U - AMD ^rW ÄS' - s Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika oder den unter egyptischer Herrschaft stehenden Ländern Egypten, Nubien, Sennahr, Rosseeres und Kordofahn gesammelt auf seinen in den Jahren 1847 bis 1852 unternommenen Reisen von I»r Alfred Edmund Beehrn, Mitgliede der kais. leopold.-karol. Akademie der Naturforscher und anderer gelehrten Gesellschaften. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, ^ ^ >2 Den schickt er in die weite Welt; Den; will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld." Eichendorff. Zweite unveränderte Ausgabe. Erster Theil. Reise von Egypten nach Kordofahn und zurück. - «- U WSÄ8-«77- Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . ie g7; H V ^ -/ B o , durch 5, ^ durch Iil>, ^ durch Ir, ^ durch l, durch m, durch n, L durch Ii, -> durch >v, in der Mitte einer Silbe durch uli, ^ durch j, elr, ee oder ili ausdrücke, o, o,I, o--, ^ und ^ habe ich nur in besonderen Fallen zu unterscheiden versucht (einen unserem / entsprechenden Laut kenne ich nicht); die Vokale, Verlängerungs - und Verdoppelungszeichen habe ich, soweit als thuulich, berücksichtigt. Meine des Arabischen unkundigen Leser Litte ich, alle arabischen Wörter möglichst deutsch zu lesen, so z. B. statt „Charthum" nicht „Scharthum", statt „Cha- masihn" nicht „Schamasin", statt „Scho-urma" nicht „S ch u r m a" rc. Die Araber haben keine Doppellaute, deshalb muß ei immer ei oder ei gelesen werden. So viel über die von mir befolgte Orthographie. Ich habe meinen Reisebericht chronologisch gehalten und zwischen die Beschreibung einzelner Perioden meiner Reisen besondere Abschnitte über die Länder und ihre Bewohner eingeschaltet. Es ist dieß zur Vervollständigung des Ganzen geschehen. Die, wie ich hoffen darf, allgemein verständlichen Bilder aus dem Thierleben habe ich entworfen, weil sie einzelnen meiner Leser etwas Neues mittheilen und deshalb vielleicht nicht unvollkommen sind. Der einzige Zweck, welchen ich Lei meiner Arbeit zu erreichen gesucht habe, ist strenge Wahrheit Dessen, was ich er z ä h l c. Es ist möglich, daß ich mich hier und da, vielleicht betrogen von meiner individuellen Anschauungsweise, gc- VI irrt habe; wissentlich habe ich aber niemals eine Unwahrheit berichtet. Und deshalb empfehle ich das Werk der Theilnahme des Publikums. Es ist ganz schmucklos, denn es soll nur die schlichte, aber getreue Erzählung meiner Erlebnisse und Erfahrungen sein. Möge das Buch eine freundliche Ausnahme finden! Rentheudorf bei Triptis im Juli 1855. Der Nerfasscr. Inhalt -es ersten Theils Seite Einleitung.. . . 1 Abfahrt von Trieft. — Pirano. — Eindruck des Meeres. — Sonnenuntergang.. — Kein Land! — Korfu. — Seekrank- heit. — Syra. — Athen. — Reise nach Theben. — Griechenland- — Griechische Hirten. — Leben in Athen. — Die Griechen. — Ankunft in Alexandrien. — Die ersten Tage in Egypten.19 Eindruck von Alexandrien. — Arabische Gastfreundschaft. — Fuah am Nil. — Der Sonnenstich. — Erstes Reiseabenteuer. — Anblick der Pyramiden. — Erdbeben. — Ritt durch die Straßen Kairo's. — Eine Moschee. — Die Citadelle. — „Rüste Dich zum Gebet!" — Die Mission der Propaganda „zur Bekehrung der Heiden des weißen Flusses." — Vorbereitung der Reise in's Innere. — Die Pyramiden Seite . 37 Der Ritt nach Dj ieseh. — Die erste Nacht in der Wüste. — Maaße der Pyramide. — Das Besteigen des Cheops. — Aussicht von der Spitze des höchsten Gebäudes der Welt. — Kletternde Araber und Araberinnen. — Das Innere der Cheopspyramide.— Die Sphinr. — Mumienhandel. — Reise auf dem Nile, von Kairo bis zur Einbruchsstation der Wüstensteppe Bahiuda .46 Aufbruch. — Das Svldatendorf Torrah und seine Bewohner. — Das nothwendige Messer. — Die Nilschiffe. — Nilkrüge und Nilwasser. — Rilreise. — Jagd. — Winde. — Wirkungen der Conscriptionen des Pascha. — Egyptische Dörfer. — Theben. — Die Königsgräber. — Schmähungen gegen Lep- sius. — Egyptische Tänzerinnen. — Safte, die ehemalige Geliebte Aabahs-Pascha's. — Assuan. — Der erste Katarakt. — Philä. — Korosko, die Einbruchsstativn in die große nubische Wüste. — Die Barabra. — Zwischen Korosko und Derr. — Jbrihm. — Abu-Simbil. — Bettelei der Barabra. — WadiHalfa. — Wohnungen der Nubier. — Am zweiten Katarakt. — Im „Bauch der Steine." — Fahrt im Battn el Hadjar. — Die Stromschnelle von Semmne- — Mangel au Nahrungsmitteln. — Nubische Schwimmer. — Ein eifersüchtiger Nubier. — Die Therme von Okme. — Akah- sche. — Reis Bellahl. — Dahle. — Die ersten tropischen Vogel. — Ein Zweikamps. — Nauer. — Dongolael Urdi. — Abduhn. — Ambukohl. — Vorbereitungen zur Wüstenreise. — Das Kamel und seine Ladung ..si Das Schnüren der Kisten. — Die Schläuche. — Trinkgefäße. — Kamelraoen. — Tugenden und Untugenden der „Wüstenschiffe." Sattel. — Reisekostüm- Die Wüste und ihr Leben.t «2 Aufbrnch der Karawane. — Nacht. — Freiheit und Erhabenheit der Wüste. — Ihre Schrecken und ihre Pracht. — Allgemeiner Charakter derselben. — Geognostische Verhältnisse. — Brunnen. — Sandhosen. — Sainuhin. — Nach dem Samuhm. — Fata-Morgaua. — Sandmuunen. — Charakteristik der Wüsten- thiere. — Der Beduine und sein Roß. — Die Gazelle. — Ein Blick in die Thierwelt der Wüste. — Schlanchwasser am zweiten Tage. — Bihr el Bahiuda. — Ein Kompaß zur rechten Zeit. — Dein Verschmachten nahe Araber. — Ankunft am Nil. IIN Belled rl Sudahn.127 Die neue Welt der Tropen. — Ein Tokhuldorf und seine Gebäude. — Der sndahncsische Storch. — Die fremde Ornis. — Ankunft in Charthuin. — Ein Ausflug in die Urwälder. — Rüstung zur Reise nach Kordofahn. — Charthuin und seine Bewohner.13ü Bruchstücke aus der Geschichte des Landes. — Die Schlacht oon Korri. — Mclik Nimmer. — Is »iaöl - Pasch a's Tod. — Maham med-Bei's, des Defterdahrs, Rache. — Entstehung Charihum's. — Lage, Eindruck, innere Beschaffenheit. Häuser , öffentliche Gebäude und Gärten der Hauptstadt. — Beoölke- rung. — Die Sudahnesen, ihre Kleidung und Sitten. — Zwei Drittel und ein Drittel.— Sikr. — Beschneidnng der Mädchen. — Heirathsgebräuche. — Der Nahsir el Enke. — Beerdigung eines Verstorbenen. — Die Todtenklage. — Sveisen Seite und deren Zubereitung. — Geräthschafien. — Biahammedanische Schlächterei. — Meriesa. — Das Innere der Wohnung eines Eiugebornen — Seine Hansihiere und Kinder. — Zur Statistik der Provinz. — Sudahnefisches Militär. — Steuerwesen. — Handel. — Produkte. — Ackerban und Gewerbe. — Das Klima. — Ein Gewitter. — Die Regenzeit. — Krankheiten. — Charihum niemals zu europäischer Eolonisarion geeignet. Fromdcn! cberi in Chartbum.22S Zusammenleben der Europäer. — Abendnnterhalrungen. — vi. Penney. — Macht der Poesie. — Heimweh. — Die Europäer Charthum's hinter den Coulissen. — Ihre Sirtenlosigkeit. — Contariny. — Ende eines Europäers im Sudahn. — Griechen und Kopten. — Gastfreundschaft der Türken. — Egypter und ihre Sehnsucht nach dem Baterlandc. — Sklaven und Sklaveniagd . ... ...241 Die Neger; Einiges über ihre Sitten, ihre Waffen, Geräthschaften, Kleidung, Religion. — Abyssinische Sklaven- — Eunuchen.— Ein Sklavcnoerkauföhaus. — Marklszencn. — Nikola Uli- vi'S Metzelet. — Die Nhaffua gegen Takhake. — Sklaveii- sagd. — Anfall der Reger. — Kampf im Urwalde. — Des Negers treue Helfer. — Die Schcba. — Barbarei der Soldaten. — Rückzug mit der gemachten Beute. — Frischgefangene Sklaven. — Loos der Neger in der Sklaverei. — Umänderung ihres Charakters. — Entflohene Neger, ihre Fänger und die ihnen bevorstehende Strafe. — Ein dem Mensche» ähnliches Thier. — Loos der i» der Sklaverei geborene» Neger. — Eigenthümliche Gebräuche derselben. — Haß der Schwarzen gegen die Weißen. — XI Seite Die Steppe , . . ..26ö Begriff der Steppe. — Allgemeiner Charakter. — Askanit. — Erster Eindruck. — Die Steppe zur Zeit der Dürre. — Step- penbrand. — Flüchtende Thiere und ihre Feinde. — Die Regenzeit in der Steppe. — Thlerleben. — Gefahren dieser Zeit. — Der Anfall des Löwen. — Die schönste Zeit des Steppenle- bens. — Uebersicht der Thierwelt der Steppe. — Reise nach Kordofahn. 285 Veneräi eil msrie, no» 8i sposa, non si parte! — Vogelreichthum des Bahhr el abiadt. — Gangstraßen der Nilpferde. -- Das Dorf Torrah. — Kamclheerdcn und Kamelmilch. — Ed- jchd. — Mißverständniß. — Die Chala el akaba. — Pilgernde Takruhri. — Haschahba und die Madjanihn. — Bereitung der Meriesa Kordofahn's. — Kordofahnesische Tänze. — Gastfreundschaft des Schech von Djosinahd. — Bara. — Periodisch erscheinende Fische in Negentcichen. — Das Haus eines „vortrefflichen Mannes". — Thibaut. — Obeid, die Hauptstadt Kordofahn's, ihre Lage und Eintheilung, ihr Markt und Handel, das Leben ihrer Bewohner. — Aufenthalt in Mel- peß. — Nächtliche Besucher des Dorfes. — Ein vereiteltes Rei- seprofekt. — Ueber Reisen im tiefsten Innern Afrika's. — Abreise von Obeid. — Ein Anfall auf unser Leben. — Ein Morgen in der Steppe. — Allein auf Reisen. — Kordofahnesische Wäsche. — Nacht in der Steppe. — Beschaffung der nöthigen Lastthicre. — Das Fieber auf dem Rücke» eines Kameles. — Hassanie und ihre Hütten. — Mendsere. — Ankunft in Lharthum. — Zweiter Aufenthalt in Charthnm; Rückkehr nach E gyptcn und R ci se im D elta.335 Eine türkische Hochzeit. — Die Festlichkeit. — Albanesischer Gc- 2 XII sang. — Sklaventanz. — Ein türkisches Mahl. — Arabische Schauspieler. — Unangenehmes Zusammentreffen mit einem Krokodil. — Manöver der Negerbataillone Charthum's. — Abreise von Charthum. — Kahnfahrt des Barons. — Unser neuer Diener Aali. — Abd-Hammed. -- Schellahl Sabiecha. — Passage des Katarakts von Wadi-Halfa. — Die Fathcha. — Zm Schellahl. — Gefahr und Rettung. — Nach des Tages Last und Mühe. — Der Reis des Katarakts von Assnan. — Aufzählung der Schcllalaht des Nil. — Die Krokodilhöhle bei Mon fall, t.— Auf der Nilgebirge Jochen. — Die Höhle.— Menschen- und Krokodilmumien. — Aussicht auf das Nilthal. — Nacht auf dem Nil. — Ankunft in Kairo. — Karl Schmidt.— Reise nach Unteregypten. — Menzaleh. — Fischfang im See.— Reisbau und Reishandcl. — Ein sunger Europäer. — Kahil.— Damiaht. — Rüstungen zur Abreise des Barons. — Abschied. — Ginleitung sechsten Juli 1847 lag der große Postdampfer „Mamuhdie" dicht am „Molo grande" Triest's zur Abfahrt nach der Levante segelfertig. Es war gegen vier Uhr Nachmittags. Schon entstiegen dem Kamin des Schiffes dunkle Rauchwolken, aber noch verband eine leichte Brücke das belebte Verdeck mit dem Festlande. Ueber sie hinweg wogte ein Menschenschwarm, kommend und gehend. Da sah man den nirgends fehlenden Engländer mit seinem, unter der Last von großen Koffern keuchenden Lohnbedientcn neben der schwarzäugigen Italienerin und dunkcllockigcn, dem Neuling auffallenden Griechin, den Deutschen neben dem plaudernden Franzosen. Alle waren fröhlich und guter Dinge, wenn sie auch die Abfahrt sehnlichst herbeiwünschten. Unter den Reisenden befand sich der Baron von Müller aus Würtcmbcrg und der Verfasser. Wir Beide waren im Begriff, eine naturwissenschaftliche Jagdreise über Griechenland nach Egyptcn und Kleinasien anzutreten, wollten rückwärts die Türkei und Walachei besuchen und durch Ungarn nach Hause zurückkehren. Wie wir glaubten mit allem Nöthigen für die Reise wohlversehcn, gingen wir sorglos den Beschwerden derselben entgegen und stimmten von ganzem Herzen in die allgemeine Heiterkeit mit ein. ES schien sich Alles zu einer glücklichen Seefahrt vereinigen zu wollen. Ueber uns blaute der Himmel Italiens, von dessen Gestaden ein leichter Wind herüberwehte. Er war gerade kühlend genug, um der großen Hitze des Juli einigermaßen Einhalt zu thun, erfrischte die des warmen Klimas ungewohnten Nordländer und entfaltete dabei die freundlichen, überall gern gesehenen Farben der österreichi- 2 schen Handelsflagge hinten am Stern des Schiffes. Das beste Wetter stand uns bevor. Da tönten über den Hafen hinweg von den verschiedenen 4 Thürmen der Stadt die Glockcnschläge der vierten Stunde herab. Die Zeit der ersehnten Abfahrt war gekommen. Unser Kapitän bestieg die Brücke auf dem Radkasten und ertheilte durch sein Sprachrohr die nöthigen Befehle. Sogleich entfernten sich alle Diejenigen, welche nicht mit uns reisen wollten, die Landungsbrücke schwand, die Ankerwinde begann ihre eintönige und doch so willkommene Weise zu klappern. Schlammbedeckt hob sich der schwere Anker aus tiefem Grunde; Matrosen und Maschinisten waren in voller Thätigkeit; ein neuer Befehl und der Koloß bekam Leben. Er durchfurchte erst langsam, dann immer schneller und schneller den Hafen, dann rauschte er mit voller Dampfkraft in die offene See hinaus. Noch hafteten Aller Blicke auf dem stolzen Trieft. Im hellsten Sonnenscheine lag es vor uns, umschlossen von grünenden Bergen. Wir Deutschen nahmen Abschied vom Vaterlande, von * der letzten Stadt Deutschlands, wenn sie auch die Italiener zu ihrem Lande zählen wollen, weil sie sich in ihr eingenistet, Deutsch- thum und deutsche Sprache dort verdrängt und dafür ihre gleisnerischen Worte und Sitten eingeführt haben. Aber noch hatten uns bis hierher die treuen deutschen Augen entgegengeleuchtet, bis hierher deutsche Laute uns getönt, und darum hatten wir Recht, wenn wir erst hier der Hcimath die letzten Grüße sandten. Mehr und mehr verschwand die „Königin der Adria"; schon lag der blaue Duft der Ferne über dem Panorama, da fesselte ein anderes Bild die Aufmerksamkeit. Es war das freundliche Pi- rano, an dem wir vorübersegelten. Von den Strahlen der schon tief gesunkenen Sonne rosig beleuchtet, gewährte das Städtchen einen gar lieblichen Anblick. Es vereint noch nordische Frische mit südlicher Kraft. Die südlichen Olivenwäldchen gruppiren sich um > die nordischen Ziegeldächer, die hellgrüne Linde steht hier noch neben der dunkclbclaubten Kastanie Italiens. Uns ist Alles neu. Wie fröhliche Kinder gehen wir auf dem 5 ' Verdeck umher. Bald sehen wir in den Raum der Maschine und beobachten ihre kräftige Arbeit, bald schweifen unsere Blicke der Küste Dalmatiens entlang; immer und immer aber kehrt das Auge zum Meere zurück, wir lehnen uns über die Galleric des Bords und schauen in seine ruhige, tiefe Bläue hinab. Unsere Gefühle sind mächtig erregt. Es ist, als ob wir uns in einem Zauberlandc befänden. Das ist die erhabene Macht der See. Denn wie des Meeres Fläche jetzt so ruhig da liegt, ein Bild des reinsten, ungetrübten Friedens, so senkt sich auch auf uns ein stiller Frieden hernieder, belebt und kräftigt die Gedanken, herumzuschweifcn und uns noch einmal all' das Schöne vor die Seele zu führen, was die kurze, so genußreiche Reise durch Deutschlands Gauen uns gebracht. Da hasten sie noch einen Augenblick an dem schönen Dresden, durchwandern das romantische Elbthal und gelangen nach dem stolzen königlichen Prag. Das reizende Mähren öffnet uns noch einmal seine waldigen Thäler, wir weilen wieder in der erst vor Kurzem verlassenen Kaiscrstadt Wien und eilen dann über die Alpen hinweg durch Steiermark und Jllyrien nach der schon so fremdartigen Mecreskönigin Trieft. Noch beschäftigt uns die Macht deS ersten Eindrucks des vorher nie gesehenen Meeres. Dieser Eindruck ist unendlich groß, so unendlich groß, wie es die vor dem Beschauer ausgebreitete Wasserfläche zu sein scheint. Da verschmelzen am Horizonte Himmel und Wasser in Eins, und ebenso verschmelzen auch die Gefühle in der Menschcn- brust. Man wird sich ihrer selbst kaum bewußt. Nur zwei Gedanken sind mir klar geworden, das Gefühl der, ich möchte sagen, sichtbaren Unendlichkeit und das der menschlichen Nichtigkeit. Das letztere ist so niederdrückend, daß der Mensch Alles ergreift, um seinen Gast wieder zu kräftigen. Und dieser erhebt sich stolz wieder beim Anblick der königlichen Fregatte und des schätzcbringcnden Dreimasters. Mit ihnen durcheilt der kühne Seemann das endlos scheinende Meer, mit ihnen trotzt er der Macht des Mächtigen! Das war es, was uns beschäftigte. Mir war es, als ob ich wachend träumte, und nur das rege Treiben unserer Rcisegesell- 1 * 4 schaft führte mich zur schönen Wirklichkeit zurück. Die Abendländer gingen lachend und plaudernd auf und ab, ganz im Gegensatze zu einigen Türken, die auf dem Vorderdeck auf ihren Teppichen lagerten und mit britischer Gleichgültigkeit die grünen Küstenstriche Jstricns vorbeigehen ließen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Mit der ihnen eigenen Ruhe betrachteten sie uns Abendländer. Nur dann und wann machten sie eine Bemerkung über uns, was wir aus ihrem Micncnspiel errathen konnten, obgleich wir den Sinn der volltönenden, vokalreichen Worte ihrer kräftigen und melodischen Sprache nicht verstanden. Mich zogen die ernsten, schönen Männer an, ihre ruhige, würdevolle Haltung imponirte mir. Auch habe ich später gefunden, daß die erste Begegnung der Europäer mit den Türken auf die ersteren stets einen starken Eindruck macht, sei es nun wegen dcS ruhigen, von schwarzem Barte beschatteten Gesichts oder wegen der fremdartigen, malerischen Kleidung. Die Sonne hatte mittlerweile ihre heutige Reise beinahe vollendet. Jetzt stand sie noch als leuchtende Feuerkugel dicht über dein ruhigen Spiegel der See, allmählig tauchte ihr Rand in die Fluchen hiyab, nach wenig Minuten vergoldete nur noch ihre obere sichtbare Hälfte die Wogen, unser Schiff, die Gebirge JstrienS und den Himmel, bald war sie uns gänzlich verschwunden und der Abend, der goldene Abend Italiens brach herein. Langsam erhoben sich die Mohammedaner. Sie begannen ihre gesetzlichen Waschungen und fielen danw bei dem flammenden Himmel auf ihr Angesicht, um zu beten. Arifl dem Hinterdeck erschallt lustiges Gelächter, kaum entlockt der hehre Sonnenuntergang den Franken einen Ausruf der Bewunderung, die Matrosen betreiben ihre Geschäfte mit der gewöhnlichen Eile und nur die abgenommene Schiffsflagge kündet, daß der Tag zu Ende ist; — auf dem schlechtesten Platze des Vorderdecks liegen die Türken im ernsten Gebet, drücken die Stirne in den Staub und rufen langsam sich erhebend: „Da il latm il -ällad!" (Es giebt nur einen Gott!) Welch ein Kontrast! ES war Nacht geworden. Unser Schiff eilte mit Macht durch die Wogen und zertheilte kräftig die zürnenden Wellen, welche un- 5 zählige Feuerchen von sich strahlt«, und den dunklen Koloß mähr« chenhast beleuchteten. Die Schönheit der Nacht fesselte uns auf dem Verdeck. Es >var eine von den Nächten des Südens, die wir in Deutschland nur ahnen können. Der laue Wind, der von Italiens Küsten herüber wehte, gab ihr eine angenehme Wärme, aber gerade ihre Kühle war eS wieder, welche nach dem heißen Tage so wohl that. Mir war, als glänzten die freundlichen, noch bekannten Sterne viel lieblicher und Heller zu uns herab, als wäre Alles viel milder und schöner als daheim. Spät erst suchte ich den Schlaf in einer der Lagerstätten der Kajüte. Doch bedurfte eS langer Zeit, ehe ich bei dem Knacken der Schiffswände, dem Toben der Maschine und dem Zittern des ganzen Baues im Stande war, die Augen zu schließen. Der folgende Morgen brachte schon um vier Uhr den größten Theil der Reisegesellschaft auf das Deck. Die Matrosen waren beschäftigt, das ganze Deck zu reinigen, wie dies alltäglich auf den Schiffen geschieht. Halb fünf Uhr stieg die Sonne hinter den Gebirgen Dalmatiens empor und vergoldete die unermeßliche Wasserfläche, so weit das Auge reichte. Unsere Mohammedaner beteten oder lasen im Khorahn. Wir glitten rasch an der dalmatischen Küste dahin. Oft ist sie öde und unfruchtbar, oft aber zeigt sie uns liebliche Dörfchen zwischen Olivenwäldcrn. Die letzteren ziehen sich bisweilen hoch an den Gebirgen hinauf. Zwischen uns und der Küste sahen wir viele Inseln. Die Mövcn umschwärmten in zahlreichen Gesellschaften unser Schiff oder schaukelten sich, vom Fluge ruhend, auf den Wellen. Briggs und Dreimaster steuerten an uns vorüber, dem Hafen Tricst's zu. Nachmittags tauchte die Insel St. Andrä am Horizonte auf; gegen Abend fuhren wir zwischen den Inseln Lissa und Buri durch. Erstere lag uns so nahe, daß wir mit den, Fernrohr die Leute in den Straßen des Städtchens Lissa herumwandcln sahen. Allmählig verlor sich das Land aus unserm Horizonte. Nur die untergehende Sonne zeigte uns noch einmal jene bergigen Ländchen. Am dritten Tage unserer Reise sahen wir kein Land. Es ist ein großartiger und erhebender Gedanke, so allein, von jeder mensch- 6 lichen Hülfe so weit entfernt, über ungemessne Tiefen dahin zu segeln. Unsere Begleiter vom vorigen Tage, die krächzenden Mö- ven, waren verschwunden; dagegen zeigten sich Delphine, einzeln oder in Gesellschaften. Sie umkreisten spielend das Schiff und wurden mit Jubel begrüßt. Auf Korfu's Leuchtthurm erlosch am 9. Juli eben das Licht, als die Mamuhdie in den engen Kanal einbog, der die größte der ionischen Inseln vom Festlande trennt. Noch lagen beim heraufdämmernden Morgen die zahlreichen Landhäuser, Orangegärten und Weinberge des herrlichen Eilandes im tiefsten Schatten, die Stadt ruhte noch im tiefsten Schweigen der Nacht, als wir ihr gegenüber Anker warfen. Von einem der Forts auf den kleinen Inseln im Meere donnerten zwei Kanonenschüsse dem jungen Tage entgegen. Fröhliche Waldhornsignale und lärmender Trommelschlag antworteten auf allen Basteien der Festung. Die Purpurwölkchen über Albaniens Gebirgskämmcn erblichen vor den ersten Strahlen der Sonne, die Spitze des Leuchtthurms erglühte im hellsten Feuer, Stadt und Meer erschienen wie mit Goldduft überhaucht. Jetzt lag das reizende Bild ,,glühend in der Sonne Gold" vor uns; es war ein Panorama zum Entzücken. „Die Meereswasser sind flüssige Smaragde und Saphire, welche die Sonnengluth vom blauen Himmel und von der grünen Erde abgeschmolzen hat. Es ist ein Schimmer und Geflimmer, ein elektrisches Wellenzittern, eine Magie in den Lüften, auf den lichtgetränkten Wogen, welche im schneeigen Gischte ihre Buhlerei mit Sonne und Aether ausschäumen: — daß die Seele trunken und taumelig werden muß"*). Korfu ist, vom Meere aus gesehen, die schönste Stadt, die man sich denken kann. Auf steilen Felskegeln thronen die gewaltigen Forts; Kaktusfeigen wuchern auf ihren Mauern und Zinnen, wie an den unersteiglichen Felswänden. Pflanzen, welche wir nur in unseren Gärten sehen, treibt hier die Sonne Griechenlands zu Sträuchern und Bäumen empor, und zwischen den schon ganz *) Bogumil Geltz, Ein Kleinstädter in Egypten. 7 orientalisch gebauten Häusern der Stadt blüht und reift die goldne Orange ,,im dunklen Laube". Griechische Kirchen, mit niederm durchbrochenen Glockenthürmen, stehen neben den Wohnungen der übergesiedelten Britten, die morgenländische Terrasse wechselt mit dem nordischen Ziegeldach. Die Straßen ziehen sich in breiten, aus dem Felsen gehauenen Treppen oder abschüssigen Wegen so steil den Berg hinauf, daß das Haus einer oberen Gasse auf dem einer unteren zu stehen scheint. Kleine Gärtchcn sind mit sorgsamem Fleiße überall angelegt worden, wo der Felsen Raum zu einem Blumenbeete übrig ließ. Grünende Gärten und Olivenhaine, lachende Villa's und Weinberge rahmen das Zauberbild von beiden Seiten ein. Das Meer war von unzähligen Fischerbarken belebt, welche zwischen den zahlreichen Kriegs- und Handelsschiffen dahin ruderten. Einige von ihnen kamen zu unserem Schiffe und luden uns zum Landen ein. Die fremdartig gekleideten Männer wiegten sich auf den Wellen wie die Hunderte der silberweißen, grauröckigen Mövcn, welche ruhig auf der lasurblauen Fluth dahin gleiteten. Wir bestiegen eine der Barken und ruderten dem Lande zu. Ein rothröckigcr, englischer Soldat öffnete ein enges Pförtchcn im Thore und ließ uns eintreten. Der Abendländer glaubt sich im Innern der Stadt von einem Zauber umfangen zu sehen. Alles ist ihm neu, Alles ist anders als daheim. Neu sind ihm die Sprachen, welche er hört, neu ist Alles, was er sieht: die Trachten und Klci- dungsstoffe, Basars und Kaufhallen, Kirchen und Gebäude, Menschen und Thiere, Blumen und Früchte. Der Süden bietet ihm hier zum ersten Male seine Erzeugnisse dar. Für einen Kreuzer kauft man hier zwei Feigen von einer Größe, wie wir sie noch nie sahen; Citronen und Orangen, lockende Aprikosen und Pfirsiche sind noch billiger. Wir durchwanderten die Stadt und erstiegen die hochgelegenen, starken und ausgedehnten Festungswerke. Diese wurden bekanntlich von den Engländern erbaut und sind trefflich angelegt; die Stadt dagegen ist winkelig mrd thcilweiö eng, obgleich sie auch freie Plätze 8 besitzt. Der größte von ihnen ist parkartig gehalten und liegt vor dem Hause des Gouverneurs. Von dem höchsten Fort der Festung, auf welchem sich der Leuchtthurm und Signalstock befindet, hat man einen köstlichen Ueberblick der Insel. Sie liegt wie ein lachender Garten zu den Füßen ausgebreitet und setzt erst in einiger Entfernung von der Stadt durch ihre eignen hohen Berge dem Auge Grenzen. Ueber- all macht sich ein reges Leben der Natur bemcrklich. Die Vegetation ist eine rein südliche und wegen der hier noch fallenden Regen sehr üppige; die Fauna ist die deS gegenüberliegenden malerischen Gebirgslandes Albanien oder die des nahen Griechenlands. Wir besichtigten eine kleine Sammlung ausgestopfter Vögel, welche dies uns bestätigte. Man hört auf Korfu Englisch, Griechisch, Italienisch, Französisch und Deutsch. Ebenso verschieden wie diese Sprachen sind die Bewohner. Zwischen den malerisch und faltenreich gekleideten Griechen und Türken sieht man den Europäer in seinem eng anliegenden Kostüm; er kontrastirt mit seinem Frack und Glacehandschuhen unangenehm mit dem ernsten Amtsgcwande des griechischen Popen oder frauenhaften, farbenprächtigen Kleide des albancstschen Kriegers, und zerstört durch seine nüchterne, prosaische Erscheinung das glühende Kolorit des südlichen Bildes. Nachmittags verließ die Mamuhdic das liebliche Eiland, um ihre Reise fortzusetzen. Lange noch blieb Korfu in unserem Horizonte. Gegen Abend fuhren wir an St. Maura, später an Jthaka vorüber; Zante blieb uns links liegen. Gewöhnlich brauchen die Dampfschiffe zu der Fahrt von Korfu nach Syra nur 30 — 36 Stunden. Diesmal hielt uns ziemlich heftiger Gegenwind länger auf; wir kamen erst am Vormittage des 11. Juli in Syra an. Die meisten Passagiere waren von der Seekrankheit befallen worden, und alle waren herzlich froh, den immer noch stark bewegten Hafen erreicht zu haben. Es kann nichts Lächerlicheres geben als die Grimassen der von dieser sonderbaren Krankheit Ergriffenen. Wenig oder gar nicht von dem Schaukeln des Schiffs belästigt, hatte ich gerade g die rechte Stimmung erlangt, um die komischen Scenen, die sich mir boten, belachen zu können. Die unglücklich Leidenden gaben, vollkommen überwältigt, mit tragischer Fassung dem Meergott ihren Zoll. Es war mir ein ergötzliches Schauspiel, wie Einer nach dem Andern sein Lager verließ, mit dem Tuch vor dem Munde und, sich krampfhaft festhaltend, durch die Kajüte taumelte und dem Verdeck zueilte, ,,um frische Lust zu schöpfen". Viele waren nicht im Stande, sich von ihrer Lagerstätte zu erheben und ließen das grausige Walten des Schicksals ruhig über sich ergehen. Am Be- dauernswerthcsten waren jedenfalls die Frauen. Wir hörten ihr Aechzen und Stöhnen durch die Thür ihrer Kajüte hindurch, und da sie bei der durch die Krankheit bedingten Unordnung ihrer Kleidung ihren engen Raum nicht einmal verlassen konnten, spielten sie eine wirklich klägliche Rolle. Man behauptete, daß die Seekrankheit eine grenzenlose Gleichgültigkeit hervorrufe; ich kann versichern, daß durch sie auf dem Schiffe eine Unordnung entsteht, welche sich nicht schildern läßt*). Wir hatten beschlossen, die Insel Syra ein Wenig zu durch, streifen und nahmen deshalb unsere Gewehre mit an'S Land. In der Ebene der Küste bemerkten wir Weinberge, mit Reben voller Trauben, obgleich die Rebe ohne Stangen oder sonstige Zeichen des Fleißes cmporwuchcrte. Anders wurde es in der Nähe der Berge. Mit jedem Schritte wurde der Boden dürrer, unfruchtbarer und steiniger. Wenige, halb verkrüppelte Feigen- und einige größere Jo- hannisbrodbäume zeugten von Vegetation, alles Uebrige war öde, verbrannt und wüst. Auch die Thierwelt schien wie ausgestorben zu sein. Außer einigen Raben, Steinschmätzern und Sän- gern war kein Vogel zu sehen; Hunde und Ziegen schienen die einzigen Säugethicre der Insel zu sein. Darüber mißmuthig wandten wir uns der Stadt Syra zu, welche sich, vom Meere *) Man ist übrigens irriger Meinung, wenn man annimmt, daß die Seekrankheit augenblicklich endige, sobald man den Fuß an's Land setzt; sie dauert oft noch mehrere Tage auch am Lande fort; wenigstens soll man noch einige Zeit lang Kopfschmerzen und Sausen in den Ohren verspüren. Itt aus gesehen, recht gut ausgenommen hatte. Wir wurden arg getäuscht. Die Straßen Syra's sind eng und winkelig, schmutzig und bergig, die Wohnungen elende, unreinliche Baracken. Der Reisende ist gezwungen, das einzige nur einigermaßen erträgliche Gasthaus, Hotel ck'^nAleterre genannt, zu besuchen, und verläßt es unbefriedigt und fürchterlich geprellt. Das ist das Bild von Syra. Am 12. Juli verließen wir den unfreundlichen Ort mit dem kleinen, für den Dienst zwischen Syra und Athen bestimmten Dampfboote ,,Baron Kübeck." Die aus zwei Theilen bestehende, steil den Berg hinauf gebaute Stadt war beleuchtet und gewährte einen sehr schönen Anblick. Noch lange schimmerten die Lichter wie ferne Sterne zu uns herüber; eins nach dem andern verlosch und zuletzt blieb nur noch das Licht des Lcuchtthurms sichtbar. Viele Griechen reisten mit uns, die meisten als Passagiere des Verdecks. Sie schienen für ähnliche Reisen schon vorbereitet und hatten das Verdeck mit von ihnen selbst mitgebrachten Teppichen und Matratzen belegt. Die Fahrt von Syra nach Athen dauert nur wenige Stunden. Wir sahen schon am folgenden Morgen die Spitzen des griechischen Festlandes vor uns und lagen nach anderthalb Stunden im Pi- räus. Von hier ist es noch eine Stunde nach Athen; das wußte ich noch aus den Zeiten her, wo Cornelius Ncpos den lernbegierigen Knaben mit dem Land und den Thaten seiner Helden bekannt macht. Wir nahmen in dem mehr und mehr erblühenden Hafenstädtchen einen Wagen und fuhren auf einer guten, neuerdings angelegten Hochstraße der Hauptstadt zu. Kaum konnten wir den Augenblick erwarten, der uns in sie einführen sollte. Unser Weg führte durch einen Olivcnwald, welcher die ganze Ebene bedeckt. Die Berge zu beiden Seiten sind öde und kahl. Hitze und Staub quälten uns entsetzlich. Ein Hügel hatte uns lange die Aussicht geraubt. Wir umfuhren ihn und kamen zu den Ruinen des Thcscustempels. Die Akropolis lag vor uns, wir weideten unsere Augen an dem ersehnten Anblick. Dann fuhren wir in die Stadt. Mir kam sie wie ein elendes Bauerdorf vor, das sich um eine gut erhaltene, stolze Ruine gelagert hat. Die Häuser des heutigen Athen sind mit Ausnahme der königlichen, von deutschen Baumeistern aufgeführten Gebäude erbärmlich schlecht, die Straßen der Stadt sind krumm, eng und unregelmäßig, das Pflaster fehlt entweder oder ist so mangelhaft, daß man es kaum begehen kann. Das ist die Baukunst der heutigen Griechen. Wie ganz anders erscheinen da die hehren Tempel der Akro- polis! Wir besuchten sie am folgenden Tage, klimmten auf der Nordseite den steilen Felsberg hinan, wandten uns dann westlich und gelangten durch den einzigen, von einem Invaliden gehüteten Eingang in den Tempclhof. Wandalismus und Egoismus haben sich vereinigt, um die erhabenen Monumente vergangener Zeiten zu zerstören. Ein Engländer nahm den größten Theil des Frieses vom Parthenon, ,,dcs schönsten Gebäudes in der schönsten Lage der Welt," mit sich nach London und erbaute dafür einen schlechten Thurm in der Stadt; die Türken brannten Kalk aus den Kapitalen der Säulen und fertigten Kanonenkugeln aus ihren Schäften. Jetzt sammelt die griechische Regierung die gefundenen Alterthümer und versucht, die Monumente zu rcstauriren. Es kann meine Absicht nicht sein, die Akropolis beschreiben zu wollen, zumal da schon jeder Stein der Tempel durch Baukünstler und Maler gemessen und beschrieben wurde; ich begnüge mich, zu sagen, daß unsere Erwartungen von der Burg der Alten auf's Höchste gespannt waren und dennoch durch sie übertreffen wurden. Kleine Thurmfalken (Esretiiw'rs cmwlrris) bewohnten den Felsen, auf dem die Akropolis gegründet wurde, und horsteten in den Mauern der Burg, zutraulich sogar in den Wohnungen der Griechen. Wir jagten sie und hatten in kurzer Zeit mehrere von ihnen erlegt. Auch in einem nahen Olivenwalde gab es für uns manches Neue, doch konnten wir bei der uns kärglich zugemessenen Zeit nicht auf specielle Untersuchung der dort vertretenen Thierwelt eingehen. Nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen stiegen wir eines Morgens sehr früh zu Pferde, um eine kurze Reise in das Innere 12 des Landes anzutreten. Noch beleuchtete, als wir Athen verließen, der klare Sternenhiinmel unseren steinigen Weg. Wir ritten eine Zeit lang in Olivenwäldern dahin und später in die Berge hinein. Zur Linken lag uns das Meer: ein nebelgrauer, ruhiger Streifen, dein man schon recht wohl erkennen konnte. Viele Griechen begegneten uns und zogen mit ihren bcladcnen Eseln grüßend an unS vorüber. Durch eine steil abfallende Schlucht gelangten wir mit Sonnenaufgang in der Nähe der welthistorischen Bucht Salamis an's Meer, ritten eine Zeit lang der Küste entlang und dann über die triasianische Ebene wieder den Gebirgen zu. In einem Dorfe hielten wir Rast und baten um Wasser. Nur mit Mühe erhielten wir einen Trunk brack und fade schmeckenden Cisterncnwas- sers. Die Bewohner des Dorfes waren fast ohne Ausnahme häßlich ; die Frauen schienen es wegen ihrer abschreckenden Tracht noch mehr als die Männer zu sein. Mit aller Anstrengung der Phantasie hätte man aus ihren Fratzen keine ,,griechischen Formen" herausfinden können. Hinter dem Dorfe begann ein Pinienwald, durch welchen unS die Straße führte. Wir waren in das Kerata-Gebirge eingetreten und hatten gehofft, hier wenigstens romantisch wilde Gegenden zu erschauen. Aber auch hier zeigte sich dieselbe Ocde und Unfruchtbarkeit, Gleichförmigkeit und Dürre wie vorher in der Ebene. Wie ganz anders hatte ich mir Griechenland vorgestellt! Die grün- bewaldeten Gebirge, mit ihren romantischen Schluchten und saftigen Wiesen im Thalgrunde sind wie die überall bebauten und belebten Ebenen mit den freundlichen rothen Ziegeldächern der zwischen Obst- waldungen versteckten Dörfer dem Geiste des Abcndländcrs so vertraut geworden, daß er gar nicht glauben will, es könne wo anders Berge und Thäler, Dörfer und Städte geben, welche nicht ebenso beschaffen wären wie daheim. Und daß gerade Griechenland, das Land des milden Himmels, der Fruchtbarkeit und der segensreichen Erde, öder und trauriger sein könnte als Deutschland, hätte ich nie gedacht. Alle Reisenden schilderten seine Schönheit mit beredter Zunge, malten sein Bild mit glühenden Farben aus. Ich war überrascht, es nicht so zu finden, wie ich gehofft. 13 Ich hatte von wilden schneebedeckten Gebirgen geträumt, wo Adler und Geier horsten, wo der Jäger den südlichen Steinbock auf den ,,höchsten Grat" jagt, von Wäldern, durch deren Dickicht der zottige Bär trabt, in denen der raubgierige Luchs dem zierlichen Rehe nachspürt; ich hatte mir im Geiste blühende, in ewiges Grün gekleidete Ebenen ausgemalt, mit freundlichen Olivenwäldern und Cypressenhainen, mit Dörfern von Gärten umfaßt, in denen die goldene Orange und saftige Feige den Fremden entgcgenschim- mcrt; ich hatte schäumende Waldbäche, brausende Flüßchen und von romantischen Felsgcbirgcn umstandene Seccn zu finden geglaubt: — und sah kahle, nur mit Steinen bedeckte Berge, zwischen denen hindurch sich der in der Hitze dcö Südens ermattende Wanderer mühsam seinen Weg bahnt, öde, verbrannte Ebenen, welche das Auge ruhelos durchirrt, ohne belebenden Baumschlag, ohne stille Dörfchen, ohne gewcrbtreibende Städtchen; ich wurde heute bitter getäuscht, und fand statt lebensvoller Poesie allüberall nur trockene Prosa. Dazu kamen nun heute noch die ungewohnten Beschwerden der hier gebräuchlichen Art zu reisen; das fremde, heiße Klima drückte uns, die Sonne versengte den Scheitel, kein Wasser erquickte die dürr gewordene Zunge. Wir erreichten mißmuthig und angegriffen eine Art von Schuppen, Station genannt. Die Baracke hatte neben der von drei Seiten offenen Vorhalle noch eine Spelunke für den Besitzer des ganzen Gebäudes. Dieser Kerl, ein schmutziger Grieche, wurde Wirth genannt, konnte aber außer schlechtem Branntwein und mit Pinien- und anderem Harze versetztem Weine nichts Genießbares anbieten. Wir genossen eine Tasse Kasse und legten uns zur Ruhe nieder. Nach zweistündiger Rast ging es mit derselben Eile weiter wie früher. Die Straße führte uns bergauf, bergab durch öde, meist unbewohnte Gegenden. Nachmittags wurde noch einmal in einem kleinen Hause, in dessen Nähe gutes Wasser floß, gerastet. Die Hütte schien mehr der Hirten als der Reisenden wegen erbaut zu sein und war ebenso schlecht als die frühere. Wir waren bisher fortwährend gestiegen und sahen von unse- 14 mn letzten Ruhcpunkte aus noch hohe Berge vor uns. Die Gegend wurde wilder und romantischer. Ein verfallenes Kastell krönte den Rücken eines hohen Berges und mochte früher eine Thalschlucht, durch welche wir ziehen mußten, beherrscht haben. Zahlreiche Zie- genheerdcn kletterten an den steilsten Abhängen der Felsen herum und Passaten mit bedächtigem, possirlich ernstem Gange kühn die schwierigsten Stellen. Sie nagten an kleinen Gebüschen herum, welche der schwarzköpfige Ammer (Lmborira melauoeepkLla) zu seinen Wohnplätzen erwählt hatte, und wurden von mehreren Hirten bewacht, deren ganzer Reichthum sie sind. Unsere Pferde kletterten sehr geschickt mit uns die Berge hinauf. Endlich hatten wir die Höhe erreicht, und sahen, wie durch Zaubcrschlag hervorgerufen, ein prachtvolles Panorama vor uns. Die Sonne beleuchtete die zackigen Gipfel hoher Berge, welche eine weite, uns zu Füßen liegende Ebene begrenzen. Ein hoch über alle übrigen erhabener Berg, der Parnaß, zeigte uns seine schneebedeckten Häupter. In unermessencr Höhe schwebte, Beute suchend, ein Paar der kühnen Räuber des Gebirges, der Lämmergeier s6^paöto8 merickioimlis); im Thäte schritten Störche auf und ab; Egyptens Aasgeier (i^so- pllrou perouopterus) hockte an den Felsen, hundert Sylvien bewillkommneten uns mit melodischem Gesänge. Auf dem bisher zurückgelegten Wege waren uns nur einige geschichtlich merkwürdige Punkte von Interesse gewesen, hier fesselte uns ein romantisches Ge- birgsland; wir verweilten beglückt von dem entzückend schönen Bilde. Durch eine halsbrechcnde Schlucht ritten wir in die Ebene hinab. Sie war dürr und unbebaut, obgleich der Boden überall der fruchtbarste Acker hätte sein können. Gegen neun Uhr Abends ritten wir in Theben ein. Man erkennt die frühere Größe und Bedeutung dieses Orts nur noch durch ausgedehnte Trümmerhaufen; das heutige Theben ist ein elendes Dorf. Bei unserer Ankunft umringten uns Schaarcn von Müsstggängern und begleiteten uns zum Hause eines deutschen Arztes, des Dr. Hormel. Dieser empfing uns sehr gastfreundlich und that mit seiner liebenswürdigen Frau, einer schönen, jungen Griechin, alles ihm nur Mögliche, um uns unsere große Ermüdung vergessen zu machen. 15 Der folgende Morgen wurde zur Jagd benutzt. Wir sahen mehrere große Geier (Vultur oinerous und kulvuch und einen Flug der prachtvollen roscnrothcn Hirtcnvögcl (ks8tor rv86U8), waren aber nicht so glücklich, Beute zu machen. Deshalb zogen wir schon am Abend weiter und gelangten Nachts zu dem drei Stunden entfernten Anakulsee, welcher in einer ziemlich öden Gegend liegt und von hohen, mit niederem Gebüsch bestandenen Bergen umgeben ist. Dort bezogen wir die Hütte eines alten redlichen Hirten — wenigstens traktirte er einen anderen Hirten, der uns Schicß- pulver stehlen wollte, so derb mit Faustschlägen, daß jener mit blut- qucllender Nase und aufgeschwollenem Munde flüchten mußte, — jagten und präparirten das Erlegte. Unser Aufenthalt war für uns nicht uninteressant. Wir erbeuteten mehrere Schlangenadler und stellten den hier häufigen Hasen und Stein Hühnern (karäix Fräsen) nach, fanden in den Büschen interessante Sängerarten und viele Schlangen und bemerkten auf dem Spiegel deS Sees die ersten Pelekane. Dabei hatten wir Gelegenheit, das Leben der griechischen Hirten zu beobachten. Sie erschienen täglich in ziemlich bedeutender Anzahl in der Nähe unserer Hütte, bücken sich Brod zwischen heißen Steinen und tränkten ihre Heerdcn. So viel wurde mir aber klar, daß diese Hirten nicht die Originale zu vielen recht ,,freundlich zu lesenden" Idyllen sind; selbst ein Geßner hätte diesem pöbelhaften Pack keine Poesie ablauschen können. Die Nächte waren am Anakulsee weniger angenehm als die Tage. Tausende von quackenden Fröschen peinigten unsere Ohren durch ihre Musik, Schwärme von Musquitos unsere Haut mit ihren Stichen. Wir kehrten bald nach Athen zurück. Hier bemühten wir uns, das eigenthümliche Leben der Hauptstadt Griechenlands kennen zu lernen. Es zeugt von der Verschmelzung des Morgen- und Abendlandes. Viele Sitten und Gebräuche der Griechen sind ganz die der Morgenländer, andere ähneln denen der Abendländer. Die Laster Beider sind von den Griechen angenommen worden. Bei Tage sind die Straßen Athen's ziemlich verödet; erst gegen Abend beginnt das wahre Leben, dauert aber auch bis tief in die Nacht hinein. Dann beleben sich die Balköne der 16 bei Tage fast unzugänglichen Häuser mit den bisher eifersüchtig verborgen gehaltenen Frauen; die morgendländi'schen Kaufhallen, Basar genannt, sind erleuchtet, die Straßen werden lebendig. Da sieht man den zierlich gekleideten, vornehmen Griechen elastischen Schritts durch die Menge eilen, finster und ruhig lehnt das schroffste Gegenstück dazu, ein in Lumpen gehüllter Hirte, mit seinen rostigen Pistolen im schmutzigen Lcndengurt, an einer Ecke, — der erstere ist das vollendete Bild eines aalglatten, sich überall durchwindenden Gauners, der letztere das eines Räubers. Aus dem Basar ertönt das Geschrei eines Verkäufers, in den Straßen bieten barfüßige Malteser dem Fremden zudringlich ihre Dienste an und ähneln den vielen Jedermann ankläffenden herrenlosen Hunden, welche bei Nacht ebenfalls in den Straßen herumlaufen. In den Kaffehäuscrn sieht man bereits die brennende Wasserpfeife der Türken, nur herrscht in dem engen Raume nicht die Ruhe eines orientalischen Kaffchauses. Mehrere junge Leute tanzen nach der Musik einer Guitarre oder Einer von ihnen singt dazu. Der Himmel bewahre aber jeden Fremden, Das mit anhören zu müssen! Griechischer Gesang ist für das Ohr eines vernünftigen Menschen etwas Entsetzliches, er ist eine wahre Verhöhnung aller Musik. Erst nach Mitternacht wird es in den Straßen ruhig. Dann findet man viele der Armen mitten in dem Wege liegen, wo sie schlafen, und muß sich in Acht nehmen, keinen von ihnen zu treten oder zu stoßen. Die heutigen Griechen, welche ich später in Egypten noch genauer kennen lernte, ähneln in ihren Sitten noch sehr ihren Vorfahren, haben aber leider mehr deren Laster beibehalten, als deren Tugenden. Vor allen anderen Eigenschaften machen sich bei ihnen Eitelkeit und Habsucht bemerklich; ich behaupte geradezu, daß diese der Hauptbcweggrund zu vielen lasterhaften Handlungen sind. Es ist traurig, aber wahr, daß man sich den heutigen Griechen kaum als tugendhaften Menschen denken kann. Er läßt die Fluren seines Vaterlandes unbebaut und wandert als Kaufmann auS, um schneller reich zu werden, oder wird Räuber und Mörder, um Geld zu bekommen. Der Grieche ist fleißig, aber nur um seiner Hab- 17 gier und Eitelkeit fröhncn zu können, List und Betrug, Diebstahl und Mord sind bei ihm mit Fleiß identisch. Derselbe Kaufmann, dem es bei seinem Handel nicht nach Wunsch ging, tritt vielleicht später als gefürchtcter Räuber auf, und das lateinische Sprüch- wort: „Oraooa ücles, null» ückos" findet heute noch seine volle Anwendung. Wir verließen Athen am 2ö. Juli und kehrten nach Syra zurück. Hier schifften wir uns am folgenden Tage am Bord der „Imporatrros" ein und verließen Abends den Hafen, um Egypten zuzusteuern. Nach einer sehr glücklichen Fahrt waren wir schon am 29. Juli der afrikanischen Küste so nahe gekommen, daß wir noch denselben Tag im Hafen Alerandricns Anker zu werfen hoffen durften. Die Matrosen des Schiffes, mit denen ich fleißig verkehrte, machten mich Nachmittags auf das auftauchende Land aufmerksam. Bekanntlich ist die cgyptischc Küste sehr flach und hat nirgends hervorragende Punkte. Sie zeigte sich uns zuerst als ein langer, schmaler, fahlgelber Streifen, trat aber immer deutlicher hervor. Nach Verlauf einer Stunde von ihrem ersten Erscheinen an konnten wir mittelst der Fernrohre bereits mehrere hervorstechende Orte unterscheiden. Unser Schiff eilte mit einer durch günstigen Wind sehr beschleunigten Schnelligkeit dem Lande zu. Die Umrisse des vor uns ausgebreiteten Bildes zeichneten sich schärfer ab. Gerade vor uns zeigten sich viele Windmühlen, welche wir im Anfange für einen Wald gehalten hatten, rechts lag ziemlich nahe der ,,Thurm der Araber," links eine im Lichte der Sonne blendend weiß erscheinende Häusermasse mit schlanken Minarets und Thürmen: Alexanderen. Das Lootsenboot brachte uns einen des gefährlichen Weges kundigen Steuermann an Bord, der alsbald seine Instruktionen ertheilte. Er war der erste Sohn des vor uns liegenden Landes, den wir zu sehen bekamen, sprach ziemlich fertig Italienisch und schien sein Geschäft zu verstehen. Mit sicherer Hand führte er das nur von halber Dampfkraft bewegte Boot durch den gefürchteten Hafeneingang hindurch, an den Bädern der Kleopatra und mehreren Forts vorüber und dem innern Hafen zu. 18 Hier warfen wir neben einem mächtigen Kriegsschiffe der egypti- schen Flotte Anker. Wie soll ich die Gefühle beschreiben, welche jetzt in uns rege wurden! Staunen und Neugier, Verwunderung und Freude vermischten sich. Die riesigen Werke des Vizeköm'gs, die fremdartige Stadt und das fremde Volk in den Barken beanspruchten wechselseitig unser Interesse. Wir ließen unsere Blicke von einem Ort zum andern schweifen, immer aber kehrten sie unwillkürlich zu einem vor uns liegenden, von der Säule des Pompejus überragten Palmenwalde zurück. Palmen, und Palmen in Wäldern, das Schauspiel ist zu neu, als daß wir es nicht bewundern sollten. Jetzt wurde uns klar: ,,Das Märchenland der tausend und einen Macht liegt vor uns." Die ersten Tage in Cgypten. „Diese auf der Ueberfahrt wenig vorbereitete Uebersetzuug von Europa in Afrika; diese plötzlich meinen inneren und äußeren Sinnen vorgezauberte neue Welt, mit ihren ganz neuen Lebensarten und Erscheinungen, für die ich gleichwohl die alten fünf Sinne behielt; das war es eben, was mich die ersten Stunden in den Straßen von Alexandrien wie ein Wachträumen umfangen hat." Goltz, Ein Kleinstädter in Egypten. Schon wenige Minuten nach unserer Ankunft umschwärmte eine Unzahl kleiner Barken das Dampfboot. Ihre Führer forderten die Reisenden in drei bis vier Sprachen auf, eine derselben zu besteigen und zu landen. Noch fehlte uns aber die Erlaubniß der Hafen- und Gcsundheitspolizci hierzu. Die ersehnte Barke mit der gelben Quarantäncflagge erschien und legte dicht an unserem Schiffe an. Statt der gehofften „krä-tiea" ertheilte der befehligende Offizier der Quarantänemannschast den strengsten Befehl, auf dem Schiffe zu verweilen, weil er es in Quarantäne erklären müsse. Erst der folgende Tag löste das Räthsel. Ein anderes Dampfboot des österreichischen Lloyd hatte sich vor wenig Tagen ein Versehen gegen die Verordnungen der Gesundhcitspolizei zu Schulden kommen lassen, welches wir jetzt büßen mußten. Grollend und mißmuthig ergaben wir uns in unser Schicksalich brauche nicht zu schildern, mit welcher Sehnsucht wir nach dem nahen Lande hinüberblickten. Die Zeit schlich bleiern dahin, obgleich die Schiffsgesellschaft manches Mittel, sie zu kürzen, anwandte. Wir beschäftigten uns eine Zeit lang mit dem Herabschießen der zahlreich uns umschwärmenden Möven. Die Hitze des Juli Egyptens wurde uns fast unerträglich; die Gefahren des fremden Klimas nicht kennend, versuchte ich mir Erleichterung zu 2 " 20 verschaffen und ging mit bloßem Kopfe auf dem Verdeck herum. Schon nach wenig Minuten fühlte ich mich bestraft; heftige, sich mehr und mehr steigernde Kopfschmerzen waren die Vorboten einer mir damals kaum dem Namen nach bekannten, gefeuchteten Krankheit, des Sonnenstichs. Egyptcn bot mir einen bösen Willkomm, Erst vierundzwanzig Stunden nach unserer Ankunft war es dein k. k. österreichischen Generalkonsul gelungen, uns Pratika auszuwirken. Nachdem wir uns mühsam eine Barke verschafft hatten, — nicht, weil deren zu wenig, sondern weil ihrer zu viele waren und die verschiedenen Barkajuoli sich erst um uns gebalgt hatten — ruderten wir dem Lande zu. Hier wurden wir von einer schreienden und schimpfenden, uns ihre Thiere anpreisenden und ihre Genossen verhöhnenden Rotte von Eseltreibern ebenso in Empfang genommen, mit oder ohne unseren Willen auf Esel gesetzt und der Stadt zugeführt. Auch ich war die ersten Stunden in Alcrandrien wie ,,von einem Wachträumen umfangen," aber doch war der erste Eindruck der Hafenstadt auf mich für sie kein günstiger. Es ist für den in Egypten Neuangekommenen ein höchst ergötzliches und fesselndes Schauspiel, durch die wogenden, belebten Basare des arabischen Viertels zu reiten; es bedarf geraumer Zeit, um alle Eindrücke des fremden Bildes festzuhalten, um sich an das nur aus Erzählungen bekannte orientalische Treiben zu gewöhnen; aber die Frische der poetischen Anschauung der ersten arabischen Stadt erbleicht, wenn sich die altbekannten europäischen Gestalten dem Auge aufzwängen. In.der Muhski, d. h. den nur von Europäern bewohnten Straßen Alerandriens, haben diese bereits das arabische Gepräge vollständig verdrängt. Ohne Alcrandrien das Gute und Schöne einer europäischen Stadt zu ertheilen, hat die halbreife fränkische Civilisation oder, wenn ich so sagen darf, die Europäisirung der Stadt ihren orientalischen Charakter und damit ihren Reiz genommen. Und das empfindet der Fremde sogleich; Alerandrien wird ihm bald fade und langweilig. Unsere trefflichen Eseltreiber brachten uns in Bälde nach dem am großen Platze oder der Esbekie liegenden europäischen Gast- 2t Hofe. Meine Kopfschmerzen waren so heftig geworden, daß wir einen Arzt um Rath fragen mußten. Dieser, ein liebenswürdiger Landsmann von uns, ließ mich, nachdem er einen Aderlaß und Arznei verordnet hatte, baldige Genesung hoffen. In der That wurde mir nach der Blutentziehung wohlcr. Der Baron hatte, um seine Reise so bald als möglich fortsetzen zu können, mit einem Engländer und dessen Frau (oder wie sich später herausstellte Maitresse) noch am Tage unserer Ankunft eine der Segelbarken des Nil zur Reise nach Kairo gemiethet. Man schilderte uns die ,,D ah ab're" *) als ebenso bequem und wohnlich wie unser Gasthaus, weshalb ich mich, trotz meines Kopfschmerzes, zur Weiterreise bereit erklärte. Die nöthigen Vorbereitungen und Einkäufe wurden gemacht, die Gesellschaft miethete sich einen Dragoman Namens MLHLmmed, welcher zugleich Koch und Bedienter sein sollte, und bestellte die Esel zum Ritt an den Alerandrien mit dem Nil verbindenden Kanal. Wir brachen am 31. Juli Abends vom Gasthofe auf, verließen Alerandrien durch das „Lalld st sclmrklli" oder das östliche Thor und ritten bei einbrechender Nacht an der kolossalen Säule des Pompejus vorüber und dem Kanale Mäh muh die zu. Durch eine Akazienallee hindurchreitcnd kamen wir in ein elendes, nach dem Landhause eines türkischen Großen Mohar- rem-Bc'i genanntes Dorf am rechten Ufer der Mahmuhd'ie, wo unsere Barke liegen sollte. Die Nacht war aber so rasch hereingebrochen, daß wir sie nicht mehr auffinden konnten und zuletzt beschlossen , die Gastfreundschaft der Landbewohner in Anspruch zu nehmen. Mahammed führte uns in eins der größeren Häuser. Ein Diener empfing und geleitete uns in das Empfangszimmer des Hausherrn. Dieser nahm uns, nachdem er unseren Wunsch durch Mahammed's beredten Mund erfahren hatte, sehr freundlich auf, bewirthete uns mit würzigem Kasse, übersüßen Weintrauben und köstlichem Tabak und ließ uns nach einigen Stunden gute und reinliche Lager aufschlagen. Wir verbrachten in dem kühlen ) Zu deutsch „die Goldene," Name dieser Barken. 22 Schlafzimmer sehr angenehm die Nacht, erhielten am folgenden Morgen Dasselbe, was wir gestern genossen hatten, und verließen dankend den liebenswürdigen Wirth des gastlichen Hauses. Das Schifflcin wurde nun bald aufgefunden, mit unserem wenigen Gepäck beladen und sofort in Gang gebracht; ein günstiger Wind trieb uns rasch dem Nil entgegen. Um Mittag begegnete uns ein.von raschen Pferden geschleiftes Boot des Vizekönigs; sonst sahen wir den ganzen Tag über weiter Nichts als Himmel, Lust, Wasser, Schlamm, Schiffe und mehr oder weniger nackte Menschen; der Kanal bietet wenig Abwechselung. Gegen Abend erreichten wir „U'umin ei malunudckieden Mund des Kanals, und die ihn mit dem Nil verbindenden Schleußenthvre von Adfeh. Wir stiegen an's Land, gingen zu Fuß durch das Hafendorf und standen am Nil. Vor uns lag das jetzt zum tiefsten Stande herabgesunkene Silberband des heiligen Stromes, eingefaßt von blühenden Ufern. An dem uns gegenüberliegenden Ufer liegt Fuah, ein kleines Städtchen. Es ist ein ächt orientalisches Bild. Das dunkle Grün des Delta, die fruchtbeschwertcn Palmen mit den im Winde wogenden Kronen, die mächtigen, blätterreichen Sykomoren und der heilige Strom geben den Rahmen zu einer weißen, malerisch grup- pirten Häusermasse mit sarazenischen Erkcrgittern, überragt von schlanken, mit mehreren Gallerieen umgürteten Minarets. Wir standen und waren tief ergriffen von der unendlichen Schönheit des von der Abendsonne vergoldeten Panoramas. Unsere Blicke schweiften über die Wasserspiegel des Stromes dahin, seine Geschichte, die Geschichte von Jahrtausenden sprach uns an und führte unsre Gedanken mit sich fort in das Vergangene, aber Luft und Sonne, Strom und Palmen brachten uns zu uns selbst und zu erneutem Genuß des AnschauenS zurück. Man muß noch neu im Lande sein, um all' den Zauber einer solchen Landschaft zu verstehen; man darf noch nicht Tage lang in Palmcnhaincn hingerittcn sein, um die Schönheit des Königs der Bäume zu würdigen — denn auch das Herrlichste verliert durch die Gewohnheit an Reiz. Obgleich unser Barkenführer und Schiffskapitän, arabisch ,,Re'ts" genannt, die Reise mit orientalischem Phlegma fortzusetzen gedachte, wurde er doch, durch energische, keinem Zweifel Raum gebende Vorstellungen von unserem Wunsche, schnell zu reisen, in Kenntniß gesetzt, bald bewogen, noch heute Nacht weiter zu gehen. Erst nach Mitternacht fuhr er bei erschlaffendem Winde dem Lande zu, um in der Nähe eines kleinen Dorfes zu übernachten. Am andern Morgen zeigte sich der Nil als belebte Straße handeltreibender Menschen und leichtbeschwingter Vogel. Wir begegneten vielen Schiffen und sahen mit Vergnügen das bunte Treiben der geflügelten Schaaren seiner Bewohner. Mächtige Pele- kane fischten ungestört durch die vorbeisegelnden Schiffe mitten im Strome; noch zutraulicher waren die niedlichen schneeweißen kleinen Kuhreiher (^.rckeccka lmbulea); sie liefen zu Dutzenden in den Feldern herum und setzten sich auf die Rücken der Wasserbüffel, um ihnen die Insekten abzulesen. Leider war ich nicht fähig, alles Neue, welches uns die Nilfahrt bot, mit Lust und Vergnügen anzuschauen. Meine Krankheit hatte während unserer Reise sehr an Heftigkeit zugenommen. ES ist mir unmöglich, eine Beschreibung derselben zu geben; ich weiß nur, daß ich fürchterliche Kopfschmerzen, scheinbar so recht im Innern des Gehirns verspürte und wenn diese gar zu heftig wurden, durch lange anhaltendes Delirium und Besinnungslosigkeit in einen um deshalb besseren Zustand versetzt wurde, weil ich dann meine Schmerzen nicht mehr fühlte. Nur meine kräftige Körperkonstitution ließ mich die Krankheit, an welcher viele Europäer und selbst Eingeborne sterben, überleben. Die kurze Reise nach Kairo sollte nicht ohne Abenteuer endigen. Am 3. August (1847) war unser Steuermann so unvorsichtig, das mit vollen Segeln den Strom Hinaufbrausende Schiff aus ein anderes laufen zu lassen, dem dadurch das Steuer zertrümmert wurde. Es war zum Unglück noch mit einer zahlreichen Menge von Weibern beladen und diese erhoben nach dem Zusammenstoß ein so lautes, gellendes und durchdringendes Gebrüll, daß wir erschreckt aus unserer Kajüte heraustraten. Da sahen wir, daß sich vom Bord des andern Schiffes aus vier nackte Matrosen 24 in's Wasser stürzten, aus unser Schiff zuschwammen und an demselben emporklimmten. Einer der ungebetenen Gäste bemächtigte sich des Steuers und dirigirtc jetzt unser Schiff, die anderen ge- riethcn mit unserer Schiffsmannschaft in heftigen Streit und erhoben dabei ein furchtbares Geschrei. Der ganze Hergang war uns vollkommen unverständlich, aber weil wir fürchteten, daß diese, scheinbar in entsetzlicher Wuth auf unserem Schiffe herumtobenden Männer uns angreifen könnten, bewaffneten wir uns mit Säbel und Pistolen und stellten uns drohend vor den Eingang der Kajüte. Das ersah der Rc'r's als ein Mittel zur Befreiung der Eindringlinge und bat uns durch den Dollmctschcr, ihm gegen ,,die Räuber und Mörder" bcizustehen. Jetzt verwandelten wir unsere bisher passive Stellung sogleich in eine offensive. Der Baron stürzte sich auf den nackten Steuermann und hieb ihn mit seinem, in Wien erst scharfgeschliffcnen Säbel dermaßen über den Kopf, daß er lautlos kopfüber in den Strom fiel und sich dort kaum über dem Wasser erhalten konnte. Ich ging mit bloßem Hirschfänger direkt auf die klebrigen los und trieb sie durch scharfe Hiebe in die Flucht; unser.Reisegefährte, der Engländer, griff erst zu den Waffen, nachdem er von seiner Maitresse, einer muthigen Französin, durch schallende Ohrfeigen dazu aufgefordert worden war. Meine drei Gegner warteten seine Ankunft auf dem Kampfplätze aber nicht ab, sondern stürzten sich sogleich nach dem Fall ihres verwundeten Gefährte!: in den Nil, um diesem zu Hülse zu eilen. Alle vier erreichten auch glücklich das eine User deS Stromes und kehrten nach ihrer ebenfalls dort gelandeten Barke zurück. Auf dieser erhob sich ein Heidenlärm. Ein ganzer Haufe von Männern bewaffnete sich mit Knütteln und verfolgte, längs des Ufers hinlaufend, unser Schiff mit Wuthgeschrci und Rache drohend. Alan hätte sie für Nordamerikanische Wilde hallen können. Sie waren ganz nackt, der glattgeschorcne Kopf zeigte nur die Skalpirlocke am Scheitel, ihre Farbe war so dunkel, daß sie der der Rothhäutc wohl ziemlich ähnlich sein konnte. Wir luden unsere Gewehre mit Kugeln, holten die Büchsen herbei und bereiteten uns ernstlich zu einem etwaigen zweiten Angriff vor. Wirklich 25 schienen sie diesen zu beabsichtigen. Nach einiger Zeit bemächtigten sie sich einer kleinen Barke und steuerten zu uns herüber. Allein die ernstliche, ihnen durch den Dollmetscher zugerufene Drohung, daß wir sie niederschießen würden, wenn sie noch naher kämen, hielt sie zurück; sie ließen von ihrer Verfolgung ab und kehrten auf ihr Schiff zurück. Nur unsere gänzliche Unkenntniß des Landes und seiner Bewohner konnte unser Verfahren entschuldigen. Zwei Jahre später würde ich jene Matrosen mit der Peitsche und nicht mit vem Säbel verjagt haben. Die armen, von uns so sehr verkannten Burschen hatten keineswegs die Absicht gehabt, uns anzugreifen, sondern wollten sich von unserem Kapitän nur die Entschädigung für das ihnen zerbrochene Steuer zahlen lassen. Daß die Leute bei dieser Expedition aus vollem Halse schrieen und anderweitigen Lärmen zu verursachen bemüht waren, hätte einen mit ihren Sitten Vertrauten nicht beunruhigt, weil er gewußt haben würde, daß die Araber bei jeder Gelegenheit schreien und lärmen, aber es war uns ebensowenig zu verargen, daß wir nach den falschen Vorspiegelungen des Reis auf unserer Hut waren. Die Schändlichkeit des Letzteren hätte leicht einige Menschenleben kosten und uns große Unannehmlichkeiten zuziehen können. Bei diesem Handgemenge war der Hut des Barons vom Winde entführt worden und auch er trug in wenigen Minuten einen Sonnenstich davon, welcher schon am nächsten Morgen Delirium herbeiführte. Ich wußte nicht, was ich thun sollte und legte zuletzt dem in der Fieberhitze Glühenden ohne Unterbrechung nasse Umschläge auf den Kopf, obgleich ich selbst so krank war, daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Erst in der Fremde und auf Reisen sieht man ein, wie nothwendig ein Mensch den andern braucht. Wir waren Beide krank und genöthigt, uns gegenseitig zu pflegen; der Baron mußte sich selbst eine Ader öffnen. In sehr gedrückter Stimmung sahen wir am 5. August die Zeugen längst vergangener Größe am Horizonte aufsteigen. Ueber das flache Land ragten die Pyramiden empor ,,und jene ewigen Bauwunder zeichneten ihre kolossalen Dreiecke in den klaren Akther 26 zum Zeichen, daß es in allem Wandel und Fluß der irdischen Dinge und Zeiten doch schon hinieden ein Festes und Unwandelbares geben darf und soll*)." Wir waren von diesem Schauspiele, von ungefähr denselben Gedanken tief ergriffen. Das dem Knaben durch sein Bilderbuch, dem Schüler durch seine Lehrer Altbekannte lag hier als früher nur geahntes Original vor uns. Mir war, als ob ich träumte. Hundert Male habe ich die Pyramiden später gesehen, viele Male vor ihnen gestanden, niemals ihre Größe erfassen können, aber sie haben den hocherhebcnden Eindruck, den sie in mir vom ersten Sichtbarwerden zurückließen, nie wieder auf mich gemacht. Und der wird in mir fest und unwandelbar bleiben, wie jene hehren Denksteine eines großen altberühmten Volks. Jener Autor hat wahr gesprochen, wenn er sagt, daß es auch schon hienieden etwas Festes und Unwandelbares geben darf. Wir befanden uns jetzt im „Latin el llallllr"**') und erreichten nach kurzer Fahrt den eingetheilten Nil. Südöstlich stiegen die schlanken Minarets auf der Citadelle der Maheruhseth ***) am Horizonte auf. Reizende Landhäuser zu beiden Seiten des Flusses kündeten die Nähe der Hauptstadt. Um zehn Uhr Vormittags landeten wir in Bulakh, dem belebten Hafen Kairo's. Mahammed besorgte Esel, auf denen wir langsam, uns nur mit Mühe aufrecht erhaltend, durch die Straßen der Hafenstadt ritten. Dann gelangten wir in eine schattige Platancnallce, welche uns mit den vielen Kairo umgebenden Gärten den Anblick der herrlichen, im ganzen Oriente gepriesenen „sslnssr ei llllulllru" ****) noch ver- *) Goltz, Ein Kleinstädter in Egypten. **) Oft, aber mit Unrecht „Latin ei dslrker" (Bauch der Kuh) genannt. Latin ei bslilir heißt wörtlich Bauch des Flusses, weil dieser sich hier in die beiden Arme von Dam iaht und Re schied theilt und sich nach beiden Seiten ausbaucht. ***) slnkernlisetll oder Alälwrüllsä ist ein Beinamen Kairo's und bedeutet „die von Allah Beschützte," von liSrrLs», schützen. ****) Llassr bedeutet Hauptstadt, wird aber fast ausschließlich nur für Kairo gebraucht; klwINes bedeutet „die Zwingende" und bezüglich „Unbe- zwungene;" von diesem Worte ist Kairo (sprich Kai-ro und nicht Ka-i-ro) abgeleitet. 27 schleiertc. Wir waren sehr froh, nach halbstündigem Ritte einen der europäischen Gasthöfe Kairo's erreicht zu haben. Unsere Körperkräfte waren so erschöpft, daß wir uns sogleich nach unserer Ankunft zu Bett begeben mußten. Man rief einen italienischen Arzt, um uns zu behandeln, und bestellte einen arabischen Lohnbedientcn zu unserer Pflege. Bis zum elften August lagen wir fest darnieder. Die Kopfschmerzen wurden oft so heftig, daß wir von einer Ohnmacht in die andere fielen. Ich erinnere mich nur weniger Tage, an denen wir volles Bewußtsein hatten und mit einander sprechen konnten. Ein solcher war der siebente August. Wir lagen matt und kraftlos auf unseren Betten und klagten über die entsetzliche Schwüle der Luft. Plötzlich vernahmen wir ein donnerähnlicheS Rollen, Geschrei und Wehklagen auf der Straße, Gebrüll von Thieren und eiliges Laufen auf den Korridors; unsere Bcttgestelle schwankten, die Thüren des Zimmers flogen auf und zu, klirrende Fensterscheiben, zerbrechende Gläser stürzten zum Fußboden herab, an einzelnen Stellen des Zimmers löste sich der Mörtel von den Wänden und fiel polternd im Zimmer nieder, — wir wußten uns die Erschütterung nicht zu deuten. Ein neuer, stärkerer Stoß folgte dem ersten, wir hörten das Einstürzen von Mauern in unserer Nähe und fühlten, wie unser Haus in seinen Grundfesten schwankte. Da wurde uns das Phänomen entsetzlich klar: ein Erdbeben erschütterte die Hauptstadt. Und ohne Hülfe lagen wir, krank und elend, allein in unseren Betten, kaum fähig, uns zu bewegen, nicht im Stande, gleich den anderen Reisenden hinaus in's Freie zu flüchten ; unsere Lage war eine gräßliche. Die Naturerscheinung währte kaum eine Minute, uns wurde diese Zeit zu einer Ewigkeit. Ich erinnere mich noch heute sehr wohl der schauderhaften Vorstellung unseres geängsteten Geistes; das Einstürzen des Hauses fürchtend, betrachteten wir mit Todesangst die zersprungenen Mauern und ergaben uns mit verzweifelter Resignation in das bevorstehende Schicksal. Aber unser von Europäern erbautes Haus hielt die starke Erschütterung aus; nach wenigen Minuten verkündigte uns der herbeieilende Diener unsere Rettung. Das Erdbeben begrub in 28 unserer Nähe siebzehn Menschen unter den Trümmern ihrer Wohnungen. Am achtzehnten Tage meiner Krankheit konnte ich den ersten Ausgang machen. Noch war ich sehr entkräftet, weiß aber noch heute nicht, ob mehr durch die Krankheit selbst oder durch die Behandlung des Quacksalbers, welcher uns in der Kur hatte. Er hatte mir während der kurzen Zeit meines Krankseins durch drei Aderlässe und vierundsechzig Blutegel so viel Blut entzogen, daß ich meine Schwäche billig auf Rechnung einer so infernalischen Heilmethode schieben kann. Um mich gründlich zu kurircn, ließ er mir durch einen arabischen Barbier noch Senfpflaster auf die Waden legen. Dieser vergaß, sie zu rechter Zeit abzunehmen und dachte erst nach zwölf Stunden an den seiner Pflege Uebergebenen. Ich habe von da an ein für alle Mal an italienischer Unwissenheit, Gewissenlosigkeit und Quacksalberei genug gehabt. Mit steigenden Kräften wuchs uns auch Lebensmuth und Lebenslust wieder. Wir ritten, um uns gleich mit einem Male so recht in's dichteste Gewühl der „Unvergleichlichen" zu stürzen, durch die belebtesten, volkreichsten Straßen der Hauptstadt nach der Citadelle. Ich war in einer andern Welt; ich wußte nicht, ob ich „meiner alten fünf Sinne" noch mächtig war; ich war ein Trunkener, ein von Haschiesch*) Berauschter, der in seinem Träumen wirre, bunte, fremde Bilder sieht, ohne sich von ihnen einen klaren Begriff machen zu können. Luft, Himmel, Sonne, Wärme, Mensch und Thier, Minaret und Kuppel, Moschee und Haus — Alles, Alles war mir neu. Gerade diese Momente sind es, welche sich zu dem wunderbaren Ganzen vereinigen. Solch ein Gewimmel, solch Geschrei, solch ein Sich-Durcheinander-Drängen war mir nicht einmal im Traume vorgekommen. Ein ewig sich neu verschlingender, unaufhörlich sich auflösender und wieder bildender Knäuel wogt durch die Straßen. Da sieht man Fußgänger und Reiter zu Esel und zu Roß oder hoch oben auf dem Rücken eines *) Ein narkotisches Ertract aus Hanfsamen, mit einer dem Opium fast gleichen Wirkung. 29 Kameelcs; halb nackte Fellahhihn nnd beturbante Kaufleute, zerlumpte Soldaten und von Goldstickerei überladene Offiziere, Europäer, Türken, Griechen, Beduinen, Perser und Neger, Handelsleute aus Indien, aus Dahr-Fuhr, Syrien und vom Kaukasus; dicht verschleierte, in schwarzen Seidentaffet versteckte orientalische Damen und Fcllahsweiber im einfachen blauen Hemde, mit lang herabwallendem Gesichtsschleier; Kameele mit ihren riesigen Lasten, Maulthiere mit Waaren beladen, Esel vor kreischende Karren gespannt, Droschken mit prächtigem Geschirr und kostbaren Pferden, davor einen in vollem Laufe dahinrennenden, mit mächtiger Peitsche knallenden Sklaven, reich gekleidete, vornehme Türken auf noch reicher gesattelten edlen Rossen, in Begleitung des unerläßlichen Stallknechtes mit dein rothen Tuch, — dem Zeichen seines Amtes — auf der Schulter; mit Wassergcfäßen klingelnde Wasserträger, einen großen, langbehaartcn Schlauch oder einen kaum weniger haltenden Thonkrug auf dem Rücken, blinde Bettler, hcruin- wandernde Zuckerbäcker, Fruchthändler, Bäcker, Zuckerrohrvcrkäuser u. s. w. Das ist ein Lärmen, in dem man sein eigenes Wort nicht hören, das ist ein Gedränge, durch welches man sich nicht hindurch winden kann. „Oaa zu silieli, taellsrnk, rrclPnIr, je- mitrimk, llgginb-tk, selrirmlalr, ralisnk, oaa ei clgsminsl, el ba- rlielo, ol luiiimdr, ei llossnlw, orm rvlscliuk svockgalr,) ona, ga sadtir, tastukr ja sibcki!"*) tönt es ununterbrochen. Jeder Augenblick bringt Neues, jeder macht das vor wenig Sekunden Gesehene veralten. Denkt man sich hierzu die kühlen, krummen, heimlichen, nach oben zu immer enger werdenden, oft geradezu überdachten nnd deshalb dunklen Gassen mit den von kunstvollem Schnitzwerk über- kleidetcn Häusern, im Gegensatz zu den zum Himmel strebenden, von der Kraft der egyptischcn Sonne beleuchteten Minarets und einer hier und da zwischen den Häusern emporwuchernden Palme, *) Zu Deutsch: Sieh Dich vor, Herr! Dein Rücken, Dein Fuß, Deine rechte Seite, neben Dir, Deine linke Seite, Dein Kopf (ist gefährdet), sieh Dich vor, ein Kameel, ein Maulthier, ein Esel, ein Pferd, nimm Dein Gesicht in Acht, sieh Dich vor; o DuBcwahrer fGottj (hilf!), behüte Dich, Herr! 30 denkt man sich hierzu den Zauber des durch die Luken der Straßen- bedachung herabschimmernden ewig blauen Himmels, den Genuß der reinen, köstlichen Lust — so hat man ein schwaches Bild einer der Hauptstraßen Kairo's, aber nicht das eines Basars, denn dort herrscht wieder ein ganz anderes Leben. Wir konnten uns nicht satt sehen an den wechselvollen Bildern ; der Geist ermüdete von allem Schauen. Da hielten wir vor hochgewölbtem Portale, stiegen von unseren Reitthieren und traten in die Moschee des Sultahn Hassan. Der Friede Gottes umwehte uns; die Stille der Moschee kontrastirtc so lebhaft mit dem übersprudelnden Leben der Straße, daß wir wohl fühlen mußten, wir waren in das Haus Gottes eingetreten. Man zog uns Schuhe an, wir schritten in's Innere. Der Marmorboden ist mit Matten und Teppichen bedeckt, von den Kuppeln hängen unzählige Lampen an starken Messingketten herab. Jeder Vorsprung ist mit künstlichen Arabesken bedeckt, die kühnste Phantasie zeichnete die hochgcwölbten Kuppeln, die weit geschwungenen Bogen und die Säulen vor. ,,Von Allem, was einer christlichen Kirche zu gleichem Zwecke zu Gebote steht, Gemälde, Heiligenbilder, glänzender Altarschmuck, Musik, Weihrauch, Blumen — hat die Moschee Nichts! — sie muß den Stein geschmeidig machen, — und sie thut es!" Die Wände sind mit Schriftzeichen bedeckt, Khorahnstellen schmücken die einfache Kanzel. Keine Gallerie, keine Empore hemmt den Schwung der Bogen und Pfeiler, kein Betstuhl verengt das Schiff des Gotteshauses. Der große Raum ist ein Raum, Kuppel, Pfeiler, Arabesken und Marmormosaik sind Eins. Auf den Strohmatten lagen die Gläubigen im Gebet. Andere lasen mit andächtigen Beugungen des Hauptes im Khorahn. Man zeigte uns das Grab des Erbauers und eine in die Wand eingemauerte, gegen drei Fuß im Durchmesser haltende Scheibe, ein Andenken an die goldenen Zeiten der Regierung des Erbauers, weil damals ein Brod von dieser Größe nur einen Para oder Heller kostete. Im Hofe der Moschee sahen wir ein von Palmen 31 umstandenes Bassin, an welchem die Gläubigen die ihnen vom Gesetze vorgeschriebenen Waschungen verrichten. Von hier aus ritten wir nach der Citadelle. Der Weg zu ihr geht in einem großen Bogen ziemlich steil an dem Abhänge des Mokhadam, auf dem sie liegt, hinan. Wir gelangten durch drei Thore in die inneren, von französischen Ingenieuren erbauten Festungswerke. Man zeigte uns den berühmten Joscphsbrunncn und die Stelle, von welcher bei der allgemeinen Niedermetzelung der Mameluken — am 1. März 1811 — einer der edelsten Führer jener Kricgerschaar, hart bedrängt, mit seinem arabischen Rosse mehr als sechzig Fuß tief über die Mauern hinabsetzte. Der Sprung richtete das Thier zu Grunde, rettete aber den Reiter; Mahamined- Aali begnadigte den „kühnen Springer" und schenkte ihm eine kleine Pension. Er lebte als letzter der Mameluken noch lange in Kairo. Von einer der Batterieen genossen wir einen entzückenden Ueber- blick Kairo's und seiner Umgebung; wohl das schönste Panorama Egyptens lag vor uns. Es liegt etwas Zaubervolles in der südlichen Beleuchtung; das Auge vermag den ganzen Reiz einer in ihr liegenden Landschaft gar nicht zu erfassen. Unter 'uns breitete sich das märchenhafte Kairo aus, die Stadt mit ihren mehr als dreimalhundcrttausend Einwohnern, mit tausend Kuppeln, Minarets und Moscheen, mit Vorstädten, von denen jede an und für sich eine beträchtliche Stadt bildet, umgeben von einer in der Fülle des Pharaonenlandes schwelgenden, von einem Strome ersten Ranges durchzogenen Landschaft; in nächster Nähe sahen wir die Wächter des verderbenden Flugsandes der Wüste, eins der Wunder der Welt, die Pyramiden; den Horizont nahm die Wüste ein, jener einförmige, fahlgelbe, scheinbar unendliche, unermeßliche Streifen, in dem sich das Auge verliert: das war das Bild, welches sich unseren trunkenen Blicken entrollte. Der Abend lag auf der paradiesischen Gegend, der Nil floß golden, so weit man ihn verfolgen konnte, durch die lachenden Fluren dahin, ein sanfter Westwind bewegte die Kronen der Palmen. Wir standen sprachlos, staunend vor dem erhabenen Anblicke. Wie ferner Donner schallte 32 das Getös der tief unten wogenden Menge zu uns hinauf; da — es ist die Zeit des Abendgebetes, denn die Sonne taucht in das ewige Sandmeer— ertönt hoch über uns vom schlanken Minaret der Moschee herab der sonore Gesang des Mueddihn, des Ver- kündigers des Glaubens, er ruft sein „Hai aal el sallali!" zu der Menge hernieder; der fromme Mahammcdaner eilt zum Gebet und der Christ muß es fühlen, daß auch ihm die Mahnung des Sängers zum Herzen drängt: ,,Ja, rüste Dich zum Gebet!" Während unseres Aufenthaltes in Egypten hatten wir erfahren, daß in Kurzem eine Mission katholischer Geistlicher nach dein Innern Afrika's abgehen würde. Es war uns von Interesse, die kühnen Vcrkündiger des Evangeliums kennen zu lernen. Ein Empfehlungsbrief vom Generalkonsul von Laurin verschaffte uns bei ihnen Zutritt. Die wcitausgreifenden Pläne der Geistlichen erregten unsere Reiselust in so hohem Grade, daß der Baron die Bitte wagte, sich mit mir der Misston anschließen zu dürfen. Seine Bitte wurde ihm nicht nur gewährt, sondern die Herren waren sogar freundlich genug, uns einige Zimmer in einem großen Hause Bulahk's, das sie bewohnten, anzubieten, wovon wir dankbar Gebrauch machten. Somit war uns die Möglichkeit gegeben, mit einer Gesellschaft gebildeter, landcs- und sprachkundiger Landsleute in das Innere Afrika's dringen zu können. Charthum, die Tropenstadt der innerafrikanischen, unter Egyptcns Seeptcr gepreßten Länderstriche, erreichen zu können, war damals unser höchster Wunsch. Die Mission bestand aus fünf, von der Propaganda in Rom gesandten Geistlichen und hatte den Zweck, die Heiden des weißen Flusses zu bekehren. Ich will meiner Erzählung vorgreifen und unsere nachherigen Reisegefährten kurz zu schildern versuchen. Der Chef der Mission war der aus dem Aufstande der Drusen und Maronitcn zur Zeit der Kriege Jbrahihm-Paschha's mit der Pforte wohlbekannte Jesuit Ryllo, ein Mann von seltnen Geistesgaben und wirklich furchtbarer Energie, aber Jesuit durch und durch. Zur Zeit unserer Bekanntschaft mit ihm litt er schon an einer sich mehr und mehr verschlimmernden Dissenterie. Die ihn behandelnden Aerzte riechen ihm, zur sicheren Genesung nur einige Wochen nach Europa zu gehen; aber der Befehl seiner Oberen lautete, so bald als möglich nach dem Inneren Asrika's aufzubrechen. Er gehorchte, verließ in der Voraussicht seines Todes Egypten und eilte seinem Ziele zu. Nach einer Reise voller Mühseligkeiten und Beschwerden erreichte er Charthum und starb dort nach kurzem Aufenthalte. Das ist der Muth, welcher katholische und vorzugsweise jesuitische Geistliche so Vortheilhaft vor manchen protestantischen Missionären auszeichnet; ich würde Nyllo bewundert haben, wäre er nicht Jesuit gewesen. Die Seele der Mission aber war der in Deutschland rühmlichst bekannte Pater Jgnaz Knoblechcr aus Laibach. Ich habe später Gelegenheit gefunden, diesen Mann bewundern zu lernen. Er war eben so liebenswürdig, als gelehrt; er war uncrmüdet in seinen Arbeiten, heiter im Umgänge mit seinen Reisegefährten, bescheiden und streng sittlich. Im Besitze von seltenen und tiefen Sprachkcnntnissen, war er gleichwohl auch in anderen Wissenschaften bewandert und hatte neben dem ihm von seinen Oberen gesteckten Ziele nur die wissenschaftliche Ausbeutung seiner großen Reisen, ohne Rücksicht auf jeden Gewinn, im Auge. Während seine Reisegefährten ihre Zeit mit nutzlosem oder herzlosem Gebetelescn verschwendeten, besorgte er nicht nur alle nöthigen Tagesarbeiten, sondern führte noch nebenbei ein wirklich ausgezeichnetes wissenschaftliches und sehr mühsames Tagebuch. Seine Ausdauer glich seinen übrigen Eigenschaften; sie war großartig. Padre Petremonte, von uns Padre Mnhsa genannt, war der dritte Geistliche der Mission. Er stand, obgleich Jesuit, geistig weit hinter den Erwähnten zurück, liebte die Jagd leidenschaftlich und war von einer unseligen Bckehrungssucht befallen. Vor Allem schien er es darauf abgesehen zu haben, mich zur alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen. Tagtäglich hielt er mir einen langen Sermon mit den sich regelmäßig wiederholenden An- fangsworten: „0 LZIio mio, la straäa. äella salute e appsrto per voi, u.s.w.", nach denen er mir die Finsterniß zu schildern ver- 3 34 suchte, in denen sich meine von den Banden des Ketzerthums umstrickte Seele befinden sollte. Trotz seiner mißglückten Versuche sind wir gute Freunde geblieben. Die übrigen Geistlichen waren der Padre Dow Angelo Vinco und der Bischof Monsignore di Maurikaster. Ersterer war ein nicht gerade sehr befähigter Mann, in dem sich sonderbare Widersprüche vereinten. Don Angelo klammerte sich, aus Furcht vor dem Ertrinken, bei jedem Windstoße ängstlich an den Mast unserer Nilbarke, blies bei jeder ihm gefährlich scheinenden Fahrt seine Gummimatratze auf, um sie als Rettungsboot bei dem befürchteten Schiffbruche zu gebrauchen, — und lebte später mehrere Jahre, unter dem 4" der nördlichen Breite, unter halbwilden Negerhorden, ohne Furcht zu kennen. Ich erfuhr später, daß ihm der König der Nuöhr seine Tochter verheirathen wollte und sich höchlichst erzürnte, als ihm Padre Vinco erklärte, daß er als katholischer Geistlicher nie gesonnen sein könne, einem so unsinnigen Gesuche zu willfahren. Unser Pater war Jesuit, aber sehr gutmüthig, rechtlich und achtbar. Ganz das Gegentheil von ihm war der fünfte Geistliche, der Bischof. Dieser war nicht eigentliches Mitglied der Mission und begleitete sie nur bis Charthum, von wo er zurückkehrte. Der Bischof befolgte das christliche Gesetz: „Ein Bischof soll unsträflich sein" keineswegs. Er nahm es z. B. mit den Gesetzen der Keuschheit nicht sehr genau, lebte nur dem Vergnügen und begnügte sich, unter den Augen des strengen Padre Ryllo tagtäglich sein Brevier zu lesen. Außerdem hatten sich der Misston noch drei weltliche Personen angeschlossen. Der Eine, Baron S. S>, früher in Batavia Aufseher einer Pflanzung, wollte im Sudahn die Kultur des Kaffes und Reises zum Vortheile der Mission versuchen, mußte aber von dort aus, seiner Trunksucht wegen, nach Egypten zurückgeschifft werden; die anderen Beiden, ein junger Malteser und ein unausstehlicher Levantiner, dienten den Geistlichen als Einkäufer, Diener und Dolmetscher. Uns mit eingerechnet, bestand also die Gesellschaft aus acht Europäern und zwei Orientalen, zu denen später noch nubische 35 Bedienten hinzukamen. Die Abreise war für das Ende des September festgestellt. Es blieb uns demnach noch Zeit genug, die Umgegend zu durchstreifen, unsere Ausrüstungen für die große Tour zu treffen und unsere Pläne auszuarbeiten. Die meiste Zeit nahmen die nöthigen Einkäufe in Anspruch. Eine Reise in's Innere Afrika's ist in jeder Hinsicht von anderen Reisen verschieden. Man geht Ländern entgegen, in denen man weder Handwerker und Künstler, noch Kaufleute und Gastwirthe findet, und muß darnach seine Einrichtungen treffen. Mit allem und jedem zu einer Haushaltung Nöthigen muß man sich versehen, vom Tische bis zur Nähnadel herab; alle Bedürfnisse müssen bedacht werden, will man später nicht empfindlichen Mangel leiden. Der Reisende muß Kleider, Papier und Schreibmaterialien, Eßwaaren, Essig, Del, Branntwein, Spiritus und Wein für mehr als Jahresfrist, Arzneien, Lanzetten und Schröpfköpfe, Aerte, Beile, Sägen, Hammer, Nagel, Gewehre und Munition, Reisebeschreibungen, Charten u. s. w. u. s. w. u.s. w. mit sich führen und hundert Dinge besitzen, welche man erst vermißt, wenn man sie entbehrt. Findet man ja noch etwas Brauchbares auf einem der Basare Oberegyptens oder Sudahns: dann sind die Preise enorm. Alle Gegenstände müssen vor der Reise sorgfältig in besonders dazu eingerichtete Kisten gepackt und in strengster Ordnung gehalten werden. Vorzüglich schwer ist es, Alles so unterzubringen, daß es wohl versorgt und gleichwohl leicht auszupacken ist, wenn es schnell gebraucht werden sollte. Bei diesen langweiligen Arbeiten gingen uns die geistlichen Herren mit Rath und That hülsreich zur Hand. Ich will die Vortheile, welche wir genossen, indem wir uns der Mission anschlössen, nicht verkennen, habe aber später einsehen gelernt, daß der Naturforscher allein oder von seinen Gefährten unabhängig reisen muß, will er der Wissenschaft dienen, wie er soll. Eine einmal verlorene Gelegenheit, schöne und werthvolle Beute zn erlangen, kommt selten wieder. Wir waren neu im Lande und hatten unter der Aegide der Mission Zeit und Gelegenheit, so viel von den Sitten und Gebräuchen der Völkerschaften, unter denen wir lebten, kennen zu lernen, als uns zum späteren selbstständigen 3 * 36 Reisen nothwendig war, wir lernten die jedem Neuling im Reisen entgegentretenden Schwierigkeiten jeder Art durch das Beispiel der Mission bekämpfen, — aber wir wurden ihrem Willen Unterthan und unselbstständig. Und das hat uns später viel geschadet. Am 24. September mietheten die geistlichen Herren eine Nilbarke zur Reise nach Assuan, der Grenzstadt Egyptens gegen Nubien, zu dem Preise von zweitausendfünfhundcrt Piastern. Sie wurde in Stand gesetzt und mit dem Gepäck beladen. Die Abreise stand bevor. Noch wenige Tage vorher erreichte uns ein unheilkündendcs Gerücht. Ryllo hatte bei dem Aufstande der Drusen und Maroniten dem mächtigen Jbrahihm durch seine das Volk begeisternden Reden mehr geschadet, als alle Häuptlinge der Bergvölker zusammgenommen. Der Pascha hatte sogar einen hohen Preis auf den Kopf des gefürchtetcn Parteigängers gesetzt und dieser, kühn genug, wagte es, nach Egypten zu kommen. Jetzt hieß es, Jbrahihm habe nicht vergessen, was er dem Jesuiten in Syrien zugeschworen; ein Beduincnschech habe Auftrag, unsere Karawane aufzuheben und dafür die Effekten als gute Beute zu behalten. Padre Ryllo solle Egypten lebend nicht wieder erreichen. Er kehrte in der That dahin nicht zurück. Die Pyramiden. Ja es ist ein Ungeheures mit diesem Bau; — er ist ein Spiegelbild der uralte» Menscheuphantasie. Von gen Himmel gethürmten Skeinmaffen zeichenreden hier zu de» Nach- gebornen, zu Menschenkindern einer machtlosen Zeit: der älteste Menschcnglaube, der adamitische Natur- und Gottes- instinkl, die ungeschwächie Thatkraft, die Hcrrschertprannei, der Tyrannenübermuth. Bogumil Goltz. Es war am 16 . September. Der Nil hatte seinen höchsten Stand erreicht, alle Kanäle waren gefüllt, die Felder übcrfluthct. Man konnte nur auf hohen Dämmen zwischen den durch sie abgetheilten Wasserflächen dahin reiten, aber die Sonne war so angenehm, blitzte so goldig wieder auf den ungeheuren Wasserspiegel, die fruchtbeladcnen Palmen wiegten ihre duftigen Kronen in einem so lieblichen Westwinde, daß es uns dennoch mächtig hinauszog in's Freie, hinüber zu den blendenden Steinmasscn, welche wir jetzt tagtäglich, aber immer nur auö der Ferne gesehen hatten. Wir wollten noch heute die Pyramiden besuchen. Einer unserer neuen Bekannten, der uns als landeskundiger Führer und angenehmer Gesellschafter lieb und werth gewordene Baron von Wrede war so gefällig, uns zu begleiten. Er half uns die nothwendigsten Einkäufe von Wein, Brod, Fleisch, Kasse, Lichtern u.s.w. machen, bestellte vier starke Esel und ritt mit unS Nachmittags drei Uhr von Bulakh aus. Der Weg führte uns zuerst nach Alt-Kairo, jetzt „Massr atieka" genannt, wohin man von Bulakh aus auf einer breiten, sich zwischen blühenden Gärten und fruchtbaren Pflanzungen dahinziehenden Hochstraße reitet. Von p 38 Alt-Kairo ließen wir uns in einer „Maäd'ie"*) mit sammt unseren Eseln nach Djieseh übersetzen. Die Thiere waren mit Ausnahme des unlenksamen Zeltträgers so an diese Art des Transpor- tes gewöhnt, daß sie ohne Verzug in die Barke setzten; der störrische Esel wurde entladen, von zwei handfesten Arabern am Kopfe und Schwänze gepackt und gewaltsam in den ,,Bauch des Schiffes" geworfen. In Djieseh kauften unsere Treiber Brod und Zwiebeln für sich und Bohnen für ihre Thiere ein. Dann führten sie uns durch viele Winkelgäßchen hindurch in's Freie. Da lagen sie ganz nahe vor uns, die großartigsten Gebäude der Welt; aber leider schien uns der Weg abgeschnitten zu sein. Die Ueberschwemmung hatte das zwischen uns und den Pyramiden liegende Land in einen See verwandelt, aus dessen Wasser hier und da ein Dorf oder ein hochgelegener Weg hervorsah. Wir mußten, von einem Dorfe zum andern reitend, wohl das Dreifache des gewöhnlichen Weges zurücklegen, ehe wir die Wüste betreten konnten. Das Wasser war belebt von unzählbaren Möven und Enten- ? fchaaren; einzelne Pelekane fischten gemeinsam in den tieferen Stellen, Reiher und Störche entflohen schon aus großer Entfernung vor den herannahenden Menschen. Erst lange nach Sonnenuntergang kamen wir am Fuße der Pyramiden an. Das blasse Mondlicht spiegelte sie uns noch einmal so groß vor, als sie wirklich sind. Wir schlugen unser Zelt im Sande der Wüste auf, scharrten uns den Sand zu Polstern zusammen und belegten diese mit den mitgebrachten Teppichen. In der Mitte des Zeltes brannte ein lustiges Feuerchen; unsere luftige Wohnung wurde dadurch höchst gemüthlich. Aber *) Zur Verbindung beider Nilufer findet man an allen Orten, wo ein lebhafter Verkehr statt findet, Ueberfahrtsbarken, „Maäd'ie". Sie sind Eigenthum der Regierung und werden von dieser an Schiffer mit der Erlaubniß verpachtet, einen bestimmten Fährlohn erheben zu dürfen. Dieser beträgt für einen Menschen fünf, für einen Esel zehn Para; ein Maulthier wird mit einem halben, ein Pferd oder Rind und ein Waarenballen mit einem Piaster, ein Kameel mit zwei Piastern besteuert. 39 p Baron von Wrede meinte, daß noch der Tschibuhk und der Kaffe fehle, ließ sich den ersteren reichen und forderte den letzteren. Da brachte der Treiber die betäubende Nachricht, das sei vergessen worden, wonach das Herz sich sehne. Groß war der Schrecken; aber nah' die Hülfe. Unerschüttert von des Schicksals Tücken nahm unser praktischer Begleiter mehrere Flaschen des mitgebrachten Weines und begann einen Glühwein zu kochen. Das Getränk lobte den Meister, seine erheiternde Wirkung blieb nicht aus. Bald klangen deutsche Lieder in die Wüste hinaus, die Klänge lockten uns mit. Wir traten vor das Zelt, um die köstliche Nacht in ihrer ganzen Schönheit zu genießen. Die riesigen Weltbauten waren zauberhaft vom Monde und seinem Stcrnenheere beleuchtet; ihr Licht funkelte in ewiger Reinheit zu uns hernieder, die Luft war klar und kühl. Der Nacht Ruhe lag auf der Wüste; kein Laut war vernehmbar, nur zuweilen ,,knisterte das verlöschende Feuer." Wir durchwachten fast die ganze Nacht. Vor dem Schlafengehen feuerte Wrede noch mehrere Schüsse ab, um die umwohnenden Araber vor etwaigen Angriffen zu warnen. Am folgenden Morgen erweckte uns unser Begleiter schon sehr frühzeitig. Noch lag Alles ringsum im Schlummer und Dunkel der Nacht. In unserem Zelte brannte das wieder angefachte Feuer- chen; ein Treiber war beschäftigt, uns daran unseren Kaffe zu bereiten; denn Wrede hatte noch während der Nacht das Unentbehrlichste beizuschaffen gewußt. Ueber dem Djebel el mokhadam*) flammte die Morgenröthe. Nach kurzer Zeit erblich sie vor der aufgehenden Sonne, deren erste Strahlen rosenfarbenen Duft über die gewaltigen Steinmassen hauchten. Ihre Wärme that uns wohl nach der Kühle der Nacht. Eine Gesellschaft von Arabern war angelangt, um uns beim Besteigen der Pyramiden behülflich zu sein; ihr Schech wählte für Jeden von uns zwei rüstige Männer zur Begleitung und übergab uns den ungeduldig Harrenden, mit denen wir unseren Weg antraten. ») Das am rechten Ufer des Nil liegende Gebirge, wörtlich „das empor- oder hervorragende Gebirge" (von der Wurzel „klmä-m,-,"). 40 Zuerst erklimmten wir einen steilen und ziemlich hohen, aus Mauerschutt bestehenden Berg, welcher bei jedem Schritte nachgab und uns manchen Schweißtropfen kostete. Nun erst standen wir an der jetzigen Basis der Pyramiden und nun erst, nachdem wir an der einen Ecke der Chcop spyramide hinaufgcschaut hatten, waren wir im Stande, das unbegreiflich Großartige und Kolossale des Weltwunders zu würdigen. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß die Pyramide des Cheops jetzt über fünfzig Fuß tief im Sande steht und dennoch beträgt ihre Höhe nach den Messungen französischer Ingenieurs noch vicrhundertundsechzig pariser Fuß. Jede ihrer Seiten ist siebcn- hundertundzwanzig pariser Fuß lang. Eine einfache Berechnung ergiebt, daß die Pyramide des Cheops einen Flächeninhalt von fünfmalhundertachtzehntausend und vierhundert Quadratfuß bedeckt und, wenn man den Bau als reine Pyramide annimmt, ohne die kleinen Kammern und unbedeutenden Gänge in ihrem Innern mit in Rechnung zu bringen, einen Kubikinhalt von mehr als neunzig Millionen pariser Kubikfuß besitzt. Man muß vor dem Riescngeiste des Volkes, welches solche Monumente setzen konnte, staunen; wenn man aber bedenkt, daß alle die mächtigen zum Bau verwendeten Steinblöcke auf schiefen Ebenen, deren Erbauung die Ausführung des mühsamen Werkes noch bedeutend erschwerte, in die Höhe gebracht wurden, muß man zugehen, daß unsere kühnsten Bauten, trotz der dabei angewendeten Dampfkraft und Mechanik, gegen diese Gigantenbaue fast verschwinden. Die vier Ecken der Pyramiden sind genau nach den vier Weltgegenden gerichtet. Wir wählten die nördliche Seite zum Hinaufsteigen. Unsere Begleiter sprangen die im Anfange gegen fünf Fuß hohen Staffeln oder Mauerschichten — von denen bis zur Spitze zwcihundertundzwei gezählt werden — hinan und zogen uns an den Armen nach. Schon nach fünf Minuten langem Steigen mußten wir ruhen; wir hatten kaum die Hälfte des Wegs zurückgelegt. Nach anderen fünf Minuten standen wir auf dem Gipfel der Cheops, einem Raume von vierhundert Quadratfuß. Er ist ziemlich eben, nur in der Mitte überragen einige mit Namen bedeckte 41 Steinblöcke die anderen; sie mögen dem Zerstörer der Spitze wohl zu groß oder zu fest in das Gemäuer eingefügt gewesen sein. Ich nahm mir die höchstgelegene Spitze eines großen Blockes zum Andenken mit. Ermüdet von dem beschwerlichen Steigen ruhen wir aus; dann lassen wir unsere Blicke auf der vor und unter uns ausgebreiteten Landschaft heruinschwcifcn. Sie haften zuerst auf der überschwemmten Fläche, aus deren Wasserspiegel die Dörfer der Fcllahhihn *) mit ihren Palmenhaincn wie blühende Inseln hervorgehen; dann folgen sie dem silberglänzenden Bande, welches sich durch grüne Gefilde dahinzieht, dem heiligen Nilstrom mit seinen Dörfern und den drei Schwesterstädten Bulakh, Dsie seh und Alt-Kairo; rechts weilen sie an den in weiter Ferne die wogende Fluch der Kronen eines unabsehbaren Palmenwaldcs wie Fclsencilande überragenden Pyramiden von Sakahrah; links zeigt sich ibncn das freundliche Schubra mit seinen grünenden, lcbcnsfrischen Gärten und wcißgetünchten Landhäusern; in der Mitte des ganzen Bildes aber fesselt sie die Stadt der Chaliefen, das siegeSstolze Kairo. Gelehnt an dem Djcbel el Mokhadam, umgeben von Wüste, Gärten, Feldern, Palmenhaincn, Dörfchen und der stillen Stadt der Todten, unter dem Schutze der über ihr wie ein Herrscher thronenden Citadelle liegt sie vor uns; ihre Minarets glühen im Golde der Morgensonne, ein leichter Duft hüllt sie in seinen zarten Schleier. Nach allen Seiten und Himmelsgegenden breitet sich ihr Häuscr- meer, phantastisch gestaltete, reich verzierte Kuppeln tauchen aus ihm auf. Ganz dicht zu unseren Füßen endlich sehen wir unser kleines Lager, in dem sich mehrere, uns nur ameiscngroß erscheinende Menschen herumtreiben. Das ist die Vorderseite unserer Aussicht; sie sticht grell gegen die Rückseite ab. Von den dicht neben uns stehenden Pyramiden des Chephrcn und My- korinus, der im Sande lagernden Sphinr und den vom Sande überdeckten Mumiengräbern sich abwendend, irrt das Auge, wohin es sich auch wenden mag, in der Wüste herum; es sieht Nichts als Wellenhügcl gelben Sandes oder graue Steinmassen. Hier beginnt das Gebiet der ,,Furchtbaren, Zauberhaften, Unausfüllba- *) Plural von Fell ah, Laiidmaiiii. ren", arabisch Sahahra genannt, wenn sie auch hier nach unserer Geographen Meinung diesen Namen noch nicht führen darf. ,,Kein Gegensatz kann ergreifender sein, als der, welchen von der großen Pyramide herab die lybische Wüste mit ihren unabsehbaren Sandhügeln zur grünen Nilniederung bildet." Großartig ist das von der Pyramide herab gesehene Panorama, großartiger noch der Gedanke, auf dem höchsten Gebäude der Welt zu stehen. Kleine Krüge mit Trinkwasscr auf der flachen Hand tragend, waren mit uns noch mehrere Araber und Araberinnen hinaufgestiegen, um uns oben gegen ein kleines Entgelt den kühlen Labe- trunk anzubieten. Die bekannte Gewandtheit der graziösen Araberinnen überraschte uns weniger, als die Leichtigkeit und Sicherheit, mit welcher die Fellahhihn von einer Staffel zur andern sprangen, um uns ihre Fertigkeit im Klettern zu zeigen. Einer von ihnen machte sich erbötig, innerhalb zehn Minuten vom Gipfel der Cheops auf den der Chcphron zu gelangen und führte dieses stauncns- werthc Manöver gegen einen Bakhschicsch von zwei Piastern wirklich aus. Wir wählten zu unserem Rückwege dieselbe Seite, auf welcher wir heraufgestiegen waren. Das Hinabsteigen ist weit gefährlicher und beschwerlicher, als das Heraufklettern: der Neigungswinkel der Seiten ist noch immer steil genug, einen Sturz lebensgefährlich zu machen. Ein Engländer bestieg vor mehreren Jahren, hartnäckig jede Begleitung zurückweisend, allein die Pyramide, bekam Schwindel und stürzte sich zu Tode. Mit Hülfe unserer Araber kamen wir glücklich herab, wandten uns, da wir auch das Innere besuchen wollten, sogleich nach dem gegen vierzig Fuß über der Sandebene sich befindlichen Eingänge, waren aber von unserem mühsamen Steigen so ermüdet, daß wir, bevor wir uns anschickten, in's Innere hineinzukriechen, erst längere Zeit ausruhen mußten. Der Eingang der großen Pyramide wurde trotz aller gemachten Nachforschungen erst entdeckt, nachdem eine große Kalksteinplatte, welche bisher die Granitblöcke des in das Innere führenden Ganges verdeckt hatte, herabfiel. Man räumte dann eine wohl zehn 43 Fuß starke Mauer ab und gelangte zu dem engen und schmalen, unter einem Winkel von 25 Graden ungefähr hundertundzwanzig Fuß abwärts in's Innere führenden Gange. Seine Wände bestehen aus polirtcm Granit; im Fußboden hat man, um das Gehen zu erleichtern, Löcher eingehauen. Am äußersten Eingänge sieht man eine Gedenktafel an die Forschungen der preußischen Expedition in Hieroglyphenschrift. Mit angezündeten Lichtern traten wir unseren Weg in's Innere der Pyramide an. Der scharfe, widerliche Geruch, welchen die Ercremente der im Inneren aller egyptischen Monumente zahlreich hausenden Fledermäuse zurücklassen, machte das Eindringen höchst abschreckend. Je weiter wir in's Innere vordrangen, um so beschwerlicher wurde die Wanderung. Gänzlicher Mangel an Luftzug, die beständig hier herrschende mittlere Jahrestemperatur Egyp- tens, immenser Staub beengten uns die Brust, und dennoch konnten wir uns in dem niedrigen, engen und glatten Gange nur gebückt und mit größter Vorsicht weiter bewegen. So kamen wir an das Ende des einfallenden Ganges, gelangten in einen wagrecht hinlaufenden, kletterten über einige Stcinblöcke hinauf und betraten einen stark ansteigenden, immer höher werdenden dritten Gang, welcher uns endlich in die ,,Kammer des Königs" führte. Sie ist zweiunddrcißig Fuß lang, sechzehn Fuß breit, achtzehn Fuß hoch, mit mächtigen Steinblöcken wagrecht überdeckt und enthält einen sieben Fuß langen und drei Fuß breiten, wie die Wände der Kammer aus polirtem Granit bestehenden Sarkophag, welcher beim Daraufschlagcn einen hellen, im Inneren der Kammer dröhnend wiederhallenden Glockenton giebt. Die ,,Kammer der Königin" liegt tiefer, ist aber der des Königs ganz ähnlich. Außer diesen beiden Räumen hat man bis jetzt noch einen dritten, zu dem man auf leitersprossenartigen, in die Steine eingepflöckten Hölzern gelangen kann und einen (bis auf zweihundert Fuß Tiefe untersuchten) brunnenähnlichen Stollen aufgefunden. Der Staub und die drückende Hitze peinigten uns zu sehr, als daß wir beide letztgenannten zu besuchen Lust gehabt hätten. 44 Die beiden anderen Pyramiden halten mit der des Cheops keinen Vergleich aus; sie sind nicht mit derselben Genauigkeit gebaut, als letztere. Man sieht an der Pyramide des Chcphren noch Ueberreste der kostbaren, aus Syenit, Granit und Porphyr bestandenen Bekleidung. Einige glauben, daß sie die am Prächtigsten ausgestattete Pyramide gewesen sei. Ihre Höhe beträgt nahe an vierhundert Fuß; die Pyramide des Mykerinus ist noch niedriger. Geöffnete Gräber, Maucrrcste, vollendete und unvollendete Bildsäulen, versteinte Mörtelhaufcn und andere Fragmente aus früheren Zeiten liegen in namhafter Anzahl um die Pyramiden herum. An der südöstlichen Seite der Cheops ruht die gewaltige Sphinr, von den alten Egyptcrn Har-sm-ellu, „Horns im Horizonte" genannt. Die kolossale Figur verschwindet säst neben ihren riesigen Nachbarn; der Sand der Wüste droht sie vollends zu verschütten; von dem kleinen Tempel, den man zwischen ihren Vorderfüßcn entdeckt hatte, sieht man keine Spur mehr. Einer der sie untersuchenden Forscher will auf ihrer Brust einen in griechischer Sprache eingemeiselten Vers entdeckt haben, welcher, in's Deutsche übertragen, gelautet haben würde: „Deinen hehren Leib setzten hierher die unsterblichen Götter, Schützend die waizentragende Erve." An dem Gesicht bemerkt man jetzt die von alten Geschichtschreibern oft gerühmte Schönheit nicht mehr. Es zeigt die Physiognomie eines Nubiers, ist aber barbarisch verstümmelt worden. Von hier aus kehrten wir nach unserem Zelte zurück. Dort hatte sich ein kleiner Markt gebildet. Die umwohnenden Fellahhihn brachten kleine, auS Thon geformte Mumienbildcr und heilige Käfer, auch mehrere, von ihnen selbst gefertigte Mumicnschädel zum Verkauf. Für wenige Piaster, welche ihm von dem Europäer für ähnliche Sachen bezahlt werden, durchwühlt der geldarme Fellah die kunstreichen Gräber und holt die seit Jahrtausenden ruhenden Leichen hervor. Dabei zerstört er vielleicht die werthvollstcn und interessantesten Hicroglyphentafcln; aber das gilt ihm gleich; er sinket Absatz seiner geraubten Kunstschätze und kümmert sich um wci- 45 ter Nichts. Schon jetzt hält es, weil dieser Industriezweig bereits die meisten Gräber geplündert hat, unendlich schwer, ächte Alterthümer zu erhalten; die Fellahhihn fertigen sie deshalb höchsteigenhändig. Sie schneiden Skarabäen und Mumienbilder aus Steinen aus, schlagen kupferne Geldstücke und umwickeln mit Kasse gcgilbtcs Papier mit ächten Papyrusstücken, um damit geldspendende Engländer zu betrügen. Auch von uns verlangten sie hohe Preise für ihre Waaren; Wrede bot ihnen den zehnten Theil der von ihnen geforderten Summen und erhielt das von uns Gewünschte wirklich. Gegen drei Uhr Nachmittags brachen wir unser Zelt ab, nahmen in Djicseh eine kleine Barke und kamen mit ihr bei einbrechender Nacht in Bulakh an. * Reise aus dem Nile, von Kairo bis zur Einbruchsstation der Wüstensteppe B a h i u d a. Am Nachmittage des 28. September bestiegen wir mit den geistlichen Herren und ihrer Begleitung eine große, bequeme Nilbarke, welche, bereits mit unserem Gepäck beladen, im Hafen Bulakh's lag. Zur Zeit der Abreise aller Araber, zum Aassr, oder zwei Stunden vor Sonncnm'edergang flog sie vor einem frischen Nordwinde dem Strom entgegen. Mit krachenden Salven nehmen wir von Kairo Abschied. Unsere Gefühle sind wehmüthig gestimmt; es ist uns, als ob wir, von aller Civilisation uns losreißend, jetzt vom Vatcrlande für immer getrennt würden. Aber die Begierde, fremde Länder zu sehen, ist noch mächtiger; wir bemerken mit Vergnügen, wie eins der Häuser Bulakh's nach dein andern verschwindet. Balsamischer Duft weht von der Insel Rohda zu uns herüber, die noch vor Kurzem in der Sonne glühenden Minarets der Citadelle hüllen sich in das Dunkel der Nacht, wir passiren Alt-Kairo, die Stadt der Chaliefen entschwindet dem Auge. Mit der Nacht erschlafft der Wind, nur leise strömt er noch in die geöffneten Segel, leise plätschern die Wellen am Bug des Schiffes, melodisch hallt des heiligen Stromes Sprache in unserem Innern wieder. Wir waren bei Torrah gelandet. Die Brise der Nacht hatte sich in einen starken Ostwind verwandelt, welcher uns entgegen- blies und den Sand der Wüste aus erster Hand zuführte. Torrah ist ein großes Dorf, in welchem die Reiter des zweiten Regiments 47 des Vizekönigs sich mit Weibern und Kindern angesiedelt haben; es enthält einige regelrechte Straßen, ist aber ebenso schmutzig, als es die übrigen Wohnorte Egyptcns zu sein Pflegen. Hier war Nichts zu sehen, wir mußten auf unser Schiff zurückkehren und besseren Wind abwarten. Einige Soldaten liefen am Ufer herum und unterhielten sich damit, die Kamele und deren Treiber, welche aus den Steinbrüchen des Mokhadam Werkstücke herbeiholten, zu prügeln. Am Ufer lagen große Lastbarken, um die Steine einzunehmen; die Mannschaft derselben war mit dem Beladen der Schiffe beschäftigt und wurde dabei ebenfalls von den Soldaten beaufsichtigt. Einer dieser Lungerer befahl unserem Reis, sogleich abzufahren, weil unser Schiff anderen Barken im Wege liegen sollte. Man achtete seiner nicht; als er aber in brutaler Weise die Stricke zerhauen wollte, mit denen unser Schiff am Ufer gehalten wurde, sprang Pater Knoblecher an's Land und verwandelte den schnaubenden kleinen Tyrannen durch bloßes Vorzeigen seines Firmahns in einen demüthigen Sklaven. Um Mittag glaubte der Reis weiter fahren oder wenigstens das andere Ufer erreichen zu können, um vor dem hereinwehendcn Sande geschützt zu sein. Mitten im Strome aber legte der Wind das Schiff so auf die Seite, daß die Wellen hereinschlugen und der geängstigte Steuermann aus vollem Halse um Hülfe schrie. So glaubten wir wenigstens, doch war es so schlimm noch nicht gemeint. Der Mann verlangte nur ein Messer, welches, mit einem „Bö issm lillalli" (im Namen Gottes) in den Vordcrmast gestoßen, die Kraft hat, den Wind zu theilen oder zu schneiden. Ich weiß nicht, ob es das Messer war, welches den Wind wirklich ,,zerschnitt" oder nicht, er wurde uns aber plötzlich günstig und jagte die Barke mit der Schnelligkeit eines Dampfbootes den Strom hinan. Man kann sich wirklich keine angenehmere Reise denken, als die in einer Nilbarke, wenn man in Gesellschaft und mit allem Nöthigen wohl versehen ist. Bei längeren Nilreisen miethet man das Schiff mit seiner Mannschaft aus unbestimmte Frist; für eine 48 monatlich zu zahlende Summe, schwimmt man ganz nach Gutdünken und Belieben auf dem Weltstrome herum, ist vollkommen sein eigener Herr, kann seine Reise ausdehnen oder abkürzen, wie man will, und findet in allen Städten Egyptens das Unentbehrlichste zur Nahrung und Nothdurft des Leibes. Monatlich für tausend Piaster oder sechsundsechzig Thaler unseres Geldes kann man schon eine recht hübsche Dahabie mit sammt ihrer Bemannung miethen; doch giebt es auch sehr kostbar ausgestattete, allen Bequemlichkeiten entsprechende Barken für lururiöscre Reisende. Jedenfalls ist die Dahabre den Dampfschiffen vorzuziehen, welche jetzt, mit Reisenden beladen, in wenig Tagen das Pharaonenland durcheilen, kaum Zeit lassend, seine Wunderwerke zu besichtigen*). Bei schnell zurückgelegten Reisen vermischen sich die empfangenen Eindrücke; an eine auf der Dahabie zurückgelegte Nilreise wird gewiß Jeder mit Vergnügen zurückdenken und von ihr eine dauernde Erinnerung mitnehmen. Die Einrichtung der Segclbarken des Nil ist immer dieselbe. Mehr als die Hälfte ihrer ganzen Länge hat man für die Kajüte in Anspruch genommen, der übrig bleibende, über den Fußboden der Kajüten um einige Fuß erhöhte Theil beherbergt die Matrosen und daS Reisegepäck. Bis zum Mittclmast ist das Deck noch zur Benutzung der Reisenden bestimmt; es wird bis dahin mit einem Sonnendach überdeckt, unter welchem man sich aufhält, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Am Vordermaft steht die Küche: ein durch einen Bretterkasten vor dem Winde geschützter Kochherd oder eine Kochmaschine; zwischen Vorder- und Mittelmast befinden sich die Ruderbänke. Am Bug des Schiffes ist der Sitz des das Fahrwasser prüfenden Reis, auf dem Dach der Kajüte steht der durch den Reis befehligte „Mustahmel" oder Steuermann, zwischen Vorder- und Mittelmast sitzen die der Segel wartenden Matrosen. Die Masten sind verhältnißmäßig *) Diese Dampfschiffe legen die Hin- und Zurückreise in zwanzig Tagen zurück. Bei jedem Tempel wird drei Stunden, in Theben fünf Tage verweilt. Mit Einschluß der Kost bezahlt jeder Reisende fünfundzwanzig Guineen für die ganze Tour. 49 kurz, haben aber »»gemein lange Raaen, an denen dreieckige (sogenannte lateinische) Segel befestigt sind. Diese müssen nach der Richtung des Windes und der Fahrt oft gewendet werden, wobei auch die Segelstange jedesmal auf die andere Seite des Mastes gedreht wird. Bei niederem Nilstande und starkem Winde hält ein Matrose das Seil, mit welchem das Segel angespannt wird, um dieses sogleich freilassen zu können, wenn das Schiff, wie sehr häufig geschieht, auf den Grund gefahren ist. Dann entkleiden sich alle Matrosen mit großer Geschwindigkeit, springen in's Wasser und schieben die Barke mit manchem Seufzer und unnachahmlichem, taktmäßigem Gestöhn wieder in besseres Fahrwasser. Gewöhnlich hat die Dahab'ie zwei große und ein kleines Segel (Trikehta genannt), welches auf einem, durch verlängerte Planken am Stern des Schiffes gebildeten, Anhängsel steht; zuweilen sieht man auch nur ein großes Vordersegel, Khumasch, und die Trikehta. Kleine, sehr lange, stark bemannte Barken mit großen Segeln und einer kleinen Kajüte heißen Sandal; sie sind Schnellseglcr. Die Kajüte der Dahabren ist in drei bis vier Zimmerchcn eingetheilt, von denen eins das Empfangs-, das zweite das Wohnzimmer, das dritte ein Rcinigungskabinct und das vierte endlich das Schlafzimmer oder den Harehm darstellt. In dem letzten Raume beherbergen die Orientalen ihre weibliche Reisegesellschaft. Auf den großen Gcscllschaftsdahabicn enthalten die Kajüten wohl auch Tische, Stühle, Schränke, Truhen und dergleichen häusliche Geräthschaf- ten und werden dann nur um so wohnlicher. Nächst den, unserem europäischen Geschmack zusagenden, Pro- viantvorräthen, welche man bei Nilreiscn von Kairo mitnimmt, darf man die Wasserkühlgefäße nicht vergessen. Seit undenklichen Zeiten versteht man in Egypten Thonkrüge zu fertigen, welche durch ihre sehr seinen Poren immer eine geringe Menge der in ihnen enthaltenen Flüssigkeit durchschwitzen lassen. Diese überzieht dann den Krug von Außen mit einer sehr feinen, beständig verdunstenden und dadurch das Gefäß und seinen Inhalt kühlenden Schicht. Von diesen Gefäßen unterscheidet man zunächst zwei Sorten: den „Sihr" und die ,,Khula." Ersterer dient dazu, eine 4 50 große Menge des frischgeschöpsten Nilwassers zu läutern und zu kühlen, die letztere, um das schon gereinigte Wasser möglichst ab- zufrischcn. Der Sihr ist ein großer, ungefähr zwei Eimer haltender, zucker- hutähnlicher Topf, welcher mit seiner nach unten gerichteten Spitze aufgestellt und dann mit Wasser gefüllt wird. Seine Masse hat gröbere Poren, welche, zwar immer noch fein genug, um das durch sie ausfließende Wasser zu läutern, doch einer größeren Menge den Durchgang gewähren. Das durchgesickert Wasser wird in einer glasirten Schüssel aufgefangen und nun erst in die kleinen, zierlichen und sehr verschieden gestalteten Khulal*) gebracht, in denen man das Trinkwasser bis zu einer Frische von -j- 8" U-oauin. abkühlen kann. Beide Gefäßarten sind so billig, daß sie sich selbst der ärmste Fellah anschaffen vermag. Aus diesen Anstalten zum Reinigen und Kühlen des Nilwassers geht schon hervor, daß es so ohne Weiteres keineswegs ,,das beste Wasser der Welt" genannt werden kann, wie viele Reisende es gethan haben. Ich selbst werde im Verlaufe dieser Blätter vielleicht auch mit Entzücken von demselben sprechen und fühle mich deshalb um so mehr zu dem offenen Bekenntniß, daß die Ansichten über die Güte des Nilwassers nur relative sind, verpflichtet. Wenn der Strom seine größte Höhe erreicht hat, führt sein Wasser so viele erdige Theile mit sich, daß es davon hellbraun gefärbt wird; bei langem, ruhigem Stehen oder inniger Vermischung mit schnell klärendem Alaun, bitteren Mandeln, Buffbohnen und dergleichen sinken diese, eben die Fruchtbarkeit Egyptens bedingenden Schlammtheile zu Boden und bilden eine, das Zwölftel des Inhalts eines Gefäßes betragende, dichte Schicht. Ungeklärt genossen, hat es stets Durchfall und einen AuS- schlag, welchen die Araber geradezu den Nilausschlag nennen, zur Folge. Es ist also nicht wohl denkbar, daß ein so beschaffenes Wasser das beste Trinkwasser sein kann. Aber — die das köstliche Nilwasser preisenden Reisenden haben ') Plural von KImIs. 51 ganz Recht, wenn sie sagen: Es giebt in Egypten kein besseres Wasser, als das des Nil. Ich bin fest überzeugt, daß das Wasser unserer Elbe ebenso gut ist, als das des Nil; allein zwischen beiden Gewässern findet der Unterschied statt, daß wir in Deutschland silberreines Quellwasser und in Egypten nur stinkendes, ekelerregendes Lachen- oder Cisternenwasser zur Vergleichung haben. Und dabei ist egyptischer Durst ein anderer als deutscher, wenigstens deutscher Wasserdurst. Durst ist der beste Mundschenk; man ist in heißen Ländern froh, wenn man den oft zur Qual werdenden Durst löschen kann; geistige Getränke können das Wasser nie entbehrlich machen: ihr Genuß vermehrt nur die Begierde darnach. Und deshalb ist das Nilwasser das beste Wasser der Welt. Unsere Reise durch Obercgypten gewann mit jedem Tage an Interesse. Weite, fruchtbare, jetzt im Frühlingsgrün stehende Saatfelder, fruchtbeschwerte, in großen Wäldern vereinigte Dattelpalmen, Dörfer und Städte, öde liegende, vom Riedgras in Besitz genommene Strecken guten Ackerlandes, den beiden Wüsten des Landes angehörende Sandebencn, kahle Gebirge, mit jach abstürzenden Fclspartieen oder gcröllbedcckten Bergeshängen, Trümmer von altcgyptischen Tempeln und Ruinen verfallener Wohnsitze wechseln hier in bunrer Reihe mit einander ab. Der Vcrgnügungsreisende hat Zeit genug, alles Merkwürdige zu besichtigen; wir, von der Mission abhängend, konnten nur die Morgenstunden den Besuchen des festen Landes, mit denen wir zugleich die Jagd verbanden, widmen. Aber auch diese wurde uns durch die Nimrode unter unserer Reisegesellschaft oft genug verleidet. Jeder, der ein Gewehr führen zu können glaubte, zog damit aus, unschuldig Gewild zu erjagen; denn nicht dem saatcnverwüstendcn Wildschwein, der sich in Höhlen oder Stcinklüstcn bergenden Hyäne, nicht dem listig die Felder durchschleichenden egyptischen Fuchs, dem Eier und Hühner raubenden Ichneumon, oder dem mordlustigcn Sumpfluchs galt das regellose Treiben; — harmlose Tauben, gleichviel ob zahme 4 * 52 oder wilde, arglose Strandvögel, schreiende Kiebitze, dummdreiste Naben oder städteliebcnde Thurmfalken und Nachtkäuzchen wollte man erlegen. Dann bekam Mahammed, der die edle Kochkunst auf unserer Barke handhabende Nubier, Arbeit vollauf. Unserem Beispiele folgend, wollte man ornithologische Schätze sammeln, Mahammed aber vereitelte, einfach durch seine Liederlichkeit, das wissenschaftliche Streben: er sammelte nur Schätze für ,,Dermest und seine Jungen/' Doch muß ich rühmend erwähnen, daß nur unser ausgezeichneter Landsmann, der Pater Kno blech er die Anregung war, die ohne Zweck getödtcten Thiere nicht auch zwecklos verfaulen zu lassen; was er zur Entstehung einer zoologische» Sammlung thun konnte, hat er mit allen seinen Kräften zu thun versucht. Trotz unserer Rivalen vermehrte sich unsere Sammlung von Tag zu Tage. Ehe noch die Sonne über die Nilgebirge heraufstieg, verließen wir das Schiff und wanderten ihm voran, stromaufwärts. Wir jagten in der erfrischenden Kühle des Morgens mit ebenso viel Genuß als Glück. Egyptcn war damals für mich noch eine neue Welt, jeder mir noch wenig bekannte Vogel ein köstlicher Fund. Der Naturalicnsammler und Forscher genießt in fremden Landen tagtäglich neue Freuden; ich lebte nur der Jagd. Gewöhnlich waren wir in kurzer Zeit so reich mit Beute beladen, daß wir nach der mit dem mittlerweile aufgekommenen Winde her- ansegelndcn Barke zurückkehren konnten. Der Wind war uns während der ganzen Reise konstant günstig. Schon seit mehr als einem Monate wehten die regelmäßigen Nordwinde. Jene unter dem Namen ,,Passatwinde" bekannten Luftströmungen herrschten auch in Egyptcn. Die für die Schiff- fahrt auf dem Nil äußerst nützlichen Nordwinde beginnen hier gewöhnlich erst in der Mitte des Oktober und währen bis Ende des März oder Anfang Aprils; in diesem Jahre waren sie aber schon früher eingetreten. Andere Luftströmungen halten selten über einen Tag lang an. Am Morgen erhebt sich der Wind gegen neun Uhr und weht nun unausgesetzt bis gegen Sonnenuntergang; dann tritt Windstille ein. Oft kehrt aber schon nach wenigen Stunden der 53 Wind zurück und bläst bis zur Kühle des heraufdämmernden Morgens mit wechselnder Stärke. Zuweilen wird der Nordwind so heftig, daß die zu Thal gehenden Schiffe, trotzdem daß man sie cntmastet hat und mit Rudern fortbewegt, nicht von der Stelle kommen. In den Monaten April, Mai, Juni und Juli wechseln die Winde nach allen Richtungen der Windrose mit einander ab; häufig tritt dann auch der die Bäume entblätternde Chamasihn auf, welchen die Araber für sehr ungesund halten. Dann stockt die Schifffahrt. Reiner West- oder Ostwind dagegen hindert sie nicht; die Schiffe können, bei der südlich-nördlichen Richtung des Nil, mit ihren lateinischen Segeln dann bequem zu Berg und zu Thal fahren. Am zweiten Oktober legten wir im Hafen Minn'ie's, eines kleinen Städtchens in Obercgypten, an. Ein türkischer, sehr reich gekleideter Offizier kam zu uns an Bord und gab sich als einen schon mehrere Jahre in cgyptischcn Diensten stehenden Franzosen zu erkennen. Wir erfuhren bald, daß er mit seiner türkischen Tracht auch türkische Gebräuche angenommen hatte: kurz nach seinem Weggange brachte uns ein Diener von ihm einen fetten Hammel und einen großen Korb voll Brod, als Beweis der „Akrah- m e"*) seines Herrn. Um Mittag segeln wir weiter. Wir fahren an unzähligen, hoch oben in die Felsen des rechten UfcrS eingehaltenen Katakomben vorüber, haben aber keine Zeit, sie zu besichtigen, weil man den vortrefflichen Segelwind benutzen will. In den Dörfern, welche wir bisher besuchten, fanden wir fast nur Greise, Frauen und Kinder: die Männer und Jünglinge braucht oder beansprucht der Mzckönig für sein Heer, seine Bauten, seine Fabriken, Schiffe rc., oder für seine Handclsuntcrnehmungcn. Die Conscriptioncn des Pascha sollen am Nachthciligstcn auf die Vcr- *) Man kann ski-glnne mit „Gastfreundschaft" übersetzen. Der Begriff für Gastfreundschaft ist im Morgenlands so ausgedehnt, wie die Gastfreundschaft selbst, „karam-i" — die Wurzel von akrslime — heißt „Jemanden viele Ehre erzeigen;" für Gastfreundschaft in unserem Sinne gebraucht mau das Wort „tlüslike." Mehrung der Bevölkerung einwirken; wenigstens '.ist die Furcht vor ihnen so groß, daß achtzig Prozent der arabischen Mütter ihren Säuglingen den Zeigefinger der rechten Hand zu verstümmeln pflegen, um sie zum Militärdienste untauglich zu machen. Zwar hat der strenge Befehl der Regierung: gerade die so geschändeten Jünglinge zu Soldaten zu nehmen, diese grauenhafte Sitte beeinträchtigt, aber ihr noch keineswegs Einhalt gethan. Es ist nicht zu verkennen, daß sich die Einwohnerzahl Egyptcns zusehends verringert. Die Regierungswcise des Pascha hat der Quelle des Wohlstandes Egyptenlands, dem Ackerbau, Tausende von arbeitsamen Händen entzogen. Wenn wir ein Dorf betraten, wurden wir gewöhnlich von Kranken umringt, welche uns für Aerzte hielten und Hülfe begehrten. In dem Dorfe KossSir fanden wir zwei Fieberkranke, von denen der eine schon seit einem Vierteljahre, der andere seit dreizehn Monaten darnieder lag. Die Unglücklichen sahen, ohne Aussicht auf ärztliche Hülfe, gefaßt dem Ende ihrer Leiden, dem Tode entgegen. Ihre Heilkünstlcr können das Fieber, den Dämon Egyp- tens, nicht bändigen. Sie baten uns um Arzneien für ihre Kranken und hofften, diese damit in wenig Tagen herzustellen. Am 9. Oktober kamen wir zu einem Dorfe, welches, weil cS dem Städtchen Khau gegenüberliegt, Khau cl sorherr (,,Klein- khau") genannt wurde. Hier lebten die Menschen wie Amphibien. Der hohe Nil hatte die Ortschaft und ihre Umgebung unter Wasser gesetzt, welches nur deshalb nicht in die Häuser drang, weil man sie wenige Zolle über den höchsten Stand des Stromspiegels erhöht hatte. Daß es in ähnlichen Wohnsitzen viele Kranke giebt, ist erklärlich. Die geringste Erkältung führt eine Krankheit herbei. Auch wir litten wiederholt an heftigen Kolikanfällen, denen wir aber immer sogleich mit wirksamen Heilmitteln entgegenarbeiteten. Am 12. Oktober legten wir in der Nähe der Ruinen des hundertthorigcn Theben, bei dem Dorfe Luksor an. Elende 55 Fellahhütten stehen in und auf einem Tempelportale; daS Dorf selbst verbirgt dem Auge viele Denkmäler. Es ist nicht meine Absicht, die in mehr als hundert Werken bereits gegebene Beschreibung der Ruinen von Luksor und Karnak, Kurnu und Me- dinet-Habu hier zu wiederholen; ich werfe nur flüchtige Blicke auf sie und theile Das mit, was ich bei Besichtigung derselben empfand. Alle egyptischen Monumente sind großartig, aber steif und todt; die griechischen Tempel und anderen Denkmäler der Baukunst und Bildhauerei erwärmen und begeistern mit ihren lebensvollen Formen das Herz des Beschauers; wer diese gesehen, den lassen jene kalt. Nach meiner individuellen Ansicht giebt es nur drei wirklich erhabene Denkmäler altegyptischer Baukunst: die Pyramiden, die Königs grab er und die Felscntcmpel von Abu-Simbel. An allen übrigen Monumenten EgyptenlandS sind die zum Bau verwendeten riesigen Werkstücke, die mit unübertroffener Schärfe und Genauigkeit, aber ohne allen Begriff von Perspektive eingemeiselten Hicroglyphenreihen vom höchsten Interesse, die großartigen Anlagen der Werke sind Staunen erregend; aber nur das Kolossale, nicht die Formen sind bewunderungswcrth. Die Bilder der heiligen altcgyptischen Schrift verschwinden neben griechischen Skulpturen — selbst neben Arabesken — die ernsten Kolosse erbleichen neben den lebensfrischcn Statuen der Griechen. In diesen spiegelt sich die blumenreiche Poesie der Mythe, in jenen liegt der düstere Ernst des Gottesdienstes der verschleierten Isis. Nur da, wo die ursprüngliche Bestimmung der egyptischen Bauwerke noch heute unseren, durch ähnliche, gewohnte Monumente ernst gestimmten Gefühlen entspricht, nur da ergreifen sie noch heute mächtig des Beschauers Herz. So ist es mit den Königsgräbern. Sie liegen wie die meisten Tempel der alten Egypter am linken Nilufer, in der Wüste. ,,Ein Pharaonendenkmal, ein Denkmal der Welt gehört in die Wüste. Hier erst ist Sammlung und Selbstbefinnen möglich, Andacht und Theosophie. Hier ist der Geist frei und abgelöst von den tausendfältigen Eindrücken und Zerstreuungen der lärmenden, 56 bunten Welt. Die Stimme des alten einigen Gottes tönt aus der Wüste zu dem Menschengeschöpf herüber und es versenkt sich wieder in die Mysterien der Schöpfung und des ewigen Seins"*). Man zieht auf einer breiten Straße, welche noch deutlich die Spuren einer künstlich angelegten zeigt, in die Berge hinein. Immer öder und trauriger, todt und still wird der Weg, man reitet sichtbarlich in das Reich der Todten. In weiten Bogen umzieht die Straße die hier sich hoch erhebenden Gebirge; erst nachdem man eine starke halbe Meile zurückgelegt hat, gelangt man zum Eingänge des jetzt mit No. 1 bezeichneten Königsgrabes. Die übrigen, wohl einige und zwanzig an der Zahl, liegen in der Nähe in einem von hohen, steilen Bergeshängen gleichwie von Wänden umschlossenen Thale. Ein tiefer Sinn liegt in der Wahl dieses Friedhofes. Hier lebt kein Wesen, hier sieht man kein Geschöpf, keinen Vogel, bis hierher verirrt sich kein Thier. In diesen Gründen waltet heilige Ruhe und soll hier walten; denn hier ruhen die Könige des merkwürdigsten Volkes der Erde. Die Weisheit seiner Priester bettete die aus dem wogenden Gewühl eines rauschenden Lebens Abgeschiedenen an einen erhabenen Ort heiliger, ewiger Stille. Berge bedeckten die Räume, in denen die Sarkophage mächtiger Herrscher standen, Stcingeröll verbarg die Grabespfortcn und dennoch wagte es die frevelnde Hand späterer Geschlechter, jene vermauerten Eingänge zu eröffnen, die Särge aufzubrechen, den heiligen Friedhof zu entweihen. Die Anlage der Gräber ist mit wenig Modifikationen immer dieselbe. Mehrere Säle liegen hinter einander, in dem letzten von ihnen steht der Sarkophag. Nur das mit No. 17 bezeichnete Grab ist anders: hier findet man zwei Saalreihen über einander. Da, wo der Felsen, in dem man das Grab eingehauen hat, glatt war, wurden die Hieroglyphenbilder in den Kalkstein, da, wo er zersplittert war, in einen Mörtelüberzug eingeschnitten. Die Bilder sind die Lebensbeschreibung des in dem Grabe Ruhenden: man sieht ) B o g uin i l G o ltz. den König in seinen Schlachten, auf seinem Throne, in seinem Gebete, in seinen häuslichen Verhältnissen, in seinen Vergnügungen dargestellt. Einzelne Wände zeigen durch die Egypter unterjochte Völkerschaften in der Sklaverei; man kann den krausköpfigen Aethio- pier ohne Mühe von dem feingegliederten Jndier, den Juden von dem Perser unterscheiden. Auf den getünchten Wänden prangen die Bilder vergangener Jahrtausende noch heute in unvergänglicher Farbenfrische, als ob der Künstler gestern zum letzten Male seine Hand an's Werk gelegt hätte. Einige Figuren sind mit Nöthcl vorgezeichnet, aber noch nicht in den Kalkmörtel eingegraben; — der König starb und sollte in seinem Mausoläum beigesetzt werden, — da verstummte der Hammerschlag des Bildhauers in den hohen Räumen, die Schaar der Arbeiter zog dem Lichte zu und das Chor der Priester brachte die Mumie zur Ruhe in der dunklen Gruft. Erhaben ist die Wahl des stillen Thales, erhabener noch die Anlage dieser Gräber. Sie weiter zu beschreiben, vermag ich nicht; hierzu gehören mehr Monate als ich, sie zu besichtigen, Stunden übrig hatte. Champollion hat diese Arbeit ausgeführt; Lep- sius soll, wie viele Inschriften in allen europäischen Sprachen beweisen wollen, mehr vernichtet, als wissenschaftlich geforscht haben. Auch viele Säulen der Tempel Karnak's und Luksor's weisen Stellen auf, an denen die Hieroglyphenbilder ausgemeiselt wurden. Ein Fellah, welcher des letzteren Alterthumsforschers Diener gewesen zu sein vorgab, erzählte, daß dieser erst Ausgrabungen gemacht und gezeichnet, dann aber das Abgezeichnete vernichtet und, um eine neue Schande alt erscheinen zu lassen, mit Koth beweisen habe. Es gehört wirklich die ganze Leichtgläubigkeit gewöhnlicher Touristen dazu, ähnlichen ungereimten Erzählungen Glauben zu schenken. Daß unser ausgezeichneter Landsmann zu seinen Arbeiten Meise! und Hammer brauchte, ist erklärlich; spätere Reisende wünschten von unwissenden Fellahhihn von der Wissenschaft bisher noch nicht aufgedeckte Namen der Verwüster jener Monumente zu wissen und — Lepsius wurde genannt. Obgleich nun diese und andere Vcrläumdungen den gelehrten Mann gar nicht treffen können, ist es für den Deutschen doch unangenehm, gerade einen Namen hören zu müssen, den man als den eines Heros der Wissenschaft zu verehren gewohnt ist. Man nimmt seinen Rückweg von den Königsgräbern über die, dieselben umschließenden, hohen Berge, von deren Gipfeln man eine entzückende Aussicht über das Nilthal genießt. Unter und vor sich sieht man Karnak, Luksor, die Memnonssäulen, Medi- net-Habu und andere Tempel und hart am Fuße des Gebirges den wegen Mumienhandcl durchwühlten und entweihten Friedhof der früheren Einwohner der alten Königsstadr. Dann klettert man die Gebirge herab und gelangt nach Modln St Häbü, einem früheren Tempelpalaste. Die früher tönenden Memnonen sitzen jetzt auf ihren uralten Postumenten mitten zwischen fruchtbaren Waizen- feldern und sehen bei hohem Nil ruhig dem Wasser des Stromes zu, das ihre hehren Gestalten umfließt. Nach kurzer Besichtigung der Alterthümer bei Luksor und Karnak schickten wir uns zur Weiterreise an. Da erschienen, in leichte Gewänder gehüllt, drei jener öffentlichen Tänzerinnen „Rhauasre" — von den Reisenden oft Almeh *) genannt — und begannen beim Klänge ihrer Kastagnetten, eines Tamburins und einer zweisaitigcn Violine, die ein alter blinder Kerl bearbeitete, ihre sinnlichen maurischen Tänze aufzuführen. Wir weltliches Personale hätten gern den reizenden Tänzerinnen zugeschaut; die geistlichen Herren aber, vielleicht mit Ausnahme des Bischofs, fürchteten die Versuchung und jagten sie unbarmherzig fort. Es wurde uns erzählt, daß die Rhauasraht **) hier in der Verbannung leben. Sie übten ihre Künste früher in der Khahira und in Alcrandrien aus, trieben es aber dein alten Mahammcd- *) Die Almeh ist eine Sängerin, welche vor den im Diwahn des Türken versammelten Gästen singt. Sie selbst sitzt hinter dem engvergitterten Fenster eines Nebengemachs, durch welches wohl ihre Töne dringen, sie aber nicht gesehen werden kann und darf. **) Plural von Rhauasle. 59 Aali zuletzt doch zu bunt. Plötzlich erzürnt unterbrach er ihr fröhliches Leben durch den strengen Befehl, nach Obcregypten auszuwandern und ließ die Säumigen durch Soldaten nach mehreren Städtchen transportiren. Hier führen sie ein höchst unregelmäßiges Leben und werden dem Reisenden durch ihre Zudringlichkeit oft lästig. Man findet unter ihnen sehr schöne Mädchen; gewöhnlich aber sind sie durch Ausschweifungen aller Art, hauptsächlich auch durch Trunksucht, so hcrabgekommcn, daß sie Ekel und Mitleid erregen. Die mit ihnen aufgeführten Orgien und Bachanalicn nennen die Türken „Fanthasie"*); auf ihre Tänze werde ich zurückkommen. Wenn die Rhauasie jung, hübsch und reich gekleidet ist und ihre leidenschaftlichen Tänze gut zu produziren versteht, ist der Ausdruck Fanthasie auch in seiner ursprünglichen Bedeutung gerechtfertigt. Ihr Erscheinen schon ist phantastisch. Aber leider verblühen ihre Reize bald und wenn sie dann Männerherzen zu fesseln nicht mehr fähig ist, sinkt sie gar schnell in die Nacht der Vergessenheit. Nur die allernicdrigsten Kupplcrdienste erwerben ihr, wenn sie alt wird, einen nothdürftigcn Geldgewinn, kaum hinreichend, ihr elendes Leben zu fristen. Dieses kontrastirt mit dem Glänze ihres früheren Auftretens so grell, daß wirklich eine mahammedanischc Ergebung in das Walten des unabänderlichen Datums dazu gehört, um den Kontrast ertragen zu können. Eine wegen ihrer Schönheit berühmte Tänzerin, Namens Safte (Sophie) war die Geliebte des nachherigen Vizckönigs Aabahs-Pascha. Sie soll zur Zeit ihrer Blüthe so schön gewesen sein, daß Aabahs, damals Gouverneur von Kairo, in sci- *) Ich will dieses Wort, das ich gewohnheitshalber, wohl noch manchmal brauchen werde, erklären. Es ist nicht gleichbedeutend mit der Griechen, obwohl davon abgeleitet oder herstammend; sondern bezeichnet jede Art von Unterhaltung oder nicht religiöser Festlichkeit eines Orientalen. Jeder Zierrath heißt Fanthasie; ein gesticktes Kleid, ein gravirtes, siiber- oder goldbelegtes Gewehr mit geschnitzten Kolben, jeder farbenprächtige Teppich oder verzierte Sattel u. s. w. ist „mit viel Fanthasie" gearbeitet. Ein Trinkgelag, eine Tanzunterhaltung, ein festlicher Aufzug n. s. w. n. s. w. ist Fanthasie. 60 nein Harchm keine ihr an Reizen ähnliche Frau besaß. Er besuchte heimlich oft die liebliche Tänzerin, überhäufte sie mit Geschenken, verlangte aber von einem öffentlichen Mädchen Treue, die er nie erwarten konnte. Einst fand er sie in den Armen eines schmucken Arabers. Seine Rache war seiner Rohhcit und Grausamkeit gleich. Er ließ das unglückliche Weib ergreifen und ihren Rücken mit Peitschenhieben zerfleischen. Monate vergingen, ehe ihre Wunden heilten; ihre Blüthe war geknickt, ihre Schönheit vernichtet. Ich sah sie später in Esneh, wo sie ein ziemlich großes Haus bewohnte. Sie zeigte noch immer Spuren ihrer früheren Schönheit; doch war ihr kostbarer Anzug damals noch das Schönste an ihr. Eine unheilbare Lahmheit, die Folge der erlittenen qualvollen Strafe, blieb ihr für immer eine Erinnerung an die Liebe und Rachsucht eines Aabahs. Der Wind war uns unausgesetzt günstig. Schon am 13. Oktober erreichten wir das Städtchen Esneh, am 16. Oktober den ,,Bcrg der Kette" (Djebcl el Sclseli) — nach Anderen „Berg des Erdbebens" (Djebcl el Salßali) genannt — einen engen Strompaß: den letzten Damm, durch welchen sich der Nil Bahn brechen mußte, ehe er in dem durch ihn hervorgerufenen Schlammlandc Egypten seine Fluchen still und ruhig dahin senden konnte. Die Stelle ist merkwürdig, weil man ain rechten Ufer großartige Steinbrüche, am gegenüber liegenden Katakomben und kleine Tempelportale der Alten bemerken kann. Oberhalb des Djebcl el Sclseli treten die Gebirge wieder in weiten Bogen zurück und das Ackerland EgyPtcnS zeigt noch einmal seinen Reichthum. Am rechten Ufer liegt auf einem steilen, jetzt mit Sand überschütteten FclSkegel Kohm-Om bos, ein Dop- pcltempcl der Pharaonen. Wir fuhren mit der Schnelligkeit eines kleinen Dampfbootes den Strom hinauf. Auf mehreren Sandinscln bemerkten wir die ersten lebenden Krokodile, welche aber unsere Barke nicht einmal auf Büchscnschußwcitc an sich kommen ließen und langsam in's Wasser krochen. Vor einigen Tagen sahen wir bereits einen dieser Ricscnsaurier im Flusse schwimmen, aber, wie ich sogleich 61 wahrnahm, leblos. Dennoch sandten die geistlichen Herren ein halbes Dutzend Kugeln nach der Parzcrhaut des keinen Schuß mehr verlangenden Thieres ab. Man wunderte sich allgemein über die Ruhe des „schlafenden Ungeheuers" und ich im Stillen mich über Sonntagsjäger und Sonntagsjägerci. Gegen Abend legten wir in Assuan, der Grenzstadt Egyptens gegen Nubien hin, neben einer Sklavenbarke an. Schon von Weitem, lange bevor man die hinter Palmen versteckte Stadt gewahrt, sieht man das hoch auf den Bergen des linken Users gelegene Grabmal des Heiligen Muh sa, des Schutzpatrons des ersten Katarakts. Im Strome thürmen sich schwarzglänzcnde Granit- und Syenit- massen zusammen und hemmen im Sommer die Schiffsahrt. Dann erscheint die Insel Elephantine wie ein lieblicher Garten und mit ihr Assuan. Bei hohem Nilstaudc kann man zu Schiffe direkt bis an die Stadt gelangen, bei niederem Wasser muß man, am rechten Ufer hinfahrend, die Insel umschiffen und mit großer Vorsicht sich zwischen den letzten Felsblöcken der Stromschnclle hindurchwin- den. Dann findet man in höchst romantischer Lage zwischen Gra- nitblöckcn mit Hicroglyphcnbildcrn ein stilles Ankerplätzchen, zu welchem nur das ferne Tosen deö Katarakts dringt, dicht oberhalb der Stadt. Assuan ist das alte Syene der Griechen und liegt unter 24" 8^ der n. Br. und 30" 34/ östlich von Paris. Früher war es wegen der berühmten Steinbrüche der Alten von größerer Ausdehnung und Bedeutung als jetzt, wie man aus Trümmern, welche den vierfachen Raum der heutigen erbärmlichen Stadt bedecken, leicht schließen kann. Die Steinbrüche, aus denen jene Kolosse, Obelisken und Säulen stammen, deren Masscnhaftigkcit, Festigkeit und Schönheit man bei allen Tcmpelruinen Egyptens zu bewundern Gelegenheit hat, liegen ganz in der Nähe der Stadt in der Wüste. Man sieht noch überall die Spuren der Sprcngarbeiten der Alten: kleine, aber tiefe, in gerader Reihe in das Urgestein eingemeiselte Löcher, in denen man eingetriebene Holzkeile durch Uebcrgießcn mit Wasser so ausdehnte, daß sie Blöcke von mehreren tausend Cent- nern Gewicht vom Felsen ablösten. Das Urgestein ist jene Quarz-, 62 Glimmer- und Feldspath-Verbindung*), welcher man nach ihrem altbekannten Fundort Syene den Namen „Syenit" ertheilt hat. Einige Blöcke liegen jetzt noch, bereits vom Felsen getrennt, im Sande der Wüste, andere sind sogar schon theilwcise bearbeitet. Die Werkstücke wurden auf geebneten Wegen, deren Spuren ebenfalls noch sichtbar sind, vermittelst Walzen zu den im Flusse liegenden Schiffen gebracht und auf diesen dem Orte ihrer Bestimmung zugeführt. Eine längere, durch die Wüste nach dem nahen Phila führende Kunststraße mag wohl aus den Zeiten der Römer- herrschaft herrühren, obschon viele Felsen in ihrer Nähe mit Hieroglyphen beschrieben sind. Weniger solid erbaute Festungswerke, Moscheen und Grabmäler aus einer viel späteren Periode, vielleicht noch aus der Zeit der Mamelukenherrschaft hcrstammend, nehmen einen großen Raum der jetzigen Wüste ein. Sie liegen in Trümmern und vereinigen sich mit mehreren wilden Partiten der Stromschnclle im Hintergründe zu sehr anziehenden Ansichten. Die große Ausdehnung dieser Trümmermassen deutet darauf hin, daß Assuan, der Stapelplatz des ersten Katarakts, früher eine ansehnliche Handelsstadt gewesen sein muß. Das heutige Assuan verdient den Namen einer Stadt nicht mehr. ES hat nur wenige und schlechte Kaufhallen, in denen man oft weder Käufer noch Verkäufer sieht, und ist der Sitz einer egyp- tischen Mauth, weil alle nach dem Sudahn gehende und von daher kommende Waaren hier versteuert werden müssen. Für die Sklaven, welche ja im Orient überall als Waare betrachtet werden, ist die Steuer sehr hoch**). Wahrscheinlich lagen wegen der Versteuerung ihrer Neger und Negerinnen während unseres Aufenthalts mehrere Sklavenhändler einige Tage hier. Man bot uns ein sehr niedliches Gallamädchen zu dem Preise von achtzehnhundert Piastern an; Negerknaben und Negermädchen waren viel billiger. *) Oder Hornblende- und Feldspathverbindung. **) Sie beträgt für einen Neger oder Abyssinier zwanzig, für eine Negerin vierundzwanzig und für eine Abyssinierin dreiunddreißig Thaler unseres Geldes. 