OFFICIELLER AUSSTELLUNGS- BERICHT HERAUSGEGEBEN DURCH DIE GENERAL- DIRECTION DER WELTAUSSTELLUNG 1 8 7 3. DIE LEISTUNGEN DER STATISTIK UND ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) BERICHT VON J. LÖWENTHAL. WIEN. DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 1873. VORWORT. Nach dem Programm der officiellen Berichterstattung über die Wiener Weltausstellung 1873 foll der officielle Bericht noch ,, während der Feier des internationalen Feftes abgefafst und aufgelegt werden". Diefe Beftimmung zu erfüllen, übergibt die gefertigte Redaction des officiellen Berichtes in der vorliegenden Form die einzelnen Sectionsberichte der Oeffentlichkeit und glaubt damit den Befuchern der Weltausftellung das Studium derfelben wefentlich zu erleichtern. Nur eine Bemerkung fei an diefer Stelle geftattet. Der vorliegende, wie jeder andere während der Weltausftellungs- Feier publicirte Bericht wird einen Theil des officiellen Berichtes bilden, welcher nach dem Schluffe der Weltausftellung als ein Ganzes erfcheinen und die wiffenfchaftlichen Refultate der Ausftellung für die Dauer erhalten foll. Diefs mag dem Lefer die ftiliftifche Form, in welcher bereits die Vergangenheit der Ausftellung angenommen ift, erklären. PROFESSOR DR. CARL TH. RICHTER, Chefredacteur des officiellen Berichtes. DIE LEISTUNGEN DER STATISTIK. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) Bericht von J. LÖWENTHAL. EINLEITUNG. Die Leiftungen auf den ftatiftifchen Gebieten der Weltausftellung find zu umfaffend, als dafs wir es unternehmen dürfen, fie in der Ausdehnung zu berückfichtigen, wie fie es ficherlich verdient haben würden. Unfer Bericht würde fonft einen Umfang erlangen, den uns der auch anderen Befprechungen zu widmende Raum nicht geftattet. Um jedoch einigermassen unferer Aufgabe gerecht zu werden, haben wir uns beftrebt, mindeſtens die aus dem gebotenen reichen Material hervorgehenden Veränderungen während der letzten Jahre, fowie den Fort- oder Rückfchritt im Culturleben der betreffenden Staaten ins Auge zu fafsen. Das Ergebnifs unferes hierauf gewendeten Studiums geftaltete fich zu einem durchaus erfreulichen, denn es zeigte fich, dafs faft alle Staaten nach jeder Richtung hin, in geiftiger wie in fachlicher Beziehung, bedeutend vorgefchritten find. Sie haben in anerkennenswerther Weife nicht nur gegenfeitig nachgeeifert, fondern durch ihr Beiſpiel wohlthuend auch auf jene Länder gewirkt, deren Zuftände im Allgemeinen noch Vieles zu wünſchen übrig gelaffen hatten. Dies gilt von der einen wie von der anderen Hemifphäre. Ueberall, felbft in dem in unferer Ausftellung in feinen überrafchenden Leiftungen fo würdig vertretenen Orient, erblicken wir eine Strebfamkeit, welche noch zu gefteigerten Erwartungen für die Zukunft berechtigt. Diefe Wahrnehmungen treten vielfeitig in den von den betreffenden Regierungen veröffentlichten ftatiftifchen Mittheilungen hervor, die auch ihre Beftätigungen in den Urtheilen der mit den betreffenden Zuftänden vertrauten Männer finden. Dergleichen Nachweife find den meiften Specialkatalogen beigefügt, die wir daher als eine fehr willkommene Bereicherung des geographifchen Wiffens bezeichnen zu dürfen glauben. Wir haben in den Excerpten aus denfelben der in ihnen enthaltenen fogenannten ftatiftifchen Sprache, den Zahlen, nur fo weit Rechnung getragen, als fie die hauptfächlichften Thatfachen vertreten und uns zu Vergleichen mit früheren Zeiträumen als unerlässlich erfchienen. Einige diefer Nachweife haben auch die Militärverwaltungen, die Strafanſtalten, die Münz- und Zollverhältniffe u. f. w. in Betracht gezogen; wir glaubten jedoch diefe Zustände, als dem Wefen der Weltausftellung ferner liegend, ausfcheiden und unfere Betrachtungen mehr den Productions- und Induftrieverhältnifsen, wie fie fich in der neueften Zeit geftaltet, zuwenden, dem in den ftatiftifchen Ausweifen ebenfalls I 2 J. Löwenthal. berücksichtigten Unterrichts- und Bildungswefen aber eine befondere Abhandlung widmen zu follen. Bei der Wanderung durch die langen Zeilen unferer Gallerien zeigte fich unferen Blicken noch ein anderer ſtatiſtiſcher Behelf, nämlich die die Zahlenverhältnifse veranfchaulichenden graphifchen Darftellungen, auf welche wir ebenfalls in unferem Berichte über Bildungsmittel zurückkommen werden; wir können jedoch nicht umhin, fchon hier zu erwähnen, dafs fich unter denfelben einige vorfinden, die mit einem wahrhaft überrafchenden Aufwand von Fleifs und Scharffinn ausgeführt find und in denen fich befonders Oefterreich, das deutfche Reich, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Frankreich u. a. hervorgethan haben. Wir haben der Weltausstellung nicht nur die Erkenntnifs der productiven, induftriellen und artiftifchen Kräfte der verfchiedenen Länder beider Hemiſphären zu verdanken; fie verfchaffte uns auch einen tiefen Einblick in den Culturzuftand und die focialen Verhältniffe derfelben. In der Gruppe XXVI treten uns die vielfältigen Mittel entgegen, welche überall angewendet werden, um in den beiden zuletzt angedeuteten Richtungen eine, den Anforderungen unferer Zeit entfprechende, hohe Stufe zu erfteigen, und es ift gleichfam, als ob Alle fich das Wort gegeben hätten, zu zeigen, dafs diefe nur durch Erziehung und Unterricht, als die Grundlagen der Bildung, zu erreichen ift. Ihr haben fie auch das Hauptaugenmerk in der Weltausftellung zugewendet, und wir wollen es verfuchen, geftützt auf die vorliegenden ftatiftifchen und anderen Daten, in möglichft zufammenfaffenden Umriffen darzuthun, in welcher Weife die erftrebten Ziele auch erreicht worden find. Wir haben jedoch mit Berücksichtigung der officiellen Gruppeneintheilungen das Bildungswefen in einem nächftens erfcheinenden Auffatze felbftftändig behandeln müffen, und fügen hier nur bei, dafs die Leiftungen der Statiſtik auf der Wiener Weltausftellung durch diefen Auffatz ergänzt werden. Productions-, Induftrie- und Handels- Verhältniffe. Oefterreich. Das k. k. Handelsminifterium hat feinen Pavillon des Welthandels, der an einer anderen Stelle die verdiente Würdigung findet, mit ftatiftifchen Beiträgen ungemein bereichert. Wie fehr das Handelsminifterium die Wichtigkeit einer genauen und verlässlichen Statiſtik anerkennt, geht fchon daraus hervor, dafs es ihr ein eigenes Departement eingeräumt hat, das feit dem 20. Februar 1873 in Wirkfamkeit ift. Wir werden demfelben in Zukunft ficher die bis in die neuefte Zeit reichenden Nachweife verdanken. Für jetzt vermiffen wir zu unferem Bedauern die Berichte der Handels- und Gewerbekammern über das Jahr 1872, welche, zur gehörigen Zeit eingefendet, gewifs den Grund zu einer umfaffenden Induftrieftatiſtik bis zur neueften Zeit( der öfterreichifche Specialkatalog ift meiſtens uns ebenfo auf ftatiftifche Daten bis zum Jahre 1870 befchränkt) gelegt und viele nützliche Darftellungen, wie die vorliegenden Nachweife anderer induftrieller Staaten geboten haben würden. Aus den bereits veröffentlichten Mittheilungen über das öfterreichiſche Poft wefen erfahren wir, dafs die Zahl der durch die öfterreichifchen Poften beförderten Briefe fich von 106,904.000 im Jahre 1867 auf 169,105.395 im Jahre 1871 und in gleicher Weife das Erträgnifs trotz, oder vielmehr gerade in Folge der Portoherabfetzung von 4,258.580 fl. auf 5,716.700 fl. im Jahre 1871 vermehrt hat. Ebenfo fteigerte fich der Fahrpoft- Verkehr und deffen Erträgnifs von 2,988.820 fl. im Jahre 1867 auf 4,412.920 fl. im Jahre 1871. Ueberhaupt wurden im Jahre 1871 mittelft der Poften innerhalb des im Reichsrathe vertretenen öfterreichifchen Staatsgebietes 156,766.845 Briefe, 12,338.580 Correfpondenzkarten, 51,780.909 Zeitungsexemplare, 4,204.263 ordinäre Pakete und 14,955.174 Geld- und Werthfendungen Die Leiftungen der Statiſtik. im Werthe von 2607,009.317 fl. befördert. - 3 Ein fehr umfaffendes Tabellenwerk behandelt das öfterreichifche Telegraphenwefen von feinem Beginne im Jahre 1847 bis Ende des Jahres 1871. Während der Jahre 1847-48 waren blofs 10 Stationen in einer Linienlänge von 1247 geographifchen Meilen, im Jahre 1871 hingegen 936 Stationen in einer Linienlänge von 4.134 Meilen und 13.014 Meilen Drähte im Betriebe. Die Zahl der beförderten Depefchen ftieg von 1,021.612 im Jahre 1862 auf 6,265.944 im Jahre 1871 und die Einnahme in demfelben Zeitraume von 1,821.925 fl. auf 3,614.778 fl., während fich zugleich die Ausgaben von 1,548.107 auf 4,234.778 fl. vermehrten. Die ftatiftiiche Centralcommiffion im Handelsminifterium gibt den Werth des auswärtigen Handels der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie im Jahre 1871 im Vergleiche zum Jahre 1861 folgendermafsen an: Werth der Einfuhr: 1861 fl. 272,278.000 Ausfuhr: " " » 308,659.000 " " Durchfuhr: " 95,1 2 1.000 1871 600,133.000 523,071.000 235,866.000 1,359.070.000 Zuſammen:, 676,058.000 " Vorftehende Zahlen repräfentiren den Gefammtverkehr mit Einfchlufs der edlen Metalle. Diefe vom eigentlichen Waarenverkehr getrennt, ergaben folgende Werthe: 1861 Einfuhr: fl. 28,431.000 Ausfuhr:" 31,925.000 " 60,356.000 1871 59,383.000 55,488.noo 114,871.000 Der Werth des eigentlichen Waarenhandels betrug demnach: 1861 Einfuhr: fl. 243,847.000 Ausfuhr: 276,704.000 99 520,551.000 1871 540,750.000 467,583.000 1.008,333.000 Die Einfuhr hat fich mithin um 120 38%, die Ausfuhr, welcher freilich das hohe Agio zu ftatten kam, um 69.50%, die Durchfuhr um 148.6% vermehrt. Der aus diefen Zahlen hervorgehende ungemein grofse Auffchwung des öfterreichifch- ungarifchen Handelsverkehrs wird theils dem Abfchluffe der verfchiedenen Handelsverträge mit den wichtigften Staaten, theils der fortgefchrittenen Ausdehnung des öfterreichifch- ungarifchen Eifenbahnnetzes und, gleichzeitig mit der Confolidirung der politifchen Verhältniffe, zwei glänzenden Erntejahren beigemeffen. Die feit dem Jahre 1861 abgefchloffenen Handelsverträge waren mit dem britifchen Königreiche am 16. December 1865, mit Frankreich am II. December 1866, mit Belgien am 23. Februar 1867, mit den Niederlanden am 26. März 1867, mit Italien am 23. April 1867, mit dem Zollverein am 11. April 1865 und am 9. März 1868, mit der Schweiz am 14. Juli 1868. Die Werthe des Verkehrs während des Jahres 1871 vertheilten fich auf Rohftoffe und Fabricate folgendermassen: Rohftoffe Einfuhr fl. 212,700.000 Ausfuhr: " » 165,000.000 377,700.000 Fabricate 328,000.000 302,600.000 630,600.000 Zufammen 540,700.000 467,600.000 1,008.300.000 Von diefen Werthen trafen im Jahre 1871 den Handel feewärts: bei der Einfuhr fl. 85,800.000 " Ausfuhr 159,700.000 99 Zufammen» 245,500.000 " I* 4 J. Löwenthal. Bei dem Landhandel ift jener über die Zollvereins- Grenze bei weitem der überwiegende. Die meiſten Ladungen gingen über die Grenze gegen Sachfen, dann über Süddeutſchland und Preufsen. Von den übrigen Landgrenzen ift jene gegen die Türkei die wichtigfte für den öfterreichifch- ungarifchen Verkehr; dann kommen jene gegen Italien, Rufsland und die Schweiz. Der Verkehr mit der Türkei erfcheint um fo bedeutender, als er gröfstentheils auch feewärts betrieben wird. Beim Vergleiche der Einfuhr mit der Ausfuhr ergibt fich, dafs nur in drei Verkehrsrichtungen( Rufsland, Türkei und Italien) der Export, in allen übrigen aber, befonders im Verkehre mit den Zollvereins- Staaten, die Einfuhr überwiegend erfcheint. Das k. k. Finanzminifterium hat zu feiner Collectivausftellung der Staatsfalinen einige bis zum Jahre 1872 reichende Daten veröffentlicht, denen zufolge gegenwärtig 18 Salinen in der Staatsregie und 5 von Privaten betrieben werden, von welchen die k. k. Finanzverwaltung das Salz um fixe Preife einlöft. Das Salzmonopol hat in den im Reichsrathe vertretenen Königreichen und Ländern im Durchschnitte der Jahre 1870, 1871 und 1872 ein jährliches Reinerträgnifs von fechzehn Millionen Gulden geboten. Im Privatbetriebe befanden fich, da in Kalusz in Galizien kein Salz erzeugt wurde, im Jahre 1872 nur die Salinen von Pirano und Capodiftria in Iftrien, Pago und Arba in Dalmatien. Die Erzeugung betrug in dem letzten Jahre 1,740.920 Centner Stein-, 2,610.744 Sud- und 11.114 Centner Seefalz im Staats-, dann 697.882 Centner Seefalz im Privatbetriebe, wovon allein 600.000 Centner in Pirano und Capodiftria. Die Zunahme der Production während der letzten vier Decennien ergibt fich aus folgender Ueberficht. Zuſammen. Jahr 1841 Steinfalz. Centner 1,255,444 Sudfalz. Seefalz. 1,878.779 797.993 3,932.216 1851 1,306.924 2,164.019 548.689 4,019.632 29 1861 1,607.297 2,336.234 749.188 4,692.719 " 1871 1,662.996 2,633.579 656.113 4,952.688 29 Die Zahl der k. k. Tabakfabriken ift in der cisleithanifchen Reichshälfte im Jahre 1872 auf 26 geftiegen, gegen 15 im Jahre 1868. Diefelben befchäftigten 26.315 Arbeiter, meiftens bei der Erzeugung der Cigarren und Cigarretten. II ftehende Dampfmaschinen mit 269 Pferdekraft und 4 Turbinen mit 82 Pferdekraft halten die für die Tabakerzeugung erforderlichen Hilfsmafchinen und andere Werkseinrichtungen im Gang. Der aufserordentliche Auffchwung der Tabakfabrikation in Oefterreich erhellt aus folgenden Zahlen. Der verarbeitete Rohftoff betrug: Ausländifche Blätter Inländifche " Daraus wurden erzeugt: Cigarren Cigarretten Rauchtabak Gefpinnfte Schnupftabak 1872 " 1868 Centner 99.145 449.168 548.313 131.713 547.253 678.966 1.033,770.150 " 15.609.650 25,000.000 Centner 367.713 436.256 " 9 27.598 36.235 " 39.698 41,033.976 Stück 701,757.030 Der Gefammtwerth der Erzeugung betrug fl. 47.061 56,784.066. In demfelben Verhältnifse hat auch die Einnahme der k. k. Regie zugenommen. Diefelbe belief fich im Jahre 1868 auf 41,155.961 und im Jahre 1872 auf 55.555.048 fl. Das Minifterium des Ackerbaues hat den Katalog feiner höchft intereffanten Ausstellungen mit fehr lehrreichen Bemerkungen begleitet, die uns Die Leiftungen der Statiſtik. 5 nur bedauern laffen, fie nicht hier in umfaffenderer Weife berücksichtigen zu können. Aus den überfichtlichen Darftellungen der Bergbauthätigkeit erfahren wir unter anderem, dafs die Production von Braun- und Steinkohlen feit dem Jahre 1855 bei den erfſteren fich mehr als verfünffacht, bei den letzteren mehr als vervierfacht hat: Von Braunkohlen wurden nämlich 1855: 15,995.724 und im Jahre 1871 84,457.147, von den Steinkohlen beziehungsweife 20,873.217 und 87.053.835 Ctr. gewonnen. Einen noch grösseren Auffchwung zeigt die Graphitproduction: von 72.225 Ctr. im Jahre 1855 auf 513.148 Ctr. im Jahre 1871. Ueberhaupt hat fich der Bergbau, Gold, Schwefel und Zinn etwa ausgenommen, nach faft allen Richtungen hin gefteigert. Die gröfste Steinkohlen- Production bot Böhmen mit 50,390.700 Ctr., darunter allein der Steuerbezirk Unhost mit 23,303.000 Ctr. Nächft Böhmen erzeugte Schlefien die meiſten Steinkohlen( 21,000.000 Ctr.). In Betreff der Braunkohle fteht Böhmen ebenfalls in erfter Reihe( 47,518.000 Ctr.), in zweiter Steiermark mit 22,143.000 Ctr. Alle anderen dem Ackerbauminifterium untergeordneten Zweige, als die Staats- und Fonds- Forftverwaltung, fowie überhaupt die landwirthschaftliche Bodencultur waren durch eine lange Reihe graphifcher Werke verfinnlicht und deren Verhältniffe in lehrreichen Andeutungen über den Zuftand der Staatsforfte, des Obft- und Weinbaues und der Seidenzucht dargestellt. Erwähnen wir hier noch, dafs aus den Departements des Ackerbauminifteriums eine grofse Menge von Druckfchriften und graphifcher Darftellungen hervorgegangen ift, um deren Bearbeitung fich befonders der Sectionsrath Dr. L. R. Lorenz unverkennbare Verdienfte erworben hat. Das k. k. Minifterium für Cultus und Unterricht befchränkte fich in feinem Verzeichniffe der zur Ausftellung gelangten 476 Gegenftände des Schul- und Unterrichtswefens auf einige ftatiftifche Ausweife, denen zufolge es in Oefterreich im Jahre 1871 14.769 Volksfchulen mit 25.259 Lehrern gab, welche von 942.497 Knaben und 878.213 Mädchen befucht wurden. Mit den Volksfchulen waren damals 73 Kindergärten, 71 Kinderbewahr- Anftalten verbunden. Aufserdem beftanden 201 felbftftändige Kinderbewahr- Anftalten und 17 Krippen. Die Zahl der höheren Lehr- und Bildungsanftalten geftaltete fich im Jahre 1872 folgendermafsen: Lehrer- und Lehrerinen- Bildungsanftalten Landwirthschaftliche Anftalten Hebammenfchulen Gymnafien Studirende Zahl 59 3.285 35 I.I22 14 737 93 24.429 Realgymnafien 48 7.042 Realfchulen 64 18.349 Gewerbliche Fortbildungsfchulen 42 8.220 Handels- Lehranstalten. 38 5.300 Kunft- und Mufikfchulen 108 5.126 Theologifche Diöcefan- Lehranstalten. 19 I.204 Theologifche Lehranstalten 22 286 Univerfitäten Theologifche Facultäten Chirurgifche Lehranstalten Technifche Hochſchulen Handelsacademien Berg- und Forftacademien 1.750 III Aufserdem gab es im Jahre 1872 2 Bergfchulen, 4 Forftfchulen, 6 nautiſche Schulen, und im Jahre 1871 54 Sprachfchulen, 52 Turnfchulen, 214 weibliche Arbeitsfchulen und 245 verfchiedene Specialinftitute. Die Militär- Lehranstalten beftanden in 9 Fortbildungs- Anstalten mit 570 und 8 Erziehungs- und Bildungsanftalten mit 1760 Schülern. 633743 9.028 287 301 3.469 6 J. Löwenthal. Wir werden die gehaltvolle Schrift des Dr. A. Ficker in unferem Berichte über die Bildungsmittel zu berücksichtigen fuchen. Die öfterreichifche Sparcaffe hat in einem eigenen Pavillon das öfterreichiſche Sparcaffewefen zur Anfchauung gebracht und über dasfelbe ein Tabellenwerk veröffentlicht, deffen Bearbeiter, Herr Heinrich Ehrenberger, alle Anerkennung verdient. Vor allem conftatiren wir hier die erfreuliche Thatfache, dafs das Guthaben der Einleger fich während der letzten zehn Jahre 1862-1871 von III, 982.768 auf 341,137.380, mithin um 229,154.642 fl. oder 204 63% vermehrt hat. Das Ergebnifs erfcheint um fo beachtenswerther, als gerade in diefem Decennium das Capital mehr als je anderweitig in Anfpruch genommen wurde. Oefterreich nimmt unter den das Sparwefen begünftigenden Staaten den zweiten Rang ein. So betrug das Guthaben in England im Jahre 1871 558,454.628 fl.( darunter Poft- Sparcaffa 170,250.046 fl.), in Oefterreich 341,137.380 fl. Preufsen wies in demfelben Jahre 289.381.209 fl., Frankreich( 1868) 253,295.308 fl., Ungarn 1870) 122,964.070 fl. aus. Diefer günftige Stand gilt für Oefterreich jedoch nur von den Einlagen, während die Zahl der Sparcaffen( 211) verhältnifsmäfsig gering ift, wenn man erwägt, dafs Preufsen deren im Jahre 1871: 830 und felbft manches kleinere Land, wie z. B. Norwegen bereits im Jahre 1865: 233 befafs. Es wird daher die Nothwendigkeit einer Einführung der Poft- Sparcaffen wie in England oder der Filial- Sparcaffen wie in Frankreich dargethan. Die Triefter Handels- und Gewerbekammer hat ihre Ausweife über den Handel und die Schifffahrt von Trieft im Jahre 1871 aufgelegt, aus denen vor allem der erfeuliche Auffchwug fich ergibt, den der Seeverkehr feit 1865, fowohl bei der Ein- als bei der Ausfuhr genommen hat, indem der Werth der erfteren von 76,244.434 im Jahre 1865 auf 156.330.182 fl. im Jahre 1871 und jener der Ausfuhr beziehungsweife von 95,825.430 fl. auf 110,472.113 fl. geftiegen ift. Die Zunahme tritt jedoch grofsentheils in beiden Richtungen beim Tranfitverkehr hervor. Die Zahl der mit Ladung angekommenen und abgegangenen Schiffe war: abgegangen Jahr 1865 eingelaufen Schiffe 8.127 6.495 Tonnen 630,192 844.517 Schiffe 7.073 6.073 Tonnen 787.605 775-552 1871 Die unter vorftehenden Zahlen begriffene Dampffchifffahrt geftaltete fich folgendermafsen: eingelaufen abgegangen 1865 Dampfer öfterr. 720 Tonnen Dampfer Tonnen 235.208 772 240.746 fremde 10I 72.366 I04 83.823 1871 öfterr. 797 fremde 189 353-573 919 318.474 152.139 119 140.514 Beim Einfuhrhandel behauptete England den erften Rang; der Werth der Importen desfelben hat fich von 10,267.368 fl. im Jahre 1865, auf 37,911.094 fl. im Jahre 1871 vermehrt. Bei der Ausfuhr fteht die Türkei in erfter Reihe; der Werth des Exports dahin fteigerte fich von 16,033.522 im Jahre 1865 auf 24,661.955 im Jahre 1871. Nächft England und der Türkei war der Verkehr am bedeutendften mit Italien, deffen Werth im Jahre 1871 bei der Einfuhr 20,648.778 und bei der Ausfuhr 21,524.921 fl. betrug. Der Werth der Ausfuhr auf dem Landwege, wobei ebenfalls der Tranfitverkehr in Anfchlag zu bringen ift, belief fich im Jahre 1865 auf 34,404.467 und im Jahre 1871 auf 104,380.984 fl., jener der Einfuhr hingegen beziehungsweife auf 82,856.227 und 92,441.732 fl. Die k. k. Seebehörde in Trieft hätte ftatt der Recepte, wie man die Seefifche, Krebfe, Schnecken u. f. w. bereiten und aus letzteren eine wohl Die Leiftungen der Statiſtik. 7 schmeckende Suppe gewinnen foll, weit wichtigere Befprechungen und ftatiftifche Daten bieten können, zu denen ihr das umfaffendfte Material zu Gebote fteht, wie die belehrenden Erläuterungen zu den topographifchen Plänen und anderen graphifchen und ftatiftifchen Darftellungen, zu den Probewürfeln der Stein- und Cementforten und zu den mineralifchen Meeresproducten beurkunden. Den fpärlichen ftatiftifchen Nachweifen entlehnen wir nur, dafs feit der Gründung der CentralSeebehörde im Jahre 1854 bis Ende 1872 7,671.811 fl.: im Jahre 1872 allein 816.694 fl. für Hafen- und Sanitätsbauten, dann für Seeleuchten verausgabt worden find. Ungarn. Das ungarifche Minifterium für Cultus und Unterricht befchränkte fich auf einige Mittheilungen über das Schulwefen am Ende des Jahres 1871. Damals zählte Ungarn 2,206.187 fchulpflichtige Kinder, von denen 1,233.500 die 14.550 Volksfchulen befuchten; 295 diefer letzteren erhielten eine Staatsfubvention von 369.199 fl. und 2.314 Lehrer ohne Unterfchied der Confeffion wurden mit 149.730 fl. unterſtützt. Es wurde auch ein Unterricht für Erwachfene eingeführt, deren 55.000 Schreiben, Lefen und Rechnen erlernten. Die 99 Oberund 47 Untergymnafien wurden im Jahre 1871 von 30.992 Schülern befucht. Die Zahl der Gymnafiallehrer war 1.624. 11 Ober- und 47 Unter- Realfchulen mit 267 Lehrern wurden von 5.472 Schülern, die beiden Univerfitäten mit 149 Profefforen von 2375 und die Polytechnik mit 42 Profefforen von 451 Studirenden befucht. Als Beweis, wie fehr die ungarifche Nation fich die Hebung und Entwickelung ihrer Schulbildung angelegen fein laffe, wird hervorgehoben, dafs das Budget des öffentlichen Unterrichtes von 1,367.400 fl. im Jahre 1869, im Jahre 1871 auf. 4,632.028 fl. erhöht wurde. Das ungarifche Minifterium für Ackerbau, Gewerbe und Handel hat für die Weltausftellung als Einleitung zum Specialkatalog eine ,, Skizze der Landeskunde Ungarns" veröffentlicht, mit deren Abfaffung unter Redaction des Herrn Carl Keleti, die Herren: J. Hunfalvy, Dr. M. Handtken, Dr. G. Schenzl, Dr. N. Szontagh. J. Frivalfzky, A. Havas, Dr. A. Konek, A. Bedő, L. Beöty betraut und vom königlich ungarifchen ftatiftifchen Bureau unterſtützt wurden. Die fehr intereffante Monographie fafst die natürlichen, geologifchen, meteorologifchen, naturwiffenfchaftlichen und ftaatlichen Verhältniffe Ungarns überhaupt in gründlicher Darftellung zufammen und enthält eine Menge ftatiſtiſcher. Mittheilungen über Bevölkerung, Urproduction, Induftrie, Handel und Verkehr, denen wir hier die wichtigften Daten entlehnen. Die Gefammtbevölkerung wird auf 15,417.327 Einwohner( darunter 7,763.767 weiblichen Gefchlechtes) angegeben, von denen 11,117.621 auf Ungarn, 2,101.727 auf Siebenbürgen, 17.884 auf Fiume. 979.722 auf Kroatien und 1,300.371 auf die Militärgrenze entfallen. Bezüglich der Nationalität vertheilten fich diefe Zahlen auf 6,207.580 Magyaren, 2,321.006 Romanen, 1,816.087 Deutfche, 1,825.723 Slovaken. Der Reft beftand aus Serben, Kroaten, Ruthenen, Griechen, Armeniern u. f. w. Den Glaubensbekenntniffen nach lebten im ganzen Königreiche: Römifch- katholifche Griechifch- orientalifche Griechifch- katholifche Evangelifche helvetifcher Confeffion Evangelifche Augsburger Confeffion Israelitifche Unitarier Andere chriftliche Andere nichtchriftliche 7,502.000 2,579.653 1,592.689 2,024.332 1,109.154 552.133 54.438 2.714 214 Zufammen wie oben 15,417.327 8 တ J. Löwenthal. Ungarn ift trotz dem grofsen Auffchwung der Induftrie in manchen Richtungen doch vorzugsweife als Ackerbauftaat zu betrachten, deffen jährliche Brotfrüchte- Ernten( Weizen, Korn und Halbfrüchte) zwifchen 60 und 90 Millionen niederöfterr. Metzen fchwankt. Das Ernte- Erträgnifs der Handelsgewächfe beträgt im Durchfchnitte jährlich 30.309 Centner Flachs, 569.996 Centner Hanf und 748.526 Centner Tabak. Der Viehft and war nach der letzten im Jahre 1870 vorgenommenen Zählung: 2,158.800 Pferde, 3300 Maulthiere, 30.400 Efel, 5,279.900 Stück Hornvieh, 15,077.000 Schafe, 573.000 Ziegen, 4,443.300 Schweine. Im Vergleiche zum Jahre 1857 hat fich die Zahl der Pferde um 3%, der Schafe und Ziegen um 33% vermehrt; das Hornvieh aber um 6%, und das Borftenvieh um 1% vermindert. Die Verminderung des Hornviehes ift theils dem Umftande zuzufchreiben, dafs durch die Theifsregulirung Millionen Joche Wiefen und Weiden in Ackerfelder umgewandelt und der Viehzucht entzogen wurden, theils ift fie eine Folge der häufig herrfchenden Rinderpeft. Die Pferdezucht hat in neuefter Zeit einen erfreulichen Auffchwung genommen. Die Pferde wurden durch Vollblut- Araber, fowie durch Vollblut- Engländer und normanifche Zuchthengfte, welche in den Staatsbefchälftationen dem Züchter zur Verfügung ftehen, immer mehr veredelt. In den drei Staatsgeftüten in Kisber, Babolna und Mezőhegyes befanden fich im Jahre 1872: 2874 Pferde, darunter 74 Hengfte. Ausserdem ftanden in den vier Befchälftationen in Stuhlweifsenburg, Nagy- Körös, Sepsi, Szt. György( Siebenbürgen) und Warasdin( Kroatien) 1629 Hengfte zur Verfügung der Züchter. Der Fifchft and hatte in den ungarifchen Gewäffern in Folge der grofsartigen Flufsregulirungen bedeutend abgenommen; die Zucht beginnt fich jedoch, dank der Unterſtützung, welche die Regierung den künftlichen Fifchzucht- Anftalten gewährt, wieder zu heben. Die Seidenraupen- Zucht ift faft überall verbreitet und bietet jährlich einen Ertrag von ungefähr 8000 Centner Cocons. Die Weinproduction ſchwankt zwifchen 24 und 40 Millionen Eimer jährlich; allein trotz der anerkannten Güte der Weine wird nur ein kleiner Theil( 1868-70 jährlich im Durchfchnitte 12 bis 2 Millionen Eimer, ausgeführt, weil die Weinmanipulation nicht den Standpunkt der concurrirenden Weinländer erreicht hat. Der Handel mit frischem O b ft wurde im Jahre 1871 durch eine Einfuhr von 54.623 und eine Ausfuhr von 110.513 Centner bewerkstelliget. Der Werth der BergwerkProduction war im Jahre 1871: 19,646.511 fl. gegen 14,718.814 fl. im Jahre 1867. Den bedeutendften Ertrag boten im Jahre 1871 Frifch- Roheifen 6,393.230, Gufseifen 1,671.330, Braunkohle 3,218.934, Schwarzkohlen 2,763.895, Gold 1,879.406, Silber 1,811.469 Kupfer 1,070.777 fl. u. f. w. Dem Gewichte nach betrug die Bergwerks Production im Jahre 1871 2784/30 Pfund Gold, 40.254/ 87 Pfund Silber, 22.762 Centner Kupfer, 28.884 Centner Blei, 2,184.129 Centner Frifch- Roheifen, 189.108 Centner Gufseifen, 15,250.379 Centner Braunkohle, 11,020.004 Centner Schwarzkohle, 6,444.832 Centner Eifenerze, 2,076.670 Centner verfchiedene andere Erze u. f. w. Ungarns wirthschaftliches Leben, fagt Herr Keleti, ift bezüglich der Induftrieverhältniffe von zu neuem Datum und zu jung, als dafs es in Hinficht auf die maffenhaftere Gewerbeproduction mit den vorzüglichen Induftrieftaaten des Auslandes in eine Parallele geftellt werden könnte; indefs hob fich der Sinn für Induftrie wenn auch langfam, doch ftetig. Einen Auffchwung nahm diefelbe befonders in der neueften Zeit und entfchieden durch die Einbürgerung der Fabriksproduction. Die immer mehr fich entwickelnde Macht der Affociation liefs auch in Ungarn Gefellſchaften an die Stelle einzelner Unternehmer entſtehen, und fo verbreitete fich die Actiengefellſchafts- Induftrie. Ueberhaupt befchäftigt die Induftrie mit Einfchlufs der Handwerker gegenwärtig 640.900 Menfchen oder 4% der Bevölkerung, wozu noch etwa 50.000 Menfchen gerechnet werden können, welche beim Bergbau und in den Hüttenwerken Verwendung finden. Den erften Rang unter allen Gewerbszweigen nimmt jedenfalls die Eifeninduftrie ein. Die Leiftungen der Statiſtik. 