TMW- Bibl WA 87/13 C D E 1 WA871B AUSSTELLUNGS- BERICHT DIE UNIVERSITATEN BERIC OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. o. ö. PROFESSOR IN PRAG. DIE UNIVERSITÄTEN. ( Gruppe XXVI, Section 5.) BERICHT VON MUSEOY INDUSTRIE DR. WILHELM HARTEL GEWE k. k. Universitätsprofeffor in Wien. Technologisches Gewerbe- seam WIEN WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. BEKICH XX oqqorb) ПИПЛЕКСТILVIEX DIE 7022LETTAZC2- BEKICHL XIII bam DIE UNIVERSITÄTEN. ( Gruppe XXVI, Section 5.) Bericht von DR. WILHELM HARTEL, k. k. Univerfitätsprofeffor in Wien. 13. Das Programm der Wiener Ausftellung ging, indem es die Darſtellung der Organiſation, Lehrmittel und Lehrerfolge der Univerfitäten in den verfchiedenen Ländern verlangte, etwas leichten Herzens an eine Aufgabe, ohne fich von deren Durchführbarkeit oder auch nur Erfpriefslichkeit Rechenfchaft zu geben. Dabei fehlte es von vornherein an durchfchlagenden Gefichtspuncten, welche der Befchaffung und Herrichtung des auszuftellenden Materiales Ziel und Richtung vorgezeichnet hätten. Ein befcheideneres, feft gegliedertes und von den einzelnen Ländern gleichmäfsig durchgeführtes Programm hätte mehr erreichen laffen, als die nach Laune und Zufall zufammengebrachten Fragmente des Universitätswefens, die unfertigen und lückenhaften ftatiftifchen Materialien, welche nirgends zum einheitlichen Bilde fich fügen wollen, die hiftorifchen Rudimente, die Bücherfchränke, welche von der Leiftungsfähigkeit einzelner Univerſitäten wenig, von der Leiftungsfähigkeit einzelner Lehrer nichts, was man nicht wüfste, befagen, zufammen zum grofsen Theil Dinge, die dem Fachmanne nicht neu, und welche diefer überall beffer als in den lärmerfüllten Hallen des Induſtriepalaftes ausnützen konnte, die dem Laien aber durch das unfcheinbare Aeufsere nicht imponiren. Dem Berichterstatter erwächft daraus die Bequemlichkeit, dafs er unter der Fülle des Materiales nicht zu leiden hat und die dürftigen Fragmente ihn der Verpflichtung von felbft entbinden, ein anfchauliches Bild aus ihnen zu reconſtruiren. Der einzige Staat, deffen Ausftellung dazu eingeladen, ift Frankreich. Frankreich nahm, wenn wir die ausftellenden Länder von Weften nach Often durch wandern, nicht blos örtlich, fondern auch nach der Menge des Gebotenen die erfte Stelle ein. Es bot nichts, was das Auge befticht. Einige Käften mit Büchern, nicht hinter Schlofs und Riegel, fondern zu Jedermanns Einficht offen, enthielten wohl Alles, was einen genauen Einblick in das franzöfifche Unterrichtswefen zu bieten vermag. Schülerarbeiten waren nur infoweit mit aufgenommen, als fie die Organiſation zu erläutern dienlich fchienen. Das Hauptgewicht war auf die Hochfchulen gelegt. Mit Recht. Innerhalb des letzten Decenniums ward ihnen eine ununterbrochene Sorge gewidmet. Ohne den Grundbau zu ändern, wurden allenthalben Reformen angebracht, deren Zweckmäfsigkeit fich zum Theile an den Erfolgen bereits abfchätzen läfst. Wir werden, da es uns an Raum und Beruf fehlt, eine Gefchichte des höheren Unterrichtswefens in Frankreich zu fchreiben, auf diefe Reformen zumeift uns befchränken. Als Quelle I* 2 Dr. Wilhelm Hartel. dient folgendes, vom franzöfifchen Unterrichtsminifterium ausgeftellte Material, das an Vollständigkeit nichts zu wünſchen übrig läfst: L'Adminiftration de l'inftruction publique de 1863 à 1869. Miniftère de M. Duruy. Paris Jules Delalain 1870, ein Werk, welches in an den Kaifer gerichteten Rapporten, in Parlaments- und Gelegenheitsreden einen fortlaufenden Commentar zu den zahlreichen Acten diefes einfichtsvollen und energifchen Minifteriums bietet. Recueil des lois et actes de l'inftruction publique, eine Sammlung, welche die legislative und adminiftrative Thätigkeit der Jahre 1848 bis 1871 umfasst, und eine Ergänzung erhält durch die folgende Sammlung: Circulaires et inftructions officielles relatives à l'inftruction publique, deren erfter Band( Paris 1863) die Jahre 1802 bis 1830, deren fechster( Paris 1869) die Jahre 1863 bis 1869 umfasst. Bulletin adminiftratif. Tom. VII à XIV, 1867 à 1872. Statiftique de l'enfeignement fécondaire und Statistique de l'enfeignement fupérieure, Paris 1868, ein überaus verdienftliches Unternehmen, welches ein langgefühltes, von den gefetzgebenden Körperfchaften wiederholt vermerktes Bedürfnifs befriedigte. Die Güte der Hochfchulen wird in jedem Lande abhängen von der Güte des Schülermateriales, das diefen von den Mittelfchulen zugeführt wird. Es wäre kaum ein Verftändnifs für die Organiſation des höheren Unterrichtes in Frankreich zu erreichen, wenn man die Verhältniffe feiner Mittelfchulen nicht in Anfchlag brächte. Mit richtigem Blicke hat auch das Minifterium Duruy bei diefen feine reformatorifche Thätigkeit begonnen, und war bemüht, theils durch Aenderungen der Organiſation, theils durch Vermehrung der Mittelfchulen und Verbefferung der äufseren Lage derfelben eine tüchtigere und, foweit es tiefgewurzelte Einrichtungen geftatten, gleichmäfsigere Bildung der Schüler anzubahnen. Als die wichtigſte Mafsregel darf die mit Decret vom 4. December 1864 erfolgte Aufhebung des Syftems der Bifurcation an den Lyceen betrachtet werden. Die Zertheilung der oberen Gymnafialclaffen in eine Section des lettres und eine Section des fciences, welche die in Frankreich ftets hochgehaltene humaniftifche Bildung auf das ftärkste fchädigte, ohne die realiftifche zu fördern, ward aufgehoben, und für jene Zöglinge, welche fich den Eintritt in die technifchen und Specialfchulen offen halten wollten, an jedem Lyceum ein auf zwei Jahrgänge erftreckbarer Curfus der Elementarmathemathik eröffnet. Eine damit zufammenhängende Erleichterung des Maturitätsexamens, wornach das baccalauréat ès lettres fich auf den Lehrftoff der beiden höchften Lycealclaffen( Rhetorik und Philofophie), das baccalauréat ès mathématique auf den Lehrftoff des neugegründeten Curfes' der Mathematik befchränkt, fowie die mit Verordnung vom 24. März 1865 verfügte Vertheilung der Lehrgegenftände an den Lyceen, brachte eine Organifation zum Abfchlufs, die unferem Gefchmacke nicht ganz entſprechen mag, die fich aber, wie es fcheint, des ungetheilten Beifalles der Humaniſten und Realiften in Frankreich erfreut, und auf deren wohlthätige Folgen hinzuweifen die Rapports wiederholt Anlafs nehmen. Die in demfelben Jahre erfolgende Gründung von Realfchulen( l'enfeignement fécondaire profeffionel) forgte für die Bildungsbedürfniffe des Mittelftandes, deffen Kinder vor dem Eintritte in eine praktifche Laufbahn ein über die Volksfchule hinausgehendes Mafs von Kenntniffen fich erwerben wollen. Die Heranbildung der für diefe Gattung Schulen erforderlichen Lehrer fügte ein neues Glied in die Kette der höheren Unterrichtsanftalten, die École normale de Cluny, fowie die zahlreichen Candidaten für diefe Profeffuren den verlaffenen Hörfälen an den Facultäten der Provinz ein tüchtiges und bildungsbefliffenes Schülermaterial ftellen follen. Vielleicht könnte diefe Organiſation des Lycealunterrichtes ihrem Zwecke genügen, wenn fie fich auf alle Inftitute erftreckte, wenn das Bacalaureat eine gediegene Reife des Geiftes irgend verbürgte, wenn diefe Reife durch die Arbeit Die Univerfitäten. 3 der Schule wirklich und gleichmäfsig bei allen Zöglingen und nicht fcheinbar durch ein überhaftetes Einpauken aufser der Schule erreicht würde, wenn fämmtliche Candidaten des höheren Unterrichtes den Weg durch fo eingerichtete Lyceen nähmen. Aber gar Viele kommen, ohne die divifion fupérieure des Lyceums zurückgelegt zu haben, nach kurzer Vorbereitung zur Baccalauréatsprüfung, und zwei Drittel fämmtlicher Schüler machen ihre Studien an den Colléges communaux, den zahlreichen weltlichen und geiftlichen Anftalten, an welchen Schulen in Folge fchlechter Dotation, eines ungenügenden, meift ungeprüften Lehrerftandes die Lehrziele des Lyceums weitaus nicht erreicht werden. Allerdings wächft die Schülerzahl an den Lyceen, welche im Jahre 1850. am 31. December 1865 am I. November 1867. 21.049 Schüler 32.630 36.132 " 9 99 betrug. Aber es wächft auch die Zahl der Schüler an den Colléges communaux, welche 1842: 26.584, 1865: 33.038 ausmachte, obwohl es 1865 um 61 Colléges weniger gab und die wichtigften in Lyceen umgewandelt waren, und es wächft die Schülerzahl an den Privatfchulen( les établiffements libres), welche fich 1842 auf 31.816, 1865 auf 77.906 belief. Man erkennt in diefen Zahlen eine Wirkung des Gefetzes von 1850, welches die Freiheit des Unterrichtes begründete. Die 140.253 Schüler, welche 1865 Secundärfchulen befuchten, vertheilen fich fo, dafs auf die Lyceen. 99 " Colleges communaux • " 29.852 Interne, 2778 Externe 32.495 - 32.630 543 " 33.038 לי " " " weltlichen Freifchulen geiftlichen 43.009 99 34.879 99 99 23.000 pétits séminaires entfielen, fo dafs alfo der öffentliche Unterricht an den Staats- und Communalanftalten mit 62.347 Schülern dem Privatunterrichte mit 77.906 gegenüberfteht. Am meiften haben dabei die geiftlichen Anftalten zugenommen und an Schülerzahl gewonnen. In elf Jahren feit 1854 bis 1865 find die weltlichen von 825 auf 657 gefunken, die geiftlichen von 256 aut 278 geftiegen, indem die Schülerzahl an ihnen fich von 21.195 auf 34.879 vermehrte. Die religiöfen Orden( Jefuiten, Laza riften u. f. w.) hatten 1854: 33 Anftalten mit 5285, 1865: 43 mit 9475, 1867: 52 mit 10.827 Schülern. Es ift zu bedauern, dafs die franzöfifche Unterrichtsverwaltung kein Mittel in die Hand zu bekommen fuchte, um die Lehrerfolge diefer verfchiedenen Schulen, wenn auch nur annäherungsweife abzufchätzen z. B. durch die Ziffern der Baccalareatsprüfungen. Denn die Prüfungscommiffion weifs nicht, ob der Candidat an einer und an welcher Anftalt feine Studien zurückgelegt. Dazu kommt der Mangel an gefetztlich normirten Verfetzungen, indem jeder Zögling nach vollendetem Curfus in die nächft höhere Claffe aufft eigen kann, wie immer es mit feinem Wiffen ſtehen mag, fo dafs auch in derfelben Claffe desfelben Lyceums die gröfste Ungleichmäfsigkeit herrfchen mufs. So viel dürfte klar fein, dafs die franzöfifchen Mittelfchulen nicht jenes tüchtig und gleichmäfsig gebildete Schülermaterial für die Hochfchulen liefern, wie die deutfchen und felbft öfterreichifchen Gymnafien. Erwägt man, dafs die Zöglinge unter ftrenger Controle in den als Internaten eingerichteten Schulen fich felbft zu beftimmen nicht gelernt haben können, fo wird man es minder fonderbar finden, dafs diefelbe ftrenge Studienordnung, an welche die franzöfifchen Studenten gewohnt find, diefe durch die Jahre des höheren Unterrichtes geleitet. Für jene die individuellen Kräfte entfeffelnde Freiheit der deutfchen Univerfitäten ift in Frankreich kein Raum. Es ift ein fortgefetztes Drillfyftem, voll von Beauffichtigungen und Prüfungen; das Ziel, dem man in den verfchiedenartigen höheren Schulen zuftrebt, ift eine genau umfchriebene Summe von Kenntniffen. Anderswo fchätzt man mehr die entwickelten Fähigkeiten, man legt gröfseren Werth auf das Können als auf das Wiffen. Am meisten treten diefe Uebelftände hervor in den 4 Dr. Wilhelm Hartel. juridifchen und medicinifchen Facultäten, welche gegenüber der reichen Gliederung diefes Unterrichtes an deutfchen Univerfitäten in einer unglaublichen Armuth vegetiren; am empfindlichften aber find ihre Folgen an den Facultés des lettres und des fciences, welche unferen philofophifchen Facultäten entſprechen. Uebrigens haben diefe Facultäten, deren Frankreich 53 zählt mit beiläufig 400 Lehrftühlen, mit den deutfchen nur den Namen gemein. Sie find auf eine Menge Städte vertheilt und nur felten find im Sinne des Statutes von 1868 die fünf Facultäten( Theologie, Medicin, Jurisprudenz, philologifch- hiftorifche= des lettres, und mathematiſch- naturwiffenfchaftliche= des fciences) zum lebensvollen Organismus einer Univerſität vereinigt. Dabei haben fie nicht den Zweck, durch ftreng wiffenfchaftliche Vorträge in die einzelnen Disciplinen einzuführen und zu methodifcher Arbeit anzuleiten, fondern vielmehr durch Vorträge, welche oft durch glänzende Rhetorik zu beftechen fuchen, Refultate der Wiffenfchaft unter der gebildeten Claffe zu verbreiten. Demnach haben auch nur die juridifche und medicinifche Facultät eine ftändige, aus Studenten beſtehende Zuhörerfchaft; in den facultés des lettres und des fciences ift diefelbe gemifcht, die Studenten find in Minderheit oder fehlen gänzlich. Diefe Einrichtungen, welche wir nicht recht begreifen und welche einfichtsvolle Franzofen, wie erft jüngft Michel Bréal in feinem trefflichen Buche: Quelques mots fur l'inftruction publique en France, Paris 1872, verwerfen, entſprechen den nationalen Anfchauungen durchaus. Der Franzofe hängt an diefer rhetorifchen Popularifirung der Wiffenfchaft, worauf wir einen nur geringen Werth legen. Ja es fcheinen diefe Vorlefungen an den Facultäten nicht einmal zu genügen. Die Regierung hat in den letzten Jahren noch Conférences oder Cours litéraires et fcientifiques ins Leben gerufen; 1863 gab es deren 20, 1864: 300, 1865: 876, 1866: 1003, 1867 nur 792, indem fich viele derfelben in cours fupérieurs für eine Anzahl von den 33.000 claffes d'adultes umgeftalteten. Einen Einblick in die Leiftungsfähigkeit diefer Facultäten fuchen die unter Nr. 3477 auch ausgeftellte Collection des féances de rentrée des facultés( 1872) et comptes rendus de l'enfeignement fupérieur dans les départements, und die unter Nr. 3459 bis 3463 und Nr. 3478 bis 3497 ausgeftellten Programme und Doctoratsthefen von 25 Facultäten zu geben. Von diefen Arbeiten, fo weit ich mir über diefelben ein Urtheil geftatten oder mich auf das Urtheil Anderer berufen kann, zeichnen fich einige durch die Wahl der Stoffe und die Gediegenheit der Behand lung aus. Aber die beften gerade gehören den Parifer Inftituten und können für deren Leiftungsfähigkeit defshalb fo wenig zeugen, weil die Candidaten des Doctorats zumeift nicht durch fie, fondern durch die trefflichen Specialfchulen oder unter der fpeciellen Leitung hervorragender Gelehrten gebildet worden find. In feinem Rapporte vom 15. November 1868 an den Kaifer, welcher die Statiftik des höheren Unterrichtes von 1865 bis 1868 begleitet, fagt der Minifter Duruy: Le point mis à part( er meint eine Reform des medicinifchen Unterrichtes) il ne femble pas, pour le moment, que l'organifation de notre enfeignement fupérieur exige des grandes reformes. L'édifice eft ancien, mais folide en fes affifes; il n'y faut que des appropriations pour des néceffités nouvelles. Diefe zum Theile ins Werk gefetzten Reformen, von denen die Ausftellung bereits einzelne Erfolge aufzuweifen bemüht war, beziehen fich auf die Einführung anderwärts, namentlich in Deutſchland, bewährter Einrichtungen, auf die Herbeifchaffung einer foliden Zuhörerfchaft an den Provinzfacultäten, auf die Gründung neuer Lehrkanzeln und Anftalten, die zeitgemässe Umgeftaltung beftehender Inftitute, auf die Herbeifchaffung reicherer Mittel, um die äufsere Stellung der Profefforen zu * Bei diefer Gelegenheit mag einer der Ausftellung einverleibten bibliographifchen Arbeit lobend gedacht fein, welche die in den Doctordiffertationen feit 1810 behandelten Stoffe, foweit fie die literarifchen Facultäten betreffen, verzeichnet: Notice fur le doctorat és lettres fuivie du Catalogue et de l'analyfe des thèfes latines et françaiſes admifes par les facultés des lettres depuis 1810 par Mourier et Deltour. Paris 1869. Die Univerfitäten. 5 verbeffern, Apparate und Gebäude für koftfpielige Unterfuchungen herzustellen. und in jeder Art die wiffenfchaftliche Arbeit zu fördern. Wir können hier nicht auf alle Reformen eingehen, fondern befcheiden uns hervorzuheben, wozu die Ausftellung Veranlaffung gab. Der Betrieb der naturwiffenfchaftlichen Disciplinen verlangte feit Langem Laboratorien, welche felbft medicinifche und pharmaceutifche Schulen nicht in genügendem Ausmafse befafsen. Mit den Lehrftühlen der Phyfik und Chemie waren zwar Laboratorien verbunden, aber nur zum Zwecke der Vorbereitung der die Vorträge illuftrirenden Experimente, nicht zur Heranbildung der Schüler, die doch auf diefem Gebiete aus einem Handgriffe oft mehr lernen, als aus langen Vorträgen. Diefem Bedürfniffe wurde 1868 zu genügen gefucht durch die Schöpfung einer doppelten Gattung von Laboratorien, laboratoires d'enfeignement, beftimmt für Anfänger, welche fich in den einfachften Manipulationen üben und zu felbftftändigen Unterfuchungen vorbereitet werden follen, und laboratoires de recherches, welche jene fo geübten Zöglinge, aber neben diefen Jedermann, dem es an Mitteln zur Durchführung koftfpieliger Unterfuchungen gebricht, aufnehmen follen, um in ihnen unter der Leitung tüchtiger Gelehrten felbftftändige, die Wiffenfchaft fördernde Arbeiten zu unternehmen. C'eft avec des inftitutions de ce genre, que l'Allemagne a trouvé le moyen d'arriver à ce large développement des fciences experimentales, que nous étudions avec une fympathie inquiête, fagt Duruy in feinem, das Decret vom 31. Juli 1868 begleitenden Rapport an den Kaifer. Sofort wurden 17 Laboratorien diefer Art an den verfchiedenen Inftituten von Paris, am Collége de France, an der Sorbonne, an der Faculté de médecine, an der École normale, am Mufée d'hiftoire eingerichtet, und fchon im nächften Jahre fchloffen fich Städte wie Marfeille, Caen diefer Bewegung an. Diefe Laboratorien wurden aber einer anderen, umfaffenderen Schöpfung dienftbar gemacht, der mit Decret vom 31. Juli 1868 ins Leben gerufenen École pratique des hautes études, welche eine freie wiffenfchaftliche Thätigkeit anbahnen und pflegen will. Sie foll ihre Zöglinge nicht wie die École normale fupérieure oder andere Specialfchulen, z. B. die École de chartes, für das Amt eines Lehrers oder Archivbeamten drillen, nicht blos um äufserer Zwecke willen einzelne Wiffenfchaften in feftumgrenztem Umfange mittheilen, fondern in die wiffenfchaftliche Arbeit einführen, zur eigenen Forfchung anleiten, indem ihre freie Bewegung in keiner Weife unnütz eingeengt wird. Uns ift diefe Einrichtung, wenn auch nicht in gleicher Ausdehnung, gar wohl bekannt. Es find die Fachfeminare an unferen Univerfitäten, auf welche auch die unter Nr. 3473 ausgeftellten Rapports fur l'école pratique 1868 à 1872 ausdrücklich verweifen: L'école pratique des hautes études exerce les jeunes gens par des conférences privées, par des discuffions familières, à l'ufage des méthodes d'obfervation et de découverte. C'eft ainfi que, dans un autre domaine, les étudiants en droit fe réuniffent en conférences pour fe former à la pratique de la jurisprudence; c'eft ainfi encore, que dans les univerfités étrangères à côté des cours ouverts à touts les étudiants, les profeffeurs réuniffent chez eux ceux qui annoncent le plus de zèle et d'aptitude. Wie die Hörer unferer philofophifchen Facultäten an den Seminarübungen theilnehmen, um durch eigene Verfuche und Arbeiten, unter der Leitung der Directoren, fich die Methode anzueignen und indem fie von den Erfahrungen der Meifter lernen, auf kürzeren und ficheren Wegen zu eigener fruchtbringender Thätigkeit auf dem Gebiete der Wiffenfchaft zu gelangen: zu gleichem Zwecke foll die École pratique die ftrebfamen Zöglinge der Parifer Hochfchulen, der literarifchen und wiffenfchaftlichen Facultät, des Collège de France, der École normale fupérieur, der École de chartes vereinigen, um unter der Leitung der ausgezeichneten Lehrkräfte diefer Hochfchulen gleichen Uebungen zu obliegen. Uebrigens ift die Aufnahme nicht auf diefe activen Zöglinge befchränkt, fondern auch jungen Männern, welche die akademifchen 6 Dr. Wilhelm Hartel. Grade erreicht, überhaupt Jedermann ift der Eintritt geftattet. Diefe Liberalität ift befonders in der naturwiffenfchaftlichen Section von wohlthätigem Einfluffe, da jene, welche eigene Mittel zu koftfpieligen Unterfuchungen nicht befitzen, hier reichliche Unterſtützung finden. Im Unterfchiede zu den Aufnahmsbedingungen der École normale ift diefelbe nicht durch ein beftimmtes Alter, noch durch die Nationalität limitirt. Nur einer Aufnahmsprüfung( un ftage) und einer mehrmonatlichen Probezeit haben fich diejenigen, welche wirkliche Mitglieder werden wollen ( élèves titulaires), zu unterziehen. Diefelben verbleiben dann durch drei Jahre in dem Inftitute und erlangen beim Austritte auf Grund einer Originalarbeit ein Diplom, fowie fie auch in Folge trefflicher Leiftungen von dem Licentiat befreit werden können, und fogleich zum Doctorat zugelaffen werden. Sie follen eine Pflanzfchule fein für die Lehrftühle der höheren Unterrichtsanftalten und wenn fie diefe Carrière nicht einfchlagen, fondern fich dem Mittelfchul- Unterrichte widmen, die errungenen wiffenfchaftlichen Qualitäten zu Nutz und Frommen der Schule geltend machen. Die École pratique ftellt eigentlich keine Schule dar; fie hat kein Haus. Allenthalben verftreut find ihre Werkftätten. Ihre Zöglinge gehören ihr nicht ausfchliefslich, fondern mit ihr zugleich anderen Anftalten, deren Vorlefungen fie zu hören verpflichtet find. Nur ein Haupt verbindet die weit aus einander liegenden Theile, le confeil fupérieur, welches die Belohnungen der Directoren und Zöglinge zu beftimmen, die Dispenfen vom Licentiat zu verleihen, die den Zöglingen zu übertragenden wiffenfchaftlichen Miffionen anzuordnen und über ihre Verwendung zu entfcheiden hat. Diefes Confeil befteht aus den Secretären der Académie des fciences und des infcriptions et belles letters, den Directoren des Collége de France, des Muſeums, des Obfervatoire, der École normale, der Archive, der École des chartes und den Spitzen der übrigen höheren Anftalten. Es ift alfo die École pratique ihrem Wefen nach nichts als die Organiſation eines praktifchen, höhere wiffenfchaftliche Ziele verfolgenden Unterrichtes. Ihr Schwerpunkt liegt in den einzelnen Sectionen, in welche fie zerfällt, deren Zög linge unter eine Commiffion permanente aus fünf, den Leitern der einzelnen Abtheilungen entnommenen, auf drei Jahre ernannten Mitgliedern befteht, geftellt find. Gegenwärtig zerfällt die École pratique in fünf Sectionen, jede diefer Sectionen in Unterabtheilungen mit einem Directeur d'études oder de laboratoires an der Spitze, denen Hilfslehrer oder Affiftenten beigegeben find. Die Section für Mathematik, an welcher fich Zöglinge des Obfervatoire, des Collège de France und der Faculté des fciences betheiligen, erhielt zwei Unterabtheilungen, eine première divifion unter Hermite und die deuxième unter Serret und Bouquet. Die Section des fciences phyfico- chimiques erhielt ein Laboratorium für Phyfik unter Defains, ein zweites laboratoire de recherches für Phyfik unter Jamin, eines für Chemie unter Fremy am Mufeum, für Chemie unter Schutzenberger an der Faculté, für Chemie an der École normale unter H. Sainte- Claire Deville, für organifche Chemie unter Berthelot, für Chemie an der École de médecine unter Wurtz, für Chemie am Collége unter Balard, für phyfiologifche Chemie an der École normale unter Pafteur, für Mineralogie an der Sorbonne unter Delafoffe, für chemifche und agronomifche Unterfuchungen an der Faculté unter Ifidor Pierre. Die Mitglieder diefer Section haben eine jährliche Prüfung abzulegen, auf Grund welcher ihnen der Eintritt in den nächften Jahrgang geftattet ift. Das nach dem dritten Jahre für tüchtige Leiftungen verliehene Diplom hat diefelbe Bedeutung wie das Examen de licence ès fciences phyfiques. Die Section d'hiftoire naturelle et de phyfiologie veranftaltet Uebungen für Anfänger in ihren laboratoires d'enfeignement und für Vorgefchrittene in den laboratoires de recherches, beide können natürlich in Die Universitäten. 7 einem und demfelben Inftitute unter demfelben Leiter ftattfinden. 1871 befafs fie Laboratorien für Zoologie anatomique et phyfiologique unter Milne edwards, für Botanik unter Duchartre, Brogniart, Decaisne und Baillon, für Geologie unter Hébert, für Phyfiologie unter Claude Bernard, für experimentelle Phyfiologie an der Sorbonne unter Paul Bert, ein drittes für Phyfiologie am Collège unter Marey, für zoologifche Hiftologie unter Ch. Robin, für vergleichende Anatomie unter Paul Gervais, für patho logifche Anatomie und pathologifche Phyfiologie unter Vulpian, für Anthro pologie unter Broca. Aehnliche Laboratoiren wurden an anderen Studienfitzen in der Provinz organifirt, fo in Marfeille unter Lespés, in Montpellier ein phyfiologifches unter Rouget, in Caen eines für paläontologifche Zoologie unter E. Delongchamps. Eine Reihe anderer find im Entftehen begriffen. Die Section des Sciences hiftoriques et philologiques foll zur Ergänzung der Facultäten und der École de chartes behandeln 1. Mythologie und Kunftgefchichte, 2. griechifche und lateinifche Epigraphik, 3. griechiſche und lateiniſche Palaeographie mit befonderer Rückficht auf die kritifche Behandlung der Texte, 4. vergleichende Sprachwiffenfchaft, 5. orientalifche Sprachen, 6. politifche Gefchichte mit befonderer Betonung der Quellenkritik. Diejenigen, welche als Mitglieder an den Uebungen über vergleichende Sprachforfchung Theil nehmen wollen, müffen ihre Kenntnifs der deutfchen Sprache nachgewiefen haben. Die philologifch- hiftorifche Section ift 1869 eröffnet worden und war von da ab, die regelmäfsigen Ferien Auguft bis October und das Kriegsjahr Juli 1870 bis Juni 1871 abgerechnet, ununterbrochen thätig. 1868 und 1869 zählte diefe Section II wöchentliche Conferenzen( meift zu zwei Stunden), 1869 und 1870: 17, 1870 und 1871: 23. Die Zahl der Mitglieder betrug in diefen Jahren 51, 99, 77. Sie erhielt Unterabtheilungen für griechifche und lateinifche Philologie unter Waddington's, Boiffier's und Renier's Leitung, für Egyptologie bis 1870 unter dem Vicomte de Rougé, für Semitifch und Perfifch unter Defrémery, für vergleichende Sprachforfchung unter Bréal, für Sanskrit unter HauvetteResnault, für romanifche Sprachen unter Gafton Paris, für Gefchichte unter Monod. Die erft fpäter hinzugewachſene Section des Sciences écono miques behandelt Nationalökonomie, Finanzwiffenfchaft, Verwaltungslehre, Statiſtik. na okonomie, Fin Ob wohl durch diefe Inftitution ein dringend gefühlter Mangel im Organismus des höheren Unterrichtswefen gründlich befeitigt, ob demfelben ein Glied eingefügt wurde, das die Functionen der deutfchen Univerfitätsfeminare zu verfehen im Stande fein wird? Die blofse Copirung einer auf anderem Boden unter anderen Verhältniffen erwachfenen Einrichtung fchliefst keine Bürgfchaft für die gewohnten Erfolge diefer in fich. Was zunächft zur Abfchätzung der bereits erreichten Erfolge vorliegt, die neun Bände der unter Nr. 3473 ausgeftellten Bibliothèque des hautes études, von denen drei Bände die Arbeiten der mathematifchen, drei die der naturwiffenfchaftlichen, drei die der philologifchhiftorifchen Section der École enthalten, die veröffentlichten Programme und Berichte, das Alles legt zwar in rühmlicher Weife Zeugnifs ab für die gefchickte und energifche Leitung diefer Uebungsftätten wiffenfchaftlicher Arbeit, deutet aber in unverkennbarer Weife eine dem Geifte des deutfchen Seminarwefens entgegengefetzte Entwicklung an. Wenigftens was die Arbeiten der 4. Section betrifft, fo will es fcheinen, wenn z. B. Herr Renier Erklärung römifcher Infchriften d'après les régles expofées dans fon cours au Collège de France oder Uebungen in römifchen Antiquitäten qui fervent de completment naturel aux cours de M. L. Renier au Collége de France et de M. Geoffroy à la faculté des lettres ankündigt und andere in ähnlicher Weife, und wenn man den befchränkten Umfang kritifchexegetifcher Uebungen, welche die Hauptfache in deutfchen Seminaren bilden, bemerkt, dafs das Hauptgewicht auf die Aneignung beftimmter Stoffe gelegt fei. 00 8 Dr. Wilhelm Hartel. Dann ist zu beforgen, dafs ein zu grofser Werth auf diefe äufserlichen Erfolge publicirter Schularbeiten gelegt werde. Allerdings auch die deutfchen Seminarien traten in letzter Zeit gerne mit ihren Arbeiten an die Oeffentlichkeit; allein es ift fraglich, ob damit ein Fortfchritt bezeichnet wird und fie jetzt gröfsere Erfolge erzielen, als früher bei ihrer geräufchlos befcheidenen Thätigkeit. Merkwürdig und für die deutfche Wiffenfchaft erfreulich find eine Reihe von Arbeiten, die für die Bibliothek in Vorbereitung begriffen find, wie Étude fur la declination latine par Bücheler, Chronologie des lettres de Pline le jeune par Mommfen, Hiftoire de l'alphabet grec par Kirchhoff, La Chronologie dans la formation des langues européennes par G. Curtius. Es iſt eine der Aufgaben der neuen Schule, die von anderen Nationen gewonnenen Refultate der Wiffenfchaft nicht blos kennen zu lernen, fondern durch Ueberfetzungen der eigenen Nation zugänglich zu machen. Wenn es gelingt, wie es beabfichtigt ward, diefe neue Inftitution an den Facultäten der Provinz einzubürgern, fo würden diefelben künftighin nicht blos der einen Aufgabe obliegen, die Wiffenfchaft zu verbreiten, fondern durch felbftthätiges Eingreifen fie zu fördern in die Lage kommen. Dafs in der That hier die Regierung einem dringenden Bedürfniffe mit rühmlicher Liberalität. nachgekommen, dafür ſpricht, dafs bereits im erften Jahre des Beftandes der École pratique des hautes études 342 Mitglieder fich zur Theilnahme, viele in mehreren Abtheilungen zugleich, meldeten, fo dafs die Zahl der Gefammtinfcriptionen 422 betrug und die Zahl der Laboratorien fich auf 27 erhob. Dadurch mag nun, wenn nicht etwa die gegenwärtige Unterrichtsleitung die junge vielverfprechende Blüthe zerftört oder verkümmern läfst, für einen freien Betrieb der Wiffenfchaft und für einen genügenden Nachwuchs mit Rücksicht auf die 400 Lehrftühle der Facultäten trefflich geforgt fein, dem grofsen Bedarfe der Mittelfchulen, und zwar der Lyceen vermag die École normale fupérieure, die unter Nr. 3472, was fich auf ihre Gefchichte, Organiſation und Leiftungsfähigkeit bezieht, ausgeftellt hat, kaum zu entfprechen. Der Umftand, dafs die Facultäten, genauer die facultés des lettres et sciences, welche hier allein in Betracht kommen, diefe grofsen Prüfungs- und Vortragsmaschinen, fich als nicht geeignet erweifen konnten, Lehrkräfte für das Mittelfchulwefen in genügender Zahl und Qualität zu bilden, führte feit dem Ende des vorigen Jahrhundertes zu zahlreichen Verfuchen, deren keiner ganz entfprochen zu haben fcheint. Nachdem man nach 1763, das heifst nach Abfchaffung des Jefuitenordens, eine Zeitlang daran gedacht hatte, das Collegium Louis le Grand in ein Lehrerfeminar umzugeftalten, errichtete der Convent mit Decret vom 30. October 1794 die École normale in Paris, in welcher wiffenfchaftlich vorbereitete junge Männer( mindeſtens 21 Jahre alt) die Kunft des Unterrichtes in den einzelnen Disciplinen fich aneignen follten. Seine eigentliche ftraffe Organiſation bekam das Lehrerfeminar, nun École normale fupérieure genannt, durch Statut vom 30. März 1810. Es ward als Alumnat für 300 Zöglinge eingerichtet, in zwei Sectionen, eine philologifch- hiftorifche und eine mathematifch- naturwiffenfchaftliche getheilt, der Eintritt auf das Alter zwifchen 17 und 23 Jahren befchränkt und von dem Erfolge einer in ihrem fchriftlichen Theile aufserhalb Paris auch vor den Provinzial- Schulbehörden ( Akademien) ablegbaren, in ihrem mündlichen Theile vor der Commiffion der École normale zu beftehenden Prüfung abhängig. Der Curs dauerte zwei Jahre. Im erften follte der Stoff der Lycealclaffen repetirt und fo erweitert werden, dafs die Zöglinge am Schluffe desfelben eine Reifeprüfung als Bacheliers beftehen könnten. Im zweiten Jahre follten die einzelnen Disciplinen aufser den häuslichen Conferenzen auch durch Befuch dreier Collegien am Collége de France oder an der Sorbonne eines eingehenden Studiums theilhaftig werden, damit die Zöglinge eine Art abfchliefsender Prüfung als Licenciés beftehen könnten, daneben aber Die Univerfitäten. 9 follte praktiſche Pädagogik betrieben werden, indem die Zöglinge unter fich Schule fpielten und als Komödianten bald Schüler, bald Lehrer darftellten. Man mufs ftaunen, dafs ein Inftitut, welches durch feine militärifch ftraffe, die Befchäftigung jeder Stunde regulirende und controlirende Zucht die Bildung tüchtiger Charaktere, durch feine jede individuelle Studienrichtung hemmende, auf eine kleine für Schulzwecke präparirte Wiffensfumme gerichtete Studienordnung die Entwicklung eines felbftftändigen wiffenfchaftlichen Lebens unmöglich machen müfste, um von anderen Gebrechen abzufehen, gleichwohl in feinen Grundlagen bis in die neuefte Zeit herab dauern konnte und die Reftauration feinen Beftand kaum zu erfchüttern vermochte. Nachdem mit Decret vom 6. September 1822 die École normale aufgehoben worden war, um provinziellen Lehrerbildungs- Anftalten( Écoles normales partielles) und etwas später der mit dem Collegium Louis le Grand verbundenen Ecole préparatoire Platz zu machen, war feine Reftitution eine der erften von allgemeinem Beifalle begleiteten Handlungen der Juliregierung. Guizot erneuerte mit dem Decret vom 18. Februar 1834 das organifatorifche Statut von 1810 mit zweckmässiger Verlängerung der Cursdauer von 2 auf 3 Jahre. Unter dem Minifterium Salvandy erhielt die Anftalt ihr fchönes Haus in der Nähe des Pantheon. Das republikaniſche Minifterium Carnot erhöhte das Budget derfelben, deren Zöglinge die Zahl 115 erreichte, auf 232.000 Francs. Das zweite Kaiferreich, welches mit Decret vom 9. April 1852 feine Organiſation befeftigte und verbefferte, fuchte die Beftimmung der École normale fupérieur, Profefforen für Mittel- und Hochfchulen heranzubilden( à former des profeffeurs pour les diverfes parties de l'enfeignement fecondaire et fupérieure dans l'univerfité), in jeder Art zu fördern. Folgendes find die wefentlichen Punkte ihrer gegenwärtigen Einrichtung. An der Spitze fteht ein Director mit zwei Subrectoren an der Seite, von denen der eine aufser den äufseren Angelegenheiten die realiftifchen, der andere die humaniftifchen Studien zu infpiciren hat. Denn wie ehedem zerfällt auch jetzt die Schule in zwei Sectionen, eine mathematifch- naturwiffenfchaftliche( fection des fciences) und eine philologifch- hiftorifche( fection des lettres). Lehrgegenftände der erften Section find Mathematik mit zwei, Geographie, Mineralogie, Geologie, Botanik, Zoologie, Phyfik, Mechanik, Aftronomie, Zeichnen mit je einem Docenten. Lehrgegenstände der anderen Section find: claffifche Philologie mit drei bis vier, Gefchichte, Philofophie, franzöfifche Sprache und Literatur mit je zwei Docenten. Die Docenten( Maîtres des conférences), welche zum Theile der Sorbonne, zum Theile dem Collège de France und anderen höheren Schulen in Paris entnommen find, haben nicht förmliche Vorträge zu halten, fondern den genau abgemeffenen Lehrftoff an der Hand beftimmter Lehrbücher mitzutheilen und durch Repetitionen, Colloquien, Exercitien und Disputationen zum geiftigen Eigenthume der Zöglinge zu machen. Diejenigen, welche auf einen Platz in der École reflectiren, müffen zunächft vor den Prüfungscommiffionen der verfchiedenen Akademien fich einer fchriftlichen Prüfung unterziehen, welche für die Humaniſten eine philofophifche Abhandlung. einen lateinifchen und franzöfifchen Auffatz, eine lateinifche und griechifche Ueberfetzung, eine lateinifche Versübung und ein hiftorifches Thema; für die Realiften gleichfalls eine philofophifche Abhandlung und lateinifche Ueberfetzung, daneben aber eine Reihe mathematifcher und phyfikalifcher Aufgaben umfafst. Auf Grund diefer Elaborate wird vom Minifterium die Lifte Jener gebildet, welche zu der im Auguft an der École normale zu beftehenden mündlichen Prüfung zugelaffen werden, doch müffen diefelben noch ein Diplom als Bacheliers ès lettres oder ès fciences beibringen. Die Candidaten der humaniftifchen Section müffen bei der mündlichen Prüfung Stücke aus jenen Claffikern interpretiren und commentiren, welche in den beiden letzten Claffen des Lyceums gelefen wurden; die der realifti fchen Section werden aus jenen Partien der Mathematik examinirt, welche fie in dem mathematiſchen Specialcurs des Lyceums abfolvirt; ferner wird ihre Fertigkeit in defcriptiver Geometrie und Freihandzeichnen geprüft. Die Zahl der Zöglinge 10 Dr. Wilhelm Hartel. kann 120 betragen; doch wird diefs Maximum nie erreicht. Die Koften des Inftitutes belaufen fich gegen 300.000 Francs. Was die auf drei Jahre berechnete Vertheilung des Lehrftoffes betrifft, fo ift das erfte Jahr in beiden Sectionen auf eine gründliche Wiederholung und Vertiefung der im Lyceum tradirten Disciplinen in der Art gerichtet, dafs in der einen Section Philologie, in der anderen Mathematik den Mittelpunkt bildet. So kommen im erften Jahre wöchentlich auf lateinifche und griechifche Sprache je drei, auf franzöfifche Sprache und Gefchichte je zwei, auf Philofophie, Deutfch oder Englifch je eine Conferenz; auf Mathematik zwei, auf Chemie zwei nebft einer Stunde für Experimentenkunde, auf Mineralogie im erften und Botanik im zweiten Semeſter je zwei, auf Zeichnen und defcriptive Geometrie je zwei, auf Englifch oder Deutfch je eine Conferenz. Im zweiten Jahre werden in der humaniftifchen Abtheilung diefelben Gegenftände behandelt oder weitergeführt. In der realiſtiſchen kommen neu hinzu: Mechanik, Aftronomie, Zoologie, Geologie. Nur ift die Zahl der wöchentlichen Stunden eine geringere, da die Zöglinge eine Anzahl Vorlefungen am Collége oder an der Sorbonne hören und am Ende des zweiten Jahres das Diplom als Licenciés ès lettres oder ès fciences erwerben müffen, um in den dritten Jahrgang aufzufteigen. In diefem werden die Zöglinge zur Ablegung der Lehramts- Prüfung( agrégation) in einer der Fachgruppen gehörig präparirt. Diefen Fachgruppen gemäfs zerfallen die beiden Sectionen in Unterabtheilungen, fo die fection des lettres in eine Abtheilung, die die künftigen Lehrer für claffifche und franzöfifche Literatur, für Philofophie und für Gefchichte umfafst, und in eine Abtheilung für die, welche die Lehrbefähigung für die unteren Lycealclaffen anftreben( divifion des gram mairiens); die fection des fciences in eine divifion des fciences mathématiques, deren Mitglieder Mathematik und Phyfik an den höheren Claffen, und in eine divifion des fciences phyfiques et naturelles, deren Mitglieder die naturwiffenfchaftlichen Fächer, Chemie und Experimentalphyfik am Lyceum einft lehren wollen. Mit Rückficht auf diefe Unterabtheilung ift der Lehrftoff vertheilt, deffen wiffenfchaftliche Durcharbeitung aber nicht die einzige Aufgabe des dritten Jahrganges ift, der auch praktiſch für das Lehramt vorbereiten will. Diefs wird erreicht, indem die Zöglinge probeweife den Unterricht in den Parifer Anftalten leiten. Zum Zwecke ihrer wiffenfchaftlichen Durchbildung frequentiren fie wie im zweiten Jahrgange Vorlefungen am Collége, an der Sorbonne und am Mufée d'hiftoire naturelle. Die von der Ecole normale fupérieure gemachten Erfahrungen haben die Regierung nicht davon abgebracht, das grofse Bedürfnifs an Realfchul- Lehrern, welches durch die Organiſation der höheren Bürgerfchulen gefteigert wurde, wiederum durch die Errichtung eines Internats, die École normale de Cluny zu decken. Die Ausftellung bot keine Veranlaffung, auf diefes in der alten Abtei in Cluny etablirte Inftitut einzugehen. Das gröfste Lob verdienten von jeher die franzöfifchen Specialfchulen, nicht blofs die für techniſche Fächer. Die Regierung war auch auf diefem Gebiete beftrebt, diefelben zu verbeffern und fühlbar gewordene Lücken auszufüllen. Unter diefen fand auf der Ausftellung eine reichliche Vertretung die École de Chartes, deren innere Organiſation, treffliche Lehrmittel und in einer von 1847 bis 1873 reichenden Collection de thèfes niedergelegten Lehrerfolge( Nr. 3469). fowie die aus diefer Schule hervorgegangene, in ihrer wiffenfchaftlichen Bedeutung anerkannte Bibliothèque de l'école de Chartes, Collection dés documents hiftoriques publiés par la fociété de l'école de Chartes vorgeführt werden. Die 1821 gegründete, aber erft durch Erlafs vom 31. December 1848 feft organifirte École de Chartes zählt zu den beften hiftorifchen Fachschulen, welche ebenfo treffliche Archivs und Bibliotheksbeamte, wie tüchtige Hiftoriker gebildet Die Univerfitäten. 11 hat. Aufnahmsbedingungen find das Baccalauréat és lettres und ein Alter von mindeftens 24 Jahren. Der Unterricht ift unentgeltlich. Für die beften Zöglinge beftehen acht Stipendien zu 600 Francs. Der Curs umfafst drei Jahrgänge. Am Ende des I. und II. ift eine Prüfung abzulegen, welche das Auffteigen in den höheren Jahrgang ermöglicht. Nach Abfolvirung des III. erhalten die Zöglinge auf Grund einer Prüfung ein Diplom( diplôme d'archivifte paléographe), welches die Anftellungsfähigkeit an den Archiven und Bibliotheken, an der Académie des infcriptions et des belles lettres und an der École de Chartes verleiht. Eine feftere Studienordnung und beffere Vertheilung der Lehrftoffe erhielt die École durch das Decret vom 30. Jänner 1869. Die vorliegenden Arbeiten der Zöglinge zeigten, dafs Frankreich ein Recht hat, auf diefe Specialfchule ftolz zu fein. Der treffliche Zuftand feines Archivs- und Bibliothekswefens, deffen Verwalter man nicht glaubt wild aufwachfen laffen zu follen, ift nur eine und nicht die gröfste der wohlthätigen Folgen diefer Gründung. Wie die École de chartes, hat die École des langues orientales vivantes, welche unter Nr. 3470 in ihren Einrichtungen und Arbeiten dargestellt wurde, durch die Decrete vom 8. November 1869 und 11. März 1872 eine ihre Aufgabe, praktiſche Fertigkeit der orientalifchen Sprachen in einem dreijährigen Curfus zu vermitteln, fördernde Reform erfahren. Es verdient mit Rückficht auf die Dinge, die bei uns anders, aber nicht beffer find, vermerkt zu werden, mit welcher Einmüthigkeit das Minifterium der auswärtigen Angelegenheiten. des Handels und der Marine für das hohe Mehrerfordernifs, welches die Reform bedingte( 60.000 Francs jährlich), fich bemühten und dafs das Inftitut unter die Obforge des Minifteriums für den Unterricht geftellt ist. So fiel es auch nicht dem Ackerbau- und Handelsminifterium bei, als fich namentlich durch die Gefetze vom 15. März 1850 und 21. Jänner 1865, welche den landwirthfchaftlichen Unterricht an den Écoles primaires, den Lyceen und Municipalcollegien einführten, ein immer empfindlicher werdender Mangel an gefchulten Fachlehrern einftellte, eine höhere landwirthschaftliche Lehranftalt zu gründen, obwohl demfelben drei Écoles d'application diefer Art, eine zu Grignon, eine zu Grand Jouan und eine zu Montpellier unterftehen. Auch das verdient bei diefer am 15. April 1869 ins Leben gerufenen Organiſation des höheren landwirthfchaftlichen Unterrichtes hervorgehoben zu werden, dafs dafür nicht eine eigene Hochſchule mit grofsen Koften gegründet wurde, fondern derfelbe vielmehr an das Muféum d'hiftoire naturelle angelehnt wurde. Hier empfangen die Eleven den fpeciellen Unterricht und nehmen an den Uebungen Theil. Daneben find die Zöglinge gehalten, Vorlefungen an der Faculté des fciences, dem Confervatoire des arts et metiers oder der École d'Alfort zu hören. Nach zwei Jahren erhalten diefelben auf Grund einer Prüfung ein Diplom, treten mit Unterſtützung des Minifteriums in eine École pratique d'agriculture und haben dann die Anwartfchaft auf eine Profeffur der Landwirthschaft oder können in einem der 89 in den einzelnen Departements zu errichtenden Stationen als Directoren angeftellt werden. Wir haben hiemit die Leiftungen des Minifteriums Duruy für den höheren Unterricht nicht erfchöpft. Um vollſtändig unfere Aufgabe zu erfüllen, müfsten wir die Errichtung zahlreicher neuer Lehrkanzeln, die Reorganiſation des Obfervatoire zur Hebung mathematifcher Studien, die reichere Dotirung der Bibliotheken, die von ihm unterftützten Publicationen über den Stand und die Fortfchritte der Wiffenfchaften, von denen uns die Rapports fur l'état des lettres et les progrés des fciences en France in einer ftattlichen Zahl von Bänden vorliegen, die zu gleichem Zwecke geförderten Reifen franzöfifcher Gelehrter, deren praktifche Erfolge uns ein Werk von Baudouin, Rapport fur l'état actuel de l'enfeignement fpécial et de l'enfeignement primaire en Belgique, en Allemagne et en Suiffe( Paris 1865) darthun foll; wir müfsten die Mittel zur Hebung der gelehrten Gefellfchaften in der Provinz, von deren Productionsfähigkeit ein voller Kaften Zeugnifs ablegte, 16 12 Dr. Wilhelm Hartel. gedenken. Möge unfere Rundfchau genügen. Wenn die ausgeftellten Objecte fo für fich fprechen hönnten, wie die Werke der Kunft und Induſtrie, würde wohl Jeder den Eindruck mit fich nehmen, dafs fich hier ein tüchtiger Auffchwung vollzieht. Ob die jungen Blüthen die Stürme der Reaction überdauert, wird uns das nächfte Decennium fagen. Ob aber nach der Vorausfetzung Duruy's, welche man in Frankreich noch allenthalben zu theilen fcheint, der Grundbau des höheren Unterrichtswefens ein folider fei und nur theilweife Reformen verlange, und ob nicht vielmehr ein durchgreifender Umbau nach dem Mufter Deutſchlands, auf deffen Univerfitäten auch jetzt noch bedeutende Männer des Faches hinzuweifen nicht müde werden, vorzunehmen fei, in diefer Frage möchte man gerne einer gründlichen Umgeftaltung das Wort reden, wenn die complicirte Organiſation des höheren Unterrichtes in Frankreich eine folche nicht geradezu unausführbar erfcheinen liefse. Italien. Die italieniſche Regierung hat in einer reichen, leider aber unglücklich aufgeftellten und gleich in den erften Wochen in eine klägliche Unordnung gerathenen Ausstellung werthvolles Material zur Beurtheilung des höheren Unterrichtswefens geboten. Statiftifche Berichte aller Art, Sammlungen von Statuten, Programmen, fchriftliche Darftellungen einzelner Univerfitäten, Publicationen von Profefforen in den von ihnen vertretenen Disciplinen, mannigfache Lehrmittel waren in dem engen ftaubigen Raume aufgefpeichert, die der anfpruchsvolle Mont Cenis- Tunnel in dem füdlich gelegenen Hofe der italienifchen Abtheilung frei gelaffen hatte. Die Aufftellung fpiegelte den chaotifchen Charakter des italienifchen Univerfitätswefens wieder. Es wäre aber unbillig, dasfelbe auf Grund der aus geftellten Objecte einer abfälligen Kritik zu unterziehen in einem Augenblicke, wo der Staat an dem als hinfällig erkannten Organismus tiefeingreifende Reformen vorzunehmen, im Begriffe fteht. Wir wollen uns vielmehr an den vielverfprechenden Keimen eines allenthalben erwachenden wiffenfchaftlichen Lebens freuen, welches die gefunde Grundlage des höheren Unterrichts abgibt und nur der befreienden That von Seite der Gefetzgebung harrt, um feinen Segen durch die frei gemachten Canäle der Schule dem nationalen Culturleben zuzuführen. Indem die zahlreichen Leiſtungen auf dem Gebiete der reinen und angewandten Naturwiffenfchaften an anderer Stelle diefes Berichtes ihre Würdigung erfahren, haben wir nur einen Blick zu werfen auf die Vertretung, welche die philologifch- hiftorifchen Fächer auf der Ausftellung gefunden haben Die wiffenfchaftlichen Arbeiten diefer Fächer knüpfen an locale Bedingungen an, die nirgends günftiger liegen als auf italienifchem Boden, an die reichlich vorhandenen und noch unerfchöpften Refte des Alterthums, an die in den zahlreichen Stadt- und Klofterbibliotheken aufgefpeicherten Handfchriften, Schätze, an die die Räume feiner Archive füllenden Urkundenmaffen. Die archäologifchen Studien find nur durch einige Publicationen, wie Monumenti della Sicilia fotografati e descritti da F. S Cavallari I. P. Palermo 1872, Catalogo del mufeo nazionale di Napoli 1866-1872, Herculanenfium voluminum quae fuperfunt altera collectio I.-VI. vertreten, welche daran erinhern wollen, dafs fie nicht die einzigen und beften find, welche das mit neuem Eifer diefen Studien, die eine feiner fchönften Literaturperioden erfüllen, zugewandte Jung- Italien aufzuweifen hat. Eine vollere Anfchauung erhalten wir von dem Bibliothekswefen Italiens, indem drei Bände Bibliotheche governative( 1870) die von der Regierung veranlafsten Berichte über die Bibliotheken des Königreiches uns vorführen, und Proben neu begonnener Katalogifirungen, wie der Bibliotheca Cafinenfis cura et studio mona Die Univerſitäten. 13 chorum Ord. S. Benedicti I. 1873, oder gelungener paläographifcher Lehrmittel, z. B. der Fotografie dei codici Mss. Marciani und der Schriftproben vom IX. bis XII. Jahrhundert, welche die Regia Scuola di palesgrafia e storia veneta nell' Archivio generale di Venezia ausgeftellt hat, von dem Streben zeugen, die Benützung der zum Theile noch mit fo kleinlichem Unverftande hinter Schlofs und Riegel gehaltenen Schätze der Forſchung zu erleichtern und für die Ausbeute derfelben, welche bisher anderen Völkern überlaffen werden musste, fich felber zu rüften. Das erfreulichfte Bild aber zeigen die Archive Italiens, deren liberale und gefunde Leitung als Mufter hingeftellt zu werden verdient. Diefelben find nicht gleichmässig vertreten; die ficilianifchen durch Profeffor Salvator Cufa's Publication, Diplomi greci ed arabi di Sicilia, Palermo 1868; die Archive der Emilia durch Profeffor Bonaini's Bericht( Gli archive della provincia dell' Emilia, Firenze 1861), der im Auftrage der Regierung diefelben durchforfcht hatte, das Archivio generale di Venezia durch die Arbeiten der mit ihm verbundenen Schule für Paläographie und Gefchichte. Allen voran gehen aber die toscanifchen Archive. Die herrlichen Räume der Uffizien in Florenz, der Paläfte in Lucca, Siena, Pifa, wo die Urkundenfchätze der vereinigten Archive aufgeftellt find, und die Art der Aufftellung veranfchaulicht eine reichhaltige Sammlung von Photographien; die Gefchichte und Einrichtung des mit Decret vom 20. Februar 1852 begründeten Central- Staatsarchives in Florenz, welches unter Francesco Bonaini's einfichtsvoller Leitung fich gefund entwickelte, vergegenwärtigt ein Miscellenband mit Denkfchriften und Publicationen aller Art, welche fich darauf beziehen; das von der Soprintendenza generale herausgegebene Giornale storico degli Archivi Toscani 1857-1863 zeigt den regen und einfichtsvollen Verkehr der Archivsleitung mit der gelehrten Welt. Belgien. Die belgifche Regierung hat auf die XXVI. Gruppe ein befonderes Augenmerk nicht gerichtet. Die Univerſitäten waren vertreten durch die Sammlung der für die Gefchichte des belgifchen Unterrichtswefens allerdings fehr werthvollen Berichte, welche die Regierung von drei zu drei Jahren feit 1794 der Volksvertretung vorzulegen hat, und welche bis 1870 reichen( Situation de l'enfeignement fupérieure donnée aux frais de l'état. Rapport triennal préfenté aux chambres legislatives le 17 Novembre 1871. Bruxelles 1872). Ferner lagen Programme und Statuten der Univerfitäten Brüffel und Löwen auf, und die Schrift von Alphonfe le Roy Liber memorialis. L'univerfité de Liège depuis fa fondation. Liège 1869. Die belgifchen Univerfitäten bieten in ihrer Entwicklung innerhalb der letzten Jahre kaum, was ein längeres Verweilen bei denfelben lohnte. B Deutſchland wäre wohl am erften unter allen Ländern in der Lage gewefen, durch fein hochentwickeltes Univerfitätswefen zu glänzen, wenn dasfelbe fich zu einem leicht präparirbaren Ausftellungsartikel qualificirt hätte. Wir verargen es ihm nicht, dafs es etwas unterliefs, was nur durch grofsen Aufwand von Zeit, Mühe und Geld herftellbar, doch von recht zweifelhaftem Nutzen gewefen wäre. Frankreich befand fich in diefem Falle in einer weit günftigeren Lage. Sein Syftem der Centralifation ift gerade auf dem Gebiete des höheren Unterrichtes mit gröfster Strenge durchgeführt, und an einem Orte in Paris findet fich zufammen, was eine Bedeutung beanfprucht. Die Univerfitäten Deutſchlands find über alle Theile verftreut. 14 Dr. Wilhelm Hartel. Neben Berlin fteht Leipzig ebenbürtig da und kleinere Univerfitäten, wie Bonn, Heidelberg, München fuchen in der fpeciellen Pflege einzelner Disciplinen ihre Gröfse, und alle erhalten fich trotz nivellirender Beftrebungen ihre Eigenart, die zunächft nicht in beftimmten Gefetzen und Statuten erkennbar ift, fondern aus individuellen Verhältniffen erwachfen, in zäher Tradition fich fort erhält. Auch ift vielleicht das Befte an ihnen nicht das, was fich ausftellen liefse, Gebäude, Laboratorien, Gefetze, Lehrmittel, fondern ihre Lehrer und Hörer, die felbft unfer vielverlangendes Programm für die Ausftellung nicht beanspruchte. Es. fanden fich demnach nur einige wenige Objecte in dem geräumigen Haufe, welches den deutfchen Vols-, Mittelfchul- und Fachunterricht in fo reicher Anfchaulichkeit darftellte, die fich auf Univerfitäten beziehen, aber fie boten viel Intereffantes und Lehrreiches. Einen Einblick in die Thätigkeit einzelner Univerſitäten gewährten die vorgelegten Vorlefungsverzeichniffe, von denen die drei Leipziger von 1842, 1852 und 1872 zeigen können, zu welcher Bedeutung eine einfichtsvolle Regierung in wenigen Jahren diefe Univerſität zu heben vermochte. Wiefe's brauchbare und genaue Werke: Das höhere Schulwefen in Preufsen, hiftoriſch- ftatifche Darstellung im Auftrage des Minifters, 2 Bände, Berlin 1863 bis 1869 und Verordnungen und Gefetze für die höheren Schulen Preufsens, Berlin 1867, bieten wenigftens für einen Theil Deutfchlands Einblick in die legislative und adminiftrative Thätigkeit auf diefem Gebiete. Reicher find die Lehrmittel für den höheren Unterricht und darunter, wie diefs in der Natur einer folchen Ausftellung liegt, befonders die auf die naturwiffenfchaftlichen Disciplinen bezüglichen vertreten, welche von anderer Seite innerhalb diefes Berichtes gewürdigt werden. Von anderen Lehrmitteln gehören hieher: Modell eines antiken Kriegsfchiffes mit fünf Ruderreihen( Pentere oder Quinquereme), ausgeführt nach den Angaben des Dr. Grafer auf Grund der neueften Forfchungen, welches die königliche Muſeumsverwaltung ausgeftellt hat. Es find mannigfache Verfuche gemacht worden, ein Bild von der Conftruction eines antiken Kriegsfchiffes zu entwerfen. Theils haben diefe Verfuche praktiſche Seeleute unternommen, denen philologifche Kenntniffe abgingen, zum Theil, was noch fchlimmer war, Philologen ohne die praktifche Erfahrung und die technifchen Kenntniffe des Seemannes. Da genaue Befchreibungen aus dem Alterthume uns nicht erhalten find, die bildlichen Darftellungen aber wegen ihrer Kleinheit oder der oberflächlichen Behandlung jedes Details, welches wir am deutlichften zu erkennen wünſchten, fowie in Folge der mangelnden Perfpective in der Zeichnung, nur in geringem Maſse dafür Erfatz leiften, ift die Unterfuchung über das Schiff und feine Theile zu einer der verwickeltften und fchwierigften antiquarifchen Fragen geworden. In diefe Verwirrung brachten Grafer's Unterfuchungen( De veterum re navali, Berolini 1868, und eine Abhandlung im III. Supplement bande des Philologus, 1866) überrafchendes Licht, und es verdient unferen Dank, dafs Herr Grafer die Refultate feiner mühfamen Forfchung in fo anfchaulichem Bilde klar gemacht hat. Es fcheint ein Zeichen unferer kriegerifchen Zeit, an welche die aus allen Ecken und Enden der friedlichen Räume diefer Weltausftellung drohenden Schlachten- Werkzeuge gemahnen, dafs neben dem Kriegsfchiffe die Artillerie der Alten einen Platz gefunden. Die grofsherzoglich badifche Landescommiffion hat ausgeftellt: Nachbildungen und Modelle antiker Kriegsgeräthe nach Angabe des Profeffor Dr. Köchly: Schleudermafchine( Skorpion) in wirklicher Gröfse, zwei Pilen( Wurflanzen) in wirklicher Gröfse, Balliften, Katapult in verkleinertem Mafsftabe. Auf dem Gebiete der Kriegsalterthümer hat unter allen Philologen Köchly mit dem gröfsten Erfolge gearbeitet und Refultate erzielt, die uns den Gang der kriegerifchen Ereigniffe viel klarer verftehen und erkennen laffen, was hier der menfchliche Erfindungsgeift mit befchränkten - Die Univerfitäten. 15 Mitteln zu erreichen vermochte.- Der Veranfchaulichung des Alterthums dient noch eine Sammlung von Photographien, deren verftändige und finnige Auswahl wie genaue Ausführung alles Lob verdient. Claffifche Landfchaften und Denkmäler aus Griechenland, Kleinafien und Paläftina. Nach der Natur aufgenommen von Baron Paul de Granges. Verlag von E. Quaas in Berlin. Dann die Refultate der 1860 nach Egypten unternommenen archäologifch photographifchen Expedition Dümichen's. Wir dürfen endlich wohl hier erwähnen ein Ausftellungsobject der königlich preufsifchen Unterrichtsverwaltung, nämlich den ausführlichen Bericht über die Einrichtung der Kataloge der königlichen Bibliothek in Berlin nebft fünf erläuternden Beilagen. Eine von Pertz verfafste Brochure,„ Die königliche Bibliothek zu Berlin in den Jahren 1842 bis 1867", gibt die Gefchichte der Bibliothek, ihre Beftände und befpricht die Mittel, welche angewandt wurden, um den Zuwachs der letzten Jahre unter Dach und Fach zu bringen. Es bedeutet eine wefentliche Förderung der wiffenfchaftlichen Arbeit, wenn in folcher Weife die Verwaltung nicht blofs bemüht ift, die Schätze der Bibliothek zu mehren, fondern auch durch Ueberfichtlichkeit der Anordnung und eine allen Bedürfniffen genügende durchfichtige Katalogifirung Jedermann über den Umfang des Vorhandenen zu unterrichten. Die Verwaltung führt zu diefem Zwecke einen JahresHauptkatalog oder Acceffionskatalog, in welchem jedes einlaufende Buch mit Titel, Angabe der Provenienz und wiffenfchaftlicher Claffificirung, welche jedes bleibend erhält, eingetragen wird. Die Nummern, welche das Buch im Acceffionskataloge erhalten, wird auf feinem inneren Deckel vermerkt, und durch diefe Beziehung eines jeden Buches auf die Kataloge und der Kataloge auf die Bücher kann die Verwaltung mit Leichtigkeit felbft nach Jahren jede erforderliche Auskunft ertheilen. Zugleich kann fie durch eine einfache Addirung der jedem Buche beigefchriebenen Ankaufspreife zu jeder Stunde wiffen, über welche Mittel fie noch zu verfügen hat. Die zweckmäfsigfte Anordnung und Aufftellung der Bücher nach ihrer wiffenfchaftlichen Bedeutung, welche bei dem rafchen Anwachfe die gröfsten Schwierigkeiten bot, ift nach einem neuen, von Pertz entworfenen Syfteme erfolgt, welches durch gefchickte Behandlung der allmälig anwachfenden Maffen Ordnung zu erhalten und felbft in einer Millionen Werke umfaffenden Sammlung zu bringen vermochte„ Als einfachftes Bezeich nungsmittel für eine grofse Menge ein- oder mehrbändiger Werke boten fich die Verbindung je eines lateinifchen Capital- Buchftaben: A, B, C, D u. f. w. bis Z mit einer Minuskel a, b, c, d u. f. w. bis z dar; indem grundfätzlich alle Bände eines mehrbändigen Werkes die gleiche Unterfcheidungsbezeichnung führen und auf diefe Weife 25 X 25= 25 einfache und 625 zufammengefetzte Zeichen entſtehen, erhält man 650 Claffen zur Verfügung, in denen mittelft der Zahlen I bis 10.000 eine Bibliothek von 6,500.000 fiebenthalb Millionen Werken mit der Möglichkeit fteter Ergänzungen und Fortfetzungen eingefchloffen werden können. Diefe 650 Claffen als ein wiffenfchaftliches Netz über die bereits vorhandenen Büchermaffen ausgebreitet, umfaffen fyftematiſch den gegenwärtigen Befitz und geftatten durch fprungweife Zahlbezeichnung elaftifche Erweiterung der Verzeichniffe in gleichem Schritte mit dem erweiterten Befitze der Anftalt, da ein Bücherfchatz von Millionen Werken wohl die äufserften Berechnungen und Erwartungen übertreffen dürfte." Nach diefem Plane find nun die wiffenfchaftlichen Fachkataloge bearbeitet, welche fämmtliche Fächer umfaffen, deren jedes mit einem oder mehreren alphabetifchen Regiftern ausgeftattet wird. Ein beiliegendes Verzeichnifs bietet eine Ueberficht über die vollendeten Realkataloge, welche 282 Bände füllen und die unter die betreffenden Beamten vertheilt, durch ihre Vermittlung und Aufficht in beftändigem Gebrauche find und fortwährend vermehrt und vervollſtändigt werden. - - 2 16 Dr. Wilhelm Hartel. Oefterreich. Die Einleitung zum zweiten Bande des Berichtes des öfterreichifchen Unterrichtswefens aus Anlafs der Weltausftellung, herausgegeben von der Commiffion für die Collectivausftellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums, fagt über die Vertretung der Hochfchulen auf der Ausstellung:„ Die Natur der Verhältniffe bringt es mit fich, dafs Hochſchulen fich an Ausftellungen nur in geringem Mafse betheiligen, und dafs die Leiftungen der Schulinduftrie für diefelben nicht jenen entfcheidenden Werth haben, wie für Volks- und Mittelfchulen. Die Freiheit des Lehrens und Lernens ift unverträglich mit den feften Normen des übrigen Unterrichtes, welche hier den Gegenftand der Darstellung bilden. Nur die gefchichtliche Einleitung durfte die Hochfchulen nicht ausfchliefsen." Diefe gefchichtliche Einleitung, von Herrn Dr. Adolf Ficker gearbeitet, welche der erfte Band des„ Berichtes" enthält, hat die Entwicklung der Univerfitäten nicht irgend erfchöpfend behandeln wollen oder können, indem mit Recht - den anderen Zweigen des Unterrichtswefens ein gröfserer Raum gewidmet wurde Es werden nur eine Reihe von auf die Univerfitäten bezüglichen Verordnungen, die feit der Mitte des vorigen Jahrhundertes erfloffen find, excerpirt und zum Schluffe die neueften Gefetze und Erläffe ziemlich in extenso mitgetheilt. Das innere Leben derfelben wird kaum mit einigen Worten berührt, des langjährigen erbitterten Kampfes zwifchen Doctoren- und Profefforencollegien, welcher die wiffenfchaftlichen und freiheitlichen Fortfchritte hemmte, nicht gedacht, fo dafs dadurch allerdings Gehalt und Tragweite der neueften Univerfitätsreform der verdienten Beleuchtung entbehren. Uebrigens, um billig zu urtheilen, verdient die materielle Leiftung, die Herſtellung diefes dicken Gefchichtsbandes innerhalb weniger Wochen, anerkennend bemerkt zu werden. " Der von dem Unterrichtsminifterium herausgegebene Specialkatalog der ,, Collectivausftellung von Schul- und Unterrichtsgegenständen" begnügt fich nicht blos, die auf Univerfitäten bezüglichen Objecte kurz zu verzeichnen, fondern begleitet diefelben zum Theile mit eingehendem Commentar. Der gröfste und wichtigfte Theil derfelben, welcher die naturwiffenfchaftlichen Disciplinen betrifft, findet an anderer Stelle des Berichtes feine Würdigung. Wir haben nur zu erwähnen Profeffor Sickl's Monumenta graphica medii ævi, die als werthvollftes Hilfsmittel paläographifcher Studien fich allgemeiner Anerkennung erfreuen, neben welchen die im Kataloge genau befchriebenen 32 Tafeln für arabifche Paläographie, welche von einem ftrebfamen jungen Gelehrten, Dr. Karabáček, herrühren, genannt zu werden verdienen. Die von dem Architekten Horky entworfenen Pläne, Anfichten, Grundriffe der Univerfität Graz"( Nr. 394) legen Zeugnifs ab von dem rühmlichen Bemühen der Regierung, der Wiffenfchaft, welche bis jetzt allenthalb eine klägliche Unterkunft in Oefterreich gefunden, würdige Hallen zu eröffnen. Aber wir bedauern nur, dafs nicht die grofsartigfte Leiftung diefer Art, der nicht leicht eine andere Nation etwas Aehnliches an die Seite zu ftellen vermöchte, im Mittelpunkte der Unterrichtsausftellung einen Platz erhalten. Wir meinen das nach den Entwürfen des genialen Architekten Heinrich v. Ferftel gearbeitete Modell des im Werden begriffenen Wiener Univerſitätsgebäudes, welches in der Kunfthalle zu fehen war. Das Modell, welches uns mühelos die Schönheit einer grofsen Conception geniefsen läfst, läfst kaum ahnen die Schwierigkeiten, welche diefes bedeutendfte architektonifche Unternehmen der Gegenwart bewältigen mufs. Möge die nächfte Ausstellung die glückliche Realifirung des Entwurfes mit dem verdienten Preife krönen. Eine nähere Befprechung verlangen und verdienen jene Lehrmittel der geographifchen Disciplin, welche Profeffor Simony, Vertreter diefes Faches an der Wiener Univerfität, ausgeftellt hat. Graphifche Darftellungen verfchiedener Die Univerfitäten 17 Art wurden hier dem Befchauer geboten, Darftellungen, von denen ein Theil nicht allein das Intereffe des Fachmannes, fondern auch jenes des Künftlers in hohem Grade zu feffeln vermag. Vor Allem fällt ein über 7 Quadratmeter grofses, mit Aquarellfarben gemaltes Tableau ins Auge, welches die Ueberfchrift ,, Gletfcherphänomene" trägt. In einer idealen Landfchaft finden fich da alle wichtigeren Gletfchererfcheinungen zufammengeftellt. Zwei gewaltige Eisftröme, aus weiten Firnmeeren fich entwickelnd, von kühngeformten Felsmaffen verschiedener Formationen umrahmt, in mannigfachfter Weife zerklüftet, drängen fich bis nahe gegen den Vordergrund heran, Seiten. Mittel- und Endmoränen treten in ihrer charakteriftifchen Geftaltung auf, einzelne„ Gletfchertifche" entfteigen der zerfchründeten Eismaffe, aus hochgewölbtem, tiefblauem Gletfcherthore brauft der fchlammbeladene Eisbach hervor. Zerftörte Alpenhütten am Saume der einen, weit ausgedehnten Erdmoräne, fowie die bis zu einer fcharf markirten Grenze ihrer Pflanzendecke entkleideten, theilweife gewaltfam abgefchliffenen Uferhänge des Gletfcherbettes find Zeugen der jüngften gröfseren Ofcillation des rechtsfeitigen Eisftromes. Ein kleiner, trübgrüner Wafferfpiegel, durch einen Katarakt gefpeift, zur Seite des zweiten Gletfchers läfst unfchwer errathen, dafs er feine Entftehung nur der Stauung durch die fich vor ihm aufthürmenden Eismaffen zu danken habe. Eine vom Rande eines Hochfirners losbrechende Eislawine deutet auf die ftete Bewegung auch der kleinften, hoch auf den Kämmen des Gebirges klebenden fecundären Gletfcher. Aber nicht blofs auf die Erfcheinung der gegenwärtig exiftirenden Gletfcher ift in dem Bilde Bedacht genommen, auch mit den charakteriflifchen Spuren der „ Eiszeit" wird der Befchauer bekannt gemacht. Alte Moränen von üppiger Alpenvegetation überkleidet, erratifche Blöcke, Rundhöcker und geritzte Felfen bilden im Vordergrunde die Wahrzeichen der erodirenden Thätigkeit der einftigen Gletfcher, während deren ungeheure Mächtigkeit durch die in den hinterliegenden Berghängen hoch hinauf fich bemerkbar machende Abrundung der weiter aufwärts ganz fcharfkantigen und zackigen Felsmaffen angedeutet erfcheint. Wir glaubten den wefentlichen Inhalt des Gemäldes eingehender fkizziren zu müffen, um den Lefer mit der ganzen Reichhaltigkeit der Compofition bekannt zu machen. Wirkt das Bild fchon durch feinen Gegenftand im hohen Grade belehrend, fo wird die Wirkung noch gefteigert durch die aufserordentliche Naturwahrheit in Linien und Farben, mit welchen alle erwähnten Erfcheinungen wiedergegeben find. Nur ein vieljähriges Studium der Gletfcherwelt vermag ein derartiges Erfaffen derfelben zu ermöglichen, aber auch nur eine künftlerifch fo gefchulte und gleichzeitig durch das Auge des Naturforfchers geleitete Hand, wie jene Simony's ift im Stande, das Gefehene derart wiederzugeben, wie es hier gefchehen ift. Wenn der Ausfpruch Humbold's, dafs gute Landfchaftsbilder wefentlich geeignet find, das geographifche Studium zu fördern, noch eines Beweifes bedürfte, fo ift derfelbe durch das eben befprochene Gemälde in der überzeugendften Weife geliefert. Wenn wir dabei etwas zu bedauern haben, fo ift es diefs, dafs das ausgeftellte Bild ein Original ift, welches bisher noch keine entfprechende Vervielfältigung gefunden hat und fomit nur der einzigen Hochfchule zu Gute kommt, an welcher Simony als Lehrer thätig ift. Neben diefem Gemälde gröfsten Stiles hat Simony noch eine Anzahl geographifcher Landfchaftsbilder kleineren Formates zur Anficht gebracht, theils Aquarelle, theils Bleiftift- oder Federzeichnung; es find diefs von ihm treu nach der Natur ausgeführte Studien, welche die ftreng wiffenfchaftliche und dabei doch auch allen äfthetifchen Anforderungen genügende Auffaffung neben einer bis ins kleinfte Detail gleich gewiffenhaft durchgeführten Darftellung des in einer Perfon vereinigten Fachmannes und Künftlers documentiren. Wir wollen von diefen Bildern nur einige der charakteriftifcheften und intereffanteften nach dem Specialkataloge citiren: Die Spitzatlache am Salurner Firner in der Oetzthaler Gruppe( der höchft gelegene Gletfcherfee[ 8820 Fufs] der öfterrei2* 18 - Dr. Wilhelm Hartel. chifchen Alpen). Venediger Gruppe, Typus der alpinen Gneifsformation und der Querthalbildungen in den Tauern. Ausficht von den„ Rofszähnen" in das Gebiet des oberen Faffathales mit der Vedretta Marmolata, Charakterbild der Melaphyr- und Dolomitformation Südoft- Tirols.-Obervintfchgau mit dem Ortlerftock, nach der Ueberfchwemmung und den grofsen Schuttablagerungen im Jahre 1855 aufgenommen. Die G'fchlöfslkirche unfern dem Gofaugletfcher, einer 6000 Fufs hoch gelegenen Kalkhöhle, durch die rafch fortfchreitende Abbröcklung des Gewölbes dem vollständigen Einfturze und der fchliefslichen Umwandlung in eine Keffel- oder Dolinenbildung entgegengehend. Die Wiesalpe auf dem Dachftein- Plateau, ein alter Moränenboden. Ein Karrenfeld nächft der Wiesalpe. - Eine Zirbengruppe auf dem Dachftein- Plateau, Vegetationstypus aus der oberften Zone des alpinen Baumwuchfes. Das Dachftein- Gebirge vom Sarftein ( 6300 Fufs) bei Hallftatt aus gefehen. Das letztgenannte Bild, eine panoramatifche Anficht von faft I Meter Länge als Federzeichnung ausgeführt, zeigt die ganze Originalität der Auffaffungs- und Darftellungsweife Simony's. Trotz der faft vollſtändigen Verzichtleiftung auf die Zuhilfenahme von Beleuchtungseffecten und einer bis ins Kleinfte gehenden Verfolgung alles beachtenswerthen Details zeigt doch das Ganze eine Plaftik und Klarkeit, welche insbefondere für das Auge des Kenners von der überrafchendften Wirkung ift. Dem Geographen wie dem Geologen ift in diefem einzigen Bilde eine reiche Fülle der lehrreichften und intereffanteften Terrainftudien zur Anfchauung gebracht. Endlich müffen wir noch einer Landfchaftsdarftellung Simony's gedenken, weil fie einen befonderen Theil feiner Lehrthätigkeit kennzeichnet; es ift ein mit dem Pinfel in kräftigen Conturen fkizzirtes Wandbild,„ ein alpines Längenthal" darftellend. Dasfelbe zeigt die Art, wie mit wenigen Linien typifche Formen der Landfchaft in klarer, allgemein verftändlicher Weife auf der Tafel entworfen werden können. Diefes und ähnliche Blätterwerke werden von Simony bei den mit den Lehramts- Candidaten vorzunehmenden praktifchen Uebungen als Vor lagen benützt, um jene in die einfachfte Art landfchaftlicher Skizzirung einzufchulen und derart eine allgemeinere Anwendung diefer Veranfchaulichungsmethode bei dem geographifchen Unterrichte anzubahnen.. Acht graphifche Wandtafeln haben die Darftellung diverfer phyſikaliſchgeographifcher Verhältniffe zum Gegenftande. Von diefen heben wir zunächft die in fehr plaftifcher Weife ausgeführten Tiefenfchichten Karten des Gmundner und des Sct. Wolfgang- Sees im Mafsftabe von 1: 7200, mit beigegebenen Längen- und zahlreichen Querprofilen hervor, welche ein fehr vollſtändiges und zugleich getreues Bild der Geftaltung diefer beiden Becken infofern geben, als gegen die gewöhnliche Uebung in den Profilen für Länge und Tiefe ein gleicher Mafsftab( 1: 3600) beibehalten ift. Diefen fchliefst fich ein Tableau an, welches die Temperaturverhältniffe von zehn Seen des Traungebietes nach deren verfchiedenen Tiefen in überfichtlichfter Weife, und zwar mit Zuhilfenahme verfchiedener Farbentöne für die einzelnen Wärmegrade veranfchaulicht. Diefe letzterwähnten Seekarten find Originalien in doppeltem Sinne, indem fie nicht allein von der Hand Simony's entworfen find, fondern auch zugleich die Refultate feiner eigenen Unterfuchungen wiedergeben. - Erwähnenswerth find endlich auch noch drei klimatifche Tableaux, welche Simony zur Anfchauung gebracht hat. Das erfte davon, bei 3 Meter lang, hat die Temperaturverhältniffe Wiens aus dem neunzigjährigen Zeitraume von 1775 bis 1864 zum Gegenftande. Es finden fich in demfelben: 1. Die normale 2. Die Jahrescurve, conftruirt aus den allgemeinen Wärmemitteln aller Tage. analoge Curve des in Bezug auf die Monatsmittel differenteften und zugleich 3. Die Curve des nach den Monatsmitteln wärmften Jahres( 1810 auf 1811). wenigft differenten Jahres( 1842 auf 1843). 4. Vierundzwanzig Partial curven, darftellend den Temperaturgang( nach Tagesmitteln) des während der bezeichneten Periode wärmften und eben fo des kälteften von jedem der zwölf Monate. - - Die Univerſitäten. 19 5. Höchfte und tieffte Mittel aller Tage des Jahres. 6. Einzelne abfolute Temperaturextreme. Trotz der mannigfachen Verhältniffe, welche fich hier in einem einzigen Bilde zufammengedrängt finden, wurde doch eine leichte Ueberfichtlichkeit des Ganzen durch die Anwendung verfchiedener Farben- und Zeichnungsweifen für die einzelnen Curven erzielt. Sehr inftructiv erſchien uns ferner eine thermographifche Tafel, in welcher durch verfchiedenfärbige Horizontallinien die Mitteltemperatur des kälteften und wärmften Monats, fowie die mittlere Jahrestemperatur von 100 Erdorten verfchiedener geographifcher Breiten dargestellt wird. Dadurch, dafs die Orte nicht blos nach der geographifchen Breite, fondern auch zugleich derart ausgewählt und geordnet find, dafs marine mit continental gelegenen Stationen abwechſeln, macht fich der Einflufs der beiden klimatifchen Hauptfactoren auf die Gröfse des Temperatur- Spielraumes in der verfchiedenen Länge der Linien in auffälligfter Weife bemerkbar. Ein drittes Tableau endlich enthält eine gröfsere Anzahl aus Monatsmitteln conftruirter Temperaturcurven von Orten verfchiedener abfoluter Höhe und geographifcher Breite. Wie bei den wiffenfchaftlich und künftlerifch gleich werthvollen Landfchaftsbildern Simony's müffen wir auch bei diefen phyfikalifch- geographifchen Darftellungen es beklagen, dafs man es hier mit Originalien und nicht fchon mit käuflichen Reproductionen zu thun hat. Veranfchaulichungsmittel folcher Art, wie die eben befprochenen, würden ein höchft fchätzbares Element für den erdkundlichen Unterricht abgeben. Allerdings ift wohl zu begreifen, dafs eine entfprechend treue Wiedergabe von Originalien, wie fie vorliegen, nur mit grofsen Koften zu bewerkstelligen wäre, indefs fcheint uns bei der Bedeutung und Wichtigkeit derartiger Lehrmittel eine möglichft zahlreiche Vervielfältigung der nothwendigen, wenn auch grofsen Opfer, jedenfalls aber der möglichften Förderung und Unterſtützung von Seite der Unterrichtsbehörden werth. Dafs Simony's Arbeiten auch bei der Jury Anerkennung fanden, beweift der Umftand, dafs denfelben die Fortfchrittsmedaille zugefprochen wurde. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1873 UNTER REDACTION VON DR. CARL TH. RICHTER, K. K. O. Ö. PROFESSOR IN PRAG. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) BERICHT VON RUDOLF LECHNER, ALFRED KLAAR, DR. CARL TH. RICHTER. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1874. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. DER DEUTSCHE UND OESTERREICHISCH- UNGARISCHE VERLAGS- BUCHHANDEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) Bericht von RUDOLF LECHNER. Der Verlags- Buchhandel des deutfchen Reiches. Der Verlags- Buchhandel des deutfchen Reiches war auf der Wiener Weltausftellung verhältnifsmäfsig gering vertreten. Der Grund davon liegt wohl vorerft in dem officiellen Programm felbft, welches für den Buchhandel im Allgemeinen keine Abtheilung enthält und nur in der Gruppe XXVI von Werken, Zeitfchriften, Lehrmitteln und Leiftungen der Literatur fpricht, welche Unterrichtszwecken dienen. Es fcheint, als wäre man der Anficht gewefen, es eigne fich die literarifche Production nicht für eine Weltausftellung, vielleicht weil der innere Werth der Erzeugniffe nicht wohl einer eingehenden Beurtheilung unterzogen werden könne und die äufsere Form doch nicht die Hauptfache fei. Diefe Anficht fand man auch in buchhändlerifchen Fachblättern ausgefprochen. Dennoch glaube ich, dafs die buchhändlerifche Verlagsthätigkeit fich ganz gut zur Ausstellung eigne, ja dafs die Darftellung der literarifchen Production eines Volkes von grofsem Intereffe für die Befucher und gewifs auch von praktifchem Nutzen für die Fachgenoffen fein würde, und es käme nur darauf an, die Sache richtig anzufaffen. Nach meiner Anficht müfsten folche Ausstellungen nach Fächern wiffenfchaftlich geordnet werden und gewiffermafsen eine Bibliothek aller beften, in den letzten fünf bis fechs Jahren erfchienenen Werke darftellen. Dazu ein vollständiger in erfter Abtheilung nach Wiffenfchaften, in zweiter Abtheilung nach Ver' egern geordneter Katalog, und der Nutzen, fowohl für Verleger wie für das Publicum, wäre in die Augen fpringend. Die Schwierigkeit der Unterordnung des Einzelausftellers dürfte wohl zu überwinden fein, denn die Leiftung des Einzelnen wäre ja leicht aus der zweiten Abtheilung des Kataloges zu erfehen, und die Herbeifchaffung der möglichft vollftändigen Literaturen liefse fich durch die beftehenden buchhändlerifchen Vereine gewifs leicht erreichen. Diefs als frommer Wunfch für eine nächfte Weltausftellung vorangefchickt. muss ich, wie bereits erwähnt, conftatiren, dafs die Betheiligung des deutfchen Verlags- Buchhandels an der Weltausftellung eine verhältnifsmäfsig geringe war, und dafs diefe dem Befchauer, der fonft keine Kenntnifs von den Leiftungen des deutfchen Buchhandels hatte, nur ein unvollständiges Bild geben konnte. I* 4 Rudolf Lechner. Der deutfche Verlag war in Ermangelung einer anderen Beftimmung, infofern er nicht für Unterrichtszwecke pafste, in die Gruppe XII( graphifche Künfte) eingereiht worden; Unterrichtswerke, Lehrmittel etc. waren in Gruppe XXVI gefammelt. - - Von gröfseren Verlegern waren vertreten: Aus Leipzig: F. A. Brockhaus, das mächtige alte Haus, welches in feinem grofsartigen und muftergiltigen Etabliffement alle graphifchen Künfte vereinigt, durch einige feiner zahlreichen Kupfer- und Prachtwerke, E. A. Seemann, Specialverlag von kunfthiftorifchen höchft gediegenen und vortrefflich ausgeftatteten Werken, G. B. Teubner mit feinem grofsartigen Verlage von alten Claffikern und wiffenfchaftlichen Werken, Otto Wigand, durch die grofsen Werke von Ritter, Sanders, Fr. Brandftetter durch feine zahlreichen, gediegenen und Wagner etc., mit befonders gutem Gefchmacke ausgeftatteten Unterrichtswerke und Jugendfchriften, Hinrichs'fche Buchhandlung mit ihren werthvollen ägyptologifchen Werken, Otto Spamer durch feine in der ganzen Welt beftbekannten, reich illuftrirten Jugendfchriften. - - - - - - - Aus Berlin: B. v. Decker's Ober- Hofbuchdruckerei mit dem prachtvoll gedruckten Krönungswerk, neuem Teftament, Oeuvres de Frédéric le Grand, Alex. Dunker mit feinen Stahlftich- Prachtwerken,-Ernft& Korn mit feinem grofsartigen bauwiffenfchaftlichen und technifchen Specialverlag, die Grote'fche Buchhandlung mit ihren fehr hübfch illuftrirten Concurrenzausgaben der deutfchen Claffiker und Kunft- Prachtwerken, Kortkampf mit circa 100 Bänden juriftifcher Verlagswerke, Langenfcheidt mit dem grofs angelegten franzöfifchen Wörterbuche von Sachs und feinen viel verbreiteten Unterrichtsbriefen, W. Möfer mit illuftrirten Prachtwerken, F. Nicolai'fche Buchhandlung mit gut ausgeftatteten Werken in verfchiedenen wiffenfchaftlichen Richtungen, Lipperheide, Verleger der weitverbreiteten Modenwelt, E. S. Mittler& Sohn, grofser Specialverlag von Militärwiffenfchaft, Dietrich Reimer mit den vorzüglichen Kipert'fchen Kartenwerken und Globen, E. Schotte& Comp. mit ihren gefchätzten Relief globen, Tellurien etc.,- Wiegandt& Hempel, landwirthschaftlicher anfehnlicher Specialverlag. - - - - - - Aus Stuttgart: die J. G. Cotta'fche Buchhandlung mit ihrem weltberühmten Claffikerverlag, E. Hallberger, Verleger von gut illuftrirten Wochen- und Monatsfchriften zu ungemein billigen Preifen in aufserordentlich grofsen Auflagen, J. B. Metzler'fche Buchhandlung mit den gediegenen illuftrirten Scheffel'fchen Prachtwerken, Paul Neff mit vortrefflich illuftrirten Prachtwerken,-J. F. Schreiber mit feinem ausgezeichneten, über die ganze Welt verbreiteten Verlag von Kinderbüchern und Tafeln zum Anfchauungsunterricht, Thienemann- Hoffmann mit feinen künftlerifch und mit fehr gutem Gefchmack G. Weife mit den berühmten Stuttgarter ausgeftatteten Jugendfchriften, Bilderbogen. - Aus kleineren Verlagsorten waren erfchienen: - Aus Bremen; C. Müller mit vorzüglichen Farbendruck Prachtwerken. Aus Darmstadt: die Jonghaus'fche Buchhandlung mit der geologifchen Specialkarte von Heffen. Aus Dresden: Meinhold& Söhne mit den vortrefflichen Wandtafeln von Rupprecht. Aus Düffeldorf: Breidenbach& Comp. mit dem Künftleralbum und ihren vorzüglichen Farbendrucken. Aus Glogau: der fehr bedeutende Verleger C. Flemming mit feinen anerkannt guten Landkarten und Jugendfchriften. Aus Gotha: Juftus Perthes mit feinen Kartenwerken, welche einen Weltruf befitzen und zu dem Beften gehören, was in diefer Richtung überhaupt gefchaffen worden ift. Aus Halle: die Waifenhaus- Buchhandlung mit ihrem intelligent geführten, fehr vielfeitigen Verlage. Der deutfche und öfterreichiſch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 5 Aus München: Th. Ackermann mit diverfen Büchern und KupferBruckmann mit feinen photographifchen Prachtwerken. werken, - Aus Hamburg: Neftler& Melle mit gefchätzten Schul- Wandtafeln. Aus Regensburg: die grofsen Verleger katholifcher Bücher Manz und Puftet, mit prachtvoll gedruckten Miffales. Aus Weimar: B. F. Voigt mit feinem fehr verdienftlichen und nam haften Verlage aus der Gewerbekunde und Kellner& Comp. mit ihren originellen Wandkarten. Aufserdem war im„ Pavillon des kleinen Kindes" eine gröfsere Menge von Kinderbüchern und Befchäftigungsmitteln ausgeftellt, welche ich gefammelt hatte und wozu die Herren Verleger: Bock( Dresden), Braun& Schneider( München), Bartholomäus( Erfurt), Bretích( Berlin), Dürr( Leip zig), Grunow, Günther( Leipzig), Kröner( Stuttgart), Naumann( Dresden), Nitzfchke( Stuttgart), Plahn( Berlin), O. Rifch( Stuttgart), Rütten( Frankfurt), Schreiber( Stuttgart), Spamer( Leipzig), Thienemann( Stuttgart), Trewendt( Breslau), Weife( Stuttgart) etc., werthvolle Beiträge geliefert hatten. Diefe kleine Ausftellung, welche auf das grofse Publicum viel Anziehungskraft ausübte, gab auch Gelegenheit zu intereffanten Vergleichen, da ich gleichzeitig eine gröfsere Menge franzöfifcher und englifcher Kinderbücher ausgelegt hatte. Es ift einleuchtend, dafs aus der geringen Menge der ausgeftellten buchhändlerifchen Producte allgemeine Schlüffe nicht gezogen werden können, ich bin daher genöthigt, mich, um ein Gefammtbild des deutfchen Buchhandels zu erhalten, an das Allgemeine zu halten, wozu glücklicherweife hinlängliches Material zu Gebote fteht. Zur Beurtheilung der Productionsthätigkeit des deutfchen Buchhandels mögen hier einige ftatiftifche Zuſammenftellungen über den Verkehr im Mittelpunkte des deutfchen Buchhandels, Leipzig, dienen. Die Bücher- Verfendungen von Leipzig ab betrugen*: im Jahre 1866 Zollcentner 116.900 " " 1867 129.300 1868 " " 9 138.200 " " 1869 142.000 " 9 1870 134.500 " 1871 148.500 99 " 9 " 7 1872 158.200 " Zur Erklärung diefer Zahlen möge dienen, dafs Leipzig der Hauptftapelplatz des deutfchen Buchhandels ift. Da dort faft jeder deutfche Buchhändler, fowohl Verleger wie Sortimenter, feinen Commiffionär hat, fo geht ein grofser Theil des Verkehrs zwifchen Verlegern und Sortimentern über Leipzig. Der Leipziger Commiffionär empfängt von feinen Committenten die Beftellungen in Form von kleinen Zetteln( Beftellzettel) und verbreitet diefe wieder durch die anderen Commiffionäre an die Verleger, welche die Bücherpackete ebenfalls wieder durch ihren Commiffionär an die verfchiedenen Commiffionäre der Befteller vertheilen laffen. Diefe fammeln nun die Packete und verpacken fie wöchentlich 2 bis 3 mal an die Sortimenter. Auf diefe Weife werden die directen. Verfendungen vermieden und entſteht hieraus auch die Möglichkeit der Aufzeich nung der vorftehenden Zahlen. Freilich ftellen diefe bei weitem nicht den ganzen Verkehr des deutfchen Buchhandels dar, denn aufser Leipzig gibt es noch namhafte andere Commiffionsplätze, welche den internen Verkehr des Landes beforgen, und diefe find nebft anderen: Berlin, Wien und Stuttgart. Statiftifche Daten über diefe Commiffionsplätze ftehen mir leider nicht zu Gebote. * Die nachfolgenden ftatiftifchen Zufammenftellungen find aus dem Börfenblatt für den deutfchen Buchhandel gefchöpft. 6 betrug: Rudolf Lechner. Die Summe der in Leipzig zur Oftermeffe geleifteten Zahlungen 1866 Thaler Preufsifch Courant 3,150.000 1867 1868 99 وو " 3,146.000 99 27 " 3,546.000 1869 و" 77 " 3,900.000 1870 4.706.000 " 99 1871 1872 99 77 29 29 27 " 9 4,165.000 4,850.000 An Baarpacketen( Bücherfendungen, welche nicht in Rechnung gegeben werden, fondern deren Werth gleich nachgenommen wird) wurde in Leipzig eingenommen: 1866 Thaler Preufsifch Courant 1,767.000 1867 1868 2,182.000 " " 2,297.000 29 " 9 1869 2.529.000 وو " 1870 " 95 " 9 2.537.000 1871 1872 " " " 3.450.000 " 9 " 9 99 4,059.000 Die Production betrug nach den Nummern der Hinrichs'fchen Bibliographie im Börfenblatt: 1866 Nummern 10.756 1867 12.064 99 1868 12.936 1869 13.651 1870 12.740 99 1871 1872 " 13.871 13.925 99 Was von den Zahlen über den Frachtenverkehr in Leipzig gefagt wurde, gilt ebenfo von den Mefseinnahmen und Baarpacketen; denn aufser Leipzig finden auch jährliche Abrechnungen in Berlin, Stuttgart und Wien etc. ftatt, und wird auch dort im internen Verkehr eine grofse Menge von Baarpacketen befördert. Ausserdem wird noch eine fehr grofse Menge von Schul-, Gebetbüchern, Bibeln, etc. an Buchbinder und andere Nichtbuchhändler in directem Verkehre verkauft, welche in den vorftehenden Zahlen nicht vorkommen. Es wird daher nicht gewagt fein, anzunehmen, dafs diefe Summen in der Wirklichkeit fich mindeftens um 50 Percent erhöhen. Die Zahlen der literarifchen Erfcheinungen, wie fie die Hinrichs'fche Bibliographie aufzählt, ftellen aber fo ziemlich vollständig die Summe der jährlich erfcheinenden Bücher im deutfchen Reich und Deutfch- Oefterreich dar und find wohl geeignet, Erftaunen und vielleicht auch einige Beforgnifs über die Fruchtbarkeit der deutfchen Schriftfteller und Verleger hervorzurufen. Seit 1866 ift die Zahl der neuerfchienenen Bücher um 3000 Nummern geftiegen! Nahezu 14.000 neue Bücher( neue Auflagen, Lieferungswerke und Wochenjournale mit inbegriffen) find 1872 gedruckt worden! England weift im Jahre 1873 nur 4991 Nummern aus! Diefe enorme Fruchtbarkeit kann man wohl immerhin als eine Ueberproduction bezeichnen und es unterliegt keinem Zweifel, dafs durch diefe zahlreichen alljährlich erfcheinenden neuen Bücher manche ältere gute Werke dem unverdienten Schickfale des Vergeffenwerdens anheimfallen. Dennoch leiden wahrhaft bedeutende Werke gewifs nicht darunter, brechen fich, wie die tägliche Erfahrung lehrt, ficher Bahn und behaupten fich auf dem Markte. Der deutfche und öfterreichifch- ungarische Verlagsbuchhandel. 7 Fragt man nach der Urfache diefer riefigen Production, welche im Buchhandel anderer Culturvölker nicht ihresgleichen hat, fo finden wir diefe zuerft in der hohen Stufe der Bildung, auf welcher das deutſche Volk fteht und welche die Luft und den Drang zu literarifchem Schaffen in immer weitere Kreife trägt. In zweiter Linie mufs aber die Urfache in der Möglichkeit des Abfatzes der zahllofen literarifchen Producte gefucht werden. Wenn auch nicht jedes gedruckte Buch feinem Verleger einen Gewinn bringt, fo mufs doch angenommen werden, dafs der bei weitem gröfsere Theil der literarifchen Unternehmungen rentirt, denn fonft müfsten naturgemäfs die Zahlen der Erfcheinungen fich vermindern, und nicht, wie wir in dem ftatiftifchen Ausweife fehen, fich ftetig vermehren. Diefe Möglichkeit des Abfatzes liegt aber offenbar in der ganz eigenthümlichen Organiſation des deutfchen Buchhandels und ich halte es daher für nothwendig, diefelbe etwas näher zu betrachten. Das Schulz'fche Adressbuch für den deutfchen Buchhandel von 1873 enthält:*) 4230 Firmen. Von denen befchäftigen fich: 1068 nur mit dem Verlags- Buchhandel. 165 80 29 79 29 " " 92 134 81 16 " 99 " " 99 99 2517 99 22 45 Verlags- Kunfthandel. Verlags- Muficalienhandel. Sortiments- Kunsthandel. Sortiments- Muficalienhandel. Antiquariats Handel. Sortiments-, Buch-, Buch, Antiquar-, Kunft, Mufikalien- und Landkartenhandel( welche theilweife nebftbei auch Papier- und Schreibmaterialien- Handel treiben.) 93 find Expeditionen und Redactionen etc. Unter den vorletzten befinden fich jedoch viele, welche ebenfalls fehr bedeutenden Verlag befitzen. Von oben angeführten Firmen treiben zum Theil neben ihren Hauptgefchäften: 1375 Antiquariats- Handel. 609 Buchdruckerei. 29 Coloriranftalten. 524 Colportage. 160 Colportageverlag. 1610 671 905 47 Colportageverlag und Sortiment. 20 Globenverlag. Kunftsortiment. Landkartenfortiment. Leihbibliothehen. 366 Mufik- Leihanftalten. 473 Journal- und Lefezirkel. 1365 43 54 70 Mufikalienfortiment. Oelfarbendruck- Anftalten. 7 Reliefgloben- und Reliefkarten- Verlag. Schriftgiefserei. Stereotypanftalten. 36 Spiel- und Bilderbogen- Verlag. *) Diefe Zufammenftellungen entnehme ich dem ,, Adressbuch für den deutfchen Buchhandel von O. A. Schulz. 8 Rudolf Lechner. 65 Stahl- und Kupferftich- und xylo 243 graphifche Inftitute. Steindruckereien. Das gefammte Commiffionswefen des Buchhandels vertheilt fich unter neun Haupt- Commiffionsplätze und wird zufammen von 230 Commiffionären beforgt, wovon auf Berlin 40, Leipzig 105, München 9, Prag 14, Stuttgart 16, Wien 29, Zürich 5, kommen. Nürnberg 5, Peft 7, Die 4326 Handlungen vertheilen fich in 1066 Städte nach folgendem Verhältniffe: Firmen 3254 4 Städte 740 im deutfchen Reiche, I in Luxemburg, 188 Oefterreich, 534 461 71 2 99 I I I " 24 2 " den übrigen europäifchen Staaten. Amerika, دو A fien. Von diefen 4326 Buchhändlerifchen Gefchäften gehören alfo nur 538 fremden Ländern, 4212 dem deutfchen Reiche und Oefterreich an und die ausländifchen Gefchäfte, welche das Schulz'fche Adrefsbuch anführt, werden zum nicht geringen Theile von Deutſchen geleitet und bringen fogar mitunter nicht unanfehnlichen deutfchen Verlag. Es ift alfo ein ganz gewaltiger Apparat, welcher der deutfchen literarifchen Production zu Gebote fteht. Wenn nun auch nicht jeder Verleger mit allen Sortimentsbuchhändlern in directer Verbindung fteht, fo gibt es doch viele und eben die bedeutendften, welche weit über 1000 Conti führen. An diefe Gefchäftsfreunde nun fenden die Verlagsfirmen alle ihre Neuigkeiten und gröfstentheils auch die feften Beftellungen das ganze Jahr hindurch in Rechnung und der Sortimenter ift nur verpflichtet, jährlich einmal das Feftbezogene und das von Neuigkeiten Verbrauchte zu bezahlen und das nicht Abgefetzte zurückzufenden oder dem Verleger zur Dispofition zu ftellen. In Leipzig gefchieht diefe Abrechnung jährlich zur Oft ermeffe( vier Wochen nach Oftern), in Berlin und Wien Ende März, in Stuttgart im Juli etc. etc. Die Abrechnung wird ebenfalls durch die Commiffionäre beforgt, und diefe, namentlich die Leipziger, fpielen hier häufig die Rolle von Banquiers, indem fie ihren Committenten mehr oder weniger Credit gewähren. Diefe Art des gefchäftlichen Verkehrs unterfcheidet fich wefentlich von der in Frankreich und England, wo die Verleger in der Regel nichts in Commiffion verfenden, fondern auch von ihren Neuigkeiten fefte Abnahme beanspruchen und nur halbjährigen Credit gewähren. Es ift klar, dafs durch die deutfche Einrichtung der Bücherabfatz aufserordentlich gefördert wird, und dafs daraus für das Publikum und die Schriftfteller grofse Vortheile entſtehen. Einerfeits wird der Druck einer grofsen Anzahl von Manufcripten nur auf diefe Art ermöglicht, anderfeits find durch die Erleichterung des gefchäftlichen Verkehres eine grofse Menge von Sortimentsbuchhandlungen felbft in kleinen Orten von nur einigen taufend Einwohnern entstanden, welche meiftens von intelligenten Leuten geführt werden, die mit wahrem Bienenfleifse dem Gebildeten die neuen Erfcheinungen zugänglich machen und fich die Verbreitung der deutfchen Literatur in alle Schichten der Bevölkerung angelegen fein laffen. Diefer oft gering gefchätzte Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 9 kleine Sortimentsbuchhändler erfüllt alfo eine Culturmiffion und verdient Anerkennung, denn fein Lohn ift im Verhältnifs zu dem mühfamen Gefchäfte ein kärglicher, und hätte er nicht die Liebe zur Sache, er würde fich gewifs anderen, befferen Gewinn abwerfenden Gefchäftszweigen zuwenden. Ich glaube klar gemacht zu haben, dafs der Organismus des deutfchen Buchhandels einen grofsen Antheil an der mächtigen Production der deutfchen Literatur hat, und möchte dies auch Jenen, fowohl Fachmännern als Laien, zu bedenken geben, von denen man jetzt öfter die Anficht ausfprechen hört, der deutſche Buchhandel müffe fich reformiren und mehr kaufmännische Grundfätze annehmen. Das Refultat wäre der Zuftand der Buchhandels in Frankreich, Eng. land und Italien, in welchen Ländern junge Autoren die fchlechteften Ausfichten haben und wo ein intelligenter, über das ganze Land verbreiteter Buchhandel gänzlich fehlt. Welcher aufrichtige Patriot möchte folche Zuftände für wünfchenswerth ausgeben? Es liegt mir noch ob, einen eingehenderen Blick auf die Erzeugniffe des deutfchen Buchhandels zu werfen. Die Ausstattung hat in den letzten fechs Jahren abermals wefentliche Fortfchritte gemacht. Im Allgemeinen findet man die deutfchen Bücher gefchmackvoll gefetzt und gut gedruckt. Die gröfseren Buchdruckereien, welche der deutſche Buchhandel zu Gebote hat, find vorzüglich eingerichtet und ftehen auf der Höhe der Leiftungsfähigkeit. Die Mitwirkung der Kunft nimmt aufserordentlich zu und namentlich ift es der Holzfchnitt, welcher in erfter Linie zu Illuftrationen verwendet und bereits mit feltener Vollendung hergeftellt wird. Welch' riefigen Fortfchritt die deutfche Xylographie gemacht hat, läfst fich am beften erkennen, wenn man illuftrirte Werke und Zeitfchriften, wie fie vor 10 bis 20 Jahren erfchienen, durchblättert. Was wir damals für fchön und gut gehalten, wie fieht es den Leiftungen der neueften Zeit gegenüber aus? Um die Hebung des Holzfchnittes hat fich J. J. Weber in Leipzig grofse Verdienfte erworben. Seine illuftrirte Zeitung fteht nun obenan und hat feine englifchen und franzöfifchen Concurrenten bereits überflügelt. Ebenfo liefert die Keil'fche Gartenlaube Holzfchnitte, wie fie nirgends beffer gefunden werden. Hervorragendes leiftet auch Hallberger in feinen mannigfaltigen populären Unternehmungen. Vieweg hat den Holzfchnitt der Wiffenfchaft dienftbar gemacht in einer Weife, wie fie vollendeter kaum gedacht werden kann; Spamer verwendet ihn in feinen zahllofen gediegenen Jugendfchriften zum Nutzen unferer heranwachfenden Weltbürger; Schäfer in Berlin hat den Holzfchnitt zuerft für eine Modenzeitung ( Bazar) in gröfserem Mafsftabe verwendet und diefe glückliche Idee hat einen wahrhaft koloffalen Erfolg gehabt und eine Unzahl von Nachahmern gefunden. Häufige Verwendung findet der Holzfchnitt jetzt auch fchon von Verlegern claffifcher Schriften und guter moderner Dichter, wie von Grote in feinen Ausgaben der deutfchen Claffiker und von Cotta in vorzüglicher Weife in den Prachtausgaben von Uhland's Gedichten und Wieland's Oberon, Auerbach's Barfüfsele etc, von Metzler in den wundervollen Ausgaben von Scheffel, von Hoffmann in Immermann's Oberhof und fo weiter. Von unfchätzbarem Werthe ift die immer mehr zunehmende Verwendung des Holzfchnittes in den UnterrichtsWerken( Compendien) und Schulbüchern, wo er erläuternd und anregend wirkt. In diefer Richtung leiftet der deutfche Verlag wahrhaft Erstaunliches. Nach dem Holzfchnitte ift es die Lithographie und namentlich der Farbendruck, welcher immer häufiger zur Ausstattung von Verlagswerken verwendet wird und bereits einen hohen Grad der Vollendung erreicht hat. Aufser den Verlagswerken der bereits früher erwähnten Firma Breidenbach und Bach find noch viele fchöne Prachtwerke diefer Art erfchienen bei C. E. Müller in Bremen, Arnold'fche Buchhandlung in Leipzig, Wagner in Berlin. 10 Rudolf Lechner. Die Verwendung der Lithographie für technifche und wiffenfchaftliche Werke ift durch den Holzſchnitt und die Zinkographie ftark gefchmälert worden. Der Kupfer und Stahlftich wird wohl wegen der koftfpieligen, zeitraubenden Herſtellung nur mehr von wenigen Verlegern verwendet; unter diefen Wenigen befinden fich Brockhaus, Cotta und das bibliographifche Inftitut. Endlich mag noch erwähnt werden, dafs die, Photographie jetzt nur mehr felten als Illuftration in gedruckten Werken vorkommt, woran wohl die unverhältnifsmäfsige Koftfpieligkeit und die Gefahr des Verlöfchens nach längerer Zeit die Schuld tragen. Wenn es einmal gelungen fein wird, die Photographie auf mechanifchem Wege vollkommen zu drucken, was gewifs über kurz oder lang der Fall fein dürfte, dann wird der Verlagsbuchhandel nicht fäumen, fich derfelben zu bedienen, und es dürften der Holzfchnitt und die Steinzeichnung eine mächtige Concurrenz zu beftehen haben. Es ift auch als erfreulicher Fortfchritt zu conftatiren, dafs der künftlerifche Gehalt die Illuftration im deutfchen Verlagswerke im Allgemeinen immer mehr durchdringt, das heifst, dafs zu ihrer Herftellung immer häufiger wirkliche Künftler verwendet werden. Das Papier, worauf der deutfche Verlag gedruckt wird, verdient nicht unbedingtes Lob. Gewifs liefern die deutfchen Papierfabriken gutes, fchönes und auch prachtvolles Papier, aber im Allgemeinen fteht es doch hinter dem franzöfchen und englifchen zurück. Namentlich ift es fehr zu bedauern, dafs das deutfche Papier, mittlerer Gattung wenigftens, fo ftark( es heifst, oft bis 60 Percent) mit Holzft off gemengt wird, dafs daraus die ärgften Uebelftände entftehen. Diefes Holzftoffpapier, welches anfangs fehr hübfch ausfieht, verliert, der Einwirkung von Licht oder Wärme ausgefetzt, die durch chemifche Bleiche erzielte weifse Farbe und wird ganz braun und grau. Viele Verleger haben diefs bereits zu ihrem Schaden an folchen Verlagswerken erfahren, welche ihnen von Sortimentslagern remittirt wurden. Deutlich war diefs bei den Zeitungsfammlungen fowohl der deutfchen als öfterreichifchen Abtheilung zu fehen. Faft alle Blätter zeigten fchon nach wenig Wochen eine bräunliche, mehr oder weniger dunkel nuancirte Farbe, zwifchen denen einige weifs gebliebene Stellen fon derbar hervorleuchteten. Unter diefen befand fich in dem öfterreichifchen Tableau eine Nummer der Wiener Preffe", welche auf dem Papier der Times gedruckt war! Und diefes wunderhübfche, kräftige und nicht abfärbende Papier ift in London gerade fo wohlfeil, wie das wahrhaft elende, worauf unfere meiſten Zeitungen gedruckt find! Es wäre von grofser Wichtigkeit für den deutfchen Verlagsbuchhandel, wenn die heimifchen Papierfabriken den franzöfifchen und englifchen nacheiferten und es dem deutfchen Verleger möglich machten, zu feinen Büchern fo prachtvolles Papier zu verwenden, wie es in Frankreich und England faft ausnahmslos, nicht nur bei Pracht-, fondern auch bei gewöhnlichen Büchern, ja fogar bei politifchen Zeitungen der Fall ift. " Was fchliefslich die Buchbinder- Arbeit im deutfchen Buchhandel anbelangt, fo ift auch hier ein erfreulicher Fortfchritt zu conftatiren. Die Geftaltung des deutfchen Buchhandels, welcher feinen Verlag in Commiffion verfendet, erlaubt im Allgemeinen nicht das Einbinden ganzer Auflagen, wie diefs in Frankreich, namentlich aber in England faft durchgehends gefchieht, und es erklärt fich daraus auch die bedeutend höhere Stufe, auf welcher der im Buchhandel vorkommende englifche Einband fteht; dennoch findet man die deutfche fogenannte Gefchenkliteratur, Gedichte, Claffiker, höhere Belletriftik, Albums und Prachtwerke mit grofsem Gefchmacke und oft feltener Vollendung eingebunden und ift auch hier bei Anfertigung der Stanzen die glückliche Verwendung künftlerifcher Kräfte erkennbar. Noch darf bei unferer näheren Betrachtung der deutfchen Verlagswerke nicht unerwähnt bleiben, dafs in neuerer und neuefter Zeit der deutfche Verleger " Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 11 fich beftrebt, zu billigen Preifen zu produciren. Der oft gehörte Vorwurf: , die deutfchen Bücher find zu theuer" hat nur mehr wenigem Verlag gegenüber feine Berechtigung. Seitdem die Claffiker Gemeingut geworden, ift eine Menge guter und hübfch gedruckter, oft unglaublich billiger Claffikerausgaben erfchienen. Man kann überhaupt fagen, dafs faft bei allen Werken, wo die Möglichkeit gröfserer Auflagen geboten ift, auch wohlfeile Preife gefetzt werden. Bei Büchern, wo im Voraus nur auf einen geringen Abfatz gerechnet werden kann, müffen die Preife naturgemäfs höher fein. Diefs ift, wie im deutfchen, auch im ausländifchen Buchhandel der Fall; nur befindet fich der franzöfifche und englifche Buchhandel infofern in einer günftigeren Lage, als beide einen gröfseren, fogenannten Weltmarkt haben und dafs man dort mehr Geld auf den Ankauf von Büchern verwendet. Die deutfche Familie ift viel zu fparfam, was ihren literarifchen Bedarf betrifft, und wir wollen hoffen, dafs doch endlich die Zeit kommen werde, wo es jeder Gebildete für eine Ehrenfache halten werde, feine eigene Bibliothek zu befitzen. In einigem Zufammenhange mit den Bücherpreifen fteht auch die Honorarfrage, das will fagen, dafs diefelben Gründe, welche die Grösse der Auflage beftimmen, auch für die Gröfse des Honorars mafsgebend find. Die Klagen über das geringe deutfche Honorar find übrigens fchon lange nicht mehr wahr und die guten Autoren haben reichlichen Lohn ihrer Arbeit. Was die fchwindelhaften Honorare anbelangt, welche uns öfter in Journalen über den Rhein herüber gemeldet werden, fo möchte ich das deutfche Publicum bitten, folche Nachrichten mit Vorficht aufzunehmen. Die Reclame ſpielt hier eine grofse Rolle. Der fo lobenswerthen Tendenz, durch Herftellung wohlfeiler Bücher die Literaturerzeugniffe auch den minder bemittelten Schichten des Volkes zugänglich zu machen, tritt feit einigen Jahren die fociale Frage durch die endlofen Strikes der Setzer und Drucker hindernd in den Weg. Die Satz- und Druckpreife haben in den letzten Jahren um mehr als 75 Percent aufgefchlagen! Kein billig Denkender wird die Berechtigung der Beftrebungen unferer Arbeiter auf Verbefferung ihres Lohnes für ihre Arbeit beftreiten wollen. Aber der neuefte Tarif der Setzer und Drucker überfchreitet bereits die Grenze des Vernünftigen. Was ift das Refultat? Die Production wird fich wefentlich vermindern. Viele Bücher können nach dem jetzigen Tarife entweder gar nicht gedruckt werden, oder fie werden fo empfindlich vertheuert, dafs der Abfatz darunter leiden mufs. In den meiften Druckereien hat fich auch bereits Mangel an Arbeit eingeftellt und viele Arbeiter find brodlos geworden. Der übertrieben hohe Lohn war ihnen alfo verderblich. Ich zweifle nicht, dafs die Tarife in Kürze wieder auf ein vernünftiges Mafs zurückkehren werden, und diefe Anficht ift auch bereits eine allgemeine in den betreffenden Kreifen. Bevor ich nun zu allgemeinen Schlufsfolgerungen und vergleichenden Betrachtungen übergehe, halte ich es für nothwendig, mich noch vorher mit dem öfterreichifchen Buchhandel fpeciell zu befaffen. Der öfterreichifche Verlags- Buchhandel. Wenn der öfterreichifche Verlags Buchhandel auch einen integrirenden Beftandtheil des deutfchen Buchhandels bildet, fo ift es dennoch nothwendig, ihn abgefondert von diefem zu betrachten, da einer der wichtigften Zwecke einer Weltausftellung wohl der ift, zu zeigen, auf welcher Stufe der Leiftungsfähigkeit die Induftrie des Vaterlandes fteht und eine der vornehmften Pflichten des Berichterftatters, diefs zu unterfuchen und darzuftellen. Der deutfch- öfterreichifche Verlag war in einer recht hübfch hergerichteten Collectivausftellung in dem gedeckten Hofe 13 a zum gröfsten Theile zufammengefafst und bot ein angenehmes Bild. Hier war die Betheiligung 12 Rudolf Lechner. eine zahlreiche und es hatten die meiſten bedeutenden Gefchäfte ihren Verlag gefchickt. Die werthvollfte Ausstellung war unbeftritten die von Wilhelm Brau müller in Wien. Nebft den wiffenfchaftlichen wahrhaften Prachtwerken von Hyrtl, Ranke, Réinifch, Heitzmann, Sacken, Kapofi etc. ftanden hier in grofser Menge wiffenfchaftliche Compendien von Brücke, Stellwag, Schmarda, Hyrtl etc. etc., die hiftorifchen Werke von Arneth, Vivenot, Weifs etc. und aus der fchönen Literatur: Bauernfeld, Hanslik, Anaftafius Grün etc. Der Raum geftattet mir nicht eine nähere Aufzählung. Alle Verlagswerke diefer Firma find auf vortrefflichem Papiere mufterhaft gedruckt. Die Ausdehnung diefes Gefchäftes nimmt immer grofsartigere Verhältniffe an. Was Vielfeitigkeit des wiffenfchaftlichen Verlages anbelangt, fo zählt Braumüller unbedingt zu den bedeutendften Verlegern nicht nur in Oefterreich, fondern in der ganzen Welt. Das zweite bedeutende Verlagsgefchäft, C. Gerold's Sohn, hatte auch eine namhafte Anzahl wiffenfchaftlicher und anderer Werke ausgeftellt, darunter von Scherzer, Arneth, Redtenbacher, Glafer, Napoleon, Halm etc. etc. Auch diefer Verlag ift fehr vielfeitig, enthält namentlich viele Schulund Unterrichtsbücher, welche in unzähligen Auflagen verbreitet find, ift folid und praktiſch in Ausftattung und in eigener Buchdruckerei gedruckt. Eduard Hölzel ftellte vortreffliche Kartenwerke, Albums in Farbendrücken( Alt's Wien) und zahlreiche Oelfarben- Drucke aus. Er war der Erfte, welcher in Oefterreich die Herftellung von Schulatlanten und Wandkarten mit Energie und Gefchick in die Hand nahm und bedeutende Erfolge erzielte. Ebenfo cultivirt er mit grofsem Glücke den Oelfarben- Druck und ging hier bahnbrechend voran. Seine Oelfarbenbilder, immer nach guten Originalien gearbeitet, zeigen eine feltene Vollendung und er hat feine Concurrenten im deutfchen Reiche, in Frankreich und England überflügelt. Diefe Bilder werden fehr ftark exportirt, namentlich nach Amerika. Friedrich Tempsky in Prag, namhafter Verlag von wiffenfchaftlichen Werken und Schulbüchern. Unter den erfteren finden fich die gröfseren Werke von Palacky, Gindely, Helfert, Balling, Becker und das von der Staatsdruckerei übernommene Prachtwerk: Phyfiotypia von Pokorny und Ettingshaufen, welches er zu Ende führen wird. Seine Schulbücher zeichnen fich durch fehr billige Ladenpreife aus. Alfred Hölder, ein junges, aber mächtig aufftrebendes Verlagsgefchäft, Unter den zahlreichen Werken diefer Firma fanden wir: Teirich Ornamente. Etzel öfterreichiſche Eifenbahnen, Porges grofse Handelsbibliothek, Leh. mann Adressbuch, Müller Ethnographie, Köchel Joh. Jof. Fux. Aufserdem verlegte er viele Gymnafial- Schulbücher. L. W. Seidel& Sohn, fehr namhafter Specialverlag von militärwiffenfchaftlichen Werken und Medicin. Sallmayer& Comp., grofser Verlag von Schulbüchern für Volks- und Realfchulen. Faefy& Frick, land und forftwirthschaftlicher Verlag. Schöne, elegante Ausstattung. R. v. Waldheim, Verleger der fehr gefchätzten Wiener Bauzeitung, wovon ein completes Exemplar( 1837 bis 1873) aufgeftellt war. Teirich's Blätter für Kunft Refchauer 1848. Vortreffliche Illuftrationen. Namhafter Colportageverlag. Alles in eigener, fehr ausgedehnter und vorzüglich eingerichteter Druckerei gedruckt, welche faft alle graphifchen Kunftzweige umfasst. Miethke& Wawra mit feiner prachtvollen photographifchen Reproduction der Belvederegallerie. C. Dittmarfch, gefchätzter Verlag von Oeldruck- Bildern und Kalendern. H. Martin, Verlag von Leitner's Waffenfammlung des k. k. Arfenales. Pichler's Witwe, zahlreiche Schulbücher für Volks- und Bürgerfchulen. Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. J. Dirnböck, ebenfalls Schulbücherverlag. F. Beck, Verlag von Gymnafial- Schulbüchern. M. Perles, Kalenderverlag. K. Czermak, medicinifche Werke. 13 B. Lechner, fprachwiffenfchaftlicher Verlag, Schulbücher und Kinderbefchäftigungs- Mittel. Weifs, Gefchichte von Wien. Aus den Kronländern waren vertreten: Innsbruck durch die Wagner'fche Buchhandlung und deren namhaften wiffenfchaftlichen Verlag. Prag durch H. Dominicus' technifchen Verlag. Calve, landwirthfchaftliche Werke. Felkl mit feinen zahlreichen, vortrefflichen Globen. Brünn durch Karafiat's namhaften Colportageverlag. Winiker, Realund Gymnafial- Schulbücher, Claffiker. Lemberg durch Gubrinowiez, Richter und Wild, polnifche Verlagswerke. Peft durch W. Lauffer's zahlreichen ungarischen Verlag. Agram durch Suppan's ausgedehnten füdflavifchen Verlag. Hermannftadt durch Michaelis, Schulbücher in deutfcher Sprache. Debreczin durch Cfathy's ungarifchen Verlag. Aufserhalb der Collectivausftellung hatten ausgeftellt: Die k. k. Staatsdruckerei: Das Prachtwerk Phyfiotypia von Pokorny und Ettingshaufen, Bock's liturgifche Gewänder etc., aufserdem 15 occidentalifche und 16 orientalifche Werke meift wiffenfchaftlichen Inhaltes. Das k. k. militärgeographifche Inftitut: Verfchiedene Proben feiner weltberühmten Kartenwerke. Fr. Manz, Wien, namhafter Specialverlag von Jurisprudenz und zwei Holzfchnitte von ganz ungewöhnlichen Dimenfionen: Anficht von Wien und Anficht der Weltausftellung. C. Fromme, Wien, grofser Kalenderverlag, in eigener, mufterhaft eingerichteter Druckerei fehr gefchmackvoll gedruckt. Reiffenftein, Verlag von vorzüglichen Oelfarben- Druckbildern Unter den zahlreichen Bildern ragte befonders die Tizian'fche Madonna von ungemeiner Vollendung und in einem bisher noch nicht erreichten grofsen Formate hervor. Der Verlag diefer Firma gehört ebenfalls zu dem Beften, was in der Richtung geleiftet wird und hat namhaften Export. Artaria mit feinem fehr bedeutenden Landkarten- Verlage. Lehmann& Wentzel( in der Gruppe XXVI), junger, aber mächtig aufftrebender Specialverlag von technifchen Werken. In der unga rifchen Abtheilung hatten noch exponirt: Aus Peft: Moriz Rath, der jetzt bedeutendfte Verleger von Werken in ungarifcher Sprache. Sein Verlag, welcher die gröfsten Schriftfteller der ungarifchen Nation vereinigt, zeichnet fich durch vorzüglichen Gefchmack und gediegene Ausftattung aus. R. Lampel, 67 Schulbücher. W. Lauffer, 214 Schul und Lehrbücher. Fekete, diverfe ungarifche Bücher. Grill, Schulbücher und Jugendliteratur. Rofenberg, Schulbücher. Aus Klaufenburg: Stein 103 Schulbücher und Lehrmittel. Aus Debreczin: Cfathy, verfchiedene Lehrbücher. Zur Beurtheilung der Productionsthätigkeit des öfterreichifch- ungarifchen Verlags- Buchhandels will ich auch hier, wie beim Buchhandel des deutfchen Reiches, einige ftatiftifche Zufammenftellungen anführen. Nach Mittheilungen der öfterreichifchen Buchhändler Correfpondenz erfchienen: 14 Rudolf Lechner. 1867 1868 1869 1870 Deutfche Slavifche Bücher 1333 1519 1491 1413 27 685 802 471* 980 Ungarifche " 468 53° 476 454 Zufammen. 2486 2851 2438 2847 Unter den in Oefterreich- Ungarn mit dem Buchhandel und verwandten Zweigen im Jahre 1873 fich befchäftigenden 878 Firmen betreiben:** 573 Sortiments64 Antiquar126 VerlagsBuchhandel. 402 Kunft- und Landkarten- Sortiment. 20 99 99 99 4 " 9 99 99 Verlag. Antiquariat. 329 Muficalien- Sortiment. 4 " 3 " 7 Verlag. Antiquariat. 161 Leihbibliotheken und Muficalien Leihanftalten. 79 Colportage. 210 Buchdruckereien. 83 lithographifche Anftalten. 21 Schriftgiefsereien. Ueber Leipzig verkehren 476 Handlungen. In Wien haben 30 Commiffionäre 467 Committenten. " 99 Peft Prag 8 87 29 " 2 I2 " 29 93 " 99 81 inländifche Firmen halten in Wien Auslieferungslager ihres Verlages. 83 ausländifche Firmen haben Commiffionäre in Wien, wovon 61 ihren Verlag ausliefern laffen. Die 878 Firmen vertheilen fich auf die verfchiedenen Kronländer folgendermassen: an 74 Orten 197( Prag 70). In Böhmen Bukowina Dalmatien 3 99 29 4( Czernowitz 2). " 99 Galizien 19 " 19 Kärnten 99 Krain " Kroatien 21 46 1 392 " 6( Zara 3). 2" 55( Lemberg 18). " 6( Klagenfurt 4). 27 6( Laibach 5). II 21( Agram 4). 19 " Küftenland 29 F 77 4 " 16( Trieft 10). Mähren 24 99 29 " 56( Brünn 12). " Niederöfterreich ,, 13 99 178( Wien 160). Oberösterreich II 99 29 22 26( Linz 10). " Salzburg I " 22 6( Salzburg 6). Schlefien 6 " 16( Troppau 6). 99 Siebenbürgen I I " Steiermark IO 10 " 20( Hermannftadt 6). 99 27 99 38( Graz 21). Tirol I I 99 " 9 95 33( Innsbruck 11). " 9 Ungarn 27 71 "" 179( Peft- Ofen 49). Ueber die Summen der Zahlungen und des Baarverkehres an den ofterreichifchen Commiffionsplätzen, fowie über das Gewicht der verfendeten Bücherballen fehlen leider die Auffchreibungen. * Bei diefer Zahl fehlt der polnifche Verlag. ** Aus Perle's Adressbuch des öfterreichifchen Buchhandels 1873. * Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 15 Die Zahlen der erfchienenen Werke von 1867 bis 1870 find nach dem ofterreichischen Bücherkataloge zufammengeftellt, und da diefer feit 1870 wegen Mangels an Abfatz nicht mehr erfcheint, fo fehlen für 1871 bis 1872 halbwegs fichere Anhaltspunkte zu einer Ueberficht. Das alphabetifche Regifter der Bibliographie in der öfterreichiſchen Buchhändlercorrefpondenz ift fehr unvollständig, da viele Verleger die Einfendung ihrer Publicationen an die Redaction verfäumen. Es kann übrigens mit Beftimmtheit angenommen werden, dafs die Production in den letzten drei Jahren wefentlich zugenommen hat. Was nun den öfterreichifchen Verlag im Allgemeinen anbelangt, fo hat er ohne Zweifel in den letzten Jahren abermals entfchiedene Fortfchritte gemacht. Die beſtehenden Firmen haben fich erweitert und viele neue find entstanden, welche rüftig vorwärts ftreben. Die Ausftattung des öfterreichifchen Verlages der hervorragenden Firmen entspricht den modernen Anforderungen. Zahlreiche Buch- und Steindruckereien, wovon einige wahrhaft ausgezeichnete Arbeit liefern, ftehen zur Dispofition, mehrere xylographifche Anstalten leiften das Befte. Das öfterreichifche Papier ift im Ganzen genommen gut, theilweife vorzüglich, verhältnifsmäfsig wohlfeil. Doch auch hier, wie im deutfchen Reiche fpielt der Holzftoff fchon eine grofse Rolle. Auch die mit dem öfterreichifchen Buchhandel im Verkehre ftehenden Buchbindereien haben fich grofsentheils reorganifirt und einzelne von ihnen find im grofsen Stile eingerichtet und den höchften Anforderungen entſprechend. Was die Preife der Bücher öfterreichifchen Verlages betrifft, fo find fie im Allgemeinen mässig und concurrenzfähig. Auch hier find freilich durch die Setzerftrikes Vertheuerungen entftanden. Ueber Honorare gilt in Oefterreich das, was über die des deutfchen Reiches gefagt wurde. Im Grofsen und Ganzen ift der öfterreichifche Verlag in reger Entwicklung begriffen. Wenn es auffiele, dafs das grofse Oefterreich im Verhältnifs zu dem deutfchen Reiche eine fo geringe Summe literarifcher Producte liefere, fo mufs zur Erklärung diefer Thatfache zweierlei erwogen werden. Erftens waren die Verhältniffe in Oefterreich vor dem Jahre 1848 aufserordentlich ungünftig. Ich glaube nicht nöthig zu haben, die allbekannten traurigen Zustände unter der vormärzlichen Cenfur näher zu beleuchten. Factum ift, dafs in dem langen Zeitraume feit Jofef's II. Tod bis 1848 weder Autoren noch Verleger gedeihen konnten. Auf Koften diefer unglücklichen Verhältniffe entwickelte fich ,, draufsen im Reiche" ein mächtiger Verlagsbuchhandel, gegen welchen die Con currenz der öfterreichiſchen jungen Generation nun freilich einen fehr fchweren Stand hat. Zweitens mufs bedacht werden, dafs mehr als die Hälfte Oefterreichs von nichtdeutfchen Stämmen bewohnt ift, deren mittlere und untere Schichten noch auf einer fehr niederen Stufe der Cultur ftehen. Für die Gebildeten diefer Stämme hat fich aber in den letzten zehn Jahren eine nationale" Literatur entwickelt, welche der Kräftigung und dem Abfatze deutfchen Verlages fehr hinderlich ift. Ungeachtet der freien Bewegung, welche die erleuchtete Regierung unferes Monarchen dem Bücherverlage geftattet, hat die Production deutfcher Bücher in den letzten Jahren im Inlande viel Terrain durch die erwähnten nationalen Beftrebungen verloren. Im Auslande aber fteht ihr, wie bereits gefagt, eine übermächtige Concurrenz gegenüber, und dies ift auch der Grund, warum der öfterreichifche Verlag im Durchfchnitte einen vorwiegend localen Charakter hat und wenig exportirt wird. Der öfterreichifch- deutfche Verlag kämpft alfo mit grofsen Schwierigkeiten, und es ift nur noch die Frage, ob fich diefer Zweig der Induftrie, welcher, wie kaum ein anderer, dem Lande, wo er blüht, Ruhm und Ehre bringt, nicht wefentlich heben liefse. Nach meiner unmafsgeblichen Meinung würde es dem Verlagsbuchhandel fördernd fein, wenn fich mehr Kräfte dem Verlage ausfchliefslich widmen möchten. Bis jetzt gibt es in Oefterreich wenige Verlagsbuchhandlungen, welche nicht 16 Rudolf Lechner. auch Sortiment treiben, wodurch ihre Thätigkeit zerfplittert und fie gehindert werden, dem Verlage ihre ganze Kraft zu widmen. Diefer wird in den meiften Fällen nur nebenher, ich möchte fagen, gelegentlich betrieben. Der Sortimentsbetrieb ift aber ein fo zeitraubendes und mühfames Gefchäft, dafs die Verlagsthätigkeit darunter leiden mufs. Männer, welche fich nur mit dem Verlage befchäftigen, haben die nöthige Mufse, ihre Verbindungen mit den Autoren zu pflegen, neue anzuknüpfen und, was das Wichtigfte ift, felbft Ideen zu Verlagsunternehmungen zu geben. Es ift eine Thatfache, dafs ein grofser Theil des bedeutendften und lucrativften deutfchen Verlages aus der buchhändlerifchen Initiative hervorgegangen ift. Ich erinnere nur an die riefige Literatur der Converfationslexica( Brockhaus, Meyer, Pierer, Spamer), des Jugendfchriftenverlages( Schreiber & Schill, Hoffmann- Thienemann, Spamer) und in neuefter Zeit der Claffiker- Gemeingut- Ausgaben( Hempel, Grote, Prochaska) und der fo vielen anderen Sammelwerke in allen möglichen Richtungen, welche meiftens ihr Entftehen verlegerifcher Initiative verdanken. Wenn wir alfo eine gröfsere Menge von ausfchliefslichen Verlagsgefchäften haben werden, wird fich auch die Production wefentlich heben. Auch die Regierung könnte hier fördern, wenn fie fich einmal entfchliefsen möchte, den k. k. Schulbücher- Verlag gänzlich aufzugeben. Es iſt eine grofse Anomalie und im modernen Staate ganz unhaltbar, dafs die Regierung dem Steuerträger Concurrenz macht und ihm eines feiner wichtigften Objecte entzieht. Man hat zwar im Principe die Concurrenz der Privatverleger zugeftanden und auch manche von diefen herausgegebene Schulbücher zuläffig erklärt. Diefs reicht jedoch nicht aus; denn so lange die Staats- Buchhandlung exiftirt, wird fich die Privatinduftrie nie gehörig entfalten und diefes Feldes bemächtigen können. Man fagt: der Schulbücherverlag liefert fehr wolfeile Schulbücher und gibt Armenbücher in unbefchränkter Menge. Das fei ein grofser Vortheil für das Volk. Man darf aber wohl dagegen fragen: find diefe wolfeilen Bücher auch immer gute Bücher? Die Erfahrung antwortet: nein! Und Armenbücher liefert auch der Privatverleger, und dafs ohne Staatsanftalten auch wohlfeile und nebft bei auch vortreffliche Schulbücher entſtehen, diefen Beweis liefert das ganze deutfche Reich, wo mit Aus nahme von Baiern, nirgends mehr Staatsanftalten zur Herftellung von Schulbüchern exiftiren. Der öfterreichifche Verlagsbuchhandel hat in der kurzen Zeit, welche feit Zulaffung der Privatconcurrenz verfloffen ift, erftaunlich viele Schulbücher geliefert und man kann ihm den Vorwurf der Saumfeligkeit nicht machen. Dafs manche mittelmäfsige Producte darunter find, wen möchte diefs Wunder nehmen, wenn man bedenkt, dafs Alles, alfo auch das Verlegen von Schulbüchern, erft gelernt werden muss? Darüber kann ein Zweifel nicht beftehen, dafs die gänzliche Auflaffung des k. k. Schulbücherverlages für den öfterreichifchen Verlagsbuchhandel von gröfster Wichtigkeit wäre, und ich glaube daher der Regierung diefen Schritt im Intereffe der heimifchen Verlagsinduftrie auf das Dringendfte empfehlen zu müffen. Schlufsbemerkungen. Wenn ich fchliefslich noch einen vergleichenden Blick auf den deutfchen Buchhandel( mit Einfchlufs des öfterreichifchen) werfe, fo komme ich zu folgendem Refultat: Der deutfche Buchhandel fteht, was Vielfeitigkeit, Maffenhaftig keit, folide künftlerifche Ausftattung, praktifche Richtung, Befriedigung der literarifchen Bedürfniffe der Familie, Herftellung von Kinderbefchäftigungs- Mitteln, Kinderbüchern, Jugendfchriften und Schulbüchern und populären Schriften für das Volk betrifft, unbedingt auf der erften Stufe. Der deutfche und öfterreichifch- ungarifche Verlagsbuchhandel. 17 An Gefchmack übertreffen uns die Franzofen, durch Verwendung ungleich befferen Papiers die Engländer. Die Franzofen produciren Prachtwerke, wie Hachette's Evangiles, deren Herftellung über eine Million Francs gekoftet haben foll, wie Doré's Bibel und Doré's Dante etc.; Prachtwerke von fo koftfpieliger Art der Herftellung entbehren wir. Dagegen find wir reicher als irgend ein Volk an Prachtwerken mittleren Umfanges und fchönen Luxusausgaben der Lieblingswerke unferer Dichter, in gefchmackvoller Ausftattung zur Zierde des Salontifches. In der literarifchen Production fpiegelt fich wie fonft nirgends das Wefen und der Charakter eines Volkes. Das deutfche Volk, welches ein ungemein ausgebildetes Familienleben hat, befitzt auch eine ebenfo ausgebildete Literatur für dasfelbe. Familienjournale von der Gediegenheit und koloffalen Verbreitung der Gartenlaube, des Daheim, der Illuftrirten Welt, des Ueber Land und Meer und unzähliger anderer gibt es fonft nirgends. So gediegenes und zahlreiches Material für die Kinderftube, fo vortreffliche und unzählige Befchäftigungsmittel, Bilderbücher, Kinder- und Jugendfchriften befitzt keine Nation der Welt, wie die deutfche. Ebenfo producirt der deutfche Buchhandel eine enorme Menge von vortrefflichen Schulbüchern und populär- wiffenfchaftlichen Werken, wie fie nirgends fonft in fo grofser Menge vorkommen. Ich fürchte nicht, zu viel zu fagen, wenn ich dem deutfchen Buchhandel einen Antheil an den Beftrebungen, Bildung, Aufklärung in immer weitere Kreife zu tragen, vindicire. Und hiebei find nicht etwa von vornherein grofse Capitalkräfte thätig gewefen; faft alle Verlagsbuchhandlungen find aus kleinen Anfängen nach und nach emporgewachſen. Auch heute noch, wo fich eine fo fieberhafte Sucht, alle Zweige der Induftrie in grofsem Mafsftabe zu treiben und in Actiengeſellſchaften zu verwandeln, kund gibt, auch heute fpielt das grofse Capital im Buchhandel keine Rolle. Einige Verfuche find wohl gemacht worden, fie find aber nicht über die einleitenden Vorbereitungen hinausgekommen und fpurlos wieder verfchwunden. Wie kaum eine andere induftrielle Thätigkeit, hat der Buchhandel nur aus eigener Kraft gefchöpft. Und nun möchte ich noch einen Wunſch ausfprechen, der dem deutfchen Buchhandel lange am Herzen liegt es ift der nach einer unparteiifchen, tüchtigen und wohlwollenden Kritik, - Es muss dankbar anerkannt werden, dafs unfere grofsen politifchen Blätter fich in neuefter Zeit häufiger mit den Erzeugniffen der Literatur befchäftigen. Dennoch gefchieht in diefer Richtung noch viel zu wenig, und ich glaube, es würden fich unfere Zeitungen den Dank nicht nur der Autoren und Verleger, fondern auch des Publicums erwerben, wenn fie öfter auf die Neuigkeiten des Büchermarktes zu fprechen kämen. 2 BUCHHANDEL UND LITERATUR DES AUSLANDES Bericht von ALFRED KLAAR. Der Titel diefes Berichtes umfafst ein fehr weites, der Inhalt desfelben ein fehr enges Gebiet. Die Literatur der Völker, infofern man fie als den Inbegriff der geiftigen Arbeit auffafst, war überall auf der Weltausstellung vertreten. Vom einfachften Spielzeuge bis zur complicirteften Mafchine darf man behaupten, dass fie in ihrer gegenwärtigen Geftalt einer Art von literarifcher Thätigkeit entſprungen find; wenn aber die Literatur auf indirectem Wege aus der gefammten Production eines Volkes hervorleuchtet, wenn gerade die wiffenfchaftlichen Arbeiten, deren unmittelbarfter Ausdruck ja die Literatur ift, wie Buckle fagt,„ für alle Zeitalter, für immer find, nie jung und nie alt werden, in einem ewigen, unfterblichen Strome fortfliefsen", fo thürmten fich andererfeits der directen Vertretung einer Literatur auf der Weltausftellung grofse, vielleicht unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Die Gegenftände diefer Claffe überhaupt von einem höheren Gefichtspunkte aufzufaffen, wurde auf der Parifer Weltausftellung im Jahre 1867 zum erftenmale der Verfuch gemacht, und foweit man aus dem von dem Londoner Univerfitätsprofeffor Dr. Eduard Pick erftatteten Berichte schliefsen kann, war die Arbeit keineswegs von einem grofsen Erfolge gekrönt; fie gab Anlass zu ganz intereffanten fragmentarifchen Bemerkungen, gewährte aber kein überfichtliches Bild der buchhändlerifchen Bewegung, gefchweige denn der koloffalen geiftigen Arbeit, deren Vermittlung mit dem Publicum diefem Induftriezweige zukommt. Aehnlich verhielt es fich auch diefsmal mit der Vertretung des ausländifchen Buchhandels, und es fcheint, dafs die fchwache Ausbeute, welche das vergleichende Studium auf diefem Gebiete der Weltausftellung findet, in dem Wefen der letzteren begründet ift. Jedes Ausftellungsobject, das dem instructivem Zwecke des grofsen Unternehmens entfprechen foll, ift an eine zweifache Bedingung geknüpft. Es muss nicht nur fichtbar fein, fondern auch durch das Auge in feiner ganzen Bedeutung erkannt werden können, und es mufs ferner geeignet fein, als Probe, als Mufter einer beftimmten Induftrie zu gelten. Diefen Bedingungen entſprechen die Objecte des Buchhandels wohl nach der Seite ihrer typographifchen Ausftattung und der Buchbinderarbeit, aber keineswegs in Betracht ihres geiftigen Inhalts, der für die zu beurtheilende Verlagsthätigkeit felbftverftändlich am allerfchwerften in's Gewicht fällt. Die Qualität eines Buches zu beurtheilen, ift Sache eines eingehenden Studiums, das man von Befuchern der Ausftellung gar nicht zu sprechen- angesichts der Menge der Objecte nicht einmal der Jury zumuthen kann, und die Buchhandel und Literatur des Auslandes. 19 endlich beftimmte Qualität eines Buches beweift nicht das Geringfte für die Qualität eines zweiten, das aus demfelben Verlagsgefchäfte hervorgegangen ift. Die höchften geiftigen Errungenfchaften einer Literatur können auf einem einzigen verfteckten Blatte ihren Platz finden, das, fo wenig es in's Auge fällt, in feinem bleibenden Werthe ganze Bibliotheken verdunkelt. Dazu kommt noch ein weiterer Umstand; wenn fchon ein Exemplar eines Buches fchwer zu beurtheilen ist, fo gewährt überdiefs die Ausstellung fämmtlicher Verlagswerke einer grofsen Unternehmung noch immer kein Bild der geiftigen und induftriellen Bedeutung, da diefe fich wefentlich nach der Verbreitung und dem Preife richtet, und über diefe Factoren auf den Ausstellungen bisher keine überfichtliche Aufklärung gegeben wurde. Die factifchen Ausstellungen für Buchhandel und Literatur des Auslandes werden jederzeit die ftändigen. Bibliotheken bleiben, deren Vermehrung unter der Controle eines wiffenfchaftlichen Urtheils fteht und die Jury für die Leiſtungen diefes Induftriezweiges wird alle Zeit die literarifche öffentliche Meinung bilden, welche allmälig das Material zu einer Literaturgefchichte herbeifchafft. Was auf den Weltausftellungen in diefer Hinficht exponirt, betrachtet und beurtheilt werden kann, verhält fich zu den factifchen Leiftungen, wie eine Reihe zugekorkter Flafchen ohne Etiquette zu der Weinproduction eines Landes. So fchwer nun aber die Objecte des Buchhandels überhaupt zu exponiren find und fo fchwer der Standpunkt für die Beurtheilung einer derartigen Expofition zu gewinnen ift, liefse fich doch, wie ich zum Schluffe meines Berichtes ausführlicher darzuthun gedenke, auch auf diefem Gebiete ungleich mehr für die Zwecke der Weltausftellung leiften, als thatfächlich durch die Anzahl und Art der Einzelausstellungen gefchehen ift. Den Verfuch einer felbftftändigen Darftellung des Buchhandels hat von allen hier in Betracht kommenden Staaten eigentlich nur Frankreich gemacht. In den Ausftellungen der übrigen Staaten begegnete man entweder nur der Vertretung einzelner Firmen oder die Objecte des Buchhandels erfchienen nicht als folche, fondern in ihrer Beziehung zu Buchdruckereien, Buchbindereien, Lithographien etc. In einzelnen Abtheilungen endlich konnte man vergebens nach einem Buche fahnden. Es fcheint fich eben in den Kreifen der Buchhändler das Bewufstfein feftgefetzt zu haben, dafs bisher der richtige Modus für eine erfolgreiche Ausstellung ihrer Objecte nicht gefunden ift, und daraus mag fich die fchwache Betheiligung im Gegenfatze zu der grofsen von Jahr zu Jahr fteigenden Bedeutung der Buchhändler- Induftrie erklären. Verfuchen wir nun, das wenige Gebotene zu überblicken und im Geifte zu ordnen, fo drängen fich zunächft folgende allgemeine Bemerkungen auf. Immer erfolgreicher bricht fich in fämmtlichen Culturftaaten das Beftreben Bahn, die Erzeugniffe der Literatur einer möglichft grofsen Menge zugänglich zu machen. Die Hebung der Schulen erweckt ein gefteigertes Bedürfnifs nach Büchern und zwar unmittelbar, indem fie diefelben als Hilfsmittel des Unterrichtes nothwendig macht und mittelbar, indem ein gewiffes immer mehr verbreitetes Durchschnittsmafs der Bildung zum felbftftändigen Studium herausfordert. Diefem Bedürfniffe kommt der Buchhandel durch billige Ausgaben guter Bücher entgegen, indem er feinen Gewinn nicht in der Höhe der Preife, fondern in der Maffenhaftigkeit des Abfatzes fucht. Neben diefem Auffchwunge des Buch handels, der fich in der möglichft billigen Vervielfältigung der Bücher ausprägt und der von einem unermefslichen Werthe für die Gefammtfortfchritte der Cultur eines jeden Staates ift, gibt fich ein bemerkenswerther Fortfchritt in anderer Richtung, nämlich in der Herftellung fchwieriger Druckobjecte kund. Die Verbefferungen der Preffe, die Erleichterung der Typenerzeugung, die Erfindungen auf dem Gebiete der Lithographie und der Photographie ermöglichen die Herftellung von Büchern, deren Ausftattung den vereinzelten, mühfam hergeſtellten Kunftwerken von ehemals gleichkommt. Ein drittes Moment ift die in den Verlagsgefchäften immer deutlicher zu Tage tretende Theilung der Arbeit. Mit den Fortfchritten der Specialwiffenfchaften, der unferer Zeit fo eigenthümlichen Detail2* 20 Alfred Klaar. forfchung, mit der Maffenproduction auf belletriftifchem Gebiete ftellte fich die Nothwendigkeit heraus, Verlagsgefchäfte auf ein beftimmtes Gebiet der geiftigen Production einzufchränken; denn dem Verleger ift ein Mafs des Verftändniffes für feine Verlagsartikel nothwendig, das er gegenwärtig nur noch in einer beftimmten Richtung erreichen kann. Literarifche Bewegung im Auslande. Verfuchen wir den Geift jener drei Literaturen zu kennzeichnen, die vereint mit der deutfchen den nachhaltigften Einfluss auf die Cultur ausüben, nämlich der franzöfifchen, engliſchen und italienifchen, fo kann diefs felbſtverſtändlich nur in grofsen Umriffen und nur fragmentarifch gefchehen. Das Gebiet ift zu grofs, die Arbeit auf demfelben viel zu verzweigt, um in dem Rahmen eines Ausstellungsberichtes beherrscht zu werden, und überdiefs find die Anhaltspunkte, welche in der Ausstellung felbft gegeben wurden oder aus vereinzelten Katalogen und Nachweifen der Verlagsfirmen zu fchöpfen find, keineswegs deutlich, feft und untrüglich. In Frankreich haben die fo bedeutungs- und verhängnifsvollen Schickfale der Nation eben fo wenig grofse Veränderungen auf dem Gebiete der fchönen Literatur hervorgebracht, wie die grofsen Siege und politifchen Erfolge in Deutfchland. Es bewährt fich hier wieder die alte Wahrnehmung, dafs grofse politifche Umwälzungen in der fchönen Literatur keinen unmittelbaren Widerhall, fondern erft einen späten Nachhall finden; dafs, wenn nach Goethe's Wort, die Mufe den Einzelnen zu begleiten, doch zu leiten nicht verfteht, fie den Nationen auf den Wegen einer jähen Entwicklung erft aus weiter Entfernung nachzufolgen vermag. Das Unglück der grofsen Nation hat wohl zahlreiche gedruckte Ausbrüche des Zornes, Pamphlete und Schmähfchriften, aber kaum eine bedeutungsvolle Dichtung hervorgebracht. Wer vielmehr die belletriftifchen Leiſtungen feit dem Jahre 1867 überblickt, der findet, dafs fie fich feitab von den welterfchütternden Bewegungen der Jahre 1870 und 1871 in derfelben Richtung fortbewegen, zu der die demoralifirende, aber efpritvolle, keineswegs veredelnde, aber vielfach das Raffinement verfeinernde Zeit des zweiten Kaiferthums den Anftofs gegeben. Diefs gilt wenigftens vom Roman und vom Drama, in welchen Dichtungsarten quantitativ am meiften geleiftet worden ift. In der Lyrik herrfchte ein älterer Einfluss, der der abenteuerlich- romantiſchen Schule Victor Hugo's vor, ohne dafs Meifter oder Jünger es über vergängliche Schöpfungen hinausgebracht hätten. Im Jahre 1871 fprach ein Franzofe, Philarete Charles, das harte Urtheil über feine Landsleute aus:" Vergebens fehe ich mich nach irgend einem Buche von hohem Werthe und moralifchem Inhalte, einem Stücke guter Dichtung oder Gefchichte um." Wenn auch diefe von patriotifchem Schmerze eingegebene Aeufserung als hart und einfeitig bezeichnet werden mufs, fo ift fie doch infofern anwendbar auf unfere Ueberficht, als den meiften Werken der fchönen Literatur feit dem Jahre 1867 trotz aller technifchen Vorzüge, trotz der gefteigerten Virtuofität in der Erfindung, in der Detailmalerei, in der kühnen Ausmalung focialen Elends, und trotz der anfcheinend patriotifchen Tendenz, faft durchwegs der fittliche Halt und die geiftige Hoheit und fomit auch die Grundbedingung für die Erfüllung eines bleibenden Culturberufes abgeht. Am deutlichften prägt fich die zerfetzende und wenn auch nicht felbft entfittlichende, fo doch die Entfittlichung spiegelnde Richtung der neufranzöfifchen Literatur auf dramatifchem Gebiete aus. Das Ehebruchs- und Loretten- Drama, vertreten durch den efpritvollen Sardou, den philofophifchen Dilettanten Dumas fils, Feuillet und Augier, nimmt faft ausfchliefslich das Intereffe in Anfpruch, und Verfuche an das claffifche franzöfifche Drama anzuknüpfen, fei es durch Originaldichtungen, wie Victor Laprade eine in feiner antik gehaltenen Tragödie Harmodius" geliefert hat, fei es durch die Auffriſchungen von Aefchylos, die " 1 7 1 r e t 1 , S 1 e e Buchhandel und Literatur des Auslandes. " 21 Leconte de Lisle in feinen Erinnyen" verfucht hat, blieben unbeachtet vom grofsen Publicum und befchäftigten nur die Literaturkenner und Kritiker. Auf lyrifchem Gebiete ftreben zahlreiche jüngere Kräfte dem Altmeifter Victor Hugo nach, der felbft in den letzten Jahren noch manches grofs concipirte, aber fchwach ausgeführte und tendenziöfe Gedicht( Chanfons des rues et des bois, L'Année terrible) in die Welt hinausfandte; aber nur Wenige kamen über die Grundfehler der Nachahmung, erkünftelte Stimmung und Unfelbftftändigkeit der Auffaffung hinaus. Gedankentiefe und Empfindung bewahrte unter diefen Anhängern Victor Hugo's nur Théophile Gautier, der im Jahre 1872 einen bedauernswerth frühen Tod gefun den hat. Durch fociale Agitationsgedichte machte fich François Coppé bekannt, und als Stütze der neuromantifchen Schule gilt Theodor de Banville. Unter den übrigen Lyrikern ragten Prudhomme, Lemoyne und vor allen der Arzt Chenet mit feinen„ Les Haltes" hervor. Dafs es in den Jahren 1871 und 1872 an Kriegsliedern nicht fehlte, verfteht fich von felbft, aber fie haben nicht nur keinen bleibenden poetifchen Werth, fondern widern zum Theil, wie die Gedichte:„, L'Invafion en 1870" von A. Delpit, durch die Verläumdung an, zu der fich die nationale Leidenfchaft hinreifsen liefs. Eine Ausnahme bilden nur die von einem anonymen Autor herausgegebenen„ Souvenirs: Hiftoire quotidienne", ferner Manuel's empfindungsftarke„ Les Pigeons de la Republique" und die volksthümlichen Lieder im bretonfchen Dialekte. Im Roman haben Victor Hugo ( ,, L'Homme qui rit"), Georges Sand( ,, Monfieur Sylveftre" ,,, Un dernier amour") und About( ,, L'Infâme"," Ahmed le Fellah"), die drei Vertreter des phantaftifchfocialiftifchen, des demokratifch- fentimentalen und des anmuthig- leichten Romans in bekannten Richtungen fortgearbeitet. Flambert, der den Ehebruchs- Roman auf dem Boden der Provinz fpielen läfst, Feydeau, der craffe Naturalift in der Zeichnung des Lafters, Champfleury, Hector Malot und zahlreiche Andere forgten für das Tagesbedürfnifs, das feit den Tagen Dumas und Sue's nur durch grofse Effecte und ftarkes Raffinement befriedigt werden kann. Dumas fils variirte in der ,, L'Affaire Clémenceau" das beliebte Problem des complicirten Ehebruchs. Sardou hielt, in der fpäter dramatifirten Gefchichte„ La famille Benoiton" der leichtfertigen Parifer Gefellſchaft einen Spiegel vor. Das bekannte elfäffifche Dichterpaar Erckmann- Chartrian ftellt eine Specialität auf dem Gebiete des Romans dar, indem es( L'Hiftoire d'un homme du peuple) auf dem einmal eingefchlagenen Wege der Dorfgefchichte rüftig fortfchreitet und nur in den etwas craffen Effecten den Einfluss der Parifer Salonfchriftfteller merken läfst. In, L'Hiftoire d'un plébiscite" ift die Erfindung und Ausführung durch die gehäffige, gegen Deutſchland gerichtete Tendenz getrübt. Wenn auf dem Gebiete der Belletristik in der Maffenproduction vor und nach dem Kriege der nachtheilige Einflufs der Frivolität, welche das zweite Kaiferthum grofsgezogen, herrfchend geblieben ift, fo mufs man dagegen mit Bewunderung die rüftige und umfaffende Arbeit auf wiffenfchaftlichem Gebiete anerkennen, welche, unberührt von den politifchen Umwälzungen und Verwirrungen, namentlich auf philologifchem und hiftorifchem Gebiete, die beften Traditionen des franzöfifchen Volkes wahrte. Nur einzelne wenige Werke follen als Beiſpiele hier angeführt werden; fo der nunmehr vollendete„ Dictionnaire de la langue françaife" von Littré, ein Werk, für welches der berühmte Verfaffer 29 Jahre zur Sammlung des Materiales brauchte und das fodann( begonnen im Jahre 1863) in etwa 10 Jahren vollendet wurde. Das Werk, das auf wiffenfchaftlicher Grundlage die Gefchichte eines jeden franzöfifchen Wortes bringt und dabei in der Darftellung, der Entwicklung die ganze ethnographifche und hiftorifche Bedeutung der Philologie erkennen läfst, fteht auf der Höhe der modernen vergleichenden Sprachforschung und darf als ein Seitenftück der phänomenalen wiffenfchaftlichen Leiftungen der Gebrüder Grimm in Deutſchland bezeichnet werden. Culturgefchichtlich bedeutend ift Jaquemart's" L'Hiftoire de la céramique" ( erfchienen bei Hachette), welche eine Ueberficht der Trinkgefäfse aller Zeiten 22 Alfred Klaar. und aller Völker bietet und dabei überraschende intereffante Einblicke in die focialen Verhältniffe entfernter Zeiten und Länder gewährt. Ein fehr merkwürdiges Sammelwerk ift das im Jahre 1872 vollendete Repertorium der gefammten franzöfifchen Literatur von Oberft Staaff, einem Schweden, der fein ganzes Leben an diefe Arbeit gewendet hat. Das Werk, betitelt„ La litérature françaife depuis la formation de la langue jusqu'à nos jours", bietet ein in feiner Vollständigkeit beiſpiellofes Regifter aller Erfcheinungen auf franzöfifchem Gebiete und bildet zugleich ein aus durchwegs authentifchen Quellen gefchöpftes biographifches Lexikon. Beachtenswerthe hiftorifche Werke find Filleul's Gefchichte des Perikleifchen Zeitalters, Hubbard's Zeitgefchichte Spaniens, und ein höchft merkwürdiges ethnographifches Werk ift Gasparin's " La Françe: nos fautes, nos périls, notre avenir", eine von der bekannten Eitelkeit und Selbſtvergötterung der Franzofen freie, geiftvolle Schilderung des franzöfifchen National charakters." L'éloquence politique et judiciaire à Athènes" von Perrot beabsichtigt eine vollſtändige Gefchichte der griechifchen Rhetorik, deren erfter Theil, die Vorläufer des Demosthenes umfaffend, ebenfo gründlich gehalten als anziehend gefchrieben ift. " In dem von politifchen Stürmen faft unberührten England bewegte fich die fchöne Literatur in dem von uns zu überblickenden Zeitraume von 1867 bis 1872 auf ebenen, durch eine frühere Entwicklung bereits vorgezeichneten Bahnen. Bemerkenswerth ift die verhältnifsmäfsig reiche Pflege der Lyrik und zwar jener reinen Gefühlspoefie, die fonft in den modernen Literaturen grofsen Theils den Werken des Geiftreichthums und der überreizten Phantafie gewichen ift. Tennyfon, bekanntlich der gekrönte Dichter Englands, war der Hauptvertreter diefer Richtung und hat in einer Reihe neuer Gedichte( zum Theile auch epifchen Inhalts) feine aufsergewöhnliche Productivität bekundet. Enoch Arden"," Maud"," Idyls of the King" berühren uns in ihren religiöfen, moralifirenden Abfchweifungen etwas fremdartig, tragen aber doch in ihrem ungemein lieblichen Ausdruck der Empfindung das Gepräge ungekünftelter Poefie. Ebenbürtig neben Tennyson ftellt fich Browning, deffen Gedichte Bells and pome granates"," Chriſtmas eve and Easter day"," Men and Women"," The Ring and the Book" trotz des vielfach überfchwänglichen Ausdrucks, fich durch hohen Schwung und Gedankenreichthum über die Fluth der vergänglichen poetifchen Erzeugniffe des Tages weit erheben. Unter dem Pfeudonym Owen Meredith that fich der Sohn des weltbekannten Romanfchriftftellers Bulwer durch feine Gedichte ,, Clytemneftra ,,, Chronicles and Characters" rühmlich hervor und aufserdem find von neu aufftrebenden Talenten Buchanan, Swineburne, auf dem wenig bebauten Gebiete der Satire der rafch bekannt gewordene Auſtin zu nennen. " Zahlreicher als in früheren Tagen huldigen Frauen in England der lyrifchen Mufe und einen ehrenvollen Namen erwarben fich von diefen Anna Proctor, Mrs. Norton, Mrs. George Lenox Conyngham, und vor Allen Mifs Evans ( George Eliot), die freilich die reichlichften Lorbeeren auf dem Gebiete des Romans erworben hat. Seltfam vernachläffigt erfcheint in England, dem Vaterlande des gröfsten Dramatikers, die dem Theater gewidmete Production. Für das Tagesbedürfnifs forgen neben den Franzofen, deren Stücke weit fleifsiger als Shakeſpeare reproducirt werden, einige Bühnenfchriftfteller von wefentlich blofs technifcher Fertigkeit, wie Marc Cleman, Tom Taylor und Andere, durch Melodramen und Senfationsftücke, theils von originaler Erfindung, theils für die englifche Bühne bearbeitet. Faft unüberfehbar dehnt fich das Gebiet des Romanes aus, auf dem die Engländer, quantitativ und qualitativ in ihrer Production fehr bedeutend, allen Claffen der Bevölkerung die reichlichfte Nahrung zuführen. Von den literarifch bedeutenden Romanfchriftftellern find die altbewährten Namen Disraeli und Collins, von denen noch in den letzten Jahren bedeutende Buchhandel und Literatur des Auslandes. 23 Publicationen ausgegangen find und neben diefen als jüngere Kräfte die gelehrte Stilkünftlerin Mifs Evans, Reade, der Nachfolger von Dickens und Thackeray, der Vertreter des chriftlich- focialen Romans Kingslay, der aus fernen Welten fchöpfende Trollope, der Effayift Henry Holbeach und bezeichnender Weife ein deutfcher Schriftfteller, Julius Rodenberg, deffen in englifcher Sprache gefchriebener Originalroman ,, King by the Grace of God" felbft von Briten zu den beften Erzeugniffen der Nationalliteratur gezählt wird. Die in ihrer Art merkwürdig gefchickten, phantafiereichen und in der Detailmalerei den guten Schriftftellern ebenbürtigen Verfaffer von Senfationsromanen, wie Mifs Braddon, Miftr. Booth, Capitän Mayne Raid und Andere mehr, waren in unferem Zeitraum gleichfalls nicht müfsig und überfchwemmten nicht nur den englifchen Markt mit ihren für die Leihbibliotheken unentbehrlichen Producten. Ein Seitenblick auf die englifche Literatur in Amerika gewährt die intereffante Wahrnehmung, dafs fich mitten in dem Getriebe der effecthafcherifchen Tagesliteratur und praktiſch nüchterner Publicationen eine poetifche, fchwärme rifch und mitunter religiös angehauchte Richtung geltend zu machen weifs. Einen nationalamerikaniſchen Zug weift diefe Richtung in den fieben Gefängen auf, in denen Joaquin Miller, der rafch berühmt gewordene Sänger der neuen Welt, feine Erlebniffe im Lande der Goldgräber in phantaftifcher Einkleidung berichtet. Bemerkenswerth ift ferner Longfellows" The divine Tragedy", ein ftreng religiöfes Paffionsgedicht, das fich mit feiner erkünftelten Begeisterung den berühmten Liedern des amerikaniſchen Dichters nicht an die Seite ftellen kann. Auch in Italien hat die Vollendung des grofsen politifchen Einigungswerkes zunächft noch keinen fichtlichen Einfluss auf die Pflege der fchönen Literatur ausgeübt. In Manzoni wurde der Beherrfcher der grofsen reformatorifchen Bewegung auf literarifchem Gebiete zu Grabe getragen, ohne dafs ein gleich umfaffender und energifcher Geift feine Erbfchaft angetreten hätte. In der Kunft. form mafsgebend für das ganze jüngere Poetengefchlecht Italiens ift Manzoni mit feinen philofophifchen und politifchen Gedanken nicht mehr tonangebend. Die italienifche Literatur ringt nach einem neuen Inhalte und wie in allen ähnlichen Perioden wird die Production von der Kritik überwuchert; unterdeffen fehlt es nicht an poetifchen Verfuchen, welche ein literarifches Mittelgut repräfentiren. Die Lyriker Prati, Aleardi, Zanella haben fich durch patriotifche Lieder einen angefehenen Namen gemacht. Giofuè Carducci erwarb fich durch feine mafslos leidenfchaftlichen Gefänge viele Anhänger und ein bemerkenswerthes Buch ift der Piccolo Romanziere von Enrico Panzachi, eine Nachahmung des bekannten Romanzenkranzes von Heine. Auf dramatifchem Gebiete wird fehr viel producirt, um dem Tagesbedürfnifs der Bühnen zu genügen. Originalftücke treten an Stelle. der franzöfifchen Producte, die man allmälig gänzlich aus den italienifchen Thea tern verdrängt hat. Neben dem Luftfpiel, das fich in den hergebrachten italienifchen Formen bewegt, behaupten das Rührdrama und das Senfationsftück die erfte Stelle. Durch glückliche Verfuche, auf komifchem Gebiete die claffifchen Traditionen zu bewahren und zugleich modernen Inhalt in die alten Formen zu giefsen, that fich Ferrari hervor; neben ihm find Coffa, der noch immer productive Giacometti, Coftetti, Carrera und Cavallotti, der demokratifche Tendenzdramatiker, zu nennen. Am fchwächften ift der Roman vertreten, auf deffen Gebiete nur die Verfuche Guerzoni's und Donati's eine edlere Richtung anbahnen. Im Uebrigen herrfcht die Nachahmung franzöfifcher Autoren und eine krankhaft fentimentale Richtung, welche der höheren Bildung ermangelt. Der gediegene hiftorifche Roman, der fo lange Zeit in Italien blühte, hat gegenwärtig keinen Vertreter. Ernft, erfolgreich und umfaffend war das Streben der italienifchen Nation in den letzten Jahren auf wiffenfchaftlichem Gebiete, fowohl was die Naturforfchung, als was die Gefchichte und Archäologie anlangt. Die hiftorifche Forfchung hat durch die 24 Alfred Klaar. Wiedereröffnung der lange verfchloffen gewefenen Archive neue Nahrung gefunden und gleichzeitig äufsert die nach dem bedeutungsvollen Jahre 1859 durchgeführte Schulreform in der Gegenwart den glücklichften Einfluss auf die Pflege claffifcher Studien. Das Archivio ftorico wurde durch wichtige neue Arbeiten, namentlich durch die Gefchichte Savonarola's von Pasquale Villari bereichert. Vom höchften Werthe für die claffifche Philologie ift die Gefchichte der claffifchen Literatur von Tamagni und nur beifpielsweife follen die Arbeiten Vannucci's, Fabbretti's, Fiorelli's und Trezza's erwähnt werden. Zur Gefchichte der Philofophie lieferten Ferri, Berti und Conti beachtenswerthe Beiträge. Buchhandel und Verlag des Auslandes. Im Folgenden werden auf Grundlage perfönlicher Anfchauung und der für die Ausftellung veröffentlichten Kataloge Bemerkungen über die Ausftellungsobjecte der einzelnen Länder gegeben; dafs diefelben, da das Ausftellungsmaterial auf unferem Gebiete nichts weniger als vollſtändig und überfichtlich geordnet war, nur fragmentarifch ausfallen können, wurde fchon im Eingange angedeutet. Auch war es unmöglich, in diefen kurzen Skizzen überall denfelben Eintheilungspunkt feftzuhalten, da die in der Ausftellung felbft gebotenen Anhaltspunkte bei der Vertheilung unferer Objecte auf verfchiedene Gruppen fehr ungleichartiger Natur waren. Ein Hinübergreifen auf verwandte Gebiete war unter folchen Umftänden nicht zu vermeiden, und wo die eigentlichen Ausstellungsobjecte entweder gar nicht oder in kaum beachtenswerther Weife vertreten waren, glaubte der Berichterftatter, den zum Zwecke der Ausftellung erfchienenen ftatiftifchen Nachweifen Beachtung fchenken und Glauben beimeffen zu dürfen. Frankreich. Am gefchmackvollften in der Ausftattung, am reichften im Inhalt, am überfichtlichften in der Anordnung war von allen Ausflellungen des Buchhandels die franzöfifche. Sie war im Grunde genommen die einzige, aus welcher der in beſtimmter Richtung arbeitende Geift eines Volkes den Beobachter anfprach und die, wenn fie auch fo wenig wie eine andere, ein folides ftatiftifches Material darbot, doch wenigftens durch die Anfchauung ein ungefähres Bild der literarifchen Gefammtthätigkeit vermittelte. Zwei Momente fprangen als Kriterien der franzöfifchen Arbeit auf diefem Gebiete fofort in's Auge: der rege Gemeinfinn im Wirken der Verleger und der Wetteifer derfelben in der möglichft gefchmackvollen Ausftattung ihrer Erzeugniffe. Ein Centralorgan für die Beftrebungen des Buchhandels, der Buchdruckerei, des Papiergefchäftes, des Handels mit Muficalien und mit Kupferftichen wurde in einem Vereine der Inhaber aller aufgezählten Gefchäftsbranchen, welche an der Herftellung eines Buches oder graphifchen Kunftwerkes betheiligt find, zu Paris gefchaffen; das Wirken diefes Vereines, der in ähnlicher Weife wie der Verein der deutſchen Buchhändler, durch die Herausgabe des Börfenblattes für den deutfchen Buchhandel fich durch die Herausgabe der„ Bibliographie de la France" und des Journal général de l'Imprimerie et de la Librairie" grofse Verdienfte um den Buchhandel erwirbt, wurde durch die Verleihung des Ehrendiploms gewürdigt. Unter den franzöfifchen Verlagsfirmen nimmt das weltberühmte Haus Hachette& Comp. einen anerkannt hervorragenden Rang ein, fowohl durch die Grofsartigkeit des Gefchäftsbetriebes, durch die technifche Vortrefflichkeit der Producte, als durch die ernfte Unterſtützung von Cultur- und Bildungszwecken. Man kann behaupten, dafs diefe Firma feit ihrem Beftande eine ganze Bibliothek gefchaffen hat, welche für fich die Quelle einer abgefchloffenen harmonifchen Bildung darftellt. Das jüngfte Verlagswerk, welches nach zwölfjähriger Arbeit erft zur Ausftellung vollendet wurde, gilt zur Zeit als ein unerreichtes Mufter der Vervollkommnung graphifcher Künfte. Die Herſtellung des Werkes, der grofsen Buchhandel und Literatur des Auslandes. 