63 Einer dieser Sklavenhändler besuchte uns auf unserem Schiffe und erzählte uns von den oberen Ländern des weißen Flusses, den er bereist zu haben vorgab. Er zeigte uns Waffen und Geräth- schaften der Neger, welche allerdings furchtbar und eigenthümlich genug aussahen und von uns Allen mit lebhaftem Interesse betrachtet wurden. Alle von Egypten nach Nubicn gehenden Nilschiffe passiren den Katarakt von Assuan, obgleich er nicht gefährlich ist, nur wenn es dem Reis des Schiffes vorher kontraktlich znr Pflicht gemacht worden ist. Unsere große Dahabie wäre unter allen Umständen nicht dazu geeignet gewesen. Wir mußten deshalb unsere Effekten von Assuan auS mit Kameelen über die Stromschnelle bringen lasten. Don Jgnatio hatte in der Nähe der Insel Philä einen Lagerplatz ausgewählt, in welchem wir bis zur Ankunft anderer Barken verweilen wollten. Am achtzehnten Oktober kamen gemiethete Kamecltreibcr, beluden ihre stöhnenden Thiere mit dem Gepäck der Mission und zogen gegen Mittag dem Lagerplatze zu. Wir ritten nach dem Aassr auf Eseln nach und erreichten mit Sonnenuntergang das oberhalb der Stromschnclle gelegene Dörfchen Siahle. Die Umgebung desselben ist wildromantisch. Die Gebirge treten in einen weiten Bogen zurück, der Nil braust über ihre Ausläufer hinweg. Schwarzglänzendc Syenit- und Porphyrmassen, theils in ungeheuren Felsen vereinigt, theils wie von der Hand eines Riesen durch einander geworfen und zusammengeschichtet, theilen den Strom in Hunderte von kleinen, rauschenden Bächen, stauen ihn in den durch ihr Zurücktreten gebildeten Kessel auf und zwingen ihn, seine Fluthcn mit donnerndem Schwall über sie hinweg- zustürzen. Nur schmale Kulturstreifen ziehen sich dicht an seinen Ufern dahin, die Gegend ist todt und öde, aber dennoch schön. Inmitten dieses Felsenchaos liegt die palmenbestandene, grünende Insel Philä mit ihren Tempelruinen. Man glaubt ein Feenschloß vor sich zu sehen, wenn man sie zum ersten Male erblickt. Der ernste, gegen die dunklen Felsenmassen aber doch freund- liehe Tempel, in dcr tiefen Stille der Einsamkeit nur umtobt von den immer und immer von Neuem dahinrollenden Wasserstürzen, eingerahmt von balsamdustenden Mimosen und schlanken Palmen, steht an einem zur Verehrung der alten Gottheit Egyptens Passenden Orte, wie es keinen zweiten, ähnlichen geben kann. Hier mußte sich das Gemüth der Zöglinge, welche die Priester heranbildeten, von selbst dem Hohen und Erhabenen zuwenden; hier mußten sie, wenn man ihnen den uns gleichgültig erscheinenden Vogelflug und die Mysterien der Orakelsprüche deutete, die Hieroglyphcnschrift lehrte oder das Bild von Sais entschleierte, aus allen den bedeutungsvoll verhüllten Dogmen ohne Hülfe ihrer Lehrer leicht den Kern erkennen: Es giebt nur einen Gott! Philä ist es werth, gesehen zu werden. Schon seine Geschichte, klarer und bestimmter, als die anderer Tempel Egyptens, ist von hohem Interesse. Phila, das Grab des Osiris und der Isis, galt als ein besonders heiliger Ort. Dcr Dienst dcr Isis erhielt sich hier noch, als sich die Lehre vom Kreuze schon in Nnteregyp- tcn mehr und mehr verbreitete. Die Nubier, — die Blemier des Alterthums — holten sich von hier in feierlichen Aufzügen ihre Jstsbildcr ab oder schloffen hier mit ihren Nachbarn, den Egyptern, nach einem ihrer wiederholten Kriege den Frieden. Nachdem das Christenthum auch bis hierher gedrungen war, wurde der Jsistem- pel in eine christliche Kirche verwandelt. Die Tempclhallen sind in dem vollendetsten, reinsten egyptischen Style ausgeführt; jeder einzelne Theil des Bauwerks zeigt von einer mehr ideellen Anlage des Ganzen. Das Schwerfällige, Erdrückende anderer Monumente Egyptens verschwindet, während ein freierer, kühnerer Schwung ganz unverkennbar ist. Leicht gehaltene Knäufe krönen die schlanken Säulen; jeder einzelne ist von den übrigen verschieden, nur die Lotosblume ist allen gemeinsam. Wie ich an einigen noch unvollendeten Kapitalen sah, wurde ihre feinere Bearbeitung erst nach Vollendung des ganzen Baues vorgenommen, woraus sich auch eher die Schärfe und Mannichfaltigkeit des dargestellten Blättcrwcrks erklären läßt. Im inneren Tempel sind alle Säulen vollendet und über und über mit Hicroglyphenbildern bedeckt. Die Säulen prangen noch in alter, ewig neuer Farbenpracht. Einige Kapitale vcrsinnlichen eine aufrechtstehcnde Garbe grüner Palmcnwedcl oder vielleicht die Palme selbst; die Idee, so ganz aus der Natur des Landes gegriffen, ist einzig in ihrer Art und wunderschön. Zur Plattsond der Pylonen, von wo man einen Ueberblick des Katarakts genießt, führt eine noch guterhaltene Steintrcppe. Ueberall sieht man die Spuren gewaltsamer Zerstörung. An den äußeren und inneren Wänden des Tempels sind die riesigen Figuren der Gottheiten und Könige ausgcmeiselt worden; Trümmer bedecken die ganze Insel, in Trümmern liegt auch ein Dorf der Barabra, welches früher hier gestanden hat. In den Hallen, wo einst der ernste Gesang der Priester ertönte, bauen jetzt der Sperling und die Felscnschwalben ihre Nester, von den Trümmerhaufen hört man den traurigen Ruf der Wüstenlerche, — alles Irdische ist vergänglich! — Die bestimmte und sichere Nachricht, daß wir in Korosko nicht die nöthige Anzahl von Kamelen zur Reise durch die große nu bische Wüste finden würden, bewog die Mission, ihre Reiseroute umzuändern. Man miethete zwei kleinere Schiffe bis Wadi- Halfa und beschloß, von dort aus entweder zu Kamel oder zu Schiffe nach Dongola zu gehen, von wo aus man, ohne Aufenthalt befürchten zu müssen, durch die Wüstensteppe Bahiuda weiter reisen konnte. Am 21. Oktober bezogen wir mit dem Bischof Casolani, Padre Muhsa und Don Angelo das kleinere, aber bequemere der beiden Schiffe, die übrigen Mitglieder blieben auf der Transportbarke. Der Wind blieb uns günstig. Schon am 22. Oktober passirtcn wir mit Gcwehrsalven den Wendekreis; zwei Tage später erreichten wir Korosko. Wir fanden hier eine meist aus Bergleuten bestehende Erpcdition des Vizekönigs, welche für die Goldbergwcrke bei Khassahn bestimmt war und seit achtzehn Tagen auf Kamele, mit denen sie durch die Wüste reisen wollten, warteten. Die Leute gingen mit Zittern und Zagen nach dem in Kairo wegen seines Klimas sehr verrufenen Sudahn. Korosko ist ein elendes Dorf und enthält nur wenige Hätt- 66 scr: die erbärmlichen Wohnungen der, die Bricfpost zwischen Char- thum und Kairo besorgenden, Kamclreitcr. Dennoch ist der Ort für den Verkehr Egyptens mit Ost-Sudahn als Einbruchsstation in die große nubische Wüste von großer Wichtigkeit. Man legt den fünfunddreißig bis vierzig deutsche Meilen langen Wüstcnweg nach Abu-Hammed im südlichen Nubien in sieben bis neun Tagen zurück und gelangt, am Nile fortziehend, in fünf weiteren Tagen nach Berber el Muchc'iref. Im Inneren den Wüste stößt man nur einmal auf einen Brunnen, den Bihr murre, welcher, wie der arabische Beiname besagt, nur salziges Wasser enthält. Deshalb gehört die Reise zu den beschwerlichsten und zu den theuersten dieser Art *) auch ohne die Prellereien und Betrügereien der Kamelscheichs, denen der Reisende, wenn er nicht einen Firmahn von der Regierung besitzt, sicher ausgesetzt ist. Der Unterschied zwischen dem bis jetzt bereisten Theile Nubiens, dem Wadi-Kenuhs, und Egypten ist auffallend und erstreckt sich nicht auf das feste Land allein, sondern auch auf die Menschen, ihre Sprache und ihre Sitten. Nackte Felsmasscn engen den Strom auf beiden Seiten ein; seine Ufer sind viel zu hoch, als daß er sie überfluthen könnte. Daher hört man hier das Gekreisch unzähliger Schöpfrädcr, welche die schmalen und wenig fruchtbaren Felder an den Usern des Stromes bewässern, Tag und Nacht. Der arme Nubier konnte seinem Stcinlande nur Wenig abgewinnen. Seine Dörfer sind armseliger, aber freundlicher und hübscher als die der Fellahhihn; er selbst ist ärmer, aber besser als der Egypter. Schon auf den ersten Blick unterscheiden sich die friedlichen Berbern von den Egyptern. Die Männer haben eine mehr oder *) Ein mit Wafferschläuchen beladenes Kamel kostet nach den von der Regierung erlassenen Bestimmungen, wie das Reirkaniel, sechs Thaler unseres Geldes für diese Tour, der Transport eines arabischen Centners von hundert „Ardahl" oder einundachtzig wiener Pfunden wird mit dreißig Piastern oder zwei Thalern preußisch berechnet. Diese Miethpreise sind nicht niedrig, weil man bei dem beschwerlichen Wege einem Kamele nur drei arabische Centner aufbürden darf und sehr viel Trinkwaffer mit sich führen muß. 67 weniger dunkle Hautfarbe, sind schmächtiger, furchtsamer als die Fellahhihn und nicht so geeignet, jene enormen Körperanstrengungen , welche wir bei dem Egypter beobachten können, zu ertragen; die Frauen sind klein, nicht besonders hübsch und gehen unver- schleiert. Erstere bekleiden sich mit kurzen Beinkleidern und einem langen und breiten Nmschlagtuche, „Ferdah" genannt, Feiertags wohl auch mit einer blaugefärbten Baumwollenkutte; letztere tragen über einem Paar weiten Beinkleidern, die in den mannichfaltigsten Faltenwürfen, wie eine römische Tunika, um sich geschlagene Ferdah und haben ihr kurzes struppiges und grobes Haar in Hunderte von kleinen Zöpfchcn geflochten, gerade so, wie es, nach den Bildhauerarbeiten auf egyptischen Denkmälern der Baukunst, vor mehreren tausend Jahren auch üblich war. Ihre bisweilen recht angenehmen Gestchtszüge kann man leider nur aus der Ferne betrachten, denn in der Nähe schwindet deren Reiz vor ganz anderen Eindrücken. Ein unerträglicher Gestank weht Dem entgegen, der sich einer Nu- bierin nähert. Sie haben nämlich die üble Gewohnheit, sich ihre Haare mit Ricinusöl sehr stark einzusalben; dieses wird in der heißen Luft bald ranzig und verpestet die Atmosphäre bis auf dreißig Schritte Entfernung. Die Mädchen tragen schon hier den Rahhad, eine im Sudahn allgemein gebräuchliche Lederschürze, als einziges Kleidungsstück, die Knaben gehen bis in's zwölfte Jahr fast ohne Ausnahme nackt. Zwischen Derr und Korosko verläßt der Nil seine südlich - nördliche Richtung und wendet sich nordöstlich. Auf dieser Strecke ist der herrschende Nordwind den Schiffen ungünstig, weshalb diese am „Trekseile", arabisch „Libbahn" genannt, weiter gezogen werden müssen. Ein Befehl der Regierung hat den Bewohnern des rechten Ufers — das linke ist Wüste — die Pflicht auferlegt, diese Arbeit zu übernehmen. Auch wir machten von dem Vorrechte aller Vornehmen Gebrauch und ließen uns so rasch als möglich befördern. Aber es empörte uns die Art und Weise, mit welcher man die Nubicr zum Schiffsziehen preßte. Zwei unserer Matrosen, tüchtige, handfeste Burschen, liefen den Barken voraus und trieben die in den Feldern, an den Schöpfrädern oder in den Häu- 5 * 68 fern arbeitenden Männer mit Gewalt und Prügeln zum Zugseile. Wir wollten ihrer Rohheit Einhalt thun, sahen aber ein, daß es ohne die landesübliche Methode nicht möglich war, fortzukommen und mußten diese daher ihren Weg gehen lassen. Während der Fahrt bereitete uns Don Angclo, dessen Furcht vor dem Ertrinken ich schon gedacht habe, ein spaßhaftes Intermezzo. Unsere Dahab'i'e lag still, der Nil war seicht und ruhig und die Luft höchst angenehm. Man redete also dem guten Padrc zu, sein Rettungsboot, die Gummimatratze, doch einmal zu versuchen, um ihre Nützlichkeit bei einem thatsächlich vorkommenden Schiffbruche zu erproben. ES fehlte nicht an Gründen und Vorstellungen, ihm die Sache recht einleuchtend zu machen; er entschloß sich wirklich zu einer Probefahrt. Die luftgcfüllte Matratze lag auf dem Wasser, Don Angelo entkleidete sich und bestieg sie mit Hülfe des Barons sehr vorsichtig. Behaglich schaute er von seinem Lager herab in den Strom. „Nun wüthe, Nil, ich bin geborgen!" Aber — eine Bewegung — das trügerische Bette drehte sich, Don Angelo lag im Wasser! Obgleich er auf festem Grunde stand, rief er doch kläglich um Hülfe. Man brachte ihn an Bord, um eine Hoffnung weniger. Von nun an sah er nur mit der höchsten Seclcnangst in die trüben Fluchen des Stromes. Abends landeten wir in Derr, einem großen, zwischen Palmen versteckten, ganz unbedeutenden Dorfe, in dessen Nähe sich ein halb verfallener Felsentempcl befindet. Hier hatten unsere geistlichen Herren eine Amtsverrichtung. Ein Vater begehrte Hülfe für sein krankes, ganz erbärmlich aussehendes Kind. Man wußte nicht, was man diesem geben sollte, da die Mutter schon lange vor seiner Geburt an Syphilis gelitten hatte. Aber der Bischof wußte ihm zu helfen. Er ließ es dem Vater unter dem Vorwande, daß er ihm Arzneien geben wolle, abnehmen und — taufen! 0 sauet» simMvitas! Von Derr aus fehlte uns der Wind. Die Barken wurden deshalb von unserem Schiffsvolke am Libbahn langsam weiter gezogen. Am 29. kamen wir an der zerstörten Mamelukenfestung Jbrihm vorüber. Ein Dorf gleichen Namens liegt am Ufer des 69 Stromes unter Palmen. Die Festung befand sich auf einem fast senkrecht vom Nile aufsteigenden Felsen, wenig stromaufwärts vom Dorfe. Ihre Mauern waren zwar nur aus lufttrockenen Steinen aufgeführt, aber diese sind in Ländern, in denen es fast nie regnet, ein vollkommen dauerhaftes Material. Jbrihm war einer der letzten Haltpunkte der Mameluken, jener, von Mahammed-Aali sehr gcfürchtetcn, willens- und thatkräftigen Kricgcrschaar, dem Pascha, so lange sie bestanden, gefährlicher als das an einem Haare hängende Schwert dem Damvklcs. Lange war es ihm nicht möglich, Etwas gegen die wohlverthcidigte, fast unerstcigliche Festung zu unternehmen, während die Besatzung, insgeheim mit den Nubiern im Bunde, dem Angreifer durch Plünderung der den Strom befahren- den Schiffe und kühne Ausfalle beträchtlichen Schaden that. DaS Felsenschloß war mit Nahrung und durch eine in den Felsen gehauene, aus dem Strome gefüllte Cisterne auch mit Trinkwasser wohl versorgt. Endlich entschieden die Geschütze des Pascha den Fall desselben. Er zerschoß, eroberte und zerstörte die Burg und trieb die geschlagenen Feinde bis zur Insel Sais. Dort fanden sie spater vollends ihren Untergang. Am 1. November erreichten wir die Felscntempcl von Abu- Simbil oder Ibsa m bol. Es sind zwei großartige Monumente, welche die kühnsten Erwartungen übertreffen. Vor dem vorn Sande der Wüste fast verschütteten Portale des großen Tempels sitzen vier Kolosse von der Höhe des Memnoninus (vierundsechzig pariser Fuß); ihre Gesichter sind wie die aller cgyptischen Bildsäulen unschön, aber wirklich grauscnhaft anzusehen und deshalb imponircnd. Der innere Tempel ist ganz aus dem Felsen gehauen. Er enthält vierzehn Kammern und Hallen mit Hicroglpphentafcln und Statuen von mehr als dreißig Fuß Höhe. In der hintersten und kleinsten Zelle sieht man drei Steinbilder, wahrscheinlich Sinnbilder verschiedener Gottheiten. Nach Prokcsch*) beträgt die innere Tiefe des Riesenbaues hundertunddrcißig, die Breite hundcrtundfünfundvierzig wiener Fuß. Der zweite Tempel verschwindet neben ihm. Er liegt, *) „Das Land zwischen den Nilkataraklen." 70 nur wenige hundert Schritte von dem großen Tempel entfernt, dicht am Strome, ist kleiner und weniger schön. Etwas weiter stromabwärts steht man eine, im Niveau des Stromspiegels in ei- * ncr Felsennische sitzende, Figur, welche die Araber el Keahle, „die Messende" nennen. Sie hält in ihren erhobenen Händen ein gefülltes Getreidemaß und scheint im Begriff, dasselbe auszuschütten. Die Keahle ist offenbar nur ein Sinnbild der zu hoffenden Fruchtbarkeit deS neuen Niljahres. Ihre Augen sind nach dem Strome gerichtet, als wolle sie sein größeres oder geringeres Wachsthum beobachten. Steigt er nur so hoch, daß er bloß ihre Füße benetzt, dann hält sie das Maß des zu erwartenden, leicht zu berechnenden Getreides noch hoch erhaben — das Jahr wird eine arme Ernte bringen; verschwindet aber ihre Gestalt ganz unter den braunen Wellen, dann verschwindet mit ihr auch alles Maß des kommenden Segens. Wir verließen nach kurzer Besichtigung die erhabenen Monumente und zogen weiter. Am folgenden Tage sahen wir wiederum eine am rechten Ufer, hoch auf einem isolirt aufsteigenden Felsen in Trümmern liegenden Feste. Es ist El-Edjaht. Den Fuß des Felsenberges bedecken viele Grabmäler. Nach der Meinung des Volkes bezeichnen sie die „KHLbühr el Sähähb", die Gräber der heiligen Streiter des Jslahm, welche hier im Kampfe mit den Ungläubigen und Ketzern ihren Tod fanden. Dem Reisenden fällt die ewige Bettelei der Kinder und Erwachsenen aller nubischen Dörfer sehr zur Last. Bis hierher erstrecken sich noch die Reisen der gewöhnlichen Touristen, welche das Volk durch kleine Geschenke so verwöhnt haben, daß man in Dörfern, zumal wenn man europäisch gekleidet ist, sogleich von einem Haufen nackter Knaben oder in Lumpen gehüllter Erwachsenen umringt und mit den im Chor geschriecncn Worten: tMt Lskll8elii68cii!" (Herr, gieb uns ein Trinkgeld!) förmlich verfolgt wird. Selbst ganz kleine Kinder rufen dem Fremden schon » „Bakhschicsch" entgegen; es sind die ersten Laute, welche sie stammeln lernen. Gegen die oft die Grenzen himmlischer Geduld — und diese besaß ich nie — übersteigenden Anmaßungen der Erwach- 71 ftnm halfen mir gemeiniglich einige Hiebe mit dem unübertrefflichen Dolmetscher meiner Entrüstung, der aus der Haut des Hippopotamus geschnittenen Peitsche, kurzweg „Nilpcitsche" genannt. Da habe ich, zum Beweise der unersetzbaren, überraschenden Wirkungen dieses vorzüglichen Instruments, dann häufig sagen hören: „8L- inMImIilll M srircli!" (Verzeihe mir, Herr!) „ich wußte nicht, daß Du den „tärtieb ei btzllöck" (die Sitte, den guten Ton des Landes) so gut verstündest, ich will durchaus keinen Bakhschiesch; aber ich hielt Dich für einen des Landes Unkundigen, mMösoti (lass' es gut sein). „ULddönL elmliok!" (Unser Herr erhalte Dich!) Erst oberhalb Wadi - Halfa's, dessen Katarakt den Touristenreisen Grenzen setzt, hört diese Bettelei allmählig auf. Am dritten November erreichten wir den letztgenannten Ort. Er liegt in einem meilenlang sich am rechten Ufer hinziehenden Palmenwalde zerstreut, ist armselig, ohne Bedeutung und bietet an und für sich gar Nichts. Nur der eine Vicrtelmeile oberhalb der letzten Häuser des Dorfes beginnende, sogenannte zweite Katarakt hat Wadi-Haifa bekannt gemacht, denn es besitzt nicht einmal einen Markt. Sein Name ist aus den Worten „vLcki", d. i. Niederung, und der Benennung eines trockenen, scharfschneidigen Riedgrases abgeleitet. Wir bezogen die große, von den Einwohnern «l KhLssr, „das Schloß" betitelte Karawanserei und mußten hier, weil sich in Wadi-Haifa weder Kamele, noch oberhalb der Stromschnelle Schiffe vorfanden, dreizehn Tage verweilen. Unsere Wohnung bestand — vier Jahre später lag sie fast ganz in Trümmern — auS einem zweistöckigen, zimmerarmen Wohnhause und einem sehr ausgedehnten Hofraume. Das Gebäude war durchgehends aus lufttrockenen Ziegeln aufgeführt und mit (zu diesem Zwecke unbrauchbarem) Sparrwerk aus Palmenstämmcn gedeckt. In der Ringmauer, welche das Ganze umschloß, sah man viele, auf die Möglichkeit einer Vertheidigung hindeutende, Schießscharten. Früher mochte es wohl nöthig gewesen sein, die reichen Karawanen vor etwaigen Angriffen zu schützen; zur Zeit unseres Aufenthalts in Wadi- 72 Halfa, wo der Handel Monopol der Regierung war, erschien der Bau als nutzlos. Jedenfalls kam er uns aber sehr gelegen. Es ist für den Reisenden in einem so nichtssagenden Orte immer angenehm, sogleich eine Wohnung zu finden, ohne genöthigt zu sein, eine arme, wehrlose Familie Eingeborner aus ihrer Hütte zu vertreiben. Auch sind die Behausungen der Barabra*), obgleich reinlicher und wohnlicher als die Nilschlammspelunken der Fellah- hihn, noch immer schlecht genug. Sie gleichen vierseitigen, abgestutzten Pyramiden, bestehen aus lufttrockenen Formsteinen, besitzen keine Lichtlöcher — um den Ausdruck „Fenster" nicht zu mißbrauchen — und erhalten die Beleuchtung ihres Innern durch eine einzige, nach oben zu erweiterte, Thüröffnung, welche zur Nachtzeit mit einem, aus dicht an einander gereihten und mit einander verbundenen Palmcnwedelstängeln, „Djeried", bestehenden, Thürflügel geschlossen wird. Der Fußboden der nubischen Häuser ist manchmal mit buntfarbigen, künstlich geflochtenen Strohmatten bedeckt oder nur aus gestampfter Erde gefertigt; sonst sieht man im Innern der Hütte, außer einem nach Art der beschriebenen Thüre zusammengeflickten, auf vier Füßen erhöhten Lagengestclle, einigen hölzernen Schüsseln und irdenen Töpfen keine Wirthschaftsgcräthe. Die Bewohner Wadi-Halfa's unterscheiden sich bis auf die etwas verschiedenen Sprachdialcktc wesentlich weder in ihren Sitten und Gebräuchen, noch in Ansehung ihrer Körpcrgestalt und Gcistesfähigkeiten von den übrigen Einwohnern Nubicns bis über Ait-Dongola hinauf. Ihre Sprache deutet, wegen ihrer großen Ähnlichkeit mit äthiopischen Sprachen, auf eine Abstammung der Barabra von den Acthiopiern hin, und damit scheint auch die Kör« pergestalt der nubischen Völkerstäinme nicht im Widersprüche zu stehen. Man kann die Nubicr gesunde Leute nennen. Vor Allem bemerkt man bald nach dem Eintritte in ihr Hcimathland, daß mau das Land der Augenkrankheiten hinter sich hat. So wie sich in Nord-Ost-Afrika Länder und Völker streng und urplötzlich von *) Plural von Seröbrl; so nennen sich die Völker Nubicns, welche nicht arabischer Abkunft sind. 73 einander trennen, so wie es der Natur gefallen zu haben scheint, hier fruchtbares Ackerland und wenige Schritte weiter dürre, pflan- zenlose Wüste zu erschaffen, so scheint es auch mit den Krankheiten zu sein. In Assuan wüthet eine Epidemie, in dem nur eine Meile davon entfernten Dorfe Schellahl ist sie kaum dem Namen nach bekannt. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß ein blinder oder einäugiger Berber nicht in seinem Vaterlande, sondern in Egypten um sein Augenlicht gekommen ist. Dagegen sind in Nubien Verwundungen jeder Art sehr gefährlich; die kleinste Verletzung eitert oft Monate. Mehrere von unserer Reisegesellschaft litten an unbedeutenden Schnittwunden wochenlang. Wir langweilten unS in Wadi-Halfa ganz entsetzlich. In unserer Wohnung peinigten oder ängstigten uns große, in Menge vorhandene Skorpionen; im Freien ärgerten wir uns über das unergiebige Jagdterrain. Nur durch Zufall erhielten wir einige werth- volle Vögel. Am 23. November konnten wir endlich die Reise fortsetzen. Einige Nubier schafften unser Gepäck über den Katarakt hinauf; wir verließen, auf Eseln reitend, Nachmittags den einförmigen Ort und zogen längs des Nilufcrs an dem Katarakt hinauf. Mehrere unserer Reisegesellschaft hatten zum ersten Male Reit- kamele bestiegen und machten, um sich in den hohen Sätteln im Gleichgewichte zu erhalten, wunderliche Anstrengungen. Die Entfernung unseres Ziels, des Lagerplatzes Amke oder Abke, beträgt, von Wadi-Halfa aus gerechnet, über zwei Meilen. Schon eine Viertclmeile oberhalb des letztgenannten Ortes sieht man keine menschlichen Wohnungen mehr. Man gelangt in das Gebiet dcS von Wüsten eingeschlossenen zweiten oder großen Katarakts. Das Auge erschaut nichts als Steine, Sand, Felsen, den Himmel und den durch Hunderte von Fclseninscln zerspaltcnen, schäumenden und donnernden, seine gestauten Fluthen gewaltsam über die hemmenden Fclsblöcke stürzenden Nil; nur hier und da reckt ein Mimoscnbäumchen seine Zwciglein in die ruhige Luft; eS hat am Ufer oder selbst mitten zwischen dein zerklüfteten Gestein doch noch Nahrung und somit die Möglichkeit zum Leben gefunden. Das Schauspiel ist entsetzlich schön. Es scheint, als läge hier die 74 Natur noch in der chaotischen Verwirrung des Schöpfungsmorgens vor dem Auge des Beschauenden: so unendlich wild ist das vom Donner des Wasserfalls scheinbar erzitternde Panorama. Mit einbrechender Nacht kamen wir in Abke an. Die Matrosen vieler, hier in einer Bucht wie im Hafen liegenden, Barken saßen bei einer Temperatur von -s- 14? Reaum. am Feuer und wärmten sich. Auch unseren verwöhnten Körpern that die Wärme des Feuers wohl. Die Nacht war wundervoll. Noch hallte das Tosen des Katarakts in unserer Nähe als Echo wider, aber es begleitete nur die nicht unmelodischen Klänge der nubischen Zither, welche, weil sich das junge Volk der Schiffer zum Tanze ordnete, vor uns von kundiger Hand geschlagen wurde. Im Strome konnte ein scharfes Auge den Mastenwald der nahebei vereinigten Schiffe erkennen; er selbst glich einem stillen, nur melodisch an dem Felsenufer plätschernden See, darin die leuchtenden Sternlein wieder flimmerten. Würzige Mimoscndüfte schwängerten die frische reine Luft. Im leichten Winde rauschten die Kronen der Palmen; sie rauschten sanfter und weicher — wir schliefen! In Abke lagen mehr als fünfzig jener kleinen Barken, welche man zur Fahrt in den Katarakten benutzt und löschten ihre von Dongola el Urdi hierher gebrachte, fast nur aus ScnneSblät- tern bestehende, Ladung. Die Schiffchen sind aus einzelnen, ver- hältnißmäßig kleinen Planken ohne Rippen zusammengenagelt, haben einen Mast mit rautenförmigem Segel, aber keine Kajüten, sondern nur einen höchst unbequemen Schiffsraum, welcher selten mehr als vierzig arabische Centncr an Ladung aufnimmt. Alle Abweichungen dieser Bauart von der anderer Nilschiffe sind durch die gefährliche Wegstrecke, innerhalb deren sie sich bewegen, geboten. Die Rippen fehlen, damit das Boot eine möglichst große Elastizität bekommt und bei dem häufig vorkommenden Auffahren >> und Ausstößen an Felsenstücke nicht sogleich leck wird; die zwischen zwei Raaen (eine bewegliche und eine unbewegliche) eingeklemmten Segel sind rautenförmig, damit man die Kraft des Segels nach 75 der verschiedenen Stärke des Windes reguliren kann; das Boot ist klein, kurz und niedrig, weil Alles darauf ankommt, schnelle Wendungen machen zu können. Die Mission bedurfte acht dieser Schiffe zum Transport ihrer und unserer Effekten und stieß am 18. November zugleich mit einigen und zwanzig anderer Barken vom Ufer ab, um bei günstigem Winde ihre Reise fortzusetzen. Es war ein schöner Anblick, den Strom mit einem Male von mehr als dreißig, mit weit geöffneten, weißen Segeln fahrenden Schiffen bedeckt zu sehen. Unsere Boote zeichneten sich von den übrigen durch die an der Raacnspitze flatternden Pavillone aus. Die höchst malerisch auf einem zackigen, kohlschwarzen Fclskegel gelegene Lehmfcstung von Abkc verschwand den Blicken; wir betraten das Lättn öl H-lllMr, „den Bauch der Steine", d. i. das Steinthal: die wüsteste Provinz Nubicns, den traurigsten Landstrich, welchen ich je gesehen habe. Hohe, kahle, schwarze und glänzende Felscnmassen steigen senkrecht aus dem Nike, welcher sich durch sie hindurch im Laufe der Jahrtausende sein Bette graben mußte, empor, engen ihn ein und zersplittern, sich seinem tobenden Drängen kühn entgegenstellend, seine Kraft, stauen ihn hoch auf und zwängen ihn, daß er zur Zeit seines höchsten Wasserstandes um zweiundvierzig Fuß höher steht als im April. Sie brechen die Macht des Mächtigen. Er strebt, sie zu vernichten, um- schäumt sie mit seinem ewig rauschenden Wogenschwall; sie stehen unerschütterlich. Alles Kulturland haben sie verdrängt, aber, mit ihnen im ewigen Wechselkampfe, sucht der Strom sein göttliches Borrecht: das segensreiche Korn zu nähren und zu stärken, auch hier geltend zu machen. Wo er ein stilles Plätzchen findet, senkt er seinen fruchtbaren Schlamm auf das nackte Gestein und führt diesem selbst den Samen zu. Mitten im Strome sieht man von Weidengebüsch überzogene, ursprünglich kahle Felseninseln. Die Weiden haben ihre Zweige tief eingesenkt in das zerklüftete Gestein und treiben zur Zeit des niedersten Wasscrstandes Blätter, Zweige, neue Wurzeln. Sie gewähren den gefiederten Wanderern gastlich ein wirkliches Dach. Fröhliche Sänger durchschlüpfen die blü- then- und insektenreichen Hecken; die egyptischc Gans brütet dort 5 76 still auf ihren sechs bis zehn Eiern, der Pelekan ruht dort von seiner Fischjagd aus und putzt sich mit plumpem Schnabel das ro- senroth überhauchte Gefieder, die schwanzwippende Felsenbachstelze (NotaMs ogpsnsich wird hier geboren. Jetzt schwellt die' gewit- terreiche Regenzeit der Tropen den mächtigen Strom. Die Umstände ändern sich, die Felsen sind jetzt die Träger des Lebens, der Strom droht Vernichtung des grünenden Weidendickichts der Insel. Aber schlank und schmiegsam beugt sich die Gerte vor dem Zürnen des Gewaltigen. Sie senkt sich, zitternd vor dem heftigen Wellen- drang, tief ein in die trüben Fluthen, aber geschickt weicht sie und grünt und blüht bei fallendem Nile kräftiger und lebendiger als vorher. Das Steinthal ist kaum fähig kleine Vogel zu ernähren und dennoch giebt es Menschen, welche es ihre Hcimath nennen. In meilenwciten Abständen haben sie sich kleine Hütten erbaut, sie besitzen nur Das, was sie der Milde des Stromes zu verdanken haben. Mit Lebensgefahr schwimmen sie zu einer, von dem Gebirgen her vielleicht unzugänglichen, stillen Felsenbucht und streuen hier Bohncnkörner in den aus den Steinen haftenden Schlamm. Der Ertrag der Ernte ist ihr Reichthum; sie besitzen weiter Nichts; sie sind so arm, daß ihnen selbst die egyptische Regierung keine Steuern auferlegen konnte. Es giebt im Battn el Hadjar wohl auch einzelne Stellen, an denen mehrere Nubicr vereinigt ihre Strohhäuser aufgeschlagen haben, ein kleines Stückchen Feld bewirthschaften und zwei Rinder oder vier Ziegen hakten können, aber das sind Oasen, welche nicht das Gepräge dieser unglücklichen Provinz an sich tragen. Ein Palmenbaum, ein Strauch, eine Hütte wird hier mit Jubel begrüßt; ein Bohnenfeld ist das Ziel tagclangcr Hoffnung, ein Schöpfrad das Zeichen des Reichthums. Das Steinthal ist unendlich, unsäglich arm! Am 19. November. Die Mohammedaner feiern das Fest zur Erinnerung an das Opfer Abraham's; unser Schiffsvolk sitzt in Feiertagskleidern auf dem Deck der Barken und läßt den günstigen Wind unbenutzt vorübcrblasen; wir kommen erst um Mittag in Bewegung. Ruhig sitzen wir im Schiffsraum. Urplötzlich erzittert die Barke in ihrem ganzen Bau, sie ist mit furchtbarem Kra- 77 chen auf einen Felsen gefahren. Wir springen entsetzt auf und machen Anstalten zum Schwimmen. Aber unser alter stromkundi- gcr Reis Bellahl sitzt mit dem gemüthlichsten Gesichte von der Welt am Steuer und ruft uns freundlich zu: ,,Mahlesch"! Dank sei es diesem ,,Berge und Thäler ebnenden, das Unmögliche möglich, das Unerträgliche erträglich machenden, den Zorn beschwichtigenden, die Angst verbannenden" Worte, mit der unendlich vielfachen Bedeutung, welche ich mit: ,,Es thut Nichts" übersetzen will, — wir beruhigen uns. ,,Dic Barken sind sehr fest und halten manchen Stoß aus; ich habe noch ganz andere erlebt," sagt unser Altvater aller Kataraktcnschiffer, ,,scid ohne Sorgen!" ES war nicht zu bezweifeln, Bellahl kannte den Strom wie kein Anderer, er wußte jeden unter dem Wasser liegenden Felsen, schon ehe wir hinkamen, aber eben so unzweifelhaft schien eS zu sein, daß er mit einem gewissen Behagen das Schifflein auf den ihm bewußten Felsen jagte. Einige Tage nach dem eben Erzählten stieß unser mit starkem Winde segelndes Schiffchen so heftig auf versteckte Felsen auf, daß das Wasser durch einen bedeutenden Leck in's Innere eindrang. Aber man war auch auf Aehnliches gefaßt. Lumpen und Werg lagen bereit und wurden sofort zum Kalfatern verwandt; sie reichten nicht; da riß sich einer der Matrosen sein Hemd vorn Leibe und opferte es zu gleichem Zwecke für das allgemeine Wohl. In wenig Minuten war der Schaden beseitigt. Am 20. November kamen wir zum Schellahl *) von Seinne. Durch drei Stromengen, von einer kaum mehr als vierzig Fuß betragenden Breite, drängt sich die ungeheure Wassermcnge des Nil hindurch. Das Wasser steht am Anfange der Stromstelle positiv um sechs Fuß höher als zwanzig Fuß weiter stromabwärts. Wir fuhren mit aller Segelkraft bis an einen der brausenden Wasserstürze heran, unsere Matrosen stürzten sich mit einem Seile in den schäumenden Gischt, durchschwammen den heftigen Wogenzug und befestigten ihr Tau und somit unser Schifflcin an einem Fels- blocke. Hier lagen wir, bis sich die Mannschaft sämmtlicher acht ') Unter Schellahl versteht ber Nubier eine Stromschnelle. 78 Barken vereinigt hatte, dann zog man das schwankende Boot an starken Tauen durch die tobenden Fluthen, welche fast über den Stern desselben zusammenschlugen. Zu beiden Seiten der Stromschnelle stehen kleine, aber zierlich ausgeführte und mit sehr scharf gearbeiteten Hieroglpphenbildcrn gezierte Tempelruinen aus der Pharaonenzeit. — Wenn der Wind fortdauernd günstig bleibt, kann man alle Stromschnellen des Steinthals in sechs bis acht Tagen überschif- fen. Leiber hatten wir auf unserer diesmaligen Reise nicht guten Segelwind; wir legten in drei Tagen nur eine Strecke von anderhalb deutschen Meilen zurück. Weder die Mission, noch das Schiffs- volk war auf die Möglichkeit einer so ungünstigen Fahrt eingerichtet. Die Lebensmittel gingen zur Neige; auf den Schiffen stellte sich, obgleich nur sehr dürftige Rationen vertheilt wurden, wirkliche Noth ein. Unsere Matrosen schwärmten bei der herrschenden Windstille vergeblich meilenweit herum, um etwas Genießbares aufzu- treiben. Sie aßen anstatt des Gemüses wild-, aber spärlich wachsende Kräuter, welche sie hier und da auffanden und blieben bei all' ihrer Noth frohen Muthes, sangen und lachten. Wir Europäer waren bei unserer schmalen Kost weniger zufrieden und sehnten uns nach frischem Fleisch und Gemüse. Am Morgen erhielten wir eine Tasse Kasse und einen Schiffszwieback, Mittags trockenen Reis, ,,Pillau" genannt, und Abends eine magere Suppe. Den Gerichten fehlte alle Würze, weil uns das Schmalz schon seit mehreren Tagen mangelte. Ich erlegte eine Nilgans, deren Fleisch uns ein wahrer Leckerbissen wurde, und erwarb mir ein freundliches Gesicht meiner europäischen Reisegefährten wegen des gelieferten Bratens, die Bewunderung aller Nubier aber wegen des geschickten Schusses. Zwei Nilgänse, schöne, aber scheue Vögel, waren auf eine uns gegenüberliegende, wohl dreihundert Fuß entfernte Felseninsel gekommen und liefen am Strande herum. Sie fühlten sich, durch den breiten, wogenden und jählings abstürzenden Nilarm von uns getrennt, ganz sicher; aber meine treffliche Büchse erreichte sie doch. Ich sandte dem Männchen des Pärchens eine Kugel durch die 79 Brust; nach wenigen Flugversuchen lag es gelobtet am Strande der Insel. Die vereinigte Mannschaft von mehr als zwanzig, unterhalb der Stromschnelle versammelten, Schiffen hatte mir zugesehen und brach in lautes Beifallsgeheul aus. Nun trennte mich aber der breite Wassersturz noch von meiner Beute. Da erbot sich, in der Hoffnung eines zu erlangenden Bakhschiesch, einer unserer Matrosen, den Vogel herüber zu holen. Er legte sich auf einen kurzen Holzstamm und stürzte sich in den brausenden Strom. Die schäumenden Wogen schienen ihn verschlingen zu wollen und entzogen ihn auf Augenblicke wirklich unseren Blicken, aber er arbeitete sich rüstig durch, erreichte glücklich sein Ziel und kam, mit dem Vogel in der Hand, ohne Unfall wieder bei uns an. Man kann die Gewandtheit der nubischen Schwimmer nicht genug bewundern. Während sich der Egypter nur nach einiger Selbstüberwindung zum Schwimmen entschließt, scheint sich der Nubier im Wasser ganz heimisch zu fühlen. Er schwimmt, oft mit einem mehr als hundert Fuß langen Tau zwischen den Zähnen , kühn von Fels zu Fels trotz Wogendrang und Stromschnelle. Von Kindheit an ist er in der Kunst des Schwimmend geübt. Der Knabe jagt sich mit dem Mädchen spielend im Strome herum; der Jüngling oder erwachsene Mann bläst sich einen dichten Lederschlauch mit Luft auf, legt sich darauf und läßt sich dann vom Strome tagereisenweit thalabwärts treiben; Frauen und Männer setzen mit ihren Schläuchen ohne Bedenken über den oft mehr als tausend Schritte breiten Strom. Am 25. November legten wir mitten in dem bedeutenden Schellahl von Ambukohl an einem Felsenblocke an. Die Bewegung der wohlbefestigten Barken in dem Strudel der Strom- schnelle war so heftig, daß Mehrere aus unserer Gesellschaft die Seekrankheit bekamen. Wir zogen es vor, auf dem Felsen zu schlafen, wählten uns eine durch den Strom aufgelegte, ebene Sandbank zur Lagerstätte, breiteten unsere Teppiche darauf und schliefen, umtobt von dem Donner des Katarakts, herrlich die ganze Nacht hindurch. Wir bemerken zu unserer großen Freude, daß die Gegend bes« 80 ser zu werden scheint. Hier und da zeigt sich eine Palme oder eine Mimosengruppe. Große Flüge verschiedener Zugvogel wandern, dein Strome entlang, nach Süden und geben uns Hoffnung , auf Beute. Die Noth ist bei uns groß; wir haben fast Nichts mehr zu essen. Erst am 28. November erhob sich der sehnlich herbeigewünschte Nordwind und trieb unsere Schiffe nun ziemlich rasch dem Strom entgegen. Zwei Tage spater durchschiffen wir die Stromschnclle von Tanguhr. Eine gänzlich zertrümmerte Barke lag mitten im Katarakt auf einer Felseninscl; sie war vor einem Monate mit ihrer Ladung gescheitert. Auch heute gelang es nur den vereinigten Anstrengungen vieler Matrosen, ein Schiff unseres Geschwaders vom Untergänge zu retten. Mahammed, der Koch der Mission, wollte schwimmend sein mitten im Strome liegendes Boot erreichen. Die heftige Strömung trieb ihn unwiderstehlich dein Schellahl zu; er kämpfte verzweifelnd mit den Wellen, wäre aber ohne Zweifel ertrunken, wenn ihm nicht zwei andere Nubier zu Hülfe geeilt wären. Diese brachten ihn, obgleich selbst dem Versinken nahe, t besinnungslos an's User. Man versicherte mich, daß jährlich mehrere Barken hier zu Grunde gehen und oft auch Matrosen trotz aller Schwimmfertigkeit ertrinken. Einer unserer Schiffslcute, Aabd-Allah mit Namen, hat seine Frau, eine wirklich schöne Nubicrin aus dem Palmenkreise Sukoht, mit am Bord. Gestern näherte ich mich zufällig der nußbraunen Schönheit. Wie ein gereizter Tiger fuhr der Nubier auf mich los. ,,Hcrr," rief er wüthend, „was willst Du von meiner Frau?" Ich mochte ihm betheuern, was ich wollte, er betrachtete mich von nun an mit namenloser Eifersucht und schien uns Beide aus tiefster Seele zu hassen. Am 1. Dezember. Wir befinden uns in einem weit besseren Landstrich als bisher. Palmen und Mimosen gruppiren sich zu kleinen Wäldchen. Vor uns liegt am rechten Ufer ein hoher Berg mit zackigen, ausgeprägten Gipfeln, der Djebel el Tib- * sche. Auch am linken User erheben sich steile Felsmassen. Eins der schönsten Bilder des Battn el Hadjar liegt vor uns. Die 81 glühenden, schwarzglänzenden Felsenpartieen geben dem Panorama etwas schauerlich Wildes, aber da liegt wenig weiter oben Äkäh- » sch 8 mit seinem weißen, zwischen Mimosen hervorschauenden Schechs- grabe, umgeben von freundlichem, bebautem Ackerlande, und mildert das grausig Todte der übrigen Wildniß. Gegen Mittag erreichen wir die heiße Quelle von Okme. Sie kommt neben einem alten, halbverfallenen und verschlemmtcn Thurme, welcher sie früher wohl gefaßt haben mag, zu Tage. Rings herum ist der Boden mit einer Salzkruste bedeckt. Die Wärme der Therme beträgt über 40" Reaum.; ihre Wassermenge ist gering, hell und nach Schwefel schmeckend. Obgleich überall in Nubien als Heilquelle bekannt, wird sie doch wenig benutzt. Selten badet ein Kranker in ihr, gewöhnlich aber mit gutem Erfolge. Diese Quelle ist die einzige, welche zwischen Charthum und Kairo in den Nil fällt. Die Stromschnclle von Akahsche ist kaum eine halbe Meile südlich von ihr entfernt; wir erreichten sie Nachmittags. Von allen i Schiffen war das unsrige das einzige, welches den Schellahl sofort durchschiffte. Unser stromkundigcr Reis wiederholte, unzählige Male von der Strömung zurückgeworfen, den Versuch, über den Katarakt zu schiffen, solange, bis er gelang. Wir gingen oberhalb desselben am rechten Ufer an's Land. Jdrieß, unser schwarzbraimcr, nubischcr Diener, badete sich, kleidete sich festlich an und ging nach dem heiligen Grabe, um dort das Abendgebet zu verrichten. Der daselbst ruhende Schech steht, als Schutzpatron der Stromschnclle, in viel zu hoher Achtung, als daß es sich ein Schiffer erlauben würde, an seinem Grabe vorüber zu gehen, ohne zu beten. Das Schiffsvolk aller mit uns angekommenen Barken folgte dem Beispiele unseres Jdrieß; nur der alte, religiöse Reis Bellahl konnte nicht wohl abkommen. Da brachten ihm seine Leute Erde von dem heiligen Grabe mit; er streute diese aus das Deck seines Schifflcins und betete auf ihr. ^ Bellahl's Gottesfurcht ist unserer Achtung werth. Ehe er sein Schiff in die brausenden Wogen steuert, kniet er zum Gebete hin, um sich den Segen Allah's zu der gefährlichen Fahrt zu erflehen; wenn die - 6 Gefahr vorüber ist, drückt er dankend die Stirne in den Staub. Er ermähnt seine Untergebenen, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen; seine Frömmigkeit ist keine Maske, sondern tiefgefühlte Wahrheit. Mit dem schwachen Winde des Abends und nächsten Morgens kamen wir bis zum Schellahl von Dahle. Bellahl war wieder der Erste, welcher alle schwierigen Stellen überwand; die übrigen Rc'isihn *) zogen es vor, auf stärkeren Wind zu warten. Dieser blieb aus, die Barken mußten, um nicht von der Strömung wieder weit zurückgetrieben zu werden, anlegen, wo sich ein geeigneter Punkt zur Befestigung des Haltseilcs fand, und lagen nun zerstreut im Schellahl umher. Wir waren mit dem Jesuiten Ryllo, auf dessen Boote sich die Küche befand, am linken, Padre Petre- monte und Fatchalla Madruß am rechten Ufer gelandet, das Boot des B. S. hing mitten im Strome an einem Felsblock. Diese Windstille machte eine Vereinigung aller Schiffe unmöglich. Es gelang uns nur durch die Kühnheit eines rüstigen Schwimmers, den Versprengten Nahrungsmittel zukommen zu lassen. Ein starker Nordwind führte am 4. Dezember, nach dreißig- stündigcr Trennung, die zerstobenen Mitglieder der Reisegesellschaft wieder zusammen. Er ging bald in Sturm über und brachte empfindliche Kälte mit sich. Das Thermometer stand zwar noch immer auf -s- 12" Reaum.-, aber uvir froren bei dieser Temperatur und mußten Decken und Pelze herversuchen, um uns zu erwärmen. Der Sturm hielt auch am folgenden Tage mit gleicher Stärke an. Man hatte nur ein Dritttheil des Segels geöffnet, aber der Sturm jagte das Boot trotzdem mit der Schnelligkeit eines Dampfschiffes den Strom hinauf. Unser Schiffsvolk saß seekrank, mit kläglichen Mienen am Vordertheile der Barke. Wir waren in das Palmenland Dahr-el-Mahhaß**) eingetreten. Die Gebirge des Battn cl Hadjar sind hier verschwunden, die flachen Stromufcr geben fruchtbaren Feldern Raum, mei- *) Plural von Reis. **) Dahr bedeutet Land oder HauS. 83 lcnlange Palmenwälder ziehen sich am Saume der Wüste dahin. An den Palmen reifen hier köstliche, weitberühmte Früchte. Tropische Vogel beleben die Ufer und der Ornitholog steht viele neue erfreuliche Erscheinungen unter den gefiederten Bewohnern des Landes. Hier zeigte sich uns zuerst der prachtvolle Feuerfink (Luplootes issnicolor), welcher die Durrah- oder Moorhirsenfelder in namhafter Anzahl bewohnt. Er ist ein kleiner Vogel mit sammtschwarzcr Brust und Stirn und brcnnendroth befiederten Körperthcilcn; alle Federn haben einen eigenthümlichen Glanz. Wie ein Opferflämm- chcn erscheint er auf der Spitze eines Durrahkolbens und zirpt seine einfache Weise. In den Mimosen bemerkt man einen noch kleineren, einfarbig stahlblauen, auf den Häusern einen kaum zaunkönig- großen, rostbrüstigen Finken (IdrinAilla nitens und inim'ina). Die Macht des tropischen Klimas zeigt sich an diesen niedlichen Thier- chcn und entfaltet eine von uns Nordländern ungeahnte Farbenpracht. Ich litt in Folge zweier schlaflosen Nächte und des heftigen Windes an Kopfschmerzen. Reis Bcllahl wollte mich, durch eine sympathetische Kur — worauf die Araber sehr viel geben — davon befreien. Er näherte sich mir mit allerlei Gesten, drückte mir die Finger seiner rechten Hand fest auf die Schläfe und legte dann, Gebete murmelnd, die Finger seiner linken Hand in einer bestimmten Reihenfolge gegen die innere Handfläche. Schließlich preßte er meinen Kopf zwischen seinen beiden Händen zusammen, spie in die linke Hand und schlug sie mehrere Male auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich die Nachmittags eintretende Linderung meiner Schmerzen dieser merkwürdigen Heilmethode oder dem schwächer gewordenen Winde zuschreiben soll. Am 9. Dezember. Es war Windstille. Der Baron hatte sich auf die Jagd begeben; ich lag, von dem ersten Anfalle des klimatischen Fiebers gepeinigt, im Schiffsraum; der Fiebcrfrost durchschüttelte mich. Da erhob sich auf dem Deck der Barke ein wüstes Geschrei, dessen grelle Töne mir bald unerträglich wurden. Ich erfuhr von unserem Diener Jdrieß, daß man auf den Baron un- 6 * 84 willig sei, weil dieser nicht zurückkehre, nachdem Wind aufgekommen wäre. Um die Reise fortsetzen zu können, habe man den Matrosen Aabd-Lillahi (oder Aabd-Allah) fortgeschickt, um den Baron zurückzurufen. Mir ahnte davon nichts Gutes: Aabd-Lillahi war uns Allen als jähzorniger, wüthender und roher Mensch genugsam bekannt geworden. Wenige Minuten später hörte ich den Baron um Hülfe rufen und sah ihn am Strande im ernsthaftesten Handgemenge mit dem Nubier, welcher sich der Jagdflinte meines Gefährten zu bemächtigen suchte. Er würde diesen, märe er in Besitz der Waffe gelangt, wahrscheinlich zusammengeschossen haben, weshalb ich auch keinen Augenblick zögerte, das Gefürchtete wo möglich noch zu verhindern. Ich nahm die Büchse zur Hand und den Nubier auf's Korn; aber die Streitenden veränderten ihre Stellungen so oft, daß ich, ohne den Baron zu gefährden, den Schuß nicht wagen konnte. Jetzt wurde er frei, ich zielte genauer, — da brach er plötzlich, noch ehe ich geschossen hatte, blutend zusammen: der Baron hatte ihm sein Dolch- messer in die Brust gestoßen. Von ihm erfuhr ich nun auch den Hergang der Sache. Aabd- Lillahi war im höchsten Zorne schimpfend und fluchend auf ihn zugekommen, hatte ihn mit Gewalt dem Ufer zugcdrängt und in der Nähe des Schiffes sogar geschlagen. Der Baron nimmt erzürnt sein Gewehr von der Schulter und will dem Nubier einen Kolbenschlag versetzen, dieser aber springt wüthend auf ihn los, preßt ihm mit der Hand die Kehle zusammen, schimpft ihn Chri- stcnhund und Ungläubigen und droht, ihn mit dem Gewehr, dessen er sich bemächtigen will, niederzuschießen. Von diesem Menschen war Alles zu fürchten und der Baron, bei seiner wehrhaften Vertheidigung, in seinem vollen Rechte. Es ist unmöglich, von dem sich nach diesem Auftritte erhebenden Lärmen eine Beschreibung zu geben. Das Schiffsvolk schrie wie immer entsetzlich, schwur fürchterliche Rache und zog haufenweise zum Padro Rylbo. Dieser Jesuit war nicht nur niederträchtig genug, der Menge Recht zu geben, sondern hetzte sie sogar noch gegen uns — Ketzer — auf. Don Angelo, der Arzt der 85 Mission (welcher, beiläufig bemerkt, eine dunkle Idee von der Möglichkeit der Heilkunde haben mochte), wurde beordert, den ,,armen Verwundeten" zu sondiren und zu bepflastern. Das Volk wurde, wie leicht zu begreifen, durch diese christlichen Maßregeln noch weit erbitterter und anmaßeudcr. Die Re'lsihn erklärten unter thierischem Gebrüll wiederholt, unsere Barke zurücklassen und sich selbst Recht verschaffen zu wollen. Wir setzten unsere Waffen zu einer Vertheidigung auf Leben und Tod in den besten Stand, bedeuteten die Schiffsführer, welche am nächsten Morgen ihre Drohungen erneuerten, ihre Pflicht zu thun, versprachen, uns vor das Gericht des Gouverneurs der Provinz Dongola zu stellen und schwuren. Jeden, welcher sich unserem Boote in feindlicher Absicht nähern würde, niederzuschießen. Unsere Energie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Matrosen fügten sich murrend unseren Gewaltmaßrc- geln und sagten unS Gehorsam zu. Aabd-Allah's Wunde war nicht gefährlich. Eine Nippe hatte die Kraft des außerdem unfehlbar tödtlichen Stoßes gebrochen. Nachdem das im Anfange sehr heftige Wundficber vorüber war, genas er bald. Da er sich später willfährig zeigte, den Streit in Güte beizulegen, gab ihm der Baron drei Specicsthaler Schmerzensgeld und schlichtete damit den bösen Handel zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Jesuiten haben sich später bemüht, die Handlung meines Gefährten in ein schlechtes oder wenigstens zweideutiges Licht zu ziehen und seine Selbstvertheidigung als Verbrechen darzustellen, weshalb ich ihn hier vertreten zu müssen glaube. Er handelte, wie jeder Andere in seiner Lage gehandelt haben würde. Mord und Todtschlag ist in jenen Ländern keineswegs etwas so Außergewöhnliches, daß man nicht an eine kräftige Vertheidigung denken sollte, wenn man sein Leben bedroht sieht. Gegen Abend legten wir in der Nähe der Felsberge Nauer oder Nauri am rechten Ufer an. Man sieht diese beiden, sich mehr als vierhundert Fuß über die Ebene erhebenden Felsenkegcl schon von Weitem. Die Volkssage schildert uns beide Berge als früher vereinigt. Sie sind versteinerte Riesen. Der größere war 86 ein Mann und hieß Nauer, der zweite die Gemahlin desselben, Namens KisbtzttL. Die Gatten erzürnten sich und Nauer entfernte sich an fünfhundert Schritte von Kisbetta. Weil aber die sie früher gemeinschaftlich umschlingende Leibbinde — worunter man eine nach allen Seiten zu gleichförmig aufsteigende Stelle der Berge versteht — zerriß, konnten sie sich nicht wieder vereinigen. Diese roh zusammengefügte Geschichte zeigt uns, wie weit die Dichtung der Nubier hinter der der Araber zurücksteht. Heutigen Tages sind die Djebahl el Nauri von mehreren hundert Paaren Felsentauben, welche die Felder der armen Barabra ungestraft plündern dürfen, bewohnt. Nur ein einziges, hoch oben in einer Felsspalte horstendes Wanderfalkenpaar verfolgt die gefräßigen Tauben. Unsere Reise förderte von nun an rasch. Wir näherten uns, weil der im Dahr el Mahhaß felscnfrcie Strom uns nicht mehr aufhalten konnte, der Hauptstadt Dongola täglich mehr. Am 12. Dezember störte ein Zufall noch auf kurze Zeit die Ruhe einer äußerst angenehmen Nilfahrt durch das, im Vergleich mit dem mühsam durchsegelten Battn el Hadjar reich bebaute, Palmen- land Dongola. Unser Reis zertrümmerte beim Auffahren auf die letzten Fclsblöcke, welche er zu finden glauben mochte, das Steuer unseres Bootes. Obgleich der Schaden nothdürftig wieder ausgebessert wurde, blieb der Verlust doch so fühlbar, daß die Wellen bei einem heftigen Windstoße über Bord schlugen und an dem gänzlichen Umschlagen der Barke wenig fehlte. Nachdem uns Reis Bellahl am 14. Dezember in seiner Wohnung mit Palmen- wein*) bewirthet hatte, schied er von uns. Wir fuhren weiter und landeten um Mittag auf der großen, gut bebauten und stark bevölkerten Insel Argo, auf welcher vormals ein eigner König herrschte. Der hier wohnende Eigenthümer unserer Barke machte uns seinen Besuch und beschenkte uns mit einem wohlgenährten Schafe und einem Kruge Butter, welche hier zu Lande immer flüs- *) Ein braunes, durch leichte Währung auserlesener Datteln erzieltes berauschendes Getränk. 87 v s> sig ist. Am folgenden Tage, landeten wir in Dongola el Ur- d i, nachdem wir, von Wadi-Haifa aus, siebenundzwanzig Tage unter Wegs gewesen waren. Die Stadt Dongola, gemeiniglich schlechtweg ,,el Urdi", das Lager, genannt, wurde nach einem Plane des Naturforschers Ehrend erg an der Stelle des kleinen Dorfes Akromar erbaut und diente den Türken, welche die Provinz erst vor Kurzem erobert hatten, anfangs als Festung. Dongola ist ein unbedeutender Ort, welcher schlechte Basars*) mit wenigen Vcrkaufsartikeln, einige Kaffchäuser und Brandweinkneipen enthält. Es ist der Sitz eines türkischen Mohdihrs oder Provinzgouverneurs. Zur Zeit unseres Hierseins herrschte hier Muhsa-Be'i**), ein sehr gewandter, unterrichteter Türke, den wir spärter in Char- thum wieder trafen, wo er unter der Regierung Latief-Pascha's eine sehr demüthigende Rotte spielte. Er machte kurz nach unserer Ankunft den Geistlichen einen Besuch, welchen wir nach einigen Tagen erwiderten. Es ist eine überall in Nord-Ost-Afrika gebräuchliche Sitte, daß die Einwohner einer Stadt dm angekommenen Fremden zuerst besuchen. Man kann dann einen solchen Besuch erwidern oder nicht, wie man eben Lust hat. Die Sitte hat für den Fremden viel Angenehmes. Am ersten Sonntage nach unserer Ankunft (am 19. Dezember) las Padre Ryllo in der hiesigen koptischen Kapelle die Messe in arabischer Sprache. Das Gotteshaus war sehr zahlreich besucht worden. Ryllo brachte von dort ein Brödchcn, wie es die koptischen Christen bei ihrer Abendmahlsfcierlichkeit gebrauchen, mir zurück. Es war aus Waizcnmchl frisch gebacken, rund, einen Zoll hoch und hielt drei Zolle im Durchmesser; auf der oberen Seite sah man das fünffache Kreuz von Jerusalem: > 4 - *) Im Jahre 1852 wurden diese vergrößert und verbessert; auch baute man auf Befehl Latief-Pascha's, des Generalgouverneuers von Ost-Sudahn, eine Moschee. **) Ursprünglich ,,Belk"; von Anderen „Bei" oder „Beg" geschrieben, so viel als Oberst. 88 Die Mission wollte die zu hoffende Genesung ihres von Kairo an ununterbrochen an einer sich mehr und mehr verschlimmernden Disscnteric leidenden Chefs in Dongola abwarten. Der Ort bot v uns zu wenig, als daß wir diese unbestimmte Zeit hier hätten verbringen können. Wir trennten uns daher von der Mission, mietheten eine Barke bis zum Dorfe Ambukohl am Eingänge des Weges durch die Wüstenstcppe Bah luda und verließen Dongola am 20. Dezember. Unser Verhältniß zur Mission war nicht das beste gewesen, aber doch that es uns leid, von Männern scheiden zu muffen, mit denen wir länger als drei Monate zusammengelebt hatten; wir fühlten, daß wir von nun an ganz einzeln standen. Der falsche Bischof gab mir Gesundhcitsregcln, Pater Knoble eher herzlich gemeinte Mahnungen mit auf den Weg; Padrc Nyllo wünschte uns kalt und steif glückliche Reise; Don Angclo machte schlechte Witze, Padre Muhsa, mein alter grilliger, aber seelenguter, väterlicher Freund und Bckehrer, und Baron S. S. begleiteten uns bis zu unserem Schiffe. So schieden wir ^ in Frieden von einander. ' Oberhalb Dongola bieten die Ufer deS Stromes wenig Bcmer- kcnswerthes. Handak und Alt-Dongola, „DöngölZ. Ldjühs", sind so unbedeutende Ortschaften, daß sich Wenig oder Nichts über sie sagen läßt. Wir verkürzten uns den einförmigen Weg mit Jagen und Präparircn des Erlegten, bis der 24. Dezember herankam. Dieser weckte freilich mancherlei Empfindungen in unserem Innern. Wir befanden uns im Innern Afrika's, unsere Gedanken waren daheim. Der Abend stimmte uns weich; wir beschlossen, ihn wie im Vaterlande zu feiern. Uns selbst konnten wir gegenseitig Nichts bescheren, darum beschenkten wir unsere Diener. Dann holten wir Wein herbei und tranken auf's Wohl der fernen Lieben. Und als es vollends Nacht geworden war, setzten wir uns hinaus in die helle Sternennacht und horchten still dein Schlage der murmelnden, vom Kiel des Schiffes gebrochenen Wellen; und wäh- ^ rend dieses langsam, feierlich den Strom durchfurchte, begingen wir ernst und ruhig das Fest der Weihenacht. Am 25. Dezember landeten wir in Aabd uhn, einem unbc- 89 deutenden Dorfe, weil wir gehört hatten, daß wir auch von hier aus durch die Steppe ziehen könnten und zwei bis drei Tage Zeit v ersparen würden. Wir traten mit einem uns von unserem Reis zugeführtcn Araber in Unterhandlung, welcher uns versprach, bis Sonnenuntergang acht Kamele für die Micthsummc von vierzig Piastern (für jedes Kamel) zu stellen. Aber wir warteten, nachdem er sich entfernt hatte, um die Lastthiere herbeizuschaffen, mehrere Stunden vergeblich auf seine Rückkehr. Ungehalten wegen der verlorenen Zeit, wollten wir den Lügner durch den Kaimakahn*) bestrafen lassen und ließen diesen herbeirufen. Da erfuhren wir, daß dieser nicht die Macht habe, Aabd el Hamihd — so hieß jener Araber — zu züchtigen, weil er nicht unter seine Botmäßigkeit, sondern unter die eines verrufenen Bedutnenstammcs gehöre. Der Schech**) des Ortes habe ihm Kamele verweigert, weil er gezweifelt habe, daß wir unter Aabd cl Hamihd's Leitung jemals nach Charthum gelangt sein würden. Der Kaimakahn gab uns ^ zugleich den Rath, uns in Zukunft, wenn wir Kamele bedürften, ' nur an Beamtete der Regierung zu wenden; diese seien für die Sicherheit der Reisenden verantwortlich. In der Folge sah ich ein, wie Recht der Mann hatte. Wir brachen nach dem eben Erfahrenen sogleich wieder auf, störten ein riesiges Krokodil mit Büchsenkugeln aus seinem Nachmittagsschlummer und gelangten mit gutem Segelwinde am Mittage des folgenden Tages nach Ambukohl. Der Kahschcf oder Be- zirksvorstehcr, ein durch Empfehlungsbriefe von seinem Vorgesetzten Muhsa-Be'r sehr dienstfertig gemachter, wohlleibiger Türke, versprach Alles zu thun, was wir wünschen würden. Abends erschien er auf unserem Schiffe zum Besuch. Wir bewirtheten ihn zuerst mit Kasse und später mit Rum, weil uns sein Begleiter, ein schmächtiger, kriechender Kopte, versichert hatte, daß sein Gebieter die Befehle des Propheten zu interpretiren wisse. Das berauschende ^ Getränk versetzte unseren biederen Türken sehr bald in fröhliche *) Der Kaiinakahn ist der Vorsteher eines Dorfes, aber immer ein gedienter Soldat. **) „Schech" ungefähr so viel als Schultheiß. « Laune. Begeistert rief er mehrere Male: ,,O, meine Herren, das ist der schönste Tag meines Lebens!" Das sollte jedoch nicht der Fall sein. Beim Nachhausegehen fiel der schwere, mehr schwebende als gehende Mann von dem den Schiffsbord mit dem Lande verbindenden Brette (Rhiskahle) in den Nil und zog seinen dienstfertigen Geist und Sekretär nach sich in die trüben Fluchen. Wir wollten ihm zu Hülfe eilen, aber er hatte die terra ürnm bereits wieder gewonnen. Von Wasser triefend kehrte er an Bord zurück, um uns zu versichern, daß nicht er, sondern nur der lumpige Kopte in den Strom gefallen sei. ,,Seid ohne Sorgen, meine Herren, einer so schmiegsamen Kreatur schadet das Nichts. Iwil- küm saaräo!" Glückliche Nacht! > Vorbereitungen zur Wüstenreise. Das Kamel und feine Ladung. Am frühen Morgen des 29. Dezember erschien der ,, Schech el Djemahli", d. h. der Aelteste, Befehlende unter den Kameltreibern, mit einem Führer, ,,Chabihr" *), drei Kameltreibern und acht Kamelen in unserem Lager. Der Kahschef hatte uns die Lastthiere zu dem niederen Miethpreise der Regierung verschafft; wir bezahlten für die Benutzung eines Kameles zur Reise von Ain- bukohl nach Charthum — einer Wegstrecke von mindestens vierzig deutschen Meilen — nur fünfunddreißig Piaster oder zwei und einen drittel Thaler unseres Geldes. Hiervon entrichteten wir ein Dritt- theil im Voraus und verpflichteten uns kontraktlich, das Fehlende nach erfolgter, glücklicher Ankunft in Charthum einem der Treiber einzuhändigen. Während die Kamele ihre noch freie Zeit benutzten und einige Mimosen ihrer Blätter beraubten, begannen die Treiber die nöthigen Vorbereitungen zur Wüstenreise zu machen. Sie erweichten, reinigten und füllten zunächst die für unseren Trinkbedarf erforderlichen, von ihnen gelieferten Schläuche, wählten sich gleichschwere Gepäckstücke zu bestimmten Ladungen aus und umwanden sie mit je zwei starken, von ihnen sofort zusammengedrehten Dattelbaststricken, welche in einem Abstände von anderhalb Fuß um die Kisten geschnürt und unter sich verbunden wurden, an der einen Seite aber in handgroße Schlingen oder Oehrcn endigten. So einfach dieses Geschäft auch ist, so viel Lärmen, Gezänk und Krakchl verursacht es gewöhnlich. Jeder Treiber versucht, um sein eigenes Ka- *) Von „elisbara," benachrichtigen, erfahren sein, Etwas genau kennen. * 92 mel möglichst zu schonen, die leichtesten Frachtstücke sich zuzueignen, wird aber mit dem andern deshalb regelmäßig in lebhaften Wortwechsel verwickelt und ärgert den Reisenden durch sein Geschrei und ) nichtsnutziges Benehmen am allermeisten. Wenn die Karawane einmal im Gang ist, geht eS besser, weil dann Jeder die ihm einmal zucrthcilte Last seinem Thiere ohne Widerrede aufbürdet; er würde aber nie zu bewegen sein, inmitten der Wegstrecke seiner Ladung noch eine neue Last zuzusetzen. Selbst der Treiber, dessen Kamel die Wasserschläuche trägt, würde dies nur gezwungen thun, obgleich begreiflicher Weise die Ladung seines Thieres von Tag zu Tage leichter wird. Im Anfange der Reise hat freilich gerade das was- sertragende Kamel am Meisten zu leisten: zwei wohlgefüllte große Schläuche sind eine sehr starke Ladung. Man unterscheidet in Nord-Ost-Afrika zwei Sorten dieser Wasserbehälter. Die großen, ,,Rai" genannt, fassen ungefähr den vierfachen Inhalt der kleineren, ,,Khirba." Erstere bestehen aus Rindleder, letztere aus Ziegen- oder Schaffell; beide sind, um sie zu dichten, mit einem Theer, ,,Khutrahn", welchen die Araber aus den Samen der Coloquinthenkürbisse zu dcstillircn verstehen, cinge- fchmicrt. Der Khutrahn ertheilt dem mit ihm in Berührung kommenden Wasser einen wirklich entsetzlichen Geruch und Geschmack und, wie ich glaube, auch die Eigenschaften der Coloquinthen selbst, weil das in den Schläuchen aufbewahrte Trinkwasscr schon nach wenig Tagen ungenießbar wird, peinliche Kolik erregt und zum Erbrechen reizt. In Fässern erhält sich das Wasser länger wohlschmeckend, aber diese zerbersten von der Hitze und zerspringen, wenn ein Kamel seine Ladung abwirft, fast jedes Mal. Wir haben gefunden, daß gut verzinnte, durch sorgfältige Verpackung in Holzkisten vor äußeren, mechanischen Einflüssen geschützte Blechgc- säße bei Wüstcnrcisen zum Wassertransport am Vortheilhaftesten verwendet werden können. Das in ihnen aufbewahrte Wasser ist zwar immer lauwarm, bleibt aber länger als vierzehn Tage trinkbar und ist dem durch die Hitze und den Samuhm bewirkten Verdunsten nicht in demselben Grade, als das in Schläuche gefaßte, ausgesetzt. 93 Zum eigenen Bedarse führt jeder Kamelreiter noch ein kleines, mit Wasser gefülltes Ledergefäß bei sich auf seinem Reitthiere. Es ist der unpraktische „Sa'in" der Sudahnesen oder die wohleinge- richtcte „Simsem'ie" der Bewohner des glücklichen Arabiens. Ersterer ist das gegerbte Fell einer jungen Ziege, welches man in der Halsgegcnd und der der Vorderbeine des Thieres zusammengenäht, am Hinteren Ende aber nur zusammengeschnürt hat; letztere ist ein ganz nach dem Prinzip der Wasscrkühlgcfäße Egyptens eingerichteter, steifer Lederbeutel mit einem Henkel und zwei durch Pfropfen verschließbaren Mundstücken. Die Simsenne wird Abends gefüllt, im Luftzuge aufgehängt und kühlt während der Nacht das in ihr enthaltene Wasser um mehrere Grade ab. Man bezieht diese bei Wüstenreisen ganz unentbehrlichen Gefäße aus Jemen und bekommt sie in jeder größeren egyptischen Stadt zu dem mäßigen Preise von einem Gulden unseres Geldes. — Nachdem die Karawane insofern gerüstet und mit den beschriebenen, neu in Stand gesetzten Geräthschaften versehen ist, beginnt das Aufladen. Ehe ich aber eine Beschreibung geben kann, muß ich meine Leser nothwendiger Weise erst mit dem „getreuen Wüstenschiffe", dem Kamele, bekannt machen. Ich unterlasse eine naturwissenschaftliche Beschreibung seines Acußeren und beschäftige mich vielmehr mit seinen Ra^enunterschieden, Leistungen, Kräften Eigenthümlichkeiten; von ersteren hätte ich vielleicht nur zu sagen, daß weiß- oder isabellfarbige Kamele mehr als dunkelbraune geschätzt werden. Das Kamel hat ebensowohl seine Rapen, als das Pferd; ein von den Bischahrihn (einem Nomadenstamme des Bclled- Tahka im Sudahn) gezüchtetes edles Reitkamel, „Hedjihn", unterscheidet sich von dem egyptischen Lastkamele wie ein arabisches Roß von einem Karrcngaule. Der Bischahrihnhcdjihn ist das vollendetste Kamel, welches ich kenne; er ist fähig, in einem Trabe fünf, ohne Beschwerde zehn, mit Aufopferung seiner Kräfte aber sogar zwanzig deutsche Meilen innerhalb vierundzwanzig Stunden zurückzulegen, wird deshalb nur als Reitkamel benutzt und von frühester Jugend an zum Trabgehen gewöhnt. Sein Trab fördert 94 so schnell, daß ein gutes Pferd Mühe hat, mit ihm (im Trabe) fortzukommen; dabei ermüdet er den Reiter wenig. Das egyptische Lastkamel ist ein kolossales Thier mit kurzen dicken Füßen, einem gedrungenen mächtigen Körper, es ist faul und nur mit Mühe zum Trabgehen zu bewegen; der Bischahri ist hochbeinig, feingliedrig, schmächtig und unermüdlich, eignet sich nicht zum Tragen großer Lasten, wohl aber zum Durcheilen einer bedeutenden Strecke; das egyptische Kamel würde zu Wüstenrciscn unbrauchbar sein, schleppt aber so enorme Lasten, daß die egyptische Regierung ein Gesetz erlassen hat, nach welchem es nur mit sieben arabischen Centnern oder ungefähr 570 wiener Pfunden beladen werden darf*). Beide haben ihre Vorzüge, aber die des Bischahri überwiegen die des Lastkamels. Es würde eine wahre Qual sein, wenn man tagelang auf einem nur Schritt gehenden Kamele reiten sollte. Denn da dieses Thier nicht wie andere Säugethicre — mit Ausnahme der Giraffe — den rechten Vorder- und den linken Hinterfuß, sondern beide Beine einer Seite zugleich fortbewegt — es erhebt dabei das Hinterbein etwa um eine Viertelsecunde eher als das Vorderbein — entsteht eine schaukelnde Rückcnbewcgung, welche der Reiter mit *) Ein Fellah wurde von meinem nachherigen Gönner La tief-Pascha, dem damaligen Gouverneur der Provinz Siut in Oberegypten, auf merkwürdige Weise zur Bestrafung gezogen. Der die Stadt mit dem Strome verbindende Weg führt durch den Hof des Regierungsgebäudes, dessen Diwahn jedem Kläger seine hohen Pforten öffnet. Latief sitzt zu Gericht. Da tritt ein riesiges, mit einer gewaltigen Last befrachtetes Kamel ohne Treiber in den Gerichtssaal. „Was will das Thier?" fragt der Bei, „seht, es ist unverantwortlich belade»! Wiegt seine Last!" Man findet, daß das Kamel zehn Centner oder tausend arabische Pfunde getragen hat. Nach kurzer Zeit erscheint sein Eigenthümer und sieht mit höchstem Erstaunen, daß die Amtsfrohne sein Kamel abgeladen haben. „Weißt Du nicht", donnert der Bei ihn an, „daß Du einem Kamele nur siebenhundert und nicht tausend Pfunde aufbürden darfst? Gewiß, die Hälfte dieser Summe, Dir in Hieben zugemessen, würde Dich drücken! Ergreift ihn, Chawassen, und zählt ihm fünfhundert Streiche auf." Dem Befehle wird gehorcht; der Fellah erhält die ihm bestimmte Strafe. „Jetzt geh", sagt der Richter, „und wenn Dein Kamel Dich noch einmal verklagt, dann erwarte Schlimmeres." „„kabdona csisliek, LlkonSina!" " (der Herr erhalte Dich, Herrlichkeit!) erwidert der Fellah und geht. 95 dem Gestenspiele chinesischer Pagoden getreulich nachmachen muß. Der Schritt eines beladenen Kamels ist dem eines guten Fußgängers gleich; man würde also täglich zwölf Stunden lang zu unfreiwilligen Verbeugungen gezwungen sein. Dem entgeht man durch Besteigen des Hedjihn. Ein guter Bischahri setzt seine Beine weit aus einander und geht einen so bequemen Trab, daß der ihn anpreisende Araber sich zu den etwas hyperbolischen Ausspruche: „Dusedrub lmststüiu lckadvs anls taellsru!" (Du kannst eine türkische Tasse Kaste auf seinem Rücken trinken!) — nota bens ohne Etwas davon zu verschütten — berechtigt glaubt. Aber ein guter Hedjihn hat noch andere Vorzüge. Er ist nicht störrisch, er schreit nicht beim Auf- oder Absteigen und „verlangt die Peitsche nicht." Man muß monatelang mit Kamelen umgegangen sein, um diese Tugenden würdigen zu können, denn von der Störrigkeit eines Kamels kann sich Niemand einen Begriff machen. Wenn es Etwas nicht thun will, hat man eine Höllenar- beit, um es zu bändigen. Es läßt, in Wuth versetzt, ein aus tiefster Kehle kommendes, unheimliches Kollern hören und stößt eine mit Luft gefüllte, von Geifer triefende Hautblase *) von der Größe eines Kinderkopfs aus dem Halse hervor, brüllt, beißt, schlägt und geht durch. Man zieht den Zügel mit Leibeskräften an, reißt ihm den Kopf zurück, bis er senkrecht steht, sucht es mit der Stimme zu besänftigen oder einzuschüchtern — es rennt nur so toller davon. Da erwischt man glücklich noch einen dünnen Riemen, welcher ihm durch den einen Nasenflügel gezogen worden ist und zieht ihn langsam an — jetzt steht es still. Man will es zum Niederlegen bringen — es beginnt von Neuem zu brüllen; endlich liegt es am Boden, man nähert sich ihm, um aufzusteigen, das Wuth- brüllen wird ärger als zuvor, wechselt mit kläglichen Lauten, als ob die Bestie gespießt wäre und geht dann wieder in die Töne des unbändigsten Grimms über. Kaum hat man die Fußspitze im Sattel, so springt es, wie von einem bösen Geiste beseelt, mit unglaublicher Schnelligkeit aus und rennt wie rasend davon. Wenn *) Den Brüll sack der Anatomen. 96 es Trab gehen soll, bleibt es stehen, dreht sich um oder läuft einer Mimosenhecke zu, in der Absicht, seinen Reiter da hinein, in die dichtesten, zolllangcn, nadelspitzen Dornen zu werfen; giebt man ihm die Peitsche, dann fängt das Geschilderte vom Durchgehen an, wieder genau in derselben Reihenfolge. Es ist ein Jammer mit solch einer Bestie! Ihr gegenüber verhält sich der Hed- jihn wie ein gebildeter Mensch zu einem ächt bengelhaften Lümmel. Ich will, weil ich einmal von den Untugenden des Kamels spreche, auch seine übrigen unlicbenswerthen Eigenschaften vollends aufzählen. Die Araber pflegen das Kamel mit besonderer Sorgfalt , aber ich habe nur ein einziges Mal.die Beobachtung gemacht, daß es gegen seinen Herrn eine gewisse Anhänglichkeit zeigt. Bösartige Kamele beißen und schlagen nach ihrem eigenen Herrn, wie ich durch das Beispiel eines Karawanenführers, welchem ein Kamel seinen linken Arm durch einen Biß verstümmelt hatte, belehrt worden bin. Dabei ist das Kamel feig, es vertheidigt sich — mit Huf und Zähnen — nur gegen schwächere Thiere; das Geheul einer Hyäne versetzt es in die größte Furcht; beim Gebrüll des Löwen zerstieben die Kamele einer Karawane nach allen Richtungen. In Hinsicht seiner geistigen Fähigkeiten steht es auf einer sehr niederen Stufe: ein gewisser Ortssinn, eine Kenntniß verschiedener, von ihm oft gegangener Wege sind die einzigen Anzeigen geistigen Vermögens, welche ich an ihm bemerkt habe, wenn man nicht die große Liebe zu seinen Jungen, welche es an den Tag legt, indem es die kleinen posfirlichcn Thierchcn sehr sorgsam beschützt, mit hierher rechnen will. Aber das Thier besitzt auch große Tugenden. Es ist sehr genügsam, kann lange dursten und wird wegen dieser Eigenschaften das nützlichste aller afrikanischen Hausthiere. Seine gewöhnliche Nahrung sind dürre Disteln, verdorrtes, hartes GraS, in den Dörfern Durrahstroh; nur bei anstrengenden Wüstenrciscn erhält es Durrahkörncr. Die saftigen Blätter der Mimosen frißt eS sammt den Aestchen und drei bis vier Zoll langen, harten und scharfen Dornen, ohne daß ihm letztere den lederfesten Gaumen oder die warzigen Lippen verwunden. Oft ist ihm ein alter, aus Dat- 97 telblattstreifm geflochtener Korb eine willkommene Speise. Belastete Kamele können während des Sommers vier bis fünf, während der Regenzeit oder des innerafrikanischen Winters, zu welcher Zeit sie viel Grünes zu fressen bekommen, acht bis zehn Tage ohne Nachtheil das Wasser entbehren. Dann trinken sie aber auch mehrere Eimer davon auf einmal. Eine reine Fabel ist die Erzählung einiger Reisenden, daß man auf Wüftenrcisen, dem Verdursten nahe, einem Kamele den Leib aufschneide, um das in seinem Magen enthaltene Wasser zu trinken. Ich habe hierüber alte, in der Wüste ergraute Schiuhch* **) ) befragt: keiner wußte Etwas davon. Es ist auch, wie ich mich an srischgeschlachteten Kamelen selbst überzeugt habe, ganz unmöglich, Wasser zu trinken, welches tagelang mit den im Magen aufgehäuften Nahrungsstoffen und dem Magensäfte vermengt war. Dieser Brei hat einen äußerst widrigen Geruch, welcher auch dann nicht verschwinden würde, wenn man ihn, um das Wasser von ihm zu trennen, durchseihen und letzteres abkochen wollte. Auch ohne diesen mühsam herbeigeholten Beweis für die außerordentliche Nutzbarkeit des Kamels würde der Werth dieses Thieres augenscheinlich genug sein. Die Kamele sind der größte Reichthum der sich mit ihrer Zucht befassenden Nomaden, der Lebensunterhalt vieler Menschen, die Handel, Reisen und mit beiden verbundene Ausbreitung der Civilisation ermöglichenden Thiere"). Zum Beladen der Lastkamcle dient die „Rau're", ein höchst einfaches, gepolstertes Hvlzgcstell, über welches die beiden Laststücke einer Ladung gehangen werden. Der Akt des Beladens selbst ist ohne Zweifel das Unangenehmste einer Wüstenreise. Wenn der von dem Wege des vergangenen Tages ermüdete Reisende am frühen Morgen noch im süßen Schlummer ruht, erweckt ihn das klägliche, herzbrechende Geschrei der wegen der ihnen zugemutheten Belastung Verzweiflungssüchtigen Kamele. Der Treiber hat die kurz *) Plural von Schech. **) Der Kaufpreis eines guten Reitkainels ist ein nach unseren Begriffen sehr niederer: er beträgt nur sechs, bis fünfzehnhundert Piaster; ein gewöhnliches Lastkamel kostet selten mehr als vierhundert Piaster. 7 98 gekoppelten Thiere, welche während der Nacht in der Nähe des Lagers herumgelaufen waren, um etwas Genießbares zu suchen, zusammengetrieben und führt jetzt das erste zwischen die beiden zum Aufladen bestimmten Kisten. Mit unnachahmlichen Kchltöncn und ruckweisem Anziehen des Zügels bringt er das Thier zum Niederlegen, faßt es, wenn es störrisch ist, mit der linken Hand derb an der Nase, mit der rechten kurz am Zügel und setzt ihm den einen Fuß auf das Knie. Zwei andere Treiber eilen hinzu, heben die Frachtstücke auf, stecken die Schlingen in einander, durch sie noch einen das Ausgleiten verhindernden Qucrpflock und helfen durch Heben derselben dem auf Befehl des Ersteren aufstehenden Kamele nach. Dabei brüllt die Bestie aber in allen Arten von Wuth-, Verzweiflungs-und Klagctönen, schweigt jedoch, nachdem sie beim Aufstehen noch einen, alle Leidenschaften vereinigenden, kurzen Schrei ausgcstoßen hat, den ganzen Tag über. Ganz unwahr ist die Erzählung, daß Kamele, denen man mehr, als sie zu tragen vermochten, aufbürdete, liegen blieben, auch wenn man ihnen ihre Last wieder abgenommen hatte, und mit wahrhaft poetischer Resignation den Tod erwarteten. Ein übermäßig beladenes Kamel springt nicht auf, weil es nicht kann; erleichtert man ihm aber seine Last, dann erhebt es sich ohne Weiteres oder wenigstens durch einige Hiebe angespornt aus seine Füße. Anders ist es, wenn ein Kamel bei längeren Wüstcnreisen unter seiner Last zusammenbricht. Dann ist es aber nicht Störrigkeit, sondern vollkommene Entkräs- tung, an der es für immer liegen bleibt. Das Kamel hat einen sehr sicheren, ruhigen Gang und stürzt auf ebenen und trockenen Wegen nie, so lange es bei Kräften ist; unterliegt es aber den Strapatzcn einer Reise und stürzt zusammen, dann ist es so angegriffen, daß es keinen Schritt mehr thun kann. Während die Rame der Lastkamele nur durch den Druck und das Gleichgewicht der beiden Frachtstücke in ihrer Lage auf dem Rückenhöcker des Thieres erhalten wird, wird der „Serdj" oder Rcitsattel durch drei feste und breite Gurte — zwei um den Bauch laufende und ein dritter um den Vordcrhals gehender, um das Nach-Hinten-Rutschen des Sattels zu verhüten— auf den Hedjihn 99 geschnallt. Der Lastsattel ist ein ganz erbärmliches Machwerk, der Scrds ein Produkt aus Künstlcrhand. Er ruht auf einem soliden, sauber gearbeiteten Gestell und besteht aus einem muldenförmigen, ungefähr einen Fuß über dem Rückenhöckcr des Thieres erhöhten Sitz für den Reiter. Am vorderen und Hinteren Ende des Scrdj erheben sich zwei Knöpfe um mehrere Zolle. Sie dienen zum Aufhängen der dem „Hedjahn", — dem Reiter eines Herrschn — nöthigen Geräthschasten, z. B. der Simsemle, der Jagd- oder Munitionstaschc, der Waffen, Pistolenhalster u. s. w. Den Sitz belegt man sich mit einem langzottigen, gewöhnlich brennendroth oder blau gefärbten Schaffell, „Farrwa"; zu weich darf er, weil er sonst zu sehr erhitzen würde, nicht sein und deshalb nie aus Federkissen bestehen. Der Zügel ist eine einfache, mehrere Male halftcrartig um den Kopf des Hedjihn gezogene Schlinge, welche beim Anziehen das Maul zusammenschnürt, der Beizügel eine dünne, durch das eine Nasenloch gezogene Lederschnur. Ein Gebiß hat das Neitkamcl nicht. Der Reiter trägt am Besten weiche, langgeschäftete Stiefeln ohne Sporen, enge, europäische Beinkleider, eine kurze Jacke mit weiten Aermeln, die Leibbinde, den Tarbuhsch und das dichte Baumwollentuch der Beduinen, „Khuff'ie" genannt, um sich bei großer Hitze damit kaputzenartig den Kopf einhüllen zu können. Um daö Handgelenk hängt die unerläßliche Nilpeitsche an einem Riemen. So ausgerüstet tritt er zu dein mit znsaiiimengebogenen Beinen lm Sande liegenden Reitkamele, besänftigt und ermähnt es durch einen eigenen — dem Laute eines mit aller Kraft aspirirten oll ungefähr ähnlichen — Kehlten zum Stilllicgen, faßt den Zügel so kurz als möglich mit der linken, den vorderen Sattelknopf mit der rechten Hand, erhebt den rechten Fuß vorsichtig bis in den Serdj und schwingt sich mit möglichster Schnelligkeit in den Sattel, wobei man sich sofort mit beiden Händen festhalten muß. Es gehört eine sehr große Gewandtheit dazu, den Hedjihn in dieser, einem Hedjahn zukommenden Weise zu besteigen. Das Kamel wartet es nämlich nicht ab, bis sich der Reiter im Sattel festgesetzt hat, sondern richtet sich, sobald es den geringsten Druck verspürt, in 7 * drei ruckweise, aber mit sehr großer Geschwindigkeit auf einander folgenden Absätzen auf. Ehe der Hedjahn noch zum Sitzen kommt, erhebt eS sich auf die Kniee — richtiger die Handgelenke — der Vorderbeine, sodann auf die langen Hinterbeine und schließlich vollends auf die Vordcrfüße. Diese Bewegungen erfolgen so schnell auf einander und kommen dem Anfänger so unverhofft, daß er beim zweiten Ruck regelmäßig nach vorn aus dem Sattel und entweder auf den Hals des darüber empörten Kamels oder zur Erde stürzt. Erst nach einiger Uebung kommt man dahin, den Wirkungen der Stöße eines aufspringenden Kamels durch Vor- und Zurückbeugen ausweichen und seinen Platz im Sattel behaupten zu können. Reisende Engländer pflegen sich zum Besteigen des Hedjihn kleiner Leitern zu bedienen oder hängen zu beiden Seiten des Sattels Körbe auf, in denen zwei Personen Platz nehmen; türkische Damen reisen in Sänften, welche von zwei Kamelen getragen werden oder im „Tachterwahn," einer kleineren, korbar- tigen Vorrichtung, welche ebenfalls nur paarig an den Sattel befestigt wird. Der Tachterwahn ist, um jedem unberufenen Auge den Zugang zu verwehren, eng vergittert. Ein im Lande Eingewöhnter aber reitet den Hedjihn auf die oben beschriebene Weise und genießt dadurch alle Annehmlichkeiten einer Kamelreise, ohne deren Unannehmlichkeiten empfinden zu müssen. Man gewöhnt sich gar bald an das Reiten auf einem dieser schnellfüßigen Thiere, obgleich man im Serdj hoch über dem Thiere wie in einem Stuhle sitzt, sich durch Balancircn im Gleichgewicht halten muß und nur mit den gekreuzt über den Nacken und Hals des Kamels gelegten Füßen festhalten kann. Und wenn dann die Karawane, nur drei Meilen in fünf Stunden zurücklegend, ihren einförmigen Weg durch die Wüste verfolgt, ruht man da, wo man eine Beunruhigung von feindlichen Beduinenstämmen nicht zu befürchten hat, noch behaglich im Lager oder eilt mit seinem Hedjihn den Lastkamelen voraus, um während der Hitze des Mittags unter luftigem Zelte verweilen zu können. Die Karawane zieht gegen Mittag langsam an dem Lagernden vorüber; er läßt sie wiederum über eine Meile weit voran gehen und steigt erst nach drei- 1V1 bis vierstündiger Rast von Neuem in den Sattel, weil er mit einem nur mittelmäßigen Läufer sicher zugleich mit ihr im Nachtlager eintrifft. So legt man ohne große Ermüdung bedeutende Reisestrecken zurück, während man, wenn man mit dem das Gepäck tragenden Kamele dahin zieht, immer wie an allen Gliedern zerschlagen im Nachtlager ankommt —. Zur Zeit des Mittagsgebetes hatten unsere Treiber ihre Geschäfte beendet und begannen die Lastthiere zu beladen. Unsere Diener sattelten die Reitkamele und unterwiesen uns in der Führung und Lenkung derselben. Dann brach man das Zelt ab, rollte Tücher, Streben und Pflöcke in einen Ballen zusammen und warf eS als letztes Laststück auf den Rücken des am Leichtesten beladcncn Kamels. Wir waren zur Abreise gerüstet. Die Wüste und ihr Leben. „Der Wüste Bild giebt von dem Ew'gen Kunde; Der Geist, entfesselt, läßt sich nimmer binden Bei solcher Groß', er strebt zum Licht, und will Die Tiefe des Unendlichen ergründen. Die Wüste schweigt, und dennoch — o Geheimniß! In dieser träumerischen Stille höre Gedankenvoll ich in der tiefsten Seele Ein lautes Echo, stimmenreiche Chöre. Es sind des ew'gen Schweigens unausgesprochene Akkorde! Ein jedes Sandatom hat seine Worte. Im Aether wogen bunte Melodieen, Ich fühle sie durch meine Seele ziehen." Felicien David's Wüste. Das Schinerzgestöhn der beladen werdenden Kamele war verstummt, die Berittenen saßen glücklich im Sattel, die Karawane ordnete sich, der Führer schritt voran. Wir zogen dem schon halb in der Wüste liegenden Dorfe Ambukohl zu, um uns von unserem rasch gewonnenen Freunde, dem Kahschef, zu verabschieden. Noch einmal mußten wir absteigen und bei ihm in seinem Di- wahn oder Empfangszimmer eine Pfeife rauchen, dann gab er uns bis vor die Thüre seines Hauses das Geleite und wünschte uns eine glückliche Reise. Um halb zwei Uhr Nachmittags verließen wir die letzten Häuser Ambukohl's und betraten die sich vor uns ausbreitende Wüste. Lange noch blieben uns zwei hohe, kegelförmige Monumente, wie ich hörte, die Gräber zweier Heiligen oder Aschiahch*), sichtbar. °) Zweites Plural von Schech. 103 Wir zogen in süd-süd-östlicher Richtung in die Wüste hinaus. Nach Sonnenuntergang wurde Halt gemacht; wir breiteten die Teppiche in den weichen Sand und legten uns zur Ruhe nieder. Es ist Nacht. Die Luft der Wüste ist, wie immer, rein und hell, über uns leuchten die Sterne in ihrer ewigen Klarheit. Außer dem durch die Karawane verursachten Geräusche hört man keinen Laut; eine tiefe feierliche Stille ruht auf der dunklen Ebene. Nur auf wenige Schritte hin erhellt sie ein kleines Feuer, darum sitzen und liegen die halbnackten Söhne Nubiens und kochen sich ihr ärmliches Wüstcngericht: Dürr ah körn er in Wasser. Mit zusammengekoppcltcn Beinen liegen die wiederkäuenden Kamele in einem weiten Halbkreise außerhalb des Lagers; manchmal leuchten ihre Augen hell auf im Widerscheine der Flammen. Es ist das schöne Bild des Lagers in der Wüste. Wer wäre im Stande, die unendliche Schönheit der Nacht der Wüste zu schildern, wer kann sie ahnen, wenn er sie nicht selbst empfunden! Wie wohlthuend ist die Kühle der Nacht nach des heißen Tages Last und Mühe! „Bleibt hinter Euren Kerkermaucrn Ihr bleichen Städter eingebaut. Die Ihr den Himmel nie, die Erde In ihrer Pracht habt angeschaut- Die Sorge nagt an Eurem Leben Das ew'ge lahme Einerlei. Wir wohnen in der Wüste Gauen, Da stnd wir stark und stolz und frei! llns ist das Licht, das aus dem Aether In seiner Strahlenkrone blitzt, Uns ist die Wolke in dem Raume, Der Renner uns, der keucht und schwitzt- Uns ist der Sand das Schlummerkissen, Auf dem wir ruhen, sorgenlos, Uns die Gestirne, die von oben Herschau'n aus ihrem Himmclsschooß." 10L Ja, der Du diese Strophen gedichtet, Du mußt in der Wüste gewesen sein! Du mußt das blitzende Licht des Aethcrs, die Pracht der Gestirne mit leiblichem Auge erschaut haben. Nur der, welchem der Sand sein Schlummerkissen, nur der, welcher stark und frei war, wie Du es gewesen, darf so kühn und freudig Denen mit dem Worte des Vorwurfs entgegentreten, welche ihr Leben hinter dumpfen Mauern vertrauern. Wohl ist es eine eigene Pracht, die der Städter nie geschaut, wenn Nachts das Heer der Sterne herniederschwcbt zu dem klaren Auge des in der Wüste Ruhenden. Es ist eine Pracht, welche wir, die in eine kalte Zone Gebannten, nicht ahnen können, wenn uns nur der Raum, nicht der trübe undurchsichtige Dunst von jenen Welten trennt, die in der Wüste nur in ewiger Reinheit und Herrlichkeit zu uns herniederschimmern. Dann streift der Geist der Staubgeborenen seine irdische Hülle von sich ab, mit dem Auge schweift er empor zu seinen lichten Höhen und tritt ein in die geahnten Räume. Das Gefühl der Unendlichkeit Gottes erfaßt daS Gemüth, die Seele schwingt sich auf dem Fittich der Andacht zu Dem empor, der alle diese Welten erschuf und leuchten läßt. Die Wüste ist das Bild der Unendlichkeit Gottes, der Tempel, aus dem der irrende Fuß keinen Ausweg findet. Kein Ort reißt stärker zur Andacht hin als sie, keine Zeit ist zum Gottesdienste geeigneter als die Nacht der Oede. Wer in der Wüste nicht die Stimme Gottes zum Herzen tönen fühlt, der kennt Gott nicht, der steht tief unter dem von uns stolzen Christen so mißgeachteten Araber, welcher nach des heißen Tages Last, nach dem beschwerlichen Wege, nach seiner ermüdenden Arbeit sein glühendes Antlitz betend im Sand der Wüste birgt. Auf die Kniee sinkt er, gläubig ruft er die Worte : „^.Ilalr du alebar!" Gott ist größer, — größer als alles Irdische, welches nur seiner Größe Zeugniß giebt. Aber die Pracht und Erhabenheit der Wüste ist es nicht allein, welche des Menschen Herz zu seinem Schöpfer erhebt, auch ihre Schrecken zeichnen uns das Bild seiner Größe mit Flammen- zügcn in die Brust. Wenn sich dem Menschen das Gefühl seiner 105 eigenen Nichtigkeit allzu mächtig aufdrängt, auch dann wendet er sich Trost und Hülse suchend nach oben. Blutigroth steigt am Morgen die Sonne an dem noch unbewölkten Horizonte herauf, glühend blitzt sie nach einer kleinen Spanne Zeit auf den Wanderer herab. Da schweift das Auge ruhelos umher, um einen kühlenden Schatten zu finden, — überall endet der suchende Blick im Sande. Der brennende Sand wirst die Gluthstrahlen der sengenden Sonne zurück; — kein Felsen, kein wirthliches Dach, um dem ausgedörrten Körper nur ein Plätzchen zur Ruhe, nur einen Augenblick der Kühlung zu gewähren. Längst ist der Gesang der Kameltreiber verstummt. Die Luft zittert vor übergroßer Hitze und spiegelt dem umflorten Auge wogende Seeen, trügerische, höllische Bilder vor; fahlgrau umzieht sich der Himmel, ein glühender Wind, dessen unheilkündenden Namen die erschreckte Karawane zu nennen sich scheut, wirbelt den Staub empor und droht die Schläuche zu verderben, die Schläuche, welche den Lcbenstro- pfen, der die letzende Zunge noch tagelang bcthauen soll, in sich bergen; — der Muth entsinkt dem Manne, nur sein Glaube schützt ihn vor Verzweiflung. „Hauon asls'ina, str radb, sellem aale'ina Im baraletalr!" (Hilf uns, o Herr, begnadige uns mit Deinem Segen!) so ruft der gläubige Mahammedaner im brünstigen Gebet. Und der Christ fühlt die Wahrheit seiner Worte und stärkt sein verzagendes Herz an dem felsenfesten Glauben des Sohnes „vom Volke des Gebets." Und siehe! Die flammende Sonne hat längst schon ihren Scheitelpunkt überschritten, nur noch matte Strahlen wirft sie auf den gcängstigtcn Wanderer. Des Südens gluthhauchendcr Wind weicht einem kühlenden Luftstrom aus Norden, mit ihm entflieht das Gespenst der Wüste: der „See ohne Wasser" oder das „Meer des Teufels", wie es der Eingeborne nennt; ermuthigt sieht der Reisende die Dinge wieder in ihrer wahren Gestalt. Der Abend kommt heran, strahlend versinkt die Sonne in den Wellen des Sandmceres. Und der Wandrer, dessen Scheitel sie noch vor wenig Stunden versengte, läßt seine Blicke mit Entzücken 1«6 auf dem hehren Schauspiele ruhen, er sendet der Scheidenden noch einen herzlichen Gruß nach. Frohen Muthes, mit Dankgcfühlcn im Herzen treibt er das flüchtige Kamel zu frischem Laufe an, um das am Tage Versäumte nachzuholen, Lebenslust und Lebensfreudigkcit sind in Aller Brust zurückgekehrt. Die Treiber drängt es zu singen, nicht mehr die höllische Fata-Morgana schwebt ihnen vor, ihrem geistigen Auge dämmern freundliche Bilder auf, sie suchen sie in Wort und Reim zu bringen. Der melodische Klang der Glocke des Leitkamels begleitet ihren Sang, fröhlich ziehen sie dahin. Schon tauchen einzelne Sterne am dunklen Himmelsdome auf, des Mondes Sichel beleuchtet den mühevollen Weg. Die Nacht umfängt die Karawane wieder mit ihrem kühlen Gewände, Leid und Schmerzen, Kummer und Sorgen, Angst und Trübsal sind vergessen, was der böse Tag verschuldet, sühnt die erquickende Nacht. „O Nacht, o schöne Nacht, Selig - süße Hlmmelspracht, Wie die Geliebte Das lange Harren vergilt, So hast Du heiße Sehnsucht gestillt!" Die Bahiuda liegt nicht mehr unter der Breite der eigentlichen Wüsten. Während der Regenzeit herabstürzende Gewittergüsse, deren Wasser sich in periodisch wiederkehrenden Rcgcnströ- men, „Chohr", sammelt, sind im Stande, in den Niederungen eine ziemlich lebhafte Vegetation hervorzurufen. Nur die Hochebenen dieser Wüstenstcppe, ihre Berge und Höhenzüge bleiben kahl. Nach Süden zu verschmilzt sie allgemach mit jenen gras- und buschrcichcn, von den Arabern „Chala" genannten Savannen des Innern. Aber an ihren nördlichen Grenzen erstirbt die Spur des vegetabilischen Lebens und mit ihm das Thierlcbcn fast gänzlich. Dort giebt sie stellenweise noch ganz das allgemeine Bild der Wüste: Sand ebenen und Felskegel, kahle Niederungen und 107 glühende Stein Massen, nur in den Thälern einzeln hcrvorsprossende dürftige, schilsartigc Gräser, zwischen denen sich höchst selten ein lebendes Wesen herum bewegt. In meilcnweiten Entfernungen trifft der Wanderer vielleicht nur einmal auf eine Lache und auch diese hat meist nur bitteres, kaum trinkbares Wasser. Die Wüste wird nur einförmig wegen ihres großen Mangels an lebenden Geschöpfen, an Pflanzen, Bäumen u. s. w. Ihre geognostischen Verhältnisse wechseln gar mannichfaltig mit einander ab. Auf große Strecken hin ist sie ein Stcinmeer mit Bergen und jach abstürzenden Felsschluchten ohne ein freundliches Plätzchen, ohne jegliches Zeichen des Lebens; schwarze, glänzende Syenitmassen, grauliche Sandsteinfclscn thürmcn sich über einander, steigen senkrecht, kegelförmig sich nach oben zuspitzend, aus der Ebene auf oder vereinigen sich zu Höhenzügcn mit sich mehr und mehr vereinigenden Ausläufern; das Gestein ist reich an Eisen, arm an anderen Metallen und zeugt wegen des gänzlichen Mangels an Kohle davon, daß hier nie vegetabilisches Leben geherrscht hat; — an anderen Orten ist sie vollkommen eben und mit feinem, hellgelbem Sande, in welchen der Wanderer bis an die Knöchel einsinkt, bedeckt; der Sand ist an einzelnen Stellen von dem Winde zusammengeworfen, an anderen zerstreut, seine Oberfläche ist uneben, gewellt. An Bergesabhängen treibt ihn der Sturm oft hoch in die Höhe und auf der anderen Seite des Berges wieder herab, dann bildet er auf beiden Seiten dachartig geneigte, in der Sonne goldgelb schimmernde Flächen. Nur in den tiefsten, sehr günstig gelegenen Thälern findet sich das selbst dem Sande Leben entzaubernde Wasser. Dort liegen die von den Karawanen inbrünstig herbeigesehnten „Biahr", Brunnen. Es sind natürliche oder künstliche, stol- lenartige Vertiefungen, in denen sich der aus den Wänden tropfenweise ausschwitzende Lebensthau sammelt. Liegt der Brunnen im Bereiche der tropischen oder der Küstenregen, dann füllen diese ihn mit klarem, trinkbarem Wasser an. Am Rande des „Bihr" steht man einige Dattel- oder Dompalmcn und halb verkrüppelte Mimo- senbüsche, unter denen einige Nomaden oder Beduinen ihre Zelte 108 aufgeschlagen haben. Die Mimosenbüsche erstrecken sich vielleicht auch weiter das Thal hinauf oder hinab, je fähiger dieses ist, Vegetation zu erzeugen und zu erhalten. Zuweilen sieht sich der Reisende bitter getäuscht. Eine mit saftigen, dunkelgrünen Blättern überklcidete Ebene zeigt sich dem Auge, die Karawane bricht in lauten Jubel aus; — man erreicht sie — es ist die Menschen und Thieren ungenießbare Scnna oder der Coloquintenkürbis, dessen Genuß fast giftige Wirkungen hat. Ueber diesem so verschieden erscheinenden Landstriche liegt jahraus jahrein die Sonne mit ihrer ganzen Gluth; sie blitzt vom Morgen bis zum Abend von dem wolkenfreien, dunklen Himmel herab und ruft eine fast unleidliche Hitze hervor. Das ist das allgemeine Bild der Wüste. Doch leicht veränderlich, gleichwie der ungemessene Ozean, ist auch das Meer des Sandes. Auch hier ist es der Wind, welcher den Sand wie des Meeres Wogen aufrüttelt und zu Bergen treibt. Während des Nord- und Ostwindes sieht man seine feineren Partiten sich einige Fuß hoch erheben und über den Wellenhügcln kreiseln, bei Süd- und Westwind steigt er, wenn die Strömung der Lust elektrisch wird, hoch empor, verfinstert den Himmel oder färbt ihn mit den brennendsten Tinten und jagt vor der rasenden Windsbraut eilig dahin. Das ist dann der gefürchtete „Sa- muhin" der Wüste, der „Gifthauchende", wenn ich Samuhm übersetzen soll. Mit Recht fürchtet ihn der Araber, mit Recht belegt er ihn mit einem so entsetzlichen Namen. Er ist das Schrecken des Reisenden. Der Wüste ähnelt in noch anderer Hinsicht dem Meere. So wie dort der Wirbelwind des Himmels Wolken herabzieht, um sie mit von ihm gehobenen Wasserkegcln zu vereinen, welche er dann zum Entsetzen der Schiffe über die Wasserfläche dahintreibt, so ficht der Reisende in der Wüste den Sand sich erheben, zu starken und mächtigen Säulen sich gestalten und diese sich bald langsam, bald mit unheildrohender Schnelligkeit bewegen. Der Wanderer steht erstarrt, Furcht lähmt seine Glieder, Entsetzen bindet seine Zunge, und dennoch möchte er wieder seine Bewunderung laut werden lassen. Jeden Augenblick wechseln die Säulen ihren Stand, ihr Aus- 109 sehen und ihre Gestalt. Sie eilen mit einer Schnelligkeit dahin, daß es Thorheit wäre, vor ihnen selbst mit dem flüchtigsten Rosse fliehen zu wollen, die Sonne giebt ihnen den Glanz von Feuersäulen, der um sie und in ihnen herumwirbclnde Orkan trennt sie in mehrere Stücken, vereinigt diese wieder, schwächt und verstärkt sie. Und wenn sie dann auch plötzlich zu einem Sandhügcl zusammensinken und dem Reisenden dadurch unschädlich werden, er darf sich noch nicht leichten Hoffnungen hingeben, denn gewöhnlich folgt den Sandsäulen der Samuhm nach. Schon mehrere Tage vorher ahnt und weissagt der Wüstcn- sohn diesen furchtbaren Wind, dem er geradezu tödtliche Wirkungen zuschreibt. Auch der im Lande einheimisch gewordene Fremde lernt das Phänomen im Voraus bestimmen. Die Temperatur der Luft wird im höchsten Grade lästig: sie ist schwül und abspannend, wie vor einem Gewitter — ein deutliches Zeichen von der elektrischen Natur des Windes. Der Horizont ist mit einem leichten, röthlich oder blau erscheinenden Dufte wie überhaucht, — es ist der in der Atmosphäre kreisende Wüstensand; aber noch bemerkt man keinen Hauch des Windes. Die Thiere jedoch fühlen seine Nähe wohl. Sie werden unruhig und ängstlich, wollen nicht mehr in gewohnter Weise gehen, drängen sich aus dem Zuge heraus und geben noch andere, unverkennbare Beweise ihres Ahnungsvermögens. Dabei ermatten sie in kurzer Zeit mehr als sonst durch tagclange Märsche, stürzen zuweilen mit ihren Ladungen und können nur mit Mühe oder gar nicht wieder zum Aufstehen gebracht werden. In der dem Sturme vorausgehenden Nacht nimmt die Schwüle unverhältnißmäßig zu. Der Schweiß dringt aus allen Poren hervor; nur die strengste, geistige Ucberwachung vermag dem Körper die ihm nöthige Spannkraft zu erhalten. Die Karawane setzt ihre Reise mit ängstlicher Eile fort, so lange es gehen will, so lange nicht Mensch und Thier vor allzu großer Ermüdung zusammenbrechen, so lange noch, dem Führer zum Merkmale, ein Sternlcin am Himmel flimmert. Aber auch das letzte verschwindet, ein dicker, trockener, undurchsichtiger Nebel deckt die Ebene. Die Nacht vergeht, die Sonne steigt im Osten auf, der Wan- 110 derer sieht sie nicht. Der Nebel ist dichter, undurchsichtiger geworden, die starkgeröthcte Lust nimmt allgemach eine grauere, düstere Färbung an: „Bleifarben wird die Luft und schwer; so sieht Das Antlitz eines Menschen, welcher stirbt." Es herrscht fast Dämmerung. Das Auge durchdringt den Dunstschleier kaum über hundert Fuß weit. Der Tageszeit nach muß es Mittag sein. Da erhebt sich ein leiser, glühender Wind aus Süden oder Südwesten. Stärkere Stöße folgen, abgerissen, einzeln. Jetzt braust der Wind, zum Orkan gesteigert, daher; hoch auf wirbelt der Sand, dicke Wolken verdunkeln die Luft. Er würde den Reiter, welcher sich ihm widersetzen wollte, aus dem Sattel heben, aber kein Kamel ist zum Weitergehen zu vermögen. Die Karawane muß lagern. Den Hals platt auf den Boden gestreckt, schnaubend und stöhnend, legen sich die Kamele nieder; man hört die unruhigen, regellosen Athemzüge der geängstigten Thiere. Geschäftig bauen die Araber alle Wasserschläuche an der sie vordem Winde schützenden Seite eines lagernden Kameles auf einen Haufen, um die der trocknenden Lust ausgesetzte Oberfläche derselben zu verringern; sie selbst hüllen sich in das sie bekleidende Tuch so dicht als möglich ein und suchen ebenfalls hinter Kisten oder Waa- rcnbällm Schutz. Die Karawane liegt todtenstill. In den Lüsten rast der Orkan. Es kracht und dröhnt: die Bretter der Kisten zerspringen mit gewaltigen Knallen. Der Staub dringt durch alle Oeffnungen, selbst durch die Tücher hindurch, peinigt und quälr den Menschen, auf dessen Haut er sich festsetzt. Man fühlt bald heftige Kopfschmerzen, das Athmen wird schwer, die Brust ist bewegt; der Körper trieft von Schweiß, aber dieser näßt die dünnen Kleider nicht, begierig saugt die glühende Atmosphäre alle Feuchtigkeit auf. Wo die Wafferschläuche mit dem Winde in Berührung kommen, dörren sie und werden brüchig, das Wasser verdunstet. Wehe dein armen Wanderer in der Wüste, wenn der.Samuhm lange währt! Er wird sein Verderber. 111 „Beuget das Haupt, des Samuhms Athem weht, Gottes Geisel vorüber geht. Allah! Erbarmen unsrer Noth! Allah! Des Todes Engel droht! Himmel, Du weichst, die Hölle will siegen, Rettung send' uns, die wir im Staub vor Dir liegen!" Ein lange anhaltender Samuhm ermattet Menschen und Thiere mehr, als alle übrigen Beschwerden der Wüstenreise. Und dabei bringt er neue, bisher nie gekannte Qualen über den Reisenden. Schon nach kurzer Zeit springen ihm, weil die heiße Luft alle Feuchtigkeit entzieht, die Lippen auf und fangen an zu bluten; die Zunge hängt trocken in dem nach Wasser lechzenden Munde, der Athem wird übelriechend, alle Glieder erschlaffen. Zu dem grenzenlosen Durste gesellt sich bald ein unerträgliches Jucken und Brennen am ganzen Körper, die Haut ist brüchig geworden nnd in alle Risse dringt der feine Staub. Man hört die lauten Klagen der Gemarterten; zuweilen arten sie in förmliche Raserei aus, zuweilen werden sie schwächer und schweigen zuletzt ganz. Im ersteren Falle ist der Arme wahnsinnig geworden, im letzteren hat das mit fibrischer Hast durch die Adern strömende Blut den Kopf so beschwert, daß Bewußtlosigkeit eingetreten ist. Der Sturm ermattet, aber mancher Mensch erhebt sich nicht mehr: ein Gchirnschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht. Auch mehrere Kamele liegen in den letzten Zügen. Und der Ueberlebende ist nicht glücklicher. Der Durst tödtet auch ihn, langsamer, aber qualvoller. Sein Reitthier ist gefallen, die Schläuche sind fast ganz geleert. Er versucht zu Fuße zu gehen, der glühende Sand verursacht in Kurzem die schmerzhaftesten Brandwunden. Jeder ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß er dem Kranken die nöthige Pflege angedeihen lassen könnte; alle Banden der Ordnung reißen, die Treiber suchen auf den noch kräftigen Kamelen zu entfliehen, — es würde der Untergang der ganzen Karawane zur Folge haben, wenn es ihnen gelänge — man muß es ihnen wehren. Das Gepäck wird abgeladen, nur die das Wasser tragenden Kamele bleiben belastet; jedes Mitglied der Karawane hat im glücklichsten Falle noch ein Kamel zum Reiten, 112 man eilt dem Strom, dein nächsten Brunnen zu — nicht alle erreichen ihn. Ein Kamel bleibt hinter dem übrigen zurück, es stürzt, sein Reiter steht verlassen mitten in der Wüste. Er zerrauft sich seinen Bart, er verflucht sein Schicksal, für ihn giebt es keine Hülfe mehr. Sein Wasser ist aufgezehrt, der Tod des Berschmach- tens steht ihm bevor. Und jetzt breitet sich das „Meer des Teufels" vor ihm aus. Der Verschmachtende sieht die prächtigsten Bilder: vom Wasser um- flosscne Landhäuser, Palmcnwälder an Scegcstaden, Flüsse mit bewimpelten und beflaggten Schiffen; er sieht Alles, was mit Wasser zusammenhängt. Die Phantasie tröstet so gern mit freundlichen Trugbildern den erkrankten Geist und wenn unter solchen Umständen die Fata-Morgana ihren Lustsee über die Ebene breitet, dann wird es der Geschäftigen leicht, zu dem scheinbar wirklich Vorhandenen noch Bäume, Häuser, Menschen, dem Verendenden befreundete Gestalten hinzuzudenken. Dann wird Freiligrath's Dichtung Wahrheit in jedem ihrer Worte: „Sie aber sieht sich wundernd um. — „Ha! was ist Das? Du schläfst Gemahl? „Der Himmel, der von Erze schien, sieh da, er kleidet sich in Stahl! „Wo blieb der Wüste lodernd Gelb? Wohin ich schaue, Licht! „Es ist ein Schimmern, wie des Meers, das sich an Algiers Küsten bricht!" „Es blitzt und brandet wie ein Strom, es lockt herüber feucht und kühl „Ein riesiger Spiegel funkelt es; — wach auf, es ist vielleicht der Nil! „Doch nein, wir zogen südwärts ja; so ist es wohl der Senegal? „Wie, oder wär' es gar das Meer mit seinem Wasser sprüh'nden Schall?" „Gleichviel, 's ist Wasser ja! Wach auf! Am Boden schon liegt mein Gewand. „Wach' auf, o Herr, und lass' uns flieh'», und löschen uns'rer Leiber Brand! „Ein frischer Trunk, ein stärkend Bad, und uns durchsiebet neue Kraft! „Die Feste drüben, hochgethürmt, beschließen bald die Wanderschaft." „Geliebter, meine Zunge lechzt! wach auf, schon naht die Dämmerung !" 113 Noch einmal hob er seinen Blick, dann sagt' er dumpf: „„Die Spie- gelung! „„Ein Blendwerk ärger als der S'muhm, böswill'ger Geister Zeitvertreib."" Er schwieg, — das Meteor verschwand — auf seine Leiche sank das Weib!" Die Leiche bleibt liegen und dörrt zur Mumie aus. Eine später vorüberziehende Karawane schüttet wohl Staub über den federleicht gewordenen, gebräunten Leichnam, aber immer deckt der Wind ihn wieder auf. An jeder großen Wüstcnstraße kann der Reisende dergleichen Sandmumien von Kamelen und Menschen finden; gewöhnlich ragt nur ein Glied von ihnen aus dem Sande hervor; der Araber spricht bei ihrem Anblick ein kurzes Gebet. Das ist das „vom Sand Begrabenwerden" in der Wüste! Ich selbst kann nach eigenen Erfahrungen die Zauberbilder der Fata-Morgana verbürgen. Mehr als hundert Male habe ich die Luftspiegelung gesehen — bei Charthum, während der heißen Jahreszeit tagtäglich — nur einmal hat sie mir ihre Traumbilder gezeigt. Das Trinkwasser mangelte uns seit länger als vierundzwan- zig Stunden; seit achtzehn Stunden hatten wir Nichts gegessen, Hunger und Durst quälten uns entsetzlich. Wir ritten dem Nile zu. „Sieh," sagte ich zum Führer, „endlich erscheint er! Ich sehe ein großes Dorf und viele Palmen, eile, eile, uns dahin zu bringen, dort finden wir Wasser, eile, eile! „ „O Herr, der Strom ist noch weit! Du siehst das Meer des Teufels!"" antwortete der Mann. Die Erscheinung wiederholte sich unzählige Male, — es war immer nur Täuschung der geschwächten Sinne. Zuletzt sahen wir Alle die mannigfaltigsten Bilder: sie waren nur Erzeugnisse der Phantasie, entsprachen aber genau den Wünschen zu Gunsten unseres leeren Magens und der lechzenden Zunge. Alle Begriffe vereinigen sich, wenn man in jener fürchterlichen Hitze dursten muß, in dem einzigen Worte,, Wasser"; außer diesem Worte giebt es Nichts. Man muß, um die Hast zu begreifen, mit der sich eine, auch frische und gesunde Karawane aus der Wüste zum Flusse stürzt, die Qualen des Durstes kennen gelernt haben; man muß selbst halb verschmachtet sein, um an die Bilder der Fata-Morgana zu 8 11L glauben. Wenn inmitten der Wüste der Lebensthau versteckst ist, bann bringt die Phantasie die lieblichsten Traumbilder vor die geschwächten Sinne; ist man aber vollkommen gesund und gegen jeden Mangel geschützt, dann verschwinden alle Bilder der Spiegelung, und nur das wirklich Vor handene bleibt zurück. Die Fata-Morgana ist am Besten einer großen Ueberschwem- mung zu vergleichen, aus welcher die gegenwärtigen Objekte, seien sie lebend oder todt, wie vom Wasser getragen herausschauen. Sie spiegeln sich auch, wie im Wasser, verkehrt nach unten zu ab. Lebende und sich bewegende Gegenstände erscheinen, weil sie auf der wogenden Fläche zu schweben scheinen, riesig groß und nehmen erst bei größerer Annäherung mehr und mehr ihre natürliche Gestalt an. Die spiegelnde Fläche selbst scheint eine Höhe oder Tiefe von sechs bis acht Fuß zu haben und ähnelt in ihrer Farbe getrübtem, von der Sonne nicht beschienenem Wasser. Gewöhnlich beginnt die Erscheinung um neun Uhr Vormittags, ist um Mittag am ausgeprägtesten und endet gegen drei Uhr Nachmittags, uin welche Zeit sie, wie Nebel an verschiedenen Stellen zerreißend, lichter wird und zuletzt ganz verschwindet. Das ist das Phänomen, mit ««verschleiertem Sinn, bei kräftigem, gesundem Körper betrachtet. Der Sonnenauf- und Sonnenniedergang, das Funkeln der Sterne in der Nacht, die nur geahnte Melodie des Sandes, Luftstrom, Sturm, Samuhm und Fata-Morgana sind die einzelnen Momente des Lebens der Wüste. Tod bringt nur die Kälte und die ewige Nacht; wo Licht und Wärme strahlt, herrscht auch Leben. Nenne man es ideelles, gcträumtes Leben, Leben bleibt es doch. Aber die Wüste zeigt auch die Spuren eines Lebens in der gewöhnlich gültigen Bedeutung. Sie erzeugte sich ein eigenes, lebensfrischeö Reich. Alpe, Meer und Wüste, gleich erhaben, gleich großartig, diese drei beherbergen eine ihnen eigenthümliche, 115 von all' dem Andern unabhängige Welt. Wie selbst der höchstge« legene Schnee, das am Tiefsten im Meeresschooße ruhende Was- ler noch von einem gewissen Leben zeugt, so auch der Sand der Wüste. Hier und da sproßt ein Pflänzchen zwischen den feinen Körnern hervor, hier und da kriecht ein Käfer, zischt eine Schlange, singt ein Vogel, läuft ein Säugethier. So wenig Lebendes auch die Wüste hervorbrachte, so charakteristisch zeichnet und gestaltet sie es. Von dem Menschen, dem gelblichbrauncn Beduinen an, bis herab zu dem im Sande kaum bemerkbaren Wurm, giebt sie allen ihren Geschöpfen ein gleiches Gewand, eine gleiche Farbe, welche ich geradezu die Wüsten- farbe nenne. Sie ist allen ächten Wüstenlhieren gemeinsam; es ist jenes Jsabell, das der Gazelle ebenso gut angehört, als der kleinen Wüstenlcrche. Daß es in der Vogelwelt mancherlei Modifikationen unterliegt, ist dem Typus der ganzen Thicrklasse angemessen; die Abweichungen nehmen zu, je mehr sich die Wüste der Steppe nähert oder allgemach in diese verschmilzt, aber auch bann noch ist der Wüstcncharakter nicht zu verkennen. Nnstät und flüchtig zu sein, ist das Loos der Wüstenthiere. Ihre Heimath ist zu arm an Nahrung, als daß sie dieselbe ohne Beschwerde erlangen könnten. Aber der Schöpfer gab ihnen auch die ihnen nöthige Behendigkeit und Ausdauer, welche sie vor vielen anderen Thieren auszeichnet. Selbst Thiere, welche ursprünglich nicht der Wüste angehörten, aber sie seit mehreren Generationen als ihre Heimath ansehen lernten, wie das edle Roß des Beduinen, nehmen diese Eigenschaften an. Und alle Wüstenbewohner beseelt ein und derselbe Geist, ein und derselbe Hang zur Unabhängigkeit, ein und dieselbe Heimathsliebe. Wie der Beduine kühn und kräftig Dem gegenübertritt, welcher ihm seine Freiheit rauben will, wie er gastfrei Dem die Hand bietet, welcher, seine Sitte ehrend, in sein bewegliches Haus eintritt, so lieben auch die Wü- stenthierc ihre Heimath über Alles und, unfähig sich dem Stärkeren zur Wehre zur setzen, verkümmern sie, welken sie dahin, wenn eine starke Hand sie ihren Geburtsort zu verlassen zwang. Seht jenes edle Roß der Wüste in der Straße einer Stadt 8 * 1t6 stehen. Traurig senkt cS das Haupt, Niemand vermuthet die Kraft seiner feinen, gelenkigen Glieder; die gebeugte Gestalt mit den herabhängenden Ohren scheint der größten Trägheit Bild zu sein. Das Thier gleicht seinem Herrn. Auch er scheint nicht der kühne ! Räuber der Wüste, er scheint ein schläfriger Reisender zu sein. Und wäre nicht das glühende, schwarze Auge, welches unstät und ruhelos unter der buschigen Braue hervorblitzt, Ihr wäret versucht, den ewig regsamen, ewig lärmenden Fellah ihm vorzuziehen. Da besteigt er das unmuthig seiner harrende Roß: als ob ein elektrischer Funke Beide durchströme, erheben sie die Köpfe, recken und dehnen sie die sehnigen Glieder. Langsam verläßt das Roß die staubigen Straßen der Stadt und betritt die Wüste. Jetzt sind Beide in ihrer Heimath, Roß und Reiter verschmelzen in Eins, jetzt erst steht der Beduine, jetzt erst das arabische Roß vor Euch. Im flügelschnellen Laufe eilt es seinem Zeltdorfe zu, kaum berühren die leichten Hufen die Fläche des Sandes, der weiße Burnuß des Reiters flattert im Winde, fest und sicher zügelt er das königliche Thier. Nach wenig Minuten sind Beide Euren Blicken ent- ? schwunden, Nichts kündet der Entflohenen Spur, Ihr schaut in der von ihnen betretenen Richtung in die Wüste hinaus und ruft mit Freiligrath: „Beduin', Du selbst auf Deinem Rosse Bist ein phantastisches Gedicht!" Und jene Gazelle, der liebliche, harmlose, ewig frohe Wüsten- bewohner, wie bald verkümmert sie in der Gefangenschaft! Saftiger Klee, lockerer Kohl und nährende Körner ersetzen ihr die mageren Gräser der Wüste nicht. Der größte Raum erscheint ihr zu eng gegen ihr unermessencs Gebiet. Der Steinbock tauscht seine öden, unzugänglichen Klippen nicht mit den Alpengcbirgcn Abyssinicns, der Wüstenluchs verläßt seine Heimath nicht. Die Fauna der eigentlichen Wüste ist sehr arm an Arten, vorzüglich an Säugcthieren. Die Gazelle, „ei klmssalll" (^nti- ^ lope ckoreas), die arabische Antilope, „ei seriell" (Antilope ara- biea), ein mittelgroßer, röthlich isabellfarbener Luchs, „Lllutt ei atmuki" (bHis earaeal?). der Schakal, „ei Dllilld" (6an!s aureus), 117 5 die Hyäne, „ei Haas" tzllvaoiue slri-elH sind fast die einzigen Säugethiere, welche die Ebene bewohnen. Selten findet sich hier !» eine aus der Steppe hereingekommeue Gieraffe, nie, wie oft fälschlich angenommen wurde, ein Löwe. Gegen die Steppe hin durcheilen wohl auch Hasen und Füchse das Gebiet der Wüste. Aus den Gebirgszügcn trifft man den kaukasischen Steinbock, „kllaneiu chLballi" sldöx, eaueameim), den arabischen Klippschliefer, „ei äVadlw" svrmeus) und mehrere Fledermausarten an. Die Antilopen und Fledermäuse kommen dem Reisenden am Oeftersten zu Gesicht; im Herzen der Wüste verschwinden gewöhnlich alle übrigen Thiere. Die Spuren der Antilopen bemerkt man aber überall. Eine Gazelle wird von einer Karawane stets mit Jubel begrüßt. „Der Mensch sucht überall zunächst nach dem verwandten lebendigen Oden; die todte Masse erdrückt ihn, starre Oede stimmt ihn traurig. Ohne Thierlebcn verwaist ihm die Natur; in diesem sieht und ahnt er verwandte Kräfte; mit ihm theilt er gern die ? freundliche Gewohnheit des Daseins *)." Nichts Zierlicheres kann es geben als eins dieser netten Thiere in ihrer unbegrenzten Freiheit. Die Gazelle ist ungefähr von der Größe eines Rehes, aber schlanker und viel flüchtiger als dieses ; ihre feinen Glieder sind im höchsten Grade elastisch; jede Bewegung des Thieres ist leicht, anmuthig. Verwundert schaut eine Gazelle der ankommenden Karawane entgegen. Sie spitzt das Gehör, reckt den Hals und betrachtet neugierig mit klugem Auge die erscheinenden Menschen. Jetzt scheint ihr Etwas nicht geheuer, hurtig macht sie einige Sätze, schnellt leicht über große Steine oder Gebüsche hinweg und steht, lustig die „Blume" hin und her bewegend, wieder ruhig und still. Wo sie nicht verfolgt wird, ist sie sehr zutraulich; sie wird aber, wenn sie Nachstellungen erfährt, so vorsichtig, daß ihre Jagd dann die größte Ausdauer und List er- ^ fordert und wegen ihrer beispiellosen Schnelligkeit dennoch selten gelingt. In grasreichen Steppen schlägt sie sich in Rudel und *) Tschudi, Das Thicrlebcn der Alpenmelt. 118 durchstreift, auch bei Tage äsend, behaglich gieße Strecken, kehrt aber immer wieder zu ihrem früheren Standquartiere zurück. In der Gefangenschaft dauert sie nicht aus. Schon seit grauen Zeiten hat die vollendet schöne Gestalt und das herrliche Auge der Gazelle den Orientalen zu Gedichten Stoff gegeben. Der Araber vergleicht das Auge seiner Geliebten mit dem der Gazelle, und sie hat Ursache, ob dieses Vergleiches stolz zu sein. „Du bist so anmuthig, so schlank wie eine Gazelle", das ist die größte Schmeichelei, welche eine Araberin hören kann. Die Dichtkunst der Wüstenkinder malt auch die übrigen Eigenschaften des zarten Thieres so reizend aus, daß es der größte Genuß ist, ein Gedicht, welches die Tugenden und die volle Schönheit der Geliebten mit den Eigenschaften und dem Körperbau der Gazelle vergleicht, zu hören. Noch heute ist der Spruch des frommen Dichters, Psalm 42, 2, bei den Orientalen in Kraft; Luther's „Hirsch" ist die Gazelle; die Sehnsucht des Herzens gilt aber nicht Gott allein, sondern auch der Geliebten. — Weit zahlreicher an Arten und Eremplaren, wenn auch noch immer sehr beschränkt, ist die ornithologische Fauna der Wüste. Die Vögel „fallen auch hier zuerst in's Auge" und zeugen durch ihre Lebendigkeit, ihre stete Beweglichkeit von Leben und Lebendigkeit in der Einöde. „Während man stundenweit wandert, ohne auch nur Ein anderes Wirbeithier anzutreffen", sagt Tschudi von seinen Alpen, „läßt sich die heitre Welt der Vögel nie so lange vermissen. Sie sind die wahren Vertreter des überall die Welt in Besitz nehmenden Lebens, der frischen Lebenslust, der heiteren Bewegung." So ist es auch in der Wüste. Je mannigfaltiger ihr Charakter ist, je mehr Abwechselung sie zeigt, desto reicher ist ihre Ornis an Arten und Familien. Im Osten Egyptens, wo sich die Kalkberge des Nilthales allmählig in die Sandsteingcbirge und Granitmassen der Küsten des rothen Meeres verlieren und letztere, der alpinen Gebirgswclt angehörend, sich schon bis zu 5800 pariser Fuß über den Meeresspiegel erheben, da kreist hoch in den Lüsten der gewaltige südliche Bartgeier (Evpaötos msriäionalis) — von 119 den Beduinen Arabiens nach seinem Geschrei „tzt öüch" genannt —; da ruht der zuweilen auf seinem Wandcrzugc auch hier erscheinende » Steinadler s.4guila kulva), während auf den ,, Steinmeeren", jenem natürlichen, aus chaotisch durch einander geworfenen Steinen zusammengesetzten Mauern der Hochgebirge, das bunte Stein- huhn Syriens und Arabiens (kerclix guellar) und das kaum mehr als wachtelgroße, prächtig gezeichnete Hay'sche Rebhuhn (ksr- elix init lautem Rufe herumläuft oder sich plötzlich in Kitten vor dem erschreckenden Wanderer zu lärmendem Fluge erhebt. Auf jedem Felsblock fast sieht man ein Pärchen des tief schwarzen Steinschmätzers mit dem blendend weißen Scheitel und Schwänze (8axioola oaeln'usns); der Mönchs sie in schmätzcr s8. moimotm) hüpft mit seinem „springenden" Gattungsverwandtcn s8. «Matrix) und den von Europa cingewandertcn und hier im Winterquartiere liegenden schwarzkehligen, weißschwänzi- g e n und Ohren - Steinschmätzer (8»xiLola stapariim, oonau- tsis und Äurita) uncrmüdet von Stein zu Stein. Die Wüste ist das unbegrenzte Reich dieser niedlichen Thiere, sie fehlen nirgends, wo es Felsen oder zerstreut herumgeworfene Steine giebt. Stein« und Blaudrosseln (kotroeoss^plum saxrckili« und e^unu«) sind da ebenfalls keine seltenen Erscheinungen. Auch zeigt sich wohl mitunter ein munterer Spatz oder ein Flug jener niedlichen Ro« sengimpel (Lrvtdrvtliorax AitlmAinsa), welche an den Gebirgen der das Nilthal begrenzenden Wüsten so häufig sind. Pfeilschnell durchsausen in jähem Fluge der Merlin, Eleonorens Falke, der einfarbige, der Baum- und der südliche Wander« Falke (I?aleo aesalon, Moonoras, ooneolor, subbutso und pers- grinoiäes) jene Strecken; sie weilen nie lange in dem für sie beute« armen Gebiet. Dagegen bemerkt man hoch oben auf den Felsen oft den schmutzigen Aasgeier (Xsopllron peronoptsrus); von der Natur, wie alle Geier zu anhaltendem Fluge ausgerüstet, baut ^ er sich seinen Horst auf meilenweit von dem bewohnten Lande entfernten Felsen, obgleich er, um seine Nahrung zu finden, tagtäglich dahin, wo Menschen wohin«, zurückkehren muß. Auch die 120 großen Geier Nord-Afrika's (Vultur — 6 l^p 8 — tulvus und Ota- §^18 suri 6 ulari 8 ) verfliegen sich oft weit in die Wüste hinein. Da, wo die Wüste bis an den Nil herantritt, wechseln die Genannten mit anderen Gästen aus dem bewohnten Lande ab. So erscheint der im Nilthale lebende gelbliche Adlerbussard (Lu- taöto 8 louourim oder rulmug) zum Ocfteren in der Wüste, wo er sich ein stilles, etwas erhabenes Plätzchen aussucht, um ungestört den wichtigen Akt der Verdauung abzuwarten. Er ist wegen seines Fedcrkleidcs schwer von dein Sande zu unterscheiden und entgeht deshalb oft genug dem suchenden Auge deö Jägers; außerdem enteilt er mit langsamen Flügelschlägcn jedem sich ihm Nahenden schon auö großer Entfernung. Wahrscheinlich zieht sich dieser, dem Menschen sehr nützliche Räuber nur dann in die Wüste zurück, wenn er ein zehn bis zwölf Stück Mäuse, Eidechsen und Frösche verspeist und von seiner Mahlzeit Magen - und Kropfbeschwerden bekommen hat, zu deren Hebung ihm die Wüste als der ruhigste, sicherste Ort erscheinen mag. Auch die Adler des Nilthales stiegen, wenn sie sich recht satt gefressen und behaglich aus dem Strome getränkt haben, gern in die Wüste hinaus. Dazu kommen nun noch zahlreiche Völker der geräuschvoll fliegenden, immer behenden, unruhvollen, flügelschnellen Flughühner, von denen Nord- Ost-Afrika vier Arten (ktsroelss exrmtu«, xuttatu 8 , eorona- trm, Iüollt 6 N 8 t 6 inii) auszuweisen hat, Felsen tauben (Eoluinba livia), Felsenschwalben (Lotzcko rupsZtrm), Lerchen, Brachpieper und andere. Ein ganz anderes, regeres Leben herrscht aber an den der Steppe zugekehrten Grenzen der Wüsten. Auf dieses wollen wir bei besonderer Betrachtung der Steppe unsere Blicke werfen. Alle bis jetzt aufgezählten Böget sind, vielleicht nur mit Ausnahme der Flughühner, Rebhühner und Steinschmätzer, keine ächten Wüsten bewohn er. Die Zahl dieser ist sehr gering; nur wenige Lerchen- und Finkenarten und den unermüdlichen Läufer des Sandes vermag die reine Wüste zu ernähren. Wenn auch der schwarze Wüstenrabe ( 6 orvri 8 umbrinrm) der Karawane, selbst bis in's Herz der Wüste folgt, sobald sie das über Nacht 5 121 innegehabte Lager verläßt, dort sich einfindet, um den Kamclmist zu untersuchen, nach einem noch abzunagenden Knochen oder noch - nahrhaften Brod- oder Getraideresten zu spähen, so ist er doch kein Wüstenvogel, weil er nicht in der Wüste groß wurde. Sein leichter, schneller Flug bringt ihn in wenig Stunden an Orte, zu denen die Kamele erst nach tagelangcn Märschen gelangen; heiser krächzend fliegt er über der wandernden Karawane dahin und erscheint dem Araber als böses Omen. Die Ornis der eigentlichen Wüste dürfte folgende sein: der isabellfarbige Läufer (Oursorius isadollinus); zwei Arten der krummschnäbeligen, großen Rennlerchen (OerttMsuäa äessrtoruiu und msrickionalm); zwei kleine Jsabelllerchen (IVIe- lanooor^plia isadeliina und ck68erti); eine von mir aufgefundene Haubenlerche (Kalerita üava); ein Kernbeißer (OoeootllrLu- 8tss eantanch; zwei Ammerarten (Lmberirm 8trlolata und oao8ia) und mehrere Arten der schon genannten Steinschmätzer. Unter ihnen sind der Läufer und die Lerchen ohne Zwei- * fcl die interessantesten. Ersterer ist von der Größe einer Turteltaube, hat hohe, dreizehige Beine und ist mit Ausnahme des Kopfes und den unter dem übrigen Gefieder versteckten Schwingen durchaus isabellfarben. Der Kopf wird von einer lebhaft graublauen Fedcrholle geschmückt, die Augen sind von zwei schwarzen oder braunen Streifen eingerahmt. Dieser Vogel ist im Verhältniß zu seiner Größe der beste Renner, den ich kenne und da er vortrefflich fliegt, im Stande, ungeheure Strecken zu durchwandern, um seine sehr zerstreute Nahrung zu erlangen. Im schnellsten Rennen nimmt er hier und da ein Insekt vom Boden auf; immer rastlos entkommt er dem Jäger leicht und zwar weniger wegen seiner Vorsicht, als vielmehr wegen seines beispiellos schnellen Laufes. Er wird erst, nachdem er Nachstellungen erfahren hat, scheu und flüchtet dann fliegend, wobei man seine dunklen Schwingen bemerken kann. ^ Die Wüste ist seine eigentliche Heimath, obwohl er sich zuweilen dem bewohnten Lande nähert. Ein Beweis seiner Wanderfähig- keit mag sein schon mehrere Male in Deutschland beobachtetes Vorkommen sein. Die Rennlerchen stehen dem Läufer nahe und als Bindeglied zwischen ihm und den anderen Lerchen. Sie sind etwas größer als unsere Feldlerchen, wenig scheu und da, wo viele Menschen hinkommen, sogar zutraulich. Sie und die kleinen isabellfarbigen Ammcrlerchen finden sich überall in der Wüste. Die letzteren sind so harmlose und vertrauensvolle Thierchen, daß sie ohne Furcht mitten in das Lager einer Karawane oder in das Zelt des Beduinen kommen, um dort Nahrung zu suchen. Ihr Ruf hat etwas Melancholisches und Trauriges: auf den Trümmern verfallener Paläste sitzend, erscheinen sie als wehklagende Boten einer längst vergangenen Zeit. — Das sind die hervorstechendsten Erscheinungen der höheren Thierklassen in der Wüste. Gedenke ich nach ihnen noch der giftlosen und giftigen Schlangen, der großen, bissigen Erdwarane (Varanus tsrr^tris) und vieler Arten kleiner, in allen Farben schillernden Eidechsen, der wenigen Kerbthiere, — unter denen die Scorpionen an manchen Stellen sehr häufig sind — und der einzeln vorkommenden Insekten, — so habe ich die Grenzen des Thicrlebenö der Wüste bestimmt. Eine ausführliche Aufzählung des Pflanzenreichs der Wüste vermag ich als Unkundiger in diesem Reiche nicht zu geben. Vierzig Minuten nach Sonnenaufgang saßen wir am 30. Dezember im Sattel und ritten zwei, isolirt aus der Ebene aufsteigenden, schwarzen Bergen zu. Unser Führer leitete die Karawane mit bewunderungswürdiger Sicherheit und Genauigkeit immer in süd-östlicher Richtung durch die nur ihm Anhaltepunkte bietende Wüste. Die Reise wurde, kleine Vorfälle abgerechnet, für uns eine sehr glückliche. Ich gebe, da ich noch einmal auf denselben Weg zurückkommen muß, jetzt keine Beschreibung desselben, sondern begnüge mich, einige Tagebuchsnotizen mitzutheilen. Gegen Mittag lagerten wir unS in dem dürftigen Schatten einer Mimose, um die Lastkamcle, denen wir mit unseren flüchtigen Dromedaren weit vorausgeeilt waren, zu erwarte». Der Führer 123 zündete Feuer an und bereitete den Kaffe. Bald hatte ein Wüsten- rabe das ausgewittert und erschien in unserer Nähe. Wir würdigten ihn, weil ihn der Chabihr zu speisen wünschte, nicht der Gastfreundschaft, sondern tödtetcn ihn. Ohne ihm eine Feder auszuziehen, warf der Nubier den Vogel in's Feuer, ließ das Gefieder versengen, das Fleisch ein Wenig rösten und verzehrte es dann mit großem Appetite. Die Simsenüen waren leer, mein Durst wurde brennend; ich erwartete die mit Wasser beladenen Kamele mit Ungeduld und stürzte bei ihrem Erscheinen gierig auf die Schläuche zu. Ein langer Zug brachte mir Erquickung und später fürchterliche Qual. Das Wasser verursachte mir Erbrechen und sich bald zu einem so hohen Grade steigernde Leibschmerzen, daß mir buchstäblich die Sinne vergingen. Thränenden Auges stürzte ich vom Kamele herab und litt bis gegen Abend entsetzliche Schmerzen. Späterhin habe ich lieber den unleidlichsten Durst zu ertragen gesucht, als ähnliches Wasser getrunken. Der einzige, fast in der Mitte des Wüstenweges liegende Brunnen der Bahiuda, „Likr ei LMuäa," sollte uns nach Versicherung des Führers schon am Abende des folgenden Tages mit seinem erquicklichen Naß beglücken und wurde von uns mit Sehnsucht erwartet. Das schon jetzt ungenießbar gewordene Schlauchwasser war weder mit Wein und anderen Spiritussen, noch mit Essig zu cor- rigiren und ertheilte selbst dem stärksten Kaffe seinen widerlichen Geschmack. Wir eilten, so sehr wir konnten, den Brunnen zu erreichen, aber der unebene, sandige, den Kamelen höchst beschwerliche Weg wollte kein Ende nehmen. Gegen Mittag ruhten wir in einem schon gestern betretenen ,,Chohr" und ritten von hier aus in scharfem Trabe einer den Brunnen umschließenden Hügelkette zu. Erst mit Sonnenuntergang langten wir am Bihr an. Er war jetzt bis an den Rand mit Wasser gefüllt und zeigte sich uns in Gestalt einer Lache trüben, grünlichen, schmutz- und schaumbedeckten Wassers. Ein Nomade schöpfte uns davon in ein Gefäß, mußte aber die Oberfläche der Lache erst von dem Koche einer Zic- genherde, welche dort soeben ihren Durst gelöscht hatte, säubern. 124 Und doch däuchte es unö, niemals köstlicheres Wasser getrunken zu haben. Später erhielten wir noch frische Ziegenmilch und schwelgten in ihrem Genusse. Die Milch und daö Wasser machte uns reich, weil wir nie so arm an dem Nothwendigsten gewesen waren, als kurz vorher. Still und ernst gingen wir in's neue Jahr hinüber. — Die Strahlen der Sonne des ersten Morgens im Jahre 1848 brann- tcn kurz nach ihrem Aufgange recht fühlbar auf uns herab. Wir waren schon, ehe es tagte, wach, beglückwünschten uns gegenseitig und sandten von hier auS unsere Grüße der fernen, kalten Hcimath zu. Dann ordneten wir die Karawane und eilten ihr auf unseren Dromedaren weit voraus. Den Mittag verbrachten wir unter einem über vier, in die Erde gepflanzten Lanzen gespannten Tuche und ließen die Lastkamele an uns vorüberziehen. Erst Nachmittags um drei Uhr folgten wir ihnen auf unseren schnellfüßigen Hedjinihn*) von Neuem. Aber wir mußten nicht auf dem rechten Wege sein; der Führer wurde unruhig und suchte mit aller Anstrengung einen Hügel, von dem aus er wahrscheinlich eine weitere Aussicht gewinnen wollte, zu erreichen. Schließlich erklärte er geradezu, daß er sich verirrt habe. Unsere Lage war gerade keine angenehme. Abgeschnitten von den Lastkamelen, ohne Nahrungsmittel, ohne Wasser irrten wir in der Wüste umher; beängstigende Gedanken malten uns unsere nächste Zukunft mit trüben Farben aus. Da fiel mir, fast zufällig der Kompaß in die Hände; wir zeigten ihn mit lautem Frcudenrufe den darüber nicht wenig erstaunten Nomaden und änderten nach ihm, trotz aller Gegenvorstellungen des Führers, sofort die bisher befolgte Richtung. Nach ander-halbstündigem Ritte entdeckte das scharfe Auge des Wüstensohncs lebende Wesen, welche wir mit unseren Fernrohren für Kamele erkannten. Eine Stunde später hatten wir sie erreicht; es waren die unsrigen. Der Führer schüttelte erstaunt sein Haupt. „Setrürlrel ei vlrtznckz rval- 1M kmckjiüb!" (Die Sachen der Franken sind bei Gott wunderbar!) sagte er zu seinen Gefährte». -) Plural von „Hedjihn." Der folgende Tag verging ohne etwas Bcinerkenswerthes. Unser Chabihr zeigte uns eine Stelle, auf welcher vor mehreren Jahren ein türkischer Kaufmann von den Beduinen überfallen, geplündert und getödtet worden war, belehrte uns aber zugleich, daß jetzt ähnliche Angriffe nicht zu befürchten seien, weil die Landesregierung mit den vornehmsten Stämmen wegen der Sicherung der Ka- rawancnstraßc ein Übereinkommen getroffen habe. Nach diesem beziehen die Herrn der Wüste jährlich einen bestimmten Gehalt, wenn sie ihre gewohnten Raubzüge unterlassen. Wir waren heute allgemach in die Steppe eingetreten und bemerkten das regere Thicrlebcn in derselben mit großer Freude. Am 3. Januar. Das zeitraubende Aufsuchen eines während der Nacht entlaufenen Kamels verzögerte am Morgen den Aufbruch der Karawane; wir kamen erst mehrere Stunden nach Sonnenaufgang in den Sattel. Die Steppe zeigte uns hier zum ersten Male ihre Gras- und Buschwäldcr. Vorzüglich die letzteren waren von vielen Vögeln belebt. Bisher noch nie gesehene Tropenvögel, zahlreiche Rudel von Gazellen und einzelne Hasen erregten unsere Jagd- begierde; wir fanden immer neue Abhaltung. Gegen Mittag hörten wir Kindergeschrei und trafen auf eine Familie nomadifircnder Araber. Eine alte Matrone kam wankenden Schrittes auf uns zu und flehte uns „bei der Gnade des hochheiligen Propheten" um einen Trunk Wasser vn. Wir ließen ihr von unserem reichlichen Verrathe so viel, als sie begehrte, zukommen, empfingen die Segenswünsche der Armen und erfuhren, daß sie mit ihrem Gatten hierher gezogen sei, weil dieser einen jetzt versuchten Brunnen für wasserreich gehalten habe. Nun hätten Beide schon seit drei Tagen keinen Tropfen Wasser getrunken und seien dem Verschmachten nahe gekommen. Die Kinder waren noth- dürftig mit Ziegenmilch erhalten worden. Bald darauf erschien auch der Nomade und schlürfte mit ebenso großer Gier das stinkende Wasser unserer Schläuche. Nach kurzem Ritte hielten uns zwei dicht vor uns auffliegende Trappen von Neuem auf. Wir machten eifrig Jagd auf sie, konnten aber nur des einen habhaft werden; der andere, entkam, ob- ! 126 gleich verwundet, in dem hohen Grase. Nach vollendeter Jagd fühlten wir ein schmerzliches Jucken an allen Theilen unseres Körpers. Die seinen Stacheln der Steppenpflanzen waren uns überall durch die Kleider gedrungen und hafteten uns unsichtbar in der Haut. Wir hatten genug zu thun, um unsere Kleider von den an ihnen äußerlich sichtbaren Kletten zu reinigen. Die Jagd hatte uns viel Zeit gekostet und uns wesentlich zurückgebracht. Wenn wir den Nil noch heute erreichen wollten, mußten wir eilen. Unsere Dromedare trabten, von uns angetrieben, daß uns alle Knochen zu krachen schienen. In einem zweiten No- madenzeltc kauften wir frische Ziegenmilch, erlabten damit unsere lechzenden Gaumen, ritten aber sogleich in unverminderter Eile weiter. Schon jetzt konnten wir die Nähe bewohnter Gegenden an den Spuren des menschlichen Fleißes erkennen; in einer Niederung sahen wir die ausgedehnten Getraidefelder des Dorfes el Edjchr, unseres heutigen Reisezieles. Seine Lage bezeichnete uns ein hoher, die am Nil sich hinziehende Gebirgskette überragender Berg, der Djebel Rojahn. Von jedem Hügel aus hofften wir den Strom zu erblicken; wir hofften immer vergebens. Der Berg schien gleichweit entfernt zu bleiben; die Steppe dehnte sich auch jetzt noch unabsehbar vor uns aus. Unsere Sehnsucht nach frischem Wasser ließ uns das beschwerliche Reiten und unsere Müdigkeit vergessen. Wir jagten, so schnell unsere vorzüglichen Thiere laufen wollten, über die Ebene dahin, erreichten aber das Dorf erst spät in der Nacht. Das unleidliche Gestöhn der Schöpfräder am Nile war uns heute Himmelsmusik, das Durrahbrod dünkte uns das leckerste Gericht der Welt zu sein. Frisches, köstliches Wasser und weiche, elastische Bettgestelle erhöhten den Genuß, in den Hafen der Ruhe eingelaufen zu sein. Wir schliefen herrlich die ganze Nacht hindurch. Im Belled el Su-ahri. Die ersten Strahlen der über den hohen Djebel Rojahn Hinwegblitzenden Sonne erweckten uns. Wir befanden uns in einer neuen Welt. Von den zwischen sonderbaren Strohhütten zerstreuten Mimosen girrten uns zierliche, langgeschwänztc Täubchen mit schwarzer Papageikehle und zimmtrothcn Flügeln (Ooira oapensis) den Morgengruß zu; phantastisch gestaltete Nashornvögel mit großen, röthlichen, gesägten Schnäbeln (Doolrus sr^ttirorü^nokos) eilten, die Nähe unserer Hütte scheu vermeidend, nach einem nahen Wäldchen; schwarze Raben mit schneeweißer Brust und weißem Nacken (0orvu8 8oapulatu8) untersuchten eifrig den Mist unserer Kamele. Die ermüdende Reise durch die Wüste war vergessen; wir ergriffen die Gewehre, um uns ihrer Jagd zu widmen. Aber noch gab es im Orte unserer Nachtruhe viel Neues zu sehen. Schon hier bestehen die Dörfer nur aus der eigentlichen, uralten Wohnung der Sudahnescn, jenen runden Strohhäusern mit kegelförmigem Dach, dem Tökhül. Ich will meine Leser zuvörderst mit diesen Hütten bekannt zu machen suchen. Sie sind als ein für immer feststehendes Zelt zu betrachten. Ihre Gründung ist das Werk weniger Tage, ihre Vernichtung durch Feuer das einiger Minuten. Die festeren Theile der Wand und des Daches sind Mimosenstäbe, die Einkleidung der Hütte Durrah-, Dochen- oder Steppengrasstroh. Bei Erbauung eines Tokhul vereinigen sich alle erwachsenen Männer eines Dorfes. Einige gehen in den Mimosenwald und holen lange, gerade Stangen herbei; andere rammen oben gegabelte Streben in gewissen Abschnitten eines vorgezeichneten Kreises senkrecht in die Erde und verbinden sie durch Reifen von langen biegsamen Gerten; andere sind mit der Verfertigung des Kegeldachs 128 beschäftigt. Zn letzteren sieht man kein eisernes Band, keine Klammer, nicht einmal einen Holznagel. Zuerst bildet man aus sechs bis acht schwachen, biegsamen und sehr langen Mimosenästen einen dem Kreise mit den eingerammten Pfählen entsprechenden Reifen, bindet hieran acht, dem Durchmesser des Kreises ungefähr gleichlange, gerade und starke Stäbe — die Sparren — und vereinigt diese am oberen Ende vermittelst zähen Bändern aus biegsamen Zweigen. Dann legt man in Entfernungen von je drei Fuß immer enger werdende Reifen auf, verbindet sie mit den Sparren zu einem möglichst haltbaren Ganzen und schiebt nach unten zu schwächere Sparren zwischen die ersteren ein. So entsteht ein festes, ziemlich enges Gitterwerk, welches nach seiner Vollendung von mehreren Männern auf die feststehenden Streben gesetzt und an dieselben wohl befestigt wird. Schließlich wird das Gebäude dicht mit Stroh bekleidet. Nur eine einzige niedrige Thüre führt in das Innere des Tok- hul. Deshalb herrscht da stets ein magisches Dunkel; bei heftigem Winde gesellt sich unerträglicher Staub dazu. Der Aufenthalt in der Hütte würde demnach ein ganz unleidlicher sein, gäbe es nicht hinreichende Gründe, ihn dennoch annehmbar zu machen. Erst in der Regenzeit bewährt sich der Tokhul: er ist wasserdichter als die übrigen Wohnungen des Ostsudahn. Vor der Thüre befindet sich regelmäßig noch ein zweites Gebäude, die „RekübL", eine kubische Strohhütte, in welcher die Frauen Getraide mahlen und andere häusliche Verrichtungen besorgen. Arme Familien besitzen nur einen Tokhul, wohlhabendere erbauen sich mehrere und schließen ihr Besitzthum durch die „Ssrrebä" von den Wohnungen ihrer Nachbarn ab. Serieba bedeutet eigentlich einen Schlupfwinkel, weil man aber auch die durch Dornenhecken eingefaßten Viehhürdcn damit bezeichnet, jetzt jede Art von Umzäunung. Die Serieba dient in den Dörfern zum Schutz gegen die Kamele — welche fähig wären, den Tokhul bis auf sein Holzgerüst aufzufressen — und gefährliche Raubthicre. Wo man nächtliche Einfälle der letzteren zu befürchten hat, nimmt sie an Stärke, Dichtigkeit 129 und Höhe zu. Eine gut angelegte Serieba ist eine vollkommen undurchdringliche Schutzmauer. Die im Sudahn ansässigen Türken haben den Tokhul insofern verbessert, als sie die senkrechte, kreisrunde Mauer höher, — sechs bis acht Fuß hoch — und aus Erde erbauten. In einigen Tokhahl * **) ) sind wohl auch Fensteröffnungen angebracht worden. Das Dach bleibt aber immer ein jeden Gewitterguß sicher ableitendes Strohdach. Ein Tokhuldorf ist zur Verhütung von Feuersgefahr weitläufig gebaut und gewährt, in der Ebene liegend, keinen anziehenden Anblick. Die Spitzen der niederen Hütten ragen, aus einiger Entfernung betrachtet, wenig über den wogenden Graswald aller Ebenen Ostsudahns empor; man muß nahe heranreiten, ehe man die auf der unermessenen gleichförmigen Fläche verschwindenden menschlichen Wohnungen steht. Um so malerischer ist ein Tokhuldorf im Urwalde. Unter jedem schattigen Baume steht eine Hütte. Die blüthenreiche Mimose überwölbt ihr bemoostes, unregelmäßig abgeflachtes Dach; von der „sich (durch ihre Dornen) Schützenden", der Harahsi, neigen sich blättergeschmückte Schlingpflanzen auf die Hütte herab und umspinnen den ganzen Bau mit ihrem traulichen Rankennetzc; der zum Baume gewordene Nabakstrauch läßt seine unzähligen, nicht ganz geschmacklosen Früchte über ihr reifen. Unten am Stamme der freundlichen Bäume spielt die schwarze oder braune Jugend des Dorfes, oben in der Krone baut der sudahne- sische kleine schwarze Storch, die Oioonia J.b«liinii, LHr-en- seinen Horst. Vertrauensvoll läßt sich der überall die Nähe des Menschen aufsuchende Vogel wohl auch auf die mit Straußeneiern gezierte Spitze des Tokhul selbst nieder. Und sein Vertrauen wird nicht getäuscht. Der Bewohner der Hütte freut sich über diese „Vögel des Segens" — Diriukr ei baraka — und *) Plural von Tokhul. **) So einem Freunde Ehrenberg's, dem damaligen Gouverneur von Dongvla, Abdim (richtiger Aabdim) zu Ehren genannt- 9 k- 130 schützt sie gegen fremde Störungen*). Ohne ihre Nester giebt ein Dorf dcS Sudahn kein rechtes Bild. In jedem Tokhul befindet sich wenigstens eins jener elastischen Bettgestelle, auf denen wir unsere erste Nacht im „Lande der Schwarzen"**) zugebracht hatten. Man nennt sie hier Ankharehb. ES sind feste, auf vier oder sechs, anderthalb bis zwei Fuß hohen Füßen stehende Holzrahmen, über welche man Leder- oder Strickgeflechte gespannt hat. Die Lcderstrcifcn des engen Geflechtnetzes werden feucht aufgezogen und verkürzen sich beim Trocknen; die Stricke werden durch eine besondere Vorrichtung immer nach Belieben angespannt. Deshalb sind die Anakharihb***) sehr elastisch. Sie sind aber auch, weil die Nachtluft von unten her zu dem Körper des Schlafenden Zutritt hat, angenehm kühl, schützen, vermöge ihrer erhöhten Stellung, den auf ihnen Ruhenden vor schädlichem Gewürm und Gethier und vereinigen alle Eigenschaften eines für jene Länder bequemen Lagers. Die Anakharihb sind ein allen Einwohnern Ostsudahns gemeinsames Hausgeräth und finden sich ebensowohl in den Häusern der Vornehmen und Europäer, als in den Hütten der Niedrigen und Neger. Am 4. Januar. Wir hielten oberhalb des Dorfes Edjchr Rasttag, jagten in den Wäldern und präparirten das Erlegte. In *) Mir wurde es nur dadurch möglich, die Eier des ,,Simbil" zu erhalten, daß ich den Sudahnesen vorspiegelte, Arznei daraus bereiten zu können. Es ist, als ob es alle Bögel wüßten, wie sehr sie von den friedfertigen Bewohnern jener Länder beschützt werden. Der Araber gewährt jedem lebenden, keinen Schaden bringenden Wesen seine Gastfreundschaft. Schon die Kinder scheuen sich, die Nester der Böge! auszunehmen — oder, wie sich die Landleute meiner Heimath auszudrücken pflegen, „auszuschinden" — und deshalb sieht man diese ihre Nester so niedrig über der Erde anlegen, daß man sie mit der Hand ausrauben kann. Die Turteltauben und die kleinen Täubchen Egyptens (volumbs sex>ptisca) fliegen, wenn man sich ihrem Neste nähert, gar nicht von ihren Eiern auf. **) Wörtliche Uebersetzung von „Seilest ei Sustskn". »") Plural von Ankharehb. 131 der Kühle des Abends zogen wir noch bis zu einem nahen Dorfe, in welchem wir übernachteten. Der Baron ritt am nächsten Morgen mit unserem Diener Jdrieß der Karawane voraus; ich blieb bei den Lastthieren, weil die ergiebige Jagd der Wälder ein langsameres Reisen erforderte. Unsere Straße führte nur durch wenige Dörfer und fast ohne Unterbrechung in Mimosenwäldern dahin. Hier fand ich volle Beschäftigung. Zu den Vögeln, welche ich schon gestern bemerkt hatte, gesellten sich für mich neue Arten. Zänkische Schaaren lärmender Droßlinge (Urateroprm leuoooepiwlus) flogen von Strauch zu Strauch; goldgelbe, gezähmten Kanarienvögeln ähnliche Sperlinge (k^rZita Irrten , Lr'c/rk.) trieben sich, in großen Flügen vereint, ganz mit dem Geschrei und Wesen unserer Feldsperlinge in den Gebüschen herum; auf den höheren Bäumen saßen prachtvolle, von den unsrigcn durch intensivere Färbung und gegabelten Schwanz hinlänglich verschiedene Blauracken (6c>rneirr8 ab^ssiiricus) , welche bei unserem Erscheinen ohne Scheu auf ihren Ruhepunkten verweilten; bunte Finken (kUngiüa Minima) und lebhaft gefärbte Ammern — den Goldammer gleichsam auf höchster Stufe der Vollendung darstellend — (Lmberisa üaviZastsr, Kü/»/,ekk) durchsuchten die Abfälle der Kamele. Unter den dichteren Gesträuchen, auf denen ohne Hirten weidende Ziegen herumkletterten, um für sie sonst unerreichbare Blätter zu naschen, lagen mit plattgedrücktem Leibe stufenschwänzige Ziegenmelker (tlaprimulxus elimnerrruch und schauten halbgeschlossenen Auges harmlos dem sich ihnen nähernden Jäger zu, während einzelne Paare kleiner rühriger Gimpellerchen (kzwrimllauckg, leueotis oder k^rriiullaucka erneuern) zwischen den Füßen der ihres Weges wandelnden Kamele herumliefen oder höchstens bis zu einem dicht am Wege stehenden Busche flogen, um sich auf einem seiner Zweige minutenlang niederzulassen*). Der gravitätische Marabu (I,sxtoptilus arZalla), der Erzeuger jener schönen, meinen Leserinnen wohlbekannten Federn, schritt langsam auf einer von Bäumen kahlen Fläche herum, auf den höchsten Mimo- *) Anmerkung für Ornithologen- Wenigstens thut das die k crucixera. 