9 Sie hat im Jahre 1871: 6,426.687 Centner Eifenerz zu Tage gefördert. Diefer Production entſprechend betrug Ungarns und Siebenbürgens Erzeugung von Roheifen 2,100.590 und von Gufseifen 267.067 Centner. In grofsem Mafsftabe wird die Mühleninduftrie betrieben. In Buda- Peft beftehen 14 Mühlen, darunter 13 im Befitze von Actiengeſellſchaften. Alle find Kunftmühlen; fie repräfentiren einen Werth von II Millionen Gulden und können jährlich 9,720.000 Metzen Getreide vermahlen. Zur Fabrikation werden 2,781.000 Centner Steinkohlen im Werthe von 1,590.000 fl. benützt. Die Mühlen befchäftigen 2200 Arbeiter, welche einen Tageslohn von I fl. 50 kr. bis 2 fl. 10 kr. erhalten. Etwa zwei Dritttheile der Mehlfabricate werden in der öfterreichifch- ungarifchen Monarchie verkauft, ein Drittel kommt zur Ausfuhr nach dem Auslande. Als die hervorragenden ausländifchen Abfatzmärkte werden England, Brafilien, Holland und Deutfchland, befonders Süd- Deutfchland, bezeichnet. Von geringerer Bedeutung ift der Export nach der Schweiz, nach Egypten und Oftindien. Die für unferen Bericht gezogene Grenze geftattet uns nicht, in alle Zweige der ungarifchen Induftrie einzugehen, welche vielfach in der Weltausftellung einen ehrenwerthen Platz einnehmen und deren Werth auch durch Auszeichnung anerkannt wurde. Erwähnen wir hier nur noch, dafs in Ungarn, Siebenbürgen und Kroatien im Jahre 1870: 66.082 Spiritusbrennereien, darunter 1040 mit künftlichen Apparaten verfehen und überhaupt 971 gröfsere, fabriksmäfsig betrieben, in Thätigkeit waren. Die Tabakfabriken( zwei in Peft, dann je eine in Kafchau, Prefsburg, Fiume, Temesvár, Klaufenburg, Agram und Schemnitz) verarbeiteten 41.702 Centner inländifchen und 221.720 Centner ausländifchen Tabak und erzeugten aufser Schnupf- und Rauchtabak 369,501.000 Cigarren und Cigarretten. Der Export ins Ausland belief fich auf 92.994 Centner Tabak. Der Werth des Handelsverkehrs zwifchen Ungarn und dem Auslande wird folgendermafsen angegeben: 1868 1869 1870 Einfuhr fl. 319,702.541 „ 408,970.946 " " 344,076.877 Ausfuhr fl. 329,995.35I » 329,749.608 » 342,876.945 Ein- und Ausfuhr gleichen fich in der Regel faft aus; der ungewöhnlich bedeutendere Werth der Ausfuhr im Jahre 1869 zeigt, dafs fie den Bedarf überftieg, wie in der That viele Artikel im folgenden Jahre wieder zur Ausfuhr gelangten, weil fie keinen Abfatz gefunden hatten. Den gröfsten Theil der Einfuhr bilden die Erzeugniffe der Fabriksinduftrie, dann Colonialwaaren. Als die Länder, mit denen Ungarn am meiften im Waarenvertaufche fteht, werden in erfter Reihe Oefterreich, dann das deutfche Reich genannt. Ungarn befafs am Ende 1870: 459 Meilen Locomotiv- Eifenbahnen, welche ein Anlagecapital von 331,754.707 fl.( 722.771 per Meile) in Anspruch nahmen. Die Gefammtlänge der Pferde- Eifenbahnen betrug 60.000 Wiener Klafter, darunter 12.436 Klafter der Pefter Tramwaybahn. Die Poft beförderte im Jahre 1871: 31,969.129 frankirte, 1,441.114 unfrankirte und 3,937.896 recommandirte Briefe, 927.216 Waarenmufter, 2,641.701 Kreuzband- Sendungen, 6,844.074 amtliche Briefe, 1,113.470 Packete im Gewichte von 4,292.062 Pfund und 6,303.116 Geld- und Werthfendungen im Werthe von 1,278.959.743 fl. Die Einnahmen des Poftbetriebes betrugen in demfelben Jahre 4,857.503 fl., die Ausgaben 4.561.275 fl. Das Telegraphennetz erftreckte fich im Jahre 1871 über 1618 Meilen Linien- und 4790 Meilen Drahtlänge, mit 650 Stationen. Die Zahl der beförderten Depefchen betrug im Inlande 1,792.321 und im internationalen Verkehr 260.048. Die Gefammteinnahmen beliefen fich auf 1,096.909, die Ausgaben auf 1,399.938 fl. Kroatien- Slavonien. Angeregt von der kroatifch- flavonifchen Landesregierung hat Dr. P. Matkovic eine Denkfchrift verfafst, in welcher die Bevölkerung von Kroatien 10 J. Löwenthal. und Slavonien auf 1,160.085 und der Militärgrenze auf 695.997, zufammen auf 1,856.082 Einwohner berechnet wird. Unter den 19 Städten gibt es nur fünf mit mehr als 10.000 Einwohnern( Agram 19.857, Effegg 17.244, Fiume 13.314, Warasdin 10.623 und Semlin 10.046). Für die Schulbildung wird ein fehr ungünftiges Verhältnifs angenommen: 84% der Einwohner find weder des Lefens noch des Schreibens kundig. Beinahe zwei Drittheile derfelben befchäftigen fich mit der Landwirthfchaft, die aber trotz der günftigen Bodenbefchaffenheit noch viel zu wünſchen übrig läfst. Dasfelbe gilt auch von der Viehzucht. Der Gefammtwerth der Bergbau- und Hüttenproduction im Jahre 1871 ift nur mit 283.050 fl. beziffert, obgleich die Kupfer-, Eifen- und Braunkohlen- Erzeugung fich feit 1861 um vier bis fünf Percent vermehrt hat. Nur ein kleiner Bruchtheil der Bewohner befchäftigt fich mit der gewerblichen Induftrie, die daher auch noch fehr zurück ift; erft in den letzten Jahren begann man ihr eine gröfsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Handelsmarine zählte im Jahre 1871: 591 Schiffe von 96.428 Tonnen; der Werth des durch die Schifffahrt vermittelten Seeverkehres betrug im Jahre 1870 bei der Einfuhr 9,416.800 und bei der Ausfuhr 7,199.900 fl. Das deutfche Reich. Mit einer Darſtellung des deutfchen Reiches in geographifcher und ftatiftifcher Beziehung von F. Bödiker beginnend, fchliefst der Katalog dem Verzeichniffe der in den Ausftellungsgruppen vorkommenden Gegenstände Erläuterungen über den Stand und das Wefen der landwirthschaftlichen und induftriellen Erzeugniffe, fowie deren Verhältniffe zur Kunft und Wiffenfchaft an. In Betreff der Bergwerks-, Hütten- und Salzwerks- Production, welche in Deutſchland wefentlich durch die Ausdehnung des Eifenbahnnetzes, dem Werthe nach von 207 Millionen Thaler im Jahre 1867 auf mehr als 250 Millionen im Jahre 1871 geftiegen ift, wird bemerkt, dafs vornehmlich Preufsen feinem Kohlenreichthum entſprechend dabei grofsen Antheil hat. Von 1867 bis 1871 hat fich der Werth der geförderten Steinkohlen von 39 auf 61 Millionen Thaler, jener der Eifenerze von 5 auf 812, des Roheifens von 2312 auf 3512, der Gufswaaren von II auf 18, des Schmiedeeifens und Stahls von 56 auf 85 Millionen Thaler vermehrt. Deutfchland nimmt nun unter den Eifen und Blei erzeugenden Ländern den dritten Rang ein. In Bezug auf Zink fteht es neben Belgien an der Spitze der Production. In der Ausftellung find von der deutfchen Landwirthschaft namentlich die technifchen Handelspflanzen, wie Tabak, Hopfen, Flachs u. f. w., dann die Producte der Viehzucht in befonderen Gruppen geordnet. Der Tabakbau umfafst 25.000 Hectaren Da nun der Ertrag jährlich im Durchfchnitte 28 Ctr. per Hectare zum Mittelpreife von 8 Reichsthaler per Ctr. beträgt, fo ftellt fich der Werth auf 5,600.000 Reichsthaler. Im Jahre 1871 war die Blätter Rollen Cigarren Einfuhr Ctr. 870.191 8.867 " " 12.548 Ausfuhr II2.082 31.611 42.774 Der jährliche Durchfchnitts- Ertrag des Hopfenbaues wird auf 670,000 Ctr. veranfchlagt, wozu Baiern allein etwa 300.000 Ctr. liefert. Nächft dem erfcheinen Elfafs- Lothringen mit 120.000 und Württemberg mit 100.000 Ctr. als die bedeutendften Producenten. Nürnberg ift im Laufe der Zeit der Hauptmarkt des ganzen deutfchen Hopfenhandels geworden. Sogar Brabant, Frankreich und Amerika fuchen für den Abfatz ihrer Erzeugniffe den Nürnberger Markt. Mit Flachs und Hanf find in Deutfchland 5% des Ackerlandes bebaut. Importirt wird jährlich für 15 Millionen, exportirt für II, Millionen Mark, fo dafs der Bedarf noch bei weitem nicht gedeckt erfcheint; dagegen hat der Weinbau bedeutende Fortfchritte aufzuweifen. Derfelbe umfafst in Deutfchland 125.000 Hectaren, wovon 32.000 Hectaren Die Leiftungen der Statiſtik. 11 Elfafs- Lothringen, Baiern 22.000 ,. Preufsen 20.000, Württemberg 19.000, Baden 18.000 und Heffen 8000 Hectaren treffen. Einen wichtigen und integrirenden Theil der deutfchen Viehzucht bildet die Wolle, deren Production bei einem Stande von 29,000.000 Schafen fich auf 180.000.000 Pfd. beläuft. Die Ausfuhr nach England hat fich in Folge der Concurrenz überfeeifcher Länder( Auftralien, Südamerika, Südafrika) faft um die Hälfte gegen früher vermindert, während die Einfuhr fich von 3,892.425 Pfd. im Jahre 1865-66 auf 13,279.479 Pfd. im Jahre 1869 vermehrt hat. Die Anwendung landwirthfchaftlicher Mafchinen wird mit jedem Jahre eine umfafsendere. Dafs die Fabrication derfelben einer erheblichen Steigerung fähig ift, geht daraus hervor, dafs die Einfuhr an Nähmaschinen, Locomobilen und Dampfmafchinen aus England und Nordamerika fehr beträchtlich ift. Eine Firma in Breslau bezog im Jahre 1872 allein 2000 Nähmafchinen aus Amerika. Die chemifche Induſtrie hat feit der Parifer Ausftellung eine gefteigerte Ausdehnung erlangt, die fich nach allen Richtungen hin ergibt. Im Jahre 1872 verarbeiteten 33 Fabriken 10,284.000 Ctr. Kali gegen beziehungsweife II und 1,288.000 im Jahre 1863. Die Strafsfurter und Leopoldsthaler Kali- Induftrie befchäftigt allein mehr als 3000 Arbeiter neben den Dampfmafchinen von 1500 Pferdekraft. Bezüglich pflanzlicher Farbftoffe tritt Deutſchland wegen feiner klimatifchen Verhältniffe nur in wenigen Fällen als Selbftproducent auf und bleibt für feinen bedeutenden Bedarf( darunter 25-30.000 Ctr. Indigo, 70.000 Ctr. Farbholz und 6000 Ctr. Cochenille) den füdlichen aufsereuropäiſchen Ländern tributär; aber felbft in der Verarbeitung feiner eigenen Farbpflanzen, als Krapp, Waid, Safflor, Wau auf feinere Drogen fteht es England und Frankreich noch nach. Vorzügliches leiftet es jedoch in der forglich geheim gehaltenen Fabrication von Cochenillecarmin. Unter den metallifchen und mineralifchen Farben nimmt die neuere Zinkweifs darftellung einen hervorragenden Platz ein, welche durch die Verdrängung des giftigen Bleiweiſses einen Confum von 250.000 Ctr. jährlich aufweift. Die bedeutendfte Mineralfarbe- Fabrication ift unftreitig die des Ultramarins. Deutfchland exportirt davon jährlich 60.000 Ctr. nach Oefterreich, Rufsland, England und der Levante. Bei der Anilinfarbe aus Steinkohlen- Theer, deren Werth von 21 Millionen Thaler im Jahre 1862 auf 10 Millionen im Jahre 1872 bei gleichzeitig 40- facher Productions- Vermehrung geftiegen ift, betheiligt fich Deutſchland beinahe mit der Hälfte der europäiſchen Production. Die Induftrie des künftlichen Alizarin ift feit 1870 in fteter Zunahme. Die Gefammt- Production in Europa beträgt 22.000 Ctr., wovon Deutſchland gegen 15.000 und England etwa 6000 Ctr. liefern. Wie fchon in fo vielen anderen Beziehungen blieb die intellectuelle Induftrie Siegerin auch im Kampfe mit der alten Zunft des Müller- Handwerkes und das blofse Mehlmachen geftaltete fich dann zur fabriksmäfsigen Production. Die gröfste gegenwärtig exiftirende, für den Export arbeitende Getreidemühle ift die der Gebrüder Lange in Kiel mit nicht weniger als 64 Gängen in einem einzigen Etabliffement. Im Jahre 1864( neuere Daten fehlen) zählte man bereits 59.118 Mühlen mit 104.405 Gängen. Die Rübenzucker- Fabrication hat in dem Mafse, als fie fich ausbreitete, kräftigte und Intenfität gewann, immer mehr den indifchen Zucker verdrängt. Während der Colonialzucker im Jahre 1845 noch eine Einfuhr von 1,413.836 Ctr. aufwies, befchränkte diefelbe fich im Jahre 1870 auf 140.683 Ctr., wogegen die Ausfuhr von 44.607 Ctr. im Jahre 1836 auf 424.013 Ctr. im Jahre 1870 ftieg. Noch viel charakteriftifcher ift die Zunahme der Production und des Confums feit 1836: Verarbeitete Rüben 506.923 RohzuckerProduction Zuckerverbrauch Campagne Zahl der Fabriken per Kopf 1836-37 28.162 122 4.09 1851-52 234 18,289.901 1,261.372 6.37 1861-62 247 31,692.394 2,515.269 8.81 1871-72 311 45,018.363 3,720.363 10 30 12 J. Löwenthal. Die chemifchen Verbefferungen übten auch ihren Einfluss auf die Spiritusfabrication. In dem ehemaligen Norddeutfchen Bundesgebiete betrug die Zahl der Fabriken im Jahre 1870 in den Städten 1542 und auf dem Lande 7348. Diefelben verarbeiteten 6,882.452 Scheffel Getreide und 38,490.536 Scheffel Kartoffeln. Mit diefem Auffchwung der Production hielt auch der Export des Spiritus gleichen Schritt. Die Wollweberei wird inDeutfchland noch vielfach auf Handftühlen betrieben, doch hat die mechanifche in den letzten Jahren einen fehr bedeutenden Auffchwung genommen. Man zählt gegenwärtig ungefähr 1,200.000 Streichgarn- Spindeln in beiläufig 1800 Spinnereien. Die hervorragendften Fabricationsbezirke find in der preufsifchen Rheinprovinz mit einem Umfatze von ungefähr 25 Millionen Thaler. Die fabricirten Artikel werden zum Theile exportirt, hauptfächlich nach den Vereinigten Staaten, Südamerika, Weftindien, Mexico, Oftindien, Japan, Levante, Spanien und Norwegen. In neuefter Zeit wird auch die Fabrication von Kunft wolle, d. h. aus getragenen Wollftoffen wiedergewonnenes Fafermaterial, in grofsem Mafsftabe befonders in Berlin, Linden, Worms und Würzburg betrieben. Der Werth der fämmtlichen von der deutſchen Induftrie nach ausländifchen Märkten abgefetzten Wollgarne und Wollwaaren wird auf 70 Millionen Thaler berechnet. Der mächtige Auffchwung der Baumwoll- Spinnerei ergibt fich fchon daraus, wenn man erfährt, dafs der Verbrauch der Baumwolle von 185.771 Ctr. im Durchfchnitte der Jahre 1836-40 auf 2,336.518 Ctr. im Jahre 1871 geftiegen war. In letzterer Zeit hat fich namentlich die Einfuhr über Bremen und Oefterreich gehoben, letzteres theils durch den Bezug levantifcher, theils durch jenen der oftindifchen Baumwolle über Trieft mit Benützung des Suezcanals.- Die Flachsfpinnerei zählte in Deutfchland im Jahre 1869: 260.000 Spindeln gegen 380.000 in Oefterreich und 1,640.000 in England und diefes Verhältnifs dürfte fich noch nicht geändert haben. Die Leineninduftrie hat fich überhaupt nicht grofser Fortfchritte zu erfreuen. Die Ausfuhr fteht, Packleinwand etwa ausgenommen, ftets der Einfuhr bedeutend nach. Defto rühriger geftaltete fich in neuefter Zeit die Juteartikel- Fabrication. Im Jahre 1861 eingeführt, weift fie bereits eine GefammtProduction von 200.000 Ctr. auf. Die Fabrication von feidenen und halbfeidenen Waaren befchäftigt jetzt 330 Fabriken.- Ein noch fehr junger Induftriezweig, die Fabrication von Gummiwaaren aus Kautfchuk und Guttapercha, hat ebenfalls bereits eine grofse Bedeutung in Deutfchland erlangt. Die Gefammtproduction beträgt jetzt mehr als 50.000 Ctr. jährlich. Von der ungemein grofsen Entwicklung der Eifen- und Stahlwaaren- Fabrication zeugt fchon die Thatfache, dafs die im Jahre 1825 auf 1,004.160 Ctr. befchränkte Roheifen- Erzeugung im Jahre 1871 auf 23,874.460 Ctr. geftiegen ift. Die Glasfabrication befchäftigt jetzt 250 Fabriken ftatt 188 in den vierziger Jahren; in feineren Gegenständen hat fich diefelbe im Grofsen und Ganzen bislang auf die Höhe der öfterreichifchen, englifchen, belgifchen und franzöfifchen Induftrie nicht zu erheben vermocht, was auch von der Thoninduftrie gilt. - Einen Mafsftab für den Umfang der fogenannten Kurzwaaren- Induftrie in Deutſchland bietet die Menge der jährlich verwendeten Verpackungsbehälter, als Schachteln, Käftchen und dgl. aus Holz und Pappendeckel, welche mehr als 50.000 Menfchen, meiftens Frauen und Kinder befchäftigt. Als Concurrent auf dem Weltmarkt tritt mit Erfolg zum Theile auch O efterreich auf mit feinen Galanteriewaaren von Leder und Bronce und den überhaupt berühmten Meerfchaum- Arbeiten. Der Hauptfitz des deutfchen Exporthandels für Kurzwaaren ift noch immer Nürnberg. Die deutfche Holzinduftrie ift namentlich auf dem Gebiete der Möbelfabrication von wirthfchaftlich gröfserer Bedeutung. Zur Fabrication der Fäffer und zur Baufchreinerei, fowie auch zu Bauhölzern wird vorzüglich Eichenholz aus den füdlichen und füdöftlichen Theilen des öfterreichifchen Kaiferreiches bezogen. Die Holzfchnitzerei hat befonders in den letzten Jahren anfehnliche Fortfchritte gemacht; die gebogenen Möbel wurden nach dem Mufter der von Thonet in Wien im Jahre 1834 zuerft fabricirten, in Deutfchland eingeführt. Auch Die Leiftungen der Statiftik. 13 die Marqueterie oder Holzmofaik ift in neuefter Zeit in Deutfchland auf eine hohe Stufe der Ausbildung gelangt. Das Pfropfenfchneider- Gewerbe wird meiſtens in Bremen und in der oldenburgifchen Stadt Delmenhorft in vielen hundert Häufern und Familien ausgeübt, welche im Durchschnitt jährlich 300 Millionen Korke fabriciren und den Kork auch zu Sohlen und die geringere Waare zu den Schwimmern der Fifchernetze verarbeiten. Die Papierinduftrie war auf der Ausftellung fehr zahlreich vertreten. Die höchfte Beachtung verdient die Verwendung des Holzftoffes als Surrogat zur Papierfabrication. Ihr hat man es zu verdanken, dafs die Mafchinenpapier- Erzeugung in Deutfchland fo riefig zugenommen hat. Gegenwärtig find dort 350 Papiermafchinen im Gange, welche jährlich 3,500.000 Centner Papier im Werthe von etwa 50,000.000 Thaler erzeugen. Unter den Leiftungen der Fabrication zeichnet fich auch die Papierwäfche aus. Sie befchäftigt gegenwärtig mehr als 500 meiftens weibliche Arbeiter und bringt täglich 2000 Gros der betreffenden Gegenstände, als: Kragen, Chemifetten und Manchetten, mithin 300.000 Stücke täglich zu Stande. Merkwürdig ift auch Deutfchlands Fortfchritt in der Maſchineninduftrie. Im Jahre 1866 betrug noch die Mehreinfuhr an Mafchinen 81.866 Centner. Im Jahre 1872 hingegen belief fich die Einfuhr anf 663.720 und die Ausfuhr auf 771.209 Centner. Norwegen. Norwegens Bevölkerung beftand im Jahre 1871 aus 1,733.000 Einwohnern. Unter den fechzig Städten zählte die Hauptftadt Chriftiania mit den Vorftädten 80.000, Bergen 30.000, Trondhjem( Drontheim) 20.000, Stavanger 18.000 Einwohner. Der Verkehr mit dem Auslande ftellte fich bei der Ausfuhr auf 39,800.000, bei der Einfuhr auf 38,300.000 Species. Die wichtigften Gegenftände des Exports waren Producte der Fifchereien für 8,530.000, Producte der Forftcultur und der Holzinduftrie für 8,900.000, dann jene des Ackerbaues und der Viehzucht für 810.000 Species u. f. w. Die Ausfuhr von Induftrie- Erzeugniffen befchränkt fich auf den Werth von etwa 2 Millionen Species. Obwohl Norwegen reich an Metallen und Mineralien ift, vermag doch der Ertrag der eigenen Bergwerke das Bedürfnifs des Landes nicht ohne Hilfe der Einfuhr zu befriedigen. Im Jahre 1870 förderten 76 Gruben eine Erzmaffe von 2,516.000 Ctr., darunter 944.000 Ctr. Kupfer-, 390.000 Ctr. Eifen-, 44.000 Ctr. Silbererz, 986.000 Ctr. Schwefelkies u. f. w. Von den landwirthfchaftlichen Erzeugnifsen bot aufser Hafer( im Jahre 1870 2,083.000 norw. Tonnen) keines eine nennenswerthe Menge zur Ausfuhr. Die Producte der Viehzucht erheifchten vielmehr einen bedeutenden Import. Die chemifche Induſtrie geftattete im Jahre 1871 einen Export von 207.000 Ctr. im Werthe von 1,480.000 Spec., darunter allein an Thran 193.000 Ctr., für 1,385.000 Spec. Norwegen bezieht auch ziemlich viele geiftige Getränke vom Auslande, im Jahre 1871 allein Wein für 341.000, Branntwein für 230.000 Spec., dagegen hat die Bierbrauerei in der neueften Zeit einen bedeutenden Auffchwung genommen. Der Hauptmarkt für Bier ift Südamerika, wohin im Jahre 1871 34.000 Ctr. für 102.000 Spec. gingen. Einen der bedeutendften norwegifchen Gewerbszweige bildet die Holzinduftrie. Im Jahre 1870 ftanden zu deren Pflege 645 Schneidemühlen mit 9.800 Arbeitern im Betriebe. Die wichtigſten Producte derfelben: Planken, Bretter, Latte u. f. w. boten im Jahre 1871 einen Ausfuhrwerth von 8 Millionen Species. Norwegens bedeutender Schiffbau zeigt fich in ftetem Fortfchritte. In dem erwähnten Jahre gingen 184 Schiffe mit 17.000 Comerzlaft, darunter 16 Dampfer vom Stapel. Trotz diefer angefpannten Thätigkeit vermögen die einheimifchen Werften dermal nicht die Bedürfniffe der ftets wachfenden Handelsmarine zu befriedigen, wefshalb im Jahre 1871 noch dem Auslande 514.000 Spec. für Segelfchiffe und 314.000 Spec. für Dampfboote entrichtet werden mussten. 14 J. Löwenthal. Norwegens Handelsflotte beftand am Ende 1871 aus 7.063 Fahrzeugen mit einem Gefammtgehalte von mehr als einer Million Tonnen. Schweden.*) Schwedens Bevölkerung belief fich im Jahre 1871 auf 4,204.177 Köpfe und hat fich feit hundert Jahren nahezu verdoppelt. Unter den 90 Städten Schwedens zählt nur eine( Stockholm) mehr als 100.000( 138.512), acht haben mehr als 10.000 Einwohner, darunter Göteborg 57.360 Einwohner. Die Auswanderung, welche in den Jahren 1851-1860 nur 16.900 Perfonen umfafste, ftieg in den folgenden zehn Jahren auf 122.477, darunter 88.731, welche angeblich den Weg nach Amerika nahmen; die Einwanderung hingegen ift unbedeutend. Im Jahre 1870 war die fchwediſche Bevölkerung nach den Religionsbekenntniffen folgendermafsen vertheilt: Evangelifch- Lutherifche 4,162.087, Baptiften, Mormonen, Methodiften 3.809, Reformirte 190, Katholiken( darunter 30 ruffifch- griechifche) 603, Israeliten 1.836. Schweden hatte am Ende 1872 aufser der Reichsbank mit einem Activvermögen von 126,333.873 Reichsthaler Reichsmünze, 26 zettelausgebende Privatbanken( 222,470.537 Reichsthaler), 4 Filialbanken( 10,326.555) und 4 Actienbanken ( 61,573.441), zufammen mit Activen von 421,004.406 Reichsthaler. Die Staatseinnahmen wurden für 1873 mit 47,669.400 Reichsthaler, die Ausgaben auf 56,640.255 Reichsthaler beftimmt. Das fcheinbare Deficit entſteht dadurch, dafs unter den Ausgaben die für Eifenbahnbauten angewiefenen Mittel einberechnet find. Die Entwicklung des Fabrikswefens feit 40 Jahren zeigt folgende Ueberficht: ( Gruben und Bergwerke find nicht inbegriffen) Jahr 1830 1850 1870 1871 Anzahl der Fabriken 1.857 2.513 2.183 2.105 Fabricationswerth 13,175.000 37,092.000 92,281.000 105,236.000 Schwedens auswärtiger Handel ift feit 1850 in ftetem Steigen gewefen. Damals betrug der Werth der Einfuhr 36,354.000, jener der Ausfuhr 38,625.000 Rdr.; im Jahre 1871 hingegen beziehungsweife 169,179.000 und 161,023.000 Rdr. Steinkohlen wurden bisher nur in geringer Menge gewonnen; es werden aber jetzt eine Menge Bohrungen gemacht und einige von ihnen fcheinen befrie digende Refultate zu bieten. Der Bedarf an Steinkohlen mufs durch Einfuhr gedeckt werden, welche fich im Jahre 1872 auf 26,906.103 Kubikfufs belief. Defto reicher ift Schweden an Erzen, befonders an Eifenerzen. Ueberhaupt wurden im Jahre 1871 15,586.374 Ctr. gewonnen, deren Förderung 4.939 Perfonen befchäftigte. Die Roheifen Fabrication erfolgte im Jahre 1871 in 207 Hochöfen, welche zufammen 6,982.026 Ctr. in Roheifen und 136.385 Ctr. in Gufswaaren producirten und 3.812 Arbeiter befchäftigten. Ferner wurden im Jahre 1871: 4,415.511 Ctr. Stab-, Band-, Nagel-, und Drahteifen, 189.000 Ctr. Beffemer, 94.368 Ctr. anderer Stahl, 154.335 Ctr. Platten, 144.322 Ctr. Nägel und 337.702 Ctr. verfchiedene Eifen- Manufacturwaaren producirt. Das Beffemerfrifchen, obgleich diefer Procefs als fehr paffend für Schweden erachtet werden mufs, hat dort erft in den allerletzten Jahren Anerkennung gefunden. Die Eifenund Stahlmanufactur ift noch nicht fo grofs, dafs fie die eigenen Bedürfniffe des Landes befriedigt; man hofft jedoch in einigen Jahren ganz andere Verhältniffe zu erzielen, indem fämmtliche im Bau begriffenen gröfseren Beffemerwerke für Fabrication von Rails und anderem Eifenbahn- Material wie auch Platten berechnet find. *) Nach den ftatiftifchen Mittheilungen von Dr. Elias Sidenbladh. Die Leiftungen der Statiſtik. 