25 Prachtausgabe des Evangeliums, mit Illuftrationen von Bida, unter Mitwirkung von Roffigneux, koftete nicht weniger als 1,200.000 Francs. Der jüngfte im Auguft 1873 erfchienene Katalog der Verlagswerke von Hachette bietet ein überfichtliches Bild der gleichmässigen Pflege aller Literaturzweige vom primitiven Schulbuche an bis zu den in den riefigften Dimenfionen angelegten Wörterbüchern, Encyklopädien und Sammelwerken faft jeder Art. Eine höchft bemerkenswerthe Specialität bilden die zu aufserordentlich billigen Preifen hergeftellten Bibliotheken der fchönen Literatur, des populären Wiffens und der praktifchen Kenntniffe. Um das Streben der Firma in ihren beiden Hauptrichtungen zu kennzeichnen, wollen wir bei zwei Gruppen der Verlagswerke ein wenig verweilen. Bei der einen, in welcher fich das Streben nach gröfster Vollständigkeit des Inhaltes und möglichfter Vervollkommnung der Ausführung ausfpricht und welche die fchwierigften und theuerften Verlagswerke umfasst, und bei der anderen, welche das tägliche Brot der geiftigen Nahrung für die Menge liefert und bereits feit geraumer Zeit jene Aufgabe der Popularifirung bedeutender nationaler Schriftfteller erfüllt, welche fich in Deutfchland Reclam in Leipzig und das„ Bibliographifche Inftitut" in Hildburghaufen geftellt haben. Von encyklopädifchen Werken und Dictionären find folgende im Verlage von Hachette erfchienen eines über franzöfifche Sprache von Littré, deffen Bedeutung an einer anderen Stelle diefes Berichtes bereits gewürdigt worden, ein geographifches, welches Frankreich, Algier und die Colonien umfafst, von Adolphe Joanne unter Mitwirkung einer Gefellſchaft von Hiftorikern und Geopraphen, eines über die chrift. lichen Alterthümer, das in vier grofsen Abtheilungen das Refultat erfchöpfender Studien über die Sitten der erften Chriften, über einfchlägige Monumente, Kleidungen und Möbel und eine Gefchichte der chriftlichen Archäologie bietet, von Abbé Martigny, eines über griechifche und römifche Alterthümer unter der Redaction von Darmberg und Saglio, eines über die Synonyme der franzöfifchen Sprache von Lafaye, eines über die alte und moderne Geographie von Meiffas und Michelot, ein hiftorifches über Frankreich von Lalanne, ein Univerfallexikon über das Leben auf dem Lande und in der Stadt, redigirt von Beleze, ein Univerfallexikon der Wiffenfchaften und Künfte in II Bänden, ein Univerfallexikon der Gefchichte und Geographie, ein Univerfalatlas, ein Univerfallexikon über die Zeitgenoffen( alle drei redigirt von Bouillet), eines über die mathematifchen Wiffenfchaften und eines über die Chemie. Von den billigen Ausgaben foll nur die Bibliothek der hervorragenden franzöfifchen Schriftfteller, die der befferen einheimifchen und fremden RomanSchriftfteller und die der populären Literatur hervorgehoben werden, von denen jeder Band I Franc 25 Centimes koftet. Kleinere nützliche Schriften werden in Ausgaben, welche 50 oder blos 25 Centimes koften, von der Verlagshandlung Hachette verbreitet. Von den illuftrirten Werken nennen wir den von Doré verbildlichten Don Quixote und die prachtvolle gleichfalls mit Bildern von Doré gezierte Ausgabe von Dante. Neben Hachette ragt unter den gröfseren franzöfifchen Verlagsfirmen das Haus Firmin Didot frères, fils et Comp. hervor. Auch deffen Wirkfamkeit erftreckt fich faft auf fämmtliche Gebiete der Belletriftik und der wiffenfchaftlichen Literatur. Eine Specialität bildet die befondere Herausgabe der hiftorifchen und literarifchen Hauptwerke des Mittelalters, worunter eine neue Ausgabe von Froiffart, dem liebenswürdigen Chroniften( 1322 bis 1400), und die Memoiren von Commynes über das Regiment von Louis II. und Karl VIII. Auch in dem Verlage der lateinifchen und griechifchen Claffiker nimmt Didot den erften Rang ein. Eine befondere Ausftellung von ftatiftifchen Werken hat die Stadt Paris veranſtaltet, ein ebenfo fchönes wie geordnetes Bild der ftädtiſchen Thätigkeit. Wenn diefe Berichte und Pläne, welche im Wefentlichen die Anftrengungen der Stadt darftellen, neue Afyle und Volksfchulen für die Kinder und Specialfchulen zu errichten, auch nicht unmittelbar unferer Gruppe angehören, fo können fie 26 Alfred Klaar. doch auch als culturgefchichtlich bedeutende Erzeigniffe der Literatur in diefem Berichte gewürdigt werden. Die fpecielle Pflege gewiffer Zweige des Buchhandels, die fich in diefer Induftrie immer mehr Bahn bricht, und deren fchon im Eingange gedacht wurde, tritt befonders anfchaulich in Frankreich hervor. So befaffen fich die Firmen Baudry und Ducher& Comp. vornehmlich mit grofsen architektonifchen Werken, Paul Ducrocq und Lefèvre mit gut ausgeftatteten Jugend- und Kinderfchriften; Belin Veuve mit wohlfeilem Claffikerverlag, J. Dumaine mit militärifchen Werken und Landcarten, E. Roret mit technifchem und naturwiffenfchaftlichem Verlag, hauptfächlich für das gröfsere Publicum, J. Rothfchild mit prächtigen Illuftrationswerken( darunter das bekannte Buch„ Les promenades de Paris") und Levy mit artiftifchen Werken, Jouauft mit Werken im Renaiffanceftyl, Morel& Comp. mit wahrhaft grofsartigen techniſch vollendeten Büchern über bildende Kunft, Hetzel mit Erziehungs- und Bildungsfchriften, Chaix mit Werken über Eifenbahnwefen, Guillaumin& Comp. mit Büchern über Volkswirthschaft und Finanzwefen, Gauthier- Villars mit technifchen und artiftifchen Schriften, H. Renouard mit der Gefchichte der bildenden Künfte", Techener und Pillet mit bibliographifchen Werken, das grofse Haus Mame & fils in Tours mit maffenhaft erzeugten Gebet- und Erbauungsbüchern, defsgleichen Le coffre fils und Pouffielgue frères mit frommen Schriften, Le Roy mit Werken über Alterthumskunde, Le Brument mit Specialgefchichte, Magny mit genealogifchen Schriften, Lacroix mit Buchdruck und Buchhandel für Ingenieurarbeiten, Plon vornämlich mit hiftorifchen, politifchen und militärifchen Werken und endlich Lemoin mit Muficalien und Mufikgefchichte. دو Von intereffanten Einzelwerken und periodifchen Schriften erheifchen folgende noch eine befondere Würdigung: Die von Menard geleitete, mit technifcher Vollendung ausgeführte:" Gazette des Beaux Arts"( europäiſcher Courier für Kunft und Sehenswürdigkeiten), welche in wohlthätiger Weife für die Verbefferung des Gefchmackes in Kunft und Kunftgewerbe wirkt, das reich ausgestattete Journal„ L'Illuftration"( herausgegeben von Ate Marc& Comp.), die Sammlung der franzöfifchen Claffiker nach den Originaltexten des XVI. Jahrhunderts( herausgegeben von Alphonfe Lemerre), die bildliche Darstellung der Coſtume vom 4. bis 19. Jahrhundert( herausgegeben von Jaquemin), das Werk„ Les Humanités modernes" von Profeffor Ph. Kuff, das ,, Album der Welt" und ,, die Schlöffer Frankreichs" ( herausgegeben von Lheureux Pages& Comp.), das Wörterbuch der Künfte und Manufacturen( herausgegeben von Laboulaye) und endlich das franzöfifch- lateinifchchinefifche Wörterbuch der lebenden Mandarinenfprache von Paul Ferny ( gedruckt bei Ad. Lainé). Der ftarke nationale Zug im franzöfifchen Wefen, der in feinen extremften Aeufserungen manches Staatsunglück heraufbefchworen hat, führte auf der anderen Seite zu centralifirenden wiffenfchaftlichen Beftrebungen, in deren Anordnung und gewiffenhafter Durchführung die Franzofen als Mufter voranleuchten können. Ein anfchauliches, impofantes Bild einer derartigen Thätigkeit bot die Ausstellung des franzöfifchen Unterrichtsminifteriums; eine überfichtliche Darftellung der gefammten Schulentwicklung, die zugleich in ihren höheren Stufen die Ausbreitung der wiffenfchaftlichen Literatur in grofsen Zügen dem Beobachter vorführte. Die von der Regierung veranstaltete Ausftellung umfafste alle officiellen Berichte über den Unterrichtsorganismus, Nachweifungen über die Fortfchritte auf dem Gebiete ihrer Wiffenfchaft und eine grofse Anzahl von Differtationen pro gradu, aus denen die lebendige Vermittlung des wiffenfchaftlichen Lehrftoffes zu entnehmen war. Befondere Hervorhebung verdient die vom Gouvernement angeordnete und von Firmin Didot beforgte Herausgabe des für die Gefchichte Frankreichs ungemein wichtigen Werkes„ Documents inédits", in welchem die Tabula peutingeriana und Jourdan's Gefchichte der Parifer Univerfität enthalten find. Buchhandel und Literatur des Auslandes. 27 Wer die wahrhaft überwältigend grofse Summe geiftiger Arbeit in der Ausftellung erblickte, der erhielt ein Gefühl davon, wie inmitten der Hüllen wechfelvoller und verwirrender politifcher Bewegungen, wie in den vergänglichen Formen von Königthum, Kaiferthum und Republik, fich ein Kern rüftig vorfchreitender, ungemein emfiger Nationalarbeit behauptet hat. Die Lichtfeite des Strebens nach Gloire, das fo oft über Europa und Frankreich feinen düfteren Schatten geworfen hat, trat hier in dem traditionell bewahrten Princip der Franzofen, die Machtfrage als eine Culturfrage aufzufaffen, zu Tage. Ein Bild vieljähriger und erfolgreicher Thätigkeit in Erforschung der franzöfifchen Gefchichte gewann man auch aus den nationalen Archiven( Paris), und grofse Leiftungen auf dem Gebiete der Specialforfchung wies die Société des antiquaires de Normandie auf. Um von der literarifchen Production Frankreichs überhaupt ein überfichtliches Bild zu geben und die Vertheilung der Arbeit auf die verfchiedenen Gebiete der Literatur erkennen zu laffen, foll hier ein ftatiſtiſcher Nachweis über die Anzahl der im Jahre 1869 erfchienenen Bücher folgen. Es wird abfichtlich das letzte Jahr vor dem grofsen deutfch- franzöfifchen Kriege gewählt, weil in der Folgezeit die productiven Arbeiten felbftverſtändlich aus ihren regelmässigen Bahnen gelenkt und überdiefs die ftatiftifchen Nachweifungen aus den folgenden Jahren mannigfach behindert wurden. Im Jahre 1869 wurden nach einer an der Hand des Rheinwald'fchen Gefammtkataloges vorgenommenen Zählung nahezu 4800 Bücher auf den Markt gebracht. Diefelben vertheilen fich folgendermafsen auf die verfchiedenen Gebiete der literarifchen Production: Théologie 403( 329 katholifche, 68 proteftantifche, 5 ifraelitifche und I griechifch- katholifches Werk), Philofophie 119, Rechtswiffenfchaften 258( Legislation und Adminiftration), Staatswiffenfchaften 98, Handel und Finanzen 57, Gefchichte fammt ihren Hilfswiffenfchaften 382, Politik 364, Biographien 112, Geographie 169, fchöne Literatur im Ganzen 937, darunter 282 kritifche Werke und Gefammtausgaben berühmter Autoren, 332 Romane, 215 dem Theater gewidmete Werke und zwar 32 kritifche und 182 Theaterstücke, endlich 108 poetifche Werke, theils lyrifchen, theils epifchen Inhaltes. Naturwiffenfchaften ( allgemeiner Natur, Phyfik, Chemie, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Paläontologie) 242, Medicin 402, Mathematik 215( mit Einfchlufs der Werke über Aftronomie, Optik, Militärwiffenfchaft und Schifffahrt), Technologie 305, worunter Eifenbahn, Mafchinenwefen, Kunftgewerbe, Agricultur, Gartenbau und Hauswirthschaft, fchöne Künfte 169, darunter 22 allgemeine, 14 architektonifche, 46 über Malerei und Sculptur, 16 muficalifche, 7 photographifche und endlich 64 Werke, welche fich mit Archäologie und mittelalterlicher Kunft befchäftigen. Philologie und Linguiftik 160, 14 über Sprachen überhaupt, 50 über orientalifche, 57 über claffifche und 39 über moderne Sprachen. Erziehungsfchriften 223, darunter 97 Lehrbücher, 94 Jugendfchriften und 32 pädagogifche Werke. Die in diefer Aufzählung nicht enthaltenen 172 Schriften find Annalen, Almanache und Monographien verfchiedenen, aufserhalb der angeführten Fächer liegenden Inhaltes. Wie man aus diefer Aufzählung erfieht, ift auf dem Gebiete der fchönen Literatur der Roman, auf dem der Wiffenfchaft Theologie, Medicin, Gefchichte und Politik am stärksten vertreten. Diefes Verhältnifs ift als ein im Wefentlichen gleiches auch in den Jahresüberfichten von 1867 und 1868 wahrzunehmen.* * Als Mafsftab zur Vergleichung mögen hier ftatiftifchen Daten dienen, aus denen fich ein Durchfchnittsmafs der literarifchen Gefammtproduction in Deutfchland entnehmen läfst. Von 1851 bis Ende 1872 hat der Buchhandel Deutfchlands etwa 200.000 Novitäten auf den Markt gebracht, in mässiger Steigerung jährlich etwa 10.000. Eine detaillirtere Ueberficht ift in dem Berichte des Herrn R. Lechner zu finden. 28 Alfred Klaar. England. In faft bedauerlicher Weife gab fich der praktiſche Sinn der Engländer, welche die Unzulänglichkeit des Modus, in welchem gegenwärtig noch die Ausftellung des Buchhandels veranstaltet wird, herausgefunden haben mögen, in einer faft vollſtändigen Vernachläffigung unferes Gebietes kund. Die einzige gröfsere Verlagsfirma, welche ein Bild des englifchen Buchhandels bot, war das Haus Owen Jones in London. Die Hauptverdienfte diefes Haufes beftehen in der Hebung des guten Gefchmackes bei Künftlern, Producenten und Concurrenten nicht nur in England, fondern man darf fagen, in der ganzen gebildeten Welt. Mittelbar und unmittelbar gibt fich diefes Streben durch Feftftellung neuer Principien in den verfchiedenen Zweigen der Kunft und ihrer Anwendung auf die Kunftinduftrie, dann durch die Herausgabe vorzüglicher Werke über Ornamentik mit erläuterndem Text( Alhambra, Grammer of Ornament etc.) zu erkennen. Die letztgenannten Werke find zuverläffige Wegweifer auf architektonifchem Gebiete und bilden in Form und Farbe eine wahre Fundgrube muftergiltiger Beiſpiele für die ganze zeichnende Welt. Abgefehen von diefer Firma, war die englifche Verlagswelt mit ihrer aufserordentlich reichen, namentlich quantitativ ungemein fruchtbaren Thätigkeit auf der Ausftellung fehr fpärlich vertreten. Ein Bild grofsartiger Propaganda, wie bei allen bisherigen Ausftellungen, boten die englifchen pietiftifchen Geſellſchaften in einer Collectivausftellung ihrer frommen Bücher, die bekanntlich in Millionen unentgeltlich oder zu Spottpreifen in der ganzen Welt verbreitet werden. Die Bibelgefellfchaft„ Britiſh and Foreign Bible Society" wurde im Jahre 1804 gegründet und erfüllte feither mit immer fteigendem Eifer den Beruf, die heilige Schrift ohne Noten und Commentar in der ganzen Welt zu verbreiten. In einem umfangreichen, gefchmackvollen Auslagskaften waren ihre Objecte, Bibeln in allen Sprachen und Dialekten, zu fehen. Die ,, Religious Tract Society" verbreitet in derfelben Weife nicht nur Bibeln, fondern religiöfe Schriften aller Art. Die Book- Hawking Union betreibt fehr fchwunghaft die Colportage ähnlicher Erzeugniffe zu Verkaufszwecken unter armen Leuten und unter dem Landvolke. Die Society for Promoting Chriftian Knowledge läfst endlich in ähnlicher Weife nebft religiöfen Werken auch belehrende und Unterhaltungsfchriften verbreiten. Die bedeutendfte der angeführten Gefellſchaften ift die Bibelgefellfchaft, welche im Jahre 1804 in der ausgefprochenen Abficht, das Wort Gottes in der ganzen Welt zu verbreiten, gegründet wurde. In 68 Jahren hat fie nicht weniger als 165 Millionen Francs auf Ueberfetzung, Druck und Verbreitung der heiligen. Schrift verwendet und aus ihren Depôts find nicht weniger als 65 Millionen Bibeln in mehr als 200 Sprachen und Dialecten hervorgegangen. In allen Hauptftädten Europas hat fie Agenten, Correfpondenten, Colporteure und Depôts und ihre Wirkfamkeit erftreckt sich auf alle Welttheile und alle Völker. In Verbindung mit den grofsen Miffionsgefellſchaften hat fie die Bibel unter den Syriern, Perfern, Indiern, Chinefen, Abyffiniern, Kaffern, den Bewohnern der Infel Madagaskar, von Neufeeland und Mexico, unter den Eskimos, kurzum unter fämmtlichen der Propaganda nur irgendwie erreichbaren Völkerfchaften verbreitet. Der 69. Jahresbericht, welcher im Jahre 1873 erfchienen ift, weift eine Gefammtverbreitung von 212 Millionen Exemplaren aus. Hilfs- und Zweiggefellſchaften wurden in allen Theilen Englands und in den Colonien gegründet. Gegenwärtig beftehen nicht weniger als 4360 Hilfs-, Zweig- und Verbindungsgefellſchaften in Grofsbritannien felbft und 1080 in den englifchen Colonien und anderen Provinzen. Viele diefer Gefellfchaften werden. von Frauen geleitet, welche der frommen Propaganda grofse Dienfte geleiftet haben. Der Colportage, welche überall, wo die Behörden keine Schwierigkeiten in den Weg legen, ungemein fchwunghaft betrieben wird, verdankt diefe Gefellſchaft, welche die erften Verfuche der Colportage im grofsen Style machte, ihre Bedeutung auf buchhändlerifchem Gebiete. Buchhandel und Literatur des Auslandes. 29 Obwohl nicht unmittelbar auf unfer Gebiet gehörig, darf das South Kensington Mufeum wegen feines grofsen Einfluffes auf Kunft und Literatur nicht übergangen werden. Durch feine Sammlungen, die damit verbundenen Belehrungen und einfchlägigen Vorträge verbreitet es Einficht und Bildung in den weiteften Kreifen und hat fowohl dadurch, wie durch den Zeichenunterricht und die Heranbildung von Zeichenlehrern und Werkführern für das Kunstgewerbe, eine ganze technifche Literatur hervorgerufen. Aus den britifchen Colonien in Indien lagen mehrere beachtenswerthe Zeugniffe eines fyftematiſchen Strebens nach Bildung und Civilifation vor. Auf unferem Gebiete ragten die Ausstellungen des Local comités von Madras, las Bücher, Zeitungen und Erziehungsfchriften vorlegte, des Comités von Bombay. das Schriften, Karten und Zeitungen zur Einficht auflegte, des Local comités der nordweftlichen Provinzen, das unter anderen Werken eine fehr umfaffende Bibliotheca Indica ausgeftellt hatte, die Regierung von Bombay mit ihrem unter Anderem zur Ausftellung gebrachten Wörterbuche der Sanskrit- Wurzeln und dem Gloffarium über die Zend- Avefta und endlich Dr. Leitner in Lahore mit zahlreichen Zeugniffen feiner civilifatorifchen Wirksamkeit hervor. Der letztgenannte Gelehrte, deffen in Indien gedruckte Werke in mehreren Sprachen ausgeftellt waren, hat die gröfsten Anftrengungen für Erziehung und Bildung gemacht und widmete nicht nur feine ganze geiftige Kraft, fondern auch einen grofsen Theil feines Vermögens( 300.000 fl.) den von ihm verfolgten Culturzwecken. Intereffant war es, einen Einblick in die grofse Verbreitung des Zeitungswefens im englifchen Indien zu gewinnen; es erfcheinen zahlreiche Tagblätter und Fachzeitungen in der Sprache der Eingeborenen, Urdoo- und Hindu- Zeitungen, Zeitungen in der Punjab- Sprache, in Myfore Canavefifche Gefpräche über Gerichtsfachen" und andere. 99 Nordamerika. So wenig die Bücherausftellung der Vereinigten Staaten geeignet war, auch nur ein fchwaches Bild der literarifchen Bewegung und der buchhändlerifchen Induftrie jenfeits des atlantifchen Oceans zu geben, fo gewährte doch das Wenige und Fragmentarifche einen wahrhaft überraschenden Ausblick auf die Thätigkeit, durch welche in der gröfsten aller Republiken von Staats wegen die geiftige Arbeit unterstützt wird. Wenn man fo oft mit kühlem Lobe, oder gar mit Tadel der amerikanifchen Nüchternheit gedenkt, wenn theoretifche Gelehrte, Dichter und Künftler fich fo oft von einem Staatswefen glauben abwenden zu müffen, in dem der dominirende praktifche Sinn jedes abfolut ideale Streben zurückzudrängen fcheint, fo koftet es Nichts, als einen ernften Einblick in die literarifche Gefammtthätigkeit Nordamerikas, um zu erkennen, dafs der materielle Gewinn, auf den die Amerikaner mit fo viel Nachdruck im Einzelnen hinarbeiten, im Grofsen und Ganzen wiederum in imponirend grofsem Style der geiftigen Arbeit zugewendet wird, und dafs fich in der alle fürftliche Grofsmuth weit überragenden Unterſtützung der Schulen und aller ernften wiffenfchaftlichen Disciplinen das Streben offenbart, das, was den Vereinigten Staaten an einer hiftorifchen Entwicklung der Literatur abgeht, durch ausgedehnte, verzweigte und reich dotirte Stiftungen in modernem Geifte zu erfetzen. Von dem immenfen Bücherreichthum Nordamerikas, das die induftrielle Seite des Buchhandels zur höchften Blüthe gebracht und in der Menge der Production die alte Welt weitaus übertroffen hat, gab die Ausftellung kein entfprechendes Bild. Von den grofsen Verlagsfirmen waren nur Harper brothers& Comp. in New York, ein Haus, das 600 Menfchen befchäftigt und jährlich über 2 Mil lionen Bücher verkauft, und Lippincott& Comp. in Philadelphia, vielleicht das gröfste Verlagsgefchäft der Welt, in hervorragender Weife vertreten. Neben diefen fiel die Ausftellung der Firma Appleton& Comp. in New York durch das grofse topographifche Werk über Nordamerika vortheilhaft auf. Einen tieferen 30 Alfred Klaar. Einblick in die ungemein reichhaltige Production der Vereinigten Staaten gewährte die Ausftellung von Journalen, von welchen der Buchhändler E. Steiger mehr als 5000 verfchiedene Exemplare gefammelt und in zahlreichen Folianten claffificirt hat; ferner die Unterrichtsausftellung mit dem grofsen Organismus von Lehrbüchern für fämmtliche Schulen und endlich die Ausstellung von öffentlichen Bibliotheken, von denen nicht weniger als 55 ihre Kataloge zur Einficht aufgelegt hatten. Die Congrefs- Bibliothek und die Aftor'fche Bibliothek reihen fich nach Menge, Wahl und Anordnung der Werke den bedeutendften in der ganzen Welt an. Eine Specialität bilden die Handwerker Vereinsbibliotheken( Worcefter und Lowell), die in der Reichhaltigkeit und praktifchen Auswahl des Inhaltes als Mufter bezeichnet werden können. Unter der grofsen Anzahl von ausgeftellten Erziehungs- Journalen nimmt das von Dr. Henry Barnard in Hintfort herausgegebene, das feit 25 Jahren erfcheint, mit grofsen Opfern erhalten wird und werthvolle Nachweifungen über den Unterricht von den hervorragendften Männern der Vereinigten Staaten enthält, den erften Rang ein. Einen Einblick in die musterhafte Organiſation und das ausgebreitete Wirken auf literarifchem Gebiete gewährte die amerikanifche Affociation für fociale Wiffenfchaft, ein Verein von Gelehrten und Menfchenfreunden, welche den focialen Fortfchritt anftreben; theoretifch und praktiſch die Schulen unterftützen und mit grofsem Aufwande an Geld und Kraft Forfchungen im Gebiete der Jurisprudenz der Reformen im Pönalfyftem und der Sanitätsfragen anftellen laffen. Ebenfo impofant bewährt fich die Humanität in der fchon erwähnten Bibliothek Aftor's in New York, welche unmittelbar nach der Bibliothek des Congreffes der Vereinigten Staaten die wichtigfte und umfangreichfte des ganzen Landes ift. Sie enthält 200.000 Bände und umfafst alle Doctrinen und Literaturzweige. Gegründet wurde fie von John Jacob Astor, welcher 2 Millionen Francs darauf verwendet hat. Deffen Sohn fetzte die Wohlthätigkeit fort, indem er eine Anzahl Gebäude der Bibliothek ,, die zum unentgeltlichen Gebrauch des Publicums beſtimmt ift, widmete. In anderer Art wirkt das Lowell- Inftitut in Bofton, vom Stifter, deffen Namen es trägt, auf eigene Kosten gegründet, für die Verbreitung der Bildung in den weiteften Kreifen. Es forgt für Vorlefungen über wiffenfchaftliche und literarifche Gegenftände, die von den ausgezeichnetften Männern der Vereinigten Staaten abgehalten werden. Im Jahre 1872 fanden 264 Vorlefungen ftatt. Von dem Bürgerfinn, dem foliden umfaffenden Streben nach Heranbildung einer tüchtigen Jugend gibt das nationale Erziehungsbureau in Waſhington ein wahrhaft überrafchendes Beiſpiel. Nur beiläufig fei erwähnt, dafs die Betheiligung Amerikas an der Weltausstellung wefentlich Verdienft diefes Bureaus war, das nicht nur die Anregung gegeben, fondern auch kein Opfer für die Verwirklichung diefes Gedankens gefcheut hat. Dasfelbe Bureau hat den Congrefs dazu vermocht, den reichen Ertrag, den der Verkauf von Länderftrecken lieferte, für Unterrichtszwecke zu beftimmen. Als Verleger tritt das Bureau durch die Herausgabe eines koloffalen, die ftatiftifchen Ausweifungen über den Gefammtunterricht in den Vereinigten Staaten umfaffenden Werkes auf, das als Controle des gefammten riefigen Schulkörpers, als Vermittlungsorgan jedes Fortfchrittes einen unfchätzbaren Werth hat und für welches der Congrefs nicht weniger als 40.000 Dollar jährlich bewilligt. Italien. In Beziehung auf Literatur wie auf Buchhandel bot Italien fehr zahlreiche, mitunter fehr intereffante Ausstellungsobjecte. Die Ausftellung der königlichen Regierung zeigte das Beftreben, die endlich erfchloffenen archivalifchen Schätze des Landes zu ordnen und zu fammeln. Herr Fiorelli in Neapel, dem, wie bekannt der planmäfsige Vorgang bei den Ausgrabungen in Pompeji und bei der durchgreifenden Neugeftaltung des bourbonifchen Muſeums zu danken ift, erwarb fich durch fein Werk Gli scavi di Pompeji" die höchfte Auszeichnung. Die » Buchhandel und Literatur des Auslandes. 31 Acclimatifationsgefellſchaft in Palermo ftellte ihre in der wiffenfchaftlichen Welt rühmlich bekannten Memoiren aus, Profeffor Dr. Cantoni in Parma eine ausführliche Klimatologie Italiens und ein Werk über denfelben Stoff Profeffor Serra Carpi in Rom, Ritter Heinrich Dalmazzo& Ludwig Calligeris in Turin vier Exemplare des polyglotten Wörterbuches" Le compagnon de tous", Anton Vecco& Comp. in Turin verfchiedene fchön ausgeftattete Ausgaben des„, magnum bullarum", Giachetti& Comp. in Florenz eine illuftrirte Gefchichte der chriftlichen Kunft, Dr. Albert Errera in Venedig ein Werk über das Gewerbe und die Schifffahrt und ein Specialwerk über die venetianifchen Gewerbe, Peter Moretti in Mailand zwei illuftrirte Bände des Prachtwerkes ,, L'Italia monumentalis"; die Comissione provinziale di antichità e belle arti in Molife eine Befchreibung des campanifchen Muſeums und des hiftorifchen Archivs zu Capua und die Lega d'insegnamento in Verona eine Gefchichte diefes Vereines, der feinen Zweck, die Schulen zu unterftützen, im weiteften Ausmafse erreicht. Neben diefen hervorragenden Einzelwerken find Ausftellungen der Unione typographia in Turin, die einen bedeutenden wiffenfchaftlichen Verlag hat, der Firma Bona in Turin, welche fich vorwiegend mit der Herausgabe von Reifebüchern und orientalifchen Werken befchäftigt, der Firma Trèves fréres in Mailand, welche durch die Publication: La science du peuple" fich grofse Verdienfte erwarb, des Verlagsgefchäftes Negro in Turin lobend hervorzuheben. Unter den zahlreichen politifchen, fatirifchen und fachlichen Zeitfchriften, von denen Probenummern auflagen, zog namentlich das von Chizzolini in Mailand herausgegebene Journal" L'Italie agricole" durch die Reichhaltigkeit des Inhaltes und die fplendide Ausftattung die Aufmerkfamkeit der Kenner auf fich. Als Verlagsfirmen für Muſicalien hatten die Firmen Sciabili in Florenz, Casperini in Padua, Canti in Mailand, Trebbi in Bologna, Manganelli in Ancona und endlich die Claudiana- Buchdruckerei in Florenz zahlreiche Werke ausgeftellt, die fich namentlich durch den forgfältigen und deutlichen Druck der Noten auszeichneten. Schweiz. Verhältnifsmässig gut war die Schweiz auf unferem Gebiete vertreten; nur zeigte fich der Uebelftand, dafs der Buchhandel nach dem Eintheilungsgrund der Gruppen keinen felbftftändigen Platz fand, in der Ausftellung diefes Landes fehr auffällig. Man mufste die Objecte an drei verfchiedenen Orten mühfam zufammenfuchen: in der Ausftellung der graphifchen Künfte, in der Unterrichtsabtheilung und endlich in dem befonderen Pavillon der Schweiz, wo die periodifche Literatur vertreten war. Faffen wir das, was zerftreut wahrzunehmen war, in Gedanken zufammen, fo gibt fich ein Bild ziemlich regen literarifchen Lebens und einer belebten Buchdrucker- und Buchhändler- Induftrie die indefs nur wenig über die Grenzen des Landes hinausgreifen. In einer Gefellſchaft der Buchdrucker gibt fich die Neigung der Schweizer für die Affociation ausnahmsweife in einer Art kund, welche den ftrengen Cantonsgeift zurückdrängt. Die Ausfteltung des Vereines Schweizerifcher Buchdruckereibefitzer", welche nebft anderweitigen Druckforten auch zahlreiche Bücher aufwies, vertrat nicht weniger als 50 Firmen aus fämmtlichen Cantonen. Eine der reichften Expofitionen hatten J. Rieter und Biedermann( Winterthur und Zürich). Gebrüder Kar& Benziger gaben Proben eines reichen Gebetbücher- Verlages, deffen Objecte fich theils durch prächtige Ausftattung theils durch grofse Billigkeit auszeichneten. 99 Was die Unterrichtsliteratur anlangt, fo rechtfertigte fie durch die Vollftändigkeit und grofsentheils auch durch die Qualität der Lehrmittel, welche zur Ausftellung gelangten, den weitverbreiteten Ruf, den das Schulwefen der Schweiz geniefst. Hervorragend waren in diefer Richtung die Ausstellungen der Cantone Zürich und Argau, den Haupttheil der Lehrbücher lieferten in diefen Cantonen die naturwiffenfchaftlichen Werke die nach einer fehr rationellen Methode zur Grundlage des Volksfchul- Unterrichtes gemacht werden. 32 Alfred Klaar. Zeugnifs höchft gründlicher Quellenftudien über die fchweizerifche Vorzeit gab die„ Allgemeine fchweizerifche gefchichtsforfchende Gefellſchaft" durch den Einblick, den fie in ihr Archiv und in ihre Publikationen( Anzeiger für fchweizerifche Gefchichte) gewährte. Die ,, Schweizerifche Naturforfcher- Gefellſchaft" erwarb fich gerechte Anerkennung durch das umfangreiche, mühfam gefammelte Material zur Verbreitung naturwiffenfchaftlicher Kenntniffe. Der Schweizerifche Alpenklub" gab in den Jahrbüchern, Panoramen, Excurfionskarten, Inftructionen für Gletscherreifende und verfchiedene Monographien gleichfalls ein Bild fehr reger, literarifcher Thätigkeit. 99 Eine eigenthümlich intereffante Erfcheinung bilden die fchweizerifchen Journale in deren Zahl, Inhalt und Wirkungskreis der cantonale Geift der Schweiz ein lebendiges Spiegelbild erhält. Der eigenfinnig föderaliftifche Sinn der Schweizer, ihre Kirchthurm- Politik auf der einen, ihr ftarkes Heimathsgefühl, ihre tüchtige Selbſtverwaltung, ihr Intereffe für Schul-, Vereins- und Familienwefen auf der anderen Seite, ſpricht fich in einer Unzahl von kleinen Journalen aus, die wenige Meilen aufserhalb des Cantons kaum irgend ein Intereffe zu erregen im Stande find. Eine ftarke politifche Richtung, der Bedeutung über die Grenze der Schweiz hinaus zugefprochen werden könnte, tritt eigentlich nur in den ultramontanen Zeitungen hervor. Diefe haben einen einheitlichen Charakter in den verfchiedenen Cantonen und einigen fich zuweilen auch, um gegen die Einigung zu Felde zu ziehen. Im Ganzen jedoch tragen die Journale mit Ausnahme etwa der Basler Zeitung", des„ Bund" in Bern, der ,, Berner Volkszeitung" und des„ Journal de Genève" wefentlich nicht das politifche Gepräge und befchränken fich auf häusliche Angelegenheiten des Cantons, als ob fie nicht für die Welt und die Gegenstände in der Welt da draufsen nicht für fie beftänden. 29 Die Zahl der Zeitungen beläuft fich nach den Mittheilungen der eidgenöffifchen ftatiftifchen Commiffion auf 412 und es nehmen daran, der Menge nach geordnet, die verfchiedenen Cantone folgendermafsen theil: Bern 64, Zürich und Waadt 47, Aargau 40, Genf 25, St. Gallen 24, Neuenburg 18, Bafel- Stadt und Thurgau 16, Graubünden 15, Teffin 14, Solothurn 13, Freiburg 12, Luzern II, Schwyz und Schaffhaufen 10, Bafelland 6, Appenzell A. Rh. und Wallis 5, Glarus 4, Obwalden und Zug 3, Nidwalden 2, Uri und Appenzell I. Rh. 1. Anders ift die Reihenfolge, wenn die Zahl der Zeitungen mit der der Bevölkerungen zufammengehalten wird; es ftehen dann über dem Gefammtdurchſchnitt von 6479 Einwohnern auf je 1 Zeitung 13 Cantone, voran Bafel- Stadt( 2985), hierauf kommen Genf( 3730), Schaffhaufen( 3772), Schwyz( 4770), Obwalden( 4805), Waadt( 4930), Argau( 4972), Neuenburg( 5405), Solothurn( 5747), Thurgau( 5831), Nidwal den( 5850), Zürich( 6059) und Graubünden( 6119); von dem Durchschnitt entfernen fich in abfteigender Linie Zug( 6998), Bern( 7914), St. Gallen( 7959), Teffin( 8544), Glarus( 8788), Bafel- Land( 9021), Freiburg( 9236), Appenzell A. Rh.( 9745), Appenzell I.Rh.( 11.909), Luzern( 12.031), Uri( 16.107) und Wallis( 19.377), fo dafs der letztgenannte Canton um volle fünf Sechstheile gegen den erftgenannten zurückbleibt. Die 412 Zeitungen vertheilen fich der Sprache nach fo, dafs 266 deutfch, 118 franzöfich, 16 italienifch, 5 romanifch und I englifch herausgegeben werden; 6 Zeitungen, die Bibliographie der Schweiz, die Zeitfchrift für Schweizer Statiſtik, die Fremdenblätter von Interlaken und Luzern, das Centralblatt des Zofingervereines und das Amtsblatt von Wallis enthalten theilweife doppelten Titel und Auffätze oder Anzeigen in deutfcher oder franzöfifcher Sprache; die volle Zweifprachigkeit ift aber in keinem Blatte durchgeführt. Belgien gab in den Schulausftellungen ein überfichtliches Bild der Unterrichtsliteratur und ebenfo in den amtlichen Berichten des Minifteriums des Innern eine impofante Darftellung des in diefem Königreiche fo hoch entwickelten Schulwefens. Als eine bedeutende literarifche Leiftung mufs die von der Centralgefellſchaft der belgifchen Lehrer in Brüffel herausgegebene Zeitfchrift ,, Le Pogrès" Buchhandel und Literatur des Auslandes, 33 hier Erwähnung finden. Die Gefellfchaft ,, De Tockomft" in Antwerpen gewährte einen Einblick in die von ihr gegründete reiche Volksbibliothek und in die zweckmäfsigen Einrichtungen, die Schätze der Wiffenfchaft den weiteften Kreifen nützlich zu machen. Zahlreiche wiffenfchaftliche Werke, unter denen die juriftifche Literatur fehr reich vertreten war, hatte Bruylant Chriftophe in Brüffel ausgeftellt. In der Ausftellung des Verlegers de Grave in Gent erregte das Werk ,, Les ateliers d'apprentissage des Flandres" die Aufmerkfamkeit der Kunſtverſtändigen. Der Verleger Braun in Nivelles, der Herausgeber der Zeitfchrift ,, L'Abeille", hatte eine fchöne Sammlung pädagogifcher Werke zur Ausstellung gebracht. Niederlande. In der Ausftellung der Niederlande fiel auf unferem Gebiete vor Allem die Expofition des königlich niederländifchen Minifterium des Innern( Abtheilung Unterricht) ins Auge. Seit Einführung der neuen Schulgefetze in den Jahren 1857( Elementarfchule) und 1863( Mittelfchule und technifche Schule) war das Bedürfnifs nach Lehrmitteln ein gefteigertes und fpornte die wiffenfchaftliche Production mannigfach an. Die königliche Regierung hatte inmitten der Induftrie- Ausftellung den ganzen Apparat von Gelehrfamkeit niedergelegt, der für die Hochſchulen in Bewegung gefetzt wurde. Die Werke, nach welchen Gefchichte und römifches Recht vorgetragen wird, bildeten in ihrer forgfamen Nebeneinanderftellung eine ganze Bibliothek, in der kein einfchlägiger europäiſcher Autor von Bedeutung vermifst wurde. Unter den Verlagswerken der übrigens nicht fehr zahlreich vertretenen Buchhandlungsfirmen verdienen die linguiftifchen Arbeiten befondere Erwähnung. So die japanefifche Grammatik von Kurtius bei Sythoff in Leyden erfchienen, ferner die zahlreichen orientalifchen Druckwerke, das malayifch- niederländifche Wörterbuch( herausgegeben von niederländifch- indifchen Gouvernement) und andere. Ein grofsartiges Werk hatte Dr. Lecmans über die Denkmale Javas ausgeftellt. Dänemark war in Betreff von Verlagswerken fehr fchwach auf der Ausftellung vertreten; nur der Buchdrucker Bianco Luno in Kopenhagen lieferte in zahlreichen Büchern ein Bild hervorragender induftrieller Thätigkeit. In philologifch gelehrten Kreifen erregten die Werke des Profeffors Waldemar Schmidt, die vom Verfaffer felbft ausgeftellt waren, allgemeines Auffehen, darunter die Gefchichte Syriens, welche mit zahlreichen, vom Verfaffer felbft gezeichneten, Keilfchrift- und Hieroglyphentypen verfehen war. Schweden. Die wenigen Objecte, welche Schweden ausgeftellt hat, find fehr charakteriftifch für die mufterhafte Ausbildung der fchwedifchen Humanitätsanftalten. Das grossartige Inftitut für Blinde und Taubftumme, in das feit der Gründung( 1846) 900 Taubftumme und 200 Blinde aufgenommen waren, wiefs ein befonders reiches Unterrichtsmaterial für Blinde und Taubftumme aus. Ein grofser Theil der Buchdrucker- Arbeiten war von den Zöglingen der Anftalt felbft ausgeführt. Unter den aus den übrigen Buchdruckereien hervorgegangenen Erzeugniffen nehmen die Zeitungen und Zeitfchriften einen hervorragenden Platz ein. Einige dem Specialkataloge entnommene Daten kennzeichnen den Auffchwung der Journaliſtik; im Jahre 1871 erfchienen 216 Zeitungen und davon 52 in Stockholm. Es wurde berechnet, dafs im Jahre 1870 allein durch die Poftanftalt 6,000.000 inländifche und 300.000 ausländifche Nummern expedirt worden find; feitdem aber hat das Zeitungslefen im Lande bedeutend zugenommen. Die officielle Zeitung„ Poft och Inrikes Tidningar" ift bereits 229 Jahre alt, alfo eine der älteften auf Erden. Eine befondere Beachtung verdienen die wenig gewürdigten gefetzlichen Beftimmungen über Prefsfreiheit, die an Liberalismus in Europa kaum irgendwo 3 34 Alfred Klaar. ihresgleichen finden. Einige Beftimmungen über die Prefsfreiheits- Verordnungen vom Jahre 1812( das vierte unter den Grundgefetzen des Reiches) mögen diefe Behauptung erhärten. " Der Veröffentlichung einer Schrift", heifst es dort, darf keine Cenfur vorangehen und es find dazu keinerlei Privilegien erforderlich. Zur Herausgabe von Zeitungen oder periodifchen Zeitfchriften bedarf es nur einer Anmeldung beim Juftizminifter und das Gefuch kann nur dann abgewiefen werden, wenn der Anfucher wegen eines fchimpflichen Verbrechens verurtheilt oder für unwürdig erklärt worden ift, für Andere vor Gericht das Wort zu führen. Die idealfte Anforderung, welche bisher deutfche Journaliſten in ihren Verfammlungen geftellt haben, nämlich das Poftulat, dafs die Prefsdelicte keiner befonderen Behandlung unterzogen, fondern einfach unter das Strafgefetz geftellt werden, ift im Wefentlichen in Schweden verwirklicht. Es ift principiell in dem Grundgefetze über Prefsfreiheit ausgefprochen, deffen Beginn lautet:" Unter Prefsfreiheit verfteht man das Recht eines jeden Schweden, Schriften zu veröffentlichen, ohne dafs ihm zuvor von der öffentlichen Macht Hinderniffe in den Weg gelegt werden dürfen, fowie ferner, dafs er hernach wegen des Inhaltes derfelben nur vor einem gefetzlichen Richterſtuhle zur Verantwortung gezogen und in keinem anderen Falle dafür beftraft werden kann, als wenn diefer Inhalt mit einem deutlichen Geſetze im Widerfpruch fteht, welches gegeben ift zur allgemeinen Ruhe, ohne die allgemeine Aufklärung zurückzuhalten." Die Buchdrucker- Kunft hatte fich in Schweden, das zu Ende des XV. Jahrhundertes zu den vorgefchrittenften civilifatorifchen Staaten zählte, fehr früh eingebürgert. Das ältefte in Schweden gedruckte Buch, das von wandernden Buchdruckern herrührte( Vita five legenda cum miraculis Katherinae) ift im Jahre 1474 erfchienen. Schon 1495 fcheint Schweden eine fefte Buchdruckerei befeffen zu haben; im Jahre 1740 gab es 18, im Jahre 1840 74, im Jahre 1870 143 Druckereien. Bücher waren in der fchwedifchen Ausftellung nur von zwei bedeutenden Firmen ausgeftellt: von Haegg ftroem und Norftedt& Söhne in Stockholm. letztere that fich durch die Ausstattung illuftrirter Werke hervor. Die Spanien hat auf unferem Gebiete zahlreiche Proben von Lehrbüchern, Erziehungsfchriften und eine reiche Auswahl der journaliſtifchen Literatur ausgeftellt. Streng wiffenfchaftliche und belletriftifche Werke waren fpärlicher vertreten; verhältnifsmäfsig am reichften die hiftorifchen und medicinifchen Schriften. Eine Durchficht der Lehrbücher zeigte, dafs der einfeitige clericale Geift den Unterricht noch immer beherrfcht. In den Zeitfchriften, von denen 75 ausgeftellt waren, war jedes Genre vertreten. Durch prachtvolle Ausftattung fiel das bei Miguel Guizarro in Madrid erfchienene, mit gefchmackvollen Lithochromien verfehene Werk ,, Die Frauen Spaniens" auf. Eine Revue der Archive, Mufeen und Bibliotheken lieferte die Redaction der, Revifta" in Madrid. Durch die Herausgabe von Volksgefängen erwarben fich Gimenez in Valentia und die, Comifion provincial de Guipuzcoa" Verdienfte. Literarifche Werke hatte Revilla y Alcántara in Madrid, philofophifche Bücher Cubé in Barcelona, eine reiche Volksbibliothek Bantinos in Barcelona und Gefchichtsbücher Martin Periz in Madrid ausgeftellt. Portugal. Unter den Ausftellern Portugals kann nur die Nationaldruckerei in Liffabon, ein in feiner gefchichtlichen Entwicklung und fortdauernden Wirkfamkeit fehr bedeutungsvolles Inftitut, Anfpruch auf befondere Erwähnung und Würdigung erheben. Zwar hat die Buchdrucker- Kunft in Portugal fehr früh eine Heimftätte, gefunden; fchon aus den Jahren 1470 und 1474 datiren die von eingewanderten Deutfchen herrührenden erften Verfuche; 1489 wurde bereits eine fchöne, reine Ausgabe des Penthateuco hebraico veranſtaltet und als im Jahre 1580 der König Dom Manuel Allen, welche die Buchdrucker Kunft ausübten, diefelben Privilegien, Freiheiten und Ehren ertheilte, welche die Ritter feines Buchhandel und Literatur des Auslandes. 35 Haufes genoffen, nahm die Buchdruckerei allmälig einen ziemlich grofsen Auffchwung und wurde von Portugal aus auch nach Afien verbreitet. Allein zu einer Pflege derfelben im grofsen Stile, zu einer ausgebreiteten Thätigkeit im Dienfte der Schule und der Literatur wurde erft durch die Errichtung der Nationaldruckerei in Liffabon im Jahre 1768 der Grund gelegt. Pombal, der geniale Minifter des Königs Dom Jofé I., war es, der nicht nur den Feinden der geiftigen Freiheit, den Jefuiten, den Weg aus dem Lande zu weifen wufste, fondern auch in der Impreffao regia eine Bafis für den Auffchwung der geiftigen Arbeit fchuf. Die Anftalt wurde als Vorbild und Schule der Typographie gegründet, förderte aber bereits zu Beginn auch unmittelbar pädagogische und literarifche Zwecke, indem dafelbft Schulbücher gedruckt und billig verkauft wurden. Einen finanziellen Halt gewann das Unternehmen durch das Privilegium zur Erzeugung von Spielkarten. Die Einnahmen, welche diefes Privilegium hereinbrachte, mufsten eine Zeit lang die Koften der übrigen Druckarbeiten beftreiten, einer der früheften glücklichen Verfuche, durch eine Befteuerung des Vergnügens Induftrie und Unterricht zu fördern. Bis auf den heutigen Tag wurde die Anftalt ihrer Aufgabe, die Buchdruckerei zu vervollkommnen, in fortfchreitender Weife gerecht. Sie befteht gegenwärtig aus vier Abtheilungen, der Buchdruckerei, der Schriftgiefserei, der Lithographie und der Spielkarten- Fabrik, befchäftigte im Jahre 1871, bis wohin die ftatiftifchen Ausweife, reichen gegen 300 Arbeiter und erhielt fich fpäter auch, nachdem im Jahre 1861 das Spielkarten- Monopol gefallen war, aus eigenen Mitteln. Der Einfluss auf die Literatur war natürlich in fpäteren Zeiten ein wefentlich indirecter, doch erfcheinen bis zum heutigen Tage im Verlage der Anftalt felbft hiftorifche und lexikalifche Werke, die namentlich in Anbetracht des Quellenmateriales, das ihnen zu Grunde liegt, von Bedeutung für die Wiffenfchaft find. Didaskalifche Werke hatten Brida, Holland und Semion in Liffabon ausgeftellt, induftrielle Schriften Pento in Liffabon und eine Statiftik der fehr ausgebreiteten, alle Fächer umfaffenden portugiefifchen Preffe lieferte Henrique Carvalho Proftes. Griechenland. Die geheiligte Culturftätte, auf welcher fich im Völkerleben zuerft in allen Gebieten des Denkens und Fühlens jene fchöne, freie Menfchlichkeit entwickelte, der wir die Grundlage unferer humaniftifchen Bildung verdanken, wurde erft in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhundertes etwa vor einem Säculum, nachdem fie Jahrhunderte lang chaotifchen politifchen Bewegungen preisgegeben war, wieder durch ein frifch emporftrebendes, nach Bildung und geiftigem Auffchwung ringendes Volksthum geweiht. Die Neugriechen, wenn auch nur zu fehr geringem Theile Abkömmlinge der alten Hellenen, beftrebten fich, die alten claffifchen Traditionen wieder zu beleben und die abendländifchen Hochfchulen, welchen die griechifche Jugend in Schaaren zuftrömte, geriethen in die Lage, einen Theil der Bildung, welche fie den alten Hellenen verdankten dem neu emporftrebenden Griechenland zurückzuerftatten. Es war urfprünglich freilich nur eine Treibhaus- Literatur, der wefentlich Ueberfetzungen als Nahrung dienen mussten, doch fanden fich allmälig auf dem Gebiete der naiven Volkpoefie, deren Erzeugniffe man ordnete und fammelte, ganz anfehnliche Schätze neugriechifchen Urfprungs vor; die eifrige Pflege der Gefchichte und Theologie an den neu gegründeten Schulen und Lyceen trug gute Früchte und das zunächft durch fremde Producte erweckte Bedürfnifs für Kunftpoefie hat, vereint mit den antikifirenden Beftrebungen, welche die grofsen althellenifchen Dichtungen wieder unter das Volk zu bringen fuchten, bereits manches beachtenswerthe Talent zur Production angeregt. Der Traum von einer galvanifchen Wiederbelebung des alten Hellas hat felbftverſtändlich nicht die geringfte Hoffnung auf Verwirklichung, aber zum mindeſten hat die Schwärmerei viel dazu beigetragen, ein Land, das zwifchen den Gefahren orientalifcher Ver3* 36 Alfred Klaar. weichlichung und füdflavifcher Verwahrlofung fchwebte, für die Cultur zurückzugewinnen. Wo die Literatur, wie in Neugriechenland, fich noch, in der früheften Jugend der Entwicklung befindet, ift die Ueberficht der Gefammtproduction wefentlich erleichtert, und fo ift denn diefes Land das einzige von allen auf der Weltausftellung vertretenen, welches den Verfuch unternahm, einen vollſtändigen Nachweis über die literarifchen Erzeugniffe vom Jahre 1868 bis 1872 inclufive zu bieten. Der betreffende Katalog ift über Einladung der Commiffion für Förderung der Nationalinduftrie in Griechenland von Demetrius A. Coromilas zufammengeftellt worden. Nach demfelben find in dem angeführten Zeitraume von fünf Jahren, der zwifchen der Parifer und der Wiener Weltausftellung liegt, abgefehen von den periodifchen Schriften, etwa 550 Bücher erſchienen, die fich nach Jahren und Literaturzweigen geordnet folgendermassen vertheilen: Im Jahre 1868 erfchienen im Ganzen IIO Bücher, wovon I der Bibliographie, 8 der Linguiftik( über griechifche und franzöfifche Sprache), II der Pädagogik, 4 der Theologie, 4 der Kirchengefchichte, 4 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 4 der Medicin, 2 den Naturwiffenfchaften, 8 der Gefchichte, 7 den Hilfswiffenfchaften der Gefchichte, 2 der Geographie, 3 der Archäologie, 3 den Künften und 3 der Technologie angehören. Die fchöne Literatur hatte in diefem Jahre 47 Producte aufzuweifen, darunter 15 Ueberfetzungen( 2 aus dem Altgriechifchen, I aus dem Lateinifchen, I aus dem Italienifchen, 5 aus dem Franzöfifchen, 2 aus dem Deutfchen und 2 aus dem Englifchen) und 42 neuhellenifche Originalwerke. Die Wahl der Werke zur Ueberfetzung hat mitunter das Intereffe der Curiofität; fo befchränkt fich beispielsweife die aus dem Deutfchen auf die beiden Werke„ Der gekrönte Tyrtäus" von König Ludwig I. von Baiern und Schiller's Luftfpiel„ Der Parafit". Unter den Originalwerken find die dramatifchen Producte verhältnifsmäfsig ftark vertreten, unter diefen wiederum die Comödien. Nicht unintereffant ift die Notiz, dafs fich Mavromichalis ohne Scheu vor Shakeſpeare des, Coriolan" Stoffes bemächtigt und ein Drama gefchrieben hat, das im Jänner 1868 auf dem Nationaltheater zu Athen mit Beifall gegeben wurde. Unter den theologifchen Werken fällt ein Buch von Zikos D. Roffy auf; es führt den Titel ,, Ueber die Einigung aller Religonen und aller Kirchen" und- der Verfaffer ift Profeffor der Theologie am Seminarium Rizari. Eine ähnliche liberale Tendenz fcheint indefs in der Literatur nicht durchgängig zu herrfchen und auch an zelotifchen Vertheidigern der Orthodoxie kein Mangel zu fein. Diefs geht aus einem Werke von Makrakis hervor, das den Titel führt ,, Die Freimaurerei, enthüllt nach ihren Urkunden, zur Schande derjenigen, welche diefe Plage in unfer Vaterland verpflanzt haben." Von periodifchen Zeitfchriften find im Jahre 1868: 10 herausgegeben worden. Im Jahre 1869 find 102 Bücher erfchienen, wovon I der Bibliographie, 13 der Pädagogik, 6 der Theologie, 3 der Kirchengefchichte, 8 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 5 der Medicin, 2 der Naturwiffenfchaften, 9 der Mathematik, 8 der Gefchichte, 5 der hiftorifchen Hilfswiffenfchaften, 5 der Geographie, I der Archäologie, 2 der Aeſthetik und I der Technologie angehören. Die fchöne Literatur wurde um 2 altgriechifche, 2 italienifche, 8 franzöfifche, I deutfches und 1 fkandinavifches Werk( Offian) und 14 neugriechifche Originalproducte bereichert. Unter den letzteren befindet fich ein zweiactiges Drama, in welchem Papayeoriou die Verurtheilung des Kaifers Maximilian von Mexico behandelt. Von periodifchen Zeitfchriften find auch in diefem Jahre zehn erfchienen. Die Anzahl der im Jahre 1870 erfchienenen Bücher beträgt 86, wovon I der Bibliographie, 4 der Linguiſtik( lateinifch, griechiſch und franzöfifch), 8 der Pädagogik, 5 der Theologie, 2 der Kirchengefchichte, 7 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 3 der Medicin, I der Naturwiffenfchaften, 4 der Mathematik, 9 der Gefchichte, 2 den hiftorifchen Hilfswiffenfchaften, graphie, I der Archäologie und 7 der Technologie angehören. Die fchöne Literatur wies I italienifches, 6 franzöfifche, I englifches( Lear von ShakeI der Geo Buchhandel und Literatur des Auslandes. 37 speare) und 22 neugriechifche Werke aus. Die Zahl der periodifchen Werke blieb unverändert. Im Jahre 1871 wurden 132 Bücher herausgegeben, wovon 5 der Linguiſtik, I der Philofophie, 14 der Pädagogik, 7 der Theologie, 17 der Gefchichte, 4 den gefchichtlichen Hilfswiffenfchaften, 6 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 6 der Medicin, 2 den Naturwiffenfchaften, 7 der Mathematik, 17 der Gefchichte, 3 der Archäologie und 6 der Technologie angehören. In der fchönen Literatur ergab fich ein Zuwachs von I lateinifchen, 4 italienifchen, 16 franzöfifchen und 28 neuhellenifchen Originalwerken, darunter ganze Reihen von Comödien von Phatzéas und Vlachos. Die Zahl der periodifchen Zeitfchriften hob fich auf 15. Im Jahre 1872 endlich wurden 122 Bücher edirt, wovon I der Bibliographie, 6 der Linguiftik, 3 der Philofophie, 18 der Pädagogik, II der Theologie, I der Kirchengefchichte, 24 den Rechts- und Staatswiffenfchaften, 4 der Medicin, II den Naturwiffenfchaften, 5 der Mathematik, 10 der Gefchichte, 9 den Hilfswiffenfchaften der Gefchichte, I der Archäologie, 2 der Aefthetik und 14 der Techno logie angehören. Die fchöne Literatur war durch 5 altgriechifche, 3 italienifche, 8 franzöfifche, I deutfches und durch 22 neugriechifche Originalwerke vertreten. Die Zahl der periodifchen Zeitfchriften hob fich auf 31. - - In der Ausftellung der übrigen Länder war unfer Gebiet entweder gar nicht oder doch nur durch kaum mafsgebende Einzelobjecte vertreten. In der Ausftellung der Türkei lagen in der Unterrichtsabtheilung 75 von Seiner Excellenz Marco Pachu, dem Director der medicinifchen Schule, ausgeftellte Werke auf, grofsentheils Ueberfetzungen, welche zum Gebrauche der an der genannten Schule vortragenden Affiftenten beftimmt find. In derfelben Abtheilung befanden fich naturhiftorifche Schriften von Dr. Abdullah Bey und eine Gefchichte und Geographie des ottomanifchen Reiches, ausgeftellt von Madame Furet, Vor-. fteherin der armenifchen Mädchenfchule in Ortakeu. In der vom öfterreichifchen Generalconful Ritter von Overbeck zufammengeftellten und eingebrachten Abtheilung der chinefifchen Ausftellung befand fich ausgeftellt von N. B. Denys ein Münzbuch, ein chinefifches Wörterbuch und ein Strafgefetzbuch. Unter der Aegide des egyptifchen Unterrichtsminifteriums, das fich durch die Gründung des Muſeums zu Cairo grofse Verdienfte um die Gefchichte des Landes und um die Culturgefchichte überhaupt erworben, waren Zeitfchriften und Werke über das egyptifche Unterrichtswefen und eine reichhaltige Sammlung egyptifcher Literaturwerke ausgeftellt. In der Ausftellung von Hawaii( Sandwichsinfeln) befanden fich nebft einem hawaii'fchen Wörterbuche die Mufterexemplare zweier politifcher Wochenjournale, von denen das eine officiell, das andere ,, unabhängig" ift. Beiläufig follen an diefer Stelle noch die„ Gefchichte der Vögel Neufeelands", eine ftreng wiffenfchaftliche, umfangreiche Arbeit von Walter Lawry Buller in Neufeeland( englifche Colonien), die, ethnographifchen Studien" von Sago in Guyana( franzöfifche Colonien) und das zweibändige Werk„ Befchreibung von Cochinchina" von Garnier in Cochinchina( franzöfifche Colonien) erwähnt werden. Fragen wir uns nach diefem kurzen Rundgange je durch die einzelnen Länder der manche bemerkenswerthe Wahrnehmung im Einzelnen, aber nirgends eine Ueberficht geftattet hat, nach den Bedingungen und Modalitäten einer glücklicheren Vertretung der Literatur in der Weltausftellung, fo werden wir finden, dafs der Buchhandel überhaupt nicht durch einzelne Exemplare, fondern einzig und allein durch ftatiftifche Nachweifungen dargestellt werden kann. Den Stand* Die wenigen Bücher, welche in die angeführten Materien nicht eingereiht find, finden fich in dem zu Grunde liegenden Katalog unter dem Titel„ Divers" aufgezählt und find grofsentheils Statuten und Jahresberichte. 4 83 Alfred Klaar. Buchhandel und Literatur des Auslandes. punkt einer literarifchen Beurtheilung der Verlagsobjecte müffen wir überhaupt bei Seite laffen, dafür bietet eine Ausftellung gerade den berufenen Kräften nicht die geringfte Gelegenheit, immerhin aber hat auch die materielle Seite des Buchhandels ihre hohe geiftige Bedeutung. Die Quantität der in einem Lande erzeugten Bücher, dann insbefondere die quantitative Vertretung der belletriftifchen und wiffenfchaftlichen Literatur und jedes einzelnen Zweiges in diefen Literaturen, die Art der Verbreitung, die Billigkeit der Ausgaben, der Werth und die Wahrung des geiftigen Eigenthums, Alles diefs find Momente, welche, auch abgefehen von dem fpeciellen Inhalt der Bücher, höchft bedeutfame Ausblicke auf die Cultur, die Neigungen und die Productionsfähigkeit einer Nation geftatten. Um nur ein Beiſpiel zu erwähnen, gibt es literarifche Erfcheinungen, welche nur eine Collectivbedeutung befitzen. Vom äfthetifchen Standpunkte find derartige Erzeugniffe rafch ein für allemal gekennzeichnet, dagegen gewinnen fie durch die Maffenhaftigkeit ihrer Auftre tung eine nicht zu unterfchätzende Culturbedeutung. Eine grofse Menge franzöfifcher. Romane ift fozufagen literarifch uniformirt und die literarifche Bedeutung diefer Hervorbringungen läfst fich in Kürze ein- für allemal feftftellen. Dagegen ift es von grofsem Intereffe, zu erfahren, wie ftark die Anzahl ähnlicher Bücher fei, in welcher Art fie der Menge zugeführt werden, wie lange fie fich auf dem Markte erhalten u. f. w. u. f. w., um darnach die Richtung, die Stärke und die Verbreitung der geiftigen Bedürfniffe zu beurtheilen. Ebenfo, verhält es fich mit zahlreichen Lehrbüchern, Sammelwerken, Lexiken oder mit jenen Werken berühmter Autoren( der Nationalclaffiker), über welche das endgiltige Urtheil bereits gefprochen ift, kurzum, nicht der geiftige Inhalt der Bücher als Culturträger, fondern ihre Erzeugung und Verbreitung als Culturmeffer können auf einer Ausftellung erfichtlich gemacht werden. Diefs gefchieht aber nicht durch die Schauftellung einzelner Bücher, welche höchftens einen Ueberblick der Buchbinderarbeiten und typographifchen Fortfchritte geftatten, fondern durch ftatiftifche Aufstellungen, Kataloge und Tabellen, welche einen fehr wichtigen Beitrag zur Gefchichte der Gegenwart bilden könnten. Der internationale Patentcongre fs. 39 d) weil durch die obligatorifche vollständige Publication der den Gegenstand des Patentes bildenden Erfindung die grofsen Opfer an Zeit und Geld, welche die technifche Durchführung anderenfalls der Induftrie aller Länder koftet, bedeutend vermindert werden; e) weil durch fie das Fabriksgeheimnifs, welches den gröfsten Feind des technifchen Fortfchrittes bildet, den Boden verliert; f) weil den Ländern, welche kein rationelles Patentwefen haben, dadurch grofser Nachtheil erwächft, dafs ihre talentvollen Kräfte fich Ländern zuwenden, in denen ihre Arbeit gefetzlichen Schutz findet; g) weil erfahrungsgemäfs der Patentinhaber am wirkfamften für fchnelle Einführung feiner Erfindung forgt. II. Ein wirkfames und nützliches Patentgefetz mufs folgende Grundlagen haben: a) Nur der Erfinder felbft oder fein Rechtsnachfolger kann ein Patent erlangen; b) dasfelbe darf dem Ausländer nicht verfagt werden; c) mit Rückficht hierauf ift eine vorläufige Prüfung geboten; d) ein Erfindungspatent mufs eine Dauer von 15 Jahren haben oder auf diefe Zeit ausgedehnt werden können; es mufs mit feiner Ertheilung eine vollständige, zur technifchen Anwendung der Erfindung befähigende Publication verbunden fein; f) die Koften der Patentertheilung müffen mäfsig fein, je doch mufs es durch eine fteigende Abgabenfcala in das Intereffe des Erfinders gelegt werden, ein nutzlofes Patent baldmöglichft fallen zu laffen; g) es mufs durch ein gutorganifirtes Patentamt Jedermann leicht gemacht werden, die Specification eines jeden Patentes zu erhalten, fowie zu erkennen, welche Patente noch in Kraft ftehen; h) die Nichtausübung einer Erfindung in einem Lande foll das Erlöfchen des Patentes nicht nach fich ziehen, wenn die patentirte Erfindung überhaupt einmal ausgeführt worden und es den Angehörigen des betreffenden Landes ermöglicht ift, die Erfindung zu erwerben und anzuwenden. Ausserdem empfiehlt der Congrefs: i) dafs gefetzliche Beftimmungen getroffen werden, nach welchen der Patentinhaber in folchen Fällen, in welchen das öffentliche Intereffe diefes verlangt, veranlafst werden kann, feine Erfindung gegen angemeffene Vergütung allen geeigneten Bewerbern zur Mitbenutzung zu überlaffen. Im Uebrigen und insbefondere rückfichtlich des bei Ertheilung von Patenten zu beobachtenden Verfahrens weift der Congrefs auf das englifche, amerikanifche und belgifche Patentgefetz, fowie auf den für Deutfchland vom Verein deutfcher Ingenieure ausgearbeiteten Patentgefetz- Entwurf als beachtenswerth hin. III. In Anbetracht der grofsen Ungleichheit der beftehenden Patentgefetzgebungen und in Anbetracht der veränderten internationalen Verkehrsbeziehungen der Jetztzeit liegt das 4 40 Dr. C. Th. Richter. Der internationale Patentcongrefs. Bedürfnifs für Reformen vor, und es ift dringend zu empfehlen, dafs die Regierungen fobald wie möglich eine internationale Verſtändigung über den Patentfchutz herbeizuführen fuchen. Schlufsrefolution. Der Congrefs ermächtigt das vorbereitende Comité, das in diefer erften Verfammlung begonnene Werk fortzufetzen und feinen Einfluss aufzubieten, dafs die angenommenen Grundfätze bekannt werden und zur praktifchen Geltung gelangen. Das Comité wird gleichfalls autorifirt, einen Austausch der Meinungen über den Gegenftand herbeizuführen, fowie Conferenzen unter den Freunden des Erfinderfchutzes von Zeit zu Zeit zu veranlaffen. Zu diefem Zwecke wird das vorbereitende Comité hiemit als ftändiges Executivcomité conftituirt, mit der Ermächtigung, Mitglieder zu co optiren, und Zeit und Ort für den nächften Congrefs zu beftimmen, falls ein folcher für die Förderung der erreichten Refultate zweckmäfsig erfcheinen follte. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6.) DIE SOCIAL- ÖKONOMISCHEN BILDUNGSMITTEL. Bericht von DR. CARL TH. RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Prag. Auf der Parifer Weltausftellung hatte man, durch die Kaiferin Eugenie angeregt und von Napoleon III mit Vorliebe unterſtützt, eine befondere Gruppe gebildet, um den Befuchern der Ausftellung jene Mittel und Einrichtungen zu zeigen, welche in überwiegender Weife, Bildung und Erziehung, Wohlfein und Zufriedenheit der arbeitenḍen Claffe befördern. Man hatte dafür Abtheilungen gebildet, für die Volksbibliotheken zur Unterweifung und Belehrung der Arbeiter, für die Möbel, Kleidungsftücke und Nahrungsmittel jeden Urfprunges, die fich durch Nützlichkeit und zugleich durch Wohlfeilheit auszeichnen. Dann wurden Mufter von Wohnungen und Häufern ausgeftellt, welche fich durch Wohlfeilheit und Zweckmäfsigkeit in Bezug auf Gefundheit und Wohlftand auszeichnen. Daran reihten fich endlich in felbftftändigen Claffen Producte aller Art, welche von felbftftändigen Handwerkern erzeugt waren, und Inftrumente und Verfahrungsweifen, welche für das felbftſtändige Handwerk eine befondere Bedeutung befitzen. In verfchiedenen anderen Abtheilungen fand man Einrichtungsgegenstände, Küchengeräthe und dergl., welche dem Leben des Arbeiters durch Sparfamkeit und Zweckmäfsigkeit dienen könnten. Diefes ganze Gebiet der Ausftellung vom Jahre 1867, wie es ein Verfuch war, hatte doch den günftigen Erfolg, dafs es in einer Zeit, in welcher die Wogen der fogenannten Arbeiterfrage faft in allen Ländern Europas ziemlich hoch gingen, den Befuchern der Ausftellung zeigte, was einerfeits durch Gemeinden, Vereine und zuletzt durch die Arbeitgeber für das Wohl der arbeitenden Claffen gefchehen könne und was anderfeits der Arbeiter felbft leiften und fchaffen kann und foll. Diefe Ausftellungsabtheilung war keineswegs vollkommen und das ganze Leben der arbeitenden Claffen berührend, aber fie ftrebte doch nach allen Gebieten und verfuchte für jedes einzelne Theile der Belehrung und Entwickelung und einzelne Behelfe für das Wohlfein und die Zufriedenheit der arbeitenden Claffen darzuftellen. Die Wiener Weltausftellung hat nun im Gegenfatze zu diefer vorhergegangenen Weltausftellung weder in einer felbftftändigen Gruppe, noch in irgend einer Section diefe Frage angeregt und dafür zur Betheiligung an der Ausftellung eingeladen. Kaum dafs in der letzten Abtheilung der 26. Gruppe mit einigen allgemeinen Schlagworten wie„ Fortbildung der Erwachſenen" oder„, Leiftungen der Vereine, welche die allgemeine und fachliche Ausbildung des Volkes zum Zwecke haben", des grofsen Gebietes der fogenannten focialen Frage gedacht I* 2 Dr. Carl Th. Richter. wurde. Die Ausstellung hatte übrigens doch Raum in einzelnen Gruppen und brachte, theils in der Gruppe 21: die nationale Hausinduftrie, theils in der Gruppe 19 das bürgerliche Wohnhaus mit feiner inneren Einrichtung und Ausfchmückung und endlich in der oben erwähnten letzten Abtheilung der Gruppe 26: Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen, einige Ausftellungsgegenstände, die wenigftens Zeugnifs gaben, dafs die einzelnen Ausfteller der Frage, die, wenn auch nicht mehr fo mächtig und alle Gemüther aufregend, fo doch immer noch von Bedeutung und dauernder Beachtung werth, gedachten. Wenn man übrigens im Vergleiche mit der Parifer Weltausftellung 1867 die Vollständigkeit der Wiener Weltausftellung behaupten will, fo kann man auch die Kleidungsftücke und Nahrungsmittel, die fich durch Nützlichkeit und Wohlfeilheit auszeichnen, als vertreten gewefen annehmen. Denn in der Gruppe IV. Nahrungs- und Genufsmittel als Erzeugniffe der Induftrie, kamen unter den Conferven, Extracten und Fleifchwaaren einzelne Ausftellungsgegenftände zur Befichtigung, welche zumeift für den Fleifchconfum der arbeitenden Claffen von befonderer Wichtigkeit find oder fein können. Der Referent über diefe Section der IV. Gruppe Carl Warhanek hat darauf hingewiefen. Was die Kleidungsftücke, die fich durch Wohlfeilheit und Billigkeit auszeichnen, anbelangt, fo hat die fogenannte Confection und die Ausstellung der Maffenproducte der Kleiderinduftrie genug Ausftellungsgegenstände gezeigt, die in ihrer Billigkeit und doch guten Qualität kaum mehr übertroffen werden können und faft dem geringften Einkommen zugänglich find. Durch die WirkwaarenInduftrie, wie fie Ludwig Glogau in feinem Berichte Gruppe V, Section 5 dargestellt hat, ift die Schafwolle und das warme und gefunde Wollkleid bis in die unbemittelten Kreife der Bevölkerung eingedrungen. Unter den Kautfchukwaaren haben wir ganze Anzüge, aus Kautfchukabfällen erzeugt, gefehen, welche feft und dauerhaft und zumeift geeignet find, bei befchmutzenden Arbeiten als Bekleidung zu dienen, und um den Preis von 3 fl. öfterreichifcher Währung verkäuflich find. J. Schnek berichtet des Weiteren darüber in feinem Berichte über Gruppe VI, Section 4. Diefs mufs man anerkennen, um wenigftens nicht zu glauben, dafs man die Frage der Erhaltung und des Wohlfeins der arbeitenden Claffen ganz vergeffen habe. Aber das grofse Ganze, wie es die Parifer Weltausftellung zur Darstellung zu bringen verfuchte, die Zuſammenfaffung aller diefer Elemente des Lebens war nicht vorhanden und als darauf ausdrücklich bezüglich waren nur wenige Ausftellungsgegenstände von wenigen Staaten gebracht worden. Ich glaube, dafs diefs doch einen ganz beftimmten Grund hat und es fei geftattet, mit einigen wenigen Worten darauf zu fprechen zu kommen. Es ift kein Menfchenalter her, wie man oft zu glauben fcheint, dafs die Frage nach dem Wohle der arbeitenden Volks claffen aufgeworfen wurde. Sie bewegt feit Jahrtaufenden die Menfchheit und tritt fcharf ausgeprägt in der Gefchichte des römifchen Reiches und der Gefchichte des Mittelalters hervor. Sie bildet einen Theil der Städtegefchichte Deutfchlands und oft ift uns in der Darftellung des Zunftlebens, der Anfäffigmachung u. f. w. die Spur der vorliegenden Frage erhalten. Sie tritt in neuer Geftalt mächtig auflodernd in den Bauernkriegen hervor und den ftädtifchen Kämpfen Nord- Deutfchlands und anderer Staaten. Sie findet in der franzöfifchen Revolutionszeit durch die Erklärung der Freiheit der Arbeit und des oft mifsbrauchten Rechtes auf Arbeit ihren erften Abfchlufs und spielt von da an hinüber in das politifche Leben, wo fich allmälig das Recht auf Arbeit in ein Recht auf politifche Rechte und es ift wohl nicht zu viel gefagt, oft auch als ein Recht auf Vorrechte ausbildet. In diefe Zeit fällt die ungeheure Entwicklung der europäiſchen Induftrie, der Uebergang der Arbeitskräfte zur allgemeinen Benützung der Dampfkraft, der regelmäfsigen und allmäligen Befriedigung der Bedürfniffe durch das Gewerbe zur Maffenproduction und zur Verarbeitung von koloffalen Mengen Rohftoffe zu Maffenproducten in Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 3 einzelnen Fabrikscentren; Aufhäufung von Arbeitskräften, Zufammendrängung derfelben an einzelnen Orten und in einzelnen zu ungeheurer Ausdehnung wachfenden Fabriken, Nothwendigkeit grofser Anlags- und Betriebscapitalien, um in der induftriellen Welt Stand zu halten, kurz Capitalswirthfchaft, der eigentlich wirthschaftliche Ausdruck der Dampfkraft und ihrer Benützung in der Induſtrie, welche ja nur die technifche Seite diefes Lebens bedeutet, ift das Kennzeichen der modernen Zeit. Die letzte Aeufserung derfelben ift der aus der Maffenproduction und den grofsen Betriebs- und Anlagscapitalien hervorgehende Capitalsgewinn, der nicht mehr als langfam erworbener Profit der Arbeit, fondern als wie fich felbft erzeugender Zins des Capitales und wie ohne Arbeit erworben, nur durch die Macht des Befitzes fich felbft fchaffend erfcheint. Da tritt die Frage auf, was in Mitte diefer Bewegung der Antheil der Arbeitsleiftung ift, die ja nicht mehr durch Selbftftändigkeit und Tüchtigkeit, fondern nur als dienftbares Element des Capitales, das heifst der Dampfmafchine fich bewähren kann. Die Antwort, die das Capital auf diefe Frage gab, war der Lohn, der Lohn, der fich einfach durch Nachfrage und Angebot ergibt, und als niederfter Lohn durch die Koften der Arbeit beftimmt wird. Dafs man in diefer Antwort zuerft allgemein, dann häufig und heute noch im Einzelnen zu weit ging und die Koften der Arbeit nach der äufserften Nothdurft des menfchlichen Lebens berechnete, gehört bereits der Gefchichte an. Man hat allmälig erkennen gelernt, dafs hohe Arbeitslöhne keineswegs immer die Production vertheuern, eben fo wenig als niedrige Arbeitslöhne fie ftets billiger machen. In Rufsland z. B. find ja, wie bekannt, die Nominalpreife der Arbeit billiger als überall in Europa und nichtsdeftoweniger ift die Gütererzeugung, z. B. die Eifenproduction dafelbft viel koftfpieliger als in England. Es mufste daher Jedermann einleuchten, dafs die lang gepredigte Nothwendigkeit, billige Arbeitslöhne zu behaupten, einmal keine wiffenfchaftliche Berechtigung hat, dafs die Höhe des Lohnes aber auch gar nicht von dem Willen der Menfchen, fondern von den wirthschaftlichen Verhältniffen überhaupt abhängt. Man hat in einer anderen Richtung die Billigkeit des Arbeitslohnes in der höchften Ausnützung der Arbeitskraft durch die faft übermenfchliche Vermehrung der Arbeitsftunden anzuftreben lange gefucht. Man lernte erft fpäter erkennen dafs ebenfo wenig als niedriger Arbeitslohn ein Zeichen billiger Production ift, ebenfo wenig eine geringere Zahl der Arbeitsftunden als unbedingte Veranlaffung geringerer Production betrachtet werden kann. Der ruffifche Feldarbeiter, um bei dem obigen Beiſpiel zu bleiben, beginnt im Sommer fchon zwifchen 2 und 3 Uhr Morgens feine Arbeit und beendigt fie um 9 Uhr Abends; trotzdem vollbringt ein englifcher Farmarbeiter in feiner zehnftündigen Arbeit das Arbeitsrefultat von zwei ruffifchen Arbeitern. Die Beiſpiele laffen fich fo ins Unendliche vermehren, fo dafs man allgemein annehmen kann, dafs mit der Verminderung der Arbeitszeit bei fonft tüchtiger fittlicher und wirthfchaftlicher Bildung nicht nur die Quantität, fondern auch die Qualität der Arbeit gefteigert wird. Die Erkenntnifs diefer Grundfätze brauchte lange Jahre, bis fie allgemein wurde, ebenfo wie die Erkenntnifs jener Grundfätze, die den Arbeiter in feinen Forderungen bei der oben angeregten Frage leiten follen. Von Anfang an war die Frage nach feinem Rechte in eine ganz eigenthümliche Geftalt gekommen, und politifche und fociale Verhältniffe drängten fie auf eine ganz merkwürdige Bahn. Wie follte dem Arbeiter auch die oben angeregte Idee feiner Stellung und feiner Berechtigung klar fein zumeift in Mitte des Capitales, das nur zur Geltung kam und der grofsen Induftrie, die fie entwickelte und von diefer felbft nicht begriffen wurde. In der Vernichtung des kleinen Gewerbes fah er durch das grofse Capital feine eigene Freiheit und Zukunft, indem er fie früher immer erreichen konnte, nicht nur begrenzt, fondern zerftört. Er fah fich als ewiger Diener der Mafchine, als Arbeiter in der Fabrik, um fein Leben betrogen. Und doch, je gröfser die Arbeitermaffen wurden, die fich an einem Orte, 4 Dr. Carl Th. Richter. in einem Etabliffement anhäuften und damit zu gleicher Zeit die Maffenproduction förderten, je mehr damit der grofse Induftrielle fich ausbildete, und gerade in der Zahl feiner Arbeiter und Mafchinen feine eigene Gröfse im wirthschaftlichen Leben ausdrückte, feinen Reichthum und feinen Gewinn dadurch bekundete, defto mehr wuchs im Arbeiter das Bewufstfein grofs, dafs er ja allein die Grundlage der wirthfchaftlichen Bedeutung der Unternehmung, die Quelle des Erwerbes und Gewinnes nicht für fich, denn er war mit dem Lohn" von vornherein abgefunden, fondern für den Gefchäftsherrn und Unternehmer fei. Er arbeitete und erzeugte die Güter, der Unternehmer war blofs Befitzer, Befitzer des Capitales, der Unternehmungskraft und darum allein, defshalb nur der Berechtigte für die Ernte des Gewinnes. Je mehr der Capitalsherr im Anfang diefer Bewegung auf den unrechten Boden. des Gedankens ftand, den auch die Wiffenfchaft damals vertrat, durch niedrige Löhne den Gewinn zu vermehren, defto mehr fpitzte und fchärfte fich die Gegnerfchaft zwifchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu. In dem Kampfe um Verbefferung der Lage des Arbeiters drängte diefer, bald auf politifchen Boden hinüber gerathend, bald dabei fociale Umwälzungen anftrebend, zu dem altchriftlichen Gedanken von der Unfruchtbarkeit des Capitales. Je mehr in der Noth die Sorge um neu zu erwerbende Rechte die Arbeiterclaffen erfafste und verdüfterte, defto berechtigter und natürlicher erfchien ein Gedanke, den im Jahrtaufend fchon wahre und falfche Volksfreunde, Religionslehrer und Reformatoren vertreten hatten, für den auch im XIX. Jahrhunderte reich begabte Männer eintraten, als der wahre Sporn zum Kampfe. Das Capital ift nichts als aufgehäufte Arbeit, Arbeit aber nur vom Arbeiter erzeugt, daher ihm, wenn er Capital nicht befitzt, widerrechtlich entzogen. Capital bildet fich nur durch Arbeit, der Arbeiter daher allein die wahre Quelle des Capitals, Capital wird nur durch Arbeit nutzbar und in feiner Menge wieder nur immer durch Arbeit vermehrt. Der Arbeiter ift daher immer und überall die. Quelle des Capitalbefitzes und der Capitalsvermehrung. In Wirklichkeit ftand aber diefen Schlüffen und Folgerungen der Arbeiter capitallos dem Capitalsbefitzer gegenüber, der befafs und den Befitz vermehrte, ohne zu arbeiten. Der Capitalsbefitzer ift daher, wie er durch unrechtes Gut zum Befitze kam, dauernd der Erbe fremden und ungerechten Gutes. Derjenige, der den berechtigten Anfpruch an den Gewinn hat, derjenige, der eben das Gut erzeugt, wird durch eine verhältnifsmässig geringe Abfchlagszahlung, durch den Lohn, abgefunden. Wenn der Lohn auch an fich nicht unrecht ift, fo ift er doch dauernd und überall für die Leiftung der Arbeit ungenügend und eben darum dennoch unrecht. Damit war von beiden Seiten die Grundlage jenes grofsen Kampfes gelegt, der das XIX. Jahrhundert bis in unfere Zeit herauf bewegt und den man, als er in die Gefellſchaft eingriff, mit dem kurzem Worte die ,, fociale Frage" nannte. Sie hat in diefem Titel allmälig nicht nur einen wirthfchaftlichen Inhalt, fondern auch und überwiegend einen politifchen. Das Jahr 1848 brachte ihn fehr fcharf zum Ausdruck und um den Namen eines Louis Blanc bewegt fich durch Jahre hindurch nach diefer Richtung hin die Gefchichte. In friedlicheren Zeiten und nach ihm, nahm Ferdinand Laffalle das gleiche Ziel für fein vielbewegtes Leben wieder auf. Die Zeit reifte auch allmälig die Gedanken, die wir fchon oben ausgedrückt haben und brachte Reformen für Capital und Arbeit, welche die ganze Frage zu löfen verfuchten. Nach der wirthfchaftlichen Entwicklung Europa's fchon, durch die vermehrte Nachfrage nach Gütern, die eine Nachfrage nach Arbeit erzeugte, durch die Entwicklung der Arbeit felbft und der Mafchine wurde die Qualität der Arbeiter von immer gröfserer Wichtigkeit und äufserte fich fortgefetzt im Steigen der Preiſe. Man fah, dafs die Arbeit ein Gut ift, wie das Capital, das durch beftimmte Gefetze beſtimmt geregelt wird. Die Löhne ftiegen in fortgefetzter Weife zuerft durch äufsere Bewegungen, welche die ungerechtfertigt niederen Löhne und defshalb ungerechten Preife der Arbeit befeitigten, dann aber durch die Natur des Gefetzes, dafs die fortfchreitende Gütervermehrung durch die Entwicklung der Güternachfrage nothwendig die Nachfrage nach Arbeit, als eine Lohnerhöhung geftatten Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 5 mufste, da diefer entſprechend das Angebot der Arbeit fich nicht gleich vermehrte. Der Capitalsgewinn wurde immer kleiner, der Arbeitsgewinn gerade in diefem Verhältnifs immer gröfser, Capital und Arbeit mufsten auf diefem Wege durch die Natur der Gefetze fchon fich friedlich und ausgleichend nähern. Neben diefer wirthfchaftlichen Aufklärung ging die fociale Entwicklung. Taufendfach verfchieden ift das, was man nach diefer Richung die fociale Frage nennt. Um den Namen eines Schulze- Delitzfch, um die fociale Inftitution der Rochedaler Pionniere bis zur hohen geiftigen Bewegung, welche heute noch die Frage des Ausgleiches von Arbeit und Capital als Ziel des Denkens und Strebens gefetzt hat, liegt eine grofse und reiche Gefchichte, die gleichfalls wie die Entwicklung der Theorie der Wirthschaftslehre die Erkenntnifs vertritt und allgemein zu machen fucht, dafs Arbeit und Capital zwei gleichberechtigte Kräfte des wirthschaftlichen Lebens find, denen gleichberechtigt nach dem Gefetze der Wiedererzeugung der Güter Zins- und Gewinnprämien zukommen. Unendliches ift in diefer Richtung im Laufe des XIX. Jahrhundertes gefchehen und zumeift die letzten zwanzig Jahre zeigen uns ein Bild, dafs wie eine neue Ordnung des wirthfchaftlichen Lebens aus dem Geifte bewährter Männer und aus der Entwicklung der Wiffenfchaft für jeden hervorgeht, der ohne Vorurtheil und böfen Willen der Gefchichte und ihren Thatfachen gerecht werden will. Auf der einen Seite hat die Concurrenz der Capitalien, an der fich allmälig ganz Europa betheiligte, die Uebermacht des einzelnen Capitals gebrochen und gezeigt, dafs der einft von vielen Seiten angefochtene Satz, dafs die Concurrenz und die Freiheit derfelben alle Ungleichheiten des Lebens ebnet und der Tüchtigkeit allein Recht gibt, denn doch eine grofse Wahrheit enthält. Mufste ja doch in diefer Strömung das Capital felbft zu jenem Mittel greifen, das man einft blofs den Arbeiter als mächtig wirkend und fegenbringend darftellte und das heute allein das Capital wirkfam erhält, zur Affociation, zur Actiengeſellſchaft. Und gerade an ihr konnte man leicht erkennen lernen und erkannte man auch, dafs das Capital niemals ungehindert fich vergröfsert und mit diefer feftgefetzten Vergröfserung auch den Gewinn fortgefetzt vergröfsert. Dann erkannte das Capital auch, dafs feine befte Wirksamkeit uur gewährt und erhalten wird, wenn die Arbeitskraft felbft im vollen Wohlfein und gerechten Erwerbe fich erhält. Daraus entſtehen die Summen jener Thatfachen, welche heute ichon als Refultate des Kampfes, den die Arbeiterfrage darftellt, anerkannt werden. Es ift diefs die Summe der verfchiedenen Vereine, bei welchen der Capitalsbefitzer theils materielle, theils geiftige Unterſtützung gewährt. Es ift diefs weiter die Summe jene Inftitutionen, welche die einzelnen Unternehmungen für die Entwicklung des Wohlfeins ihrer Arbeiter, theils gemeinfam, theils für das einzelne Unternehmen geltend gefchaffen haben. Wir meinen die Schiedsgerichte oder Arbeitergerichte, welche von Mundella zum grofsen Segen des Friedens zwifchen Arbeiter und Herren in England angeregt worden find und die auf dem Continent annäherungsweife nirgends noch ganz, theils gut, theils fchlecht nachgeahmt worden find. Wir meinen weiter, die Kranken- und Unterſtützungscaffen, die Penfions- und Witwen- Verforgungscaffen, die Errichtung von Arbeiter fchulen, öffentliche Vorträge, Bibliotheken und endlich eine der wichtigſten Inftitutionen, die Arbeiterwohnungen. Nicht eine Inftitution, die auf diefem Boden errichtet worden ift, und von diefen Kräften ift heute unerprobt oder, wenn einmal gefchaffen, wieder zu Grunde gegangen. Ein Zeichen, dafs fie gut find, dem richtigen Bedürfniffe richtig entfprechen. Alle, wie verfchieden fie auch geftaltet fein mögen, haben den einen wirth fchaftlichen Charakterzug, dafs fie jenen Theil, der im Güter- Erzeugungsproceffe niemals durch den Lohn dem Arbeiter abgetragen werden kann, ihm aber doch an der Gewinnbewilligung im Güterverkehr zukommen foll, nun auch wirklich zukommen laffen. Der Lohn ift ja immer und mufs wie der Preis des Rohftoffes von Vornherein ein ficherer Rechnungsfactor für die Unternehmung fein. Er wird daher nicht nach der 6 Dr. Carl Th. Richter. Leiftungstüchtigkeit im Werke beftimmt, fondern er gibt durch die äusseren Momente von Angebot und Nachfrage, wie wir fchon oben erwähnten und wie bekannt, fein niederftes Refultat. Jenes, ich möchte fagen, ethifche Moment aber deffen, was der Arbeiter wirklich gefchaffen hat, und was im Preife des Gutes dann hervortritt, ift im Lohn nicht enthalten. Wollten wir es kurz fagen, fo liefse fich das Ganze vielleicht ausdrücken in dem Satze, dafs der Lohn nur der einfache Rechnungs- oder Koftenpreis der Arbeit ift, aber nichts enthält von jener unbeftimmbaren und doch dem Arbeiter zuftehenden Gewinnquote, die man bei jeder wirthfchaftlichen Unternehmung, alfo auch bei der Arbeit in Rechnung fetzen mufs; das Capital trägt fie nun ab durch die Summe jener focialen Inftitutionen, welche, durch das Capital gefchaffen, dem Arbeiter zu Gute kommen. Auf der anderen Seite hat fich die fogenannte fociale Frage, vom Arbeiter felbft in der Löfung verfucht, in anderer Geftaltung ausgebildet. Ein einziges, Allen bekanntes Wort, bringt diefe Beftrebungen zum Ausdrucke die Selbsthilfe. Die vielgenannten Pionniere von Rochedal bildeten für ganz Europa das praktiſche Beiſpiel, Schulze- Delitzfch die Theorie des ganzen Gebietes, neben einer reichen, auch bald in den Thatfachen hervortretenden Thätigkeit. Die fchwachen Kräfte des Einzelnen follten fich einen mit jenen der Andern und fo eine Kraft bilden, welche das Kleine und Schwache durch die Verbindung mit Anderen gleichen und gleichftrebenden, die Genoffenfchaft, zu einer ficheren, fchützenden und weiter führenden Macht bilden. Auf allen Gebieten des Lebens follte diefe Genoffenfchaft durchgeführt werden, und wurde auch in mehr als 20jährigem Bemühen wirklich durchgeführt. Die Confumvereine follten die Erhaltung des täglichen Lebens billiger und beffer machen; fie erftrecken fich über alle menfchlichen Bedürfniffe, und erfcheinen als Vereine zur Befchaffung billiger und guter Lebensmittel, als Kleidervereine u. f. w.; fanden in den Rohftoff- Vereinen, den Vereinen zur Befchaffung billiger und guter Werkzeuge eine befondere Ausbildung für das kleine Gewerbe, an welche fich die Magazinsvereine und andere genoffenfchaftliche Unternehmungen anfchloffen. Die höchfte Ausbildung und nutzbarfte Verwendung fand der genoffenfchaftliche Gedanke in der Bildung der Creditvereine, welche fich heute über ganz Deutfchland ausdehnen, und in einem Central- Creditvereine vereinigt, deffen Anwalt Schulze Delitzfch ift, ihre gemeinfame Verbindung fanden. Auch in Oefterreich fanden diefe Inftitutionen Nachahmung. Zahlreiche andere genoffenfchaftliche Verbindungen, welche Leben und Sterben, die Kranken-, Penfions- und Altersverforgungs- Caffen, welche Witwen und Waifenthum, die Witwen Caffen, Waifenvereine u. f. w. als Ziel ihrer Sorge und Bemühungen zum Inhalte haben, wurden gefchaffen. Die wichtigfte Entwicklung hat neben den Spar- und Creditvereinen die Verbindung der Arbeiter zur genoffenfchaftlichen Production, die Productiv Genoffenfchaft, für längere Zeit vertreten. Aber es fcheint heute, als ob damit doch noch keineswegs der einft gehoffte, ficherfte Ausweg für die Löfung der fogenannten Arbeiterfrage gefunden worden wäre, wenigftens laufen von verfchiedenen Seiten aus Deutfchland in der letzten Zeit Nachrichten ein, von der Auflöfung früher gebildeter Productiv- Genoffenfchaften. So hat fich, um nur ein Beiſpiel, aber eines bei einem tüchtigen Stamme zu geben, in Württemberg, in dem Jahre 1871 die Zahl der Productiv- Genoffenfchaften nicht nur nicht vermehrt, fondern es haben fich die Schuhmacher und Schloffer Productivgenoffenfchaften in Stuttgart, die Harmoniumfabrik dafelbft, die Weberaffociation in Grofs Kifslingen aufgelöft. Möglich, dafs auch in anderen Theilen Deutſchlands ein gleich ungünftiger Erfolg erzielt wurde. Dabei ift es freilich wahr, dafs in Frankreich, wo die Productivgenoffenfchaften am früheften gegründet wurden, diefelben dauernd gedeihen. Gelingen und Mifslingen diefer Inftitutionen waren Veranlaffung zum Verfuche, andere Formen derfelben zu fchaffen, in welchen, um es kurz zu fagen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zufammenwirken, und durch die Betheiligung Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 7 der Arbeiter am Unternehmungsgewinn die Frage des Friedens zwifchen Arbeiter und Herrn, gelöft werden follte. 99 Wenn wir die ganze Reihe diefer Inftitutionen betrachten, fo ergibt fich unzweifelhaft eine Menge höchft ftattlicher Verfuche, welche die fo alte Frage zu löfen verfuchten. Es ift heute, als ob der Gedanke, der England feit Jahren beherrfcht, und den Thomas Braffey in feiner Schrift Work and Wages fchon ausgefprochen hat, heute allgemein geworden ift:„, The Work is too caft for any Government to undertake. It can only be accomplifhed by fe selfhelp, and felf facrifice of the whole nation". Mag alfo, wie wir diefs fchon früher, und in einem Berichte über die fociale Frage auf der Parifer Weltausftellung" an die Vierteljahresfchrift für Volkswirthschaft, Cultur und Gefchichte ( Berlin 1867) ausgefprochen haben, mag alfo der Reiche allen gerechten Forderungen fich geneigt zeigen, mag der Arbeiter durch Genügfamkeit, Bildung und Mäfsigkeit, fowie durch genaue Kenntnifs des Arbeitsmarktes zur Hebung feiner Lage beitragen. Es ift nicht die Aufgabe der Menfchheit, nur durch Kampf und Zerftörung fich zu entwickeln, fondern auch durch fügfames Anfchmiegen an das, was Zeit und Erfahrung als gut gereift haben. 99 Wir mufsten diefs vorausfchicken, weil es fcheint, als ob diefe Gedanken allmälig allgemein geworden feien. Zeigt fich doch auch in der eigenthümlichen Ruhe der beiden Parteien, welche wiffenfchaftlich am kräftigften die fogenannte fociale Frage durchgearbeitet haben, in den beiden Parteien der deutfchen Nationalökonomie, von denen die eine dem Gedanken Schulze- Delitzích' und der Selbsthilfe treu geblieben, die andere, welche den Namen der Kathederfocialift en als befonderes Kennzeichen fich zugezogen hat, und eine befondere Neigung zu einer, man mufs der Wahrheit gerecht werden, nur fogenannten Staatshilfe hat, es zeigt fich, dafs die ganze focialiftifche Bewegung in ein Stadium der Ruhe eingetreten ift, in welchem man gewiffermafsen den alten Errungenfchaften Zeit läfst, fich für die Dauer zu bewähren, und das ab und zu auftauchende Neue zu einer ftilleren Gährung zurückdrängt. Die Partei der deutfchen Nationalökonomen und ebenfo auch der englifchen, welche durch die Selbsthilfe die grofsen Fragen der Zeit zu löfen geftrebt haben, überlaffen die Gegenwart und hoffentlich auch die Zukunft der Wirkfamkeit diefer Gedanken! Die Partei der fogenannten Kathederfocialiften, welche in allen Ländern, zumeift auch in England Anhänger hat, und in Deutſchland durch hervorragende Perfönlichkeiten vertreten wird, hat den Gedanken der Staatshilfe, von jeher ein gefährliches Wort, feit einiger Zeit und zumeift im Octobercongrefs des Jahres 1873 dahin abgefchächt, dafs eigentlich die ganze Frage auf das Gebiet der Staatsverwaltung hinübergefchoben, und die berechtigte Reform zahlreicher wirthschaftlicher Gefetze wie der Fabriks- Gefetzgebung, der Bauordnungen, der Gefetze über die Schulpflicht u. f. w., die uns zum Theile aus längft vergangenen Tagen noch anhaften, als Ziel ihrer Beftrebungen ausgefprochen wurde. Ift es nun wirklich der Fall, dafs die Sicherheit der Ueberzeugung, dafs auch die Zeit und nicht blofs Wunfch und Wille der Menfchen die Organiſation der Gefellſchaft und Ordnung des wirthschaftlichen Lebens reifen mufs, immer mehr Platz greift, fo mag diefs auch der Grund fein, dafs die Wiener Weltausftellung wenig auf einzelnen Gebieten, gar nichts auf anderen Gebieten der Fragen, die wir hier zu betrachten haben, gebracht hat, und dafs es eigentlich dem Berichterftatter nur oblag, die Gründe diefes Mangels der Ausftellung in Kurzem und Allgemeinem darzulegen. Die Parifer Ausftellung hat das ganze Gebiet vielfach vollkommener erfchöpft, und fünf Jahre, die feither vorübergegangen find, machen wahrhaftig einen kurzen Zeitraum aus, um Neues und Epochemachendes zu fördern. Wir fahen daher auf der Wiener Weltausftellung weder eine felbftftändige Gruppe, noch eine felbftftändige Section dem Gebiete der fogenannten focialen Frage gewidmet. 8 Dr. Carl Th. Richter. Wir fanden die darauf bezüglichen Gegenftände, wie wir fchon früher fagten, zum Theile, aber nicht mit beftimmter Beziehung zu unferem Gegenftande in der Gruppe IV, zumeift Section 5, und der Gruppe V, Section 7, zum Theile auch, aber nur wenige Gegenftände berührend, unter den Arbeitsmafchinen Gruppe XIII, Section 2, und in dem Gebiete der Werkzeuge und Verfahrungsweifen für Maurer, Steinmetzer, Tifchler, Schloffer u. f. w. vertreten. Hieher nun, und in diefe Gruppe und Section gehören auch die einzelnen Arbeiterwohnungen und Arbeiterhäufer, welche zur Ausftellung gebracht wurden. Zur Gruppe XXVI gehört das Gebiet der Volksbibliotheken, jener Vereine, welche die allgemeine und fachliche Ausbildung des Volkes zum Zwecke haben, und auch das Vereinswefen mit anderen Zielen und Zwecken. So alfo ift das Gebiet, dem wir eine kurze Berichterftattung allein widmen können, zerriffen und zerftreut, unvollkommen und ohne jede befondere Abficht mit den Lebensrichtungen und Lebensbedürfniffen zufammengewürfelt gewefen. Wäre an irgend einer Stelle der Organifation der Weltausftellung, in irgend einem der Programme der einzelnen Gruppen eine beftimmte Abficht ausgedrückt worden, nach welcher man aber nicht mehr als etwas Befonderes und von dem grofsen Ganzen felbftftändig Ausgefchiedenes die hier berührte Frage angefehen wiffen wollte, fo könnte man dadurch allein fchon einen grofsen Fortfchritt anerkannt fehen, und der Wiener Weltausftellung das Recht einräumen für eine neue Zukunft der Anknüpfungspunkt gewefen zu fein. Mit der Abfchwächung der Standesunterfchiede, mit der Auflöfung aller Claffen und gefellſchaftlichen Abgrenzungen, wie fie unfere Zeit kennzeichnet, mit der gleichen Berechtigung, welche jedem Bürger des Staates vor dem Gefetze und im politifchen Leben eingeräumt ift, und mit dem Gedanken, dafs jede Arbeitskraft, wo immer und wie immer fie fich geltend machen will, dadurch nicht nur berechtigt, fondern allen anderen gleichberechtigt erfcheint, mit all' diefen Momenten unferes modernen Lebens ift jede Grenze, welche das eine oder das andere Gebiet, die eine oder die andere Bewegung oder Lebensfrage aus dem grofsen Ganzen ausfcheidet, längft befeitigt worden. Es gibt daher auch keine Arbeiterfrage mehr, die auf felbftftändigen Bahnen vorwärts dringt, es gibt nur eine folche in Mitte des ganzen übrigen Lebens, die wie diefes, in diefem und mit diefem allein vorwärts bewegt und zur Entwicklung gebracht werden kann. Wir fühlen es fo feit Langem und haben verfucht, in den früheren Andeutungen über die Beziehungen der Lohnfrage zum Capital es fchon auszudrücken, wir fühlen es feit Langem, dafs eine Intereffengemeinfchaft auch auf diefem Gebiete eingetreten, und der Theil des Lebens nur mit dem Ganzen, die einzelne Aeufserung nur in Mitte der gefammten Lebensbewegung zur Geltung gebracht werden kann. Wenn davon die Organiſation der Wiener Weltausftellung ein Bewufstfein gehabt hätte, und in diefem Geifte den einzelnen Theil unferes focialen Lebens mit dem Ganzen hätte verbinden wollen, dann könnte man, wie wir fchon fagten, einen Forfchritt darin erkennen. Wir zweifeln aber fehr, dafs diefs der Fall war, denn auch in den angedeuteten Gruppen, die in den officiellen Erläuterungen zur Gruppeneintheilung" oft bis ins weitefte Detail nach ihrem Inhalte aufgezählt und dargelegt werden, findet fich auch nicht ein Wort, das auf die Erkenntnifs des oben angedeuteten Gedankens fchliefsen liefse. Wir find daher auch nicht im Stande, mehr in der Berichterstattung zu thun, als die Weltausftellung wirklich felbft geboten und wollen in Kurzem der einzelnen Ausftellungsgegenstände, wie fie fehr dünn gefäet, und bald mit diefer, bald mit jener Gruppe vereinigt, zur Darftellung kamen, gedenken. Zur Orientirung erwähnen wir, dafs wir, als unferer Betrachtung angehörig, das Volksbibliotheks- Wefen hier einbeziehen, foweit es eben zur Darstellung kam, das Vereinswefen und endlich als das einzige, was eine befondere Darftellung gefunden hat, die Frage der Arbeiterhäufer und Arbeiterwohnungen und des Sparcaffawefens. Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 9 Die Volksbibliotheken. Wir folgen den Staaten in der Betrachtung, wie fie in der Induftriehalle aut einander folgten. Amerika hatte einige Kataloge feiner zahlreichen Bibliotheken, wie fie theils befonderen Vereinen, theils der Gefammtheit angehören, zur Ausftellung gebracht. Zu den erfteren zählen die fogenannten Mechanik- und mercantile Bibliotheks Gefellfchaften, von denen die New- Yorker Gefellſchaften, die Gefellſchaft zu Bofton, Brockfield, die Kataloge ihrer Bibliotheken ausgeftellt hatten, und in denen zumeift Schriften englifcher und amerikaniſcher Autoren und natürlich überwiegend technifchen Inhaltes vertreten find. Zu den zweiten zählen die Staatsbibliotheken von Wafchington, Wefton, Winchefter, Worchefter und die Bibliothek des Jünglingsvereines zu New- York, welche gleichfalls ihre Kataloge und einzelnen Werke zur Ausftellung gefchickt hatten. Der Charakter aller diefer Bibliotheken ift dadurch zur Genüge gekennzeichnet, dafs fie zumeift als öffentliche Bibliotheken anerkannt und allgemein zugänglich find. Sie enthalten englifche und amerikanifche, franzöfifche und deutfche Schriften hiftorifchen, geographifchen und fchönwiffenfchaftlichen Inhaltes. Die amerikaniſche Bibelgefellfchaft von New- York, die feit einem halben Jahrhundert gegründet, Taufende von Zweiggefellſchaften zählt und Millionen von Bibeln in allen Sprachen vertheilt hat, war auf der Ausstellung nur durch ihre Kataloge vertreten. Mit befonderer Beziehung auf das Leben der Arbeiter und die Bildung derfelben find die Handwerkervereins- Bibliotheken, von denen Lovell und Detrait die Kataloge derfelben zur Ausftellung gefchickt hatten. Mit hieher gehören die Kataloge der Athenäumsbibliotheken von Pittsfield und Weft- Newton mit Schriften, überwiegend der Technik, Mechanik und Chemie angehörend. England hat leider gar nichts zur Ausftellung gebracht, obgleich es das Land ift, in welchem das Volksbibliotheks- Wefen zuerft in ausgedehnter Weife beachtet wurde. Ebenfo find Leihbibliotheken und Lefezimmer über das ganze Land zerftreut und zumeift zur Benützung der Arbeiter von Gemeinden und Arbeitervereinen oder Vereinen, welche fich die Errichtung von Arbeiter- und Volksbibliotheken zur Aufgabe gefetzt haben, errichtet worden. Buchhändler und Verleger unterſtützen auf das Freigebigfte diefe Vereine, was wir zur Darnachachtung für die deutfchen und auch öfterreichifchen Verleger hier doch hervorheben müffen. Auch Frankreich, das auf der Parifer Weltausstellung eine grofsartige Sammlung der Kataloge der Bibliotheken für das Volk und für die Arbeiter ausgeftellt hatte, war nur in ganz einfeitiger Weife in Wien vertreten. Einige Statuten und Kataloge von Bibliotheken in Paris fanden fich vor; dann eine Denkfchrift von Louis Bég non über die in Thenuille gefchaffenen Einrichtungen zur För derung der Volkserziehung und Entwicklung des Gewerbefleifses und der Volkswirthfchaft, unter welchem die Bibliothek der Stadt eine befondere Stellung einnimmt. Gefchichtliche Schriften, Lehrbücher der Geographie, der Chemie und der Mathematik bilden einen Hauptbeftandtheil derfelben. Dann hatten fich die Bibelgefellſchaften von Paris eingefunden mit ihren Rechenfchaftsberichten und verfchiedenen Ausgaben der Bibel und des neuen Teftamentes, ftreng in Glaskäften verwahrt gewefen und felten zugänglich. Für den Vertrieb ihrer Schriften fanden die Gefellfchaften in Wien nur einen fehr ungünftigen Boden. Bei diefer geringen Betheiligung ift wenig über die Fortfchritte des Bibliothekwefens in Frankreich zu fagen. Und doch hat das Gefetz vom 1. Juli 1862, nach welchem jede Schule eine öffentliche Bibliothek errichten foll, ganz günftige Wirkungen für die Entwicklung des Volksbibliotheks- Wefens erzeugt. Auch die neben den Schulen gefchaffenen Volks- und Arbeiterbibliotheken, welche von den hervorragendften Perfönlichkeiten Frankreichs entweder geleitet oder wenig 10 Dr. Carl Th. Richter. ftens gefchützt werden, haben eine grofse Entwicklung erreicht. Wenn die Schulbibliotheken heute in Frankreich bei den 30.000 öffentlichen Schulen wenigftens bei einem Drittel eingeführt find, fo zählen Paris und die gröfseren Städte Frankreichs nach Hunderten ihre Arbeiter und Volksbibliotheken. Auch ift es bekannt, wie viel der Franzofe, zumeift von der rafch auftretenden Tagesliteratur lieft, und dafs gerade dadurch die Schriftfteller Frankreichs fo rafch populär werden. Es wäre daher gewifs höchft fchätzenswerth gewefen, wenn man von Frankreich eine Darftellung feines Volks- und Arbeiter- Bibliothekswefens, aber auch dabei der Benützung der Bibliotheken erhalten hätte. Wir meinen damit, diefs fei hier gleich erwähnt, keineswegs blofs die Angabe der Zahl der benützten Bücher, denn diefelbe hat nur einen verfchwindenden Werth. Wir meinen damit eine Statiſtik der Bücher und der Zahlen, nach denen man erkennt, wie oft gewiffe Bücher ausgeliehen und benützt worden find. Es ift gewifs charakteriftifch, dafs man nur felten in den Lefecabineten von Paris, die zu gleicher Zeit kleinere oder gröfsere Bibliotheken haben, in den letzten fechziger Jahren, alfo in einer Zeit, in welcher das napoleonifche Regiment die Gemüther fehr düfter ftimmte, dafs in diefer Zeit nur felten Thiers' franzöfifche Revolutionsgefchichte vorhanden und zu haben war. Und das wäre die Aufgabe einer Darftellung des allgemeinen Volksund Bildungswefens, fo weit es eben das Bibliothekswefen betrifft. Man mufs zeigen, welche Bücher und wie vielfach diefelben Bücher vom Volke begehrt werden. Nur dadurch läfst fich aus dem Bibliothekswefen ein richtiger Schlufs auf Verbreitung und Nutzen der Literatur ziehen. Wie weit die übrigen romanifchen Völker, Portugal, Spanien, Italien fich in diefem Gebiete feit den letzten Jahren entwickelt und hervorgethan haben, wiffen wir nicht. Die Ausftellung hat uns in Nichts darüber einen Auffchlufs gegeben. Bedeutend dagegen find feit den letzten Jahrzehnten die Fortfchritte des Volkes und Arbeiter- Bildungswefens in Schweden, und wenn es wahr ift, dafs das Verfchwinden des Branntwein- Trinkens mit der Verbreitung der Bildung in den niederen Volksclaffen gleichen Schritt hält, dann kann in der That die Verminderung der Branntwein- Production auf die Entwicklung des Volks Schulwefens und die Vermehrung der Volksbibliotheken zurückgeführt werden. In den fünfziger Jahren betrug die Zahl der Branntwein Brennereien in Schweden 4500 und betrug die gefammte Production mehr als 30 Millionen Kannen. In den fechziger Jahren war die Anzahl der Brennereien auf 4- bis 600 gefunken und betrug die Production kaum mehr als 14 Millionen Kannen. Diefs Verhältnifs ift heute noch geltend und, fagt die amtliche Statiſtik Schwedens, die Zahl der Verbrechen hat in dem nämlichen Verhältniffe abgenommen, wie der Branntweinverbrauch. ,, Das ift ein grofser, gefellfchaftlicher Vortheil." Eines der befonderen Lafter der nördlichen Länder hat fomit in Schweden an Boden verloren und wenn auch die fortgefetzte Erhöhung der Branntwein- Steuer und die Vergröfserung des Bierconfums den gröfsten Antheil an diefem günftigen Verhältniffe haben, fo hat doch die Verbreitung einer allgemeinen Bildung die Sittlichkeit des Verhältniffes und das zufriedene Ertragen desfelben fehr befördert. Es gibt in Schweden kaum zwei von je hundert Kindern, welche keinen Unterricht empfangen und wie eigenthümlich das Elementar- Unterrichtsfyftem zumeift in den nördlichen Theilen des Landes durch den wandernden Schullehrer, der von Flecken zu Flecken, von Haus zu Haus für einige Wochen feinen Unterricht ertheilt, auch fein mag, die Unterrichtsentwicklung ift doch in Schweden eine äufserft glückliche und günftige. Jedermann kann lefen und die Buchdrucker- Preffen find dauernd und vollauf befchäftigt. Im Verhältniffe zur Bevölkerung hat Schweden die meiſten Zeitungen. Es ift daher natürlich, dafs auch das Volks- Bibliothekswefen eine entsprechende Entwicklung erfahren hat, und fehr anmuthig und anziehend war die faubere Ausftellung einzelner Mufterwerke der fchwedifchen Schul- und Volksbibliotheken im fchwediſchen Schulhaus. Seit ungefähr fünfzehn Jahren hat man, die Nützlichkeit der Volksbibliotheken erkennend, folche in allen Gemeinden anzulegen begonnen " Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 11 und fleifsig in Anspruch genommen. Man hat es vor Allen den Prieſtern als Pflicht auferlegt, zur Gründung diefer Bibliothek anzuregen und zur Benützung derfelben aufzumuntern. Die Gemeinden gründen diefelben, Gefchenke unterſtützen fie und kleine Gebühren für die Benützung der einzelnen Bücher geben einen genügenden Fond, um alle Jahre neue Werke anfchaffen zu können. Befondere Vereinigungen literarifch gebildeter Männer geben von Zeit zu Zeit Anweifungen heraus, welche die beften Bücher enthalten, die die Volksbibliotheken anfchaffen follen. Eine folche Anvifning å Böcker Tjenliga för Sockenbibliothek", welche in dem fchwedifchen Schulhaufe auflag, zeigte uns, welche von den in Schweden feit den fechziger Jahren erfchienenen Schriften den Bibliotheken empfohlen worden find. Es find diefs religiöfe Schriften, unter denen Luther's Schriften und Thomas a Kempis eine befondere Stellung einnehmen. Hiftorifche Schriften, bei denen die fchwedifche, norwegifche und dänifche Gefchichte, dann auch die Gefchichte Deutſchlands, Mignet's Gefchichte Frankreichs befonders hervortreten, am reichften weiter Werke der Geographie und Naturgefchichte beachtet erfcheinen, und den Inhalt diefer vortrefflichen Anweifung bilden. Wir erwähnen derfelben fo ausführlich, weil hier ein nachahmungswürdiges Mufter der Unterſtützung des Volks- Bibliothekswefens gegeben ift. Die übrigen nordifchen Staaten haben fich nicht weiter an diefer Ausftellung betheiligt, ebenfowenig als leider Deutfchland. Wir fanden wohl in der deutfchen Abtheilung einzelne Vereinsftatute, die der Beachtung würdig noch fpäter erwähnt werden follen, welche einzelne Andeutungen von Volks- und Arbeiterbibliotheken enthalten. Etwas Ausführliches aber und das ArbeiterBildungswefen betreffend, haben wir nicht auffinden können. Wir bedauern aufrichtig, dafs auch O efterreich, ähnlich wie Deutſchland, nichts von feinen Volksbibliotheken und Bibliotheken der Vereine zur Anficht gebracht hat. Und doch ift in diefer Richtung viel gefchehen. Die zahlreichen Vereine, vor Allen die Bildungsvereine, zahlreiche andere Inftitute, wie das Mufeum für Kunft und Induftrie in Wien, der niederöfterreichifche Gewerbeverein, das deutfche Cafino, der deutfch- hiftorifche Verein u. f. w. in Prag haben öffentliche Bibliotheken, deren Benützung Jedermann zugänglich ift und die auch in der That zumeift von Gewerbetreibenden und Arbeitern benützt werden. Freilich wäre auch hier mit der blofsen Ausitellung der Kataloge der einzelnen Werke wenig gethan gewefen. Gerade bei einem aufftrebenden Staate, bei einem feit der conftitutionellen Verfaffung allgemein rege gewordenen Bildungsdrange wäre es wichtig, die Zahl der ausgeliehenen Bücher und die Art der meift benützten Werke kennen zu lernen. Weil wir von dem Zufammenhang der öffentlichen Bibliotheken, fo weit diefelben eben nicht fachwiffenfchaftliche find, Bibliotheken, die der Wiffenfchaft angehören und den Männern der Wiffenfchaft, weil wir von dem Zufammenhange der Bibliotheken mit der Gefammtentwicklung ausgehen, beachten wir nicht die Zahl der fogenannten öffentlichen Leihbibliotheken, die ein Gefchäft aus dem Bücherverleihen machen, und die in Oefterreich wie in Deutſchland eine ungeheuere Verbreitung haben; obgleich es auch hier gerade bei Oefterreich einen beftimmten Werth hätte, jene Bücher kennen zu lernen, welche am meiften von den verfchiedenen Gefellſchaftskreifen benützt werden. Nach den Erfahrungen, die wir gemacht, nach den einzelnen Notizen, die wir in einzelnen Städten Oefterreichs gefammelt, glauben wir, dafs man den Kopf fchütteln würde, wenn fie allgemein wären, und dafs man den Nutzen der Leihbibliotheken nicht befonders hoch anfchlagen würde. Wenn wir uns in der Ausftellung Oefterreichs umfahen, fo fanden wir blofs bei den einzelnen Eifenbahn- Gefellſchaften und der Donau- Dampffchifffahrts. Gefellſchaft die hier bezügliche Frage erörtert. Die gröfseren Transportgefellfchaften haben mit der Summe ihrer anderen focialen Inftitutionen auch das Bibliothekswefen gefördert und wenigftens in der Darstellung der einzelnen Etabliffements der Bibliotheken für ihre Arbeiter und Beamten gedacht. Wie in 12 Dr. Carl Th. Richter. der grofsen Mufterftadt Mühlhaufen der Erfolg der angelegten Bibliothek lange zweifelhaft war und in befter Weife fichergeftellt wurde, als andere fociale Inftitutionen, wie Arbeiterwohnungen, Penfionscaffen, Arbeiterfchulen u. f, w. eingerichtet wurden und fich bewährten, fo fcheint auch bei den Bibliotheken unferer Verkehrsanftalten, die übrigens alle auch noch fehr jung find und auf die Anregung, welche die Parifer Ausstellung 1867 gab, zurückgeführt werden können, der Erfolg noch keineswegs fichergeftellt zu fein. Nur die Donau- DampffchifffahrtsGefellſchaft erklärt in der Gefchichte ihrer Kohlenbergwerks- Colonie zu Fünfkirchen, auf welche wir noch oft zu fprechen kommen werden, und für deren ganze Erfcheinung und Bedeutung wir auf unfere Schrift ,, Oefterreichifche Pionniere", Berlin 1873, verweifen, die Donau- Dampffchifffahrts Gefellſchaft erklärt, dafs ihre im Jahre 1866 gegründete und heute beiläufig 1300 Bände zählende Arbeiterbibliothek fo benützt wird, dafs beiläufig jeder Band bei einer Bevölkerung von 2772 Seelen acht bis zehnmal im Jahre ausgeliehen werde. Die Schulkinder betheiligen fich an der Erhaltung des Bibliotheksfondes durch freiwillige wöchentliche Einzahlungen von I bis 2 Kreuzer. Kreuzer. Bei anderen Bibliotheken, wie bei der Arbeiterbibliothek der Südbahn wird eine Leihgebühr von 5 Kreuzer per Monat für das Ausleihen eines Buches bezahlt. Vereinswefen. Je fchwieriger das Leben in der Gefammtheit wird, defto ernſter wirken die Verhältniffe auf das Leben der Arbeiterclaffen und der niederen Volksclaffen überhaupt. Selten begreifen diefe Claffen den endemifchen Zufammenhang der entfernteren Elemente des modernen Lebens. Je gröfser die Einkommensbildungen find, je reicher durch die Entwicklung der einzelnen Zweige der Wirthfchaft die Menfchen werden, defto höher fteigen alle Preife. Je mehr Gold in Europa fich aufhäuft, defto fchwieriger wird es für die arbeitenden Claffen, das Leben zu unterhalten. Was der Arbeiter fchafft, erzeugt und verwandelt fich in Gold, was aber keineswegs den Hunger ftillen und den Durft löfchen kann. Es hat die Arbeiter Englands fehr erbittert, dafs oft fabelhafte Capitalien keine Verwendung finden können und fie haben geglaubt, dadurch allein ihre Lage zu verbeffern, wenn fie beffer, bezahlt werden. Aber in demfelben Mafse, als fich die Arbeitslöhne erhöhten und in England in allen Gewerben zugenommen haben, find alle Preife geftiegen und fteigen auch allenthalben bei den gleichen Verhältniffen. Die zunehmende Theuerung der Preife hat das fociale Problem fehr tief in das Bewufstfein der Völker gebracht. Man hat einft bei der Erkenntnifs der Noth die Bäckerläden geftürmt, und noch vor einem Jahre haben die Frauen in Schottland den Befchlufs gefafst, fo lange kein Fleifch zu kaufen, bis es billiger geworden ift. Auch die wirthschaftlichen Gelehrten kamen zu beftimmten Vorfchlägen und es ift bekannt, dafs in der Nothzeit des Jahres 1849 Prouthon behauptete, man könne die Noth der Arbeiter nur durch die Verminderung ihres Einkommens vermindern man müffe daher den Arbeitern um 25 Percent weniger Lohn geben, aber auch die Summe aller anderen Preife um gerade fo viel verringern. Nur dadurch kann man den Kaufwerth des Geldes felbft vermindern. Man ift feit Langem abgekommen, durch folche radicale Mittel Hilfe zu erreichen und hat fich gewöhnt, die Philo fophie des Elends zu ftudiren und auf den Grund der Sache einzugehen. haben hier nicht die Aufgabe, die Gefchichte der gefammten focialen Bewegung zu fchreiben. Es genügt die Bedeutung der einzelnen Fragen zu kennzeichnen. Vielleicht zieht man daraus für die Zukunft und zumeift für die Aufgabe der Ausftellungen Nutzen. Es ift freilich eine fchwierige Sache, aber es wäre auch unbedingt eine fehr lohnende Aufgabe, die Summe aller Behelfe darzuftellen, welche die Zeit, die Mühe und Sorge der Einzelnen, vor Allem aber das Vereinswefen gefchaffen hat, um Leben und Entwickelung der arbeiten den Claffen und . Wir Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 13 der Maffe der niederen Volkskreife zu leiten und zu befördern. Man könnte daraus einen Spiegel der Zeit bilden, ihrer beften Fortfchritte, ihres Glückes und ihres Elends. Die Wiener Weltausftellung hat auch auf diefem Gebiete nur wenig und das Wenige nur lückenhaft zur Darstellung gebracht. Wir wollen in dem Folgenden die Summe aller jener Inftitutionen kennzeichnen, welche, wie verfchieden fie untereinander find, doch das eine Ziel verfolgen, das wir oben gekennzeichnet haben. Nur die Frage der Arbeiterwohnungen und Arbeiterhäufer fcheiden wir hier aus und wollen im letzten Abfatze diefelbe felbftftändig behandeln. Hier hat die Ausftellung wenigftens annähernd Material geliefert. Amerika hat neben der Darftellung feiner wiffenfchaftlichen Organiſation auch die Organiſation feines wirthschaftlichen Erziehungs und Bildungswefens dargestellt. Von der Summe aller anderen Erziehungsbehelfe von feinen Schulen, von feinem ausgebildeten Vereinswefen, von der Thätigkeit feiner zahlreichen fördernden und unterſtützenden Gefellfchaften hat es uns nichts berichtet. Nur die amerikaniſche Bibelgefellſchaft von New York hat auch auf anderen Gebieten, als der Verbreitung der 22 Millionen Bibeln und der Millionen von Tractaten, einige Nachrichten über ihre fonftige Thätigkeit und der mit ihr in Verbindung ftehenden Gefellſchaften zukommen laffen. Das amerikaniſche Vereinsleben wird zum gröfsten Theile, zumeift was die Gründung von Schulen und Unterstützungsvereinen anbelangt, von den verfchiedenen Bibelgefellfchaften, den Gefellfchaften für innere Miffion" den„ Seemannsfreunden", den einzelnen Frauenvereinen und Frauenbewahr- Anftalten vertreten. So unterhält die Gefellfchaft für innere Miffion" in New- York an 900 Miffionäre, deren Sonntagsfchulen von 65.000 Kindern befucht werden. Ein anderer Miffionsverein wendet fich den Negern zu und hat an 500 Lehrer, die im Jahre 1868: 38.000 Schüler unterrichteten. Die Seemannsfreunde haben feit ihrem zehnjährigen Beftehen mehr als 100.000 Bücher zur Belehrung und fittlichen Befferung der Matrofen angefchafft und vertheilt. Die Einnahmen diefer Vereine find fehr bedeutend, wie zahlreich fie auch find. zieht fich mit ihnen neben den Schattenfeiten, an denen es der amerikanifchen Gefellſchaft nicht fehlt, ein vielfach verzweigtes Band eines werkthätigen Chriftenthums, das auf Heilung der moralifchen Gebrechen der Bevölkerung gerichtet ift und den eigentlichen Charakter der amerikanifchen Volksrepublik ausmacht. وو " Es England, das Mutterland der gefammten Vereinsorganifation, die Schöpferin der Confumvereine, der Productivgenoffenfchaft, der Einigungsämter u. f. w., hat fich mit gar nichts aus dem Leben feiner Arbeiterclaffen betheiligt. Möglich, dafs man glaubte, die Inftitutionen diefer Art find längft in der ganzen Welt bekannt, fie haben Bücher erzeugt, die eine Bibliothek bilden und unter ihren Autoren Männer aller Nationen haben, möglich, dafs man glaubte, es laffe fich für das ganze Gebiet nichts Neues zeigen und es ift die Zeit vorbei, in welcher man der Zukunft neue Bahnen zu fchaffen vermag, kurz nichts bot uns die Ausftellung und es ift nicht unfere Aufgabe zurückzukommen auf die taufend Mechanikinftitute, welche im Lande verzweigt find und von Taufenden von Arbeitern befucht werden, zurückzukommen auf die Confumvereine aller Art, wie fie jedes Städtchen in England befitzt, endlich auf die Productivgenoffenfchaften und auf die zahlreichen Gewerkvereine, welche Arbeit und Erwerb erleichtern und zu befördern trachten. Wünschenswerth wäre es freilich gewefen, wenn die Ausftellung Veranlaffung gegeben hätte, ein grofses Bild der Thätigkeit und Entwicklung Englands in diefer Richtung zu geben. Wichtig wäre es vor Allem gewefen, wenn die neueften Refultate der Einigungsämter, welche heute in Deutfchland und Oefterreich mit aller Haft angeftrebt werden, zur Darstellung gebracht worden wären. Wir müffen uns begnügen, auf die Literatur zu verweifen. Frankreich hat früher als andere Staaten auf dem Gebiete der Arbeiterfrage Manches geleiftet. Es hat zuerft die Productivgen offenfchaften eingeführt und damit gute Refultate erzielt. Auch auf der Ausftellung in Wien hat es mit 14 Dr. Carl Th. Richter. zahlreichen Statuten und Ausweifen der Vereine und Genoffenfchaften fich betheiligt. Neben den zahlreichen Statuten feiner gewerblichen Fachfchulen, die weit bekannt und die in allen gröfseren Städten Frankreichs eingerichtet find, neben feinen reichen, gut eingerichteten Zeichenfchulen, welche in Paris, in Nantes, Evreux, Rochefort fur mer, in Cinguantin, in Rouen, Vichy und in anderen Städten für Knaben und Mädchen eingerichtet find, und welche Frankreich mit einem Heere guter gewerblicher Zeichner ausrüften und in praktiſcher Ordnung für den Lehrling und ftrebfamen Arbeiter eingerichtet, ihre Unterrichtsftunden auf den Abend verlegt haben, neben diefen Inftituten waren durch ihre Statuten und Rechenfchaftsberichte noch vertreten, das ifraelitifche Confiftorium zu Paris, das auf Grund Rothfchild'fcher Stiftungen ein Waifenhaus, Krankenhaus und Afyl und ein Schutzhaus für ifraelitifche Mädchen, auf Grund von Stiftungen Bifchofheim's, eine Ausbildungsfchule für Mädchen und einem Schutzverein für Arbeite rinen verwaltet. Weiter erfchien die Gefellfchaft der Kinderfreunde aus Paris, welche zu ihrem Zwecke die Unterbringung armer Knaben in die Lehre hat. Dann haben zahlreiche Schutzvereine aus Paris, wie Schutzverein für Lehrlinge und in Fabriken arbeitende Kinder, die Schutzanftalt für junge Arbeiterinen in Paris, die Gefellfchaft für die Erziehung von Knaben der Arbeiterclaffe und zahlreiche Waifenanftalten aus Paris und anderen Städten Frankreichs ihre Rechenfchaftsberichte ausgeftellt, bei denen eben nur zu bedauern war, dafs die Berichte verfchloffen und Niemand anwefend war, um Auskunft zu ertheilen. Wir müffen uns begnügen, die Exiftenz zu conftatiren. Beachtenswerth war die von Groult in Vitry fur Seine gegründete Waifenanftalt, in welcher die Kinder nach der Schule in den Werkstätten und der Fabrik allmälig herangezogen und zu Arbeitern ausgebildet werden. Der fchon während der Lehrzeit gewonnene Arbeitslohn deckt alle Auslagen für die Erziehung des Kindes. Ueberhaupt haben die Waifenhäufer, ob privat oder öffentlich, auf Stiftungsvermögen ruhend oder von den Gemeinden erhalten, eine grofse Aus- und Durchbildung für fich entwickelt und alle Con feffionen ebenfo wie die verfchiedenen Gefellſchaftskreife haben ihre befonderen Afyle und Waifenanftalten. Die franzöfifchen Arbeitervereine haben fich an der Ausftellung nicht betheiligt, was jedenfalls zu bedauern ift, da in Frankreich alle Arten von Arbeitergenoffenfchaften und Vereinen einen guten Boden gefunden haben. Es wäre ganz wichtig, bald zu erfahren, wie weit diefe Vereinigungen fich feit der Zeit entwickelt haben, als die Einmifchungen des napoleonifchen Regiment fich abfchwäch ten. Freilich ift es bekannt, dafs nur die polizeiliche Einmifchung dauernd Statt hatte, denn mit Stolz haben die Parifer Arbeiter jede materielle Unterſtützung von Seiten Napoleons, wie oft fie ihnen auch angetragen wurde, zurückgewiefen. Auch die franzöfifchen Induftriellen haben diefsmal nicht, wie im Jahre 1867 Bericht über die focialen Inftitutionen bei ihren Fabriken eingefchickt. Aber es ift bekannt und die Inftitutionen von Mühlhaufen, heute freilich Deutſchland angehörend, haben feit langen Jahren den Ruhm franzöfifcher Induftriellen und ihrer Sorge für die Arbeiter erhalten. Jedes grofse Etabliffement, wir erinnern nur an Schneider's Eifengewerke von Creuzot, jedes Etabliffement hat in Frankreich für feine Arbeiter Schulen, Krankencaffen, Penfionscaffen u. f. w. eingerichtet. Die hundertjährige Gleichheit der Bürger Frankreichs vor Recht und Gefetz, die Ausgleichung der gefellſchaftlichen Claffen, welche einen Standesunterfchied und am wenigften den zwifchen Arbeiter und Herren fchon lange nicht mehr kennt, hat diefe wohlthätige und fegensreiche Entwicklung unterftützt und befördert. Sicherlich kann nichts die gefellſchaftlichen Zuftände Frankreichs beffer beleuchten, als eine Gefchichte des Arbeiterftandes und feines Lebens und feiner Entwicklung. Wir können nur bedauern, dafs die Wiener Weltausstellung eine folche nicht gebracht hat, denn trotz aller focialen Politik, alles Socialismus bis zum Kathederfocialismus haben gerade wir auf diefem Gebiete noch viel zu lernen und viel zu vergeffen. Ebenfo wenig wie Frankreich vollftändig, hat Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 15 Belgien von feinen zahlreichen focialen Inftitutionen irgend Etwas zur Ausstellung gebracht und doch hat das Land, wie bekannt, die Summe aller Fragen der Entwicklung und des Wohlfeins der arbeitenden Claffen genau ftudirt und in die Praxis eingeführt. Auch die Schweiz hat uns nur mit einzelnen Statuten feiner Gefangsvereine und einzelner wiffenfchaftlicher gemeinnütziger Gefellſchaften ausgezeichnet. Dagegen hat Schweden eine Reihe von Berichten und Statuten, die durch den vorzüglichen Katalog in der vorzüglichften Weife erläutert waren, gefandt, aus denen wir erkennen, wie reich heute alle Anregungen des Lebens und der Wiffenfchaft in diefem Lande ihre Früchte reifen. Zumeift beziehen fich diefe feine Anftalten auf das weibliche Gefchlecht und die Entwicklung der Erwerbsfähigkeit desfelben. Es lagen auf die Statuten und der Bericht der weiblichen Volks- Hochfchule in Samuelsberg, welche, fo neu fie ift, denn fie wurde 1870 erft gegründet, doch einen gerade für uns Oefterreicher beherzigenswerthen Gedanken enthält. Was thun wir denn für die Entwicklung des weiblichen Gefchlechtes? Was haben wir gethan für die Schulbildung und literarifche Erziehung desfelben? Nichts, gar nichts! Kaum dafs die Privatthätigkeit, die Thätigkeit einzelner Vereine, auf die wir weiter unten zu fprechen kommen werden, die Fragen, welche fich hiebei aufwerfen, annähernd geprüft haben. Und in dem kleinen Schweden, mit etwas mehr als 4 Millionen Seelen, bei welchen freilich das weibliche Gefchlecht etwas überwiegend ift, fehen wir in dem oben genannten Inſtitute eine Schule, welche den Zweck hat, unter den Töchtern des Bauernftandes eine höhere Bildung zu verbreiten, gute Mütter und Erzieherinen aus ihnen zu bilden. Man lehrt fie Religion, die heimifche Sprache, Gefchichte und Geographie, Arithmetik und Geometrie, Buchführung, Naturlehre und Zeichnen. Zahlreiche Arbeits- und Nähfchulen für Kinder der ärmeren Claffe find über das Land verbreitet, in welchen unentgeltlich Unterricht im Spinnen, Weben, Nähen, Zeichnen, Stricken, Häkeln und Strohflechten ertheilt wird; zahlreiche Haushaltungs- Schulen, für deren Zwecke wir bei uns nicht einmal eine Unterrichtsftunde haben, erziehen dem Lande taugliche Dienftboten, gute Arbeiterinen, felbft Lehrerinen und endlich gute Hausfrauen. In Stockholm hat eine folche Anftalt 295 Mädchen in letzter Zeit Unterricht, Unterhalt und Pflege gegeben. Dazu kommen die fogenannten Kinderheine, welche gleichfalls ihre weiblichen Schützlinge zu Dienerinen ausbilden, dann die Flickfchulen, von denen in Stockholm allein 4 mit 16 freiwilligen Lehrerinen und die Sonntags- und Abendfchulen, in denen ärmere Kinder von den Töchtern der gebildeten Claffen unterrichtet werden. In Stockholm dürfte die Zahl der Lehrer und Lehrerinen an diefen Schulen 140 und die Zahl der Zöglinge 2000 betragen. Aus diefem guten, gemeinnützigen Körper fehen wir die tüchtigen weiblichen Lehrer und Künftler hervorgehen. Die„ Zeitfchrift für die Familie" ift von Damen redigirt, unter den Medailleuren ift eine Frau die gefchicktefte und bei der königlichen Münze in Stockholm angeftellt. Bei der königlichen Akademie der Wiffenfchaften leiten Frauen die einzelnen Abtheilungen, fo die zoologifche und geologifche Abtheilung, auch führen Frauen die Rechnungen der Akademie. Eilf Frauenzimmer find als Gehilfinen beim Zeichnen in der Anftalt für Kartenwerke in Stockholm befchäftigt. Als Organiften find 4, als Telegraphiften 168 und als Poft- Stationsvorsteher 38 Frauenzimmer im Staatsdienfte. Faft in allen Gewerben ift das weibliche Gefchlecht vertreten und es gibt weibliche Uhrmacher, Goldfchmiede, Buchbinder, Glafer, Drechsler u. f. w. Und wir quälen uns erft mit der Entfcheidung der Frage ab, ob das weibliche Gefchlecht zur Bildung und zur Wiffenfchaft berufen fei! Wir wiffen nicht, ob man für die gewerbliche Entwicklung Schulen errichten foll, und ob es nützlich fei, dem weiblichen Gefchlechte Erwerbsquellen zu eröffnen. Deutfchland, die Quelle des Socialismus nach feiner glücklichen, wiffenfchaftlichen und praktifchen Ausbildung hat wie in Paris 1867 auch in Wien 1873 für das ganze Gebiet unferer Betrachtung nichts geliefert. Wohl hat Deutfchland 2 16 Dr. Carl Th. Richter. zumeift durch Süddeutfchland einzelne Arbeiten der Frauenvereine zur Ausftellung gebracht, und wir können daraus wohl erkennen, dafs man nicht ganz vergeffen hat, die freilich auch in der Gruppenordnung nicht felbftftändig bedachte Frage zu vertreten. Aber diefe einzelnen Arbeiten, welche die württemberg'fche Commiffion für die gewerblichen Fortbildungsfchulen, von denen 50 in Württemberg beſtehen, die Arbeiten, welche der Vorftand des badifchen Frauenvereines und das Comité ähnlicher Vereine in Darmftadt zur Ausftellung gebracht haben, können wohl ein Bild geben, wie Unterricht und Erziehung wirkfam find. Keineswegs aber, wie diefe Anftalten organifirt und in welcher Weife ihre Benützung durchgeführt ift. Der Berliner Handwerkerverein unter dem Präfidium des bekannten Volksmannes Franz Dunker hat die Grundriffe feines Vereinshaufes, einige Zeichnungen der Schüler feiner Erziehungsanftalten und eine Sprachlehre mit einzelnen ausgewählten Lefeftücken vorgelegt. Dafs diefer Verein einer der älteften, gröfsten und nützlichften Vereine für die Entwicklung des Arbeiter ftandes ift, dafs diefer Verein zahlreiche andere gleiche Inftitutionen angeregt hat, dafs er ein einigendes Band ift für den tüchtigen und ftrebfamen Handwerker, das konnte man aus der Ausftellung nicht errathen. Bei diefer geringen Betheiligung kann man eben nur fagen, dafs man felten weifs, wie Ausftellungen der idealen Bildungsmittel, des geiftigen Lebens der Menfchheit durchgeführt werden follen. Wir können heute ganz beftimmte Antwort darauf geben, nachdem die additionelle Ausftellung der Frauenarbeiten, wie fie Oefterreich muftergiltig dargestellt hat, praktiſch zeigte, wie folche Ausstellungen gemacht werden follen. Wir werden darauf gleich zurückkommen. Bei der Grofsartigkeit einzelner focialer Inftitutionen fragen wir uns aber, wo denn jene Ausftellungsgegenstände geblieben find, die fchon in Paris 1867 fo viel Aufmerkfamkeit erregten, die als ein grofses Ganzes einer Arbeiterftadt auch leicht und höchft intereffant hätte dargeftellt werden können. Wir meinen die Arbeiterftadt Mühlhaufen. Zwifchen Mühlhaufen und Alternach an den beiden Ufern des Canales um die Stadt, in unmittelbarer Nähe der Fabriken liegt jene von Blumen und Bäumen gefchmückte Arbeiterftadt, in der fich, ein Zeichen deutfchen Geiftes, trotzdem die ganze Anlage unter dem napoleonifchen Regiment gefchaffen worden ift, in der fich Bäder und Wafcheinrichtungen, Bäckereien und auf den Grundfätzen der Confumvereine errichtete Verkaufslocale, die Bibliothek, eine vorzügliche Kinderbewahr- Anftalt von den Frauen der Fabrikanten geleitet, eine Garküche für die unverheirateten Arbeiter, ein Hofpital, ein Invalidenhaus u. f. w. befindet. Nichts von Alledem war zu fehen. In ähnlicher Weife hat es O efterreich gehalten und nicht ein Statut, nicht eine gemeinnützige Anftalt, nicht einen Verein oder eine Genoffenfchaft konnten wir auffinden. Nur die Kindergärten waren mit einzelnen Statuten, einzelnen Spielen und Arbeiten vertreten. So wenig wie in Deutfchland man die ftatiftifchen Berichte über die Entwicklung des Genoffenfchaftswefens von Schulze- Delitzsch finden konnte, fo wenig fand man in Oefterreich die vortreffliche Arbeit über das Genoffenfchaftswefen von Dr. John,( Prag 1870). Nur der allgemeine Beamtenverein, jenes grofse, Oefterreich ganz originell angehörige Werk, hatte feine Statuten und einen Rechenfchaftsbericht vorgelegt Wir können hier nur darauf verweifen, und müfsten ein Buch fchreiben, wollten wir die Bedeutung diefes grofsartigen, genoffenfchaftlichen Unternehmens des Weiteren kennzeichnen. Man musste die Unterrichtsabtheilungen verlaffen, die einzelnen Pavillons unferer grofsen Bahnen auffuchen, um zu wiffen, dafs in Oefterreich gar viel befteht, was Zeugnifs ablegt von der glücklichen Erkenntnifs, dafs das Wohl der unteren Volksclaffen insbefondere der Arbeiter die Grundlage für Wohlfein und Gedeihen der Wohlhabenden und Reichen ift. Es ift bekannt, dafs das grofse Etabliffement Johann Liebig& Comp. Vieles für feine Arbeiter gefchaffen hat durch Schulen, Kinderbewahr- Anftalten, vorzüglich eingerichtete Küchen- und Krankenpflege, wobei jedem Arbeiter während der Krankheit die Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 17 Hälfte des Lohnes fortgezahlt, die ärztliche Behandlung und die Verabreichung der Medicamente auf Koften des Arbeitgebers geleiftet wird. In ähnlicher Weife, ja viel bedeutender noch hat die beftrenommirte Firma Philipp Haas& Söhne bei ihren grofsen und weit verzweigten Fabriken durch Wohnungen, Kranken-, Penfions- und Aushilfs caffen für ihre Arbeiter geforgt. Wir hören diefs bei der Befichtigung der Ausftellung Liebig's, oder bei der Betrachtung der glanzvollen Ausstellung von Philipp Haas& Söhne. Zu fehen war freilich nirgends Etwas. Nur, wie bereits erwähnt, in den Pavillons unferer grofsen EifenbahnGefellſchaften war auf die vorliegende Frage Rückficht genommen. So hat die Südbahn ein Approvifionirungsmagazin für die Familien der untergeordneten Beamten und Diener eingerichtet, aus welchen diefelben Waaren aller Art zu niedrigeren Preifen, beiläufig 20 Percent niedriger als die gewöhnlichen Preife und in befter Qualität und mit zahlreichen Erleichterungen der Bezahlung beziehen können. Der jährliche Umfatz diefes Magazines beträgt heute 200.000 fl. Die Einkäufe werden auf Grund von Einfchreibebücheln beforgt, nach denen der Arbeiter feinen Bezug vom Lohne abzahlt oder beffer vom Abzuge vom Lohne deckt, der kleinere Beamte verpflichtet ift, fünf Tage nach Empfang feines Gehaltes feine Rechnung zu bezahlen. Aufserdem hat die Gefellſchaft ein Afyl gegründet, welches zugleich als Kinderfpital benützt werden kann. Eine Schule, nach den neueften Plänen erbaut und reichlich mit allen Hilfsmitteln verfehen, gewährt nach drei Claffen Knaben und Mädchen vom 6. bis zum 14. Lebensjahre Unterricht. 250 Kinder haben feit den letzten zwei Jahren Unterricht genoffen. Diefes Afyl und Schulhaus ift mit der Arbeitercolonie und der Haupt- Werkstätte in Marburg, wo beiläufig 1000 Arbeiter befchäftigt werden, verbunden. Auch in Meidling bei Wien ift in neuerer Zeit ein Afyl zur unentgeltlichen Aufnahme von Kindern im Alter von zwei bis fieben Jahren errichtet worden. Es befteht daneben auch eine Kranken- und Unterstützungscaffa, welche die Gefellſchaft reichlich dotirt und eine befonders geordnete Krankenpflege, welche von barmherzigen Schweſtern geleitet wird. Diefelben leiten auch das Afyl und die damit verbundene Schule für gröfsere, bereits fchulpflichtige Mädchen. Die Arbeiten diefer Schule werden verkauft und der Erlös den betreffenden Mädchen in der Sparcaffa fruchtbringend angelegt. Die Gefellfchaft wird nun auch einen Invaliden- Penfionsfond und eine Witwen- und Waifen- Unterſtützungscaffa für Werkstätten- Arbeiter, bei welcher der Fond durch eine dreipercentige Einzahlung jedes Profeffioniften von dem Lohne desfelben und durch eine Prämienbildung, welche die Gefellſchaft im Betrage von 6000 fl. zahlt, gebildet wird, ins Leben rufen. In ähnlicher Weife hat die öfterreichifche Nordweftbahn für ihren Beamtenkörper geforgt. Er befteht aus 6000 Köpfen und bietet gewifs fchöne Aufgaben für die Sorge der Direction. Wir laffen die einzelnen Anftalten in kurzer Befchreibung folgen. Das Penfionsinftitut der Gefellfchaft fichert jedem Bedienfteten gleich bei feinem Dienftantritte für den Fall feiner fofortigen definitiven Anftellung oder fobald er eine folche nachträglich erlangen follte, unter den im Penfionsftatute aufgeführten, mit der gröfstmöglichften Milde interpretirten Bedingungen, Jahrespenfionen und Unterſtützungen zu. Der unter der Controle eines Comités aus gewählten Mitgliedern der Penfionsberechtigten der Bahn verwaltete Penfionsfond beftand nach dem Jahresabfchluffe für 1872 aus 262.280 fl. 24 kr. Um den Bahnbedienfteten in Erkrankungs- und Verletzungsfällen durch Beifchaffung unentgeltlicher ärztlicher Hilfe, durch unentgeltliche Verabreichung von Medicamenten und chirurgifchen Apparaten, dann durch Behändigung von baaren Geldbeträgen Unterſtützung zu gewähren, wurde weiters ein Krankenunterstützungs Inftitut errichtet, deffen Einkünfte aus den in den diefsbezüglichen Statuten, welche auch über den Gefammtorganismus diefes Inftitutes Auskunft geben, näher fpecificirten Einnahmspoften beftehen. * 2* 18 Dr. Carl Th. Richter. Die wohlthätigen Intentionen desfelben werden in immer weiteren Kreifen des Beamtenkörpers gewürdigt; Zeuge deffen der fchon in namhafter Anzahl erfolgte Beitritt von freiwilligen Mitgliedern. Ende 1872 betrugen für beide Bahnen: das Vermögen des Kranken- Unterſtützungsfondes 41.295 fi. 59 kr.; die Einnahmen des Inftitutes im Jahre 1872: 45-392 fl. 71 kr.; die Ausgaben 29.596 fl. 67 kr. Zur gegenfeitigen Unterſtützung bei Todesfällen hatte fich bereits im Jahre 1867 und zwar aus felbfteigener Initiative aus Bedienfteten der Süd- norddeutfchen Verbindungsbahn ein Sterbecaffen- Verein gebildet, welcher fich fchon über das gefammte Bahnnetz ausgebreitet hat. Derfelbe verfolgt den Zweck, beim Ableben eines Mitgliedes feinen Hinterbliebenen zur Beftreitung der durch diefen Todesfall auflaufenden höheren aufsergewöhnlichen Auslagen eine Unterftützung zu gewähren. Diefer Verein zählte im Jahre 1872: 1469 Mitglieder bei einer Gefammteinnahme von 2900 fl. und hat während der Dauer feines Beftandes nahezu Hundert Familien unterstützt. Der Spar, Vorfchufs- und Affecuranzfond„ Grofs- Rittershaufen" befteht, um feinen Mitgliedern durch Uebernahme verzinslicher Einlagen Gelegenheit zur Anlage von Erfparniffen zu bieten; denfelben durch Verwendung der disponiblen Fonds Vorfchüffe zu ertheilen; ihnen Lebensversicherungen bei vertrauenswürdigen Affecuranzgefellſchaften zu vermitteln und die Leiftung der Prämien möglichft zu erleichtern; die Rechte feiner Mitglieder gegen die betreffenden Affecuranzgefellſchaften zu vertreten. Mit Schlufs des Jahres 1872 nun fafste diefer Verein eine Mitgliederzahl von 1073 Köpfen mit einem verficherten Capitale von 1,048.470 fl. 1 kr., wofür 26.791 fl. 28 kr. an Prämien erlegt wurden. Für Todesfälle der Jahre 1871 und 1872 wurde an verficherten Capitalien der Betrag von 23.000 fl. ausbezahlt. Der höchfte der ertheilten Vorfchüffe betrug 1600 fl., der kleinfte 20 fl., und repräfentirte das durch Ertheilung von Vorfchüffen vom Fonde erworbene Vermögen mit Ende 1872 den Betrag von 14.613 fl. 58 kr. Im Solche Inftitutionen find auch bei den anderen Eifenbahn- Gefellſchaften eingeführt, fo bei der Staatsbahn, der Nordbahn und Elifabethbahn. Auch die Donau Dampffchifffahrts- Gefellſchaft, die erfte in Oefterreich als Mufter für alle anderen ähnlichen Inftitutionen, hat in der Kohlen- Bergwerks Colonie zu Fünfkirchen, ebenfo wie in Peft- Ofen bei der gröfsten Schiffswerfte des Continentes zahlreiche fociale Inftitutionen ins Leben gerufen und man konnte darüber in dem fchönen Pavillon der Gefellfchaft belehrende Auskunft erhalten. Jahre 1857 gründete die Bergverwaltung zu Fünfkirchen ein grofses Waarenmagazin und richtete dasfelbe nach den Ideen der Confumvereine ein. Die Colonie verzehrte damals 6000 Centner Meh!, wonach man leicht die übrigen Bedürfniffe meffen und den Gewinn des Waarenmagazins berechnen kann. Im Jahre 1871 wurden 9269 Centner Mehl, 456 Centner Speck, 315 Centner Fett, 123 Centner Seife f. w. confumirt. Bei einer Bevölkerung von 2772 Seelen! Das Confummagazin erzielte damit einen Umfatz von 160.000 fl. und war im Stande, an die Mitglieder nach Abzug von 5 Percent für gemeinnützige Zwecke 7 Percent des durchfchnittlichen Faffungsbetrages, alfo 11.136 fl., zu vertheilen. Mit dem Gewinnfte aus dem Magazin hat fich die Arbeiterbevölkerung eine Kirche erbaut, deren Pfarrer die Gefellſchaft wieder unterhält, dann wurde eine Kleinkinder- Bewahranftalt gefchaffen und in Verbindung wieder mit der Gefellfchaft eine Schule, die befte jedenfalls in ganz Ungarn, nach ihrem Baue und nach ihrer Einrichtung, welche 19.000 fl. gekoftet hat. Die Gefellfchaft felbft baute ein Spital mit 40 Betten, einer Apotheke, einem Secirzimmer und einer Wohnung für den Krankenwärter. Die Einrichtung hat die Bruderlade beforgt, ebenfo wie diefe ein Vergnügungslocal mit Gefellſchaftsräumen gegründet und endlich im Jahre 1870 und 1871 eine viergängige Dampfmühle, welche die Colonie in der Nacht durch eine 900 Klafter lange Wafferleitung mit Waffer verforgt und am Tage Mehl für die Colonie und Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 19 Umgebung erzeugt. Diefe Dampfmühle ift bei Tagesarbeit allein im Stande, per Jahr mehr als 20.000 Centner Mehl zu liefern. Ferne von der grofsen Culturftrafse unferes heutigen Lebens hat deutfche Arbeit diefes fchöne Werk gefchaffen, welches uns in der That überhebt, in der Fremde nach Beifpielen zu fuchen für die focialiftifche Bewegung und deren Hilfsmittel für das Wohl der einzelnen Volksclaffen. Wir kommen bei der Betrachtung der Arbeiterhäufer noch auf die Gefellſchaft zurück und wollen am Schluffe noch der fchon einmal erwähnten Frauen- Erwerbvereine, die in fo rühmlicher Weife den Pavillon der Frauenarbeiten mit einer höchft bedeutenden Ausftellung gefchmückt haben, gedenken. Seit längeren Jahren bewegt die Frage der Erziehung des weiblichen Gefchlechtes und der Entwicklung der Erwerbsfähigkeit desfelben einzelne ftreb fame Männer der Wiffenfchaft und hochbegabte Frauenkreife. Die Regierung felbft hat nach diefer Richtung wenig oder eigentlich nichts gethan. Die Gemeinden haben fich bemüht, die Volks und Bürgerfchule durch die Töchterfchulen zu entwickeln, einzelne Klöfter haben durch ihre Schulen, zum grofsen Theile auf praktifche Ziele gerichtet, die Entwicklung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes ins Auge gefafst. Bei den Gefängniffen für weibliche Sträflinge hat man defsgleichen die Befferung derfelben durch Arbeit ins Auge gefafst und fucht durch wirthschaftliche Erziehung die Liebe zur Arbeit und zum geordneten und regelmässigen Erwerbe zu entwickeln. Alle diefe Anftalten mit dem ganzen Schwarm der fchlechten und fchlechteren Privatanftalten, welche das wenig bebaute und von der Regierung ganz vernachläffigte Feld der weiblichen Erziehung und höheren wirthschaftlichen wie wiffenfchaftlichen Ausbildung ausbeuten, fie haben fich an der Ausftellung der weiblichen Arbeiten mit wahren und trügerifchen Leiftungen betheiligt und damit verfucht, ein Zeugnifs zu geben von der Bildungsund Arbeitstüchtigkeit des weiblichen Gefchlechtes in Oefterreich. Mit wahrem Glanze traten an die Spitze diefer Ausftellung die beiden grofsen Frauen- Erwerbvereine von Wien und Prag, von denen die Vereinsmitglieder des erfteren, die umfichtige Frau von Schrötter, die thatkräftige und fleifsige Priska von Hohenbruck. die gelehrte Doctorsgattin Endres und A. Koppel es übernommen hatten, die Ausftellung der Frauenarbeiten zu ordnen und zu leiten. In der Grenze unferes Berichtes bleibend, haben wir uns nicht um die einzelnen ausgestellten Arbeiten zu kümmern und verweifen dafür auf den Bericht von Baronin Roditzky. Uns kümmert nur der Verein felbft, die Organiſation desfelben und feine Bedeutung. Der Wiener Frauenerwerb- Verem, im Jahre 1865 gegründet, verfügt heute durch Mitgliederbeiträge, Sammlungen und Gefchenke über ein fehr bedeutendes Capital und dürfte demnächft in fein eigenes Haus,„ den Frauen und der Frauenarbeit gewidmet", einziehen. Er hat heute eine grofse Handelsfchule, welche von 77 Schülerinen, eine Vorbereitungsfchule, die von 18, eine Zeichnenfchule, die von 81, eine grofse Arbeitsfchule für weibliche Handarbeiterinen, die in Summa 1872 von 409 Schülerinen befucht wurde. Ein Telegraphencurs hat feit den letzten zwei Jahren 79 Schülerinen gehabt. Die gefchäftliche Seite des Vereines wird theils durch die Uebernahme von Arbeiten, theils durch felbftftändige Arbeiten der Schülerinen, die in einem befonderen Gefchäftslocale in Vertrieb gebracht werden, vertreten. Im Jahre 1872 belief fich das Vermögen des Vereines auf 16.650 fl. 75 kr., die Ausgaben nur auf 8526 fl. 13 kr. Das iſt eine Organi fation, welche von dem Prager Frauenerwerb- Verein, der keine fo reichen Mittel hat, angeftrebt wird und in kleinerem Mafsftabe auch erreicht ift, von keinem anderen ähnlichen Inftitute in ganz Deutfchland auch nur annähernd erreicht wird. Sie fteht mitten im praktifchen Leben und hält die idealen Ziele der wiffenfchaftlichen Ausbildung feft im Auge. Der Prager Frauenerwerb- Verein im Jahre 1869 gegründet, vertritt alle Richtungen, Schulen und gefchäftlichen Abfichten, wie der Wiener Frauenerwerb- Verein. Nur ift er, den kleineren Verhältniffen der deutfchen Bevölkerung entsprechend, der Zahl der Schülerinen nach und feinen Mitteln kleiner und begrenzter. Die Handelsfchule mit dem Vorbereitungscurs zählte 20 Dr. Carl Th. Richter. 1872: 80 Schülerinen, die Arbeitsfchulen zufammen 146. Die Ausgaben betrugen 3370 fl. Das Vermögen betrug 8322 fl. 26 kr. Diefe Vereine nun haben, von dem Wiener Frauenerwerb- Verein geleitet, eine fo vorzügliche Ausftellung durchgeführt, dafs man an ihr lernen konnte, wie Ausftellungen von Vereinen gemacht werden follen. Der Unterricht in den Schulen war fyftematiſch aufgebaut durch ftatiftifche Tabellen über den Schulbefuch, die Stundenzahl und Stundeneintheilungen und ftieg allmälig, die Unterrichtsordnung felbft repräfentirend, hinauf bis zur Veranfchaulichung der Refultate des literarifchen und praktiſchen Unterrichtes. Neben den Arbeiten der Nadel und der Mafchine, in denen der Wiener Frauenerwerb- Verein fehr Bedeutendes leiftet, fah man die Schreibhefte der Vorbereitungscurfe, die Gefchäftsbücher der Handelsfchulen, wobei der Prager Frauenerwerb- Verein, unterſtützt durch die geringere Zahl der Schülerinen, Vorzügliches gefchaffen hat. Erft in diefem Kreife der Ausstellung entwickelte fich die Maffe der Ausftellungsgegenstände, welche doch immer eine feftgefchloffene Einheit in den Statuten und Rechenfchaftsberichten, reich mit ftatiftifchem Material ausgerüftet, Leben und Bewegung des Vereines zeigten. Und fo follen diefe Ausstellungen von Vereinen welcher Art immer durchgeführt werden. Einheit des Ganzen in Statuten, Rechenfchaftsberichten und ftatiftifchen Tabellen, Entwicklung des Ganzen nach feinen einzelnen Theilen, nach feinen nutzbaren Wirkungen durch veranfchaulichende Objecte. Die Arbeiterwohnungen. Schon die Ueberfchrift, welche wir diefem ganzen Abfchnitte unferer Betrachtung gegeben, zeigt, dafs es uns nicht darauf ankommt, über Fragen, welche den Civilingenieur angehören, irgendwie uns des Weiteren zu ergehen. Wir müffen es auch dem Berichterstatter über Gruppe XXII ,, das bürgerliche Wohnhaus", überlaffen, Vorzüglichkeit, Bequemlichkeit und Billigkeit von Bau und Erhaltung bürgerlicher Wohnungen, foweit die Ausftellung dafür etwas geboten hat, zu berichten, ebenfo wie es ihm anheim fällt, über Schönheit und Zweckmässigkeit der Einrichtung fein Urtheil abzugeben. Wir verfuchen auch keineswegs in das Gebiet der Gruppe XVIII hinüberzugreifen und bei einem einzelnen Theile zu berichten, was dem Bau- und Civilingenieur- Wefen, dem Hochbau und Wafferbau, den Induftriebauten und dem Cultur- Ingenieurwefen angehört. Wir wollen allein nach dem Ausgangspunkte, den wir in der Einleitung feſtgeſtellt haben, jene Mittel und fociale Inftitutionen kennzeichnen, welche die Ausstellung uns geboten hat und die berufen find, das Leben der Arbeiter und der unteren Volksclaffen zu verbeffern. Und hieher gehört in erfter Richtung die Frage der Arbeiterwohnungen und Wohnhäufer, die überwiegend und fo bedeutend einen humanitären Charakter hat, dafs dabei die eigentlich technifche Seite, das Ingenieurmäfsige, vollſtändig verfchwindet. Und darum nehmen wir den Bericht für uns in Anspruch und wollen in Kurzem die Refultate der Wiener Weltausstellung kennzeichnen. Die angeregte Frage gehört mit zu den noch ziemlich neuen und bildet einen noch keineswegs vollſtändig entfchiedenen Theil der fogenannten focialen Frage. Man ift ja heute über das Princip noch nicht einmal einig und ftreitet noch hin und her, ob das Kafernenfyftem oder das Cottagefyftem das eigentlich zu empfehlende fei. Man weifs alfo noch nicht einmal, ob die Frage der Wohnungen und des Hausbefitzes blofs nach theoretifchen Grundfätzen und nach den Wün fchen über das, was das befte ift. entfchieden werden foll oder ob dabei doch auch die realen Verhältniffe, wie z. B. die Grund- und Bodenpreife, die Bauordnungen u. f. w. beachtet werden müffen. Es ift nicht unfere Aufgabe, diefe Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 21 Fragen des Weiteren zu erörtern und wir können getroft auf die grofse Literatur derfelben, bis auf die fchönen Arbeiten von Emil Sax herauf und bis auf die Thätigkeit des deutfchen volkswirthfchaftlichen Congreffes 1873, verweifen. Weiter gehört das ganze Gebiet, wie wir fchon angedeutet haben, noch der neueften Zeit an und dürfte im Laufe der Zeit viele Wandlungen durchmachen. Die Frage greift ja fo tief in die Ordnung des Lebens und der Familie ein, und die geficherte Wohnung, der eigene Befitz ift die Quelle des vollen Selbftbewusstfeins, der Liebe und Anhänglichkeit nicht nur zum Haufe und zur Familie, fondern auch zur Heimat und zur bürgerlichen Gefellſchaft. Sie iſt eine Quelle der Ordnung des häuslichen Lebens und zu gleicher Zeit der Ordnung der Gemeinde und fomit auch des Staates. Das hat man erkannt und wenigftens darüber ift man einig, dafs es mit ein Theil des Glückes und der Ordnung der bürgerlichen Geſellſchaft ift, wenn man wenigftens dem Heere der Arbeiter eine lichte, luftreiche und gefunde Wohnung bietet, Factoren, die alle um fo werthvoller find, je mehr der Befitz der Wohnung zu einem Befitze des Haufes felbft fich ausbildet. Und darauf kehrt auch zum grofsen Theile der Zweifel zurück über die Vortheile des Cottagefyftems und der Kafernirung. Sucht das Erfte das Haus ifolirt oder aus Sparfamkeitsrückfichten im Baumaterial in nur kleinen Gruppen von zwei oder vier Häufern herzuftellen, fo hat das Kafernenfyftem den Plan des Zinshaufes für fich in Anfpruch genommen und fucht bei der Menge der Wohnungen nur durch die Möglichkeit eines billigen Miethzinfes den Bedürfniffen zu genügen. Das Cottagefyftem gibt unzweifelhaft die Möglichkeit des eigenen Befitzes oder wenigftens des allmäligen Erwerbens desfelben. Das Kafernenfyftem kann diefs niemals gewähren, aber es hat in gröfseren Städten, bei Theuerung von Grund und Boden, von Arbeitsmaterial und Arbeitskraft dennoch die Fähigkeit, eine billige und gute Wohnung dem Arbeiter zu bieten. Dafs der Vorzug des Cottage fyftems, den Arbeiter und feine Familie für fich leben zu laffen, fomit unbehelligt und abgefchnitten von jedem näheren Verkehre, ebenso wenig von befonderer Bedeutung ift, als die Nachtheile des Kafernenfyftems, den Arbeiter mit feinen Berufsgenoffen zufammen zu drängen, und durch die Vereinigung der Arbeiter in einem Haufe Streit und Zerwürfnifs fich nothwendig bilden müffe, ift heute ein längft überwundener Standpunkt. In Frankreich hat Napoleon III. in Paris mehrere folche Arbeiterkafernen errichtet, ebenfo wie die Arbeiter felbft fich Arbeiter Zinshäufer gebaut haben, die keineswegs fchlechte Folgen erzeugten. Im Innern Londons beftehen defsgleichen mit grofsem Capital erbaute Zinshäufer, wir erinnern nur an das in Albert Street, Spitalsfield in London für 60 Familien und mehr als 200 unverheiratete Arbeiter errichtete Arbeiter- Zinshaus, das gleichfalls, fo lange es fchon befteht, immer gefucht war und keineswegs zu Unruhen und Streit Veranlaffung gab. Auch Oefterreich kennt derartige Inftitutionen. Die Arbeiter- Zinshäufer je für acht Familien, welche Joh. Liebig in Reichenberg erbaut hat, find bekannt, ebenfo die nach ähnlichen Gefichtspunkten erbauten Häufer auf dem Wiener Berge und zur Wienerberger Ziegelfabriks- Actiengeſellſchaft gehörig. Wir haben uns oft hier wie dort über den Frieden, über die Sauberkeit und Reinlichkeit unterrichten laffen. In neuefter Zeit hat die k. k. privilegirte Südbahn- Gefellfchaft in Meidling bei Wien eine Arbeiterkaferne errichtet, die zur vollen Zufriedenheit der Gefellfchaft geleitet und benützt wird. Wir werden darauf noch des Weiteren zu fprechen kommen. Für das Cottagefyftem wird man nun freilich überall eintreten müffen, wo Grund- und Bodenpreife, die Arbeits- und Lohnverhältniffe überhaupt, die Errichtung einzelner Arbeiterhäufer und den Uebergang derfelben in das Eigenthum der Arbeiter möglich machen. Seit Jahren ift dafür die Cité ouvrière von Mühlhaufen ein landläufiges Beifpiel, auch was Schönheit, Nützlichkeit und Segen des ganzen Syftems anbelangt, fo dafs gerade wir Oefterreicher ganz vergeffen, dafs wir 22 Dr. Carl Th. Richter. gleichfalls eine folche Arbeiterftadt haben, für welche die Grundfteine viel früher gelegt worden find, als die zur Arbeiterftadt von Mühlhaufen. Wir werden darauf zu fprechen kommen, denn es thut Noth, auch diefe Inftitutionen bekannt zu machen, nachdem die Franzöfifche, deren Gründung faft durchschnittlich in den Anfang der fechziger Jahre fällt, längst bekannt ift. Guebeviller, Beaucourt, die Arbeiterhäufer der Eifen- und Kohlengewerkfchaft Creuzot zählen gleichfalls hieher. Wir haben von all dem auf unferer Ausftellung nichts gefehen. England hat alle Mufter der Arbeiterhäufer bereits praktisch verfucht. Neben feinen Arbeiterkafernen hat es Wohnhäufer für vier Familien, für zwei Familien und hat diefelben theils in Gruppen, in welchen zwei Seiten gemeinfam find, theils in folchen, in denen blofs eine Wand den beiden Häufern gemeinfam ift, errichtet. Auch Deutfchland hat fich feit Jahren mit der Frage befchäftigt und auch zu jeder Ausftellung Mufter und Modelle von Arbeiterhäufern und Wohnungen gefendet. Praktiſch aber ift noch wenig gefchehen. Es fcheint, als ob man zumeift für die grofsen Bevölkerungscentren in der Frage felbft über Art und Weife des Baues, über Lage und Entfernung vom Arbeitsorte noch nicht entfchieden wäre. Es ift in jenen Diftricten, wo Kohlenbau und Eifengewerke betrieben werden, mancherlei, fowohl von Privaten und Gefellſchaften, ebenfo wie vom Staate, wo derfelbe, wie z. B. in Saarbrücken zahlreiche Arbeiter befchäftigt, gar Vieles gefchehen und man hat dabei in erfter Richtung die Wohnung und das billige Wohnen ins Auge gefafst. In einem Berichte über den Saarbrückner Bezirk lag ein erläuternder Text mit mehreren Muſtern von Arbeiterhäufern, welche der Staat erbaut hat, auf, in welchen man wenigftens annähernd fah, dafs in Deutſchland die Frage immer ins Auge gefafst wird. Gehen wir nun zu den Erfcheinungen und den Material über, welches die Weltausstellung gebracht hat. Wie England feit Langem die Arbeiterhäufer und wie nach feiner praktifchen Richtung auch die Theorie mit gutem Grunde, wie es überhaupt bei der Behandlung der Frage gehalten werden follte, die Arbeiterhäufer in folche auf dem Lande und in folche in den Städten eintheilt, fo müffen auch wir von Vorneherein über diefe dadurch beftimmte Richtung der Arbeiterhäufer einige Worte voraus fenden. Vor Allem gilt, dafs das bei dem Baue der Arbeiterhäufer benützte Material immer von den Verhältniffen beftimmt wird, und dafs es demnach nothwendig ift, immer das billigfte Material zu benützen. Dabei ift wohl zu bedenken, dafs die Billigkeit des Materiales nicht allein vom Material felbft, und dem mehr oder weniger grofsen Reichthum eines Ortes an denfelben oder durch die leichtere Beifchaffung beftimmt wird, fondern dafs die entfcheidenden Factoren dabei, die Arbeiter und der Arbeitslohn, Länge und Dauer der Bauführung, von befonderer Wichtigkeit ift. Das hat ja neben der Trockenheit und Feuerficherheit des Materiales in England, Frankreich und auch in Deutfchland das Gufs Mauerwerk und die Verwendung desfelben, zumeift bei jenen Bauten, wo Billigkeit und Schnelligkeit der Herstellung in erfter Richtung ftehen, befördert. Die Berechnung ergibt, dafs derartige Häufer um 30 bis 40 Percent und bei der gleichzeitigen Herſtellung von mehreren, fogar noch um viel mehr billiger zu ftehen kommen, als die nach anderem Baufyfteme erzeugten. Die Ausftellung hat leider von diefen Verfuchen der letzten Jahre nichts zur Anficht gebracht, wie wichtig auch die Sache für grofse Fabriken und dichte Arbeiterbevölkerungen fein mag. Der Berliner Baumeifter E. H. Hoffmann hat wohl ein Modell eines Haufes zur Ausftellung gefandt, das bei der Stettiner Portland- Cementfabrik in Zillchov aus Cementconcret hergeftellt worden ift, bei welchem aber jede Angabe über die Koften des Baues fehlte. Ein anderes, nicht unintereffantes Modell eines Arbeiterhaufes war von E. G. Jaehne, Arzt in Berthelsdorf bei Herrenhut ausgeftellt, das freilich nicht zu der heute in England und Frankreich geübten Baumethode gehört, das aber durch feine überraschende Billigkeit und die Zeit, in der das einen Stock hohe Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 23 Haus aufgeführt werden kann, fehr auffiel. Es ift aus Backsteinen gebaut und foll in drei Monaten herftellbar nicht mehr als 800 Thaler koften. Was im Uebrigen das Material anbelangt, fo wird der Backſtein oder der Bruchftein und neben dem Stein das Holz für Stiegen, Deck- und Riegelwände verwendet und natürlich dabei immer die gröfste Oekonomie in den Baukoften angeftrebt werden müffen. Unfere Baugefetze und Bauverordnungen hemmen in der That fehr die Entwicklung der Billigkeit und Schnelligkeit des Baues und haben noch viel nach diefer Richtung hin an fich felbft zu reformiren. Gehen wir nun zu den einzelnen Ausftellungsobjecten über, fo müffen wir von Vorneherein geftehen, dafs gegenüber dem Reichthum von Arbeiterhäufern und Wohnungen in Paris 1867 in Wien fehr wenig zu fehen war. Für England waren die Gefellſchaften zur Verbefferung der Lage der arbeitenden Claffen aus London, dann die Improved Induftrial Dwellings Company, welche fchon in Paris mit ihren Arbeiterhäufern vertreten waren und die neben anderen Gefellſchaften in und um London, Wohnungen für die arbeitenden Claffen, Arbeiter- Zinshäufer für zwei, vier, oft auch bis zwanzig und fechzig Familien erbauen, erfchienen, und hatten auch in Wien verfchiedene Typen in Zeichnungen und Modellen, nach denen die neugebauten Häufer für Familien und ledige Arbeiter errichtet worden find, ausgeftellt. Die erftere Gefellſchaft hat in den 10 Jahren ihres Beftandes 2,350.000 Gulden für Neubauten oder Adaptirungen älterer Häufer ausgegeben und in 1268 Gebäuden 6000 Perfonen Wohnungen gegeben. Auch die zweite Gefellfchaft, die mit einem Actiencapital von 21 Millionen Gulden gegründet wurde, hat heute Arbeiterhäufer in London errichtet, die faft 2000 Perfonen beherbergen. Das Capital verzinft fich beiläufig mit 5 Percent. Frankreich hat mit gar nichts diefsmal die Ausftellung befchickt, fei es, dafs man nicht daran dachte, die Fürforge Frankreichs nach diefer Richtung hin zu repräfentiren, fei es, dafs man nicht wollte, nachdem man die fchönfte Frucht der Beftrebungen, Mühlhaufen, an Deutfchland verloren hatte. Das kleine induftriereiche Belgien hat feit Jahren die Frage der Arbeiter- häufer ftudirt und für die Parifer Ausftellung 1867 hatte es mehrere Modelle der verfchiedenften Art zur Anficht gebracht. Es hat ja hervorragende Induftrielle und zu gleicher Zeit Actiengeſellſchaften, welche mit der Errichtung von Arbeiterhäufern fich befchäftigen. Dafs Belgien ein guter Boden für die Durchführung der ganzen Angelegenheit ift, das zeigt einmal die kräftig entwickelte Induftrie, der Reichthum des ganzen Landes und die Tüchtigkeit der Gefellfchaft überhaupt. Für die Wiener Weltausftellung hat Belgien nur einige Berichte und Statuten gefendet. Ein Bericht fchildert das von der Kohlengrube Carbonnage du Haffard in Micheroux für die Arbeiter gebaute Louifenhôtel, in welchem 200 Perfonen untergebracht werden können. Wafferleitung und Gasbeleuchtung find in dem Gebäude eingeführt, Badeanftalten, Wafchanftalten und Trockenmagazine, dann eine Bäckerei und ein Kaffeehaus, ein Magazin für Lebensmittel find in demfelben eingerichtet, fo dafs in einem Haufe alle Bedürfniffe des Lebens befriedigt werden können. Die Miethe ift eine äufserft billige. Die Societé anonyme des maisons ouvrières, gegründet zu Liége den 21. September 1867, erklärt in ihrem Berichte dafs fie nach dem Mufter der Mühlhaufer Arbeiterhäufer bereits vier Arbeiterviertel, jedes mit 30 bis 40 Häufern angelegt habe, und dafs die Nachfrage nach Wohnungen eine eben fo grofse ift, als das Gedeihen des ganzen Unternehmens eine ungeahnte Entwicklung angenommen hat. Die Niederlande haben einige Pläne und Modelle von Arbeiterwohnungen, welche in Haag von dem für Arbeiterwohnungen beſtehenden Vereine errichtet worden find, zur Ausftellung gefchickt, die nichts Befonderes zeigen und den bekannten Mühlhausner Muftern nachgebildet find. Einen anderen Plan hat Amfterdam eingefendet, nach welchem acht Familienhäufer ein befonderes Arbeiterviertel bilden und neben einander erbaut werden. Für je ein 24 Dr. Carl Th. Richter. folches Viertel ift eine gemeinfame Schule, und für das Kleingewerbe eine gemeinfame Werkstätte beigegeben. Auch die Schweiz hat in Zeichnungen einzelne Arbeiterhäufer ausgeftellt, wie fie in den induftriereichen Städten in Winterthur, Zürich und Bafel beftehen, und auch in Genf durch die Sociéte corporative immobilière errichtet find. Die Häufer find durchwegs den befchränkten Bedürfniffen des Arbeiters entfpre chend, aber überaus wohnlich, nach ihrer inneren Ordnung und äusseren Ausfchmückung. Wir brauchen übrigens, wie lieblich die Häufer im Bilde auch ausfahen, keineswegs die Schweiz als Mufter hinzuftellen, als Mufter für die Verbindung des Guten mit dem Schönen. Oefterreich hat dergleichen Mufterhäufer fowohl bei Privatetabliffements, wie bei Actiengeſellſchaften. Die ältefte Inftitution und Mufteranſtalt vertritt jedenfalls die Kohlenbergwerks Colonie von Fünfkirchen. Wir werden darauf zu fprechen kommen und erwähnen nur noch, dafs wir aufser den oben angeführten Modellen photographifche Anfichten der von Heinrich Ad. Meyer, Elfenbein- Händler in Hamburg, errichteten Arbeiterwohnungen ausgeftellt fahen, welche durch die Schönheit des Baues, ebenfo wie die äufsere Ausfchmückung fehr wohlthätig wirkten. Es find dabei zwei Arten von Arbeiterwohnungen benützt. Erftens Arbeiterwohnungen für Verheiratete, in denen je zwei Familien unter einem Dache wohnen, und Arbeiterwohnungen, wo je vier Familien zufammen wohnen und manchmal auch Unverheiratete. Bei diefen Arbeiterwohnungen hat jedoch jede Familie ihren eigenen Eingang und einen eigenen Garten, fowohl vor als hinter dem Haufe. Die beiden Eckwohnungen jedes Complexes enthalten Parterre; drei Zimmer, Küche, Speifekammer und Wafferclofet. Die beiden Mittelwohnungen ein Zimmer weniger, doch kann hier der Hausflur während der wärmeren Jahreszeit das dritte Zimmer erfetzen. Alle Wohnungen haben ferner eine Treppe hoch ein Zimmer und Bodenraum, der die Abtheilung einer Kammer geftattet, aufserdem einen kleinen Keller, eine bedeckte Veranda an der Hinterfeite des Haufes und endlich Wafferleitung. Sie find im Jahre 1866 erbaut und ein Complex von vier Wohnungen koftete damals 5200 Reichsthaler. Der 900 Fufs tiefe Platz dazu 550 Reichsthaler. Die Miethe der Eckwohnungen ift 60 Reichsthaler preufsifch Courant, die der Mittelwohnungen 48 Reichsthaler. Das Anlagecapital verzinft fich alfo nur mit 34 Percent. Die anderen Arbeiterwohnungen find von den vorigen dadurch verfchieden; dafs nur zwei Familien unter einem Dache wohnen, und dafs fie zwei Stockwerke, alfo weniger Grundfläche, haben. Sie liegen etwas weiter von bebauten Strafsen entfernt und konnten defshalb nicht mit Wafferclofets und Wafferleitung ver forgt werden. Sie kofteten, obgleich fie ebenfo geräumig, wie die vorhin befchriebenen Eckwohnungen find, ohne Hinzurechnung des Grundes, nur taufend Reichsthaler preufsifch Courant per Wohnung, und tragen eine Miethe von 44 Reichsthaler. Der Ertrag ift alfo weniger günftig als bei den vorigen. Wir kommen nun zu jener Thätigkeit, welche Oefterreich auf der Ausftellung entfaltete und können von Vorneherein fagen, dafs das Land, wie nie früher, mit vielen feiner Errungenfchaften auf dem focial- ökonomifchen Gebiete hervorgetreten ift. In Paris 1867 waren blofs zwei Typen von Arbeiterhäufern zur Ausftellung gekommen. Auf der Wiener Ausftellung dagegen betheiligte fich Böhmen, Niederöfterreich, Steiermark und auch das Küftenland; in diefen Ländern wieder haben an erfter Stelle unfere grofsen Verkehrsanftalten beiläufig 50 Typen, in Modellen und Zeichnungen zum Ausdruck gebracht. An der Spitze ftand die Collectivaus ftellung des deutfch- polytechnifchen Vereines in Prag mit 26 Ausftellern von Arbeiterwohnungen, wie fie von den Induftriellen Böhmens, in erfter Richtung von der Actiengeſellſchaft für chemifche und metallurgifche Producte in Auffig, von einzelnen Induftriellen im induftriereichen Gebiete von Tetfchen bis hinauf nach Rumburg und W arnsdorf, dann von der Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 25 öfterreichifchen Staatseifenbahn- Gefellſchaft für das Wohl und die Verbefferung der Lage der Arbeiter errichtet worden find. Die Colonie der öfterreichifchen Staatseifenbahn- Gefellfchaft ift für die Kohlenarbeiter in Brandeifl und Kladno errichtet und es ift dabei für Alles mitgeforgt worden. Schulen, Kinderbewahr- Anftalten, Bade- und Wafchhäufer, Reftaurationen für die Arbeiter find hier ebenfo wie bei den Arbeiterhäufern in Auffig eingerichtet. Es ist nur zu bedauern, dafs der deutfch- polytechnifche Verein, der es hätte am leichteften thun können, nicht für eine genaue Statiftik diefer Verhältniffe in Böhmen geforgt hat. Was die Typen felbft anbelangt, fo boten fie nichts Neues und find theils dem Mühlhaufener Syfteme nachgebildet, theils den Wohnungen für mehrere Familien wie fie bei Liebig, bei Philipp Haas& Söhne und anderen in duftriellen Etabliffements bereits beftehen. Gleich bedeutend wie diefe Ausftellung, vor Allem durch das beigegebene Material der Benützung und der aufgelaufenen Koften war die Darftellung der Arbeitshäufer, wie fie die k. k. priv. Südbahn und die k. k. priv. Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft durch Album und Textbuch und die letztere auch durch ein fchönes Bild zur Anficht brachte. Die Südbahn- Gefellfchaft hat in Marburg Arbeiter- Werkstätten, in welchen fie 1000 Arbeiter befchäftigt. Um diefelben gut und gefund zu beherbergen, zu gleicher Zeit die Arbeiter inniger mit dem Etabliffement zu verbinden, erbaute die Gefellſchaft auf einem ihr gehörigen Terrain 28 einftöckige Häufer mit je 6 bis 12 gefunden Wohnungen. Jede verheiratete Partei hat dabei ihren Boden, Keller, eine Holzlage und einen Stall für Geflügel und Schweine. Jede Partei ift überdiefs im Genuffe eines kleinen Hausgartens. Die Häufer find aus Backſteinen erbaut und liegen von ihren Gärten umgeben in Gruppen, die durch breite, fich rechtwinklig kreuzende Gaffen getrennt find. Jede Wohnung hat einen gefonderten Eingang. Die erften Häufer der Colonie wurden Ende 1869, die letzten im Jahre 1872 bezogen. Die Colonie birgt nun eine Bevölkerung von mindeſtens 1200 Seelen; die Wohnungen find verhältnifsmäfsig billiger, gefünder und bequemer als die der Stadt Marburg oder der benachbarten Dörfer. Die Gefellfchaft hat Grund und Boden unentgeltlich überlaffen und auch die Bauten durch ihre Organe ohne jegliche Entfchädigung mit dem von der Penfionscaffe zu billigen Zinfen entliehenen Gelde ausgeführt. Für die Colonie wurden ein Afyl und eine Schule errichtet, die wir bereits früher befchrieben haben. Eine zweite, gleichbedeutende Inftitution ift das grofse Arbeiterhaus in Meidling bei Wien. Als die in Wien und nächfter Umgebung graffirende Wohnungsnoth fich befonders den Arbeitern und dem fubalternen Dienftperfonale fühlbar gemacht hatte, überliefs die Gefellfchaft im Jahre 1869 dem Penfionsfonde in nächfter Nähe Wiens( Station Meidling) unentgeltlich Grund und Boden zum Bau eines Haufes für Minderbedienftete. Das darauf erbaute Haus hat ein Area von 806 Quadratklaftern, ift dreiftöckig und erforderte einen Bauaufwand von 150.000 fl. Urfprünglich wurden 90 Wohnungen für Verheiratete und 20 Zimmer für Ledige( letztere einfach eingerichtet) hergeftellt. Die Wohnungen beftehen theils aus I Küche, I Zimmer und 1 Cabinet, theils aus I Küche und 1 Zimmer. Zu jeder Wohnung gehört I Boden und 1 Keller. Vor dem Haufe ift ein geräumiger Vorgarten. Die Beleuchtung gefchieht mittelft Gafes. Die Miethzinfe find für die gröfseren Wohnungen durchfchnittlich 100 fl., für die kleineren 80 fl., für die einzelnen Zimmer für Ledige 52 fl., und ftellen fich um circa 25 Percent niedriger als in den benachbarten Häufern. Was die für Ledige beftimmten Zimmer betrifft, hat man die Erfahrung gemacht, dafs das Perfonale diefelben wenig fucht. Die Ledigen fcheuen das Alleinwohnen, weil es ihnen an Bedienung fehlt, weil fie ihr Hab und Gut nicht ohne Aufficht laffen wollen, weil es ihnen an mancher Bequemlichkeit fehlt, und ziehen vor, als Afterparteien bei anderen Parteien zu wohnen. Diefe 26 Dr. Th. Carl Richter. Beobachtung hat die Gefellfchaft beſtimmt, nach und nach 13 folcher Zimmer je mit der nächftanftofsenden Wohnung zu vermiethen; folch' gröfsere Wohnungen nehmen dann gerne Parteien, welche Ledige in Aftermiethe nehmen. Gegenwärtig wird das Haus bewohnt von 90 Familien mit 410 Familiengliedern, 82 Afterparteien und 7 Ledigen. Ein Beweis, wie gefucht diefe Wohnungen find, ift, dafs ftets 30 bis 40 Parteien vorgemerkt find, welche um derlei Wohnungen nachfuchen. Die Localaufficht im Haufe führt ein Gefellſchaftsbeamter als Hausinfpector, welcher als Entfchädigung für feine Mühewaltung nur den halben Zins zahlt für die im felben Haufe von ihm benützte Wohnung. Theils um dem Penfionsfonde die Gelegenheit zu geben, die Fondsgelder ficher und rentabel anzulegen, theils um den auf dem Südbahnhofe Bedienfteten Gelegenheit zu geben, in der Nähe des Bahnhofes gefunde und billige Wohnungen zu bekommen, fchenkte die Gefellſchaft dem Penfionsfonde Grund und Boden zum Bau eines Wohnhaufes bei der Favoritenlinie. Das Haus ift vierftöckig, der Bauaufwand ift 210.000 fl., das Erträgnifs für den Penfionsfond ift 7 Percent. Das Haus umfafst 48 theils gröfsere, theils kleinere Wohnungen und 12 Gewölbe. Die Wohnungszinfe find um circa 10 Percent billiger als in den nächstgelegenen Häufern. Auch bei diefem Haufe ift ein Afyl und eine Kinderfchule eingerichtet, von denen wir fchon früher berichtet. Auch die anderen Bahngefellſchaften haben die Nothwendigkeit eingefehen, in diefer Richtung für ihre Arbeiter zu forgen. Sehr bedeutend verfprechen die Arbeiterwohnungen und Colonie- Anlagen der k. k. privi egirten öfterreichifchen Nordweftbahn zu werden. Bei Anlage der Bahnhöfe und Stationen wurde wohl für die Unterbringung der zur Ausübung des Dienftes unbedingt erforderlichen Beamten und Diener in den gefellſchaftlichen Gebäuden Sorge getragen; diefe Vorforge konnte fich jedoch nicht auf dasjenige Dienftperfonale und auf die Arbeiter erftrecken, welche nicht eigentlich zum inneren Stationsdienft verwendet werden, fondern vielmehr an den Haupt- Knotenpunkten der Bahn ftationirt werden müffen, um von dort ihre Dienſtleiſtungen über eine gröfsere Strecke auszuüben. Wenn fich nun diefe Leute in den benachbarten Ortfchaften gröfstentheils einmiethen mussten, wo es jedoch an den entſprechenden Wohnungen fehlte, oder für die Miethe der vorhandenen Localitäten unverhältnifsmäfsig hohe Zinfe verlangt wurden, fo war die Erhaltung tüchtiger Kräfte dauernd erfchwert, die Luft zur Veränderung der Stellung ftets wachgehalten und der Dienft bei dem hiedurch hervorgerufenen grofsen Wechfel natürlich beeinträchtigt. Die Etablirung von Beamtenwohnhäufern und Arbeitercolonien wurde dadurch fchon lange ein Gegenftand des eingehendften Studiums für die Verwaltung der grofsen Bahngefellfchaft. Das Refultat langer Berathung wird nun bald, wenigftens wie die ausgeftellten Pläne der Colonien der Gefellſchaft bewiefen, thatfächlich vollendet fein und wird wohl den eben gefchilderten Uebelftänden, denen die Bedienfteten aus eigener Kraft nicht entgegentreten können, abgeholfen werden. Diefe Colonien werden an den Haupt- Knotenpunkten der Bahn angelegt, und find bereits die für Jedlerfee und Nimburg beftimmten Baulichkeiten in der Ausführung begriffen und werden vollendet, in der nächften Zeit für billige und gute Unterbringung der Beamten und des gröfsten Theiles des Arbeiterperfonales leicht und beftens Gelegenheit bieten. Für Errichtung von Schulen, Spitälern, Reftaurationen in diefen Arbeitercolonien werden foeben die hiefür nöthigen Pläne angefertigt und dürften demnächft endgiltig feftgeftellt werden. " Hat dann der Arbeiterftand" fo fchreibt uns die Direction der Gefellſchaft, ,, eine gute Wohnung mit einem kleinen Nutzgarten und einen Antheil an den gefellfchaftlichen Wafchküchen und Badecabineten, fo wird fich bei demfelben Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 27 der Hang zu einer gemüthlichen Häuslichkeit immer mehr entfalten, der Sparfamkeitsfinn geweckt werden, und aus den meift dermalen in derangirten Verhälniffen lebenden Familien ein folider Arbeiterftand fich entwickeln, deffen Kinder, in gut geleiteten Schulen erzogen, den Grundftock einer anhänglichen, fleifsigen und brauchbaren Arbeitercolonie abgeben werden." Die Baukoften und Mietherträgniffe werden fich in folgender Weife geftalten: In Jedlerfee: Beamten Wohngebäude Baukoften 100.000 fl. 80.000 168.270" وو Miethertrag 7888 fl. 5840 12.696 Verzinfung 7.68 Percent 99 7 وو 7.5 20.000 " 1400" 7 وو ور وو 40.000" ܟ 2570 " 6.42 99 42.000 2780 6.62 99 وو وو • 148.000 II. 280 参考 19 7.65 27 70.000" 4288 6.12 وو " 7 105.000" 5720 " 5.5 99 63.000" 5616 99 8.9 99 60.500" 4400 27 7: 3 27 Gebäude für Zugbegleitungs- Perfonal Arbeiterhäufer Reftauration In Nimburg: Gebäude für höhere Beamte 99 niedere " 4 Wohngebäude für Zugsperfonal 4 Arbeiterhäufer, einftöckig 4 9 99 " 9 ebenerdig, grofs IO " ebenerdig, klein Durch ähnliche Verhältniffe, wie die oben erwähnten, ift die DonauDampffchifffahrts- Gefellfchaft veranlafst worden, bei ihren KohlenBergwerken in Fünfkirchen die Frage der Arbeiterhäufer in Angriff zu nehmen. Der dauernde Wechfel der Arbeiter machte die ganze Unternehmung unficher und um die Arbeiter mit der fteigenden Entwicklung der Aufgabe der Kohlengewerke in Fünfkirchen an dem Unternehmen feftzuhalten, legte die Direction Grundfteine zu Arbeiterwohnungen, welche als die erften und muftergiltigften in Oefterreich und mit der gefammten Ausbildung der Colonie alles Aehnliche überragen. Hoch über den Schornfteinen, dem Rufs, Staub und Rauch, auf dem Bergrücken, der das Kleinbabas- und Kapofstasthal trennt, dann auf dem füdlichen Bergrücken, der die Kohlen- Bergwerke gegen das Land hinein abfchliefst, umgeben von einer weiten, herrlichen Hügellandfchaft, da liegt eine Stadt von 226 fauberen Häufern und einer Bevölkerung von 2772 Seelen, in Mitten eine Kirche, eine grofse Schule und Bibliothek, mit einem Krankenhaufe, einer Kleinkinderbewahr- Anftalt, einem Turnplatze und in einer fchattigen Promenade mit einem Vergnügungslocale für Tanz und Gefang. Wir haben einige diefer Anftalten früher fchon befchrieben und erwähnen hier nur noch, dafs die Anfänge diefer Colonie in das Jahr 1848 zurückreichen und feit den letzten zehn Jahren unter der verdienftvollen Leitung des gegenwärtigen Directors der Gefellſchaft, Ritter v. Caffian, ihre hohe Entwicklung erhalten hat. Nach drei verfchiedenen Arten ift hier im Laufe der Jahre die Wohnungsfrage gelöft worden. Man verfuchte zuerft den Bau von Doppelwohnungen mit gemeinfchaftlicher Küche und gemeinfchaftlichem Eingange. Jede Wohnung beftand aus einem grofsen Zimmer und einer Speifekammer. Diefe Bauart und Eintheilung des Baues empfahl fich für die erfte Zeit als billig und fchnell beftellbar. Sie iſt auch ganz paffend für Unverheiratete oder Verheiratete ohne Kinder. Haben aber die Verheirateten Kinder, fo führt der gemeinfchaftliche Eingang und die gemeinfame Küche leicht zu Zänkerei und Unzufriedenheit. Diefer Beforgnifs für die weitere Entwicklung auszuweichen, verfuchte man bald die Anlage von Coloniehäufern mit je einer Wohnung für eine Familie. Der erfte Bau fetzte die Küche in die Mitte des Haufes fo grofs, dafs fie nun die ganze Tiefe des Haufes einnimmt und neben der Eingangsthür zur Wohnung auch noch durch ein diefer gegenüberliegendes Fenfter Licht und Luftzug gewinnt. Rechts und links von ihr liegen Zimmer, grofs und geräumig, mit reichem Licht und gefundem Zug. Bei 28 Dr. Carl Th. Richter. der Billigkeit des Baugrundes und zuletzt auch des Baumateriales, denn die Colonie hat ihre eigenen Ziegelfchläge und Steine zur Genüge, verfuchte man, als das Bedürfnifs nach folchen Häufern immer gröfser wurde, einen noch comfortableren, aber auch verfchwenderifchen Bau. Die dritte Art der Coloniehäufer hat zwei in der Gaffenfront gelegene Zimmer, deren Thüren rechts und links vom Herde in die Küche münden. Von diefer aus gelangt man in die Speisekammer und in ein drittes zu einer Arbeiterwohnung gehöriges und an ledige Arbeiter vermiethbares Stübchen. Zu jedem Haufe gehören noch 10 Quadratklafter Hof, in welchem der Düngerhaufen, ein Schweine- und ein Hühnerftall feinen Raum hat. Der Hof liegt gewöhnlich vor dem Theil des Haufes, durch welchen der Zugang zu demfelben ftattfindet. Die Fenfter der Wohnzimmer dagegen gehen in einen Garten, der in einem Mafse von circa 100 Quadratklaftern gleichfalls jedem Haufe zugetheilt ift und je nach Bedarf, und wir können es fagen, auch Bildung, theils als Blumengarten und fomit als Unterhaltungsort, theils als Gemüfégarten und fomit als wirthschaftliche Nutzung verwerthet wird. Alle Häufer find Doppelhäufer, fo dafs je zwei eine gemeinfchaftliche Seitenwand haben. Im Jahre 1868 beftanden 166 folche Häufer, 1870 fchon 210 und heute 226, von denen 49 bereits Privateigenthum. Sie bilden zufammen die alte Colonie auf dem Bergrücken des Kleinbabas- und Kapofstanthales und die Caffiancolonie, an der feit den letzten drei Jahren fleifsig gefchaffen wurde, das Andenken des gegenwärtigen Directors auch in diefem Gebiete dauernd zu erhalten. Die Donau- Dampffchifffahrts- Gefellſchaft hat die Häufer aus ihrem Fonde gebaut und vermiethet fie ausfchliefslich an Arbeiterfamilien. Bei einem Zinfe von 3 Gulden 15 Kreuzern per Monat für Haus und Garten und mit Abzug aller Steuerlaften trägt das darin angelegte Capital 3 bis 4 Percent. Das ift fehr wenig bei dem Verdienfte, den man heute aus dem Capital zu ziehen fich gewöhnt hat. Aber man darf die Wohlthätigkeit und den Nutzen der Inftitution nicht darnach bemeffen. Die Nachfrage nach Wohnungen ift eine fehr bedeutende, denn Jedermann fühlt, wie behaglich es in den fauberen und freundlichen Häufern unter Bäumen und Blumen zu wohnen ift. Die Gefellfchaft konnte in den Moralitätsverhältniffen genau mit der Vermehrung der Colonie häufer die wefentlichen Fortfchritte zum Befferen bemerken. Die Verheiratungen nahmen zu, die unehelichen Kinder in rafcher Progreffion ab. Die Sterblichkeit hat fich bedeutend verringert und das geiftige Leben ist ein vollkommen neugeftaltetes geworden, wie wir fpäter noch darftellen werden. Ein Wechfel der Arbeiter kommt felten, unter den in den Häufern wohnenden gar nicht mehr vor. Die Arbeitsleiftung fteigert fich mit jedem Jahre. Jm Jahre 1870 wurden per Mann im Jahre 299 Schichten gegen 262 des Jahres 1869 verfahren. Die durchfchnittliche Jahresleiftung per Mann, in Kohle ausgedrückt, betrug 3700 Centner oder per Tag 12 bis 13 Centner. Im Jahre 1871 hatte fich die Arbeitsleiftung per Mann um 55 Centner gefteigert und kommt heute den Leiftungen der bedeutenderen Kohlenwerke in Schlefien, an der Ruhr und in der Saargegend gleich. Das find die Refultate der Wiener Weltausftellung auf dem Gebiete der fogenannten focialen Frage. Sie geben annähernd Zeugnifs, dafs auch in den letzten Jahren rüftig fortgearbeitet worden ift und dafs man fich bemüht hat, fowohl von Seiten der Arbeiter, als von Seiten der Arbeitgeber Neues und Treffliches zu fchaffen, die angeregten Gedanken und Thatfachen einer früheren Zeit glücklich auszubilden. Dafs dabei gerade bei uns in Oefterreich nach vielen Richtungen hin die Thätigkeit und Fürforge der Arbeitgeber überwiegend ift, darf keineswegs auffallen. Die auf einem breiteren Boden der Volksbildung entwickelten Elemente der focialen Frage in Deutfchland, auf einer gröfseren focialen Ausgleichung und gefellſchaftlichen Freiheit in Frankreich gefchaffenen, ähnlichen Inftitutionen bedurften weniger der Unterſtützung der Reichen und Begüterten. In Oefterreich aber fehlte lange das erfte fördernde Element und fehlt heute noch das, was Frankreich auszeichnet. Es mufste daher, wir möchten fagen von Oben Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. 29 her angeregt und zum Theil gefchaffen werden, wofür die Arbeitskräfte wohl genügendes Verſtändnifs hatten, es zu begreifen, aber nicht die Macht, es durchzuführen. Und das darf keineswegs als ein Mangel der grofsen ganzen Entwicklung angefehen werden. Mit dem Fortfchreiten der Induftrie wachfen ja auch, wie die Sorgen der Arbeit, die Pflichten der Arbeitgeber. Gemeinfames Zufammenwirken - das ift das Refultat, welches aus den Darftellungen der Wiener Weltausftellung hervorgeht, und das zu gleicher Zeit die Bahn zeigt, auf welcher die Zukunft fortfchreiten foll. Das Sparcaffawefen. Am Schluffe haben wir, um vollſtändig zu fein, noch eine kurze Betrach tung anzufchliefsen, und müffen in wenigen Worten der Ausftellung der erften öfterreichifchen Sparcaffa in Wien und des Sparcaffawefens gedenken. Die erfte öfterreichifche Sparcaffa in Wien hatte es übernommen, in einem eigenen Gebäude eine überfichtliche Darftellung des öfterreichiſchen Sparcaffawefens zur Anfchauung zu bringen. Zahlreiche Tabellen zeigten die Bewegung der meiften öfterreichifchen Sparcaffen, die Guthaben der Intereffenten, die Ein- und Auszahlungen, eine vollſtändige Sammlung von Statuten und gedruckten Rechenfchaftsberichten für 1871, mehrere grofse Zifferntableaux und Karten, fowie eine Anzahl graphifcher Darftellungen gaben ein anfchauliches Bild über die Entftehung, die Einrichtung und das Gedeihen diefer humanitären Anftalten in Oefterreich. Mehr noch als diefs erläuterte eine Schrift ,, Oefterreichs Sparcaffen" von Heinrich Ehrenberger, herausgegeben von der erften öfterreichifchen Sparcaffa in Wien 1873, die Ausftellung., Viele Befucher der Ausftellung mögen an dem zierlichen Pavillon der Wiener Sparcaffa, ohne ihm Beachtung gefchenkt zu haben, vorübergegangen fein, viele, welche das Studium der ausgeftellten Tabellen verfuchten, find wohl von der Maffe des Gebotenen und der Schwierigkeit, das gewaltige Ziffernmaterial zu bewältigen, bald wieder von dem vollkommenen Durchftudiren desfelben abgekommen. Und dennoch gehört die Ausftellung der Wiener Sparcaffa zu dem Schönften und als Verfuch zu dem Neueften, was die Wiener Weltausftellung geboten hat. Ein wahres Culturmoment, ein Zeichen fortfchreitender und fich entwickelnder Sittlichkeit, alle Theile der öfterreichifchen Gefellfchaft ehrend, trat hier verkörpert vor die Augen. Wenn Sparen nichts anderes als Capitalbildung bedeutet und die Sparfamkeit die Quelle der Capitalsbildung der ärmeren Claffen ift, fo ift ja der glückliche Stand der Sparcaffen ein Zeichen des allgemeinen Wohlftandes und das Wachfen der erfparten Summen die befte Aeufserung des Wachfens des Reichthums eines Volkes überhaupt. Wie die Gefundheit der niederen Volksclaffen die Grundlage der Gefundheit der Höheren, Reicheren ift, fo ift der Capitalbefitz jener, Vermehrung der Nutzbarkeit und fomit Anwachfen des Capitals diefer Volksclaffen. Wir vermögen es nicht, das reiche Material der Ausftellung der öfterreichifchen Sparcaffen zu erfchöpfen. Nur zwei Tabellen entlehnen wir dem oben angegebenen Materiale und fchliefsen damit unfere ganze Betrachtung. Es liegt in denfelben und ihren wenigen Ziffern mehr Belehrung, als wir durch die weiteften Betrachtungen zu geben im Stande wären. 30 Staaten Dr. Carl Th. Richter. Die focial- ökonomifchen Bildungsmittel. Tabelle der europäiſchen Sparcaffen. Jahr Anzahl der Sparcaffen Einleger- Gutin Gulden öfterhaben mit Jahresfchlufs reichischer Währung Einwohnerzahl Eine Sparcaffe auf Köpfe der Bevölkerung Währ. per Kopf Guthaben in Gulden öfterrd. Bevölkerung Durchfchnittliches auf eine haben in Guld. fallendes Gutöfterr. Währung Sparcaffe ent123 63,259.336 1,783.565 14.500 253,295.308 38,067.094 Dänemark 1869 520 Frankreich. 1868 Filialen 598 I.118 Poft- Sp. 4.338 170,250.040 1871 gewöhnl. 489 388.204.588 31817.108 35'5 514.304 34.049 6.7 226.561 Grofsbritannien 6.596 17.6 115.766 4.824 558,454.628 Italien.. •. 1867 201 95,074.760 24,273.776 120.765 3'9 Niederlande Norwegen . " 1865 182 7,948.833 3,652.070 30.066 2'2 • 1865 233 38,384.665 1,701.478 7.302 2016 Oefterreich • 1871 2II 341,137-380 20,394.980 96.658 16.73 473.008 43.675 164.741 1,616.765 Preufsen. 1871 830 289,381.209 24,643.415 29.691 II 7 348.652 Schweden • 1869 222 26,712.332 4,168.525 18.777 6'4 120.326 Schweiz 1862 230 52,617.056 2,510.494 10.915 20'9 228.770 Spanien Ungarn 1867 16 6,395.450 15,673.536 979.596 0'4 399.716 1870 135 122,964.070 15,509.455 114.885 7'93 910.845 Tabelle der Sparcaffen in den im Reichsrathe vertretenen Ländern, 1871. Land Sparcaffen Flächeninhalt Anzahl der in geographifchen QuadratMeilen Eine Sparcaffe auf geographifche QuadratMeilen Anzahl der bewohnten Häufer Eine Sparcaffe auf bewohnte Häufer Bevölkerung nach der Zählung 1865 Eine Sparcaffe auf Köpfe der Bevölkerung Niederöfterreich Oberösterreich Salzburg. Steiermark • Kärnten Krain Küftenland Tirol und Vorarlberg Böhmen Mähren 21 Schlefien Galizien Bucowina Dalmatien +3 TO123122619012 41 20 I 360'08 217'90 130'15 8.78 10'89 130'15 179.184 32 407.84 12'74 I 188.42 181 42 62.81 105.241 20.212 20.214 160.440 5.014 44.709 14.903 4.370 5.262 1,954.251 731.579 151.410 47.664 36.579 151.410 1.131.309 35.353 336.400 112.133 181 42 I2 145'10 532 68 72'55 44 39 72.001 78.780 72.001 463.273 463.273 39.390 582.079 291.039 127.710 10.642 878.907 73.242 56 943 70 16.85 632.404 II.293 5,106.069 91.180 4° 3'77 19 23 280.301 13.348 1,997.897 95.137 93'50 IO 39 62.082 6.898 511.581 56.842 10 1.425'78 142 58 835.123 83.512 5,418.016 541.812 I 189.83 933 36 189.83 116 18 93.939 93.939 74.186 511.964 511.964 37.093 442.796 221.398 Summe. 211 5.452'53 25.84 2,766.314 13.110 20,217.531 95.818 OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE LEISTUNGEN DER STATISTIK UND ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) BERICHT VON J. LÖWENTHAL. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE LEISTUNGEN DER STATISTIK. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) Bericht von J. LÖWENTHAL. EINLEITUNG. Die Leiftungen auf den ftatiftifchen Gebieten der Weltausftellung find zu umfaffend, als dafs wir es unternehmen dürfen, fie in der Ausdehnung zu berückfichtigen, wie fie es ficherlich verdient haben würden. Unfer Bericht würde fonft einen Umfang erlangen, den uns der auch anderen Befprechungen zu widmende Raum nicht geftattet. Um jedoch einigermassen unferer Aufgabe gerecht zu werden, haben wir uns beftrebt, mindeſtens die aus dem gebotenen reichen Material hervorgehenden Veränderungen während der letzten Jahre, fowie den Fort- oder Rückfchritt im Culturleben der betreffenden Staaten ins Auge zu fafsen. Das Ergebnifs unferes hierauf gewendeten Studiums geftaltete fich zu einem durchaus erfreulichen, denn es zeigte fich, dafs faft alle Staaten nach jeder Richtung hin, in geiftiger wie in fachlicher Beziehung, bedeutend vorgefchritten find. Sie haben in anerkennenswerther Weife nicht nur gegenfeitig nachgeeifert, fondern durch ihr Beiſpiel wohlthuend auch auf jene Länder gewirkt, deren Zuftände im Allgemeinen noch Vieles zu wünſchen übrig gelaffen hatten. Dies gilt von der einen wie von der anderen Hemifphäre. Ueberall, felbft in dem in unferer Ausftellung in feinen überrafchenden Leiftungen fo würdig vertretenen Orient, erblicken wir eine Strebfamkeit, welche noch zu gefteigerten Erwartungen für die Zukunft berechtigt. Diefe Wahrnehmungen treten vielfeitig in den von den betreffenden Regierungen veröffentlichten ftatiftifchen Mittheilungen hervor, die auch ihre Beftätigungen in den Urtheilen der mit den betreffenden Zuftänden vertrauten Männer finden. Dergleichen Nachweife find den meiften Specialkatalogen beigefügt, die wir daher als eine fehr willkommene Bereicherung des geographifchen Wiffens bezeichnen zu dürfen glauben. Wir haben in den Excerpten aus denfelben der in ihnen enthaltenen fogenannten ftatiftifchen Sprache, den Zahlen, nur fo weit Rechnung getragen, als fie die hauptfächlichften Thatfachen vertreten und uns zu Vergleichen mit früheren Zeiträumen als unerlässlich erfchienen. Einige diefer Nachweife haben auch die Militärverwaltungen, die Strafanſtalten, die Münz- und Zollverhältniffe u. f. w. in Betracht gezogen; wir glaubten jedoch diefe Zustände, als dem Wefen der Weltausftellung ferner liegend, ausfcheiden und unfere Betrachtungen mehr den Productions- und Induftrieverhältnifsen, wie fie fich in der neueften Zeit geftaltet, zuwenden, dem in den ftatiftifchen Ausweifen ebenfalls I 2 J. Löwenthal. berücksichtigten Unterrichts- und Bildungswefen aber eine befondere Abhandlung widmen zu follen. Bei der Wanderung durch die langen Zeilen unferer Gallerien zeigte fich unferen Blicken noch ein anderer ſtatiſtiſcher Behelf, nämlich die die Zahlenverhältnifse veranfchaulichenden graphifchen Darftellungen, auf welche wir ebenfalls in unferem Berichte über Bildungsmittel zurückkommen werden; wir können jedoch nicht umhin, fchon hier zu erwähnen, dafs fich unter denfelben einige vorfinden, die mit einem wahrhaft überrafchenden Aufwand von Fleifs und Scharffinn ausgeführt find und in denen fich befonders Oefterreich, das deutfche Reich, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Frankreich u. a. hervorgethan haben. Wir haben der Weltausstellung nicht nur die Erkenntnifs der productiven, induftriellen und artiftifchen Kräfte der verfchiedenen Länder beider Hemiſphären zu verdanken; fie verfchaffte uns auch einen tiefen Einblick in den Culturzuftand und die focialen Verhältniffe derfelben. In der Gruppe XXVI treten uns die vielfältigen Mittel entgegen, welche überall angewendet werden, um in den beiden zuletzt angedeuteten Richtungen eine, den Anforderungen unferer Zeit entfprechende, hohe Stufe zu erfteigen, und es ift gleichfam, als ob Alle fich das Wort gegeben hätten, zu zeigen, dafs diefe nur durch Erziehung und Unterricht, als die Grundlagen der Bildung, zu erreichen ift. Ihr haben fie auch das Hauptaugenmerk in der Weltausftellung zugewendet, und wir wollen es verfuchen, geftützt auf die vorliegenden ftatiftifchen und anderen Daten, in möglichft zufammenfaffenden Umriffen darzuthun, in welcher Weife die erftrebten Ziele auch erreicht worden find. Wir haben jedoch mit Berücksichtigung der officiellen Gruppeneintheilungen das Bildungswefen in einem nächftens erfcheinenden Auffatze felbftftändig behandeln müffen, und fügen hier nur bei, dafs die Leiftungen der Statiſtik auf der Wiener Weltausftellung durch diefen Auffatz ergänzt werden. Productions-, Induftrie- und Handels- Verhältniffe. Oefterreich. Das k. k. Handelsminifterium hat feinen Pavillon des Welthandels, der an einer anderen Stelle die verdiente Würdigung findet, mit ftatiftifchen Beiträgen ungemein bereichert. Wie fehr das Handelsminifterium die Wichtigkeit einer genauen und verlässlichen Statiſtik anerkennt, geht fchon daraus hervor, dafs es ihr ein eigenes Departement eingeräumt hat, das feit dem 20. Februar 1873 in Wirkfamkeit ift. Wir werden demfelben in Zukunft ficher die bis in die neuefte Zeit reichenden Nachweife verdanken. Für jetzt vermiffen wir zu unferem Bedauern die Berichte der Handels- und Gewerbekammern über das Jahr 1872, welche, zur gehörigen Zeit eingefendet, gewifs den Grund zu einer umfaffenden Induftrieftatiſtik bis zur neueften Zeit( der öfterreichifche Specialkatalog ift meiſtens uns ebenfo auf ftatiftifche Daten bis zum Jahre 1870 befchränkt) gelegt und viele nützliche Darftellungen, wie die vorliegenden Nachweife anderer induftrieller Staaten geboten haben würden. Aus den bereits veröffentlichten Mittheilungen über das öfterreichiſche Poft wefen erfahren wir, dafs die Zahl der durch die öfterreichifchen Poften beförderten Briefe fich von 106,904.000 im Jahre 1867 auf 169,105.395 im Jahre 1871 und in gleicher Weife das Erträgnifs trotz, oder vielmehr gerade in Folge der Portoherabfetzung von 4,258.580 fl. auf 5,716.700 fl. im Jahre 1871 vermehrt hat. Ebenfo fteigerte fich der Fahrpoft- Verkehr und deffen Erträgnifs von 2,988.820 fl. im Jahre 1867 auf 4,412.920 fl. im Jahre 1871. Ueberhaupt wurden im Jahre 1871 mittelft der Poften innerhalb des im Reichsrathe vertretenen öfterreichifchen Staatsgebietes 156,766.845 Briefe, 12,338.580 Correfpondenzkarten, 51,780.909 Zeitungsexemplare, 4,204.263 ordinäre Pakete und 14,955.174 Geld- und Werthfendungen Die Leiftungen der Statiſtik. im Werthe von 2607,009.317 fl. befördert. - 3 Ein fehr umfaffendes Tabellenwerk behandelt das öfterreichifche Telegraphenwefen von feinem Beginne im Jahre 1847 bis Ende des Jahres 1871. Während der Jahre 1847-48 waren blofs 10 Stationen in einer Linienlänge von 1247 geographifchen Meilen, im Jahre 1871 hingegen 936 Stationen in einer Linienlänge von 4.134 Meilen und 13.014 Meilen Drähte im Betriebe. Die Zahl der beförderten Depefchen ftieg von 1,021.612 im Jahre 1862 auf 6,265.944 im Jahre 1871 und die Einnahme in demfelben Zeitraume von 1,821.925 fl. auf 3,614.778 fl., während fich zugleich die Ausgaben von 1,548.107 auf 4,234.778 fl. vermehrten. Die ftatiftiiche Centralcommiffion im Handelsminifterium gibt den Werth des auswärtigen Handels der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie im Jahre 1871 im Vergleiche zum Jahre 1861 folgendermafsen an: Werth der Einfuhr: 1861 fl. 272,278.000 Ausfuhr: " " » 308,659.000 " " Durchfuhr: " 95,1 2 1.000 1871 600,133.000 523,071.000 235,866.000 1,359.070.000 Zuſammen:, 676,058.000 " Vorftehende Zahlen repräfentiren den Gefammtverkehr mit Einfchlufs der edlen Metalle. Diefe vom eigentlichen Waarenverkehr getrennt, ergaben folgende Werthe: 1861 Einfuhr: fl. 28,431.000 Ausfuhr:" 31,925.000 " 60,356.000 1871 59,383.000 55,488.noo 114,871.000 Der Werth des eigentlichen Waarenhandels betrug demnach: 1861 Einfuhr: fl. 243,847.000 Ausfuhr: 276,704.000 99 520,551.000 1871 540,750.000 467,583.000 1.008,333.000 Die Einfuhr hat fich mithin um 120 38%, die Ausfuhr, welcher freilich das hohe Agio zu ftatten kam, um 69.50%, die Durchfuhr um 148.6% vermehrt. Der aus diefen Zahlen hervorgehende ungemein grofse Auffchwung des öfterreichifch- ungarifchen Handelsverkehrs wird theils dem Abfchluffe der verfchiedenen Handelsverträge mit den wichtigften Staaten, theils der fortgefchrittenen Ausdehnung des öfterreichifch- ungarifchen Eifenbahnnetzes und, gleichzeitig mit der Confolidirung der politifchen Verhältniffe, zwei glänzenden Erntejahren beigemeffen. Die feit dem Jahre 1861 abgefchloffenen Handelsverträge waren mit dem britifchen Königreiche am 16. December 1865, mit Frankreich am II. December 1866, mit Belgien am 23. Februar 1867, mit den Niederlanden am 26. März 1867, mit Italien am 23. April 1867, mit dem Zollverein am 11. April 1865 und am 9. März 1868, mit der Schweiz am 14. Juli 1868. Die Werthe des Verkehrs während des Jahres 1871 vertheilten fich auf Rohftoffe und Fabricate folgendermassen: Rohftoffe Einfuhr fl. 212,700.000 Ausfuhr: " » 165,000.000 377,700.000 Fabricate 328,000.000 302,600.000 630,600.000 Zufammen 540,700.000 467,600.000 1,008.300.000 Von diefen Werthen trafen im Jahre 1871 den Handel feewärts: bei der Einfuhr fl. 85,800.000 " Ausfuhr 159,700.000 99 Zufammen» 245,500.000 " I* 4 J. Löwenthal. Bei dem Landhandel ift jener über die Zollvereins- Grenze bei weitem der überwiegende. Die meiſten Ladungen gingen über die Grenze gegen Sachfen, dann über Süddeutſchland und Preufsen. Von den übrigen Landgrenzen ift jene gegen die Türkei die wichtigfte für den öfterreichifch- ungarifchen Verkehr; dann kommen jene gegen Italien, Rufsland und die Schweiz. Der Verkehr mit der Türkei erfcheint um fo bedeutender, als er gröfstentheils auch feewärts betrieben wird. Beim Vergleiche der Einfuhr mit der Ausfuhr ergibt fich, dafs nur in drei Verkehrsrichtungen( Rufsland, Türkei und Italien) der Export, in allen übrigen aber, befonders im Verkehre mit den Zollvereins- Staaten, die Einfuhr überwiegend erfcheint. Das k. k. Finanzminifterium hat zu feiner Collectivausftellung der Staatsfalinen einige bis zum Jahre 1872 reichende Daten veröffentlicht, denen zufolge gegenwärtig 18 Salinen in der Staatsregie und 5 von Privaten betrieben werden, von welchen die k. k. Finanzverwaltung das Salz um fixe Preife einlöft. Das Salzmonopol hat in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern im Durchschnitte der Jahre 1870, 1871 und 1872 ein jährliches Reinerträgnifs von fechzehn Millionen Gulden geboten. Im Privatbetriebe befanden fich, da in Kalusz in Galizien kein Salz erzeugt wurde, im Jahre 1872 nur die Salinen von Pirano und Capodiftria in Iftrien, Pago und Arba in Dalmatien. Die Erzeugung betrug in dem letzten Jahre 1,740.920 Centner Stein-, 2,610.744 Sud- und 11.114 Centner Seefalz im Staats-, dann 697.882 Centner Seefalz im Privatbetriebe, wovon allein 600.000 Centner in Pirano und Capodiftria. Die Zunahme der Production während der letzten vier Decennien ergibt fich aus folgender Ueberficht. Zuſammen. Jahr 1841 Steinfalz. Centner 1,255,444 Sudfalz. Seefalz. 1,878.779 797.993 3,932.216 1851 1,306.924 2,164.019 548.689 4,019.632 29 1861 1,607.297 2,336.234 749.188 4,692.719 " 1871 1,662.996 2,633.579 656.113 4,952.688 29 Die Zahl der k. k. Tabakfabriken ift in der cisleithanifchen Reichshälfte im Jahre 1872 auf 26 geftiegen, gegen 15 im Jahre 1868. Diefelben befchäftigten 26.315 Arbeiter, meiftens bei der Erzeugung der Cigarren und Cigarretten. II ftehende Dampfmaschinen mit 269 Pferdekraft und 4 Turbinen mit 82 Pferdekraft halten die für die Tabakerzeugung erforderlichen Hilfsmafchinen und andere Werkseinrichtungen im Gang. Der aufserordentliche Auffchwung der Tabakfabrikation in Oefterreich erhellt aus folgenden Zahlen. Der verarbeitete Rohftoff betrug: Ausländifche Blätter Inländifche " Daraus wurden erzeugt: Cigarren Cigarretten Rauchtabak Gefpinnfte Schnupftabak 1872 " 1868 Centner 99.145 449.168 548.313 131.713 547.253 678.966 1.033,770.150 " 15.609.650 25,000.000 Centner 367.713 436.256 " 9 27.598 36.235 " 39.698 41,033.976 Stück 701,757.030 Der Gefammtwerth der Erzeugung betrug fl. 47.061 56,784.066. In demfelben Verhältnifse hat auch die Einnahme der k. k. Regie zugenommen. Diefelbe belief fich im Jahre 1868 auf 41,155.961 und im Jahre 1872 auf 55.555.048 fl. Das Minifterium des Ackerbaues hat den Katalog feiner höchft intereffanten Ausstellungen mit fehr lehrreichen Bemerkungen begleitet, die uns Die Leiftungen der Statiſtik. 5 nur bedauern laffen, fie nicht hier in umfaffenderer Weife berücksichtigen zu können. Aus den überfichtlichen Darftellungen der Bergbauthätigkeit erfahren wir unter anderem, dafs die Production von Braun- und Steinkohlen feit dem Jahre 1855 bei den erfſteren fich mehr als verfünffacht, bei den letzteren mehr als vervierfacht hat: Von Braunkohlen wurden nämlich 1855: 15,995.724 und im Jahre 1871 84,457.147, von den Steinkohlen beziehungsweife 20,873.217 und 87.053.835 Ctr. gewonnen. Einen noch grösseren Auffchwung zeigt die Graphitproduction: von 72.225 Ctr. im Jahre 1855 auf 513.148 Ctr. im Jahre 1871. Ueberhaupt hat fich der Bergbau, Gold, Schwefel und Zinn etwa ausgenommen, nach faft allen Richtungen hin gefteigert. Die gröfste Steinkohlen- Production bot Böhmen mit 50,390.700 Ctr., darunter allein der Steuerbezirk Unhost mit 23,303.000 Ctr. Nächft Böhmen erzeugte Schlefien die meiſten Steinkohlen( 21,000.000 Ctr.). In Betreff der Braunkohle fteht Böhmen ebenfalls in erfter Reihe( 47,518.000 Ctr.), in zweiter Steiermark mit 22,143.000 Ctr. Alle anderen dem Ackerbauminifterium untergeordneten Zweige, als die Staats- und Fonds- Forftverwaltung, fowie überhaupt die landwirthschaftliche Bodencultur waren durch eine lange Reihe graphifcher Werke verfinnlicht und deren Verhältniffe in lehrreichen Andeutungen über den Zuftand der Staatsforfte, des Obft- und Weinbaues und der Seidenzucht dargestellt. Erwähnen wir hier noch, dafs aus den Departements des Ackerbauminifteriums eine grofse Menge von Druckfchriften und graphifcher Darftellungen hervorgegangen ift, um deren Bearbeitung fich befonders der Sectionsrath Dr. L. R. Lorenz unverkennbare Verdienfte erworben hat. Das k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht befchränkte fich in feinem Verzeichniffe der zur Ausftellung gelangten 476 Gegenftände des Schul- und Unterrichtswefens auf einige ftatiftifche Ausweife, denen zufolge es in Oefterreich im Jahre 1871 14.769 Volksfchulen mit 25.259 Lehrern gab, welche von 942.497 Knaben und 878.213 Mädchen befucht wurden. Mit den Volksfchulen waren damals 73 Kindergärten, 71 Kinderbewahr- Anftalten verbunden. Aufserdem beftanden 201 felbftftändige Kinderbewahr- Anftalten und 17 Krippen. Die Zahl der höheren Lehr- und Bildungsanftalten geftaltete fich im Jahre 1872 folgendermafsen: Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten Landwirthschaftliche Anftalten Hebammenfchulen Gymnafien Studirende Zahl 59 3.285 35 I.I22 14 737 93 24.429 Realgymnafien 48 7.042 Realfchulen 64 18.349 Gewerbliche Fortbildungsfchulen 42 8.220 Handels- Lehranstalten. 38 5.300 Kunft- und Mufikfchulen 108 5.126 Theologifche Diöcefan- Lehranstalten. 19 I.204 Theologifche Lehranstalten 22 286 Univerfitäten Theologifche Facultäten Chirurgifche Lehranstalten Technifche Hochſchulen Handelsacademien Berg- und Forftacademien 1.750 III Aufserdem gab es im Jahre 1872 2 Bergfchulen, 4 Forftfchulen, 6 nautiſche Schulen, und im Jahre 1871 54 Sprachfchulen, 52 Turnfchulen, 214 weibliche Arbeitsfchulen und 245 verfchiedene Specialinftitute. Die Militär- Lehranstalten beftanden in 9 Fortbildungs- Anstalten mit 570 und 8 Erziehungs- und Bildungsanftalten mit 1760 Schülern. 633743 9.028 287 301 3.469 6 J. Löwenthal. Wir werden die gehaltvolle Schrift des Dr. A. Ficker in unferem Berichte über die Bildungsmittel zu berücksichtigen fuchen. Die öfterreichifche Sparcaffe hat in einem eigenen Pavillon das öfterreichiſche Sparcaffewefen zur Anfchauung gebracht und über dasfelbe ein Tabellenwerk veröffentlicht, deffen Bearbeiter, Herr Heinrich Ehrenberger, alle Anerkennung verdient. Vor allem conftatiren wir hier die erfreuliche Thatfache, dafs das Guthaben der Einleger fich während der letzten zehn Jahre 1862-1871 von III, 982.768 auf 341,137.380, mithin um 229,154.642 fl. oder 204 63% vermehrt hat. Das Ergebnifs erfcheint um fo beachtenswerther, als gerade in diefem Decennium das Capital mehr als je anderweitig in Anfpruch genommen wurde. Oefterreich nimmt unter den das Sparwefen begünftigenden Staaten den zweiten Rang ein. So betrug das Guthaben in England im Jahre 1871 558,454.628 fl.( darunter Poft- Sparcaffa 170,250.046 fl.), in Oefterreich 341,137.380 fl. Preufsen wies in demfelben Jahre 289.381.209 fl., Frankreich( 1868) 253,295.308 fl., Ungarn 1870) 122,964.070 fl. aus. Diefer günftige Stand gilt für Oefterreich jedoch nur von den Einlagen, während die Zahl der Sparcaffen( 211) verhältnifsmäfsig gering ift, wenn man erwägt, dafs Preufsen deren im Jahre 1871: 830 und felbft manches kleinere Land, wie z. B. Norwegen bereits im Jahre 1865: 233 befafs. Es wird daher die Nothwendigkeit einer Einführung der Poft- Sparcaffen wie in England oder der Filial- Sparcaffen wie in Frankreich dargethan. Die Triefter Handels- und Gewerbekammer hat ihre Ausweife über den Handel und die Schifffahrt von Trieft im Jahre 1871 aufgelegt, aus denen vor allem der erfeuliche Auffchwug fich ergibt, den der Seeverkehr feit 1865, fowohl bei der Ein- als bei der Ausfuhr genommen hat, indem der Werth der erfteren von 76,244.434 im Jahre 1865 auf 156.330.182 fl. im Jahre 1871 und jener der Ausfuhr beziehungsweife von 95,825.430 fl. auf 110,472.113 fl. geftiegen ift. Die Zunahme tritt jedoch grofsentheils in beiden Richtungen beim Tranfitverkehr hervor. Die Zahl der mit Ladung angekommenen und abgegangenen Schiffe war: abgegangen Jahr 1865 eingelaufen Schiffe 8.127 6.495 Tonnen 630,192 844.517 Schiffe 7.073 6.073 Tonnen 787.605 775-552 1871 Die unter vorftehenden Zahlen begriffene Dampffchifffahrt geftaltete fich folgendermafsen: eingelaufen abgegangen 1865 Dampfer öfterr. 720 Tonnen Dampfer Tonnen 235.208 772 240.746 fremde 10I 72.366 I04 83.823 1871 öfterr. 797 fremde 189 353-573 919 318.474 152.139 119 140.514 Beim Einfuhrhandel behauptete England den erften Rang; der Werth der Importen desfelben hat fich von 10,267.368 fl. im Jahre 1865, auf 37,911.094 fl. im Jahre 1871 vermehrt. Bei der Ausfuhr fteht die Türkei in erfter Reihe; der Werth des Exports dahin fteigerte fich von 16,033.522 im Jahre 1865 auf 24,661.955 im Jahre 1871. Nächft England und der Türkei war der Verkehr am bedeutendften mit Italien, deffen Werth im Jahre 1871 bei der Einfuhr 20,648.778 und bei der Ausfuhr 21,524.921 fl. betrug. Der Werth der Ausfuhr auf dem Landwege, wobei ebenfalls der Tranfitverkehr in Anfchlag zu bringen ift, belief fich im Jahre 1865 auf 34,404.467 und im Jahre 1871 auf 104,380.984 fl., jener der Einfuhr hingegen beziehungsweife auf 82,856.227 und 92,441.732 fl. Die k. k. Seebehörde in Trieft hätte ftatt der Recepte, wie man die Seefifche, Krebfe, Schnecken u. f. w. bereiten und aus letzteren eine wohl Die Leiftungen der Statiſtik. 7 schmeckende Suppe gewinnen foll, weit wichtigere Befprechungen und ftatiftifche Daten bieten können, zu denen ihr das umfaffendfte Material zu Gebote fteht, wie die belehrenden Erläuterungen zu den topographifchen Plänen und anderen graphifchen und ftatiftifchen Darftellungen, zu den Probewürfeln der Stein- und Cementforten und zu den mineralifchen Meeresproducten beurkunden. Den fpärlichen ftatiftifchen Nachweifen entlehnen wir nur, dafs feit der Gründung der CentralSeebehörde im Jahre 1854 bis Ende 1872 7,671.811 fl.: im Jahre 1872 allein 816.694 fl. für Hafen- und Sanitätsbauten, dann für Seeleuchten verausgabt worden find. Ungarn. Das ungarifche Minifterium für Cultus und Unterricht befchränkte fich auf einige Mittheilungen über das Schulwefen am Ende des Jahres 1871. Damals zählte Ungarn 2,206.187 fchulpflichtige Kinder, von denen 1,233.500 die 14.550 Volksfchulen befuchten; 295 diefer letzteren erhielten eine Staatsfubvention von 369.199 fl. und 2.314 Lehrer ohne Unterfchied der Confeffion wurden mit 149.730 fl. unterſtützt. Es wurde auch ein Unterricht für Erwachfene eingeführt, deren 55.000 Schreiben, Lefen und Rechnen erlernten. Die 99 Oberund 47 Untergymnafien wurden im Jahre 1871 von 30.992 Schülern befucht. Die Zahl der Gymnafiallehrer war 1.624. 11 Ober- und 47 Unter- Realfchulen mit 267 Lehrern wurden von 5.472 Schülern, die beiden Univerfitäten mit 149 Profefforen von 2375 und die Polytechnik mit 42 Profefforen von 451 Studirenden befucht. Als Beweis, wie fehr die ungarifche Nation fich die Hebung und Entwickelung ihrer Schulbildung angelegen fein laffe, wird hervorgehoben, dafs das Budget des öffentlichen Unterrichtes von 1,367.400 fl. im Jahre 1869, im Jahre 1871 auf. 4,632.028 fl. erhöht wurde. Das ungarifche Minifterium für Ackerbau, Gewerbe und Handel hat für die Weltausftellung als Einleitung zum Specialkatalog eine ,, Skizze der Landeskunde Ungarns" veröffentlicht, mit deren Abfaffung unter Redaction des Herrn Carl Keleti, die Herren: J. Hunfalvy, Dr. M. Handtken, Dr. G. Schenzl, Dr. N. Szontagh. J. Frivalfzky, A. Havas, Dr. A. Konek, A. Bedő, L. Beöty betraut und vom königlich ungarifchen ftatiftifchen Bureau unterſtützt wurden. Die fehr intereffante Monographie fafst die natürlichen, geologifchen, meteorologifchen, naturwiffenfchaftlichen und ftaatlichen Verhältniffe Ungarns überhaupt in gründlicher Darftellung zufammen und enthält eine Menge ftatiſtiſcher. Mittheilungen über Bevölkerung, Urproduction, Induftrie, Handel und Verkehr, denen wir hier die wichtigften Daten entlehnen. Die Gefammtbevölkerung wird auf 15,417.327 Einwohner( darunter 7,763.767 weiblichen Gefchlechtes) angegeben, von denen 11,117.621 auf Ungarn, 2,101.727 auf Siebenbürgen, 17.884 auf Fiume. 979.722 auf Kroatien und 1,300.371 auf die Militärgrenze entfallen. Bezüglich der Nationalität vertheilten fich diefe Zahlen auf 6,207.580 Magyaren, 2,321.006 Romanen, 1,816.087 Deutfche, 1,825.723 Slovaken. Der Reft beftand aus Serben, Kroaten, Ruthenen, Griechen, Armeniern u. f. w. Den Glaubensbekenntniffen nach lebten im ganzen Königreiche: Römifch- katholifche Griechifch- orientalifche Griechifch- katholifche Evangelifche helvetifcher Confeffion Evangelifche Augsburger Confeffion Israelitifche Unitarier Andere chriftliche Andere nichtchriftliche 7,502.000 2,579.653 1,592.689 2,024.332 1,109.154 552.133 54.438 2.714 214 Zufammen wie oben 15,417.327 8 တ J. Löwenthal. Ungarn ift trotz dem grofsen Auffchwung der Induftrie in manchen Richtungen doch vorzugsweife als Ackerbauftaat zu betrachten, deffen jährliche Brotfrüchte- Ernten( Weizen, Korn und Halbfrüchte) zwifchen 60 und 90 Millionen niederöfterr. Metzen fchwankt. Das Ernte- Erträgnifs der Handelsgewächfe beträgt im Durchfchnitte jährlich 30.309 Centner Flachs, 569.996 Centner Hanf und 748.526 Centner Tabak. Der Viehft and war nach der letzten im Jahre 1870 vorgenommenen Zählung: 2,158.800 Pferde, 3300 Maulthiere, 30.400 Efel, 5,279.900 Stück Hornvieh, 15,077.000 Schafe, 573.000 Ziegen, 4,443.300 Schweine. Im Vergleiche zum Jahre 1857 hat fich die Zahl der Pferde um 3%, der Schafe und Ziegen um 33% vermehrt; das Hornvieh aber um 6%, und das Borftenvieh um 1% vermindert. Die Verminderung des Hornviehes ift theils dem Umftande zuzufchreiben, dafs durch die Theifsregulirung Millionen Joche Wiefen und Weiden in Ackerfelder umgewandelt und der Viehzucht entzogen wurden, theils ift fie eine Folge der häufig herrfchenden Rinderpeft. Die Pferdezucht hat in neuefter Zeit einen erfreulichen Auffchwung genommen. Die Pferde wurden durch Vollblut- Araber, fowie durch Vollblut- Engländer und normanifche Zuchthengfte, welche in den Staatsbefchälftationen dem Züchter zur Verfügung ftehen, immer mehr veredelt. In den drei Staatsgeftüten in Kisber, Babolna und Mezőhegyes befanden fich im Jahre 1872: 2874 Pferde, darunter 74 Hengfte. Ausserdem ftanden in den vier Befchälftationen in Stuhlweifsenburg, Nagy- Körös, Sepsi, Szt. György( Siebenbürgen) und Warasdin( Kroatien) 1629 Hengfte zur Verfügung der Züchter. Der Fifchft and hatte in den ungarifchen Gewäffern in Folge der grofsartigen Flufsregulirungen bedeutend abgenommen; die Zucht beginnt fich jedoch, dank der Unterſtützung, welche die Regierung den künftlichen Fifchzucht- Anftalten gewährt, wieder zu heben. Die Seidenraupen- Zucht ift faft überall verbreitet und bietet jährlich einen Ertrag von ungefähr 8000 Centner Cocons. Die Weinproduction ſchwankt zwifchen 24 und 40 Millionen Eimer jährlich; allein trotz der anerkannten Güte der Weine wird nur ein kleiner Theil( 1868-70 jährlich im Durchfchnitte 12 bis 2 Millionen Eimer, ausgeführt, weil die Weinmanipulation nicht den Standpunkt der concurrirenden Weinländer erreicht hat. Der Handel mit frischem O b ft wurde im Jahre 1871 durch eine Einfuhr von 54.623 und eine Ausfuhr von 110.513 Centner bewerkstelliget. Der Werth der BergwerkProduction war im Jahre 1871: 19,646.511 fl. gegen 14,718.814 fl. im Jahre 1867. Den bedeutendften Ertrag boten im Jahre 1871 Frifch- Roheifen 6,393.230, Gufseifen 1,671.330, Braunkohle 3,218.934, Schwarzkohlen 2,763.895, Gold 1,879.406, Silber 1,811.469 Kupfer 1,070.777 fl. u. f. w. Dem Gewichte nach betrug die Bergwerks Production im Jahre 1871 2784/30 Pfund Gold, 40.254/ 87 Pfund Silber, 22.762 Centner Kupfer, 28.884 Centner Blei, 2,184.129 Centner Frifch- Roheifen, 189.108 Centner Gufseifen, 15,250.379 Centner Braunkohle, 11,020.004 Centner Schwarzkohle, 6,444.832 Centner Eifenerze, 2,076.670 Centner verfchiedene andere Erze u. f. w. Ungarns wirthschaftliches Leben, fagt Herr Keleti, ift bezüglich der Induftrieverhältniffe von zu neuem Datum und zu jung, als dafs es in Hinficht auf die maffenhaftere Gewerbeproduction mit den vorzüglichen Induftrieftaaten des Auslandes in eine Parallele geftellt werden könnte; indefs hob fich der Sinn für Induftrie wenn auch langfam, doch ftetig. Einen Auffchwung nahm diefelbe befonders in der neueften Zeit und entfchieden durch die Einbürgerung der Fabriksproduction. Die immer mehr fich entwickelnde Macht der Affociation liefs auch in Ungarn Gefellſchaften an die Stelle einzelner Unternehmer entſtehen, und fo verbreitete fich die Actiengefellſchafts- Induftrie. Ueberhaupt befchäftigt die Induftrie mit Einfchlufs der Handwerker gegenwärtig 640.900 Menfchen oder 4% der Bevölkerung, wozu noch etwa 50.000 Menfchen gerechnet werden können, welche beim Bergbau und in den Hüttenwerken Verwendung finden. Den erften Rang unter allen Gewerbszweigen nimmt jedenfalls die Eifeninduftrie ein. Die Leiftungen der Statiſtik. 9 Sie hat im Jahre 1871: 6,426.687 Centner Eifenerz zu Tage gefördert. Diefer Production entſprechend betrug Ungarns und Siebenbürgens Erzeugung von Roheifen 2,100.590 und von Gufseifen 267.067 Centner. In grofsem Mafsftabe wird die Mühleninduftrie betrieben. In Buda- Peft beftehen 14 Mühlen, darunter 13 im Befitze von Actiengeſellſchaften. Alle find Kunftmühlen; fie repräfentiren einen Werth von II Millionen Gulden und können jährlich 9,720.000 Metzen Getreide vermahlen. Zur Fabrikation werden 2,781.000 Centner Steinkohlen im Werthe von 1,590.000 fl. benützt. Die Mühlen befchäftigen 2200 Arbeiter, welche einen Tageslohn von I fl. 50 kr. bis 2 fl. 10 kr. erhalten. Etwa zwei Dritttheile der Mehlfabricate werden in der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie verkauft, ein Drittel kommt zur Ausfuhr nach dem Auslande. Als die hervorragenden ausländifchen Abfatzmärkte werden England, Brafilien, Holland und Deutfchland, befonders Süd- Deutfchland, bezeichnet. Von geringerer Bedeutung ift der Export nach der Schweiz, nach Egypten und Oftindien. Die für unferen Bericht gezogene Grenze geftattet uns nicht, in alle Zweige der ungarifchen Induftrie einzugehen, welche vielfach in der Weltausftellung einen ehrenwerthen Platz einnehmen und deren Werth auch durch Auszeichnung anerkannt wurde. Erwähnen wir hier nur noch, dafs in Ungarn, Siebenbürgen und Kroatien im Jahre 1870: 66.082 Spiritusbrennereien, darunter 1040 mit künftlichen Apparaten verfehen und überhaupt 971 gröfsere, fabriksmäfsig betrieben, in Thätigkeit waren. Die Tabakfabriken( zwei in Peft, dann je eine in Kafchau, Prefsburg, Fiume, Temesvár, Klaufenburg, Agram und Schemnitz) verarbeiteten 41.702 Centner inländifchen und 221.720 Centner ausländifchen Tabak und erzeugten aufser Schnupf- und Rauchtabak 369,501.000 Cigarren und Cigarretten. Der Export ins Ausland belief fich auf 92.994 Centner Tabak. Der Werth des Handelsverkehrs zwifchen Ungarn und dem Auslande wird folgendermafsen angegeben: 1868 1869 1870 Einfuhr fl. 319,702.541 „ 408,970.946 " " 344,076.877 Ausfuhr fl. 329,995.35I » 329,749.608 » 342,876.945 Ein- und Ausfuhr gleichen fich in der Regel faft aus; der ungewöhnlich bedeutendere Werth der Ausfuhr im Jahre 1869 zeigt, dafs fie den Bedarf überftieg, wie in der That viele Artikel im folgenden Jahre wieder zur Ausfuhr gelangten, weil fie keinen Abfatz gefunden hatten. Den gröfsten Theil der Einfuhr bilden die Erzeugniffe der Fabriksinduftrie, dann Colonialwaaren. Als die Länder, mit denen Ungarn am meiften im Waarenvertaufche fteht, werden in erfter Reihe Oefterreich, dann das deutfche Reich genannt. Ungarn befafs am Ende 1870: 459 Meilen Locomotiv- Eifenbahnen, welche ein Anlagecapital von 331,754.707 fl.( 722.771 per Meile) in Anspruch nahmen. Die Gefammtlänge der Pferde- Eifenbahnen betrug 60.000 Wiener Klafter, darunter 12.436 Klafter der Pefter Tramwaybahn. Die Poft beförderte im Jahre 1871: 31,969.129 frankirte, 1,441.114 unfrankirte und 3,937.896 recommandirte Briefe, 927.216 Waarenmufter, 2,641.701 Kreuzband- Sendungen, 6,844.074 amtliche Briefe, 1,113.470 Packete im Gewichte von 4,292.062 Pfund und 6,303.116 Geld- und Werthfendungen im Werthe von 1,278.959.743 fl. Die Einnahmen des Poftbetriebes betrugen in demfelben Jahre 4,857.503 fl., die Ausgaben 4.561.275 fl. Das Telegraphennetz erftreckte fich im Jahre 1871 über 1618 Meilen Linien- und 4790 Meilen Drahtlänge, mit 650 Stationen. Die Zahl der beförderten Depefchen betrug im Inlande 1,792.321 und im internationalen Verkehr 260.048. Die Gefammteinnahmen beliefen fich auf 1,096.909, die Ausgaben auf 1,399.938 fl. Kroatien- Slavonien. Angeregt von der kroatifch- flavonifchen Landesregierung hat Dr. P. Matkovic eine Denkfchrift verfafst, in welcher die Bevölkerung von Kroatien 10 J. Löwenthal. und Slavonien auf 1,160.085 und der Militärgrenze auf 695.997, zufammen auf 1,856.082 Einwohner berechnet wird. Unter den 19 Städten gibt es nur fünf mit mehr als 10.000 Einwohnern( Agram 19.857, Effegg 17.244, Fiume 13.314, Warasdin 10.623 und Semlin 10.046). Für die Schulbildung wird ein fehr ungünftiges Verhältnifs angenommen: 84% der Einwohner find weder des Lefens noch des Schreibens kundig. Beinahe zwei Drittheile derfelben befchäftigen fich mit der Landwirthfchaft, die aber trotz der günftigen Bodenbefchaffenheit noch viel zu wünſchen übrig läfst. Dasfelbe gilt auch von der Viehzucht. Der Gefammtwerth der Bergbau- und Hüttenproduction im Jahre 1871 ift nur mit 283.050 fl. beziffert, obgleich die Kupfer-, Eifen- und Braunkohlen- Erzeugung fich feit 1861 um vier bis fünf Percent vermehrt hat. Nur ein kleiner Bruchtheil der Bewohner befchäftigt fich mit der gewerblichen Induftrie, die daher auch noch fehr zurück ift; erft in den letzten Jahren begann man ihr eine gröfsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Handelsmarine zählte im Jahre 1871: 591 Schiffe von 96.428 Tonnen; der Werth des durch die Schifffahrt vermittelten Seeverkehres betrug im Jahre 1870 bei der Einfuhr 9,416.800 und bei der Ausfuhr 7,199.900 fl. Das deutfche Reich. Mit einer Darſtellung des deutfchen Reiches in geographifcher und ftatiftifcher Beziehung von F. Bödiker beginnend, fchliefst der Katalog dem Verzeichniffe der in den Ausftellungsgruppen vorkommenden Gegenstände Erläuterungen über den Stand und das Wefen der landwirthschaftlichen und induftriellen Erzeugniffe, fowie deren Verhältniffe zur Kunft und Wiffenfchaft an. In Betreff der Bergwerks-, Hütten- und Salzwerks- Production, welche in Deutſchland wefentlich durch die Ausdehnung des Eifenbahnnetzes, dem Werthe nach von 207 Millionen Thaler im Jahre 1867 auf mehr als 250 Millionen im Jahre 1871 geftiegen ift, wird bemerkt, dafs vornehmlich Preufsen feinem Kohlenreichthum entſprechend dabei grofsen Antheil hat. Von 1867 bis 1871 hat fich der Werth der geförderten Steinkohlen von 39 auf 61 Millionen Thaler, jener der Eifenerze von 5 auf 812, des Roheifens von 2312 auf 3512, der Gufswaaren von II auf 18, des Schmiedeeifens und Stahls von 56 auf 85 Millionen Thaler vermehrt. Deutfchland nimmt nun unter den Eifen und Blei erzeugenden Ländern den dritten Rang ein. In Bezug auf Zink fteht es neben Belgien an der Spitze der Production. In der Ausftellung find von der deutfchen Landwirthschaft namentlich die technifchen Handelspflanzen, wie Tabak, Hopfen, Flachs u. f. w., dann die Producte der Viehzucht in befonderen Gruppen geordnet. Der Tabakbau umfafst 25.000 Hectaren Da nun der Ertrag jährlich im Durchfchnitte 28 Ctr. per Hectare zum Mittelpreife von 8 Reichsthaler per Ctr. beträgt, fo ftellt fich der Werth auf 5,600.000 Reichsthaler. Im Jahre 1871 war die Blätter Rollen Cigarren Einfuhr Ctr. 870.191 8.867 " " 12.548 Ausfuhr II2.082 31.611 42.774 Der jährliche Durchfchnitts- Ertrag des Hopfenbaues wird auf 670,000 Ctr. veranfchlagt, wozu Baiern allein etwa 300.000 Ctr. liefert. Nächft dem erfcheinen Elfafs- Lothringen mit 120.000 und Württemberg mit 100.000 Ctr. als die bedeutendften Producenten. Nürnberg ift im Laufe der Zeit der Hauptmarkt des ganzen deutfchen Hopfenhandels geworden. Sogar Brabant, Frankreich und Amerika fuchen für den Abfatz ihrer Erzeugniffe den Nürnberger Markt. Mit Flachs und Hanf find in Deutfchland 5% des Ackerlandes bebaut. Importirt wird jährlich für 15 Millionen, exportirt für II, Millionen Mark, fo dafs der Bedarf noch bei weitem nicht gedeckt erfcheint; dagegen hat der Weinbau bedeutende Fortfchritte aufzuweifen. Derfelbe umfafst in Deutfchland 125.000 Hectaren, wovon 32.000 Hectaren Die Leiftungen der Statiſtik. 11 Elfafs- Lothringen, Baiern 22.000 ,. Preufsen 20.000, Württemberg 19.000, Baden 18.000 und Heffen 8000 Hectaren treffen. Einen wichtigen und integrirenden Theil der deutfchen Viehzucht bildet die Wolle, deren Production bei einem Stande von 29,000.000 Schafen fich auf 180.000.000 Pfd. beläuft. Die Ausfuhr nach England hat fich in Folge der Concurrenz überfeeifcher Länder( Auftralien, Südamerika, Südafrika) faft um die Hälfte gegen früher vermindert, während die Einfuhr fich von 3,892.425 Pfd. im Jahre 1865-66 auf 13,279.479 Pfd. im Jahre 1869 vermehrt hat. Die Anwendung landwirthfchaftlicher Mafchinen wird mit jedem Jahre eine umfafsendere. Dafs die Fabrication derfelben einer erheblichen Steigerung fähig ift, geht daraus hervor, dafs die Einfuhr an Nähmaschinen, Locomobilen und Dampfmafchinen aus England und Nordamerika fehr beträchtlich ift. Eine Firma in Breslau bezog im Jahre 1872 allein 2000 Nähmafchinen aus Amerika. Die chemifche Induſtrie hat feit der Parifer Ausftellung eine gefteigerte Ausdehnung erlangt, die fich nach allen Richtungen hin ergibt. Im Jahre 1872 verarbeiteten 33 Fabriken 10,284.000 Ctr. Kali gegen beziehungsweife II und 1,288.000 im Jahre 1863. Die Strafsfurter und Leopoldsthaler Kali- Induftrie befchäftigt allein mehr als 3000 Arbeiter neben den Dampfmafchinen von 1500 Pferdekraft. Bezüglich pflanzlicher Farbftoffe tritt Deutſchland wegen feiner klimatifchen Verhältniffe nur in wenigen Fällen als Selbftproducent auf und bleibt für feinen bedeutenden Bedarf( darunter 25-30.000 Ctr. Indigo, 70.000 Ctr. Farbholz und 6000 Ctr. Cochenille) den füdlichen aufsereuropäiſchen Ländern tributär; aber felbft in der Verarbeitung feiner eigenen Farbpflanzen, als Krapp, Waid, Safflor, Wau auf feinere Drogen fteht es England und Frankreich noch nach. Vorzügliches leiftet es jedoch in der forglich geheim gehaltenen Fabrication von Cochenillecarmin. Unter den metallifchen und mineralifchen Farben nimmt die neuere Zinkweifs darftellung einen hervorragenden Platz ein, welche durch die Verdrängung des giftigen Bleiweiſses einen Confum von 250.000 Ctr. jährlich aufweift. Die bedeutendfte Mineralfarbe- Fabrication ift unftreitig die des Ultramarins. Deutfchland exportirt davon jährlich 60.000 Ctr. nach Oefterreich, Rufsland, England und der Levante. Bei der Anilinfarbe aus Steinkohlen- Theer, deren Werth von 21 Millionen Thaler im Jahre 1862 auf 10 Millionen im Jahre 1872 bei gleichzeitig 40- facher Productions- Vermehrung geftiegen ift, betheiligt fich Deutſchland beinahe mit der Hälfte der europäiſchen Production. Die Induftrie des künftlichen Alizarin ift feit 1870 in fteter Zunahme. Die Gefammt- Production in Europa beträgt 22.000 Ctr., wovon Deutſchland gegen 15.000 und England etwa 6000 Ctr. liefern. Wie fchon in fo vielen anderen Beziehungen blieb die intellectuelle Induftrie Siegerin auch im Kampfe mit der alten Zunft des Müller- Handwerkes und das blofse Mehlmachen geftaltete fich dann zur fabriksmäfsigen Production. Die gröfste gegenwärtig exiftirende, für den Export arbeitende Getreidemühle ift die der Gebrüder Lange in Kiel mit nicht weniger als 64 Gängen in einem einzigen Etabliffement. Im Jahre 1864( neuere Daten fehlen) zählte man bereits 59.118 Mühlen mit 104.405 Gängen. Die Rübenzucker- Fabrication hat in dem Mafse, als fie fich ausbreitete, kräftigte und Intenfität gewann, immer mehr den indifchen Zucker verdrängt. Während der Colonialzucker im Jahre 1845 noch eine Einfuhr von 1,413.836 Ctr. aufwies, befchränkte diefelbe fich im Jahre 1870 auf 140.683 Ctr., wogegen die Ausfuhr von 44.607 Ctr. im Jahre 1836 auf 424.013 Ctr. im Jahre 1870 ftieg. Noch viel charakteriftifcher ift die Zunahme der Production und des Confums feit 1836: Verarbeitete Rüben 506.923 RohzuckerProduction Zuckerverbrauch Campagne Zahl der Fabriken per Kopf 1836-37 28.162 122 4.09 1851-52 234 18,289.901 1,261.372 6.37 1861-62 247 31,692.394 2,515.269 8.81 1871-72 311 45,018.363 3,720.363 10 30 12 J. Löwenthal. Die chemifchen Verbefferungen übten auch ihren Einfluss auf die Spiritusfabrication. In dem ehemaligen Norddeutfchen Bundesgebiete betrug die Zahl der Fabriken im Jahre 1870 in den Städten 1542 und auf dem Lande 7348. Diefelben verarbeiteten 6,882.452 Scheffel Getreide und 38,490.536 Scheffel Kartoffeln. Mit diefem Auffchwung der Production hielt auch der Export des Spiritus gleichen Schritt. Die Wollweberei wird inDeutfchland noch vielfach auf Handftühlen betrieben, doch hat die mechanifche in den letzten Jahren einen fehr bedeutenden Auffchwung genommen. Man zählt gegenwärtig ungefähr 1,200.000 Streichgarn- Spindeln in beiläufig 1800 Spinnereien. Die hervorragendften Fabricationsbezirke find in der preufsifchen Rheinprovinz mit einem Umfatze von ungefähr 25 Millionen Thaler. Die fabricirten Artikel werden zum Theile exportirt, hauptfächlich nach den Vereinigten Staaten, Südamerika, Weftindien, Mexico, Oftindien, Japan, Levante, Spanien und Norwegen. In neuefter Zeit wird auch die Fabrication von Kunft wolle, d. h. aus getragenen Wollftoffen wiedergewonnenes Fafermaterial, in grofsem Mafsftabe befonders in Berlin, Linden, Worms und Würzburg betrieben. Der Werth der fämmtlichen von der deutſchen Induftrie nach ausländifchen Märkten abgefetzten Wollgarne und Wollwaaren wird auf 70 Millionen Thaler berechnet. Der mächtige Auffchwung der Baumwoll- Spinnerei ergibt fich fchon daraus, wenn man erfährt, dafs der Verbrauch der Baumwolle von 185.771 Ctr. im Durchfchnitte der Jahre 1836-40 auf 2,336.518 Ctr. im Jahre 1871 geftiegen war. In letzterer Zeit hat fich namentlich die Einfuhr über Bremen und Oefterreich gehoben, letzteres theils durch den Bezug levantifcher, theils durch jenen der oftindifchen Baumwolle über Trieft mit Benützung des Suezcanals.- Die Flachsfpinnerei zählte in Deutfchland im Jahre 1869: 260.000 Spindeln gegen 380.000 in Oefterreich und 1,640.000 in England und diefes Verhältnifs dürfte fich noch nicht geändert haben. Die Leineninduftrie hat fich überhaupt nicht grofser Fortfchritte zu erfreuen. Die Ausfuhr fteht, Packleinwand etwa ausgenommen, ftets der Einfuhr bedeutend nach. Defto rühriger geftaltete fich in neuefter Zeit die Juteartikel- Fabrication. Im Jahre 1861 eingeführt, weift fie bereits eine GefammtProduction von 200.000 Ctr. auf. Die Fabrication von feidenen und halbfeidenen Waaren befchäftigt jetzt 330 Fabriken.- Ein noch fehr junger Induftriezweig, die Fabrication von Gummiwaaren aus Kautfchuk und Guttapercha, hat ebenfalls bereits eine grofse Bedeutung in Deutfchland erlangt. Die Gefammtproduction beträgt jetzt mehr als 50.000 Ctr. jährlich. Von der ungemein grofsen Entwicklung der Eifen- und Stahlwaaren- Fabrication zeugt fchon die Thatfache, dafs die im Jahre 1825 auf 1,004.160 Ctr. befchränkte Roheifen- Erzeugung im Jahre 1871 auf 23,874.460 Ctr. geftiegen ift. Die Glasfabrication befchäftigt jetzt 250 Fabriken ftatt 188 in den vierziger Jahren; in feineren Gegenständen hat fich diefelbe im Grofsen und Ganzen bislang auf die Höhe der öfterreichifchen, englifchen, belgifchen und franzöfifchen Induftrie nicht zu erheben vermocht, was auch von der Thoninduftrie gilt. - Einen Mafsftab für den Umfang der fogenannten Kurzwaaren- Induftrie in Deutſchland bietet die Menge der jährlich verwendeten Verpackungsbehälter, als Schachteln, Käftchen und dgl. aus Holz und Pappendeckel, welche mehr als 50.000 Menfchen, meiftens Frauen und Kinder befchäftigt. Als Concurrent auf dem Weltmarkt tritt mit Erfolg zum Theile auch O efterreich auf mit feinen Galanteriewaaren von Leder und Bronce und den überhaupt berühmten Meerfchaum- Arbeiten. Der Hauptfitz des deutfchen Exporthandels für Kurzwaaren ift noch immer Nürnberg. Die deutfche Holzinduftrie ift namentlich auf dem Gebiete der Möbelfabrication von wirthfchaftlich gröfserer Bedeutung. Zur Fabrication der Fäffer und zur Baufchreinerei, fowie auch zu Bauhölzern wird vorzüglich Eichenholz aus den füdlichen und füdöftlichen Theilen des öfterreichifchen Kaiferreiches bezogen. Die Holzfchnitzerei hat befonders in den letzten Jahren anfehnliche Fortfchritte gemacht; die gebogenen Möbel wurden nach dem Mufter der von Thonet in Wien im Jahre 1834 zuerft fabricirten, in Deutfchland eingeführt. Auch Die Leiftungen der Statiftik. 13 die Marqueterie oder Holzmofaik ift in neuefter Zeit in Deutfchland auf eine hohe Stufe der Ausbildung gelangt. Das Pfropfenfchneider- Gewerbe wird meiſtens in Bremen und in der oldenburgifchen Stadt Delmenhorft in vielen hundert Häufern und Familien ausgeübt, welche im Durchschnitt jährlich 300 Millionen Korke fabriciren und den Kork auch zu Sohlen und die geringere Waare zu den Schwimmern der Fifchernetze verarbeiten. Die Papierinduftrie war auf der Ausftellung fehr zahlreich vertreten. Die höchfte Beachtung verdient die Verwendung des Holzftoffes als Surrogat zur Papierfabrication. Ihr hat man es zu verdanken, dafs die Mafchinenpapier- Erzeugung in Deutfchland fo riefig zugenommen hat. Gegenwärtig find dort 350 Papiermafchinen im Gange, welche jährlich 3,500.000 Centner Papier im Werthe von etwa 50,000.000 Thaler erzeugen. Unter den Leiftungen der Fabrication zeichnet fich auch die Papierwäfche aus. Sie befchäftigt gegenwärtig mehr als 500 meiftens weibliche Arbeiter und bringt täglich 2000 Gros der betreffenden Gegenstände, als: Kragen, Chemifetten und Manchetten, mithin 300.000 Stücke täglich zu Stande. Merkwürdig ift auch Deutfchlands Fortfchritt in der Maſchineninduftrie. Im Jahre 1866 betrug noch die Mehreinfuhr an Mafchinen 81.866 Centner. Im Jahre 1872 hingegen belief fich die Einfuhr anf 663.720 und die Ausfuhr auf 771.209 Centner. Norwegen. Norwegens Bevölkerung beftand im Jahre 1871 aus 1,733.000 Einwohnern. Unter den fechzig Städten zählte die Hauptftadt Chriftiania mit den Vorftädten 80.000, Bergen 30.000, Trondhjem( Drontheim) 20.000, Stavanger 18.000 Einwohner. Der Verkehr mit dem Auslande ftellte fich bei der Ausfuhr auf 39,800.000, bei der Einfuhr auf 38,300.000 Species. Die wichtigften Gegenftände des Exports waren Producte der Fifchereien für 8,530.000, Producte der Forftcultur und der Holzinduftrie für 8,900.000, dann jene des Ackerbaues und der Viehzucht für 810.000 Species u. f. w. Die Ausfuhr von Induftrie- Erzeugniffen befchränkt fich auf den Werth von etwa 2 Millionen Species. Obwohl Norwegen reich an Metallen und Mineralien ift, vermag doch der Ertrag der eigenen Bergwerke das Bedürfnifs des Landes nicht ohne Hilfe der Einfuhr zu befriedigen. Im Jahre 1870 förderten 76 Gruben eine Erzmaffe von 2,516.000 Ctr., darunter 944.000 Ctr. Kupfer-, 390.000 Ctr. Eifen-, 44.000 Ctr. Silbererz, 986.000 Ctr. Schwefelkies u. f. w. Von den landwirthfchaftlichen Erzeugnifsen bot aufser Hafer( im Jahre 1870 2,083.000 norw. Tonnen) keines eine nennenswerthe Menge zur Ausfuhr. Die Producte der Viehzucht erheifchten vielmehr einen bedeutenden Import. Die chemifche Induſtrie geftattete im Jahre 1871 einen Export von 207.000 Ctr. im Werthe von 1,480.000 Spec., darunter allein an Thran 193.000 Ctr., für 1,385.000 Spec. Norwegen bezieht auch ziemlich viele geiftige Getränke vom Auslande, im Jahre 1871 allein Wein für 341.000, Branntwein für 230.000 Spec., dagegen hat die Bierbrauerei in der neueften Zeit einen bedeutenden Auffchwung genommen. Der Hauptmarkt für Bier ift Südamerika, wohin im Jahre 1871 34.000 Ctr. für 102.000 Spec. gingen. Einen der bedeutendften norwegifchen Gewerbszweige bildet die Holzinduftrie. Im Jahre 1870 ftanden zu deren Pflege 645 Schneidemühlen mit 9.800 Arbeitern im Betriebe. Die wichtigſten Producte derfelben: Planken, Bretter, Latte u. f. w. boten im Jahre 1871 einen Ausfuhrwerth von 8 Millionen Species. Norwegens bedeutender Schiffbau zeigt fich in ftetem Fortfchritte. In dem erwähnten Jahre gingen 184 Schiffe mit 17.000 Comerzlaft, darunter 16 Dampfer vom Stapel. Trotz diefer angefpannten Thätigkeit vermögen die einheimifchen Werften dermal nicht die Bedürfniffe der ftets wachfenden Handelsmarine zu befriedigen, wefshalb im Jahre 1871 noch dem Auslande 514.000 Spec. für Segelfchiffe und 314.000 Spec. für Dampfboote entrichtet werden mussten. 14 J. Löwenthal. Norwegens Handelsflotte beftand am Ende 1871 aus 7.063 Fahrzeugen mit einem Gefammtgehalte von mehr als einer Million Tonnen. Schweden.*) Schwedens Bevölkerung belief fich im Jahre 1871 auf 4,204.177 Köpfe und hat fich feit hundert Jahren nahezu verdoppelt. Unter den 90 Städten Schwedens zählt nur eine( Stockholm) mehr als 100.000( 138.512), acht haben mehr als 10.000 Einwohner, darunter Göteborg 57.360 Einwohner. Die Auswanderung, welche in den Jahren 1851-1860 nur 16.900 Perfonen umfafste, ftieg in den folgenden zehn Jahren auf 122.477, darunter 88.731, welche angeblich den Weg nach Amerika nahmen; die Einwanderung hingegen ift unbedeutend. Im Jahre 1870 war die fchwediſche Bevölkerung nach den Religionsbekenntniffen folgendermafsen vertheilt: Evangelifch- Lutherifche 4,162.087, Baptiften, Mormonen, Methodiften 3.809, Reformirte 190, Katholiken( darunter 30 ruffifch- griechifche) 603, Israeliten 1.836. Schweden hatte am Ende 1872 aufser der Reichsbank mit einem Activvermögen von 126,333.873 Reichsthaler Reichsmünze, 26 zettelausgebende Privatbanken( 222,470.537 Reichsthaler), 4 Filialbanken( 10,326.555) und 4 Actienbanken ( 61,573.441), zufammen mit Activen von 421,004.406 Reichsthaler. Die Staatseinnahmen wurden für 1873 mit 47,669.400 Reichsthaler, die Ausgaben auf 56,640.255 Reichsthaler beftimmt. Das fcheinbare Deficit entſteht dadurch, dafs unter den Ausgaben die für Eifenbahnbauten angewiefenen Mittel einberechnet find. Die Entwicklung des Fabrikswefens feit 40 Jahren zeigt folgende Ueberficht: ( Gruben und Bergwerke find nicht inbegriffen) Jahr 1830 1850 1870 1871 Anzahl der Fabriken 1.857 2.513 2.183 2.105 Fabricationswerth 13,175.000 37,092.000 92,281.000 105,236.000 Schwedens auswärtiger Handel ift feit 1850 in ftetem Steigen gewefen. Damals betrug der Werth der Einfuhr 36,354.000, jener der Ausfuhr 38,625.000 Rdr.; im Jahre 1871 hingegen beziehungsweife 169,179.000 und 161,023.000 Rdr. Steinkohlen wurden bisher nur in geringer Menge gewonnen; es werden aber jetzt eine Menge Bohrungen gemacht und einige von ihnen fcheinen befrie digende Refultate zu bieten. Der Bedarf an Steinkohlen mufs durch Einfuhr gedeckt werden, welche fich im Jahre 1872 auf 26,906.103 Kubikfufs belief. Defto reicher ift Schweden an Erzen, befonders an Eifenerzen. Ueberhaupt wurden im Jahre 1871 15,586.374 Ctr. gewonnen, deren Förderung 4.939 Perfonen befchäftigte. Die Roheifen Fabrication erfolgte im Jahre 1871 in 207 Hochöfen, welche zufammen 6,982.026 Ctr. in Roheifen und 136.385 Ctr. in Gufswaaren producirten und 3.812 Arbeiter befchäftigten. Ferner wurden im Jahre 1871: 4,415.511 Ctr. Stab-, Band-, Nagel-, und Drahteifen, 189.000 Ctr. Beffemer, 94.368 Ctr. anderer Stahl, 154.335 Ctr. Platten, 144.322 Ctr. Nägel und 337.702 Ctr. verfchiedene Eifen- Manufacturwaaren producirt. Das Beffemerfrifchen, obgleich diefer Procefs als fehr paffend für Schweden erachtet werden mufs, hat dort erft in den allerletzten Jahren Anerkennung gefunden. Die Eifenund Stahlmanufactur ift noch nicht fo grofs, dafs fie die eigenen Bedürfniffe des Landes befriedigt; man hofft jedoch in einigen Jahren ganz andere Verhältniffe zu erzielen, indem fämmtliche im Bau begriffenen gröfseren Beffemerwerke für Fabrication von Rails und anderem Eifenbahn- Material wie auch Platten berechnet find. *) Nach den ftatiftifchen Mittheilungen von Dr. Elias Sidenbladh. Die Leiftungen der Statiſtik. 15 Man berechnet, dafs in Schweden ungefähr drei Millionen Menfchen oder drei Viertheile der ganzen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt von dem Ackerbau und deffen Nebengewerben haben. Man kann hieraus ermeffen, welchen wichtigen Platz der Ackerbau einnehmen mufs. Der jetzige Standpunkt desfelben behauptet auch auf den gröfseren Gütern einen der Zeit vollkommen angemeffenen Platz. Die Felder find drainirt, die Brache ift eingefchränkt und zum Theil befäet, der Anbau von Wurzelgewächfen wird erweitert, die Gebäude und Geräthfchaften( letztere gröfstentheils von Eifen) find vortrefflich und die edelften Heerden von verfchiedenen Racen werden in den meiften Theilen des Landes angetroffen. Das angebaute Land wurde im Jahre 1870 auf 2,548.000 Hectaren beziffert, und der Ernte- Ertrag, der für Schweden als ein ziemlich guter angefehen werden kann, war: Weizen 1,071.000, Roggen 6,660.000, Gerfte 5,065.000, Hafer 12,450.000, Mengkorn 1,640.000, Hülfenfrüchte 912.500, Raps 16.500, Kartoffeln 16,443.000, andere Knollen- und Wurzelgewächfe 1,632.000, Flachsfamen 75.000 Hectoliter, Flachs und Hanf 4,200.000 Kilogramm. Auch Tabak wird angepflanzt, in der Nähe von Stockholm ungefähr 5.000 und bei Chriftianftad gegen 3 000 Ctr. Der ganze Ertrag in Schweden ift nicht bekannt. Der Thierftand war im Jahre 1870: 428.500 Pferde, 270.000 Ochfen, 39.000 Stiere, 1,232.000 Kühe, 426.000 Kälber, 1,595.000 Schafe, 124.500 Ziegen, 354.000 Schweine und aufserdem in Lappland ungefähr 200.000 Rennthiere. Schweden producirt mehr Getreide und Vieh als es confumirt, daher auch eine bedeutende Ausfuhr jährlich befonders nach England ftattfindet. Verfuche, die Seidenzucht einzuführen, blieben bisher ohne Erfolg. So wie das fchwediſche Stabeifen fich den Weg nach den Häfen aller Welttheile fucht, fo finden auch die fchwedifchen Holzwaaren überall Nachfrage, befonders Breter und Planken. Beiſpielsweife wurden von folchen im Jahre 1871 beinahe eine Million Kubikfufs direct nach Auftralien gefchickt. Ueber die Hälfte der Holzwaaren geht nach England, welches 1871 allein gegen 44 Millionen Kubikfufs von Bretern und Planken kaufte. Frankreich erhielt 13,300.000, Belgien 5,800.000 Kubikfufs, andere Sendungen wurden nach Spanien, Dänemark, Preufsen u. f. w. gemacht. Im Zufammenhange mit der Forstwirthschaft wollen wir auch der Jagd erwähnen, deren Ertrag fehr bedeutend ift, aber nicht genau angegeben werden kann. Von fchädlichen Raubthieren wurden in den Jahren 1866-70 im Durchfchnitte jährlich 99 Bären, 47 Wölfe, 107 Luchfe und 39 Vielfrafse erlegt. Eine fehr reiche Nahrungsquelle für Schweden bietet das Fifchereiwefen. Am bedeutendften ift die Häringfifcherei an den Oftfeeküften, deren Ausbeute im vorigen Jahre einen Geldwerth von drei Millionen Rdr., 150.000 Tonnen eingefalzene Oftfee- Häringe repräfentirte. Die chemifche Induftrie hat erft in den letzten Jahren fich zu entwickeln begonnen, vermag aber nur in gewiffen Theilen die Bedürfniffe des Landes zu befriedigen, welche eines anfehnlichen Importes ausländifcher Erzeugniffe erfordern. Nur Zündhölzchen geftatten eine fehr bedeutende Ausfuhr, die immer gröfsere Dimenfionen anzunehmen fcheint. Diefelbe hob fich von 2,229.354 Pfund im Jahre 1865 auf 12,119.202 Pfund im Jahre 1872. Gegenwärtig find mit der Bereitung der Zündhölzchen in Schweden 24 Fabriken thätig. Die bedeutendfte derfelben ift in der Stadt Jönköping; fie befchäftigt über 1500 Perfonen. Ueberhaupt gibt fich in allen Zweigen der Induſtrie ein anerkennenswerthes Streben, diefelben zu pflegen und zu heben, kund; nur wenige haben fich jedoch fo weit emporgefchwungen, um mehr als die Bedürfniffe des Landes zu befriedigen und fich auch den Weg nach dem Auslande, von dem fie vielmehr abhängig find, zu bahnen. Zu den Ausnahmen gehört allenfalls auch die Holzinduftrie, deren Ausfuhrwerth im Jahre 1872: 711.000 Rdr. erreichte. Zur Verforgung der einzelnen Induftriezweige mit den ihnen nöthigen Maſchinen tragen 95 fogenannte mechanifche Werkstätten bei. Ihre Fabrication ift aber noch nicht fo weit 16 J. Löwenthal. entwickelt, um nicht noch immer die Zuflucht an das Ausland nehmen zu müffen. Jährlich werden daher bedeutende Mengen Geräthe und Mafchinen hauptfächlich aus England eingeführt, fo im Jahre 1871 für 3,753.711 Rdr., während die Ausfuhr fich auf 397.611 Rdr. befchränkte. Dänemark. Eine befonders in archäologifcher Beziehung fehr tief eingehende intereffante Studie:„ Le Danemark par Valdemar Schmidt" bietet uns auch einige Anhaltspunkte für unferen ftatiftifchen Bericht. Wir erfahren aus derfelben, dafs die Bevölkerung des Königreiches, welche fich ohne jene der Colonien( Island, Grönland, Faröer und drei der kleinen Antillen) im Jahre 1860 auf 1,611.969 Seelen befchränkt hatte, nach der Volkszählung von 1870: 1,784.741 Einwohner betragen hat. Unter 1000 widmen 454 fich dem Ackerbau, 217 der Induftrie, 150 den Taglohnarbeiten, 49 dem Handel und 28 der Schifffahrt; 35 gehören dem Beamten-, 17 dem geiftlichen und Lehrftande an, 17 leben von ihren Renten, 6 von der Kunft und Wiffenfchaft, 20 fallen wegen ihrer Mittellofigkeit den Gemeinden zur Laft und 16 von 100 leben in Strafanftalten. Der fehr ausgiebige Ackerbau gewährt nach Befriedigung der Landesbedürfniffe im Durchfchnitte jährlich eine Ausfuhr von 17% des Ernte- Erträgniffes, das in den letzten Jahren einen Werth von mehr als 300 Millionen Francs jährlich repräfentirte. Auch Butter, welche in Dänemark mindeſtens in der Menge von 26 Millionen Kilogramm bereitet wird, gewährt eine erhebliche Ausfuhr. Als mufterhaft wird das Sparcaffenwefen dargestellt, das nicht nur in den Städten, fondern auch auf dem flachen Lande feine thätigen Wirkungskreife hat. Das Guthaben der Einlagen ftieg von 26,030.231 auf ungefähr 66,500.000 Francs im Jahre 1871. Niederlande. Das Königreich der Niederlande befafs bei einer, nach der letzten Zählung 3,519.529 Einwohner, betragenden Bevölkerung am Ende des Jahres 1872 theils vollendete, theils im Bau begriffene Eifenbahnen in der Länge von 869.700 Meter. Die Telegraphenlinien dehnten fich über 2,988.900 Meter, mit einer Länge der Drähte von 10,140.000 Meter aus, von denen 54.941 Meter fich unter der Erde und 1,120.175 Meter unter dem Waffer hinzogen. Der Werth der landwirthschaftlichen Erzeugniffe wird im Durchfchnitte der zehn Jahre von 1861 bis 1870 auf 172,175.690 fl. jährlich berechnet. Der Viehftand war im Jahre 1870 252.054 Pferde, 1,410.822 Stück Hornvieh, 900.187 Schafe, 329.058 Schweine, 136.930 Ziegen, 413.193 Efel und Maulthiere. Der Werth diefer Nutzthiere wird auf 160 Millionen Gulden veranfchlagt. Die Seefifcherei, die fich hauptfächlich über den Häringfang erftreckt, repräfentirte im Jahre 1871 einen Werth von beinahe 2,300.000 fl. Die Manufactur- Induftrie befchäftigte im Jahre 1870: 1506 Fabriken und Werkstätten mittelft 1923 Dampfmafchinen von 22.017 Pferdekraft. Drittheile des niederländifchen Handels werden zu Waffer vermittelt. Die Handelsmarine zählte Ende 1871: 10.902 Schiffe( ohne die Seefifcherei- Fahrzeuge) im Gehalte von 521.098 Tonnen. Die höchft wichtige Binnen- Schifffahrt beschäftigte im Jahre 1871 ftromauf- und abwärts 113.836 Fahrzeuge von 3,794.093 Tonnen. Die internationale Schifffahrt auf den Hauptflüffen und Canälen wurde durch 21.064 beladene Schiffe von 2,130.992 Tonnen bei der Einfuhr und 12.641 Schiffe von 1,363.624 Tonnen bei der Ausfuhr bewerkstelliget. Die maritime SchifffahrtBewegung erfolgte im Jahre 1871 mit Ladung Schiffe durch niederländifche fremde 6516 bei der Einfuhr Schiffe Tonnen 3051 715.000 2,012.000 1967 2035 bei der Ausfuhr Tonnen 491.000 1,010.000 Zwei Die Leiftungen der Statiſtik. 17 Die Staatseinnahmen im Jahre 1871 beliefen fich auf 91,732.503 und die Ausgaben auf 94,573.752 fl. Der ftatiſtiſchen Mittheilung über das Königreich der Niederlande fchliefst fich eine Dar ftellung der niederländifchen Colonien in Oftindien: Java, Madura, Sumatra, Borneo, Celebes, Molukken u. f. w. an. Die Bevölkerung von Holländifch- Indien betrug im Jahre 1871: 21 Millionen, von denen 16,891.068 die Infeln Java und Madura treffen. Unter denfelben waren blofs 4847 Europäer oder von europäiſcher Abftammung. Die wichtigfte der überaus fruchtbaren niederländifchen Colonien, Java, zählte im Jahre 1872: 29,416.800 Cocosbäume, 300,743.4337 Kaffeeftauden, und das vorzüglichfte Gewächs, der Reis, gewährte einen Ertrag von 2920,564.517 Kilogrammen, die Zuckerernte gab 138,791.530 Kilogramme, Tabak lieferte 9,000.000, Indigo 300.000; Thee, der erft feit einigen Jahren angebaut wird, 916.767 Kilogramme. Die vorzüglichften Arbeitsthiere der Javanefen find die Büffel( 466.600), dann gab es nach der letzten Zählung 88.800 rafche Poni's als Sattel- und Zugthiere, 533.000 Stiere und 721.300 Kühe. Die Infel Java hat ein geregeltes Poft- und Telegraphenwefen, und eine Eifenbahn ift im Bau; der Verfuch, Java mit Singapore durch submarinen Kabel zu vereinigen, ift jedoch mifslungen. Die Hauptgegenftände des Exportes der Infeln Java und Madura repräfentirten Kaffee für 49,000.000, Zucker für 26,000.000, Zinn( Banca) für 7,000.000, Thee für 1,000.000, Reis für 5,000.000, Indigo für 4,000.000, Tabak für 3,000.000 fl. Die Schifffahrts- Bewegung von Java und Madura betrug im Jahre 1871: 3405 Schiffe von 230.000 Laften( zwei Tonnen) bei der Einfuhr und 3772 Schiffe von 318.412 Laften bei der Ausfuhr. Die niederländifchen Colonien in Weftindien: Surinam und Curaçao nebft Dependenzen verurfachten dem Mutterlande im Budget von 1872 ein Deficit von 480.825 fl., das von der Staatsverwaltung gedeckt werden musste. Surinam hatte Ende 1871: 52.209, Curaçao 36.161 Einwohner aller Religionsgenoffen. Surinam zählt auch zwei israelitifche Gemeinden von 1200 Seelen. Sehr günftig geftaltet fich überall das Schulwefen. Belgien. Die ftatiftifchen Mittheilungen betreffen hauptfächlich die landwirthschaftlichen Erzeugniffe. Auf einem Gefammtareal von 2,945.506 Hektaren( ungefähr 536 Quadratmeilen) zählt Belgien gegenwärtig eine Bevölkerung von 5,087.105 Menfchen gegen 4,380.239 im Jahre 1840. Der Ackerbau hat in der neueften Zeit vermöge der fehr häufig angewendeten, die Handarbeit erfetzenden Mafchine grofse Fortfchritte gemacht. Die Leichtigkeit der Communication trägt zwar fo fehr zur Ermässigkeit der Preife fremder Cerealien bei, dafs der Kornanbau im Lande oft kaum lohnen dürfte, allein der intelligente Landmann findet immerhin da Mittel, durch die Düngung fein Erträgnifs derart zu vermehren, dafs er gleichen Schritt mit den fremden Preifen zu halten vermag. Vornehmlich hat der Anbau der Zuckerrübe eine grofse Ausdehnung erlangt. Von hervorragender Wichtigkeit ift der Mühlenbetrieb in der Provinz Antwerpen, in Brabant, in den beiden Flandern, in der Graffchaft Hennegau, in den Provinzen Lüttich, Limburg und Luxemburg. Das Land erzeugt zwar nicht fo viel Weizen die Bewohner nähren fich faft ausfchliefslich von Weizenbrotum die Mühlen zu befchäftigen, allein man bezieht das nöthige Product aus Deutſchland, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden, Rufsland, der Türkei und felbft aus Amerika, und die dadurch entſtehende Handelsbewegung ift fehr bedeutend. Im Durchschnitte der zehn Jahre 1861-1870 betrug die Getreide- Einfuhr jährlich 128,636.673 Kilogramm, gegenüber einer Ausfuhr von blofs 5,377.861 Kilogramm. Mehr als Weizen wird Roggen angebaut, aber hauptfächlich zur Alkoholbrennerei. Auch in diefer Getreidegattung ergab fich ein Ueberfchufs der Einfuhr( 30,935.455 Kilogramm) gegenüber der Ausfuhr( 9,414.192 Kilogramm) e. Die mit Erfolg in Belgien betriebene Tabakcultur ift in gröfserem 2 18 J. Löwenthal. Umfange auf die beiden Flandern und einen Theil der Provinz Hennegau befchränkt Das Erträgnifs überfteigt 2,200.000 Kilogramm, die Einfuhr beträgt in runder Zahl 5,704,700 Kilogramm im Werthe von 9,324.500 Francs. Die Ausfuhr 316.479 Kilogramm in Tabak und Cigarren hat einen Werth von etwa 1,396.000 Francs und nimmt ihre Richtung hauptfächlich nach der Schweiz und England, dann nach Frankreich, Chili, den Niederlanden u. f. w. Unter den belgifchen induftriellen Pflanzen nimmt der Flachs die erfte Reihe ein. Der Anbau wird in fehr grofsem Umfange betrieben und auf 57.040 Hektaren werden 23,710.275 Kilogramm gehechelter Flachs gewonnen. Durch die fehr forgfältige Pflege diefes Culturzweiges hatte Belgien von jeher den Ruf, den beften Flachs in Europa zu liefern. Es verdankt diefs hauptfächlich der Manipulation bei Bereitung der Fafer und der von der Eigenthümlichkeit des Waffers der Lys begünftigten Röftung.( Auch der Hanf wird mit Erfolg gebaut.) In mehreren Gegenden zieht man namentlich durch ihre Länge ausgezeichnete Flachsftengel, deren Fafer zur Bereitung des Batiftes und der Spitzen verwendet werden. In der Weltausstellung lagen einige Mufter vor, durch welche die Verwandlungen angedeutet werden, denen der Flachs entgegengeht, bevor er feiner eigentlichen Beftimmung zugeführt wird. Von grofser Wichtigkeit ift auch die Strohflechterei in der Gegend von Maftricht, fie repräfentirt jährlich einen Werth von 4-5 Millionen Francs. Das, Dank der natürlichen Bodenbefchaffenheit, gewonnene Stroh ift von einer Biegfamkeit und Weifse wie nirgends fonft in folchem Grade. England. - Die britifche Commiffion hat als Leitfaden für die betreffenden Ausfteller den öfterreichifchen Zolltarif für die vorzüglichften britifchen Erzeugniffe veröffentlicht) und demfelben eine tabellarifche Ueberficht der im Jahre 1871 nach den öfterreichifchen Küftenländern verfendeten Boden- und Induftrie- Erzeugniffe beigefügt. Der Werth derfelben wird auf 1.588,352 Pfund Sterling berechnet. Wir bemerken hierzu, dafs diefer Betrag nur einen Theil der aus England in Oefterreich eintreffenden Waaren bildet, indem viele derfelben auch über die nördlichen und weftlichen Häfen nach Oefterreich befördert werden und unter den Ausfuhren nach Bremen, Hamburg, Antwerpen, Rotterdam u. f. w. erfcheinen. Auch ftimmt die obige Angabe mit unferen eigenen Ausweifen nicht überein, indem allein für den Werth der von England im Jahre 1871 in Trieft eingetroffenen Ladung 37,911,094 fl. verzeichnet find. Rechnet man hierzu die Ausfuhr von Trieft nach England in demfelben Jahre mit 9,837.095 fl., fo ergibt fich eine weit gröfsere Wichtigkeit des Verkehres zwifchen Oefterreich und dem britifchen Königreiche als aus den obigen Angaben des„ Austrian Tariff" gefchloffen werden könnte. Die britifche Abtheilung bot uns fonft keine Anhaltspunkte zur Mittheilung neuer ftatiftifcher Daten. Der„, Official Catalogue" befchränkte fich auf das gewöhnliche Namensverzeichnifs nebft einigen gelungenen Plänen und Illuftrationen, enthält aber am Schluſse einige Andeutungen über die commerciellen und induftriellen Verhältnifse in den britifchen Colonien, die jedenfalls als minder bekannt Anfpruch auf Berücksichtigung haben. Das Areal der Infel Victoria, füdöftlich vom auftralifchen Feftlande, wird auf 86.831( englifche) Quadratmeilen angegeben. Da nun Auftralien ungefähr 3,000.000 engl. Quadratmeilen umfafst, fo bildet Victoria kaum den 34. Theil feiner Oberfläche und ift nur um ein Geringes kleiner als das britifche Königreich, mit Ausfchlufs feiner Infeln in den nahen Seen. Victoria erzeugte im Jahre 1870: 5,697.056 Bufhel Weizen und die Wollausfuhr betrug im Jahre 1871: 76,334.480 Pfund. Die Infel Victoria erfreut *) Austrian Tariff of import duties upon the principal articles of British produce and manufactures. Die Leiftungen der Statiſtik. 19 fich, Dank ihrer geographifchen Lage, weit mehr als alle anderen auftralifchen Colonien eines den Europäern zufagenden Klimas. Sie birgt in ihren Bergwerken einen ebenfo grofsen als mannigfachen Mineralreichthum. Gediegenes Kupfer, Silber, Zinn, Zink, Blei und Eifen gewähren eine beträchtliche Ausbeute. Die Gruben der Alluvialfelder find nicht mehr ausgiebig an Gold, aber die Goldquarzwerke find noch immer in umfaffendem Betriebe. Seit der erften Entdeckung der Goldlager( 1851) bis zum Ende des Jahres 1871 wurden 40,749.848 Unzen Gold im Werthe von 162,699.322 Pfund Sterling gewonnen. Victoria befitzt 330 engl. Meilen Eifenbahnen mit lebhaftem Verkehr. Der Viehftand betrug im Jahre 1870. 161.530 Pferde, 179.661 Milchkühe, 512.857 Rinder, 9,923.660 Schafe und III.464 Stück Borftenvieh. So weit reichen die Angaben des Katalogs, die wir hier noch durch die Bemerkung ergänzen, dafs in verfchiedenen Richtungen der Infel auch fehr viele Manufacturen und Fabriken, namentlich Tuch-, Wollwaaren-, Papier-, Cigarren-, Seifen- und Kerzenfabriken, dann Eifengiefsereien beftehen. Von gutem Erfolge ift feit etwa fünf Jahren die Ausfuhr von präfervirtem Fleiſche nach Europa; der Hauptgegenstand des Exportes ift jedoch Wolle.- Die Colonie hat die Weltausstellung reichlich mit ihren Erzeugnifsen befchickt. Dahin gehören: Seidencocons, Straufsfedern, Quarz, präfervirtes Fleiſch, photographifche Anfichten, Maismehl, Wein, Oliven, Kaftanien, Feigen, pharmaceutifche Präparate aus auftralifchen Vegetabilien, Weizen, Pelzkragen und Muffe, Antimoniumquarz, Merinowolle, Kalbsleder, Waffen, Arrowroot. An diefen Sendungen hat fich befonders Melbourne betheiligt, das, im Jahre 1835 gegründet, immer mehr das Gepräge einer Grofsftadt gewinnt, die in jeder Beziehung den Vergleich mit den fchönften und bedeutendsten europäifchen Städten nicht zu fcheuen braucht. im Die aus drei grofsen und einigen meiftens unbewohnten kleineren Infeln beftehende Colonie von Neu- Seeland hatte nach der letzten Zählung Februar 1871 mit Ausfchlufs der Eingebornen 256.393 Einwohner gegen 99.021 im Jahre 1861. In entſprechendem Verhältniffe fteigerten fich die Einkünfte in demfelben Zeitraume von 691.464 auf 1,342.116 Pfund Sterling. Die Bevölkerung der gröfseren Städte war im Jahre 1871 in runder Zahl: Wellington, Sitz des Generalgouvernements, 80.000, Dunedin 20.000, Auckland 20.000, Chriftchurch 12.000, Nelfon 6.000 Einwohner. Neu- Seelands öffentliche Schuld belief fich im Jahre 1871 auf 9,983.341 Pfund Sterling. Der Handelsverkehr vermehrte fich von Jahr zu Jahr. Es betrug nämlich der Werth der - Einfuhr im Jahre 1860 Pfund Sterling 1,548.333 " 9 " " " 7 1870 1871 وو " ንን " 4,639.015 4,078.192 Ausfuhr 586.953 4,822.756 5,282.084 Sehr bedeutend hat fich unter anderem die Production von Butter und Käfe vermehrt; erftere von 3,834.255 Pfund im Jahre 1867 auf 5,199.072 im Jahre 1871 und letztere beziehungsweife von 1,300.082 auf 2,547.507 Pfund. Ebenfo war der Viehftand in merklichem Steigen, er umfafste 1871 81.078 Köpfe 436.592 29 Pferde Rindvieh 1867 65.615 312.835 Schafe 8,418.570 9,700.629 151.460 وو 99 Borftenvieh 115.104 Die Einwanderung führte im Jahre 1870: 9124 Menfchen zu, darunter 4015 aus Grofsbritannien und Irland, 456 aus anderen Staaten; der Reft kam aus den auftralifchen Colonien. Die Einfuhr erftreckte fich über faft alle europäiſche Induftriezweige, namentlich Baumwoll-, Woll; und Seidenwaaren, Bier, Wein, Zucker; die Ausfuhr befteht hauptfächlich in Gold, Kauriharz, Wolle, Kupfer, Flachs, Blei, Schwefel und Bauholz. Die wichtigſten Gegenstände des Exports 2* 20 J. Löwenthal. find jedoch Gold und Wolle, erfteres im Jahre 1870 im Werthe von 2,157.585 Pfd. St., von letzterer wurden 37,039.763 Pfd. gegen 27,765.630 Pfd. im Jahre 1869 ausgeführt. An der Weltausftellung hatte Neu- Seeland fich betheiligt mit Alluvialgold, Gold- und Silberbarren, Bauholz, Eifenfandftein, Flachs, präfervirten Fleiſchwaaren, Gummi, Hafer, Holzarten, Kohlen, Kragen und Muffen, verfchiedenen Erzen, Quarz, Seide, Schmuckfachen, Vögeln, Leder, Tabak, Cigarren, Photographien. Die Infel Ceylon, im Süden von Hindoftan, ift, obgleich feit 1815 im vollftändigen Befitze der britifchen Regierung, noch nicht zum zehnten Theile angebaut. Die Bevölkerung belief fich im Jahre 1871 auf 2,198.884 Köpfe. Die Staatseinkünfte betrugen 1,121,679, die Ausgaben 1,064.184, der Werth der Einfuhr war 4,797.952, jener der Ausfuhr 3,634.853 Pfd. St. Die Perlenfifcherei, früher fehr einträglich, ift aufgelaffen worden. Gefchmeide wird gröfstentheils auf der Infel felbft verfertigt. Die Weltausftellung hatte davon Ohrringe, Fingerringe, Silberketten u. f. w. für Männer und Frauen aufzuweifen. Die im indifchen Ocean, 400 englifche Meilen öftlich von Madagascar liegende Infel Mauritius, feit 1810 im Befitze der Engländer, zählte im Jahre 1870 318.584 Einwohner, darunter 217.742 Indianer. Die Staatseinkünfte betrugen 616.952, die Ausgaben 601.961 Pfd. St. Der Hauptgegenstand der Erzeugniffe ift Zuckerrohr, deffen Anbau 60-70.000 Einwanderer aus den Präfidentfchaften von Indien befchäftigt. Der Werth der Ein- und Ausfuhr war beziehungsweife, ohne Gold, 1,807.382 und 3,053.054 Pfd. St. Die Zuckerausfuhr allein erfcheint mit 2,819.944 Pfd. St. beziffert. Die Weltausftellung wurde hauptfächlich mit Zuckermuftern, Rohfeide, Matten, Flachs, Tauen und verfchiedenen Gefchirren befchickt. Dagegen enthält der ,, Official Catalogue", bemerkend, dafs die neueften Mittheilungen über Britiſh Indien*) noch nicht eingetroffen find, einige minder bekannte Angaben über die britifchen Anfiedlungen in Weftafrika, als Sierra- Leone, Goldküfte, Gambia und Lagos geben wir hier. Die Revenuen von denfelben betrugen im Jahre 1871: 172.197, die Ausgaben 167.497, die Einfuhr hatte einen Werth von 1,050,237, die Ausfuhr einen von 1,505.864 Pfd. St. Diefer Verkehr wurde durch 1271 Schiffe von 419.828 Tonnen bei der Einfuhr und 1210 Schiffe von 403.575 Tonnen bei der Ausfuhr vermittelt. Seitdem wurden die holländifchen Befitzungen in Guinea den britifchen Colonien einverleibt. Man darf alfo annehmen, dafs die Exporte der britifchen Anfiedlungen in Weftafrika im Jahre 1873: 2,000.000 Pfd. St. überfchritten, und die Importe 1,500.000 Pfd. St. erreicht haben werden. Der Hauptgegenftand der Ausfuhr ift Goldftaub, welcher nebft einigen eigenthümlichen Erzeugniffen der Eingebornen, als Affenhäute, Tabakpfeifen, Sandalen, Querfäcke u. dgl. in der Weltausstellung figurirte. Die Infel Jamaica hatte nach der im Juni 1871 vorgenommenen Zählung 13.101 weisse, 100.316 farbige und 392.707 fchwarze, zufammen 506.154 Einwohner. Als ein vergleichsweife neues Product neben den Hauptgegenständen des Exportes als Zucker, Rum, Kaffee, Gewürze und Cocosnüffe, wird Tabak bezeichnet, von dem auch in der Ausftellung Proben vorlagen. Die Anpflanzungen, vor etwa vier Jahren begonnen, liegen 15 englifche Meilen von der Hauptftadt Kingſton und liefern ein den Havannablättern ähnliches Product. In Kingfton find ungefähr hundert Menfchen mit der Bereifung der Cigarren und Cigarretten befchäftigt. Die Fracht für 1000 Stück beträgt von Jamaica nach England 3 und nach dem europäiſchen Feftlande 3 Sh. 6 D. Die aus einer Gruppe von zwanzig unbewohnten und einer unermesslichen Anzahl kleiner Eilande und Felfen beftehenden Bahamas, mit der Hauptftadt Naffau, waren ebenfalls in der Weltausstellung, unter anderem durch Mufchelwerke, *) Vergl. S. 36. Die Leiftungen der Statiſtik. 21 Fifchfchuppen- Zierathen, Pifang, Bananen, Ananas, Taue, Schwämme, Holz und Korke, Flamingofedern, Cigarren u. f. w. vertreten. Die Infel Trinidad, füdöftlich von Venezuela, hatte im Jahre 1871 109.638 Einwohner, befchickte die Ausftellung mit ihren, hauptfächlich aus Zucker, Rum, Cacao, Kaffee, Pech, Holz verfchiedener Gattung beftehenden Erzeugniffen. Die Schweiz. Die letzte Volkszählung fand am I. December 1870 ftatt. Derfelben zufolge hatte die Schweiz damals 2,669.147 Einwohner. Unter den zwölf Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern erreicht deren keine 50.000( Genf 46.783, Bafel 44.834, Bern 36.001, Laufanne 21.520, Zürich 21.199). In der Ausstellung war eine fchweizerifche Schulftatiftik aufgelegt, nach welcher die Zahl der die Volksfchule obligatorifch befuchenden Kinder fich durchſchnittlich in runder Zahl auf 420.000, etwa 15.7 Percent der Gefammtbevölkerung beläuft. Im Anfang des Jahres 1872 waren auf fchweizerifchem Gebiet 1.466 Kilometer Eifenbahnen im Betriebe, von denen 60 Kilometer fremdländifchen Eifenbahn- Unternehmungen. gehörten. Das auf die übrigen 1.406 Kilometer verwendete Anlagecapital betrug Ende 1871 ungefähr 465,000.000 Fr. Der Brutto- Ertrag war im Jahre 1871 39,490.000 Fr., die Betriebsausgaben betrugen 20,100.000 Fr. Die Poftverwaltung hatte im Jahre 1872: 12,083.982 Fr. Einnahmen und 10,282.613 Fr. Ausgaben, mithin einen Reinertrag von 1,801.339 Fr. Die Schweiz befitzt nächft Belgien verhältnifsmäfsig die meiften Telegraphenbureaux auf dem europäifchen Feftlande, nämlich 554 Staats- und 69 Eifenbahnbureaux mit einer Drahtlänge von 11.699.6 Kilometern. Der Reinertrag der Verwaltung betrug im Jahre 1872 41.346 89 Fr. Wie fehr der Depefchenverkehr feit der im Jahre 1868 erfolgten Herabfetzung des Preifes der einfachen Depefche auf 1/2 Fr. zugenommen hat, ergibt fich daraus, dafs die Zahl der im Durchfchnitte der letzten Jahre beförderten internen Telegramme von 798.186 jährlich im Jahre 1872 auf 1,480.757 geftiegen ift. Den Handelsverkehr finden wir nicht genau beziffert. Die Werthe der hauptfächlichften Verzehrungsgegenftände find für 1871 bei der Einfuhr mit 153,855.664 Fr.( darunter Getreide 63,480.290, Wein 21,467.340, Kaffee 20,641.940, Zucker 18,082.800 Fr.) und bei der Ausfuhr mit 42,187.692 Fr.( darunter Käfe mit 28,939.050 Fr.) angegeben. Ueber Banken und Noten- Emiffion beftehen in der Schweiz keine Gefetze, nur der Canton Zürich hat gefetzliche Beftimmungen, welche die Notenausgabe von der Genehmigung des Grofsen Rathes abhängig machen. Actiengeſellſchaften bedürfen jedoch in faft allen Cantonen der Genehmigung der Regierung; eine Ausnahme bildet Genf, welches im Jahre 1869, dem Beiſpiele England's folgend, die Conceffionirung der Actiengeſellſchaften aufgehoben hat. Es gibt in der Schweiz 7 Staatsbanken, eine von Gemeinden und Corporationen gegründete Hypothekenbank( Genf) und etwa 150, auf Actien errichtete, gröfsere und kleinere Creditinftitute mit einem Actiencapitale von 250-300 Millionen Franken. Ueber den gegenwärtigen Stand und den Umfang des in der Schweiz ungemein entz wickelten Sparcaffenwefens fehlt eine umfaffende Statiftik. Je mehr die Schweiz bezüglich des Bedarfs an Erzeugniffen der Urproduction auf den Bezug aus auswärtigen Quellen angewiefen ift, defto mehr zeigte fich die Nothwendigkeit fich auf induftrielle Arbeit zu verlegen, welche in der That in einzelnen Zweigen der Induftrie mit mufterhaftem Fleifse und beftem Erfolge betrieben wird. Die BaumwollSpinnerei befchäftigte im Jahre 1870: 2,059.351 Spindeln, gegen 1,602.109 Spindeln im Jahre 1860 und ein Theil der producirten Garne ging nach Deutſchland, Oefterreich, Frankreich und Italien. Die Seideninduftrie weift einen jährlichen Export von ungefähr 215 Millionen Franken auf. Die Uhreninduftrie erzeugt jährlich über 200.000 Tafchenuhren und der Export überfteigt den Werth von 100 Millionen Franken, dagegen reichte die Wollen- und die Leineninduftrie noch immer bei weitem nicht hin, die Bedürfniffe des Landes zu decken. - 22 J. Löwenthal. Frankreich. Frankreich, welches fonft mit feinen Nachweifen nicht geizt, hat diefsmal auf dem Gebiete der Statiſtik weit weniger geleiftet, als erwartet werden konnte. Sein über 3664 zur Ausftellung gelangte Gegenstände fich erftreckender Katalog ift eine reine Nomenclatur ohne fonftige Andeutungen, wie die Specialkataloge der meiften anderen Staaten fie geboten haben. Seit dem letzten Kriege find überhaupt die gewöhnlichen amtlichen Veröffentlichungen über die commerciellen und induftriellen Verhältniffe unterblieben. Indefs haben die Minifterien des Innern, des Handels, des Ackerbaues, der öffentlichen Arbeiten, der Marine und der Colonien, eigens für die Weltausftellung, einige„ Studien“ und„ Notizen" abfaffen laffen, denen wir folgende Daten verdanken, die jedoch felten über das Jahr 1870 hinausreichen. Der vom Minifterium des Ackerbaues und des Handels veröffentlichten ,, Notice sur les objets exposés" entnehmen wir, dafs Frankreichs Flächenraum, welcher nach der im Jahre 1840 erfolgten Meffung 54,305.100 Hektaren umfafste, fich in Folge der Gebietsabtretung im Jahre 1871 auf 52,857,700 Hektaren vermindert hat. Die Landwirthschaft ift von Jahr zu Jahr vorgefchritten und vom Jahre 1840 bis 1862 wurden allein 4,201.612 Hektaren in urbaren Zuftand gefetzt. Die landwirthfchaftlichen Werkzeuge haben fich fehr vervollkommnet. Im Jahre 1862 zählte man 81, im Jahre 1868: 2253 mittelft Dampf in Bewegung gefetzte Drefchmafchinen. Die Bevölkerung verminderte fich von 38,065.064 Einwohnern im Jahre 1866 in Folge der Gebietsverlufte im Jahre 1871 auf 36,102.921, von denen ungefähr der fünfte Theil, ohne die Frauen, Kinder, Pächter und Taglöhner, fich dem Ackerbau widmet. Wie der Anbau der Cerealien hat auch jener der induftriellen Pflanzen als: Zuckerrübe, Hanf, Flachs, Rübfaat, Karden u. f. w. bedeutend zugenommen, und ohne die Traubenkrankheit während der Jahre 1850-1858 und die jetzt in einigen Landestheilen vorherrfchende Phylloxera würde der Weinstock in Frankreich mindeftens 2,500.000 Hectaren ftatt 2,287,821 Hectaren im Jahre 1866 bedecken. Die Rindviehzucht macht ununterbrochen Fortfchritte, während die Zahl der Schafe abnimmt. Die Wichtigkeit der Geflügelzucht geht fchon daraus hervor, dafs im Jahre 1869: 29,093.802 Kilogramme Eier, im Werthe von 36,367.252 Francs ausgeführt werden konnten. Frankreich felbft verbraucht jährlich ungefähr 420.000 Ochfen, 1,130.000 Kühe, 3,350.000 Kälber, 5,640.000 Schöpfe, 1,290,000 Lämmer und 4,290,000 Schweine. Die Rübenzucker- Production hat eine fehr grofse Ausdehnung erlangt. Im Jahre 1840 auf 26,939,857 Kilogramme befchränkt, erreichte fie im Jahre 1871 336,249.624 Kilogramm und 484 Fabriken befchäftigten fich damals mit der Erzeugung des Rübenzuckers. Wie fehr die Seidénproduction durch die Raupenkrankheit gelitten hat, ergibt fich daraus, dafs diefelbe ftatt 25,000.000 Kilogramme im Jahre 1854 im Jahre 1869 auf 8,000.000 Kilogramme befchränkt war. Auch durch die Viehfeuche, die befonders im Jahre 1870-1871' ftark wüthete, hat Frankreich fehr gelitten, indem der Werth des in demfelben Jahre umgekommenen Rindviehes 27,333.787 Francs betrug. Man hätte glauben können, heifst es in der vom franzöfifchen Minifterium für die Weltausftellung veröffentlichten, fehr gründlichen Studie,*) dafs die Eifenbahnen den anderen Verbindungsftrafsen ihre Wichtigkeit entziehen würden; es zeigt fich jedoch, dafs der Verkehr auf denfelben eher zugenommen hat, die Regierung wendet daher ihnen wie dem Brückenbau ftets die gröfste Aufmerkfamkeit zu. Während der Jahre 1814-1870 wurden für den Strafsen- und Brückenbau 1.931,642.000 Francs, mithin im Durchfchnitte jährlich 33,894.000 Francs verausgabt. Die Länge der bis Ende 1870 dem Betriebe übergebenen Eifenbahnen wird *) Étude historique et statistique sur les voies de communication de la France, par M. Felix Lucas. Paris, imprimerie nationale 1873. Die Leiftungen der Statiftik. 23 auf 17.484 Kilometer angegeben. Aufserdem waren damals 5.064 Kilometer im Bau begriffen und 795 Kilometer conceffionirt. Das rollende Material beftand in 2.273 Locomotiven für Paffagier, 2.597 für Lafttrains, II.755 Paffagierwaggons, 4.575 Dienft- und 117.616 Laftwaggons. Die Bauk often fämmtlicher bis anfangs 1870 gebauten und im Bau begriffenen Bahnen beliefen fich auf 10.138,500.000 Francs Die Einnahmen während des Jahres 1869 betrugen 696,384.000, die Ausgaben 312,033.000 Francs. An Frachten wurden 44,014.000 Tonnen, an Paffagieren III, 164.000 befördert. Das Dienftperfonal belief fich auf 138.247 Perfonen. Eine andere Abtheilung der genannten Studie betrifft die Flufs-, Canal- und See- Schifffahrt. Bezüglich der letzteren wird conftatirt, dafs in den 218 franzöfifchen Häfen im Jahre 1868 mit Einfchlufs der Küften- Schifffahrt 96.484 beladene Schiffe im Gehalte von 9,335.004 Tonnen angekommen und von dort 84.977 beladene Schiffe von 6,827.608 Tonnen abgegangen find.- Der auswärtige Handel, fowohl land- als feewärts, repräfentirte im Jahre 1869 einen Werth von ungefähr 8 Milliarden Francs, welche fich folgendermafsen auf die verfchiedenen Verkehrsrichtungen vertheilen: Im Verkehr mit Europa 99 " " " י 99 ### F وو • Afrika. 79 Afien und Auftralien. Amerika 29 den franzöf. Colonien. Zufammen Francs Einfuhr 2.875.500.000 109,000.000 245,000.000 595.500.000 183,500.000 4.008,500.000 Ausfuhr Francs - 2.960,000.000 95,000.000 45,000.000 666,000.000 227,000-000 3.993,000.000 8.001,500.000. Die Handelsmarine beftand am 1. Januar 1870 aus 15.816 Segeln im Gehalte von 1,074.656 Tonnen, darunter 454 Dampfer von 142.942 Tonnen mit einer Kraft von 57.513 Pferden. Die Küftenfifcherei befchäftigte 9.200 Boote von 69.240 Tonnen mit einer Mannfchaft von 40.100 Köpfen. Die franzöfifchen Colonien find in dem vom Marineminifterium veröffentlichten Specialkatalog in landwirthfchaftlicher, commercieller und induftrieller Beziehung berücksichtigt worden. Die wichtigften derfelben je nach ihrem Umfange oder ihrer Handelsbewegung find Cochinchina, Guadeloupe, Martinique, Reunion und Senegal. In Martinique hat in der neueften Zeit befonders die Anpflanzung des Cacaobaumes eine grofse Ausdehnung erlangt und die Cacao- Ausfuhr im Jahre 1872 erreichte bereits 342.691 Kilogramme. Die Infel ift überaus reich an Medicinalpflanzen, darunter namentlich Cassia, deren Ausfuhr im Jahre 1872 beinahe 190.000 Kilogramme betrug. Bedeutend ift auch die Rumausfuhr: 5,658.096 Litres im Jahre 1872. Die Gefammtausfuhr hatte im Jahre 1870 einen Werth von 22,319.054 Francs gegenüber einem Einfuhrwerth von 26,947.965 Francs. Guadeloupe erzeugt einige feiner Stapelartikel in minder grofser Menge als früher; denn die Kaffeebäume haben durch Windftöfse, fowie durch Krankheiten fehr gelitten und die Ausfuhr befchränkte fich im Jahre 1872 auf 460.339 Kilogramme. Ebenfo hat die Baumwoll- Cultur, obgleich Guadeloupe die Geburtsftätte der berühmten Sea Island ift, ihre frühere Bedeutung verloren; der Cacaopflanze, die bisher vernachläffigt war, wird jedoch gröfsere Pflege zugewendet und die Cacao- Ausfuhr betrug im Jahre 1872 bereits wieder 102.933 Kilogramme. Sehr bedeutend ift die Zuckerproduction; der Export belief fich im Jahre 1872 auf 31,507.556 Kilogramme. Senegal zeichnet fich mehr als fonft irgend ein Land durch feinen Reichthum an Oelfämereien aus. Unter anderem wurden im Jahre 1871: 30,692.061 Kilogramme Arachiden( Erdnüffe) und daraus gewonnenes Oel, 563.981 Kilogramme Sefam, 895.475 Palmmandeln und 82.026 Kilogramme Palmenöl, 8068 Kilogramme Baumwollfamen u. f. w. ausgeführt. Eine der Hauptreffourcen von Senegal bildet Gummi, wovon jährlich gegen 3,000.000 Kilogramme zur Ausfuhr gelangen. 24 J. Löwenthal. Der Werth der Einfuhr von Senegambien betrug im Jahre 1871: 16,098.976 Francs gegenüber einem Exportwerth von 10,733.464 Francs. Die Infel Réunion( bis 1848 Isle de Bourbon) verdankte ihre frühere Blüthe der Zucker-, Kaffee-, Gewürznelken-, Vanille cultur u. f. w. Die Gewürznelke ift jetzt fehr vernachläffigt. Im Jahre 1849 betrug die Production 728.000 Kilogramme; im Jahre 1871 hingegen wurden nur noch 35.376 Kilogramme exportirt. Auch die Kaffee- Erzeugung hat fich durch Krankheit der Pflanze fehr vermindert und gewährte im Jahre 1871 blofs eine Ausfuhr von 382.261 Kilogrammen. Statt auf Baumwolle verlegte man fich in neuefter Zeit mehr auf die Zuckerfabrication, welche jedoch ebenfalls abgenommen hat, indem die Ausfuhr, im Jahre 1861: 73,000.000 Kilogramme, im Jahre 1871 auf 28,401.395 Kilogramme gefunken ift. Der Gefammtverkehr ift indefs immerhin fehr bedeutend und repräfentirte im Jahre 1872 einen Werth von 25,135.070 Francs bei der Einfuhr und 12,262.036 Francs bei der Ausfuhr. Cochinchina, reich an vielen koftbaren Bodenerzeugniffen, ift befonders als Kornkammer des Morgenlandes zu bezeichnen. Die Reisfelder dehnen fich auf einem Flächenraum von mehr als 300.000 Hectaren aus und gewähren trotz des fehr bedeutenden Verbrauches im Lande, eine Ausfuhr im Werthe von beinahe 40 Millionen Francs. Pfeffer, deffen Anbau durch die Bodenbefchaffenheit begünftigt ift, bildet ebenfo wie Cardamomen und andere Gewürze den Gegenftand eines anfehnlichen Handels. Erheblich ift die Salzerzeugung und auch die Seidenproduction verfpricht eine ftets fteigende Ausdehnung zu erlangen. Die Wichtigkeit des Verkehres von Cochinchina ergibt fich aus dem Gefammtwerthe desfelben im Jahre 1869. Derfelbe wird mit 77,500.000 Francs beziffert, wovon 27,500.000 Francs die Einfuhr treffen. Der Gefammtwerth des Handels der franzöfifchen Colonien wird für das Jahr 1870 auf 292,363.985 Francs berechnet, wovon 151,825.604 Francs auf die Ausfuhr und 140,538.381 Francs auf die Einfuhr entfallen. Das franzöfifche Minifterium des Innern hat auch den Specialkatalog der algierifchen Sendungen für die Weltausftellung mit einigen Nachweifen begleitet, denen wir entnehmen, dafs die Bevölkerung von Algerien zufolge der im Jahre 1872 vorgenommenen Zählung auf 2,414.218, mithin feit 1866 um 5983 Einwohner geftiegen ift, obgleich die Hungersnoth im Jahre 1867 und der Aufftand im Jahre 1871: 316.399 Eingeborne hinweggerafft hatten. Unter den Bewohnern waren 245.117 Europäer, 34.574 Israeliten und 2,134.527 Mufelmänner. Die Bedeutfamkeit der Algerien zu Gebote ftehenden Hilfsquellen ift fchon daraus zu entnehmen, dafs der Werth des Handelsverkehres, im Jahre 1850 auf 90 Millionen Francs befchränkt, im Jahre 1872: 300 Millionen überfchritten hatte, von denen 172,691.000 auf die Einfuhr und 124,456.000 auf die Ausfuhr entfielen. Der Export der Mineralien erftreckte fich im Jahre 1872 über Eifen, Kupfer und Blei. Der von den Europäern betriebene Ackerbau nahm einen ftets gröfseren Auffchwung und geftattete im Jahre 1872 eine Ausfuhr von 1,135.280 metr. Quintal Weizen und 6,305.163 Quintal Gerfte gegen beziehungsweife 217.118 und 498.660 im Jahre 1869. Im Jahre 1865 zählte man in den drei Provinzen 4.573.291 Dattelbäume, die fich bisher bedeutend vermehrt haben dürften, denn im Jahre 1872 wurden 2,174.998 Kilogramme getrocknete Datteln ausgeführt. Der Tabakanbau wurde im Jahre 1844 eingeführt und machte feitdem fo grofse Fortfchritte, dafs im Jahre 1860 bereits 6697 Hektaren bepflanzt waren, und die Ausfuhr in Blättern im Jahre 1872: 2,266.573 Kilogramme betrug. Der Flachsanbau datirt vom Jahre 1862. Damals waren ihm blofs 68 Hektaren gewidmet. Sechs Jahre fpäter fanden fich fchon 3461 Hektaren bepflanzt, und die Ausfuhr im Jahre 1872 erreichte 138.820 Kilogramme Flachs und 2,420.454 Kilogramme Leinfaat. In gleicher Weife hat fich die Cultur anderer Textilpflanzen gehoben. Diefs gilt namentlich von Sparto oder Halfa zur Papierfabrication. Die erften Sendungen hatten im Jahre 1856 von Spanien nach England begonnen, welches fünfzehn Jahre später bereits 160,000.000 Kilogramme verwendete. Auch die Ausbeute und Ausfuhr Die Leiftungen der Statiftik. 25 in Algerien ift fehr bedeutend und belief fich im Jahre 1872 auf 44,007.000 Kilogramme( im Jahre 1871 fogar beinahe 61,000.000 Kilogramme). Von geringerer Bedeutung find andere Oelfamen, Wachs, Honig, Seide und Cocons für den Export. Dagegen ift der Wollproduction eine gewiffe Wichtigkeit nicht abzufprechen. Im Jahre 1872 konnten 8,300.550 Kilogramme Wolle und 655.642 Schöpfe exportirt werden. Unter den Forftproducten verdient befonders Korkholz erwähnt zu werden, wovon im Jahre 1872: 2,091.000 Kilogramme ausgeführt wurden. Olivenöl reiht fich den wichtigſten Erzeugniffen von Algerien an. Die Ausfuhr richtet fich indefs nach der jedesmaligen gröfseren oder geringeren Ausbeute. So betrug diefelbe im Jahre 1872: 2,528.144 Kilogramme gegen 4.237.942 im Vorjahre. In gleicher Weife wechfelt der Mehl- Export, welcher z. B. im Jahre 1870: 29,731.000 Kilogramme und im Jahre 1872 nur 10,108.000 Kilogramme betrug. Die Obftcultur hat fich durch den Fleifs der europäifchen Landbauern ebenfalls fehr gehoben. Die Ausfuhr frifcher Früchte beftand hauptfächlich in Orangen, von denen im Jahre 1872: 2,292.000 Kilogramme verfendet wurden. Frankreich bezog unter andern aus Algerien im Jahre 1870: 1,272.231 Kilogramme Kartoffeln und 1,456.864 Kilogramme verfchiedene Gemüfegattungen. Italien. Wiewohl wir der in wiffenfchaftlicher wie artiftifcher Beziehung fehr reich ausgeftatteten 26. Gruppe der italienifchen Ausftellung unfere Aufmerksamkeit widmeten, fo konnten wir doch nur wenige ftatiſtiſche Behelfe gewahren. Der wichtigfte dürfte ein officielles Tabellenwerk über den Handel des Königreiches im Jahre 1871 fein, das mit einer feltenen, aber die Ueberficht fehr erfchwerenden Gründlichkeit und Ausführlichkeit abgefafst ift. Wir entnehmen demfelben, dafs der Werth der Einfuhr während des erwähnten Jahres landwärts 322,284.616 Fr., zur See unter heimifcher Flagge 264,617.III Fr., und unter fremder Flagge 479,675.964 Fr. betrug. Der Werth der Ausfuhr ift landwärts mit 579,156.364, feewärts unter nationaler Flagge mit 298,508.534 und unter fremder mit 336,144.809 Fr. berechnet. Der Stand der Eifenbahnen war am 1. Jänner 1873 folgendermafsen: Im Betriebe im Baue beantragt Staatsbahnen Gefellſchaftsbahnen Kilometer 1153 674 145 99 5635 444 575 6788 1118 720 - Das rollende Material diefer Bahnen beftand in 1072 Locomotiven, 3843 Paffagierwaggons und 17.888 Laftwaggons. Ein Nachweis der Poft zeigt, wie fehr der Briefverkehr zugenommen hat, indem im Jahre 1870: 84,128.283 Briefe gegen 80,454.838 frankirt, dann 75,141.756 Journale gegen 73,972.460 im Vorjahre befördert wurden. Eine fehr fleifsige Arbeit ift die vom Finanzminifterium veröffentlichte Statistica Finanziaria per l'anno 1871" in graphifchen Tabellen, die auch in Italien jetzt beliebt zu fein fcheinen. Portugal. Eine fehr anerkennenswerthe Leiftung ift das Werk des Herrn Alphons de Figueiredo über Portugal's Staatsverwaltung, Finanzen, Induſtrie und Handel*). *) Le Portugal. Considérations sur l'état de l'adminiftration des Finances, de l'industrie et du commerce de ce royaume et de ses colonies, par Alphonse de Figueiredo. 26 J. Löwenthal. Es war dem Verfaffer darum zu thun, den dichten Schleier zu lüften, der Portugal vor Europa's Augen verhüllt und die über dasfelbe verbreiteten irrigen Urtheile zu berichtigen. Es ift ihm in der That gelungen zu zeigen, wie fehr die adminiftrative Verwaltung des Königreiches nach den beften von anderen Staaten gebotenen Muftern organifirt ift, wie fehr Handel und Induftrie fich entwickelt haben und dafs felbft die Colonien, lange Zeit vernachläffigt, fich eines fteigenden Wohlftandes erfreuen und die Opfer zu belohnen beginnen, welche das Mutterland ihnen gebracht. Portugal hatte nach der Zählung vom Jahre 1870 mit Einfchlufs der benachbarten Infeln Angra, Funchal, Horta und Ponta delgado 4,362.011 Einwohner, und der Verfaffer macht kein Hehl daraus, dafs für die Schulbildung diefer Bevölkerung nur theilweife gehörige Sorge getragen wurde. Portugal hatte am Ende des Jahres 1872 eine confolidirte Schuld von 1.653,911.102.58 und eine fchwebende von 76,378.519.92, zufammen 1.730,289.622.50 Fr., eine allerdings drückende Laft für das Königreich, welches diefelbe jedoch als gerechtfertigt erachtet, in Erwägung, dafs fämmtliche feit dem Jahre 1857 unternommenen Anleihen nur für nützliche und productive Ausgaben ftattgefunden haben. So z. B. wurden auf den Bau von Eifenbahnen feit 1866: 87,973.785 Fr. verwendet. Im Verhältniffe zur Einwohnerzahl ift jedes Individuum in Portugal direct und indirect mit 23 Fr. 60 C. befteuert, gegen 17.85 im Jahre 1866. Der Verfaffer bemerkt, dafs Portugal fich nie zu einem Induſtrielande heranbilden werde. Es iſt feiner Natur nach mehr auf den Ackerbau angewiefen, der aber ebenfalls feinen Cerealienbedarf nicht fo weit deckt, um nicht zu einer fehr bedeutenden Einfuhr feine Zuflucht nehmen zu müffen. Nur der Weinbau zeigt fich als lohnend und genügt nicht nur dem eigenen Bedarfe des Landes, fondern veranlafst auch einen namhaften Export, deffen Werth für das Jahr 1870 mit 48,087.037 Fr. beziffert wird, und zwar Madeira für 1,814.155, Porto für 40,290.216 und andere Sorten für 5,982.716 Fr. Eine ebenfalls anfehnliche Ausfuhr gewährt die mit Vortheil betriebene Viehzucht. Im Jahre 1870 konnten 82.712 Pferde, 29.905 Ziegen, 82.712 Schöpfe, 32.569 Schweine, 30.899 Ochfen und 900 Maulthiere gröfstentheils nach England exportirt werden. Wenn Portugal jedoch als induftrielles Land keinen fehr bedeutenden Rang einnimmt, fo ift doch nicht in Abrede zu ftellen, dafs es einige Induftriezweige mit Vortheil zu pflegen wufste. Dahin gehört zuförderft die Wollwaaren- Fabrication, welche befonders fchwunghaft in der Stadt Covilha betrieben wird. Ihr reiht fich die Seidenwaaren- Fabrication an, mit Abzugsquellen in den portugiefifchen Colonien, in Afien und Afrika, in Brafilien und Spanien. Ausserdem werden portugiefifche Spitzen als ausgezeichnet erwähnt, fowie auch in einigen anderen Richtungen das Streben nach Fortfchritt nicht zu verkennen ift. Unter den Inftituten, welche auf diefen einen vorzüglichen Einfluss ausüben, wird der in Liffabon errichtete Gewerbeverein genannt. Derfelbe verdankt feine vielen Erfolge den unermüdlichen Bemühungen des Herrn J. H. Fradeffo da Silveira, welcher in Anerkennung feiner Verdienfte um die Induftrie zum portugiefifchen Generalcommiffär in der Wiener Weltausftellung ernannt wurde. Den Schlufs der ftatiftifchen Ausweife bildet der Handelsverkehr, der ebenfalls als merklich vorfchreitend bezeichnet wird. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870 betrug 25.341,244.300 und jener der Ausfuhr 20.293,457.000 Reis. Portugal's Verkehr mit Oefterreich war bis zum Jahre 1870 nur in einzelnen Jahren von einigem Belang, es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dafs der neuefte zwifchen beiden Staaten abgefchloffene Handelsvertrag viel zur Steigerung des Verkehrs zwifchen denfelben beitragen werde. Als einen werthvollen Beitrag zur Landesftatiftik dürfen wir auch die Andeutungen desfelben Verfaffers über die Verhältniffe der portugiefifchen Colonien: Cap Vert, St. Thomas, Angola, Mozambik, Goa, Macao und Timor betrachten. Es wird conftatirt, dafs die überfeeifchen Anfiedlungen ebenfalls in der neueften Zeit wefentliche Fortfchritte gemacht haben, was fchon daraus hervorgeht, dafs während der Staat im Verwaltungsjahre 1864-1865 noch ein Deficit von 336,627.798 Die Leiftungen der Statiftik. 27 Reis zu decken hatte, im Jahre 1871 hingegen die Staatseinkünfte um 42.708.019 Reis die Ausgaben überfchritten; aber nicht nur in materieller, fondern auch in moralifcher Beziehung ift das Streben der portugiefifchen Regierung, die Colonien immermehr der Wohlthaten der Gefittung theilhaftig werden zu laffen, vom beften Erfolge gekrönt worden. Rufsland. Das Kaiferthum Rufsland war auf dem Gebiete der Statiftik äufserft fpärlich vertreten. Wir fanden blofs ein in Leipzig erfchienenes Buch:„ Die Induftrie Rufsland's" von Theodor Mattei und eine Monographie über Finnland. Die Bevölkerung diefes Grofsfürftenthumes betrug im Jahre 1871: 1,773.612 Köpfe, von denen 137.413 in den 33 Städten lebten. Die Hauptftadt Helfingfors zählt 32.113 Einwohner. Der Ackerbau, als vorzüglichfte Erwerbsquelle, läfst trotz rüftiger Fortfchritte in neuefter Zeit noch viel zu wünſchen übrig. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870 wird auf 66,580.400 und jener der Ausfuhr auf 44,218.349 Mark berechnet. Die Hauptgegenstände des Exports waren Waldproducte( 15,311.718 Mark), Butter ( 8,147.707), Eifen und Stahl( 5,296.151), Gewebe( 3,823.452), Getreide( 2,977.532), Fifche( 1,446.251). Die Handelsflotte vergröfsert fich von Jahr zu Jahr und zählte im Jahre 1870: 658 Schiffe von 88.173 Laft. Die Zahl der Dampfer hat fich von 9 im Jahre 1850 auf 85 von 3139 Pferdekraft vermehrt. Die Induftrie befindet fich noch auf einer niedrigen Entwicklungsftufe. Im Jahre 1870 zählte man ungefähr 400 Fabriken, welche 8807 Arbeiter befchäftigten und ebenfo ift die HandwerksInduftrie von geringer Bedeutung. - Griechenland. - Griechenland hat fich in feinem über 293 Gegenftände fich erftreckenden Specialkataloge auf einige ftatiftifche Daten befchränkt. Der Tabakanbau auf ungefähr 30.000 Strema( 1 Str.= 1000 franzöfifche Meter) gewährt denfelben zufolge ein jährliches Erträgnifs von I- 1,200.000 Oka( 1 Oka= 2.2857 Wr. Pfd.). Ungefähr 200.000 Strema werden zur Baumwollcultur verwendet, welche jährlich gegen 2 Millionen Oka liefern. Auf 13.000 Strema ftehen III.000 Eichen, deren Frucht jährlich im Werthe von einer Million Francs hauptfächlich nach Trieft ausgeführt werden. Die Zahl der Olivenbäume hat fich von 2,500.000 am Ende des Befreiungskrieges jetzt auf 7,500.000 vermehrt, welche jährlich 5-6 Millionen Oka Oel liefern, das feinen Abzug nach England, Oefterreich, Rufsland und der Türkei findet. Aufserdem werden ungefähr 150.000 Oka Oliven exportirt. Griechenland's Haupterzeugnifs: Korinthen gewähren jährlich ein Erträgnifs von 100-125 Millionen Pfund, im Werthe von 120-220 Francs per 1000 Pfund. Die Weinproduction im Werthe von ungefähr 10 Millionen Francs wirft auch eine Ausfuhr von 100-120.000 Verala( 1 Verala= 50 Oka) für ungefähr I- 1,300.000 Francs ab. Als bedeutend wird die Lederfabrication im Werthe von etwa 10 Millionen dargestellt. Das Fabricat findet wegen feiner guten Qualität und Billigkeit zur Hälfte feinen Abzug nach Conftantinopel, Smyrna, Galacz und auch nach Trieft. - Das ottomanifche Reich. Wir hatten uns in den türkifchen Galerien und bei der betreffenden Commiffion vergebens um die zu unferen Betrachtungen unerlässlichen Behelfe bemüht und hätten auf die Berücksichtigung der Türkei in ftatiftifcher Beziehung verzichten müfsen, wenn uns nicht die überaus gründlichen und reichhaltigen Darftellungen 28 J. Löwenthal. zugänglich geworden wären, welche die öfterreichiſch- ungarifchen Confularämter in der Levante auf Anregung des k. k. Generalconfuls Herrn Hofraths Ritter v. Schwegel für die Ausftellung eingefendet haben. Diefe Arbeiten find theils in einigen bereits im Drucke erfchienenen und auch typifch von der Verlagshandlung Alfred Hölder elegant ausgeftatteten felbftftändigen Monographien: Conftantinopel, Smyrna, Syrien und Alexandria theils in 30 im Cercle- Oriental aufliegenden Confularberichten und ftatiftifchen Tableaux enthalten, welche die Handelsund Schifffahrtsverhältnifse verfchiedener Staaten graphifch veranfchaulichen. Diefe letzteren fehr forgfältig ausgeführten Arbeiten verdanken ihr Dafein den Hoffecretären Freiherr Carl Vesque von Püttlingen und Arthur v. Scala. Alle diefe Leiftungen laffen es uns nur bedauern, innerhalb der uns eng gezogenen Grenze nicht auf jede einzelne näher eingehen zu können. Die auf Anregung und unter Leitung des Generalconfuls Herrn Hofraths Ritter v. Schwegel erfchienenen Studien über Conftantinopel und deffen anliegendes Gebiet umfafsen überaus gehaltvolle Beiträge zur Kenntnifs der geographifchen, ethnographifchen, Handels-, Induftrie- und Productionsverhältnifse des gefammten Confularbezirkes, deffen Bevölkerung auf 3½- 4 Millionen Einwohner angenommen wird. Die meiſten diefer Beiträge find von den Confuln Herrn C. Sax, S. Adler und J. Dollinger verfafst und dürften in den erwähnten Richtungen kaum einen Gegenftand unberührt gelaffen und nicht in der gründlichften Weife erörtert haben. In Betreff des Credit- und Bankwefens wird erwähnt, dafs Conftantinopel gegenwärtig 7 Bankinftitute befitzt: Banque Imperiale Ottomane, Societé générale de l'Empire Ottoman, Crédit Général Ottoman, Societé de Crédit austro- turque( auftro- türkifche Creditanſtalt), Banque austro- ottomane ( austro- ottomanifche Bank), Banque de Constantinople und Société de change et de valeurs. Das Affecuranzwefen hat fich dort erft in den letzten zehn Jahren zu einem regelmässigen Gefchäftszweige herangebildet. Gegenwärtig beftehen, aufser verfchiedenen kleinen einheimifchen Seeverficherungs- Gefellfchaften, Agenturen der vorzüglichften europäiſchen Inftitute, u. z. für Transportverfiche rung I engliſche, 3 fchweizerifche, 2 deutfche, I öfterreichifche und I franzöfifche; für Lebensverficherung I englifche, I fchweizerifche, I deutfche, I öfterreichifche und I franzöfifche; für Feuerfchäden 2 englifche, I fchweizerifche und I deutfche. Der Poftdienſt wird aufser der türkifchen Poft, welche blofs Sendungen für die Türkei übernimmt, noch durch die öfterreichifchen, deutfchen, franzöfifchen, englifchen, griechifchen, ruffifchen und egyptifchen Aemter beforgt. Der Handelsverkehr von Conftantinopel mit Europa repräfentirte im Jahre 1871 einen Werth von 105,170.000 fl. bei der Einfuhr und 68,047.260 fl. bei der Ausfuhr gegen beziehungsweife 82,700.000 fl. und 30,000.000 fl. im Jahre 1869. An dem Import waren betheiligt: England mit 42, Marſeille mit 22, Oefterreich- Ungarn, mit Einſchluſs preufsifcher und fächfifcher Waaren; mit 16, Rufsland mit 9, Italien mit 6, Holland mit 3, Griechenland und Nordamerika mit je 1%. Als die wichtigften Gegenftände der Einfuhr in Conftantinopel erwiefen fich dem Werthe nach: Zucker für 30 Millionen, Manufacte für 16,450.000, Kaffee für 8 Millionen, Mehl für 6,720.000, Bauholz für 5,390.000, Getreide für 4,523.000, Spirituofen für 4,115.000, Arzneien für 4,380.000, Steinkohlen für 3,750.000, Kurzwaaren für 2,750.000, Eifenwaaren für 2,230.000, Efswaaren für 1,890.000, Modewaaren für 1,750.000, Papier für 1,450.000, Glaswaaren für 635.000 Gulden.- Im Jahre 1872 find in Conftantinopel, mit Ausfchlufs der Local- Schifffahrt, 2806 Dampfer und 19.974 Segelfchiffe, zufammen im Gehalte von 4,132.880 Tonnen angekommen. Ueberhaupt hat die DampfSchifffahrt gegen die Vorjahre zugenommen, die Segelfchifffahrt aber, die griechifche ausgenommen, fich vermindert. Der Dampfbootverkehr wurde aufser drei localen Gefellſchaften in Conftantinopel von 12 ausländifchen Compagnien vermittelt. Im Confulatsbezirke haben bereits zwei Eifenbahnlinien ihren Betrieb begonnen die rumelifche und die anatolifche. Von der erfteren, welche die europäiſche Türkei von der Hauptftadt bis Bosnien zum Anfchlufse an die öfter- - Die Leiftungen der Statiſtik. 29 reichifch- ungarifchen Bahnen durchziehen foll, ift fchon die Strecke bis Adrianopel eröffnet, die letztere, welche von Scutari bis Angora, mithin ins Centrum von Kleinafien geführt werden foll, ift nun bis Ismid vollendet. Die Monographie Smyrna, vom Generalconful Dr. C. v. Scherzer, unter Mitwirkung der Herren Ingenieure Humann und Kaufmann Stökel in Smyrna verfafst, gewährt einen klaren Einblick in die landwirthschaftlichen, induftriellen, commerciellen, finanziellen und hygienifchen wie focialen Verhältniffe diefer Provinz. Die Beförderungsmittel in derfelben werden noch als fehr primitiv dargeftellt, doch gibt es dort bereits zwei Eifenbahnen, von welchen die eine Menemen und Magneſia berührt, nach einem Laufe von 68 englifchen Meilen in Caffaba endet, feit dem Jahre 1867 jährlich im Durchschnitte 209.080 Paffagiere und im Jahre 1872 66.029 Tonnen Güter beförderte. Die zweite( Smyrna and Aidin Railway) nimmt eine füdliche Richtung bis Aidin, befteht bereits feit 1855 und beförderte im Durchfchnitte der letzten fünf Jahre jährlich 141.518 Perfonen und im Jahre 1871 bis 1872: 48.790 Tonnen Waaren. Ausserdem vermittelten fünf Dampffchifffahrt- Gefellſchaften den Seeverkehr, der im Jahre 1872 710 Boote von 532.774 Tonnen befchäftigte. Die türkifche Poft, welche die Briefe im Inneren befördert, erzielte im Jahre 1872 eine Einnahme von 926.834 Piafter. Ausserdem unterhalten Oefterreich- Ungarn, Frankreich, Rufsland, Griechenland und Egypten, fowie in neuefter Zeit auch England eigene Poftämter, während die Dampffchifffahrt Gefellſchaften ebenfalls Poftfendungen nach den verfchiedenen Landungsplätzen übernehmen. Der Staatstelegraph beförderte im Jahre 1872 im Inneren der Provinz 6157 Staats- und 7916 Privatdepefchen und im internationalen Verkehr 38 Staats- und 1381 Privatdepefchen. Als wirkliches Bankinftitut fungirte blofs die Filiale der ottomanifchen Bank in Conftantinopel. Das Verficherungswefen war vor zehn Jahren noch kaum bekannt, jetzt find für Feuersgefahr I deutſche und 8 englifche und gegen Seeunfälle 3 öfterreichifche, I deutfche, I englifche, I franzöfifche und 3 griechifche Gefellſchaften eingerichtet. Der Handelsverkehr hat fich während des letzten Decenniums merklich gehoben und repräfentirte im Jahre 1872 einen Werth von 34,728.232 fl. bei der Einfuhr und 48,668.376 fl. bei der Ausfuhr, gegen beziehungsweife 24,942.420 und 35,041.810 fl. im Jahre 1863. Die Hauptgegenstände des Importes bildeten: Baumwoll- Waaren( für 8,700.000 fl.), Modeftoffe( für 3,750.000 fl.), Tuche und Schafwoll- Waaren( für 2,750.000 fl.), Kurzwaaren( für 2,598.000 fl.). Die vorzüglichften Objecte der Ausfuhr waren: Baumwolle( für 12,250.000 fl.), Opium( für 6,340.000 fl.), Südfrüchte( für 6,875.000 fl.) und Knoppern( Valonea für 4,800.000 fl.). Der Seeverkehr wurde im Jahre 1872 durch 812 beladene Schiffe von 88.920 Tonnen und 581 Dampfer von 481.458 Tonnen bei der Einfuhr, dann durch 319 beladene Schiffe von 53.985 Tonnen und 607 beladene Dampfer von 498.996 Tonnen bei der Ausfuhr vermittelt. Die dritte Schrift:„ Syrien und feine Bedeutung für den Welthandel" ift vom Generalconful Herrn Julius Zwiedinek v. Südenhorft in Beirut, unter Mitwirkung der Viceconfuln von Beirut, Damascus und Cypern, fowie der Handelsfirmen Gebrüder Altaras und Gebrüder Poche in Aleppo und des Herrn Leithe in Beirut verfafst. Sie erftreckt fich über Andeutungen, betreffend die geographifche Lage, die Bevölkerung und adminiftrative Eintheilung Syrien's und der Infel Cypern, erörtert überaus gründlich fämmtliche Productions- und Induftrieverhältniffe, fowie die materiellen und focialen Zuftände überhaupt. Die Dampfer des öfterreichiſch- ungarifchen Lloyd, fowie die franzöfifchen und ruffifchen Boote verkehrten regelmäfsig an der fyrifchen Küfte, während die Fahrten der engliſchen Dampffchiffe fich fehr vermindert haben, indem deren im Jahre 1871 nur 33 gegen 120 im Jahre 1866 einliefen. Die Communicationsmittel im Inneren laffen noch fehr viel zu wünfchen übrig. Der Verkehr zwifchen Beirut, Damascus und Bagdad, Aleppo und Alexandrette erfolgt meiftens noch auf der Karawanenftrafse. Die Poftverbindung feewärts zwifchen Syrien, den in- und ausländifchen Hafen 30 J. Löwenthal. wird durch die Dampfer der erwähnten drei Gefellfchaften unterhalten, der Poftverkehr zu Lande durch die ottomanifche Poft vermittelt. Telegraphenlinien verbinden Syrien mit Egypten und Europa. Die Credit- Inftitute find auf die Filiale der ottomanifchen Bank befchränkt. Die Schifffahrt von Beirut erfolgte im Jahre 1871 durch angekommene 277 Dampfer von 214.704 Tonnen und 3.158 Segelfahrzeuge im Gehalte von 84.642 Tonnen. Der Werth der Einfuhr betrug in demfelben Jahre 25,781.000 und jener der Ausfuhr 11,428.900 Francs. Francs. Die Einfuhr war am bedeutendften aus England( für 11,929.100 Francs), die Ausfuhr nach Frankreich ( für 9,002.100 Francs). In Larnaca, der Hauptftadt von Cypern, trafen 949 Segelfchiffe von 43.349 Tonnen und 62 Dampfer von 70.536 Tonnen ein. Die Einfuhr hatte einen Werth von 10,065.514 und die Ausfuhr von 40,278.750 Piafter. Egypten. Das unten genannte Tabellenwerk*) wurde auf den Wunfch des Vicekönigs eigens für die Weltausftellung verfafst und gereicht dem unter Leitung des Herrn E. de Regny- Bey ſtehenden Centralbureau der Statiſtik in Cairo zur wahren Ehre. Es ift fo viel umfaffend, dafs wir es uns verfagen müffen, alle wichtigen Daten zu berücksichtigen, die es enthält, und als Conturen eines höchft intereffanten Bildes der Leiftungen eines Landes gelten können, welches während der zehnjährigen Regierung feines Oberhauptes in der überraschendften Weife nach allen Richtungen hin auf dem Wege der Civilifation vorgefchritten ift. Wir befchränken uns auf die kurze Darftellung des gegenwärtigen Zuftandes von Egypten, wie es fich aus den bis Ende 1872 reichenden Zahlenverhältniffen ergibt. Kilo Egypten zählt gegenwärtig auf feinem Flächeninhalte von 29.400 meter( Belgien hat einen Umfang von 29.455 Kilometer) ungefähr 5,250.000 Einwohner, fo dafs 178 Einwohner auf den Kilometer treffen, Egypten mithin an Dichtigkeit der Bevölkerung die meiſten europäifchen Staaten übertrifft. Die fogenannten europäiſchen Colonien, im Jahre 1840 auf 6150 Köpfe befchränkt, zählten deren im Jahre 1871: 79.696. Die Bevölkerung hat fich gegenüber von 188.010 Geburten und 138.580 Sterbefällen jährlich im Durchfchnitte der letzten zehn Jahre, feit 1862 um 494.299 oder um 49.429 jährlich= 0.94% vermehrt. Im Verhältniffe zu diefer Volkszahl befuchten 173 Kinder unter 10.000 Einwohnern die Schulen, in denen gegenwärtig 89.893 Kinder den Elementar- und Vorbereitungsunterricht geniefsen, immerhin ein günftigeres Verhältnifs als in Rufsland, wo unter 10.000 Einwohnern blofs 150 Kinder die Schulen befuchen. Unter den erwähnten 89.893 Schulkindern befinden fich nur 3018 Mädchen, die faft blofs nichtmufelmännifchen Familien angehören. Die Regierung läfst fich jedoch auf den ausdrücklichen Wunſch des Khedive auch die Erziehung der weiblichen Jugend angelegen fein. Bereits befteht eine Mädchenfchule, die erfte im Orient, in Cairo und mehrere gröfsere Anftalten find in der Organiſation begriffen. Die dem Volksunterrichte gewidmete Geldunterftützung beträgt für das gegenwärtige Jahr 9.603 Börfen oder 2,125.000 Francs. Einer überaus erfpriefslichen gröfseren Entwicklung ging das Eifenbahnwefen entgegen. Vor der Thronbefteigung des Khedive hatte Egypten 245 englifche Meilen Bahnen, darunter die nun aufgelaffene alte Linie von Cairo nach Suez Gegenwärtig erftrecken fich die Bahnen über II12 engl. Meilen, und 208 Meilen werden eheftens dem Verkehre übergeben. Der Khedive hat nun feine Aufmerkfamkeit der Errichtung einer Eifenbahn nach den Sudan zugewendet. Die bereits im Jahre 1864 begonnenen Vorftudien find neulich wieder aufgenommen worden und haben gezeigt, dafs diefes grofsartige Unternehmen mittelft einer Auslage von *) Statistique de l'Égypte par M. E. de Regny- Bey. Le Caire 1873. Die Leiftungen der Statiſtik. 31 100 Millionen Francs ausgeführt werden könnte. Dem Fürften, welcher den Suezcanal der See- Schifffahrt zugänglich machte, ift nun die Aufgabe zugefallen, einen Weg nach dem Mittelpunkte von Afrika zu bahnen, der nicht geringere Ergebniffe als der Suezcanal für den Welthandel herbeiführen und fich für noch unbekannte Nationen zu einem der ficherften Mittel der Gefittung geftalten wird. Auch das Telegraphenwefen verdankt feine eigentliche grofse Entwicklung der jetzigen Regierung. Im Jahre 1863 auf 6 Linien mit einer Drahtlänge von 2349 Kilometer befchränkt, haben die Telegraphenlinien in Egypten jetzt eine Länge von 13.750 Kilometer mit 77 Stationen, in welchen im Jahre 1871: 563.000 Depefchen befördert wurden, eine um fo beachtenswerthere Zahl, wenn erwogen wird, dafs ein Theil der Bevölkerung noch zu unreif ift, um fich diefes Communicationsmittels zu bedienen. Den Suezcanal betreffend wird conftatirt, dafs der Verkehr auf demfelben mit jedem Jahre fich fteigerte. Es wurden befördert von einem Meere zum andern: Jahr Schiffe Tonnen 1870 502 443.709 1871 765 1872 1.082 761.467 1,442.617 Einnahme 6,705.119 Fr. 9,152.277" 16,191.172" Wie fehr Suez felbft durch den Canal gewonnen hat, geht fchon daraus hervor, dafs die Schifffahrtbewegung im Jahre 1872: 666.469 Tonnen aufweift, fo dafs der Verkehr fich feit 1864 vervierfacht hat. Diefe Entwicklung wird noch mehr in dem Mafse hervortreten, als der Suezcanal ftets mehr in Auffchwung kommt und in Suez die wichtigen, der Schifffahrt zugute kommenden Werke der Vollendung entgegengehen. In gleicher Weife hat fich der Verkehr von Port- Saïd entwickelt. Der Tonnengehalt der im Jahre 1863 dort eingelaufenen Schiffe befchränkte fich auf 52.186 Tonnen. Im Jahre 1872 hingegen find dort 1463 Schiffe von 856.845 Tonnen angelangt, und 1887 Schiffe von 1,313.441 Tonnen abgegangen. Der Werth der jährlichen Ausfuhr aus Egypten wird nach dem Durchschnitte der letzten zehn Jahre auf ungefähr 300 Millionen Francs berechnet. Als Hauptgegenftand derfelben erhielt fich ftets die Baumwolle, von welcher im Jahre 1872: 2,387.159 Ctr. exportirt wurden. Noch mehr als von Baumwolle hat in den letzten Jahren der Export von Zucker zugenommen. Die Gefammtproduction hatte fich im Jahre 1833 auf 8584 Ctr. befchränkt, während die Ausfuhr im Jahre 1872 bereits 456.851 Ctr. erreichte, wovon 243.886 nach Frankreich, 100.812 nach England, 85.262 nach Italien und der Reft nach Oefterreich und dem Often gingen. Die gröfsere dem Baumwoll- und Zuckeranbau zugewendete Aufmerkſamkeit hat indefs nicht zur Verminderung des Cerealienhandels beigetragen. Die Getreideausfuhr ift überhaupt von den Ernte- Ergebnissen, fowie von dem mehr oder minder grofsen Bedarf der einfuhrbedürftigen Länder bedingt. Deffen ungeachtet erreichte der Export aus Alexandria im Jahre 1872: 867.728 Ardeb Getreide und 483.733 Ardeb Bohnen. Neun Zehntheile des Getreide- Exportes nahmen ihre Richtung nach England, der Reft ging gröfstentheils nach Frankreich. Der Werth der Einfuhr in Egypten wird für Alexandria mit 130,000.000 Fr. und mit 7% für die übrigen Häfen beziffert. Das Poftwefen, namentlich zwifchen Alexandria und Europa, wird hauptfächlich durch die öfterreichifchen, italienifchen, englifchen, franzöfifchen und griechifchen Poftämter vermittelt. Nächft dem englifchen, mit Hinficht auf die Ueberlandspoft, ift jedenfalls das öfterreichiſche das bedeutendfte. Im Jahre 1871 wurden 8766 Felleifen von Brindisi nach Alexandria für Indien und 4062 Felleifen von Alexandria nach Brindisi befördert. Ausserdem gibt es aber auch eine vicekönigliche Poft im Innern, welche im Jahre 1872 Geldwerthe von 1.633,584.200 Piafter, 1,696.357 Briefe und 378.957 Journale beförderte. 32 J. Löwenthal. Perfien. Der Specialkatalog der Ausftellung des perfifchen Reiches ift ebenfalls eine fehr werthvolle Bereicherung der von der Weltausftellung hervorgerufenen ftatiftifchen Literatur. Der Verfaffer, Herr Dr. J. E. Polak, hatte während feines mehrjährigen Aufenthaltes in Perfien als Leibarzt des Schahs Gelegenheit Land und Leute, fowie deren Verhältniffe nach allen Richtungen hin kennen zu lernen. Durch feine Publicationen, insbefondere durch die in deutfcher und perfifcher Sprache gefchriebene Brofchüre als Anleitung zur Befchickung der Ausftellung hat er viel zur Verwirklichung der perfifchen Ausftellung beigetragen und die reich ausgeftattete, mit Kunft- und Naturproducten gefüllte perfifche Galerie beweift, dafs feine Mühe erfolgreich gewefen. Von der perfifchen Ausftellungs- Commiffion mit der Abfaffung des Katalogs betraut, hat er auch diefe Aufgabe gewiffenhaft gelöft. Die Literatur dürfte äufserft wenige Schriftwerke aufzuweifen haben, welche fo fehr, wie diefe Abhandlung, zur Kenntnifs eines Staates beitragen, der in der neueften Zeit in engere Beziehungen zu Europa getreten ift und gerade durch die Rundreiſe feines Herrfchers, fowie durch die reiche Befchickung der Weltausstellung den Beweis geliefert hat, wie fehr es ihm um die Förderung und Hebung des wechfelfeitigen Verkehrs nach allen Richtungen hin zu thun ift. Der uns eng vorgezeichnete Raum gebietet jedoch, uns hier auf die folgenden kurzen Andeutungen zu befchränken. - Bekanntlich hat die perfifche Regierung Vorbereitungen zur Errichtung von Eifenbahnen getroffen. Bis diefelben ins Leben gerufen fein werden, wird der Waarentransport im Innern des Landes wie bisher nur mittelft Caravanen erfolgen. Perfien befitzt eine Telegraphenlinie von Tiflis nach Tabris und von IspahanSchiraz bis zum perfifchen Golf, dann von Bagdad nach Ispahan. Der Dienft ift verlässlich und regelmäfsig. Die Depefche kann in franzöfifcher und englifcher Sprache abgefafst fein; dagegen gibt es noch keine regelmässigen Poften, wefshalb Briefe aus Europa über Trapezunt oder Tiflis befördert werden müffen. Von Tiflis gehen die englifchen, franzöfifchen, öfterreichifchen und türkifchen GefandtfchaftsCouriere wechfelweife bis Teheran. Als die befte und billigfte Route für den Waarentransport nach Perfien wird gegenwärtig jene bis Trapezunt und von dort nach Tabris, dem bedeutendften Handelsplatz in Perfien, bezeichnet. Von einer fehr ausführlichen und gründlichen Schilderung der Producte aus dem Mineral-, Pflanzen- und Thierreiche übergeht der Verfaffer zur Darstellung der induftriellen Verhältniffe, mit der Bemerkung, dafs Perfien's Induftrie mehr eine Hausinduftrie genannt werden kann, indem mit Ausnahme der königlichen Zeughäufer, der Münze und einiger Staats- Etabliffements keine eigentlichen Fabriken beftehen, fondern blofs Werkstätten mit Meiftern, Gefellen und Lehrlingen. Für jedes Handwerk befteht in jeder Stadt eine Gilde, welcher ein Mann nach freier Wahl vorſteht und die Differenzen zwifchen Arbeitgeber und Nehmer ausgleicht. Die Induftrie befchäftigt fich mit allen Arten Metallarbeiten, Schnitzereien, Cifelirungen, Wollund Baumwoll- Geweben, Stickereien, Lederarbeiten, und die in der Weltausftellung vorliegenden Mufter zeugen oft von Gefchmack und Kunftfertigkeit. Ganz befonders ausgezeichnet find in Feinheit und Zeichnung die Shawls und Teppiche. In den meiften Induftrie- Erzeugniffen tritt erfinderifche Anlage der Einwohner, deren Kunftfertigkeit und lebhafter Sinn für Farbe und edle Formen hervor, und es unterliegt keinem Zweifel, dafs nach Einführung neuer Communicationsmittel, verbefferter Inftrumente ein reiches Feld für Induftrie, Production und Kunft fich eröffnen und ein ergiebiger Verkehr für den Ex- und Import herſtellen wird. Den intereffanten ftatiftifchen Tabellen entnehmen wir, dafs die Ausfuhr von Tabris nach Europa im Jahre 1868 den Werth von 8,443.000 fl. erreicht, und die Einfuhr in demfelben Jahre, meiftens aus Europa und zu einem kleinen Theile auch aus Indien und Amerika, einen Werth von beinahe 14 Millionen Gulden repräfentirte. Die Leiftungen der Statiſtik. Tunis. 