9 * 132 sen hatten habichtartigc Falken (Neliorax pol^omis) aufgebäumt, in den Lüften kreisten große Geier. Ich machte eifrig Jagd auf Alles, was ich zu sehen bekam und erbeutete in kurzer Zeit viele und schöne Vogel. Nur an der bcwundernswerthen Klugheit des Marabu scheiterten meine Bemühungen. Von Säugcthieren sahen wir nur kleine Erdeichhörnchen (8oiu- rns draell^oto8, L/rrenäerA), welche mit buschigem, erhobenem Schwänze hin und wieder unseren Weg kreuzten. — Die Wälder, in denen wir Hinritten, zeugten noch nicht von der Ueppigkeit der die Ufer des blauen und weißen Flusses bedeckenden Urwälder. Sie waren dünn und mit niederen Bäumen bestanden. Die wenigen Schlingpflanzen, welche hier und da einen Stamm mit ihren Ranken umzogen hatten, waren verblüht, einige Baumarten hatten schon jetzt zum größten Theile ihre Blätter verloren. Zuweilen näherte sich unsere Straße dem Nile, welcher, von keinem Felsen zertheilt und durch kein Gebirge eingeengt, in majestätischer Breite vor uns lag. Er zeigte sich uns hier noch in seiner ganzen Größe. Auf seinem dreihundert deutsche Meilen langen Bogenlaufe wird ihm durch unzählige Schöpfräder, große und kleine Kanäle und eine von der afrikanischen Sonne erzeugte Verdunstung so viel Wasser entzogen, daß er in Egypten nothwendig schwächer sein muß als hier*). Wir zogen gemächlich unseres Weges entlang. Von Zeit zu Zeit begegneten uns „Männer des Sudahn"**). Sie ritten auf schlecht gesattelten Eseln und trugen mit seltener Ausnahme ihre altherkömmliche Waffe, die langgcstielte Lanze mit der breiten zweischneidigen Eisenspitze. Um Mittag rasteten wir in dem Dorfe *) Wenn man weiß, daß er Nach seinem Ursprünge, d. h. nach Vereinigung des blauen und weißen Flusses, nur noch die Fluchen des Atbara aufnimmt und alle Momente seines Wafferverlustes zusammenstellt, begreift man leicht, daß dieser ein ungeheurer sei» muß. Man kann ihn, ohne sich eines erheblichen Fehlers schuldig zu machen, wohl dem gesammten Wasserinhalte der Elbe gleichstellen. **) So pflegen sich die Einaebornen gern z» nennen. 133 Surrurahb, in welchem damals eine Schwadion leichter, irregulärer türkischer Reiterei lag. Die weißen Gesichter der Soldaten und ihrer Kinder fielen mir auf, so sehr war ich bereits an die braune Hautfarbe der Nubier gewöhnt. Surrurahb ist nach den Bestimmungen der europäischen Geographen das letzte Dorf Nu- biens; mit dem Dorfe Kerreri, in dem wir übernachteten, beginnt der Sudahn. Zur Zeit meiner Erzählung rcsidirtc in letzterem, sonst ganz unbedcutsamem Orte ein von den Türken und Ein- gebornen gleich hochgeachteter Mann, Solimahn Kahschef, der Vorsteher des größten Regierungsbezirks im Paschalik. Er starb im Jahre 1849. Durch Werne's Beschreibung der dritten, von Mahammed-Aali ausgerüsteten Entdeckungsreise auf dem weißen Flusse ist er auch in Deutschland bekannt geworden. — Am sechsten Januar brachen wir schon in der Nacht wieder auf und kamen nach drei Stunden, während derer wir wieder in Mimoscnwäldern dahingerittcn waren, mit Sonnenaufgang an das linke User des weißen Flusses „Bähhr öl äblsdt". In der Nähe des Dörfchens Umdurmahn fanden wir eine Ueberfahrtsbarkc und schlugen bei ihrem Landungsplätze am Ufer das Zelt auf. Wenig unterhalb unseres Lagers, in dessen Nähe kleine Kalk- brennöfen stehen, vereinigt sich der Bahhr cl abiadt mit dem kaum schwächeren „Bahhr öl üsräkh" oder blauen Flusse, dessen Helles Wasser in jetziger Zeit gegen das trübe, grauweiße des weißen Flusses merklich absticht. Die Ufer beider Flüsse sind jetzt gut bebaut. Unser Zelt steht auf einer grünen Wiese, in welche sich das früher überschwemmte flache Schlammufcr verwandelt hat. Heerdcn von Rindern, Ziegen und Schafen, Pferde, Esel und Kamele weiden auf ihr in buntem Gemisch. Reges Leben macht sich längs der beiden Ufer bemerkbar. Gänse, heimathliche Störche (01- eoula alda) und Reiher sitzen in langen Reihen am Strande, Pelekane fischen inmitten des Stromes, auf einer Insel läuft der erste mir zu Gesicht gekommene heilige Ibis herum. Die Stadt Charthum liegt in einer Entfernung von kaum einer halben Meile vor uns. 134 Am folgenden Tage zog ich, nachdem ich das Gepäck übcrge- schifft und mich von den braunen Genossen unseres zurückgelegten Weges verabschiedet hatte, der Stadt auf frisch gemietheten Kamelen zu. Ich fand den Baron in Gesellschaft eines Europäers und beschäftigt, ein kleines Haus zu miethen. Jbrahihm Jskan- derahni überließ uns eine für Charthum recht hübsche und freundliche Wohnung für eine monatlich zu entrichtende Miethsumme von zwanzig Piastern oder einem Thaler und zehn Groschen unseres Geldes. Der Contrakt wurde zu allseitiger Zufriedenheit vollzogen; wir bezogen die neue Wohnung und empfingen die Besuche der hier wohnenden Europäer. 81 m 9. Januar gingen wir zum Gouverneur der Provinz Charthum, Solimahn-Pascha, von welchem wir mit großer Artigkeit aufgenommen wurden. Er bat den Baron, sich in jeder Verlegenheit an ihn zu wenden und sicherte uns im Voraus die Gewähr aller unserer Wünsche zu. Die hier und da neugierig über die hohen Mauern einzelner Höfe hinwegschaucnden Gieraffen und Strauße erregten in uns die Lust, eine kleine Menagerie anzulegen. Für's Erste kauften wir ein Paar junge Hyänen für die Summe von einem Gulden, mit denen ich, weil sie sehr bissig waren, Zähmungsvcrsuche anstellte. Ein zahmer Marabu, dessen Verstand und Drolligkeit uns ergötzte, einige Gazellen, mehrere Affen und zwei Strauße, welche uns Solimahn-Pascha sendete, vermehrten die Thiergesellschaft. Unser kleines Haus wurde ihnen bald zu eng, wir mietheten deshalb eine größere, neben dem Hause eines Franzosen gelegene Wohnung und machten von hier aus Jagdercursionen. Immer fanden wir für uns neue Vögel und Säugethiere auf. Die Farbenpracht der Ersteren gab uns tagtäglich Grund zur Bewunderung des Reichthums der Tropen. Wir sammelten sehr fleißig und erlegten viele Vögel, aber jedes Mal, wenn wir uns über unsere Beute freuten, versicherten uns die Europäer, daß sich jetzt, während der trockenen Jahreszeit, verhältnißmäßig nur wenige Vögel hier aufhielten. 135 Die Regenzeit, der Frühling jener Länder, rufe ein ganz anderes Leben in der Thicrwclt hervor und bringe unzählbare, wie sie vom Süden hcrabkommende Vogelschaarcn mit sich. Schon jetzt waren wir mit unserer Ausbeute zufrieden; wir hielten cS für unmöglich, noch bessere Jagden machen zu können. Mit einer der uns von Tag zu Tage interessanter werdenden Ercursionen verbanden wir einen Besuch bei einem reichen Türken, Saaid-Arha, dem Befehlshaber — Sendjek — eines irregulären Reiterregiments oder Sendjeklik. Der Oberst wohnte in Halfa'i, einem, ungefähr eine deutsche Meile unterhalb Char- thum am rechten Ufer des Nil liegenden, großen Dorfe. Herr Contariny, der gefällige und originelle Fremdenführer Char« thum'S, geleitete uns dahin. Wir wurden mit türkischer Gastlichkeit einpfangen und bis zum Abende des folgenden Tages in dem Hause unseres gütigen Wirths festgehalten. Die beste Jagd verkürzte uns den Weg. Wir rühmten sie gegen Contariny, aber dieser sagte gelassen: „Ihre Ausbeute ist schlecht; gehen Sie drei bis vier Meilen an dem blauen Flusse hinauf und jagen Sie in den dortigen Wäldern, dann werden Sie mir Recht geben." Ich war sogleich bereit, Contariny's Rathe zu folgen und verließ am 27. Januar die Hauptstadt mit einigem Gepäck und zwei nubischen Dienern. Wir ritten auf Eseln und wurden bei der Leichtigkeit, in den und aus dem Sattel dieser Thiere zu kommen, so oft zu Letzterem verlockt, daß wir das Ziel unseres Weges, ein kleines in den Wäldern erbautes Nomadendörfchen, heute nicht erreichten. In einigen Hütten gastfreier Sudahnesen verbrachten wir die Nacht. Man brachte uns sogleich nach unserer Ankunft klastische An akharih b und einen großen Topf mit Buhsa, einem mir widerlichen, bierartigcn Getränk, herbei. Am andern Morgen zogen wir fortwährend in Mimosen- wäldern weiter. Wir sahen, trotz der hier sehr bemerkbaren Dürre, viele mir noch unbekannte Vögel; ich mußte aber oft von ihrer Jagd abstehen, weil ich mich damals noch nicht gewandt genug irr den dornen- und distelreichen Wäldern bewegen konnte. Noch in guter Morgenstunde kamen wir in dem Dörfchen Butri an. Ich ließ das Zelt im Schatten einer riesigen Mimose aufschlagen 136 und ging sogleich, mit dem Gewehr auf der Schulter, in den thier- belebten Wald heraus. Die Bewohner Butri's gehören zu dem Nomadenstamme der Hsssän'ie. Es sind schöne Leute, denen man die größere Freiheit anmerkt. Sie tragen ihr langes Haar in Zöpfen und salben es reichlich mit Schmalz oder Butter. Ihre Kleidung besteht aus einem einfachen Tuche, in welches sie den Oberkörper hüllen, kurzen Beinkleidern und Sandalen. Schöne Frauen schienen hier seltner zu sein, als es sonst bei den Hassame der Fall ist; um so häufiger sah man nackt gehende Kinder und flinke, windspielartigc Hunde, welche sich bei Ankunft eines Fremden vereinigten, um ihn mit einem wüthenden Gebell zurückzutreiben. Die Hütten des Dörfchens standen im dichtesten Schatten hoher Bäume, sie bestanden aus einem über die Erde erhöhten, geflochtenen Boden und waren mit Matten oder Haartüchern überdeckt. Neben jeder Hütte befand sich ein kleiner Hof, in welchem gekocht und Buhsa gebraut wurde. Letztere, zu deren Bereitung zwei Tage erforderlich waren, wurde unmäßig genossen und fand sich immer vorräthig. Inmitten des Dorfes hatte man eine geräumige Scrieba errichtet. Gegen Abend füllte sie sich mit zahlreichen Heerdcn von Ziegen, welche den Tag über, zum Theil ohne Hirten, in den Wäldern geweidet hatten. Jeder Dorfbewohner besaß über sechzig Stück dieser Thiere; Schafe waren seltner. Die Ziegenmilch wurde in Schläuchen, welche man eine halbe Stunde lang hin und her schleuderte, zu Butter, „S ib- ta", umgewandelt, diese dann aber sogleich geschmolzen und in Kürbisflaschen gefüllt. Damit ziehen sie nach Charthum zu Markte; der Erlös genügt, um die ihnen auferlegten Steuern zu bezahlen. Neben der Ueberwachung ihrer Heerden besteht ihre einzige Arbeit darin, Brennholz zu hauen und nach Charthum, wo die Eselladung mit zwei bis drei Piastern bezahlt wird, auf den Markt zu bringen. Ihr Wohnsitz ist ein feststehender; sie haben sich sogar in der Nähe desselben Getraidefelder angelegt und weichen dadurch von mehreren anderen Stämmen der eigentlichen Nomaden wesentlich ab. Am 3l. Januar unterbrach das klimatische Fieber meine 137 sehr lohnenden Arbeiten. Ich bekam einen starken Anfall dieser Krankheit und wurde durch ihn so geschwächt, daß ich auch die folgenden Tage mein Zelt nicht verlassen konnte. Die schlimmste Zugabe des Fiebers ist ein nicht zu beschreibender Widerwille gegen alle Beschäftigung. Und gerade der Mangel an Arbeit wird so bald zur unerträglichen Qual. Langsam schlich mir jetzt die Zeit dahin. Am 2. Februar kehrte der Anfall zurück. Er war schon viel stärker als der erste und erregte mir ernste Besorgnisse. Hätten die Lieben im Vaterlande es ahnen können, daß ich an diesem mir festlichen Tage ohne alle ärztliche Hülfe, ohne Arzneien, ohne liebevolle Bedienung fieberkrank inmitten der Urwälder unter einem elenden Zelte lag, wie sehr würden sie sich geängstigt haben! Mich beruhigte der Gedanke, daß sie mich gerade heute wahrscheinlich völlig gesund wähnten. Um mir wenigstens Arzneien zu verschaffen, ritt ich am 3. Februar nach Charthum. Zehn Stunden auf dem Rücken eines hartgehenden Esels und fieberkrank! — Das sind afrikanische Stra- patzen! Der Kranke muß, um Arzneien zu erlangen, sich selbst zum Apotheker quälen! Später versah ich mich freilich auf der kleinsten Reise mit den nothwendigsten Arzneimitteln, aber das geschah erst, nachdem ich durch mannichfaltiges Mißgeschick, also so recht eigentlich durch Schaden klug geworden war. Der in Afrika Reisende muß vorher viel ausgestanden und ertragen haben, ehe eS ihm gelingt, sich leidlich wohl zu befinden. Mit dem fieberbändigcnden Chinin in der Tasche ritt ich, nachdem ich einige Stunden in Charthum geruht hatte, wieder nach Butri zurück. Die Nacht ereilte mich mitten im Walde, ich ritt an dem Dörfchen vorbei und kam erst um Mitternacht zu einigen Nomadenhütten. Dort nahin ich einen Führer und gelangte gegen Morgen aus dornigen Pfaden zerschunden und zerkratzt nach Butri. Ich nahm mir vor, in Zukunft bei nächtlichen Wanderungen nicht ohne Führer zu reisen. Hundcrtunddreißig Vogelbälge hatte ich präparirt, damit kehrte ich am 8. Februar nach Charthum zurück. Der Baron musterte die kleine Sammlung und war mit der Anzahl der Bälge unzu- 138 frieden. Mich empörte diese Undankbarkeit; ich hatte selbst fieber- schwach noch gearbeitet. Damals habe ich zum ersten Male gefühlt, daß die Bemühungen eines Sammlers oder Naturforschers nur selten anerkannt werden. Und hätte nicht gerade die Wissenschaft ihre unwiderstehlichen Reize, wäre sie es nicht, welche die ihr Ergebenen durch den Genuß, ihr, der Hohen, dienen zu können, belohnt, ich würde von jener Stunde an keine Beobachtung mehr gemacht, kein Thier mehr gesammelt haben. Und damit würde ich mir selbst die Thore meines Glücks verschlossen haben, denn mehr und mehr lerne ich es verstehen: Meine beschwerlichen Reisen, meine trüben Erfahrungen haben mir überreichen Lohn gebracht. Einen zweiten Ausflug in die Urwälder verleidete mir das Fieber; ich mußte, noch ehe ich meine Arbeiten begonnen, nach Charthum zurückkehren. Dort machten wir die Bekanntschaft eines Engländers, des Mr. Petherik, welcher im Dienst der egypti- schcn Regierung nach Kordofahn reisen wollte, um dort geologische Untersuchungen zu machen. Der Engländer bekleidete den Rang eines Bimbaschi oder Majors — ließ sich aber Oberst (Bei) nennen — und war der Sprache kundiger als wir, weshalb wir uns ihm anzuschließen beschlossen. Mitte Februars waren wir mit allem unS nöthig Scheinenden versehen. Charthum und seine Bewohner. Ehe wir zur Betrachtung der Hauptstadt des inncrafrikanischen Reiches übergehen, müssen wir vorerst einen Blick auf die Geschichte jener Länder werfen, deren Centralpunkt ich zu schildern versuchen werde. Die Geschichte des Sudahn beginnt erst in unseren Zeiten; das vorher Geschehene ist durch das Blut von Tausenden, der Habgier und Rache geopferten Menschen verwischt worden. Nur traditionell zieht sich die Erinnerung wie ein goldener Faden durch dieses trübe Blutmecr hindurch, die Erinnerung an die früheren glücklichen Zeiten unter der Herrschaft der eingebornen Könige aus dem Stamme der Fungi, an die Zeiten, wo auf der Insel Arg» in Nubien noch tausend Schöpfräder kreischten, wo dort noch ein König Gericht hielt, wo das Volk der Scheine, zu Berber und Halfa'i, die Bewohner von Sennahr, Roseeres und Fassokl noch eigne Herrscher hatten und Kordofahn unter dem milden Scepter Dahr-Fuhr's stand. Aber diese Erinnerung lebt nur noch in dem Gedächtnisse Weniger; erst seit den Jahren 1820 und 1821 ist die Geschichte in Aller Mund. Die Begebenheiten jener Jahre werden nie vergessen werden: verlassene Städte, verödete Felder und zu Grunde gerichtete Völker sprechen ohne Worte ihre nie verhallende Sprache. Ich meine mit jenen Ereignissen die Eroberung des Sudahn und die Unterjochung seiner Völkerschaften durch die türkisch-egyptischen Truppen. Mit der Niedcrmetzelung der Mameluken schien Maham- med-Aali's Herrschaft in Egypten erst neu gegründet, aber gesichert zu sein. Allein noch war die Ruhe nicht hergestellt; ein Kampf des Muthes, der Rache und Verzweiflung erhob sich gegen unverhältnißmäßige Uebermacht, schändlichen Verrath und infame Treulosigkeit. Die Häuptlinge der Mameluken waren gefallen, 1-40 meuchlings gemordet, unbesiegt. Noch lebte ihre tapfere Krieger« schaar. Aus ihrer Mitte wählten sie sich neue Führer und zogen sich nach Nubien zurück, in der Absicht, dort ein neues, von ihnen beherrschtes Reich zu gründen. Mahammed-Aali'S Truppen folgten ihnen. Jbrihm, Sais und andere Festungen der Mameluken wurden belagert und erobert, obgleich die Belagerten mit Todesverachtung kämpften und den Siegern nur ihre Leichen überließen. Zu schwach, um sich in offener Feldschlacht dem Feinde entgegenzustellen, mußten sie sich in die Festungen werfen, wurden einzeln angegriffen und endlich vernichtet. Das siegreiche Vordringen des türkisch - egyptischen Heeres führte zur Eroberung von Ländern, nach deren Besitz der egyptischc Usurpator früher nie gestrebt hatte, wurde aber auch die Quelle namenloses Elendes für mehrere Völkerschaften, welche sich bis dahin ihrer Freiheit und des damit verbundenen Glückes zu erfreuen gehabt hatten. Die Mameluken hatten bis zum letzten Hauche für ihre Unabhängigkeit gekämpft, die Nubicr mußten mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen, um ihre Freiheit zu schützen und ihr Heimathsland zu vertheidigen. Von den schwächlichen Barabra konnten die egyptischen Truppen nicht aufgehalten werden; der Adel Nubiens, die sieggewohnten, tapferen und stolzen Scheine mußten sich dem heranwogenden Heere entgegenwerfen. Die immer Siegenden sollten zum ersten Male besiegt werden. Im Jahre 1820 stellten sich die ScheiNe den Egyptern bei Korti gegenüber. Mit Schaudern denkt noch heute jeder Nu- bier des unglücksvollen Tages. Die Egypter siegten. Ein tapferes, heldcnmüthiges, aber regelloses Volk kämpfte mit Lanze und Schild gegen tüchtige Krieger mit dem ihm noch unbekannten Feuerrohr in der Hand. Seine Frauen waren mit ihren Kindern hinausgezogen, um die Männer durch gellenden Schlachtruf zum Kampfe anzufeuern oder im frommen Gebete den Sieg für sie zu erflehen. Sie hielten ihre Kinder auf den Armen empor und beschworen liebkosend die Väter, ihr Theuerstes vor schmachvoller Knechtschaft zu bewahren. Der Kampf begann. Die Geschütze der Egypter schleuderten Tod und Verderben in die Reihen der tapferen Nubier und, 141 obgleich diese die Kanonen erreichten und mit dein Schwerte in die metallenen Röhre Lücken zeichneten, welche man noch heute sehen kann*), — nicht die ruhmvolle Tapferkeit, die Uebermacht der Waffen entschied den Sieg. Die braunen Männer ergriffen die Flucht. Das Wehcgeschrei der Frauen übertönte das Kampfgebrüll. Verzweiflung erfaßte sie, sie drückten ihre Kinder an's Herz und stürzten sich zu Hunderten in die Wogen des Stromes, ruhmvollen Tod schmachvoller Knechtschaft vorziehend. Den Uebrigblcibcnden war die Flucht verwehrt. Zur rechten und linken Seite des Flusses starrten ihnen öde und dürre Wüsten entgegen; für sie boten diese keinen Zufluchtsort. In der Wüste hätten sie verschmachtend den Tod gefunden, wenn sie auch dem Tode durch das Schwert zu entgehen geglaubt hätten. Deshalb blieben sie in ihrem Vaterlande und beugten den früher frei getragenen Nacken unter das Joch der Unterdrücker, obgleich sie es kaum zu ertragen vermeinten. Nur noch einmal entflammte ihr Heldenfeuer, noch einmal erhob sich daS edle Volk zur letzten Gegenwehr. Der kühne Melik cl Nimmer, d. i. der Tigerkönig, zu Schcndi versammelte sein Volk. Schcndi und MLtämms, jene zwei südnubischcn Schwesterstädte, sollten auss Neue die Geisel des Siegers fühlen. Jörn aöl-Pascha, des alten Mahammed-Aali Sohn, erschien mit seinen Soldaten im Oktober des Jahres 1822 auf vielen Schissen vor Schcndi. Er verlangte von dem dort herrschenden Melik innerhalb drei Tagen eine nicht zu liefernde Menge von Sklaven und mehr Geld, als je im Besitz des Häuptlings gewesen war. Diesem und allem seinem Volk stand die Todesstrafe bevor, wenn er die ihm auferlegte Steuer nicht entrichten konnte. Da gab ihm die Verzweiflung Muth. Er sah sein Verderben vor Augen und beschloß, das Aeußerste zu versuche». Nach allen Seiten eilten seine Boten, um den unter der Asche glimmenden Funken der Empörung zur hellen, vernichtenden Flamme anzublasen; sie geboten dem seiner Knechtschaft übermüden Volk List, Muth und Ausdauer. *) In Kordofahn sah ich noch mehrere Geschütze, welche die Wahrheit jener kühnen That beweisen. Der König selbst heuchelte dem Pascha gegenüber die tiefste Unterwerfung. Durch falsche Vorspiegelungen lockte er Jsmaöl von seiner sicheren Barke in eine geräumige, mit dichter Sericba umschlossene Strohhüttc. Große Strohhaufen lagen im Innern der Um- zäumung aufgeschichtet und wurden als Kamelfuttcr ausgegeben. Melik Nimmer selbst richtete in jenem Tokhul dem Pascha ein Gastmahl zu, zu welchem alle höheren Offiziere gebeten wurden und auf Befehl ihres Gebieters erschienen. Der Pascha und seine Getreuen sitzen beim Mahle. Vor der Serieba tönt die TLrLbükä*), das junge Volk übt sich im fröhlichen Tanze. Sie werfen gegenseitig Lanzen auf einander und sangen sie geschickt mit ihren Schilden aus. Der Pascha wirst zuweilen einen Blick auf das Getümmel und ergötzt sich an dem Geschick der Tanzenden. Und als wollten diese ihre ganze Gewandtheit zeigen, so rasch und wild werden ihre Bewegungen. Sie kämpfen scheinbar mit Erbitterung. Immer tobender werden ihre Spiele, immer heftiger dringen sie auf einander ein, die Trommel tönt ununterbrochen fort, plötzlich aber auch in allen übrigen Theilen der Stadt. Ein gellendes durchdringendes Geheul durchzittert die Luft. Die Kämpfenden haben sich vereinigt und schleudern ihre Lanzen nicht mehr nach den Schilden ihrer Freunde, sondern in das Innere der Serieba aus die Türken. Von allen Seiten sieht man Frauen mit Flammenbränden herbeieilen und diese in das aufgehäufte Stroh am Tokhul des Pascha's werfen. Im Nu hat das Feuer alle Theile des Strohgebäudes ergriffen, ein Flammenmeer röthet den Himmel. Jetzt hört man die Kriegstrommel auch in Mctämme; man hört sie in jedem der benachbarten Dörfer; ihr Klang erschallt von Ort zu Ort und verbreitet sich durch die ganze Provinz. Es ist, als ob die Streiter des geknechteten Volkes der Erde entkeimten. Was Waffen tragen kann, trägt sie; Weiber stehen, ihr Geschlecht vergessend, in den Reihen der Männer, man sieht sie, Asche und Sand in den fettgetränkten Haaren, mit ent- *) Die Tarabuka ist eine Trommel, hier die Kriegstrommel der inner- afrikanischen Völkerschaften. 143 blößtem Busen und nur um die Lenden geschürzt, die Feinde verfolgen ; Kinder und Greise fechten mit der Kraft der Männer. An der brennenden Hütte, welche den Pascha und fünfzig seiner Offiziere einschließt, beginnt der Vernichtungskampf. Wer hcrausflieht, wird niedergestochen; die Bleibenden frißt das Feuer, Keiner entkommt*). Schendi und Metämme sind in einer Nacht von den Feinden befreit. An den übrig gebliebenen Mauern des festen Schlosses zu Metämme bezeugen noch heute dunkle Blutflecken die Begebenheiten jener Tage. Nur wenige von den Soldaten Jsmaöl-Pascha's entkamen auf ihren Schiffen und brachten dem in Kordofahn weilenden Mahammed-Bei el Defterdahr die grauenvolle Nachricht. Dieser, wegen seiner Grausamkeiten „el Djelahd", der Henker, genannt, eilte mit der ganzen Macht seines Heeres nach Schendi und schwur, die Manen seines Oberbefehlshabers und Verwandten blutig zu rächen. Obgleich die Nubier sich mit aller Macht rüsteten, waren sie doch nicht im Stande, den wohlgeübten Truppen Mahammed - Be'r's zu widerstehen. Sie wurden wieder geschlagen. Niemand kennt die Zahl der Menschen, welche jener Tyrann seiner Rache opferte; sie soll die Hälfte der damaligen Bewohncrzahl weit überstiegen haben. Mahammed-Be'r vernichtete die Blüthe der streitbaren Mannschaft Nubiens und mordete die Greise, Frauen und Kinder des unglücklichen Volkes. Die Gräuclthaten, welche er ausübte, sind nicht zu beschreiben und machten auf das Volk einen fürchterlichen Eindruck. Ich habe das hier Mitgetheilte aus dem Munde eines Augenzeugen vernommen. Der Nubier Tomboldo, einer meiner nachherigen Diener, war in der Periode jener Schrcckcns- tage noch ein kleiner Knabe; er war, wie er sagte, „im Blute seiner Landsleute groß geworden." Als er mannbar wurde, sproßten *) Es wird den in jener Strohhütte eingeschlossenen Soldaten ewig zum größten Ruhme gereichen, wie sie ihren Feldherrn vor dem sie Alle vernichtenden Feuer zu schützen versucht haben. Man fand den Pascha unversehrt unter einem Haufen halb und ganz verkohlter Leichen. Die Sol- daten hatten ihn mit ihren eignen Leibern vor den Schmerzen des Flammentodes bewahrt. Er erstickte in der Mitte seiner Getreuen. 144 ihm statt des kohlschwarzen Haares der Nubi'er graue Haare um Mund und Kinn; sein Haupthaar ergraute noch vor seinem zwanzigsten Jahre „wegen deS vielen Blutes, welches vor seinen Augen vergossen worden war." Nach dem letzten, lange dauernden Blutbadc war die Unterjochung der Nubicr beendet. Das früher freie und stolze Volk der Scheikke hörte auf ein Volk zu sein. Die Häuser der Getödte- ten verfielen, Schendi und Metämme verödeten, die Felder blieben unbebaut, der Sand der Wüste bedeckte das frühere Kulturland. Dreifach schwerer lastete das Joch, welches die Nubier abzuschütteln versucht hatten, auf ihnen; es lastet heute noch. Erst nach Jahren entstand ein in der Knechtschaft aufgewachsenes Geschlecht, das sich geduldig dem Beherrscher seines Landes unterwirft. ES ist knechtischer geworden als seine kampflustigen Vorfahren, aber nicht besser als diese*). Nachdem sich Mahammed-Be'r am Blute seiner gemordeten Schlachtopfcr genugsam gesättigt hatte, drang er unaufhaltsam dem Süden zu. Die das Land durchreisenden Sklavenhändler brachten vom oberen Laufe des blauen Flusses Goldkörner und Goldringe, vorn Bahhr el abiadt vorzügliches Elfenbein in großer Menge mit sich. Sie erzählten, daß die Sudahnesinnen schwere Goldringe in der Nase trügen, daß der König der Fungi zu Sennahr, der Hauptstadt seines Reiches, eine Serieba von Elephantenzähncn um seinen Strohpallast gezogen habe, wie man sich dasselbe noch heut zu Tage vom Sultahn Dahr-Fuhrs erzählt. Die Heerden der Kamele und Rinder, welche bisher nur von dem König der Wild- niß, dem Löwen, belästigt, in den tropischen Wäldern an den Ufern *) Melik Nimmer entfloh nach Abyssinien. Die türkische Regierung sehte einen hohen Preis auf seinen Kopf und dingte Mörder für ihn. Selbst der Vater einer seiner Frauen zettelte gegen ihn eine Verschwörung an, wurde aber von seiner eignen Tochter an den Häuptling verrathen. Dieser lud die Verschwornen zu einem Gastmahl ein und ließ sie umbringen, wobei die erwähnte Frau ihren eignen Vater erdolcht haben soll. Der Melik entging glücklich allen Nachstellungen, lebte lange in hohen Ehren und starb erst vor wenigen Jahren. Er wurde von seinen früheren Vasallen oft besucht und von ihnen wie ein Heiliger verehrt. der beiden Ströme weideten, hielten sie für unzählbar. Diese theilweise wahren Erzählungen ermunterten den habsüchtigen Tyrannen zu weiterem Vordringen. Er entthronte den König von Halfa'r und besiegte den König der Fungi. Die Provinz Kords sahn war dem milden Scepter Dahr-Fuhr's bereits entrissen worden. Dort stand noch ein ziemlich starkes Heer, um das besiegte Volk im Zaume zu halten; der Bei konnte frei agiren. Die Königreiche Halfa'i und Sennahr waren bald unterjocht und noch schneller ausgeplündert. Weiter im Süden winkte die Goldernte. Man erreichte Rose er es und erfuhr, daß das Gold noch weiter südlich, in Khassahn, gegraben werde. Aber es war jetzt nicht rathsam, auch bis dahin vorzudringen. Die Truppen waren schon zu weit von Egypten entfernt und man mußte ihnen erst eine Station errichten, von welcher aus man weitere Feldzüge unternehmen konnte. Die Wahl derselben war äußerst glücklich. Da, wo der muntere Gebirgsstrom, der Bahhr el asrakh, seine raschen Fluchen mit den langsam dahin schleichenden, trüben Wässern des weißen Stroms vermischt, lag ein kleines Dorf: Charthum. Aus ihm sollte die Hauptstadt der „Königreiche des Sudahn" — so nennen die arabischen Gelehrten noch heute jenes Land — hervorgehen. Im Jahre 1823 erbaute man die ersten Tokhahl für die Soldaten, ein Wenig oberhalb des Dorfes und wegen des guten Trinkwassers aus dem blauen Flusse, dicht an diesem Strome. Eine Hütte reihte sich an die andere, der ,,Kaffr" (Weiler) erwuchs zum ,,Bänder" (Flecken). Häufige Brände vernichteten die Strohhütten, weshalb man sie durch Lehmgebäude ersetzte. Man errichtete nun die Wohnung für den dort herrschenden Pascha, zahlreiche Gefängnisse für die wi'dcrspän- stigen Eingcborncn und gründete die Moschee. Spätere Neubauten, unter denen der Basar obenan steht, gaben dem Bänder Charthum seine heutige Gestalt und erhoben ihn zur „Medihne" (Stadt). Von hier aus wurden nun in späteren Jahren mehrere Feldzüge und viele Sklavenjagden unternommen. Das zwischen dem 10 146 rothen Meere und dein blauen Flusse, der Nordgrenzc Abyssiiüens und dem Atbara gelegene Belled Tahka wurde unterjocht; man eroberte die Länder des oberen blauen Flusses: RosseereS, Fasset l und KHassahn, ließ hier aber die früheren Herrscher noch einige Zeit lang nominell in ihrem Bcsitzthum und erlaubte ihnen, ihren Rang und Titel fortzuführen, freilich ebenfalls nur dem Namen nach. Bis jetzt haben diese Länder den Eroberern noch keineswegs große Vortheile gebracht, sondern sind vielmehr wegen häufiger Einfälle der abyssinischcn Völker, wegen oft stattfindender Empörungen und fast immerwährender Unruhen ihnen eine wahre Last geworden, welche man aber immer nicht gern wegwerfen will. Führen wir die einzelnen ,, Länder" — nach dem Begriffe des arabischen Wortes ,, Belled", — welche von Charthum aus beherrscht und die Königreiche des Sudahn genannt werden, zur bessern Uebersicht namentlich auf, so sind es folgende: Battn el Madjar bis zum Anfange des großen Katarakts von Wadi- Halfa; Dahr el Sukoht, Dahr el Mahhaß, Dahr Dongola, Dahr el Scheik're, Dahr Berber, Dahr Schendi, Dahr Halfa'r, El Djcsihre, d. i. daS zwischen den beiden Strömen liegende „Jnsel"-Land, Scnnahr, Ros- seeres, Fassokl, Khassahn, Kordofahn und Belled Tahka. Die Karte zeigt, daß die Hauptstadt aller dieser Länder fast in ihrem Mittelpunkte liegt. El Chärt hüm, wie ich, gemäß der arabischen Aussprache, statt Chardum, Charrum, Cartum, Kardum und Khar- toum schreibe, liegt ungefähr unter 15" 3V' der n. Br., 30' 10' östlicher Länge von Paris und 1525 pariser Fuß über dem Spiegel des mittelländischen Meeres, dicht am blauen Flusse und nur hier und da von ihm durch Gärten getrennt. Der blaue Fluß oder Bahhr el asrakh vereinigt sich eine Viertclmeile unterhalb der Stadt bci Rahö el Charthum (dem Vorgebirge von Charthum) mit dem Bahhr el abiadt oder weißen Flusse und bildet mit ihm den Bahhr el Nihl oder Nilstrom, welcher von nun an auf seinem fast dreihundert deutsche Meilen langen Bogenlaufe nur 147 noch die Fluthen dos Atbara (auch Takasse und von den Alten Astaboras genannt) bei Berber el Mucheircs aufnimmt. Wenn man sich der Stadt vom weißen Flusse aus nähert, nimmt sie sich gerade nicht am Vortheilhaftesten aus. Während der trockenen Jahreszeit und dem durch sie bedingten niederen Wasser- stande der Ströme kommt man dicht an den Ufern derselben durch einige gut bebaute und sehr fruchtbare Felder, hinter denen sich eine öde, sterile und staubige Ebene, ohne alle Gebirge und Hö- henzügc ausbreitet. Zur Linken bemerkt man im blauen Flusse die Insel Buri mit einem hinter den Dünen fast versteckten Tokhul- dorse gleichen Namens und weiter stromaufwärts die im üppigsten Flore stehenden Gärten der reicheren Einwohner Charthuin's. Mehr nach Osten zu sieht )nan die „Chala" mit spärlichem Baumschlag, südöstlich zwei freundliche, von duftigen Mimosen beschattete Dörfchen, südlich Nichts als Sand und einzelne Büsche, westlich den breiten Spiegel des weißen Flusses und die schon hier beginnenden tropischen Wälder. Nach Norden zu schließen die Gebirge von Kerreri, welche nach der Ansicht mancher Geographen den Sudahn von Nubien scheiden, den Prospekt. Gerade vor sich hat man (im Osten) die Stadt Charthum: eine einförmig graue Häusermasse ohne jede Abwechselung, über welche sich ein niederes Minaret kaum erhebt. Bevor man zur Stadt gelangt, muß man eine von Aas und anderem Unrath stinkende, staubige Fläche passircn und einen zum Schutze der Häuser gegen die übertretenden Flüsse gezogenen Damm überschreiten. Man betritt auf dein erwähnten Wege die Hauptstraße Charthuin's, welche vom Westen nach Osten zu die Stadt durchschneidet, und kommt durch sie zunächst auf den Markt. Wenn ich eine Straße Charthuin's beschreibe, schildere ich auch alle übrigen. Die Straßen sind während der trockenen Jahreszeit staubig und sandig, während der Regenzeit eine ununterbrochene Reihe von Pfützen und Kothhaufen. Der in ihnen zu jeder Jahreszeit herrschende Gestank und ihre Hitze sind über alle Begriffe civilistrter Menschen erhaben. Fast alle Straßen führen nach dem Markte oder zu einem der beiden Amtsgebäude; sie sind selten breit und 10 * 148 gerade, sondern meist krumm und unregelmäßig und verstricken sich oft zu einem kaum zu ergründenden Labyrinth. Freie Plätze sind in Charthum selten und haben, wo sie sich finden, gewöhnlich keinen Zweck. Von der Straße auS sieht man von den Häusern bloß die Thüren; alles Nebrige ist hinter hohen Lchmmauern versteckt. Hiervon machen wenige Gebäude insofern eine Ausnahme, als auch einige Fensteröffnungen nach der Straße herausgehen, selbstverständlich nur die des Hausherrn. Charthum zeigt in seiner heutigen Gestalt noch deutlich den Gang seiner Entstehung. Anfangs stand es jedem Baulustigen vollkommen frei, sich einen Bauplatz auszusuchen, wie er ihn wünschte. Diesen benutzte er ganz nach seinem Gutdünken. Man findet deshalb mitten in der Hauptstadt noch große Gärten und sieht nirgends die Anzeichen eines, von Anfange an befolgten, regelmäßigen Bauplanes. Die Häuser Charthum's sind durchgehends einstöckig, mit plattem Dache. Jede größere Wohnung bildet ein für sich abgeschlossenes Ganze, zumal wenn sie einem Türken, Kopten oder reichen Araber gehört. Sie enthält gewöhnlich zwei von einander getrennte Theile: die Behausungen des männlichen und die des weiblichen Personals einer Familie oder, wie man in Egypten sagt, den Diwahn und den Harehm. Die Häuser der Vornehmen sind höher und größer als die der Armen und gemeinen Leute, haben eine ziemlich große Zahl von sogenannten Zimmern, besitzen Ställe, Remisen und dergleichen andere Räume, unterscheiden sich aber in der Bauart von diesen wenig oder nicht. Das Material ist zu allen dasselbe; es besteht aus sogenannten Luftsteinen, d. h. zu viereckigen Stücken geformtem Lehm, aus welchem die Mauern errichtet werden, Mimosenbalken, dünnen Stäben und Strohmatten zum Bau des Daches und Rohrstäben oder Brettern zu Thüren und Fenstern, falls diese überhaupt vorhanden sind. Der Bau einer Tankhit (im Plural Tsnäkha), wie die aus Erde errichteten Wohnhäuser im Sudahn genannt werden, geht sehr rasch von Statten. Man gräbt und formt die nothwendige, 149 thonhaltige Erde so nahe als möglich an der Baustelle und läßt sie in der Sonne trocknen. Bei der immer herrschenden Hitze wer« den die Luftsteine bald so hart, daß sie zum Bauen verwendet werden können. Die Armen verrichten dieses Geschäft mit Hülfe ihrer Nachbarn selbst, die Vornehmen und Reichen dingen sich Werklcutc dazu. Man zeichnet den Plan zu dem Gebäude gleich auf der Baustelle vor und gründet die Mauern, welche bis zu einer gewissen Höhe mit Erde ausgefüllt werden, damit der Fußboden über das Niveau des umliegenden Terrains erhöht wird. Run werden die Mauern bis zu der bestimmten Höhe fortgeführt und dann zur Bedachung vorbereitet. Das Dach ist derjenige Theil des Hauses, auf welchen die größte Sorgfalt verwendet werden muß und deswegen auch am kostspieligsten. Es ruht zuerst auf einer Unterlage von ziemlich starken Balken aus Mimoscnholz, welche man, etwa an« derhalb bis zwei Fuß von einander entfernt, in die Wände einmauert. Auf diese Balken legt man querüber dünne, dicht an einander gereihte Stäbe, von den Eingebornen Rässsß genannt, welche in den tropischen Wäldern geschnitten und oft weit herbeigeschafft werden. Sie tragen doppelt über einander gebreitete, sorgfältig geflochtene Matten aus Palmcnblättern. Jetzt erst folgt die eigentliche, wasserdichte Bedachung: eine mehrere Zolle dicke, festgestampfte, möglichst geglättete Lchmschicht. Das Dach ist nach der einen Seite unter einen Winkel von zehn bis fünfzehn Graden zur Horizontalen geneigt und hier mit kurzen Traufrinncn versehen, durch welche das Wasser ablaufen kann, ohne an den Mauern her- unterzurieseln. Die Scitenuiauern überragen die Fläche des Dachs um einen Fuß und werden wie diese mit einem Uebcrzuge von Lehm, Spreu und Rindermist bedeckt, um das Eindringen des Regens, der an dieser Kruste herabläuft, möglichst zu verhüten. Leider ist die Konstruktion eines solchen Daches noch immer sehr mangelhaft. Nach jedem Gewitterregen sieht man die Einwohner Charthum's beschäftigt, die Dächer ihrer Wohnungen wieder auszubessern; oft kommt es sogar vor, daß sich die Abzugskanälc verstopfen. Dann bildet sich auf dem Dache eine Wasserlache und erweicht dasselbe so, daß das Wasser nach dem Innern einen Abzug findet und die I5Ü Räumlichkeiten dcr Wohnung überschwemmt. Zuweilen hat dies auch den Einsturz des ganzen Gebäudes zur Folge. In Charthum sind schon viele Menschen von dem während eines Gewitters zu- » sammenstürzcnden Dache erschlagen worden (unter Andern auch vor etwa zehn Jahren ein italienischer Arzt). Wir waren mehrere Male genöthigt, unsere Effekten vor dem in das Zimmer herabstürzenden Regen in Kisten zu bergen und wurden nicht selten aus einem Zimmer in's andere getrieben. Ein derartiges Wohnhaus kostet in Charthum mit Garten und Zubehör drei- bis sechstausend Piaster oder zwei- bis vierhundert Thaler unseres Geldes. Das Innere der Häuser gleicht ihrem Aeußcren. Der Fußboden besteht aus gestampfter Erde, ebenso dcr um anderthalb Fuß über denselben erhöhte Diwahn*), auf welchen man später Matten oder Sitzpolster legt. Nur selten haben die vier nackten, etwas geglätteten Lchmwände eine besondere Verschönerung auszuweisen, nur in wenigen Häusern sind sie außer der Rindcrmistkruste auch noch mit Weißkalk getüncht worden. Die Fenster sind Mauerlöcher, ^ vor denen man weite oder enge Gitter befestigt hat, die Thüren ähneln ihnen und können nur in manchen Gebäuden geschlossen werden. Man findet im ganzen Hause weder Schloß und Riegel, noch Bänder und anderes Eisenwerk. Selbst die in Egypten gebräuchlichen Holzschlösser sind selten. Alle Zimmer gleichen eher Viehställen, als menschlichen Wohnungen. In dcr Nähe des Marktes sieht man bessere Häuser, als in den andern Stadtthcilen. Die Zimmer sind höher und kühler, reinlicher und verschließbar. Auch haben mehrere Europäer und Türken ihre Wohnungen nach egyptischcn Vorbildern verbessert, obgleich sie den im Sudahn gebräuchlichen Grundgesetzen treu geblieben sind. Im Hause eines Franzosen fand man sogar Glasfenster und Estrichfußboden; an den gewcißtcn Wänden hingen Bilder und als große Seltenheit Spiegel. Ein ähnlicher Lurus war sonst nur noch im Palaste des Generalgouvcrneurs bemerklich. , Am schlimmsten sind in Charthum, was die Wohnung anlangt, Hier die sich an der Wand hinziehende breite Ottomane. 151 die Neuangekommenen daran. Wenn ein Fremder seine erste Wohnung miethet, bekommt er regelmäßig das schlechteste Haus, weil » die besseren Gebäude schon an länger Ansäßige verdingt sind. Hier muß er sich nun so gut als möglich selbst einrichten, denn der Hausherr bietet seinem Micthsmanne, außer den vier Wänden, Nichts. Zuerst gilt es, das Haus von dem innewohnenden Ungeziefer zu säubern. Alle dunkleren Orte beherbergen, zumal während der Regenzeit, Scorpionen, Taranteln, Vipern, häßliche Eidechsen, Hornissen und andere schlimme Gäste. Man dars Abends nie ohne Licht ein Zimmer betreten, weil sonst die zu dieser Zeit lebendige Schaar leicht gefährlich werden könnte. Ich trat einmal in einem dunklen Gange auf eine sehr giftige Viper, welche aber zum Glück gerade beschäftigt war, ein von ihr getödtetcs, harmloses Schwalbenpaar zu verschlingen und nicht beißen konnte. An große Spinnen und Scorpionen gewöhnt man sich so, daß man die nöthigen Vorsichtsmaßregeln nie versäumt. Nächtlich lebende Eidechsen, welche mit ihren Klcbefingcrn an der Decke hin und her spazieren und Fliegen fangen, werden wegen ihres Nutzens und ihrer unschuldigen Lebendigkeit Einem zuletzt lieb und werth; man freut sich, wenn man ihr Feie, xok — den Ruf, wegen dessen sie Gekonen genannt werden, — hört. Um so unangenehmer werden die lästigen Insekten. Die offenen Fensterlöchcr gewähren bei Tage einer hungerigen Schaar von Fliege» und Wespen, Nachts unzählbaren Haufen summender, blutdürstiger Musquitos freien Eingang. Diese Quälgeister peinigen den Schläfer bei Nacht ebenso sehr als die Fliegen , Wespen und Hornissen den Wachenden bei Tage. Man weiß sich vor ihnen gar nicht zu schützen. Dabei pfeift der Wind ganz nach Belieben durch diese Räume, die wir „Zimmer" uenncn müssen, hindurch und wirst von Außen Sand und Staub durch sie herein. Die in den meist niedrigen Räumen gewöhnlich herrschende große Hitze muß erst durch öfteres Sprengen mit Wasser etwas beseitigt ^ werden. Falls man nicht alles zum Sich-Wohl-Befinden Unentbehrliche von Egypten mitgebracht hat, ist man genöthigt, dasselbe zu sehr hohen Preisen auf dem Basare zu kaufen. Aber auch bei der bestmöglichsten Einrichtung eines charihumcr Hauses entbehrt man 152 noch immer unendlich Viel und thut wohl, wenn man das halbwilde Leben der Sudahnesen anzunehmen versucht. Charthum ist arm an öffentlichen Gcbäuden. Eigentlich ^ kann man nur die Amtswohnung des Generalgouvcrneurs der vereinigten Königreiche, die des Modihr oder Gouverneurs der Provinz Charthum, ein Lazareth und eine Kaserne, ein Pulvermagazin, die Moschee und den Basar öffentliche Gebäude nennen. Sie wurden von der Regierung nach und nach erbaut und erfüllen zum Theil ihren Zweck vollkommen. Will man auch einige Privatanstaltcn unter die öffentlichen Gebäude rechnen, so muß ich noch der koptischen und katholischen Kapelle und einer christlichen Schule Erwähnung thun. Die erstere Kapelle ist Besitzthum der Kopten, die letztere ist wie die Schule von der uns bekannten Mission errichtet worden. Die Wohnung des Generalgouvcrneurs (Hokmodahr) vom Sudahn nennt man die Hokmodcrte. Sie liegt im östlichen Theile der Stadt dicht am blauen Flusse und hat einen großen ^ freien Platz vor sich, welcher keinen besonderen Namen führt. Unter der Regierung Latief-Pascha's (1850—1852) wurde das Gebäude setze verschönert und vergrößert. Früher war es wie die übrigen Häuser Charthum's aus Lehm gebaut, jetzt sind die Erdwände durch solide Ziegelmauern ersetzt worden. Die Hokmodcrte enthält den Empfangssaal oder Diwahn des Pascha, die Arbeitszimmer seiner Beamten und Wohnzimmer seiner Bedienten, das Archiv, mehrere Staatsgefängnisse, eine starke Wache und den besonders abgeschlossenen, sehr zweckmäßig und dauerhaft erbauten, für den Sudahn kostbar ausgestatteten Harehm, welcher von einem fruchtbaren, gut gehaltenen Garten umgeben ist. Die Amtswohnung des Statthalters der Provinz Charthum oder die Moderte liegt im Mittelpunkte der Stadt nahe am Markte, ist höchst baufällig und mangelhaft und enthält den Di- wahn des Modihr, die Burcaur der Verwaltung, die Schatz- , kammer des Sudahn (cl Hesne), viele Gefängnisse für Verbrecher und ebenfalls eine starke Militärwache. Der Harehm des Bet befindet sich in dessen Privathausc. 153 Durch die Bemühungen von rechtlichen europäischen Aerzten ist das Lazareth jetzt so eingerichtet worden, daß der Kranke nicht mehr zu klagen nöthig hat. Die Krankensäle sind reinlich, hoch und lustig, die Pflege ist erträglich und die ärztliche Behandlung ziemlich gut, wenigstens werden jetzt keine Quacksalber und Pfuscher mehr geduldet. Leider kann man die Kaserne dem Lazarett) nicht zur Seite stellen. Sie ist unstreitig unter allen öffentlichen Gebäuden das erbärmlichste und besteht aus mehreren, von einer hohen Mauer umschlossenen, aber von einander getrennten Höfen, an deren Wänden sich kleine Höhlen befinden. Diese ähneln unseren Schwcincställen in ihrem Aeußeren und Inneren und sind für die armen Soldaten und deren Familien bestimmt. Auch in Egyptcn sind die Kasernen schlecht, jedoch immer noch Paläste gegen die im Sudahn. Wie in allen mahammedanischen Städten ist auch in Char- thum der Markt der Centralpunkt des geselligen Lebens und deshalb mit Sorgfalt angelegt. Er enthält hier die Moschee und mehrere Basare. Erstere ist aus Ziegelsteinen erbaut worden und hat ein recht freundliches Aussehen, obgleich ihre Bauart einfach ist. Das Minaret ist aus Lehm zusammengeklebt und ganz geschmacklos. In ihrer Nähe liegen zwei ziemlich bedeutende Kaufhallen, von denen die eine ebenfalls aus Backsteinen erbaut und zweckmäßig eingerichtet ist. Das Gebäude ist über hundert Ellen lang und mit zwei gewölbten, wohlverschlicßbarcn Eingängen versehen. Bon dem einen Eingänge zum andern führt ein breiter Weg, an dessen beiden Seiten vier und zwanzig Kaufladen angelegt wurden. Es sind von einander abgesonderte, freie und etwas erhabene Plätze, auf denen die Kaufgegenstände ausgelegt werden. Nachts hebt man die Waaren in kleinen Magazinen auf, welche sich hinter den Laden befinden. Die Halle wird durch Oberlicht erleuchtet, Nachts verschlossen und von einem vereideten Wächter, der sein Lager in ihr aufschlägt, gehütet. In diesem Basare findet man die theuersten, mehr für die Türken und Europäer von Egypten eingeführten Waaren. Die zweite Halle steht ihm an solider Ausführung und bequemer Anlage der Kaufladen bedeutend nach, denn 154 diese haben dort nur acht Fuß Höhe, Breite und Tiefe, weshalb jedes Plätzchen mit Waaren überhäuft ist. Aber der arabische Kaufmann braucht, um in seiner Bude auf den untergeschlagenen Bei- tz ncn sitzen zu können, nur wenig Platz und weiß aus den unordentlich im Laden durch einander liegenden Gegenständen geschickt das Gewünschte herauözukramen. Ueber den einzelnen Buden sieht man oft den Namen des Besitzers oder Sprüche aus dem Khorahn in mächtiger Frakturschrift (arabisch Süllns genannt), mit bunt ausgemalten Lettern prangen. Andere verzieren ihre Bilden mit Gemälden, welche von der Hand arabischer Künstler herrühren, gewöhnlich Löwen, Pferde und andere, zuweilen einer höchst überspannten Phantasie angehörige Thiere darstellen, kaum zu erkennen und unter aller Kritik ausgeführt sind. Zwischen beiden Kaufhallen liegt der Brodmarkt der Stadt. Hier sitzen die aus Egypten eingewandertcn Bäcker unter großen Sonnenschirmen und bieten ganz vortreffliches Waizenbrod feil, während die Sudahnesinncn kleine Durrahkuchen und größere Dur- rahfladen zum Bedarf ihrer Landslcute dort verkaufen. An den Brodmarkt reiht sich der Milch-, Frucht- und Gemüsemarkt, in dessen Mitte sich ein fatales Gerüst, der Galgen, erhebt. Es hat etwas Schauerliches, wenn sich hier die Menschen kaufend herumtreiben, zumal wenn der Galgen behängen ist, was die Gärtner und Butterwciber keineswegs in ihren Geschäften stört. Von hier aus kann man über den Getraidemarkt nach dem Tabaks markte gehen, welcher wiederum mit dem Fctt- und Futtermarkte in Verbindung steht. Auf dem ersteren sieht man Waizen- und Durrah Haufen auf der bloßen Erde liegen; den Tabak kauft man in einer engen Straße, in welcher der Staub des stets trocknen Krautes die Luft erfüllt. Auf dem Fett- markte findet man Rinder- und Schöpsentalg zur Anfertigung der Tclka, von deren Gebrauch wir weiter unten sprechen werden, und auf dein Futtermarkte Heu, Stroh, Durrahstängel und ande- ^ res Viehfutter. Eine ganz besondere Annehmlichkeit Charthum's sind die Gärten am Ufer des blauen Flusses. Ihr lebhaftes Grün erfreut das 155 durch die öde Umgebung der Stadt niedergedrückte Gemüth und ihre Früchte sind bei der Fruchtlosigkeit der inncrafrikanischen Holztz arten oft ein erwünschtes Labsal. In diesen Gärten gedeihen noch Weintrauben, Limonen oder Zitronen von der Große der Wallnüsse, Granatapfel, Feigen, Kaktus- oder Stachel- feigen, Bananen und die ananasartigcn Früchte eines BaumeS, „Khischta" genannt, von köstlich aromatischem Geschmack. Außerdem zieht man hier Gemüse, als: Mülüch'ie, ein niederes, unserer Pfeffermünze an Gestalt ähnliches, wie Spinat schmeckendes Kraut; BiUn'rö, die schleimige Frucht eines auch in der Steppe wildwachsenden und dort unter dem Namen ÜökL bekannten Strauchs; BitlngZchn rswid und Bitingahn LchmLr, schwarze und rothe Liebcsäpfel; Khölstsch, ein breitblättriges Zwiebelgewächs, dessen Zwiebeln geröstet den Kartoffeln ähnlich schmecken; Ridjls, Salat; Lüb'i«, Bohnen und Brlsssl, Zwiebeln. Die Dattelpalme hat hier ihre südlichste Grenze erreicht und liefert, wenn sie auch zu schönen Stämmen erwächst, keine guten Früchte mehr. Einige Gärten sind so geräumig, daß man in ihnen Getraide baut. Bei gut unterhaltener Bewässerung hat man auf ein und demselben Stücke schon viermal im Jahre Waizcn geerntet, so groß ist die Fruchtbarkeit und lebenbeschleunigcnde Wärme dieser Gegend. Der Ackerbau spielt in der Nähe Charthum's, ebenso wie die Thierzucht eine sehr untergeordnete Rolle. Man schafft die nothwendigen Lebensrnittel in so großer Menge herbei, daß die Preise derselben sehr niedrig sind und man in der That nicht bcnöthigt ist, bei Charthum große Sorgfalt auf ihre Erzeugung zu verwenden. Nur die Melonen werden hier in namhafter Menge gezogen und geben einen sehr reichlichen Ertrag. Während der trocknen Jahreszeit baut man sie auf den im blauen Flusse entstehenden Sandinseln, während der Regenzeit einzeln in den Gärten. Sie werden so billig, daß man für zwanzig Para oder einen Silber- ^ groschcn sehr schöne Wassermelonen (arabisch BLtrech) und für die Hälfte dieser Summe ebenso große Zuckermelonen (KHLuühn) kaufen kann. Obgleich sie den egyptischen Melonen an Güte nachstehen , sind sie doch immer noch recht genießbar. Mit den Melonen 156 pflanzt man anch Gurken von geringer Güte und unbedeutender Größe. Sonst sieht man in der Nahe Charthum's noch Gerste und Bohnen, Durrah und Dachen auf den Feldern, je- e doch werden die letzteren Getraidcarten in weit größerer Ausdehnung in der Steppe gebaut. Die Bevölkerung der Stadt Charthum ist aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt, wenn auch nicht so bunt gemischt, als in Kairo. Alan kann die Gesammtzahl der Bewohner auf 30,000 Seelen anschlagen, wovon vielleicht 3000 auf daS Negermilitär kommen dürften. Wir finden in Charthum Türken, Europäer, Griechen*), Juden, Egypter, Nubier, Su- dahncsen, Abyssinier, Gsllüs und vier oder fünf verschiedene Negervölker, als z. B. Dah r-Fuhr-Neger, Schil- luk, Dinkha, Neger aus Takhale und vom oberen Laufe des blauen Flusses u. s. w. Die Türken des Ost-Sudahn und Egyp- tens find von ihren Landsleuten wegen ihrer schlechten Sitten verachtet, stehen aber in moralischer Hinsicht noch hoch erhaben über den Europäern Charthum's, denn diese sind mit wenigen Ausnahmen der Abschaum ihrer Nationen. Griechen und Juden sind im Sudahn nicht besser oder schlechter, als anderswo und die Egypter ihren heimischen Sitten und Gebräuchen treu geblieben. Ueber die zuletzt genannten Völkerschaften werde ich mehr zu sagen haben. Unter den Sudahnesen haben wir alle jetzt in den Ländern des weißen und blauen Flusses einheimischen braunen Völkerschaften des innern Afrika zu verstehen. Schon seit mehreren Jahr- *) Die Griechen werden in der Levante nicht zu den Europäern gezählt, es würde sich sogar jeder länger in Egyptcn ansässige Europäer beleidigt fühlen, wollte mau einen Griechen ihm gleichstellen. Es wird selbst ausdrücklich bemerkt, wenn man Jemanden nach der Nationalität eines noch unbekannten Mannes fragt, wenn dieser ein Grieche ist, daher ein Grieche und kein Europäer sei. In ganz Nord-Ost-Afrika stehen die Grieche» in so schlechtem Rufe, daß sich daraus diese sonderbare Thatsache erklären läßt. Hunderten haben sich die Ureinwohner des Sudahn, die Fungi, mit den umwohnenden Völkern vermischt, weshalb man von einer reinen Rape nicht mehr sprechen kann. Gegenwärtig zählt man auch die im Sudahn wohnenden Abyssinier und eingcwanderten Nubier zu den Sudahnesen, kann aber das Volk in zwei Hauptklassen eintheilen: Städte- oder Dörscrbewohner und Nomaden. Von den letzteren unterscheidet man die „Aulahd" oder „Ben," (zu deutsch: Söhne), el Hassan'ie, Beni-Djerahr, KLbL- bresch, Bischahri, Bllkhähra und andere, welche in Gestalt, Sitten und Gebräuchen mehr oder weniger von einander abweichen, aber wegen ihrer Lebensart mit den Bewohnern fester Wohnsitze nicht verwechselt werden können. Alle Sudahnesen sind frei- gebornc Leute, welche nicht als Sklaven verkauft werden dürfen. Die Sudahnesen sind durchgehcnds wohlgebaute Menschen von mittlerer oder hoher Statur, kräftig und im Stande, bedeutende Körperanstrengungen zu ertragen; die Männer sind mit Ausnahme der Hassame gewöhnlich schöner als die Frauen, welche in manchen Städten, wie z. B. in Charthum, geradezu für häßlich gelten. Hierzu trägt hauptsächlich wohl ihre Sitte bei, sich die Lippen blau zu färben, was die Frauen der Nomaden nicht thun. Ihre Kleidung ist mit geringen Veränderungen fast überall dieselbe und sehr einfach. Bei den Männern besteht sie gewöhnlich nur aus kurzen, ursprünglich weißen, ziemlich weiten Unterbeinklcidcrn, „Libbshs" genannt, welche von der Hüfte an bis zum Knie Herabreichen, der „Fsrdllh, einem oft sechzehn Fuß langen und vier Fuß breiten, baumwollenen Umschlagtuche von grauer Farbe, mit hochrothen oder lebhaft blauen Endstreifen, in welches sie den Körper einhüllen, einfachen Sandalen und der „Takh 'r e", einem dicht auf dem Kopfe liegenden, weißen Mätzchen aus doppeltem, durch viele parallel laufende Nähte vereinigtem Baumwollenzeuge. An dem linken Oberarm tragen sie in der Nähe des Ellbogens ein kurzes Messer, „Se- kihn", welches in einer festen Ledcrscheide steckt und durch eine aus Leder geflochtene Schnur befestigt wird, oft auch mehrere Ledcrrollen mit Amuleten, „HödjLhb". Beides wird von ihnen nie abgelegt, 158 das Messer zum gewöhnlichen Gebrauche oder als Waffe benutzt und das Amulet in hohen Ehren gehalten, obgleich es nur ein mitKho- rahnsprüchen beschriebenes Papier ist, welches aber die Macht haben soll, verschiedenen Krankheiten vorzubeugen. Einige tragen an lang herabhängenden Riemen lederne Brieftaschen, welche recht zierlich gearbeitet sind, fünf Abtheilungen enthalten und in den Beinkleidern verborgen werden. Hierin bewahren sie sich ihr weniges Geld und wichtige Schriften auf. Mehr zur Spielerei als zum wirklichen Gebrauche sieht man in ihren Händen mahammcdanischc Rosenkränze, deren Perlen sie, ohne Etwas dabei zu denken, durch die Finger gleiten lassen. Von Zeit zu Zeit schceren sie sich die Haare ab und bedienen sich hierzu ganz schlechter Barbiermeffer, welche vorher auf der Sandale gewetzt werden. Nur auf dem Scheitel läßt man die krausen, wolligen Locken mehrere Zoll lang wachsen. Dann und wann sieht man aber auch, wie eine Erscheinung aus alten vergangenen Zeiten, einen Nomaden aus der Gegend des Atbara oder dem Innern der Dje- sihre, welcher sich in seinem Haarputz wesentlich von den übrigen Sudahnesen unterscheidet. Er trägt das Haar sechs Zoll lang und krcmpt es über der Stirn in die Höhe, salbt es reichlich mit Butter und steckt in dieses krausige Gelock zwei neun Zoll lange, sorgfältig geglättete und schön verzierte Holznadeln, um damit unter den zahlreichen Insassen seines Hauptes Ruhe herzustellen*). Bis zum Jahre 1850 sah man die Männer stets mit einer oder zwei acht Fuß langen Lanzen erscheinen. Diese Waffe verließ sie nie und war ebenso schnell zum Angriff als zur Vertheidigung zur Hand. Laticf-Pascha verbot das Tragen derselben allen Männern des Sudahn mit Ausnahme der Nomaden und hat durch diese anerkennenswerthe Vorsichtsmaßregel häufigen Morden gesteuert. Doch hat durch den Wegfall *) Die Araber und Sudahnesen sind sehr mit Läusen geplagt und können sie nie los werden. Bei den Sudahnesen sind die Läuse schwarz wie die Kopfhaut, auf welcher sie sich aufhalten. Die Wohnungen beherbergen dazu noch viele Wanzen, merkwürdiger Weise aber keine Flöhe. Sobald man die Tropen betritt, verschwinden diese unangenehmen, in Egypten äußerst häufigen Geschöpfe. 159 der Lanze das Bild der Sudahnesen viel von seinem eigenthümlichen, fremdartigen Charakter verloren. Ebenso einfach als die Kleidung der Männer ist im Sudahn auch die Tracht der Frauen. Die Mädchen tragen bis zu ihrer Vcr- heirathung den RLHhLd, jene aus mehreren Hundert feinen Lc- dcrstreifcn bestehende Schürze, welche mit Quasten und, zur Bezeichnung der Jungfräulichkeit, mit Muscheln verziert wird. Am Tage ihrer Verheirathung vertauschen sie den zierlichen, sehr wohl kleidenden Rahhad mit einer Baumwollcnschürze. Auch sie besitzen Amulett, befestigen diese aber nicht, wie die Männer, am Oberarm, sondern tragen sie an langen Schnüren unter ihrer Schürze auf dem bloßen Körper. Der Aberglaube lehrt sie dieselben als untrügliche Mittel gegen viele Krankheiten, vor Allem gegen Unfruchtbarkeit betrachten. Die Fcrdah bekleidet auch bei ihnen als letzter Ueberwurf den Körper, wird aber auf andere Art getragen, als bei den Männern. Sogar der Stoff zu der von den Frauen benutzten Ferdah ist ein anderer, als zu jener. Er ähnelt mehr unserer Ga^e und läßt die braune Hautfarbe der Schönen durchschimmern. Man umhüllt mit der Ferdah den Körper bis zu den mit Sandalen bekleideten Füßen herab und wickelt mit ihr auch den Kopf so ein, daß nur das nie verschleierte Gesicht von ihr frei bleibt. Die Nase wird mit großen und starken messingenen oder silbernen (früher goldenen) Ringen verziert und diese geben nebst den blau gefärbten Lippen dem Gesicht etwas so Widerliches, daß man es aus ästhetischen Rücksichten lieber verhüllt sehen möchte. Wie überall, suchen auch im Sudahn die Frauen einen gewissen Lurus zu entfalten. Dem zu Folge sind ihre Sandalen weit kostbarer gearbeitet, als die der Männer. Während sich diese mit einfachen, nur anderthalb Groschen unseres Geldes kostenden, Ledersohlcn begnügen, benutzen jene aus mehreren Stücken zusammengeheftete und mit allerhand Schnörkeln verzierte Sandalen, welche bis zu dem Preise von dreißig Piastern oder zwei Thalern preußisch verkauft werden. DaS krause Haar wird auf ganz eigenthümliche Art von besonderen Künstlerinnen aufgeputzt. Zuerst werden über hundert dünne Zäpfchen geflochten und diese dann mit arabischem Gummi so gestärkt und ver- 160 einigt, daß sie in einzelnen Partieen und drei oder mehr Terrassen vom Haupte abstehen. Nachdem die schwierige Arbeit vollendet ist, beginnt die Salbung des künstlichen Haarbaucs. Man nimmt hierzu eine Mischung aus Rinderfett und wohlriechenden Substanzen, z. B. Simbil (Valeriana eoltioa), Odogatsch (wohlriechende, harzreiche Braunkohlen) und anderen derartigen Stoffen. Diese Pomade wird so dick aufgetragen, daß sie erst nach und nach durch die Sonncnwärme flüssig gemacht und gehörig verbreitet wird. Dabei tropft das Fett auf Schultern und Nacken herab, wird hier aber sorgsam in die Haut eingericbcn. Anfangs ist der Geruch der Pomade erträglich, wenn das Fett nach Verlauf einiger Tage ranzig wird, ist er ganz unleidlich. Ein solcher Kopfputz gilt im Sudahn für sehr schön und kostet viel Geld; er wird aber nur alle Monate einmal neu hergerichtet. Die Eitelkeit der Frauen hat auf wahrhaft heroische Mittel gesonnen, ihn so lange im Stande zu halten und möglichst gegen Zerstörung zu schützen. Wie in früherer Zeit die Europäerinnen eine Nacht im Lehnstuhle zuzubringen Pflegten, um sich das für den folgenden Tag vorbereitete frisirte Haargelock nicht zu verderben, berauben sich auch die Sudahnesinnen des süßen Schlafs, um einen ähnlichen Zweck zu erreichen. Sie legen den Nacken beim Schlafen auf kleine, vier Zoll hohe, der Wölbung des Kopfes entsprechend ausgehöhlte Stühlchcn von nur anderthalb bis zwei Zoll Breite und quälen sich, auf diesen entsetzlichen Pfühlen die Nacht zu verbringen. Beide Geschlechter pflegen sich ihren Körper wie die Nubier und Neger von Zeit zu Zeit mit Fett einzureiben, wozu sie die Telks, eine der beschriebenen Haarpomade ganz ähnliche Salbe, gebrauchen. Sie schützen dadurch ihre Haut vor dem Brüchig, und Trockenwerden und erhalten sie gclind und geschmeidig. Ich bin von europäischen Aerzten, welche sich längere Zeit im Sudahn aufgehalten haben, versichert worden, daß sich sehr bald Hautkrankheiten bei ihnen zeigen, wenn sie das Einreiben der Telka unterlassen müssen. Die Neger erhalten durch diese Salbe eine glänzend schwarze Haut, wie wir sie bei ihnen in Europa nie finden; die Frauen der dunklen Völkerschaften erweichen durch sie ihre Oberhaut 161 in so hohem Grade, daß diese sehr zart und sammtartig erscheint und der Haut europäischer Schönen nicht nachsteht. Früher war es in vornehmen Häusern des Sudahn allgemeiner Gebrauch, einem geehrten Gaste durch eine schöne Sklavin vor dem Schlafengehen den Körper mit Tclka cinreiben zu lassen. Leider geht es auch mit der Telka gerade so wie mit der Haarpomade, sie wird ranzig und stinkt dann entsetzlich. Bekanntlich haben die dunklen Völker schon an und für sich einen widerlichen, unangenehmen Hautgeruch. Dieser erhält durch den Gestank des ranzigen Fetts einen die Geruchsnerven civilisirter Menschen wirklich peinigenden Begleiter und wird so stark, daß er in den von den Sudahncsen getragenen Kleidern Jahre lang hastet. So wird der Rahhad, um ihn geschmeidig zu machen, ebenfalls mit Fett eingerieben; ich brachte mehrere Ercmplare davon mit nach Deutschland und diese stinken auch hier noch. Obgleich die Sudahncsen durch den nach der Unterjochung ihres Heimathlandcs gestiegenen Verkehr mit Egyptcn und anderen ihrer Nachbarstaaten, durch das ihnen fremdartige Rcgicrungs- und Gesetzwesen der türkischen Beherrscher und die sich damit verbindende Einführung fremder Gewohnheiten viel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren haben, findet der aufmerksame Beobachter in ihren Sitten und Gebräuchen dennoch noch manches ihnen ganz Eigenthümliche : Uebcrbleibsel aus der Regierungszcit der Fungikönige. Leider führt uns, wie schon bemerkt, keine Geschichte in jene für Ost-Sudahn glückliche Zeit zurück; wir müssen Das, was wir noch durch Hörensagen erfahren können, auf Treu' und Glauben hinnehmen. Nur einige Nomadcnstämme haben sich die patriarchalischen Sitten ihrer Vorfahren bewahrt, aber der Reisende kommt so selten in eins ihrer Lager oder steht nur so Wenige von ihnen, daß er über sie nichts Genaues berichten kann. Der Charakter der Sudahncsen unserer Tage ist der aller noch halbwilden, aber durch eine für ihre Umstände ganz vortrefflichen Religion schon einigermaßen veredelten Völkerschaften. Man II 162 kann, wenn man die Licht- und Schattenseiten ihres Wesens mit einander vergleicht, nicht lange über sie in Zweifel bleiben. Sie sind im Grande genommen kerngute Menschen, gastlich und zuvorkommend gegen den Fremden und bei all ihrer Armuth — oder, besser gesagt, bei ihrem Reichthume, denn sie wissen nicht, daß sie arm sind — gern bereit, einen Dürftigen zu beschenken oder einen Hungrigen zu erquicken; sie halten ein gegebenes Wort und bewahren ein ihnen anvertrautes Pfand (Ämähnö) besser als ihr Eigenthum; sie lieben ihre Kinder und achten ihre Eltern; sie halten die Gastfreundschaft für eine heilige Pflicht und üben sie mit der strengsten Gewissenhaftigkeit aus. Aber — die Sudahncsen liegen, betrügen und stehlen, wo sie nur können; sie sind sinnlichen Genüssen sehr ergeben, faul, leichtsinnig, arbeitsscheu und liederlich; sie sind, wie alle Südländer, heftige, leicht reizbare Menschen und durch Kultur und Gesittung noch wenig bearbeitete Kinder der Natur; ihr Zorn flammt wie Strohfeuer auf und läßt sie ohne Bedenken Erzesse begehen, welche sie wenige Augenblicke nachher bereuen. Früher war der Mord etwas ganz Gewöhnliches, jetzt hat die Regierung ihnen durch furchtbare Strenge Zaum und Gebiß angelegt. Wollten wir sie nun nach unseren Ansichten beurtheilen, wir müßten sie für moralisch tief gesunken erklären. Und darin hätten wir Unrecht, denn sie thun das Gute, weil sie von ihren Vorfahren her gewohnt sind, es zu thun, und üben das Böse, weil es ihre Vorfahren ebenfalls übten. Ihre Begriffe von Gut und Böse sind ganz andere, als die unsrigcn. Jedes Volk hat für sich andere Ansichten über Tugend und Laster; dem einen kann dasselbe als Tugend erscheinen, was das andre als Laster verdammt. Die Sudahncsen entschuldigen einen Betrug, Diebstahl oder Mord nicht nur, sondern sie halten ihn sogar für eine dem Manne ganz würdige That. Ich sah Mörder aufhängen, welche über ihr Verbrechen nie Reue empfunden hatten und mit wahrer Todesverachtung zum Galgen gingen. Von der türkischen Herrschaft war die Blutrache unter ihnen üblich und Mord und Todtschlag kam alle Tage vor. Die Betheiligten fochten ihre Streitigkeiten unter sich selbst aus; sie thun es noch heut' zu Tage, wenn 163 sie glauben, daß es der Regierung nicht zur Kenntniß kommt. Ihre Mtzlühk*) bekümmerten sich wenig oder nicht um die Pri- vatfehden ihrer Unterthanen, deshalb wundern sich diese, daß die jetzige Regierung dagegen einschreitet und sich mit derartigen, nach ihrer Meinung sie gar Nichts angehenden Kleinigkeiten behelligt. Erst unter der türkischen Herrschaft haben sie den Mord von dein gerechtfertigten, wie sie wähnten, Todtschlag unterscheiden gelernt. So wenig ein Soldat Gewissensbisse fühlt, welcher seinen Feind erschlug, ebensowenig glaubte der ungebildete Natursohn ein Verbrechen begangen zu haben, wenn er einen Anderen, welcher ihn beleidigte oder große Reichthümer besaß, umbrachte. Im ersteren Falle hielt er den Tod seines Feindes für eine gerechte, wohlverdiente Strafe, im letzteren, wie der Beduine, für eine mit dem Raube bedingte Nothwendigkeit, welche er leicht entschuldigen zu können glaubte. Jemanden zu belügen oder zu betrügen scheint ihm keine Sünde, sondern vielmehr ein Sieg seiner geistigen Ueber- legenheit über die Beschränktheit des Anderen zu sein. Die Türken sind bemüht, ihre verwerflichen Grundsätze nach und nach auszurotten, aber das geht sehr langsam. Ein eigentliches Gesetzbuch besitzen die Mahammedaner zur Zeit noch nicht: der Khorahn ist ihr Ein und Alles. Er lehrt sie das Gute vom Bösen unterscheiden, bestimmt die Strafe eines Verbrechens und enthält die Gesetze, durch welche der Feldherr Mahammed seine Truppen und Anhänger zügelte. Leider ist dieses ganz vortreffliche Religionsbuch bis jetzt bei den Sudahnesen nur wenig verbreitet, sie besitzen erst eine einzige Moschee in ihrem großen Vaterlande (in Charthum) und nur die Hauptformcln ihrer Religion sind ihnen traditionell bekannt geworden. Sie sind Mahammedaner dem Namen nach, ohne die Gesetze des Jslahm zu kennen oder zu verstehen. Wenn sie einigen Formeln genügen, glauben sie genug zu thun. Eine That ist gewiß nur dann erst Verbrechen, wenn Der, welcher sie begeht, weiß, daß sie Verbrechen ist. Wir dürfen aber keineswegs überzeugt sein, daß der Sudahnese jetzt schon zu dieser Erkenntniß 11 * *) Plural von Mölik, Kouig. 164 gelangt ist. Und deshalb glaubt der Mörder, wenn er zum Galgen geführt wird, nicht etwa eine verdiente Strafe zu erleiden, sondern beugt sich, wie er meint, mit einer seiner würdigen Re- » signation unter das Joch der Unterdrücker. Man halte das nicht für Störrigkeit, denn man wird gewiß nie von einem Sudahnesen den Verbrecher verdammen hören. Einen Mord würde er ungefähr besinnen: „Mord ist, daß, wenn Einer einen Andern todt schlägt, er aufgehängt wird." Die Sudahnesen bestätigen uns fortwährend die Wahrheit, daß Moral nur mit , der Bildung entstehen und fortschreiten kann; dieselbe Wahrheit, welche uns die Geschichte mit hundert Belegen beweist. Der Sudahncse ist sinnlichen Genüssen ergeben, faul, arbeitsscheu, liederlich und leichtsinnig. So einfach er in seiner Kleidung ist, so Wenig er für Essen ausgiebt, so Viel verwendet er an öffentliche Mädchen — meist freigelassene Sklavinnen oder Töchter derselben — und so Viel vertrinkt er in der Merke sä. Ich will es versuchen, noch einmal seine Vertheidigung zu übernehmen, indem ich einen großen Theil seiner Sünden dem Einflüsse des Kli- ^ mas zuschiebe. Es ist gar nicht abzuleugnen, daß dieses einen ebenso wesentlichen Antheil an der Ausbildung des Geistes nimmt, als an der des Körpers. Selbst der aus einem anderen Himmelsstriche Eingewandertc vermag es nicht, sich den Einwirkungen des ihm neuen Klimas zu entziehen. Wer jemals in heißen Ländern gelebt hat, weiß, wie leicht dort auch der fleißige Europäer träge wird. Die Hitze der Tropen — welche ich in Charthum bei elektrischem Winde oder Samuhm im Schatten bis auf -s- 40° R. ansteigend beobachtet habe — wirkt lähmend auf den Körper ein, schwächt ihn durch eine fortwährende, starke Hautausdünstung und macht ihn zu ausdauernder Arbeit unfähig. Wenn nun der Geist des Eingewanderten nicht energisch und fähig ist, durch seine Herrschaft über den Körper jenen Einwirkungen das Gleichgewicht zu halten, artet die Trägheit in Faulheit aus und vernichtet diesen und jenen. Als eine ganz unvermeidliche Folge gesellt sich ihr die ? Ausschweifung in jeder Hinsicht bei; der Körper verweichlicht und wird leicht ein Opfer des Fiebers und anderer Krankheiten. Diese 165 Wahrheit bestätigt uns das Leben und Ende vieler in heißen Ländern lebender Europäer. Nirgends ist eine rege Geistesthatigkeit mehr anzurathen als in den Tropen: sie ist es, welche das Leben erhält. Ohne sie wird der Mensch so träge und faul, daß er sich zuletzt, jeder Bewegung abhold, nur auf seine bequeme, kühle Wohnung beschränkt und dann um so sicherer seinem Untergänge entgegengeht. Der Europäer kennt die Macht des heißen Klimas, er kennt die Folgen der Verweichlichung seines Körpers: und dennoch beugt er beiden selten vor; um wie viel weniger wird dies der Su- dahnese thun! Er urtheilt über seine Ausschweifungen ganz anders als der Europäer und ahnt nicht, daß diese ihm sein Leben verkürzen können. Daß er faul ist, liegt in seinen Verhältnissen; wenn er wirklich arbeitet, geschieht es nur, um sich und den Sei- nigcn den Lebensunterhalt zu sichern. Aber er braucht so Wenig und sein Vaterland ist so gesegnet mit Fruchtbarkeit und Erzeugungskraft, daß er das Wenige ohne Mühe erringt. Warum soll er sich also mit Arbeit quälen, warum Etwas thun, waS ihm nicht einmal durch seine Religion geboten wird? Diese erlaubt es ihm, sein Leben nach seiner Art und Weise zu genießen, denn sie sagt ihm: „^lialr ksrillm," Gott ist barmherzig und will es Euch leicht machen. Sie tröstet ibn, wenn Jemand an den Folgen seiner Ausschweifungen stirbt mit den Worten: „MLtüllb aölAllü nrin aünck rübbinü sübollLlind evü taülö" (Es ist ihm so voin höchsten und allmächtigen Gott bestimmt sgeschriebenj gewesen). Und darum lebt er sorglos in den Tag hinein. Bei Tage arbeitet der Eingeborne des Sudahn nur höchst Wenig; er liegt in seiner Behausung auf weichem Ankharehb und pflegt der Ruhe. Mit Sonnenuntergang geht das wahre Leben erst bei ihm an, aber nicht das der Arbeit, sondern das des Genusses. Der behaglich hingestreckte, fast unbekleidete Mann schöpft sich mit einer Kürbisschaale seinen Labetrunk aus einer großen, mit Meriesa gefüllten „BürmL". Sein „Keif" *) erreicht den höchsten Grad, wenn ihm ein schönes Weib die Schaale kredenzt; berauscht *) Keif ist ein nicht zu übersehendes Wort und bezeichnet jenes Wohl- 166 von Liebe und Meriesa verbringt er die halbe Nacht mit seiner Burma und seiner Schönen. Was kümmert er sich dann um das Leuchten der Sterne in der klaren Tropennacht, was um Allah * und seinen Propheten, was um Arbeit oder seinen Arbei'tsherrn! Er lebt nur sich, dem Weibe und der Mericsa. „^llalr lrerilun!" Er vergiebt dem Sünder. Und klopft der Tod an seine Pforte, dann braucht der Reuige ja nur sein Glaubensbekcnntniß: ll luliL ll ^.Ilsli, Nslmmmtzel rssülrl ^Ilsli, herzusagen, um sich die Pforten des Paradieses und die Arme ihn dort empfangender, brauner Huhri's zu öffnen. So viel Zeit, denkt er, wird wohl noch werden. Wir finden diese Genußsucht und Leichtfertigkeit nicht allein bei den Männern, sondern auch bei den Frauen der Sudahnesen ganz allgemein verbreitet. Ihre eheliche Treue läßt sehr viel zu wünschen übrig. Die Hassanie stehen in dem Rufe, die schönsten, aber auch genußsüchtigsten Frauen zu haben und pflegen vor ihrer Heirath einen ganz besonderen merkwürdigen Heirathskontrakt abzuschließen, welchen sie mit „vlltoür vü ckilt" (zwei Drittel und * ein Drittel) bezeichnen. Ihre Frauen verpflichten sich, je zwei Tage lang ihren Ehehcrrn in Allem gehorsam sein und sie mit ihrer ehelichen Liebe beglücken zu wollen, bedingen sich aber aus, den dritten Tag, ungckränkt der Rechte des Ehemanns, nach eigenem Willen und Gutdünken über ihre Reize verfügen zu dürfen. Sogar die andere Auslegung des ckilte'in veu ckilt, wo die Frauen zwei Tage für ihren „Keif" beanspruchen, kommt häufig vor, und cS findet so ein recht gemüthliches Zusammenleben beider Geschlechter statt, obgleich es von anderen Arabern und Nubiern genugsam bespöttelt wird. Dennoch sucht und findet mancher der Spöttler, welchem die Natur außer seinen dunklen, versengenden Augen auch noch behagen, welches der Mahammedaner durch den Genuß alles ihm nur erdenklichen Comforts zu erreichen bestrebt ist; es ist das „äolcs kar mente" der Italiener in seiner höchsten Vollendung. Eine Pfeife sehr guten Tabaks, ein schönes Weib, Gold oder Befitzthum ohne Arbeit, weiche Diwahnkissen, gute Speisen und Getränke gehören dazu, um den Keks vollkommen zu machen. Auch die Siesta wird Keks genannt, ebenso der freie Wille eines Menschen. 167 anderweitige körperliche Vorzüge ertheilt hat, in den Arincn der hellbronzefarbencn Schönen der Liebe Glück; er besucht die Zelthäuser der Hassan'i'e und erringt mit wenigen Piastern leicht „der Minne Sold". Man sagt den Männern dieser mit ihren Reizen so freigebigen Frauen (deren idealisch schöner Körperbau wohl auch die Blicke eines Weißen auf sich ziehen kann) mit vollem Rechte nach, daß sie ihr Haus ohne Umstände verlassen, wenn sich ein Anderer demselben in der Absicht nähert, bei seiner Ehehälfte Zutritt zu erlangen. Ein Türke würde solch frevelndes Beginnen mit dem Tode des Verwegenen bestrafen; der Hassarnc ebnet den Weg dazu. Man kann noch bei anderen Gelegenheiten einen ähnlichen Eommunismus beobachten. Die Mohammedaner üben eine religiöse Ceremonie aus, welche sie „Sikr" nennen*). Der Sikr wird auch in Egypten abgehalten und gilt für ein höchst gottseliges Werk. Hohe und Niedere nehmen daran Theil, vornehme Mohammedaner veranstalten die Feierlichkeit auf ihre eigenen Kosten. Bei keinem Religionsgebrauche zeigt sich der Fanatismus in einer so abschreckenden Gestalt, als bei dem Sikr. Um einen Geistlichen (F a k- h'kc) oder Mönch (Dvrwihsch), der mit lauter Stimme Gebete und Khor ahn stellen rezidirt, sammelt sich ein Kreis von Männern jedes Standes, welche unter fortwährenden Kopf- und Kniebcu- gungen den Namen Gottes oder die Formel: kü LkdLr" (Gott ist der Größte)! ohne Aufhören ausrufen. Ihre Bewegungen und Worte werden so leidenschaftlich, daß ihnen zuletzt der Schaum vor dem Munde steht und sie wie „berauscht" oder selbst ohnmächtig zusammenbrechen. Der Anblick einer solchen Schaar wahnsinnig scheinender Männer hat etwas Abschreckendes und Schauderhaftes. Im Sudahn wird der Sikr ebenfalls begangen, nur mit dem Unterschiede, daß hier auch Frauen daran Theil nehmen dürfen und mit dem unschuldigen Nachspiele, daß sich nach Beendigung der Feierlichkeit jeder der Betenden eine von den frommen *) Das Wort ist von der Wurzel srcksrs abgeleitet »nd bedeutet wörtlich einen Rausch. ? 168 Frauen auswählt, um sich in ihren Armen von den Beschwerden des heiligen Werkes zu erholen. Aus dieser leichtsinnigen Behandlung einer religiösen Ceremonie kann man beurtheilen, wie der Sudahnese die Religion überhaupt betrachtet. Er zeigt sehr wenig Eifer bei Ausübung derselben, aber auch keinen Fanatismus. Wenn sie den, ihrer Ansicht nach, ketzerischen Europäer kennen gelernt haben, bewundern sie ihn wegen seiner Kenntnisse, ohne daran zu denken, ihn seines Glaubens wegen zu verfolgen. Sie sind sehr abergläubisch, bauen auf die Orakelsprüche von Wahrsagerinnen, wie auf die geachteter, im Rufe großer Frömmigkeit stehender Fukhera^), fürchten sich vor Zaubern und deren gefährlichem Wirken, glauben an Gespenster, gute und böse Genien, den Teufel und seine höllischen Gesellen, an umherirrende und die Lebenden quälende Geister von Verstorbenen, halten die Verwandlungen von Menschen in verschiedene Thiere für möglich und dergleichen mehr. Trotz ihrer Unsitten und moralischen Schwächen kann ich bei Betrachtung ihrer vielen guten Eigenschaften mehreren Reisenden, welche sie gar zu tief stellen, nicht beipflichten und glaube, meine Meinung rechtfertigen zu können. Ich habe zwei Jahre unter ihnen gelebt, aber nie Heimtücke von ihnen erfahren oder an ihnen bemerkt, während diese von vielen anderen Völkern, wie z. B. von den Negern, mit Recht gefürchtet werden muß. Ihre Laster lassen sich fast alle mit ihrem grenzenlosen Leichtsinn oder Jähzorn und ihrem Mangel an Bildung entschuldigen. Leider aber habe ich beobachtet, daß diejenige Bildung, welche sie sich auf Reisen aneignen und mit nach Hause bringen, ihre Sitten nicht verbessert. Je weitere Reisen sie machen, je mehr Kenntnisse sie erwerben, um so mehr Laster nehmen sie zu gleicher Zeit mit an. Es geht ihnen wie den jungen Eghptern und Türken, welche der Vizekönig zu ihrer Ausbildung nach Europa sendet. Auch diese bringen gewöhnlich die Untugenden der Europäer mit in ihre Heimath, ohne sich ihre Vorzüge zu eigen gemacht zu haben. Plural von Fabkie, wenigstens im vulgären Arabisch. 169 Obgleich die Sudahncsen Mahammedarier sind, weichen viele ihrer Gebräuche doch von denen anderer Völkerschaften, welche dieselbe Religion bekennen, wesentlich ab. Dies muß uns wunderbar erscheinen, weil gerade bei den Mahammedanern die Religion überall in's Leben eingreift und die meisten Gebräuche ursprünglich durch sie entstanden sind. Die Sudahncsen üben nun zwar auch die mahammedanischcn Religionsgebräuche aus, haben aber dabei noch viele andere mit aufgenommen, welche ihnen jetzt ebenso heilig erscheinen, wie die durch die Religion gebotenen. So ist die Beschneidung der Mädchen in der von ihnen gebräuchlichen Weise ihnen ganz eigenthümlich und nicht durch die Gesetze des mahammedanischen Glaubens vorgeschrieben^). Gewöhnlich erfolgt diese fürchterliche Operation, wenn das Mädchen fünf bis sieben Jahre alt geworden ist; sie wird von alten Weibern vorgenommen, welche mit stumpfen Rasirmcssern die nöthigen Schnitte machen, dabei aber das Kind auf entsetzliche Weise quälen. Oft muß es vier Wochen lang mit zusammengebundenen Füßen auf dem Ankharehb liegen bleiben, ehe die Wunde vernarbt. Wie bei der Beschneidung der Knaben üblich, gehen auch der Circumcision der Mädchen große Festlichkeiten voraus. Schon mehrere Tage vor dem vorzunehmenden Akte singt, lärmt, tanzt und trinkt man bis tief in die Nacht hinein. Das „Mädchen des Festes" wird so viel als möglich mit zur Theilnahme gezogen. Während *) Asbsmmedsnorum lezes puellsrum Klitoris moäo eircumcisionem im- persnt; st 8udsbni incolse non soium es, sed etism Isbiis minoribus (üixm- plus) sbscissis Isbis pudendi msjors inde s Veneris inonte usque sä vsxi- nsm ssnsndo its eopulsnt, ut üstuls sols sä urinsm tundendsm pstest. ^nte nuptiss sponsus penis sui mvduium lixno sculptum mittit, secundum quem in sponsse pudendis korsmen dst. ^»te xrsvidsrmn psrtum pudendorum korsmen diisistur sä inksntem psriendum. 8unt msriti, qui post uxvris pgr- tum operstionem nvvsm instituunt, »t ills qussi in viiAinitstis ststum redesl. In vsbr-kubri rexno in puellis circumcidendis „8sturs cruents" quo- que sdbibetur, koo est Isdiis pudenti minoribus incisionibus ksctis vulnerstis Isbis ms)ors scu et iilo evnjunxuntur. IIu)us cireumcisionis Unis is esse videtur, ut sponsss virxinem pursm i» mslrimonium ducere persussissimum bsbest. 170 der Operation verdoppelt sich der Lärmen, das wüste Gelag wird ausschweifend, die Tarabuka ertönt unter mächtigen Schlägen, ein die Ohren der Zuhörer — wenigstens der Türken und Europäer — - zerreißendes Geheul durchzittert die Luft*). Wahrscheinlich will man den Schmerz des beschnitten werdenden Kindes mit all' dem Lärm betäuben, denn nach vollendeter Operation schweigt der Haufen der tumultirenden Gäste und die „Fanthasie" hat ein Ende. Wie hoch diese Beschneidung in der Achtung der Sudahnesen dasteht, mag daraus hervorgehen, daß mir einer meiner Bedienten, welcher ein Mädchen erzogen hatte, mit stolzem Selbstbewußtsein sagte: „Ich habe dieses Mädchen nicht nur groß gezogen, sondern auch beschnitten und verheirathet. Das gute Werk der Beschneidung hob er wohl auch um deshalb noch besonders hervor, weil das damit verbundene Fest nie ohne ziemlich bedeutende Geldkosten abgeht. Bei der Verheirathung eines Sudahnesen werden nur selten besondere Festlichkeiten veranstaltet. Wenn der Knabe sein fünfzehntes Jahr erreicht hat, ist er gewöhnlich erwachsen; das Mädchen * wird schon mit dem dreizehnten Jahre mannbar. Glücklicherweise befolgt man im Sudahn nicht die Unsitte der Egypter, die Mädchen schon im zarten Kindesalter zu verehelichen, sondern läßt die Natur erst ihr Werk vollenden, ehe man an dessen Zerstörung denkt. Auch der Sudahnese ist gehalten, seinem Schwiegervater *) Dieses Geheul ist weder zu beschreiben noch nachzuahmen. Einige Reisende versuchten es durch „ulululul" wiederzugeben; ich bezweifle, daß es überhaupt durch Buchstaben versinnlicht werden kann. Die Frauen bringen es durch ein, bei zitternder Zunge, oder sich im Munde schnell bewegenden Zeigefinger ausgestoßenes Kreischen hervor und drücken damit jede heftige Gemüthsbewegung: Freude und Schmerz, Trauer, Furcht und Schrecken, Wonne und Entsetzen aus; auch ist es das Kriegsgeschrei. Goltz sagt davon in seinem „Kleinstädter in Egypten": „Die Weiber brachten mit Zungenschlag und Kehlkünsten ein frappant absonderliches „blubbernd" tremulirendcs durchdringendes und unartikulirtes Ton-Unwesen, etwa wie wilder Waldvogelgesang in Urwäldern (vor der Sündfluth und Einführung eines geläuterten Naturgeschmacks) hervor." Der Kürze wegen will auch ich es wie Rüp- vcll und Andere durch ulululul ausdrücken. eine gewisse Summe (Mahhr) zu zahlen. Der Mahhr*) ist aber viel geringer als in Egypten und wird gewöhnlich in einzelnen Raten abgetragen, wozu der Mäarihs oder Bräutigam oft mehrere Jahre braucht. Die Vereinigung der Brautleute besorgt ein Fakh'ie in aller Schnelligkeit und aus dem Stegreife, unter Hersagung mehrerer auf die Ehe bezüglichen Khorahnstellen. Nach der Verheirathung erbaut sich das Pärchen, wenn es in der Stadt zu wohnen gedenkt, eine Tankha, und wenn es auf dem Dorfe leben will, einen Tokhul. Die eine oder der andere kosten bei den geringen Bedürfnissen dieser anspruchslosen Menschen kaum mehr als zehn bis fünfzehn Thaler unseres Geldes. Nun ergreifen die jungen Leute irgend ein Gewerbe und arbeiten, wie ihre Eltern, nur gerade so viel, als zur Erlangung ihrer Nahrungsmittel und der von der Regierung verlangten Steuern unumgänglich nothwendig ist. So gering auch der Mahhr im Sudahn ist, so kommt eS doch oft genug vor, daß ein Vater seine Einwilligung zur Verheirathung seiner Tochter in der Absicht verweigert, um eine größere Summe für sie zu erhalten. Man betrachtet in allen ma- hammedanischen Ländern die Verheirathung wie einen Handel; es darf uns deshalb auch nicht befremden, wenn man daraus einen möglichst bedeutenden Gewinn zu ziehen sucht. Aber weil durch die Verhinderung mancher Ehen leicht eine Verminderung der Bevölkerung herbeigeführt werden könnte, hat die Regierung im Sudahn ein eignes Institut in's Leben gerufen. Dort sind der Liebe überhaupt nicht gar so sehr Thüren und Thore versperrt, wie in der Türkei und anderen dem Jslahm ergebenen, aber mehr civili- sirten Ländern; die Mädchen gehen unverschleiert und können mit ihrem oft sehr angenehmen Gesicht wohl die Herzen der Jünglinge entzünden. Um nun Letzteren in ihren Wünschen behülflich zu sein *) Man könnte dieses Wort mit Brautschatz übersetzen, nur im umgekehrten Sinne, weit der Bräutigam, anstatt zu empfangen, zu geben hat. Dafür muß der Vater des Mädchens die Hochzeitsfeier ausrichten und seine Tochter, wenn sie, von ihrem Manne geschieden, zu ihm zurückkehrt, fernerhin beköstigen und unterhalten. 172 und ihre Verbindung mit hübschen, jungen Mädchen zu ermöglichen, ehe diese, während der langsamen Abzahlung des hohen Mahhr alt und häßlich und zur Erzeugung tüchtiger Kinder un- - fähig werden, bestellte die Regierung den Nshsir sl Enke mit dem Amte eines Ehestistcrs. Der Nahsir el Enke ist eine hochwichtige Person im Sudahn geworden, steht aber, wie schon sein Name anzudeuten scheint, nicht gerade in hoher Achtung bei den Türken, obgleich diese seinen Namen und sein Amt erdachten. Er ist ein Geistlicher und reist im ganzen Sudahn herum, von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt, erkundigt sich nach heirathsfähigen und heiraths- lustigen Mädchen, fragt sie, ob sie schon einen Geliebten haben oder nicht, schafft, wenn seine Frage mit Ja beantwortet wurde, den bezeichneten jungen Mann mit Güte oder Gewalt herbei und traut ihm das Mädchen an. Den Mahhr bestimmt er selbst nach seinem Gutdünken. Damit er in der Ausübung seines Amtes nicht gestört wird, hat ihm die Regierung einen Khawahs oder F> ohn bcigegeben. Dieser bringt widerspenstige Vätcr zur Vernunft zurück, treibt die mäßigen Stolgebühren des Nahsir ein und dient * überhaupt als dessen weltlicher Gehülfe. Der Sudahncse ehelicht selten mehr als eine Frau zu gleicher Zeit, liebt aber Veränderung seiner häuslichen Verhältnisse und scheidet sich deshalb oft ohne eigentlichen Grund von seiner Ehehälfte, was ihm nach mahammedanischcn Gesetzen vollkommen frei steht. Wenn er Sklavinnen besitzt, erhebt er diese gewöhnlich zu seinen Conkubinen und achtet die mit ihnen erzeugten Kinder denen seiner gesetzmäßigen Frauen gleich. Zuweilen entfliehen von ihm gemißhandelte Frauen zu ihren Angehörigen. Dann sattelt der Eheherr sofort seinen Esel und reitet der Entflohenen nach. Wenn er sie findet, bringt er sie gewaltsam in seine Hütte zurück und züchtigt sie, verwickelt sich dadurch aber oft in sehr ernsthafte Streitigkeiten mit ihren Verwandten. Hat sich die Frau aber ohne gegründete Ursache entfernt, dann erhält sie von ihrer Freundschaft ^ ernstliche Verweise oder sogar Schläge und wird von ihnen ohne Zuthun des Mannes zurückgebracht. Wenn ein Sudahnese so krank wird, daß man sein Ende be- 173 fürchtet, versammeln sich seine Nachbarn und Freunde um sein Lager, um ihm die Freuden des Paradieses auszumalen und ihm ? sein Glaubensbekenntniß abzunehmen. Die Gesunden rufen mehrere Male: „Da il lalla II ^Ilall!" worauf der Kranke oder Sterbende antworten muß: „äVu Natiammeä rn88ulll Mali." Thut er dies, dann sind Alle, welche seinen letzten Seufzer hören, überzeugt, daß er als guter Muselmann stirbt. Sobald man dem Verscheidenden die Augen zugedrückt hat, theilen seine weiblichen Verwandten ihrer ganzen Nachbarschaft den betrübenden Todesfall durch gellendes Dlnlulul-Geheul mit. Die Gattin des Todten gebcrdct sich wie wahnsinnig. Sie läuft durch alle Straßen in der Nähe ihres Hauses, nimmt die zusammengerollte Ferdah, macht mit ihr die sonderbarsten Bewegungen über ihrem Haupte und bestreut dieses, unter den Gcberden der tiefsten Trauer, mit Asche und Staub. Beim Tode einer Frau macht man weniger Umstände: die Freundinnen oder weiblichen Verwandten derselben heulen zwar ebenfalls, drücken aber doch nicht eine so große Trauer aus wie beim Tode * eines Mannes. Wahrscheinlich kommt dies mit daher, weil die Mahammcdaner noch gar nicht recht im Klaren darüber sind, was aus den Frauen nach dem Tode eigentlich werden soll. Auf den Klageruf erscheinen die Nachbarn des Verstorbenen am Traucrhause und beginnen die Todtenklage, heulen und schreien kläglich, trinken aber dabei Mericsa, so viel sie vertragen können. Mittlerweile wird der Todte gewaschen und in den „Keffn" gehüllt. Dieser ist ein langes Stück reines Baumwollenzeug, welches selbst der Aermste für seinen todten Verwandten erkauft oder erbettelt, wobei er der Mildthätigkeit aller seiner Glaubensgenossen versichert ist. Wenn der Kranke am Morgen starb, wird er noch denselben Tag beerdigt, starb er gegen Abend oder in der Nacht, am nächsten Morgen. Die Todtenklage dauert bis zu dem Augenblicke fort, wo die Leiche in's Grab gesenkt wird; man hört sie daher oft die ganze Nacht hindurch. Zuweilen begleiten einzelne ^ Trommclschläge die Klage und geben dem für uns höchst widerwärtigen Ganzen etwas Feierlicheres. Jeder nun Hinzukommende sucht den Leidtragenden noch besonders zu trösten, er umhalst diesen 174 und heult mit ihm. Dabei klopft Einer den Andern beruhigend auf die Schultern und Jeder weint an des Andern Halse. Auch wenn ein Todter schon längst beerdigt ist, ist Jeder, welcher noch nicht mit den Verwandten geklagt hat, durch die Sitte verbunden, von Neuem einen Klaggesang zu erheben. Dann wird dieser freilich oft genug durch ganz heterogene Redensarten unterbrechen. „Tröste Dich Gott mein Bruder!" „Msri, mLktülll m,u sLuä rLb- blnL" (das ist Gottes Schickung), „seine Tage sind beendigt, Gott hat ihn begnadigt aredsmtü), weine nicht!" „Aber sage mir, mein Bruder, willst Du mir wirklich das junge Kamel nicht verkaufen? Ich bot Dir schon dreihundert Piaster dafür!" „„Nein, mein Bruder, das ist zu wenig. Ach, mein Bruder, mein begnadigter und erlöster Vater!" " Und nun beginnen Beide wieder zu heulen und der Erste spricht wieder: „Tröste Dich Gott, mein Bruder, weine nicht mehr! ULü68otr lÄck» mlu sollLllu 61 müllt LjMenir (für den Tod giebt es keinen Ausweg), llälr rätrsäk t-üd" (erhebe Dein Haupt) u. s. w. Das sind dergleichen Redensarten, welche man bei jedem Todesfälle hören kann. Dabei ahmen sie alle Gebcrden des tiefsten Schmerzes nach, schluchzen und heulen, klagen und wischen sich mit der Hand die Augen, obgleich nicht eine Thräne fließt. Es hat für uns Europäer etwas wahrhaft Empörendes, die Todtenklage mit anzuhören; wir können uns des unangenehmen Eindrucks, welchen diese durch die Sitte gebotene Heuchelei auf unS macht, gar nicht cntwehren. Das Begräbniß einer Leiche erfolgt ganz nach mahammcdani- schen Regeln und Gesetzen. Man macht im Sande der Steppe in einiger Entfernung von dem Wohnplatze eine nur drei bis vier Fuß tiefe Grube, gewöhnlich an hochgelegenen Stellen. Die in den Kcffn eingewickelte Leiche wird auf einem Ankharehb in zahlreicher Begleitung von singenden Männern und brüllenden oder heulenden Weibern nach dem Fricdhofc gebracht und dort so in das Grab gelegt, daß ihre Füße in die Richtung nach Mecka zu liegen kommen, wohin das Gesicht des Todten schauen soll. Einen Sarg kennt man nicht. Der Leichnam ruht auf dem Boden des Grabes, wird aber mit trocknen Luftsteinen, welche von der Be- »» 175 gleitung mitgebracht werden, dachartig überdeckt. Dann wird das Grab zugeworfen, die Erde darauf geebnet und mit einer Reihe weißer Kieselsteine belegt. Nach dem Tode giebt es bei den Sudahnesen keinen Standes« unterschied mehr. Der am Galgen Gestorbene wird ebenso beerdigt, als der wohlhabende Kaufmann oder Schech. Keine Regierung befolgt die in Europa vormals gebräuchlich gewesene Unsitte, den Leichnam eines Hingerichteten unbeerdigt verfaulen zu lassen. Sie tödtet den Verbrecher, gönnt ihm aber ein ehrlich Bcgräbniß. Ein Gehängter wird schon nach wenig Stunden von seinen Verwandten vom Galgen genommen, wie jeder andere Tode gewaschen in das Lailach gehüllt und unter den Gebeten eines Fakhie der Erde übergeben. Mit dem Tode eines Hingerichteten endigt seine Entehrung. Gehen wir mehr in das tägliche Leben der Sudahnesen ein, so finden wir auch hier manche merkwürdige Gebräuche. Ich gedenke zuerst ihrer Art und Weise, Bekannte zu begrüßen. Sie machen beim Gruß noch weit mehr Umstände und Komplimente als die Egypter. Zuerst geben sie sich die Hände und drücken sie an den Mund, d. h. Jeder küßt die innere Fläche seiner eignen Hand und giebt sie dann dem Anderen wieder. Die Redensarten „88- lLmLllt, tnibilln, sMmLllt, Svi8k, KM' (Sei gegrüßt, bist Du wohl? Sei gegrüßt, wie ist Dein Befinden, wie geht es Dir?) und ähnliche Worte werden unzählige Male wiederholt, ebenso das Küssen und Drücken der Hände. Dann erst beginnen die Fragen nach dem Haushalte. „Was macht Deine schöne Kamelstute (Näkhe) B8ch'ieds*)? Hat sie ein Junges geworfen oder nicht? Haben sich Deine Heerden vermehrt? Hast Du Deine Steuern und Abgaben entrichtet? Der Herr sei uns gnädig, wir müssen doch gar zu Viel zahlen! Sind Deine Kinder wohl? Wie geht es Deiner Frau? 8slnmakt, ta'iditin, kmlamnllt, 8eisk, kett' llatilak?" Hierauf geleitet der Gastfreund seinen Gast in die Hütte; man *) Ein Name, welcher oft Thieren und — Gelarinnen gegeben wird und die Glückliche bedeutet. 176 bringt eine Burma Meriesa herbei und führt die weitere Unterhaltung bei der kreisenden, schön verzierten, mit glühenden Eisen gebrannten und noch besonders dekorirren Kürbisschale. Die Nomaden setzen sich nicht auf Anakharihb, sondern kauern sich auf ihre eignen Fersen. Sie sind von Kindheit an an dieses sonderbare Sitzen gewöhnt und ruhen so wirklich aus; freilich muß ich bemerken, daß ihre Beine eine ganz andere Beschaffenheit dadurch erhalten haben, als die eines anderen Menschenkindes. Die Wade fehlt beinahe und der Oberschenkel liegt so genau auf ihr auf, daß nicht der geringste Raum zwischen Beiden bemerkt werden kann. Will ein Sudahnese seinen Gast besonders ehren, dann schlachtet er ein Schaf oder, wenn er arm ist, wenigstens eine Ziege und bereitet deren Fleisch als besonderen Leckerbissen zu. Gewöhnlich ißt er nur seine stehenden Gerichte „Ässiedä" und „LükhmS". Aber er ist so gastfrei, daß er den Tag, an welchem ein Fremder oder Bekannter in seiner Hütte einkehrt, als einen Festtag betrachtet und dann Alles, was in seiner Macht steht, gern thut, um seinen Gast zu erfreuen. Wenn es ihm möglich ist, veranstaltet er wohl auch einen Tanz vor seiner Hütte und versammelt dazu seine Nachbarschaft. Der Tanz ist ein Lieblingsvcrgnügen aller Sudah- nesen und wenn auch nicht in dem Grade ausgebildet als in Egyp- ten oder Kardofahn, dennoch nicht ohne künstlerischen Werth, leider freilich nur in den Augen der Sudahnesen. Selbst Fremde werden von dem Sudahnesen freundlich und gastlich aufgenommen. Er theilt sogar dem bettelnd und stehlend von Ort zu Ort nach Mecka wandernden T a kh ruh ri-Pilger gern eine Gabe mit und ist zuvorkommend gegen Weiße und Braune. Seiner Meinung nach reicht die Gastfreundschaft selbst bis über das Grab hinaus. Man erzählte mir, daß Derjenige, welcher auf einem Friedhofe eine Nacht zubringen wolle, nur ruhen könne, wenn er sich entschieden auf ein Grab und nicht zwischen zwei Gräber lege. Denn thäte er das Letztere, dann zögen ihn die Todten, zwischen deren Behausungen er sein Lager aufgeschlagen habe, wechselseitig zu sich heran, in der Absicht, sich die Rechte l 177 des Gastfreuudes zu sichern. Der Schlafende würde dann hin und her gestoßen und dabei von unruhigen Träumen gequält*). - Die Nahrung des Sudahnesen ist an und für sich sehr einfach; ihre Bereitung erfordert aber so viele Arbeit, daß sie die angestrengteste Thätigkeit der Frauen, denen sie ausschließlich überlassen bleibt, den ganzen Tag über in Anspruch nimmt. Der Grund liegt in der schwierigen Zubereitung des Brodes: Klsrä**). Dieses war zwei Stunden vor der Mahlzeit noch Gctraide. Man kennt im Sudahn die einfachen Handmühlcn der Egypten nicht, sondern bedient sich zum Zerkleinern der Hülsenfrüchte und des Ge- traides der MürhLkä und „ihres Sohnes", um mit dem Sudahnesen zu reden. Die Murhaka***) ist eine etwas schief geneigte Granitplatte, auf welcher die vorher angefeuchteten Durrahoder Dochenkörner mit der Hand und durch den „Sohn der Murhaka" (Idn e! murlmlea) zerrieben werden. Bei diesem unge- mein anstrengenden Geschäft kniet die Frau vor der etwas erhöhten Granitplatte nieder, faßt mit beiden Händen den ovalen Reibstein ' und zerkleinert durch kräftiges Auf- und Niederschieben desselben die aufgeschüttete Frucht. Zur Erweichung der Körner gießt sie von Zeit zu Zeit etwas Wasser hinzu und sammelt den groben Brei in einer am unteren Ende der Platte angebrachten, mit Lehm aus- geglätteten Vertiefung. Der Brei, in welchem sich natürlich auch die Kleie mit befindet, ist erst nach zwei- oder dreimaliger Bearbeitung zum Backen der Kisra tauglich. Unter dem Klima der Tropen ist dieses Zerreiben so angreifend, daß der Arbeiterin, welche sich bis auf einen Schurz um die Lenden entkleidet hat, der Schweiß in großen Tropfen auf der Haut herunterperlt. Dennoch Derselbe Aberglaube ist auch in der Türkei und in Egypten verbreitet. **) Abgeleitet von „kessr", zerbrechen. kwrs heißt wörtlich ein Bruchstück, bedeutet im Sudahn aber Brod. In Egypten heißt das Brod I.üklime, d. i. Mundbissen, oder Geisel», was man mit „Speise" übersetzen kann; unter Geisel, verstehen die Sudahnesen Getraide; die Egyp- ter nennen letzteres NlrLII«; die IMKüme der Sudahnesen ist ein steifer Mehlbrei. So wechseln in verschiedenen Ländern die Begriffe der arabischen Sprache. ***) Abgeleitet von „rülwk", Etwas zwischen zwei Steinen zerbrechen. 12 178 singt sie dabei ein, oft improvisirtcs, einfaches Liebchen, mit nicht mißtönender Weise. Bei jungen Mädchen zeigt sich beim Zerkleinern des GctraideS ihr vollendet schöner Körperbau in seiner ganzen Zierlichkeit. Durch keine Schnürbrust eingeengt und verunstaltet, entfaltet bei diesen Kindern eines erzeugungskräfligen Klimas der Busen schon im dreizehnten Lebensjahre des Mädchens seine üppigste Blüthe; leider welkt diese bei so beschwerlicher Arbeit schnell dahin. Der Sudah- ncse weiß recht wohl, daß gerade die heftige Bewegung des Oberkörpers die Reize seiner Tochter oder Gattin bald zerstört und miethet sich deswegen eine Dienerin oder kauft sich eine Sklavin. Beide nennt man Chshdim«*). Gewöhnlich ist die Sklavin oder Dienerin alt und häßlich und kontrastirt um so greller und unangenehmer mit den jugendlichen Schönheiten. Bei ihnen gab uns die fehlende Kleidung Gelegenheit, idealische Körpcrschönheit der Jugend zu bewundern, bei jenen verhüllt sie uns leider die Gebrechen des Alters nicht. Ein altes Weib an der Murhaka ist eben so grauenerregend, als ein junges Mädchen in derselben Stellung schön. Jene Organe, welche nur das Klima des Südens tadellos hervorruft, sind bei der Chahdime verwelkt nnd so schlaff geworden, daß sie während der strengen Arbeit und lebhaften Bewegung des Oberkörpers mit einer Schnur angebunden werden müssen. Nicht immer wird der auf der Murhaka hinlänglich zerriebene Teig sogleich gebacken. Man läßt ihn im Gegentheil gewöhnlich erst einige Tage stehen und in saure Gährung übergehen. Backöfen kennt man nicht. Der Mehltcig wird aus einer Thonplatte, TöhkL, höchst oberflächlich geröstet. Auch die Anfertigung dieser Platte ist Sache der Frauen. Die Tokha hat ungefähr zwei Fuß im Durchmesser, ist in der Mitte flach eingebogen und hier einen Zoll stark. Vor dem Brodbacken wird sie auf einem in einer Ecke der Tankha oder Rekuba angebrachten Herde über einem gelinden *) kbskclime ist abgeleitet von cliääLm, dienen. Man versteht unter Kbsliclime auch eiue Sklavin, weil man das Femininum von Sklave (Xsbä) in der arabischen Sprache nicht kennt oder wenigstens nicht anwendet. 179 Feuer genugsam erwärmt und mit etwas Fett eingerieben und geglättet. Hierauf wird der Teig mit einer Kürbisschale aufgetragen und gleichmäßig verbreitet, auf der einen Seite schwach geröstet und dann umgewendet, um auch hier ein Wenig gebacken zu werden. Der dünne Fladen bleibt in der Mitte immer schlissig, klebrig, hängt sich beim Kauen zwischen die Zähne, hat einen unangenehmen Geschmack und Geruch und verleidet oft schon durch seinen Anblick Appetit und Eßlust. Eine Art von Durrah hat rothbraune Körner und giebt durch deren Schalen dem Fladen dieselbe Farbe, was nicht dazu beiträgt, ihn angenehmer zu machen. Dem Europäer wird es erst nach langer Selbstüberwindung möglich, dieses zuweilen eckelerregendc Gebäck zu genießen. Der Sudahnese legt seine Durrahfladen gern auf buntfarbige, aus Palmenblattstrcisen und Palmenfasern, Waizenstroh und grünem Leder mit vieler Kunst geflochtene, muldenförmige Teller, KhLd- däh, und überdeckt diese mit einem niederen, konischen Aufsätze, Tä- bLkh, von derselben Beschaffenheit und Schönheit. Beide haben wirklichen Kunstwerth und können als Luxusartikel betrachtet werden, weil man sie bis zu dem Preise von vier preußischen Thalern oder sechzig Piastern zu kaufen bekommt. Hauptsächlich in Korde sahn und Wöled-Medlne sind die Frauen sehr geschickt in Flechtereien; sie beschäftigen sich aber auch Monate lang mit einer einzigen derartigen Arbeit. Damit erklärt sich der für Sudahn enorm hohe Preis derselben; denn wenn man die unsägliche Mühe der Arbeit bedenkt, erscheint die Summe von sechzig Piastern verhält- nißmäßig sehr gering. Zur Bereitung der Assieda wird die Kisra in eine Mulde aus Mimosen- oder anderem Holze gebrockt und mit einer Brühe übergössen. Diese besteht aus einem Absud dickschlcimiger Uska, in dem man getrocknetes und zerriebenes Fleisch und sehr viel spanischen oder rothen Pfeffer (b"lM seiuimr) gekocht hat. Ein anderes Gericht heißt Lükhmö und ist der steif gekochte Brei der auf der Murhaka zerriebenen Durrah- oder Dochen- körner. Er wird mit derselben Brühe wie die Kisra zur Bereitung der Assieda, oder mit Zwiebelbrühe und saurer Milch über- 12 * — 180 ^ gössen. Um den Rand der Khaddah, aus welcher man ißt, liegen stark geröstete Durrahfladen herum, welche die Stelle der Löffel vertreten. Nur selten bereitet man Fleischspeisen. Tauben und Hühner werden in einer mit entsetzlichen Quantitäten spanischen Pfeffers versetzten Buttcrbrühe gekocht oder gebraten. Die Europäer glauben ersticken oder inwendig verbrennen zu müssen, wenn sie von dem auf sudahnesische Weise zubereiteten Geflügel essen sollen; ich selbst habe es nie dahin bringen können, auch nur einen Bissen davon zu genießen. Quantitativ dürfte wenigstens ein Dritttheil der Brühe aus spanischem Pfeffer bestehen. Bei gewissen Feierlichkeiten essen die Sudahnesen einfach in Wasser gekochtes Schaffleisch, ohne irgend eine pikante Würze. Der Schech eines großen Dorfes speiste mich einmal mit Schaffleisch, welches in Honig gesotten war und trotz dieser frappanten Bereitungswkisc nicht übel schmeckte. Das Rindfleisch wird im Sudahn von den Eingebornen nur zur Kräftigung von Brühen benutzt. Man schneidet es in der Richtung der Muskelfasern in lange, dünne Streifen, trocknet diese in der Sonne und bewahrt sie auf. Bor dem Gebrauche werden einige dieser Streifen zerstoßen oder zerrieben und der schleimigen Brühe beigemischt. Auf diese Weise führt man auch Fleisch auf Reisen mit sich. Man zieht das Rindfleisch dem Kamelfleischc vor, stellt es aber dem Schasfleische nach und wohl nicht mit Unrecht. Ersteres ist auffallend schlecht und trocken, wenig saftig und kräftig; aber immer noch köstlich im Vergleich zu dem Kamclfleische. Wenn dieses von alten Thieren genommen wurde, ist es so zähe und hart, daß es selbst durch langes Kochen nicht erweicht werden kann. Alles Fleisch, welches der Sudahncse (als Mahammedancr) genießt, muß „tLh lr", rein *), sein, d. h. das Thier, von dem es stammt, *) I»lNr heißt nur rein von dein Gesetz; es ist das „kauscher" der Juden. Der Mann, welcher sich zum Gebet gewaschen hat, ist talilr, selbst wenn er in Lumpen ginge; wir Europäer sind zwar »LtjUsrein in gewöhnlicher Bedeutung), aber als Christen vom Hause aus nechls, d. h. unrein, und wären wir eben aus dein Bads gestiegen. 181 muß so geschlachtet werden, daß beim Tode Blut aus den Halsschlagadern fließt. Ein mit der Kugel durch's Herz geschossenes Thier ist nicht „tahir," wenn Derjenige, welcher es erlegte, vor seinem Schusse nicht die gewöhnliche Gebctformcl beim Schlachten eines Thieres ausgerufen oder dem Thiere sofort nach demselben die erwähnten Pulsadern durchgeschnitten hat. Beim Schlachten eines Thieres faßt der Metzger sein Opfer am Kopfe und ruft dreimal: „LS ism liHüln «I rkiokmälin öl rSolnllin, ^Ilstlr Ini stledsr!"*) und schneidet hierauf mit einem raschen Schnitte die Halsschlagadern durch. Nach crfolg- tem Tode wird das Fell des Thieres abgestreift und soglcichals Fleischmulde benutzt; dann öffnet man den Leib, nimmt die Eingeweide heraus und zerlegt endlich das Thier in mehrere große Stücken. Trotz aller Reinlichkeit nach den Gesetzen des Khorahn geht es nach unseren unverständigen Ansichten beim Schlachten eines Thieres höchst unreinlich zu. Jedes aus den Händen sudahnesischer Fleischer empfangene Fleischstück bedarf vor dem Kochen erst einer sehr sorgfältigen Reinigung. Man schlachtet in Charthum alle Tage, weil sich das Fleisch in den Tropen nicht länger genießbar erhalten läßt. Ob das Schlachtvieh fett oder mager ist, bleibt unberücksichtigt; sogar trächtig gehende Kühe oder Kamelstuten werden getödtct und gegessen. Es hat wirklich etwas Ergreifendes, wenn man sieht, wie ein Kamel auf Geheiß seines Herrn nicderkniet, um die tödtliche Wunde zu empfangen. Die Fleischbank Charthum's befindet sich, ziemlich weit von der Stadt entfernt, auf einer in der Steppe liegenden Ebene und verbreitet nach allen Seiten hin den cckelhaften Geruch faulenden Blutes und Fleisches. Hunde, Geier, Falken, Adler und Marabus treiben sich zu jeder Tageszeit in ihrer Nähe herum, um die für sie abfallenden Eingeweide und Flcischstücken zu verzehren. *) Zu Deutsch: „Im Namen Gottes des Allbarmherzigen; Gott ist großer!" Der letztere Ausruf soll nach der mir gegebenen Erklärung bedeuten: Jetzt bin ich großer (mächtiger), als Du,' Gott ist aber noch großer, als ich. 182 Der Unterhalt des gemeinen Sudahnescn kostet, bei den auffallend niederen Preisen des Fleisches*) und Getraides **), so wenig, daß er sammt seiner ziemlich zahlreichen Familie mit der Summe von drei preußischen Thalern einen Monat lang bequem leben kann; aber trotzdem ist er nicht reich genug, sich tagtäglich Fleisch zu kaufen; er ist oft nicht im Stande, das zur Bereitung der As- sieda erforderliche Quantum zu erschwingen, und lebt nach unseren Begriffen außerordentlich ärmlich. Auf den Barken, welche langdauernde Reisen machen, erhalten die Matrosen anstatt der Provisionen nur Durrahkörner und eine Sklavin, welche dieselben zur Lukhme oder Assieda verarbeitet. Der Sudahnese führt, wie alle Morgenländer, seine Speise mit der Hand zum Munde, beobachtet hierbei aber nicht jene Zierlichkeit und Reinlichkeit, welche bei den Türken diese unanständige Eß- weise erträglich macht. Er nimmt ein Stück Durrahfladen mit den drei ersten Fingern der rechten Hand, taucht damit in die vor ihm stehende Mulde und führt mit dem als Löffel benutzten Fladen so Viel von der Speise in den Mund, als er darin unterzubringen vermag. Nach dem Essen, welches er so schnell als nur möglich beendigt, leckt er sich seine Finger unter lautem Schnalzen einzeln behaglich ab, dann wäscht er sich Mund und Hand und bemüht sich, recht hörbar aufzustoßen. Durch diese Unsitte will er zugleich andeuten, daß es ihm vorzüglich geschmeckt hat. Das einzige Gericht, aus welchem gerade die Mahlzeit besteht, wird vor ihm auf die bloße Erde oder eine auf dieser ausgebreitete Strohmatte gesetzt, seine Eßgesellschaft hockt sich darum und verschlingt gierig die Speise bis auf den letzten Rest; Fleischstücke zerreißt er mit den Händen und beißt dann davon so große Bissen ab, als er mit einem Male zu kauen im Stande ist. Nicht minder unanständig ist er beim Trinken der geistigen *) Ein preußisches Pfund Schaffleisch kostet in Charthum 22 Para oder 1,1 Sgr.; ein Pfund Rindfleisch 0,7 Silbergroschen und ein Pfund Kamel- fleisch 0,5 Sgr. Für ein Schaf bezahlt man 10—50 Sgr., für ein Rind 100 — 400 Sgr., für ein Kamel 120 — 500 Sgr. **) Ein Ardehb oder 2,4 wiener Wetzen Durrah kostet in Charthum zwölf bis achtzehn Piaster oder 24 — 36 Sgr. 188 Getränke. Beide Geschlechter gehen in ihrer Hütte bis auf einen Schurz um die Lenden nackt und wissen nicht, was Anstand heißt. Der Mann legt sich fast unbekleidet auf sein Ankarehb und trinkt seine Miricsa mit solcher Begier, daß er nicht aufsteht, um den nothwendigsten Bedürfnissen zu genügen. Das Gefühl der Scham kennt er nicht. Er trinkt, so lange er trinken kann, und bleibt zuletzt berauscht auf seinem Ankharchb liegen. Die Meriesa oder eine geistigere Art desselben Getränks, BilbN, wird aus Durrah oder Lochen bereitet und in Char- thuin in großer Menge verbraucht. Die Meriesa wird in eigenen Brauhäusern auf sehr verschiedene Weise gebraut. In Char- thllin weicht man die Durrah ein und läßt sie an einem feuchten Orte zwischen den milchigen Blättern der ^Zclepias procera (arabisch Ääschr) zolllange Keime treiben. Wenn wir die Meriesa mit unserem Bier vergleichen, vertritt die Durrah die Gerste und der Aäschr den Hopfen. Nachdem die Durrah genügend gekeimt hat, nimmt man die Aäschrblätter weg und trocknet das Durrahmalz in der Sonne. Dann zerreibt man es auf der Murhaka und bringt es mit einer hinreichenden Menge Wassers in großen irdenen Gefäßen über das Feuer. Gewöhnlich läßt man die Maische sechs bis acht Stunden lang kochen und langsam abkühlen. Wird zu dieser Flüssigkeit Hefe gesetzt und sie der Gährung überlassen, so nennt man das daraus hervorgehende Getränk Meriesa; wird sie aber durch einen aus Palmenblattstreifen geflochtenen Trichter geseiht und zum zweiten Male zum Kochen gebracht, so entsteht der Bilbil, welcher durch hinzusetzte Hefe in Gährung gebracht wird und nach wenigen Stunden genossen werden kann. Man vertheilt ihn schließlich in große, fast kugelrunde Töpfe, B u- rahm'*), deren Inhalt dem von sechs bis acht unserer Flaschen gleichkommt. Eine „Burma Bilbil" kostet in Charthum zwei Piaster; aber ungeachtet dieses niederen Preises beträgt der sich beim Brauen des Bilbil ergebende Gewinn drei- bis vierhundert Prozent der Auslagen. *) Plural von kurms. 181 t- Der Bilbil schmeckt säuerlich, jedoch keineswegs unangenehm, ist berauschend und wird in kleinen Quantitäten auch von Europäern gern genossen. Er vermehrt die in jenen Ländern die Gesundheit erhaltende Hautausdünstung und soll nach Aussage meiner Diener, unter denen sich große Verehrer dieses sudahnestschen Nektars befanden, sehr nährend sein. In manchen Dörfern Sudahn's bereitet man noch ein drittes geistiges, uns Europäern eckelhastcs Getränk, die Bühsä. Sie ist ein dünnflüssiger, mehlartiger, aus einem gerösteten und dann zcrbrockten Durrahmchlklumpcn und Wasser zusammengesetzter Brei, welcher in saure Gährung übergegangen ist, und schmeckt höchst widerlich. Bei der Armuth der innerafrikanischen Länder an fruchttragenden Bäumen kennt man im Sudahn nur zwei Getränke, welche aus Früchten entstanden sind. Das erstere ist eine aus Datteln durch Gährung erhaltene Meriesa, das andre eine Limonade, welche man aus dem säuerlichen Mchlc der Früchte des Affcnbrot- baumö oder der Adansonie gewinnt. Beide sind wohlschmeckend. » Ein drittes limonadenähnlichcs, erfrischendes Getränk erhalten die Sudahnesen durch einen Aufguß von Wasser über hart gebackene, noch besonders in der Sonne getrocknete, dünne und sehr saure Durrah- oder Dochenfladen. Bei Wüsten- oder Step- pcnreisen ist dieses einfache Getränk das beste, welches ich kenne. Zum Verschenken des Bilbil bestehen in Charthum eigene Kneipen, in denen man gewöhnlich auch öffentliche Mädchen antrifft. Die Reichen und Vornehmen Charthum's benutzten vor La- tief-Pascha's Regiment diese Einrichtung zur Erzielung eines schändlichen Gewinns, aus Rechnung eines empörenden Mißbrauchs der Sklaverei. Sie kauften sich mehrere hübsche Gallamädchen, räumten ihnen eine Tankha ein, verschafften ihnen Gelegenheit ! zum Ausschenken des Bilbil und zwangen sie, in diesen Kneipen als Freudenmädchen zu fungiern. Die Mädchen hatten die Verpflichtung, monatlich eine bestimmte Summe — selbst bis zu zwei- ^ hundert Piastern — ihres schnöden Gewinns an ihre Herren ab- abzulicfern und diese betrachteten ihre Sklavinnen als sehr einträg- 185 liche Erwerbsquelle. Selbst der KhLdk und die Ulöinä Char- thum's entblödeten sich nicht, auf diese Weise erst geraubte und dann verkaufte Mädchen gewaltsam zu feilen Metzen zu stempeln. Laticf- Pascha ist diesem Unwesen mit furchtbarer Strenge entgegengetreten und hat es vermöge der in Aussicht gestellten „tausend Peitschenhiebe" bald unterdrückt. Nur wenige Sudahncsen rauchen Tabak; dagegen kauen ihn Männer und Frauen ohne Ausnahme. Man wählt hierzu eine sehr starke Sorte und vermischt ihn vor dem Gebrauche noch mit Holzasche und Natron. Der Eingeborne erscheint fast nie ohne seine Primc, obgleich sein Aussehen dadurch nicht gerade gewinnt. Er drängt nämlich durch den zwischen die Zähne und die Lippe des Unterkiefers gepreßten Tabak die Lippe weit vor und saugt die durch Speichel angefeuchtete Primc langsam aus. Auf Reisen führen die Männer das zum pikanteren Geschmack des Tabaks nöthige Natron in ihrer Brieftasche bei sich. Ebenso unentbehrlich als der Tabak ist ihnen die sich leicht in zarte Fasern zersplitternde Wurzel eines mir unbekannt gebliebenen Strauches, welche ihnen anstatt der Zahnbürste dient. Männer und Frauen benutzen dieses Instrument fortwährend und halten den Gebrauch der Zahnbürste oder die Reinigung ihrer blendend weißen Zähne für einen so hohen Genuß, daß sie sich denselben, um den sündigen Leib kräftigst zu kasteien, während des Fastmonats Ramadahn versagen. Mit den Geräthschaftcn, um das Essen zu bereiten, und den dazu gebräuchlichen Töpfen, Tellern, Mulden und Deckeln haben wir zugleich beinahe die ganze innere Einrichtung einer Wohnung des ärmeren Sudahncsen kennen gelernt. Betrachten wir noch die Tankha selbst ein Wenig genauer, ebenso den Viehstand und die Kinder der Eingcbornen, so kennen wir auch seinen ganzen Reichthum. Daß ich die Kinder zuletzt erwähne, darf nicht befremden; ich verfahre dabei ganz nach sudahnesischen Ansichten. Nach diesen stehen die Frauen und Kinder wenigstens den Hausthicren unbedingt nach. Die Tankha des Eingcbornen ist ein von vier Lchmmauern umschlossener, überdachter, viereckiger Raum mit einer einzigen Ocff- 186 nung: der Thüre. Sie enthält im Innern eine aus zusammengefügten, dicht neben einander liegenden, geraden Stäben bestehende Scheidewand und eine ebenso gefertigte Thüre. Diese schützt nun zwar nicht gegen Wind und Wetter oder Diebstahl, soll aber auch nicht dagegen schützen; gestohlen wird dem armen Sudahne- scn aus dem einen sehr einfachen Grunde Nichts, weil er nichts Wethvolles besitzt. Denken wir uns als Geräthschaften einer so ärmlichen Wohnung noch einige, zuweilen buntfarbige, geschmackvoll und künstlich gearbeitete Matten zum Darauffitzen und Liegen; ein Ankharehb, mehrere Glasflaschcn und Teller aus schlechtem Steingut, manchmal buntbemalte, halbkugelförmige Schüsseln sSültähn'iö) aus demselben Materiale; einen eingemauerten Topf zum Räuchern der Fenitalia (mit wohlriechenden, harzigen Hölzern, denen man körperstärkcnde Wirkungen zuschreibt); viele aus Pal- nienfasern und Palmenblattstreifen geflochtene Gehänge, in denen man Holzteller und gefüllte Schüsseln zum Schutz gegen die Termiten aufhängt, und andre Kleinigkeiten: so haben wir Alles, was die Hütte enthält. Kisten und Kasten zum Aufbewahren von Kleidungsstücken oder Baumwollenzeugcn kennt man nicht; der Sudah- nese hängt das Wenige, was er davon besitzt, an die beschriebene Scheidewand im Innern der Tankha. In einzelnen Häusern sieht man auch Waffenstücke der Einge- bornen. Die Waffen bestehen aus der Lanze (Härbk), einem ovalen Schilde von Antilopen- oder Krokodilhaut, dem erwähnten Dolchmesfer (Sökrhn) und einem langen zweischneidigen Schwerte (Se'rf). Letzteres tragen die Vornehmen, Häuptlinge und Karawanenführer an einem Gehänge am Vorderarme. Die Klingen, welche im Sudahn mit einer eigenthümlichen Scheide und einem starken Kreuzgriff versehen werden, stammen aus einer der Fabriken Solingen's. Einzelne führen auch die Ebenholzkeulen der Neger des blauen Flusses als Waffe. Das Feuergewehr gewahrt man selten in den Händen der Eingcbornen und immer nur bei denen, welche weite Reisen gemacht haben und in mehr civitisirren Ländern mit dem Gebrauche desselben vertraut geworden sind. Der Hos des Städtebewohners beherbergt von Hausthie- 187 ren einen Esel, einen wachsamen Hund, zuweilen auch eine Katze, mehrere Ziegen und ein Volk Haushühner. Die Dörfler besitzen zahlreiche Hecrdcn von Rindern, Ziegen und Schafen, einige Kamele und Zebu's oder Höckerstiere, mehrere Esel, Hunde und Hühner; die Nomaden haben zwar auch nur dieselben Thiere, aber in weit größerer Anzahl. Mehrere von diesen Hausthüren gehören eigenen Rayen an. Der Esel des Ost-Sudahn steht dem egyptischen in jeder Hinsicht nach. Er ist kleiner, schwächlicher, fauler und störrischer als dieser, dem Sudahnesen aber ein sehr theurer Gegenstand, obgleich er ihn oft halb verhungern oder sich selbst Futter suchen läßt. Um aus ihm zu reiten, legt sein Besitzer einen hölzernen Sattel ohne Gurten und Steigbügel auf seinen Rücken, nimmt statt des Zügels einen Hakenstock in die Hand und bringt sein Reitthier durch besonderes Zungenschnalzen in Gang. Mit dem kurzen Stock, Assäi'ö genannt, wird der Esel so gelenkt, daß ihn der Reiter jedesmal auf der einer zu nehmenden Richtung entgegengesetzten Seite auf den Hals schlägt, worauf der Esel seinen Kopf wendet und nach Wunsch davontrabt. Am Sattel hängt eine kurze Koppel aus Palmcnfa- sern, mit welcher der Reiter nach beendetem Ritt die Beine des Esels so fesselt, daß er, wenn er nach seiner Nahrung herumläuft, nur kleine Sprünge machen kann. Auf ähnliche Weise werden in der Steppe Nachts die Kamele gekoppelt. Der Hund des Sudahnesen ist ein sehr schönes, feines Thier, von edler Ra>;e. Besonders die Nomaden besitzen ausgezeichnet gute Windspiele, welche die Gazelle jagen und fangen. Diese Thiere sind wundervoll gebaut und haben seidenweiches, gelbliches Haar. Sie werden von den Arabern hoch geschätzt und theuer bezahlt*). Ihre Wachsamkeit, Treue, Anhänglichkeit und ihr Muth *) I» Jemen muß »ach altem Brauch und Recht Jeder, welcher einen Hund erschlägt, dessen Besitzer so viel Walzen zur Sühne geben, als erforderlich ist, den an der Ruthe aufgehangenen Hund, der mit der Schnauze den Boden berührt, zu bedecken. Die Buße ist bei dem geringen Fallwinkel des Getraides und dessen hohem Preise sehr groß. In der Gegend von Afsuan erschoß ich einen wüthend auf mich ein- 188 sind gleich groß und verdienen die ihnen von den Eingcbornen gezollte Wcrthschätzung. Die sudahncsische Ziege ist ein kleines, feines und milchreicheö Thierchen. Sie klettert geschickt auf den schicfstchcnden Bäumen in den Wäldern herum, verlangt wenig oder gar keine Pflege und nährt sich von spärlich wachsenden Kräutern und grünen Baumblät- tcrn. Seit längerer Zeit hat man im Sudahn auch die Ziege der am weißen Flusse und in Takhale wohnenden Negerstämmc eingebürgert und schätzt diese allerliebsten, kaum mehr als anderthalb Fuß hohen Thierchen wegen ihrer schmucken Gestalt und ihres vcrhältnißmäßig reichen Ertrages. Der Sudahnese liebt überhaupt nur Thiere, welche wenig Pflege bedürfen und ihm keine Mühe verursachen. Schafe und Rinder spielen im Haushalte des Dörflers im Sudahn eine untergeordnete Rolle. Erstere gehören zu den auch in Egpptcn gewöhnlichen, wollcloscn — dafür aber behaarten — Fettschwänzcn, letztere sind klein und wenig wcrthvoll. Dagegen ist der Zebu für die bewässerten Felder am blauen Flusse von großer Wichtigkeit; er ist es, welcher die Schöpfräder in Bewegung setzt. Der Zebu ist ein mächtiges, schönes Thier und, wenn er nicht bei magerer Kost und harter Arbeit verkümmert, wohl das größte Rind, welches überhaupt eristirt. Sein Fctthöckcr schwillt bei guter und reichlicher Nahrung wie bei dem Kamel zu einer bedeutenden Größe an und sinkt bei harter Arbeit und wenig Futter zu einer kaum bemerkbaren Unebenheit des Rückens zusammen. Die Hühner des Sudahn sind klein, aber fruchtbar; Tauben werden erst seit wenig Jahren im Sudahn wie in Egpptcn gehegt; anderweitiges Geflügel hält man nicht. Die Kinder der Sudahnesen werden im höchsten Grade vernachlässigt und sind äußerst unreinlich gehaltene Geschöpfe. Bis zu dem Alter von sechs Jahren gehen beide Geschlechter nackt. dringenden Hund. Der Besitzer desselben erschien und war ganz untröstlich. > „Erschieße mich auch, nachdem Du meinen Hund erschossen hast", rief er aus und schlug die Hände verzweifelnd über dem Kopfe zusammen, „ich klage es Gott und mache ihn zu meinem Vertreter!" 189 Dann bekleidet man den Knaben mit einem Paar kurzen Bcinklei- der», das Mädchen mit dem Rahhad. Um diese Zeit schneidet man in die Haut ihrer Wangen, wie es die Nubier thun, mehrere parallel neben einander laufende Wunden, deren Narben als besondere Verschönerung des Gesichts gelten. Diese Unsitte ist wahrscheinlich von Nubicn herauf gekommen, jedoch nicht überall im Gebrauch. Da die Kinder beständig essen, so viel sie wollen, bekommen sie bald einen unförmlich dicken Unterleib und dieser nimmt erst mit dem Alter von zehn Jahren seine natürliche Gestalt an. Nur selten lernt ein^ Knabe lesen und schreiben. Er wächst wie seine Eltern in Unwissenheit und Unsittlichkeit auf und wird erst durch den Hunger angetrieben, irgend ein Gewerbe zu ergreifen. Ich habe versucht, in Vorstehendem ein allgemeines Bild des Sudahnesen zu zeichnen, ohne die verschiedenen Stämme und Völkerschaften, aus denen die Eingcborncn der „vereinigten Königreiche des Landes Sudahn" bestehen, besonders zu berücksichtigen. Im Verlaufe dieser Blätter werde ich auf sie zurückkommen und wende mich jetzt zur Betrachtung der staatsbürgerlichen und socialen Verhältnisse der unter dem, Scepter Egpptens und bezüglich der Türkei in den Ländern des blauen und weißen Flusses lebenden Menschen. Charthum ist die Residenz eines Pascha, welcher zur Verwaltung der Regierung des Ost-Sudahn von Egypten dahin geschickt wird. Seine Stellung wird wegen des gefährlichen Klimas des Sudahn und des Mangels an allen Genüssen und Freuden des geselligen Lebens als eine Strafe angesehen. Deswegen wechselt er in Friedenszciten alle drei Jahre und kehrt nach dieser Zeit (welche man jetzt in Egypten geradezu seine Strafzeit nennt) auf seinen alten oder einen besseren Posten zurück. Der Pascha von Sudahn, Hokmodahr el Sud ahn genannt, ist der höchste Würdenträger „der Königreiche", besitzt Recht über Leben und Tod, trotz der schwebenden Tansimatsfrage der Pforte, die Macht, Krieg zu beginnen und Frieden zu schließen, und ist nur dem hohen Rathe der e- 190 Citadelle zu Kairo verantwortlich. Cr ist der oberste Befehlshaber der Truppen und in Rechtssachen der in zweiter Instanz Entscheidende. Seine Besoldung beträgt monatlich vierzig Beutel oder tausend Speciesthalcr. Alle übrigen Beamteten des Sudahn sind dem Generalgouverneur untergeordnet. In den einzelnen Provinzen (Mödlris) herrscht ein Mohdihr oder Gouverneur, welcher gewöhnlich den Titel und die Würde eines Bei bekleidet. Dieser hat mehrere Kahschuhf*) oder Bezirksvorsteher unter sich, welche wiederum die Ortsvorsteher (Kaiinakahn) befehligen. Die bisher Genannten besitzen Militärrang. Außerdem gebietet in jedem Dorfe noch der „Schech el bekleb", ein Beamter, welcher entweder von der Regierung oder von den Dorfbewohnern bestallt wird und ungefähr die Stellung eines unserer Dorfschultheißen hat. Neben dein weltlichen Gerichtshof besteht der geistliche ganz in derselben Art und Weise wie in den übrigen mahammedanischen Staaten. Der Sudahn ist in seiner jetzigen Verfassung ein Militärstaat. Fast alle Befehlshaber der einzelnen Provinzen oder Dörfer, vom Pascha bis zu dem Kaimakahn herab, gehören dem stehenden Heere an und bekleiden in diesem einen ihrer richterlichen Stellung entsprechenden Rang. In Friedenszeiten beschäftigen sie sich mit der Regierung der ihnen anvertrauten Provinzen, in Kriegszeiten befehligen sie die ihnen zuertheilten Hcerhaufen. Deshalb kann man Regierungs - und Militärbeamtete kaum von einander trennen. Auch die Aerzte und Apotheker des Sudahn sind Militärs oder haben wenigstens Militärrang. Sie sind fast ohne Ausnahme Europäer, die Befehlshaber der Truppen dagegen meistens Türken oder als Sklaven nach der Türkei gekommene und dort frei gewordene Georgier, Tscherkessen und andere mahammedanische Kaukaster. Das Gerichtsverfahren ist summarisch; die Verhandlungen werden in arabischer Sprache geführt. Der Diwahn oder das Empfangszimmer (hier der Gerichtssaal) eines Beamten steht Jedem offen; selbst der Aermste und Zerlumpteste geht ohne Umstände in 9 Plural vo» Kahschef. 191 ihn hinein. Eine Klage oder Bittschrift, „Ärdähal", muß auf einen Stempelbogen geschrieben und dem Richter, welcher auf demselben Papiere seine Verfügungen bemerkt, übergeben werden. Dieser entscheidet, nachdem er die andere Partei vernommen hat, kurz und bündig; aber in den meisten Fällen gerecht und handelt hierbei nach den Gesetzen des Khorahn oder seinem eigenen Ermessen. Laticf-Pascha ließ am Thore der Hokmodcnc einen Kasten aufstellen, in welchen alle Klagsachen und Bittschriften geworfen wurden. Von Stunde zu Stunde ließ er den Inhalt der Kiste untersuchen und jede Schrift binnen vier und zwanzig Stunden erledigen. Die Kopten stehen auch im Sudahn den Beamteten als Schreiber und Rechnungsführer zur Seite. Polizeiliche Maßregeln bringt das Militär in Geltung und Anwendung; es sorgt für Ruhe und Sicherheit und leistet der Regierung Schergen-, Frohn-, Courier- und andere Dienste, ist aber mit wenig Ausnahmen unzuverläßlich, bestechlich, ja selbst diebisch. Früher bestand es im Sudahn aus viererlei Waffengattungen: den Arnauten, Morhrarbi, Scheiki und der Nisahm; jetzt sind die Morhrarbi und Scheiki aufgelöst worden. Diese unterscheiden sich nicht allein durch die Waffen, sondern auch durch ihre Hautfarbe. Die Arnauten sind weiße, die Morhrarbi gelbe, die Scheiki braune und die Nisahm schwarze Soldaten. Die Arnauten sind aus Türken, Albanescn, Griechen und anderen der Pforte Unterthanen Völkerschaften zusammengesetzt und bilden im Sudahn drei Regimenter (Scndjekre oder Sendjeklik), denen ein Oblist (Sendjek) vorsteht. Sie sind leichte, unregelmäßige Reiter und nicht gepreßte, sondern angeworbene Soldaten; ihre Dienstzeit, ist unbeschränkt und gründet sich auf gegenseitiges Uebcreinkommen. Der Arnaut tritt bei einem Sendjek in Dienst und übernimmt alle Verpflichtungen eines niederen Soldaten. Das Kleid, welches er trägt, die Waffe, welche er führt, und das Pferd, welches er reitet, sind sein Eigenthum; er erhält von seinem Befehlshaber nur seinen Sold und eine bestimmte Ration Durrah für sein Pferd., Die Truppe besitzt keine eigene Uniform, nicht einmal bestimmte, vorgeschriebene Waffen und deshalb sind die Arnauten 192 das regelloseste Corps, welches man sich denken kann. Der Eine führt ein Paar Pistolen und einen Jatagahn, der Andere Pistolen und eine lange Flinte, der Dritte Pistolen und einen Säbel; der Eine kleidet sich in Tuch, der Andre in Baumwollenzcug; der Eine trägt den Turban, der Andre nur den Tarbuhsch; die Leute sind ebensowenig eingeübt, als ihre Pferde zugeritten: aber dennoch sind die Arnauten die besten Soldaten des Sudahn. Sie haben keine Begriffe von einem geordneten Angriff in geschlossener Schwadron, wohl aber besitzen sie große Tapferkeit und wilden Muth. Das Regiment stürmt unaufhaltsam auf den Feind los und jeder Soldat sucht im Einzclkampfc Großes zu leisten. Gegen europäische Soldaten würden sie Nichts ausrichten können, den von ihnen ohnehin gehaßten Farbigen sind sie jedenfalls überlege». Eine Sendjekre Arnauten zählt vier- bis fünfhundert Reiter und wird von dem Sendjek, vier oder fünf Kahschuhf und viermal so vielen Bulluk befehligt. Der Kaschef oder Rittmeister erhält wie der Bulluk oder Wachtmeister und gemeine Soldat von Seiten der Regierung monatlich hundertundfünsundzwanzig Piaster (84 Thlr. unseres Geldes) Sold und ein bestimmtes Quantum Durrah. Hiervon werden dem gemeinen Soldaten monatlich ncunundzwanzig Piaster zur höheren Besoldung des Obersten, der Ritt- und Wachtmeister, sowie auch der Regimcntsschrciber abgerechnet. Nur der Oberst, welcher den Titel eines Arha (gewöhnlich „Aga" geschrieben) führt, bekommt noch fünf Beutel oder hundertundfünfzwanzig Kroncnthalcr monatlichen Zuschuß „für seine Küche." Jeder Soldat muß ihm monatlich zwölf Piaster abgeben. Da er nebenbei in Friedcnszcitcn so viel Land bebauen darf, als er will, zahlreiche Heerden und große Stutcrcien besitzt, so steigt seine Einnahme noch bedeutend. Ein Kahschcf befehligt hundert Mann und vier Bulluk, von denen jeder fünfundzwanzig Gemeinen vorsteht. Die Musik der Arnauten ist einfach, aber kriegerisch; die einzigen Instrumente sind kleine Pauken, welche ein Soldat an den Sattclknopf seines Pferdes hängt und mit Holzschlägeln bearbeitet. In Friedcnszeitcn lagern die Arnauten in mehreren von ihnen gegründeten Tokhuldörscrn. Jeder gemeine Soldat bewohnt 193 dort mit einer Sklavin oder Dienerin eine Strohhütte, vor welcher man sein Pferd nach arabischer Sitte am Fuße gefesselt sieht. Während der Regenzeit laufen die Thiere frei in der Steppe herum und sind nur der Obhut einiger dazu kommandirtcn Soldaten überlassen. Die Arnauten verbringen ihre Zeit mit Nichtsthun; sie besuchen die Kaffehäuscr, spielen und rauchen. Dagegen sind sie, wenn es sein muß, zu jeder Anstrengung und für jede Gefahr bereit und ohne Zweifel die festesten Stützen der türkischen Regierung des Sudahn. Die Morhrarbi*) waren eine den Arnauten entfernt ähnliche Waffengattung, ritten bescheiden auf Eseln und waren wo möglich noch unregelmäßiger als die letzteren, dabei aber so unbrauchbar und nutzlos, daß sie die cgyptische Regierung aufhob. Leider wurden mit ihnen zugleich auch einige Compagnieen der muthvollen und tapferen Schcikic mit aufgelöst. Nur die Nisahm**) ist regelmäßiges Militär. Sie besteht aus gekauften oder geraubten Negern, welche von egyptischcn Offizieren und Unteroffizieren eingeübt und befehligt werden. Sie sind in jeder Hinsicht schlechte Soldaten, bei Kriegen gegen ihre Stammgenosscn und Sklavenjagdcn höchst unzuverlässig, obgleich man den vererbten Haß der verschiedenen Negcrstämme unter einander zu benutzen versteht und immer bloß diejenigen Negersoldaten zur Bekämpfung der freien Schwarzen in's Feld führt, welche diesen von Kindheit an feindlich gegenüberstanden. Diese Soldaten liegen in Charthum in den beschriebenen Kasernen. Sie erhalten vierzehn Piaster monatlichen Sold, einige Ardehb Durrah und dann und wann etwas Fleisch. Bei ihren geringen Bedürfnissen würden sie mit Sold und Nahrung ganz zufrieden sein, aber leider bekommen sie weder das Eine, noch das Andere regelmäßig und sind deshalb zu Empörungen immer geneigt. Die beispiellose Unordnung *) Alorkrsrdi, Abendländer, werden alle lichtfarbigen Bewohner der Westländer Afrikas, als Algier's, Tunis'. Morokos u. s. w., genannt. Viele derselben dienten unter dem egyptischen Militär und bildeten später eine durch Egypter vielfach vermischte eigene Waffengattung. **) diisalim ist abgeleitet von „nissm", eine Linie bilden- 13 194 des türkisch-egpptischen Staatshaushaltes macht alle Besoldungen häufig nur nominell. Sie greift in alle Verhältnisse störend ein, behindert den Kaufmann, welcher der Regierung Etwas liefert, er« ^ bittcrt den Künstler und Handwerker, welcher für das Gonvcrne- ^ mcnt arbeitet, und setzt den Beamteten, trotz seines hohen Gehaltes, oft drückender Noth aus. So ist es auch im Sudahn der Fall, ^ daß die armen Soldaten monatelang keinen Para ihres Soldes zu sehen bekommen und sich, vom Hunger getrieben, als gefähr- j liehe Aufwiegler der Regierung gegenüberstellen. Gegenwärtig bilden die Negcrsoldatcn drei Regimenter, jedes zu zweitausend Mann. Ein Regiment steht unter den Befehlen ei- ! ncS Bci. Das Bataillon wird von einem Brmbäschi oder Major, die Compagnie von einem Jüsbklschi oder Hauptmann befehligt. Letzterer hat einen Milssrm aüwkl und scher (ersten und zweiten Lieutenant) und mehrere Tschausch (Unteroffiziere) unter sich. Die Besoldungen eines Beb in cgyptischen Diensten betrug während meines Aufenthaltes in Nord-Ost-Afrika sechzehn bis vierundzwanzig > Beutel*), die eines Major fünf, eines Hauptmanns zwei und - einen halben und die eines Lieutenant einen Beutel. Dasselbe erhalten auch alle Civilbcamtetcn, welche militärischen Rang haben. Die Regierung erhebt von ihren Unterthanen gewisse Steuern an Geld oder Naturprodukten. Jeder erwachsene Mann ist steuerpflichtig; der Schech eines Dorfes bestimmt die Höhe der von ihm zu liefernden Abgaben. Von den Städtebewohnern verlangt man gewöhnlich Geld, von den Dorfbewohnern Getraide, selbstgewebte Baumwollenzeugc, Kohlen, Vieh und andere Gegenstände; die Nomaden müssen von ihren Vichhecrdcn eine bestimmte Anzahl von Stücken abliefern. Mehrere Jahre hindurch wurden die Hcerdcn der letzteren durch die Forderungen der Regierung mehr als decimirt. Man war im hohen Rathe zu Kairo auf den unglücklichen Gedanken gekommen, den durch Seuchen, angestrengte Arbeiten an den Schöpfrädern und bedeutenden Fleischverbrauch einer, in dem kleinen Lande Egypten ^ *) Ein Beutel ist 25 Marientheresien- oder 33^ preußische Thaler. 195 zusammengezogenen, zahlreichen Armee unverhältnißmäßig zusammengeschmolzenen Viehstand Egyptens aus dem Sudahn zu ersetzen. Zunächst errichtete man dem Nil entlang eine Etappenstraße für das zu liefernde Vieh und erbaute in bestimmten Entfernungen „M L- HLddä"*), Futtcrmagazine, und Viehställe, „Schuhne". Die diesen Magazinen zunächst wohnenden Nubicr und Fellahhihn wurden gezwungen, den nöthigen Futterbedarf herbeizuschaffen. Nun erhielten die Kahschuhf der einzelnen Bezirke Sudahns Befehl, Kamele und Rinder, oft mehrere Tausende von Stücken, auszuheben und in Charthum zum Transport nach Egyptcn abzuliefern. Die Rinder wurden in kleinen Märschen von höchsten zwei Mahhaddaht längs des Stromes hinabgetriebcn. Obgleich man sie möglichst schonte, nur bei Nacht gehen ließ und ihnen viele Ruhetage gönnte, unterlagen, auf der mehr als acht Monate dauernden Reise, doch gegen vierzig Prozent der von Charthum abgehenden Thiere den Beschwerden des weiten Weges. Wenn man die, oft viele Meilen lang öden Strecken der Niluser gesehen hat, staunt man über das riesige Unternehmen derartiger Transporte, gelangt bei einigem Nachdenken aber bald dahin, dasselbe als eine verfehlte Spekulation zu bedauern und eine die Betheiligten barbarisch bedrückende Maßregel zu verachten. Die armen Nubier wurden durch die ihnen befohlenen Futtcrlieferungen, obgleich man sie nur als eine indirekte Steuer ansah, so gedrückt, daß sie nicht im Stande waren, die ihnen aufgebürdeten übrigen Auflagen der Regierung zu decken; die Nomaden verloren den Kern ihrer Heerden. Nach einigen Jahren sah man das Nachtheilige dieser Lieferungen in Kairo ein; die geträumten Ideale wichen der Wirklichkeit; man hob das Institut auf, nachdem es der Regierung Tausende von Piastern und dem Sudahn Hunderttausende von Kamelen und Rindern gekostet hatte. Leider sind viele Maßregeln der Regierung, welche auf dem Papiere Nichts zu wünschen übrig lassen, in praktischer Hinsicht unausführbar oder we- *) Von IikM, begrenzen. Eine Mahhadda (Plural Mahhaddaht) beträgt ungefähr zwei deutsche Meilen. 13 * 196 nigstcnö so schlecht, daß sie mehe schaden als nütze». Noch heutigen Tages kann man die Etappenstraße verfolgen, wenn man von dem Gerippe eines jener Rinder zum andern reitet. In den Wü- stenstrcifcn Nubicns liegen, halb vom Flugsande bedeckt, unzählig viele. Ich habe mit der Erwähnung dieser einen Steuer einen Maßstab gegeben, nach welchem man beurtheilen kann, wie schonungslos die Regierung bei Eintreibung der von ihr geforderten Abgaben verfährt. Diese sind scheinbar zwar gering, aber für die mittellosen Sudahnescn enorm hoch. Daneben beansprucht die Regierung die Kräfte ihrer Unterthanen noch auf andere Weise. Bei öffentlichen Bauten werden die Männer ohne Weiteres zur Arbeit gepreßt, ihre Kamele und Barken mit Beschlag belegt und zu den verschiedensten Zwecken benutzt. Wenn so Etwas bei Unternehmungen geschieht, welche das allgemeine Beste aller Einwohner eines Ortes bezwecken, kann man darin eigentlich nichts Unrechtes finden; allein es geschieht leider auch bei Privatsachcn der Regierung. Der sonst sehr gerechte und tüchtige Lati es-Pascha erbaute einen Harehm für den jeweiligen Hokmodahr. Derselbe wurde aus Ziegelsteinen aufgeführt und kostete dem Gouvernement etwa dreitausend Specicsthaler, weil die beim Bauen verwendeten Barken, Last- thiere und Menschen größtentheils ohne Löhnung arbeiten mußten. Ein Privatmann würde nicht im Stande sein, mit einer doppelt so großen Summe ein derartiges Gebäude herzustellen. Unter den Gewerben der Sudahnescn steht der Handel oben an, obgleich er erst seit dem Jahre 1850 frei wurde. Früher waren die hauptsächlichsten Handclsgegenstände Monopol der Regierung. Man nahm in Charthum die Naturprodukte des Sudahn, z. B. Sklaven, — ich verwahre mich gegen Miß- verständniß meiner Ausdrucksweise!! — Elfenbein, arabisches Gummi, Tamarindenkuchcn u. s. w., zu niederen Preisen als Abzahlung auf die geforderte Steuersummc an und verkaufte diese Artikel in Egypten mit großem Gewinn. Jetzt sind die 197 Monopole aufgehoben, jedoch betheiligt sich die Regierung noch immer beim Handel des Landes. Der Sklavenhandel geht fast allein * durch ihre Hände; sie macht noch regelmäßig Sklavcnjagden (wenigstens wurde noch im Jahre 1851 eine Rhassua*), — wie man diese „Heerzügc gegen die Heiden oder Ungläubigen" nennt — ausgerüstet) und sendet alljährlich eine HandelSerpcdition, an welcher sich Privatleute nur bedingungsweise bctheiligen können, nach dem weißen Flusse ab. Der Handel Charthum's ist bedeutend und entspricht der ihm überaus günstigen Lage der Stadt. Am Vereinigungspunkte zweier großen Ströme, den Herzadcrn des inneren Afrika, muß sich für Kaufleute ein reges Leben gestalten. Ein Strom besagt in Afrika für den Handel weit mehr, als in Europa, wo Eisenbahnen und andere Transportmittel den leichtesten Verkehr ermöglichen; er ist die beste Handelsstraße, welche es überhaupt giebt. Der blaue Fluß ist von Charthum noch fünf, der weiße Fluß noch elf Breitengrade stromaufwärts schiffbar; der Nil kann ohne Gefahr bis * Berber cl Mucheiref befahren werden. Von dort an stromabwärts thürmcn sich der Schiffsahrt zwar unbesiegbare Hindernisse, die Katarakten, entgegen, aber dann ist der Verkehr durch eine geordnete Karawanenstraße auch sehr erleichtert. Das rasche Aufblühen Charthum's ist ohne Zweifel nur seinem Handel zuzuschreiben : die Hauptstadt des Sudahn ist jetzt die wichtigste Handelsstadt, ihr Basar vielleicht das reichste Waarenlager Central-Afrikas. Von Kairo gelangen ungefähr folgende Waaren nach Charthum: Zucker, Branntwein, Baumöl, Essig, Wein, Rum; Maka- roni, Reis, Seife, Stearinkerzen; Eisenwaaren, Weißblech, Kupfer- gefäße; Saffianschuhe und rohes Leder, Wasserschläuche, türkische Kleidungsstücke, persische Teppiche, gegerbte, langhaarige Schaffelle, morhrarbincr Tarabihsch**) oder rothe türkische Filzmützen, französisches Tuch, englische und egyptischc Baumwollcnzeuge; Gewürze, Zuckcrbackwerk; Schießpulver und Feuerwaffen, Blei und Schrote; Wurzel „rkass", eine Kncgserpedltieu ausrüsten. **) Plural reu „Tarbuhsch". 