15 Man berechnet, dafs in Schweden ungefähr drei Millionen Menfchen oder drei Viertheile der ganzen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt von dem Ackerbau und deffen Nebengewerben haben. Man kann hieraus ermeffen, welchen wichtigen Platz der Ackerbau einnehmen mufs. Der jetzige Standpunkt desfelben behauptet auch auf den gröfseren Gütern einen der Zeit vollkommen angemeffenen Platz. Die Felder find drainirt, die Brache ift eingefchränkt und zum Theil befäet, der Anbau von Wurzelgewächfen wird erweitert, die Gebäude und Geräthfchaften( letztere gröfstentheils von Eifen) find vortrefflich und die edelften Heerden von verfchiedenen Racen werden in den meiften Theilen des Landes angetroffen. Das angebaute Land wurde im Jahre 1870 auf 2,548.000 Hectaren beziffert, und der Ernte- Ertrag, der für Schweden als ein ziemlich guter angefehen werden kann, war: Weizen 1,071.000, Roggen 6,660.000, Gerfte 5,065.000, Hafer 12,450.000, Mengkorn 1,640.000, Hülfenfrüchte 912.500, Raps 16.500, Kartoffeln 16,443.000, andere Knollen- und Wurzelgewächfe 1,632.000, Flachsfamen 75.000 Hectoliter, Flachs und Hanf 4,200.000 Kilogramm. Auch Tabak wird angepflanzt, in der Nähe von Stockholm ungefähr 5.000 und bei Chriftianftad gegen 3 000 Ctr. Der ganze Ertrag in Schweden ift nicht bekannt. Der Thierftand war im Jahre 1870: 428.500 Pferde, 270.000 Ochfen, 39.000 Stiere, 1,232.000 Kühe, 426.000 Kälber, 1,595.000 Schafe, 124.500 Ziegen, 354.000 Schweine und aufserdem in Lappland ungefähr 200.000 Rennthiere. Schweden producirt mehr Getreide und Vieh als es confumirt, daher auch eine bedeutende Ausfuhr jährlich befonders nach England ftattfindet. Verfuche, die Seidenzucht einzuführen, blieben bisher ohne Erfolg. So wie das fchwediſche Stabeifen fich den Weg nach den Häfen aller Welttheile fucht, fo finden auch die fchwedifchen Holzwaaren überall Nachfrage, befonders Breter und Planken. Beiſpielsweife wurden von folchen im Jahre 1871 beinahe eine Million Kubikfufs direct nach Auftralien gefchickt. Ueber die Hälfte der Holzwaaren geht nach England, welches 1871 allein gegen 44 Millionen Kubikfufs von Bretern und Planken kaufte. Frankreich erhielt 13,300.000, Belgien 5,800.000 Kubikfufs, andere Sendungen wurden nach Spanien, Dänemark, Preufsen u. f. w. gemacht. Im Zufammenhange mit der Forstwirthschaft wollen wir auch der Jagd erwähnen, deren Ertrag fehr bedeutend ift, aber nicht genau angegeben werden kann. Von fchädlichen Raubthieren wurden in den Jahren 1866-70 im Durchfchnitte jährlich 99 Bären, 47 Wölfe, 107 Luchfe und 39 Vielfrafse erlegt. Eine fehr reiche Nahrungsquelle für Schweden bietet das Fifchereiwefen. Am bedeutendften ift die Häringfifcherei an den Oftfeeküften, deren Ausbeute im vorigen Jahre einen Geldwerth von drei Millionen Rdr., 150.000 Tonnen eingefalzene Oftfee- Häringe repräfentirte. Die chemifche Induftrie hat erft in den letzten Jahren fich zu entwickeln begonnen, vermag aber nur in gewiffen Theilen die Bedürfniffe des Landes zu befriedigen, welche eines anfehnlichen Importes ausländifcher Erzeugniffe erfordern. Nur Zündhölzchen geftatten eine fehr bedeutende Ausfuhr, die immer gröfsere Dimenfionen anzunehmen fcheint. Diefelbe hob fich von 2,229.354 Pfund im Jahre 1865 auf 12,119.202 Pfund im Jahre 1872. Gegenwärtig find mit der Bereitung der Zündhölzchen in Schweden 24 Fabriken thätig. Die bedeutendfte derfelben ift in der Stadt Jönköping; fie befchäftigt über 1500 Perfonen. Ueberhaupt gibt fich in allen Zweigen der Induſtrie ein anerkennenswerthes Streben, diefelben zu pflegen und zu heben, kund; nur wenige haben fich jedoch fo weit emporgefchwungen, um mehr als die Bedürfniffe des Landes zu befriedigen und fich auch den Weg nach dem Auslande, von dem fie vielmehr abhängig find, zu bahnen. Zu den Ausnahmen gehört allenfalls auch die Holzinduftrie, deren Ausfuhrwerth im Jahre 1872: 711.000 Rdr. erreichte. Zur Verforgung der einzelnen Induftriezweige mit den ihnen nöthigen Maſchinen tragen 95 fogenannte mechanifche Werkstätten bei. Ihre Fabrication ift aber noch nicht fo weit 16 J. Löwenthal. entwickelt, um nicht noch immer die Zuflucht an das Ausland nehmen zu müffen. Jährlich werden daher bedeutende Mengen Geräthe und Mafchinen hauptfächlich aus England eingeführt, fo im Jahre 1871 für 3,753.711 Rdr., während die Ausfuhr fich auf 397.611 Rdr. befchränkte. Dänemark. Eine befonders in archäologifcher Beziehung fehr tief eingehende intereffante Studie:„ Le Danemark par Valdemar Schmidt" bietet uns auch einige Anhaltspunkte für unferen ftatiftifchen Bericht. Wir erfahren aus derfelben, dafs die Bevölkerung des Königreiches, welche fich ohne jene der Colonien( Island, Grönland, Faröer und drei der kleinen Antillen) im Jahre 1860 auf 1,611.969 Seelen befchränkt hatte, nach der Volkszählung von 1870: 1,784.741 Einwohner betragen hat. Unter 1000 widmen 454 fich dem Ackerbau, 217 der Induftrie, 150 den Taglohnarbeiten, 49 dem Handel und 28 der Schifffahrt; 35 gehören dem Beamten-, 17 dem geiftlichen und Lehrftande an, 17 leben von ihren Renten, 6 von der Kunft und Wiffenfchaft, 20 fallen wegen ihrer Mittellofigkeit den Gemeinden zur Laft und 16 von 100 leben in Strafanftalten. Der fehr ausgiebige Ackerbau gewährt nach Befriedigung der Landesbedürfniffe im Durchfchnitte jährlich eine Ausfuhr von 17% des Ernte- Erträgniffes, das in den letzten Jahren einen Werth von mehr als 300 Millionen Francs jährlich repräfentirte. Auch Butter, welche in Dänemark mindeſtens in der Menge von 26 Millionen Kilogramm bereitet wird, gewährt eine erhebliche Ausfuhr. Als mufterhaft wird das Sparcaffenwefen dargestellt, das nicht nur in den Städten, fondern auch auf dem flachen Lande feine thätigen Wirkungskreife hat. Das Guthaben der Einlagen ftieg von 26,030.231 auf ungefähr 66,500.000 Francs im Jahre 1871. Niederlande. Das Königreich der Niederlande befafs bei einer, nach der letzten Zählung 3,519.529 Einwohner, betragenden Bevölkerung am Ende des Jahres 1872 theils vollendete, theils im Bau begriffene Eifenbahnen in der Länge von 869.700 Meter. Die Telegraphenlinien dehnten fich über 2,988.900 Meter, mit einer Länge der Drähte von 10,140.000 Meter aus, von denen 54.941 Meter fich unter der Erde und 1,120.175 Meter unter dem Waffer hinzogen. Der Werth der landwirthschaftlichen Erzeugniffe wird im Durchfchnitte der zehn Jahre von 1861 bis 1870 auf 172,175.690 fl. jährlich berechnet. Der Viehftand war im Jahre 1870 252.054 Pferde, 1,410.822 Stück Hornvieh, 900.187 Schafe, 329.058 Schweine, 136.930 Ziegen, 413.193 Efel und Maulthiere. Der Werth diefer Nutzthiere wird auf 160 Millionen Gulden veranfchlagt. Die Seefifcherei, die fich hauptfächlich über den Häringfang erftreckt, repräfentirte im Jahre 1871 einen Werth von beinahe 2,300.000 fl. Die Manufactur- Induftrie befchäftigte im Jahre 1870: 1506 Fabriken und Werkstätten mittelft 1923 Dampfmafchinen von 22.017 Pferdekraft. Drittheile des niederländifchen Handels werden zu Waffer vermittelt. Die Handelsmarine zählte Ende 1871: 10.902 Schiffe( ohne die Seefifcherei- Fahrzeuge) im Gehalte von 521.098 Tonnen. Die höchft wichtige Binnen- Schifffahrt beschäftigte im Jahre 1871 ftromauf- und abwärts 113.836 Fahrzeuge von 3,794.093 Tonnen. Die internationale Schifffahrt auf den Hauptflüffen und Canälen wurde durch 21.064 beladene Schiffe von 2,130.992 Tonnen bei der Einfuhr und 12.641 Schiffe von 1,363.624 Tonnen bei der Ausfuhr bewerkstelliget. Die maritime SchifffahrtBewegung erfolgte im Jahre 1871 mit Ladung Schiffe durch niederländifche fremde 6516 bei der Einfuhr Schiffe Tonnen 3051 715.000 2,012.000 1967 2035 bei der Ausfuhr Tonnen 491.000 1,010.000 Zwei Die Leiftungen der Statiſtik. 17 Die Staatseinnahmen im Jahre 1871 beliefen fich auf 91,732.503 und die Ausgaben auf 94,573.752 fl. Der ftatiſtiſchen Mittheilung über das Königreich der Niederlande fchliefst fich eine Dar ftellung der niederländifchen Colonien in Oftindien: Java, Madura, Sumatra, Borneo, Celebes, Molukken u. f. w. an. Die Bevölkerung von Holländifch- Indien betrug im Jahre 1871: 21 Millionen, von denen 16,891.068 die Infeln Java und Madura treffen. Unter denfelben waren blofs 4847 Europäer oder von europäiſcher Abftammung. Die wichtigfte der überaus fruchtbaren niederländifchen Colonien, Java, zählte im Jahre 1872: 29,416.800 Cocosbäume, 300,743.4337 Kaffeeftauden, und das vorzüglichfte Gewächs, der Reis, gewährte einen Ertrag von 2920,564.517 Kilogrammen, die Zuckerernte gab 138,791.530 Kilogramme, Tabak lieferte 9,000.000, Indigo 300.000; Thee, der erft feit einigen Jahren angebaut wird, 916.767 Kilogramme. Die vorzüglichften Arbeitsthiere der Javanefen find die Büffel( 466.600), dann gab es nach der letzten Zählung 88.800 rafche Poni's als Sattel- und Zugthiere, 533.000 Stiere und 721.300 Kühe. Die Infel Java hat ein geregeltes Poft- und Telegraphenwefen, und eine Eifenbahn ift im Bau; der Verfuch, Java mit Singapore durch submarinen Kabel zu vereinigen, ift jedoch mifslungen. Die Hauptgegenftände des Exportes der Infeln Java und Madura repräfentirten Kaffee für 49,000.000, Zucker für 26,000.000, Zinn( Banca) für 7,000.000, Thee für 1,000.000, Reis für 5,000.000, Indigo für 4,000.000, Tabak für 3,000.000 fl. Die Schifffahrts- Bewegung von Java und Madura betrug im Jahre 1871: 3405 Schiffe von 230.000 Laften( zwei Tonnen) bei der Einfuhr und 3772 Schiffe von 318.412 Laften bei der Ausfuhr. Die niederländifchen Colonien in Weftindien: Surinam und Curaçao nebft Dependenzen verurfachten dem Mutterlande im Budget von 1872 ein Deficit von 480.825 fl., das von der Staatsverwaltung gedeckt werden musste. Surinam hatte Ende 1871: 52.209, Curaçao 36.161 Einwohner aller Religionsgenoffen. Surinam zählt auch zwei israelitifche Gemeinden von 1200 Seelen. Sehr günftig geftaltet fich überall das Schulwefen. Belgien. Die ftatiftifchen Mittheilungen betreffen hauptfächlich die landwirthschaftlichen Erzeugniffe. Auf einem Gefammtareal von 2,945.506 Hektaren( ungefähr 536 Quadratmeilen) zählt Belgien gegenwärtig eine Bevölkerung von 5,087.105 Menfchen gegen 4,380.239 im Jahre 1840. Der Ackerbau hat in der neueften Zeit vermöge der fehr häufig angewendeten, die Handarbeit erfetzenden Mafchine grofse Fortfchritte gemacht. Die Leichtigkeit der Communication trägt zwar fo fehr zur Ermässigkeit der Preife fremder Cerealien bei, dafs der Kornanbau im Lande oft kaum lohnen dürfte, allein der intelligente Landmann findet immerhin da Mittel, durch die Düngung fein Erträgnifs derart zu vermehren, dafs er gleichen Schritt mit den fremden Preifen zu halten vermag. Vornehmlich hat der Anbau der Zuckerrübe eine grofse Ausdehnung erlangt. Von hervorragender Wichtigkeit ift der Mühlenbetrieb in der Provinz Antwerpen, in Brabant, in den beiden Flandern, in der Graffchaft Hennegau, in den Provinzen Lüttich, Limburg und Luxemburg. Das Land erzeugt zwar nicht fo viel Weizen die Bewohner nähren fich faft ausfchliefslich von Weizenbrotum die Mühlen zu befchäftigen, allein man bezieht das nöthige Product aus Deutſchland, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden, Rufsland, der Türkei und felbft aus Amerika, und die dadurch entſtehende Handelsbewegung ift fehr bedeutend. Im Durchschnitte der zehn Jahre 1861-1870 betrug die Getreide- Einfuhr jährlich 128,636.673 Kilogramm, gegenüber einer Ausfuhr von blofs 5,377.861 Kilogramm. Mehr als Weizen wird Roggen angebaut, aber hauptfächlich zur Alkoholbrennerei. Auch in diefer Getreidegattung ergab fich ein Ueberfchufs der Einfuhr( 30,935.455 Kilogramm) gegenüber der Ausfuhr( 9,414.192 Kilogramm) e. Die mit Erfolg in Belgien betriebene Tabakcultur ift in gröfserem 2 18 J. Löwenthal. Umfange auf die beiden Flandern und einen Theil der Provinz Hennegau befchränkt Das Erträgnifs überfteigt 2,200.000 Kilogramm, die Einfuhr beträgt in runder Zahl 5,704,700 Kilogramm im Werthe von 9,324.500 Francs. Die Ausfuhr 316.479 Kilogramm in Tabak und Cigarren hat einen Werth von etwa 1,396.000 Francs und nimmt ihre Richtung hauptfächlich nach der Schweiz und England, dann nach Frankreich, Chili, den Niederlanden u. f. w. Unter den belgifchen induftriellen Pflanzen nimmt der Flachs die erfte Reihe ein. Der Anbau wird in fehr grofsem Umfange betrieben und auf 57.040 Hektaren werden 23,710.275 Kilogramm gehechelter Flachs gewonnen. Durch die fehr forgfältige Pflege diefes Culturzweiges hatte Belgien von jeher den Ruf, den beften Flachs in Europa zu liefern. Es verdankt diefs hauptfächlich der Manipulation bei Bereitung der Fafer und der von der Eigenthümlichkeit des Waffers der Lys begünftigten Röftung.( Auch der Hanf wird mit Erfolg gebaut.) In mehreren Gegenden zieht man namentlich durch ihre Länge ausgezeichnete Flachsftengel, deren Fafer zur Bereitung des Batiftes und der Spitzen verwendet werden. In der Weltausstellung lagen einige Mufter vor, durch welche die Verwandlungen angedeutet werden, denen der Flachs entgegengeht, bevor er feiner eigentlichen Beftimmung zugeführt wird. Von grofser Wichtigkeit ift auch die Strohflechterei in der Gegend von Maftricht, fie repräfentirt jährlich einen Werth von 4-5 Millionen Francs. Das, Dank der natürlichen Bodenbefchaffenheit, gewonnene Stroh ift von einer Biegfamkeit und Weifse wie nirgends fonft in folchem Grade. England. - Die britifche Commiffion hat als Leitfaden für die betreffenden Ausfteller den öfterreichifchen Zolltarif für die vorzüglichften britifchen Erzeugniffe veröffentlicht) und demfelben eine tabellarifche Ueberficht der im Jahre 1871 nach den öfterreichifchen Küftenländern verfendeten Boden- und Induftrie- Erzeugniffe beigefügt. Der Werth derfelben wird auf 1.588,352 Pfund Sterling berechnet. Wir bemerken hierzu, dafs diefer Betrag nur einen Theil der aus England in Oefterreich eintreffenden Waaren bildet, indem viele derfelben auch über die nördlichen und weftlichen Häfen nach Oefterreich befördert werden und unter den Ausfuhren nach Bremen, Hamburg, Antwerpen, Rotterdam u. f. w. erfcheinen. Auch ftimmt die obige Angabe mit unferen eigenen Ausweifen nicht überein, indem allein für den Werth der von England im Jahre 1871 in Trieft eingetroffenen Ladung 37,911,094 fl. verzeichnet find. Rechnet man hierzu die Ausfuhr von Trieft nach England in demfelben Jahre mit 9,837.095 fl., fo ergibt fich eine weit gröfsere Wichtigkeit des Verkehres zwifchen Oefterreich und dem britifchen Königreiche als aus den obigen Angaben des„ Austrian Tariff" gefchloffen werden könnte. Die britifche Abtheilung bot uns fonft keine Anhaltspunkte zur Mittheilung neuer ftatiftifcher Daten. Der„, Official Catalogue" befchränkte fich auf das gewöhnliche Namensverzeichnifs nebft einigen gelungenen Plänen und Illuftrationen, enthält aber am Schluſse einige Andeutungen über die commerciellen und induftriellen Verhältnifse in den britifchen Colonien, die jedenfalls als minder bekannt Anfpruch auf Berücksichtigung haben. Das Areal der Infel Victoria, füdöftlich vom auftralifchen Feftlande, wird auf 86.831( englifche) Quadratmeilen angegeben. Da nun Auftralien ungefähr 3,000.000 engl. Quadratmeilen umfafst, fo bildet Victoria kaum den 34. Theil feiner Oberfläche und ift nur um ein Geringes kleiner als das britifche Königreich, mit Ausfchlufs feiner Infeln in den nahen Seen. Victoria erzeugte im Jahre 1870: 5,697.056 Bufhel Weizen und die Wollausfuhr betrug im Jahre 1871: 76,334.480 Pfund. Die Infel Victoria erfreut *) Austrian Tariff of import duties upon the principal articles of British produce and manufactures. Die Leiftungen der Statiſtik. 19 fich, Dank ihrer geographifchen Lage, weit mehr als alle anderen auftralifchen Colonien eines den Europäern zufagenden Klimas. Sie birgt in ihren Bergwerken einen ebenfo grofsen als mannigfachen Mineralreichthum. Gediegenes Kupfer, Silber, Zinn, Zink, Blei und Eifen gewähren eine beträchtliche Ausbeute. Die Gruben der Alluvialfelder find nicht mehr ausgiebig an Gold, aber die Goldquarzwerke find noch immer in umfaffendem Betriebe. Seit der erften Entdeckung der Goldlager( 1851) bis zum Ende des Jahres 1871 wurden 40,749.848 Unzen Gold im Werthe von 162,699.322 Pfund Sterling gewonnen. Victoria befitzt 330 engl. Meilen Eifenbahnen mit lebhaftem Verkehr. Der Viehftand betrug im Jahre 1870. 161.530 Pferde, 179.661 Milchkühe, 512.857 Rinder, 9,923.660 Schafe und III.464 Stück Borftenvieh. So weit reichen die Angaben des Katalogs, die wir hier noch durch die Bemerkung ergänzen, dafs in verfchiedenen Richtungen der Infel auch fehr viele Manufacturen und Fabriken, namentlich Tuch-, Wollwaaren-, Papier-, Cigarren-, Seifen- und Kerzenfabriken, dann Eifengiefsereien beftehen. Von gutem Erfolge ift feit etwa fünf Jahren die Ausfuhr von präfervirtem Fleiſche nach Europa; der Hauptgegenstand des Exportes ift jedoch Wolle.- Die Colonie hat die Weltausstellung reichlich mit ihren Erzeugnifsen befchickt. Dahin gehören: Seidencocons, Straufsfedern, Quarz, präfervirtes Fleiſch, photographifche Anfichten, Maismehl, Wein, Oliven, Kaftanien, Feigen, pharmaceutifche Präparate aus auftralifchen Vegetabilien, Weizen, Pelzkragen und Muffe, Antimoniumquarz, Merinowolle, Kalbsleder, Waffen, Arrowroot. An diefen Sendungen hat fich befonders Melbourne betheiligt, das, im Jahre 1835 gegründet, immer mehr das Gepräge einer Grofsftadt gewinnt, die in jeder Beziehung den Vergleich mit den fchönften und bedeutendsten europäifchen Städten nicht zu fcheuen braucht. im Die aus drei grofsen und einigen meiftens unbewohnten kleineren Infeln beftehende Colonie von Neu- Seeland hatte nach der letzten Zählung Februar 1871 mit Ausfchlufs der Eingebornen 256.393 Einwohner gegen 99.021 im Jahre 1861. In entſprechendem Verhältniffe fteigerten fich die Einkünfte in demfelben Zeitraume von 691.464 auf 1,342.116 Pfund Sterling. Die Bevölkerung der gröfseren Städte war im Jahre 1871 in runder Zahl: Wellington, Sitz des Generalgouvernements, 80.000, Dunedin 20.000, Auckland 20.000, Chriftchurch 12.000, Nelfon 6.000 Einwohner. Neu- Seelands öffentliche Schuld belief fich im Jahre 1871 auf 9,983.341 Pfund Sterling. Der Handelsverkehr vermehrte fich von Jahr zu Jahr. Es betrug nämlich der Werth der - Einfuhr im Jahre 1860 Pfund Sterling 1,548.333 " 9 " " " 7 1870 1871 وو " ንን " 4,639.015 4,078.192 Ausfuhr 586.953 4,822.756 5,282.084 Sehr bedeutend hat fich unter anderem die Production von Butter und Käfe vermehrt; erftere von 3,834.255 Pfund im Jahre 1867 auf 5,199.072 im Jahre 1871 und letztere beziehungsweife von 1,300.082 auf 2,547.507 Pfund. Ebenfo war der Viehftand in merklichem Steigen, er umfafste 1871 81.078 Köpfe 436.592 29 Pferde Rindvieh 1867 65.615 312.835 Schafe 8,418.570 9,700.629 151.460 وو 99 Borftenvieh 115.104 Die Einwanderung führte im Jahre 1870: 9124 Menfchen zu, darunter 4015 aus Grofsbritannien und Irland, 456 aus anderen Staaten; der Reft kam aus den auftralifchen Colonien. Die Einfuhr erftreckte fich über faft alle europäiſche Induftriezweige, namentlich Baumwoll-, Woll; und Seidenwaaren, Bier, Wein, Zucker; die Ausfuhr befteht hauptfächlich in Gold, Kauriharz, Wolle, Kupfer, Flachs, Blei, Schwefel und Bauholz. Die wichtigſten Gegenstände des Exports 2* 20 J. Löwenthal. find jedoch Gold und Wolle, erfteres im Jahre 1870 im Werthe von 2,157.585 Pfd. St., von letzterer wurden 37,039.763 Pfd. gegen 27,765.630 Pfd. im Jahre 1869 ausgeführt. An der Weltausftellung hatte Neu- Seeland fich betheiligt mit Alluvialgold, Gold- und Silberbarren, Bauholz, Eifenfandftein, Flachs, präfervirten Fleiſchwaaren, Gummi, Hafer, Holzarten, Kohlen, Kragen und Muffen, verfchiedenen Erzen, Quarz, Seide, Schmuckfachen, Vögeln, Leder, Tabak, Cigarren, Photographien. Die Infel Ceylon, im Süden von Hindoftan, ift, obgleich feit 1815 im vollftändigen Befitze der britifchen Regierung, noch nicht zum zehnten Theile angebaut. Die Bevölkerung belief fich im Jahre 1871 auf 2,198.884 Köpfe. Die Staatseinkünfte betrugen 1,121,679, die Ausgaben 1,064.184, der Werth der Einfuhr war 4,797.952, jener der Ausfuhr 3,634.853 Pfd. St. Die Perlenfifcherei, früher fehr einträglich, ift aufgelaffen worden. Gefchmeide wird gröfstentheils auf der Infel felbft verfertigt. Die Weltausftellung hatte davon Ohrringe, Fingerringe, Silberketten u. f. w. für Männer und Frauen aufzuweifen. Die im indifchen Ocean, 400 englifche Meilen öftlich von Madagascar liegende Infel Mauritius, feit 1810 im Befitze der Engländer, zählte im Jahre 1870 318.584 Einwohner, darunter 217.742 Indianer. Die Staatseinkünfte betrugen 616.952, die Ausgaben 601.961 Pfd. St. Der Hauptgegenstand der Erzeugniffe ift Zuckerrohr, deffen Anbau 60-70.000 Einwanderer aus den Präfidentfchaften von Indien befchäftigt. Der Werth der Ein- und Ausfuhr war beziehungsweife, ohne Gold, 1,807.382 und 3,053.054 Pfd. St. Die Zuckerausfuhr allein erfcheint mit 2,819.944 Pfd. St. beziffert. Die Weltausftellung wurde hauptfächlich mit Zuckermuftern, Rohfeide, Matten, Flachs, Tauen und verfchiedenen Gefchirren befchickt. Dagegen enthält der ,, Official Catalogue", bemerkend, dafs die neueften Mittheilungen über Britiſh Indien*) noch nicht eingetroffen find, einige minder bekannte Angaben über die britifchen Anfiedlungen in Weftafrika, als Sierra- Leone, Goldküfte, Gambia und Lagos geben wir hier. Die Revenuen von denfelben betrugen im Jahre 1871: 172.197, die Ausgaben 167.497, die Einfuhr hatte einen Werth von 1,050,237, die Ausfuhr einen von 1,505.864 Pfd. St. Diefer Verkehr wurde durch 1271 Schiffe von 419.828 Tonnen bei der Einfuhr und 1210 Schiffe von 403.575 Tonnen bei der Ausfuhr vermittelt. Seitdem wurden die holländifchen Befitzungen in Guinea den britifchen Colonien einverleibt. Man darf alfo annehmen, dafs die Exporte der britifchen Anfiedlungen in Weftafrika im Jahre 1873: 2,000.000 Pfd. St. überfchritten, und die Importe 1,500.000 Pfd. St. erreicht haben werden. Der Hauptgegenftand der Ausfuhr ift Goldftaub, welcher nebft einigen eigenthümlichen Erzeugniffen der Eingebornen, als Affenhäute, Tabakpfeifen, Sandalen, Querfäcke u. dgl. in der Weltausstellung figurirte. Die Infel Jamaica hatte nach der im Juni 1871 vorgenommenen Zählung 13.101 weisse, 100.316 farbige und 392.707 fchwarze, zufammen 506.154 Einwohner. Als ein vergleichsweife neues Product neben den Hauptgegenständen des Exportes als Zucker, Rum, Kaffee, Gewürze und Cocosnüffe, wird Tabak bezeichnet, von dem auch in der Ausftellung Proben vorlagen. Die Anpflanzungen, vor etwa vier Jahren begonnen, liegen 15 englifche Meilen von der Hauptftadt Kingſton und liefern ein den Havannablättern ähnliches Product. In Kingfton find ungefähr hundert Menfchen mit der Bereifung der Cigarren und Cigarretten befchäftigt. Die Fracht für 1000 Stück beträgt von Jamaica nach England 3 und nach dem europäiſchen Feftlande 3 Sh. 6 D. Die aus einer Gruppe von zwanzig unbewohnten und einer unermesslichen Anzahl kleiner Eilande und Felfen beftehenden Bahamas, mit der Hauptftadt Naffau, waren ebenfalls in der Weltausstellung, unter anderem durch Mufchelwerke, *) Vergl. S. 36. Die Leiftungen der Statiſtik. 21 Fifchfchuppen- Zierathen, Pifang, Bananen, Ananas, Taue, Schwämme, Holz und Korke, Flamingofedern, Cigarren u. f. w. vertreten. Die Infel Trinidad, füdöftlich von Venezuela, hatte im Jahre 1871 109.638 Einwohner, befchickte die Ausftellung mit ihren, hauptfächlich aus Zucker, Rum, Cacao, Kaffee, Pech, Holz verfchiedener Gattung beftehenden Erzeugniffen. Die Schweiz. Die letzte Volkszählung fand am I. December 1870 ftatt. Derfelben zufolge hatte die Schweiz damals 2,669.147 Einwohner. Unter den zwölf Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern erreicht deren keine 50.000( Genf 46.783, Bafel 44.834, Bern 36.001, Laufanne 21.520, Zürich 21.199). In der Ausstellung war eine fchweizerifche Schulftatiftik aufgelegt, nach welcher die Zahl der die Volksfchule obligatorifch befuchenden Kinder fich durchſchnittlich in runder Zahl auf 420.000, etwa 15.7 Percent der Gefammtbevölkerung beläuft. Im Anfang des Jahres 1872 waren auf fchweizerifchem Gebiet 1.466 Kilometer Eifenbahnen im Betriebe, von denen 60 Kilometer fremdländifchen Eifenbahn- Unternehmungen. gehörten. Das auf die übrigen 1.406 Kilometer verwendete Anlagecapital betrug Ende 1871 ungefähr 465,000.000 Fr. Der Brutto- Ertrag war im Jahre 1871 39,490.000 Fr., die Betriebsausgaben betrugen 20,100.000 Fr. Die Poftverwaltung hatte im Jahre 1872: 12,083.982 Fr. Einnahmen und 10,282.613 Fr. Ausgaben, mithin einen Reinertrag von 1,801.339 Fr. Die Schweiz befitzt nächft Belgien verhältnifsmäfsig die meiften Telegraphenbureaux auf dem europäifchen Feftlande, nämlich 554 Staats- und 69 Eifenbahnbureaux mit einer Drahtlänge von 11.699.6 Kilometern. Der Reinertrag der Verwaltung betrug im Jahre 1872 41.346 89 Fr. Wie fehr der Depefchenverkehr feit der im Jahre 1868 erfolgten Herabfetzung des Preifes der einfachen Depefche auf 1/2 Fr. zugenommen hat, ergibt fich daraus, dafs die Zahl der im Durchfchnitte der letzten Jahre beförderten internen Telegramme von 798.186 jährlich im Jahre 1872 auf 1,480.757 geftiegen ift. Den Handelsverkehr finden wir nicht genau beziffert. Die Werthe der hauptfächlichften Verzehrungsgegenftände find für 1871 bei der Einfuhr mit 153,855.664 Fr.( darunter Getreide 63,480.290, Wein 21,467.340, Kaffee 20,641.940, Zucker 18,082.800 Fr.) und bei der Ausfuhr mit 42,187.692 Fr.( darunter Käfe mit 28,939.050 Fr.) angegeben. Ueber Banken und Noten- Emiffion beftehen in der Schweiz keine Gefetze, nur der Canton Zürich hat gefetzliche Beftimmungen, welche die Notenausgabe von der Genehmigung des Grofsen Rathes abhängig machen. Actiengeſellſchaften bedürfen jedoch in faft allen Cantonen der Genehmigung der Regierung; eine Ausnahme bildet Genf, welches im Jahre 1869, dem Beiſpiele England's folgend, die Conceffionirung der Actiengeſellſchaften aufgehoben hat. Es gibt in der Schweiz 7 Staatsbanken, eine von Gemeinden und Corporationen gegründete Hypothekenbank( Genf) und etwa 150, auf Actien errichtete, gröfsere und kleinere Creditinftitute mit einem Actiencapitale von 250-300 Millionen Franken. Ueber den gegenwärtigen Stand und den Umfang des in der Schweiz ungemein entz wickelten Sparcaffenwefens fehlt eine umfaffende Statiftik. Je mehr die Schweiz bezüglich des Bedarfs an Erzeugniffen der Urproduction auf den Bezug aus auswärtigen Quellen angewiefen ift, defto mehr zeigte fich die Nothwendigkeit fich auf induftrielle Arbeit zu verlegen, welche in der That in einzelnen Zweigen der Induftrie mit mufterhaftem Fleifse und beftem Erfolge betrieben wird. Die BaumwollSpinnerei befchäftigte im Jahre 1870: 2,059.351 Spindeln, gegen 1,602.109 Spindeln im Jahre 1860 und ein Theil der producirten Garne ging nach Deutſchland, Oefterreich, Frankreich und Italien. Die Seideninduftrie weift einen jährlichen Export von ungefähr 215 Millionen Franken auf. Die Uhreninduftrie erzeugt jährlich über 200.000 Tafchenuhren und der Export überfteigt den Werth von 100 Millionen Franken, dagegen reichte die Wollen- und die Leineninduftrie noch immer bei weitem nicht hin, die Bedürfniffe des Landes zu decken. - 22 J. Löwenthal. Frankreich. Frankreich, welches fonft mit feinen Nachweifen nicht geizt, hat diefsmal auf dem Gebiete der Statiſtik weit weniger geleiftet, als erwartet werden konnte. Sein über 3664 zur Ausftellung gelangte Gegenstände fich erftreckender Katalog ift eine reine Nomenclatur ohne fonftige Andeutungen, wie die Specialkataloge der meiften anderen Staaten fie geboten haben. Seit dem letzten Kriege find überhaupt die gewöhnlichen amtlichen Veröffentlichungen über die commerciellen und induftriellen Verhältniffe unterblieben. Indefs haben die Minifterien des Innern, des Handels, des Ackerbaues, der öffentlichen Arbeiten, der Marine und der Colonien, eigens für die Weltausftellung, einige„ Studien“ und„ Notizen" abfaffen laffen, denen wir folgende Daten verdanken, die jedoch felten über das Jahr 1870 hinausreichen. Der vom Minifterium des Ackerbaues und des Handels veröffentlichten ,, Notice sur les objets exposés" entnehmen wir, dafs Frankreichs Flächenraum, welcher nach der im Jahre 1840 erfolgten Meffung 54,305.100 Hektaren umfafste, fich in Folge der Gebietsabtretung im Jahre 1871 auf 52,857,700 Hektaren vermindert hat. Die Landwirthschaft ift von Jahr zu Jahr vorgefchritten und vom Jahre 1840 bis 1862 wurden allein 4,201.612 Hektaren in urbaren Zuftand gefetzt. Die landwirthfchaftlichen Werkzeuge haben fich fehr vervollkommnet. Im Jahre 1862 zählte man 81, im Jahre 1868: 2253 mittelft Dampf in Bewegung gefetzte Drefchmafchinen. Die Bevölkerung verminderte fich von 38,065.064 Einwohnern im Jahre 1866 in Folge der Gebietsverlufte im Jahre 1871 auf 36,102.921, von denen ungefähr der fünfte Theil, ohne die Frauen, Kinder, Pächter und Taglöhner, fich dem Ackerbau widmet. Wie der Anbau der Cerealien hat auch jener der induftriellen Pflanzen als: Zuckerrübe, Hanf, Flachs, Rübfaat, Karden u. f. w. bedeutend zugenommen, und ohne die Traubenkrankheit während der Jahre 1850-1858 und die jetzt in einigen Landestheilen vorherrfchende Phylloxera würde der Weinstock in Frankreich mindeftens 2,500.000 Hectaren ftatt 2,287,821 Hectaren im Jahre 1866 bedecken. Die Rindviehzucht macht ununterbrochen Fortfchritte, während die Zahl der Schafe abnimmt. Die Wichtigkeit der Geflügelzucht geht fchon daraus hervor, dafs im Jahre 1869: 29,093.802 Kilogramme Eier, im Werthe von 36,367.252 Francs ausgeführt werden konnten. Frankreich felbft verbraucht jährlich ungefähr 420.000 Ochfen, 1,130.000 Kühe, 3,350.000 Kälber, 5,640.000 Schöpfe, 1,290,000 Lämmer und 4,290,000 Schweine. Die Rübenzucker- Production hat eine fehr grofse Ausdehnung erlangt. Im Jahre 1840 auf 26,939,857 Kilogramme befchränkt, erreichte fie im Jahre 1871 336,249.624 Kilogramm und 484 Fabriken befchäftigten fich damals mit der Erzeugung des Rübenzuckers. Wie fehr die Seidénproduction durch die Raupenkrankheit gelitten hat, ergibt fich daraus, dafs diefelbe ftatt 25,000.000 Kilogramme im Jahre 1854 im Jahre 1869 auf 8,000.000 Kilogramme befchränkt war. Auch durch die Viehfeuche, die befonders im Jahre 1870-1871' ftark wüthete, hat Frankreich fehr gelitten, indem der Werth des in demfelben Jahre umgekommenen Rindviehes 27,333.787 Francs betrug. Man hätte glauben können, heifst es in der vom franzöfifchen Minifterium für die Weltausftellung veröffentlichten, fehr gründlichen Studie,*) dafs die Eifenbahnen den anderen Verbindungsftrafsen ihre Wichtigkeit entziehen würden; es zeigt fich jedoch, dafs der Verkehr auf denfelben eher zugenommen hat, die Regierung wendet daher ihnen wie dem Brückenbau ftets die gröfste Aufmerkfamkeit zu. Während der Jahre 1814-1870 wurden für den Strafsen- und Brückenbau 1.931,642.000 Francs, mithin im Durchfchnitte jährlich 33,894.000 Francs verausgabt. Die Länge der bis Ende 1870 dem Betriebe übergebenen Eifenbahnen wird *) Étude historique et statistique sur les voies de communication de la France, par M. Felix Lucas. Paris, imprimerie nationale 1873. Die Leiftungen der Statiftik. 