33 Vor dem Jahre 1864 wurde die Bevölkerung der Regentfchaft Tunis auf 1,129.550 Mahomedaner, 250.000 Katholiken, 450.000 Israeliten, 400 Griechen und 50 Proteftanten, zufammen 1,830.000 Einwohner gefchätzt;, der Verfaffer des unten angegebenen Werkes*) glaubt jedoch, auf die ihm zugekommenen Angaben geftützt, diefelbe blofs auf etwa 1,200.000 beziffern zu müffen. Die Abnahme der Bevölkerung ift theils der zahlreichen Auswanderung ganzer Stämme nach Algerien, Tripolis, Egypten und Marokko, theils den Epidemien während der Jahre 1868 und 1869 zuzufchreiben. Als die drei wichtigften Gegenftände der Ausfuhr landwirthfchaftlicher Erzeugniffe werden Oel, Sparto und Wolle bezeichnet. Sparto( Halfa), eine ohne Anbau gedeihende Pflanze, wird zu Seilen, Matten und Körben verarbeitet. Man kannte ihren Werth früher nicht in Europa. Erft im Mai 1871 erfolgte die erfte Sendung nach Genua und feitdem hat fich der Export auf 300.466 Ctr. gefteigert, u. z. 254.170 Ctr. nach England, 24.296 Ctr. nach Frankreich und 22.000 Ctr. nach Italien. Der Werth der Ausfuhr der genannten drei Artikel während des Jahres 1871 betrug: Olivenöl 6,326.480, Sparto 2,266.408, Wolle 2,080.205 Piafter; jener des Gefammtexportes 17,332.045 Piafter, gegenüber einer Einfuhr für 12,427.019 Piafter. Die Induftrie deckt kaum den Bedarf der vielen Zweige derfelben im Inlande und erzeugt, mit Ausnahme etwa von Woll- und Seidengeweben, als Decken, Shawls, Schärpen und Feffe, faft nichts fürs Ausland. Kurzwaaren, Papier, Mafchinen und Transportmittel, wiffenfchaftliche Inftrumente, Stein- und Glaswaaren müffen durchgehends aus der Fremde bezogen werden. Der Verkehr mit dem Inlande wird mittelft Caravanen und mit dem Auslande fowie längs der Küfte mittelft Segel- und Dampffchiffe betrieben; feit kurzem befteht jedoch eine von einer englifchen Gefellfchaft erbaute Tramway- Eifenbahn zwifchen Goletta, Tunis, Bardo und Marfa. Die in neuefter Zeit errichtete Telegraphenlinie verbindet Tunis mit Goletta, Bardo und den vorzüglichften Städten der Regentfchaft, fowie diefe mit dem europäiſchen Feftlande. Tunis hat auch eine kleine Börfe für alle Handels- und Finanzgefchäfte, mit denen fich faft ausfchliefslich nur Ausländer befaffen. . Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es iſt zu bedauern, dafs der zur Orientirung in den fo überaus intereffanten Gallerien der nordamerikanifchen Freiftaaten veröffentlichte Specialkatalog fich auf eine blofse Nomenclatur befchränkt, ohne, gleich den meiften Verzeichniffen, von ftatiftifchen Bemerkungen begleitet zu fein. Die 26. Gruppe ift allerdings reich an dergleichen Nachweifen, allein fie betreffen meiftens die Verhältniffe früherer Perioden. Einer der neueften ift das umfangreiche Tabellenwerk ,, The statistics of the population of the United States", welches nach der letzten Zählung im Jahre 1870 die Bevölkerung mit Ausfchlufs der dabei aufser Acht gebliebenen indifchen Stämme auf 38,115.641 Einwohner angibt. Die Bevölkerung hat fich demnach während des letzten Decenniums um 6,931.897 oder um 22 22% vermehrt. Bekanntlich wird in den Vereinigten Staaten das Schulzwangs- Syftem mit weit gröfserer Strenge als fonft irgendwo gehandhabt. Man geht dort mit Recht von dem Grundfatze aus, dafs nur durch die Schule eine als nothwendig erachtete allgemeine Bildung der Nation erwirkt werden könne. Diefem Streben ift es wohl auch in der That zu verdanken, dafs die Zahl der Schulen und Zöglinge fowie der Lehrer derfelben ein Verhältnifs zur Einwohnerzahl aufweift, wie es ficherlich in keinem anderen Lande zu finden fein wird. Es beftanden nämlich in den Vereinigten Staaten im Jahre 1870 *) Rapport statistique économique sur la régence de Tunis, d'aprés les renseig nements donnés par M. J. Valensi. 3 34 - J. Löwenthal. nicht weniger als 14.629 Schulen jeder Art mit 221.042 Lehrern und 7.209.938 Schülern, von denen 6.228.060 öffentliche und 981.878 Privatanftalten befuchten. In den Vereinigten Staaten waren am Ende des Jahres 1872: 67.104 Meilen Eifenbahnen im Betriebe, von denen allein 6427 Meilen im verfloffenen Jahre eröffnet wurden.- 426 Bahngefellſchaften haben Berichte über ihre 57-323 Meilen betragende Bahnen veröffentlicht, welche einen Koftenaufwand von 3.159,423.057 Dollars in Anspruch genommen haben. Die Einnahmen derfelben im Jahre 1872 beliefen fich auf 437,241.055 Dollars, davon 132.309.270 für den Perfonen- Transport und 340,951.785 für Frachten. Die Betriebskoften betrugen 307,486.682 und die Nettoeinnahmen 165.754-373 Dollars. Die einträglichften Bahnen find jene der fechs Neuengland- Staaten. Die Gefammteinnahmen aller Bahnen dürften im letzten Jahre wohl kaum geringer als 500 Millionen Dollars gewefen fein. Die Einnahmen waren in allen Richtungen in Zunahme, die man gröfstentheils dem fteigenden Frachten- Transport verdankt. Das Gewicht der im verfloffenen Jahre beförderten Frachten überftieg 200 Millionen Tonnen. Venezuela. Die im Auftrage des Präfidenten der Republik Venezuela, General Antonio Guzman Blanco, vom Specialcommiffär Dr.A.Ernft verfafste Schrift ,, Die Betheiligung der Vereinigten Staaten von Venezuela an der Wiener Weltausftellung"*) tritt fehr befcheiden auf, obgleich ihr das Verdienft nicht abgefprochen werden kann, zur gründlichen Kenntnifs eines der ftrebfamften Länder in Amerika beigetragen zu haben. Venezuela zählt auf einem Flächenraume von 20.223 geographifchen Meilen, mit Ausnahme der im Innern wohnenden Indianerftämme, gegen 1.500.000 Einwohner, deren Hauptbefchäftigung der Landbau bildet. Die vorzüglichften Erzeugniffe derfelben gewähren einen im fteten Auffchwung befindlichen Handelsverkehr, der bei der Ausfuhr im Verwaltungsjahre 1871-72 einen Werth von mehr als 12 Millionen Pesos repräfentirte. Die Ausfuhr von Laguaira und Puerto Cabello betrug in dem genannten Jahre unter andern 374.730 Ctr. Kaffee, 50.786 Ctr. Cacao, 57.637 Ctr. Baumwolle, 1705 Ctr. Indigo, 32.939 Ctr. Zucker, dann Ochfenhäute und Rehfelle und nahm ihre Richtung nach den Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Hamburg, Bremen, Spanien und Holland. OefterreichUngarn ift nicht in directen Beziehungen zu Venezuela, die aber hoffentlich durch die Weltausstellung fich ergeben werden. Der Werth der Einfuhr ift beinahe ebenfo grofs wie jener der Ausfuhr. Jene umfafst, nebft Weizenmehl( faft ausfchliefslich von den Vereinigten Staaten) fämmtliche Zweige der Induftrie aus England, Frankreich und Deutfchland. Der überfeeifche Verkehr wird nebft den Segelfchiffen durch einige Dampferlinien( Royal Mail, Norddeutfcher Lloyd, Hamburg. amerikaniſche Packetfahrt- Actiengefellfchaft, Liverpool, St. Nazaire) vermittelt. Venezuela befitzt noch keine Eifenbahn. Die projectirte Verbindung aber dürfte bald zwifchen Cararas und Laguaira zu Stande kommen. Das Poftwefen ift wohlgeordnet und eine Telegraphenlinie befteht zwifchen Laguaira, Caracas, La Victoria, Valencia und Puerto Cabello. Die Staatseinnahmen werden für das laufende Jahr mit 2,400.000 Pesos beziffert. Die Staatsfchuld betrug am 30. December 1872 19,830.000 Pesos, die äufsere Schuld 46,102.558 Pesos.- - - Kaiferthum Bratilien. Das überaus umfaffende, auf Koften der brafilianifchen Regierung veröffentlichte Werk des Herrn Joaquim Manoel de Macedo*) darf als eine Bereicherung der *) Caracas, Druck von Espinas und Söhne. **) Chorographia do Imperio do Brazil. Die Leiftungen der Statiſtik. 35 Geographie bezeichnet werden. Es enthält eine fehr gründliche Darftellung des Kaiferreiches in gefchichtlicher, klimatifcher, phyfifcher, naturhiftoriſcher, induftrieller, commercieller, wiffenfchaftlicher, wie überhaupt in civilifatorifcher Beziehung; geht ausführlich auf das Regierungs- und Verwaltungsfyftem ein und läfst durchaus nichts unberührt, was das Intereffe für diefen von der Natur reich gefegneten Staat erregen kann. Brafilien ift kein induftrielles Land, der Anbau des fruchtbaren Bodens nimmt faft alle Arbeitskräfte in Anfpruch; deffen ungeachtet find einige Induftriezweige in der Weltausftellung in beachtenswerther Weife vertreten. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870-1871 betrug 170.200: 822000 Reis, jener der Ausfuhr, darunter 38,396.023 Kilo Baumwolle, 135,315.318 Kilo Zucker, 229,590.341 Kilo Kaffee, 21,523.447 Kilo Häute, dann Cacao, Kaftanien, Diamanten ( 35.163 Gramme), Mandiocamehl, Kautfchuk, Gold( 316.155 Kilo) u. f. w., belief fich auf 168,018: 757 Reis. Die Zahl der eingelaufenen Schiffe war 3.447 von 1,493.405 und jene der abgegangenen 3.060 von 1,468.507 Tonnen. Das Affociationswefen hat einen grofsen Auffchwung genommen. Es fehlt auch nicht an Verkehrsftrafsen, fie genügen aber noch nicht den Bedürfniffen des fo ausgedehnten Landes. Der Verkehr mit der Fremde wie mit dem Inlande wird indefs durch zahlreiche Dampferlinien vermittelt. Auch die Eifenbahnen, von denen einige, wie die Dom Pedrobahn und die Mauabahn bereits im Verkehre, andere im Bau begriffen oder projectirt find, dehnen fich immer mehr aus. Längs der Eifenfchienen erftrecken fich die Telegrafendrähte und binnen drei Jahren wird Brafilien auch mit Europa. durch den electrifchen Strom in Verbindung fein. Brafiliens Nationalfchuld ift durch den fechsjährigen blutigen Krieg mit Paraguay, welcher mehr als 460,000: 000000 Reis verfchlang, ungemein geftiegen, und beträgt trotz der jährlichen Amortifation noch immer 394.904: 077778 Reis. Im Finanzjahre 1872 beliefen fich die Staatseinnahmen auf 122.733: 986000 und die Ausgaben auf 100.757: 747000 Reis. Japan. Die kaiferlich japanefifche Commiffion hatte, wie fie in der Vorrede zu den von ihr in Yokahama veröffentlichten Mittheilungen über das Kaiferthum Japan*) bemerkt, keinen anderen Zweck, als den Befuchern der japanefifchen Abtheilung zum Leitfaden durch ihre Ausftellungsreihen zu dienen. Sie liefs denfelben jedoch einige Andeutungen in geographifcher, gefchichtlicher, politifcher und ftatiftifcher Beziehung vorangehen, die wir hier foweit berücksichtigen, als fie die neueften Veränderungen betreffen. Seit dem Jahre 1871 ift das Reich in drei Grofsftädte, Tokio, Hauptstadt des Oftens( früher Yeddo), Kioto, Hauptftadt des Weftens und Ofaka, dann in 64 Bezirke getheilt. Die drei Städte werden von einem Gouverneur, die letzteren je von einem vom Kaifer ernannten Präfecten geleitet. Die Colonien von Hokkaido werden von einer Colonial commiffion verwaltet. Die Infeln Liu- Kiu find feit 1872 dem Kaiferthume einverleibt und werden von einem Vicekönig regiert. Die Bevölkerung beträgt 33,110.503 Einwohner, darunter 16,197.436 weiblichen Gefchlechtes. Der jetzige Kaifer, Mutfu- Hito, am 22. September 1852 geboren, beftieg den Thron am 9. Jänner 1867. Er fchaffte das Feudalfyftem ab und dank der von ihm ins Leben gerufenen Reformen nehmen Induftrie und Handel einen immer gröfseren Auffchwung, während die Wohlthaten der europäifchen Civilifation fich täglich fteigern. Eifenbahnen, Telegraphen, Seeleuchten, Kunft- und wiffenfchaftliche Schulen, alles vereint fich zur Sicherung des Wohlftandes und des Gedeihens der Nation. Der Regierungskörper beſteht aus dem geheimen Rathe unter dem Vorfitze des Kaifers, dem Staats- und Minifterrathe. Die Staatseinkünfte betrugen im *) Notice sur l'Empire du Japon et sur la participation à l'exposition de Vienne. Yokohama 1873. 3* 36 J. Löwenthal. Jahre 1871: 65,831.362 13, die Ausgaben 62,371.574 64 mexikanifche Dollars. Der erfte Freundfchaftsvertrag wurde im Jahre 1854 mit den nordamerikaniſchen Freiftaaten abgefchloffen, dann folgten jene mit England( 1854), Rufsland( 1855), Holland( 1856), Frankreich( 1858), Portugal( 1860), Preufsen( 1861), Schweiz( 1864), Belgien( 1866), Italien( 1866), Dänemark( 1867), Spanien, Schweden und Norwegen( 1868), dem norddeutfchen Bunde( 1869), Oefterreich- Ungarn( 1869) und neulich mit den Sandwichsinfeln und mit China, fo dafs Japan jetzt in unmittelbarer Verbindung mit fechzehn Staaten fteht. Die dem fremden Handel geöffneten Häfen und Städte find Nagafaki, Hakodate, Hiogo, Ofaka, Niigata und die Stadt Yeddo. Die Einfuhr aus fremden Häfen betrug im Jahre 1871: 17,745.605, die Ausfuhr 19,184.805 Dollars. Die Hauptgegenftände der Einfuhr waren Baumwollwaaren für 8,001.478, Wollwaaren für 2,050.789 Dollars; die Ausfuhr beftand vorzüglich aus Rohfeide, Cocons und Seidenwürmern, Thee, Kupfer u. a. Der Schifffahrt Verkehr wurde im Jahre 1871 durch 909 fremde Schiffe von 901.160 Tonnen vermittelt, darunter 378 amerikanifche, 349 englifche, 83 deutfche, 42 franzöfifche, 17 holländifche, 12 fchwedifche, 12 dänifche, II ruffifche und 5 hawaifche. Unter öfterreichifcher Flagge war blofs I Schiff im Gehalte von 567 Tonnen im Jahre 1870 eingelaufen. China. An China's Schifffahrt unter fremden Flaggen nahmen, wie aus einer graphifchen Darftellung im Cercle oriental hervorging, in faft gleichem Verhältniffe im Jahre 1871 die britifche und amerikaniſche, dann die deutfche nebft verfchiedenen anderen Theil. Ueberhaupt wurde diefelbe durch 8.200 Dampfer von 5,630.000 Tonnen und 6.500 Segelfchiffe von 1,800.000 Tonnen bewerkftelligt. China's Aufsenhandel im Jahre 1870 betrug dem Werthe nach 73,000.000 Taels bei der Einfuhr und 62,000.000 Taels bei der Ausfuhr. An jener war England mit 27,000.000, Hongkong mit 21,000.000 Taels, Indien mit 20.000.000 Taels und am Reft die nordamerikanifchen Freiftaaten, Singapore, Japan und der europäiſche Continent betheiligt. Der Export war ebenfalls am bedeutendften nach England, indem er im Jahre 1870 einen Werth von 32,000.000 Taels erreichte ( im Jahre 1868 betrug er fogar 42,000.000). In zweiter Reihe erfcheint hier wieder Hongkong mit 11,000,000, dann folgen die Vereinigten Staaten, Continentaleuropa, Japan, Singapore und zuletzt Indien. Britifch Indien. - Zwei Tableaux im Cercle oriental veranfchaulichten den Verkehr von BritifchIndien vom Jahre 1835-1871. Die Schifffahrt hat fich von Jahr zu Jahr, und zwar bei der Einfuhr von 1.900 Schiffen im Jahre 1854 auf 5.600 Schiffe im Jahre 1870 und ebenfo der Tonnengehalt derfelben beziehungsweife von 900.000 auf 2,000.000 Tonnen gehoben. An diefer Schifffahrt- Bewegung war das britifche Königreich im Jahre 1870 mit 4.900 Schiffen von 1,700.000 Tonnen betheiligt. Von den übrigen Flaggen war die nordamerikaniſche am häufigften und nächft ihr die franzöfifche und deutfche erfchienen. Die Frequenz der letzteren hat in der neueſten Zeit nicht fonderlich zugenommen. Indien's Gefammtverkehr repräfentirte im Jahre 1834 nur einen Werth von 7 Millionen Pfd. St., hatte im Jahre 1866 die Höhe von 122 Millionen erreicht, fank befonders ftark im folgenden Jahre, betrug aber im Jahre 1870 wieder 99 Millionen Pfd., wovon 45 Millionen auf den Import und 54 Millionen auf den Export kommen. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) Bericht von J. LÖWENTHAL. Oefterreich. Wenn wir den Mitteln nachfpähen, durch welche das in der Weltausstellung vertretene Bildungswefen gefördert worden ift und noch ferner gefördert werden foll, fo müffen wir einen Rundgang in mehreren demfelben gewidmeten Pavillons unternehmen. Beginnen wir mit dem Cercle oriental, deffen Tendenz, die volkswirthschaftliche Lage des Orients zur Anfchauung zu bringen, wir als eine anerkennenswerthe bezeichnen. Die Induftrie- und Handelsverhältniffe Oefterreichs find vermöge feiner geographifchen Lage mehr als jene der anderen europäiſchen Continentalftaaten in engem Zufammenhange mit den Zuftänden des Orients. Oefterreich ift nicht nur landwärts benachbart mit dem osmanifchen Reiche, fondern zwei der vorzüglichften Wafferftrafsen führen feine Flaggen in ununterbrochenen Linien bis zu den äufserften Grenzen des Morgenlandes, deffen Verkehr mit Oefterreich, bei aller Wichtigkeit, die er bereits hat, noch weit von der Entwicklung entfernt ift, die er erlangen kann. Wie gering ift noch fein Antheil an den Handelsbeziehungen zu Oftindien, China, Japan u. f. w., während Hamburg und Bremen, obgleich ferner liegend, ihrer Schifffahrt und ihrem Handel bereits dort eine fo ausgedehnte Bahn gebrochen haben. Leugnen wir nicht, dafs die Hinderniffe von den Oefterreichern felbft ausgegangen find, weil fie nicht darauf bedacht waren, gleich den nördlichen Ländern und Hafenftädten junge Kaufleute und Induftrielle nach den dem Verkehre zu gewinnenden Ländern zu fenden, um dort aus eigener Anfchauung Erfahrungen zu fammeln und die Bedürfniffe derfelben kennen zu lernen. Diefer Unterlaffung wollte der Cercle oriental einigermafsen abzuhelfen fuchen. Wer in feinem Pavillon eine Augenweide zu finden vermeinte, dürfte feine Erwartung getäuscht gefehen haben, denn aufser einigen fehr gefchmackvoll in verfchiedenen orientalifchen Stylen ausgeftatteten Gemächern dürfte feine Schaugier kaum befriedigt worden fein; wem es aber darum zu thun war, feine Kenntniffe durch den Einblick in das orientalifche Culturleben zu erweitern, der fand hier ficherlich Stoff und Gelegenheit zu den lehrreichften Studien. Sie wurden angeregt durch mehr als dreifsig anziehende, ftatiftifche und volkswirthschaftliche Monographien der vorzüglichften öfterreichifchen Confulargebiete in der Türkei und in Egypten bis hinauf zum rothen Meer, durch finnreich ausgeführte graphifche und tabellarifche Darftellungen, fo wie durch reiche Mufterfammlungen aus Afien und Begaben wir uns von hier nach dem nahen Pavillon der öfterreichischen Afrika. 38 J. Löwenthal. Handelsmarine, fo bot fich auch dort reiches Materiale zur Belehrung und Fortbildung in geographifcher und maritimer Beziehung, indem alles Wiffenswerthe in diefer Richtung durch vielartige Apparate, Modelle, topographifche Pläne, Karten, bildliche und plaftifche Darstellungen, in einer lehrreichen Skizze erläutert, zur Anfchauung gebracht war. Viele Bildungsmittel bot ferner der intereffante Pavillon des Ackerbau- Minifteriums und die additionelle Ausftellung für Welthandel, auf die wir nicht näher eingehen, weil fie von anderer Seite ihre verdiente Würdigung finden werden. Dies gilt auch von dem Pavillon des Unterrichtminifteriums, in deffen Beziehung wir nur die aus den Vorlagen fich ergebende erfreuliche Thatfache conftatiren, wie fehr man in Oefterreich von der Bedeutung der Erziehung und des Unterrichtes als Bafis des Bildungswefens erfüllt und wie fehr für Alles geforgt ift, was zu deffen Vervollkommnung führen kann. Kein Zweig des Wiffens ift hier unberührt geblieben. Die mit jedem Jahre fich vermehrenden Kindergärten, die Volks- und Bürgerfchulen, die LehrerbildungsAnftalten, die Mittel-, Gewerbe- und Hochfchulen, die Blinden- und TaubftummenInftitute, fie alle find in ihren mitunter ausgezeichneten Leiftungen vertreten, und die namhafte Zahl der Lehrmittel, als: Modelle, Anfichten, Pläne, Karten u. f. w. zeigt, dafs auch die Koften nicht gefcheut werden, um das Bildungswefen feinem edeln Ziele immer näher zu bringen. Im Pavillon des Welthandels fanden wir auch eine Sammlung der im öfterreichifchen Kaiferreiche erfcheinenden Zeitungen und anderen periodifchen Schriften. Die Zahl erftreckt fich über 640, darunter 448 in deutfcher, 84 in böhmifcher, 47 in italienifcher, 28 in polnifcher, 17 in flovenifcher, 8 in ruthenifcher, 3 in hebräifcher, 2 in franzöfifcher, 2 in griechifcher und 1 in ruffifcher Sprache. Die Zahl dürfte jedoch geringer fein, indem die Morgen- und Abendblätter als zwei felbftftändige Journale verzeichnet und während der letzten Monate mehrere Zeitfchriften eingegangen find. Wir vermiffen im Verzeichniffe die Angabe der Tendenz diefer Blätter und wie oft, ob täglich, wöchentlich oder vierteljährlich fie erfcheinen. Die gröfste Verbreitung unter den Journalen des europäiſchen Continents dürfte wohl die ,, Neue freie Preffe" aufzuweifen haben. Ihre Auflage betrug bei der Eröffnung der Weltausftellung 35000 Exemplare. Sie befchäftigt ftändig 500 bis 600 Perfonen, darunter gegen 50 Redactionsmitglieder, etwa 100 Correfpondenten im Auslande, 100 bis 120 Correfpondenten im Inlande und 100 bis 150 Berichterftatter für die übrigen Rubriken des Blattes, 21 Adminiftrationsbeamte, 10 Diener und gegen 150 Gehilfen in ihrer Druckerei. Zur Herausgabe ihrer täglich erfcheinenden, Weltausftellungs- Zeitung" errichtete fie eigens auf dem Weltausftellungs- Platze ein grofsartiges Druckereietabliffement, welches Unternehmen durch Zuerkennung des Ehrenpreifes ausgezeichnet wurde. Ungarn. Ungarn hat in den letzten Jahren nicht nur für die Vermehrung und Vervollkommnung feiner Erziehungs- und Unterrichtsanftalten, fondern auch für die Hebung aller anderen Bildungsinftitute Sorge getragen. Wenn es hierzu eines Beweifes durch Zahlen bedarf, fo braucht blofs, wie bereits erwähnt, hervorgehoben zu werden, dafs das Budget des Unterrichtsminifteriums von 1,367.400 fl. im Jahre 1869 auf 4,632.628 fl. für das Jahr 1873 vermehrt wurde. Die Regierung kam dadurch in die Lage, allen Bildungszweigen die wefentlichfte Unterſtützung angedeihen zu laffen. Ihr verdankt man die Einrichtung einer Mufterzeichen- Schule und eines Seminars für Zeichenlehrer. Das Nationalmufeum wurde während der Jahre 1869 bis 1871 mit 239.102 fl. dotirt und ebenfo reichlich das National confervatorium zur Förderung des mufikalifchen Unterrichtes bedacht. Im nächften Allgemeine Bildungsmittel. 39 Herbfte tritt eine Landes- Mufikakademie ins Leben und zur Erhaltung und Sammlung gefchichtlicher Kunftwerke find anfehnliche Beiträge gezeichnet. - In anerkennenswerther Weife ift die Regierung bemüht, den die Fortbildung der Lehrer erftrebenden Vereinen jeden Vorfchub zu leiften. Dank der von ihr ausgegangenen Unterſtützung find beinahe 100 Lehrervereine und Fortbildungscurfe für Lehrer mit Rückficht auf Pädagogik überhaupt, Turnkunft, auch Landwirthschaft und Weinbau entftanden. Volksfchullehrer erhalten zu ihrer Fortbildung im Auslande je nach deren Anwefenheit dafelbft einen Geldbetrag von 300 bis 1000 fl. Lehrer, welche die Erwachſenen im Schreiben und Ungarn zählt gegenLefen unterrichten, empfangen für jedes Individuum 3 fl. wärtig auch mehr als 200 von den Lehrern gebildete Lefevereine. Der im Jahre 1828 ins Leben gerufene Verein zur Verbreitung der Kinderbewahr- Anftalten wirkt unausgefetzt wohlthätig fort und bewährt fich als Mufterinftitut für die später entstandenen zahlreichen Vereine. Die Fröbel'fchen Kindergärten gedeihen überall, dank den Beftrebungen der Frauenvereine, unter denen befonders der unter dem Schutze der Gräfin Bathyany, Baronin Eötves, Baronin Senyey und Frau von Tifza gegründete grofse Kinderfchutz- Verein hervorragt. Die Regierung läfst es an Ermunterung diefer Vereine durch reiche Geldfpenden nicht fehlen. So gewährte fie dem Frauen- Bildungsverein 6000, dem Kleinkinder- Verein in Szigeth 4000, dem Verein zur Verbreitung der Kinderbewahr- Anftalten 4000, der KinderbewahrAnftalt in Klaufenburg 2000 fl. u. f. w. Von der Regfamkeit der verfchiedenartigften Bildungsvereine bieten die vielen ſtatiſtiſchen Mittheilungen derfelben in der Weltausftellung ein ehrendes Zeugnifs. Diefelben entwickeln mitunter eine rege literarifche Thätigkeit. Dahin gehören auch die mit Verdienftmedaillen ausgezeichneten Inftitute, als die ungarifche geologifche Gefellſchaft, die Kisfaludygefellfchaft, die königlich ungarifchen naturwiffenfchaftlichen Vereine in Buda- Peft und Prefsburg, die Kleinkinder- Bewahranftalt in Buda- Peft, der nationale Mufikverein in Buda- Peft und die Siebenbürger naturwiflenfchaftliche Gefellſchaft in Hermannftadt.- Die periodifche Preffe findet in Ungarn ebenfalls rege Pflege. Ueberhaupt erfcheinen im Königreiche gegenwärtig 314 Journale, darunter 187 in ungarifcher, 78 in deutfcher, 13 in kroatifcher, 9 in rumänifcher, 6 in ferbifcher, 2 in ruthenifcher, 5 in italienifcher, 3 in hebräifcher, I in bulgarifcher Sprache. Die Regierung veröffentlicht unter Anderem das Volksfchullehrer- Blatt, eine pädagogifche Wochenfchrift in ungarifcher, deutfcher, flovakifcher, kroatifcher, ferbifcher, rumänifcher und ruthenifcher Sprache, und läfst von diefem Journale, welches jährlich einen Koftenaufwand von mehr als 30.000 fl. in Anfpruch nimmt, 16.000 Exemplare den Lehrern im Lande unentgeltlich zukommen. Kroatien. Wenn auch das veraltete ,, Systema scholarum elementarium" dort noch wenigftens als Grundlage des Volksunterrichts gilt, fo ift doch nicht in Abrede zu ftellen, dafs das Volks- Schulwefen in neuefter Zeit in Folge der Einführung des neuen, den Verhältniffen und Bedürfniffen mehr entsprechenden Schulgefetzes vom Jahre 1869 fich entfchieden gebeffert hat. Nicht minder war man beftrebt, dem höheren Unterrichte, fowie den Fachinftituten, als der land- und forftwirthschaftlichen Lehranftalt in Kreuz, den nautifchen Schulen in Fiume und Buccari, den Handelsſchulen in Agram, Warasdin und Effegg die gebührende Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Auch verfchiedene in Agram beftehende Vereine liefsen fich die Förderung geiftiger Bildung nicht ohne Erfolg angelegen fein. Dahin gehören die füdflavifche Akademie der Wiffenfchaften und Künfte, die Matica crvatska und der St. Hieronymusverein zur Verbreitung belehrender Schriften, der Verein für füdflavifche Gefchichte und Alterthümer, der pädagogifch- literarifche Verein, die 40 J. Löwenthal. landwirthfchaftliche Gefellfchaft und das Nationalmufeum mit feiner nicht unbedeutenden Bibliothek. Die Journalliteratur findet ihre Pflege in achtzehn Zeitfchriften, von denen zwölf in kroatifcher, vier in deutfcher und zwei in italienifcher Sprache erfcheinen. In Agram allein werden eilf Journale( darunter drei politifche in kroatifcher und eines in deutfcher Sprache) veröffentlicht. Die übrigen fieben Blätter vertheilen fich auf Fiume( zwei), Warasdin, Effegg, Semlin, Vukovar und Diakovar. Das deutfche Reich. Es bedurfte blofs einer wenn auch nur oberflächlichen Umfchau in den weiten Räumen des der XXVI. Gruppe, nämlich dem Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen gewidmeten umfangreichen Pavillons des deutfchen Reiches, um über die aufserordentliche Reichhaltigkeit der dort vereinten intereffanten Objecte von Erftaunen erfüllt zu werden. Diefes Erftaunen wurde noch gefteigert, wenn man alle diefe Gegenftände einer genauen Prüfung unterzog. Kein einziger Zweig des Wiffensbaumes ift hier unbeachtet geblieben, deffen forgfältige Pflege man fich allenthalben mit fo anerkennenswerthem Eifer angelegen fein läfst. Die in einer Zahl von fechs Millionen Schülern befuchten, ungefähr 60.000 Elementarfchulen, die vielen Taubftummen- und Blinden- Lehranftalten, die nun überall als Bedürfnifs anerkannten, nach dem Fröbel'fchen Syfteme organifirten Kleinkinder- Schulen, die namentlich im Königreiche Württem berg auf einer hohen Stufe ftehenden Fortbildungs- Anftalten für die Handwerkerjugend, die Kunft Gewerbefchulen, vorzüglich in den rheinpreufsifchen und baierifchen Mittelpunkten der Induftrie, die den 21 Hochſchulen fich anreihenden polytechnifchen Inftitute und höheren landwirthfchaftlichen Anftalten; die in allen Theilen des Reiches trefflich organifirten, mehr als 380 Gymnafien, die 485 Real- and höheren Bürgerfchulen, die vielen Gewerbe- und Handelsfchulen, die mit jedem Jahre fich vermehrenden höheren Töchterfchulen, deren bereits Preufsen mehr als 260 und die anderen Staaten 54 befitzen, endlich die im deutfchen Reiche wirkenden 143 Schullehrer- Seminarien, fie alle waren in der Weltausftellung durch irgend eine hervorragende Leiftung vertreten. Diefe Leiftungen find jedoch fo zahlreich und umfaffend, dafs wir uns es um fo mehr verfagen müffen, auf jede einzelne einzugehen, als wir überdies erwarten dürfen, in anderen fpeciellen Berichten fowohl das Unterrichtswefen, als die literarifchen Leiftungen in verdienter Weife gewürdiget zu fehen. Wir glauben uns daher blofs auf die Andeutung der Beftrebungen einzelner Vereine befchränken zu dürfen. Die Fortbildung des Gewerbeftandes laffen fich namentlich der Handwerker- Verein in Berlin und der Gewerbeverein in Wiesbaden angelegen fein. Der Letteverein in Berlin hat fich die Förderung der höheren Bildung und der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes zur Aufgabe geftellt, und ebenfo erfolgreich wie er, wirken in ihren Kreifen die landwirthfchaftlichen Vereine in Baiern, Württemberg, Baden, im Grofsherzogthum Heffen, in Hamburg u. f. w. Die landwirthfchaftliche Vorbildung hatte im Allgemeinen bisher noch viel zu wünfchen übrig gelaffen, aber in den füdlichen und weftlichen Theilen des Reiches tritt auch in diefer Beziehung eine gröfsere Regfamkeit zu Tage und auf den glücklichen Erfolg deutet die Anerkennung hin, welche eben in unferer Weltausftellung die Leiftungen der Centralftellen für die Landwirthfchaft in Darmſtadt, Stuttgart und Carlsruhe, der landwirthfchaftlichen Abtheilung des Polytechnicums in München, der landwirthschaftlichen Akademien in Eldena, dann in Popelsdorf, Proskau, Hohenheim und Weihenftephan, der Kunftgewerbe- Verein in München, ferner die Kunstgewerbe- Schulen in Stuttgart, München und Nürnberg durch die ihnen verliehenen Ehrendiplome gefunden haben. Eine faft unüberfehbare Menge der Allgemeine Bildungsmittel. 41 verfchiedenartigften Behelfe als Mittel zur Fortbildung trat dem Auge allenthalben entgegen. Dahin gehören nicht nur alle Zweige des Unterrichtes behandelnde Bücher, Karten, Globen u. f. w., fondern auch die finnreichften wiffenfchaftlichen, mit Kunftfertigkeit hergeftellten Apparate, Modelle jeder Art. Diefe Bildungsmittel gehen theils von den betreffenden Anftalten, und felbft von einzelnen Privatperfonen aus, theils werden fie von den verfchiedenen Vereinen und auch von bedeutenden Verlagshandlungen, als Otto Wiegand, Nicolai'fche Buchhandlung, Kortkampf, Dietrich Reimer, Kellner& Comp., Carl Flemming, Juftus Perthes und Anderen geboten, fo dafs fämmtliche Zweige der Wiffenfchaft in der Ausftellung ihre würdige Vertretung hatten. Es iſt nicht, wie angedeutet, unfere Aufgabe, einen Literaturbericht zu entwerfen, zu welchem uns ein fo reichhaltiger Stoff vorliegt, wir wollen daher nur noch fchliefslich bemerken, dafs die deutfche Centralcommiffion auch eine Ausftellung der periodifchen Preffe veranſtaltet hat, welche durch je eine Nummer der in Deutfchland erfcheinenden Zeitungen, Wochen- und Monatsfchriften wiffenfchaftlichen, artiftifchen und technifchen Inhaltes repräfentirt find. Ueberhaupt werden im deutfchen Reiche gegen 2500 Blätter veröffentlicht, und zwar meiftens im Königreiche Preufsen; in dem uns vorliegenden, 2064 Journale umfaffenden Verzeichniffe vermiffen wir jedoch die in Württemberg, Baiern und Baden erfcheinenden. In Berlin werden 240, in Leipzig 162, in Hamburg 47, in Dresden 44, in Trier 23, in Breslau 22, in Frankfurt am Main 22, in Bremen 19, in Cöln 16, in Königsberg und Mainz je 13, in Braunfchweig und Elberfeld je 12, in Stettin 11, in Darmstadt 9, in Gotha 10, in Strafsburg 8, in Kaffel 7 und in Weimar 6 Blätter veröffentlicht. Schweden. Es würde uns zu weit führen, wenn wir hier auseinanderfetzen wollten, wie viel in Schweden für fein Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen gefchieht. Es gibt dort nicht nur Kleinkinder- Schulen, fefte und der örtlichen Verhältniffe wegen ambulatorifche Volksfchulen, fondern auch Inftitute, um den mit befferer Faffungskraft und lebhafterer Lernbegierde begabten, den Arbeiterclaffen angehörenden Kindern unter Leitung akademifch gebildeter Lehrer einen etwas höheren Bildungsgrad zu verfchaffen. Die Gehalte der Lehrer find in den Städten wie in den Dörfern fo bemeffen, dafs diefelben fich forgenlos ganz ihrem Berufe widmen können. Zur Bildung der Lehrer und Lehrerinen für Volksfchulen beftehen 7 Lehrer- und 2 Lehrerinenfeminarien. Die Koften für den im Allgemeinen abgabenfreien Volksunterricht werden von den Communen beftritten, welche unter gewiffen Bedingungen auch Beiträge und Unterstützungen aus Staatsmitteln erhalten. Die betreffenden Ausgaben beliefen fich im Jahre 1871 auf 3,777.290 Rdr., zu denen der Staat 1,203.322 Rdr. beitrug. Für die weitere Fortbildung forgen die vom Staate unterhaltenen Mittelfchulen, technifchen Lehranstalten, Fachfchulen und die Univerfitäten in Upfala und Lund. Zu den Inftituten für höhere Bildung gehören ferner die fchwediſche Akademie, die Akademie der Wiffenfchaften, die Akademie der Landwirthschaft, die Akademie der fchönen Literatur, der Gefchichte und Alterthümer, der freien Künfte, die mufikalifche Akademie und die vielen gelehrten Vereine. Schwedens bedeutendfte Bibliotheken find die der Univerfität Upfala mit mehr als 160.000 Bänden und 8000 Handfchriften, die Nationalbibliothek in Stockholm mit mehr als 150.000 Bänden und 7500 Handfchriften und die Bibliothek der Univerfität von Lund mit mehr als 100.000 Bänden. Wie in vielen anderen Ländern fühlte man auch in Schweden das Bedürfnifs, dem weiblichen Gefchlechte einen gründlicheren und mehr fyftematifchen Unterricht zu ertheilen, andererfeits aber auch demfelben vermehrte Gelegenheit zur Selbftverforgung zu bereiten. Um diefes Ziel zu erreichen, 42 J. Löwenthal. entftanden in dem letzten Decennium meiftens in Stockholm, aufser zwei anderen Seminarien, das Staatsfeminarium zur Bildung von Lehrerinen, die Normalfchule des Staates für Mädchen, höhere Elementarfchulen für das weibliche Gefchlecht, der Lehrcurfus für die weibliche Jugend, die muſikaliſche Akademie nebft Confervatorium, die weibliche Volksfchule in Samuelsberg. Ueberdies wurden die königliche Akademie der freien Künfte und die Gewerbefchule in Stockholm den weiblichen Zöglingen geöffnet. Wenn von Bildungsmitteln die Rede ift, dürfen auch die vielen Arbeits-, Sonntags- und Abendſchulen nicht unerwähnt bleiben. Unter den Buchdruckerei- Erzeugniffen nehmen in Schweden wie überall die Journale einen hervorragenden Platz ein. Im Jahre 1871 erfchienen deren 216, davon 52 in Stockholm. Im Jahre 1870 wurden allein durch die Poft 6,432.870 inländifche und 317.430 ausländifche Exemplare expedirt. Seitdem hat jedoch das Journalwefen bedeutend zugenommen. Dänemark. Wie in anderen nördlichen Gegenden, deren Bevölkerung auf dem Lande vereinzelt und zu entfernt von einander lebt, um die Schulkinder eines Diftrictes an einem Platze zu vereinen, gibt es auch in Dänemark ambulatorifche Schulen, deren Lehrer den Unterricht in verfchiedenen Ortſchaften ertheilt. Die Befoldung der Volksfchul- Lehrer geht von den Communen aus, welche auch für die Herbeifchaffung der Lehrmittel und die Erhaltung der Schulhäufer Sorge tragen. Zur Vorbereitung für die Univerfität beſtehen in Dänemark 14 Staatsgymnafien. Aufser einer Staats- Realfchule auf Bornholm gibt es in verfchiedenen Städten gut organifirte Realfchulen und zur Heranbildung zu fpeciellen Fächern beftehen polytechniſche, dann landwirthfchaftliche, thierärztliche, forftliche Schulen, das techniſche Inftitut für Handwerker, die Kunftakademie in Kopenhagen, und nach dem Mufter des techniſchen Inftitutes in den Städten gegen 40 HandwerkerSchulen. Faft überall gibt es Uebungsanftalten für Bauern, welche zu mündlichen und fchriftlichen Vorträgen angeleitet werden und aus denen grofsentheils die Kammermitglieder hervorgehen. Zur Belehrung der Landbewohner tragen auch die Volksbibliotheken bei. Die periodifche Preffe ift in ungefähr 200 Blättern vertreten, von denen etwa die Hälfte, darunter 10 politifche Zeitungen, in Kopenhagen erfcheint. Die in den Provinzen veröffentlichten hundert Zeitungen find faft durchgehends politifchen Inhaltes. Die Fachjournale erftrecken sich über Theologie( 10) Rechtswiffenfchaft, Phyfik, Medicin, Pharmaceutik, Chemie, Naturwiffenfchaft, Botanik, Archäologie, Gefchichte, Geographie, die einzelnen Induſtriezweige u. f. w. Es fehlt auch nicht an illuftrirten Blättern. Das Vereinswefen findet eine gute Pflege. Kopenhagen und einige Städte haben verfchiedene wiffenfchaftliche Vereine aufzuweifen. Der Induftrieverein in Kopenhagen hat gegen 5000 Mitglieder und veranſtaltet jeden Freitag kleine Ausftellungen, über welche Vorträge gehalten werden. Er hat die Induftrieausftellung im Jahre 1852 und die fkandinavifche im Jahre 1872 in Kopenhagen auf feine Koften veranſtaltet, und ihm verdankt man auch Dänemarks Betheiligung an der Parifer Ausftellung im Jahre 1867 und an der jetzigen Wiener Weltausftellung. Sehr erfpriefslich wirkt ferner der gegen 4000 Mitglieder zählende Handwerker- Verein in Kopenhagen, welcher auch als Vorbild der in anderen Städten entstandenen HandwerkerVereine betrachtet werden darf. Zu den verbreiteften Volksfchriften in Dänemark gehören die Almanaks" von Flinch in Kopenhagen und Visbok in Koldingen. Beide Almanache haben gute Illuftrationen und ftets neue Erzählungen und Gedichte der anerkannteften dänifchen Schriftfteller aufzuweifen. Von erfterem werden jährlich 150.000, von letzterem 100.000 Exemplare abgefetzt. Diefe Zahlen erfcheinen um fo bedeutender, wenn man erwägt, dafs Dänemark nur 1,845.000 Einwohner zählt. " Allgemeine Bildungsmittel. 43 Niederlande. Man kann auf die Sorgfalt, welche das Königreich der Niederlande dem Bildungswefen widmet, fchon daraus fchliefsen, dafs die Ausgaben allein für den Elementarunterricht im Jahre 1870: 5,166.143 fl. betragen haben, während der höhere Unterricht ebenfalls fehr bedeutende Geldbeträge in Anfpruch nimmt. Die Koften für die Induftriefchulen werden faft durchgehends von den Communen beftritten, fowie diefe auch unter den 47 höheren Mittelfchulen 27 unterhalten und von der Regierung nur Unterſtützungsbeiträge empfangen. Die drei Staatsuniverfitäten in Leiden, Utrecht und Gröningen wurden im Jahre 1870 von 1339 Studirenden befucht. Die Lehrer der verfchiedenartigen Glaubensgenoffen in den Niederlanden als Remonftranten, Menoniten, Ifraeliten, Separatiften, Janfeniften und Katholiken werden in ihrem eigenen Seminarien herangebildet. Die Preffe war im Jahre 1871 durch 222 Journale vertreten, von denen 34 wöchentlich fechsmal erfchienen. Die übrigen periodifchen Blätter beftanden in Wochen- und Monatfchriften und vierteljährlichen Revuen. In den niederländifchen Colonien, wo aufser Java und den Molukken, deren Bewohner fich der Wohlthaten der Civilifation erfreuen, nimmt die Gefittung in dem Mafse ab, als man in das Innere dringt. Im Innern von Sumatra ift fogar noch das Piratenthum zu Haufe und in Neuguinea erheben fich die Eingebornen kaum über den Zuftand der Wildheit. Belgien. Belgien hat die XXVI. Gruppe der Weltausftellung gerade nicht fehr reichlich, aber immerhin in einer Weife bedacht, welche fattfam beurkundet, wie fehr dort die Förderung des Bildungswefens die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anspruch nimmt und wie fehr man hauptfächlich beftrebt ift, zur Hebung des geiftigen und fittlichen Zuftandes der niederen Volksfchichten nachhelfend die Hand zu bieten. Wir glauben, auf die vorliegenden Nachweife geftützt, hervorheben zu können, dafs der Impuls hiezu auch vom Minifterium des Innern ausgeht, welches nicht nur im Allgemeinen dem niederen wie dem höheren Unterrichte, fondern auch den vielen Privatvereinen feine Fürforge zuwendet, welche fich hauptfächlich zur Förderung des Wohles der arbeitenden Claffen gebildet haben. Diefer Fürforge ift auch die Blüthe der landwirthfchaftlichen Inftitute zu verdanken, unter denen namentlich jenes zu Gembloux fowie die Gartenbau- Schulen in Gent und Vilvorde hervorzuheben find. Letztere wurde auch von unferer Jury für ihre Leiftungen durch Zuerkennung eines Ehrendiploms ausgezeichnet. Durch Schrift und That wirken unter den Gefellfchaften zum Wohle der Arbeiterclaffen die Centralgefellfchaft der belgifchen Lehrer in Brüffel, die van Combrugghes- Genootfchaft in Gent, die Gefellſchaft John Cockerill in Sairing, die École populaire in Lüttich und viele Andere. Erwähnen wir noch, dafs die Ausftellung bedeutende claffifche Werke und fehr beachtenswerthe Schriften über Pädagogik und Methodologie, fowie eine Sammlung vieler periodifcher Zeitfchriften aufzuweifen hatte. England. Wenn wir Englands Beftrebungen, das Bildungswefen zu fördern, nur nach den Vorlagen in der XXVI. Gruppe der Weltausftellung zu beurtheilen hätten, fo würden wir in Verlegenheit gerathen, zu fagen, welchen Rang wir ihm unter allen übrigen Ländern anweifen. Mit Ausnahme einiger wiffenfchaftlicher und pädagogifcher Werke in deutfcher und franzöfifcher Sprache, einiger Schulutenfilien fowie der Büchersammlungen der„ British and foreign bible society", der Zeitfchriften 44 J. Löwenthal. und Tractate der ,, Religious Tract Society" in allen europäifchen, indifchen, nordamerikaniſch- indifchen und afrikaniſchen Sprachen, endlich der von der„ Sunday school Union" ausgeftellten Karten, Bücher u. f. w. zum Gebrauche in den Sonntagsfchulen dürfte kaum etwas vorzufinden gewefen fein, was uns vermuthen liefse, dafs es von einem Lande herrührt, das nach allen Richtungen hin als ein Muſterftaat gelten kann, deffen Leiftungen uns oft mit Bewunderung erfüllen und in welchem fowie auch in feinen Colonien den Bildungsmitteln ficherlich die gröfste Aufmerkfamkeit zugewendet wird. In Melbourne, der Hauptftadt der britifchen Colonie Victoria in Auftralien z. B., gibt es eine auf Staatskoften errichtete Bibliothek mit mehr als 70.000 Bänden, die jährlich noch vermehrt werden; Muſeen, Nationalgalerien und mechanifche Inftitute erftreben dort die Fortbildung der Erwachfenen und die Schulen, deren es im Jahre 1870 mehr als 900 gab, halten, und dies gilt fowohl von den niederen als von den höheren Unterrichtsanftalten, den Vergleich mit den beften europäiſchen aus. Viel reicher war die XXVI. Gruppe von Britifch- Indien bedacht, in welcher durch die Vorforge der Localcomités von Bombay, Madras, Bengalen, Punjab, Myfore, Birma, Bera, Hyderabad, Indore u. f. w. die intereffanteften literarifchen und graphifchen Erzeugniffe vorlagen. Wir fanden unter denfelben Karten, Globen, architektonifche und geometriſche Zeichnungen, Lehrbücher in englifcher und Hindufprache, Sanfcritsclaffiker zum Gebrauche der Hochfchulen und Gymnafien, die„ Bibliotheca indica", Zeitungen in arabifchen und indifchen Sprachen, fowie verfchiedene andere periodifche Schriften. Schweiz. In keinem Staate wurde der Aufgabe der Ausftellungscommiffionen, eine Darstellung des Bildungswefens zu bieten, in fo umfaffender Weife entſprochen wie in der Schweiz. Mit der Löfung derfelben wurden die Herren Dr. Hermann Kinkelin in Bafel und Regierungspräfident Ziegler in Zürich betraut, welche eine fehr eingehende Statiſtik der Bildungsvereine fowie des mit demfelben in Verbin dung ftehenden Schulwefens entwarfen. In der Schweiz wird nicht nur der Volksfchule überhaupt die gröfste Sorgfalt zu Theil, fondern auch zur Vorbereitung für den Befuch der Univerſitäten( Bafel, Zürich und Genf), der Akademien( Genf, Laufanne und Neuenberg) in den wohlorganifirten Gymnafien und Realfchulen fowie für die Ausbildung der Volksfchullehrer durch 19 Seminarien vorgeforgt. An Fach- Lehranstalten, wie z. B. die landwirthschaftlichen Inftitute in Bern, Freiburg, Zürich, Thurgau und Aargau, ift ebenfalls kein Mangel und nicht minder tragen die verfchiedenften Vereine zur allgemeinen Bildung bei. Denfelben dürfte auch kaum in fonft irgend einem Lande ein fo umfaffender Wirkungskreis vorgezeichnet fein. Man zählt in der Schweiz gegenwärtig mehr als 4000 Vereine mit mehr als 500.000 Mitgliedern und es befteht kein Zweig der gefellfchaftlichen Thätigkeit, der nicht durch Vereine forgfältig gepflegt und feiner Entwicklung zugeführt würde. Die aus den gegenfeitigen Hilfsgefellſchaften gebildeten Affociationen mit beinahe 100.000 Mitgliedern befchränken fich nicht auf die Schweiz, fondern dehnen ihren Wirkungskreis auch auf das Ausland aus, wo deren 45 mit vom Bund fubventionirt werden. Viele Vereine haben einen die ganze Schweiz umfaffenden Charakter. Dahin gehören der eidgenöfüifche Sängerverein, die fchweize rifche Mufikgefellſchaft, der fchweizerifche Kunftverein, die fchweizerifche naturforfchende Gefellfchaft, die fchweizerifche Gefchichtsforfcher- Gefellfchaft, die fchweizerifche Gefellfchaft für Alterthumskunde, die Gefellfchaft der fchweizerifchen Aerzte, der fchweizerifche Juriftenverein, die fchweizerifche Predigergenoffenfchaft, die fchweizerifche Induftriegefellfchaft, die fchweizerifche gemeinnützige Gefellſchaft, der eidgenöffifche Schützenverein, der eidgenöffifche OfficierUnterofficier- und Cavallerievereine. Denfelben reihen fich die vielen Lefegefellfchaften in jeder einigermafsen bedeutenden Ortſchaft an. Allgemeine Bildungsmittel. 45 In der fehr eingehend behandelten Statiſtik der fchweizerifchen Journale wird die Zahl der in den verfchiedenen Cantonen im Jahre 1872 erfchienenen Zeitfchriften auf 412 angegeben, davon 64 in Bern, 47 in Zürich und Waadt, 40 in Aargau, 25 in St. Gallen, 18 in Neuenburg, 16 in Bafel Stadt und Thurgau, 15 in Graubündten, 14 in Teffin, 13 in Solothurn, 12 in Freiburg, II in Luzern, 10 in Schwyz und Schaffhaufen, ó in Bafel Land, 5 in Appenzell Aufserrhoden und Wallis, 4 in Glarus, 3 in Obwalden und Zug, 2 im Nidwalde und I in Uri und Appenzell Innerrhoden. Der Sprache nach waren 266 deutfch, 118 franzöfifch, 16 italienifch, 5 romanifch und I englifch( ,, Swifs Times" in Genf). Eine Eigenthümlichkeit bildet das Beiblatt des in Aigle( Waadt) erfcheinenden„ Messager des alpes" unter dem Titel L'Agace, beftimmt den Patois des waadtländifchen Oberlandes zu erhalten und weiter zu bilden. Bis zum Jahre 1700 befafs die Schweiz nur I Journal( Zürich); bis 1800 erfchienen im Ganzen 3 deutfche und 4 franzöfifche Blätter. Dann ftieg deren Zahl von Jahr zu Jahr und in den Jahren 1871-72 wurden 53 neue Journale gegründet. Die meiſten haben eine Auflage von 500 bis 1000, 15 eine von mehr als 5000, 5 bis von 10.000 und 3 von 20.000 Exemplaren und darüber. Der Guide- Privat in Genf, ein Eifenbahn- und Dampfboot- Cursbuch, wird monatlich in 50.000 Exemplaren ausgegeben. Von den Blättern erfcheinen 7 fiebenmal, 39 fechsmal, 54 dreimal, 93 zweimal, 134 einmal wöchentlich, 32 alle vierzehn Tage, 44 jeden Monat, 5 alle drei Monate, I jedes halbe Jahr. Im Ganzen wurden im Jahre 1872 90,875.388 Nummern ausgegeben und 37,849.925 durch die Poft befördert. Frankreich. Das franzöfifche Minifterium des Ackerbaues und des Handels wendet, wie aus der von der Direction des Ackerbaues für die Weltausftellung veröffentlichten ,, Notice sur les objets exposés" erhellt, feine befondere Sorgfalt dem landwirthfchaftlichen Unterrichte zu. Frankreich befitzt drei unter Aufficht des Minifteriums ftehende landwirthfchaftliche Anftalten: in Grignon( Seine et Oise), Grand Jouan ( Loire inférieure) und Montpellier( Herauld). Die erftere zählt 1245 theils interne, theils externe Zöglinge, welche in dem Inftitute fowohl theoretifchen als praktifchen Unterricht geniefsen. Der theoretifche Unterricht erftreckt fich über Landbau, Zoologie, Phyfik, Meteorologie, Mineralogie, Geologie, Botanik, Forftwiffenfchaft, Mechanik, Chemie, Technologie, landwirthschaftliche Gefetzgebung und Verwaltung. Zur Ausübung des praktiſchen Unterrichtes befitzt das Inftitut 47 Hektaren urbaren Bodens und 32 Hektaren Gehölz, ein Mufterfeld, Küchengarten, eine Schweizerei, eine Schäferei und einen Schweineftall. Die feit dem Jahre 1841 beftehende Schule in Grand Jouan befitzt nebft den 5 Hektaren umfaffenden Gärten, 21 Hektaren urbaren Bodens, läfst fich befonders die Förderung der landwirthfchaftlichen Intereffen von Weftfrankreich angelegen fein und ertheilt ebenfo wie die Schule von Grignon theoretifchen und praktiſchen Unterricht. Mit diefer Anftalt fteht auch die über 120 Hektaren fich erftreckende Mufterwirthfchaft in Rieffelland in der Nähe von Grand- Jouan in Verbindung. Die Schule von Montpellier hat es hauptfächlich auf die Förderung der Wein- und Obftcultur abgefehen und befitzt alle Behelfe zu dem vorgezeichneten Zwecke. Die Zöglinge aller drei Anftalten unternehmen je nach der Lehrzeit landwirthfchaftliche, botanifche, forftliche, geologifche und technologifche Ausflüge unter Leitung der Profefforen. Die Zöglinge haben fich am Ende ihrer Studien einer Prüfung zu unterziehen und erhalten mit dem Zeugniffe der Reife die Befugnifs, fich um das diplome d'ingénieur agricole zu bewerben. Zur Heranbildung gefchickter landwirthschaftlicher Gehilfen, Pächter, Meier, Hirten oder Gärtner gibt es 42 fo genannte Fermes- écoles, welche vom Jahre 1835 bis 1867 mehr als 6000 junge Leute für die verfchiedenen Fächer herangebildet und ihrer Beftimmung zugeführt haben. Aufser diefen und verfchiedenen anderen Inftituten laffen fich auch mehrere 46 J. Löwenthal. Vereine die Förderung der landwirthfchaftlichen Intereffen angelegen fein. Dahin gehören die bereits im vorigen Jahrhundert gegründeten Ackerbau- Gefellſchaften in Rheims, Tours, Paris, La Rochelle, Rouen, Lyon, Orleans, Soiffons, Bourges, Alençon und Auch; gegenwärtig zählt Frankreich 353 Ackerbau- und Gartenbau Gefellſchaften. - Frankreich hatte auch die hohe Wichtigkeit der Thier- Arzneikunde bereits im verfloffenen Jahrhundert durch Errichtung der Thier- Arzneifchulen in Lyon und Alfort( Seine) anerkannt. Eine dritte in Touloufe wurde im Jahre 1835 eingeweiht. Jedes diefer Inftitute umfafst fechs Lehrftühle und der Unterricht erftreckt fich über Anatomie, Phyfiologie, Zoologie, Phyfik, Chemie, Pharmakologie, Toxikologie, Hygiene, Botanik, Pathologie, Therapie, Sanitätspolizei. In den erwähnten drei Schulen find feit deren Gründung 14.691 Zuhörer aufgenommen und in Touloufe vom Jahre 1835 bis 1872: 1300 Aerzte mit Diplom verfehen worden. Ueberhaupt geht aus den Vorlagen in der Weltausftellung hervor, wie fehr auch Frankreich bemüht ift, dem Bildungswefen nach allen Richtungen hin jeden Vorfchub zu leiften. Nicht weniger als 202 öffentliche und Privatfchulen und Erziehungsanftalten haben fich an denfelben betheiligt. Die„ Ecole pratique des hautes études" in Paris hat fich die Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte zum Ziele gefetzt und wurde für ihr erfolgreiches Streben von der Jury durch einen Ehrenpreis ausgezeichnet, aber auch andere Inftitute und Vereine hatten fich in Betracht ihrer die Volksbildung und namentlich die fittliche wie die geiftige Verbefferung der arbeitenden Claffen erftrebenden Leiftungen vielfeitig der Anerkennung in der Ausftellung zu erfreuen. Nennen wir hier in diefer Beziehung die in Paris wirkenden„ Affociation politechnique pour l'inftruction gratuite des ouvriers", das ,, Confiftoire Ifraélite", die„ École de commerce", der„ Handelskammer", die verfchiedenen Orphelinats zur Erziehung und Heranbildung der Waifen, die„ Salle d'afyle communale" zur Einbürgerung des Fröbel'fchen Syftems der Kindergärten, die„ Societé de protection", die fich mit fehr grofser Humanität der Lehrlinge und Kinder in den Fabriken annimmt, die die landwirthfchaftlichen und induftriellen Wiffenfchaften fördernden Vereine in verfchiedenen Städten. Auch einigen Buchhandlungen gebührt die Anerkennung, durch gediegene Schriften zur Verbreitung nützlicher Kenntniffe beizutragen, fo Hetzel durch feine Kinderfchriften und Abhandlungen über Erziehungswefen, Lanée und Lechevalier durch ihre Wandkarten und Atlanten, Lahure durch die Herausgabe der franzöfifchen Claffiker für die Jugend. Ueber die periodifche Preffe fanden wir nichts vor. In Algerien macht das Bildungswefen unter der europäiſchen Bevölkerung merkliche Fortfchritte. Für den Elementarunterricht forgten im Jahre 1870 in den drei Departements Algier, Oran und Conftantine 371 öffentliche und 97 Privatfchulen, welche von 52.394 Schülern befucht wurden. Der höhere Unterricht wird in dem Lyceum von Algier und in den Gymnafien von Bona, Conftantine, Philippeville, Oran und Tlemcen mit dem beften Erfolg ertheilt. In Algier befteht auch eine medicinifche und pharmaceutifche Schule. Faft jede Stadt hat ihre Buchdruckerei und ein oder einige Journale, welche wie viele wiffenfchaftliche Werke theils in franzöfifcher, theils in arabifcher Sprache erfcheinen. Die öffentlichen Bibliotheken befitzen viele fehr alte, gut erhaltene und kaligraphifch fehr zierlich ausgeführte arabifche Manufcripte. Italien. Wenn wir die maffenhaft in der italienifchen Galerie aufgehäuften Druckfchriften aller Art mufterten, fo konnten wir uns der Bemerkung nicht erwehren, dafs viele mit unterlaufen, welche eine noch fo gelinde Kritik fchwerlich beftehen und wohl bei einiger auch nur oberflächlichen Prüfung derfelben nicht neben anderen Allgemeine Bildungsmittel. 47 wirklich gediegenen Werken ihre jetzige Stelle eingenommen haben würden. Wir müffen jedoch zugeftehen, dafs aus den vorliegenden Erziehungs- und Unterrichtsfchriften jedenfalls das anerkennenswerthe Streben nach Verbefferung des moralifchen und geiftigen Zuftandes der Bewohner hervorgeht. Wie faft überall gingen auch hier die Regierung und die verfchiedenartigen Vereine Hand in Hand. Während die Minifterien des Unterrichtes, des Ackerbaues und des Handels den zu ihren Refforts gehörenden Anftalten jeden Vorfchub zu leiften bemüht waren, fuchten die Vereine nach allen Richtungen hin Wiffenfchaft, Kunft und Induſtrie zu fördern, für die Fortbildung der Erwachſenen Sorge zu tragen und dabei vornehmlich ihr Augenmerk auf jene Schichten der Bevölkerung zu richten, die am meiften der Anregung und Beihilfe bedürfen. Die günftigen Erfolge zeigen die wiffenfchaftlichen und technifchen Leiftungen der vielen Lehranstalten, während von der Tendenz der Vereine die Vorlagen betreffend die vielen„ Asili infantili", das ,, Comitato legure per l'educazione del popolo" in Genua, die ,, Società promotrice dell'industria nazionale" in Turin, das„ Istituto tecnico" in Mantua und die ,, Lega d'insegnamento popolare" in Verona, fo wie die vielen anderen KleinkinderSchulen und Blindenanftalten u. f. w. das befte Zeugnifs geben. Als eine hohe fehr werthvolle literarifche Arbeit bezeichnen wir auch die auf den Wunſch des italienifchen Minifteriums des Ackerbaues, der Induftrie und des Handels eigens für die Weltausftellung verfafste Denkfchrift über das R. Mufeo industriale italiano" in Turin. Der Verfaffer, Director des Muſeums, G. Codazzo fendet der Gefchichte diefer Anftalt einige Mittheilungen über andere ähnliche Inftitute, als das South Kenſington Mufeum in London, das Confervatorium der Künfte und Gewerbe in Paris, das öfterreichifche Muſeum für Kunft und Induftrie in Wien und das deutfche Gewerbemufeum in Berlin voran, und geht dann zur Schilderung der mit dem Muſeo induftriale italiano in Verbindung ftehenden Anftalten über. Diefe beftehen in phyfikalifchen, chemifchen Cabinetten und Laboratorien, in technolo gifchen und Zeichenfchulen, einer reichhaltigen Bibliothek und den verfchiedenartigften Mitteln zur Förderung der Kunftinduftrie, als Zeichnungen, Modellen u. f. w. " - Die periodifche Preffe hat auch in Italien bedeutende Fortfchritte aufzuweifen. Im Jahre 1870 wurden 723 Journale veröffentlicht, darunter 101 in Florenz als damaliger Hauptftadt, 93 in der Provinz Mailand, 73 in jener von Turin, 47 in den neapolitanifchen Provinzen, 37 in Genua, 32 in Bologna, 31 in Venedig. In den Provinzen Abruzzo ulteriore I., Bafilicata, Ferrara und Grofsetto erfchien nur je ein officielles Journal. Abruzzo ulteriore II. entbehrte fogar diefs eine. Im folgenden Jahre ftieg die Zahl der Blätter auf 765 und im gegenwärtigen Jahre erfcheinen deren 1126; die meiften in der Provinz Mailand( 138), dann folgen die Provinzen Rom( 108), Florenz( 107), Turin( 85), Neapel( 81), Genua( 53), Palermo( 48), Venedig( 38), Aleffandria( 22) u. f. w. Maffa und Trapani befafsen nur je eine Zeitung.- Dem Inhalte nach gab es 393 politifche, 100 landwirthfchaftliche, 81 religiöfe( 73 katholifche, 7 evangelifche und 1 ifraelitifches) Blätter. Der Erziehung und dem Unterrichte find 58, der Literatur 56, der Kunft und dem Theater 55 Journale gewidmet. Dann ift für jedes Fach durch irgend ein Blatt geforgt. Unter diefen Journalen erfchienen 1097 in italienifcher Sprache, 5 in verfchiedenen Dialekten, 14 in franzöfifcher, 6 in englifcher und 2 in deutfcher Sprache. 387 wurden täglich, die übrigen 739 meiftens als Wochenblätter veröffentlicht.- Italien zählt gegenwärtig 1083 Buchhandlungen und 911 Buchdruckereien mit 2691 Handpreffen, 745 Schnellpreffen und 10.958 Druckergehilfen. Portugal. Die portugiefifche Regierung bemüht fich, das Volksfchul- Wefen einer gröfseren Entwicklung zuzuführen; ihr Streben fcheint jedoch von keinem befonders 48 J. Löwenthal. günftigen Erfolge gekrönt zu fein, wenn man erwägt, dafs gegenüber einer Bevölkerung von beinahe 2,000.000 Einwohnern im ganzen Königreiche im Jahre 1869 nur 1882 Knaben- und 323Mädchenfchulen beftanden, deren Befuch fich auf 48.633 Knaben und 8442 Mädchen befchränkte. Auch die Mittelfchulen bedürfen noch vieler Reformen, wenn fie den Anforderungen entfprechen follen; eine Ausnahme machen allenfalls die Oberfchulen zu Liffabon und Oporto, die ausgezeichnete Univerſität in Coimbra, die polytechnifchen Inftitute und die medicinifchen Schulen in Liffabon und Oporto. Das Bildungswefen fördernd wirken ferner die mit der Univerfität in Coimbra vereinigten Inftitute, als die Bibliothek, Sternwarte, das anatomifche Muſeum, der botanifche Garten, fowie für den landwirthschaftlichen, militärifchen, mufikalifchen und dramatifchen Unterricht die den betreffenden Fächern gewidmeten Anftalten in Liffabon und Oporto. Die öffentlichen Bibliotheken in Liffabon, Evora, Villa Real und Braga werden auf Staatskoften erhalten. Die erftgenannte befitzt beinahe 150.000 Bände und gegen 10.000 Manufcripte nebft einer Sammlung von 25.000 Münzen und Medaillen. Nicht minder läfst fich die Regierung die Förderung des Unterrichtes auf ihren Colonien angelegen fein. Im Jahre 1855 waren auf den capverdifchen Infeln ( Ilhas verdes) kaum einige Schulen; im Jahre 1870/71 hingegen befafs die Infel S. Jago bereits ein Lyceum und viele Schulen. Auch auf den übrigen Infeln wurden Unterrichtsanftalten errichtet, die jedoch bisher keine befonders günftigen Ergebniffe geboten haben. Unter den literarifchen Publicationen der Weltausftellung verdient eine von der Impresa nacional( Staatsdruckerei) veranstaltete reiche Sammlung medicinifcher, mathematiſcher, phyfikalifcher und religiöfer Werke beachtet zu werden. Ein ftatiftifches Tableau zählt die vom Jahre 1641 bis 1872 in Portugal erfchienenen Journale auf. Bis zum Jahre 1697 befafs Liffabon nur 3 Zeitfchriften, im Beginne des XIX. Jahrhunderts II, darunter eine von den portugiefifchen Flüchtlingen in London veröffentlichte. Im Jahre 1810 erfchienen in Liffabon bereits 22 Blätter, deren Zahl fich alsdann merklich verminderte, während dagegen in portugiefifcher Sprache 2 Zeitungen in Brafilien, 3 in London und I in Paris veröffentlicht wurden. Gegenwärtig erfcheinen in Portugal 74 Blätter, von denen 45 in Liffabon, 6 in Oporto, 5 in Coimbra, I in Braga u. f. w. Auf den Infeln werden 9 Journale veröffentlicht. Spanien. Wer hätte wohl gedacht, dafs diefes von der Natur fo reich gefegnete, aber durch die furchtbaren Parteikämpfe in feiner Ruhe geftörte Land die Weltausftellung in einer Weife bedenken werde, wie fie nur von einem beftgeordneten Staate erwartet werden konnte. Nicht nur das Bergbau- und Hüttenwefen, die Landund Forstwirthschaft, fondern alle Zweige einer fehr ausgebreiteten Induſtrie waren durch deren bedeutende Entwicklung beurkundende Erzeugniffe vertreten, und auch die Gruppe XXVI hat in reicher Fülle vielfältige Objecte als Zeugen von den Streben aufzuweifen, in wiffenfchaftlicher wie in focialer Beziehung hinter den Anforderungen unferer Zeit nicht zurückzubleiben. Sehr viele Vereine und einzelne Perfönlichkeiten gehen dabei miteinander Hand in Hand. In Madrid laffen die Vereine Associacio de protectura de artesanos und Fomento de las artes fich, wie die Titel andeuten, eifrig das Wohl der arbeitenden Claffen angelegen fein, das Ateneo mercantil forgt für den unentgeltlichen Unterricht der dem Handel fich widmenden Jugend, das Colegio nacional de Sordo- Mudos y de Ciegas fowie ähnliche Inftitute in anderen gröfseren Städten trägt Sorge für die Taubftummen und Blinden. Die Biblioteca popolare de fomento und das Centro de lectura Reus haben fich die Verbreitung belehrender Schriften zum Ziele gefetzt und auch der Buchhandel fcheint bei der Herausgabe claffifcher und wiffenfchaftlicher Werke, deren viele und anerkennenswerthe in der Weltausftellung auflagen, feine Allgemeine Bildungsmittel. 49 Rechnung zu finden. Als das auch für Spanien geltende tempora mutantur et nos mutamur in illis wollen wir hervorheben, dafs unter den fpanifchen Vorlagen fich auch eine Fibel zum Unterrichte der jüdifchen Kinder in der hebräifchen Sprache befindet. Ungefähr 80 Zeitfchriften zeugen auch von der Blüthe der periodifchen Preffe. Rumänien. Mit Ausnahme eines in franzöfifcher Sprache abgefafsten Berichtes über die Waifenhäufer:„ Asiles Eléna et Panteileimon" in Bukareft bot uns die rumänifche Gallerie keinen Stoff zu unferen Betrachtungen über die XXVI. Gruppe der Weltausftellung. Dem völligen Mangel an ftatiftifchen Beiträgen wird jedoch in dem zweiten Bande des officiellen Berichtes durch eine fehr umfaffende Monographie des Fürftenthums Rumänien von Baron Ernft Haan begegnet werden. Das erwähnte, unter dem Schutze der regierenden Fürftin Elifabeth von Rumänien gebornen Prinzeffin von Wied, ftehende Waifenhaus für Mädchen( Asile Eléna) war ursprünglich eine Stiftung der fürftlichen Familien Ghika und Kantakuzenos zur Unterbringung elternlofer Säuglinge bei Vorftadtfamilien von Bukareft. Im Jahre 1860 wurde die Tendenz diefes Unternehmens dadurch erweitert, dafs man 40 Waifen in einem Privathaufe erziehen und unterrichten liefs. Fürftin Helene Couza legte im Jahre 1861 den Grundftein zu dem prächtigen, durch Beiträge rumänifcher Damen gegenüber dem fürftlichen Sommerpalais errichteten Gebäude in Cotroceni, und im Jahre 1872 wurde diefe Anftalt unter den Aufpicien der Fürftin Elifabeth erweitert und fo fehr vervollſtändigt, dafs fie jetzt 230 Mädchen aufnehmen kann, welche in allen weiblichen Handarbeiten, in den Elementarkenntniffen, in der deutfchen und franzöfifchen Sprache unterrichtet, und zum Theile für ihren künftigen Beruf als Erzieherinen und Lehrerinen vorbereitet werden. Die Fürftin Elifabeth, welche fich mit der gröfsten Sorgfalt der Ueberwachung des Inftitutes unterzieht, hat auch zwei Stipendien zur Fortbildung der fähigften Mädchen in europäifchen Lehrerinenfeminarien beftimmt. Das Waifenhaus in Panteileimon für 100 Knaben und 300 incurable Kinder, eine Stiftung der Familie Ghika, wurde im Jahre 1868 vom regierenden Fürften Carl von Rumänien ( Hohenzollern) völlig reorganifirt. Mit dem Waifenhaufe ift auch eine Abtheilung für 20 taubftumme Kinder verbunden. In der Weltausftellung befanden fich nebft vielen weiblichen Handarbeiten Schreib- und Zeichenhefte, welche die erfreulichen Leiftungen der Anftalt beurkunden. Der Fürftin Elifabeth wurde für ihr wohlthätiges Wirken von der Jury der Ehrenpreis zuerkannt. Rufsland. Wir haben uns vergebens in der XXVI. Gruppe der ruffifchen Ausstellung nach Anhaltspunkten zur Beurtheilung des Bildungswefens in dem weiten Czarenreiche umgefehen und ebenfo umfonft waren unfere diefsfälligen Erkundigungen bei einigen der hervorragendften Mitglieder der ruffifchen Commiffion. Man möge es daher nicht verargen, wenn wir bemerken, dafs wir nur einige wirklich ausgezeichnete kartographifche Leiftungen wahrgenommen haben, darunter die ruffifche Generalftabs- Karte und die vom ftatiftifchen Centralcomité veröffentlichte und mit vielem Fleifse ausgeführte Karte der Bergwerks- Producte des europäifchen und afiatifchen Rufsland. Die übrigen, das Erziehungs- und Bildungswefen betreffenden Objecte befchränken fich auf Zeichnungen, Modelle und andere Hilfsmittel für den techniſchen Unterricht und einige botanifche und arzneiwiffenfchaftliche Sammlungen. Um fo lieber nehmen wir von den Leiftungen der Gefellſchaft zur Förderung der Künfte in St. Petersburg Notiz, indem diefelbe, vom Staate wie durch Privatbeiträge fehr reichlich unterſtützt, der der Kunft fich 4 50 J. Löwenthal. widmenden Jugend durch Unterricht, Herbeifchaffung der ihr nöthigen Materialien und Geldbeiträge kräftig unter die Arme zu greifen, und nicht nur für die techniſche, fondern auch für die geiftige Entwicklung derfelben durch Vorträge über Architektonik, Chemie, Geometrie, Kunftgefchichte u. f. w. zu wirken bemüht ift. Eine wohlorganifirte Zeichenfchule mit Werkſtatt und ein reich mit Modellen, Zeichnungen und einer Bibliothek ausgeftattetes Muſeum ftehen ihr dabei zu Gebote, während gleichzeitig die im Muſeum ftattfindende permanente Ausstellung den Künftlern die Mittel zum Abfatze ihrer Arbeiten bietet und dem Publicum die Erzeugniffe der fchönen Künfte zur Anfchauung bringt. Als ein erfreuliches Moment wollen wir noch erwähnen, dafs auch in Finnland das Volksfchulwefen in lebhafter Entwicklung begriffen ift. Seit dem Erlaffe einer Verordnung vom Jahre 1866, welche allen Ortfchaften die Errichtung von Schulen als Pflicht auferlegt, haben 112 Gemeinden auf dem Lande 190 höhere Volksfchulen gegründet und auch in den Städten geht die Organiſation des Volksunterrichtes vorwärts. Drei Seminarien forgen für die Heranbildung von Lehrern und Lehrerinen und der Staat felbft unterhält 9 vollſtändige Lehranstalten mit fieben Claffen, 12 höhere, 33 niedere Elementarfchulen und 3 Lyceen. Aufserdem gibt es in Finnland 4 Taubftummen- Schulen und 2 Lehranstalten für Blinde. Die kaiferliche AlexanderUniverfität, früher in Abo, feit 1827 in Helfingfors, wirkt fortbildend mit ihren vier Facultäten, ihrer 120.000 Bände umfaffenden Bibliothek und ihren mannig. faltigen wiffenfchaftlichen Anftalten und Sammlungen. Sie wurde im Jahre 1870. von 701 Studenten befucht, ift fehr reich dotirt und ihre Einkünfte beliefen fich auf 1,162.153 Mark. Griechenland. Um die literarifche Thätigkeit in Griechenland zu beurkunden, hat die Commiffion zur Ermunterung der nationalen Induftrie in Athen einen„ Catalogue raisonné" über die während der Jahre 1868-1872 veröffentlichten Bücher für die Weltausftellung verfaffen laffen. Derfelbe erftreckt fich allerdings über eine anfehnliche Zahl der verfchiedenartigften Schriften und zeigt, dafs man in allen Richtungen des Wiffens anderen in der Bildung vorgefchrittenen Ländern nachzuftreben bemüht ift; allein die meiften Bücher beftehen in Ueberfetzungen aus fremden Sprachen und auch die Wahl der berücksichtigten Werke erfcheint uns gerade nicht als eine glückliche. Mehrere ganz unbedeutende Bücher find aus ihrer verdienten Vergeffenheit hervorgezogen worden, während gediegene Werke nur in äufserft fpärlicher Zahl beachtet wurden. Einen eigenthümlichen Eindruck machte es auf uns, dafs deutfche Bücher erft aus franzöfifchen Uebertragungen Zugang zum griechifchen Idiom fanden. Sehr eingehend ift das Zeitungswefen in einer vom griechifchen Minifterium veranlafsten Sammlung der in Griechenland erfcheinenden Journale behandelt worden. Vor der Revolution im Jahre 1820 gab es dort keine einzige Buchdruckerei. Die erfte entſtand im Jahre 1822 auf der Infel Hydra, eine andere im folgenden Jahre in Athen und in Miffolonghi, und eine vierte im Jahre 1824 in Nauplia, zum Drucke der amtlichen Zeitung. Nach der Unabhängigkeitserklärung wurden während der Präfidentfchaft Kapodiftrias' mehrere Bücher und Journale und in gröfserer Menge nach der Gründung des Königthums veröffentlicht. Bis zum Jahre 1837 war die Preffe vollkommen frei. Die fteten heftigen Anfeindungen, die diefelbe fich gegenüber der baierifchen Armee erlaubte, veranlafste die Regierung zum Erlaffe eines Prefsgefetzes, welchem zufolge jedem Journale ein verantwortlicher Redacteur vorftehen musste, welcher das 25. Lebensjahr erreicht, feine Univerfitätsftudien zurückgelegt und eine Caution von 5000 Drachmen geleiftet hat. Im Jahre 1843 wurde wieder unumfchränkte Prefsfreiheit eingeführt. Die Zahl der Journale nahm alsdann ungemein zu, allein diefelben liefsen fich fo fchonungslos über die Privatverhältniffe der bürgerliche Gefellſchaft wie des Allgemeine Bildungsmittel. 51 Staats- Oberhauptes aus, dafs die Regierung den Erlafs eines neuen Prefsgefetzes als nothwendig erachtete, welcher auch nach dem Dynaftiewechfel im Jahre 1864 für mafsgebend erklärt wurde. Jede Ortsbehörde darf die Herausgabe eines Journales bewilligen, mufs aber davon die ihr vorgefetzten Organe in Kenntnifs fetzen. Ueberhaupt erfcheinen in Griechenland 152 Journale, meiftens zweimal wöchentlich, davon allein 66 in Athen, und zwar 61 in griechifcher, 3 in franzöfifcher, I in italienifcher und I in griechifcher und franzöfifcher Sprache. Aufserhalb Griechenland werden 17 Blätter in griechifcher Sprache veröffentlicht, nämlich 6 in Conftantinopel, 3 in Smyrna, 3 in Egypten, 2 in Trieft, I in Samos, I in Bukareft und 1 in Braila. Türkei. In Conftantinopel fchreitet das Bildungswefen im Allgemeinen vorwärts. Gegenwärtig beftehen dort 200 Trivialfchulen, in denen die Kinder, fowohl Knaben als Mädchen, Unterricht in türkifcher Sprache im Schreiben, Lefen und Rechnen erhalten. Der fecundäre Unterricht wird in den Schulen der verfchiedenen Nationalitäten, als in den griechifchen, armenifchen, franzöfifchen, auch drei deutfchen und anderen, ertheilt und derfelbe erftreckt fich über alle Lehrgegenftände. Unter den Privat- Mädcheninftituten gibt es zwei franzöfifche, zwei englifche und auch ein gut organifirtes türkifches. Als eines der beften wird uns das armenifche unter Leitung der Frau Furet bezeichnet, deren Leiftungen auch in literarifcher Beziehung( in der Weltausftellung waren ihre„ Histoire abregée de l'Empire ottoman"," Récits historiques" und zwei Manufcripte: Geographie des türkifchen Reiches und Erziehung der Frauen im Oriente, aufgelegt) von der Jury durch die Ertheilung der Verdienftmedaille anerkannt wurden. Als beachtenswerth find hier auch die belehrenden wiffenfchaftlichen Sammlungen, Druckfchriften und Manufcripte der Frau und des Herrn Dr. Abdullah Bey, fowie die verfchiedenen in die türkifche Sprache übertragenen, von dem Director der medicinifchen Schule Marco Pafchu ausgeftellten medicinifchen Werke nicht zu übergehen. Die medicinifche Schule felbft, vorzüglich zur Heranbildung der Militärärzte, wird uns als eine den Anforderungen vollkommen entſprechende bezeichnet. Sie wird von mehr als 300 Schülern befucht, die auf Staatskoften nicht nur unter richtet werden und ihre Subfiftenzmittel erhalten, fondern auch zu ihrer Fortbildung ins Ausland gefendet werden. Die Druckereien finden reichliche Befchäftigung durch die Veröffentlichung zahlreicher ins Türkifche übertragener medicinifcher und anderer Bücher und zum Theile durch die Journale, deren 15 täglich erfcheinen, darunter 5 türkifche, 4 franzöfifche, 2 armenifche, 2 englifche, I griechifches. Ein deutfches Journal hat fich nicht erhalten können, obgleich das deutſche Element fich ungemein gehoben hat und namentlich Pera als eine deutfche Stadt charakterifirt werden kann. Unter den verfchiedenen wiffenfchaftlichen Journalen find die medicinifchen und die Jahresberichte der griechifchen Literaturgefellfchaft zu nennen. Was Dr. Scherzer in feiner auf Anregung von Seite des Hofrathes von Schwegel verfafsten Monographie ,, Smyrna" zur Charakteriſtik der mohamedanifchen und übrigen Bevölkerung von Vorder- Kleinafien mittheilt, dürfte wohl mehr oder minder Anwendung auch auf die Bewohner anderer Gebietstheile der Türkei finden können. Wie weit auch das Auge prüfend über das anatolifche Gebiet fchweifen möge, es findet nirgends Bildungsanftalten, die in Organiſation, Lehrfyftem u. f. w. felbft den befcheidenften pädagogifchen Anforderungen zu genügen vermöchten." Sogar Smyrna, das den anderen Städten und Städtchen als aneiferndes Vorbild voranleuchten follte, ift in diefer Hinficht nicht beffer bedacht. Es hat bei einer mufelmanifchen Bevölkerung von 45.000 Seelen nicht mehr als 24 von 350-400 Knaben befuchte fogenannte Volksfchulen, die meiftens ihr Entftehen 4* 52 J. Löwenthal. der Privatwohlthätigkeit verdanken und in denen der Iman, mit dem unvermeidlichen Tfchibuk ausgerüftet, die auswendig gelernten Koranfprüche herfagen läfst oder im Lefen einübt. Etwas höheren Flug nehmen die Rufchdie oder Mittelfchulen, in denen der arabifchen, türkifchen und perfifchen Sprache einige Aufmerkfamkeit gewidmet wird; europäifche Idiome find ausgefchloffen. Kümmerlicher geiftlicher und juridifcher Unterricht wird in den Medreffes( Seminare) ertheilt; von dem Streben, diefen Zweigen nationalhöheren Unterrichtes ein dem heutigen Bildungsbedürfniffe entſprechendes Gepräge zu geben, ift jedoch nicht die Rede. Dagegen hat das geiftige Leben der Griechen in Kleinafien und auf den Infeln des ägäifchen Meeres einen ftets wachfenden Auffchwung genommen. Die kleinften Gemeinden opfern bereitwillig ihre meiftens fpärlichen Mittel den Schulzwecken. Auf Anregung des Metropoliten von Kaifariah find bedeutende Summen zur Errichtung eines Gymnafiums gezeichnet, das wohl fchon nächftens ins Leben treten wird. Bereits befitzen die Infeln Samos, Chios und Mytilene wohleingerichtete, von tüchtigen Philologen geleitete Gymnafien, zahlreiche Volksund Mittelfchulen und auch einige gut organifirte Töchterfchulen. Chios und Mytilene haben auch anfehnliche Gemeindebibliotheken. Rühmlich erwähnt wird ebenfalls das Gymnafium in Aivali. Auch die Armenier bethätigen ein reges Intereffe für Erziehung und Unterricht. In ihrer Gemeinde- Hauptfchule umfaffen die Unterrichtsgegenstände Geographie, Gefchichte, Phyfik, Mathematik und neben dem nationalen Idiom die türkifche, griechifche, franzöfifche und englifche Sprache. Auch in der Töchterfchule wird das Franzöfifche gelehrt. Weniger vorgefchritten find die Armenier im Innern von Kleinafien; fchlecht befchaffen find die jüdifchen Schulen, in denen der Unterricht vorzugsweife in einer unfruchtbaren Exegefe der heiligen Schrift befteht. In der öfterreichifchen und deutfchen Colonie wirken vornehmlich bildend die Mechithariften- Lehranstalten und die von Diakoniffen geleiteten höheren Töchterfchulen, und ebenfo laffen fich die franzöfifchen, englifchen und italienifchen Colonien die Entwicklung des Bildungswefens angelegen fein. In Smyrna erfcheinen 2 griechifch- türkifche, 3 griechifche und 2 franzöfifche Zeitungen, I armenifche Wochenfchrift und 2 griechifche illuftrirte Blätter. Auch in Syrien fteht das Bildungswefen der mufelmanifchen Bevölkerung noch auf einer fehr niederen Stufe. In der neueften Zeit hat die Regierung zwar das Bedürfnifs gefühlt, den Jugendunterricht durch Gründung von Normalfchulen in Damascus, Beirut, Aleppo, Saida u. f. w zu fördern, allein der Erfolg diefes Strebens ift wegen Mangels an entſprechenden Lehrkräften bisher nur gering gewefen. Beffer ift auch in diefen Landestheilen für die Heranbildung der chriftlichen Jugend durch eine Reihe von Schulen und Erziehungsanftalten geforgt, die theils den fremden Miffionären, theils den fich ftets vermehrenden chriftlichen Gemeinden ihr Dafein verdanken. Es gibt in Beirut bereits 37 Schulen mit 114 Lehrern und 2669 Schülern. Unter denfelben ift namentlich die von einem Syrier, Namens Baftiani, mit Unterſtützung von Seite der amerikanifchen Miffionsanftalten gegründete nationale Schule zu erwähnen, in welcher aufser der arabifchen, türkifchen, franzöfifchen, englifchen, lateinifchen, alt- und neugriechifchen Sprache fämmtliche Gegenftände des Gymnafialunterrichtes gelehrt werden. In ähnlicher Weife, wenn auch weniger umfaffend, wirken die Schule des griechifch katholifchen Patriarchats und das auch mit wiffenfchaftlichen Apparaten, einer Bibliothek und Kartenfammlung reich geftattete Syrian- Proteftant- College" der amerikanifchen Miffionsgefellſchaften, fowie zwei grofse Lehranstalten der Jefuiten und Lazariften im Libanongebirge. " ausSteigenden Einfluss gewinnt die Tagespreffe. Nicht nur die in Conftantinopel erfcheinenden Blätter find ftark verbreitet, fondern auch in Beirut und Damascus erfcheinen bereits 9 Journale, darunter I täglich, 3 zweimal wöchentlich in arabifcher, dann einmal wöchentlich I in türkifcher und arabifcher Sprache, Allgemeine Bildungsmittel. 53 I in franzöfifcher und arabifcher, I in arabifcher Sprache, I katholifch- clericale und eine illuftrirte Monatsfchrift. Als Bildungs- Förderungsmittel find auch die Buchdruckereien, befonders jene der amerikanifchen Miffionsanftalt zu erwähnen, deren Veröffentlichungen: wiffenfchaftliche Bücher, arabifche Ueberfetzungen geographifcher und hiftorifcher Werke des Abendlands, Chreftomathien mächtige Hebel der rafch fortfchreitenden Bildung geworden find. In Palästina geniefst die mohamedanifche Bevölkerung auf dem flachen Lande nicht den geringften Unterricht. Nur in den gröfseren Städten gibt es Koranfchulen, in denen Knaben arabifch lefen und fchreiben lernen und im Herfagen gewiffer Theile des Korans eingeübt werden. Die Ifraeliten befuchen die Talmudfchulen; der dürftige Unterricht in denfelben befchränkt fich auf Lefen, Schreiben, auf Rechnen und auf die Thora. Die Bemühungen, jüdiſche Schulen für Knaben und Mädchen nach europäiſchen Muftern in Jerufalem zu errichten, hatten gegenüber den Hinderniffen von Seite des Rabbinats nur geringen Erfolg. Die Katholiken, orientalifchen Griechen und Armenier unterhalten je ein Seminar zur Heranbildung ihrer Geiftlichen und in ihren Klofterfchulen werden Knaben und Mädchen im Schreiben, Lefen und Rechnen, je nach ihrer Nationalität, in arabifcher, italienifcher, griechifcher oder armenifcher Sprache unterrichtet. Die Leiftungen aller diefer Schulen find jedoch äufserft mittelmäfsig, weil es ihnen an entfprechenden Lehrkräften und Lehrmitteln fehlt. Beffer fteht es mit den reich dotirten Unterrichtsanftalten der Proteftanten, befonders der Anglicaner. Sie haben gut gefchulte Lehrer und Lehrerinen, welche in englifcher oder in deutfcher Sprache sämmtliche Elementarkenntniffe lehren. Von Geiftlichen geleitet, wird in denfelben hauptfächlich auf Heranbildung der Priefter, Nonnen, Miffionäre und Miffionärinen, als deren Pflanzfchulen fie betrachtet werden können, das Augenmerk gerichtet. Die gebildeten Familien fenden ihre Kinder in die höheren Unterrichtsanftalten der Jefuiten, Lazariften oder Proteftanten in Beirut. Tunis. Mit dem Bildungswefen in Tunis fcheint es noch fehr traurig auszufehen Die Regierung gründete vor einigen Jahren eine polytechnifche Schule unter Leitung franzöfifcher Profefforen; das Inftitut wurde jedoch nach kurzem Beftande wieder aufgelöft. In den arabifchen Schulen wird ein fehr befchränkter Elementarunterricht ertheilt; überhaupt find nur Wenige des Lefens und Schreibens kundig. Es gibt übrigens zwei europäifche Knaben- und zwei Mädchenfchulen, von denen zwei von der italienifchen Regierung unterſtützt werden, Egypten. Wenn Egypten fich auch in Bezug auf die Förderung feines Schulwefens, fagt Herr de Regny- Bey in feiner mit Recht durch die Verdienftmedaille ausgezeichneten„, Statistique de L'Egypte", mit den meiſten europäifchen Grofsftaaten nicht meffen kann, fo nimmt es doch einen ehrenwerthen Rang ein, der noch bei Weitem mehr hervortreten würde, wenn es nicht mit den orientalifchen Sitten zu kämpfen hätte, welche die Regierung bei dem beften Willen nicht fofort zu befiegen vermag. Unter den 89.893 Kindern, welche in Egypten die Primärfchulen befuchen, gibt es blofs 3018 Mädchen, die auch nur den nichtmufelmänifchen Familien angehören. Der Khedive will jedoch nicht dafs die künftige Hausfrau der Wohlthaten der Erziehung beraubt bleibe; die Regierung läfst fich daher auf feinen Wunſch ernftlich die Unterweifung der weiblichen Jugend angelegen fein. Eine Schule wurde bereits in Kairo gegründet und andere ähnliche Anftalten find in der Bildung begriffen. Aufser den Elementar- und Vorbereitungsfchulen in Alexandria und Kairo beftehen mehrere Inftitute für ſpeciellen Unterricht. So z. B. 54 J. Löwenthal 4 Militärfchulen, I Marine-, I mathematiſche, I Thierarznei-, I Ackerbau-, I polytechniſche, I Rechts-, Kunft-, Gewerbe-, I medicinifche und eine fogenannte Nor malfchule zur Heranbildung der Lehrer. Die egyptifchen Miffionen in Europa forgen für die Ausbildung von 24 Zöglingen in Frankreich, 2 in Deutfchland, 13 in England und 12 in Italien. Sämmtliche von der Regierung unterſtützte Lehrinftitute zählen 1193 Schüler, welche je nach der eigenen Wahl in irgend einer europäiſchen, franzöfifchen, englifchen, deutfchen oder italienifchen Sprache unterrichtet werden. Arme, elternlofe Kinder erhalten in Alexandria und Kairo in der arabifchen und türkifchen, fowie später in irgend einer europäiſchen Sprache Unterricht. Gegenwärtig lernen dort 92 franzöfifch, 33 englifch und 29 deutfch. Einige werden auch zu Handwerkern, als Tifchler, Maler u. f. w. herangebildet. In den Provinzial- Hauptftädten, als in Benfuef, Benfa, Siut, Minieh, Tantah und Manferah find für 1715 Kinder berechnete, von der Regierung zu unterſtützende Schulen in der Bildung begriffen. In Kairo und Alexandria gibt es ferner auf Koften des Divans und mittelft Legaten unterhaltene Penfionate mit 1358 Zöglingen, welche im Koran, in der arabifchen und türkifchen Sprache, in europäiſchen Idiomen, in Gefchichte, Geographie und Arithmetik Unterricht erhalten. Achtzehn nichtmohamedanifche Schulen, als: I koptifches Collegium, 7 koptifche Knaben- und Mädchenfchulen, 4 jüdifche, 3 fyrifche und I armenifche Schule zählen zufammen 1002 Zöglinge. Aufser den genannten Anftalten gibt es in Egypten 2007 von 82.950 Knaben befuchte Schulen, welche auf Koften der Eltern unterhalten werden. Die„ Statistique" zählt ferner 26 von religiöfen chriftlichen Körperfchaften geleitete Schulen in Kairo, 28 in Alexandria und 16 in verfchiedenen anderen egyptifchen Städten mit zufammen 4321 männlichen und 2882 weiblichen Zöglingen auf. Die nordamerikaniſchen Freiftaaten. Kaum dürfte in irgend einem anderen Lande das Verhältnifs der Schülerzahl zur Bevölkerung fich fo günftig herausftellen, wie in den nordamerikanifchen Freiftaaten; man kann denfelben aber auch nicht das Zeugnifs verfagen, dafs fie dem Unterrichte als Grundlage des gefammten Bildungswefens die gröfste Sorgfalt zuwenden und Alles veranſtalten, was zu deffen Förderung und Hebung führen kann. Es bedurfte blofs eines Rundganges in den dem Bildungswefen gewidmeten Räumen der amerikanifchen Ausftellung, um die Ueberzeugung zu gewinnen, wie fehr überall auf die Faffungskraft und die Befähigung der Zöglinge jeden Alters Bedacht genommen ift und ebenfo fanden fich dort die vielen Behelfe und Mittel zur Erleichterung des Unterrichtes in der praktifcheften Weife vereint. Wie freundlich blickte uns nicht das lichte und luftige Zimmer in dem gegenüber der Galerie errichteten Schulhaufe mit feinen Karten, Zeichnungen aller Art zur Veranfchaulichung der verfchiedenen Unterrichtsobjecte, mit feinem Harmonium, feinen Lefebüchern und feinen Utenfilien entgegen! Das Kind kann nicht umhin, nach der Bedeutung diefer oder jener Abbildung, diefes oder jenes Modells zu fragen und fchöpft aus der Antwort irgend eine Belehrung. Allerdings unterläuft hier mancherlei Spielerei mit, aber dem Kinde foll ja auch der Unterrich wie im Spiele beigebracht werden. In der Gallerie veranfchaulicht ein Stereofkop das Innere verfchiedener Lehranstalten. Der Anblick, den hier ein fehr geräumiger Verfammlungsfaal mit den vielen Hundert andächtigen Schülern und Schülerinen, oder der Einblick in die eine oder andere Claffe, in welcher die Zöglinge dem Vortrage des Lehrers oder der Lehrerin mit der gefpannteften Aufmerkfamkeitlaufchen, erregte, gewährte die angenehmfte Ueberrafchung. Das Unterrichts- und Erziehungswefen bildete auch den Hauptinhalt der in der Gallerie zahlreich aufgehäuften Bücher und anderer Lehrmittel. Die Kleinkinder- Schule bis hinauf zur Gelehrten anftalt waren vertreten. Die Schiefertafel, wie die umfangreichften Globen, die natur Allgemeine Bildungsmittel. 5 wiffenfchaftlichen Darftellungen, wie die überaus zahlreichen Berichte der Schulbehörden gaben Zeugnifs von dem hohen Werthe, der diefen Bildungsmitteln beigelegt wird. Kein Staat, keine Stadt war vergeffen und man fand eine vollſtändige Erziehungsfchriften- Literatur, um welche fich die vielen Vereine wie einzelne Verlagshandlungen ein wahres Verdienft erworben haben. So hat z. B. das amerikanifche Verlagsgefchäft in Louisville für Blinde 64 Quartbände mit erhabener Schrift, die Verlagshandlung Barnes As.& Comp. 158 Bände ihrer Schulfchriften, Cowpertwait& Comp. in Philadelphia 18, Eldrige and Brother ebendafelbft 25 Bände, darunter einige claffifche Werke, Harper Brothers in New- York 239, Scribner Armſtrong& Comp. 140, Ernft Steiger 114 Bände verfchiedener Schulfchriften und Wilfon, Hinkle& Comp. in Cincinnati 72 Handbücher für alle Fächer aufgeftellt. Die geographifchen Gefellfchaften, die Akademie der Wiffenfchaft, Künfte und Literatur in Madifon, die Landwirthfchafts- und Gartengefellfchaften, fowie die Staatsbehörden, haben alle ihr Contingent zur Verbreitung der Kenntniffe geftellt. Unter anderen gediegenen Werken heben wir Ellwood T. Zell's vortreffliche und prachtvoll ausgeftattete ,, Popular Encyclopædia" und Smithſonian's„ Contributions to Knowtedge" hervor. Nicht minder erwähnenswerth find:„ American journal of education" vom Jahre 1856-1871 der Stadt Bofton, Chamber's ,, Encyclopædia und New american Encyclopædia". Wir wollen gerade nicht behaupten, dafs alle erwähnten Schriften einen gleichen Werth haben; viele derfelben fchienen uns fogar fehr mittelmäfsiger Natur zu fein; es zeigt fich indefs, wie allgemein die Anerkennung der Bildungsmittel ift. Von der Fruchtbarkeit der Journalliteratur erhielten wir einen Beweis in der Maffe und Mannigfaltigkeit der in den Vereinigten Staaten erfcheinenden Zeitfchriften. Jedes Fach ift in denfelben in einer Weife vertreten, die uns unglaublich erfchienen wäre, hätten wir fie nicht in den ,, Statiſtics of the population of the Unites ſtates" genau verzeichnet gefunden. Im Jahre 1870 erfchienen nicht weniger als 5858 periodifche Blätter( die Zahl erreicht jetzt beinahe 8000), darunter 574 täglich, 107 dreimal wöchentlich, 115 zweimal wöchentlich veröffentlichte Zeitungen, dann 4295 Wochenblätter, 96 halbmonatliche, 622 monatliche und 49 vierteljährliche Revuen. Die grofsen Zeitungen find meiftens von bedeutendem literarifchen Werthe, auch den Fachfchriften kann alle Anerkennung nicht verfagt werden. Wir fanden in der beinahe fämmtliche Blätter umfaffenden Sammlung auch viele deutfche Journale, darunter einige, die, wie namentlich die New Yorker grofsen Zeitungen, mit Umficht redigirt find. Die kleineren deutfchen Blätter find jedoch meiftens nur ein Abklatfch der in Deutfchland erfcheinenden Romane. Die ,, California Chronik" in San Francisco hat es fich zur Aufgabe geftellt ,, das Deutfchthum zu vertreten, deutfchen Gefchmack und deutfche Sitten zu fördern, deutfches Streben zu ermuntern". Ob diefes an und für fich fchöne Ziel durch die infipiden Anekdoten und Räthfel erreicht werden kann, mit denen fie, fowie andere deutfche Journale, ihre Lefer unterhält, wird wohl Niemand zugeftehen. Merkwürdig ift auch die überaus grofse Zahl der Bibliotheken, von denen viele Kataloge vorliegen. Im Jahre 1870 gab es deren 163.353 mit 44,539.184 Bänden, darunter 107.673 Privatbibliotheken mit 25,570.503 Bänden. Venezuela. Auch in den Vereinigten Staaten von Venezuela ift das von erfpriefslichem Erfolge gekrönte Streben, den Volksunterricht zu fördern, nicht zu verkennen. In faft allen Ortſchaften find Volksfchulen in Thätigkeit und in den Städten gibt es wohlorganifirte öffentliche und private Lehranstalten. Die beiden in Caracas und Merida beftehenden Univerfitäten werden jetzt um eine dritte in Trujillo vermehrt werden. Die Univerſität in Caracas umfafst vier Facultäten und zählt 19 Profefforen 56 J. Löwenthal. mit 165 Studirende. Man geht auch mit der Gründung eines Muſeums vor, welches eine Bibliothek enthalten und feine Wirkfamkeit über Ethnographie, Landesgefchichte, Zoologie, Botanik und Mineralogie erftrecken foll. Die jetzige Bibliothek enthält allerdings nur etwa 10.000 Bände, ift aber immerhin beachtenswerth in einem Staate, welcher vor feiner Unabhängigkeitserklärung eines der mächtigften Förderungsmittel der Civilifation, der Buchdruckerkunft, entbehren mufste, die erft in den letzten Jahren fich Bahn brach und nun durch acht Druckereien in Caracas vertreten ift. Die bedeutendften derfelben find die F. T. Aldrey und Espinal é Hyos: erfterer ift auch Eigenthümer der anfehnlichften Zeitung: La Opinion nacional. Unter den aufliegenden Werken neueften Datums verdienen befonders: Codigo civil und Teatro de la legislacion colombiana y venezalana, auf den Befehl des Präfidenten Guzman Blanco veröffentlicht, hervorgehoben zu werden. Brafilien. Von der fortfchreitenden Entwicklung des Kaiferthums Brafilien glaubt der Verfaffer der für die Weltausftellung veröffentlichten ,, Chorographia do Imperio do Brazil" kein untreues Bild zu entwerfen, wenn er hervorhebt, dafs neun wiffenfchaftliche Inftitute und Akademien im Entſtehen begriffen find, dem Volksunterricht eine ftets grössere Aufmerkſamkeit gewidmet wird, die würdige Haltung der Tagespreffe die geiftige Befchäftigung des Volkes beurkundet, Kunft und Wiffenfchaft ihre Pfleger zählen, literarifche und induftrielle Vereine und Volksbibliotheken entſtehen, Abendfchulen für die arbeitenden Claffen eröffnet werden, die erleichterten Communicationsmittel auf die Entfaltung aller Culturverhältniffe erfpriefslich einwirken, die religiöfe Duldfamkeit, eine alle politifchen Fragen freimüthig behandelnde Preffe zu den beften Hoffnungen berechtigen und dem Kaiferthum zur Ehre gereichen. Auch für eine entsprechende Erziehung des weiblichen Gefchlechtes wird Sorge getragen, indem in allen Theilen des Landes Mädchenfchulen unter Beauffichtigung und Unterſtützung von Seite der Regierung ins Leben treten. Der Verfaffer felbft macht fich indefs kein Hehl daraus, dafs noch viel zu erftreben übrig bleibt, wenn Brafilien die hohe Stufe der Cultur anderer Staaten erfchwingen foll. In Rio Janeiro erfcheinen jetzt täglich die nennenswerthen Zeitungen: Jornal do commercio, Diario Official, Diario do Rio Janeiro, A Reforma( liberales Organ) A Republica( republikanifch) Jornal da Corte, Anglo- Brazilian Times, O movimento, Jornal do lavoro e do commercio. Jede Provinzialhauptftadt hat ihre eigene tägliche Zeitung, und aufserdem wird eine grofse Menge verfchiedener wöchentlicher, halbmonatlicher und monatlicher Fachjournale veröffentlicht.- Unter den graphifchen und literarifchen Erzeugniffen in der Weltausftellung waren einige von hervortretendem Werthe. Dahin gehören das prachtvoll ausgeftattete Quadro da guerra do Paraguay, die grofse Karte von Brafilien, nebft den Karten der einzelnen Provinzen mit beigefügten ftatiftifchen Ueberfichten und ein Album mit photographifchen Darftellungen der Gegenden und der Anwohner des Lorenzoftromes. Zu erwähnen find endlich die Leiftungen der unter dem unmittelbaren Schutze des Kaifers ftehenden O Inftituto Hiftorico- geographico e Ethnographico do Brazil, und eine von einem Brafilianer Bento Teixeira im Jahre 1601 verfafste und heuer in Rio Janeiro gedruckte literarifche Schrift in Verfen. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER PREISE. ( Additionelle Ausstellung Nr. 5.) BERICHT VON DR. CARL THEODOR VON INAMA- STERNEGG, k. k. o. ö. Frofeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Innsbruck. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erscheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausstellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER PREISE ( Additionelle Ausstellung Nr. 5.) Bericht von DR. CARL THEODOR VON INAMA- STERNEGG, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaften an der Univerfität zu Innsbruck. EINLEITUNG. In einem der entlegenften Theile des ganzen Ausftellungsgebietes( Park, Zone IV, 170) hat fich bei der Wiener Weltausftellung ein befcheidener PavillonHolzbau aufgethan, deffen Auffchrift ,, Beiträge zur Darstellung des Welthandels" zwar für jeden einladend und verlockend fein mufste, der von dem Streben nach Erweiterung feiner nationalökonomifchen Erkenntnifs befeelt war, für die Maffe der Ausftellungsbefuchenden aber doch eher abfchreckend zu wirken vermochte. Mufsten fie doch beforgen, hier nur Fragmente, unfertiges, unverarbeitetes, vielleicht fogar noch ungeordnetes Material vorzufinden, während im Uebrigen die Weltausftellung auf allen Gebieten Vollkommenes in der vollkommenften Weife zu bieten mit Erfolg bemüht war, und die Menge, vorab der Ausftellungsbefucher fich fchon längft gewöhnt hat, nur fertigen Refultaten der menfchlichen Geiftesarbeit, vollkommenen und in ihrer praktifchen Anwendbarkeit für die Verbefferung des menfchlichen Dafeins fofort in die Augen fallenden Darftellungen von Ideen Anerkennung und Beifall zu zollen. - Wer nun diefen Ausftellungsraum betrat und zur Ehre der allgemeinen Bildung mufs es gefagt werden, dafs auch diefer Pavillon eines ftets regen Befuches fich erfreute der mochte nicht wenig erftaunt fein, in demfelben einen Saal zu finden, der in der That in nichts einem Ausftellungsfaale, in Allem dagegen dem Arbeitszimmer eines Statiftikers glich. Keinerlei architektonifcher oder decorativer Schmuck war in demfelben zu finden; ein allerdings elegant gearbeiteter Bücherfchrank, Tabellen und graphifche Tafeln an den Wänden waren feine einzige Zierde, aber für den Kenner war fie reich genug, um fich durch diefe Nüchternheit des Arrangements nicht nur nicht abgeftofsen, fondern in hohem Grade angezogen zu fühlen. Lud doch diefer befcheidene Raum entfchieden wie kein anderer zu geiftiger Sammlung, zu ernfter, eindringender Arbeit ein, während die prunkvollen Säle des Induftriepalaftes nur allzu zerftreuend wirkten I 2 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. und dilettantifches Befchauen entfchieden mehr als ernftes Studium der Objecte begünftigten. In diefem Saale nun war, freilich nur zu kleinem Theile, verwirklicht, was das urfprüngliche Ausftellungsprogramm mit„ Beiträgen zur Gefchichte der Preife" für die Wiener Weltausftellung hervorrufen und zu ihrer allfeitigen Nutzbarmachung bieten wollte. Ausgehend von dem Gedanken, dafs der Schwerpunkt derfelben in der Betonung des inftructiven Elementes liege, glaubte die kaiferliche Commiffion es nicht unterlaffen zu dürfen, gerade diefes Thema in den Darftellungskreis zu ziehen und rief zu diefem Werke vor Allem die Mitarbeitung der Männer der Wiffenfchaft und ein internationales Zufammenwirken auf. Die an fich trockenen, fcheinhar inhaltsarmen Zahlen, in welchen uns die wirthschaftlichen Güter bei ihrem Erfcheinen im Verkehre entgegentreten, follten in ihrer culturhiftorifchen Bedeutung erfasst werden durch grofse Mengen und entſprechende Gruppirung von Zahlenreihen der Preife wichtiger Verkehrsartikel, der Arbeitslöhne und Brotfrucht- Preife, welche aus den verfchiedenften Ländern für verfchiedene, in ihrem Ausgangspunkte thunlichft weit zurückreichende Zeiträume gewonnen worden, hoffte man nicht nur reiche Mittel für das Verftändniss aller preisbeftimmenden Momente zu gewinnen, fondern der Wiffenfchaft in ihrem noch immer fehr unficheren Suchen nach einem mehr oder minder conftanten Werthmafsftab auf die richtige Fährte verhelfen zu können; nicht nur die jeweilige Kaufkraft des Geldes, auch die fociale Bedeutung des Preifes follte möglichft klargeftellt werden und es knüpfte fich die Veranſtaltung diefer additionellen Ausftellung( in der Reihe derfelben bei der Weltausftellung die Früchte) noch die Erwartung, dafs es möglich fein werde, Formen zu finden, in welchen dasjenige, was Forfcher in Büchern niederlegten, gemeinverftändlich gemacht, dafs dem Volke ein Einblick in ein fcheinbar willkürliches, dennoch aber ftrengen Gefetzen gehorchendes Gebiet der Volkswirthschaft eröffnet werden könne. Und in der That! Werth und Nutzen derpreisgefchichtlichen Forfchung und Darftellung wird von Niemandem verkannt werden, der die Wiffenfchaft nicht blofs als ein doctrinäres Spiel des Geiftes, fich felbft Zweck und Ziel, fondern als die unerlässliche Vorbedingung jeder allgemeinen geiftigen Erhebung anfieht. Für die Wiffenfchaft ift die Preisgefchichte ebenfo unerlässliches Bedürfnifs wie Bedingung ihrer gedeihlichen Weiterentwicklung, denn fie fchafft ihren Lehrfätzen eine fefte Bafis, die ihr bis jetzt nur allzufehr mangelte; für die allgemeine Bildung kann fie eine immer mehr fühlbare Lücke ausfüllen, denn fie befähigt zu einem reifen Verſtändnifs und einer umfichtigen Beurtheilung der ökonomifchen Gegenwart und fchärft den Blick in die nächfte Zukunft, indem fie die Entwicklung der Vergangenheit, die Bedingungen der Gegenwart begreifen lehrt. Und dafs endlich ein Gegenftand von folcher allgemeinen Bedeutung für das Geiftesleben auf einer Weltaus ftellung einen geeigneten Platz finden kann, ift nicht nur im Allgemeinen leicht zu verftehen, fondern wird insbefondere noch dadurch klar, wenn wir berücksichtigen, dafs die Fruchtbarmachung der Preisgefchichte wefentlich abhängt von den Formen, in welchen fie dem Publicum geboten wird, diefe aber in ihren relativen Vorzügen und Nachtheilen gerade bei internationaler Concurrenz am erfolgreichften neben einander geftellt und mit einander verglichen werden können. Bei der Wichtigkeit und zugleich Neuheit des Unternehmens, das trotz der Anerkennung feiner allgemeinen Bedeutung auf der Weltausftellung doch manchen befremdete, ift es wohl geftattet, diefe Gedanken noch etwas weiter zu verfolgen. In erfter Linie ift es jedenfalls die nationalökonomifche Wif fenfchaft, welche nicht blofs den Werth der Preisgefchichte für ihre eigene Entwicklung erkennt, fondern auch die Früchte derfelben zu geniefsen berufen ift. Schon lange ift man fich in der wiffenfchaftlichen Nationalökonomie darüber klar, dafs auf dem Wege deductiver Forfchung zwar die Richtpunkte feftgeftellt werden können, nach welchen hin die Wiffenfchaft fich ihre Wege zu bahnen Beiträge zur Gefchichte der Preife. 3 habe, dafs aber die Auffindung des Zieles felbft und die Feftftellung des hiezu einzufchlagenden ficheren und nächften Weges nur durch Beobachtung der Thatfachen, exactte Forfchung und inductive Methode der wiffenfchaftlichen Operationen möglich fein werde. Zudem hat die Nationalökonomie aus der Natur ihres Gegenftandes eine immer entfchiedenere realiſtiſche Richtung erhalten, welche es nicht mehr zuläfst, dafs aus blofser pfychologifcher Beobachtung des Wirthschaftstriebes eine Lehre von der Gefetzmäfsigkeit im wirthschaftlichen Leben der Menfchen abgeleitet werde, fondern fich von vornherein auf den Boden des realen Lebens ftellt, und die Erkenntnifs des wirthfchaftlichen Verhaltens der Menfchen aus der Beobachtung der objectiv auftretenden Aeufserungen des Wirthfchaftstriebes zu gewinnen fucht. Die Gefchichte und die Statiſtik wurden in hervorragender Weife feit W. Rofcher und A. Quételet als Erkenntnifsquellen der wirthschaftlichen Gefetze herangezogen und ausgebeutet; und wenn fie in ihrer Verbindung als hiftorifche Statiſtik bisher noch wenig verwerthet wurde, fo lag das gewifs nur in der grofsen Schwierigkeit der Befchaffung des nöthigen Materials in hinlänglichem Umfange, um daraus allgemeine Sätze mit der nöthigen Sicherheit abzuleiten. Gerade die Preisgefchichte ift aber vorwiegend ein Product diefer Combination von Gefchichte und Statiftik, und es erklärt fich daraus, dafs kaum für irgend eine Lehre der Nationalökonomie bis jetzt noch fo fehr die exacte Grundlage fehlt, als für die Lehre von den Gefetzen des Preifes. Die Folge davon ift denn auch, dafs diefe Lehre zu der unbeftimmteften und fchwankendften. der Wiffenfchaften zählt und fchon daraus geht die Nothwendigkeit einer energifchen Inangriffnahme der preisgefchichtlichen Forſchung mit nur zu grofser Deutlichkeit hervor. Nichts ift verfehlter; als gerade auf diefem Gebiete die exacte Forfchung und die inductive Methode abfichtlich ausfchiiefsen zu wollen; mit der Ausbildung der gefchichtlichen Nationalökonomie wird das Vorurtheil zerftreut, als wenn die Induction zwar für die Lehren von der Gütererzeugung und Verzehrung Anwendung finden können, während die Lehre von der Gütervertheilung auf die deductive Methode angewiefen fei; die Preisgefchichte insbefondere, vollends in ihrer ausfichtsvollen Zukunft, wie fie durch die additionelle Abtheilung der Weltausftellung eröffnet wurde, belehrt uns über die Unhaltbarkeit. der Anficht, dafs die Lehre vom Güterumlaufe in zwei deutlich fich fcheidende Gruppen zerfalle, von denen die eine der Productions-, die andere der Vertheilungslehre näher ftehe und die demgemäfs zu behandeln feien; die erftere, fich beziehend auf die verfchiedenen Anftalten und Einrichtungen zur Beförderung des Güterumlaufes, müffe von den thatfächlichen Erfcheinungen ausgehen; die andere Gruppe mit den Lehren von den allgemeinen Grundlagen des Taufchwerthes und Preiſes ſtehe im engften Zufammenhange mit der Lehre von der Gütervertheilung, daher hier die Deduction gröfsere Erfolge zu verzeichnen habe."( Mangoldt im Staats- Wörterbuche XI.) Vielmehr mufs auch in unferer Wiffenfchaft als allgemeiner Grundfatz gelten, dafs die Thatfachen- Erforschung immer mehr auf allen Gebieten des wirthfchaftlichen Lebens Aufgabe der Wiffenfchaft fei, dafs die Beweisführung exact, die Methode der wiffenfchaftlichen Arbeit inductiv werden müffe, und dafs die Deduction gleichfam nur die Leuchte fein kann, welche uns die Pfade auffinden hilft, die wir zur Erforfchung bisher unbekannter Gebiete der wirthschaftlichen Erkenntnifs betreten müffen und die Thatfachen erhellt, welche durch hiftorifch- ftatiftifche Forfchung entdeckt worden find. 99 Es ift damit fchon gleichzeitig dargethan, welcher Werth der Preisgefchichte für die allgemeine Bildung zukommt; denn wir müfsten der Nationalökonomie den Vorwurf machen, dafs fie nicht fürs Leben arbeite, wenn wir überfehen wollten, dafs eben für die allgemeine Geiftesentwicklung erarbeitet ift, was eine Wiffenfchaft zunächft für fich felbft, zur Klärung ihrer Ziele und Feftftellung ihrer Lehrfätze fchafft. Es ift die Preisgefchichte aber zum mindeſten ebenfofehr eine Erweiterung und Vertiefung der gefchichtlichen wie der nationalökonomifchen Erkenntnifs. Es erweitert fich das Feld der GefchichtsI* 4 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. forfchung, welche in unferen Tagen mit Recht ihr Hauptaugenmerk der Culturgefchichte zuzuwenden beginnt, mit der Preisgefchichte um ein ganz namhaftes Gebiet und mit ihrer Hilfe wird es nicht blofs erft möglich, die ökonomische Entwicklung eines Volkes zu verftehen und zu fchreiben, fondern es ift geradezu die Gefchichte des focialen Lebens, für welche in der Preisgefchichte das werthvollfte Material vorliegt. Es hiefse aber Eulen nach Athen tragen, wollten wir über die allgemein bildende Kraft der Gefchichte nur ein Wort verlieren. Keine Rechts- und Sittengefchichte, keine Gefchichte der Induftrie und der literarifchen Entwicklung gibt uns ein fo ficheres Urtheil über die focialen Zuftände eines Volkes und die Bedingung ihrer fortdauernden Gefundheit an die Hand als die Gefchichte des Arbeitslohnes, der Lebensmittelpreife und des Geldes; denn von nachhaltiger ökonomifcher Kraft und guter Vertheilung der wirthfchaftlichen Güter ift noch bei allen Völkern endgiltig ihr ganzer Culturzuftand, ihre gefellſchaftliche und politifche Thatkraft abhängig gewefen. Nicht die Technik die Oekonomik entfcheidet das Mafs der materiellen Machtmittel eines Volkes, mit denen es fich feinen Vorrang vor anderen erftreiten und behaupten kann. Bei einem Gegenftande von fo hohem Intereffe und fo allgemeiner Bedeutung könnte wohl die Frage als müfsig erfcheinen, mit welchem Rechte die Preisgefchichte zum felbftftändigen Ausftellungsobjecte gemacht und ihr fogar eine eigene additionelle Ausftellung gewidmet wurde? Freilich ift eine Ausftellung nicht der Ort felbftftändiger preisgefchichtlicher Forfchung, fo wenig als der Ort einer mehr als blofs probeweifen technifchen Production; aber nicht blofs wird durch die internationale Concurrenz auf der Weltausftellung das vergleichende Studium der preisgefchichtlichen Refultate und der dabei angewandten Methode wefentlich gefördert, ja es ift in diefem Mafse wohl nirgends fo wie hier möglich; die volle Bedeutung erhält diefe additionelle Ausftellung erft im Lichte der gefchichtlichen Entwicklung des ganzen Ausftellungswefens. Ift es ja doch nicht blofs eine immer grofsartige, ins Unbegrenzte gehende Anhäufung von Maffen technifch vollkommener Producte, was das Wefen der Entwicklung der Ausftellungen ausmacht; der Grundzug, welchem die innere Gefchichte der Weltausftellungen in ihrer ganzen Entwicklung treu bleibt, ift vielmehr die allmälige, Durchbildung ihrer nationalökonomifchen Miffion. Darin liegt der fteigende Werth diefer Ausftellungen, darin ihre wachfende Bedeutung für das Leben der Völker, darin ruht auch die Bürgfchaft für die gedeihliche Weiterentwicklung des Ausftellungswefens. Während die Anfänge des Ausftellungswefens und die grofse Menge nationaler Induftrieausftellungen während der erften Hälfte unferes Jahrhunderts vorwiegend nur den Fortfchritten der induftriellen Technik gewidmet waren, entwickelte fich in den Weltausftellungen ein neuer Grundgedanke, welcher zugleich den fundamentalen Unterfchied nationaler und internationaler Ausstellungen bezeichnet, in der Betonung des Verkehrsmoments. Die nationalen Ausftellungen legen den Ton auf die Vervollkommnung der einheimifchen Induftrie, die internationalen auf die Ausbreitung des Marktes für die heimifche Induftrie. Jene cultiviren alfo mehr das Gewerbe, diefe den Handel. Jene berücksichtigen den einheimifchen, diefe den Weltbedarf; daher auch bei jenen eine oft bedenkliche Tendenz nach gröfster Vielfeitigkeit und Mannigfaltigkeit der einheimifchen Production obwaltet, während den internationalen Ausftellungen der Gedanke einer ins Grofse gehenden Arbeitstheilung der Völker innewohnt. Für den Wettbewerb der Völker im internationalen Verkehre, wie er fich auf den Weltausftellungen entwickelte, ift aber die Frage nach dem Preife der Producte entfcheidend. Die Weltausstellungen find zugleich Weltmärkte und der Geldpreis einer Waare, welcher auf denfelben mit Erfolg begehrt werden kann, ift zugleich der Ausdruck der öffentlichen Meinung über die allgemeine Confumtionsfähigkeit und Würdigkeit eines Gutes, welche hinwiederum fein Abfatzgebiet beftimmt. Im Preife haben wir einen allgemein verftändlichen Zahlenausdruck Beiträge zur Gefchichte der Preife. 5 für das Gemeinbewufstfein des Werthes, wie es erft in Folge internationaler Arbeitstheilung und gleichartiger Culturbedürfniffe des Menfchen, alfo erft bei rege entwickeltem Völkerverkehre fich bildet und zugleich ift in demfelben ein beftimmter Ausdruck für die ökonomifche Kraft eines Landes und eines Erwerbszweiges gelegen, welcher, wenn er concurrenzfähig ift, dem Producenten nicht minder als eine vorzügliche Qualität feiner Producte zur Empfehlung und zum Vorfchub für Erweiterung feines Marktes dient. Darum war es noch ein grofser Fehler und eine Verirrung von dem vorgefteckten Ziele auf der Londoner Ausftellung des Jahres 1851 keine Preisangaben bei den ausgeftellten Producten zu geftatten, während bei den fpäteren Weltausftellungen, befonders auf den beiden Parifer Ausftellungen, auf die Wohlfeilheit einer Production ein befonderes Gewicht gelegt und für alle Gegenftände, deren Vorzüglichkeit befonders darin zu erblicken war, Preisangaben fogar obligatorifch verlangt wurden. Die Frage nach der Wohlfeilheit der einzelnen Productionen der Völker ift aber mit der Vergleichung der Preife ausgeftellter Producte offenbar noch nicht gelöft; es bedarf dazu einer Kenntnifs des ganzen Preisftandes jeder nationalen Production, weil nur dadurch die Intenfität und allgemeine Wirkfamkeit der preisbeftimmenden Factoren eines jeden Productionszweiges bei den einzelnen Völkern erkannt werden kann. Und hier ift der Punkt, auf welchem nicht blofs der Werth einer Preisgefchichte überhaupt, fondern auch die Nothwendigkeit ihres Auftretens bei einer Weltausftellung auf das Schlagendfte vor Augen tritt. Die wirthschaftliche Kraft eines Volkes läfst fich ja nicht in einem beftimmten, künftlich fixirten Momente, fondern nur in ihrem gefchichtlichen Werden begreifen und ihre vorausfichtliche Nachhaltigkeit ift ja wefentlich bedingt durch die organifche Entwicklung, in welcher fie zu ihrer gegenwärtigen Gröfse herangewachſen ift. Und fo hat denn die Weltausftellung in Wien mit Hereinbeziehung der Preisgefchichte in den Kreis der Ausftellungsobjecte jedenfalls einen grofsen Schritt weiter gemacht nach dem Ziele, welches wir als die nationalökonomifche Miffion der Weltausftellungen bezeichnet haben, und die„ Beiträge zur Gefchichte der Preife" reihten fich recht paffend an die additionellen Ausstellungen, Gefchichte der Gewerbe und Erfindungen" und" Darftellung des Welthandels", welche ja auch demfelben Grundgedanken zu dienen beftimmt waren, ein immer tieferes Eindringen in die Bedingungen vollkommenfter techniſcher und ökonomifcher Production zu befördern. Das preisgefchichtliche Quellenmaterial. Nicht nur für alle Zweige der induftriellen Technik und des Handels ift es von gröfster Wichtigkeit, auf das Rohmaterial, mit welchem gearbeitet wird, einzugehen und die Bedingungen kennen zu lernen, unter welchen dasfelbe für die weitere Verarbeitung und Verwerthung herangezogen werden kann; auch die wiffenfchaftliche Production und ganz befonders die Preisgefchichte ift in ihrer Entfaltung abhängig von Mafs und Befchaffenheit der Materiale, welche für ihre weitere Bearbeitung zugänglich und erfchloffen ift. Die Weltausftellungen haben treu ihrer nationalökonomifchen Miffion die Fabrikanten immer mehr daran gewöhnt, die von ihnen verarbeiteten Stoffe in allen Phafen und Stadien vom Rohftoffe zum Halbfabricate und von diefem zum fertigen Induftrie producte, oft fogar mit den Arbeitsmethoden und Verfahrungsweifen zur Anfchauung zu bringen und haben dadurch wefentlich beigetragen, das Verſtändnifs der grofsen Productionsproceffe von der techniſchen wie der ökonomifchen Seite aus, beffer verftehen, vergleichen und verwerthen zu lernen. Und fo ift es denn wohl gerechtfertigt, dafs auch die Beiträge zur Gefchichte der Preife" uns zunächft reiches Material aus den Quellen beibrachten, neben Verfuchen einer halben oder ganz fertigen Verarbeitung desfelben für die 99 6 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Zwecke der Wiffenfchaft und des Lebens; freilich, dafs hier der Rohftoff überwog, läfst fich nicht leugnen, aber diefe Erfcheinung hat ihren natürlichen Erklärungsgrund darin, dafs eben diefe Richtung geiftiger Production erft begonnen wurde und dafs die Arbeiter auf diefem Gebiete Einficht und Gewiffenhaftigkeit genug befafsen, um fich von einer voreiligen Verarbeitung und von dem trügerifchen und täufchenden Vorführen von Scheinrefultaten fern zu halten. Wird ja doch auf dem Gebiete der Statiſtik, welchem fich in weiterem Sinne auch die Preisgefchichte einreiht, ohnehin durch voreilige Schlüffe aus unfertigem Material fo viel gefündigt, dafs wir es nur mit Freuden begrüfsen können, wenn wir hier eine durchgreifende Achtung vor der Wiffenfchaft und vor dem Urtheile der Welt wahrnehmen, welche man weder zu mifsbrauchen, noch zu täufchen verfuchte. Die additionelle Ausftellung der Preisgefchichte gleicht in diefem Punkte den Ausftellungen jener Länder, welche von der Cultur erft entdeckt, auch weniger durch induftrielle. als durch Naturproducte, weniger durch Fabricate, als durch Stoffe fich hervorthaten, ohne dadurch in ihrer Werthfchätzung für die Gefammtbefriedigung menfchlicher Bedürfniffe verkürzt, als werth- oder intereffelos beifeite gefetzt zu werden. Sind nur die Hände rüftig, welche diefen Boden urbar machen, und die Köpfe hell, welche der Production ihre Richtung vorzeichnen follen, verfteht man es nur, die natürlichen Vortheile der Production auszunützen und die Bedingungen lebhafter Beziehungen zu anderen Productionsgebieten herzuftellen, fo mag ein folches Land feiner ökonomifchen Erhebung mit Zuversicht entgegenfehen; und wir haben damit ein Bild der Preisgefchichte, wie fie ift und wie fie fich hoffentlich bald zu einem ebenbürtigen Zweige der grofsen Wiffenfchaft vom Volksleben emporarbeiten wird. Das auf der Ausftellung vorhanden gewefene preisgefchichtliche Material in unverarbeiteter Form gehörte ganz überwiegend den Ländern deutfcher Zunge an, die böhmifchen Elaborate eingerechnet, welche fämmtlich in deutfcher Sprache abgefafst waren. An hervorragender Stelle, wie fie eine folche auch im Pavillon des Welthandels eingenommen haben, mufs hier die wirklich grofsartige Collectivaustellung von Beiträgen zur Gefchichte der Preife, ausgeftellt von der Handels- und Gewerbekammer in Prag, genannt werden, welche in einer grofsen Reihe ftattlicher Bände, in fchön gearbeitetem Glasfchranke aufgeftellt, unfer Intereffe erweckte. Ihr gebührt das Verdienft, die von der kaiferlichen Commiffion gegebene Anregung in ihrer vollen Bedeutung erkannt, mit bewundernswerther Energie und verftändnifsvoller Hingabe ergriffen und verfolgt und mit grofsen Mitteln und Opfern zu fchönfter Verwirklichung gebracht zu haben. Der Secretär diefer Kammer Herr Dr. Edmund Schebek, von welchem auch der Gedanke der Collectivausftellung ausging, hatte zum Zwecke einer möglichft ausgedehnten Betheiligung und eines gleichmässigen Vorgehens bei den Arbeiten im März 1872 ein Programm entworfen, welches das Specialprogramm der kaiferlichen Commiffion ergänzte, an Staats- und Gemeindebehörden, Domänen- und Gutsbefitzer, Induftrielle und Gelehrte, Zeitfchriften und ftatiftifche Bureaux verfendet und durch mehrere folgende Inftructionen vervollftändigt wurde. Mit richtigem Verſtändniffe der Schwierigkeiten, welche noch immer einer wiffenfchaftlichen Ausbildung der Preisgefchichte entgegenftehen, hatte diefes Programm von vornherein das Schwergewicht auf die Auffindung und Sammlung der Daten über die Preife und die zu ihrer Erklärung dienenden Verhältniffe gelegt und in diefer Richtung hat auch die Collectivausftellung ihre gröfsten Erfolge erzielt. Der von Dr. Schebek redigirte Specialkatalog, welcher durch feine umfaffende und forgfame Bearbeitung, feine werthvolle Einleitung und feinen Beilagen, fowie durch feine fchöne Ausftattung an fich fchon ein würdiger Ausftellungsgegenstand war, wies 31 verfchiedene Quellenwerke auf, darunter Beiträge zur Gefchichte der Preife. 7 22 aus Böhmen, 6 aus Mähren, 2 aus Tirol und I aus Steiermark, welche, wenn auch von fehr verfchiedenem Umfange, doch fämmtlich wegen ihres bis jetzt unbekannten Materials und ihrer wechfelfeitigen Ergänzung von Werth und Bedeutung waren; für Böhmen insbefondere bot die Collectivausftellung fchon jetzt eine ziemlich abgefchloffene Reihe von Preisangaben aus mehr als zwei Jahrhunderten, welche die Preisbewegung der wichtigften Confumtionsartikel und der gemeinen Arbeit in erfchöpfender Weife erkennen und verftehen liefs. Die in diefer Collectivausftellung vereinigten Elaborate liefsen fich füglich in zwei grofse Gruppen fcheiden, je nachdem fie fich möglichfte Vielfeitigkeit der Preisangaben oder fpecielles Durchdringen einzelner Partien zur Hauptaufgabe geftellt hatten. In erfter Beziehung waren theils die Preisverhältniffe gefchildert, wie fie fich auf wichtigeren Verkehrsplätzen, befonders in Städten, geftaltet haben, theils war die wirthschaftliche Entwicklung einzelner Domänen oder fonftiger Verwaltungen an der Hand der Preisgefchichte entwickelt, theils war durch Sammlung preisgefchichtlicher Angaben von verfchiedenen Standorten ein Bild des wirthschaftlichen Lebens für ein gröfseres Gebiet( Provinzland) zu entwerfen verfucht worden. In zweiter Beziehung aber fanden fich fehr erfchöpfende Arbeiten über die Preife bei dem Bauwefen, einzelner Handelsartikel und Apothekerwaaren, welche fämmtlich auch einen bedeutfamen culturhiftorifchen Hintergrund hatten. Sicherlich gehören erfchöpfende Preisangaben von frequenten Verkehrsplätzen zu den werthvollften Quellen der Preisgefchichte, weil die Preife diefer Plätze, als Marktpreife, immer einen dominirenden Einfluss auf die Preife der Umgebung ausüben; und, wenn diefer Einflufs grofserer Verkehrscentren auch in früheren Jahrhunderten weniger ftark hervortrat als in der verkehrsmittelreichen Gegenwart, fo mufste doch von jeher bei diefen Marktpreifen die Concurrenz aller preisbeftimmenden Momente entfchieden auf Herbeiführung von Normalpreifen, alfo zur ungetrübten Wirkfamkeit des wirthfchaftlichen Preisgefetzes in ganz anderer Weife beftimmend einwirken als an entlegeneren Plätzen, bei welchen ungleich gröfsere Schwankungen, aber auch ungleich gröfseres Beharren auf an fich ungerechtfertigten Preifen möglich war. Bei den Sammelarbeiten vollends, welche Preife von verfchiedenen Plätzen in chronologifcher Folge an einander reihen, ift eine folche Wirkfamkeit des Preisgefetzes unmittelbar aus den vorgeführten Zahlenreihen gar nicht zu erkennen, fofern wir unfer Augenmerk nur auf einzelne kürzere Perioden werfen, während allerdings in ihren grofsen Zügen auch die grofsen Bewegungstendenzen der Preife deutlich hervortreten. Unter den Bearbeitungen der Preisgefchichte wichtiger Verkehrsplätze ragte nicht blofs durch ihren Umfang und ihre Vollständigkeit, fondern auch durch die beigegebenen wirthschaftsgefchichtlichen Unterfuchungen das Werk des Brauereibefitzers Ferdinand Urban in Prag hervor, welches die Preife von fechzehn der wichtigften Nahrungsmittel, wie fie in Prag von 1655 bis 1872 beftanden, anfänglich in Quartals-, fpäter in Monatsangaben mit Hervorhebung jedes Jahresund Decenniums durchſchnittes vorführte. Das Material zu diefer Arbeit war den Taxvoranfchlägen und Marktprotokollen des königlichen Stadtarchivs in Prag entnommen, und in diefer reichhaltigen Quelle lag zugleich die Stärke und die Schwäche diefer Arbeit. Während nämlich die abgefchloffene Reihe von Preisangaben aller wichtigen Lebensmittel für einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten und von einem wichtigen Verkehrscentrum eine beffere Grundlage für weitere nationalökonomifche Unterfuchungen bot, als die meiften übrigen Elaborate, war doch anderfeits die Verfchiedenheit der Quellen, aus welchen der Verfaffer gefchöpft hatte, nicht geeignet, jene Gleichförmigkeit der Angaben in ihrer gefchichtlichen Folge zu bieten, wie fie die nothwendige Vorausfetzung für eine unmittelbar wiffenfchaftliche Verwerthung der gegebenen Zahlenreihen bildet. 8 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Von 1655 bis 1820 waren die Preisangaben nämlich überwiegend den Taxvoranfchlägen, von 1820 bis 1872 dagegen( wie auch für die kurze Periode von 1770 bis 1784 und theilweife 1795 bis 1799) den Marktpreisprotokollen der Stadt Prag entnommen. Dafs aber die Taxvoranfchläge nicht allen Fluctuationen des Victualienmarktes folgten, läfst fich nicht blofs aus ihrer Natur fchon annehmen, nach welcher fie immer nur höchftens als Näherungspreife angefehen werden können, fondern folgt auch mit Beftimmtheit aus den Angaben, welche Urban felbft über das Verfahren bei Feftftellung diefer Taxen in der Einleitung machte. Die Victualientaxen wurden auf Vorfchlag des Magiftrates im Vereine mit Vertrauensmännern von der Statthalterei ratificirt und publicirt. Die Taxen wurden, wenigftens in der Folge, für ein Quartal feftgefetzt, was jedoch nicht hinderte, dafs, wenn während desfelben bedeutende Variation der Preife erfolgt, fofort Intercalartaxen erlaffen wurden, woraus hervorgeht, dafs eine Differenz der Taxvoranfchläge und der effectiven Marktpreife als etwas Selbſtverſtändliches an genommen wurde. Auch diefe Intercalartaxen find in dem Elaborate aufgenommen und bei Berechnung der Durchfchnittspreife in Betracht gezogen.- Vom Jahre 1800 an erfchienen die Taxvoranfchläge alle Monate in gedruckter Tabellenform. Als eine Probe der Berichte des Magiftrates an die Statthalterei mit Motiven war der ältefte Bericht von 1655 in der Einleitung mitgetheilt, in welchem auch der Schlüffel zur Preisberechnung der verfchiedenen Artikel gegeben ift. Diefer befteht in Verhältnifszahlen, nach welchen die einzelnen Artikel zu einander in Anfatz gebracht wurden, fo dafs, wenn der Preis eines Artikels feftgeftellt war, die Verhältnifszahlen die Preife der mit diefen correfpondirenden Artikel angaben. Auch die Gewinne der Müller und Bäcker waren ähnlich normirt und darnach bei feftgeftelltem Getreidepreife der Preis des Mehles und Brotes berechnet. Es fanden alfo nicht einmal für die einzelnen Victualien felbftftändige Erhebungen der Marktpreife ftatt, fondern im Gegenfatze zum Marktverkehre wurden fefte Verhältniffe den Taxvoranfchlägen zu Grunde gelegt. - - Es erklärt fich daraus wohl zur Genüge, dafs die älteren Preisangaben des Urban'fchen Werkes mit den effectiven Marktpreifen durchaus nicht immer in Uebereinftimmung, dann und wann fogar in grellem Widerfpruche fich befinden, wie denn z. B. der Strich Linfen im September 1742 mit vier Gulden( Intercalartaxe acht Gulden) angefetzt ift, während für den gleichen Monat das Elaborat des böhmifchen Landesausfchuffes Linfen mit dem effectiven Preife von fünfundzwanzig Gulden, 36 Kreuzer notirt, welch' abnorm hoher Preis durch die damalige Belagerung Prags fich erklärt. Wir mufsten auf diefen Umftand befonders aufmerkfam machen, weil die Urban'fchen Daten zu einigen Bearbeitungen der Preisgefchichte( fiehe unten) Anlafs gegeben haben und wohl auch künftig in erfter Linie hiefür herangezogen werden dürften. Der Werth des Urban'fchen Werkes bleibt nichtsdeftoweniger immer ein höchft bedeutender, wenn wir feinem Materiale auch die Eigenfchaft abfprechen mufsten, ſchon ſo, wie es vorlag, reif für die unmittelbare wiffenfchaftliche Verwerthung zu fein. Zudem fanden fich bei Urban in der Einleitung ausführliche Erörterungen über die gebrauchte Mafseinheit mit fehr intereffanten Daten über die Entwicklungsgefchichte der alten böhmifchen Maſse, fowie über die Geldwährung und die Wandlungen der öfterreichifchen Münzfufse. In Bezug auf die böhmifchen Getreidemasse war eine Abhandlung aus den ftädtifchen Marktprotokollen, wie es fcheint, vollständig aufgenommen, worauf wir Sammler von Rechts- und Culturalterthümern aufmerksam machen; die gefchichtliche Entwicklung führt bis auf die Chronik des Kosmas und die Stiftsurkunde des Herzogs Vratiflav( 1125) zurück. Befonders wichtig ift hier die alte Feldvertheilung, um die Flächenmafse beffer anwenden zu können:„ Die Felder follen beetweife getheilt, eines fo lange wie das andere fein, und in einem Beete 7, in dem andern 8 Furchen, alfo in zwei Beiträge zur Gefchichte der Preife. 9 Beeten 15 Furchen gemacht werden." Eine königliche Hube enthielt 12 Schock Beete, eine geiftliche Hube Feldes II Schock, eine Edelmanns- Hube 10 Schock, eine Bauernhube 8 Schock Beete. Doch follte auf jeder Hube gleichviel ausgefäet werden( 64 Strich), was defswegen nothwendig war, weil die Bauernfelder die fchlechteften waren. Später, als man die Ungleichheit und Unordnung hierin einfah, ift man gänzlich davon abgekommen. Eine jede Landhube follte darnach ohne Unterfchied 192 Quadrat- Landfeile enthalten, jedoch auf einer Hube schlechteften Landes 72 Strich, auf befferem 64, auf beftem 60 Strich ausgefäet werden. So viel nun als Probe des ebenfo forgfältig wie verftändig und vielfeitig gearbeiteten Werkes. Die Cultur- und befonders die Wirthfchaftsgefchichte wird aus diefem wie aus vielen anderen der hier ausgeftellten Elaborate reiche Belehrung und Anregung erfahren. Auch von anderen, wenn auch minder bedeutenden ftädtifchen Marktorten waren preisgefchichtliche Elaborate vorgelegen, wie von Mährifch- Neuftadt, Bärn, Kremfier und Olmütz in Mähren, fowie abgeriffene Notizen aus Trient. Befonders hatte der Gemeinderath der Stadt Kremfier vom XVIII. Jahrhundert an faft vollftändige Reihen der Getreidepreife, theils Ankaufs, theils Marktpreife geliefert, welche, wie die vom XVIII. Jahrhundert an, auch ziemlich vollſtändige Preisangaben aus Bärn nur an dem Fehler litten, dafs uns meiftens Durchschnittspreife geboten wurden, ohne dafs erfichtlich gemacht wäre, aus welchem Material und durch welches Verfahren diefelben gewonnen wurden. Die Olmützer Angaben( vom Prof. K. Liftl) aus den Getreidebüchern des Stadtarchivs in Olmütz waren von 1769 an in ununterbrochener Reihenfolge, wenigftens für einige wichtigere Marktartikel, vorgetragen. In ähnlicher Weife hatte die Handels- und Gewerbekammer in Lemberg Marktpreife von Getreide und anderen Lebensbedürfniffen( im Ganzen 17 Artikel), dann des Taglohnes in Lemberg aus den Jahren 1804 bis 1872, der Centralausfchufs der k. k. fteiermärkifchen Landwirthschaftsgefellfchaft in Graz Marktpreife landwirfhfchaftlicher Erzeugniffe zu Graz in grofser Reichhaltigkeit, aber nicht ohne erhebliche Lücken, aus den Jahren 1826 bis 1871 ausgeftellt. Ueberrafchend war es, in einem der werthvollften böhmifchen Elaborate ( des Baron A. v. Steiger) einen umfaffenden Beitrag zur Preisgefchichte von Bern( Schweiz) zu finden, welcher zumeift aus dem Berner Staatsarchive feit dem Beginn des 16. Jahrhunderts bis 1830 genommen und mit einzelnen Angaben aus dem 13. Jahrhundert und aus der neueften Zeit vermehrt war. Der Verfaffer hatte fich der Mühe unterzogen, mit Hilfe des Herrn Armand Streit in Bern, aus den zerftreuten Urkunden diefes Archives möglichft vollſtändige Zahlenreihen zu fammeln, um fie dann mit den Prager Preifen in eine Vergleichung zu ftellen ( fiehe unten). Er hat damit nicht blofs die Reihe preisgefchichtlicher Materialienfammlungen aus gröfserren Marktorten um einen ftattlichen Beitrag vermehrt, fondern auch Refultate zu Tage gefördert, welche felbft den Schweizer Statiſtikern bisher unbekannt gewefen fein dürften. Die Sammlung war durch einige auch dem erwähnten Specialkatalog als Anhang beigegebene Notizen über altes Berner Mafs und Gewicht noch befonders in ihrer Brauchbarkeit erhöht. Als Ergänzungen zu diefen Preisverzeichniffen von namhafteren Marktplätzen konnten noch einzelne preisgefchichtliche Notizen herbeigezogen werden, wie fie fich z. B. in den gleichfalls von Baron Steiger mitgetheilten Rechnungen aus der Prager Domkirche 1600 bis 1625, in den Notizen über Wiener und Prager Victualienpreife( mitgetheilt von F. Plötterle), über Getreide- Marktpreife von Böhmifch- Leipa 1787 bis 1793( Monatspreife, ausgeftellt von der gräflichen Kinsky'fchen Generaldirection in Prag), ferner in Prag), ferner in den Elaboraten des böhmifchen Landesausfchuffes und der Prager Handelskammer finden. Erfterer hat in diefer Richtung unter Anderem Bierpreife in Prag 1570 bis 1615, Victualienpreife dafelbft während der Belagerung 1742, fowie verfchiedene Preistarife und in einer grofsen Sammelarbeit,„ Preisverhältniffe in Böhmen von 1263 bis 1812," 10 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. geboten; letztere lieferte unter Anderem werthvolle Beiträge aus den Rechnungen des königlichen Schlofs- Bauamtes in Prag, wozu das Material bereitwilligft durch die k. k. Schlofs- Hauptmannfchaft beigefchafft wurde. Auch die Sammelarbeit des Referenten über Preife in Tirol von 1271 bis 1871 bot vielfach Material für die Gefchichte der Preisbewegung an den beiden Haupt- Marktplätzen Innsbruck und Bozen, wozu unter Anderem Forftmeifter Neeb aus Bozen namhafte Beiträge geliefert hatte. Eine zweite Reihe preisgefchichtlichen Quellenmateriales eröffnete die Prager Collectivausftellung mit den Arbeiten über einzelne Domänen und Gutsverwaltungen. Haben diefe Preife einerfeits nicht jenen felbftftändigen Werth wie Marktpreife, da fie theils nur localer Natur, theils aber von diefen abgeleitet und beeinflufst find, fo geben fie anderfeits doch höchft werthvolle Auffchlüffe über die Culturarten auf den einzelnen Gütern und ihre Wandlungen über den Culturaufwand und ihr Verhältnifs zu demfelben, wie fie auch das allmälige Vordringen des Einfluffes gröfserer Marktorte und die durch vervollkommnete Verkehrsmittel fteigende Taufchwirthschaft folcher Güter, der älteren Befchränkung auf fich felbft gegenüber, zeigen; kurz, wir erhalten durch die zahlreichen und oft grofsartig angelegten und durchgeführten Mittheilungen des preisgefchichtlichen Materiales von( in Summe 45) Herrfchaften, Domänen und anderen gefchloffenen Gütern ein Bild böhmifcher und mährifcher Gutswirthfchaft in ihrer ökonomifchen Entwicklung feit mehr als drei Jahrhunderten, wie ein ähnliches wohl nirgends auch nur mit annähernd folcher Vielfeitigkeit und Vollständigkeit zu finden ift. In Bezug auf allgemein cultur und wirthschaftsgefchichtliches Intereffe ift diefe Partie unftreitig die Perle der ganzen Collectivausftellung gewefen, und die Prager Handelskammer* verdiente fchon hiefür allein den höchften Ehrenpreis, welchen die Ausftellungsjury gewähren konnte, dafs fie die bisher faft vollſtändig verfchloffenen Quellen gutsherrlicher Archive erfchloffen, ihre weitere Ausbeute angeregt und durch das einmal geweckte Intereffe hoffentlich auch die Archive und Regiftraturen vor dem Schickfale einer unverftändigen Vernachläffigung oder gar Vernichtung für alle Zeiten bewahrt hat. Auch hier verdient wieder die Arbeit des Baron Steiger über die Domänen Tloskau und Duppau in Böhmen zuerft genannt zu werden, nicht fo faft wegen ihres Datenreichthums, in welcher Beziehung fie von manchen anderen Elaboraten übertroffen wurde, als vielmehr defshalb, weil fie ein auch für alle übrigen Arbeiten anwendbares Beiſpiel bot, wie volles nationalökonomifches und landwirthfchaftliches Verftändnifs nothwendig ift, um eine richtige Beurtheilung und fichere Schlüffe aus den einfachen Reihen der Preisverzeichniffe zu ermöglichen. Die Einleitung zu diefen Arbeiten war ein Mufter von Sorgfalt und Durchdringung des Stoffes, wie es denn auch nur unter diefen Vorausfetzungen möglich war, dafs der Verfaffer mehrere Verfuche einer weitergehenden Bearbeitung des Quellenmateriales mit Erfolg unternehmen konnte ( fiehe unten). Auch bei Steiger, wie wohl faft bei allen Elaboraten, waren die verzeichneten Preife fehr verfchiedenartig und es handelte fich darum, diefe Verfchiedenheit ftets zum Bewufstfein zu bringen und auf ihre Erklärungsurfachen zurückzuführen. So waren z. B. die Preife aus den Neveklauer Kirchenrechnungen Detail- Verkaufspreife kleiner Quantitäten loco Neveklau; jene aus den Tloskauer Rechnungen waren die Jahresmittel der Verkaufspreife im Grofsen. Ein grofser Theil der feit 1848 eingetretenen Preisfteigerung geht auf Rechnung der befferen Getreidequalität. Der Unterfchied ift in der That fo grofs, dafs, wenn er überfehen würde, grofse Irrthümer daraus hervorgehen konnten.„ In der Periode 1856 bis 1872 betrug die Gewichtszunahme gegenüber der Periode von 1848 bis 1855 * Sie hat fich jedoch als Veranſtalterin der Collectivausftellung fowohl als auch als Ausfteller auf diefem Gebiete aufser Concurs geftellt. Beiträge zur Gefchichte der Preife. 11 bei Weizen 12 Percent, bei Roggen 14 Percent, bei Gerfte II Percent, bei Hafer 4 Percent. Da der mittlere Preis für einen Metzen Weizen in der erften Periode von 1848 bis 1855 mit 4 fl. 15 kr., in der zweiten Periode 1856 bis 1871 mit 5 fl. 29 kr. fich berechnet, fo abforbirt der Gewichtsunterfchied allein fchon um 56 kr und der 75pfündige Weizen wäre nur werth gewefen 4 fl. 73 kr.; aber auch nicht einmal fo viel, da bekanntlich für fehlende höhere Gewichtspfunde der Werth des Getreides weit rafcher abnimmt, als im arithmetifchen Verhältniffe. Ausserdem kommt für diefe Periode das Silberagio zu berücksichtigen, das den Preis in der zweiten Periode nochmals um 7 Percent oder 35 kr. fchmälert, und es iſt daher der Preis von einem Centner Weizen in effectiver Münze feit 25 Jahren in Tloskau faft ftationär geblieben." Baron Steiger hatte weiter diefen feinen Quellenarbeiten auch noch Unterfuchungen über altes böhmifches Mafs und Gewicht, fowie über die alte böhmifche Geldwährung angefügt, die im Schebek'fchen Kataloge aufgenommen find, und von denen die letzteren, den Verfuch einer Ermittlung des reellen Werthes der Geldwährung enthaltend, fpäter im Zufammenhange mit einer allgemeinen Befprechung diefer Frage noch berührt werden müffen. Ein für das Verftändnifs preisgefchichtlicher Angaben fehr wichtiges Moment, die bei Entſtehen eines jeden Preifes concurrirenden Quantitäten, aus welchen die Bedeutung der Rolle fich ermeffen läfst, welche eine Waare in einer beftimmten Periode auf einem beftimmten Platze fpielt, fanden wir auch bei Steiger nicht berücksichtigt. Dagegen hatte die k. k Statthalterei in Böhmen ein Elaborat über ihre Stiftungs- Domänen ausgeftellt, in welchem von der Domäne Ronow eine werthvolle Ueberficht gegeben war, wie viel an den einzelnen verzeichneten Naturproducten nach dreijährigem Durchfchnitte des einftigen Herrfchaftskörpers erzielt, confumirt und exportirt wurde, wobei zugleich auch die Bevölkerungsziffern berücksichtigt waren. Diefs Elaborat enthielt auch fonft werthvolle gefchichtliche Wirthfchaftsnotizen, welche freilich, fo wie fie vorlagen, in ihrer Richtigkeit uncontrolirbar waren. Ebenfo fanden fich wenigftens die Ertragsmengen eingehend dargestellt in dem Anhange zum Elaborat der reichsgräflich Thun zu Hohenftein'fchen Domänen direction in Rothenhaus bei Görkau in Böhmen, welcher aufser guten Rückblicken auf die Entwicklung des Rechnungswefens, auf die Münz-, Mafs- und Gewichtsverhältniffe und Verfuche einer erften oberflächlichen Ausbeute der Preistabellen noch befonders nachwies. Das Körner- und Stroherträgnifs im Flachlande, die Production der Halm- und Körnerfrüchte 1809 bis 1858, den Wiefenertrag und den Ertrag von Schafwolle für diefelben Jahre. Auch in dem Werke der Max Egon Fürft zu Fürftenbergifchen Domänen- Central direction in Prag über die grofse Waldherrfchaft Pürglitz( fie umfafst 6.7 Quadratmeilen), welches zwar nur einen kurzen Zeitraum( nur das 19. Jahrhundert) umfafste, aber fehr ins Detail ging, waren bei den Nachweifungen über Schafwoll- Preife auch die Schurgewichtsverhältniffe nebft den Gefammtmengen der Schafe und der erfchorenen Wolle berücksichtigt, während die durch ihren Datenreichthum wahrhaft überrafchenden Arbeiten der kaiferlichen Güterdirection zu Prag lagen von acht in Ausficht genommenen Domänen erft fünf in Bearbeitung vor, und auch von diefen nur die eigentlichen Preisdaten diefes wie andere wichtige wirthfchaftliche Momente in einem Anhang für jede der behandelten Domänen nachzuliefern verfprachen. - es Die Elaborate diefer Direction diefer Direction über die Domänen Reichftadt, Swolenowes, Bufchtiehrad, Katzow und Brennporitfchen find nun von allen meift fehr ftattlichen Werken über Domänen weitaus die bedeutendften. in Bezug auf Vielfeitigkeit und Reichhaltigkeit der Daten gewefen. Das Inhaltsverzeichnifs über diefelben allein umfafste in dem Schebek'fchen Kataloge 50 Seiten und gewährte an fich fchon ein intereffantes Bild der verfchiedenen Phafen, welche der Wirthfchaftsbetrieb auf diefen Domänen im Laufe der Zeit 12 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. durchgemacht hat. Befonders werthvoll waren diefe Arbeiten auch defshalb, weil wir es bei der ungeheuren Fülle und Mannigfaltigkeit der einzelnen Daten immer mit effectiven Preifen zu thun hatten. Zwar boten fie keine ganz gefchloffenen Zahlenreihen all' der Artikel, welche die Operate umfafsten; es würde diefs auch geradezu ins Ungeheuerliche gezogen, und in Bezug auf viele Gegenftände eine entfchieden unnöthige Arbeit gewefen fein; in einzelnen Artikeln, befonders wichtigen Victualien und Gebrauchsgegenständen ift wenigftens von der Mitte des XVIII. Jahrhundertes an eine ziemliche Vollständigkeit geboten worden. Die befte und abgerundetfte Arbeit über Bufchtiehrad hat denn auch Veranlaffung zu weiter vorfchreitenden nationalökonomifchen Unterfuchungen geboten, welche wir an anderer Stelle behandeln( fiehe unten). Die Elaborate, welche aus wohlerhaltenen Regiftraturen gearbeitet wurden und das vorhandene Material bis auf den Grund erfchöpften, enthielten Preife von mindeſtens 2000 Artikeln, im Ganzen aus dem Zeitraum von 1631 bis auf die Gegenwart. Es ift fehr zu wünſchen, dafs der unermüdlich thätige und, wie es fcheint, für folche Arbeiten ganz ausgezeichnet befähigte Referent der kaiferlichen Güterdirection Herrn Alois Poft unermüdlich an der Vervollſtändigung diefes einzig daftehenden Unternehmens fortarbeitet. Hieran reihten fich in Bezug auf Quellenreichthum und forgfältige Ausführung die Arbeiten des Freiherrn v. Weyhe Eimke( im Auftrage der fürftlich Schaumburg- Lippe'fchen Domänenadminiftration in Nachod), das fchon erwähnte Operat über die Domäne Rothenhaus, fowie das Werk der Domänen- CentralDirection des Grafen v. Thun- Hohenftein über das Fideicommifs Tetfchen an der Elbe. Das erfte der genannten Elaborate gehörte, was Vollständigkeit der Daten anbetrifft, jedenfalls zu den vorzüglichften Werken. Vom Jahre 1634 bis 1872 reichend, fehlten, z. B. von Getreide im Ganzen nur 24 Jahre( aus dem XVIII. Jahrhundert), das XVII. und XIX. Jahrhundert war in ununterbrochenen Reihen vertreten. Während im Allgemeinen die Preife nach den Originalnotirungen verzeichnet waren, fanden fich mehrere Tabellen, welche behufs weiterer unmittelbarer Verwerthung( fiehe unten) eine Bearbeitung der Preisliften enthielten. Zwei Tabellen brachten die Preife des Getreides, Heues und der Kartoffeln von 1634 bis 1872 reducirt auf niederöfterreichifche Metzen und Centner in öfterreichifcher Währung; zwei Tabellen enthielten Fleifch, Butter, Wolle nach Centnern und Pfunden in öfterreichifcher Währung von 1634 bis 1870; eine Tabelle Brennholz in Klaftern in öfterreichifcher Währung von 1720 bis 1872; eine Tabelle Wild in öfterreichifcher Währung von 1696 bis 1872; eine weitere Tabelle Fifche nach Pfunden in öfterreichifcher Währung von 1634 bis 1870: eine Tabelle Steinkohlen nach Centnern in öfterreichifcher Währung von 1800 bis 1873; eine Tabelle Bier und Branntwein nach Fafs und Seideln in öfterreichifcher Währung von 1634 bis 1873; eine Tabelle Leinwand nach Schock von 1636 bis 1868; endlich eine Tabelle Taglohn und Mühelohn von 1636 bis 1872. Diefe bildeten die Grundlagen für mehrere graphifche Tableaux. Auch die Arbeiten über die Domäne Rothenhaus( Referent Directionsadjunct Guftav Welz) hatte annähernd vollſtändige Preisreihen von 1690 bis 1872 und waren hier befonders die ausführlichen Mittheilungen über Arbeitslöhne von hohem Intereffe, aus welchen zu entnehmen war, wie fchon im XVII. Jahrhunderte Accordlöhne( einen Strich Korn fchneiden, eine Fuhr Gras mähen und dergl.) neben den Taglöhnen in Uebung waren; freilich alterirt für die älteren Zeiten die häufige Robottarbeit die Klarheit, welche aus folchen Lohnangaben über den Arbeitswerth gehofft werden könnte. Ganz ausgezeichnet aber durch feine Vollständigkeit war das grofsartige Operat über Tetfchen, welches die Herren Centraldirections- Secretär Carl Tfchertner, Mühlenverwalter Kryštufek und Mühlenverwaltungs- Controior Vítěz gearbeitet hatten. Ueber den grofsen Zeitraum von 1570 bis 1870 fich erftreckend, waren mit Ausnahme der Zeiten des dreifsigjährigen Krieges faft Beiträge zur Gefchichte der Preife. 13 ununterbrochene Jahresreihen mit Minimal- und Maximalpreifen in Originalnotirungen geboten und in einem befonderen Anhange die verfchiedenen Währungen, Mafse und Gewichte in Vergleichung geftellt, fowie Mittheilungen gemacht über Entlohnungsverhältniffe, Zölle, Accife, Steuern, Zinfungen und dergl. Auch in Betreff der Mannigfaltigkeit der notirten Artikel wetteiferten diefe drei Operate mit einander, erfchöpften fo ziemlich Alles, was der eigenen Oekonomie der Domänen entftammte und fchloffen fich fomit würdig der umfaffendften Arbeit über die kaiferlichen Domänen an. Weitere gute Arbeiten über Domänen waran geliefert von der k. k. Stiftsdomänen- Adminiftration über die Stiftsdomäne Gradlitz- Kukus, welche ihre Preife ( von 1782 bis 1872) den Hofpital- und Rentrechnungen entnommen hatte; von der fürftlich Colloredo- Mannsfeld'fchen Domäne Opočno( Referent Wilh. Baumann) mit Angaben von 1598 bis 1873 und einem Anhange über Steuern und Giebigkeiten; von dem Fideicommifs- Domänencomplexe Pürglitz( fiehe oben), deren vorzüglichftes Object, die Waldwirthfchaft, hier eine fehr eingehende preisgefchichtliche Behandlung erfuhr; die Anfügung von Preisdaten aus dem Gebiete des Berg- und Hüttenwefens mufste leider unterbleiben, weil die Ueberfchwemmung im Jahre 1872 fämmtliches Material und die bereits fertigen Arbeiten vernichtet hat; ferner von der fürftlich Liechtenſtein' fchen Domäne Landskron mit Landsberg complete Preisreihen von 1780 bis 1872 von den wichtigſten Artikeln der Landund Forftwirthfchaft, Viehzucht und der landwirthfchaftlichen Nebengewerbe*; endlich, einiger unbedeutender Arbeiten nicht zu gedenken, von der mährifchen Domäne Wšetin( Rentmeifter Wilh. Fernand) umfaffende, wenngleich nicht gefchloffene Preisreihen aus den Jahren 1730 bis 1872 mit einzelnen Angaben aus dem XVII. Jahrhundert in ähnlicher Weife, wie bei den meiften diefer Arbeiten über fämmtliche Producte der Domäne fich verbreitend. Faft allen diefen Elaboraten, wie nicht minder den Arbeiten über die mährifchen Städte waren als werthvolle Beigabe zu den Preistabellen einleitende Schilderungen der Wirthfchaftscomplexe nach Lage, Bodenbefchaffenheit, Klima, Culturmethoden vorausgefchickt, denen fich nicht felten ein gefchäftlicher Ueberblick über die Befitzveränderungen und fonftigen denkwürdigen Schickfale anreihte. Hieher gehörig waren auch einige Abtheilungen aus dem Elaborate des böhmifchen Landesausfchuffes, wie die Schilderung der wirthschaftlichen und Preisverhältniffe auf den Herrfchaften Komotau und Pürglitz aus den intereffanten Berichten an den Erzherzog Ferdinand von Tirol aus den Jahren 1561 bis 1572( Innsbrucker Statthalterei- Archiv), und der Preisverhältniffe auf der Herrfchaft Koft- Sobotka von 1632 bis 1762. Unter den Sammelarbeiten, welche fich über ein gröfseres Gebiet erftreckten, deren Preisangaben alfo nicht einem Marktorte oder einem gefchloffenen Wirthschafts complexe angehörten, ragten entfchieden die Operate des böhmifchen Landesausfchuffes hervor, welcher in ausführlicher Weife Material zur Preisgefchichte von ganz Böhmen für den weiten Zeitraum von 1263 bis 1812 brachte und neben mehreren anderen Detailmittheilungen auch die verdienftvolle Arbeit unternommen hatte, die höchften und niederften Preife aus dem königlich Jofephinifchen Landeskatafter vom Jahre 1787 zufammenzustellen. Diefe Sammelarbeit hat als hauptfächliche Quelle das reiche Landesarchiv gehabt, welches über 40.000 Copien aus verfchiedenen fremden Archiven neben feiner eigenen wichtigen Originalienfammlung enthält; aufserdem wurden noch die Manufcripte des böhmifchen Muſeums und die Memorabilienbücher des Prager Stadtarchivs benützt. Als Einleitung zu den Preisverzeichniffen des Jofephinifchen Katafters wurden deffen Grundprincipien entwickelt und die Art und Weife ausgeführt, auf welche die Durchfchnittspreife für denfelben berechnet Die Durchfchnittspreife der nächftgelegenen Wochenmarkts- Plätze wurden. * Von J. Holešovský über die Domäne Žleb und von J. Zemann über Raudnitz. 14 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. dienten hiefür als Grundlage und die Obrigkeiten hatten zugleich auf den einzelnen Faffionen felbft die Localpreife von Heu, Grummet, Wein und Holz nach neunjährigem Durchschnitte anzufetzen. Bei Gemeinden, welche eine halbe Meile vom Markte entfernt waren, wurde bei Weizen und Korn 4 Kreuzer, bei Gerfte und Hafer Kreuzer abzufchlagen verftattet, bei gröfseren Entfernungen 11/2 Kreuzer, beziehungsweife I Kreuzer.( Hofdecret vom 12. September 1785.) Diefe als Bafis der Grundfteuer- Bemeffung dienenden Durchfchnittspreife find in der vorliegenden Zufammenftellung von den fämmtlichen im Jofephinifchen Landeskatafter unter felbftftändigen Rubriken eingetragenen Herrfchaften, Gütern, Höfen und Städten im ganzen Lande Böhmen( circa 1400 Wirthfchaftskörper) in der Art nachgewiefen, dafs von den Gutskörpern, welche mehrere Gemeinden umfaffen, der höchfte und der niederfte Preis aller diefer Gemeinden zufammen und bei Gutskörpern, welche nur aus einer Gemeinde beftanden, fowie bei Städten der höchfte und niedrigfte Preis diefer einen Gemeinde und Stadt mit Rückficht auf den obigen durch die grössere oder geringere Entfernung vom nächsten Marktorte bedingten Abfchlag als Kataftralpreis des Jahres 1788 angefetzt worden find. Neben diefen Arbeiten und den culturhiftorifch intereffanten Daten von Max Dormitzer verdienen die kleineren Mittheilungen genannt zu werden, welche der Prager Handelskammer von verfchiedenen Mitarbeitern an der Collectivausftellung gemacht wurden und die fie im Verein mit den eigenen Arbeiten der Kammer gefammelt und ausgeftellt hatte. Sie enthielten unter vielem Anderen zerftreute Notizen über Geldwefen und Münzfufse von 1245 bis 1504, fowie Preisnotizen über Getreide und Löhnungen nebft Nachrichten über Fruchtbarkeit und Geldmenge 1308 bis 1508 aus Joh. Thom. Funk's handfchriftlicher Chronik von Eger( Ausfteller Dr. J. Volkelt), über Arbeitslöhne 1584( Dr. V. Rufs), welche gleichfalls fchon über das Verhältnifs von Zeit- und Stücklohn intereffante Auffchlüffe gaben; über Wein 1715( Dr. E. Schebek), fowie Preife auf dem Dominium Elbogen im Jahre 1623 unter Anfchlufs der Originalquelle( von demfelben), auffallend wegen ihrer exorbitanten Höhe, befonders für Getreide, welch' merkwürdiger Umftand auch zu einem eigenen Excurfe über die Domäne( Schebek'fcher Katalog, Beilage F) Veranlaffung gegeben hat. Das Elaborat des Referenten endlich erftreckt fich über das ganze Gebiet von Deutfchtirol und bietet befonders für die beiden Jahrhunderte der grofsen Preisrevolutionen( XVI. und XIX. Jahrhundert) ziemlich reichhaltige Daten, unter denen die Preife für Getreide, Fleiſch, Wein und die Arbeitslöhne am ausführlichften behandelt find, weil fie ja auch die entfcheidenften Momente für die Beurtheilung der wechſelnden Kaufkraft des Geldes, diefen Angelpunkt aller Preisgefchichte, find. Die ausgeftellten Specialarbeiten zur Gefchichte der Preife gliederten fich hauptfächlich in bau- und handelsgefchichtliche Beiträge. In erfter Richtung hatte befonders der fürftlich Lobkowitz'fche Bibliothekar Max Dvořák mit feiner gedruckten Gefchichte des Raudnitzer Schlofsbaues eine fehr umfaffende und, wie nicht zu leugnen, auch fehr verdienftvolle Arbeit gefchaffen, welche, wenn fie auch gerade an Preisdaten nicht reich ift, fo doch im Allgemeinen wegen des tiefen Einblickes von Werth ift, welchen der Lefer in die ganze Baugefchichte eines grofsartigen Schloffes und in alle dabei geführten Verhandlungen( welche in den Beilagen mitgetheilt find) erhält und überdiefs in einer hiftorifchen Einleitung die Schickfale von Raudnitz und feinen Befitzern mit dem Schlofsgebäude lebensvoll verbindend, in lebhaften und durch die Unmittelbarkeit einnehmenden Zügen uns ein nicht unbedeutendes Stück böhmifcher Gefchichte vorführt. In diefe Partie würde auch die im Kataloge aufgenommene, aber noch nicht vollendete Gefchichte des Prager Dombaues von 1372 bis 1378( Dr. E. Schebek) gehören, wie denn auch die Beiträge der Prager Handelskammer aus den Rechnungen des königlichen Schlofsbau- Amtes in Prag über Bauten am königlichen Schloffe und bei den beiden Damenftiften in Prag hieher zählen. Auch fonft Beiträge zur Gefchichte der Preife. 