlaffen bleibt, fo empfiehlt es fich, in den Claffen von Unterfecunda an zu Anfang oder am Ende eines jeden Semefters einige Stunden ausfchliefslich der Repetition und Vervollständigung zufammengehöriger Partien des geographifchen Unterrichtes zu widmen." Bezüglich der Vertheilung des Lehrftoffes auf die einzelnen Claffen beftimmt das Regulativ Folgendes: Sexta, 2 Stunden, Gebrauch der Landkarte; geographifche Fundamentalfätze, d. h. von der Geftalt der Erde, den Weltgegenden, der Bedeutung der Längenund Breitengrade, der Zonen, der Pole und des Aequators. Die politifche Geographie kann gelegentlich in diefer Claffe berührt, foll aber in ihr noch nicht fyftematiſch behandelt werden. Das Wichtigfte aus der Geographie Sachfens und Paläftinas. Quinta, 2 Stunden. Repetition und Erweiterung des Penfums von der Sexta; Ueberficht des Erdganzen. Das engere und weitere Vaterland find befonders zu berücksichtigen.- Quarta, 2 Stunden. Die fünf Erdtheile einzeln betrachtet, und zwar im I. Semefter Afrika, Afien, Auftralien, Amerika; im II. Semeſter Europa, fpecieller Deutfchland.- Untertertia, 2 Stunden. Die aufsereuropäifchen Welttheile. Obertertia, 2 Stunden. Geographie von Europa, ausführlicher von Deutfchland.- Bei den Jahrespenfen der beiden letzteren Claffen ift befonders auf die politifchen und ethnographifchen Beziehungen der behandelten Länder und Erdtheile Rückficht zu nehmen. Unter der Gruppe der Naturwiffenfchaften werden in Obertertia die Anfänge der phyfifchen und mathematiſchen Geographie gelehrt und in Unter- und Oberprima hat der Unterricht in der Phyfik auch die Bewegungen der Himmelskörper in den Kreis feiner Betrachtungen zu ziehen. - - - Die Realfchule widmet, ihrer Beftimmung entſprechend, auch hier der Geographie eine gröfsere Sorgfalt, als das Gymnafium. Schon bezüglich der Vorbildung, welche zur Aufnahme in diefe Art Lehranftalt verlangt wird, ist unter der " Bekanntfchaft mit den erften Anfängen in den Realien" jene mit den geographi Geographifche Lehrmittel. 21 fchen Vorbegriffen fpeciell betont. Der Unterricht ift in wöchentlich zwei Stunden durch alle Claffen der Realfchule zu ertheilen, und wird, wie es in der Natur des Gegenftandes gegeben ift, in gehörige Beziehung zu dem gefchichtlichen und naturgefchichtlichen Unterrichte zu fetzen fein. Er hat die Aufgabe, die Schüler nach und nach in topifcher, phyfikalifcher, politifcher und ethnographifcher Hinficht auf der ganzen Erdoberfläche zu orientiren. - Die Vertheilung des Lehrftoffes auf die einzelnen der fechs Claffen foll folgendermafsen gefchehen: Claffe VI, 2 Stunden. Aufser dem Thema, wie es für die Sexta des Gymnafiums vorgefchrieben ift, foll in diefer Claffe der Realfchule noch gegeben werden: eine Ueberficht der Vertheilung von Waffer und Land auf der Erde, Namen, ungefähre Gröfse, Geftalt und gegenfeitige Lage der Welttheile, ihre Hauptgebirgszüge und Hauptftröme Wenn es die Zeit zuläfst, foll noch das Wichtigfte aus der Geographie von Sachfen und( zur Unterſtützung des Religionsunterrichtes, namentlich der biblifchen Gefchichte) von Palästina gegeben werden.-In Claffe V, 2 Stunden. Repetition und Erweiterung des Penfums aus Claffe VI. Ueberficht des Erdganzen. Claffe IV, 2 Stunden. Die fünf Erdtheile, einzeln betrachtet. Claffe III. Die Länder Europas mit Rück ficht auf Handel und Induftrie, insbefondere Deutfchland. Claffe II und I. Die aufsereuropäifchen Erdtheile, gleichfalls mit Rückficht auf ihre commerciellen und gewerblich- induftriellen Verhältniffe. Ferner follen in den beiden letzten Claffen, laut der Nachtragsbeftimmungen vom 2. December 1870, noch mathematifche und phyfikalifche Geographie, fowie die Elemente der Aftronomie hinzukommen. Aus der Naturbefchreibung, welche in allen Claffen der Realfchule gelehrt wird, wird in den zwei oberften Claffen das Wichtigfte aus Geognofie und Geologie vorgenommen. 95 - Aufser diefen gefetzlichen Beftimmungen, welche die gemeinfame Grundlage für das Unterrichtswefen des ganzen Landes, aber nicht die unüberfchreitbaren Schranken für die einzelnen Schulen bezeichnen, wird es zur Illuftration des öffentlichen Unterrichtes beitragen, wenn aus einzelnen vorliegenden ,, Jahres berichten" und Schulprogrammen" noch fpecielle Daten hervorgehoben werden, welche für den geographifchen und erdkundlichen Unterricht an beftimmten Anftalten charakteriftifch find. Der vierte Bericht über das königliche Seminar zu Friedrichftadt Dresden zum Schuljahre 1872 bis 1873, herausgegeben vom Director Franz Wilhelm Kockel, enthält folgende nähere Angaben bezüglich der Geographie in Claffe IV; die natürliche Ausftattung Sachfens als Grundlage und Hebel feiner Induftrie etc. Erläuterung der Grundbegriffe der Verfaffungs- und Verwaltungskunde im Anfchluffe an die Verfaffungsverhältniffe Sachfens. Befchreibung und Charakteriſtik des Reliefs von Deutfchland. Natürliche Ausstattung Deutfchlands; Culturbild von Deutſchland auf Grund des Naturbildes. Das Kaiferreich und die einzelnen Staaten in politifcher Beziehung( überfichtlich). Nach denfelben Gefichtspunkten die übrigen Staaten des germanifchen Europas. Claffe III: Das aufsergermanifche Europa in phyfifcher und politifcher Hinficht. Vergleichung der Länder untereinander und mit" Deutſchland. Charakteriſtik Europas. Abhängigkeit feiner Cultur und Gefchichte von feiner natürlichen Ausftattung.-In der Naturgefchichte werden in diefer Claffe die Grundzüge der Pflanzengeographie dargelegt.- Claffe II: Die fremden Erdtheile in phyfifcher und geographifch- hiftorifcher Hinficht. Vergleichung untereinander und mit Europa; ihre Beziehungen zu Europa.- Claffe I: a) Phyfikalifche Geographie: Lage und Ausbreitung der Landmaffen. Reliefgefetze. Gebirge. Geologifche Epochen, Vulcanismus. Die continentalen Gewäffer. Delta bildungen. Das Weltmeer. Wefen und Höhe der Atmosphäre. Temperatur; thermifche Linien, Klima, Bewegung der Luft. Feuchtigkeitsgehalt, Niederfchlagszonen.- Pflanzen- und' Thiergeographie. Menfchenracen, Sprachen, Cultur und Civilifation, Verbreitung der Krankheiten. b) Mathematifche 22 ten. - Dr. R. Perkmann. Geographie: Liniennetz auf dem Erd- und Himmelsglobus. Geftalt, Abplattung, Rotation und Revolution der Erde. Tellurium. Die Kepler'fchen Gefetze. Mond. Sonne. Finfterniffe. Kalender. Planetenfyfteme. Weltfyfteme. Kometen und MeteoriAls Lehrbücher für den geographifchen Unterricht werden an diefem Seminare benützt, und zwar in allen vier Claffen das auch an öfterreichifchen Lehranftalten vielfach in Gebrauch ftehende„ Lehrbuch der vergleichenden Geographie" von Pütz; in Claffe II und I aufserdem der„ Leitfaden zur phyfikalifchen und mathematifchen Geographie" von Dr. Dr. Fl. Winkler, Oberlehrer am Seminar. Von der praktifchen Anwendung der allgemeinen Lehrordnung gibt ein Beifpiel der von der ftädtifchen Schulbehörde erftattete Jahresbericht über die Schulen verfchiedenen Grades in Bautzen. Zur Kategorie der einfachen Volksfchule gehört die Stifts- und Freifchule. Sie befteht aus fechs Claffen und zerfällt in die Knaben- und Mädchenfchule. In den unteren Claffen findet kein felbftftändiger Unterricht in der Erdbefchreibung und Erdkunde ftatt. In der IV. und III. Claffe bietet das zweite ,, Hilfsbuch" zum Lefe- Unterricht Gelegenheit, das naturkundliche Gebiet zu berühren und durch Anfchauungsunterricht auf die Geographie vorzubereiten. Auch in der II. Claffe werden aus dem dritten Hilfsbuche" befonders folche Lefeftücke gewählt, die den Unterricht in Gefchichte und Geogra phie zu beleben und zu unterſtützen geeignet find. In der III. Claffe findet aufser.dem auch ein eigentlicher geographifcher Anfchauungsunterricht ftatt und umfafst fpeciell die Heimatkunde. In der II. Claffe kommt zur Behandlung: Die Erde als Kugel, fpeciell mit Benutzung des Globus; die Oberfläche der Erde, Land und Waffer, das Allgemeine von den Erdtheilen. In der letzten Claffe: Genauere Kenntnifs von Deutfchland und das Nothwendigfte aus der mathematifchen, Geographie zum Verftändnifs des Kalenders". 95 - In der fiebenclaffigen Bürgerfchule für Knaben wird in den unteren Claffen, fowie bei der einfachen Volksfchule, nur in entſprechender Erweiterung, durch das Hilfsbuch" beim Lefen auf Natur- und Erdkunde vorbereitet. Mit der V. Claffe beginnt aus der Naturgefchichte die Befchreibung von Gegenständen aus den drei Naturreichen, welche dem kindlichen Anfchauungskreife naheliegen. In der IV. Claffe tritt die Geographie mit zwei wöchentlichen Stunden hinzu, behandelt die allgemeinen Erfcheinungen an Sonne, Mond und Sternen, ftellt ferner die geographifchen Grundbegriffe feft und hebt fchlièfslich das Hauptfächlichfte vom Königreich Sachfen hervor. In der III. Claffe: Die Erde als Kugel, Globus, Erdoberfläche. Von den fünf Erdtheilen: Lage, Grenzen, Geftalt, Glieder, bedeutende Hoch- und Tiefländer, Gebirgs und Flufsfyfteme. Eingehendere Betrachtung von Sachfen II. Claffe: Europa mit feinen Infeln und Halbinseln, mit feinen Meeren, Meerbufen und Strafsen, mit feinen Gebirgs- und Tiefländern, mit feinen Seen und Flüffen; Deutfchland mit feinen Staaten im Norden und Süden des Main, deren Eintheilung und vorzüglichfte Städte; zuletzt überfichtlich die anderen Staaten Europas. I. Claffe: Die Erde, ihre Gröfse, Rotation und Circulation nebft dem, was fich daraus ergibt; Waffer und Land und deren beiderfeitige Gliederung und mit Ausnahme von Europa Befchreibung der vier anderen Erdtheile nebft ihren Infeln, nach ihrer Lage, Begrenzung, Bodengeftaltung, Bewäfferung und Eintheilung in Staaten. Damit im Zufammenhange ſtehen Auffätze, welche die Schüler für die Gruppe des Unterrichtes im Deutfchen ausgearbeitet haben. Sie behandeln der Mehrzahl nach Partien aus der phyfikalifchen Geographie und aus der Naturgefchichte, aber auch aus der Länderbefchreibung. Ein ähnlicher Lehrgang, wenn auch mit Befchränkung des Lehrftoffes, findet an der fechs claffigen Bürgerfchule für Mädchen ftatt. Wenn es kein Lapfus calami des Berichtes ift, dann wurden hier die aufsereuropäiſchen Erdtheile keiner felbftſtändigen, wenn auch nur überfichtlichen Betrachtung unterzogen, deffenungeachtet aber in Claffe I ,, die Befitzungen europäiſcher Völker in den übrigen Erdtheilen" hervorgehoben, was vom didaktifchen Standpunkte nicht - - Geographifche Lehrmittel. 