198 Porzellan, Gläser und egyptische Thongefäße; Papier, arabische Tinte und Schreibfcderrohr; syrischer Pfeifen- und persischer Nar- gilehtabak, schlechte Cigarren aus Malta, Pfeifenrohre und Bern- f steinspitzen, Thonpfeifenköpfe; Rcibzündhölzchen und Feuerschwamm; Schiffsthcer, Segeltuch, Taue, Schiffsgloben und Segelstangen aus Fichten- oder Föhrenholz; Glasspiegel, Glasperlen, Schmucksachen aus Messing; wohlriechende Wässer und Hölzer, z. B. Odo- gatsch, Speik u. s. w. Von den Erzeugnissen des Innern sieht man: Elfenbein, Ebenholz und Straußenfedern, arabisches Gummi, Eoloquinthen-Kürbisse, Sennesblätter, Tamarindenkuchen, Indigo, Kasse aus Abyssinien. Honig vom weißen Flusse, Goldkörncr aus Khassahn, Tabak aus Sennahr, Leopardenfelle aus Dahr-Fuhr. Dazu kommen Sklaven und Sklavinnen vom weißen und blauen Flusse, aus Khassahn, Abyssinien, Takhalc und Dahr- Fuhr; Kamele von den Bischahri-Arabern, Pferde von den Kababiesch und aus Dahr-Fuhr, Rinder, Schafe und Ziegen von verschiedenen Nomadenstämmen; ebenso Durrahkörner und * Dochenhirse vom oberen blauen Flusse und aus Kordofahn; Flecht- und Lederarbeiten aus Woled-Medine u. s. w. Die meisten Waaren, welche von Egypten heraufkommen, werfen, wenn der Markt nicht gerade überfüllt ist, hohen Gewinn ab, die Eß - und Trinkwaaren durchschnittlich hundert Prozent nach Abzug aller Spesen. Ferner sind gewinnbringende und gut gehende Artikel: Seife, Eisenwaaren, Tabak, Schießpulver, Waffen u. s. w. Zuweilen tritt beim Absatz mancher Waaren eine bedenkliche Stockung ein. Im Jahre 1851 hatten so viele Kaufleute Kattun und andere Baumwollenzeuge, für welche sie arabisches Gummi eintauschen wollten, nach Charthum gebracht, daß der Bedarf Ost-Sudahns für mehr als zehn Jahre gedeckt schien. In Folge dessen fielen die Preise der Baumwollenzeuge um zwanzig Prozent unter die in Kairo üblichen, während zugleich das arabische Gummi ungewöhnlich im Preise stieg. Der Centner Gummi, für welchen die Regierung zur Zeit ihrer Monopole fünfzehn Piaster bezahlt hatte, stieg zu dieser Zeit bis auf neunzig und hun- 199 dert Piaster im Werth, und kostete in Kairo nur fünfundsechzig Piaster mehr, obgleich die baarcn Auslagen für den Transport bis dahin mindestens vierzig Piaster betrugen. Alle Kaufleute, welche auf die genannten Waaren spekulirt hatten, verloren bedeutend. Am Besten gehen dic Eßwaaren, weil sie stark verbraucht werden und immer von Neuem ergänzt werden müssen. Sie sind in Charthum ebenso schlecht, als theuer. Der Wein, welcher nach dem Sudahn kommt, ist oft verfälschter, erbärmlicher, französischer Roth- wcin, von dein man in Kairo die Flasche für 2^ Sgr. kaufen kann. Im Sudahn verkauft man die Flasche mit 18 — 24 Sgr. Aber sein Genuß ist für die Europäer unerläßlich und deshalb bezahlt man gern so viel dafür. Der Branntwein wird in Charthum ebenfalls zu hohen Preisen und in noch größerer Menge als der Wein verkauft, weil die Türken im Sudahn fast ohne Ausnahme Branntwein trinken. Man kann in den heißen Ländern den mäßigen Genuß geistiger Getränke aus gesundheitlichen Rücksichten nicht entbehren, muß aber Uebermaß vermeiden, was in Charthum leider nicht geschieht. Seit einigen Jahren besteht in dem Dorfe Kamlihn am blauen Flusse eine Branntweinbrennerei, aus welcher jährlich mehrere Tausend, aus Datteln destillirte Flaschen dieses Getränks gewonnen werden. Obgleich man die Datteln aus der Provinz Dongola in Nu- bien herbeischaffen muß, sind die Preise des kamlihner Schnapses doch niedriger, als die des aus Egypten eingeführten. Die einzige Zuthat zum Alkohol des zu destillirenden „Aarakhi"*) ist Anisöl. Der Branntwein bekommt durch dasselbe einen erträglichen Geschmack und, wenn er mit Wasser vermischt wird, ein milchiges Ansehen. — Durch die Europäer kommen zuweilen ganz ungewöhnliche Dinge auf den Basar. Man trank in Charthum schon oft Champagner und gute französische Rothweine, ja selbst Rheinweine. Ein mit Wermuth versetzter südlicher Wein war in letzter Zeit ein ge- *) Von der Wurzel ssrskl,, schwitzen, abgeteilet, daher das, was ausgeschwitzt oder destillier ist: Spiritus, hier Branntweiu. 2V0 wohnliches Getränk der Europäer und Türken. Im Jahre 1851 fand ich Reibzündlichter aus Wachs in den Händen eines darüber nicht wenig ergötzten Sudahnesen. Bei vielen europäischen Kaufge- genständcn hat der Betrug freies Spiel. So verkauft man z. B. galvanisch vergoldete Uhren für massiv goldene und findet doch seine Käufer. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß bei derartigen Vorkommnissen nur die Europäer die Betrüger sind. Unter den Produkten des Innern sind für den Handel Kasse, arabisches Gummi und Elfenbein die wichtigsten. Der Kasse kommt aus Abyssinicn und steht bezüglich seiner Güte dem ächten Mocha (oft „Mokka" geschrieben) nicht oder nur wenig nach. Er wird theils im Sudahn verbraucht, theils geht er weiter nach Nubicn und bis Egypten herab. In Charthum bezahlt man das arabische Rottet oder nach unserem Gewicht 26 (wiener) Loth mit 70 Para oder 3^- Silbergroschcn. Im Vergleich zu dem Gummi und Elfenbein ist seine Bedeutung eine untergeordnete zu nennen. Letzteres kommt zum größten Theile vom weißen Flusse herab und gelangt entweder über Sauakim am rothen Meere in die Hände der Engländer oder geht über Kairo nach Europa. Früher lieferte auch Takhale und Dahr-Fuhr viel Elfenbein nach Charthum; jetzt ist der Import von dort her geringer. Ich bin nicht im Stande, etwas Genügendes über den Handel zu geben und muß mich auf wenige Angaben beschränken. Im Jahre 1850 kostete der arabische Centner — ungefähr cinundachtzig wiener Pfund — in Charthum zwölf- und in Kairo achtzchnhundert Piaster; in Oberd, der Hauptstadt Kordofahn's, verkaufte man ihn um hundert Piaster billiger als in Charthum. Diese Preise beziehe» sich auf die beste Qualität dcS Elfenbeins. Nach den Mittheilungen des europäischen Kaufmanns Con- tariny in Charthum unterscheiden die Kaufleute des Innern mehrere Stufen der Güte des Elfenbeins, arabisch Srn öl fihl, Elcphantenz ahn, genannt. Man versteht unter der Bezeichnung „Si n" (Zahn) einen fehlerfreien, über fünfzehn Rotte! schweren Zahn, unter „MüschskhLt" (zersprungen) einen großen, aber zerrissenen Zahn, unter „Bara" (was außerhalb — der Rech- 201 innig — ist) kleine Zähne unter fünfzehn arabischen Pfunden und unter „SchLnis'rö" Zähne von gestorbenen Thieren, welche lange Zeit in der Sonne, „Schems", gelegen haben. Die letztere Sorte wird nur mit zwei Dritttheilen ihres wirklichen Gewichts und außerdem , weil sie an Reinheit der Farbe und Festigkeit verloren hat, zu niedrigeren Preisen berechnet. Das arabische Gummi wird vorzugsweise in Kordofahn eingesammelt und kommt erst von dort aus nach Charthum. Nach der Regenzeit quillt es als Harz mehrerer Mimoscnarten in dicken, Wasserstellen Klumpen aus den Zweigen und Achten der Bäume hervor, trocknet in der Sonne mählig zusammen, wird dabei, wegen Aufnahme von Sauerstoff aus der Atmosphäre, dunkler und kann nun eingesammelt werden. Hierzu bedienen sich die Eingc- bornen hölzerner und eiscner Haken, mit denen sie die Harzklumpen abreißen. Sie mischen gute, d. h. reine, und schlechte Klumpen unter einander und bieten sie den das Land durchziehenden Kaufleuten partieemvcisc im Bausch und Bogen zum Kauf an. Diese verpacken es in große Bastsäcke,. „Khüfftz", von je zwei arabischen Centncr Inhalt, vereinigen zwei solcher Säcke zu einer Kamelladung, „Rächöl", und schaffen so die Waare über Charthum oder Dongola nach Kairo. Während des Transportes verliert das Gummi zwölf Prozent seines Gewichts durch Verdunstung des noch in den einzelnen Klumpen enthaltenen Wassers. Die übrigen Handelsartikel sind mit Ausnahme der Sklaven und Hausthicre den erwähnten untergeordnet. Man schafft wohl zu zierlichen Tischler- und festen Holzarbcitcn bestimmtes Ebcn- und Mimosen holz nach Egyptcn, nimmt Senncsblätter, Ta- marindcnkuchen, Straußenfedern, Hippopotamuspcitschen rc., mit unter die dahin abgehenden Waarenscndungen auf, aber das geschieht Alles nur gelegentlich. Dagegen werden mit Sklaven die ausgedehntesten Geschäfte gemacht und leider bethciligcn sich die in Charthum ansässigen Europäer hieran oft genug. Ich will hier nicht auf die Art und Weise des erniedrigenden Menschenhandels eingehen, sondern begnüge mich, die Qualitäten und die darauf bezüglichen Preise der Sklaven anzugeben. Zunächst unterscheidet 202 man ihren geistigen Fähigkeiten nach Abpssinier, Da h r - F u h r Takhale-, Tabi-, Schilluk- und Dinkhaneger und schätzt sie, nach der von mir beobachteten Reihenfolge, mehr oder weniger. Weibliche Sklaven sind immer theurer als männliche; Verschnittene sind theurer als beide zusammengenommen. Dem zu Folge handelt man lieber mit weiblichen Sklaven als mit männlichen; deshalb finden sich, zwar weniger in Charthum selbst, als in Woled-Medine, Sennahr und Kordofahn noch Leute, welche das schändliche Gewerbe der Knabenverstümmelung betreiben und jene Operation *) vornehmen, die nur in fünfundsiebzig von hundert Fällen einen glücklichen Ausgang wahrscheinlich macht. Je nach ihrer Jugend, Schönheit, Körperstärke und Brauchbarkeit werden die Sklaven zum zweiten Male eingetheilt. In Charthum kostet ein Schilluk- oder Dinkhaneger zwei- bis vierhundert, ein Neger aus Dahr-Fuhr, Takhale oder vom Berge Tabi vier- bis siebenhundert, ein Abyssiner, d. h. Galln, MLkähtö oder HLbtzschi sechshundert bis tausend, ein Verschnittener sechshundert bis vierzehn- oder selbst sechzehnhundert Piaster; Negerinnen sind um die Hälfte theurer als Neger; Abyssinierinncn werden mit sechshundert bis zweitausend Piaster bezahlt. Stellt man die gewöhnlichen Preise der Hansthiere daneben, so ergiebt sich, daß diese denen der Menschen fast gleich sind. Ein gewöhnliches Kamel wird mit zwei- bis vierhundert, ein guter zugerittener Hedjihn von den Bischahn-Arabern mit acht- bis zwölf- hundert Piastern bezahlt. Die Pferde sind kaum theurer als gute cgyptische Esel; erstere kosten vier- bis zwölfhundert Piaster, letzterer zuweilen noch zwei- bis vierhundert Piaster mehr. Der Ort wo die Handelsgeschäfte abgemacht werden, ist der *) kuer eastrsnäus sntee zezunio lon^o et slvi purxgtione mexnopere de bititstur et krsnxitur. ^nte esstretionis vperetivnem puer spende« (^nklie- rellb sppettstur) glliAitur ne se mvvere situmcsue justum vertere possit. lum vperstor non soluin testieuls sed etiein penem ipsum scnto sbseindit cultrv; emplsstrum edipe itlitum in vulnere iinponit st üstulsm plumbeem in uretlirsin immittit, usyue sd vulnus ssnstum. Vulnere bene et kelieiter ss nsto csrentium loco ciestrix lere modo rmimedvertitur. 203 Basar; hier werden auch gerichtliche Versteigerungen abgehalten, gewöhnlich Freitags. Der Richter nimmt mit seinen Schreibern in einer Bude Platz, die Kauflustigen schlürfen in den übrigen Kaufladen ihren Kasse. Ein Dellahl (Mäkler) führt die zu versteigernden Gegenstände, z. B. Sklaven, Kamele, Esel, Pferde re., vor, geht mit ihnen von einer Bude zur andern und nennt mit lauter Stimme die Zahl der Piaster, welche ihm für das Verkaufsobjekt geboten wurden. Das höchste Gebot meldet er dann dem Eigenthümer oder dem eine Sache Verkaufenden und fragt an, ob er damit zufrieden sei oder nicht. Er erhält für seine Bemühungen von der Regierung zwei, von Privaten fünf Prozent des Werths der verkauften Waare und wird von Beiden gleich oft benutzt. Zuweilen sieht man ihn wie einen Harlekin geputzt über den Markt gehen; er hat vielleicht zwanzig verschiedene Kaufsartikel über Arme und Schultern gebreitet oder in seinen Leibgurt gesteckt. Diese Leute werden von der Regierung streng überwacht und wenn sie wegen erwiesenen Betrugs angezeigt wurden, so hart bestraft, daß * man bei ihnen eine durch die Furcht vor der Peitsche bedingte Ehrlichkeit voraussetzen kann. Nächst Charthum nenne ich als bekannte Handelsstädte des Ost-Sudahn noch Mästzllsm're und elObe'id, die Hauptstadt Kordofahn's. Von letzterer werde ich im Verlaufe meiner Erzählung ausführlicher reden; erstere liegt in der Nähe der Provinzial- hauptstadt Wolled-Medine und ist für den Handelsverkehr mit Abysstnien von großer Bedeutung. Der Handel ist auch im Innern Afrikas das die Völker vereinigende Motiv. Fast aller stattfindende Verkehr ist im Interesse des Handels entstanden und wird durch dasselbe unterhalten. Die Regierung richtete nur zwei Poststraßen ein: eine von Charthum nach Kairo, die andere von Charthum nach el Oberd. Beide sind durch Latief-Pascha so verbessert worden, daß jetzt ein Brief in fünfund zwanzig Tagen von Charthum nach Kairo gelangt. Ich verstehe unter der Verbesserung der Poststraßen keineswegs eine geschickte Anlage von Straßen, — denn Straßen giebt es im Innern Afrikas nicht — sondern vielmehr ein geordnetes, sich zur rechten Zeit ablösendes Postpcrsonal. Von Charthum aus gehen wöchentlich zwei Hedjanihn (Dienstags und Freitags) mit einem Brieffcllcisen nach Egypten ab, erreichen in fünf Tagen Berber el Muche'rref, in zwölf bis dreizehn Tagen Korosko und kämmen nach sechszehn oder achtzehn Tagen in Assuan an, wo sie ihre Briefe und Depeschen abgeben. Diese Postreiter werden, wo es thunlich, von zwei Tagen zu zwei Tagen abgelöst und reiten schnellfüßige, gute Bischahri- Kamelc. Bei Betracht der Verhältnisse innerafrikanischer Länder muß man dieser Einrichtung jedes Lob zugestehen. Ich meines Theils habe nie den Verlust eines Briefes zu beklagen gehabt. Für einen anderweitigen Verkehr findet keine regelmäßige Verbindung statt; nur der Kaufmann bringt Nachrichten von den Nachbarländern des Sudahn nach dessen Hauptstadt. Er kennt gewisse Orte, von wo aus er seine Reisen antritt und nach denen er zurückkehrt. Ein solcher Ort ist Muscllem're für die Verbindung des Sudahn mit Abyssinien, Obcrd für die mit Dahr-Fuhr. Hier sammeln sich abreisende und zurückkehrende Kaufleute und so entsteht ein ziemlich schwunghafter Verkehr und Waarcnumsatz. Die Länder, mit denen die Kaufleute Charthum's verkehren, sind: Abyssinien, Takha, Jemen, Indien; Kordofahn, Takhale, Dahr-Fuhr; Nubien, Egypten und die Rege rländ er des weißen und blauen Flusses. Zuweilen dringen einzelne Djellalihb*) in westlicher Richtung weit in's Innere vor. Nächst dem Handel nimmt der Ackerbau unter den Gewerben der Sudahnesen die erste Stelle ein. Ich habe erwähnt, daß der in der Nähe Charthum's betriebene unbedeutend ist; in Dörfern, welche nur wenige Meilen von der Hauptstadt entfernt sind, ist dies nicht mehr der Fall. Hier beginnt der interessante, dem *) vjellslib oder VM-Mbi, Plur. vsellslilrb (Wurzel chglaba), „ein Kaufmann, welcher Waaren von einem fernen Orte zum andern bringt;" jetzt, weil diese Leute gewöhnlich mit Sklaven handeln, fast gleichbedeutend mit Sklavenhändler- 205 Ost-Sudahn ganz eigenthümliche Gctraidebau in der Steppe. Die Ufer der Ströme sind überall in Nord-Ost-Afrika die einzigen Felder, auf denen man vermittelst Schöpfrädern das unbedingt nöthige Wasser jederzeit herbeischaffen kann; sie sind für Egypten und Nubien der Lebcnsfaden, welcher sich durch das öde Stcin- und Sandmecr hindurchwindct. Im Sudahn verlieren sie an Gewicht. Da, wo in Afrika der Himmel seine Schleusten öffnet, treibt die Erde überall zum fröhlichen Leben. Südlich vom sechzehnten Grade der nördlichen Breite giebt es keine Wüsten mehr; sie verwandeln sich in Steppen. Hier deckt eine verhältnißmäßig üppige Vegetation die Erde. Der Sommer sucht diese zu vernichten, der Winter weckt sie zu neuem Leben. Das ist der, von uns später noch genauer zu betrachtende Boden, auf dem der Sudahnese seine Durrahfelder anlegt. Kurz vor Beginn der Regenzeit zündet er das Gras der Steppe an. Das Feuer verbreitet sich meilenweit und rasirt die ganze Fläche; das Unkraut verschwindet, aber es giebt den Keim zu neuem Leben. Fruchtbare Asche bleibt zurück, der erste Regen vereinigt ihr kohlensaures Kali mit dem Humus des Bodens. Jetzt erscheint der Bauer, um sein Samenkorn auszustreuen. Die Bewohner eines Dorfes vereinigen sich, um ein einziges, ungeheures Getraidefeld anzulegen. Mit einem halbmondförmigen Eisen, Husch lisch*) genannt, lockern die Männer die Erde auf, dann stechen sie mit einem zugespitzten, unserem Pfahleisen oder „Stichel" entfernt ähnlichen Mimosenholzc, drei bis vier Fuß im Quadrate von einander entfernte, Löcher in dieselbe. Die Frauen streuen einige Durrahkörner in jedes Loch und treten es leicht mit dem Fuße zu. Der von *) Hsscliaseb, Wurzel Imscli, Etwas, womit das Gras, „HssMesclr", bearbeitet wird. Einige Reisende haben Hs8cli3seli mit „Opiumesser" übersetzt, weil Haschiesch auch ein dem Opium ähnliches, berauschendes Hanfsamenextrakt bedeutet und Derjenige, welcher Haschiesch genießt, Haschasch genannt wird. Jedermann sieht ein, daß der seiner reichen, biegsamen Sprache wohl kundige Araber durch dergleichen geistvolle Ueber- setznngen eben nicht in's vortheilhasteste Licht gestellt wird. Ich habe aber die betrübende Erfahrung, daß mancher Reisende dem andern offenbaren Unsinn ohne Bedenken nachschreibt, leider nur zur oft gemacht. 206 nun an fallende Regen ruft bald ein kräftiges Wachsthum der geleimten Durrah hervor; schon drei Monate nach der Aussaat reifen die fußhohen Kolben auf kräftigen, übermannshohen Halmen oder Stängeln. Bis dahin hatten sich die Sudahnesen nicht um ihre Felder gekümmert; der Himmel sorgt mit feinen fruchtbringenden Niederschlügen und seiner belebenden Sonne mehr, als ihnen nöthig, für sie. Zur Zeit der Erndte zieht Alt und Jung hinaus, um die reisen Kolben zu sammeln. Von dem Stroh benutzt man nur so viel, als man gerade zum Dach oder der Seitcnwand eines Tokhul braucht, das übrige bleibt auf dem Felde stehen und dient als Viehfuttcr. Die Kolben werden an bestimmten Stellen des Feldes zusammengetragen und auf Hausen geworfen, um gedroschen zu werden. Man legt die Tennen sogleich auf freiem Felde an. Ein viereckiger, seitlich erhöhter oder mit niederen Wällen umgebener Raum wird geebnet, festgestampft und geglättet. Nebenan klebt man auf der Windseite eine Erdsäule zusammen, behufs der späteren Reinigung der Frucht. Nachdem nämlich die Kolben mit langen Stöcken gedroschen worden sind, besteigt einer der Männer die Säule und läßt sich eine große, mit Spreu und Fruchtkörncrn gefüllte Mulde hinaufreichen. Von der Erhöhung herab schüttet er die Mulde bei starkem Winde langsam aus. Der Wind treibt die Spreu hinweg, die Körner fallen vermöge ihrer Schwere zu Boden. Zwar enthalten sie noch kleine Sternchen und Erdtheile, doch hat das keinen Nachtheil, weil die Körner vor dem Gebrauche erst sorgfältig gewaschen werden. Die auf diese Weise „gewursten" Körner werden nun bis zu ihrer Verwendung in den Fruchtbchältcrn der Sudahnesen aufbewahrt. Man gräbt, oft weit von den Dörfern entfernt, brunnen- artige zwölf bis zwanzig Fuß im Durchmesser haltende und doppelt so tiefe Löcher in die Erde, an erhöhten, möglichst vor dem Regen geschützten Stellen. Dahinein schüttet man zuerst eine mehrere Fuß hohe Lage von Spreu oder zerkleinertem Stroh (Trbbn) und belegt diese mit festen, reinlichen, aus zerspaltcnen Palmen- blättern geflochtenen Matten (Bursch oder HLssker«), worauf endlich die Körner zu liegen kommen. An den Seitenwänden verfährt man ebenso, füllt die Grube allmählig bis oben mit Getreide an, stampft die Spreu an den Seiten fest, schüttet über Matten eine neue, sechs bis acht Fuß tiefe Sprculage und bedeckt die Grube mit einem Erdhügel. Die Trockenheit der Erde in in- nerafrikanischen Ländern ist so groß, daß die Sudahnescn ihr aus solche Art aufgespeichertes Gctraidc ohne Nachtheil zehn Jahre lang aufbewahren lassen; nur muß das Magazin, wenn es einmal angegriffen wird, sogleich vollständig geleert werden, wenn die Körner nicht dann noch verderben sollen. Der Dochen wird ebenso behandelt, wie die Durrah. Er ist feinkörniger als diese, dem Hirsen ähnlich und liefert schmackhafteres Brod oder, weil er mehr Zucker enthält, geistigere Me- riesa. Meiner Ansicht nach ist der Lochen das „Senfkorn" der Bibel. Ein Körnchen treibt einen Stängel von sechs bis zehn Fuß Höhe, welcher den Ausdruck der Bibel, „Baum", wohl rechtfertigt und mit einem oft mehr als tausend Körnchen bergenden Kolben gekrönt ist. In der Provinz Charthum wenig kultivirt, ist er das einzige Gctraidc der Bewohner Kordofahn's, Dahr-Fuhr's und der Ncgcrländer am blauen und weißen Flusse. Er ist noch anspruchsloser als die Durrah, gedeiht selbst aus schlechtem und sandigem Boden, übertrifft die mehr ein fettes Erdreich liebende Durrah oder den Moorhirsen an Ergiebigkeit und Fruchtbarkeit und wird deshalb ein unendlich wichtiges Naturprodukt für alle Steppenbewohner. Neben der Durrah und dem Lochen, den für den Sudahn wichtigsten Getraidcarten, baut man auch noch Slmslm in der Steppe. Die Sudahncsen bereiten aus den Körnern des Sim- sim (Sesams?) ein erträglich gutes Speiseöl; aber durch ein ganz eigenthümliches Verfahren. Sie zerreiben die Körner auf der Mur- haka und kochen das Mehl in großen thönerncn Gefäßen. Das Oel schwimmt hierbei oben auf, wird abgeschöpft und in Kürbisflaschen aufbewahrt. Geradeso entziehen sie auch den Coloquinthcn- kürbissen (arabisch Hand -i l) einen Theer, mit welchem sie hauptsächlich die Kamele einschmieren. Sie glauben damit die Gelenke 208 dcr Kamele geschmeidig und beweglich zu machen oder Wunden dieser Thiere zu heilen, vermehren aber den ohnehin unleidlichen Gestank derselben noch bedeutend. Ohne Zuthun der Menschen wächst in der Steppe Indigo (arabisch Nihle genannt). Früher gab es im Sudahn mehrere Fabriken zur Bereitung des von den Arabern sehr geschätzten Fär- bestoffs; jetzt bestehen meines Wissens nur noch zwei von ihnen: die eine in dem Dorfe Käriüm am Djcbel Rojahn, die andere in dem Städtchen Meraui am Djebel Barkal, im Dahr cl Schcik'ic. Beide gehören der Regierung, sehen aber ihrem Verfall entgegen: die Türken und Araber verstehen wohl Etwas zu erbauen, nicht aber, es zu erhalten. In Charthum kostet die Okha Indigo zwölf Piaster, was nach unserem Gewicht und Geld für das preußische Pfund zehn bis zwölf Silbergroschcn betragen würde. Handel und Ackerbau sind die unter den Sudahnescn verbreiteten Gewerbe. Handwerke cristiren in der von uns gekannten Bedeutung unter ihnen nicht; jeder ist mehr oder weniger selbst der Vcrfcrtigcr dessen, was er braucht. Die Frauen sammeln die aus den reisen Kapseln der wild wachsenden oder angebauten Staude hervorquellende Baumwolle, krempeln und reinigen sie mit der Hand oder mit sclbstgefcrtigtcn, höchst einfachen Instrumenten und spinnen sie auf mangelhaft geschnitzten Spindeln zu ungleichen Faden aus. Männer und Frauen sind gleich fähig, zu weben; die Stühle, auf denen es geschieht, sind ebenso einfach als das gewebte Zeug. Der Weber oder die Weberin schlägt sich im Schatten eines dichtbelaubten Baumes vier Pfähle in die Erde und bedeckt diese mit einem Dach aus Durrahstroh. Inmitten dieser Hütte ist ein Loch, in welchem der Arbeiter seine Füße unterbringt und die Trittbrettc zu den „Geschirren" befestigt. Die „Lade" mit dem aus Durrahstroh gefertigten „Kamme" hängt an zwei Schnuren vom Dach herab. Dann sieht man noch zwei runde Hölzer zum Aufwickeln des Zeuges und in einer bestimmten Entfernung einen in die Erde geschlagenen Pfahl, um welchen der Arbeiter das Ende der „Kette" schlingt. Das ist, 209 nebst einigen Stäben und Stricken, der ganze Apparat, welcher unseren Webstuhl vertreten muß. Das gewebte Zeug wird entweder als Ferdah oder zum Verfertigen der kurzen Beinkleider benutzt. Der Schneider ist unnö- thig, weil sich der Sudahnese die Beinkleider, wenn er sie überhaupt besitzt, selbst zuschneidet und zusammennäht; seine Takh'ie kauft er sich auf dem Basare. Ebenso wenig bedarf der Einge- borne der Hülfe eines Gerbers oder Schuhmachers, um seine Sandalen anzufertigen. Die Männer verstehen ohne Ausnahme Leder zu gerben. Man benutzt die gerbsäurercichen Schoten einer, niedere Büsche bildenden Mimosenart arab. „Kharat" als Lohe und gerbt nur so viel Leder, als man gerade braucht. In der Nähe von Musellenüe werden sehr dauerhafte Ledcrgeflechte und andere Lederarbeiten gefertigt, aber auch dieses Handwerk ist von Jedermann gekannt. Die Sudahnesen können das Eisen schmieden und schmelzen. Kordofahn ist reich an Eisenerz von vorzüglicher Güte, sogenanntem Raseneksenstein. Diesen schmelzen die Eingebornen in kleinen, trichterförmigen Erdgruben mit selbstgcbranntcn Kohlen aus Mimosenholz, um das zur Anfertigung ihrer Waffen und Geräth- schaften nöthige Roheisen zu erhalten. Man staunt bei Besichtigung' ihrer Schmiedearbeiten über die Einfachheit der Werkstätte und der Instrumente. Ein schlechter, kleiner Blasebalg, ein kubisches Stück Eisen als Ambos, einige Hämmer und eine Zange sind dem Schmiede zu seinen Arbeiten ausreichend; er versteht damit Dinge zu fertigen, welche bei uns zu Lande mit weit vollkomm- nerem Arbeitsmatcrial kaum besser gearbeitet werden. So ist es mit allen übrigen Handwerken (wenn ich so sagen darf), welche sie betreiben. Gänzlicher Mangel an Ausbildung ist des Arbeiters Loos, er besitzt erbärmliche Werkzeuge und geringes Rohmaterial und ist dennoch im Stande, für seine Verhältnisse Großes zu leisten. Das Klima Charthum's ist unbedingt eins der ungesundesten der Erde. Man hat berechnet, daß achtzig Prozent aller Europäer, 14 210 welche gezwungen sind, mehrere Jahre nach einander in Charthum zu leben, während dieser Zeit sterben. Die Lage der Stadt selbst, zwischen zwei, während der Regenzeit anschwellenden und dann große Sümpfe bildenden Flüssen, würde zwar auch unter unserem Himmel eine der Gesundheit schädliche sein, allein die Sterblichkeit ihrer Bewohner steht mit der einer gleich ungünstig gelegenen Stadt Europa's in keinem Verhältniß. Das Klima des Sudahn ist es, das dem Menschen verderblich wird: ein Klima, welches dem Schwarzen ebenso wenig zusagt, als dem Weißen, welches den Eingebor- nen ebenso leicht hinrafft, als den Fremdling. Die Krankheiten sind im Sudahn so rapid, daß sie oft in wenig Stunden den Tod herbeiführen. Sie sind theilweise durch gewisse Jahreszeiten bedingt, treten aber sporadisch auch das ganze Jahr hindurch auf. Man kann im Sudahn hauptsächlich zwei Jahreszeiten unterscheiden: die Zeit der Dürre und die Regenzeit, oder Sommer und Winter. Zwischen beiden giebt es keine Uebergängc: die eine folgt plötzlich auf die andere. Beide stehen sich feindlich gegenüber: was die eine hervorruft, sucht die andere zu vernichten. Die Regenzeit ist die Zeit des Lebens: sie wandelt das Land in einen blühenden Garten um; die Dürre vernichtet die Vegetation und quält die Geschöpfe. Der Charles*), wie der Araber die Zeit der Regen nennt, beginnt in Charthum im Juni oder Juli und währt bis Mitte des Oktober. Im Süden regnet es früher und heftiger, als im Norden; die Regen kommen von oben herab und ziehen sich bis zum achtzehnten Grade der nördlichen Breite nach dem Mittelmecre hinab. Man kann sich von dem trostlosen Zustande der Natur vor und dem lebenskräftigen Schaffen derselben während und nach der Regenzeit keine Vorstellung machen. Der Charles erweckt Alles zu neuem Leben; er kleidet die verbrannte Steppe in ein neues, blü- thcnreiches, duftiges Gewand. Wenn in den Monaten März und April die Sonne ihre Gluth- *) „Drei Monarc zwischen Sommer und Winter, in denen man Früchte einsammelt.'' 211 strahlen senkrecht auf den Sudahn herabsendet und beinahe ihre größte Höhe erreicht hat, treten die Südwinde, welche bis dahin noch durch die von Norden her zuströmenden Passatwinde zurückgehalten wurden, häufiger und stärker auf. Sie vermehren die Hitze und nehmen nach den Beobachtungen Russegger'S einen elektrischen Charakter an, beengen die Brust des Menschen und ängstigen die Thiere. Es sind dieselben Winde, welche in den Wüsten als Sa- muhm den Sand cmporwirbeln, die Wasscrschläuche der ziehenden Karawane trocknen und die an Durstesqualen verendeten Menschen damit begraben, in Egypten als Chamasihn*), d. h. der Wind, welcher innerhalb fünfzig Tagen weht, die Bäume entblättern, als Sirrocco den Schiffern des Mittelmeeres, als Föhn den Bewohnern der Alpen gefährlich werden und als Thauwind Deutschlands Fluren durchsausen. Sie sind überall mehr oder weniger gefürchtet, am heftigsten und furchtbarsten aber in den Tropen. Es scheint, als wollten sie dort die ganze Natur vernichten. Sie trocknen und zerstäuben die Blätter der noch grünenden Bäume, zerspalten und zerklüften die dürstende Erde und beunruhigen die lebenden Wesen. Aber gerade diese Südwinde sind die Boten des Lebens, denn sie bringen die Regengüsse aus dem Süden herbei. Zwar kann sich, so lange sie wüthen, kein Gewitter zusammenziehen, keine Wolke entladen, aber sie ermatten allmählig. Und nun kämpft das lcbenbringende Element des Wassers mit dem ertötenden, gluthhauchcndcn Winde. Je schwächer die Südwinde werden, um so dunkler und dichter werden die Wolken. In den Monaten Mai und Juli ändern sich die Luftströmungen. Die konstanten Südwinde wechseln mit Stürmen aus Südost, Ost, Südwest und West. Die ersteren sind in CharthÄN die, welche Gewitter herbeiführen; sie sind die Träger und Herolde des Regens, auf ihren Fittichen rauschen die Wolken daher. Ein Gewitter in den Tropen ist eine so imposante Naturerscheinung, ist so grauenhaft furchtbar und so unendlich erhaben, *) Oft Ksmsin, LliZinsin und Sclismsin geschrieben. Abgeleitet von clismsikn, fünfzig. 14 * 212 daß keine Feder Worte finden kann, es würdig zu schildern. Ich will es versuchen, den Umriß zu einem nie wiederzugebenden Bilde zu liefern: Gewitterschwanger droht der Himmel, ein Orkan mit Regengüssen ist im Anzüge. Wir betrachten das sich entfaltende Schauspiel von einem erhöhten Standpunkte aus, wozu uns die Tcrasse unseres Lehmhauses am Geeignetsten scheint. Noch rührt sich bei uns kein Lüftchen, noch hört man kein Flüstern der Blätter grünender Baume, noch ist Alles todt. Todt wird es aber auch in den Straßen der Stadt, todt in dem Walde und den Baumhecken der Gärten. Die Vcrkaufshallen in den Basaren, die öffentlichen Amtssäle und Schreibstuben der Regierung werden geschlossen, Jedermann zieht sich in seine Behausung zurück; die sonst so lauten, streitsüchtigen Hunde schleichen mit eingezogenem Schwänze einem stillen Plätzchen zu; der Gesang, jede Stimme der Vögcl ist längst verstummt, sie selbst haben sich im dichtesten Laubwerk geborgen. Diese Ruhe ist unheimlich, wahrhaft grausencrregend; sie ist die Stille vor dem Ausbruche einer allgemeinen Empörung der Natur. In der Ferne ballt sich eine dunkle, flammende Wolke zusammen. Sie erscheint wie die Fcucrwolke über einer brennenden Stadt oder einem meilenweit in Flammen stehenden Walde. Brandrot!), Purpur, Dunkclroth und Braun, Fahlgelb, Grau, Tiefblau und Schwarz galtet und vereint sich in allen Schattirungen zu einem furchtbar anzuschauenden Ganzen. Je dunkler diese Wolke wird, um so dunkler wird der Himmel. Sie wächst immer mehr an Ausdehnung und ihre Farbe an Intensität. Jetzt hört man von Ferne ein pfeifendes und sausendes Geräusch; — bei uns ist noch Alles tonlos. Nur die Hitze und der Luftdruck mehren sich; das Thermometer steigt um mehrere Grade, das Barometer fällt auf „Sturm" herab. Die Schwüle wird unerträglich und beengend; der muthigste Mann fühlt sein Herz stärker schlagen, unwillkürlich muß er dem allgemeinen Zustande der Natur folgen. Unser Horizont wird immer kleiner. Die dunkle, undurchsichtige Wolke hüllt nach und nach alles Sichtbare in ihren düsteren Schleier. Plötzlich bewegen sich die Zweige der nächsten Bäume 213 mit Heftigkeit, der Wind hat sie erreicht. Zuerst sind eS mehrere einzelne Stöße, dann nimmt er seine sich immer steigernde Heftigkeit an. In wenig Minuten erwächst er zum Sturme, der Sturm zum Orkan. Dieser wüthet mit einer beispiellosen Gewalt. Sein Toben ist so groß, daß man das ausgesprochene Wort nicht tönen hört. Jeder Laut wird von einem nicht zu beschreibenden Getöse, Geprassel, Pfeifen und Sausen, Heulen und Rauschen übertönt, verschlungen. Die vor Kurzem noch ruhig stehenden Bäume beugen sich wie schlanke Gerten, ihre Kronen werden hin und her geschleudert und des größten Theiles der ihnen noch gebliebenen Blätter beraubt, die Stämme ächzen, krachen und brechen. Es ist, als ob die Elemente mit einander kämpfen wollten. Selbst die Grundfesten der Erde möchte der Orkan erschüttern: er wühlt in den Ritzen und Spalten der Erdoberfläche herum, nimmt den Staub und Sand daraus, führt ihn mit sich fort und schleudert ihn mit Gewalt durch die Thür- und Fensteröffnungen in das Innere der Wohnungen hinein; er belegt damit alle Gegenstände liniendick und wirft ihn mit solcher Macht an feststehende Sachen an, daß er prickelnd zurückprallt. Wir haben längst unseren Rückzug in das Innere der Wohnung nehmen müssen; denn wehe dem Armen, der im Freien von solch' einem Unwetter überrascht wird. Aber auch in unserer Behausung wird es unheimlich. Es wird so finster, daß wir, um nur Etwas zu sehen, Laternen anzünden müssen; der über und um uns dahin sausende Staub verdunkelt jede Aussicht'). Da auf einmal übertäuben prasselnde Donnerschläge das Tosen der Windsbraut. Noch kann man keine Blitze sehen, die Staubwolken sind zu dicht, aber immer lauter und vernehmlicher dröhnt des Donners Rollen durch das allgemeine Tonchaos hindurch. Jetzt rauscht es sonderbar dazwischen: es ist, als ob der Hagel Deutschlands Gauen verwüstet und doch sind es mir einzelne Re- *) Diese Schilderung wurde nach einem von uns am 5. Juli 1850 in Charthum beobachteten Gewittersturm und einem, uns am 10. Juni im Freien überraschenden Orkane entworfen. 214 gentropfen, die aber bald zu Güssen anwachsen. Die Musik der Hölle nähert sich dem Ende, der Orkan ermattet, der Sturm schweigt endlich. Nun werden wir auch des fahlen Lichtes der Blitze gewahr; einer folgt auf den andern, ohne Pausen; ihr Licht ist so grell, daß man die schmerzenden Augen schließen muß. Der Donner rollt in unübertrefflicher Stärke, ohne Aufhören, der Regen stürzt in wolkenbruchartigen Strömen herunter. Er hat allen Staub mit sich niedergeschlagen und bildet auf den Dächern der Lehmhäuser Teiche, deren Wasser in dichten Strahlen auf die Straßen herabfällt. In kurzer Zeit gleichen diese Flüssen, die Hauptstraßen Strömen, die öffentlichen Plätze Seen; es bilden sich Lachen von drei bis acht Fuß Wassertiefe. So dauert das Unwetter zwei oder höchstens drei Stunden. Der dunkle Himmel entsendet einen seiner flammenden Feuerstrahlen nach dem andern, der Donner rollt ohne Unterbrechung, aus dem Regen scheint ein Wolkenbruch geworden zu sein. Doch der Wind erhebt sich nach kurzer Ruhe wieder und führt die Regenwolken rasch von dannen; schon leuchten die Blitze in weiter Ferne, der Donner wird schwächer, der Regen hört auf. Noch immer ist die Sonne hinter dichtem Gewölk verborgen, aber ehe sie für heute scheidet, sendet sie noch einen Strahlenblick zu uns herauf und beleuchtet rosig die gleichsam neubelebte Natur. Jetzt tritt jene wohlthätige Ruhe nach dem Sturme ein. Die Blätter der immer grünen Bäume, auf denen sich Wochen- und monatelang der Staub gelagert hatte, prangen jetzt im schönsten Dunkelgrün; die Pflanzen, welche ermattet ihre Zweige, Blätter und Blüthenkronen hängen ließen, scheinen neu geboren zu sein. Wir vermögen es nicht, nach den uns bekannten Naturerscheinungen unserer gemäßigten Zone auf die allgemeine Erschöpfung alles Lebenden in Central-Afrika zur Zeir der Dürre zu schließen, sind aber auch nicht im Stande, uns die Lebensfreudigkeit und Lebcnsthätigkeit der Pflanzen und Thiere zu vcrsinnlichen, wie sie sich nach einem Gewitter in den Tropen kundgicbt. Der erste Regenguß des Charles ist der Zauberschlag, welcher den Frühling und das Leben jener Länder hervorruft. Ein einziger Regen ist hinreichend, die früher braune 215 Erde mit einem grünen Teppich zu überkleiden; »räch wenig Tagen sproßt das junge Gras überall luftig empor. Lange schon > standen die Bäume knospend, der Regen zersprengt die Hüllen, frisch und kräftig entfalten sich die Blätter und werfen ihr grünes Gewand um die von nun an in ihrem Frühlingsschmucke prangen- gen Kronen der Bäume. Man muß den Urwald in seiner Herrlichkeit gesehen haben, um den Frühling der Tropen würdigen, begreifen zu können. Wie balsamisch durchweht der von den blühenden Mimosen jetzt so freigebig gespendete Blüthenduft die kühlende, Geist und Körper, Herz und Sinn erfreuende, erhebende und belebende Tropennacht! Wir werden später einen Tropenwald durchwandern, um auch aus das Leben in der Thicrwelt unsere Blicke zu werfen; ich gedenke hier nur des Lebens in den Straßen Charthum's während der Regenzeit. Sogleich nach dem ersten Regen hört man die Conzerte kleiner Frösche, deren laute und tiefe Baßstimmen auf einen vierfach größeren Körper schließen lassen, als die Thierchen wirklich besitzen. Sie sind wenig Stunden nach dem ersten Regen erschienen, man weiß nicht, woher; sie bewohnen die Lachen zu Hunderten, ihre Stimmen durchhallen weithin die Nacht und Niemand sah oder hörte sie vorher. Auf den sandigen Wegen sammeln sich farbenprächtige Sandkäfer (Cincidelen) zu Tausenden, die Wipfel der Palmen und Mimosen sind von Millionen Insekten umschwirrt und langgeschwänzte Ziegenmelker eilen allnächtlich zu ihrem Fange herbei. In jedem Garten bauen fröhliche Vögel ihre Nester, die goldncn und sma- ragdnen Honigsauger kommen aus den Wäldern bis dicht unter die Fenster an die Blüthen der Kaktusfeigen, um von deren Nektar zu naschen. Es ist eine Zeit des Genusses für den Forscher, aber, wegen der nun auftretenden Krankheiten, eine Zeit der Gefahr für die gebrechliche Hülle des Menschen. Gewöhnlich regnet es in drei bis fünf Tagen einmal. Die seit Monaten durstige Erde saugt begierig den Himmelssegen ein, das sich auf der Oberfläche sammelnde Wasser verschwindet schnell. Schon nach kurzer Zeit wirbelt der Wind neue Staubmasscn auf und erst ein zweiter Regen muß diese wieder niederschlagen. Die 216 Wärme wird überaus lästig, der Mensch Tag und Nacht von dem aus allen Poren der Haut hervorrieselnden Schweiß gebadet; aber dennoch ist es nicht die positive Hitze, sondern mehr eine kaum zu ertragende Schwüle, welche ermattend auf Körper und Geist einwirkt. Jeder neue Regenguß beschleunigt das wunderbar schnelle Wachsthum der Pflanzen und jeder schwellt die schon hoch gestiegenen Ströme noch mehr an. Bekanntlich sind es nur die in den Tropen Nord-Ost-Afrika's während des Charief herabstürzenden Regen, welche das Steigen des weißen und blauen Flusses und somit auch des Nil bewirken. Der blaue Fluß sängt in Charthum, weil es, wie schon erwähnt, im Süden des Sudahn eher regnet, als im Norden dieses Landes, schon Anfang Mai's konstant zu steigen an, der weiße Fluß wohl einen halben Monat später. Beide steigen erst sehr langsam, dann aber immer rascher; nur ist das Steigen bei dem durch hohe und steile Ufer eingeengten, direkt aus den Gebirgen herabströmenden Bahhr el asrakh sichtlicher, als bei dem sich durch viele Breitegrade langsam im Flachlandc dahinziehenden Bahhr el abiadt. Wenn der blaue Fluß schon hoch geröthet ist, bemerkt man in den graulichen Fluchen des weißen Stromes noch gar keine Färbung. Nachdem die Regenzeit auch bei Charthum begonnen hat, steigen beide Ströme erstaunlich schnell: der blaue Fluß nimmt manchen Tag um einen Fuß an Höhe zu, der weiße zwar weniger, aber um so mehr an Breite. Zur Zeit der Dürre ist er eine starke Vier- telmeilc von den Häusern Charthum's entfernt, bei seinem höchsten Stande bespühlen seine Fluchen den dicht an den letzten Häuserreihen der Stadt aufgeworfenen Erddamm; dabei ist er auch auf seinem anderen User fast eine Achtelmcile weit in's Land hineingetrc- ten. Dann sieht man in den einzelnen Ritzen des durch die Son- nengluth tief zerklüfteten Schlammlandes seiner Ufer geschäftig kleine Büchlein Wassers dem Lande zulaufen; sie erweichen schon vorher den Uferboden weit umher und wandeln ihn, noch ehe er von den Fluchen des Stromes bedeckt wird, in zähen, tiefen Schlamm um. Ein Orkan treibt die Wellen des Flusses oft mehrere hundert Schritte über die Ufer hinaus und bildet, das Wasser zurücklassend, neben 217 dem Strome eine mehr oder weniger unterbrochene Reihe von Sümpfen. In der Mitte des Monats August hat der blaue Fluß seine größte Höhe erreicht und beginnt von nun an erst langsam, dann sehr rasch und schließlich kaum bemerkbar bis zu Anfang Februars zu fallen.' Der weiße Fluß hat erst zu Ende des August seinen höchsten Wasserstand. Zu dieser Zeit gewähren beide Ströme dicht unter ihrem, der Stadt sehr nahe gerückten Vereinigungspunkte ein majestätisches Schauspiel. Man hat die Wasserfläche eines Stromes von fast einer halben Meile Breite vor sich. Alles Land zwischen den beiden Strömen und Charthum, welches sich früher wüst oder bebaut dem Auge zeigte, ist verschwunden; von den Inseln inmitten der Ströme sieht man nur noch die, mit Wasservögeln aller Art, wie mit weißen Blüthen bedeckten Kronen der Bäume über den Wasserspiegel emporragen; selbst die hart oberhalb des Dörfchens ÜmdärmZchn am linken Ufer des weißen Flusses beginnenden tropischen Wälder stehen größtenteils unter Wasser. Dann tummeln sich, dem weittragenden Kugclrohr des Schützen unerreichbar, verschiedenartige Wasservögel unter Krokodilen und Nilpferden herum, der heilige Ibis baut sein Nest auf den vom Wasser umwogten Mimosen der Inseln, der Webervögel hängt sein zierlich geflochtenes Haus an schwankenden Gerten aus. Allüberall bringt die Regenzeit neues Leben hervor. Mit dem Verschwinden des Wassers beginnt die Zeit der Dürre. Im Oktober stellen sich die nördlichen Passatwindc ein, erst leise fragend, ob sie sich mit den vom Süden daherrasendcn Orkanen wohl wieder in einen Kampf einlassen dürfen, dann stärker und gleichmäßiger. Bis in den November hinein wechseln sie mit Südwinden, erst von der Mitte dieses Monats an behalten sie ihre ungestörte Thätigkeit. Während im Mai und Juni das Thermometer oft -j- 4V" Reaum. im freien Schatten zeigte, sinkt es jetzt zuweilen auf Z- 8" herab; der an die Hitze gewöhnte Europäer zittert dabei vor Frost und hüllt sich in seine dichtesten Pelze. Im Dezember harren die Durrah- und Dochenfeldcr der erntenden Sichel entgegen, im Januar und Februar fangen die Bäume an ihre Blätter 218 zu verlieren; das Gras und die übrigen Pflanzen der Steppe verdorren, die Schlingpflanzen in den Wäldern sterben ab oder versinken in lange anhaltende Lethargie. Aber die Samen aller Pflanzen ? sind längst gereist, die Jungen der Bögel dem Neste entflogen, die Kinder der Säugcthiere zum Ertragen des nun herannahenden Elendes erstarkt; die Ströme sind bis zu ihrem tiefsten Stande herab- gesunken und so seicht geworden, daß sie an einzelnen Stellen durch- wadet werden können oder neben ausgedehnten Sandinseln nur ein schmales Wafscrbächlein dahin senden, kaum tief genug, Segclbar- ken zu tragen. Jetzt sieht man das Krokodil reihenweise am Ufer oder auf Sandbänken liegen, um sich behaglich in dem immer mehr an Wärme zunehmenden Strahl der Sonne zu recken, und Pas Nilpferd sich die tieferen Stellen aussuchen; Ibis und Webervögel sind verschwunden, weggezogen, wer weiß es, wohin. Noch wehten bisher die kühlenden Passatwinde, aber nun treten auch die Südwinde, die vernichtenden, auf: der Kreislauf ist beendet, aus die von nun an waltende Zerstörung folgt wieder neues Leben. Trotz der in den Monaten März bis August herrschenden fürchterlichen Hitze ist diese Zeit doch die gesündeste für den Fremden und Einheimischen. Erst am Ende des Charief, wenn die feuchte Erde unter der glühenden Sonne auszudünsten beginnt und giftige Miasmen erzeugt, treten die dem Sudahn eigenthümlichen Krankheiten in ihrer vollen Stärke auf. Nur wenige Fremdlinge bleiben von ihnen verschont, viele unterliegen ihnen; aber auch die Eingebornen, welche den Krankheiten nicht die starke Körpcrkonsti- tution der Nordländer entgegensetzen können, leiden sehr. Ich glaube, daß ihre Ausschweifungen wesentlich dazu beitragen, daß sie leicht einer Krankheit zum Opfer fallen; oft mag wohl auch gänzlicher Mangel an passender Arznei den Gang der Krankheit beschleunigen und den Tod herbeiführen. Die Sterblichkeit ist unter den Eingebornen während der Monate September und Oktober zuweilen entsetzlich groß und nur der Glaube an das unabänderliche, ihnen schon vorher bestimmte Geschick vermag sie lebensmuthig zu erhalten, wenn der Ficberfrost sie zusammenschüktclt. Die Sudahnescn kennen die Anwendung wirklicher Heilmittel 2l9 nicht. Ihre ärztlichen Kenntnisse beschränken sich auf den Gebrauch weniger Hausmittel, deren Wirkung in vielen Fällen noch sehr zweifelhaft ist. Dagegen nehmen sie zum Aberglauben oder zu einfachen Blutentziehungen um so öfter ihre Zuflucht. Man läßt sich von einem Geistlichen religiöse Formeln oder Khorahnstellen auf Steingutteller schreiben und giebt dem Kranken die davon durch Fleischsuppe abgewichene Tinte oder, nach ihrer Meinung, die heiligen Worte zu essen, oder setzt Schröpfköpfe, aber auf eine wirklich peinigende Weise. Der die chirurgische Operation Unternehmende schneidet mit der Spitze des Barbiermessers dicht neben einander viele Risse in die Haut des Patienten, welcher, ohne eine Miene zu verziehen, die langsame Marter aushält. Dann nimmt man einen ausgehöhlten Kürbis, von dessen Kugelfläche ein Segment abgeschnitten wurde, zündet darin einen aus Dattelbast, „Liefe", oder Baumwolle bestehenden Klumpen an und setzt den Affenkürbis mit seinem brennenden Inhalte an der abgeschnittenen und geglätteten Stelle auf die wundgemachte Hautportion fest auf. Das Feuer verdünnt die in dem Kürbis eingeschlossene atmosphärische Luft um so viel, als zum Blutziehen erforderlich ist. Gewöhnlich setzt man diese Art von Schröpfköpsen auf der, über dem Schulterblatt sich befindlichen Haut auf und läßt sie so lange ziehen, bis sie von selbst abfallen. Nachdem dies auf der einen Seite geschehen ist, schröpft man auf der anderen. Oft glauben sie sich die Wirbelsäule verrenkt zu haben und lassen sich, um den bedenklichen Schaden wieder zu heilen, von einem Andern so aufheben, daß der Rücken des Leidenden auf den des Arztes zu liegen kommt, und dann tüchtig abschütteln. Hierbei stöhnt der Arzt ebenso gewaltig, als der Kranke, welch letzterer nach geschehener Zusammcnrüttelung vollkommen genesen zu sein glaubt. Leider helfen derartige Kuren Nichts gegen die verderblichen Fieber des Ost-Sudahn, an denen die Eingebornen ebenso oder noch mehr leiden als die Fremden. Die gewöhnlichen Fieber sind Wcchselfieber mit den auch in Deutschland beobachteten Perioden der Wiederkehr des Anfalls und 5 2-20 bei baldigst angewandter ärztlicher Hülfe selten gefährlich. Aber sie entkräften selbst bei kurzer Dauer den Körper so, daß er zu jeder Arbeit und Bewegung unfähig wird. Brustbeklemmung, Aengst- ? lichkeit und heftiger Kopfschmerz sind ihre ersten Anzeichen. Dann folgt quälender Frost mit krampfhaften Bewegungen des ganzen Körpers, Uebelkeit und trockne Hitze. Das Gesicht des Kranken, welcher während des Frostes sehr bleich aussieht und mit den Zähnen klappert, röthet sich ungewöhnlich; die Neigung zum Erbrechen wird stärker, ein brennender Durst tritt ein; aber der Magen stößt das aufgenommene Wasser unter schmerzhaften Zusammenzie- hungen der Bauchmuskeln wieder aus. Der Kopfschmerz wird zuweilen so heftig, daß gänzliche Bewußtlosigkeit und Delirium eintritt, der Kranke phantasirt und nicht auf seinem Lager zu erhalten ist; oft leidet er dabei an entsetzlich peinigender Kolik. Die kräftigsten Menschen werden von dem Fieber am Stärksten angegriffen, Frauen ungleich seltner als Männer. Nach längerer oder kürzerer Dauer des Anfalls mildert sich die trockne Hitze und ein gelinder Schweiß bricht aus allen Poren der Haut hervor. Jemehr er zunimmt, desto wohlthätiger erscheint er dem Kranken. Er fühlt eine große Erleichterung, zugleich aber eine Schwäche, welche ihm keine Bewegung der Glieder gestattet und erst nach einigen Stunden weniger fühlbar wird. Im Anfange kann man das Wechselficbcr durch nicht allzu starke Dosen von schwefelsaurem Chinin bekämpfen; vertreiben läßt es sich aber durch keine Arznei und kehrt bei der geringsten Veranlassung verstärkt zurück. Strenge Diät und Blutentziehung wird von vernünftigen Aerzten im Sudahn beim Wechselficber nicht verordnet, wohl aber kräftige und gesunde Nahrung, mäßiger Genuß von starken geistigen Getränken und gute, nicht zu leichte Kleidung, vor Allem eine warme Leibbinde und dichte Kopfbedeckung. Bei großer Hitze hüllt man den mit dem türkischen Tarbuhsch bedeckten Kopf noch in die starke und sehr dicht gewebte, buntfarbige Khüff'itz ein. Je besser man das Haupt gegen die Einwirkungen der Sonnenstrahlen und den Unterleib gegen Erkältung schützen kann, desto sicherer erhält man sich die Gesundheit. Im Sudahn 221 ist die belebende Sonne dein Menschen ebenso gefährlich, als der harmlose Mond, der Tag ebenso schädlich, als die Nacht. Wahrend der letzteren sinkt die zuweilen sehr hohe Temperatur oft um mehrere Grade und zwar so plötzlich, daß sich der im Schweiß gebadete Schläfer, ehe er erwacht, bereits eine lebensgefährliche Erkältung zugezogen haben kann. Deshalb schläft der Sudahnese und in Charthum eingebürgerte Europäer stets unter einer ziemlich dichten, wollenen Decke und hüllt sich mit dieser auch das Haupt ein. Inwiefern der Mond dem Menschen schädlich werden kann, habe ich nie einsehen lernen; daß es aber geschieht, unterliegt gar keinem Zweifel. Die Eingeborncn fürchten den „guten Mond" weit mehr, als die gluthstrahlendc Sonne. Ungleich gefährlicher als die Wechselficber sind die den Europäern unter dem Namen „perniciöse oder Sennahrfiebcr" bekannten Krankheiten. Bis jetzt sind sie noch so wenig untersucht worden, daß selbst die bessern Aerzte Ost-Sudahn's nichts Bestimmtes darüber mitzutheilen im Stande sind. Heftiger Kopfschmerz und trockne, glühende Haut gehen dem Delirium und ruhrartigem Erbrechen voraus, fürchterliche Krämpfe enden oft schon am dritten Tage der Krankheit das Leben. Die perniciösen Fieber treten gegen das Ende der Regenzeit auf, nehmen zuweilen den Charakter einer Seuche an und dezimiren die Bevölkerung eines von ihnen ergriffenen Orts. Ihre lebcnszcrstörende Wirkung soll sich vorzugsweise in den Verdauungsorganen aussprechcn. Gewöhnlich ist ärztliche Hülfe vergebens; die sicherste Anzeige des tödtlichen Ausgangs der Krankheit ist nach Dr. Penney's Beobachtungen das Anschwellen der Hals- oder Achseldrüsen. Man schreibt ihr Entstehen den schädlichen Ausdünstungen des durch die Sonne Central- Afrika's monatelang durchglühten und Plötzlich stark befeuchteten Erdbodens zu, ob mit Recht oder Unrecht, wage ich nicht zu entscheiden. Außer den genannten Krankheiten kommt, wenn auch sehr selten, die Cholera im Sudahn vor. Die Sudahnesen und Araber nennen sie „Häuä «l äsfLr", d. h. die gelbe Luft, und fürchten sie ungcmein. Die Dissenterie tritt nicht so häufig, als in 222 Egppten, aber viel rapider aus und endet fast immer mit dem Tode; der Sonnenstich wird ebenfalls nur selten beobachtet, ist aber viel gefährlicher als in Egppten. Es kommt vor, daß vollkommen gesunde Menschen über Kopfschmerzen klagen, nach wenigen Minuten bewußtlos zusammenbrechen und unter anhaltenden Blut- stürzen verscheiden. Die Lustseuche soll durch türkische Soldaten nach dem Sudahn gebracht worden sein. Bei der Unwissenheit der Heilkundigen des Volks und dessen eigener Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegen alles ihm offenbar Schädliche nimmt sie leider einst einen sehr bösartigen Charakter an und wird der Untergang Vieler. Sehr selten sieht man unter den Sudahnescn einen Lahmen; nie einen Ausgewachsenen. Alle Krankheiten und Uebelstände des Körpers, welche durch das verfeinerte Leben civilisirtcr Nationen entstehen, fehlen im Sudahn. Der Mensch gleicht in jenem Lande auch in körperlicher Hinsicht den übrigen Säugethiercn in höherem Grade, als der auf Unkosten des Körpers geistig verfeinerte Europäer. Das Kind wächst wie ein Thier auf; ungewohnt an sorgsame Pflege und Wartung, kriecht es in wenig Monaten im Sande herum und lernt seine Glieder viel eher gebrauchen, als ein Kind europäischer Eltern. Wie dem Thiere, sind ihnen viele Krankheiten, welche unsere Kleinen dem Grabe zuführen, fremd; der Mensch wird im ungestörtesten Besitz seiner Gesundheit groß: wird er aber von einer Krankheit überfallen, dann theilt er auch die Hinfälligkeit eines kranken Thieres. Er unterliegt einer Krankheit, welche der Europäer leicht übersteht. Man kann dasselbe Verhältniß auch dann noch beobachten, wenn ein Sudahnese erheblich verwundet wurde. Wie bei dem Thiere zeigt sich bei ihm die Heilkraft der Natur viel stärker, als bei dem Europäer. Ohne geschickte ärztliche Behandlung verharr- schen tiefe Wunden der Eingebornen schnell und gut. Nur will man beobachtet haben, daß die Regenzeit die Heilung einer Wunde verzögert und dieselbe oft gefährlich macht. Diese Meinung ist ebensowohl unter den Europäern, als unter dem Volke verbreitet. Ein Mann, welcher sich mit der Art am Fuße verletzt hatte, kam zu mir, um mich um Heilpflaster zu bitten. Er hoffte sehnlichst auf das bevorstehende Ende des Charief, weil, wie er sagte, seine Wunde dann bald heilen würde. Während des „Seif" oder Sommers ist die Zahl und die Heftigkeit der Krankheiten geringer, aber immer nur verhältnißmä- ßig geringer als zur Regenzeit. Das Klima Charthum's oder Ost- Sudahn's ist auch, als Ganzes betrachtet, im höchsten Grade gefährlich; Egypten ist im Vergleich mit Sudahn, trotz seiner Pest, Cholera, Ophthalmic und Dissenterie, nicht bloß ein gesundes Land, sondern ein Paradies. Die Regierung hat zwar ihr Möglichstes gethan, um den Erkrankten Hülfe zu schaffen; sie setzte Aerzte und Apotheker in Charthum ein und errichtete das Hospital: — es ist nicht einmal für Charthum genug. Der „Nöäioia en ellsk", vr. Penney, hat das Hospital, wie erwähnt, aus einer Mördergrube in ein Krankenhaus umgewandelt; jeder Einge- borne und Unterthan der türkischen Regierung ist berechtigt, die Hülfe des Arztes und die Heilmittel des Apothekers unentgeltich zu beanspruchen: es geschieht damit noch immer nicht genug. Nur zu schnell nimmt der Europäer Charthum's die Gewohnheiten und das Phlegma des Türken an, der Arzt begnügt sich mit einem einmaligen Besuche des Hospitals und steht, von Haus aus nicht viel wissend, oft genug am Bette des Kranken rath- und thatlos. In den übrigen Städten Sudahn's sind gar keine oder nur arabische Aerzte angestellt. Dann sind die Kranken vollständig ihrem Schicksale überlassen; der Arzt hilft ihnen nicht, — er beschleunigt vielleicht eher ihren Untergang. Zum Schlüsse dieses Abschnittes muß ich noch des wahnwitzigen Gedankens eines, mit den Verhältnissen des Sudahn nur durch die Erzählungen Anderer Vertrauten, gedenken, welcher in einem Schriftchen *) deutsche Auswanderer zur Kolonisation im Sudahn *) Central - Afrika, ein neuer und wichtiger Aniiedelungspunkt für deutsche Colonisten, von vr. Ungar. Stuttgart, 1650. 224 auffordert. Eigentlich hat die Flugschrift im Vorstehenden schon ihre Entgegnung gefunden: Jedermann wird sich wohlweislich hüten, ein Land zu seinem Wohnsitze zu wählen, dessen mörderisches Klima achtzig Prozent seiner Mitbrüder zum Opfer fordert; aber doch könnte sich mancher Waghals bewogen finden, des Geldgewinns wegen sein Leben in die Schanze zu schlagen. Und Diesem soll gesagt sein, daß die vom Verfasser jener, nur einen Wust von Lügen enthaltenden Schrift in Aussicht gestellten Vortheile zum größten Theile reine Illusionen sind. Der Kolonist oder Kaufmann muß, ehe er seine Waare verwerthen kann, erst fast dreihundert deutsche Meilen durchreisen. Dies Eine genügt, um die überspanntesten Hoffnungen zu nichte zu machen. Charthum kann nie der feste Wohnsitz, wohl aber eine Station der Europäer werden, von wo aus Kaufleute — deren Gewinn jedoch in Kurzem zu den Beschwerden und Strapatzen der Reise in gar keinem Verhältniß mehr stehen wird — und Forscher ihre weiteren Reisen in's Innere antreten. Die Geistlichen der Mission kauften sich ein großes Haus mit einem schönen Garten, bauten das eine, bepflanzten den anderen und betrachten das Besttzthum jetzt als einen Stationspunkt. Von hier aus beginnen sie ihre Bekehrungsreisen nach dem weißen Flusse und hierher ziehen sie sich nöthigen Falls zurück. Jeder Reisende, welcher tief in's Innere Afrikas eindringen will, thut wohl, wenn er diesem Beispiele folgt. Charthum ist der letzte Pulsschlag der Civilisation und die letzte Stadt, in welcher er, wenn auch zu hohen Preisen, das ihm unumgänglich Nothwendige kaufen kann. Von hier an hört der Handel mit europäischen Erzeugnissen auf; der Tauschhandel beginnt; kein Basar mehr öffnet seine waarenbcrgenden Hallen. Nur Durrahkörner, Elfenbein und Sklaven, Gummi und andere Pflanzenstoffe sind noch feil; jetzt erst beginnen die Reisen der Entbehrungen und Entsagungen. Südlich Charthum's kann der Europäer nicht mehr als civilisirter Reisender: er muß als Halbwilder die Steppen und Wälder durchziehe». F-remdenleben in Charthum. „Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wiederseh'n! Das wüthende Thier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regiere»! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb." Hart an der Grenze der osmanischen Besitzungen in Central- Afrika finden wir noch einmal eine Vereinigung der Repräsentanten verschiedener Nationen, wie wir sie in den Hauptstädten dieses ausgedehnten, sich über drei Erdtheile erstreckenden Reiches beobachtet haben. Charthum, die südlichst gelegene Stadt von Bedeutung der unter türkischem Scepter stehenden Länder, verleugnet ihr türkisches Gepräge nicht. Die Bekenner dreier Religionen leben hier eben so friedlich neben einander, als jetzt — früher freilich nicht — in der übrigen Türkei. Ja, gerade im fernen Sudahn fallen die Schranken, welche sie überall trennen, mehr und mehr. Hier sieht der Christ nicht, wie in Egypten oder Syrien, verachtungsvoll auf den Türken herab oder umgekehrt, denn Beide fühlen es, daß sie so recht eigentlich in der Fremde leben, wo ein Mensch des andern mehr als irgendwo bedarf. Hier unterscheidet Beide nur noch die Sprache; die Sitten sind die der stärksten Partei. Sie sind sogar geneigt, dem sonst tief verachteten Egyptcr eine fast gleiche Stellung neben sich einzuräumen; nur die im Lande Gebornen bleiben von ihrem Verein ausgeschlossen. Die Europäer, Türken und Egypter sind die Fremden, von deren Leben und Treiben ich jetzt sprechen will; die andern Fremden im Sudahn, als die Abyssinier, Araber, Nubier und die verschiedenen Ncgerstämme, unterscheiden sich wenig oder nicht 15 226 von den Sudahnesen, deren Sitten und Gebräuche sie, seitdem sie im Lande heimisch geworden sind, angenommen haben. Ich beginne mit unseren Landsleutcn. Es ist nicht der engherzige Begriff, den wir in Deutschland mit dem Worte Landsmann zu verbinden gewohnt sind, welchen ich hier angewendet wissen will. Schon in Egyptcn erweitern sich die Grenzen des Vaterlandes in jenem engen Sinne, schon in Egyptcn ist der Deutsche froh, wenn er den Deutschen fand und fragt nicht, ob sein Landsmann dem Süden oder Norden, den Ostseeprovinzen oder Rheinländern angehört. Nun komme man erst nach Charthum! Da bedarf es weder eines Empfehlungsschreibens noch einer längeren Bekanntschaft, um in den Kreis der dort lebenden Europäer einzutreten; die Worte: „Meine Herrn, ich bin ein Europäer," genügen, wenn sie in einer Sprache gesagt werden, welche Einer der Anwesenden versteht, den Neuangekommenen in jedes europäische Haus zu führen. Die Umgangssprachen der Europäer in Charthum sind Französisch und Italienisch; wer nur einige Worte einer dieser Sprachen sprechen kann, ist als Landsmann beglaubigt. Erst nach längerer Unterhaltung wird gefragt: „Mein Herr, welcher Nation gehören Sie an?" Die Europäer Charthum's bilden gezwungen gleichsam eine große Familie. Fast jeden Abend kommen sie irgendwo zusammen, um sich zu unterhalten, Tabak zu rauchen und Branntwein zu trinken. Alle Monat« gelangt ein Heft französischer Zeitungen in ihren Besitz. Dieses wird von Einem nach dem Andern aufmerksam und sorgfältig gelesen, um immer von den Hergängen im Vaterlande unterrichtet zu sein. Das giebt dann Stoff zur Unterhaltung für viele Abende. Es bilden sich dabei aber auch Parteien, vorzüglich unter den Franzosen. Die Einen huldigen der Monarchie, die Anderen der Republik. Heftige Streitigkeiten werden in Charthum ausgefochten, wichtige Zeitftagen dort erledigt. Man vertritt die ganze Nation. Der Branntwein^ kreist in der Mitte der Streitenden und erhitzt die Gemüther. Die früher nur politisch Entzweiten stellen sich jetzt auch in anderer Hinsicht einander feindlich gegenüber. Der Vertreter der Republik muß hören, daß der Royalist jetzt allen den Schimpf und alle die Schmähungen, welche dem Wesen der Republik galten, auf sein eignes Haupt schleudert. Der Streit droht ernsthaft zu werden. Da springt vr. Penney vom Diwahn auf, ergreift die Flasche mit dem begeisternden Getränk, schüttet Etwas davon in eine breite Trinkschale, vermischt es mit frischem Wasser, tritt zu den heftig Erregten und spricht begütigend : „Nais, Nesslsurs, lalsssL «laue la politigue; allons, bu- ver!" Man gehorcht den Ermahnungen, wird ruhiger, versöhnt sich, lacht, scherzt und geht schließlich mit schwerem Haupte heim. vr. Penney ist der Friedcnsengcl der in Charthum wohnenden Europäer; er ist nächst den Geistlichen der Mission und dem österreichischen Konsul der einzige Franke, vor welchem man Achtung haben muß. Er ist ein Franzose, in dem wir alle Borzüge seiner Nation vereinigt finden, ohne sie von den Lastern derselben verdunkelt zu sehen. Dr. Penney ist patriarchalisch in seiner Gastfreundschaft, liebenswürdig in seinem Umgänge, freundlich gegen Jedermann. Von ihm ist noch keiner seiner Landsleute beleidigt worden; ich glaube aber nicht, daß in Charthum ein Europäer wohnt, welchem Penney nicht schon eine Beleidigung verziehen hätte. Penney hat im Sudahn keinen Feind. Dieser Mann ist es, welcher die übrigen, ihm leider nicht ähnlichen Europäer in seinem gastlichen Hause, das wir scherzhafter Weise das „Hotel cku 6artouin" nannten, vereinigt. Das Haus liegt mitten in der Stadt und bietet alle Annehmlichkeiten einer Charthumer Wohnung. Man sitzt unter der luftigen Vorhalle und hört in dem nahen Garten das eintönige Kreischen des Schöpfradcs. Die nicht gerade unmelodischen Klänge erwecken andere im Herzen der Gesellschaft. Man beschließt den Abend — nehmen wir an, es sei einer jener luftigen und frischen der Regenzeit, welcher den Blüthenduft der Mimosen selbst vom andern Ufer herüberführt — den Musen zu widmen. Der Hausherr spielt die Guitarre. „^.Ilons enkants cke la patrie" ertönt von den Saiten. Alle singen die Marseillaise: Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen oder was sonst für Europäer gerade in Charthum anwesend sind. Volla, Nessieurs, uns belle ebanson ele LeranZer: „Nes 228 ^ jours sont conckrunno8 etc." Man schweigt, man ist begeistert, ob von dem Liede, ob von dem Branntwein, — gleichviel! Dann wird große Oper gehalten, d. h. Jeder singt, was er gerade weiß. Die Kritik verstummt; der Sänger braucht nicht Künstler zu sein, er soll nur singen. Die Barkarole aus der Stummen wurde von dem vereinigten Männerchore mit Gnitarrenbc- glcitung in drei Sprachen zugleich vorgetragen; es ist die Frage, ob sie auf der ersten Bühne Europa'S eine größere Begeisterung erweckt hat, als es in Charthum stets der Fall war, wenn wir sie sangen in einer jener tropischen, schönen Nächte. Diesen Abenduntcrhaltungen habe ich immer sehr gern beigewohnt. Der Ernst des Lebens tritt dem Wanderer im Innern Afrika's auf seinen beschwerlichen Reisen so streng entgegen, daß es der Poesie bedarf, um dem durch Entbehrungen aller Art, durch Krankheit und Allcinstehcn niedergedrückten Geist eine Spannkraft zu verleihen, welche alles das Schwere und Ungewohnte ertragen helfen muß. Es ist ein eigenes Gefühl, so entfernt zu stehen aller heimischen Sitte und Gewohnheit, es ist eine schwere Aufgabe, den traulichen Klang der heimathlichen Sprache zu entbehren, allen heimischen Genüssen des Geistes und Körpers zu entsagen. Und wenn dann eine vaterländische Melodie ertönt, sie hallt wohlthuend im Innern wieder. Wie manchmal, wenn der Reisende sein Lager in der Wüste aufschlägt, wenn jene Ruhe, jene feierliche, dem Geist zu den mannigfaltigsten Gedanken unbegrenzten Spielraum lassende Stille eintritt, wie manchmal entschlüpfen dann den Lippen heimathliche Lieder! Und die Phantasie, die freundliche, geschäftige ist dann bemüht, dem durch die von ihm selbst gesungenen Lieder Beruhigten und Erquickten auch der Lieder Bilder aufzurollen. Wenn ich so ganz allein, mit einem Gefährten deutsche Min- nelieder sang, dann trat das Bild der Minne vor uns hin, das liebliche, bezaubernde Bild, an dem das geistige Auge mit stillem Genusse haftete. Mochte es auch verbleichen vor dem grellen Lichte der Wirklichkeit, uns blieb die Befriedigung, es hervorgerufen zu haben. Erst in der Ferne, in der weiten Fremde würdigt man die Poesie, erst da empfindet man ihre ganze Kraft. Wer unsrer Dichter Gesänge ganz verstehen will, muß sie in der tiefsten Einsamkeit, muß sie da lesen, wo er sie Niemanden anders, nur seinem eignen Selbst mittheilen kann. Dann wird sich ihre Wirkung und ihr Werth immer mehr steigern. Wir hängen viel zu sehr m dem von Kindheit auf Gewohnten, als daß wir Alles, Alles mit einem Male von uns werfen könnten; und glauben wir uns einmal wirklich ganz befreit von aller Sehnsucht nach der Heimath, ein Wort der Muttersprache führt uns gewaltsam zurück in die Regionen der Kindheit. Uns Deutschen in Charthum wäre der schlechteste Roman ein Genuß gewesen. Wir lasen bedruckte Papierstück- chen mit Interesse zu wiederholten Malen. Nicht der Werth dessen, was wir lasen, war es, was uns fesselte; es war nur die Erinnerung air die Heimath. Sie läßt sich nicht verdrängen. Das Heimweh beschleicht oft den stärksten Geist und kehrt, wenn auch manchmal mit Glück bekämpft, doch immer und nur stärker wieder. So lange uns noch gewohnte Gestalten umgeben, hat es vielleicht keine Macht über uns, aber wenn wir allein stehen, dann malt eS uns das Bedürfniß der heimischen Sprache und Gewohnheit in immer süßer, reizender werdenden Bildern aus, daß es uns damit zuletzt doch besiegt. Die Erinnerung an die Heimath ist das Band, welches die Europäer Charthum's vereinigt. So viele einander widersprechende, meist verderbte Charaktere würden sich nirgends im Vater- lande anziehen. Nur die Allmacht der heimischen Sprache, Sitte und Gewohnheit zwingt sie, in ziemlicher Eintracht zusammenzuleben. Deshalb kehrt ihre Unterhaltung auch immer wieder zum Vaterlande oder zum Vaterländischen zurück. Und diese Stunden sind die einzigen, in denen uns der Franke des Sudahn gefällt. Der Europäer Charthum's erscheint dem Neuangekommenen als ein höchst liebenswürdiger Mensch. Er macht ihm die glänzendsten, freundlichsten Anerbietungen, ist gastfrei und zuvorkommend, — aber bald bemerkt man, daß das, was ihn leitete, nur berechnender Egoismus war. Die fröhliche Abendgesellschaft ist bei Tage nicht wieder zu erkennen. Wenn wir einen tieferen Blick in 23 « das Innere eines europäischen Hauses werfen, lernen wir den Europäer erst beurtheilen. Wir sehen die innere Zerrissenheit des uns so fest scheinenden Verbandes, wir entdecken die Gesetzlosigkeit, in welcher er lebt, wir bemerken, daß er der Abschaum seiner Nation ist; wir werden mit Entsetzen gewahr, daß die ganze europäische Gesellschaft fast ohne Ausnahme aus Schurken, Betrügern, Gaunern, Mördern zusammengesetzt ist. Man wird mir diese harten Worte nicht glauben wollen, weil jetzt ein europäischer Konsul in Charthum Gericht hält und der Anarchie, in welcher die Franken lebten, mit aller Kraft zu steuern versucht; — wohl, das geschieht jetzt, aber — man muß, um meinen Worten unbedingten Glauben zu schenken, in einer ihrer Abendgesellschaften gewesen sein, wenn der übermäßig genossene Branntwein ihrer Zunge Band gelöst und sie ihrer Klugheit vergessen gemacht hat. Dann hört man, wie sie sich ihre Schandthaten gegenseitig vorwerfen; dann erfährt man, daß der Apotheker Lumello mit Hülfe eines französischen Arztes mehrere Personen vergiftete, daß der Sardinier Rollet einen Sklaven so schlagen ließ, daß der Unglückliche seinen Geist aufgab; daß der erst vor Kurzem vor den Thron eines höheren Richters gerufene Nikola Ulivi neben unzähligen Betrügereien, Diebereien und einer offenkundigen Mordthat seine eigene, leibliche Tochter so lange quälte, bis diese verzweifelnd in den türkischen Gcrichtssaal ging, um gegen einen Vater, welcher der Tochter Gewalt anthun wollte, Schutz zu suchen; dann erzählen sie, ohne nur daran zu denken, daß sie ihre Verbrechen mittheilen, wie viele Sklavinnen sie schon überdrüssig bekommen, wie oft Einer oder der Andere von ihnen glücklicher Vater in „seinem Harehm, in welchem sich vier bis fünf bildschöne Abyssinierinnen befinden," geworden ist, wie Einer diese oder jene Sklavin verkaufte, wenn sie ihm vielleicht auch schon ein Kind gebar u. d. m. Der Sklavenhandel ist in ihren Augen ein ganz unschuldiges Gewerbe. Es ist eine Schmach des europäischen Namens, den sie führen, daß sie die von ihren Regierungen lange vergeblich be- 231 kämpften türkischen Mißbrauche ohne Bedenken annehmen. Die Vielweiberei und der Sklavenhandel finden in Charthum lebhafte Vertheidiger; das Rechtsgefühl der Europäer des Ost-Sudahn ist so tief gesunken, daß es darin keinen Anstoß nimmt. Was ihren Begierden zusagt, was ihren Wünschen schmeichelt, erscheint ihnen recht und billig. Nikola Ulivi, welcher in der Ausübung aller Laster immer voranging, soll im Sklavenhandel doch noch von einem Franzosen, Vessieur, übertreffen worden sein. Dieser trieb das einträgliche Geschäft im Großen, spedirte unter französischer Flagge ganze Schiffsladungen „der Waare" nach Kairo und — bewarb sich später um die Stelle eines französischen Kon- sularagentcn für Central-Afrika. Man will die Beobachtung gemacht Habens daß die Sklaven bessere und zuverlässigere Diener seien, al^die freien Leute und versucht damit den abscheulichen Mcnschesshandcl^w'cntschuldigen; man behauptet sogar, daß man ig^S udahn^-gfzwungen sei, Sklaven zu halten, weil die eigenHumlicheipLändesverhältniffe unmittelbar dazu führten: Beides-ist ungegründet. Ich habe stets nur freie Leute in meinen Diensten gehabt und bin mit ihren Leistungen und Eigenschaften stets zufriedener gewesen, als die anderen charthumer Landsleutc mit denew ihrer Sklaven. Und wenn die Entschuldigungsgründe wirklich wahr wären und den Einkauf von Sklaven rechtfertigten, den Verkauf derselben können sie nicht vertheidigend ^ch könnte aus der (von uns „das große Buch" genannte«) Okronigus seanäalvusö Charthum's noch viele Blätter aufschlagen und meine Leser einige Blicke dahinein thun lassen, aber ich glaube, daß das Wenige, was ich bereits mitgetheilt habe, genügen wird. Auch wollen wir lieber unsere Blicke auf die jetzigen Verhältnisse, welche ein östreichischer Konsul regelt, werfen und es mit Dank anerkennen, daß jetzt der vormaligen Anarchie durch Machthaber gesteuert wird. Dem Deutschen muß es erfreulich sein, daß eine deutsche Regierung das erste Konsulat in Charthum errichtete. Die rechtlichen Europäer ziehen sich von der übrigen Gauner« t 232 bände möglichst zurück. Ganz isoliren kann man sich leider nicht. Die alte Gewohnheit ist zu mächtig und reißt Einen doch wieder in ihre Mitte. Selbst die Geistlichen der Mission, welche in ihrem eigenen Hause ganz eingezogen lebten, mischten sich zuweilen unter den wilden Kreis ihrer Beichtkinder. Wir Deutschen bildeten, wenn wir auch nicht zahlreich waren, immer eine eigene Gesellschaft. Die Andern gingen ihren mannigfaltigen Geschäften nach. Einige sind Kaufleute, Andere Angestellte der Regierung. Diese thun Wenig oder Nichts, lassen ihre Arbeiten von ihren Untergebenen besorgen und leben in Saus und Braus, für Jene arbeiten ihre Sklaven; nur bisweilen machen sie eine Handelsreise in's Innere oder nach Kairo. Rollet besuchte mehrere Male den oberen Bahhr el abiadt und trieb dort Tauschgeschäfte mit den Negern; Nikola Ulivi handelte zumeist mit Kordofahn und als Großhändler mit den kleineren Kaufleuten Charthum's; die Geistlichen lasen Sonntags die Messe in ihrer kleinen Kapelle und unterrichteten in den Wochentagen die christliche Jugend; noch Andere hatten kein eigentliches Gewerbe und lebten doch. Ich will das Bild eines dieser gcwcrbelosen Landsleute zu zeichnen versuchen und thue dies um so lieber, als Contariny, der Gegenstand meiner Schilderung, ein ziemlich harmloser, zwar grenzenlos leichtsinniger, aber gutmüthiger, nicht lasterhafter Mensch und dabei eine Persönlichkeit Charthum's ist. Contariny wurde auf einer griechischen Insel von französischen Eltern geboren, besitzt poiirt ä'konnsur, „amour clo sa pu- tris" — worunter er Frankreich versteht — und spricht sieben Sprachen. Er begann seine Laufbahn als Schiffsjunge auf einem Kriegsschiffe, desertirte aber von diesem „wegen der erbärmlichen Prügel, die ihm überreichlich zugemessen wurden," als es sich gerade in Konstantinopcl befand, und versuchte sich als Kaufmann. Es gelang ihm nicht so schnell, reich zu werden, als er gedacht hatte, deshalb nahm er als Dollmetschcr Dienste und gelangte als solcher, nachdem er sich in aller Herren Länder herumgetrieben hatte, nach Charthum. Hier lebt er seit geraumer Zeit als Branntweindestilla- tcur. Sein Geschäft wirft ihm aber so wenig ab, daß er sich als 233 kin Mensch, welcher alles Das weiß, was Europäer, Türken, Griechen, Araber und Sudahnesen intercsfiren kann, durch Schmarotzen ernähren muß. Er ist der erste Europäer, welcher den neu ankommenden Landsmann begrüßt, sucht sich mit meisterhafter Gewandtheit die Freundschaft eines Jeden zu erhalten und übernimmt alle Aufträge. Dem zu Folge erscheint er bald als Unterhändler, Mäkler und Trödler, bald als Dollmetschcr, Spasmacher, Neuig- kcitskrämer rc. Kein Mensch begreift, wovon Contariny mit zwei Sklavinnen und deren Kindern — letztere liebt er zärtlich, obgleich das eine ihm von einer sehr häßlichen Negerin geboren wurde, weshalb er auch seine Vaterschaft bisweilen zuzugestehen verweigert — erhalten kann, und dennoch lebt er sorglos in den Tag hinein. In seiner dürftigen Behausung ist er sehr gastfrei, beansprucht aber auch die Gastfreundschaft und speciell den Branntwein Anderer mit großer Freiheit. Seine Bekanntschaft mit allen interessanten Leuten Charthum's kommt ihm trefflich zu statten, sich in jedes Haus einzuschmuggeln und in der Gunst des Hausherrn zu erhalten. Nach jedem neuen Ereignisse ist er unermüdlich beschäftigt, die Neuigkeit möglichst schnell zu verbreiten, und nicht fähig, irgendwo zu verweilen, bis er allerorts sein Herz erleichtert hat. Von den Orten und Ländern, welche er auf seinen Reisen berührte, will ich nur folgende nennen: Konstantinopel, Trieft, Athen und alle übrigen Städte des griechischen Fest- und Jnscllan- des, Toulon, Marseille, Smyrna, Beiruth, ganz Egypten, Arabien, Jemen, Kordofahn und Abysstnien. In letzterem Lande soll es ihm am Schlimmsten ergangen sein. Er machte, auf einem Ochsen reitend, von Allem entblößt, eine dreimonatliche Reise und gelangte mit seinem Reitthiere bis in die Nähe der Stadt SaüL- kim am rothen Meere. Dort brach das entkräftete Thier unter ihm zusammen. Contariny besaß außer seiner Ferdah Nichts und konnte seine Reise nicht fortsetzen. Aber der Gouverneur von Sauakim gewann den drolligen Kauz lieb, kleidete ihn, versah ihn mit Reisegeld und schickte ihn nach Jemen, von wo er nach verschiedenen Abenteuern wieder nach Kairo kam. Seine Erlebnisse sind so mannigfaltig, daß eine Erzählung derselben ein eigenes 5 234 Werk erfordern würde. Und gewiß, es gehören auch die verschiedenartigsten Lebensvcrhältnisse dazu, ehe ein Mensch den fortwährenden Aufenthalt in Charthum für den angenehmsten erklären kann. » Contariny's gute Kenntnisse verdienten ein besseres Loos, doch glaube ich nicht, daß er ein solches verlangt; das höchste Ziel seiner Wünsche überstieg nie den einstigen Besitz von zweihundert Thalern unseres Geldes. — In Hinsicht auf Kleidung, Essen und Trinken leben die Europäer ganz auf dem Fuße der Türken. Nur sind sie weit ausschweifender als die Letzteren, welche auch in Charthum noch immer Zucht und Sitte vor Augen haben. Die Vielweiberei, welcher jene treulosen Bekennn des Christenthums ohne Ansnahme huldigen, hat bezüglich der Frauen auch das Absperrungssystem der Türken bei ihnen in Aufnahme gebracht. Nikola's schöne Sklavinnen blieben dem Auge der übrigen Europäer ebenso unzugänglich, als die Schönheiten eines türkischen Harehms. Selbst die Tochter Ulivi's, die blasse, mondcnscheinige Genoveva, welche ich später in Kairo sah, durfte das Fraucngemach ihres Vaters nicht verlassen. Ueberhaupt haben die Europäer viele türkische Gebräuche und — es läßt sich nicht verkennen — darunter auch einige gute angenommen. Aber dafür haben sie so vielen Tugenden ihrer Landsleute entsagt, daß sie sich nicht gebessert haben. Sie sind ihrem Vaterlande verloren, sie handeln nie für etwas Gemeinnütziges, nur für ihr eigenes Interesse. Von ihnen ist keine wissenschaftliche Beobachtung zu erwarten; ihr Streben geht dahin, sich ihren Unterhalt zu sichern und sich das Leben so angenehm als möglich zu machen. Edle Genüsse kennen sie nicht mehr, deshalb berauschen sie sich in gemeinen. Wenn wir bei ihnen wirklich einmal Sinn für etwas Erhabenes finden, dann müssen wir ihn als den letzten Hauch des von ihrer Heimath mitgenommenen besseren Lebens ansehen. Ihr Leben in Charthum ist das eines aus allen Banden der Geselligkeit, Freundschaft und Liebe herausgerissenen Menschen; ^ es ist grenzenlos elend! Wohl mögen sie das manchmal fühlen, wohl mögen sie sich manchmal zurücksehnen in die blühenden Lande der Heimath, — sie sind unauflöslich an ihre jetzige Eri- 235 7 stenz gekettet. Im Vaterlande würden sie, die aller heimischen Sitten Entwöhnten, sich auch nicht mehr wohl befinden. Und » darum bleiben sie in der freudlosen Fremde und leben ihre Tage dahin. Und wenn dann das Fieber Einen von ihnen überwältigt, dann verscharren ihn die Uebrigen im Sand der Steppe und wenden sich nach seiner Wohnung, um sich dort bei klingenden Gläsern in seine Habe zu theilen *). Kein Freund betrauert den Todten, keine Thräne fließt um ihn. Der, welcher lebend keine Achtung verdiente und besaß, erwirbt sie sich auch nach seinem Tode nicht. Sein Name ist nach wenig Jahren verschollen. Das ist das Leben der Europäer in Charthum! Der Grieche des innern Afrika ist nicht schlechter als es seine Landsleute überall sind, d. h. er lügt, betrügt, stiehlt und mordet, wenn es keinen großensLärm macht, dort ebenso gut, als er es in Konstantinopel, Smyrna oder Kairo thut. Die gute Polizei Ale- randriens und Kairo's hat den früher durch die Griechen und Malteser häufig verübten Mordthaten jetzt Einhalt gethan. Der Grieche ist im Sudahn Kaufmann und daher mag es wohl kommen, daß er dort seltner mit dem Dolche in der Faust einem Feinde nachschleicht, denn Handel und Mord vereinigen sich nicht gut. Aber Lug, Betrug und Diebstahl stehen ihm auch im Sudahn immer zu Gebote, um seinem Feinde zu schaden und diese Laster sind ihm nie fremd geblieben. Ein in Egypten gebräuchliches Sprichwort sagt: Zwei Juden wiegen an Verschmitztheit erst einen Araber auf, zwei Araber sind nicht so schlecht als ein Malteser, um aber die Schlechtigkeit eines einzigen Griechen zu vergleichen, muß man sich eine Vereinigung von wenigstens drei Maltesern denken. Ihnen ähneln die Kopten in mancher Hinsicht. Diese finden wir auch im Sudahn in denselben Verhältnisse» wie in Egypten. *) Ob das jetzt, seitdem ein Konsul in Charthum lebt, noch geschieht, weiß ich nicht; früher war es immer der Fall, Sie sind Schreiber und Rechnuiigsführcr der Beamteten, betrügen diese, wo sie nur können und bedrücken ihre Untergebenen, wie in Egypten auch. Das vorstehend gezeichnete Bild aller im Sudahn lebenden Christen ist kein erfreuliches. Wenden wir uns deshalb von ihm ab und blicken wir auf das Leben der nach Charthum eingewanderten Mahammedancr. Die Türken Ost-Sudahn's haben wir bereits als die Beklei- der der höchsten Ehrenstellen kennen gelernt. Andere in Chartbum lebende Osmanen sind Kaufleute, wieder andere befinden sich hier in der Verbannung, weil Aabahs-Pascha Alle, die ihm lästig wurden, nach Charthum oder in die Goldbergwcrke von Khassahn in das Eril sandte. Wie in Egypten sind die hier unter dem Namen Türken bekannten Kaukasier keineswegs allein aus Konstanti- nopcl, der europäischen oder asiatischen Türkei abstammende Mahammedancr, sondern vielmehr ein Gemisch verschiedener, dem Js- lahm ergebener, weißer Nationen, welche sich, nachdem sie ihre Heimath verlassen, längere Zeit in der Türkei aufhielten und die Gebräuche des letzteren Landes annahmen. Demnach finden wir unter ihnen Circassier, Georgier, Kurden und Griechen, Bosnier, Wallachen und andere Slaven, welche Renegaten wurden. Blos die Perser werden von allen diesen Nationen scharf getrennt und unterschieden. In den meisten Fällen wurden die Türken von der egyptischcn Regierung nach dem Sudahn gesendet, um hier irgend ein Amt zu verwalten. Nur die Kaufleute zog Gewinnsucht hierher. Das Charakteristische des türkischen Lebens ist im Sudahn wenig ausgeprägt, weshalb ich jetzt nur von der hier mehr als irgendwo hervortretenden Gastfreundschaft sprechen will. Hier, im tiefen Innern, wo der Türke vereinzelt dasteht, führt er ein ächt patriarchalisches Leben. Ein Kahschcf oder Kaimakahn lebt oft das ganze Jahr hindurch einsam und allein in einem, vielleicht rings vom Urwalde umgebenen oder inmitten der Steppe gelegenen Dorfe. Seine wenigen Bedienten genügen zuletzt nicht mehr, ihm Unter- 237 Haltung zu gewähren, er sehnt sich nach Gesellschaft. Deshalb ist sein Freude, wenn ein Fremder unter sein Dach eintritt, aufrichtiger, ^ als es inr Gcwühle einer belebten Stadt zu erwarten sein möchte. Er übt mit wahrem Vergnügen alle Pflichten der „Thiahfa" und sucht die Abreise seines Gastes durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern oder wenigstens zu verschieben. Auf jede Weise ist er bemüht, den Gast zu fesseln; er läßt auftragen, was die Küche liefern kann, weiß dem Fremden jeden Wunsch an den Augen abzusehen und entläßt ihn mit Bedauern. Der Reisende kommt mit seinem Reitkamclc vor dem Hause eines Türken an, legt das Thier nieder, springt aus dem Sattel und tritt in das Empfangszimmer des Hausherrn. „Ll salalrm rmIeLuin!" — Friede sei mit Euch! — spricht er und geht auf den Diwahn zu. Der Gastgeber erhebt sich und antwortet: lrum ei salakm, uu racllmet lillalri vu baraktu oder rvarakak- tu!" — Mit Euch sei das Heil und die Gnade Gottes und sein Segen! *) — „iVIarkabakblrum!" — Seid mir willkommen! — Diese > wenigen Worte genügen dem Wirth, seinen Gast (er sei nur kein gemeiner Fellah oder Sudahnesc, sonst aber wer er will) aller Rechte der Gastfreundschaft theilhaftig zu machen und versichern den Gast des freundschaftlichen Empfangs. Gelangt man zu Schiffe oder zu Kamele in eine kleine Stadt, dann erscheinen sehr bald nach der Ankunft des Fremden die türkischen Beamteten des Fleckens, um ihn zu bewillkommnen. Bisweilen fallen diese Besuche zur Last, man kann ihnen aber nicht entgehen. Die etwa mit in's Spiel kommende Ncugierde, einen Fremden kennen zu lernen, ist den Einsiedlern nicht zu verdenken. Der das ganze Jahr auf denselben Umgang beschränkte Türke sehnt « jede Abwechselung seines langweiligen Aufenthaltes herbei. Er kommt auf die Barke, trinkt seinen Kasse, ist sehr artig und bittet den Fremden schließlich um Gegenbesuch. Man nimmt die Einla- *) Das ist der Gruß, welchen der Prophet den schönsten nenne. „Denn Dem, welcher Gutes thut oder wünscht, soll man das Empfangene zwei- fältig zurückgeben." 238 düng ebenfalls der Abwechselung wegen gern an, raucht einige Pfeifen bei dem neuen Bekannten, erfährt nebenbei so Manches über den Ort und kehrt befriedigt zu seinem Lager oder Schiffe zurück. Ich sage „befriedigt", denn was will, was erhält man mehr? Wie angenehm die schöne Sitte der Türken, den Fremdesten freundschaftlich aufzunehmen, kurz die Gastfreundschaft dem Reisenden in einem Lande ohne Wirthshäuser ist, brauche ich wohl nicht aus einander zu setzen. Noch bei seinem Weggange empfängt er Beweise derselben. Der Gastfreund läßt seinen Gast nicht ziehen, ohne ihm noch ein Schaf, Brod oder sonstige Provisionen „für die Küche" mitzugeben. Dann geleitet er ihn bis auf den richtigen Weg oder so lange dieser gefahrbringend sein sollte, und wünscht beim Scheiden den Segen Allahs auf den Fremdling herab. Die aus Egypten in den Sudahn eingcwandertcn Araber wohnen nur in den Städten des Landes — falls sie nicht Soldaten und als Ortsvorsteher angestellt sind — und treiben dort Hand- > werke. In Charthum verfertigen sie Schuhe, Sattlerwaaren, sind Blaufärber — denn man versteht nur mit Indigo zu färben — Barbiere, Kaffebereiter, Büchsenmacher, Gahrköche, Bäcker, Kaufleute, Geistliche u. s. w. Sie erhalten sich nicht immer ihre heimischen Sitten und Gebräuche, dünken sich aber hoch erhaben über den Nubier oder Sudahnescn. In Charthum haben sie ihr eigenes, wenn auch inmitten der Wohnungen der Eingebornen gelegenes Quartier und im Basare ein nur von ihnen, den „Aulahd Masseri" oder „Söhnen Kairo's", besuchtes Kaffehaus. Durch sie ist die Hauptstadt der Königreiche wohnlicher geworden. Sie liefern die nothwendigsten Arbeiten und haben vor Allem einem Mangel, dem an genießbarem Brode, abgeholfen. Früher war man genöthigt, auch in Charthum das cckclhafte Gebäck der Eingebornen zu essen, jetzt bekommt man vortreffliches Waizenbrod. In den Häusern vornehmer Türken finden wir den Egypter f als Diener und dann, wenn auch unter die türkischen, doch immer über die dunklen Bedienten und Sklaven seines Herrn gestellt. 239 Hierzu berechtigen ihn seine Fähigkeiten. Er ist, von seinem Vaterland«: getrennt, ein sehr zuverlässiger und treuer Dienstmann und , geht, zumal wenn er über die Jünglingsjahre hinaus ist, seinen Geschäften mit Ernst und Eifer nach. Während man in Egypten nubische Bedienten den egyptischen oft vorzieht, schätzt man diese im Sudahn mehr als jene. Auch in der Fremde behalten sie ihre ihnen wohl anstehende Kleidung bei und zeichnen sich dem Einge- bornen gegenüber immer durch Reinlichkeit auS. Wenn sich ein Egypter im Sudahn seinen Herd gründen und verheirathen will, erbaut er sich sein Haus nur in der Nähe der Wohnungen seiner Landsleute und späht nicht unter „den Töchtern des Landes" umher, um sich aus diesen seine Gattin zu erwählen, sondern sucht sich seine Na§e möglichst rein zu erhalten. Eine mannbare Tochter egyptischer Eltern ist in Charthum ein sehr gesuchter Gegenstand. Der Egypter preist sich glücklich, wenn er eine solche gefunden. Seine Kinder läßt er Lesen und Schreiben lehren und erzieht sie immer besser als die Sudahncsen die ihrigen, > wenn man bei diesen überhaupt noch von Erziehung reden kann. Wie die Europäer unter sich, schließt er mit seinen Landsleuten einen engen Kreis; wenn er im Innern desselben etwas Heimisches in's Leben rufen kann, freut er sich unendlich darüber. Man muß einen Egypter von seinem schönen Kairo reden hören, um aus seinen Worten die Tieft seiner Sehnsucht nach dem Vaterlande verstehen zu können. Man muß es sehen, mit welcher Wonne sie im Khahwe sich um einen Sänger schaaren, um der Heimath Lieder zu vernehmen, mit welcher Spannung sie den Reden des Meddah lauschen, wenn dieser seine Erzählung in die Gefilde ihrer Heimath lenkt. Sie sind immer des Lobes ihres Vaterlandes voll, ihr Vaterhaus ist ihnen „Ein Haus an Schimmer der Sonne gleich. Ein Erdcnhimmel mit goldnen Thoren." Und sprechen sie erst von ihrem Jugendleben, sie finden nicht Worte ^ genug, um es zu beschreiben. Ich will einen arabischen Dichter zu meinem Gewährsmann machen und seine eigenen Worte hier folgen lassen, um arabisches Heimweh zu schildern: 2-40 „O welches Leben, das ich gelebt, O welches Eden, das ich verloren! Wo ich gewandelt in Füll' nnd Lust, Vom Most der Jugend und Rausch durchgohreu, Des Wohlbehagens Gewand geschleift, Durch Gärten, dicht wie das Haar des Mohreu, Bereit zu duften auf meinen Wink, Und auf mein Lächeln sich zu beflvreu. Wenn Kummer hätte zu todten Macht, Er müßte tödtlich dies Herz durchbohren. Und ließ ein Glück sich zurückbeschwören, Mein Seufzen hätt' es zurückbeschwören *)." Und deshalb versammeln sich die Egypter allabendlich, um in ihrer Unterhaltung Kairo's zu gedenken, um ihre Gefühle auszutauschen. Wenn der Familienvater das Gebet der Nacht gesprochen hat, nimmt er seinen Tschibuhk und wandelt nach dem Markte. Dieser vereinigt für ihn und wohl auch für den Türken Alles, wornach sein Herz sich außerhalb seines Hauses sehnen kann. Hier bleibt er bis spät in die Nacht. Und dann geht er, geistig und körperlich erquickt durch süße Rede und würzigen Kasse, wieder heim in seine dürftige Wohnung und beginnt am nächsten Morgen sein Geschäft in der süßen Hoffnung, den Abend wieder im trauten Kreise „der Söhne seines Volkes" verleben zu können. Und so versucht er sich von Tag zu Tage, von Jahr zu Jahr zu trösten und bittet das Geschick, ihm doch bald den Weg zur Heimath zu eröffnen. Wohl mag auch der in Charthum erst Neuangekommene, fremde Neger sich zurückwünschen in die Heimath, in seine undurchwandel- ten Wälder; — sein Heimweh will Niemand fühlen! Auch er ist Fremdling in dem von den Türken unterworfenen Gebiet, aber von seinem Fremdenlebcn kann ich hier nicht sprechen. ') Harlhrl, übersetzt von Rückert. Sklaven und Sklaven jag d. „O, du großer Geist, was thaten meines armen Sramm's Genossen, Daß du über uns die Schalen deines Zornes ausgegossen! Sprich, wann wirst du mild dein Auge aus den Wolken zu uns wenden? Sprich, o sprich, wann wird der Jammer deiner schwarzen Kinder enden?" „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht!" Der Kampf der Völkerschaften des Sud ahn mit der türkisch- cgyptischen Regierung ist beendet, mit den Sklaven währt er noch heute fort; mit ihnen wird er noch so lange dauern, als der frei- gcborne Mensch sein heiligstes Gut zu vertheidigen im Stande ist, so lange noch kräftiger ManncSmuth mit Todesverachtung gehen List und Schändlichkeit, Habgier und Bekncchtungssucht in die Schranken treten kann. Ich verstehe unter den Sklaven alle diejenigen freien Völker, denen die türkische Regierung auf ewig den Krieg erklärt hat, weil sie die Kraft ihrer Männer oder die Schönheit ihrer Frauen im Dienste der Knechtschaft verwenden will; weil sie Beide nicht höher achtet, als der gebildete Mensch die Thiere seiner Heerden; weil sie Menschen findet, welche Menschen kaufen. Das unglückliche Loos, als verkäufliche Waare betrachtet zu werden, trifft die Völkcrstämme Abyssinicns: die Galla oder Gal- las, Schon, Makahte, Amhahra, und die verschiedenen Ne- gerstämmc aus den südlichen Ländern des weißen und blauen Flusses, aus Takhale, Dahr-Fuhr und anderen westlich oder südwestlich von Kordofahn gelegenen Ländern, als die Schilluk, Dinkha, Takhalaui, Dahr-Fuhri, Scheibuhni, Kihk, Nuöhr und andere. Die ersteren werden unter dem Namen Herbe schi, die letzteren unter der gemeinschaftlichen Benennung Aa- 16 242 bihd, d. h. Sklaven in den Handel gebracht. Der Krieg mit ihnen heißt Rhassua oder Rasswe. Ich will das Wenige, was ich von diesen armen Menschen und ihrer Jagd durch eigne Beobachtungen oder Aussagen glaubwürdiger Männer erfahren habe, hier mittheilen. Das Land der Schwarzen zieht sich auf der nördlichen Seite Afrika's wie ein breiter Gürtel von Osten nach Westen durch den ganzen Erdthcil hindurch. Seine Grenzen fallen zwischen den dreizehnten und siebzehnten Grad der Breite, im Osten mehr nach Süden, im Westen mehr nach Norden zu. So weit man sich dem Aequator genähert hat, ist man auf die schwarze (äthiopische) Menschenratze gestoßen; wie weit ihre Länder über den Gleicher hinaus in südlicher Richtung sich erstrecken, weiß man nicht. In diesem ungeheuren Ländcrgcbiete ist seit uralten Zeiten der Menschenhandel betrieben worden; die Türken waren es nicht, welche ihn in Ostsudahn einführten, sie nahmen nur die Barbarei halb wilder Völker an und rüsteten großartigere Mcnschenjagden aus, als vor ihrer Herrschaft stattfinden konnten. Während meines Aufenthaltes in Nord-Ost-Afrika bin ich mit den am blauen und weißen Flusse, in Takhalc und Dahr-Fuhr wohnenden Negern bekannt geworden. Unter ihnen sind die Bewohner Dahr-Fuhr's, Takhalc'S und des Gebirges Tabi am obern blauen Flusse die der kaukasischen Ratze in Bezug auf Geist und Körper am Nächsten Stehenden; die Bewohner des untern weißen Flusses gleichen mehr den Thieren. Ihre Gestalt ist mager, ihre Arme und Beine sind ungewöhnlich, außer allem Verhältniß lang; wie bei den Affen tritt die Stirn zurück; der Schädel mit dem weit nach hinten liegenden Scheitel ist fast kegelförmig zugespitzt; das beinahe bartlose Gesicht zeigt dicke, fleischige, stark aufgeworfene Lippen, eine breitgcdrücktc unförmliche Nase und etwas schief stehende Augen; Dummheit und Geiftcslostgkeit spricht aus allen Zügen. Die abschreckende Häßlichkeit des Gesichts wird noch durch die Unsitte, sich die Vorderzähne der Untcrkinnlade auszubrc- chcn, vermehrt; der ganze Mensch ist widerlich. Sie, die Schil- luk und Dinkha, sind es, welche wegen der Nähe ihrer Wohn- 243 sitze an der Grenze der von den Türken unterjochten Länder am Häufigsten gefangen und zu Sklaven gemacht werden; sie sind die ^ unbrauchbarsten und boshaftesten Diener ihrer sie unterdrückt habenden Herrn. Dennoch darf man sie nicht als Wilde betrachten. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht, wohnen in zusammenhängenden Dörfern, verstehen das Eisen zu schmelzen und zu schmieden, sind geschickt, Thon zu formen und zu brennen, und verfertigen nicht ganz kunstlos gearbeitete Waffen, Kleidungsstücke und Geräthschasten, werden hierin aber von den weiter südlich hausenden, riesengroßen Nuöhr übertreffen. Die von ihnen angebauten Getraidearten sind Durrah und Dochen; ihre Heerden bestehen aus Rindern, den schon erwähnten kleinen Ziegen und haaretragenden Schafen; ihre Hütten sind sorgfältig gearbeitete Tokhahl, ihre Waffen die Lanze, der Bogen, der Schild und die Keule. Die Lanzen der Schilluk und Dinkha sind anderthalb Fuß i lange, an einem schwachen, oft mit Eidechsen- und Schlangenhaut ? oder dünnen Eisenbändern umwickelten, biegsamen und elastischen Bambusrohre befestigte Eisen von der Form langgestreckter Radir- messer. Sie gebrauchen dieselben als Wurf- oder Stoßwaffe im Krieg: oder Zweikampse und sind eben so geschickt, die Lanze zu werfen, als sie mit einem kleinen Schilde aufzufangen. Ein in Charthum als Sklave lebender Dinkha erlaubte mir, aus einer Entfernung von nur fünfzehn Schritten eine sehr scharfe und spitzige Lanze nach ihm zu schleudern und fing sie regelmäßig mit einem nur einen Fuß im Durchmesser haltenden Schilde auf. Die zweite mehr für den Zwcikampf berechnete Art der Lanzen ist eine vierseitige, sehr all- mählig sich zuspitzende Pyramide von Eisen, welche an den in der Diagonale sich gegenüberliegenden Ecken mit fürchterlichen Widerhaken besetzt ist. Ihre Bogen und Pfeile sind ganz vortrefflich gearbeitet. Der . Bogen ist ein ziemlich starkes, an beiden Seiten schwächer werden- l des, mit schmalen Bändern biegsamen Eisens umwickeltes, kaum zu ! biegendes Bambusrohr, mit einer Sehne aus Darmsaiten. Die Pfeile sind glatte, schwache Rohrstäbe mit Eisenspitzen, welche oft 16 * 5 mit gefährlichen Widerhaken versehen, noch öfter vergiftet und dann rettungslos tödtend sind. Zum Vergiften der Pfeile benutzen die Neger den Saft eines mir unbekannten Baumes, keineswegs aber die Milch der ^.solspia« proosra, wie fälschlich angegeben worden ist. Die Lanze wird von ihnen aus einer Entfernung von fünfzig Schritten mit Sicherheit geworfen; mit den Pfeilen treffen sie das Ziel aus einer Entfernung von achtzig Schritten. Die Keule ist von verschiedener Form und Größe. Sie besteht entweder aus Ebenholz oder einer anderen festen und schweren Holzart. Oft ist sie nach Art der Morgensterne des Mittelalters mit vielen Holzspitzcn versehen, zuweilen mit Eisenbändcrn umwunden, in andern Fällen, wie die Ebenholzkcule, glatt und nach vorn zu wenig stärker, als am Handgriff. In ihren Hütten findet man buntgefärbtc Matten aus zierlich an einander gereihten, sorgfältig mit einander verbundenen Strohhalmen; kleine, nur sechs Zoll hohe, aus einem Stücke geschnittene Stühlchen, Flechtarbeiten, welche unsern Seilern keine Schande machen würden, und ähnliche Geräthschaften. Im Flechten und Fadenspinnen übertreffen alle Neger die Sudahnesen an Gewandtheit und Geschick. Sie verfertigen Stricke und Schnuren, welche wirklich meisterhaft gearbeitet sind; noch künstlicher sind aus Bast- stricken geflochtene, unten netzförmig und am oberen Ende zu einem Stricke vereinigte Gehänge, in denen man Holzteller und Schüsseln aufhängt, um sie gegen den zerstörenden Zahn der Termiten zu schützen. Man würdigt erst die Vortrcfflichkcit ihrer Arbeiten, wenn man ihre erbärmlichen Arbeitsinstrumente kennt. Auch die von ihnen geformten und gebrannten Thongefäße werden von den Sudahnesen wegen ihrer Güte sehr geschätzt. Wirklich monströs sind ihre Tabakspfeifen, welche zwar nicht die Friedenspfeife der nordamcrikanischen Wilden vertreten, dieser aber in mehr als einer Hinsicht entsprechen. Die Pfeife besteht aus drei Theilen, Kopf, Rohr und Mundstück. Ersterer, aus gebranntem Thon gefertigt, ist von kolossaler Größe und entsprechender Schwere und steckt in einem ausgehöhlten starken Bambusrohre. An diesem ist das Mundstück aufgesetzt: ein kugelrunder, ungefähr vier Zoll im Durchmesser haltender Affenkürbis, welcher mit narkotischen Kräutern gefüllt wird; der ausgehöhlte Stiel des Kürbisses ist das eigentliche Mundstück. Beim Rauchen zieht der Rauch des Tabaks durch die befeuchteten, narkotischen Kräuter des Mundstücks und wirkt nun berauschend auf den Raucher. Wahrscheinlich gebrauchen sie keine eigentliche Tabaksart, sondern wohl eher irgend ein anderes Kraut zum Füllen des Niesenpfeifenkopfes. Die von ihnen erhaltenen Tabaksproben waren Bruchstücke fest gekneteter, zusammenhängender Kuchen aus grünen Blättern, deren Gestalt sich nicht mehr erkennen lieh. Der Rauchstoff soll sehr stark sein. Zum Anzünden ihrer Pfeife führen sie stets eiserne Feuerzangen bei sich. Man sieht die Dinkha und Schilluk auch in der Sklaverei mit wollüstigem Behagen diese Pfeife schmauchen. Ich handelte die Eremplare dieser Ungeheuer aller Pfeifen, welche ich mit nach Europa brachte, gewöhnlich von Negerinnen ein, obgleich sich diese nicht gern davon trennen wollten. Von einer Kleidung der Neger kann eigentlich keine Rede sein. Die Männer gehen ohne Ausnahme nackt, rasircn sich aber häufig daS Haupt und bedecken dieses dann mit einer sonderbaren, perük- kenartigen, rothgefärbten Mütze, an welcher die Haare durch dicke, ungefähr zwei Zoll lange Baumwollcnfädcn nachgeahmt sind. Bei den Frauen und Mädchen deckt eine kleine Schürze aus Lcdcrstrei- scn oder panzcrringartig verbundenen Eiscnblättche» die Hüfte. Als Zicrrath lieben sie buntfarbige (vorzüglich blaue) Glasperlen über Alles. Beim Tauschhandel gibt der Neger gern einen Ccntner Elfenbein für eine Handvoll dieser elenden Waare hin. Bcmcrkenswcrth ist es, daß alle Gcräthschaften, Kleidungsstücke — wenn ich die beschriebene Mütze und Schürze so nennen darf —, Waffen u. s. w. der Neger roth gefärbt sind. Entweder lieben sie diese Farbe besonders oder besitzen kein anderes Farbe- material, als den Nöthel, womit sie ihre Kunstwerke bcstrcichen. Die Schilluk und Dinkha sind unter sich Todfeinde und machen sich gegenseitig zu Sklaven oder schlagen den Einzelnen, der sich auf das Gebiet des andern Stammes wagt, ohne Umstände todt. Sie sind nicht gerade gute Krieger, aber, wie auch schon 246 aus ihrer Körpcrgestall hervorgeht, treffliche Läufer. Man steht sie bei ihren Kriegscrpcditioncn immer einen leichten, jedoch sehr fördernden Trab laufen. Die Dinkha, welche das rechte Ufer des » weißen Flusses bewohnen, plünderten und zerstörten in einem Zeitraume von sechs Jahren mehrere Dörfer in der Nahe der Stadt Scnnahr, trieben das Vieh mit sich hinweg und machten die bewältigten Einwohner zu Gefangenen. Die volle Breite der Djesihre trennt diese Dörfer von ihren Niederlassungen, aber die Dinkha durchlaufen, nach Versicherung der Sudahnescn, die ganze, wenigstens zwölf Meilen lange Strecke ohne Beschwerde in einem Tage und werden deshalb in den am oberen blauen Flusse, zwischen Sennahr und Rosseeres gelegenen Dörfern sehr gefürchtet. Ueber die Religion der Neger des weißen Flusses habe ich nur erfahren können, daß es nicht die mahammcdanische ist. Die Su- dahnesen und Araber nennen sie „Kaffuhr"^), d. h. Solche, welche die Grundsätze der mohammedanischen Religion oder die Wohlthaten Gottes ableugnen, bezüglich Heiden sind. Man sagt, daß ihre Religion nur dunkle und wirre Begriffe von einem guten ' und einem bösen Wesen habe, welche sie durch Götzenbilder versinn- lichen. Mit der Handelserpedition nach dem weißen Flusse gelangen gewöhnlich kleine, aus Holz geschnitzte Menschenbilder nach Charthum, welche fälschlich für Götzenbilder gehalten worden sind; es sind nur Bilder zur Erinnerung an verstorbene Kinder und von deren Eltern gefertigt. Ihre Todten begraben sie nicht, sondern werfen sie, den zahllosen Krokodilen zur Speise, in die Fluchen des weißen Flusses. Geistig und körperlich höher stehend, vermitteln die Neger Tak- hale's, Dahr-Fuhr'ö und des Gebirges Tabi einen Uebergang des am tiefsten stehenden Negertypus zu den durch die kaukasische Ra< ten angehört. Er hat viele Vorzüge vor dem Neger und steht dem weißen Sklaven oder, nach jetzigem Sprachgebrauch, dem Mame- 249 - luken am Nächsten. Wie dieser erwirbt er sich durch sein Betragen oft die Liebe eines milden Herrn und mit dieser seine Freiheit. Das abyssinische Mädchen wird höher geschätzt, als der männliche Sklave und verdient es, sei es wegen seiner Schönheit oder bekannten treuen Anhänglichkeit an seinen, nur zu oft grausamen Herrn. Seine Schönheit macht es gewöhnlich zur Conkubine seines Besitzers. Nach türkischem Gesetz ist jede Sklavin frei, wenn sie ihrem Gebieter ein Kind geboren hat; dasselbe hat sogar alle Rechte des von der Frau „vor dem Gesetze" stammenden. Deßhalb findet man in türkischen Häusern die Abyssinierin oft frei, oft selbst als Gebieterin des Hauses. Mancher Europäer lebt mit einer Abyssinierin in glücklicher Ehe. Nach Diesem hätte der Abyssinicr in der Sklaverei ein erträgliches Loos. Aber dem ist nicht so. Er dient leider oft genug dem Türken in der niedrigsten Sphäre, in welcher überhaupt ein Mensch dem andern dienen kann — als Eunuch. Als solcher gleicht er weniger dem Menschen, sondern eher einem scheußlichen Dämon. Es kann nichts Häßlicheres geben, als einen dieser Unglücklichen im späteren Alter. Schon die Kleidung unterscheidet den „Arha" (wie der Araber den Verschnittenen nennt) von anderen Menschen. Das Gesicht hat etwas Abschreckendes. Fette, aufgedunsene, glänzende und bartlose Wangen; breite, dicke und schwülstige Lippen und wahrhaft teuflisch leuchtende Augen treten dem Beobachter unheimlich entgegen. Von Gesichtszügen ist eigentlich Nichts wahrzunehmen; der ganze Kopf ist eine schwammige, von einem riesigen Turban beschattete Fettmasse. Der Charakter des Verschnittenen entspricht seinem Acnßercn. Es ist, als ob er sich an der Menschheit wegen des ihm angethanen Verbrechens rächen wolle. Er ist herrisch, tückisch, falsch und rachsüchtig und behandelt die unter seiner Obhut stehenden Frauen eines Harchm mit ausgesuchter Grausamkeit. Wegen seiner Un- entbchrlichkcit im türkischen Hauswesen steht er über dem übrigen Hausgesinde und tyrannisirt dieses auf mannigfaltige Weise. In den Straßen einer größeren Stadt sieht man den Eunuchen mit erhobenem Stock durch das dichteste Menschengcdränge sich Bahn 250 brechen und da der Fellah EgyptenS oder der Sudahnese nicht weiß, welches hohen Herrn Diener jener ist, auch ohncdieß vor dem Begleiter der im ganzen osmanischen Reiche hochgeachteten Frauen eine gewisse Ehrfurcht hat, hütet er sich wohl, ihn wieder zu beleidigen. Wenden wir uns, bevor wir mit der Rhassua in die Urwälder eindringen, rückwärts und betreten wir einen Sklaveninarkt in Egypten. Der Reisende, welcher heutzutage dieses Landes Hauptstadt betritt, fragt zuerst mit nach dem Sklavenmarkte. Gesättigt und erhoben von all' dem Großartigen, das er in wenigen Tagen gesehen, befriedigt von dem Anschauen eines der Wunder der Welt: den Pyramiden, noch staunend über die Pracht der Gräber der Chalifen, ernst gestimmt von der Stadt der Todten, schwelgend im Genusse eines ewig heitern, unbewölkten Himmels, betäubt vom uralten und immer neuen Gewühl und Getön in den Straßen der Stadt der Sarazenen, wendet er sich nach dein Sklavenmarkte, um auch hier seiner Neugier zu genügen. Glücklich hat er sich durch das Menschengewimmel der Märkte hindurch gedrängt und gelangt in ödere, stillere Straßen. Vor einem alten Gebäude hält sein Führer. Er befindet sich vor der „Wekahle el Aabihd" (dem Sklaven-Verkaufshause). Ein wirres Gemisch von Höfen, Ställen, Zimmern und Räumen breitet sich vor ihm aus. Schon am Eingänge sieht er „die Waare" vor sich. Auf schlechten, aus Palmenfascrn geflochtenen Matten sitzen die dunkeln Kinder des Südens, dürftig bekleidet, um den Fremden oder dem Käufer zur Schau zu dienen. Der Djcllahbi raucht, auf einem Ankharehb liegend, ruhig seine Pfeife und ladet den Angekommenen ein, „el Farchaht" (die jungen Thiere) zu besichtigen. Ist dieser ein Kauflustiger, dann erhebt jener sich wohl auch, um ihn zum Aufenthaltsorte des Sklaven zu begleiten; unbekümmert um Alter oder Geschlecht gebietet er diesem, die Zähne zu zeigen, um danach, wie in Deutschland bei einem zu verkaufenden Pferde, einen Schluß aus das Alter und die Brauchbarkeit des Individuums ziehen zu können, verschiedene Stellungen und Biegungen des Körpers vorzunehmen, um die Gelenkigkeit desselben kundzugeben und schließlich sich zu entkleiden, um Untersuchungen gefühlloser und wollüstiger Barbaren auszuhalten: Untersuchungen, die selbst das Schamgefühl eines Wilden auf das Tiefste empören müssen. Scheinbar gefühllos starren die Sklaven den Käufer an; ohne eine Miene zu verziehen, gehorchen sie den Befehlen des Djellahbi; sie lassen Alles über sich ergehen, wandern aus einer Hand in die andere, ohne ein Gefühl des Schmerzes kundzugeben. Und dennoch ist ihr bloßer Anblick für den fühlenden Europäer schauderhaft! Er sieht einen Menschen vor sich, der einem Vieh ähnelt und wie ein Vieh behandelt wird. Jndignirt wendet er sich ab und verläßt die We- kahle, — er hat einen Markt verlassen, aus dem der Sklave, im Vergleich zu denen des innern Afrika, mild, menschlich behandelt wird; er hat die wenigen Hellstrahlen des Nachtgemäldes gesehen. Erst im Sudahn sieht er die Sklaverei in ihrer ganzen Abscheulich- keit, denn dort begegnet er der Sklavenjagd. Beknechtung und qualvoller Frohndienst, Unterdrückung der heimischen Sitte, Trennung der heiligsten Banden, Schändung des Theuersten, Vernichtung der edelsten Gefühle steht dem Abpssinicr oder Neger bevor, wenn sich die Rhassua oder die auf flügel- schnellen Rossen herankommende Araberhorde seinem Heimathslande nähert. Kein Wunder, daß der Mann mit Mannesmuth dem blutdürstigen, beutelustigen Feinde zum fürchterlichen Kampfe entgegentritt; kein Wunder, daß er mit entsetzlicher Grausamkeit Grausamkeit vergilt. Das türkische Gouvernement will Menschen fangen, um sie an Soldes Statt seinen Beamten zu geben; der Araber will Sklaven haben, um sie als Diener, denen Alles aufgebürdet werden kann, zu benutzen oder als gewinnbringende Waare zu verschachern. Der braune oder schwarze Mann des Gebirges oder des Urwaldes kennt sein Loos; er weiß seinen Heerd zu vertheidigen — und thut es. Die Sklavenjagd ist jetzt nicht mehr einträglich, wie sie es war, ehe der Neger seinen grimmigsten Feind 252 als sterbliches Wesen kenne» lernte; jetzl fallen oft mehr Soldaten, als Feinde gefangen werden. Es ist noch nicht lange her, da betrachtete der ungebildete Sohn der Wildniß den Weißen als unantastbares, geheiligtes, der Gottheit — oder dein Teufel gleiches Wesen. Im Jahre 1851 befehligte der Italiener Nicola Ulivi, jener in Charthum ansässige, in ganz Ost-Sudahn als Gauner, Betrüger, Dieb und Mörder bekannte Kaufmann, die Handelsflotte, welche jährlich von Charthum aus nach dem weißen Flusse gesandt wird, um dort mit den eingcbornen Negern, dem Stamme der Dinkha, Schilluk, Nuöhr u. s. w., Tauschhandel zu treiben. Die Habgier des Italieners war mit dein dabei sich ergebenden enormen Gewinn nicht befriedigt. Bei Gelegenheit des Handels im Lande der Kihk bekam ein Neger von den Tausenden, welche sich in der Nähe der Barken versammelt hatten, Streit mit einem Matrosen, von dem er übervortheilt zu sein glaubte und auch wirklich war. Die Männer am Ufer murrten über die schreiende Ungerechtigkeit der Weißen. Da befürchtete Nicola, daß sein Handel gefährdet sein könnte und ließ, um den armen Schwarzen seine Stärke zu zeigen, die fünfzig Negcrsoldaten, welche die Handelserpcdition begleiteten, auf das am User versammelte Volk Feuer geben. Mehr als zwanzig Neger fielen nach den ersten Schüssen. Erbebend, wie vor dem unabwendbaren Gerichte allmächtiger Götter, beugten die unwissenden Naturkinder ihre Kniee vor dem Frevler. Wchelaute des Schreckens und der Furcht ausstoßend, fielen sie auf ihr Angesicht; heulend und klagend besichtigten sie die Körper der Gefallenen, deren Wunden das warme Herzblut entströmte; wie Kinder, welche das unbegreifliche Walten der Gottheit nicht zu fassen verstehen, betasteten sie die Wunden der Leichen, in denen kein Pfeil, keine Lanze steckte. Die bleiernen To- desboten aus den Geschossen der Weißen hatten unsichtbar ihren grauenvollen Weg zurückgelegt. Noch war den armen Schwarzen die Feucrwaffe beinahe unbekannt. Sie kannten den Frevel, sie kannten die Waffe in des Frevlers Hand noch nicht. Ihre Brü- dcr lagen dahingcschlachtct wie des Waldes Thiere; sie sahen nur das Entsetzliche, aber kein Mittel, das Entsetzliche abzuwenden, und entflohen jammernd dem Orte des Schreckens. Und Nicola Ulivi rühmte sich später dieser That; erst das Fieber hat die Gemordeten gerächt. Man könnte mir vielleicht einwenden, daß Nicola's Grausamkeit ein Akt der Nothwendigkeit, eine Handlung der Selbstverthei- digung gewesen sei. Das war nicht der Fall. Die Tausende der versammelten Neger hätten das Häuflein ihrer Peiniger erdrückt, wenn sie gewußt hätten, daß es mit ihren Waffen besiegbar wäre. Das sehen wir bei den in neuerer Zeit gehaltenen Sklavcnjagden. Nicht alle Negcrstämmc sind heutigen Tages noch über den Weißen und seine Waffen so im Unklaren, wie die bethörten Kihk. Die Schilluk und Dinkha, Takhali und Dahr-Fuhri, die Abyssinicr und Tabi wissen, welch' ein Feind ihnen gegenübersteht. Und wo der Neger eingesehen hat, daß er mit sterblichen Wesen kämpft, da hat er auch den Weißen jedes Mal besiegt. Immer seltner, immer beschwerlicher, immer gefährlicher wird die frevelhafte Jagd. In demselben Jahre, welches Nicola's Morden sah, rüstete Lati es-Pascha auf Befehl des Vizekönigs eine Rhassua gegen Takhalc aus. Der kühne Fürst, denn diesen Namen verdient der Schwarze, hatte versucht, sich an den Feinden seiner Nation zu rächen. Er hatte aufgehört, den Tribut zu entrichten, welchen die Türken seinem Lande nach einem glücklichen Feldzuge auferlegt hatten ; er war sogar in das Gebiet der Türken, in die Provinz Kor- dofahn, eingefallen und hatte dort Dörfer zerstört, Hcerdcn Hinweg- getrieben , Leute getödtct und in die Gefangenschaft geführt: er hatte einfach das Vergeltungsrecht für unzählbare, seinem Volke früher angethane Grausamkeiten geübt. Dafür sollte er gestraft werden. Lati es-Pascha rüstete ein für jene Länder bedeutendes Heer aus. Mehr als tausend Negersoldatcn vom blauen Flusse, vom Hause aus grimme Feinde der Takhalaui, vierhundert berittene Ar- nauten und sechs Geschütze mit ihrer Bemannung bildeten die Kriegsmacht. Aehnliche Heerhaufcn brachten sonst gewöhnlich fünf- bis sechshundert Gefangene mit sich zurück; diesmal wurde das Heer 254 total auf's Haupt geschlagen; von den vierzehn Hundert kehrten nur drei Hundert zurück. Der Negerkönig hatte sich zum größten Staunen ein mit Feuerwaffen bewehrtes, durch Ueberläufer eingeübtes Heer gebildet. Jeder Ueberläufer, der mit seiner Waffe bei ihm eintraf, erhielt von ihm eine Hütte und zwei Frauen geschenkt und befand sich unter seinen Stammverwandten — denn selbst die angeerbtc Fehde lernt der Sklave vergessen — wohler, als er sich in der Knechtschaft der ihn peinigenden Türken befunden hatte. Ehe es noch zum Kampfe kam, verließen Hunderte von Negersoldaten die Reihen ihrer Bataillone und gingen zum Feinde über. Die Türken, ohnehin von einem erbärmlichen Oberst, dem einäugigen, wie die Italiener sich auszudrücken pflegen: „von Christus gezeichneten"*), von allen gemeinen Soldaten gehaßten Mäh am - med-Arha, schlecht angeführt, mußten trotz aller Tapferkeit der Arnauten das Feld räumen. Mahammed-Arha hatte in dem Könige von Takhale einen ihm nicht nur ebenbürtigen, sondern sogar überlegenen Kriegsmann gefunden. Er hatte in der Schlacht die größte Feigheit, der König der Neger die größte Tapferkeit gezeigt. Glücklich hatte dieser den Unbesonnenen in die Berge gelockt, wie Wetterleuchten ihn dort überfallen und geschlagen. Der türkische Befehlshaber rettete nur durch schleunigen Rückzug die Trümmer seines Heeres; von einer Schwadron zu hundert Reitern blieben ihm bloß fünf gesunde Leute übrig. Eine Sklavenjagd ist der vollkommenste Guerillakrieg. Von beiden Seiten suchen sich die Kämpfenden an List und Grausamkeit zu überbieten. Ich will versuchen, sie nach den Mittheilungen eines mir befreundeten, wahrheitsliebenden türkischen Majors zu schildern. Die Rhassua ist versammelt; Geschütze und Waffen sind im besten Stande, Bespannungs- und Lastthiere vollzählig, die Soldaten selbst frohen Muths. Kamele tragen das Gepäck der Krieger und kleine Kisten mit Munition; die Soldaten ziehen leicht dahin. Man erreicht die Grenze des den Türken unterjochten Lan- ') dlsrcsto äi Orislo. 255 des und betritt das Gebiet der freien Schwarzen, die noch von keiner Art entweihten Urwälder. Die Kolonnen theilen sich und ma- . chen sich mühsam durch das Gehänge der Schlingpflanzen, durch das Dickicht der niederen Mimosen Bahn. Dichter und dichter werden die Urwälder. Kein Feind zeigt sich; die zufällig aufgefundenen Dörfer sind leer, man begnügt sich, sie anzuzünden. Das Heer zieht weiter in den Wald hinein; die Beschwerden mehren sich. Ungewohnt des ihm fremden Klimas stürzt das Kamel, sei es, wie man annimmt, in Folge der Stiche von tausend kleinen Fliegen, sei es in Folge der ihm nicht zusagenden Kräuter; südlich des dreizehnten Grades gedeiht es nicht mehr. Man vertheilt seine Last unter die Soldaten. Langsamer bewegen sich ihre Reihen. Tagelang schon marschiren sie, noch immer haben sie keinen Feind erblickt. Aber dunkle Gestalten sind ihrem Zuge gefolgt. Von Baum zu Baum schleichend, sich hinter jedem Stamme verbergend, beobachten schwarze Männer jede ihrer Bewegungen, zählen oder schätzen ihre Streitkräfte und benachrichtigen ihre Stammgenossen , mit dem Resultate ihrer Erfahrungen. Endlich werden sie von jenen entdeckt, jedoch einzelne Schüsse genügen, die Neger zu vertreiben. Unbekannt in dem Urwaldc schleppt sich die Reihe der durch Beschwerden aller Art schon geschwächten Krieger durch das Urdickicht des Waldes. Bereits sind die Geschütze nothgedrungen zurückgelassen worden. Müde und matt erreichen die Krieger einen freien, zum Lager paffenden Platz. Nach kurzer Ruhe beginnt ein reges Leben. Die Aerte fällen die Mimose, deren stachelige Aeste, zur undurchdringlichen Serieba vereinigt, das Lager schützen; ein kleiner Raum beherbergt die zusammengedrängten Bataillone. Dunkel senkt sich die Nacht auf den Wald hernieder. Geprüfte cgyptischc Soldaten halten, paarweise vereint, die Wache. Tiefe Stille; die Nacht ist anfangs still und dunkel im Urwaldc, erst später erschallen seine nächtlichen Stimmen. In der Ferne hört man das grunzende Gebrüll des Panthers, der milchweise Uhu ruft seinen Na- ^ men, sein „Buh m" klingt schauerlich im Walde wieder; fast verhallend tönt das melodische, glockenreine Gezirp gewisser Grillcn- arten zum Lager herüber; in einem entfernten Sumpfe quaken die 256 Frösche; tiefer im Walde heult die Hyäne. Dichte Schwärme summender Musquitos, Hunderte von Fledermäusen umschwirren die Häupter der aus ihre Gewehre gelehnten Wachen. „Hörst du nicht, mein Bruder? Raschelte es nicht dort im Gebüsch? Siehst du nicht jene dunkle Gestalt?" „„Wohl, es wird der Marafihl*) sein, den wir hörten; schieße nicht nach ihm, wer weiß, ob es nicht einer jener Verfluchten, ein Zauberer — aus Iiillabi min ei seirertalin, ja rabbi!**) — ist, welcher die Gestalt des Marafihl angenommen hat."" „Verflucht sei der Wald und seine Bewohner! Mein Bruder, mir dunkelt's vor den Augen, ich bin müde, müde! zu rabln!" Der ermüdete Soldat kann sich trotz des gegenseitigen, immer erneuten, ermunternden Zurufs der übrigen Wachen des Schlafes kaum erwehren, er schlummert nicht, aber sein Auge ist trübe vor Müdigkeit. Er sieht nicht jene sich in der Schwärze der Nacht leise, wie schleichende Katzen herannahenden, dem Auge kaum wahrnehmbaren schwarzen Männer, und doch kriechen sie schon dicht vor ihm auf dem Bauche, unhörbar an den Wall heran. Endlich bemerkt er sie. „^Ilall im abbar! Lsmcm ,ja aebui, bauen aalema ja rab- bi, ol aabi— Iit***)!" Weiter sagt er Nichts: eine Lanze hat ihm die Brust durchbohrt. Vor der Serieba erheben sich Tausende schwarzer Männer, ein heulender, langgedehnter, gellender Schlachtruf erschallt, das Grunzen des Panthers, das Geheul der Hyäne, der Todesruf des Uhus erklingt aus dem Munde der Neger; mit dem Schlachtgebrüll durchzischt die kräftig geschleuderte, tödtende Lanze die Luft. Wo sie auch hinfällt im Lager, sie fällt in die dichtesten Rotten der bedrängten Soldaten; das Blitzen einzelner Gewehre zeigt diesen, daß sich unter den Angreifern auch der Feuer- *) Marafihl ist der im Sudahn gebräuchliche Name der gefleckten Hyäne. **) „Schütze mich Gott vor dem Gespenst (dem Teufel)! v schütze mich, Herr!" ***) Gott ist der Größte! Höre, mein Bruder! Hilf uns, o Herr! Die Ne—ger! 257 Waffen kundige Männer befinden. Jetzt entladen Hunderte von Soldaten ihre Feuerwaffen, eine oder zwei leichte Kanonen donnern gegen den Feind — die Kugeln schaden wenig oder nicht. Längst schon sind die Angreifer wieder geborgen. Dicke Baume, Erdwände, Erhöhungen des Bodens und die Nacht schützen sie. Die Kugeln der Soldaten pfeifen durch die Aeste der Mimosen, ohne mehr zu nützen, als den Feind von einem neuen Angriffe abzuschrecken. Der heranbrechende Morgen endet den Kampf. Sein Licht beleuchtet daS kleine Schlachtfeld. Viele der Soldaten haben keine Bewegung gemacht; der Tod hat sie im Schlafe ereilt. Mit den Lanzen sind sie fest an die Erde geheftet, die Stiele derselben starren in die Luft hinaus. Andere sind unter den fürchterlichsten Krämpfcn verschieden: ein vergifteter Pfeil hat sie getroffen; Andere liegen im Todeskampfe. Von den Schwarzen sieht man auf der Wahlstatt keinen Todten; die Lebenden nahmen die Leichen ihrer Brüder mit sich hinweg, um sie nach ihrer Weise zu beerdigen oder den Wellen des geheiligten Stromes zu übergeben. Unter solchen Umständen thut der Führer der Rhassua wohl daran, den Rückzug anzutreten. Seine Negersoldaten werden durch Mißgeschick im Kriege zu leicht Empörungen geneigt und gehen, obgleich man die Vorsicht gebrauchte, sie nur gegen Feinde zu führen, mit denen sie auf Tod und Leben zu kämpfen von Kindheit an gewöhnt sind, gern zu ihren Stammcsverwandtcn über, diesen im Anfange willkommmcn, später vielleicht eine unnütze, von Neuem gehaßte Last. Dem des Landes ungewohnten Arnautcn droht neben dem furchtbaren Feinde noch ein treuer Gehülfe: das Klima. Mit dem Sinken der Sonne verdunkeln unschätzbare Schwärme blutsaugender Musguitos die Luft und stören die Ruhe des ohnehin genugsam entkräfteten Fremdlings. Milliarden dieser Quälgeister der Nacht peinigen den Besucher des weißen und oberen blauen Flusses oder des Urwaldes. Sie sind in den sumpfigen Niederungen des Bahhr cl abiadt so gefürchtet, daß die Kihk und Nuöhr in der Asche schlafen, um vor ihnen geschützt zu sein; sie bohren ihren langen feinen Rüssel durch das dichteste Gewebe bis in die Haut ihres Opfers, färben ihren durchsichtigen Körper hoch- 17 258 roth mit dem Blute desselben und verursachen durch ihren Stich schmerzhafte, unausstehlich juckende Beulen. Den Tag über in steter Bewegung und Aufregung, die Nacht hindurch der nöthigen Ruhe entbehrend, jeder Erquickung nachgedrungen entsagend, ist der weiße Mann nicht fähig, dem in dem höllischen Lande sich seiner unfehlbar bemächtigenden Fieber zu widerstehen. Das Wasser, welches er genießen muß, ist aus den Sümpfen des Waldes oder aus dem langsam dahinschleichcnden Flusse geschöpft; sein Brot ist die unverdauliche Kisra, seine Speise die Lukhmc; nur selten erhält er Fleisch, denn die Neger haben ihre Heerden geborgen. Die giftigen Miasmen der Sümpfe, die Ausdünstungen der Wälder werden ihm gleich gefährlich. Das perniciöse Fieber ergreift ihn. Der Sonne Central-Afrikas preisgegeben, liegt er krank auf bloßer Erde. Glühende Strahlen sendet das leuchtende Gestirn des Tages herab, der Kranke friert wie bei eisiger Kälte; seine Zähne schlagen klappernd zusammen, die Glieder zittern vor grimmigem Frost. Und nun kommt die Hitze des Fiebers über den Obdachlosen. Dieselbe Sonne, die ihn nicht zu erwärmen vermochte, wird ihm zur unerträglichen Qual. „Bruder, mein Bruder, nur einen Tropfen Wasser!" fleht er mit matter Stimme. Man reicht es ihm, er schlürft es mit Begierde, — und bricht es unter erhöhten Schmerzen wieder von sich. Bald endet Bewußtlosigkeit, Delirium sein Leiden. Heftige Konvulsionen erschüttern das morsche Gebäu deS Körpers, die Achsel- und Halsdrüsen schwellen an; ein Schrei — da liegt die Leiche! In den übrigen Soldaten erwacht der Muth der Verzweiflung. Sie verlangen stürmisch, gegen den Feind geführt zu werden; sie fluchen ihm und, alle mahammedanische Resignation vergessend, ihrem fürchterlichen Loose. Mehr Leute, als die Neger morden, würgt die tückische Seuche; über ein Dritthcil der Mannschaft fault aus dem Lagerplatze. Der Krieger entgeht nur der einen Todesart, wenn er sich der andern entgegenstürzt; er braucht den Giftpfeil, die Lanze und den Streitkolbcn sichtbarer Feinde nicht zu fürchten, wenn ihn unsichtbare bedrohen. Mit seinem Bayonnett, mit dem Jata- gähn in der Faust stürmt man den Berg hinan, den Dörfern der Schwarzen entgegen. Hinter jedem Baumstämme lehnt ein kamps- gcrüstcter Mann; der sichere Pfeil entgleitet geräuschlos seinen Händen. Hier nützen die Feuerwaffen wenig oder nichts. Der Krieger kämpft Mann gegen Mann mit dem Feinde. Oft werden die Gewehre der schwarzen Soldaten, welche ihre Furcht vor dem Pulver nicht überwinden konnten und mit abgewandtem Gesichte feuern, plan- und zwecklos gebraucht; weder Taktik noch Kanonen helfen im Urwalde; der nach den Regeln europäischer Kriegskunst eingeschulte Soldat unterliegt im Einzelkampfe dem kühnen Schwarzen. Wohl diesem, wenn er den Feind zwingt, sich zurückzuziehen, aber wehe ihm, wenn ihm dieß nicht gelingt! Dann wird das Dorf der Neger umzingelt und genommen. Tigern gleich stürzen sich die Soldaten auf ihre Beute. Greise, Kranke und zu Sklaven unbrauchbare Feinde werden von den jetzt keine Menschlichkeit mehr kennenden Soldaten ohne Weiteres niedergestochen, die Frauen geschändet. Den wüthenden Grimm der Männer hat man zu bändigen gewußt. Man hat sie längst entwaffnet und in die Scheba*) gesteckt. Sie versuchen, sich darin zu erwürgen; man wehrt es ihnen. Vor ihren Augen schlachtet man Weib und Kind, Vater und Mutter; selbst die unschuldigen Hausthicre werden erbarmungslos niedergestochen. Zur Ehre der Weißen sei es gesagt, daß bei solchen Gelegenheiten die Negersoldatcn im Vergleich zu ihnen ächte Teufel sind, Teufel, welche mit wahrer Virtuosität schauderhafte *) Die Scheba ist eine roh zugearbeitete Holzgabel, in welche der Hals des Gefangenen gesteckt wird. Vorn ist die Gabel durch ein fest aufgenageltes Querholz verschlossen, am Hinteren Ende besitzt sie einen langen Stiel. Diesen muß der Gefangene selbst tragen oder, wenn man sein Entfliehen befürchtet, einen hinter ihm Gehenden tragen lassen. Der Gefesselte behält die Gabel so lange an seinem Halse, bis er am Orte seiner Bestimmung angelangt ist. Sie ist nicht geglättet oder mit weichen Lumpen umhüllt, und verursacht deßhalb böse Wunden, welche so lange nicht heilen, als die Scheba ihre Wirkung äußern kann. Es ist keinem so Gefesselten möglich, zu entfliehen; allein solche Grausamkeit kann schwerlich eine Vorsicht entschuldigen, die man bei Verbrechern —oder Sklaven, welche Nichts verbrochen haben — anzuwenden für nöthig erachtet. 17 * _ 200 _ Marter» für die Besiegten aussinnen und an ihnen ausüben. Nun werden die Gefangenen gemustert und alle Unbrauchbaren niedergemacht. Nachdem der Sieger auch so viel Vieh, als er finden konnte, zusammengetrieben hat, tritt er den Rückzug an. Von Soldaten eingeschlossen, bewegt sich der Zug der Gefangenen, mehr gestoßen und gepeinigt, als eine Hecrde Vieh. Der Kommandi- rende ruft Halt. Alles wendet die Blicke nach dem brennenden Dorfe. Ob dort ein Schwervcrwundeter erst in den Flammen seinen Tod findet; ob dort ein gemartertes Weib mit den Zahnen in die Erde beißt, um ihre Schmerzen zu betäuben, ob sie, unfähig zum Gehen, die vernichtende Feuersbrunst näher und näher kommen sieht und sich bei ihr die Todesangst zum Todeskampfe gesellt; ob inmitten einer vom Feuer ergriffenen Hütte ein verlassenes Kind um Hülfe schreit — den Sieger kümmert das wenig. So geht es mit noch mehreren Dörfern, bis man Sklaven genug hat oder dem Klima und dem immer und immer die Soldaten umschleichenden Feinde nicht mehr widerstehen kann. Sengend und brennend, mordend und plündernd ziehen die Soldaten nach Charthum zurück. Der Zug geht langsam. Die schmerzgcpcinigten Männer, welche noch Wunden vom Schlachtfelde her tragen, deren Hälse die Scheba wund reibt, die armen, halb verdurstenden und verhungernden Weiber, die schwachen Kinder sind nicht im Stande, schnell zu gehen. Ich habe einen Transport Dinkha-Neger in Charthum ankommen sehen. Der Anblick war schauderhaft. Keine Feder kann ihn beschreiben, keine Worte drücken ihn aus. Mir hat er wochenlang wie ein Bild des Schreckens vor der Seele gestanden. Es war am zwölften Januar 18 L 8 . Vor dem Re- Licrungsgebäudc in Charthum saßen über sechzig Männer und Weiber im Kreise auf der Erde. Alle Männer waren gefesselt, die Weiber frei. Kinder krochen auf allen Vieren zwischen ihnen herum. Die Unglücklichen lagen ohne den geringsten Schutz in der glühenden Sonne, mit stieren, todten und dennoch unendlich traurigen Blicken auf der Erde, ohne zu klagen, ohne zu wimmern. Eiter 261 und Blut floß aus den Wunden der Männer hervor, kein Wundarzt bekümmerte sich um sie. Sie hatten nichts als heiße Erde, um das herabträufclnde Blut zu stillen; ihre Nahrung bestand aus rohen Durrahkörnern, demselben Futter, das die Kamele fressen. Unwillkürlich suchte sich der Blick des Beschauers aus dem Entsetzlichen das Entsetzlichste heraus. Dort jene Mutter mit ihrem Säuglinge war es, jene kranke Mutter mit jenem verschmachtenden Säuglinge! Mit Thränen in den Augen sah sie das Kind auf allen Vieren zu sich hcrangekrochen kommen. Das Kind verlangte die Muttcrbrust. Aber diese labte nicht mehr. Die Haut lag bei Beiden in großen Falten auf dem Knochengerippe. Ich sah im Geiste den Todesengcl über Beiden schweben, ich glaubte das Rauschen seiner Flügel zu hören und habe Gott gebeten, ihn bald, recht bald zu senden. Ein Egyptcr, der Tschausch oder Unteroffizier der die Wache haltenden Soldaten, trat zu uns. „Siehst du, Herr, Allah war unserm Zuge günstig, wir waren glücklich. Fünf Dörfer haben wir erobert, mehr als fünfhundert Heiden gctödtct. ^.Ii ja kelalrl), all ja malalii, ja urkkrm *)! Wartet, ich will euch aufhelfen!" Der Unmensch nahm in die eine Hand eine Peitsche, in die andere ein Musikinstrument, schwang Beides und befahl durch einen Dolmetscher den Negern, zu tanzen und zu singen. Das ist die Sklavcnjagd, welche die Regierung öffentlich betreibt. Es ist kein Wunder, daß sie auch Privatleute ausüben. Zwischen Obcid und dem weißen Flusse wohnen die Kababiesch, ein räuberischer Nomadenstamm, dem Namen nach von den Türken ebenfalls unterjocht. Zwanzig bis dreißig dieser Nomaden besteigen ihre schnellfüßigen, ausdauernden Pferde und jagen dem Gebirge zu. Ehe die muthigcn Gebirgsbewohner es ahnen, ist ein Dorf überfallen, zehn bis zwölf Kinder werden geraubt, bevor noch der Neger zu den Waffen greifen konnte, ist die Räuberhorde wieder verschwunden. Sklavenhändler erscheinen nun im Lager der Nomaden, kaufen die Kinder und bringen sie nach Obe'id. Die *) O ihr Hunde, o ihr Nichtswürdigen, auf, tanzet! 2Ü2 Knaben werden entweder Soldaten oder, wie die Mädchen, Dienst- leute, Sklaven in den Häusern der Vornehmen und Reichen. Wohl ihnen, wenn sie in die Hände milder Türken oder Egypter fielen; wehe ihnen, wenn ihr unglückliches Loos sie in die Hände eines Nubiers, Kordofahnescn oder — eines Europäers warf! Die aus der Haut des Hippopotamus geschnittene Peitsche zerfleischte ihren Rücken, ehe sie noch Jünglinge wurden. Die grausame Behandlung dauert auch in der Sklaverei fort. Es ist wahr, der Neger ist in der Knechtschaft ein anderer Mensch, als in der Freiheit seiner heimathlichen Berge. Wie jeder unterdrückte und dabei uncivilistrte Mensch wird er falsch, tückisch und schlecht. Seine Energie verwandelt sich in der Sklaverei in Starrköpfigkeit, seine Kriegslist in Hinterlist und Heimtücke, seine an dem feindlichen Stamme ausgeübte Blutrache in Rachsucht: der frühere Krieger wird jetzt leicht ein zu fürchtender Mörder. Der Sklave, welcher seine Kette nicht brechen kann, sinnt auf Mittel, sich an Dem zu rächen, welcher ihm diese geschmiedet. Ihm ist es einerlei, ob er einen milden oder strengen Hrrrn bekommt, er haßt diesen, wie jenen. Aber der Weiße trägt daran die Schuld. Er entriß ihm vielleicht sein Weib, seine Kinder, er trennte ihn von Allem, was ihm theuer war, er nahm ihm die Freiheit und gab ihm schmachvolle Knechtschaft dafür, er entwürdigte den Menschen in ihm und erniedrigte ihn zum Thiere. Der Reisende, welcher Kordofahn's Hauptstadt betritt, sieht die Sklaven als Diener von Vornehm und Gering, denen man die schwersten Arbeiten aufbürdet und die man, um ihr Entspringen zu verhüten, mit schweren Ketten fesselt. Unangenehm tönt das Gerassel derselben im Innern jedes Braven wieder; er sieht die Sklaverei in ihrer ganzen Furchtbarkeit. Einem so gemißhandelten Sklaven ist es nicht zu verargen, wenn er sich sehnt, anstatt des lästigen Staubes der Ebene, welche er zu Feld umzuschaffen gezwungen wird, die frische Luft seiner heimathlichen Berge zu athmen; wenn er wünscht, seinen von Peitschenhieben zerfleischten Rücken des lastenden Joches zu entledigen und mit der Lanze in der Hand Dem frei gegenüberzutreten, welche ihn in jahrelanger Knechtschaft quälte. Er entflicht und eilt zurück nach 263 den blühenden Wäldern seiner Heimath, zu den Brudern seines Stammes. Aber eine fürchterliche Strafe harrt seiner, wenn ihm ein Fluchtversuch nicht gelang und er wieder eingesungen wurde. Der Sklavenbesitzer will seinen Neger, mit dem er schalten und walten kann gleichwie mit vernunftlosem Vieh, nicht gutwillig fahren lassen. Was ist schon für ein Kummer, wenn so ein Sklave stirbt! Wie bedauert sein Herr den Verlust der zwei- oder dreihundert Piaster, die er gekostet hat! Und welche Wuth erfaßt einen Skla- vcnbcsttzer, wenn es einem seiner Leibeigenen gelang, zu entfliehen! Er schwört ihm im Voraus grimmige Rache, unmenschliche Strafe zu. Dann geht er zu einer gewissen Art Menschen, die den Dienst der Bluthunde Nordamcrika's übernehmen. Er führt sie in seine Behausung, zeigt ihnen die Fußstapfen des Entflohenen und fordert sie auf, ihn wieder einzufangcn, wofür er eine gewisse Geldsumme verspricht. Die Bluthunde machen sich auf, den Flüchtling zu suchen. Sie bewaffnen sich mit Pistolen, einem Feucrge- wchr und der Lanze, nehmen Ketten, Nagel und eine Art mit sich, um sogleich die Scheba zu zimmern. Dann verfolgen sie die Fährte des Entkommenen. Unter Tausenden von Fußstapfcn wissen sie dieselbe herauszufinden und zu behalten. Es gelingt ihnen nach stunden- und tagclanger Jagd wirklich, den Sklaven wieder einzufangcn oder niederzuschießen, wenn er sich nicht gefangen geben will. Im ersteren Falle bringen sie den Unglücklichen zu seinem Herrn zurück. „Fesselt und bindet den Hund auf diesen Balken!" herrscht er den klebrigen zu. Der Befehl wird ausgeführt. Die Henkersknechte, welche die Peitsche schwingen müssen, erhalten von der berauschenden Mcricsa, soviel sie trinken wollen. Die Bastonade beginnt. Kein Laut entfährt dem Gefolterten. Schon ist die Lederhaut seines Rückens zersprungen, die blutgetränkten Peitschen wühlen in den bloßgclegten Muskelfasern. Da und dort hin fliegen die losgetrennten Fleischstücke. Der Gemarterte schweigt: er ist besinnungslos oder gar todt. Ich habe einen so gemißhandelten Menschen gesehen, der mit dem Leben davongekommen war. Wir waren in dem Grenzdorfe Meldest in Kordofahn; es war 264 im Monat Mai 1848. Mein Bedienter Mahammed bälgte mehrere große Geier ab, deren Fleisch in Haufen vor unsrer Hütte lag. Die Geier fressen nur faulendes Aas, sie selbst nehmen den Geruch desselben an und stinken noch nach Jahren in den Sammlungen, trotz des Kampfers und anderer stark riechender Konservations- mittel. Der Nubier hatte sich, um den Gestank der Vogel ertragen zu können, Zwiebeln in die Nase gesteckt. Da schlich hinkend eine menschliche Gestalt zu ihm und bat ihn mit arabischen Worten: „cka asüui, üo rrwümst lillalck, rvu rassulilu JInüsiu- msck, stück üu8u sl lasüem*)!" Ich trat verwundert aus meiner Nebuka hervor. Vor mir stand ein Mensch — nein, es war kein Mensch mehr! — vor mir stand ein menschliches Knochengerippe, mit geistgetödtetem Auge, die Füße in eine mehr als zehn Pfund schwere Kette gezwängt, mit acht bis zehn 4 — 8 Zoll langen, 1 — 2 Zoll breiten, eiternden Wunden auf dem Rücken, zitternd vor Schwäche am ganzen Körper und gestützt auf einen Stab, um das wankende, kraftlose Gerippe aufrecht zu erhalten. „Schon der aufrechte Gang des Menschen zeigt das Streben seines Geistes zum Hohen, Himmlischen — zu Gott an," lautet die gewöhnliche Erklärung, warum der Mensch aufrecht geht. Fand sie auch hier ihre Anwendung? Wäre dieses Thier, das vor uns stand, wohl fähig gewesen, noch aufrecht, zum Himmel blickend, zu gehen, wenn es sich nicht auf einen Stab gestützt hätte? Nein. Es hätte kaum Kraft genug gehabt, auf allen Vieren herumzukriechen! Aber trotzdem trug eS noch die schwere Kette, trotzdem wurde cS noch zur Arbeit gepeitscht. „Unglücklicher, was willst du mit dem Fleische?" fragte ich die Jammergestalt. „O Herr, ich will es essen, ich bin so kraftlos und habe seit Monaten kein Fleisch genossen, ich will mich daran kräftigen." Ich habe ihm keine Antwort gegeben, ich fand keine Worte. Stumm willfahrte ich seiner Bitte. Hätte er mich gebeten, ihm *) Mein Bruder, bei der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und seines Gesandten Mahammed, gib mir dieses Fleisch. 