23 auf 17.484 Kilometer angegeben. Aufserdem waren damals 5.064 Kilometer im Bau begriffen und 795 Kilometer conceffionirt. Das rollende Material beftand in 2.273 Locomotiven für Paffagier, 2.597 für Lafttrains, II.755 Paffagierwaggons, 4.575 Dienft- und 117.616 Laftwaggons. Die Bauk often fämmtlicher bis anfangs 1870 gebauten und im Bau begriffenen Bahnen beliefen fich auf 10.138,500.000 Francs Die Einnahmen während des Jahres 1869 betrugen 696,384.000, die Ausgaben 312,033.000 Francs. An Frachten wurden 44,014.000 Tonnen, an Paffagieren III, 164.000 befördert. Das Dienftperfonal belief fich auf 138.247 Perfonen. Eine andere Abtheilung der genannten Studie betrifft die Flufs-, Canal- und See- Schifffahrt. Bezüglich der letzteren wird conftatirt, dafs in den 218 franzöfifchen Häfen im Jahre 1868 mit Einfchlufs der Küften- Schifffahrt 96.484 beladene Schiffe im Gehalte von 9,335.004 Tonnen angekommen und von dort 84.977 beladene Schiffe von 6,827.608 Tonnen abgegangen find.- Der auswärtige Handel, fowohl land- als feewärts, repräfentirte im Jahre 1869 einen Werth von ungefähr 8 Milliarden Francs, welche fich folgendermafsen auf die verfchiedenen Verkehrsrichtungen vertheilen: Im Verkehr mit Europa 99 " " " י 99 ### F وو • Afrika. 79 Afien und Auftralien. Amerika 29 den franzöf. Colonien. Zufammen Francs Einfuhr 2.875.500.000 109,000.000 245,000.000 595.500.000 183,500.000 4.008,500.000 Ausfuhr Francs - 2.960,000.000 95,000.000 45,000.000 666,000.000 227,000-000 3.993,000.000 8.001,500.000. Die Handelsmarine beftand am 1. Januar 1870 aus 15.816 Segeln im Gehalte von 1,074.656 Tonnen, darunter 454 Dampfer von 142.942 Tonnen mit einer Kraft von 57.513 Pferden. Die Küftenfifcherei befchäftigte 9.200 Boote von 69.240 Tonnen mit einer Mannfchaft von 40.100 Köpfen. Die franzöfifchen Colonien find in dem vom Marineminifterium veröffentlichten Specialkatalog in landwirthfchaftlicher, commercieller und induftrieller Beziehung berücksichtigt worden. Die wichtigften derfelben je nach ihrem Umfange oder ihrer Handelsbewegung find Cochinchina, Guadeloupe, Martinique, Reunion und Senegal. In Martinique hat in der neueften Zeit befonders die Anpflanzung des Cacaobaumes eine grofse Ausdehnung erlangt und die Cacao- Ausfuhr im Jahre 1872 erreichte bereits 342.691 Kilogramme. Die Infel ift überaus reich an Medicinalpflanzen, darunter namentlich Cassia, deren Ausfuhr im Jahre 1872 beinahe 190.000 Kilogramme betrug. Bedeutend ift auch die Rumausfuhr: 5,658.096 Litres im Jahre 1872. Die Gefammtausfuhr hatte im Jahre 1870 einen Werth von 22,319.054 Francs gegenüber einem Einfuhrwerth von 26,947.965 Francs. Guadeloupe erzeugt einige feiner Stapelartikel in minder grofser Menge als früher; denn die Kaffeebäume haben durch Windftöfse, fowie durch Krankheiten fehr gelitten und die Ausfuhr befchränkte fich im Jahre 1872 auf 460.339 Kilogramme. Ebenfo hat die Baumwoll- Cultur, obgleich Guadeloupe die Geburtsftätte der berühmten Sea Island ift, ihre frühere Bedeutung verloren; der Cacaopflanze, die bisher vernachläffigt war, wird jedoch gröfsere Pflege zugewendet und die Cacao- Ausfuhr betrug im Jahre 1872 bereits wieder 102.933 Kilogramme. Sehr bedeutend ift die Zuckerproduction; der Export belief fich im Jahre 1872 auf 31,507.556 Kilogramme. Senegal zeichnet fich mehr als fonft irgend ein Land durch feinen Reichthum an Oelfämereien aus. Unter anderem wurden im Jahre 1871: 30,692.061 Kilogramme Arachiden( Erdnüffe) und daraus gewonnenes Oel, 563.981 Kilogramme Sefam, 895.475 Palmmandeln und 82.026 Kilogramme Palmenöl, 8068 Kilogramme Baumwollfamen u. f. w. ausgeführt. Eine der Hauptreffourcen von Senegal bildet Gummi, wovon jährlich gegen 3,000.000 Kilogramme zur Ausfuhr gelangen. 24 J. Löwenthal. Der Werth der Einfuhr von Senegambien betrug im Jahre 1871: 16,098.976 Francs gegenüber einem Exportwerth von 10,733.464 Francs. Die Infel Réunion( bis 1848 Isle de Bourbon) verdankte ihre frühere Blüthe der Zucker-, Kaffee-, Gewürznelken-, Vanille cultur u. f. w. Die Gewürznelke ift jetzt fehr vernachläffigt. Im Jahre 1849 betrug die Production 728.000 Kilogramme; im Jahre 1871 hingegen wurden nur noch 35.376 Kilogramme exportirt. Auch die Kaffee- Erzeugung hat fich durch Krankheit der Pflanze fehr vermindert und gewährte im Jahre 1871 blofs eine Ausfuhr von 382.261 Kilogrammen. Statt auf Baumwolle verlegte man fich in neuefter Zeit mehr auf die Zuckerfabrication, welche jedoch ebenfalls abgenommen hat, indem die Ausfuhr, im Jahre 1861: 73,000.000 Kilogramme, im Jahre 1871 auf 28,401.395 Kilogramme gefunken ift. Der Gefammtverkehr ift indefs immerhin fehr bedeutend und repräfentirte im Jahre 1872 einen Werth von 25,135.070 Francs bei der Einfuhr und 12,262.036 Francs bei der Ausfuhr. Cochinchina, reich an vielen koftbaren Bodenerzeugniffen, ift befonders als Kornkammer des Morgenlandes zu bezeichnen. Die Reisfelder dehnen fich auf einem Flächenraum von mehr als 300.000 Hectaren aus und gewähren trotz des fehr bedeutenden Verbrauches im Lande, eine Ausfuhr im Werthe von beinahe 40 Millionen Francs. Pfeffer, deffen Anbau durch die Bodenbefchaffenheit begünftigt ift, bildet ebenfo wie Cardamomen und andere Gewürze den Gegenftand eines anfehnlichen Handels. Erheblich ift die Salzerzeugung und auch die Seidenproduction verfpricht eine ftets fteigende Ausdehnung zu erlangen. Die Wichtigkeit des Verkehres von Cochinchina ergibt fich aus dem Gefammtwerthe desfelben im Jahre 1869. Derfelbe wird mit 77,500.000 Francs beziffert, wovon 27,500.000 Francs die Einfuhr treffen. Der Gefammtwerth des Handels der franzöfifchen Colonien wird für das Jahr 1870 auf 292,363.985 Francs berechnet, wovon 151,825.604 Francs auf die Ausfuhr und 140,538.381 Francs auf die Einfuhr entfallen. Das franzöfifche Minifterium des Innern hat auch den Specialkatalog der algierifchen Sendungen für die Weltausftellung mit einigen Nachweifen begleitet, denen wir entnehmen, dafs die Bevölkerung von Algerien zufolge der im Jahre 1872 vorgenommenen Zählung auf 2,414.218, mithin feit 1866 um 5983 Einwohner geftiegen ift, obgleich die Hungersnoth im Jahre 1867 und der Aufftand im Jahre 1871: 316.399 Eingeborne hinweggerafft hatten. Unter den Bewohnern waren 245.117 Europäer, 34.574 Israeliten und 2,134.527 Mufelmänner. Die Bedeutfamkeit der Algerien zu Gebote ftehenden Hilfsquellen ift fchon daraus zu entnehmen, dafs der Werth des Handelsverkehres, im Jahre 1850 auf 90 Millionen Francs befchränkt, im Jahre 1872: 300 Millionen überfchritten hatte, von denen 172,691.000 auf die Einfuhr und 124,456.000 auf die Ausfuhr entfielen. Der Export der Mineralien erftreckte fich im Jahre 1872 über Eifen, Kupfer und Blei. Der von den Europäern betriebene Ackerbau nahm einen ftets gröfseren Auffchwung und geftattete im Jahre 1872 eine Ausfuhr von 1,135.280 metr. Quintal Weizen und 6,305.163 Quintal Gerfte gegen beziehungsweife 217.118 und 498.660 im Jahre 1869. Im Jahre 1865 zählte man in den drei Provinzen 4.573.291 Dattelbäume, die fich bisher bedeutend vermehrt haben dürften, denn im Jahre 1872 wurden 2,174.998 Kilogramme getrocknete Datteln ausgeführt. Der Tabakanbau wurde im Jahre 1844 eingeführt und machte feitdem fo grofse Fortfchritte, dafs im Jahre 1860 bereits 6697 Hektaren bepflanzt waren, und die Ausfuhr in Blättern im Jahre 1872: 2,266.573 Kilogramme betrug. Der Flachsanbau datirt vom Jahre 1862. Damals waren ihm blofs 68 Hektaren gewidmet. Sechs Jahre fpäter fanden fich fchon 3461 Hektaren bepflanzt, und die Ausfuhr im Jahre 1872 erreichte 138.820 Kilogramme Flachs und 2,420.454 Kilogramme Leinfaat. In gleicher Weife hat fich die Cultur anderer Textilpflanzen gehoben. Diefs gilt namentlich von Sparto oder Halfa zur Papierfabrication. Die erften Sendungen hatten im Jahre 1856 von Spanien nach England begonnen, welches fünfzehn Jahre später bereits 160,000.000 Kilogramme verwendete. Auch die Ausbeute und Ausfuhr Die Leiftungen der Statiftik. 25 in Algerien ift fehr bedeutend und belief fich im Jahre 1872 auf 44,007.000 Kilogramme( im Jahre 1871 fogar beinahe 61,000.000 Kilogramme). Von geringerer Bedeutung find andere Oelfamen, Wachs, Honig, Seide und Cocons für den Export. Dagegen ift der Wollproduction eine gewiffe Wichtigkeit nicht abzufprechen. Im Jahre 1872 konnten 8,300.550 Kilogramme Wolle und 655.642 Schöpfe exportirt werden. Unter den Forftproducten verdient befonders Korkholz erwähnt zu werden, wovon im Jahre 1872: 2,091.000 Kilogramme ausgeführt wurden. Olivenöl reiht fich den wichtigſten Erzeugniffen von Algerien an. Die Ausfuhr richtet fich indefs nach der jedesmaligen gröfseren oder geringeren Ausbeute. So betrug diefelbe im Jahre 1872: 2,528.144 Kilogramme gegen 4.237.942 im Vorjahre. In gleicher Weife wechfelt der Mehl- Export, welcher z. B. im Jahre 1870: 29,731.000 Kilogramme und im Jahre 1872 nur 10,108.000 Kilogramme betrug. Die Obftcultur hat fich durch den Fleifs der europäifchen Landbauern ebenfalls fehr gehoben. Die Ausfuhr frifcher Früchte beftand hauptfächlich in Orangen, von denen im Jahre 1872: 2,292.000 Kilogramme verfendet wurden. Frankreich bezog unter andern aus Algerien im Jahre 1870: 1,272.231 Kilogramme Kartoffeln und 1,456.864 Kilogramme verfchiedene Gemüfegattungen. Italien. Wiewohl wir der in wiffenfchaftlicher wie artiftifcher Beziehung fehr reich ausgeftatteten 26. Gruppe der italienifchen Ausftellung unfere Aufmerksamkeit widmeten, fo konnten wir doch nur wenige ftatiſtiſche Behelfe gewahren. Der wichtigfte dürfte ein officielles Tabellenwerk über den Handel des Königreiches im Jahre 1871 fein, das mit einer feltenen, aber die Ueberficht fehr erfchwerenden Gründlichkeit und Ausführlichkeit abgefafst ift. Wir entnehmen demfelben, dafs der Werth der Einfuhr während des erwähnten Jahres landwärts 322,284.616 Fr., zur See unter heimifcher Flagge 264,617.III Fr., und unter fremder Flagge 479,675.964 Fr. betrug. Der Werth der Ausfuhr ift landwärts mit 579,156.364, feewärts unter nationaler Flagge mit 298,508.534 und unter fremder mit 336,144.809 Fr. berechnet. Der Stand der Eifenbahnen war am 1. Jänner 1873 folgendermafsen: Im Betriebe im Baue beantragt Staatsbahnen Gefellſchaftsbahnen Kilometer 1153 674 145 99 5635 444 575 6788 1118 720 - Das rollende Material diefer Bahnen beftand in 1072 Locomotiven, 3843 Paffagierwaggons und 17.888 Laftwaggons. Ein Nachweis der Poft zeigt, wie fehr der Briefverkehr zugenommen hat, indem im Jahre 1870: 84,128.283 Briefe gegen 80,454.838 frankirt, dann 75,141.756 Journale gegen 73,972.460 im Vorjahre befördert wurden. Eine fehr fleifsige Arbeit ift die vom Finanzminifterium veröffentlichte Statistica Finanziaria per l'anno 1871" in graphifchen Tabellen, die auch in Italien jetzt beliebt zu fein fcheinen. Portugal. Eine fehr anerkennenswerthe Leiftung ift das Werk des Herrn Alphons de Figueiredo über Portugal's Staatsverwaltung, Finanzen, Induſtrie und Handel*). *) Le Portugal. Considérations sur l'état de l'adminiftration des Finances, de l'industrie et du commerce de ce royaume et de ses colonies, par Alphonse de Figueiredo. 26 J. Löwenthal. Es war dem Verfaffer darum zu thun, den dichten Schleier zu lüften, der Portugal vor Europa's Augen verhüllt und die über dasfelbe verbreiteten irrigen Urtheile zu berichtigen. Es ift ihm in der That gelungen zu zeigen, wie fehr die adminiftrative Verwaltung des Königreiches nach den beften von anderen Staaten gebotenen Muftern organifirt ift, wie fehr Handel und Induftrie fich entwickelt haben und dafs felbft die Colonien, lange Zeit vernachläffigt, fich eines fteigenden Wohlftandes erfreuen und die Opfer zu belohnen beginnen, welche das Mutterland ihnen gebracht. Portugal hatte nach der Zählung vom Jahre 1870 mit Einfchlufs der benachbarten Infeln Angra, Funchal, Horta und Ponta delgado 4,362.011 Einwohner, und der Verfaffer macht kein Hehl daraus, dafs für die Schulbildung diefer Bevölkerung nur theilweife gehörige Sorge getragen wurde. Portugal hatte am Ende des Jahres 1872 eine confolidirte Schuld von 1.653,911.102.58 und eine fchwebende von 76,378.519.92, zufammen 1.730,289.622.50 Fr., eine allerdings drückende Laft für das Königreich, welches diefelbe jedoch als gerechtfertigt erachtet, in Erwägung, dafs fämmtliche feit dem Jahre 1857 unternommenen Anleihen nur für nützliche und productive Ausgaben ftattgefunden haben. So z. B. wurden auf den Bau von Eifenbahnen feit 1866: 87,973.785 Fr. verwendet. Im Verhältniffe zur Einwohnerzahl ift jedes Individuum in Portugal direct und indirect mit 23 Fr. 60 C. befteuert, gegen 17.85 im Jahre 1866. Der Verfaffer bemerkt, dafs Portugal fich nie zu einem Induſtrielande heranbilden werde. Es iſt feiner Natur nach mehr auf den Ackerbau angewiefen, der aber ebenfalls feinen Cerealienbedarf nicht fo weit deckt, um nicht zu einer fehr bedeutenden Einfuhr feine Zuflucht nehmen zu müffen. Nur der Weinbau zeigt fich als lohnend und genügt nicht nur dem eigenen Bedarfe des Landes, fondern veranlafst auch einen namhaften Export, deffen Werth für das Jahr 1870 mit 48,087.037 Fr. beziffert wird, und zwar Madeira für 1,814.155, Porto für 40,290.216 und andere Sorten für 5,982.716 Fr. Eine ebenfalls anfehnliche Ausfuhr gewährt die mit Vortheil betriebene Viehzucht. Im Jahre 1870 konnten 82.712 Pferde, 29.905 Ziegen, 82.712 Schöpfe, 32.569 Schweine, 30.899 Ochfen und 900 Maulthiere gröfstentheils nach England exportirt werden. Wenn Portugal jedoch als induftrielles Land keinen fehr bedeutenden Rang einnimmt, fo ift doch nicht in Abrede zu ftellen, dafs es einige Induftriezweige mit Vortheil zu pflegen wufste. Dahin gehört zuförderft die Wollwaaren- Fabrication, welche befonders fchwunghaft in der Stadt Covilha betrieben wird. Ihr reiht fich die Seidenwaaren- Fabrication an, mit Abzugsquellen in den portugiefifchen Colonien, in Afien und Afrika, in Brafilien und Spanien. Ausserdem werden portugiefifche Spitzen als ausgezeichnet erwähnt, fowie auch in einigen anderen Richtungen das Streben nach Fortfchritt nicht zu verkennen ift. Unter den Inftituten, welche auf diefen einen vorzüglichen Einfluss ausüben, wird der in Liffabon errichtete Gewerbeverein genannt. Derfelbe verdankt feine vielen Erfolge den unermüdlichen Bemühungen des Herrn J. H. Fradeffo da Silveira, welcher in Anerkennung feiner Verdienfte um die Induftrie zum portugiefifchen Generalcommiffär in der Wiener Weltausftellung ernannt wurde. Den Schlufs der ftatiftifchen Ausweife bildet der Handelsverkehr, der ebenfalls als merklich vorfchreitend bezeichnet wird. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870 betrug 25.341,244.300 und jener der Ausfuhr 20.293,457.000 Reis. Portugal's Verkehr mit Oefterreich war bis zum Jahre 1870 nur in einzelnen Jahren von einigem Belang, es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dafs der neuefte zwifchen beiden Staaten abgefchloffene Handelsvertrag viel zur Steigerung des Verkehrs zwifchen denfelben beitragen werde. Als einen werthvollen Beitrag zur Landesftatiftik dürfen wir auch die Andeutungen desfelben Verfaffers über die Verhältniffe der portugiefifchen Colonien: Cap Vert, St. Thomas, Angola, Mozambik, Goa, Macao und Timor betrachten. Es wird conftatirt, dafs die überfeeifchen Anfiedlungen ebenfalls in der neueften Zeit wefentliche Fortfchritte gemacht haben, was fchon daraus hervorgeht, dafs während der Staat im Verwaltungsjahre 1864-1865 noch ein Deficit von 336,627.798 Die Leiftungen der Statiftik. 27 Reis zu decken hatte, im Jahre 1871 hingegen die Staatseinkünfte um 42.708.019 Reis die Ausgaben überfchritten; aber nicht nur in materieller, fondern auch in moralifcher Beziehung ift das Streben der portugiefifchen Regierung, die Colonien immermehr der Wohlthaten der Gefittung theilhaftig werden zu laffen, vom beften Erfolge gekrönt worden. Rufsland. Das Kaiferthum Rufsland war auf dem Gebiete der Statiftik äufserft fpärlich vertreten. Wir fanden blofs ein in Leipzig erfchienenes Buch:„ Die Induftrie Rufsland's" von Theodor Mattei und eine Monographie über Finnland. Die Bevölkerung diefes Grofsfürftenthumes betrug im Jahre 1871: 1,773.612 Köpfe, von denen 137.413 in den 33 Städten lebten. Die Hauptftadt Helfingfors zählt 32.113 Einwohner. Der Ackerbau, als vorzüglichfte Erwerbsquelle, läfst trotz rüftiger Fortfchritte in neuefter Zeit noch viel zu wünſchen übrig. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870 wird auf 66,580.400 und jener der Ausfuhr auf 44,218.349 Mark berechnet. Die Hauptgegenstände des Exports waren Waldproducte( 15,311.718 Mark), Butter ( 8,147.707), Eifen und Stahl( 5,296.151), Gewebe( 3,823.452), Getreide( 2,977.532), Fifche( 1,446.251). Die Handelsflotte vergröfsert fich von Jahr zu Jahr und zählte im Jahre 1870: 658 Schiffe von 88.173 Laft. Die Zahl der Dampfer hat fich von 9 im Jahre 1850 auf 85 von 3139 Pferdekraft vermehrt. Die Induftrie befindet fich noch auf einer niedrigen Entwicklungsftufe. Im Jahre 1870 zählte man ungefähr 400 Fabriken, welche 8807 Arbeiter befchäftigten und ebenfo ift die HandwerksInduftrie von geringer Bedeutung. - Griechenland. - Griechenland hat fich in feinem über 293 Gegenftände fich erftreckenden Specialkataloge auf einige ftatiftifche Daten befchränkt. Der Tabakanbau auf ungefähr 30.000 Strema( 1 Str.= 1000 franzöfifche Meter) gewährt denfelben zufolge ein jährliches Erträgnifs von I- 1,200.000 Oka( 1 Oka= 2.2857 Wr. Pfd.). Ungefähr 200.000 Strema werden zur Baumwollcultur verwendet, welche jährlich gegen 2 Millionen Oka liefern. Auf 13.000 Strema ftehen III.000 Eichen, deren Frucht jährlich im Werthe von einer Million Francs hauptfächlich nach Trieft ausgeführt werden. Die Zahl der Olivenbäume hat fich von 2,500.000 am Ende des Befreiungskrieges jetzt auf 7,500.000 vermehrt, welche jährlich 5-6 Millionen Oka Oel liefern, das feinen Abzug nach England, Oefterreich, Rufsland und der Türkei findet. Aufserdem werden ungefähr 150.000 Oka Oliven exportirt. Griechenland's Haupterzeugnifs: Korinthen gewähren jährlich ein Erträgnifs von 100-125 Millionen Pfund, im Werthe von 120-220 Francs per 1000 Pfund. Die Weinproduction im Werthe von ungefähr 10 Millionen Francs wirft auch eine Ausfuhr von 100-120.000 Verala( 1 Verala= 50 Oka) für ungefähr I- 1,300.000 Francs ab. Als bedeutend wird die Lederfabrication im Werthe von etwa 10 Millionen dargestellt. Das Fabricat findet wegen feiner guten Qualität und Billigkeit zur Hälfte feinen Abzug nach Conftantinopel, Smyrna, Galacz und auch nach Trieft. - Das ottomanifche Reich. Wir hatten uns in den türkifchen Galerien und bei der betreffenden Commiffion vergebens um die zu unferen Betrachtungen unerlässlichen Behelfe bemüht und hätten auf die Berücksichtigung der Türkei in ftatiftifcher Beziehung verzichten müfsen, wenn uns nicht die überaus gründlichen und reichhaltigen Darftellungen 28 J. Löwenthal. zugänglich geworden wären, welche die öfterreichiſch- ungarifchen Confularämter in der Levante auf Anregung des k. k. Generalconfuls Herrn Hofraths Ritter v. Schwegel für die Ausftellung eingefendet haben. Diefe Arbeiten find theils in einigen bereits im Drucke erfchienenen und auch typifch von der Verlagshandlung Alfred Hölder elegant ausgeftatteten felbftftändigen Monographien: Conftantinopel, Smyrna, Syrien und Alexandria theils in 30 im Cercle- Oriental aufliegenden Confularberichten und ftatiftifchen Tableaux enthalten, welche die Handelsund Schifffahrtsverhältnifse verfchiedener Staaten graphifch veranfchaulichen. Diefe letzteren fehr forgfältig ausgeführten Arbeiten verdanken ihr Dafein den Hoffecretären Freiherr Carl Vesque von Püttlingen und Arthur v. Scala. Alle diefe Leiftungen laffen es uns nur bedauern, innerhalb der uns eng gezogenen Grenze nicht auf jede einzelne näher eingehen zu können. Die auf Anregung und unter Leitung des Generalconfuls Herrn Hofraths Ritter v. Schwegel erfchienenen Studien über Conftantinopel und deffen anliegendes Gebiet umfafsen überaus gehaltvolle Beiträge zur Kenntnifs der geographifchen, ethnographifchen, Handels-, Induftrie- und Productionsverhältnifse des gefammten Confularbezirkes, deffen Bevölkerung auf 3½- 4 Millionen Einwohner angenommen wird. Die meiſten diefer Beiträge find von den Confuln Herrn C. Sax, S. Adler und J. Dollinger verfafst und dürften in den erwähnten Richtungen kaum einen Gegenftand unberührt gelaffen und nicht in der gründlichften Weife erörtert haben. In Betreff des Credit- und Bankwefens wird erwähnt, dafs Conftantinopel gegenwärtig 7 Bankinftitute befitzt: Banque Imperiale Ottomane, Societé générale de l'Empire Ottoman, Crédit Général Ottoman, Societé de Crédit austro- turque( auftro- türkifche Creditanſtalt), Banque austro- ottomane ( austro- ottomanifche Bank), Banque de Constantinople und Société de change et de valeurs. Das Affecuranzwefen hat fich dort erft in den letzten zehn Jahren zu einem regelmässigen Gefchäftszweige herangebildet. Gegenwärtig beftehen, aufser verfchiedenen kleinen einheimifchen Seeverficherungs- Gefellfchaften, Agenturen der vorzüglichften europäiſchen Inftitute, u. z. für Transportverfiche rung I engliſche, 3 fchweizerifche, 2 deutfche, I öfterreichifche und I franzöfifche; für Lebensverficherung I englifche, I fchweizerifche, I deutfche, I öfterreichifche und I franzöfifche; für Feuerfchäden 2 englifche, I fchweizerifche und I deutfche. Der Poftdienſt wird aufser der türkifchen Poft, welche blofs Sendungen für die Türkei übernimmt, noch durch die öfterreichifchen, deutfchen, franzöfifchen, englifchen, griechifchen, ruffifchen und egyptifchen Aemter beforgt. Der Handelsverkehr von Conftantinopel mit Europa repräfentirte im Jahre 1871 einen Werth von 105,170.000 fl. bei der Einfuhr und 68,047.260 fl. bei der Ausfuhr gegen beziehungsweife 82,700.000 fl. und 30,000.000 fl. im Jahre 1869. An dem Import waren betheiligt: England mit 42, Marſeille mit 22, Oefterreich- Ungarn, mit Einſchluſs preufsifcher und fächfifcher Waaren; mit 16, Rufsland mit 9, Italien mit 6, Holland mit 3, Griechenland und Nordamerika mit je 1%. Als die wichtigften Gegenftände der Einfuhr in Conftantinopel erwiefen fich dem Werthe nach: Zucker für 30 Millionen, Manufacte für 16,450.000, Kaffee für 8 Millionen, Mehl für 6,720.000, Bauholz für 5,390.000, Getreide für 4,523.000, Spirituofen für 4,115.000, Arzneien für 4,380.000, Steinkohlen für 3,750.000, Kurzwaaren für 2,750.000, Eifenwaaren für 2,230.000, Efswaaren für 1,890.000, Modewaaren für 1,750.000, Papier für 1,450.000, Glaswaaren für 635.000 Gulden.- Im Jahre 1872 find in Conftantinopel, mit Ausfchlufs der Local- Schifffahrt, 2806 Dampfer und 19.974 Segelfchiffe, zufammen im Gehalte von 4,132.880 Tonnen angekommen. Ueberhaupt hat die DampfSchifffahrt gegen die Vorjahre zugenommen, die Segelfchifffahrt aber, die griechifche ausgenommen, fich vermindert. Der Dampfbootverkehr wurde aufser drei localen Gefellſchaften in Conftantinopel von 12 ausländifchen Compagnien vermittelt. Im Confulatsbezirke haben bereits zwei Eifenbahnlinien ihren Betrieb begonnen die rumelifche und die anatolifche. Von der erfteren, welche die europäiſche Türkei von der Hauptftadt bis Bosnien zum Anfchlufse an die öfter- - Die Leiftungen der Statiſtik. 