23 gebilliget werden kann. Auch an diefer Schule find für die deutfchen Auffätze vielfach Themata aus der phyfikalifchen und mathematifchen Geographie, aus der Topo- und Chorographie gewählt worden. Der Kategorie der höheren Volksfchule angehörend ift die höhere Töchterfchule in Bautzen. Sie hat nicht blos die Lehrgegenftände der einfachen und mittleren Volksfchule, fondern verfolgt ein weiteres Ziel bei verlängerter Unterrichtszeit und Vermehrung der Unterrichtsfächer. Daher darf die Anzahl der Schülerinen in einer Claffe nicht über 40 fteigen. Diefe Lehranstalt umfafst acht Claffen. In den unteren Claffen wird bei den Lefeübungen durch geeignete Behandlung der betreffenden Lefeftücke auf den naturkundlichen und geographifchen Unterricht vorbereitet. In Claffe V wird die Naturbefchreibung eingeführt. In Claffe IV tritt die Geographie hinzu und behandelt in anfchaulicher Weife: die Himmelsgegenden, Auf- und Untergang der Sonne, die verfchiedenen Geftaltungen des heimatlichen Boden, Betrachtung des Globus, Deutſchland und Europa im Umrifs und ausgeführte geographifche Bilder über Land und Leute aus dem fächfifchen Vaterlande. In den Claffen III und II: Deutſchland ausführlich, Europa im Allgemeinen, das Leichtere aus der mathematifchen Geographie. Claffe I: Die Länder Europas ausführlich. In der Gruppe Naturkunde: Pflanzengeographie. In der„ Selecta"( fo heifst eine eigene Claffe zur Fortbildung confirmirter Mädchen): a) Sommerfemefter I. mathematiſche Geographie und Himmelskunde. 2. Der Bau der Erde( Geognofie und Geologie). b) Winterfemefter:. Politifche Geographie( Amerika, Afrika, Afien). Auch hier wurden für die deutfchen Auffätze meift fehr paffende Themata aus dem Gebiete der Erdbefchreibung und Erdkunde gewählt. In der Vorbereitungsfchule mit vier Claffen werden die Knaben, welche fpäter in das Gymnafium oder in die Realfchule übertreten wollen, mit den Elementen des geographifchen Unterrichtes( Globus, Karte, allgemeine Ueberficht der Erdoberfläche fpeciell Europa, Deutfchland, Sachfen) bekannt gemacht. An diefe Schule fchliefst fich in Bautzen eine Realfchule zweiter Ordnung an, fünf Claffen umfaffend. Nach dem Programme vom Director Ludwig Wangemann ift der Lehrftoff der Geographie, Erd- und Naturkunde für das Schuljahr 1873 bis 1874 in der Weife vertheilt gewefen, wie folgt. In der unterften Claffe( V) 2 Stunden wöchentlich: Die einfachsten Lehren der mathematifchen Geographie. Der Globus. Die Landkarte( Verſtändnifs derfelben; Uebungen in graphifcher Darftellung aus der nächften Heimat). Geographifche Ortsbeftimmungen. Die phyfifche Geographie aller Erdtheile in allgemeinen Zügen. IV. Claffe 2 Stunden phyfifche Geographie. Das Penfum der V. Claffe in eingehenderer Weife. Erweiterung der geographifchen Begriffs beftimmungen an geeigneten Beiſpielen. Uebungen im Strichkartenzeichnen. III. Claffe, 2 Stunden: Die Elemente der mathematifchen Geographie. Phyfifche Geographie aller Erdtheile in eingehenderer Betrachtung, namentlich der Production und des Handels. Die Grundzüge der politifchen Geftaltung. Die wichtigften Verkehrsftrafsen der Erde. Aus der allgemeinen Geographie: Vom Meere, von der Atmoſphäre, von den Gebirgen. Kartenzeichnen. II. Claffe, 2 Stunden: Europa. Die Wichtigkeit feiner horizontalen Gliederung. Klima. Bodengeftaltung im Allgemeinen. Die peripherifchen Gebirge. Die Centralgebirge( eingehend behandelt die Geographie der Alpen und der deutfchen Mittelgebirge). Die Stromfyfteme. Das Wichtigfte der politifchen Geographie. I. Claffe, 2 Stunden: Phyfifche Geographie. Die aufsereuropäifchen Erdtheile mit befonderer Berücksichtigung der Production, des Handels und der politifchen Bedeutung. Sodann mathematifche Geographie. Die Arten der Himmelskörper, ihre Bewegung, die Erde Beweife für die Kugelgeftalt( Berechnung des Gefichtskreifes von beftimmten Standpunkten). Beweis der Achfendrehung( trigonometrifche Gradmeffung). Revolution der Erde. Stellung zur Sonne( Jahreszeiten und Zonen). Der Mond. Finfterniffe. Entftehung des 24 Dr. R. Perkmann. Sonnenfyftemes. Aus der Naturbefchreibung ift unter Anderem zu erwähnen: Entfprechende Partien aus der Geologie. Vulcanismus( und Vulcane). Geologifche Thätigkeit des Waffers. Geologifche Veränderungen durch Thiere und Pflanzen. Der Geographie gehören hievon fpeciell diejenigen Momente an, welche die Verbreitung der Vulcane und der geologifchen Veränderungen durch Thiere und Pflanzen behandeln. Zur Illuſtration des geographifchen Unterrichtes an Gymnafien liegt der Jahresbericht des Gymnafiums zu Zwickau vor. Nach demfelben werden in der Sexta( 2, refpective I Stunde wöchentlich) einleitende Begriffe vorausgefchickt, dann wird Sachfen, dann Deutfchland behandelt. Quinta( 2, refpective I Stunde): Geftalt und Bewegung der Erdtheile. Die Erde. Quarta( 2, refpective I Stunde): Europa. Untertertia( 2 Stunden): Allgemeines( Hauptpunkte der mathematifchen Geographie, Ueberblicke über die äufseren Verhältniffe der Erdtheile überhaupt). Afien, Amerika. Obertertia( 2 Stunden): Fortfetzung der Befchreibung Amerikas. Europa im Allgemeinen. Unterfecunda( I Stunde): Allgemeine Geographie von Deutfchland. Dazu kommt in diefer Claffe aus der Gruppe. Naturwiffenfchaft: Populäre Aftronomie und mathematiſche Geographie. Oberfecunda( 1 Stunde): Deutfchland nach feinen natürlichen Verhältniffen. ,, Gelegentlich" Allgemeineres. Unterprima( 1 Stunde): Ueberblick über die Geographie Amerikas und Afiens. Gelegentlich" Allgemeineres. Oberprima ( 1 Stunde): Ueberblick über die Geographie Afrikas und Amerikas. AltGriechenland. Ein Vergleich zwifchen den Lehrplänen für Realfchulen und Gymnafien zeigt, wie verfchieden die Geographie an diefen zwei Sorten von Lehranstalten auch in Sachfen behandelt wird. Abgefehen von dem eingreifenden Unterſchiede bezüglich der Art und Weife, wie der Lehrftoff in beiden Schulen gegliedert und vertheilt wird, find an der Realfchule dem Unterrichte in der Geographie in jeder Claffe zwei, im Gymnafium aufser einigen wenigen Claffen nur eine einzige Stunde in der Woche gewidmet. Dazu kommt, dafs dem geographifchen und erdkundlichen Unterrichte an der Realfchule auch aus den Gruppen anderer Lehrgegenstände, namentlich aus der Naturgefchichte und Phyfik reiches und wefentliches Materiale zufliefst. Dafs an beiden Kategorien von Schulen einem und demfelben Lehrer aufser Geographie noch zwei und drei, darunter ganz heterogene Gegenftände übertragen werden, das findet fich wohl auch in anderen Staaten; doch dürfte die Zeit nicht mehr ferne fein, wo diefem Uebelftande zu Gunften der Lehrer wie der Wiffenfchaft begegnet werden wird. Unter den ausgeftellten Lehrbüchern befanden fich namentlich folgende befonders erwähnenswerthe: Rommel, E. A; Leitfaden für den Unterricht in der Heimatkunde von Leipzig( Leipzig. J. J. Weber); Flathe, Profeffor, Dr. Th.: Engelhardt's Vaterlandskunde für das Königreich Sachfen( Leipzig, 1869. 10. Auflage. J. A. Barth.) Berthel, Jäkel und Petermann: Geographie, Gefchichte und Verfaffung des Königreiches Sachfen( Leipzig, 1873. 8. Auflage. J. Klinkhardt.) Die Geographie im Allgemeinen behandeln unter anderen die Werke: Berthelt, Aug.: Geographie( Leipzig, 1871. 5. Auflage. J. Klinkhardt.) Von demfelben Verfaffer ftammt: Die Geographie in Bildern, herausgegeben vom Bürgerfchullehrer Trentzfch in Dresden,( 1871. 3. Auflage.) Winkler, Fl.: Leitfaden zur phyfifchen und mathematiſchen Geographie für höhere Bildungsanftalten. ( Dresden, 1871, Wolffche Buchhandlung.) Von demfelben Verfaffer: Methodik des geographifchen Unterrichtes insbefondere für Lehrerfeminare etc.( 1872.) Delitfch, Dr. O.: Stein's Geographie für Schule und Haus.( Leipzig. 27. Auflage. Heinrich's Buchhandlung.) Speciell für Real- und Handelsfchulen beſtimmt ift das Lehrbuch von Ruge, Dr. Soph.: Geographie für Handels- und Realfchulen.( Dresden. 1872. 4. Auflage, Schönfeld'fche Buchhandlung.) Für Repetitionen beftimmt ift: Allgemeine Erdkunde in Tabellenform von Dr. B. Klein paul.( Dresden, 1873. Meinhold und Söhne.) Geographifche Lehrmittel. 25 Von den ausgeftellten Büchern mögen zwei Werke ganz befonders hervorgehoben werden. Sind fie auch in ihrem Urfprunge von einander unabhängig, bildet jedes für fich ein felbftftändiges Ganzes, fo können fie doch infoferne als zufammengehörig betrachtet und daher zufammengeftellt werden, als beide zufammen genommen das Ganze des geographifchen Unterrichtes enthalten, foweit. derfelbe in den niederen und höheren Schulen verfolgt werden kann. Beide find nach der concentrifchen Methode bearbeitet, umfaffen fomit auf jeder Stufe ein harmoniſch geordnetes, vollſtändiges Bild der Erde, wie es je einer Abtheilung des Unterrichtsganges entſprechend erfcheint. Es liegt in der Natur des concentrifchen Verfahrens, dafs durch die öfteren Wiederholungen dem Gedächtniffe und der Vorftellungskraft dauernd eingeprägt wird, was auf den vorausgegangenen Stufen gelernt worden ift. Die beiden Werke find: 1. Stöfsner, Dr. Eduard: Elemente der Geographie in Karten und Text. Drei Curfe. Annaberg, 1873. 