265 die Kugel der neben mir stehenden Büchse durch sein Hirn zu jagen, ich hätte es auch gethan! — Das ist die Sklaverei im Innern Asrika's; das war ein Sklave, der entflohen, wieder gefangen und vor drei Monaten bestraft worden war! Man erinnere mich hier nicht an die bekannte Thatsache, daß die Schwarzen Hunde, Schlangen, Krokodile und anderes Gethier, vor dessen Genuß wir zurückschaudern würden, ohne Ekel verspeisen, — Gcicrflcisch essen sie nicht. Ich behaupte, daß es einem Menschen, der andere Nahrung erhalten kann, unmöglich ist, eine so ekelhafte Speise zu genießen. Das bewies das Erstaunen und Grauen meines braunen Bedienten bei der Bitte des Unglücklichen, das bewiesen meine lebenden, stinkendes Aas mit Begierde verschlingenden Hyänen, welche sich weigerten, Gcierfleisch zu fressen. Ein fast verhungerter, durch Mißhandlung halb wahnsinnig gewordener Mensch ißt es, er befindet sich aber in einem so traurigen Zustande, daß er nicht mehr Mensch genannt werden kann. Ich will, nachdem ich das Bild des tiefsten Elendes gezeichnet, auch der lichteren Seiten des Sklaventhums gedenken und bemerken, daß der Neger oft durch seine Störrigkeit und Tücke Strafe verdient; ich weiß, daß oft nur fürchterliche Strenge ihn im Zaume halten kann, und daß mancher Mahammedaner seine Sklaven besser hält, als seine freien Diener. Die als Kinder zu Sklaven gemachten oder in der Sklaverei geborenen Neger vergessen ihre Knechtschaft leicht, weil sie die Freiheit nie gekannt haben; sie werden von vielen Mahammedanern milde behandelt, von ihren Herrn gekleidet und ernährt, wie zur Familie gerechnet und erhalten Alles, nur ihre Freiheit nicht. Und diese, ein ihnen, wie gesagt, unbekanntes Gut, wünschen sie nicht einmal; ja, sie würden sich vielleicht unglücklich fühlen, wenn sie dieselbe erhalten sollten. Nur ganz unmenschliche Herrn, etwa Europäer, trennen ihre Kinder von ihnen, um diese zu verkaufen; sie würden von ihren Mitbürgern hart angegriffen werden. So geschieht es, daß sich der in der Sklaverei geborene Neger den Frcigcborenen gleich achtet; — denn seine schwarze Farbe ist nicht, wie in Amerika, ein Zeichen der Schande: der Jslahm vereinigt alle Völkerschaften — er nimmt 266 die Sitten nnd Gebräuche des Volkes an, unter dem er aufwächst und ist nur Sklave dem Namen nach. In diesem Falle sind die meisten Neger Charthum's, wenn auch nicht die der Europäer, ^ denn diese sind Sklaven im vollsten Sinne des Wortes. In Charthum erlaubt den Negern ein sonderbarer Gebrauch, sogar ihre Herrn zu wechseln. Wenn nämlich ein Sklave mit Recht oder Unrecht mit seiner Lage unzufrieden ist, geht er zu einem anderen, als menschenfreundlich bekannten Türken oder Araber und schneidet einem diesem gehörigen Esel, Pferde oder Kamele ein Ohr ab. Nach dem Gesetze oder an Gesetzes Statt gültigem Gebrauche wird der zahlungsunfähige Thäter Eigenthum des Besitzers eines so verunstalteten Thieres, wenn sein früherer Herr nicht Schadenersatz leisten sollte. Kamele und Pferde sind in Charthum häufig nominell wcrthvollcr, als Sklaven und deßhalb wird selten Schadenersatz geleistet. Auch würde der Sklave so lange Esels- oder Kamelohren abschneiden, bis es sein Herr überdrüssig bekäme, dieselben zu bezahlen. In diesem Gebrauche kann man, wenn man das Loos des ^ Negers kennt, abgesehen von der Thicrquälerei, nichts Strafbares finden, aber eine gewisse Tücke leuchtet unverkennbar hindurch. Diese, verbunden mit einer grenzenlosen Undankbarkeit, kann man sehr oft bei ihm wahrnehmen. Von letzterer erlebten wir selbst ein Beispiel. Bei unserer Ankunft in Kordofahn's Hauptstadt erfuhren wir, daß der Sohn des aus Dahr-Fuhr vertriebenen „Sultahn" Äbü-Mediön *) daselbst in großer Dürftigkeit lebe. Der Baron beschloß, ihn zu sich und, wenn er es zufrieden, mit sich nach Europa zu nehmen. Früher war er schon einmal in England gewesen und hatte sich dort so wohl befunden, daß er wünschte nach Europa zurückzukehren. A » bd - 8 l - S » ms, a - s, ht **) erschien in den zerlumptesten Kleidern bei uns und schien entzückt über die sich ihm darbietende Gelegenheit, wieder in bessere Umstände zu gelangen. Er fiel auf sein Angesicht, küßte die Füße des Barons und sagte: *) Z» deutsch: Vater (Begründer) der Städte. **) Sklave der Himmel. 267 „Herr, ich bin Dein Sklave, thue mit mir, wie Du willst, ich bin Deiner Gnade nicht werth!" Der Baron schenkte ihm Kleider und Geld, ließ ihn mit sich an einem Tische speisen und behandelte ihn mit ebensoviel Liebe, als Auszeichnung. Acht Tage später hatte der armselige Prinz uns verlassen und — bcstohlen. Ich könnte Thatsachen erzählen, welche darzuthun scheinen, daß die Schwarzen aller Laster fähig sind. Aber das wäre nur dann eine begründete Behauptung, wenn wir den Weißen fehlerfrei nennen. Und das ist dieser leider nicht, am allerwenigsten fern von seiner Heimath. Es ist sehr zweifelhaft, ob der Neger den übermannten Weißen oder ob dieser den in seine Hände gefallenen Schwarzen mit größerer Grausamkeit behandelt. Ein einziger Rückblick auf die geschilderte Sklavenjagd möchte nicht zum Vortheil des Weißen entscheiden. Ich finde es sehr erklärlich, daß der Neger in der Knechtschaft alle Tugenden des Freien vergißt und die Laster des Sklaven dafür annimmt; ich finde es erklärlich, daß er, von dem Elende seiner zu Sklaven gemachten Mitbrüdcr unterrichtet, den Weißen aus tiefster Seele haßt. Und dieser oft genug bethätigte Haß scheint dem Türken die Rechtfertigung seiner grausamen Jagden zu sein. Er bedenkt nicht, daß sein Vorfahr giftigen Samen gestreut hat, der jetzt aufgeht; er vergißt, daß er den Keim zu jenen entsetzlichen Vernichtungskriegen gelegt hat. Der Neger, den Alle, welche den weißen Fluß bereisten, als gutmüthigen, arglosen Menschen schildern, wird im Kriege mit den Türken zum Tiger. Es ist nicht zu verwundern, wenn der rohe, ungebildete Bewohner des Urwaldes, um dem beim Erscheinen des Feindes ihm bevorstehenden furchtbaren Loosc zu entgehen, des Menschen heiligstes Gut, die Freiheit, mit einem Muthe vertheidigt, der ihn der Civilisation und Bildung würdig machen könnte; aber es ist ebenfalls nicht zu verwundern, wenn er sich blutig rächt an den Feinden, welche sengend und brennend in sein Land einfallen, wenn er aus Rache ihre Besitzungen plündert, Reisende des feindlichen Volkes und zuletzt alle Weißen verfolgt und tödtet und dem ganzen Volke seiner Peiniger offenen und heimlichen Krieg erklärt hat. Man beurtheilt die schauderhafte 268 Sitte der Abyssinier, jeden gefangenen Feind zu entmannen, milder, wenn man weiß, daß den Schritten dieses Feindes Schrecken und Fluch, Elend und Verzweiflung nachfolgen. Der Haß der dunkeln Völkerschaften ist gerecht; die ausgesuchte Grausamkeit, mit welcher der in ihre Hände fallende Weiße hingeschlachtet wird, ist nur die Ausübung einer furchtbar begründeten Rache. Die Sklavenjagd ist eS, welche dem Forscher den Weg in'S Innere Afrika's verschließt. Die Steppe „Unabsehbar breitet vor Dir sich der dichteste Graswald, Einzelne Sträuche nur sprossen dazwischen empor. Zögernd betritt ihn Dein Fuß; von nun an theilst Du mit Löwe, Panther, Hyän' und Genossen dasselbe Gebiet." Bevor ich meine Leser nach Kordofahn geleite, muß ich sie erst einen Blick auf denjenigen Landstrich, in welchem wir unS von nun an bewegen werden, werfen lassen. Die „Chala" Nord- Ost-Afrika's ist weder die Prairie Südamerika's, noch die Steppe deS südlichen Rußlands: sie ist das Bindeglied zwischen Wüste und Urwald; sie steht zwischen beiden mitten innc. Wir wollen sie Steppe nennen, weil dieses Wort dem Begriff am Besten entsprechen dürfte. Sie zieht sich wie ein breiter Gürtel durch Afrika hindurch und geht nach Süden zu unmittelbar in die Urwälder, nach Norden zu in die Wüste über. Diese Uebergänge erfolgen aber so mählig, daß man oft nicht sagen kann, ob man sich in der Steppe oder der Wüste, der Chala oder dem Urwalde befindet. Der Reisende gelangt mit dem siebenzehnten Grade n. Br. in das Gebiet der Steppe. Er sieht »eine Ebene vor sich, deren Ende sein Auge nicht erreicht. Hier und da erhebt sich ein Hügel aus ihr, hier und da wohl auch ein niederer Bergrücken; niemals sind die Berge so schroff und todt als in der Wüste. Die Sandstein- formation ist vorherrschend, der Sand selbst durch Eiscnoryd gefärbt und an manchen Stellen so eisenhaltig, daß der Eingeborne einen kunstlosen Schacht eintreiben und auf das von ihm geschätzte Metall bauen kann. An allen übrigen Erzen ist Mangel, die Brenzc fehlen gänzlich und nur die Salze sind durch wenige Arten rcpräscntirt. Der Charakter der Steppe ist ein ungleich milderer als der der Wüste. Während in dieser das Urgestein noch 270 häufig zu Tage tritt, gehört in jener die Granit-, Syenit-, Porphyr- und Basaltformation zu den Ausnahmen von der Regel. Dieser mildere Charakter macht sich aber noch weit mehr bei dem Pflanzenreiche und am Meisten bei dem Thierreichc bemcrklich. Daß die im Bereich der tropischen Regen liegende Steppe eine reichere Vegetation erzeugt, als die unter ewigem Sonnenstrahl glühende Wüste, ist erklärlich, und daß die Fauna mit der Flora stetig zunimmt, eine anerkannte, natürliche Thatsache, auf welche ich nicht hinzuweisen brauche. Im Gegensatz zur Wüste beginnt die Steppe bereits zu malen, d. h. sie formt und zeichnet ihre Thiere und Pflanzen auf das Mannigfaltigste, wahrend wir bei der Wüste fanden, daß diese allen ihren Geschöpfen mit geringer Ausnahme das gleiche Gewand ertheilt. In der Chala erstarkt das Gras zu sechs bis acht Fuß hohen Stängcln, wird reich an Arten und Eremplaren, die Gebüsche treten dichter zusammen, die Bäume erreichen eine beträchtliche Höhe, viele Geschöpfe tragen schon hier ein prangendes, farbenprächtiges Kleid. In den von nur bereisten Ländern gelangt man, sobald man die Steppe betritt, in einen ziemlich hohen, von einzelnen, spärlich zerstreuten Bäumen unterbrochenen Graswald. Das „Gras" ist meilenweit der unlcidige „Askanit", eine alle Reisenden entsetzlich peinigende Pflanze mit klcttenarti'gen Samcnkolben, welche bei der geringsten Berührung feine, gelbe, kaktusähnliche, das dichteste Zeug durchdringende Stacheln fahren läßt. Diese werden dann gemeiniglich erst bemerkt, nachdem sie schon Eiterung veranlaßt haben. An anderen Stellen sieht man in ebenso großer Ausdehnung eine Pflanze, deren Aehrcn an den Kleidern hängen bleiben, auf anderen scharfschncidiges Riedgras, auf noch anderen ein Gras mit höchst wohlriechenden Aehrcn und endlich auf wieder anderen alle möglichen dornigen, disteligcn, stechenden, schneidenden und quälenden Gräser und Pflanzen in wirrem Gemisch vereinigt. Dazwischen erheben sich die Bäume und Gesträuche. Man bemerkt am Häufigsten mehrere Mimoscnartcn und eine Leguminose, welche die Eingeborncn „Murdj" nennen und, weil ihnen das 271 dürre Holz des Strauches ein Reibfeucrzeug *) liefert, besonders schätzen. Ihre Kamele lieben die saftigen Astspitzcn mit den kleinen Blättern und benagen den Strauch, soweit sie können. Die schon in Egypten häufige elsolopirw prooora überzieht humusreichere Strecken mit ihren blüthenvollcn Gebüschen, der Nabakstrauch bildet zuweilen kleine Wäldchen; auch noch andere fruchttragende Gesträuche sind vorhanden. In diesen Wäldchen bemerkt man die kunstvollen Gebäude der Termiten, in denen sich wiederum andere Thiere eingenistet haben; aus dem Grasdickicht ertönt zuweilen der Ruf des kleinen nubischcn Trappen, welchen die Eingebornen nach diesem „MLkhLr" nennen, bisweilen sieht man eine Antilope das Haupt über die Halmen erhoben. Vorzüglich häufig sind die Gazellen, denen man hier in Rudeln von dreißig und mehr Stücken begegnet; wegen ihrer unbeschreiblichen Anmuth und Geschwindigkeit ist man geneigt, sie eher für Gebilde der Phantasie, als für wirklich cristirende Wesen zu halten. Der Sand zeigt überall die Spuren größerer Step- penthicre. Die Fährte des Straußes wechselt mit denen der Antilopen, nicht selten auch mit der der Gieraffe. Das sind ungefähr die ersten Eindrücke, welche die Chala auf den sie Betretenden macht. Aber sie ändern sich mit den Jahreszeiten. Während die Steppe zur Zeit der Regen einem blühenden Garten gleicht, ist sie zur Zeit der Dürre oder in den Monaten Februar bis Mai oder Juni ein wirklich grauenerregender Ort. Die „Chuah r" sind versucht, die Bäume blätterlos, hie ») Sie spitzen zu diesem Behufe einen geraden dünnen Stock an einem Ende zu und bohren in einen zweiten ein der Spitze des ersten entsprechendes Loch. In dieses wird der erste Stock gesteckt und möglichst schnell herumgedreht. Durch fortgesetzte Reibung entsteht ein dunkles, brandig riechendes Pulver, welches sich bald vollständig in Kohle umwandelt und zu glühen anfängt. Der Steppenbewohner fängt es auf seiner Sandale auf, zündet langsam glimmendes Durrahstängelmark oder feines Gras durch starkes Bewegen in der Luft an und bekommt bald eine helllodernde Flamme. Ein geübter Sudahnese macht mit diesem Reibzeuge binnen drei Minuten Feuer an. **) Plural von „Chvhr", Regenstrom. 272 Gräser dürr geworden. Wohin das Auge schaut, begegnet es einer verbrannten, gleichfarbig strohgelben Fläche, über welcher der Südwind Staubwolken herumwirbelt. Große Strecken des Graswaldes sind von weidenden Mehhecrden niedergetreten worden und ähneln einer vom Hagel zerschlagenen Flur. Alles Frische, Lebendige, Schöne ist verschwunden, das Verwelkte, Todte, Lästige blieb zurück. Der Chamasihn hat den Gesträuchen ihren Blatt- und Blüthenschmuck geraubt, aber die Dornen starren noch in die trübe, nebelige, staubcrfüllle Luft hinaus. Die munteren Gazellen haben sich in die Niederungen zurückgezogen, aber gistzähnige Schlangen, gefährliche Skorpionen, ekelhafte Taranteln, Spinnen und anderes Ungeziefer treibt sich lustig auf denselben Plätzen, auf denen jene äs'tcn, herum. Des inncrafrikanischen Sommers volle Gluth liegt auf der weiten Ebene. Müde und matt schleppen sich die Säugethicre von einer Stelle zur anderen, für sie herrscht eine böse Zeit, nur das giftige Gewürm und die unschuldigen, in allen Farben glänzenden Eidechsen befinden sich jetzt wohl. Der Mensch glaubt verschmachten, verenden zu müssen in dieser Oede. Allein das Ende der furchtbaren Zeit ist nahe. Im Süden zeigen sich dunkle, rcgcnkündende Wolkcnschichten. Nachts leuchten aus ihnen zuckende Blitze auf. Der Donner rollt in weiter Ferne. Allnächtlich wiederholt sich das glückverheißende Schauspiel. Die gewitterschwangeren Wolken werden mächtiger und schwerer, ein Regenguß steht bevor. Jetzt eilt der Eingcborne auf seinem flüchtigen Hedjihn hinaus in die Steppe und zündet den Graswald an. Der Sturm jagt das gefräßige Element mit seiner eignen Schnelle über die Ebene dahin. Meilenweit röthet ein Feuermcer den nächtlichen Himmel; zur Tageszeit lagert dichter Rauch über der brennenden Fläche. Mit immer gesteigerter Eile verbreiten sich die Flammen, alles dürr Gewordene giebt ihnen neue Nahrung. Schreckerfüllt fliehen die Thiere der Wildniß, denen der Brand naht. Die Antilopen laufen mit dem Sturm um die Wette, die Schlangen eilen, so schnell es ihnen ihr fußlvßcr Leib gestatten will, davon. Doch näher und näher kommt ihnen das Verderben. Sie spähen ängstlich nach schützenden Erdlöchern, der Giftzahn muß deren Bewohner beseitigen. Unzählige sterben den Flammentod, mit ihnen zugleich Tausende von Seorpionen, Taranteln und anderein ähnlichen Gcthier. Die fliegenden Insekten erheben sich, um der allgemeinen Vernichtung zu entrinnen: sie harrt ihrer in der Höhe. Hunderte von Bienensressern lauern dort auf sie. Sie wissen, daß das Feuer alles Fliegende auftreibt und sind geschäftig, die ihnen entsprechende Beute zu machen. Vor der Feuerlinie sieht man auch andere geflügelte Räuber. Dort treiben sich drei Arten schlangenvertilgcnder Vogel herum, der Sekretär, der Gaukler und der Schlangcnbussard; ersterer verfolgt die bedrohten Reptilien lausend, die beiden andern fliegend. Alle übrigen Thiere zeigen unverkennbar eine große Angst. Wenn ja einmal ein Erdcichhörnchcn neugierig aus seinem sicheren Bau hervorsteht, beim Anblick der Flammen eilt es gewiß in den tiefsten Kessel desselben zurück. Das Wild flüchtet mit allen Kräften, der beutegierige Leopard denkt nicht daran, eine der Gazellen, unter denen er dahinjagt, anzugreifen, der schnellläufige Gepard vergißt seine Mordlust. Unmuthig schaut der Löwe nach seinem kühlen Ruheortc zurück, von dem ihn das Feuer vertrieb, er brüllt vor Grimm laut auf, dann aber sucht auch er sein Heil in der Flucht. So reinigt der Nomade sein Weideland. Mit dem Aufhören des Sturmes ersterben die Flammen. Die Steppe ist rasirt, fruchtbare Asche liegt überall auf dem sandigen Boden, hier und da glimmt noch ein starker Ast oder dürr gewordener Baumstamm. Und nun senden die dunklen Wolken ihre Güsse herab. Schon nach wenig Tagen überklcidet saftiges Gras die vor Kurzem noch so öde, verbrannte Fläche. Der Eingcborne zieht mit seinen Hcerden hinaus in das üppige Weideland, der Nomade wandert von einer Hochebene zur andern. Neue Gewittergüsse befördern das Wachsthum. In den Niederungen bilden sich Seeen, die Chuahr enthalten Wasser. Alle Bäume schlagen aus, der Frühling ist gekommen, bald herrscht er überall. Den Kronen der Mimosen entströmen balsamische Wohlgerüche, ihren Aesten und Zweigen entquillt das anfangs krystallhelle, später immer dunkler werdende arabische Gummi, die Quelle des Un- 18 27L Inhalts für tausend Menschen. Die dickhäutige Adansonie kleidet sich in ihren höchsten Schmuck, die Rankcngewächse blühen und bringen Früchte. Vor wenig Wochen waren die Rinder der Romaden nur Skelette, die Fetthöcker der dürren Kamele waren aufgezehrt: jetzt glänzen die Hcerden und die Kamele werden täglich feister. Mit frischen Kräften kehrt Lebens- und Licbcslust zu den Thieren zurück. Der Antilopen bock schreitet mit stolz erhobenem Gehörn durch seinen Halmenwald, der „Cdlihm" kämpft mit seinen Genossen um die „Ribehda"*), der „Makhar" ruft seinen Namen laut den Nebenbuhlern zu. DeS Nachts verläßt die jetzt Junge säugende Löwin ihr Lager, um sich und jenen Beute zu erjagen, mit dem behenden Gepard schleicht der Leopard dem liebestollen Gazcllenbock nach. Gesellschaften des schöngczeich- ncten wilden Esels (ob Lguus robra oder L. Luiolrelli ist noch unentschieden) und kleine Trupps der panthcrgefleckten Gieraffe durchstreifen das Land, das „Rind der Steppe" (Antilope Isu- eor^x) äst behaglich mit seinem unlängst gebornen Kalb. In den Mimosenbüschen tragen die Finken zu ihren kunstlosen Häusern zusammen, der Lappenkicbitz scharrt sich in einem Grasbusch eine Vertiefung, um da seine Eier hineinzulegen; die Regenteiche bezicht die Sporengans mit einem Heere verschiedener reihcr- artigen Vögcl, unter denen die ächten Reiher wohl sehen wollen, ob die Erzählung der Eingcbornen, nach welcher die Regenreiche große Fische beherbergen, auch wahr ist. Hoch in den Lüsten schweben die Raubadler, über ihnen kreisen die Geier in angemessener Höhe, der Steppenweih gleitet geräuschlos über das wogende Halmenmeer dahin. Allüb'erall offenbart sich des Frühlings Macht und Leben. Doch auch diese Herrlichkeit hat ihre dunklen Schattenseiten. Unter den unzählbaren Schaaren der Insekten sind die lästigen am Häufigsten. Wo Wasser ist, erscheinen die Musquitos zur Qual *) Edlihm ist der arabische Name des männlichen, Ribehda der des weiblichen Straußes. 275 der Menschen, die „Fliegen"*) zur Qual der Thiere. Das Wild, unter dessen Oberhaut sich gefräßige Maden eingenistet haben, rennt wie toll von einer Stelle zur andern, um seine ungeheuren Schmerzen zu betäuben, der Mensch stöhnt unter der Marter, welche ihm kaum sichtbare Peiniger bereiten. Zu diesen höllischen Gesellen kommen die Krankheiten der Regenzeit. Mit dem verdunstenden Wasser entströmen dem Erdreiche Miasmen, welche das Fieber gar bald in das bewegliche Haus des Nomaden bringen. Ueber dem Hirten und seiner Hcerde kreisen, unheilweisagend, die Geier; ihnen gilt es gleich, mit ihrem scharfen Schnabel einem Schafe den Leib aufzureißen oder Menschcngcbein zu benagen: daß ihnen Nahrung werden wird, scheinen sie zu wissen. Noch andere Feinde bedrohen Menschen und Thier. Mit Sonnenuntergang hat der Nomade seine Heerden in der sicheren Geriebn eingehördet. Dunkel senkt sich die Nacht auf das geräuschvolle Lager herab. Die Schafe blocken nach ihren Jungen; die Rinder, welche bereits gemolken wurden, haben sich niedergethan. Eine Meute wachsamer Hunde hält die Wacht. Mit einem Male läutet sie hell auf, im Nu ist sie versammelt und stürmt in einer Richtung in die Nacht hinaus. Man hört den Lärm eines kurzen Kampfes, wüthende, bellende Laute und grimmiges, heißeres Gebrüll — sodann Triumphgeläut — eine Hyäne umschlich das Lager, mußte aber vor den muthigen Wächtern der Heerden nach kurzer Gegenwehr die Flucht ergreifen. Einem Leoparden würde es nicht besser gegangen sein. Urplötzlich scheint die Erde zu beben — in nächster Nähe brüllt ein Löwe. Dreimal — so sagen die Ein- gebornen— kündet er mit donnernder Stimme seine Ankunft, dann nähert er sich der Serieba. In dieser offenbart sich die größte Bestürzung. Die Schafe rennen gegen die Dornenhecken, die Ziegen schreien laut, die Rinder rotten sich mit lautem Angstgcstöhn zu wirren Haufen zusammen, das Kamel sucht, weil es gern entfliehen möchte, alle Fesseln zu zersprengen. Und die muthigen Hunde, *) Die „Fliege" (et lubslm) ist ein den Heerden jener Länder äußerst schädliches Thier, von dem ich weiter unten sprechen will. 18 * 276 welche Leoparden und Hyäne bekämpften, heulen laut und kläglich und flüchten sich zu ihrem Herrn. Dieser aber wagt sich nicht hinaus in die Nacht; er wagt es nicht, nur mit seiner Lanze bewaffnet, einem so mächtigen Feinde gegenüberzutretcn und läßt es geschehen, daß er mit einem gewaltigen Satze die oft zehn Fuß hohe Dorncumauer überspringt und sich ein Opfer auswählt. Ein Schlag seiner furchtbaren Pranken betäubt ein zweijähriges Rind, das kräftige Gebiß zermalmt die Wirbclknochen des HalseS und damit den Lebensnerv des widerstandsunfähigcn Thieres. Dumpf grollend liegt der Räuber auf seiner Beute, die großen Augen funkeln hell vor Siegcslust und Ranbbegicr. Dann tritt er seinen Rückweg an. Er muß zurück über die hohe Umzäumung und will auch seine Beute mit sich nehmen. All' seine ungeheure Kraft ist erforderlich, mit dem Rind im Rachen den Rücksprung auszuführen. Aber er gelingt *) und nun schleppt er die schwere Last mit Leichtigkeit seinem, vielleicht eine Meile entfernten Lager zu. Alles Lebende am Lager athmet freier auf, es schien durch die Furcht gebannt zu sein. Der Hirt ergicbt sich gefaßt in sein Schicksal, er weiß, daß der Löwe seiner Heerde immer auf dem Fuße folgt, mag er sich wenden wohin er will. Der Verlust, den er durch den König der Wildniß erleidet, ist ebenso groß als die Steuer, welche er in untadelhaften Viehstücken dem Könige des Landes geben muß. Zwei Könige fordern Tribut von ihm, er muß beiden gerecht werden; beider Forderungen sind unabwendbar. Er ist froh, wenn ihn der Himmel noch vor größerem Unheil bewahrt. Zur Zeit der Regen nämlich ist die Steppe auch den wilden Banden der Neger zugänglich. Oestlich vom weißen Flusse streifen dann die langbeinigen Schilluk und Dinkha, westlich davon *) Ich bin erst durch vielseitige Versicherungen der Eingeborue» und eigene Anschauung überzeugt worden, daß der Löwe wirklich ein derartiges Kraftstück auszuführen vermag. Man bat mir am blauen Flusse eine Serieba von mindestens acht Fuß Höhe gezeigt, über welche ein Löwe mit einem Rind im Rachen gesprungen war. Wenn sich meine Leser ein Bild des Löwen der Wälder Ost-Sudahn's machen wollen, bitte ich sie, die halberwachsenen, halbverkrüppelren Exemplare, welche man in Menagerieen sieht, nicht zum Maaßstabe zu nehmen. 277 die Schwarzen Takhales, Dahr-Fuhr's, Nubas und Schei- buhn's. Sie überfallen, wenn sie stark genug sind, sogar größere Dörfer und sind der Schrecken der festwohnenden und nonia- disircndcn Eingebornen des Sudahn. Was in ihre Hand fällt, ist verloren; sie rauben Menschen und Hausthicrc, sei es auch nur um sich für ihnen angethanes Unrecht zu rächen. Derselbe Noma- dcnschech, dessen Weib sie mit sich nehmen, war vielleicht der Anführer einer Horde berittener Räuber, welche ihnen vor wenig Monden ihre Kinder entriß. Frevelhaftes Beginnen wird immer bestraft! Zwischen dem Charles und der trocknen Zeit liegen drei bis vier Monate, welche beide vermitteln. Es sind die Monate Oktober bis Januar, oder November bis Februar. Sie sind die glücklichste Periode des Steppcnlebens, die Zeit, in welcher die Himmelssaat, der Regen, Früchte trägt. Sie sind es, während deren der einem Igel ähnliche junge Strauß seinem Eigehäuse entschlüpft, während deren die Jungen der meisten Vögel flugbar und die Kälber der Antilopen kräftig werden. Noch ist des Regens Einfluß durch den Sonnenstrahl nicht aufgehoben, dieser bringt die Aehrcn nur zur Reife. Erst wenn die Sonne höher nach Norden heraufsteigt, wird sie übermächtig. Das bisher in den Chuahr fließende Wasser vcrsiecht, die Rcgcnteiche vertrocknen. Jetzt wühlt sich das Krokodil, welches in den größeren, wasserreichen Stcppcn- flüssen lebte, in den feuchten Letten ein, um dort mehrere Monate im todähnlichen Schlafe zuzubringen, die leichtbeschwingten Wasser- vögel fliegen den immcrfließendcn Strömen zu. Schon im März ist das Wasser aller Birakct *» und Ehuahr verdunstet und der Steppenbewohner muß, um sein Vieh zu tränken, zum Zugeimer greifen. Das milchreiche Euter der Kühe schrumpft zusammen wie die bereits verdorrten Blätter der Bäume, welche mit dem ersten Südwinde vollends ihren Zweigen entführt werden. Bei vielen Pflanzen ist der Herbst längst eingetreten: wenn die langgestielten Früchte der Adansonie sichtbar werden, fallen die sie bisher verhüllenden *) Plural von „Blrker", See oder großer Rcgeutelch. 278 Blätter. Im April sind die kühlenden Nordwinde erstürben, von nun an treten ihre Gegner auf; das Leben erlischt, die Vernichtung beginnt. In diesem flüchtig skizzirten Landstriche herrscht, wie ich schon angedeutet habe, ein reges Thierlcbcn. Man würde irren, wenn man die Steppe arm nennen wollte: sie ist reich und erzeugungs- fähig. Ganze Länder liegen in ihr, noch nicht gezählte Nomadcn- stämme nennen sie ihre Heimath, Hunderttauscnde von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen werden in ihr geboren. Ackerbau und Viehzucht sind die Quellen des Wohlstandes ihrer Bewohner, sie werden beide stark betrieben, doch steht die Viehzucht oben an. Zur Mittagszeit gewähren die in den Niederungen liegenden Tränk- plätze ein eigenes Schauspiel, aber ein Bild des Wohlstandes der Steppe selbst. Da kann man acht- bis zwölfhundert durstige Kamele, drei- bis viertausend nach Wasser lechzende Rinder vereinigt sehen, welche hier von ihren Hirten getränkt werden. Das begehrlichere Volk der Ziegen und Schafe kommt zweimal des Tages zu gleichem Zwecke hierher. Viele Hirten, vielleicht die Hälfte der Männer eines Stammes, haben vollauf zu thun, ihrer ungeduldigen Schaar Genüge zu leisten. Jeder Stamm hat seine bestimmten Tränkplätze und wechselt nach der Jahreszeit oder der eben erkorenen Weidcgcgend, bald mit diesem, bald mit jenem. Die in Dörfern hausenden Viehzüchter sättigen ihre Heerden aus der Ci- sterne ihres Dorfes. Ursprünglich waren auch sie wandernde Nomaden, jetzt warten sie mehr des Ackerbaues als der Viehzucht*). Eigenthümlicher als die gezähmte ist die freilebende Thierwelt der Steppe. Ich bemerke, daß ich bei einem kurzen Uebcrblick der *) Die Steppenbewohner, über welche ich meinen Lesern im Verlaufe meiner Erzählung hier und da noch Einiges mittheilen werde, theilen sich in mehrere Hauptstämme und viele Rebenzweige, unterscheiden sich aber in ihren Sitten und Gebräuchen wenig von einander und den andern, uns schon bekannten Bewohnern des Sudahn, 279 Steppenthierc die mehr in größeren Waldungen wohnenden Geschöpfe, weil ich diese dem Unvalde zuzähle, nicht berücksichtige. Die Chala hat übrigens selbst interessante Erscheinungen genug und braucht dem Urwald Nichts zu entnehmen. Unter den Sau geth irren der Steppe sind die Ordnungen der Raubthicre, Nager und Widcrkäuer am Zahlreichsten vertreten. In der Nähe ausgedehnter Waldungen finden sich alle Raubthierc der Urwälder, welche wir später kennen lernen werden; überall aber trifft man den afrikanischen Gepard (k'elis — 6^imi>uru8 — Auttatus), den Stcppenluchs (kelis oaraeal), die gefleckte und ge st reifte Hyäne (Unserm crocuta und stria- ts), den Schakal (Uanis varie^atim) und Fcnnek (Ue^alotis palliäus) an. Eine der selteneren Erscheinungen dürste der gemalte Hund (6ani8 picckus) sein, welcher in Kordofahn gefunden worden ist. Zwei Arten der Genetkatzc (Oenetta, se- neAickensis und E. akra) sind häufig, aber wegen ihrer Behendigkeit schwer zu erlangen, die Sippe Ilerpsstss zählt drei Arten: H. eakker, U. ^ebra und slbicauelatus, Km///,. Die Nager sind durch viele Sippen und »och mehr Arten von Mäusen, welche ich jedoch nicht kenne, vertreten; außerdem bemerkt man den Steppenhasen (lll,epu8 -mtkiopioim) und mehrere Arten der „S-lbörL" der Eingebornen, des Erdcichhörn- chens, worunter 8eiuru8 braeir^oto8, , oder 80. leueo- umbrinu8, die gemeinste ist. Am Ausgebildctsten ist jedÜrfalls die Ordnung der Wiederkäuer, für welche die Steppe als die eigentliche Heimath angesehen werden muß. Schon in Kordofahn ist die Gieraffe keine Seltenheit. Man trifft ihre Spuren sehr oft, wenn man sie selbst auch mehr gerade häufig zu sehen bekommt. Sie scheint dazu geschaffen zu sein, die Baumblättcr abzufressen, denn niedere Weide wird ihr beschwerlich. Wenn sie trinken oder auf die Erde gestreutes Futter aufnehmen will, muß sie ihre Vorderbeine so weit aus einander spreizen, daß die Hufen derselben sechs bis acht Fuß von einander zu stehen kommen ; erst dann, nachdem sie so den Vorderkörper bc- - 280 deutend erniedrigt hat, ist sie im Stande, ihre Lippen bis zu der Flache, auf welcher sie fußt, herabzubringen. Ihre Schwerfälligkeit ist übrigens eine nur scheinbare, sie ist ein behendes Thier und vermag im Laufen das beste Pferd zu ermüden. In der Gefangenschaft macht sie ihr sanfter Charakter und die Zutraulichkeit, welche sie bald gegen ihren Wärter zeigt, zu einem höchst liebenswürdigen Thiere. Ich glaube, daß auf dieser Wahrnehmung die Bedeutung ihres arabischen Namenö „Serähfe" — die Liebliche — beruht. Von den in der Steppe N.-O.-Afrikas hausenden Antilopen kennt man bis ungefähr zwanzig Arten. Die bekanntesten sind: Antilope eloreas, die Gazelle, 4.. aradioa?, derAoriell, 4. loueor^x, das Rind der Steppe (BLHkr Sl chäl-l), 4. Iw- rmartioa (von 4. or^x des Cap unterschieden), der Tetal, 4. Montana, 4. 8oenini6ring'H, 4. eaams, von den Eingebornen ebenfalls „Tetal" genannt, 4. nasoinaoulata (von 4. aclax Süd- afrika's getrennt); seltnere Arten sind die 4. Ouvisri, 4. 6ama, die „Aadra" der Sudahnescn, 4. budalis, die reizende 4. kemprl- okiana und andere. Das System hat sie in fast ebenso viele Sippen, als ich Arten aufgeführt habe, getrennt, worauf ich nicht näher eingehen will. Alle Antilopen haben mit den Hirschen eine zierliche Gestalt gemein und nur sehr wenige Arten ein etwas plumperes Ansehen, als diese. Sie sind behende, flüchtige Thiere, welche truppweise die weite Steppe durchziehen. In der Größe unterscheiden sie sich sehr von einander. Man kennr Antilopen, welche so groß als ein fast ausgewachsenes Mind werden, während die 4. p^ssmaea des Cap einem kaum geborenen Reh gleicht. Im Sudahn wird letztere Art durch .4. liemprielüana rcpräscntirt, welche sie nur wenig an Größe, aber an Anmuth und Zierlichkeit übertrifft. An manchen Orten sind sie sehr scheu, an anderen weit zutraulicher. Zu den seltensten Bewohnern der Steppe gehört das innerafrikanische Schuppenthier (Nanis — kdataxo8 — Teminkii), welches wir in Kordofahn erbeutet haben. Später sah ich ein zweites Eremplar dieses merkwürdigen Geschöpfes in der Gefangenschaft bei Nikola Ulivi in Charthum, welcher es mit Milch und 281 Weißbrod ernährte. Mein Freund Heuglin hat auch den äthiopischen Ameisenbär (OrMeropu8 aotdiopieuch aus der Steppe erhalten. Genau den Ordnungen der Säugethicrc entsprechend, sind auch die in der Steppe auftretenden Ordnungen der Vogel. Die Raubvogel und die Renner sind am Zahlreichsten vertreten. Man findet alle Geier arten des Innern ohne Ausnahme in der Steppe, die eigentlichen Adler leben mehr in den größeren Waldungen, die Schlangenadler hingegen sind ächte Steppenbewohner. Vier Sippen und fünf Arten dieser interessanten Thiere zählt die Chala: zwei dem europäischen 0ircavto8 l>r-rotr^ckaet)cku8 ähnliche (den 6. 2 onuru 8 und 6. mkrickionalm) , einen auffallenden, falken- artigen (den I?o1^pe bsteleur", Letzterer oberer. 283 Außer den Schlangenadlern begegnet man dem gemeinen Sing- sperber lMelierax polz^onuch überall in der Chala. In Kordo- sahn lebt ebenda auch der seltene Gabelgleitaar (Nauelerus Mooourü). Die Eulen sind durch den häufigen Otus leuevtls repräsentirt. Alle Ziegenmelker N.-O.-Afrika's sind stetige Bewohner der Steppe. Der schon erwähnte 6aprimul§u8 6limaeurn8 ist eine gewöhnliche Erscheinung, nächst ihm sind 6. wadellmrw und 6. in- bu86atu8 die häufigsten; der prachtvolle, strohgelbe 0. eximiu8 ist seltner. Unter den Schwalbenartcn des Sudahn scheint die große Oeeropm 8eu6Aalsn8i8 der Steppe eigenthümlich zu sein. Bon den Bicncnsrcssern findet man in ihr drei Arten, welche durch zahlreiche Ercmplarc vertreten sind. Ich überspringe viele Ordnungen des Systems, denen wir im Urwalde wieder begegnen werden, um zu den der Chala angehörenden Nennvögeln zu gelangen. Vorher bemerke ich noch, daß fast alle Taubcnarten Ost-Sudahn's in unserem Gebiet zahlreich vorkommen, die Perlhühner überall gemein und die Franko- lien (kerclix tllsppsrtonü oder kuoppellii) dagegen seltner sind. Bon den europäischen Vögeln erscheint die Wachtel zur Winterszeit regelmäßig in großer Anzahl in der Chala, welcher ein höchst niedliches, hühnerartiges, aber kaum lerchengroßeö Vögclchen, der Lemipo6iu8 Noilkrenü, angehört. Unter den Nennvögeln steht der Strauß hinsichtlich seiner Größe oben an. Er findet sich überall einzeln oder in kleinen Trupps von mehreren Individuen. Zahlreicher, aber weniger bemerkbar sind die Trappen, die Antilopen der Vogel. Im Sudahn kennt man hauptsächlich drei Arten von ihnen: Oti8 aral)8, Lttrne, die „Chübährs" der Eingebornen, 0. nuba, den Makhar, und 0. insIanoAa8t6r, Ich bezweifle, daß die in Algier lebende 0. Iioudara, welche allgemein unserem Gebiete zugezählt wird, in ihm wirklich vorkommt; eher dürften noch andere afrikanische Trappen dort leben. Man kennt zwei Läufer, Oursorius isalwilinns und 6. eksl- 284 eoptorrm, , mehrere Lappenkibitze, worunter I^odlvanellus 86ne§Älensi8 der gemeinste, und zwei Dickfüße (Ooelionsmus iMnm und Oö. 86N6K3lkN8i8), welche die Chala bewohnen. Sumpf- und Wasservögel erscheinen nur während der Regenzeit in der Chala; von ersteren brüten einige Arten daselbst. — Die Reptilien der Steppe, für welche diese ein Paradies ist, das ihnen alle Annehmlichkeiten bietet, kenne ich nicht. Das Vorkommen der Fische in den größeren Rcgenteichen ist noch manchem Zweifel unterworfen. Reise nach Kordofahn. Die wohlbemannte Dahabic, welche uns und Mr. Pethc- rik bis zu dem Walddorfc Torrah den weißen Fluß hinaufführen sollte, verließ am 23. Februar gegen Abend die „Mischeraäh" <— den gangbaren Weg zum Flusse — von Charthum, glitt unter kräftigen Rudcrschlägcn rasch den blauen Fluß hinab, bog bei Rahs cl Charthum in den weißen Fluß ein und öffnete ihre Segel einem frischen Nordwinde, welcher den Fluchen des letztgenannten Stromes cntgegcnwehte. Der Wind war gut, das Wetter herrlich. Wir waren vergnügt über die voraussichtlich schnelle Fahrt und gespannt auf das uns noch gänzlich unbekannte Step- penland. Aber es war an einem Freitage und Contariny hatte uns noch warnend das Sprichwort: „Venercli oä warte, non si sposa, non si parte"*), zugerufen. Der Freitag ist den Seefahrern ein böses Omen. An diesem Tage sticht in Italien kein Schiff in See, geht keine Braut zum Traualtäre, tritt Niemand, wie wir Freigeister es thaten, eine wichtige Reise an. Die Seeleute haben auch ganz recht: Der Freitag ist kein glücklicher Tag zur Abreise. Wir flogen an den Ufern des Stromes vorüber und setzten, so lange der Wind „fahrend" blieb, unsere Reise fort. Am anderen Morgen befanden wir uns beim Erwachen schon wieder mitten in dem hier mehr als dreitausend Schritte breiten Strome. Bei dem mittelhohen Wasserstande desselben waren bereits ausgedehnte Schlammbänke und Sandinseln an beiden Ufern bloßgelegt worden. Auf ihnen trieb sich eine unzählbare, ununterbrochen sich am Ufer fortziehende Vögclschaar herum. Wir sahen den Tag über viele Tausende von Nilgänsen (Olleimlopsx ae^xtious), Reihern *) Freitags und Dienstags heirathet und reist man nicht. 286 «Arcksa einorsa, 8turmii, L§retta alba, I^inckerms^ori, ^räeola bubuleus w.), Störchen sUiconia alba im Winterquartier), Kranichen (Erus einoroa), Nimmersatten (Dantalus Ibis), Königskranichen (.^ntbropoiclos pavonina), heiligen Ibissen, Strandläufern und anderen Sumpf- und Wasservögeln. So weit das Auge reichte, waren beide User mit Mimoscnwaldungen bedeckt, welche schon hier zuweilen den Charakter der tropischen Urwälder Nord- Ost-Afrikas annahmen. Große Strecken von ihnen waren noch jetzt unter Wasser gesetzt, an den trocken liegenden kündeten uns die Stämme den höchsten Wasscrstand des Stromes, welcher an einigen Stellen zehn Fuß über dem Boden emporgestiegen war. Wenn die Wälder sich einmal von den Ufern zurückzogen, zeigte sich eine unabsehbare Ebene mit hier und da aufsteigenden, nackten Hügeln dem Auge. Die Dörfer waren im Walde versteckt, aber große Hcerden verriethen ihr Dasein. Unschätzbare Massen von Schafen, Rindern und Kamelen weideten das kurze Gras der schlammigen Ufer oder benagten die blättcrtragenden Neste der Bäume. In den weiten Schlammbänkcn fielen uns tiefe, nach dem Walde führende Furchen auf. Es sind Gangstraßcn der Nilpferde (von den Arabern richtiger „Flußbüffel"— Djamuhs el bahhr — genannt), welche diese dem weichen Schlammboden eindrücken, wenn sie, zur nächtlichen Weide gehend, den Fluß verlassen. Bei ihrer ungeheuren Schwere versinken ihre kurzen Beine im Schlamme, der Bauch schleppt auf der Erde und zieht jene Rinnen. Die Flußbüffel sollen hier sehr häufig sein und in den Durrahfeldcrn großen Schaden anrichten. Wo sie vorhanden sind, fehlt auch ihr steter Begleiter, das Krokodil, nie; wir sehen diese gefürchtcten Saurier, Baumstämmen gleich, in langen Reihen auf den Sandbänken liegen und beim Erscheinen eines Bootes langsam in's Wasser kriechen. An beiden Ufern wohnt ein Stamm jener Halbnomaden, welche zwar ganz das Leben der ächten führen, aber nicht wandern. Hier sind es Hassan'ie, deren Heerden ihr einziger Reichthum sind. Sie treiben nebenbei wohl auch etwas Ackerbau, immer bleibt aber die Viehzucht ihr eigentlicher Nahrungszweig. Der weiße Fluß scheint um so breiter zu werden, je mehr 287 wir uns Eleis, dem letzten Orte unter türkischer Herrschaft, nähern. Er muß bei seinem höchsten Wasserstande schon in der Nähe des Dorfes Büöhdk über eine deutsche Meile breit sein. Die Wälder werden zum Urwald. Wir finden Schlingpflanzen, deren Ranken, weil sie mehr als sechs Zoll im Durchmesser haben, Stämme genannt werden können. Im Innern der oft unzugänglichen Dik- kichte herrscht ein ächt brasilianisches Tropcnlcbcn. Der langgc- schwänztcn Affen Schaaren gurgeln in der Tiefe des Waldes oder erscheinen mit komischen Sprüngen am Ufer, um zu trinken; die Papageien fliegen kreischend von Baum zu Baum. Bei jedem neuen Schritte sieht der Jäger neue, fremdartige Erscheinungen. Die Jagd fällt immer befriedigend aus. Am 28. Februar landeten wir in der Gegend des anderthalb deutsche Meilen landeinwärts liegenden Dorfes Torrah und schlugen, bis zur Ankunft der erforderlichen Lastthiere, unsere Zelte auf. Der Naturforscher braucht im Innern eines fremden Erdtheils nie über Langweile zu klagen. Während Mr. Petherik sehnlich die Weiterreise herbeiwünschte, bot uns der nahe Wald so viele Unterhaltung, daß wir gern noch einige Tage hier geblieben wären. Leider endigte das klimatische Fieber schon am folgenden Tage meine Jagdfreuden. Ich kam krank von einem AuSfluge zurück und fühlte bald den peinigenden Frost jener unseligen Krankheit. Der Baron öffnete mir eine Ader, weil wir, von den Rathschlägen eines einfältigen italienischen Arztes bcthört, damals noch Bluteutziehungcn für zweckmäßig hielten, doch wollte der Anfall nicht weichen. Die mittlerweile angekommenen und schon beladenen Kamele standen zur Abreise bereit; ich mußte mich im vollsten Fieber auf eins von ihnen packen lassen, um nur nach Torrah zu gelangen. Zu schwach, um mich aufrecht erhalten zu können, versuchte ich mich in einer halb sitzenden, halb liegenden Stellung an einer der Kisten, mit denen das Thier noch überdem beladen war, festzuhalten und litt dabei fürchterlich. Jeder Schritt des Thieres wurde mir zur Qual. Die schaukelnde Bewegung verursachte mir Erbrechen, die Anstrengungen, welche ich, um nicht herabzufallen, machen mußte, rühmten vollends meine ohnehin schon geschwächten Kräfte. Nach drei 288 wie auf der Folter verbrachten Stunden kam ich todesmatt im Dorfe an und brach kraftlos in dem ersten Tokhul desselben zusammen. Ich unterlasse, um nicht zu ermüden, die Auszählung der Reihe von Krankheiten, welche uns — auch der Baron bekam schon am folgenden Tage das sogleich mit Delirium beginnende klimatische Fieber — von nun an unablässig quälten, und schicke voraus, daß wir während der vier Monate unseres Aufenthaltes in dem Steppenlande Kordofahn das Fieber in seinen verschiedenen Gestalten und Arten gar nicht los werden konnten. Mehr als dreißig Tage mußten wir auf elendem Schmcrzcnslager zubringen; dreifach schwer wurden uns die Beschwerden, denen jeder Reisende in diesem Lande ausgesetzt ist, dreifach schwer alle Entbehrungen, welche er zu ertragen hat. Wir blieben bis zum 9. März in Torrah. Nur einmal — am 3. März — wurde unser trauriges, einförmiges Leben durch ein Ereigniß, welches uns vom Krankenlager scheuchte, unterbrochen. Ein Tokhul hatte Feuer gefangen und stand im Nu in hellen Flammen. Fünf Minuten später war er ein Aschcnhaufen. Glücklicher Weise wehte kein Lüftchen, sonst wäre, bei der unglaublichen Geschwindigkeit , mit welcher hier ein Brand um sich greift, das ganze Dorf ein Raub der Flammen geworden. Das Dorf Torrah besteht aus einigen und dreißig Strohhüt- tcn und besitzt wenige Durrahfeldcr, aber große Hccrden. Ich sah in den nahen Wäldern Kamclheerden von fünf- bis sechshundert Stücken. Sie wurden nur von einigen Hunden und mehreren Hirten bewacht. Letztere boten mir, wenn ich sie bei ihren Heerden besuchte, freiwillig Milch von Kamelstuten an. Diese schmeckt säuerlich und im Ganzen widerlich, ist aber ungemcin fett und wird deshalb von den Hirten zur Speise benutzt. Jeden zweiten Mittag trieb man die Kamele, um sie vor Angriffen der Krokodile zu schützen, nach muldenartigen, mit Schlamm umdämmtcn Tränktei- chen, in deren Wasser man salzhaltige Lchmcrde — welche fast überall gefunden wird — auflöste, weil die Kamele, wie alle Wiederkäuer, das Salzwasser mit großer Begierde trinken. Wir fanden unter den Heerden wunderschöne Thiere und erstaunten über die nie- 289 deren Preise derselben. Gerade die Ufer des weißen Flusses gelten, nächst denen des Atbara, für die besten Kamelzüchtereicn. Wir kauften zu der bevorstehenden Reise einen, als „vorzüglich" angepriesenen, Hedjihn für die Summe von ungefähr dreißig Thalern unseres Geldes. Mit der Karawane des Mr. Pethcrik verließen wir Torrah und ritten an dem schönen Morgen des 9. März dem ersten Dorfe Kordofahn's zu. Wir bestiegen die Hedjinihn mit schwerem Herzen. Der Baron war noch sehr leidend, ich noch keineswegs genesen. Um der langsamen Reise mit den Lastkamelen zu entgehen, eilten wir diesen im scharfen Trabe voraus, hatten uns aber noch nicht fünfhundert Schritte von ihnen entfernt, als der „vorzügliche Hedjihn" des Baron im vollen Laufe durchging, den Baron mit Sattel und Zeug, Gewehren und Wasserschläuchen abwarf und bald darauf zwischen den Bäumen verschwand. Die Treiber der Lastkamele erkannten, nach einigen vergeblichen Versuchen, die Unmöglichkeit, das Thier wieder einzufangen und schickten deshalb einen ihrer Gefährten mit dem Auftrage, den Unfall kund zu machen, nach dem Dorfe zurück. Nothgedrungen mußten wir jetzt unsere Reise mit den Lastkamelen, von denen ich eins bestiegen hatte, fortsetzen. Der Chabihr führte uns im Zickzack in der Steppe herum und machte uns den Weg dadurch nur um so langweiliger. Nach vierstündigem Ritte sahen wir die Spitzen der Tokhahl des Dorfes el Edjehd aus der Steppe auftauchen. Zugleich bemerkte einer der Treiber einen mit Windeseile auf uns zukommenden Hedjahn. Es war ein Araber, welcher uns das durchgebrannte Kamel wieder überlieferte. Er hatte es, vier Stunden von Torrah entfernt, fröhlich in der Steppe weidend, angetroffen, erkannt und nach Torrah gebracht, von wo er uns nachgeschickt wurde. Trotz des Spaziergangs von ungefähr sechs Meilen, welchen der vorzügliche Hedjihn heute gemacht hatte, schien er nicht übel Lust zu haben, seine Fluchtversuche zu wiederholen. Aber Jdrieß, unser Diener, ein so zu sagen auf dem Rücken der Kamele ausgewachsener Nubier, war nicht so leicht aus dem Sattel zu heben, als sein früherer Reiter, legte ihm einen Nasenzaum an und jagte mit ihm eine 19 29V halbe Stunde lang dergestalt in der Steppe herum, daß der Muth willc und Trotz des störrischen Thieres bald gebrochen war. Wir waren in el Ebjehd kaum abgestiegen und in eine Hütte getreten, als eine Schaar junger Mädchen erschien, um uns zu bewillkommnen. Sie begannen unter Chorgesang einen ebenso sinnlichen, als unästhetischen Tanz und schienen es darauf abgesehen zu haben, unsern Beifall zu erringen. Aber wir waren viel zu müde und hungrig, um für etwas Anderes als Ruhe und Essen Sinn zu haben, fertigten sie mit einem sie zufriedenstellenden Bakh- schiesch ab und bestellten, weil es nichts weiter gab, junge Hühner unter dem in Egypten gebräuchlichen Namen „Farcha". Der Schech schüttelte verwundert den Kopf. „Ihr zieht, wie ich höre, nach Obe'rd und wollt hier Farcha kaufen? Ich besitze eine, aber sie ist alt und häßlich." „„Es schadet Nichts, bringe sie uns."" Er erschien und brachte — eine Sklavin! Und diese entsprach in der That der Beschreibung des guten Mannes vollständig. Wir lachten und versicherten ihm, daß wir diese Eh ahdime nicht brauchen könnten, weil wir die Farcha essen wollten. Der Schech verließ uns voll Entsetzen. Wir staunten ihm verwundert nach. Erst Jdrieß löste das Räthsel, indem er uns mittheilte, daß die Kor- dofahnesen auch junge Sklaven unter der Rubrik ,,junge Thiere" begriffen, Hühner aber mit „Faruhdj" bezeichneten. Er eilte dem mißtrauisch gewordenen Manne nach und forderte das Verlangte mit seinem richtigen Namen, worauf uns auch alsbald Hühner im Ueberflusse gebracht wurden. El Edjehd wird schon zu Kordofahn gezählt, obgleich es von Haschahba, dem ersten eigentlichen Dorfe dieses Landes, volle elf deutsche Meilen entfernt ist. Zwischen el Edjehd und Haschahba liegt die Chala el ÄkLbü*), welche der Engländer mit seinem Begleiter und einem Bedienten in einem Tage zu durchreiten *) Chüls bedeutet die Einöde, im Sndahn, wie wir wisse», die innerafrikanische Steppe oder Sawanne; ÄkZbü bezeichnet einen wüsten unbebauten Ort oder die eigentliche Wüste selbst. gesonnen war. Mit einem guten Hcdjihn ist eine Strecke von zwölf Meilen keine übermäßige Tagereise; unS Fieberkranken wäre die Tour zu stark gewesen. Wir hielten es für gerathener, mit den Lastkamelen zu ziehen und ritten am folgenden Tage gegen Mittag dem mit Tagcsgrauen aufgebrochenen Major nach. Nachdem wir noch einige Stunden durch Mimosenwäldcr gezogen waren, betraten wir die Chala. Mit Sonnenuntergang lagerten wir uns, um Kasse zu bereiten. Dann zogen wir in der Nacht noch einige Stunden weiter. Unsere Kamele jagten ein zahlreiches Kitt Perlhühner auf, welche sich mit lauten Rufen nach allen Seiten zerstreuten. Es waren die ersten, welche wir in der Freiheit zu sehen bekamen, aber die Thiere waren so scheu, daß wir keins von ihnen erlegen konnten. Nach zehn Uhr lagerten wir uns auf einer vom Grase freien, sandigen Stelle mitten in der Steppe. Nach Süden zu stand sie meilenweit in Flammen; man hatte das dürre Gras angezündet, um den mit dem ersten Regen emporschießenden jungen Weidcpflan- zen Platz zu machen. Am 11. März. Die Weiterreise verzögerte sich, weil der Baron in der Nacht wieder einen starken Ficbcranfall gehabt hatte und der Ruhe bedürftig war. Unser Weg war heute einförmiger als gestern. Die Steppe hatte überall dasselbe Aussehen. Von ihrem reichen Thierleben zeigte sich außer den zuweilen in Nudeln erscheinenden Gazellen gerade heute keine Spur. Von Edjeh d aus begleitete eine Pilgerkarawane unseren Zug. Es waren schwarze, von Mekka zurückkehrende Takruhri. Unter ihnen befand sich ein ungefähr fünfzehn Jahre altes Mädchen, Welches wir ebensowohl wegen ihrer Schönheit — ich bitte meine geneigten Leserinnen um Verzeihung, aber dunkle Hautfarbe beeinträchtigt niemals wirkliche Schönheit, — als auch wegen ihrer Ausdauer bewunderten. Der Takruhri pilgert, fast immer zu Fuße gehend, bettelnd von Ort zu Ort, um seine Wallfahrt aus dem Herzen Afrika's nach dem fernen Asien zu vollbringen. Er erscheint mit einer hölzernen Schreibtafcl, auf welcher er „Ai'jaht" — Verse — aus dem Khorahn niedergeschrieben hat, und einigen Kürbisschalcn schweigend vor dem Tokhul, der Tankha oder dem Zelte des Arabers, Nomaden, 19 * 292 Beduinen oder Rubins, halt mit stummen Bitten die leere Schale dem Bewohner der Hütte entgegen und wartet, bis dieser ihm eine Handvoll Durrah oder ein Stückchen Durrahbrod hineinfallen läßt. Er ist der arabischen Sprache nur insoweit mächtig, um sein Glaubensbekenntniß hersagen, einige Stellen des Khorahn verstehen zu können*). Seine Pilgerreise dauert oft Jahre; er durchwandert die glühende Wüste, die wasserlosc Steppe und wandelt, alten Groll vergessend, auf seinem gegen dreihundert deutsche Meilen langen Wege friedlich neben seinem Todfeinde. Man versteht unter Takruhri jeden schwarzen Pilger aus dem tiefsten Innern Afrika'S, z. B. aus den Ländern Tom bukt«, Dahr-Fuhr, Bornuh, Barhrarmi u.s.w. Diese Pilger sind Neger, welche aber den verschiedensten Stämmen angehören. Im Sudahn sind sie wenig angesehen, weil man sie in dem, wie ich glaube, unbegründeten Verdachte hat, daß sie Kinder rauben, um diese als Sklaven zu verkaufen. Daß sie Nahrungsmittel stehlen, ist begründet. — Gegen Mittag lagerten wir uns im Schatten einiger Mimosen und bereiteten uns das gewöhnliche Mittagsmahl in der Wüste: Kasse und Schiffszwieback. Nach zweistündiger Rast ritten wir der Karawane im scharfen Trabe nach und erreichten sie in den ausgedehnten Dochenfeldew des Dorfes Haschahba — zu deutsch „Holzdorf" — dessen Tokhulspitzen sich in der Ferne erkennen ließen, weil sie von dem im Abcndrothe flammenden Himmel dunkel abstachen. Bald darauf trafen wir den mit zwei erlegten Gazellen von der Jagd heimkehrenden Engländer und kamen mit ihm nach ständigem Ritte im Dorfe an. *) Der Khorahn darf nach mahainmedanischen Grundsätzen in keine andere Spruche übersetzt und nie gedruckt werden. Der Mohammedaner ist zu fromm, als daß er das Wort seines Propheten umgehen sollte, welcher hervorhebt, daß das Wort Gottes arabisch gegeben sei; so in Sure 41, Vers 1 u. 2: „Dies ist eine Offenbarung vom Allbarmherzigen. Eine Schrift, deren Verse deutlich erklärt sind, ein arabischer Khorahn zur Belehrung für verständige Männer." Gedruckt darf das Buch nicht werden, weil das Wort Gottes den Druck der Presse nicht aushalten darf. 293 Hasch ahba wird von Madjanihn, einem Zweig des großen Nomadenstammes der Hassame, bewohnt. Sie sind keine Nomaden, sondern Hausen in festen Wohnsitzen und zwar hauptsächlich in den Dörfern Haschahba und Djoömahd, bauen Dochen, etwas Baumwolle und Durrah, nähren sich aber vorzugsweise von der Viehzucht. Ihre Heerdcn bestehen aus Rindern und Ziegen, für welche man, wie in allen Dörfern Kordosahn's, in der Nähe der Wohnsitze das Gras der Steppe stehen läßt, weshalb man die Felder wohl eine halbe Meile von den Häusern entfernt anlegt, um dem Vieh ja recht ausgedehnte Weideplätze zu erhalten. Ich schicke hier voraus, daß die Ortschaften Kordosahn's einander selten näher als anderthalb Meilen, oft aber vier biö sechs Meilen von einander entfernt sind. Die Weideplätze sind überall mit dem abscheulichen Askanit, jener Steppenpflanze, von welcher ich oben sprach, bedeckt, nur in den Feldern hat man ihn vertilgt. Diese bringen bei aller Trockenheit dennoch einen reichlichen Ertrag. Der Dochen trägt so außerordentlich ergiebig, daß man nur ungefähr fünf Sechstel der Erndte, d. h. nur die schwersten und schönsten Kolben einsammelt und das Uebrige, ohne jemals eine Hungcrsnoth befürchten zu müssen, den Vögeln des Himmels überlassen kann. Die Erndte geschieht wie in der Provinz Charthum und wird auch ebenso aufbewahrt. Aus den Körnern bereiten die Frauen und Mädchen unter ziemlich melodischem Gesänge Poesiereicher Lieder in der oben angegebenen schwierigen Weise wohlschmeckendes Brod und vorzügliche Meriesa, welches Getränk das in Charthum gebrauete an Güte weit übertrifft. Dies mag seinen Grund ebensowohl in der Beschaffenheit des Getraides als auch in der eigenthümlichen Zubereitung der Meriesa haben. Man reibt hier zuerst den sehr zuckerhaltigen Dochen zu einem seinen Mehle, rührt dieses mit Wasser zu einem dicken Brei an und läßt letzteren in saure Gährung übergehen. Wenn er die gewünschte Säure erlangt hat, zündet man im Sande vor der Hütte ein mächtiges Feuer an, schüttet den Teig auf die erwärmte Bodcnflächc, bedeckt ihn mit Asche und schürt das Feuer von Neuem an. Nach dreistündigem Backen wird das 294 brodähnliche Gebäck aus den Kohlen genommen, heiß zerbrockl und in einem Gefäße mit Wasser übergössen. Schon nach wenigen Stunden beginnt eine zweite Gährung, welche man erst am folgenden Tage unterbricht. Schließlich wird die Masse durchgeseiht, auf Burahm gefüllt und verschenkt. Die Mcriesa Kordofahn's ist ein höchst angenehmes, erfrischendes Getränk und gilt als ein Labsal für Jung und Alt, Reich und Arm. Jedenfalls ist sie gesünder als das salzige Wasser der meisten Brunnen der kordofahnesi- schen Hochebene. Hier in Haschahba tranken Menschen und Thiere aus einer Cisterne, welche sicbenundzwanzig Klaftern tief war und ein abgestandenes, brackcs und faulschleimiges Wasser enthielt. Der Salz- und Salpetergehalt desselben war so groß, daß sich beim Kochen in Geschirren davon eine starke Kruste an den Wänden der Gefäße ablagerte. — Auch in ihrer Kleidung unterscheiden sich die Madjanihn nicht von den Hassame. Die kleinen Mädchen tragen, wie überall im Sudahn, den Rahhad und wissen recht wohl, wie hübsch er sie kleidet. Unter den erwachsenen Mädchen — d. h. unter denen, welche das zwölfte oder dreizehnte Lebensjahr erreicht haben — findet man idealisch schöne Gestalten, mit oft recht ansprechenden Gesichtszügen. Sie verzieren sich Kopf und Hals mit Bernsteinstücken, farbigen Steinen, z. B. Carniol, Glasperlen und dergleichen; die Arme schmücken sie mit Messing-, Horn-, Elfenbein- oder Eisenringen; bei den Reichen findet man auch wohl silberne Spangen. Die Frauen sind ohne Ausnahme sehr eitel, versuchen sich auf alle Weise zu putzen und erachten es für eine Schande, nicht stark betalgtes Haar zu haben. Sie altern schnell und werden dann ebenso häßlich, als sie früher schön waren. Ihnen wird fast alle Arbeit aufgebürdet, die Männer thun Wenig oder Nichts; ihre einzige Beschäftigung besteht darin, Holz herbeizuschaffen, Wasser zu schöpfen und das Vieh zu hüten; den übrigen Theil des Tages verbringen sie in träger Ruhe im Tokhul. Die Madjahnin lieben Gesang und Tanz. Herr Petherik schaute den schönen, üppigen Tänzerinnen gar gern zu, ermunterte sie durch reichlichen Bakhschiesch und versammelte dadurch tagtäglich 295 die Mädchen deS Dorfes vor seinem Tokhul zur Fanthasie. Ihr Tanz ist von dem der Rhauasiaht oder Fellahhiaht*) Egyptens verschieden. Sie bilden einen weiten Halbkreis, singen und klatschen mit den Händen; ein Mädchen tritt aus dem Kreist heraus und beginnt zu tanzen. Sie geht mit taktmäßigem Schritt und mit zu- rückgcbcugtem Oberkörper auf den Gefeierten zu, entblößt sich vor ihm mit ausgesuchter Gefallsucht nach und »ach den bisher von der Ferdah verhüllten Busen und schleudert, sich vorbeugend, die settgetränkten Haare ihm in's Gesicht. Dann geht sie mit schmachtenden Blicken langsam zurück, eine Andere tritt an ihre Stelle und verfährt ebenso, die Uebrigen folgen, bis Alle getanzt haben. Wir Europäer finden die Berührung der Haarzöpfe für unnöthig, aber man muß die leuchtenden Blicke eines kordofahncsischen Jünglings, welcher an dein Tanze Theil nahm und mit dem Haarfett der Schönen beglückt wurde, gesehen haben, um begreifen zu können, welch' eine hohe Auszeichnung diese fatale Zärtlichkeit ist oder sein soll. Stolz steht er da, betrachtet liebeerglüht die Tänzerin und reibt das seinem Gesichte mitgetheilte Fett freudig in seine Haut ein. Beide Geschlechter sind sinnlichen Genüssen in hohem Grade ergeben, doch bleiben die Frauen hinsichtlich ihrer ehelichen Treue in engeren Grenzen als die eigentlichen Hasscune. Vollkommen unwahr ist die von einem Reisenden mitgetheilte Erzählung, daß die Frauen kordofahnesischer Dörfer dem Fremden auflauern und ihn mit einer angedrobtcn Bastonade zur Annahme ihrer Gunstbc- zcugungen zwingen sollten. Der Aufenthalt in Haschahba war nicht der angenehmste. Der Mangel an guter Nahrung würde von uns leicht ertragen worden sein, wenn nicht der Genuß des aus dem Bihr des Dorfes geschöpften Wassers, bei der großen Hitze, Trockenheit und dem mit beiden verbundenen brennenden Durste zur Qual geworden wäre. *) Plural von Rhauasle und Fellahhe, Tänzerinnen und Fellab- mädchen- 296 Das im Vergleich zu dem des blauen Flusses verachtete Wasser des Bahhr el abiadt würde uns hier in Haschahba Nektar gewesen sein. Es war kein Wunder, daß uns das ungesunde Getränk das Fieber bald wieder brachte. Der Baron litt mehr als ich. Während ihn der Ficberfrost im Tvkhul zusammenschüttelte, konnte ich mich wenigstens mit der immer aufheiternden Jagd befassen. Ich ritt mit meinem Hcdjihn tagtäglich in die Steppe hinaus und erlegte, obgleich mir der böse Askanit und meine den Thieren ungewohnte Kleidung oft hinderlich wurden, manchen seltenen Vogel. Meinen Hedjihn hatte ich abgeschult, bei einem von seinem Rücken aus abgefeuerten Schusse ruhig stehen zu bleiben; im Anfange ging er mir nach jedem Schusse regelmäßig durch. Hinter dem Sattel hockte gewöhnlich noch ein Kordofahnese, welcher die erlegten Thiere herbeiholte und trug. Auch er mußte erst für meine Jagd abgerichtet werden, weil er gewohnt war, allen geschossenen Thieren mit einem „Ls i«8m lillaki el raellmslrn el rairllillin" *) die Kehle durchzuschneiden. Im Dorfe selbst hielten wir eine eigene Jagd. Ein Araber besaß zwei halbwilde Strauße, welche wir ihm abkauften und, um sie zu präpariren, todtschossen. Das köstliche Straußenflcisch aßen wir; es ist zarter als Rindfleisch und hat einen trefflichen Wildpretsgeschmack. — Wir verließen Haschahba am 22. März Abends vor Sonnenuntergang, ritten dem uns am Morgen vorausgeeilten Bim- baschi nach und lagerten uns nach einem drei- bis vierstündigen Ritte mitten in der Steppe. Am anderen Morgen zogen wir in der Frühe weiter. Ich konnte mich, weil mir ein Fuß erkrankt war, auf dem noch außerdem schlecht gesattelten Kamele nur mit Mühe festhalten und wurde in der Nähe des sechs deutsche Meilen von Haschahba entfernten Dorfes Djoemahd von meinem wieder einmal durchbrcnncnden Reitthiere ab- und mitten in einen Mimoscnbusch geworfen. Zcrschundcn, zerkratzt und mit zerfetzten Kleidern kroch ich mühsam aus den Dornen heraus und setzte auf *) In, Name» Gottes des Allbarmherzigcn. S. S. 181 . einem bescheidenen Eselchcn meine Reise fort. Das schwächliche Thier blieb leider bald hinter den rasch gehenden Kamelen zurück; ich ritt allein der Karawane nach, bekam einen Fieberanfall und erreichte mit großer Noth das Dorf, in dessen ersten Tokhul ich eintrat. Dort bat ich um ein Ankharcb, Trinkwasser und, weil ich krank war, um Ruhe. Die gutmüthigen Hüttenbewohner nahmen mich freundlich auf und gewährten mir alles Gewünschte. Bald erschien auch der in der Nähe wohnende Schech, erkundigte sich nach meinem Befinden und bemühte sich, mir Linderung zu verschaffen. Man brachte mir Wasser, welches durch hartgebackene Durrahfladen gesäuert worden war und mir als wahres Labsal erschien. Gegen Abend verschwand das Fieber, ich verließ mein Lager und mit dankbarem Herzen die gastlichen Leute. Zwar haben die Aschiach der Dörfer des Sudahn die Verpflichtung , alle ankommenden Reisenden zu beherbergen und man findet deshalb in jedem Dorfe eine geräumige, luftige Wohnung für sie, aber es war gewiß ein Beweis wirklicher Gastfreundschaft, daß mich der mir ganz fremde Mann nach besten Kräften Pflegte und bediente. Ich würde ungerecht sein, wenn ich annehmen wollte, daß er mir die geleisteten Dienste als einen den Eroberern des Landes — denn für einen Türken hielt er mich — schuldigen Tribut betrachtet habe. Man muß vielmehr die Gastfreundschaft als das erkennen, was sie ist: als uneigennützige Ausübung eines von Alters her geachteten, ja für heilig gehaltenen Gebrauches, welches der Aermste wie der Reichste mit gleicher Gewissenhaftigkeit beobachtet. Ich fand den Baron mit dem Bimbaschi in einem Tokhul am anderen Ende des Dorfes und erfuhr von Letzterem, daß man noch diese Nacht den Lastthieren bis zu dem Dorfe Tohm vorausreiten wolle. Das war bei meinem Zustande für mich eine gar trübe Aussicht, aber — Entbehrungen und Strapatzen sind immer das Loos des in jenen Gegenden Reisenden — ich mußte bei all' meiner Schwäche wieder zu Kamele steigen. Mit Aufgang des Mondes verließen wir Djoömahd und ritten weiter; ich wurde jedoch 298 bald so schwach, daß ich schon nach kurzem Wege absteigen und einige Stunden ruhen mußte. Mein Lager war ei» dünner, auf den Sand der Straße gebreiteter Teppich; ich hätte früher nie r darüber geklagt, heute that ich es unwillkürlich. Erst am anderen Morgen kamen wir in Tohm an. Doch lag ich den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht beständig im Fieber. Das nennt man „Reisen im Innern Afrika's!" — Am Morgen des 25. März setzten wir unsere Reise fort. Mittags ruhten wir in Tendar, Abends in Wadi-Sakh'ie, zwei kleinen, mitten im Steppenwalde gelegenen Dörfern. Der Baron ritt von letzterem Orte aus mit dem Engländer der Karawane voraus, weil er mit diesen bald nach Bara, nach cl Obeid dem größten Flecken Kordofahn's, gelangen wollte. Ich folgte mit den Lastthieren und kam dort gegen Mittag an. Bara ist ein großes Tokhuldorf, welches wohl über eine halbe Meile im Umfange haben mag. Es liegt in einem sanft abgeflachten Kessel, besitzt viele Brunnen von nicht allzu großer Tiefe mit ziemlich trinkbarem, wenn auch etwas schleimigem Wasser und enthält mehrere Gärten, deren frisches Grün dein von dem einförmigen, gelben Stcppengrase ermüdeten Auge ungcmein wohl thut. Einige hier angepflanzte Dattelpalmen erscheinen wie freundliche Bilder aus milderen, besseren Ländern, saftiggrüne Mimosen gruppi- ren sich zu schattigen Lauben, dicht belaubte Nabaksträuche stehen zwischen den einzelnen Hütten herum. In den Gärten baut man Waizen, Zwiebeln, Tabak und einige Gemüse. Durch Vieh getriebene Schöpfräder oder den „Schatuff" *) bewegende Sklaven bewässern sie. Das herausgeschöpfte Wasser schüttet man zuerst in ein weites Bassin und leitet es Abends auf die einzelnen Beete. Der Ort ist sehr weitläufig. Die Tokahl liegen zwischen Gebüschen, Lochen- und Durrahfeldern zerstreut in der Wüste. Wenn mit Beginn der Regenzeit das junge Gras überall empor- *) Der Schatuff ist eine ganz nach Art unserer Ziehbrunnen eingerichtete, in Egypten sehr gebräuchliche Vorrichtung zum Wafferschovfen, welche durch Menschenkraft in Bewegung gesetzt wird. 299 schießt, weiden die Kamel-, Rinder-, Ziegen- und Schafheerden mitten im Orte. Die Besitzungen der Einwohner sind von der Serieba umzäunt, die der Wohlhabenderen bestehen zuweilen aus zwölf Strohhütten und bilden ein kleines Dorf für sich. Zur Zeit unserer Ankunft hielt sich Musthafa-Pascha, der Gouverneur von Kordofahn, gerade in Bara auf. Er hatte sein Zelt an dem westlichen Ende des Dorfes unter schattigen Bäumen aufgeschlagen und empfing den ihn besuchenden Baron mit großer Freundlichkeit. Als er hörte, daß er einen Naturforscher vor sich sehe, beschenkte er ihn sogleich mit einer Gieraffe, welche uns aber durch die Nachlässigkeit oder Treulosigkeit eines seiner Diener verloren ging. Wir verließen Bara, uns der Hauptstadt des Landes zuwendend, am 6. April. Der Baron war mit dem Kahschef des Orts bekannt geworden, weil er diesem heilsame Arzneien gegen ein ihn quälendes langjähriges Uebel gegeben hatte und erhielt von ihm Kamele zum Transport unserer Effekten, nebst einem Empfehlungsbriefe an einen Freund des Kahschef in el Obeid, welcher uns von ihm als ein „Radjel aasihm" — ein vortrefflicher Mann — geschildert wurde. Des Kahschef eigener Diener wurde unser Führer. Der Weg nach der Hauptstadt zieht sich durch einen lichten Mimosenwald, in welchem hier und da Dochenfelder zerstreut liegender Dörfer liegen, dahin. Ungefähr vier deutsche Meilen von Bara übersteigt die Straße einen niederen Bergrücken, den Djebel el Kurbatsch, zu Deutsch „Berg der Reitpeitsche", von dessen Gipfel man in weiter Ferne die Tokhulspitzen der Hauptstadt auftauchen sieht. Links vom Wege erblickt man ein Wäldchen der Adan- sonicn, jener von den Eingebornen Tabaldic, Boabahb oder Khunkhlehs genannten Riescnbäume der alten Welt. Graugrüne, wahrscheinlich schon nach Nistlöchern spähende Papageien flogen kreischend in den jetzt entlaubten Wipfeln der Baumkolossc herum. Etwas weiter nach der Hauptstadt zu kommt man zu einer von hohen Mimosen umschatteten „Fuhla", einer durch die Regengüsse des Charles gefüllten Niederung, welche auch noch lange nach der Regenzeit trinkbares Wasser enthält. 300 Nach den Versicherungen unserer Kameltreiber und den später vernommenen Aussagen anderer glaubwürdigen Personen enthält diese und manche andere Fuhla Kordofahn's, während sie mit Wasser gefüllt ist, viele und große Fische. Pallme glaubt, daß sie aus Laich, welcher von den früher vorhandenen Fischen zurückgelassen oder durch fischfressende Wasservögel vom weißen Flusse her- geschleppt wurde, entstehen. Ich bezweifle das Eine wie das Andere, weil die Fische, welche gefangen werden, sehr groß sein sollen und alle Wasservögel viel zu rasch verdauen — eine Ente braucht zur Verdauung ihrer Nahrung höchstens eine halbe Stunde — als daß sie aus so großer Entfernung unversehrten Laich herbeitragen könnten. Der am schnellsten fliegende Wasservogel würde, um die über zwanzig Meilen weite Entfernung vom Bahhr el abiadt bis Obeid zu durchstiegen, immer noch ungefähr eine Stunde brauchen. Es ist begründet, daß die Rcgentciche ganz austrocknen, — wir selbst haben die erwähnte Fuhla bei unserer Rückkehr wasserleer gefunden — und wohl nur die Annahme möglich, daß sich die Fische, wie es mehrere Amphibien thun, in den tiefen, feuchtbleibenden Schlamm einbohren und dort bis zur Wiederkehr des Wassers in einer Art von Lethargie verharren. Diese Meinung scheint eine Beobachtung des glaubwürdigen Naturforschers Faber zu rechtfertigen. Auf Island gefrieren die Teiche im Winter bis auf den Grund und dennoch erscheinen im nächsten Frühjahre die Forellen frisch und munter wieder, während in Deutschland bei starkem Froste und dem dadurch bedingten Lustmangel viele Fische zu Grunde gehen. Daß Letzteres auf Island nicht geschieht, ist ebenso unerklärlich, ja vielleicht noch unerklärlicher als die merkwürdige Erscheinung der periodisch wiederkehrenden Fische des innern Afrika. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß ich mich von der Wahrheit deS Gehörten nicht persönlich überzeugen konnte, würde aber den fraglichen Punkt gar nicht berührt haben, wenn mir die Erzählung nicht als „eine Thatsache" wiederholt gegeben worden wäre. Eine ähnliche Fuhla gab der sich jetzt vor uns ausbreitenden Stadt el Obeid ihren Namen. Ehe die Türken das Land eroberten, stürzte das Pferd eines Häuptlings der Kordosahnesen in 301 einen Regcnteich (welcher an der Stelle, wo sich die Tokhulstadt jetzt ausbreitet, gelegen haben soll), blieb im Schlamme stecken und ertrank. Die Kordofahnesen nannten die Fuhla von jenem Vorfalle an „Fuhla chossahn el ab ladt", — den Regentcich deS weißen Pferdes — und später gerade zu „el ab ladt." Einige in der Nähe des Regenteichs erbauten Hütten, zu denen sich bald mehrere gesellten, wurden anfangs ebenfalls „el abiadt" und zuletzt „el ob erd" genannt. Die aus dieser Ansiedelung hervor- gegangcne Stadt wird noch heutigen Tages ,,el Abiadt" geschrieben. — Unter der Leitung unseres Führers betraten wir das Haus des „vortrefflichen Mannes." Zu unserem Befremden ritten wir in einen schmutzigen Hofraum ein; man nahm gar keine Notiz von uns und ließ uns, ohne uns zu unterstützen, für unsere Unterkunft selbst sorgen. Müde und erschöpft, wie wir waren, mußten wir zuletzt froh sein, eine elende Rekuba, aus welcher Sklaven murrend auszogen, zum Schlafplatze eingeräumt zu bekommen. Mitten in der Nacht erweckte uns ein furchtbarer Lärm. Unsere Kameltreiber hatten sich mit den Dienern des Hauses betrunken, gezankt und fingen nun an sich gegenseitig zu prügeln. In dem Hause eines so vortrefflichen Mannes, welcher so ausgezeichnet die Gastfreundschaft handhabte, konnte unseres Bleibens nicht länger sein. Wir beschlossen, noch in der Nacht uns ein anderes Quartier zu suchen. Der Baron befahl den Kameltreibern, das Gepäck aufzuladen und ritt fort, um uns ein anderes Unterkommen ausfindig zu machen; ich wachte, mit der Nilpcitschc in der Hand, auf strenge Befolgung des Befehls. Wir fanden in der im Schlafe begrabenen Stadt nun zwar für heute kein anderes Obdach, hatten aber doch vor den inzwischen nüchtern gewordenen Leuten Ruhe erlangt. Am folgenden Tage wurden uns, vermöge der mächtigen Fürsprache des Wekihl-cl-Mudir'ic oder des in Abwesenheit des Gouverneurs die Geschäfte besorgenden Beamten der Provinz Kordofahn, die Pforten der Wohnung des jetzt gerade abwesenden Franzosen Thibaut eröffnet. Wir wurden, nachdem wir uns als Europäer kund gegeben hatten, von dem Hausgesinde dieses braven 802 Europäers auf das Zuvorkommendste behandelt und mit allem uns Nöthigen versehen. Ich lernte den Mann, dessen Gastfreundschaft wir in Obeid genossen, später kennen. Er ist im ganzen Sudahn unter dem Namen „Schech Jbrahihm" wohl bekannt, seit dreißig Jahren im Lande heimisch, bei Arabern, Türken und Europäern gleich beliebt und ein Busenfreund aller Beduinen. In europäischer Gesellschaft ist er ein heiterer, fast zu lustiger Geselle, in Gegenwart der Mahammcdaner ein ernster Schech, welcher den Namen des Propheten nie ausspuckst, ohne die Worte „Moll musolloin vu soilöni oolllillu"*) hinzuzufügen und dabei seine eigene Hand inwendig und äußerlich zu küssen. Er scheint die mahammedanischen Heiligen ebenso zu ehren als die Gläubigen selbst, weiß über Kamel- und Pferdezucht zu sprechen und handelt als ächter Kaufmann mit Türken, Arabern und Beduinen auf die verschiedenartigste Weise; er kennt die ächten Damaszenerklingen genau und unterläßt nicht, sie den Türken zum Unterschiede der weniger edlen „Tab ahn" gehörig anzupreisen, ehrt den Gouverneur der Provinz und nennt ihn nie anders als „Effendina" — unsere Herrlichkeit — kurz, er versteht den „Tartieb el belled" — die Sitten und Gebräuche des Landes — meisterlich. In seinem eigenen Hause ist er gastfrei wie ein Araber und herrscht wie ein Patriarch unbeschränkt über Heerden von Sklaven, Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen; im Diwahn seiner besten Freunde tanzt er, trotz seiner achtundfunfzig Jahre, gelegentlich noch mit dem Feuer eines Jünglings die graziöse Polka. Bis jetzt hat er den Anfechtungen des Klimas glücklich getrotzt und ist rüstiger, als er zu sein scheint. Sein Bart - und Haupthaar ergraute auf einer äußerst beschwerlichen Reise durch die Bahiuda, auf welcher er tagelang kein Wasser zu trinken bekam, drei seiner Gefährten an Durstesqualcn verenden sah, zu dem Urin der Kamele seine Zuflucht nehmen mußte und endlich mehr als halbtodt den Fluß noch erreichte. Thibaut würde es verstanden haben, uns länger in Obkid *) Gott sei gepriesen und über ihm — dem Propheten — das Heil! 1 303 festzuhalten, als wir vielleicht selbst gewünscht hätten. Jetzt wollte es uns in der Tokhulstadt gar nicht gefallen. Die Jagd fiel in der t Nähe der Hauptstadt höchst unergiebig aus, es fehlte uns an Beschäftigung und damit trat eine Langeweile ein, wie ich sie später nur noch in Alerandrien erlitten habe. Deshalb verließen wir Obeid schon am 13. April und ritten nach Meldest, einem im Süden Kordofahn's, inmitten der hier wieder beginnenden Urwälder gelegenem Dorfe, welches uns reiche Ausbeute versprach. Hinter der Hauptstadt wandte ich mein Dromedar, um noch einmal auf sie, deren Ausdehnung ich jetzt erst beurtheilen konnte, zurückzuschallen. El Obeid liegt in einer unabsehbaren Ebene, im Süden Kordofahn's, nach NüpPell unter 18° 11' n. Br., 27" 48' östl. Länge (Paris) und ist von, Bahhr cl abiadt ungefähr sünf- unddrcißig, von der Ostgrenze Dahr-Fuhr's höchstens zwanzig deutsche Meilen entfernt. Die Stadt besteht aus mehreren Theilen, nach der Beschaffenheit ihrer sehr zusammengesetzten Bewohner. In ' Urdi*) — dem Lager — Hausen die Türken und die unten ihren Befehlen stehenden Soldaten, in Danakhla oder Danagla die aus Nubien Eingcwandertcn (welche selbst Danagla **) genannt werden), in Marharba die früher im Dienste der Regierung gestanden habenden „Abendländer", d. h. Algerier, Fezzaner, Mo- rokaner u. s. w. und in Dakar ni oder Tarharni die hier angesiedelten Takruhri oder Tarhuhri. Der Haupttheil der Stadt ist el Urdi. Hier befindet sich der Palast des Gouverneurs: ein einstöckiges Lchmgebäude mit plattem Dache; der Diwahn: eine weite lustige Halle mit ungeweißten Wänden; die Wohnungen der Beamten: Tokhal mit soliden Erdmauern; die Kaserne, das Hospital und der Markt. Die Kaserne ist ein von einer zehn Fuß hohen und fünf Fuß dicken, undurchdringlichen Scrieba umschlossener, freier Platz, welcher ungefähr vierzig in zwei langen Reihen ^ neben einander gebauete Tokhahl enthält; das Hospital ist ähnlich *) Von „aarid," sich ausbreiten. **) Plural von „Dongolawi" oder „Dongali" (Bewohner Dongola's). eingerichtet, steht aber dem von Charthum in jeder Hinsicht nach: unwissende Aerzte und unkundige Apotheker wirthschaften in ihm in einer so furchtbaren Weise, daß der dort eingesperrte Kranke die in ihm verbrachten oder zu verbringenden Martertage für eine grausame Strafe hält. Ueber den Häuptern der gesunden und kranken Soldaten der Kaserne und des Hospitals haben die kleinen schwarzen Störche des Sudahn ihre Wohnungen aufgeschlagen und legen unter den die Spitzen der Tokhahl krönenden Straußcneicrn die ihrigen in das feste, wohlgebaute und geräumige Nest. Zuweilen soll sich auch der heilige Ibis auf einem mitten in der Stadt stehenden Baume ansiedeln. Wenigstens sieht man auf einer einzigen Harahst zwanzig bis sechszig Nester verschiedener , aber unter sich mehr oder weniger verwandter Vögelarten. Die Basars sind erbärmlich, obgleich der Handel von Bedeutung ist. Erst Nachmittags nach drei Uhr beginnt der Markt; die große, auf dem schattenlosen, staubigen Platze doppelt fühlbare Sonnenhitze erlaubt die Versammlung vieler verkaufender und kaufender Menschen nicht früher. Man bietet die Waaren nicht in einer kühlen, bedachten Halle, sondern unter einfachen, zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen mit Matten bedeckten Gerüsten aus; der Verkäufer ordnet seine Kaufgegenstände aus einer »»gegerbten Ochsenhaut. Die gewöhnlichen Handelsartikel sind Baumwollenzeuge, Glasperlen, schlechter Landestabak, Durrah- und Dochenkörner, Tamarindcnkuchcn und Lebensrnittel. Weißbrodbäcker giebt es nicht; mitten im Sande sitzen Sklavinnen und bieten dünne Dochenmehl- fladen, von denen man fünf Stück für einen Para oder Heller unseres Geldes zu kaufen bekommt, an Diejenigen feil, welche sich das einfache Gebäck nicht selbst bereiten. In der Nähe des Suhkh sind einige Tokhahl zu schmutzigen Kaffehäusern eingerichtet worden. Der Haupthandcl Obe'rd's wird nicht auf dem Markte, sondern in den Wohnungen der Kaufleute abgemacht. Dort kann man jede beliebige Menge von Sklaven, Elfenbein, arabischem Gummi, Tamarindcnkuchen und anderen Erzeugnissen des Innern zu kaufen bekommen. Obenan steht der Sklavenhandel, dann folgt der des arabischen Gummi's und dann der des Elfenbeins. Das Gummi 305 wird im Lande Kordofahn in großer Quantität eingesammelt, das Elfenbein, von welchem man hier jährlich viele hundert Ccntncr umsetzt, gelangt zumeist von Dahr-Fuhr nach Obcid. Auch hier befindet sich der Handel fast nur in den Händen der Danagla. Sie sind in Nord-Ost-Afrika, wie die Juden in Europa, überall verbreitet, treiben verschiedene Handwerke, aber auch nebenbei noch andere Gewerbe, gleichviel ob diese entehrend sind oder nicht. Unter letzteren will ich bloß die Umgestaltung der Negerknaben in Eunuchen anführen, weil gerade aus Obeid die meisten jener, der Eifersucht der Türken unentbehrlich gewordenen und von diesen theuer bezahlten Unglücklichen hervorgehen. Der bei der Verstümmelung der Negerknaben sich ergebende Geldgewinn entschuldigt die grausame Barbarei in den Augen der inner- afrikanischen Völkerschaften leider noch immer. Eigentliche Handwerker giebt es wenige in Obcid. Die Türken brauchen nur Schneider, Schuhmacher, Sattler, Schmiede, Blcchschmiede, Gold- arbeiter und Schreiner, die Kordofahncsen gar keine. Auch diese Leute hat man in der Nähe des Marktes aufzusuchen. Mit den Negern der umliegenden Länder betreibt man einen ziemlich regen Tauschhandel. Aus Takhale und den Ländern der Nuba-Neger tauscht man Gold und Sklaven, aus Dahr-Fuhr Sklaven, Elfenbein, Straußenfedern u. s. w. gegen Glasperlen, Schießpulvcr — obgleich dieses auszuführen streng verboten ist — Baumwollenzeuge u. s. w. ein. Das Gold kommt, wie überall im Sudahn, in Ringen, welche die Neger in Thonformen gießen, in den Handel und soll nach Untersuchungen sachverständiger Männer mit das beste der Erde sein und dem venezianischen Dukatengolde an Reinheit nicht nachstehen. Vormals sollen die Goldringe von den Kordofahnesinnen allgemein als Schmuck getragen worden sein; die Türken ließen dem Volke Nichts von ihrem Reichthum. Oft wurden die grausamsten Mittel angewendet, um Gold zu erpressen. Jetzt erscheint es nur als Handelswaare, aber dennoch thut der Besitzer so köstlichen Gutes wohl, ein Geheimniß daraus zu machen; er dürfte sonst leicht mit hohen, ganz indirekten Steuern belegt oder gar in einen Prozeß, welcher seine Schätze 20 306 völlig fressen könnte, verwickelt werden. Nur die Frauen der in Kordofahn ansässigen Türken tragen heutigen Tages ungestraft im Lande gefertigtes Geschmeide. Es sind meistens ebenso einfache, als schöne, aus vier bis sechs verschieden starken, an beiden Enden zusammengeschmiedeten und strickartig zusammengedrehten Golddrähten bestehende Spangen. Zuweilen wiegt ein einziger Armreif vier bis sechs Unzen und hat dann, da man während unseres Aufenthaltes in Kordofahn die Unze Ringgold mit 380 Piastern verkaufte, 96 bis 150 Thaler (unseres Geldes) reinen Goldwerth. Die Goldarbeiter oder ,,Seiarh"*) verfertigen mit erstaunlich schlechten Werkzeugen vortreffliche Arbeiten. Ich sah türkische Tasscnhaltcr oder „Seruhf," Leuchter und andere in Filcgrain gearbeitete Gefäße , deren Ausführung auch einem europäischen Goldschmied keine Schande gemacht haben würde. Wie überall im ganzen cgyptischen Reiche ist auch in Kordofahn der Mangel an Kleingeld unangenehm fühlbar und hindert den raschen Betrieb des Handels gar sehr. In Charthum verliert man beim Wechseln großer Geldstücke (Marien-Thcresien-, Fünffrankenthaler und Landcsmünzen) regelmäßig fünfzehn bis zwanzig Prozent des Werthes, in Obeid würde das Mißverhältniß noch greller hervortreten, wenn man nicht daran gedacht hätte, ihm abzuhelfen. Man schmiedete kleine Eisenplatten, gab ihnen die Gestalt der früher beschriebenen Haschasch und deshalb auch denselben Namen. Man rechnet vierzig von ihnen auf einen Piaster und verwerthet sie demnach genau mit einem Heller unseres Geldes. Zur bequemeren Führung in Taschen hat man den unteren Theil, welchen ich den Stiel nennen möchte, umgebogen und alle scharfen Ecken möglichst abzustumpfen versucht. Der Haschasch giebt zugleich einen Maßstab zur Schätzung des Arbeitslohnes eines kor- dofahnesischen Handwerkers, weil Jeder, welcher Eisen zu schmelzen und zu bearbeiten versteht, sich so viele Haschasch anfertigen kann, als er will. Er wird, auch wenn er einen ganzen Tag ) Von „seirl>", schmelzen. 307 lang Geld schmiedet, doch nicht mehr als höchstens zwei bis drei Piaster verdienen. — El-Obe'id ist sehr weitläufig gebaut. Weil fast jedes Be- sitzthum mit einer Sericba umgeben ist, bilden sich überall in der Stadt kleine Abtheilungen, zwischen denen sich die Wege dahin ziehen. Diese sind so sandig und staubig, daß man bis über die Knöchel in den lockeren Boden einsinkt und bei der immer herrschenden, fürchterlichen Hitze zu ersticken fürchtet. Jeder Bewohner der Hauptstadt nimmt, wenn er sein Gut mit Erdmauern versieht, das dazu nöthige Material mitten aus der Stadt von der Straße weg. So entstehen Löcher, in denen sich aller Unrath sammelt. Da finden sich dann häufig auch Thicrleichcn, welche die Indolenz der Eingebornen, ohne sie zu verscharren, ruhig der Verwesung überläßt. Früher soll man sogar Mcnschcnleichen mitten in der Stadt unbcerdigt liegen gelassen haben, jetzt geschieht es, wenn es auch neuere Reisende behauptet haben, nicht mehr. Aber die Bewohner Oberd's verunreinigen die Gruben in jeder anderen Weise, weshalb sich aus ihnen auch immer ein kaum zu ertragender, die Luft von Obeid verpestender Gestank entwickelt. Das Trinkwasser der Hauptstadt ist schlecht. Nur wenige Brunnen enthalten trinkbares, d. h. nicht zu salziges. Man hält sich an die Mericsa, welche man hier vortrefflich zu bereiten versteht. Außer fortwährend bestehenden Mericsakneipen, in denen die blühenden, braunen, simbilduftenden Schcnkmädchen auch noch auf andere Wünsche der Gäste Rücksicht nehmen, findet man jeden Nachmittag auf allen größeren Plätzen Sklavinnen, welche das von ihnen bereitete, labende Getränk dem Durstigen anbieten und aus kleinen Kürbisschaalen verschenken. Auch brauen einzelne Familien Meriesa und Bilbil, um sie öffentlich auszuschenken. Wie in manchen Dörfern Deutschlands wird dann ein an einer langen Stange befestigter Strohwisch als ein niemals unberücksichtigt bleibendes Schenkzeichen ausgcsteckt. Die sehr gemischte Bevölkerung Obeid's mag nahe an zwan- zigtausend Seelen betragen. Man hört ebenso viel Arabisch, als Berberisch und nebenbei noch drei bis fünf Negersprachen reden. 20 * 308 Die Einwohner leben unter ganz ähnlichen Verhältnissen, als die Charthum's, sind aber, falls dies möglich, noch mehr sinnlichen Genüssen ergeben, grenzenlos ausschweifend und deshalb häufig zu Verbrechen geneigt. Erst nach Sonnenuntergang geht das eigentliche Leben an; während der Hitze des Tages bleibt man schlafend im Tokhul und verläßt diesen nur gezwungen, z. B. um auf den Markt zu gehen oder wirklich einmal eine Arbeit zu verrichten. Nachts hört man Gesang, das Klatschen taktschlagendcr Hände, Tarabukcnschall und andere Tanzmusik: man macht irgendwo Fan- thasie. Da geht dann die Liebe ihre heimlichen Wege und mit ihr der behutsam von Tokhul zu Tokhul schleichende Dieb, denn an ihnen ist die Hauptstadt sehr reich. Man darf Das, was die türkische Regierung, um diesem Uebel zu steuern, gethan hat, nicht verkennen. Noch vor einem Jahrzehnt war Niemand seines Eigenthums sicher. Jetzt macht man mit einem eingebrachten Diebe kurzen Prozeß: er wird ohne Weiteres vor dem Palaste des Gouverneurs aufgeknüpft. Musthafa-Pascha, der damalige Mudihr, war eine wahre Geisel aller Diebe und Räuber; die ersteren wurden gehängt, die letzteren vor die Mündung eines Geschützes, welches dann abgefeuert wurde, gebunden. Zu allen Arbeiten, welche die Faulheit der Einwohner scheut, gebraucht man hier die Packesel aller Stände, die Sklaven. Sie müssen Gärten und Felder bewässern, das Vieh hüten, Häuser bauen, Dornengehege errichten, daS Feld bebauen rc., während ihr Herr unthätig im Tokhul liegt oder sich mit der edlen Mericsa beschäftigt. Bei allen ihren schweren Arbeiten sind sie dennoch mit gewichtigen Ketten gefesselt. Wegen geringer Vergehen werden sie unmenschlich bestraft. Die Frauen Kordofahn's haben ebenso gut ihre Sklavinnen, als die Männer ihre Sklaven. Sie selbst arbeiten nur höchst Wenig, gehen gern müssig und scheuen die Sonne, um sich eine lichtere Hautfarbe, als die derjenigen Weiber ist, welche sich den Sonnenstrahlen oft aussetzen müssen, zu erhalten. Man findet auch wirklich, daß ihre Farbe zuweilen so hell, als die dunkler Europäerinnen ist. Ihre Körpergestalt ist idealisch schön zu nennen. 309 Der Umgang beider Geschlechter mit einander ist noch freier, als in Charthum und ähnelt dem leichtfertigen Wesen der Hassa- n'ie. Die Frauen unterscheiden sich in ihrem Betragen von den öffentlichen Mädchen Egyptcn's oder Charthum's, welche dem Fremden unverhohlen ihre Gunstbezeugungen anbieten, wenig oder nicht. Deshalb ist die Hauptstadt Kordofahn's dem sinnlichen Nubier stets ein Ort der Freude; dem gebildeten Europäer erscheint Obeid als Das, was es ist: als die unerträglichste, langweiligste Stadt von ganz Nord-Ost-Afrika. Der Weg nach Mclbeß führt durch die von mehreren Chuahr durchschnittene Chala. Während der Regenzeit fällt so viel Wasser auf jene Gegenden herab, daß diese periodischen Flüßchcn auch noch eine Zeit lang nachher Wasser zu erhalten und an ihren Ufern eine blühende Vegetation hervorzurufen im Stande sind. Uebcrall machte sich im Walde ein reges Thierlebcn bemerklich. Wir ritten deshalb langsam und beschäftigten uns mit der Jagd. Nach Einbruch der Nacht erreichten wir das Dorf, dessen Berg, der Djede! Mclbeß, schon lange sichtbar gewesen war und bezogen eine geräumige Rekuba, in welcher wir uns so gut als thunlich einrichteten. Mclbeß oder Mülpeß ist ein ziemlich großes Dorf mit einigen schlecht gehaltenen Gärten und vielen, mit vorzüglichem Wasser begabten Brunnen. Es liegt in einer von allen Seiten her abgeflachten Niederung, ist während der Regenzeit ein Paradies und zur Zeit der Dürre unzweifelhaft der angenehmste Ort Kordofahn's. Die das Dorf von allen Seiten einschließenden Wälder gehen nach Süden zu in die Urwälder der Negcrstaaten Tak- hale, Schcibuhn und Nuba über und beherbergen eine an Individuen und Arten außerordentlich reiche Thierwelt, zu deren Jagd die Bewohner des Dorfes allwöchentlich an bestimmten Tagen ausziehen. Tausende von Rindern, Ziegen und Schafen wei- 310 den unter Aufsicht der Hirten eines Nomadenstammes (der Kaba- biesch oder zu deutsch „der die Widder Hütenden") das Gras und die saftigen Baumblätter der Wälder ab und vereinigen sich jeden Mittag in der Nähe des Dorfes, um das ihnen von den Hirten inzwischen aus den Brunnen geschöpfte Wasser zu trinken. Der Naturforscher verlebt in Melbcß, so lange ihn das tückische Fieber nicht erfaßt und geistig und körperlich niederdrückt, herrliche, genußreiche Tage. Ich hatte vollauf zu thun, unsere mit Leichtigkeit errungene Jagdbeute zu präpariren und zu beschreiben. Die Jagd fiel immer reichlich und stets zu unserer Zufriedenheit aus. Verschiedene Adler-, Falken- und Geierartcn waren dem Kenner, die Prachtvögel der Wälder dem Auge ergötzlich, mehrere Arten wilder Hühner lieferten ihr köstliches Fleisch für die gewöhnlich schlecht bestellte Küche. Nachdem mich der Baron in Begleitung unseres Kochs verlassen hatte, war ich genöthigt, diese selbst zu besorgen. In der Wahl der Lebensmittel unendlich beschränkt , wurde es ein Festtag für uns, wenn wir ein leckeres Gericht Perlhühner, Frankoline oder Hasen erbeutet hatten. An Gemüse fehlte es uns stets. Ganz Kordofahn ist nicht mehr geeignet, gute Gemüse zu erzeugen. Das Land ist zu glühend, der Boden zu mager; die bekannten Pflanzen Egyptens, welche zu Gemüse verwendet werden und an welche sich die Türken gewöhnt haben, gedeihen nicht mehr. In den einigen wohlhabenden Einwohnern der Hauptstadt gehörigen Gärten sahen die Citronensträu- che verkrüppelt aus und trugen nur noch kleine, grüne, nie zur Reise gelangende und deshalb saftlose Früchte; die Melonen, welche in Charthum noch wohlschmeckend sind, können hier kaum mehr genossen werden; mit anderen Früchten ist es nicht besser. Aber wir litten anch oft an anderen Nahrungsmitteln Mangel. Fleisch und Butter waren trotz der zahlreichen Heerdcn nicht aufzutreiben, weil uns die Bewohner des Dorfes nur mit Widerwillen etwas Genießbares verabreichten; der Milch mußte ich aus Gcsundsheits- rücksichten entsagen, ein Huhn war eine seltene Speise. Wir aßen gewöhnlich die hier aus kohlschwarzen, schlissigen Durrahmehlkuchcn 311 bestehende Lukhmc der Eingebornen oder einen höchst einfach zubereiteten Reisbrei. Ich würde alle diese Entbehrungen über der herrlichen Ausbeute unserer Jagden vergessen haben, hätte mir das gar nicht mehr zu lindernde Fieber das Leben in dem einsamen Dorfe nicht so verbittert. Die Zeit meines Aufenthaltes in Melbeß war leider die ungesundeste des ganzen Jahres; die Nähe der Regenzeit machte sich mit jedem Tage fühlbarer. Heiße Südwinde warfen uns Wolken von Staub und Sand über den Hals, erschwerten uns das Athmen und wirkten bei ihrer starken elektrischen Spannung lähmend auf den Körper. So schlichen mir die Tage zuletzt doch recht langsam dahin und nur die Jagd erhielt mich aufrecht. Ohne sie wäre das Leben ein sehr trauriges gewesen. Den Tag über war es still in Meldest, die Nacht brachte mehr Leben. Sie ermunterte die trägen Einwohner und führte uns, wenn auch nicht immer gern gesehene Gäste aus dem nahen Walde zu. Die Ziegenmelker schnurrten dann gemüthlich auf den im Dorfe stehenden Bäumen, die Eulen kreischten ihren nur dem Laien unheimlichen Ruf von den Spitzen der Tokhahl herab. Mit ihnen erschienen auch andere Thiere. Hyänen besuchten das Dorf allnächtlich, wurden aber von den Hunden schon vor ihrem Eintreffen ausgewittert, mit heftigem Bellen begrüßt und von der vereinigten Meute des ganzen Dorfes zurückgetrieben. Dann kehrten sie heulend in die Wälder zurück. Während meiner Anwesenheit in Meldest kam aber auch ein Löwe zweimal bis vor die Hütten des Dorfes und tödtctc das erste Mal ein Kamel, das zweite Mal einen Ochsen. Bon Beiden fraß das edle Thier nur höchst wenig; am andern Tage schössen wir Geier auf den Ueberrcstcn der königlichen Tafel; die nächsten Nächte versammelte sich eine Schaar hungriger Hyänen auf dem saftigen Aase. Bei seiner Ankunft, welche er durch mehrmaliges donnerndes Brüllen verkündete, benahmen sich die sonst muthigcn Hunde feig. Sie wagten sich nicht zu einem Angriffe aus dem Dorfe hervor, sondern verkrochen sich heulend in einem Winkel der Serieba. Außer Löwen und 312 Hyänen umschlichen wohl auch Panther und Jagdleopardcn (^olis Futtata) bei nächtlicher Weile das Dorf. Am 17. April vkrließ mich der Baron Müller, um sich mit Musth afa-Pascha und Herrn Petherik über eine von uns beabsichtigte Reise nach Takhale zu besprechen. Ich blieb mit einem von mir in dem Abhäuten der Vogel und Säugethicre unterrichteten Diener in Meldest zurück. Abends zogen Gewitterwolken am Horizonte auf, einzelne Regentropfen, die Boten der kommenden Regenzeit fielen in unserer Nähe nieder; ich begrüßte sie als traute Bekannte aus der fernen Heimath, denn seit meiner Abreise aus Europa hatte ich keinen Regen gesehen. Im Süden erhellten einzelne Blitze von Zeit zu Zeit den dunklen Himmel, das Gewitter war fern, aber dennoch hörten wir dann und wann ein leises Grollen des Donners. Aus einem mir am 26. April zukommenden Briefe des Barons erfuhr ich, daß am dreiundzwanzigsten April Ostern gewesen war. Ich hatte es nicht gewußt und war am Ostersonntage gerade sehr krank gewesen. So sehr aller heimischen Sitte entfremdet, verlebte ich meine Tage in dem wie von der übrigen Welt abgeschiedenen Walddorfe. Mein Gefährte kehrte am zweiten Mai zu mir zurück. Wir bereiteten uns nun ernstlich auf die projcktirte Reise vor, obgleich man uns die Neger von Takhale als furchtbare Feinde der Weißen geschildert und noch außerdem vor den Bakhahra-Arabcrn*) *) Die Bakhahra — von „Bakhr", das Rind — sind Nomaden, welche sich zwischen dem vierzehnten und elften Grade nördlicher Breite herumtreiben. Sie besitzen ausgezeichnet schöne Rinderheerden und ganz vorzügliche Pferde, sind ein sehr wohlgebauter Menschenschlag, aber wegen ihrer Grausamkeit und Kinderräuberei in Kordofahn übelberüchtigt. Dem Namen nach unterjocht, liegen sie dennoch mit den Beherrschern des Landes und anderen Araberstämmen (z. B. den Kababiesch, Dahr-Ham- m er) in beständiger Fehde und sind ebensowohl als Krieger, als auch als Räuber gefürchtet. 313 gewarnt hatte. Die letzteren waren vor nicht langer Zeit fünftausend Mann stark in Kordofahn eingefallen, hatten dort Hecrden und Menschen geraubt und sollten von der Regierung gezüchtigt werden; Grund genug, sie gerade jetzt besonders zu fürchten. Wir wollten jedoch unseren Lieblungsplan, ein noch von keinem Europäer betretenes Land zu besuchen, nicht aufgeben und beschlossen dennoch, aber mit äußerster Vorsicht, zu reisen. Die Ausführung unseres schönen Projekts scheiterte an Etwas, woran wir gar nicht gedacht hatten. Wir waren, behufs der noch nöthigen Ankäufe für die Reise, in Obcid gewesen und kehrten am 10. Mai nach Melbeß zurück, um dort die nöthigen Kamele zu miethen. Es fanden sich auch bald kamclbcsitzcnde Araber bei uns ein, alle aber waren, trotz der ihnen versprochenen reichlichen Trinkgelder, nicht zu bewegen, uns ihre Thiere für eine Reise nach Tak- hale zu überlassen. Wir waren recht mißmulhig, sahen aber schon wenige Tage später ein, daß wir alle Ursache hatten, unserem in Gestalt dunkelbrauner Kordofahnesen verkörperten Geschick zu danken. Vor ungefähr vierzehn Tagen war eine große Handelskarawane, welcher wir uns sehr gern angeschlossen haben würden, wenn wir von ihrer Ausrüstung Kunde gehabt hätten, nach Takhale abgegangen. Sie zog unter der Führung eines hochgeachteten und wohlhabenden Scher! es oder Nachkommen des Propheten, um dem Könige dieses Staates von ihm gewünschte Waaren zu überbringen. Man versicherte uns allgemein, daß wir unter der Leitung jenes Mannes vollkommen sicher hätten reisen können. Am 14. Mai kamen einige Kameltreiber der Karawane nach Kordofahn zurück. Nach ihren Erzählungen hatte sie der Ncgcrkönig schon an der Grenze seines Reiches empfangen und bewillkommt. Ohne Argwohn zogen sie mit ihm seiner Hauptstadt zu. Aber noch ehe sie diese erreichten, fiel ein Haufen Schwarzer plötzlich über sie, warf sie zu Boden, fesselte sie, prügelte sie halbtodt, nahm ihnen Waffen und Lastthicre weg und überließ sie ohne Nahrungsmittel hohnlachend ihrem Schicksale. Drei Kameltreiber des ungefähr zwanzig Personen starken Reisezuges waren in Kordofahn angekommen, von den Uebrigcn wußte man Nichts. 31L Diese einzige Thatsache erklärt die Schwierigkeit, in Afrika neue Länder zu bereisen, hinlänglich. So weit die Weißen den Schwarzen bekannt wurden, sind sie ihnen auch verhaßt geworden. Erst dann, wenn der Reisende jene Länder der Neger, in denen man noch weiß, daß es weiße Menschen giebt, glücklich durchzogen hat, ist er vor der Rache der Schwarzen sicher; ihr Jähzorn ist aber auch dann noch in sehr ernste Erwägung zu ziehen. Der mit den Sitten und Gebräuchen halbwilder Völker unbekannte Reisende kann gar zu leicht durch ein bloßes Mißverständniß den schnell aufbrausenden Zorn jener Naturkinder erregen und ihm zum Opfer werden. Möglich, daß der Neger später die Handlung seiner Hitze bereut, — aber der Forscher hat unnütz sein Leben verloren. Von dem allen Forschungen früher oder später ein Ziel setzenden, mörderischen Klima habe ich bei Erwähnung dieser Gefahren noch ganz abgesehen. Ich will die Möglichkeit, Afrika zu durchwandern oder die Quellen des Nils zu entdecken, nicht bezweifeln, glaube aber nur dann an die Verwirklichung derselben, wenn sich eine ziemliche Anzahl junger und entschlossener, mit allem Nöthigen wohl versehener und von einer europäischen Regierung thätig unterstützter Europäer, in der Voraussicht, fünfzig Prozent ihrer Gefährten zu verlieren, auf die Reise macht. Nur eine deutsche Großmacht oder England würde ein solches Vorhaben kräftig unterstützen und nur Deutsche oder Engländer scheinen mir zur Ausführung desselben geeignet. Dies beiläufig; es kann meine Absicht nicht sein, das nur auf meine eigene Ansicht gegründete „Für und Wider" inncrasrikanischcr Entdek- kungsreiscn hier genauer aus einander zu setzen. — Die mehr und mehr herannahende Regenzeit, unsere fortwährenden Krankheiten und das Zu-Ende-Gchcn unseres Reisegeldes bestimmten uns zur baldigen Rückreise nach Charthum. Ich verließ mit meinem sämmtlichen Gepäck Mclbeß am 20. Mai und zog nach Obeld, wo wir noch einige Tage verweilten, zurück. Am 25. Mai traten wir unsere Rückreise an. Wir ließen die Lastkamele vorausgehen und behielten nur einen Bedienten, welcher einen lebenden, halberwachsenen „Bakhr cl Chala" oder Steppenrind (.Antilope Isueor^x) auf seinem Kamele transportiren sollte, bei 315 uns zurück. Das Letztere konnte aber nicht so leicht, als wir gedacht hatten, in's Werk gesetzt werden. Zuerst hatten wir alle Mühe, das große unbeholfene Thier, welches nach der albernen Ansicht der Araber noch nicht marschfähig sein sollte, auf dem Kamele zu befestigen; es rutschte bald auf der einen, bald auf der anderen Seite herunter. Der zweite Ucbelstand war, daß sich weder der Bediente, noch das Kamel mit dem sonderbaren Rcisegesell- schaftcr vertragen konnte. Die Antilope stieß Beide mit ihren spiz- zcn Hörnern oder gab ihnen mit den starken Läufen so nachdrückliche Rippenstöße, daß Kamel und Reiter murrten, und Ersteres zum großen Verdruß des Letzteren schließlich noch entrüstet durchging. Nach langen Bemühungen gelang es uns, den Bakhr el Chala so in Teppiche zu wickeln, daß er sich nicht regen konnte, und wir verließen nun die Hauptstadt erst mit Einbruch der Dunkelheit. Ich hatte bis drei Uhr Nachmittags einen Fieberanfall gehabt und war so schwach, daß ich mich kaum im Sattel erhalten konnte. Mein hochbepacktes Kamel ging den anderen beiden langsam voraus und schritt bedächtig zwischen den verschiedenen Sericahb*) des Bezirkes Tar harrn, in denen wir uns fast verirrt hatten, dahin. Plötzlich machte der durch irgend Etwas erschreckte Hcdjihn einige tolle Sprünge und warf mich, weil ich mich nicht darauf vorgesehen hatte, sammt dem Sattel ab. Man fing das erboste Thier; ich sattelte es von Neuem und fiel wegen meiner Schwäche zum zweiten Male. Ich ritt nun recht mißgestimmt weiter. Die Nacht überraschte uns ganz in der Nähe der letzten Tok- hahl Obeid's; meine grenzenlose Mattigkeit erlaubte mir die Weiterreise nicht; wir mußten uns nach kurzem Ritte in der weiten Steppe lagern. Nach Aufgang des Mondes verließen wir unseren Lagerplatz und zogen dem Djebcl Kurbatsch zu. Bei anbrechendem Morgen hatten wir ihn noch nicht erreicht und irrten rath- los in der Steppe herum. Ein dichter, den Sonnenstrahlen undurchdringlicher Nebel deckte die Ebene. Wir waren vom Wege abgekommen und konnten, weil auch unser Kompaß sich zufällig °) Plural von Serieba. 316 unter dem übrigen, mit der Karawane vorausgegangenen Gepäck befand, uns nicht einmal mehr nach den Himmelsgegenden orien- tiren. Da sahen wir zwei Holz einsammelnde Neger und baten sie, uns den Weg zu zeigen; sie weigerten sich, es zu thun. Noth kennt kein Gebot. Wir hätten, wenn wir ohne Führer weiter geritten wären, inmitten der Steppe verhungern oder verdursten können. Deshalb zwangen wir einen der Neger, unser Führer zu sein, bedrohten ihn, wenn er uns absichtlich auf einen falschen Weg bringen würde, mit dem Tode, und versprachen ihm im entgegengesetzten Falle einen reichlichen Bakhschiesch. Sein Kamerad bat unS vergebens um die Freigebung des in unseren Dienst Gepreßten und entfernte sich dann unter lauten Schmähungen. Der Erstere brachte uns nach mehrstündigem scharfen Ritte wirklich auf den Rücken des „Pcitschcnbcrgcs" *) und von dort auf eine sehr begangene Straße. Er wurde nun entlassen und beschenkt, zog es aber vor, noch bis zu dem nächsten Dorfe mit uns zu gehen, um dort sein Kapital sogleich in Meriesa anzulegen. Ehe wir die wenigen Hütten desselben erreichten, hatten wir ein neues Mißgeschick. Die zahme Antilope entsprang und spottete allen Bemühungen, ihrer wieder habhaft zu werden. Als ob sie den Vollgcnuß der Freiheit fühle, entrann sie mit großen Sätzen bald dem Bereiche unserer Augen. Es war fast Mittag geworden, als wir in der kleinen Hil- la**) Tomaht anlangten. Die Sonne lag, nachdem sie die Dünste des Morgens zertheilt hatte, mit ihrer ganzen Kraft auf der staubigen Ebene. Wir waren durstig und sehr müde. Man bot uns brühwarmes Schlauchwasscr, welches unsern Durst nur noch vermehrte. Um so mehr hofften wir durch den uns fehlenden Schlaf erquickt zu werden und betraten deshalb sogleich eine kleine ») Diebel el Kurbatsch. **) Unter Hilla versteht man inKordofahn ein kleines Dorf mit wenigen Hütten, — einen Weiler. — Die Egypter gebrauchen dafür das Wort Kaffr. Ein größeres Dorf wird in beiden Landern Belled genannt; ein Städtchen heißt Bänder, eine Stadt Medihue, eine Hauptstadt Massr. 317 Rckuba, wo wir auf klastischem Ankharehb auch alsbald die gewünschte Ruhe fanden. Ein wüthendes Geheul schreckte uns vom Schlafe auf. Ich schaute verwundert nach der Thür der Hütte und sah durch sie einen halbnackten, schwarzen Kerl hereinkommen und mit einem langen, gezogenen Schwerte auf mich zustürzen, wobei er den vor der Hütte Brüllenden zurief: „Kommt, bier sind sie, die Hunde, kommt und schlagt sie nieder!" Mit einem furchtbaren Kolbenschlagc warf ich den Wüthenden zurück, dann erweckte ich den im Innern des mit der Rckuba verbundenen Tokhul schlafenden Baron und unseren Diener Aali. Wir griffen zu unseren Waffen und drohten jeden Eindringling niederzuschießen. Da glaubte Aali, von Jenen gehört zu haben, daß sie uns die Hütte über unserem Haupte anzünden wollten. Jetzt waren wir genöthigt, diese zu verlassen, wurden aber im selben Augenblick von ungefähr fünfzehn Negern, welche auf uns einstürmten und uns ihre Lanzen in einer Entfernung von weniger als einem halben Fuß auf die Brust setzten, umringt. Die Ucbermacht der Schwarzen war so groß, daß, wie ich sofort einsah, jeder Vertheidigungsversuch unseren sicheren Untergang zur Folge gehabt haben würde. Aber ich hatte alle Mühe, davon auch den Baron, welcher beide Pistolen gespannt vor sich hinhielt und schießen wollte, zu überzeugen. Wir wären, selbst wenn wir sechs oder acht von ihnen getödtct hätten, noch immer verloren gewesen. Jedem von uns standen vier oder fünf Schwarze so nahe gegenüber, daß sie uns ihre Lanzen mit einer einzigen Armbewegung in die Brust stoßen konnten. Es war jedenfalls das Klügste in unserer Lage, uns, bei all' der im Innern tobenden Wuth und Rachelust, aufs Bitten zu legen, aber das thierische Gebrüll der Neger verschlang unsere Worte. Wir zogen uns, um einigermaßen geschützt zu sein, langsam nach der Thür der Rckuba zurück. Die Hülfe kam von einer Seite, von welcher wir sie nicht erwarten konnten. Ein Araber, mit milchweißem Barte, eilte, ohne zu wissen, um Was es sich handle, zu unserer Rettung herbei. Die Schwarzen schienen ihn zu kennen. Er trieb sie, welche sich vor den toddrohenden Röhren unserer Gewehre nicht gefürchtet hatten, mit der Peitsche zurück und brachte Ruhe in den tobenden Haufen. 318 Von ihm erst erfuhren wir die Ursache des wüthenden Anfalls der rasenden Schwarzen. Wir waren für Sklavenräubcr gehalten worden. Jener Neger, welcher uns um die Freilassung seines Gefährten gebeten hatte, war zu seinem Herrn, einem wohlhabenden Schech, gelaufen und hatte diesem mitgetheilt, daß zwei Türken — für solche wurden wir gehalten — einen seiner Sklaven gewaltsam entführt hätten. Der Schech versammelte sogleich die Schaar seiner Sklaven, begeisterte sie durch reichlich gespendete Meriesa, bewaffnete sie und gebot ihnen, die „weißen Hunde" zu verfolgen und zu todten, jedenfalls aber zur Herausgabe seines Eigenthums zu zwingen. Halb berauscht war die den Spuren unserer Kamele gefolgte Rotte in der Hilla angekommen, hatte unseren Aufenthalt erkundet und uns in der Meinung, daß wir den geraubten Neger in unserer Rekuba gefangen hielten, überfallen. Unser Befreier durchsuchte die Hütte, fand aber den Sklaven nicht in ihr, sondern berauscht in einer anderen, wo er während des ungeheuren Tumults ruhig geschlafen hatte. Nachdem sich die Sache aufgeklärt und unsere Unschuld sich herausgestellt hatte, baten uns die nüchtern gewordenen Feinde demüthig um Verzeihung und um einen Bakhschiesch, damit auch sie Meriesa trinken könnten. Wir trieben sie zurück und nahmen jetzt einen drohenden Ton an. Sie bestiegen deshalb bald ihre Kamele, nahmen unseren Wegweiser in ihre Mitte und ritten eilig davon. Jetzt schienen sie unsere Rache oder unsere weittragenden Feuerwaffen zu fürchten; sie ritten, so schnell ihre Kamele laufen wollten. Auch wir waren herzlich froh, von ihrer Gesellschaft befreit zu sein, und brachen nach kurzer Erholung von dem ausgestandenen Schrecken zur Weiterreise auf. In einem einzeln stehenden Tokhul, dessen Besitzer den Baron schon einmal beherbergt hatten, blieben wir über Nacht und genossen der Gastfreundschaft guter Kordofahnesen in ihrer vollsten Ausdehnung. Am 27. Mai saßen wir bereits zwei Stunden vor Sonnenaufgang wieder im Sattel und zogen dann bis Tagesanbruch zwischen Dochenfeldern dahin. Noch schliefen des Tages Vogel, aber die der Nacht waren, wie immer, gegen Morgen um so munterer. 319 Langgeschwänzte Ziegenmelker, deren Paarungszeit herannahte, umflogen die einzeln stehenden Bäume der Steppe, von denen die Männchen, den weiten Rachen nur wenig geöffnet, ihre gemüthliche Weise herunterschnurrten. Nach und nach wurde mehr Leben. Der „Makhar" oder Mag gar der Eingcborncn (Otis nuda) rief schallend seinen Namen und erregte damit bald den Unwillen anderer Männchen, welche, eifersüchtig auf paarungsfähige Weibchen, laut und zornig antworteten. Ein Droßling (Ixo8 ob- sourus) erwachte nun auch von dem Schelten der erbosten Trappen und schmetterte seine volltönenden Lieder der Sonne entgegen, die weißbrüstige Krähe (Oorvus seapnlatns) erwiderte diese mit eintönigem Krächzen, nur ein Pärchen von Raubadlern saß noch still und regte sich nicht. Gegen Mittag erreichten wir das Dorf Chursi und fanden dort unsere Diener mit dem Reisegepäck, aber ohne Kamele zur Weiterreise. Der Baron schickte sogleich den Nubier Jdrieß nach dem nahen Bara und ließ unseren Bekannten, Husse'in-Kahschef, um Lastthicre ersuchen. Dieser schien keine Lust zu haben, unsere Bitte zu gewähren. Er entschuldigte sich mit einer Lüge und behauptete, für die Regierung fünfzig Lastkamcle stellen zu müssen. Wahrscheinlich war er durch den Engländer Pctherik, welcher sich gerade in Bara aufhielt und mit dem Baron wegen eines Be« dienten überwarfen hatte, bestimmt worden, uns jede Gefälligkeit zu versagen. Wir mußten mehrere Tage in Chursi verweilen. Der Baron lag am Fieber darnieder, ich konnte mich kaum aufrecht erhalten. Die Jahreszeit war schon so weit vorgeschritten, daß wir jeden Tag Regengüsse erwarten konnten; die schon in Mclbeß uns unangenehm gewordenen Südwinde nahmen von Tag zu Tag an Hitze zu und ermatteten mich in außerordentlich hohem Grade. Oft durften wir, weil sie die Atmosphäre zum Ersticken mit Staub erfüllten, den Tokhul nicht verlassen. Ein kühlender Nordwind, welcher aber selten lange anhielt, wurde für den gepeinigten Körper zur Wohlthat. Die Hitze hatte ihr Marimum erreicht und stieg bei Südwind im Schatten der Strohhütten einmal auf-s-äS" Reaum.; 320 das der Sonne ausgesetzte oder in den Sand gestellte Thermometer zeigte nicht selten fünsundfunfzig Grade. Der Körper triefte Tag und Nacht von Schweiß. Am 4. Juni verließ ich den Baron, um den Engländer, mit welchem ich noch Einiges abzumachen hatte, aufzusuchen. Der Tag war sehr heiß gewesen, der Himmel hatte sich mit Wolken umzogen; es stand Regen oder wenigstens Sturm bevor. Gegen Abend wurden die Wolken dichter. Der Himmel erschien dunkelschwarz. Jetzt brach der Sturm über mich herein und drohte mich vom Kamele zu reißen; das Thier wurde unruhig und wild. Ich ritt, so schnell es laufen konnte, auf dem mir unbekannten Wege dahin. Langst schon hätte ich im nächsten Dorfe sein müssen, die Nacht brach herein, ich hatte noch immer keine Spur einer menschlichen Anstedlung entdeckt. Es wurde mir klar, daß ich mich verirrt hatte; ich fürchtete, den Weg vollends zu verlieren. Da stieg ich von meinem Kamele ab, band es an eine stachelige Mimose und legte mich daneben. Vergebens versuchte ich, Feuer anzumachen; der heftige Wind blies es mir aus. Ich hatte, außer einem dünnen Pelze, Nichts bei mir, um mich gegen die Kühle der Nacht zu schützen. Dennoch schlief ich bald ein. Der Sturm heulte die ganze Nacht hindurch mit den Hyänen um die Wette. Am Morgen nach der unruhvoll verbrachten Nacht hatte ich mich aus dem Sande, mit welchem mich der Sturm überschüttet hatte, förmlich herauszuarbeiten. Jetzt war eine wohlthuende Stille in der Natur eingetreten. Der Wind hatte sich gelegt, die Morgenröthe leuchtete prächtig im Osten, einzelne Vogelstimmen riefen dem kommenden Tage ihre Grüße zu. Lange vor Sonnenaufgang saß ich wieder im Sattel. Ich ritt auf gebahnten Wegen und spähte von meinem hohen Sitze herab nach den in der Ferne glänzenden Straußenciern der Tokhulspitzen eines Dorfes. Mein Was- servorrath war erschöpft, zu einem recht fühlbaren Hunger gesellte sich brennender Durst. Die Hitze wurde bald wieder unerträglich. Endlich nach achtstündigem, scharfem Ritte kam ich in Dochenfel- der und bald darauf in ein kleines Dorf. Mein Kamel war wie ich zum Umfallen müde und hungrig; ich glaubte vor Durst ver- 321 gehen zu müssen. Der Schech des Dorfes nahm mich gastfreundlich auf und bewirthete mich mit saurer Milch und schwarzem Durrahbrode, den einzigen Nahrungsmitteln, welche er hatte. Mein Hcdjihn schlang begierig die goldenen Dochenkörncr hinunter. Auf die Erkältung der Nacht, vielleicht auch auf das unpassende Mittagsbrod, folgte eine heftige Kolik und Dissenterie, welche mich des Reitens beinahe unfähig machte. Doch konnte ich hier nicht verweilen. Nachdem ich mich nach dem Wege erkundigt hatte, ritt ich, mich dem Dorfe Tcndar zuwendend, ungeachtet der mich peinigenden Schmerzen weiter. Die Gegend, welche ich heute durchzog, war von allen bis jetzt in Kordofahn besuchten Oertlichkeitcn verschieden. Zwischen zu- sammensortlaufcnden, sich mannigfaltig verzweigenden Bergrücken lag Kessel an Kessel. Diese Vertiefungen, welche sehr gut bebaut und zahlreich bevölkert zu sein schienen, fielen meistens sehr steil ab; im Grunde lag gewöhnlich ein Brunnen und ein um diesen erbautes Dorf; ihr Durchmesser wechselte zwischen dreihundert bis sechstausend Schritten. Die weinbergähnlichen Abhänge enthielten die rings um den Hügel herumlaufenden Dochcnfelder; auf den Hügeln vereinigten sich die sonst einzeln stehenden Bäume der Steppe zu dichteren Gruppen. Gegend Abend erreichte ich die Hilla des Schech Fadtl-Allah. An den Brunnen des Dorfes schien die halbe Bevölkerung beschäftigt zu sein. Einige tränkten das Vieh, Andere schöpften Wasser, wieder Andere wuschen ihre Kleider. Die letztgenannte Verrichtung fiel mir besonders wegen der eigenthümlichen Seife auf, welche die Waschenden anwandten. Die Frucht eines sehr stacheligen Baumes der tropischen Wälder, welche sammt Blättern und Zweigen des Baumes von den Elephanten sehr gern gefressen wird, giebt, entkernt, gequetscht und mit Wasser vermischt, einen reichlichen Schaum, welcher durch Schlagen mit den Händen oder, wie im Sudahn gebräuchlich, durch Stampfen mit den Füßen dick und zur Reinigung der Zeuge geeignet wird. Das Waschen selbst war hier erstaunlich einfach. Die Leute scharrten eine flache Vertiefung in den Sand, legten ein ziemlich wasserdichtes Ledcrstück über sie 21 322 hinweg, füllten diese eigenthümliche Mulde mit Wasser und der genannten Frucht, warfen ihr einziges Kleidungsstück obendrauf und begannen nun, von einem Fuße auf den andern tretend, das Zeug nach Möglichkeit durchzuwalken. Dann wurde die Wäsche ausgerungcn und zum Trocknen der Sonne ausgesetzt. Wie kräftig die Wirkung der Sonnenstrahlen ist, mag daraus hervorgehen, daß zwei Personen das Zeug so lange hielten, bis es trocken war. Wenn bei hohem Nilstande die Fluchen des Bahhr el ab Ladt noch ziemlich rein sind, sieht man täglich Hunderte der Einwohner Charthum's nach dem Flnsse gehen, um in der oben beschriebenen Weise ihre Kleider zu reinigen. Mit Einbruch der Nacht hielt ich mein Kamel vor einem einzeln stehenden Tokhul an und beschloß, daselbst zu übernachten. Der Besitzer der Hütte, welcher mich für einen Türken und folglich Soldaten hielt, versicherte mir vor allen Dingen, daß er weder für mich, noch für mein Neitthier etwas Eß- oder Trinkbares in seinem Haushalte habe, daß aber ganz in der Nähe ein Weiler sei, zu welchem er mich führen wolle. Ich war damit zufrieden und unser Schwarzer herzlich froh, das drohende Unwetter von seinem Hause abgelenkt und anf die Häupter seiner Nachbarn gewendet zu haben. Nach fünf Minuten kam ich unter der Leitung meines jetzt sehr dienstwilligen Führers in der Hilla an und blieb dort über Nacht. Am 6. Juni. Das Dorf Tendar war von meinem Nachtlager nicht weit entfernt. Ich erreichte es schon vor Sonnenaufgang und ritt dann in nordöstlicher Richtung über eine öde, traurige Savanne nach der Hilla Umsersuhr. Mr. Petherik empfing mich mit großer Freundlichkeit und gab mir sogleich starke, aber wohlthuende Arznei gegen meine Dissenterie. Ich blieb mehrere Tage bei ihm und begleitete ihn, nachdem ich so ziemlich wieder hergestellt war, nach mehreren Dörfern, deren Umgegend er auf Eisen prüfen wollte. Am 16. Juni traf ich mit dem Baron in dem Dorfe Seröga wieder zusammen. Unsere Bedienten waren mit dem Gepäck bereits vorausgezogen, weshalb wir den Ort bald nach meiner An- 323 kunst verließen. Mittags rasteten wir in der Hilla Um-Sa- murh *) und fanden hier völlig untrinkbares, außerordentlich salziges Wasser, Abends trafen wir in der Hilla Mahadjer — zu deutsch „dem steinigen Dorfe" — ein und übernachteten daselbst. Die Steine waren nicht daS einzige Unangenehme des Ortes. Es war uns unmöglich, Hühner zum Essen und Meriesa zum Trinken zu bekommen und wir mußten wieder einmal mit den eckelhasten Durrahkuchen und ebenso widerlichem Wasser vorlieb nehmen. Wir ritten am 18. Juni über Schetieb nach dem schön genannten Dorfe Allah - Amahne, „Gottesfrieden," fanden dort aber von der von Rusfegger gerühmten Gastfreundschaft der Bewohner keine Spur mehr. Nur gewaltsame Maßregeln verschafften uns und unseren Thieren die nöthigen Nahrungsmittel. Nachdem der Mond aufgegangen war, wollten wir weiter reisen , aber im ganzen Dorfe war kein Führer zu finden. Alle Männer waren in der Voraussetzung, von uns zu Dienstleistungen gezwungen zu werden, durchgegangen. Auf ihre Artigkeit vertrauend, ließ der Baron nach langem vergeblichen Suchen nach etwas Männlichem drei Frauen des Dorfes ergreifen und beschloß, diese so lange, bis die Männer sie ausgelöst und sich zu Führcrdiensten bereit erklärt haben würden, als Geiseln zu behalten. Wir hatten die Kordo- fahnesen sehr falsch beurtheilt. Die Männer ließen sich weder hören noch sehen; wir mußten die Frauen endlich doch wieder freigeben. Zum Glück fand einer unserer Kameltreiber den richtigen Weg und erklärte sich zu unserem Führer. Unter seiner Leitung erreichten wir bald die Sawannc und ritten noch länger als vier Stunden in die Nacht hinein. Es war eine jener herrlichen Tropennächte kurz vor der Regenzeit, welche man selbst durchlebt haben muß, um sich eine würdige Vorstellung von ihr machen zu können. Mir fiel heute mehr als je v. Humboldt's schöne Schilderung der Nächte in den südamerika- *) Das Wort „Hilla" ist weiblich. Deswegen führen hier die Dörfer statt des in Egypten gebräuchlichen „Ab u" — Vater, den Beinamen „Um" — Mutter. Um-Samurh bedeutet „Mutter des Gummi." 21 * 324 nischen Steppen ein, obgleich diese von den Nachten der Tropen-- gegenden Afrika's sehr verschieden sein müssen: „Tritt endlich nach langer Dürre die wohlthätige Regenzeit ein, so verändert sich plötzlich die Scene in der Steppe. Das tiefe Blau des bis dahin nie bewölkten Himmels wird lichter. Kaum erkennt man bei Nacht den schwarzen Raum im Sternbild deö südlichen Kreuzes. Der sanfte phosphorartige Schimmer der magela- nischen Wolken verlischt. Selbst die scheitelrechten Gestirne des Adlers und des Schlangcnträgcrs leuchten mit zitterndem, minder planetarischcm Lichte. Wie ein entlegnes Gebirge erscheint einzelnes Gewölk im Süden. Nebelartig breiten die Dünste sich über dem Zenith aus. Den belebenden Regen verkündet der ferne Donner"*). Hier war es heute anders. Wohl ballten sich im Süden dunkle, rcgenkündende Wolken zusammen und entsandten leuchtende Blitze, deren Donner sich bei uns in leisem Gemurmel verlor, aber senkrecht über uns leuchteten die Sterne noch in ihrer unendlichen Klarheit. Auch das Kreuz strahlte noch freundlich auf uns hernieder, die Atmosphäre war rein und heiter. Der südliche Himmel zeigte uns noch seine ganze Schönheit. In seiner tiefen Schwärze wölbte er sich über uns. Am 19. Juni. Der erste Strahl der Tagcskönigin traf uns bereits im hohen Sattel. Zur Linken überragte der Djebel el Dejuhs, der „Berg der Böcke," den Graswald der Sawanne. Seine dunkeln zackigen Gipfel zeichneten sich scharf am Horizonte ab. Nach kurzem Ritte kamen wir zu der Stelle, auf welcher früher das Dorf Sahkra stand; jetzt war keine Spur mehr davon zu bemerken. Es ist in Kordofahn gar nichts Seltenes, daß die Bewohner eines Dorfes ihren Wohnsitz verändern und ihr Dorf gänzlich verlassen. Die Ursache dazu kann ein «erstechender Brunnen oder ein entholztcr Wald werden. Dann verschwindet ein Dorf fast ebenso schnell, als es entstand. Die Termite verzehrt oder durchbohrt das Holzwerk des Tokhul, den Sturm zerstreut die leichten Trümmer, 9 A. r. Humboldts Ansichten der Natur. 325 der Regen deckt sie mit Sande zu. Das Gras wuchert dann zwischen den Gassen des Dorfes auf; in Jahresfrist hat sich die Steppe wieder des ihr Entrissenen bemächtigt. Wo Sahkra gestanden hatte, schallte heute der Ruf des Makhar. Um Mittag lagerten wir uns im Schatten einiger Mimosen. Eine drückende Schwüle lag auf der Ebene. Der Himmel war leicht bewölkt. Da erhob sich ein leiser, glühender Wind, welcher, mehr und mehr an Stärke und Hitze zunehmend, zuletzt in Sturm überging. Es war der Samuhm. Unsere Kamele wurden unruhig und wild, die Treiber ängstlich. Zum Glück wehte der Sturm kaum eine halbe Stunde lang. Wir konnten unsere Reise fortsetzen, waren aber sehr erschöpft. Zur Zeit des Nachmittagsgebetes begegneten wir einem Araber, welcher zwei Kamele langsam vor sich Hertrieb. Wir fragten ihn freundlich, wie weit es noch nach Helba, einer von allen benachbarten Dörfern weit entfernten Hilla, sei und erhielten die Antwort: „Reitet, mit Sonnenuntergang trinkt ihr von dem frischen Wasser des dortigen Bihr; ich habe den Ort erst kurz vor dem Aassr verlassen." Uns auf den hier von allen Reisenden gehaltenen Rasttag und eine Burma guter Mcriesa freuend, trieben wir die Hedjinihn zu frischem Laufe an und eilten der ersehnten Hilla zu. Mehr als die Hälfte der uns von dem Araber angegebenen Wegstrecke hatten wir zurückgelegt, noch immer wollte das Dorf nicht zum Vorschein kommen; noch hörten wir kein Hundcgcbcll. Nur zuweilen unterbrach das eintönige Geheul eines einzelnen, entfernten Schakals die Stille des Abends. Mit Recht verwünschten wir den Araber, welcher uns ohne allen Grund belogen hatte. Die Nacht war vollkommen hereingebrochen. Wir waren der Karawane weit vorausgeeilt und machten Halt, um sie zu erwarten. Bald loderte ein weithin leuchtendes Feuer neben unseren auf den Boden.gebreiteten Teppichen. Es sollte der herannahenden Karawane ein Anzeichen unseres Aufenthaltes sein, zog aber zugleich auch ungebetene Gäste herbei. In Schaarcn lief der Steppe Gewürm und Ungeziefer dem Lichte zu. Taranteln mit sechs finger- 326 langen, behaarten Füßen, Skorpionen mit dem zum Stich erhobenen Schwänze eilten, zum Theil über unsere Teppiche hinweg, wie von einem Magnet angezogen, nach unserem Feuer. Neben uns ringelte und zischte eine kleine, aber äußerst gefährliche Viper auf, deren sich der Baron mit vielem Geschick und Muth alsdann bemusterte. Mahammed hatte bereits mehrere große, schwarze Skorpionen in's Feuer geschleudert, aber noch immer kamen neue Erem- plare jener häßlichen Thiere herbei. In solcher Gesellschaft die Nacht zu verbringen, war in der That weder angenehm, noch gefahrlos. Wir beschlossen, die Ankunft des Gepäcks abzuwarten und uns dann auf unsere Kisten zu betten, bemerkten die Anwesenheit der Karawane aber erst am folgenden Morgen, als uns das ohrcnzerreißende Gebrüll der Kamele aus dem Schlafe rief. Gott Morpheus hatte die Schrecknisse der Nacht zu überwältigen gewußt und uns in seinen sanften Armen gestärkt und erquickt. Lange vor Sonnenaufgang saßen wir wieder im Sattel und dennoch erreichten wir erst um Mittag den von hohen Mimosen umstandenen Brunnen der Dorfschaft Helba. Sein süßes Wasser war angenehm und erfrischend, wenigstens im Vergleich zu dem der salzigen Biahr des übrigen Kordofahn. Wir schlugen unser Zelt unter den schattigen Bäumen auf, weil wir nothwcndigcrweise Rasttag halten mußten. Die Kamele waren sehr erschöpft, unsere Diener und wir selbst nicht weniger. Erstere trugen mehrere wundgeriebene Stellen, welche ihnen empfindliche Schmerzen verursachten; die Bedienten waren zum Theil mehrere Tage lang zu Fuße gegangen und klagten über verbrannte Füße; wir selbst litten an dem immer und immer wiederkehrenden Fieber. So war für unS Alle ein Tag der Ruhe unerläßlich, wir sollten ihrer aber nicht genießen. Es ist oft unmöglich, von den Kordofahncscn Lastthiere vermuthet zu bekommen, selbst wenn man ihnen das Doppelte der Miethprcise bietet. Der alte Haß gegen die Türken, bezüglich gegen alle Weißen, welche ihr Land in Besitz nahmen, sie ihrer Freiheit beraubten und jetzt noch bedrücken, hat sich von Geschlecht zu 327 Geschlecht ungcschwächt erhalten. Sie verweigern dem Weißen zuweilen sogar die nöthigen Nahrungsmittel. Der Reisende wird dadurch gezwungen, das, was er bedarf, mit Gewalt zu nehmen. So hatten unsere Diener sich auf gewaltsame Weise Esel verschafft, welche sie dann gemeinsam und abwechselnd zum Reiten benutzten. Ein alter, von uns in Obced in Dienst genommener Nubicr, Mahammed-Wod-Gitcrc oder Khitcre (von seinen Lands- lcuten Gitcrendo* **) ) genannt), führte einen Eselsattcl, d. h. nach Landcsgcbrauch ein einfaches Holzgcstcll mit Border- und Rücklehne und zwei Sitzbrettcrn mit sich und legte diesen dem ersten besten Esel auf, dessen er habhaft werden konnte. Dann ritt er ohne Gewisscnsscrupel mit der Karawane weiter. Der Herr des Esels erschien sehr bald, um sein Eigenthum wieder in Besitz zu nehmen, erhielt es aber nicht, bevor sich ein anderer Esel gefunden hatte und wurde bis dahin als Treiber benutzt. Nachdem seine Dienstleistungen beendet waren, empfing er die gewöhnliche Miethe für seinen Esel und einen Bakhschiesch obendrein. Gitercndo hatte auf diese Weise einen großen Theil der dem Alten sonst zu beschwerlichen Reise zurückgelegt und gedachte seinen im Dorfe Schetieb eroberten Esel noch bis Abu-Djcrahd, einem am Saum der Steppe in der Nähe des weißen Flusses gelegenen Dorfe, zu benutzen, obgleich der Treiber bereits neun deutsche Meilen neben seinem Grauthicre hergewandelt war. Auch die Bewohner deS Dorfes Helba waren nicht zu bewegen, uns einige dringend nothwendige Lastthiere zu vcrmiethen. Bitten und Drohungen fruchteten Nichts, deshalb nahmen wir zuletzt zwei Esel, welche am Brunnen getränkt werden sollten, gewaltsam weg. Aber die Hclbaui^) schienen mit unserem Verfahren nicht zufrieden zu sein. Schon in der Nacht stahlen sie ihre *) Mahammed-Wod-Gitere oder Giterendo ist gleichbedeutend. Ersteres bedeutet Muhammed, Gitere's Sohn, das Letztere geradezu Gitere's Sohn. (Wod ist das verstümmelte Woled und bedeutet wie das berberische, dem Name» immer hinten angefügte „D o" Sohn oder Knabe.) **) Bewohner des Dorfes Helba. 328 „Humihr" *) und würden sich gewiß auch Einiges von unserem Eigenthume zugeeignet haben, wenn Giterendo die nächtlichen Gäste nicht bemerkt hätte. Er verfolgte sie und jagte ihnen einen der Esel glücklich wieder ab. Am 21. Juni. Mit dem frühesten Morgen erschienen Abgesandte des Dorfes, um den „Humahr" zurückzufordern. Wir trieben sie fort, sie kamen aber immer und stets in größerer Anzahl wieder. Zuletzt versammelte sich ein zahlreicher Haufen mit Lanzen bewaffneter Männer, welche wie gewöhnlich entsetzlich schrieen, lärmten und sich Rache zu nehmen drohten, vor unserem Zelte. Da es uns in der That schien, als solle ein Angriff stattfinden, errichteten wir mit unseren Kisten einen Wall vor der Thür des Zeltes, versammelten unsere Streitkräfte innerhalb desselben, legten unser Geschütz: vier Doppelgewehre, mehrere Büchsen und einige Paare Pistolen geladen und gespannt auf die Brustwehr des Walles und ließen den außen Tobenden sagen, daß wir Feuer geben würden, wenn sie sich zu nähern wagen sollten. Der diesmal als Zankapfel erscheinende Esel ward in der Festung wohlgeborgen und nagte, unbekümmert seiner ferneren Schicksale, an einem Bündel dürren Steppengrases. Gewiß wäre die Sache noch zu unserem Vortheile abgelaufen, — denn unsere drohende Batterie hielt das Volk wirklich in Respekt, — wenn ich nicht während des Streites meinen Fieberanfall wieder bekommen hätte, in Folge dessen ich den Lärmen nicht ertragen konnte und den Baron schließlich bitten mußte, das ohnehin schlechte Thier wieder frei zu geben. Dies geschah und die Araber zogen sich mit lauten Segenswünschen und um so stilleren Flüchen nach ihrer Hilla zurück. Sobald ich reiten konnte, brachen wir auf. ' Erst in später Nacht wurde Halt gemacht. Wir zündeten Feuer an und begannen wie vor einigen Tagen auf das von allen Seiten herankrie- chende Gewürm Jagd zu machen. Um die Wahrheit der Sage, welche erzählt, daß sich der in einen Kreis glühender Kohlen gebrachte Scorpion selbst todte, zu erfahren, ließen wir heute viele 3 Plural von „Humahr," Esel. 329 dieser „Spinnenkrebse" fangen und der Feuerprobe unterwerfen. Alle wurden, ohne den Versuch, sich selbst umzubringen, gemacht zu haben, bald von der Gluth des Feuers gelobtet. Der andere Morgen verschaffte uns die Gewißheit des schon seit vorgestern befürchteten Ereignisses, daß unser Eseltreiber aus Schcticb sich mit seinem Thier in aller Stille auf und davon gemacht hatte. Als Entschädigung für die in unserem Dienste verlorene Zeit oder als Belohnung für seine Bemühungen hatte er einem der Kameltreiber für sechzig Piaster Haschasch (S. 205) entwendet. Der Baron ersetzte dem Armen später seinen Verlust und bezahlte damit die theuerste Eselmiethc, welche er je entrichtet hat. Nach einem entsetzlich langweiligen Ritte durch einen spärlich bestandenen, todten Mimosenwald erreichten wir Abends die nur noch drei deutsche Meilen vom weißen Flusse entfernte Hilla Abu- Djerahd — zu deutsch „Hcuschreckendorf" — und hatten die Freude, den breiten Spiegel des Stromes durch das dunkle Grün der Ufer- wälder hindurchschimmern zu sehen. Am 23. Juni zogen wir in der Frühe weiter und über eine staubige, baumleere Ebene dein Bahhr el abiadt zu, auf welchem das scharfe Auge unserer Diener schwellende Segel bemerken wollte. Wir hatten den Anblick einer große Hitze kündenden, aber prachtvollen Fata Morgan« und trieben, derselben uns zu entziehen, die Kamele zu rascherem Laufe an. Ich bekam leider wieder einen Fieberanfall und litt auf dem Kamele mehr als je. Die Hitze wurde gegen Mittag fürchterlich. Mit ihr nahm das Fieber in solcher Stärke zu, daß ich, um den Qualen unter der glühenden Sonne zu entgehen und auf Augenblicke der Kühlung zu genießen, bei jedem Baume abstieg. Flehentlich beschwor ich den Baron und die Bedienten, mir einige Tropfen Wasser zu übergeben, „denn weiter bedürfe ich ja doch Nichts mehr" und mich dann meinem Schicksale zu überlassen; nur solle man mich nicht fort und fort auf jene Folter, den Sattel, zurücktreiben. Ich erinnere mich nicht, mich jemals unglücklicher gefühlt zu haben. Wenn mich der Baron oder der alte ehrliche Gitercndo von Neuem zum Reiten zwangen, glaubte 330 ich meine ärgsten Feinde vor mir zu sehen und doch thaten gerade sie Alles, was in ihren Kräften stand, um mir meinen qualvollen Zustand zu erleichtern. Diesen beschreiben zu können, scheint mir unmöglich zu sein. Der Aermste der Armen Europa's findet unter ähnlichen Umständen wenigstens ein kühlendes Plätzchen, einen Ort, wo er sich ruhig hinlegen kann. Ich war der Hitze der afrikanischen Tropensonne ausgesetzt, während das fiebcrglühende Blut mir alle Adern zersprengen zu wollen schien; ich hing, kaum meiner selbst bewußt, auf dem Rücken des Kamels, mußte meine ohnehin unsäglich geschwächten Kräfte noch zu sammeln streben, um nicht aus dem hohen Sattel zu stürzen, und der Ficberfrost, welcher derselben gluthhauchcnden Sonne Hohn zu sprechen schien, durchschüttelte mich! Für einen solchen Zustand, für die Qualen eines Fieberanfalls auf dem Kamele während der Mittagshitze in einer von der scheitelrecht stehenden Sonne durchglühten Einöde des innern Afrika's giebt es keine Worte. Endlich, nach fünf martervollcn Stunden, kamen wir zu einigen Hütten. Hier erst konnte ich mich ausgestreckt hinlegen, hier erst konnte ich auf Erleichterung meiner Schmerzen hoffen. Mein Zustand ließ gar nicht an eine Weiterreise denken. Der Baron versuchte, von den Bewohnern der Tokhahl Hühner zu erhalten, um für mich eine kräftige Suppe kochen zu lassen; man verweigerte ihm, eins von den vielen, welche um die Wohnungen herumliefen, zu geben. In solchen Fällen gab es nur ein Mittel, um zum Ziele zu gelangen: Gewalt. Daö erste beste Huhn wurde zusammengeschossen, gerupft und gekocht. Dann kam der Besitzer und bat um Bezahlung des Thieres, welche er auch regelmäßig von uns erhielt. Am 24. Juni. Der Weg von unserem gestrigen Nachtlager zu dem Bahhr el abiadt führte in einen Chohr, welcher dem Orte Mendjere gegenüber mündete, dem Ufer des weißen Flusse zu. In den Wäldern hatten mehrere Familien der Hassaiüc ihre niedlichen Häuschen aufgeschlagen. Ich kannte die schönen Männer und 331 noch schöneren Frauen und Mädchen schon von Butri her. Die letzteren besitzen eine sehr helle Hautfarbe; das dunkle Braun der Männer ist von dem lichten Bronzegelb der Frauen so verschieden, daß man sie als Glieder zweier Stämme zu betrachten geneigt wird. Ich habe nirgends in Afrika eine größere Sorgsamkeit zur Erhaltung eines blassen Teints gefunden, als unter den Frauen der Has- sam'e. Während die Männer in der Sonne des Mittags das Vieh hüten, bleiben die Frauen ruhig und träge in ihren kühlen Hütten, welche stets unter Mimosen, deren Laubdach den Strahlen der Sonne jeden Durchgang verwehrt, angelegt sind. Sie sind als faule und arbeitsscheue, aber, wie ich schon bemerkte, als überaus leichtfertige und sinnliche Frauen bekannt, ebenso von den verschiedenen Stämmen der übrigen Nomaden geachtet als verachtet, gepriesen als geschmäht, gesucht als vermieden. Die Hütten der Hassame stehen zwischen Zelt und Tokhul so recht mitten inne. Zwei Fuß über der Erde befindet sich ein wag- recht liegendes Gerüst von Stangen, welches auf fcstgcrammten Pfählen ruht. Dieses dient dem Boden des Häuschens: dicht an einander gefügten, zusammen wohlverbundenen, nicht allzu dünnen, geraden Stäben, zur Unterlage. Der Boden ist höchstens zehn Fuß lang, vier bis sechs Fuß breit und wird von einer aus den hohen Stängcln des Steppengrases sehr sorgfältig geflochtenen Matte bedeckt. Sie wird über ein festes, sparrenähnlichcs Pfahlgcrüst gehängt und bildet zugleich zwei Seitcnwände der Wohnung. Man macht sie stets breiter, als der Boden der Hütte ist, läßt sie an der Vorderseite diesen um zwei bis drei, an der Rückseite um einen Fuß überragen und neigt sie nach hinten, damit der Regen leichter abfließen kann. Zum besseren Schutz gegen die Nässe wird die Matte noch mit einem ungewöhnlich dicht und fest gewebten Stück Zeug aus Ziegenhaaren, „Hadjihr", welches dem Regen vollkommen undurchdringlich ist, belegt. Die Rückwand der Hütte besteht, wie die Seitcnwände, aus einer Strohmatte, an welcher man sauber gearbeitete Gcräthschaften und Zicrrathen zur Schau gehängt steht. Während der Regenzeit bewährt sich die Bauart dieser Hütten als zweckmäßig. Unter dem erhöhten Boden finden die Regengüsse freien Abzug, das Dach ist wasserdicht, das Häuschen demnach immer trocken. Aber auch allem Ungeziefer ist der Zugang in das Innere wegen der hohen Lage des Bodens verwehrt. Die Erbauung der Wohnungen ist Sache der Männer, die Anfertigung des Hadjihr die Arbeit der Frauen. Schon kleine Mädchen arbeiten daran, das nöthige Material zu letzterem zu sammeln und zum Weben vorzubereiten; das Haartuch ist die Ausstattung, welche die Braut eines Hassarüe ihrem Gatten zubringt. Unter den Schmucksachen bemerkt man künstlich aus Leder geflochtene, mit Straußenfedern oder kleinen Cypräen * **) ) (U^praoa monsta) herausgeputzte Kamclzäume, Mädchenschürzen sRahhahd*'*)!, Halsschnüre aus Fischknochen, Krokodil--und Pantherzähnen, Geier- klauen rc., Tabaksbeutel aus dem Fell langhaariger Affen, Handkörbchen , Lcdersäckchen u. s. w. Bei einem Schech der Hassarüe sah ich einen Beutel aus dem Fell des prachtvollen Oolollus tzuorera (eines seltenen, in Abyssinien lebenden Affen mit langen, silberweißen und sammtschwarzen, seidenweichen Haaren), über dessen Herkunft mir der Mann keinen Bericht abstatten konnte, bei andern Leoparden- und Gcpardenfelle. Wie die Beduinen, bergen die Hassarüe ihre Habseligkeiten in Lederjacken mit nach Bedürfniß größeren oder kleineren Ocffnungen. Wir tauschten gegen wenige Para manche ihrer hübschen Arbeiten ein und setzten unsere Reise bald wieder fort. Gegen Mittag begrüßten wir die Ufer des Bahhr el abiadt mit freudigem Jubel. Hinter uns lag ein Land, dessen höllischem Klima wir sicher binnen Kurzem unterlegen wären, hätten wir nicht an schleunigen Rückzug gedacht. Vieles Böse, manche trübe Stunde war überstanden. Erquickt und erheitert, ließen wir unsere Blicke auf *) Bei uns zu Lande „Otterkopfc" genannt. Man sieht oft di> Riemen, an denen die Fleischer ihre Wetzstahle tragen, mit diese» kleinen Muscheln verziert. **) Plural von Rahhav. 