15 in Beiträgen, befonders von Domänen, Kirchen und Klöftern, fpielte das Bauwefen eine hervorragende Rolle. Zu den Specialarbeiten über Handelsartikel gehören aufser einer Arbeit von K. Halla über Kaufmannswaaren zu Prag 1815 bis 1873( Colonialwaaren, Südfrüchte, Oele, Sämereien und Bergwerksproducte) befonders die hübfche Vergleichung der Preife von circa 2000 Materialwaaren( Droguen und Chemikalien), 1788 und 1873, welche der Verfaffer Dr. R. v. Helly in Prag auch zu einer graphifchen Darftellung benützte und das durch feine Ausdehnung und fleifsige Bearbeitung wahrhaft monftröfe Werk vom Apotheker Ernft Ebenhöch zu Neuhaus in Böhmen, ein Beitrag zur Gefchichte der Preife, der Heilkunde und des Apothekerwefens, wie kaum ein zweiter diefer Art bisher irgendwo geboten fein dürfte. Eine ausführliche Einleitung fchilderte die Perioden der Pharmacie, während die Beiträge zuerft die Apothekerordnung von 1592, dann in tabellarifcher Ueberficht die Arzneitaxen in Böhmen aus den Jahren 1659, 1699, 1737, 1775, 1822, 1836, 1854 bis 1859 und 1869 brachte. Die ältefte Apothekerordnung von 1592 von einem feiner Zeit berühmten Botaniker Adam Zalužansky von Zalužan entworfen( der Verfaffer nennt ihn den Schöpfer eines geregelten Apothekerwefens in Böhmen und bot auch eine Biographie desfelben), war hier zum erften Male ins Deutfche überfetzt; in böhmifcher Sprache ift fie zwar gedruckt, aber in wenig Exemplaren vorhanden, welche wie Cimelien bewahrt werden. Die Apothekertaxen von 1659 bis 1737 find von der medicinifchen Facultät in Prag für Böhmen, die für 1775 von Maria Therefia für alle Kronländer erlaffen worden, fowie alle fpäteren Taxen für den ganzen öfterreichifchen Staat giltig waren. In ihrer Zufammenftellung gaben fie uns nicht blofs ein Bild der Preisbewegung, fondern auch der Wandlungen der Medicin, indem fo manche Artikel der alten Pharmakopöe im Laufe der Zeit weggefallen, andere hinzugekommen, neuerdings aufgenommen und wieder verworfen wurden. Die in den Beilagen gegebenen Apothekerrechnungen( zugleich von culturhiftorifchem Intereffe) find durchgehends an hiftorifch berühmte Perfönlichkeiten ausgeftellt, fo an die Fürftin Polyxena von Lobkowitz, jene heldenmüthige Dame, welche den 1618 aus den Fenstern des Prager Schloffes geftürzten kaiferlichen Räthen Schutz und Aufnahme gewährte. Endlich reihten fich hieran auch die Beiträge der Zinnwerke- Verwaltung zu Graupen in Böhmen, welche Zinnpreife von 1470 bis 1872, der Werksdirection Zeltweg, der fteierifchen Eifeninduftrie- Gefellſchaft, welche Preife von Braunkohlen, Grubenholz, Sprengpulver, Eifen und Rüböl von 1841 bis 1872 brachte und des Herrn Franz Neuper zu Zeyring( Leoben), welche in fünfjährigen Perioden 1820 bis 1872 von Bergbau, Schmelzwerk und Hammer preisgefchichtliche Notizen lieferte. Das Reichhaltigfte in diefer Beziehung waren aber jedenfalls die Rechnungen der Herrfchaften Bufchtiehrad und Nachod mit ihren bis auf die erften Anfänge der Ausbeutung zurückgeführten Steinkohlen- Preife geboten. Zur Ergänzung konnten die Nachrichten herbeigezogen werden, welche die Firma Joh. Dav. Stark über ihre Berg-, Mineralwerke und Fabriken in einer eigenen von A. Prochaska hierüber verfafsten Schrift mitgetheilt hatte, in welcher unter Anderem die Preife von Kohlen und Chemikalien in Vergleichung der Jahre 1831, 1842, 1852, 1862 und 1872 nebft den erzeugten Quantitäten tabellarifch zufammengeftellt waren. Das Elaborat war, obgleich bei der Prager Collectivausftellung angemeldet, doch nicht hier, fondern im eigenen Pavillon diefer Firma ausgeftellt. Ueberblickte man diefes durch die Anregung und unermüdliche Opferwilligkeit der Prager Handelskammer der Vergeffenheit und dem Untergange entriffene, weiterer wiffenfchaftlicher Behandlung erfchloffene Quellenmaterial, fo mufste man füglich erftaunt fein über den Datenreichthum, der hier in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit geliefert werden konnte und über das grofse Intereffe, welchem diefe additionelle Ausftellung in gelehrten Kreifen nicht nur, fondern ganz befonders in den Kreifen der Landwirthe und Induftriellen felbft begegnete; und es 16 - Dr. Carl Theodor von on Inama- Sternegg. leuchtet daraus die frohe Hoffnung, dafs diefer erfte flüchtige Schürfverfuch zu einem geregelten Abbau der reichen Lagerftätten Veranlaffung geben und von noch gröfserem Erfolge begleitet fein werde. So war die Prager Collectivausftel lung gleichfam eine Probeausftellung reicher, wiffenfchaftlicher, neu entdeckter Schätze, welche den Befchauern nicht blofs imponirten, fondern vor Allen, auch den Weniggebildeten doch in ihrer Bedeutung wenigftens ahnungsvoll erfafst wurden; und der Saal im Pavillon des Welthandels, welcher diefe Schätze barg, wirkte auf die Befucher wie eine ernfte und erhebende Mahnung, über der erdrückenden Maffe des Schönen und Beftechenden, welches der Induftriepalaft bot, nicht zu vergeffen, dafs die Vertiefung des menfchlichen Wiffens und die ernfte, angeftrengte Geiftesarbeit die Quelle alles Völkerwohlftandes fei. Inhaltlich fehr nahe einer Partie der Prager Collectivausftellung verwandt, wenn auch äufserlich von ihr gefchieden, war ein Elaborat der fürftlich Schwarzenberg' fchen Güterdirection über die Gefchichte der Preife auf der Herrfchaft Wittingau und der Domäne Jinonitz in Böhmen, ausgeftellt im eigenen Pavillon des Fürften Johann Adolf zu Schwarzenberg. Man erfieht aus dem Schebek'fchen Kataloge, dafs eine Betheiligung des Fürften, in deffen zahlreichen und wohlgeordneten Archiven und Regiftraturen eine Fülle urfprünglich in Ausficht ftand und fpäter wenigftens eine eigene Collectivausftellung von preisgefchichtlichem Materiale fich erwarten liefs, an der Collectivausftellung von den Schwarzenberg'fchen Gütern beabfichtigt war, während thatfächlich diefe Partie der Schwarzenbergifchen Ausftellung entfchieden zu den dürftigften des im übrigen fehr reichhaltigen Pavillons gehörte und in keinem Verhältniffe zu dem Reichthum der fürftlichen Archive ftand, von welchem gleichzeitig durch eine eigene Archivausftellung im Schwarzenberg'fchen Palais Zeugnifs gegeben war. In den Beiträgen" von der Herrfchaft Wittingau waren Preife einzelner Artikel als: Getreide, Bier, Fleiſch, Fifche und Holz, fowie Taglöhne von 1450 bis 1872 reducirt auf die beftehenden Mafse, Gewichte und auf öfterreichiſche Währung in fragmentarifcher Weife( die Originalpreife in eigenen Rubriken) mitgetheilt. Das XVI. Jahrhundert war hier in summa mit acht, das XVII. Jahrhundert mit neun, das XVIII Jahrhundert mit fünf Jahren vertreten, vom XIX. Jahrhundert waren II Angaben von zehn zu zehn Jahren mit einzelnen Zwifchenjahren( 1817, 1824, 1872) gegeben. In einem Anhange verbreitete fich die Arbeit über Mafse und Gewichte, Münzfufs, Bankozettel, Einlöfungsfcheine und Wiener- Währung, wozu das Material theils den Archivalien entnommen, theils aus Zedler's Univerfallexikon, Brockhaus' Converfationslexikon, Naučny slovník und den kaiferlichen Patenten zufammengetragen war. Das Patent des Kaifers Franz vom 20. Februar 1811, welches Einlöfungsfcheine einführt und diefe fowie die Bankozettel zu ein Fünftel ihres Werthes als Wiener Währung erklärt, ift in extenso mitgetheilt..Auch fand fich die Scala über den Cours der Bankozettel von 1799 bis 1811( von Monat zu Monat) aufgenommen, nach welcher die Zahlungen in Folge diefes Patentes zu leiften waren, fowie der höchfte und niederfte Stand des Courfes der Wiener Währung( Einlöfungsfcheine) nach Erfcheinen des Finanzpatentes vom 20. Februar 1811 bis September 1819 nach Alois Ditfcheiner. Die Von der Domäne Jinonitz waren Preife einiger Artikel nebft Taglöhnen vom Jahre 1678 bis 1870 nach theils zehn-, theils zwanzigjährigen Perioden mit einzelnen Zwifchenjahren gegeben, theils Markt-, theils Reluitionspreife. Preife diefer nahe der Stadt Prag gelegenen Domäne follten gleichfam Stadtpreife gegenüber den Landpreifen von Wittingau repräfentiren und in der zum Schluffe gegebenen Tabelle mit Durchfchnittszahlen für beide Domänen verfuchte man wohl, freilich in fehr dilettantifcher Auffaffung, gleichfam landesübliche Preife für Böhmen darzuftellen. Vortheilhaft durch Vollständigkeit fowohl wie durch eine verftändige Anordnung und Ausbeutung zeichneten fich die preisgefchichtlichen Mittheilungen des Bureaus für die land und fortwirthfchaftliche Statistik Beiträge zur Gefchichte der Preife. 17 des Königreiches Böhmen" aus( Oeftliche Agriculturhalle). Unter den zahlreichen Publicationen und handfchriftlichen Arbeiten desfelben fanden fich Tabellen über die Durchfchnitts- Preife landwirthfchaftlicher Producte im Königreiche Böhmen für die Zeitperiode 1800 bis 1870, welche Jahrespreife von Weizen, Korn, Gerfte. Hafer, Kartoffeln und Heu auf öfterreichifcher Währung und niederöfterreichifchen Metzen, beziehungsweife Wiener Centner von theilweife über 100( bis 184) Standorten boten und dem Profeffor Kořiftka, der fich auch um die Sammlung der Getreide und Fleifchpreife in Böhmen grofse Verdienfte erworben hat, zu einer fehr intereffanten graphifchen Darftellung Veranlaffung gaben. ( Siehe unten.) Eine andere vielverfprechende Arbeit aus Böhmen, welche der officielle Generalkatalog verzeichnet hatte, nämlich Beiträge aus Eger und dem Egerlande vom XIV. Jahrhunderte angefangen, nach den reichen dortigen archivalifchen und amtlichen Quellen von dem Archivar und Bibliothekar der Stadt Eger, Georg Schmidt, gearbeitet, fehlte leider auf der Ausftellung; es ift zu wünfchen, dafs diefe reiche Quelle der Preisgefchichte nicht länger der Wiffenfchaft verfchloffen bleibe, nachdem fchon der Schebek'fche Katalog diefelbe nebft den Schwarzenberg'fchen und Reichenberger Quellen als wefentliche Ergänzungen für eine erfchöpfende Preisgefchichte von Böhmen bezeichnet hat. " Für Mähren dienten noch als Ergänzung die Verzeichniffe des Culturaufwands, des Zug- und Arbeitslohnes und der Körnerpreife feit 100 Jahren, welche Forftrath H. C. Weber feiner Schrift über das Markgrafthum Mähren, ftatiſtiſch fkizzirt" beigegeben hat. Aus Steiermark hatte man aus der Feder des Schulrathes Peinlich, Director des I. Staatsgymnafiums in Graz intereffante Beiträge erwartet, deren Ausstellung gleichfalls leider unterblieben ift, obwohl fie handfchriftlich fchon vollendet fein follen. Sehr bedauerlich ift es, dafs Niederöfterreich keinen Beitrag zum preisgefchichtlichen Quellenmaterial geliefert hat, nachdem doch fchon früher Sailer in feinen Arbeiten über niederöfterreichifche Münzwerthe im XIV. Jahrhunderte ( Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederöfterreich 1869) und nach ihm Horawitz in den Hildebrand'fchen Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statiſtik ( XIV. und XV. Band) gezeigt haben, welch' reiche Ausbeute auch die dortigen Quellen verfprechen. Nur die Wiener Frucht- und Mehlbörfe hatte die Preisbewegung von Weizen und Roggen von 1823 bis 1872 zum Gegenstande graphifcher Darftellungen gemacht( fiehe unten), ohne dafs wir jedoch die hiefür zu Grunde gelegten Daten haben ermitteln können, die aber jedenfalls auf den officiellen Notirungen an diefer Börfe begründet fein werden. Damit ift die Maffe deffen, was aus Oefterreich an preisgefchichtlichem Quellenmaterial auf der Ausftellung geboten war, erfchöpft, wenn wir nicht noch die in den Mittheilungen der k. k. ftatiſtiſchen Centralcommiffion und in den Berichten der verfchiedenen Handelskammern niedergelegten Preisdaten( gewöhnlich bei den Verkehrsausweifen) hieher beziehen wollen. Wie Vieles aber hätte gewonnen werden können, wenn man allenthalben nur mit ähnlichem Eifer( von Opfern gar nicht zu reden) vorgegangen wäre, wie die Prager Handelskammer, und gar, wenn jede öfterreichifche Provinz ihr eigenes ftatiftifches Bureau hätte, ein in jeder Beziehung fchreiendes Bedürfnifs das konnte man an dem ungeheuren Uebergewicht ermeffen, welches gerade Böhmen in diefer additionellen Ausftellung zukam, deffen wohlausgebildete Kronlands- Statiſtik gewifs auch auf diefem Gebiete die mächtigfte Anregung ausübte. - - Was Trieft in feinen Beiträgen zur Darstellung des Welthandels für die Preisgefchichte bot, was insbefondere auch die Budapefter Handelskammer in ihrem prachtvollen Elaborate über die Preife nach den Notirungen des Pefter Marktes geliefert hat, das gehört im Wefentlichen fchon der zweiten Gruppe von Objecten der additionellen Ausftellung an, welche fchon eine erfte Bearbeitung preisgefchichtlichen Rohmateriales zeigen. Wir werden über diefelben 2 18 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. weiter unten im Zufammenhange berichte. Dagegen bietet das„, ftatiftifche Jahr buch der Stadt Peft", herausgegeben von Jofef Köröfi, Beiträge zur Gefchichte der Preife in Peft( auch als Separatabdruck erfchienen), welche das von der Budapefter Handelskammer für ihre Bearbeitung verwendete Material wefentlich zu ergänzen vermögen. Zwar find in diefer Schrift meift diefelben Waaren berücksichtigt wie in der Publication der Budapefter Handelskammer, aber bei Köröfi find die Marktpreife, das heifst die amtlichen Notirungen gefammelt, welche von den auf den Pefter Platz gebrachten Nahrungsmitteln durch das Marktinfpectorat aufgezeichnet werden, während die Handelskammer ihren Berechnungen die Börfenpreife zu Grunde gelegt hat. Gerade dadurch, dafs man diefelben Waaren unter verfchiedenen Gefichtspunkten( Barkauf und Speculation) in ihren Preisdifferenzen vergleichen kann, wird der Beitrag des Pefter Jahrbuchs in feinem Werthe erhöht, wie er anderfeits zur vollkommeneren Brauchbarkeit der Bearbeitung der Handelskammer wefentlich beiträgt. Gegenüber diefer Fülle preisgefchichtlichen Materials, welches OefterreichUngarn aus faft ausnahmslos unbekannten und unbenützten Quellen zur Wiener Weltausstellung gebracht hatte, ift Alles von den übrigen Staaten Gelieferte, wenn auch noch fo werthvoll, doch unbedeutend, und es ift um fo mehr zu bedauern, dafs das Specialprogramm der kaiferlichen Commiffion im Auslande fo wenig Eindruck gemacht, fo wenig Erfolg gehabt hat, als die Vorarbeiten zu einer Preisgefchichte befonders in Deutſchland und England, aber auch in Frankreich und Italien fchon ungleich weiter vorgefchritten waren und daher eine viel beffere Unterlage geboten hätten als diefs in Oefterreich- Ungarn der Fall war. Die Ausftellung deffen allein, was die Forfchung in diefen Ländern bereits an preisgefchichtlichem Material zu Tage gefördert hatte, würde im Stande gewefen fein, denfelben einen ebenbürtigen Platz neben Oefterreich zu fichern und es war ein grofser Fehler und ein unverzeihliches Mifsverftändnifs, die Riefenarbeit des letzten Jahrzehnts auf dem Gebiete der gefchichtlichen Statiſtik nicht eben fo gut auf der Ausftellung zur Anfchauung zu bringen, wie z. B. die Kunft ihre neueren Schöpfungen, die gewifs nicht wegen und für die Ausftellung fpeciell gearbeitet worden find, in der Kunfthalle vorgeführt und damit ein Gefammtbild der künftlerifchen Entwicklung der neueften Zeit gefchaffen hat. Das eben ift ja der Werth und die geiftige Bedeutung der Weltausftellungen. dafs fie in gemeffenen Zwifchenräumen die Summe aller menfchlichen Arbeit uns vor Augen ftellt, wie fie in treuem, unermüdlichem Ringen nach Erkenntnifs und Vervollkommnung auf allen Gebieten und von allen Punkten menfchlicher Cultur aus fich beftändig erzeugt, unterſtützt und erhebt; nicht Schauftücke find es, die wir auf einer Weltausftellung zu fehen verlangen, fondern den wahren, möglichft vollſtändigen und ungetrübten Ausdruck der Leiftungsfähigkeit aller Völker auf jedem Gebiete menfchlichen Schaffens wollen wir finden, was eben nur durch erfchöpfende Vorführung aller werthvollen, bahnbrechenden Arbeitsproducte und Verfahrungsweifen in Sammlungen und charakteriftifchen Proben möglich ift. Warum hat Hildebrand in Jena nicht die ftattliche Reihe feiner Jahrbücher für Nationalökonomie und Statiſtik ausgeftellt, welche uns in den letzten zehn Jahren in rafcher Folge fo prächtiges Material über Preis- und Lohnverhältniffe in Thüringen aus dem XVI. und XVII theilweife auch aus den beiden letzten Jahrhunderten brachten, welche die gefchichtliche Statiſtik der Preife im Königreiche Sachfen und im Grofsherzogthume Heffen cultivirten und durch zahlreiche Abhandlungen eine Theorie der preisgefchichtlichen Forfchung anbahnten? Warum fehlten Engel's werthvolle Arbeiten über die Preife der wichtigſten AckerbauProducte in Preufsen aus dem XIX. Jahrhundert, welche doch geradezu als ein Pendant zu der ungarifchen Preisgefchichte bezeichnet werden können? Von Baiern erfahren wir, dafs eine ausgiebige Betheiligung an unferer additionellen Ausftellung beabfichtigt war, dafs aber wegen der langen Unbeftimmtheit über die Art ihrer Ausführung nur einige Bruchſtücke der Anfangs beabsichtigten reich Beiträge zur Gefchichte der Preife. 19 haltigen Sammlung geliefert wurden, welche freilich auch an fich fchon von hohem Werthe und gröfstem Intereffe find, aber als Bearbeitung an fpäterer Stelle berückfichtigt werden müffen. Nur eine einzige Arbeit aus dem Deutfchen Reiche bot namhaftes preisgefchichtliches Material, Dr. Johann Falke's" Beiträge zur Gefchichte der Preife im Königreiche Sachfen 1600 bis 1700", welche in der fächfifchen Unterrichtsabtheilung eine ganz verlorene Stelle einnahm, wie es überhaupt zu bedauern war, dafs den im Folgenden zu nennenden preisgefchichtlichen Werken ihre Stelle nicht da angewiefen wurde, wo fie hingehörten, im Pavillon des Welthandels, fondern dafs fie faft durchgängig in fchwer auffindbaren Winkeln oder gar in den Bureaux der einzelnen Landes commiffionen verborgen lagen. Falke hat der Preisgefchichte feiner Heimat fchon manch' wichtigen Dienft geleiftet und ift unermüdlich thätig, der von ihm mit Vorliebe gepflegten„ gefchichtlichen Statiſtik" neues Material zuzuführen. In feiner„ Gefchichte des Kurfürften Auguft von Sachfen in volkswirth fchaftlicher Beziehung 1868," welche mit dem Preife der Jablonowski'fchen Gefellſchaft ausgezeichnet wurde, lieferte diefer Forfcher für die Münzgefchichte, wie nicht minder für die Gefchichte der Waarenpreife und Löhnungen in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrhundertes fehr werthvolle Beiträge; theils vorwärts dringend, theils die nachfolgenden Perioden heranziehend, reihte er an diefe Arbeit feine Beiträge zur fächfifchen Münzgefchichte 1444 bis 1500( in den Mittheilungen des fächfifchen Alterthumsvereines XVI bis XVIII), und die gefchichtliche Statiſtik der Preife im Königreiche Sachfen von der zweiten Hälfte des XV. Jahrhundertes bis zum Schluffe des XVI. Jahrhundertes( Hildebrand's Jahrbücher XIII und XVI), wozu ihm vornehmlich die Amts- Rechnungsbücher der fächfifchen Fürften als Quelle dienten. Unmittelbar an diefe Arbeiten reiht fich nun das ausgeftellte Elaborat, welches die Gefchichte der Preife im Königreiche Sachfen von 1600 bis 1700 weiterführt, und zwar für die Periode 1600 bis 1640 Durchfchnittspreiſe für die wichtigften Körnerfrüchte, in gleichzeitiger Währung und jetzigem Gelde auf Dresdner Scheffel umgerechnet, enthielt, von 1641 bis 1699 vollſtändige Jahresreihen der Preife von Feld- und Gartenfrüchten, Obft und getrocknetem Gemüſe; ferner Preife von Stroh und Heu, Gewürzen, Zucker und Honig, Südfrüchten, Getränken, Vieh und Viehzuchtsproducten, Forft- und Bergbau- Producte, Kleidungsftoffen und Handwerks- Erzeugniffen, Unzengold und Silber, Waffen, Schreibmaterialien und ausführliche Lohnangaben. Vorgelegt wurde nur das einfache Ziffernmaterial, während wir von Falke gewöhnt find, dafs er auch ftets eine wenigftens erfte Bearbeitung und Gruppirung desfelben verfucht und auch die zum Verſtändniffe der Geldpreis- Angaben nothwendigen münzgefchichtlichen Unterfuchungen nie vernachläffigt, die ihm nun freilich für das XVII. Jahrhundert ganz befondere Schwierigkeiten bereiten dürften. Jedenfalls verdient Falke unter den deutfchen Forfchern auf dem Gebiete der Preisgefchichte an hervorragender Stelle genannt zu werden, und der auf die Ausftellung gelieferte Beitrag, durch welchen die Preisgefchichte von Sachfen fo wefentlich gefördert und zu einer der beftgekannten unter den deutfchen Staaten erhoben ift, bürgt wohl dafür, dafs der gelehrte Verfaffer auch künftig mit derfelben Ausdauer und demfelben Verftändniffe feiner fchönen und grofsen Aufgabe nachgehen werde. Ift er ja doch felbft von der Nothwendigkeit einer Gefchichte der Volkswirthfchaft als Grundlage exacter nationalökonomifcher Unterfuchung durchdrungen.„ Die Entwicklung der Volkswirthschaft aber in auf- und abfteigender Linie ftellt fich wefentlich in Zahlenreihen dar. Zwar die Zahlen geben nicht Alles, und auch die Familien- und Volkswirthschaft enthalten Lebenselemente, die fich ftatiftifch in vollſtändig deckender Weife nicht darlegen laffen. Da aber die Mittel der Wirthschaft im Wefentlichen zählbare Güter find, fo bezeichnet die höhere oder niedere Zahl auch den Auf und Niedergang derfelben. Eine Gefchichte der Volkswirthschaft ohne gefchichtliche Statiſtik ift ein Körper von Fleiſch ohne 2* 20 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Knochengerüfte, ein Form- und haltlos verfchwommenes Gebilde ohne plaftifche Unterlage." Die Schweiz hatte durch das eidgenöffifche ftatiftifche Bureau in Bern„ Beiträge zur Gefchichte der Preife" in Manufcript ausgeftellt, mit welchen der Verfuch einer allgemeinen Preisftatiftik der Schweiz für das XIX. Jahrhundert gemacht war. Für 65 Waarengattungen und 17 Arbeiterkategorien waren von 1801 bis 1870 von fünf zu fünf Jahren Durchfchnittspreife aus verfchiedenen Cantonen gegeben und Zwifchenzahlen für einzelne Jahre eingefchoben, wenn abnorme Preife fich vorfanden oder Minimal- und Maximalpreife fehr erhebliche Abweichungen von einander zeigten. Der Stoff war gegliedert: I. Preife bei der Landwirthfchaft, wobei aufser landwirthfchaftlichen Producten auch Preife von Acker- und Wiefenland aus II, von Rebenland aus 9 Cantonen auftraten; II. Preife von Gewerbswaaren und zwar Rohproducte und Fabricate gefchieden, darunter freilich manche z. B. Baumwolle, Organzinen, Trame, Pofit. 30 bis 33 nur von dem einzigen Canton Zürich; III, Löhne und zwar theils Taglöhne der ländlichen und ftädtifchen Arbeiten, Löhne der Gewerbsgehilfen und Gefindelohn( wobei es auffiel, dafs fo oft Taglohn angefetzt war). Eine Erklärung der in den vorliegenden Zahlen zu Tage tretenden Differenzen in den Preifen der verfchiedenen Jahrzehnte, wie fie in den einzelnen Cantonen fich geftaltet haben, war in der Einleitung nicht gegeben, in richtigem Verſtändniffe der von aufsen auf diefes kleine Verkehrsgebiet einwirkenden Umftände, welchen gegenüber die localen Einflüffe nur fecundäre Bedeutung haben. Von ähnlichen Erwägungen geleitet, hatte ja auch Baron Steiger, deffen verdienftvolle Arbeit über die Berner Getreide- etc. Preife wie früher fchon hervorgehoben, die Berner Weizen( Kernen)- und Roggenpreife mit denen Prag's in Parallele geftellt, indem er die Schweiz als Importland für ganz befonders geeignet hielt, Preisveränderungen aufzuzeigen, welche ein Refultat des allgemeinen europäiſchen Weltverkehres find. Da fich überdiefs die Operate des Baron Steiger und des eidgenöffifch- ftatiftifchen Bureaus theilweife auf demfelben Gebiete bewegen, denn auch letzteres bringt Berner Marktpreife, fo lag eine Vergleichung der Zahlen fehr nahe, welche, obfchon wegen der Ungleichartigkeit der Ausdrücke( Hektoliter und öfterreichiſche Währung einerfeits, Centner( 50 Kilogramm) und Francs anderfeits) die Vergleichung fehr erfchwert war, doch in Stichproben wenigftens annähernde Uebereinstimmung der beiderfeitigen Daten zeigte. Nur in Betreff des Dinkels, als der gewöhnlichen Brotfrucht in Bern ift eine erhebliche Differenz unaufgeklärt geblieben. Während das eidgenöffifche Operat Dinkel und Kernen unter der gemeinſamen Bezeichnung Korn aufführte, machte Baron Steiger aufmerkfam auf die eigenthümliche Erfcheinung des Preisverhältniffes des Dinkels zum Preife des durch Entfernung der letzten Spelzenhülfe daraus gewonnenen reinen Kernens, welcher feinerfeits fich im Preife dem Weizen gleichhielt. Während nämlich im XVI. Jahrhundert der Preis des Kernens zum Dinkel wie 2: 1 ftand, war das Verhältnifs: im XVII. und bis gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts wie 234 I von 1791 bis 1800 1801 bis 1820 " " 1821 bis jetzt : " 22/3: I " 9 212 I " 21: I Die Urfache liegt in der durch beffere Cultur und reineres Putzen, nach und nach beffer und kernreicher gewordenen Befchaffenheit des Dinkels, fo dafs es weniger Dinkel benöthigte, um die gleiche Menge Kernen daraus zu gewinnen. Es wäre fehr zu wünſchen gewefen, dafs aus dem eidgenöffifchen Elaborate erfichtlich geworden wäre, ob„ Korn" als Durchfchnittsfrucht von Dinkel und Kernen berechnet, oder ob Dinkel und Kernen etwa promiscue gebraucht wurden. Freilich ift in jedem Falle die Angabe unklarer, als es für preisgefchichtliche Quellenwerke zuträglich ift. Als Ergänzung diefes einzigen fpeciell für die additionelle Ausftellung gelieferten fchweizerifchen Elaborates heben wir zunächft eine Abhandlung aus Beiträge zur Gefchichte der Preife. 21 der Zeitfchrift für fchweizerifche Statiſtik" IX. Jahrgang, 2. Quartalheft über Lebensmittel- Preife in Zürich 1800 bis 1872( von Bertelsmann) hervor; ganz befonders um die Statiſtik der Arbeitslöhne aber hat fich die Zürcher ftatiftifchvolkswirth fchaftliche Gefellfchaft( an ihrerSpitze Profeffor V.Böhmert) verdient gemacht, welche unter anderem auch eine eingehende Enquête über Arbeitslöhne veranlafste und fchon im vergangenen Jahre in einem Berichte über ihre Ver handlungen in der focialen Frage als Probe die Löhne der Hürlimann'fchen Spinnerei in Rapperswyl 1835 bis 1872 von 8 Arbeiterkategorien brachte. Profeffor V. Böhmert hat aufserdem in einem im Auftrage der eidgenöffifchen Generalcommiffion für die Weltausftellung verfafsten, noch nicht vollendeten Berichte über Arbeiterverhältniffe und Fabrikseinrichtungen in der Schweiz, auch die Arbeitslöhne und Lohnzahlungs- Methoden in den Kreis feiner Darftellung gezogen und es wird damit eine reiche exacte Grundlage für die Beurtheilung der Arbeiterund focialen Verhältniffe in der Schweiz geboten, wie fie die unerlässliche Vorausfetzung einer gefunden Behandlung der fogenannten focialen Frage bildet. Von England, dem claffifchen Lande der Preisgefchichte, haben wir aufser einem älteren Werke der Miss Boofe in Edinburg" A century of banking in Dundee; being the annual balance sheets of the Dundee Banking Company from 1764 to 1864. 2. Ed. 1867." und einer ftatiſtical Table of Tea( J. C. Sillar and Comp., Brokers) nichts entdecken können. Der Tafel, welche die Theepreife in London von 1836 bis 1870 brachte, waren hiftorifche Notizen über den Theeconfum von 1610 an bis in die Gegenwart beigegeben und durch die Berückfichtigung der Quantitäten neben den Preisangaben ift allerdings Verdienftvolles gefchaffen worden. Rogers' berühmtes Werk Hiftory of agricultur and prices of England, von welchem leider immer erft zwei Bände( bis 1400 reichend) erfchienen find, während der Verfaffer die reichen Urkundenfchätze der englifchen Stifte, Klöfter und Güter bis zum Ende des XVIII. Jahrhundertes, wo das TookeNewmach'fche Werk über die Gefchichte und die Beftimmnng der Preife beginnt, fortführen will, ift wenigftens indirect in den Arbeiten des Profeffors Lafpeyres in Carlsruhe zur Ausftellung gebracht, indem diefer Gelehrte die Hauptrefultate. der Berechnungen aus dem Werke von Rogers graphifch dargestellt hat.( Siehe unten.) Aber wie verdienftvoll und einer Weltausftellung würdig wäre es gewefen, wenn England uns die wichtigen und reichen Quellen feiner Preisgefchichte, aus welcher alle Bearbeiter gefchöpft haben und noch immer fchöpfen müffen, etwa gar in Original, vorgeführt hätte, von den Eton- und Oxford- Tabellen an( von 1595, beziehungsweife 1583 an) bis auf die amtlichen Regifter feit 1770, wodurch England alle übrigen Länder bei Weitem an Reichthum zuverläffiger Preisangaben übertrifft, und welche noch dazu durch die Notizen in F. Eden's State of the Poor ( 1797) bis auf das Jahr 1401 zurückgeführt find! Aus den Ländern der romanifchen Zunge waren fehr vielverfprechende Arbeiten über die italienifche Preisgefchichte' in Ausficht geftellt, welche zwar im Specialkatalog der italienifchen Ausftellung verzeichnet, aber, da wir diefelben trotz eingehendfter Nachforfchungen nicht zu entdecken vermochten, wohl nicht eingefendet worden waren. Da aber doch angenommen werden kann, dafs diefe Beiträge wirklich gearbeitet, wenn auch etwa nicht vollendet wurden, fo wollen wir wenigftens die Aufmerkfamkeit der Forfcher darauf lenken und hoffen, dafs fie bald das Tageslicht erblicken werden. Es ift zunächft von dem Advocaten Gio. Batt. Regoli in Siena ein Volumne manofcritto contenente la ftoria dei prezzi dal fecolo XIII. inclufive al corrente anno 1872, ein Werk, wohl beftimmt, die zerftreuten Angaben von Librario's berühmter Economia politica del medio evo zu ergänzen; fodann von der Camera di commercio di Rovigo ein Profpetto in ftampa de' prezzi annuari della piazza di Rovigo dal 1813 in poi, con relazione ftatiſtica. Spanien brachte durch das Minifterio de Hacienda und durch die Direccion General de Eftatiſtica ftatiftifche Ausweife, befonders über 22 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. den Handel, welche wenigftens durch ihre Zahlen über die Waaren- und Werthbewegung einigermafsen in das Gebiet der Preisftatiftik einfchlagen, wie auch die von der Commiffion Centrale de Liffabon im Pavillon des Welthandels ausgeftellte, von Joaquim Jofé de Queiroz gearbeitete Sammlung graphifcher Tableaux, die allgemeine Bewegung des portugiefifchen Handels darftellend ( fiehe unten), nebft einer anliegenden Schrift in franzöfifcher Sprache, welche nähere Auffchlüffe und Zahlen gibt, unter gleichem Gefichtspunkte hierher bezogen werden kann. Von Rufsland war ein Tableau de Commerce extérieur de la Ruffie de 1856 à 1871, über Rufsland eine als Manufcript gedruckte Schrift W. v. Lindheim's ausgeftellt, welche die wirthschaftlichen Verhältniffe des ruffifchen Reiches im Anfchluffe an die polytechnifche Ausftellung in Moskau fchilderte und neben Nachrichten über die ruffifche Staatsbank aus dem Jahre 1871, und über die Privatbanken ( Ende 1872) auch den ruffifchen Handel und die Zolleinnahmen( 1871 und 1872), die Montaninduftrie und die Ausmünzung( 1869 und 1870), die Salzinduftrie 1865 bis 1869 und die Viehzucht nach dem Stande von 1872 behandelt und dabei auch der Preife und Gefammtwerth- Umfätze gedachte. Sehr bedeutend hatte der Orient fich an der Darftellung des Welthandels zum Theile auch an der Gefchichte der Preife betheiligt, befonders wenn man den wirthschaftlichen und adminiftrativen Zuftand der einzelnen orientalifchen Staaten in Betracht zieht. Da nach dem Specialprogramme über die officielle Berichterftattung die Ausftellungen der orientalifchen und oftafiatifchen Völker in einem eigenen Theile diefes Berichtes ausführlich befchrieben, die Bedeutung derfelben für Europa und deffen Handels- und Induftriepolitik gekennzeichnet und insbefondere den Handelsintereffen Oefterreichs in diefer Richtung umfaffende Aufmerkfamkeit zugewendet wird, fo können wir uns hier wohl mit gutem Grunde kurz faffen, um fo mehr, als durch die Beiträge aus dem Orient doch mehr nur die Preisftatiftik der Gegenwart, als auch die Preisgefchichte beleuchtet wurde. Zunächft kommen jene Arbeiten in Betracht, welche von verfchiedenen, theils genannten theils ungenannten Verfaffern im Cercle oriental ausgeftellt waren. In einer Reihe graphifcher und tabellarifcher Darftellung von Preisfchwankungen und Verkehrsverhältniffen, wozu die Beobachtungen und das Materiale von dem Markte zu Conftantinopel gefammelt war, lagen die Preis- und Waarenumfatz- Verhältniffe von levantinifcher Baumwolle, levantinifchen Galläpfeln, Rofenöl, Cerealien, Kreuzbeeren, Tiftik aus dem Jahre 1871 vor; die Darftellung von Jokahama's Seidenausfuhr mit Preisnotirungen umfafst die Periode 1862 bis 1871; von Bruffafeide waren Preisfchwankungen aus den Jahren 1866 bis 1871 notirt. Aus Egypten war dafelbft die Bewegung der Getreidepreife von 1862 bis 1872 dargestellt mit Detail für Gerfte, Weizen, Mais und Bohnen; ferner fanden wir Preife egyptifcher Baumwolle von 1821 bis 1872, Faier 1862 bis 1872 notirt und in Regny Bey's Werk über den Handel in Sudan( von Prof. Brugfch) waren ftatiftifche Notizen über Waarenmaffen und Preife in Khartum, dem Centrum des Handels in Sudan, enthalten. In der egyptifchen Abtheilung waren dann noch befondere Handelsund preisftatiftifche Arbeiten von hohem Intereffe zu fehen. Eine Tabelle enthielt: Valeur totale officielle des Exportations de toute Egypte pendant les vingt dernières années( 1569 année copte à 1588 a. c. 1853 à 1872); eine weitere Valeur totale officielle exporté par chaque Douane d'Egypte pendant 1863 à 1872. Eine grofse Tafel ftellte dar: Valeur totale des importations et exportations d'Alexandrie de 1823 à 1872. Die Zahlen hiefür waren für die erfte Periode 1823 bis 1837 den Memoires de la fociété Imp. Ruffe de geographie entnommen, für die zweite Periode 1838 bis 1852 aus den Annales de commerce exterieur publiées par le gouvernement français, für die dritte Periode 1853 bis 1862 und für die vierte von 1863 bis 1872( den Import betreffend) nach privaten Angaben, von 1863 bis 1872( den Export betreffend) nach officiellen Angaben der egyptifchen Regie Beiträge zur Gefchichte der Preife. 23 rung zufammengeftellt, und in drei Tafeln und einer Ueberfichtstafel zur Anfchauung gebracht. Ein fehr fchön gedrucktes Werk, Statiftique d'Egypte, vom Minifterium des Innern herausgegeben( Le Caire 1873), vervollſtändigte und ergänzte diefe Daten in mannigfacher Beziehung. Faffen wir unfer Urtheil über diefe erfte Gruppe der additionellen Ausftellung zufammen, fo kann nur mit Vergnügen conftatirt werden. dafs für die Preisgefchichte eine ungeahnte Fülle von grofsentheils fehr fchönem und werthvollem Materiale, und zwar befonders von folchen Ländern geboten wurde, welche bisher durch bedauerlichen Mangel an zuverläffigen Preisdaten bekannt waren. Auch läfst fich nicht leugnen, dafs im Allgemeinen ein ganz gefunder, natürlicher Inftinkt und eine verſtändige, zweckbewufste Behandlung die preisgefchichtlichen Quellenarbeiten leitete, obfchon wir es in der überwiegenden Mehrzahl mit Dilettanten oder wenigftens nicht mit ausgefprochenen Fachmännern zu thun hatten. Nur die aus der Unkenntnifs der Gefahr allzuleicht entſpringende Kühnheit in weiterer Verfolgung obenhin fich ergebender Refultate und in umgeftaltender, die Original angaben verwifchender Behandlung der Zahlen ift, theils als vergebliche Arbeit, theils fogar zum Schaden derfelben auch hier nicht felten aufgetreten. Da nun hoffentlich als ficher angenommen werden kann, dafs das in fo grofsem Mafsftabe begonnene Werk einer fyftematifchen Ausbeutung unferer Archive und Regiftraturen für die preisgefchichtliche Forfchung rüftig fortgefetzt werde, und da die erfte Arbeit des Sammlers von Preisdaten meiftens folchen Männern zufallen wird, welche bei vollem Verftändniffe für den Werth der Preisgefchichte im Allgemeinen doch nicht allen Fortfchritten der Theorie und ftatiftifchen Technik folgen können, fo dürfte es wohl hier am Platze fein, an der Hand der additionellen Ausftellung einige Gefichtspunkte flüchtig zu bezeichnen, welche fich uns auch, ein Refultat des Studiums der ausgeftellten Quellenwerke, als wichtig genug ergeben haben, um allgemein bekannt und bei künftigen Arbeiten von allen Seiten gleichmässig berücksichtigt zu werden. Vorerft mufs allenthalben für die Preisgefchichte gefammelt werden und zwar ohne Unterfchied, ob Stadt oder Land, ob wichtiges oder minder wichtiges Verkehrsgebiet; auch mufs Alles gefammelt werden, was an zuverläffigen Preisangaben aufgefunden wird, nur dafs den wichtigeren Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen in der Art ein Vorzug eingeräumt werden kann, dafs von ihnen auch zerftreute, vereinzelte Angaben ihren Werth behalten, während von feltener auftretenden und wenig wichtigen Artikeln nur einigermassen zufammenhängende und chronologifch ausgedehnte Angaben nie unberücksichtigt bleiben dürfen. Es gilt eben auch hier, wie von allen exacten Einzeln- oder Maffenbeobachtungen, es gibt ihrer nie genug und man weifs nie, ob fich noch beffere Zahlen finden werden, als die fich eben darbietenden; auch find die Zwecke preisgefchichtlicher Arbeiten fehr verfchieden, und wenn etwa auch der Nationalökonom mit ficheren Zahlenreihen von den Haupt- Marktorten fich begnügen könnte, fo wird doch der Culturhiftoriker auch auf Preisnotirungen vom Lande nicht gerne verzichten; und es iſt jedenfalls beffer, wenn die Auswahl von Fachmännern gefchieht, die ein vorliegendes Materiale für weitere Unterfuchungen fich zurecht machen, als von denen, die bei der Sammlung von Daten gar nicht im Stande find, die verfchiedenen wiffenfchaftlichen Ziele in's Auge zu faffen. Insbefondere darf fich die erfte Sammlung auch nicht auf die amtlichen Daten befchränken; zuverläffige Privataufzeichnungen über Marktpreife, wie fie z. B. Schebek mit Ulr. Schöbek's Specification über Weinpreife 1715 vorgelegt hat, und wie fie in fo vielen Haushaltungen aus früheren Zeiten noch vorhanden fein dürften, find oft werthvoller und genauer für die Kenntnifs der Detail- Marktpreife eines Ortes als die amtlichen Ausweife, die nicht felten an jener bureaukratifchen Unbehilflichkeit und doch auch wieder, bei aller Pedanterie, an jener nur fehr approximativen Genauigkeit leiden, welche amtliche Zahlenausweife diefer Art von jeher und befonders in älteren Zeiten charakterifirt. 24 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Als eine weitere wichtige Forderung müffen wir es bezeichnen, dafs die Sammler für die Preisgefchichte fich unbedingt an die Originalzahlen halten und genaue Angaben über ihren Charakter machen. Denn es ift ein Anderes, mit Marktoder Reluitionspreifen, mit en gros- oder Detailpreifen zu arbeiten; ja felbft feinere Unterfchiede( Baarzahlung oder Zeitcurfe, Standort der Waare, hinzu. tretende Naturalleiftungen etc.) find von weittragendfter Bedeutung; gleichzeitig fällt es aber in den Bereich diefer Specialforfcher für die Preisgefchichte, über die ortsüblichen alten Mafse und Gewichte, fowie über die älteren gangbaren Münzforten fich möglichft genaue und vollſtändige Informationen zu verfchaffen, um den bearbeitenden Fachmännern, die das Materiale mehrerer Gegenden zufammenfaffend bearbeiten müffen, und alfo diefe Details nicht an Ort und Stelle unterfuchen können, womöglich einen fertigen Schlüffel zur Umrechnung der Originalzahlen an die Hand geben zu können. Befonders gilt das für die in früherer Zeit fo taufendfach verfchiedenen Mafse, während die jeweilige Geldwährung doch immer ein gröfseres Gebiet beherrschte, alfo auch fchon mehr in den Arbeitskreis der an einem Mittelpunkt thätigen Preisftatiftiker fällt. Durchfchnittszahlen anftatt der Originalzahlen gegeben, haben für den Forfcher fo gut wie gar keinen, und auch neben ihnen nur einen relativen Werth, indem ihre Richtigkeit doch immer erft controlirt werden mufs; faffen wir dabei noch in's Auge, dafs das arithmetifche Mittel durchaus noch nicht die unbeftrittene Herrfchaft bei Durchfchnittsberechnungen beanfpruchen darf, fo wird die Mahnung, ja die Originalzahlen nicht zu vernachläffigen, gewifs wohlbegründet erfcheinen. Faft noch bedenklicher find die Reductionen, welche ohne die nöthige wiffenfchaftliche Controle von Specialforfchern felbftftändig vorgenommen werden. Die Theorie der ftatiftifchen Reductionen ift nach dem Eingeftändniffe hervorragender Statiftiker noch kaum in Angriff genommen, und ebenfo ift in Betreff der Beftimmung der Münzwerthe und der Vergleichung älterer Werthzeichen mit den heutigen noch keinerlei Gleichförmigkeit erzielt; Prüfung des Feingehaltes erhaltener Stücke, Münzungsnachrichten und Cursberichte werden neben und gegen einander benützt. Endlich möchten wir die Aufmerkfamkeit der Forfcher auch noch auf den Werth der Quantitätsbeftimmungen jener Güter lenken, die überhaupt im Localverkehre eine gröfsere Rolle spielen und auf die gleichzeitige Bevölkerungsziffer, von welcher uns auch aus früherer Zeit mehr Nachrichten erhalten find, als man fich im Allgemeinen träumen läfst. Alle auf den Localverkehr Einflufs nehmenden gefchichtlichen Vorgänge find jedenfalls, ebenfo wie umfaffende Witterungsnachrichten für die Producte der Landwirthfchaft nothwendige Ergänzungen. Nur wenn auf diefe Weife Sorgfalt und Methode in die weitere Sammlung preisgefchichtlichen Materiales eingeführt wird, läfst fich hoffen, dafs die fchöne Frucht gedeihen werde, zu welcher auf der Weltausftellung die erften kräftigen Keime fich zeigten. Erfte Bearbeitung der Preisgefchichte. Wir faffen in diefer Gruppe alle Ausftellungsobjecte zufammen, welche fich nicht darauf befchränkten, das preisgefchichtliche Material, wie es in den Quellen fich vorfand, in einfach fyftematiſcher Ordnung mitzutheilen, fondern welche an demfelben folche Operationen und Veränderungen der Form unternahmen, wie fie zu weiterer unmittelbarer Verwerthung für die Nationalökonomie und Culturgefchichte geboten find. Streng genommen gehören freilich hieher auch fchon alle Durchfchnittsberechnungen und Reductionen auf einheitliches Mafs, Gewicht und Geld, weil ja auch hiedurch die Originalzahlen verwifcht und an ihre Stelle eine durch einen wiffenfchaftlich geregelten Vorgang hervorgegangene Zahlenreihe tritt; und infoferne boten faft alle ausgeftellten Elaborate mehr oder minder auch fchon erfte Bearbeitungen, welche nicht felten fogar durch raifonnirende Beiträge zur Gefchichte der Preife. 25 Einleitungen oder Schlufsworte vervollſtändigt wurden. Es läfst fich aber doch auch hier eine Grenze ziehen, ähnlich wie in der Induftrie zwifchen Rohftoff und Halbfabricat, wo ja auch von letzterem erft gefprochen wird, wenn irgend ein neues technifches Princip der Bearbeitung Anwendung findet, wodurch diefelbe über die blofs äufserliche Formung des Rohftoffes hinausgeht. Der Vollständigkeit halber wollen wir aber, fo weit diefs nicht im Vorgehenden fchon gefchehen ift, doch auch diefe erften Operationen der Syftemifirung, Durchfchnittsberechnung und Reduction kurz berühren, bevor wir über die eigentlichen preisgefchichtlichen Halbfabricate( sit venia verbo) berichten. In Bezug auf die Anordnung des Stoffes hatten fchon die Specialprogramme der kaiferlichen Commiffion Directiven gegeben, die freilich mit einander nicht im vollſtändigen Einklange waren. Während das allgemeine Programm vom 16. September 1871 von den bedeutendften Productionsgebieten die Preife der wichtigeren Artikel möglichft weit zurückreichend und nach fünfjährigen Durchfchnitten neben einander gereiht, unter gleichzeitiger Vorlage von Muftern und Proben verlangte, präcifirte das Specialprogramm vom 30. December 1871 als Gegenftände diefer additionellen Ausftellung: 1. Die Preisangaben der für den Verkehr des betreffenden Landes wichtigften Artikel; 2. die Angabe der gleichzeitig beftandenen Lohnhöhe für gemeine Arbeit; 3. die Angabe des Preifes der im gleichen Zeitraume meift verbrauchten Brotfrucht; 4. die Anführung fchriftlicher Erklärungen der von 2 bis 3 angeführten Daten und des Grundes ihrer Veränderung. Es ift daraus erfichtlich, dafs von Anfang an fchon mehr an eine Bearbeitung preisgefchichtlichen Materials, als an eine blofse Anordnung desfelben gedacht war, und, fo richtig auch der darin ausgefprochene Gedanke fein mochte, dafs diefe Combination die jeweilige Kaufkraft des Geldes anzeigen könne( freilich nur mit Vorbehalt), fo erwies fich denn doch bei der Ausführung diefes Programmes gar bald, dafs zunächft befcheidenere Ziele, diefe aber auf breiteren Bahnen verfolgt werden müfsten, bevor man zu einer begründeten und ftreng kritifchen Prüfung des wechfelnden Preisftandes" gelangen könne. " Diefem Bedürfniffe Rechnung tragend, entwarf denn Dr. E. Schebek für die Mitarbeiter an der Prager Collectivausftellung ein eigenes Programm, in welchem alle Preisangaben und nur Originalzahlen für zuläffig erklärt wurden, wodurch fowohl für möglichft viele Verkehrsgüter vollständige Preisreihen als auch insbefondere lauter unverfälfchte, durch keine Umrechnung in ihrer unmittelbaren Glaubwürdigkeit getrübte Angaben erhofft werden konnten. Es war eine richtige Erwägung, dafs es zunächft auf Richtigkeit des Bildes, nicht auf frappante, gemeinfafsliche Schauftellung ankomme, und dafs Durchschnittsberechnungen und Reductionen nur dann von wahrem Werthe feien, wenn die Rechenoperationen an der Hand der Originalzahlen controlirt werden können. Zwar läfst fich nicht verkennen, dafs die einzelnen Preisartikel für die allgemeine Wirthfchafts- und Culturgefchichte und ihre theoretifche Verwerthung von fehr ungleichem Gewichte und eine Ausfcheidung der wichtigeren von den unwichtigeren Gegenftänden, die aber nur immer für kleinere Gebiete gemacht werden kann, möglich, und zur Befchleunigung der Arbeiten fogar räthlich fei; aber fo lange hier nicht mit grofser Sach- und Ortskenntnifs Normen für weitere Quellenforfchung aufgeftellt find, war es jedenfalls das einzig Richtige, unterfchiedslos zur Sammlung aller Preisangaben aufzufordern, da ja dadurch erft ein ficheres Urtheil über die gröfsere oder geringere örtliche Bedeutung der einzelnen Preisartikel zu gewinnen war. Leider find in Bezug auf die Durchfchnittsberechnungen ähnliche Directiven weder von der kaiferlichen Commiffion, noch von der Prager Handelskammer aufgeftellt worden, was freilich bei dem noch immer controverfen Stande diefer theoretifchen Frage begreiflich, aber auch Veranlaffung war, dafs in dilettantifcher Weife und ahnungslos Durchfchnitte aus blofsen Minimal- und Maximalziffern, aus ungleich langen oder lückenhaften Perioden berechnet wurden, die 26 Dr. Carl Theodor von Inama Sternegg. Eintheilung der Perioden bald von 1 bis 10, bald von o bis 9, bald von ganz beliebigen Jahren ausging, fo dafs eine Vergleichung der Durchfchnittsziffern verfchiedener Elaborate nur in feltenen Fällen möglich war. Das arithmetifche Mittel fand ausnahmslos allenthalben Anwendung; man unterfuchte nicht einmal probeweife den Werth des geometrifchen oder harmonifchen Mittels für die Preisgefchichte, obwohl der allen Fachmännern bekannte Streit, welches Mittel den Vorzug verdiene, bisher weder entfchieden ift, noch auch ohne Weiteres zu Gunften des einfachften und geläufigften arithmethifchen Mittels entfchieden werden kann. Auch in Betreff der Zahl einzelner Preisangaben, aus welchen Durchschnitte berechnet wurden, fand keiner bei Uebereinftimmung ftatt; Durchfchnitte aus den Preifen vieler Standorte wurden neben folche von einigen wenigen Orten zur Vergleichung geftellt; abnorme Jahre bald ausgefchieden, bald in die Berechnung eingezogen, und durch alle diefe Verfchiedenheiten in der Methode der Durchfchnittsberechnung entstand denn begreiflicher Weife eine folche Ungleichheit in der wahren Bedeutung und in dem inneren Werthe diefer Durchfchnittszahlen, dafs man die Refultate, wenn auch nicht geradezu als vergebliche Arbeit, fo doch jedenfalls nur als eine vorläufige Feftftellung, keineswegs aber als definitive, fofort weiter zu verwerthende Grundlage für die Preisgefchichte der einzelnen Länder, am wenigften aber für die vergleichende gefchichtliche Statiſtik betrachten darf. Ungleich mehr Vorficht und Bedacht zeigt fich im Allgemeinen bei den Reductionen alter Mafs-, Gewichts- und Geldangaben, wie denn überhaupt diefe Seite zu den gelungenften der ganzen preisgefchichtlichen Ausftellung gehörte. Die Reduction alter Mafs- und Gewichtsangaben bietet allerdings überhaupt wenig Schwierigkeiten, da man es hier mit Gröfsen zu thun hat, welche weder fo wechfelnd, noch fo unficher in ihrer Beftimmung find, als dies bei den Geldangaben der Fall ift; aber auch in Bezug auf diefe letzteren hat die Ausftellung vieles Vortreffliche, ja geradezu Unschätzbare geliefert. Befonders für Oefterreich find durch das Zufammentreffen mehrerer gründlicher Arbeiten die Geldverhältniffe der letzten hundert Jahre wohl fo klar gelegt, dafs einer jeden Reduction älterer Preisangaben auf die gegenwärtige öfterreichifche Währung künftig alle Schwierigkeiten und Hinderniffe aus dem Wege geräumt find. Von den Mitarbeitern an der Prager Collectivausftellung haben vor Anderen verdienftvoll gearbeitet: Der fürftlich Auersperg'fche Gutsverwalter Jofef Holešovský in Zleb, welcher bei feinem Elaborate den Curs der Bankozettel von 1799 bis 1818 vorgemerkt hat, ferner A. Freiherr v. Weyhe- Eimke in Náchod, mit feinen Reductionstabellen über Preife verfchiedener Gegenftände von 1634 bis 1872 in öfterreichifche Währung, fodann der gräflich Thun zu Hohenftein'fche Directionsadjunct Guftav Welz in Rothenhaus in einem Rückblicke auf die Entwicklung des Rechnungswefens und auf die Münz-, Mafs- und Gewichtsverhältniffe, die gräflich Thun- Hohenftein' fche DomänenCentraldirection in Prag in einer vergleichenden Aufftellung der verfchiedenen Währungen, Mafse und Gewichte, das Consorzio agrario di Trento in Anmerkungen über Münz-, Mafs- und Gewichtswefen; befonders aber Baron A. Steiger und Dr. E. Schebek in Prag felbft. Letzterer hat in einer( feinem Kataloge als Beilage E beigegebenen) Reduction der Urban'fchen Tabellen aus Prag ( fiehe oben) fich die Grundlage zu weiteren intereffanten Bearbeitungsverfuchen gefchaffen( fiehe unten) und fowohl den Curs der Bankozettel und der Wiener Währung im Verhältniffe zur Conventionsmüuze, als auch den Stand des Silberagios von 1848 bis 1872 mitgetheilt; erfterer hat fich gleichfalls in diefem Kataloge ( Beilage B) über alte böhmifche Geldwährung und neuere öfterreichiſche Währungen verbreitet; in letzterer Richtung brachte er eigene Reductionstabellen für Bankozettel( 1799 bis 1811), Einlöfungsfcheine( 1811 bis 1818) Wiener Währung und Conventionsmünze( 1818 bis 1858), fowie öfterreichifche Währung auf effectiv Silber; in erfterer Richtung verfuchte er den reellen(?) Werth der alten böhmifchen Geldwährung zu ermitteln, wofür er freilich beffer und auch für feine eigene Arbeit Beiträge zur Gefchichte der Preife. 27 zutreffender gefagt hätte, den effectiven Silbergehalt der alten böhmifchen Münzen. Denn es ift ein Anderes, den Metallwerth eines beftimmten Geldes, ein Anderes den reellen oder Sachwerth( die Kaufkraft) des Geldes feftftellen wollen. Letzteres ift, beiläufig bemerkt, das fchwierigfte Problem der Preisgefchichte, welches erft nach einer fehr umfaffenden und durchdringenden Bearbeitung der verfügbaren Preisdaten einer Löfung entgegengeführt werden kann; Erfteres dagegen ift eine der weiteren Bearbeitung vorangehende Aufgabe, welche gelöft werden kann theils durch Unterfuchung erhaltener Münzen felbft, theils durch Erforschung der Münzungsvorgänge, theils durch Feftftellung des Cursverhältniffes verfchiedener Münzforten an der Hand der Münzordnungen und gefchichtlicher Nachrichten über Feingehalt und Werthsverhältnifs der Münzen. Was auf diefem Wege erfunden. werden kann und auch gefunden werden mufs, wenn die Unterfuchung eine abgefchloffene fein foll, das ift vor Allem die Kenntnifs des Währungsmetalls, des Münzfufses, der Legirung etc. Zu diefem die Befchaffenheit der Münzen betreffenden Verhältniffen kommen noch hinzu und müffen als wichtig erforfcht werden die gefetzliche Texation der Münzen, Wechfelcurs und Agio. - Aus dem Verhältniffe der Anzahl von Münzen, welche aus der gleichen Einheit feinen Metalls in verfchiedenen Zeiten geprägt wurden, lernt man nur die Verfchiedenheit des Münzfufses kennen- und felbft diefe nicht genau, wenn nicht Legirung, Differenz des Feingehaltes bei groben und Scheidemünzen, Schlagfchatz, Fehlgrenze etc. mitberücksichtigt werden man erfährt alfo z. B., dafs ein Wiener Pfennig im XIV. Jahrhunderte fo viel Silber enthielt, als jetzt 6.9 Kreuzer öfterreichifcher Währung; ein Pfennig im XIV. Jahrhundert ift aber defswegen noch nicht gleich 6.9 Kreuzer öfterreichischer Währung als Preisfatz, fo dafs dasfelbe Quantum Waare 6.9mal fo theuer wäre, weil ja das Feinfilber nicht gleich im Preife geblieben ift. Es ift ein weitverbreiteter, bedauerlicher Irrthum, von welchem jedoch Baron Steiger trotz feiner incorrecten Ausdrucksweife fich vollkommen freigehalten hat, zu glauben, mit dem Verftändniffe der Veränderungen des Münzfufses auch fchon das Verſtändnifs für die Veränderungen der Preife zu befitzen, indem man das Edelmetall( z. B. Mark Silbergewicht) als conftanten Werthmeffer annimmt. Aufser den Genannten haben fich befonders die Triefter- und die Budapefter Handelskammer um das Verständnifs der öfterreichifchen Geldwerthe und ihre Reduction grofse Verdienfte erworben. Erftere hat in drei hübfchen gra phifchen Tafeln die Bewegung des Silberagio in Trieft von 1834 bis 1852, 1853 bis 1862, und 1863 bis 1872 dargeftellt, woraus erfichtlich wird, dafs der höchfte Stand des Agio per 65% Percent im November 1850, der niedrigfte per 14 Percent im Februar und März 1866 beftand. Mit Meifterfchaft aber hat fich die Budapefter Handelskammer diefer Aufgabe unterzogen, indem fie nicht blofs gleichfalls in drei Tabellen den Curs von 100 fl. C. M. Silber in Bankozetteln 1799 bis 1811 von Monat zu Monat, ferner den Curs von 100 fl. C. M. in Einlöfungs- und Anticipationsfcheinen( letztere feit 1813 ganz gleichberechtigt mit den erfteren), eine Scala über den Curs der Bankozettel von 1795 bis März 1811, feftgeftellt nach den Patenten vom 20. Februar 1811, endlich wöchentliche Curfe des Silberagio 1848 bis 1872 bringt, fondern auch in mehreren Tabellen die Höhe des jährlichen Umlaufes von Bankozetteln 1781 bis März 1811, ferner von Einlöfungs- und Anticipationsfcheinen 1811 bis 1817, die Gefammtfumme der emittirten Staatsnoten von Anfang 1849 bis Mitte Auguft diefes Jahres und den Stand des Notenumlaufes von December 1848 bis Ende September 1857( warum nicht weiter fortgeführt?) darlegte und das Verſtändnifs für diefe Zahlen durch die im Texte der Einleitung ihres grofsartigen Werkes wefentlich beförderte. Können wir Durchfchnittsberechnungen und Reductionen als die unerläfslichen Vorarbeiten einer jeden weiteren Bearbeitung preisgefchichtlicher Daten bezeichnen, fo müffen wir nunmehr unfere Aufmerkfamkeit denjenigen Ausftellungsobjecten zuwenden, welche den Verfuch gemacht haben, erft Ergebniffe aus den 28 21 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. fo zubereiteten Zahlenreihen zu ziehen, ohne noch für die Theorie der Nationalökonomie oder für die Culturgefchichte unmittelbar fördernde Refultate zu gewinnen oder auch nur zu erftreben. Theils find das Paraphrafen gegebener Preisdaten mit Hinzufügung aufklärender und erläuternder, gefchichtlicher und ftatiftifcher Daten, theils find es graphifche Darstellungen, welche das aus folch reducirten Zahlenreihen gewonnene Bild in jene Form zu bringen verfuchten, in welcher es am deutlichften und eindringlichften zu dem Befchauer fpricht und am beften geeignet ift, Intereffe, Klarheit und Vergleichung zu befördern. In erfter Beziehung mag aufser auf einige fchon früher befprochene Werke( z. B. die Rückblicke" bei dem Operate über die Domäne Rothenhaus, das Vorwort zu dem Operate des Baron Steiger etc.) befonders hingewiefen werden auf Dr. E. Schebek's Abhandlungen über die Domäne Elbogen und über den Haushalt an den Patronatskirchen des ritterlichen Kreuz herrnOrdens mit dem rothen Sterne zu Dobřichovic, Slivenec und Řevnic im XVII. und XVIII Jahrhundert( Catalog Beilage F und G). In der erften fchilderte er die Zuftände der Domäne Elbogen während eines ausgefprochenen Nothjahres( 1623, nicht 1670 wie am Titel der Abhandlung fteht) und verfuchte an der Hand der Original- ,, Geld und Getreiderechnung" den wahrhaft wahrhaft exorbitanten Preifen diejenigen Preife als eine Art Regulativ entgegenzuftellen, zu welchen auf diefer Domäne den Unterthanen die Waaren veranfchlagt wurden, eine Arbeit, welche auch für die spätere Bearbeitung der Preisgefchichte Böhmens nicht unbe rücksichtigt bleiben darf. Die zweite Abhandlung ift eine wahrhaft muftergiltige, cultur- und wirthschaftsgefchichtliche Ausbeutung aller Kirchenrechnungen( von 1617 in längeren oder kürzeren Zeiträumen bis 1766), welche, fo klein die Verhält niffe erfcheinen mögen, in denen fie fich bewegen, doch in Schebek's Bearbeitung zu einem werthvollen Baufteine böhmifcher Wirthfchaftsgefchichte geworden und geeignet find, auf fo manche Seite des Culturlebens des Volkes ein fchlagendes Licht zu werfen. Alle diefe erläuternden Arbeiten aber werden weit überragt von dem grofsen Werke der Budapefter Handelskammer, auf das wir nun näher eingehen müffen, nachdem wir darüber früher nur kurz berichtet haben. Es ift ein grofsartiger, mit eben fo viel Fleifs als Sachkenntnifs gearbeiteter Verfuch, die Platzverhältniffe des Pefter Landes- Productenmarktes, welche in den Preistabellen ihren fchärfften und erfchöpfendften Ausdruck finden, in ihrer Bedeutung für die öfterreichiſch- ungarifche Volkswirthschaft nicht nur, fondern für den grofsen Weltverkehr darzulegen; ein Unternehmen von um fo gröfserer Wichtigkeit und Bedeutung, als Peft das wichtigfte von den Centren des weltbedeutenden ungarifchen Getreidehandels neben Raab und Siffek ift und befonders auch durch feine ausgebreitete Mühleninduftrie den hervorragendften Platz einnimmt, und in diefer Hinficht verdiente das Werk wohl den beften vollſtändig durchgearbeiteten preisgefchichtlichen Unterfuchungen angereiht zu werden, als deffen Endergebnifs von der Handelskammer felbft bezeichnet wird, dafs fich in dem entrollten Bilde einerfeits der mit merkwürdiger Hartnäckigkeit immer wieder aufgenommene Verfuch zeige, Ungarn wirthfchaftlich mit einer chinefifchen Mauer zu umgeben und ein Entwicklungsftudium zu conferviren, welches fich fchon längft überlebt hatte; auf der anderen Seite das unaufhaltfame Herandrängen der Creditwirthschaft an Verhältniffe, welche noch zu einem grofsen Theile den Charakter nicht etwa der Geldwirthfchaft, fondern der reinen Naturalwirthschaft tragen; endlich die leicht erklärliche, aber in ihren Folgen oft verderbliche Ungeduld einzelner, den Uebergang aus dem Agriculturftaate in den Induſtrieftaat, der fich nur langfam und ftufenweife vollziehen kann, zu überftürzen. Alles diefs fcheint der wirthschaftlichen Entwicklung Ungarns feit Anbeginn diefes Jahrhunderts auf den erften Blick die Merkmale des Unberechenbaren aufzuprägen und erfchwert insbefondere die Wahrnehmung der Thatfache, die wir mit freudiger Genugthuung als eine unzweifelhafte hingeftellt zu haben glauben, die Thatfache Beiträge zur Gefchichte der Preife. 29 nämlich, dafs Budapeſt in diefem Augenblicke zu den gröfsten Handelsemporien gehört, und dafs es fich hiezu aufgefchwungen hat, nicht durch künftliche Begünftigung, fondern trotz der Hinderniffe, die ihm immer wieder und wieder entgegengeftellt worden find. Mehr als irgendwo fonft mufs hier Ziffer und Zeichen im Einzelnen genau betrachtet werden, um das Gefetz in dem fcheinbar Unregelmässigen zu finden, für die Vergangenheit zum Verſtändnifs, für die Gegenwart zur Beruhigung, für die Zukunft zur freudigen Zuversicht. Wenn wir trotzdem über das Werk an diefer Stelle berichten, fo entſprechen wir damit nicht blofs der Auffaffung der Handelskammer felbft, welche ihre Arbeit blofs„ Beiträge" genannt hat und weit entfernt zu fein erklärte, das gefammte reiche Ziffernmaterial in fertiger abgefchloffener Unterfuchung aufgearbeitet zu haben, was wohl auch bei der kurzen Frift eines Jahres eine abfolute Unmöglichkeit war; wir glauben uns hiezu aber auch aus dem Grunde berechtigt, weil dem Werke zwei wefentliche Vorausfetzungen einer vollkommen durchgeführten preisgefchichtlichen Arbeit fehlen: die vergleichende Darftellung, um die relative Be deutung des gefchilderten Verkehrscentrums zu erkennen, und die durchgreifende Beziehung auf die Gefetze des wirthschaftlichen Lebens, zwei Momente, wodurch z. B. befonders die claffifche ,, Gefchichte und Beftimmung der Preife" von Tooke und Newmarch fich charakterifirt. Es ift diefs eher ein Vorzug als ein Vorwurf für die Arbeit der Budapefter Handelskammer, denn wo fo wichtiges Material in folcher Fülle zum erftenmale einer Bearbeitung fich darbietet, da erheifcht es die Oekonomie der Kräfte ebenfo wie die Achtung vor der Wiffenfchaft, dafs dasfelbe mit gröfster Sorgfalt und Gewiffenhaftigkeit verwerthet werde. Das Werk, deffen Schwerpunkt die Preistabellen von Getreide und Landesproducten vom Anfange des Jahrhunderts bis in die Gegenwart bilden, behandelt in einer ausführlichen Einleitung die volkswirthfchaftlichen Zuftände Ungarns, insbefondere die Zuftände des Handels, unter fpecieller Berücksichtigung des Handels an dem Pefter Platze, ferner die Productionsverhältniffe der wichtigften Landesproducte, namentlich alfo von Körnerfrüchten aller Art, Wolle, Wein, Tabak, rohen Fellen und Häuten, Rüböl, Branntwein und Spiritus, Wachs und Honig, Speck, Schweinefett, Hanf, Unfchlitt, Knoppern und Federn. Sind in erfterer Hinficht befonders die Tabellen über den Werth der Gefammt- Ein- und Ausfuhr von 1778 an, ferner die fchon früher erwähnten Unterzeichnungen und Tabellen über das Geldwefen und die fämmtlichen in Budapeft domicilirenden Actiengeſellſchaften nach dem Stande vom 31. December 1872, endlich die Verfolgung der handelspolitifchen Entwicklung und des Zollwefens von Werth, fo ift in dem Expofé über die Preisbewegung, die Productions- und Handelsverhältniffe einzelner Hauptartikel eine geradezu muftergiltige Bearbeitung aller zum Verſtändnifs der Preistabellen nothwendigen wirthfchaftlichen Daten geboten, welche überdiefs immer in möglichft exacter Form und überfichtlicher tabellarifcher Darftellung erfcheinen. Für die Erläuterung der Getreide- Productions- und Handelsverhältniffe, welche als wichtigftes Moment des ganzen Pefter Verkehres wohl als Beiſpiel für die ganze übrige Behandlungsweife gelten können, find befondes herangezogen: Das Verhältnifs der Vertheilung des productiven und unproductiven Bodens, und der einzelnen Culturarten, die durchſchnittliche Production der einzelnen Körnerfrüchte nach Comitaten, die Aus- und Einfuhr derfelben von 1816 bis 1850 und 1868 bis 1871, die Ausdehnung der Budapefter Mühleninduftrie, endlich eine umftändliche Motivirung der Preisangaben felbft durch die Ernte- Ergebniffe und den Gefchäftsgang, unter Berückfichtigung anderer Concurrenten( Amerika, Rufsland) auf dem europäiſchen Getreidemarkte, und zufammenfaffende Durchfchnittsberechnungen für fünf, zehnund fünfundzwanzigjährige Perioden. Ausserdem wurden noch Zahlen über die in der Indnftrie befchäftigten Perfonen( leider zu wenig an Populationsftatiſtik), die Anzahl der in der Landwirthschaft verwendeten Mafchinen in ihrer rapiden Zunahme, eine Tafel über die Entwicklung des ungarifchen Eifenbahn- und Tele 30 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. graphennetzes, endlich eine erläuternde Gefammtüberficht der Preisbewegung geboten. Das Tabellenwerk felbft brachte vor Allem die Durchfchnittspreife der Körnerfrüchte von 1800 bis 1818 in halbmonatlichen, von 1819 bis 1868 in wöchentlichen Angaben, und zwar in Originalnotirungen, denen zur Umrechnung der verfchiedenen Getreidemafse und Münzfufse auf niederöfterreichiſche Metzen und öfterreichifche Währung gute Schlüffel beigegeben waren; ferner( in 29 Tabellen) die wöchentlichen Durchfchnittspreife der Körnerfrüchte auf dem Pefter Markte in umgerechneten Notirungen von 1819 bis 1858 und in Originalnotirungen von 1859 bis 1868, welchen fich noch zwei Tabellen anreihen, die den wöchentlichen Durchfchnitt des Repspreifes in den Jahren 1854 bis 1868 enthalten; fodann drei Tabellen wöchentlicher Durchfchnittspreife von Körnern und Reps 1869 bis 1872, wegen der feit 1869 aufgenommenen Notirung nach Gewicht von den Haupttabellen ausgefchieden; weitere drei Tabellen enthalten die Jahres-, die fünf- und zehnjährigen Durchschnitte von 1819 bis 1872. Die Preife der ungarifchen Landesproducte auf den Pefter Hauptmärkten bilden den Inhalt weiterer 126 Tabellen, und zwar Preife von Schafwolle, Wein, Branntwein und Spiritus, rohen Häuten und Fellen, Schweinefett, Speck, Unfchlitt, Knoppern, Honig, Wachs von 1800 bis 1872, Tabak 1800 bis 1850, Federn 1827 bis 1872, Hanf 1809 bis 1872 und Oel 1808 bis 1872. Als fehr werthvolle Beigaben erfcheinen fodann zunächft Transport- Ausweife, welche die Bewegung der Zugfchiffe von 1854 bis 1872 zuerft nach den einzelnen Einladeftationen, dann nach der Totalverfrachtung der in Peft auf dem Wafferwege angekommenen und transitirten Körnerfrüchte mit überfichtlicher Zufammenftellung der Schiffsbewegung auf fämmtlichen Abladeplätzen der Donau 1844 bis 1872( auf 26 Tabellen) darlegen; ferner ift in 12 Tabellen der Verkehr der k. k. priv. Donau- Dampffchifffahrt- Gefellfchaft in Körnerfrüchten, während der Periode 1867 bis 1872 detaillirt ausgewiefen und ein überfichtliches Verzeich nifs der in Budapeſt während 1864 bis 1872 zugeführten, verfendeten und transportirten Körnerfrüchte gegeben; endlich zeigen einige Tabellen den Verkehr der k. k. priv. öfterreichifchen Staatsbahn in Körnerfrüchten an der Station Peft und der k. k. priv. Südbahn an der Station Ofen von 1861 bis 1872. Neben den Transportausweifen ift noch die Entwicklung der älteren Budapefter Creditinftitute und der ungarifchen Filialen öfterreichifcher Geldinftitute, fo wie der Stand der ungarifchen Bank- und Creditinftitute im Jahre 1871 detaillirt in Tabellen dargelegt und zum Schluffe die gefammte für die Gefchichte der wirthschaftlichen Entwicklung Ungarns wichtige Literatur angefügt. Aus diefer detaillirten Inhaltsangabe wird wohl beffer als durch vage Lob preifungen der wahrhaft monumentale Charakter diefes Werkes für Ungarn erficht lich, und es hätte der luxuriöfen Beigabe der graphifchen Tafeln nicht bedurft, um nicht blofs als Quellenwerk erften Ranges, fondern auch als würdiges Denkmal des Landes erkannt zu werden, von dem es handelte, der Männer, die es gearbeitet haben, der Herren Dr. Nicolaus v. Szvetenay, Secretär, und Ludwig Schoch, Schriftführer der Budapefter Handelskammer, und ihres Präfidenten Friedrich v. Kochmeifter, durch deffen verftändnifsvolles Eingehen auf ein auch an materiellen Opfern fchwerwiegendes Unternehmen die Errichtung des felben möglich geworden ift. Graphifche Darftellungen der Preisbewegung waren auf der Ausftellung fehr zahlreich vertreten, wie denn überhaupt die graphifche Methode auch im Dienfte der Productions- und Verkehrsftatiftik fich grofser Beliebtheit und vielfeitiger Anwendung zu erfreuen hatte. Es wird Gegenftand eines befonderen Berichtes fein, das gefammte reichhaltige ftatiftifche Material, welches die Weltausftellung geboten hat, überfichtlich zu fchildern und kritifch zu beleuchten; wir befchränken uns auf die Befprechung derjenigen graphifchen Tafeln, welche der Preisgefchichte unmittelbar zu dienen beftimmt waren, oder doch mit ihr im Beiträge zur Gefchichte der Preife. 31 engften Zufammenhange ftanden. Sie alle ftellen fchon mindeſtens erfte Bearbeitungen preisgefchichtlichen Materials dar; denn fie haben ein vollständiges und gleichförmiges, auf einheitliche Werke reducirtes Zahlenoperat zur Vorausfetzung, ohne welche fie ihrer eigenften Aufgabe, ein anfchauliches, deutliches und in grofsen Zügen richtiges Bild eines preisgefchichtlichen Entwicklungsvorganges, nie erreichen können. Wo diefes unerlässliche Erfordernifs vernachläffigt wird, da entſtehen mit Nothwendigkeit irreführende Bilder, welche nicht blofs für den Fachmann allen Werth verlieren, fondern geradezu fchädlich wirken, indem fie der grofsen Menge der Befchauer, der folche anfprechende, gemeinfafsliche Darftellungen das Studium der Zahlenreihen nicht blofs erleichtern, fondern geradezu erfetzen follen, falfche Vorftellungen beibringen, welche im Bilde fich leicht und nachhaltig dem Gedächtniffe einprägen. So litten z. B. die Tafeln des Freiherrn v. Weyhe Eimke über Preife von Wolle, Holz und Steinkohle nebft Taglöhnen auf der Herrfchaft Náchod 1634 bis 1872, ferner über Korn, Kartoffeln und Rindfleifch aus demfelben Zeitraume, über Preife der Schwadovicer Steinkohlen von 1800 bis 1872 an dem Fehler, dafs ihnen keine ununterbrochenen Jahresreihen zu Grunde gelegt werden konnten, und dafs die fehlenden Jahre bei der Abtheilung der Abfciffe ganz unberücksichtigt blieben, anftatt dafs wenigftens diefe Abtheilungen gleiche grofse Zeitabfchnitte enthalten hätten und nur bei der Curve, die durch den Mangel des Materials gebotenen Lücken gelaffen worden wären; fo mufsten nothwendigerweife die Curvenlinien verzerrt und insbefondere die Steigungen und Senkungen fchroffer werden, als diefs den Thatfachen entfpricht, fobald in einem Jahrzehnt eine gröfsere Anzahl von Jahren ausgefallen war. Aehnliche Fehler fanden fich bei den fchon erwähnten portugie fifchen graphifchen Tableaux, deren grundlegende Daten, aufser von 1865 an, aus beliebigen einzelnen Jahren herrührten, die aber im Uebrigen fauber ausgeführt und durch grofse Reichhaltigkeit in Bezug auf die verfchiedenen Arten von Producten ausgezeichnet waren. Da nun bei graphifchen Darftellungen überhaupt, der Natur der Sache nach, nicht eine unmittelbare Förderung der Preisgefchichte, fondern nur eine mittelbare, durch Vereinfachung des Ueberblickes über die Zahlenreihen, gleichfam durch Erleichterung ftatiftifcher Lectüre und lebendiger Anregung zum Studium und zur Beurtheilung preisgefchichtlicher Verhältniffe zu erzielen ift, fo hat auch der Bericht über diefelben keine andere Aufgabe, als die Formen und Methoden darzulegen, in welchen diefes Ziel mit gröfserem oder geringerem Erfolge erftrebt wurde, während die in den Tafeln dargeftellten materiellen Refultate der Preisgefchichte, fo weit fie mit der angewendeten graphifchen Methode zufammenhängen, noch befonders zu befprechen find, infoferne überhaupt das jetzt fchon möglich ift, bevor noch eine eingehende wiffenfchaftliche Unterfuchung des vorgelegten Quellenmateriales angebahnt und durchgeführt werden kann. Der angewendeten Darftellungsweifen waren denn auch gar manche, wenn fchon im Allgemeinen die für gefchichtliche Statiſtik gebräuchlichfte Curvenzeichnung in einem Coordinatenfyftem überwog. Diefer Art waren unter Anderem die bereits erwähnten Náchod' fchen und portugiefifchen Karten, die egyptifchen und fonftigen orientalifchen Diagramme, die grofsen Steigerfchen Tableaux mit der Vergleichung der Berner und Prager Getreide preife, die Tafeln der kaiferlichen Güterdirection, die May'fchen Diagramme über Getreidepreife, Criminalität und Auswanderung in Baiern und die Lafpeyre'fchen Tafeln über Hamburger Waaren, Arnheimer Getreidepreife und englifche Arbeitslöhne. Auch das k. k. Ackerbau- Minifterium hatte in feinem eigenen Pavillon eine Suite von derartigen graphifchen Tafeln ausgeftellt, welche die Bewegungen des Holzpreifes veranfchaulichten. Da das denfelben zu Grunde gelegene Material nicht zugleich erfichtlich war, fo konnten diefe Tafeln wohl als Andeu 32 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. tung reichhaltiger preisgefchichtlicher Arbeiten dienen, welche in diefem rührigen Minifterium und auf feine Veranlaffung bei untergebenen Behörden gemacht fein müffen. Wir heben aus der grofsen Reihe hervor: die graphifche Darftellung der Brennholz- Preife auf dem Wiener Markte von 1834 bis 1872( gefchwemmtes und ungefchwemmtes, hartes und weiches Holz gefchieden), Darftellung des Ganges der Holzpreife in den Forftbezirken Gurahumora( Bau- und Brennholz 1852 bis 1872, Arnoldftein Bau-, Nutz- und Brennholz) 1852 bis 1871, Hallein und Zell am See ( Nutz- und Brennholz) 1852 bis 1872. Endlich mufs hier der grofsartigen Ausftellung der Triefter Handelskammer gedacht werden, welche im Pavillon des Welthandels eine Darftellung des Antheils, den Trieft am Welthandel nimmt, in grofsartigem Mafsftabe und in einer der Hauptfache nach fehr gelungenen Weife geboten hat. Allerdings trat die Preisgefchichte bei diefer Ausftellung als ein nebenfächliches( zu karg berücksichtigtes) Moment des Welthandels auf; aber auch die umfaffend dargelegten Verhältniffe der Waarenbewegung von Trieft find für das Verſtändnifs der Preisgefchichte von grofsem Werthe; zwei graphifche Tableaux ftellen die Mengen der 1857 bis 1871 auf dem Landwege, zwei weitere die Mengen der auf dem Seewege( nach Häfen und Flaggen geordnet) 1845 bis 1871 aus- und eingeführten Waaren dar; vier Tafeln gruppiren ferner die eine Million Gulden überfteigenden, und die unter einer Million bleibenden feewärtigen WaarenausfuhrsWerthe; eine Tafel bringt die ganze Handelsbewegung von Trieft 1859 bis 1868 zur Anfchauung; der Tafeln über das Silberagio haben wir fchon früher gedacht. Unter den in mehreren Tafeln dargestellten Gefammt- Platzumfätzen der vorzüg lichften Artikel in Trieft im Jahre 1871 mit Preifen und Quantitäten verdient befonders die tabellarifche Zufammenstellung der Preisbewegungen des Triefter Baumwoll- Marktes in den Jahren 1871 und 1872 in Wochennotirungen mit Beifügung des Curfes auf London per drei Monat hervorgehoben zu werden. Es find acht Sorten Baumwolle berücksichtigt, Vorrath, Zufuhr und Ablieferung auf befonderen Tabellen beigegeben; das grofse Diagramm ift mit befonderer Sorgfalt gearbeitet und fehr fchön ausgeftattet. Leider ift das Facit diefer Handels- und preisftatiftifchen Unterfuchung ein Schmerzensfchrei über die Vernachläffigung des Triefter Platzes feitens der Regierung.„ Der fo bedeutende Abfall in den Zufuhren des Jahres 1872, der für 1873 wohl noch grösser fein wird, ift auf den Umftand zurückführen, dafs wir mit allen unferen früheren Abfatzgebieten nur durch eine einzige Eifenbahnlinie in Verbindung ftehen. Die Verfchleppung der Predilbahn rächt fich durch den Verluft des Transits von Oftindien nach Tirol, Süddeutſchland und die Schweiz, wie fich in ähnlicher Weife auch der Getreidetransit vermindert hat. Dafs Trieft durch folche Vernachläffigung auch mit Bezug auf die ftaatlich- politifchen und wirthschaftlichen Intereffen auf nicht zu rechtfertigende Weife dem Ruine zugeführt wird, ift eine unumftöfsliche Thatfache." Eine andere Art der graphifchen Darftellung in farbigen Bändern fanden wir unter Anderem angewandt bei Helly's Vergleichung der Preife verfchiedener Materialien und Droguen von 1788 und 1873, bei welchen die Abtheilungen der Abfciffe die Preisfcala, die Ordinaten dagegen die beiden verglichenen Jahre bedeuten, welche der gewöhnlichen, entgegengefetzten Anordnung aber auch nur für folche fpecielle Zwecke Anwendung finden kann. Auch Schebek's grofse Tafel über das allmälige und ftetige Steigen der Getreidepreife( fiehe unten) hat die Bänderform angewendet, wie auch in origineller Weife Minifterialrath Dr. Mayr in feiner Tafel über den Münchner Fleifchconfum und die Fleifch preife von 1809/10 bis 1872. Die Bänder find hier vertical geftellt und im Uebrigen die gewöhnliche Ordnung( die Ordinaten als Quantitäten, die Abfciffenabſchnitte als Perioden) beibehalten. Die ganze Länge des Bandes zeigt den Gefammtconfum von Beiträge zur Gefchichte der Preife. 33 Fleifch per Kopf der Bevölkerung, die einzelnen durch Farbenunterfchiede kenntlichen Theile desfelben die Verbrauchsmengen der einzelnen Fleifchgattungen an. Preife und Bevölkerungsziffer( männliche, weibliche) find befonders berücksich tigt. Mit diefem ungemein anfchaulichen Bilde und dem beigegebenen Detail der ftatiftifchen Nachweifungen über Fleifchpreife, Stückzahl der gefchlachteten Thiere und Fleiſchverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung( aus der Zeitſchrift des baierifchen ftatiftifchen Bureaus 1871 S. 22 ff.) hat diefer höchft bedeutende Statiſtiker die fehr wichtige, aber noch wenig cultivirte Aufgabe der quantitativen Nachweiſungen über den Güterverbrauch wefentlich gefördert. Es gehört diefelbe allerdings zu den fchwierigften Problemen der Statiſtik, da diefe felten im Stande ift, die Verbrauchsmengen der Methode ftatiftifcher Maffenbeobachtung zu unterziehen und fich defshalb oft mit indirecten Schlufsfolgerungen aus der Productions- und Handelsftatiftik begnügen mufs. Bei einzelnen Verbrauchsgegenständen find jedoch die Vorbedingungen felbftftändiger Beobachtungen aus befonderen Gründen günftiger gelagert. In erfter Linie ift es die Verbrauchsbefteuerung, welche die aus finanziellen Gründen nothwendige Conftatirung des Verbrauches auch der Statiftik zugänglich macht; aufserdem aber gibt in gröfseren Centren des Zufammenwohnens auch der Marktverkauf manchen fchätzenswerthen Anhaltspunkt zur Ergänzung der Confumtionsftatiftik. Diefe vom Verfaffer felbft bezeichneten Schwierigkeiten hat derfelbe in der vorgelegten Arbeit der Hauptfache nach vollständig überwunden. Wenn diefelbe nichts deftoweniger nicht als eine fertige, fondern nur als eine Vorarbeit in Betracht kommen kann, fo liegt der Grund theilweife in deren örtlichen Befchränkung auf eine einzelne Strecke, theils in der fachlichen Befchränkung auf ein einzelnes Gut, die es dem Verfaffer felbft verwehrten, allgemeine Folgerungen für den Procefs der Preisbildung daraus abzuleiten. Aehnlich verhält es fich mit desfelben Verfaffers grofser Karte des Getreidebaues und Schrannenverkehrs in Baiern, mit Berückfichtigung der Preisverhältniffe des Getreides. Es ift bei derfelben einerfeits die Ausdehnung des Getreidebaues, anderfeits der Umfang des Schrannenverkehrs mit den Marktpreifen zur Darstellung gebracht. Die Ausdehnung des Getreidebaues ift für die einzelnen Verwaltungsdiftricte durch die über die ganze Karte fich erftreckenden Farbentöne dargeftellt, wobei die gewählten Farben nach einer Procentenfcala fich von einander unterfcheiden. Der Verkehr auf allen baierifchen Schrannen nach dem Durchfchnitte der Jahre 1869 bis 1871 ift für die betreffenden Orte durch Quadrate der Art ausgedrückt, dafs die Gröfse derfelben dem Quantum der Verkaufsmengen proportionel ift; ein Quadratcentimeter entspricht einem jährlichen Verkaufsquantum von 10.000 Hektoliter. Die Verkaufsmengen der einzelnen Getreidearten find innerhalb der Quadrate durch Rechtecke in verfchiedenen Farben unterfchieden. Die Preisverhältniffe der einzelnen Getreidegattungen find durch Schraffur in der Weife dargestellt, dafs die für die einzelnen Schrannen gefundenen Durchschnittspreife der einzelnen Getreidegattungen in eine gleich grofse Gruppe zerlegt wurden. Die in die erfte Gruppe( niedrigfte Preife) fallenden Verkaufsmengen find ohne Schraffur gelaffen, die ferneren Gruppen find durch einfache, gekreuzte etc. Linien dargeftellt; dabei ift auf der Karte auch auf Flüffe, Canäle und Eifenbahnen Rückficht genommen. In der tabellarifchen Zufammenftellung des Schrannenverkehrs( gleichfalls enthalten in der Zeitfchrift des bairifchen ftatiftifchen Bureaus) ift der Verfuch enthalten, den Gefammtverkanf von Getreide, foweit derfelbe auf den baierifchen Schrannen ftattfindet, oder mindeſtens in den Schrannenanzeigern regiſtrirt ift, zur ftatiftifchen Darftellung zu bringen. Es find defshalb auch diejenigen Orte, welche nur einen mäfsigen Verkauf von Getreide nachweifen, berücksichtigt worden. Die überall auf das forgfältigfte durchgeführte Berechnung der Durchfchnittspreife mit Einbeziehung der Quantitäten des Verkaufes wahrt den Hauptverkehrs- Plätzen das mafsgebende Gewicht für die Beftimmung der Gefammt3 34 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Durchfchnittspreife in den einzelnen Gebietstheilen und im Königreiche. Die Schrannenftatiftik, auch eine der am meiften vernachläffigten und doch wichtigften Partien der wirthschaftlichen Statiſtik überhaupt, hat fich befonders in Baiern vortheilhaft feit 1870 entwickelt, feit welcher Zeit die directe Einfendung aller Schrannenanzeigen von Seite der einfchlägigen Gemeindeverwaltungen an das k. ftatiftifche Bureau angeordnet ift. Auch ift für Abfaffung der Schrannenanzeigen ein gemeinfames Formular entworfen und zugleich auf die richtige Berechnung der Durchfchnittspreife aufmerkfam gemacht und zur Ermöglichung einer Prüfung diefer Berechnung die jeweilige Beifügung des Verkaufserlöfes für die einzelnen Getreidegattungen in den Schrannenanzeigen als unerlässlich bezeichnet worden. genomEs ift diefe Karte des baierifchen Schrannenverkehrs die einzige auf der Ausftellung gewefen, welche zugleich der Preisftatiftik diente, während die in der Methode ähnlich gearbeiteten Karten von Europa, auf welchen Trieft theils durch farbige Bänder, deren Breite, theils durch Quadraten, deren Gröfse den. Quantitäten der ein- und ausgeführten Waaren entſprechen, weder auf die Preife, noch( wie die May'fche Karte) auf die Productionsverhältniffe Rücksicht men haben. Es kann aber nicht geleugnet werden, dafs die kartographifche Darftellung für wichtige Momente der vergleichenden Preisgefchichte und Preisftatiſtik einer reichen Anwendung fähig wäre, um z. B. darzulegen, welche Länder für einzelne Productionszweige mit den geringften Koften arbeiten, zu den billigſten Preifen abgeben können etc., und wie fich diefe Verhältniffe in den einzelnen Ländern. für je eine Periode berechnet, geftaltet haben. Die graphifchen Darftellungen des auf dem Gebiete der Preisgefchichte und Preisftatiſtik rühmlichft bekannten Profeffors Lafpeyres in Carlsruhe ( früher in Dorpat) enthielten in 18 Blättern Relativzahlen der Hamburger Waarenpreife 1851 bis 1870, verglichen mit dem Durchschnittspreife der Jahre 1847 bis 1850= 100 gefetzt; ferner englifche Arbeits- und Waarenpreife im XIV. Jahrhundert( auf acht Blättern), und Arnheimer Getreidepreife von 1571 bis 1870 auf vier Blättern, welche, ohne irgend eine befondere Leiftung fein zu wollen, doch die grofse Gewandtheit des Verfaffers documentiren; ja, man kann faft behaupten, dafs feine eigene Fertigkeit in Herftellung und Verwerthung folcher Tabellen ihn zu dem Fehler verleitet hat, allzuviele Curven auf einem Blatte anzubringen, wodurch die graphifche Darftellung nur zu leicht des einzigen Verdienftes ver luftig geht, um deffen willen fie an Stelle der Tabelle treten kann, eine rafche und fichere Ueberficht zu bieten und grofse Zahlenmafsen mit einem Blicke wenigftens obenhin zu bewältigen. Da diefe Tafeln zur Durchführung beftimmter national- ökonomifcher Themata componirt wurden, fo müffen wir uns ihre Befprechung des Zufammenhanges mit anderen ähnlichen Elaboraten halber noch erfparen, nur die von demfelben Autor, der fich überhaupt auf der Wiener Weltausftellung nur als Techniker preisgefchichtlicher Forfchung fehen liefs und keine felbftftändigen Quellenforschungen brachte, ausgeftellte bewegliche zerfchnittene Tabelle der Hamburger Waarenpreife müffen wir hier noch erwähnen. Diefe Tabelle, bei welcher das Princip der Zählkarten oder Zählblättchen, wie fie die Volkszählungen entwickelt haben, angewendet wurde, ift in einem Tabellenkopf und in 310 Streifen, für jede Waare je eine, zerlegt. Für jede einzelne Waare enthält der Streifen alle in dem Tabellenkopfe verzeichneten Angaben, die 31 abfoluten und die 31 relativen Preife. Diefe 310 Streifen find in 17 Päckchen zufammengefafst, von denen jedes einer der 17 Tafeln der graphifchen Darftellung entſpricht. Diefe Päckchen waren in einem kleinen länglichen Kaften zufammengeftellt. Diefe Form der Tabelle ift mit der Abficht gewählt, um die Waaren nach jeder Rückficht beliebig ordnen zu können, ohne die gefammten 19.220 Tabellenfelder in der gewünſchten Reihenfolge copiren zu müffen. Wollte man alfo etwa das Verhältnifs der Preisfteigerung der Rohproducte zu den Beiträge zur Gefchichte der Preife. 35 Manufactur- oder den fchweren, das heifst weniger werthvollen Waaren zu den leichteren, denen die zu nehmenden Transportvortheile nicht fo bedeutend nützen, unterfuchen, fo hätte man die Tabellenftreifen nur nach den natürlichen Waarengruppen oder nach ihrer Transportabilität, welche fich in dem Durchschnittspreiſe per Centner ausdrückt, zu gruppiren. Diefes an fich gewifs treffliche Mittel einer eingehenden Tabellenanalyfe( L afpeyres hat es felbft in Schebeck's Katalog genauer gefchildert) leidet vor der Hand nur an einer fehr bedeutenden Unhandlichkeit und Subtilität, wodurch eine gröfsere Verbreitung der beweglichen Tabelle in diefer Geftalt wenigftens ein grofses Hindernifs finden wird. " Zum Schluffe fei in diefer Gruppe noch eines originellen Verfuches einer graphifchen Tafel der Preisbewegung von Feldfrüchten, Brot und Fleifch in Prag von 1800 bis 1870 von dem fchon erwähnten Bureau für die land- und forftwirthschaftliche Statiſtik des Königreiches Böhmen( Verfaffer Profeffor Dr. Kořift ka) gedacht. Die Ordinaten diefes Diagrammes, welche die Preife in Gulden darftellen, find Logarithmen diefer Gulden, weil man nur auf diefe Art ein richtiges Bild vom Verhältniffe der Veränderungen verfchiedener Grundpreife erhalten kann." Mit diefer kurzen Rechtfertigung hat fich diefer neue Verfuch auf dem Gebiete der graphifchen Statiſtik eingeführt, deffen Bedeutung und Berechtigung eine nähere Betrachtung verdient. Bei der gewöhnlichen Art der Diagramme find die Ordinaten( nach welchen die horizontale Theilung gefchieht) in einer arithmetifchen Scala derart aufgetragen, dafs der Raumabftand von I zu 2 gleich grofs ift, wie der von 2 zu 3 u. f. f. Eine Curve, welche alfo in zwei auf einander folgenden Abfciffenabſchnitten( etwa Jahre bedeutend) von I bis 2 und 2 bis 3 fteigt, zerfällt in zwei gleich grofse( gleich fteile) Abſchnitte, was vom Bilde in das Wort übertragen, lautet, dafs der Preis im zweiten Jahre( 2 bis 3) eine gleiche Steigung zeigt, als im erften( 1 bis 2). Diefs widerfpricht aber nicht blofs der Thatfache, dafs die zweite Steigung( 2 bis 3) nur halb fo viel bedeutet als die erfte( 50 Percent gegen 100 Percent), fondern auch den erften Anforderungen der Algebra, welche uns das Preisverhältnifs diefer zwei Jahre in geometrifcher, nicht in arithmetifcher Proportion anfetzen heifst. Das, was demnach mit dem Bilde bezweckt werden will, eine möglichft anfchauliche, aber doch richtige Wiedergabe einer Tabelle, wird nicht nur nicht erreicht, fondern in's Gegentheil verkehrt, es wird eine geradezu falfche Vorftellung dadurch befördert; denn die Steilheit der Linie ift das Bild der Steigerung des Preifes; bei der arithmetifchen Scala aber bringt ein Gulden Steigerung denfelben Steigerungswinkel hervor, ob er die unbedeutende Schwankung von 100 zu IOI oder die enorme von I zu 2 darzuftellen hat. Bei der Anordnung der Scala nach einer geometrifchen Progreffion dagegen, fo dafs der Raumunterfchied von I bis 2 gleich ift dem von 2 bis 4, 4 bis 8 etc., erhält man in der Steilheit der Curve das richtige Bild der percentualen Steigerung, indem die Steigerungspercente von I zu 2, 2 zu 3 etc. in gleicher Weife abnehmen, wie die Raumunterfchiede diefer Zahlen. Erft hiedurch wird alfo erreicht, was die urfprüngliche Abficht eines Diagrammes ift, eine geometriſche Darstellung und Veranfchaulichung von Zahlenverhältniffen. Das, was Schebek für die mittlere Ofcillation der Weizenpreife in Prag von Jahr zu Jahr in Percenten ermittelt hat, ohne es in den graphifchen Tafen darftellen zu können, und was Lafpeyres mit feinen relativen Zahlen der Hamburger Waarenpreife wirklich, aber mit Verzicht auf die Deutlichkeit und Ablesbarkeit der Preife dargestellt hat, läfst fich mittelft der graphifchen Logarithmen auf ebenfo verftändliche, aber viel correctere Weife im Bilde geben. Aber nicht blofs in Betreff der Curvenzeichnung bietet diefe Methode einen grofsen Vorzug, fondern auch in Bezug auf das Ablefen von einer folchen Tafel. Bei der gewöhnlichen Form der Auftragung wird nur gezeigt, um wie viel der Preis differirt; mittelft der Logarithmen dagegen findet man aufser diefem arithmetifchen Verhältniffe, das unverändert ftehen bleibt, auch noch, um wie vielmal 3* 36 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. der Preis eines Jahres höher ift, als der eines anderen, wie diefs durch die Anzahl gleicher Raumunterfchiede der Scala, gemäfs der geometrifchen Progreffion, angegeben wird. Und zwar ift diefes einfache Ablefen des geometrifchen Verhältniffes nicht blofs für zwei unmittelbar auf einander folgende, fondern für die Beziehungen zweier ganz beliebiger Punkte möglich, wobei man die Abfciffe von dem einen der zu vergleichenden Punkte bis zur Grundordinate mifst und auf die Abfciffe des zweiten Punktes überträgt, um dann an der dadurch getroffenen Ordinate das Verhältnifs einfach abzulefen. Es gibt alfo die logarithmifche Theilung ein kennbareres und richtigeres Bild der Preisbewegung und fie geftattet aufser den arithmetifchen Ablefungen der bisher üblichen Weife auch das Ablefen aller percentualen Verhältniffe, eine Erleichterung auch des rechnerifchen Verfahrens, wie fie in dem fogenannten Rechenftab ( Soho rule, sliding rule) für die Technik fchon lange bekannt ift, für die graphifche Statiftik und insbefonders für die Preisftatiftik aber unferes Wiffens bisher noch keine Anwendung gefunden hat. Was fonft an graphifchen Darſtellungen zur Gefchichte der Preife noch auf der Ausftellung vorlag, war, foweit wir nicht aus anderen Gefichtspunkten noch davon zu fprechen haben, entweder ganz unbedeutend oder wegen Mangels gleichzeitig vorgelegter Tabellen mit dem begründenden und erklärenden Zahlenmaterial vollkommen uncontrolirbar, wie das unter Anderem von den Tafeln der Wiener Frucht- und Mehlbörfe, von Guftav Nobak's Tafeln über die Gerften-, Hopfenund Bierpreife in Baiern 1811 bis 1865, und von den Tafeln des öfterreichifchen Vereines für chemifche und metallurgifche Production über Preisfchwankungen von Chlorkalk, Soda, Glauberfalz, Schwefelfäure etc. von 1864/65 bis 1871/72( nach Monaten geordnet) gefagt werden mufs. - Die 32 graphifchen Tafeln endlich der grofsen Budapefter Preisgefchichte, um mit dem gröfsten Elaborate diefer Gruppe zu fchliefsen, find uns trotz ihrer gewandten Anordnung und meifterhaften typographifchen Ausftat.. tung doch immer mehr wie ein rechtes Ausftellungs- Schauftück, denn als ein nothwendiger Beftandtheil jenes fchon gewürdigten und wohl mit Recht gelobten Riefenwerkes erfchienen. Jedenfalls fteht der wiffenfchaftliche Erfolg, welcher damit erreicht wird, in keinem Verhältniffe zu dem gemachten Aufwande; denn nicht nur ift durch die Darftellung der wöchentlichen Preisbewegung eine ganz unnöthige Maffe von Theilungen und Eintragungen entftanden, welche bei Erfaffung des Bildes in feinen grofsen Zügen und nur dazu hat die graphifche Statiſtik Beruf und Aufgabe- doch unberücksichtigt verloren gehen, fondern es ift auch durch die Anordnung, dafs jeder einzelne Gegenftand auf mehreren einzelnen Blättern gegeben werden musste, eine einigermassen eingehende Vergleichung, ein Studium diefer Tafeln, fo gut wie vollſtändig ausgefchloffen. Ohne diefe Möglichkeit einer intenfiven Vergleichung aber ift die einzelne Tafel ungemein gedankenarm und daher auch eine nur unvollkommene Bearbeitung des Ziffernmateriales; denn nur dadurch, dafs damit wirkliche ftatiftifche Ergebniffe, welche der Lefer des Tabellenwerkes erft mühfam fich hätte gewinnen müffen, gleichfam fpielend vorgeführt werden, erhebt fich die graphifche Statiſtik über die Stufe blofser technifcher Fertigkeit zu einem eminent wiffenfchaftlichen Hilfsmittel. Refultate der Preisgefchichte. Abgefchloffene Unterfuchungen und fertige Ergebniffe der Preisgefchichte traten bei der Ausftellung aus naheliegenden Gründen nur wenige hervor; denn abgefehen davon, dafs ihre erfte Vorausfetzung, ein gefchloffenes Material, auf ein heitliche Zahlenausdrücke gebracht, nur unter befonders begünftigenden Umständen überhaupt zu erreichen war, und dafs die knapp bemeffene Zeit für alle diejenigen, welche erft durch die Ausftellungsprogramme zu derlei Arbeiten angeregt wurden, Beiträge zur Gefchichte der Preife. 37 fchon hiedurch vollſtändig in Anfpruch genommen war, fo darf auch nicht vergeffen werden, dafs wohl für die Befchaffung des Quellenmaterials zahlreiche Kräfte gewonnen werden können, während feine Verarbeitung volle Vertrautheit mit den national- ökonomifchen Theorien mit den grofsen Zügen der Wirthfchafts- und der allgemeinen Culturgefchichte und endlich auch mit der Methode exactwiffenfchaftlicher Unterfuchung vorausfetzt. Angefichts diefer vielen Schwierigkeiten war es um fo werthvoller, dennoch mehreren Verfuchen folcher abgefchloffenen Unterfuchungen zu begegnen, welche mit einem wohlzubereiteten Material ein national- ökonomifches oder culturhiftorifches Thema durchführten; es ift damit nicht blofs manche wiffenfchaftliche Wahrheit wirklich zu Tage gefördert, fondern, was noch mehr ift, an guten Beiſpielen felbft der grofsen Menge der Ausftellungsbefucher gezeigt worden, auf welche Weife und mit welchen Mitteln das anfcheinend fchwerfällige und gedankenarme Zahlengerüfte der gefchichtlichen Statiftik zu einer lebendig fprudelnden Quelle wiffenfchaftlicher Erkenntnifs geftaltet werden könne. Die noch immer, und zwar nicht blofs in den Köpfen fcholaftifch gefchulter Denker fpuckende Anficht, als könne die Induction auf Grundlage exacter Maffenbeobachtung für die wiffenfchaftliche Behandlung und Fortbildung der Nationalökonomie nicht angewendet werden, hat hier in dem Saale des Welthandels- Pavillons eine fchlagende Widerlegung gefunden, die gewifs, obfchon fie fich in kleineren Dimenfionen bewegte, doch an fich fchon geeignet ift, weitere Kreife auf den Umfchwung aufmerksam zu machen, der fich fo unmerklich in der national- ökonomifchen Methode vollzieht, dafs man noch in unferen Tagen Urtheilen begegnet, welche z. B. an Meifter Rofcher nur feine grofse Belefenheit und feine intereffanten gefchichtlichen Anmerkungen rühmen, unfere modernen Statiſtiker aber am liebsten im Geifte der alten Göttinger Schule als Tabellenknechte betiteln möchten. Wir wenden uns auch hier zuerft an die von der Prager Handelskammer ausgeftellten oder doch mit ihrer Ausftellung in Verbindung ftehenden Elaborate. Dr. E. Schebek hatte zwei grofse graphifche Tableaux ausgeftellt, in welchen einerfeits die allmälige Verminderung der Preisfchwankungen, an derfeits das ftetige Steigen der Preife in längeren Perioden nachgewiefen werden follte. Als Material hiezu benützte er das früher fchon ausführlich befprochene Urban'fche Elaborat über die Getreidepreife in Prag von 1655 bis 1872, wählte, da von Hafer die Preife zu vieler Jahre mangelten, Weizen, Korn und Gerfte, und reducirte die Angaben fämmtlich auf niederöfterreichifche Metzen und öfterreichifche Währung in Silber, worüber im Cataloge( Beilage E) ausführlich berichtet ift. Abgefehen von den Bedenken, welche gegen die unmittelbare Verwerthung der Urban'fchen Tabellen, wegen der Ungleichförmigkeit ihrer Erhebung( theils Taxvoranfchläge, theils Marktpreife) früher fchon vorgebracht wurden, find diefe beiden Arbeiten tadellos ausgeführte, fehr werthvolle Beiträge zum Verftändniffe der Preisgefchichte und zur Klärung national- ökonomifcher Anfichten, die nur zu leicht als Wahrheit ohne Beweis angenommen und nachgefprochen werden. Können wir auch mit dem Ergebniffe nicht vollkommen einverftanden fein, weil es die Fehler des Materials gleichfalls an fich trug, fo müffen wir doch den Verfuch als folchen lobend hervorheben und zur Nachahmung und Ergänzung empfehlen. Um die fucceffive Verminderung der Preisofcillation zu finden, wurde, wie der Verfaffer erklärt, die Differenz der Preife von Jahr zu Jahr in Percenten ermittelt und dann aus den jährlichen Ofcillationspercenten die Durchfchnitte für Perioden von 10, 25 und 50 Jahren gezogen. Das vermuthete Refultat kam aber nicht einmal in ganzen Jahrhunderten zum Vorfchein, wodurch der Verfaffer zu der Annahme geführt wurde, dafs weder die Entwicklung der Verkehrsmittel, noch das Fallen der Zollfchranken und die fortfchreitende Entfeffelung des Kornhandels mächtig genug waren, um die Stabilität, welche in den früheren Jahrhunderten in den Preisverhältniffen( in den Taxvoranfchlägen!) im Allgemeinen herrfchte, und die fich, trotz des in minder ausgebildeten wirthfchaftlichen Zuftänden nothwendigerweife um fo 38 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. gröfseren Einfluffes der wechfelnden Ernte- Ergebniffe auf die Getreidepreife, auch bei letzterem behauptete, zu überwinden eine Erfcheinung, die um fo mehr auffallen mufs, als bei dem niedrigen Stande der Getreidepreife in älterer Zeit felbft geringe Preisunterfchiede fchon eine merkliche percentuale Abweichung verurfachen. Hätte der Verfaffer gleichförmige Preisreihen vor fich gehabt, fo würde vielleicht diefes feltfame, ihn felbft befremdende Ergebnifs ebenfowenig hervorgetreten fein, als bei anderen ähnlichen Unterfuchungenwie z.B. bei der Vergleichung des Berner und Prager Weizen- und Roggenpreifes durch Baron Steiger, welcher, obgleich auch er die Urban'fchen Zahlen benützte, doch ausdrücklich hervorhob, dafs feit Entwicklung des Bahnverkehrs die Extreme verfchwinden; der Krimkrieg 1854 hatte noch merkliche, der Riefenkrieg 1870 in Frankreich faft keinen Einflufs auf den Weizenpreis. Der höchfte und der niederfte, feit 25 überhaupt vorgekommene Preis weicht nicht einmal um das Doppelte von einander ab, während ehemals Schwankungen um das Vier- und Fünffache öfters vorkamen. Auch in dem Elaborate der Budapefter Handelskammer wird auf die alle Extreme möglichft ausgleichende Macht guter Communicationsmittel und unter Anderem auf die Thatfache hingewiefen, dafs eine in unerhörter Ausdehnung vorgekommene Miſsernte( von 1863) um eine Preiserhöhung von I fl. 30 kr. über den zehnjährigen Durchschnitt hervorzurufen vermochte. Uebrigens leidet diefe Tafel der Preisfchwankungen auch an dem allgemeinen Fehler der nach arithmetifchen Verhältniffen angelegten Tafeln, dafs fie bei dem Befchauen die optifche Täufchung hervorrufen, als wenn Preisfchwankungen von einer hohen Bafis aus ebenfo bedeutend wären, wie arithmetifch gleichgrofse von einer niederen Bafis; eine Schwankung alfo z. B. zwifchen 6 fl. und 8 fl. per Metzen ebenfo ftark( das ift 2 fl.) als eine folche zwifchen I fl. und 3 fl., welcher Fehler die Darftellung auch bei den Steiger'fchen Tafeln erheblich ftört. Wie ganz anders klar ift in diefer Beziehung eine Tafel mit logarithmifcher Theilung der Ordinaten, welche uns über die wahren Verhältniffe der Zahlen belehrt, ohne die abfoluten Zahlen zu verkleiden oder bei einem Bilde, das eben eine richtige Anſchauung der Zahlenverhältniffe geben foll, mit Bewufstfein eine optifche Täufchung hervorzurufen. In der zweiten Tafel hatte Schebek das progreffive Steigen der Getreidepreife im Laufe der Zeit zur Unterfuchung geftellt. Als Ergebniss diefer Unterfuchung legte er in feinem Kataloge nieder, dafs weder in 10- noch in 25jährigen Perioden ein conftantes Steigen zu beobachten war, wobei freilich zu berücksichtigen ift, dafs die lange Dauer der franzöfifchen Kriege und die darauffolgenden Mifsjahre 1816 und 1817 fo fehr auf die Theuerung des Getreides einwirkten, dafs der Durchfchnittspreis im erften Viertel unferes Jahrhunderts den ( befonders niedrigen) des folgenden Viertels noch um etwas überftieg. Erft bei dreifsigjährigen Perioden trat eine Stetigkeit des progreffiven Steigens ein, bei Gerfte freilich auch nur in fehr geringem und blofs bei Weizen und Korn in merklicherem Grade. Das Tableau, welches diefe Unterfuchung veranschaulichen follte, enthielt zunächft die Bewegung der Preife im Durchschnitte von 10 und 30 Jahren unter Beifügung der Preisziffern und der percentualen Preisdifferenzen in jeder nachfolgenden Periode gegenüber den unmittelbar vorangegangenen. Ausserdem aber wollte der Verfaffer auf diefem Tableau auch noch ein Bild von dem Fallen des Geldwerthes geben und bediente fich dazu des Getreides fchlechthin( Durchfchnitt aus den drei Getreidearten) als ,, Werthmeffer des Geldes". Er hält dasfelbe für entferntere und längere Zeiträume wenigftens, wegen feiner im Ganzen ziemlich unveränderten Brauchbarkeit hiezu vorzugsweife geeignet und nimmt in demfelben geometrifchen Verhältniffe ein Sinken des Geldwerthes an, in welchem für die gleiche Periode ein Steigen des abftracten Getreidepreifes auftritt. Wir können uns an diefer Stelle wohl nicht auf eine eingehende kritifche Beleuchtung diefer bedenklichen Annahme einlaffen; nur foviel fei bemerkt, dafs, obgleich der berühmte englifche Preishiftoriker Rogers in ähnlichen Verfahren die alten Geldangaben aus der Mitte des 15. Jahrhunderts einfach mit 12 multiplicirt, Beiträge zur Gefchichte der Preife. 39 um fie im heutigen Gelde auszudrücken, diefs doch gewifs kein exactes Verfahren genannt werden kann. Sicher üben mehrjährige Durchfchnittspreife der Kornfrüchte eine gewiffe mittlere Wirkung auf die Preife aller übrigen Bodenfrüchte, Manufacte und auf die Löhne aus und werden daher ein Kennzeichen vom Sachwerthe des Geldes fein; aber die Wiffenfchaft ift doch fchon tief genug in die verwickelten Gänge diefer fchwierigften Fragen der Preisgefchichte eingedrungen, um zu wiffen, dafs die Veränderungen des Getreidepreifes nicht blofs auf Rechnung der Aenderung des Geldwerthes, fondern auch ebenfo auf Rechnung der veränderten Productions- und Abfatzbedingungen des Getreides zu fetzen find, wie ja auch umgekehrt der Preis des Geldes nicht von den vorhandenen Quantitäten desfelben allein, fondern auch von den Productionskoften desfelben und von dem Bedarfe des Verkehrs nach Circulationsmitteln abhängt; und glaubte der Verfaffer, dafs ihm eine abftracte Getreideforte beffere Bürgfchaft richtiger Refultate bieten werde, als wenn er feinen Berechnungen die Preife des Haupt- Nahrungsmittels( des landesüblich vorherrschenden Brotkornes) zu Grunde gelegt hätte! Befonders, da er die Verhältniffe der Quantitäten, in welchen jede von, den drei Getreidearten in jedem Zeitraume confumirt wurden, nicht mit in Berücksichtigung gezogen hat. Wir find übrigens weit entfernt, diefe Unterfuchung über das Getreide als Werthmeffer des Geldes defswegen verwerfen zu wollen, der Verfaffer hingegen gewifs eben foweit entfernt, apodiktifche Wahrheiten darin zu erblicken; und als eine Darlegung relativ richtiger Ideen, bei deren Würdigung die nöthigen Vorbehalte ftillfchweigend verftanden werden, find beide Tableaux mit dem erläuternden Texte und den Tabellen im Kataloge nicht blofs gut gedacht, fondern auch fehr gelungen, und was das Befte ift, viel verfprechende Beweife, wie fruchtbar eine verftändige Behandlung der Preisgefchichte für die wiffenfchaftliche Erkenntnifs zu werden vermag. Die Specialunterfuchungen des Baron A. v. Steiger, deren Ergebniffe gleichfalls in mehreren graphifchen Tableaux dargestellt find, bezogen fich zunächst auf die Vergleichung der Weizen- und Kornpreife in Bern und Prag von 1528-1871 und der Roggenpreife dafelbft von 1620-1871. Ueber das zu Grunde gelegte Material haben wir früher fchon berichtet; die böhmifchen Daten leiden wieder an der Ungleichförmigkeit ihres Charakters, die fchweizerifchen fcheinen ziemlich genau zu fein; wir haben fie mit denen des eidgenöffifchftatiftifchen Bureaus in Bern verglichen und der Verfaffer hebt aufserdem felbft hervor, dafs von 1783-1830 die aus dem Staatsarchive ermittelten mit den Stadtmarktpreifen verglichen werden konnten und dafs, wenn auch eine mathematifche Gleichheit fich nicht erwarten liefs, doch die aus den verfchiedenen Quellen erhobenen Preife eine Annäherung bis auf wenige Percente ergaben, um welche die Stadtmarktpreife höher find. Was die alte Berner Geldwährung betrifft, fo hätten wir freilich etwas genauere Angaben, befonders über den Silbergehalt des Berner Pfundes gewünfcht, um den graphifchen Tafeln ein unbedingtes Vertrauen entgegenbringen zu können; aber die ganze Arbeit macht fo fehr den Eindruck der Sorgfalt und Gediegenheit, dafs wir uns wohl mit dem Gebotenen begnügen dürften. Um dem aus der graphifchen Darftellung hervorgehenden Mifsverftändniffe wegen der wahren Preisfteigerung vorzubeugen, wurden für jede 25jährige Periode die Mittel aller von einem Jahre zum anderen vorgekommenen Preisfchwankungen nach Percenten vom Mittelpreife berechnet und angeführt. Diefes Schwankungspercent nimmt gegen die Neuzeit hin ftark ab, wenn auch die Preife um ebenfoviel Gulden und Kreuzer differiren als in älterer Zeit. Die Aufgabe diefer vergleichenden Zufammenftellung war, im Wefentlichen. zu zeigen, wie die Macht des Verkehrs und ein höherer Intenfitätsgrad der Wirthfchaft immer mehr nivellirend auf die Preisunterfchiede verfchiedener Länder wirkt. War für den Verfaffer die Wahl der beiden Vergleichungspunkte zunächft aus äufseren Motiven hervorgegangen( er ift ein in Prag lebender geborner Schweizer, fo fuchte er diefe Wahl doch auch tiefer zu rechtfertigen mit den politifchen und 40 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. culturgefchichtlichen Eigenthümlichkeiten der Schweiz und ihres hervorragenden Cantons Bern, welche zur Zufammenftellung dortiger Preife und zu Vergleichen mit anderen Ländern befonders anregen. So war die Schweiz feit bald 400 Jahren an keinem Kriege mehr direct betheiligt, als an der franzöfifchen Invafion von. 1798 und 1799 und einzelnen fehr kurzen Unruhen. So beftanden mit Ausnahme einer unbedeutenden Steuer auf Salz und fremde Weine in Bern weder Steuern, noch Zolle, noch Papiergeld. So hatte die Schweiz fchon längft an Producten der Viehzucht mehr und an Producten des Ackerbaues weniger hervorgebracht, als. ihren Nahrungsbedarf und war daher früher und ftärker als andere Länder zum Handel in diefen erften Lebensbedürfniffen genöthigt, ein Handel, der mit Zunahme der Verkehrsmittel immer weitere Kreife zog. Die Vergleichung erwies fich als fehr dankbar und ergiebig, indem fie manche volkswirthfchaftliche Hypothefe beftätigte und fogar neue anregende Gefichtspunkte eröffnete, wenn gleich felbftverftändlich diefe Ergebniffe einer Vergleichung von nur zwei Standorten keineswegs zur Ausfprache allgemeiner Sätze berechtigen. Der Verfaffer hat die wichtigften diefer Ergebniffe in gedruckten ,, Bemerkungen" feinen Tafeln beigegeben, aus welchen wir das Bemerkenswertheste hervorheben. Die Getreide- Import bedürftige Schweiz hatte trotz ihrer Steuerfreiheit feit 300 Jahren fchon höhere Weizenpreife als Böhmen, wobei freilich zu berücksichtigen ift, dafs Weizen( Kernen) in der Schweiz die gewöhnliche Brotfrucht ift, während Roggen in Böhmen. Die Gröfse der Preisunterfchiede zwifchen Prag und Bern war im Jahre 1656 über 700 Percent; im Durchfchnitte des XVII. und XVIII. Jahrhunderts über 120 Percent und fank feit Entwicklung des Eifenbahnverkehrs auf 15 Percent herab; für Roggen blieb der Unterfchied der Mittelpreife immer weit geringer; in neuefter Zeit ift diefer für Prag fogar höher als für Bern. Uebrigens verproviantirte fich die Schweiz nicht aus Böhmen und die allmälige Annäherung der Preife in diefen beiden fo verfchiedenen Ländern ift um fo intereffanter, als fie nicht durch locale Handelsverbindungen bewirkt, fondern ein Refultat des allgemeinen europäifchen Weltverkehres ift. Die erleichterte Zufuhr und gröfsere Auswahl in den Bezugsquellen hat in Bern in den letzten 100 Jahren nahezu eine Stabilität der Weizenpreife bewirkt, während der Prager Weizen- Durchschnittspreis fich in derfelben Zeit nahezu verdoppelt hat, was Steiger durch den grofsen nduftriellen Auffchwung und die Zunahme an Reichthum in Böhmen erklärt. Die Abhängigkeit Berns von fremder Einfuhr für den Brotbedarf äufsert fich in weit gröfserer Senfibilität für ungünftige Conjuncturen; noch im Jahre 817 bei gemeinfchaftlichem Mifswachs ftieg der Weizen in Prag nur um 60, in Bern um 130 Percent über den Mittelpreis. Ein weiterer fehr anregender Verfuch lag von Steiger vor in der Ver gleichung der Verhältniffe einiger Arbeitslöhne, Nahrungsmittel und Gewerbsproducte in der Periode 1660 bis 1680, 1760 bis 1780 und 1866 bis 1871 in Böhmen. Auf der Tafel find die Hauptgruppen durch verfchiedenfärbige Vierecke, welche mit der Preiszunahme wachfen, dargestellt. Die erfte Abtheilung der Tafel gibt das allgemeine Refultat der Vergleichung, wonach die Arbeitslöhne ftärker als die Lebensbedürfniffe im Preife geftiegen find, die materielle Lage der Arbeiter( es find nur Preife des flachen Landes, alfo auch nur Landarbeitslöhne berücksichtigt) fich fomit reell um ebenfoviel gebeffert hat, als die Zunahme des Lohnes die Preiszunahme der Lebensbedürfniffe überwiegt. Unter den Nahrungsmitteln ftieg das Fleifch, wegen feines fehr vermehrten Confums, am bedeutendften; am wenigften Wein wegen der erleichterten Zufuhr( und der Concurrenz des Bieres?), und die Induftrieproducte; das von beiläufig zehnfach höher gezahlten Arbeitern mit zehnfach höherem Brennmaterialaufwand erzeugte Eifen ift gleichwohl nur 12 mal theurer als vor 200 Jahren. Hier zeigt fich der Triumph der Intelligenz und des Fleifses, weil hauptfächlich den fparfamen und intelligenter gewordenen Erzeugungsmethoden die relative Wohlfeilheit der wichtigften Induftrieproducte zu danken ift. Am ftärksten( 30fach) ftieg Holz, Beiträge zur Gefchichte der Preife. 41 welches immer am meiften Naturproduct bleibt und aufserdem wohl grofse Strecken feines Productionsgebietes an andere Culturen abgeben mufste. Eine gewiffe Ausgleichung wird jedoch auch hier durch die Holzfurrogate und die zweckmäfsigere Conftruction der Feuerungen erzielt. Auf der zweiten Abtheilung diefer Tafel war der Detailnachweis für diefe allgemeine Verbefferung der Lage der Landarbeiter geliefert und gezeigt, um wieviel durch ebendiefelbe Arbeitsanftrengung, dem Landarbeiter zur Beftreitung feiner Nahrungs- und anderen Bedürfniffe heute mehr Mittel verfchafft werden als vor 200 Jahren. Die ganze Darftellung ist nicht blofs mit grofsem Verſtändniffe und Fleifse angeordnet, fondern hat auch einen fehr wichtigen und noch immer controverfen Gegenftand in exacter Weife und durch die bildliche Darftellung fehr verftändlicher und anfprechender Manier behandelt. Derartige Bilder find vor Allem geeignet. Sinn und Intereffe für preisgefchichtliche Studien auch in weiteren Kreifen zu erregen und eingewurzelte Vorurtheile mit einem Schlage zu befeitigen. Nur mufs derjenige, welcher fie gibt, felbft fo vorurtheilsfrei an feine Arbeit treten, wie diefs bei Baron Steiger in wohlthuender Weife wahrgenommen werden konnte. Weniger gelungen können wir die letzte feiner graphifchen Tafeln bezeichnen, in welcher ein Vergleich der Ernte mengen und der Verkaufspreise von Weizen und Roggen auf der Domäne Tloskau von 1841 bis 1872 durchgeführt war. Nicht als ob die Darftellung weniger forgfältig oder deutlich, mit weniger Verſtändnifs gemacht gewefen wäre wie die übrigen; aber die Wahl des Themas und die Frageftellung haben einigermassen unfere Bedenken erregt. Zwar begegnet der Verfaffer( in feinen„ Bemerkungen") felbft dem Einwande, dafs die nur auf einer Domäne gewonnenen Erfahrungen nicht allgemein mafsgebend find, mit der Erwiederung, dafs fich aus den vom böhmifchen ftatiftifchen Centralcomité feit 1868 publicirten Landes- Durchfchnittsernten und Preifen die Frage, ob die quantitativen Getreideernten- Schwankungen durch entſprechende Preisbewegungen ausgeglichen werden, ebenfowenig wie nach feinem Elaborate, bejahen laffe; auch ftellt er nicht in Abrede, dafs fortgefetzte Beobachtungen nöthig find, ehe diefe Frage erfchöpfend beantwortet werden kann; übrigens vindicirt er für Tloskau nach Klima, Bodenqualität und Bewirthschaftungsweife fo ziemlich die Qualität eines böhmifchen Durchschnittsgutes. Die Frage an fich ift auch gewiſs wichtig und eingehender, exacter Unterfuchung würdig; insbefondere auch ift, wie wir fchon früher hervorgehoben haben, eine Beziehung der Preife auf die Quantitäten von grofser Bedeutung. Was uns gegen die Art der Frageftellung bei Steiger bedenklich macht, ift der Umftand, dafs Preife und Mengen nicht von jenem Orte genommen worden find, wo fie allein ihre Relation äussern können, von einem Markte. Die Erntemengen eines Gutes können in gar keiner Relation zu dem Preife desfelben ftehen, wenn fie nicht ausfchliefslich oder doch vorwiegend denjenigen Markt beherrfchen, welcher feinerfeits beftimmend für den Preis der Ernte diefes Gutes ift. Wollte die Frage mit Ausficht auf eine brauchbare Antwort geftellt werden, fo müssten die Verkaufsmengen desjenigen Marktes, welcher für die Verkaufspreife des Tloskauer Getreides beftimmend ift, mindeftens als drittes in die Vergleichung geftellt werden; denn nicht blofs die Ernte von Tloskau, fondern die Erntemengen all' der Güter, deren Schwankungen auf dem auch für Tloskau mafsgebenden Getreidemarkte fühlbar find, kommen in Betracht, wenn überhaupt die Beziehungen der Ernte- Ergebniffe zu den Marktpreifen ermittelt werden wollen; und auch die Quantitäten der Vorräthe find nicht unberücksichtigt zu laffen. Der Hinweis auf ähnliche, das umgekehrte Verhältnifs von Mengen und Preis nachweifende Ergebniffe der allgemein böhmifchen Ernteftatiftik( feit vier bis fünf Jahren) genügt offenbar nicht, um das eigene Ergebnifs zu ftützen. Man kann die fehr intereffante Tabelle über den Zufammenhang der Ernten und der Schwankungen der Preife dagegen halten, welche der bekannte Statiſtiker und Nationalökonom Moriz Block in feiner Schrift" L'Europe politique et sociale"( 1869) mittheilt, und wornach von 1841 bis 1867 die Gefammt- Getreideproduction Frankreichs und der 42 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. mittlere Getreidepreis allerdings, wenn auch nicht vollkommen genau, fo doch annähernd entgegengefetzte Bewegungstendenzen zeigen. Wir erwähnen diefe Tabelle um fo lieber, als leider Frankreich gar kein Material für die Preisgefchichte zur Ausftellung gefendet hat, und wir daraus doch erfehen, dafs auch dort die hervorragendften Statiftiker der Preisgefchichte ihr Augenmerk zuwenden. ( Die Tabelle ift auch in der„ Internationalen Ausftellungs- Zeitung" vom 17. Auguft 1873 abgedruckt.) Zu der Wahl des Thema's felbft endlich, in feiner Befchränkung auf ein einzelnes Gut( Getreide), möchten wir noch bemerken, dafs über den Preis eines Gutes, aufser anderen Momenten, nicht nur das Verhältnifs von Angebot und Nachfrage diefes einen, fondern auch die fehr vieler anderen Güter entfcheiden. Die Relation zwifchen Erntemenge und Verkaufspreis wird auch defshalb immer verfchleiert werden durch die dazwifchentretende Macht der anderweitigen Bedürfniffe( aufser Getreide) und durch die allgemeine Geftaltung der Einkommensverhältniffe, welche auch bei fteigendem Preife fteigen, den Verbrauch zulaffen, wenn fie fich günftig entwickeln. Uebrigens hat auch hier der Verfaffer feinem Thema in gewandter Weife manche intereffante Seite abzugewinnen ver ftanden. Er wirft einen Blick auf die von dem Stande des Getreidepreifes fo ftark beeinflusste Privatwirthfchaft des Landwirthes und folgert aus der Incongruenz von Ernte und Preishöhe, dafs die Geldeinnahmen, welche der Landwirth aus einer gleichen Getreidefläche jährlich zieht, von fehr fchwankendem Betrage ift. während bei Neutralifirung der Erntefchwankungen durch Preisänderungen jähr lich diefelbe oder doch eine nur allmälig mit dem Culturfortfchritte wachfende Geldeinnahme gezogen würde.„ In den letzten Jahren nahmen die Geldertragsfchwankungen zwar ab, weil die Ernten bei befferer Cultur ficherer und die Getreidepreife ftabiler waren, nicht aber weil Preis und Erntemenge fich beffer compenfirten. Bei ifolirten oder bei Getreide- Import bedürftigen Ländern mag es fich anders verhalten, aber in einem auf dem Weltmarkte gelegenen Lande mit fo grofser Getreide durchfuhr und Ausfuhr wie Böhmen, hört das Gedeihen der Landesernte auf, der entfcheidende Preisregent zu fein, und der Getreidebau wird zu einer recht veränderlichen Einnahmsquelle. Aber auch bei intenfivem Landwirthfchafts- Betriebe gelingt es nicht, fühlbaren Schwankungen in den Jahreseinnahmen zu entgehen. Je induftriöfer folch' ein Betrieb, defto ähnlicher wird er einem er einem den Conjuncturen unterworfenen Induftrieunternehmen." Noch gehörten in den Kreis der Prager Collectivausftellung die Diagramme der kaiferlichen Güterdirection in Prag 1. über die Preife des Bieres, dann der zur Bierbrauerei erforderlichen wichtigſten Materialien, als: Gerfte, Hopfen, Holz, Steinkohlen, fowie der jeweilige Betrag der Verzehrungsfteuer von 1670 bis 1870; 2. die Preife der Steinkohlen an dem Bufchtiehrader Bergwerke im Vergleiche mit dem Aequivalente an gutem weichen Brennholze von 1772 bis 1872, wozu das Material in dem Schebek'fchen Cataloge mitgetheilt ift. Dasfelbe ift für den Bier- und Kohlenpreis, fowie für die Verzehrungsfteuer vollſtändig der Domänenrechnung von Bufchtiehrad ent nommen; für Gerfte und Holz mufsten nur einige Daten von den angrenzenden, in ihren Local- und Culturverhältniffen faft ganz gleichen Domänen Swolenoves und Tachlowitz herbeigezogen werden, und nur der Hopfenpreis ift theilweife den Auszügen der Domänen Swolenoves, Plofchkowitz, Politz und Reichftadt entnommen, welch' letzterer Umftand feinen Grund darin findet, dafs der auf fämmtlichen Domänen erzeugte Hopfen zum gröfsten Theile zu eigener Verwendung, felten aber zum Verkaufe gelangte. Die Preife find hier wie für die zweite Tafel aus der jeweiligen Währung einfach in öfterreichifche Währung umgerechnet; nur in den Jahren 1799 bis 1811 kam der Curs in Betracht, indem die rheinifche Währung nach der gefetzlichen Scala des Bankozettel- Curfes in öfterreichifche Währung umgerechnet wurde. Beiträge zur Gefchichte der Preife. 43 Läfst man das Material in diefer Bearbeitung im grofsen Ganzen als richtig gelten- abfolute Genauigkeit ift dabei freilich nicht erzielt fo kann man nicht ohne Intereffe den Nachweis verfolgen, dafs trotz Sinkens des Gerften- und Hopfenpreifes und des Brennholz- Preifes bei gleichbleibendem Kohlenpreife und nur unerheblicher Zunahme der. Verzehrungsfteuer doch ein Steigen des Bierpreifes in zehn und fünfundzwanzigjährigen Perioden eintritt, was auf fehr ftarke Zunahme der Nachfrage ſchliefsen läfst. Von fünfzig zu fünfzig Jahren macht fich diefelbe Steigerung der Preife auch bei den übrigen Factoren bereits in mehr oder weniger entfchiedenem Verhältniffe geltend. Freilich werden wir in Bezug auf die Annahme diefer Refultate etwas ftutzig, wenn wir ihnen gegenüber die Berechnungen des Baron Steiger über die Verfchiedenheit im Preisauffchlage einiger Artikel in Böhmen halten. wonach das gegen 1670 heute etwa dreifach theurer gewordene Bier aus fünffach theurer gewordenen Ingredienzien, mit zehnfach gröfseren Brennmaterial- Koften, zehnfach beffer bezahlten Arbeitern und unter vierfach höherer Befteuerung erzeugt werden mufs. Nach den Zahlen des Bufchtiehrader Elaborates felbft aber ift das Bier zwifchen 1671 bis 1680 und 1861 bis 1870 geftiegen wie 1: 2.81, Gerfte wie 1: 4.8, Hopfen wie 1: 6:52, Holz wie 1: 6.14 und die Verzehrungssteuer wie 1: 6:54, fo dafs die zuerft hervorgehobene einfeitige Steigerung des Bierpreifes doch nur ein vorübergehendes Mifsverhältnifs bedeuten kann, während im Ganzen die Ergebniffe von Steiger und von Bufchtiehrad doch annähernd übereinftimmen, und die geringe Preiszunahme von Bier als Induftrieproduct geradezu frappant die Vervollkommnung der Brauereitechnik und Oekonomik darzulegen vermag. Wie deutlich würde das auf einer graphifchen Tafel hervortreten, welche mit logarithmifcher Theilung angelegt wäre. Auch die Vergleichung der Steinkohlen mit der Holzökonomie ift fehr lehrreich und liefert in den Zahlen des Steinkohlenpreifes und des Holzäquivalentes für einen Centner mittlerer Würfelkohle nachfolgendes Ergebniſs: ( ununterfchieden) 72 kr. Holzäquivalent 10 kr. oder 1: 139 1772 1782 Steinkohle 12 1: 167 " 7.2 8.2 79 99 99 وو 20 I: 2 44 1792 " 199 97 29 99 " 1802 6.3 24 I: 3.89 99 " 9 י 27 وو " 9 1812 Würfelkohle 1822 " 1832 1842 1852 1862 1872 99 " 99 " 15.4" 12.6 29 32" 49 24 " .. 14 7 99 22'4" י 22 4 27 32 29 40 " 9 RRRRFE 99 " 9 29 20 " 16 " 1: 2.06 I: 191 1: 136 32 I: I 43 " * " وو " 65" 62 I: 2.90 99 I: 194 " 9 62 99 99 99 I: I55 Endlich hat fich der Prager Collectivausftellung, äufserlich wenigftens, auch Profeffor Lafpeyres angefchloffen, deffen graphifche Tafeln wir, fo weit ihre Technik dabei in Frage kam, fchon oben erwähnt haben. Die erfte Serie über 310 Hamburger Export- und Importartikel von 1847 bis 1870 führt auf 18 Blättern den Nachweis der enormen Steigerung, welche feit der Entdeckung der californifch- auftralifchen Goldfchätze und durch diefelben faft alle Waarenpreife erlebt haben. Der Verfaffer hatte dazu in der tabellarifchen Ueberficht über den hamburgifchen Handel ein reiches und zuverläffiges Material, wie es kaum in folcher Vollständigkeit irgend wo anders getroffen wird. Die Hamburger Waaren- Preiscourante, das fei hier nur beiläufig nach Soetbeer bemerkt, werden feit 1736 wöchentlich von der Commerz deputation herausgegeben und hat eine Unterbrechung nur während der Belagerung vom Jänner bis Juni 1814 ftattgefunden. Die Notirung der Preife gefchieht durch die für die verfchiedenen Gefchäftszweige damit beauftragten Makler, welche jedes Jahr dazu ernannt werden; für die wichtigeren Artikel ift je zwei Maklern die Notirung übertragen. 44 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. Sie haben fich an dem der Herausgabe vorhergehenden Werktage auf dem Commerzcomptoir einzufinden und in die zu diefem Zwecke eingerichteten Bücher die Preisangaben einzutragen, wonach alsdann der allgemeine Preiscourant zufammengeftellt wird. Die hauptfächliche Norm für die Notirung geben die Preife, zu welchen am Tage derfelben die Waare im en gros Handel zu kaufen gewefen ift. Ift ein zu notirender Artikel gar nicht auf dem Markte, fo unterbleibt die Notirung gänzlich, find, fo weit bekannt geworden, feit dem letzten Preiscourant keine Gefchäfte in einem Artikel gemacht, auch haben keine Kauf- oder Verkaufsanträge ftattgehabt, fo werden die zuletzt notirten Preife unverändert wiederholt. In diefer höchft forg. fältigen Weife, welche wir defshalb ausführlicher erwähnten, damit unfere Handelsund Börfenkammern fich daran ein Beiſpiel nehmen können, werden die Hamburger Waarenpreife feftgeftellt und Profeffor Lafpeyres ift gewifs der eifrigfte Lefer und Bearbeiter diefer Zahlenreihen. Er hat nicht blofs für die Ausftellung eine meift für das Auge berechnete Behandlung derfelben vorgenommen, fondern auch fchon früher in einer Abhandlung ,, Hamburger Waarenpreife und die californifchauftralifchen Goldentdeckungen"( Hildebr. Jahrbücher III. 1864), fowie in einer weiteren über die Berechnung einer mittleren Waarenpreis Steigerung( ebendafelbft XVI. 1871) zu preisgefchichtlichen Unterfuchungen herangezogen, und endlich an der Hand diefer Zahlen die nationalökonomifch wichtige Frage zu beantworten verfucht, welche Waaren im Verlaufe der Zeit immer theurer werden( Abh. in der Tübinger Zeitfchrift für Staatswiffenfchaft 1872). Die graphifche Darftellung der englifchen Arbeits- und Waarenpreife im XIV. Jahrhunderte, über welche der Verfaffer gleichfalls felbft im Schebek'fchen Kataloge und auch fonft berichtet hat, will( in acht Blättern) an einem recht fchlagenden Beiſpiele zeigen, welchen Nutzen die Sammlung von Preisangaben aus vergangenen Jahren ftiften kann. Die Tafeln illuftriren für England die gewaltige Preisrevolution, welche die Peft( der fchwarze Tod) in der Mitte des XIV. Jahrhunderts angerichtet hat. Die Daten zu diefer Darftellung lieferten die beiden Bände des fchon erwähnten Werkes von Roger's" History of agriculture and prizes in England from 1261 of 1789"( bis jetzt 2 Bände, bis 1400 reichend). Der Verfaffer hat diefelbe Darftellungsart mittelft Relativzahlen wie bei den Hamburger Waarenpreifen gewählt, nur legte er blofs die Durchſchnittspreife ganzer Jahrzehnte zu Grunde, und wählte einen vierzigjährigen Zeitraum( 1261 bis 1300) als Ausgangsperiode zur Vergleichung. Die dritte Serie feiner graphifchen Tableaux endlich ftellte uns die den officiellen MarktBewegung der Getreide preife nach notirungen der Stadt Arnheim für die Zeit von 1571 bis 1870 dar, wozu der Verfaffer das Material einer fehr unüberfichtlichen graphifchen Darftellung von Sloet van de Beele:" Diagramme repréfentant les prix des denrées à Arnheim" entnommen hat, indem er diefe Tafel in Zahlen rückübertragen hat, um daraus eine überfichtlichere graphifche Darstellung zu formen. Eine Tabelle diefer Arnheimer Getreidepreife ift übrigens in der Tübinger Zeitschrift für Staatswiffenfchaft, Bd. 28, enthalten, wo diefen Preifen, wegen der für den Tranfit und befonders den grofsen Getreideverkehr günftigen Lage von Lafpeyres Arnheim eine Art von Weltpreis- Qualität vindicirt werden möchte. fucht nun in fünf Tafeln, von denen drei die jährlichen Preife von fünf Körnerfrüchten, eine die Durchfchnittspreife von je zehn Jahren in dreifsig Perioden, und von je hundert Jahren in drei Perioden in abfoluten Zahlen enthalten, den Nachweis zu liefern, wie gleichmäfsig durch fehr lange Zeiträume hindurch das Werthverhältnifs der Haupt- Ackerproducte bleibt trotz aller gelegentlichen Schwankungen. Am deutlichften tritt das Gleichbleiben der gegenfeitigen Wertheverhältniffe auf einem befonderen Blatte hervor, auf welchem der Roggenpreis jedes Jahrzehntes 100 und der Preis von Weizen, Gerfte, Hafer und Buchweizen als Verhältnifszahl dazu gefetzt ift. - Beiträge zur Gefchichte der Preife. 45 Die Diagramme von Mayer( königlich baierifches ftatiftifches Bureau), welche die Bewegung der Getreide preife, der Criminalität und der Auswanderung in den einzelnen Regierungsbezirken des Königreiches Baiern während der Jahre 1835/36 bis 1860/61 veranschaulichen, verfolgen einen bekannten Satz der modernen Socialwiffenfchaft, und find, abgefehen von ihren fchlagenden Refultaten für diefen Zufammenhang der Nahrungsfrage mit dem Hervortreten des verbrecherifchen und des Hanges zur Auswanderung auch dadurch intereffant, dafs für Getreidepreife, Criminalität und Auswanderung eine gemeinfame Scala hergeftellt und dadurch das Bild wefentlich vereinfacht wurde. Diefe einheitliche Scala drückt aus: I. Den Preis eines Scheffels Roggen in Sechfern; 2. die Zahl der Verbrechen und Vergehen auf 100.000 Einwohner; 3. die Zahl der Auswanderer gleichfalls auf 100.000 Einwohner; auf zwei eigenen Tafeln ift dasfelbe Thema durchgeführt für Baiern diesfeits und jenfeits des Rheines( Rheinpfalz), was defshalb von Werth ift, weil diefe Provinz fehr bedeutende wirthschaftliche und fociale Eigenthümlichkeiten zeigt. Uebrigens find die Verdienfte Mayer's um die ftatiftifche Forfchung und insbefondere auch um die rationelle Ausbildung der graphifchen Statiſtik längft anerkannt, und auch diefe Arbeiten über Getreidepreife, Criminalität und Auswanderung( aus der Veröffentlichung des königlich baierifchen ftatiftifchen Bureaus) haben fich fchon lange, einen ehrenvollen Platz in der focial- ftatiftifchen Literatur erworben. Gleichfam als Anhang zu ihrer Collectivausftellung hatte die Handelsund Gewerbekammer in Prag in zwei Käften Waarenmufter älterer Zeit, wo möglich mit den bezüglichen Preisangaben ausgeftellt, die wir nicht mit Stillfchweigen übergehen dürfen. Das Verdienft, diefe Ausstellung zu Stande gebracht zu haben, gebührt, wie wir aus dem Schebek'fchen Kataloge belehrt werden, dem Vicepräfidenten der Handelskammer Richard v. Dotzauer. Die ausgeftellten Mufter lagen theils einer Relation bei, welche über alle in den fünf Commercialkreifen, Königgrätzer, Saazer beide Antheile, Bunzlauer, Leitmeritzer und Stadt Prag erhobenen Manufactursgattungen 1756 erftattet wurde; die böhmifche Webwaaren- Induftrie ift damit vollſtändig vertreten und es bot grofses gewerbegefchichtliches Intereffe dar, diefe oft vergilbten Lein wand-, Tuch-, Spitzen- etc. Mufter mit veralteten Deffins, ja felbft mit den Papierproben, in welche die Leinwand gepackt wurde, wieder an's Tageslicht gezogen und einer kundigen Prüfung ihrer Qualität im Vergleiche zu den gegenwärtigen Geweben unterworfen zu fehen. Dabei lagen 5 Blätter mit Preifen der Bänder aus der Sutori'fchen Bänderfabrik in der königlichen alten Stadt Prag, von welchen jedoch leider das Wichtigfte, die Bandmufter felbft, herausgeriffen waren. Im zweiten Kaften waren geboten eilf Mufter von Seidenftoffen aus dem Memorabilienbuche des Schlofsarchives zu Bělohrad um 1700( M. Dormitzer), ferner dreizehn Mufter von Livréetuch fammt Preifen aus einer Handlung in Prag 1755; acht Mufter von verfchiedenen Sorten zu Bettzeug fammt Preifen 1755; fünfzig Mufter verfchiedener Webereierzeugniffe aus Rumburg 1786( gräflich Kinsky'fche Central direction); eine Mufterkarte der Cottondruckerei von W. J. Gottlafs in Lieben bei Prag von 1822 und ein Mufterbuch der Cottondruckerei von A. W. Kubefch in Lieben bei Prag nach 1822( R. v. Dotzauer). Auch in diefer Richtung hatte demnach die Prager Handelskammer dem Wunfche des allgemeinen Programmes nachzukommen fich bemüht, welches von den bedeutendften Productionsgebieten die Preife der wichtigeren Artikel möglichft weit zurückreichend und nach fünfjährigen Durchfchnitten neben einander gereiht, unter gleichzeitiger Vorlage von Muftern und Proben erfichtlich gemacht wiffen wollte; fie konnte fich in jeder Beziehung als die eigentliche Trägerin des von der kaiferlichen Commiffion faft zu kühn hingeftellten Gedankens betrachten; ohne fie wären die einzelnen Bemühungen zur Förderung der Preisgefchichte in dem Strudel der Maffen verfchwunden und 46 Dr. Carl Theodor von Inama- Sternegg. keine äufserliche Einrichtung, kein Pavillon und kein Saal, ja nicht einmal ein eigener Schrank hätte daran gemahnt, dafs die Gefchichte der Preife bei der Wiener Weltausftellung eine eigene additionelle Abtheilung bilden und mit unter ihre Zierden gehören follte. Wir haben damit, wie wir glauben, erfchöpft, was über diefe Ausstellung und über die einzelnen Objecte derfelben gefagt werden musste, nicht aber auch was über fie gefagt werden könnte, fowohl im Hinblick auf die reiche Fülle ihres Inhaltes, als auch in Rückficht auf die Preisgefchichte als Wiffenfchaft; die Winke, welche wir, durch diefe Ausftellung belehrt, für die Theorie der preisgefchichtlichen Forfchung und ihre Methode gegeben haben, werden hoffentlich nicht verloren gehen und gehören gewifs auch in einen Bericht über ein grofses Feld wiffenfchaftlicher Arbeit; find fie ja doch grofsentheils als ein unmittelbares Ergebniſs der Ausftellung felbft zu betrachten. Und damit find wir denn auch an den Schlufs unferer Berichtarbeit überhaupt gekommen; was uns noch zu fagen erübrigt, das sind Wünfche und Hoffnungen in Bezug auf die Preisgefchichte und auf die preisgefchichtliche Ausftellung und ihre Objecte insbefonders. Wer weifs, wie dürftig doch im grofsen Ganzen das preisgefchichtliche Material war, welches bis jetzt der Wiffenfchaft zur Verfügung geftanden, der wird, wenn er die gefchilderten Schätze der Weltausftellung überblickt hat, nicht anftehen, zuzugeben, dafs ein fo bedeutender, ja geradezu überraschend grofsartiger Zuwachs nicht ohne nachhaltige günftige Wirkung auf die künftige Ausbildung der Preisgefchichte bleiben könne. Auf der anderen Seite aber regte gerade diefes Ergebnifs der in fo kurzer Zeit bewerkstelligten additionellen Ausftellung das Verlangen an, all' die kaum aufgefchürften und obenhin ausgebeuteten reichen Lagerftätten weiter abzubauen und in derfelben Weife auch ganz neue, bisher gar nicht gekannte Fundftätten für die wiffenfchaftliche Verwerthung zu erfchliefsen. Es fcheint der Zeitpunkt gekommen, um von vereinzelter, nebenfächlicher, oft rein zufälliger und aus blofs individueller Neigung entſpringender Behandlung preisgefchichtlicher Fragen zu einer organifirten fyftematiſchen Maffenarbeit überzugehen. Da fehlte bisher noch fo ziemlich Alles. Keine Regierung, keine wiffenchaftliche Körperfchaft, keine Repräfentanz der gewerblichen und Handelsintereffen, ja nicht einmal Vereine oder Comités gab es bis jetzt, welche fich die fortwährende Pflege einer fyftematifch durchgeführten preisgefchichtlichen Arbeit hätten angelegen fein laffen; felbft die fchöne Frucht energifcher und opferwilliger Bemühungen, wie fie die Prager Handelskammer in ihrer Collectivausftellung und die Budapefter Handelskammer mit ihren Beiträgen zur Gefchichte der Preife ungarifcher Landesproducte aufzuweifen hatten, mufs doch immer als ein Treibhaus- Gewächs bezeichnet werden, grofsgezogen durch den aufsergewöhnlichen Eifer der Veranſtalter und eine Reihe uneigennütziger Mitarbeiter, gezeitigt an der künftlichen Sonne der Weltausftellung, deren Wärme auf fo viele Gebiete eine vorübergehend erhöhte Lebensthätigkeit erzeugt hat. Und wie der preisgefchichtlichen Arbeit jede Organiſation, fo fehlte auch den wenigen Einzelnen, welche fich ihr aus Liebhaberei zugewendet, jede Verbindung, und ihren Arbeiten jeder Zufammenhang; ftatt der Maffenbeobachtung, der Vorausfetzung jeder Ermittlung focialer und wirthschaftlicher Gefetze, war die Einzelbeobachtung herrfchend, ftatt gleichmäfsiger wohldurchdachter und allgemein acceptirter Syftematik machten fich höchft fubjectiv gedachte Syfteme und Methoden geltend. Die ,, exacten" Naturwiffenfchaften haben fchon längft ihre meteorologifchen Beobachtungs-, ihre agriculturchemifchen Verfuchsftationen, die, unter einander in einer wohlorganifirten Verbindung, alle in gleicher Weife dem gleichen Ziele zuarbeiten, für exacte Feftftellung aftronomifcher Vorgänge widmen die Regierungen bereitwilligft Hunderttaufende; aber wir haben noch nicht gehört, dafs eine Regierung zum exacten Studium einer Preisrevolution einen Kreuzer bewilligt hätte. " Beiträge zur Gefchichte der Preife. 47 Diefe Verhältniffe nachhaltig zu beffern, dazu fcheint durch die Weltausftellung der geeignete Moment herbeigeführt zu fein. Zuerft handelt es fich darum, das hier vereinigte Material aus feiner zufälligen in eine dauernde Verbindung zu bringen. In diefer Beziehung hat fchon die Prager Handelskammer und insbefondere auch die permanente Commiffion des internationalen ftatiftifchen Congreffes vorbereitende Schritte gethan, indem letztere auf Antrag Engel's befchlofs, an die k. k. Regierung das Erfuchen zu richten, es möge Vorforge getroffen werden, das in der additionellen Ausftellung zur Gefchichte der Preife, wie in der Ausftellung überhaupt fo reich vorliegende ftatiftifche Material zu fammeln und. die weitere Ergänzung im Auge zu behalten. Um diefe Ergänzung nun in rationeller und allfeitiger Weife zu erzielen, bedarf es wohl einer zahlreichen Mitarbeiterfchaft und für jedes Land( Provinz) wenigftens einen Mittelpunkt, an welchem das allenthalben innerhalb desfelben erhobene Material gefammelt, gefichtet und einer erften Bearbeitung unterworfen würde; die Hauptarbeit aber müfste immer einer eigenen Commiffion( Bureau) zufallen, welches nicht blofs die Grundfätze auszuarbeiten und feftzuftellen hätte, nach denen gefammelt und gearbeitet werden foll, fondern auch felbft Hand an die Veröffentlichung und Bearbeitung des gehörig gefichteten und geläuterten Materials legen müfste. So erft kann der fruchtbare und anregende Gedanke der additionellen Ausftellung einen weit über die Wiener Weltausftellung hinausreichenden fegensreichen Einfluss auf Wiffenfchaft und Leben üben. Möge die k. k. öfterreichifche Regierung fich die Ehre nicht entgehen laffen, die erfte unter den Regierungen der Culturftaaten zu fein, welche auch den Socialwiffenfchaften die Wege exacter Forfchung ebnet. OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DER WELTHANDEL. ( Additionelle Ausstellung Nr. 6.) BERICHT VON DR. CARL THOMAS RICHTER, k. k. o ö. Profeffor der Staatswiffenfchaft an der Universität zu Prag. BEITRÄGE ZUM ZWEITEN BANDE. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI 1873. THE VORWORT. Die gefertigte Redaction übergibt auch jene Theile des officiellen Berichtes, welche nach dem Programm der Berichterftattung den ,, zweiten Theil des Ausftellungsberichtes" bilden follen, der Oeffentlichkeit, um den Befuchern der Ausstellung wie mit den einzelnen Berichten über die 26 Gruppen, auch mit diefen Gefammtdarftellungen der orientalifchen Staaten und Völker das Studium der Ausftellung zu erleichtern. Nach dem Schluffe der Ausstellung werden alle diefe freien Hefte in einer neuen Auflage herausgegeben werden, in welcher für den erften Band die Ordnung der 26 Gruppen, für den zweiten Band die geographifche Lage der Staaten zu Grunde gelegt werden foll. Nur mit diefer Organiſation des Druckes und Verlages des officiellen Berichtes fchien es der gefertigten Redaction möglich zu erreichen, was die Generaldirection im Sinne hatte, als fie in dem Programme der officiellen Berichterstattung erklärte ,,, den ganzen Werth eines folch' grofsen und umfaffenden Werkes dem Publicum zugänglich zu machen und vollkommen auszunützen". PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DER WELTHANDEL. ( Additionelle Ausstellung Nr. 6.) Bericht von DR. CARL THOMAS RICHTER, k. k. o. ö. Profeffor der Staatswiffenfchaft an der Univerfität zu Prag. EINLEITUNG. ,, Auf wenigen Gebieten des volkswirthfchaftlichen Lebens treten die Fortfchritte unferes Zeitalters in fo einfchneidenden und durchgreifenden Reformen hervor, als auf dem Gebiete des Welthandels, und zwar fowohl in Bezug auf deffen Bedeutung, als auf deffen Umfang. " Wenn die raftlos fortfchreitende Entwicklung des Culturzuftandes der verfchiedenen Staaten und Völkerfchaften den Weltverkehr belebt und die Solidarität der Intereffen mehr und mehr zum allgemeinen Bewufstfein bringt, fo müffen anderfeits die ftets wachfenden Ziffern, durch welche der jeweilige Stand des Welthandels zum Ausdrucke kommt, einen Rückfchlufs auf die Fortfchritte der Länder in materieller und intellectueller Beziehung geftatten. ,, Ein Culturfortfchritt auf irgend einem Punkte der Erde macht fich über den ganzen der Cultur zugänglichen Raum hin fühlbar. Die Alles beherrfchenden Leiftungen der menfchlichen Intelligenz auf technifchem und commerciellem Gebiete und die Ausbildung der Transportmittel, namentlich in Folge der Einführung des Dampfes, waren nicht blofs von den wohlthätigften Wirkungen auf die davon unmittelbar berührten Culturvölker begleitet; fie haben ihre befruchtende Kraft auch weit über den Ocean getragen und nicht nur den Europäer und feine Abkömmlinge jenfeits der Grenzen des von ihm bewohnten Welttheiles an neue und vermehrte Bedürfniffe gewöhnt, ihn arbeitsluftiger, wohlhabender und in Folge deffen kauffähiger gemacht, fondern auch den Bewohner der fernften Zonen, der Jahrhunderte lang gewohnt war, für Befriedigung feiner mässigen und befchränkten Bedürfniffe zu arbeiten, in den grofsen Kreis des Weltverkehres gezogen und ihn befähigt, die Producte feines Schaffens beffer zu verwerthen und andere Erzeugniffe dafür einzutaufchen, deren Verbrauch ihn mehr und mehr den Culturvölkern nähert. Daher die grofse wirthfchaftliche Bedeutung des Welthandels, der raftlos vorfchreitend, durch feine eigene Kraft fich immer neue Gebiete erfchliefst, unaufhaltfam hinwegfetzt über Berge und Meere und für die Dauer keine politifchen Grenzen, fondern nur Productions- und Confumtionsgebiete kennt. Aus diefem Grunde dürfte auch die jeweilige Ausdehnung des Welthandels einen zuverläffigen Mafsftab für den Culturzuftand verfchiedener Zeiten geben, wie auch die Betheiligung eines jeden Volkes an diefem Gefammtverkehre einen Anhaltspunkt für die Beurtheilung feiner Leiftungsfähigkeit fowie für die Kauf- und Confumtionsfähigkeit feiner einzelnen Theile liefert. 2 Di. Carl Thomas Richter. „ Aber nicht nur die Maffenhaftigkeit des Verkehrs, fondern auch die Mannigfaltigkeit der Artikel desfelben hat, dank den allgemeinen Culturfortfchritten und der dadurch veranlafsten Vermehrung der Bedürfniffe, nie geahnte Dimenfionen angenommen. „ Mit den Fortfchritten der Induftrie, mit der erreichten vielfeitigen Verwendbarkeit mancher Naturproducte und mit der Entdeckung neuer Stoffe werden immer neue Artikel in den Bereich des Welthandels gezogen und die eingetretenen Erleichterungen in den Communicationsmitteln tragen wefentlich dazu bei, um Ueberflufs und Mangel an allen Punkten der Erde auszugleichen. ,, Trat doch vor einigen Decennien noch in Folge von Mifsernten die Hungersnoth mit ihrem Schreckengefolge faft alljährig auf einem anderen Punkte der Erde auf, während heute Getreide fowohl an Werth wie an Maffe der wichtigfte unter allen Artikeln des Welthandels geworden ift und Hungersnoth gegenwärtig in die Claffe jener Heimfuchungen reiht, welche die Culturvölker mit einiger Vorausficht und nur mäfsigem Kraftaufwande ferne zu halten vermögen. " Wer hätte wohl vor wenigen Jahren noch die hohe Bedeutung des Petroleums, jenes damals völlig werthlos erfcheinenden Erdproductes, vorausgefehen? An nicht wenigen Orten der Erde, und an diefen in unmefsbaren Quantitäten gewonnen, liefert es heute die Ladung für ganze Handelsflotten und zählt zu den bedeutendften Verfrachtungsartikeln der Eifenbahnen. Eine weitere Erfcheinung der Neuzeit ift die völlige A enderung der lange gewohnten Verkehrsrichtung für viele Artikel. Baumwolle, der zweitwichtigſte Artikel des Weltverkehres, wurde Jahrhunderte lang, bis zum Beginne des amerikanifchen Bürgerkrieges, ausfchliefslich aus den Vereinigten Staaten bezogen; um diefe Zeit fah man dem Verfiegen der bisherigen Quelle mit Bangen entgegen. Da traten Egypten. Oftindien, Brafilien u. f. w. in die Concurrenz. Die Krife wurde mit Hilfe diefer neu gewonnenen Quellen überftanden, aber ein Theil der fchwerbeladenen Baumwoll- Schiffe, welche früher ausfchliefslich zwifchen den Häfen der Vereinigten Staaten und Liverpool verkehrten, bevölkert nunmehr bleibend das indifche und das rothe Meer. Und dabei hat Amerika durch diefen Ausfall an feinem bisherigen Hauptausfuhrs- Producte, mit dem es die ganze Welt in feiner Abhängigkeit zu halten fchien, nur wenig verloren. Das Land hat feine disponiblen Kräfte anderen Productionszweigen zugewendet; wenige Jahre der Entbehrung haben genügt, die Ausfuhrsziffern Amerikas wieder auf die frühere Höhe zu bringen und heute fteht es in Bezug auf feine Theilnahme am Welthandel noch glänzender da als vor Beginn des Bürgerkrieges. In Erkenntnifs der aufserordentlichen Bedeutung des Welthandels und von dem Wunfche geleitet, den Antheil zu veranfchaulichen, welchen einige der wichtig. ften Hafenplätze Englands, insbefondere Liverpool und Hull an dem internationalen Güteraustauſche haben, machten bereits auf der erften Weltausftellung in London im Jahre 1851 die bezüglichen Localcomités den ebenfo intereffanten, als lehrreichen Verfuch, die Gröfse des durch jene Hafenplätze vermittelten Verkehres und die Artikel, über welche fich derfelbe erftreckt, dadurch darzuftellen, dafs die Gegenftände des Ein- und Ausfuhrhandels in Muftern vorgeführt und mittelft Angabe der Ein- und Ausfuhrmengen, der Provenienz und des Abfatzgebietes, des Preifes u. f. w. illuftrirt wurden. Obgleich den beiden Comités für die Durchführung diefer Idee nur wenig Zeit und höchft befcheidene Mittel zu Gebote ftanden, fo war doch der Verfuch vom beften Erfolge begleitet und es erwiefen fich diefe additionellen Ausstellungen für den Laien wie für den Fachmann gleich lehrreich und nutzbringend. Während dadurch dem erfteren ein Bild des Umfanges des Aufsenhandels der erwähnten Häfen fich entrollte und Ergebniffe zugänglich gemacht wurden, welche früher das faft ausfchliefsliche Eigenthum von Kaufleuten und Statiſtikern waren, wurde dem Fachmanne Gelegenheit geboten, feine Kenntniffe hinfichtlich der Bezugsquellen und Abfatzgebiete zu erweitern, und fogar ihm unbekannte Artikel in den Kreis feiner Combinationen zu ziehen. t ; r e 1 n e r 7. e r n Sa 1, n h e Der Welthandel. 3 " Zum zweiten Male führte Liverpool diefe Idee auf der im Jahre 1862 in London ftattgefundenen Weltausftellung aus. Auf der im Jahre 1868 in Havre abgehaltenen Ausftellung kam der gleiche Gedanke, von dem unterzeichneten Generaldirector, als damaligen Vicepräfidenten der befagten Ausstellung angeregt, in einer durch graphifche Darftellungen vervollkommneten Weife zur Ausführung. Die lebhaftefte Anerkennung wurde auch einer ähnlichen Ausftellung, welche im September 1. J. in Trieft ftattfand, zu Theil. In Havre fowohl, als auch in Trieft. wurden gerade diefe Abtheilungen als die Glanzpunkte der bezüglichen Ausftellungen bezeichnet. ,, Die Weltausftellung 1873 in Wien foll nun in weiterer Ausführung diefes Gedankens den Antheil zur Anfchauung bringen, welchen die wichtigften Hafenplätze und Weltmärkte der Erde am Welthandel haben. ,, Diefe additionelle Ausftellung foll aus den wichtigften Häfen fowie aus den Hauptplätzen des Binnenlandes( Leipzig, Nifchnij Nowgorod, Kiachta etc.) eine vollſtändige Collection von Muftern aller jener Rohftoffe, Hilfsftoffe und Fabricate aufnehmen, welche Handelsartikel des betreffenden Platzes bilden. " Bei jedem einzelnen Mufter follen die nachftehenden Daten namhaft gemacht werden: I. Provenienz und Abfatzgebiet; 2. Einfuhr- und Ausfuhrmengen; 3. Durchfchnittlicher Marktpreis auf dem betreffenden Platze während des Jahres 1871, Maximum und Minimum der Preisfluctuation in diefem Jahre; 4. Art der Verwendung( und zwar nur in genereller Angabe). " Was den Inhalt des zweiten Theiles diefer Ausftellung, die graphifchen Darftellungen anbelangt, fo follen diefe Folgendes zur Anfchauung bringen: I. Den Antheil, welcher den einzelnen Ländern am Gefammtverkehr in jedem Stapelartikel zukommt; 2. Die Fluctuationen des Exportes der Hauptartikel jedes Landes, den Fluctuationen des Gefammtverkehres in dem betreffenden Artikel gegenübergeftellt; 3. Darftellungen, welche die Vertheuerung der Waare zwifchen Producenten und Confumenten zur Anfchauung bringen. Selbſtverſtändlich ift hier nur jener Theil der Vertheuerung in Betracht zu ziehen, welchen die Waare in der Zeit erfährt, während der fie als Welthandelsartikel figurirt; fo zwar, dafs für die Endglieder der Darftellung nur Weltmärkte, nicht aber Productions- und Confumtionsgebiete mafsgebend erfcheinen; 4. Darftellungen des Weltverkehres im Grofsen und Ganzen, ohne Rückfichtsnahme auf die einzelnen Waarengattungen: Tafeln, welche den Antheil eines jeden Landes am Gefammtverkehre veranfchaulichen; Tafeln, die den Verkehr der einzelnen Länder unter fich darftellen; Schifffahrts, Fracht- und Affecuranzftatiftiken; Tabellen zur Darstellung der Cursfluctuationen zwifchen den wichtigeren Handelsplätzen u. f. w. " Diejenigen der vorbenannten graphifchen Darftellungen, welchen nicht eine gröfsere Anzahl von Jahren zu Grunde gelegt werden kann, follen auf Grundlage von Durchfchnittsziffern aus den Ergebniffen der letzten zehn Jahre ausgeführt werden; zugleich wäre es wünſchenswerth, dafs diefen Darftellungen auch folche für jene Jahre des Decenniums beigeben würden, in welchen der Verkehr ein Maximum oder Minimum betrug." So lautete das„ Specialprogramm für die Darftellung des Welthandels", der fechsten Abtheilung der fogenannten additionellen Ausftellungen. Es war am 30. November 1871 publicirt worden, und trug die Unterfchrift des Präfidenten der kaiferlichen Commiffion Erzherzog Rainer und des Generaldirectors Freiherrn v. Schwarz- Senborn. Man kann nicht beffer die Wichtigkeit und Bedeutung einer folchen Ausftellung und die Art und Weife der Organifirung derfelben felbft darftellen, als es 4 Dr. Carl Thomas Richter. hier gefchehen ift. Die Summen jener materiellen Güter, welche fich in der Welt als Welthandels- Güter bewegen und die Welt felbft in Bewegung fetzen, erfcheinen darin, der Materie vollkommen entkleidet, wie vergeiftigt und nur in ihren Aufgaben und Wirkungen betrachtet, in denen fie in der That einen mächtigen, ja faft den gröfsten Antheil nehmen an der Entwicklung und Förderung der Cultur der Menfcheit und an der Ausbildung einer gleichen, die Menfchheit immer mehr und mehr nach Völkerftämmen und Staaten verbindenden Civilifation. Das find fürwahr nicht verfchiedene Worte für vielleicht diefelbe Sache. Für uns ift die eine immer die mehr äufsere Geftaltung, die ftaatliche und bürgerliche Formgebung, ich möchte fagen, das mehr materielle; die Andere die Vergeiftigung des in That und Gedanken, im Thun und Laffen, im Schaffen und Erzeugen zum Ausdruck kommenden Lebens gewefen. Man kann diefe und jene befchreiben, von diefer und jener die Gefchichte darftellen nach einzelnen Gebieten und Theilen, für einzelne Völker und Staaten, und nach dem grofsen Ganzen für die Welt und für die Menfchheit. Man kann fie auf ein Jahrhundert einfchränken, und über Jahrhunderte ausdehnen. Aber wie immer man fie erkennt, betrachtet und befchreibt, man wird ficher für Beide verfchiedene Gefichtspunkte in den Vordergrund ftellen, für Beide von verfchiedenen Ausgangspunkten ausgehen müffen und, wie auch immer dabei das Gebiet des Einen jenes des Anderen berühren, ja oft vollſtändig in die Betrachtung aufgenommen werden wird, gewifs doch zu anderen Zielen und Urtheilen gelangen. Kann man, um nur ein Beiſpiel für das, was wir meinen, zu geben, kann man Kunft und Wiffenfchaft, ihre Geftaltung und Entwick lung aus einer Periode der Culturgefchichte, und wäre fie die kleinfte, ausfcheiden? Und doch! Wird die Civilifation und Macht eines Staates oder Volkes entfcheidend von ihr berührt und beeinflufst? Deutfchland ftand an der Spitze der Civilifation der Welt in jenen erften Jahrhunderten unferer modernen Gefchichte, als die Zweige alles höheren Wiffens kaum grünten und die erften Anfänge ihrer Blüthe im geheimnifsvollen Dunkel von einigen Wenigen feftgehalten wurden, und fein ganzes Kunftbedürfnifs durch die derbe Arbeit einiger lang unvollkommenen Gewerbe befriedigt wurde. Die Cultur Griechenlands erblühte noch, als feine civilifatorifche Macht erbleichte und Rom erbeutete, was ihm Gröfse, Stolz und Civilifationsmacht niemals geben konnten, Wiffen und Wiffenfchaft, Plaſtik, Malerei und Dichtkunft. Und doch! Wie überzeugt wir von diefem Gedanken auch find, wie fördernd für die Klarheit der Gefchichte und ihrer Darftellung wir fie auch halten, wenn fie beachtet werden, für die Aufgabe, die wir mit der Darftellung des Welthandels zu erfüllen haben, müfen wir ftets auf Beide in ihrem grofsen Ganzen als Refultate der Weltgefchichte, wie in ihren einzelnen Aeufserungen hinblicken. Der Welthandel ift ein Grundpfeiler, der raftlos fortfchreitenden Entwicklung des Cultur zuftandes der verfchiedenen Staaten und Völkerfchaften", wie das erwähnte Programm fagt. Aber er ift auch ein Theil der Civilifation der Staaten und der Macht derfelben, der, wie an derfelben erwähnten Stelle gefagt wird ,,, durch feine eigene Kraft immer neue Gebiete erfchliefst, unaufhaltfam hinwegfetzt über Berge und Meere, und für die Dauer keine politifchen Grenzen, fondern nur Productionsund Confumtionsgebiete kennt", das heifst, der in der Ausgleichung aller Intereffen und darum Gemeinſamkeit derfelben die Menfchheit allmälig zu einer friedlichen Zufammengehörigkeit erhebt, trotzdem fie über verfchiedene Welttheile zerftreut, und durch fefte und unwandelbare Grenzen von einander getrennt fcheint. Diefs in unferer Darſtellung zum Ausdruck zu bringen, müffen wir mit der Betrachtung des wirthschaftlichen Lebens der Staaten, ihrer Cultur, oft das ganze ftaatliche Leben derfelben, ihre politifche Entwicklung und jene ihrer Gefetze und Rechte, ihre Civilifation, berühren. Diefs zu erfüllen, ganz und vollſtändig zu fein und doch den Rahmen nicht all zu fehr erweiternd, wollen wir im erften Theile unferer Betrachtung, mehr zur Erinnerung, als um Neues zu fagen, die Gefchichte des Welthandels" ausführen, Der Welthandel. 