6. Auflage. Verlag von Rudolph und Dieterici.) Dazu gehört von demfelben Verfaffer, aus demfelben Verlage: Geographifche Fragen für Schüler zur Einübung der Elemente der Geographie. Drei Curfe. - 2. Flathe, Profeffor Dr. Th.: Dommerich's Lehrbuch der vergleichenden Erdkunde für Gymnafien etc. in drei Curfen.( Leipzig, 1870. 3. Auflage. Verlag von B. G. Teubner.) Der erfte Curfus der Elemente der Geographie von Stöfsner umfafst elf Karten mit Begleitung des entſprechenden Textes. Die erfte Karte, die mathematifche, zeigt zuerft den Globus, dann die Eintheilung der Erdkugel auf Grundlage der Ebene des Aequators und derjenigen des Meridians, die mathematifchen Zonen auf der Kugel und auf der Ebene; zuletzt die öftliche und die weftliche Hemiſphäre mit den allgemeinen horizontalen Umriffen der Erdtheile und Oceane und den Benennungen derfelben. Der Text befchränkt fich auf die einfachfte Erklärung der wichtigften Punkte und Grundlinien. Die zweite Karte ftellt die öftliche und weftliche, die füdliche und nördliche Halbkugel dar, und zwar jeden diefer Erdtheile mit den allgemeinen Umriffen der demfelben angehörenden grofsen Waffer- und Landflächen. Von den Benennungen, die nur bei den am meiften hervortretenden Hauptpunkten angegeben find, erfcheinen diejenigen, welche bereits auf den Zeichnungen der erften Karte vorkommen, in fchwarzen Buchftaben, die wenigen neuen dagegen in rothen Lettern. Diefes ebenfo einfache als praktifche Mittel zur Verdeutlichung des Lehrftoffes, wie zur Erleichterung des Lernens wird auf allen folgenden Karten der drei Curfe in gleichmäfsiger Weife und confequent angewendet. Es möge zur näheren Charakteriſtik der Art und Weife dienen, in welcher Stöfsner vorgeht, wenn die Punkte angeführt werden, welche der jugendliche oder kindliche Schüler aus diefer Karte feinem Gedächtniffe und feiner noch wenig agilen Phantafie neu einzuprägen hat. Die weftliche Hemifphäre, mit den ein fachen, wenig gegliederten Umriffen von Süd- und Nordamerika auf blauem Grunde, welcher, die Oceane andeutend, nur nach den mathematifchen Zonen nuancirt ift, bringt nur fünf neue, daher rothe Namen, nämlich: Cap Horn, Cap Roque, Panama, Weftindifches Meer und Behrings ftrafse. Von den auf diefe Hemifphäre entfallenden Infeln und Infelgruppen Polynefiens ift noch keine gezeichnet, als die Doppelinfel Neu- Seeland, jedoch noch nicht unter ihrem eigenen Namen, fondern unter dem Namen des Erdtheiles, dem fie zugehört. Oben auf der Karte find die füdlichen Umriffe von Grönland fkizzirt. Die Infeln des nördlichen Eismeeres find noch nicht angeführt. Auf der öftlichen Halbkugel erhält der einförmigfte Erdtheil aufser feinem Namen, der vorher allein angegeben war, fomit hier fchwarz erfcheint, nur folgende neue, daher rothe Bezeichnungen: Cap der guten Hoffnung, als äufserfter Punkt im Süden, Cap Guardafui, als äufserfter Punkt im Often und diefem gegenüber - 4 26 Dr. R. Perkmann. - den für Afrika einzig charakteriftifchen Meerbufen von Guinea,( das Cap Tarifa, als füdlichfter Punkt Europas); endlich hat es mit dem aſiatiſchen Erdtheile gemeinfam den Namen: Landenge von Suez, im Nordoften. Weiterhin kommen auf diefer Hemiſphäre hinzu die Namen: Nord Kyn, Nordoftcap, Cap Romania, Meerbufen von Bengalen, perfifches Meer, Mittelmeer. Der zu diefer Karte gehörige Text enthält aufser den angeführten Namen nur in runden Zahlen die Gröfse der Erdoberfläche und jene der fünf Erdtheile; Vertheilung der grofsen Landmaffen nach den mathematiſchen Zonen; charakteriftifche Andeutungen über die letzteren. Anzahl der Menfchen auf der ganzen Erde. Polytheiften, Monotheiften, Chriften, Mohamedaner, Juden. Die dritte Karte ift eine Erdkarte und nach Mercator's Projection entworfen. In Amerika erfcheinen aufser den fchon auf der zweiten Karte angegebenen, daher hier mit fchwarzen Buchftaben ausgedrückten, Namen die Bezeichnungen: Felfengebirge, Halbinfel Californien, Miffouri und Lorenzo im Norden, Anden, Amazonenftrom, Orinoco und La Plata im Süden, Antillen und Cuba in Mittelamerika. Ferner find neu die Namen der Davisftrafse und von Grönland, und am linken Rande der Karte erfcheint nun auch der Eigenname der früher nur nach dem betreffenden Erdtheile bezeichneten Doppel- Infel Neufeeland. Es mufs fpeciell bemerkt werden, dafs der Verfaffer zum Beiſpiele bei der Anführung der charakteriftifchen Wafferlinie zwifchen den Alleghanen und Cordilleren in Nordamerika nicht an dem Haupt namen, fondern an der Hauptfache fefthält, alfo nicht den Miffiffippi, fondern den Miffouri als den hier vor anderen zu merkenden Strom aufftellt. Die Erfahrung lehrt, dafs, wenn man dem Kinde das zwar nominell, aber nicht reell Richtige angibt und den Miffiffippi als Hauptftrom, den Miffouri als Neben flufs bezeichnet, es wenig mehr nützt, nachträglich hervorzuheben, dafs der letztere in jeder Hinsicht grösser fei als der erftere; das kindliche Denkvermögen wird den erften Eindruck der dem Namen nach richtigen, der Sache nach aber falfchen Bezeichnung nur äufserft fchwer mehr auslöfchen können. Es ift hier wie bei fo vielen anderen Ausdrücken der geographifchen Terminologie, die dem Schüler von allem Anfange an unrichtige, mitunter ganz falfche Vorftellungen einprägen, Vorftellungen, von denen fich Manche in ihrem ganzen Leben nicht mehr befreien können, um die wahren an deren Platz zu fetzen. Der begleitende Text enthält, aufser den auf der Karte befindlichen Bezeichnungen und einigen kurzen Erläuterungen zu denfelben, nur die Angabe und kurze Charakteriſtik der gewöhnlich angenommenen fünf Menfchenracen, nebft der allgemeinen Verbreitung derfelben über die Erde. - Es würde zu weit führen, wollte man die Specification diefer und der folgenden Karten in gleicher Weife fortfetzen. Indem wir uns damit begnügen, bei den nächften Karten nur den Hauptgegenftand anzuführen, werden wir erft bei den vier letzten Karten diefes erften Curfus noch etwas länger verweilen. Die vierte Karte zeigt die horizontale und die wichtigſten Momente der verticalen Gliederung von Afien, deffen gröfsere Ströme und die bedeutendften Städte. Die fünfte Karte enthält Amerika und Afrika. Die fechste und fiebente zeigen Europa, und zwar zuerft mit den wichtigften Gebirgen, Flüffen und Städten, ohne jede politifche Begrenzung; dann die politifche Eintheilung unferes Continentes. Der Text zu der letzteren gibt unter Anderem den Flächeninhalt des ganzen Erdtheiles, fowie der gröfseren Staaten, dann die Einwohnerzahl der bedeutendften Städte an. Die folgenden vier Karten und der diefelben begleitende Text behandeln fpeciell Deutfchland. Auf der erften( Karte VIII) ftehen nur die Hauptzüge der Alpen, des hercynifchen Gebirges mit den Weftkarpathen, der Schwarzwald, die Vogefen, Speffart und Rhön, Teutoburger Wald und, ifolirt, der Harz. Die Namen der Alpen und Karpathen find fchwarz, die der anderen Gebirge roth. Die Flüffe Donau, Rhein, Elbe und Weichfel find fchwarz, die wenigen Nebenflüffe Geographifche Lehrmittel. - 27 derfelben, dann die Wefer und Oder roth bezeichnet. Die politifche Abgrenzung ift nur gegen die nicht deutfchen Länder angedeutet und zwar nur einfach punk. tirt, um jede Störung durch ftark aufgetragene oder colorirte Linien foweit als möglich zu vermeiden; im Inneren find gar keine ftaatlichen Unterfchiede fichtbar und wird das Ganze nur mit Deutfchland" bezeichnet, an das fich noch Deutfch- Oefterreich anreiht. Von den Ländern find die eigenen Namen fchwarz gedruckt, weil fie fchon auf der vorausgegangenen politifchen Karte von Europa ( Karte VII) vorgekommen find; nur vier Provinzen von Preufsen, dann Galizien find hier neu und defshalb roth. Von Städtenamen enthält die ganze Karte: Wien, Ofen- Peft, Warfchau, Trieft, Venedig, Amfterdam, Berlin und Hamburg( fchwarz); Bremen, Stettin, Danzig, Memel, Koblenz, Mainz, Bafel, Regensburg, Prag( roth). Die zweite Karte( Nr. IX) ift in demfelben Mafsftabe, wie die vorige und bringt nur die wichtigeren Nebenflüffe der früher genannten Ströme, einige niedrigere. Gebirgszüge und einige der anfehnlicheren Städte hinzu. Die dritte Karte ( Nr. X) wiederholt die vorige und fügt nur die Namen von 24 neuen Städten hinzu. Der Text bringt die Einwohnerzahl diefer und der früher angeführten Städte( letztere alfo wiederholend) der Reihe nach von der gröfsten bis zur kleinften der bisher genannten; aufserdem find diefelben Städtenamen noch einmal wiederholt, aber fo gruppirt, dafs fie zur Einübung der geographifchen Länge und Breite dienen können.-Erft die vierte Karte( Nr. XI) enthält die politifche Eintheilung Deutfchlands. Nachdem der Schüler fich auf den vorausgehenden Karten ein überfichtliches und zugleich einheitliches Bild von dem plaftifch fo ausdrucksvoll geftalteten Lande in die Vorftellung eingeprägt hat, ift hier die Gefahr, ein zerriffenes und damit für immer ein geographifch unwahres Gemälde zu erhalten, kaum mehr vorhanden, oder kann wenigftens leichter umgangen werden. Der Text enthält die einzelnen Staaten mit ihren Hauptftädten; dann die Gefammtbevölkerung des deutfchen Kaiferreiches, ferner die Gröfse und Einwohnerzahl aller Staaten desfelben. - Der zweite Curfus umfafst dreizehn Karten, jede wieder mit einem einfachen, alle Ueberladung vermeidenden Texte. Die erfte ift wieder mathematifcher Natur und enthält unter Anderem die Windrofe, drei Abbildungen des geftirnten Himmels, annähernd innerhalb des Horizontes von Mitteldeutſchland, mit der jeweiligen Stellung einiger befonders hervortretenden Sterngruppen für drei verfchiedene Zeiträume des Jahres. Planeten, nach ihrer ungefähren Gröfse der Reihe nach geordnet. Geftalt der Erde, Kugel und Abplattung. Der Text erläutert die auf der Karte angeführte Zeichnung, gibt den Umfang der Erde am Aequator und an einzelnen Breitenkreifen, die Länge der Erdachfe, verfchiedene ,, erfte" Meridiane. Nr. II gibt eine Ueberficht der phyfikalifchen Verhältniffe Amerikas, nebft einer Karte des Küftenftriches von Bofton bis Waſhington. Nr. III enthält eine allgemeine Darftellung der phyfi kalifchen Verhältniffe von Afien, fpeciell jene von den Gebieten der afiatifchen Türkei. Auch einige der gröfsten Städte find eingezeichnet, deren Einwohnerzahl der Text angibt. Nr. IV zeigt hauptfächlich die politifche Eintheilung Afiens und Amerikas, fpeciell die Nordoft- Staaten der Union. Der begleitende Text gibt namentlich die Bevölkerung der Staaten und der gröfsten Städte an. Nr. V bringt Afrika. Speciell das Gebiet des Atlasgebirges. Aufserdem Neuholland mit dem wichtigeren Infelgruppen der Südfee. Nr. VI enthält den Südoften, Often und Norden Europas, während die nächftfolgende Karte den Süden, Südweften und Weften( Italien, Spanien, Frankreich) umfafst.