333 dem schon hoch gestiegenen Spiegel des Stromes haften. Das Plätschern seiner Wellen war uns Himmelsmusik. Zum ersten Male nach vier Monaten schwelgten wir wieder im Genusse guten Trink- wassers, welches uns der reiche Strom so freigebig spendete. Frohen Muthes schlugen wir unser Zelt im Schatten einer riesigen Mimose auf und sahen den possirlichen Affen zu, welche in Schaaren nach dem Flusse eilten und unterwegs ihre Gaukeleien und lachen- errcgenden Künste gratis zum Besten gaben. Am 26. Juni mietheten wir eine von Ele'is zurückkehrende Barke, welche uns für heute nach dem am andern Ufer liegenden Dorfe Mendjere brachte. Am Ufer fanden wir gegen vierzig im Auftrage der Regierung Barken zimmernde Arbeiter beschäftigt. Die Arbeiten, welche die Schwarzen mit ihren unter aller Kritik schlechten Werkzeugen zu Stande brachten, erregten billig unsere Verwunderung. Man hatte einige Tokhahl zu Schmieden, andere für Schiffszimmerleute, andere wieder für Seiler eingerichtet. Ueber- all herrschte eine rege Thätigkeit. Schon der Name des Dorfes — Mendjere bedeutet die Wcrfte — zeigt an, daß es nur durch die hier in dem jetzt gelichteten, früher aber fast undurchdringlichen Urwalde vereinigten Arbeiter entstand. Wir verließen Mendjere in der Frühe deS anderen Tages. Ein ziemlich heftiger Südwind trieb unser Schifflein so rasch den Strom hinab, daß wir schon am 28. Juni das Minaret der Hauptstadt Ost-Sudahn's aus dem Meere der Fata Morgana auftauchen sahen. Der Bahhr el abiadt war bedeckt mit Vögeln aller Art, welche mächtig zur Jagd einluden. Aber mächtiger noch war die Sehnsucht nach dem jetzt in jeder Beziehung wohlthätigen Charthui». Schon der Gedanke, wieder einmal unter Europäern sein zu können, nachdem wir so lange des Umgangs civilisirtcr Menschen entbehrt hatten, war uns erfreulich genug. Ein schwerer Gewittersturm war im Anzüge, als wir das Rahs cl Charthum umfuhren. Der Baron suchte dem Regen zu entgehen und verließ schon von hier aus das Schiff; ich stieg erst eine halbe Stunde später, nachdem die Matrosen die Dahalüe an 33L der nordöstlichen Häuserreihe der Stadt befestigt hatten, an's Land und trat mit Beginn des herabstürzenden, wolkenbruchartigen Regens in den Diwahn unsers Freundes Penney. — Mit steigendem Interesse vernahmen wir den aus einem Packt französischer Zeitungen vor wenig Stunden hier bekannt gewordenen Zustand der Dinge in Europa. Zweiter Aufenthalt in Charthum; Rückkehr nach Egypten und Reise im Delta. Unsere kleine Menagerie, welche wir unter der Aufsicht eines Nubiers, Fadtl, in Charthum zurückgelassen hatten, trafen wir bei unserer Ankunft im besten Wohlsein an. Wir bezogen mit ihr ein geräumiges Haus, in dessen großem Hofraum die Strauße Platz genug hatten, alle ihre Unarten zeigen zu können. Die gewandten und dabei gut bewehrten Marabus hatten von ihnen weniger zu leiden, als die friedlichen Gazellen und der streitsüchtige Perro, unser kluger Pavian, welcher der ganzen Thiergescllschast die Fehde erklärt zu haben schien. Wir benutzten die kurze Zeit unseres Aufenthalts noch zu fleißigen Jagden und erbeuteten während der nun begonnenen Regenzeit werthvolle Gegenstände für unsere Sammlungen. Am 5. Juli besichtigten wir eine Vögelsammlung, welche der Gauner Nikola am blauen und weißen Flusse durch einen seiner Diener hatte anlegen lassen und sahen in ihr die ersten Ercmplare eines bisher unbekannten Vögelgcschlechts, welche späterhin in England den Namen Lalasnieeps Hex erhalten haben. Die Sammlung bestand aus zwölfhundert Eremplarcn, für welche Nikola dreitausend und fünfhundert Specicsthalcr forderte. Später wäre er mit achthundert Thalern zufrieden gewesen. Ich rieth dem Baron, die Sammlung anzukaufen, was dieser leider nicht that und nachher sehr bedauerte. Am 11. Juli. Seit einigen Tagen wurde die Verheirathung des Scndjek Tomus-Arha auf das Glänzendste gefeiert. Seine Braut — wenn ich diesen Ausdruck von Mahammedanern gebrauchen darf, — war die Schwester des uns bekannten Muhsa- 336 Bei, damaligen Modihrs der Provinz Dongola, und sollte Tomus-Arha's dritte Frau werden. Es war für acht Tage eine großartige Fanthas'ie, welche durch das festliche Beilager beschlossen werden sollte, zugesagt worden. Raketen und von den Arnauren mit scharfen Patronen abgefeuerte Freudenschüsse durch- zischten jeden Abend die Lust; in der Stadt herrschte, wie während des Ramadtahn, allgemeine Laternenfrciheit; vor dem Hause verbreiteten große „Maschallaht" oder Flammenbecher*) eine ungewöhnliche Helle; in dem Hofraume ertönten zuweilen Passagen aus einer europäischen Oper, welche von der Musikbande des Linicn- regiments vorgetragen wurden. Wir Europäer waren für heute von dem Hochzeiter feierlichst zum Abendessen eingeladen worden und brachen, unseren liebenswürdigen Freund Penney an der Spitze, in den verschiedenartigsten Kostümen gegen vier Uhr Nachmittags nach dem Lchmpalaste Muhsa-Be'i's auf. Als Anhängsel hatte sich uns ein Grieche, Constantini, welcher damals in Charthum als Blatterimpfarzt eine höchst unbedeutende Rolle spielte, angeschlossen. Der vordere Hof des Hochzcithauses zeigte ein buntes Bild der verschiedenen Bewohner der Hauptstadt. Auf der Vorhalle des Diwahn hatte sich die Musikbande der Armee aufgestellt und empfing uns mit einem kaum anzuhörenden Vortrage der Marseillaise. An langen grauen Teppichen, welche man der Länge des Hofes nach aus den Boden gelegt hatte, schmauste das arme Ge- sindel Charthum's; im Hintergründe ertönten die sieben, sich ewig in eigenem Takte wiederholenden Schläge der Tarabuka und begleiteten die sinnlichen, unästhetischen, allzu üppigen Tänze öffentlicher Mädchen, an denen sich auch viele Sklavinnen des Gastgebers eifrigst betheiligten. Ihnen fehlte es nicht an Zuschauern. Bedächtig schmauchten ernste Türken ihre Tschibuhkaht, um ihnen zuzuschauen; das junge Volk umstand in Haufen die Gruppe der übermäßig gefetteten Tänzerinnen und manches beifallspendende *) Eiserne, auf hohe Stangen gestellte Körbe, in denen man leicht brennendes Holz anzündet. 337 „Maschallah" *) ermunterte sie zu neuen Verrenkungen des Oberkörpers, neuem Zittern aller Glieder, neuem, staubverbreitendem Stampfen mit den Füßen, — kurz, zu möglichst vollkommener Ausführung der früher genugsam geschilderten Tänze. Der schmachtenden, zärtlichen, liebcbcgehrenden und liebegewährenden Blicke der schönen Tänzerinnen und ihrer braunen „Ahabahb"**) will ich hier gar nicht weiter gedenken; sie wurden den Schönen ebenso reichlich zurückgegeben, als sie von ihnen reichlich ausgespcndct worden waren. Man führte uns in einen zweiten Hof. Wir traten durch eine Vorhalle in den Diwahn ein. Unsere Wirthe und einige Gäste rauchten dort ihre Pfeifen. Es war ein wohnliches, gemüthliches Zimmer, in welchem wir uns befanden. Künstliches Gitterwcrk überwob die für Charthum so seltenen Glasfcnstcr, unter denen sich weiche Ottomanen an den Wänden hinzogen. In der Mitte des Zimmers schleuderte ein Springbrunnen schwache Strahlen gegen die Decke empor und füllte damit ein weites Becken, welches im Zimmer angenehme Kühle verbreitete. Contariny's Falkenaugen überflogen beim Eintritte sogleich den ganzen Diwahn. „Voila, Alessieurs, uns batterio dien pörillisuse pour nous," sagte er und deutete auf eine zahlreiche Reihe von Weinflaschen, welche man, um sie abzukühlen, in's Wasser gestellt hatte. Nachdem wir Kasse und Pfeifen bekommen und uns eine Zeit lang, mehr als nöthig, gelangweilt hatten, erschien eine wenigstens vier Fuß im Durchmesser haltende Sin nie oder die den Tisch der Türken substituirende runde Mctallplatte mit einem vollständigen Branntweingeschirr und unzähligen Schüsselchen. - In den letzteren befanden sich Näschereien, um den Appetit zu reizen. Dann traten arabische Musiker herein, setzten sich und begannen, nach einem quälenden Präludium ihre arabischen Weisen abzuleiern. Die entsetzliche Einförmigkeit derselben behagte uns so wenig, daß sich *) Maschallah wird gebraucht, um ausz oder in Erstaunen setze. **) Plural von „Habihb", Geliebter. »drücken, daß Etwas gefalle 22 338 Jeder auf eigene Art zu amüsiren suchte. Eontarin y war uebft einigen andern Europäern mit einem sehr ernsten Studium des Branntweins beschäftigt; der Bischof belog Muhsa-Bei; Don Jgnatio rühmte die Vorzüge des jetzt abgeschiedenen Jesuiten Ryllo einem im Auftrage der Petersburger Akademie auf naturwissenschaftlichen Reisen begriffenen Polen, Zcnkowsky, gegenüber; Don Angclo dachte über irgend etwas Dummes nach, Constantini aß von den eigentlich nur zur Schau hingestellten Näschereien so viel, daß es den Anschein hatte, als wolle er sich damit sättigen; der Baron freute sich über die schönen, sonnengebräunten, trotzigen Gesichter der Arnauten und ihre reich mit Gold gestickten Jacken mit den malerisch herabhängenden Acrmeln und ich erlaubte mir, im Stillen über Alle und Alles Glossen zu machen. Der arabische Gesang mit den herrlichen, poesicrcichen Liedern und den einförmigen, tonarmen Weisen hatte zuletzt selbst die Türken ermüdet. Tomus-Arha rief zur Abwechselung einige Al- banescn, welche uns ihre Hcimathslieder vorsingen sollten, zu uns herein. Die Mclodieen ihrer Lieder waren schön, das Gefühl, mit denen die Leute sangen, ergriff uns. Gewiß, sie dachten in ihrem, uns unverständlichen Gesänge an die schneebedeckten Gebirge ihres Vaterlandes unter dem.italienischen Himmel, an das stille Gehöft, in welchem sie ihre Kindheit verlebt hatten, sie dachten vielleicht an ein holdes Mädchen, das ihnen noch jetzt zuweilen als liebliches Traumbild erscheinen mochte, sie dachten an Vater und Mutter, an alle die fernen Lieben, denn weicher lind sanfter wurden ihre Akkorde. Und dann gedachten sie wohl des feindlichen Geschicks, welches sie zwang, von ihren grünen Thälern, von den mit Reben bepflanzten Bergen zu scheiden, sie dachten zurück an die Tage der Freiheit, in denen der Mann als Krieger dem Feinde gegenüber trat, um sein Recht im blutigen Spiele der Waffen zu erproben, denn kräftiger und freier, lebendiger wurde ihr Lied. Oder mochte an ihrem Geiste all' das Schwere, das Bittere, welches sie hier in der Fremde erfahren, vorübergehen? Sahen sie sich vielleicht im Kampf mit dem nächtlich heranschleichenden Neger- oder dem gereizten, listigen Nomaden? Wild flammte das sprc- 339 chendc Auge der schönen Männer, wilder rauschte ihre Musik, wilder wurde ihr Sang. So klein, so unscheinbar ihre Zithern waren, so meisterhaft verstanden sie dieselben zu schlagen. War es doch kaum denkbar, daß sie mit dem einfachen, zugespitzten Leder, mit welchem sie die Saiten berührten, ihnen andere als mißtönigc Laute entlocken würden, und dennoch entzauberten sie ihnen reiche, volltönende Weisen. In der Musik lag die Weiche der slavischen Volksmelodicen, in den Worten die volle Kraft der wohlklingenden türkischen Sprache. Der Chor und die Solosänger trugen ihre Stücke mit gleicher Meisterschaft vor. Die Sänger ernteten reichlichen Beifall, wenn sie vielleicht auch zu lebhaft gestikulirten. Unser Wirth schien unerschöpflich in seiner Sorge für unsere Unterhaltung zu sein. Die Albanescn hatten ihren Gesang beendet, jetzt begann ein neues Schauspiel. Außen vor der „Mast ab a" oder Vorhalle eröffnete sich eine wilde Scene. Es war, als ob der Hercnsabbath angebrochen wäre. Wir eilten hinaus, um uns das Niegesehcnc anzuschauen. Um drei der erwähnten Flam- menbcchcr, von denen ein grelles Licht ausströmte, drehte sich in den tollsten Reigen eine wilde Schaar. Die männlichen Sklaven des Hausherrn führten mit raubthierähnlichen Sprüngen und gräßlichem Geschrei ihre Nationaltänzc auf. Das waren keine Menschen, welche da tanzten, es waren Dämonen der dunklen Nacht; sie tanzten nicht, sondern sprangen, hüpften und kollerten ohne Takt und Regel wie wüthende Kobolde, wie eine Gesellschaft verrückter Teufel im Hofe herum. Ihr Gebrüll glich dem Gebrüll der Thiere, wir wußten nicht, was wir sagen sollten. In den Händen schwangen sie den todbringenden Trumbasch, an den Armen und Beinen klirrten eiserne Ringe. Und durch das Geheul, Gebrüll, Geächz und Fußstampfen der Kämpfenden oder Tanzenden tönten die durchschallenden Schläge der Kricgstrommel hindurch. Es war ein nicht zu beschreibendes Getümmel. Seit unserer Ankunft waren mehrere Stunden vergangen und wir recht hungrig geworden. Da brachte man das Essen. Zuerst erschien ein Diener mit vielen Servietten aus dem linken Arme und 22 * 3L0 breitete jedem der Anwesenden eins dieser Tücher über den Schooß; ihm folgten zwei andere mit dem türkischen Waschzeug Tischt und Berihkh. Ersteres ist einem Waschbecken nicht unähnlich, aber von einem durchbrochenen Deckel, welcher in der Mitte erhöht ist und ein Seifennäpschen enthält, überdeckt, damit das durch das Waschen unrein gewordene Wasser immer abfließen kann; das letztere ist eine Deckelkanne mit dünnem Hals und einer langen, gebogenen, sehr engen Ausflußrohre. Kanne und Becken sind gewöhnlich aus Metall gefertigt. Der Bediente nimmt das Tischt in die linke, das Berihkh in die rechte Hand, läßt sich vor dem Gaste auf ein Knie nieder, hält ihm das Tischt über seinen Schooß und gießt ihm mit dem Berihkh Wasser über die dargebotenen Hände. Nachdem sich der Gast Hände und Mund gewaschen hat, trocknet er sich an der Serviette; der Bediente geht zum zweiten und dritten und so fort, bis sich alle gereinigt haben. Dann breitet der Sofredji oder Tischdecken eine Matte oder einen Teppich auf den Boden, stellt darauf einen kleinen, nur anderthalb Fuß hohen Tisch und bedeckt diesen mit einem großen Tisch- tuche. Auf dieses setzen zwei andere Diener die blanke Sinnre. Der Hausherr erhebt sich von seinem Platze und bittet die Gäste mit dem Worte „Bujcrum" — Wcm'S beliebt — oder „Tefat- telan" — Wenn es Euch gefällig ist — sich um die Sinn'ie her- umzulagern. Am Rande der Metallplatte liegen kleine, frischgebackene Waizenbrode oder Kuchen und reichgeschnitzte Horn- oder Holzlöffel*) zu beliebigem Gebrauch der Gäste. Die Speisen werden nun rasch nach einander aufgetragen. Zuerst erscheint eine kleine Schüssel mit trefflich zubereiteter Suppe, von welcher die Gäste nach abermaliger Aufforderung des Gastgebers und den an der Stelle des Tischgebetes gesprochenen Worten: „Ls l8sm IckIM tzl rükInuLdn ei iLlllullm" **), einige Löffel genießen. Der Vornehmste *) Diese Löffel sind oft sehr luxuriös gearbeitet. Man hat deren, welche aus dem schönen Horn des Rhinozeros gedreht sind und mit Korallen oder Bernsteinstsicken verzierte, elfenbeinerne Stiele besitze». **) Im Manien des Allbarmhcrzigen. 341 der Tischgesellschaft taucht seinen Löffel zuerst in die Suppe, ihm folgen die Ucbrigen nach ihrem Range nach. Auf einen Wink deS Hausherrn verschwindet die Suppenschüssel, im selben Nu steht aber auch schon ein zweites Gericht, bei großen Gastmälern die köstliche „Schöärmä," an ihrer Stelle. Die Schourma ist ein am Spieße gebratenes, mit Reis, süßen Mandeln, Rosinen, Kastanien, Haselnüssen und dergleichen gefülltes Schaf, welches ganz aufgetragen wird. Der Sofredji tritt herzu, streift beide Aermel seiner Jacke zurück und zerreißt das Schaf mit den Händen in mehrere Stücke. Man greift mit den drei ersten Fingern der rechten Hand zu und sucht sich die besten und saftigsten Rückenstücke vom Braten abzuschälen; Messer und Gabel fehlen ganz. Eine solche Mahlzeit steht keineswegs einladend aus, wird aber appetitlicher, als man glaubt, indem man weiß, daß sich jeder Mitesscnde die Hände wusch und seine Speisen immer nur von einer Stelle der Schüssel nimmt. Heute bediente der Hochzeiker seine Gäste selbst und zerriß uns die Schourma eigenhändig. Der in der Bauch- und Brusthöhle des Schafes versteckte Reis wird mit den Fingern oder mit Löffeln herausgeholt. Will aber der Hausherr Jemanden besonders ehren, dann dreht er zwischen seinen Händen kleine Kugeln von dem Reis und steckt sie dem Bevorzugtcir in den Mund. Auch mir widerfuhr diese Ehre. Da half kein Sträuben, ich mußte sie verschlucken, aller europäische Anstand mußte als Vorur- theil angesehen werden. Aber ich rächte mich. Eine der Kugeln hatte ich hinabgewürgt und gedachte Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ich drehte unserem gütigen Wirthe einen so großen Ballen, daß er ihn kaum in den Mund bringen konnte. „Chalihl Effendi," sagte er, „Du bist in der Kunst, anständig türkisch zu essen, noch sehr unkundig." Der Arglose ahnte meine Tücke nicht. — Nach der Schourma folgen die Gerichte rasch auf einander. Die Fleischspeisen werden in kleinen Schüsseln aufgetragen und sind in mundgerechte Bissen zerhackt, die Mehlspeisen werden mit den Fingern zerstückelt. Süße und saure Speisen wechseln in bunter Reihe mit einander ab. Der Pillau, jenes bekannte, bei keiner türkischen Mahlzeit fehlende Reisgericht, beschließt das Mahl. Man 342 kocht den Reis zum Pillau nur halb weich und läßt ihn durch die nach dem Abguß des Kochwassers noch aufsteigenden Dämpfe vollends gahr werden. Dann übergießt man ihn mit Schmalz oder einem steifen AprikosenmuS, oder mengt kleine Bratcnstückchcn unter ihn. Jeder Europäer gewöhnt sich so an den Pillau, daß er ihm wie den Türken, zuletzt unentbehrlich wird. Unsere heutige Mahlzeit bestand aus ungefähr dreißig Gängen. Früher verlangte eS der Lurus, daß bei Gastmählern türkischer Großen bis hundert Gerichte aufgetragen wurden. Während des Mahles trinken die Türken im Allgemeinen nur Wasser. Ein Diener steht mit der Khula hinter den Gästen und füllt Jedem, welcher es verlangt, eine breite Trinkschale mit Wasser an. Unser Wirth wurde aber, bezüglich des Genusses verbotener Getränke, keineswegs von zarten Bedenken gepeinigt, sondern trank anstatt des Wassers Burgunder. Schließlich zechte er trotz Contariny und anderen Europäern, welche des Guten fast zu viel zu thun schienen. Wenn die übersatten Gäste einige Löffel oder Fingerspitzen voll Pillau genossen haben, springt Einer nach dem Anderen mit den Worten: „M llämck, WÄu* **) )" von seinem Sitze auf, sagt zu seinen Tischgcnosscn „Anilin" — Wohl bekomm'ö! — eilt nach dem Diwahn und wäscht sich, wie vor der Mahlzeit, Hände und Mund. Der Tisch verschwindet mit den Resten des Mahles so rasch, als er kain, die Diener bringen für jeden Gast eine mit dem köstlichen Djebeli*») gestopfte Pfeife und ziehen sich noch einmal auf kurze Zeit zurück, um den Kasse zu besorgen. Im Diwahn beginnt die Unterhaltung von Neuem, bis einer der Gäste nach dem andern sich zum Weggehen beurlaubt. Tomus-Arha hatte uns aber noch einen besonderen Spaß zugedacht. Zwei Araber erschienen in den sonderbarsten Phantasie- anzügen, um eine theatralische Vorstellung zu geben. Das Stück stellte eine Vcrhaftuugsscenc dar. Der eine Schauspieler trat in *) Gott sei Dank. **) Die beste Sorte des syrischen Tabaks, welche von dem Dorfe Dje- bcli ihren Namen , führt der Rolle des Polizeidieners, der andere in der eines Spaßmachers auf. Letzterer beleidigte mit seinen gottlosen Witzen den Richter oder Khadi und den Chaliefen oder Fürsten der Kirche auf eine unverantwortliche Weise. Die Polizei ließ auf ihn fahnden, das Volk — von dem man freilich nichts sah — stand ihm bei. Neue Witze und Scherze, meist Ausbrüchc einer schmutzigen Phantasie, empörten den Polizeimann; es entstand zwischen Beiden eine Balgerei, der Spaßmacher siegte und nahm, wie Kaspar auf unseren Marionettentheatern, den Schergen gefangen. Die im Diwahn anwesenden Türken ergötzten sich weidlich an dem erbärmlichen Schauspiele, bis zuletzt Tomus-Arha selbst mit activ wurde und beide Komödianten in das tiefe Wasserbecken des Springbrunnens warf. Zuin Schluß erschienen noch Tänzerinnen, jugendlich schöne, wohlgestaltete und lichtfarbige Hassame, im Diwahn und führten ihre Tänze auf. Immer leidenschaftlicher, freier und unzüchtiger wurden ihre Bewegungen, immer schmachtender und verzehrender ihre Blicke. Da glaubten eS die Geistlichen mit ihrer Würde nicht vereinigen zu können, noch länger hier zu bleiben; sie erhoben sich vom Diwakn und gaben somit das Zeichen zum allgemeinen Auf- bruche. Am 13. Juli verließ ich Charthum und schlug mein Zelt in der Nähe des Dorfes Umdurmahn, am linken Ufer des weißen Flusses, auf. Ich hoffte, an dem jetzt sehr belebten Strome noch gute Beute zu machen. Der Aufenthalt in meinem Zelte war nicht angenehm. Heiße, die Nähe der Regenzeit kündende Südwinde belästigten mich bei Tage, Skorpionen und Taranteln bei Nacht. Durch das emsig in den Spalten des zerrissenen Erdreichs hinrieselndc Wasser wurden sie aus ihren Schlupfwinkeln cmporgc- triebcn und liefen nun mit Einbruch der Nacht meinem Lagerfeuer zu. Dunkle Regenwolken ballten sich tagtäglich drohender zusammen und ließen mich einen jener tropischen Güsse, gegen welche ein Zelt so gut als keinen Schutz gewährt, befürchten. Obgleich ich wünschte, ein Gewitter jener Zone in seiner vollen Erhabenheit 344 kennen zu lernen, mußte ich jetzt, bei meinem fieberschwachen Körper, doch jede Erkältung vermeiden und sah allabendlich vor dem Schlafengehen ängstlich zu dem schwarzvcrhangenen Himmelsdome empor. Die Regen blieben glücklicher Weise während meines kurzen Aufenthaltes am Flusse aus. Am 22. Juli kehrte ich mit einer sehr befriedigenden Vögelsammlung nach Charthum zurück, mußte aber meiner Gesundheit während der wenigen, am Flusse verlebten Tage doch geschadet haben, denn schon am 24. Juli bekam ich heftiges Fieber, und dieses verließ mich, so lange ich noch in Charthum weilte, nicht mehr. Von der Zeit dieses Jagdausflugcs datirt sich meine späterhin vielfach bethätigte Feindschaft gegen die Krokodile. Jede von meiner Hand abgesendete Büchsenkugel, welche während meiner zweiten Reise im Sudahn die Panzerhaut eines dieser Ungethüme durchbohrt hat, war nur ein Werkzeug meiner Rache. Ich hatte einen Seeadler angeschossen, welcher noch bis zum Strome flatterte und dort auf das Wasser fiel. Der mir damals werthvoll erscheinende Vogel trieb mit den Wellen dicht am Ufer hin und näherte sich einer sich nach der Mitte wendenden Strömung. Er schien mir verloren. Da erschien ein Araber; ich bat ihn, mir den Vogel herauszufischen. „Nein, Herr," antwortete er mir, „hier gehe ich nicht in's Wasser, hier giebt es zu viele Krokodile. Erst vor Kurzem haben sie zwei Schafe beim Tränken erfaßt und in die Wellen hinabgezogen; einem Kamele bissen sie ein Bein ab, ein Pferd entrann ihnen mit genauer Noth." Ich versprach dem Manne ein gutes Trinkgeld, schalt ihn Feigling und forderte ihn auf, sich als Mann zu zeigen. „Und wenn Du mir „mnualll ei tunzs" — die Schätze der Welt — geben wolltest, ich ginge nicht." Unwillig entkleidete ich mich selbst und sprang in den Strom. Noch spürte ich Grund unter meinen Füßen, jetzt schickte ich mich zum Schwimmen an. Laut auf schrie der Araber: „Herr, um der Gnade und Barmherzigkeit Gottes willen, kehre um, ein Krokodil!" Ich ging erschrocken nach dem Ufer zurück. Von der anderen Seite des Stromes her kam ein riesiges Krokodil, die Panzer- stacheln zeigten sich über der Oberfläche des Wassers, es schwamm schnurgerade auf meinen Vogel zu, tauchte dicht vor ihm in die Tiefe, öffnete den mit drohenden Zahnrcihen besetzten Rachen — groß genug, um auch mich darin unterzubringen — und verschwand mit meiner, jetzt seiner Beute in den trüben Fluchen. Ich stand wie gelähmt am Ufer. Dann gelobte ich es mir, künftighin auf die Warnungen der Araber zu achten. Aber den Krokodilen schwur ich Rache zu; ich habe sie ausgeführt. Nie habe ich einen Schuß gespart, wenn ich ihn anbringen konnte, und manches alte, hundertjährige Krokodil mag noch heute eine ihm von mir in den Leib gejagte Kugel mit sich herumtragen. — Am 31. Juli. Unter höchsteigener Anführung des General- gouverneurs „der Königreiche" Aabd el Chahlid-Pascha ma- növerirten heute die Negerbataillone Charthum's. Mich hinderte meine Fieberschwäche, der „Fanthasie" beizuwohnen. Erst später hatte ich das Vergnügen oder Mißvergnügen, eine Uebung der Ne- gersoldatcn mit anzusehen. Es war ein nutzloses Plänkeln ohne Sinn und Verstand, europäische, nicht gut gelehrte, noch schlechter begriffene Taktik auf unrechtem Felde, die Bewegungen wurden höchst mangelhaft ausgeführt. Ich kam zu der Erkenntniß, daß das Feuergewchr in der Hand des Negers eine lächerliche Waffe und ein Manöver in Charthum eine großartige Lumperei ist. Mit Sonnenuntergang donnerten die Kanonen, zahlreiche Raketen stiegen in die Luft, der Basar wurde erleuchtet. Man feierte den Anfang des Fastenmonats Ramadtahn. Die diesjährige Regenzeit trat hier außergewöhnlich spät ein. Erst am 4. August bekamen wir ein starkes Gewitter mit Regen. Wenige Tage später regnete es unter einem nicht zu beschreibenden Aufruhr in der Natur zum zweiten Male eine ganze Nacht hindurch. Dann folgten die Regen in den gewöhnlichen Zwischenräu- men. Wir fühlten an unseren von Kordosahn her geschwächten Körpern bald die verderblichen Wirkungen dieser ungesunden Jahreszeit. Die Fieber Sudahn's peinigten uns unausgesetzt. Ich hatte das Glück, das perniciöse Fieber zu überstehen. Die Tage 346 schlichen uns langsam dahin. Egypten erschien uns jetzt als ein Paradies, welches zu erreichen wir voll Sehnsucht waren. Am 28. August erhielten wir die Nachricht, daß Hahlid- Pascha, der damalige Generalgouvcrneur, zwei für Egypten bestimmte Barken zu unserer Berfügung gestellt habe. ES waren zwei jener Fahrzeuge, welche man in Egypten mit dem Namen ,, Nakhr" bezeichnet. Sie waren aus dem festen Holze der Mimosen gezimmert, sehr dauerhaft, klein und das Eigenthum eines egyptischcn Großen. Ihre Ladung bestand aus Schiffsbauholz. Sie genügten unseren Zwecken. Wir bctuden sie noch denselben Tag mit unserem Gepäck und den lebenden Thieren, überdachten sie mit einem Strohgezelt und bezogen sie mit Einbruch der Nacht. Am folgenden Tage verließen wir in der Frühe des Morgens die Hauptstadt. Der Reis und alle Matrosen beteten die „Fa- thcha," das erste Kapitel des Khorahn, um mit diesen, vor jedem wichtigen Unternehmen gesprochenen Worten Glück für die Reise von Oben zu erflehen. Mit gleichmäßigen Schlägen fielen die Ruder in's Wasser; wir glitten rasch an den Häuserreihen hinab und ließen uns dann von den Wellen treiben. Gegen Sonnenuntergang landeten wir in Woad-Rammla und blieben dort über Nacht. Eine unserer lebenden Hyänen benutzte die Ruhe, um sich aus ihrem Käfig herauszuarbeiten, konnte aber nicht entkommen, weil der starke Nachtwind das Land, an welchem wir lagen, in eine Insel verwandelt hatte. Man entdeckte am andern Morgen den Flüchtling; er wurde trotz seines furchtbaren Widerstandes überwältigt und zurückgebracht. Nachmittags legten die Schiffsleutc in der Nähe eines Marktfleckens an, um Provisionen einzukaufen. Wir gingen auf die Jagd. Auf einer Insel liefen seltene und werthvolle Vogel herum, deren wir gern habhaft geworden wären. Da entdeckte der Baron einen ausgehöhlten Baumstamm. Er erklärte ihn für einen Kahn und machte Anstalt, ihn zu besteigen. Meine Abmahnungen fruchteten Nichts. Er ergriff eine Art von Ruder und trieb das gebrechliche Fahrzeug in die starken Wellen des breiten Stromarmes. Noch ehe er die Mitte desselben erreicht hatte, schlug das Kanot um, der Baron 347 versank in den Wellen, mit ihm sein Gewehr. Da er schwimmen konnte, erreichte er zwar das andere Ufer, war aber nicht im Stande, wieder auf das feste Land zu kommen und stand drüben rath - und thatlos. Ich rief einige Araber herbei und forderte sie auf, meinem Gefährten zu Hülfe zu eilen. Sie schwammen auch sogleich nach der Insel hinüber, schöpften den mit Wasser gefüllten Kahn aus, trugen den Baron hinein und ruderten ihn nach dem festen Lande zurück. Ein in Aussicht gestellter Bakhschiesch ermunterte die rüstigen Schwimmer zu eifrigem Tauchen nach dem versunkenen Gewehr, und vermöge ihrer Ausdauer waren sie auch wirklich so glücklich, ihre lange vergeblichen Bemühungen zuletzt mit Erfolg gekrönt zu sehen. Das unfreiwillige Bad äußerte keine üble Nachwirkung auf den Baron. Am 1. September erreichten wir Mittags Metäinnre und eine Stunde später Schendi. Der Baron besuchte den in letzterem Städtchen stationirten Chef eines Regiments albanesischcr Truppen, Namens Aabdim-Be'i, wurde von diesem freundlich aufgenommen, aber auch bald um „Arakhi" (Branntwein) gebeten, weil es in Schendi gar zu langweilig sei. Aabdim-Bei versicherte, daß er nie Wein trinke, aber das köstliche Getränk Arakhi sei ja von dem Propheten — weil damals noch unbekannt — nicht verboten worden *'), und er bedürfe es äußerst nothwendig zu seiner Erquickung. So beredtem Flehen konnten wir nicht widerstehen und schickten ihm das Gewünschte, wofür er uns mit einem fetten Schafe regalirte. Wir verließen Schendi am folgenden Tage, passirten ain 3. September die Mündung des Atbara oder Takasse (des letzten Zuflusses des Nil) und landeten Abends in Berber el Mucheircf, dessen Nähe uns drei, das Ende des Ramadtahn bezeichnende Kanonenschüsse schon vorher gekündet hatten. Wir empfingen sofort nach unserer Ankunft den Besuch der Honorationen der Stadt. Fast vier Tage mußten wir in Berber verweilen, weil die *) Hier,» hatte Aabdim-Bel Unrecht. Der Prophet verbietet den Genuß des „cliumro," d. h. des Gegohrenen. Ein frommer Mohammedaner trinkt nie Branntwein, ja man ist in Jemen sogar so gewissenhaft, den Genuß des „gegohrenen" Essigs und Käses zu verschmähen. 348 Matrosen erst hier alte Zulüftungen des Schiffes für die Fahrt über die Katarakten beendeten. Unsere Reisegesellschaft vermehrte sich hier in Berber um eine Person. Ein gedienter türkischer, aus Eudin bei Smyrna gebürtiger Soldat, Aali, bat uns flehentlich, ihn mit nach Egppten zu nehmen. Der alte Krieger war bei einem der letzten Kämpfe mit den Abyssiniern durch das Ellenbo- gengclcnk des rechten Armes geschossen und zum ferneren Dienst untüchtig geworden. Er hatte an seiner Wunde wegen Mangel an ärztlicher Hülfe unsäglich gelitten*), war, noch krank, deS Dienstes entlassen und von dem nichtswürdigen Obersten, Ma- hammed-Arha-Wannli, ohne seinen rückständigen Sold in die Welt hinausgestoßen worden. Krank war er im Sudahn her- umgcirrt, mehr und mehr war er heruntergekommen, jetzt befand er sich im tiefsten Elende. Demüthig bat er um ein Plätzchen auf dem Schiffe, welches er durch treue Dienste reichlich zu bezahlen versprach. Wir erbarmten uns des Armen, nahmen ihn auf und fanden bald, daß Aali ein sehr brauchbarer Diener und eine treue Seele sei. Er hat sich mir dann späterhin immer nützlich, zuletzt sogar unentbehrlich zu machen gewußt. Wir verließen el-Muche'iref am 7. September. Am 10. September landeten wir bei dem Dorfe Atmuhr, weil der Baron hier ein Familienfest begehen wollte. Zur Verherrlichung der Feier erhielten auch die Bedienten und das Schiffsvolk schon heute einen Hammel und Mericsa, und durchsangen die halbe Nacht beim Schlagen der Tarabuka und Tambuhra **) oder nubischen Zither. Am anderen Morgen erschien Alles in Festkleidern. Nur fehlte *) Um den Muth und die Selbstbeherrschung Aali's zu beweisen, genüge die Erzählung eines Freundes von ihm, welcher bei seiner Verwundung zugegen war. Nachdem Aali die Kugel erhalten hatte, ging er ruhig zurück, um sich verbinden zu lassen. Die Schmerzen wurden aber bald so heftig, daß Aali sie kaum ertragen konnte und, um keine Klage laut werden lassen zu »tüssen — zu singen begann. **) Ein fünfsaitigcs, einer Lyra nicht unähnliches Instrument, dessen Resonanz ein über einen halbe» Kürbis oder über eine Holzmulde gespanntes Ziegenfell ist. Die Stimmung der Saiten ist: Grundton, Terz, Septime, None, der Ton des Instruments erträglich. 349 die Ruht. Wir mußten die uns nöthigen Lcbensmittel erst mit Gewalt herbeischaffen, wobei es ohne den gewöhnlichen Lärmen nicht abging. Nachmittags fuhren wir weiter und landeten mit Sonnenuntergang an einer großen Insel: Kohmgalli. Am 12. September. Die Ufer des Stromes sind Wüste; die Gegend ist sehr traurig. Abends erreichten wir Abu-Hamm cd, die Einbruchsstation in die große nubische Wüste. Der Ort ist überaus elend; er ist das trübste Bild der Wüste. Aus dem gelben Sande erheben sich erbärmliche Strohgezcltc, zwischen glühend schwarzen Felsen wenige, dürftige Hütten. Die Zelte sind so niedrig, daß man darin nur herumkriechen kann; einzelne Hütten bestehen aus senkrecht neben einander in die Erde gerammten Pal- menstämmcn, welche mit Nilschlamm verklebt sind, andere sind die uns bekannten Rekubaht. In allen wohnen die armen Hedjinihn, welche die Briefpost zwischen Egyptcn und Charthum besorgen. Von Abu Hammed an, flußabwärts, beginnt der sogenannte dritte Katarakt des Nil. Er charakterisirt, wie der zweite Katarakt, einen der ödesten Landstriche Indiens und enthält viele Stromschnellcn, welche die Eingeborenen unterschieden und benannt haben. Die Beschiffung dieser Strecke ist sehr gefährlich und zu jeder Zeit ein kühnes Wagstück. Wir passierten den dritten Katarakt rasch und glücklich. Bei Gelegenheit der Beschreibung meiner zweiten Kataraktenthalfahrt will ich die Gegend zu beschreiben versuchen, jetzt gebe ich nur Bruchstücke unserer Erlebnisse. Am 15. September. Der Schcllahl Sabiecha lag vor uns. Aabd el Rhahsi*) sagte es uns mit nicht verhehlter Besorgniß, welche in der That als nicht unbegründet erschien. Der Wogenzug erfaßte unser Schiff mit unwiderstehlicher Gewalt, trieb es mit reißender Schnelligkeit fort und schleuderte eS einer Felseckc zu, an welcher wir zu scheitern fürchteten. Nur die Kraft der brandenden Wellen, welche unser Schifflein wie einen Spiclball zurückschleu- derten, rettete uns vor dem Untergänge, Anstatt zu rudern, hatten die Matrosen gebetet. *) „Sklave des Erhalters," unser Reis. 350 Schon glaubten wir alle Gefahr überstanden zu haben, als uns das Angstgeschrei der am Bord befindlichen Weiber von Neuem unter dem Sonnenzelte hervorrief. Unser Schiff trieb, trotz aller Anstrengungen der Matrose», einem ungefähr acht Fuß hohen Wassersturze zu. Die Kraft der Ruder verschwand gegen die Gewalt des Wassers. „Legt Euch auf den Boden und haltet Euch an den Planken fest!" kommandirte der Reis. Es geschah. Einen Augenblick später sahen wir Nichts mehr. Das sinnbetänbende Donnern des Katarakts umtobte uns, die Wellen stürzten haufenweise über Bord, das Schiff krachte in allen seinen Fugen. Aber es erhob sich aus der Tiefe, stieg auf den Rücken einer zweiten Welle und glitt nun in schnellströmendem, aber felscnfreicm Fahrwasser dahin. Wir waren gerettet. Die Lecke wurden ausgebessert, das hereingedrungene Wasser ausgeschöpft und betend sanken die Araber in die Kniee. Man übernachtete in Wadi Khaddah. Am folgenden Tage erprobte das Schiff seine Festigkeit. Es wurde auf die Felsen geschleudert, zwei Ruder zersplitterten wie Glas, aber die Planken aus dem Holze der Mimosen hielten den furchtbaren Stoß aus. Mahammcd cl Scheiki, einer unserer Matrosen, schwamm in dem furchtbaren Strudel mit bewunderungswürdigem Muthe und Geschick herum, um die Rudertrümmcr aufzufangen. Abends landeten wir bei dem Dörfchen KLssicgä. Der Djcbcl B-lrkLl ist in Sicht. Das Thal der Schrecken liegt hinter uns. Am 17. September. Bald nach Sonnenuntergang besichtigten wir die Pyramiden von Nnhr>. Sie sind klein — wohl keine einzige dürfte über achtzig Fuß Höhe haben — aus schlechten Sandsteinen aufgeführt und diese anstatt des Mörtels mit Nilschlamm verbunden. Wir zählten deren vierzehn. Um Mittag landeten wir in dem kleinen Städtchen MsrLui. ES besitzt eine verfallende Jndigofabrik, schlechte Basars, eine ziemlich erhaltene Moschee, liegt aber zum größten Theile in Trümmern. Wir erhielten den langweiligen Besuch des Kahschcf, des Khadi und eines Offiziers — der Honorationen der Stadt. 351 Nachdem uns diese Leute drei Stunden lang mit dummen Fragen gequält hatten, versicherten sie uns, daß sie die angenehme Unterhaltung zu ihrem Leidwesen nicht fortsetzen könnten — weil sie mit Geschäften überhäuft wären. Wir athmeten freier auf, als die Plagegeister ihr liebliches Versprechen verwirklichten. Der Baron, besuchte den Djebel Barkal, kehrte aber unbefriedigt von dort zurück. Die Ruinen der großartigen Tempclwerke einer längst vergangenen Zeit sind jetzt zum größten Theile nur noch Haufen von Schutt. Zwischen dem Djebel Barkal und dem Dorfe öl TLbbö, an dem Ende der großen östlich-westlichen Nilkrümmung, liegt einer der fruchtbarsten Landstriche Nubiens. Dattelpalmenhaine wechseln mit höchst ergiebigen Durrahfcldern. Der Nil ist von Felsen wieder frei, die Schifffahrt aber unbedeutend. Hier hauste das tapfere Volk der Scheiki, welches jetzt, nachdem es seine Söhne dem Vaterlande geopfert, aufgehört hat, ein Volk zu sein. Das zu einem elenden Flecken herabgesunkene Korti liegt uns gegenüber, am linken Ufer dcS Stromes, welcher damals die Leichen jener muthvollcn, die Freiheit mit ihrem Tode besiegelnden Frauen begrub. — Schon am 21. September landeten wir in Neu-Dongola. Wir hielten uns, weil wir gute Jagdbeute machten, dort bis zum 26. September auf. Am 2. Oktober kamen wir Morgens zu dein Schellahl von Dahle, zwei Stunden später zu dem von Aka fische. Das Schiffsvolk begrüßte den dort in seinem kuppclübcr- dachten Grabe ruhenden Heiligen und warf ihm Datteln in den Strom — ein Opfer für die bei der gefährlichen Fahrt geleistete Hülfe! Noch denselben Nachmittag passirtcn wir die Stromschnellen Tanguhr und Ambukohl. Mit Sonnenuntergang hatten wir eine Strecke zurückgelegt, zu deren Durchschiffung wir bei unserer Heraufrcise zwölf Tage gebraucht hatten. TagS darauf überschifften wir den brausenden Schellahl Scm- mee und landeten Abends in Abke. Hier lagen wiederum viele mit Senn ah beladene Barken der Regierung. Der Aufseher der kleinen Flotte, Osmahn-Effendi, ein uns bekannter und be- frcundctcr Türke, versprach uns die kräftigste Hülse zu der uns morgen bevorstehenden Passage des großen Katarakts von Wadi- Halfa, obgleich er uns abrietst, ein Wagniß zu bestehen, welches vor unS noch kein Europäer bestanden. Der Katarakt von Wadi-Haifa ist in der That der gefährlichste aller Wasscrstürze des Nil. Es vergeht kein Jahr, ohne daß hier mehrere Schiffe scheitern. Oft verlieren sogar die kühnen nubischcn Schwimmer hier das Leben. Alle mahnten uns ab, „Gott zu versuchen," wir beharrtcn auf unserem Entschlüsse, auch den Katarakt von Wadi-Haifa zu befahren. Aber unsere naturhistorischen Schätze sollten auf jeden Fall gerettet werden. Der Türke Aalt zog mit ihnen auf Kamelen nach Wadi-Halfa voraus. Unser Pavian Perro, welcher nicht schwimmen konnte, mußte mit Gewalt aus unserer Nähe gerissen werden, den nubischen Bedienten gaben wir Freiheit, den Land- oder den Wasserweg zu wählen; sie verließen uns ohne Ausnahme. Die Schiffer betrachteten unsere Beharrlichkeit als tollkühne Stör- rigkeit und empfahlen uns dem Schutze Gottes, seines hochheiligen Propheten, — -Lllalr inusollein vu sollsur aale'üru! — und Muh- sa's, des Schutzpratrones aller Schiffer. — Wir lagen am Ufer, auf schwellenden Anakharihb. Die Nacht zog ihren Schleier über die Erde, in dem „Bauche der Felsen" donnerte der Katarakt, in unserer Nähe dufteten die Mimosen. Erwartung des Kommenden ließ uns kein Auge schließen. Wir träumten wachend. Da trat Aabd-Allah, „der Sklave Gottes," ein alter Schiffsführer, zu uns. Ein weißer Bart nmfloß sein ernstes Antlitz, deit braunen Körper umhüllte das Gewand des Landes, ein einfaches, weitärmeligcs, blaues Kattunhemd. In seiner Erscheinung lag für uns heute alles das Ehrwürdige des alten Mor- genländcrs, welches, Ehrfurcht gebietend, zum Herzen spricht. Sein Gewand schien uns der Talar eines Priesters, seine Worte die eines Propheten zu sein. Er war gekommen, uns nochmals zu warnen; er ahnte nicht, daß das, was er sagte, rednerisch, daß es ergreifend war. „Söhne der Fremde," begann er, „seht, ich bin ein alter 353 Mann, die Sonne hat mein Haar stebenzig Jahre beschienen und gebleicht, des Alters Silber deckt es, mein Gebein ist mürbe geworden — Ihr könntet meine Kinder sein. Wohlan, so höret, Männer des Frankenlandes, höret auf das, was ich Euch sagen will. Ich spreche die Sprache des wohlmeinenden Warners. Laßt ab von Eurem Beginnen, denn Ihr geht einer großen Gefahr entgegen, unwissend, sorglos — ich aber kenne sie. Hättet Ihr, gleich mir, jene Felsen gesehen, welche, zusammentretend, den Wogen ihre Thür schließen, hättet Ihr es gehört, wie sie, Einlaß und Durchgang begehrend, donnernd, zürnend, mächtig an die ewig feststehenden klopfen, wie sie die Steine überfluthen und mit Gebrüll zur Tiefe stürzen, und wüßtet Ihr, daß nur die Gnade Gottes — 8udImÄiiu vu taals*) — unser gebrechliches Fahrzeug leiten und führen kann — Ihr würdet meinem Rathe folgen. Denkt an Eure Mütter; der Kummer würde sie erdrücken, wenn uns der Segen des Allbarmherzigen verließe!" Es wurde uns schwer, den Bitten des von uns als redlichen Mann gekannten Alten zu widerstehen. Wir antworteten ihm: „„Uablioim llauen kmloina, ^.liall korilnn! **)" " „Nun, so geht mit Gott und seinem gepriesenen Propheten," erwiederte er, „ich will für Euch beten in der Stunde der Gefahr." „„Amen, o Reis, wir danken Dir, das Heil sei mit Dir!"" „Ds'Mum saicls!" Glückliche Nacht! Wir legten uns zur Ruhe nieder und schliefen kummerlos die ganze Nacht. — Am 5. Oktober. Mit Sonnenuntergang wurde es lebendig auf dein kleinen Deck des Schiffleins. Ernste, des Stromes kundige Rcisihn, muntere, glicderkrästigc Matrosen erschienen und boten uns ihre Hülfe an. Unser Schiffsführer wählte die besten und stärksten. Zuletzt kam auf Verlangen auch Bellahl, unser alter Reis, um den jungen Männern mit Rath zur Seite zu stehen. Alle Ruder hatten mehr als doppelte Mannschaft, am Steuer stan- *) Ihm sei die Bewunderung, denn er ist der Erhabene. **) Der Herr wird uns helfen; er ist gnädig! 23 354 den drei Barkenführer. Am Lande lockerte ein Matrose mit dem gewaltigen Holzhammer den Haftpfahl, um das die Barke am Ufer festhaltende Seil losmachen zu können. Er war fertig. „Männer und Söhne Nubiens, betet die Fathcha," befahl Bellahl. Und der Chor der Versammelten sprach mit lauter Stimme die Worte der „das Buch" (den Khorahn) „eröffnenden" Sure. „Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gesteinigten Teufel!" „Im Namen des Mbarmhcrzigen!" „Lob und Preis dem Wcltenherrn, dem A llerbarm er, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen, zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden! Amen!" Dann sagte Bellahl: „^solideln inu la il iaira il 4,IIad!" und alles Volk antwortete: „äVu N68olilr6tu in» Nalminmeck ra8- 8ukl Zllalr *)! Die Ruder fielen mit gleichmäßigem Schlage in's Wasser. Das war der Zillen verständliche, kurze Gottesdienst vor dem Beginn einer gefährlichen Fahrt. Er war des Volkes, welches ihn hielt, würdig. Die Worte und Werke der Religion sind den Mohammedanern keine Formeln, sie sind ihnen tief gefühlte Wahrheit. Denn wir Alle beteten, daß Allah sie nicht den Weg der Irrenden führen möge, da beteten sie zugleich, daß Gott ihnen auch heute den rechten Weg zeigen wolle. Auch uns hatte das Gebet der Andersgläubigen tief ergriffen. Richt Furcht vor der Gefahr bemächtigte sich unserer, wohl aber Ehrfurcht vor der Religiosität eines noch halb wilden Volkes, welches nie die Handhabe eines Werkzeuges ergreift, nie ein Werk beginnt, ohne dabei auszurufen: „Im Namen des Allbarmherzigen!" so wie es ihm sein Prophet vor Jahrhunderten geboten. Die Religion regelt und leitet die Handlungen des Mahammedanerö, sie regelt sein ganzes Leben. *) Zu deutsch: „Bezeuget, daß es nur einen Gott giebt!" „„Und wir bezeugen, daß Mahammed sein Gesandter ist!"" Der aufgestauete Strom trieb unser Schiff langsam mit sich hinab. Wir ruderten unter fortwährenden Gebeten der Nubier einem sich vor uns ausbreitenden Felsenlabyrinth zu und gelangten nach kurzer Fahrt zur ersten Stromschnelle. Mit furchtbarer Gewalt flutheten die Wogen über die kaum vom Wasser bedeckten Felsenblöcke hinweg, in allen Fugen stöhnte und krachte das Schiffchen, kein Ruder that seinen Dienst; dem Steuer ungehorsam tobte die Barke durch den kochenden Gischt. Wir wurden von den über Bord stürzenden Wellen gebadet und fürchteten, das Schiff jeden Augenblick scheitern zu sehen. Das Ohr war betäubt von dem Donnern des Katarakts, kein Commandoruf durchtönte das Chaos der Töne. Die mehr und mehr zusammentretenden Felsen schienen jeden Ausweg verschließen zu wollen; ängstlich blickte das Auge nach einer Oeffnung zwischen den hohen, schwarzen, glänzenden Syenitmassen. Durch ein enges Felsenthor wälzen sich ungeheure Wogen. Wir treiben mit einer gewissen Beklemmung darauf zu. Urplötzlich stürzen Alle zu Boden, das Schiff ist mit einem entsetzlichen Stoße auf die Felsen gefahren. Aber nur ein leichter Leck ist die Folge dieses allen Muth lähmenden Ereignisses. Auch sind überall Felsen in der Nähe, auf welche man sich wohl zur Noth retten kann. Warum also fürchten? Ruhiger und gefaßter machen wir uns auf die Durchfahrt jenes Thores, in das wir in der nächsten Sekunde eintreten müssen, bereit. Wir stehen wenigstens zwölf Fuß über dem Niveau des anderen Endes dieses Wasscrsturzes, aber nur einen Augenblick, denn schon erfaßt uns die Gewalt des Stromes. Uns zu beiden Seiten steigen schroffe Felsen fast senkrecht in die Höhe, sie sind von uns kaum acht Fuß entfernt, alle Ruder müssen eingezogen werden. Wie, wenn der Strom unser Schiff an diesen Steinmasscn zerschellte, wer vermöchte an ihnen emporzuklimmen? Niemand! Wir wären rettungslos verloren. Aber nur Muth! Die verderblich scheinenden Wogen selbst erretten uns. Sie umfassen, umklammern das Schiff und fort mit sich nehmen sie es in rasender Eile. Wie ein Pfeil vom Bogen jagt es zwischen den Felömaucrn hindurch. 23 * 356 Da, Allah! gerate vor uns am Ente des Falles erhebt ein mächtiger Felsblock sein trotziges Haupt über die ihn mit machtloser Wuth umtobende Fluth, welche, statt ihn zu zertrümmern, nur dazu beiträgt, ihn furchtbarer zu machen. Hoch auf an ihm spritzt der Gischt,-ohnmächtig rieseln die Fluthen zurück, sie sind die Silber- locken dieses Riesenhauptes— und darauf zu stürzt unser Schiff! „Im Namen Gottes, rudert, rudert, ihr Männer, ihr tapferen, ihr gewaltigen, ihr kühnen Männer, rudert, rudert!" stöhnt der Reis. Vor uns her schwebt, schwankt, taumelt unsere zweite Barke, sie biegt links ab — ein Jubelruf ihrer Matrosen — sie ist in Sicherheit! „Ihr nach, euren Brüdern nach, ihr Männer, ihr tüchtigen Männer!" bittet, schmeichelt, befiehlt der Reis. Es ist unmöglich. Wir fallen, zwar ohne aufzustoßcn, ab, aber auf die andere Seite. Uns folgt eine der Regierung gehörige Dahabie. Sie ist zu lang, um schnell genug dem Steuer gehorchen zu können; jetzt biegt sich ihr Schnabel nach links, das Wasser ist zu gewaltig — ein furchterregender Krach — dort sitzt sie auf dem Felsen! Der Riese hat sein Opfer. Er trägt es stolz auf seinem Haupte, vergebens strebt das Häuflein der Matrosen, es ihm zu entreißen, er hält es fest. Der Reis ringt die Hände, er ruft, er fleht zu uns herüber um Hülfe, — wir verstehen von Allem, was er sagt, kein Wort; wir gehören dein Strome, ihm Hülfe zu bringen vermögen wir nicht. Doch wird er sein Schiff wohl noch losmachen können; es gehört ja der Regierung. Schon stürzt ein kühner, gewandter Schiffer in die schäumenden Wogen; von Felsen zu Felsen schwimmend, wird er das Land erreichen und den in Abke versammelten Matrosen Nachricht bringen. Diese werden die Dahab'ic gewiß flott machen, wenn auch mit unsäglichen Anstrengungen. Im Innern derselben scheint man beschäftigt, den Leck zu verstopfen. Aber wo befinden wir uns? Warum spähen die Reisihn so ängstlich zwischen den Felsen umher? Es scheint auch uns, als ob es hier keinen Ausweg gäbe. Wir sind verirrt, wir befinden uns inmitten eines Labyrinths! Eine cntkräftigende Angst bemächtigt sich der Mannschaft. Keiner der Matrosen, keiner der Schiffsführcr weiß, wo wir sind. Einige Matrosen werfen die letzte Hülle von sich, sie wollen das Ufer schwimmend zu erreichen suchen; an Rettung des Schiffes denkt Niemand mehr, den Rudern fehlen die Arbeiter, dem Steuer die Leiter. Die Barke jagt noch immer zwischen den Felsen hindurch, aber nach allen Seiten strömt Wasser ab, unser Fahrwasser muß immer seichter werden. In dieser allgemeinen Noth übertönt die Stimme des siebenzigjährigen Bcllahl, des „.4,ku sl lUüsilm," des Vaters der Schiffsführcr, das Stimmengewirr des jammernden Schiffsvvlkes, das Brausen des Katarakts: „An die Ruder, ihr Helden*)! Seid ihr denn toll, ihr Kinder der Heiden? Arbeitet, arbeitet, ihr Hunde, ihr Knaben, ihr Männer, ihr Tapferen, ihr Braven! Maschallah! .4,1 Kür keritrm! ja .4üleür amM"**)! Er selbst handhabt das Steuer. Da flieht nach links ein starker Arm ab, in ihn lenkt Bcllahl die Barke, verfolgt den Lauf des StromzwcigeS mit sicherer Hand und erreicht freies Fahrwasser. Die Gefahr ist überstanden, unsere Gcwehrsal- ven begrüßen das am Horizonte auftauchende Palmendorf Wadi- Halfa. Die Araber fallen auf ihr Angesicht und beten wie vor der Abfahrt die Fathcha: „Lob und Preis Dir dem Weltenherrn!" Eine halbe Stunde später landen wir in Wadi-Halfa. Wie belohnend ist uns das Gefühl, ein solches Wagniß glücklich überstanden zu haben! Und dennoch möchte auch ich den Katarakt von Wadi-Halfa, nachdem er mir einmal seine Schrecken enthüllt, zum zweiten Male nicht passiren. — Es ist allmählig Abend geworden. Die Matrosen haben ein Schaf erhalten, sitzen und liegen am Ufer unter den Palmen herum und starren in das Feuer, an welchem es gebraten wird. Der liebliche Abend scheint auch sie zu ergreifen. Schon ertönt die Tam- buhra, die Melodie wird lauter und lauter. Es ordnen sich Gruppen zum Tanze. Noch spät in die Nacht hinein erschallt ihr Jauchzen und Händeklatschen. Einer von ihnen hat Mericsa aufgefun- *) Ei» sehr beliebter arabischer, jmigeu Männern schmeichelhafter Ausdruck. **) Bei ähnlichen Gelegenheiten folgen Schimpf und Schmeicheleien, rasch auf einander. Die letzten arabischen Worte bedeuten: „Gott ist gnädig" und „Bei Gott, macht!" 358 den, jetzt sind sie glücklich. Es treibt sie zu singen. Ein junger Nubicr ist lange in Egyptcn gewesen und hat dort eins jener schönen Lieder erlernt. Das trägt er vor. Alle lauschen mit größter Aufmerksamkeit. Er beginnt: O Nacht, o Nacht, zu viel hast Du mir angethan! O Nacht, den Schlummer raubst Du mir, o Nacht! Wie oft durchwachten meine Augen Dich, o Nacht, Und länger, immer länger wirst Du mir, o Nacht! Doch die auch, die ich liebe, that mir Unrecht, Denn sie verließ mich, — nur die Sehnsucht ließ sie mir! Wie lange schon, daß ich sie nicht gesehen. Die sie mein Leben ist und mir mein Herz verwundet, Die meine Seele mit sich nahm. O, möchten sie mich Armen bald begraben, — Ach, länger nicht kann meinen Schmerz ich tragen — Doch nicht im dunklen Garten will ich ruhen. Auf hohen Berges Gipfel sollen sie mich betten. Dann werden noch im Tode meine Augen sie erschauen. Und sie wird sagen: Gott begnad'ge Dich, Der Du vor Liebe starbst; er nahm in's Paradies Dich auf, Der Du so wahrhaft liebtest! Am 7. Oktober. Gestern Abend verließen wir Wadi-Haifa, heute landeten wir bei den Felsentempeln von Abu Simbil. Der Eindruck, welchen die hehren Denkmale heute auf mich machten, war größer, als der, welchen ich empfand, als ich zum ersten Male vor ihnen stand. Damals trug ich noch die idealen, lichtvollen Schöpfungen der alten Griechen in der Seele; jetzt kam ich aus dem Sudahn und jetzt erst verstand ich, das Großartige zu würdigen. Schon am 10. Oktober landeten wir oberhalb des Dorfes Schellahl bei Assuan. Unser Reis hatte dieses Dorf, seinen Geburtsort, seit fünfunddreißig Jahren nicht gesehen. Fast aus allen Häusern kamen alte Weiber hervor, um Den zu bewillkommnen, welcher als Jüngling sie, die damals kleine Mädchen waren, verlassen hatte. Wir mußten schon erlauben, daß er der nun beginnenden Fanthasle beiwohnen durfte und blieben für heute hier liegen. 359 Am Morgen des folgenden Tages kam der Reis des ersten Katarakts zu uns, um uns von den ungeheuren Gefahren der bevorstehenden Passage des unbedeutenden Schellahl gründlich zu unterrichten. Guter Reis, wir waren keine Engländer und zur Abgabe eines splendiden Bakhschiesch keineswegs geneigt. Wir wußten, daß die Stromschnelle im Ganzen nur achtzig Fuß Gefalle — und dies aus dreiviertel Meilen Länge — hat und ganz gefahrlos ist. Das Bcdrückungssystem des Schuftes war uns ebenfalls wohlbekannt und, da wir oft genug reisenden Engländern begegnet waren, auch erklärlich. Für uns war aber kein Grund vorhanden, uns seinen Absichten und Forderungen zu unterwerfe». Deshalb erwiederten wir dem sich Brüstenden nur die wenigen Worte: „Schurke, willst Du uns fahren oder nicht?" „„Nein, Herr! Ich kann und darf es nicht, ich muß erstellten Erlaubnißschein vom Gouverneur zu Assuan haben, ehe ich Eure Barke besteigen darf."" „Elender, Du lügst, sofort begicb Dich auf das Schiff oder, beim Barte des Propheten, Du erhälst fünfhundert Streiche auf Deine Fußsohlen! Fürchte den Firmahn unseres großmächtigcn Sultahns!" Das mit großen Lettern gedruckte Doctordiplom des Baron Müller, welches wir ihm bei diesen Worten vorzeigten, schien wirklich alle Eigenschaften eines Firmahn zu besitzen. Er änderte sogleich seine Sprache, wurde demüthig und sagte: „Herr, ich weiß, daß ich in Assuan einer schweren Strafe entgegengehe, aber wer vermag Euch zu widerstehen? Euch zu Gefallen werde ich ohne Gclcitsschein fahren; ich werde thun, was Ihr verlangt und Eure Wünsche auf mein Haupt und vor meine Augen nehmen; ich bin Euer demüthiger Diener." Zehn Minuten später fuhren wir ab; nach einer ständigen Fahrt landeten wir in Assuan. Der Reis empfing keine Strafe, aber auch kehre Löhnung, sondern nur einen seinen Diensten entsprechenden Bakhschiesch, weil unsere Barke als Eigenthum der Regierung angesehen wurde. So befanden wir uns in dem sehnlich herbeigewünschten Pa- 360 radiesc Egypten. Alle Stromschnellen lagen hinter uns. Die Araber zählen ihrer einunddreißig, aber nur wenige sind bedeutend. Ich will alle namentlich aufführen und die wirklich gefährlichen mit einem * bezeichnen. Sie heißen: Aabd-Allah . . . . . . . . Ortsname. Armahn. .......... „ „ Djimehs.. . „ „ Rojahn.. Um el Hadjar ...... *Hamahr — während des Sommers *Bakhehr ........ „ k, Steinmutter. Esel. Ortsname. Abu - Hammed . . *Rakabe el Djemmel Nach mahne . . . ^Sabiecha .... *Mahhahne . . . *Kaab el Aabid. . El Thien .... Handak..... Schabaan . . . . . Katbahr. ^ . . . Attahb ..... *Dahle ..... ^Akahsche .... Allah-Muhle . . Tanguhr .... Tibsche. Ambukohl. . . . Semmnc Kadidjcna. Kamelhals. die Begnadigte, die Schwimmerin? die Erschütternde, das Haus des Sklaven. die Schlammige. Ortsname. Reich, d. h. an Fahrwasser. Ortsname. „ „ Gottesweihe. Ortsname. k, k, ein grasreicher Ort — hier aber wahrlich nicht! Ortsname. Ortsname in berberi- schcr Mundart. 361 Gaskohl ^ . . . . . Mordjahne I . . . . . Abu-Sihr i ^ Wadi-Haifa. Hambohl Assuan. desgleichen, die Koralle, nach einem in derNähe stehenden Schcchs- grabe des Vaters Sihr. Nachdem unsere Barke von den Zollbeamten besucht und besichtigt worden war, verließen wir am 12. Oktober Assuan und setzten unsere Reise mit möglichster Schnelligkeit fort. Wir kamen bei ungünstigem Nordwind Abends zu dem Tempel Kohm-Om- bos, Tags daraus nach Edfu und landeten am 15. Oktober in Esnch. Hinter der Stadt waren alle Felder in einen See verwandelt worden, auf dem sich Tausende von Wasservögeln unter den Hcerden der Wasserbüffel, welche dort weideten, herumtrieben. Meine Jagd war ergiebig. In der Nacht fuhren wir weiter, erreichten mit Sonnenaufgang Luksor und kamen am 17. Oktober in Khenneh an. Der Admiral der Nilflottille, Cheredihn-Be't, bewirthete uns mit einem Gastmahl, ein Italiener, Fiorani, mit Branntwein. Im Hause des Letzteren trafen wir einen jener unter österreichischer Protektion in Najahde lebenden katholischen Geistlichen, welcher uns bat, ihn bis Siut mitzunehmen. Der Padre Franz esko war ziemlich unverschämt, aber dabei gutmüthig und geistig etwas beschränkt. Er konnte uns den Mangel, in welchem er lebte, nicht groß genug schildern und überzeugte uns durch Vorrechnung seiner Einkünfte auch wirklich davon, daß die katholischen Geistlichen in Oberegypten in einer beispiellosen Armuth leben. Ich hatte mir in Khenneh eine Ophthalmie zugezogen und war herzlich froh, den staubigen Ort bald verlassen zu können. Unser Padre begleitete uns. Wir hatten uns vorgenommen, alle Europäer Egyptens zu besuchen, soweit uns deren Wohnungen bekannt 362 werden würde». Einer gute» Aufnahme waren wir im Boraus gewiß. Deshalb landeten wir am 19. Oktober bei Farschiut, einer Zuckerfabrik Jbrahihm-Pascha's, um den dort stationirten französischen Ingenieur Rollet zu besuchen, besichtigten die Fabrik unter seiner Leitung und setzten Abends unsere Reise fort. Der folgende Tag brachte uns nach Djirdjeh und Achmihm, am 22. Oktober gelangten wir nach Siut. Hier entledigten wir uns des guten Padre Franzesko, besuchten einige Europäer und fuhren Abends weiter. Fröhliche Hornmusik erklang. Wir erwachten vorn Schlafe, rieben uns die Augen und starrten erstaunt in's Blaue. Ein eghpti- sches Reiterregiment sprengte an unserem Schiffe vorüber. Vor uns lag das Städtchen Monfalut. Mitten in der Nacht hatte man das Schiff unterhalb des Fleckens am Ufer befestigt. Auf den uns gegenüberliegenden Bergeshöhcn, hinter dem Dorfe Ma-abde sollten die berühmten Krokodilhöhlen liegen. Wir hatten davon Viel gehört und in einer Flugschrift davon gelesen. Und deshalb wollten wir das Merkwürdige selbst untersuchen. Einer unserer Diener wurde nach dem Städtchen entsandt, um Lebcnsmit- tel einzukaufen und die nöthigen Erkundigungen einzuziehen. Mittlerweile rüsteten wir uns zur bevorstehenden Höhlenfahrt aus. Mehrere Matrosen wurden zu Begleitern auserkoren; einer von ihnen bekam eine Laterne, Lichter und Zündhölzchen, ein zweiter Brod, Wein, Eier und das unentbehrliche Kaffegeschirr, ein dritter trug das Jagdzeug, ein vierter die mit Wasser gefüllten Siinscnüen. So durchwanderten wir lustig das freundliche Städtchen, nahmen eine kleine Barke und fuhren über auf's andere Ufer. Zwei Araber empfingen uns und gaben sich uns als Führer nach der Höhle zu erkennen. Wir nahmen ihre in Aussicht gestellten Dienstleistungen an und versprachen ihnen für den Fall, daß die Expedition zu unserer Zufriedenheit ablaufen sollte, reichlichen Bakh- schicsch, für den entgegengesetzten aber eben so reichliche Prügel. Der Strom hatte uns weit mit sich hinab getrieben ; wir muß- 363 teil eine halbe Meile zurückkehren, ehe wir uns die hohen und steilen Kalkgebirge zu besteigen anschicken konnten. In schwindelnder Höhe über uns lag das Haus eines verrückten Heiligen. Es war kühn wie ein Adlerhorst an den Felsen geklebt und eigentlich nur der Vorbau einer geräumigen Höhle deS Gebirges, welche von den Mahammedanern Kloster genannt und hoch geachtet wird. Wir stiegen langsam an den steilen Felswänden empor. Mancher Schweißtropfen fiel zur Erde, ehe wir die erste Höhe erreicht hatten. Die Wüste breitete sich vor uns aus. Hier und da unterbrachen niedere Hügelreihen die endlose Ebene. Der Führer machte uns auf einen dieser Hügel aufmerksam, dort sollte der Eingang zur Höhle sein. Wir durcheilten die wie von Diamanten besäcte Ebene. Ucber- all lagen die reinsten Quarzkrystalle zu Tage, oft vereinigten sie sich in Drusen, die sechsseitigen, zugespitzten Prismen flimmerten und blitzten in der Sonne — es war eine Pracht! Nach einer Stunde gelangten wir zum Eingänge der Höhle. Es war ein kleiner, größtenteils von einem mächtigen Felsblock überdachter Schacht von zehn bis zwölf Fuß Tiefe. Ringsherum dorrten Mu- mienknochen, getrocknete Muskeln rc. in der Sonne; Dattelbast, Datteläste, Leinwand lag in Haufen umher. Die Führer entkleideten sich und stiegen behutsam in den Schacht hinab. Wir folgten ihnen und zündeten unsere Lichter an. Ein scharfer, widerlicher Geruch kam uns aus dem Innern der Höhle entgegen. Einer unserer Führer legte sich jetzt auf den Boden und begann in ein enges, staubiges Loch hineinzukriechen. Wir folgten seinem Beispiele, erstickten aber fast vor Staub und Hitze. Der Gang war sehr eng, wir stießen uns oft an den Ecken des Gesteins. Aber der Staub verminderte sich allgemach, unser Gang wurde weiter, geräumiger und höher. Tausende und Tausende von Fledermäusen bewohnten diese Räume, Fliegen gleich hingen sie mit den Hinterfüßen an der Decke, eine dicht an der andern. Von uns aufgestört, umflogen sie uns in Schaarcn und verursachten dabei ein Geräusch, welches, sich mehr und mehr verstärkend, wie leiser Donner in der weiten Höhle widerhallte. Mehrere Male löschten sie uns die Lichter aus. Wir erbeuteten manche von ihnen, muß- 36-4 im aber die meisten wieder frei lassen, weil sie gar wehrhaft um sich bissen. Die Wände und der Fußboden aller Gänge waren mit einer schmierigen Substanz überzogen. Bei näherer Beleuchtung erkannten wir die Masse als den reichlich mit dem Erdpcch der Mumien geschwängerten Koth der Fledermäuse. Das Gestein hatte durch ihn eine schwarze Farbe angenommen und diese frühere Besucher zu drin völlig unbegründeten Glauben verleitet, daß hier ein großer Erdbrand gewüthet haben müsse. Wäre dies der Fall gewesen, so würden gewiß auch alle Mumien zu Pulver verbrannt sein. Unser Gang mündete in ein weites Gemach, welches wir mit unserer dürftigen Beleuchtung nicht zu erhellen vermochten. Größere und kleinere Gänge liefen nach allen Seiten hin von ihm aus. Wir betraten einen von ihnen und begannen unseren Kricchmarsch von Neuem. Der Gang war sehr eng, wir blieben mehrere Male fest stecken und wurden nur mit Mühe wieder frei. Später wurde er weiter, in demselben Grade aber auch beschwerlicher und unebener. Wir kletterten über durch und über einander geworfene Stein- massen hinweg; rechts und links zeigte sich zersplittertes und verworrenes Gestein, in welches zu stürzen gefährlich werden konnte. Zuletzt schlüpften wir durch ein enges Loch und kamen in einen neuen Gang. Er war eben so felsig und uneben, als der frühere. Hier fanden wir schon sehr viel Dattelbast und Leinwand- fetzen; der darin herrschende Geruch war nicht zum Aushalten. Einer unserer Führer erzählte, daß hier einmal zwei Engländer umgekommen wären; die mephitischen Dünste, welche uns hier umgaben, schienen den Mann nicht Lügen strafen zu wollen. Nur noch eine kurze Strecke gingen wir weiter, dann sagten uns die Führer, daß wir am Ziele wären. Wir mochten im Ganzen zehn Minuten weit auf dein Bauche dahin gekrochen sein. Jetzt befanden wir uns in einem weiten Gewölbe und erstiegen einen Hügel, welcher sich, nach genauer Besichtigung, als aus menschlichen Leichnamen bestehend zeigte. Die wenigsten Mumien waren noch vollständig. Frühere Besucher der Höhle hatten viele von ihnen aus ihrer Leinwandhülle herausgeschält und verstümmelt. Man harte ihnen die Köpfe, Arme, Hände, Füße abgerissen. Diese Glieder lagen zum Theil noch in dem Gewölbe umher; man sah alle Stücke, welche man wünschen konnte. Dazwischen fanden sich ganze Hansen von Leinwand. Die Führer warnten uns, mit den Lichtern unbehutsam umzugehen, weil sonst die leicht brennbaren Sachen Feuer fangen könnten. Alle Mumienreste waren so stark von dein sie bedeckenden Erdpcch (mit welchem die gewöhnlichen Mumien einbalsamirt wurden) durchdrungen, daß sie gewiß einen unauslöschlichen Brand verbreitet haben würden. Wir hatten uns bald einige schöne Mumien herausgesucht, jedoch mangelte es uns an einem hinreichenden Vorrath von Lichtern, um sie herauszuschaffen. Deshalb mußten auch wir ihnen die Köpfe abreißen, um nur Etwas zu erhalten. In einem zweiten, noch weiter nach hinten liegenden Gewölbe fanden wir die Krokodile. Sie lagen zu Tausenden über einander geschichtet, in allen Größen, von zehn Zoll Lange an bis zu zwanzig Fuß und darüber. Da gab es Brocken, viertel, halbe und ganze Eremplare; wenige waren aus ihrer Umhüllung herausgeschält, andere waren noch mit Dattelbastgeflechtcn umwunden. Die kleineren Thierchcn, etwa bis zu anderthalb Fuß Körperlänge, hatte man zu sechzig bis achtzig Stücken in langen, an beiden Enden zugespitzten und zusammengebundenen Palmenzweigkörben aufbewahrt, ebenso auch die Eier der alten Krokodile. Hieraus scheint mir deutlich genug hervorzugehen, daß die alten Egypter die Krokodile eher fürchteten, als verehrten und sie aus jede Weise zu vermindern suchten. Unmöglich waren alle hier liegenden Ungeheuer eines natürlichen Todes verblichen, sondern vielmehr erst getödtet und dann, um sie wegen des Mordes zn versöhnen, einbalsamirt worden. Weshalb hätte man sonst auch die Eier getrocknet und aufbewahrt? Die Leichen der Menschen, welche wir fanden, gehörten wahrscheinlich jener Klaffe an, welche das Einsangen, Tödtcn und Mumisircn der Krokodile betrieb. Die Beisetzung dieser Leute in der Krokodilhöhle erstreckte sich auch auf die Familien der Fänger, weil man auch weibliche Mumien findet. Das Gewölbe war mit Namen und Inschriften früherer Be- 366 suchn bedeckt. An einer ziemlich ebenen Fläche hatte die römische wissenschaftliche Expedition ihr „ Lpeckitlous romaiur" in großen und nur punktirtcn Lettern in den Felsen eingchauen. Wo der schmierige Ueberzug der Wände durch den Meisel entfernt war, flimmerte das Gestein der Höhle durch und schien bei unserer Beleuchtung wegen des reichen Quarzgchaltes der Steine aus glänzenden Brillanten zu bestehen. Auch von den Krokodilen suchten wir uns einige wohl erhaltene Exemplare aus und traten dann, weil unsere Lichter dem Verlöschen nahe waren, den Rückweg an. Wir konnten nur langsam vorwärts kommen, denn Alle waren beladen. In der Mitte des Weges drohten die Lichter völlig zu verlöschen. Diese Wahrnähme machte uns unwillkürlich schaudern. Da zog einer der Matrosen noch einige Lichtstummel aus seiner Takhi'e hervor, welche er dort für den wirklich eingetretenen Fall wohlweislich verborgen hatte. Mit Jubel wurden sie angezündet, sie reichten aus. Laute Hur- rahs begrüßten das Tageslicht und unsere außen wartenden Diener. Der Koch Fadtl erhielt den Befehl, Kasse zu bereiten und kochte ihn mit den vom Erdpech durchdrungenen Mumicnflcisch und den vor Jahrtausenden von den Palmen abgeschnittenen Wedeln aus der Höhle! Ermattet lagen wir auf den Teppichen, athmeten mit wohllüstigen Zügen die reine Actherluft und betrachteten erfreut unsere Köpfe. Es waren ihrer sieben, waren alle wohl erhalten; nur die Haare hatten sich verändert, diese waren roth geworden. Dann wandten wir uns dem Flusse zu. Am Rande der ersten Felsenrcihe standen wir still, um das entzückende Panorama, welches unter uns ausgebreitet war, zu betrachten. Palmen, Minarets und Häuser ragten aus dem unabsehbaren Nebel und Was- sermcerc des Thales auf. Inseln gleich erhoben sich die Dörfer aus dem überschwemmten Land, in weiter Ferne begrenzte eS die Wüste. Nach andcrthalbstündigem Marsche kamen wir, ermüdet von den Beschwerden des Tages, auf unserem Schiffe an. Der Abend brach herein, rosig beleuchtete die im Westen hinabsinkende Sonne die Berge, von denen wir herabgestiegcn waren; ihr letztes Licht lag 367 auf „der Nilgcbirgc Jochen." Mit Gesang und Rudcrschlag schaukelten uns die Matrosen auf dem Strome; näher und näher führten sie uns der unvergleichlichen Mähernhset mit ihrer blumen- duftigen Esbekle. Allmählig brach die Nacht herein, eine jener unbeschreiblich schönen EgyptenS, und Alles wurde stiller und stiller ; selbst die Matrosen hörten auf zu singen und zu rudern. Zwar breitete das leuchtende Gestirn der Nacht sein Zauberlicht heute nicht über das Palmenthal, aber Millionen voll Sternen flimmerten in den glitzernden Wogen und wetteiferten, die köstliche Nacht zu erhellen. Wie ein Schwan zog unser Schiff lautlos den Strom hinab, die Erlebnisse des Tages hielten noch den Schlaf von meinen Augen fern, aber melodischer und weicher sangen die sich am Bug des Schiffes brechenden Wellen, buntere und mannigfaltigere Bilder riefen sich wach in der träumenden Seele. Und die Bilder verschmolzen und vereinigten sich zu einem einzigen: das Thal der Heimath, der Kindheit Tummelplatz lag vor mir, ich war glücklich, selig, — ich träumte. Am 24. Oktober fanden wir in dem Hause des französischen Ingenieurs Munuiö in Minute die freundlichste Aufnahme. Der liebenswürdige Franzose beschäftigte sich hier, für Jbrahihm- Pascha eine großartige Zuckerfabrik anzulegen. Drei Jahre später sah ich sie in voller Thätigkeit. Munniö war mit einer Abyssinie- rin verhcirathct und lebte sehr glücklich mit ihr. Erst in der Nacht durften wir sein gastliches Hauö verlassen. Am 26. Oktober besuchten wir einen anderen Europäer, den Dr. Castelli in Bcni- Sucf, und wurden abermals von ihm länger als vierundzwanzig Stunden festgehalten. Nun ließ cS uns aber keine Ruhe mehr: Kairo, das Ziel unserer Wünsche, lag zu nahe vor uns. Am 28. Oktober. Die Pyramide von Maiduhn tauchte am Horizonte auf, die Thore „der Siegenden" sollten sich uns noch heute öffnen. Gewehre und Schicßpulvcr lagen bereit, die alte Stadt der Chaliefcn zu begrüßen, sobald die schlanken Minarets der Citadelle sich zeigen würden. Die Spitzen der Pyramiden von Djieseh 368 erhoben sich über das Palmenmcer, noch immer wollte die Stadt unserer Sehnsucht nicht erscheinen. Jetzt traten die Minarets aus dem Nebel hervor; — eine krachende Salve donnerte über den Nil hinüber. Die Gläser klangen, wir tranken den edlen Burgunder, den Munniö uns geschenkt, die Matrosen schwelgten, lhrcs Propheten Lehre vergessend, in französischem Rothwcin. Aber wie langsam bewegte sich das Schiff, wie sehr blieb es hinter unseren Wünschen zurück! Wir hielten es nicht länger aus am Bord der trägen Barke, sondern nahmen ein kleines Boot und ruderten und segelten der Hauptstadt entgegen. Da lag sie vor uns, die „von Allah Beschützte", prangend in ihrer uralten, ewig neuen Pracht. Wie soll ich den Eindruck schildern, den Kairo auf den unbefangenen Beschauer ausübt, nachdem sich schon Meister vergeblich bemüht, ein niemals zu erreichendes Bild desselben zu geben? Wie vermöchte ich es, meine Gefühle zu beschreiben! Jetzt lag das Ende aller Mühen und Beschwerden vor meinem trunknen Sinn, jetzt stand ich im Begriff, alle Entbehrungen vergessend, mich in den weichen Liebesarmen der Herrlichen zu erquicken, in allen den von ihr gebotenen Genüssen zu berauschen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, welche auch das Glück nach Graden und Gewichten messen, ich erfasse es ganz und schlürfte jetzt mit vollen Zügen den Hochgenuß der Freuden ein, die mich beseligten. In Altkairo warfen wir uns auf Esel und sprengten den alten Thoren der „Massr" zu. Das in seiner Art unvergleichliche Treiben und Wogen in den Straßen der Hauptstadt überraschte uns weit mehr als vor einem Jahre und wie der geistesarme Bewohner der Urwälder des Innern, welcher, aus seinem Tokhuldorfe hierher versetzt, zum ersten Male eine solche Bewegung anstaunen mag, so ritten auch wir heute bewundernd durch das Gemisch fast aller Nationen des Südens und Nordens. Unser erster Gang war zu Herrn Champion, unserem Konsul. Er empfing uns mit gewohnter Güte und übergab uns viele Briefe aus der Heimath. Dann gingen wir in ein europäisches 369 Gasthaus und suchten hier auf weichen Pfühlen lange vergeblich den Schlaf, welcher heute sich nicht finden lassen wollte. Der andere Tag war ein Sonntag. Wir traten in ein Kaffe- haus und ließen die in den Straßen auf und nieder wogende Menge an uns vorüberziehen. Duftiger Djebeli und köstlicher Mocha versetzten uns bald vollends in die köstlichste Laune der Welt. Wir blickten gleichgültig auf die vorübergehenden Europäer, aber die erste Europäerin, welche wir nach Jahresfrist wieder sahen, entzückte uns. Mein Gefährte bezog das Hotel ä'Orient, eins der ersten Gasthäuser, ich kehrte nach der Barke zurück, um unsere Sachen in Ordnung zu bringen. Später bezogen wir eine Privatwohnung inBulakh und nun erst genossen wir ungestört der uns Allen bedürftigen Ruhe. Am 2. November trat ein Deutscher, Karl Schmidt (aus Lahr in Baden), in unsere Dienste. Der Mann war Webergesell und hatte als solcher ganz Deutschland, die Schweiz, Italien, Ungarn und einen großen Theil der europäischen Türkei durchwandert, von Konstantinopel aus Kleinasien bereist, war nach Jerusalem gepilgert und endlich nach Kairo gelangt. Er hat sich uns in der Folge sehr nützlich gemacht und war ein ordentlicher, fleißiger und treuer Mensch, welcher sich des Deutschen stets würdig gezeigt hat. Wir verließen mit ihm am 28. November unsere Wohnung, um eine naturwissenschaftliche Reise nach den Seeen Unteregyptens anzutreten. Der See Menzaleh schien uns für unsere Zwecke der geeignetste Ort zu sein. Der Reis der bequemen Dahab'ie, welche wir zu der Reise gemiethet hatten, konnte kurz nach unserer Abfahrt einem äußerst günstigen Winde die Segel öffnen; wir jagten, einem Dampfschiffe gleich, den Strom hinab. Schon am 30. November erreichten wir Mansuhra, ein sehr regsames gc- werbtreibendeS Städtchen Unteregyptens, mit ungefähr zehntausend Einwohnern, belebten und wohlversorgten Basars, einer Baum- 24 370 wollenspinnerei, einer Dampfmaschine zum Reinigen des in hiesiger Gegend viel gebauten Flachses u. s. w. Die Empfehlungsbriefe, mit denen uns unser Konsul in Kairo versehen hatte, verschafften uns einen sehr ehrenvollen Empfang im Diwahn des Mudihr Hahlid-Pascha, welcher uns mit den uns nöthigen Befehlen an verschiedene Schiuhch der Provinz versorgte. Unter den Europäern fanden wir einen Bekannten aus Charthum, den Dr. Savoir, hier wieder und wurden durch ihn mit einem kleinen lebensfrohen, krakehllustigcn Franzosen, Mout, bekannt. Der von Mansuhra abgehende, sich nach vielen Richtungen verzweigende „Bahhr el sorhe'ir," ein in den Mcnzaleh führender Kanal, trug jetzt mehrere SänshdLl*), von denen wir einen mietheten. Jetzt war der Kanal, welcher im März fast ganz trocken lag, gefüllt und lieferte den Bewohnern der Niederung das zuin Versorgen ihrer Cisternen nöthige Trinkwasscr. Er war zu beiden Seiten über seine Ufer getreten und hatte ausgedehnte Sümpfe gebildet, in denen wir einen fabelhaften Reichthum von meist der europäischen Ornis angehörigen Vögeln fanden. Ihre Jagd hielt uns so lange auf, daß wir erst am 8. Dezember das Städtchen Menzaleh erreichten. Früher von großer Bedeutung, ist es jetzt zu einem Fcllahdorfe herabgcsunkcn. Nur der Handel mit dem hier in großer Menge erzeugten vortrefflichen Reis, welcher viele hundert Menschen erhält, schützt es vor gänzlichem Verfall. Schel- lawit-Tubahr, der Schech und reichste Gutsbesitzer des Orts, ein unausstehlicher Araber, nahm uns zwar sehr freundlich auf, aber man sah deutlich, daß es nur wegen unserer Empfehlungsbriefe geschah. Er suchte seine Heimtücke hinter gleißnerischen Worten zu verbergen, bemühte sich, sehr höflich zu erscheinen und war in der That der anmaßendste Schurke, welcher mir jemals vorgekommen ist. Je vornehmer ein Türk ist, um so höflicher ist er, je reicher — vornehme Fellahhihn giebt es nicht — ein Egypter ist, um so unliebenswürdiger, gröber und pöbelhafter wird er. *) Plural von „Sandal", eine kleine, der Dahabke ähnliche Nilbarke mit Kajüre. 371 In unmittelbarer Nähe der Stadt beginnt der See. Er umschließt den Flecken von drei Seiten. Seine größte Länge beträgt zehn, seine Breite zwei bis vier deutsche Meilen. Nach Osten zu erstreckt er sich bis an die Grenze von Palästina, nach Westen bis Damiaht; südlich ist er von den Niederungen „des Landes Gosen" eingefaßt, nach Norden reicht er bis an das Mittelmeer, mit welchem er durch mehrere Wasserstraßen in Verbindung steht. Seine Tiefe ist gering, sein Fischreichthum außerordentlich, die Menge seiner gefiederten Bewohner — welche Gegenstand eines besonderen Abschnittes dieser Blätter sein werden — übersteigt jeden Begriff. Fast alle Bewohner der Umgegend des Sees sind Fischer. Zwölf Ortschaften, welche in unmittelbarer Nähe des Menzaleh liegen und von eigens angestellten Beamteten befehligt werden, beherbergen Fischer. Die Regierung hat die Fischerei des Sees für 3,400 Beutel (oder 113,330 Thaler preußisch) verpachtet; die Beamteten und Fischer müssen noch besonders besoldet werden. Diese einzige Angabe mag den fabelhaften Reichthum des Menzaleh in Zahlen fassen. Und dabei sind frisch gefangene Fische erstaunlich billig. Wir kauften drei Aale von drei Fuß Länge an Ort und Stelle für einen Silbcrgroschen. Nur die wenigsten Fische werden frisch gefangen verkauft, bei Weitem der größere Theil geht, Ungesalzen, unter dem Namen,,Fa siech" durch ganz Egypten, Syrien und Kleinasten und gilt als Leckerbissen. Weniger einträglich, aber immerhin von Belang ist der Vogelfang und die Salzgewinnung an mehreren Stellen dieses Sees. DaS Salz wird durch Verdunsten des Wassers abgedämmter, seichter Stellen gewonnen. Eine Eselsladung desselben kostet in dem Dorfe Materie einen Piaster. Die Salzpfannen heißen ,,Melach iaht" oder im Singular ,,Melache." Der in der Umgegend gewonnene Reis wird in Stampfmüh- len von seinen Schalen befreit, oft aber mit dem billigen Salze Verfälscht. Eine Okha (2 Pfund 6 Loth wiener Gewicht) Reis, beste Qualität, kostet an Ort und Stelle im Einzelkaufe einen Piaster. Vor der Versendung packt man den Reis in Säcke aus Pal- menblättern, „Khuffa," von denen jeder 2tz arabischen Ccntner 24 * 372 faßt. Viele christliche Familien in Damiaht sind durch den Reis- handel reich geworden; der Fellah, welcher die Plage hat, erhält, wie gewöhnlich, Nichts. Wir blieben bis zum 29. Dezember in Menzaleh, wo wir ein kleines Haus bezogen hatten. Unsere Jagden waren höchst ergiebig. Der Baron ging einmal nach Damiaht, um unseren Konsularagenten Kahil zu besuchen. Ich konnte ihn wegen meiner kaum zu bewältigenden Arbeiten nicht begleiten. Mein Gefährte kehrte auch sehr bald zurück und brachte einen jungen Europäer mit, welcher für mich eine wirkliche Merkwürdigkeit war. Herr Filli- poni, der Sohn eines Italieners, war im Orient geboren und in Konstantinopel und Damiaht erzogen worden, sprach ziemlich fertig Italienisch, Französisch, Neugriechisch, Türkisch und Arabisch, konnte aber kaum eine einzige dieser Sprachen lesen und schreiben, hatte alle Laster des Morgcnländers an sich, nicht aber dessen Tugenden, noch viel weniger die des Europäers, war unerträglich langweilig, quälte mich beständig mit sehr dummen Fragen und betrug sich, siebzehn Jahre alt, noch wie ein höchst unartiger Bube. Mir war er merkwürdig, weil ich in ihm ein lebendes Beispiel der europäischen Kindererziehung im Morgcnlande sah. — Das Weihnachtsfcst suchten wir so feierlich als möglich zu begehen. Schon am heiligen Abende wehte unsere, d. h. die österreichische Handelsflagge von der hohen Terrasse unseres Hauses. Den Einbruch der „heiligen Nacht" begrüßten wir mit einundzwanzig Schüssen. Wir hielten ein Mahl und waren fröhlich. Dann tranken wir drei Deutschen das Wohl unserer Lieben in deutschem Wein und beschenkten uns gegenseitig. Die Feiertage über sollte alle Arbeit ruhen; aber die Langeweile plagte uns so gewaltig, daß wir unseren Entschluß nicht auszuführen vermochten. Am 30. Dezember bestiegen wir eine der eigens für den See erbauten Fischerbarken und fuhren an das westliche Ufer desselben, nach der in der Nähe Damiaht's liegenden Fischerstation „Khith cl Nasahra," weil wir unsere Rückreise auf dem Nilarme von Damiaht zurücklegen wollten. Khith el Nasahra besteht nur aus 373 wenigen Gebäuden. Der Name des Orts bedeutet „Kiesplatz der Christen;" ich weiß nicht, woher diese sonderbare Benennung entstand. Kahil sandte uns Pferde, welche jedoch nur der Baron benutzte; ich ging, der Jagd wegen, zu Fuße nach der nahen Stadt und fand den Baron in dem wohleingerichtcten Hause des Konsularagenten. Der Sohn dieses würdigen Mannes war einer von den Levantinern, welche, wie sich einer meiner Freunde auszudrücken pflegte, „den levantinischen Esel unter der fränkischen Löwenhaut zu verbergen suchen, ohne die fatalen Ohren des Grauthieres verstecken zu können." Er sank dadurch, daß er beständig den Europäer spielen wollte, zu einer vollendeten Carricatur herab. Con- stantini, so hieß er, war klein von Person, sehr häßlich und besaß noch dazu ein Paar höchst ungleicher Augen; eins war größer als das andere. Diesen Mißgriff der Natur suchte er nun zwar durch ein beständiges Blinzeln wieder gut zu machen, aber gerade die Anstrengungen, den Fehler zu verbergen, ließen diesen um so mehr hervortreten. Zum Glück fühlte Constantini nicht, wie widerwärtig er war. Er hielt sich für den schönsten jungen Mann Unteregyptens, trat einmal um das andere vor einen großen Wandspiegel und versicherte uns mit ungekünsteltem Ernste, daß er ein allen Ehemännern Damiaht's höchst gefährlicher Adonis sei. Ich lachte ihm in's Gesicht — und von diesem Tage an war er mein Feind. Jetzt bekleidet dieser Ehrenmann, wie ich ihn später mit bitterer Ironie nennen hörte, das Vicekonsulat Toskana's in Kairo. Dam iaht ist nach Kairo und Alerandrien die bedeutendste Stadt Egyptens. Sie zählt gegenwärtig 30,000 Einwohner, enthält vortreffliche Basars und besitzt einen lebhaften Verkehr und ausgedehnten Handel. Der Strom geht in einem stark gekrümmten Bogen durch die Stadt und diese gewährt deshalb einen höchst malerischen Anblick. Der am linken Stromufer liegende Stadttheil enthält die Kaserne, das Hospital und die Dörfer der Soldatenfrauen; die eigentliche Stadt liegt am rechten Ufer des Nilarmes. Unter den öffentlichen Gebäuden sind eine große Baumwollenspinnerei, eine Dampfmaschine zur Enthülsung des Reises, das Re- 374 gierungsgebäude, einige Moscheen, mehrere gute und geschnmckvolle Bäder und eine sogenannte „Wekahle" oder Verkaufshalle u. s. w. bemerkenswert!). Die Wcrfte ist nicht ohne Bedeutung und liefert nicht nur viele Schiffe für den Nil, sondern auch Briggs und Schooner für das Meer. Man kauft in Damiaht fast alle europäischen Erzeugnisse ebenso billig wie in Alerandricn; der Lebensunterhalt ist aber in letztgenannter Stadt dreimal theurer als hier, weshalb auch viele Kaufleute hier ihre Handelsgeschäfte betreiben. Der Haupthandclsartikel Damiaht's ist ohne Frage der Reis. Fast aller im Delta gebaute Reis wird von hier aus verhandelt. Bei hohem Nilstande löschen kleinere Seeschiffe ihre Waaren unmittelbar bei der Stadt, zur Zeit der Dürre können nur sehr seicht gehende Fahrzeuge nach Damiaht gelangen. Die größeren müssen auf der Rhede des eine Meile stromabwärts am Meere liegenden Dörfchens Esbe ankern. Die europäischen Mächte, mit wenigen Ausnahmen, haben in Damiaht Konsularagenturcn errichtet. Sonntags sieht man die resp. Flaggen aus den Wohnungen der Agenten wehen. Nur wenige Europäer leben in Damiaht, um so mehr Levantiner, welche unter dem Schutze der europäischen Mächte stehen. Die Koptengemeinde soll über 2000 Seelen zählen. Wir schifften uns noch am Tage unserer Ankunft in einer bequemen Dahabie ein. Ein kleines, hinten angehängtes Boot trug einen Käfig mit zwanzig lebenden Pelekanen, von denen einer nach dem andern während der Fahrt ausgestopft werden sollte. Das neue Jahr begrüßten wir mit Schüssen. Unser Boot segelte dem Strome sehr langsam entgegen. Später wurde unS der Wind ungünstig, die Dahabie mußte gezogen werden; wir erreichten erst am 4. Januar 1849 das nur wenige Meilen von Damiaht entfernte Städtchen Mansuhra. Der Baron verließ hier das Schiff und ritt auf dem kürzeren Landwege nach Kairo. Ich hatte mit unserem Bedienten Karl noch acht Tage lang mit Gegenwind und Kälte zu kämpfen. Am 12. Januar landeten wir in Bulakh. Die Zurüstungen zur Abreise deS Barons nach Europa nah- W 375 men unsere Zeit bis zum 25. Januar in Anspruch. An diesem Tage stießen wir mit unseren lebenden und todten Thieren in Bu- lakh vorn Lande, segelten rasch den Strom hinab, bogen in den Nilarm von Rcschied ein und konnten, Dank den außerordentlichen Anstrengungen der Matrosen, schon am 28. Januar die Schlcu- senthore von Adfch passircn. Wo wir anhielten, liefen die Menschen zusammen, um die Hyänen und den Pavian, welcher vor Allem die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wußte, zu sehen. Den Hyänen schössen wir von Zeit zu Zeit einen der halb wild herumlaufenden Hunde zum Fraße, sonst gebrauchten wir unsere Gewehre während der ganzen Reise nicht. In der Nacht erhob sich Wind, am Morgen des 29. Januar lagen wir bei Alerandricn. Wir nahmen Esel und ritten in die fast ganz europäisch gebaute Stadt. Wenn uns dies vor anderthalb Jahren nicht auffiel, war es jetzt um so mehr der Fall; wir glaubten uns in eine der Städte Europa's versetzt. Das unabsehbare Meer blickte durch alle Straßen mit seinem azurnen Auge herein, es lag in spiegelglatter Fläche vor uns, ,,der Schiffe masten- reicher Wald" war zahlreicher als je. Unter dem Personale des Generalkonsulats machten wir die erfreuliche Bekanntschaft des Dr. Konstantin Reitz, nachheri- gen Konsuls in Charthum. Er war sogleich rege, uns aller Unannehmlichkeiten der Ankunft in einer fremden Stadt zu entheben, miethete für uns eine Privatwohnung, besorgte uns Frachtwagen u. s. w. und erwies sich uns als einen in jeder Hinsicht gefälligen Mann. Drei Lastwagen führten unser Gepäck von der Dahabre in die neue Wohnung. Ein unabwendbarer Mcnschcnstrom folgte ihnen wegen des Affen und der Hyänen. Perro hatte einer Hündin aus ihrer Wohnung an der Straße einen jungen, netten Hund geraubt und wollte sich diesen nicht entreißen lassen. Er trug das Thierchen auf den Armen, wartete und hätschelte es mit mütterlicher Zärtlichkeit, vertheidigte sich muthig gegen die wiederholten Anfälle der Hündin und erweckte dadurch die lebhafteste Theilnahme der Araber. t 376 Die Brandung schlug an die Grundmauern unserer neuen Wohnung. Das eine Zimmer war ziemlich reinlich, freundlich und gewährte uns die Aussicht auf das Meer, den Pharus, die Nadeln der Kleopatra und einen Theil der Stadt. Der Preis der Wohnung war für Alerandrien sehr mäßig; wir bezahlten für zwei Zimmer mit Betten täglich 12 Piaster. Unsere freundliche Hauswirthin that mit ihrer Tochter Giuseppa, einer vierzehnjährigen, aber schon erwachsenen und ziemlich hübschen Jungfrau, Alles, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Mein Gefährte wollte mit den Sammlungen und einem Paar schwarzer Bedienten auf dem nächsten direkten Loyddampfer Egypten verlassen und nach Deutschland zurückkehren; ich hatte mir vorgenommen, im Pharaonenlande zurückzubleiben und sollte nach Wunsch und auf Rechnung des Baron Müller, eine zweite Reise in's Innere mit den dazu nöthigen Begleitern und Gehülfen antreten. Sturm und die verspätete ostindische Post hinderten den Dampfer, zur bestimmten Zeit unter Segel zu gehen. Erst am 10. Februar konnte das Gepäck eingeladen werden. Auch wir gingen noch an demselben Abende in Begleitung des Dr. Neitz, welchen wir immer inchr kennen und lieben lernten, an Bord des schönen Schiffes ,, Schild" und verbrachten dort die Nacht. Der andere Morgen brachte neue Reisende auf das Schiff und die zur Ausfahrt aus dem Hafen nöthige Ruhe auf das Meer. Es that mir wehe, mich von dem Baron trennen zu müssen. Ich hatte mit ihm Deutschland verlassen und Nordost-Afrika bis zu den Negerländcrn bereist, Freud und Leid zwei Jahre lang mit ihm getheilt; wir hatten zusammen viel Schönes erlebt, viel Schweres ertragen, in einem Zelte gelebt, unter einer Decke geschlafen und mit einem Becher aus dem Brunnen der Wüste Wasser geschöpft. Obgleich er manchmal ungerecht gegen mich gewesen war, hatten wir doch im Ganzen wie Brüder zusammen gelebt. Jetzt trennten sich unsere Wege: er eilte der lieben, theuren Heimath zu, ich sollte mich nach dem fernen Süden wenden. Ich drückte ihn noch einmal an's Herz, sagte ihm noch einmal Lebewohl — wir schieden. Mit Reitz verließ ich den Dampfer, dessen Schlot schon dunkle Dampfwolken von sich stieß, und ruderte in einem kleinen Boote nach dem Lande zurück. Noch von fern winkten wir uns mit weißen Tüchern zu, die Ankerwinde klapperte, die Räder des Dampfers tauchten ihre Schaufeln in die blaue Fluth. Mehr und mehr vergrößerte sich die Entfernung zwischen dem Schild und unserem Boote; jener eilte Deutschlands Gestaden zu, dieses stieß an's afrikanische Ufer. 1 l j i f IIV1W SldÜQtbsk ^ OOO6146 S WM MWZs! _^ MMS MMW -WZL-KMM' ÄKKr ^ WWÄsL^'^ M 7^ MWUtzZÄ IIM-Sidl Iß.s Zweite unveränderte Ausgabe. Zweiter Theil. Aufenthalt und Reisen in Egypten. Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . 169 < 5 --/^ 6 > 2 9 k AKWMk' Kr-KK Inhalt des zweiten Theils Seite Einiges über Egyptcn und sein Volk ... i Herodot's Beschreibung von Egypten. — Produkte des Landes. — Ackerbau. — Feldfrüchte. — Die Palme. — Hausthiere. — Brütofen. — Der Nil. — Der Nilmeffer. — Der Nilschnitt. — Klima. — Krankheiten. — Pest. — Ophthalmie und Diffente- rie. — Bevölkerungstabelle. — Der Egypter, sein Charakter, seine Kleidung. — Der Türke. — Seine Tracht. — Der Schleier. — Unverletzlichkeit der Frauen. — Türkischer Luxus. — Der Tsch i bu h k. — Waffen. — Besuch in einem türkischen Hause. — Türkische Etiquette. — Der Harehm. — Verhältniß des Mannes zu seinen Weibern. — Leben des Fellah. — Kopten. — Beduinen, Levantiner. — Das mahammedanische Gebet. — Beschnei- dung. — Brautwerbung und Hochzeit. — Ehescheidung. — Be- gräbnißfeierlichkeiten. — Mahammedanische Feste. — Der Ra- madtahn. — Bairam. — Schlangenbeschwörer. — Der Ritt des Chaliefen. — „Schimm el Nessihm". — Tänze. — Aberglaube der Araber. — Aabahs-Pascha. — Justiz - und Polizeiwesen. — Strafen bei Verbrechern. — Die Bastonade. — Eine Hinrichtung. — Egyptische Soldaten. — Ein Soldatendorf. — Kairo.121 Gruß an Kairo aus fernen kalten Landen her. — Topographie und Statistik. — Die Esbekre. — Die Muhski. — Basare. — Arbeitende Handwerker auf dem Basare. — Eine Barbierstube. — Ein Kaffchaus. — Der Meddah. — Kaffestam- pfen. — Ein De rw i h sch. — Die Fukhera und Amara. — Wohnhäuser in Kairo. — Wasserträger. — Eseltreiber. — Die Citadelle. — Mahammed - Aali's Moschee. — Der Josephsbrun- ncn. — Das Innere einer Moschee. — Oeffentliche Brunnen. — Türkische Bäder. — Kairo's Vorstädte. — Die Stadt der Todten. — Aabahsie. — Heliopolis. — Schubra. — Roh- da. — Der „rothe Berg" und der versteinerte Wald. — IV Seite Alerandrien als Centralpunkt des europäischen Lebens.165 Statistisches. — Christliche Kirchen und Klöster. — Allgemeine Bemerkungen über die Europäer. — Ihre Sittenlostgkeit. — Griechen und Italiener im Gegensatze zu den Deutschen. — Verheiratung eines Europäers in Alexandrien. — Conkubinate der Europäer. — Theuerung der Lebensbedürfnisse in Alexandrien. — Handel und Verkehrsanstalten. — Das Frankelviertel. — Festungswerke. — Das Arsenal. — Quarantäneanstalt. — Hospitäler. — Das Hafenschloß. — Alterthümer. — Die Mahmuhdi'e. — Ein Blick in das Thicrleben Egyptenö ... 198 Allgemeine Uebersicht. — Der Menzalehsee zur Winterszeit. — Fang des Flammings. — Pelekane. — Der Sporenkie- bitz. — Nächtliches Vogelleben in den Sümpfen. — Aufzählung der merkwürdigsten Säugethiere. — Tagebuchs- und Rciscnotizen während des Aufenthaltes in Unteregypten. 210 Ankunft des neuen Vizekönigs in Alerandrien. — Reise durch das Delta. — Der Heilige Saaid in Tanda. — Baron von Wrede. — Unser Firmahn. — Das Fischerdorf Mater'ie und seine Bewohner. — Ein Ostersonntag in der Fremde- — Der Glaube hilft. — Mein Wohnhaus in Dam iaht. — Warde und ihre Mutter. — Fort d'Esbe. — Seereise bei Sturm und Wetter. — Unsere Schiffsgcsellschaft. — Die dritte wissenschaftliche Expedition des Freiherr» v. Müller. — vr. Rüppell. — Prügelei mit Fellahhihn. — Gericht des Majors von Adfeh. — Ma h a mi» ed-A ali's Tod. — Eine Sauhatze. — Im türkischen Gefängniß. — Schiffbrüchige in den Händen der Beduinen. — Bogumil Goltz.Jagden bei Fuah. — Wettrennen zu Roß und zu Esel.— Uebernachten in einem Kaffehause. — Ankunft meiner Reisegefährten in Alexandrien. — Abreise nach Fajum. — „Die Stadt Josephs." — Der Mörissee-— Ansichten von Lepsius. — Ein interessanter Krankenbesuch. — Meine Reise nach Kairo. — Die Nacht im Hühnerstalle. — Abreise nach dem Innern. — Einiges über Egypten und fein Volk „Jetzt werde ich noch weitläufiger über Egypten sprechen, weil es mehr Wunder enthält, als jedes andere Land." „Die Egypter, gleichwie' ihr Himmel fremder Art ist, und gleich wie ihr Fluß eine ganz andere Natur hat, als die übrigen Flüsse, so find fie auch iu ihren Sitten und Gebräuchen gerade umgekehrt wie alle anderen Völker." H e r o d o t. „Hier im Nilthale Leben; ringsumher Erstarrung und Tod." — „Egypten ist der Nil mit seinen Schlammufern; das Andere ist Felsen und Sand." Julius Mvsen. Egypten und sein Volk hatte, nachdem ich aus dem Sudahn zurückgekehrt war, für mich ein ganz anderes Interesse bekommen; ich war im Lande heimisch geworden. Die arabische Sprache wurde mir geläufiger, das Volk durch sie zugänglicher. Ich fing an, viele seiner Sitten zu verstehen, nachdem ich die Ursachen erkannt hatte, aus denen sie hervorgegangen waren. Dazu trug ein von mir angenommener Sprachlehrer, der Hadj Musellem-Aali- Hohdje*), daS Meiste bei. Sein Unterricht, den ich leider nur kurze Zeit genießen konnte, wurde mir, obgleich er für mich höchst anstrengend war — Hadj Musellem sprach nur Arabisch — sehr nützlich; ich lernte durch meinen Lehrer das Volk eher und besser kennen, als viele andere Europäer. Ich durchwanderte mit *) Hadj oder Hadji ist der ehrende Titel Eines, welcher die heilige Wallfahrt nach dem Grabe des Propheten — Frieden über ihn! — gemacht hat und bedeutet wörtlich einen Pilger; Musellem (abgeleitet von „sal- Isms", Heil, Frieden oder Glück bringen, grüßen w.) heißt der Begrüßte oder Der, dem Friede (durch den Gesandten Gottes) gebracht wurde — auch ein treuer Nachfolger des Propheten; Aali, der Name des Vaters unseres Musellem, bedeutet „der Hohe, Erhabene"; Hvhdje, Lehrer, bezeichnet das Amt meines Sprachmeisters. n. t 2 meinem M'aal lein*) Stadt und Land, besuchte mit ihm die arabischen Kaffehäuser, lauschte dort den mir durch ihn verständlich werdenden Deklamationen des Meddah, nahm Theil an Festauf- zügcn und bemühte mich, mein Interesse an dem Treiben der Gläubigen diesen gegenüber recht deutlich an den Tag zu legen. Viele sahen in mir schon einen Renegaten. Das, was ich in diesem Abschnitte über Sitten und Gebräuche der Egypter geben werde, verdanke ich fast allein meinem Lehrer, weil dieser es war, welcher mich mit allen Klassen der Bevölkerung in Berührung brachte. Es giebt wenig europäische Länder, über welche schon so viel geschrieben wurde, als über das altberühmte Land der Pharaonen. Früher war es das Land der Weisheit und von jeher die Kornkammer Nordafrika's. Seine Priester erzogen und bildeten den Gesetzgeber der Juden, Moses; auf die Satzungen des Dienstes der Isis gründete er das Gebäude der noch heute von uns geachteten und bewunderten Religion des israelitischen Volkes. Gelehrte Männer der alten Griechen durchzogen und beschrieben Egpptenland; alle alten Beschrciber sind voll der Bewunderung über die weisen Einrichtungen in demselben, seine Berühmtheit geht bis in's graue Alterthum. Und als nun Napoleon und später Mahammed-Aali den Europäern freien Zugang in das Land der Wunder verschaffte, da erst erreichte sein Ruhm den höchsten Gipfel. Bauwerke, vor Tausenden von Jahren gegründet, mußten das Staunen der Europäer erregen, ein uns fremdartiges Volk ihnen unerschöpflichen Stoff zu Beschreibungen geben. Schon jetzt ist es kaum mehr möglich, alle über Egypten erschienenen Schriften kennen zu lernen. Wenn nun auch ich mich erkühne, neben den gediegenen Werken berühmter Männer Einiges über das so wohlbekannte und schon so viel und vortrefflich geschilderte Land zu geben, so finde ich die einzige Entschuldigung nur darin, daß das, was ich zu schreiben mir vorgenommen habe, zur Vervollständigung dieses Wer- ') Lehrer, von „sLISm»", lehren. kes gehört. Den meisten meiner Lesern werde ich nichts Neues berichten. Egypten liegt zwischen dem 24. und 32. Grade der nördlichen Breite und dem 43. und 33. Grade östlicher Länge von Ferro und enthält nach Rechnung der Geographen sechs- bis siebentausend Quadratmcilcn Flächeninhalt, weil man einen großen Theil der das Land von beiden Seiten umgebenden Wüsten innerhalb der Landesgrenzc verlegt hat. Weit richtiger würde die Berechnung der Größe des Landes sein, wenn man unter Egypten nur das der Kultur fähige Nilthal und das Delta begriffen hätte. Dann würde sich der Flächeninhalt auf nicht mehr als sechs- bis siebenhundert Quadratmeilen, von denen zweihundert auf das Delta kommen, belaufen. Dieses Land kann bebaut werden und erzeugt bei gehöriger Behandlung eine Fruchtfülle, wie sie fast kein anderes Land auszuweisen hat, denn alles Ackerland ist nichts Anderes, als angeschwemmter Nilschlamm. Schon Herodot sagt von Egypten: „Ein großer Theil dieses besagten Landes beuchte auch mir, eben wie die Priester erzählten, erst neu gewonnener Boden. Denn was zwischen den Gebirgen über Mcmphis*) liegt, schien mir vor Zeiten ein Meerbusen gewesen zu sein." „Es ist aber in dem arabischen Lande, nicht fern von Egypten, ein Busen des Meeres, der vom Meere, so das rothe heißt, sich hincinstreckt, so lang und schmal, wie ich gleich sagen werde. Nämlich die Länge der Fahrt, wenn man anfängt von dem Winkel und ihn durchschifft bis in die offenbare See, erfordert vierzehn Tage für ein Rudcrschiff, die Breite aber, wo der Busen am breitesten ist, beträgt eines halben Tages Fahrt. Und ist in dem- selbigen Ebbe und Fluth alle Tage. Gerade ein solcher Busen, glaube ich, ist Egypten auch einmal gewesen, also daß der eine Busen aus dem Meere nach Mitternacht hinein nach Aethiopien ging, und der andere, der arabische nämlich, aus dem Meere von Mittag nach Syrien zu, und ihre Winkel stießen an einander, und war nur wenig Land dazwischen. Wenn nun der Nil einmal sei- *) Memphis oder Memfis lag in der Gegend des heutigen Kairo. 1 * ' 4 nen Lauf richtete in diesen arabischen Busen, sollte der nicht von dcmselbigcn Fluß zugeschlcmmt werden in zwanzigtausend Jahren? Ja, ich glaube, er wäre schon zugcschlemmt in zehntausend Jahren. Und sollte nun nicht in der ganzen Zeit, die vor mir gewesen, ein auch noch weit größerer Busen zugeschlemmt worden sein, von einem so großen Flusse, der so große Kraft hat? Darum glaube ich, was die Priester über Egypten erzählen, und so dcucht es mir selbst gar sehr wahrscheinlich, wenn ich bedenke, daß Egypten heransücgt von den benachbarten Ländern, und daß man Muscheln auf den Bergen sieht und ein salziges Wesen*) hervordringt, also daß selbst die Pyramiden angefressen werden, und das Gebirge oberhalb Memphis das einzige in Egypten ist, daS Sand hat; dazu, daß der Boden von Egypten nicht gleichet weder dem benachbarten arabischen Lande, noch dem lybischen, noch dem syrischen (denn die Meeresküste von Arabien bewohnen Syrier), sondern er ist schwarz und geborsten, dieweil er Moder ist und Schlamm, so der Fluß aus Acthiopien heruntergesührt. Lybien aber hat, wie wir wissen, röthlichen und sandigen Boden, und Arabien und Syrien ist thonig und felsig." Diese vor mehr als zweitausend Jahren gegebene Beschreibung ist sehr richtig und noch für das heutige Egypten anwendbar. Ebenso interessant sind die uns über die Gestalt des Landes übcr- gebcnen Daten desselben Geschichtschreibers. Er sagt von Ober-- cgypten: „Also von Heliopolis an gehört nicht mehr viel Land zu Egypten **), sondern etwa vier Tagefahrten aufwärts ist Egypten schmal. Und was zwischen den Gebirgen liegt, ist ebenes Land, und es schienen mir ungefähr, wo es am schmalstcn ist, nicht mehr als zweihundert Stadien***) zu sein von dem arabischen Gebirge *) Ein salz- und salpcterhaltiger Ausschlag, welcher an vielen Stellen der Niederungen Egyptens hervortritt und auf der Erdoberfläche eine förmliche Kruste bildet. **) Soll wohl bedeuten: das Land bildet keine große Fläche mehr, weil es sehr schmal ist und eigentlich nur aus dem Nilthal besteht. *") Vierzig Stadien waren ungefähr einer deutschen Meile gleich. zu dem, so mein dos lybische heißt. Von da an aber wird Egypten wieder breit. Das ist also dieses Landes Beschaffenheit." Es versteht sich von selbst, daß die Beschaffenheit des heutigen Egyptcns in geologischer Hinsicht dieselbe ist, wie zu Zeiten Herodot'ö. Daß die Anschwemmung des Nil aber noch immer fortdauert, beweist die Lage der Stadt Damiaht und Reschicd, welche früher dicht am Meere gelegen haben sollen lind jetzt fast zwei Stunden von der Meeresküste entfernt sind. Doch scheint es nicht, als ob der Nil auch die Sceen im Delta verschleimn! habe, denn diese ziehen sich noch immer in großer Ausdehnung an der Meeresküste dahin. Die drei größten sind in Unter egypten oder Whhöriö, der Mcnzaleh-, Brurlos- und Mareotisscc; außerdem findet sich noch ein kleiner See bei Alcrandricn, welcher früher mit dem Marcvtissec zusammenhing, jetzt aber durch den Kanal Mah- muhd're davon getrennt wird, und einer bei Reschied. Auch der Mörissee oder Blrköt öl KHLrn bei Fäjnm in Mittelegyptcn oder Wastahni enthält »och viel Wasser. Die Natronseecn in der lybischcn Wüste sind bcmerkenswerth und bringen dem Lande, resp. dem Vizekönig, vielen Gewinn, weil das aus ihnen gewonnene Natron von vorzüglicher Güte ist. Egypten ist einem zwischen Wüsten eingeklemmten, fruchtbaren Garten zu vergleichen. Seine Felder bringen viele Fruchtarten in einer Ueppigkeit, Fülle und Ergiebigkeit hervor, wovon wir uns keinen Begriff machen können. In seinem milden Klima gedeiht die himmclanstrcbende Palme neben der mit goldenen Früchten beladcncn Orange, der Walzen neben dem Indigo, die Gurke neben der köstlichen Melone. Das Land ist reich an Produkten, mit Ausnahme der Metalle und des Brennholzes. Man baut in Egypten: Reis, Mais, Durrah, Walzen, Gerste, Hirsen, Hülsenfrüchtc, Gemüse, Zuckerrohr, Baumwolle, Flachs und Hans, Scnnc-Mecke (Scnnesblätter), Zwiebeln, Saslor, Indigo, Ja läppe, Kologuinthen, Opium, Tabak, Rübsen, Sesam, Dat- 6 teln, Citronen, Orangen, Oliven, Granatapfel, Bananen, Feigen, Stachelfeigen und Weintrauben. Von Nutzhölzern kenne ich nur wenige : Mimosen, Sy- komonen, Platanen, Akazien und einige andere mehr. In den Gebirgen findet man: Marmor, Alabaster, Granit, köstlichen Porphyr, feuerfesten und andern Thon, Gyps und Kalk, gute Bausteine, Salpeter, Steinsalz und Natron. Auf Metalle baut man nicht. Die Hausthicrc der Egypter sind: treffliche Pferde, gute Maulthiere, Vorzügliche Esel, schönes Rindvieh (unter ihnen der wasserliebende, milchreiche Büffel), Kamele, Ziegen ohne Hörner und mit langen herabhängenden Ohren, kurzen und glatten Haaren, Schafe mit Fettschwänzen, aber grober Wolle (bei den Europäern auch Schweine), Hunde, Katzen, Gänse, Enten, Hühner, Tauben, Bienen undSeiden- würmer. Von den wilden Thieren Egyptcns nenne ich die Hyäne, den Schakal, Fuchs, Luchs, Ichneumon, das wilde Schwein, die Antilope rc. An Vögeln ist unendlicher Reichthum. Unter den Amphibien finden sich sehr giftige Schlangen (z. B. die Brillenschlange), das Krokodil, der Waran oder die Nilcidcchse, viele andere Lazcrtincn, Frösche rc. Man sieht aus dem oben Angeführten leicht, daß der Ackerbau die Grundlage des ganzen egyptischen Wohlstandes ist. Er verdient daher wohl, daß wir uns etwas länger dabei verweilen. Der Ackerbau verhalf dem alten Egypten zu seiner Größe und zu seinem Ruhm, der Ackerbau machte es vollkommen unabhängig von anderen Ländern. Er war von jeher allen Besuchern Egyptcns von höchstem Interesse, weil er unzertrennlich von dem Nil ist, denn gerade so, wie er die Grundlage des egyptischen Staatshaushaltes bildet, ebenso ist der Nil der Quell alles Gedeihens, alles Segens des Ackerbaues. Noch bis heute ist Hcrodot's Befürchtung nicht eingetroffen: „Wenn, wie ich schon zuvor gesagt, das Land unterhalb Mem- fis (denn es ist das, welches so zunimmt) nach demselben Maße, wie in der Vergangenheit, an Höhe zunehmen sollte, werden dann die Egypter, so in diesem Lande wohnen, nicht Hunger leiden? dieweil es weder regnet in ihrem Lande noch sdann späters der Fluß auf die Felder übertreten kann", denn noch heute paßt die von ihm gegebene Schilderung des Ackerbaues auf die jetzigen Zustände des Landes: „Jetzt freilich ernten die Egypter die Früchte ihres Landes mit weit geringerer Mühe und Arbeit, als alle übrigen Völker. Sie brauchen sich nicht zu quälen, Furchen aufzubrechen mit dem Pflug, noch zu hacken, noch mit irgend einer anderen Arbeit, damit andere Menschen auf dem Felde sich quälen, sondern der Fluß kommt von freien Stücken aus ihre Acckcr und bewässert sie wieder, und dann besäet ein Jeglicher seinen Acker und treibet die Schweine darauf, und wenn die Schweine die Saat eingetreten, dann wartet er die Erntezeit ab, und drischt das Korn aus durch die Schweine, und dann bringt er es in seine Speicher." Ganz ähnlich ist es noch heute. Wenn der Lebensfaden des Landes der Pharaonen, der heilige Nil seine trüben Fluthcn über die Ufer schwellt und auf Flur und Feld verbreitet, erweicht und düngt er die ganze Erde und bereitet sie mit eincin Male zur Aussaat, wie zur Ernte vor. Der Fellah, welcher nie einsehen lernte, wie viel Dank er dem Göttlichen schuldet, schreitet über die schlammigen Felder hinweg, sobald er nicht mehr befürchten muß, im Schlamme zu versinken und streut mit freigebiger Hand das Saatkorn in das an Fruchtbarkeit reiche Ackerland. Nun überläßt er die Saat der für ihn schaffenden und sorgenden Natur und kommt wieder, wenn die Sonne die kurzen Halme vergoldet hat und die Aehrcn unter der Last der Körner, gebeugt von der Fülle des Segens, zur Erde sich neigen, um mit kurzer, sä- genartigcr Handsichcl hoch oben am Halme sie abzuschneiden. Mitten im Felde hat er eine Tenne errichtet, auf welcher er die abgeschnittenen Aehren ausdrischt. Hierauf bereitet er das Feld sogleich zur zweiten Aussaat vor, hat dann aber die große Arbeit des Wafferschöpfens, die in manchen Gegenden Egyptens ohnehin 8 das ganze Jahr hindurch anhält und schon zu Moses Zeiten gebräuchlich war: „Denn das Land, da Du hinkommst, es einzunehmen, ist » nicht wie Egyptenland, davon Ihr ausgezogen seid, da Du Deinen Samen säen und selbst tränken mußt, wie einen Kohlgarten" (5. Mos. 11, 10). Ich würde ungerecht sein, wollte ich sagen, der cgyptische Bauer habe immer Nichts zu arbeiten, wollte ich glauben machen, er sei glücklich, so glücklich, wie ihn die allzu gütige Natur wohl gern gemacht hätte. Gehört ja doch das Feld, welches er bewirthschaftet, nicht ihm, sondern dem Bicekönig, ist er ja doch durch die rohe Gewalt der Despotie gezwungen, auf dem ihm vom Vater und Ahn angestammten Erbe wie ein Sklave zu arbeiten und von dem Ertrage seiner Ernte nur ein Fünfthcil für sich zu genießen. Und dann, der freigebige Nil, dieser „Abu el baraka" oder Vater des Segens, ist ja nicht überall in ganz Egyptcn gleich mildthätig und gütig. Da, wo er seine scgenspendcndcn braunen Fluchen nicht hinsenden kann bei seinem niederen Wasserstande, ' soll ja zum zweiten Male und in den höher gelegenen Stellen des Landes das ganze Jahr hindurch gesäet und geerntet werden. ! Am Strome und an den Kanälen, welche das Land nach allen Richtungen hin durchziehen und bei fallendem Nil verdämmt werden, um so noch lange Wasser zu halten, steht er, der braune Sehn des Südens, mit dem Schatuhf oder Schöpfeimer in der Hand, in der glühenden Sonne Egyptens und hebt mit seiner, der unserer tiefen Ziehbrunnen ganz ähnlichen Maschinerie das so nöthige Wasser fünf bis acht Fuß in die Höhe. Ueber ihm steht ein Anderer und über diesem noch Einer oder Zwei und alle verrichten dieselbe Arbeit, so daß der Eimer Wasser oft vier bis sechs Hände durchwandern muß, ehe er oben auf dem dem Felde gleichhohen Ufer anlangt und dorthin abfließen kann. Nur mit einem Schurz um die Lenden bekleidet, giebt er den ganzen übrigen Kör- f per der egyptischen Sonne preis; obgleich der Schweiß in Strö- ' men auf seiner Haut hinabrieselt, verrichtet er singend sein Werk 9 und arbeitet ununterbrochen vier Stunden lang, bis andere Glieder seiner Familie erscheinen, um ihn abzulösen. Besser schon hat es Der, welcher einige Stücke Rindvieh besitzt. Er baut sich eine Sskhie oder ein einfaches Paternoster- schöpfwerk mit Thonkrügen, welches durch Vieh in Bewegung gesetzt wird. Sein kleiner Sohn, der bis zum achten Jahre nackt dahin wandelt, besteigt einen Sitz am Triebrad? des Schöpfwerkes und treibt die Ochsen an. Von drei Uhr Morgens bis zehn Uhr Vormittags und von zwei Uhr Nachmittags bis elf Uhr Abends hört der Reisende das Knarren des Werks; sowohl der Knabe, als auch das Vieh müssen gewechselt werden und nur acht Stunden lang genießen Beide ungestört der Ruhe. Im luftigen, dürftigen Schatten der Palmen liegt der entkräftete Stier während der Mittagszeit wiederkäuend neben dem ermüdeten Knaben und erholt sich von seinem mühseligen Werke. Aufs Neue drückt dann der Fellah das Joch auf den wunden Rücken des geplagten Thieres, von Neuem setzt sich das Werk in Bewegung und sendet ein Büchlein Wasser, welches in künstlichen Leitgräben dahin rieselt, nach dem Felde hin. Mit einem äußerst einfachen Pfluge, an dem ein vorgespannter Ochse durch seine Stätigkeit den Unwillen des neben ihm in's Joch gebeugten störrigen Kamels besiegen muß, zieht der Bauer tiefe Furchen in das fette Erdreich, eggt das Feld dann eben und theilt es mit einer breiten Hacke in quadratische Beete ein, die mit hohen Furchen umzogen werden und das in sie hincingcleitctc Wasser vollständig in sich aufsaugen. Zwischen zwei Reihen dieser Abtheilungen läuft ein Wassergraben hin, der von dem durch das Schöpfrad emporgehobenen Wasser gespeist wird und von dem aus die einzelnen Beete getränkt werden. Der Fellah erscheint, öffnet die Umdämmung mit seiner Hacke und leitet den Erguß des Wassergrabens auf eins der Beete, bis das Wasser vier Zoll hoch über dem Erdreiche steht; dann geht er zum nächsten Beete, verschließt das erstere und verfährt wie vorhin. In einigen Tagen hat er das ganze Feld „getränkt" und es ist gerade wieder Zeit geworden, das Vertrocknete, welches er 10 zuerst bcgoß, von Neuem zu erfrischen. So endet die Arbeit des Begießcns erst mit der Ernte. Dies ist die gewöhnliche Methode, die Felder zu wässern oder, wie der Araber sagt, „zu tränken." Bloß der Reis, den man nur in dem wasserreichen Delta baut, macht hiervon eine Ausnahme. In ihm muß das Wasser fortwährend vier Zoll hoch über der Erde stehen, so daß ein Reisfeld einem wahren Sumpfe gleicht. Waizen, Gerste und Reis werden beinahe auf gleiche Weise ausgedroschen und gereinigt. Das abgeschnittene Stroh wird mit einer eigenen Maschine in „Tibbn" oder Häcksel verwandelt. An einem Gestell befinden sich nämlich mehrere drehbare Walzen mit runden eisernen Scheiben von einem Fuß im Durchmesser, welche an ihrem Umfange scharf geschliffen sind und das Stroh zerschneiden, wobei zugleich die Körner mit ausfallen. Diese Maschine wird auf Achsen bewegt und auf der ganzen Tenne im Kreise herumgefahren. Die Körner befreit man während eines heftigen Luftzugs dadurch von der Spreu, daß man sie in die Höhe wirst. Der Wind führt die Spreu fort, die Körner und alles andere Schwere fällt gerade herab auf den Boden. Das so gereinigte Getreide speichert man unter freiem Himmel auf mächtige Haufen, ohne befürchten zu müssen, daß es Schaden nehmen könne. Die Zeit der Ernte ist in Egypten sehr verschieden, weil sie sich an vielen Orten nach der willkürlich vorgenommenen Aussaat richtet. Waizen und Gerste (Roggen und Hafer kennt man nicht) werden im April gcerntet, der Reis im Oktober, weil erstere nach der Ucberschwcmmung, letzterer aber schon vor der lleber- schwcmmung — im Juli und August — gesäct wurde. Man kann annehmen, daß jährlich zwei Aussaaten stattfinden, die erste im November und Dezember, die zweite im April und Mai. ES giebt aber nicht einen einzigen Monat im Jahre, in welchem nicht eine Getreide- oder Fruchtart eingeerntet wird. Die Behandlungs- wcisc der verschiedenen Fruchtarlcn vor und nach der Ernte ist sehr verschieden. Die Dürr ah oder der Moorhirse und der Mais (Dur- rah schahmi) werden fast nur künstlich durch Maschinen bewässert und zu derselben Zeit als Gerste und Walzen gebaut. Nach der Ernte löst man den Mais mit den Händen von den Fruchtkolben ab, reinigt ihn, wie eben beim Walzen beschrieben wurde, und speichert ihn eben so auf; die Kolben dienen als Brennmaterial, die Blätter der Stauden als Vichfutter oder zur Ausfüllung von Matratzen rc., die Durrah, Bohnen und Linsen drischt man mit Dattelästen aus. Melonen, Kürbisse und Gurken zieht der Fcllah im März, April, Mai und Juni auf vom Wasser entblößten Sandbänken im Nilc, den Tabak und häufig auch Mohn und Salat baut er an den schlammigen, abhängigen Ufern des Stromes, dcn Nargileh- oder Wasscrpfeifentabak (Tümbuhkh) aber auf großen ebenen Feldern, wie auch die schmackhaften, süßen und in üppiger Fülle gedeihenden Zwiebeln. Beide Tabakssorten werden halb dürr abgeschnitten, auf Haufen geworfen und getrocknet, ohne daß man sie beizt oder weiter zubereitet, wie es in Syrien mit dem feineren Tabak, z. B. dem köstlichen Djebcli, geschieht, der unter Anderem lange geräuchert wird. Das Zuckerrohr wird hauptsächlich in Obcregypten gebaut. Hier haben die Söhne Jbrahihm-Pascha's, wie schon früher ihr Vater, bedeutende Zuckerfabriken errichtet, welche guten Zucker, jedoch zu ziemlich hohen Preisen liefern. Für diese Fabriken bauen jetzt ganze Dorfschaftcn nur Zuckerrohr. Da dasselbe erst im zwölften oder vierzehnten Monat seine völlige Reife erlangt und fortwährend sehr viel Wasser bedarf, würde es fast unmöglich sein, die großen Felder mit gewöhnlichen Schöpfrädern zu bewässern. Man stellte deshalb Dampfmaschinen von dreihundert und mehr Pferdekraft auf, welche die Zuckerrohrdickichte unter Wasser setzen. Diese Einrichtung hat sich bewährt, denn es fallen viele zufällige störende Einflüsse, wie sie bei Betreibung der Schöpfräder Lurch Vieh leicht vorkommen können, hier weg. Man heizt die Dampfmaschinen mit ausgequetschtem und gedürrtem Zuckerrohr, Stcppcngrase, Baumwollenstauden und Baumwollcnkörncrn. Letztere heizen vorzüglich gut, sie sind sehr ölig und geben ein langsames, aber starkes und anhaltendes Feuer. Jbrahihm Pascha war unstreitig der 12 erste Landwirt!) Egyptcns; er erkannte, aus welche Art in Egyptcn wirklicher Nutzen zu erringen sei und wurde reich. Nach seinem Tode hinterließ er seinen drei Söhnen ein kolossales Vermögen. Jeder von diesen Dreien ist an und für sich weit reicher, als der Vizekönig. Die Kultur der Baumwolle und des Zuckerrohrs trägt dem Pascha enorme Summen ein. Aber auch in den übrigen Theilen des Landes wird das Zuk- kerrohr gebaut, denn die Egypter saugen sehr gern den süßen Saft desselben aus. Deshalb findet man auch bei allen größeren Städten Egyptcns Zuckerrohrfelbcr zum Bedarf der Einwohner. Man sieht oft einen Fcllah neben seinem mit Zuckerrohr beladenen Kamele durch die Straßen ziehen und die Waare feil bieten. TaS Volk tritt herzu und kauft einzelne Stengel, die nach der Größe theurer oder billiger sind und gewöhnlich von zwei bis fünf Pfennigen kosten. Der Fcllah schält daö Rohr nun sogleich mit seinem trefflichen Gebiß und saugt gierig den Saft. Ich konnte dieser Leckerei nie Geschmack abgewinnen. Die Ernte des Zuckerrohrs auf den großen Feldern in der Nähe der Fabriken ist sehr einfach. Der Fellah schneidet das Rohr dicht über der Erde ab, entblättert es und beladet die Kamele damit. Man sieht oft Züge von zwanzig bis dreißig an einander gebundenen Kamelen mit einer schweren Tracht des gewichtigen Rohres der Fabrik zugehen, wo es, ohne Verzug unter die durch Dampfkraft bewegten Walzen gebracht, so stark gequetscht wird, daß es diese völlig trocken verläßt und wenige Tage später zur Feuerung benutzt werden kann. Ein noch wichtigeres Erzeugniß Egyptcns, als das Zuckerrohr, ist die Baumwolle, „Khutrn". Sie bedarf weit weniger Wasser als dieses, aber größere Sorgfalt. Alle drei Jahre erneuert man die Stauden, jätet auf dem Felde während der ganzen Zeit ziemlich sorgfältig alles Unkraut aus, lockert die Erde um die Stauden herum mehrere Male aus und beschneidet die üppigen Auswüchse des Gewächses. Wenn die Staude einmal eine gewisse Größe erreicht hat, blüht und trägt sie das ganze Jahr hindurch. Dann werden regelmäßig alle sechs bis acht Tage die reifen Sa- 13 menkapscln eingesammelt. Man rechnet, daß jede Staude jährlich ungefähr zwei Pfund Baumwolle erzeugt. Die eingetragenen Kapseln werden auf Haufen geschüttet; später ziehen die Frauen der Fellahihn die Baumwolle aus ihnen heraus und trocknen sie an der Sonne. Nachdem sie recht trocken geworden ist und sich möglichst ausgedehnt hat, läßt man sie zwischen zwei Walzen von geringem Durchmesser, welche die Körner abstoßen, hindurch gehen. Außer der bereits erwähnten Verwendung der letzteren bereitet man auch noch ein gutes Brennöl aus ihnen. Ein sehr gewinnbringender Handelsartikel Egyptens ist auch das Opium, arabisch „Aafsiuhn" genannt. Daß es aus Mohnsaft bereitet wird, ist bekannt, weniger vielleicht, wie die einfache Bereitung desselben vor sich geht. Wenn der blühende Mohn dem trunkenen Auge seine ganze Pracht entfaltet (in Egpptcn im März, April und Mai) und einzelne Pflanzen schon Samenkapseln angesetzt haben, durchwandelt der Fcllah mit einem breiten, mciselartig geformten Messer die ganze Saat, nimmt die halbgerciften Samenkapseln und macht mit der einen Ecke seines Messers einen, zwei oder auch drei Einschnitte rund um die Kapsel herum. Der aus- fließende klebrige Mohnsaft bleibt an der Kapsel hängen, verdickt an der Luft und nimmt erst eine gelbe, dann eine immer dunkler werdende Farbe an. Am folgenden oder dritten Tage schabt der Bauer den her- ausgeronnenen Saft mit seinem Messer ab und bewahrt ihn als fertiges Opium auf. Außer diesem wohlthätigen Arzneimittel erwähne ich nur noch die Rosengärten und Felder bei Fajum, wo viel Nosenwas- ser gewonnen wird, mit welchem der lurusliebende Orientale sich, seine Kleider, Teppiche und Zimmer besprengt. Das Rosenwas- ser ist wohl zu unterscheiden von dem Rosenöle, denn dieses wird selbst für Egypten aus Tunis bezogen. Der Indigo wird in Egypten auf sandigen Feldern gebaut. Die Araber verbrauchen den gewonnenen Farbestoff (Nihle), zum Färben ihrer dunkel- oder hellblauen Kleider. Der Flachs gedeiht ausgezeichnet gut und erreicht eine Länge, die man in Europa vergebens zu erzielen wünscht. 14 Aus dem Hanf wird eine narkotische Substanz, der Haschiesch gewonnen, deren Genuß einen starken Rausch und sonderbare Gebilde der Phantasie hervorruft. Der Haschiesch ist wohl zu unterscheiden vom Opium, dessen Genuß eine ganz andere Wirkung hervorbringt. Einer, der Haschiesch genießt, wird „Haschasch" genannt und ist allgemein verachtet. Haschasch ist ein so großer Schimpfname für einen strenggläubigen Mahammcdaner, daß er den Beleidiger beim Khadi verklagt. Feigen, Aprikosen, Bananen (die feinste Frucht, welche ich kenne), Khischta (eine ananasähnliche, aromatische und geschmackvolle Baumfrucht), Citronen, Orangen, Weintrauben u. s. w. sind einzig und allein Erzeugnisse der Gärten. Weit wichtiger als diese leckeren Früchte ist für den Bewohner Nord-Ost- Afrika's die Dattelpalme. Welch' schöner, herrlicher Baum ist doch die Palme! Schon der Name des königlichen Gewächses ist Poesie. Die Palme ist uns ein fast heiliger Baum; sie ist uns ein Symbol des Friedens und des Heils. Die stille Würde des hohen, majestätischen Baumes mit seiner prächtigen Krone, seinen goldenen und purpurnen Fruchttrauben, an denen oft über zweitausend Datteln hängen, ruft in der Brust eines jeden fühlenden Menschen einen mächtigen und doch höchst angenehmen, lieblichen Eindruck hervor. Was wäre ein orientalisches Bild ohne die Palme?! Sie erst giebt ihm wahres Leben , sie erst rahmt das Ganze passend ein; sie erst kräftigt und stärkt das glühende Kolorit der südlichen Landschaft. Wenn um das schlanke Minaret, um die weißgetünchten Häuser mit den sarazenischen Erkergittern sich Palmen gruppiren, dann erst fühlen wir das fremdartig Schöne des morgenländischen Panoramas, dann erst empfinden wir in seiner wahren Stärke seine ganze Lieblichkeit und Anmuth. Und wie anspruchslos ist die Palme! Sie gedeiht, blüht und reift im dürren Sande. Man glaube nicht, daß der Araber nicht auch den Werth seiner Palme erkenne. Seine Poesie ist ihr Bild. Denn gleichwie die Palme, dem Sande entstammend, im goldncn Sonnenlichte goldne Früchte reifen läßt, so entsproßt auch die arabische Dichtung einem gar dürren Boden, breitet und 15 reckt sich aber mächtiglich und sendet ihre strahlenden Zweige frucht- bchangen weit hinaus. Er vergleicht seine Geliebte mit dem König der Bäume: „Sie ist wie eine Palme schlank"; er vergleicht mit ihr sein Weib, die Mutter seiner Kinder: „Sie ist so fruchtbar wie die Palme!" ja, er kennt die ganze Wichtigkeit der Palme, das beweist schon der herrliche Mythus, den sein dichterischer Geist erschuf. Nur wenig Worte hat ihm sein Khorahn überliefert *') und aus diesen wenigen Worten entstand eine liebliche Sage, aus einigen Fäden ein schimmerndes Gewand. Und wie immer, so auch hier, hat er auf die unerforschten Geheimnisse der Natur gelauscht und mit getreuer Benutzung Dessen, was er betrachtet, eine anmuthige, freundliche Erzählung gegeben, wie es kam, daß der Palmcnbaum jetzt Früchte trägt, Früchte, die das Gebet einer Frau ihm geschenkt: „Die von dem Mahammedancr so hoch verehrte Jungfrau Maria langt mit ihrem Kindlein auf ihrer Flucht nach Egypten in dem Palmcnlande an. Nebcrstandcn ist der größte Theil der mühseligen Reise der Armen, aufgezehrt aber auch ihre Nahrung; und geschwächt von dem Wüstenwcgc, verbrannt von den Strahlen der nie verhüllten Sonne, mit versengten Füßen, denen der glühende Sand bei jedem Schritte neue Schmerzen bereitet, bricht sie in einem Palmcnhaine müde und kraftlos, hungernd und dürstend zusammen. Doch nicht verzweifelnd richtet die hohe Frau ihre Blicke nach Oben; ihr klares Auge fleht fromm zu dem ewigen Vater, zu dem Beschützer der Ermatteten, Kranken und Hülflvsen und er, der Allgütige, erhört Las Gebet der beängstigten Seele der verschmachtenden Frau." „Siehe, zwischen den langgestieltcn Blättern hervorbricht eine *) Sure 19, Vers 23—26: „Einst befielen sie (die heilige Marie) die Wehen der Geburt bei einem Palmenbaume, da sagte sie: O wäre ich doch längst gestorben und ganz vergessen! Da rief eine Stimme unter ihr: Sei nicht betrübt, schon hat der Herr zu Deinen Füßen ein Büchlein fließen lassen und schüttle nur an dem Stamme des Palmenbaumes und es werden reife Datteln auf Dich herabfallen, die werden Dich nähren und tränken nnd Deine Thränen trocknen-" 16 keimende Schote und zeigt zerspringend der Hoffenden die goldene Blüthentraube der Dattel. Und die Knospen werden zu Blüthen, die Blüthen fallen ab und überschütten sie mit ihrem goldenen Samenstaube und wo sie abgefallen, schwillt es und wächst es; an der Stelle, wo sie geblüht, hängen grüne Früchte, die sich in wenig Augenblicken purpurn färben und neues Wachsthum fördert die Reife. Ehe die Heilige noch an Erhörung geglaubt, sind die Früchte gereift und saftig und süß; nährend und tränkend zugleich, fallen sie der durstigen Frau in den Schoos und erquicken sie und ihr Kindlcin." Aus der sinnigen, dichterischen Auffassung dieser Sage erkennt man leicht, wie sebr der Araber seine Palme zu würdigen weiß. Aber sie ist ihm auch sehr wichtig. Während ihm die Frucht die Zeit der Reife hindurch in manchen Gegenden fast das einzige Nahrungsmittel liefert, ist sie getrocknet ihm unentbehrlich auf seinen Reisen; selbst seine Hunde fressen sie gern. Getrocknete Datteln kann man Jahre lang aufbewahren; frisch in Zicgcnhäute gepackt und gepreßt, halten sie sich nicht so lange, bleiben aber saftiger und wohlschmeckender; in Zucker eingesotten ist die Dattel ein unübertrefflicher Leckerbissen. Die Blüthe der Palme fällt in die Monate April und Mai. Es giebt Bäume, welche nur männliche und andere, welche nur weibliche Blüthen hervorbringen; deshalb muß der Araber die letzteren durch die ersteren künstlich befruchten. Die männliche Blüthe ist eine prachtvolle goldgelbe Traube mit reichlichem Samenstaube. In den Monaten August, September und Oktober beginnt die Reife der Datteln. Ein einziger Baum ist oft mit zwanzig Fruchttraubcn beladen, von denen jede durchschnittlich wenigstens fünfzehnhundert Datteln trägt. Man kennt gegen vierzig verschiedene Dattclsortcn. Ist nun schon die Frucht der Palme wichtig, so ist es eben so sehr der Baum selbst. Nicht ein Stückchen verliert der Araber unbenutzt von ihm. Er spaltet die einzelnen Blätter, um Körbe und Matten aus ihnen zu flechten, verarbeitet seine Blattstiele (Djeried) zu „Khafaß", dreht seine Fasern zu Stricken, klopft *) DaS bedeutet „das Entlaubte." Von derselben Wurzel ist 17 die dicken Enden der Blattstiele zu Besen, von denen er das Stück zu einem Pfennig verkauft und verwendet die Stämme zum Baue seiner Schöpfender, Brücken und Häuser. Bloß als Brennholz kann er den Stamm nicht benutzen, denn starkes Palmenholz brennt schlecht oder gar nicht. Kurz, die Dattelpalme ist dem Araber so wichtig, daß manche Stämme seines Volkes kaum leben könnten, wenn sie dieselbe nicht besäßen. Unter den Hausthieren der Egypter steht das edle Pferd oben an. Es ist von einer vortrefflichen und großen Ra<;e, wenn auch nicht reines, arabisches Vollblut. Die ächten, arabischen Pferde, deren Stammbaum mit gewissenhafter Genauigkeit von Stute zu Stute bis zu der Urmutter aller arabischen Vollblutspferde oder Khohhehli der Stute, auf welcher Mahammed ritt, hinaufreicht, sind fast allein im Jemen und dort nur zu enormen Preisen zu finden. Selbst der Vicckönig besitzt nur wenig ächt arabische Pferde, obgleich er eine in jeder Art ausgezeichnete Stuterei hat. Die Beduinen halten viel auf gute Pferde, sie sammeln und sparen Jahre lang, um sich ihr Ein und Alles, ein Roß zu erschwingen. Die egyptischen Pferde sind nicht so ausdauernd, als die der Beduinen oder die ächt arabischen; letztere scheinen erst neues Leben zu bekommen, wenn sie den Sand der Wüste unter ihren Füßen fühlen. In Egypten nährt man die Pferde acht Monate lang im Stalle, die übrigen vier Monate bringt man sie auf die Weide. Wiesen hat man nicht, dagegen aber ausgedehnte, üppige Kleefelder. In diesen pflöckt man die Pferde reihenweise mit Büffeln, Djerahd, die Heuschrecke, abgeleitet und bedeutet wörtlich „das Entlaubende." *) Von „Khohh", rein, ächt, »«vermischt. Die Araber haben viele Namen für das Pferd. Ein halbedles Roß nennt man Hossahn, Pferde überhaupt Shell, ein Reisepferd Maracha oder Rachwahn. Die Stute beißt Fsrräs, das Fohlen Möchdr. 2 18 Ziegen und Schafen an und läßt sie so viel Grünes fressen, als sie gerade wollen. Die Maulthiere (Barhele, Plur. Barhahl) sind große, r aber ebenso störrische Thiere, als die unseren und werden gewöhnlich zum Lasttragen benutzt. Weit besser sind die Esel (Humahr, Plur. Hu in ihr). Der egyptische Esel ist ein treffliches Thier und ebenso reich an Vorzügen, als sein nordischer Gattungsverwandtcr an Untugenden. Er ist von Mittelgröße, sehr ausdauernd, fleißig und dabei äußerst genügsam. Abends und des Nachts sein Hauptfuttcr, harte Buffbohncn erhaltend, empfängt er bei Tage nur dann und wann ein Bündel frischen Klees oder eine Handvoll Bohnen. Dabei muß er tüchtig arbeiten. „Etwas Nutzbareres und Braveres von einer Kreatur, wie diese Esel", sagt Goltz, „ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Eremplar, das oft nicht größer, wie ein Kalb von sechs Wochen ist und setzt es in Galopp. Diese schwachgebauten Thiere gehen einen trefflichen Paß (einen Halbtrab); wo sie aber ' vollends die Kraft hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trabe und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus, in die Eselmysterien zu gehen, die auch noch ihren Esel-Sue bekommen müssen, wenn Gerechtigkeit in der Weltgeschichte ist." Ihr kurzer Galopp ist so angenehm, daß man wohl schwerlich ein bequemeres Rcitthicr finden kann. Man verschneidet den Reitescln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, wodurch es das Ansehen des glatten und weichen Pfcrdehaares erhält, und läßt es nur an den Schenkeln länger stehen; hier werden noch besondere Figuren und Schnörkel Angeschnitten. Die Miethest! in großen Städten tragen einen gepolsterten Sattel von ganz eigenthümlicher Form mit zwei Steigbügeln, an denen sich die Sporen befinden, und einen einfachen Zaum. Für die Esel einer guten Ra^e wird in Egypten oft ein höherer Preis bezahlt, als der unedler Pferde ist. Unter dem Rindvieh giebt es mehrere Arten. Ich nenne zu- 19 erst den Wasserbüffel (Djamiihs). So grimmig und wüthend ein solches Thier auch aussteht, so sanft und gutmüthig ist » es. Der Büffel ist wegen seiner Dummheit und Faulheit nur zu Wenigem abzurichten, am allerwenigsten zum Ziehen. Der Fellah benutzt ihn zur Gewinnung der Milch, denn diese giebt er sehr reichlich und gut, oder zum Lasttragen, z. B. um Futtcrklee von dem Felde nach Hause zu schaffen. Weiber und Kinder sieht man oft aus dem Rücken der Thiere reitend über den Nil setzen. Der Büffel schwimmt vortrefflich und liebt das Wasser ungcmcin. Man sieht ihn täglich mehrere Stunden behaglich im Nike oder in einer Wasserpsütze liegen; er taucht dabei seinen ganzen Körper unter das Wasser und schaut nur mit den Augen heraus. Seine Nahrung ist das grobe, saure Gras auf überschwemmten Plätzen oder in Sümpfen, welches alle anderen Thiere verschmähen; er ist höchst anspruchslos und nimmt mit dem Schlechtesten vorlieb. Deshalb schätzt ihn der Fellah und zählt ihn mit Recht unter die nützlichsten Hausthiere. Zum Betriebe der Schöpfräder gebraucht man in Egyptcn gewöhnlich starke, große, den unsrigcn ganz ähnliche Ochsen, fast nur von brauner Farbe. Den Hö ckcrsticr des Sudahn (Thohr) hat man auch eingeführt, doch ist er ziemlich selten. Das Fleisch des Rindviehes wird in ganz Nord-Ost-Afrika dem der Schafe nachgestellt; es ist in der That gewöhnlich hart und zähe. Die egyptischen Z iegcn gehören einer ganz eigenen Ra^e an. Sie sind von mittlerer Größe, haben weiches Haar, lang herabhängende, unten breitere Ohren, eine auffallend vorspringende Unter- kinnlade und gebogene Nase. Das große Euter hängt fast bis zur Erde herab. In größeren Städten giebt es Frauen, welche einzig und allein von einigen Ziegen leben. Mit diesen ziehen sie am Morgen durch die Straßen und fordern mit dem von Zeit zu Zeit wiederholten Rufe, „Leb den halieb" (süße Milch) zum Milch- kaufe auf. Wer kaufen will, tritt aus dem Hause heraus und läßt ein gewisses Quantum melken, welches er frisch aus dem Euter bekommt. Diese Einrichtung hat viel Vortheilhaftes, denn man ist sicher, gute und unverdünnte Milch zu erhalten. 