29 reichifch- ungarifchen Bahnen durchziehen foll, ift fchon die Strecke bis Adrianopel eröffnet, die letztere, welche von Scutari bis Angora, mithin ins Centrum von Kleinafien geführt werden foll, ift nun bis Ismid vollendet. Die Monographie Smyrna, vom Generalconful Dr. C. v. Scherzer, unter Mitwirkung der Herren Ingenieure Humann und Kaufmann Stökel in Smyrna verfafst, gewährt einen klaren Einblick in die landwirthschaftlichen, induftriellen, commerciellen, finanziellen und hygienifchen wie focialen Verhältniffe diefer Provinz. Die Beförderungsmittel in derfelben werden noch als fehr primitiv dargeftellt, doch gibt es dort bereits zwei Eifenbahnen, von welchen die eine Menemen und Magneſia berührt, nach einem Laufe von 68 englifchen Meilen in Caffaba endet, feit dem Jahre 1867 jährlich im Durchschnitte 209.080 Paffagiere und im Jahre 1872 66.029 Tonnen Güter beförderte. Die zweite( Smyrna and Aidin Railway) nimmt eine füdliche Richtung bis Aidin, befteht bereits feit 1855 und beförderte im Durchfchnitte der letzten fünf Jahre jährlich 141.518 Perfonen und im Jahre 1871 bis 1872: 48.790 Tonnen Waaren. Ausserdem vermittelten fünf Dampffchifffahrt- Gefellſchaften den Seeverkehr, der im Jahre 1872 710 Boote von 532.774 Tonnen befchäftigte. Die türkifche Poft, welche die Briefe im Inneren befördert, erzielte im Jahre 1872 eine Einnahme von 926.834 Piafter. Ausserdem unterhalten Oefterreich- Ungarn, Frankreich, Rufsland, Griechenland und Egypten, fowie in neuefter Zeit auch England eigene Poftämter, während die Dampffchifffahrt Gefellſchaften ebenfalls Poftfendungen nach den verfchiedenen Landungsplätzen übernehmen. Der Staatstelegraph beförderte im Jahre 1872 im Inneren der Provinz 6157 Staats- und 7916 Privatdepefchen und im internationalen Verkehr 38 Staats- und 1381 Privatdepefchen. Als wirkliches Bankinftitut fungirte blofs die Filiale der ottomanifchen Bank in Conftantinopel. Das Verficherungswefen war vor zehn Jahren noch kaum bekannt, jetzt find für Feuersgefahr I deutſche und 8 englifche und gegen Seeunfälle 3 öfterreichifche, I deutfche, I englifche, I franzöfifche und 3 griechifche Gefellſchaften eingerichtet. Der Handelsverkehr hat fich während des letzten Decenniums merklich gehoben und repräfentirte im Jahre 1872 einen Werth von 34,728.232 fl. bei der Einfuhr und 48,668.376 fl. bei der Ausfuhr, gegen beziehungsweife 24,942.420 und 35,041.810 fl. im Jahre 1863. Die Hauptgegenstände des Importes bildeten: Baumwoll- Waaren( für 8,700.000 fl.), Modeftoffe( für 3,750.000 fl.), Tuche und Schafwoll- Waaren( für 2,750.000 fl.), Kurzwaaren( für 2,598.000 fl.). Die vorzüglichften Objecte der Ausfuhr waren: Baumwolle( für 12,250.000 fl.), Opium( für 6,340.000 fl.), Südfrüchte( für 6,875.000 fl.) und Knoppern( Valonea für 4,800.000 fl.). Der Seeverkehr wurde im Jahre 1872 durch 812 beladene Schiffe von 88.920 Tonnen und 581 Dampfer von 481.458 Tonnen bei der Einfuhr, dann durch 319 beladene Schiffe von 53.985 Tonnen und 607 beladene Dampfer von 498.996 Tonnen bei der Ausfuhr vermittelt. Die dritte Schrift:„ Syrien und feine Bedeutung für den Welthandel" ift vom Generalconful Herrn Julius Zwiedinek v. Südenhorft in Beirut, unter Mitwirkung der Viceconfuln von Beirut, Damascus und Cypern, fowie der Handelsfirmen Gebrüder Altaras und Gebrüder Poche in Aleppo und des Herrn Leithe in Beirut verfafst. Sie erftreckt fich über Andeutungen, betreffend die geographifche Lage, die Bevölkerung und adminiftrative Eintheilung Syrien's und der Infel Cypern, erörtert überaus gründlich fämmtliche Productions- und Induftrieverhältniffe, fowie die materiellen und focialen Zuftände überhaupt. Die Dampfer des öfterreichiſch- ungarifchen Lloyd, fowie die franzöfifchen und ruffifchen Boote verkehrten regelmäfsig an der fyrifchen Küfte, während die Fahrten der engliſchen Dampffchiffe fich fehr vermindert haben, indem deren im Jahre 1871 nur 33 gegen 120 im Jahre 1866 einliefen. Die Communicationsmittel im Inneren laffen noch fehr viel zu wünfchen übrig. Der Verkehr zwifchen Beirut, Damascus und Bagdad, Aleppo und Alexandrette erfolgt meiftens noch auf der Karawanenftrafse. Die Poftverbindung feewärts zwifchen Syrien, den in- und ausländifchen Hafen 30 J. Löwenthal. wird durch die Dampfer der erwähnten drei Gefellfchaften unterhalten, der Poftverkehr zu Lande durch die ottomanifche Poft vermittelt. Telegraphenlinien verbinden Syrien mit Egypten und Europa. Die Credit- Inftitute find auf die Filiale der ottomanifchen Bank befchränkt. Die Schifffahrt von Beirut erfolgte im Jahre 1871 durch angekommene 277 Dampfer von 214.704 Tonnen und 3.158 Segelfahrzeuge im Gehalte von 84.642 Tonnen. Der Werth der Einfuhr betrug in demfelben Jahre 25,781.000 und jener der Ausfuhr 11,428.900 Francs. Francs. Die Einfuhr war am bedeutendften aus England( für 11,929.100 Francs), die Ausfuhr nach Frankreich ( für 9,002.100 Francs). In Larnaca, der Hauptftadt von Cypern, trafen 949 Segelfchiffe von 43.349 Tonnen und 62 Dampfer von 70.536 Tonnen ein. Die Einfuhr hatte einen Werth von 10,065.514 und die Ausfuhr von 40,278.750 Piafter. Egypten. Das unten genannte Tabellenwerk*) wurde auf den Wunfch des Vicekönigs eigens für die Weltausftellung verfafst und gereicht dem unter Leitung des Herrn E. de Regny- Bey ſtehenden Centralbureau der Statiſtik in Cairo zur wahren Ehre. Es ift fo viel umfaffend, dafs wir es uns verfagen müffen, alle wichtigen Daten zu berücksichtigen, die es enthält, und als Conturen eines höchft intereffanten Bildes der Leiftungen eines Landes gelten können, welches während der zehnjährigen Regierung feines Oberhauptes in der überraschendften Weife nach allen Richtungen hin auf dem Wege der Civilifation vorgefchritten ift. Wir befchränken uns auf die kurze Darftellung des gegenwärtigen Zuftandes von Egypten, wie es fich aus den bis Ende 1872 reichenden Zahlenverhältniffen ergibt. Kilo Egypten zählt gegenwärtig auf feinem Flächeninhalte von 29.400 meter( Belgien hat einen Umfang von 29.455 Kilometer) ungefähr 5,250.000 Einwohner, fo dafs 178 Einwohner auf den Kilometer treffen, Egypten mithin an Dichtigkeit der Bevölkerung die meiſten europäifchen Staaten übertrifft. Die fogenannten europäiſchen Colonien, im Jahre 1840 auf 6150 Köpfe befchränkt, zählten deren im Jahre 1871: 79.696. Die Bevölkerung hat fich gegenüber von 188.010 Geburten und 138.580 Sterbefällen jährlich im Durchfchnitte der letzten zehn Jahre, feit 1862 um 494.299 oder um 49.429 jährlich= 0.94% vermehrt. Im Verhältniffe zu diefer Volkszahl befuchten 173 Kinder unter 10.000 Einwohnern die Schulen, in denen gegenwärtig 89.893 Kinder den Elementar- und Vorbereitungsunterricht geniefsen, immerhin ein günftigeres Verhältnifs als in Rufsland, wo unter 10.000 Einwohnern blofs 150 Kinder die Schulen befuchen. Unter den erwähnten 89.893 Schulkindern befinden fich nur 3018 Mädchen, die faft blofs nichtmufelmännifchen Familien angehören. Die Regierung läfst fich jedoch auf den ausdrücklichen Wunſch des Khedive auch die Erziehung der weiblichen Jugend angelegen fein. Bereits befteht eine Mädchenfchule, die erfte im Orient, in Cairo und mehrere gröfsere Anftalten find in der Organiſation begriffen. Die dem Volksunterrichte gewidmete Geldunterftützung beträgt für das gegenwärtige Jahr 9.603 Börfen oder 2,125.000 Francs. Einer überaus erfpriefslichen gröfseren Entwicklung ging das Eifenbahnwefen entgegen. Vor der Thronbefteigung des Khedive hatte Egypten 245 englifche Meilen Bahnen, darunter die nun aufgelaffene alte Linie von Cairo nach Suez Gegenwärtig erftrecken fich die Bahnen über II12 engl. Meilen, und 208 Meilen werden eheftens dem Verkehre übergeben. Der Khedive hat nun feine Aufmerkfamkeit der Errichtung einer Eifenbahn nach den Sudan zugewendet. Die bereits im Jahre 1864 begonnenen Vorftudien find neulich wieder aufgenommen worden und haben gezeigt, dafs diefes grofsartige Unternehmen mittelft einer Auslage von *) Statistique de l'Égypte par M. E. de Regny- Bey. Le Caire 1873. Die Leiftungen der Statiſtik. 31 100 Millionen Francs ausgeführt werden könnte. Dem Fürften, welcher den Suezcanal der See- Schifffahrt zugänglich machte, ift nun die Aufgabe zugefallen, einen Weg nach dem Mittelpunkte von Afrika zu bahnen, der nicht geringere Ergebniffe als der Suezcanal für den Welthandel herbeiführen und fich für noch unbekannte Nationen zu einem der ficherften Mittel der Gefittung geftalten wird. Auch das Telegraphenwefen verdankt feine eigentliche grofse Entwicklung der jetzigen Regierung. Im Jahre 1863 auf 6 Linien mit einer Drahtlänge von 2349 Kilometer befchränkt, haben die Telegraphenlinien in Egypten jetzt eine Länge von 13.750 Kilometer mit 77 Stationen, in welchen im Jahre 1871: 563.000 Depefchen befördert wurden, eine um fo beachtenswerthere Zahl, wenn erwogen wird, dafs ein Theil der Bevölkerung noch zu unreif ift, um fich diefes Communicationsmittels zu bedienen. Den Suezcanal betreffend wird conftatirt, dafs der Verkehr auf demfelben mit jedem Jahre fich fteigerte. Es wurden befördert von einem Meere zum andern: Jahr Schiffe Tonnen 1870 502 443.709 1871 765 1872 1.082 761.467 1,442.617 Einnahme 6,705.119 Fr. 9,152.277" 16,191.172" Wie fehr Suez felbft durch den Canal gewonnen hat, geht fchon daraus hervor, dafs die Schifffahrtbewegung im Jahre 1872: 666.469 Tonnen aufweift, fo dafs der Verkehr fich feit 1864 vervierfacht hat. Diefe Entwicklung wird noch mehr in dem Mafse hervortreten, als der Suezcanal ftets mehr in Auffchwung kommt und in Suez die wichtigen, der Schifffahrt zugute kommenden Werke der Vollendung entgegengehen. In gleicher Weife hat fich der Verkehr von Port- Saïd entwickelt. Der Tonnengehalt der im Jahre 1863 dort eingelaufenen Schiffe befchränkte fich auf 52.186 Tonnen. Im Jahre 1872 hingegen find dort 1463 Schiffe von 856.845 Tonnen angelangt, und 1887 Schiffe von 1,313.441 Tonnen abgegangen. Der Werth der jährlichen Ausfuhr aus Egypten wird nach dem Durchschnitte der letzten zehn Jahre auf ungefähr 300 Millionen Francs berechnet. Als Hauptgegenftand derfelben erhielt fich ftets die Baumwolle, von welcher im Jahre 1872: 2,387.159 Ctr. exportirt wurden. Noch mehr als von Baumwolle hat in den letzten Jahren der Export von Zucker zugenommen. Die Gefammtproduction hatte fich im Jahre 1833 auf 8584 Ctr. befchränkt, während die Ausfuhr im Jahre 1872 bereits 456.851 Ctr. erreichte, wovon 243.886 nach Frankreich, 100.812 nach England, 85.262 nach Italien und der Reft nach Oefterreich und dem Often gingen. Die gröfsere dem Baumwoll- und Zuckeranbau zugewendete Aufmerkſamkeit hat indefs nicht zur Verminderung des Cerealienhandels beigetragen. Die Getreideausfuhr ift überhaupt von den Ernte- Ergebnissen, fowie von dem mehr oder minder grofsen Bedarf der einfuhrbedürftigen Länder bedingt. Deffen ungeachtet erreichte der Export aus Alexandria im Jahre 1872: 867.728 Ardeb Getreide und 483.733 Ardeb Bohnen. Neun Zehntheile des Getreide- Exportes nahmen ihre Richtung nach England, der Reft ging gröfstentheils nach Frankreich. Der Werth der Einfuhr in Egypten wird für Alexandria mit 130,000.000 Fr. und mit 7% für die übrigen Häfen beziffert. Das Poftwefen, namentlich zwifchen Alexandria und Europa, wird hauptfächlich durch die öfterreichifchen, italienifchen, englifchen, franzöfifchen und griechifchen Poftämter vermittelt. Nächft dem englifchen, mit Hinficht auf die Ueberlandspoft, ift jedenfalls das öfterreichiſche das bedeutendfte. Im Jahre 1871 wurden 8766 Felleifen von Brindisi nach Alexandria für Indien und 4062 Felleifen von Alexandria nach Brindisi befördert. Ausserdem gibt es aber auch eine vicekönigliche Poft im Innern, welche im Jahre 1872 Geldwerthe von 1.633,584.200 Piafter, 1,696.357 Briefe und 378.957 Journale beförderte. 32 J. Löwenthal. Perfien. Der Specialkatalog der Ausftellung des perfifchen Reiches ift ebenfalls eine fehr werthvolle Bereicherung der von der Weltausftellung hervorgerufenen ftatiftifchen Literatur. Der Verfaffer, Herr Dr. J. E. Polak, hatte während feines mehrjährigen Aufenthaltes in Perfien als Leibarzt des Schahs Gelegenheit Land und Leute, fowie deren Verhältniffe nach allen Richtungen hin kennen zu lernen. Durch feine Publicationen, insbefondere durch die in deutfcher und perfifcher Sprache gefchriebene Brofchüre als Anleitung zur Befchickung der Ausftellung hat er viel zur Verwirklichung der perfifchen Ausftellung beigetragen und die reich ausgeftattete, mit Kunft- und Naturproducten gefüllte perfifche Galerie beweift, dafs feine Mühe erfolgreich gewefen. Von der perfifchen Ausftellungs- Commiffion mit der Abfaffung des Katalogs betraut, hat er auch diefe Aufgabe gewiffenhaft gelöft. Die Literatur dürfte äufserft wenige Schriftwerke aufzuweifen haben, welche fo fehr, wie diefe Abhandlung, zur Kenntnifs eines Staates beitragen, der in der neueften Zeit in engere Beziehungen zu Europa getreten ift und gerade durch die Rundreiſe feines Herrfchers, fowie durch die reiche Befchickung der Weltausstellung den Beweis geliefert hat, wie fehr es ihm um die Förderung und Hebung des wechfelfeitigen Verkehrs nach allen Richtungen hin zu thun ift. Der uns eng vorgezeichnete Raum gebietet jedoch, uns hier auf die folgenden kurzen Andeutungen zu befchränken. - Bekanntlich hat die perfifche Regierung Vorbereitungen zur Errichtung von Eifenbahnen getroffen. Bis diefelben ins Leben gerufen fein werden, wird der Waarentransport im Innern des Landes wie bisher nur mittelft Caravanen erfolgen. Perfien befitzt eine Telegraphenlinie von Tiflis nach Tabris und von IspahanSchiraz bis zum perfifchen Golf, dann von Bagdad nach Ispahan. Der Dienft ift verlässlich und regelmäfsig. Die Depefche kann in franzöfifcher und englifcher Sprache abgefafst fein; dagegen gibt es noch keine regelmässigen Poften, wefshalb Briefe aus Europa über Trapezunt oder Tiflis befördert werden müffen. Von Tiflis gehen die englifchen, franzöfifchen, öfterreichifchen und türkifchen GefandtfchaftsCouriere wechfelweife bis Teheran. Als die befte und billigfte Route für den Waarentransport nach Perfien wird gegenwärtig jene bis Trapezunt und von dort nach Tabris, dem bedeutendften Handelsplatz in Perfien, bezeichnet. Von einer fehr ausführlichen und gründlichen Schilderung der Producte aus dem Mineral-, Pflanzen- und Thierreiche übergeht der Verfaffer zur Darstellung der induftriellen Verhältniffe, mit der Bemerkung, dafs Perfien's Induftrie mehr eine Hausinduftrie genannt werden kann, indem mit Ausnahme der königlichen Zeughäufer, der Münze und einiger Staats- Etabliffements keine eigentlichen Fabriken beftehen, fondern blofs Werkstätten mit Meiftern, Gefellen und Lehrlingen. Für jedes Handwerk befteht in jeder Stadt eine Gilde, welcher ein Mann nach freier Wahl vorſteht und die Differenzen zwifchen Arbeitgeber und Nehmer ausgleicht. Die Induftrie befchäftigt fich mit allen Arten Metallarbeiten, Schnitzereien, Cifelirungen, Wollund Baumwoll- Geweben, Stickereien, Lederarbeiten, und die in der Weltausftellung vorliegenden Mufter zeugen oft von Gefchmack und Kunftfertigkeit. Ganz befonders ausgezeichnet find in Feinheit und Zeichnung die Shawls und Teppiche. In den meiften Induftrie- Erzeugniffen tritt erfinderifche Anlage der Einwohner, deren Kunftfertigkeit und lebhafter Sinn für Farbe und edle Formen hervor, und es unterliegt keinem Zweifel, dafs nach Einführung neuer Communicationsmittel, verbefferter Inftrumente ein reiches Feld für Induftrie, Production und Kunft fich eröffnen und ein ergiebiger Verkehr für den Ex- und Import herſtellen wird. Den intereffanten ftatiftifchen Tabellen entnehmen wir, dafs die Ausfuhr von Tabris nach Europa im Jahre 1868 den Werth von 8,443.000 fl. erreicht, und die Einfuhr in demfelben Jahre, meiftens aus Europa und zu einem kleinen Theile auch aus Indien und Amerika, einen Werth von beinahe 14 Millionen Gulden repräfentirte. Die Leiftungen der Statiſtik. Tunis. 33 Vor dem Jahre 1864 wurde die Bevölkerung der Regentfchaft Tunis auf 1,129.550 Mahomedaner, 250.000 Katholiken, 450.000 Israeliten, 400 Griechen und 50 Proteftanten, zufammen 1,830.000 Einwohner gefchätzt;, der Verfaffer des unten angegebenen Werkes*) glaubt jedoch, auf die ihm zugekommenen Angaben geftützt, diefelbe blofs auf etwa 1,200.000 beziffern zu müffen. Die Abnahme der Bevölkerung ift theils der zahlreichen Auswanderung ganzer Stämme nach Algerien, Tripolis, Egypten und Marokko, theils den Epidemien während der Jahre 1868 und 1869 zuzufchreiben. Als die drei wichtigften Gegenftände der Ausfuhr landwirthfchaftlicher Erzeugniffe werden Oel, Sparto und Wolle bezeichnet. Sparto( Halfa), eine ohne Anbau gedeihende Pflanze, wird zu Seilen, Matten und Körben verarbeitet. Man kannte ihren Werth früher nicht in Europa. Erft im Mai 1871 erfolgte die erfte Sendung nach Genua und feitdem hat fich der Export auf 300.466 Ctr. gefteigert, u. z. 254.170 Ctr. nach England, 24.296 Ctr. nach Frankreich und 22.000 Ctr. nach Italien. Der Werth der Ausfuhr der genannten drei Artikel während des Jahres 1871 betrug: Olivenöl 6,326.480, Sparto 2,266.408, Wolle 2,080.205 Piafter; jener des Gefammtexportes 17,332.045 Piafter, gegenüber einer Einfuhr für 12,427.019 Piafter. Die Induftrie deckt kaum den Bedarf der vielen Zweige derfelben im Inlande und erzeugt, mit Ausnahme etwa von Woll- und Seidengeweben, als Decken, Shawls, Schärpen und Feffe, faft nichts fürs Ausland. Kurzwaaren, Papier, Mafchinen und Transportmittel, wiffenfchaftliche Inftrumente, Stein- und Glaswaaren müffen durchgehends aus der Fremde bezogen werden. Der Verkehr mit dem Inlande wird mittelft Caravanen und mit dem Auslande fowie längs der Küfte mittelft Segel- und Dampffchiffe betrieben; feit kurzem befteht jedoch eine von einer englifchen Gefellfchaft erbaute Tramway- Eifenbahn zwifchen Goletta, Tunis, Bardo und Marfa. Die in neuefter Zeit errichtete Telegraphenlinie verbindet Tunis mit Goletta, Bardo und den vorzüglichften Städten der Regentfchaft, fowie diefe mit dem europäiſchen Feftlande. Tunis hat auch eine kleine Börfe für alle Handels- und Finanzgefchäfte, mit denen fich faft ausfchliefslich nur Ausländer befaffen. . Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Es iſt zu bedauern, dafs der zur Orientirung in den fo überaus intereffanten Gallerien der nordamerikanifchen Freiftaaten veröffentlichte Specialkatalog fich auf eine blofse Nomenclatur befchränkt, ohne, gleich den meiften Verzeichniffen, von ftatiftifchen Bemerkungen begleitet zu fein. Die 26. Gruppe ift allerdings reich an dergleichen Nachweifen, allein fie betreffen meiftens die Verhältniffe früherer Perioden. Einer der neueften ift das umfangreiche Tabellenwerk ,, The statistics of the population of the United States", welches nach der letzten Zählung im Jahre 1870 die Bevölkerung mit Ausfchlufs der dabei aufser Acht gebliebenen indifchen Stämme auf 38,115.641 Einwohner angibt. Die Bevölkerung hat fich demnach während des letzten Decenniums um 6,931.897 oder um 22 22% vermehrt. Bekanntlich wird in den Vereinigten Staaten das Schulzwangs- Syftem mit weit gröfserer Strenge als fonft irgendwo gehandhabt. Man geht dort mit Recht von dem Grundfatze aus, dafs nur durch die Schule eine als nothwendig erachtete allgemeine Bildung der Nation erwirkt werden könne. Diefem Streben ift es wohl auch in der That zu verdanken, dafs die Zahl der Schulen und Zöglinge fowie der Lehrer derfelben ein Verhältnifs zur Einwohnerzahl aufweift, wie es ficherlich in keinem anderen Lande zu finden fein wird. Es beftanden nämlich in den Vereinigten Staaten im Jahre 1870 *) Rapport statistique économique sur la régence de Tunis, d'aprés les renseig nements donnés par M. J. Valensi. 3 34 - J. Löwenthal. nicht weniger als 14.629 Schulen jeder Art mit 221.042 Lehrern und 7.209.938 Schülern, von denen 6.228.060 öffentliche und 981.878 Privatanftalten befuchten. In den Vereinigten Staaten waren am Ende des Jahres 1872: 67.104 Meilen Eifenbahnen im Betriebe, von denen allein 6427 Meilen im verfloffenen Jahre eröffnet wurden.- 426 Bahngefellſchaften haben Berichte über ihre 57-323 Meilen betragende Bahnen veröffentlicht, welche einen Koftenaufwand von 3.159,423.057 Dollars in Anspruch genommen haben. Die Einnahmen derfelben im Jahre 1872 beliefen fich auf 437,241.055 Dollars, davon 132.309.270 für den Perfonen- Transport und 340,951.785 für Frachten. Die Betriebskoften betrugen 307,486.682 und die Nettoeinnahmen 165.754-373 Dollars. Die einträglichften Bahnen find jene der fechs Neuengland- Staaten. Die Gefammteinnahmen aller Bahnen dürften im letzten Jahre wohl kaum geringer als 500 Millionen Dollars gewefen fein. Die Einnahmen waren in allen Richtungen in Zunahme, die man gröfstentheils dem fteigenden Frachten- Transport verdankt. Das Gewicht der im verfloffenen Jahre beförderten Frachten überftieg 200 Millionen Tonnen. Venezuela. Die im Auftrage des Präfidenten der Republik Venezuela, General Antonio Guzman Blanco, vom Specialcommiffär Dr.A.Ernft verfafste Schrift ,, Die Betheiligung der Vereinigten Staaten von Venezuela an der Wiener Weltausftellung"*) tritt fehr befcheiden auf, obgleich ihr das Verdienft nicht abgefprochen werden kann, zur gründlichen Kenntnifs eines der ftrebfamften Länder in Amerika beigetragen zu haben. Venezuela zählt auf einem Flächenraume von 20.223 geographifchen Meilen, mit Ausnahme der im Innern wohnenden Indianerftämme, gegen 1.500.000 Einwohner, deren Hauptbefchäftigung der Landbau bildet. Die vorzüglichften Erzeugniffe derfelben gewähren einen im fteten Auffchwung befindlichen Handelsverkehr, der bei der Ausfuhr im Verwaltungsjahre 1871-72 einen Werth von mehr als 12 Millionen Pesos repräfentirte. Die Ausfuhr von Laguaira und Puerto Cabello betrug in dem genannten Jahre unter andern 374.730 Ctr. Kaffee, 50.786 Ctr. Cacao, 57.637 Ctr. Baumwolle, 1705 Ctr. Indigo, 32.939 Ctr. Zucker, dann Ochfenhäute und Rehfelle und nahm ihre Richtung nach den Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Hamburg, Bremen, Spanien und Holland. OefterreichUngarn ift nicht in directen Beziehungen zu Venezuela, die aber hoffentlich durch die Weltausstellung fich ergeben werden. Der Werth der Einfuhr ift beinahe ebenfo grofs wie jener der Ausfuhr. Jene umfafst, nebft Weizenmehl( faft ausfchliefslich von den Vereinigten Staaten) fämmtliche Zweige der Induftrie aus England, Frankreich und Deutfchland. Der überfeeifche Verkehr wird nebft den Segelfchiffen durch einige Dampferlinien( Royal Mail, Norddeutfcher Lloyd, Hamburg. amerikaniſche Packetfahrt- Actiengefellfchaft, Liverpool, St. Nazaire) vermittelt. Venezuela befitzt noch keine Eifenbahn. Die projectirte Verbindung aber dürfte bald zwifchen Cararas und Laguaira zu Stande kommen. Das Poftwefen ift wohlgeordnet und eine Telegraphenlinie befteht zwifchen Laguaira, Caracas, La Victoria, Valencia und Puerto Cabello. Die Staatseinnahmen werden für das laufende Jahr mit 2,400.000 Pesos beziffert. Die Staatsfchuld betrug am 30. December 1872 19,830.000 Pesos, die äufsere Schuld 46,102.558 Pesos.- - - Kaiferthum Bratilien. Das überaus umfaffende, auf Koften der brafilianifchen Regierung veröffentlichte Werk des Herrn Joaquim Manoel de Macedo*) darf als eine Bereicherung der *) Caracas, Druck von Espinas und Söhne. **) Chorographia do Imperio do Brazil. Die Leiftungen der Statiſtik. 35 Geographie bezeichnet werden. Es enthält eine fehr gründliche Darftellung des Kaiferreiches in gefchichtlicher, klimatifcher, phyfifcher, naturhiftoriſcher, induftrieller, commercieller, wiffenfchaftlicher, wie überhaupt in civilifatorifcher Beziehung; geht ausführlich auf das Regierungs- und Verwaltungsfyftem ein und läfst durchaus nichts unberührt, was das Intereffe für diefen von der Natur reich gefegneten Staat erregen kann. Brafilien ift kein induftrielles Land, der Anbau des fruchtbaren Bodens nimmt faft alle Arbeitskräfte in Anfpruch; deffen ungeachtet find einige Induftriezweige in der Weltausftellung in beachtenswerther Weife vertreten. Der Werth der Einfuhr im Jahre 1870-1871 betrug 170.200: 822000 Reis, jener der Ausfuhr, darunter 38,396.023 Kilo Baumwolle, 135,315.318 Kilo Zucker, 229,590.341 Kilo Kaffee, 21,523.447 Kilo Häute, dann Cacao, Kaftanien, Diamanten ( 35.163 Gramme), Mandiocamehl, Kautfchuk, Gold( 316.155 Kilo) u. f. w., belief fich auf 168,018: 757 Reis. Die Zahl der eingelaufenen Schiffe war 3.447 von 1,493.405 und jene der abgegangenen 3.060 von 1,468.507 Tonnen. Das Affociationswefen hat einen grofsen Auffchwung genommen. Es fehlt auch nicht an Verkehrsftrafsen, fie genügen aber noch nicht den Bedürfniffen des fo ausgedehnten Landes. Der Verkehr mit der Fremde wie mit dem Inlande wird indefs durch zahlreiche Dampferlinien vermittelt. Auch die Eifenbahnen, von denen einige, wie die Dom Pedrobahn und die Mauabahn bereits im Verkehre, andere im Bau begriffen oder projectirt find, dehnen fich immer mehr aus. Längs der Eifenfchienen erftrecken fich die Telegrafendrähte und binnen drei Jahren wird Brafilien auch mit Europa. durch den electrifchen Strom in Verbindung fein. Brafiliens Nationalfchuld ift durch den fechsjährigen blutigen Krieg mit Paraguay, welcher mehr als 460,000: 000000 Reis verfchlang, ungemein geftiegen, und beträgt trotz der jährlichen Amortifation noch immer 394.904: 077778 Reis. Im Finanzjahre 1872 beliefen fich die Staatseinnahmen auf 122.733: 986000 und die Ausgaben auf 100.757: 747000 Reis. Japan. Die kaiferlich japanefifche Commiffion hatte, wie fie in der Vorrede zu den von ihr in Yokahama veröffentlichten Mittheilungen über das Kaiferthum Japan*) bemerkt, keinen anderen Zweck, als den Befuchern der japanefifchen Abtheilung zum Leitfaden durch ihre Ausftellungsreihen zu dienen. Sie liefs denfelben jedoch einige Andeutungen in geographifcher, gefchichtlicher, politifcher und ftatiftifcher Beziehung vorangehen, die wir hier foweit berücksichtigen, als fie die neueften Veränderungen betreffen. Seit dem Jahre 1871 ift das Reich in drei Grofsftädte, Tokio, Hauptstadt des Oftens( früher Yeddo), Kioto, Hauptftadt des Weftens und Ofaka, dann in 64 Bezirke getheilt. Die drei Städte werden von einem Gouverneur, die letzteren je von einem vom Kaifer ernannten Präfecten geleitet. Die Colonien von Hokkaido werden von einer Colonial commiffion verwaltet. Die Infeln Liu- Kiu find feit 1872 dem Kaiferthume einverleibt und werden von einem Vicekönig regiert. Die Bevölkerung beträgt 33,110.503 Einwohner, darunter 16,197.436 weiblichen Gefchlechtes. Der jetzige Kaifer, Mutfu- Hito, am 22. September 1852 geboren, beftieg den Thron am 9. Jänner 1867. Er fchaffte das Feudalfyftem ab und dank der von ihm ins Leben gerufenen Reformen nehmen Induftrie und Handel einen immer gröfseren Auffchwung, während die Wohlthaten der europäifchen Civilifation fich täglich fteigern. Eifenbahnen, Telegraphen, Seeleuchten, Kunft- und wiffenfchaftliche Schulen, alles vereint fich zur Sicherung des Wohlftandes und des Gedeihens der Nation. Der Regierungskörper beſteht aus dem geheimen Rathe unter dem Vorfitze des Kaifers, dem Staats- und Minifterrathe. Die Staatseinkünfte betrugen im *) Notice sur l'Empire du Japon et sur la participation à l'exposition de Vienne. Yokohama 1873. 