- Nr. VIII zeigt die Alpen in ihrer gefammten Ausdehnung nach Länge und Breite, nach ihrer Gliederung in Hauptknoten und Hauptzüge, fpeciell die Schweiz. Nr. IX bringt Oefterreich- Ungarn. - - - - Die drei folgenden Karten behandeln wieder Deutfchland und zwar Nr. X die Flüffe und Gebirge von ganz Deutfchland. Nr. XI die Staaten von Norddeutfchland. Nr. XII die Staaten von Süddeutſchland, dann fpeciell die kleinen Staaten Mitteldeutfchlands, aufserdem das Königreich Sachfen.- Die letzte Karte, die - 4* 28 Dr. R. Perkmann. Erdoberfläche nach Mercator's Projection zeigend, dient wieder ausfchliefslich zur Uebung in den Ortsbeftimmungen nach Länge und Breite. - Der dritte Curfus enthält achtzehn Karten. Die erfte ift wieder die mathematifche, mit der Erdbahn, den Mondphafen, den drei auf der vorigen Stufe angegebenen Partien des geftirnten Himmels mit erweiterten Angaben, dann eine Abbildung zur Entftehung der Mondphafen und der Finfterniffe, endlich eine Antipodenkarte. Der begleitende Text behandelt die fe einzelnen Punkte, namentlich den Horizont, die Jahreszeiten, Gegenfüfsler, Gegen- und Nebenwohner und fo weiter. Nr. II Phyfikalifche Karte von Nord- und Südamerika, mit wenigen, aber charakteriftifchen Erweiterungen der betreffenden Karte des vorausgegangenen Curfus. Nr. III Phyfikalifche Karte von Afien. Nr. IV Politifche Karte von Afien und Amerika, nebft einer fpeciellen Angabe der Nordoft- Staaten der Union.- Nr. V Karte von Rufsland und Skandinavien. Nr. VI enthält in einer Abtheilung die politifche Gliederung der griechifch- türkifchen Halbinfeln, auf der anderen Grofsbritannien.- Nr. VII mit der pyrenäiſchen und Nr. VIII mit der apenninifchen Halbinfel, beide politifch. Nr. IX mit Frankreich. Nr. X die Alpen und die Schweiz. Nr. XI Politifche Eintheilung der öfterreichiſch ungarifchen Monarchie.- Nr. XII bis Nr. XVI behandeln Deutfchland; zuerft oro- hydrographifch, dann politifch, nach den Gruppen von Nord-, Weft-, Mittel- und Süddeutfchland, fpeciell Sachfen; Eifenbahnkarte. Nr. XVII ift eine überfichtliche culturgeographifche Karte, enthaltend die Verbreitung der wichtigeren Pflanzen und Thiere; Eintheilung nach natürlichen Wärmegürteln. Die letzte Karte dient wieder zur Uebung in der Ortsbeftimmung, enthält aber aufserdem die wichtigſten Strömungen des Meeres und der Luft, permanente, periodifche und veränderliche Winde. - - - Auf diefe Weife erhält der junge Schüler ein allgemeines, überfichtliches, alle wefentlichen Seiten des Gefammtlebens der Erde berührendes, im Ganzen ein nach den wichtigften und wichtigeren Theilen entſprechend beleuchtetes, harmonifches Bild von der Oberfläche unferes Planeten. Im Vordergrunde fteht die Heimat, das Vaterland, Deutſchland; ihm zur Seite die Nachbarländer, weiterhin die übrigen Staaten Europas, dann Amerika, befonders die Union, fpeciell der Nordoften derfelben; ferner Afien, Afrika, Neuholland mit Polynefien. Ueberall wird nur das Bedeutende, Charakteriftifche, Wichtige hervorgehoben; alles nur Nebenfächliche und kleine Detail, fei es geographifcher, phyfikalifcher oder ftatiftifcher Natur, ift forgfältig vermieden; nirgends ftört daher Ueberladung die freie Ausficht oder fchreckt Ueberbürdung den jugendlichen Geift vom weiteren Studium ab; im Gegentheil reizt feinen Wiffenstrieb der Umftand, dafs er auf jeder neuen Karte auch fofort das neue Object feines Studiums erblickt und das Verhältnifs des neuen Materiales zu dem von früherher vorhandenen fofort ermeffen kann. Damit hat der Schüler die breite, umfaffende, aber auch bleibende Grundlage für alle weiteren Kenntniffe diefer Art gewonnen, mag er diefelben durch Fortfetzung feiner Studien in der Schule, oder auf dem Wege feines praktifchen Lebensberufes fich aneignen müffen. Den vielen und wefentlichen Vorzügen des Werkes von Stöfsner gegenüber verfchwinden die wenigen, theilweife nur formellen Mängel und Lücken, welche in Karte und Text noch vorkommen. Gewifs werden von diefem nicht warm genug zu empfehlenden Lehrmittel beim geographifchen Unterrichte noch weitere Auflagen veranſtaltet werden müffen, und bei folcher Gelegenheit wird der geübte Blick des erfahrenen Schulmannes leicht die wünfchenswerthen Verbefferungen eintreten laffen. - Das andere Werk ift das Lehrbuch der vergleichenden Erdkunde für Gymnafien und andere höhere Unterrichtsanft alten, urfprünglich entworfen und verfafst von Dr. F. A. Dommerich, nach deffen Tode theilweife umgearbeitet, zum Theile neu verfafst von Dr. Th. Flathe. Die erfte Lehrftufe beginnt mit der allgemeinen aftronomifch phyfikalifchen Erdkunde, behandelt die hauptfächlichften Momente, welche bezüg Geographifche Lehrmittel. 29 lich der Weltftellung der Erde zur Sonne, zum Monde zu berücksichtigen find; geht dann über zur Gliederung der Erdoberfläche nach Land und Waffer, zur Luft und zum Klima, knüpft daran eine allgemeine Ueberficht über die geographifche Verbreitung der Pflanzen und Thiere und fchliefst diefe Abtheilung mit der allgemeinen Menfchen- und Völkerkunde, nach Urheimat und Verbreitung, nach Gliederung der Menfchheit in Stämme und Völker, nach der Lebensweife, den politifch- focialen, ethifch- religiöfen und intellectuellen Culturverhältniffen. Der Zufammenhang der verfchiedenen Erfcheinungen des Erdenlebens tritt in feinen äufseren Zügen und Umriffen hervor. Zahlreiche Illuftrationen find in den Text eingefchaltet, hauptfächlich in Bezug auf den mathematifch- aftronomifchen Theil, fodann zur graphifchen Verfinnlichung der Verbreitung der Wärme, der Pflanzen und Thiere, der Menfchenracen, Völkerftämme und Religionen, endlich der Strömungen des Meeres, der Atmoſphäre und der atmoſphärifchen Niederfchläge. Nur wäre bei denfelben eine gröfsere Deutlichkeit und Ueberfichtlichkeit zu wünfchen. Der befondere Theil behandelt zunächft die Oceane, jeden für fich, dann fie untereinander vergleichend; hierauf jeden Erdtheil für fich, nach feinen phyfikalifchen, politifchen und culturellen Verhältniffen; dann auch fie untereinander vergleichend. Auf der zweiten Lehrftufe werden alle diefe Gefichtspunkte von Neuem behandelt, aber der Umfang ift erweitert, der Inhalt reicher gegliedert. Der Grundplan ift der nämliche geblieben, doch das Gebäude ift indeffen höher geworden, in feinem Inneren find neue Raumabtheilungen entſtanden. Vorzugsweife ift diefs der Fall in Hinficht der mathematifch- aftronomifchen Verhältniffe der Erde, der horizontalen und verticalen Gliederung ihrer Oberfläche, der Vertheilung von Land und Waffer, der Vorgänge in der Atmoſphäre und der naturgefchichtlichen Partien. Auch die Culturmomente haben neue Anfätze an dem bereits bekannten Stamme aufzuweifen. Die zweite Lehrftufe erfährt wieder ihrerfeits eine angemeffene Erweiterung und Bereicherung, aber auch eine entsprechende Vertiefung bei der Behandlung desfelben Lehrftoffes auf der dritten Stufe. Die Schüler haben mittlerweile aufser dem geographifch- phyfikalifchen Materiale noch andere Kenntniffe gefammelt, ihre Faffungskraft ift gefteigert, ihr Blick gefchärft, ihr Verftand mehr gereift und hat nunmehr die Befähigung, tiefer in das Innere der Verhältniffe des Lehrobjectes einzudringen. Defshalb werden in diefem Stadium die geographifchen Thatfachen nicht blos in ihrem aufseren Zufammen- und Nebeneinanderfein hingeftellt, fondern es wird auch auf ihre innere Geſetzmäfsigkeit hingewiefen, die Begründung der natürlichen Erfcheinungen in eine mehr wiffenfchaftliche Form eingekleidet und der Zufammenhang der einzelnen Theile des grofsen Ganzen genauer verfolgt. Hier kann der Ritter'fche Grundgedanke klarer und nachdrücklicher zur Geltung kommen, indem gezeigt wird, wie aus und auf der Bafis der Naturverhältniffe fich das Culturleben der Menfchheit im Allgemeinen und einzelner Völker im Befonderen nach feinen mannigfaltigen Beziehungen und Verzweigungen geftaltet hat. Mit Recht ift der Verfaffer auch auf diefer Stufe im topographifchen Theile bei Anführung von Orten, Daten, hiftorifchen und anderen Notizen mit grofser Sparfamkeit zu Werke gegangen. Er hat fich dadurch von einem Fehler fo ziemlich ferne gehalten, in welchen bei Weitem die meiften geographifchen Lehrbücher, zum empfindlichften Nachtheile des Unterrichtes, noch immer zu verfallen pflegen. Dagegen hätte er die culturellen Momente eingehender berücksichtigen follen. Namentlich darf heutzutage eine Ueberficht über die Verkehrsverhältniffe auf dem Erdballe, wenigftens nach ihren Hauptpunkten und Hauptrichtungen, in keinem Lehrbuche der Geographie und auf keiner Lehrftufe mehr fehlen. Dafür mufs Anderes wieder entfernt werden. Denn