2 * 20 Von Schaft» kennt und hält man vorzüglich zwei Arten: die eine ist den unsrigen ähnlich und besitzt lange, aber etwas haarige Wolle, die andere ist glatthaarig und hat den großen Fett- schwanz. Ost wird dieser zehn Pfund schwer und gilt dann für einen ausgesuchten Leckerbissen. Die Felle der Schafe werden entweder zu dem rothen oder gelben Saffian für die türkischen Schuhe verarbeitet oder mit den Haaren gegerbt und dienen dann zur Unterlage auf Rcitsätteln. Man liebt bei solchen „Farroaht" eine brennend rothe oder dunkelblaue Farbe. Zwar beansprucht die Regierung alle Felle der in ganz Egypten geschlachteten Thiere als eine Art Schlachtsteuer, nimmt es aber mit Dem, der diese Verordnung übertritt, nicht gerade sehr genau. Ich habe schon früher bemerkt, das das cgypirsche Kamel als Art von dem des Sudahn verschieden ist. Die Zahl der Kamele ist in Egypten geringer, als in Nubien und Sudahn, noch immer ist es aber auch da das einzige Lastthier, welches zu Waarentransportcn innerhalb des Landes gebraucht wird. Zu Wü- stenrci'sen wählt man in Egypten gewöhnlich die Kamele der Beduinen, welche sich das ganze Jahr hindurch mit ihren Thieren in der Nähe der größeren Städte aufhalten, um auf Reisende zu warten. In seiner Lebensart und seinem Betragen ähnelt das cgypti- sche Kamel ganz dem des Ost-Sudahn. In allen Dörfern Egyptcns findet man die Haushunde in großer Anzahl. Sie sind flinke und wachsame, aber röthliche, häßliche und pöbelhafte, ihren nordischen Gattungsverwandtcn weit nachstehende, unreinliche Thiere und flegelhaft, wie der Fellah selber. Viele laufen halb wild im Lande herum, graben sich in den Schutthaufen in der Nähe der Städte Höhlen und Wölfen auch dort. Die Jungen wachsen dann ebenso wild auf, wie ihre Alten, kläffen den Fremden an und ziehen sich, wenn sich derselbe umwendet , sogleich feig zurück. Der Mahammedancr hält eS für Sünde, eins dieser Thiere zu tödten oder zu beleidigen. Man findet deshalb oft räudige und kranke Hunde im größten Elende auf der Straße liegen, ohne daß eine mitleidige Hand sich fände, ihrem erbärmlichen Dasein ein Ende zu machen. Es ist ein wahres Glück, 21 daß diese Hunde fast nie oder nur äußerst selten der Wasserscheu ausgesetzt sind, immerhin ist es aber für den Fremden rathsam, jeden auf ihn eindringenden Hund todtzuschießcn. Da sie keinen eigentlichen Herrn haben, sondern frei herumlaufen und sich von Aas, Unrath und den Abfällen in den Straßen nähren, zieht ein solches Verfahren nicht die geringste Unannehmlichkeit nach sich und man ist auf jeden Fall vor einer solchen Bestie gesichert. In den Städten halten alle Hunde einer Straße unter sich zusammen und fallen sogleich über einen fremden Hund her, wenn er in ihre Straße kommt. Obcrcgypten besitzt gute zottige Schäferhunde, sogenannte „Armenti" (weil sie hauptsächlich in dem Dorfe Arment gezogen werden), die sich sowohl durch ihre Gestalt, als auch durch ihre Klugheit vor allen übrigen auszeichnen. Die Katze ist als Hausthier durch ganz Egypten verbreitet, wenn auch nicht in dem Maaße, wie bei uns. An Geflügel scheint der Egypter großen Gefallen zu finden. Gänse und Enten werden weniger gehalten, um so mehr aber Hühner und Tauben. Noch von den Zeiten der Pharaonen her versteht man die Kunst, Hühnereier in Brütvfen auszubrüten. Die berühmtesten und größten dieser Anstalten sind die des Alt-Kairo gegenüberliegenden Dorfes Djieseh. Außerdem finden sich aber auch in anderen Theilen des Landes Brütöfcn, im Ganzen ungefähr vierzig. Es sind verschlossene Gebäude mit kleine» Oesfnungen zum Hineinkriechen. In der Mitte läuft ein Gang, an dessen beiden Seiten sich kleine Kämmcrchcn befinden, durch die ganze Länge des Gebäudes. Die Kämmerchen sind die eigentlichen Oefen und durch beliebig zu verschließende Oesfnungen in Verbindung gesetzt, damit eine gleichmäßige Wärmevertheilung stattfinden kann. Jedes Kämmerchen ist mit einer Rinne umgeben, in welcher das Feuer angezündet und unterhalten wird. Die erforderliche Temperatur zum Ausbrüten beträgt ungefähr 30" Reaum.; durch langjährige Uebung weiß der bei dem Ofen angestellte Araber diese Wärme ohne Thermometer fortdauernd zu unterhalten. Auf die erpichte Erdfläche in der Mitte eines jeden der Kämmerchen legt mau über eine Unterlage von Mist ungefähr tausend Eier, wendet sie von Zeit zu Zeit leise um und sucht ängstlich jedes Geräusch zu verhindern. Nach drei Wochen schlüpfen die jungen Hühnchen aus dem Ei und werden dann noch mehrere Tage in der Wärme des Ofens gefüttert. Man nimmt gewöhnlich an, daß 70 Prozent der eingelegten Eier auskommen; von diesen erhält der Eigenthümer der Eier 30 bis 40 Prozent, die übrigen gehören dem Unternehmer, resp. dem Pascha. Es ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, daß die in Brütöfen ausgekommenen Hühner nie die Größe derer erlangen, welche auf natürlichem Wege ausgebrütet wurden, sie bleiben klein und legen auch kleine Eier. Diese sind nicht geeignet, wieder in Brütöfen eingelegt zu werden, denn sie sind unfruchtbar. Nur Eier von Hühnern, welche auf natürlichem Wege ausgebrütet wurden, erzeugen im Brütöfen junge Hühner. So bleibt das Eingreifen des Menschen in die ewigen, unerforschlichen Geheimnisse der Natur immer nur Stückwerk. Außer in den großen Städten sinldPie Hühner und ihre Eier (ein gewöhnliches Nahrungsmittel aller Nlleeisenden) in Egypten sehr billig. Man kauft in Ober- und Unteregypten ein Huhn für 2 bis 3 Silbergroschen, in dem Städtchen Djirdjeh, in Ober- egyptcn, erhielten wir einmal für 2 Silbergroschcn 120 Hühnereier. Der Fellah baut für die Hühner keine besonderen Ställe, sondern läßt sie ihre Eier dahin legen und da schlafen, wo sie w ollen. Um so größere Sorgfalt verwendet er auf die Wohnungen der Tauben. In Unteregypten baut man ihnen eigene Thürme zum Nisten, in Obercgypten hat man ihnen gewöhnlich das oberste Stockwerk der Fellahhütte eingeräumt und dieses mit größerer Genauigkeit ausgeführt, als die Wohnung des Fellah selbst. Es ist aus lauter länglichen Krügen ausgemauert, deren Boden durchbrochen ist. Das Ganze ist durch Lehm verbunden und die Wand zugleich der Wohnplatz der Tauben; jedes Paar bewohnt einen der Krüge. Die Wand ist ein Vereinigungspunkt des regsten Lebens. Die Oeffnung der Krüge, von denen einer wagerecht auf dem an- 23 deren liegt, ist nach innen, der durchbrochene Boden nach außen gerichtet, damit fortwährend ein geeigneter Luftzug in dem Gebäude stattfinden kann. Jeder der einzelnen Kruge ist geräumig genug, ein Rest in sich aufzunehmen. Besondere Oeffnungen dienen zum Ein- und Ausstiegen der Tauben in das Gebäude, um web ches noch Reihen von dicht an einander stehenden, wagerccht eingemauerten Reisern herumlaufen, um den Tauben in der Sonne Ruheplätze zu bieten. Ein auf solche Art gebautes Dorf gewährt einen höchst originellen, aber sehr malerischen Anblick. Außerdem hat man in manchen Dörfern auch noch besondere Taubenschläge, kleine backofenförnige Lchmgebäude mit zwei Oeffnungen, in welchen immer nur ein Paar Vögel brüten können. Inwiefern Ackerbau und Viehzucht in Nubicn und Sudahn von denen in Egypten verschieden sind, erkennt man leicht aus den im ersten Bande flüchtig gegebenen Mittheilungen. Auch in Nubicn hängen Ackerbau und Viehzucht unmittelbar mit den Segnungen des Nil zusammen; er ist der Quell alles Lebens. Dies erkannte der alte Egypter besser, als der heutige Araber. Jener verehrte den Fluß wie eine Gottheit und sah ihn als den Erzeuger aller anderen Gottheiten des Landes an. Ehe sein Anschwellen begann, feierte man ihm große Feste, opferte ihm schwarze Stiere und streute Lotosblumen in seine Fluthcn. Die große Stadt Mem- phis hieß die Tochter des Stromes, dem man nicht nur einen Tempel gebaut hatte, sondern den man auch bildlich darzustellen suchte: die kolossale Statue eines Flußgottes, ruhend auf einer Sphinr, um welche sechzehn Kinder spielen, als Symbol, daß er sechzehn Ellen hoch steigen müsse, um für Egypten wahrhaft segenspcndend zu werden. Der heutige Araber ehrt den Nil auch, doch nicht so, wie er es verdient. Jetzt ist der Durchschnitt des durch Kairo fließenden Kanals, ,,Khaliedj," das einzige Fest, welches man, so zu sagen, dem Nil zu Ehren feiert. Die Anschwellung des Nil wurde lange für mysteriös gehalten, und noch vor wenigen Jahren erzählte ein Rcisebeschreiber, daß die egyptischcn Astronomen ,,den 24 Zeitpunkt, wann der Nil zu steigen anfange, fast bis zur Minute auszurechnen wüßten." Es sei der 17. Juni. Die Araber gaben diesem Tage, oder vielmehr dieser Nacht, den Namen: „Teilet ei nukktlm," die Nacht des Tropfens. Jeder, der darüber nachgedacht, wie das Steigen und Fallen des Nil sich zutragen kann, und nur einigermaßen die Gesetze der Natur berücksichtigt hat, sieht das Ungereimte einer solchen Behauptung leicht ein, auch ohne die wahren Ursachen des veränderlichen Wasserstandes des Ricsenstro- mes zu kennen. Wir wissen, daß der Nil durch das im Sudahn und in Abyssinicn während des Charief oder der Zeit der tropischen Gewitterregen aus den Wolken herabstürzende Wasser geschwellt wird. Der, welcher nur einen tropischen Regenguß gesehen hat, kann beurtheilen, daß während des Charief genug Wasser auf die Erde fällt, um selbst dem Nil eine zehnmal größere Wassermenge zu ertheilen, als er in seinem niedrigsten Stande besitzt. Man kann wohl annehmen, daß der Nil überhaupt sein Bestehen nur den tropischen Gewittern zu verdanken hat, denn diese sind es, welche alle in der trockenen Jahreszeit fließenden Quellen gespeist haben. Aber so wenig man in Europa den Tag voraus- bestimmcn kann, an dem sich ein Gewitter entladet*), ebenso wenig kann man es bei den Regengüssen der Tropen. Wenn man also nun die Ursachen nicht berechnen kann, wie ist man iin Stande, die Wirkung genau anzugeben? Die Regenzeit des Ost-Sudahn tritt in gewissen Monaten ein, folglich muß auch das Steigen des Nil während einer gewissen Periode beginnen, und diese trifft in der That für Egypten in die Mitte oder das Ende des Juni. Im Anfange geht das Steigen des Stromes sehr langsam, je mehr er aber an Größe zunimmt, desto schneller steigt er auch. Zuletzt, d. h. gegen die Mitte des September, steigt der Nil täglich mehrere Zolle. Schon zu Ende Augusts tritt er an mehreren *) Ich brauche hier wohl nicht zu erwähnen, daß die Annahme, „ein Gewitter hundert Tage nach einem Märzennebel zu bestimmen," nur höchst problematisch sei» kann. lleberdieß bezieht sich eine derartige Annahme auch bloß auf die Gegend, in welcher der Nebel sichtbar gewesen ist. Orten über seine niedrigen Ufer. Man hat alle Kanäle geöffnet und das Wasser überschwemmt das ganze Land. „Wenn der Nil über das Land tritt," sagt Herodot von dieser Zeit, ,,so sieht man weiter Nichts, als die Städte, die über das Wasser hervorragen, beinahe wie die Inseln im ägäischen Meer. Das ganze übrige Eghptenland ist eine offenbare See, und nur die Städte ragen hervor. Sie schiffen auch, wenn dieses geschieht, nicht in dem Bette des Flusses, sondern mitten durch das Feld." Wenn der Nil zu steigen beginnt, fängt für die Araber eine fröhliche Zeit an; sie glauben, daß dann alle Krankheiten aufhören. Diese Annahme ist nicht ganz unbegründet. Zu Ende Augusts weichen die heißen, ungesunden Südwinde den frischen Nordwinden, zugleich drückt die Ausdünstung der mehr als zehnfach vergrößerten Wassermasse die Temperatur bedeutend herab und nach der Hitze des Sommers tritt eine wohlthuende und erfrischende Kühle ein, welche die Krankheiten zu schwächen scheint. Gleichwohl will man auch beobachtet haben, daß die Pest gewöhnlich mit dem Steigen des Nil ihren Anfang nähme. Immerhin aber ist diese Zeit ganz geeignet, in der Brust des Menschen frohe Empfindungen hervorzurufen. Wenn in Egypten nach dem die Pflanzen dörrenden Cha- masihn die Fluchen des heiligen Nil steigen und schwellen, da schwillt auch das Herz mit in der Brust. Am oberen Ende der Insel Roh da, gegenüber Alt-Kairo, befindet sich der allberühmte Nilmcsser, eine achteckige Säule mit gewissen Einthei- lungen, deren Einheit ungefähr 1^ Fuß beträgt und wieder in kleinere Theile zerlegt wurde. Er ist mit einer halbrunden, mit Zu- gangslöchcrn durchbrochenen Mauer umgeben, damit das hineinge- tretene Wasser einen ruhigen, von keinem Winde bewegten Spiegel bilden und genau gemessen werden kann. Es ist eine altegyp- tischc Sitte, die sich noch im Volke erhalten hat, daß eigene Ausrufer bestellt sind, welche den Wasserstand des Nil in blumenreicher Rede und mit Lobsingen Allah's und seines Propheten dem Volke bekannt machen, wofür sie von Manchem der Hörer mit einigen Paras belohnt werden. Der Spiegel des niedrigsten Wasserstandcs des Nil bei Kairo liegt sechzehn pariser Fuß über dem Spiegel des 26 Mittelmeercs, der höchste im Mittel vierzig Fuß. Der Unterschied ist demnach vierundzwanzig Pariser Fuß *). Seine größte Höhe erreicht der Nil in Egypten in der Mitte des September. Das Wasser bedarf also, nach dem oben von Charthum Gesagten, einen Monat, ehe es die Strecke von dreihundert Meilen (dem Laufe des Stromes nach gemessen) zurücklegt. Das Fallen des Nil geht im Anfange ebenso rasch, als er zuletzt stieg. In Egypten fällt er manchen Tag sechs Zoll, im Sudahn beobachteten wir am blauen Flusse eine Zeit lang ein tägliches Fallen von einem Fuß. Später geht es langsamer und vom Dezember an ist es kaum mehr bemerklich; der Strom scheint dann einen Stillstand erreicht zu haben, obwohl er, streng genommen, bis zu seinem wieder beginnenden Steigen immer abnimmt. Ich habe bereits erwähnt, wie schlammhaltig die Fluthen des Stromes sind. Es ist natürlich, daß sich nach jeder Ueberschwemmung des Nil ein Niederschlag von fruchtbarem Schlamm bildet und das Land fortwährend an Höhe zunehmen muß. Doch geht diese Zunahme durchaus nicht in dem Grade vor sich, als Hcrodot befürchtete. Durch Berechnungen, welche französische Ingenieurs an den Monumenten von Theben anstellten, hat man gefunden, daß die Bodenerhöhung Egyptens für das Jahrhundert nur 15 Centi- metre beträgt. Zu gleicher Zeit erhöht sich aber wahrscheinlich das Bett des Flusses auch mit, und deshalb wird der Nil, der schon Jahrtausende seinen Segen gespendet, noch andere Jahrtausende seine schlammigen Fluthen über das Land ergießen und jene Fruchtbarkeit hervorrufen können, welche, wie wir wissen, Egypten nur dem düngenden Wasser dieses Stromes verdankt. Der Durchschnitt des Kanals Khaliedj, welcher unterhalb Alt- Kairo aus dem Nil sein Wasser empfängt und durch ,,die Siegende" nach der Provinz Rharb'lc, d. h. die Ocstlichc — das Land Goscn der Bibel — fließt, ist für die Bewohner der Haupt- *) Au einige» Stelle» des Battn el Hadjar und der Felsbcrge Rherni in Nubien, wo der ganze Nil in ein Bett von kaum 30V Schritten Breite zusammengedrängt ist. beträgt die Differenz zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Wafferstande gerade das Doppelte, also 48 pariser Fuß. 27 stadt ein großes Freudenfest und wird von Vornehm und Gering, Mohammedanern und Christen gleich feierlich begangen. Zufällig war ich nie in Kairo anwesend, wenn der Durchstich des Kanal- dammcS geschah, und kann deshalb auch keine auf eigene Beobachtung gegründete Beschreibung der Festlichkeit geben. Mein Freund, der Herr Baron von Wrede, theilt hierüber Folgendes mit: ,,Daö Fest des Nildurchschnittes (Johm ekber cl bahhr — der Tag der Fülle des Stromes —) wird zwischen dem Ist. und 20. August oder zu der Zeit gefeiert, wenn der Nil gewöhnlich die Höhe von 16 Graden des Mekkas (Nilmesscrs) oder 21 Fuß über seinen mittleren Stand erreicht hat und eine genügende Ueber- schwemmung erwarten läßt. Während der Zeit des niederen Wasserstandes wird der erwähnte Kanal etwa zwanzig Schritte von seiner Mündung aus dem Nil durch einen Damm gesperrt, welcher am Tage des Festes durchstochen wird, daher die Benennung Tag des Nildurchbruchs oder Aöid el Khaliedj (Fest des Khaliedj). Außerhalb dieses Dammes, etwa fünf Schritte davon entfernt, wird eine sechs Fuß dicke, vier Fuß aus dem Wasser hervorragende Erdsäule errichtet. Diese Säule, welche am Tage deS Festes mit einer aus Palmcnzweigen, Aehren und Blumen verfertigten Krone geschmückt ist, heißt el Aaruhse (die Braut) und wird von dem Wasser sort- gcwaschen. Manche haben behauptet, daß diese Erdsäule jene Jungfrau darstelle, welche die alten Egypter jährlich dem Strome geopfert hätten. Es ist dies jedoch nicht wahrscheinlich, denn bei den alten Egyptern waren keine Menschenopfer gebräuchlich, wohl aber rührt der Gebrauch noch aus uralter Zeit her, und dürfte die Aaruhse einfach ein dem Nil dargebrachtes Opfer der vorzüglichsten Bodenerzeugnisse bedeuten." „Die eigentliche Feier des Festes beginnt mit Sonnenuntergang des Tages Wafc cl Nihl (dem „vollkommenen" — Stande — des Nil) und findet auf einem an den Nil und Kanal grenzenden freien Platze Statt, von dem der in der unmittelbaren Nähe des Stromes gelegene Theil abgesperrt wird, um den dort aufgestellten Battcrieen und Feuerwerken genügenden Spielraum zu lassen. Auf dem entgegengesetzten Ufer des Kanals stehen auf einer Plattform 28 ein großes und mehrere kleine Zelte, bestimmt, den Pascha, den Khadi und die hohe Geistlichkeit aufzunehmen. Gleich neben den Zelten liegt auf dem Nil ein mit Blumcnguirlaiiden, Flaggen und Laternen aus buntfarbigem Papier geschmücktes, großes Rilschiff, welches dem Dirigenten des Festes zum Aufenthalte dient. Auch auf der gegenüberliegenden Insel Rohda ist für die Artilleristen und Feuerwerker ein Platz abgesperrt, der von leuchtenden Mascha llaht (Flammcnbcchcrn) umgeben ist. Jede der Batterieen zählt acht Geschütze und feuert jede halbe Stunde 21 Schüsse ab, während das Feuerwerk ohne Unterbrechung die ganze Nacht spielt. Mehrere Musikchöre sind an verschiedenen Orten aufgestellt, wo sie abwechselnd ihre Stücke vortragen. Eßwaarcn, Scherbett), Limonade, sogar Wein und Branntwein werden überall feilgeboten und von letzterem eine erstaunliche Menge vertilgt. Oeffentlichc Tänzer in Frauentracht führen ihre unzüchtigen Tänze nach dem Takte der Tarabuka lind bei dem Klänge der Sadjaht, inmitten des gaffenden Volkes auf, während die von ihnen unzertrennlichen Spaßmacher ihre stereotypen guteir und schlechten Witze reißen. Gaukler, Sänger, gelehrte Hunde und Affen, abgerichtete Schlangen und dergleichen tragen auf Kosten der Direktion dazu bei, das Volk zu unterhalten." „Nicht minder lebhaft geht es auf dem Strome zu. Die durch am Ufer stehenden Maschallaht und das Feuerwerk hell erleuchteten Barken kreuzen sich im Herauf- und Hinabführen und gewähren einen wirklich phantastischen Anblick. Besonders aber überrascht es den Fremden, wenn er von diesen Barken Guitarrcnklängc und italienische, deutsche, französische, englische, spanische, griechische und maltesische Gesänge herüber tönen hört und die Flaggen dieser Nationen von den Schiffen wehen sieht. Allein gerade der Durchschnitt des Nil ist ein allgemeines Fest für Egypten und ganz frei von jeder religiösen Tendenz, und daher kommt es, daß viele der in Kairo ansässigen europäischen Familien und Gesellschaften junger Europäer dasselbe mit feiern helfen. Auch ist der Anblick des Stromes und seiner Ufer, der in dieser Nacht an eine Scene aus Tausend und einer Nacht erinnert, wohl geeignet, ein großes Interesse zu gewähren. Wie sich von selbst versteht, werden beim Besuch des Festschauplatzes auch andere Genüsse nicht unberücksichtigt gelassen, und in der Vertilgung des aus Keller und Küche Mitgenommenen wird ErstaunenöwertheS geleistet." „Dieses Treiben dauert fast ununterbrochen bis um zehn Uhr am andern Morgen, wo der Damm, der während der Nacht schon halb abgetragen wurde, vollends zerstört wird. Bei diesem Akte sind der Pascha, der Khadi und die Ulema zugegen. Ersterer wirft einige Tausend Piaster in kleiner Münze unter die im Kanal beschäftigten Arbeiter. Zu gleicher Zeit feuert jede der Batteriecn einundzwanzig Schüsse ab; das Hauptfeuerwcrk wird jetzt bei Hellem Tage abgebrannt. Gleich nach dem Durchbruch des Wassers ziehen sich die hohen Würdenträger in das Innere der Zelte zurück, wo der Khadi ein Document, Hodjet et bahhr genannt, welches den genügenden Wasscrstand bestätigt, in herkömmlicher Form verfaßt. Dieses Document wird, nachdem Alle ihr Siegel darunter gedrückt haben, durch einen Courier nach Konstantinopcl gesandt, und berechtigt den Diwahn der hohen Pforte, von der egyptischcn Regierung den vollen Tribut zu verlangen." „Sowie der Tag graut, verwandelt sich der Kanal in eine der lebhaftesten Straßen der Stadt, an deren Seiten sich Kaffcsicdcr, Schcrbeht-, Limonaden- und Fruchtverkäufer u. s. w. etablirt haben. Inmitten dieser Herrlichkeiten wandelt in festtäglichen Kleidern das Volk auf und ab, während hier und da zwei- und vierbeinige Künstler ihr Wesen treiben. Auf allen Balkönen und an jedem Fenster der am Khaliedj liegenden Häuser sieht man geschmückte Damen und Herren, denn die Sitte will, daß die Bewohner solcher Häuser am Tage der allgemeinen Freude Verwandte und Bekannte einladen, wozu schon mehrere Tage vorher die nöthigen Vorbereitungen getroffen werden. Die an dem unteren Theile der Häuser hier und da hervorgebauten Räume oder die zum Kanale hinabführenden Treppen sind dicht mit Frauen der unteren Nolksklasse besetzt, welche ihre Kinder mitgebracht haben, um ihnen ein wirklich schauderhaftes Bad zu bereiten. Das Volk glaubt nämlich, daß das erste in den Kanal strömende Wasser eine alle Krankheiten 30 heilende und überhaupt stärkende Kraft habe. Nun aber werden, sobald das schon an sich schlammige Wasser erscheint, die in den Khaliedj mündenden Abzugskanäle verschiedener Kloaken geöffnet und dem Wasser dadurch die größten Umeinlichkeiten zugeführt. In diese Flüssigkeit werden die armen Kinder trotz Schreiens und Zap- pelns dreimal im Namen des allbarmherzigcn Gottes ganz unbarmherzig eingetaucht. Die Europäerinnen, welche mit kleinen Kindern gesegnet sind, lassen diese deshalb an jenem Morgen keinen Augenblick außer Augen, denn die Ammen (gewöhnlich Eingeborene) treibt es unwiderstehlich, die ihnen anvertrauten Kleinen des sauberen Schlammbades theilhaftig werden zu lassen, natürlich in der festen Meinung und Absicht, daß ihren Pfleglingen daraus nur Heil und Segen erwachse." „In dem Augenblicke des Durchbruches reitet ein Offizier der Polizei dein Wasser voran und fordert den industriellen Theil des Volkes auf, den Kanal mit seinen Siebensachen zu verlassen, ihm folgt ein Fähnlein Soldaten, welche die nicht Gehorchenden unter handgreiflichen Ermahnungen vollends verjagen, dann erscheint eine Bande von halbblindcn und halblahmcn Paukern und Schalmcien- bläsern, die schnarrend, quäkend und paukend einen Höllenlärm machen. Hinter dieser schrecklichen Musik kommen die Munahdi (Ausrufer) mit ihren Knaben, die, nach einem gewissen Takte kleine Fähnlein schwingend, die Worte rufen: Der Strom kommt! Der Strom kommt! Dann erscheinen, mit den Kastagnetten klappernd, halb tanzend, halb gehend, die öffentlichen Tänzer, begleitet von ihren Spaßmachern, welche, wie gewöhnlich, Witze reißen und Grimassen schneiden, und zuletzt endlich die Arbeiter mit Hacken und Schaufeln, bereits bis zum Knie im Wasser laufend und den zärtlichen Müttern ihre Dienste anbietend, um deren Kleinen das bewußte Gesundheitsbad schmecken zu lassen. Eine Viertelstunde später hört man nur noch das Rauschen des eilenden Wassers, welches geschäftig dahinrinnt, um den Segen des Vater Nil über Goscn's Fluren zu verbreiten." „Die Kosten, welche das Fest verursacht, sind beträchtlich, und werden nicht von der Regierung, sondern von den in Kairo, Alt- Kairo und Bulakh wohnenden Mahammedancrn, Christen und Juden getragen, und zwar so, daß jedes Jahr eine der verschiedenen Religionspartcien die Ehre hat, das Fest zu leiten und zu bezahlen." „Da der Wohlstand der Egypter von einer guten Ncberschwcin- mung deS Nil abhängt, kann man sich wohl leicht die Bcsorgniß denken, die sich der Gemüther Aller bemächtigt, wenn der Fall eintritt, daß der Strom in den ersten Tagen des September noch nicht die zur Feier des Nilschnittes erforderliche Höhe erreicht hat, oder wenn, wie man sich ausdrückt, der Nil ausbleibt. Dann ist der Strom der einzige Gegenstand der Unterhaltung. Dauert die Sache zu lange, dann schickt die Regierung Circulare an die Ulema, an den katholischen Bischof, an die Patriarchen der griechischen, rumänischen und koptischen Kirche und au den Großrabbiner, in welchen Alle zu einem gemeinschaftlichen Gottesdienste in der eine halbe Stunde südlich von der Stadt liegenden Moschee Amru's eingeladen werden. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, die Priester dieser sich so feindlich gegenüberstehenden Religionen in dem Vorhofe eines mahaminedanischcn Tempels friedlich neben einander ihre Altäre errichten zu sehen, und man sollte glauben, daß sie daS, was sonst von ihnen in Abrede gestellt wird, die Wirksamkeit der Gebete ihrer Gegner, während der allgemeinen Bcdrängniß anerkennten. Darin täuscht man sich aber gewaltig, denn tritt nach diesem Bettage ein rasches Steigen des Stromes ein, so behauptet jede Partei, nur um ihrer Gebete willen sei der Nil gestiegen, und der alte Zwist ist wieder da." „Die Moschee Amru's liegt in einer einsamen, von hohen Schutthaufen umgebenen Gegend und ist schon ziemlich verfallen. Sie ist die älteste aller Moscheen Egyptens und wurde von Amr- ibn - cl - As, General des Chaliefen Aabd - Allah - Omahr, dem Eroberer Egyptens, erbaut. Der große Borhof, in welchem der erwähnte Gottesdienst gehalten wird, ist mit Steinplatten gepflastert, zwischen deren Fugen Unkraut cmporwuchert, rind mit einer breiten Halle umgeben, deren Dach von mehreren Hunderten von Säulen getragen wird. Die Säulen gehörten früher griechischen und römischen Bauwerken an und sind ohne symmetrische Ordnung 32 und ohne Rücksicht auf architektonische Verhältnisse aufgestellt, so daß die aus Marmor gearbeiteten zwischen denen aus Porphyr und Granit gehauenen bunt durch einander stehen. Ucbcrhaupt zeugt das ganze Bauwerk von der Barbarei seiner Zeit; man vermißt gänzlich die Eleganz der maurischen Bauwerke späterer Perioden, an denen Kairo so reich ist." „In keinem Vorhofe irgend einer anderen Moschee würde die mahammedanische Geistlichkeit die, wenn auch nur vorübergehende, Einrichtung christlicher und jüdischer Altäre dulden, wenn nicht eine Legende, die sich an den Erbauer derselben knüpft, eine Ausnahme verstattete. Gleich nach der Eroberung Egyptens durch die Araber „blieb der Nil aus," wodurch der Eroberer in nicht geringe Verlegenheit gesetzt wurde. Der General theilte seine Besorgnisse dem Chaliefen mit, worauf dieser ihm einen Brief mit dem Befehle übersandte, denselben an seine Adresse zu befördern. Der Brief lautete: „Aabd Allah Omahr, Fürst der Gläubigen, an den Nil von Egypten. Wenn du aus eignem Antriebe fließest, so fließe nicht; ist es aber Gott, der Einzige, auf dessen Geheiß du fließest, so bitten wir Gott, den Allmächtigen, dich. fließen zu machen." Amr Jbn cl As versammelte nach Empfang dieses Briefes seine Priester und Unterbefehlshaber und zog mit ihnen in Prozession nach den Ufern des Nil, in den er den Brief warf. Gott hatte die Bitte des Chaliefen erhört; denn bald nach der Uebergabe des Briefes begann der Strom anzuschwellen und erreichte die erforderliche Höhe. Da nun der General Amr Jbn el As der Beförderer der Bitte des Chaliefen war, so ist die von ihm erbaute Moschee dazu bestimmt, die Gebete aller Derer vor den Thron Gottes zu befördern, welche ihn als den Einigen anerkennen." — Das Klima Egyptens kann, trotz der dem Lande eigenthümlichen Krankheiten, ein gesundes genannt werden. — Unter- egyptcn gehört zu den wohnlichsten Himmelsstrichen der Erde. Der Sommer ist nicht zu heiß, der Winter nicht zu kalt. Schon die 33 herrlichsten Südfrüchte, welche in unglaublicher Fülle und großer Güte gedeihen, machen das Land höchst angenehm. Für einen Thaler unseres Geldes kann man sechshundert gute Orangen kaufen, wenn man sich in die ausgedehnten Gärten dieser Fruchtbäume bemühen will. Es kann wohl nichts Genußreicheres geben, als in einem solchen Garten hcrumzuwandcln und sich nach Belieben die schönsten Orangen herunterzulangen. Feigen, Datteln, Stachel feigen, Zitronen sind ebenfalls billig und schmackhaft. Die in ihrer Art einzigen Bananen, „jene aristokratisch vornehme Frucht", die köstliche Khischta und die vorzüglichen Aprikosen sind Geschenke des egyptischcn Klimas und ganz geeignet, dem Fremden seinen Aufenthalt im Pharaoncnlandc noch besonders „zu versüßen". Dabei überwölbt der ewig heitere Himmel das gesegnete Land; kein Blitzstrahl entzündet ein Gebäude; kein Orkan entwurzelt die Fruchtbäumc; kein Wolkcnbruch stürzt hernieder; keine Theuerung drückt das Land. Eine wohlthätige Wärme herrscht Jahr aus, Jahr ein; das Thermometer zeigt im Durchschnitt nur fünfzehn bis zwanzig Grade Rcaum. Das sind die Lichtseiten Egyptenlands; ebenso grell sind die Schattenseiten, und wenn auch jene die letzteren überwiegen, sind diese doch immer noch vermögend, dem Muthvollsten einen leisen Schauder abzunöthigcn. Ohne weiter die das Land dann und wann heimsuchenden Erdbeben erwähnen zu wollen, nenne ich meinem Leser nur ein einziges Wort, es lautet: Pest. Dieses Wort genügt, um zu beweisen, daß das Klima Egyptcns nicht vollkommen genannt werden kann. Die Ophthalmie und Disscntcrie treten häufig auf und sind, nächst der Pest und der dann und wann wüthenden Cholera, die furchtbarsten Krankheiten Egyptcns. Außer diesen habe ich noch des klimatischen Fiebers, der Elephantiasis, der Blattern, des Nilausschlags, des Sonnenstichs und einiger anderen mehr zu gedenken. Rechnen wir aber von den Krankheiten Egyptenö die auch bei uns dann und wann vorkommenden ab, so bleiben nur die Pest, Ophthalmie, Dissentcric, das klimatische Fieber (obgleich dieses in anderer Gestalt, unter dem Namen des kalten Fiebers in Deutschland li. 3 34 und als ausgeprägtes Wechselnder auch in Ungarn bekannt ist), der Nilausschlag (unserer Krätze entsprechend) und der Sonnenstich als Egypten eigenthümliche Krankheiten. Dagegen fehlen in Egypten: Lungenschwindsucht, Lungenentzündung in ihrer gefährlichsten Ausbildung, wie bei uns, Gicht, Podagra, anhaltender Rheumatismus rc. Viele Krankheiten, welche bei uns gefährlich werden, gehen in Egypten leicht und schnell vorüber. Und wenn es wirklich begründet ist, daß in Deutschland ein Fünftheil aller Erwachsenen an Lungen- krankheiten stirbt, wie manche Aerzte behauptet haben, so fordert in Egypten die Pest verhältnißmäßig weit weniger Opfer, denn einerseits vermehren sich die Egypter sehr stark und andererseits erscheint die Pest nur in großen Zwischenräumen. Sie trat im Jahre 1835 epidemisch in Egypten auf und raffte in Kairo und Umgegend gegen dreimalhunderttausend Menschen, drei Fünftheile aller Einwohner jener Gegend hinweg. Schon jetzt, nach achtzehn Jahren, ist die Bevölkerung wieder ersetzt, weit eher ersetzt, als die der vielen Dörfer Obercgyptens, aus denen der Vizekönig nur die jungen Männer wegnahm, um sie unter die Soldaten zu stecken. Während meines Aufenthaltes in Egypten ist meines Wissens nicht ein einziger Pestfall vorgekommen. Herr von Wrede hat die Güte gehabt, mir Folgendes über die P c st mitzutheilen: „Das schrecklichste Uebel, welches von Zeit zu Zeit Egypten heimsucht und nie ganz verschwindet, ist unstreitig die Pest. Dreitausend Jahre sind in dem unendlichen Ozean der Zeit verronnen, seitdem der Engel des TodeS zum ersten Male herabstieg in das blühende Thal des Nil, um diese Geisel Gottes über die Häupter seiner Bewohner zu schwingen. Nichts hat ihn seit dieser Zeit vermocht, seine Wuth zu zügeln, noch immer schreitet er todbringend einher und es scheint, als wenn er, nur einige Jahre ruhend, neue Kräfte sammle, um dann wieder desto vernichtender aufzutreten. Furchtbar durch die Unerbitilichkcit, mit dem sie ihre erkor- nen Opfer dem Dasein entrückt, wird diese Krankheit noch um so schrecklicher durch den demoralisircndeu Einfluß, den sie auf die Be- 35 wohner der von ihr heimgesuchten Gegend ausübt. Wenn sie ihren giftigen Odem über Städte und Dörfer haucht und täglich Tausende hinwegrafft, wenn die Zahl der Opfer in schrcckcnerrcgcnder Weise zunimmt, dann — erdrückt das Entsetzen die sanfteren Regungen des Herzens, dann verlassen Eltern ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern, die Gattin überläßt den Gatten seinem Schicksale und kein Freund schließt dem anderen das brechende Auge." — „Entmuthigcnd ist der Anblick im Innern einer von dieser furchtbaren Seuche heimgesuchten Stadt. Die Kaufläden sind geschlossen, die Basare verödet; lange Reihen von Särgen mit Leichen der Wohlhabenderen, denen Züge von Kamelen, beladen mit den nackten Leichnamen der Aermercn folgen, ersetzen das geschäftige Gewühl, welches in gesunden Tagen die Straßen belebt; die frohen Lieder sind verstummt, kein Jauchzen ausgelassener Freude wird mehr gehört und nur die eintönigen Weisen der Klaggcsänge, nur das Wehgchcul der Klageweiber und weiblichen Verwandten der Gctöd- teten durchschallen schaurig die todesschwangere Luft, vereinigen sich mit dem Unheil verkündenden, widerlichen Geheule unzähliger, herrenlos gewordener Hunde, zum Grauen erregenden, Ohren zerreißenden Chorus. Es ist wahrlich kein Wunder, wenn ein solcher Eindruck, verbunden mit dein Bewußtsein der unbedingten Tätlichkeit der Seuche, auf den Menschen demoralisirend einwirkt. Um so erfreulicher aber ist es, zur Ehre des eigennützigsten aller Thiere, des Menschen, sagen zu können, daß sehr viele Beispiele vorgekommen sind, wo die edleren Gefühle den Sieg über das Entsetzen davon trugen und Handlungen uneigennütziger Selbstaufopferung hervorriefen, welche gleich leuchtenden Gestirnen die grauenvolle Nacht durchstrahlen." „Die Art und Weise der Krankheit besteht in einer allgemeinen Störung des Organismus. Sie äußert sich zunächst in heftigen Kopfschmerzen und in Uebclkeit, dann folgt starkes und anhaltendes Delirium, die Lymphdrüscn in den Weichen oder die in den Achselhöhlen schwellen an (Bubonen), cS zeigen sich lokale, krebsartige Geschwüre von dunkler Farbe (Karbunkel), sowie dunkel- rothe Flecken und Streifen (Pctechien) auf der Oberfläche des 3 * 36 Körpers, die Zunge ist trocken und zeigt in der Mitte und der Länge nach einen scharlachblauen Streifen; der Athem wird im höchsten Grade übelriechend, ebenso die Exkremente, welche nur schmierig und gleichsam wie verkohlt ausgestoßcn werden. Dann und wann finden von Letzterem Ausnahmen statt, indem eine starke Diarrhöe eintritt." „Der Verlauf der Krankheit ist mehr oder minder rapid, je nach der Konstitution des von ihr Befallenen; starke Personen erliegen gewöhnlich am schnellsten, oft schon nach vierundzwanzig Stunden, während schwächere oft erst am siebenten Tage dem Tode anheimfallen. So lange die Seuche an einem Orte zunimmt, steigert sich auch ihre Heftigkeit, sie endet dann immer mit dem Tode; je mehr sie abnimmt, um so länger ist auch ihre Dauer und um so häufiger sind die Fälle der Genesung. Wie heftig sie den ganzen Organismus angreift, zeigt die lange Dauer der Rekonvalescenz: der Genesene braucht ein ganzes Jahr und oft noch mehr, um seine Kräfte wieder zu erlangen, die aufgebrochenen Bu- bonen und Karbunkel schließen sich erst nach einem halben Jahre und hinterlassen große und tiefe Narben." „Man hat die Beobachtung gemacht, daß das epidemische Auftreten der Pest sich nach Verlauf gewisser Zeiträume wiederholt und zwar nach zehn, zwölf oder fünfzehn Jahren. Sie ist in Egypten und zwar vorzugsweise in Nnteregyptcn endemisch und erscheint dort zerstreut alle Jahre, ist dann aber nicht tödtlich. ES ist sehr selten, daß sie die Städte an den Gestaden des rothen Meeres heimsucht, kein Beispiel aber ist vorhanden, daß sie den Wendekreis überschritten hätte. Deshalb ziehen sich die wohlhabenden Europäer Egyptens beim Beginn einer Pcstepidemie nach den Städten zurück, welche zwischen dem ersten und zweiten Katarakt des Nil liegen. Eine Pestepidemie beginnt im Dezember oder Januar und dauert bis zum Juli, wo die stärker werdende Son- nenwärme die Miasmen zerstört." „Die Lösung der Frage, ob die Pest je aufhören wird, in Egypten endemisch zu sein, liegt meiner Ansicht nach in der Beantwortung zweier anderen, nämlich: 37 1) welche Ursachen erzeugen die Seuche? und 2) können diese Ursachen entfernt werden?" „Die Ursachen, welche Egypten zu einem Herde , der Pest machen, sind viele. Nur das Zusammenwirken mehrerer einzelnen vermag einen so verderblichen Einfluß auf den menschlichen Organismus auszuüben. Unter diesen stehen unstreitig die Lebensweise der Fellahhihn und die Bauart ihrer Wohnungen obenan. Wer Egypten und besonders Unteregypten bereist und sich in den Dörfern näher umgesehen hat, wird sich kaum haben überreden können, daß die sich seinem Auge darbietenden, höhlenartigen oder, besser gesagt, backofcnförmigcn Behälter ohne Luftzug menschliche Wohnungen seien. In Europa würde man jedenfalls Anstand nehmen, darin seine Hunde einzusperren, allein dem Fellah beliebt es trotzdem, solch eine Spelunke seine Behausung zu nennen*)." „Es darf Einen nicht wundern, wenn in solchen Wohnungen im Kinde der Keim zu mannigfaltigen Krankheiten gelegt wird. Betrachten wir seine Nahrung näher, sehen wir uns die Lachen an, aus denen er sein Trinkwasser schöpft, obgleich sich Mensch und Büffel darin baden, obgleich die Abtritte der Menschen dahin Abfluß finden; erinnern wir uns an die Art und Weise, seine Todten zu begraben, an die Art und Weise, mit welch frevelhafter Sorglosigkeit er das gefallene Vieh liegen und verwesen läßt; denken wir an den ungeheuren Schmutz im Innern der Dörfer, an die Unmasse von Pflanzcnstoffen, welche während der Ueberschwemmungs- zcit des Nil in Verwesung übergeht und nothwendiger Weise eine faule, krankhcitsschwangere Luft erzeugen müssen, und rechnen wir hierzu die politischen Verhältnisse der Egyptcr; sehen wir den Mann der Entbehrung, gebeugt unter das eiserne Joch despotischer Herrscher, von seiner Jugend an bis zum späten Alter nur gewohnt, um geringen Lohn und reichliche Schläge viehisch zu arbeiten; bedenken wir, daß da der Geist des schon seit Jahrtausenden beknechtetcn Volkes *) Ich werde später ein Dorf der Fellah genau zu schildern versuchen uud führe deshalb die Einzelheiten der ungesunden Wohnungen, wie ße mir mein Freund gibt. nicht weiter an. Ebenso wird auch die Nahrung, Gewohnheit :c. des Fellah näher beschrieben werden. 38 vollkommen niedergetreten und unfähig gemacht wird, einen durch äußere Umstände zu jeder Krankheit befähigten Körper aufrecht zu erhalten: — es wird uns wahrlich kein Wunder mehr nehmen, in Eghpten die Pest auftreten und so Hausen zu sehen, daß dem Be- schreiber alle Worte mangeln, um solch' unnennbar Gräßliches auszudrücken. Physisch und moralisch muß der Egypter zu Grunde gerichtet sein, sonst könnte die Pest in seinem Vatcrlande nicht in der schauderhaften Wuth sich zeigen, wie z. B. im Jahre 1835, wo sie das Land decimirte." „Es erscheint wahrlich als ein Wunder, daß sie Egypten nicht jedes Jahr heimsucht und nur nach Verlauf gewisser Zeiten wieder erscheint. Sollte vielleicht ein uns unbekanntes Etwas bestehen, irgend ein meteorologisches Phänomen, welches nur in gewissen Zeitabschnitten erscheint und dessen Mitwirkung erforderlich ist, um der fürchterlichen Seuche den rechten Weg zu bahnen? Es ist sehr wahrscheinlich." „Ueber den mehr oder minder hohen Grad der Ansteckung der Pest hak man sich lange hin und her gestritten, ohne einig geworden zu sein. Ich bin der Meinung, daß sowohl Contagionistcn, als auch Anticontagionisten in ihren Behauptungen zu weit gegangen sind. Mehr als ein Pestjahr, unter andern auch das furchtbare 1835, habe ich an Ort und Stelle verlebt und bin anhaltend mit Pestkranken in Berührung gekommen. Aus allen meinen Beobachtungen hat sich bei mir die Ansicht gebildet, daß die Pest nur bedingungsweise ansteckend ist. Ich glaube, daß, wenn die mit pesterzeugcnden Miasmen geschwängerte Luft von einem Menschen eingeathmet wird, welcher zur Aufnahme der Krankheit empfänglich ist, dieser unbedingt von ihr befallen wird, während dasselbe bei nicht empfänglichen Personen keineswegs der Fall sein dürfte. Dies gilt auch von der Ansteckung durch Berührung der Kranken oder ihren während der Krankheit getragenen Effekten. Ich habe mehrere Beispiele erlebt, welche meine Anschauungsweise rechtfertigen; so habe ich Familien ganz oder fast ganz auSsterben sehen, welche sich in ihren Wohnungen auf das Strengste abgeschlossen hatten und keine der in solchen Fällen gc- 39 bräuchlichen Vorsichtsmaßregeln unbeachtet ließen, während Andere, die ihren Verkehr mit der Außenwelt nicht unterbrachen, vollkommen gesund blieben. Bei Ersteren war es ohne Zweifel die übergroße Furcht vor der Krankheit, welche dadurch, daß sie den Geist herabstimmte, den Körper zur Aufnahme und Entwickelung des Krankheitsstoffcs empfänglich machte, während der Muth der Anderen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Gegen die unbedingte Ansteckung der Kranken liegen noch schlagendere Beweise vor. Im Jahre 1835 besuchten in Kairo mehr als dreißig Aerzte die Pestkranken und kamen mit denselben in oftmalige Berührung; nur zwei dieser Männer fielen der Seuche zum Opfer. Um diese Zeit erhob sich ein lebhafter Streit zwischen den Contagionisten und Anticontagionisten. Einer der Letzteren, der französische Arzt Clot-Bci, ließ, um seine Gegner zu überzeugen, in Gegenwart von mehreren Aerzten einem im Hospitale sich befindlichen Pestkranken das Hemde ausziehen, zog es noch ganz warm an und trug es während vicrundzwanzig Stunden auf dem bloßen Leibe, ohne daß ihm irgend ein fühlbarer Nachtheil daraus erwachsen wäre. Ein anderer Franzose ging noch weiter: er ließ sich den aus einer Pestbeule entnommenen Eiter einimpfen. Die Folgen davon waren leichte Ficbcranfälle, die sich mehrere Tage hindurch wiederholten und dann ausblieben. Beide spielten freilich ein gewagtes Spiel, denn leicht hätte auch ein tragisches Ende durch solchen frevelhaften Leichtsinn herbeigeführt werden können. Kein Egyptcr denkt daran, das Lager, auf welchem sein Bruder starb, oder die Kleider, welche der an der Pest Verstorbene trug, auszulüften oder gar zu verbrennen, sondern bedient sich derselben ungcschcut. Würde also die Berührung dieser Gegenstände unbedingt ansteckend'sein, so müßte auch nothwendiger Weise eine einzige Pestepidemie das ganze Nilthal zu einer menschenleeren Einöde machen." ,,Dic zweite Frage: können die die Pest erzeugenden Ursachen entfernt werden? wurde schon vor mehreren Jahren von der egypti- scheu Regierung aufgeworfen. Nach dem Gutachten der obersten Medicinalbehörde Egyptens, dem aus wissenschaftlich gebildeten Europäern bestehenden Oonseil äs sante zu Kairo, wurden verschiedene 40 Verordnungen und Befehle erlassen, um eine Besserung der Zustände zu erzielen. Man setzte in den verschiedenen Provinzen höhere und niedere Sanitätsbcamtc ein, um über die Anordnungen der obersten Behörde zu wachen. Dann wurde der Befehl gegeben: 1) alle Thicrlcichcn in einer bestimmten Entfernung von den Dörfern so tief als möglich zu verscharren; 2) die Bcgräbnißplätze von den Ortschaften entfernter und höher anzulegen, sowie die alten genügend auszubessern; 3) alle bei den Dörfern sich befindlichen Lachen auszufüllen und keine neuen Gruben auszuhöhlen, sondern das zum Häuserbau und zur Erhöhung der Bauplätze erforderliche Material aus den Kanälen zu entnehmen." „Die ersten beiden Verordnungen waren leicht auszuführen, nicht so die dritte. Denn da die Kanäle einen großen Theil des Jahres trocken liegen und die Brunnen nur salziges Wasser enthalten, setzte man die Bewohner der weit vom Nil entfernt liegenden Dörfer der Gefahr aus, zu verdursten, oder wenigstens der Plage, sich ihr Trinkwasser weit herbeischaffen zu müssen. Man mußte daher erlauben, daß die Lachen in der Nähe der Dörfer blieben, nur wurden sie zu tieferen Teichen umgewandelt und das Baden der Menschen und Büffel in ihnen verboten. Da aber den Büffeln zu ihrem Gedeihen das Baden unumgänglich nothwendig ist, mußte auch dieses noch erlaubt werden. Im klebrigen blieb es bei den Verordnungen. Die Sanitätsbeamten haben ferner darüber zu wachen, daß das Innere der Häuser, wie auch die Straßen von Innen und Außen rein erhalten werden. Die Wohnungen sollen jährlich einmal von Innen und Außen geweißt werden, wozu die Acr- meren den Kalk von der Regierung geliefert erhalten. Die hohen Schutthaufen, welche fast alle größeren Städte EgyvtcnS umgeben und den Durchzug der Lust hindern, sollen weggeschafft werden. Man erbaute nach dem Entwürfe eines französischen Ingenieurs Musterdörfer, mit einstöckigen, reinlichen und luftigen Häusern und geraden, breiten, sich rechtwinkelig durchschneidenden Straßen. Sie sehen recht freundlich aus und es wäre ein wahres Glück für die armen Bewohner des Nilthals, wenn diese Idee durchgeführt würde. Jetzt gibt es ungefähr fünfzehn solcher Dörfer, nach denen noch 41 dreitausend andere umgeändert werden sollen, wozu wohl noch ein Jahrhundert erforderlich sein wird. Das wäre Alles gut oder doch ziemlich gut, nur eine der Ursachen der Pest wird schwerer auszurotten sein — der moralische Druck von Seiten der Herrscher Egyptcnlands. So lange es dort noch orientalische Herrscher gibt, wird auch die Knechtschaft nicht aufhören, welche den Menschen moralisch und physisch niederdrückt und zur Aufnahme und Entwickelung der Pest empfänglich macht." „Die Zeit wird nun lehren, ob es durch die, wie wir gesehen haben, nur thcilweise Entfernung einzelner Ursachen möglich sein wird, die Pest in Egypten auszurotten oder nicht. Die letzte Pest- epidemie herrschte dort im Jahre 1841, und da, wie wir eben bemerkten, gewöhnlich ein Zeitraum von zehn, zwölf und fünfzehn Jahren eine Epidemie von der anderen trennt, so muß man das Jahr 1856 abwarten, bevor man der Hoffnung Raum geben kann, Egypten endlich von dieser furchtbaren Seuche befreit zu sehen." — Mit derselben Wuth, mit welcher die Pest den ganzen Körper vernichtet, zerstört die Ophthalmie einen Theil desselben, das Auge. Unter zehn Menschen sieht man in vielen Orten Egyptens einen Einäugigen oder Blinden; sechs Prozent aller Einwohner Egyptcns — Türken und Europäer etwa ausgenommen — haben nur ein Auge oder sind thcilwcis ganz blind. Die große Verbreitung des Uebels läßt sich erklären. Der Fcllah ist ein höchst unreinlicher Mensch, seine Kinder sind erst mit sechs Jahren einem Menschen ähnlich. Man nimmt an, daß die Augcnkrankheit theil- weise von fein pulverisirten Salz- oder Salpctcrtheilcn herrührt, welche der Boden Egyptens in großer Menge enthält, wenigstens reizen diese das Auge außerordentlich; eine Erkältung, vor der sich der Fellah nie schützen kann oder will, bringt dann leicht die Oph- thalmic, deren Fortschreiten der Kranke wochenlang nicht beobachtet. Erst, wenn ihm völlige Erblindung droht, wendet er sich zu einem Arzte und dann ist meist keine Hülfe mehr. Gewöhnlich äußert sich die Krankheit zuerst durch ein gewisses Drücken im Auge, wie wenn ein Ständchen in dasselbe gefallen wäre. Dies ist der richtige Zeitpunkt, schwefelsaures Zink in Wasser aufgelöst als Heil- 42 mitte! zu gebrauchen, schon wenige Tage später dürfte es mit aller Arznei zu spät sein. Das Fortschreiten der Krankheit geht rasch von Statten; das Auge entzündet sich fürchterlich, tritt später auS der Augenhöhle hervor, und es sind schon oft Fälle vorgekommen, daß es förmlich zerplatzte. Dann endet nach und nach die Qual des Leidenden, wenigstens die des Körpers, aber die der Seele beginnt, das Auge ist erblindet. Häufig bildet sich durch die Oph- thalmie eine Haut über dem Auge, die manchmal, aber nicht immer operirt werden kann. Wenn man sich die ungeheure Hitze des Landes, das grelle Licht der nie bewölkten Sonne denkt, findet man erst einen Maßstab der entsetzlichen Leiden der von dieser Krankheit Befallenen. Napoleon's Genie erschuf gegen dieses furchtbare Nebel Staubbrillen, die in der egyptischen Erobcrungsarmee der Franzosen angewendet wurden: in Leder eingefaßte, einfache Glasscheiben, welche, etwas vom Auge entfernt, dessen Verrichtungen kein Hinderniß entgegensetzen. Die Engländer verbesserten die Staubbrillen und verfertigten aus feinem schwarzblauen Drahte gewebte, erhabene Gestelle, welche vor dem Auge ein Glas von bunter Farbe (gewöhnlich grün oder blau) umschließen und so ein etwas getrübtes Sehen möglich machen. Das Auge wird durch die farbigen Gläser kaum irritirt, und die Staubbrillen leisten treffliche Dienste. Die Dissentcrie ist leider eine derjenigen Krankheiten Egyp- tenS, welche gerade unter den Europäern und Türken verhältniß- mäßig die meisten Opfer fordert. Eine leichte Erkältung kann sie herbeiführen; oft endet sie schon nach wenig Tagen mit dem Tode. Kaum mehr als die Hälfte der Erkrankten genesen und auch sie nur, wenn schleunige Hülfe angewendet wird. Die Anzeigen sind heftige Kolik, später tritt fortdauernde, bald Blut und Schleim mit sich führende Diarrhöe ein, eine vollständige Entzündung der Gedärme endet das Leben. Es ist jedem neu Angekommenen anzu- rathen, jede Erkältung möglichst zu vermeiden und immer eine wollene Binde auf dem bloßen Leibe zu tragen, welche das beste Schutzmittel ist und bleibt. Dabei ist eine strenge Diät Jedem zu em- 43 pfehlen, vorzüglich hüte man sich vor zu reichlichem Genuß grünen Salats und der Südfrüchte. — Das klimatische Fieber wird in Egypten nicht gefürchtet; es tritt nie mit jener furchtbaren Stärke auf, wie im Sudahn und wird nur dann tödtlich, wenn entweder jede ärztliche Hülfe verschmäht wurde oder andere, die Krankheit verschlimmernde Umstände hinzutraten. Der Nilausschlag wird allgemein dem Genuß des ungereinigten Nilwasscrs zugeschrieben und gilt als ein Präservativ gegen andere Krankheiten; die Elephantiasis kommt selten und nur in sumpfigen Niederungen, der fürchterliche Sonnenstich in einzelnen Fällen vor. Dagegen wüthen die Blattern manchmal in grauenerregender Weise unter dem gemeinen Volke. Alle Krankheiten Egyptens sind im höchsten Grade rapid. Ein langes Krankenlager kennt man bloß bei dem Fieber; nach kurzem Verlauf endet die Krankheit entweder der Tod oder völlige Genesung. Kranke, welche nach der Vcrsichernng eines tüchtigen Arztes, meines Freundes, des Herrn Dr. Billharz in Kairo, so heftig an Lungenentzündung litten, daß in Deutschland gar keine Rettung gewesen wäre, waren in wenig Tagen vollkommen hergestellt. Ebenso schnell erfolgt bei tödtlichem Ausgangs der entgegengesetzte Fall. Die Gesammtzahl der Bevölkerung Egyptens mag sich jetzt auf ungefähr drei und eine halbe Million Menschen belaufen. Der frühere Leibarzt Mahammcd-Aali's, der Franzose Clot (in Egypten Clot-Bei genannt) gibt uns im Jahre 1836 — eine neuere Zählung ist noch nicht bekannt worden — folgende Zusammenstellung der einzelnen Völkerschaften Egyptens: 44 Egyptische Bauern, Handwerker rc. (Fälln hhrhn) 2,600,000 Beduinen (Bödäüi) ...... 70,000 Türken (Türki) ....... . . . 12,000 Kopten (Khübti). 150,000 Neger (Aäbihd). . . 20,000 Nubier (Bürsbrä) . . . . . . 5,000 Abyssinier (HLbeschi oder Mäkühtl) . . 5,000 Weiße Sklaven (MLmLlrhk) . . . . . . 5,000 Juden (JLHühdi) . 7,000 Syrier (Schähmi)v Griechen (Rühm!) s . . . . Armenier (Ärmönni)) - . . . 10,000*) Europäische, d. h. unter dem Konsulate stehende Grie- chen (Ruhmi). 2,000 Italiener (Tnliähni) . . . . . 2,000 Malteser (Mstlty ....... 1,000 Franzosen (FrLnsnui). 800 Engländer (Jngliesy. 100 Oesterrcichcr (NtzmsLui). 100 Russen (Mösköhw,). 30 Spanier (Sbäniülil). 20 Von den anderen europäischen Nationen 100 Summa 2,890,15V. Die Seelcnzahl der Europäer hat sich seitdem bedeutend vergrößert und dürste jetzt wohl das Doppelte obiger Angabe betragen; man rechnet die europäische Bevölkerung Alerandricns allein schon auf achttausend Individuen. Ein einziger Blick auf die mitgetheilte Tabelle zeigt uns die Verschiedenheit der cgyptischen Bevölkerung und doch sind im Grunde genommen nur die gröbsten Umrisse der wirklich bestehenden Vermischung angegeben. Ich kenne kein zweites Land, in dem man eine solche Vereinigung der verschiedensten Nationen fände, als in *) Diese Angabe ist offenbar zu niedrig gestellt; ich glaube, daß man füglich funfzehntausend setzen könnte. 45 Egypten. In Kairo kann man sehen: alle europäische Nationen, Türken, Georgier, Tscherkcssen und andere Kau- kasier, Perser, Syrier, Palästincr, Drusen, Maroniten, Armenier, Juden, Beduinen, Algierier, Marokkaner, Nubicr, Neger vom blauen und weißen Flusse, aus Dahr« Fuhr, Tombuktu, Barharmi und Takhale, Abyssinier aus allen Provinzen des großen Landes, Jemenesen, Jndicr u. s. w., kurz, man hat eine wahre Mustcrkarte der verschiedenartigsten Nationen, die Egypten entweder auf ihrer Reise besuchen oder bleibende Wohnsitze dort aufgeschlagen haben. Es ist natürlich, daß man bei einer so großen Verschiedenheit der Völkerschaften auch die verschiedenartigsten Sitten und Gebräuche wahrnehmen kann; ganz unmöglich aber ist es, sie alle kennen zu lernen. Ich werde versuchen, Einiges, was ich von den Sitten und Gebräuchen der verschiedenen Bewohner des Landes zu beobachten Gelegenheit hatte, so weit ich es im Stande bin, zu schildern. Zuerst beginne ich mit dem Egyptcr. Es ist nicht der Nachkomme des alten Egypters, den ich meine, nicht der, dessen Vorfahren die Weisheit lehrten und Bildung verbreiteten, Steinbcrge aufthürmten und Felsen aushöhlten, um ihren Königen Gräber zu bereiten, welche ganz Egyptmland mit Kanälen durchzogen hatten und sogar den von uns, den stolzen, so weit in der Bildung vorgeschrittenen Europäern, mit all unseren Entdeckungen und Erfindungen, mit unserer Dampfkraft und Mechanik, noch nicht in Angriff genommenen Kanal zu bauen angefangen, vielleicht fast vollendet hatten, um das rothe mit dem mittelländischen Meere zu verbinden, — denn das wäre der heutige Kopte, — sondern ich meine Den, welcher vor Jahrhunderten mit den Waffen in der Hand in Egypten eindrang, um die Lehre der Isis oder das Christenthum zu verdrängen und dafür auf schlankem Minaret den Halbmond aufzurichten, den früheren Araber. Seit Jahrhunderten von eigenen Herrscherin, Mameluken und Türken unterdrückt und beknechtet, ist er zum gemeinen Fell ah hcrabgesunkcn, denn der Araber, welcher in der Stadt sein Handwerk treibt, ist mit dem, welcher das Feld bearbeitet, eines Stammes, hat mit ihm einen 46 Glauben und eine Sitte. Zwischen Beiden findet nur der einzige Unterschied statt, daß der Bewohner des Dorfes uns im Umgänge ungebildeter und derber erscheint, als der Städter, gerade wie bei uns auch. Der Sprachgebrauch will, daß ich mit dem Türken Beide „Fellah" nenne; wollte ich ganz arabisch mich ausdrücken, dann müßte ich sie „Aülähd Asrräb" (Nachkommen oder Söhne der Araber) betiteln. Der Egypter ist von kräftigem, gedrungenem Körperbau, nicht unangenehmer, wenn auch gemeiner Gcsichtsbildung, gelber oder braungelber, oft sogar hellbrauner Hautfarbe, stark, ausdauernd in der Arbeit, gewandt, enthaltsam, und gleichwohl wieder ausschweifend, befähigt, große Beschwerden und Schmerzen mit Leichtigkeit zu ertragen und mit Wenigem zufrieden zu sein. Er hat ebenso viel gute, als schlechte Eigenschaften. Seine Leidenschaften sind heftig. Er ist jähzornig, aber nicht rachsüchtig und eben so zum Streit, als zum Frieden geneigt; er ist religiös, gastfrei, mildthätig, arbeitsam, sparsam; ebenso aber auch falsch, treulos, lügnerisch, betrügerisch, diebisch, wollüstig, kriechend gegen hohe, tyrannisch gegen Niedere, tückisch, bequem und über alle Begriffe unverschämt. Geiz und Habsucht kennt er nicht, überhaupt nicht berechnende Laster, denn er ist Sklave des Augenblicks. Er bereut seine Fehler nie, weil er zu anmaßend ist. Er vereint daher die sonderbarsten und grellsten Widersprüche in sich; er ist ein früher gut gewesener, durchlange Knechtschaft schlecht gewordener Mensch; seine Leidenschaften sind Ursache, daß bei ihm die schlechten Eigenschaften die guten überwiegen. Die egyptischcn Frauen sind von derselben Gemüthsbeschaffcn- hcit, wie ihre Männer. Sie sind herrlich gewachsen, graziöse Gestalten , haben oft eine sehr feine Gesichtsbildung und zuweilen eine Hautfarbe, welche der unserer Frauen an Weiße wenig nachgiebt. Oft werden sie ihren Männern untreu, weil sie Veränderung lieben und ziemlich leichtfertig sind. Ihre Zungenfertigkeit übertrifft selbst die der Französinnen und macht sie sehr widerlich, weil sie die unbedeutendsten Dinge mit einer Ausführlichkeit behandeln, die unerträglich wird und weder Maaß noch Ziel kennt. Wie die 47 Männer, sind auch die Frauen ausschweifend im Segnen und ausschweifend im Fluchen. So poesiercich und lieblich ihre Lobeserhebungen und Segnungen sind, so gemein und abscheulich sind ihre Schimpfwörter und Flüche. Die Araber und noch mehr die Türken haben Schimpfwörter, die so anstandverletzend und grauenvoll sind, daß man sie unmöglich übersetzen kann. Vorzüglich verstehen es die Weiber, sie in einer ununterbrochenen Reihenfolge heraus- zustoßen. Dabei ist es beachtenswerth, daß das nachfolgende Schimpfwort das vorhergegangene steigert. Ich will hier die Steigerung des sehr gebräuchlichen Schimpfwortes „Kelb", Hund, anführen: „Du Hund, du Sohn des Hundes, dessen Ahnen Hunde waren und dessen Urahnen von Hunden gezeugt wurden, eine Hündin hat dich groß gesäugt, deren ganzes Geschlecht von Hunden abstammt, deine Kinder werden Hunde sein und Hunde bleiben." Diese furchtbare Schimpfweise kommt daher, daß der Egypter Schimpfnamen, welche nur seiner Person gelten, wenig beachtet, insofern sie nämlich nicht auf Religion Bezug haben, wie z. B.: „Du Hund, du Ketzer, du Ungläubiger, du Feueranbeter," aber jede Schmähung seiner Eltern und Ahnen mit großer Erbitterung aufnimmt, weil er sie sehr tief empfindet. Die Schimpfwörter sind dem Fellah so geläufig geworden, daß er sie auch zur Unzeit und oft auf höchst komische Weise anwendet. Ich habe oft einen Vater im Zorne zu seinem Sohne: „4 a Lslb, ja ibn el Leib" (du Hund, du Hundesohn) oder „4Mb jenarblak abukk!" (Gott möge deinen Vater verdammen!) sagen hören, Ebenso grob wie der Araber wird, wenn er gereizt wurde, ebenso höflich ist er sonst. Der ärmste SLkha (Wasserträger) wird von dem Andern mit „4a sibcb," mein Herr, angeredet; zu einer Frau und wäre sie auch die des gemeinsten Fellah, sagt man nie anders als: „4a Ättl", meine Herrin. Die gegenseitigen Begrüßungen sind fast dieselben, wie im Sudahn, deren ich schon Erwähnung gethan habe. Der Erste sagt zu dem Zweiten: „L1 salabm aalei- kum", Friede (das Heil) sei mit Euch, oder mit Dir, worauf dieser erwiedert: „4aIeLum el salabm, vu raebmst iillabi vu varakabtu oder baraktu", mit Euch (Dir) sei das Heil und die 48 Gnade Gottes und sein Segen." Dann fragt der Erste: „Dei- bilin?" Befindest Du Dich wohl? Der Zweite antwortet: „LI ttanicki lillalli!" Gott sei gedankt! Eine gewöhnliche Höflichkeits- formel ist in Egyptcn „^kaselrtina za 8ittcli^-, was frei übersetzt ungefähr bedeutet: Wir wünschen, daß Gott alles Böse von Dir entfernt habe, worauf man erwiedert: akascli, vu tmsoli minsk", möge Gott alles Böse entfernen und zwar von Dir entfernen*). Der Grüße und Komplimente sind so viele, daß es hier viel zu weit führen würde, wenn ich noch mehrere anführen wollte; bemerkenswert!) ist es, daß die meisten Komplimente, nicht wie bei uns eine Schmeichelei, sondern einen Segenswunsch enthalten. Es erfordert viel Mühe, sie alle kennen und anwenden zu lernen. So gebraucht der Araber das Wort „Dank" nie gegen Menschen, sondern nur gegen Gott. Er übersetzt „ich danke Dir" durch die Redensart: Xll-tll icöttör elnürLk", Gott vergrößere Dein Glück, oder Gott mehre Dir alles Gute. Es würde ein gewaltiger Verstoß gegen die herkömmliche Sitte sein, wenn man einen Türken oder Araber nach dem Befinden seiner Frau fragen wollte; nach den Kindern aber darf man fragen; der Araber erwiedert darauf sehr höflich: „kö8S!l6m aaloilc, ds'I clisir, rabbina ei liamä", sie grüßen Dich (und befinden sich) ganz wohl, dem Herrn sei Lob und Dank. Die Eltern sind in der Regel stolz auf ihre Kinder. Während bei den Arabern der Name (aber nicht der Zuname, denn einen solchen besitzt der Araber nicht) des Vaters auf den Sohn erbt und so gleichsam den Zunamen bildet, nehmen Frauen, wenn sie Wittwen oder Geschiedene wurden, gern den Namen eines ihrer Söhne an. So nennt sich dann eine Frau, welche Fathme heißt und einen Sohn mit Namen Achmed besitzt: „Fathme, Umm Achmcd", Fathme, Mutter des Achmed. Heißt ein Araber z. B. Mahammed, dessen Vater Jbrahihm genannt wurde, so ist der ganze Name des Ersten: „Mahammed Jbn Jbrahihm", *) Ich kann diese Redensarten streng wörtlich im Deutschen nicht wieder geben. 49 Mahammed, Sohn des Jbrahihm. Würde nun ein Sohn von diesem Achmed heißen, so erbt er nicht den Namen seines Großvaters, sondern nur den seines Vaters Mahammed. Will man aber Jemanden ganz besonders ehren, so nennt man nächst seinem Vater den Namen des Großvaters und des Urahn der ganzen Familie. Dies ist der Grund, weshalb wir manchmal von einem Araber so viele Namen finden. Denn hätte z. B. der Urahn der Familie des Jbrahihm, Mahammed und Achmed Aabd-Allah geheißen, so würde der ganze Name des Achmed lauten: „Achmed Jbn Mahammed, Jbn Jbrahihm Ben Aabd-Allah", Achmed, Sohn des Mahammed, des Sohnes des Jbrahihm, Nachkomme Aabd-Allah's. Araber- und noch mehr Beduinenstämme (letztere halten besonders Viel auf ihren Stammbaum), deren Stammvater in Vergessenheit gekommen ist, haben zuweilen ihrem Stamm ganz eigene Namen gegeben. So heißt ein großer Beduinenstamm „Bßni «l Härb", die Söhne, Nachkommen des Kriegs. Alle Namen der Araber sind ursprünglich Eigenschaftsnamen, durch Gebrauch aber entweder so verstümmelt oder so gewöhnlich geworden, daß viele Araber die wahre Bedeutung eines Namens selbst nicht mehr kennen. Ich glaube, daß cS genügen wird, wenn ich hier die Bedeutung einiger der bekanntesten gebe. Mahammed und Hamihd bedeutet der Gepriesene, Achmed, der Lobenswerthe, Preiswürdige, Hassan, der Schöne, Latief, der Zarte, Elegante, Liebenswürdige oder Gesegnete u. s. w. Alle Namen, vor denen ein „Aabd" oder, wie man gewöhnlich schreibt, „Abd" steht, sind auch Eigenschaftsnamen Gottes oder des Propheten; das „Aabd" bedeutet Sklave oder Diener, Aabd-Allah ist Sklave Gottes, Aabd el Taimen, Sklave des Ewigen, Aabd el Rah hm an, Sklave des Gnädigen oder Barmherzigen, Aabd el Ncbbi, Sklave des Propheten. Die Kleidung der Araber ist bei den verschiedenen Ständen verschieden. Das Alltagsgewand des Fellah im engern Sinne, d. h. II. 4 50 dcs eigentlichen Bauers, besteht aus einer dünneren oder dickeren, bis auf die Knöchel herabrcichendcn Kutte von grobem Wollenzeuge und dem das Haupt seit Jahren bedeckenden, entfärbten Tarbuhsch, oder einer nach oben zugespitzten Filzmütze. Um den Tarbuhsch hat er ein schmutziges Tuch, oft auch ein zerrissenes Fischernetz tur- banähnlich herumgewickelt. In der Hand trägt er die unerläßliche, von ihm „Uhd" (Ast) genannte Tabakspfeife oder den Nabuht*). An Fest- und Feiertagen, wenn er in die Stadt kommt oder sich überhaupt putzen will, kleidet er sich besser. Zuvörderst nimmt er ein ihm sehr nöthiges Bad im Flusse oder einer der öffentlichen Badeanstalten, dann holt er ein Paar Unterbcinkleider von sehr zweifelhafter, selten weißer Farbe herbei und bekleidet damit den Unterleib. Ein Hemd — in der uns verständlichen Bedeutung — besitzt er nicht; er hüllt den Oberkörper in ein weites, schon mehrere Jahre lang getragenes, durch viele Wäschen sehr gebleichtes, langes und weitärmeligcs Baumwollengewand und überzieht dieses mit einem zweiten, neueren und deshalb noch dunkelblau aussehendem von gleichem Stoff und Schnitt. Das Haupt bedeckt der bessere, mit der reinen A'imme**) umwundene Tarbuhsch; die Füße stecken in einem Paare außerordentlich plumpen gelbledcrnen Schuhen. So schreitet er stolz einher. Sein Weib, die Fellahhe, ist ebenso einfach gekleidet, als ihr „Herr" und Gebieter. Sie trägt ein weites, bis auf die Füße *) Der Nabuht ist ein sechs bis acht Fuß langer, als Stab und Waffe dienender Schößling einer syrischen, festen und harten Holzart; er ist ein in Egppten unentbehrliches. Alles vermögendes Instrument, die gewöhnliche Angriffs - und Schutzwaffe des Fellah, der Thiere und Menschen antreibende, Kamele bändigende und wilde Thiere tödtende Prügel. Die meisten Morde werden mit dem Nabuht verübt; als Lanze geworfen streckt er den stärksten Mann zu Boden; er dient als Rappier zu den bei festlichen Auszügen gebräuchlichen Scheinkämpfen, kurz, er ist ein sehr vielseitiges, ebenso preisliches, als verwerfliches Instrument. Um mich kühn auszudrücken: der Nabuht regiert Egyptenland. **) Die Allinnre ist der eigentliche Turban und besteht aus einem sehr langen, blendend weißen baumwollenen Tuche, welches, in der Diagonale zusammengelegt, strickartig zusammengedreht und um den Tarbuhsch herum- gewunden wird. 51 herabfallendes, auf der Brust geschlitztes, blaues Oberhemd mit werten Aermeln, ein dunkles Kopftuch und den vor dem Gesicht lang herabfallenden wollenen oder baumwollenen Schleier, „Burkha". Dieser läßt bloß die Augen frei und wird auf der Stirn mit Mes- singkettchen, in der Schläfegegend mit Bändern am Haupte befestigt. Ihre kleinen und zierlichen Füßchen bekleidet sie selten mit rothen Schuhen. An Feiertagen ist ihr Anzug derselbe, nur sind die Kleider noch neu und wenig gebraucht. Wenn man eine unverschleierte Egypterin betrachtet, bemerkt man, daß sie ihr Gesicht und ihre Hände tätowirt und gefärbt hat. Am Kinn sieht man vier bis fünf parallellaufende Streifen, an den Schläfen vierstrahlige Sterne mit blauer Farbe (Indigo) ein- geäßt; die Nägel der Hände und Füße und die innere Fläche der ersteren zeigen ein schmutziges Braunroth, die Augenbrauen und Wimpern eine tiefe Schwärze. Die Tätowirung geschieht iin frühen Kindesalter, die rothe und schwarze Färbung wird von Zeit zu Zeit erneuert; erstere bringt man mit „Hinne" (I-nvsonin alba sivs inermis) *), letztere mit „Kohhl" (Antimonpulver)**) hervor. Wenn der Kohhl nicht zu stark aufgetragen wird, verschönert er das Auge ungemein, es erscheint viel glänzender und größer; aber leider trifft die Fcllahhe nicht oft das richtige Maaß. Auch ihre Tätowirung ist selten zierlich genug, um das Gesicht nicht zu entstellen. Um ihre Augenbrauen denen der Levantinerinncn, welche einem seidenen Fädchen gleich sich über dem Auge wölben, ähn- *) Behufs des Färbens werden die getrockneten Blätter des Hinnestrauches zwischen Steinen oder in einem Mörser zu Pulver gestoßen, dieses wird mit Wasser zu einem Brei angerührt und auf die zu färbende Hautfläche aufgelegt. An der Hornsubstanz haftet die Farbe länger, als an der Epidermis, wo sie nur zehn bis zwölf Tage hält. Derselbe Brei ist ein treffliches Heilmittel gegen Brandwunden. **) Die Sitte, sich Augenbrauen und Wimpern mit Antimon zu färben, ist bei den Orientalen schon seit alten Zeiten in Gebrauch. Man stößt den Antimon zu einem feinen Pulver, nimmt einen Messingstift. „Mihl" genannt, befeuchtet ihn und taucht ihn in das Pulver ein. Dann zieht man ihn bei geschlossenen Lidern zwischen den Wimpern hindurch, wobei der nöthige Färbestoff an den Haaren hängen bleibt. 4 * 52 lich zu machen, rasirt sie dieselben gewöhnlich zm Hälfte von Oben herab. Von Schmucksachen sieht man bei der Fcllahhc, wenn sie cS erschwingen kann, massiv goldene oder silberne Nasenringc, welche bei Armen auch von Messing sein können; Ohrenringe trägt sie nicht. Ein anderer Schmuck sind auch große, aber nicht werthe volle Goldmünzen, die am Rande durchlöchert und an das Kopftuch angenäht werden, um auf der Stirne zu glänzen. An den Füßen sieht man oberhalb der Knöchel sehr starke, meistens hohle silberne Ringe, deren größte Schönheit, nach arabischer Ansicht, in bedeutender Schwere zu suchen ist. Ocffentlichc Mädchen tragen oft ihr ganzes Vermögen in Goldmünzen und anderen Schmucksachen, z. B. Armringen und Diademen, beständig am Körper. Die Fcllahhc entschleiert ihr Gesicht nie, so lange sie noch verheiratet ist und keusch und züchtig lebt. Eine Egyptcrin, welche ihren Schleier auf Verlangen oder für immer ablegt, ist jederzeit eine seile Dirne. Die Sorge, ihr Gesicht jedem fremden Auge zu verbergen, geht so weit, daß sie eher den ganzen übrigen Körper, als das Gesicht, entblößt*). Die Kleidung des die Städte bewohnenden Fellah (um dem allgemeinen Sprachgebrauch Egyptenlands zu folgen) ist seiner und geschmackvoller, als die des Bauern. Man kann schon aus der Kleidung erkennen, welchem Stande der Städter ungefähr angehört; der Kaufmann kleidet sich anders, als der Gelehrte, dieser wieder anders, als der Künstler oder Handwerker. Ich will die am Meisten verbreitete Kleidung zu beschreiben suchen. Sie besteht aus Unterbeinkleidcrn, „Libbahs", dem Hemd, „KHLmrhs", Strümpfen, „SchärabLht", Schuhen, „MLrL- *) Auf einer Jagdpartie kam ich einmal an einen Kanal, in welchem Mehrere Fellahsfrauen badeten. Der Damm des Kanals war so hoch, daß ich weder die Badenden, noch diese mich gesehen hatten, bis ich auf demselben und dicht vor ibnen stand. Sie erhoben ein lautes Geschrei und verdeckten sogleich ihr Gesicht mit den Händen, dann eilten sie nach dem Ufer, verschleierten sich schleunigst und nun erst warfen sie die übrigen Kleider über. 53 kihb", der Weste, „Sldöhrl", der Leibbinde „Hlssühm", der rothen türkischen Trodelmütze, „ T »rb »ihsch", dem Turban, A t >n - >uö", einem Obcrgewande, „KhLftühn", und einem Ueberrocke, „A'rbbe oder Khibbe"*). In den Händen der mit diesen einzelnen Stücken bekleideten Person sieht man dann auch die Tabakspfeife, „Djibähk" oder „Tscht'bühk", in der Binde der Kaufleute das gewöhnliche Schreibzeug der Araber, ein Federkästchen mit Tintenfaß, „Trlweiö". Die Nnterbeinklcidcr sind oben sehr weit und werden durch einen Faltcnzug, „DlkhL", zusammengeschnürt, unten aber in die am Knie durch Bänder, „NnbLtnh t", zusammengehaltenen Strümpfe gesteckt; sie sind das erste Kleidungsstück. Das Hemd besteht aus gazeartig gewebter Leinwand, aus Baumwollenstoff oder Seide voll ganz eigenthümlicher Zubereitung, hat sehr weite, an dein Ende mit Stickereien verzierte Aermel und wird über den Unterbeinkleidern getragen. Die Schuhe sind aus rothem Saffian gefertigt, innen mit Leder oder buntem Tuche gefüttert, haben nach oben gekrümmte Spitzen und dicke Sohlen, verderben aber bei nassen oder schmutzigen Wegen in wenig Tagen. Jetzt trägt man wohl auch europäische kalblederne Schuhe, weil man sich von deren Zweckmäßigkeit überzeugt hat. Auf Kamelreisen bekleidet man die Füße mit Stiefeln aus Saffian, „Djvsmtz", welche bis zu den Knieen reichen. Die Weste ist entweder ohne Aermel, „Sidchri", oder hat lange Aermel und wird dann „Ander»" genannt. Sie wird aus verschiedenen Stoffen gefertigt und durch zwanzig bis dreißig dicht an einander stehende, eiförmige Seidenknöpfe und Schlingen auS Sci- denschnur zusammengehalten. Die Aermel sind bis zum Ellenbogen eng, von dort an aber aufgeschlitzt, um das Hemd sehen zu lassen und den Arm zu kühlen. Auch sie sind mit Knöpfen besetzt, aber mehr der Zierde, als des Nutzens wegen. Auf die Weste folgt der am Halse durch drei bis vier Knöpfe, in der Mitte des Körpers durch die buntfarbige Wollen- oder Scidcnbinde zusammcn- *) Ich lasse es unentschieden, ob der Ae»n- oder Khnf-Laut hier der richtige ist. 54 gehaltene KHaftahn, ein langes, einem Frauen- oder Schlafrocke ähnliches Gewand, mit ebensolchen Aermeln. Den Beschluß macht die Khibbe, ein weiter, nirgends am Körper anliegender, aus Tuch gefertigter Oberrock. Früher wählte man gern brennend rothes Tuch, jetzt nimmt man dunklere, weniger schreiende Farben dazu. Als Kopfbedeckung trägt man den Tarbuhsch allein, oder noch mit der Aünme umwunden, als Turban. Die besten Tarabiesch*) sind die sogenannte ,,MörhLrbi", d. h. die, welche in Algerien oder Tunis gefertigt und mit Cochenille rothgefärbt worden sind. Der Tarbuhsch ist eine runde Mütze ohne Naht und so vortrefflich gewebt, daß man das Gewebe erst erkennen kann, wenn er schon sehr abgetragen ist. Ohne ihn genau untersucht zu haben, hält man den Stoff für Filz. Reiche Kaufleute oder Schiuhch benutzen, anstatt des weißen baumwollenen Tuches, auch wohl kostbare Ka- schemirshawlö von ein- bis funfzehntausend Piastern an Werth zur Aimiiie. Dieser Anzug ist kleidsam. Vorzüglich steht er dem bärtigen Mohammedaner sehr wohl zu Gesicht, kleidet aber einen jugendlichen und bartlosen Mann auch um so schlechter. Die Frauen dieser Mittelklasse der Bevölkerung erinnern in ihrer Trachr noch an die Fcllahhe, welche sich auch, wenn sie wohlhabend ist, gerade so gekleidet wie jene, die wir die Bürgersfrauen Egyptens nennen können. Sie tragen meist Strümpfe, Schuhe und weite Beinkleider, „SchlndlLhn", zuweilen auch, wie die Türkinnen oder Lcvantinnerinncn, ein Unterhemd und Mieder. Für gewöhnlich verhüllen sie, wie die Fellahhe, den Oberkörper mit einem langen blauen Hemd und verzieren dieses mit starken, ihnen lang auf den Rücken herabhängenden Quasten. Bei festlichen Gelegenheiten erscheinen die Wohlhabenden auch wohl in dem Anzüge der Türkinnen. *) Plural von Tarbuhsch. 65 So wenig sich der Städter Egyptens in seinen Sitten und Gebräuchen und in seinem Charakter von dem Fellah unterscheidet, so sehr unterscheidet sich der Türke von Beiden. Jene gehören einer und derselben Nation an, haben eine Sprache, ein Land zu ihrer Hkimath und sind von Jugend auf so oft mit einander in enge Berührung gekommen, daß ein Unterschied zwischen Beiden zwar bemcrklich, aber nicht auffallend ist. Nicht leicht aber gibt es zwei durch einen und denselben Glauben vereinigte Nationen, welche in allein Anderen so unendlich von einander abweichen, als die Türken von den Egyptcrn. Die Ersteren stehen in jeder Hinsicht hoch erhaben über den Letzteren. Sie hassen sich gegenseitig, weil sie sich nie wirklich verbinden können. Der Türke zeichnet sich bei der ersten Begegnung durch zwei Eigenschaften, Stolz und Ehrgefühl, sogleich Vortheilhaft vor dem Egypter aus. Man sollte nicht meinen, daß diese zwei Tugenden — denn hier sind es Tugenden — wenn ein Volk sie besitzt oder nicht besitzt, so ganz den Charakter desselben verändern können. Und doch suche ich gerade in ihnen hauptsächlich die Verschiedenheit beider Nationen. Der Türke besitzt Stolz und Ehrgefühl und ist deshalb großer Tugenden fähig, welche der Araber gar nicht oder nur gezwungen ausübt. Ob der Erstere dem Letzteren an Gcistcsfähigkeitcn überlegen oder einer größeren geistigen Ausbildung fähig ist, möchte ich bezweifeln; ich glaube, dieser hat eben so gute Anlagen, wie jener. Ein Türke von altem Schrot und Korn muß uns als ein sehr edler, braver Mensch erscheinen, wenn nur uns in seine Verhältnisse hincindcn- ken. Er hat noch alle ritterlichen Tugenden unserer Vorfahren aus dem Mittelalter, ist patriarchalisch gastfrei, muthig, tapfer, treu, religiös, fast fanatisch, mildthätig, freigebig, ehrlich, wahrheitsliebend, gegen seine Diener und Sklaven ein strenger, aber gerechter Herr, seinem Beherrscher ein treuer Unterthan, seinem Freunde ein wahrer Freund, seinen Kindern ein guter Vater. Aber er hat auch viele Laster und Fehler an sich, wenigstens in unseren Augen, denn er ist herrschsüchtig, ehrgeizig, oft raublustig, wollüstig, grausam, manchmal tyrannisch, anmaßend und rachsüchtig, kurz, er ist ein Mensch, dessen natürliche Anlagen noch nicht durch allgemein 56 verbreitete Gesittung und Bildung geregelt wurden. Ganz anders ist der verfeinerte Türke, denn obwohl er seine Leidenschaften gänzlich zu zügeln weiß, arbeitet er doch nur daran, ihnen zur Zeit vollkommene Befriedigung zu verschaffen; er ist seiner, aber nicht besser geworden, als jener; gerade so, wie der Fellah derber, aber redlicher ist, als der Städter Egyptens. Der feinere Türke ist ein vollendeter Hofmann geworden, jedoch sehr zum Nachtheil seiner Tugenden. Er versteht es meisterhaft, mit Anderen umzugehen, aber er ist nicht der gerade, offene, rechtliche Mann mehr, der er früher war, sondern ein geschmeidiger, sich in alle Lagen fügender, jeden Vortheil benutzender, Alles bedenkender Diplomat. Da haben sich denn auch bei ihm die berechnenden Laster eingestellt, als da sind: Geiz, Habsucht, Lüge, Schmeichelei, Falschheit und nicht selten sogar Tücke und Hinterlist u. s. w. Hätte er keinen Stolz und kein Ehrgefühl, er würde ein weit gefährlicherer Mensch sein, als es der Fellah ist, welcher das Wort Schande nicht kennt oder nicht kennen will. So ist er es aber nicht. Der Umgang mit dem Türken ist ein weit angenehmerer, als der mit dem pöbelhaften Fellah. Das Hoflcbcn ist der Verderb des türkischen Nationalcha- rakters, ebenso auch der Umstand, daß viele freigelassene Mamelucken zu den höchsten Ehrenstcllcn befördert worden sind. Ein Mensch, der in der Sklaverei aufgewachsen, erzogen und gewöhnt worden ist, allen Leidenschaften seines Herrn Genüge zu leisten, wird nie wahre Gr-mdsätze befolgen oder wirkliche Tugenden selbst- ständig ausüben lernen. Wenn ein freigelassener Mameluk später edle Handlungen ausübt, so hat er, mit seltenen Ausnahmen, gewiß einen versteckten Grund dazu. Die wahren Türken kennen diesen Krebsschaden wohl, der an ihrem Volke frißt, das Uebel ist aber schon viel zu weit vorgeschritten, als daß es geheilt werden könnte. Hoffen wir, daß der jetzige Krieg dazu beitrage, das edle, ritterliche Volk zu neuem, kräftigerem Leben aufzustacheln. — Durch fortgesetzte Vermischungen mit den Frauen des schönsten Menschenschlags der Erde, den Georgincrinncn und Tscherkessinnen, welche als Sklavinnen in den Harchm gewandert sind und noch dahin wandern, hat sich die häßliche Ra«;e des Turkomanen oder 57 Tartaren sehr veredelt und verschönert. Der heutige Türke ist gewöhnlich ein schöner, wohlgebauter, mittelgroßer oder großer Mann, mit scharf markirten, aber regelmäßigen Gesichtszügen, dunkel blitzenden Augen, kleinem Munde, prächtigen Zähnen, schönem Barte und kleinen Händen und Füßen. Sein ganzes Auftreten scheint einen gewissen Stolz und eine besondere Würde an den Tag legen zu wollen. Er ist ernst, spricht wenig und geht langsam, fast schleppend, mit gerade aufgerichtetem Körper einher. Noch impo- nirendcr ist sein Erscheinen zu Pferde. Der vornehme Türke oder, wie er sich selbst nennt, „ösmLnli" reitet nur ein edles, großes Thier und belegt es mit einem prächtigen Sattel. Die Schabracke allein kostet selten weniger als hundert Thaler unseres Geldes, denn sie besteht meist aus ächtem Sammet, mit Verzierungen von gediegenem, stark im Feuer vergoldetem Silber. Der Sattel ist entweder ein weich gepolstertes Reitkissen oder ein Gestell mit hoher Rücken- und Vorderlehne, stets mit den breiten Steigbügeln, in denen der ganze Fuß steht und deren Ecken als Sporen benutzt werden. Vor ihm her trabt sein Sels oder Reitknecht, hinter ihm drein der Tschi- buhkdschi oder Pfeifenbesorger. Der ganze Zug hat etwas sehr Malerisches, zumal wenn der Türke noch nicht der Neuerung gehuldigt und dem „Tartieb stambuhli" gefolgt ist, d. h. noch nicht die alte Tracht seines Volkes mit dem den Europäern nachgeahmten Anzüge der Bewohner des heutigen Stambuhl vertauscht hat. Die alte Kleidung der Türken besteht in Egypten aus feinem, reich mit künstlicher Stickerei von schwarzen seidenen Schnüren verziertem, dunkelfarbigem Tuche. Zuerst kommen die hinten durch Heftel zusammengehaltenen engen Gamaschen, welche genau an das Bein anschließen und an den Knöcheln mit dicht an einander gereihten Scidcnschnüren besetzt sind. Die Beinkleider haben oben 14 bis 20 Fuß im Umfange, sind sackartig und an den Seiten mit Löchern versehen, durch welche die Beine gesteckt werden. Durch eine seidene Dikha wird das ganze Beinkleid zusammengezogen und in Falten gelegt, so daß es sich an den Körper anschließen kann. Die Dikha dient zugleich dazu, das Kleid zu befestigen. Die Weste ist lang und eng. Um die faltigen Beinkleider 5,8 fester zu halten und besser mit der Weste zu verbinden, gebraucht man die Binde, ein aus drei verschiedenen Streifen zusammengenähtes Tuch von feiner und schwerer Seide, 2 bis 6 Fuß breit und 12 bis 2V Fuß lang, an den Enden mit fußlangen Franzen. Sie wird übereck zusammengelegt, damit alle drei verschiedenen buntfarbigen Streifen sichtbar werden. Die Binde ist ein ebenso gut kleidendes als auch nothwendiges Stück der türkischen Tracht, welche den Unterleib trefflich vor der leicht gefährlich werdenden Erkältung schützt. Die Jacke, „Temihr", hat enge, aufgeschlitzte, an den Ellenbogen gestickte Aermel und ist außerdem auch ringsherum am Kragen und an den Brustscitcn reichlich mit Schnuren besetzt. Während der heißen Jahreszeit ist ein solcher Tuchanzug sehr lästig. Man trägt daher in Egyptcn und noch mehr im Sudahn Beinkleider und Westen von feinem weißen Kattun. Um nun aber den Beinkleidern die gehörige Weite zu verschaffen und recht viele und tiefe Falten hervorzubringen, nimmt man so viel Zeug dazu, daß der Umfang der Beinkleider bis 24 Fuß beträgt. Gewöhnlich behält man die Tuchjacke bei, doch wird auch diese oft genug aus demselben weißen Stoffe angefertigt. So lange der Anzug ganz rein ist, kleidet er sehr gut. Der so nützliche Turban ist jetzt bei den Türken verschwunden; man trägt dafür den Tarbuhsch, im Sommer oft zwei über einander, um den Kopf gegen die schädliche Einwirkung der Sonne gehörig zu schützen. Die rothe Farbe des Tarbuhsch und der Schuhe hat ihren guten Grund darin, daß sie die Sonnenhitze mildert. In einem schwarzen Hute ist man in der heißen Jahreszeit kaum im Stande, auszugehen. Der weiße Turban war nach physikalischen Gesetzen noch mehr geeignet, die Kraft der Sonnenstrahlen zu brechen, als der Tarbuhsch, aber die Mode ändert auch im Morgcnlandc die alten Gewohnheiten, Gebräuche und Trachten. Alle vornehmen Türken in Egypten gebrauchen schon jetzt die eben beschriebene Kleidung nicht mehr, sondern folgen der zuerst in Konstantinopel aufgekommenen Neuerung und tragen europäische, mit einiger Abweichung von der unserigcn angefertigte Anzüge. Man hat hierzu die polnischen Röcke mit einer Reihe Knöpfen und überreicher Seidenstickerei, weite Beinkleider, 59 einfache Westen, schwarzseidene Halsbinden und 'Schuhe von schwarzem Glanzleder gewählt. Der Tarbuhsch ist der kleine, sonst nur bei türkischen Frauen gebräuchliche, mit kurzer breiter Quaste von blauer gedrehter Seide. Er schützt nicht so gegen die Sonne, wie der, welcher früher getragen wurde, und ist deshalb oder auch um das bei dem heftigen Schwitzen leicht überhand nehmende Beschmutzen desselben zu verhüten, innen noch mit schwarzem Leder gefüttert. Der Rock wird stets vorn zugeknöpft. Um aber auch das dein Türken zur anderen Natur gewordene Sitzen mit untergeschlagenen Beinen zu ermöglichen, trägt man die Beinkleider ungebührlich weit und ohne Sprungriemen, damit der Bekleidete seiner alten Gewohnheit nach die Schuhe ausziehen und es sich in bloßen Strümpfen auf dem breiten Diwahn bequem machen kann. Die jüngere Generation gewöhnt sich allmählich daran, auf europäische Art zu sitzen, doch muß ich gestehen, daß das Sitzen auf den untergeschlagenen Beinen, wenn man cS einmal gelernt hat, weit bequemer ist; ebenso ist die weite türkische Tracht nach meiner Ansicht dem heißen Klima Egyptens viel angemessener, als die enge, überall spannende, europäische. Die neue Kleidung nennt der Araber „Lettls aal' sl Dartisb stambullli" (Anzug nach der con- stantinopolitanischcn Manier). Nicht leicht ist wohl eine neue Mode bei ihrer Einführung mehr verdammt worden, als diese von dem an seinen alten Gebräuchen ängstlich hängenden Türken. Die Verwünschungen erstreckten sich aber nicht bloß auf die Mode, sondern auch auf die vermeintlichen Urheber, die Europäer. „Der Herr verfluche die Franken mit ihrem neuen Tartieb!" rief Jeder, der sich in der neuen ungewohnten Tracht noch nicht recht bewegen konnte, bei jedem neu entdeckten Mangel mit unverhohlenem Grimme. Wie immer, siegte zuletzt die Mode doch und wird jetzt nicht nur für höchst anständig, sondern auch für sehr hübsch gehalten. Es ist eben so, wie bei uns auch. — Malerischer noch, als die alte Tracht der Türken, ist die Kleidung ihrer Frauen; die Stoffe dazu sind kostbar. Ein vorn geschlitztes Hemd aus buntem Seidenflor, mit weiten, spitzcnbesetzten oder gestickten Acrmeln, deckt den Körper, darauf folgt das cngan- 60 liegende, am Busen tief ausgeschnittene Mieder zur Bekleidung des Oberkörpers und weite, schwerseidcne Beinkleider zur Umhüllung der übrigen Körperthcile. Der kleine Fuß steckt in seidenen Strümpfen und eben solchen Schuhen; das Haupt bedeckt der Tarbuhsch, mit einem cdelsteinreichen Diadem. Ein wcrthvoller Kaschmirshawl umwindet die Hüfte; eine sammctne, kunstvoll und überreich mit Gold gestickte Jacke vollendet die Kleidung. Die Aermcl dcö Mieders sind sehr lang und fallen vom Ellenbogen an gerade herab, weil das den zarten, goldspangenbeschwerten Arm lose umflatternde Hemd zur Bekleidung genügend scheint; die Beinkleider werden, weil sie eine übermäßige Länge haben, unten nach Innen umgestülpt und unter dem Knie befestigt, was wesentlich dazu beiträgt, sie dem Auge gefälliger zu machen. Das lange Haupthaar theilt die vornehme Morgenländerin in mehr als hundert dünne Zäpfchen und flechtet in sie lange Seidenschnüre ein, an welche Goldstücke dicht gereiht sind; in den Ohren trägt sie köstliche Ohrcnringe, um den Hals Perlcnschnüre von oft unschätzbarem Werthe. Wenn eine Türkin das Haus verläßt, zieht sie ein buntseide- nes Gewand, welches die ganze Gestalt einhüllt, darüber und umgürtet es mit einem reich mit Gold gestickten Sammetbandc. Der weiße Schleier verbirgt das ganze Gesicht und läßt nur die Augen frei. Nun erst kommt der mantelartigc Uebcrwurf von schwarzem Seidenstoff, „HLbLr»", welcher oben auf der Stirn, an dein Tarbuhsch, befestigt ist und von vorn nur das Untcrgcwand und den Schleier sehen läßt. Die Habara gibt der ganzen Gestalt der Mor- genländerin etwas ungcmcin Plumpes und scheinbar Unbewegliches, wozu noch die Gewohnheit kommen mag, sie mit dem Ellenbogen abstehend vom Körper zu erhalten. Der Tarbuhsch der Frauen ist von dem der Männer durch geringere Höhe und Dichte verschieden und mit einer Quaste versehen, welche den ganzen Scheitel bedeckt und hinten bis auf die Schultern, vorn bis auf die Stirn herabhängt. Die Füße stecken in Halbstiefeln von gelbem Saffian, „M ä- stz", und diese wieder in Pantoffeln von demselben Stoffe. Wenn die Morgenländerin einen Besuch bei einer Freundin macht, wirst sie, dort angekommen, die lästige Hülle von sich und bekleidet ihre 61 ungcmein zierlichen Füßchen mit prachtvollen, reich mit Golddraht, oft sogar mit Perlen gestickten Sammetpantoffeln. Jene Verimun- mung trägt die vornehme Orientalin, wenn sie in Begleitung eines häßlichen Verschnittenen auf der Straße erscheint. Der unerläßliche und unverletzliche Schleier ist, wenn ich so sagen darf, der Ha- rehm auf der Straße oder das Bild der Unverletzlichkeit der Frauen selbst. Er ist allen Morgcnländerinnen das unentbehrlichste Kleidungsstück, ihn tragen die Türkinnen, Levantincrinnen, Griechinnen und Koptinncn ebensowohl, als die Frauen der Fellahhihn. Erstere verhüllen ihr Gesicht weniger sorgsam als die Letzteren. Ich machte mir oft das unschuldige Vergnügen, eine der vermummten Türkinnen oder Levantincrinnen, wenn ich ihr in einer abgelegenen Straße begegnete, zu bitten, sich auf einen Augenblick zu entschleiern. Nachdem ich der arabischen Sprache mächtig geworden war, Tausend und eine Nacht in der Ursprache lesen und verstehen lernte, suchte ich mir die süßen und schwülstigen Phrasen der blu- mcnreicken arabischen Redeweise insoweit zu eigen zu machen, daß ich sie sclbstständig anwenden konnte. Eine wohlangebrachtc Schmeichelei verfehlte auch bei den Orientalinnen ihre Wirkung nicht. „O Du Herrin der Schönheit und Lieblichkeit, der Anmuth und des Liebreizes, des Ebenmaßes uiw untadelhaften Wuchses, Deine Augen leuchten wie Edelsteine hinill^der Nacht Deines Schleiers hervor, wolltest Du nicht die Sonne Deines Angesichtes in ihrer vollendeten Reinheit und Schönheit Deinem Sclaven nur eine Sekunde lang leuchten lassen?" Einige Male war die Angeredete wirklich jung und schön, auch zufällig kein unnöthigcr Zeuge in der Nähe und ich erreichte meine Absicht. Die Dame lüftete auf einen Augenblick ihren Schleier, aber gleichsam nur, um ihrem Grimme Luft zu machen, und rief mir dann mit dem freundlichsten Gesicht und erkünsteltem Zorne zu: ,,Unverschämter Franke, Deine Frechheit geht weit, eile, daß Du von hinnen kommst." Aber andere Male kam ich auch an die Unrechten. Der Schleier wurde zwar auch ein Wenig erhoben, aber nur, um Raum zu geben, voll Abscheu vor mir ausspucken zu können. Dann entströmte den entfärbten Lippen eine Fluth von Schimpfwörtern, deren schwächste, auf's 62 Gelindeste übersetzt, immer noch alle Verstärkungen des Hundes, Ketzers, Heiden, Ungläubigen, Verfluchten u. s. w. mit unermüdlicher Beharrlichkeit bearbeiteten. In solchen Fällen ist es rathsam, sich schleunigst aus dem Staube zu machen, um sich nicht der Rache der Furie auszusetzen. Im ganzen Orient sind die Frauen unantastbar, jede Beleidigung einer Frau würde streng geahndet werden. Kein Konsul kann einen Europäer schützen, der sich ein Vergehen gegen eine Türkin oder überhaupt eine Mahammedanerin zu Schulden kommen läßt. Ein Europäer, der einen Türken ermordet hat, wird an seinen resp. Konsul abgeliefert; Einer, der in einem türkischer Harehm ergriffen wurde, ist der Rache des Türken verfallen. Ein Mohammedaner hält es für unanständig, seiner Frau nur zu erwähnen; er würde, wenn er ihr auf der Straße begegnete und sie erkannt hätte, durch keine Miene verrathen, daß er wisse, wer sie sei. Ich unterhielt mich einmal in Assuan im öffentlichen Diwahn mit einem türkischen Bei. Eine Fellahhe trat herein und beklagte sich bei dem Oberst, daß er ihren Mann wegen eines Vergehens hart bestraft hatte. Er hörte ihre Klage ruhig an, ebenso eine Zeit lang die Schimpfwörter, mit denen die Frau den Richter beleidigte. Endlich wurde die Frau so unverschämt, daß er ihr den Diwahn zu verlassen befahl. Weib gehorchte nicht, wurde vielmehr immer wüthender und grober und sandte alle nur erdenklichen Schmähungen auf das Haupt des Türken herab, bis dieser in fürchterlichen Zorn kam. „Weib," donnerte er sie an, „wärst du ein Mann, beim Barte meines Vaters, du solltest unter der Peitsche dein Leben verenden!" Hieraus sprang er von seinem Sitze auf und verließ das Zimmer so lange, als die Frau sich dort aufhielt. „Llr g» OllLlM Llkenäi," sagte er dann zu mir, „mit solch häßlichen Weibern muß man sich sehr ärgern." Gewiß handelte der Türke hier groß, größer als hundert Europäer an seiner Stelle gehandelt haben würden. — Die Orientalin legt nur kleine Wegstrecken zu Fuße zurück, bei größeren bedient sie sich der Reitesel, aber mit ganz eigenthümlich erhöhten, teppichbelegten Sätteln und kurzgeschnallten Steigbü- 63 geln. Sie reitet nicht wie unsere Frauen, sondern wie Männer zu reiten pflegen, und stützt sich mit einer Hand auf den nebenher trabenden Hamahri. Vornehme und reiche Damen benutzen jetzt auch Equipagen zu ihren Ausflügen. Die Türkinnen sind in ihrer Jugend sehr schön, altern aber schnell und werden leicht zu stark. Es ist durchaus unbegründet, wenn man annimmt, der Türke liebe nur wohlbeleibte Frauen; er findet im Gegentheil schlanke Gestalten schön, nur kann er die mageren Frauen nicht leiden, und darin, denke ich, urtheilt er so ziemlich wie der Europäer auch. Daß der Türke Fraucnschönheit zu würdigen weiß und hochschätzt, beweist schon der Ankauf der schönsten Mädchen der Erde; eine Georginen» kostet in Konstantinopel von vier- bis funfzehntausend Piaster oder zweihundertunddreißig bis tausend Thaler unseres Geldes. Ueber den Charakter der Türkinnen kann ich nicht Viel sagen, weil ich ihn nicht kenne. Ich weiß bloß, daß sie im Ganzen sanft und gutmüthig, sonst aber eitel, flatterhaft, lüstern, neugierig, plauderhaft, gesellschaftlich, prunksüchtig und nicht häuslich sind. Sie lieben, wie ihre Männer, den Putz ungcmein und tragen deshalb kostbare Geschmeide. Bis jetzt ist man in der Türkei noch nicht zu der Ausbildung der Goldarbeitcrkunst gelangt, um für wenig Thaler ein hohles Armband oder billige Ohrengehängc zu fertigen, sondern arbeitet die Schmucksachen nur aus massivem Golde. Ich habe höchst einfache, aber zierliche Armbänder gesehen, deren Gewicht vier Unzen des reinsten Goldes betrug. Der Werth dieser Armbänder bcli'cf sich auf 210 Thaler unseres Geldes. Es gibt auch noch schwerere, bis zu einem Goldwerthe von fünfhundert Thalern. Auf dem Basare in Kairo fand ich Ohrcngehänge im Werthe von tausend und mehr Thalern; es waren in Gold gefaßte Diamanten. Außerdem trägt die reiche Türkin auf dem Scheitel des Tar- buhsch ein Diadem. Die kleinen Goldmünzen in den Haaren fehlen nie. Als Binde gebraucht die Orientalin kostbare Kasche- mirshawls. Auch die Männer prunken gern. Ein einfacher, gemeiner tür- 64 sischer Soldat kaust sich von seinen Ersparnissen mit Silber beschlagene Pistolen oder mit Goldstickereien verbrämte Jacken, wie viel mehr wird nun der Reiche auf diese Lieblingsneigung aller Türken verwenden! Nur selten trägt er Ringe oder Brustnadeln, denn letztere kennt er gar nicht und die ersteren sind nur Siegelringe mit seinem Namen. Wenn er aber eine goldene Kette trägt, um seine Uhr oder sein Petschaft daran zu hängen, so ist sie gewiß schwer. Nur arme Türken wählen silberne, schlecht vergoldete oder hohle, in Europa gefertigte Ketten; bei den Reichen sind sie stets massiv, aus dem feinsten Golde und von einer Stärke, daß ihr Werth einige hundert Thaler beträgt. Die ganze Art und Weise, wie bei türkischen Beamten der Rang angezeigt wird, scheint darauf berechnet zu sein, in die Augen zu fallen. Es sind eigentlich Orden, welche nach den verschiedenen Graden der Stellung des Beainten verschieden sind. Die Pascha's und Bc't's tragen einen mit Diamanten besetzten Halbmond und Stern, niedere Offiziere denselben von Gold oder von Silber. Ein unentbehrlicher Begleiter des Türken ist bekanntlich der Tschibuhk, die lange Pfeife des Orients. Auf ihre geschmackvolle und reiche Ausstattung verwendet man große Summen. Das lange Rohr wird mit Seide und feinem silbernen, stark vergoldetem Drahte künstlich überspannen und nur ein Dritthcil des Holzes unbekleidet gelassen. Ein solches Rohr kostet mit dem entweder aus gediegenem Silber oder gar aus Gold bestehenden Beschläge von 250 bis 1,000 Piaster. Natürlich hat man auch billige; ein elegant gearbeitetes, mit Seide übcrsponnenes Rohr ist jedoch nicht unter 100 Piastern zu kaufen. Nächst den so reich ausgestatteten Röhren sind die aus Jasminschößlingen angefertigten die theuersten und werden der Seltenheit wegen jenen fast vorgezogen, eignen sich aber nur für den Gebrauch im Diwahn. Je länger und biegsamer sie sind, desto höher stehen sie im Preise. Die Weichselröhre sind um die Hälfte billiger, ein 8 Fuß langer Schößling kostet nur 40 bis 50 Piaster. Allein es ist nicht das Rohr, welches den Tschibuhk theuer macht, sondern das Mundstück, denn dieses besteht aus kostbaren Bernsteinstücken. Ein Stückchen Bernstein, 65 welches 1,000 Piaster kostet, ist nicht bedeutend groß; die Pascha'S und der Vizckönig besitzen Pfcifenspitzen, für welche 10,000 Piaster bezahlt wurden. Gewöhnlich besteht das Mundstück aus zwei Stücken, von denen das erste eirund und das andere ein abgestutzter Kegel ist. Beide werden in der Mitte, der Längenachse nach, durchbohrt und auf einem Holzröhrchen befestigt, welches in das Rohr gesteckt wird. Zwischen beiden Bernsteinstückcn hat man gewöhnlich Goldringe cingeschoben, die Vornehme und Reiche mit ächten Diamanten besetzen lassen. Ein solcher Ring verschönert daS Mundstück ungemein, vcrtheuert es aber auch oft um mehr als 5,000 Piaster. Die Köpfe der Pfeifen sind wcrthlos, in Egypten kommen sie nie über 5 Piaster zu stehen. Sie sind alle aus wenig gebranntem, roth gefärbtem, leicht zerbrechlichen Thone angefertigt. Die Pfeifen eines türkischen Großen enthalten oft ein Kapital von 10- bis 20,000 Specicsthalern. Wir belächeln solch' einen unsinnigen Lurus mit eben dem Rechte, mit welchem sich der Türke über unsere theuren Meerschaumköpfe wundert. Im Orient gibt die Pfeife, welche Jemand führt, gleichsam einen Begriff seines Wohlstandes. Wenn ein Türke in eine Gesellschaft tritt, bringt er seinen Tschibuhk mit, weil er nicht verlangen kann, daß der Wirth für alle seine Gäste Pfeifen habe. Kennt nun Jemand auS der Gesellschaft den Eingetretenen noch nicht, dann richtet er seine Blicke zunächst auf den Tschibuhk, um zu erfahren, welcher Klasse von Menschen er angehören möge. Vornehm und wohlhabend sind in der Türkei unzertrennlich; ein wohlhabender Mann führt aber auch eine anständige Pfeife. Hieraus kann man, ohne großen Scharfsinnes zu bedürfen, leicht ableiten, ob ein Unbekannter in eine Gesellschaft tauge oder nicht. Als auffallend muß ich noch hervorheben, daß der türkische Geschmack nur den Bernstein schätzt, welcher von vollkommen gleicher zitronengelber Farbe, trübe und undurchsichtig ist. Er darf wohl wolkig sein, aber nicht durchsichtige Stellen haben, denn diese verringern den Preis des Stückes um die Hälfte. Je gleichmäßiger und dunkler die Farbe des Bernsteins ist, desto gesuchter und werthvoller wird er dem Türken. Nächst dem Tschibuhk verwendet der Türke das meiste Geld 66 auf seine Waffen. Die theuren krummen Damascencrklingen sind bekannt. Alle Vornehmen tragen den Säbel mehr zur Zierde, als zur Vertheidigung. Früher trug man ihn an dicken, schweren, mit Goldfäden durchwobencn Seidenschnürcn auf der rechten Schulter; jetzt kommt diese Sitte mehr und mehr in Abnahme, man hat dafür einen mit Goldbordcn besetzten Leibgurt gewählt. Die Scheide des Säbels ist von Holz, mit schwarzem Leder überzogen und oben und unten mit Silber- oder gar mit Goldblech beschlagen. Am gesuchtesten sind die Griffe aus dem röthlichen Home des Rhino- zeros. Jetzt sind die alten ächten Damasecnerklingcn höchst selten und theuer. Gewöhnlich trägt der vornehme Türke einen Dolch im Gürtel, auf dessen Griff und Scheide ganz besondere Sorgfalt verwendet wird. Der erstere besieht oft aus gediegenem Silber mit geschmackvoller Cyselirung, die letztere aus Holz, mit Sammet überzogen und mit Silber oder Gold beschlagen. Oesterer sieht man auch Dolche, deren Griffe mit Edelsteinen verziert sind, oder andere, bei denen sie ganz aus theuren Steinen bestehen. Die Al- banesen führen in ihrer Binde manchmal noch ganz mittelalterlich aussehende Waffen bei sich: Strcitärte oder Morgensterne aus da- mascirtcm Stahle, welche theilwcis vergoldet oder auf andere Weise verziert sind. Die Pistolen sind die bekannten türkischen, mit den langen, oft mit Silber, Gold, Edelsteinen und Korallen geschmückten Hälsen. Zur Jagd gebraucht man lange, treffliche, in Perstcn gefertigte und ebenfalls damascirte Büchsen. Visir und Korn sind aber selten von hinreichender Feinheit, um eine genügende Sicherheit im Schuß zu gewähren. Dazu kommt noch der Umstand, daß alle Feuerwaffen nur schlechte Feuerschlösser haben und der Türke selten schießt, ohne seine Büchse aufzulegen. Er zielt lange und schießt unsicher. Alle türkischen Gewehre sind zu lang, um praktisch zu sein. Der längste Büchsenlauf, den ich gesehen habe, war 7 Fuß und einige Zoll lang. Die Türken verwundern sich stets, wenn wir mit unseren kurzen deutschen Büchsen besser schießen, als sie mit ihren ungebührlich langen. Mit Schroten schießt man weniger, als mit der Kugel, und auch dann nur, wenn ein Thier ganz ruhig sitzt. Der gebildete Türke sieht die Vorzüge unserer 67 Schlagschlösser recht wohl ein, ist aber noch immer nicht zu vermögen, sie mit dem Feuerschloß zu vertauschen, weil ihm jede Neuerung verhaßt ist. Nur ein Theil der egyptischen Truppen hat vor Kurzem Perkusstonsschlösser erhalten. Ueberhaupt weichen die Waffen der Soldaten von den früher gebräuchlichen ab und sind nach europäischem Vorbilde gemodelt worden. Ein vornehmer Türke hält Viel darauf, seine Dienerschaft anständig gekleidet zu sehen. Sein Tschibuhkdji trägt gewöhnlich das malerische Gewand des Albanescn: knapp anliegende, mit vielen Seidenschnüren besetzte Gamaschen, weiße enge Beinkleider, ein bis zum Knie herabreichendes, blendend weißes, umfangreiches Falten- hemd, eine mit Goldstickerei verbrämte, rothtuchene Weste und eine gestickte Tuchjacke mit hängenden Aermcln. Im Gürtel stecken Pistolen und der Jatagahn, in der Hand trägt er die in einem Tuchfutterale bewahrte Pfeifen seines Herrn. Der Tischdeckcr oder „Söfrtzdj'i" ist oft dem Vorigen ähnlich , aber noch feiner gekleidet; seine Kleider sind aus besseren Stoffen gefertigt. Auffallender als beide Vorhergehende trägt sich der „Saks" oder Reitknecht. Seine Beinkleider reichen nur bis zum Knie, die Waden bleiben nackt, die Füße stecken in hohen, großen Schuhen; den Oberkörper bekleidet die Jellab'ie, ein unseren Staubhemden ähnliches Gewand, bei ihm eng und kurz, in der Mitte des Leibes durch eine breite, weiße Wolkcnbinde zusammengehalten und auf der Brust geschlitzt, damit die brennend rothe, gold- und seidegestickte Tuchweste zum Vorschein kommen kann; das Haupt bedeckt der Turban mit schneeweißer Aimmc; über die linke Schulter breitet er das Zeichen seiner Würde, ein purpurrothes Tuch mit Goldfranzen. In diesem Aufzuge läuft er als dienender Begleiter seinem berittenen Herrn im schnellen Trabe voraus. Zeigt sich nun schon im äußeren Auftreten des Türken ein augenscheinlicher Lurus, so wird derselbe doch eigentlich erst im Innern seines Hauses kund und offenbar. Wenn auch in letzterer Zeit die türkischen Großen sich ihre Paläste mehr und mehr nach 5 * 68 europäischen Grundsätzen erbauen lassen, tragen dieselben doch immer noch sarazenisches Gepräge an sich und gerade dieses ist es, welches der arabischen Wohnung in den Augen des Europäers Interesse verleiht. Von Außen verspricht ein alt sarazenisches Haus nicht Viel. Es steht in einer dunkeln, krummen und engen Straße der Stadt, springt nach Oben immer weiter vor und nähert sich zuletzt dem ihm gegenüber stehenden Gebäude bis auf einen ganz engen Zwischenraum, lange nicht breit genug, um den Sonnenstrahlen zu erlauben, jemals bis auf die Straße herabzufallen. Aber gerade dadurch wird eine wohlthuende Kühle in der durch tägliches Besprengen mit Wasser abgcfrischtcn und entstäubten Straße erhalten, das beständig in ihr herrschende Halbdunkel macht sie nur noch heimlicher und angenehmer. Bon dieser Straße aus treten wir durch die stets verschlossene, uns erst auf unser Anklopfen sich öffnende Thüre in das Innere des Hauses; jetzt erst sehen wir, daß es wirklich bewohnt ist; von Außen war es uns nicht möglich, dies zu erfahren. Die breiten hohen Fenster sind durch enge Holzgitter verschlossen und wenn auch hinter ihnen manches Paar schwarzer, glühender Augen das Leben der Straßen beobachtet und uns längst gesehen hat, wir waren nicht im Stande, auch nur den Schatten einer Gestalt wahrzunehmen; wir würden dies nicht gekonnt haben, wenn wir uns in dem gegenüberliegenden Hause befunden und durch dessen Gitter geschaut hätten. DaS Gitterwerk ist viel zu eng, als daß es jemals von einem unberufenen Auge in einiger Entfernung durchdrungen werden könnte. Ein Bedienter empfängt uns in der Hausflur und führt uns, ohne nach unserem Begehr zu fragen, in den Diwahn des Hausherrn. Dieser befindet sich, wenn das Haus einen großen lichthcllcn Hofraum hat, zu ebener Erde, im entgegengesetzten Falle aber ein Stockwerk erhöht. Ohne angemeldet zu werden, treten wir ein. Wir befinden uns in einem geräumigen, halbdunkcln, hohen Zimmer. Durch die vergitterten Fenster fällt ein gebrochenes, für Egyptcn höchst angenehmes Licht herein. Wir bemerken, daß sich in dem Gitterwerke Namenszüge befinden und lesen in dem einen Fenster in künstlich verschlungenen Schriftzügen: „Die Gnade des 69 Allbarmhcrzigcn sei über diesem Hause!" uud in dem anderen: „Hits uns, o Herr, und begnadige uns mit Deinem Segen!" War der Erbauer dieses Hauses ein Christ oder ein Mahammedaner? Die Antwort giebt uns ein drittes Fenster: „Da il lalla il ^tlalr vu Alallammsck rrwsulii Hialr"; tvir wissen nun, zu welchem Propheten der Mann betete, der dieses Haus gegründet. Kleinere Fenster — es mögen ungefähr sechs in dem Zimmer sein — sind aus buntfarbigem Glase zusammengesetzt. Die Wände schmücken Arabesken und andere entweder in die Gypsbckleidung eingcgrabcne oder aus erhöhtem Gyps geformte Ornamente; in der Nähe eines Fensters oder eines Zugloches bemerken wir eine Nische, bisweilen auch einen mit Marmorplattcn überklcideten und verzierten Pfcilcrtisch. Dort stehen die reinlich gehaltenen Wasscrkühlgcfäße triefend in einer Reihe. Der Fußboden ist mit polirtcn Kalk- oder mit Marmor- platten gepflastert, aber nicht von gleicher Höhe und außerdem trennt auch noch ein Geländer die erhöhte Seite von der tieferen. Das ist der Wartcabschnitt für die Bedienung; hier steht dieselbe mit über die Brust gekreuzten Armen ruhig da, um die Gäste und den Wirth zu beobachten und jeden Wunsch ihnen an den Augen abzusehen. Den erhöhten Theil bedecken Strohmatten und persische Teppiche. An der der Thür gegenüberstehenden Wand läuft ein breites Sopha, der Diwahn, von einer Ecke des Zimmers zur anderen. Eö ist ein schwellendes Polster mit Wollcnstofs, Damast oder sogar mit Sammet überzogen, von dem vorn lange, reiche Franzen herabhängen. Auf diesem Polster sitzt der Hausherr mit seinen Gästen. Er erhebt sich bei unserem Eintreten und bleibt vor dem Diwahn stehen. Wir ziehen unsere Schuhe aus uud betreten in den bloßen Strümpfen den Teppich vor dem Diwahn; der Hausherr deutet schweigend nach dem Ehrenplätze, der rechten, besonders erhöhten und mit kostbaren Stoffen belegten Ecke des So- phas. Diesen Platz benutzt der Hausherr nur dann in eigener Person, wenn alle seine Gäste niederen Standes sind, als er. Wir würden uns in seinen Augen herabsetzen, wenn wir ihn nicht ohne alles Zögern annehmen wollten. Nachdem wir uns gesetzt haben, begrüßen wir zuerst den Hausherrn und empfangen dann die Grüße 70 von allen Anwesenden. Es würde eine Beleidigung für den Wirth sein, wenn einer der Anwesenden den Neuangekommenen nicht mit größter Artigkeit behandeln wollte. Die Diener sind nach unserem Eintritte verschwunden, um Kasse und Pfeifen zu besorgen. Zuerst bringt man den Kasse. Der Khahwedji oder Kaffebereiter erscheint in der Thür und trägt einen kleinen Präsentirtcller von Kupfer, Messing oder Silber, „Sln'rtz", in der Hand, auf welchem zehn bis fünfzehn türkische Kaffetassen, Untersetzer dazu und ein kupfernes Kaffekännchen stehen. Die Tassen, „Findjahn" (Plur. Finadjihl), bestehen aus Porzellan, haben keinen Henkel und halten nur den fünfmal kleineren Inhalt unserer Kaffetassen. Man setzt diese Täßchen, weil sie, mit heißem Getränk gefüllt, nicht mit den Händen gehalten werden können, in Untersetzer, „Sarf" (Plur. Sarüh f), welche unseren Eierbechern ähnlich und sehr künstlich aus Messing, Silber oder Gold gefertigt sind. Beim Eintritte des Khahwedji war der Präsentirtcller mit einem runden, rothseidnen und mit Gold gestickten Tuche überdeckt. Jetzt sammeln sich die übrigen Bedienten um ihn; einer nimmt die seidne Decke von der Sinke und legt sie ihm auf die rechte Schulter, dann faßt er und jeder von den anderen einen Sarf, setzt eine Tasse hinein und läßt diese von dem Khahwedji mit Kasse anfüllen. Nun gehen alle Bedienten gleichmäßig auf die Gäste zu und präsentiren jedem von ihnen die mit dem Daumen und Zeigefinger am untern Rande des Untersetzers gehaltene Tasse. Wir danken dem Hausherrn durch die gewöhnliche grüßende Handbewegnng auf Mund, Stirn und Brust und fassen den Sarf mit dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Ohne unö den Rücken zuzuwenden, zieht sich der Bediente zurück, wartet, bis wir die Tasse ausgctrunken haben, und nähert sich dann wieder, um sie in Empfang zu nehmen. Hierbei bemüht er sich, unsere Hände nicht mit seinen Händen zu berühren und nimmt deshalb Findjahn und Sarf zwischen beide flach gehaltene Hände. Wir danken dem Hausherrn von Neuem. Obgleich der Bediente den Findjahn künstlich balanyiren muß, kommt es doch nie vor, daß einer von ihnen auch nur einen Tropfen seines Inhaltes verschüttet. Ost liegen auch noch 71 mehrere Nargiclehschläuche schlangenartig auf dem Boden herum und vermehren die Schwierigkeit, die volle Tasse zu tragen, allein die Diener sind so eingeübt, auch dann nie zu schwanken; leicht schreiten sie auf dem Boden dahin und besorgen ihre von der Etiquette ihnen streng vorgeschriebenen Geschäfte mit größter Sicherheit. Unser Hausherr erhielt eine von den unsrigcn verschiedene Tasse. Sie besteht nämlich nicht aus Porzellan, sondern ist, wie auch der Sarf, aus dem Horn des Rhinozeros gedreht. Man schreibt einem aus solchem Material gefertigten Findjahn die Eigenschaft zu, aufzubrausen, wenn sich Gift in dem Kasse befinden sollte. Der Türke ist für diesen Fall so mißtrauisch, daß er sich, wenn er einen Andern besuchen muß, mit dem er nicht in den freundschaftlichsten Verhältnissen lebt, von seinem Bedienten die Horntasse nachtragen und sich von demselben in dieser den Kasse präscntircn läßt. So lächerlich uns diese Maßregel erscheinen mag, so ernsthaft ist sie wieder auf der anderen Seite, weil sie uns zeigt, daß bei den Türken Vergiftungen im Kasse oft genug vorkommen müssen. Zum Glück glauben alle Türken steif und fest an die nicht begründete Eigenschaft des Hornes des Rhinozeros. Da wir als Europäer zu den anständigen und vornehmen Gästen gehören, erhalten wir auch Pfeifen. Bei Ueberrcichung derselben haben die Diener aber ebenfalls gewisse Ccrcmvnicen zu beobachten. Einer von ihnen besorgt das Amt des Djibuhkji (Tschi buhktschi) oder Tutunji, d. h. des Pfeifenstopfers, Tabaksvcrwahrers und überhaupt Dessen, dein Nauchgegenstände anvertraut wurden; er bekleidet im Morgcnlande und in der Türkei einen höchst nothwendigen Posten. Alle Pfeifen werden im Vor- saale gestopft und angeraucht. Der Bediente tritt mit der brennenden Pfeife in den Diwahn, geht auf uns zu, läßt sich auf ein Knie nieder, mißt genau die Entfernung ab, um uns den langen Tschibuhk mundrecht zu Präsentiren, setzt dann den Pfeifcn- kopf an der geeigneten Stelle auf den Fußboden und dreht uns das Mundstück zu. Nachdem wir die Pfeife mit der einen Hand gefaßt, vorher aber dem Hausherrn gedankt haben, zieht er einen kleinen Teller aus seiner Leibbinde und setzt in diesen den Kopf der 72 Pfeife. Dies geschieht, um zu verhüten, daß brennender Tabak auf den Teppich fallen und diesen versengen möge. Erst jetzt beginnt die Unterhaltung mit unserem Wirthe und den anderen Gästen, weil man annimmt, daß der Neuangekommene müde und einiger Ruhe bedürftig sei. Die Pfeifen werden beständig gewechselt, weil die Köpfe nur wenig Tabak fassen. Der Türke raucht nur „die Blume" des Tabaks, d. h. die obere Schicht in dem nach unten zu sehr enge werdenden Kopfe. Die Sitte, sich nur schon brennende Tschibuhkaht geben zu lassen, um der Mühe des Anrau- chens überhoben zu sein, geht so weit, daß mehrere Türken, die ich kennen lernte, sich sogar die Cigarren durch ihre Diener erst anrauchen ließen. Wenn wir unsere Geschäfte beendet oder genug geplaudert haben, stehen wir ohne weitere Ceremonie vom Diwahn auf, ziehen unsere Schuhe an — falls wir nämlich in orientalischer Kleidung gekommen waren —, legen grüßend die Hand auf Mund, Stirn und Brust und verlassen mit einem erv' Ulall (mit Gott) das Empfangszimmer. Unser Wirth und seine noch bleibenden übrigen Gäste stehen ebenfalls auf, grüßen uns und setzen sich dann zur weiteren Unterhaltung wieder nieder. Sehr selten und nur bei ganz vornehmen Gästen kommt es vor, daß der Wirth diesen bis an die Thüre des Zimmers entgegengeht oder sie bis dahin begleitet. Alles geht seinem uhigen, stillen Gang; kein ewiges lästiges Abschiednehmcn, Sich - Empfehlen, Kratzfüße - Machen und Komplimente-Hersagen wie bei uns; der Fremde kommt und geht, ohne besondere Umstände zu verursachen oder zu beanspruchen. Ueber- haupt hat die türkische Etiquette manches Gute und trotz dem, daß man mit der größten Artigkeit behandelt wird und Wirth und Gäste zu behandeln verpflichtet ist, sind die Höflichkeiten nie so gesucht und übertrieben, um lästig zu werden, wie es bei uns oft genug der Fall ist. Der gebildete Türke ist der angenehmste Wirth, den man sich denken kann; er sucht seine Gäste bestmöglichst zu unterhalten und ihnen jeden Wunsch, so zu sagen, an den Augen abzusehen. Findet man Etwas besonders schön, so muß man sich hüten, dies ihn zu deutlich merken zu lassen. Ich kam im Anfange meines Aufenthaltes unter den Türken oft in Verlegenheit, daß 73 mir eine Sache, die ich gelobt hatte, von dem Wirth zum Geschenk angeboten wurde. Wenn es nun damit auch nicht gerade Ernst war, wurde ich doch belehrt, ähnliche Lobeserhebungen sür die Zukunft zu unterlassen. Der Diwahn ist während des größten Theiles des Tages der beständige Aufenthalt des Türken. Nur Mittags und Nachts verläßt er ihn, um sich in seinen Harchm zu begeben, um dort entweder seine Siesta zu halten oder die Nacht zuzubringen. Seine Mahlzeiten hält er im Diwahn. Der Gang der Mahlzeiten ist dem bei Gelegenheit der Beschreibung des Gastmahls .in Char- thum geschilderten ganz ähnlich. Der Türke ißt täglich dreimal und jedes Mal nur warme Speisen. Morgens genießt er gewöhnlich Eierspeisen und wenig Fleisch, Mittags und Abends fast nur dieses. Er steht sehr früh und regelmäßig vor der Sonne auf, um das Gebet des Fcdjer, d. h. der Zeit des Zwielichtes vor der Morgenröthe, zu verrichten. Noch vor Sonnenaufgang nimmt er seine erste Mahlzeit zu sich und bleibt dann entweder in seinem Diwahn, um Gäste zu erwarten, Geschäfte zu erledigen u. s. w., oder verläßt diesen, um Besuche zu machen oder seine Arbeiten außerhalb des Hauses vorzunehmen. Während der größten Hitze ruht in Egypten fast schon alle Arbeit; im Sudahn sind dann sogar die Kaufläden geschlossen. Den Nachmittag verbringt er ebenso, wie den Vormittag. Wenn er das Haus verläßt, geschieht es fast nur in der Begleitung mehrerer Diener und gewöhnlich zu Pferde. Der Abend wird ganz der Unterhaltung gewidmet. Wenn Türken den Lehren ihres Propheten in mancher Beziehung untren geworden sind und Branntwein trinken, thun sie es nur Abends vor dem Nachtessen (Nasche). Ein berauschter Mann ist ihnen ein Gräuel, erscheint ihnen aber noch verabscheuungswürdiger, wenn er im Rausch sein Nachtlager aufsucht. Die Frömmeren verabscheuen, wie billig, den Genuß aller geistigen Getränke und bringen den Abend in ruhiger Unterhaltung zu, bis der Ruf des Mueddihn sie zum Abendgebete (A'ische)*) ruft. Nach diesem genießen sie das *) Das Nachtessen wird wie Asche, das Gebet wie Ische gesprochen. A nnd E ist ein und derselbe Kehllaut, das Ain. 74 Nachtmahl und begeben sich in den Harchm, wohin die Brannt- weintrinkendcn sich erst kurz vor Mitternacht zurückziehen. Wohl nur wenigen Europäern ist es gelungen, in das Innere des unverletzlichen Harchm einzudringen. Daß die Ausstattung ganz dieselbe, wie im Diwahn, oder etwas reicher ist, kann Jeder, der ein leerstehendes arabisches Haus besucht, beurtheilen. Aber dann fehlt ja das Leben oder das, was der Türke eigentlich mit dem Worte Harchm*) bezeichnet: die Frauen. Gerade weil er für den Fremden unzugänglich ist, denkt man sich daö Leben in ihm ganz anders, als es der Fall sein muß; die Phantasie baut ihre kühnsten Gebilde nur in den unS unbekannten Orten auf. Was ich von dem Treiben im Harehm hörte, ist nicht geeignet, unsere gewöhnlichen Begriffe davon zu rechtfertigen. Wir Männer denken uns da gern einen Garten, in welchem die lieblichsten Blumen üppig emporblühen; wir denken uns die schönsten Georgierinnen mit den schönsten Frauen anderer Völkerschaften vereinigt und bemüht, dem Priester dieses Hciligthums die sinnlichsten Genüsse zu bereiten; die Frauen bedauern ihre armen gefangenen Mitschwcstcrn, den Mann verachtend, welcher sein Herz unter die Legion der eingesperrten Schönen vertheilt und stets wankclmüthig, eine einzige von ihnen eine Zeit lang liebend, bald seine Neigung einer anderen zuwendet. Weder der eine, noch der andere Theil hat dabei die goldene Mittelstraße betreten. Sehr viele Mahammedancr haben nur eine rechtmäßige Frau. Hat diese nun Dienerinnen oder Sklavinnen, so hat der Ehchcrr die Macht, letztere beliebig zu seinen Concubinen zu erheben. Jede Sklavin tritt in die Rechte der gesetzmäßigen Frau, wenn ihr daS Glück zu Theil wurde, ihren Herrn mit einem Kinde beschenken zu können. Dem ungeachtet genießt die Frcigcborne immer ein größeres Ansehen, als die Frcigcwordcne; wie überall, wird auch in der Türkei auf gute Familie Rücksicht genommen. Daß alle Kinder ein und desselben Vaters gleiche Rechte haben, ist ebenso recht, als billig; stets aber behandelt der eigene Vater das Kind seiner ) Wörtlich „das Unantastbare." 75 Frau besser, als das Kind seiner Magd. Hat ein Türke mehrere Frauen rechtmäßig gcheirathet, so bewohnen diese ihre besonderen Zimmer, haben aber ihren gemeinschaftlichen Diwahn. In diesem empfangen sie Besuche von ihren Freundinnen, rauchen, unterhalten und beschäftigen sich entweder mit weiblichen Arbeiten oder mit der Erziehung und Pflege ihrer Kinder; dort verbringen sie den größten Theil des Tages. Wenn andere Frauen sie zu besuchen kommen, ist der Harehm selbst für den Hausherrn unzugänglich. Jeder Türke ehrt die herkömmliche Sitte und verräth durch keine Bemerkung, daß er um den Besuch überhaupt wisse. So können die türkischen Damen ebenso gut ihre Gesellschaften haben und geben, als die unsrigcn, nur ist ihnen nicht vergönnt, einem Männervcr- cin beizuwohnen. Sie gehen aus, machen ihre Spaziergänge und kaufen auf dem Basare ein, ohne daß dadurch das Geheimniß oder die Zucht des Harehm verletzt würde. Auch fühlen sie sich nicht unglücklich; sie sind von Kindheit auf an ihr eingezogenes Leben gewöhnt und wünschen sich gar nicht die Freiheit der Europäerinnen, sondern verachten diese sogar, weil sie ihre Reize unvcrhüllt zur Schau tragen. Wenn die türkischen Mädchen auch nicht, wie unsere Damen, wünschen können, einstmals eingetheilt das Herz eines Mannes zu besitzen, wünschen sie doch wenigstens, einstmals im Harehm zu herrschen oder die erste Frau eines Mannes zu werden. Heirathet er dann noch eine andere, dann entstehen oft genug die heftigsten Zwistigkeiten zwischen Beiden. Die gegenseitige Eifersucht seiner Frauen bringt dem guten Türken manche heiße Stunde. Mein arabischer Lehrer und ein anderer Mahammedaner, mit dem ich, ohne daß er mir darum zürnte, über dergleichen verpönte Sachen reden konnte, antwortete mir auf meine Fragen: ob denn die Eifersucht der Frauen nicht öfters zu großen Unannehmlichkeiten führe: „Davon sei ganz stille, lieber Chalihl-Effendi, da geht es oft genug bunt durch einander." Und dabei machte er verschiedene und so leicht erklärliche Handbcwegungcn, daß ich daraus deutlich ersehen konnte, er meine damit Haarraufcn, Kratzen, Schlagen und andere Thätlichkeiten. Aber auch mit dem Ehehcrrn giebt es manchmal Zwistigkeiten. 76 Der gesetzmäßige Richter in ehelichen Streitigkeiten ist der Khadi. Zu ihm kommen alle die Frauen, welche gegen ihren Gemahl eine Klage haben. Da giebt es nun zuweilen wirklich spaßhafte Gründe dazu: „Gott erhalte und segne Dich, mein Herr Khadi, ich muß Klage führen gegen meinen Herrn. Glücklich und zufrieden lebte ich einige Jahre mit ihm und war der Augapfel seiner Seele, wie er das Leben meines Herzens war. Aber da hcirathct er mir zur Schmach eine Andere und diese ist meine ärgste Widcrsacherin. Sie stiehlt mir die Liebe meines Gemahls und gleichwohl liebe und wünsche ich, daß dieser nach wie vor an meinem Herzen ruhe und auch mich mit seiner Liebe beglücke, die er jetzt fast nur der Anderen zuwendet. Wenn ich ihm zu viel geworden, warum verstößt er mich nicht ganz und gar? Es ist ja doch besser, ein Leben ganz ohne Liebe zu führen, als die Schmerzen der Herzenstödterin, der Eifersucht zu fühlen und vor Kummer zu Grunde zu gehen. O mein Herr Khadi, vcrhilf mir zu meinem guten Rechte! Befiehl meinem Herrn, daß er mir seine Liebe wieder zuwende! Ich beschwöre Dich darum bei dem Barte Deines Vaters — den Gott begnadigen möge — bei Deinem eigenen Haupte! Denn ich bin unschuldig und mir geschieht großes Unrecht. Gieb mir den Frieden meiner Seele, gieb mir die Liebe meines Herrn zurück, damit der Friede Gottes des Allbarmhcrzigen nicht von Dir und Deinem Hause weiche!" Der Khadi bcschcidct nun den Ehemann zu sich, nachdem er vorher die betrübte Frau beruhigt und nach Hause geschickt hat. Dem Chehcrrn wird dann wirklich befohlen, seine Frau nicht fernerhin zu vernachlässigen, falls er nicht etwa besondere Klage gegen sie zu führen hat. Er verspricht, zu gehorchen, und beglückt seine erste Frau eine Zeit lang wieder mit seiner vollen Liebe, bis die Jüngere ihm „mit ihrer Schönheit zum zweiten Male das Herz vergiftet" und die Acltcrc zu neuen Klagen veranlaßt wird. Dergleichen Streitigkeiten sind znmal bei den Arabern etwas ganz Gewöhnliches. Man sieht den Diwahn des Khadi oft förmlich 77 von Frauen, welche die sonderbarsten und manchmal sehr unschickliche Klagen vorzubringen haben, belagert. Der Khadi besitzt die unbegrenzte Macht, solche Dinge zu schlichten, wie er will. Es ist nichts Seltenes, daß ein Ehemann erst durch die Bastonade zu seiner Pflicht zurückgeführt wird. Die Frauen übernehmen im Harchin ganz die Rolle der männlichen Bedienten im Diwahn. Wie hier, verläßt auch dort den Türken seine Bequemlichkeit nicht. Sogleich bei seinem Eintritte in daS Frauengemach umgeben ihn Frauen und Sklavinnen, um nach seinen Wünschen zu fragen. Er entkleidet sich und laßt sich dabei von Allen hülfrciche Hand leisten. Beim Ablegen der Binde wirft er derjenigen den Zipfel derselben zu, welche er für diese Nacht unter den Andern erkoren hat. Die Ucbrigen ziehen sich, sobald dies geschehen, zurück und lassen den Gebieter mit der Aus- erwählten allein. Dieser liegt nun die Pflicht ob, den Herrn in Schlaf zu bringen. Sie nimmt einen porösen Stein, wie man ihn auch in den öffentlichen Bädern findet, und streicht ihm damit auf den Fußsohlen hin und her. Für uns Europäer bewirkt dies ein ganz unleidliches Gefühl; der Türke rechnet es mit unter die größten sinnlichen Genüsse. — Wenn die Stunde der Niederkunft einer Türkin herannaht, ist der Harehm für den Hausherrn auf mehrere Tage geschlossen. Die Nachbarinnen und Freundinnen der hülfsbedürftigcn Frau sind nebst der Hebamme im Harehm versammelt. Erst mehrere Tage nach der Geburt darf der Gatte das Wochcnzimmer besuchen. Der erste Ausgang der Wöchnerin geht nach dem Bade, wohin ihr gewöhnlich die Amme mit dem Säuglinge folgen muß. Dieser wird dann mit manchem „Nascllalla" und „Hauen aals'ilm ja radln" (Hilf ihm, o Herr)! bewundert und gepriesen. Seine Erziehung ist in der ersten fünf bis sechs Lebensjahren ganz der Mutter anheimgegeben. Hat das Kind dieses Lebensalter erreicht, dann nimmt es der Vater, wenn es ein Knabe ist, bei Tage auch wohl einige Stunden zu sich oder übergiebt es den Dienern, die es zuerst reiten lehren. Die Mädchen bleiben bis zu ihrer Verhcirathung im Harehm und werden von Kindheit aus an das stille und zurückge- 78 zogene Leben der Frauen gewöhnt. Nur sehr wenige lernen Lesen und Schreiben; sür mahammedanische Mädchen giebt es keine Schulen. Die Knaben der Wohlhabenden werden dagegen ohne Ausnahme in eine der Privatschulcn, welche irgend ein Fakhie in's Leben gerufen hat, gesandt und lernen dort den Khorahn lesen und abschreiben, selten wohl auch ein Wenig rechnen. Erst mit ihrem zwölften Jahre dürfen sie dann und wann den Diwahn ihres Vaters besuchen, werden aber auch dann immer von diesem unter fast knechtischer Zucht gehalten. So dürfen sie sich z. B. nicht niedersetzen, ohne von ihrem Vater dazu aufgefordert worden zu sein, sie dürfen sich unaufgefordert nicht in ein Gespräch mischen und erhalten auch, wenn sie älter, ja sogar wenn sie schon sclbstständig sind, ohne ausdrücklichen Befehl ihres Vaters keinen Tschibuhk. So reich in mancher Hinsicht der Diwahn des Hausherrn oder der Harchm im türkischen Hause ausgestattet ist, so ärmlich find die Zimmer für die Bedienung hergerichtet. Die Bedienung des Diwahn ist von der des Harchm, selbst bis auf die Verschnittenen vollkommen geschieden. Häufig hat der Harchm auch seine besondere Küche. Da die türkische Mahlzeit aus einer namhaften Menge Gerichten, welche alle zu gleicher Zeit bereitet werden müssen, besteht, würde ein Koch bei doppeltem Tische sie gar nicht alle zurichten können. Ein Gericht, welches schon auf der Tafel des Hausherrn stand, wird nie in den Harchm gebracht, sondern der Dienerschaft überlassen und selbst bei den größten Gastmählern bleibt sür Ersteren oder für den folgenden Tag Nichts übrig. Die türkische Küche unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der unsrigen. Fast für jedes einzelne Kochgeschirr ist eine besondere Fcuerstclle errichtet und da der Geschirre gerade so viele sind, als Gerichte auf den Tisch kommen sollen, steht man in größeren Häusern oft zwanzig und mehrere Roste neben einander. Alle Geschirre sind von Kupfer gearbeitet, werden sehr reinlich gehalten und oft verzinnt. Neben der Küche befindet sich auch noch ein kleiner Backofen (Fürn), in welchem die Mehlspeisen von dem Koche gebacken 79 werden. Die Zubereitung der Speisen ist vortrefflich, wenn auch dieselben bisweilen sehr fett sind. Ganz in der eben beschriebenen Weise leben auch die vornehmen Araber Egyptens, weit verschieden von ihnen die Fellahhihn. Bei diesen herrscht ja vom Urahn her die bitterste Armuth und diese wird auch der fernste Nachkomme wieder erben. Es ist wahr, der Fellah hat wenig Bedürfnisse, aber er hat noch weit weniger Mittel. Er könnte selbst das einfachste Bedürfniß nicht befriedigen, wenn es ihm jemals in den Sinn kommen sollte, ein Bedürfniß zu haben. Die ewige Bettelei um „Bakhschiesch", die häufig genug in Unverschämtheit ausartet, hat leider ihren tiefliegenden Grund in der grenzenlosen Armuth des Volks. Die Wohnung eines Fellah ist gar schnell beschrieben. AuS Nilschlamm werden vier Wände mit einer niedrigen Oeffnung, der Thüre, zusammengeklebt, darüber einige Stangen gelegt, auf diese Matten gebreitet und dann wird das Ganze mit Durrahstroh bedeckt. Das Haus ist fertig. ES war die Arbeit der Nachbarn und Freunde des Besitzers, die sie mit ihm in wenig Tagen vollendeten. Er speiste und tränkte sie während der Zeit zur Belohnung für ihre Hülfe. Neben an errichtet er später wohl auch noch drei Mauern mit einem Dache, den Stall für sein Vieh. Wenn er das Ganze mit einer Art umzäunender Mauer umgab, dann gehört seine Wohnung schon zu den besseren. Oft ist sie nur eine jedem Sturm und Regen preisgegebene Strohhütte. Das Innere einer Fellahhütte gleicht dem Acußeren. Der Fußboden ist die festgestampfte Erde, auf ihm liegen einige Stohmatten; es sind die Lagerstätten. In einem Winkel steht ein Thonkrug zur Aufbewahrung des Wassers, in der anderen vielleicht eine kleine Kiste aus Brettern oder aus an einander gefügten Palmblattstielen zur Beherbergung der wenigen Kleider. Außen vor der Hütte steht man auch einen kleinen Backofen und einige Steine in der Asche liegen. Dort wird gebacken und gekocht. Holz hat der Fellah nicht, er muß sich anders helfen. Sein Weib und seine Kinder sammeln 80 eifrig dm Dünger der Rinder, Pferde, Esel und Kamele, mischen ihn mit klargcschm'ttenem Stroh und Wasser zu einem Brei an und bilden hieraus dünne Kuchen, welche an der Sonne getrocknet werden. Oft wird mit ihnen auch das ganze Haus tapezirt. Das ist das Brennmaterial des Fcllah. Er ist genöthigt, die Salmiakdämpfe des brennenden Mistes beständig einzuathmcn, er kocht mit ihm seine wenigen Speisen, er bäckt sein Brod damit. In seiner Hütte liegt er dicht gedrängt mit seiner Familie und selbst der Schlafende muß noch während der Nacht die dem Organismus wahrhaft giftigen Ausdünstungen der Erde und der dicht neben ihm schlafenden Menschen cinsaugen. Ist es dann ein Wunder, wenn die Pest einen so zu ihrem Empfange vollkommen vorbereiteten Körper in wenig Stunden bewältigt? Und wie elend, wie dürftig ist seine Nahrung! Nur an hohen Festtagen kann man ein Gericht Fleisch in seiner Hütte sehen. Seine gewöhnlichste Speise sind die sogenannten Buffbohnen in Wasser gekocht mit ein Wenig Ocl und Salz gewürzt. Hierzu ißt er sein Durrahbrod. Sein Mittagscfsen besteht manchmal auch aus Linsen, dem gewöhnlichen Essen der Schiffslcutc, stets ohne alle Würze, Salz etwa ausgenommen. Zur Zeit der Dattelreife lebt er fast nur von Datteln; wenn er Mais ansäete, ißt er die in der Asche gebratenen Kolben desselben. Die einzige Erholungsstunde, welche sich der schwer geplagte Mann zuweilen erlauben darf, ist ein Gang in das ärmliche Kaffchaus des Dorfes, wo er für fünf Para zwei Tassen eines reichlich mit gebrannten Bohnen versetzten Kaffes trinkt. Glücklicher Weise empfindet er seine beispiellose Armuth nicht so, als sie jeder Andere empfinden würde; er hat nie bessere Zeiten kennen gelernt, wird aber auch wohl nie bessere sehen. Das Brod des Fellah wird von den Weibern tagtäglich frisch gebacken. Es besteht in dünnen Kuchen aus Durrah- oder Maismehl, welches ebenfalls erst von der Frau in einer erbärmlichen Handmühle gemahlen wurde. Die Brodkuchen werden bei der herrschenden Dürre schon nach ein oder zwei Tagen steinhart, dann ißt man sie im Wasser aufgeweicht. 81 Den Walzen, die Gerste und den Erlös aus seinem Viehstande braucht der Fellah mehr als nöthig, um die ihm von der Regierung aufgelegten Steuern völlig zu decken. Früher durste er ein Dritttheil des Ernteertrags für sich verwenden, jetzt hat er kaum ein Fünftheil des Ganzen zu seiner Verfügung. Die Regierung geht bei Eintreibung ihrer Steuern unerbittlich zu Werke. Das Dorf hastet für den einzelnen Bauer, der Kreis für das einzelne Dorf, die Provinz für den einzelnen Bezirk. Der Fellah darf nicht daran denken, sich auszubilden, er hat Viel zu Viel für die Regierung zu arbeiten und es nimmt Einen wirklich Wunder, wenn man in ein egyPtischcS Dorf kommt und dort um ein durch Durrahstroh unterhaltenes Feuer zwanzig bis dreißig Knaben am späten Abende sitzen steht, welche ein alter Fakh're um Gotteslohn im Lesen und in der Religion unterrichtet. Der Fellah wächst auf wie das Vieh, er nimmt sich mit seinem sechzehnten Jahre ein Weib, arbeitet und stirbt. Im Elende und im Schmutze geboren, lebt und stirbt er im Elende und Schmutze dahin. Mag er noch so indolent erscheinen, die Hauptursache seines Elendes ist und bleibt die Regierung, der ihn ewig drückende und quälende, jede geistige Regung tödtende, die physische Kraft vernichtende Zwang von Oben. Er hat Nichts, was er sein nennen könnte, er besitzt als Pachter des von ihm bewirthschafteten Landes Nichts, worauf die Regierung nicht eine Steuer gelegt hätte. Er verkauft eine Kuh, die Regierung beansprucht die Haut davon; er Pflanzt einen Palmen- baum, die Regierung verlangt drei Silbcrgroschcn unseres Geldes davon; er haut ihn um, die Steuer bleibt dieselbe; eine seiner Töchter ist schön und geht hin, um als öffentliches Mädchen Geld zu erwerben, die Regierung besteuert ihr schönes Gewerbe. — Russegger hat in seinem gediegenen Werke die Zustände und Lebcnsverhältnissc des Fellah so ausführlich beschrieben, daß ich, wenn sich einer meiner geehrten Leber darüber genauer zu unterrichten wünscht, auf dasselbe verweisen kann. Ehe wir »un noch einige hervorragende Erscheinungen aus ii 6 82 ton mahammedanischcn Volk hervorheben, wenden wir uns r" einem bisher, wenn auch oft genannten, doch wenig beachteten Volke Egyptenö, den Kopten. Sie sind u n b ez w e i f c l t die Nachkommen der alten Egypter. Wenn schon ihre scharf geschnittenen Gcsichtszüge, die kleinern, seinen und ausdrucksvollen Köpfe bei einiger Vergleichung mit denen der alten Egypter, welche wir an den Monumenten abgebildet finden, darauf hindeuten, so ist es doch besonders ihre jetzt fast auögcstorbcne Sprache, welche den besten und sichersten Beweis geliefert hat, denn sie ist der alt- egyptischcn ganz ähnlich und jedenfalls von ihr hergeleitet. Die Kopten haben seit der Zeit, in welcher das Christenthum den Dienst der Isis verdrängte, ihre Religion beibehalten, freilich nicht in der Reinheit, in welcher sie ihnen gelehrt worden sein mag. Ihre heutigen Begriffe von Christenthum und christlicher Kirche sind vermengt mit Zusätzen der morgenländischen Bischöfe oder mit aufgenommenen Grundsätzen der mahammedanischen Glaubenslehre. Der Ritus ihrer Kirche steht dem der griechischen am Nächsten, unterscheidet sich aber doch in vieler Beziehung sehr davon. So haben sie z. B. die Bcschneidung unter sich eingeführt und betrachten sie als einen religiösen Gebrauch. Sie haben ihre eigenen Patriarchen, erkennen weder die Oberherrschaft des Papstes, noch dic des Patriarchen der griechisch unirten Kirche an, erlauben ihren Geistlichen die Ehe, wenn sie, ehe sie Geistliche wurden, schon ver- heirathet waren, dulden es aber nicht, daß sich ein Geistlicher, dessen Frau starb, zum zweiten Male verheirathe, weil Paulus von einem Bischöfe fordert, daß er eines Weibes Mann sei; verehren ihre eigenen Heiligen u. d. m. Das Wesen ihrer Religion ist wirr und unbestimmt, die Form matt, schwülstig und cere- moniereich. Ihr Glaube ist wankend, ihre Ansichten über Gutes und Böses sind sehr mangelhaft. Die Kopten bekleiden in allen Aemtern die Stellen der Schreiber und Rechnungsführer. Sie sind die heuchlerischsten, erbärmlichsten Schufte, die ich kenne; sie betrügen, belügen und bestehlen ibren Oberherrn, wo sie nur können, schmeicheln dessen Schwächen und näbren seine Lasier, um daraus Vortheil zu zielst«. Es sind 83 in ihrer Denk- und Handlungsweise die vollendetsten Schurken, die ehrlosesten und niedrigsten Schmeichler, die schlimmsten und gefährlichsten Bösewichtc, weil sie ihre Tausende von Schlechtigkeiten stets unter der Larve der größten Frömmigkeit oder Rechtschaffenheit begehen. Dabei üben sie leider eine bedeutende Herrschaft aus, weil sie schon ihre Stellung häufig zu Vertrauten und Rathgebern der Herrscher macht. Ausnahmen sind selten. Ihre Frauen, mit denen sie (wie wir weiter unten sehen werden), so zu sagen, Handel treiben, sind im Ganzen ziemlich hübsch, verwelken aber schnell, weil sie schon vor ihrem zwölften Jahre verheirathct werden. In Sitten und Gebräuchen ähneln die Kopten sehr den Mahammeda- nern, mit denen sie auch stets so vertrauten Umgang pflegen, daß man sie füglich für Mahammedaner'halten könnte. Nur der schwarze Turban unterscheidet sie in ihrer Kleidung von der Mittelklasse der Egypter. Grün, die Farbe der Nachkommen des Propheten (Sche- rief), ist ihnen zu tragen verboten. Sie sind „Raja", d. h. Unterthanen der cgyptischen Regierung und werden durch keinen Konsul einer europäischen Macht beschützt. Erhaben über den Kopten, wie über den Fellahihn, selbst über einen großen Theil der Türken, steht in moralischer Hinsicht das kleinste Volk Eghptens, die Beduinen. Sie sind in der Freiheit der Wüste geboren und groß geworden, sie leben und sterben dort; sie denken und handeln frei und edel, wie jeder Frcigcborcne. Noch haben sich bei ihnen die alten Sitten ihrer Voreltern bewahrt, noch hegen sie dieselben Gefühle für Recht oder Unrecht, welche die Patriarchen hegten, noch sind sie, wie jene, mit Herz und Hand bereit, ihr gutes Recht sich zu erhalten oder zu verschaffen. Der Beduine, das Kind der hochhehren Wüste, ist noch der Sohn der alten und für ihn ewig neuen Freiheit, er ist der unverdorbene Nachkomme seiner tapfern und edlen Ahnen. Der Beduine lügt nie, er bestiehlt oder betrügt Niemanden, wohl aber tritt er mit der Waffe in der Faust als kühner Räuber hervor, um sich seinen Lebensunterhalt zu erringen. Er beraubt den friedlich durch die 6 * _ 84 Wüste pilgernden Kaufmann nicht als ei», nach unseren Begriff,'», verächtlicher Wegelagerer, sondern als muthiger, streitbarer Mann; er wird ihn nie berauben, wenn dieser ihn, den Herrn der unbegrenzten Wüste, erst um sicheres Geleit ersuchte, sein Gebiet durchwandern zu dürfen. Treu dein Freunde das gegebene Versprechen haltend, geht er für seine Schutzbefohlenen ohne Zögern in den Tod; furchtbaren Kampf dem Feinde schwörend, hält er das Gesetz der Blutrache für das hochheiligste seines Stammes. Er vergiebt kerne Beleidigung, er vergißt keine Wohlthat. Seinen letzten Bissen Brodes theilt er mit seinem Gastfreundc, den letzten Waffer- trunk spendet er dem Verschmachtenden. Er ist in seiner Treue groß, in seiner Rache furchtbar. Keinen Herrn über sich erkennend, als den Herrn feiner weiten Heimath und sein sich selbst gewähltes Oberhaupt, vertheidigt er seine Freiheit muthig und tapfer gegen jeden Feind derselben. Ohne Hoffnung auf Ersatz unterhält er den, der sich hungernd und dürstend in seinem Zelte einsund; ohne Dank zu fordern, bringt er ihn in seine Heimath zurück. Sein Pferd ist ebenso treu und edel, als er selbst, es ist sein beständiger Begleiter, er liebt es wie Weib und Kind. Der Beduine Egyptens unterscheidet sich von dem Fellah nur durch seine schmächtigere, feinere Gestalt, die gleichwohl eine große Muskelkraft nicht verkennen läßt. Seine Frauen sind zuweilen von ziemlicher Schönheit und gehen, im Gegensatze zu der Fellahhe, meist unverschlciert. Die Wohnung des Beduinen ist das bewegliche Zelt, meist aus dichtgcwcbten Zicgenhaardccken (Hahdjir) bestehend, dem stärksten Regen trotzend. Hier wohnt er mit Frau und Kind, Stute, Ziege und Lamm. Das Zelt des Schech ist etwas besser, als die der Ucbrigcn sind, sonst aber diesen ganz ähnlich. Fast in jedem grasreichen Wadi der Wüsten Egyptens kann man einige dieser Zelte aufgeschlagen sehen; oft siedeln sich einige Familien dicht bei Alerandricn an, wo die Männer dann eifrig der Jagd nachgehen und vorzüglich viele Wachteln fangen. Obgleich die Beduinen dem Namen nach von der egyptischcn Regierung unterjocht wurden, hat sie es im eigentlichen Sinne des Wortes doch immer noch nicht. Ihnen steht ja stets die weite _rn Wüste als Zufluchtsstätte offen und dorthin reicht selbst der Arm des egyptischen Herrschers nicht. Die Regierung hat eine Art Ueber- einkommen mit den Söhnen der Wüste getroffen, wodurch jetzt wenigstens der offene Krieg beendet worden ist. Sie haben noch immer ihre eigene Gerichtsbarkeit, welche die von ihnen selbst gewählten Schiuhch handhaben. Wenn auch im Ganzen gute Mahamme- daner, sind sie doch lange nicht so fanatisch, wie die mehr auf religiöse Cercmonieen haltenden Fellahhihn. Ihre Handlungen werden mehr durch ihre ihnen von Alters her angestammten Gebräuche, als durch die Vorschriften der Religion geregelt. Der Bruch der Gastfreundschaft wird von ihnen fast immer mit dem Tode bestraft. Vor einigen Jahren trat ein berüchtigter Räuber Obcregyptcns in das Zelt eines Beduinen und wurde nach dem üblichen Gruße von diesem mit dem „Marhaba" (Du sollst willkommen sein) als Gast anerkannt. Schon seit Langem fahndete die Regierung auf den Kopf des Räubers und hatte, weil er allen seinen Verfolgern immer geschickt entgangen war, schließlich einen Preis von mehreren tausend Piastern für Den ausgesetzt, der den Räuber lebendig oder todt überliefern würde. Der Beduine wußte dies und erkannte seinen Gast gar wohl. Allein, ohne sich etwas merken zu lassen, behandelte er den Fremden mit aller der Auszeichnung, welche die Gäste genießen und aß „das Brod und Salz" mit ihm. Im Schlafe überfiel er den Arglosen, knebelte ihn und lieferte ihn an die Regierung ab, von der er auch die Belohnung bezahlt erhielt. Drei Tage später fand man seinen Leichnam von unzähligen Kugeln durchbohrt in der Wüste. Sein eigener Stamm hatte ihn gerichtet. Die übrigen Bewohner Egyptcns sind eigentlich nur Fremdlinge im Lande und haben sich so mit der herrschenden Bevölkerung vermischt, daß sie auch die Sitten und Gebräuche derselben angenommen haben. Nur über die Lcvantiner oder arabischen und zwar meist lateinischen Christen sollte ich wohl noch Einiges sagen, aber ich habe, nachdem ich das Wesen und Treiben dieser heuchlerischen 86 Schufte keimen gelernt hatte, allen Muth und alle Lust verloren, mich mit ihnen mehr als nöthig vertraut zu machen. Ich habe die Männer als tückische und glcißnerische Schurken und unliebens- würdige Gesellschafter kennen und verachten gelernt, und wären nicht ihre Frauen ganz das Gegentheil von ihnen, ich würde nie ein levantischcs Haus betreten haben. Es ist wahr, die Europäerinnen haben vor den Orientalinnen Bildung des Verstandes und verfeinerte Sitte, die deutschen Frauen Liebenswürdigkeit und Häuslichkeit voraus; aber wie das tiefe, reine, durch keine Wolke getrübte Blau des Himmelsdomes im Süden den matten Schimmer unseres Himmels überstrahlt, so übertreffen die Orientalinnen unsere Frauen an Schönheit. Uneinge- geengt durch die den Körper an seiner Ausbildung hindernde Schnür- brust, ungestört durch die den Geist auf Kosten des Körpers erziehende Schulbank wächst das Weib im Süden frei empor; der milde Himmel Syriens und Egyptens läßt es zur üppigsten Blüthe gelangen. Die Lcvantincrinnen überraschen durch ihre vollendete Schönheit. Und dabei ist ihre Herzensgüte, zumal im Vergleich zu der Schlechtigkeit ihrer Männer, bewunderungswürdig. Von diesen nie nach ihrem Werthe geachtet, oft sogar mißhandelt, bewahren sie noch aus dem Paradiese her die schönste Tugend des Weibes: aufopfernde Treue für den Gegenstand ihrer Liebe. „Prachtblumcn gleichen diese Frauen, die zwar schnell verblühen, aber während der Zeit ihrer Blüthe auch den höchsten Reiz entfalten." Die Lcvantiner, meist aus Syrien stammend, sind jetzt in Egypten Kaufleute. Einzelne bekleiden bei den verschiedenen Konsulaten wohl auch die Stelle eines DollmctscherS und sind der fortwährende Grund zu Klagen der Europäer, welche sie leider noch als nothwendige Uebel dulden müssen. Ein rechtlicher Lcvantiner ist eine überaus große Seltenheit. Betrachten wir jetzt die Sitten und Gebräuche der heutigen Egvpter etwas genauer. 