3* 36 J. Löwenthal. Jahre 1871: 65,831.362 13, die Ausgaben 62,371.574 64 mexikanifche Dollars. Der erfte Freundfchaftsvertrag wurde im Jahre 1854 mit den nordamerikaniſchen Freiftaaten abgefchloffen, dann folgten jene mit England( 1854), Rufsland( 1855), Holland( 1856), Frankreich( 1858), Portugal( 1860), Preufsen( 1861), Schweiz( 1864), Belgien( 1866), Italien( 1866), Dänemark( 1867), Spanien, Schweden und Norwegen( 1868), dem norddeutfchen Bunde( 1869), Oefterreich- Ungarn( 1869) und neulich mit den Sandwichsinfeln und mit China, fo dafs Japan jetzt in unmittelbarer Verbindung mit fechzehn Staaten fteht. Die dem fremden Handel geöffneten Häfen und Städte find Nagafaki, Hakodate, Hiogo, Ofaka, Niigata und die Stadt Yeddo. Die Einfuhr aus fremden Häfen betrug im Jahre 1871: 17,745.605, die Ausfuhr 19,184.805 Dollars. Die Hauptgegenftände der Einfuhr waren Baumwollwaaren für 8,001.478, Wollwaaren für 2,050.789 Dollars; die Ausfuhr beftand vorzüglich aus Rohfeide, Cocons und Seidenwürmern, Thee, Kupfer u. a. Der Schifffahrt Verkehr wurde im Jahre 1871 durch 909 fremde Schiffe von 901.160 Tonnen vermittelt, darunter 378 amerikanifche, 349 englifche, 83 deutfche, 42 franzöfifche, 17 holländifche, 12 fchwedifche, 12 dänifche, II ruffifche und 5 hawaifche. Unter öfterreichifcher Flagge war blofs I Schiff im Gehalte von 567 Tonnen im Jahre 1870 eingelaufen. China. An China's Schifffahrt unter fremden Flaggen nahmen, wie aus einer graphifchen Darftellung im Cercle oriental hervorging, in faft gleichem Verhältniffe im Jahre 1871 die britifche und amerikaniſche, dann die deutfche nebft verfchiedenen anderen Theil. Ueberhaupt wurde diefelbe durch 8.200 Dampfer von 5,630.000 Tonnen und 6.500 Segelfchiffe von 1,800.000 Tonnen bewerkftelligt. China's Aufsenhandel im Jahre 1870 betrug dem Werthe nach 73,000.000 Taels bei der Einfuhr und 62,000.000 Taels bei der Ausfuhr. An jener war England mit 27,000.000, Hongkong mit 21,000.000 Taels, Indien mit 20.000.000 Taels und am Reft die nordamerikanifchen Freiftaaten, Singapore, Japan und der europäiſche Continent betheiligt. Der Export war ebenfalls am bedeutendften nach England, indem er im Jahre 1870 einen Werth von 32,000.000 Taels erreichte ( im Jahre 1868 betrug er fogar 42,000.000). In zweiter Reihe erfcheint hier wieder Hongkong mit 11,000,000, dann folgen die Vereinigten Staaten, Continentaleuropa, Japan, Singapore und zuletzt Indien. Britifch Indien. - Zwei Tableaux im Cercle oriental veranfchaulichten den Verkehr von BritifchIndien vom Jahre 1835-1871. Die Schifffahrt hat fich von Jahr zu Jahr, und zwar bei der Einfuhr von 1.900 Schiffen im Jahre 1854 auf 5.600 Schiffe im Jahre 1870 und ebenfo der Tonnengehalt derfelben beziehungsweife von 900.000 auf 2,000.000 Tonnen gehoben. An diefer Schifffahrt- Bewegung war das britifche Königreich im Jahre 1870 mit 4.900 Schiffen von 1,700.000 Tonnen betheiligt. Von den übrigen Flaggen war die nordamerikaniſche am häufigften und nächft ihr die franzöfifche und deutfche erfchienen. Die Frequenz der letzteren hat in der neueſten Zeit nicht fonderlich zugenommen. Indien's Gefammtverkehr repräfentirte im Jahre 1834 nur einen Werth von 7 Millionen Pfd. St., hatte im Jahre 1866 die Höhe von 122 Millionen erreicht, fank befonders ftark im folgenden Jahre, betrug aber im Jahre 1870 wieder 99 Millionen Pfd., wovon 45 Millionen auf den Import und 54 Millionen auf den Export kommen. ALLGEMEINE BILDUNGSMITTEL. ( Gruppe XXVI, Section 6: Bildungswesen im weitesten Sinne.) Bericht von J. LÖWENTHAL. Oefterreich. Wenn wir den Mitteln nachfpähen, durch welche das in der Weltausstellung vertretene Bildungswefen gefördert worden ift und noch ferner gefördert werden foll, fo müffen wir einen Rundgang in mehreren demfelben gewidmeten Pavillons unternehmen. Beginnen wir mit dem Cercle oriental, deffen Tendenz, die volkswirthschaftliche Lage des Orients zur Anfchauung zu bringen, wir als eine anerkennenswerthe bezeichnen. Die Induftrie- und Handelsverhältniffe Oefterreichs find vermöge feiner geographifchen Lage mehr als jene der anderen europäiſchen Continentalftaaten in engem Zufammenhange mit den Zuftänden des Orients. Oefterreich ift nicht nur landwärts benachbart mit dem osmanifchen Reiche, fondern zwei der vorzüglichften Wafferftrafsen führen feine Flaggen in ununterbrochenen Linien bis zu den äufserften Grenzen des Morgenlandes, deffen Verkehr mit Oefterreich, bei aller Wichtigkeit, die er bereits hat, noch weit von der Entwicklung entfernt ift, die er erlangen kann. Wie gering ift noch fein Antheil an den Handelsbeziehungen zu Oftindien, China, Japan u. f. w., während Hamburg und Bremen, obgleich ferner liegend, ihrer Schifffahrt und ihrem Handel bereits dort eine fo ausgedehnte Bahn gebrochen haben. Leugnen wir nicht, dafs die Hinderniffe von den Oefterreichern felbft ausgegangen find, weil fie nicht darauf bedacht waren, gleich den nördlichen Ländern und Hafenftädten junge Kaufleute und Induftrielle nach den dem Verkehre zu gewinnenden Ländern zu fenden, um dort aus eigener Anfchauung Erfahrungen zu fammeln und die Bedürfniffe derfelben kennen zu lernen. Diefer Unterlaffung wollte der Cercle oriental einigermafsen abzuhelfen fuchen. Wer in feinem Pavillon eine Augenweide zu finden vermeinte, dürfte feine Erwartung getäuscht gefehen haben, denn aufser einigen fehr gefchmackvoll in verfchiedenen orientalifchen Stylen ausgeftatteten Gemächern dürfte feine Schaugier kaum befriedigt worden fein; wem es aber darum zu thun war, feine Kenntniffe durch den Einblick in das orientalifche Culturleben zu erweitern, der fand hier ficherlich Stoff und Gelegenheit zu den lehrreichften Studien. Sie wurden angeregt durch mehr als dreifsig anziehende, ftatiftifche und volkswirthschaftliche Monographien der vorzüglichften öfterreichifchen Confulargebiete in der Türkei und in Egypten bis hinauf zum rothen Meer, durch finnreich ausgeführte graphifche und tabellarifche Darftellungen, fo wie durch reiche Mufterfammlungen aus Afien und Begaben wir uns von hier nach dem nahen Pavillon der öfterreichischen Afrika. 38 J. Löwenthal. Handelsmarine, fo bot fich auch dort reiches Materiale zur Belehrung und Fortbildung in geographifcher und maritimer Beziehung, indem alles Wiffenswerthe in diefer Richtung durch vielartige Apparate, Modelle, topographifche Pläne, Karten, bildliche und plaftifche Darstellungen, in einer lehrreichen Skizze erläutert, zur Anfchauung gebracht war. Viele Bildungsmittel bot ferner der intereffante Pavillon des Ackerbau- Minifteriums und die additionelle Ausftellung für Welthandel, auf die wir nicht näher eingehen, weil fie von anderer Seite ihre verdiente Würdigung finden werden. Dies gilt auch von dem Pavillon des Unterrichtminifteriums, in deffen Beziehung wir nur die aus den Vorlagen fich ergebende erfreuliche Thatfache conftatiren, wie fehr man in Oefterreich von der Bedeutung der Erziehung und des Unterrichtes als Bafis des Bildungswefens erfüllt und wie fehr für Alles geforgt ift, was zu deffen Vervollkommnung führen kann. Kein Zweig des Wiffens ift hier unberührt geblieben. Die mit jedem Jahre fich vermehrenden Kindergärten, die Volks- und Bürgerfchulen, die LehrerbildungsAnftalten, die Mittel-, Gewerbe- und Hochfchulen, die Blinden- und TaubftummenInftitute, fie alle find in ihren mitunter ausgezeichneten Leiftungen vertreten, und die namhafte Zahl der Lehrmittel, als: Modelle, Anfichten, Pläne, Karten u. f. w. zeigt, dafs auch die Koften nicht gefcheut werden, um das Bildungswefen feinem edeln Ziele immer näher zu bringen. Im Pavillon des Welthandels fanden wir auch eine Sammlung der im öfterreichifchen Kaiferreiche erfcheinenden Zeitungen und anderen periodifchen Schriften. Die Zahl erftreckt fich über 640, darunter 448 in deutfcher, 84 in böhmifcher, 47 in italienifcher, 28 in polnifcher, 17 in flovenifcher, 8 in ruthenifcher, 3 in hebräifcher, 2 in franzöfifcher, 2 in griechifcher und 1 in ruffifcher Sprache. Die Zahl dürfte jedoch geringer fein, indem die Morgen- und Abendblätter als zwei felbftftändige Journale verzeichnet und während der letzten Monate mehrere Zeitfchriften eingegangen find. Wir vermiffen im Verzeichniffe die Angabe der Tendenz diefer Blätter und wie oft, ob täglich, wöchentlich oder vierteljährlich fie erfcheinen. Die gröfste Verbreitung unter den Journalen des europäiſchen Continents dürfte wohl die ,, Neue freie Preffe" aufzuweifen haben. Ihre Auflage betrug bei der Eröffnung der Weltausftellung 35000 Exemplare. Sie befchäftigt ftändig 500 bis 600 Perfonen, darunter gegen 50 Redactionsmitglieder, etwa 100 Correfpondenten im Auslande, 100 bis 120 Correfpondenten im Inlande und 100 bis 150 Berichterftatter für die übrigen Rubriken des Blattes, 21 Adminiftrationsbeamte, 10 Diener und gegen 150 Gehilfen in ihrer Druckerei. Zur Herausgabe ihrer täglich erfcheinenden, Weltausftellungs- Zeitung" errichtete fie eigens auf dem Weltausftellungs- Platze ein grofsartiges Druckereietabliffement, welches Unternehmen durch Zuerkennung des Ehrenpreifes ausgezeichnet wurde. Ungarn. Ungarn hat in den letzten Jahren nicht nur für die Vermehrung und Vervollkommnung feiner Erziehungs- und Unterrichtsanftalten, fondern auch für die Hebung aller anderen Bildungsinftitute Sorge getragen. Wenn es hierzu eines Beweifes durch Zahlen bedarf, fo braucht blofs, wie bereits erwähnt, hervorgehoben zu werden, dafs das Budget des Unterrichtsminifteriums von 1,367.400 fl. im Jahre 1869 auf 4,632.628 fl. für das Jahr 1873 vermehrt wurde. Die Regierung kam dadurch in die Lage, allen Bildungszweigen die wefentlichfte Unterſtützung angedeihen zu laffen. Ihr verdankt man die Einrichtung einer Mufterzeichen- Schule und eines Seminars für Zeichenlehrer. Das Nationalmufeum wurde während der Jahre 1869 bis 1871 mit 239.102 fl. dotirt und ebenfo reichlich das National confervatorium zur Förderung des mufikalifchen Unterrichtes bedacht. Im nächften Allgemeine Bildungsmittel. 39 Herbfte tritt eine Landes- Mufikakademie ins Leben und zur Erhaltung und Sammlung gefchichtlicher Kunftwerke find anfehnliche Beiträge gezeichnet. - In anerkennenswerther Weife ift die Regierung bemüht, den die Fortbildung der Lehrer erftrebenden Vereinen jeden Vorfchub zu leiften. Dank der von ihr ausgegangenen Unterſtützung find beinahe 100 Lehrervereine und Fortbildungscurfe für Lehrer mit Rückficht auf Pädagogik überhaupt, Turnkunft, auch Landwirthschaft und Weinbau entftanden. Volksfchullehrer erhalten zu ihrer Fortbildung im Auslande je nach deren Anwefenheit dafelbft einen Geldbetrag von 300 bis 1000 fl. Lehrer, welche die Erwachſenen im Schreiben und Ungarn zählt gegenLefen unterrichten, empfangen für jedes Individuum 3 fl. wärtig auch mehr als 200 von den Lehrern gebildete Lefevereine. Der im Jahre 1828 ins Leben gerufene Verein zur Verbreitung der Kinderbewahr- Anftalten wirkt unausgefetzt wohlthätig fort und bewährt fich als Mufterinftitut für die später entstandenen zahlreichen Vereine. Die Fröbel'fchen Kindergärten gedeihen überall, dank den Beftrebungen der Frauenvereine, unter denen befonders der unter dem Schutze der Gräfin Bathyany, Baronin Eötves, Baronin Senyey und Frau von Tifza gegründete grofse Kinderfchutz- Verein hervorragt. Die Regierung läfst es an Ermunterung diefer Vereine durch reiche Geldfpenden nicht fehlen. So gewährte fie dem Frauen- Bildungsverein 6000, dem Kleinkinder- Verein in Szigeth 4000, dem Verein zur Verbreitung der Kinderbewahr- Anftalten 4000, der KinderbewahrAnftalt in Klaufenburg 2000 fl. u. f. w. Von der Regfamkeit der verfchiedenartigften Bildungsvereine bieten die vielen ſtatiſtiſchen Mittheilungen derfelben in der Weltausftellung ein ehrendes Zeugnifs. Diefelben entwickeln mitunter eine rege literarifche Thätigkeit. Dahin gehören auch die mit Verdienftmedaillen ausgezeichneten Inftitute, als die ungarifche geologifche Gefellſchaft, die Kisfaludygefellfchaft, die königlich ungarifchen naturwiffenfchaftlichen Vereine in Buda- Peft und Prefsburg, die Kleinkinder- Bewahranftalt in Buda- Peft, der nationale Mufikverein in Buda- Peft und die Siebenbürger naturwiflenfchaftliche Gefellſchaft in Hermannftadt.- Die periodifche Preffe findet in Ungarn ebenfalls rege Pflege. Ueberhaupt erfcheinen im Königreiche gegenwärtig 314 Journale, darunter 187 in ungarifcher, 78 in deutfcher, 13 in kroatifcher, 9 in rumänifcher, 6 in ferbifcher, 2 in ruthenifcher, 5 in italienifcher, 3 in hebräifcher, I in bulgarifcher Sprache. Die Regierung veröffentlicht unter Anderem das Volksfchullehrer- Blatt, eine pädagogifche Wochenfchrift in ungarifcher, deutfcher, flovakifcher, kroatifcher, ferbifcher, rumänifcher und ruthenifcher Sprache, und läfst von diefem Journale, welches jährlich einen Koftenaufwand von mehr als 30.000 fl. in Anfpruch nimmt, 16.000 Exemplare den Lehrern im Lande unentgeltlich zukommen. Kroatien. Wenn auch das veraltete ,, Systema scholarum elementarium" dort noch wenigftens als Grundlage des Volksunterrichts gilt, fo ift doch nicht in Abrede zu ftellen, dafs das Volks- Schulwefen in neuefter Zeit in Folge der Einführung des neuen, den Verhältniffen und Bedürfniffen mehr entsprechenden Schulgefetzes vom Jahre 1869 fich entfchieden gebeffert hat. Nicht minder war man beftrebt, dem höheren Unterrichte, fowie den Fachinftituten, als der land- und forftwirthschaftlichen Lehranftalt in Kreuz, den nautifchen Schulen in Fiume und Buccari, den Handelsſchulen in Agram, Warasdin und Effegg die gebührende Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Auch verfchiedene in Agram beftehende Vereine liefsen fich die Förderung geiftiger Bildung nicht ohne Erfolg angelegen fein. Dahin gehören die füdflavifche Akademie der Wiffenfchaften und Künfte, die Matica crvatska und der St. Hieronymusverein zur Verbreitung belehrender Schriften, der Verein für füdflavifche Gefchichte und Alterthümer, der pädagogifch- literarifche Verein, die 40 J. Löwenthal. landwirthfchaftliche Gefellfchaft und das Nationalmufeum mit feiner nicht unbedeutenden Bibliothek. Die Journalliteratur findet ihre Pflege in achtzehn Zeitfchriften, von denen zwölf in kroatifcher, vier in deutfcher und zwei in italienifcher Sprache erfcheinen. In Agram allein werden eilf Journale( darunter drei politifche in kroatifcher und eines in deutfcher Sprache) veröffentlicht. Die übrigen fieben Blätter vertheilen fich auf Fiume( zwei), Warasdin, Effegg, Semlin, Vukovar und Diakovar. Das deutfche Reich. Es bedurfte blofs einer wenn auch nur oberflächlichen Umfchau in den weiten Räumen des der XXVI. Gruppe, nämlich dem Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen gewidmeten umfangreichen Pavillons des deutfchen Reiches, um über die aufserordentliche Reichhaltigkeit der dort vereinten intereffanten Objecte von Erftaunen erfüllt zu werden. Diefes Erftaunen wurde noch gefteigert, wenn man alle diefe Gegenftände einer genauen Prüfung unterzog. Kein einziger Zweig des Wiffensbaumes ift hier unbeachtet geblieben, deffen forgfältige Pflege man fich allenthalben mit fo anerkennenswerthem Eifer angelegen fein läfst. Die in einer Zahl von fechs Millionen Schülern befuchten, ungefähr 60.000 Elementarfchulen, die vielen Taubftummen- und Blinden- Lehranftalten, die nun überall als Bedürfnifs anerkannten, nach dem Fröbel'fchen Syfteme organifirten Kleinkinder- Schulen, die namentlich im Königreiche Württem berg auf einer hohen Stufe ftehenden Fortbildungs- Anftalten für die Handwerkerjugend, die Kunft Gewerbefchulen, vorzüglich in den rheinpreufsifchen und baierifchen Mittelpunkten der Induftrie, die den 21 Hochſchulen fich anreihenden polytechnifchen Inftitute und höheren landwirthfchaftlichen Anftalten; die in allen Theilen des Reiches trefflich organifirten, mehr als 380 Gymnafien, die 485 Real- and höheren Bürgerfchulen, die vielen Gewerbe- und Handelsfchulen, die mit jedem Jahre fich vermehrenden höheren Töchterfchulen, deren bereits Preufsen mehr als 260 und die anderen Staaten 54 befitzen, endlich die im deutfchen Reiche wirkenden 143 Schullehrer- Seminarien, fie alle waren in der Weltausftellung durch irgend eine hervorragende Leiftung vertreten. Diefe Leiftungen find jedoch fo zahlreich und umfaffend, dafs wir uns es um fo mehr verfagen müffen, auf jede einzelne einzugehen, als wir überdies erwarten dürfen, in anderen fpeciellen Berichten fowohl das Unterrichtswefen, als die literarifchen Leiftungen in verdienter Weife gewürdiget zu fehen. Wir glauben uns daher blofs auf die Andeutung der Beftrebungen einzelner Vereine befchränken zu dürfen. Die Fortbildung des Gewerbeftandes laffen fich namentlich der Handwerker- Verein in Berlin und der Gewerbeverein in Wiesbaden angelegen fein. Der Letteverein in Berlin hat fich die Förderung der höheren Bildung und der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Gefchlechtes zur Aufgabe geftellt, und ebenfo erfolgreich wie er, wirken in ihren Kreifen die landwirthfchaftlichen Vereine in Baiern, Württemberg, Baden, im Grofsherzogthum Heffen, in Hamburg u. f. w. Die landwirthfchaftliche Vorbildung hatte im Allgemeinen bisher noch viel zu wünfchen übrig gelaffen, aber in den füdlichen und weftlichen Theilen des Reiches tritt auch in diefer Beziehung eine gröfsere Regfamkeit zu Tage und auf den glücklichen Erfolg deutet die Anerkennung hin, welche eben in unferer Weltausftellung die Leiftungen der Centralftellen für die Landwirthfchaft in Darmſtadt, Stuttgart und Carlsruhe, der landwirthfchaftlichen Abtheilung des Polytechnicums in München, der landwirthschaftlichen Akademien in Eldena, dann in Popelsdorf, Proskau, Hohenheim und Weihenftephan, der Kunftgewerbe- Verein in München, ferner die Kunstgewerbe- Schulen in Stuttgart, München und Nürnberg durch die ihnen verliehenen Ehrendiplome gefunden haben. Eine faft unüberfehbare Menge der Allgemeine Bildungsmittel. 41 verfchiedenartigften Behelfe als Mittel zur Fortbildung trat dem Auge allenthalben entgegen. Dahin gehören nicht nur alle Zweige des Unterrichtes behandelnde Bücher, Karten, Globen u. f. w., fondern auch die finnreichften wiffenfchaftlichen, mit Kunftfertigkeit hergeftellten Apparate, Modelle jeder Art. Diefe Bildungsmittel gehen theils von den betreffenden Anftalten, und felbft von einzelnen Privatperfonen aus, theils werden fie von den verfchiedenen Vereinen und auch von bedeutenden Verlagshandlungen, als Otto Wiegand, Nicolai'fche Buchhandlung, Kortkampf, Dietrich Reimer, Kellner& Comp., Carl Flemming, Juftus Perthes und Anderen geboten, fo dafs fämmtliche Zweige der Wiffenfchaft in der Ausftellung ihre würdige Vertretung hatten. Es iſt nicht, wie angedeutet, unfere Aufgabe, einen Literaturbericht zu entwerfen, zu welchem uns ein fo reichhaltiger Stoff vorliegt, wir wollen daher nur noch fchliefslich bemerken, dafs die deutfche Centralcommiffion auch eine Ausftellung der periodifchen Preffe veranſtaltet hat, welche durch je eine Nummer der in Deutfchland erfcheinenden Zeitungen, Wochen- und Monatsfchriften wiffenfchaftlichen, artiftifchen und technifchen Inhaltes repräfentirt find. Ueberhaupt werden im deutfchen Reiche gegen 2500 Blätter veröffentlicht, und zwar meiftens im Königreiche Preufsen; in dem uns vorliegenden, 2064 Journale umfaffenden Verzeichniffe vermiffen wir jedoch die in Württemberg, Baiern und Baden erfcheinenden. In Berlin werden 240, in Leipzig 162, in Hamburg 47, in Dresden 44, in Trier 23, in Breslau 22, in Frankfurt am Main 22, in Bremen 19, in Cöln 16, in Königsberg und Mainz je 13, in Braunfchweig und Elberfeld je 12, in Stettin 11, in Darmstadt 9, in Gotha 10, in Strafsburg 8, in Kaffel 7 und in Weimar 6 Blätter veröffentlicht. Schweden. Es würde uns zu weit führen, wenn wir hier auseinanderfetzen wollten, wie viel in Schweden für fein Erziehungs-, Unterrichts- und Bildungswefen gefchieht. Es gibt dort nicht nur Kleinkinder- Schulen, fefte und der örtlichen Verhältniffe wegen ambulatorifche Volksfchulen, fondern auch Inftitute, um den mit befferer Faffungskraft und lebhafterer Lernbegierde begabten, den Arbeiterclaffen angehörenden Kindern unter Leitung akademifch gebildeter Lehrer einen etwas höheren Bildungsgrad zu verfchaffen. Die Gehalte der Lehrer find in den Städten wie in den Dörfern fo bemeffen, dafs diefelben fich forgenlos ganz ihrem Berufe widmen können. Zur Bildung der Lehrer und Lehrerinen für Volksfchulen beftehen 7 Lehrer- und 2 Lehrerinenfeminarien. Die Koften für den im Allgemeinen abgabenfreien Volksunterricht werden von den Communen beftritten, welche unter gewiffen Bedingungen auch Beiträge und Unterstützungen aus Staatsmitteln erhalten. Die betreffenden Ausgaben beliefen fich im Jahre 1871 auf 3,777.290 Rdr., zu denen der Staat 1,203.322 Rdr. beitrug. Für die weitere Fortbildung forgen die vom Staate unterhaltenen Mittelfchulen, technifchen Lehranstalten, Fachfchulen und die Univerfitäten in Upfala und Lund. Zu den Inftituten für höhere Bildung gehören ferner die fchwediſche Akademie, die Akademie der Wiffenfchaften, die Akademie der Landwirthschaft, die Akademie der fchönen Literatur, der Gefchichte und Alterthümer, der freien Künfte, die mufikalifche Akademie und die vielen gelehrten Vereine. Schwedens bedeutendfte Bibliotheken find die der Univerfität Upfala mit mehr als 160.000 Bänden und 8000 Handfchriften, die Nationalbibliothek in Stockholm mit mehr als 150.000 Bänden und 7500 Handfchriften und die Bibliothek der Univerfität von Lund mit mehr als 100.000 Bänden. Wie in vielen anderen Ländern fühlte man auch in Schweden das Bedürfnifs, dem weiblichen Gefchlechte einen gründlicheren und mehr fyftematifchen Unterricht zu ertheilen, andererfeits aber auch demfelben vermehrte Gelegenheit zur Selbftverforgung zu bereiten. Um diefes Ziel zu erreichen, 42 J. Löwenthal. entftanden in dem letzten Decennium meiftens in Stockholm, aufser zwei anderen Seminarien, das Staatsfeminarium zur Bildung von Lehrerinen, die Normalfchule des Staates für Mädchen, höhere Elementarfchulen für das weibliche Gefchlecht, der Lehrcurfus für die weibliche Jugend, die muſikaliſche Akademie nebft Confervatorium, die weibliche Volksfchule in Samuelsberg. Ueberdies wurden die königliche Akademie der freien Künfte und die Gewerbefchule in Stockholm den weiblichen Zöglingen geöffnet. Wenn von Bildungsmitteln die Rede ift, dürfen auch die vielen Arbeits-, Sonntags- und Abendſchulen nicht unerwähnt bleiben. Unter den Buchdruckerei- Erzeugniffen nehmen in Schweden wie überall die Journale einen hervorragenden Platz ein. Im Jahre 1871 erfchienen deren 216, davon 52 in Stockholm. Im Jahre 1870 wurden allein durch die Poft 6,432.870 inländifche und 317.430 ausländifche Exemplare expedirt. Seitdem hat jedoch das Journalwefen bedeutend zugenommen. Dänemark. Wie in anderen nördlichen Gegenden, deren Bevölkerung auf dem Lande vereinzelt und zu entfernt von einander lebt, um die Schulkinder eines Diftrictes an einem Platze zu vereinen, gibt es auch in Dänemark ambulatorifche Schulen, deren Lehrer den Unterricht in verfchiedenen Ortſchaften ertheilt. Die Befoldung der Volksfchul- Lehrer geht von den Communen aus, welche auch für die Herbeifchaffung der Lehrmittel und die Erhaltung der Schulhäufer Sorge tragen. Zur Vorbereitung für die Univerfität beſtehen in Dänemark 14 Staatsgymnafien. Aufser einer Staats- Realfchule auf Bornholm gibt es in verfchiedenen Städten gut organifirte Realfchulen und zur Heranbildung zu fpeciellen Fächern beftehen polytechniſche, dann landwirthfchaftliche, thierärztliche, forftliche Schulen, das techniſche Inftitut für Handwerker, die Kunftakademie in Kopenhagen, und nach dem Mufter des techniſchen Inftitutes in den Städten gegen 40 HandwerkerSchulen. Faft überall gibt es Uebungsanftalten für Bauern, welche zu mündlichen und fchriftlichen Vorträgen angeleitet werden und aus denen grofsentheils die Kammermitglieder hervorgehen. Zur Belehrung der Landbewohner tragen auch die Volksbibliotheken bei. Die periodifche Preffe ift in ungefähr 200 Blättern vertreten, von denen etwa die Hälfte, darunter 10 politifche Zeitungen, in Kopenhagen erfcheint. Die in den Provinzen veröffentlichten hundert Zeitungen find faft durchgehends politifchen Inhaltes. Die Fachjournale erftrecken sich über Theologie( 10) Rechtswiffenfchaft, Phyfik, Medicin, Pharmaceutik, Chemie, Naturwiffenfchaft, Botanik, Archäologie, Gefchichte, Geographie, die einzelnen Induſtriezweige u. f. w. Es fehlt auch nicht an illuftrirten Blättern. Das Vereinswefen findet eine gute Pflege. Kopenhagen und einige Städte haben verfchiedene wiffenfchaftliche Vereine aufzuweifen. Der Induftrieverein in Kopenhagen hat gegen 5000 Mitglieder und veranſtaltet jeden Freitag kleine Ausftellungen, über welche Vorträge gehalten werden. Er hat die Induftrieausftellung im Jahre 1852 und die fkandinavifche im Jahre 1872 in Kopenhagen auf feine Koften veranſtaltet, und ihm verdankt man auch Dänemarks Betheiligung an der Parifer Ausftellung im Jahre 1867 und an der jetzigen Wiener Weltausftellung. Sehr erfpriefslich wirkt ferner der gegen 4000 Mitglieder zählende Handwerker- Verein in Kopenhagen, welcher auch als Vorbild der in anderen Städten entstandenen HandwerkerVereine betrachtet werden darf. Zu den verbreiteften Volksfchriften in Dänemark gehören die Almanaks" von Flinch in Kopenhagen und Visbok in Koldingen. Beide Almanache haben gute Illuftrationen und ftets neue Erzählungen und Gedichte der anerkannteften dänifchen Schriftfteller aufzuweifen. Von erfterem werden jährlich 150.000, von letzterem 100.000 Exemplare abgefetzt. Diefe Zahlen erfcheinen um fo bedeutender, wenn man erwägt, dafs Dänemark nur 1,845.000 Einwohner zählt. " Allgemeine Bildungsmittel. 