5 und hier fchon die Elemente, Bedingungen und Grundlagen unferer ganzen Aufgabe kennzeichnen. Dann wollen wir die wirthschaftliche Geftaltung der einzelnen Staaten, wie fie als Grundlage des Welthandels fich ausgebildet hat, befchreiben und die Welthandels- Producte", um am Schluffe felbft ,, den Welthandel und feine Geftalt" überfichtlich darftellen zu können. Dem aufmerkfamen Lefer werden die Beziehungen diefer Abſchnitte zum erften Theile der Betrachtung nicht entgehen, ebenfowenig wie die Nothwendigkeit desfelben für die Klarheit und volle Erkenntnifs des Anderen. Wenn wir hierbei Manches wiederholen, fo mag man verzeihen. Es gibt Dinge, die nie oft genug gefagt werden können, und fo oft gefagt werden müffen, bis fie das Gemeingut Aller find. Und bedarf es für die Sorge, vollſtändig und genau fein zu wollen, noch einer Rechtfertigung, fo kennzeichnen wir gleich die Stellung diefer Arbeit. Sie foll als Einleitung für den zweiten Band des officiellen Berichtes dienen, jenes Bandes, der fich zur Aufgabe geftellt hat, die Völker und Staaten in ihrem wirthschaftlichen Leben darzuftellen, die feit Jahrtaufenden das Ziel alles Strebens unferer modernen Cultur gewefen find, das Ziel der Erkenntnifs und Forfchung, das Ziel des Handels und Verkehres, und durch welche zahlreiche Grundlagen unferer Cultur beeinflusst werden. Das oben angeführte Programm der Darftellung des Welthandels enthält neben feiner ernften Auffaffung desfelben auch noch die Angabe, wie und was auf der Wiener Weltausftellung zur Geltung kommen foll. Es foll Provenienz und Abfatzgebiet, Einfuhr- und Ausfuhrmengen, durchfchnittlicher Marktpreis und Preisfluctuation im Jahre 1871 und die Art der Verwendung enthalten. Es foll weiter der Antheil der einzelnen Länder am Gefammtverkehr in jedem Stapelartikel, die Fluctuation des Exportes der Hauptartikel jedes Landes u. f. w., wie das Programm fagt, angegeben werden. Die Thatfachen, wie fie die Ausftellung brachte, fagen wir es kurz und offen, find diefem Programme nicht im Entfernteften gefolgt. Aber, es fei trotzdem geftattet, hier noch der dabei betheiligten Ausfteller und ausgeftellten Gegenftände zu gedenken. Wir erfüllen damit eine Pflicht der Dankbarkeit, da wir, wie unvollkommen die Ausftellung nach diefer Richtung im Ganzen war, wie ungenügend, ein vollkommenes Bild des Weltverkehres zu geben, doch im Einzelnen viel Gutes und Schätzenswerthes fahen und bei einer fo fchwierigen Aufgabe wie die der Darftellung des Welthandels auch der Verfuch, zumeift wenn er doch eigentlich der erfte war, fchon Anerkennung verdient. Wollten wir der Darstellung des Welthandels nach den einzelnen Induftrieund Handelsartikeln folgen, fo müfsten wir allein die ganze Weltausstellung in unfere Betrachtung einbeziehen. Da lag jedenfalls das befte Bild des Welthandels und der Weltinduftrie vor. Die Organiſation der Weltausftellung fchränkte aber von vorne herein das ganze Gebiet auf einen befonderen Pavillon ein und hat dadurch natürlich die Prüfung fehr erleichtert, aber freilich auch die Bafis gefchaffen für eine fcharfe Kritik. Nur was der Einzelne rafch und leicht im Ganzen und in feinen Theilen überfehen kann, das wagt er zu beurtheilen und um fo fchärfer zu kritifiren, je weniger Schwierigkeit ihm die Erkenntnifs gemacht hat. Neben diefem Pavillon hat die Munificenz eines Privatmannes ein zweites Gebäude gefchaffen, das, was Grofsartigkeit der Ausführung und Sicherheit der Erreichung des Zweckes betraf, weit die Holzbude des Welthandels überragte. Wir meinen den " Cercle oriental", von Dr. Emil Hardt erbaut. In dem ftilreichen Gebäude fanden theils durch Karten und graphifche Darstellungen, theils durch Mufterfammlungen die Handelsbeziehungen des Orients zu Europa ihre Darftellung. Was aber bedeutender war als diefe Darftellung, das war die Abficht, durch die Errichtung des Gebäudes zur Erhaltung und Förderung der Handelsbeziehungen Oefterreichs zum Oriente thatkräftig beizutragen. Und diefe Abficht wurde infoferne auch erreicht, als durch die Bildung eines ,, Comités für den Orient und Oftafien" und die dauernde, von dem öfterreichifchen Generalconful in Conftan 6 Dr. Carl Thomas Richter. tinopel Hofrath Ritter v. Schwegelgeleitete Thätigkeit diefes Comités die Ausftellungen der orientalifchen und oftafiatifchen Völker gründlich ftudirt und taufendfältige Anregungen in diefer Beziehung für die öfterreichiſche Induſtrie gefchaffen worden find. Auch der zweite Band des officiellen Ausftellungsberichtes, dem ich die Betrachtung über den Welthandel als Einleitung vorfetze, ift eine Frucht diefer Studien. In ihnen finden fich auch die einzelnen Ausftellungsobjecte im Cercle oriental fo gründlich benützt, dafs wir felbft derfelben nicht weiter zu gedenken brauchen. Das grofse, reiche und anregende Ganze gehört allein hieher. Kehren wir daher zum Pavillon des Welthandels zurück. Wir fehen ab von dem mit Poft- und Eifenbahn- Wagen Oefterreichs nicht gefchmackvoll vollgepfropften rückwärtigen Raum des Pavillons. Was an ftatiftifchem Materiale fich vorfand, haben wir an anderer Stelle benützt; das Uebrige möchten wir gern aus der Erinnerung verbannen. Rechts vom Eintritt in den Pavillon in einigen kleinen Räumen hatte die englifche Commiffion durch Herrn Profeffor Archer eine Sammlung der Einfuhrartikel aufgeftellt, die die Summe aller Rohftoffe enthielt, durch Tabellen für jede einzelne Gruppe erläutert, und Menge, Bezugsort und Zweck der Waaren angab, alfo die Summe der Rohftoffe, die 1871 nach England geführt worden ift. War die Sammlung in fo kleinen Gläschen, wie fie die Muſeen und viele Handelsfchulen recht gut zieren würden, zufammengebracht, fo waren die tabellarifchen Erläuterungen in einer faft unnahbaren Höhe aufgehängt, und es koftete grofse Mühe, wenigftens die gewichtigſten Importartikel, wie Thee, Jute, Manilahanf, Hörner, Thierzähne u. f. w. zu ftudiren. Wir gedenken an anderen Stellen des riefigen Umfanges des englifchen Handels, der hier in einer fauberen, nur leider gar zu kleinen Form dargeftellt wurde. Bedeutend und fleifsig gearbeitet war die Karte des Handels der Schweiz von Dr. H. Wartmann, im Auftrage der eidgenöffifchen Commiffion herausgegeben, und gleichfalls in dem engen Raume eines kleinen Zimmers exponirt. Sie zeigte die Abfatzgebiete der Schweizer Induſtrie in hiftorifcher Entwicklung von 1770 bis 1870, ein grossartiges Bild des Fleifses einer Nation, die ihre natürliche Lage faft von allen Welthandels- Beziehungen auszufchliefsen fcheint. Von Jahr zu Jahr erweitert fich das Handelsgebiet der Schweiz, bis es 1870 faft die ganze Welt und jedes Land Europas einfchliefst. Eine Ergänzung diefes Bildes, gewiffermassen der Grund und Boden, aus dem die grofsartige Handelsentwicklung der Schweiz entstanden, bildeten die vier Karten der Fabriksgebiete der wichtigften Schweizer Induſtrien. Weniger bedeutend und die Wirkung nur fchädigend war ein kleiner Kram von Tücheln und Stoffen, die Mufter der bedeutendften Handelsartikel der Schweiz fein follten. Gleichfalls fleifsig und fchön ausgeführt waren die Karten und graphifchen Tafeln des Poft-, Telegraphen- und Bankwefens, des auswärtigen Handels und des Zollwefens von Portugal, welche die portugiefifche Regierung felbft ausgeftellt hatte. An einzelnen für fich beſtehenden Objecten fanden fich noch weiters eine Münz- Weltkarte von Eggers aus Bremen und ein Atlas der Induftrie und des Handels des Königreiches Böhmen von Profeffor Dr. C. Th. Richter, welche an einer anderen Stelle ihre Würdigung finden.* Wir kommen nun zu jener Ausstellung, welche weitaus den gröfsten Raum im Pavillon des Welthandels einnahm und die durch ihr in der That herausforderndes Auftreten gerechtes und ungerechtes Lob, gerechten und ungerechten Tadel am meiften erzeugte. Wir meinen die Ausftellung der Handels- und Gewerbekammer von Trieft unter Leitung des Commiffärs derfelben, Herrn Hugo Maffopuft. Wir fkizziren diefelbe ganz kurz. In einer oft in grofsen, oft in kleinen Mafsen ausgeführten Mufterfammlung von faft dritthalbtaufend Nummern wurden die Ein- und Ausfuhrartikel des Triefter Hafens, nach der Ordnung der drei Naturreiche dargestellt, in mehreren * A. Steinhaufer: Geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel Der Welthandel. 7 grofsen Sälen den Befuchern gezeigt. Die Darſtellung der Artikel des Pflanzen, Mineral- und Thierreiches war weiter fo geordnet, dafs die gleichen Producte aus den verfchiedenen Orten neben einander geftellt waren und dem Studirenden es überliefsen, die Verfchiedenheit der Qualität zu prüfen und fich felbft daraus den Grund für die Mengen des Handels oder Geringfügigkeit desfelben zu fuchen. In dem Saale, der die Producte des Thierreiches darftellte, ragte eine grossartige Sammlung von Badefchwämmen, die Darftellung von Badefchwamm- Fifchereien und des Badefchwamm- Handels, wie fie die Gebrüder Eckhel zur Ausft ellung brachten, befonders wohlthuend hervor. Aus einer diefer Sammlung beigegebenen Schrift„ Der Badefchwamm in Rückficht auf die Art feiner Gewinnung" u. f. w., von Georg v. Eckhel, Trieft 1873, erfahren wir, dafs der Werth der Ausfuhr von Bade- und Pferdefchwämmen 1871: 1,020.000 fl. öfterreichifcher Währung, der Werth der Durchfuhr 118.000 fl. öfterreichiſcher Währung betrug. Eine fchön ausgeführte, dem kleinen Werke beigegebene Karte gibt eine Ueberficht der Orte, wo im mittelländifchen und adriatifchen Meere die Schwämme gefifcht werden, mit Andeutung der ergiebigen und minder ergiebigen Fundorte. Eine zweite Sammlung von Morpurgo und Parente, die auf dem Triefter Markte vorkommenden Häute und Felle darftellend, war gleichfalls recht belehrend und fchön zufammengeftellt. Diefe Muſterfammlungen, die in einzelnen Theilen mit oft decorativem Effect aufgeftellt waren, wurden ergänzt durch eine Reihe von ftatiftifchen Arbeiten, die, nach der tabellarifchen, graphifchen und kartographifchen Methode fleifsig und forgfam zufammengeftellt, das Bild des Triefter Handels erläuterten. Ein- und Ausfuhrmengen, Provenienz und Deſtination enthielten die einzelnen Tabellen, wie fie den Waarenmuftern von Gruppe zu Gruppe beigegeben waren. Die Darſtellung der Gröfsenverhältniffe der einzelnen Artikel in der Handelsbewegung für das Jahr 1871, dann die Ziffernbewegung und die Werthbeftimmungen der einzelnen Artikel war in mehreren graphifchen Tafeln, endlich die Handelsrichtungen Triefts in kartographifcher Darftellung gegeben. Einfuhr und Ausfuhr war dabei bedacht und die Gröfse der Linien zeigte nach Taufenden von Centnern die Gröfse der Handelsbewegung des einzelnen Artikels. Diefe ftatiftifchen und graphifchen Arbeiten waren vom Secretär der Triefter Handelskammer Herrn C. A. Zenker gearbeitet. Das war das grofse und unzweifelhaft forgfam aufgebaute Bild des Handels Triefts und feines Hafens, das auf jeden Befucher des Pavillons ganz überrafchend wirkte, allein den Mann der Wiffenfchaft ebenfo wenig wie den erfahrenen Kaufmann befriedigen wollte. Und das ift leicht erklärlich. Der Laie fucht eben immer nur und überall das Einzelne und fühlt fich vom Einzelnen befriedigt, wenn es eben als Erfcheinung gut und wahr ift. Der Erfahrene aber und der Bewufste fucht das Einzelne immer und überall in feinem Zufammenhange mit dem Ganzen. Er fucht es als Theil des Ganzen und kann nur befriedigt fein, wenn es in diefer Geftaltung ihm Wahrheit entgegenbringt. Wahrheit aber ift oft Verhältnifsmäfsigkeit, nichts Anderes als Ebenmäfsigkeit. Und wie die Ausftellung der Triefter Handelskammer als einzelnes Object, abgefehen von einzelnen kleinen Bedenklichkeiten, als ganz gelungen betrachtet werden mufs, war fie als ein Theil der Darftellung des Welthandels ganz und gar mifslungen. England gehörte in diefer Richtung in die grofsen, hellen Säle, die Trieft einnahm, Trieft käme an einen Theil der dunklen, gedrückten Wand, die England eingenommen. Und auf diefe Erkenntnifs läfst fich Lob und Tadel, welche der Pavillon des Welthandels im Einzelnen und Ganzen gefunden, zurückführen. Das Lob gehörte dem Einzelnen, der Tadel dem mifslungenen Ganzen. Und doch find faft alle Ausfteller, wie fie im Pavillon des Welthandels fich eingefunden und zerftreut im Induftriepalafte ihre Leiftungen ausgeftellt hatten, von der Jury ausgezeichnet worden. Mit gutem Rechte! Jede einzelne Arbeit hat dort ein grofses Verdienft, wo immer nur eine ftumme Sache, ein Bild, ein Zettel, 8 Dr. Carl Thomas Richter. Leben und Geift bedeuten und ausdrücken foll. Wie Alles, was auf diefem Boden geleiftet worden ift, nur als ein Verfuch angefehen und gewürdigt werden mufs, fo war jeder Verfuch ein Meiſterwerk, denn jeder fördert ficher die endliche Erkenntnifs des Beften. Das Weitere wird diefs noch mehr beleuchten. Noch eine Vorbemerkung fei geftattet. Der officielle Bericht über eine Weltausftellung follte von jeher die Refultate der Weltausstellung darftellen, aber auch immer einen Abfchlufs enthalten des ganzen wirthfchaftlichen und geiftigen Lebens der Culturvölker. Wir haben es daher für unfere Aufgabe gehalten, nicht nur die Refultate der Ausftellung zu fammeln, fondern auch die in unfer Gebiet einfchlägige Literatur zu benützen. In dem Folgenden führen wir die im Verlaufe der weiteren Darftellung benützten Werke auf: Scherer: Gefchichte des Welthandels; Fifcher: Gefchichte des deutfchen Handels; Fefsmaier: Gefchichte des oberrheinifchen Bundes; Hüllmann: Gefchichte des byzantinifchen Handels; Kiffelbach: Der Gang des Welthandels; Martin: The Statesman's Yearbook 1873; Leone Lewi: Hiftory of Britiſh Commerce, 1863-1870; P. Smith: Railway, Banking, Mining and Commercial Almanak; M. Block: L'Europe politique et fociale 1869 u. f. w. Das preufsifche Handelsarchiv, die Auftria", die Vierteljahrs- Schrift für Gefchichte, Volkswirthschaft und Cultur, die Kataloge für die Wiener Weltausftellung, insbefondere: Statiftique de l'Égypte, Amtlicher Katalog der Ausftellung des deutſchen Reiches, Specialkatalog der Ausftellung des Königreiches der Niederlande, Norwegifcher Specialkatalog, Katalog der Ausftellung Schwedens, Catalogue des Produits des Colonies françaiſes, Notice de l'Empire du Japon, The Britiſh Section at the Vienna univerfal Exhibition 1873; dann die Zeitungen mit ihrem reichen, dem Tag gehörigen Material: Neue freie Preffe 1869 bis 1872, Die Preffe 1869 bis 1872, Der deutfche Oekonomift 1870 bis 1872 u. f. w. Von vorzüglicher Wichtigkeit endlich war für uns E. Behm's geographifches Jahrbuch 1866, 1868, 1870 und 1872, in welchem C. v. Scherzer und Franz X. Neumann Sammlungen von der umfaffendften Bedeutung für die Bewegung des Welthandels gebracht haben, die fich, da Band 4, 1872 fchon die neueften erreichbaren Zahlen bringt, fchwer überholen laffen. GRUNDZÜGE DER GESCHICHTE DES WELTHANDELS. Geheimnifsvoll ift das Walten in der Natur! Geheimnifsvoll fcheint das Walten in der Gefchichte der Menfchheit zu fein. Jene ift fparfam und haushälterifch in der Schöpfung ihrer Werke und benützt, ftill fchaffend, immer wieder die abgeftorbenen Stoffe zu neuen Gebilden. Und wie hier, fo fcheint auch, wenn wir das Leben der Menfchheit verfolgen, ein einmal ausgefponnener und verwebter Faden in ihm niemals verloren zu gehen, fondern immer wieder aufs Neue, wenn auch in veränderter Geftalt, zur Wirkfamkeit zu kommen. Vergifst man diefs manchmal in der Gefchichte der Staaten und Völker in der Handelsgefchichte dürfen wir es niemals vergeffen, denn wir können nur mit diefem Gedanken zu einem gerechten Urtheil gelangen, was ift und nicht ift, richtig begreifen, was fein könnte und fein follte, in feinem allmäligen Gedeihen vorbereiten. noch kein Zwirnfaden vernäht, der nicht von den Wirkungen des dreifsigjährigen Krieges oder der preufsifch- öfterreichifchen Uneinigkeit im vorigen Jahrhundert - Es wird Der Welthandel. 9 beeinflusst wäre." Und was mufste nicht Alles vorausgehen, fagt Peez*, bis die Errichtungskoften einer Baumwoll- Spindel zu Manchefter nur ein Pfund Sterling, bei uns aber ungefähr das Doppelte betragen. Die Gefchichte der amerikaniſchen Colonien, die Negereinfuhr dahin, die Auffchliefsung der englifchen Kohlenlager, die Stellung der Ariftokratie, die Erbauung der Canäle, die Erfindung der Dampfund Spinnmafchinen, die ganze Politik von Walpole und Pitt, das find auf englifcher Seite einige Erinnerungsfäulen, woran wir die grofsen Gedankenbilder anknüpfen können, die vor unferem geiftigen Auge bei diefer Gelegenheit vorüberziehen. Und liegt nicht umgekehrt in der Thatfache, dafs wir fo maffenhaft englifche Twifte verbrauchen und dafs die Errichtung unferer Spinnereien fo bedeutend theuerer ift, die ganze fchmerzliche Gefchichte vom Verfall des mittelalterlichen deutfchen Handels und der Induftriethätigkeit eingefchloffen?" Diefs ganz begreiflich zu machen, wollen wir in grofsen Zügen, wie es diefer Arbeit geftattet ift, die Gefchichte des Welthandels in der Erinnerung unferer Lefer wieder beleben. Wir müffen dabei den Rath nützen, denn der Urquell der Poefie, die Edda, dem grofsen Odhin in den Mund legt: Zur Fahrt ins Weite Fülle dein Ränzel, Fülle es weislich mit Weisheit. Viel gröfseren Werth Als Gold hat Weisheit! Sie deckt des Bedürft'gen Bedarf. Von dort, wohin wir die Wiege der Menfchheit verletzen, von Indiens reichen Gefilden, drang, eine langfam fich gliedernde Kette bildend und feft zufammenhaltend, Verkehr und Handel allmälig über Vorderafien nach Egypten, nach dem Balkan und appeninifchen Halbinfel, Spanien, Gallien und Rufsland bis zu dem fagenhaften Zinn Eiland und den nordifchen Bernftein- Küften. Die fieben Millionen Quadratmeilen Waffer, die die Erde umfluthen und von denen kaum vierzigtaufend der claffifchen Zeit Griechenlands durch ihre Kriegs- und Handelszüge bekannt wurden, erfchliefsen fich allmälig der Menfchheit und bilden an der von jeher billigften Strafse des Grofsverkehres die grofsen Handelsplätze, die wie einft, fo jetzt noch, wie auch das Neue entſtehen und das Alte untergehen mag, die Welt und ihre Güter fammeln und über die Welt vertheilen. - Und immer war es Indien, das mit feinen Schätzen und feinem„ Alles Befitzen" die übrige Welt auf den langen Weg, den der öftliche Karawanenhandel des Alterthums einft einfchlug und dann zur gefährlichen Fahrt auf den Meeren verlockte, um zu holen, was es für Alle bieten konnte, Früchte und Oele, Stoffe und Edelſteine, Gewürze und Weihrauch, Alles, was Leben und Geniefsen fordern kann, und dafür zu nehmen, was es allein nicht hat Gold und Silber. Es mag freilich manch' Jahrhundert vergangen fein, bis man erfahren, dafs man in aller Welt und für alle Welt mit diefen Gütern alle anderen erwerben, kaufen könne. Als man es aber erkannte, als Abraham dem Ephron 400 Säckel Silber zuwog und als man endlich das Wägen vor dem Kaufe abthat und das gewogene Stück Gold oder Silber, die Münze, das Geld benützte, da trieb die ganze Welt auf allen Strafsen dahin, zu kaufen und zu gewinnen, und felbft der gefegnete Indier verläfst fein Vaterland und fetzt fich den Gefahren des Meeres aus. Da wachfen die im Nordweften höher gelegenen Stämme Afiens empor und dringen aus dem„, Mittelpunkt der Erde" felbft in Indien ein, den träumerifchen Urftamm kräftigend, und führen Handel mit Allem, was Indien bietet, als Fracht nur mit Schaf- und Ziegenwolle, die heute noch in den Höhenzügen gefucht wird, als Rückfracht beladen nur mit Gold. Und wie zu Lande fuchen fie die goldgefegneten Striche an der Oftküfte Afrikas auf und bilden dort, wo beide Handelswege zufammentreffen, Babylon und Niniveh zu den erften Welthandels- Emporien des * Dr. Alexander Peez: Sieben handelspolitifche Briefe aus England. Leipzig 1863. 10 Dr. Carl Thomas Richter. Alterthums. Und da wird von den arifchen Stämmen der benachbarte femitifche Stamm und der, der die afrikanifchen Länder längs des Nil bewohnt, bald berührt, als Babylon und Niniveh die Bewegung des Handels und der gefammten Cultur beftimmen. Böckh's und Dunker's Unterfuchungen haben uns über die hier fchon herrfchenden Mafse, Gewichte und Geldarten belehrt. Als Syrien durch feine glückliche Lage Europa mit Afien verbindet, gehen diefe Culturkräfte mit den Göttern und Handelsleuten nach der europäifchen Welt. Diefem öftlichen Verkehr über Babylon gegenüber entwickeln die Phönicier über Cypern, Rhodus, über Sicilien und Spanien mit ihren Anfiedlungen einen Handel, in welchem ihre Schiffe, wie Ariftoteles erzählt, fo beladen waren, dafs fie es nicht tragen konnten und fie ,, vor der Abfahrt alle Geräthe und felbft die Anker aus Gold machten". So wächft Europa, wie von zwei Armen von Often und Weften emporgehoben, heran, bis nach dem Untergang der Blüthe diefes dunklen Zeitalters nur noch die bald heimatslos gewordenen Trümmer der alten Handelsvölker, die Juden, in der römifchen Welt und weit über diefe hinaus den wirthschaftlichen Zufammenhang der Welttheile erhalten. Ihre alten Handelsniederlaffungen in Afien und Afrika, die, gegründet, als fie felbft vom Feldbau zum Handel übergehen, an der älteften Welthandels- Bewegung theilnehmen, mit den Indiern und Phöniciern verbunden, fpinnen bald ihre Fäden auch um das Leben Europas und feiner alten und neuen Völker. In den erften Jahrhunderten diefer Zeit wird der Knoten aller Handelsbeziehungen von ihnen im Delta für lange feftgefchlungen, aus dem Alexandrien allmälig als erfte Welt- Handelsftadt und als Kreuzungspunkt Afiens und Europas fich erhebt. Hier empfangen fie von den Ihren die Specereien und Gewebe Arabiens, Indiens und Chinas und taufchen fie aus in den Donauthälern, Frankreich und Spanien bis mitten in den Barbarenländern durch die Vermittlung ihrer kaufmännifchen Corporationen gegen Gold und Silber, als die Stämme felbft noch nach Tacitus ,, des einfachen Waarenaustaufches" fich bedienten, und fetzen fich feft in Spanien und, mit den Reften der romanifchen Handelswelt vermifcht, in Marfeille, das fie zum Handelsplatz für die Einfuhr von Papier, Oel, Specerei und Seide bedeutungsvoll emporheben. Hätte die Emfigkeit diefes Volkes nicht den ganzen Schatz altafiatifcher Cultur erhalten und in die Welt getragen, es wäre kaum aus den Trümmern des zufammenbrechenden römifchen Reiches das mitteleuropäiſche Städteleben fo rafch emporgewachſen, jenes Leben, welches entſteht, wie Plato im zweiten Bande der„ Gefpräche über den Staat" Sokrates zu Adrimantes fagen läfst, weil jeder Einzelne von uns fich felbft nicht genügt, fondern Vieles bedarf... Es gründet alfo unfer Bedürfnifs die Stadt." " Die römifche Welt, wie fie in ihrer ftaatlichen und focialen Geftaltung fich auch mächtig entwickelte, hat in diefer handelspolitifchen Geftaltung fo wenig als die Zeit Griechenlands bemerkenswerthe Veränderungen erzeugt. Die beiden wirthfchaftlich beftimmt abgefonderten Ländergruppen des römifchen Reiches: Nordafrika, Sicilien, Egypten und Taurien, die Handelsländer der damaligen Welt, und Griechenland, Italien und Kleinafien, die Heimat der Gewerbe und Induftrie, hat fie mit Taufenden Meilen Strafsen über das bekannte Europa, Afrika bis tief nach Afien überfpannt. Der Handel war immer derfelbe und hatte immer den gleichen Charakter, ob die ftaatliche Handelspolitik des Prätors Cæcilius Metellus Zollfreiheit oder jene Julius Cæfars Zölle fchafft und die L. 16.§. 7 Dig. de Publicanis et vict. et commiss. ein ganzes Syftem von Abgaben, Hafen-, Brücken- und Schleufsengeldern erzeugt, die zu Gunften des Verkehres gefchaffenen Einrichtungen damit wieder zu vergüten. Die edlen Metalle Europas ftrömen, wie Plinius klagt, nach Afien wie einft und später für die edlen Gewebe, Specereien und Edelſteine ab, die Handelsartikel und Confumtionsmittel einer früheren und späteren Welt. Und fo rafch ging die Strömung, dafs unter Kaifer Auguftus fich der Barfond des Reiches von 8 Milliarden auf 2 Milliarden und gegen den Schlufs des IX. Jahrhunderts auf 825 Millionen Francs vermindert hat und erft nach dem gänzlichen Erlahmen des Handels mit der Levante die Schätze der Bergwerke wieder aufs Neue die Caffen t t t Der Welthandel. 11 Europas füllen. Erft als die Herrfchaft der römifchen Welt in ein öftliches und weftliches Reich fich theilt, erhebt fich Byzanz als die zukunftsreiche Nebenbuhlerin Alexandriens, der Verkehr zwifchen Indien und Italien zerfällt, und Araber und Perfer reifsen den grofsen Welthandel an fich. Durch den Bedarf nach Gold find die Araber bis nach Gibraltar und in das mittelländifche Meer gedrängt worden und hielten über Perfien den Weg nach China und den Sunda- Infeln, mit den Handelsemporien Mekka, Medina, Bagdad, Damascus im regen Handel von Oft nach Weft feft. Nördlicher aber bleibt nur die Donau offen, nach dem fchwarzen Meere, den Bosporus über Trapezunt nach Perfien und Indien zu gelangen. Con ftantinopel centralifirte den Handel mit indifchen Waaren und Fabricaten gegen die Rohftoffe und edlen Metalle der ackerbautreibenden Hinterländer, die in dem Bifchoffitze Lorch in Niederöfterreich ihren Stapelplatz fanden. Sind die Engländer unferer Tage nicht der Handelspolitik der Araber gefolgt, die ganze territoriale Begrenzung der indifchen See zu befetzen? Haben vor ihnen die Portugiefen, als fie den Seeweg um das Cap fanden, nicht die gleiche Politik verfolgt? Und ift die orientalifche Frage, als die Gefchichte den verworrenen Knoten in Conftantinopel fchlang, erft gefchaffen worden, als das grofse ruffifche Reich einen ficheren Ausgang nach den reichen Welthandels- Wegen fuchte? War fie nicht in dem Jahrhundert vorhanden, als Venedig und Genua um das Uebergewicht in der Stadt am goldenen Horn ftritten und Genua die Mohamedaner im Kampfe gegen die fchwachen Refte römifcher Herrfcherherrlichkeiten unterſtützte? Ja, was fagen wir! War fie nicht vor diefer Zeit da, als ein von der gewohnten Heerftrafse abgefchloffenes Hinterland einen Weg an die See fuchte? Das Menfchengefchlecht lebt fchon Jahrtaufende! Aber den Gefetzen, die wie die Naturgefetze das Leben der Völker beherrfchen und unwandelbar wie diefe fcheinen, den Gefetzen gegenüber fchafft fie nur fehr langfam und auf Jahrhunderte vertheilt das Neue. So feft wie der Handelsweg vom Weften Europas nach Perfien, Indien und China, fo feft ift bald auch der vom Norden durch Conftantinopel beftimmt. Er drängt über Lorch, Regensburg an den Rhein, er geht den Dnieper hinauf über Kiew und Nowgorod an die Oftfee und bringt für die Güter des Orientes feine Fabricate und Genufsmittel, Rohftoffe und edle Metalle. Der Weg wird befonders wichtig, als die Hunnen die Donau fperrten. Da kommen die Güter über Kiew und Nowgorod über Breslau den Confumenten zu und Breslau gewinnt eine Bedeutung für den Transitohandel, in der es heute noch feine beſtimmte Kraft fühlt. Die Wirkung, die zwei fo reiche Wege des Handels, jener arabifche von Süd und Südweften, der griechifche von Often auf die von ihnen umfchloffenen Länder ausübten, mufste diefe Welt felbft allmälig mächtig und grofs machen, bis fich jene Geftaltung des Mittelalters ausbildet, von der Johann Falke in feiner Gefchichte des deutfchen Handels fo fcharf fagt:", dafs ein mafsgebender und herrfchender Einflufs, eine hauptfächliche Strömung der Cultur vom Mittelpunkte und dem Herzen Europas, von dem zum deutfchen Reich vereinigten Stämmen aus gegen die im Umkreis des Welttheiles lagernden romanifchen und fiavifchen, wie nordgermanifchen Länder und Volkstheile hinzog." Freilich mufste dafür erft das Chriftenthum fefte Wurzeln fchlagen, der Orient durch die Kreuzzüge auch für das mittelländifche Meer wieder geöffnet werden, ein langer Kampf endlich zwifchen der chriftlichen Hierarchie und der weltlichen Staatsgewalt, den beiden Schwertern Gottes auf Erden", aber nicht für eine Hand beftimmt, ausgefochten werden, ehe das grofse Handelsleben, Reichthum und Cultur bringend und fchaffend, feine Macht in Mitte des Ackerbauthums äufsern, dem beweglichen Eigenthum feinen Antheil an der wirthschaftlichen Herrfchaft, dem Bürgerftande feine Selbftftändigkeit geben konnte. Und das Alles ift gefchehen und ift aus- und durchgekämpft worden. Es hat Blut gekoftet, viel Blut und Noth und Elend. Aber die grofsen Wege, auf denen die Menfchheit zur Entwicklung vorwärts fchreitet, find immer mit Blut getränkt worden, ein unlösbarer Kitt des Culturbaues der Welt. Faffen wir, ehe wir diefen Bau, foweit als nöthig für die Zeit, die wir hier abfchliefsen, " 12 Dr. Carl Thomas Richter. genauer betrachten, das Bild der Handelsgeographie Europas in Kurzem zufammen. Im Norden Europas, dem heutigen Rufsland, find die Seen und fchiffbaren Ströme die Grundlage einer fich rafch entwickelnden Flufs- Schifffahrt. Die Wolga von ihrer Mündung ins cafpifche Meer bis hinauf in ihr Quellengebiet, 4500 Werfte, ift fchiffbar für die Waarenladungen, welche aus den oberen Theilen des Indus und Oxus von den Handelsftädten des mittleren Afiens in das Innere des ruffifchen Reiches dringen. Ein Weg, der heute noch für den Backſtein- Thee Chinas behauptet wird. Von der Wolga gelangte man durch die Kama zum Eismeer, oder auf der Dwina in das weifse Meer. Den Dnieper hinauf führte die zweite Strafse zur Wolchow, die Newa und den finnifchen Meerbufen nach Schweden, in deffen Umgebung die Handelsplätze der Normanen, Dänen und flavifchen Stämme, weit berühmt, gelegen. Auf diefem Wege drangen die Völker längft vergangener Jahrhunderte zu den Bernftein Geftaden vor und hatte das Mittelalter den Weg für den pontifch- baltifchen Zwifchenhandel. Auch die Araber kamen in das Gebiet der Wolga, des Dnieper und feiner nordweftlichen Hinterlande und arabifche Münzen liefen hier um für Bernftein, Honig, Wachs und das dem Südländer fo begehrungswürdige nordifche Pelzwerk. Im Weften regte fich das Leben an der atlantifchen Küfte, am Rhein und an der Mofel, und Leder, Waffen und Tücher kamen hier zum Taufch und zum Kauf in Umlauf. Der Knotenpunkt diefes Verkehres lag in der Gegend des heutigen Utrecht und in Tiel an der Warl und begründete die frühe wirthschaftliche Blüthe in den Niederungen des deutfchen fagenreichen Heimatsftromes, aus der allmälig die mercantile Macht der Hanfa hervorgeht. Englifche Wolle, Blei, Zinn, Getreide und Sklaven taufchen fich aus gegen die herauf drin. genden indifchen Waaren oder norddeutfchen Fabricate. Dazu kamen noch die Erzeugniffe wie die Heimat felbft fie gegeben, gedörrte und gefalzene Fifche, Wein, Butter, Hamburger Bier. Der freie Bürgerſtand gedeiht in diefem Handel und Wandel und nichts kann ihn zerftören, wie oft man feine Städte auch niederbrennt und feine Thätigkeit zu durchbrechen fucht. Auch im Süden prägt fich immer kräftiger ein handelspolitifches Bild aus, als die füdlichen Handelsftädte Barcelona, Genua und Venedig in voller Jugendkraft erblühen und in der Verkehrsbewegung der Welt hervortreten. Vor allen fteigt Venedig empor, die Erbin Aquilejas und wird in Mitte der Kreuzzüge der Mittelpunkt des Verkehres Europas mit Afien und Afrika. Vor ihm hat Amalfi einen Theil des arabifchen Welthandels, begünftigt durch feine Lage nahe dem gewerbreichen Sicilien, verbunden mit Conftantinopel einerfeits und Egypten anderfeits, zu fich abgeführt und den Handel durch Pifa und Genua nach dem Norden geleitet und fuhr mit feiner fchwarzweifsen Flagge, den Compafs mit den acht Hauptftrahlen der Windrofe darin, über die füdlichen Meere. Nur die Gefchichte der Handelsrechte hat uns die volle Erinnerung diefer Gröfse erhalten. Seine Handelsmacht felbft ging vor dem kriegerifchen Pifa, der fteigenden Macht Venedigs und Genuas unter, die alle durch die Kreuzzüge geftärkt wurden und den Völkerund Handelszug nach dem mittelländifchen Meere hin allmälig leiteten. Zwiſchen den fo gekennzeichneten Handelspunkten des Südens und Nordens bewegt fich durch die Mitte noch immer der Donauhandel hinab nach Conftantinopel. Drei grofse mächtige Wege, welche über die füdlichen Stufen nach dem Orient, zumeift und immer kräftiger durch Venedig, über die Landenge von Suez, dort wo Phönicier, Juden und Araber zogen, die Zahlungsmittel Europas, die edlen Metalle, in einem fleifsigen Bergbau in ganz Europa gefördert, nach Indien ableiten. Wie follte diefes grofse Leben, das fich entwickelnd und felbft Entwicklung bringend, nicht Europa neu geftalten.„ Vita Germanorum omnis in venationibus cumsumitur" ist längft eine hiftorifche Redensart geworden und die Götter find vergeffen, die nach der Edda die Aecker vertheilten. Der Krieg war der Schöpfer der Reiche geworden, der Handel füllte fie mit arbeitenden Händen an. Im Norden Italiens erblühen die Städte und die ftädtifchen Gewerbe. In Deutfchland Der Welthandel. 13 längs der Flüffe und Strafsen wachfen die einft fo fchwachen Anfiedlungen und gedeihen um die Burgen reich bevölkerte Gemeinwefen. Das war die Zeit, in der der wandernde Kaufmann zuerft den Fleifs des Ackerbauers erregt, neue Bedürfniffe erzeugt, dann bald das Gewerbe felbft entwickelt und Waare gegen Waare zu taufchen beginnt. Das war bald die Zeit, in der ein neues, eigenes Bürgerthum aus. den Trümmern des am mittelländifchen Meere belebten römifchen Städtewefens hervorwuchs, eben fo wie es gedieh in Deutfchland und Frankreich und nun der Rechtsfatz oft angewendet wurde ,, urbem liberare vel libertare". Das war die Zeit, in der es hiefs: ,, Ulmer Geld geht durch alle Welt, Nürnberger Hand geht durch alles Land". Und das war zugleich die Zeit, in der bald die herrlichen Bauten der Gothik aus dem Reichthum emporftiegen, die Goethe ,, eine faracenifche Blume, im Weften aufgegangen" nannte. Aber es war auch die Zeit, in der die Kirche bald übermächtig anfchwoll und alle Geiftlichen bald fagten: ,, Was uns beliebt das ift Canon", und der Rechtsfatz des Sachfenfpiegels: ,, Zwei Schwerter legte Gott auf die Erde, zu befchirmen die Chriftenheit! der Papft ift der geiftlichen Welt gefetzt, der Kaifer der weltlichen", bald vergeffen wurde. Bauer- und Bürgerftand entwickeln fich aber in diefer Bewegung eines grofsen, durch politifche und kriegerifche Ereigniffe gar oft mächtig aufgeregten Lebens. Entwickelt fich jener, feft im Boden und unbeweglichem Eigenthum wurzelnd, fo gedeiht diefer auf der Culturkraft und Triebfähigkeit des beweglichen Eigenthums. Er gehörte ja frühzeitig dem über den ganzen Erdball fich verzweigenden Handel an, der mit jenem„ wie ein Sauerteig unter dem fchwerfälligen Mehlfafs des ftädtifchen Ackerbauthums" fich mifcht, wie Kiffelbach es fo geiftvoll und treffend kennzeichnet. Was das Jahrtaufend in Afien nicht zu erzeugen vermochte, ein kräftiges ftädtifches Bürgerthum, das den Nomaden und Ackerbau- Staat endlich vorwärts auf der Bahn der Cultur drängt, wenige Jahrhunderte haben es in Europa gefchaffen. Das Mifsverhältnifs von Land und Meer, die begrenzte Küfte einem ungeheuren Landgebiete gegenüber, mag wohl die Macht des Widerftandes in Afien gegen die Entwicklungsfähigkeit des Handels, der ja durch ein Jahrtaufend und mehr feine Wege hier nach Indien vorgedrängt hat, zumeift erhalten haben, mag ein unüberfteigliches Hindernifs gewefen fein gegen die Vermifchung der Handelsftämme an der Küfte und der Bewohner der Hinterländer, mag einft auch dem ftolzen Gedanken Alexanders, aus Afien ein Reich zu machen, die gröfste, unüberwindliche Gewalt entgegengefetzt haben. In Europa aber arbeiten die fchaffenden Kräfte auf einem Boden, den geographifche Lage und Natur überaus günftig geftalten. Italien und Deutfchland, wie wenig es auch damals eine deutſche Nation und deutfches Reich gab, treten hervor und ihr Bürgerftand ift es, der die Wege bahnt für den Samen einer kräftigen Cultur. Deutfchland erntet die Früchte, welche ein einft fleifsiger Mönchsftand ausgeftreut, betritt die Bahn, welche, wie Hüllermann in feinem Werke„ Urfprünge der Kirchenverfaffung" fagt:„ die Mönche des frühen Mittelalters zu dem Stande der freien Handwerker" gebrochen, und die damit die Entwicklung des Bürgerftandes vorbereitet haben". Es erntet die Früchte der Kreuzzüge und wird mit Italien der Erbe der reichen arabifchen Cultur. Auf der pyrenäifchen Halbinfel war ja der Ackerbau durch ein treffliches Bewäfferungsfyftem und die Vorliebe für die Pflege edler Früchte hoch entwickelt. Die Araber hatten den alten, von den Phöniciern einft betriebenen Bergbau wieder aufgenommen und förderten Gold, Eifen, Quecksilber und andere Metalle. Ihre Waffenfabrication, ihre Weberei und Ledererzeugung, das Corduanleder zu Cordova, das Maroquin zu Marokko war weit berühmt, Wiffenfchaft, Kunft und Poefie blüthen hier im Weften Europas, wie bei den Griechen unter dem Glanz der oftrömifchen Kaiferzeit im Often. Die Araber hatten im X. Jahrhundert die Baumwoll- Induftrie eingeführt und zu Cordova, Granada und Sevilla jene feinen Stoffe erzeugt, die ganz Europa ebenfo wie arabifche Säbel und Schwerter fchätzte und fuchte. Und diefe Induſtrie- Entwicklung hatte den Handel in feiner gefchichtlichen Ausbildung mitbefördert. Die Araber haben die Geldanweifung und den " 14 Dr. Carl Thomas Richter. Wechfel gebraucht, die in den Kreuzzügen in Italien wieder Nachahmung fanden. Den Lehrmeiftern in der Buchführung für die ganze Welt, den Italienern, haben die Araber die kaufmännifche Buchführung übermittelt. Sie konnten daher für lange die Lehrmeifter einer neuen ftrebfamen Zeit abgeben. Von diefen Culturkräften angeregt und in feiner weiteren Entwicklung mehr genährt, als man oft in der Gefchichte darftellt und glaubt, entwickelt fich Staats- und Wirthschaftsleben des XII., XIII. und XIV. Jahrhunderts. Ja noch weiter herauf ragen die Wirkungen einer grofsen Zeit. Wir müffen auch hier wieder die Handelsrichtungen beftimmen. Der binnenländifche Verkehr ift während und nach den Kreuzzügen bis in die Mitte des XIII. Jahrhunderts durch Wien und Regensburg beftimmt, die immer noch ihre handelspolitifche Macht im lateinifchen Reich am Bosporus fuchen. Da aber erhalten die Städte in Venedig einen fiegreichen Gegner, der fich mit den Genuefern und Pifanern in der Levante feftfetzt und, je mehr er den indifchen Handel an fich zieht, defto mehr feinen Handel nach den Hinterländern in Europa ausdehnen konnte. Regensburg lag da noch günftiger als Wien, allein es mufste doch bald vor Nürnberg, Augsburg, Innsbruck zurücktreten, als der venetianifche Handel jenen Weg einfchlug, den heute die Brenner- Eifenbahn wieder aufgefucht hat und an dem heute Innsbruck und Botzen wieder lebendig werden, wie fie es vor Jahrhunderten waren. Von hier ging dann der Weg hinauf nach Ulm, Reutlingen, Speyer an den Rhein oder vom Lech über Nürnberg, Magdeburg nach Braunfchweig. Ebenfo gingen die Deutfchen den Weg zurück und brachten ihre Waaren nach Venedig, Italien und weiter. Zu diefem gröfsten Handelsgebiete trat noch das franzöfifch- lombardifche, Mailand, Genf, Bafel, Strafsburg verbindend, aber auch nicht im Entfernteften. gleichbedeutend. Ein anderes bedeutendes Handelsthor des europäiſchen Südens, für die Waaren der Levante bildete noch Barcelona, von wo aus ein lebhafter Verkehr mit Conftantinopel, Syrien, dem Nildelta unterhalten wurde und den ftädtifchen Gewerbfleifs von Sevilla, Toledo, Granada, Malaga u. f. w. beförderte. Aber auch im Norden Europas, in den englifchen und friefifchen Häfen, hatten. die Kreuzzüge ein reges Leben angeregt. Auch hatte Venedig nach Flandern einen billigeren Weg zur See als zu Land, wo Augsburg und Nürnberg über Köln, Aachen nach Brabant drangen. Flandrifche Tücher, die in Italien gefärbt werden, wurden hier geholt, britifche Gewebe und Wolle. Brügge ift der Knoten und Kreuzungspunkt des Landverkehres Deutfchlands nach Flandern, des Seeverkehres durch die Meerenge von Gibraltar, den Italien behauptet. England fpielte damals noch eine untergeordnete Rolle. Die Ausfuhr feiner Rohftoffe und rohen Gewebe betrug noch in der Mitte des XIV. Jahrhunderts kaum 3 Millionen Gulden. So waren Venedig und Genua die Canäle, durch die, wie der Doge Moncenigo fchreibt, die Reichthümer der ganzen Welt floffen. Aber im Innern Deutfchlands und Frankreichs, den Hanfen des Nordens, entwickelt fich eine grofse, felbftftändige, wirthschaftliche Kraft, die oft auch berufen war, in das politifche Leben des deutfchen Volkes einzugreifen. Der Welthandel aber, wenn er auch neue Bahnen gefucht hat, von anderen Völkern geleitet wird, in feinen Gütern ift er gleich geblieben und fo befchaffen, wie er es vor Jahrtaufenden gewefen. Die afiatifche Ausfuhr beftand in den Specereien des Ganges und Indusgebietes und den Fabricaten der arabifchen Stämme und der Levante. Europa felbft konnte dafür nur feine edlen Metalle bieten, die es mit ganz naturgemäfsem, von der Culturgefchichte zu oft verkanntem Eifer in feinen Höhenzügen allüberall fucht. Und doch! So mächtig war der Zug, dafs Europa 1492 nicht mehr als 1 Milliarde Francs Bargeld gehabt haben foll und Gold gegen Silber zu Gunften des Letzteren fehr fchwankte, da Indien immer lieber Silber nahm als Gold. Allein wie dem auch war, die beweglichen Realcapitale hat der Handel doch in grofsartiger Weife entwickelt und, wie beengt auch die Menge der umlaufenden Zahlungsmittel fein mochte, die Capitalanfammlung war möglich geworden und in Handel und Gewerbe erhielt fie kräftig eine fich immer mehr entwickelnde Arbeitstheilung. War doch der Zinsfufs im Der Welthandel. 15 Laufe des ganzen XV. Jahrhunderts im beftändigen Sinken begriffen und von 10 Percent am Anfang der Zeit auf 5 Percent im Jahre 1480 herabgegangen und Niemand dachte in diefer Zeit der Wohlhabenheit mehr an das Gebot, das einft Papft Alexander gegeben hatte, dafs nur Juden Capital gegen Zinfen ausleihen dürfen und Wucherer kein Begräbnifs haben follten. Allein, die Zeit ift uns doch in ihrer ganzen Macht entrückt und kaum lebt eine leife Erinnerung an fie in uns auf, wenn wir heute diefelben Handelswege wieder auffuchen und auf den Wegen und Pfaden, auf denen einft die Karawanen dahinzogen oder die Züge der Maulthiere die Reichthümer der Erde trugen, die feften Eifenfchienen legen. Und auch das ift leicht erklärlich. Die beiden Handelsmächte, Hanfa und Venedig, die beiden Handelsgebiete des Nordens und Südens hatten keinen Zufammenhang untereinander, fie hatten kein nationales Fundament, fie waren Bündniffe, keine Reiche, Intereffengemeinfchaften, keine Staaten und mufsten, ob Genuefer, Venetianer oder Hanfabürger vor der Macht der nationalen Staaten, die allmälig zum Bewufstfein gelangen, der Nationalitäten, die in Sprache, Sitte und Intereffengemeinfchaft fich immer fefter aneinander fchliefsen, weichen und endlich ganz verfchwinden. Ereigniffe, mächtiger als jene der Kreuzzüge, die Seefahrten und Entdeckungen Columbus' und Vasco de Gamas' verändern die Richtung der europäifchen Wirthschaftsgefchichte, des Handels und der Handelswege. Wenn wir Europa, das unter allen Welttheilen am mannigfaltigften geftaltet ift, in feiner gefchichtlichen Entwicklung und feiner geographifchen Lage zu den anderen Welttheilen betrachten, fo erkennen wir eine ganz beftimmte Neigung des füdöftlichen Europa zum füdlichen, des nordöftlichen Europa zum nördlichen Afien. Dem Süden und Südweften Europas fteht Afrika gegenüber, dem Nordweften die neue Welt, Amerika und Auftralien. Sehen wir ab von diefen fpät entdeckten Welttheilen, fo find mit den erwähnten Beziehungen die grofsen Weltverkehrs- Linien gegeben, die durch Jahrtaufende die ganze Welt in ihrer Culturbewegung einander nahe gebracht haben. Nach viel hundertjähriger Vergeffenheit! Sollen diefe Wege nicht heute wieder von der gröfsten Wichtigkeit werden, nicht heute wieder das füdöftliche Europa mit Mitteleuropa zu einem neuen, in feiner ganzen Gröfse noch ungeahnten Leben wachrufen? Wenn die türkifchen Bahnen ausgebaut, Griechenland mit dem türkifchen Littorale verbunden ift, Dalmatien durch Eifenbahnen durchfchnitten wird, wenn Wilhelm Preffel feine Chemins de fer de l'Anatolie wirklich vollendet, Ismit- Angora, Mudamia- BruffaLefke und Kutahia- Eskifchehr Sivri- Hiffar ausgebaut ift, wenn endlich die Euphratbahn nicht mehr ein Project und das indifche Eifenbahnnetz in fo rafcher Entwicklung, in der es begriffen ift, wirklich fich vollendet, follen dann die alten Handelsftrafsen nicht wirklich neu belebt, ein neues Leben nicht wieder erzeugen? Wird dann der für den altgriechifchen Handel einft fo bedeutende Boden trotz feines heutigen Brachliegens nicht wieder neu belebt werden und wird neben Olivenöl und Opium, das in grofser Menge in den kleinafiatifchen Hochebenen heute gewonnen wird, nicht Getreide, Tabak, Bau- und Werkholz der Welt fich bieten, werden Silber-, Kupfer- und Kohlenbergwerke in Anatolien nicht einen mächtigen Ertrag liefern, Wolle und Häute nicht wieder in den Handel mächtig eingreifen, Salz in Millionen Werth fchaffen, nachdem die Salinen von Smyrna in den letzten fechziger Jahren fchon 32 Millionen Piafter jährlich Ertrag abgeworfen haben? Und, nachdem mit der Durchftechung der Landenge von Suez ein neuer, kurzer Seeweg den Nothweg um das Cap der guten Hoffnung entbehrlich macht, werden die Völker, die durch Jahrhunderte des Mittelalters den indifch- europäifchen Handel geleitet haben, nicht wieder ihre Wege nach Indien fuchen? Doch wir wollen der gefchichtlichen Entwicklung nicht vorgreifen. Die Gegenwart drängt zu diefer Geftaltung eines Theiles des Welthandels hin und fchon fehen wir Millionen von Europa ausgegeben, um an allen nur möglichen Punkten die Alpen zu überfteigen oder zu durchbrechen, um an der neuen Handelsftrafse des füdlichen 16 Dr. Carl Thomas Richter. Europa nach Afien und Indien einzutreffen. Den Semmering, den Brenner hat man überfchritten, den Mont Cenis durchbohrt, den Gotthardt fucht man mit 185 Millionen Francs nun gleichfalls zu überfchreiten und man wird noch Milliarden ausgeben, um es an anderen Stellen noch zu verfuchen. Was wir früher fchon erwähnt haben, wir fehen es in der Welt immer wiederkehren. Die Bewegung des Weltenlebens ift durch Jahrtaufende gleich. Ja als die fcheinbar fo ftiefmütterlich behandelte atlantifche Küfte ein grofses, reiches Gegenland in Amerika findet und in den ausfchliefslichen Befitz eines neuen Weges nach Indien gelangt, ift die Form verfchoben, der Inhalt aber faft gleich für Jahrhunderte geblieben. Seit Jahrtaufenden hatten die Völker Europas dem Gedanken nachgehangen, dafs es aufser dem Wege über die weiten Landftrecken Afiens einen anderen Weg nach Indien geben müffe und feit die Pythagoräer die Kugelgeftalt der Erde gelehrt hatten, war auch eine wiffenfchaftliche Grundlage gegeben, dafs man vom Weften Europas nach Indien gelangen müffe. Den Portugiefen aber, die durch ihre günftige Lage an der See wie dafür beftimmt erfchienen, war es vorbehalten, die fo lang ungelöfte geographifche Aufgabe zu löfen und den Seeweg nach Indien zu finden. Sie fanden kleine neue Infeln und Länder, die in früheren Zeiten unbekannt waren und einen neuen Welttheil auf dem weftlichen Wege zum Lande der Specereien". Damit waren die Bahnen des Welthandels für eine lange Zukunft verändert und an das atlantifche Ufer herangedrängt. Italien und die italienifchen Häfen vereinfamten und fein bares Geld verfchwand und ftrömte nach Portugal ab, an der Küfte Kleinafiens trat tiefe Stille ein und es erlahmte das Leben der Levante, ehe die Gewalt der Türken die ökonomifche Blüthe jener Welten vollkommen zerftörte. Und fo kräftig wirkte die neue Handelsrichtung der europäifchen Welt, dafs Alles, was daran fich nicht betheiligen konnte, untergehen musste. In erfter Richtung traf diefs die Hanfa und ihre Mitglieder. Die Holländer und Engländer verdrängten fie von allen Märkten und aus allen Häfen. Spanien und Portugal felbft ernteten nur kurze Zeit den reichen Segen der neuen Welt und des neuen Handelsweges. Mit der Vertreibung der Juden und Mauren hatten fich die Länder um Millionen gewerbfleifsiger Menfchen gebracht und durch die Ausbildung der Macht der Inquifition überdiefs jeden Zuflufs anderer Kräfte vernichtet. Indiens Producte kauften fie mit dem Gold und Silber, das fie aus dem neu entdeckten Welttheil ausgeprefst hatten. Ihre einft fo gewerbsfleifsigen und erfahrenen Bürger wurden Sklaventreiber und Unterdrücker der Colonien. Nur Portugal erhielt fich eine Zeit lang durch die kräftige Politik feiner Minifter und Regenten, die im Innern des Landes Gewerbe und Induſtrie zu entwickeln fich bemühten. Die Schickfale der Induftrie und des Handels hängen im grofsen Ganzen immer von den politifchen und focialen Verhältniffen eines Landes ab. Wir fehen diefs in der Gefchichte von mehr als drei Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges um das Cap der guten Hoffnung. Wir fehen diefs auf der einen Seite in dem tiefen Schatten, den die Politik auf das wirthschaftliche Leben der einft fo reichen und mächtigen Halbinseln wirft. Wir fehen es auf der anderen Seite in ganz anderer Geftaltung für die nördlichen Länder, die der grofse Ocean befpült. Flandern hatte fchon zur Zeit der Entdeckung des neuen Welttheiles eine grofse Gefchichte der Induftrie hinter fich. Ein lebhafter Verkehr von Stadt und Land zeichnete das Gebiet aus, eine bedeutende Viehzucht, ein entwickelter Flachs- und Hanfbau. Unterſtützt durch die Zwifchenhändler der Hanfa und Hollands hatte fich feine Wollmanufactur fehr mächtig entwickelt und Brügge zum erften Markt des nördlichen Europa fich aufgefchwungen, bis Antwerpen ihm den Handel und Löwen ihm die Manufactur ftreitig machte. Die Nachbarn hatten inzwifchen im ewigen Kampfe mit den Fluthen des Meeres als Schiffer und Fifcher fich mächtig emporgearbeitet und Fracht und Zwifchenhandel machte die holländifche Flagge weit bekannt. Ihre reichen Bedürfniffe, die Nähe der belgiihen Manufactur und das fruchtbare und weinreiche Flufsgebiet des Rheins unterstütz. Der Welthandel. 17 die rafche Entwicklung. Dazu kam nun auch die Erfindung des Pökelns der Häringe, mit denen die Holländer durch Jahrhunderte den Markt beherrschten und einen ungeheueren Confum zumeift vor der Reformation deckten. Als die Hanfa verfiel, bauten die Holländer jährlich 2000 neue Schiffe. Freilich befafsen diefe, was die Hanfa nie erreicht hatte, eine bald nach ihrem erften bedeutenden Auftreten entwickelte nationale Einheit. Bald auch entwickelte fich in jenem grofsen Freiheitskampfe, den die Holländer fiegreich gegen die fpanifche Gewaltherrfchaft durchführten, und als Amfterdam an die Stelle des gequälten und von religiöfer Unduldfamkeit zerrütteten Antwerpen zum Centralpunkt des Welthandels emporwuchs, jener ftolze Heldengeift, der die Seemacht Spaniens faft zerstörte, die Colonien von Oftindien Portugal entrifs, als diefes mit Spanien fich verbunden hatte, und einen Theil von Brafilien eroberte. In diefer grofsen Zeit gehörten von den 20.000 Segeln, die den Seehandel Europas leiteten, 16.000 den Holländern. Erft die Republik England und die Navigationsacte, die von Colbert in Frankreich eröffnete Handelspolitik engten die holländifche Seemacht ein und die engherzigen Anfchauungen der reich gewordenen Frachter und Handelsleute vermochten weder neue Hilfsmittel für die Heimat zu entdecken, noch der andrängenden Concurrenz Stand zu halten. England verdrängte Holland von der hohen See und den Küften Amerikas, Indiens und felbft Europas. Frankreich fchnitt ihm durch die bourbonifche Succeffion in Spanien den Handel nach diefem Lande ab, Belgiens Ackerbau und Gewerbe erblühten wieder unter der öfterreichifchen Herrfchaft und wuchfen dann mit Frankreich vereinigt bald wieder zu ihrer alten Bedeutung heran. Mit dem Beginn unferes Jahrhunderts und dem Auftreten neuer, die Welt in ihrer Richtung bald beftimmenden Kräfte, ift Holland auf feine gefchmälerten Colonien befchränkt, den Handel mit diefen und den deutfchen Zwifchenhandel. Die Erben diefer Macht, wie jener alten Staaten, die in der Zeit des XV. bis XIX. Jahrhunderts zu finken begannen, waren die Engländer. Schon zur Zeit, als die Hanfa von England den Fuchspelz um einen Gulden kaufte und den Fuchsfchwanz wieder um das Dreifache nach England verkaufte, hat, durch eine kluge Regierung und einen gefunden Volksfinn unterſtützt, die englifche Landwirthschaft und Schafzucht, fich bedeutend gehoben. Schon zu Anfang des XIV. Jahrhunderts gab es Güter mit 10.000, 24.000 und 28.000 Stück Schafen und betrug die Ausfuhr der Wolle Hunderttaufende von Pfunden. Die in England felbft erzeugten Tücher gingen meiftens roh nach Belgien, um dort gefärbt und appretirt zu werden. An der fich aber immer kräftiger entwickelnden Ackerwirthschaft und Wollproduction zog fich allmälig die Wollmanufactur grofs, die Elifabeth, Jacob I. und Carl I. in aller möglichen Weife förderten. Schon 1354 foll die Ausfuhr der Wollstoffe zwei Millionen Pfund Sterling betragen haben, beiläufig neun Zehntel der damaligen gefammten englifchen Ausfuhr. Tuch war ftets ein guter Taufchgegenftand fowohl mit dem Norden Europas als auch der Levante, Oft- und Weftindien. Es ift nichts erklärlicher als das, dafs bei einem ftrebfamen Volke die Blüthe einer Induftrie rafch die einer anderen gedeihen läfst. In England gedeiht nun bald auch die Leder- und Metallinduftrie, an diefer erwuchs die Steinkohlen- Förderung, dann der Schiffbau, allmälig entwickelt fich die Küftenfchifffahrt, der Fifchfang, zumeift der Härings- und Wallfifchfang. Die unduldfamen Regierungen von Spanien und Frankreich fchickten viel tüchtige Arbeiter auf anderen Gebieten und neben dem Kunft- und Luxusgewerbe, das Frankreich und Spanien mit Arbeitern nährte, gedieh bald ein reges wirthschaftliches Leben. Schon im XII. Jahrhunderte kamen flandrifche Wollweber nach Wales, fpäter Italiener, um in London Geld- und Wechfelgefchäfte zu errichten. Die Juden zogen von Spanien und Portugal hinüber, aus Venedig gingen die Kaufleute mit ihren Schiffen und Capitalien nach der auflebenden Welt. Die Reformation und die Religionsverfolgungen faft in ganz Europa drängten ganze Schaaren 2 18 Dr. Carl Thomas Richter. fleifsiger Arbeiter und reicher Capitaliften in die glückliche und freie Fremde. Regierung und Volk arbeiteten an dem Werke und ehe der Continent die Ariftokratie als etwas Anderes begreifen lernte, denn als den privilegirten Stand, war fie in England mit Handel und Gewerbe, den lebendigften Volksintereffen, innig vertraut; ehe der Continent den Namen eines freien Bürgerthums kannte, war es in England durch Arbeit und Wohlftand mächtig geworden. Und ehe der Continent begriff, dafs Land und Volk, Dynaftie und Regierung nur ein Körper fein kann mit nur einem Intereffe, hatte diefe Erkenntnifs in England Staats- und Regierungsform verändert, eine Republik gefchaffen, einen Protector ernannt, einen aufgeklärten Abfolutismus ertragen. Ift es wunderbar, dafs diefs möglich war? Volk und Regierung wufsten, dafs kommen mufste, was kam und dafs gut war, was eben war. Der im Innern mächtige Staat richtete nun feinen Blick nach Aufsen, auf ferne Welttheile und die Weltmeere. Mit einem handelspolitifchen Act, einem Act der englifchen Verwaltung, der Navigationsacte, begann die grofse Entwicklung, mit einem ftaatspolitifchen, der Gründung des oftindifchen Reiches, endete fie. Und wie die vom Meer umfpülte, den europäifchen Wirren fern gelegene Welt mächtig geworden war, konnte fie leicht die wirthschaftlichen Gefchicke der ganzen Welt beftimmen. England eroberte oder erwarb die Schlüffel zu allen Meeren und herrfchte im Norden und Süden, im Often und Weften, nur die Dardanellen und Suez, der Sund und die Landenge von Panama blieben frei. Dann folgten die Handelsverträge, die England mit den continentalen Staaten abfchlofs und die mächtige, oft gewaltfame Handelspolitik, die Indien beugte, Amerika zu erdrücken verfuchte, aber England reich machte. Die Tuchmanufactur entwickelte fich in ungewohnter Weife und befriedigte den Continent und den ganzen Orient. Die Linnenproduction machte fich von der immer mehr und mehr durch Krieg und Elend beeinträchtigten gleichen Thätigkeit Deutfchlands faft unabhängig, die Glas-, Porzellan- und Steingut- Fabrication repräfentirte Millionen Werthe, ebenfo die Papier- und Lederinduftrie. Eifen, deffen Ausfuhr noch im XVII. Jahrhundert verboten war, ging mit dem XVIII. Jahrhundert bald in weite Welten und Steinkohlen- und Mineralienfabrication wurden lange als die Quellen des Reichthums erkannt. Dazu kam die Production eines neuen Induftriezweiges, die der Baumwolle, die fchon im Anfange des XIX. Jahrhunderts faft 50 Millionen Werth reprä fentirte. Die Gefammt- Manufacturthätigkeit der drei Königreiche hat in kaum drei Jahrhunderten fich faft um das Zweihundertfache vermehrt. Der damit gefteigerte Werth von Grund und Boden wird im Anfange unferes Jahrhunderts fchon auf 500 Millionen angegeben. In diefer Entwicklung verarbeitete England faft die Rohftoff der ganzen Welt und gab dafür Producte und das Gold, das es verdiente, gegen die Werthe, die, doch immer herrfchend, Indien, China und der Orient dem armen Europa für feine Genüffe bieten konnte. Und damit hatte der Welthandel in Jahrhunderten andere Wege und zum Theile auch einen anderen Inhalt erhalten. Nichts prüft der wirthschaftende Menfch mehr als die dauernde Wirkfamkeit des Capitals. Diefe wird im Kreife der wirkenden Kräfte zumeift aufgehoben durch die Nothwendigkeit, die Güter im Raume zu verfchieben, ihre Verfchiedenheit im Raume aufzuheben und Production und Confumtion einander zu nähern. Ein Gut, das von London nach Wien, von Calcutta nach London geht, ruht während der Reife in feiner wirthschaftlichen Kraft. Es ift plötzlich Ballaft geworden, nachdem es Gut war, und in Wochen oder Monaten Capital fein wird. Alles, was diefen Zuftand in feiner Dauer befchränken kann, ift ein Beitrag zur Vermehrung des Volksvermögens, ift Volksreichthum. Wie England diefs zuerft erkannte, begann es Strafsen und Canäle zu bauen, feine Flüffe für den Gütertransport auszunützen und weife im Innern des Landes war es weitblickend nach Aufsen. Wenn der Weg des einen Welttheiles zum anderen fich nicht kürzen läfst, fo läfst er durch die Benützung der Naturkräfte fich wenigftens billiger machen und fo folgte England den grofsen Forfchungen der Wiffenfchaft, fuchte feine Flotte, die Eng Der Welthandel. 19 land mit Amerika verband, der Küfte Afrikas entlang um das Cap der guten Hoffnung zu drängen und den Seeweg nach Indien auszunützen. Die Navigationsacte machte es möglich, diefs bald auch in härtefter Weife den gleichftrebenden Staaten fühlen zu laffen, die, in ihrem Handel befchränkt und zumeift von England und Englands Colonien ferngehalten, erlahmten und fchwach wurden, bis England felbft die Erbfchaft des ganzen Welthandels antrat. Und fo hatte England, feine inneren wirthfchaftlichen Kräfte zuerft grofsziehend, feine Transportmittel ausgebildet und deren Bedeutung für Macht und Reichthum der ganzen Welt gezeigt. Die damit gegebene Capitalsanlage wirkte um fo mächtiger, als mit der äufseren Veränderung der Handelswege auch der Inhalt des Welthandels fich rafch gar bedeutend erweiterte. Amerikas natürlicher Reichthum und die Entwicklung der europäiſchen Arbeitskräfte boten dafür die mächtige Grundlage. Immer mehr nämlich verfchwinden aus dem Handel Englands mit den überfeeifchen Staaten und Welttheilen die fertigen Producte und Genufsmittel. An ihre Stelle treten von mächtigerer Bedeutung, als diefe je waren, die unerfchöpflichen Rohftoffe. der neuen Welt und mit den Fortfchritten der Induftrie und Manufactur auch jene Indiens. England holte die Rohftoffe der Welt für feine Arbeit und gab allmälig der ganzen Welt feine Arbeitsproducte. Frühere Jahrhunderte hatten das gerade umgekehrte Verhältnifs im Welthandel gefehen. Und auch das war ein neues Moment für die Capitalskraft der Verkehrsmittel, die England in der gleichen Bewegung entwickelte. Nur der Urftoff, das Rohmaterial der koftbaren Arbeit verträgt Transportkoften, zumeift wenn dasfelbe Schiff ihn hier ausladet und dafür fertige Producte aufnimmt, die es wieder zurückführt nach den Productionsorten des Rohftoffes. Der Fuchsfchwanz und der Fuchspelz der Hanfa England gegenüber hat fich in Baumwolle und Baumwoll- Waaren Englands Amerika und Indien gegenüber verwandelt und heute noch haben Amerika erft in den erften Anfängen, Indien und Egypten noch gar nicht das Geheimnifs erkannt, neben die Lager der Baumwolle die Spinnerei, neben die Cottongin- die Spindel- und Webemafchinen zu errichten. Erft das XIX. Jahrhundert verfchob die Verhältniffe, die Englands Reichthum durch drei Jahrhunderte weltbeherrfchend gemacht haben, verfchob fie und verfchiebt fie noch, indem es immer mehr alle europäiſchen Staaten an die grofsen Weltmärkte und an den Welthandel herandrängt und indem es mit der Durchftechung der Landenge von Suez einerfeits und dem Bau der Eifenbahnen in Afien die Handelsrichtung wieder verfchiebt oder eigentlich zurückfchiebt in die Richtung längft vergangener Zeiten und einerfeits durch die Schnelligkeit des Transportes jede Billigkeit überwindet, anderentheils mit dem Canal von Suez Billigkeit und grofse Gefchwindigkeit für den Weg nach Indien und Oftafien gewährt. Wir kehren auf diefe Erfcheinungen wieder zurück und erwähnen hier nur, dafs die Gefchichte der Wirkfamkeit diefer Ereigniffe noch nicht gefchrieben werden kann. Was war nun die Grundlage diefer rafchen und kräftigen Blüthe Englands und der Begründung feiner weltbeherrschenden Handelsmacht? Diefe Frage aufzuwerfen ift heute noch von Wichtigkeit und die fichere Antwort darauf wieder und immer wieder zu geben von grofser Bedeutung. Wie wenige Menfchen denken an die Factoren, welche die Gefchichte der Menfchheit bilden und bedingen, wie wenige Menfchen bemühen fich, fie durchzudenken. Napoleon III. hat das charakteriftifche Wort ausgefprochen, dafs derjenige Staat die meiſten Waaren im Welthandel abfetze, der feinen Gegnern die meiſten Kanonenkugeln zuwerfen kann. England hat diefs vor Jahrhunderten begriffen und mit der Begründung feiner politifchen Macht auch feine wirthschaftliche Herrfchaft entwickelt. Daher knüpft die Gefchichte des englifchen Reichthums an die Namen feiner Könige, an die Stellung und Bedeutung feiner Ariftokratie, feiner Priefter und Minifter an, und die Politik von Walpole und Pitt find gleichbedeutend der Erbauung feiner Canäle, der Auffchliefsung feiner Kohlenlager, der Erfindung der Dampfkraft. Politifch mächtig und wirthschaftlich reich, konnte England die Gefchicke der ganzen Welt mit kaltem 2* 20 Dr. Carl Thomas Richter. Blicke verfolgen und, ohne dabei betheiligt zu fein, nur Nutzen aus böfen und guten Tagen ernten. Und durch geographifche Lage und hiftorifche Entwicklung faft vollkommen abgelöft von Europa, konnte es in der Benützung aller Verhältniffe nur reicher und mächtiger fich machen. Hat doch England in unferen Tagen, was man auch fagen mag, den feine wirthschaftliche Lage fo fehr bedrohenden Krieg Nordamerikas leichter ertragen und glücklicher überdauert als das ganze übrige Europa. Ja es wufste damit zum Theil felbft neue Vortheile zu ernten, indem es vom amerikanifchen Baumwoll- Monopol fich befreite und die Production Oftindiens in ungeahnter Weife entwickelte. Politifch mächtig und wirthschaftlich reich, konnte es die ganze Welt beherrfchen und hart und ftreng gegen die Feinde in Recht und Gefchäft fein. Es dictirte der ganzen Welt Zölle und Handelsbefchränkungen und forderte für fich Rechte und Freiheiten. Was die englifchen Colonien an Linnen und Garnen vom Continente bezogen, mufsten fie aus englifchen Häfen beziehen und 5 Percent Abgabe davon bezahlen. Deutfche Leinwand, die nach England ging, unterlag einem Eingangszoll von 40 Percent. Gingen die Waaren nach engliſchen Colonien, vergütete man 30 Percent, da doch das deutſche Fabricat noch auf anderem Wege nach Amerika dringen konnte. Aber noch im Jahre 1769 berieth das Parlament, ob man nicht einen Zoll von 40 Percent von allen deutfchen Webwaaren erheben follte. Die Gefchichte bietet reiches Materiale für diefe Handelspolitik und alle Staaten Europas haben fie tragen und dulden müffen. War der Staat doch graufam und hart gegen feine eigenen Unterthanen und die beften Glieder feines Reiches. William Ed. Hartpole Lesky enthüllt in neuefter Zeit in feinen ,, vier hiftorifchen Effay's" die wirthfchaftlichen Leiden Irlands,„ das man der englifchen Induftrie opferte und für die Praffer an der Themfe zu Bettlern mit Gewalt und Unrecht machte". Ift es da ein Wunder, dafs das Land Alles, was geiftige und phyfifche Kraft der Menfchheit gefchaffen, für fich in Anspruch nehmen konnte, dafs es alle Erfindungen nützen, den eigenen Erfindungsgeift kräftig anfpornen und vor Allem die Entwicklung des Mafchinenwefens und die Erfindung der Benützung der Dampfkraft zuerft mächtig für fich ausbeuten konnte. Deutſchland ein anderes politifches Gefchick gehabt, als jenes, das die Blätter der Gefchichte des XIV. und XV. Jahrhunderts verzeichnet haben, es hätte um Jahrhun derte früher als in England den Boden für eine grofsartige wirthschaftliche Entwicklung ebnen können, es hätte bei der Ausbeutung und Bevölkerung Amerikas in erfter Linie geftanden, es hätte die Türken ohne Mühe zurückweifen können und würde wie einft Schiffsladungen fertiger Waaren nach England und der übrigen Welt ausführen. Aber freilich ift die Frage zweifelhaft, ob Deutfchland auch mit gröfseren Herrfchern und weniger romantifchen Fürften ausgerüftet, ein anderes politifches Gefchick gehabt hätte, als es wirklich hatte. Ein Land, das das Herz eines Welttheiles bildet, ift auch immer der Kampfplatz desfelben für feine Intereffen und Ziele. Aber gewifs hätten dem Volke Regierung und Regenten mehr fein können, dafs es nicht, als der mächtige Gegner mit feinen Producten und nicht mit feinen Kanonen oder als er im fogenannten friedlichen Kampfe herandrängte, arm und elend, bewufstlos und fchwach, ohne Strafsen, ohne Credit und Creditinftitute, ohne Selbftverwaltung und Freiheit, ohne Einheit und Machtbewufstfein ihm gegenüberftand. Doch die Blätter diefer traurigen Gefchichten find gefchrieben und es find zum Glücke längft vergangene Gefchichten. Das XIX. Jahrhundert hat auch Deutfchland wieder zu einem Reiche gemacht, und feine Arbeit, wie fie im Innern mächtig und fchaffend anfchwellt, dringt nach allen Strafsen und Wegen, die Handel und Erwerb eröffnet haben. Hätte Es bleibt uns noch das Gefchick eines Volkes kurz zu kennzeichnen übrig, ehe wir die wirthschaftliche Bewegung des XIX. Jahrhunderts darftellen. Und diefes Land fprach in den vergangenen Jahrhunderten noch eine laute Sprache, wie fehr es heute auch zu erlahmen fcheint; wir meinen Frankreich. Die Kreuzzüge, das früh entwickelte, auf altrömifchen Grundlagen errichtete Städtewefen, die Ordnung der Arbeit in den Zünften, dann die dauernd regen, friedlichen und kriegerifchen Der Welthandel. 21 Beziehungen zu Italien und Flandern, ein reger Volksgeift und kräftige Regenten und Staatsmänner haben frühzeitig das franzöfifche Gewerbe entwickelt. Die Wollund Leinenfabrication der Bretagne und der Normandie blühte fchon im XIV. Jahrhunderte. Die Seideninduftrie wurde durch Franz I., die Glasmanufactur durch Heinrich IV. eingeführt und von beiden, wie fpäter durch Richelieu und Mazarin Leinwand- und Wollerzeugung, Sammt- und Seidenfabrication mächtig befördert. Der Export franzöfifcher Waaren, zumeift Luxuswaaren, war in diefer Zeit fchon kräftig entwickelt, und England, Spanien, Portugal und die Niederlande bildeten franzöfifches Abfatzgebiet. Diefe glückliche Saat hervorragender Staatsmänner wurde, wie bekannt, durch Colbert zur üppigen Reife gebracht. Handel und Gewerbe blühten in dem Jahrhundert Richelieu's und Colbert's in Frankreich wie in keinem anderen Lande der Welt, und, begünftigt durch einen reichen Boden, durch glückliche nationale Anlagen, in denen Arbeitfamkeit und Fleifs, ein beweglicher Kunftfinn und fchöpferifche Kraft frühzeitig ihre Früchte zeigten, wurden die Grundlagen einer induftriellen Herrfchaft gelegt, die Frankreich fortgefetzt pflegte und durch Jahrhunderte über ganz Europa behauptete. Kriege und Siege der franzöfifchen Staatspolitik unterſtützten diefe Herrfchaft und frühzeitig bewährte fich der Satz, den Napoleon III. lange darnach ausfprach und feiner Staatspolitik zu Grunde legte und den wir fchon früher erwähnten. Wir erkennen die Wahrheit diefes Satzes in unferen Tagen wieder, wenn wir der Gefchichte Deutſchlands folgen. Die Blüthe von Handel und Induftrie eines Volkes hängt eben immer ab von der Macht, Einigkeit, Freiheit und Klugheit des Volkes. Diefe frühzeitige und rafche Entwicklung Frankreichs und der gefunde Boden, auf welchem diefelbe gedieh, haben die Wunden rafcher vernarben und die fchlimmen Wirkungen leichter verwinden laffen, welche bald nach einer glücklichen Zeit die Fehler der Regierung, wie die Aufhebung des Edictes von Nantes, eine faft hunderthährige Maitreffenwirthschaft, dann eine faft zwanzigjährige Revolution und ein zehnjähriges blutiges Kriegsregiment dem Lande fchlugen. Tief begründet war das Bewufstfein des franzöfifchen Volkes, dafs der Reichthum feines Bodens und die Macht feiner Arbeit feine politifche und fociale Macht erhalten. Defshalb hat jede Zeit und jede Regierung den arbeitenden Volksclaffen, dem Handel und der Induftrie Früchte getragen und die härtefte Zeit der Revolution brachte die Freiheit der Arbeit und das volle Bürgerrecht der arbeiten den Claffe. Man kann es getroft fagen, dafs kein Volk und kein Staat Europas die Arbeit fo fehr geehrt und in ihrem vollen Rechte anerkannt hat, als Frankreich! Nicht England, und Deutfchland noch lange nicht. Und man wird, je mehr man fich gewöhnt, die Staatsgefchichte mit der Gefchichte der Volkswirthschaft in innigem Zufammenhange zu betrachten, immer mehr begreifen, dafs es diefe grofse Entwicklung der Arbeit war, welche Frankreichs Einfluss auf alle Staaten Europas durch Jahrhunderte mächtig erhielt. Nicht die Ideen der franzöfifchen Revolution von 1789 waren ganz Europa gemeinfam und drängten es in die gleichen Bahnen, die Abhängigkeit ganz Europas von Frankreich, die geiftige und wirthchaftliche Abhängigkeit, die Herrfchaft der Induſtrie und des Handels, welche Frankreich in taufendfach verfchiedener Geftaltung in den Staaten Europas begründet hatte, riffen die Völker mit in die politifche Bewegung und erzeugten dasfelbe Drängen, ohne jedoch auf fremdem Boden die gleiche Macht zu finden, aus der wirthschaftlichen und politifchen Ohnmacht dasfelbe Ziel, denfelben Sieg zu erreichen. Auf den Bahnen und Wegen des franzöfifchen Exportes, nach den Abfatzgebieten feiner Seiden- und Wollftoffe, feiner vielfältigen Kunftproducte drängten die Staaten Europas, Rufsland, Deutfchland, Italien, Spanien und die Niederlande nach den franzöfifchen Ideen. Und zeigte die Wiener Weltausftellung nicht das lebendige Bemühen Frankreichs, der ganzen Welt zu zeigen, dafs es in feiner 22 Dr. Carl Thomas Richter. Arbeit und in feiner Induftrie ungebrochen fei? Dafs die fünf Milliarden Kriegsfchuld gezahlt feien, ohne den Reichthum des Volkes zu fchwächen, feine Bedürf niffe herabzudrücken? Und ficher wird Frankreich aus feiner Weltftellung nicht verdrängt werden, fo lange nicht die Induftrie des übrigen Europa zur gleichen allgemeinen Blüthe gelangt ift, die Frankreich eben dann gleich den Andern, nicht mächtiger, fchöpferifcher, reicher als alle andern zeigt. Wir werden in der weiteren Entwicklung unferer Aufgabe diefs in den einzelnen Zweigen des Handels und der Induftrie öfter gar deutlich hervortreten fehen. Das XIX. Jahrhundert hat übrigens den Völkern Europas zum Bewufstfein gebracht, was frühere Jahrhunderte trugen und tragen mufsten, weil fie eben nur nehmen konnten, ohne zu geben im Stande zu fein, und hat den Muth, die Kraft gereift mit den reichen Quellen, die die Zeit für die Entwicklung der Arbeit gefchaffen, um gleichfalls durch die Entwicklung der Induftrie und des Handels reich, grofs und mächtig zu werden. Diefs gilt zumeift von Deutfchland und Oefterreich. Am längften hatte fich aus der mittelalterlichen Blüthe des deutfchen Lebens der Handel der deutfchen Städte an der Nord- und Oftfee durch die entwickelte Fifcherei und die Schifffahrt erhalten, die Städte am Rhein, der Elbe und Donau durch den Weinhandel, die Landwirthfchaft und die Flufs- Schifffahrt und das Leben in Mittel- Deutfchland durch den Zwifchenhandel. Aber die Entdeckung Amerikas und des neuen Weges nach Indien, zerftörte bald, was fich aus den fortgefetzten inneren Kämpfen und den Kriegen Europas, die auf deutfcher Erde ausgefochten wurden, noch erhalten hatte, die Huffitenkriege, der dreifsigjährige Krieg verheerten das Land und nährten die Zerbröckelung der Einheit, der Kraft und Freiheit des deutfchen Reiches. Die Landwirthfchaft verfiel, die Induſtrie ging zu Grunde, der Welthandel hatte andere Bahnen eingefchlagen; der Handel im Innern hatte keine Wege und Strafsen und wo er fie fand, da hemmte die politifche Spaltung feine Bahn und Entwicklung durch Zollfchranken, Mauthen und taufendfältige Beläftigung. Während im XVIII. Jahrhundert Frankreich und England auf eine mächtige Induftrie, einen grofsen Handel, eine entwickelte Verwaltung blickten, herrfchte in Deutſchland Barbarei der Gefetzgebung, der Reichs- und Landesverwaltung; der Handel, die Induftrie und felbft die Sprache verfallen, nur wenige Regenten fuchten in ihren Territorien mit Macht dem Verfall zu fteuern, und die Namen des grofsen Kurfürften, Friedrich II. in Preufsen, Maria Therefia und Jofef II. in Oefterreich ragen aus diefer armfeligen Lage ruhmvoll empor. Nur eines hatte Deutſchland in aller Noth bewahrt. Sein fuchendes und forfchendes Leben des Geiftes. Und das konnte und mufste es retten, den Staat, die Nation, den Handel und die Induftrie wieder beleben." Anftatt", fagt Fr. Lifst fo treffend, wie man es nicht beffer fagen kann, anftatt, dafs anderswo die Geiftesbildung mehr aus der Entwicklung der materiellen Productivkraft erwuchs, ift in Deutfchland die Entwicklung der materiellen Productivkräfte hauptfächlich aus der ihr vorangegangenen Geiftesbildung erwachfen." Da alles Uebel, wie Plato fagt, nur aus der Unwiffenheit entſpringt, fo wäre ficher diefs hohe geiftige Leben Deutſchlands vom grofsen, auch auf den wirthfchaftlichen Boden von nachwirkenden Erfolgen begleitet gewefen, wenn nicht die politifche Abgrenzung eine gleich vielfältige Abgrenzung der Märkte für Handel und Induſtrie gewefen wäre. Und wie fie den Markt zerfchnitt, zerfchnitt fie die Wege und Strafsen, die ohnediefs in arger Vernachläffigung nirgends eine Entwicklung und Ausbildung erfahren konnten. Was dem grofsen Ganzen fehlte, wurde keineswegs durch die Tüchtigkeit im einzelnen Theile erfetzt. Kaum dafs Oefterreichs und Preussens Zoll- und Verwaltungspolitik die wirthschaftlichen Kräfte etwas hervorgezogen! Kaum dafs die alte, in Deutfchland heimifche Lein- und Wollmanufactur, von ihren alten fremden Märkten längft durch die Uebermacht Englands verdrängt, wenigftens für den heimifchen Markt erhalten und in ihren Intereffen f. nt n t n d t - m h e e t 1 r t 1 1 Der Welthandel. 23 gefördert wurde. Regten fich auch in dem einzigen Blatt, das im Anfang des XIX. Jahrhunderts die wirthschaftlichen Intereffen Deutfchlands vertrat, in dem„ Organ des deutſchen Handels- und Fabrikantenftandes" manchmal kräftige Wünſche, fuchte auch die Wiffenfchaft und der forfchende Geift hochbegabter Männer nach Mitteln, den verwahrloften Zuftand zu beheben, fo mufste doch eine gewaltigere Macht auftreten, die Jahrhunderte alte Schäden abzufchaffen vermochte, die ein Reich, ein ganzes Volk zu wirthschaftlichem Bewufstfein wieder erheben konnte, und diefe Macht war die Dampfkraft. Mag man welch' grofsem Politiker immer die Idee des deutfchen Zollvereines zufchreiben, wir behaupten kühnlich, ohne die ihre Kraft in England und Frankreich, allmälig auch in Deutſchland entfaltende Dampfkraft wäre der Zollverein nie gedacht und nie gefchaffen worden. Die Dampfmafchine verträgt kein enges und abgefchloffenes Productions- und Handelsgebiet. Jede Erfindung und Entdeckung auf dem Gebiete der Naturwiffenfchaft und Mechanik hat einen mehr oder weniger bedeutungsvollen Wendepunkt im Leben der Menfchheit und ihres Culturgrades zur Folge gehabt. Die Erfindung des Schiefspulvers, des Compaffes, der Buchdrucker- Kunft bezeichnen folche Wendepunkte. Mächtiger und tiefer eingreifend als alle diefe und andere Schöpfungen des menfchlichen Geiftes wirkte die Erfindung und Kenntnifs der Anwendung des Dampfes und ihm ebenbürtig an Macht die Elektricität. Sie haben die alten Staaten, die alten Verwaltungen vernichtet, fie haben Länder und Völker umgeftaltet, die Claffen der Gefellſchaft, die Verhältniffe alles Lebens mächtig verändert. Die Verhältniffe der phyfifchen Kraft und Arbeit, des Raumes und der Zeit find durch fie verrückt worden, indem die einen zur Riefengröfse emporwuchfen, die andern in ihrer Macht und Wirkung faft verfchwanden. Und wie fie, den Augenblick verändernd, in eine ferne Zukunft beftimmend eingriffen, fo wirkten fie auch auf das Leben der Vergangenheit zurück und gaben allen Schöpfungen des menfchlichen Geiftes erft ihren ganzen Werth. Und diefe Macht hat auch Deutfchland vorwärts gedrängt, hat ihm die Nothwendigkeit der wirthfchaftlichen Einigung aufgezwungen, und hat diefe endlich in dem deutfchen Zollverein gefchaffen. Bis zu diefem Punkte erfchien es uns nöthig, die hiftorifche Erinnerung in unferen Lefern wachzurufen. Das XIX. Jahrhundert hat keine Gefchichte, die fich nach Ländern und Nationen trennt. Die wirthfchaftliche Entwicklung und Gefchichte vor allen ist von nun an eine Gefchichte der wirthschaftlichen Kräfte und Leiftungen und nicht mehr der Staaten und Reiche. Und doch! Wir werden im Verlaufe unferer Darftellung fehen, wie die grofse Gegenwart, nachdem fie die Staats- oder, fagen wir beffer, die Welttheile gebildet, wie fie für fich fein und fchaffen können, allmälig beftimmt hat, wie diefe Gegenwart nach den Bahner einer alten Vergangenheit zurückdrängt. Unfere Eifenbahnen, Strafsen und Wege fuchen die Heeresftrafsen der Römer und Perfer wieder auf und mit den Trümmern griechifcher Tempel baut die Gegenwart in Afien den Unterbau eines neuen Eifenbahn- Netzes. Neben dem Treppelweg der venetianifchen Karawanen nach Deutfchland legt fie den Schienenftrang der Brennerbahn und Städte werden wieder lebendig, die vor vielen Jahrhunderten fchon eine grofse Handelsblüthe fahen und mächtig fchon einmal durch Handel und Verkehr waren. Und diefelben Waaren, die ein Jahrtaufend früher auf diefen Strafsen in Verkehr brachte, diefelben Waaren fieht unfere Zeit in derfelben Handelsrichtung, zwifchen denfelben Völkern und Ländern und für diefelben Länder und Reiche. Und was beweift uns diefs, oder beffer, was wird uns die folgende weiter ausgeführte Darſtellung beweifen? Nichts Anderes, als dafs der Culturdrang der Menfchheit von jeher derfelbe war und immer dahin ging, die ganze Welt als Einheit zu erfaffen und Alle durch Alle zu erheben und vorwärts zu bewegen. Die nationalökonomifche Theorie drückt diefs einfach mit dem Satz aus, dafs die Bedürfniffe der Menfchheit immer nur durch die ganze Welt befriedigt werden können. 24 Dr. Carl Thomas Richter. Ehe wir zur endlichen Erfüllung unferer Aufgabe gehen, fei es geftattet, noch jener Kraft, welche unferem Jahrhundert einen beftimmten Charakter, ja oft auch den Namen gegeben hat, der Dampfkraft noch im Allgemeinen einige Auf merkfamkeit zuzuwenden. Bei jeder Rechnung mufs man die Factoren kennen, und wenn wir von den Verkehrsmitteln, von der Induftrie unferer Tage fprechen wollen, ift es immer die Dampfkraft, welche fie in ihrem Charakter und ihrer Wirkung beftimmt. Die Dampfkraft. Elektricität und Dampfkraft, fagten wir, find die Kräfte, welche unfer Jahrhundert bewegen und auf der Bahn der Cultur mit mächtigen Schritten vorwärts drängen. Eifenbahn- und Dampffchiff- Fahrt haben mit den Telegraphen den wirthschaftlichen Verkehr zu einem Weltverkehr erhoben, haben die einzelnen Perfonen und die That derfelben von der Scholle losgelöft und die heutige Gröfse des Wandels und Handels auf geiftigem und materiellem Gebiete gefchaffen. Die Kraft der Elektricität ift heute nur erft in einer einzigen Wirkung ausgenützt, in der Wirkung, das Wort als Zeichen im Fluge des Gedankens über Taufende von Meilen fortzutragen. Wir werden in der Darstellung der Mittel des Weltverkehres die Ausdehnung des Telegraphennetzes weiter befchreiben. Die uralte Zeichenpoft trennt Taufende Jahre von uns und felbft Sömmerings erfte Erfindung auf 3138 Meter Länge zu fprechen, ift durch Steinheil und Morfe und ihre ausgebildeten Telegraphenapparate zu einer Vollkommenheit gebracht, dafs fie mit den Erfindungen der Vergangenheit nichts mehr gemein haben. Aber nicht nur, dafs die räumliche Ausdehnung der Telegraphen fich erweitern mufs, es wird gewifs die Zeit kommen, welche der Wirkfamkeit der Elektricität neue Aufgaben vorfchreiben wird. Möglich, dafs dann, wie einft die Stahlzeit die Eifenzeit nach Cotta's gelehrtem Ausfpruche überwunden hat, möglich, dafs dann die Zeit der Dampfkraft überwunden ift und die Dampfmafchine nur auf den Kleinbetrieb zurückgewiefen wird. Die Möglichkeit diefer Ausbildung der wirkenden Kräfte ift, ganz abgefehen, dafs fie die Wiffenfchaft zugibt, auch praktiſch nicht ausgefchloffen, am wenigften, wenn man die Entwicklung der Dampfkraft und ihrer Benützung felbft verfolgt. Der Theekeffel James Watt's wird zur Kindergefchichte, zum Märchen, wenn wir die heute wirkenden Dampfkräfte und Dampfmafchinen betrachten. Der Dampf, den man mittelft fünf Pfund Steinkohle erzeugt, vermag diefelbe Leiftung zu fchaffen, die ein kräftiger Mann erft in zehnftündiger Arbeit zu leiften vermag. Beachten wir nun, dafs z. B. Grofsbritannien heute allein mehr als 117 Millionen Tonnen Kohle producirt. Nach dem angegebenen Koftenverhältniffe würde diefe Kohlenmenge beiläufig etwas mehr als 150 Millionen Arbeiter und ihre Leiftung vertreten. England trägt aber nur den zehnten Theil zur Kohlenmenge bei, die heute jährlich auf der ganzen Erde gewonnen und verbraucht wird. Die Gefammtmaffe der producirten Kohlen bedeutet alfo eine Leiftungsfähigkeit von 1500 Millionen Arbeitern. Die ganze lebende Generation könnte alfo nie ausreichen, die wirkende Dampfkraft zu erfetzen. Und aufser den Steinkohlen wirken noch andere Brennftoffe und neben der Dampfkraft noch andere mechanifche Kräfte mit, die heute nöthige Gütererzeugung der Welt zu fördern. Beachtet man die Kohlenpreife und die Koften der mit Kohle erzeugten Dampfkraft, fo genügt es wohl zu fagen, dafs die Summe der producirten Kohlen 1871 in England den Preis hatte von 30,121.347 Pfund Sterling. Rechnet man die Erhaltungskoften eines Arbeiters Der Welthandel. 25 jährlich nur auf 200 Gulden oder 20 Pfund Sterling, fo ergibt diefs für die obigen 150 Millionen Menfchen 30.000 Millionen Gulden oder 3000 Millionen Pfund Sterling. Man kann aus diefem einzigen Beiſpiele leicht begreifen, warum vor Jahrhunderten das Korn fo billig und das Gewebe fo theuer war, während es heute gerade umgekehrt ift. Bei der gefammten Textilinduftrie, Baumwolle und Schafwolle, find 1871 in England thätig gewefen 300.480 Dampfpferde-, 8390 Wafferpferdekräfte und 450.087 Menfchen. Wenn wir die Wafferkraft ganz bei Seite laffen, fo repräfentirt die Dampfkraft, I nur gleich 3 wirklichen Pferden gefetzt, 901.640 wirkliche Pferde mit zehnftündiger Arbeit. Die Pferdekraft gleich 5 Menfchen gefetzt, ergibt 4,507.200 Menfchen. Um daher die 1778 Millionen Pfund 1871 importirter Baumwolle, und die 323 Millionen Pfund Schafwolle zu verarbeiten durch Menfchenkraft, hätten 4,957.287 Arbeiter mit zehnftündiger Arbeit thätig fein müffen. Die Koften hätten mit 20 Pfund Sterling per Mann, 99,144.740 Pfund Sterling betragen. Da wäre der Arbeitslohn gerade fo viel, als faft der gefammte Werth des Exportes von Baumwolle und Wollftoffen. Diefer betrug etwas mehr als 100 Millionen Pfund Sterling 1871. Die Summe der in Frankreich thätigen Dampfmaschinen wird in den Annalen des auswärtigen Handels 1852 auf 7779 angegeben mit 216.457 Pferdekräften, 1864 auf 25.027 Mafchinen mit 674.720 Pferdekräften. Dem entſprechen 1852: 4,903.900, 1864: 11,242.000 einheimifche, 6,248.000 Tonnen fremder Kohle. Heute erzeugt Frankreich felbft 12,804.000 Tonnen Kohlen und importirt mehr als 7 Millionen Tonnen. Relativ am meiften Kohle und am meisten Dampfkraft verbraucht Belgien. Es förderte 1870: 13,697.118 Tonnen Kohle, wovon es etwas mehr nur als 3 Millionen Tonnen exportirte, zumeift nach Frankreich. Der englifche und deutfche Kohlenimport betrug 1870: 223.685 Tonnen. Mit diefer Kraft erzeugt Belgien mehr Producte als ganz Deutfchland und Italien. Der das Land allein betreffende Handel, der 1840 erft 15 Millionen Pfund Sterling betrug, hat 1871: 56 Millionen Pfund Sterling betragen. Die gefammte belgifche Handelsbewegung mit den Zwifchenhandel betrug 22 Milliarden Francs. In Oefterreich bedarf Induftrie und Landwirthfchaft eine Jahresproduction von 1000 Dampfmaschinen mit beiläufig 25.000 Pferdekräften. Beim Bergbau allein find neben 150.000 Menfchen 500 Dampfmafchinen mit 13.000 Pferdekräften befchäftigt. Welche Maffen von Rohftoffen müffen verfchlungen werden, um die fo gebildeten Arbeitskräfte zu befchäftigen, um die im Welthandel heute fich bewegenden Güterwerthe zu bewegen. Aus den entlegenften Ländern, aus anderen Welttheilen mufs Europa feine Rohftoffe holen und wieder ift es Dampf und Elektricität, welche hier den Verkehr erhalten und feit Jahrzehnten gar gewaltig umgeftaltet haben. Wir werden die Mittel diefes Verkehres zur See und zu Land kennzeichnen. Taufende von Fahrten beforgen diefe Schiffe in den wechfelnden Aufgaben, Rohftoff zu bringen um Fabricate fortzutragen. Aber wie grofs hiebei die Kräfte, wie rafch der Verkehr auch fein mag, unfer Arbeitsdrang ergreift rafch jede Abkürzung des Weges, jede Befchränkung der Handels- und Transportkoften. Der Canal von Suez ift vielleicht beftimmt, eine folche Aenderung des Handels zu erzeugen gegenüber dem Nothweg um das Cap, wie diefer Weg einft gegenüber dem langen Landweg über Suez durch die Wüfte nach Indien. Wir fchliefsen die Betrachtung, indem wir dafür gleich als Beiſpiel die Schiffbewegung im Canal von Suez geben. Es wurden befördert im Jahre Schiffe Tonnen 1870 502 443.709 1871 765 761.467 1872 1092 1,442.6 17 26 Dr. Carl Thomas Richter. Davon entfielen im Jahre 1871 auf die wichtigften Länder nach Flagge Dampfer und Segler Tonnen Englifche Schiffe 502 546.453 Franzöfifche 66 89.076 " Oefterreichifche 63 38.729 " Italienifche 47 27.414 " Türkifche 32 18.230 " Egyptifche 22 13.335 " Andere 33 28.230 " Zu diefen koloffalen materiellen Wirkungen kommen nun die geiftigen Erfolge der Dampfkraft. Für die Erbauung der Cheops- Pyramide, des gröfsten Wunderwerkes der alten Welt, bedurfte es der lebenslänglichen Arbeit einer halben Million Menfchen. Die Dampfkraft, welche heute in Europa wirkt und für deren kleinften Theil diefes Wunderwerk zu Stande zu bringen nur eine verfchwindende Zeit nöthig gewefen wäre, hat den Menfchen aus der Sklaverei der Arbeit emporgehoben, ihn nicht mehr als Knecht der Arbeit, nur als Leiter des Werkes hingeftellt. Und faft ift es nicht mehr die Maffe der Leiftungen, fondern nur die Gewalt der Mafchinen, welche der Menfch beftimmt und durch welche er in die Menge der Güterleiftung eingreift. Und wie feine Kräfte dadurch frei geworden find, fo find taufend andere Intereffen und Aufgaben, Freuden und Genüffe feinem Leben geworden. Vor allem aber ift es die Verwendung der Dampfkraft, welche den lebendigen Wechfelverkehr der Menfchen aller Länder, aller Nationen und Religionen unter einander vollzieht, die einen gewaltigen Umfchwung in dem geiftigen Leben der Menfchheit hervorgebracht hat. Die Schaaren der Völkerwanderung, die Maffen der Kreuzzüge verfchwinden vor der Menge der Menfchen, die heute das Reifen durch die Welt führt, und taufendfache Beziehungen und Verbindungen erzeugt. Rechnet man im Durchschnitt gewifs fehr mäfsig per Meile der heute beftehenden und nun im Betriebe begriffenen Eifenbahnen eine jährliche Frequenz von 30.000 Menfchen und einer halben Million Centner Güter, fo werden jährlich 960 Millionen Menfchen und 1600 Millionen Centner Güter befördert. Die Zahl der jährlich auf allen Bahnen der Welt reifenden Menfchen ift alfo mehr als dreimal gröfser als die Zahl der Einwohner Europas. Die Zahl der Meilen, welche von den fämmtlichen Locomotiven der Erde jährlich durchlaufen werden, wird auf 1392 Millionen gefchätzt, fo dafs alfo diefe Mafchinen insgefammt einen 67mal gröfseren Weg im Jahre zurücklegen als die Entfernung der Erde von der Sonne beträgt. Die Eifenbahnen der Erde kommen weiter einer Landfläche von 350.000 Quadratmeilen und einer Einwohnerzahl von 350 Millionen Menfchen zu Gute. Auf die Zahl der Einwohner der Länder, die fie durchfchneiden, reducirt, kann man annehmen, dafs jeder Einwohner jährlich 2.8 Meilen reift und dafs per Einwohner jährlich 46 Centner Güter auf der Eifenbahn transportirt werden. Schliefslich fei noch bemerkt, dafs die Wechselwirkung der Eifenbahnen und Gütermengen heute gleichfalls entfchieden ift. Die Fähigkeit der Eifenbahnen, den Abfatz rafch und beftimmt zu vermitteln, hat die Gütererzeugung der einzelnen Orte felbft wieder emporgehoben, fo dafs heute der Transport der Güter ohne Eifenbahnen gar nicht mehr gedacht werden kann, ja dafs das Sinnen der Menfchen dahin geht, die Leiftungsfähigkeit der Bahnen nur dauernd noch zu erhöhen. Und fo rücken die Welten an einander. Die entlegenften Winkel der Erde werden in den allgemeinen Strom des modernen Culturlebens einbezogen und durch den Austaufch von Waaren und Ideen zu immer wachfender Thatkraft vorwärts gedrängt. Zumeift find es Europa und Nordamerika, die kräftigen Vertreter des modernen Culturlebens, welche durch taufend gemeinfame Intereffen immer fefter fich an einander fchliefsen und mit der Kraft des modernen Geiftes gegen heranrücken, um, dem Entwicklungsgang des Abendlandes entſprechend, die ungeAfien Der Welthandel. 27 heure Welt neu zu reifen und die weiten, ausgeftorbenen Fluren neu zu beleben. Denn die Despotie wird finken, das Kaftenwefen, die Sklaverei und Leibeigenfchaft werden durch Dampf und Elektricität vernichtet und eine ungeheure Macht wird gekräftigt werden, an der phyfifchen und geiftigen Kraft des Abendlandes theilzunehmen. Schon fehen wir allenthalben die Zeichen diefer Zeit. Die Wiener Weltausftellung war ein mächtiger Hebel, die Völker Afiens zur Theilnahme an der grofsen Friedensfeier des Handels und der Induſtrie aufzurütteln. Herrfcher und Unterthanen kamen zu dem Staate, den man nach der Gefchichte Europas die Stufe nach dem Morgenlande nennt, Europas Geift und Leben kennen zu lernen. Da begreift man Bukle's Mahnwort: Die Locomotive hat mehr gethan, um die Menfchen zu vereinigen, als alle Philofophen, Dichter und Propheten vor ihr feit Beginn der Welt. Ein grofser Theil der Erde ift noch nicht mit den Kräften der Cultur Europas ausgerüftet und Dampf und Elektricität ftehen erft im Beginn ihrer wirthfchaftlichen Miffion. Aber es ift kein Zweifel, dafs fie die ganze Welt durchwandern und allenthalben ihren Segen ausftreuen werden. Welche ungeheure Veränderung aber dann im Leben Europas eintreten wird, wenn die Völker Afiens ihre Rohproducte, die fie heute uns liefern, mit unferen Dampfroffen nun felbft verarbeiten werden, welche koloffale Veränderungen in unferen focialen Verhältniffen eintreten werden, wenn wir Producte beziehen von Völkern, denen wir fie heute liefern, das ift heute wohl zu denken, aber nicht zu entfcheiden erlaubt. Die Mittel des Weltverkehres. Die Verkehrsmittel. Das heutige Welt- Verkehrswefen gipfelt in den fünf Inftitutionen der modernen Zeit: Der Eifenbahn, der Schifffahrt, den Strafsen und Canälen, der Poft und dem Telegraphen. Wir wollen in einem kurzen Bilde von Zahlen die Kraft und Wirkfamkeit diefer Inftitutionen darftellen und hoffen, dafs wir eben gerade damit zeigen, was die kräftigften Adern unferes heutigen Verkehrslebens find. Die Schifffahrt und das Strafsennetz der alten Welt wird vor dem Bilde, das wir geben wollen, zu einem Kindermärchen. Die Gefetze der vergangenen Zeit, welche das Reifen verbieten wollten, und die Beiftellung von verbefferten Reifemitteln unterfagten, erfcheinen uns wie Verirrung des Geiftes, wie Thorheiten und Mifsbräuche der Gewaltfülle der Herrfcher. Erft im XVII. und XVIII. Jahrhundert erkennen wir ein höheres Beftreben des Menfchen, als man den Wagen und Schiffbau zu verbeffern ftrebte, Strafsen anfing zu bauen, und das moderne Canalfyftem einführte, und dann auch die optifchen Telegraphen erfand. Aber es ift das Recht des Allgewaltigen, dafs man neben ihm vergifst, was klein ift und fchwächer. Und fo erfcheint die Vergangenheit neben dem wahren Welt- Verkehrswefen nur wie eine Erinnerung, die in der Gefchichte verzeichnet ift, aber die Gedanken der Menfchen felten noch zu reifen und neu anzuregen im Stande ift. Die Eifenbahnen. Die Gefchichte der Eifenbahnen reicht, wie bekannt, bis in den Anfang des XVIII. Jahrhundertes zurück und findet in England und Amerika mit den unvollkommenen Bergwerks- Bahnen ihren Anfang 28 Dr. Carl Thomas Richter. Aber erft 1814 gelang es Georg Stephenfon, eine brauchbare Mafchine zu conftruiren, die im Stande war, auf einem Schienenftrang Güter zu transportiren. Erft im Jahre 1830 wurde für Menfchen und Güter die erfte Locomotivbahn zwifchen Liverpool und Mancheſter eröffnet. Mehr als ein Jahrhundert brauchte der Gedanke für feine richtige Conftruction. Kaum ein halbes Jahrhundert aber ift dahin gegangen und die ganze Welt hat 233.988 Kilometer oder beiläufig 31.703 geographifche Meilen Locomotivbahnen gebaut. Sie vertheilen fich folgendermafsen: auf Europa entfallen III.909 Kilometer Amerika " 27 Afien " 99 109.961 8.533 22 21 " Auftralien Afrika 1.812 22 " 77 29 1.773 " Diefe Länge beträgt faft die achtfache Aequatorlänge, den 645ften Theil der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne und fchon 6/10 jener von dem Monde. Nach der Geleifelänge repräfentirt fie ein Eifengewicht von 660 Millionen Centner und eine Schwellenzahl von 410 Millionen Stück. Nach ihrer fchätzungsweife allgemeinen Abnützung gehen täglich 40.000 Centner Eifen und 137.000 Stück Schwellen auf der ganzen Erde zu Grunde. Die Zahl der benützten Locomotiven foll 48.000 Stück, der Perfonenwagen 96.000, der Güterwagen aller Art 1,280.000 Stück betragen, eine Reihe Betriebsmaterial, die aufgeftellt eine Geleifelänge von 2100 Meilen beanfpruchen würde. Die Zahl der beim Betrieb aller Eifenbahnen befchäftigten Menfchen beträgt, 60 per Meile angenommen, beiläufig 1,900.000 oder einen Familienftand von 5 Millionen Menfchen. Die Gefammtkoften der Eifenbahnen veranfchlagt man auf 30.000 Millionen Gulden. Es müffen daher alle Eifenbahnen täglich wenigftens vier Millionen Gulden rein ergeben, um eine fünfpercentige Verzinfung zu erreichen. Wie rafch nun das Wachsthum der Eifenbahnen vorgefchritten ift, erfahren wir aus folgender Tabelle: Die Eifenbahn- Länge betrug in Kilometer: 1830 1840 1850 Amerika وو in Europa$ 245 3.057 23.766 5.534 14.256 87 1860 1870 51.544 103.744 53.253 96.398 1871 III.909 109.961 Afien. 1.397 8.132 8.533 99 Afrika 446 1.773 1.773 " 9 Auftralien 264 1.812 1.812 " Summe • 332 8.591 38.022 106.886 221.859 233.988 Hiernach geftaltet fich das abfolute Steigerungsverhältnifs: von 1830 gegen 1840 wie 1: 26 1840 27 " 1850 1850 1860 ንን I: 41 " " I: 234 1860 " " 1870 I: 2 79 ein Zeichen, wie mächtig die Welt das neue Verkehrsmittel erfafst hat. Dabei fteht Amerika weit vor Europa, da feine Bevölkerung dünner gefäet, und feine geographifche Ausdehnung faft fünfmal gröfser als jene von Europa. Schärfer noch tritt die Entwicklung der beiden culturkräftigften Welttheile, Europa und Amerika hervor, wenn man die Verbreitung und das Anwachfen der Eifenbahnen in den beiden Welten vergleicht. Die Verbreitung und das Anwachfen der Eifenbahnen in Europa und Nordamerika war: Name des Landes Der Welthandel. Eifenbahn- Länge in Kilometern 1835 1845 1855 .1865 1870 1871 29 Auf 1 Q.- Meile kommen im J. 1871 Eifenbahnen in Kilometern Aut I Mill. Einwohner kommen im Jahre 1871 Eifenbahnen in Kilom. von 1866 bis 1871 in geoTägliches Wachsthum graphifchen Meilen Tägliches Wachsthum im Jahre 1871 Schweden und Belgien. 20 577 I.333 England. Niederlande. 252 4.082 13.414 156 Deutfchland 6 2.143 314 7.826 Schweiz.. 4 212 Frankreich 141 Dänemark. Italien 128 870 5.529 30 912 Oefterreich 227 1.058 2.829 105 2.250 21.386 865 13.900 1.340 13.577 419 3.982 6.397 1.580 2.102 2.997 24.373 1.588 18.667 1.448 17.602 3.041 5.690 621 24.603 4 290 1.616 2.510 20.980 2.120 800 O 20 0.09 425 522 0.43 0.85 1.472 1950 588 17.666 1.840 485 025 0° 02 764 876 1 260 486 6.175 9.762 6.378 1190 240 O'14 0.09 11.899 1050 330 0.34 0.78 2.258 0.160 383 479 5.461 6.015 6.108 0.560 295 66 Ganz Europa . 646 1.062 Ο ΙΟΟ 144 1.044 13.950 0140 9.162 34.027 75.149 103.744 111.909 0.610 378 1.773 7.835 30.974 56.880 87.758 100.818 0.590 2.602 I.773 8.262 33.837 62.755 96.398 109.961 0.140 1.300 1.008 3.926 II.243 60 205 0.97 I˚OO 2° 20 2.98 2.66 4.77 2.86 4.95 Norwegen. Portugal und Spanien.. Türkei und Griechenland Rufsland Nordamerika Ganz Amerika Auf der ganzen Welt 2.419 17.424 68.148 145.114 221.859 233.988 0.096 172 5.33 4* 44 Wir haben die Staaten Europas fo in der Tabelle verzeichnet, wie fie im Verhältniffe der gröfsten Eifenbahn- Längen nach einander folgen. Es zeigt fich am beften dadurch, was das einzelne Land fchon gethan, was das andere noch zu thun hat. Für Oefterreich gilt nun freilich, dafs es feit 1866 in fo gewaltiger Weife an dem Ausbau feiner Bahnen gearbeitet hat, dafs es von da ab gerechnet, nur Rufsland und Deutfchland nachfteht, und in dem, was es geleiftet hat, den dritten Rang unter den Staaten Europas einnimmt. Die Benützung der Eifenbahnen ift in den verfchiedenen Ländern eine fehr ungleiche. Die Darftellung derfelben gewährt jedoch einen ganz guten Einblick in die Cultur- und Wirthfchaftverhältniffe des einzelnen Landes. Man könnte diefs aus den Verkehrstabellen am beften erkennen. Allein die Ausweife der Eifenbahnen reichen genau nicht über die Zeit 1866, welche gerade für Rufsland, Deutfchland und Oefterreich von der gröfsten Wichtigkeit ift. Nach der für das Jahr 1865 aber geltenden Zufammenftellung der Perfonen- und Güterverkehre betrug derfelbe per Kopf des Landes. Land England Belgien. Perfonen 7.9 Centner Güter 73.2 6.2 • • • 69.5 Deutſchland • 19 23.8 Frankreich Schweiz. Oefterreich Niederlande Dänemark. Norwegen. Schweden Italien . 2.3 18.6 II'I ° • 04 5.9 I I 3.9 . 2'0 3.4 . 0.2 3.2 • • . 0.4 2.2 • 0.5 1.6 30 Dr. Carl Thomas Richter. Die Gefammtheit des Güterverkehres auf allen Schienenftrafsen mag täglich 40 Millionen Centner betragen. Diefe ungeheuere Macht der Eifenbahnen, die weitaus jene aller anderen Verkehrsmittel zufammen überfteigt, wird um fo grofsartiger in ihren Wirkungen, als es die Eifenbahn allein ermöglicht, in die entlegenften Winkel der Binnenländer einzudringen, als fie der Regelmässigkeit jedes Landverkehres, die fie bedeutend noch überbietet, Rafchheit und Sicherheit, Billigkeit und Maffenhaftigkeit der Leiftung hinzufügten und dadurch eigentlich die Macht von Raum und Zeit für die That der Menfchen verfchwinden macht. Und was ift in diefer Richtung noch in den wirklichen Verhältniffen zu leiften! Die Eigenfchaften der Eifenbahnen, insbefondere Billigkeit und Schnelligkeit, bis auf das Aeufserfte zu fchaffen, das ift die wahre Culturmiffion der Eifenbahnen. Es wird eine Zeit kommen, wo man nur die Leiftungsfähigkeit der Eifenbahnen, und nicht mehr die Rentabilität derfelben auszubilden fuchen wird. Innerhalb diefes gewaltigen Drängens der menfchlichen Arbeit und Unternehmungsluft, der koloffalen Capitalsverwendung fcheint es nun doch, als ob eine beſtimmte Gefetzmäfsigkeit der Entwicklung vorläge, die nicht durch die wirthfchaftliche Speculationskraft, auch nicht durch die techniſche Conftructionsfähig. keit, fondern einzig und allein durch die, im Jahrtaufende wirkenden Bedingungen des Lebens der Culturvölker gefchaffen ift. Diefe Gefetzmäfsigkeit geht dahin, dafs in dem Augenblick, wo die Staaten die äufserften Enden und Punkte ihrer Ausdehnung durch kräftig wirkende Verkehrswege verbunden und durch das Ganze feft aneinander gefchloffen haben, dafs fie dahin ftreben, die Productions- und Confumtionsgruppen der Welt mit einander zu verbinden. Production und Confumtionsgruppen find hier freilich nur Namen, die nicht das Richtige ganz bezeichnen. Denn in Wahrheit ift jede Productionsgruppe auch Confumtionsgruppe und umgekehrt. Ein Blick auf die Verhältniffe Indiens zu England kann diefs leicht erklären. In dem Augenblicke, wo diefs obige Gefetz erfüllt ift, werden alle Bahnen im Innern des Landes zu Nebenbahnen jenes grofsen Stranges, der, wie wir oben fagten, die Productions- mit den Confumtionsgruppen verbindet. Diefes Gefetz fpringt wenigftens heute für Europa und Afien fcharf in die Augen. Rufsland und Oefterreich leben die erfte Periode beiläufig heute noch durch. In der grofsen Eifenbahn- Periode von 1866 bis 1872 hat Oefterreich die öftliche Reichshälfte mit der weftlichen durch die Stränge der Staats- und Südbahn zu verbinden gefucht. Dasfelbe hat Rufsland für Süd und Nord gethan durch die Bahnen Liban, Riga und Finnland mit Odeffa, die Linie Moskau- Odeffa, die dann die Hauptftadt mit der Wolga, mit Aftrachan und mit Roftow verbinden. Die Bahn von Poti- Baku verbindet das fchwarze mit dem cafpifchen, die BreftKiewer Eifenbahn das baltifche Meer mit dem fchwarzen Meere. Eine ähnliche Aufgabe erfüllen die Projecte der fogenannten türkifchen Bahnen und die Bahnen Kleinafiens Skutari- Ismid bis Eski- Scheherd. Ift diefe Aufgabe erfüllt, find die entfernteften Punkte eines Reiches verbunden; dann werden alle Staaten Europas dem Drange folgen, der fchon Frankreich, Deutſchland und auch heute fchon Oefterreich beherrscht. Sie werden die Bahnen fuchen und bauen, die Europa mit dem Innern Afiens und dem fernften Süden und Often des gewaltigen Welttheiles am fchnellften verbinden. Und die Bahnen, die das feit der Durchftechung der Landenge von Suez thun, find auf die Uebergänge über die Alpen angewiefen und fchon überfchreitet die Semmering- und die Brenner- Bahn die Gebirgskette. Die Mont Cenis- Bahn durchbricht fie, die Gotthard- Bahn, mit einem Aufwand von 185 Millionen Francs, fucht fie zu durchbrechen. Weiter fuchte Oefterreich über die rhätifchen Alpen mit der Arlberger Bahn, die Schweiz, Deutſchland und Italien gemeinfam über den Splügen hinüber zu fetzen. Der Welthandel. 31 Und wird einft das griechifche Bahnnetz ausgebaut, das Project der Euphratbahn Wahrheit fein, dann werden jene Hauptbahnen zur Vollendung gekommen fein, die Europa braucht. Hamburg, Wien, Salonichi wird die einzige Hauptlinie vielleicht fein, die Europa nach Eifenbahn- Diftricten abtheilt, und wenn wir allen diefen Linien nachgehen, zumeift jenen, welche die Alpen überfteigen, dann dem Weg folgen, der Wien an die türkifchen Bahnen drängt, Philippopel, Saremberg, Adrianopel, endlich Conftantinopel mit Hamburg verbindet, fo treffen wir auf die Spuren des alten Handelsweges Venedigs und Genuas, auf die Refte, welche die römifche Herrfchaft in ihren Heerftrafsen uns hinterliefs. Was wir hier nicht weiter ausführen können, das kann die Darftellung der Rohproducte, die Europa verarbeitet, und die Bewegung feiner Fabricate, die Afien verzehrt oder die Maffe der wohlgefüllten Säcke der Overlandmail, welche heute durch den Mont Cenis- Tunnel gehen, genauer beleuchten. Faft ein ähnliches Bild, nur einer dem Alterthum fremden Welt angehörig, fehen wir in den Bau der amerikanifchen Bahnen. Es laffen fich heute nicht mehr Namen genug finden, die die rafch gefchaffenen Bahnen kennzeichnen und von einander fcheiden follen. Aber die Bewegung hat nur ein Ziel. Das reiche Innere der neuen Welt den bevölkerten Küftenftrichen zugänglich zu machen, wie diefs zumeift Südamerika zeigt, der Bau der Bahnen in Peru und Brafilien. Die vereinigten Staaten von Amerika, die diefes Ziel faft erreicht und die fernften Grenzen verbunden haben, drängen jetzt fchon die Wege von dort nach Liverpool zu kürzen, ein Ziel, das zumeift die Texas- Pacific Railroad anftrebt, welche von dem Often Texas über El Paso und Mexico nach Sant Diego führen wird und da nach 440 geographifchen Meilen Wegs fich an die Pacific- Railroad von California anfchliefsen wird. Damit ift die Verbindung vom Staate Maine nach St. John gegeben, die den Weg von New- York nach Liverpool um 36 Stunden abkürzt. Einer ferneren Gefchichte bleibt es vielleicht vorbehalten, einft Afrika, fo wie Amerika durch die Eifenbahn der Cultur zu erfchliefsen. Die Schifffahrt. Billigkeit und Maffenhaftigkeit der Leiftung haben die Schifffahrt zu einem Moment des Handels und des Weltverkehres frühzeitig gemacht und erhalten fie heute noch in diefem. Die Binnenländer find durch die Flufs- Schifffahrt, die Welttheile durch die See- Schifffahrt einander nahe gebracht worden. Allein es iſt natürlich, dafs die Fähigkeit eines Landes in diefer Richtung an dem Verkehr und der Culturbewegung fich zu betheiligen, von der Entwicklung feiner Küftenlänge und feines Flufsgebietes abhängt. Das hat fchon Carl Zachariä in feinen 40 Büchern vom Staate fo geiftreich beleuchtet, und ift wohl der ficherfte Grund für Europas rafche Entwicklung und Culturkraft und trägt wohl auch Nordamerikas wunderfame rafche Culturblüthe. Die Küftenentwicklung der verfchiedenen Welttheile ift fo entwickelt, dafs auf eine Meile Küftenlänge entfallen. " 9 in Europa Nordamerika • • Auftralien 99 • Südamerika " • • Afien. " Afrika " • 38.6 Quadratmeilen Land 58 " • • 73 95 99 29 152 29 ##### &&& " " " Dabei hat Europa zahlreiche fchiffbare Flüffe, von denen wir mit 510 Meilen Lauflänge die Wolga Donau " 9 29 385 77 " den Dnieper" 270 99 99 32 Dr. Carl Thomas Richter. die Theifs mit 180 Meilen Lauflänge Elbe 27 27 171 " 1 " den Rhein 29 150 22 die Rhone " 140 " Weichfel 22 " 130 " 29 Loir 27 29 130 77 " 9 Oder 120 " " 29 27 hervorheben. Auch die Gefchichte der Schifffahrt hat ihre grofsen Momente und jede Entwicklung in ihr ift eine Entwicklung des menfchlichen Culturlebens. Die Entwicklung der Ruder- Schifffahrt an den Küften, der See- Schifffahrt nach der Erfindung des Compaffes find folche Momente, und die Hanfa, Venedig, Portugal, Holland und England treten allmälig mit ihr in die Gefchichte der Menfchheit epochemachend ein. Allein auch hier ift es wieder die Dampfkraft, welche der Fähigkeit der Nationen die Macht gibt, fie vollkommen auszunützen. Gerade ein Jahrhundert liegt zwifchen dem Verfuche des deutfchen Profeffors Papin, der auf der Fulda bei Caffel ein erftes Dampffchiff fahren liefs und ,, Fulton's Narrheit", das 1807 auf dem Hudfon fuhr. In rafcher Entwicklung folgt nun bald die Vollendung, bis 1829 Reffel's erftes Schraubenfchiff im Hafen von Trieft, 1852 Seydell's erfter Reactions dampfer in See ging. In diefer Zeit fchon, und immer mehr feither geht die Segelfchifffahrt rafch zur Dampffchifffahrt über. Die europäifche Handelsmarine entwickelte fich in folgender Weife: Summe der Schiffe Jahr 1860 Dampffchiffe Segelfchiffe 2.974 92.272 95.246 1865 4.021 95-993 100.014 1869 4.289 96.009 100.298 1871 4.824 92.053 96.877 Tragfähigkeit in Tonnen 10,800.647 12,436.208 12,7 61.875 12,607.627 Davon entfallen auf England allein nach einer rafchen Entwicklung feiner Dampfflotte 1871: 1,340.538 Tonnen, nachdem es 1860 erft 454.327 Tonnen Tragfähigkeit zählte. Frankreich befafs 1870: 142.942, nachdem 1860 erft 68.025 Tonnen Tragfähigkeit feine Dampffchiffe hatten. Es fei hier auch der deutfchen Handelsflotte, fo weit genaue Angaben erreichbar find, gedacht. Die Hamburgifche Rhederei beftand: 1850 aus 326 Schiffen mit 1862 506 " 2 29 1869 473 " 43.505 Laften 104.064 127.421 27 " " " Die Durchfchnittsgröfse ftieg danach um 84.8 Percent. Zur Bremifchen Handelsflotte gehörten: 1850 222 Schiffe mit 45.380 Laften 1862 277 1869 300 27 27 71 89.108 119.209 " 7 ftieg mithin die Durchfchnittsgröfse um 95 2 Percent. Die preufsifche Rhederei umfafste: 1858 1862 " 2" 1204 Schiffe mit 153.548 Laften 1366 1869 1454 77 29 176.268 191.484 " " 9 Die Steigerung der Durchfchnittsgröfse beträgt alfo 33 Percent. Die Gründe diefer Steigerung find leicht erklärlich durch das Steigen des transatlantifchen Verkehrs, wo immer gröfsere Schiffe möglich, dann durch die Einführung der Dampfkraft, wobei für die Ausnützung derfelben der Tonnengehalt der Schiffe vermehrt werden kann und durch die Sorge, die Betriebs Der Welthandel. 33 koften zu verringern, die bei gröfseren Schiffen verhältnifsmäfsig kleiner find, als bei kleinen. Die hervorragendften feefahrenden Staaten haben heute auf hoher See eine Flotte, die fich folgendermassen vertheilt: Staat England Britifche Colonien Britifche Flagge Vereinigte Staaten Deutſchland Zahl der Schiffe Tonnengehalt 25.892 5,781.509 10.975 1,472.019 36.867 7,253.528 16.943 2,752.602 5.122 1,305.372 Frankreich • 15.778 1,074.656 Algier 125 4.609 Norwegen 6.993 1,038,927 Italien 18.822 1,013.038 Niederlande 1.925 499.506 Niederländifche Colonien 880 77.946 Spanien 4.514 390.700 Oefterreich 2.970 378.681 Schweden 3.495 369.900 Griechenland 5.422 334.900 Rufsland. 2.646 230.229 Dänemark 2.735 184.407 Türkei Finnland Portugal Belgien 2.200 182.000 504 162.704 817 88.392 67 30.149 Brafilien IOO 20.000 Chili Peru Havai Tunis 75 90 57 IOO 15.870 9.596 8.197 4.000 Hiernach zählen die hervorragendften der feefahrenden Nationen( ohne China, Japan etc.) einen Handelsmarine- Stand von 7.800 Dampfern mit 2,633.000 Tonnen Tragkraft 121.500 Segler " 14,606.000 " " 129.300 Schiffe mit 17,239.000 Tonnen Tragkraft. Dabei mögen, wenn man einen Mann per 25 Tonnen Tragkraft rechnet, bei der Handelsmarine der Welt beiläufig 800.000 Menfchen befchäftigt fein. Der jährliche Weltverkehr zur See wird von Wagner auf 295 Millionen Tonnen oder 5900 Millionen Centner gefchätzt, alfo faft ein Drittel mehr des gefammten Eifenbahn- Verkehres. Wir müffen doch auch auf die Tragfähigkeit der Flufsfchifffahrt unfer Augenmerk richten, denn wenn auch durch die Eifenbahn- Concurrenz in den letzten Jahren eine bedeutende Abfchwächung des Flufstransportes eintreten mag, fo ift die Flufsfchifffahrt immer noch von nicht zu unterfchätzender Bedeutung. Dauernd wird die Fracht ftromabwärts durch ihre mögliche Billigkeit von Bedeutung bleiben, die Fracht ftromaufwärts aber durch die allgemeine Einführung der Kettenfchlepp- Schifffahrt ficher von immer gröfserer Bedeutung werden. Wir geben in dem Folgenden eine kurze Tabelle des Güterverkehres der grofsen deutfchen Ströme und können nur bedauern, dafs eine umfaffende Statiſtik der Flufsfracht nicht vorhanden, ja felbft die Verzeichnung der Frachten auf den deutfchen Strömen keineswegs mit der nöthigen Sorgfalt und Schnelligkeit gefchaffen und vergleichbar gemacht wird. 3 34 Dr. Carl Thomas Richter. Die Flufsfracht betrug auf der Donau( 1870) 53 Meilen Länge, 1078 Mill. Ctr. Meil, 20 3 Mill. per Meile dem Rhein( 1868) 75 IOOO 95 99 99 " " " d. unt. Elbe( 1869) 40 99 " 1 336.5 13.3 8.4 99 2) 29 11 29 SP 23 d. ob. Elbe( 1872) 44 IOO 99 " 99 22 2.3 27 " 29 650 " 22 14'I 21 " 99 22 d. Havel u. Spree( 1871) 46, Es ift dabei die koloffale Fracht der Spree und Havel befonders bemerkenswerth. Mit diefem gewaltigen Körper wird durch die Flufsfchifffahrt das Binnenland, durch die kurze Schifffahrt die Küfte, durch die lange Schifffahrt die Welttheile in den grofsen wirthschaftlichen Handelsverkehr einbezogen und es ift natürlich, dafs, je mehr die Schifffahrt durch Regelmässigkeit und Sicherheit geleitet wird, defto mächtiger ihre Einwirkung auf das Culturleben der Menfchen ift. Sie ergänzt die Land- und Wafferftrafsen und ergänzt das Eifenbahnfyftem der Welt. Die Strafsen. Die Strafsen, gleichgiltig ob Land- oder künftliche Wafferftrafsen, find durch die Macht des Eifenbahn- und Dampffchifffahrt- Wefens heute auf einen Behelf derfel ben herabgedrängt worden, aber gerade in diefer ihrer Stellung find fie von grofser Wichtigkeit für die an den grofsen Verkehrswegen der Gegenwart liegenden Confumtions- und Productionsorte. Für den billigen und mäfsigen Transport haben fie weiter ihre Aufgabe zwifchen den Nachbarorten zu erfüllen und es ift leicht erklärlich, warum auch in unferer Zeit die technifchen Seiten des Strafsen- und Wafferbaues fich fortgefetzt entwickeln und die Staaten dem Ausbaue des Strafsennetzes gleiche Sorgfalt zuwenden, ebenfo wie jene, die für Canalbauten fich eignen, diefen. Freilich ftehen wir in diefer Richtung noch weit hinter dem altrömifchen Strafsenbau zurück, wie ihn Gibbon in feiner Grofsartigkeit gefchildert hat. Aber die Aufgabe, die die Strafsen heute noch zu erfüllen haben, Zu- und Abfahrtswege, gewiffermafsen Vertheilungsquellen zu fein der Eifenbahnen und Dampffchiffe, werden fich auch heute noch weiter entwickeln. Es mag die folgende Tabelle das Weitere erörtern und müffen wir nur bemerken, dafs die Statiſtik hier nicht bis in unfere Tage hereinreicht. Es ift wohl aber auch wahrfcheinlich, dafs die letzten Jahre, fo fehr vom Eifenbahn- Bau in Anfpruch genommen, wenig geändert haben. Vertheilung der Strafsen und Canäle: Kilom, Kilom. Strafsen Strafsen Kilometer per Mill. perQ.M. Flüffe Canäle Einw. Waffer- WafferFlüffe wege, und wege perMill. per Canäle, Einw. Q.Meile Fläche Land Kilom. Strafsen Fläche Frankreich 323.607 8.873 8.873 33'7 33.7 9.500 9.500 4.750 4.750 14.250 390 148 England 230.641 7.249 40 5 4.361 4.988 Oefterreich 109.845 3.059 9.7 9.103 9.349 294 164 842 9.945 277 0.88 Deutſchland 88.392 2.152 9.0 - Rufsland Schweden - 31.337 1.381 32.718 431 0.32 Belgien Italien 53.867 12.813 6.7 24.659 24.562 4.847 46.4 919 4.6 925 588 776 588 139 0.07 1.701 334 3.48 - - Norwegen 18.000 10.280 31 Spanien 13.540 813 15 150 543 74 74 Dänemark 62.00 3.474 8.9 693 42 160 304 464 260 0.67 74 42 Ο ΟΙ 0.07 Europäiſche Türkei 10.297 642 I'I 1.519 1.519 95 0.16 Afatifche Türkei. 15.622 974 0.5 3.690 - 3.690 224 O'II Der Welthandel, 35 Das Poftwefen. Abgefehen von den Jahrtaufend alten Einrichtungen, welche räumlich gegebenen Intereffen eine fichere und fchnelle Verbindung fchon gefchaffen hatten, datirt unfer heutiges Poftwefen doch nur von der erften und eigentlichen Poft, wie fie Franz von Taxis 1516 zwifchen Wien und Brüffel eingerichtet hat. In rafcher Aufeinanderfolge nehmen Frankreich( 1603), England( 1678), Preufsen( 1701) die Einrichtung für ihre Intereffen auf, und nach zwei Jahrhunderten, vor Allem aber nach der Verbindung des Poftdienftes mit dem Eifenbahn- und Dampffchifffahrts- Wefen ift die Poft einer der mächtigften Hebel des geiftigen und materiellen Lebens der Menfchheit, ein Verkehrsmittel, das auf die Ordnung des Staates, der Familie und der Wirthschaft tief einwirkt. Wir können diefs nicht beffer illuftriren und auch dem einfachften Geifte nicht leichter näher bringen, als wenn wir den Poftdienft der gröfsten Staaten Europas und Nordamerikas in wenigen Zahlen wieder darftellen. In Oefterreich mit Ausfchlufs Ungarns beftanden 1871: 3512 Poftanftalten, alfo eine Poftanftalt auf 5750 Bewohner und 154 Quadratmeilen. Im deutfchen Reichspoft Gebiete 4897 Poftanftalten oder eine Anftalt auf 4910 Bewohner, 161 Quadratmeilen. In dem 20.000 Quadratmeilen und 70 Millionen Einwohner umfaffenden deutfch- öfterreichifchen Poftgebiete mögen heute mehr als 9000 Poftanftalten mit 20.000 Wagen, mehr als 52.000 Poftbeamten und Dienern und faft 33.000 Poftpferden den Dienft verfehen. Die Meilenzahl, welche in Deutfch- Oefterreich durch die Poften zurückgelegt wurden, betrug: 1869 1870. 1871 1,034.619 985.600 1,660,774 1,869.768 auf Strafsen auf Schiffen 2,847.581 3,111,032 3,183.667 1,026.545 1,034.023 auf Eifenbahnen. alfo täglich 13.314 Summa 4,859.726 5,805.829 6,088.054 15.909 16.879 Die gröfste Ausbildung des Poftdienftes mag wohl in den Vereinigten Staaten von Nordamerika erreicht und durch die koloffalen Entfernungen auch die Summe der Mittel für den Dienft am gewaltigften ausgebildet fein. Die Fahrpoft Atchifon am Miffouri nach San Francisco gebietet allein über 300 Wagen und 6500 Pferde und legt die Strecke von 5500 Kilometern in 17 bis 18 Tagen zurück. Früher wurde fie durch den ,, Ponny- Express" in 10 Tagen, alfo mit einer Gefchwindigkeit von 3 geographifchen Meilen per Stunde zurückgelegt. Mit der telegraphifchen Verbindung wurde diefer Dienft aufgelöft. Die Poftleiftungen oder die Zahl der Poftfendungen fteigt, wie bekannt, durch die Entwicklung der Beförderungsmittel, durch die Billigkeit der Leiftung und die gefammte geiftige und wirthschaftliche Entwicklung der Völker. Daher ift die Zahl der Poftfendungen wie wenig andere Zahlen von grofser cultur gefchichtlicher Bedeutung. Wir geben auch hier einige befonders belehrende Zahlen: In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurden befördert: im Jahre 1790 265.000 Stück Briefe 1800 2 Millionen ,, ንን " 1815 7 وو 29 29 " 1825 ΙΟ 17 22 29 20 1840 40 27 22 22 29 3* 36 Dr. Carl Thomas Richter. im Jahre 1855 1868 " " 9 119 Mill. Stück Briefe 531 1871 655 17 29 " 备 In England wurden befördert: im Jahre 1840 169 Millionen Briefe 1850 " 347 29 1860 99 564 " 1865 720 27 " " 1871 992 77 カカカカ " In Frankreich wurden befördert: im Jahre 1847 126 Millionen Briefe 79 1857 252 " " " 1867 342 " " 79 1869 37° 2 " im Jahre 1825 In Rufsland wurden befördert: 5 Millionen Briefe 99 1845 IO " " ን " 1855 16.7 27 29 1868 29 43.5 22 " Im deutfchen Bundesgebiete wurden befördert: im Jahre 1868 307 Millionen Briefe " 27 1869 1871 341 " " 426 27 In Oefterreich- Ungarn wurden befördert: im Jahre 1830 18.5 Millionen Briefe " 1840 29.2 " " " 1850 42 0 29 :) 1862 : 105.5 " 99 " 1871 217.9 " 9 39 Die verfendeten Zeitungsexemplare betrugen: in Belgien ( 1870) " Deutfchland( 1871) " ., Frankreich England Italien " Oefterreich " 99 Ungarn 46: 9 Millionen Stück 284.0 " 29 379 0 99 " 99.0 " 27 ( 1870) ( 1871) und 103 Millionen andere Druckfachen ( 1869) 59 9 Millionen Stück ( 1871) 51-8 27 " ( 1871) 22.8 77 " Darnach entfallen per Kopf der Bevölkerung Briefe und Zeitungen: Land in England. der Schweiz " den Vereinigten Staaten ° 1865 1870 24'0 26.0 15.6 13.2 1870 4 Stück 20˚0 II 29 17.0 - " Der Welthandel. Land in Frankreich 1865 1870 8.9 9.7 1870 9 Stück 37 Belgien 6.9 10.6 99 den Niederlanden 6.4 IO O 6.9 " 9 5: deutfchen Staaten 6.2 10 4 27 21 " " engl. Colonien in Nordamerika 5: 3 - Dänemark 4'I Italien 4'0 44 6.6 2: 5 $ 9 " 99 " Spanien. 3.9 44 I O 99 99 Oefterreich( Cisleithanien). " " Ungarn. :} Schweden. " 29 Norwegen 322 3.6 69 2.9 27 2: 5 وو 2.5 - 14" 0.6 2.I 3.I 99 Griechenland 0.5 I- 7 ΙΟ "" " Portugal 0.5 29 Britifch Oftindien 0.4 27 0.2 0.6 29 im europäiſchen Rufsland Heben wir England, Frankreich und Oefterreich- Ungarn hervor, fo fehen wir aus dem Briefverkehre die Entwicklung zugleich der Staaten. Es entfielen: in England Frankreich " 9 " Oefterreich- Ungarn per Einwohner. Briefe Briefe Briefe 1860 1860 22 7: 3 1860 3.6 1865 1865= 1865= 24 3.6 187026 8.9 1870 1870 9.7 6.2 Es ist natürlich, dafs heute die wichtigften Poftlinien den grofsen Strängen der Eifenbahnen folgen, und je wichtiger diefe, defto wichtiger gewifs auch die Poftlinien. Die Brennerbahn früher, und heute die Mont Cenis- Bahn bildet für England, Indien die wichtigfte Poftlinie. Man fchätzt die Poft von England nach Indien auf 34.000 Briefe, 101.600 Zeitungen, abgefehen von den koloffalen Geldfummen, die diefen Weg gehen. Jede Poft Indien nach England foll regelmässig 42.840 Briefe und 23.800 Zeitungen bringen. Die wichtigften See- Poftlinien find die Cunardlinien, der füdatlantifche und der indifche Curs, und die von dem norddeutfchen und öfterreichiſchen Lloyd, der Compagnie Générale Transatlantique, der Compagnie des services maritimes des meffageries Imperiales, und die von der Penninfular and orientale Steam Navigation Company befahrenen Strecken. Die letztgenannte Gefellſchaft vertritt wohl den gröfsten See- Poftdienft, da bis jetzt jede Poftfendung, in Southampton an Bord genommen, 1000 Centner wog. Die gefammten Briefe und Bandfendungen, welche 1870 durch die Poften der Erde bewegt worden find, fchätzt man auf 5072 Millionen Stück, die, den Brief zu Loth, die Bandfendung zu 1½ Loth angenommen, 1,434.986 Zollcentner wiegen würden. Dazu kommen nun noch die koloffalen Geldfendungen, die, um nur ein Beiſpiel zu geben, für das deutſche Poftgebiet 1869: 2130 Millionen 1870 2283 Millionen, 1871: 3015 Millionen Thaler, blofs für den inneren Verkehr betrugen. In Oefterreich betrugen 1871 die Geldfendungen 14,955.174 fl. die Werthfendungen 2607,009.317 Gulden. 38 Dr. Carl Thomas Richter. Die Telegraphen. Wenn jedes Verkehrsmittel, und fei es noch fo einfach, einen Culturfortfchritt bedeutet, weil es die Menfchen einander näher bringt und ihr Leben und ihre Intereffen vereint, fo ift der Telegraph das Verkehrsmittel, welches Leben und Denken von Völkern und Staaten, ja von Welttheilen zur Einheit gemacht, und eine Intereffengemeinfchaft gefchaffen hat, wie keine Zeit fie vorher gekannt hat. Dafs die Menfchen frühzeitig diefes gegenfeitige Angewiefenfein auf einander erkannt haben, dafs fie fich bemüht haben, Mittel und Wege zu fchaffen, diefs möglich und immer leichter möglich zu machen, das zeigt auch die Gefchichte der Erfindung des Telegraphen. Wenn wir die uralte Zeichenpoft ganz bei Seite laffen, fo zieht fich durch unfere moderne Cultur ein mehr als hundertjähriges Suchen, ein Mittel zu finden, durch welches Menfchen, vom gröfsten Raume getrennt, fich fchnell und ficher verbinden können. Die Erkenntnifs der Elektricität aber, und die Erfindung, fie in ihren Kräften auszunützen, hat zuerft den Menfchen den richtigen Behelf gegeben, und mit Steinheil in München und Morfe in New York war die Erfindung des Telegraphen, wie er heute die Intereffen der Menfchheit verbindet, vollendet. Vom Jahre 1840, in welchem man die erfte Telegraphenleitung der Blackwellbahn entlang in Amerika legte, bis in unfere Tage, in denen 116.786 geographifche Meilen Drähte die Welt durchziehen, haben die Culturvölker Millionen geopfert, um ein Telegraphennetz zu fchaffen, das mehr als jedes andere Verkehrsmittel die Cultur der Welt trägt, für Gemeinfamkeit der Intereffen, und für Frieden und Wohlfein in Staat und Familie beigetragen hat. Wenn nun irgendwo Zahlen den Fleifs der Menfchheit illuftriren, fo ift es in dem Bilde, das das bis heute ausgebaute Telegraphennetz darftellt. Das Welt- Telegraphennetz vertheilt fich heute( 1871) folgendermafsen Linien Kilometer Leitungen Kilometer in Europa. Amerika " Afien " Auftralien " Afrika. " der Submarine- Kabel Summa. oder in geographifchen Meilen 188.027 105.654 517.074 260.290 35-146 13.670 II. 160 11.819 365-476 40.100 15 594 16.800 16.697 866 555 49.255 116.786 ein Längenmafs von Drähten, mit dem man 22mal die Erde am Aequator um fpannen könnte, und das mit einer Laft von 3 Millionen Centner Eifen auf 11% Millionen Säulen ruht. Das europäiſche Telegraphennetz umfafste in feinem Wachsthum von 1860 an: Linien geogr. Meilen Leitungen geogr. Meilen Bureaux Depefchen Im Jahre 1860 17.000 1865 26.700 1868 33.103 1869 und 1870 36.563 1871 und 1872 38.490 39.600 73.000 3.502 7.785 8,917.938 20,850.511 91.16 7 10.995 30,984.008 98.19 3 13.587 38,567.298 105.5 25 16.768 51,976.000 Mit diefem Netze fprechen alle gebildeten Völker, alle Städte derfelben, ja felbft die Continente mit einander, denn Europa ift mit Amerika durch drei Der Welthandel. 39 Kabel, mit Afien durch drei Linien, mit Afrika durch ein Kabel verbunden, Afien mit Auftralien gleichfalls durch ein Kabel. Das erfte und wichtigfte Kabel ift, wie bekannt nach einer 12jährigen Arbeit und vielen Millionen Thalern am 13. Juli 1866 gelegt worden und hat Amerika mit Europa verbunden. Am 8. September 1866 wurde das 1865 verloren gegangene Kabel gefunden, und als zweite Leitung von Europa nach Amerika glücklich feftgelegt. Das europäifche Telegraphennetz vertheilt fich auf die einzelnen Staaten nach den neueften Erhebungen und verbunden auf die Zahl der Depefchen, wie folgt: Land I Linien Auf 1 Meile geogr. Linie entf. Meilen geographifche Quadratmeilen Auf I StaatsStück Telegr.- Station kommen Bewohner daher per 1000 Depefchen Einwohn. Frankreich 1870 5880 17 18.900 Grofs- Britannien 1869 4820 211 10.000 6,309.305 173 12.516.027 393 ganz Deufchland 1871 4745 2.0 21.900 9,823.707 239 europ. Rufsland Oefterreich- Ung. 1870 4684 0.9 2,576.858 1871 4134 2.6 38.300 5,972.504 34 166 ganze Türkei 1870 3398 Nord- Deutfchland 1871 3385 825.393 8,092.684 79 - Italien 1871 2462 2.2 37.800 3,067.697 115 Spanien 1871 1568 5.9 996.9 12 59 Schweden 1870 922 7.8 42.000 590.300 140 Norwegen 1870 743 6.9 17.800 462.162 264 Schweiz 1871 709 II 4.280 2,023.994 758 Belgien 1870 587 0.9 22.200 1,998.41 2 392 Rumänien 1871 470 4.9 79.400 52 1.0 17 124 Niederlande 1871 416 14 28.300 2,038.247 563 Portugal 1871 390 4'3 35.800 239.865 60 Dänemark 1870 265 2.6 24.800 539.445 302 Griechenland Serbien 1870 215 4.0 36.800 II 2.808 77 1870 I3I 6.0 48.900 72.500 55 Was die Zahl der Depefchen anbelangt, fo ift in ihrer Summe vom Jahre 1860 bis 1871 eine Steigerung eingetreten von 8,917.938 auf 51,976.000, oder, eine Depefche auf 1000 Einwohner gefetzt, eine Steigerung von 32 auf 172, was nicht blofs der Vergröfserung des Telegraphennetzes, fondern auch der Ausbildung feiner Benützung zu Gute gefchrieben werden mufs. Die Summe aller Depefchen auf dem gefammten Welt- Telegraphennetz fchätzt Wagner für 1871 auf 67 Millionen Stück. Davon entfielen auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika 12,405.000 Stück gleich 319 per 1000 Einwohner, nach Frankreich und Belgien der höchfte Telegraphenverkehr der Welt. Wir laffen zum Schluffe der Betrachtung über die Mittel des Weltverkehres eine fummarifche Tabelle folgen, aus der am beften hervorgeht, was gefchehen ift und was noch gefchehen foll und kann: Summarifche Tabelle der Mittel des Weltverkehrs. Die Welttheile: Europa 111.908 Kilometer Eifenbahn 188 027 Kilometer Telegraph Amerika 109.961 99 " Afien 8.533 " 2 " 7 105.654 35.146 " 29 " 9 29 Afrika Auftralien. 1.773 1.812 11.160 " 99 19 99 22 " ን 13.670 " 27 40 Dr. Carl Thomas Richter. Die Mittel des Weltverkehres in Europa und Nordamerika. Strafsen Canäle Flotte Eifenbahnen Staat in Kilometern in Kilometern in Tonnen in Kilometern Telegraphen in geograph. Meilen Einwohner Geograph. Quadratmeilen Deutſchland 88.392 - Oefterreich- Ungarn 109.845 England Frankreich Belgien Niederlande Schweiz Italien. Spanien Portugal Dänemark Schweden. Norwegen. Rufsland in Europa Türkei in Europa Griechenland Nordamerika 230.607 842 4.988 1,305.372 373.681 7,253.528 21.1 5 1 4.745 41,058.632 9.887.40 11.899 4.1 34 24.603 4.820 35,904.735 31,81 7.1 08 10.816.94 323.607 4.750 1,074.656 17.666 5.880 36,1 02.820 24.659 774 30.149 3.04 1 587 5,087.105 577.452 1.616 416 - - 1.472 709 • 24.562 1,013.038 6.378 2.462 3,915.956 2,5 07.170 26,796.253 13.540 543 390.700 1.568 16,30 1.851 6.108 - 88.392 390 3,995.15 2 5.696.66 9.5 99 46 534-93 5.96.40 752.19 5.375.90 9.2 08.30 1.622.78 6.200 304 184.407 876 265 1,784.74 1 693.92 56.995 1 8.000 588 358.189 951 4,204.177 7.355.89 2.258 74 1,038.927 743 1,70 1.3 65 5-751-48 - 1.38 1 230.229 13.950 4.684 63,658.9 34 104.8 34.70 10.297 182.000 3.398 12,78 7.000? 1.062 334.900 2,572.602 100.818 215 15.891 1,45 7.89 4 38,1 1 5.6 41 6.30 2.50 910.28 169.884. Der Welthandel. 41 Die Umlaufsmittel. Der Welthandel, wie ihn die Verkehrsmittel in ihren verfchiedenen Ausbildungen tragen, wird erft vollendet und zur berechenbaren Einheit erhoben, durch das Taufch- und Umlaufsmittel, oder, was gleichbedeutend ift, das Zahlungsmittel. Erft durch die Zahlungsmittel findet jede Waare ihren beftimmten, berechenbaren Ausdruck, gewiffermafsen ihre Fixirung im Welthandel. Und diefer Ausdruck ift der Preis. Er kennzeichnet den Taufchwerth aller Güter, aber wird felbft gebildet durch ein Gut, das Geld, das als Währungsmünze und Werthzeichen feinen gangbaren Ausdruck findet. Die Grundelemente, welche den Taufchwerth oder den Preis aller Güter bilden, Angebot und Nachfrage, bilden auch den Preis des Geldes, in wecher Form es auch erfcheinen mag. Das wichtigfte Geld wird nun immer durch das Münzgeld, Gold und Silber, gebildet, und es ift gewifs, dafs diefes felbft auch den Preis und Werth aller anderen Geldzeichen beftimmt. Es bewegt fich daher der Preis aller Güter nach dem Preife des Geldes aus Gold und Silber. Das Angebot nun der edlen Metalle wird wie das Angebot aller Güter, durch die Productionsmenge beftimmt, und die Summe der vorhandenen, früher erzeugten und in Umlauf befindlichen Mengen. Die Nachfrage nach den edlen Metallen wird gleichfalls wieder, wie die Nachfrage nach allen anderen Gütern, freilich durch die wechfelvollen, menfchlichen Bedürfniffe, welche fie befriedigen follen, viel kräftiger wirkend, fie wird beftimmt durch den Gebrauch das Bedürfnifs, beim Geld das Bedürfnifs des Kaufes oder beffer des Taufches zu befriedigen. Ein Moment wirkt freilich feit Jahrhunderten ganz felbftftändig auf die Nachfrage des Geldes aus edlen Metallen und fomit auch auf das Geld felbft. Es ift die regelmäfsige Abfuhr des europäifchen Goldes und Silbers für Europa heute noch ein unumgänglich nothwendiges Lebensbedürfnifs nach Indien und Oftafien. Drei grofse Perioden hat diefe Bewegung des Geldftromes, die man nach den Orten, über die fie fich vollzog, für das Alterthum die Periode Alexandriens und feines Welthandels, für das Mittelalter die Periode des Handels Venedigs, und für die Gegenwart, in welcher die Abftrömung noch fortdauert, die Periode Englands und feiner Herrfchaft im Welthandel nennen könnte. Ueber Alexandrien und Venedig vollzog fich, über London vollzieht fich heute die Gold- und Silberabfuhr gegenüber einem Strome von Rohproducten und Gütern, welcher in einem Jahrtaufend feinem Inhalte nach faft gleich geblieben ift. Und diefe Abfuhr wird fo lange dauern, fo lange wir für Thee und Seide der Chinefen, für Baumwolle, Farbftoffe, edle Gewebe u. f. w. der Indier nicht unfere Eifenbahn- Schienen, unfere Mafchinenftoffe, unfere Bildungsmittel u. f. w. dahingeben können. Wir bemerken übrigens heute fchon in den recht wechfelvollen Ziffern des Exportes der edlen Metalle, dafs eine Veränderung in dem Bedarfe der Völker Afiens fich allmälig ausbildet und dem Strome der afatifchen Güter nach Europa nicht mehr blofs edle Metalle, fondern auch europäiſche, wirthschaftliche Güter entgegenftrömen. Um diefs klarer zu machen, geben wir in dem Folgenden die Summe der eingeführten Edelmetalle nach dem Oriente. Sie betrug im Durchschnitte: Im Jahre 1861 bis 1865 in Thalern Gold und in Thalern Silber 86,930.400 32,220.000 Dagegen 1866 19,142.000 47,197.000 1867 9,994.000 13,682.000 1868 43,521.000 27,724.000 1869 17,509.000 43,761.000 1870 13,912.000 14,880.000 42 Dr. Carl Thomas Richter. Es entfallen fomit im Durchfchnitte der letzten zehnjährigen Periode nur noch 20,815.600 Thaler Gold und 28,648.800 Thaler in Silber auf den jährlichen Export. Es fliefst damit, wenn wir die obigen Ziffern betrachten, freilich noch ein fehr grofser Theil der gefammten Edelmetall- Maffe wieder ab, welche Grofsbritannien durchschnittlich einnimmt. Die vom englifchen Zollamte regiſtrirte Geldeinfuhr belief fich z. B. für das Jahr 1871 auf 21 6 Millionen Pfund Sterling in Gold, und die Silbereinfuhr auf 16.5 Millionen Pfund Sterling in Silber. Dafs der Wechfel der eben angegebenen Erfcheinungen, nach welchen zumeift die Silberausfuhr im bedeutenden Sinken begriffen ift, auf den Preis der edlen Metalle günftig einwirkte, ift leicht erklärlich, und ift durch die forgfältigen Unterfuchungen von Adolf Soetbeer zur Genüge nachgewiefen worden. Die allmälige Einführung der Goldwährung in ganz Europa dürfte auch darauf zurückwirken, und dabei jedenfalls Gold im Preife fteigern. Dafs die nach Indien und China zumeift über England ausgeführten Geldmengen, wo fie zum grofsen Theile vergraben werden und todt liegen bleiben, die Nachfrage in den Culturländern nach edlen Metallen ernftlich fteigern, und das Angebot immer noch bedeutend drücken, dafs weiter das Vordringen der europäiſchen Cultur in bisher noch verfchloffen gewefene Völker und Staaten eine Veränderung der Wirthschaft erzeugt, die als einen neuen Culturfactor immer Gold begehrt und die Naturalwirthschaft verdrängt, annähernd fomit durch den fteigenden Bedarf eine gleiche Wirkung erzeugt, fo kann man als ficher annehmen, dafs gar keine Productionsmenge von edlen Metallen eine Aufftauung derfelben oder eine Entwerthung derfelben heute erzeugen kann. Die Nachfrage nach Geld läfst fich nun wohl mit Ausnahme des immer tief eingreifenden und eben gefchilderten Begehrens Oftafiens und Indiens nicht genau beftimmen und berechnen. Die Factoren, welche das Refultat ergeben follten, find eben nicht beftimmbar. Der wichtigfte derfelben, die Verkehrsbewegung der gefammten Weltwirthschaft, kann, wie ficher auch unfere Handelsftatiſtik fein mag, keineswegs dafür ausreichen. Ganz anders ift es mit den Productionsmengen und den vorhandenen Geldmaffen. Die erfteren laffen fich immer genau berechnen, da die Fundorte bekannt find, die letzteren wenigftens annähernd ficher fchätzen. Indem wir die Hauptziffern dafür in Kürze wiederholen, folgen wir Adolf Soetbeer, deffen Berechnungen längft als die genaueften bekannt find. Der Gefammtbetrag und die Gefammtmenge der auf der Erde erzeugten Edelmetalle betrug Im Jahre Gold in Gewichtspfunden und Silber in Gewichtspfunden 1,910.000 eder Gold in Thalern 104,160.000 oder Silber in Thalern 57,300.000 1849 224.000 1850 251.200 2,090.000 116,808.000 62,700.000 1851 296.800 2,010.000 138,012.000 60,300.000 1852 477.100 1,980.000 221,851.500 59,400.000 1853 504.900 1,870.000 234,778.500 56,100.000 1854 450.300 1,900.000 209,389,500 57,000.000 1855 440.300 1856 466.100 1857 455.200 1858 442.000 2,000.000 2,030.000 2,120.000 2,250.000 204,739.500 60,000.000 216,736.500 60,900.000 211,668.000 63,600.000 205,530.000 67.500.000 1859 413.100 2,270.000 192,091.500 68,100.000 1860 383.300 2,380.000 178,234.500 71,400.000 1861 384.000 2,490.000 178,560.000 74,700.000 1862 379.000 2,650.000 176,235.000 79,500.000 1863 385.000 1864 1865 390.000 404.000 2,900.000 2,940.000 3,250.000 179,025.000 87,000.000 181,350.000 88,200.000 187,860.000 97,500.000 Der Welthandel. Im Jahre Gold in und Silber in Gewichtspfunden Gewichtspfunden 1866 412.500 3,200.000 1867 415.000 3,250.000 1868 410.000 3,100.000 1869 415.000 3,000.000 3,300.000 oder Gold in Thalern 191,812.000 oder Silber in Thalern 96,000.000 192,975.000 190,650.000 193,000.000 195,000.000 97.500.000 93,000.000 90,000.000 99,000.000 43 1870 420.000 Vom Jahre 1500 an bis zur Entdeckung Californiens 1848, alfo in einem Zeitraume, in welchem zumeift die Silberminen Europas noch den Geldbedarf decken mussten und die aufgehäuften Schätze Amerikas und Afiens, wie fie Eroberungs-, Kriegs- und Beutezüge nach Europa führten, betrug die vorhandene Geldmenge in Gold 4090 Millionen, in Silber 8850 Millionen. Der Werth und die Productivität der californifchen Goldminen, deren Ergebnifs die obige Tabelle zum grofsen Theile darftellt, ift heute längst im Sinken begriffen. Dagegen find mit dem Auffchluís der Goldlager von Neu- Seeland und Victoria neue und reiche Goldquellen entdeckt worden. Diefe englifchen Colonien haben zu dem Goldreichthum, wie England an einer Goldpiramide fchon 1867 zeigte, die Summe 937,859.250 Thaler in kaum 15 Jahren beigetragen. Freilich find feit den letzten fünf Jahren auch diefe ergiebigen Fundorte fchwieriger zugänglich geworden und ift die Ausbeute und Ausfuhr durch einige Zeit im Sinken gewefen. Im Jahre 1871 aber war die Ausbeute doch wieder eine fo bedeutende, dafs es wohl angezeigt fein mag, die amtliche Minenftatiſtik zu verfolgen, um aus den Ergebniffen derfelben nach langer Täufchung wieder neue Hoffnung zu gewinnen. Der Grund diefes Steigens der Ausbeute liegt in dem allmälig gewordenen Eifenbahn- Netze, welches die englifchen Colonien heute fchon durchzieht und die Goldfelder theils unter einander, theils mit den grofsen Städten verbindet. In Neu- Süd- Wales, gegründet am 26. Jänner 1788, heute beftehend aus 512 000 Coloniften, gehen jetzt nach dem Weften, Norden und Süden der Colonie beiläufig 304 englifche Meilen Eifenbahnen, deren Hauptftrang in die Hauptftadt Sidney an dem berühmten Port Jackfon mündet. Die Eifenbahnen haben bald die Gründung von geldkräftigen Compagnien angeregt, die heute für den allmälig ausgebildeten Goldbergbau fehr nöthig find. Die Alluvial- Diggings find längft fchon fehr arm geworden und da es fich heute um den Abbau der goldhaltigen Quarzriffe handelt, fo kann der arme Digger nicht mehr mit fort und nur die capitalskräftige Wirthschaft ift dafür ausreichend. Die Goldfelder der Colonie Neu- Süd- Wales zerfallen in die weftlichen, füdlichen und nördlichen. Die nachftehende Tabelle führt die einzelnen Goldfelder diefer drei grofsen Diftricte auf, unter Beifügung des gefundenen Goldes in den letzten drei Jahren. I. Weftliche Felder. Sofala Bathurft. Hargraves Tambaroora Mudgee. Orange Stoney Creek Forbes Grenfell. • Carcoar und Turnkey Totale. . 1869 Unzen 1870 1872 Unzen Unzen 15.779 12.903 12.153 15.816 27.579 8.575 4.388 3.753 4.512 17.567 18.699 42.073 20.177 19.967 37.654 19 10.431 6.078 9.257 3.669 3.424 3.105 2.583 . 41.543 36.231 21.979 20.103 9 131.953 128.634 159.411 44 Goulburn Braidwood. Adelong. Dr. Carl Thomas Richter. 2. Südliche Felder. Tumut Tumberumha und Wagga Araluen. Burrangong Cooma Kiandra Gundagai • Totale 1869 Unzen 1870 1871 Unzen Unzen 540 350 II.170 12.368 12.412 10.772 2.592 20.665 13.826 173 2.523 • 1.310 1.213 4.696 38.824 17.309 17.638 8.400 6.974 6.285 2.536 1.261 528 2.420 1.651 1.812 • 2.849 3.814 2.697 . 80.590 55-756 73.262 3. Nördliche Felder. Rocky River Nundle Tamworth Scone. Armidale Totale. 1869 1870 1871 Unzen Unzen Unzen • 2.784 3.122 2.050 5.905 6.347 7.239 950 1.309 1.395 521 2.728 3.494 3.587 12.888 14.272 14.271 Der Werth des Goldes differirt auf den verfchiedenen Diggings. Den höchften Preis behauptet das Tambaroora mit 3 Pfund Sterling 19 Shilling 5 Denar per Unze, auf den weftlichen; das Goulburn, ebenfalls mit 3 Pfund Sterling, 19 Shilling 5 Denar, auf den füdlichen und des Rocky River, mit 3 Pfund Sterling, 18 Shilling, 10 Denar, auf den nördlichen Goldfeldern. Am niedrigften im Werthe fteht das Tumberumba, welches augenblicklich mit 3 Pfund Sterling 10 Shilling 8 Denar bezahlt wird. Zur Vergleichung möge noch der Goldgewinn aus den Jahren 1860 bis 1869 beigefügt werden. Ertrag an Gold Ertrag an Gold Jahr Unzen 1860 356.572 1861 402.634 1862 575-538 1863 423.407 1864 316.430 Jahr Unzen 1865 280.810 1866 241.489 1867 222.715 1868 229.739 1869 224.382 Aus diefer Tabelle ergibt fich, dafs die Goldfelder der Colonie Neu- SüdWales von 1862 bis 1870 im Ertrage continuirlich abgenommen haben, und dafs erft im Jahre 1871 ein erhebliches Mehr gegen das Vorjahr erzielt wurde. Diefs haben die reichen goldhaltigen Quarzriffe, welche man auf den weftlichen Feldern Tambaroora und Turnkey auffand, bewirkt, und die nächfte Zeit dürfte noch beffere Erfolge aufweifen. Nach officieller Bekanntmachung ergab fich übrigens fchon per Jänner 1872 ein Ertrag von 22.295 Unzen, gegen 19.569 im gleichen Monate des Jahres 1871, der fich vertheilt wie folgt: Jahr Weftliche Goldfelder 1871 10.409 1872 14.134 Südliche Goldfelder Nördliche Goldfelder 7.788 1.372 7.257 904 Der Welthandel. 45 Das Tambaroora- Goldfeld ift, wie es bis jetzt erfcheint, der goldhaltigfte Quarzdiftrict in ganz Auftralien und jedes Fufsbreit Landes bereits reclamirt worden. Eine grofse Anzahl Compagnien, die faft an hundert reicht, hat fich dort neuerdings wieder gebildet, um die Riffe zu bearbeiten, und wenn auch wohl Monate vergehen werden, bevor diefelben productiv find, fo lautet doch das Urtheil competenter Perfonen, welche den Diftrict forgfältig unterfucht, in jeder Beziehung überaus günftig. Von noch grösserer Bedeutung find die auftralifchen Goldfelder Victoria. Seit dem Jahre 1851 aufgefchloffen, bilden fie das berühmtefte Goldfeld der Erde, nachdem Californien an Ergiebigkeit an Gold bedeutend nachgelaffen. Es liegt uns gegenwärtig der officielle Bericht über den Totalertrag der Victoria- Goldfelder im Jahre 1871 vor. Derfelbe bafirt auf dem Goldexport, und wenn eine folche Calculation auch nicht abfolut richtig ift, infofern als z. B. das in der Colonie verarbeitete Gold ausgefchloffen ift, fo ift fie doch approximativ die richtigfte, welche fich überhaupt machen läfst. Seitdem der Ausgangszoll auf Gold in Victoria aufgehoben, liegt kein Grund mehr zur Verheimlichung oder Falfification vor. Wir entnehmen nun aus diefem Berichte, dafs im letztverfloffenen Jahre 1871 überhaupt 1,355.477 Unzen Gold aus der Colonie exportirt wurden. Da aber die verfchiedenen Banken am 31. December 1870 im Befitze von 212.458 Unzen waren, dagegen am 31. December 1871 nur 162.360 Unzen beherbergten, fo würde fich damit der actuelle Ertrag des Jahres auf 1,303.379 Unzen reduciren. Rechnen wir den Werth der Unze Gold zu 4 Pfund Sterling( in Melbourne differirt er zwifchen 3 Pfund Sterling 18 Shilling und 3 Pfund Sterling 19 Shilling), fo würde diefs einen Werth von 5, 213.516 Pfund Sterling oder, das Pfund Sterling zu 6 Reichsthaler 22 Silbergrofchen gerechnet, von 35,104.341 Thalern ergeben. Die Zahl der im Jahre 1871 auf den Goldfeldern der Colonie Victoria befchäftigten Digger belief fich durchschnittlich auf 58.101. Auf das erfte Quartal entfielen 58.220, auf das zweite 57.439, auf das dritte 58.506, auf das vierte 58.241. Repartiren wir nun den obigen Ertrag, fo würden auf den Mann per Woche durchfchnittlich I Pfund Sterling 14 Shilling 6 Denar, oder II Reichsthaler 18 Silbergrofchen entfallenein für auftralifche Verhältniffe befcheidener Gewinn. Zur Vergleichung mögen die Statiſtiken aus den letzten Vorjahren angeführt werden. Jahr 1868 1869 1870 Zahl der Digger 63.121 68.037 60.367 macht per Mann wöchentlich I Pfd. Sterl. 16 Sh. Jahresbetrag an Gold 1,474.187 Unzen 1,367.903 1,281.841 I II 99 99 I 12 77 79 " Die Summirung des gefammten Werthes der edlen Metalle auf der ganzen Erde ergibt beiläufig 8200 Millionen Thaler in Gold 10.500 Millionen Thaler in Silber, alfo 43'9 Percent zu 56° 1 Percent. Da nun nach Mc. Culloch ungefähr die Hälfte des geprägten Metalles zu Schmuckgegenftänden verwendet wird, auf die Abnützung, welche Soetbeer freilich als keineswegs tief einfchneidend berechnet hat, doch ein kleiner Theil des Verluftes entfällt, fo circulirt eigentlich dem grofsen Güterleben gegenüber in den civilifirten Staaten verhältnifsmässig eine geringe Summe edler Metalle. Weiter mufs man dabei bedenken, dafs die grofsen Münzftätten immer einen bedeutenden Theil der edlen Metalle zurückhalten, keineswegs die gefammten Maffen ihres Einganges ausprägen und zur Deckung ihrer Noten und Credite zurückhalten, um zu erkennen, dafs auch damit dem Verkehr grofse Mengen edler Metalle entzogen werden. In Europa und Amerika mögen demnach im Ganzen 3654 Millionen Thaler circuliren, alfo beiläufig der fünfte Theil des ganzen, durch lange Jahre gefchaffenen Beftandes der edlen Metalle. Von der auf Europa entfallenden Geldmenge mag davon auf Frankreich, 1/7 auf England entfallen, welche Staaten von jeher durch die Vermeidung des Papiergeldes mehr edle Metalle gebraucht haben als die anderen Staaten Europas. 46 Dr. Carl Thomas Richter. Wir wollen am Schluffe noch nach Soetbeer's neueften Berechnungen die Geldausmünzungen der wichtigften Staaten Europas anführen. Folgende Darftellung zeigt die Münzausprägung in Deutfchland bis 1870. Sie betrug an: Goldmünzen.. Silber- Courantmünzen Thaler bis 1857 178.575.569 616,092.033 Silber- Scheidemünzen 21,772.373 Kupfermünzen... 3.523.706 Zufammen... 819,963,681 Thaler bis 1860 2,510.097 100,79.0375 Thaler bis 1870 176,065.472 515,301.658 5.138.749 20,157.330 108,439,221 711,524,460 Die Ausmünzungen in Oefterreich nach Abfchlufs des Wiener Münzvertrages bis zum 31. December 1867 haben( aufser 110,590.283 Gulden Oefterreichifcher Währung) betragen: an 2- und 1- Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fuſses.. an Viertelgulden, Sechstel- Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fuſses. 31,115.849 28,911,98956 Thaler Ein fehr bedeutender Theil diefer Münzforten circulirt in Deutſchland. Seit 1868 hat die Ausprägung von Thalerftücken des Dreifsigthaler- Fufses in Oefterreich aufgehört. Die vorſtehenden Ueberfichten rechtfertigen wohl die Annahme, dafs der gegenwärtige Münzumlauf in Deutſchland, einfchliefslich der im Verwahrfam der Banken befindlichen einheimifchen Münzen, etwa 500 Millionen Thaler Silbercourant und etwa 20 bis 25 Millionen Thaler Scheidemünze, keinenfalls diefen Betrag erheblich überfteigen dürfte. Von den 176 Millionen Thalerwerth in Goldmünzen, die nach den Münztabellen in Deutfchland zwifchen 1764 und 1870 geprägt und von Staatswegen nicht eingezogen find, werden nur einige Millionen noch in diefer Münzform vorhanden fein, die grofse Maffe derfelben ift längft für Rechnung von Privaten eingefchmolzen worden. Wir laffen noch einige fummarifche Ueberfichten der Ausmünzungen von Frankreich und England folgen. In Frankreich betrug die Ausmünzung: 1825 bis 1830( Carl X.) Goldmünzen Francs 52,918.920 66,807.310 29 1830 1848( L. Phil.) 215,912.800 1848” 1849( Republ.) 1850 85,192.390 " 1850 1867: 5806,423.015 1858 1869 1870 Silbercourant. Francs 631,941.63712 1,750,273 2381/2 326,179.759 Silbermünze zu 835/1000 f. Francs 340,076.685 234,186.190 55,394 800 86,458.485 383,109.971 93,620 550 58,264.285 35,814 718 53,648.350 9,911.612 15,402.906 Befondere Beachtung verdient es, dafs in Folge der in Frankreich beftehenden gefetzlichen Doppel- oder Alternativwährung und der Schwankungen der Werthrelation zwischen Gold und Silber das Verhältnifs der dortigen Ausmünzungen immer eine aufserordentliche wechfelvolle Geftalt aufweift. auf Goldmünzen circa II Percent auf Silbermünzen 89 Percent Es kamen nämlich 29 1825 bis 1849 1851 1867 1868„ 1870 99 94 70 99 " 29 30 29 6 Der Welthandel. Die Ausmünzung in Grofsbritannien betrug: Gold Silber 1821 bis 1830 Pfund Sterling 38,535.578 Pfund Sterling 2,216.318 1831, 1840 13,121.186 1,959.126 1841, 1850 36,387.072 3,149.428 Kupfer Pfund Sterling 164.653 29.392 48.462 1851 1867 96,620.212 5,705.477 198 795 1868 1,653.384 301.356 16.328 1869 7.372.204 76.428 20.832 1870 2,313.384 336.798 32.704 47 Unter gleichmässiger Reduction auf deutfche Thaler und in abgerundeten Zahlen, ftellt fich der durchſchnittliche jährliche Betrag der Gold und Silberausmünzung folgender Mafsen in den Jahren von 1850 beiläufig bis 1870: in Deutfchland in Frankreich Goldmünzen Thaler 770,300 Silbermünzen Thaler 15,902,600 Zufammen Thaler 16,672,900 85,814,400 in Grofsbritannien 35,986,000 8,665,000 2,140,000 94,479,400 38,126,000 Die dabei hervortretende geringe Ausmünzung in Deutfchland zumeift in Gold, erklärt fich leicht durch die bis 1870 und 1871 noch geltende Silberwährung und wie bereits oben angedeutet, beträchtlich höhere Banknoten- Circulation als in Frankreich und England. Das Gefetz vom 4. November 1871, die Ausprägung der deutfchen Goldmünzen betreffend, hat übrigens die Verhältniffe bedeutend verändert und rafch felbft das, was wir oben angegeben haben, zur Gefchichte gemacht. Die vorhandene Summe der edlen Metalle, wie fie als Gold umläuft, reicht daher, wie wir auch fchon oben angedeutet haben, natürlich noch weniger aus, den Güterprocefs zu befriedigen, als diefs die angegebene Menge der edlen Metalle vermag. Aber die fortfchreitende Intereffengemeinfchaft der Culturvölker hat Erfatz und Ergänzungsmittel gefchaffen, welche vollkommen ausreichen, jede Stockung im Güterumlauf zu verhindern. Wir kehren darauf in dem Folgenden, noch zurück. Was zum Schluffe das Preisverhältnifs der edlen Metalle untereinander anbelangt, fo ift dasfelbe feit einem mehr als 20jährigen Zeitraum auf den verfchiedenen Märkten nahezu conftant gewefen. Es ftand zu London und Hamburg im Durchfchnitt wie I zu 1512. Dennoch bewegt feit mehr als einem Jahrzehnt Europa namentlich die Frage, wie diefe Differenz und das Schwanken des Gold- und Silberpreifes mit feinem Einfluss auf die Güterpreife zu umgehen fei, Literatur und Praxis, das Studium des Einzelnen und Congresse und Conferenzen haben diefe Fragen fchon nutzbringend zu erörtern gefucht. Es fei geftattet, am Schluffe diefer Betrachtung in einem Werke, welches die Thätigkeit und Erfolge der Weltausftellung 1873 dauernd erhalten foll, der Thätigkeit auch der neueſten Münzconferenz zu gedenken, welche mit einen Theil der Refultate der Weltausftellung bildet. • Wir haben erwähnt, dafs die vorhandene Menge der edlen Metalle im Befitze der Culturftaaten für den Güterumlauf nicht ausreichend ift. Aber wie grofs fie auch fein möchte, für die heutige, koloffale Bewegung der Güter, für die unzählbaren Acte von Taufch, Kauf und Verkauf, Bedarf und Befriedigung würde fie nicht im Entfernteften ausreichen, und kaum Alles vorhandene Edelmetall als Münzumlauf genügen. Der Werth der allein im Welthandel umgefetzten Güter betrug für die letzten fünf Jahre allein mehr als 22 bis 23 Milliarden Gulden. Die Menfchheit kehrt daher auf der Höhe ihrer heutigen Cultur und mit der fortgefetzten Entwicklung derfelben gewiffermafsen wieder zu jenem Mittel des Güterverkehres zurück, das frühere Jahrhunderte benützten, zum Taufch. Es folgt Gut dem Gut wieder im grofsen Güterverkehr und nicht unmittelbar, fondern 48 Dr. Carl Thomas Richter. durch einen in feiner hohen Ausbildung unferem Jahrhundert angehörigen Factor den Credit. Millionen Werthe decken fich durch Millionen anderer Werthe und ift der Taufch vollendet, fo bildet das Geld nur das Zahlungsmittel für die reftirende Differenz im Gefchäfte. Das gilt heute für die Staaten Europas und Nordamerikas. Es wird mit dem fortfchreitenden Ausgleich der Cultur, der immer auch eine Gemeinſamkeit der Intereffen erzeugt, einft für die ganze Welt gelten. Die grofsen Gefchäfte, z. B. welche durch Vermittlung der Claring- Houfes von London, NewYork und Philadelphia vermittelt und gewiffermafsen vollendet werden, betragen feit den letzten Jahren im Durchfchnitt mehr als 100.000 Millionen Gulden, wovon auf London allein 34% Taufend Millionen Pfund Sterling entfallen, welche mit 8 bis 10 Percent baaren Geldes beftritten werden. Und was find diefe Zahlen gegenüber den Taufend Acten des Creditgefchäftes des täglichen Lebens. Die Baarfonde der grofsen Banken Europas und jener von Nordamerika betrugen nach Franz X. Neumann's Berechnung 1873: 1 Million Gulden, für ein Wechfelportefeuille von 2922 9, für Depofiten von 17711 und für einen Notenumlauf von faft 2000 Millionen Gulden. Diefe wenigen Ziffern, welche Neumann in C. Behm's geographifchem Jahrbuch für 1872 des Weiteren ausführt, zeigen, wie die Macht des Credites, das baare Geld allmälig zum blofsen Ausgleichsmittel, ich möchte fagen, letzter Differenzen zu machen, gewachfen und eine wirthfchaftliche Intereffengemeinfchaft in der Welt fich ausbildet, die auch auf geiftigem Gebiete glückliche Früchte bringt und immer mehr bringen wird. Wir brauchen diefs in diefem Werke wahrhaftig nicht weiter auszuführen, wo jede Seite des officiellen Berichtes einen Beleg für die kräftigen Keime diefes modernen Lebens der Welt bietet. Anhang. Internationale Münzconferenz während der Weltausftellung 1873. Diefe Conferenz wurde am 1. September 1873 im Hauptmünzamts- Gebäude in Wien eröffnet unter dem Protectorate Sr. k. Hoheit Erzherzog Rainer und dem Alterspräfidenten Herrn Hofrath und Hauptmünzamts Director Schrötter Ritter v. Kriftelli, Secretär der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften in Wien. Auf Antrag des genannten Herrn wurde Herr Auguft Eggers aus Bremen, welcher die Vorbereitungen zu diefer Conferenz getroffen hatte, zum Vorfitzenden der Verfammlung gewählt. Die Tagesordnung lautete dahin, dafs befprochen werden follen: 1. Die Währungsfrage und im Anfchluffe an diefelbe die Modalitäten der Einführung eines neuen Münzfyftemes. 