es ift ungemein ftörend, wenn Hindeutungen auf eine teleologifche und providentielle Anordnung und Ausftattung unferes Planeten in einem fonft fo vortrefflich angelegten Lehrbuche vorkommen und fich 30 Dr. R. Perkmann. noch dazu öfters wiederholen. Abgefehen davon, dafs diefelben wiffenfchaftlich in keiner Weife berechtigt, daher didaktifch unzuläffig erfcheinen, können fie auch vom pädagogifchen Standpunkte aus nicht gebilligt werden; denn fie blenden nur das geiftige Auge des Schülers und lenken dasfelbe, falls er fich noch nicht bis zur vollen wiffenfchaftlichen Freiheit und Selbftftändigkeit emporgefchwungen, von der foliden, ficheren Bahn eines naturgemäfsen Gedankenganges ab. Sie gleichen nur den Irrlichtern, die in der Dämmerung und in dunfterfüllten Gegenden auftreten, aber zurückfchwanken, wenn man fich ihnen nähert, und vollends verfchwinden, fobald man unter dem Lichtfcheine der forfchenden Vernunft nach ihnen greifen will. In Folge der verhältnifsmäfsig grofsen Ausdehnung, welche wir einer Skizzirung der gefetzlichen Lehrbeftimmungen in Oefterreich, Preufsen und Sachfen, fowie der Durchficht einzelner Lehr- und Lefebücher geben zu müffen glaubten, bleibt es uns verfagt, auch den übrigen deutfchen Staaten eingehendere Aufmerkfamkeit zuzuwenden, um fo mehr, als ihre Einrichtungen, welche hier in Frage kommen müfsten, den bisher angeführten mehr oder weniger ähnlich find und auch die fehr wenigen ausgeftellten Lehrbücher keine befonders hervorragenden Gefichtspunkte oder wefentliche Fortfchritte und Vorzüge aufzuweifen hatten, im Gegentheile zumeift unter dem Niveau, wenigftens der fächfifchen Ausftellungsartikel, ftehen geblieben find. Allerdings waren auch Werke vorhanden, welche für die Gefchichte der Geographie und des geographifchen Unterrichtes bedeutungsvolle Schätze enthielten; fo führte eines derfelben den Lefer auf den claffifchen Boden der Aftronomie, der Kosmographie und Geographie des Mittelalters, in die Klofter und Stiftfchulen von St. Emmeran, Reichenbach und Waldfaffen und machte ihn mit den damaligen erften Vertretern diefer Disciplinen bekannt, wie mit einem Albertus Magnus, einem Abt Engelhardt und deffen Nachfolger Johannes Volkenfteiner, mit dem Freunde des Aeneas Sylvius, Johannes Tröfter, mit einem Johannes Tolufus, Nicolaus de Donis, einem Kepler und Anderen. Doch diefe und andere Materialien gehören mehr in die„, Gefchichte des geographifchen Unterrichtes" und werden darin feiner Zeit zugleich mit der Darftellung des gegenwärtigen Zuftandes der Geographie in den Schulen ausführlich behandelt werden. Schweiz. Die Organiſation des Schulwefens in der Schweiz hängt nicht von der Bundesregierung, fondern von den einzelnen Cantonen ab. Daraus hauptfächlich läfst fich die Erfcheinung erklären, dafs die Schule in diefem Lande nicht blos hiftorifch, das heifst in der Aufeinanderfolge der Zeitperioden, je nach dem Wechfel in den Strömungen des Zeitgeiftes harte Kämpfe zu beftehen hatte und manchen Schwankungen ausgefetzt war, fondern dafs fie auch geographifch, das heifst in verfchiedenen Cantonen zu gleicher Zeit, je nach dem Vorherrschen diefer oder jener Partei, wefentliche Verfchiedenheiten aufzuweifen hat. Während die herrfchende Partei in dem einen Cantone der Wiffenfchaft und der Bildung des Volkes abhold ift und der Schule den Stempel der Stagnation, der Sterilität aufgedrückt und erhalten wiffen will, fehen wir im nächften Nachbarcantone die Majorität der Staatsbürger mit Entfchiedenheit den Principien des Fortfchrittes huldigen und den Anforderungen eines rationellen Schulunterrichtes in vollem Mafse gerecht werden. In folchen Cantonen ift, unter dem Einfluffe der Ideen eines Pestalozzi, eines Fellenberg und Anderer, namentlich das Volksfchulwefen in fo erfreulicher Weife gehoben worden, dafs es auswärtigen Ländern zum Mufter und zur Anfpornung dienen konnte. In der fchweizerifchen Abtheilung der Weltausftellung war, abgefehen von den Lehrmitteln im engeren Sinne für den Anfchauungs- Unterricht, die Geographifche Lehrmittel. 31 Geographie nur fchwach vertreten. Unter den Cantonen, welche fich an diefer Section betheiligt hatten, find hervorzuheben: Appenzell, Thurgau, Zürich, Aargau, Luzern, Bern, Freiburg, Neuenburg, dann Waadt, Genf und Teffin. Als befonders hervortretender Charakterzug läfst fich bei den meiften der ausgeftellten Artikel, die hier in Betracht kommen würden, die Anfchaulichkeit bezeichnen und die Tendenz, den Schüler daran zu gewöhnen, dafs er die Gegenftände des Studiums felbft forgfältig beobachte, klar und frei von jedem Vorurtheile darüber nachdenke, um dadurch auch für das praktiſche Leben in Staat und Gefellſchaft die erforderliche Freiheit und Selbftftändigkeit des Geiftes und Charakters zu erringen. Ohne auf die einzelnen, einander mehr oder weniger ähnlichen Lehrbücher einzugehen, müffen wir doch eines fpeciell hervorheben, einmal weil es zum Gebrauche beim Unterrichte im Canton Zürich als obligatorifch eingeführt, fomit geeignet ift, die Behandlungsweife der Geographie in diefem Theile der eidgenöffifchen Schulen zu illuftriren, fodann weil es überhaupt den Grundfätzen einer rationellen Didaktik in hohem Grade entſpricht. Abweichend von dem Ufus in den meiſten anderen Ländern, ift hier der Unterricht in der Geographie von demjenigen in der Gefchichte getrennt und in die Gruppe der naturkundlichen Gegenstände eingereiht. Vorher fei noch bemerkt, dafs der geographifche Unterricht in der Volksfchule diefes Cantons nach zwei Lehrftufen abgetheilt und concentrifch gehalten ift. Die erfte Stufe beginnt mit dem vierten und dauert bis zum vollendeten fechsten Schuljahre( 9. bis 11. Altersjahr); die zweite füllt die drei letzten,( 7. bis 9.) Jahre der Volksfchule, beziehungsweife die Altersjahre 12 bis 15 aus. Das hier zu befprechende, in der Ausftellung vorhanden gewefene Werk umfafst nur die zweite Lehrftufe und ift betitelt: Lehr- und Lefebuch für die Volksfchule, 7. bis 9. Schuljahr( 12. bis 15. Altersjahr). Erfter Theil: Natur- und Erdkunde von H. Wettftein. I. Leitfaden mit 200 Holzfchnitten. II. Lefebuch. Zürich, 1871. Verlag der Erziehungsdirection. Dazu gehört: H. Wettftein's Schulatlas in zwölf Blättern, bearbeitet von J. Randegger. ,, Obligatorifches Lehrmittel für die allgemeine Volksfchule des Cantons Zürich". Zürich, 1872, Verlag der Erziehungsdirection. Das Lehrbuch oder der Leitfaden behandelt die Pflanzen- und Thierkunde, die Phyfik, die Chemie und die Mineralogie, darunter die Felsarten und den Gebirgsbau, das Alter der Felsfchichten, die Vulcane und Erdbeben, endlich zum Schluffe die Erdkunde fpeciell. Der Lehrftoff der letzteren wird auf die drei Jahrgänge der zweiten Stufe vertheilt, wie folgt: I. Claffe: Einleitung, die Schweiz; II. Claffe: die fünf Erdtheile; III. Claffe: die Erde als Weltkörper. Die Einleitung behandelt in gedrängter Kürze die Erdkugel und die wichtigsten Linien und Punkte am Globus, erläutert die elementaren Begriffe, wie geographifche Länge, Breite, die mathematifchen Zonen, die Himmelsgegenden, Land und Meer, die Erdtheile und Oceane, die Landkarte und das Entwerfen derfelben. Zur Veranfchaulichung dienen Blatt I und II des Schulatlas. Die erfte Karte enthält die Hemifphären, nach verfchiedener Eintheilung; fo die gewöhnlichen in der Ebene des Meridians von Ferro( öftliche und weftliche), des Aequators( nördliche und füdliche); dann die Halbkugeln des Atlantifchen und des Grofsen Oceans; ferner nach der orthographifchen Projection endlich die öftliche und weftliche Hemifphäre zur Darstellung der mathematifchen Zonen. Die zweite Karte dient befonders zur Verfinnlichung der phyfifchen Verhältniffe der Erdkugel. Zuerft werden auf der Erdkarte nach Mercator's Projection die Meeresftrömungen, die kalten und die warmen, dargestellt, dann die Wafferfcheiden der Oceane und die grofsen oceanifchen und Steppen- Stromgebiete. Weil bei der Projection nach Mercator die Gröfsenverhältniffe, falfch find, fo wird gleichfam zur Correctur die homalographifche gleich daneben geftellt. Die letztere enthält. zugleich eine Ueberficht der Verbreitung der Menfchenracen, wie fie Blumenbach eingetheilt hat, aufserdem die Angabe der Polargrenzen einiger Culturpflanzen, endlich die wichtigften Luftftrömungen und einige dadurch bedingte Hauptfahr 32 Dr. R. Perkmann. linien für Segelfchiffe. Weiter ftellt dasfelbe Blatt die Landhalbkugel und die Wafferhalbkugel nebft einer graphifchen Ueberficht der Gröfsenverhältniffe der Oceane und Feftländer dar. Im Lehrbuche folgt der Einleitung eine, wenigftens relativ betrachtet, fehr ausführliche Befchreibung der Schweiz, zunächft nach Lage, Gröfse und Bodengeftalt im Allgemeinen; dann die Gebirge, Thäler und Gewäffer, das Klima, die Lawinen und Gletfcher, die Mineralien, Pflanzen und Thiere des Landes; weiterhin die Einwohner nach Zahl und Vertheilung in die Cantone; die Sprachen, der Bildungszuftand und die Befchäftigung der Schweizer; endlich das Staatswefen im Allgemeinen und die Cantone im Befonderen. Dazu gehören aus dem Schulatlas die Karten III, IV, V A und V B. Blatt III dient vorzugsweife, um in das Verftändnifs der Karten in verfchiedenem Mafsftabe einzuführen; fie enthält die Gemeinde Hedingen im Mafsftabe von I: 1000, 1: 10,000, 1: 25,000, 1: 50,000 nebft einem Profil der Gegend, ferner Zürich und Umgebung in Mafsftäben 1: 25,000, 1: 100,000, 1: 250,000, 1: 500,000, 1: 1.000,000. Endlich Gebirgsgruppen im Glarnifchen und den Rigi. Einige zeigen die Höhenfchichten an. Blatt IV zeigt die Regionen der Schweiz, den Gebirgsbau, die Volksdichtigkeit, die Sprachen der Schweiz und zwei Abfchnitte der Dufour'fchen Karte. Blatt