43 Niederlande. Man kann auf die Sorgfalt, welche das Königreich der Niederlande dem Bildungswefen widmet, fchon daraus fchliefsen, dafs die Ausgaben allein für den Elementarunterricht im Jahre 1870: 5,166.143 fl. betragen haben, während der höhere Unterricht ebenfalls fehr bedeutende Geldbeträge in Anfpruch nimmt. Die Koften für die Induftriefchulen werden faft durchgehends von den Communen beftritten, fowie diefe auch unter den 47 höheren Mittelfchulen 27 unterhalten und von der Regierung nur Unterſtützungsbeiträge empfangen. Die drei Staatsuniverfitäten in Leiden, Utrecht und Gröningen wurden im Jahre 1870 von 1339 Studirenden befucht. Die Lehrer der verfchiedenartigen Glaubensgenoffen in den Niederlanden als Remonftranten, Menoniten, Ifraeliten, Separatiften, Janfeniften und Katholiken werden in ihrem eigenen Seminarien herangebildet. Die Preffe war im Jahre 1871 durch 222 Journale vertreten, von denen 34 wöchentlich fechsmal erfchienen. Die übrigen periodifchen Blätter beftanden in Wochen- und Monatfchriften und vierteljährlichen Revuen. In den niederländifchen Colonien, wo aufser Java und den Molukken, deren Bewohner fich der Wohlthaten der Civilifation erfreuen, nimmt die Gefittung in dem Mafse ab, als man in das Innere dringt. Im Innern von Sumatra ift fogar noch das Piratenthum zu Haufe und in Neuguinea erheben fich die Eingebornen kaum über den Zuftand der Wildheit. Belgien. Belgien hat die XXVI. Gruppe der Weltausftellung gerade nicht fehr reichlich, aber immerhin in einer Weife bedacht, welche fattfam beurkundet, wie fehr dort die Förderung des Bildungswefens die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anspruch nimmt und wie fehr man hauptfächlich beftrebt ift, zur Hebung des geiftigen und fittlichen Zuftandes der niederen Volksfchichten nachhelfend die Hand zu bieten. Wir glauben, auf die vorliegenden Nachweife geftützt, hervorheben zu können, dafs der Impuls hiezu auch vom Minifterium des Innern ausgeht, welches nicht nur im Allgemeinen dem niederen wie dem höheren Unterrichte, fondern auch den vielen Privatvereinen feine Fürforge zuwendet, welche fich hauptfächlich zur Förderung des Wohles der arbeitenden Claffen gebildet haben. Diefer Fürforge ift auch die Blüthe der landwirthfchaftlichen Inftitute zu verdanken, unter denen namentlich jenes zu Gembloux fowie die Gartenbau- Schulen in Gent und Vilvorde hervorzuheben find. Letztere wurde auch von unferer Jury für ihre Leiftungen durch Zuerkennung eines Ehrendiploms ausgezeichnet. Durch Schrift und That wirken unter den Gefellfchaften zum Wohle der Arbeiterclaffen die Centralgefellfchaft der belgifchen Lehrer in Brüffel, die van Combrugghes- Genootfchaft in Gent, die Gefellſchaft John Cockerill in Sairing, die École populaire in Lüttich und viele Andere. Erwähnen wir noch, dafs die Ausftellung bedeutende claffifche Werke und fehr beachtenswerthe Schriften über Pädagogik und Methodologie, fowie eine Sammlung vieler periodifcher Zeitfchriften aufzuweifen hatte. England. Wenn wir Englands Beftrebungen, das Bildungswefen zu fördern, nur nach den Vorlagen in der XXVI. Gruppe der Weltausftellung zu beurtheilen hätten, fo würden wir in Verlegenheit gerathen, zu fagen, welchen Rang wir ihm unter allen übrigen Ländern anweifen. Mit Ausnahme einiger wiffenfchaftlicher und pädagogifcher Werke in deutfcher und franzöfifcher Sprache, einiger Schulutenfilien fowie der Büchersammlungen der„ British and foreign bible society", der Zeitfchriften 44 J. Löwenthal. und Tractate der ,, Religious Tract Society" in allen europäifchen, indifchen, nordamerikaniſch- indifchen und afrikaniſchen Sprachen, endlich der von der„ Sunday school Union" ausgeftellten Karten, Bücher u. f. w. zum Gebrauche in den Sonntagsfchulen dürfte kaum etwas vorzufinden gewefen fein, was uns vermuthen liefse, dafs es von einem Lande herrührt, das nach allen Richtungen hin als ein Muſterftaat gelten kann, deffen Leiftungen uns oft mit Bewunderung erfüllen und in welchem fowie auch in feinen Colonien den Bildungsmitteln ficherlich die gröfste Aufmerkfamkeit zugewendet wird. In Melbourne, der Hauptftadt der britifchen Colonie Victoria in Auftralien z. B., gibt es eine auf Staatskoften errichtete Bibliothek mit mehr als 70.000 Bänden, die jährlich noch vermehrt werden; Muſeen, Nationalgalerien und mechanifche Inftitute erftreben dort die Fortbildung der Erwachfenen und die Schulen, deren es im Jahre 1870 mehr als 900 gab, halten, und dies gilt fowohl von den niederen als von den höheren Unterrichtsanftalten, den Vergleich mit den beften europäiſchen aus. Viel reicher war die XXVI. Gruppe von Britifch- Indien bedacht, in welcher durch die Vorforge der Localcomités von Bombay, Madras, Bengalen, Punjab, Myfore, Birma, Bera, Hyderabad, Indore u. f. w. die intereffanteften literarifchen und graphifchen Erzeugniffe vorlagen. Wir fanden unter denfelben Karten, Globen, architektonifche und geometriſche Zeichnungen, Lehrbücher in englifcher und Hindufprache, Sanfcritsclaffiker zum Gebrauche der Hochfchulen und Gymnafien, die„ Bibliotheca indica", Zeitungen in arabifchen und indifchen Sprachen, fowie verfchiedene andere periodifche Schriften. Schweiz. In keinem Staate wurde der Aufgabe der Ausftellungscommiffionen, eine Darstellung des Bildungswefens zu bieten, in fo umfaffender Weife entſprochen wie in der Schweiz. Mit der Löfung derfelben wurden die Herren Dr. Hermann Kinkelin in Bafel und Regierungspräfident Ziegler in Zürich betraut, welche eine fehr eingehende Statiſtik der Bildungsvereine fowie des mit demfelben in Verbin dung ftehenden Schulwefens entwarfen. In der Schweiz wird nicht nur der Volksfchule überhaupt die gröfste Sorgfalt zu Theil, fondern auch zur Vorbereitung für den Befuch der Univerſitäten( Bafel, Zürich und Genf), der Akademien( Genf, Laufanne und Neuenberg) in den wohlorganifirten Gymnafien und Realfchulen fowie für die Ausbildung der Volksfchullehrer durch 19 Seminarien vorgeforgt. An Fach- Lehranstalten, wie z. B. die landwirthschaftlichen Inftitute in Bern, Freiburg, Zürich, Thurgau und Aargau, ift ebenfalls kein Mangel und nicht minder tragen die verfchiedenften Vereine zur allgemeinen Bildung bei. Denfelben dürfte auch kaum in fonft irgend einem Lande ein fo umfaffender Wirkungskreis vorgezeichnet fein. Man zählt in der Schweiz gegenwärtig mehr als 4000 Vereine mit mehr als 500.000 Mitgliedern und es befteht kein Zweig der gefellfchaftlichen Thätigkeit, der nicht durch Vereine forgfältig gepflegt und feiner Entwicklung zugeführt würde. Die aus den gegenfeitigen Hilfsgefellſchaften gebildeten Affociationen mit beinahe 100.000 Mitgliedern befchränken fich nicht auf die Schweiz, fondern dehnen ihren Wirkungskreis auch auf das Ausland aus, wo deren 45 mit vom Bund fubventionirt werden. Viele Vereine haben einen die ganze Schweiz umfaffenden Charakter. Dahin gehören der eidgenöfüifche Sängerverein, die fchweize rifche Mufikgefellſchaft, der fchweizerifche Kunftverein, die fchweizerifche naturforfchende Gefellfchaft, die fchweizerifche Gefchichtsforfcher- Gefellfchaft, die fchweizerifche Gefellfchaft für Alterthumskunde, die Gefellfchaft der fchweizerifchen Aerzte, der fchweizerifche Juriftenverein, die fchweizerifche Predigergenoffenfchaft, die fchweizerifche Induftriegefellfchaft, die fchweizerifche gemeinnützige Gefellſchaft, der eidgenöffifche Schützenverein, der eidgenöffifche OfficierUnterofficier- und Cavallerievereine. Denfelben reihen fich die vielen Lefegefellfchaften in jeder einigermafsen bedeutenden Ortſchaft an. Allgemeine Bildungsmittel. 45 In der fehr eingehend behandelten Statiſtik der fchweizerifchen Journale wird die Zahl der in den verfchiedenen Cantonen im Jahre 1872 erfchienenen Zeitfchriften auf 412 angegeben, davon 64 in Bern, 47 in Zürich und Waadt, 40 in Aargau, 25 in St. Gallen, 18 in Neuenburg, 16 in Bafel Stadt und Thurgau, 15 in Graubündten, 14 in Teffin, 13 in Solothurn, 12 in Freiburg, II in Luzern, 10 in Schwyz und Schaffhaufen, ó in Bafel Land, 5 in Appenzell Aufserrhoden und Wallis, 4 in Glarus, 3 in Obwalden und Zug, 2 im Nidwalde und I in Uri und Appenzell Innerrhoden. Der Sprache nach waren 266 deutfch, 118 franzöfifch, 16 italienifch, 5 romanifch und I englifch( ,, Swifs Times" in Genf). Eine Eigenthümlichkeit bildet das Beiblatt des in Aigle( Waadt) erfcheinenden„ Messager des alpes" unter dem Titel L'Agace, beftimmt den Patois des waadtländifchen Oberlandes zu erhalten und weiter zu bilden. Bis zum Jahre 1700 befafs die Schweiz nur I Journal( Zürich); bis 1800 erfchienen im Ganzen 3 deutfche und 4 franzöfifche Blätter. Dann ftieg deren Zahl von Jahr zu Jahr und in den Jahren 1871-72 wurden 53 neue Journale gegründet. Die meiſten haben eine Auflage von 500 bis 1000, 15 eine von mehr als 5000, 5 bis von 10.000 und 3 von 20.000 Exemplaren und darüber. Der Guide- Privat in Genf, ein Eifenbahn- und Dampfboot- Cursbuch, wird monatlich in 50.000 Exemplaren ausgegeben. Von den Blättern erfcheinen 7 fiebenmal, 39 fechsmal, 54 dreimal, 93 zweimal, 134 einmal wöchentlich, 32 alle vierzehn Tage, 44 jeden Monat, 5 alle drei Monate, I jedes halbe Jahr. Im Ganzen wurden im Jahre 1872 90,875.388 Nummern ausgegeben und 37,849.925 durch die Poft befördert. Frankreich. Das franzöfifche Minifterium des Ackerbaues und des Handels wendet, wie aus der von der Direction des Ackerbaues für die Weltausftellung veröffentlichten ,, Notice sur les objets exposés" erhellt, feine befondere Sorgfalt dem landwirthfchaftlichen Unterrichte zu. Frankreich befitzt drei unter Aufficht des Minifteriums ftehende landwirthfchaftliche Anftalten: in Grignon( Seine et Oise), Grand Jouan ( Loire inférieure) und Montpellier( Herauld). Die erftere zählt 1245 theils interne, theils externe Zöglinge, welche in dem Inftitute fowohl theoretifchen als praktifchen Unterricht geniefsen. Der theoretifche Unterricht erftreckt fich über Landbau, Zoologie, Phyfik, Meteorologie, Mineralogie, Geologie, Botanik, Forftwiffenfchaft, Mechanik, Chemie, Technologie, landwirthschaftliche Gefetzgebung und Verwaltung. Zur Ausübung des praktiſchen Unterrichtes befitzt das Inftitut 47 Hektaren urbaren Bodens und 32 Hektaren Gehölz, ein Mufterfeld, Küchengarten, eine Schweizerei, eine Schäferei und einen Schweineftall. Die feit dem Jahre 1841 beftehende Schule in Grand Jouan befitzt nebft den 5 Hektaren umfaffenden Gärten, 21 Hektaren urbaren Bodens, läfst fich befonders die Förderung der landwirthfchaftlichen Intereffen von Weftfrankreich angelegen fein und ertheilt ebenfo wie die Schule von Grignon theoretifchen und praktiſchen Unterricht. Mit diefer Anftalt fteht auch die über 120 Hektaren fich erftreckende Mufterwirthfchaft in Rieffelland in der Nähe von Grand- Jouan in Verbindung. Die Schule von Montpellier hat es hauptfächlich auf die Förderung der Wein- und Obftcultur abgefehen und befitzt alle Behelfe zu dem vorgezeichneten Zwecke. Die Zöglinge aller drei Anftalten unternehmen je nach der Lehrzeit landwirthfchaftliche, botanifche, forftliche, geologifche und technologifche Ausflüge unter Leitung der Profefforen. Die Zöglinge haben fich am Ende ihrer Studien einer Prüfung zu unterziehen und erhalten mit dem Zeugniffe der Reife die Befugnifs, fich um das diplome d'ingénieur agricole zu bewerben. Zur Heranbildung gefchickter landwirthschaftlicher Gehilfen, Pächter, Meier, Hirten oder Gärtner gibt es 42 fo genannte Fermes- écoles, welche vom Jahre 1835 bis 1867 mehr als 6000 junge Leute für die verfchiedenen Fächer herangebildet und ihrer Beftimmung zugeführt haben. Aufser diefen und verfchiedenen anderen Inftituten laffen fich auch mehrere 46 J. Löwenthal. Vereine die Förderung der landwirthfchaftlichen Intereffen angelegen fein. Dahin gehören die bereits im vorigen Jahrhundert gegründeten Ackerbau- Gefellſchaften in Rheims, Tours, Paris, La Rochelle, Rouen, Lyon, Orleans, Soiffons, Bourges, Alençon und Auch; gegenwärtig zählt Frankreich 353 Ackerbau- und Gartenbau Gefellſchaften. - Frankreich hatte auch die hohe Wichtigkeit der Thier- Arzneikunde bereits im verfloffenen Jahrhundert durch Errichtung der Thier- Arzneifchulen in Lyon und Alfort( Seine) anerkannt. Eine dritte in Touloufe wurde im Jahre 1835 eingeweiht. Jedes diefer Inftitute umfafst fechs Lehrftühle und der Unterricht erftreckt fich über Anatomie, Phyfiologie, Zoologie, Phyfik, Chemie, Pharmakologie, Toxikologie, Hygiene, Botanik, Pathologie, Therapie, Sanitätspolizei. In den erwähnten drei Schulen find feit deren Gründung 14.691 Zuhörer aufgenommen und in Touloufe vom Jahre 1835 bis 1872: 1300 Aerzte mit Diplom verfehen worden. Ueberhaupt geht aus den Vorlagen in der Weltausftellung hervor, wie fehr auch Frankreich bemüht ift, dem Bildungswefen nach allen Richtungen hin jeden Vorfchub zu leiften. Nicht weniger als 202 öffentliche und Privatfchulen und Erziehungsanftalten haben fich an denfelben betheiligt. Die„ Ecole pratique des hautes études" in Paris hat fich die Heranbildung tüchtiger Lehrkräfte zum Ziele gefetzt und wurde für ihr erfolgreiches Streben von der Jury durch einen Ehrenpreis ausgezeichnet, aber auch andere Inftitute und Vereine hatten fich in Betracht ihrer die Volksbildung und namentlich die fittliche wie die geiftige Verbefferung der arbeitenden Claffen erftrebenden Leiftungen vielfeitig der Anerkennung in der Ausftellung zu erfreuen. Nennen wir hier in diefer Beziehung die in Paris wirkenden„ Affociation politechnique pour l'inftruction gratuite des ouvriers", das ,, Confiftoire Ifraélite", die„ École de commerce", der„ Handelskammer", die verfchiedenen Orphelinats zur Erziehung und Heranbildung der Waifen, die„ Salle d'afyle communale" zur Einbürgerung des Fröbel'fchen Syftems der Kindergärten, die„ Societé de protection", die fich mit fehr grofser Humanität der Lehrlinge und Kinder in den Fabriken annimmt, die die landwirthfchaftlichen und induftriellen Wiffenfchaften fördernden Vereine in verfchiedenen Städten. Auch einigen Buchhandlungen gebührt die Anerkennung, durch gediegene Schriften zur Verbreitung nützlicher Kenntniffe beizutragen, fo Hetzel durch feine Kinderfchriften und Abhandlungen über Erziehungswefen, Lanée und Lechevalier durch ihre Wandkarten und Atlanten, Lahure durch die Herausgabe der franzöfifchen Claffiker für die Jugend. Ueber die periodifche Preffe fanden wir nichts vor. In Algerien macht das Bildungswefen unter der europäiſchen Bevölkerung merkliche Fortfchritte. Für den Elementarunterricht forgten im Jahre 1870 in den drei Departements Algier, Oran und Conftantine 371 öffentliche und 97 Privatfchulen, welche von 52.394 Schülern befucht wurden. Der höhere Unterricht wird in dem Lyceum von Algier und in den Gymnafien von Bona, Conftantine, Philippeville, Oran und Tlemcen mit dem beften Erfolg ertheilt. In Algier befteht auch eine medicinifche und pharmaceutifche Schule. Faft jede Stadt hat ihre Buchdruckerei und ein oder einige Journale, welche wie viele wiffenfchaftliche Werke theils in franzöfifcher, theils in arabifcher Sprache erfcheinen. Die öffentlichen Bibliotheken befitzen viele fehr alte, gut erhaltene und kaligraphifch fehr zierlich ausgeführte arabifche Manufcripte. Italien. Wenn wir die maffenhaft in der italienifchen Galerie aufgehäuften Druckfchriften aller Art mufterten, fo konnten wir uns der Bemerkung nicht erwehren, dafs viele mit unterlaufen, welche eine noch fo gelinde Kritik fchwerlich beftehen und wohl bei einiger auch nur oberflächlichen Prüfung derfelben nicht neben anderen Allgemeine Bildungsmittel. 47 wirklich gediegenen Werken ihre jetzige Stelle eingenommen haben würden. Wir müffen jedoch zugeftehen, dafs aus den vorliegenden Erziehungs- und Unterrichtsfchriften jedenfalls das anerkennenswerthe Streben nach Verbefferung des moralifchen und geiftigen Zuftandes der Bewohner hervorgeht. Wie faft überall gingen auch hier die Regierung und die verfchiedenartigen Vereine Hand in Hand. Während die Minifterien des Unterrichtes, des Ackerbaues und des Handels den zu ihren Refforts gehörenden Anftalten jeden Vorfchub zu leiften bemüht waren, fuchten die Vereine nach allen Richtungen hin Wiffenfchaft, Kunft und Induſtrie zu fördern, für die Fortbildung der Erwachſenen Sorge zu tragen und dabei vornehmlich ihr Augenmerk auf jene Schichten der Bevölkerung zu richten, die am meiften der Anregung und Beihilfe bedürfen. Die günftigen Erfolge zeigen die wiffenfchaftlichen und technifchen Leiftungen der vielen Lehranstalten, während von der Tendenz der Vereine die Vorlagen betreffend die vielen„ Asili infantili", das ,, Comitato legure per l'educazione del popolo" in Genua, die ,, Società promotrice dell'industria nazionale" in Turin, das„ Istituto tecnico" in Mantua und die ,, Lega d'insegnamento popolare" in Verona, fo wie die vielen anderen KleinkinderSchulen und Blindenanftalten u. f. w. das befte Zeugnifs geben. Als eine hohe fehr werthvolle literarifche Arbeit bezeichnen wir auch die auf den Wunſch des italienifchen Minifteriums des Ackerbaues, der Induftrie und des Handels eigens für die Weltausftellung verfafste Denkfchrift über das R. Mufeo industriale italiano" in Turin. Der Verfaffer, Director des Muſeums, G. Codazzo fendet der Gefchichte diefer Anftalt einige Mittheilungen über andere ähnliche Inftitute, als das South Kenſington Mufeum in London, das Confervatorium der Künfte und Gewerbe in Paris, das öfterreichifche Muſeum für Kunft und Induftrie in Wien und das deutfche Gewerbemufeum in Berlin voran, und geht dann zur Schilderung der mit dem Muſeo induftriale italiano in Verbindung ftehenden Anftalten über. Diefe beftehen in phyfikalifchen, chemifchen Cabinetten und Laboratorien, in technolo gifchen und Zeichenfchulen, einer reichhaltigen Bibliothek und den verfchiedenartigften Mitteln zur Förderung der Kunftinduftrie, als Zeichnungen, Modellen u. f. w. " - Die periodifche Preffe hat auch in Italien bedeutende Fortfchritte aufzuweifen. Im Jahre 1870 wurden 723 Journale veröffentlicht, darunter 101 in Florenz als damaliger Hauptftadt, 93 in der Provinz Mailand, 73 in jener von Turin, 47 in den neapolitanifchen Provinzen, 37 in Genua, 32 in Bologna, 31 in Venedig. In den Provinzen Abruzzo ulteriore I., Bafilicata, Ferrara und Grofsetto erfchien nur je ein officielles Journal. Abruzzo ulteriore II. entbehrte fogar diefs eine. Im folgenden Jahre ftieg die Zahl der Blätter auf 765 und im gegenwärtigen Jahre erfcheinen deren 1126; die meiften in der Provinz Mailand( 138), dann folgen die Provinzen Rom( 108), Florenz( 107), Turin( 85), Neapel( 81), Genua( 53), Palermo( 48), Venedig( 38), Aleffandria( 22) u. f. w. Maffa und Trapani befafsen nur je eine Zeitung.- Dem Inhalte nach gab es 393 politifche, 100 landwirthfchaftliche, 81 religiöfe( 73 katholifche, 7 evangelifche und 1 ifraelitifches) Blätter. Der Erziehung und dem Unterrichte find 58, der Literatur 56, der Kunft und dem Theater 55 Journale gewidmet. Dann ift für jedes Fach durch irgend ein Blatt geforgt. Unter diefen Journalen erfchienen 1097 in italienifcher Sprache, 5 in verfchiedenen Dialekten, 14 in franzöfifcher, 6 in englifcher und 2 in deutfcher Sprache. 387 wurden täglich, die übrigen 739 meiftens als Wochenblätter veröffentlicht.- Italien zählt gegenwärtig 1083 Buchhandlungen und 911 Buchdruckereien mit 2691 Handpreffen, 745 Schnellpreffen und 10.958 Druckergehilfen. Portugal. Die portugiefifche Regierung bemüht fich, das Volksfchul- Wefen einer gröfseren Entwicklung zuzuführen; ihr Streben fcheint jedoch von keinem befonders 48 J. Löwenthal. günftigen Erfolge gekrönt zu fein, wenn man erwägt, dafs gegenüber einer Bevölkerung von beinahe 2,000.000 Einwohnern im ganzen Königreiche im Jahre 1869 nur 1882 Knaben- und 323Mädchenfchulen beftanden, deren Befuch fich auf 48.633 Knaben und 8442 Mädchen befchränkte. Auch die Mittelfchulen bedürfen noch vieler Reformen, wenn fie den Anforderungen entfprechen follen; eine Ausnahme machen allenfalls die Oberfchulen zu Liffabon und Oporto, die ausgezeichnete Univerſität in Coimbra, die polytechnifchen Inftitute und die medicinifchen Schulen in Liffabon und Oporto. Das Bildungswefen fördernd wirken ferner die mit der Univerfität in Coimbra vereinigten Inftitute, als die Bibliothek, Sternwarte, das anatomifche Muſeum, der botanifche Garten, fowie für den landwirthschaftlichen, militärifchen, mufikalifchen und dramatifchen Unterricht die den betreffenden Fächern gewidmeten Anftalten in Liffabon und Oporto. Die öffentlichen Bibliotheken in Liffabon, Evora, Villa Real und Braga werden auf Staatskoften erhalten. Die erftgenannte befitzt beinahe 150.000 Bände und gegen 10.000 Manufcripte nebft einer Sammlung von 25.000 Münzen und Medaillen. Nicht minder läfst fich die Regierung die Förderung des Unterrichtes auf ihren Colonien angelegen fein. Im Jahre 1855 waren auf den capverdifchen Infeln ( Ilhas verdes) kaum einige Schulen; im Jahre 1870/71 hingegen befafs die Infel S. Jago bereits ein Lyceum und viele Schulen. Auch auf den übrigen Infeln wurden Unterrichtsanftalten errichtet, die jedoch bisher keine befonders günftigen Ergebniffe geboten haben. Unter den literarifchen Publicationen der Weltausftellung verdient eine von der Impresa nacional( Staatsdruckerei) veranstaltete reiche Sammlung medicinifcher, mathematiſcher, phyfikalifcher und religiöfer Werke beachtet zu werden. Ein ftatiftifches Tableau zählt die vom Jahre 1641 bis 1872 in Portugal erfchienenen Journale auf. Bis zum Jahre 1697 befafs Liffabon nur 3 Zeitfchriften, im Beginne des XIX. Jahrhunderts II, darunter eine von den portugiefifchen Flüchtlingen in London veröffentlichte. Im Jahre 1810 erfchienen in Liffabon bereits 22 Blätter, deren Zahl fich alsdann merklich verminderte, während dagegen in portugiefifcher Sprache 2 Zeitungen in Brafilien, 3 in London und I in Paris veröffentlicht wurden. Gegenwärtig erfcheinen in Portugal 74 Blätter, von denen 45 in Liffabon, 6 in Oporto, 5 in Coimbra, I in Braga u. f. w. Auf den Infeln werden 9 Journale veröffentlicht. Spanien. Wer hätte wohl gedacht, dafs diefes von der Natur fo reich gefegnete, aber durch die furchtbaren Parteikämpfe in feiner Ruhe geftörte Land die Weltausftellung in einer Weife bedenken werde, wie fie nur von einem beftgeordneten Staate erwartet werden konnte. Nicht nur das Bergbau- und Hüttenwefen, die Landund Forstwirthschaft, fondern alle Zweige einer fehr ausgebreiteten Induſtrie waren durch deren bedeutende Entwicklung beurkundende Erzeugniffe vertreten, und auch die Gruppe XXVI hat in reicher Fülle vielfältige Objecte als Zeugen von den Streben aufzuweifen, in wiffenfchaftlicher wie in focialer Beziehung hinter den Anforderungen unferer Zeit nicht zurückzubleiben. Sehr viele Vereine und einzelne Perfönlichkeiten gehen dabei miteinander Hand in Hand. In Madrid laffen die Vereine Associacio de protectura de artesanos und Fomento de las artes fich, wie die Titel andeuten, eifrig das Wohl der arbeitenden Claffen angelegen fein, das Ateneo mercantil forgt für den unentgeltlichen Unterricht der dem Handel fich widmenden Jugend, das Colegio nacional de Sordo- Mudos y de Ciegas fowie ähnliche Inftitute in anderen gröfseren Städten trägt Sorge für die Taubftummen und Blinden. Die Biblioteca popolare de fomento und das Centro de lectura Reus haben fich die Verbreitung belehrender Schriften zum Ziele gefetzt und auch der Buchhandel fcheint bei der Herausgabe claffifcher und wiffenfchaftlicher Werke, deren viele und anerkennenswerthe in der Weltausftellung auflagen, feine Allgemeine Bildungsmittel. 49 Rechnung zu finden. Als das auch für Spanien geltende tempora mutantur et nos mutamur in illis wollen wir hervorheben, dafs unter den fpanifchen Vorlagen fich auch eine Fibel zum Unterrichte der jüdifchen Kinder in der hebräifchen Sprache befindet. Ungefähr 80 Zeitfchriften zeugen auch von der Blüthe der periodifchen Preffe. Rumänien. Mit Ausnahme eines in franzöfifcher Sprache abgefafsten Berichtes über die Waifenhäufer:„ Asiles Eléna et Panteileimon" in Bukareft bot uns die rumänifche Gallerie keinen Stoff zu unferen Betrachtungen über die XXVI. Gruppe der Weltausftellung. Dem völligen Mangel an ftatiftifchen Beiträgen wird jedoch in dem zweiten Bande des officiellen Berichtes durch eine fehr umfaffende Monographie des Fürftenthums Rumänien von Baron Ernft Haan begegnet werden. Das erwähnte, unter dem Schutze der regierenden Fürftin Elifabeth von Rumänien gebornen Prinzeffin von Wied, ftehende Waifenhaus für Mädchen( Asile Eléna) war ursprünglich eine Stiftung der fürftlichen Familien Ghika und Kantakuzenos zur Unterbringung elternlofer Säuglinge bei Vorftadtfamilien von Bukareft. Im Jahre 1860 wurde die Tendenz diefes Unternehmens dadurch erweitert, dafs man 40 Waifen in einem Privathaufe erziehen und unterrichten liefs. Fürftin Helene Couza legte im Jahre 1861 den Grundftein zu dem prächtigen, durch Beiträge rumänifcher Damen gegenüber dem fürftlichen Sommerpalais errichteten Gebäude in Cotroceni, und im Jahre 1872 wurde diefe Anftalt unter den Aufpicien der Fürftin Elifabeth erweitert und fo fehr vervollſtändigt, dafs fie jetzt 230 Mädchen aufnehmen kann, welche in allen weiblichen Handarbeiten, in den Elementarkenntniffen, in der deutfchen und franzöfifchen Sprache unterrichtet, und zum Theile für ihren künftigen Beruf als Erzieherinen und Lehrerinen vorbereitet werden. Die Fürftin Elifabeth, welche fich mit der gröfsten Sorgfalt der Ueberwachung des Inftitutes unterzieht, hat auch zwei Stipendien zur Fortbildung der fähigften Mädchen in europäifchen Lehrerinenfeminarien beftimmt. Das Waifenhaus in Panteileimon für 100 Knaben und 300 incurable Kinder, eine Stiftung der Familie Ghika, wurde im Jahre 1868 vom regierenden Fürften Carl von Rumänien ( Hohenzollern) völlig reorganifirt. Mit dem Waifenhaufe ift auch eine Abtheilung für 20 taubftumme Kinder verbunden. In der Weltausftellung befanden fich nebft vielen weiblichen Handarbeiten Schreib- und Zeichenhefte, welche die erfreulichen Leiftungen der Anftalt beurkunden. Der Fürftin Elifabeth wurde für ihr wohlthätiges Wirken von der Jury der Ehrenpreis zuerkannt. Rufsland. Wir haben uns vergebens in der XXVI. Gruppe der ruffifchen Ausstellung nach Anhaltspunkten zur Beurtheilung des Bildungswefens in dem weiten Czarenreiche umgefehen und ebenfo umfonft waren unfere diefsfälligen Erkundigungen bei einigen der hervorragendften Mitglieder der ruffifchen Commiffion. Man möge es daher nicht verargen, wenn wir bemerken, dafs wir nur einige wirklich ausgezeichnete kartographifche Leiftungen wahrgenommen haben, darunter die ruffifche Generalftabs- Karte und die vom ftatiftifchen Centralcomité veröffentlichte und mit vielem Fleifse ausgeführte Karte der Bergwerks- Producte des europäifchen und afiatifchen Rufsland. Die übrigen, das Erziehungs- und Bildungswefen betreffenden Objecte befchränken fich auf Zeichnungen, Modelle und andere Hilfsmittel für den techniſchen Unterricht und einige botanifche und arzneiwiffenfchaftliche Sammlungen. Um fo lieber nehmen wir von den Leiftungen der Gefellſchaft zur Förderung der Künfte in St. Petersburg Notiz, indem diefelbe, vom Staate wie durch Privatbeiträge fehr reichlich unterſtützt, der der Kunft fich 4 50 J. Löwenthal. widmenden Jugend durch Unterricht, Herbeifchaffung der ihr nöthigen Materialien und Geldbeiträge kräftig unter die Arme zu greifen, und nicht nur für die techniſche, fondern auch für die geiftige Entwicklung derfelben durch Vorträge über Architektonik, Chemie, Geometrie, Kunftgefchichte u. f. w. zu wirken bemüht ift. Eine wohlorganifirte Zeichenfchule mit Werkſtatt und ein reich mit Modellen, Zeichnungen und einer Bibliothek ausgeftattetes Muſeum ftehen ihr dabei zu Gebote, während gleichzeitig die im Muſeum ftattfindende permanente Ausstellung den Künftlern die Mittel zum Abfatze ihrer Arbeiten bietet und dem Publicum die Erzeugniffe der fchönen Künfte zur Anfchauung bringt. Als ein erfreuliches Moment wollen wir noch erwähnen, dafs auch in Finnland das Volksfchulwefen in lebhafter Entwicklung begriffen ift. Seit dem Erlaffe einer Verordnung vom Jahre 1866, welche allen Ortfchaften die Errichtung von Schulen als Pflicht auferlegt, haben 112 Gemeinden auf dem Lande 190 höhere Volksfchulen gegründet und auch in den Städten geht die Organiſation des Volksunterrichtes vorwärts. Drei Seminarien forgen für die Heranbildung von Lehrern und Lehrerinen und der Staat felbft unterhält 9 vollſtändige Lehranstalten mit fieben Claffen, 12 höhere, 33 niedere Elementarfchulen und 3 Lyceen. Aufserdem gibt es in Finnland 4 Taubftummen- Schulen und 2 Lehranstalten für Blinde. Die kaiferliche AlexanderUniverfität, früher in Abo, feit 1827 in Helfingfors, wirkt fortbildend mit ihren vier Facultäten, ihrer 120.000 Bände umfaffenden Bibliothek und ihren mannig. faltigen wiffenfchaftlichen Anftalten und Sammlungen. Sie wurde im Jahre 1870. von 701 Studenten befucht, ift fehr reich dotirt und ihre Einkünfte beliefen fich auf 1,162.153 Mark. Griechenland. Um die literarifche Thätigkeit in Griechenland zu beurkunden, hat die Commiffion zur Ermunterung der nationalen Induftrie in Athen einen„ Catalogue raisonné" über die während der Jahre 1868-1872 veröffentlichten Bücher für die Weltausftellung verfaffen laffen. Derfelbe erftreckt fich allerdings über eine anfehnliche Zahl der verfchiedenartigften Schriften und zeigt, dafs man in allen Richtungen des Wiffens anderen in der Bildung vorgefchrittenen Ländern nachzuftreben bemüht ift; allein die meiften Bücher beftehen in Ueberfetzungen aus fremden Sprachen und auch die Wahl der berücksichtigten Werke erfcheint uns gerade nicht als eine glückliche. Mehrere ganz unbedeutende Bücher find aus ihrer verdienten Vergeffenheit hervorgezogen worden, während gediegene Werke nur in äufserft fpärlicher Zahl beachtet wurden. Einen eigenthümlichen Eindruck machte es auf uns, dafs deutfche Bücher erft aus franzöfifchen Uebertragungen Zugang zum griechifchen Idiom fanden. Sehr eingehend ift das Zeitungswefen in einer vom griechifchen Minifterium veranlafsten Sammlung der in Griechenland erfcheinenden Journale behandelt worden. Vor der Revolution im Jahre 1820 gab es dort keine einzige Buchdruckerei. Die erfte entſtand im Jahre 1822 auf der Infel Hydra, eine andere im folgenden Jahre in Athen und in Miffolonghi, und eine vierte im Jahre 1824 in Nauplia, zum Drucke der amtlichen Zeitung. Nach der Unabhängigkeitserklärung wurden während der Präfidentfchaft Kapodiftrias' mehrere Bücher und Journale und in gröfserer Menge nach der Gründung des Königthums veröffentlicht. Bis zum Jahre 1837 war die Preffe vollkommen frei. Die fteten heftigen Anfeindungen, die diefelbe fich gegenüber der baierifchen Armee erlaubte, veranlafste die Regierung zum Erlaffe eines Prefsgefetzes, welchem zufolge jedem Journale ein verantwortlicher Redacteur vorftehen musste, welcher das 25. Lebensjahr erreicht, feine Univerfitätsftudien zurückgelegt und eine Caution von 5000 Drachmen geleiftet hat. Im Jahre 1843 wurde wieder unumfchränkte Prefsfreiheit eingeführt. Die Zahl der Journale nahm alsdann ungemein zu, allein diefelben liefsen fich fo fchonungslos über die Privatverhältniffe der bürgerliche Gefellſchaft wie des Allgemeine Bildungsmittel. 