2. Die Frage der Hauptmünze zufammen mit der Rechnungseinheit und dem Mifchungsverhältnifs. 3. Die Frage bezüglich der Erhaltung der Vollwichtigkeit der Münzen, fowie jene der Scheidemünzen. Nachdem diefe Tagesordnung angenommen worden, fkizzirte der Vorfitzende die Refultate der Münzconferenz von 1867 kurz dahin, dafs Decimalität und Goldwährung als dankenswerthe Ergebniffe derfelben anzuerkennen feien, und dafs der eigentliche Leiter der damaligen Berathungen und Vorkämpfer langjähriger Beftrebungen, Herr de Parieu, den Dank der Verfammlung verdiene, und bat, ihn zu beauftragen, diefen Dank Herrn de Parieu mitzutheilen, was die Conferenz genehmigte. Bezüglich des auf der Parifer Münzconferenz vom Jahre 1867 empfohlenen Fünffranken- Stückes in Gold à 100 Sou, bemerkte der Vorfitzende, dafs dasfelbe nicht metriſch fei, was man für jede einzelne Münze verlangen müffe. Es fei daher das Beftreben darauf zu richten, ein Münzfyftem feftzuftellen, welches wahrhaft international fei, indem jedes einzelne Hauptftück desfelben fich in einem runden Grammen- oder Decigrammen- Gewichte ausdrücke, feftzuftellen, welches wahrhaft international fei, indem jedes einzelne Hauptftück Der Welthandel. 49 desfelben fich in einem runden Grammen- oder Decigrammen- Gewichte ausdrücke, das controlirbar fei für Jedermann, welches auf die hiftorifch gewordenen Münzen aller wichtigeren Münzfyfteme billige Rückficht nimmt und allen Völkern ohne Ausnahme einen Theil der Arbeit auferlegt, welche nothwendig ift, um dasfelbe einzuführen. Der Vorfitzende brachte nunmehr die Währungsfrage zur Verhandlung und wurde einftimmig anerkannt, dafs das Syftem der reinen Goldwährung als Endziel anzuftreben, und fowohl der Doppelwährung( Alternativ oder Wahlwährung) als auch der reinen Silberwährung vorzuziehen fei. Was nun die Modalität der Einführung der Münzen des neuen Syftemes betrifft, fo bemerkte der Vorfitzende, dafs man Goldmünzen nur dadurch im Lande erhalten könne, dafs man denfelben ein fpecielles Gebiet der Circulation anweife, und wies auf das Beifpiel der Vereinigten Staaten hin, in welchen nur Gold für Zölle angenommen wird und gewiffe Waaren blofs gegen Gold gehandelt werden und die Regierung das für Zölle eingenommene Gold wieder zur Zahlung der Zinfen der öffentlichen Schuld und Beftreitung einiger anderer Ausgaben verwendet. Aehnlich würden ja auch in Oefterreich die Zölle nur in Edelmetall entrichtet, und gewiffe Zinfen der Staatsfchuld in Silber bezahlt. Die Einführung der neuen Goldwährung müffe auch dadurch gefördert werden, dafs z. B. die Eifenbahnen die Zahlungen, die fie zu empfangen haben, von einem gewiffen Zeitpunkte an in Gold obligatorifch machen. Herr Sectionsrath Buchaczek machte die Bemerkung, dafs die Einführung der neuen Goldwährung mit einem Male in Ländern gefchehen könne, die, wie z. B. Oefterreich, eine Papiervaluta haben. Herr J. Meyer entgegnete hierauf, dafs die formelle, das heifst rechnungsmäfsige Einführung der neuen Währung allerdings mit einem Male erfolgen könne, und dafs in diefem Punkte die Anfchauung des Herrn Vorfitzenden diefelbe fei, was der Letztere beftätigte, dafs jedoch die materielle Einführung, das heifst das Ausprägen der Stücke, namentlich aber auch der Goldmünzen des neuen Syftemes und die Erfüllung der verfchiedenen Verkehrsadern mit denfelben doch nur fucceffive erfolgen könne. Hierauf wurde auch der Antrag bezüglich der Einführungsmodalitäten angenommen. Bezüglich der Frage II über die Hauptmünze und die Rechnungseinheit bemerkte der Vorfitzende, dafs das Franc- und das Markfyftem zu einem internationalen Münzfyftem fich nicht eignen, indem fowohl der Centime als der Pfennig als Hundertftel- Münze für die Preisverhältniffe unferer Zeit zu klein feien und dafs in Frankreich der Sou die eigentliche Hundertftel- Münze fei. Derfelbe wies durch vorgelegte Tabellen nach, dafs das Syftem des Francs und noch weniger jenes der Mark die Fähigkeit befitze, fich den hauptfächlich beftehenden Münzen in demfelben Grade zu fubftituiren, wie es der Fall ift mit den Münzen, welche in dem Syftem eines Dollars von 150 Centigramm fein Gold hergeftellt werden können. In diefem letzteren Syfteme, welches auch die Metricität für fich hat, finden fich beinahe alle Hauptmünzen der wichtigeren Münzfyfteme innerhalb weniger Percente, welche aber für den Kleinverkehr von keiner Wichtigkeit find, wiedergegeben. So z. B. ift die Mark nur im Stande, 15 folcher Reproductionen wiederzugeben, ein Zehntel der im Jahre 1857 befchloffenen deutfchen Krone würde nur den Thaler innerhalb fieben Percent, durch 28 Silbergrofchen darftellen, und den füddeutfchen Kreuzer innerhalb 5 Percent. Diefs, fowie der Umstand, dafs diefem letztgenannten Stücke die Scheidemünze fehlte, war die Urfache des Scheiterns desfelben. Was das Mifchungsverhältnifs betrifft, fo wurde von dem Vorfitzenden beantragt, eine Münze von 7% Gramm fein Gold mit einem Kupferzufatze von ½ Gramm, fomit im Bruttogewichte von 8 Gramm auszuprägen. Ein folches Stück, verfertigt von einem verlässlichen Goldfchmiede in Berlin, wurde von dem 4 50 Dr. Carl Thomas Richter. Vorfitzenden der Conferenz präfentirt und Herr Hofrath v. Schrötter erklärte, dafs gegen diefes Mifchungsverhältnifs( 15/16 1/16) keine techniſchen Hinderniffe obwalten. Ein folches Stück fei, bemerkte der Vorfitzende, nicht blofs leichter controlirbar, fondern auch für den gemeinen Mann verftändlicher, als wenn man die Alliage in Percenten ausdrücke; mancherwärts, z. B. in Amerika, werde das Gold gewogen, 10 Dollars feien dann gleich 16 Gramm, 5 Dollars gleich 8 Gramm, 22 Dollars gleich 4 Gramm u. f. w. Befonders fei noch zu bemerken, dafs das in Vorfchlag gebrachte Syftem nur eine Reform in den beftehenden Münzfyftemen bewirke, keineswegs aber einen Umfturz, wie z. B. die Einführung der Mark in Süd- Deutfchland eine Revolution in den Preifen hervorbringen und die Quelle von Strikes fein würde. Sonach wurde als internationale Haupt- Goldmünze ein metriſches Stück von 7 Gramm feinen Goldes in einem Rauhgewicht von 8 Gramm und als internationale Rechnungseinheit der metrifche Dollar von 1½ Gramm, eingetheilt in 100 Cents, welcher 3/10 Percent weniger als der Vereinigten Staaten Dollar ift, angenommen. Ueber den III. Punkt bemerkte der Vorfitzende, dafs die Einführung des beantragten Münzfyftemes nicht durch den Abfchlufs von Münzverträgen zu erfolgen brauche, fondern dafs jeder Staat ein natürliches Intereffe an der Adoption eines Syftemes habe, welches feine Zweckmäfsigkeit in fich felber trägt. Es wäre nur von jedem Staate eine ftrenge Münzpolizei im eigenen Intereffe zu üben. Die Beftimmungen des deutfchen Münzgefetzes über die Vollwichtigkeit der Münzen und die Einlöfung der Scheidemünzen feien zweckmäfsige, legislative Mafsregeln. Ein Staat, welcher fich die Circulation feiner Münzen im Intereffe feiner eigenen Angehörigen in fremden Ländern fichern wolle, müffe es durch folche oder ähnliche Mafsregeln thun. Mit diefer Berathung wurden folgende Befchlüffe gefafst, die wir im Intereffe der Wichtigkeit der Sache unferer Darftellung noch einverleiben. Die Befchlüffe der internationalen Münzconferenz lauten: In Erwägung: I. 1. dafs Gold vermöge feines Werthes und feiner Transportfähigkeit fich beffer als Silber zu Geld eignet, wenn es fich um gröfsere Beträge der edlen Metalle und namentlich um die Bedürfniffe des Reifeverkehres handelt; 2. dafs ein Land, welches die Doppel- oder Wahlwährung hat, nach und nach zu Silber als feinem alleinigen Werthmafs getrieben werden kann, da das Gold ins Ausland ftrömt, fo oft es dort höher gefchätzt wird als fein gefetzlich feftgeftellter Werth: erklärt die Conferenz: a) dafs die reine Goldwährung, mit Scheidemünzen von Silber und Kupfer als gefetzliches Zahlungsmittel zu einem befchränkten Betrage, der reinen Silber- fowohl als auch der Doppel- oder Wahlwährung vorziehen ift, und b) dafs eine internationale Goldmünze, fowie eine gemeinfame GoldRechnungseinheit eingeführt werden follten in allen Ländern, welche fchon eine reine Goldwährung haben, oder welche fie allmälig einzuführen wünfchen, indem fie dem Golde ein befonderes Umlaufsgebiet einräumen, welches fich allmälig erweitert, bis die Silberwährung vollständig verdrängt ift. II. In Erwägung der folgenden Thatfachen: 1. Da das metrifche Gewicht von allen civilifirten Völkern als international anerkannt worden, fo mufs fowohl der Feingehalt als das Raubgewicht der Der Welthandel. 51 internationalen Haupt- Goldmünze von einer runden Zahl von Grammen oder Decigrammen fein. 2. Da 25 Francs 72525/31, 20 Mark 716236/279, das Pfund Sterling 732-24 5 Vereinigte Staaten- Dollars 752 31 Centigramm fein Gold enthalten, fo kann keines diefer Stücke, da fie nicht metriſch find, als internationale Münze anerkannt werden, aber es ift eine Münze nöthig, welche, indem fie fich ihrem Werthe nähert, fie leicht erfetzen kann. 3. Eine Münze von etwa 5 Francs, 2 öfterreichifchen Gulden, 4 Mark, 4 Shilling, I Dollar, 14 Goldrubel, I Duro, I Milreïs von Portugal, 2 holländifchen Gulden follte als internationale Rechnungseinheit anerkannt werden, weil eine folche Einheit etwa von dem Werthe eines Dollars ift, welcher in verfchiedenen Arten, in Gold oder Silber, bereits von der Hälfte des Menfchengefchlechtes gebraucht wird, und weil die Münzen, die in dem Syftem eines folchen Dollars gefchlagen werden können, fich innerhalb weniger Percente dem Werthe folgender 27 anderen wichtigen beftehenden Münzen nähern, nämlich dem Sou, Franc und 5- Francsftück, dem Penny, Shilling, Souvereign, dem Cent und Dollar, dem Silbergrofchen und der Mark, dem öfterreichifchen Kreuzer und Gulden, dem füddeutfchen 3- Kreuzerftück und halben Gulden, dem holländifchen 5- Centsftück und halben Gulden, dem ruffifchen halben Imperial, dem dänifchen Skilling und Rigsdaler, dem fchwedifchen Oere und Rigsdaler, dem norwegifchen Skilling und Species, dem fpanifchen Real und Duro, dem Milreïs von Portugal und dem Milreïs von Brafilien. 4. a) Das Syftem des Franc von 291 Centigramm oder einer Einheit von 30 Centigramm kann nicht reproduciren: den Shilling, den Silbergrofchen, den Oere und Rigsdaler von Schweden. b) Das Syftem der Mark von 35235/279 oder einer Einheit von 37.5 Centigramm kann nicht reproduciren: den Sou, Franc und das 5- Francsftück, den Penny, den Cent, das 3- Kreuze ftück und den Gulden oder halben Gulden von Süddeutfchland, 5- Centsftück und den Gulden oder halben Gulden von Holland. c) Das Syftem des öfterreichifchen Goldguldens von 72181 oder einer Einheit von 75 Centigramm kann nicht reproduciren: den Franc, den Penny, das füddeutſche 3 Kreuzer-, das holländifche 5 Centsftück und den füddeutſchen und holländifchen Gulden oder halben Gulden. d) Eine Einheit von% 10 Gramm kann von den oben genannten 27 Münzen nur die 4 dänifchen und fchwedifchen, den Species von Norwegen und das Milreïs von Portugal reproduciren. e) Eine Einheit von I Gramm kann von den 27 Münzen nur den Thaler und aufserdem den füddeutſchen Kreuzer reproduciren. 5. Die Einführung von radical neuen Münzen in ein Land würde eine Revolution von Preifen hervorbringen, die Quelle von Strikes fein und Tendenzen der Unzufriedenheit im Allgemeinen fördern und die internationale Rechnungseinheit mufs daher nothwendig den Werth etwa eines Dollars haben. 6. Der Cent eines folchen Dollars ift von einem Werth, welcher denfelben als Hundertelmünze der internationalen Rechnungseinheit allgemein annehmbar macht, während der Centime und Pfennig als Hundertelmünze zu klein find, und der Cent eines folchen Dollars möge für ganz kleine Zahlungen im Detailverkehr in einigen Ländern in zwei halbe oder in vier Viertel Cent zerlegt werden. 7. Es iſt wünſchenswerth, dafs die zu wählende internationale Rechnungseinheit mit dem Syftem irgend einer grofsen Handelsgruppe für alle gewöhnlichen Gefchäfte des Handels eine Uebereinftimmung bilde, folchergeftalt, dafs ein Land, welches diefelbe einführt( in ihrem Gefchäft mit jener grofsen Gruppe), fofort die zwei grofsen Vortheile eines internationalen Münzfyftemes erlangen würde, 4% 52 Dr. Carl Thomas Richter. welche Vortheile fowohl im Vermeiden des Umwechfelns als auch des Umrechnens beſtehen. 8. Eine metrifche Münze von 72 Gramm fein Gold und eine metrifche Rechnungseinheit von 11% Gramm find blofs 10 Percent weniger als ein halber Eagle und als ein Dollar der Vereinigten Staaten und vereinigen daher alle befagten Vortheile. In Erwägung der obigen Punkte empfiehlt die Conferenz a) als internationale Haupt Goldmünze ein metriſches Stück von 7% Gramm fein Gold, von einem Gewicht von 8 Gramm, und b) als internationale Rechnungseinheit den metrifchen Dollar von Gramm eingetheilt in 100 Cents. 1 In Erwägung: III. dafs jedes Land an und für fich ein Intereffe hat, ein Werthmafs in Gemeinfchaft mit anderen Ländern zu befitzen, und dafs ihre Münzen auswärts frei circuliren, hält die Conferenz Münzverträge nicht für nöthig, fondern dafs es genüge, dafs jede Regierung fich durch ihre eigenen Gefetze verpflichte: a) Diejenigen ihrer Münzen, welche ihr gefetzliches Gewicht durch Umlauf verloren haben, durch vollwichtige einzuziehen, und b) beftimmte öffentliche Caffen zu autorifiren, die von ihnen in Umlauf gefetzten Scheidemünzen gegen vollwichtige Hauptmünzen einzulöfen. DER WELTHANDEL. Die gefchilderte Ausnützung und Benützung der Kraft des Dampfes und der Elektricität und in Verbindung mit ihr die Ausdehnung des Colonialbefitzes der europäifchen Völker, die Entwicklung der Handelspolitik in den Bahnen der Freiheit, endlich die Vermehrung der wiffenfchaftlichen Erkenntnifs des Weltfyftemes, haben die Wege des Welthandels fortlaufend erweitert, und die Handelsbeziehungen fo vergröfsert, dafs uns Alles, was wir auf diefem Gebiete erkennen, mit Staunen erfüllen mufs, aber auch Alles in den Gedanken uns erhebenkann, dafs die Menfchheit fortfchreitend und fich entwickelnd auf wirthfchaftlichem Boden, auch fortfchreitet und fich entwickelt in allen ihren Culturbeziehungen. Das wirthfchaftliche Leben, wenn wir es im Geifte nur von der Materie, an der es unmittelbar haftet und von der es ausgeht, loslöfen können, enthält nichts als fittliche Momente und fittlich wirkende Kräfte. Und darin und nicht der Milliarden willen, die das wirthschaftliche Leben bewegen, darin liegt der Grund der fortfchreitenden Aufklärung und Erkenntnifs, welche das wirthschaftliche Leben uns bietet, und welche jeden Denkenden und die Wiffenfchaft fortgefetzt zu einer ungefchwächten Arbeit zu begeiſtern vermag. Auf den Bahnen der wirthfchaftlichen Entwicklung entwickelt fich die politifche und fociale Freiheit und umgekehrt, dort wo alle Feffeln der Befchränkung gefallen find, Zunftzwang, Monopol, Schutzzoll verfchwinden und der Geift frei walten konnte, dort hat auch das wirthfchaftliche Leben feine herrlichften Blüthen getrieben und Gröfseres erzeugt und mehr gefchaffen, als der gläubige Prophet und der lorbeergefchmückte Kriegsheld. Aus diefem Zuſammenhange nun ift es leicht erklärlich, warum das moderne Staatsleben mehr und gröfsere Aufgaben der Verwaltung ftellt, als der fogenannten und eigentlichen Staatspolitik, und dafs weiter heute der allein der gröfste Staatsmann ift, der die Kunft und Aufgabe der Verwaltung am beften verfteht. Und diefe Verwaltung hat die Aufgabe, Freiheit der Arbeit, des Handels und Verkehres, Freiheit und Entwicklung der Arbeit, der Gütererzeugung und des Gütertaufches zu fchaffen. Diefe Güter werden dann von felbft die anderen angeftrebten Güter der Menfchheit, Freiheit des Geiftes und des Herzens in ihrem Gefolge nachziehen. Zu zeigen, was auf diefem Boden des menfchlichen Lebens bereits gefchehen ift, in den Früchten die Kraft desfelben darzuftellen, ift die Aufgabe des Folgenden, und wir wollen die Betrachtung des Welthandels nach den Gebieten vornehmen, welche aus der Theorie der Wirthfchaftslehre als beftimmte Gruppen des Güterlebens anerkannt find. Wir wollen zuerft die Rohftoffe der Induftrie, dann die Productftoffe, foweit fie für den Welthandel von umfaffender Bedeutung find, kennzeichnen und daran die grofse Güterbewegung der einzelnen Länder und Welttheile in Welthandel anreihen. Es ift übrigens gleichgiltig, welcher Eintheilung man folgt. Es genügt, wenn eine fichere Ueberfichtlichkeit, die immer und überall angeftrebt werden foll, erreicht wird. 54 Dr. Carl Thomas Richter. Wir zählen nun zu den Rohftoffen die Summe jener Güter und Waaren, welche Natur und Arbeit fchaffen, um anderer Arbeit weiter zu dienen. Hieher gehören die Rohftoffe aus dem Mineralreiche: die Kohlen, das Eifen und andere Metalle, die Stoffe des Thierreiches, Wolle, Seide u. f. w., die Stoffe des Pflanzenreiches, Baumwolle, Farbhölzer und dergl. mehr. Zu den Productftoffen zählen wir die Summe jener Güter, welche ein fertiges Product der Natur, von der Arbeit des Menfchen derfelben abgerungen, für die Erhaltung des Gefchlechtes und der Arbeitskraft dienen. Alfo Getreide, Fleiſch und Fleifchproducte, Salz u. f. w. und die Summe der Colonialwaaren. Wie grofs auch die Maffe der von der Natur und Arbeit erzeugten Güter fein mag, das mag man doch für immer und für das Folgende fefthalten, dafs der Welthandel und das Weltintereffe nur mit verhältnifsmäfsig wenig Gütern verbunden ift. Bei diefen wenigen Gütern ift es aber freilich fo lebendig, dafs, wenn der Welthandel die Bedürfniffe nicht befriedigen könnte, oder wenn er aufhören würde fie zu befriedigen, diefs ficher einen ernften Rückfchritt der gefammten menfchlichen Cultur bedeuten würde. Die Welt und in ihr die Menfchheit bewegt fich auf fteigender Bahn nur vorwärts durch die Bewegung der Güter und insbefondere der Güter des Welthandels. Der Thee hatte Europa erft mit den Intereffen des chinefifchen Reiches verbunden, und er ift es, durch welchen wir Gefchichte und Gefchick eines Theiles einer anderen Welt mitleben. Seit dem Auftreten der Raupenkrankheit und dem Zwang, den europäifchen Bedarf an Seide aus China und Japan zu decken, ift diefes Band der Intereffengemeinfchaft ein noch engeres geworden, und der befte Mafsftab dafür läfst fich in dem wachfenden Raum erkennen, den die Bewegung der Politik, ja fogar der Tagesereigniffe in diefen fernen. Saaten heute in unferen Zeitungen, einnimmt. Seit zwei Jahren ift die Raupenkrankheit in Europa verfchwunden, die Nachfrage nach japanefifcher Seide gefunken, und in demfelben Augenblick das Bemühen der japanefifchen Seidenzüchter und Seidenfpinner lebendig geworden, durch die Verbefferung des Rohftoffes wieder auf den europäifchen Markt zu gelangen. Das Aufhören einer fchlimmen Naturerfcheinung wirkt in Japan weiter und hebt eine ganze Wirthfchaft und eine ganze grofse Production. Ohne die Baumwolle hätte Europa niemals nach Amerika ein doppeltes Kabel gelegt, und wenig würde uns daran liegen, Tag um Tag, ja oft Stunde um Stunde vom Regen und Sonnenfchein, vom Wachfen und Gedeihen der amerikanifchen Felder benachrichtigt zu fein. Man könnte die Zahl der Beifpiele noch vielfach vermehren. Aber fie beweifen Alle nichts mehr, als was wir fchon oft betonten und eben wieder ausgefprochen haben die Entwicklung des wirthfchaftlichen Lebens der Welt ift eben die Grundlage der Entwicklung ihrer geiftigen und fittlichen Kräfte. Die Rohftoffe des Welthandels. Wir zählen hieher und theilen diefelben ein als Stoffe des Mineral-, Pflanzen- und Thierreiches, welche einen Gefammtbedarf aller menfchlichen Wirthfchaften bilden und die von Millionen erzeugt werden, um anderen Millionen Arbeitskräften für die Erzeugung neuer Güter zu dienen und dadurch ein Weltintereffe vertreten. Die Stoffe der Mineralreiche. Die Kohle. Wir haben hier nach der umfaffenden Arbeit, welche Dr. A. Peez und Director Pechar für den erften Band des officiellen Berichtes in Der Welthandel. 55 ihrem Berichte über Gruppe I, Section I, foffile Kohlenlignite u. f. w. gefchaffen haben, nur in Kurzem die Gefammtrefultate zufammenzufaffen und die neueſten Erfcheinungen hervorzuheben. hat. England hat zuerft den Werth der mineralifchen Brennftoffe erkannt und fchätzen gelernt. Es ift heute der ftärkfte Kohlenproducent und Confument und es ift erklärlich, dafs das höchfte Intereffe, welches die Kohlenfrage bietet, zumeiſt auf Englands Ausbeute und Bedarf fich concentrirt und fich von jeher concentrirt Von England ging die ernfte Frage aus, ob bei der riefigen Steigerung des Verbrauches nicht über kurz oder lang die Kohlenfchätze der Erde fich erfchöpfen werden und bewegte lang die ganze civilifirte Welt. England beſtimmt die Kohlenpreife für halb Europa und jede Steigerung derfelben ift eine Lebensfrage des gefammten induftriellen Lebens. Wir müffen daher die englifche Kohlenproduction immer wieder und von allen Seiten betrachten. Wenn wir den neueften ftatiftifchen Erhebungen folgen, fo erfahren wir nach der Thätigkeit der Commiffion, welche auf Antrag des auch auf anderen Gebieten des induftriellen Lebens bekannten Mundella aus dem Parlamente zufammengefetzt wurde, um die Urfachen der fortfchreitenden Kohlenvertheuerung zu erforfchen, ein ganzes Bild der englifchen Kohlenproduction und der Preife derfelben. Die Commiffion trat am 24. März 1872 zufammen, den Tag, an welchem die Zeitungen gerade einen neuen, ziemlich bedeutenden Preisauffchlag in den nördlichen Kohlengruben ankündigten, nämlich um 3 bis 4 Shilling für die Tonne( 20 Centner), wozu ein Zufchlag auf den Fuhrlohn von einem weiteren Shilling kam. Befte Kohle galt nun an der Grube gerade I Pfund Sterling. Die Commiffion befchäftigte fich damals ausfchliefslich mit ftatiftifchen Angaben, welche der erfte verhörte Zeuge, Meade, einer der Bergamts- Regiftratoren, auf Verlangen vorlegte. Aus feinen Mittheilungen ergab fich, dafs im Vereinigten Königreiche im Jahre 1866: 107, 1868: 103, 1869: 107, 1870: 110, 1871: 117 und 1872: 120 Millionen Tonnen gefördert wurden. Im Betrieb waren 1867: 3258 Kohlengruben, 1868: 2922, 1869: 2852, 1870: 2851, 1871: 2810 und 1872 jedenfalls bedeutend mehr, denn es wurden in dem Jahre ausnahmsweife viele neue Felder aufgedeckt. Das Haupt- Kohlenfeld liegt in England; Irland liefert nur jährlich 125.000 Tonnen. In Staffordſhire und Wincheſterfhire( dem , fchwarzen Lande") gibt es 423 Kohlenzechen, in Lancaſhire 376, in Northumberland 304, in Südwales 299, in Schottland 420, in Irland 30. Der Kohlenexport belief fich im Jahre 1867 auf 10'5, 1868 auf 10 9, 1869 auf 10 7, 1870 auf 117, 1871 auf 127 und 1872 auf 13 2 Millionen Tonnen. Die ftärksten inländifchen Kohlenconfumenten find die Eifenhütten, deren Verbrauch fich 1871 auf 38,539.000 Tonnen belief. Im Allgemeinen zu Fabrikszwecken wurden 1870. benutzt 79,170.000 Tonnen, daneben 17,512.000 Tonnen zum Hausverbrauch, das heifst 14 Centner für die Perfon. Mit Ausnahme der Gasbereitung hat fich der Kohlenconfum für Fabrikszwecke feit 1867 nicht merklich vermehrt. London. verbrauchte 1872: 7% Millionen Tonnen, wovon 5 Millionen mit der Bahn und 21 Millionen zu Schiffe herbeigeführt wurden. So lautetep die Aufklärungen eines fehr erfahrenen Mannes, die eine ganze Charakteriſtik der englifchen Kohle enthalten. Darnach brauchte man die Lage Englands keineswegs für eine Beforgnifs erregende anzufehen, um fo weniger, als der Handel die weit auseinander gelegenen Kohlengebiete der Welt immer mehr mit einander und mit den Confumtionsorten verbindet, übrigens auch der Confum keineswegs in gleich fortfchreitender Progreffion fich vermehren kann. Es gibt eben in allen Dingen einen Sättigungsprocefs, welcher dem Mehrbedarf eine Grenze fetzt. Nach den neueften Berechnungen ftellt fich die Ausdehnung der Kohlenlager in Grofsbritannien auf 9.000 englifche Quadratmeilen Frankreich " " Deutfchland " " 1.800 3.600 " 99 " 2 50 in Belgien Dr. Carl Thomas Richter. 900 englifche Quadratmeilen 1.600 auf Indien 79 99 29 den Vereinigten Staaten von Nordamerika 220.000 29 Britifch Nordamerika 2.000 27 " In China foll die Provinz Schami ein Kohlenbecken von 83.000 englifchen Quadratmeilen haben. Die Kohlenfchätze Auftraliens find noch nicht berechnet, doch beträgt die Ausbeute heute fchon eine Million Tonnen, gleich zwanzig Millionen Centnern, alfo faft das Doppelte der Ausbeute der grofsen Kohlenflötze von Indien, Japan und China. Die Gefammtausbeute der Kohlenflötze Europas betrug 1871 in Grofsbritannien Preufsen 29 im übrigen Deutfchland in Belgien Frankreich Tonnen à 20 Centner 117,431.000 34,984.000 3,433.000 13.733.000 " Oefterreich " Spanien Rufsland 21 Italien " Schweden den Niederlanden 29 " Portugal Schweiz " Dänemark 12,804.000 8.375.000 494.000 461.000 47.000 30.000 25.000 15.000 12.000 3.000 191,747.000 oder 3.834,940.000 Ctr. In Amerika betrug die Gefammtausbeute in demfelben Jahre faft 38 Millionen Tonnen. In den vier kohlenbergenden Welttheilen mag fich die Kohlenausbeute im Jahre 1871 auf beiläufig 235 Millionen Tonnen, 4700 Millionen Centner, was, den Centner nur durchſchnittlich zu 50 Kreuzern berechnet, den Werth von 2350 Millionen Gulden ausmacht. England nimmt, wie aus der Tabelle erfichtlich, trotz feines koloffalen Confums, doch noch immer die erfte Stelle unter den Kohlenproducenten ein. Aufser feiner eigenen Induftrie confumirt englifche Kohle als erfter Abnehmer, der Zollverein, der 1862: 17,897.894 Centner, 1867: 26,062.248 und 1871: 47,091.441 Centner importirte. Der zweite grofse Abnehmer englifcher Kohle ift Schweden, das 1870 mehr als 20 Millionen, 1871 dagegen durch die geringere Verarbeitung von Eifen 16 Millionen Centner bezog. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika bezogen 1870: 8,871.000 Centner, 1871: 9,812.620 Centner. Bedeutend ift die Nachfrage in den Ländern am Mittelmeere und in Oftindien, fo daís der englifche Kohlenhandel, in ftetem Wachsthum begriffen, der Facturawerth der englifchen Kohlen 1870 auf 70 Millionen Thaler fich belief. Eifen. Es ift ein bereits ftehender Satz, dafs mit dem Steigen der Kohlenproduction auch die Entwicklung des Eifenhütten- Wefens fortfchreitet. Verzehrt doch die Kohlenproduction felbft wieder in der Form von Mafchinen eine Menge Eifen. Dazu kommt das entwickelte Eifenbahn- Wefen, der in den letzten Jahren durch die Eröffnung des Suezcanales und den rapid wachfenden Verkehr mit Nordamerika fehr gefteigerte Schiffsverkehr, welcher die Umwandlung der kleinen Laftenfchiffe in grofse Dampffchiffe beförderte, und der Häuferbau, bei dem die Der Welthandel. 57 Holzconftruction immer mehr durch die Eifenconftruction verdrängt wird, ein Verhältnifs, das dauernd bleiben wird, da die Holzpreife beftändig im Steigen begriffen find. Rechnet man dazu noch den Bedarf der Welt nach Dampfmaschinen bei der Induftrie, die taufendfachen Werkzeuge, fo bildet fich ein überaus ftattlicher Confument des Eifens, welcher die koloffale Entwicklung der Production am beften illuftrirt. Auch hier nimmt England wieder die erfte Stelle ein und wenn die amerikanifche Eifeninduftrie auch fehr bedeutend geworden, und in kräftiger Entwicklung begriffen ift, fo fteht fie doch noch infoferne England nach, als fie allein für den eigenen Bedarf und da noch ungenügend arbeitet, England aber im Dienfte der ganzen Welt fteht. In grofser Entwicklung ift auch die deutfche Eifeninduftrie begriffen und wir werden diefelbe am Schluffe genauer kennzeichnen. Mit der englifchen läfst fie fich freilich noch lange nicht vergleichen. Das rechtfertigt es wohl, warum wir auch hier zumeift mit Englands Induftrie uns befchäftigen wollen. Doch fei vorerft eine Bemerkung geftattet. Die letzten Jahre und ihr koloffaler Bedarf nach Eifen haben den Eifenmarkt in die abnormften Verhältniffe gedrängt. Wie grofs die Vermehrung der Production auch war, fie konnte dem Bedarfe nicht genügen. Und wie die Preife auch fprungweife fich erhöhten, der Producent konnte die günftige Lage doch keineswegs ausnützen. Heute aber ift ein Rückfchlag bereits eingetreten, der, wenn er auch kaum lange dauern wird, doch vielleicht eine beftimmte Ordnung in die Confumtion zu bringen im Stande fein wird. Darum allein erwähnen wir der vorübergehenden Lage des Marktes. In ganz Grofsbritannien wurde unter dem Sporn des fteigenden Werthes die Förderung von Eifenerzen in den letzten Jahren um 50 Percent vermehrt; fie betrug nämlich im Jahre 1869: 11,000.000 Tonnen, 1870: 14,000.000 Tonnen, 1871: 16,334.880 Tonnen. Jedoch ift die Eifenproduction diefen Ziffern nicht entſprechend gewachfen, weil unter dem Einfluffe der hohen Preife viel Eifenftein von geringer Qualität, welcher früher unverkäuflich war, zur Verarbeitung kam. Gleichzeitig wuchs der Import von Eifenerz, meift von Spanien. Derfelbe betrug 1856 erft 374 Tonnen, 1871 aber bereits 23,000 Tonnen. Die Roheifen- Production Englands betrug im Jahre 1871: 6,627.479 Tonnen; fie hat trotz der weit gröfseren Quantitäten Erze, welche im Jahre 1872 zur Verhüttung kamen, nur wenig zugenommen, was fich, wie bereits angedeutet, aus der geringeren Qualität der Erze erklärt. Die genauen ftatiftifchen Daten über die Gefammt- Roheifen- Production von 1872 find freilich noch nicht zufammengeftellt, doch weifs man, dafs in den beiden Hauptdiftricten Schottland und Cleveland eine Abnahme gegen die frühere Production ftattgefunden hat. Die Jahreserzeugung betrug nämlich in Schottland 1869: 1,150.000 Tonnen, 1870: 1,206.000 Tonnen, 1871: 1,160.000 Tonnen, 1872: 1,090.000 Tonnen; in Cleveland 1869: 1,460.000 Tonnen, 1870: 1,695.000 Tonnen, 1871: 1,818.000 Tonnen, 1872: 1,969.000 Tonnen. Die Zunahme, welche im Jahre 1870 gegen 1869 circa II Percent erreichte, ift alfo im Jahre 1872 gegen 1871 auf circa 3 Percent gefunken. Dabei war der Export in rafcherem Wachfen als die Production begriffen, indem er im ganzen Königreiche betrug: Von Eifen 1870: 2,825.575 Tonnen im Werthe von 22,038.000 Pfund Sterling, 1871: 3,169.219 Tonnen im Werthe von 26,124.134 Pfund Sterling, 1872: 3,388.622 Tonnen im Werthe von 36,060.547 Pfund Sterling und von Schienen 1871: 981.197 Tonnen, im Werthe von 8,084.619 Pfund Sterling, 1872: 947.548 Tonnen im Werthe von 10,237.768 Pfund Sterling. Grofsbritannien hat alfo an das Ausland im Jahre 1872 für circa zwölf Mil lionen Pfund Sterling mehr Werth in diefem Artikel verkauft, obgleich der Export nicht über 200.000 Tonnen ftieg, fo rapid war die Erhöhung der Preife. Diefe Zunahme des Exportes, fowie des heimifchen Confums hat ein Zufammenrücken der Vorräthe bewirkt, und find fie jetzt fo unbedeutend geworden, 58 Dr. Carl Thomas Richter. dafs auf fie nicht weiter zurückgegriffen werden kann. Diefelben betrugen in Schottland am 31. December 1869: 620.000 Tonnen, 1870: 605.000 Tonnen, 1871: 490.000 Tonnen, 1872: 194.000 Tonnen; in Cleveland am 31. December 1869: 115.600 Tonnen, 1870: 117.345 Tonnen, 1871: 68.331 Tonnen, 1872: 41.628 Tonnen, und im Anfang 1873 in beiden Diftricten zufammen kaum 100.000 Tonnen. Und diefs ift nicht nur in England, fondern auch in Schweden und Deutfchland, fowie in allen Eifen producirenden Ländern der Fall, was natürlich auch immer auf die Steigerung der Preife einwirkt. Am ftärksten war die dadurch entftandene Hauffe in Nordamerika; diefelbe ift aber bei den dortigen hohen Schutzzöllen für diefen Artikel glücklicherweife für die europäifchen Confumenten auf den diefsfeitigen Märkten ohne directe Wirkung. Betrachten wir noch die Preife, wie fie in den letzten Jahren fich geftaltet, fo fehen wir, dafs nur der ungeheure Confum fie dictirt hat, und ihr rapider Auffchwung keineswegs verhindern konnte, dafs die Beftände auf den grofsen Märkten, wie wir oben angegeben haben, rafch zufammenrückten, denn wenn früher eine Preisfteigerung von zehn oder zwanzig Percent genügte, um den Verbrauch ganz erheblich zu befchränken, fo hat eine Preiserhöhung um hundert Percent keine nachhaltige Schwächung des Verbrauches bewirken können. Auf dem gröfsten Eifenmarkte der Welt, dem englifchen, bewegten fich die Preife( für fchottifches Roheifen) wie folgt: Durchfchnittspreis per Tonne 1869: 57 Shilling, 9. Deniers, 1870: 51 Shilling, 3 Deniers, 1871: 73 Shilling, 1872: 121 Shilling. Gegenüber diefen Verhältniffen, wie wir fie von England kennen gelernt haben, ift die Eifenproduction des übrigen Europas verfchwindend, und mufs der Eifenconfum nothwendig immer von den englifchen Verhältniffen beeinflufst werden. Amerika hat, wie wir fchon oben andeuteten, wenig Einfluss auf den europäifchen Eifenmarkt, wird vielmehr von unferen eigenen Verhältniffen, wenigftens in Beziehung der Eifenwaaren merklich beeinflufst. Seine Eifenproduction betrug übrigens 1871 fchon zwei Millionen Tonnen, welche zumeift für den EifenbahnBedarf verwendet wurden und eine fiebzehnfache Vermehrung gegen die Production von 1810 und 1820 bedeutet. Aufserdem find feit den letzten fechziger Jahren vorzüglich aus England und felbft aus Schweden faft alljährlich 3.5 Millionen Centner Roheifen, 6.3 Millionen Centner Schienen und 16 Millionen Centner Stabeifen in einem Werthe von mehr als fünfzehn Millionen Dollars eingeführt worden. Die Production an Eifen in den übrigen Staaten wirkt England und Amerika gegenüber, nur in ihrer Gefammtheit. Die Productionsziffern für das Jahr 1871 find folgende: in Frankreich Deutſchland • 27 Belgien Oefterreich 29 " 9 Ungarn Rufsland " Schweden " „ Norwegen 1,356.300 Tonnen 1,587.900 " 563.500 " • 771.398 272.099 " 29 372.000 F 293.250 80.000 56.500 " " 29 " Spanien Italien " Dänemark " der Schweiz. " 52.300 15.000 5.000 1 79 F 99 ** das ergibt eine Summe von 5,425.247 Tonnen. Die Gefammtproduction von Roh- und Schmiedeifen in Amerika mag 2,350.000, von Afien 50.000, von Afrika 25.000, von Auftralien 10.000 Tonnen Der Welthandel. 59 betragen. Die Gefammtproduction von Eifen auf der Erde mag fomit 13.8 Millionen Tonnen oder 276 Millionen Centner betragen. Was nun den Eifenhandel anbelangt, fo ift es natürlich, dafs gleichfalls England die erfte Stelle einnimmt. In den vierziger Jahren kaum o 5 Millionen Tonnen betragend, im Jahre 1860 kaum über eine Million, beträgt die gefammte Eifenfabrication 1868 nahe zwei Millionen Tonnen im Werthe von fünfzehn Millionen Pfund Sterling. Im Jahre 1871 betrug fie bei 3'1 Millionen Tonnen, im Werthe wie oben angegeben von mehr als 26 Millionen Pfund Sterling. Im Jahre 1872 ift wohl die Tonnenzahl gefunken, aber ohne den Werth der Ausfuhr im gleichen Verhältniffe zu vermindern. So grofs waren die Preisauffchläge. Man hat daher auch in ganz Europa erkannt, dafs eine bedeutende Befchränkung des Confums eintreten müffe. Und die Frage, wo diefelbe eintreten kann oder bereits eingetreten ist, ist hier noch in Kurzem zu erörtern. Dabei ift gewifs, dafs die Eifenconfumtion im Allgemeinen nicht in gleichen Proportionen wachfen wird wie in den früheren Jahren. Am erften und am rafcheften wirkten die enormen Preife auf den Bau der Eifenfchiffe ein. Es ift wohl zu bemerken, dafs die Tonnenzahl der Schiffe dadurch nicht befchränkt werden mufs, fondern dafs nur die Zahl der Schiffe eingefchränkt wird. Um nur ein Beiſpiel zu geben, das trefflich die Einwirkung der Eifenpreife kenntzeichnet und die rafche Erkenntnifs, den Bedarf fo rationell als möglich durch weniger, aber gröfsere Schiffe zu befriedigen, fo wurden auf den grofsen Werften an der Clyde( Schottland) neue eiferne Schiffe abgeliefert: im Bau begriffen Ende meffend des Jahres 1869 204 1870 200 1871 1872 183.210 Tonnen 95 177.153 123 " 233 195 211.856 226.682 193 " 131 meffend 123.000 Tonnen 155-345" 307.909 268.391 19 Hienach zeigt alfo die Zahl und Tragfähigkeit der Schiffe Ende 1872 eine nicht unerhebliche Abnahme gegen Ende 1871. Die Frachten aber fteigen dauernd fo dafs ficher bald wieder nach neuen Ueberhäufungen der gröfseren Werften diefs Verhältnifs nicht lange obwalten dürfte. Die Steigerung der Schifffahrt wird ja immer, fagt der die Verhältniffe genau kennende Correfpondent der„ Neuen freien Preffe" am Anfang diefes Jahres in einem geiftreichen Bericht, dem wir hier folgen, durch die rafche Ausdehnung und Verdichtung des Eifenbahn- Netzes auf dem Continent und durch die wachfende Confumtionsfähigkeit der arbeitenden Claffen beftimmt. Zahl der Schiffe und der Fahrten werden mit der Entwicklung diefer Verhältniffe regelmässig mitgefteigert. Die Steigerung der Frachtfätze hemmt dabei nicht den Waarenandrang zur See- Dampffchifffahrt, eben fo wenig als die Vertheuerung der Herftellungskoften von Wohnhäufern in den Städten, die Bauluſt eingeengt hat. In diefer Richtung wird daher mit der Schifffahrt auch der Häuferbau ein fortgefetzt kräftiger Confument von Eifen bleiben. Endlich ift noch der Eifenbahn- Bau ein Confument von Eifen, der mehr. bedarf, als alle übrigen Branchen der Technik zufammengenommen, zu betrachten. Concurrenz und Entwicklung der technifchen Wiffenfchaften haben es dahin gebracht, dafs feit einer Reihe von Jahren die Frachtfätze der Bahnen für Gütertransporte im Allgemeinen dauernd herabgefetzt wurden. Voluminöfe Güter, welche früher auf gröfseren Diftanzen kaum die Stromfracht ertrugen, vermehren den Andrang jetzt bei den Eifenbahnen. Aber dennoch ift eine merkliche Veränderung im Gebiete des Eifenbahn- Wefens zu verzeichnen. Die Rentabilität der Bahnen. ift nämlich keineswegs entſprechend den Mehreinnahmen geftiegen. Die Nebenbahnen kommen faft doppelt fo theuer zu ftehen als die alten mit einem längst geficherten Verkehr und haben Refultate geliefert, und werden auch weiter folche liefern, welche geeignet find, die Eifenbahn Bauluft entweder zu befchränken, oder 60 Dr. Carl Thomas Richter. wenigftens auf die technifch fparfamere Richtung der fogenannten Secundär Bahnen hinzudrängen. Auch äufsert fich in einer anderen Richtung der Drang, den Eifenbedarf im Betriebs- Materiale zu befchränken. Alle Eifenbahnen find bemüht, mit einem beftimmten Mafs von Betriebsmitteln die höchfte Leiftung zu erzielen, durch eine umfaffende Ausnützung und Verminderung jeder Ruhe desfelben. Und fo feheint es, dafs durch die Befchränkung des Bedarfes an Eifen für den Bahnbau und Bahnbetrieb vielleicht am erften ein Ausgleich in der Erzeugung und im Verbrauche von Eifen vorbereitet wird, und dadurch wieder, wie diefs dann bei folchen Sachlagen gewöhnlich der Fall ist, das Verhältnifs von Production und Verbrauch für längere Zeit fich dem Letzteren günftig geftalten kann. Wir wollen am Schluffe noch des deutfchen Eifenhandels gedenken, der von Jahr zu Jahr bedeutender wird und in wenigen Ziffern fehr belehrend zu wirken, insbefondere auf die öfterreichifche Production anregend Einfluss zu nehmen im Stande ift. Der deutfche Eifenhandel geftaltet fich in folgender Weife in Centnern nach feiner Einfuhr und nach feiner Ausfuhr 1868 von Roheifen und altem Brucheifen 2,650.720 1,960.386 1872 13.952.957 2,901.256 von gefchmiedetem Eifen. 1868 153.739 209.832 1872 709.877 von Schienen 1868 92.214 1872 234.145 609.767 572.335 1,408.636 von Stahl 1868 47.526 1872 108.531 137.204 153.198 von Eifenwaaren 1868 321.572 790.178 1872 IO19.505 1,089.397 von Locomotiven und Dampfkeffeln 1858 16.496 31.489 1872 67.455 146.283 von anderen Mafchinen 1868 1872 199.877 596.265 249.471 626.526 Das zeigt in einem kaum 5jährigem Zeitraume allenthalben einen Auffchwung von mehr als 100 Percent und läfst viel für die nächfte Zukunft erwarten. Uebrigens dürfen wir keineswegs den grofsen Auffchwung der öfterreichifchen Eifeninduftrie vergeffen. Die letzten Jahre haben ganz bedeutende Fortfchritte gezeigt und es ift jedenfalls hier der Affociation des Capitales, der Actiengefellſchaft Manches zu danken, welche, ausgerüftet mit grofsen Capitalien neue Etabliffements errichten und die älteren bedeutend vergröfsern konnten. Einige Zahlen mögen genügen, diefs darzuftellen. Während die gefammte Eifenproduction Oefterreichs im Jahre 1870 etwas mehr als 612 Millionen Centner betrug und der Import kaum 12 Millionen, war 1871 die gefammte Eifenproduction auf 7,870.000 Centner geftiegen, der Import betrug 2,889.000 Centner, davon entfielen auf Grob-, Fein, Façoneifen 462.100 Centner, auf Eifenbahn- Material 2,427.000 Centner. Zu diefer Production kamen noch 1.441.803 Centner Stahl, * Emil Tilp: Transportmittel und anderes Betriebsmaterial für Eifenbahnen. I. Band des officiellen Berichtes. Der Welthandel. 61 zumeift aus den Alpenländern. Im Jahre 1872 betrug die gefammte Eifen- und Stahlproduction 10.506.000 Centner, von denen die Hälfte auf Commerzeifen, etwas mehr als 2 Millionen auf Eifenbahn- Material und 1.857.000 Centner auf Stahl entfallen. Der trotz diefer grofsen Production nöthige Import betrug 2,324.000 Centner. Man kann aus diefer Darftellung wohl erkennen, dafs die Zeit längst vorüber, in der allein der Verbrauch von Seife ein ficherer Cultur Mafsftab gewefen. Heute tritt das Eifen als der wefentlichfte Culturfactor der Staaten auf und man kann leicht begreifen, warum das kleine England, das grofse von 200 Millionen Menfchen bevölkerte Indien beherrfcht, wenn man beachtet, dafs in England 200 Pfund Eifen, in Indien 1 Pfund auf den Kopf per Jahr entfallen. Man kann weiters leicht den Reichthum Belgiens begreifen und die reiche Cultur- Entwicklung Nordamerikas, wo hundert Pfund Eifen auf den Kopf per Jahr entfallen. Und in eigenthümlicher Weife nimmt der Eifen- Verbrauch von Weften nach Often ebenfo gegen Norden und Süden ab. gerade wie die Strömungen und Schwingungen der Cultur nach diefen Richtungen hin immer fchwächer werden. Kupfer und Queckfilber. Von einer befonderen Wichtigkeit einmal für das Münzfyftem aller Staaten der Welt, ein anderes Mal für die Induftrie ift Kupfer und Queckfilber. Für das Erfte ift in den letzten Jahren Chile und Auftralien von Wichtigkeit geworden. Für das zweite Californien, das den Bedarf der füdamerikanifchen Staaten für ihre Silbergewinnung und faft feinen eigenen Bedarf und mit Spanien den Bedarf Chinas und Japans für die Zinnobererzeugung deckt. Europa und Nordamerika bedürfen des Queckfilbers für ihre Induftrie. Der Gefammtbedarf der Welt mag an 50.000 Centner Queckfilber betragen. Die Gefammtproduction ift mehr als 60.000 Centner, wovon Spanien 20.000, Oefterreich 6847 Centner, Californien 28.000 Centner producirt. Die GefammtKupferproduction der Erde ift beiläufig 2 Millionen Centner und vertheilt fich: Auf Grofsbritannien 99 " " " Chile Rufsland Auftralien das Capland Nordamerika mit 500.000 Centnern " 9 350.000 180.000 " 99 97 160.000 " 9 39 100.000 29 " 280.000 " Deutſchland 79 " 9 174.697 99 Oefterreich " 53.000 99 Schweden und Norwegen " 50.000 " Frankreich " 2 " 45.000 " 2) Belgien 20.000 22 29 Die Stoffe des Pflanzenreiches. Baumwolle. Wir können uns auch hier kurz faffen und auf einige allgemeine Gefichtspunkte befchränken, nachdem Dr. Alexander Peez in feinem Berichte Baumwolle und Baumwoll- Waaren" eine fo umfaffende und ausgezeichnete Arbeit geliefert hat, dafs wir, ohne eine Lücke zu laffen, darauf uns berufen können. Die grofsen Baumwolle producirenden Länder find bekannt, und es entfällt nach der letzten Jahresproduction: 62 Dr. Carl Thomas Richter. auf Amerika 1871: 4.256.000 1872: 3,700.000 Oftindien 29 " Brafilien 1,821.000 680.000 " 1 1,500.000 1,006.000 " " " Egypten " Weftindien " 99 in summa. • • 445.000 240.000 7.442,000 " 513.000 " 237.000 6,956.000 Ballen. Von der Production des Jahres 1872 erhielt Europa mehr als 5 Millionen Ballen und England von diefem Importe mehr als zwei Drittel. Bedenkt man, dafs die Baumwoll- Krifis während des amerikaniſchen Krieges dahin führte, dafs allerlei früher für unbrauchbar gehaltene Sorten dennoch in die Fabrication einbezogen wurden, und die Technik der Spinnerei defshalb bedeutend vervollkommnet werden mufste, dafs feit jener Zeit erft Südamerika der Baumwoll- Cultur gröfsere Sorgfalt zuwendete, einzelne Länder Afiens und Egypten auf den Markt fich drängten und felbft Europa die Baumwolle zu cultiviren begann, dafs durch den Ausbau einiger wichtigen Eifenbahn- Linien und die Eröffnung des Suezcanals ein reiches und hoffnungsvolles Baumwoll- Gebiet, dem England immer gröfsere Sorgfalt zugewendet, nahe an Süd- und Mitteleuropa gerückt wurde, und dafs die Baumwolle die Canalfracht ganz gut verträgt und daher keineswegs theuer auf den Markt zu gelangen brauchte, fo mufs es in der That überrafchen, heute doch wieder Amerika an der Spitze der BaumwollStaaten und als den erften Verkäufer auf dem Markte zu fehen. Allein es ift erklärlich, da in Amerika ein kräftiger Boden mit einer tüchtigen und ausdauernden Arbeitskraft, welche Indien und andere transatlantifche Länder nicht haben, fich mit einander verbinden, dafs weiter zahlreiche Anpflanzungsverfuche der Baumwolle doch eigentlich nur Nothverfuche und blofs als Aushilfsmomente zu betrachten waren, die zurücktreten müffen, fobald eben der Kriegslärm in Amerika zum Schweigen gebracht und Staat und Volk wieder gefammelt waren. Weiter mufs man bedenken, dafs der Bedarf nach Baumwolle im dauernden Steigen begriffen, und vor Allem Amerika felbft einen grofsen Theil feines Productes allmälig zu verarbeiten beginnt. Auch ift die amerikanifche Baumwolle die befte, und die meiften Spinnereien der Welt find auf amerikanifches Gewächs eingerichtet. Die Fortfchritte der Spinnerei haben fich nicht fo fchnell entwickelt, und vor allen verbreitet, dafs fie eben vor Wiederbelebung der amerikaniſchen Production allgemein geworden wären. Auch darf man nicht vergeffen, dafs das Hauptcommunications- Land von Baumwolle, England in Amerika, eine hundertjährige Gefchäftsverbindung und Gefchäftsübung befitzt, und dafs es naturgemäss war, dafs England feinen alten Rohftoff- Producenten fich wieder zuwendete. Damit war es für Amerika gleich giltig, was die übrigen Staaten in Baumwolle durch den Canal von Suez über Trieft nach Oefterreich, über Venedig nach Deutfchland und Odeffa nach Rufsland und ob egyptifche Baumwolle über Trieft und Venedig nach Mitteleuropa gehe. Und fo behauptete die amerikaniſche Baumwolle in ihrer fchönen Weifse und Seidigkeit, vielfachen Länge und Stärke, wieder ihren guten Platz und verdrängte zum Theil die Baumwoll- Sorten aus Siam und den englifchen Befitzungen, die kurz, rauh, ungleich kräftig, wenig feidig und nur für Belegftücke brauchbar find; rivalifirt mit der Königin der BaumwollSorten, der perlmutterartig glänzenden, langftapeligen Baumwolle aus Hawahi und den anderen Sortens Auftraliens auf dem englifchen Markte, wo fie überhaupt allein verwendet werden. Die europäiſche Baumwolle, die italienifche aus egyptifchem Samen, die griechifche und türkifche haben überhaupt erft noch zu zeigen, ob fie in der Mitte der Producenten, welche die Natur allein dazu berufen hat, Stand halten können, oder ob ihre Producte nur der Sorge und den Intereffen der botanifchen Gärten überlaffen bleiben follen. Der von Natur fo reich gefegnete Boden Indien; Der Welthandel. 63 fchränkt wohl feit dem mächtigen Andrange Amerikas fowohl die Ausdehnung feiner Baumwoll- Felder, als des Baumwoll- Productes wieder ein. England läfst jedoch die gröfste Sorgfalt der indifchen Baumwolle angedeihen und wird, durch die Erfahrung der vergangenen Jahre belehrt, wohl niemals wieder von Amerika fich ganz abhängig machen. Von den 12 Millionen Centnern indifcher Baumwolle, welche Europa 1872 verbraucht, ging mehr als die Hälfte nach England. Was Indien für England ift, kann Egypten für Mitteleuropa und insbefondere für Oefterreich werden. Wir geben eine ausführliche Tabelle der egyptifchen Baumwoll- Cultur, refpective ihres Exportes, um zu beweifen, wie die Production kräftig gediehen und Mitteleuropa und Oefterreich von England, refpective den englifchen Import und Zwifchenhandel felbftftändig und unabhängig zu machen im Stande ift. Was Bremen, Amfterdam und Antwerpen in Betreff der amerikanifchen Baumwolle für Nord- und Mitteleuropa anftreben, das kann Trieft und Venedig mit egyptifcher Baumwolle für Südeuropa und einen Theil Mitteleuropas fchaffen. Der Export egyptifcher Baumwolle aus dem Hafen Alexandrien betrug: Jahr Centner Jahr Centner 1821. 944 1848. 119.965 1822. 35.108 1849. 257.510 1823 159.426 1850. 364.816 1824 228.078 1851. 384.439 1825. 212.318 1852. 670.129 1826 216.181 1853. 477.397 1827. 159.642 1854. . 477.905 1828. 59.255 1855. • 1829. 104.920 1856.. 1830. 213.585 1857.. • 1831. 186.675 1858.. 1832. 136.127 1859. 1833. 56.067 1860. 1834. 143.892 1861. 520.886 539.885 490.960 519.537 502.645 501.415 596.200 1835. 213.604 1862. 721.052 1836... 243.230 1863. 1,181.888 1837.. 315.470 1864. 1,718.791 1838.. 238.833 1865. 2,001.169 1839.. • 134.097 1866. • 1,288.762 1840. 159.301 1867. 1,260.946 1841. 193.507 1868. • 1,253.455 1842. 211.030 1869. • 1,289.714 1843 261.064 1870. 1,351.797 1844. 153.363 1871. 1,966.215 1845. 1846. • 344.955 1872. 2,108.500 202.040 257.492 1873 bis April. 2,013.433 1847. Es ift die Aufgabe Oefterreichs, mit grofsem Intereffe dem egyptifchen Baumwoll- Markte zu folgen. England wenigftens wendet grofse Mühe auf, die erhaltenen Baumwoll- Gründe in Indien für feine Induftrie auszunützen und dau ernd kräftig zu erhalten. Der indifche Export betrug 1872 nach feinem Werthe 140 Millionen Gulden in Silber, und haben die Länder, über deren Häfen die Wolle einging, die Summe bezahlt, alfo England, Frankreich, dafs feit den letzten Jahren über Havre direct indifche und amerikanifche Baumwolle erhält, Oefter 64 Dr. Carl Thomas Richter. reich, welches neben egyptifcher Baumwolle faft nur noch oftindifche verarbeitet, und Deutfchland, welches über Venedig in den letzten Jahren ganz bedeutende Quantitäten erhalten hat. Trotz Allem aber wird die amerikaniſche Baumwolle immer den gröfsten Weltmarkt befitzen. Dafür fpricht die fteigende Production feit dem Schluffe des Krieges, welche von 1868 und 1869 mit 2,260.000 Ballen auf etwas mehr als 4 Millionen Ballen im Jahre 1870 und 1871 mit dauernd ſteigendem Geldwerth des Productes geftiegen ift. Bezieht Europa zum gröfsten Theil amerikanifche Baumwolle, fo beginnt Amerika gleichfalls mit der wachfenden Spindelzahl und der entsprechend fteigenden Anzahl feiner Webftühle immer mehr feinen Rohftoff zu verarbeiten. Die Zahl der Spindeln ift in den nordamerikanifchen Freiftaaten, 1869 erft 6 Millionen, auf 6,380.061 im Jahre 1870, und auf 6,699.066 Stück im Jahre 1871, endlich 8,350.000 im Jahre 1870 geftiegen. Die Zahl der Webftühle betrug im Jahre 1872: 160.000 Stück und haben 1,042.000 Ballen Baumwolle verarbeitet, gegen 558.600 Ballen in früheren Jahren. Die Zeit ift fomit nicht mehr ferne, in der Amerika feinen Rohftoff zum fertigen Confumtionsproduct felbft verarbeiten, und den Import von Fabricaten bedeutend zurückdrängen wird. England bezog 1871 im Ganzen 4,405.420 Ballen Baumwolle, wovon von Amerika mehr als 2'2 Millionen Ballen geliefert wurden. Es bedarf zur vollen Befchäftigung einer Baumwoll- Spindel jährlich 2,964.000 Ballen, alfo etwas mehr als 9166 Ballen per Tag. Den Reft feines Baumwoll- Importes gibt England an die continentalen Staaten ab, welche übrigens, wie bereits erwähnt, grofse Anstrengungen machen die Uebermacht des englifchen Zwifchenhandels zurückdrängen. Man kann den Kampf heute fchon für den Continent als glücklich entfchieden betrachten. Dagegen betrug freilich der gefammte Productionswerth der englifchen Baumwoll- Artikel 1871 noch 1022 Millionen Gulden, von denen es nur Stoffe im Werth von 156 Millionen felbft verbrauchte. Die andere Gefammt nenge wurde an das Ausland abgegeben und von diefem England bezahlt. Der Productionswerth der Baumwoll- Artikel der ganzen übrigen Welt reicht an diefe Macht Englands faft gerade fo weit heran, als die Gefammtzahl aller Spindeln Europas an die 39% Millionen Spindeln, welche England jahraus jahrein in dauernder Thätigkeit erhält. Indigo. Wir müffen bei der Betrachtung der Rohftoffe aus dem Pflanzenreiche noch des Indigos gedenken, und fügen den anderen überfeeifchen Farbftoff, Cochenille, gleich bei, um das gleiche Gebiet gleich abzufchliefsen. Wenn auch die beiden Farbftoffe für den Welthandel noch immer von Wichtigkeit find, fo nehmen fie doch nicht mehr jene bedeutende Stellung ein, welche fie früher behaupteten, wenigftens nicht für die europäiſche Induftrie, für welche die Anilinfarben von der gröfsten Bedeutung wurden, die in Schönheit der Farbe den tropifchen Farbftoffen gleichftehen, fie an Billigkeit überragen, aber unter ihnen ftehen in ihrer Feftigkeit und Dauerhaftigkeit. Indigo hat feine Heimat in Indien, Java, San Salvador und Manilla, wo die Gefammtproduction früher 14 bis 15 Millionen Pfund betrug. Cochenille wird auf den canarifchen Infeln, Guatemala, Mexico, Neu- Granada, Brafilien, Java und Manilla in einer Gefammtmenge von 3 Millionen Pfund erzeugt. Trotzdem aber die modernen Producte der Chemie die Färberei zumeift in Deutſchland, wo fie erfunden wurden, beherrfchen, hat Deutfchland 1871 doch 25.000 Centner Indigo, 6000 Centner Cochenille und 70.000 Centner Farbhölzer bezogen. Auch ift der Transitohandel über Trieft mit den in Rede ftehenden Rohftoffen in auffallender Weife geftiegen. Im Jahre 1865 nämlich importirte Trieft 295 Centner überfeeifcher Farbftoffe im Ganzen, 1871 dagegen 11.160 Centner Indigo und 24.021 Centner Farbhölzer. Der Welthandel. Die Rohftoffe des Thierreiches. 65 Wolle. Es ift heute eine bekannte Thatfache, dafs die gefammte europäifche Wollproduction, ob mit grofser Sorgfalt betrieben, oder durch die weiten Steppen, zur günftigen Weide geeignet, ernährt, und durch die Natur gezüchtet, von dem ungeheueren Wollreichthum Auftraliens, der Cap- Colonie und LaplattaStaaten vollſtändig zurückgedrängt, ja für die gefammte Summe gewöhnlicher Wollforten geradezu aufgelöft und die Summe vieler Eigenthumsverhältniffe und Einkommensquellen in diefer Richtung bedeutend verändert worden ift. Die Wolle zeichnet fich von der Mehrzahl der landwirthfchaftlichen Producte durch eine fehr bedeutende Transportfähigkeit aus. Weiter ift fie bei einiger Sorgfalt der Aufbewahrung dem Verderben faft gar nicht ausgefetzt und da auch ihr Preis im Durchfchnitte 20 bis 25 mal fo hoch ift, als der des Getreides, fo ift fie auch zu einem 20 bis 25 mal fo weiten Transporte geeignet. Demnach können leicht, und find auch die entfernteften Länder der ganzen Erde bezüglich der Wolle in Concurrenz mit einander getreten, und haben den Wollhandel dadurch zu einem wahren Welthandel gemacht. Bei den im Verhältnifs zum Preife fo geringen Transportkoften können nur ganz natürlich fchwach bevölkerte Länder, wie Auftralien u. f. w., wo die Grundrente darum niedrig ift, ihre Wollforten zu billigen Preifen auf den Markt bringen. Mit diefer koloffalen und immer wachfenden Zufuhr aus den transatlantifchen Ländern find die Wollpreife fo herabgedrückt worden, dafs zumeift durch die ungeheuere Entwicklung der Wirkwaaren- Fabrication felbft jene Volksclaffen, denen früher Schafwoll- Gewebe unzugänglich waren, heute fich mit Wollftoffen bekleiden. Man rechnet, dafs England heute für jeden Einwohner mehr als ein Vliefs jährlich braucht. Uebrigens ift die europäiſche Wollproduction keineswegs fchon aufgelöft. Die feinen, langen und reinen Sorten gehören noch immer der alten Welt an und es werden Jahre fleifsiger Arbeit vergehen müffen, ehe Auftralien, das Capland mit den beften, reinften und feinften Sorten Europas werden concurriren können. Und felbft, wenn diefs der Fall fein wird, wird es ficher möglich fein, die Wollzucht Europas in einigen Staaten, aber freilich mit grofser Sorgfalt, um die Qualität mit der Quantität zu fteigern, zu erhalten, da der Wollverbrauch im dauernden Steigen begriffen, heute fchon ungeheuere Maffen der fogenannten Kunftwolle gebraucht und verarbeitet werden. In dem Hauptfitze derfelben, in Bradford, werden folche Mengen diefer Wolle zu Stoffen aller Art verarbeitet, dafs allein 600.000 reine Wollvliefse als Zufatz für diefe wenig haltbare Schoodiwolle gebraucht werden. Ganz England verarbeitet heute beiläufig 40 Millionen Pfund folcher Wolle. Auch auf dem Continente ift die Thätigkeit der Erzeugung und der Verbrauch folcher Wolle im dauernden Steigen. Der Confum von Wolle überhaupt foll in England 4'2 Pfund per Kopr betragen. In Deutſchland beträgt er 3.6 Pfund. In Oefterreich 3 Pfund. Man kann daraus erkennen, welche koloffale Quantitäten Europa verzehren mag. Die Gefammtzahl der Wollproduction der ganzen Erde fchätzt Fr. X. Neumann auf mindeftens 1250 Millionen Pfund, mit einem Productionswerth 750 Millionen Gulden, davon entfallen annähernd auf Europa 17 570 Millionen Pfund die Laplataftaaten 200 Auftralien " " . 190 " 9 99 Nordamerika. وو 155 " " Indien 30 27 " " die Cap- Colonie 28 22 90 Canada IO وو وو وو In Europa geftaltet fich die Production der letzten 3 Jahre, da überhaupt diefelbe fehr ftationär geworden ift, fo, dafs von der Gefammtproduction von 570 Millionen Pfund entfallen für das Jahr 1870 und 1871: 5 Dr. Carl Thomas Richter. 66 auf England Frankreich " Rufsland. 27 " Deutſchland Oefterreich. 145 Millionen Pfund 140 " " 130 29 " 70 29 " 52 " 99 was jedoch keineswegs die Confumtion der einzelnen Länder bedeutet. Denn, um ein Beispiel zu geben, importirte Deutſchland in den letzten Jahren durchfchnittlich 900.000 Centner, fo dafs man die jährlich verarbeitete Wolle auf 1,350.000 Centner veranfchlagen kann. Wenn England heute noch an der Spitze der wollproducirenden Staaten fteht, fo dürfte doch für Europa nur Rufsland, was Menge und Qualität anbelangt, die Fähigkeit einer noch gröfseren Entwicklung feiner Wollproduction für fich haben. In den Laplataftaaten fteht die argentinifche Republik mit einer Jahresproduction von 140 Millionen Pfund obenan; in Auftralien Victoria mit einer Durchfchnittsproduction von 64 Millionen Pfund. Was den Wollhandel anbelangt, fo bildet England, befonders London, den Centralpunkt. Hier werden zu beftimmten Zeiten Wollauctionen veranstaltet, und Käufer aus allen Ländern treffen dabei ein. Nach der Saifon, wie fie fich bei diefen Auctionen geftalten, richten fich die Märkte aller übrigen Länder, nur mit den Abweichungen, welche die localen Verhältniffe der Production und Fabrication bedingen. Da England der gröfste Wollconfument ift, fo hat fich die Bewegung des Wollhandels in Europa von jeher um den englifchen Markt gedreht. Zuerft hat Spanien England mit Wolle verfehen und betrug noch in der Mitte der 40er Jahre der Import faft eine Million Pfund. Heute hat die Wollproduction Spaniens und die Wollausfuhr bedeutend abgenommen. An die Stelle Spaniens ift Deutſchland getreten. Im Anfang des Jahrhunderts betrug der deutfche Export nach England erft 3 Millionen Pfund, in dem gröfsten Ausfuhrjahr 1836 aber 31,766.200 Pfund. Von da an nahm der Export von Jahr zu Jahr ab, gerade fo wie die deutfche Wollmanufactur fich entwickelte. Der Gefammtexport beträgt heute kaum 25 Millionen Pfund. In neuefter Zeit hat nur die Ausfuhr aus Rufsland nach England fich gefteigert. Es führte nach England in Ballen, à 2 Centner 71 Pfund Zollgewicht, im Jahre 1860 fchon 22.150 Ballen, im Jahre 1865 aber 37.829 Ballen aus. Unbedingt aber die höchfte Wichtigkeit für den gefammten Wollhandel der Welt hat heute der Import von Auftralien, den Laplataftaaten und der CapColonie. Wir müffen, um nicht unvollständig zu fein, auch hier die vielfach benützte Handelstabelle des„ Oekonomift" vorführen. Wir bemerken vorher nur, dafs bis zu den fünfziger Jahren die Ausfuhr auftralifcher Wolle kaum Million Pfund betrug; die des Cap der guten Hoffnung im Anfang der 40er Jahre erft 100.000 Pfund, die der Laplataftaaten dagegen kaum etwas mehr als 2 Millionen Pfund. Dagegen betrug nach Taufenden von Ballen à 400 Pfund der Wollhandel: in den Jahren: 1863 1864 1865 1866 1867 1868 1869 1870 1871 Von Auftralien nach England Vom Cap nach Eng241 302 332 348 412 491 499 549 567 land 68 • Von den Laplataftaaten nach Europa 81 Von Indien nach Eng69 86 131 99 107 128 141 134 124 127 152 192 234 234 213 236 land 4'I 4.9 3.3 Von Canada nach England 7 6 - in summa 390 457 502 607 732 8701 878-7 895.3 930 Der Welthandel. 67 Die Handelsbewegung aber des Wollhandels in den erften Staaten Europas und den vereinigten Staaten von Nordamerika geftaltet fich für das Jahr 1870 fo, dafs an auf England Einfuhr Ausfuhr . 238,820.852 Zollpfund 94.911.916 Zollpfund oda25,711.412 polo 66,543.920 99 Frankreich " • . 167,422.200 99 " iser " Belgien 147,092.128 99 " " Deutſchland. 90,000.000 Oefterreich. 21,680.900 obal 25,000.000 29 • 16,392.700 99 Niederlande " 7 Rufsland.. " Nordamerika 29 16,991.972 • 2,648.700 62,202.714 13,906.260 99 " 28,558.577 12,067.689 99 entfielen. 99 Was nun die Confumtion der wichtigften europäifchen Staaten anbelangt, fo fteht England mit fortfchreitender Entwicklung und Frankreich an der Spitze der Wollmanufactur. England hat im Jahre 1870 und 71 die Menge von 330 Millionen Pfund, Frankreich 300 Millionen Pfund Wolle aller Art verarbeitet. Das gibt eine Gefammtheit einer Handelsbewegung von mehr als 1000 MilHionen Pfund oder beiläufig 700 Millionen Gulden. Seide. Die Gefchichte der Seide, der Seidenzucht und des Seidenhandels hat in den letzten fünf Jahren eine faft romanhafte Geftaltung angenommen, die wir nur in Kürze fkizziren wollen, da die Hauptmomente daraus bekannt sind. Die europäiſchen Haupt Productionsgebiete der Seide find: Norditalien, insbefondere die Lombardei, Süd- Frankreich, Spanien, der Süden von Oesterreich, Ungarn, Griechenland, die Türkei und Rufsland. Von Bedeutung für den Welthandel ift aber nur das italienifche und füdfranzöfifche Product gewesen. Die europäische Seidenproduction betrug in den fünfziger Jahren finkend gegen die Menge der sechziger Jahre, von mehr als 7 Millionen Kilos kaum mehr 3 Millionen. Die Raupenkrankheit hatte diefe Verwüftung hervorgebracht und ganz Europa nach jenen Ländern zu blicken gezwungen, in denen Lage, Clima und Gunft der Verhältniffe eine reiche Seidenproduction ermöglichen. Das waren die Länder Afiens, die in fünf grofse Seidenproductions- Gruppen zerfallen. An der Spitze fteht China und Japan, dann folgt die afiatifche Türkei und endlich Perfien und Bengalen mit ihren weniger werthvollen Producten. China exportirte nach England und Frankreich im Anfang des Jahres 1860 und 1861: 80.336 Ballen à 106% Pfund und fank allmälig im Jahre 1867 auf 39.645 Ballen. Im Jahre 1870 hatte der Zwifchenhandel Englands mit chinefifcher Seide 43.879 Ballen, 1871: 50.943 Ballen empfangen. Die chinefifche Seide ift nur in den beften Sorten fchön weifs, die chinefifchen mangelhaften Spinnweifen boten der europäifchen Induftrie grofse Schwierigkeiten, ebenfo wie die Belaftungen des Handels den Bezug überhaupt beläftigen, fo dafs man immer nur durch die Verhältniffe des Bedarfes gedrängt, die Seide Chinas zu beziehen fich entfchlofs und das erneute Aufblühen der Seidencultur in Europa mit Freuden begrüfste. Die Ausfuhr der japanefifchen Seide betrug in den sechziger Jahren durchschnittlich 20 bis 25.000 Ballen. In der Neige der sechziger Jahre fank der Export 1867 und 1868 auf etwas mehr als 12.000 Ballen und betrug 1770 und 1871 nur mehr 9598 Ballen. Die grofse Nachfrage Europas verleitete die japanefifchen Seidenzüchter, dem Gefpinnft und der Wahl des Stoffes nicht mehr die nöthige Aufmerkfamkeit zuzuwenden und dadurch eine bedeutende Qualitätverminderung zu erzeugen. Zugleich fchädigte die Kraft der Jährlings- Cocons der grofse Export von Raupeneiern und follte diefer Ausfall gleichfalls durch die Verfpinnung fchlechterer Seide gedeckt werden. Das Alles drängte den europäifchen Markt an Japan und China, umfomehr als die europäiſche Seidenproduction glücklich wieder fich entwickelte. Man schätzt die europäische Rohseiden- Production für das Jahre 1868 auf 7 bis 8 Millionen Pfund, für 1869 und 1870 auf 12 Millionen Pfund, für das Jahr 1872 auf 10 Millionen Pfund Seide, im 5* 68 Dr. Carl Thomas Richter. Werthe von einer Milliarde Francs. Die verminderte Nachfrage in Asien hat nun die Chinefen beftimmt, die gelbe Seide europäiſcher Provenienz zu züchten, die japanefifchen Seidenzüchter, Mufteranſtalten in Yeddo uud Tamiyoka zu errichten und die Qualität wie die Spinnweife zu verbeffern, um den Kampf mit der europäiſchen Seide kräftig aufnehmen zu können. So tief greift heute das Leben der verfchiedenen Welttheile fchon ineinander, fo lebendig berühren fich die Intereffen ganz verschiedener Welten. Neben diefem mächtigen Handel verfchwindet die perfifche Seide, die in ihrer Qualität fehr ungleich ift und felbft die bengalifche Seide, die übrigens auch in ihrer Cultur noch wenig entwickelt ift. Der Export hat sich selten über mehr als 1 Millionen englifche Pfund erhoben und foll erft 1870: 2,368.452 Pfund betragen haben. Der perfifche Seidenexport reicht aber auch nicht einmal an diefe Ziffer. Neben diefen Mengen Rohfeide, die man in Gefammtheit auf 21 bis 22 Millionen Pfund schätzen kann, ohne die grofsen Confume Chinas und Japans felbft, werden heute auch die Seidenabfälle in einem Gefpinnft, Chappe, verwendet, eine Verwendung, die heute fchon eine aufserordentliche Ausdehnung gewonnen. Alle Staaten Europas fpinnen Chappe und verwenden sie in der Weberei als Schufs und Kette. hat. Guano. Wir müssen am Schluffe doch noch eines fehr wichtigen überfeeifchen Productes gedenken, welches von immer gröfserer Bedeutung wird; wir meinen das der Landwirthfchaft wichtige Product des Guanos. Wir geben blofs eine Handelstabelle der Einfuhr von Guano aus dem Jahre 1870, welche vollftändig erklärt, was wir damit fagen wollen. Die Guano- Ausfuhr aus Peru im Jahre 1870 betrug nach den nachftehenden amtlichen Angaben 196.840 Tonnen= 7,603.929 Silberpiafter. für England Frankreich 107.580 11 = 4,560.316 11 19 Spanien mit Havanna 15.838 = 19 Belgien 85.428 554.885 3.587.976 19 Holland Deutfchland Nordamerika 17 Italien 19 .. China. 8.757 66.527 25.321 5.000 2.016 11 338.195 2,391.645 11 11 892.312 19 204.700 61.286 19 19 Die Urproducte des Welthandels. Zu den Stoffen, welche wir unter diefem Namen begreifen, rechnen wir alle jene, welche als ein fertiges Product von der Natur, die dabei durch die Arbeit der Menfchen natürlich geleitet ift, gegeben und den Menfchen, wie fie gegeben find, auch nutzbar werden. Dahin gehören, foweit fie, wie fchon früher bemerkt, den Weltmarkt beherrfchen, die Producte des Pflanzenreiches, erftens das Getreide und zweitens die fogenannten Colonialwaaren, Thee, Kaffee, Zucker, die Producte des Thierreiches, Fleiſch und Fleifchproducte. Die Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche. Getreide. Die kräftige Entwicklung der Bevölkerung Europas und ihre angeftrebte höchfte Ausnützung in der volkswirthfchaftlichen Arbeit in den Induſtrieftaaten hat ein, nun mehr als hundertjähriges Gefetz der volkswirthfchaftlichen Theorie, an das der Name eines der gröfsten deutfchen National Der Welthandel. 69 ökonomen geknüpft ift, das v. Thünen'fche Gefetz von der Ausbildung und Auseinanderrückung der Productionskreife längft zur Wahrheit gemacht und zwifchen den induftriereichen, aber ackerwirthfchaftsarmen Staaten, und den reichen und üppigen Agriculturländern auf dem Gefetze einer grofsen und von der Natur wie vorgezeichneten Arbeitstheilung beruhend, eine Verbindung und Vertaufchung der Güter fo erzeugt, dafs alle klimatifchen Verfchiedenheiten und alle Wirkungen der Naturereigniffe, ebenfo wie alle induftriellen Vorzüge, Begabungen und Entwicklungsmomente eigentlich der ganzen Welt gemeinfam geworden find. Der Handel ift das mächtige und ftets rege Bindeglied dabei für die Länder Europas und auch Amerikas. Wir wollen in dem Folgenden die Productionsziffer der unfere Cultur zumeift berührenden Länder zufammenftellen, und Ausfuhrs und Einfuhrsziffern angeben, betreffs der weiteren Ausführung aber auf die Arbeiten von Scherzer und Fr. X. Neumann in Behm's geographifchem Jahrbuche verweifen, wo Zahlen angegeben find, die fich felbft heute nur fchwer überholen laffen. Die gröfsten, getreideproducirenden Staaten Europas find OefterreichUngarn, die Donaufürftenthümer, das deutſche Reich und Dänemark, oder Länder, welche einen grofsen Theil ihres Productionswerthes an andere Länder abgeben können. Grofsbritannien und Irland, Belgien, die Niederlande und die Schweiz müffen neben ihrer eigenen Production den Mehrbedarf aus der Fremde decken. In Frankreich vermag nur eine fehr reiche Ernte die Einfuhr zu begrenzen, in Italien haben die letzten Jahre eine fo glückliche Entwicklung der Ackerwirthfchaft gereift, dafs der Export an Reis und Mais fortwährend im Steigen, der Import an Getreide im Sinken begriffen ift. In Schweden und Norwegen wird die Ausfuhr durch gleiche Mengen Einfuhr gedeckt. Nach diefen allgemeinen Angaben fchon zeigt fich, dafs der Often Europas den Weften mit feinen Agriculturproducten beherrfcht und dafs fomit Arbeitslöhne und Preife der Induſtrieproducte im Weften und eigentlich der ganzen europäifchen Erde immer von den Ernten und der glücklichen Zufuhr der Getreidefrüchte der überproducirenden Länder abhängen. Die Entwicklung des Eifenbahnnetzes, zumeift der Hauptlinie von Weft nach Oft und die vollfte Freiheit des Getreidehandels, ebenfo wie die höchfte wirthschaftliche Entwicklung des Getreidegefchäftes find daher wichtige Elemente des gefammten wirthschaftlichen Lebens der Völker und der Bildung ihrer Einnahmsquellen. Der gröfste Getreideproducent Europas ift Rufsland. Man fchäzt den Bedarf an Samenkorn für Sommer- und Winterfaat auf 133 3 Millionen Hektoliter. verfchiedener Getreideforten, wornach die gefammte Getreideernte Rufslands auf 560 Millionen Hektoliter angenommen werden kann. Freiheit von Grund und Boden und Freiheit der Arbeit haben diefe grofsartigen Fortfchritte gegen frühere Jahre erzeugt. Die gefammte für den Export vorhandene und überfchüffige Menge Getreide kann 60 bis 70 Millionen Hektoliter betragen. Die gröfste Ausfuhr ift durchfchnittlich in Weizen, in Hülfenfrüchten und Mehl. Im Jahre 1870 betrug fie 44,242.298 Hektoliter und richtete fich wie immer durch die Häfen des fchwarzen Meeres, zumeift Odeffa, Roftoff, Taganrog und Mariuzol nach England und Frankreich, Belgien und Schweiz. Den gröfsten Export hat der Hafen Odeffa, den übrigens auch durch alle möglichen Mittel Regierung und Stadt zu heben fuchten. Der Gefammtexport an Weizen, Roggen, Gerfte und Hafer betrug 1870 162,990.000 Rubel, im Jahre 1871 182,948.000, alfo eine Werthfumme, welche von der Summe aller übrigen ruffifchen Exportartikel um nur Weniges übertroffen wird. Für das Jahr 1872 ift ein Rückgang gegen 1871 um 23 eingetreten, auf Grund der befferen Ernten in den Importländern und der fchlechten Ernte in Rufsland.( W. v. Lindheim: Die wiffenfchaftlichen Verhältniffe des ruffifchen Reiches, Wien 1878.) Oefterreich- Ungarn producirte 1871 eine Durchfchnittsernte, nach welcher die Menge der Körnerfrüchte betrug: 70 Dr. Carl Thomas Richter. Millionen Hektoliter Millionen an Weizen 3191 oder 28.28 77 Roggen 43 42 99 49 19 Gerfte " 24.78 als Mittelernte der ganzen 77 30.79 Hafer 43 27 " " 6149 Monarchie. Mais " Hirfe und Haidekorn 77 21'42 4.79 " 99 23.361 6.15 Darnach kann nach den heutigen Bevölkerungsverhältniffen bei einer Summe von 199 20 Millionen Hektoliter noch eine ftarke Ausfuhr an Getreide und Mehl ftattfinden. Sie fand auch in früheren Jahren, fich dauernd fteigernd, wirklich ftatt, bis durch den Mangel an genügenden Verkehrsmitteln, durch ſchlechte Ernten und die Wirkungen eines fchlecht organifirten Handels, gröfsere Ausfälle ftattfanden und fich zumeift in Getreide bemerkbar machten. Das vorzügliche, durch feine Trockenheit weit in alle Welt vertriebene öfterreichifche Mehl braucht übrigens nicht eine durch fchlechte innere Verhältniffe im Auslande grofsgewordene Concurrenz zu fcheuen. Der erfte Handelsplatz des Getreides und Mehles in Oefterreich ift, wie bekannt, Peft. Die Ausfuhr an Getreide und Hülfenfrüchten betrug 1871: 14,388.905 Centner gegen durchſchnittlich 20 Millionen in früheren Jahren. Die Ausfuhr: an Mehl betrug 2,585.042 Centner gegen durchfchnittlich 2 Millionen früherer Jahre. Die gefammte Handelsbewegung geftaltete fich für die Jahre Weizen Roggen Gerfte Mehl und Mehldroducte Ausfuhr Zollcentner 1870 Einfuhr 997.196 338.944 271.526 416.570 1871 Einfuhr Ausfuhr Zollcentner 3,94 1.417 1,624-775 1,227.462 5,760.657 493.209 2,728.1 28 2,076.424 254.187 3,828.071 2,949.987 380.33 I 3.585.042 Eine Handelsbewegung, die 1870 bis 1871 beim Import des Getreides 10 Millionen Gulden, bei Mehl 3 Millionen Gulden, beim Export im Jahre 1870 mehr als 27.8 Millionen, im Jahre 1871: 41 9 Millionen Gulden für Getreide und Hülfenfrüchte, beim Mehlexport 1870: 23 7, 1871: 28.7 Millionen Gulden betrug, oder im Gefammttheil 1870: 515 und 1871: 70 6 Millionen Gulden oder Export und Import zufammen 1871: 844 Millionen Gulden. Betreffs des Jahres 1872 werden wir am Schluffe berichten. Ueber Rumänien werden die ftatiftifchen Angaben noch fehr vorfichtig aufgenommen werden müffen, da Staat, Gemeinden und Private fich wenig darum kümmern, und A. Mourouzy, ebenfo wie Aurelian und Frundescu nur nach unficheren Schätzungen vorgehen. Bei 6,332.473 Hektaren Ackerland und faft drei Millionen Menfchen, die fich dem Ackerbaue widmen, dürfte die mittlere Ernte nicht zu hoch gegriffen fein für Weizen mit " Roggen Mais י 29 15,055.759 Hektoliter 2, 46 7.8 30 20, 26 1.760 " 17 Gerfte " " " " Hafer Hirfe " 9 " 99 99 7,940.960 1,765.165 2,50 4.260 zu denen nun noch 16.289.778 Kilogramm Bohnen und Linfen, 11,754.146 Kilogramm Erdäpfel und mehrere Millionen Flachs, Hanf u. f. w. kommen. Das ift die Kornkammer faft des ganzen weftlichen Europa und der Türkei, und Galacz und Braila, die grofsen Ausfuhrhäfen zur See fehen die Flaggen Frankreichs, Englands, der Schweiz, Italiens u. f. w., und fenden neben Giurgevo und anderen Donauftädten, auch mit den Schiffen der Donau- Dampffchifffahrts- Gefellfchaft ihre Ernte nach dem Weften. Die Ausfuhrziffern find nun vollkommen ungenau und kann man nur nach der annähernd gefchätzten Confumtion im Innern des Landes die Der Welthandel. 71 Exportziffern gleichfalls fchätzungsweife ficherftellen. Von der oben angegebenen mittleren Ernte werden confumirt von Weizen " Roggen Mais 99 . 4.733.480 Hektoliter 2,083.45 I 11,089.425 99 " " Hafer und Gerfte Hirfe . 8,398. 191 2,417.840 " 9 " 9 " 9 und aufserdem von Hülfenfrüchten 13,171.353 Kilogramm und 11,754.146 Kilogramm Erdäpfel. Demnach ergibt fich für Getreide eine Exportfumme von21, 081.338 Hektoliter, wovon 10,232.279 Hektoliter auf Weizen und 9,172.345 Hektoliter auf Mais entfallen. Dazu kommen noch mehr als 3 Millionen Hülfenfrüchte, was eine Durchfchnittfumme von mehr als 120 Millionen Francs Exportwerth ergibt, welche in erfter Richtung die Türkei, dann Frankreich und Oefterreich, England, Italien, die Schweiz und Rufsland bezahlen. Der Import von Gütern ragt kaum zu 2, diefer Exportfumme hinauf, und geftattet Rumänien einen jährlichen bedeutenden Capitalsüberfchufs. Nach diefen reichen Staaten folgt Dänemark, das gleichfalls im Stande ift, nach jeder Durchfchnittsernte mehr als 17 Percent des Ernte- Erträgniffes auszuführen, was im Jahre 1871 mehr als 70 Millionen Francs betrug, von denen bei der fortgefetzten Bemühung die Mehlinduftrie zu heben, immer anfehnlichere Quantitäten auf Mehl und Mehlproducte entfallen. Die Bezugsländer find Deutfchland, wenn feine Ernte es nöthig macht, Schweden und Norwegen und England. Das deutfche Reich ift in nur günftigen Erntejahren exportfähig und dürfte wohl mit der Entwicklung feiner Arbeit, feines Handels und Induftrie bald fo hoch eine Getreidefrüchte und den Boden derfelbenverwerthen, dafs fich der Productionskreis für Feldfrüchte weit hinaus über feine Grenzen verlegen wird. Die Durchfchnittsernte der deutfchen Zollvereins- Staaten beträgt annähernd 34 Millionen Hektoliter an Weizen " Spelz 99 Roggen " " 9 Gerfte. Hafer 15 99 94 29 99 30 " " 87 99 wovon in der Gefammtheit der Production faft die Hälfte auf Preufsen und Lauenburg entfallen. Von einer folchen Ernte vermag Deutfchland zumeift Weizen ein Theilchen abzugeben. Kräftiger ift Deutfchlands Export an Mehl und Mehlproducten, doch wird auch diefer zum Theil durch Import aus Ungarn wieder zurückgedeckt. Von jenen Ländern, welche theils durch ihre hohe Cultur Grund und Boden immer mehr den Handelsgewächfen und den Futterkräutern zuwenden und dadurch dauernd auf den Import an Feldfrüchten angewiefen find, find in erfter Richtung England, dann Belgien und die Niederlande zu nennen. nennen. Zu jenen Ländern, welche trotz der Ergiebigkeit ihres Bodens und der fortgefetzten Urbarmachung auf den Bedarf aus der Fremde angewiefen find, gehören Frankreich, Italien, Griechenland und die Türkei. Endlich zu jenen, welche durch die Unergiebigkeit des Bodens gezwungen find, Getreide zu importiren, gehört Schweden und Norwegen und die Schweiz. England importirt, durch feine Schifffahrt unterſtützt, Getreide aus Europa und ganz Amerika. Weizen und Weizenmehl bilden dabei den Hauptartikel und fchätzt man Englands Bedarf auf 64 Millionen Hektoliter. Da felbft in beften Jahren der eigene Boden kaum 2, diefes Bedarfes zu decken vermag, fo liefern heute in erfter Reihe Rufsland, dann Amerika, ihren Ueberfchufs. Im Jahre 1871 betrug der Import 39,407.646 Centner Weizen, 3,984.638 Centner Weizenmehl und 36,428.664 Centner andere Getreidearten in einem Werthe von 40 Millionen Pfund Sterling. 72 Dr. Carl Thomas Richter. Belgien, in gleicher Entwicklung wie Frankreich, faugt immer mehr feine Arbeitskraft in der Induftrie auf und deckt feinen Bedarf an Getreide aus der Fremde, aus Deutfchland, Dänemark und Rufsland, und zum Theile heute auch aus Amerika. In zehnjährigem Durchfchnitte betrug die Getreideeinfuhr jährlich mehr als 128.5 Millionen Kilogramm gegenüber einer Ausfuhr von kaum 5.5 Millionen. Diefe bedeutende Einfuhr dient zumeift, um die zahlreichen Mühlen Belgiens zu befchäftigen. Die Ausfuhr ift daher gewifs zumeift auch Mehl. In ähnlicher Weife wird Roggen, faft 40 Millionen Kilogramm für die Alkoholbrennereien importirt, dem gegenüber und ihren bedeutenden Ausfuhren der Export von 9 Millionen Kilogramm Roggen verfchwindend ift. Ausserdem baut Belgien für die Alkoholinduftrie zumeift Roggen im Lande. Die mittlere Ernte von ganz Belgien beträgt Weizen 5,164.796, Korn 6,386.158, Gerfte 1,332.961, Hafer 8,495.929 und Mengkorn 1,952.775 Hektoliter. Die Niederlande find durch Lage und grofse Wiefencultur bei einem reichen Viehftande von jeher auf den Import von Cerealien angewiefen gewefen, der mit dem wachfenden Wohlftande gleichfalls dauernd im Steigen begriffen ift. Für feinen Bedarf betrug der Import 1870 an Getreide 4,382.353 Hektoliter und 576.320 Centner Roggen- und Weizenmehl in einem Gefammtwerthe von 96 Millionen Francs. Die mittlere Durchfchnittsernte in den Niederlanden beträgt ( 1870) Weizen 2,056.222, Róggen 3,892.311, Gerfte 1,850.430, Hafer 4,093.407 Hektoliter, dazu kommt noch Spelz und türkifcher Mais mit faft 1 Million Hektoliter. Der Gefammtwerth aller Agriculturproducte beträgt demnach 172,175.690 Gulden. Er ift gegen frühere Jahre, zumeift gegen 1867 im Sinken begriffen. Frankreich fucht durch die Nothwendigkeit Getreide aus der Fremde zu importiren, den urbaren Boden und den Ackerbau zu entwickeln. Aber durch das Wachfen der ftädtifchen Bevölkerung, durch die dauernde Steigerung des Anbaues der Handelsgewächfe, Rübe, Hanf, Flachs, Karden u. f. w. deckt die Ackerwirthfchaft felbft in guten Ernten nicht den Bedarf und importirt Rufsland, Deutfchland, Oefterreich und Amerika. Der Gefammtimport an Getreide, zumeift Weizen betrug 1870 5794 Millionen Centner im Werthe von 141'6 Millionen Francs, an Weizenmehl zumeift Belgien o 328 Centner im Werthe von 11 5 Millionen Francs. Der Gefammtexport betrug nur 10 2 Millionen Francs und dazu kommt noch ein Zwifchenhandel im Werthe von etwas mehr als 26 Millionen Francs. Italien fteht heute noch für feinen Getreidebedarf unter den importirenden Ländern. Aber die fortfchreitende, politifche Confolidirung des Staates bringt auch wirthschaftlichen Segen. Es fteigt die Arbeitstüchtigkeit und das Arbeitserträgnifs, daher zeigen die Mittelernten der letzten Jahre doch einen finkenden Import von Getreide, während der Export von Reis, Mais und Mahlproducten im Steigen begriffen ift. Die Mittelernte beträgt 69,497.202 Hektoliter, wovon 16,352.141 auf Mais entfallen. Der Gefammtimport betrug 1870 an Getreidefrüchte 4.992.000 Centner, dem eine Ausfuhr von 3,206.000 Centner gegenüber ftand. Die Ausfuhr von Mehl dagegen überragte den Import. Griechenland ift theils durch eine ungenügende Ackerwirthschaft, die übrigens die Regierung mit aller Kraft zu verbeffern fucht, theils durch den ergiebigen Tabak- und den ganz anfehnlichen Baumwollbau( 2 Millionen Pfunde), durch die Pflege der Olive, der Korinthe und des Weines ein Getreideimportirendes Land, und man fchätzt die Jahreszufuhr auf mehr als 500.000 Centner mit einem Werthe von 13 bis 14 Millionen Francs, die Griechenland an Rufsland und die Donauländer zahlt. Diefes Verhältnifs dürfte, wenn die Bemühungen der Regierung gelingen, keineswegs lange mehr fo ungünftig bleiben. Schweden wird durch das Schwefterland Norwegen zu einem Getreide importirenden Staate, weil Klima und Bodenbefchaffenheit Norwegens eine aus- giebige Feldwirthschaft nicht geftatten. Aber auch Schweden war in frühereu Der Welthandel. 73 Jahren Getreide importirend, ift aber heute durch die Entwicklung feiner Feldwirthfchaft, Fleifs und Tüchtigkeit feiner Bewohner wenigftens nicht mehr paffiv, da Ein- und Ausfuhr fich faft decken. Auf den 2,548.000 Hektaren, welche Schweden 1870 in Cultur hatte, wurde Weizen an 1,271.000 Hektoliter Roggen " 6,660.000 5,065.000 " 99 99 Gerfte Hafer» 12,450.000 Mengkorn 1,640.000 دو erzeugt, zu denen noch 912.500 Hektoliter Hülfenfrüchte und 16,443.000 Kilogramm Kartoffel kommen. Demnach bedarf Roggen und Weizen vom Auslande einen Zufchufs, während Gerfte und Hafer eine ganz bedeutende Ausfuhr unterhalten und die Einfuhr an anderen Körnerfrüchten decken. Nur Mehl wird noch in bedeutend gröfserer Quantität eingeführt, 769.978 Centner, als ausgeführt, 46.186 Centner. Norwegen producirt zumeift Hafer, 1870 etwas mehr als 2 Millionen norwegifche Tonnen. Die Einfuhr an Getreide aus Rufsland, Dänemark, Amerika und zum Theil auch aus Deutſchland, in summa von faft 40 Millionen Francs, und von Mehl im Werthe von faft 4 Millionen Francs decken den Bedarf des Landes. Die Schweiz ift durch Lage und Befchaffenheit des Bodens, gegenüber feiner reichen und in der Induftrie thätigen Bevölkerung auf Getreide- und Mehlzufuhr aus der Fremde angewiefen. Die Gefammtzufuhr gibt der Ausweis 1871 auf 63,480.290 Francs für Getreide an für einen Import von 3,734,135 Centner Getreide und 177.437 Centner Mehl. Dabei ift zu bemerken, dafs der Mehlimport durch die auflebende Mühleninduftrie in der Schweiz im dauernden Sinken begriffen ift. Wie wir fchon früher angedeutet haben, wird für die europäifche Getreideverforgung Amerika von einer grofsen Bedeutung. Die Ertragsfähigkeit in den reichen Fluren der nordamerikanifchen Freiftaaten wird noch gefteigert durch eine fortgefetzte Pflege von Grund und Boden und find die Ernten in den letzten zwanzig Jahren um hunderte Millionen Hektoliter gewachfen und betrugen im Jahre 1860 gegen 1870 242,347.000 Bufhels, 1.174,310.000 in einem Werthe von 345,280.750 Dollars 1.174.310.000 an Weizen 173,104.924 Bufhels, Mais 22 838,792.740 99 " 99 Roggen 21,101.380 29 29,542.000 29 Hafer " 172,043.185 79 241,700.000 99 41,358.800 193,360.000 ga 99 Gerfte " 9 155,000.00 " 22,000.000 16,500.000 99 99 Buchweizen 17,500.000 996 24,500.000 24.500.000 ༤ ན་ " Kartoffeln III, 500.000 " 155, 500.000 22 79 77.500.000 was, wenn man Tabak, Zucker, Heu u. f. w. hinzurechnet, ein Jahreserzeugnifs von 2.352 Millionen Dollars ergeben foll. Von diefen koloffalen Schätzen exportirt Amerika mit jedem Jahre mehr und mehr, zumeift Weizen, Mais und Weizenmehl. Der Export betrug 1869 und 1870: 13,367.632 Hektoliter im Werthe 263'; Millionen, für 1870 und 1871: 25,541.839 Hektoliter im Werthe 284', Millionen Francs, dazu kommen 1869 und 1870 noch 115 Millionen Francs und 1870 und 1871 noch 130 Millionen Francs für Mehl. Der gefammte Getreidehandel Amerikas mag in diefem Jahre für 430 Millionen Francs exportirt haben. Von immer gröfserer Wichtigkeit wird neben den amerikaniſchen Freiftaaten Canada, und wenn es die drei offenen Wege, die Canada nach Europa hat, über den Miffiffippi, über New- York durch den Ericcanal und über den S. Lorenzo durch den Wallandcanal, von denen die beiden letzten noch fehr fchlecht ausgebildet find, wird vollkräftig benützen können, dann wird diefe Stellung Canadas noch bedeutender werden. Es ift die Kornkammer Europas. Aus dem Hafen von Montreal liefen 1870 Dampfer und Segler mit 839.289 Tonnen aus, die zumeift Getreide nach England führten. In denfelben Jahren 82,667.174 74 Dr. Carl Thomas Richter. Bufhels und 382.177 Barrels Mehl. Unter den übrigen heute fchon exportfähigen Staaten Amerikas ift noch Chile zu nennen, von deffen Bodenproducten fchon 1870 512 Millionen Centner exportirt wurden. Das Europa fo günftig gelegene Egypten dürfte, wenn die Macht des Khedive fo lange dauert und fo weit reicht, dafs das gefammte Land einer reicheren Cultur entgegengebracht wird, eine unerfchöpfliche Kornquelle Europas fein. Der heutige Export von I₁ Million Hektoliter Weizen und 162.000 Hektoliter Mais im Werthe von II Millionen Francs reicht nicht im Entfernteften an die Productionsfähigkeit Egyptens hinan. Nach diefer Ueberficht ift leicht zu erkennen, welche Bedeutung die Getreideproduction für die Welt hat und wie heute der Handel mit Feldfrüchten noch die mächtigften Werthe bewegt. Er mag im Ganzen Einfuhr und Ausfuhr als Werth angenommen 4277 4 Millionen Francs betragen, die fich faft zur Hälfte auf den Einfuhrhandel der Getreide bedürftigen Länder beziehen. Thee. Es ift bekannt, dafs im Handel der Welt von dem grofsen Theepro ducenten China aus zwei Sorten, der fogenannte fchwarze und der grüne Thee kommen, die aber beide von derfelben Pflanze abftammen, und nur durch die verfchiedenen Arten der Dörrung, Trocknung und weiteren Manipulation verfchieden werden und in der That in der Qualität und vielleicht auch n der Quantität verfchieden fich zeigen. Die Theepflanze hat eine grofse Bedeutung und gedeiht über China, Japan und Affam hinaus in allen Gebirgsgegenden des nördlichen Siam, China und Cochinchina. Er wird in einzelnen Gebieten an den Abhängen der Berge bis zu einer Höhe von 1500 Fufs gebaut und gedeiht in anderen Gegenden wieder schon am Fufs der Berge oft in unmittelbarer Nähe der Reisfelder. Der fchwarze Thee bildet 8/10 der Gefammtausfuhr Chinas und kommt von den Boheahügeln. Der grüne Thee kommt aus Choangha und San- to- tfchu und foll am ausgezeichnetften in den nördlichen Provinzen der Theediftricte fein. Das Sammeln, Räuchern, Rollen und Ausfuchen des Thees wird zumeift von Frauen und Kindern ausgeführt. Noch vor 20 Jahren kaum 50 Millionen Pfund betragend, ift heute die Ausfuhr auf 180 Millionen Pfund geftiegen. Wir laffen am Schluffe eine genaue Tabelle der chinefischen Theebewegung folgen, die wir der Ausftellung verdanken und die am beften die Bedeutung des ganzen Handels illuftrirt, und die verfchiedenen Namen der Theeforten angibt, die übrigens nichts Anderes bedeuten, als Namen der einzelnen Grundftücke oder Befitzer der Theefelder. Neben China fteigt die Bedeutung Japans für den Theehandel von Jahr zu Jahr und mag heute 15 Millionen Zollpfund aus Yokohama, Nagafaki und Hiogo und Ofaka verfandt werden. Die beiden letzten Häfen find heute fchon die bedeutendften und werden ficher den Theehandel aus den theeerzeugenden Provinzen an fich ziehen. Bei der Tüchtigkeit der Arbeit und der Ausdauer des japanefifchen Volkes, dürfte bald der japanefifche Thee auch eine bedeutende Concurrenz für China bilden. Aufser Oftafien ftrebte auch Java und Madura mit feinen Theeforten auf den Markt( 1871: 916.767 Kiligramm). Grofsartig aber ift die feit beiläufig 20 Jahren begründete Theecultur in den Himalajagegenden, insbefondere in Affam, wo allein 100 bis 150 Millionen Pfund gezogen werden follen. Im Jahre 1870 find auf den Markt in Calcutta 15.700.000 Pfund Thee zur Auction und Ausfuhr gekommen. Rechnet man die Gefammtproduction des Thee in den afiatifchen Theeregionen zufammen, fo ergibt fich eine Gefammtproduction von mehr als 240 Millionen Pfund, von denen durchfchnittlich mehr als 200 Millionen Pfund zur Ausfuhr nach Europa und Nordamerika kommen. Im Jahre 1871 betrug die Ausfuhr 202,752.400 Pfund von denen nach England allein 139,113.600 Pfund kommen. Der Welthandel. Tabelle der Theeausfuhr von 1870 nach den verfchiedenen Sorten und Ländern, welche ausgeführt und empfangen. ihn Schwarzer Thee: Congou Souchong Duft Mixed Flowery Pekoe Brick Perculs Grofs- Britannien 723.715 26.705 2.703 184 1.866 Brit'fche Flagge für Aufträge 24.460 2.334 3 294 Europäiſcher Continent Canada 532 II 2 . Verein. Staaten v. Nordamerika 11.406 11.421 Buenos- Ayres Calao Olong Scented Orange Pekoe Pouchong 5.505 34.750 26.623 5 821.856 300 31 52.997 54 44 1.136 77.389 970 28 240 702 1.940 608 611 Cap der guten Hoffnung.. 243 693 45 + 985 Auftralien. 82.772 44 41 13 324 83.294 I.262 Neu- Seeland. 1.253 9 Java. 886 50 Manila. 2.260 8 3.196 88 00 97 I Saigon. 157 Siam. 294 Straits. I5I I 487 755 302 644 1.049 +54 Hongkong Freihäfen und 18.680 6.767 521 333 853 1.054 20.082 I.275 6.082 2.012 57.659 98 Japan . 98 Sibirien und Rufsland über Kiachta. Indien Amur- Provinz , 21.161 28. I 62.194 83.355 20 49 I Total..886.706 48.046 886.706 48.046 3-524 637 3.013 63.252 82.400 36.092 33.629 4.483 1,161.479 33.629 27.091 13 532 Total Schwarz 75 76 Dr. Carl Thomas Richter. Tabelle der Theeausfuhr von 1870 nach den verfchiedenen Sorten und Ländern, welche ihn ausgeführt und empfangen. Grüner Thee: Grofs- Britannien Brit'fche Flagge für Aufträge Europäifcher Peculs 21.776 8.706 34 1.056 6.642 28.856 4.428 71.498 Continent 66 146 91 306 Canada. 249 69 125 50 212 609 1.314 Verein. Staaten v. Nordamerika 83.068 14.041 94 6.228 19.694 32.469 3.861 159.455 Buenos- Ayres 253 253 Callao . Cap der guten Hoffnung. Auftralien. Neu- Seeland. Java. Manila. Saigon Siam. Straits Hongkong und Freihäfen Japan Sibirien und Rufsland Kiachta Indien über Amur- Provinz 32 58 37 127 420 972 33 67 739 597 105 1.393 3.326 27 60 6 6 17 4 66 3 1.065 21 1.089 Total 105.575 24.925 219 7.482 27.533 62.300 9.003 I.397 237-434 Der Welthandel. 77 Trotz diefer koloffalen Maffe kommen doch noch grofse Mengen von Theefurrogaten und gefälschten Waaren auf den Markt, zunächft im Detailhandel. Theefurrogate bildet der fogenannten Maté oder Paraguaythee, beiläufig 40 Millionen Pfund und der Cocathee, von dem beiläufig 20 Millionen Pfund auf den Markt kommen. Die Theefälfchungen werden mit bereits gebrauchten Blättern im Detailhandel getrieben. Sie kommen zumeift in England vor, wo bei einem Verbrauch von 3 Pfund per Kopf der Theeconfum auch bei den ärmeren Claffen Eingang gefunden. Leider hängt auch hier, wie im Bezug von Baumwolle zumeift Süd- und Mitteleuropa vollständig von England ab, und zahlen Fracht und Gewinn in einem Preife, der bei directem Bezug heute durch den Suezcanal, Trieft oder Venedig auf mindeftens ein Drittel finken könnte. Der Triefter Hafen hat trotz des fteigenden Confums in Oefterreich( beiläufig 369.600 Pfund im Jahr) auch nicht ein Pfund, eingeführt. Vielleicht wiederholen wir hier nicht vergeblich, was die während der Ausstellung in Wien anwefenden Zolldirectoren aus China uns vielfach verficherten. Entwickelten fich die, während diefer Zeit vielfach angeknüpften Handelsbeziehungen Oefterreichs mit Oftafien, dann kann der Thee einen reichlohnenden Rückfracht- Artikel bilden, der immer bedeutender werden wird, jemehr mit der dadurch erzeugten Billigkeit desfelben der Confum fich fteigern wird. Rufsland führt ja auch feinen Thee als Rückfracht der Karawanen, welche Pelze nach China bringen, in fein Land ein. Und Oefterreich mit der günftigen Lage feines Triefter Hafens follte diefem Beiſpiele nicht folgen können? Kaffee. Die Hauptproductions- Länder des Kaffees find Brafilien, Java, Sumatra, Ceylon, S. Domingo, britifch Indien, Portorico, Costarica, die Mocca zumeift erzeugenden Gebiete des rothen Meeres, feit den letzten Jahren in fortfchreitender Entwicklung begriffen, Venezuela, Guatemala, Pinang und Cuba. Unter allen diefen Productionsgebieten nehmen die drei erft genannten Länder die höchfte Stelle ein, denn von einer Gefammtproduction im Jahre 1870 und 1871 von 7,264.321 Zollcentnern producirten: Brafilien 3,225.705 Centner bei mehr als 800 Millionen Kaffeeftauden Java und Sumatra Ceylon • 1.412.000 " 99 " • 1,000,000 faft 300 280 " 99 " " " Diefe Productionsmenge fucht man allenthalben durch die Verbefferung der Cultur, durch die beffere und forgfältigere Einfammlung der Früchte und Ausnützung der Arbeitskräfte zu fteigern, denn der Kaffeebedarf ift allenthalben in den Productionsländern und den importirenden Staaten Europas und Amerikas im rafchen Steigen begriffen. Den höchften Kaffeeverbrauch hat Belgien, Holland, die Schweiz und die vereinigten Staaten von Nordamerika. Im deutfchen Zollverein rechnet man 4 Pfund per Kopf, in Frankreich 314, in Oefterreich- Ungarn 12 Pfund. Rufsland und Grofsbritannien, die Haupt- Confumtionsländer von Thee zeigen den geringften Kaffeeverbrauch. Der Gefammtimport nach den europäiſchen Ländern belief fich 1871 auf 6,912.363 Zollcentner, nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf 1,994.000 Zollcentner. Brafilien, Java und Ceylon beherrfchen zumeift den europäifchen Markt und in den letzten Jahren haben Cuba und Venezuela eine gröfsere Bedeutung erlangt, für Trieft wird Britifch Indien und die Caffeeküfte des rothen Meeres von immer gröfserer Bedeutung. Der Import durch diefen Hafen iſt im fortwährenden Steigen begriffen. Er betrug 1871: 217.543 Centner, alfo faft 100.000 Centner mehr als früher. Die englifchen Befitzungen haben fich dabei mit 20.765 Zollcentner betheiligt gegen 1835 früher. Der Hauptimport ift jedoch immer noch durch Waare aus Brafilien gedeckt worden und kann diefs den Ausfall im Hamburger Hafen zum Theil erklären. Cacao. Von immer gröfserer Bedeutung wird die Cacaoproduction und ihr Erfcheinen auf den europäifchen Märkten. Wir erwähnen hier nur kurz, dafs 78 Dr. Carl Thomas Richter. die Hauptproductions- Länder Martinique 1871 und 1872: 342.691 Kilogramm, Guadeloupe 102.933 Kilogramm und Venezuela, welches den beften Cacao erzeugt, 1870 und 1871: 50.786 Centner nach Europa exportirte. Zucker. Wir haben hier nur wenige Bemerkungen zu machen, da das Gebiet in der trefflichen Arbeit von Dr. Jofef Hanamann:„ Zucker", Band I. des officiellen Berichts fchon berührt ift. Die Colonialzucker- Induftrie wird um fo intereffanter, als fie feit Jahren auf dem europäiſchen Continent die RübenzuckerInduftrie bekämpft, gerade wie diefe jene. Bis heute hat diefer Kampf weder dem einen noch dem anderen Product Eintrag gethan und wie beide fich entwickeln, haben fie nur die Confumtion faft in der ganzen Welt vermehrt, natürlich dort am meiften, wo man, wie in Frankreich, Belgien und Deutfchland nicht höchft überflüffig das Product der Induftrie gegen das Product der Natur protegirte. Oefterreich und Rufsland leiden darunter und ftehen auf der letzten Stufe der Zucker confumirenden Länder. Die Ausfuhr des Colonialzuckers, die bei dem ftarken Verbrauch der Productionsorte unter Einem auf die Production fchliefsen läfst, geftaltete fich 1871 in folgender Weife: Cuba Land Ausfuhr in Zollcentnern 12,000.000 500.000 Das übrige Weftindien. Java und Sumatra 3,482.000 China 2,840.000 Franzöfifche Colonien 2,400.000 Brafilien 2,706.000 Mauritius 1,641.000 Britifch Guiana 1,612.800 Manilla. Mexico. 1,200.000 700.000 Egypten 456.851 Britifch Indien 314.400 Peru. 160.000 Siam. 140.000 Natal 114.000 Pinang 64.000 San Salvador 60.000 Luifiana 40.000 Venezuela . 32.939 Guatemala. 13.000 Wir folgen dabei den Zahlen von Behm's geographifchem Jahrbuch und haben nur dort, wo die Ausftellung genaueres Material lieferte, die Ziffer für das Jahr 1870 eingeftellt. Die Gefammtproduction des Colonialzuckers mag fomit in den Jahren 1870 und 1871 an 37 Millionen Centner ergeben haben, in denen ein Ausfall gegen früher zu bemerken ift, der durch die fchlechte Ernte in Cuba, dem HauptProductionslande, entstanden ift, in der Gegenwart aber fchon wieder gedeckt fein foll. Diefen Ziffern gegenüber fteht eine in den 1663 europäifchen RübenzuckerFabriken erzeugte Menge von 18,711.000 Zollcentner des in der Campagne 1871 und 1872 gefchaffenen Rübenzuckers, wobei Frankreich in erfter Richtung, dann Deutfchland, Rufsland und Oefterreich betheiligt find. Von den oben erwähnten Ziffern der gefammten Colonialzucker- Ausfuhr mögen 25 Millionen Centner auf Europa entfallen, was fomit einen Confum von 43,711.000 Zollcentner per Jahr macht. Intereffant ift auch hier wieder für Oefterreich und Mitteleuropa das Steigen der Handelsbewegung im Triefter Hafen. Die Zuckereinfuhr fank von 114.522 Zoll Der Welthandel. 79 centner im Jahre 1865 auf 29.396 Zollcentner 1871. Die Ausfuhr dagegen, natürlich Rübenzucker, geftaltete fich folgendermassen: 1865 Trieft und andere öfterreichifche Häfen 70.707 1871 56.624 fremde Häfen, zumeift " 9 " Türkei, Egypten und Moldau 9.209 21.719 nach Italien.. " 30.177 94.464 Griechenland " 2.739 24.404 114.248 198.740 Gefammtbewegung Dazu kommt noch eine Zuckerausfuhr von Trieft auf dem Landwege, die 1865 erft 5428, im Jahre 1871 aber fchon 28.509 Zollcentner betrug. Gewürze. Unter den Gewürzen hatte von jeher der Zimmt von der Infel Ceylon eine bedeutende Stellung eingenommen. Der Export beläuft fich heute auf faft I Million Pfund im Werthe von 50- bis 60.000 Pfund Sterling, faft den fechsten Theil der gefammten Ausfuhr der Infel. Mit dem Zimmt concurrirt die fcharfe, herb fchmeckende Caffia( Laurus Caffia L.), welche Frankreich heute mit grofser Sorgfalt in feinen Colonien von Martinique pflegt. Die Ausfuhr betrug 1872 fchon 190.000 Kilogramm. Summatra, Borneo, China und Cochinchina verfchiffen gleichfalls bedeutende Mengen diefer Pflanze nach England. Es werden in Gefammtheit nach Europa beiläufig 1,600.000 Pfund im Werthe von 100.000 Pfund Sterling verfchifft. Tabak. Bei dem bedeutenden und fich immer fteigernden Confum des Tabaks und der dadurch erhaltenen reichen Cultur in zwei Welttheilen fei es geftattet, noch in Kurzem des Tabakbaues und Handels zu erwähnen. Repräfentirt die Production heute mindeftens 12 Millionen Centner, fo repräfentirt diefs einen Handelswerth von wenigftens 240 Millionen Gulden. Die Hauptproductions- Länder find die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die Infel Cuba, Brafilien, zumeift Provinz Bahia, und die Philippinen. In Europa fteht Oefterreich an der Spitze, dann folgt Deutfchland, Rufsland, Holland. Diefer Production entfprechend vertheilte fich auch die Confum tionskraft der Länder. Wir ftellen die entsprechende Productionsmenge und Confumtion per Kopf, zufammen und laffen fie als befte Erläuterung folgen. Production Land Nordamerika Cuba Brafilien Philippinen. Oftindien Oefterreich Deutfchland Rufsland. Holland Italien • Die übrigen Länder Confumtion per Kopf 2,000.000 Centner 610.000 300.000 3 Pfund 2.3 " 97 99 79 200.000 " 29 150.000 1,000.000 " 99 " 561.309 180.000 ,, 23 2.8 11 3.I 99 I 19 وو 60.000 " 434 29 40.000 7.000.000 99 15 97 29 12,101.309 Centner. Zum Schluffe fei noch der Production jener Pflanzen gedacht, welche für die Bereitung der geiftigen Getränke von grofsartiger Bedeutung find. Wir meinen die Weinrebe und den Hopfen, der vor Allem durch feine fprunghafte Geftaltung der Preife von ganz eigenthümlicher Wichtigkeit ift. 80 Dr. Carl Thomas Richter. Die europäifchen Länder, unter denen Frankreich mit einer durchſchnittlichen Erzeugung von 70 Millionen Eimer Wein im Werthe von mehr als 700 Millionen Francs und Oefterreich mit einer Durchfchnittsproduction von 35 Millionen Eimer an der Spitze ftehen, produciren durchfchnittlich ficher 130 Millionen Eimer Wein. Dazu kommen noch in den Handel die ausgezeichneten Weine des Caplandes, das heute 230.000 Eimer liefert, und die kräftigen Weine Auftraliens mit 25.000 bis 30.000 Eimer, die heute, fchon zu einem bedeutenden Theile nach England gehen. Was die Hopfenproduction und dabei die Biererzeugung anbelangt, fo geftaltet fich die Production der heute am grofsen Hopfenhandel fich betheiligenden Länder, ficherlich nicht zu hoch gegriffen, nach M. H. Rufs& Comp. ( Prag 1873) folgendermassen: England Baiern Böhmen Württemberg. Baden.. Oberöfterreich Steiermark Centner 620.000 200.000 120.000 60.700 25.000 16.000 6.000 Galizien 8.000 Elfafs 80.000 Lothringen 20.000 Burgund 15.000 Altmarkt und Hannover 25.000 Nordamerika. 250.000 Belgien 180.000 Rufsland 15.000 Pofen 40.000 800 1.500 1.500 1,413.000 Sachfen Heffen Umgebung von Coblenz Die Bierproduction der wichtigſten Bierproducenten ift in einem dauernden, fortgefetzten Steigen begriffen und die koloffale Production läfst fich wohl am beften durch die nachfolgende Darftellung entnehmen, welche wir aus den forgfältigen Forfchungen von Guftav Noback:„ Die Bierproduction"( Wien 1873) im Nachfolgenden zufammenftellen. Es producirten: Staaten Oefterreich- Ungarn Bierproduction in Litern Kommt per Kopf in Litern circa I.221,199.953 34% Preufsen 972,190.299 39% 2 Sachfen 154.527.939 60% Andere Länder Norddeutfchlands 200,298.994 4812 Baiern 920,703.330 219 Württemberg 280,108.567 154 Baden 41,895.597 56 Elfafs- Lothringen 83,631.200 51 Grofsbritannien und Irland 3.568,259.103 118 Belgien 700,000.000 145 Frankreich 700,000.000 19½ Niederlande 135,571.800 37 Schweden 52,000.000 14½ Staaten Norwegen Rufsland. Nordamerika Der Welthandel. Bierproduction in Litern Kommt per Kopf in Litern eirca 81 25,340.000 974,000.000 998,199.800 1212 14 26 Die Nahrungsmittel aus dem Thierreiche. In den europäifchen Staaten kann man mit annähernder Sicherheit 20 Kilogramme Fleifch per Kopf rechnen, eine koloffale Steigerung in 20 Jahren, vor welcher Zeit II Kilogramme auf den Kopf entfielen. Man kann demnach leicht den Bedarf Europas an Nahrungsmitteln erkennen, der fich natürlich mit der Dichtigkeit der Bevölkerung, was annähernd gleichbedeutend ift dem Reichthum derfelben, um fo dringender geftaltet. Beachten wir, was ein Land bedarf, z. B. Frankreich, in dem der Fleifchconfum, freilich nach England, am ftärksten ift. Es verbraucht 1.550.000 Stück Rindvieh, 3,350.000 Kälber, 5,640.000 Schafe, 1,290.000 Lämmer und 4,290.000 Schweine. Dazu kommen noch an 30 Millionen Kilogramme Eier, Millionen von Pfunden Butter, Schmalz u. f. w. Betrachten wir, was eine Stadt verzehrt, die nicht an die reich bevölkertften Städte Europas heranreicht und wo der Fleifchverbrauch im Lande weniger grofs ift, als der in England. Die neueften Daten des Confums der Einwohnerfchaft von Wafhington. geben per Woche 5,525.000 Pfund Rindfleifch, 112.500 Pfund Hammelfleifch, 72.500 Pfund Kalbfleifch und 2,400.000 Pfund Schweinefleifch. Dazu kommen 125.000 Quarters Milch, 62.500 Pfund Butter und 8944 Pfund Käfe. Der Gefammtwerth der täglich verzehrten Fleiſchftoffe beträgt 370.000 Dollars. Die Viehzucht Europas wurde daher durch den fteigenden Confum des Fleifches, oder was gleichbedeutend ift, die fteigende Cultur zur Kunftmaftung gedrängt, um, da die wachfende Cultur eine Ausdehnung der Weide nicht erlaubt, mit gleichviel Viehftücken eine gröfsere Quantität Fleifch zu erzielen. In diefer Richtung kann noch Vieles in Europa gefchehen, vor Allem in Ungarn, den Donauländern und Rufsland, wo heute noch die Weide und Feldwirthfchaft eine grofse Viehzucht ermöglicht. Da die Steigerung des Bedarfes aber die Preife des Fleifches auch erhöhte, fo griff Europa auf den natürlichen Reichthum der überfeeifchen Länder wie bei feiner Getreideverforgung. Dadurch wurde wieder in diefen fernen Ländern neben dem Viehhandel die Conferveninduftrie erzeugt, die beftimmt ift, für die ganze Welt in kürzefter Zeit von grofser Bedeutung zu werden. Wir erwähnen gleich hier, dafs die Etabliffements zur Fleifchextract- Bereitung in Brafilien, in den La- Plata- Staaten heute fchon 100.000 bis 120.000 Stück Hornvieh für die Erzeugung von faft I Million Pfund Fleifchextract verbrauchen. Die Ausbeutung des koloffalen Viehftandes in Auftralien durch Erzeugung von confervirtem Fleifch wird heute im Rivermendiftrict zu Denilikuin durch Actiengefellfchaften betrieben, die wöchentlich 10.000 Schafe abftechen und conferviren. Im Durchfchnitte find in den letzten Jahren 620.438 Stück Hornvieh, 3,758.175 Stück Stechvieh abgefotten und zur Verfendung gebracht worden mit einem Werthe von faft 4 Millionen Francs. In ähnlicher Weife wird der koloffale Viehftand Nordamerikas ausgenützt. Die weftlichen Staaten haben im Jahre 1871: 4,599.000 Schweine gefchlachtet. und gefalzen oder geräuchert nach den weftlichen Staaten theils zum Verbrauch, theils zum weiteren Handel gefendet. Der Export Nordamerikas an confervirtem Fleifch betrug 1870: 727 Millionen Pfund Rindfleifch und 24 Millionen Pfund Schweinefleifch. Die amerikanifch- auftralifchen Zufuhren aller Art Fleifchconferven mögen mehr als 40 Millionen Francs betragen. Wir ftellen zum Schluffe die Vieh6 82 Dr. Carl Thomas Richter. production und den Viehftand der Culturländer zufammen, was am beften ergibt, wie viel Arbeit und Productionswerth darin gelegen und wie der Export Amerikas und Auftraliens fo rafch fteigen konnte. Rufsland Staaten. Europa: Oefterreich- Ungarn Deutſchland. Frankreich Grofsbritannien Italien Rumänien Schweden Spanien Niederlande. Belgien Stück Rindvieh. Schafe. 22,054.967 900.187 583.485 Schweine. 20,988.300 43,770-020 9,285.412 13,660.322 16,566.459 7,914.855 13,487.594 29,633.600 6,108.204 12,733.188 30,386.233 5,889.624 9,083.416 34,250.272 3,189.167 3,708.635 II, 040.339 3,886.731 2,650.000 5,000.000 1,200.800 1,968.000 I 595.000 1,869.178 354.500 1,608.203 1,547.752 329.058 1,257.649 458.418 Schweiz 992.895 445.400 263.546 Portugal. 606.217 257 770 934.880 Griechenland 75.910 1,778.729 55.776 Auftralien: Victoria 689.536 9,923.660 III.464 Neu- Seeland 436.592 9,700.629 151.460 Neu- Südwales 1,728.073 13,909.574 92.800 Queensland. 882.073 5,665.334 12.066 Amerika: Vereinigte Staaten von Nordamerika 26,235.200 31,851.000 29.457.500 Diefe koloffalen Mengen Vieh, die lange für Auftralien nicht erfchöpft find, weil man die freilebenden Heerden noch nicht gefchätzt, für Amerika noch die anderen Staaten eine koloffale Menge hinzu zu bringen haben, ernähren einen Viehhandel nicht nur in Europa, fondern auch in den überfeeifchen Ländern feit langer Zeit, der nun freilich, was Behandlung des Viehes, Erhaltung des Fleifches auf der Reife anbelangt, noch viel zu wünſchen übrig läfst. Die Zeit wird Europa. zwingen, auch hier feine Transportanftalten zu verbeffern. Eine bedeutende Stelle nehmen feit Jahrhunderten unter den Nahrungsmitteln aus dem Thierreich die Fifche des Meeres, der Seen und der Flüfse ein. Für den Welthandel find nur die Seefifche von Bedeutung, die in frifchen, geräucherten oder gefalzenen Zuftande in den Handel gelangen. Leider waren uns neue Ziffer für die Handelsbewegung nicht für alle Länder auffindbar. Die wenigen Neuen aber find fehr intereffant, ebenfo wie die vor der Ausftellung noch gar nicht bekannten Ziffern der ruffifchen Fifcherei. Norwegen hat 1871: 46,590.266 Kilos Fifchproducte ausgeführt und 409.400 Kilos Fifchguano. An diefer Menge betheiligen fich Stockfifch mit mehr als 15, Klippfifch mit mehr als 25 Millionen. Im Jahre 1872 betrug der gefammte Fifchexport mehr als 55 Millionen Kilos, im Werth von 28 Millionen Gulden. Betreffs Rufsland erfahren wir durch die Notizen des„ Miniftère des Domaines" über die Fifcherei in Rufsland, dafs die Ausbeute des cafpifchen Meeres jährlich 13 Millionen Pouds im Werthe von 15 Millionen Rubel beträgt, darunter Caviar mit 439.000 Pouds im Werthe von 1,690.000 Rubel. Frankreich exportirt jährlich für 8 Millionen Francs Fifche. Die Welthandels- Bewegung. Zu dem Verkehr der Rohproducte und Urftoffe, zu dem grofsen Geldhandel, der heute fich jeden Tag in der Culturwelt vollzieht, tritt nun auch noch der Werth der fertigen Stoffe der Fabricate, der gleichfalls nach Hunderten von Millionen berechnet werden kann. Mit Einfchlufs diefer Producte wollen wir in dem Folgenden eine Gefammtüberficht des Welthandels in Zahlen geben und dann fchliefslich nur jener beiden Staaten etwas genauer gedenken, die für den Handel Oefterreichs und Deutfchlands feit der Durchftechung der Landenge von Suez eine befondere Bedeutung erhalten haben. Wir meinen China und Japan. Vorher mag eine Betrachtung des Handels vom Jahre 1872, wie er in Oefterreich fich geftaltete, gehen und vielleicht zeigen, wie weit unfer Vaterland gekräftigt ist für feine neuen Aufgaben. Betreffs der Einfuhr- und Ausfuhrziffern hat die Ausftellung wenig Neues und Befonderes gebracht. Wir haben nur von Portugal die Handelsziffer für das Jahr 1870 und 1871 aufgefunden und in die Tabelle einftellen können. Betreffs der Schweiz gab auch die grofse Betheiligung derfelben an der Ausstellung keine Veranlaffung, die Handelsbewegung zu verzeichnen. Nur betreffs der VerzehrungsGegenftände konnten wir erfehen, dafs die Einfuhr 1871: 153,855.664 Francs, die Ausfuhr 42,187.692 Francs betragen hat. Wir geben daher nur für Europa die die einzelnen Staaten betreffenden Ziffern und verweifen für die anderen Welttheile, von denen wir nur eine Gefammtziffer angeben, auf Behm's geographifches Jahrbuch. Der Umfatz der Werthe im Welthandel betrug durchfchnittlich für das Jahr 1870 und 1871 geltend Europa: für England und Irland Frankreich • Deutfchland. 19 77 Belgien ,, Rufsland Oefterreich- Ungarn Niederlande 97 ,, Italien. ,, Spanien Türkei 11 27 29 99 Schweden Dänemark Norwegen Portugal Rumänien Griechenland 99 Serbien Einfuhr. 3.300,600.000 I. 137, 100.000 870,000.000 698, 500.000 510,900.000 532,700.000 556,500.000 395,500.000 187,100.000 126, 700.000 81, 300.000 90,090.000 53,880.000 22,300.000 28,700.000 32, 100.000 10,600.000 Ausfuhr. Gefammthandel in öfterreichifchen Gulden. 2.215, 100.000 5.515.7 Millionen, 1.346, 100.000 2.483.2 765,000.000 1.635 603,900.000 1.302'4 569, 500.000 1.080.4 دو 470,800.000 1.003.5 458, 500.000 339, 500.000 27 1.015 ,, 121,300.000 55,200.000 87,500.000 168.8 46,700.000 735 308.4 181.9 19 11 99 136.7 97.9 99 99 19,700.000 42 99 62,800.000 915 12 18,000.000 501 "" 13,500.000 2'1 17 * 6 44, 100.000 84 Dr. Carl Thomas Richter. Demnach ergibt fich eine Gefammtfumme für Europa. Amerika: Die vereinigten Staaten Die übrigen Staaten. Afien: Britisch Indien China Japan Die übrigen Staaten Auftralien: Der Welttheil Afrika: Aegypten . Einfuhr. 8.634,400.000 Ausfuhr. Gefammt. 7.118,200.000 15.752,600.000 1. 120,900.000 1.164,400.000 2.285, 300.000 894,700.000 468,800.000 258,800.000 53,800.000 242,300.000 1.008,300.000 535, 100.000 247, 100.000 25, 100.000 265,200.000 1.903,000.000 1.003,900.000 505,900.000 78,900.000 507,500.000 298,400.000 297,000.000 595,400.000 41,400.000 158,200.000 115,800.000 157,200.000 121,700.000 279,900.000 Die übrigen Staaten Nach diefen Angaben beträgt der gefammte Welthandel der Erde beiläufig 23.200 Millionen Gulden. Betrachten wir die grofsen Induftrieftaaten Europas, fo fehen wir mit grofser Macht die Handelsbeziehungen derfelben fich entwickeln. Es ift unzweifelhaft, dafs die Freiheit von Handel und Induftrie es dahin gebracht hat. Wir wollen nur ein Beiſpiel geben, ein Beiſpiel an dem Staat, der in jüngfter Zeit noch nach den Verhältniffen der Vergangenheit zurückdrängte, an Frankreich. In einem Zeitraum von 15 Jahren, alfo feit dem Abfchlufs des englifch franzöfifchen Handelsvertrages ift Frankreichs Handel jährlich um 7% Percent gewachſen. Im Jahre 1858 betrug fein ganzer Seehandel 12.784,368 Tonnen, im Jahre 1868, 16,822.973. Es hatte 1858 an Dampffchiffen 66.587 Tonnen, 1868: 135.259 Tonnen und 1871, 142.942 Tonnen. Der Handel zwifchen England und Frankreich allem war von 1858 mit 24.371 Tonnen, 1868 auf 251.985 Tonnen fchon geftiegen. In ähnlicher Weife läfst fich für Oefterreich in den zehn Jahren in dem es Schutz und Hemmniffe befeitigt, ein grofser Auffchwung wahrnehmen, da binnen zehn Jahren fein Gefammthandel fich gerade verdoppelt hat. Er betrug: im Jahre 1861 1867 1871 Millionen Einfuhr 272 320 524 Millionen Ausfuhr 338 446 463 Sein Transitoverkehr ift in diefer Zeit von 95 Millionen auf 235 Millionen Gulden geftiegen. Und fo nimmt heute Oefterreich den fechsten Rang unter den Handelsftaaten der Welt ein. Von den géfammten Induſtrie- Productionswerth entfallen in Europa auf den Kopf der Bevölkerung in Grofsbritannien 212 Gulden, in Frankreich 87 Gulden, in Deutſchland 45 Gulden( Preufsen 66 Gulden) und in Oefterreich 34 Gulden. Wir betrachten nun auf Grund der Handelsbilanz des Jahres 1872 den öfterreichiſch- ungarifchen Handel genauer und wollen dabei das eben angegebene Wachsthum durch die Aufnahme des Jahres 1862 und feinen Handel weiter erörtern. Wir ftellen an die Spitze die Gefammtziffern: Einfuhr im Jahre 1862 238 Millionen 1871 1872 5241 59212 وو " Ausfuhr Gefammt 294 6 Millionen 463 382.2 99 " 530.6 Mil. 987.1 974 4 99 27 Der Welthandel. 85 dabei haben wir, wie im Folgenden überhaupt, den Ein- und Ausfuhrhandel Dal matiens ausgefchieden und erinnern hier nur zur Richtigftellung der Ziffer, dafs derfelbe: betrug. im Jahre 1871 1872 nach Einfuhr Gulden 8.551,930 8.605,342 nach Ausfuhr Gulden 7.788,822 6,856,096 Man erkennt aus den obigen Ziffern, dafs erftens ein Rückgang in der Ausfuhr eingetreten ift und eine Vermehrung der Einfuhr. Das erfte braucht keineswegs Beforgnifs zu erregen, da der Ausfall zumeift dem Ausfall im Getreidehandel zuzufchreiben und durch die Mifsjahre erzeugt worden ift. Diefs erklärt auch zum Theil die gefteigerte Einfuhr, die theils den Colonialwaaren zu Gute kommt, was eine Steigerung der Einkommensquellen bedeutet, aber auch die Steigerung des Getreide- Importes, der durch die fchlechten Ernten nöthig wurde. Wir geben zur Erklärung das Bild des ganzen Getreidehandels durch einen faft zehnjährigen Zeitraume: Ausfuhr war: Jahr Einfuhr Ausfuhr Millionen Centner. 1863 24 5.1 1864 3.8 5 1865 2.7 10.9 1866 2: 3 9.7 1867 2.3 22.6 1868 2.7 30.7 1879 2.6 201 1870 3: 5 12 2 1871 4'2 17 I 1872 9.7 7.4 1+++++++++ 2.7 I 2 8: 2 7.4 20.3 28.0 17.5 8.7 12'9 2.3 Es zeigt daher 1872 ein fehr ungünftiges Verhältnifs, das durch den Nothftand der öftlichen Reichshälfte erzeugt worden ift, denn die ausgewiefene trotzdem noch günftige Ausfuhr fällt auf Gerfte und Malz, die durch ihre Qualität von der Fremde fehr gefucht werden. Betreffs des Handels der Fabricate geftaltet fich, 1862, 1871 und 1872 in die Reihe ftellend, das Verhältnifs fo, dafs die Zunahme des Imports der Fabricate dauernd fteigend ift, was als Folge der Handelsverträge feit den letzten Jahren, ein Zeichen jedenfalls, der gefteigerten Confumtionsfähigkeit des Landes ift. Dafs diefe Confumtionsfähigkeit Oefterreichs glücklich im Steigen ift, das zeigt zumeift der fteigende Import der Verzehrungs- Gegenftände. Diefer ergab folgendes Refultat; Cacao 1872 Zollcentner 1862 5.231 1871 5.782 7.161 Kaffee وو 377.055 614.711 650.191 Gewürze 34.835 99 44.378 44.751 Südfrüchte 298.715 " 451.695 547.260 Thee 2.920 4.520 5.003 Fifche, Schal- und fonftige Wafferthiere 99 144.740 196.991 244.821 Schlachtvieh Stück 120.657 149.149 196,872 Stechvieh " 630.443 821.573 1,210.548 Wein Centner 176.254 270.893 378.574 Olivenöl Efswaaren 221.894 126.167 131.858 99 31.713 72.136 84.354 79 86 Dr. Carl Thomas Richter. Erft nach Prüfung diefer Tabellen und jener der Einfuhr der Rohftoffe und Hilfsftoffe für die Induftrie und endlich der Halbfabricate, die wir gleich geben, kann man die zunächft folgenden Tabellen des Fabricat- Imports gerecht würdigen und erkennen, dafs der fteigende Import keine Schwäche Oefterreichs bedeutet. Die Einfuhr der Hilfsftoffe und Halbfabricate betrug in den Jahren: Waaren Fifchthran Einheit Zollcentner 1862 1871 1872 45.949 78.755 76.013 Cocosnufs- und Palmöl 29 25.436 46.118 75.224 Felle und Häute 147-747 319.291 251.961 Stein- und Braunkohlen " 6,000.000 27,300.000 31,800.000 Arznei- und Parfümerieftoffe 7.831 10.406 10.724 Farb- und Gärbeftoff 358.475 675.003 617.896 Gummen, Harze, Petroleum 35.398 1.105.096 1.251.658 Chemifche Hilfsftoffe 408.762 881.242 959.686 Eifen überhaupt 407.098 7.002.620 7.097.505 Blei 16.048 83.883 95.599 Zink 27 69.073 138.293 217.717 Kupfer, Zinn, Meffing " 57.437 147.268 135-536 Baumwolle " 386.553 1.204.179 1.116.320 Baumwollgarne 121.129 243.721 " 260.452 Flachs, Hanf etc. " 167.817 466.049 524.742 Leinengarne 22 30.351 47.706 37.102 Schafwolle " 214.503 365.407 363.106 Wollengarne 27 38.061 86.002 70.187 Seide " 3.876 19,326 18.285 Die Einfuhr der fertigen Fabricate, die wir nachfolgen laffen, zeigt folgendes Ergebnifs: Waarengattung Einheit 1862 1871 1872 Baumwollwaren Zollcentner 4.419 21.789 30.857 Leinenwaaren 29 2.134 119.996 69.648 Wollenwaaren 29 9.352 70.623 87.281 Seidenwaaren 29 3.525 6.255 8.215 Wachstuch, Wachstaffet 2.0II 7.613 9.904 Kleidung und Putzwaaren 701 2.929 3.785 Stück 10.519 15.025 Papier und Papierwaaren Zollcentner 34.996 77.599 107.622 Leder 58.940 168.617 183.995 Leder-, Gummi- und Kürfchnerwaaren " 3.148 8.977 II.913 Holzwaaren 99 53.407 149.826 180.472 Glas- und Glaswaaren 99 25.478 87.260 130.409 Gulden 173.826 192.575 Thonwaaren Zollcentner 65.447 136.849 136.971 Eifenwaaren " 44.073 585.829 580.731 Metallwaaren Inftrumente Mafchinen 3.026 10.013 12.533 99 3.062 " 7.419 9.671 131.801 614.792 750.191 79 Kurzwaaren وو Stück 4.379 122 Eifenbahnwagen Chemifche Producte, Farb-, Fett- und Zündwaaren Bücher, Bilder auf Papier Werth - 2.783 52 2.541.485 3.756 146 3.303.222 Zollcentner " 54.189 24.649 54.819 76.411 44.728 49.154 Der Welthandel. 87 Wenden wir uns der Ausfuhr zu, fo geftaltet fich, wie wir oben fchon gefagt, das Verhältnifs für das Jahr 1872 etwas ungünftig. Um fo mehr find die Zahlen der einzelnen Artikel belehrend und für das Urtheil entfcheidend. Der Export der Rohftoffe und wichtigen Halbfabricate zeigte folgendes Refultat, befonders günftig für die Mineralwäffer, Felle, Häute und Leinengarne, nicht günftig für Wolle, welche Auftralien, für Schweinefchmalz, welches Amerika zurückdrängt. Der Export betrug: Artikel Oelfaat Einheit Zollcentner 1862 1871 1872 448.019 1,211.157 331.000 Kleefaat. " 9 136.077 115.057 116.915 Felle und Häute 77 16.285 52.994 62.621 Federn • Brennholz Werkhalz Kubikfufs 40.417 5.6 Mill. 59.409 56.657 5.4 Mill. 6.3 Mill. " Foffile Kohlen Zollcentner 64° 4 6.3 " 41 0 50.6 " وو 20.9 99 23 4 " وو Schafwolle. " 367.072 270.791 213.599 Wollengarne 12.260 وو 21.368 21.700 Flachs, Hanf 10.160 " 84.956 86.251 Leinengarne " 46.233 109.364 113.325 Mineralwäffer " 48.500 70.027 91.694 Schlachtvieh Stück 84.096 106.331 99.624 Stechvieh 99 421.280 565.454 472.349 Butter, Schweinefett Zollcentner 69.162 286.355 93.770 Wein " 170.469 326.702 260.858 Die Ausfuhr der Fabricate geftaltet fich in folgender Weife ungünftig für 1872, aber keineswegs, wie wir bereits erwähnt haben, geradezu nachtheilig für die Entwicklung: Waarengattung Baumwollwaaren Leinenwaaren Wollenwaaren 1862 Einheit 1871 1872 Zollcentner 21.235 21.990 23.500 89.953 144.905 152.908 61.491 85.205 75.251 " Seidenwaaren Wachstuch, Wachstafft Kleidungen und Putzwaaren Papier und Papierarbeiten Leder 29 6.159 5.774 7.459 531 761 " 9 " 15.495 Stück 16.462 6.586 16.764 1.953 12 Leder- und Gummiwaaren 29 Zollcentner 108.763 204.241 14.543 24.201 12.457 34.248 183.138 21.941 31.487 • • Holzwaaren Glas und Glaswaaren Thonwaaren Eifenwaaren Metallwaaren. Wagen und Schlitten Eifenbahnwagen Inftrumente Mafchinen und Beftandtheile 148.108 292.985 324.508 99 99 219.473 402.856 416.934 44.714 98.543 IIO.726 وو وو وو 190.802 214.618 232.032 8.692 13.739 Stück 3.102 3.295 17.051 3.969 683 166 385 " Zollcentner 7.849 10.563 8.495 64.242 83.855 67.444 "" Kurzwaaren 36.935 82.979 67.641 99 Gemifchte Producte und Farben 35.560 83.987 67.172 " Zündwaaren 62.250 89.479 88.040 وو Bier 115.918 488.526 440.766 " Branntwein, Spiritus Zucker aller Art 19 34.465 78.048 23.195 587 1,651.366 1,174.458 88 Dr. Carl Thomas Richter. Zum Schluffe führen wir der Menge entſprechend auch die Werthe an, und da geftaltet fich Einfuhr und Ausfuhr folgendermassen: Tarifclaffen Colonialwaaren und Südfrüchte Tabak und Tabakfabricate Garten- und Feldfrüchte Thiere. Thierifche Producte 1862 Einfuhrwerth 1871 Millionen Gulden 1872 2017 29.8 30.8 4.9 14.8 23.7 II 9 24.3 44'0 16.3 2017 27.9 IO'2 2012 17.8 Fette und fette Oele 14.9 15.5 21.8 Getränke und Efswaaren 2.3 3: 8 5 I Brenn-, Bau- und Werkftoffe. 5.9 19.3 22.8 Arzenei-, Gerb-, Farb- und chemifche Hilfsftoffe 1214 37.3 37.8 Metalle, vererzt, roh und als Halbfabricat 5.7 40.6 41-7 Webe- und Wirkstoffe. 61.6 99.7 94'7 Garne. • 28.3 40.0 37 4 Webe- und Wirkwaaren 13.6 60.3 72-4 Waaren aus Borften, Stroh, Papier etc. 14 3.5 47 Leder, Gummi- und Lederwaaren 7.0 1917 22° 3 Holz-, Glas-, Stein- und Thonwaaren 3.3 8.1 9.5 Metallwaaren 4 I 17.6 19.3 Land- und Waffer- Fahrzeuge 0.5 3.1 4'I Inftrumente, Mafchinen und Kurzwaaren 5.6 30.4 36.6 Chemifche Producte, Farb-, Fett- u. Zündwaaren Literarifche und Kunftgegenstände 2.2 5.1 5.9 6.0 10.8 12.3 Abfälle 0.3 0.4 Zufammen 238.0 524'4 592 1 Tarifclaffen 1862 Ausfuhrwerth 1871 1872 Millionen Gulden Colonialwaaren und Südfrüchte 26.8 17.8 Tabak und Tabakfabricate 0.7 7.7 6.5 Garten- und Feldfrüchte 424 84.9 35.5 Thiere. 8.4 II O 9.8 Thierifche Producte 43 12'4 13.0 Fette und fette Oele 1.9 79 2.9 Getränke und Efswaaren. 2.6 6.6 5.0 Brenn-, Bau- und Werkftoffe 31 7 27.1 33.0 Arznei-, Gerbe, Farb- und chemifche Hilfsftoffe 4.6 6.1 6.4 Metalle, vererzt, roh und als Halbfabricat. 44 4.3 5.I Webe- und Wirkstoffe 591 46.8 37'1 Garne 4.7 I2 I 12'5 Webe- und Wirkwaaren 415 611 613 Waaren aus Borften, Stroh, Papier etc. 4.8 9.9 8.5 Leder, Gummi- und Lederwaaren 917 17.2 16.3 Holz-, Glas-, Stein- und Thonwaaren 17.7 28.3 25.6 Metallwaaren II'I 14 4 15.8 Land- und Waffer- Fahrzeuge 6.0 5.4 6.6 Inftrumente, Mafchinen und Kurzwaaren 31.9 60.5 514 Chemifche Producte, Farb-, Fett- u. Zündwaaren 4.2 7.2 6.7 Literarifche Kunftgegenstände 2.7 40 4'4 Abfälle 0.2 I 3 I'O Zufammen 264 6 463.0 382.2 Der Welthandel. 89 Sind nun die Verkehrsbeziehungen für 1872 keineswegs glänzend zu nennen, fo find doch alle Anzeichen vorhanden, dafs Oefterreich feiner heutigen politifchen, wirthschaftlichen Freiheit folgend, fich doch wieder kräftiger geftalten werde. In den Ausweifen der Handelsbilanz des Halbjahres 1873 fehen wir die Einfuhr nach Oefterreich auf 43 8 Millionen Silbergulden von 53 3 Millionen Silbergulden 1872 gefunken. Die Ausfuhr auf 42 9 Millionen gegen 34 4 Millionen Gulden geftiegen. Einer Abnahme der Einfuhr um 17.82 Percent fteht fonach eine Steigerung des Exportes um 24'73 Percent entgegen. Die Steigerung des Exportes trifft vornehmlich die Claffe der Webe- und Wirkstoffe( Schafwolle, Flachs, Hanf etc.) wovon im Juli 1873 um 9.0 Millionen Gulden(+47 Millionen Gulden) ausgeführt wurden; dann die Garten- und Feldfrüchte( insbefondere Hafer, Gerfte, Oelfaat, Hopfen und Hülfenfrüchte), 4'9 Millionen Gulden gegen 19 Millionen Gulden,( fomit+30 Millionen Gulden) ferner Roh- und Raffinadzucker(+0.7 Millionen Gulden) und thierifche Producte( Felle und Häute+0.6 Millionen Gulden). Wefentlich höher ftellen fich auch die Verfendungen der Kurzwaaren, Inftrumente und Mafchinen, deren Werth( 5.9 Millionen Gulden gegen 4.7 Millionen Gulden) eine Zunahme um 12 Millionen Gulden für diefen einzigen Monat aufweift. Ziemlich gleich blieben die Exporte an Webe- und Wirkwaaren( Juli 1872 um 5'4 Millionen Gulden, 1873 um 5 2 Millionen Gulden). Der namhafte Ausfall in der Einfuhr entstand vornehmlich durch die Verminderung in den Bezügen an Garten- und Feldfrüchten( befonders Mais, Oelfaat und Obft) an Schlacht- und Zugvieh( namentlich Schweine und Kühe), Webeund Wirkstoffen und derlei Waaren, dann an Leder, Leder- und Gummiwaaren. Mit Hinzurechnung der Waarenwerthe des Handels im erften Semefter erreichte die Einfuhr in den erften fieben Monaten 335 4 Millionen Gulden (+13 2 Millionen Gulden oder+40 Percent), die Ausfuhr dagegen 220'0 Millionen Gulden(+ 3'9 Millionen Gulden oder+18 Percent). Wir brauchen daher wahrhaftig nicht mehr einen ftaatlichen Schutzzoll und auch nicht einen künftlichen. wie ihn das Agio der fechziger Jahre gefchaffen und mit der künftlich grofsgezogenen Ausfuhr doch Sittlichkeit und Ordnung des wirthfchaftlichen Lebens zerstörte. Von der gröfsten Bedeutung nun ist und wird immer für Oefterreich die Entwicklung der dalmatinifchen Häfen und vor Allem die Hebung Triefts und des Triefter Hafens fein und wir haben fchon früher auf die Bewegung in demfelben bei den einzelnen wichtigen Handelsartikeln hingewiefen. Die handels- und preisftatiftifchen Unterfuchungen, welche die Triefter Handelskammer für die Weltausftellung publicirt hat, laffen leider nicht glauben, dafs die Regierung und wir fagen es ungefcheut, denn fie trägt einen grofsen Theil der Schuld, die Stadtverwaltung Trieft's felbft, ihre Aufgabe verftehen:„, der fo bedeutende Abfall in den Zufuhren des Jahres 1872 der für 1873 wohl noch grösser fein wird, ift auf den Umftand zurückzuführen, dafs wir mit allen unferen früheren Abfatzgebieten nur durch eine einzige Eifenbahn- Linie in Verbindung ftehen. Die Verfchleppung der Predilbahn rächt fich durch den Verluft des Transitohandels von Oftindien nach Tirol, Süd- Deutfchland und die Schweiz, wie fich in ähnlicher Weife auch der Getreidetransit vermindert hat. Dafs Trieft durch folche Vernachläffigung auch mit Bezug auf die ftaatlich politifchen und wirthschaftlichen Intereffen auf nicht zu rechtfertigende Weife dem Ruine zugeführt wird, ift eine unumftöfsliche Thatfache". Die Bedeutung Triefts hat die Durchftechung der Landenge von Suez jedem kräftig vor Augen ftellen können, obgleich feine Lage zu Egypten und Kleinafien es von jeher dem Welthandel wichtig gemacht haben. Nun aber find neben Oftindien, das der Handelspolitik längst bekannte, die grofsen Rohftoff- Producenten China und Japan uns zum unmittelbaren Verkehre näher gerückt worden. 90 Dr. Carl Thomas Richter. Welche Bedeutung diefe Völker im grofsen Weltverkehre haben, und welche fie insbefondere für Oefterreichs Handel und Induſtrie haben können, geht aus den nachfolgenden Handelsbilanzen der beiden oftafiatifchen Staaten hervor, welche wir bei dem hohen Intereffe, dafs fie für uns haben, etwas ausführlicher an diefer Stelle darftellen wollen. Betrachten wir zuerft China, fo erkennen wir aus den uns vorliegenden Handelsausweifen, dafs fowohl Import wie Export im Jahre 1871 im Vergleiche zu den Ergebniffen der vorausgegangenen Jahre die höchften Werthziffern geliefert haben. Wie aus den folgenden Daten erfichtlich, war die Entwicklung der Einfuhr eine relativ bedeutendere, als jene des Exports. Den Tael zu 3 fl. 31 kr. öfterreichifcher Währung angenommen, betrug der Werth in Millionen Silbergulden, und zwar in der 1864. 1867 1870. 1871 • Einfuhr Ausfuhr • 169.8 178.7 • 228.7 1917 • . 235.0 · 258.8 205.7 247 7 Mehr als ein Drittheil der Einfuhrwerthe entfällt auf den einzigen Artikel„ Opium", wovon im Jahre 1870: 70.000 Zollcentner, 1871 aber 72.041 Zollcentner importirt wurden. Der Werth berechnet fich mit 89 Millionen Gulden, beziehungsweife 96.8 Millionen Gulden( daher+ 7.8 Millionen Gulden). Aufserdem zeigen noch die Werthe nachfolgender Waaren beträchtliche Differenzen; Werth des Imports in Millionen Gulden Baumwoll- Waaren Wollenwaaren • 1870 1871 73.8 98.6 21.6. 15.8 .13.4 8.1 • . II.O 26.2 gegen 1871 +248 5.8 Metalle. Rohe Baumwolle Alle anderen Waaren. 13 I 26.4 - 5: 3 + 2'I + 0.2 Der Exportverkehr über die chinefifchen Vertragshäfen umfafst eine beträchtliche Anzahl Artikel, aus welchen wir nur die zwei wichtigften hervorheben wollen. An Thee wurden im Jahre 1870: 1.656,958 Centner im Werthe von 1018 Millionen Gulden, 1871 2.030,800 Centner im Werthe von 133'5 Millionen Gulden, an Seide und Seidenwaaren 72.544 Centner im Werthe von 79.5 Millionen Gulden, refp. 89,411 Centner im Werthe von 94.7 Millionen. Gulden exportirt. Nebenbei fei hier bemerkt, dafs fich die Zahl der ausgeführten Fächer von 2.338,339 Stück im Jahre 1870 auf 5.325,671 Stück im Jahre 1871 erhöhte. Der gröfseren Lebhaftigkeit des Handels entſprechend, war auch der Schiffsverkehr jener Häfen ein bedeutenderer. Die Zahl und der Tonnengehalt der ein- und ausgelaufenen Schiffe beziffert fich wie folgt: Schiffszahl Tonnengehalt 1870 1871 Dampfer Segelfchiffe Zufammen. . 7,724 . 6,412 8,218 1870 5.058,528 1871 5.637,415 6.745 1.849,300 1.744; 142 14,136 14,963 6.907.828 7.381,557 An diefer Schiffsbewegung betheiligte fich Nordamerika im Jahre 1870 mit 4.165 Schiffen, 2,746.515 Tonnen; 1871 mit 2.995 Schiffen, 1,502.751 Tonnen; England mit 6.727 Schiffen, 3,052.320 Tonnen; 1871: 6.577 Schiffen, 2,076.590 Tonnen; Frankreich mit 218 Schiffen, 109.173 Tonnen; 1870: 194 Schiffe, 79.788 Tonnen; Deutfchland 1870: 2.387 Schiffe, 666.266 Tonnen; 1871: 1.304 Schiffe, 370.607 Tonnen. Die in den chinefifchen Häfen eintreffenden öfterreichifchen Schiffe find bis heute noch total verfchwindend. Der Welthandel. 91 Der Handel Japans wird bekanntlich durch fünf Häfen: Yokohama, Hiogo, Ofaka, Nagafaki und Hakododt vermittelt und fcheidet fich in den directen oder überfeeifchen und den indirecten oder Küftenhandel. Der erftere ift etwa achtmal fo grofs als der Küftenhandel. Eine Vergleichung der Handelsbewegung der Jahre 1870 und 1871 ergibt fehr befriedigende Refultate zu Gunften des letzteren Jahres. Mehrere aufeinanderfolgende Mifsernten machten in den Jahren 1868 und 1869, namentlich aber im Jahre 1870 aufserordentlich grofse Bezüge an Saîgon und chinefifchem Reis nothwendig. Insbefondere in Folge diefer Zufuhren geftaltete fich die Handelsbilanz pro 1870 höchft ungünftig. Es geftaltete fich in diefem Jahre die Einfuhr auf 311 Millionen mexicani fcher Dollars, die Ausfuhr auf 151 Millionen mexcianifcher Dollars. Dabei betheiligten fich in mexicanifchen Dollars an der Einfuhr. Reis und Zucker Baumwoll- Waaren Wollwaaren Gemifchte Waaren 18,100.000 7,274.453 1,995.364 3,231.067 an der Ausfuhr. Rohe Seide Thee. 5,198.273 3,848.231 Gemifchte Waaren 2,512.282 Seidenwürmer. Cocons. 3,473.150 III.310 Das Jahr 1871 zeigte aber ein befferes Verhältnifs, und drückte die Einfuhr in Gefammtheit auf 17.7 und hob die Ausfuhr auf 191 Millionen mexicanifcher Dollars. Dabei betheiligten fich in diefem Jahre nach mexicanifchen Dollars gerechnet an der Einfuhr Reis und Zucker 4,400.000 Baumwolle. 8,011.476 Wollwaaren 2,056.789 Gemifchte Waaren 2,398.433 an der Ausfuhr Rohe Seide Thee.. 8,416.712 4,651.292 Seidenwürmer. Cocons 2.184.468 41.127 Gemifchte Waaren 3,474-356 Die Zunahme des Exports an roher Seide bei gleichzeitiger Abnahme der Ausfuhr an Seidenwürmern und Cocons fpricht für die fortfchreitende Entwicklung der für Japan fo wichtigen Seidenzucht. Der indirecte Handel zwifchen den vorgenannten fünf Häfen betrug dem Werthe nach im Jahre 1871: 4,436.539 mexicanifche Dollars, wovon 2,475.574 auf die Einfuhr und 1,960.785 auf die Ausfuhr entfallen. Die Zahl der fremden im Jahre 1871 eingelaufenen Schiffe erreichte 909( mit 901.170 Tonnen), wovon 382( mit 378.425 Tonnen) auf den Hafen von Yokohama entfallen. Gegen 1870 zeigt der Schiffsverkehr in Folge der beträchtlich verminderten Zufuhren an Reis eine bedeutende Abnahme( um 654 Schiffe und 260.105 Tonnen). Dabei betheiligte fich im Jahre 1871 Amerika mit 109 Schiffen 55.202 Tonnen, England mit 349 Schiffen 166.929 Tonnen, Deutfchland mit 83 Schiffen 27.563 Tonnen, Frankreich mit 42 Schiffen 28.656 Tonnen, die übrigen entfallen auf Holland, Schweden und Norwegen, Rufsland und Dänemark. Jahre 1870 landete ein öfterreichifches Schiff mit 567 Tonnen in Japan, 1871 dagegen gar keines. Im Mag man begreifen lernen, was allmälig eine gefunde Handelspolitik, eine glückliche Entwicklung des geographifchen, ftatiftifchen und handelspolitifchen Wiffens für Oefterreichs und Deutíchlands Handel bedeuten kann. War der Weg um das Cap der guten Hoffnung immer ein Nothweg gewefen, fo ift er es jetzt noch mehr. Und wie vor feiner Entdeckung die grofse Welthandels- Strafse der afiatifchen Producte über den Süden Europas durch das Herz des Welttheiles, durch Oefterreich, Deutfchland ging, fo kann auch die Gegenwart wieder unter den gothifchen Thürmen, welche den alten Ilandelsweg kennzeichnen, eine neue Schaar, freilich anders gearteter Kaufleute und 92 Dr. Carl Thomas Richter. Der Welthandel. mit anderen Reifemitteln ausgerüftet als früher, wiederfehen, welche Deutſchland, vereint mit den Nachbarftaaten Oefterreich, Italien, wieder reich und mächtig und in Kunft und Wiffenfchaft neu erblühen machen werden. Und damit fchliefsen wir unfere Betrachtung, die in den folgenden handelspolitifchen Arbeiten, von den beften und erfahrenften Kräften Oefterreichs dargestellt, ihre weitere Ausbildung erfährt und fügen zum Schluffe nur noch aus dem Götterlied, das wir fchon im Anfange citirten, eine Weisheit hinzu: Wer viel die Lande Umhergefahren Und felber Witz befitzt Nur der mag wiffen, Was im Menfchen waltet, Wefs' Sinnes fie wohl Alle find! NATURGESCHICHTLICHE LEHRMITTEL. ( Theilbericht der Gruppe XXVI.) Bericht von DR. A. POKORNY, k. k. Regierungsrath, Director des Leopoldstädter Communal-, Real- und Obergymnafiums in Wien. Kein Unterrichtsfach bedarf fo fehr geeigneter Veranfchaulichungsmitteln als die Naturgefchichte. Namentlich auf den unteren Stufen ift ein einigermafsen erfolgreicher Unterricht ohne unmittelbare Anfchauung kaum denkbar, weil felbft im günftigften Fall, wenn das befprochene Object dem Schüler fchon bekannt war, die Vorftellung deffelben wohl felten fo vollſtändig und getreu fein wird, wie es ein einigermafsen gründlicher Unterricht in der Naturgefchichte erfordert. Wenn man ferner bedenkt, dafs das Wefen diefes Unterrichtes in einem fteten Vergleichen der Naturkörper und ihrer Eigenfchaften befteht, und dafs aus diefem Vergleiche die gemeinfamen und unterfcheidenden Merkmale derfelben abftrahirt werden follen, fo wird erft die Nothwendigkeit eines materiellen Subftrates recht klar, da ohne ein folches die Vorftellungen unbeftimmt bleiben und nur ein oberflächliches Wiffen erzeugt wird, das gröfstentheils in der gedächtnifsmässigen Aneignung von mitgetheilten, alfo nicht urfprünglich felbft erworbenen Kenntniffen beruht und daher weit geringeren Werth befitzt. Ift es nun auch unthunlich, dem Schüler alles Wiffenswerthe in Wirklichkeit oder wenigftens im Abbild vorzuführen, fo foll derfelbe doch möglichft viel aus dem Born unmittelbarer Anfchauung fchöpfen, weil je umfangreicher letztere ift, um fo leichter und erfolgreicher verwandte Gegenftände des naturgefchichtlichen Wiffens fich anknüpfen laffen. Es iſt auch gegenwärtig die Nothwendigkeit eines möglichft ausgedehnten Anfchauungsunterrichtes in der Naturgefchichte fo allgemein anerkannt, dafs in den Ausftellungsgegenständen der Unterrichts- Abtheilungen aller Culturvölker die naturgefchichtlichen Lehrmittel einen hervorragenden Platz einnahmen. Es ift fogar hier fehr fchwer, die Grenze zu ziehen, wo der Begriff eines naturgefchichtlichen Lehrmittels aufhört. Ganz unpaffend wäre es da, fich auf das in den eigentlichen Unterrichtsabtheilungen Ausgeftellte zu befchränken. Eine Menge der lehrreichften Objecte bot die gefammte Weltausftellung in allen Gruppen zerftreut, fo dafs fie felbft als das grofsartigfte und inftructivfte Muſeum für Belehrung in allen Zweigen der naturgefchichtlichen Disciplinen betrachtet werden kann. Namentlich enthielten die Gruppe I( Berg- und Hüttenwefen) und die Gruppe II( Land- und Forftwirthschaft) in den verfchiedenen ausgedehnten Agriculturhallen und den Pavillons für Forft- und Montan- Induftrie äufserft werthvolle Einzel- Objecte, wie ganze Sammlungen von hohem inftructiven Werthe für den naturgefchichtlichen I* 2 Dr. Alois Pokorny. Unterricht. Defsgleichen waren in den Gruppen III bis IX häufig neben den Erzeugniffen der verfchiedenen Induftrien die Rohproducte ausgeftellt und ebenfo enthielt die Gruppe XII( Graphifche Künfte) äufserft Werthvolles für den naturgefchichtlichen Unterricht. Manche Pavillons, wie der des Fürften Schwarzenberg und der Pavillon der öfterreichifchen Handels- Marine, enthielten koftbare MufealSammlungen und ebenfo fand fich in den verfchiedenen Schul-, Wohn- und Bauernhäufern beachtenswerthes Material. Erwähnen wir noch kurz des Reichthums an lebenden Pflanzen und Thieren, den die Weltausftellung theils bleibend, theils temporär befafs, fo wird erft die Bedeutung derfelben als eines koloffalen und höchft inftructiven Muſeums in naturgefchichtlicher Beziehung klar. Bei diefer Fülle von Stoff kann der Bericht fich nur auf eine gedrängte Ueberficht des für den eigentlichen Unterricht wichtigſten naturgefchichtlichen Materiales befchränken. Es wird hiebei von den naturgefchichtlichen Lehrbüchern und den Lehrzielen und Lehrplänen diefes Faches an den verfchiedenen Schulen und in verfchiedenen Ländern abgefehen. Was hingegen die Ausftellung an eigentlichen naturgefchichtlichen Lehrmitteln bot, läfst fich in drei Hauptgruppen fondern: I. Abbildungen, II. Modelle, III. Naturkörper. In jeder Hauptgruppe wird mit dem elementaren Unterricht begonnen. Eine ftrenge Sonderung der Objecte für diefen, fowie für den mittleren und höheren Unterricht ift fchon defshalb nicht leicht durchführbar, weil hier viele Objecte auf den verfchiedenen Stufen des Unterrichts mit gleichem Nutzen verwerthet werden können. Doch wird auch in jeder der Hauptgruppen eine Dreitheilung des Unterrichtes und feiner Lehrmittel fich annähernd und in Uebereinstimmung mit anderen Specialberichten des Unterrichtswefens ergeben. Abbildungen. Unter den naturgefchichtlichen Abbildungen zu Unterrichtszwecken nehmen die auf den Maffenunterricht hinzielenden Wandtafeln den hervorragendften Platz ein. Die Ausstellung bot nun gerade von diefen Wandtafeln fo Mannigfaches dar, dafs zunächft eine Erörterung der hier in Betracht kommenden allgemeinen Gefichtspunkte nothwendig ift, um das vorhandene Material gehörig fichten und verwerthen zu können. Die naturhiftorifchen Wandtafeln verfolgen zwei verfchiedene Hauptrichtungen. Die einen haben den Zweck, einzelne oder wenige zufammengehörige Objecte in möglichft grofsem Mafsftabe und möglichft grell darzuftellen, um als Hilfsmittel beim Unterricht felbft benützt zu werden. Es find gleichfam Illuftrationen des mündlichen Vortrages, die auf die Ferne und ein grofses Auditorium berechnet find. Die zweite Art folcher Wandtafeln verfolgt den entgegengesetzten Zweck, möglichft Viel im kleinften Raum zufammengedrängt zu bieten. Die einzelnen Figuren fallen fodann felbſtverſtändlich klein aus und können nur in der Nähe deutlich gefehen werden. Solche häufig auch mit Text verfehene Wandtafeln dienen hauptfächlich zur Wandzierde und zur gelegentlichen Einzelbetrachtung aufserhalb der Schulzeit, alfo mehr zur Selbftbelehrung, als zum Maffenunterricht. Die Art der Ausführung naturgefchichtlicher Wandtafeln ift felbft aufserordentlich mannigfach. Alle graphifchen Künfte, vorherrfchend allerdings der billige Steindruck, vereinigen fich hier. Holzfchnitte, Kupferftich und Stahlftich, Naturdruck und Photographie finden mannigfache Anwendung. Ebenfo ift die Manier der Zeichnung, insbefondere die Anwendung der Farben, fehr verfchiedenartig. Es läfst fich im Allgemeinen nicht entfcheiden, welche Art von Wandtafeln die vorzüglichften find, da es hier in erfter Linie auf den Zweck des Unterrichtes und auf die Art der Verwendung ankommt. Aufser der graphifchen Dar Naturgefchichtliche Lehrmittel. 3 ftellung wird auch immer die richtige Auswahl der abzubildenden Objecte von gröfster Bedeutung fein. So verfchieden nun die Lehrziele und der Zweck des naturgefchichtlichen Unterrichts überhaupt fein können, fo verfchieden werden' auch brauchbare Abbildungen und Wandtafeln fich ausführen laffen. Man mufs daher bei der Wahl fich zunächft den Zweck des Unterrichtes gehörig vergegenwärtigen, da hievon die Auswahl des abzubildenden Stoffes und die Art der Darftellung abhängt. Was nun die unterfte Stufe des Unterrichtes anlangt, fo handelt es fich hier um möglichft getreue habituelle Bilder ganzer Naturproducte, wie fie der Anfchauungsunterricht erfordert. Auf diefer elementaren Stufe des Unterrichtes wird man kaum ein kräftiges Colorit der abgebildeten Gegenstände entbehren können, da die Farbe, obgleich ein naturhiftorifch häufig fehr untergeordnetes Merkmal, durch ihren mächtigen finnlichen Eindruck das naive Auffaffungsvermögen des Kindes und des Laien befticht. Feine Ausführung und Detail- Darftellungen find hier nebenfächlich. Viel wichtiger find Darftellungen des Zuſammenhanges der Naturproducte mit ihrer technifchen Verwendbarkeit oder ihrer geographifchen Verbreitung. Hieher gehörige Wandtafeln wurden in grofser Menge von Oefterreich, Deutſchland, der Schweiz, Nordamerika, England, Schweden und Frankreich. ausgeftellt. Manche derfelben werden nicht nur in der Volksfchule, fondern auch in den Mittelfchulen mit Vortheil benutzt werden können. Die elementarften Bilder diefer Art umfaffen auch Manches aus dem Aufchauungsunterricht, was nicht zur Naturgefchichte gehört und find fowohl in Form von Wandtafeln, als auch in Form von Bilderbüchern erfchienen und verwendbar. In der öfterreichifchen Unterrichts- Ausftellung waren aus Prag, Olmütz und Wien hieher gehörige Verlagsartikel ausgeftellt. Ein älteres, aber bemerkenswerthes Werk aus Prag ift Dr. Amerling's Orbis pictus major, der in feiner colorirten Ausgabe in 15 Heften recht brauchbare gröfsere Bilder enthält, wie es fcheint, aber nur wenig Verbreitung fand. Weit bekannter und gebräuchlicher find die im Verlage von F. Tempsky herausgegebenen Giftpflanzen von J. Patek( 8 Foliotafeln). In Prag erfchien ferner bei Kober ein guter Atlas zur Botanik von J. Klika und ein Käferbuch von demfelben Verfaffer mit fein colorirten zahlreichen Bildern, welche fich den befferen deutfchen, namentlich württemberg'fchen Erfcheinungen diefer Art würdig an die Seite ftellen. Der Umftand, dafs der Text diefer Bilderwerke in böhmifcher Sprache erfchien, fetzt der weiten Verbreitung derfelben unüberfteigliche Hinderniffe entgegen. Man bemerkt nämlich überhaupt, dafs jede Nation ihre eigenen naturhiftorifchen Bilderwerke für den Elementarunterricht hat, welche durch ihre Auswahl, noch mehr aber durch den meift in der Mutterfprache beigedruckten Text eben nur innerhalb der Landesgrenzen Verbreitung finden, im Auslande hingegen unbekannt find. Kleinere Nationalitä ten haben hier einen um fo fchwierigeren Stand, als fchon die Koftfpieligkeit guter Bilderwerke bei geringem Abfatz die Herausgabe folcher Werke nicht lohnend erfcheinen läfst und häufig auch die nöthigen künftlerifchen Kräfte zur Ausführung fehlen. Mit gröfserem Vortheile werden daher in folchen Fällen gute Bilderwerke benachbarter Culturvölker zu benützen fein und die einheimifche Induftrie verfucht fich zunächft mit Nachbildungen derfelben, wie an mehreren Beifpielen in der öfterreichifchen und ungarifchen Unterrichtsausftellung zu fehen war. Die thätige Firma von E. Hölzel in Olmütz lieferte für den naturgefchichtlichen Anfchauungsunterricht ebenfalls Wandtafeln für Schule und Haus ( 16 Tafeln), fowie den kleinen naturgefchichtlichen Schulatlas von C. Heller zum Handgebrauch der Schüler, nebft fünf morphologifchen Tafeln zur Naturgefchichte des Pflanzenreiches und 12 zootomifchen Tafeln zur Naturgefchichte des Thierreiches von demfelben Verfaffer. Auch vier grofse Tafeln mit Abbildungen efsbarer und fchädlicher Schwämme von F. Marquardt und zwei Tafeln 4 Dr. Alois Pokorny. von nützlicher und fchonenswerther Infecten von A. Müller erfchienen dafelbft.- Die Firma A. Hartinger in Wien trat mit ihren weitverbreiteten Farbendruckbildern auf. Unter diefen find die„ efsbaren und giftigen Schwämme" äufserft effectvoll und eine wahre Zierde der Wände eines Schulzimmers. Weit matter find die ,, Giftpflanzen" desfelben Verlegers( 16 Foliotafeln), deren Colorit und Zeichnung zu unentfchieden, theilweiſe fogar minder genau find. Bei naturgefchichtlichen Bildern kommt es aber viel weniger auf künftlerifche und malerifche Anordnung und Ausfchmückung, als auf genaue, naturgetreue und kräftige Darftellung an. Hingegen gehören die„ anatomifchen Wandtafeln" H. Kundratim felben Verlage zu den beften Schulabbildungen der Ausftellung wegen ihrer wiffenfchaftlich- genauen Durchführung, die man gerade auf diefem Gebiete fo häufig vermifst. Endlich find noch einzelne der landwirthschaftlichen Tafeln" Hartinger's für den naturgefchichtlichen Unterricht von hohem Werth und follten namentlich Landfchulen nicht fehlen. Durch den reichen Text, der um die in der Mitte der Wandtafel befindliche Abbildung herum angeordnet ift, geben fie reichen Stoff zur Selbftbelehrung und Fortbildung. Einige der hervorragendften, wie die Bienenzucht, Seidenzucht, künftliche Fifchzucht, Obftbaumzucht und andere empfehlen fich durch ihre Verwendbarkeit in naturgefchichtlicher, wie in praktiſcher Beziehung. 29 Ein hervorragendes, kaum übertroffenes Bilderwerk für Schulen, dem nur noch einige im fchwedifchen Schulhaufe ausgeftellte naturgefchichtliche Bilderwerke würdig zur Seite ftehen, ift noch immer Fitzinger's Atlas zur Naturgefchichte der Wirbelthiere. Er ging in einer Zeit aus der Wiener Hof- und Staatsdruckerei hervor, als diefes Inftitut den damals kürzlich erft erfundenen lithographifchen Farbendruck cultivirte und auf eine hohe Stufe der Vollendung brachte. Gleichzeitig dienten diefe farbenprächtigen und fehr getreuen Originalbilder als Vorlagen für plaftifche Nachbildungen der Thiere für den Blindenunterricht, welche feinerzeit bei der erften Weltausftellung in London( 1851) und in Paris( 1855) Auffehen erregten. Diefe Bilder haben nebft ihrer Naturtreue und dem fchönen Colorit noch den grofsen Vortheil für die Schule, dafs jede Quarttafel nur Eine oder wenige zufammengehörige Arten abbildet, wodurch der Unterricht wefentlich concentrirt wird. Die Feinheit der Bilder macht es allerdings nothwendig, dafs fie nur unter Glas und Rahmen benützt werden follten, was aber von allen feineren Bildern gilt, damit fie nicht zu fehr durch Licht und Staub leiden oder abgegriffen, befchmutzt und zerriffen ihrem Zwecke frühzeitig entzogen werden. Während in Oefterreich der Farbendruck zur Herstellung naturgefchichtlicher Bilder mit Vorliebe und Erfolg verwendet wird, fieht man fonft noch häufig nur lithographirte, aus freier Hand colorirte Bilderwerke. Das Colorit wird in der Regel dadurch greller, kräftiger und für den vorliegenden Zweck nicht felten vortheilhafter, obgleich auf Koften der Feinheit und Naturtreue der Darftellung. Wie wichtig aber hier die Farbe ift, bewies eben die Ausftellung fchlagend, indem die herrlichen gefättigten Farben der englifchen und nordamerikanifchen Wandtafeln auf den erften Blick beftechend wirkten, während fie in der Zeichnung den befferen Producten diefer Art aus Oefterreich und Deutfchland bedeutend nachftanden. Im deutfchen Unterrichtspavillon ragten unter den naturgefchichtlichen Bilderwerken befonders die vielverbreiteten und vorzüglichen Wandtafeln aus Württemberg und Sachfen hervor. Unter diefen nehmen wieder gegenwärtig J. F. Schreiber's aus Efslingen„ grofse colorirte Wandtafeln der Naturgefchichte der drei Reiche" einen der erften Plätze ein. In fünf Abtheilungen( Säugethiere, Vögel, niedere Thiere, Pflanzen und geologifche Bilder) wird der naturgefchichtliche Lehrftoff für den elementaren Unterricht in guter Auswahl ebenfo überfichtlich, als naturgetreu dargestellt. Es erfreuen fich defshalb diefe Tafeln einer fehr grofsen Verbreitung. Aufser in Deutſchland und in Oefterreich werden fie Naturgefchichtliche Lehrmittel. 