V gibt in A die Orographie und Hydrographie, ohne Namen und Zahlen, um die Ueberficht der Plaftik des Landes in keiner Weife durch Ueberladung zu trüben und zu erfchweren. Blatt VB enthält die Topographie und politifche Chorographie mit der Nomenclatur, nebft den Plänen von Bafel, Bern, Genf und Luzern im Mafsftabe 150.000. Im zweiten Theile der Erdkunde, der für die II. Claffe diefer Lehrftufe beftimmt ift, behandelt der Leitfaden die fünf Erdtheile fowohl im Allgemeinen, wie nach den einzelnen Staaten, letztere in möglichft gedrängter Kürze. Die Chorographie von Spanien z. B. füllt eine halbe Seite, jene von Frankreich circa drei Viertel, Deutſchland anderthalb, Oefterreich- Ungarn kaum zwei Drittel Seiten. Damit ift dem Lehrer ein freierer Spielraum gegeben. Die Schweiz ift bereits in der I. Claffe, und zwar auf achtundzwanzig Seiten behandelt und fehlt defshalb im zweiten Jahrgange unter den übrigen Staaten Europas. Es hätte uns aber zweckmäfsiger gefchienen, wenn der Verfaffer feine Heimat hier gleichfalls angeführt hätte, und zwar ganz im Mafsftabe der übrigen Staaten, weil die Schüler gerade in einer folchen Wiederholung einen paffenden Anhaltspunkt zur Bemeffung und Beurtheilung der Verhältniffe der fremden Länder finden würden. Für diefe Partie find im Atlas die Karten VI bis XI beftimmt, welche die Erdtheile, aufserdem Cartons mit Specialgebieten und Plänen von Städten enthalten. Der dritte Theil des Lehrbuches ift für den letzten Jahrgang der Volksfchule beftimmt und ftellt die Erde als Weltkörper dar: Geftalt und Gröfse der Erde, die Tages- und Jahreszeiten, Klima, Verbreitung der Pflanzen und Thiere und Menfchen; Mond, Finfterniffe, Sonne, Fixfterne, Kometen, das Weltall. Aufser den in den Text eingefchalteten Abbildungen dienen zur Verfinnlichung diefes Abſchnittes mehrere Zeichnungen auf der Karte XII des Schulatlas. Das Lefebuch bietet eine fehr reiche Auswahl von Lefeftücken, welche die einzelnen Capitel fowohl aus der Natur- wie aus der Erdkunde eingehender befprechen. So befchreibt ein Auffatz fehr ausführlich die Gemeinde Hedingen und liefert ein gutes Mufterbild für Heimatskunde. Andere Lefeftücke bringen anfchauliche Bilder aus der Schweiz, aus dem übrigen Europa, aus Afien, Afrika, Amerika und Auftralien; ferner Berichte über Weltreifen, wie von Magellan, James Cook, oder von Forfchern in der Schweiz, wie Sauffure. Geographifche Lehrmittel. 33 Frankreich. Die Franzofen haben an dem Aufblühen der mathematifchen, aftronomifchen, naturgefchichtlichen, phyfikalifchen und geogra phifchen Wiffenfchaft der neueren Zeit bis auf den heutigen Tag den ruhmvollften Antheil genommen. Auch hat es nicht an Beftrebungen gefehlt, beim Schulunterrichte mit der ftetig fortfchreitenden Wiffenfchaft in Einklang zu bleiben und die jeweiligen Refultate diefer letzteren in geeigneter Form dem erfteren fortwährend zugänglich und dadurch praktiſch nützlich zu machen. Napoleon I. hat der Univerſität die hohe Aufgabe geftellt, unaufhörlich dahin zu arbeiten, den Unterricht in allen Zweigen der Wiffenfchaft zu vervollkommnen und die Abfaffung tüchtiger Lehrbücher zu befördern; die Univerfität folle vorzüglich darüber wachen, dafs der Unterricht immer mit dem Fortgange der Wiffenfchaft gleichen Schritt halte. Auch unter den Regierungen, welche der Herrfchaft Napoleon's gefolgt find, wurden zu öfteren Malen Verfuche gemacht, den Unterricht im Allgemeinen und fpeciell den Unterricht in der Volksfchule zu heben. Victor Coufin wurde in das Ausland gefchickt, um das Schulwefen fremder Staaten zu ftudiren. Diefer bezeichnete feiner Regierung als befonders nachahmenswerth die Einrichtungen einzelner deutfcher Staaten, vor allen die Schulnormen in Preufsen.„ Die Erfahrungen Deutſchlands," fagt Coufin, ,, befonders Preufsens dürfen für Frankreich nicht verloren gehen; nationale Eiferfucht und Empfindlichkeit wäre hier nur vom Uebel." Aber diefe und andere an fich vortreffliche Verfuche zur Hebung des Unterrichtes erwiefen fich jedesmal fchwächer, als die fremdartigen Einflüffe, welche in Frankreich wie in manchen anderen Staaten zum gröfsten Nachtheile des intellectuellen und ethifchen Lebens. der Bevölkerung nur zu oft und zu lange das mafsgebende Wort führen durften. Die Wiffenfchaft und die Forfchung mufsten allerdings frei bleiben, weil es für fie überhaupt keine haltbaren Feffeln gibt, aber der öffentliche Unterricht follte an diefer Freiheit keinen Antheil haben und daher konnte unter dem Drucke feindfeliger Elemente auch in diefem Lande das Schulwefen fich niemals zu einem thatkräftigen und zugleich dauernden Auffchwunge emporraffen. Die neuefte Zeit fcheint jedoch auch für Frankreich eine durchgreifende Wendung zum Befferen herbeigeführt zu haben. Der Minifter für Unterricht und Cultus hat unter dem Datum vom 19. September und 10. October 1871 Inftructionen erlaffen, welche Mafsregeln zur Verbefferung des Unterrichtswefens enthielten. In dem minifteriellen Rundfchreiben vom 27. September 1872 wurden diefe Instructionen erweitert und neue Mafsregeln für das Schuljahr 1872 bis 1873 proviforifch erlaffen, zugleich den Schulvorftänden aufgetragen, mit Ende des Lehrcurfes 1873 Vorfchläge zur definitiven Organiſation des Schulwefens vorzulegen. Die charakteriftifchen Gefichtspunkte, welche das bezeichnete Rundfchreiben als den einftweilen zu beobachtenden Mafsftab für den geographifchen Unterricht enthält, und die vorausfichtlich auch bei einer definitiv feftzufetzenden Schulordnung Berücksichtigung finden werden, laffen fich kurz in Folgendem zufammenfaffen: Der Minifter hebt hervor, dafs die bisher beim Unterrichte in der Geographie beobachtete Methode der Logik und der Erfahrung widerfpreche. Man fei mit dem Kinde vom Unbekannten ausgegangen, um zum Bekannten zu gelangen, wenn man überhaupt zu diefem gelangt fei; man habe mit ihm von der Erdkugel gefprochen, von welcher es keine Idee hatte, anftatt mit ihm in die Umgebung der Stadt oder des Dorfes hinauszugehen. Der Schüler wurde angehalten, Auftralien oder China kennen zu lernen, bevor er von feinem Departement etwas wufste. Es fei Zeit, dafs man in der Pädagogik wieder eine naturgemäfse Methode befolge. Zu diefem Zwecke fordert der Minifter, dafs man zu den Vorfchriften der Conftituante von 1789 zurückgreife und, wie es in Deutfchland Sitte fei, mit der Befchrei 34 Dr. K. Perkmann. bung der Gemeinde beginne, dann fortfchreite zum Arrondiffement, von diefem zum Departement bis zu ganz Frankreich, um fernerhin zur Karte von ganz Europa und zuletzt zur Weltkarte zu gelangen. Mit befonderem Nachdrucke betont das Rundfchreiben die Nothwendigkeit des Anfchauungsunterrichtes. Apprenons à nos élèves à beaucoup voir et à bien voir. - C'est par la vue que l'enfant commence à s'instruire." Da die Reformen des franzöfifchen Schulwefens auch die Leibesübungen heranziehen und zu diefem Zwecke unter Anderem auch Excurfionen empfohlen werden, fo verlangt der Minifter, dafs mit diefen ,, Promenaden" der Unterricht verbunden werde. ,, La marche, qui est essentiellement hygiénique, peut être associée avec avantage à l'instruction des élèves; on peut, suivant le pays et le climat, faire de l'herborisation, visiter un vieux château, des ruines importantes, un ancien champ de bataille, une collection d'objets d'arts, une usine. En tout cas, on peut faire de la topographie, s'habituer ainsi à la lecture et à l'usage des cartes." Bei diefen„ Promenades géographiques et topographiques" foll den Schülern auf einer Karte der Weg gezeigt werden, den fie in Wirklichkeit zurücklegen und der Lehrer foll damit diejenigen Erklärungen verbinden, welche die Gefchichte, die Wiffenfchaft, die Induſtrie intereffiren. Ferner wird im Rundfchreiben auf den inftructiven Werth der Wandkarten hingewiefen, welche die Regierung zum Gebrauche in den Schulen anfertigen läfst; felbft der grofsen Karten, wie fie in den Wartefälen der Bahnhöfe Mode geworden, wird nicht vergeffen. In dem Schulmufeum( Musée scolaire), welches neu gegründet werden foll, werden Globen, Karten und überhaupt das ganze Materiale für den geographifchen Unterricht ausgeftellt fein. Endlich fordert der Minifter die Schulvorftände auf, ihm die Bedürfniffe ihrer Anftalten und überhaupt Rathfchläge mitzutheilen, fo wie er auch die Theilnahme von Privaten zu ermuntern fucht:" Meine Hilfe ift allen ernften Verfuchen gefichert." In der That zeigt fich in Frankreich und fpeciell in Paris ein reger Eifer, den Wünfchen des Minifters entgegenzukommen. Die franzöfifche Abtheilung der Weltausftellung hatte eine Anzahl neuer Lehrbücher für den geographifchen Unterricht aufzuweifen. Vor Allem feien erwähnt die einfchlägigen Arbeiten von M. E. Levaffeur, Profeffor am Collège de France, unter dem Titel: Nouveau cours d'enseignement géographique. Das ganze Werk zerfällt in die drei Theile: Petit cours, cours moyen und cours complet. Der erfte Theil ift für den elementaren Unterricht in den unteren Claffen der Primärfchulen beftimmt und enthält die Grundbegriffe der allgemeinen Geographie, eine kurze Ueberficht über die Vertheilung von Land und Waffer auf der Erdoberfläche und die Erdtheile, fodann eine Ueberficht über Frankreich und deffen Colonien. Der zweite Theil( cours moyen) ift für die oberen Claffen der Primärfchulen und einzelnen Fachfchulen beftimmt und gibt eine eingehendere Befchreibung der Erdtheile und Frankreichs nebft deffen Colonien; diefes Buch ift betitelt: Manuel de la géographie physique, politique, économique. Die dritte Abtheilung( cours complet), für Lyceen, Colléges, Seminarien etc., ift nach einem dreijährigen Lehrgange gegliedert, und zwar enthält fie die Befchreibung von Frankreich nebft feinen Colonien, dann von Europa ohne Frankreich, endlich die Erdtheile ohne Europa. Der Inhalt des erften Curfus diefes Lehrbuches umfafst die phyfifche, die politifche, die topo- und chorographifche, die commerciell- induftrielle, die culturelle und adminiftrative Seite von Frankreich und deffen Colonien, ift fomit nicht mehr ein dürres Verzeichnifs nackter Namen", fondern eine lebendige Schilderung von Land und Leuten. Dabei möchten wir die nämliche Bemerkung machen, welche wir oben bei Gelegenheit des Lehrund Lefebuches von A. Wettftein anfügen zu müffen glaubten, dafs die Heimat bei Befchreibung der europäiſchen Staaten in demfelben Mafsftabe berührt wer den follte. Diefe Lehrbücher gehören zu den erften Publicationen eines neuen " Geographifche Lehrmittel. 