51 Staats- Oberhauptes aus, dafs die Regierung den Erlafs eines neuen Prefsgefetzes als nothwendig erachtete, welcher auch nach dem Dynaftiewechfel im Jahre 1864 für mafsgebend erklärt wurde. Jede Ortsbehörde darf die Herausgabe eines Journales bewilligen, mufs aber davon die ihr vorgefetzten Organe in Kenntnifs fetzen. Ueberhaupt erfcheinen in Griechenland 152 Journale, meiftens zweimal wöchentlich, davon allein 66 in Athen, und zwar 61 in griechifcher, 3 in franzöfifcher, I in italienifcher und I in griechifcher und franzöfifcher Sprache. Aufserhalb Griechenland werden 17 Blätter in griechifcher Sprache veröffentlicht, nämlich 6 in Conftantinopel, 3 in Smyrna, 3 in Egypten, 2 in Trieft, I in Samos, I in Bukareft und 1 in Braila. Türkei. In Conftantinopel fchreitet das Bildungswefen im Allgemeinen vorwärts. Gegenwärtig beftehen dort 200 Trivialfchulen, in denen die Kinder, fowohl Knaben als Mädchen, Unterricht in türkifcher Sprache im Schreiben, Lefen und Rechnen erhalten. Der fecundäre Unterricht wird in den Schulen der verfchiedenen Nationalitäten, als in den griechifchen, armenifchen, franzöfifchen, auch drei deutfchen und anderen, ertheilt und derfelbe erftreckt fich über alle Lehrgegenftände. Unter den Privat- Mädcheninftituten gibt es zwei franzöfifche, zwei englifche und auch ein gut organifirtes türkifches. Als eines der beften wird uns das armenifche unter Leitung der Frau Furet bezeichnet, deren Leiftungen auch in literarifcher Beziehung( in der Weltausftellung waren ihre„ Histoire abregée de l'Empire ottoman"," Récits historiques" und zwei Manufcripte: Geographie des türkifchen Reiches und Erziehung der Frauen im Oriente, aufgelegt) von der Jury durch die Ertheilung der Verdienftmedaille anerkannt wurden. Als beachtenswerth find hier auch die belehrenden wiffenfchaftlichen Sammlungen, Druckfchriften und Manufcripte der Frau und des Herrn Dr. Abdullah Bey, fowie die verfchiedenen in die türkifche Sprache übertragenen, von dem Director der medicinifchen Schule Marco Pafchu ausgeftellten medicinifchen Werke nicht zu übergehen. Die medicinifche Schule felbft, vorzüglich zur Heranbildung der Militärärzte, wird uns als eine den Anforderungen vollkommen entſprechende bezeichnet. Sie wird von mehr als 300 Schülern befucht, die auf Staatskoften nicht nur unter richtet werden und ihre Subfiftenzmittel erhalten, fondern auch zu ihrer Fortbildung ins Ausland gefendet werden. Die Druckereien finden reichliche Befchäftigung durch die Veröffentlichung zahlreicher ins Türkifche übertragener medicinifcher und anderer Bücher und zum Theile durch die Journale, deren 15 täglich erfcheinen, darunter 5 türkifche, 4 franzöfifche, 2 armenifche, 2 englifche, I griechifches. Ein deutfches Journal hat fich nicht erhalten können, obgleich das deutſche Element fich ungemein gehoben hat und namentlich Pera als eine deutfche Stadt charakterifirt werden kann. Unter den verfchiedenen wiffenfchaftlichen Journalen find die medicinifchen und die Jahresberichte der griechifchen Literaturgefellfchaft zu nennen. Was Dr. Scherzer in feiner auf Anregung von Seite des Hofrathes von Schwegel verfafsten Monographie ,, Smyrna" zur Charakteriſtik der mohamedanifchen und übrigen Bevölkerung von Vorder- Kleinafien mittheilt, dürfte wohl mehr oder minder Anwendung auch auf die Bewohner anderer Gebietstheile der Türkei finden können. Wie weit auch das Auge prüfend über das anatolifche Gebiet fchweifen möge, es findet nirgends Bildungsanftalten, die in Organiſation, Lehrfyftem u. f. w. felbft den befcheidenften pädagogifchen Anforderungen zu genügen vermöchten." Sogar Smyrna, das den anderen Städten und Städtchen als aneiferndes Vorbild voranleuchten follte, ift in diefer Hinficht nicht beffer bedacht. Es hat bei einer mufelmanifchen Bevölkerung von 45.000 Seelen nicht mehr als 24 von 350-400 Knaben befuchte fogenannte Volksfchulen, die meiftens ihr Entftehen 4* 52 J. Löwenthal. der Privatwohlthätigkeit verdanken und in denen der Iman, mit dem unvermeidlichen Tfchibuk ausgerüftet, die auswendig gelernten Koranfprüche herfagen läfst oder im Lefen einübt. Etwas höheren Flug nehmen die Rufchdie oder Mittelfchulen, in denen der arabifchen, türkifchen und perfifchen Sprache einige Aufmerkfamkeit gewidmet wird; europäifche Idiome find ausgefchloffen. Kümmerlicher geiftlicher und juridifcher Unterricht wird in den Medreffes( Seminare) ertheilt; von dem Streben, diefen Zweigen nationalhöheren Unterrichtes ein dem heutigen Bildungsbedürfniffe entſprechendes Gepräge zu geben, ift jedoch nicht die Rede. Dagegen hat das geiftige Leben der Griechen in Kleinafien und auf den Infeln des ägäifchen Meeres einen ftets wachfenden Auffchwung genommen. Die kleinften Gemeinden opfern bereitwillig ihre meiftens fpärlichen Mittel den Schulzwecken. Auf Anregung des Metropoliten von Kaifariah find bedeutende Summen zur Errichtung eines Gymnafiums gezeichnet, das wohl fchon nächftens ins Leben treten wird. Bereits befitzen die Infeln Samos, Chios und Mytilene wohleingerichtete, von tüchtigen Philologen geleitete Gymnafien, zahlreiche Volksund Mittelfchulen und auch einige gut organifirte Töchterfchulen. Chios und Mytilene haben auch anfehnliche Gemeindebibliotheken. Rühmlich erwähnt wird ebenfalls das Gymnafium in Aivali. Auch die Armenier bethätigen ein reges Intereffe für Erziehung und Unterricht. In ihrer Gemeinde- Hauptfchule umfaffen die Unterrichtsgegenstände Geographie, Gefchichte, Phyfik, Mathematik und neben dem nationalen Idiom die türkifche, griechifche, franzöfifche und englifche Sprache. Auch in der Töchterfchule wird das Franzöfifche gelehrt. Weniger vorgefchritten find die Armenier im Innern von Kleinafien; fchlecht befchaffen find die jüdifchen Schulen, in denen der Unterricht vorzugsweife in einer unfruchtbaren Exegefe der heiligen Schrift befteht. In der öfterreichifchen und deutfchen Colonie wirken vornehmlich bildend die Mechithariften- Lehranstalten und die von Diakoniffen geleiteten höheren Töchterfchulen, und ebenfo laffen fich die franzöfifchen, englifchen und italienifchen Colonien die Entwicklung des Bildungswefens angelegen fein. In Smyrna erfcheinen 2 griechifch- türkifche, 3 griechifche und 2 franzöfifche Zeitungen, I armenifche Wochenfchrift und 2 griechifche illuftrirte Blätter. Auch in Syrien fteht das Bildungswefen der mufelmanifchen Bevölkerung noch auf einer fehr niederen Stufe. In der neueften Zeit hat die Regierung zwar das Bedürfnifs gefühlt, den Jugendunterricht durch Gründung von Normalfchulen in Damascus, Beirut, Aleppo, Saida u. f. w zu fördern, allein der Erfolg diefes Strebens ift wegen Mangels an entſprechenden Lehrkräften bisher nur gering gewefen. Beffer ift auch in diefen Landestheilen für die Heranbildung der chriftlichen Jugend durch eine Reihe von Schulen und Erziehungsanftalten geforgt, die theils den fremden Miffionären, theils den fich ftets vermehrenden chriftlichen Gemeinden ihr Dafein verdanken. Es gibt in Beirut bereits 37 Schulen mit 114 Lehrern und 2669 Schülern. Unter denfelben ift namentlich die von einem Syrier, Namens Baftiani, mit Unterſtützung von Seite der amerikanifchen Miffionsanftalten gegründete nationale Schule zu erwähnen, in welcher aufser der arabifchen, türkifchen, franzöfifchen, englifchen, lateinifchen, alt- und neugriechifchen Sprache fämmtliche Gegenftände des Gymnafialunterrichtes gelehrt werden. In ähnlicher Weife, wenn auch weniger umfaffend, wirken die Schule des griechifch katholifchen Patriarchats und das auch mit wiffenfchaftlichen Apparaten, einer Bibliothek und Kartenfammlung reich geftattete Syrian- Proteftant- College" der amerikanifchen Miffionsgefellſchaften, fowie zwei grofse Lehranstalten der Jefuiten und Lazariften im Libanongebirge. " ausSteigenden Einfluss gewinnt die Tagespreffe. Nicht nur die in Conftantinopel erfcheinenden Blätter find ftark verbreitet, fondern auch in Beirut und Damascus erfcheinen bereits 9 Journale, darunter I täglich, 3 zweimal wöchentlich in arabifcher, dann einmal wöchentlich I in türkifcher und arabifcher Sprache, Allgemeine Bildungsmittel. 53 I in franzöfifcher und arabifcher, I in arabifcher Sprache, I katholifch- clericale und eine illuftrirte Monatsfchrift. Als Bildungs- Förderungsmittel find auch die Buchdruckereien, befonders jene der amerikanifchen Miffionsanftalt zu erwähnen, deren Veröffentlichungen: wiffenfchaftliche Bücher, arabifche Ueberfetzungen geographifcher und hiftorifcher Werke des Abendlands, Chreftomathien mächtige Hebel der rafch fortfchreitenden Bildung geworden find. In Palästina geniefst die mohamedanifche Bevölkerung auf dem flachen Lande nicht den geringften Unterricht. Nur in den gröfseren Städten gibt es Koranfchulen, in denen Knaben arabifch lefen und fchreiben lernen und im Herfagen gewiffer Theile des Korans eingeübt werden. Die Ifraeliten befuchen die Talmudfchulen; der dürftige Unterricht in denfelben befchränkt fich auf Lefen, Schreiben, auf Rechnen und auf die Thora. Die Bemühungen, jüdiſche Schulen für Knaben und Mädchen nach europäiſchen Muftern in Jerufalem zu errichten, hatten gegenüber den Hinderniffen von Seite des Rabbinats nur geringen Erfolg. Die Katholiken, orientalifchen Griechen und Armenier unterhalten je ein Seminar zur Heranbildung ihrer Geiftlichen und in ihren Klofterfchulen werden Knaben und Mädchen im Schreiben, Lefen und Rechnen, je nach ihrer Nationalität, in arabifcher, italienifcher, griechifcher oder armenifcher Sprache unterrichtet. Die Leiftungen aller diefer Schulen find jedoch äufserft mittelmäfsig, weil es ihnen an entfprechenden Lehrkräften und Lehrmitteln fehlt. Beffer fteht es mit den reich dotirten Unterrichtsanftalten der Proteftanten, befonders der Anglicaner. Sie haben gut gefchulte Lehrer und Lehrerinen, welche in englifcher oder in deutfcher Sprache sämmtliche Elementarkenntniffe lehren. Von Geiftlichen geleitet, wird in denfelben hauptfächlich auf Heranbildung der Priefter, Nonnen, Miffionäre und Miffionärinen, als deren Pflanzfchulen fie betrachtet werden können, das Augenmerk gerichtet. Die gebildeten Familien fenden ihre Kinder in die höheren Unterrichtsanftalten der Jefuiten, Lazariften oder Proteftanten in Beirut. Tunis. Mit dem Bildungswefen in Tunis fcheint es noch fehr traurig auszufehen Die Regierung gründete vor einigen Jahren eine polytechnifche Schule unter Leitung franzöfifcher Profefforen; das Inftitut wurde jedoch nach kurzem Beftande wieder aufgelöft. In den arabifchen Schulen wird ein fehr befchränkter Elementarunterricht ertheilt; überhaupt find nur Wenige des Lefens und Schreibens kundig. Es gibt übrigens zwei europäifche Knaben- und zwei Mädchenfchulen, von denen zwei von der italienifchen Regierung unterſtützt werden, Egypten. Wenn Egypten fich auch in Bezug auf die Förderung feines Schulwefens, fagt Herr de Regny- Bey in feiner mit Recht durch die Verdienftmedaille ausgezeichneten„, Statistique de L'Egypte", mit den meiſten europäifchen Grofsftaaten nicht meffen kann, fo nimmt es doch einen ehrenwerthen Rang ein, der noch bei Weitem mehr hervortreten würde, wenn es nicht mit den orientalifchen Sitten zu kämpfen hätte, welche die Regierung bei dem beften Willen nicht fofort zu befiegen vermag. Unter den 89.893 Kindern, welche in Egypten die Primärfchulen befuchen, gibt es blofs 3018 Mädchen, die auch nur den nichtmufelmänifchen Familien angehören. Der Khedive will jedoch nicht dafs die künftige Hausfrau der Wohlthaten der Erziehung beraubt bleibe; die Regierung läfst fich daher auf feinen Wunſch ernftlich die Unterweifung der weiblichen Jugend angelegen fein. Eine Schule wurde bereits in Kairo gegründet und andere ähnliche Anftalten find in der Bildung begriffen. Aufser den Elementar- und Vorbereitungsfchulen in Alexandria und Kairo beftehen mehrere Inftitute für ſpeciellen Unterricht. So z. B. 54 J. Löwenthal 4 Militärfchulen, I Marine-, I mathematiſche, I Thierarznei-, I Ackerbau-, I polytechniſche, I Rechts-, Kunft-, Gewerbe-, I medicinifche und eine fogenannte Nor malfchule zur Heranbildung der Lehrer. Die egyptifchen Miffionen in Europa forgen für die Ausbildung von 24 Zöglingen in Frankreich, 2 in Deutfchland, 13 in England und 12 in Italien. Sämmtliche von der Regierung unterſtützte Lehrinftitute zählen 1193 Schüler, welche je nach der eigenen Wahl in irgend einer europäiſchen, franzöfifchen, englifchen, deutfchen oder italienifchen Sprache unterrichtet werden. Arme, elternlofe Kinder erhalten in Alexandria und Kairo in der arabifchen und türkifchen, fowie später in irgend einer europäiſchen Sprache Unterricht. Gegenwärtig lernen dort 92 franzöfifch, 33 englifch und 29 deutfch. Einige werden auch zu Handwerkern, als Tifchler, Maler u. f. w. herangebildet. In den Provinzial- Hauptftädten, als in Benfuef, Benfa, Siut, Minieh, Tantah und Manferah find für 1715 Kinder berechnete, von der Regierung zu unterſtützende Schulen in der Bildung begriffen. In Kairo und Alexandria gibt es ferner auf Koften des Divans und mittelft Legaten unterhaltene Penfionate mit 1358 Zöglingen, welche im Koran, in der arabifchen und türkifchen Sprache, in europäiſchen Idiomen, in Gefchichte, Geographie und Arithmetik Unterricht erhalten. Achtzehn nichtmohamedanifche Schulen, als: I koptifches Collegium, 7 koptifche Knaben- und Mädchenfchulen, 4 jüdifche, 3 fyrifche und I armenifche Schule zählen zufammen 1002 Zöglinge. Aufser den genannten Anftalten gibt es in Egypten 2007 von 82.950 Knaben befuchte Schulen, welche auf Koften der Eltern unterhalten werden. Die„ Statistique" zählt ferner 26 von religiöfen chriftlichen Körperfchaften geleitete Schulen in Kairo, 28 in Alexandria und 16 in verfchiedenen anderen egyptifchen Städten mit zufammen 4321 männlichen und 2882 weiblichen Zöglingen auf. Die nordamerikaniſchen Freiftaaten. Kaum dürfte in irgend einem anderen Lande das Verhältnifs der Schülerzahl zur Bevölkerung fich fo günftig herausftellen, wie in den nordamerikanifchen Freiftaaten; man kann denfelben aber auch nicht das Zeugnifs verfagen, dafs fie dem Unterrichte als Grundlage des gefammten Bildungswefens die gröfste Sorgfalt zuwenden und Alles veranſtalten, was zu deffen Förderung und Hebung führen kann. Es bedurfte blofs eines Rundganges in den dem Bildungswefen gewidmeten Räumen der amerikanifchen Ausftellung, um die Ueberzeugung zu gewinnen, wie fehr überall auf die Faffungskraft und die Befähigung der Zöglinge jeden Alters Bedacht genommen ift und ebenfo fanden fich dort die vielen Behelfe und Mittel zur Erleichterung des Unterrichtes in der praktifcheften Weife vereint. Wie freundlich blickte uns nicht das lichte und luftige Zimmer in dem gegenüber der Galerie errichteten Schulhaufe mit feinen Karten, Zeichnungen aller Art zur Veranfchaulichung der verfchiedenen Unterrichtsobjecte, mit feinem Harmonium, feinen Lefebüchern und feinen Utenfilien entgegen! Das Kind kann nicht umhin, nach der Bedeutung diefer oder jener Abbildung, diefes oder jenes Modells zu fragen und fchöpft aus der Antwort irgend eine Belehrung. Allerdings unterläuft hier mancherlei Spielerei mit, aber dem Kinde foll ja auch der Unterrich wie im Spiele beigebracht werden. In der Gallerie veranfchaulicht ein Stereofkop das Innere verfchiedener Lehranstalten. Der Anblick, den hier ein fehr geräumiger Verfammlungsfaal mit den vielen Hundert andächtigen Schülern und Schülerinen, oder der Einblick in die eine oder andere Claffe, in welcher die Zöglinge dem Vortrage des Lehrers oder der Lehrerin mit der gefpannteften Aufmerkfamkeitlaufchen, erregte, gewährte die angenehmfte Ueberrafchung. Das Unterrichts- und Erziehungswefen bildete auch den Hauptinhalt der in der Gallerie zahlreich aufgehäuften Bücher und anderer Lehrmittel. Die Kleinkinder- Schule bis hinauf zur Gelehrten anftalt waren vertreten. Die Schiefertafel, wie die umfangreichften Globen, die natur Allgemeine Bildungsmittel. 5 wiffenfchaftlichen Darftellungen, wie die überaus zahlreichen Berichte der Schulbehörden gaben Zeugnifs von dem hohen Werthe, der diefen Bildungsmitteln beigelegt wird. Kein Staat, keine Stadt war vergeffen und man fand eine vollſtändige Erziehungsfchriften- Literatur, um welche fich die vielen Vereine wie einzelne Verlagshandlungen ein wahres Verdienft erworben haben. So hat z. B. das amerikanifche Verlagsgefchäft in Louisville für Blinde 64 Quartbände mit erhabener Schrift, die Verlagshandlung Barnes As.& Comp. 158 Bände ihrer Schulfchriften, Cowpertwait& Comp. in Philadelphia 18, Eldrige and Brother ebendafelbft 25 Bände, darunter einige claffifche Werke, Harper Brothers in New- York 239, Scribner Armſtrong& Comp. 140, Ernft Steiger 114 Bände verfchiedener Schulfchriften und Wilfon, Hinkle& Comp. in Cincinnati 72 Handbücher für alle Fächer aufgeftellt. Die geographifchen Gefellfchaften, die Akademie der Wiffenfchaft, Künfte und Literatur in Madifon, die Landwirthfchafts- und Gartengefellfchaften, fowie die Staatsbehörden, haben alle ihr Contingent zur Verbreitung der Kenntniffe geftellt. Unter anderen gediegenen Werken heben wir Ellwood T. Zell's vortreffliche und prachtvoll ausgeftattete ,, Popular Encyclopædia" und Smithſonian's„ Contributions to Knowtedge" hervor. Nicht minder erwähnenswerth find:„ American journal of education" vom Jahre 1856-1871 der Stadt Bofton, Chamber's ,, Encyclopædia und New american Encyclopædia". Wir wollen gerade nicht behaupten, dafs alle erwähnten Schriften einen gleichen Werth haben; viele derfelben fchienen uns fogar fehr mittelmäfsiger Natur zu fein; es zeigt fich indefs, wie allgemein die Anerkennung der Bildungsmittel ift. Von der Fruchtbarkeit der Journalliteratur erhielten wir einen Beweis in der Maffe und Mannigfaltigkeit der in den Vereinigten Staaten erfcheinenden Zeitfchriften. Jedes Fach ift in denfelben in einer Weife vertreten, die uns unglaublich erfchienen wäre, hätten wir fie nicht in den ,, Statiſtics of the population of the Unites ſtates" genau verzeichnet gefunden. Im Jahre 1870 erfchienen nicht weniger als 5858 periodifche Blätter( die Zahl erreicht jetzt beinahe 8000), darunter 574 täglich, 107 dreimal wöchentlich, 115 zweimal wöchentlich veröffentlichte Zeitungen, dann 4295 Wochenblätter, 96 halbmonatliche, 622 monatliche und 49 vierteljährliche Revuen. Die grofsen Zeitungen find meiftens von bedeutendem literarifchen Werthe, auch den Fachfchriften kann alle Anerkennung nicht verfagt werden. Wir fanden in der beinahe fämmtliche Blätter umfaffenden Sammlung auch viele deutfche Journale, darunter einige, die, wie namentlich die New Yorker grofsen Zeitungen, mit Umficht redigirt find. Die kleineren deutfchen Blätter find jedoch meiftens nur ein Abklatfch der in Deutfchland erfcheinenden Romane. Die ,, California Chronik" in San Francisco hat es fich zur Aufgabe geftellt ,, das Deutfchthum zu vertreten, deutfchen Gefchmack und deutfche Sitten zu fördern, deutfches Streben zu ermuntern". Ob diefes an und für fich fchöne Ziel durch die infipiden Anekdoten und Räthfel erreicht werden kann, mit denen fie, fowie andere deutfche Journale, ihre Lefer unterhält, wird wohl Niemand zugeftehen. Merkwürdig ift auch die überaus grofse Zahl der Bibliotheken, von denen viele Kataloge vorliegen. Im Jahre 1870 gab es deren 163.353 mit 44,539.184 Bänden, darunter 107.673 Privatbibliotheken mit 25,570.503 Bänden. Venezuela. Auch in den Vereinigten Staaten von Venezuela ift das von erfpriefslichem Erfolge gekrönte Streben, den Volksunterricht zu fördern, nicht zu verkennen. In faft allen Ortſchaften find Volksfchulen in Thätigkeit und in den Städten gibt es wohlorganifirte öffentliche und private Lehranstalten. Die beiden in Caracas und Merida beftehenden Univerfitäten werden jetzt um eine dritte in Trujillo vermehrt werden. Die Univerſität in Caracas umfafst vier Facultäten und zählt 19 Profefforen 56 J. Löwenthal. mit 165 Studirende. Man geht auch mit der Gründung eines Muſeums vor, welches eine Bibliothek enthalten und feine Wirkfamkeit über Ethnographie, Landesgefchichte, Zoologie, Botanik und Mineralogie erftrecken foll. Die jetzige Bibliothek enthält allerdings nur etwa 10.000 Bände, ift aber immerhin beachtenswerth in einem Staate, welcher vor feiner Unabhängigkeitserklärung eines der mächtigften Förderungsmittel der Civilifation, der Buchdruckerkunft, entbehren mufste, die erft in den letzten Jahren fich Bahn brach und nun durch acht Druckereien in Caracas vertreten ift. Die bedeutendften derfelben find die F. T. Aldrey und Espinal é Hyos: erfterer ift auch Eigenthümer der anfehnlichften Zeitung: La Opinion nacional. Unter den aufliegenden Werken neueften Datums verdienen befonders: Codigo civil und Teatro de la legislacion colombiana y venezalana, auf den Befehl des Präfidenten Guzman Blanco veröffentlicht, hervorgehoben zu werden. Brafilien. Von der fortfchreitenden Entwicklung des Kaiferthums Brafilien glaubt der Verfaffer der für die Weltausftellung veröffentlichten ,, Chorographia do Imperio do Brazil" kein untreues Bild zu entwerfen, wenn er hervorhebt, dafs neun wiffenfchaftliche Inftitute und Akademien im Entſtehen begriffen find, dem Volksunterricht eine ftets grössere Aufmerkſamkeit gewidmet wird, die würdige Haltung der Tagespreffe die geiftige Befchäftigung des Volkes beurkundet, Kunft und Wiffenfchaft ihre Pfleger zählen, literarifche und induftrielle Vereine und Volksbibliotheken entſtehen, Abendfchulen für die arbeitenden Claffen eröffnet werden, die erleichterten Communicationsmittel auf die Entfaltung aller Culturverhältniffe erfpriefslich einwirken, die religiöfe Duldfamkeit, eine alle politifchen Fragen freimüthig behandelnde Preffe zu den beften Hoffnungen berechtigen und dem Kaiferthum zur Ehre gereichen. Auch für eine entsprechende Erziehung des weiblichen Gefchlechtes wird Sorge getragen, indem in allen Theilen des Landes Mädchenfchulen unter Beauffichtigung und Unterſtützung von Seite der Regierung ins Leben treten. Der Verfaffer felbft macht fich indefs kein Hehl daraus, dafs noch viel zu erftreben übrig bleibt, wenn Brafilien die hohe Stufe der Cultur anderer Staaten erfchwingen foll. In Rio Janeiro erfcheinen jetzt täglich die nennenswerthen Zeitungen: Jornal do commercio, Diario Official, Diario do Rio Janeiro, A Reforma( liberales Organ) A Republica( republikanifch) Jornal da Corte, Anglo- Brazilian Times, O movimento, Jornal do lavoro e do commercio. Jede Provinzialhauptftadt hat ihre eigene tägliche Zeitung, und aufserdem wird eine grofse Menge verfchiedener wöchentlicher, halbmonatlicher und monatlicher Fachjournale veröffentlicht.- Unter den graphifchen und literarifchen Erzeugniffen in der Weltausftellung waren einige von hervortretendem Werthe. Dahin gehören das prachtvoll ausgeftattete Quadro da guerra do Paraguay, die grofse Karte von Brafilien, nebft den Karten der einzelnen Provinzen mit beigefügten ftatiftifchen Ueberfichten und ein Album mit photographifchen Darftellungen der Gegenden und der Anwohner des Lorenzoftromes. Zu erwähnen find endlich die Leiftungen der unter dem unmittelbaren Schutze des Kaifers ftehenden O Inftituto Hiftorico- geographico e Ethnographico do Brazil, und eine von einem Brafilianer Bento Teixeira im Jahre 1601 verfafste und heuer in Rio Janeiro gedruckte literarifche Schrift in Verfen.