5 gegenwärtig auch in anderen Staaten benützt, wefshalb eigene Ausgaben für Nordamerika( Bofton), Frankreich( Paris), Italien( Turin), Rumänien( Hermannftadt), Rufsland( St. Petersburg), Schweden( Gothenburg) mit Text in den betreffenden Sprachen beftehen. Als ein befonders anregendes Lehrmittel find darunter die geologifchen Bilder von F. v. Hochftetter zu bezeichnen, welche 24 geologifch wichtige und eigenthümliche Landfchaften darftellen. Jede Wandtafel enthält fechs Bilder in Kleinfolio, welche auch in Atlasform erfcheinen; wie denn diefelben aus der bekannten G. H. Schubert'fchen Naturgefchichte des Thierund Pflanzenreiches in Bildern hervorgegangen find. Eine Reihe fehr verwendbarer Wandtafeln für den Anfchauungsunterricht waren aus dem Verlag von Eugen Ullmer in Ravensburg( Württemberg) ausgeftellt. Hierher gehören: Dr. W. Ahle's botanifche Wandtafeln"( 8 Blätter) mit Darftellungen der anatomifchen Verhältniffe und der Entwicklungsgefchichte der wefentlichen Blüthentheile. Ferner desfelben Verfaffers, Wandtafeln der Pflanzenkrankheiten"( vier Tableaux: das Mutterkorn, die Traubenkrankheit, die Kartoffelkrankheit und den Roft des Getreides darftellend); ferner - Dr. O. Fraas'" geologifche Wandtafeln", die vier Weltenalter in geologifchen Profilen und Landfchaften darftellend. Mehr praktiſche Zwecke verfolgen die im felben Verlage erfchienenen Wandtafeln der Pferderacen von Dr. A. v. Rueff und die pomologifchen Tafeln von Dr. E. Lucas. Die königlich württembergifche Centralftelle für die Landwirthschaft in Stuttgart hat unter den Lehrmitteln noch zahlreiche Abbildungen und Wandtafeln landwirthschaftlich nützlicher und fchädlicher Thiere und Pflanzen gebracht. Hier reihen fich auch die vorzüglichen landwirthschaftlichen Wandtafeln von Nathufius, die botanifchen Demonftrationswandtafeln aus Stahel's Verlag in Würzburg über Keimung von Vicia Faba, Blüthen von Carum carvi, Wurzeln von Humulus Lupulus und dergleichen würdig an. Das k. fächfifche Minifterium für Cultus und Unterricht hat den grofsen Wandatlas von H. J. Rupprecht, im Verlage von Meinhold& Söhne für den Unterricht in der Naturgefchichte zur Ausftellung gebracht. Ift gleich derfelbe in feinen älteren Lieferungen kaum den Anforderungen der Neuzeit in Beziehung auf correcte, naturgetreue Darftellung( namentlich im botanifchen und mineralogifchen Theil) mehr entſprechend, fo ift doch die grofsartige Anlage des Ganzen, fowie die Ausführung mancher zoologifchen Tafeln und insbefondere die neuere Fortfetzung fehr anerkennenswerth. Zu letzteren gehört die Anatomie des Menfchen von Dr. Fiedler und die Sinnesorgane des Menfchen in anatomifcher Darftellung von Dr. E. Wenzel und F. Foedifch. Eine eigenthümliche, fehr bemerkenswerthe Art der Darftellung iſt die von Gotthold Elssner in Löbau in Sachfen. In grofsem Mafsftabe werden botanifche Gegenftände, insbefondere anatomifch- morphologifche Präparate dadurch zu einer fehr klaren Anfchauung beim Maffenunterrichte gebracht, dafs diefelben fehr grell, weifs auf fchwarzem Grunde, erfcheinen. Da die Zeichnungen mit fehr viel Gefchick und fehr naturgetreu durchgeführt find, fo überragt diefer einfache fchwarze Steindruck an Wirkung manche colorirte Darftellung. Es find bisher Analyfen der Getreidepflanzen und einiger Laub- und Nadelhölzer in diefer Art der Ausführung erfchienen. In der Einfachheit und der hieraus refultirenden Billigkeit folcher Schulzeichnungen liegt ein nicht zu unterfchätzender Vorzug. Bei der aufserordentlichen Fülle des naturgefchichtlichen Lehrftoffes ift es fehr mifslich, wenn die Auswahl des in Bildern darzuftellenden Materials eine zu kärgliche iſt. Es ift auch zweifellos, dafs namentlich auf etwas höheren Stufen des Unterrichtes eine feine, in allen Theilen durchgeführte und durch Farben unterſtützte Darftellung in fehr vielen Fällen nicht nothwendig erfcheint. Eine Darftellung des Objectes in fcharfen Umriffen reicht bei Formverhältniffen, wie fie hier vorwiegend 6 JeDr. Alois Pokorny. zu betrachten find, vollſtändig aus und der Lehrer der Naturgefchichte ift bekanntlich fehr häufig genöthigt, feinen Vortrag durch rafch an der Schultafel entworfene Skizzen zu unterſtützen, Handzeichnungen in gröfserem Mafsftabe zu entwerfen oder in gröfserer Auswahl vorzubereiten. An manchen Schulen, befonders dort, wo Zeichenunterricht eingeführt ift, werden defshalb die Schüler felbft aufgefordert, die Lehrmittel der Anftalt durch Copien guter Abbildungen zu vermehren und die öfterreichifche Unterrichtsausftellung zeigte mehrere folche Beiſpiele, wie die naturgefchichtlichen Schülerzeichnungen der Rofsauer Communal Oberrealfchule in Wien und der Oberrealfchule in Leitomifchl. Die vorzüglichften Proben folcher naturgefchichtlichen Abbildungen wies aber der Schweizer Unterrichtspavillon aus. Profeffor A. Menzel aus Zürich ftellte eine Reihe von grofsen Wandtafeln in Manufcript aus, auf welchen die Objecte in grellen, dicken, fchwarzen Umriffen aufgetragen waren. Die verfchiedenartigften zoologifchen und botanifchen Gegenftände( Pilze, Iris, Cerafus; Echinus, Actinia, Rhizopoden) zeigten die Verwendbarkeit diefer Darftellungsweife. Diefe Methode fcheint in der Schweiz übrigens allgemein in Anwendung zu fein. Sie ift nämlich auch dem grofsartigen Tafelwerk von H. Wettftein zu Grunde gelegt, welches unter dem Titel" Wandtafeln für den Unterricht in der Naturkunde" im Verlag der Erziehungsdirection in Zürich( zu beziehen durch den Cantonsfchulrath) erfchien und als obligates Lehrmittel für die Schulen des Cantons Zürich gilt. Nicht weniger als 80 Foliotafeln enthalten zoologifche, 40 Foliotafeln botanifche Abbildungen in fchwarzen kräftigen Umriffen( lithographirt). 80 Tafeln find der Phyfik und Mechanik gewidmet. Die Ausstellung bot kein ähnliches dem naturgefchichtlichen Unterrichte gewidmetes Bilderwerk, wie es hier unter der Aegide des Cantons Zürich für die Schulen des Landes mit grofser Munificenz und Umficht gefchaffen wurde. Eine grofse Anzahl zum Theile vorzüglicher naturhiftorifcher Bilderwerke enthielt das fchwedifche Schulhaus. Es, waren dabei die verfchiedenften Methoden der Darstellung vertreten. Zu den feinften colorirten Bildern gehören die von Wright: Schwedens Vögel, und Wright und Friis: die Fifche Skandinaviens. Diefe bei Gjöthftröm und Magnuffon in Stockholm erfchienenen Tafeln haben Quartformat und ftellen in der Regel nur einzelne Species dar. Für den Schulgebrauch find die Figuren etwas zu klein. Die Feinheit und Correctheit der Darftellung läfst aber nichts zu wünſchen übrig und ftellt fie den Fitzingerfchen Tafeln nahe. Für Volksfchulen werden Schumburg's zoologifche Tafeln ( fchwarz, mit Thiergruppen) und Smitt's( colorirte) Wandtafeln der efsbaren und giftigen Schwämme Skandinaviens gute Dienfte thun. Ganz vorzüglich find aber Anders fohn's botanifche Wandtafeln, welche einzelne Pflanzenarten fehr grell und deutlich, weifs in Schwarz hervortreten laffen und daher für den Maffenunterricht fehr verwendbar find. Aufserdem war noch Meves' Atlas über die Säugethiere Skandinaviens, Ohlsfon's naturhiftorifcher Atlas und ein recht anfchauliches Zonenbild in Form eines langen Streifens mit den charakteriftifchen Pflanzen und Thieren der einzelnen Zonen im fchwediſchen Schulhaufe ausgeftellt. Frankreich hat unter den zahlreichen Gegenftänden des Unterrichtes auch einige naturgefchichtliche Wandtafeln ausgeftellt. Darunter ift der Anfchauungsunterricht zum Gebrauch der Kinderafyle im Verlage von Hachette in Paris durch das fchöne Colorit und die feine, obgleich nicht immer naturgetreue Art der Darstellung am hervorragendften. Im Verlage von G. Maffon in Paris erfchienen naturgefchichtliche Wandtafeln von M. Achille Comte, die auf fchwarzer Wachs- Leinwand gedruckt wohl fehr dauerhaft fein mögen, aber für die Entfernung bei weitem nicht fo deutlich hervortreten, wie die gewöhnlichen Wandtafeln auf Papier. Eine dritte Art folcher Tafeln wurde von Deyrolle fils Naturgefchichtliche Lehrmittel. 7 zum Unterricht in den Naturwiffenfchaften für Primärfchulen herausgegeben. Die Bilder find gröber ausgeführt, aber trotz mangelhafter Zeichnung immerhin kenntlich. Aufser Thieren und Pflanzen wird auf mehreren Tafeln Anatomie des Menfchen dargestellt. Auf den mineralogifchen Tafeln find mehrere techniſch oder geologifch wichtige Mineralien und Gefteine, die fich nicht gut abbilden laffen, in natürlichen Stücken aufgeklebt. England hat in der Induftriehalle von naturgefchichtlichen Wandtafeln nur die bekannten Abbildungen von Johnfton zur Botanik und Naturwiffenfchaft überhaupt ausgeftellt. Die botanifche Organographie und menfchliche Anatomie find befonders gelungen und beftechen durch ihre fchönen Farben mehr, als durch Naturtreue. Vieles ift auch abfichtlich nur fchematiſch dargeftellt. Hingegen war eines der originellften botanifchen Lehrmittel an einem Orte, wo es kaum gefucht wird, nämlich in der Kunsthalle zu finden. Unter den verfchiedenen kunftgewerblichen Ausftellungsgegenständen des South Kenfington- Mufeums waren dafelbft auch Suiten von botanifchen Wandtafeln zu fehen, welche eine merkwürdige Combination von Herbar, Bild und Text darboten, indem um natürliche getrocknete Pflanzen herum in Wandtafelform ergänzende farbige Abbildungen und ein grofsgedruckter Text angebracht waren. Das Ganze ftellt eine grofsartige Illuftration des botanifchen Syſtems dar, welche ihrer Koftfpielig. keit wegen wohl nur wenig Nachahmung finden wird. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika brachten in ihrer Unterrichtsausftellung, fowie in ihrem Schulhaufe bemerkenswerthe Proben von naturgefchichtlichen Bilderwerken, theils in Atlasform, theils in Form von Wandtafeln. Unter den letzteren verdienen befonders hervorgehoben zu werden: Prang's natural hiftory feries für Schule und Haus. Diefe fehr gefchmackvollen Wandtafeln beftehen eigentlich aus mehreren kleineren Bildern, die um ein gröfseres Mittelbild herum angeklebt find und dadurch Gruppen verwandter Naturkörper bilden. So find z. B. verfchiedene Blattformen um ein gröfseres Blatt in der Mitte gruppirt, ebenfo um eine Lilie, Nelke und dergleichen die verwandten Pflanzen oder um eine Katze, einen Reiher, ein Rind die verwandten Thierformen. Da die einzelnen Bilder fehr fein find und namentlich ein prächtiges lebhaftes Colorit haben, fo macht das Ganze einen fehr guten Eindruck, die Einzelheiten treten aber hier auf eine gröfsere Entfernung beffer hervor, als wenn, wie gewöhnlich, die ganze Gruppe auf einem Papier in gleicher Fläche gedruckt wäre. Es waren Tafeln für verfchiedene Stufen des Unterrichtes, als für Primär-, Grammär- und Hochſchulen zufammengeftellt. Willfon& Calkin's( in New- York) naturgefchichtliche Schul- und HausWandtafeln enthalten ähnliche Gruppen kleiner Bilder, die aber zugleich mit ausführlicherem erklärenden Text verfehen find. Es find theils Habitusbilder von Thieren und Pflanzen, theils auch morphologifche und terminologifche Darstellungen. Cuttler in Philadelphia hat anatomiſche und anthropologiſche Wandtafeln veröffentlicht, unter welchen befonders die comparativen Wandtafeln, welche dasfelbe organifche Syftem in den verfchiedenen Claffen der Wirbelthiere behandeln, für den Unterricht verwendbar find. Die bisher betrachteten Bilderwerke dienten vorzugsweife zur Unterftützung des elementaren naturgefchichtlichen Unterrichtes in den unteren und mittleren Schulen. Die Weltausftellung brachte aber auch zahlreiche wiffenfchaft liche Werke für den höheren Unterricht, welche bald von den Verfaffern, meift aber von den Verlegern und daher in der XII. Gruppe( graphifche Künfte) ausgeftellt waren. Es kann hier nicht der Zweck fein, alle diefe meift aus dem Buchhandel ohnehin bekannten Werke aufzuzählen; es wird genügen, einige davon hervorzuheben, um hiedurch den inftructiven Charakter der Weltausftellung auch 8 Dr. Alois Pokorny. in diefer Richtung darzuthun. So brachte die öfterreichiſche Ausstellung von naturgefchichtlichen Bilderwerken unter Anderem: A. Fritfch, die Vögel Europas. A. Politzer, zehn Wandtafeln zur Anatomie des Gehörorganes zum Gebrauche für Vorlefungen und zum Studium der Anatomie des Ohres. C. v. Ettingshaufen und A. Pokorny Phyfiotypia plantarum auftriacarum, die Gefäfspflanzen des öfterreichifchen Kaiferftaates in Naturdruck. Von letzterem Werke erfchien gelegentlich der Ausftellung die II. Serie, fo dafs gegenwärtig 10 Foliobände mit 1000 Kupfertafeln und den dazu gehörigen Textbänden auflagen. Das Werk felbft ging aus der Wiener Hof- und Staatsdruckerei hervor und befindet fich im Verlage von F. Tempsky in Prag. Es dürfte fich fchon durch den ungewöhnlich grofsen Umfang, fowie durch die Eigenthümlichkeit feiner Darftellung durch Naturfelbftdruck bemerkbar machen. Sein wiffenfchaftlicher Schwerpunkt liegt aber in der Bearbeitung der Flächenfkelete in den blattartigen Organen der abgedruckten Pflanzen, deren Refultate einen wohl nicht zu verkennenden Werth für die Pflanzenpaläontologie befitzen, mit gleichem Vortheil aber auch bei einer gründlichen Syftematik und bei der Beftimmung recenter Pflanzen benutzt werden können. Die erftere Richtung ift in zahlreichen reich illuftrirten Arbeiten von C. Freiherrn v. Ettingshaufen über die Nervation blattartiger Pflanzenorgane und zur Erforschung der Flora der Vorwelt vertreten; die letztere wurde in A. Pokorny's Holzpflanzen Oefterreichs des Weitern ausgeführt. Ein hervorragendes graphifches Lehrmittel für den höheren geographifchen und geologifchen Unterricht ift das grofse Aquarell- Tableau von Profeffor Fr. Simony in Wien, Gletſcherphänomene darftellend. Seine Bedeutung als naturgefchichtliches Bildwerk wurde durch eine beigegebene Sammlung inftructiver Muſterſtücke von recentem und altem Gletfcherfchutt wirkfam unterſtützt. Aufserhalb Oefterreichs waren die meiſten naturgefchichtlichen Bilderwerke von Frankreich in der XII. Gruppe ausgeftellt. Namentlich bot der Verlag von E. Roret und G. Maffon in Paris eine reiche Auswahl, wie die Suites à Buffon, Boisduval chenilles et lépidoptères de l'Europe, Vinfon voyage à Madagascar, Redouté les plus belles fleurs et fruits, Pouchet Zoologie, Duhamel les arbres, E. de Geyffier herbier forestier de la France phototypographique und Andere mehr. In den übrigen Ländern waren naturgefchichtliche Bilderwerke nur fehr vereinzelt zu treffen, wie z. B. L. Favre les champignons comestibles in der fchweizerifchen Ausftellung und E. Fries icones selectae hymenomycetum im fchwediſchen Schulhaus. Von der Photographie zu naturgefchichtlichen Zwecken ift merkwürdigerweife noch nicht der ausgedehnte Gebrauch gemacht worden, den diefes Verfahren zuläfst. Trotz der zahlreichen und fehr verfchiedenartigen Proben, die in der Weltausstellung vorlagen, vermifst man noch eine durchgreifende, fyftematifche und zufammenhängende Verwerthung derfelben zu Unterrichtszwecken. Die Vielfeitigkeit der Photographie zur Darstellung naturgefchichtlicher Lehrmittel geht aber fchon daraus hervor, dafs fie nach Bedarf verkleinerte und vergröfserte Bilder, fowie Bilder in natürlicher Gröfse gibt und mit Nutzen zur Darstellung von Objecten aus allen drei Reichen der Natur verwendet werden kann. Am beften wird die Vielfeitigkeit der Photographie im Dienfte der Naturgefchichte durch folgende, keineswegs complete Aufzählung ihrer factifchen Verwendung bei der Wiener Weltausftellung erkannt. Das zoologifche Mufeum der Univerfität Heidelberg hat durch Photographien die Form der Schränke und die Art der Aufftellung der Thiere illuftrirt. Das k. k. Schottengymnafium in Wien gab eine photographifche Ueberficht feiner Skeletfammlung, die vereinigte k. k. Mittelfchule in Feldkirch die Photographie einer Partie Alpenpflanzen( die Silberthaler Gruppe) im botanifchen Garten dafelbft. Die k. k. Oberrealfchule zu Leitomifchl und Dr. Warthe im Naturgefchichtliche Lehrmittel. 9 chemifch- technifchen Laboratorium in Peft lieferten Lichtpaufen von Blättern in natürlicher Gröfse. Antoine's Coniferen enthalten directe Photographien, während das erwähnte Werk von Geyffier phototypographirt ift. Directe Aufnahmen von Pflanzen( Blumen), Thieren( ausgeftopften, fowie lebenden), Menfchenracen und Völkertypen waren faft in allen photographifchen Abtheilungen, am hervorragendften in der deutfchen Ausstellung( Verlag von Wiegandt und Hempel in Berlin) zu fehen. Bemerkenswerth find auch die gelungenen Photographien von Schmetterlingen und anderen Infecten. Den gröfsten belehrenden Werth hatten aber die zahllofen photographifchen Landfchaftsbilder, unter denen wieder die äufserft lehrreiche und umfangreiche Sammlung aus den englifchen Colonien, insbefondere aus Auftralien und Neufeeland, fowie die grofsen Photographien aus Californien und dem Weften der Vereinigten Staaten obenan ftehen. In der That wird der geologifche und pflanzenphyfiognomiſche Charakter folcher Landfchaften nicht nur vom geographifchen, fondern auch vom naturhiftorifchen Standpunkt durch gute Photographien, befonders in ftereofkopifchen Aufnahmen in fo unübertrefflicher Weife dargestellt, dafs fchon hiedurch allein die Photographie einen für Schule und Unterricht unerfetzlichen, viel zu wenig bisher gewürdigten Werth enthält. Auch von Makrophotographien bot die Ausftellung manches Intereffante. Ein englifcher Photograph( Frank Hacs in London) brachte Vergröfserungsphotographien( nach Vifitkarten) vom Tiger, Löwen, Nashorn, Elephant und Zebra, die fehr bemerkenswerth waren, befonders durch die Art und Weife, wie fich beiſpielsweife Details der Haut der Dickhäuter wiedergaben. Ein fehr beliebtes Object eigentlicher Vergröfserungsphotographien waren Moeller's Typenplatten von Diatomeen, deren allerdings wunderbare Anordnung photographifch vergröfsert in Oefterreich( photographirt von C. Haack in Wien), Deutſchland( befonders gelungen von Dr. G. Fritfch in Berlin) und in Nordamerika zu fehen waren. Diefe fo vielfeitige, aber doch mehr vereinzelte Anwendung der Photographie läfst hoffen, dafs diefe graphifche Methode immer mehr für den eigentlichen naturgefchichtlichen Unterricht Verwendung finden wird. Zum Schluffe mögen noch unter den naturgefchichtlichen Bilderwerken zwei Ausstellungsobjecte befprochen werden, die gleich den fchon erwähnten botanifchen Wandtafeln des Kenfington- Muſeums und den mineralogifchen Wandtafeln von Deyrolle eine Combination von Natur und Kunft find. Das eine Object find die von J. Plafchke, Malet aus Landeck in Schlefien, gelieferten gemalten Vögel, deren Gefieder durch natürliche Federn wiedergegeben ift. So gefchickt diefe flachgeftopften Vogelbälge( Auerhahn, Truthahn, Reiher, Schnepfe, Eisvogel, Gimpel) mit einer paffenden gemalten Umgebung eingerahmt find, fo wird doch für den Unterricht dabei wenig gewonnen und ein gut geftopftes ganzes Exemplar diefem Bilde mit natürlichen Federn beim Unterrichte vorzuziehen fein. Auch dürfte fchon der hohe Preis die Verbreitung diefer unnatürlichen Verbindung in Schulen hindern. Im Gegenfatz dazu hat E. Erxleben in Landskron in feinen geologifchen Bildern ein recht brauchbares Lehrmittel gefchaffen. Die vier Weltenalter, die Fraas( fiehe oben) nur bildlich darftellt, werden hier in Käftchen durch die entsprechenden Gefteinsformen und charakteriftifchen Verfteinerungen wirkfam illuftrirt, wobei kleine Landfchaftsbilder im oberen Theil der Käftchen der Phantafie zu Hilfe kommen. Es wird übrigens hier mit Recht mehr Gewicht auf die Naturkörper gelegt, als auf die Bilder, wie denn auch unter den fpäter noch zu befprechenden Sammlungen einige vorkommen, die zu ihrer Erklärung mit Vortheil auch gleichzeitig graphifcher Darftellungen fich bedienen. Modelle. Hieher gehören die mannigfaltigen plaftifchen Nachbildungen von Naturkörpern, die fich zur bildlichen Darftellung minder eignen, im natürlichen Zuftande 10 Dr. Alois Pokorny. aber wegen ihrer Seltenheit oder Kleinheit oder wegen der Schwierigkeit der Aufbewahrung beim Unterrichte wenig benützt werden können. Hier hat die Induftrie noch ein weites dankbares Gebiet zur Ausbeute, da zweifelsohne bei dem gegenwärtigen Fortfchritte der Technik und bei hinreichender Nachfrage die verfchiedenartigften Objecte der drei Reiche fich im Modell darftellen liefsen, während gegenwärtig nur verhältnifsmäfsig wenige Naturkörper, die gleichfam von felbft zur plaftifchen Nachbildung einladen, als Anfchauungsmittel für den Unterricht, und zwar noch in fehr befchränktem Mafse angewendet werden. Das Materiale der Modelle richtet fich theils nach der Natur der darzuftellenden Gegenftände, theils hängt es von der Wahl des Verfertigers ab, fo dafs Modelle desfelben Gegenftandes aus fehr verfchiedenen Stoffen dargestellt werden. Zur bequemeren Ueberficht werden hier die ausgeftellten Modelle nach den drei Hauptrichtungen des naturgefchichtlichen Unterrichtes gruppirt. Modelle zum Unterrichte aus der Mineralogie und Geologie. Unter diefen find die Kryftallmodelle die gewöhnlichften. Die geometrifche Regelmäfsigkeit diefer Körper erleichtert ihre Nachbildung. Da nun die natürlichen Kryftalle meift nicht vollſtändig ausgebildet, überdiefs in der Regel felten und klein find, fo find für das theoretifche Studium der Mineralogie Kryftallmodelle äufserft erwünſcht und diefs umfomehr, als plaftifche Nachbildungen den Anfänger rafcher in den Stand fetzen, fich in den Kryftallgeftalten zu orientiren, als es durch Zeichnungen möglich ift. Bei den Kryftallmodellen find, wie bei den Abbildungen, zweierlei Gefichtspunkte zu unterfcheiden. Die einen dienen hauptfächlich dem Selbft. unterrichte; fie find daher klein, aber oft fo präcis ausgeführt, dafs fie Winkelmeffungen geftatten. Die andere Art folcher Modelle dient zum Maffenunterrichte in der Schule und hat daher entsprechend grofse Dimenfionen. Die Weltausftellung bot verfchiedene Beiſpiele von beiden. Kleine Kryftallmodelle werden am gewöhnlichften aus Holz, feltener aus Gyps, Schwefel, Maffe, Cartonpapier, Glas und dergl. dargeftellt. So beftechend namentlich Kryftallmodelle aus maffivem Glas( felbft Imitationen aus Bergkryftall kamen vor) auf den erften Blick erfcheinen, fo find fie doch in ihren Abmeffungen felten fo genau als gute Holzmodelle, und die letzteren defshalb, fowie der Billigkeit wegen vorzuziehen. Nachbildungen aus Cartonpapier eignen fich befonders als belehrende Uebung für Schüler; ebenfo die meift ziemlich rohen Nachbildungen aus Gyps oder anderen plaftifchen Maffen. Immer dürften aber für den Selbftunterricht und namentlich, wo es fich um Darftellung zahlreicher und complicirterer Formen handelt, gute Holzmodelle den Vorzug verdienen. Eine fehr präcis und nett ausgeführte und achfengerecht aufgeftellte Sammlung folcher Kryftallmodelle aus Birnbaumholz( 120 Stück, angefertigt von Becker) hat das Leopoldftädter Real- und Obergymnafium in Wien zur Anficht gebracht. Ungleich wichtiger für die Schule find die grofsen Kryftallmodelle aus Pappe( Carton), Glas oder Draht und felbft Horn. Maffive Modelle eignen fich fchon wegen der Schwere minder; folche Modelle müffen daher immer hohl angefertigt werden. Das gewöhnlichfte und einfachfte Material dazu ift Pappendeckel; doch geben folche Modelle nur die äufsere Form, die Geftaltung und Gruppirung der Flächen, geftatten aber keinen Einblick in die inneren Abmeffungen. Mit Recht werden daher diefe plumpen, wenig brauchbaren Modelle in neuerer Zeit vernachläffigt, wie denn auf der Ausftellung nur wenige Proben davon mehr zu fehen waren. Die gröfste Sammlung brachte noch die bergakademifche Mineralien Niederlage in Freiburg in Sachfen. Eigenthümlich waren die Kryftallmodelle aus durchfichtigem Horn mit durchgezogenen Achfen von A. Preller, Kammmacher und Modelleur in Hof( Baiern). Weit inftructiver find die hohlen Modelle aus zufammengeklebten Glasflächen. Die weitaus gröfste und fchönfte Sammlung diefer Art ftellte Dr. Lang Naturgefchichtliche Lehrmittel. 11 hans, Director der königl. baierifchen Gewerbefchule in Fürth, aus. In kleinerem Mafsftabe, aber auch fehr inftructiv find die Glas- Kryftallmodelle von F. Thomas, Buchbinder und Modelleur in Siegen( Provinz Weftphalen in Preufsen). Diefe Glasmodelle haben den grofsen Vorzug der Durchfichtigkeit. Sie geftatten daher die Anficht des Achfenkreuzes, die Einfchachtelung verwandter Formen und dergleichen. Die Kanten werden durch grell grüne Papierftreifen auf ziemliche Entfernung hin deutlich fichtbar. Noch praktiſcher für den Unterricht find aber Gittermodelle aus Draht, Stäben und dergleichen; fie waren jedoch auf der Weltausftellung nur fpärlich vertreten. Die öfterreichiſche Unterrichtsabtheilung enthielt einige fehr bemerkens werthe von Profeffor E. Barla an der Staats- Oberrealfchule zu Brünn con ftruirte Gittermodelle im Grofsen. Die Achfen find durch fchwarze Stäbe, die Kanten durch rothfeidene Schnüre fehr kenntlich dargeftellt. Ein befonders inftructives Modell enthält fämmtliche plenotefferale Geftalten in einem Würfel eingefchachtelt, wobei einzelne Flächen durch zahlreiche parallele Fäden wie fchraffirt hervortreten. Hier verdienen auch die vorzüglichen Drahtmodelle erwähnt zu werden, die von Profeffor J. P. Stroeffer aus Brüffel in der belgifchen Abtheilung zu fehen waren. Diefe unter dem Namen ,, Somatakanten" ausgeftellten Kantenfyfteme dienten fowohl zur Unterſtützung des Unterrichtes in der Stereometrie, Trigonometrie, beim perfpectivifchen und graphifchen Zeichnen, in der Geographie( Armillarfphäre), als auch in der Kryftallographie. Ein befonderer Vorzug diefer Modelle ift ihre Solidität, die gute Verlöthung der Ecken und die Anwendung verfchiedenfarbiger dicker Eifen-, Kupfer- und Zinkdrähte. Diefe Gittermodelle geftatten nicht nur den Einblick in die inneren Abmeffungen der Kryftallgeftalten, fondern geben auch durch Projection ihres Schattens auf einer Ebene äufserft lehrreiche und anfchauliche Vorlagen zur perfpectivifchen Zeichnung folcher Körper. Sie verdienen daher unbedingt den Vorzug vor den Papp und felbft vor den Glasmodellen. Nebft den Kryftallmodellen werden am häufigften Edelſtein- Imitationen für den mineralogifchen Unterricht verwerthet. Zunächft als billiger und effectvoller Schmuck werden folche Imitationen maffenhaft und fabriksmäfsig in Frankreich erzeugt und die Ausftellung der franzöfifchen Bijouterie bot eine fehr reichhaltige Auswahl in diefer Richtung dar. Der ebenfalls fchwungvoll in Böhmen, befonders in der Umgebung von Turnau, betriebenen Induftrie im Schleifen und in Imitation von Edelſteinen hat der thätige Naturalienhändler V. Frič in Prag eine neue nutzbare Anwendung für Unterrichtszwecke dadurch gegeben, dafs er in Glasflüffen alle, auch die minder gebräuchlichen Edelſteine nachahmen liefs, und auf diefe Art Sammlungen künftlicher Edelſteine zufammenbrachte, welche durch ihre Reichhaltigkeit und die getreue Nachbildung von Farbe und Glanz fich auszeichnen und zugleich die Haupttypen aller Schliffformen repräfentiren. Es gibt folche Schulfammlungen zu 36, 50 und 72 Stück; auch werden aufserdem Sammlungen der gröfsten und berühmteften Diamanten zu 4 und 15 Stück ausgegeben. Aufser diefen Imitationen waren in der Ausftellung noch kleinere, aber minder gelungene Edelſtein- Imitationen( zum Beiſpiel 16 Stück in angeblich natürlichen Kryftallformen) zu fehen. Diefe, fowie wieder äufserft koftbare Nachbildungen aus Bergkryftall entſprechen aber wenig den Bedürfniffen des Unterrichtes und find daher auch, wie die Kryftallmodelle aus maffivem Glas, wenig verbreitet. - Gleich den Edelſteinen eignen fich gröfsere Maffen der Edelmetalle, insbefondere Gold- und Platinklumpen, fehr gut zur Nachbildung. Die Ausftellung bot hierin wahre Prachtftücke in der Abtheilung der britifchen Colonien, wo der grofse ,, Gold- Nugget" Welcome aus dem Bergwerks- Departement zu Melbourne in Auftralien mit feinen Genoffen ein Hauptanziehungspunkt war. Wegen der vielfachen Anregung follten ähnliche Gypsmodelle in den Schulmufeen eine gröfsere Verbreitung finden wie bisher. 12 Dr. Alois Pokorny. Auffallend fpärlich waren in der Ausftellung die fo werthvollen Gypsmodelle feltener Petrefacten vertreten. Das Meifte in diefer Beziehung bot noch V. Frič aus Prag mit feinen Modellfammlungen von Foraminiferen, Radiolarien und Trilobiten. Die Modelle der Foraminiferen find aus Gyps, die der Radiolarien aus Maffe verfertigt und geftatten eine klare Anfchauung der zierlichen Schalformen in ſtark vergrössertem Mafsftabe. Sie find, fo wie die Suiten der böhmifchen Trilobiten unter Leitung des Profeffors Dr. A. Reufs und des Cuftos Dr. A. Fritfchangefertigt und entſprechen auch wiffenfchaftlichen Anforderungen in Beziehung auf Richtigkeit der Beftimmungen und Correctheit der Ausführung.- In der deutfchen Unterrichtsausftellung hat J. Kreitmayer, Formator des baierifchen Nationalmufeums in München, ein Sortiment von paläontologifchen Abgüffen, Doctor L. W. Schaufufs in Dresden einige Gypsmodelle von gröfseren Petrefacten ausgeftellt und ebenfo in der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung die Rofsauer Oberrealfchule in Wien. Bei der grofsen Menge vorzüglicher Modelle, die das bekannte Rheinifche Mineralien comptoir des Dr. A. Krantz in Bonn allein liefert, war jedoch die Zahl der in der Ausftellung befindlichen Nachbildungen von foffilen Sauriern, Enkriniten, Säugethierreften, Thierfährten und ähnlichen für den Unterricht wichtigen Objecten, wie gefagt, ziemlich gering. Sieht man von den geologifch- colorirten Reliefkarten, die fchon der Bericht über geographifche Bildungs- und Unterrichtsmittel erwähnt, ab, fo befafs die Weltausstellung zwei hervorragende Arten von Modellen, zur Unterſtützung des eigentlichen geologifchen Unterrichtes. Hierher gehören zunächft die MiniaturVulcane aus Schwefel vom Profeffor Dr. F. von Hochftetter in Wien. Diefe Art von Modellen ift um fo intereffanter, als ihre Entstehung felbft ein geologifches Experiment ift, fo dafs nicht nur die äufsere Form der Schwefelkegel als Modell vulcanifcher Kegelbildung, fondern zugleich auch die Art ihrer Hervorbringung als Erklärung des analogen Naturproceffes im Grofsen dient. So wie nämlich die im Zuftande wäfferiger Schmelzung befindliche Lava wefentlich durch die Spannkraft des eingefchloffenen Wafferdampfes aus den vulcanifchen Spalten hervorquillt und bei ihrem wiederholten Ueberfliefsen mit den übrigen Eruptionsproducten die Auffchüttung der vulcanifchen Kegel bewirkt, fo gibt der aus Sodarückständen gewonnene Schwefel beim Erftarren zu Eruptionen im Kleinen Veranlaffung, welche durch ihre Wiederholung ähnliche Auffchüttungskegel aus Schwefel erzeugen. Durch gefchickte Benutzung der hiebei eintretenden Umstände laffen fich eine Menge an den Vulcanen vorkommende Details nachbilden und dadurch erklären. Die ausgezeichnet fchönen Modelle der Ausftellung wurden in der Erften öfterreichifchen Sodafabrik zu Hrufchau in Mähren unter Mitwirkung des Herrn Dr. Opl erzeugt. Ein zweites ausgezeichnetes geologifches Lehrmittel war das geologiſche Profilrelief der Alpen zwifchen Vorderrhein und Wallenfee( Finfterahorn) von A. Heim, Docent der Geologie in Zürich. Es beftand aus 35 auf Glasplatten gemalten geologifchen Verticaldurchſchnitten, welche auf einer horizontalen geologifchen Karte der Gegend felbft aufgeftellt ftanden. Von oben betrachtet, fah man daher die geologifche Befchaffenheit des Terrains an der Oberfläche, von feitwärts aber das Höhenprofil der Gegend mit der Fortfetzung der Formationen im Innern der Gebirge, fo dafs der geologiſche Bau derfelben auf einen Blick durchfchaut werden konnte. Hier würden fich die verfchiedenen Bergbau- Profile anfchliefsen, wie zum Beiſpiel die im Pavillon des k. k. öfterreichifchen Ackerbauminifteriums befindlichen. Da diefelben aber mehr praktiſche Specialeinrichtungen verfolgen, fo dürfte deren kurze Erwähnung hier genügen. Modelle zum Unterricht in der Botanik. Unter den Pflanzen eignen fich die Pilze am beften zu plaftifchen Nachbildungen; fie werden daher auch häufig in Wachs, Gyps, Papiermaffe und Naturgefchichtliche Lehrmittel. 13 dergleichen nachgeahmt und find in folchen Modellen ein beliebtes Anfchauungsund Lehrmittel für den elementaren Unterricht. Doch laffen diefe Modelle in der Regel vieles in Bezug auf Natürlichkeit zu wünſchen übrig und ſtehen meift guten Abbildungen nach, umfomehr, als das Modell von der feineren Structur diefer Gebilde, häufig nicht einmal von dem morphologifchen Detail, keine oder doch nur fehr undeutliche Darftellungen gibt. Form und Farbe allein genügen aber denn doch nicht zu einer einigermaffen gründlichen Belehrung über diefe Naturkörper. In der öfterreichifchen Ausftellung waren Pilz- Nachbildungen von C. W. Adler zu fehen. Weit verbreiteter und bekannter find die urfprünglich von Profeffor Dr. Büchner, fpäter aber von A. v. Löfecke und F. A. Böfemann in Hildburghaufen herausgegebenen plaftifchen Nachbildungen efsbarer und giftiger Pilze, die auch im deutſchen Unterrichtspavillon ausgeftellt waren, kaum aber den verhältnifsmäfsig hohen Preis lohnen. Aufser den Pilzen find Obft und Früchte, fehr dankbare Objecte der Nachbildung. Obwohl meift nur von fpeciell pomologifchem Intereffe, gab es doch Ausftellungen folcher Objecte von hohem allgemeinen Werthe, wie die Früchte aus Papiermaffe in der Ausftellung der k. zoologifchen Gefellfchaft in Amfterdam, die wichtigften efsbaren Früchte der oftindifchen Colonien der Niederlande darftellend. Jedem Befucher der weftlichen Agriculturhalle werden wohl noch die herrlichen Wachsmodelle der frutti artificiali des Padre Pietrantonino Alcantarino aus Neapel in befter Erinnerung fein. Die ausgeftellten Trauben, Birnen, Kirfchen, Erdbeeren in den verfchiedenften Sorten waren von überrafchender Frifche und Natürlichkeit. Das künftliche Obft des Garnier Valleti Franz aus Turin in derfelben Abtheilung fchlofs fich der früheren Sammlung würdig an. Dafs auch Wurzeln und Gemüfe in Modellen fehr naturgetreu wiedergegeben werden können, haben Sutton& Sons, Samenhändler der Königin von England aus Reading( Berkſhire), und C arter& Beale aus London bewiefen. Obgleich nur zunächft zur Illuftration der erzielten Erfolge in der Landwirthschaft dienend, könnten folche oder ähnliche Modelle mit vielem Nutzen auch in der Schule beim botanifchen Unterrichte verwerthet werden. Die für den Unterricht in der Botanik werthvollften Modelle der Ausftellung find jedoch die bekannten und viel verbreiteten Blüthenmodelle aus Papiermaffe, Guttapercha und dergleichen von Brendel Robert aus Breslau, der diefelben fabriksmäfsig erzeugt. Bisher wurden 65 botanifche Modelle zur Erläuterung des Blüthenbaues der wichtigften wildwachfenden und Culturpflanzen, fowie des natürlichen Pflanzenfyftems ausgegeben. Die einzelnen Modelle ftellen Analyfen der wichtigften Pflanzenorgane in ftark vergröfsertem Mafsftabe vor und find fowohl in der Form, als in der Färbung fehr genau wiedergegeben. Auch die Art der Aufftellung in entſprechende Träger ift fehr praktiſch. Für den höheren botanifchen Unterricht hat Dr. Ziegler aus Freiburg in Baden vortreffliche pflanzenphyfiologifche Wachspräparate ausgeftellt. Die dargeftellten Objecte find der Art, dafs fie weder durch Bilder, noch durch die natürlichen Präparate fo anfchaulich einem Schülerkreife demonftrirt werden können, als durch diefe Wachsmodelle. Namentlich gilt diefs von den Samenknɔspen und Pflanzen embryonen. Aber auch die Modelle zur Blüthenentwicklung find fehr inftructiv. Aus dem Gefagten geht hervor, wie mannigfach die Verwendung von Modellen beim botanifchen Unterrichte fein kann. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dafs die Verwendung folcher Modelle eine noch weit vielfeitigere fein könnte. Wer die erftaunlichen Leiftungen der Induftrie auf der Wiener Weltausftellung in der Fabrication künftlicher Blumen in der öfterreichifchen und franzöfifchen Abtheilung( Gruppe V, Textilinduftrie) bewundert hat, wird nicht verkennen, dafs diefe Induſtrie auch zur Unterſtützung des naturgefchichtlichen 14 Dr. Alois Pokorny. Unterrichtes verwerthet werden könnte und in Zukunft vielleicht auch Verwerthung finden wird. Modelle zum Unterrichte in der Zoologie und den verwandten Fächern. - Modelle lebender Thiere aus den oberen Claffen des Thierreiches werden wohl nur bei dem erften Anfchauungsunterricht in der Kinderftube, im Kindergarten, vielleicht auch noch in den unteren Claffen der Volksfchule Anwendung finden. Der Pavillon des kleinen Kindes, die Spielwaaren- Induftrie des fächfifchen Erzgebirges und zahlreiche andere ähnliche Ausftellungen boten hier überreichen Stoff. Mitunter wurde auch manches Originelle geboten. So wurden in der Mafchinenhalle Amphibien aus Kautfchuk( Kröten, Eidechfen, Schlangen und dergleichen) von E. Novotny aus Wien, zum Verkaufe ausgeboten, um Kinder an das eigenthümliche Gefühl beim Berühren diefer Thiere und an ihre Bewegungen zu gewöhnen und dadurch das Vorurtheil und die natürliche Scheu vor diefen Thieren zu bekämpfen. Aber auch auf höheren Stufen des Unterrichtes werden Modelle folcher Thiere erwünſcht ſein, die fich fchwer aufbewahren laffen und auch lebend nur felten zur Verfügung stehen, zum Beiſpiel Quallen, die See- Anemonen( Actinien), nackte Schnecken und dergleichen. Aus Glas gefertigte Modelle der erfteren führten V. Frič aus Prag und Doctor L. W. Schaufufs aus Dresden, letzterer überdiefs noch Wachsmodelle von Nacktfchnecken vor. Hieher könnten vielleicht auch die künftlichen Schmetterlingsfammlungen von G. W. Adler aus Wien gerechnet werden, welche aus ausgefchnittenen, recht guten colorirten Abbildungen von Schmetterlingen auf Papier beftehen, die gleich den Infecten auf Nadeln in Käftchen gereiht allerdings täufchend einer Schmetterlingsfammlung gleichen, doch aber nur den Werth eines Bilderbuches haben. Sehr eigenthümlich waren die Riefenmodelle von Alexander Strembitzky aus St. Petersburg als Hilfsmittel für den anfchaulichen Unterricht in der Naturgefchichte. Die Entwicklung des Sterlets, der Kopf einer Ochfenbremfe, eines Schmetterlings, der Fufs einer Küchenfchabe, einer Spinne waren hier in koloffalen Dimenfionen dargestellt. So gut und getreu auch die Ausführung diefer Modelle war, fo entſteht doch ein gegründeter Zweifel in die Zweckmässigkeit folcher riefigen Modelle, die in den meiften Fällen durch grofse einfache Zeichnungen in Umriffen fich hinreichend inftructiv erfetzen liefsen. Die meiſten hieher gehörigen Modelle jedoch ftellen anatomifche, phyfiologifche und pathologiſche Präparate dar und in diefer Beziehung boten die deutfche und franzöfifche Ausftellung das reichfte Material. Dem Stoffe nach find die Modelle meift aus Wachs oder Papier- mâché, feltener aus Guttapercha und anderen Harzen, Gummi, Holz, Glas und dergleichen verfertigt; die Objecte find theils in natürlicher Gröfse, theils vergröfsert nachgebildet, mit den natürlichen Farben und bisweilen von vollendeter technifcher Ausführung. - Zu den beften Modellen diefer Art gehörten die phyfiologifchen Wachspräparate von Dr. A. Ziegler aus Freiburg, die Entwicklungsgefchichte des Menfchen und der Thiere( Hühnchen, Frofch, Echinodermen) darftellend. Weisker Rudolf, anatomifcher Modelleur aus Leipzig, lieferte 25 mikrofkopifche Wachspräparate menfchlicher Parafiten, darunter eine fchöne Darftellung der Bandwürmer und ihre Entwicklung aus der Finne. Aber auch Infectenmetamorphofen( Calopterix virgo) waren von ihm ausgeftellt. Die Münchener Anatomiker und Bildhauer Zeiller& Söhne lieferten eine reiche Suite anatomifcher Modelle vom Menfchen und einzelner Organe desfelben( Auge, Gehörorgan, Herz, Stimmorgan, Fufs, Hand, Kopf, alles zu zerlegen). Eine bemerkenswerthe Suite von 20 plaftifchen Darftellungen, ausgeführt von Fanny Zeiller, behandelte die Entwicklungsgefchichte des Menfchen, des Säugethiers und Vogels. Auch L. Heftermann, Bildhauer und Modelleur aus Hamburg, führte eine ganze Naturgefchichtliche Lehrmittel. 15 Reihe anatomifcher Unterrichtsmodelle für Schulen vor. Für den Unterricht an Mittelfchulen dürften fich aber doch als das befte und billigfte Lehrmittel die bekannten vielverbreiteten Gypsmodelle empfehlen, die unter Leitung des Profeffors Dr. Bock in Leipzig als plaftifch- anthropologifche Lehrmittel für Schulen ausgegeben werden und vom Bildhauer G. Steger in Gyps gebildet und von A. Goldfufs mit Oelfarbe gemalt find. Specialrichtungen verfolgen die von U. Baur aus München ausgeftellten Wachspräparate vom Pferde und die pathologifchen Präparate aus Papier- mâché( Becken) von C. F. Fleifchmann aus Nürnberg; defsgleichen die äufserft effectvollen und fchönen anatomifch- chirurgifchen Wachsmodelle von Jules V. J. Talrich, anatomifchem Modelleur an der medicinifchen Facultät in Paris. Nicht unerwähnt kann am Schluffe bleiben, dafs in Oefterreich- Ungarn, welches in Bezug auf naturgefchichtliche Modelle auffallend hinter den Leiftungen des Auslandes zurückbleibt, der Verfuch gemacht wurde, die plaftifch- anatomifchen Modelle des Menfchen durch fchichtenartig übereinander liegende flache Zeichnungen zu erfetzen. Hieher gehört eine zerlegbare menfchliche Geftalt aus Eifenblech, von der Oberrealfchule in Leitomyfchl ausgeftellt, und ein ähnliches Modell aus Papier von Dr. L. Arányi aus Budapeft Doch können diefe Flachmodelle mit den plaftifchen Darftellungen in keiner Weife wirkfam concurriren. WO Sammlungen von Naturkörpern. So wichtige Unterftützungsmittel des naturgefchichtlichen Unterrichtes Abbildungen und Modelle find, fo können fie doch in der Regel die Natur felbft nicht vollständig erfetzen. Sie werden in allen Fällen von Nutzen fein, wo es unmöglich oder fchwer ift, die Naturkörper beim Unterrichte zu benützen, oder es fich um Eigenfchaften und Verhältniffe der Naturkörper handelt, die fich namentlich beim Maffenunterrichte an diefen nur fchwer demonftriren laffen. In der weitaus überwiegenden Zahl der Fälle aber wird der Lehrer dennoch es vorziehen, den Schüler aus unmittelbarer Anfchauung der Naturobjecte felbft feine Kenntniffe fchöpfen und erweitern zu laffen, wie fchon Linné in feinem berühmten Ausfpruche: ,, Herbarium( natura) praeftat omni icone", die unmittelbare Anfchauung und Unterfuchung der Naturproducte allen künftlichen Nachbildungen mit Recht vorzog. Der naturgefchichtliche Unterricht kann defshalb paffender Sammlungen nicht entbehren und es werden Naturalienfammlungen von den kleinen Handfammlungen für Schüler und Elementarfchulen angefangen bis zu den grofsen Nationalmufeen aufwärts zu den wichtigften Lehrbehelfen der Naturgefchichte gehören. Es kann unmöglich Aufgabe des Berichtes fein, das gefammte naturhiftorifche Material der Weltausftellung als Lehrmittel gleichmäfsig in Betracht zu ziehen. Die immenfen Naturfchätze, die hier als Rohproducte ihrer techniſchen, induftriellen und commerciellen Wichtigkeit wegen aufgefpeichert waren, haben allerdings zugleich ihre didaktifch inftructive Seite. Doch tritt diefe hier nicht fo deutlich hervor, wie bei den eigentlichen naturgefchichtlichen Sammlungen, welche behufs des Unterrichtes und des Studiums der Naturkörper eigens angelegt wurden. Der Bericht wird fich daher zunächft auf naturgefchichtliche Schul- und Mufealfammlungen zu befchränken haben. Unter diefen find wieder die allgemeinen, alle drei Reiche umfaffenden Sammlungen für den erften Elementarunterricht zu unterfcheiden von den höheren Stufen des Unterrichtes entfprechenden Specialfammlungen, welche felbft wieder am paffendften nach den drei Reichen unterfchieden werden können. 2 16 Dr. Alois Pokorny. Allgemeine naturgefchichtliche Schulfammlungen für den Elementarunterricht. Bei diefen Sammlungen handelt es fich nicht um Reichhaltigkeit, Seltenheit oder hohen Werth der Objecte. Im Gegentheil foll eine gute Schulfammlung möglichft compendiös und leicht und billig herzuftellen fein. Eine gute, den Zwecken des Unterrichtes entſprechende Auswahl und ein wahrhaft inftructiver Zuftand der Objecte find hier die Hauptfache; der Unterricht auf diefer Stufe braucht daher nicht viele und feltene, aber gut gewählte und inftructive Naturkörper. Solche Sammlungen werden in den meiften Fällen am beften vom Lehrer dem Lehrftoffe entſprechend zufammengeftellt. Hierin liegt aber eine befondere Schwierigkeit, da nicht jeder Lehrer Gelegenheit und Gefchick dazu befitzt, paffende naturgefchichtliche Sammlungen für die erfte Stufe, des Unterrichtes aber noch viel zu wenig Gegenftände eines regelmäfsigen Handels find, Daher die auffallende Erfcheinung, dafs felbft bei genügenden Geldmitteln die Schulen felten mit zweckentfprechenden Naturalienfammlungen verfehen find. " In einigen Ländern hat die Unterrichtsverwaltung felbft diefen wichtigen Gegenftand durch Zufammenftellung und Anempfehlung geeigneter naturgefchichtlicher Schulfammlungen gefördert. Obenan ftehen in diefer Beziehung Deutfchland und einige Cantone der Schweiz. Aber auch aus Oefter. reich- Ungarn, Schweden und Rufsland waren bemerkenswerthe Schulfammlungen für die unterfte Stufe des naturgefchichtlichen Unterrichtes zu fehen. So brachte das öfterreichifche Mufterfchulhaus einzelne kleine Sammlungen, die beftimmten Lefeftücken des Lefebuches angepafst find und zu deren fachlichen Erläuterung dienen.„ Was man in der Kohlengrube findet", wie man Eifen gewinnt", Tableaux von Nutz- und Giftpflanzen, Zufammenftellungen über Haus- und Nutzthiere und deren Producte und dergl. find dem kindlichen Alter ganz entſprechend, da fie anregend wirken und dem Verſtändniffe der Kleinen zugänglich find. Hier fo wie in der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung find befonders einige gelungene Sammlungen diefer Art von J. Grimme, Volksfchul- Lehrer in Baden, fo wie deffen Infecten- und Mineralienfammlungen hervorzuheben. Einzelne öfterreichifche Lehrer traten mit fchönen Specialfammlungen auf; fo F. Dohnal aus Zborowitz in Mähren und K. Lula aus Wittingau in Böhmen mit Tableaux zur Seidenzucht, A. Thuma aus Chrudim ( Böhmen) mit einem Tableau zur Bienenzucht, Oberlehrer J. Weiffel aus Wien mit fchön getrockneten Pflanzen in ihren natürlichen Farben, L. Heiden in Wien mit Käferfammlungen, TherefiaKollmann aus Linz mit Volksfchul- Herbarien u. f. f. Der Lehrer der evangelifchen Volksfchule in Graz F. Kubin ftellte eine Anzahl hübfch adjuftirter Herbarien in Octavform aus, welche von den Schülern felbft angelegt wurden und nebft den getrockneten Pflanzen noch die gefchriebenen Befchreibungen derfelben enthalten. Wenn nicht hiedurch zu viel Zeit einem doch nur befchränkten Theile des Unterrichtes gewidmet wird, fo ift diefs dort, wo die Umstände es erlauben, eine für die Schüler recht lehrreiche und anregende Befchäftigung. Das königlich ungarifche Minifterium für Cultus und Unterricht hatte unter den Lehrmitteln für Volks- und Bürgerfchulen auch kleine naturgefchichtliche Schulfammlungen, als Mineralien, Herbarien und Infectenfammlungen ausgeftellt und auch fonft hatten Private für diefe Stufe Proben geliefert, wie Eger in Budapeft eine Mineralienfammlung für Bürgerfchulen und F. Eberhöch aus Koronczo die Giftpflanzen Ungarns auf Quartblättern, wobei die getrocknete Pflanze mit einem gedruckten Text in deutfcher und ungarifcher Sprache umgeben ift. Der Text enthält die Merkmale der Pflanze, die Symptome der Vergiftung und die Mittel dagegen. Eine Anzahl origineller Tableaux für den erften Anfchauungsunterricht, der die naturgefchichtliche und technologifche Seite einzelner Rohproducte ver Naturgefchichtliche Lehrmittel. 17 anfchaulichen foll, befand fich in der ruffifchen Unterrichtsaus ftellung. Beiſpielsweife ift auf einem folchen Tableau die Weide dargestellt durch eine Weidenblüthe, Weidenrinde, einen Weidenzweig, eine Weidenkohle, einen Weidenkorb und eine Fifchreufe. Aehnlich werden die Getreide- Arten, der Flachs, Hanf, die Kartoffel, die Fichte u. f. f. durch verfchiedene Beftandtheile des Naturproductes und feiner Fabricate erläutert. Im deutfchen Unterrichtspavillon waren kleine Schulfammlungen von Baden, Württemberg, Baiern, Sachfen und Hamburg ausgeftellt. Einen befonders compendiöfen und dabei inftructiven zoologifchen und mineralogifchen Apparat für Volksfchulen enthielt die badifche Collectivaus ftellung. Einige kleine Säuger, ein paar Vögel, eine Schlange, eine Eidechfe, ein Fifch, zwei kleine Infectenfchachteln und ein paar Mufcheln bilden den gefammten zoologifchen Apparat einer badifchen Volksfchule und ebenfo einige Mineralien, Felsarten, Verfteinerungen und Kryftallmodelle aus Holz den mineralogifchen Apparat derfelben. Es ift felbftverftändlich, dafs hiemit nur die Minimalgrenze einer Schulfammlung ausgedrückt ift, welche jede, auch die kleinfte Dorffchule unter ihren Lehrmitteln erreichen foll. Dafs viele Schulen darüber hinaus den Lehrmittelfchatz erweitern, befonders dort, wo fähige und fleifsige Lehrer in diefer Richtung thätig find, war ebenfalls an mehreren Beifpielen erfichtlich. So hat G. Speidel, Lehrer in Dünkelsbühl( Baiern), eine recht gute biologifch- entomologifche Sammlung geliefert. Sehr nette und zweckmäfsige Schulfammlungen in grofser Auswahl hat L. Heftermann aus Hamburg ausgeftellt, als: Erze und Mineralien, Infecten, Herbarien von Forft-, Bienen, Nahrungs- und Giftpflanzen, Gräfern, Algen der Nord- und Oftfee und dergl. mehr. Vorzügliche naturhiftorifche Schulfammlungen waren im Schweizer Pavillon zu fehen. So hatten einzelne Cantone, wie Zürich, Aargau und Teffin, Mufterfammlungen für ihre Secundär, Cantons- und Bürgerfchulen ausgeftellt, die von dem tiefen Verftändnifs und der ernften Beachtung, welchen die Schweizer dem Studium der Naturgefchichte widmen, ein rühmliches Zeugniss abgeben. Sammlungen von Mineralien, Felsarten und Verfteinerungen, von Infecten und Pflanzen waren vorwiegend vertreten und einzelne derfelben kommen noch später zur Befprechung. Das fchwedifche Schulhaus enthielt unter feinen vielen vorzüglichen und nachahmenswerthen Einrichtungen auch ſchöne Sammlungen von Mineralien, Infecten und Pflanzen. Am meisten verdient ein Herbariumkaften hervorgehoben zu werden, der in Form von Schubfächern Rahmen enthielt, in welchen getrocknete und auf Papier gefpannte Pflanzen lagen. Es laffen fich auf diefe Weife zahlreiche Pflanzen leicht und bequem aufbewahren und jeden Augenblick beim Unterricht verwerthen, indem der Lehrer die betreffende Pflanze hervorzieht und gleich einer Wandtafel am beften auf fogenannten Originalleiften zur Anficht aufhängt. Wären die Pflanzen gleich befferen Bildern noch durch Glastafeln vor dem Staube und vor Befchädigungen gehörig gefchützt, fo könnte diefe Einrichtung als muftergiltig angefehen werden Ein ähnlich aufbewahrtes Herbarium hat übrigens auch die k. k. privilegirte öfterreichifche Staatseifenbahn Gefellfchaft zur Anficht ausgeftellt. Recht hübfch und brauchbar waren im fchwediſchen Schulhaufe die Typenfammlungen von Infecten in Schachteln von Octavformat und mit doppeltem Glasboden, um beide Seiten bequem betrachten zu können. Auch in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung waren ähnlich eingerichtete Schmetterlingsfchächtelchen zu fehen. Naturgefchichtliche Specialfammlungen für den mittleren und höheren Unterricht. Mineralogifche, geologifche und paläontologifche Sammlungen. Sieht man von dem koloffalen hieher gehörigen Material, welches die I. Gruppe der Weltausftellung( Berg- und Hüttenwefen) aus faft allen 2* 18 Dr. Alois Pokorny. Ländern der Welt enthielt, zunächft ab, fo laffen fich die fpeciell, Unterrichtszwecken gewidmeten mineralogifch- geologifchen Sammlungen nach den Ausftellern in drei Gruppen fondern, nämlich in Sammlungen der Mineralienhändler, in Schul- und Privatmufeen und in grofse Landes- oder Reichsmufeen. Die Mineralienhändler waren nur in der öfterreichifchen und deutfchen Unterrichtsausftellung vertreten. Ihr Lager beftand theils aus einzelnen Schauftücken und Proben, theils aus zufammenhängenden, fyftematifch für eine beſtimmte Stufe des Unterrichtes zufammengeftellten Schulfammlungen. Unter den öfterreichifchen Ausftellern diefer Art war G. A. Lenoir aus Wien in der Gruppe XIV( wiffenfchaftliche Inftrumente) untergebracht, wefshalb feine fchöne Expofition, die aus Seltenheiten und fchön kryftallifirten Stücken beftand, leicht überfehen wurde. Dr. L. Eger aus Wien ftellte zumeift gröfsere Prachtftücke aus, wie: gefchliffene Doppelfpathe, grofse Kryftalle von Epidot, Dioptas, Schwefel, grofse Meteorfteine und dergl. V. Frič aus Prag hatte nebft den bereits erwähnten Nachbildungen von Edelſteinen, Foraminiferen und fo fort befonders mehrere kleinere und gröfsere, für bestimmte Stufen des Unterrichtes abgegrenzte mineralogifche und geognoftifche Schulfammlungen für Lehranstalten und Schüler zur Ausftellung gebracht. In erfreulicher Weife ift dadurch für die Befchaffung der Lehrbehelfe beim mineralogifchen Unterricht in Oefterreich durch die genannten drei Firmen, welche übrigens nach Wunfch beliebige Zufammenftellungen von mineralogifchen, geolo gifchen und paläontologifchen Sammlungen und ebenfo die Nebenbehelfe, wie Kryftallmodelle, Nachbildungen, Härtefcala und dergl. beforgen, Rechnung getragen. Auck J. Erber, Naturalienhändler aus Wien, hat eine mineralogifche Abtheilung feines Lagers eröffnet und bietet gleichfalls Gelegenheit zum Ankauf der hieher gehörigen Lehrmittel. Im deutfchen Unterrichtspavillon hatte C. F. Pech, Mineralienhändler aus Berlin, lofe Kryftalle, Dünnfchliffe von Felsarten und Mineralien kleineren Formats und die Bergakademifche Mineralienniederlage zu Freiburg in Sachfen Mineralien, Gefteine, Verfteinerungen, kleinere und gröfsere Schulfammlungen, Kryftallmodelle aus Pappe und dergleichen ausgeftellt. Doch liefs letztere in der Formatifirung und Adjuftirung der Stücke Manches zu wünfchen übrig. Manche renommirte Mineralien und Naturalienhandlung Deutfchlands, wie Dr. A. Krantz' Mineralien comptoir in Bonn, war auf der Weltausftellung leider nicht vertreten. Die hieher gehörigen Mufe alfammlungen fanden ihre vorzügliche Vertretung nur in Oefterreich, da fchon die Schwierigkeit des Transportes Zufendungen gröfserer Sammlungen aus weiter Ferne verhinderte und gerade in Oefterreich das Studium der Naturgefchichte an Lehranstalten durch zahlreiche gut eingerichtete Schul-, Privat- und öffentliche Mufeen gefördert wird. Unter den eigentlichen Schulmufeen ift die mineralogifch- geologifche Sammlung des Leopoldftädter Communal, Real- und Obergymnasiums in Wien hervorzuheben. Diefe Anftalt ftellte ihre Sammlungen in einem zerlegbaren Mineralien- Pultkaften aus, der nach Bedarf und Raumverhältniffen als freiftehender Doppel- Pultkaften oder wie hier in der Ausftellung als ein doppelter Wandkaften benützt werden kann und felbft Ausftellungsgegenftand war. Die in den Unterkäften befindlichen Schubläden haben die Einrichtung, dafs fie in ähnlichen Pulten in den Schulzimmern unter Glas aufgeftellt werden können, wodurch es möglich ift, die forgfältig zufammengeftellte und etiquettirte Schulfammlung längere Zeit den Schülern zur Anfchauung zu bringen. In den Pulten waren Kryftallmodelle aus Birnbaumholz, künftliche und natürliche Edelſteine und der, Boden von Wien", eine geologifche Sammlung aus der Umgebung von Wien ausgeftellt. Die Unterkäften enthielten eine mineralogifche Schulfammlung für Untergymnafien, als Belegftücke zu A. Pokorny's illuftrirter Naturgefchichte des Mineralreiches Naturgefchichtliche Lehrmittel. 19 ( 572 Nummern), eine terminologifche Mineralienfammlung für das Obergymnafium nach C. Naumann( 240 Nummern) und eine geognoftifch- paläontologifche Sammlung für das Obergymnafium( 260 Nummern). Hiedurch war der ganze mineralogifch geologifche Lehrapparat für ein öfterreichifches Gymnafium zur Anfchauung gebracht. Die öfterreichifch- ungarifche Unterrichtsausftellung enthielt aber auch aus den Privatmufeen von Profefforen vorzügliche Proben von inftructiven Sammlungen für den höheren Unterricht in der Mineralogie, Geologie und Paläontologie. Profeffor R. Niemtfchik in Wien brachte feine reichhaltige Sammlung natürlicher Kryftalle zur Anfchauung. Diefe mehrere taufend Stücke umfaffende Sammlung ift fehr überfichtlich in Glaskäftchen auf Wachsftäbchen nach dem Formate gruppirt und umfafst fehr viele kryftallographifche Seltenheiten und Merkwürdigkeiten. Profeffor J. Niedzwiedzki aus Krakau hat für die Mittelfchulen eine Sammlung von Mineralien zufammengeftellt, die in Oefterreich häufig oder in grofsen Maffen vorkommen. Die Auswahl diefer Stücke, das fchöne Format und das inftructive Ausfehen derfelben zeigt von dem Verftändniffe, mit welchem diefe Sammlung( 180 Stücke) aus öfterreichifchen Fundorten zufamm engebracht wurde. Profeffor A. Makowsky aus Brünn trat mit einer geognoftifchen Sammlung auf, welche die Gefteine Mährens in terminologifcher Anordnung umfafste. Diefe Anwendung hat den grofsen Vortheil, dafs der Schüler nebft dem Namen zugleich die hervorragendften Eigenfchaften des Gefteines nach feiner Synthefe, allgemeinen Structur, Textur und Genefis erfährt. Die Stücke felbft liefsen durch das grofse, gleiche Format und den frifchen Bruch, die genaue Bezeichnung des Vorkommens, der Formation und Nomenclatur nichts zu wünfchen übrig. Eine ähnliche fehr verdienftliche und inftructive geognoftifche Specialfammlung war die des Profeffor Dr. J. Szabó aus Budapeft über die ungarifchen Trachyte, welche hier nach einem natürlichen Syfteme fehr überfichtlich in ausgewählten Stücken zufammengeftellt waren. Endlich hat Profeffor C. Freiherr von Ettingshaufen aus Graz eine fehr bemerkenswerthe pflanzen paläontologifche Ausftellung zur Demonftration des gemeinfchaftlichen Urfprunges der Floren der Erde vorgeführt. Während früher die Tertiärpflanzen als vorwiegend nordamerikaniſche Pflanzenformen erklärt und beftimmt wurden, und erft fpäter, und zwar zuerft durch Ettingshaufen der neuholländifche Charakter einzelner Tertiärfloren nachgewiefen wurde, waren hier unbeftreitbare Belegftücke von dem Vorhandenfein tropifcher( afiatifcher und afrikanifcher), europäiſcher, neuholländifcher und nordamerikaniſcher Pflan zentypen aus der Tertiärzeit Mitteleuropas und fpeciell Oefterreichs ausgeftellt, und dadurch der Beweis von dem gleichzeitigen Vorkommen der in der Jetzwelt getrennten Hauptfloren der Erde zur Tertiärzeit geliefert. Aeufserft wirkfam wurden hiebei die mit grofser Sorgfalt ausgewählten foffilen Pflanzen durch die Blätterabdrücke recenter Pflanzen in Naturfelbftdruck erläutert. Eine der grofsartigften mineralogifch- geologifchen Ausftellungen war die der k. k. geologifchen Reichsanftalt in Wien. Die wiffenfchaftliche Seite diefes Inftitutes war hauptfächlich durch Karten und Druckfchriften, die praktiſche Seite desfelben durch grofsartige Sammlungen der nutzbaren Producte des Mineralreiches in Oefterreich vertreten. Was aber hier bei Befprechung der Mufeal- Sammlungen am meiften hervorgehoben zu werden verdient, war die in ihrer Art einzige, eben nur einem mit kaiferlicher Munificenz ausgeftatteten und mit der ganzen Autorität des Staates unterftützten Inftitute mögliche Sammlung von Prachtftücken foffiler Pflanzen und Thiere, welche in einem freiftehenden Mittelfchranke die Collectiv- Ausstellung des öfterreichifchen Unterrichtsminifteriums zierten. Von Landesmufeen war das naturhiftorifche Landesmufeum Kärntens durch Aufftellung feiner reichen mineralogifchen Sammlung im Pavillon der Kärntner Montaninduftrie glänzend vertreten. 20 Dr. Alois Pokorny. Bei der Unmöglichkeit, die mineralogifchen und geologifchen Schätze der I. Gruppe nur einigermafsen eingehend von ihrer didaktifchen Seite würdigen zu können, mögen unter der Fülle des Gebotenen nur einige Beiſpiele zum Schluffe hier kurz angeführt werden, als die Ausftellung der Berg- und Hüttenproducte, der k. k. Montanwerke( Idria, Brixlegg, Joachimsthal, Raibl, Swoszowice, Příbram, Häring, Klaufen, Spital) und der öfterreichifchen Salinen im Pavillon des k. k. Ackerbauminifteriums; die prachtvolle Ausftellung der Stafs further Steinund Kalifalze im deutfchen Montan- Pavillon( gegenwärtig dem k. k. Hof- Mineraliencabinet in Wien bleibend einverleibt); die Mineralfchätze der englifchen Colonien, darunter die Cap- Diamanten, die Goldvorkommen von Queensland und Victoria, die Mineralien des neufeeländifchen Colonial- Muſeums; das Salzvorkommen aus den Punjab in Oftindien; die Ausftellungen von Brafilien, Spanien, der Türkei, darunter die paläontologifchen und geognoftifchen Sammlungen von Dr. und Madame Abdullah Bey, von Griechenland, Japan u. f. f. Botanifche Sammlungen. Gegenüber den fo zahlreichen und reichhaltigen mineralogifchen Sammlungen waren die botanifchen für die mittlere und höhere Stufe des Unterrichtes auf der Weltausftellung, wie es in der Natur der Sache liegt, minder vertreten. Eigentliche Pflanzenfammlungen oder Herbarien eignen fich wenig zur Schauftellung und die Schule und der Unterricht benützen mit Vorliebe und mit Recht theils frifches Material, theils als Erfatz desfelben gute Abbildungen und Modelle. Nichtsdeftoweniger waren auf der Weltausftellung auch Herbarien von hohem didaktifchen und wiffenfchaftlichem Intereffe, vor allem. aber auch in den Ausftellungen der II. Gruppe( Forft- und Landwirthfchaft) ein immenfes botanifches Material von Hölzern, Früchten, Droguen und dergl. aufgefpeichert. Endlich haben die temporären internationalen Ausftellungen lebender Pflanzen, fowie die ftabilen Gartenanlagen ein nicht weniger ergiebiges Feld für den Botaniker geliefert, deffen didaktiſch wichtige Seite wohl im Allgemeinen zu wenig gewürdigt und wegen Kürze der Zeit auch nicht genügend ausgebeutet worden fein dürfte. Von eigentlichen Schul- und Mufeal- Sammlungen brachte auch auf diefem Gebiete die öfterreichifche und deutfche Unterrichtsausftellung das Meifte; doch waren auch fehr brauchbare und lehrreiche Herbarien von der Schweiz, von Italien, Schweden und den überfeeifchen Ländern ausgeftellt. Unter den Kryptogamen- Sammlungen ift zunächt die Algenfammlung von E. Leveling aus Wien zu erwähnen. Diefelbe umfafst die Algen des adriatifchen Meeres in 20 Tableaux, unter Glas auf einem Stativ drehbar aufgeftellt. Die Präparation diefer Algen zeigt infofern einen Fortfchritt, als diefelben nicht wie gewöhnlich auf dünnem Papier, fondern auf Cartons aufgezogen find, was feine entfchiedenen Vortheile hat. Das werthvolle Lichenen- Herbar des verftorbenen Profeffors A. Maffalongo( Lichenes veneti rariores, herausgegeben von M. Anzi) war in der weftlichen Agriculturhalle in leider wenig geeigneter Weife zur Anficht ausgeftellt. Weit zweckmäfsiger waren dagegen die Clado niae auftriacae von Dr. S. Poetfch aus Kremsmünfter in zwei Foliobänden eingerichtet. Jedes Blatt diefes Flechtenherbars hatte einen dicken Rahmen, wie in einem Photographie- Album, wodurch die Flechten vor Druck und vor dem Eindringen des Staubes bewahrt blieben, eine Methode, die fich für ähnliche Sammlungen fehr bewähren dürfte. - E. de Thuemen Fungi auftriaci exficcati lagen als Verlagsartikel der Firma S. Calvary( Berlin) in der Ausftellung der deutfchen Buchhändler auf und dürften defshalb vielfach überfehen worden fein. Eine andere Pilzfammlung, hauptfächlich gut getrocknete Durchfchnitte gröfserer Pilze enthaltend, von Dr. Bolla aus Prefsburg, waren theils in der Ausftellung des öfterreichifchen Apothekervereines, theils in der ungarifchen Unterrichtsausftellung zu fehen. Naturgefchichtliche Lehrmittel. - 21 J. Dietrich aus Jena ftellte im deutfchen Unterrichtspavillon deutfche Laub- und Leber- Moofe aus. Madame Abdullah Bey hatte ihre bemerkenswerthe, fchon bei der Parifer Ausftellung 1867 prämiirte Sammlung von Algen, Flechten und Moofen in 25 Tableaux in der türkifchen Unterrichtsabtheilung zur Anfchauung gebracht. Von Phanerogamen Sammlungen waren einzelne eigens zu Unter richtszwecken präparirt und verdienen defshalb hier in erfter Linie genannt zu werden. R. Beranek aus Wien brachte eine terminologifche Sammlung plaftifch getrockneter Pflanzen für Mittelfchulen. Auf einem Stativ waren in Tableaux unter Glas die wichtigften Formen der Pflanzenorgane( Wurzeln, Stengel, Blätter, Blüthen, Früchte) übersichtlich zufammengeftellt. Die Pflanzen wurden in heifsem Sand getrocknet und dann ftark gummirt, fo dafs fie ihre plaftifchen Formen mitunter fehr gut erhielten. Eine befonders nachahmenswerthe Erfcheinung war das Schulherbar des Profeffors Menzel aus Zürich, welches Pflanzen- Analyfen auf Duodezblättchen unter Glas enthielt, und dadurch im kleinften Raum ein vortreffliches Material zur fyftematifchen Botanik darbot. Auf jedem Blättchen befand fich eine Species mit den bezüglichen Blüthen und Frucht- Analyfen im natürlich getrockneten Zuftande. Es ift begreiflich, dafs man diefe fehr praktifche Idee auf verfchiedene Weife modificirt beim Unterricht anwenden kann. Ein Hauptvorzug diefer Präpaparate ift, dafs fie felbft eine Unterfuchung mit der Lupe geftatten und gegen Befchädigung vollkommen gefchützt find. Die k. k. zoologifch- botanifche Gefellfchaft in Wien hat nebft dem bereits erwähnten Lichenen- Herbar von Dr. Poetfch noch drei botanifche Special- Sammlungen ihrer Mitglieder zur Anficht ausgeftellt, wobei jede diefer Sammlungen eine befondere didaktifche Richtung verfolgt. E. Berroyer aus Wien brachte nämlich in zwei Bänden die Giftpflanzen der niederösterreichifchen Flora und fuchte das Inftructive der gut getrockneten und ausgewählten Pflanzen- Exemplare durch gezeichnete Analyfen und durch paffende Notizen zu erhöhen. E. Woroszczak aus Wien brachte in Form eines Herbars in zwei Bänden die Holzorgane der niederöfterreichifchen Holzpflanzen zur Anfchauung. Diefs wurde dadurch ermöglicht, dafs von den drei Hauptfchnitten des Stammes( Querfchnitt, Längsfchnitt parallel den Markftrahlen, Längsfchnitt fenkrecht auf die Richtung der Markftrahlen) 3 bis 4 Millimeter dicke Proben, ferner Rindenftücke Zweige mit Knofpen und dergl. auf einen Herbariumbogen aufgeklebt waren. Die Ränder der Bogen waren wie in den Photographie- Albums hinreichend dick, um die aufgeklebten Objecte vor Druck und Staub zu fchützen Dr. A. Pokorny aus Wien brachte endlich die Blattorgane der Holzpflanzen des öfterreichischen Kaiferftaates in einem eigenen Herbar zur Anfchauung. Das Herbar enthielt im kleinften Raume eine vollſtändige Sammlung der Blätter aller 520 im Kaiferthume Oefterreich wildwachfenden oder häufiger cultivirten Bäume, Sträucher und Halbfträucher. Die ausgeftellten Blätter waren zugleich die Originalexemplare der in dem Werke des Ausftellers Oefterreichs Holzpflanzen, Wien 1864" enthaltenen 1640 Blattabdrücke in Naturdruck und erhielten erft durch das beiliegende Werk ihre volle Bedeutung. 99 Die Gruppe XXVI der öfterreichifchen Ausftellung enthielt noch einige Herbare, unter denen das umfangreichfte von V. Plemel, Caplan in Karner- Vellach in Krain mit 30.000 Exemplaren herrührte. Dasfelbe enthielt die Pflanzen nicht in fyftematifcher Reihenfolge, fondern nach Excurfionen und Gebirgsftöcken, wodurch es zugleich ein gewiffes geographifches Intereffe gewann. Dr. Helfer aus Wien brachte die öfterreichifchen Medicinalpflanzen in einem fehr luxuriös eingerichteten Kaften zur Anfchauung, ohne dafs die Art der Aufftellung, einzelnen oder wenigen Arten ein befonderes Querfach zu widmen, wegen ihrer Koftfpieligkeit und wegen des geringen Nutzens fich fehr empfehlen würde. 22 Dr. Alois Pokorny. Die anderen Herbarien der Weltausftellung verfolgten meift fpecielle praktifche, meift land- und forftwirthschaftliche Richtungen, wie das in der weftlichen Agriculturhalle vom k. italienifchen Ackerbau- Minifterium ausgeftellte Erbario foreftale, die Pflanzenfammlungen im fürftlich Schwarzenberg'fchen Pavillon und dergl.; theils dienten fie zur Illuftration der Bodenerzeugniffe ferner Länder, wie die Herbarien der englifchen und franzöfifchen Colonien. Egyptens, Japans. Auch Schweden und Griechenland haben bemerkenswerthe Herbarien ausgeftellt. Die gröfsten botanifchen Schätze der Weltausftellung waren jedoch, wie fchon Eingangs erwähnt wurde, in den pflanzlichen Rohproducten aller Länder ausgeftellt. Wenn auch hier in erfter Linie die Verwendbarkeit zur Vorführung derfelben beftimmend war, fo dürfte wohl kaum je eine fo bedeutende Anzahl der verfchiedenartigften techniſch- wichtigen Pflanzen an Einem Punkte der Erde vereinigt gewefen fein, als auf der Wiener Weltausftellung. Die Vereinigung diefer Schätze zu einem ftabilen Centralmuſeum wäre allein im Stande gewefen, die wiffenfchaftliche Seite diefes immenſen Materiales gehörig auszubeuten. Manches davon, was öfterreichifchen Schulen und wiffenfchaftlichen Inftituten zugute kam, wird gewifs noch in Zukunft belehrend und fördernd wirken. Einzelne der ausgeftellten Collectionen wirkten unmittelbar durch die Reichhaltigkeit und Merkwürdigkeit ihrer Producte und die Zweckmäfsigkeit der Aufftellung, wie z. B. die Trophäe von Rohproducten aus den oftindifchen Colonien der niederländifchen Handelsfocietät in Amfterdam oder die Ausftellung des ColonialMuſeums aus Liffabon in der weftlichen Agriculturhalle, welches unter Anderem das gröfste Pflanzenwunder Afrikas, die Welwitfchia mirabilis, in mehreren Exemplaren vorführte; oder die egyptifche Ausftellung, welche die ganze Ueppigkeit der fubtropifchen Vegetation des Landes durch eine gute Auswahl von Stäm men, Blüthen und Fruchtſtänden, riefenhaften Blättern und dergl. zur Geltung brachte. Von Riefenbäumen, diefen effectvollen Ausftellungsgegenständen, lieferte die öfterreichifch- ungarifche Forftausftellung an Querfchnitten fowohl, wie an 140 Fufs langen Stämmen, deren einzelne, wie die Maftbäume vor dem Pavillon des Ackerbauminifteriums, in die Lüfte emporragten, anfehnliche Repräfentanten der einheimifchen Vegetation. Von exotifchen Riefenbäumen war wohl die von der brafilianifchen Regierung in der Nähe des Palais des Vicekönigs von Egypten im Freien aufgerichtete Araucaria excelfa das hervorragendfte Beiſpiel. Die Nordamerikaner haben diefsmal von ihren californifchen Mammuthsbäumen, den riefigen Sequoien, nur Photographien eingefendet( ,, the grizzly giant" mit 101 Fufs Umfang und 35 Fufs Durchmeffer), doch verbieten hier der Raum und die Abgrenzung des vorliegenden Berichtes, in eine nähere Betrachtung des botanifchen Materials der Weltausftellung an Holzarten, Früchten, Fafer- und Farbftoffen, Harzen, Droguen( z. B. die reichhaltige Ausstellung der Chinarinden des öfterreichifchen Apothekervereines in Wien und der fo merkwürdigen Expofition der Cinchonen auf Java) und dergl. einzugehen. Ebenfo kann den lebenden botanifchen Schätzen der Weltausftellung nur eine kurze flüchtige Ueberfchau gefchenkt werden. Als dem eigentlich naturgefchichtlichen Unterrichte, wenngleich nicht ausfchliefslich, gewidmet, verdient hier in erster Linie der Volksfchulgarten der öfterreichifchen Mufterfchule auf dem Weltausstellungsplatze genannt zu werden. Derfelbe verdankt feine Entstehung dem Comité der Schulfreunde, insbefondere dem eifrigen Vorkämpfer für zweckmäfsige Volksfchulen und Schulgärten Dr. E. Schwab in Wien. Ueber die Einrichtung und den Zweck des Gartens geben die von Dr. Schwab verfafsten Brofchüren:„ Die öfterreichifche Mufterfchule für Landgemeinden auf dem Weltausftellungsplatz" und" Der Volksfchulgarten. Wien, bei Hölzel 1873" nähere Auffchlüffe. Der Referent kann nicht umhin, hinzuzufügen, dafs ebenfo erfpriefslich und nothwendig, wie für die Volksfchule der Volksfchulgarten und für die Hochfchule der botanifche Garten, auch für die Mittelfchule eine Naturgefchichtliche Lehrmittel. 23 Gartenanlage im Intereffe des Unterrichtes wie in fanitärer und pädagogifcher Beziehung ift. Nur wenige Mittelfchulen, namentlich in Städten, werden diefen Vortheil geniessen. Dafs die Sache aber möglich und durchführbar ift, zeigt unter Anderem der bereits erwähnte Plan des botanifchen Gartens der vereinigten Mittelfchulen in Feldkirch, der in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung auflag. Die Ausftellung bot felbft hie und da Gelegenheit, lebende Pflanzen zu fehen, wie die mit Früchten beladenen Bananen in der marokkanifchen Abtheilung, die pflanzenphyfiologifchen Verfuche der landwirthschaftlichen Schulen, die forft. wirthschaftlichen Anpflanzungen in der Umgebung des Pavillons des Fürften Schwarzenberg und des k. k. Ackerbauminifteriums und dergl. Sehr reich an intereffanten füdlichen Pflanzenformen war die Umgebung des Pavillons des Fürften von Monaco, darunter zwei koloffale Agaven mit Blüthenfchäften. Die temporären internationalen Ausftellungen der Gartenbau- Gefellſchaft brachten eine Fülle der feltenften, merkwürdigften und verfchiedenartigften lebenden Pflanzen auf den Weltausftellungsplatz; aber auch die ftabilen Pflanzengruppen namentlich in der Nähe des Kaiferpavillons, im Hofraume des Pavillons für den deutfchen Kaifer, in der Mitte des Raumes zwifchen der Rotunde und der Mafchinenhalle, fowie vor der Kunfthalle waren für die Pflanzenfreunde, fowie für den Forfcher von hohem belehrenden Intereffe. Sammlungen für Zoologie und verwandte Fächer. Die hieher gehörigen Objecte laffen fich in vier Hauptgruppen fondern, nämlich in verkäufliche Sammlungen der Naturalienhändler, in Sammlungen der Schul-, Privat- und öffentlichen Mufeen, in Ausstellungen zoologifcher Objecte verfchiedenen Urfprunges und Zweckes, endlich in Ausftellungen lebender Thiere. Anhangsweife follen noch die anatomifchen und mikrofkopifchen Präparate kurz befprochen werden. Unter den öfterreichifchen Naturalienhändlern haben J. Erber und Dr. L. Eger aus Wien und V. Frič aus Prag Proben ihres Lagers an Bälgen, Skeleten und Weingeift- Präparaten zur Anficht gebracht. Unter den Ausftellungsobjecten von J. Erber find befonders die fehr fein und nett von Fräulein Caroline Hammer präparirten Skelete und unter den Weingeift- Präparaten die Amphibien hervorzuheben. Auch führt diefe Naturalienhandlung ein grofses Lager von Infecten, Spinnen, Conchylien und niederen Thieren für gröfsere Mufeen und Specialfammlungen. Befonderes Auffehen erregten trockene Krabbenpräparate mit beweglichen Gelenken Dr. J. Eger führte mehrere grofse fchöne Skelete und gut geftopfte Bälge, Vogeleier und dergl. vor. V. Frič hat befonders inftructive und fchöne Weingeift- Präparate niederer Thiere, exotifche Infecten, kleine Schulfammlungen von Infecten und dergl. ausgeftellt. Durch diefe drei renommirten Naturalienhandlungen, welche den weitaus gröfsten Theil der öfterreichifchen Schulen mit Naturobjecten verforgen, wird der naturgefchichtliche Unterricht in Oefterreich wefentlich gefördert.- Von kleineren verkäuflichen Sammlungen. aus Oefterreich find die Ausftellungen von J. Dorfinger& Sohn aus Salmannsdorf bei Wien( Schmetterlinge und Raupen) und von Temifto cle Azzolini aus Roveredo( ausgeftopfte Thierbälge) zu erwähnen. In der deutfchen Unterrichtsausftellung war das Lager von Dr. L. W. Schaufufs( fonft E. Klocke) in Dresden das reichhaltigfte. Es umfafste gleichfalls geftopfte Bälge, Skelete, Weingeift- Präparate, kleine Sammlungen von Infecten, Conchylien und Korallen, fowie die bereits früher erwähnten Modelle. Zu den vorzüglichften Expofitionen diefer Art gehörten aber die wenigen, jedoch ausgewählten Stücke von Edward Gerard aus London in der englifchen Unterrichtsausftellung. Balg und Skelet eines Orang- Utangs, der Balg von Propythecus Edwarfii aus Madagascar, die zerlegten Schädel von Python, Morrhua, Chelonia, Ovis und dergl. waren ebenfo vorzüglich präparirt, als tadello's erhalten. Unter den Schul- und Privatmufeen für Zoologie hat das Leopoldstädter Communal, Real- und Ober- Gymnafium in Wien nebft mannigfaltigen. 24 Dr. Alois Pokorny. Proben feiner zoologifchen Sammlungen( Bälgen, Skeleten, Weingeiftpräparaten, Schauftücken von Krebfen, Würmern, Conchylien, Korallen, Wefpenneſtern und dergl.) einen Glasfchrank dazu als Ausftellungsgegenstand vorgeführt. Diefer Glasfchrank hat nur die Rückwand aus Holz und bewegliche Fächer von ungleicher Breite. Diefs und die handfamen Dimenfionen geftatten die Unterbringung und bequeme Benützung einer möglichft grofsen Menge der mannigfaltigften Objecte im kleinften Raume. Auch die Rofsauer Communal- Oberrealfchule in Wien hat aus ihren reichen Lehrmittel- Sammlungen nebft zahlreichen inftructiven zoologifchen Modellen und mikrofkopifchen Präparaten noch entomologifche Objecte ausgeftellt, unter denen zwei Tableaux von Hymenopteren durch die forgfältige Auswahl, fchöne Präparation und Aufftellung, fowie durch richtige Beftimmungen fich auszeichneten. Eine eigenthümliche und fehr lehrreiche Sammlung zoologifch- biologifcher Präparate war die des Profeffors Dr. H. Landois aus Münfter im deutfchen Unterrichtspavillon. Diefe für den Unterricht an Gymnafien und Realfchulen fpeciell angefertigten Präparate follen zugleich die Lebensweife des Thieres veranfchaulichen, find daher mit einer paffenden Umgebung verfehen und ftellen die Thiere in verfchiedenen Lebensmomenten dar. Man fieht beifpielsweife in einem Tableau Fledermäufe fliegend, fchlafend und fäugend; in anderen Tableaux Kröten, Grillen, Heufchrecken, Todtengräber( Necrophorus vefpillo), Mordwefpen und dergl. mit ihren Verwandlungsftufen und in ihrer charakteriftifchen Lebensweife. Ein fehr beliebter Gegenftand folcher Zufammenftellungen ift die Seidenzucht und es fehlte auch für die mittlere Stufe des Unterrichtes nicht an guten Sammlungen diefer Art. So brachte Profeffor Pichler von der Linzer Oberrealfchule ein Tableau der oberöfterreichifchen Seidenfchmetterlinge( Attacus lunula, Antherea Yama- mai und Perenyi, Bombyx mori). Vortreffliche hieher gehörige Sammlungen waren unter Anderem auch in der weftlichen Agriculturhalle zu fehen, worunter die Ausstellungen des Profeffors Aleffandro Brizzolari aus Arezzo ( Monografia del Saturnia Yama- mai) und des Dr. Ritter Angelo Maeftri aus Pavia als befonders belehrend hervorzuheben find. Die Sammlung des Letzteren erftreckte fich auch auf andere nützliche und fchädliche Infecten. Unter den zoologifchen Privatfammlungen aus Oefterreich ift eine Sammlung galizifcher Spinnen von L. Weigel in Lemberg und die grofse Arachnidenfammlung von Dr. G. Böckh aus Prefsburg in fechs Doppelkäften( letztere in der ungarifchen Abtheilung) hervorzuheben. Von hohem wiffenfchaftlichen Intereffe und durch Seltenheit und Reichhaltigkeit ausgezeichnet waren die Sammlungen des Profeffors Dr. Guftav Mayr aus Wien. Die eine umfafste in fieben grofsen Schauläden nicht weniger als 168 Arten europäiſcher, afiatifcher und nordamerikanifcher Eichengallen mit ihren Erzeugern und Einmiethlern. Die zweite Sammlung, ebenfalls einzig in ihrer Art, enthielt 98 auf Objectträger befeftigte baltifche Bernſteine mit Ameifen- Einfchlüffen. Beide Sammlungen find um fo werthvoller, als fie die typifchen Exemplare zu den betreffenden Monographien des Ausftellers. enthalten. Die k. k. zoologifch botanifche Gefellfchaft in Wien brachte die Gattungen der niederöfterreichifchen Infectenfauna in einer fehr überfichtlichen und vollſtändigen Weife zur Anfchauung. Eine der fchönften Privatfammlungen war ferner die Conchylienfammlung von Robert Damon aus Weymouth in der englifchen Unterrichtsabtheilung. Diefe Sammlung enthielt in den auserlefenften, durch frifche und fchöne Färbung ausgezeichneten Exemplaren die Typen der Genera neuentdeckter Mollusken. Auch in der Schweizer- Unterrichtsabtheilung war eine fehr bemerkenswerthe Privatfammlung von J. Boll, Naturforfcher in Bremgarten in Aargau, zu fehen, der europäiſche und nordamerikaniſche Mikrolepidopteren in ihren verfchiedenen Entwicklungsperioden zum Studium comparativer Entomologie vorführte. Naturgefchichtliche Lehrmittel. 25 Zahlreich waren die Ausftellungen landwirthschaftlich und forftwirthschaftlich nützlicher und fchädlicher Thiere. Um nur einige der hervorragendften zu nennen, möge hier der zoologifchen Objecte im fürftlich Schwarzenbergfchen Pavillon, der k. k. privilegirten öfterreichifchen Staatseifen bahn Gefellfchaft, der Forftakademie zu Neuftadt- Eberswalde in Preufsen, der land- und fortwirthschaftlichen Collectivausftellung des Königreiches Böhmen u. f. f. gedacht werden. In Bezug auf Infecteníammlungen wurden jedoch alle diefe Expofitionen weit von der Ausstellung Seiner kaiferlichen Hoheit, Erzherzog Albrecht, in der öftlichen Agriculturhalle übertroffen. Hier war nämlich die in ihrer Art einzige entomologifch- biologifche Sammlung fchädlicher und nützlicher Infecten mit befonderer Rückficht auf Land- und Forstwirthfchaft von Friedrich A. Wachtl ausgeftellt, eine Sammlung, die fchon durch ihren Umfang, vor allem aber durch die Reichhaltigkeit und Auswahl der Objecte, ihre unvergleichlich fchöne Präparirung, das Inftructive der Metamorphofen, Aufenthaltsorte und Frafsftücke, fowie die Eleganz der Ausstattung imponirte. Das grofsartigfte zoologifche Muſeum der Weltausftellung war im Pavillon der öfterreichifchen Handelsmarine zu fehen. Hier hatte die k. k. Seebehörde und das Mufeo civico in Trieft die Nutzproducte des adriatifchen Meeres und ihre Feinde in äufserft vollſtändiger und wirkfamer Weife zur Anfchauung gebracht. Dadurch, dafs diefe Thiere insgefammt trocken, in grofser Menge und frei ausgeftellt waren, gewann die ganze Sammlung ein hohes, belehrendes Intereffe für das Publicum, während einzelne Vorkommniffe und Alterszuftände auch den Fachmann befriedigen mussten. Selbſtverſtändlich waren die Fifche, von den riefigen Haififchen bis zu den winzigen Sardinen, in guten geftopften Exemplaren vorwiegend vertreten; aber nicht weniger auffallend waren die grofsen und kleinen Krufter, die Kopffüfsler, die Schnecken, Mufcheln, Polypen und Radiaten des Meeres; fchon durch ihre Maffe, durch den eigenthümlichen localen Charakter der Meeresfauna, den diefe Sammlung fo fchlagend zum Ausdrucke brachte, wurde fie zu einem grofsen Anziehungspunkte der Ausftellung, befonders für die zahlreichen Befucher derfelben, die noch nie Gelegenheit hatten, einen Fifchplatz in einer Hafenftadt zu befuchen. Noch wäre hier das immenfe zoologifche Material, welches die Weltausftellung zerstreut in einzelnen Gruppen darbot, näher zu betrachten Wie bei den botanifchen Objecten ift es auch hier wegen Fülle des Stoffes ganz unthunlich, ins Detail einzugehen und es mögen einige beiſpielsweife Anführungen genügen, um die Reichhaltigkeit der Weltausftellung in diefer Richtung einigermafsen darzulegen. Die gröfste Menge zoologifcher Objecte war theils in der II. Gruppe ( Land- und Forftwirthfchaft), theils in den Natur und Rohproducten ferner Länder und Colonien enthalten. Die II. Gruppe führte Gegenftände der Viehzucht, der Jagd und Fifcherei vor. Durch Einbeziehung der land- und forftwirthfchaftlich nützlichen und fchädlichen Thiere wurde Gelegenheit zu kleineren und gröfseren Sammlungen geboten, wie deren einzelne bereits angeführt wurden. Gröfsere Sammlungen von Nutzproducten des Fifchfanges enthielt noch der norwegifche und nordamerikaniſche Fifchereipavillon. Pelzthiere und Charakterthiere waren in einzelnen Exemplaren mitunter in fehr natürlicher und effectvoller Haltung und Gruppirung in den verfchiedenften Theilen der Ausftellung zu finden. Am meisten zoologifche Ausbeute boten aber ferne Länder: Brafilien mit feiner glänzenden, bunten Vogel- und Infectenwelt und dem darauf fich gründenden originellen Feder- und Käferfchmuck; Indien mit den Jagdtrophäen feines Grofswildes; das Capland mit feinen Straufsenfedern, Büffelhörnern, Nashörnern, Elephantenzähnen und Giraffenknochen; endlich Auftralien und Neufeeland mit der ganzen Eigenthümlichkeit feiner Thierwelt. Als Glanzpunkt derfelben mufs die Ausftellung der Skelete der Riefenvögel( Moa) bezeichnet werden. Profeffor Dr. F. v. Hochftetter in Wien beforgte die Aufftellung diefer höchft feltenen 26 Dr. Alois Pokorny. und werthvollen, von D. J. Haaft, Director des Canterbury Mufeums zu Chriftechurch in Neufeeland eingefendeten Skelete dreier ausgeftorbenen Arten( Dinornis giganteus, D. elephantopus und D. ingens), gegen welche der jetzige neufeeländifche Kiwi oder Schnepfenftraufs( Apterix australis), der in zahlreichen Exemplaren vorhanden war, nur als ein winziger Epigone jener Riefengefchlechter erfcheint. Selbft lebende Thiere waren auf der Weltausftellung theils bleibend, theils temporär vertreten. So beherbergte die öfterreichifche Unterrichtsabtheilung eine lebende, von J. Erber ausgeftellte Tarantel; die italienifche Abtheilung ein Seewaffer- Aquarium mit Algen und Thieren, die aber bald zu Grunde gingen, die landwirthschaftliche Collectivausftellung Böhmens eine fehr intereffante Sammlung lebender Flufs- Perlmufcheln aus den böhmifchen Gewäffern. Fürft Schwarzenberg hatte vor feinem Pavillon lebende Biber und grofse Karpfen ausgeftellt; der Vicekönig von Egypten hielt Kameele, egyptifche Schafe und Ziegen und dergl. in den Stallungen feines Palaftes. Am grofsartigften waren aber die Schauftellungen der temporären internationalen Thierfchauen in den Adnexen des Weltausftellungs- Platzes. Bedenkt man noch, dafs in der nächften Nähe der Weltausftellung das Wiener Aquarium mit feinen reichen Schätzen an lebenden Thieren eröffnet wurde, fo bot in der That der Prater im Jahre 1873 ein überrafchend mannigfaltiges Schaufpiel des bunteften Thierlebens. Anhangsweife möge hier noch eine kurze Ueberficht der hervorragendften anatomifchen Präparate Platz finden, obgleich diefe vielfach das hier zu behandelnde Gebiet überfchreiten und verwandte, vorzüglich praktiſch- medicinifche und pathologiſche Richtungen berühren. Sowohl auf dem Gebiete der menfchlichen als auch auf dem der comparativen Anatomie haben fich aufser OefterreichUngarn faft nur Italien und Rufsland durch eigentliche Präparate betheiligt. Deutſchland und Frankreich lieferten auf diefen Gebieten nur Modelle. Was nun die Confervirungsmethoden der Weichtheile anlangt, wie fie an ganzen Leichen und bei einzelnen Organen verfucht wurden, fo find hier die berühmten Präparate der Profefforen L. Brunetti aus Padua und E. Marini aus Florenz in erfter Linie zu nennen, die erfteren durch Austrocknen in einem luftleeren Raume erzeugt und daher fchwammig aufgetrieben, trocken, leicht; die letzteren nach einer noch geheim gehaltenen Methode von frifchem, unverändertem Ausfehen und gefchmeidig. In der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung hat Dr. G. Jurié aus Wien Präparate der Harnblafe durch eine Löfung von Glycerin, Zucker und Salpeter confervirt und ebenfo Medianfchnitte des männlichen Beckens, welche urfprünglich in faft gefrorenem Zuftande des Cadavers gemacht und in Alkohol langfam aufgethaut wurden. Hieher gehören auch die makro- und mikrofkopifchen Durchfchnitte des Gehirns, wie fie von den Profefforen L. Teichmann aus Krakau und Woldemar Baetz aus Kiew( Rufsland) dargeftellt wurden. Ausgezeichnete Injectionspräparate haben geliefert: E. F. Trois, Confervator des königlichen Inftitutes in Venedig( Fifche, Amphibien etc.), aufserdem auch die öfterreichifchen Anatomen, wie Teichmann in Krakau, Lenhoffek in Budapeft und vor Allen J. Hyrtl in Wien. Die Ausftellung der Präparate J. Hyrtl's bildete einen Glanzpunkt in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung. Aufser 216 Capillargefäfs Injectionen brachte Hyrtl 24 menfchliche Placenten mit normalen und abnormen Gefäfsverhältniffen, ferner 57 Corroſionspräparate von bewunderungswürdiger Ausführung. Aufserdem lieferte Hyrtl noch 8 Tableaux Skeletpräparate, fämmtlich mit den natürlichen Bändern, von Ganoiden, Amphibien und Reptilien, fowie 2 Tableaux Gehörpräparate, von denen das eine die Labyrinthe des Menfchen und der Säugethiere, das andere die Gehörknöchelchen derfelben umfafste. Naturgefchichtliche Lehrmittel. 27 Unter den übrigen Ausftellern müffen noch als fehr bemerkenswerth befonders hervorgehoben werden: die Schädeldurchſchnitte( Nafenmufcheln) verfchiedener Säugethiere von Profeffor L. Teichmann, die Skeletpräparate des Profeffors Th. Margó aus Peft; die anatomifchen Präparate des normalen und pathologiſch afficirten Gehörorganes von Profeffor A. Politzer in Wien mit fehr inftructiven Apparaten zur phyfikalifchen Unterfuchung des Gehörorganes; und die dentiftifchen, äufserft lehrreichen Präparate des Dr. A. Z figmondy in Wien. An diefe grofsen anatomifchen Präparate fchliefsen fich die zahlreichen hiftologifch pathologiſchen mikrofkopifchen Präparate der Weltausstellung an. Es dürfte hier genügen, wenn darunter die Präparate des Profeffors Dr. Hefchl aus Graz, Dr. Barth aus Leipzig, Profeffor Dr. H. Krafinsky aus Moskau erwähnt werden. Wichtiger für den eigentlich zoologifchen, zum Theile felbft für den botanifchen Unterricht find jene mikrofkopifchen Präparate, welche eigens zu diefem Zwecke, namentlich zur Unterftützung des mittleren und höheren Unter richtes ausgegeben werden. Solche Präparate brachte die deutfche Unterrichtsausftellung in guter Auswahl. Das vorzügliche Inftitut für Mikrofkopie von J. D. Moeller aus Wedel in Holftein ftellte 800 mikrofkopifche Präparate zur Botanik, Zoologie und Geologie aus, darunter feine berühmte Typenplatte der Diatomaceen. Defsgleichen war auch das mikroskopifche Inftitut von C. Rodig in Hamburg mit einer reichen Auswahl von folchen Präparaten vertreten Leider bot die Weltausftellung keine Gelegenheit, diefe Präparate zu prüfen; wefshalb fo manche gute Leiftung auf diefem Gebiete unbekannt geblieben fein dürfte. Rückfchau. Ueberblickt man das in diefem Berichte behandelte immenfe Material, welches die Wiener Weltausftellung an naturgefchichtlichen Lehrmitteln darbot, fo wird dadurch der Wunfch rege, dafs dasfelbe nur auch in dem Mafse dem naturgefchichtlichen Unterrichte zugute käme, in welchem es dafelbft vorlag. In diefer Beziehung kann man fich aber nicht verhehlen, dafs aus Mangel einer gehörigen Organifation wohl nur ein geringer Theil diefes Materials feine wirkliche didaktifche Verwerthung findet. Es ift nämlich die Schulinduftrie, was naturgefchichtliche Lehrmittel anlangt, bei Weitem noch nicht fo weit vorgefchritten, wie es beifpielsweife bei den vérwandten chemifch- phyfikalifchen Lehrmitteln der Fall ift. Es find überhaupt nur die naturgefchichtlichen Abbildungen und Modelle Gegenftand einer eigenen Induftrie; gerade der wichtigfte Theil diefer Lehrmittel aber, die Naturalienfammlungen, werden durch einen noch wenig entwickelten Handelsverkehr vermittelt. Hiebei ift vor Allem noch die Unklarheit, die über die Ziele und den Umfang des naturgefchichtlichen Unterrichtes an den Schulen der meiften Länder fchwebt, die Urfache einer gleichen Unficherheit in dem Herbeifchaffen der geeigneten Lehrmittel. Es zeigt fich diefs fchon in den Bilderwerken und Modellen, obgleich diefe mit einem mehr präcifirten Plane gefchaffen werden; es zeigt fich diefs aber noch mehr an den Schulfammlungen, welche in der Regel mehr durch den Zufall, als durch eine auf ein beftimmtes Ziel gerichtete Abficht zu Stande gebracht werden, wefshalb denn auch naturgefchichtliche Schulfammlungen häufig viel unbrauchbares und überflüffiges Material enthalten. Diefs Alles kann nur fehr allmälig beffer werden, bis nämlich die Lehrziele des Unterrichtes auf den verfchiedenen Stufen desfelben allgemeiner feftgeftellt find und dadurch die Induftrie bewogen wird, paffende Lehrbehelfe zu fchaffen oder die nöthigen Naturkörper in guter Auswahl und Befchaffenheit zu beforgen, während diefs gegenwärtig gröfstentheils dem guten Willen und den Fähigkeiten des Lehrers überlaffen bleibt. Was aber die Stellung Oefterreichs zu diefer Induſtrie anlangt, fo geht aus der vergleichenden Ueberficht der naturgefchichtlichen Lehrmittel der verfchiedenen Länder zur Genüge hervor, dafs Oefterreich in Bezug auf die Samm 28 Dr. Alois Pokorny. Naturgefchichtliche Lehrmittel. lungen von Naturkörpern und den durch die Lehrer gefchaffenen Lehrapparat keineswegs anderen Culturvölkern nachfteht, dafs hingegen unfere Schulinduftrie in Bezug auf die künftlichen Lehrbehelfe, namentlich die Herbeifchaffung guter botanifcher und zoologifcher Modelle, namentlich mit Hinblick auf Deutſchland noch vieles zu wünfchen übrig läfst. Da gerade in Oefterreich der naturgefchichtliche Unterricht an den Schulen einer befonderen Pflege fich erfreut, fo hat die diefsbezügliche einheimifche Induftrie noch ein weites Gebiet der Fortentwicklung. Eine zweite Frage, die fich bei der Fülle von Roh- und Naturproducten an der Wiener Weltausftellung aufdrängt, ift die Verwerthung diefes zerftreuten und häufig geringgefchätzten Materiales nach der Weltausftellung zu Unterrichtszwecken. Abgefehen davon, dafs durch einzelne öfterreichifche Lehranstalten, Inftitute und Lehrer fchon während der Ausftellung theils durch Kauf, theils durch Widmung bedeutende Acquifitionen gemacht wurden, fo ift hier hauptfächlich jenes grofse naturgefchichtliche Material gemeint, welches nach der Ausftellung von den Ausftellern als werthlos zurückgelaffen oder ausdrücklich dem öfterreichifchen Unterricht gewidmet wurde. Es mufs als ein glücklicher Gedanke bezeichnet werden, dafs das k. k. Ackerbau- und Unterrichtsminifterium dergleichen Lehrmittel übernimmt und vor Verfchleppung fchützt, um fie fodann entweder zu einer Centralfammlung, einer permanenten Lehrmittelausstellung u. dgl. zu verwerthen oder an einzelne Inftitute und Lehranstalten, an denen fie die geeignete Würdigung finden, zu überlaffen. Wer die umfangreichen, zum Theile fehr werthvollen und fonft faft nicht zu erreichenden Acquifitionen überblickt, welche allein das k. k. Hof- Mineralien cabinet und die k. k. geologifche Reichsanftalt in Wien aus der Weltausftellung bezogen haben, mufs die bedeutende und bleibende Bereicherung unferer naturhiftorifchen Mufeen durch die Wiener Weltausftellung dankbar anerkennen. In diefer unmittelbaren Bereicherung unferer Muſeen aber und in den Anregungen, welche die einheimifche Induftrie auch auf diefem Gebiete durch die Weltausftellung zu fchöpfen Gelegenheit hatte, liegt ein Theil der fegensreichen Wirkung des grofsen culturhiftorifchen Ereigniffes der Weltausftellung, deffen volle Bedeutung erft die Zukunft bringen kann. MATHEMATISCHE LEHRMITTEL. ( Theilbericht zur Gruppe XXVI.) Bericht von JOSEF KNIRR, Profeffor in Wien. " Alles Abftracte wird durch die Anwendung dem Menfchenverftande genähert, und fo gelangt der Menfchenverftand durch Handeln und Beobachten zur Abftraction." Diefe Worte Goethe's werden uns bei unferer Betrachtung leiten und können zugleich unfere Lefer von der ganzen Bedeutung unferer Aufgabe überzeugen. Die für den mathematifchen Unterricht auf der internationalen Weltausftellung in Wien im Jahre 1873 ausgeftellt gewefenen Lehrmittel können füglich in Lehrmittel für den Anfchauungsunterricht und in Lehr- und Uebungsbücher, welche in den verfchiedenen Lehranstalten dem mathematifchen Unterrichte zu Grunde liegen, eingetheilt werden. Der Natur des Gegenftandes gemäfs follen hier zuerft die ausgeftellten Lehrmittel für die Arithmetik, Algebra und Analyſis, dann die Lehrmittel für den Unterricht in der Geometrie einer Befprechung unterzogen werden. Bevor jedoch der Berichterstatter diefe Befprechung beginnt, hält er fich verpflichtet, einige Daten aus der Gefchichte der Mathematik vorauszufchicken. In der älteften Zeit war es die Natur felbft, welche die Menfchen anregte, Mathematik im weiteften Sinne des Wortes zu betreiben, da fchon die Befriedigung der gewöhnlichen Lebensbedürfniffe die Menfchen zum eifrigen Studium derfelben hinzog. Das regelmässige Wechfeln von Tag und Nacht, das periodifche Wiederkehren der Mondesphafen und fo vieles Andere mögen hiezu die erfte Veranlaffung geboten haben; der Hausvater wollte feine Angehörigen, der Hirt feine Heerde zählen. Durch das Auftreten mehrerer Dinge derfelben Art waren Zahl und Form fchon mit den erften finnlichen Anfchauungen gegeben; die Zahl mufste nur von den Gegenständen gelöft werden, damit fie felbftftändig auftrete. Das Zählen und die Erfindung der Zahlwörter gehören daher unftreitig zu den erften geiftigen Thätigkeiten der Menfchen. Man kann wohl mit Sicherheit annehmen, dafs fich die Menfchen in der erften Zeit beim Zählen der Finger einer Hand bedienten, und die Zahl fünf mag wohl den erften Ruhepunkt beim Zählen gebildet haben. Anftatt fechs wird man daher fünf mehr eins, anftatt fieben: fünf 30 Jofef Knirr. mehr zwei u. f. w. gezählt haben. Nach Alexander v. Humboldt gibt es heute noch Völker, welche auf diefe Art zählen. Bei anderen Völkern find noch Spuren vorhanden, dafs fie auf diefe Art gezählt haben mögen. Wieder andere Völker benützten beim Zählen beide Hände, bildeten die Zahlwörter von eins bis zehn, zählten überhaupt nach Perioden von zehn und legten fo den Grund zum dekadifchen Zahlenfyftem. Auch das Zählen nach Händen und Füfsen, das heifst nach Perioden von zwanzig zu zählen, war bei mehreren Völkern üblich; es findet fich diefe Methode zu zählen heute noch bei den Völkern im nordweftlichen Afrika. Diefelbe zog fich früher über Spanien, Frankreich** und England; bei den meiften Völkern des Kaukafus ift fie noch vorherrfchend. Am ausgebildetften war das Vigefimalfyftem bei den Völkern in Süd- und Mittelamerika. " Die Chinefen follen fich nach Suter's Gefchichte der mathematifchen Wiffenfchaften, Zürich 1873", in früheren Zeiten zweier Zahlenfyfteme, des Zweierund Duodecimalfyftems bedient haben. Dafs diefe verfchiedenen Zahlenfyfteme nicht auf einmal entftanden, fondern eine Menge vorbereitender, geiftiger Proceffe vorausfetzten, ift wohl für fich klar. Kaum jedoch hatten die Menfchen die erften Schwierigkeiten beim Zählen überwunden, fo mufste fich fchon im grauen Alterthum bei ihnen das Bedürfnifs fühlbar gemacht haben, die Refultate des Zählens dauernd zu befitzen, da diefelben, dem Gedächtniffe allein anvertraut, leicht in Vergeffenheit geriethen. Diefs führte die Menfchen Hand in Hand mit der Entwicklung der Zahlenfyfteme zur graphifchen Darftellung der Zahlen. Das Uebereinanderlegen von Steinchen und anderen geeigneten Gegenftänden, das Einkerben hölzerner Stäbe,*** das Aneinanderreihen paralleler Striche mögen wohl in frühefter Zeit dem Mangel an Zahlzeichen abgeholfen haben. Nach Livius wurde jährlich zu Rom im Heiligthume der Minerva ein Nagel eingefchlagen, um die Jahreszahl zu fixiren.**** Die Bezeichnung der Zahlen gefchah auf zweifache Weife; entweder benützte man dazu die Buchftaben des Alphabets, wie es die Griechen thaten, oder man erfand zur Bezeichnung der Zahlen eigene Zeichen, wie diefs bei den Römern. Etruskern, Babiloniern, Perfern und Anderen der Fall war. In Indien kamen beide Bezeichnungsweifen vor( fiehe Arneth's" Gefchichte der reinen Mathematik. Stuttgart 1852.") Ob fich die Völker der Buchftaben des Alphabets oder eigener Zeichen zur Bezeichnung der Zahlen bedienten, war an und für fich von geringer Bedeutung; wefentlich war jedoch die Methode, wie die Zahlen durch die gewählten Zeichen dargestellt wurden. Indien ift höchft wahrfcheinlich das Vaterland der jetzt allgemein gebräuchlichen Methode, alle Zahlen mit neun Zeichen darzuftellen. Hervorgehoben mufs hier noch werden, dafs die Zahlzeichen, fie mögen durch Buchftaben oder Ziffern ausgedrückt gewefen fein, urfprünglich nicht zum Rechnen, fondern nur zur Feftftellung des Rechnungsrefultates verwendet wurden. Die Rechnungen felbft wurden theils an den Fingern, theils an eigens zu diefem Zwecke erfundenen Rechenmafchinen ausgeführt. Diefe Rechenmafchinen waren in der erften Zeit ebenfalls fehr einfach, gewöhnlich eine Schnur mit beweglichen Kügelchen nach Art eines Rofenkranzes. Später vervollkommneten * , Ueber die bei den verfchiedenen Völkern üblichen Syfteme von Zahlenzeichen und über den Ursprung des Stellenwerthes in den indifchen Zahlen." A. L. Crelle, Journal für die reine und angewandte Mathematik. Band IV. Berlin 1829. ** In dem franzöfifchen quatre- vingt fowohl als auch in dem englifchen Three fcore find noch Spuren übrig. *** Eine Methode, die noch heute im füdlichen Ungarn gebräuchlich ift. **** Siehe ,, Die Zahlzeichen und das elementare Rechnen der Griechen und Römer" von Dr. Friedlein. Erlangen 1869. Mathematifche Lehrmittel. 31 fich diefelben immer mehr und mehr und waren gewifs nicht ohne Einfluss auf die Vervollkommnung und Entwicklung der Zahlenfyfteme. In ganz Afien rechnet man fchon lange mit einer Mafchine, welche Swanpan heifst und folgende Einrichtung hat. Sie befteht aus einem rechteckigen, meift Fig. 1. D A 6000 0000 00000000$ 30 -0000 B hölzernen Rahmen AB CD, deffen kürzere Seite fenkrecht gegen den Rechner läuft. Parallel mit der längeren Seite des Rahmens befindet fich das Zwifchenftück FG, welches den Rahmen in zwei ungleiche Räume derart theilt, dafs der kleinere Raum vor dem gröfseren zu liegen kommt. Senkrecht zu diefem Zwifchenftück durchziehen denfelben in gleichen Entfernungen 10 Stäbe, auf welchen in der gröfseren Abtheilung je fünf, in der kleineren je zwei bewegliche Kugeln angebracht find.( Bei Friedlein und Cantor ift der ganze Apparat um einen Winkel von 90 Grad gedreht.) Jede der fünf Kugeln des erften Stabes zur rechten Hand bedeutet eine Einheit, jede der zwei oberen Kugeln aber fünf, das ift fo viel, als alle unteren zufammen. Jede der fünf Kugeln am zweiten Stabe gilt einen Zehner, jede der zwei oberen aber fünfzig. Jede der fünf Kugeln am dritten Stabe bedeutet hundert, jede der zwei oberen fünfhundert, und fo geht die Reihe fort derart, dafs jede Kugel des nachfolgenden Stabes ftets den zehnfachen Werth einer Kugel des vorhergehenden Stabes erhält. Mit diefer Mafchine kann man nicht nur jede beliebige Zahl( durch blofse Verfchiebung der Kugeln) bildlich darftellen, fondern auch alle unfere Rechnungen ausführen. Es ift von Reifenden fchon öfter berichtet worden, dafs die Chinefen mit diefer Mafchine ſchneller rechnen, als wir mit unferen Zahlen. Der Berichterstatter felbft hatte Gelegenheit, während der Weltausftellung einen Reifenden zu fprechen, der diefe Ausfage nicht nur beftätigte, fondern noch hinzufügte, dafs die chinefifchen Kaufleute aus ihrer Methode zu rechnen ein Geheimnifs machen und fie nur ganz Bevorzugten mittheilen. Es ift wohl klar, dafs die Handhabung der Rechenmafchine leichter durch mündlichen Unterricht, als durch Regelwerk erlernt werden kann. Das Wichtigfte aber an diefer Mafchine ift, dafs fie unzweifelhaft die unmittelbare Veranlaffung zur Erfindung des dekadifchen Zahlenfyftems gegeben hat. Denn die Kaufleute werden gewifs öfter genöthigt gewefen fein, einzelne Rechnungen durchzuführen, ohne dafs fie die Mafchine bei der Hand gehabt hatten. Sie werden daher bemüht gewefen fein, die Mafchine fammt ihren Kugeln zu zeichnen, und dabei öfter die Kugeln durch Striche erfetzt haben, woraus dann durch Ueber- und Nebeneinanderreihung der Striche die Ziffern, wenngleich in fehr abweichender Form von der jetzt bei uns gebräuchlichen, 3 32 Jofef Knirr. entftanden fein mögen. Später wurden die Stäbe durch Columnen erfetzt, woraus das Rechnen mit Columnen entftand, aus welchem dann unfere Methode zu rechnen hervorging. Angeführt mufs hier noch werden, dafs in Rufsland heute noch viele Leute mit der fogenannten ruffifchen Rechenmafchine ihre Rechnungen durch führen. Da das dekadifche Zahlenfyftem wefentlich zur wiffenfchaftlichen Entwick... lung der Arithmetik beigetragen hat, fo erlaubt fich der Berichterstatter, aus der fchon früher in Crelle's Journal, IV. Band, angeführten Abhandlung Alexander Freiherrn von Humboldt's eine Stelle darüber wörtlich anzuführen. Dafelbft heifst es auf Seite 207:" Der Gedanke, alle Quantitäten durch neun Zeichen auszudrücken, indem man ihnen zugleich einen abfoluten und einen Stellenwerth gibt, fagt einer der gröfsten Geometer unferer Zeit und aller Zeiten, Laplace. der Verfaffer der Mechanique célefte, ift fo einfach, dafs man eben defshalb nicht genugfam erkennt, welche Bewunderung er verdient. Aber eben diefe Einfachheit und die Leichtigkeit, welche die Methode dem Calcul zufichert, erheben das arithmetifche Syftem der Indier zu dem Range der nützlichften Entdeckungen. Wie fchwer es war, eine folche Methode zu erfinden, kann man daraus abnehmen, dafs fie dem Genie des Archimedes und Appolonius von Perga, zweier der gröfsten Geifter des Alterthums, entgangen war." Die bei den Römern in Gebrauch gewefene Rechenmafchine hiefs Abacus und unterfchied fich vom Swanpan dadurch, dafs im kleineren Raum nur eine Kugel, in gröfseren blos vier Kugeln vorhanden waren. Der Werth der einzelnen Kugeln war derfelbe wie beim Swanpan. Diefe Rechenmafchine gibt uns darüber Aufklärung, warum die Römer blos fieben Zeichen zur Darstellung der Zahlen benützten. Sie wählten nämlich für jede Kugel, deren Werth fich von dem einer zweiten unterfchied, ein eigenes Zeichen. So diente das Zeichen I für eine untere Kugel am erften Stabe nach rechts; die obere Kugel an demfelben Stabe wurde mit V bezeichnet. Zur Bezeichnung einer unteren Kugel am zweiten Stabe diente das Zeichen X; die obere Kugel an demfelben Stabe wurde mit L bezeichnet. Für die verfchiedenen Kugeln am dritten Stabe waren die Zeichen C und D; eine untere Kugel am vierten Stabe wurde mit M( 1000) bezeichnet. Die Vielfachen von Taufend wurden in Worten ausgedrückt. Der Einrichtung des Abacus gemäfs durfte fich ein Zahlzeichen nur viermal wiederholen, obwohl in der älteften Zeit auch eine öftere Wiederholung vorgekommen ift. Stand ein Zahlzeichen von kleinerem Werthe vor einem, welches einen gröfseren Werth bezeichnete, fo wurde das kleinere von dem grösseren abgezogen; folgte das kleinere dem gröfseren, fo wurden fie addirt. Die Bezeichnungen VI, VII u. f. w. find der deutlichfte Beweis dafür, dafs die Römer in früherer Zeit nach dem pentadifchen Syfteme gezählt haben; in der Sprache jedoch folgten fie dem Decimalfyfteme. Es würde zu weit führen und ohne befonderes Intereffe fein, die Methoden, wie die Griechen ihre Zahlen bezeichneten und rechneten, näher zu erörtern. Eine Streitfrage ift heute noch, ob die Griechen das indifche Zahlenfyftem gekannt haben. Man kann wohl vermuthen, dafs Pythagoras mit dem Columnenfyftem vertraut gewefen fei. Allein die damalige fchwerfällige Rechnungsmethode der Indier einerfeits, die Liebe zum Gewohnten andererfeits mögen vor Allem Urfache gewefen fein, dafs die Griechen bei ihrer Methode zu rechnen geblieben find. Angeführt mufs hier noch werden, dafs nach Suter's Gefchichte das chrift. liche Abendland die Kenntnifs und den Gebrauch der arabifchen Zahlzeichen dem gelehrten franzöfifchen Mönche Gerbert, dem nachmaligen Papfte Sylvefter dem Zweiten, verdankt, und dafs erft durch den berühmten Rechenmeifter Adam Riefe die arabifchen Zahlzeichen ihre jetzige beftimmte Form erhielten. Wenn der Berichterstatter diefe gefchichtlichen Daten vorausfchickte, fo liegt der Grund einerfeits in dem Umftande, dafs diefelben erft eine richtige Wür Mathematifche Lehrmittel. 33 digung der auf der Weltausftellung vorhandenen Rechenmaschinen ermöglichen, andererfeits dürften die Weltausftellungen durch eine gröfsere Betheiligung von China, Indien, Japan u. f. w. der Ort werden, durch welchen manche dunklen Stellen der Gefchichte der Mathematik erhellt und erklärt werden könnten. Man ift gewöhnt, die Weltausftellung als den Ort zu betrachten, auf welchem die geiftigen Wettkämpfe der gegenwärtig lebenden Generation in überfichtlicher und einfacher Weife zum Ausdrucke gebracht werden. In Wirklichkeit find jedoch die Weltausftellungen der Tummelplatz, auf dem die ganze Menfchheit feit der Schöpfung ihre geiftige Kraft, auf die verfchiedenen Völker vertheilt, zur Geltung zu bringen fucht. Denn was wären unfere Erfindungen, unfere Erzeugniffe, wenn fie fich nicht auf die geiftigen Anftrengungen und Bemühungen unferer Eltern und Voreltern ftützen könnten? Ein Ding, das kaum der Beachtung werth wäre. Wenn nun die geiftigen Kämpfe uud Beftrebungen unferer Voreltern von fo wefentlichem Einfluffe auf die Weltausstellungen find; wenn Männer, wie Alexander Freiherr von Humboldt, der älteften Gefchichte der Mathematik ihre ungetheilte Aufmerkfamkeit zuwendeten; wenn fchon die Pagination eines alten Codex wichtige Aufklärungen brachte; wenn Alexander Freiherr von Humboldt diejenigen Philologen, welche perfifche, griechifche oder arabifche Handfchriften zu unterfuchen Gelegenheit haben, fowie Reifende, die fich in der indifchen Halbinfel aufhalten, auffordert, die bis jetzt in diefer Richtung gemachten Entdeckungen weiter zu verfolgen und zu vervollſtändigen: fo werden wohl die geehrten Lefer das Beftreben des Berichterstatters, am geeigneten Orte fein Schärf lein zur Gefchichte der Mathematik beizutragen, billigen. Mathematifche Lehrmittel der Volks- und Bürgerfchule. ( Arithmetik.) Wenn auch auf der Weltausftellung zu Wien weder ein Swanpan noch ein Abacus zu fehen war, fo war einerfeits die Rechenmafchine fo vielfeitig vertreten, andererfeits bildet diefelbe ein fo wichtiges Hilfsmittel für den Rechnungsunterricht, dafs fie einer kritifchen Befprechung unterzogen zu werden verdient. Blos im amerikanifchen Schulhaufe war eine doppelte ruffifche Rechenmafchine von Hermann Reffelt ausgeftellt, da fie jedoch mit keiner Gebrauchsanweifung verfehen war, fo gingen ihre etwaigen Vortheile für die Befucher der Weltausstellung ganz verloren. Von den anderen ausgeftellten Rechenmafchinen waren vor Allem zwei verfchiedene Formen vorherrfchend vertreten. Die eine fafste, wie Fig. 2, innerhalb des rechteckigen Rahmens AB CD zehn horizontale eiferne Stäbe mit je 10 verfchiebbaren hölzernen Kugeln. Diefe Mafchine hat die Beftimmung, den Kindern der Volksfchule den Zahlenkreis von I bis 100 zu veranfchaulichen. Mit derfelben läfst fich nicht blos das Zählen von I bis 100 auf eine finnliche Weife vermitteln, fondern auch das Hinzuzählen, Hinwegnehmen, Vervielfältigen und Enthaltenfein in diefem Zahlenkreife anfchaulich darftellen. Sie ift jedoch unbrauchbar zur Verfinnlichung des dekadifchen Zahlenfyftems, unterſtützt das Eindringen des Schülers in den eigentlichen Geift desfelben nicht im mindeften. Solche Mafchinen waren ausgeftellt: Eine in der öfterreichifchen Mufterfchule für Landgemeinden vom Comité der Schulfreunde. Eine zweite in der deutfchen Unterrichtsabtheilung von Ludwig Heftermann in Hamburg. Hier war noch die Einrichtung getroffen, dafs die einzelnen horizontalen Stäbe fehr bequem herausgenommen werden konnten * Siehe Crelle Journal, Band IV, Seite 230. 3 34 Fig. 2. Jofef Knirr. 90 Eine andere Rechenmafchine war dafelbft ausgeftellt von Johannes Neubert; nur waren bei derfelben die Kugeln durch ver fchiebbare Würfel erfetzt. Die von M. G. Priber in Leipzig ausgeftellte Rechenmafchine war überdiefs noch mit einer beweglichen Platte verfehen, wodurch die Kugeln, mit denen nicht gerechnet wurde, verdeckt werden konnten. Die von der Erziehungsdirection in Bern ausgeftellte Rechenmafchine war rückwärts noch mit weiteren 10, ebenfalls parallel laufenden Stäben zur Verfinnlichung der Brüche in dem Zahlenraume von I bis 10 verfehen. Auch in der belgifchen Abtheilung waren drei Rechenapparate ausgeftellt, und zwar: Ein von A. Pétry, Directeur de l'école moyenne de l'état à Mons, Arithmomètre, enseignement intuitif de la numération; dann Arithmomètre par F. M. A. A. und Arithmomètre métrique von Alphons Martinot. Der letztere Apparat dürfte jedoch blos beim Privatunterricht brauchbar fein. Im fchwedifchen Schulhaufe war eine Rechenmafchine ausgeftellt, welche der zweiten Form angehört. Sie befteht aus einem hölzernen Stativ, welches oben von einem horizontal liegenden hölzernen Brete, das I Meter lang und 8 Centimeter breit ift, begrenzt ift. Senkrecht zu diefem Brete laufen in gleichen Abftänden 10 Stäbe aus Eifendraht, auf welchen je 9 Kugeln aufgefteckt werden können, Fig. 3. In der Mitte des Stativs befindet fich eine Lade zur Aufbewahrung der Kugeln. Eine zweite derartige Rechenmafchine befand fich in der öfterreichifchen Unterrichtsausftellung, von dem um die Hebung des öfterreichifchen Volksfchulwefens hochverdienten k. k. Landes- Schulinfpector Vincenz Praufek ausgeftellt. Sie hatte aber nur vier Verticalftäbe, war viel kleiner und dürfte defshalb nur fehr wenig beachtet worden fein. Dafs jedoch die Rechenmafchine mit verticalen Stäben in keiner guten Schule fehlen darf, neben der die Mafchine mit horizontalen Stäben blos der Bequemlichkeit wegen verwendet werden kann, wollen wir jetzt zu erweifen fuchen. Ob fich der Lehrer bei der Verfinnlichung des inneren Werthes der Ziffern von I bis 10 der Peftalozzi'fchen Einertabelle oder der Tillich'fchen Rechenhölzer oder der Zahlenbilder durch Punkte, oder anderer Gegenftände bedient, ift an und für fich für den Rechenunterricht gleichgiltig; die Verbindung zweier Methoden dürfte denfelben fogar fördern. Bei der Zahl 10 angelangt, mufs jedoch Mathematifche Lehrmittel. der tüchtige Lehrer feinen Schülern die Grundzüge des dekadifchen Zahlenfyftems mittheilen, wenn er fie nicht jetzt fchon an das Einlernen unverftandener Sätze gewöhnen will. Er wird daher feine Schüler darauf aufmerkfam machen, wie unendlich ermüdend es für den menfchlichen Geift wäre, für jede neue Zahl, welche durch das Hinzuzählen der Einheit entſteht, ein neues Wort und ein neues Zeichen zu erfinden, die dann beide dem Gedächtniffe anzueignen wären; dafs es jedoch dem menfchlichen Geifte gelungen ift, beide Aufgaben auf eine hichft einfache und bewunderungswürdige Weife zu löfen. Hier wird der Gebrauch der Rechenmafchine mit verticalen Stäben unerläfslich, foll nicht der Rechenunterricht gleich beim Beginne für die Mehrzahl der Schüler unverftändlich werden. Der Schüler fieht die Zahlen der Reihe nach auf der Mafchine entſtehen und fchreibt fie Fig. 3. 35 dann auf feine Tafel. Werden überdiefs die Schüler angehalten, die Zahlen von I bis 100 auf der Mafchine zuerft aufzuftecken, dann die fo entftandenen Zahlen aus zufprechen und fie zuletzt an die Tafel zu fchreiben, fo wird nicht nur das mechanifche Herfagen der Zahlen vermieden, fondern auch ein richtiges und wirkliches Verftändnifs erzielt und fo alle Schwierigkeiten, welche beim Anfchreiben und Ausfprechen dekadifcher Zahlen entſtehen, behoben. Der feine Schüler zum Denken anfpornende Lehrer wird ihnen auch schon im Zahlenraume von I bis 10 die Begriffe von geraden und ungeraden Zahlen beibringen und fie auf das Theilbarkeitsgefetz für den Divifor 2 aufmerksam machen. Ganz wefentliche Dienfte leiftet jedoch diefe Mafchine bei der Erklärung des fchriftlichen Rechnens, das ift bei der Addition, Subtraction, Multiplication und Divifion; Dienfte, die die erftgenannte Mafchine unter keiner Bedingung zu leiften vermag. Ja häufig. wirkt die Maſchine mit horizontalen Stäben fogar ftörend auf den Rechenunterricht, denn die Anzahl von hundert Kugeln, welche den Schülern auf einmal vorgeführt wird, lenkt fehr leicht die Aufmerksamkeit derfelben beim erften Unterrichte vom eigentlichen Unterrichtsziele ab, was befonders dann der Fall ift, wenn die auf den einzelnen Stäben befindlichen Kugeln verfchieden gefärbt find, und es wird den Schülern das Anfchreiben dekadifcher Zahlen fehr erfchwert, wenn diefelben längere Zeit mit diefer Mafchine. geübt wurden. Diefen Uebelftänden, welche erfahrungsgemäfs auftreten, fuchte Infpector Praufek bei einer zweiten in der öfterreichifchen Unterrichtsabtheilung ausgeftellten Mafchine mit horizontalen Stäben dadurch abzuhelfen, dafs er die eine Hälfte des Rechteckes mit einem Brete, welches auch die Stelle einer Tafel vertreten kann, eindeckte und fo dafür forgte, dafs den Schülern beim Unterrichte nur fo viele Kugeln vorgeführt werden, als fie zu fehen unbedingt nöthig haben. 36 Jofef Knirr. Aus denfelben Gründen mag wohl auch die in der deutfchen Unterrichtsabtheilung von Ludwig Heftermann ausgeftellte Rechenmafchine zum bequemen Herausheben der einzelnen horizontalen Stäbe eingerichtet fein, damit den Schülern der Reihe nach ein, zwei oder mehrere Stäbe mit je 10 Kugeln zur Anfchauung gebracht werden. Auch die durch die Verlagshandlung Hachette& Comp. in Paris fowohl vom Minifterium als auch von der Stadt Paris ausgeftellten Rechenmafchinen hatten zur Abhilfe der gerügten Uebelftände eine Combination beider Maſchinen, indem ihre Einrichtung es ermöglichte, dafs die Kugeln horizontal und vertical verfchoben werden konnten, daher die Form wie Fig.( 4) hatten. ABCD ftellt uns wieder einen rechteckigen Rahmen mit Stäben aus Eifendraht dar, auf welchen je 10 Kugeln verfchiebbar waren. Diefe Mafchine dürfte wohl eher zu einer Begriffsverwirrung als zu einer Begriffserklärung beitragen. Fig. 4. Einen ganz wefentlichen Vorzug befitzt jedoch die Mafchine mit verticalen Stäben vor der mit horizontalen, dafs fie dem gewandten Lehrer ein vor zügliches Hilfsmittel darbietet, feinen Schülern die Theilbarkeitsgefetze für die Diviforen 9 und II auf eine naturgemäfse Weife zum klaren Bewufstfein zu bringen. Der Berichterstatter erlaubt fich hier den Vorgang, den er in der Schule einzuhalten pflegt, mitzutheilen. Um das Theilbarkeitsgefetz für den Divifor 9 aufzuftellen, laffe der Lehrer von einem Schüler eine ganz willkürliche Anzahl Kugeln auf die einzelnen Stäbe ftecken, nehme hierauf eine Kugel von einem beliebigen Stabe, ftecke fie auf den Einheitenftab und frage die Schüler: Welche Veränderung habe ich jetzt mit der vorgelegten Zahl vorgenommen? Wird dadurch der etwa vorhandene Reft gegen den Divifor 9 umgeändert? ( Es wird hier vorausgefetzt, dafs die Schüler den Lehrfatz:„ Der Reft einer Zahl gegen einen gegebenen Divifor bleibt unverändert, fo lange man ein Vielfaches des Divifors zu ihr hinzuaddirt oder von ihr fubtrahirt", kennen, welcher folgendermafsen fehr leicht abgeleitet wird. Das nebenftehende Schema A gibt uns das Bild aller Zahlen, E A I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I welche gegen den Divifor 7 den Reft 3 geben. Diefer Reft bleibt unverändert, ob man oben eine beliebige Anzahl horizontaler Reihen von fieben Einern, hinwegnimmt oder hinzugibt.) Nachdem beide Fragen von den Schülern richtig beantwortet wurden, nehme der Lehrer eine Kugel von einem anderen Stabe und lege fie auf den Einheitenftab, beide Fragen an die Schüler wiederholend. Nachdem auch fie richtig beantwortet wurden, weife er darauf hin, dafs auch dann die Theilbarkeit gegen den Divifor 9 ungeftört bleiben wird, wenn er fämmtliche Kugeln auf den Einheitenftab legen Mathematifche Lehrmittel. 37 würde, und dafs der etwa auftretende Reft nicht von der Form der Zahl, fondern nur von der Zifferfumme allein abhängig ift, aus welcher gleich bei ihrer Bildung( durch das Hinauflegen fämmtlicher Kugeln auf den Einheitenftab) alle möglichen 9 ausgefchieden werden können. Um das Theilbarkeitsgefetz für den Divifor II abzuleiten, laffe der Lehrer wieder eine ganz willkürliche Anzahl Kugeln auf die einzelnen Stäbe der Mafchine ftecken, nehme dann eine Kugel vom dritten( Hunderterftab), lege fie auf den Einheitenftab und frage einen Schüler: Welche Veränderung habe ich dadurch mit der vorgelegten Zahl vorgenommen? Nachdem diefe Frage von dem Schüler richtig beantwortet und die Antwort begründet wurde, richte er an einen zweiten die Frage: Wurde dadurch der etwa vorhandene Reft gegen den Divifor II geändert? Nach der richtigen Beantwortung diefer Frage lege der Lehrer fämmtliche Kugeln des dritten Stabes auf den Einheitenftab. Sollte die Anzahl der Kugeln die Zahl 11 überfteigen oder erreichen, fo weife der Lehrer darauf hin, dafs man auch hier je 11 Kugeln weglaffen kann und blos den Reft zu berücksichtigen hat. Hierauf nehme er eine Kugel vom fünften Stabe und lege fie auf den erften ( Einheitenftab) und wiederhole diefelben Fragen. Das gleiche Verfahren iſt mit den Kugeln am 7., 9. u. f. w. Stabe fortzufetzen. Nun nehme der Lehrer eine Kugel vom vierten Stabe( Taufenderftab), lege fie auf den zweiten( Zehnerftab), wiederhole die vorigen Fragen, und lege fämmtliche Kugeln des vierten Stabes auf den zweiten. Ebenfo vérfahre er mit fämmtlichen Kugeln des 6., 8. u. f. w. Stabes, auch hier alle Vielfachen von II ausfcheidend.* Durch diefen Vorgang wird die Beftimmung des Reftes einer beliebig grofsen Zahl auf die Auffuchung des Reftes einer zweizifferigen Zahl zurückgeführt. Da aber allen zweizifferigen, durch II theilbaren Zahlen die Eigenfchaft zukommt, dafs fie mit zwei gleichen Ziffern gefchrieben werden, fo wird der fprachgewandte Schüler leicht im Stande fein, das refultirende Theilbarkeitgefetz in Worten auszudrücken. Die fo gewonnene zweiziffrige Zahl gibt uns aber auch ftets den kleinften pofitiven Reft, welchen die vorgelegte Zahl gegen den Divifor II hinterlässt, was bei den bis jetzt in den mathematifchen Lehrbüchern durchgeführten Methoden nicht immer der Fall ift. Die Kenntnifs des kleinften pofitiven Reftes gegen die Diviforen 9 und II ift jedoch fowohl für die Theorie als auch für die Praxis fehr wichtig, da wir mit Hilfe derfelben die Richtigkeit unferer Rechnungen bei der Multiplication, Divifion, beim Potenziren und Wurzelausziehen dekadifcher Zahlen auf eine höchft einfache und fchnelle Weife einer Prüfung unterwerfen können. Durch die vorausgefchickten Betrachtungen wurden wir in den Stand gefetzt, den kleinften pofitiven Reft für den Divifor II ebenfo leicht, wie für den Divifor 9 zu beftimmen, und können nach Belieben die Neuner oder Elferprobe anwenden. Da jedoch jede Probe, für fich allein angewendet, keine mathematiſche Gewifsheit der Richtigkeit des Refultates gibt, fo gewinnt durch die Verbindung beider Proben unfer praktifches Rechnen einen hohen Grad von Sicherheit. Profeffor Dr. Eduard Heis, welcher fich durch feine vorzügliche Sammlung von Beiſpielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra fehr wefentliche Verdienfte um die Verbreitung gediegenen mathematiſchen Wiffens in Deutſchland und Oefterreich erworben, fagt in der 34. Auflage derfelben, Seite 52:„ Die * Der allgemeine Beweis befteht in Folgendem. Es fei Na,+ 10a,+ 102a3+ 10%+ Iа + 1on1a n, fo mufs weil, 102m+ 110( mod. 11) und 102m 1( mod. 11) ift, N=( a+ a+ as+)+ 10( a,+ a+ as+)( mod. 11) oder NS₁+ 10s,( mod. 11) fein. 38 Jofef Knirr. höchft praktiſche Neunerprobe bei der Multiplication und Divifion, welche fchon im Algorithmus M. Georgii Peuerbachii( † 1461) de integris vorkommt und welche fich in allen alten Rechenbüchern findet, ift in unferen Tagen mit Unrecht in Vergeffenheit gerathen." Ganz vorzügliche Dienfte leiftet unfere Rechenmafchine bei der Löfung der umgekehrten Aufgabe. Es fei nämlich eine x- zifferige Zahl zu fuchen, welche gegen den Divifor 9 den Reft 7 hinterläfst. Der denkende Schüler wird diefelbe fchon dadurch löfen, dafs er die Anzahl der Kugeln um 7 gröfser als ein beliebiges Vielfaches von 9 wählt und fie dann ganz willkürlich auf die einzelnen Stäbe der Mafchine vertheilt. Soll die zu fuchende Zahl noch aufserdem durch 8 theilbar fein, fo wird der Schüler bei der Vertheilung der Kugeln blos auf die drei letzten Stäbe rechts Rückficht nehmen. Träte jetzt noch die Bedingung hinzu, dafs die zu fuchende Zahl bei der Divifion durch II auch den Reft 5 hinterlaffe, fo wird er nur dafür zu forgen haben, dafs die Summe der Kugeln an den ungeraden Stäben um 5 gröfser ift, als die Summe der Kugeln an den geraden Stäben. Der Berichterftatter gewann während feiner Lehrerpraxis die Ueberzeugung, dafs die Schüler diefe Aufgaben, welche durch die Combination der Congruenzen: г₁( mod. 9), r2( mod. 11), rg( mod. 8), г4( mod. 125) u. f. w. gebildet werden, mit einer gewiffen Vorliebe löfen; Aufgaben, welche den Verftand fchärfen und mit denen fich nach Dr. M. Cantor's Beiträgen zur Gefchichte der Zahlzeichen in Schlömilch's Zeitfchrift für Mathematik und Phyfik, dritter Jahrgang, Seite 335, die Chinefen und Inder fchon frühzeitig befchäftigt haben. Obwohl fich die Theilbarkeitsgefetze für die Diviforen: 2, 5; 4, 25; 8 und 125 mit der genannten Rechenmafchine noch weit einfacher darftellen laffen; obwohl diefelbe bei der Lehre von den Decimalbrüchen fehr gute Dienfte leiftet; obwohl es dem Berichterstatter ein Leichtes wäre, noch andere Vorzüge, die der Mafchine mit horizontalen Stäben nicht eigen find anzuführen; fo glaubt er dennoch diefelben übergehen zu müffen, hielt fich jedoch im Intereffe des Rechenunterrichtes verpflichtet, das Vorausgefchickte in feinen Bericht aufzunehmen; denn nur dann, wenn die Mafchine in diefem Sinne gehandhabt wird, gebührt ihr der Name Rechenmafchine". " Eine eigentliche Rechenmafchine, wo fchon durch ein blofses Drehen einer Kurbel, nach vorhergegangener richtiger Einftellung des Inftrumentes, die Ziffern des Refultates zum Vorfchein kommen, war in keiner Unterrichtsausftellung zu fehen, dagegen war in der Gruppe XIV in der franzöfifchen Abtheilung ein Arithmometer von dem Erfinder Thomas de Colmar ausgeftellt. Diefe Mafchine zeigte uns recht deutlich, dafs unfer Zifferrechnen auf einem genau beſtimmten Mechanismus beruht; fie befitzt fogar noch den Vortheil, dafs die mit ihr erzielten Rechnungsrefultate keinen Fehlern unterworfen find. Bei dem ungeheueren Auffchwunge, den der Handelsverkehr, das Credit und Verficherungswefen im neunzehnten Jahrhunderte genommen, hilft diefe Mafchine einem dringenden Zeitbedürfniffe ab. Um einen Begriff von der Leiftungsfähigkeit diefer Mafchine, deren innerer Mechanismus bei einem ausgeftellten Inftrumente blosgelegt und bei dem das Ineinandergreifen der einzelnen Räder erfichtlich war, zu geben, fei hier angeführt, dafs man mit derfelben weit fchneller rechnet, als diefs bei dem gewandteften Rechner der Fall ift. Ein nur halbwegs geübter Arbeiter ift mit diefer Mafchine im Stande, in einer Minute zwei gegebene achtzifferige Zahlen zu multipliciren und das erhaltene Product durch eine dritte achtzifferige Zahl zu dividiren. Die erfte derartige Mafchine, wenn auch nach einem Mathematifche Lehrmitttel. 39 anderen Principe und weniger vollkommen, wurde von dem franzöfifchen Mathematiker Paskal erfunden. Auch in der XIV. Gruppe der öfterreichifchen Ausftellung waren mehrere auf demfelben Principe beruhende Arithmometer von Julius Maffeur und Dobefch in Wien ausgeftellt. In der ungarifchen Ausftellung Gruppe XIV waren ebenfalls zwei Arithmometer von Ferdinand Biringer und Hebetanz in Ofen ausgeftellt, welche aber blos zum Addiren geeignet waren. Der Berichterstatter erwähnt noch des in der deutfchen Unterrichtsabthei lung ausgeftellten Born'fchen Rechenapparates zur Veranfchaulichung der Rechnungsoperationen an. Zahlenbildern mit wechfelnden Farben für den Zahlenraum von 1 bis 100, fowie des in der fpanifchen Abtheilung von Orozeo Sanchez ausgeftellten„ Abaco metrique decimal"; ferner der vom Collége national ausgeftellten: ,, Table arithmétique, algébrique- géométrique" und weifet bezüglich der anderen in der öfterreichifchen und ungarifchen Unterrichtsabtheilung ausgeftellten Rechenapparate auf den Bericht über das öfterreichifche Unterrichtswefen, Wien 1873, und auf das Namenverzeichnifs der durch das königlich ungarifche Minifterium für Cultus und Unterricht zufammengeftellten Collectivausftellung, Budapeft 1873, hin. Von anderen ausgeftellten Hilfsmitteln beim Rechenunterrichte verdienen hervorgehoben zu werden:„ Tableau des monnaies françaises représentées en grandeur naturelle", ausgeftellt von Hachette et Comp. in Paris. Diefe zwei Tableaux geben ein weit befferes Erfatzmittel einer Münzfammlung, als diefs durch den Vorgang in den Schweizer Schulen, wo die ausgeftellten Landesmünzen aus unedlen Metallen geprägt waren, gefchieht. Eine jede gute Volksfchule foll wohl eine Sammlung der im Lande gangbaren Münzen im Originale befitzen. Als fehr zweckmäfsig müffen auch die im amerikanifchen Schulhaufe von J. L. Rofe in Bofton ausgeftellten Schiefertafeln für Schüler bezeichnet werden, welche die Namen der Wochentage, der Monate und manches andere für die Jugend Wiffenswerthe auf der hölzernen Randeinfaffung gedruckt enthielten. Angeführt zu werden verdienen noch: die grofse, fchöne, um eine horizontale Achfe drehbare Doppelfchultafel aus Schiefer, wie fie in der Gewerbeakademie in Berlin eingeführt ift, von der königl. preufsifchen Handelsverwaltung ausgeftellt; ferner die Lehrmittel beim Rechenunterrichte für Blinde, ausgeftellt. von der königl. fächfifchen Landesblindenanftalt in Dresden, fowie die des Blindeninftitutes in Kopenhagen; endlich Neuberts:„ Die arabifchen Ziffern als Zahlbilder", worin unfere neun Zahlzeichen aus ebenfo viel geraden Linien entftanden dargeftellt werden, als in jeder derfelben Einheiten Einheiten enthalten find, wodurch folgendes Bild entſteht. 1L4+ 5648 Was die Literatur diefes Unterrichtszweiges betrifft, fo war diefelbe, Oefterreich Ungarn ausgenommen, in allen Ländern fehr fpärlich, oft gar nicht vertreten. Die ausgeftellten Rechenbücher für die Volks- und Bürgerfchulen bildeten meift nur Sammlungen von Aufgaben, welche wohl an der Hand eines tüchtigen Lehrers den gewünſchten Nutzen ftiften mögen, jedoch keineswegs geeignet find, das häusliche Studium der Schüler in Erkrankungsfällen zu unterftützen. In diefem Sinne abgefafst waren fieben Bändchen Rechenaufgaben im fchwedifchen Schulhaufe und fechs Bändchen in der Schweizer Unterrichtsabtheilung zu fehen. Auch in der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches waren fehr wenig Rechenbücher ausgeftellt; man fand dort blos: 40. Jofef Knirr. Koch W.:„ Aufgaben für das fchriftliche Rechnen." Berlin 7 Bändchen. Hutter P.:„ Sammlungen von Sammlungen von arithmetifchen Aufgaben." Regensburg 1870. Eckel J. B.: Stufengang des Rechnungsunterrichtes für die Elementarfchulen." Regensburg 1870. Heinifch G. Fr.:„ Die Decimalbruchrechnung und ihre Anwendung auf die neuen Mafse und Gewichte in Bayern." Bamberg 1870. Krafft Theodor:" Sammlung arithmetifcher Beiſpiele und Aufgaben. Nürnberg 1863. Schwager H.:,,Die Elemente der Arithmetik." Würzburg 1868. In der königl. ung. Unterrichtsabtheilung waren ausgeftellt: Arvai„ Sammlung von Rechnungsbeispielen."( Ungarifch.) Buxbaum H.:„ Kopfrechnen mit Brüchen."( Deutfch.) Lutter:" Rechnungsaufgaben- Sammlung."( Ungarifch.) Telegdi L.:" Rechenbuch für Volksfchulen."( Ungarifch.) Uebungsbuch zum Rechnen für Volksfchulen( ungarifch), von der königlichen Univerfitäts- Buchdruckerei in Peft ausgeftellt. Dasfelbe fowohl in deutfcher, rumänifcher als auch in kroatifcher und ferbifcher Sprache. Das im amerikanifchen Schulhaufe dem Publicum zur Einfichtnahme aufgelegene Rechenbuch:„ The Common School Arithmetic Combined. Analysis and Synthesis Adapted to The Best Mode Instruction in The Elements of Written Arithmetic." Bofton. 1873, liefs den aufmerkfamen Lefer auf eine im Rechenunterrichte fehr gut eingerichtete Volksfchule fchliefsen. In der franzöfifchen Abtheilung waren ausgeftellt: Pichot J. ,, Eléments d'arithmétique." Ouvrage rédigé conformément aux programmes officiels de 1860. Paris 1866. Hachette et Comp. Mesnard M. A:" Traité d'arithmétique théorique et pratique." Paris. Dudot: Cours complet d'arithmétique pratique." Paris. Delalain et fils. In der belgifchen Abtheilung fand man die Lehrbücher: " Raingo G. B. J.:,,Traité élémentaire d'arithmétique." Mons 1873. Wattier J. B:" Arithmétique des écoles primaires." Mons 1873. Mortier C: ,, Traité d'arithmétique pratique, destiné aux écoles primaires." Bruxelles. Faux A. ,, Traité d'arithmétique." Mons 1870. Faux A.:„ Manuel d'arithmétique." Mons 1872. Endlich glaubt der Berichterstatter noch das von dem Seminar für Volksfchul- Lehrer und Lehrerinen zu Iwäskylä in Finnland ausgeftellte Buch„, Rechnungsaufgaben von C. Bousdorf." Helfingfors 1871, erwähnen zu müffen, obwohl dasfelbe mehr als genügend darthat, dafs dort der Rechenunterricht noch Vieles zu wünſchen übrig läfst. Bevor der Berichterstatter das Gebiet der Volks- und Bürgerfchule verlässt, fei noch der verdienftvollen Thätigkeit Johannes Strehl's, weiland Directors der Unterrealfchule zu St. Anna in Wien, gedacht, deffen„ Leitfaden zum Unterrichte im Rechnen" in Oefterreich den Weg zum gründlichen Rechenunterrichte in der Volksfchule anbahnte, deffen ganzes Streben dahin zielte, Gedankenlofigkeit und Mechanismus aus dem Rechenunterrichte in der Volksfchule zu verbannen. Lehrmittel für den mathematifchen Unterricht an LehrerBildungsanftalten. Die für die Volks- und Bürgerfchule ausgeftellten Lehrmittel wurden defshalb möglichft eingehend befprochen, da einerfeits für Lehrer und Lehrerinen Bildungsanftalten keine Lehrmittel ausgeftellt waren, andererfeits der Lehrer in Mathematifche Lehrmittel. 41 jedem Augenblicke in der Lage fein foll, von den der Schule zu Gebote ſtehen. den Lehrmitteln die nützlichfte Anwendung machen zu können. Bei keinem Unterrichtszweige dürfte jedoch die Literatur fo fpärlich vertreten gewefen fein, als es thatfächlich bei diefem der Fall war. Ausgeftell t waren: Gruber K.:„ Ausführliche Anleitung zum Gebrauche des Rechenunterrichtes in der Volksfchule und höheren Bürgerfchule für den Lehrer bearbeitet." Carlsruhe 1869. Böhme A.:„ Anleitung zum Unterricht im Rechnen. Ein methodiſches Handbuch für Lehrer." Berlin 1873. Wenn man bedenkt, dafs felbft Profeffor Carl Schubert in dem Berichte über das öfterreichifche Unterrichtswefen als Berichterstatter diefes Unterrichtszweiges Seite 202 fagt:„ Die den fpeciellen Bedürfniffen der Lehrer und Lehrerinen- Bildungsanftalten angepafsten Lehrbücher müffen eben erft gefchaffen. werden," fo ift diefs ein deutlicher Beweis, dafs man an mafsgebender Stelle den Lehrer- Bildungsanftalten noch immer nicht die gehörige Sorgfalt zuwendet. Bildet doch der Rechenunterricht, gründlich ertheilt, die Seele des gefammten Volksfchul- Unterrichtes. Denn wenn es auch heutzutage noch fonft recht achtbare Menfchen gibt, die weder lefen noch fchreiben können, die erften Elemente des Rechenunterrichtes mufsten fie fich aneignen, auch wenn fie fich beim Rechnen der Finger bedienen follten. Lehrmittel für den mathematiſchen Unterricht an Mittelschulen. ( Algebra.) Für diefen Unterrichtszweig konnten bei der abftracten Natur desfelben keine Objecte ausgeftellt fein, es könnte höchftens in der unterften Claffe bei der Erklärung des dekadifchen Zahlenfyftems und bei der Lehre von der Theilbarkeit der Zahlen die Rechenmafchine mit verticalen Stäben in Anwendung kommen, was jedoch überflüffig wird, fobald die Volksfchule ihre Pflicht thut. Der Berichterstatter geht daher gleich zu den ausgeftellt gewefenen Lehrund Uebungsbüchern über, erlaubt fich aber bezüglich der in der öfterreichischen Unterrichtsabtheilung ausgeftellten auf den Bericht über das öfterreichifche Unterrichtswefen, Wien 1873, hinzuweifen; er glaubt jedoch anführen zu müffen, dafs in den öfterreichifchen Gymnafien vorzugsweife Močnik ,,, Lehrbuch der Arithmetik für Untergymnafien", Wien bei Gerold's Sohn, fowie deffen in demfelben Verlage erfchienenes„ Lehrbuch der Algebra" und Heifs Ed., Sammlung von Beiſpielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra", im Gebrauche find. An den öfterreichifchen Realfchulen find: Villicus Franz ,,, Lehr- und Uebungsbuch der Arithmetik für Unterrealfchulen", 3 Theile. Wien; dann Haberl J. ,,, Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik und Algebra", fowie Frifchauf J. ,, Lehrbuch der allgemeinen Arithmetik" am meiften in Verwendung. " Nebft Heifs E.:,,Beifpielfammlung", Köln 1873, dürfte Zampieri J. ,,, Sammlung von Formeln, Aufgaben und Beiſpielen aus der Arithmetik und Algebra" am häufigften verwendet werden. In der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches waren ausgeftellt: Haller Baron von Hallerftein:„ Lehrbuch der Elementar- Mathematik." Berlin 1870. 1872. Worpitzky:„ Elemente der Mathematik für Gelehrtenfchulen." Berlin Reidl Friedrich:„ Die Elemente der Mathematik." Berlin 1868. Emsmann Guftav:„ ,, Höhere algebraifche Gleichungen zum Gebrauche in Realfchulen und Gymnafien", Halle 1867. Gallenkamp W.:,,Die Elemente der Mathematik." Iserlohn bei J.Bädeker. 42 Jofef Knirr. Eckl J. B." Angewandte Arithmethik für Latein- und Realfchulen." München 1861. Baumblatt L.:„ Vollständiges Rechenbuch für alle Stände." Mannheim 1871. Lübfen H. B.: Ausführliches Lehrbuch der Arithmetik und Algebra zum Selbftunterrichte." Leipzig 1873. Lübfen's fämmtliche Werke find in Oefterreich verbreitet und werden gerne gelefen. Binn H.:,,Kaufmännifche Arithmetik." Stuttgart. Schmidt L.:,,Das Ganze des Verficherungswefen." Stuttgart. Schmidt Julius:„ Die Arithmetik des Verkehrslebens." Stuttgart. Hauck A. und H.:„ Lehrbuch der Arithmetik für Gewerbe-, Handelsund Realfchulen." Nürnberg 1872. 3 Theile. Maier Hirfch:" Sammlung von Beiſpielen, Formeln und Aufgaben aus der Buchftabenrechnung und Algebra." Berlin 1873. Ein Buch, welches feinerzeit viel zur Hebung des mathematifchen Unterrichtes in Oefterreich beitrug.. Auflage. Heifs E.„ Sammlung von Beispielen." Köln 1873. Einunddreissigfte Bardey E.:„ Methodiſch geordnete Aufgabenfammlung für Gymnafien und Realfchulen." Leipzig 1873. Schellen H.:" Aufgaben für das theoretifche und praktiſche Rechnen." Münfter 1870. Siebenftellige Logarithmentafeln waren dafelbft ausgeftellt: Bremiker C.: Logarith. trigon. Handbuch. Berlin 1872. Schrön Ludwig. Braunfchweig 1871. Köhler H. Leipzig 1870. Bruhns C. D. Leipzig 1872 und Wittftein Th. Fünfftellige Logarithmentafeln. Hannover 1872. Der Berichterstatter kann nicht umhin, fein Bedauern auszufprechen, dafs einerfeits fo wenig mathematiſche Lehrbücher ausgeftellt waren, andererfeits diefelben fo bunt unter anderen Büchern ftanden, dafs die Leiftungen Deutfchlands auf dem Felde der Mathematik für die Befucher der Weltausstellung faft ganz verloren gingen. Noch weit fchwächer war die mathematiſche Literatur anderer Staaten vertreten. Von Frankreich hatten nur die Verlagshandlungen Hachette et Comp. und Gauthier in Paris ausgeftellt, und zwar: Anicot A.:„ Leçons nouvelles d'algèbre élémentaire." Paris. Bourdon M.:,,Application d'algèbre." Paris 1872. Lacroix S. F.: Eléments d'algèbre." Paris 1871. " Laurent H.: Traité d'algèbre." 99 Vacquant P. C.:,,Leçons d'algèbre élémentaire." Bertrand J.:" Traité d'algèbre." Zwei Theile 1870. Lionnet M.:„ Algèbre élémentaire à l'usage de candidats au baccalau réat es sciences et aux écoles du gouvernement." Paris 1868. Schrön L.:,,Tables de logarithmes." Paris 1873. Dupuis J.:„ Tables de logarithmes." Paris 1871. Hoüel J.„ Tables de logarithmes à cinq décimales." Paris 1871. In der belgifchen Abtheilung waren ausgeftellt: Raingo G. B.:„ Eléments d'algèbre." Mons 1873. Falisse V. et et: Graindorg J. Traité d'algèbre élémentaire." Mons 1872. " In der amerikanifchen Abtheilung waren blos von der Verlagshandlung Barnes& Comp. in New- York die mathematifchen Werke von Davies Charles ausgeftellt, und zwar: Practical Mathematics; University Arithmetic; Elementary Algebra; Elements of Algebra on the bases of M. Bourdon. Mathematifche Lehrmittel. In der ungarifchen Abtheilung fah man folgende Werke: Arányi B.:„ Sammlung von Beiſpielen zur Algebra."( Ungarifch.) Arnftein: Algebra.( Ungarifch.) Braffai: Uebungsbuch zur Algebra.( Ungarifch.) Klamarik J.: Arithmetik und Algebra.( Ungarifch.) Kifs L. Leitfaden der Algebra.( Ungarifch.) Komnenovich S.: Algebra.( Ungarifch.) Lutter N.: Die Elemente der höheren Arithmetik.( Ungarifch.) Mauritz: Allgemeine Arithmetik und Algebra. Szász- Močnik: Algebra.( Ungarifch.) 43 Wie aus den Jahresberichten des königl. baierifchen Realgymnafiums zu Nürnberg 1871/72, des königl. Realgymnafiums in München 1871/72 und des königl. Realgymnafiums zu Speier 1871 erfichtlich ift, wird dem mathematiſchen Unterrichte dafelbft nicht nur eine gröfsere wöchentliche Stundenzahl zugewiefen, es ift auch das Ausmafs für das zu erftrebende Lehrziel ein höheres, als diefs an den öfterreichifchen Gymnafien und Realfchulen der Fall ift. Mathematiſche Lehrmittel für Hochfchulen. ( Analyfis.) In der deutfchen Unterrichtsabtheilung fah man zuerft mit einem goldenen Lorbeerkranze verfehen: Gaufs F. C.: Sämmtliche Werke, und zwar hieher gehörend: 1) Disquifitiones arithmeticae. 2) Höhere Arithmetik. 3) Höhere Analyfis. Herausgegeben von der k. Gefellſchaft der Wiffenfchaften zu Göttingen; ferner: Lübfen H. B.:,,Lehrbuch der Analyfis zum Selbftunterrichte." Leipzig 1871. Lübfen H. B.:,,Einleitung in die Infinitefimalrechnung." Leipzig 1870. Der Berichterftatter mufs abermals auf die äufserft fpärliche Vertretung in diefer Richtung hinweifen und fich damit begnügen, anzuführen, dafs es fchwerlich in Oefterrelch einen Mittelfchul- Lehrer der Mathematik geben dürfte, deffen Privatbibliothek nicht reichhaltiger mit mathematifchen Büchern aus Deutſchland verfehen wäre. Er hält fich verpflichtet, auf die gediegenen mathematiſchen Werke Schlömilchs hinzuweifen, welche in Oefterreich befonders von den LehramtsCandidaten mit Eifer gelefen werden. In der franzöfifchen Abtheilung waren ausgeftellt. Bertrand J.: ,, Traité de calcul différentiel et de calcul intégral." Paris 1864. Jordan Camille: ,, Traité des fubftitutions et des équations algébriques." Serret J. A.:" Cours d'algébrique fupérieure." Paris 1866.( Wurde von G. Werthheim ins Deutfche überfetzt.) Serret J. A." Cours de calcul différentiel et de calcul intégral." Paris 1868. 2 Bände. Salmon P. G.:" Leçons d'algèbre fupérieure." Traduit de l'anglais par M. Bazin. Paris 1868. Sturm Ch. ,, Cours d'analyfe." Paris 1873. 2 Bände. Hermite Ch. M.: ,, Cours d'analyfe." Paris 1873. Valfon C. A.:,,La vie et les travaux du Baron Chauchy." Paris 1868. Gerono M. et Ch. Briffe:„ Nouvelles annales de mathématique." Paris 1872. In der amerikanifchen Abtheilung war blos Davies Ch.: Elements of the differential et integral Calcules" zu finden. Die Verlagshandlung„ Gerold's Sohn in Wien" hatte ausgeftellt: Burg A. ,, Compendium der höheren Mathematik." Dritte Auflage. 44 Jofef Knirr. Schulz von Strafsnitzky L.:,,Grundlehren der höheren Analyfis." Spitzer Simon: Allgemeine Auflöfung der Zahlengleichungen mit einer oder mehreren Unbekannten." Spitzer Simon:„ Studien über die Integration linearer Differentialgleichungen." Von der Verlagshandlung L. W. Seidel et Sohn in Wien: Herr J. Lehrbuch der höheren Mathematik." Zweite Auflage. Von der Verlagshandlung Wilhelm Braumüller in Wien: Skřivan: Grundlehren der Zahlentheorie." 17 Lehrmittel für den geometriſchen Unterricht. Allgemeines. Obwohl alle alten Völker mit mehr oder weniger Gefchick fich mit dem Studium der Geometrie befchäftigten, fo waren doch nur die Egypter dasjenige Volk, welches fchon frühzeitig ein ausgedehntes geometrifches Wiffen befafs und , dasfelbe auch praktiſch verwerthete. Die egyptifche Kaftenverfaffung, die regelmäfsig wiederkehrenden Ueberfchwemmungen des Nils und manche andere periodifche Phänomene der Natur mögen hiezu die unmittelbare Anregung gegeben haben. In welch hohem Anfehen die geometrifchen Kenntniffe der Egypter geftanden fein müffen, beweift, dafs nach Röth's Gefchichte der abendländifchen Philofophie", Thales von Milet, Pythagoras aus Samos und andere Gelehrte Griechenlands nach Egypten gingen, um dafelbft ihr Wiffen zu erweitern. " Die griechifchen Geométer haben die von den Egyptern erhaltenen geometrifchen Sätze nicht nur ftreng wiffenfchaftlich begründet, fondern auch die Geometrie erweitert und zu dem hohen Grade der Vollendung gebracht, in welcher fie auf uns gekommen ift. Es ift wohl felbft einleuchtend, dafs die von den Griechen fo hoch ausgebildete Geometrie von wefentlichem Einfluffe auf die weitere Entwicklung des gefammten mathematifchen Wiffens gewefen. Geometrifche Lehrmittel für Volks- und Bürgerfchulen. Man war lange Zeit der Meinung, dafs die Geometrie nicht in die Volksfchule gehöre, und noch heute find die Anfichten der Schulmänner über das: ,, wie viel dafelbft zu lehren fei", getheilt. Wie viel oder wie wenig Geometrie in der Volksfchule zu lehren wäre, kann hier wohl nicht erörtert werden; nur foll auch in der Volksfchule der Grundfatz gelten, dafs die Schüler nichts lernen, was fie nicht verftehen oder was ihnen nicht bewiefen werden kann. Ein geometrifcher Unterricht, der den Schülern nur Lehrfätze ohne Beweife vorführt, ift geradezu fchädlich. Der Berichterftatter mufs auch die von Jofef Rofs in Bofton in der amerikanifchen Abtheilung ausgeftellt gewefenen planimetrifchen Figuren als dem geometrifchen Unterrichte in der Volksfchule nachtheilig erklären; fie bleiben immer geometrifche Körper, wenn auch die dritte Dimenfion noch fo klein wird, und werden nie die Fläche erfetzen; auch kann den Schülern der Begriff einer geometrifchen Figur durch geeignete geometrifche Körper viel klarer beigebracht werden. Es genügt defshalb für den geometrifchen Unterricht in der Volksfchule eine kleine Sammlung geometrifcher Körper, wie man folche gröfsere Sammlungen in der Unterrichtsabtheilung des deutfchen Reiches, ausgeftellt von Schröder J. und Möfer L. in Darmſtadt; in der belgifchen, ausgeftellt von Bifter J. und von Ströffer J.( erftere aus Zinkblech, letztere aus Metalldraht) fehen konnte. Auch die Verlagshandlung Hachette et Comp. hatte eine recht fchöne Sammlung ausgeftellt, ebenfo das Volksfchullehrer- Seminar zu Jywäskylä in Finnland. Letztere Sammlung war von den Schülern des Seminars felbft verfertigt. Mathematifche Lehrmittel. 45 Erwähnt zu werden verdienen noch die geometrifchen Lehrmittel im fchwedifchen Schulhaufe, wo neben einer Sammlung von Körpern auch der Krämer'fche Apparat, deffen Einrichtung aus nebenftehender Zeichnung( Fig. 5) erfichtlich ist, ausgeftellt war. Derfelbe kann mit grofsem Vortheile bei der Lehre von der Berechnung des Flächeninhaltes geometriſcher Figuren und von der Beftimmung des Rauminhaltes der Körper benützt werden. Sehr zahlreich waren die Lehrmittel für das metriſche Mafs und Gewichtsfyftem vertreten, noch zahlreicher jedoch die ausgeftellten Lineale, Mafsftäbe und Zirkel. Als recht inftructiv für den Unterricht mufs die von Profeffor C. B opp in der deutfchen Unterrichtsabtheilung ausgeftellte Tafel ,, Anfchauliche Vergleichung der gebräuchlichften Fufsmafse mit dem metrifchen Mafse" bezeichnet werden. Lehrbücher für den geometrifchen Unterricht waren blos drei ausgeftellt und zwar in der deutfchen Abtheilung: Stubba A. ,, Lehrbuch der Geometrie für Stadtfchulen und SchullehrerSeminare." Leipzig 1870. Dürringer: ,, Elemente der Formen lehre und Geometrie für höhere Volksfchulen."( Ungarifch.) Mayer: Formenlehre und GeoFig. 5. metrie"( ungarifch); die letzteren zwei in der ungarifchen Abtheilung. Geometrifche Lehrmittel für Mittelfchulen. Die geometrifchen Lehrmittel für Mittelfchulen beftanden wieder in Sammlungen geometrifcher Körper und in ausgeftellten Lehrbüchern. Da die erfteren bereits bei der Volksfchule angeführt wurden, genügt hier blos die Bemerkung, dafs die meiſten der ausgeftellten Sammlungen für den Unterricht an Mittelfchulen ausreichten. Von Lehrbüchern waren ausgeftellt in der ungarifchen Abtheilung: Abel M. ,, Geometrie."( Ungarifch.) Bajusz:„ Analytifche Geometrie in der Ebene", fowie deffen ebene und fphärifche Trigonometrie.( Sämmtlich ungarifch.) Klamarik: ,, Geometrie"( Ungarifch.) Lübens: ,, Geometrie"( Ungarifch.) Szabóky: ,, Geometrie für Obergymnafien und deffen Močnik's Geometrie." ( Beide ungarifch.) In der deutfchen Unterrichtsabtheilung fand man die Werke: Müller:„ Lehrbuch der Planimetrie." Bremen 1870. Gallenkamp W.:,,Sammlung trigonometrifcher Aufgaben." Mülheim 1856. Ziegler A.:,,Fundamente der Stereometrie." München 1872. Lübfen H. B.:,,Lehrbuch der Elementargeometrie." Leipzig 1873. Lübfen H. B.:,,Ausführliches Lehrbuch der ebenen und fphärifchen Trigonometrie": Leipzig 1873. Recknagel G.:,,Lehrbuch der ebenen Geometrie." München 1871. 46 Jofef Knirr. Werke: In der franzöfifchen Ausftellung fah man: Compagnon P. F.:„ Eléments de géométrie." Paris 1868. Rouché E.:" Eléments de géométrie." Paris 1873. Serret J. A.:,,Traité de trigonométrie." Paris 1868. Die niederländifche Unterrichtsabtheilung enthielt folgende mathematiſche Van Geer P.: Leerbock der Meetkunde." Leyden by Sijthoff 2 Bände. Van Pefch A. J.:" Logarithmentafels mit vijt Decimalen." Leiden 1873. Schlömilch& Fort:„ Analyftifche Geometrie", in das Holländifche übertragen. Unter den in Oefterreich am häufigften in Verwendung ftehenden Lehrbüchern find zu nennen: Sonndorfer R.: Lehrbuch der Geometrie für die oberen Claffen der Mittelfchulen." Wien. " Moznik: ,, Geometrie für Obergymnafien." Geometrifche Lehrmittel für Hochfchulen. Die hieher gehörenden ausgeftellten Werke waren: Bouget& Ch. Houfel J.:„ Géométrie analytique à trois dimenfions." Serret J. A. Géométrie de direction." Paris 1869. Sonnet H.:,,Eléments de géométrie analytique." Paris 1873. Lübfen H. B.:„ Ausführliches Lehrbuch der höheren Geometrie." Leipzig 1872. Gaufs C. F.: Geometrie und Methoden der kleinften Quadrate." Göttingen. Davies Ch.: Elements of analytical Geometrie." New- York. Obwohl Oefterreich noch nicht alle Lehrbücher für den mathematiſchen Unterricht felbft erzeugt und auf fremde Hilfe angewiefen ift, fo zeigt uns fchon eine wenn auch nur flüchtige Vergleichung der mathematifchen Lehrbücher von einft und jetzt den ungewöhnlichen Fortfchritt, den Oefterreich in diefer Rich tung in den letzten 25 Jahren gemacht hat. Leider wurde den Befuchern der Weltausftellung die Gelegenheit nicht geboten, diefen Vergleich anftellen zu können, da kein mathematifches Lehrbuch, welches vor dem Jahre 1848 gedruckt wurde, ausgeftellt war. Hoffen wir, dafs bei der nächften Weltausftellung diefes Moment die gebührende Rückficht finden wird. 33 C TMW- Bibliothek 0020927 4 A D HAW 33 AA GR WELL OFFE AUSTR