35 Inftitutes, welches fpeciell zur Beförderung der Geographie fowohl als Wiffenfchaft wie als Gegenftand des Schulunterrichtes gegründet worden ift und den Titel: Institut Géographique de Paris führt. Unter der Aegide diefer hoffnungsvollen Anftalt find aufser zahlreichen Globen, Karten etc. und den bereits genannten Werken von Levaffeur noch andere geographifche Schulbücher im Verlage von Charles Delagrave erfchienen, wie von Ch. Périgot: Cours de géographie; M. A. Roche: Géographie physique; M. Périgot: Petite géographie; ferner Abrégé de géographie moderne; M. Eyfferic: Géographie de la France. Aufserdem waren von der bekannten Firma Hachette et Co. ausgeftellt von den in ihrem Verlage erfchienenen Lehrmitteln Petit Atlas élémentaire de géographie moderne- accompagné d'un texte explicatif avec des notions préliminaires et un questionnaire von E. Cortambert. Ein ähnliches Lehrbüchlein mit Karten von Vivien de St. Martin. Ohne die übrigen zahlreichen neuen Erfcheinungen ſpeciell anzuführen, fei nur noch des methodologifchen Büchleins von E. Levaffeur erwähnt: Inftruction sur la manière de se servir du globe terrestre et de l'appareil cosmographique pour donner aux enfants les premières notions sur le Ciel, la Terre, le Soleil et la Lune. Bei der Energie, mit welcher die Reorganiſation des Schulwefens in Frankreich seitens der Regierung in Angriff genommen worden ift, und bei dem Eifer, welcher ihr bei diefem Werke von Seiten der gelehrten Welt entgegengebracht wird, ift mit Sicherheit anzunehmen, dafs auch der Unterricht in der Geographie einen rafchen Auffchwung nehmen werde. Nur ein Bedenken können wir nicht unterdrücken, und zwar gerade im Hinblicke auf das hervorragendfte der ausgeftellten Werke von Levaffeur. Wenn Levaffeur dadurch ,, eine wohlthuende Umwälzung im Unterrichte in der Geographie hervorgerufen hat, dafs nach feiner Methode das Gedächtnifs nicht mehr in nutzlofer Weife mit leeren Namen beläftigt wird, fondern dafs er aufser einer mehr entwickelten Befchreibung der phyfifchen Verhältniffe der Länder uns auch mit den Völkern, ihren Sitten, ihren Gefetzen, ihrer Agricultur und Induftrie, ihrem Handel etc. etc. bekannt macht", fo kommt er in Gefahr, den Schüler mit dem mannigfaltigen Materiale zu überladen, und die Erfolge des Unterrichtes, die fonft nicht ausbleiben können, par embarras de richesses wieder in Frage zu ftellen. Da die übrigen Staaten Europas diefe fpecielle Section der UnterrichtsAbtheilung entweder gar nicht oder doch nur mit einzelnen, zufammenhanglofen Artikeln befchickt hatten, und diefes Wenige faft durchaus im Style der allgemein und altgewohnten Schablone gehalten war, fo können wir uns auf eine kurze Ueberficht über die Abtheilung der Nordamerikaniſchen Union befchränken. In den deutfchen Schulen der Vereinigten Staaten begegnet man nicht felten Lehrbüchern aus Deutſchland. So ift der Leitfaden und das Lehrbuch von Daniel vielfach verbreitet. Unter den einheimifchen Producten erfcheinen als als charakteriftifch: First lessons in geography for young children, enthaltend kurze Lefeftücke mit Erläuterungen der elementaren Begriffe der Geographie von Auguft Mitchell; ferner von demfelben Autor: A System of modern geography; weiterhin Guyot: Geographical series. Ueberall herrfcht der phyfikalifche Charakter vor, während der politifche Theil nur in überfichtlicher Weife behandelt wird. In den Text eingefchaltet find zahlreiche Abbildungen. Befonders hervorgehoben müffen werden die Lehrbücher von D. M. Warren. Diefelben umfaffen drei Stufen des geographifchen Unterrichtes. Das Lehrbuch der erften Stufe der New Series of Geogra 36 Dr. R. Perkmann. phies enthält Warren's New primary Geography und ift für Anfänger beftimmt. Es behandelt die Grundbegriffe und Principien diefer Wiffenfchaft in befchreibender Form und gibt fodann eine kurze Ueberficht der verfchiedenen Länder der Erde, begleitet von zahlreichen Zeichnungen und Karten. Die zweite Stufe enthält Warren's Common- school Geography, beſtimmt für Stadt- und Diſtrictsfchulen, und gibt eine weitere Befchreibung der Erdoberfläche. Die dritte Stufe trägt einen mehr wiffenfchaftlichen Charakter und behandelt die Physical Geography für Colleges, Akademien, Seminarien und hohe Schulen. Die Einleitung gibt eine kurze Ueberficht der aftronomifchen Geographie. Der erfte Theil behandelt das Feftland, den Bau der Erdrinde mit den Verfteinerungen von Pflanzen und Thieren, Gebirgsfyfteme u. f. w. Im zweiten Theil wird das Waffer behandelt: Quellen, Flüffe, Seen, Meere, Meeresftrömungen etc. Im dritten Theile die Atmoſphäre, Temperatur, Luftftrömungen, meteorifche Erfcheinungen. Der vierte Abſchnitt: organifches Leben, Pflanzen und Thiere und deren geographifche Verbreitung; ferner: der Menfch( Racen, Völker, Stämme und Verbreitung derfelben). Ausführlich wird die phyſikaliſche Geographie der Vereinigten Staaten behandelt. Schlufsbemerkungen Nach den Zeugniffen der Gefchichte des geographifchen Unterrichtes find die Klagen über das unzureichende Mafs an erdbefchreibendem und erdkundlichem Wiffen, welches die Jugend beim Verlaffen der Schule in der Regel aufzuweifen habe, ebenfo alt wie diefer Unterricht felbft. Anftatt allmälig abzunehmen und zu verftummen, werden fie vielmehr von Jahr zu Jahr zahlreicher und lauter, felbft in denjenigen Staaten, ja gerade da am ftärksten, wo für den öffentlichen Unterricht im Allgemeinen und für diefen Zweig im Befonderen am meiften gethan wird. Sie kommen von Seiten der Regierungsorgane( Minifterien), einzelner Berufsstände( z. B. der Handelswelt), wie aus den Kreifen der Lehrer felbft und der wiffenfchaftlichen Fachmänner. Was eine folche Zunahme von Aeufserungen der Unzufriedenheit hauptfächlich veranlafst, ift nicht etwa eine abfolute Verminderung der Leiftungen in der Schule, als vielmehr das ftetige und immer rafcher werdende Steigen der Anfprüche, welche von der Fachwiffenfchaft, von der fortfchreitenden allgemeinen Bildung und von den praktifchen Bedürfniffen des gefammten modernen Weltlebens an das einzelne Individuum, wie an die ganze Gefellfchaft geftellt werden. Sollen diefe erhöhten und fortwährend wachfenden Anforderungen befrie. digt werden, dann wird allerdings auch die Behandlung, welche die Geographie in den Schulen bisher faft allenthalben erfahren hat und zum grofsen Theile noch gegenwärtig erfährt, es wird die Stellung, welche ihr unter den übrigen Lehrgegenständen gefetzlich angewiefen ift, eine wefentlich andere werden müffen. Denn bei der bisherigen Art und Weife ift es felbft den fonft tüchtigſten Kräften nicht möglich, den Erwartungen, welche die Natur des Gegenftandes felbft in fo reichem Mafse erwecken kann, vollkommen gerecht zu werden und alle die in ihm enthaltenen intellectuellen, fcientififchen und praktifchen Vortheile daraus zu ziehen, gefchweige denn alle die Schätze zu heben und auszubeuten, welche ein organifch gegliederter und vollſtändig durchgeführter Unterricht über die grofse, fchöne Heimat des Menfchengefchlechtes und deren Bewohner für die gefammte ethifche Erziehung und Bildung der Jugend in unerfchöpflicher Fülle darzubieten im Stande ift. Wenngleich das Materiale, welches die Weltausftellung bezüglich der Geographie als Lehrgegenftand vorgeführt hat, relativ ein geringes war, fo enthält doch auch diefes Wenige hinreichende Anhaltspunkte, um die princi Geographifche Lehrmittel. 37 pielle Seite der Frage hinfichtlich einer rationellen Behandlung der Erdbefchreibung und der Erdkunde in der Schule wenigftens in Kürze berühren zu können und glaubt der Referent einige diefer Punkte hier andeuten zu follen, eine ausführliche Darlegung derfelben feiner Gefchichte des geographifchen Unterrichtes vorbehaltend. Bei diefem kurzen Rückblicke follen auch nur jene Lehranstalten im Auge behalten werden, die ihren Abfchlufs erft an der Schwelle der Univerfitäten oder der technifchen Hochfchulen finden. Bei allen Gegenftänden, welche an den mittleren und höheren Schulen gelehrt werden, gefchieht diefs in den geiftig fortfchreitenden Staaten nur nach folchen didaktifchen Grundfätzen, welche aus der eigenen und eigenthümlichen Natur und Wefenheit eben diefer Gegenftände felbft entſpringen und dem Charakter der betreffenden Schulen angemeffen find. Damit ift zugleich die natürliche Grundlage gegeben, auf welcher die Lehrgegenftände felbft wiffenfchaftlich weiter entwickelt, die Lücken ausgefüllt und ungehörige Elemente, welche fich früher etwa eingefchlichen haben mögen, allmälig daraus entfernt werden können. Dem Unterrichte in der Geographie war eine folche, feiner fpeciellen Natur entfprechende Behandlung von allem Anfange an nicht befchieden. Schon bei ihrer Aufnahme unter die Unterrichtsfächer der öffentlichen Schulen wurde ihr die volle wiffenfchaftliche Selbftftändigkeit verweigert, und nur der Charakter einer Gehilfin für einen anderen Gegenftand zugefchrieben Selbft wiffenfchaftlich noch wenig entwickelt, wurde fie noch dazu an ein Lehrfach gebunden, welches damals an wiffenfchaftlicher Ausbildung ihr um keine Linie voranftand. Nur zur Dienerin berufen, wurde fie auch nur wie eine Dienerin behandelt. Sie follte nur jene Kenntniffe liefern, ohne welche der Unterricht in der Gefchichte überhaupt gar nicht ertheilt werden kann. Wo, und fo lange die„ Gefchichte" nur als politifche Gefchichte, als die Gefchichte einzelner Staaten behandelt wurde, war die Geographie in der Schule dazu verurtheilt, auf ein weites, wichtiges, ihr naturgemäfs zugehöriges Gebiet zu verzichten. Es find ungeheuere Landftriche, um nicht zu fagen ganze Welttheile, welche in den Lehrbüchern der Staatengefchichte kaum berührt werden. Und felbft innerhalb jener Gebiete, welche die Geographie als Hilfsfach zu behandeln hatte, blieb fie überwiegend auf die Angabe topographifcher und ftatiftifcher Daten befchränkt und mufste wefentliche Momente und Factoren des ganzen grofsen Gegenftandes ihrer wiffenfchaftlichen Aufgabe übergehen. Anftatt ein reiches, lebensvolles und harmonifches Ganzes zu bieten, hatte fie nur magere Splitter und todte, zufammenhanglofe Trümmer aufzuweifen. Kein Wunder, wenn fich der Geift der lernenden Jugend an folchem Chaos nicht erwärmen, von ihm nicht anregen laffen wollte! Wie der voranftehende Bericht zeigt, ift in neuerer Zeit die Stellung und Behandlung der Geographie in mehreren Staaten, darunter auch in Oefterreich eine würdigere, eine naturgemäfsere geworden; aber bis zur Erlangung der vollen ihr gebührenden Selbftftändigkeit und Freiheit hat fie auch in diefen Ländern vorausfichtlich noch einen weiten, langwierigen Weg zurückzulegen. Wir wollen nicht mehr an die ganz unwiffenfchaftliche Anfchauung erinnern, welche der Verfaffer des„ Organiſationsentwurfes" noch vor 25 Jahren von der Geographie gehabt hat; auch die gegenwärtig, felbft in den fortgefchrittenften Staaten geltenden Normen bezüglich des geographifchen Unterrichtes laffen noch Vieles und darunter Wefentliches zu wünſchen übrig. Wohl wird der Gegenftand vielfach fchon ,, felbftftändig", in einer ihm allein zugewiefenen Anzahl von Lehrftunden behandelt; allein das gefchieht nur in den unteren Abtheilungen der angedeuteten Lehranstalten und felbft da wird das Lehrobject mit Ausnahme des unterften Jahrganges nicht nach geographifchen Principien, fondern fo vertheilt, wie es der Unterricht in der Gefchichte wünſchenswerth erfcheinen läfst. Nicht blos ganze Continente, felbft einzelne Theile derfelben werden in verfchiedenen Semeftern, ja in verfchiedenen Jahrgängen vorgenommen. Dadurch wird das Ganze des Unterrichtsgegenftandes nicht gegliedert, fondern zerriffen. 38 Dr. R. Perkmann. - da In den oberen Abtheilungen diefer Schulen, wo die Jünglinge fchon erweiterte Kenntniffe, eine allgemeinere Bildung, überhaupt geübtere Geifteskräfte mitbringen, alfo auch für einen erweiterten und zugleich tiefer greifenden Unterricht in der Erdbefchreibung und Erdkunde beffer qualificirt wären hört er auf. Allerdings wird verlangt, dafs beim Unterricht in der Gefchichte der Lehrer zur„ Befeftigung und Sicherung des geographifchen Wiffens" die von Fall zu Fall vorkommenden Ortsnamen an der Wandkarte„ zeige" und beim Examiniren fie auch vom Schüler wieder„ zeigen" laffe; einen ferneren Erfatz für den ausgefallenen Unterricht in der Geographie follen die„ gelegentlichen Einftreuungen"," Anknüpfungen",„ Erinnerungen" und dergleichen bieten. Dafs aber durch folche„ gelegentliche" Mittel, die aufserdem je nach der fonftigen Geiftesrichtung und Bildung des Lehrers fehr verfchiedenartig auszufallen pflegen, kein geregeltes Wiffen erreicht wird, dafs die„ Ein ftreuungen“ nur zu häufig zur Zerftreuung führen, das lehrt die Erfahrung, das lehren die Warnungen der bewährteften Schulmänner. Anders ift es mit dem wirklichen Erfatze an wiffenfchaftlichem Materiale, welches nach den neueften gefetzlichen Vorfchriften mehrerer Staaten in einzelnen Claffen der oberen Abtheilung die Lehrer der Naturgefchichte und der Phyfik durch fpecielle Behandlung einzelner Zweige ihres Faches herbeizufchaffen haben. Aber felbft, wenn diefs nicht blos vom rein naturgefchichtlichen und phyfikalifchen, fondern zugleich auch vom geographifchen Standpunkte aus gefchieht, fo ift damit die Gefahr, welche mit jeder Zerftücklung eines wiffenfchaftlichen Gegenftandes verbunden ift, noch immer nicht befeitiget, abgefehen davon, dafs, wie einer und der andere der oben angeführten Lehrpläne zeigt, naturgefchichtliche Partien fchon in einem früheren Jahrgange vorgenommen werden, während jene Partie, welche die unerläfsliche Vorausfetzuug dafür bildet, von Seite der Phyfik erft in einem fpäteren Jahrgange dargestellt wird. Wie der Eine die Geographie nur als ein trockenes Verzeichnifs von Namen aufgefafst hat, bei welchem es auch auf ein paar" mehr oder weniger gar nicht einmal ankomme, fo bezeichnen fie Andere, darunter felbft Männer der Wiffenfchaft und Mitglieder der Commiffionen für Lehramtsprüfungen als ein " Conglomerat". Solchen Anfchauungen können offenbar nur die wiederholt angedeuteten„ Einftreuungen" und" Anknüpfungen" zu Grunde liegen; die Wiffenfchaft hat eine ganz andere Idee davon. Auch unfere Erde, der Gegenſtand der geographifchen Darftellung, ift kein Conglomerat, kein regellofer Haufen der verfchiedenften, chaotifch durcheinander geworfenen, todten Dinge, keine rudis indigeftaque moles, fie ift ein einheitliches, harmoniſch gegliedertes Ganzes von Elementen, belebt durch Kräfte, die nach beftimmten Gefetzen thätig find, aus deren Gegeneinander- und Zufammenwirken Bewegung, Leben und Schaffen hervorgeht. Auf der höchften Abftufung, in der höchften Sphäre ihrer individuellen Schöpfungen erheben fich diefe Kräfte und Gefetze zu einem freieren Organismus, indem fie hier, im Menfchengefchlechte zum Bewufstfein erwachen, zur Vernunft kommen. Die Einwirkungen diefer mit Bewufstfein thätigen, nach bewufsten Zwecken und Zielen ftrebenden, vernünftigen Kräfte bringen in dem äufseren Leben, in der äufseren Phyfiognomie der Erde mannigfaltige Veränderungen hervor. Diefe neuen, vernünftigen Schöpfungen ertheilen dem unbewufsten Leben der Natur die geiftige Weihe, die Weihe der Cultur. Sollen die Erdbefchreibung, die Erdkunde und der Unterricht in denfelben ein wahres geiftiges, ein wiffenfchaftliches Abbild ihres lebendigen und organifch gegliederten Vorbildes liefern, fo darf dasfelbe nicht ein Conglomerat, eine zerftückelte, zerriffene und todte Maffe von einzelnen Vorftellungen fein, die nur nach zufälligen Momenten zufammenkommen; auch in dem Abbilde mufs Einheit, Gliederung, Organifation und Leben herrfchen. Wie in dem Vorbilde die einheitliche in fich reich gegliederte Natur, die Phyfis, die wahre Grundlage des gefammten Dafeins, Lebens und Schaffens ift, fo mufs auch in dem getreuen Geographifche Lehrmittel. 39 Abbilde der natürliche Theil, die phyfi kalifche Geographie die Bafis bilden, auf welcher fich der reichgegliederte, grofsartige Bau der Culturgeographie und in höchfter Inftanz, als ideelles Ineinandergreifen der phyfikalifchen und culturellen. Geographie jener der Culturwiffenfchaft erhe. ben kann. Soll der geographifche Unterricht diefes ihm von der Wiffenfchaft vorgefteckte Ziel erreichen, fo mufs er vor Allem auf jeder feiner Abftufungen vollkommen felbftftändig gemacht werden. Als felbftftändiges Hauptfach mufs er zugleich der Brennpunkt aller jener Wiffenfchaftszweige fein, welche ihm als feine Hilfswiffenfchaften das in ihnen liegende, ihm nothwendige Materiale zuzuführen haben. Je mehr auf diefe Weife die Erdbefchreibung, die Erdkunde, die Culturgeographie und die Culturwiffenfchaft ausgebildet, je vollendeter der Unterricht auf diefem ganzen Gebiete und in feinen einzelnen Theilen fein wird, defto beffer und leichter wird die Geographie dann auch jene Seite ihrer Aufgabe zu erfüllen im Stande fein, wo fie als Hilfswiffenfchaft zu dienen hat. Ift fie felbft in ihrem ganzen Organismus vollſtändig entwickelt, dann wird fie auch der Staaten und Weltgefchichte gefunde Kraft und frifches Leben mittheilen können, was fie in ihrer heutigen Geftalt noch nicht vermag. Dafs ein ungewöhnlich reiches Mafs vielfeitiger Kenntniffe dazu gehört, wie es kein anderer Wiffenfchafts- und Unterrichtszweig erfordert, dafs der Lehrer diefes weite Feld auch klar überfehen muſs, um das Wichtige und das Charakteriftifche überall von dem weniger Wichtigen und nicht Charakteriftifchen unterfcheiden zu können, ift felbftverftändlich. Diefe Thatfache aber darf für die Erfüllung der didaktifchen und pädagogifchen Aufgabe des geographifchen Unterrichtes kein Hindernifs fein. Ift die Schule die Quelle des fyftematifchen Wiffens, fo wird ein vollſtändig gegliederter Organismus des gefammten Schulwefens eines Staates Das nicht fchwer leiften, was jetzt Manchem noch als unmöglich erfcheinen mag. Die Hochſchule, die Univerfitas literarum und das LehrerSeminar würden in diefem Falle zufammenwirken, um das erforderliche Materiale in entſprechender Weife je für die Mittel- und Volksfchule herbeizufchaffen. Die Zeit wird kommen, wo namentlich die deutfchen Univerfitäten, diefe Perlen im Ehrenkranze der deutfchen Nation, aufser den Lehrftühlen für phyfikalifche Geographie auch die Katheder für Culturgeographie und Culturwiffenfchaft zu ihren Glanzpunkten zählen werden, und von diefen aus wird die geeignete Geiftesnahrung, entſprechend zubereitet, in die mittleren und niederen Schulen hinüberftrömen und fomit den Kreislauf des ganzen Unterrichtsproceffes vollenden können.