87 Ihre RcligionSgebräuche sind die der Mahammedaner und trafen das Gepräge eines tiefen Ernstes an sich, so lange der Fanatismus nicht in's Spiel tritt, dieser läßt freilich den frommen MoS-, lim nicht selten Handlungen begehen, welche wir lächerlich finden. Es ist für den Reisenden in mahammedanischen Ländern höchst wichtig, die verschiedenen Gebräuche kennen zu lernen, welche die Religion dem Gläubigen auferlegt, um nicht einmal gegen sie anzustoßen. Denn da, wie ich schon bemerkt habe, die Religion das ganze Leben des Mahammedaner leitet und regelt, da derKhorahn sein weltliches und geistliches Gesetzbuch ist und seine Gesetze die dcS Landes sind, gleichviel ob sie der Priester oder der Richter handhabt, kann es sogar gefährlich werden, eins dieser Gesetze zu übertreten; man würde dann nicht blos sich die gewöhnliche Strafe zuziehen, sondern auch den Fanatismus des Pöbels erregen. Unter allen religiösen Gebräuchen scheint mir das von dem Propheten vorgeschriebene Gebet der würdigste zu sein. Das ma- hammcdanische Gebet könnte jede Rcligionspartei ausüben, wenn sie ihrem Glauben gemäß nur einige Worte umändern wollte. DaS Gebet veredelt und bessert den Menschen überall, aber der Jslahm nimmt beim Gebet nicht allein auf das geistige, sondern auch auf das leibliche Wohl des Betenden Rücksicht. Es war wahrlich kein Kleines, Tausende von Menschen, welche noch nicht einmal gelernt hatten, ihren Körper vom Schmutze zu reinigen, zu einem religiösen und reinlichen Volke umzubilden. Ich sage „reinlich" im Vergleich zu dem früheren Zustande, in dem es sich befand, und will dabei, wenn ich von den Arabern spreche, die Reinlichkeit des Europäers noch nicht den Maßstab abgeben lassen, wohl aber, wenn ich den gebildeten Türken erwähne, weil dessen Reinlichkeit die des Europäers häufig übertrifft. Und das Alles bewirkte ein Wort des geehrten Propheten, denn dieser machte es dem gläubigen Manne zur unabwendbaren Bedingung, vorher den Körper von dem darauf haftenden Schmutze und Unrathe zu reinigen, bevor er Hintritt vor das Angesicht Gottes, um die Seele zu reinigen im fromme» Gebete. Er setzte „die Wäsche" ein und gab uns durch sie einen noch heute gültigen Beweis, wie nothwendig, wie 88 wohlüberlegt seine Maßregel war, denn noch heute kann man Den, welcher betet, von Dem, der nicht betet, dadurch unterscheiden, daß Jener gelernt hat, sich vom Schmutze zu säubern, während der Andere, wie der Jude, nie im Stande ist, diesen zu überwältigen. Das mohammedanische Gebet geschieht täglich fünfmal. Eine oder eine und eine halbe Stunde vor der Sonne besteigt der Mucddih», der Verkündig» des Glaubens, die Mädlne oder das Minaret der Moschee und ruft in den uns von Felicicn David so außerordentlich treu überlieferten Gesängen die Schlafenden zum Beten auf. „Das Heil sei mit Euch! Kein Gott außer Gott und Mahammed sein Prophet! Gott ist der Größte! Auf zum Gebet! Auf, auf zu dem Heiligen! Der Tag bricht an, auf zum Gebet! Kein Gott außer ihm und Mahammed sein Prophet! Gott ist der Größte!" Dann folgen vielleicht noch eine Sure oder einige Verse einer Sure des Khoran und mit dem nochmaligen Ausrufe: „Hai äsl Sl sLlLli" (Auf, slcbendigj zum Gebet)! du nkbar" (Gott ist der Größte)! beschließt er seinen hehren Morgcngcsang und steigt vom Thurme herab, um in der Moschee selbst zu beten. Zu Mittage, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, mit den letzten Strahlen der scheidenden Sonne und anderthalb Stunden später wiederholt er seine Aufforderung. Der Gläubige, wenn er seine Mahnung hört, verläßt das Lager oder seine Arbeit und geht hin, sein Gebet zu verrichten. Es ist ihm gleichgültig, wo er sich befindet, ob im rauschenden Gewühle des Basars oder in der Stille seines Hauses, ob auf dem Felde oder auf der Reise, ob im öffentlichen Gerichtssaale oder im Kerker. Er rollt einen Teppich oder eine reinliche Palmenblättcrmatte auf und legt sie in der Richtung der Khabala, das ist, der in jeder Moschee, auf jedem Thurme angezeigten Richtungslinic nach Mekka, dann entkleidet er sich der Schuhe und Strümpfe und beginnt die Wäsche, „el Wuthu". — Die Mahammedaner theilen sich in vier Secten: Melkt, Schäfaä'i, H-lnLf, und Hsinbäli. Nur die Ersteren dürfen stehendes Wasser zu ihrer Wäsche benutzen, bei allen klebrigen muß es unbedingt fließend sein. llm dies immer zu ermöglichen, be- 89 dient man sich des „Bcriekh" oder einer Kanne von Metall oder Thon mit langem Ausguß, durch welchen das Wasser über die Hände gegossen und also „fließend" wird. Der Betende faßt das Berieth mit der linken Hand, gießt etwas Wasser in die rechte und spricht: „Der Name Gottes sei über diesem Wasser! Ich bin im Begriff, das Vorgeschriebene und Hinzugefügte*) zu leisten." Hierauf wäscht er zuerst die rechte, dann die linke Hand dreimal, den Mund inwendig nebst dem Zahnfleische, zieht dreimal Wasser in die Nase und wäscht das Gesicht ebenso oft mit beiden Händen. Nun folgt der rechte und dann der linke Arm bis zum Ellenbogen, der Obcrkopf, der, wie jedes Glied, dreimal und zwar zuerst mit beiden Händen über den Schläfen und hinter den Ohren herum gewaschen wird, und dann das Oberhaupt. Die Schafaäi waschen den Kopf nur mit einer Hand. Beim Reinigen des Ohrs stecken die Melk! den Zeigefinger der benetzten Hand in das Ohr und waschen mit dem Daumen den äußeren Ohrenrand ab, während die Uebrigen schon mit dem bloßen Zeigefinger genug haben. Zuletzt wird das rechte und linke Bein bis zum Knöchel gewaschen und die Wäsche mit einem „LI iiamcli lillalll" (Gott sei Dank)! beendet. Nun betritt der Gläubige den Teppich oder die Matte, stellt sich aufrecht, nimmt die Khabala und wirft langsam die Hände über seine Schultern hinweg nach Hinten, um damit anzudeuten, daß er mit ihnen alle irdischen Gedanken nach Hinten werfe, ruft zweimal: „Mali du skliar" (Gott ist der Größte)! und beugt sich etwas nach Vorn, wobei er die Hände auf die Kniee stemmt, richtet sich wieder auf und ruft zweimal: „Hai aal ol sälalr" (Auf zum Gebet)! und zweimal: „Hai aal ei Mtalili" (Auf zu dem Heiligen, Glückseligen)! und wie vorher nach Vorn gebeugt: „^1- lall ku alebar!" Dann legt er die ausgespreizten Hände mit den *) Vorgeschrieben ist eine gewisse Anzahl ocn Knicbeugungen (Rakaat) zur Ehre Gottes; hinzugefügt sind mehrere zur Ehre des Propheten — über dem Gottes Frieden sei! — 90 Daumen an die Ohren an, kreuzt sie dann über der Brust und spricht die unö bekannte Fathcha, dann senkt er die Hände wie- der, legt sie auf die Kniee und sagt: „LüIMllim reu lle llamela" (Gott die Bewunderung und der Dank)! und dann: lluakbar!" kniet nieder, drückt das Haupt zweimal nach einander auf die Erde, sagt wieder: „Lubllskna reu llo Imm- äa!" und wieder: Inr akbar!" steht auf und verfährt bis zur zweiten Kniebcugung wie vorhin. Gegen den Schluß des Gebetes hin bleibt er auf den Knieen liegen, nimmt den Rosenkranz (Subcha) und sagt die „Tukeiaht" her, d. h. irgend ein Gebet aus dem Khorahn oder auch Worte seines eignen Herzens, denen er häufig das Glaubcnsbekcnntniß beifügt. Nach vollendetem Gebete wendet er sich rechts und links und ruft nach beiden Seiten hin: „L! 8alsllm aaloikum" (Das Heil oder der Friede sei mit Euch)! Worte, welche an die die Menschen überall umgebenden guten Geister gerichtet sind. Nun steht er von Neuem aus und verrichtet die zwei, zur Ehre des Propheten „hinzugefügten" Knicbeugungen (Rakast el sunnc). Morgens zum ,,Fcdjer" hat der Mohammedaner zwei, zu Mittage, „Toh her", vier, anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang, ,,Aassr", vier, beim Sonnenuntergang, „Morhreb", drei und anderthalb Stunden nach der Sonne, ,,Nische", vier Kniebeugungen zu verrichten. Am Freitage geht der Mahammedancr zum Mittagsgebet in die Moschee, in welcher ein öffentlicher Gottesdienst abgehalten wird. Ein Fakhre spricht einige Worte zu den Versammelten oder trägt ihnen Stellen aus dem Khorahn vor und der Im ahn oder Vorbe- ter sammelt die Gläubigen dann zum Gebet. Er stellt sich dabei auf dem freien Raume in der Mitte der Moschee auf und läßt die Betenden hinter sich in lange Reihen treten, worauf er laut vor- betet und mit den verschiedenen Bewegungen der Menge vorangeht. Die Moscheen sind jedoch auch zu jeder anderen Tageszeit Denen geöffnet, welche dort ihre Andacht verrichten wollen. Häufig findet in ihnen der (schon im ersten Theile beschriebene) Sikr statt, wobei gewöhnlich ein Derwihsch die Feierlichkeit leitet. — Der erste religiöse Gebrauch, welcher das Leben des jungen 91 Mahammedaner berührt, ist die Beschneid ring. Sie wird im fünften bis sechsten Lebensjahre des Knaben vorgenommen und ist, analog unserer Taufe, der feierliche Act der Aufnahme in die Gemeinde der Gläubigen. Große, je nach dem Range der Eltern des Kindes mehr oder weniger ausgedehnte Festlichkeiten gehen ihr voraus; auch selbst die Aermsten thun Alles, um das Fest so glänzend als möglich zu machen, wozu oft ganze Straßen beisteuern. In der Straße vor dem Hause des Festes werden Zelte aufgeschlagen oder es wird die Straße selbst mit Zeltdächern überspannt und mit vielen ganz eigens geformten vielseitigen Laternen erleuchtet und geschmückt. Vor dein Hause stehen Bänke und Stühle, aufweiche sich ein Theil der Gäste niederläßt, um dort ihren Tschibuhk zu rauchen oder sich gelegentlich von einem Kaffcbereitcr, welcher seinen Herd auf der Straße aufgeschlagen hat, einen Findjahn des köstlich zubereiteten Trankes zu erbitten. Im Innern des Hauses halten sich die eingeladenen Frauen auf, welche von der Herrin des Hauses bewirthet und unterhalten werden. Bei Vornehmen sind diese in dem Harehm, die Männer dagegen im Diwahn versammelt und nur im Hofe mehrere Zelte aufgeschlagen, in denen Arme gespeist werden. Hier dauert die Festlichkeit gewöhnlich sieben Tage; sie beginnt Freitag Nachmittags und endet Donnerstag Abends, während Aermere nur zwei oder drei Tage lang im Stande sind, mit ihren wenigen, schon seit Monaten ersparten Mitteln die Gäste zu beherbergen. Am letzten Tage des Festes wird der Knabe prachtvoll und zwar halb weiblich gekleidet auf ein reich geschmücktes Pferd gesetzt und durch die Straßen geführt, um ihn dem Volke zu zeigen. Er ist mit köstlichem Gold- und Brillantenschmuck behängen, der von den Frauen der vornehmen Aha- rahm*) gern und willig dargeliehen wird. Auch das Roß hat ein wohlwollender Türke zu dem Umzüge hergegeben und es gern gestattet, daß sein Reitknecht das schönste und sanfteste erwählte und mit dem reichsten Zeuge belegte. Wenn Letzterer dann einen Bakh- schicsch erhielt, ist er vollkommen zufrieden und begehrt von den *) Plural von Harehm. 92 armen Leuten, welche ihrem Sohn die höchste Ehre erzeigen wollen, keinen Lohn; gilt es ja doch, einer Vorschrift der hochheiligen Religion zu genügen; da ist er gern bereit, auch etwas dazu beizusteuern und hat ja schon mehr gethan, als heute. Ließ doch der reiche Mann, als sein Sohn beschnitten wurde, noch sieben arme Knaben beschneide», in einem prächtigen Zuge durch die Straßen führen und richtete er doch auf seine eigenen Kosten die große Fanthasie für sie aus, warum sollte er heute nicht eines seiner Pferde hcrleihcn? Der festliche Zug wendet sich vom Hause weg- zunächst nach dem Basare. Voran gehen zwei bis vier Pfeifer, welche auf kla- rinettcnartigcn, schrillenden Pfeifen (Sumahra) eine gellende, wahrhaft höllische Musik hervorbringen und von einigen Paukern, die mit Palmenstöcken die Kalbfelle rühren, begleitet werden. Ihnen folgt ein Zug verschleierter Frauen, ununterbrochen das unnachahmliche, unbeschreibliche, die Nerven erregende, schrillende Ululul- Gcheul hervorbringend. Das Roß, welches von einem anständig gekleideten Reitknecht langsam am Zügel geführt wird, ist von anderen Frauen umgeben. Sie tragen in ihren Kleidern Salz und werfen dieses von Zeit zu Zeit über das reitende Kind, um damit das böse Auge ei trSssiä) im Bann zu halten und unschädlich zu machen. Hinter dem Rosse gehen die weiblichen Verwandten des Kindes und hinter diesen, außer einigen der männlichen Gäste, die sich einer jeden Festlichkeit stets anschließenden müssigen Leute. Der Zug passirt alle Hauptstraßen und kehrt zum Hause deS Festes zurück, wo dann die Operation von einem Barbiere vorgenommen und mit ihr das Fest beendet wird. Von nun an besucht der Knabe die Schule und wird in den Grundsätzen seines Glaubens unterrichtet. Von den Spielen der Kindheit weiß er Wenig. Ich habe die Knaben der Egypter und Sudahnesen nur mit einer Spielerei beschäftigt gesehen. Sie bauen sich aus dem — dem Marke unserer Fliedcrschößlinge ganz ähnlichen — weichen Marke der Durrahstcngel kleine Schiffchen, versehen sie in gehöriger Ordnung mit Masten und Segeln, lassen sie im Flusse schwimmen, entkleiden sich und schwimmen ihnen nach. Die Schiffchen sind nicht ohne Kunst erbaut, regelrecht gcthcert und 93 werden durch die langen und spitzen Dornen der Mimosen zusammengehalten. Mit seiner Mannbarkeit wird der junge Mahammedaner auch in der Moschee zugelassen. Er hat unterdessen ein Gewerbe erlernt und denkt nun ernstlich daran, sich zu verehelichen, obgleich er vielleicht kaum mehr als sechzehn Jahre zählt. Wenn er auch die Spielgefährtinnen seiner frühesten Kindheit seit ihrem fünften Jahre nicht inehr »«verschleiert sah, so weiß er doch von Hörensagen, welche von ihnen ein hübsches zehnjähriges Mädchen geworden ist, und sendet seine Schwestern oder seine Mutter dahin, um sich das Mädchen anzusehen. Vielleicht ist aber trotz des Schleiers auch hier die Liebe ihre heimlichen Wege gegangen und er tritt mit seiner Werbung jetzt öffentlich hervor, oder alte Frauen, die ja in der ganzen Welt so gern beschäftigt sind, ein Pärchen zusammenzubringen, machen ihn auf ein schönes Mädchen aufmerksam. Die Ausdrücke, deren sie sich bei Schilderung des reizenden Kindes bedienen, sind wirklich spaßhaft, besonders wenn eine Schöne aus der niederen Volksklasse ist, von denen ich hier hauptsächlich sprechen will. „Herr, ich weiß ein Mädchen, eine kleine Braut für Dich, deren Vater wenig „Mahhr" verlangt, ja, das ist ein Mädchen!" Und hierbei legt sie ihre fünf Fingerspitzen zusammen, küßt sie und streckt sie von sich, schließt die Augen und sagt: ,,/Ld ga rabbi!" (O Du Herrgott!), um mit dieser Pantomime etwas unaussprechlich Süßes, Liebliches zu bezeichnen. Und nun fährt sie lebhaft fort: „Ihre Augen, Allah! die sind größer als die Thaler (und hierbei legt sie die Spitze des gebogenen Zeigefingers auf die Dan- menspitzc und bildet so einen Ring von Thalergröße, den sie vor's Auge legt)- ihr Mund, o Mahanuned! mit einem Fünfparastück kannst Du ihn bedecken; ihre Lippen, sie sind röther als das Innere des Granatapfels, ihre Zähne weißer als die Perlen, ihre Händchen, Maschalla, ich habe nie kleinere gesehen! Sie ist schlank, wie eine Gazelle, sanfter, als die Gicraffe; ihr Hals ist weißer, als der der Gans — Schwäne kennen die Araber leider nicht —, wie Elfenbein und so durchsichtig, daß man, wenn sie 94 Wasser trinkt, dieses hinabrieseln sehen kann, kurz, Herr, sie ist das Wunder ihrer Zeit, lieblicher als der Vollmond, die Herrin der Schönheit und Anmuth, des Liebreizes und Ebenmaaßcs!" Entspricht ein so geschildertes Mädchen den Erwartungen derer, die der junge Mann aussandte, um es zu beschauen und zu prüfen, dann bringt er bei ihrem Vater seine Werbung an. Dieser bestimmt den Mahhr; der Werbende vereinigt sich mit seinem Vater, um denselben möglichst zu erniedrigen, bis man sich endlich über eine gewisse Summe verständigt. Sobald dies geschehen, gilt das Mädchen als die Verlobte des jungen Mannes, welcher nun anfängt, in kleinen Stückzahlungcn die geforderte ganze Summe abzutragen. Reiche Leute kaufen für ihre mannbar gewordenen Söhne gewöhnlich Sclavinnen, bis sie selbst sich ihr Brod verdienen und selbstständi'g um freier Leute Töchter werben können. Sehr gern verbindet man Geschwisterkinder unter einander. Daß der Neffe ebenso gut einen Mahlschatz zu zahlen hat, als ein diesem fremder Brautwerber, versteht sich von selbst, selbst der Prophet muhte Mahhr zahlen, als er um seine Frau warb. Nachdem die festgesetzte Summe, zu deren Abzahlung oft Jahre nöthig sind, entrichtet ist, bereitet der Brautvater das Hochzeitsfest. Die Zurichtungen sind denen zu der Beschncidung ganz ähnlich, unterscheiden sich aber wesentlich von den bei türkischen Hochzeiten üblichen. Als Hauptsache gilt der Brautaufzug. Unter der bei der Beschneidung beschriebenen Musik seht sich ein Zug, welcher in jeder Hinsicht viel Originelles hat, in Bewegung. Voran gehen sechs bis acht Egypter und führen mit langen Stöcken, ,,Nabuht" (s. S. 50), Scheingefechte aus. Dabei fällt wohl auch ein tüchtiger Schlag auf die Almine und würde ohne sie dem Kopfe gewiß eine derbe Beule zugezogen haben, aber das stört das Vergnügen keineswegs. Dann folgen die Musiker mit ihrer abscheulichen Musik und hinter ihnen vier Männer, welche an Stangen einen seidenen, mit bunten Franzen geschmückten Baldachin tragen, unter dem die Braut dahinwandclt. Sie ist reich geschmückt und sorgfältig gekleidet, doch sind alle ihre Schönheiten dem Auge verborgen. Auf dem Haupte nämlich wird ihr ein kegelförmiger, wahrscheinlich aus 95 Holz bestehender Aufsatz befestigt, über welchen ein die ganze Gestalt einhüllendes, bis auf die Knöchel herabfallendes, in der Mitte durch einen Gürtel zusammengehaltenes Gewand von brennendrother Farbe herabhängt. Spangen, Goldkettcn und anderer Schmuck ist an dem erwähnten Aufsätze befestigt und auch der Gürtel gewöhnlich mit Gold gestickt. Die Braut, welche gleichsam in einem Sacke steckt, kann Nichts sehen und wird deshalb von zwei Frauen geführt. Hinter dem Baldachin schreitet ein ernstes Kamel gravitätisch einher; es wird von einem Araber geführt und ist gar köstlich beladen, denn auf ihm sitzen in einer Art Sänfte zwei oder vier junge Mädchen oder Frauen, Freundinnen der Braut, und schauen von ihren hohen Sitzen herab mit den glühenden, schönen schwarzen Augen neugierig dem Gewühle zu. Auch das Kamel ist festlich geschmückt. Es trägt auf dein Kopfe ein Büschel von Straußenfedern, am Halse mit kleinen Zaylmuscheln besetzte, mit Franzen bchangcne Lederstrcifen, und ist auch sonst noch auf alle mögliche Weise phantastisch herausgeputzt. Ueber den Sitzen, zu beiden Seiten des Sattels, wölben sich Palmenwedel zu einer Laube zusammen, bunte Tücher flattern an ihr, Blumen schmücken sie. Hinterdrein kommen die Hochzeitgäste. Der Zug geht durch viele Straßen hindurch und wird von der jauchzenden Menge begleitet. Gewöhnlich bringt er die Braut schließlich nach dem Hause des Bräutigams, selten nach dem ihres Vaters zurück. Dort angelangt, betritt sie die für sie bereiteten Gemächer des Harehm, in deren Vorsaale sich der Bräutigam aufhält, um hier sich mit seinen Gästen zu unterhalten. Diese sind eifrig bemüht, ihm die Zeit mit manchen Hochzeitspäßen zu vertreiben. Nach Ankunft der Braut erscheint ein Geistlicher und trägt in dem gewöhnlichen näselnden Tone der ,,Fukhera" einige Stellen aus dem Khorahn vor, welche sich auf die Ehe beziehen, fügt diesen gewöhnlich die lehrreiche Mahnung bei: „Du sollst bedenken, daß das Weib aus einer Ribbe gebildet ist; ebenso wenig Du diese gerade biegen kannst, ebenso wenig wirst Du gewaltsam die Untugenden eines WeibeS vernichten, und darum, o Gläubiger, habe Geduld mit ihr!" und schließt seinen Sermon mit der Fathcha. Vorher war der Bränti- 96 gam schon in der Moschee gewesen, um dort zu beten und den Segen des Geistlichen zu empfangen. Die Ehepakten sind bereits von ihm unterzeichnet worden, nur eine Thür trennt ihn noch von seinem Glücke. Jetzt öffnet sie sich, die Freunde ersassen den Glücklichen und werfen ihn beinahe hinein. Noch hört er einige Scherze ihm Nachhallen, aber bald ist die Thür verschlossen und zu einem undurchdringlichen Vorhänge geworden. Wir wollen diesen aber noch ein ganz klein Wenig lüften, um mit geistigem Auge Das zu erspähen, was er dem leiblichen verhüllte. Der Glückliche tritt ein in sein Heiligthum und sieht zum ersten Male seine Gattin entschleiert. Dort sitzt sie, die Anmuthstrahlende, auf ihrem schwellenden Diwahn, mädchenhaft erröthcnd beim Eintritte ihres Gatten, den sie schon oft, hinter dem Gitterwcrk ihres Hauses stehend, beobachtete und lieben lernte ; sie steht auf und geht ihm entgegen, um „ihren Herrn," ihren Gebieter und Gemahl zu begrüßen. Er eilt in ihre Arme und drückt sie an sein Herz, — dann aber besinnt er sich und kniet neben ihr auf den Boden des Gemaches und betet, betet, daß Allah ihm eine glückliche Ehe geben und ihm seine Gattin, jetzt noch ein halberwachsenes Kind, erhalten, sie mit seinem Segen beglücken und zu einer Hausfrau aufwachsen lassen möge, so fruchtbar, wie ein traubenbeschwerter Weinstock in den wasserreichen, blumenduftigen Gärten seiner Vaterstadt, der unübertrefflichen Khahira el Maheruhset. Und dann mag er sich von Neuem wohl wieder zu dem lieblichen Kinde wenden, um mit ihr zu kosen — aber wir haben den Vorhang fallen lassen. — So schwer es einem armen Mahammedaner wird, sich eine Frau zu erwerben, ebenso leicht wird es ihm, sich wieder von ihr zu trennen. Die wenigen Worte: ,,^na talalrlltak ja mar- ra" („Weib, ich habe mich von Dir geschieden"), denen noch der Schwur: „So wahr Gott lebt!" beigefügt wird, sind hinreichend, eine rechtskräftige Scheidung herbeizuführen. Das Gesetz gestattet jedem Ehemann, eine Frau zweimal von sich zu stoßen und wieder aufzunehmen, nach der dritten Scheidung darf er sie aber nur unter der Bedingung noch einmal ehelichen, daß ein Anderer sie heirathet und sie ebenfalls verstößt. Der letzte Fall ist 97 nicht selten. Dann wird von dcm Vater der Braut, um dem Gesetze zu genügen, ein armer Teufel von hübschem Aeußeren unter der harten Bedingung gemiethet, ein vielleicht schönes und liebenswürdiges Weib zu ehelichen und sich, wenn auch von ihrer Liebe und ihren Reizen entzückt und berauscht, in kurzer Zeit wieder von ihr zu trennen. Aber die Liebe spielt dem mürrischen, eines holden Weibes unwürdigen Manne oft einen gar fatalen Streich. Sie fesselt die Neuvermählten mit ihren Zaubcrbanden und läßt es nicht geschehen, daß man ihr Werk vernichte. Dem, der schnöden Geldgewinnes wegen sich in's Joch der Ehe spannen ließ, gibt sie das Glück der Ehe zu kosten; er weigert sich, das an ihn gebundene, von ihm geliebte Wesen von sich zu stoßen. Zwar hat man, um solchen Widerwärtigkeiten zu entgehen, in dem neuen Chever- trage einen bedeutenden Mahhr, den der arme Liebende nicht bezahlen kann, ausgesetzt, aber die Liebe sucht das unmöglich Scheinende möglich zu machen und es gelingt ihr. Schon in Tausend und einer Nacht erzählt man uns eine Geschichte*), daß die junge Frau allen ihren Schmuck verkaufte, um dadurch den ihrem geliebten Gemahle von ihrem Vater festgesetzten Mahhr zu bezahlen, und in Egyptenland erzählt man sich ein ganz ähnliches, romantisches Ge- schichtchen, wo der alte Mahammed-Aali ein junges, auf erwähnte Weise zusammengekommenes Ehepaar durch ein bedeutendes Geldgeschenk dauernd verband und glücklich machte. Wenn auch die Verhältnisse in den mahammedanischen Ländern ganz andere sind, als die bei uns daheim, die Liebe übt auch dort ihre allmächtige Gewalt aus, auch dort geht sie ihre eigenen Wege und fesselt gar oft, trotz Herkommen und Sitte, zwei Herzen an einander. — Die Begräbnißfeierlichkciten bei dein Tode eines Mahammeda- ners sind ganz dem Ernste der Religion angemessen. Ich habe ihrer schon bei Schilderung der Sudahnesen gedacht und füge dem dort Gesagten nur das Egypten Eigenthümliche hinzu. Die Leiche wird, wie im Sudahn, wenn sie männlichen Ge- *) Wenigstens in der in Bulakh erschienenen arabischen Ausgabe. » 7 I 98 schlechts ist, von einem Fakksse, wenn sie weiblichen Geschlechts ist, von den weiblichen Anverwandten gewaschen und in den „Keffn*)" ' gehüllt. Die Todtenklage findet auch in Egyptcn, aber in einer weniger rohen Weise als im Sudahn statt. ^ ' Sechs Stunden nach dem Tode erscheint ein Geistlicher mit ^ den eine Bahre Tragenden, um die Leiche nach dem Friedhofe zu s! bringen. Die Bahre ist einem Sarge ohne Deckel vergleichbar, an I; , dessen Kopfende ein Stab mit einem Knopfe emporragt. Auf diesen wird bei Männern ein Turban, bei Frauen ein weiblicher Kopfputz befestigt; war der Verstorbene ein Nachkomme des Propheten, dann ist der Turban grün umwunden; bei einem Dcrwihsch sieht man dessen spitze Filzmützc aufgesteckt. In diese Bahre wird , der Todte gelegt und mit einem roth- oder grünseidcnen Tuche, in I welches Khorahnsprüche eingewebt sind, bedeckt. Vier Männer tragen die Bahre, einige andere gehen zu beiden Seiten derselben und tragen Fahnen, in welche die Worte des Glaubensbekenntnisses . . eingestickt sind. Mehrere Blinde eröffnen den Leichenzug, ihnen folgen die Knaben der Nachbarschaft, von denen einige die Blinden führen. Die Blinden sollen für den Sehenden eine Mahnung sein, daß er einmal blind diesen Weg gehen müsse. Dann fol- >, gen die Männer und hinterdrein die Frauen, von denen sich in - jeder Straße immer mehr und mehr anschließen. Unter beständigem Absingen der Glaubensworte: „Ua il lall» il ^.Ilalr, Nallamliwä ra88ulll ^Ilall!" bewegt sich der Zug zuerst nach der Moschee; dort wird die Bahre in die Vorhalle niedergesetzt, der Geistliche spricht einige Gebete, dann ruft er mit lauter Stimme: „Bezeuget mir beim allbarmhcrzigen Gott, ihr Gläubigen, war dieser, den wir beerdigen wollen, ein frommer Mann!" Und wenn dann Alles antwortet: „„Ja, bei Gott, das war er, er hat als Gläubiger gelebt und ist als solcher gestorben!"" dann spricht er: „Nun wohlan, so bittet Gott, daß auch ihr den Tod dieses Gerechten sterben möget. Allah nehme seine Seele auf in das Paradies und sei uns gnädig!" „„Amen!"" schließt die Ver- ') S. Th. 1 S. 173. 99 sammlung. War der Verstorbene dagegen ein sündhafter, böser Mann und schweigt auf des Geistlichen Anfrage die geringe Versammlung, dann spricht der Fakh'ie sehr ernst: „Gott sei seiner Seele gnädig!" Von der Moschee aus geht der Zug unter dem vorhin erwähnten Gesänge und dem Klagen der Begleiterinnen nach dem Friedhofe. Hier wurde ein nur vier Fuß tiefes Grab ausgegraben, in welches die Leiche mit ihrer Hülle auf die bloße Erde gelegt wird. Der Geistliche spricht noch einige Worte am Grabe, dann wird dasselbe mit Erde zugedeckt und oben mit einzelnen Kieselsteinen belegt. Die Reicheren lassen für ihre Verstorbenen Mausoleen errichten. Es sind gewöhnlich sehr einfache, wcißbetünchte, einem riesigen Grabsteine ähnliche Mauern. Am Kopfende befindet sich ein aus Stein gehauener Turban und eine Platte mit Namen und Todestag des Verstorbenen. Vornehmere bauen eine kleine Kapelle über die Gräber ihrer Lieben und lassen dort dann und wann einen Fakh'ie Gebete lesen. Eine eigene Art von Gräbern sind die der Schiuhch, der für heilig oder wenigstens sehr fromm gehaltenen Personen, denen oft noch nach dem Tode große Wirksamkeit zugestanden wird. Ein Mohammedaner, welcher sein Leben stets nur religiösen Uebungen weihte, den Khorahn auswendig verstand, vielleicht mehrere Male in Mekka war und sich von den Uebrigen in Gottseligkeit auszeichnete, wird für heilig erklärt. In ganz ähnlicher Weise behandelt der Gläubige auch seine Blödsinnigen. Er sagt: „Sie sind von Gott geschlagen, sie sind genöthigt gewesen, hier auf Erden ein trauriges Leben zu führen, werden aber dort Oben um so besser versorgt werden." Man errichtet diesen, wie jenen, nach dem Tode besondere Grabmähler, entweder runde Kuppeln auf quadratischem Mauerwerke oder spitze, konische Thürme mit einer Thür. Wo es angeht, umpflanzt man sie mit schattengebenden Bäumen. Fast in jedem Dorfe sieht man solche „Khubbet" odcr„Tu- rahb*)", häufig aber auch hoch auf den Gebirgen, zu beiden Plural von Khubbe, Kuppel und Turbe, Grabmahl. 7 * 100 Seittn des Stromes. Kein Mahammedaner geht an einem solchen Grabe vorbei, ohne eine Falhcha zur Ehre des Verstorbenen zu sprechen und um dessen Segen zu bitten. Im Sommer werden die Schechsgräber oft eine Wohlthat für den Reisenden, denn sie enthalten fast immer einige Wasserkrüge, welche die fromme Sorgfalt der Umwohnenden stets von Neuem füllt. Die Achtung gegen die Turahb ist so groß, daß man ziemlich wcrthvolle Sachen unter ihrem Schutze liegen läßt, ohne daß es Jemanden einfallen sollte, diese zu stehlen. Früher wurden, wie dies die Gräber der Chalie- fen oder Fürsten der Kirche bei Kairo beweisen, die Grabmähler der Heiligen und Vornehmen mit weit größerer Pracht ausgestattet. Auch die übrigen Festlichkeiten der Mahammedaner sind fast ohne Ausnahme von religiöser Bedeutung. Man feiert allgemein nur zwei Feste: den großen und kleinen Bairam. Der Jahresanfang, „Rahs el sennch," wird kaum beachtet. Dagegen aber werden Erinnerungstage, „Muhlet," an den Propheten oder an Heilige sehr festlich begangen, wenn auch bei letzteren nur in dem Orte, wo sich das Grabmahl des Schech befindet. Das höchste Fest der Mahammedaner ist der große Bairam. Er ist ein Dankfest nach dem schweren Fastmonat Ra- madtahn. Mahammed selbst, der Prophet und Gesandte Gottes — das Heil über ihn! — ordnet das Fest an. In der zweiten Sure des Khorahn heißt es wörtlich also: ,,Der Monat Ramadtahn, in welchem der Khorahn offenbart wurde, als Leitung für die Menschen und deutliche Lehre des Guten, werde von Denen, so da gegenwärtig sind, gefastet. Wer aber krank oder auf Reisen ist, der faste zu einer anderen Zeit, denn Gott will eS Euch leicht und nicht schwer machen; daß Ihr nur die bestimmten Fasttage haltet und Gott verherrlicht, dafür, daß er Euch leitete, damit Ihr dankbar seid. Es ist Euch erlaubt, in der Nacht der Fastenzeit Euren Frauen beizuwohnen, denn sie sind Euch und Ihr seid ihnen eine Decke. Gott weiß, daß Ihr Euch 101 dieses versagt habt, aber nach seiner Güte erläßt er Euch dieses. Darum geht zu ihnen und begehret, was Gott Euch erlaubt, esset und trinket, bis man beim Morgenstrahle einen schwarzen Faden von einem weißen unterscheiden kann. Dann aber haltet Fasten bis zur Nacht, bleibet von ihnen (den Frauen nämlich), ziehet Euch in's Bethaus zurück. Dies sind die Schranken, welche Gott gesetzt, kommt ihnen nicht zu nahe. So lehret Gott die Menschen seinen Willen, auf daß sie ihn verehren." Wenn sich nun heutigen Tages des neuen MondeS Sichel zeigt, donnern die Kanonen der Forts großer Städte ihren hallenden Gruß dem heiligen Monat entgegen. Feuersprühende Racketcn entsteigen den größeren Plätzen der Städte, in allen Gassen knattern Gewehre. Alsbald beginnt das eigentliche nächtliche Leben der Fastenzeit. Der strenge Gläubige enthält sich auf seines Propheten Befehl des Essens, Trinkens, Rauchens, der Fromme thut noch mehr, er übt ein Werk ,,der Sunne*)," die Sudahnesen kauen bei Tage keinen Tabak mehr und versagen sich sogar ihre Zahnbürste (s. Th. 1 S. 185), um die Speicheldrüsen zur Befeuchtung ihres vertrockneten Mundes nicht zu reizen. Daß es während der größten Hitze des innerafrikanischen Sommers eine wirkliche Marter ist, einen ganzen langen Tag zu fasten, sieht Jeder leicht ein. Diejenigen aber, welche die Mahammedaner wegen einer so strengen Befolgung ihrer Religionsgesetze zu belächeln geneigt sein sollten, erinnere ich daran, daß sie jetzt die Jahreszahl 1270 schreiben — im Jahre 1270 nach Christi Geburt geißelten sich christliche Mönche und Nonnen ihren Rücken blutig — Alles zur Ehre Gottes und seines Heilandes!- Der Gläubige macht im Ramadtahn die Nacht zum Tage. Ehe noch der Mueddihn der im Westen sinkenden Sonne seinen Schoi- degruß zuruft, ehe er noch mit volltönigcr Stimme die Gläubigen zum Gebete des Morhreb auffordert, ermuntern und erheitern sich die durstigen Gemüther. Die Kaffehäuscr werden geöffnet. Auf *) Mksmmkrls»! mgxime pü per lotum n>e»sem cum uxvribus suii, nou coeunt. 1tt2 dem Herde des Kaffebereiters flammt ein Helles Feuer und bringt das in großen Kannen bereit gehaltene Wasser zum Sieden. Mühsam schleppen sich einige Gestalten wankenden Schrittes zum Kasse- Hause, ermattet sinken sie beinahe kraftlos auf die Palmenholzsessel vor der Thür desselben. Sie haben Tabak und Pfeifen mitgebracht. Einige bestellen sich beim Khahwedji NargilehS. Gefüllte Wasserkühlgefäße stehen neben ihren Stühlen. Aller Augen richten sich nach dem schlanken Minaret; Einige sehen nach ihren Taschenuhren. „Lissa?" (noch nicht?)*) fragen die Uebrigcn. „Lissa!" Es fehlen noch drei Minuten. Da plötzlich ertönt der längst sehnsüchtig erwartete Ruf vom Thurme: ,,La il laha il Allah, Maham- med rassuhl Allah! Es gibt nur einen Gott und Mahammed ist sein Prophet!" Ein Kanonenschuß donnert über die Stadt dahin; der Tag ist zu Ende. Man hört nur: „Allah!" Das einzige Wort sagt Alles. Es ist der Preis des Höchsten, es ist der Dank, daß er seine Sonne zur Ruhe gehen ließ; es ist die Freude, daß das schwere Werk ^ des Fastens für heute überstanden; es ist der erste Anfang alles zu hoffenden Genusses für die kommende Nacht. Jetzt herrscht eine Todtenstille vor dem Kaffehause. Alle sind beschäftigt, den Augenblick zu genießen. Einige dürsteten mehr nach den Pfeifen**), als nach dem Wasser und blasen dicke Wolken vom Rauche des gepriesenen Krautes von sich; Andere trinken gierig aus dem Wassergefäß. Alle erwarten mit Sehnsucht den Kaffe. Dieser ist unter der Leitung des Wirthes bereits fertig geworden und wird in kleinen Schalen herumgereicht. „El hamadi lillahi!" Kah« wedji, noch eine Schale! „Hahdir ja sihdi aale äühni." (Ich bin bereit und nehme sDeine Aufträgcj auf meine Augen.) Noch einige Täßchen Kaffe werden getrunken, dann geht man nach Hause, um zu essen und zu beten. *) „Lissa ' bedeutet sowohl „noch," als auch „noch nicht;" die Erklärung ist daher eigentlich der Frage angepaßt. „Lissa maschuf- tusch?" (vulgär) „Hast Du ihn noch nicht gesehen?" „Aschufu lissa." „Ich werde ihn noch sehen." **) Die Araber sagen „Tabak trinken," statt Tabak rauchen. 103 Mittlerweile ist die Nacht völlig hereingebrochen; in großen Städten flammen hundert Lämpchen an den Gallericen der schlanken Minarets; der Basar und alle Kaffehäuser werden erleuchtet, der Kaufmann setzt sich in seine Bude, der Handwerker sängt an zu arbeiten, der Regierungsbeamte eröffnet den Diwahn. Alle Schreiber der Regierung sind in voller Thätigkeit, der Geschäftstag bricht an, während der Tag zu Ende ging. Und nun beginnt das eigenthümliche Leben der Nacht. Die Basare vereinigen das verständige Alter und die tobende Jugend; in den Kaffchäuscrn sitzen Mährchenerzähler, tanzen Rhauasiaht*), treiben Gaukler oder Marioncttenspiclcr ihr Wesen. Zuckerbäcker gehen laut preisend mit ihren wandelbaren Verkaufstischen durch das Gedränge; Gahrköche rühmen die Erzeugnisse ihrer Kunst, Scher- bcthvcrkäufer klingeln mit metallenen Schalen. Es herrscht vollkommene Freiheit. Keine Polizeiwache stört das fröhliche Treiben des Volkes. Bis tief in die Nacht hinein durchwogt ein nicht endender Menschenschwarm die Straßen. Gegen Morgen wird es stiller. Einer nach dem Andern geht nach Hause, um zu ruhen. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang hört man wieder einen Kanonenschuß. Er fordert die Gläubigen auf, sich noch vor anbrechendem Morgen mit Speise und Trank zu erquicken, damit sie das schwere Glaubenswcrk ohne Murren zu beendigen im Stande sind. Mit dem Grauen des Morgens ertönt vom Minaret die Mahnung zum Frühgcbcte. Der Gläubige spricht den Fedjer, dann sucht er sein Lager und schläft bis weit in den Tag hinein. Wenn aber der erste Reiz der Neuheit vorüber ist, sehnt sich jeder der Fastenden mehr und mehr nach seiner gewohnten Lebensweise zurück. Man späht zu Ende des Monats nach der sich verkleinernden Mondscheibe und bemerkt jede Verringerung derselben mit rasender Freude. Am ncunundzwanzigsten oder dreißigsten Tage des Monats sammeln sich die Gcwcrke um die Zeit beö Nachmittagsgebetes zu einem Festzugc. Dieser bewegt sich durch viele Straßen hindurch und nimmt um so mehr an Ausdehnung zu, je ) Plural von ,,Rhauastc," Tänzerin. länger er währt. Mehrere Compagnieen Militär gehen ihm mit klingendem Spiele voran. Im Westen schimmert der blasse Neumond. Die Sonne neigt sich zum Untergänge; setzt ertönt die Stimme des Mucddihn. Eine rothe Fahne steigt an dem Minaret empor und donnernde Geschützsalvcn beschließen den Monat der Fasten. Am nächsten Morgen begrüßen die Kanonen mit ehernem Munde das von den Türken „Bairain," von den Arabern „Aind el ra- madtahn" genannte Freudenfest. Jetzt wird es lebendig aus den Straßen. In seinem besten Gewände durchwandelt der Araber dieselben und sucht das Vergnügen, welches ihm in der mannigfaltigsten Gestalt auf einem freien Platze, dem Fcstmarkte, ,,Suhkh cl Aöi'd," geboten wird, begierig auf. Man sieht den Erwachsenen mit größtem Wohlgefallen eine Drehschaukel besteigen und sich bei dem Umtrcibcn derselben kindisch freuen. Andere haben sich um einen Mährchenerzähler, Andere um einen Taschenspieler und noch Andere um einen Schlangenbeschwörer versammelt und hören oder sehen diesem mit großer Aufmerksamkeit zu. Einige Kaffeberciter haben provisorische Kaffebuden aufgerichtet, vor denen sich wieder Verkäufer von Scherbeht oder Zuckerwerk herumtreiben und mit eigenem unmelodischen Gesänge ihre Waare anpreisen. Die Marionettentheater, Gaukler und Schlangenbeschwörer ergötzen das Volk. Zwar werden im Puppentheater nur Erzeugnisse der schmutzigsten Phantasie zur Aufführung gebracht, aber das Volk belacht sie doch. Die Schlangenbeschwörer erlauben sich pöbelhaft gemeine Scherze, sie finden dennoch überall Anklang. Ihre Darstellungen stehen unter der Mittelmäßigkeit. Nur der Bajazzo oder ein abgerichteter, phantastisch aufgeputzter, drolliger Pavian mit seinem Reitpferde, einer Ziege, machen das Schauspiel einigermaaßen anziehend. Die große Gelehrigkeit der Affen kommt dem Gaukler trefflich zu Statten. Der „Khird" oder Pavian ist unermüdlich, die Menge mit den sinnreichsten und schwierigsten Kunststücken zu unterhalten, während sein Herr dann und wann eins seiner Slückc macht und lange Gespräche mit seinem Bajazzo hält; dieser behält, obgleich er die dümmsten Streiche ausführt, natürlich immer Recht. Alle Geräthschaften des Gauklers sind in wenigen Säcken un- tergebracht. In einem derselben befinden sich auch die abgerichteten Schlangen, meistens der Art Aasn. Hass*) angehörend, wie sich von selbst versteht, mit sorgfältig ausgebrochcnen Giftzähncn. Es ist dies dieselbe, welche schon Moses zu seinen Gaukeleien vor Pharao verwendete. Sie zieht, wenn man sie mit Wasser bespritzt oder an gewissen Körpcrtheilen drückt und knetet, ihre Muskeln so zusammen, daß sie so steif wie ein Stock wird. Eigentliche Kunststücke lernen die Schlangen nicht. Der Gaukler dreht und windet sie, wie bei uns manchmal Menageriebesitzer zu thun Pflegen, um ihre Zahmheit zu zeigen. Kleinere Schlangen kommen herbeige- krochen, wenn der Gaukler ihnen auf eigene Art pfeift. Hierauf beruht die tagtäglich von diesem ausgeführte Betrügerei, einige vorher in einem Hause freigelassene Schlangen wieder herbeizulocken, um sich den Dank und einen Bakhschiesch des Hausherrn, welcher sein Haus durch die Kunst des Gauklers von den darin wohnenden Schlangen befreit glaubt, zu verdienen. Mehr leisten die Schlangen nicht. Schlangenfänger haben mir selbst zugestanden, daß die sogenannte Kunst des Schlangcnbeschwörens nur ein Kunststückchen für das dumme Volk und folglich Betrügerei ist. Außer diesen Künstlern steht man wohl auch noch öffentliche Tänzerinnen, Sänger und Musiker auf dem Festmarkte. Nachts zieht sich die Menge von hier nach der Stadt zurück. Man hat in jedem Hause „Khachke," ein durchaus verfehltes Festgcbäck, zubereitet, welches nun verzehrt wird. Die Kaffehäuser sind erleuchtet. Musiker und Sänger oder Mährchenerzähler unterhalten die Gäste. Vor dem „Khahwe" sind halbe Straßen mit Zelttüchern, an denen buntfarbige Laternen hängen, überspannt. Die ganze Zeit des Festes über ruht jede Arbeit. Fünfmal täglich, zur jedesmaligen Zeit des Gebetes, gibt man Kanonensalven und von allen Forts wehen die Fahnen, die Kriegsschiffe flaggen. Die Untergebenen besuchen ihre Vorgesetzten, Freunde einander gegenseitig, um sich Glück zu wünschen. Das ist der Hergang eines arabischen Festes. *) Die sehr giftige egyptischc Brillenschlange, arabisch „H are", weshalb der Schlangenbeschwörer „Ha n i" heißr. 106 Dcr kleine Bairam, von den Arabern als „Aeid el bachie" — Schlachtfest — gefeiert, soll eine Erinnerung an das Opfer Abraham's sein. Er wird ebenfalls für hochheilig gehalten. Jeder Hausvater schlachtet an diesem Tage, wenn er es vermag, ein Schaf. Eine Feierlichkeit oder Festlichkeit ganz eigener Art wird, obgleich die Repräsentanten aller mahaimnedanischcn Länder zugegen sind, nur in Kairo begangen. Es ist der Tuhs el Cha liefe, jener merkwürdige Ritt des Chaliefen, welcher die große Pilgcrkara- wane nach Mekka begleitete und bis Egypten zurückbrachte. Auf einem prächtigen, edlen Rosse sitzend, reitet dieser über eine Brücke von dicht neben einander liegenden Menschen hinweg. Ich weiß nicht, welchen Beweggrund dieser Gebrauch hat, kann aber versichern, daß dcr Tuhs el Chaliefe ein sehr großes Fest ist. Außer den eben erwähnten Belustigungen finden auch noch Prozessionen statt, durch welche die Leute so fanatisch gemacht werden, daß sie sich freiwillig hinlegen, um den Fürsten dcr Kirche über sich wegrei- tcn zu lassen. Obgleich das Roß von zwei Reitknechten, welche auch noch auf der Mcnschenbrücke wandeln, geführt wird und sehr sorgfältig auftritt, kommt es doch vor, daß Einzelne durch die Hufe des Pferdes bedeutend verletzt werden. So etwas stört aber den Araber nicht. Sein Aberglaube erklärt eS ihm dadurch, daß dcr, welcher beschädigt wurde, nicht recht fest im Glauben war, weil Jeder, dcr fest glaubt, nicht verletzt und überhaupt von keinem Unglück betroffen werden kann. Der Tuhs el Chaliefe findet in Kairo auf dcr Birket el Esbekle statt. Schon viele Tage vorher wurden die nöthigen Zubereitungen getroffen, z. B. Zelte und Kaffebudcn errichtet u. s. w. Bor allen mahammedanischcn Festen verdient noch eins hervorgehoben zu werden, welches mit dem Laubhüttenfcst dcr Juden einige Aehnlichkeit hat. Es ist das Fest des eingcathmeten Morgenlüftchens, „Schimm «l Nössrhm*)." Gewöhnlich wird es am *) „Scliimm" heißl Rieche» oder Ein athmen, „Ncssilun," ein leichtes, vor Sonnenaufgang wehendes Lüftchen. 107 dritten Pfingstsciertage begangen, obgleich es sonderbar ist, daß sich die Mahammcdaner bei der Feier eines Festes nach den Christen richten. Wer es kann und vermag, verläßt an diesem Tage vor dem Morgengrauen seine Wohnung und geht in einen Garten der Stadt. In Kairo sind die Gärten von Rohda und Schu- bra dem Volke geöffnet worden. Männer und Frauen strömen in Schaaren dahin, um die Morgenluft, später aber auch die Mittags- und schließlich noch die Abcndluft im Freien zu genießen. Auch alle übrigen Gärten der Stadt, selbst die Anlagen des Wirket cl Esbekre sind mit Menschen erfüllt. Unter jedem Zitronen- oder Orangenbäume lagert eine Familiengruppc fröhlicher Menschen. Man hat öffentliche Kaffezclte aufgeschlagen, aber auch jede Familie hat ihr Kochgeschirr mitgebracht, um den köstlichen Trank für sich zu bereiten. Arm in Arm wandeln die Aralerinncn, gemüthlich plaudernd, im Gewählt herum, stiller und ruhiger sitzen einige Türkinnen auf ihren Teppichen, mit den funkelnden schwarzen Augen die Menge beschauend; Alles wogt durch einander, Männer und Frauen, Christen, Juden und Mahammcdaner, Türken, Europäer und Araber. Aus den Orangcnhainen erschallt Gesang, Gelächter, Zithcrspiel, Schalmeien-, Flöten- und Harfenton. Die jungen Bursche kaufen oder stehlen Blumen, um diese ihren Schönen zu schenken, kein Wächter oder Polizcimann stört das Vergnügen des Volkes. Man glaubt, daß der Genuß des Ncssihm von sehr heilsamer Wirkung für die Gesundheit sei. Kurze Zeit nach dem Feste beginnen die schädlichen heißen Südwinde oder Chama- sihne zu wehen, die, wenn sie anhaltend sind, nicht nur alle Straßen in Staubwolken hüllen, sondern auch das Laub der Bäume vertrocknen und auf Menschen und Thiere eine überaus lästige, abspannende und lähmende Wirkung äußern. Der Schimm el Nes- sihm ist, dem Aberglauben des Volkes nach, ein sehr gutes Schutzmittel gegen diese Winde, erheitert und kräftigt den Sinn, stärkt Glieder und Gesundheit und ist überaus zuträglich in jeder Hinsicht — für Den, welcher daran glaubt. Häusliche Feste, welche nicht mit einer religiösen Ceremonie zusammenhängen, kennt man nicht. Zuweilen versammeln sich die 108 Einwohner eines Dorfes oder Stadtviertels, um bei der dürftigen Musikbegleitung einer Suinahre und der von sieben, immer wiederholten Schlägen ertönenden Tarabuka eine der Töchter des Landes vor sich tanzen zu lassen, doch kann man das nicht mit unseren gesellschaftlichen Versammlungen vergleichen. Die Egyptcr lieben den Tanz leidenschaftlich. Ein Mädchen, welches gut zu tanzen versteht, ist der allgemeinen Achtung sicher, so lange sie eben nicht ihre Kunst zum Handwerk macht, wodurch sie zu einer Rhauafte herabsinkt. Der Tanz gewöhnlicher Fcllahmädchcn hat für uns durchaus nichts Anziehendes, wohl aber für die Egyptcr. Die Tänzerin tritt in einen von ihren Zuschauern gebildeten Kreis, faßt mit beiden Händen einen Na buht und stampft nach dem Takte der Musik mit dem einen oder dem anderen, nach außen oder nach innen gekehrten Fuße den Boden, wobei sie ihren übrigen Körper in eine unnachahmliche zitternde Bewegung zu bringen versucht. Ganz anders tanzt die Rhauafte in dem Diwahn eines vornehmen Arabers oder Türken. Schon ihr Erscheinen deutet auf etwas Vollkommneres, als einen gewöhnlichen Fellahtanz. Sie trägt, wenn sie jung, schön und deshalb wohlhabend ist, die Kleidung der Türkinnen, nur sind die Stoffe dazu weniger kostbar, die Kleider weniger sittsam. Zweisaitigc Violinen, die Tarabuka und die an ihren Händen befestigten glockenhell tönenden ,,Sadjaht" — Kastagnettcn — begleiten ihren Tanz. Noch zeigt er die Grundzüge des eben Beschriebenen, aber die Ausführung ist freier, kühner, lebendiger. Wenn mehrere Rauasieht zusammen und gegen einander tanzen, kann man eine treffliche Mimik wahrnehmen. Der vollendetste Tanz dieser Mädchen ist der, welchen sie selbst mit „Kacliele za I10I1" — die Biene ist nah — bezeichnen. Er stellt die Flucht eines von einer stechsüchtigen Biene oder Hornisse verfolgten Mädchens und seine endliche Erlösung von der Verfolgung des rachsüchtigen Thieres dar. Wenn einer meiner Leser nach Es- neh in Obercgypten kommen sollte, möge er nicht versäumen, sich diesen merkwürdigen Tanz produziren zu lassen. 109 Größer noch, als der Glaube der Araber ist ihr Aberglaube. Man erstaunt über Dinge, welche wir schon in unserer Jugend belächeln lernten, wenn abergläubige Wärterinnen sie erzählten, in Egypten in anderer Form wiedererzählen zu hören, und ich bemerkte mit Verwunderung, daß der tollste Unsinn mit vollster Ueberzeugung geglaubt wird. Gespenster- und Geister-, Teufels- und Spukgeschichten spielen in der arabischen Phantasie eine Hauptrolle. Man findet in Kairo und Bulakh schöne Häuser leer stehen, weil es darin umgehen soll, man fürchtet sich, Nachts an einem Fried- hofe oder Schechsgrabe vorüberzugehen, wenn letzteres sich nicht gerade mitten im Orte befindet. Man glaubt an gespensterische Erscheinungen, ja, man glaubt, daß jeder Fleck Erde von einem Geiste bewohnt wäre. Kein Araber wirft eine Last zu Boden, keiner schüttet Wasser auf die Erde, keiner spuckt aus, ohne vorher zu sagen „Tastuhr!" — siehe dich vor! — weil er fürchtet, damit einen Geist treffen zu können, der sich dann wahrscheinlich rächen würde. Keine Mutter sieht ihr Kind fallen, ohne das erwähnte Wort oder „Ja sshttr!" — Du Bewahrer, Behüter, Beschützer (hilf)! — auszurufen. Leidet das fallende Kind dennoch Schaden, dann hat eS jedenfalls einen bösen Geist berührt, bei welchem solche Ermahnungen zur Vorsicht Nichts fruchten. Man fürchtet das gehässige Auge, welches Dem, auf dem es haften bleibt, Schaden bringt, fürchtet Zauberer und Heren, glaubt an die Wunderkraft von Reliquien, Amuletcn und dergleichen und ist bei jedem Zufalle bemüht, zu unnatürlichen Erklärungen seine Zuflucht zu nehmen. Ich beschließe diesen Abschnitt mit einigen Bemerkungen über den, zur Zeit meines Aufenthaltes, regierenden Vizekönig Aabahs- Pascha, die unter seinen Befehlen gehandhabte Justiz und deren Vollstrecker, die Soldaten, ohne in die Einzelheiten des Regierungswesens — worüber ich hier und da einige Mittheilungen Angeschoben habe — einzugehen. Wer sich damit genauer bekannt machen will, den verweise ich auf Russegger'S Reisewerk und 110 andere neuere Beschreibungen, welche diesen Stoff mit weit mehr Gründlichkeit behandeln, als ich es zu thun im Stande bin. In die großen Lobsprüche des letztverstorbcncn Vizckönigs, welche ich nach meiner Heimkehr in einigen deutschen Zeitschriften — hauptsächlich aber in der Jllustrirtcn Zeitung pom 17. April 1852 — gelesen habe, kann ich nach Dem, was ich in Egypten selbst über Aabahs gehört habe, nicht mit einstimmen. Man war in Egypten ganz anderer Ansicht, als der Berichterstatter der leipziger Jllustrirten Zeitung und fürchtete seit seinem Regierungsantritte für das Wohl des Landes. Es ist sehr richtig, daß er von den Generalkonsuln der europäischen Mächte leichter zu lenken war, als seine ruhmreichen Vorfahren (die als charakterfeste Männer in der Geschichte dastehen); ob er aber aus eignem Antriebe jemals Etwas zum Besten des Landes gethan hat, ist eine Frage, welche ich nicht mit Ja beantworten möchte. Die erwähnte Zeitschrift, welche seines Lobes voll ist, giebt zugleich ein wohlge troffen es Portrait dieses Mannes, was sie füglich hätte unterlassen sollen, weil sie dadurch gewiß jeden Physiognomikcr in die Verlegenheit gebracht hat, den vergeblichen Versuch zu machen, Portrait und Biographie in Einklang zu bringen. Die Gesichtszüge des Pascha ähnelten denen eines gemeinen Fcllah außerordentlich und in der That strafte sein Charakter „den Spiegel seiner Seele" nicht Lügen. Aabahs-Pascha war der vollendetste Wüstling. Er stöhnte einem, leider oft die Tugenden des Türken in dunklen Schatten stellenden, schon von den alten Griechen tief verabscheuten Laster, in einer so stechen Weise, daß er sich bald die Verachtung aller sittlichen Europäer zuzog. Er war schamlos genug, mit einem zahlreichen Harehm kleiner, in die Tracht der Frauen gekleideten Knaben Egypten zu durchziehen (September oder Oktober 1849) und gab durch diese Verhöhnung aller Gesittung den Lastern des Volkes nur neue Nahrung. Um die Regierung seines Landes bekümmerte er sich nur wenig oder gar nicht und griff, wenn er es wirklich that, störend in den Gang derselben ein. Er schickte seine treue- sten Diener in die Verbannung, entsetzte die geachteten Offiziere, mit denen der tapfere Jbrahihm-Pascha die hohe Pforte erzittern machte und vergab ihre Stellen an fünfzehn- und sechzehnjährige Buben, welche er aus seinem Knabenharehm nahm. Der Sultahn nahm die Verbannten, welche sich nach Konstantinopel flüchteten, mit großer Freude auf und entzog dadurch dem Vizekönig einen seiner tüchtigen Beamten nach dem anderen. Aabahs-Pascha war in Allem klein. Während Mahaimned-Aali ungeheuere Summen opferte, ja thcilwcise verschwendete, um kostspielige, kolossale Bauwerke auszuführen, Fabriken anzulegen u. s. w., warf sein unwürdiger Enkel Gold mit vollen Händen weg, um sich Hunde, Tauben, Hühner und anderes Vieh zu kaufen. Im Ganzen charakterlos, war er vielleicht nur in einem Punkt charakterfest — wenn ich so sagen darf — in Ausübung einer oft raffinirtcn Grausamkeit. Wenn während der Zeit seiner Regierung einigen Uebel- ständen abgeholfen wurde, so ist das nicht ihm, sondern den Generalkonsuln der europäischen Mächte zu danken. Jede von dem Pascha selbst ausgegangene Maßregel erkannte man leicht an ihrer Verkehrtheit. So war die Erbauung der Eisenbahn von Aleran- dricn nach Kairo nicht sein Werk, sondern das der Engländer, welche die Bahn, trotz aller Einwendung der übrigen Konsulate, mit ihrem Gelde gegründet haben. Egypten braucht keine Eisenbahn, England aber gebraucht sie, um in Egypten immer mehr und mehr Einfluß zu gewinnen. AabahS-Pascha war — um sein ganzes Wesen mit wenig Worten zusammenzufassen — ein Mensch, in welchem sich das Menschliche nie über das Thierische erhob, er lebte mit seinem Vieh und ist kaum besser als ein Thier gestorben. Man fand ihn in einem einsamen Zimmer abgeschlachtet. — Von seiner Lebensgcschichte weiß ich nicht Viel mitzutheilen. Als namhafte Person tritt er zum ersten Male zur Zeit des egyp- tisch-türkischen Krieges in Syrien auf. Es ist begründet, daß er zu der von seinem Onkel befehligten syrischen Armee geschickt wurde, um dort ein Kommando zu übernehmen. Jbrahihm-Pascha fand ihn aber so unbrauchbar, daß er ihn entrüstet nach Alerandricn zurückschickte. Der alte Mahammcd-Aali war höchst erzürnt und wollte ihn, wie Einige behaupten, sogar umbringen lassen, seine Mutter oder vielmehr seine Erzieherin versteckte ihn aber so lange, 112 bis der Zorn des Vizekönigs ziemlich verraucht war *). Run schickte ihn Mahammed-Aali nach der Provinz Rhurb'ie — dem Lande Goscn der Bibel. Später wurde er Gencralgouvcrneur von Kairo, machte sich bei den Europäern allgemein verhaßt und zeichnete sich durch tyrannische Grausamkeiten aus**). Bei dem Regierungsantritte Jbrahihm-Pascha's sandte ihn dieser sogleich in den Hcdjahs in die Verbannung. Nach dem Tode des alten geraden Kricgs- mannes, seines größten Feindes, kehrte Aabahs-Pascha nach Egyp- ten zurück und wurde nach dem Erbfolgerecht des Mahammed- Aalischen Hauses — nach diesem erhält jederzeit beim Absterben eines Regenten der Aelteste aus der Familie den Thron — Vizekönig von Egypten, obgleich alle Europäer, Türken und Araber Sald-Pascha, den jetzigen Satrapen Egyptenlands, weit lieber als Regenten begrüßt hätten. Das sind die Nachrichten über Aabahs-Pascha, welche ich in Egypten erhalten habe. Das Justiz- und Polizeiwesen ist in der von Mahammed- Aali in's Leben gerufenen Verfassung geblieben. In großen Städten sind Justiz und Polizei getrennt, in kleineren vereinigt. Das Verfahren ist überall summarisch. Die Landesgesctze sind die im Khorahn enthaltenen. Erst seit neuerer Zeit kommen europäische Maßregeln zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung in Anwendung. Man konnte die Polizeiverwaltung Alerandrien's und Kairo's nach ihrer letzten Organisation vortrefflich nennen. Nach dem Signalschuß der „Aasche", d. h. der dritten Stunde des Tages ***) — zur Zeit unseres Zapfenstreichs — wurden die *) Aus Dankbarkeit bereitete er dieser Frau bei ihrer Rückkehr von einer Pilgerreise in dem Hedjahs — wo sie auch beinahe Schiffbruch litt und durch das englisch «ostindische Postdampfschiff gerettet wurde — im Jahre 1850 einen höchst festlichen Empfang in Kairo, wobei er ungeheure Geldsummen vergeudete. **) Seine oben mitgetheilte Liebesgeschichte mit der Tänzerin Safte ? fällt hierher. ***) Bekanntlich beginnen die Mahammedaner ihren Tag mit Sonnenuntergang. 113 Thore der Städte und einzelnen Viertel geschlossen. Herumziehende Streifwachen ergreifen Jeden, welcher ohne Laterne in den Straßen herumgeht und halten ihn bis zum nächsten Morgen in strengem Gewahrsam. Jetzt macht man, wie es früher geschah, mit Europäern keine Ausnahme mehr. Der Ergriffene wird am folgenden Tage verhört und nach Umständen bestraft oder, wenn er ein Europäer war, an seinen Konsul abgeliefert. Der Polizeichef großer Städte oder Pasch arha, welcher den Rang eines Pascha bekleidet und in einigen Fällen Recht über Leben und Tod hat, sorgt auch für Aufrechthaltung der Marktordnung. Es handelt sich dabei weniger um Untersuchung von Maaß und Gewicht, weil diese fast immer richtig sind, sondern mehr um Ueberwachung der, bezüglich der Reinlichkeit und allgemeinen Ordnung, bestehenden Gesetze. Weil nämlich vollkommene Gewcrbefreiheit herrscht und Jeder handeln kann, womit und wo er will, würden die feilhaltenden Männer und Frauen mit ihren Habseligkeiten die engen Straßen oft versperren, wenn nicht die Khawafsen der Pascharha's überall gegenwärtig wären, um nöthigen Falles mit Stöcken und Peitschen Platz zu machen. Wenn Verfälschungen des Gewichts oder der Waare entdeckt werden, verhängt der Pascharha schwere Strafen über die Schuldigen. Döbel*) berichtet, daß man Bäcker, welche zu leichtes Brod bücken, mit einem Ohre an ihrem Vcrkaufsladcn annagelte. Ich habe niemals eine derartige Strafe vollstrecken sehen, dagegen aber unverbesserliche Diebe, denen man die Finger der rechten Hand abgehauen hatte, in den Straßen bettelnd gefunden. Der zum ersten Male ergriffene Dieb wird selten so hart, sondern gewöhnlich nur mit der Bastonade bestraft. Mörder werden, nachdem sie ihr Verbrechen eingestanden, ohne Weiteres aufgeknüpft. Die Erckution einer Strafe erfolgt sofort nach dem von dem Richter gesprochenen Urtheil. Besondere Zulüftungen sind nicht nö- *) Wanderungen durch einen Theil von Europa, Asien und Afrika. Eisenach bei I. G. Müller (spätere Auflage in Döbels Selbstverläge). II. 8 114 thig. Die Frohnm der Regierung stecken die Beine eines zur Ba- stongde Vcrurtheilten in eine Kette, welche an einer starken, sechs Fuß langen Stange so befestigt ist, daß sie durch Aufrollen um die Stange beliebig angespannt werden kann, und klemmen sie durch Umdrehen der Stange ein. Zwei Khawassen halten die Stange an beiden Enden und heben die eingespannten Füße empor, während zwei andere Gcrichtsdicner die Streiche mit dem „Soth", einem breiten, dick zusammengenähten Lcderriemen, aufmessen. Zuweilen werden statt der breiten Riemen auch Nielpeitschcn, welche weit empfindlichere Schmerzen verursachen, angewendet. Die einzelnen Hiebe werden nicht sehr kräftig ausgeführt; man achtet erst zweitausendfünfhundert der Todesstrafe gleich. Der Verbrecher erleidet seine Strafe mit Heldcnstandhaftigkeit. Er wirft sich auf Befehl des Machthabers selbst auf die Erde und läßt sich ruhig seine Füße in die sie umklammernde Kette sperren. Nach den ersten hundert Streichen hört man ihn gewöhnlich rufen: „4nrr ll arcktAk ga silicki — ga Lok — ga Lllonckl — ga Lkksnckiim!" — Ich stelle mich auf Deinen Grund und Boden, d. h. ich bin Dein Eigenthum, Dein Sklave, mein Herr — mein Oberst (Bei) — mein edler Herr — meine Herrlichkeit! — je nach dem Range des Befehlenden; später sagt er wohl auch: sl rassulll IIIIM; se'üina Natrammeck (4cklall innsollom vu sellem aaleiku), orclmmulwi ga Lei ete." — Bei dem Gesandten Gottes, unserem Herrn Ma- hammed (Gott habe den Preis und nächst ihm auch er) begnadige mich, mein Bei u. s. w. — ohne besonders zu klagen. Nur wenn, wie es oft geschieht, die Streiche kein Ende nehmen wollen, wenn der Gequälte vergebens seinen Peiniger bei dem Namen Gottes und seines heiligen Propheten, bei dem Barte des Machthabers und dem Haupte seines Vaters beschworen hat, dann hört man wohl ein nicht zu verhaltendes Stöhnen, bis auch dieses endlich ganz aufhört, der Geprügelte beinahe ohne Leben daliegt und keinen Schmcrzcslaut mehr hervorbringen kann. Dann wird der Unglückliche auf einem Bettgestell aus dem Gerichtssaal herausgetragen und, ohne daß ihm besondere Pflege 115 zu Theil würde, zu seinen Angehörigen — oder zurück in das Gefängniß gebracht. Eine solche Strafe hat für den Zuschauer etwas unnennbar Schauderhaftes. Die Peitschen schleudern das Blut des Opfers im ganzen Saale umher; es rieselt in dichten Strömen an den Beinen herab auf den Fußboden und bespritzt die Vollstrecker solcher unmenschlichen Urtheile von oben bis unten. Die Füße oder überhaupt der geschlagene Theil ist zuletzt in eine offene schwammige Masse verwandelt worden, von der einzelne Fleischfasern herabhängen. Hätte ich nicht noch im Jahre 1847 das Spießruthenlaufen eines Soldaten mit angesehen, ich würde unbedingt zweifeln, daß es eine fürchterlichere Strafe geben könnte, ich würde den Türken, obgleich ihn das milde Licht des Christenthums noch nicht erleuchtet hat, wegen seiner Grausamkeit tief unter den Europäer stellen müssen, — so kann ich es aber leider nicht! An die russische Knute, mit der man in den Steppen Tauriens Wölfe todtschlägt, darf man dabei noch gar nicht denken. Die Hinrichtung eines Verbrechers geht ebenfalls mit der dem türkischen Gerichtsverfahren eigenthümlichen Schnelligkeit vor sich. Wenige Minuten nach dem Spruche des Todesurtheils begleiten einige Soldaten den Delinquenten zum Nichtplatze. Man fesselt seine Beine in den Kniegelenken, bindet ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und läßt ihn den leicht um den Hals geschlungenen Strick nachschleifen. So bewegt sich der Zug über den Markt, durch die Basars und einen Theil der Stadt, dem Galgen zu. Jeder, welcher der Hinrichtung beiwohne» will, schließt sich an. Wenn die Soldaten — gewöhnlich Albanescn, welche sich zu Allem brauchen lassen — am Galgen angekommen sind, steigt einer von ihnen an dem fatalen Gerüst in die Höhe und zieht den Strick durch einen im Querbalken desselben befestigten Ring. Nun sagt man noch: „Lsollllot in 1a 11 lalln 11 Jllnll!" — Bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! — worauf der Verdammte antwortet: „4Vu ssollllet Inu Nnknmiugck rassulll -Lllall"; — lind ich bezeuge, daß Mahammed sein Prophet ist — dann zieht man den armen Sünder zum Galgen empor. Wenige Minuten später ist er 8 * 116 eine Leiche. Die Soldaten, welche unter dem Galgen die Wache halten müssen, stopfen sich ihre Pfeifen und fangen gemüthlich zu rauchen an. Um die Zeit dcö Nachmittagsgebctes erscheinen die Verwandten des Verbrechers und nehmen den Leichnam vom Galgen ab, um ihn zu waschen und zu begraben. Ich sah in Char- thum eine Mutter, mit Asche aus dem Haupte, zum Galgen kommen, um den Leichnam ihres Sohnes abzunehmen und begraben zu lassen. Arme Mutter, welch' schwerer Gang! Die Todesstrafe durch's Schwert ist seltener geworden, war aber früher sehr gewöhnlich. Während meines Aufenthaltes in Alerandrien wurden zwei Mörder hingerichtet, beide waren Soldaten und erlitten den Tod durch die Kugel. Der beliebten Art Musthafa Pascha's in Kordofahn, die Verbrecher vor eine Kanone zu binden und diese dann abzufeuern, habe ich schon Erwähnung gethan. Als Vollstrecker aller Befehle der Justiz und Polizei dienen die Soldaten, „Aasakcr", wörtlich „die Eingeübten". Ohne mich mit einer Auseinandersetzung ihres kriegerischen Werthes oder Un- werthcs, ihrer guten oder schlechten Zusammensetzung u. s. w. beschäftigen zu wollen, gebe ich lieber meinen geneigten Lesern einige Pinselstrichc zu dem Gemälde ihres staatsbürgerlichen und häuslichen Lebens. Der in ganz Egypten verachtete, von allen Müttern gefürch- tete (Th. 1 S. 51) Soldatenstand sucht sich, überall mit bestialischer Brutalität auftretend, in allen Lebensverhältnisscn geltend zu machen. Der Soldat erscheint als ein vom Staate, wenn auch nicht befugter, doch geduldeter Rnhestiftcr, unberufener Richter, Polizeimann, Frohn u. s. w. im öffentlichen oder häuslichen Verein der Egypter, ist herrisch gegen Niedere, kriechend gegen Hohe, betrügerisch, diebisch, faul, liederlich, leichtsinnig, aber, wenn er kämpft, wirklich tapfer, ausdauernd und genügsam. Seine Unordnung und Unrcinlichkeit ist in Egypten sprüchwörtlich und zeigt sich sogleich an seiner Kleidung. Diese ist zwar den klimatischen Verhältnissen des Landes ganz entsprechend*), besteht aber in den meisten Fällen nur aus einem Flickwcrk von Lumpen, in denen sich eine von dem gleichgültigen Egyptcr als harmlose Insassen betrachtete Schaar von Ungeziefer herumtreibt. Man lernt den Soldaten aber erst kennen, wenn man sein Haus betritt. Der Militärstand EgpptenS zeigt nicht, wie in Europa, Repräsentanten aller Klassen der Bevölkerung, sondern ist eine eigne Kaste für sich. Man wollte, daß diese Absonderung des Soldaten von der übrigen Bevölkerung immer mehr hervortrete, man wollte den Militärstand aus sich selbst hervorgehen lassen. Deshalb ist es dem Krieger Egyptens erlaubt, selbst geboten, sich zu vcrheira- then und es entstanden neben allen Kasernen — welche als der unwesentliche Theil der Soldatcnwohnungcn erscheinen — Ansied- lungcn, Dörfer der Soldatenfrauen, deren Söhne von Jugend auf für daö Heer herangebildet werden und von ihrer Geburt an einen geringen Sold erhalten. Mitten in der Stadt Alerandricn und zwar in der Nähe des nach dem Kanal des Festungsthores des Mahmuhd, „Bahb el Mahmuhd'ie", findet man eine dieser Militärkolonicen. Der Platz, auf welchem sie gegründet wurde, mag ungefähr achthundert Schritte lang und fünfhundert Schritte breit sein. Er ist mit kleinen, niederen Lehmhütten von höchstens sechs Fuß Höhe, acht Fuß Tiefe und zehn Fuß Länge bebaut ; eine steht dicht neben der anderen, enthält nur den einen Raum von den eben gegebenen Dimensionen und besitzt keine Fenster, sondern bloß eine nur drei Fuß hohe und etwas über einen Fuß breite Thüre, durch welche man gedrängt und gebückt eintreten kann. Zwischen zwei Häuserreihen, welche mit den Rückmauern zusammenstehen, führt eine Längsstraßc *) Die epyptische Militärtracht besteht durchaus aus Leinwand oder starkem, weißem Baumwollenzeugc. Ihre Bestandtheile sind: ein Hemd, enge Gamasche», eine knappanlicgende Weste, weite Beinkleider, eine weite Jacke, die türkische Leibbinde, der Tarbuhsch mit einer kleinen Messingplattc auf dem Scheitel und schlechte Schuhe. 118 dahin und wird je nach fünf bis sechs Hütten von einer Querstraße rechtwinkelig durchschnitten. Die Gäßchcn sind sehr eng und durchziehen netzartig den ganzen Platz. In diesen Spelunken woh- ^ nen die Frauen der Soldaten und erziehen die kleine Kriegersamilie. Man kann sich in der That kaum einen Begriff von der Menge der Bewohner eines solchen Viertels machen. Ungezählte Kindcr- schaarcn schwärmen zwischen den ärmlich gekleideten Weibern herum; sie sind im höchsten Grade schmutzig und zerlumpt, manche fast nackt. Die Soldaten finden sich nur dann bei ihrer Familie ein, wenn sie vom Dienste frei sind. Aus diesen Pflanzschulen der Vertheidiger des Vaterlandes der Egyptcr gehen die meisten liederlichen Weibspersonen hervor. Die aus den Ehen der Krieger entsprossenen Töchter verheirathen sich später wieder an Soldaten oder es bilden sich aus ihnen die öffentlichen Tänzerinnen. Es gewährt ein eignes Interesse, ein solches Quartier zu besuchen. Man wird sogleich von einer Menge laufender, kriechender und schreiender Kinder, alter und junger Weiber, deren Anzahl ^ sich immer mehr anhäuft, je weiter man kommt, umringt. Hun- ' derte schreien, wie mit einer Stimme: „Chawahdje haht bakh- schiesch!" — Herr, gieb uns Trinkgeld! — Die größte Armuth herrscht überall, leider aber auch eine Unreinlichkeit, welche alle europäischen Begriffe übersteigt. Man sieht Weiber vor den Thüren der Hütten sitzen und Flechtarbeiten anfertigen. Neben ihnen liegt ihr Säugling auf einer Strohmatte, das ganze Gesicht voller Schmutz und dergestalt mit Fliegen bedeckt, daß es davon ganz schwarz ist. Die lästigen, in Egypten zumal zur Zeit der Dattel- reife außerordentlich häufigen Insekten kriechen in die Nasenlöcher und Ohren des Kindes, fressen sich zwischen den geschlossenen Lippen und Augenlidern ein, verwunden diese zarten Theile durch das fortwährende Betasten ihres Säugrüssels und saugen die aus den wunden Stellen ausfließende Feuchtigkeit auf. Das Kind erduldet i alle Qualen mit der Fühllosigkeit einer Leiche, die Mutter sitzt ruhig daneben, ohne die Fliegen abzuwehren. Der Anblick einer solcher Gruppe ist wahrhaft scheußlich. Hin und wieder sieht man 119 auch wohl eincil lahmen oder blinden, verstümmelte» oder vom Alter zu Boden gebeugten Greis zwischen den Häuserreihen dahin- ^ schleichen; es ist ein invalider Soldat des Bizekönigs, für den die Regierung nicht das Mindeste thut; er ist vielleicht noch elender, hülfsbedürftiger und hülsloser, als jenes Kind. Acht- bis zehnjährige Knaben sind bereits in die Leinwandkleibung der Soldaten gekleidet und tragen den Tarbuhsch; sie sind unartig und flegelhaft, beunruhigen die Leute, lügen, betrügen und stehlen. Ohne Zucht und Sitte wachsen sie auf und laufen als lungernde Tagediebe so lange in einer Art von gezähmter Wildheit herum, bis man sie zum Militär tauglich findet und zunächst mit dem Geschäft eines Trommelschlägers oder Pickclflötenbläscrs betraut. Wenn sie die Muskete tragen können, werden sie unter das Linienmilitär gesteckt, erwerben sich nun bald vollends die übrigen Untugenden der Soldaten, quälen die armen, ohnehin schon hinlänglich geplagten ^ Fellahhihn bis aufs Blut und betrügen und stehlen, wo sie nur immer können. In der Nähe der egyptischcn Soldaten hält gewiß * Jedermann strenge Wache über sein Eigenthum; man traut einem Soldaten nicht über den Weg. Wenn man die eben beschriebene Ansicdlung kennt, auS der ein großer Theil dieser Leute hervorging, wundert man sich freilich nicht mehr über ihre Fehler und Laster. Wie sehr in solchen Dörfern einem ganzen Heere von Lastern Vorschub geleistet wird, ist leicht erklärlich. Die Mädchen wachsen mit den unartigen Buben auf, verheirathcn sich vielleicht schon mit ihrem zehnten Jahre und grünten mit ihrem Gatten, der kaum sechzehn Jahre zählen mag, einen eignen Herd. Der Mangel und das Elend kehrt gar bald in der Familie ein; der Soldat erhält nur wenig Sold und diesen erst Monate später, als er fällig war, — wie nahe liegt cS dann, daß die oft recht hübschen und noch so jugendlichen Frauen verbotene Wege betreten, auf denen , ihnen eine leicht zu gewinnende, für sie reiche Gcldcrnte lockend 2 winkt! Oft ist eins der jungen Weiber schon vom Hauche des ^ Lasters verpestet, ehe sie noch Mutter wurde. Unter solche» Umständen darf es dann nicht befremden, wenn die Syphilis zuweilen trotz des diese Krankheit sehr mildernden Klimas wirklich verheerend auftritt — oder wenn der Funken der Pest, welche lange unter der Asche glimmte, als verzehrende Flamme plötzlich hervorbricht und sich mit unaufhaltsamer Gewalt weiter verbreitet. Durch die unermüdete Thätigkeit der europäischen Konsulate, hauptsächlich der unseres deutschen Vaterlandes, ist in Egypten Vieles besser geworden, Alles aber leider noch nicht. >> Kairo. ,,Kahira wirkt durch seine Umgebungen wie durch seine Bauart, durch Natur und Kunst zugleich, durch sein Klima, seine Luft, seine gefällige natürliche Lebensart, seine tausendfältige Scenerie, endlich durch seine Erinnerungen aus allen Zeiten von der Sündfluth bis zum laufende» Jahr; durch den Magnetismus, welcher von all den Wunderstätte», von den Pyramiden, von Heliopolis, den Kalifengräbern, der Zitadelle, von der Wüste, dem Nil und den köstlichen, immer grünenden Gärten auf Seele und Geist ausströmt, einen unaussprechlichen Rei z." Boguinil Goltz. Sei mir gegrüßt, mein Kairo! Ich grüße dich nochmals aus fernen kalten Landen her. Möge mein Gruß zu dir gelangen, möge er erwärmen unter deinem milden Himmel! Ich grüße dich, du herrliche, palmenumstandcne, wüstenbegrcnzte, gärtcnumlegcne Stadt! Ich grüße deine Moscheen mit ihren schlanken Minarets; ich grüße deine Zitadelle mit ihren geschützstarrenden Batterieen; ich grüße deine krummen, heimlichen, kühlen und engen Straßen; ich grüße deine sarazenischen Häuser, deine blumcnduftigen Esbekre, deine Alleen rauschender Platanen, sruchtbehangenen Sykamorcn, deine versteckten, üppig grünen Gärten mit ihren balsamduftenden Oran- genhainen, ihren duftspcndenden Blumen, ihren dattelbcschwcrten Palmen, ihren rieselnden Wassergräben; ich grüße deine altehrwürdigen Pyramiden, deine Wüsten mit ihrer Stadt der Todten; ich grüße die Gebirge, an denen du dich hingelagert hast; ich grüße deine Vorstädte, dein Bulakh mit seinem barkcnvollcn Hafen, dein Fostat mit seiner lieblichen Insel und seinem schiffbewegten Nile; ich grüße jeden deiner Plätze, dich und dein Volk! sslatun kmIMum! Mit Euch sei das Heil! 122 Ja, wahrhaftig, wer gleich mir Kairo kennen lernte, der sehnt sich gewiß oft zurück nach der so lieblichen Stadt. Mag man auch einmal des Volksgewühls in Kairo's Straßen überdrüssig geworden sein, es dauert nicht lange und man ist wieder geneigt, sich in das unvergleichliche Getümmel der Hauptstadt mit vollem Uebermuthe zu werfen. Freilich muß Derjenige, welcher sich in Kairo heimisch fühlen will, schon daran gewöhnt sein, Etwas von seinen alten Gewohnheiten abzulegen und dafür sich neue anzueignen, er muß gelernt haben, auf manche Annehmlichkeit, die uns in jeder größeren Stadt Europa's geboten wird, zu verzichten; aber Dem, welcher erst in Egypten eingebürgert ist und genug Lust und Liebe besitzt, das deutsche, ja das europäische Philisterthum von sich abzustreifen, dem muß und wird Kairo von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag theurer werden. Es ist etwas Anderes um sein mildes Klima, als um unserer kalten Zone schönsten Tage, es ist etwas Anderes, unter ewig grünen Orangcnwäldern dahin zu wandeln, als unter unseren ihren Blätterschmuck verlierenden Eichbäu- men; eS ist etwas Anderes, einen ewigen Frühling, als den kurzen Sommer und den langen, laugen Winter zu durchleben. Ich beginne meinen Bericht über Das, was ich von Kairo zu erzählen weiß, mit der leidigen Topographie, Geschichte und Statistik. Kairo liegt fast genau unter 30" n. Br., ungefähr unter 48" 4,V östlich von Ferro, zwanzig Minuten an dem einen, zehn Minuten an dem anderen Ende vom rechten User des Nil entfernt, zählt über vierhundert Moscheen und mit seinen Vorstädten Bu- lakh, Alt-Kairo oder Fostat und Djieseh gegen viermal- hundcrttauscnd Einwohner. Oestlich und südlich von der Wüste ist die Stadt westlich und nördlich von Gärten oder fruchtreichen Feldern umgeben. Kairo hat eine Zitadelle mit dem Palaste des Vizekönigs, einer prachtvollen, von Mahammcd-Aali angefangenen, fast vollendeten Moschee, den Regicrungsgebäudcn, Gewehr- fabriken und der Münze, einer arabischen Hochschule und eine Art von Pricstcrseminar an der „Djämaä cl aaschr" mit einer reichhaltigen und seltenen Bibliothek, besitzt mehrere Fabriken, eine Geschützgießcrei und ein ziemlich ansehnliches Arsenal mit einer bedeutenden Werfte für den Nil, eine Papiermühle und arabische Druckerei, außerordentlich reiche und ausgedehnte Basars, eine Wasserleitung rc. Das Militär liegt in einigen Dörfern der Umgegend und in der noch zu Kairo gehörenden Vorstadt Djieseh. Die Europäer sind noch nicht zahlreich und haben nur zwei Klöster und eine englische Kapelle, die Griechen besitzen eine neu erbaute Kirche, die Kopten deren mehrere, weil ihre Anzahl ziemlich bedeutend ist. Kairo ist nach ächt sarazenischem Geschmacke erbaut, hat nur wenig gerade und breite, sondern fast nur enge, krumme und theilweis überdachte Straßen und besitzt einige freie Plätze, von denen die Btrktzt öl Esbök'r'ö der größte und schönste ist. Der Umfang von Groß-Kairo beträgt über drei Stunden. Die Stadt ist von Ringmauern umschlossen, in welchen sich viele Thore befinden. Breite, von herrlichen Platanen oder Sykamoren reich beschattete Hochstraßen führen nach Alt-Kairo, Bulakh, Schubra und Aabahs'ie, einem neu entstehenden Stadtthcile in der Wüste. Eine gute Poststraße nach Sues ist ebenfalls in Angriff genommen worden. Die Hauptstadt und zunächst Alt-Kairo oder Fostat wurde im Jahre 642 nach Christus von Aamru, dem Feldherrn des Sultahn Omahr, gegründet. Fostat bedeutet das Zelt und zwar hieß die Stadt im Anfange so, weil dort der Feldherr sein Zelt aufschlug, um sich herum ein Lager und später eine Stadt bildete. Eine vom Himmel herabgekommene Taube, welche sich im Zelte des Feldherrn niederließ, wurde der Grund zum Bau der Stadt. Aamru wollte der Taube die Gastfreundschaft gewähren und ihre Jungen groß werden lassen, weshalb er sein Zelt nicht abbrechen ließ. Um das Zelt herum wurden feste Wohnsitze errichtet, aus denen sich allgemach ein Dörfchen, das sich rasch zur Stadt vergrößerte, bildete. Dreihundert Jahre später wurde Großkairo erbaut und wuchs, nachdem im Jahre 1186 der Sultahn Schah Chuahr Fostat zer- 124 stört hatte, sehr bald zu einer großen Stadt heran. Die heutige Massr el khahira soll nicht auf der Stelle des alten Mcmphis erbaut worden sein, sondern dieses auf der anderen Seite des Stro- - mes zwischen den Pyramiden von Djicseh und Sakkahra gelegen haben. Beginnen wir jetzt unsere Wanderung durch Kairo. Mein gütiger Leser wird mir folgen müssen, wohin ich ihn auch führe. Ich werde einzelne Bilder zeigen, wie sie sich dem Besucher der Ma- heruhset aufdrängen; unter sich nicht im Zusammenhange stehend, verbindet sie der ihnen allen gemeinsame Ort. Sie sind wirr durch einander gestellt, gehören aber doch zusammen. Wenn man zu Schiffe im Bulakh ankommt und sich zu Esel oder zu Fuße auf der nach Kairo führenden Straße der Hauptstadt nähert, sieht man nur Wenig von ihr. Die Stadt ist durch die sie umgebenden Gärten dem Auge verdeckt, noch dicht vor dem Thore kann man keinen Ueberblick gewinnen. Erst wenn man das Thor hinter sich hat, ändert sich der Prospekt. Man gelangt auf den schon mehrmals erwähnten großen Platz BirkctelEs- bek're, „Birkct" genannt, weil an der Stelle der schönen Promenade früher ein häßlicher See mit stinkendem Wasser lag, den, wie ich glaube, Mahammcd-Aali ausschütten und mit Bäumen bepflanzen ließ. Letztere sind jetzt mit recht hübschen Anlagen vereinigt worden. Der ganze Platz ist mit schattigen Spaziergängen umsäumt, an denen im Sommer gewöhnlich europäische und arabische Musik zu hören ist. Da kann man sich ein Plätzchen aussuchen, wie man es gerade haben will, um in aller Gemüthlichkeit in einem der zahlreichen Kaffehäuser seine Wasserpfeife zu rauchen und seine Tasse guten Mocha zu trinken. In den Abendstunden herrscht hier das regste Leben. Europäer und Araber suchen sich auf die mannigfaltigste Weise zu unterhalten. Die Europäer gehen in dem buntesten Gcwühle mit ihren Damen auf und ab, lassen sich an einer der Kaffebuden ein Nargileh stopfen und verweilen einige Au- ^ genblicke, die Araber schaarcn sich um eine Sängcrgruppe, welche irgend ein beliebtes arabisches Minnelicd vorträgt, scheinen sie aber gar oft mit den lebhaftesten Ausdrücken des Wohlbehagens und 125 Entzückens unterbrechen zu wollen. Vergnügen und Frohsinn herrscht überall. Die größten und besuchtesten europäischen Gasthäuser liegen in unmittelbarer Nähe des Esbekie und gewinnen dadurch gar sehr an Annehmlichkeit. Denn da noch eine sehr belebte Straße mit ächt sarazenischen Häusern nach dem Bahb cl hatict, einem nach Schubra hin nördlich von der Stadt gelegenen Thore, führt, bietet die Esbekie fortwährend ein interessantes, ewig wechselndes Bild. Sie ist einer der schönsten Plätze, die ich kenne, und fast der einzige Vergnügungsort der europäischen Bevölkerung. Ueber die Esbekie hinwcgreitend kommt man nach der Muhski. Obgleich man sich noch in dem von den Europäern bewohnten Stadtthcilc befindet, beginnt der Zauber der Hauptstadt doch jetzt schon, die Sinne zu umstricken. Ihn empfindet Jeder, der Kairo betritt. Man glaubt nicht bloß in einem anderen Erd- theile, sondern in einer anderen Welt zu sein und weiß nicht, wohin man zuerst seine Blicke richten, seine Ohren wenden soll. Ich habe daS Bild einer der Straßen Kairo's schon oben zu schildern versucht; der Eindruck, welchen es auf den Beschauer macht, wiederholt und verstärkt sich, so oft man Kairo nach längerer Abwesenheit wieder besucht. Zu schildern ist er nicht, denn er ist eben ein zauberhafter, nicht mit Worten wiederzugebender. Und diesen Eindruck übt nicht nur eine Straße, ihn übt ganz Kairo aus. Es ist nicht die Schönheit des Einzelnen, sondern vielmehr die Harmonie des Ganzen, welche eine so mächtige Wirkung aus das menschliche Gemüth hervorbringt. Die Muhöki im engeren Sinne ist eine ziemlich breite und lange Hauptstraße mit mehreren kleinen Nebengassen und Gäß- chen, von denen einige sich weit verzweigen und in die Quartiere der Kopten und Araber ausmünden. In der Muhski wohnen fast nur Europäer und zwar im bunten Gemische aller Nationen durch einander. Allein die Wichtigkeit der Straße besteht darin, daß sie gleichsam der europäische Basar ist. Hier befinden sich die Vcr- kaufslädcn der europäischen Erzeugnisse, drei Apotheken, die Schreibstuben großer Handelshäuser, die Vizckonsulate, die Arbeilsstuben > 126 der europäischen Handelshäuser rc. Auch die Klosterkirchen und Wirthshäuser, die Druckerei und die Post liegen in der Muhski. Eine neu angelegte, vor ein Paar Jahren durch das Gewirr des Gäßchennetzcö Kairo's gebrochene, nach dem Basare und der Zitadelle führende Straße ist jetzt größtcntheils vollendet, mit Kaufhallen versehen worden und wird jedenfalls von den Europäern eingenommen und später mit zur Muhski gezählt werden. Wie andere Straßen Kairo's ist auch die Muhski mit Brettern überdeckt. Die Folge hiervon ist eine liebliche Kühle, zugleich auch ein gewisses Düster, welches für den Fremden höchst angenehm, für den Arbeiter und Handwerker aber oft sehr hinderlich wird. Zur Vermeidung des Staubes werden die Straßen täglich ein oder mehrere Male mit Wasser besprengt, welches, verdunstend, noch größere Kühlung erzeugt. Der erste Ritt, den jeder der Neuangekommenen zu Esel in Kairo macht, ist gewöhnlich nach der Zitadelle oder dem Basare. Dann führen die Dolmetscher den Reisenden wohl auch zu einer oder der anderen Moschee, ohne jedoch im Stande zu sein, ihm Das oder Jenes zu erklären oder ihn so recht eigentlich mit dem Leben Khahira's bekannt zu machen. Der Dragoman ist ein nothwendiges Uebel in Egyptcn. Er nützt seinem Herrn nicht gerade Viel, macht unverschämte Forderungen (er verlangt selten unter einem Spcciesthalcr täglich) und betrügt ihn noch obendrein bei jeder Gelegenheit. Wenn wir also in Kairo uns umsehen wollen, thun wir dasselbe wenigstens ohne Dragoman, denn wir verstehen von der arabischen Sprache gerade genug, um uns über Das zu befragen, was uns auffällt, ohne unser Ohr einem Kauderwelsch von Italienisch oder Englisch aussetzen zu müssen, mit dem uns unser Dragoman langweilt. Auch wir wollen uns zuerst auf dem Basar umsehen. Der Basar Kairo's ist nach dem in Konstantin opel der größte und ausgedehnteste im ganzen türkischen Reiche. Er nimmt den größten Theil der ganzen Stadt ein und hat für besondere Handelsartikel seine besonderen Straßen. So findet man einen Basar, in welchem nur Schuhwerk, einen anderen, in welchem nur Kleider, einen dritten, in welchem nur Spccereien verkauft werden. Da gibt es ganze Straßen, in denen nur Blechschmicde, andere, in denen die Gcwchrmachcr, andere, in denen die Drechsler sitzen. Da die Kaufbuden bei Handwerkern durchgehcnds zugleich die Arbeits- räumc sind, so muß man auch auf den Basar gehen, wenn man einen dieser Leute braucht. Obgleich diese Einrichtung den Markt sehr ausdehnt, hat sie doch ihr Gutes. Wenn man einmal weiß, wo man eine Waare zu suchen hat, findet man in der Nähe eine große Auswahl vor. Die Preise werden dadurch fester und regelmäßiger, weil der Nachbar eines Kaufmanns, der zu Viel verlangt, denselben Gegenstand billiger geben würde. In jedem der einzelnen Theile des Basars befindet sich ein Kaffchaus, da jeder Verkäufer seinem Käufer eine Tasse Kasse und eine Pfeife anzubieten pflegt. Die einzige Straße des BasarS, welche verhältnißmäßig die meisten und verschiedensten Waaren bietet, ist der Chahn des Chalihl, gewöhnlich „Suh kh - Chahn - Chalihli" genannt. Man sieht hier fast nur türkische Kaufleute; diese verkaufen Alles, was zum türkischen Lurus gehört. Dort findet man Cashmirshawls von sechshundert bis zehntausend Piastern, indische, kunstvoll gestickte Umschlagtücher von zwölfhundcrt Piastern an bis zu fünfzchntauscnd, kostbaren Schmuck, prächtige Waffen, reiche Sättcl mit massivem Silberbeschlag, Kleider, Teppiche, Schuhe, Strümpfe, Tarabiesch, Kaffeegeschirre von Silber mit Edelsteinen besetzt, Damaszencrklingen und altpcrsische Büchsen, Raritäten und Kuriositäten, Uhren, Ringe u. dergl. in. Die Artikel, welche man in Chahn-Chalihli verkauft, sind mit wenig Ausnahmen nicht im Lande gefertigt, sondern Erzeugnisse Konstantinopel's, Persiens, Indiens, Syriens und Europa's, während in den anderen Straßen zugleich auch Waaren gearbeitet werden. Für jede Waarengattung gibt es einen eigenen Markt. Interessant ist es für den Europäer, den Arbeiten der Handwerker zuzusehen. Das Arbeitszeug ist so außerordentlich schlecht, die Vorrichtungen zum Arbeiten sind so mangelhaft, daß man glaubt, der Arbeiter wäre nicht im Stande, etwas Gutes zu liefern, und 128 doch ist dies nicht der Fall. Wir wollen einige Augenblicke vor der Bude eines Drechslers verweilen. Der Mann steht nicht bei seiner Arbeit, sondern sitzt dazu, wie alle anderen Handwerker auch. Seine Drehbank besteht aus zwei Holzblöcken mit Stäben, durch welche erstere beliebig zu einander gestellt werden können. In den Holzblöcken sind zwei abgerundete, zugespitzte Eisenbolzcn eingeschlagen, zwischen welche der Drechsler das zu drehende Holzstück einspannt. Ein starker Eiscnstab liegt auf den Holzblöcken und dient dem Mcisel zur sicheren Unterlage. Der Arbeiter spannt sein Holzstück ein, umwindet es einige Male mit der Sehne eines Bogens, faßt diesen mit der rechten, den Mcisel mit der linken Hand und den Fußzehen und beginnt zu drehen, wobei er mit der rechten Hand den Bogen hin und her bewegt und mit der linken Hand dem Mcisel, welchen er mit dem Fuße festhält und anstemmt, seine Richtung gibt. Er ist im Stande, große Säulen abzudrehen, Tischbeine und andere Möbelstücke herzurichten, wie sie von europäischen, ja von deutschen Tischlern verlangt und benutzt werden. Ja, ich bin von deutschen Handwerkern versichert worden, daß solche DrechSlcrarbeitcn denen von Europäern gefertigten in Nichts nachstünden. Und so ist es auch mit anderen Arbeitern. Da ist ein Büchsenmacher mit ein Paar Feilen, Hämmern und Mciseln, der schäf- tet ein Gewehr recht leidlich, während sein kaum vierzehnjähriger Sohn das Schloß dazu anfertigt; dort macht ein Posamentirer auf einem Webstuhle, der von Noah erfunden worden zu sein scheint, ganz kunstreiche Schnüre und Franzen; hier webt ein anderer seidene Binden mit acht und zehn verschiedenen Farben; dort hämmert ein kunstreicher Schmied an einer Arbeit herum, die er in einem winzigen, von einem elenden Blasebalg angefachten und noth- dürftig unterhaltenen Fcucrchen glühte, und dennoch wiegt das Ei- scnstück vielleicht über zwanzig Pfund; wo möglich sitzt auch er bei seiner Arbeit. Einige Khafaßmacher fertigen ihre künstlichen Gestelle mit einem Messer, einem kleinen Beile, einem hölzernen Hammer und einem Locheisen. Ich muß hier aber wohl erst erklären, waS ein Khafaß ist. Ein Khafaß ist eine aus den entblätterten 129 Palmcnzwcigen oder Blattstielen gefertigte Kiste, ein Korb, ein Bett- gestell, ein Stuhl, eine Bank, ein Fenstergitter, ein Vogelbauer und wer weiß, was sonst noch Alles. Was man überhaupt von „entblätterten" Palmenzweigen (Djericd) fertigen kann, heißt Khafaß. Khafassaht und Blechbüchsen findet man jn jeder Haushaltung, weil sie eine Menge Gegenstände ersetzen müssen, welche in unseren Landen vielleicht von zehn verschiedenen Handwerkern gefertigt worden sind. Jede Arbeit, welche ein Egypter liefert, ist fast aus Nichts und mit den allererbärmlichstcn Hülfsmitteln entstanden, gewöhnlich aber auch beispiellos billig. Alle diese Leute arbeiten auf dem Basare. Außer den nöthigsten Handwerkern findet man aber auch in jeder Straße Kaufläden für den täglichen Hausbedarf, wie z. B. Fleischbänke, Fett- und Oclhandlungcn, Gewürz- und Bäckerladen, Gemüse-, Tabak-, Branntweinbuden, Barbierstuben rc. Wein und Branntwein, Essig, Käse, geräuchertes Fleisch, Mehlwaarcn (Makaroni, Graupen rc.), Reis, Lichter und anderes mehr zum europäischen Haushalte Nöthige wird fast nur von Griechen verkauft. Solche Händler nennt man Bakahli, die arabischen Oelhändler heißen Se'iaht, von Seit, das Oel. Letztere verkaufen Butter und Käse, Brenn- und Speiseöl, Oliven und gekochte Bohnen, eine Hauptspeisc der Araber. Für fünf Para Brod, für ebensoviel gekochte Bohnen und für fünf Para Oel geben eine Mittagsmahlzcit, die im Ganzen auf sieben und einen halben Pfennig zu stehen kommt. Um Alles, was wir überhaupt sehen können, in Augenschein zu nehmen, treten wir in eine Barbierstube. Sie ist regelmäßig von Bartgästen erfüllt; die Barbiere haben im Orient, weil die Mahammedaner auch das Haupt scheeren, mehr zu thun, als bei uns. Der vornehme Türk bezahlt das Scheeren seines Bart- und Haupthaares recht anständig, wird dafür aber auch mit aller Sorgfalt rasirt. Der eintretende Gast wird von dem Inhaber des Lokals zunächst mit höflichen Worten zum Sitzen aufgefordert, dann breitet dieser Servietten über die Brust, Schultern und den Rücken des Gastes, verlangt dessen Tabaksbeutel und stopft ihm vor allen Din- ii. 9 130 gen eine Pfeife. Nun erst geht er an's Werk. Er streicht sein Messer auf einem breiten Ledcrricmcn, der ihm vom Gürtel herabhängt und beginnt dann das Einseifen. Hierzu bedient er sich einer Schüssel mit einem Ausschnitte, in welchen der Hals des zu Schcerenden gcngu paßt, hält sie diesem unter das Kinn und seift ihm den Bart ein. Zuerst schcert er das Gesicht mit dem Striche, so weit es vom Bart befreit werden soll, glatt, dann verfährt kraus entgegengesetzte Weise. Er stemmt den einen Fuß auf den Stuhl seines Gastes, legt dessen Kopf aus sein Knie und spannt die Haut des Gesichtes an. Jetzt wird mit größter Sorgfalt jedes Härchen vernichtet, das ganze Gesicht, Stirn, Schläfe, Alles mit berücksichtigt und äußerst sorgfältig gereinigt. Wenn der Kopf mit geschoren werden soll, hängt der Barbier einen Kessel mit einem Hahne über dem Kopfe seines Bartgastes auf, seift diesen tüchtig ein und rastrt ihn mit großer Gewandtheit kahl. Dann wird der ganze Kopf mit Seife cingcricben, diese mit weißen Dattclfasern (Liefe) zu Schaum gearbeitet, Kopf und Gesicht rein gewaschen und sauber abgetrocknet. Nun nimmt der Haarkünstler seinen Kamm zur Hand, kämmt die wenigen, am Scheitel stehen gebliebenen Haare glatt und flechtet sie zu einem zierlichen Zopfe zusammen. Schließlich wird noch der Bart gekämmt, jedes vorstehende Härchen mit der Scheere glatt geschnitten und dann das ganze Gesicht mit einem wohlriechenden Wasser eingeriebcn. Die Arbeit dauert über eine Viertelstunde. Wenn man die Operation dcS Bartscheerens glücklich überstanden hat, ist es allerdings wohlthuend, dem türkischen Gebrauche zu folgen und sich nach einem nahstehenden Kaffehause zu wenden. ES ist ein vornehmes Kaffehaus, in welches wir treten, wir sehen nur anständig gekleidete Türken darin. Die Wände sind ordentlich geweißt und mit reicher arabischer Ornamentik verziert. In Gyps ausgeführte Arabesken schmücken die Decke und die Wände des ziemlich großen Gemachs, von dem viele Fenster auf die Straße gehen. In einem Winkel ist das Kamin mit einem lustig prasselnden Holz- oder Kohlenfcucr, über dem auf einem Roste zwei große kupferne, innen und außen verzinnte, sorgfältig blank gehaltene Kannen stehen. 131 Daneben sehen wir auf einen, Stcintische das Kaffegeschirr, welches wir von unseren Besuchen bei Türken her schon kennen. RingS um die Wände des Zimmers ziehen sich breite Steinbänke, von denen einige mit Matratzen, andere bloß mit Strohmatten bedeckt sind, herum. In der Mitte stehen einige Bänke von Palmenzwei- gen. Auf dem Diwahn an den Wänden sitzen viele Gäste. Einige sind beschäftigt, ihre Wasserpfeifen zu rauchen, ohne dabei ein Wort zu sprechen, Andere unterhalten sich mit Bret- und Würfelspiel, Andere spielen Schach und noch Andere sprechen über schöne Pferde oder Waffen. Wir gesellen uns zu ihnen und mischen uns mit in ihr Gespräch, was von ihnen gar nicht übel genommen wird. Der Kahwedji hat unser Erscheinen bemerkt und ist schon beschäftigt, für uns Kasse zu bereiten. Er nimmt ein kupfernes Kännchen, in welches gerade so viel Tassen Kasse gehen, als wir Personen sind, füllt es mit dem heißen Wasser aus den großen Kannen und bringt es über das Feuer, wobei er es mit der linken Hand an dem langen kupfernen Stiele hält; in wenig Augenblicken kocht es. Nun ergreift er eine dicht verschlossene Büchse mit äußerst fein gestoßenem Kaffcpulvcr aus ächten Mochabohnen, die erst vor wenig Stunden gebräunt worden sind, zählt nochmals die neugekommenen Personen und nimmt für jede einen gehäuften Theelöffel voll Kaffepulver, schüttet dieses in das Kännchen, läßt den Kasse über dem Feuer noch einmal aufschäumen, gießt ihn in die Täßchen und präsentirt ihn uns mit einem freundlichen Allste sLbLolihüii, döl oiiei'r sä swAck (Gott lasse Euren Morgen glücklich sein, meine Herrn)! und eilt zurück, um die von uns bestellten Wasserpfeifen herbeizu- bringcn, ohne die uns, wie er glaubt, der Kasse nicht recht schmek- ken werde. Allein der Trank ist ganz köstlich und wir fragen, wo er den gestoßenen Kasse herbekommen habe, in der Absicht, uns ebenfalls mit gutem Kasse zu versehen. Er nennt uns einen der vielen Khahwedjahnaht oder Kaffestampfen, die wir uns zu besuchen vornehmen. Abends ist ein Kaffchaus gewöhnlich mehr belebt. Jeder Türk oder Araber geht nach beendetem Tagewerk gern dahin, um sich mit Anderen zu unterhalten und in aller Gemüthlichkeit seine Tasse 9 * Kaffe zu schlürfen. Da finden sich auch häufig Musiker und Tänzer ein, die dann von den Gästen oder auch von dein Wirthe bezahlt werden*). Während der langen Nächte des FastcnmonatS Ramadtahn erscheint hier der Meddah und erzählt aufmerksamen Zuhörern Geschichten aus Tausend und einer Nacht oder schildert ihnen Scenen aus dem Leben des Kampfhelbcn der Araber, Saaid cl bathel (der wüthige Saaid), oder wohl auch von dem Helden Aali, dem Schwiegersöhne (oder was er sonst war) des Propheten. Keiner der Versammelten wendet ein Auge von dem Erzähler. Die regste Theilnahme, die größte Spannung ist in jedem Gesicht ausgedrückt, wie wird Der enden, der so glorreich begonnen? Je besser der Meddah schildert, desto aufmerksamer werden seine Zuhörer. Still vor sich hingcmurmclter Beifallsruf wird allmählig lauter und fordert den Redner auf, alle seine Kräfte aufzubieten. Aber in der That, welch ein reiches, poetisches Gewand entfaltet der schlichte Araber vor seinen Genossen! Immer lebhafter werden seine Farben, immer kühner die Umrisse, immer freier wird die Ausführung seiner Gemälde. Bald hört man die herrschende Stimme eines Chaliefen der Mumenihn (Gläubigen), bald flehen Botschafter deö Sultahns der Franken demüthig um Gehör, bald spricht ein alter weiser Schech, bald spendet ein heiliger Ul8m» seinen Segen, ebenso reich an Dichtung, als an Würde und Kraft; bald redet eine alte Frau, bald besingt ein glühender Liebhaber die un- *) Die arabische Musik, von welcher ich hiermit Einiges mittheilen will, ist sehr monoton und keineswegs schön; um so anziehender ist aber meistens der Text der von ihr begleiteten Lieder: in ihnen lebt und webt die glühende Phantasie der Araber. Bon ihren Musikinstrumenten nenne ich: „El säht," ein unserer Harfe ähnliches Instrument, mit vielen Saiten über einen Resonanzboden; es wird mit Hornblättchen, die man an den Fingern befestigt, gespielt; El sümährä, eine Klarinette oder auch Rohrpfeife, eine Rohrflöte; El rübnhbn, eine zweisaitige Violine; eine Handtrommel, Tnräbakü; Pauken (Tüm bahrn) und das Tamburin. Metallinstrumente gebrauchen sie nicht. Die Weisen ihrer Lieder sind Moll und zeichnen sich durch lange, trillerartig wiederholte Triolen aus. In Fö- licien David's „Wüste" finden sich viele arabische Originalmelodieen. endliche Schönheil seiner Geliebten. Wie feurig ist dieser in ihrem Lobe! Er nennt sie „den Vollmond der Schönheit und Lieblichkeit, die Vollkommene in der Anmuth und Liebenswürdigkeit, die Herrin des Ebenmaaßcs der Gestalt, des Liebreizes der Seele, die Besitzerin der schönen Augen der Gazelle, der Händchen, die so klein sind, daß man sie in zwei Hände nehmen muß, weil man sie in einer gar nicht finden würde; der kleinen Füßchcn, die noch kein Auge gesehen, nicht weil ein weites Gewand sie umhüllt, sondern weil sie so klein sind, daß sie nie unter ihm hervordringen; der Pcrlenzähnc und des Mundes, der, obgleich er so zierlich ist, daß man ihn mit einem Para bedecken könnte, dennoch Worte spendet, die sich in der Ohrmuschel des sie Hörenden zu Perlen reihen, der Lippen, so roth, wie das Innere eines zerspringenden Granatapfels;" er versichert, daß er sich nach ihr ebenso sehne, wie der ermattete Wanderer in der Wüste nach dem kühlen Brunnen. „Licht meiner Augen, Geist meines Herzens, wo weilst Du?" — Kein Laut ist hörbar, keiner der Gäste will ein Wort von der Erzählung des Mcddah verlieren. Doch der hat sich endlich müde geredet und ruft plötzlich: 8ÄInlr vl irölckK! (Preis't den Propheten!) „.4.1llckr inusolloin vu selloiu ugle'üru!" antworten Andere. „Kahwcbji, eine Tasse!" Und nun erquickt er sich und fährt fort, von Neuem den berauschende» Geist seiner Worte auszutheilen. Er führt seine Zuhörer mit sich fort in das Schlachtgetüm- mel, er zeigt ihnen seinen Helden, den schon Alle liebgewonnen, im wildesten Kampfe, umringt von Gefahren. Die Heere der Christen sind gekommen, durch seine Zauberkünste hat sich einer ihrer Salatihne*) vierzig Riesen unterworfen, von denen jeder tausend andere Riesen unter seinen Befehlen hat, keiner unter vierzig Armcnlängen Körperhöhe, jeder mit der Stärke von hundert Menschen begabt. Ihnen gegenüber steht der Held des Kampfes, derselbe, welcher früher die Umrisse zum Bilde seiner Geliebten zeichnete. Wie, soll er untergehen? Nein!-Soll ich wci- *) Plural vo» Sultah». Arab. Trab, vo», Ellenbogen bis z»r Spitze des Mittelfingers, und dazu noch die Länge des Zeigefingers. 134 ter schildern? Ich vermag es nicht, mir fehlt die Kraft des Ausdruckes, bin ich ja doch kein Meddah! Die Kaffehäuser sind dem Mohammedaner unentbehrlich, sie vereinigen alle Arten von Vergnügungen in sich. In allen, selbst in den für die ärmsten Fellahhihn bestimmten, bekommt man guten Kaste, wenn auch nicht überall ächten Mocha. Dieser wird nur in vornehmeren Häusern getrunken und viel nach Constantinopel ausgeführt. Der in Deutschland unter dem Namen „Mokka" verkaufte Kaste ist selten ächt. Schon in Kairo kostet das arabische Pfund oder ungefähr scchsundzwanzig Loth unseres Gewichtes bei größeren Ankäufen drei und einen halben bis vier Piaster. Der Transport bis Deutschland kömmt gewiß bis auf ebenso hoch zu stehen und dennoch erhalten wir hier ein Pfund des sogenannten Mokka für zwölf Silbcrgroschen, während ächter Mocha dem Kaufmann viel theurer zu stehen kommen würde. Die Kaffebohnen werden zum türkischen Gebrauche nur leicht gebräunt und nicht gemahlen, sondern in besonderen Kaffestampfcn (Khahwcdjahne) zerkleinert. Es sind große Steintröge, in denen die Bohnen mit schweren eisernen Keulen zu einem feinen Pulver zerstoßen werden. Durch mehrere enge Haarsiebe geschüttelt, wird dieses so fein, daß es dem Mehle ähnelt und beim Trinken des Kaffes bequem mit genossen werden kann. Wenn man deshalb den Araber oder Türken in Verdacht hat, er tränke den Kaf- fesatz mit, so thut man ihm Unrecht, er trinkt in der That nur eine starke Auflösung des Kaffes. Solcher Stampfen gibt es in Kairo mehrere; sie sind tagtäglich im Gange, weil der Türke oder Araber nie mehr gestoßenen Kaste einkauft, als er für einen oder höchstens für zwei Tage nöthig zu haben glaubt. Diese Vorsicht trägt allerdings zur guten Bereitung kräftigen und angenehm schmeckenden Kaffes wesentlich bei. Mit Zucker darf man ihn nicht versetzen, wenn man den wahren Genuß einer Tasse türkischen Kaffes (der freilich mit der in Deutschland gewöhnlichen Brühe in gar keinen Vergleich zu bringen ist) haben will. 135 Wenn wir so durch das uralte, ewig neue, immer wechselnde Gewühl des Volkes hinrciten, treffen wir häufig auf Persönlichkeiten, die wir eben nur in Kairo beobachten können, weil sie uns nirgends so häufig aufstoßen, wie gerade hier. So sehen wir einen phantastisch gekleideten Menschen langsam durch das Volk sich bewegen. Er ist mit einer seltsamen, zerrissenen Kutte bekleidet, die von einem Stricke oder irgend einem Lumpen zusammengehalten, auf der Brust offen und mit allerlei Zicrrathen behängen ist. Auf dem Kopfe sitzt ihm eine spitze Filzmütze, wie bei uns zu Lande dem Bajazzo einer Seiltänzergesellschast; sie ist mit Straußenfedern geschmückt oder mit Pelz verbrämt und beschattet ein unendlich pfiffiges, aber gefährliches Gesicht, welches von lang herabfallenden, wirr durch einander hängenden, kohlschwarzen Locken und einem ebensolchen Barte eingerahmt wird. In der einen Hand trägt er einen mahammedanischen Rosenkranz (Subcha) mit neunundncun- zjg riesigen Kugeln von schwarzem Ebcnholze, in der anderen einen langen Stab, an dessen oberem Ende bunte Lumpen fahncnartig flattern. Es ist ein Dcrwihsch oder mahammedanischcr Mönch, von dem Volke mehr gefürchtet, als geachtet, Einer von Denen, welche unter dem Deckmantel geheuchelter Frömmigkeit eine Unzahl von Betrügereien und anderen Schlechtigkeiten ausüben, durch Benutzung des Aberglaubens des Volkes sich bereichern, wo sie nur können, von einem Dorfe zum anderen schleichen, auö einer Stadt in die andere sich betteln, überall gefürchtet und nur geduldet sind, weil sie vorgeben, um der Religion und des heiligen Propheten — rLIIali inusklioin >vn sellsiu aalo'üru! — willen schwere Wallfahrten zu unternehmen, Entbehrungen jeder Art zu ertragen und ruhelos von einem Ende des Landes zum anderen zu pilgern. Allerdings gibt es schwach- und blödsinnige Mahammedaner, welche im Ernste glauben, durch ähnliche Wanderungen Gott die Ehre zu geben, um der Religion und des Propheten willen Weib und Kind verlassen, ihren Leib kasteien und ein ruheloses, nur religiösen Uebungen geweihtes Leben führen zu müssen; allein diese sind nicht mit jenen zu verwechseln. Sie thun es aus reinem Hcrzcnsan- tricbe, in der Schwachheit ihres Geistes oder Ucberspanntheit ihrer 136 Begriffe; aber jene machen ein Gewerbe daraus, sind zum Arbeiten zu faul, schämen sich aber nicht, zu betteln, zu lügen und zu betrügen. Sie haben den Khorahn aus der Zunge, aber die Tücke ^ im Herzen und gleichen ganz dem Bettler Abu Saaid in den Makamcn des Harihri, nur daß sie vielleicht noch schlechter sind. In mehr als einer Hinsicht haben sie die größte Aehnlichkcit mit den Bettelmönchen des Mittelalters und der späteren Jahrhunderte, jenen nichtsnutzigen, faulen Tagedieben, die Gott und die Welt auf jegliche Weise zu betrügen sich nicht entblödeten. Weit friedlicherer Natur sind die Fukhera, d. h. die gewöhnlichen mahammcdanischen Geistlichen. Wenn sie auch voller Aberglauben und Anmaßung sind, haben sie wenigstens nicht das Verschmitzte der Derwihsche an sich, schreiben ihre Amulette, weil sie gewiß größtenthcils selbst von der Wirkung überzeugt sind, besuchen fleißig die Moscheen und unterrichten die aufwachsende Jugend im Lesen, Schreiben und in der Religion, oft nur um Gottes willen, sind zum Fanatismus geneigt, aber selten so bösartig? um Andersgläubigen dadurch Schaden zuzufügen. Deshalb sind sie vom Volke auch mit Recht geachtet und gewiß als wohlthätige Menschen zu betrachten, als Leute, die viel Gutes thun, wenn sie Anderen auch ungereimtes Zeug in den Kopf setzen, weil sie es für gut und nützlich halten. Eine andere, von der Pietät des Volkes geachtete Klasse sind die Scharafa*), d. h. die Nachkommen des Propheten. Die vornehmen Scharafa heißen auch Ämär». Emihr (Singular von Amara) bedeutet Fürst, allein gar häufig sind diese armen Fürsten in üblen pekuniären Verhältnissen und genöthigt, wie andere arme Teufel zu arbeiten und es sich recht sauer werden zu lassen. Sie tragen zum Zeichen ihrer Würde und ihrer Abstammung ein grünes Tuch, die Farbe des Propheten, um ihren Turban. Wenn sie sich zu dem gemeinen Volke gesellen, beweist ihnen dieses gern die Achtung, welche es den Nachkommen des Gesandten Gottes schul- >» dig zu sein glaubt, indem es ihnen die Hände küßt. Von Seite g Plural vo» Schert es. der Türken und des Staates vermissen sie freilich eine ähnliche Berücksichtigung und genießen eben weiter keine Vorrechte, sind aber trotzdem stolz auf ihre Abstammung. Dagegen leben die Eh alle saht in ganz anderen Verhältnissen. Der Chaliefe ist ein Fürst in kirchlicher Hinsicht und hat als solcher den Rang eines hohen Staatsbeamten, mit einem damit verbundenen bedeutenden Einkommen. Er tritt mit aller Würde seines Standes auf. Wieviel Chalicfcn in Kairo anwesend sind und ob sie hinsichtlich ihrer Abstammung oder vermöge ihrer GeisteSfä- higkeitcn zu ihrer Stellung gelangen, weiß ich nicht. Ihr Erscheinen gleicht dem eines Pascha. Sie werden vom Volke umringt und demüthig begrüßt, man eilt herbei, um ihnen die Hände und Füße zu küssen, kurz, man sucht ihnen jeglichen Beweis einer unbegrenzten Achtung zu erkennen zu geben. Nur selten sieht man einen von ihnen auf -hohem Rosse langsam durch die Straßen reiten. Häufiger begegnet man dem Vizckönige oder einem der vornehmen Pascha's. Als der alte Mahammcd Aali noch lebte, sah man ihn oft, von wenig Gefolge umgeben, in einem einfachen Wagen nach Schubra fahren oder von dort zurückkommen. Sein freundliches, von einem langen, blendendweißen Barte umflosscnes Gesicht blickte, leutselig grüßend, nach allen Seiten aus die ehrfurchtsvoll links und rechts ausweichende, sich tief verneigende Menge. Er fuhr nie mit mehr als vier Pferden, gewöhnlich sogar nur mit zweien. Voran lief im vollen Trabe ein mit einer großen Hetzpeitsche tüchtig knallender und das Volk durch'lauten Zuruf zum Ausweichen auffordernder Sclave. Hinterdrein ritten einige Pfcifenstopfer und mehrere von den höheren Bedienten auf flüchtigen Dromedaren oder schnellen Rossen. Aabahs-Pascha war ein sehr guter und kühner Reiter, weshalb man ihn auch fast nur zu Pferde sah. Er war stets von einem großen Gefolge mit vielen Bewaffneten umgeben, weil er stets Tücke oder Meuchelmord befürchtete. Stolz ritt er in vollem Galopp dahin, auf keinen der Grüße dankend, dir er von dem Volke erhielt. Es ist herkömmliche Sitte, daß jeder Reiter von seinem Thiere springt und stehen 138 bleibt, wenn der Vizekönig vorbeireitet. Zu Aabahs-Pascha's Zeiten wurde diese Sitte von den Europäern kaum mehr beachtet. Um das Leben in Kairo genügend kennen zu lernen, ist es nothwendig, inmitten eines der arabischen Quartiere eine Wohnung zu miethen. Es ist nicht gerade schwer, diese zu bekommen, nur muß man, wenn man unter der arabischen Bevölkerung unangefochten leben will, behaupten, daß man vcrhcirathet sei oder wenigstens eine weibliche Bedienung besitze, weil man mit Recht annimmt, daß ein verhcirathcter Mann weniger Ungeziemendes sich zu Schulden kommen lassen würde, als ein unvcrhciratheter. Es ist aber keineswegs begründet, daß, wie manche Reisende behauptet haben, man um so mehr geachtet sei, je mehr man Frauen besitze, sondern die Sache verhält sich einfach- so, daß man es nicht gern sieht, wenn ein Mann liederlichen Weibsbildern nachläuft oder sich Dinge zu Schulden kommen läßt, welche in Egppten eben auch nicht mehr mißachtet werden, als bei uns daheim. Ich habe ein arabisches HauS schon zu beschreiben versucht und will hier nur erwähnen, daß ich in Kairo lange in einem Hause mitten unter Arabern gewohnt habe und mit diesen stets im besten Einvernehmen geblieben bin. Von der Terrasse meines Hauses hatte ich eine reizende Aussicht über einen großen Theil der Khahira und eine weniger ausgedehnte, aber ebenso reizende verstohlener Weise auf die Dächer meiner Nachbarshäuser, wo ich gar oft Gestalten wandeln sah, die chcr'Mahammcd's Paradiese, als der lieben Mutter Erde anzugehören schienen. Daß diese Gestalten keine Söhne Adams, sondern „Lsnnalit um ei tunje" (Töchter der Mutter der Welt) waren, wird jeder meiner Leser errathen haben. Und, wie schon bemerkt, ich befand mich wohl unter den Mahammcdancrn, achtete und berücksichtigte ihre Sitten und Gebräuche, ging in ihre Kasse- häuser, hielt meinen arabischen Bedienten zum Gebete und Besuche der Moschee an und galt, wenn nicht gar für einen Muselmann, zum Wenigsten für Einen, der die Religion dcS heiligen Propheten (Frieden über ihn!) hoch verehre. Und das thue ich in der That. *1 139 Ich achte Mahammcd und sein Volk, sollte ich es auch nur aus Dankbarkeit für mannigfaltige Dienste, ja sogar Wohlthaten thun, die mir von den Türken erzeigt worden sind. In meinem Hause hatte ich nun manchmal gar eigenen Besuch. Ich bewohnte die erste Etage, wahrend unten die ganzen Räumlichkeiten leer standen. Dort gab es ziemlich viele Scorpio- nen, Ratten, Mäuse, Eidechsen und einige Male auch Schlangen. Unter den Mäusen kommt ein höchst interessantes Thierchen (Aus oallirioa) mit igelartigen Stacheln vor. Im oberen Stocke erscheinen jede Nacht Gekonen, d. h. nächtliche Eidechsen mit fünf breiten Fingern, mit denen sie sich überall anhängen und selbst an der Decke hinlaufen können. Mit großem Vergnügen hörte ich das laute, gellende „gcck, geck" der Thierchen und sah dann ihrer Jagd auf Fliegen und andere Insekten zu, welche sie nach der Art der Chamäleone mit der Zunge anspiesten. Bei Tage wurden uns die egyptischen Hornissen eine große Last, denn sie erschienen sogleich in Schaaren, wenn der Koch seine Flcischstücken im Hofe aufgehangen hatte, um davon zu fressen. Sie stechen heftig, sind bösartig und außerordentlich häufig. So lebte ich in dem einsamen, abgelegenen Hause ein wahres Stillleben. Einer meiner Bedienten, ein Nubier, Mahammed mit Namen, handhabte die edle Kochkunst, ging Morgens auf den Markt, um einzukaufen und ließ sich das nöthige Wasser durch einen Sakha oder Wasserträger (wörtlich Tränker, Bcgießer) in's Haus schaffen. Ein in der egyptischen Haushaltung so nöthiger Mann verdient es wohl, kurz beschrieben zu werden. Die Sakha's sind in allen Häusern, ja sogar im Harchm, zugelassen, nur werden für die Aharahm blinde Wasserträger sehenden vorgezogen. Der Sakha kennt in dem Hause fast jedes Zimmer und jede Person, ist streng ehrlich und verschwiegen. Sein Wasser holt er auf einem Esel im Nil und verlangt für einen großen Schlauch, den er über eine halbe Stunde weit herschafft, nur dreißig Para oder einen und einen halben Silbcrgroschcn unseres Geldes. Wie es diese Menschen aushalten können, fortwährend mit nassen Kleidern cinhcrzugehen, begreift man nicht. Der Sakha 1LV ist stolz auf seine Kundschaft, betrachtet sich bei Jedem, den er bedient, wie einen Diener des Hauses, ist höflich, bescheiden und wohlgeliltcn. Kairo's Wasserträger sind die fleißigsten, regsamsten Menschen in der ganzen Stadt, denn ungefähr zwanzig Häuser mit Wasser zu versorgen und dabei mindestens zehnmal täglich nach Bulakh zu gehen, ist gerade keine Kleinigkeit. — Von einem solchen Hause aus machen wir unsere Ausflüge in die Stadt und ihre Umgebungen, natürlich nur zu Esel. Bei dieser Bemerkung fällt mir ein, daß ich die oft genug genannten Thiere und ihre Treiber noch gar nicht beschrieben habe. Und gerade diese gehören zu den interessantesten Persönlichkeiten Kairo's. Die Esel — welche unS hier nichts angehen, weil wir ihnen ihren Platz unter den Hausthieren Egyptenö angewiesen haben — sind die Droschken, die Esclbubcn die Droschkenkutscher der orientalischen Städte. ,,Eö ist eine wahre Lust und ein wahrer Jammer, mit diesen Arabern und insbesondere mit diesen Escljungen umzugehen. Man kann nicht einig mit sich werden, soll man sie für gutmüthiger oder bösartiger, für obstinater oder dienstwilliger, träger oder lebhafter, verschmitzter oder unverschämter halten. Sie sind ein Quirl von allen möglichen Eigenschaften," sagt unser ,,Kleinstädter in Egyp- tcn" von ihnen und hat in der That ganz Recht. Der Reisende begegnet ihnen, sobald er seinen Fuß in Alerandrien an die Küste setzt. Auf jedem belebten Platze einer großen Stadt stehen sie mit ihren Thieren von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Die Ankunft einem Dampfschiffes ist für sie ein Ercigniß, denn der Fremde und in ihren Augen Unwissende (R hasch ihm) ist ihnen auf den ersten Blick bekannt. Er wird zunächst in drei bis vier Sprachen angeredet und wehe ihm, wenn er englische Laute hören läßt. Dann entsteht um „den Gcldmann" eine Prügelei, bis der Reisende den Tumult durch den sehr räthlichcn Akt des Sich-zu-Esel- Setzens beendet. Erst, wenn man längere Zeit in Egyptcn gelebt hat, der arabischen Sprache kundig ist und statt des Kauderwelsches von drei bis vier von ihnen gemißhandelten Sprachen in ihrer Muttersprache mit ihnen zu konvcrsiren fähig ist, lernt man sie 1L1 kennen. Es ist wirklich interessant, ihre Redensarten, vor Allem aber die ihren Thieren gespendeten ergötzlichen Lobeserhebungen mit anzuhören. „Sieh, Herr, diese Dampfmaschine von einem Esel, wie ich ihn Dir anbiete, und vergleiche mit ihm die übrigen, welche Dir die anderen Knaben anpreisen! Sie werden unter Dir zusammenbrechen, denn Du bist ein starker Mann, aber der meinige! — dem ist es eine Kleinigkeit, mit Dir wie eine Gazelle davonzulaufen, das ist ein europäischer Esel, ich lasse nur Franken darauf reiten ; er ist ein khahirincr Esel. ja massoris" (Ei, du Kahiri- ncr), laufe und bestätige dem Herrn meine Worte." Oder: „Herr, Du verlangst einen Esel? Kennst Du mich und meinen Esel nicht, warum suchst Du nach einem anderen? Ich bin ja Aali, der Sohn Jbrahihm's, wir sind oft zusammen ausgelitten und Du bist stets mit mir zufrieden gewesen. Hier ist mein ganz vortrefflicher Esel, komm, besteige ihn!" Unter dem „Zusammenausreitcn" versteht der Hamahri, daß man reitet und er zu Fuße hinterhertrabt. Dabei treibt er unaufgefordert mit unnachahmlichem Zungenschnalzcn oder mit Stößen, Stichen und Schlägen seines an einem Ende zugespitzten Stockes den Esel zum schnellen Galopp an und folgt ihm meilenweit, ohne in seinem Laufe innezuhalten, ja, er trägt ihm noch einen mit Buffbohnen gefüllten Futtcrsack nach, um ihm diesen bei jeder noch so kurzen Rast anzuhängen. Man weiß nicht, wie man sich die Ausdauer eines solchen Burschen erklären soll. Kleine Knaben von sechs Jahren laufen schon den ganzen lieben langen Tag über ih, rein fast immer trabenden oder galoppirendcn Esel nach, werden dabei oft noch von den Reitern mit Waaren, Lebensmitteln und anderen zu transportirendcn Gegenständen bepackt und sind doch immer frohen Muthes. Die Eselbubcn sind ohne Ausnahmen kluge und verschmitzte Kerls, welche zu Allem zu gebrauchen sind. Sie sind verschwiegene Liebesboten, Kuppler, Neuigkeitskrämer, Briefträger, Diener u. s. w., sie thun Alles, was ihnen zugemuthet wird, und selbst noch mehr; sie kennen die Wohnungen und Charaktere aller her- 142 vorragenden Persönlichkeiten, wissen sich den Launen der oft gar kuriosen Reisenden zu fügen, verstehen es trefflich, eine Dame mit der nöthigen Sorgfalt und Behendigkeit zu bedienen oder sie mit ^ ihr schmeichelnden Redensarten zu unterhalten; sie sind aller Kniffe kundig und sind dem ernsten Mohammedaner ein gesetzter, dem Europäer ein kurzweiliger, toller Streiche voller Begleiter. Freilich regelt auch bei ihnen ein in Aussicht stehender größerer oder geringerer Bakhschicsch ihre Thätigkeit; aber ihnen, welche für fünf Piaster sammt ihrem Esel den ganzen Tag arbeiten müssen, ist das auch nicht zu verdenken. Das treffliche Gedächtniß der Hamahri ist oft von großem Nutzen, gibt aber noch öfter Gelegenheit zu ergötzlichen Geschichten. Einer meiner Freunde kehrte nach einer Abwesenheit von mehr als zwei Jahren von einer beschwerlichen Reise nach Kairo zurück. Beinahe unkenntlich geworden durch sein sonnverbranntes Gesicht, seine veränderte Kleidung und den in Egyptcn fremden Bartschnitt, wurde er doch sogleich von einem Eseltreiber erkannt, dessen er sich, trotz aller Anstrengung, nicht entsinnen konnte. ^ O, sei mir gegrüßt, Herr! Der Allmächtige segne Deinen Eingang! Gott sei Dank, daß Du in Frieden zurückgekehrt bist! Wie befindest Du Dich? Talllilin, ssiak, lls'ik elralall? (Bist Du gesund, wie geht es Dir, wie ist Dein Befinden?) „„Gott sei Dank, aber wer bist Du und was willst Du?"" „O Herr, Du kennst mich nicht? Ich bin Dein Eseltreiber, dem Du zwanzig Para schuldig bliebst, ehe Du abreistest, gib mir jetzt das Geld!" Mein Freund war dem Burschen wirklich aus Versehen die Summe von einem Silbergroschen unseres Geldes schuldig geblieben und bezahlte lachend demselben Kapital und Zinsen. Man redet die Eselstreiber gewöhnlich mit „ä-Volsä" oder „cka 4VoIecki!" (Sohn oder mein Sohn!) an. Ein der arabischen Sprache ! unkundiger Reisender erzählte Viel von dieser originellen Gesellschaft ^ und fügte nach Aufzählung ihrer guten und schlimmen Eigenschaften naiv hinzu, daß man sie wegen derselben in Egypten allgemein „Viavvletti" (Teufelchen) zu nennen pflege. 143 Das sind also die Bursche, ohne welche es uns ganz unmöglich sein würde, Kairo genau kennen zu lernen. Wir rufen einen , von ihnen vor unser HauS, besteigen sein Thier und reiten in dem ^ den Eseln eigenthümlichen kurzen Galopp durch die Straßen, zunächst um uns die öffentlichen Gebäude ber Khahira zu besichtigen. Beginnen wir mit der Citadelle, diesem ,,in der ganzen Welt nicht zum anderen Male anzutreffenden phantastisch-babylonischen Wirrsal von fabelhaften Höfen und mäandrischen Mauergängen, von Kasernen und Palästen, von jach abstürzenden Fclsmaucrn und schauerlichen Mordwinkcln, in welchen die Geister der massa- krirten Mamclukenhäuptlingc und der heimlich umgebrachten Ha- rchmsschönheitcn umgehen." — „Ruinen und Neubauten, Schutthaufen und Prachtbauten, in Alabaster ausgeführt, Felsenbrunnen, die bis zum Nilspicgcl herab- reichen, und Minarets, die wie ungeheure Wachskerzen auf Kandelabern um das Heiligthum der Kuppel aufgesteckt sind, durchirrt hier der Fremdling mit beängstigtem Herzen und zögerndem Fuß." ^ Die Citadelle liegt südöstlich von der Stadt, auf einem Ausläufer des Mokhadamgebirges, enthält den Palast, die Rc- gicrungsgebäudc, die Münze, eine Gewehrfabrik und die große Moschee des Mahammed Aali, welche, wenn sie vollendet sein wird, wohl die schönste Kairo's sein dürfte. Sie ist mit verschwenderischer Pracht ausgeführt und besteht in einer ungeheuren, von einer riesigen Kuppel bedeckten Halle, mehreren kleinen, unter sich vereinigten und ebenfalls durch Kuppeln überdachten Nebenräumen. Die Hauptkuppel wird von hohen, durch Bogen überwölbten Pfeilern getragen und zeigt auf dunkelblauem, der Farbe des egypti- schen Himmels gleichen Grunde Sprüche aus dem Khorahn in Goldschrift. Fußhohe Buchstabenreihen mit künstlich durch einander gezogenen Schriftzügen, sich ebenfalls zu Stellen der heiligen Schrift i der Mahammedaner vereinend, ziehen sich um den Fries der Kup- > pel herum. Aus den Mittelpunkten der verschiedenen Kuppelge- wölbe hängen schwere Messingplatten herab, an denen später die in jeder Moschee vorhandenen Lampen befestigt werden sollen. Die Leiche des Gründers steht noch in einem Winkel der Moschee, in 1L4 einem abgeschlossenen Raume. Hier halten sich beständig mehrere Fukhera auf, um für das Heil der Seele des Verstorbenen zu beten. Später wird wahrscheinlich ein Grabmal im Innern der Moschee gebaut werden, um die sterblichen Ucberrcste des großen Erbauers dieses herrlichen Bauwerkes in sich aufzunehmen. Der Eindruck des Ganzen war großartig und wird sich noch erhöhen, wenn der Bau vollendet sein wird. Außerhalb ist die Moschee von kühlen Bogengängen umgeben, von denen aus das Innere des Heiligthums durch große, mit geschmackvollen Metallgittern verschlossene Fenster beleuchtet wird. Sie sind, wie auch ein großer Theil des Inneren, ganz aus prächtigem, geschliffenem Alabaster, welcher einige Stunden oberhalb Beni- Suiff in der arabischen Wüste gebrochen wird, erbaut worden. Zwei schlanke, himmelanstrcbendc Minarets von gegen dreihundert Fuß Höhe krönen den heiligen Bau. Von dort oben ertönt, wie aus dem Himmel herab, die Stimme des sein Volk zum Gebete rufenden Mueddin. Mit welchem Gefühl mag der Gläubige diese Stimme aus der Höhe vernchinen und welches Gefühl muß im Herzen des Rufenden selbst erwachen, wenn er seine Augen hinabsenket auf das unbeschreiblich schöne, erhabene, vor seinen Füßen ausgebreitete Bild! — Die Gewehrfabrik auf der Citadelle steht unter der Mittelmäßigkeit. Interessanter ist die Münze, wenn sie auch nicht als ein Muster ähnlicher Anstalten gelten soll und kann. Man prägt mit sehr einfachen Maschinen Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Von ersteren gibt es deren von hundert, fünfzig, zehn und fünf Piastern, von Silbermünzen werden Thalerstücke zu zwanzig, halbe und viertel Thaler zu zehn und fünf und endlich noch ganze, halbe und viertel Piaster geprägt; die Kupfermünzen sind Fünsparastücke. In den Regierungsgebäuden sind die Burcaur der verschiedenen Ministerien, die Schatzkammer und die Gerichtssäle für die Stadt Kairo enthalten; in ihnen befindet sich auch der Diwahn der Ulema und die Gcschäftslokale einer großen Menge anderer Beamten. Der Palast des Vizekönigs ist von einem köstlich duftenden 145 Garten umgeben und in der Abwesenheit desselben dem Fremden zugänglich. Er enthält Alles, was der europäische und orientalische Lurus verlangt, ist aber sonst in Nichts besonders merkwürdig. — Das älteste Gebäude der Citadelle ist der Josephsbrunnen. Einige behaupten, daß er von Sultahn Jussuf Salatihn zu Ende des zwölften Jahrhunderts erbaut, Andere, daß er von ihm nur gereinigt worden sei und noch Andere wollen ihn Joseph, Jacob's Sohne, aufbürden, obgleich man gar nicht weiß, ob zur Zeit dieses edlen Judensohneö überhaupt an der Stelle des heutigen Kairo eine Stadt gelegen hat oder nicht (was übrigens von neueren, tüchtigen Geschichtsforschern ganz in Abrede gestellt wird). So viel scheint festzustehen, daß ein gewisser Joseph oder Jussuf einmal die glückliche Idee gehabt und ausgeführt hat, der zu seiner Zeit wahrscheinlich schon befestigten Citadelle Wasser zu verschaffen. Der Brunnen besteht aus zwei neben einander stehenden Etagen, hat einen Umfang von zweiundvierzig Fuß und ist im Ganzen bis zum tiefsten Nilstande oder bis zu sechzehn Fuß über das Mittelmeer durch den Felsen gehauen. Seine ganze Tiefe beträgt nach den Messungen der französischen Ingenieurs zweihundertundachtundsie- benzig Fuß. Um den Brunnen herum führen schraubenförmig abwärts steigende Gänge mit vielen Oeffnungen nach dem Inneren des Brunnens, in welchen auch das zur Bewegung des Schöps- rades erforderliche Zugvieh auf dem ersten Absätze hinab gelangt. Von hier aus wird durch ein einfaches Paternosterwerk das Wasser bis in ein großes Bassin emporgehoben, aus dem es durch dieselbe Vorrichtung weiter nach oben befördert wird. Auch noch eine zweite Wasserleitung führt Wasser nach der Citadelle. Sie endet bei Alt-Kairo, hart am Nile, von dem aus das Wasser mit Schöpfrädern hundert Fuß hoch emporgehoben und in einer auf vielen Bogen ruhenden Rinne nach dem Orte seiner Bestimmung geleitet wird. Schließlich mögen noch einige Worte unsers „Kleinstädters in Egypten" hier eine Stelle finden, weil sie zu wahr und zu schön n 10 146 sind, als daß ich sie meinen Lesern vorenthalten möchte. Er spricht von der herrlichen Aussicht aus der Citadelle und sagt: „Zuerst schaute ich, meiner Gewohnheit gemäß, auf das Nächste, also hier von steilen Mauerabgründcn auf die Hassanmoschee, die Gebäude der Kanoncngießerei, auf den Rumelrc und den sich anschließenden langen Sukahra-Ma'idahn*) hinab. Aber diese von oben wüst und fabelhaft anzuschauenden Räume, auf denen das Menschcntreiben sich zu einem Gewimmel von Zwergen verjüngt, hielten mich nur einige Augenblicke von dem bis zur Wüste kreisenden, Leben athmenden Weltbilde zurück, das, einer schnellenden Frucht ähnlich, nur seinen Steinkern in den Steinklumpen und Gassenlabyrinthen der Sarazcnenstadt hat." „Im Nordosten dehnt sich am Abhänge des Mokattain die Mamelukengräberstadt, in einer Länge von mehr als dreiviertel Wegstunden, gleich bei den Thoren der Stadt hin. — Jenseits derselben, am Saume einer weiten, nur spärlich von Sykomoren, Dattelpalmen und Tamariskengruppen, gleichwie von weißen Gebäuden unterbrochenen Ebene, die sich in die arabische Wüste verliert, taucht der hohe Obelisk von Heliopolis auf, wie ein Grenzstein des Weichbildes und Gesichtskreises der ungeheuren, im^Schutze der Akropolis ausgebreiteten Hauptstadt des Nil, auf deren Gräber und Paläste, auf deren Siegesthore und Schutthaufen, auf deren lebendige und todte Mysterien man aus der Vogelperspektive Herabblicken darf." „In Südwesten führt da der Aquädukt die Nilwasser bei der uralten Amrn-Moschee in's Land; und wie majestätisch treibt der geheimnißvolle, zur Gottheit gemachte Strom seine Wogen zwischen Gieseh und Alt-Kairo der Insel Rudah entgegen, die wie ein grünes Bollwerk und eine Wehr, oder wie eine schwimmende Opfergabe von Blumen und Früchten der alten Gottheit von Ka- hira entgegengcscndct. Dem paradiesischen Eilande schließen sich die Plantagen Jbrahihm's in Fostat an, aber in dem ungeheuren Panorama erscheinen diese grüne Massen nur wie ein Smaragd auf ') Zwei große Plätze. 147 dem flüssigen Silber des segenspendenden Stromes, welcher, gleichsam einem unbekannten Nichts entquollen, sich wiederum im Weltmeere in's Nichts zurückwandeln muß. Aber an seinen vorüberei- lenden, sich ewig bildenden und ewig verschwindenden Wogen stehen als Gegensatz im fortwälzenden Strome der Zeiten, die in's Meer der Ewigkeit münden, die im vollen Sonnenlichte marmorweiß schimmernden Pyramidcnmasscn fest wie die Felsen, durch welche die libysche Wüste in langer monotoner Linie von der grünen Nilniederung abgeschnitten wird." — Wir verlassen die Citadelle mit träumender Seele und wenden uns zur Besichtigung der Moscheen. Die schönste der altehrwürdigen Gebäude dieser Art ist die des Sultahn Hassan. Sie wird fast von jedem Reisenden besucht; auch wir haben sie bereits im ersten Theile dieser Blätter kennen gelernt. Ihre Erbauung fällt in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts; Einige geben die Jahreszahl 1354 an. Weit interessanter ist die „Djämaä el Aaschr", wenn sie der Hassanmoschee an Schönheit auch bedeutend nachsteht. Sie wurde im Jahre 981 durch den General des Chaliefen Mues- el-Dihn-Mahi-Djanhur-Kaid erbaut. Acht Jahre später stiftete der Chaliefe Aasies Lillahi, die berühmte Hochschule, mit einer sehr zahlreichen, in ihrer Art einzigen Bibliothek, auf welcher jetzt noch ungefähr tausend Zöglinge Theologie studiren*). Früher wurden auch die Aerzte hier gebildet. Jede Moschee zerfällt in drei Theile: indenVorhof, die Halle und den heiligen Raum mit der nach der Rich- tungslinie des Gebetes oder Khabala gelegenen Nische. Ihre innere Einrichtung ist mit geringen Abänderungen die- *) Die Arzneiwissenschaft war bei den Mahammedanern bis zu Muhammed-Aali's Zeiten mit der Gottesgelahrtheit, so zu sagen, vereinigt. Das Volk gab mehr auf geschriebene Amülette, als auf wirkliche Arzneimittel. Die Wissenschaft ging traditionell von Einem auf den Anderen über. Doch mag sich auch wohl unter dem Bücherschatze der Bibliothek der Djämaä el Aaschr manche- gute medicinische Buch befunden haben. 10 * 1-48 selbe, welche wir beim Besuche der Moschee des Sultahn Hassan kennen gelernt haben. Der Besucher der Moschee wäscht sich i'in Vorhofc und knieet auf einer der Strohmatten zum Gebet hin. Von der Kanzel spricht der Geistliche nur an gewissen Festtagen zum Volke herab. Es macht stets einen feierlichen Eindruck auf jeden gefühlvollen Menschen, wenn er, das Gewühl und Getös der Straßen verlassend, den Ort der heiligen Stille betritt. Hier, im Innern der Moschee, stört Nichts den Betenden. Eine wohlthuende Kühle empfängt den Eingetretenen und unwillkürlich heben sich die Blicke an den schlanken Pfeilern empor. Und wenn das Auge sich verliert in der hehren Wölbung der Kuppel, dann tönt die Stimme Gottes lauter zum Herzen und auch die Gedanken schweifen den Blicken nach. Dann bedarf es nicht mehr der Mahnung des Mueddihn: „Rüste dich zum Gebet!" Hier hat er nicht mehr nöthig, dem Gläubigen die schönen Worte zuzurufen: „Es ist kein Gott außer Gott! Er ist der Ewige, der Alleinige. Er hat Keinen, der ihm gleich wäre; Ihm gebührt die Herrschaft, Ihm gebührt der Preis! Er gibt das Leben und sendet den Tod, er aber lebt und stirbt nie. In seiner Hand liegt die Fülle des Segens, denn er ist allmächtig. Es ist kein Gott außer Gott und wir wollen Keinen anbeten außer ihm, dienet ihm in aufrichtiger Gottesfurcht. Gepriesen sei der Ewige, der Alleinige!" Der Mensch fühlt es, daß er im Heiligthume seines GotteS steht; unwillkürlich möchte, dem Mohammedaner gleich, auch der Christ niederknieen und wie jener sein Haupt zur Erde beugen. — Mit den Moscheen, welche in Testamenten frommer Mohammedaner mit milden Stiftungen und Geldgeschenken bedacht werden und oft ein großes Vermögen besitzen, sind gewöhnlich noch öffentliche Wohlthatigkeitsanstalten verbunden. Die Moscheen hatten namhafte Einkünfte und besaßen, wie die christlichen Klöster, große Ländereien, aber Mahammcd-Aali hob im Jahre 1865 allen Grundbesitz auf, erklärte sich zum alleinigen Eigenthümer desselben und zog in den Jahren 1810 bis 1812 auch das Besitzthum der Moscheen ein. Seine Maßregel brachte eine lebhafte Entrüstung unter 149 dem Volke hervor. Die Ulcma vereinigte sich und erklärte den Pascha sür abgesetzt. Allein die weltliche Gewalt besiegte die geistliche. Der Vizekönig nahm die widerwärtigen Schristgelehrten gefangen und schickte sie sammt und sonders in die Verbannung, damit sie dort „ihre durch vieles Studien geschwächten Geistesfähigkeiten erholen möchten." Jedoch sind die Moscheen noch nicht verarmt. Viele Arme, gewöhnlich Blinde, werden von ihrem Vermögen unterhalten, Hungrige gespeist, Kranke mit Arznei versehen,. Irre versorgt, Pilger und Reisende beherbergt und unter Anderen auch Brunnen gebaut. Einzelne Moscheen besitzen öffentliche Bäder und erhalten deren oft sehr bedeutende Einkünfte. Die erwähnten öffentlichen Brunnen sind eine große Wohlthat für das Volk. Sie werden nicht von fließendem Wasser, sondern durch Sakhaht, welche ihre Schläuche in ein großes Bassin ausleeren, gespeist. Man sieht die meist halbkrcisrundcn Brunnenhäuser fast in jeder Straße, wenigstens in der Nähe einer Moschee. Messingbechcr hängen an Ketten aus eben derselben Metallmischung an dem Schnitzwerk der Einfassung zum Gebrauche eines Jeden, der trinken will. Um den Brunnen herum sind oft noch Steinbänke zum Ausruhen angebracht. Andere Brunnenhäuschen sind gairz verdeckt; nur steinerne Stufen und einige Heber mit Messing- mundstücken bezeichnen sie dein Vorübergehenden. Daran sieht man oft Durstige stehen und begierig an den Mcssingknöpfen saugen, um das nothwendige Lebensclement emporzuheben. „Man muß diese Wasserspendcn gesehen, man muß, verschmachtet, selbst mit getrunken haben, um auch noch in der bloßen Erinnerung lebendig und mit Seele zu begreifen, was für ein schönes, natürliches und ewig wahres Menschcnthum sich in solchen Anstalten manife flirt und in welch' poetischer, jedes Menschenherz ergreifender Gestalt*)." Ja, in der That, man muß im heißen Afrika gelebt haben, um das Wasser schätzen zu lernen, um zu begreifen, wie es dort die Hauptbedingung zur Möglichkeit des Lebens ist. In den dicht 150 belebten Straßen Kairo'S gehen Wasserträger auf und ab, um den Durstigen ihr unschätzbares Getränk anzubieten. Sie tragen an Achselbändern auf dem Rücken eine große hohe Flasche mit blechen nein Ausguß, in den Händen Messingschalen (Tahse) und gehen rufend und mit den Schalen klappernd durch das Gedränge. Großes Vergnügen gewährt es dem Fremden, das Wasser auf eigne Rechnung verschenken zu lassen. Man gibt dem Sakha einen oder zwei Piaster und fordert ihn auf, das von ihm jedem Durstigen angebotene Labsal unentgeldlich zu verschenken. Mit lauter Stimme ruft er dann das Volk herbei, zugleich in seiner blumenreichen Rede dem Geber der durch ihn vertheilten Wohlthat dankend: „Der Tag ist gesegnet, kommt herbei, meine Brüder, und trinkt süßes, in dem unvergänglichen, segenspendenden Strome frisch geschöpftes Wasser! Ein Mildthätiger schenkt es Euch, er gab seine Gabe mir armen Manne, damit ich die Durstigen tränke und erquicke; bittet, daß Allah ihn segnen möge! Kommt Alle herbei, mein Gefäß ist gefüllt, mein Wasser ist süß, kommt und trinkt." Selbst diese Wasserträger sind oft Gesandte der Moscheen, gewöhnlich bevorzugte Arme, denen man durch die Erlaubniß, in einem gewissen Bezirke Wasser feil bieten zu dürfen, eine kleine Einnahme sichern will. Die Wohlhabenderen geben ihm für seine Spende fünf oder zehn Para, den Armen schenkt er umsonst. — Unter die öffentlichen Anstalten gehören auch noch die türkischen, warmen Bäder. Sie sind täglich geöffnet und werden sehr zahlreich besucht. An gewissen Tagen sind sie Vormittags, an andere» Nachmittags den Männern verschlossen, weil dann die Frauen baden. Für Letztere ist das Bad ein Ort allgemeiner Zusammenkunft, weshalb eine türkische Dame auch stets wenigstens vier Stunden im Bade verweilt. Dorthin bringen die Mütter ihre Kinder, um diese von ihren Freundinnen bewundern zulassen, dort werden die Klatschgeschichten der ganzen Stadt erörtert und die Erlebnisse gegenseitig ausgetauscht; kurz, es werden im Bade alle die weiblichen Angelegenheiten erledigt, welche unsere Damen in Kaffe- und Theegesellschaften zu besprechen Pflegen. Daß dann nur weibliche Bedienung zugegen ist, versteht sich von selbst. 151 Die gewöhnliche Badezeit der Männer ist früh, vor Sonnenaufgang oder kurz nachher. Selten wird gebadet, wenn man schon etwas genossen hat, bis zehn Uhr Vormittags aber ist das Bad stets besetzt. Der Türke hält es für einen der höchsten Genüsse und hat nicht Unrecht. Wenn der Europäer zum ersten Male ein „Hainahm" besucht, gefällt es ihm gewöhnlich nicht darin, allein bald verspürt man die wohlthätigen Folgen des Bades an seinem Körper und kehrt dann je öfter, je lieber in das Bad zurück. Nach einer zurückgelegten beschwerlichen Reise oder anderen Strapatzen ist es eine wirklich genußbringcnde Wohlthat. Der Türke besucht es sehr fleißig, weil ihm von seiner Religion nicht allein die größte Reinlichkeit auferlegt, sondern auch geboten wurde, bei gewissen Gelegenheiten den ganzen Körper zu waschen, um wieder ,,tahir" (s. S. 180 d. 1. Th.) zu werden*). Von der Außenseite sieht ein Hamahm gewöhnlich nicht gerade einladend aus. Es gleicht manchmal einer Ruine mehr, als einem öffentlichen Gebäude und nur ein gut crhaltncs Thor scheint darauf hinzudeuten, daß man in einen noch unzcrtrümmerten Raum gelangt. Beim Eintritt kommt man zuerst in eine ziemlich erwärmte Vorhalle, an deren Wänden in verschiedenen Abtheilungen acht Fuß breite Erhöhungen hinlaufen. Hier sind Matratzen oder für das ärmere Volk Strohmatten ausgebreitet. Die Halle ist sehr hoch und von vielen langen Holzstangcn durchkreuzt, in denen die Badetücher zum Trocknen aufgehangen werden. Beim Erscheinen eines Badegastes wird eine der Matratzen mit einem Leintuche überdeckt und ein anderes stärkeres Tuch als Decke bereit gehalten. Man entkleidet sich und erhält von einem den Badewärtcr ein Leintuch als Schürze vorgebunden, ein anderes turbanähnlich um den Kopf gewickelt. Nachdem man so zum Baden vorbereitet ist, wird man in das zweite Zimmer geführt, in welchem sich bereits eine ziemliche Hitze fühlbar macht. Der Boden des Gemaches ist heiß und schlüpfrig, weshalb man die Füße mit Holzpantoffeln bekleidet *) kost ooncuditum lNskzmmoäsiii semper dslneo utuaiur 152 und sich, um nicht zu fallen, führen lassen muß. Hier wird man erst tüchtig durchgewärmt, bevor man die eigentliche Badestube betreten darf. Diese ist ein viereckiger, mit einer flachen Kuppel überdeckter Raum; in der Kuppel befinden sich durch verschiedenfarbiges GlaS verschlossene Ocffnungen. An den Wänden sind Nischen mit Becken angebracht, welche durch zwei Hähne mit heißem und kaltem Wasser versehen werden. In der Mitte des Zimmers ist ein Bassin mit Wasser von scchsunddreißig bis vierzig Grad Reaumur Wärme und neben diesem eine Steinbank von anderthalb Fuß Höhe und einem Flächenraum von zwölf und mehr Fuß in's Quadrat. Der Boden des Gemachs ist mit buntfarbigen Marmorplatten getäfelt. Die Hitze in diesem Raume ist beängstigend. Nun beginnt das eigentliche Baden. Der Hamahmdji oder Badewärter durchknetet erst alle Glieder des Patienten, welcher sich zu dieser Operation auf das erwähnte Steinlager legen muß. Der Schweiß dringt diesem dabei aus allen Poren heraus und rinnt in Strömen am Körper herab. Nachdem der Bader die Glieder hinlänglich gedehnt, gekniffen, gedrückt, gedreht und gerenkt hat, bringt er ein Gefäß mit Seife und warmem Wasser herbei, seift den ganzen Körper tüchtig ein und bearbeitet ihn mit einem Wisch von seinen Dattelfascrn unaufhörlich. Dann verwechselt er die „Liese" mit einem weniger kratzenden, handsckuhartigen Lappen von grobem Tuch oder sehr feinem Filze und reibt mit diesem die Haut so lange, bis sie sich stark röthet. Nun räth er dem Badenden, in das Bassin mit dem sechsunddreißiggrädigen Wasser zu steigen und sich darin abzuspülen, was ich aber billiger Weise stets unterlassen habe. Von hier aus wird man zu einer der Stufen geführt, wo man sich auf einen steinernen Stuhl setzt und nochmals einseifen und waschen läßt. Dann gießt der Hamahmdji mit einen blechernen Becher Ströme von Wasser über den Badenden aus. Nach und nach nimmt er das Wasser immer kälter, bis er zuletzt nur lauwarmes anwendet. Jetzt wird man der nassen Tücher entkleidet und bekommt ein reines Leintuch um die Hüften, ein anderes um die Schultern ge- 153 schlagen, ei'n drittes wieder als Turban um den Kopf gewickelt. In diesem Aufzuge wird man zu dem ersten Zimmer zurückgeführt und legt sich dort auf eine der reinlich überzogenen Matratzen nieder. Nun erscheint ein anderer Badewärter, uin die Nagel der Fußzehen zu verschneiden und den ganzen Körper noch einmal durchzukneten. So unangenehm diese Operation vor dem Bade ist, ebenso angenehm ist sie nach demselben. Man fühlt sich außerordentlich behaglich zwischen seinen Lcinentüchcrn, zumal bei einer Pfeife des köstlichen Tabaks und einer Tasse guten ächten Mocha's. Hier ruht man ein halbes Stündchen aus und kleidet sich dann wieder an. Der Preis eines türkischen Bades ist nicht bestimmt; Jeder gibt nach Gutdünken. Die armen Egypter zahlen nur fünfzehn Para, während Europärer und vornehme Türken gern drei bis fünf Piaster geben. Der Kaffe wird besonders bezahlt. In Kairo ist jedes Bad für anständige Leute eingerichtet und vorbereitet, in kleineren Städten thut man dagegen wohl, wenn man baden will, es vorher dem Badewärter ansagen zu lassen, dainit dieser das andere Gesindel entferne, in dessen Gesellschaft nicht gut zu baden ist. — Wollte ich bei Erwähnung der öffentlichen Gebäude aller Geschäftslokale hoher Beamten der Regierung gedenken, so würde das dem Zwecke dieser Blätter keineswegs entsprechen. Ich beschränke mich auf eins von ihnen: das Polizeiamt oder die SLbth'iö. Es ist ein großes, dicht am Eingänge der Muhski gelegenes Gebäude, in welchem sich viele Säle für alle die verschiedenen Zweige der Polizeivcrwaltung befinden, mit Schreibern, Effendis und anderen Beamten vollgcpropft. Das untere Stock enthält die immer gefüllten Gefängnisse. In der weiten Thorfahrt sieht man stets einige Khawaffen, d. h. Polizcidiener, Gensd'armen, Constabler oder was für einen Titel man ihnen sonst geben will, auf Khafaß- bänken sitzen und der Befehle eines Polizeibeamten harren. Die Leute sind uniformirt und unermüdlich im Dienste. Man wählt zu ihnen meist Soldaten türkischer Abkunft, welche früher bei der irregulären Kavallerie eine Stelle als Unteroffizier bekleideten. — Die Schulen sind keine öffentlichen Gebäude, sondern ganz nach Willkür der Fukhera ausersehene, große Zimmer in beliebigen Häusern. Hiervon sind natürlich mehrere von Mahammed-Aali angelegte, von Aabahs-Pascha aber thcilweis schon wieder aufgelöste oder wenigstens ganz vernachlässigte Schulen ausgenommen. Auf ihnen wurden talentvolle Knaben auf Kosten der Regierung in mehreren Sprachen und den nöthigsten Wissenschaften unterrichtet und zu Beamten herangebildet. Die Schulen oder, besser gesagt, die Hochschulen (Meträsse) standen unter spezieller Leitung tüchtiger Europäer und waren in recht gutem Zustande. Da übernahm Aabahs die Regierung, besuchte die Schulen und nahm die Hälfte der Zöglinge weg, um sich aus ihnen ein phantastisch gekleidetes Cadettcnregimcnt zu bilden. Die hübscheren unter ihnen wußte er noch besser zu verwenden und steckte sie in seinen Kna- benharehm. Gewöhnliche Volksschulen werden von einem Fakh'rc (Geistlichen) oder Hohdje (Lehrer) angelegt und sind Privatanstaltcn. Dort werden die Knaben einige Jahre unterrichtet und lernen den Khorahn lesen, Schreiben und Rechnen*). Die Schulstubcn befinden sich zur ebenen Erde; unbekümmert um das Gewühl und das Leben der Straße vor ihnen beginnt der Lehrer seinen Unterricht und gewöhnt die Knaben frühzeitig daran, eine gute Partie Schläge auf die Fußsohlen ertragen zu lernen. Das Getöse und Lärmen vor der Thür der Schulstube stört die lernbegierige Jugend übrigens nicht im Mindesten, weil sie selbst ein Lärmen verursacht, gegen welches das auf der Straße „Friede Gottes und süße Harmonie" ist. In allen Nythmen und Tonarten lesen, sprechen, brüllen und heulen sie durch einander und entwürdigen dabei den Khorahn auf eine abscheuliche Weise. Ernsthaft sitzt der mit einem langen Rohrstabe bewehrte Fakhie auf einem Kissen und hört, wie wenn er zwanzig Ohren hätte, auf das Durchcinanderbrüllen der *) An letzterem sind die Araber »och sehr zurück und bedienen sich unter Anderem ganz absurder Zeichen, um die Bruchtheile halb, viertel, achtel, sechzehnte!, drittel, sechstel, nenntet, zwölftel, fünftel und zehntel auszudrücken, denn weiter geht ihre Kunst nicht. Einen koptischen Schreiber, der sich rühmte, ein großer Rechnenmeister zu sein, brachte ich mit einem Kettenregelexempel in nicht geringe Verlegenheit. Jugend. Wenn Einer nur einen Buchstaben fehlerhaft liest, der Lehrer hat es gewiß gehört und ermähnt seine Schüler mit einem Schlag seiner Gerte, achtsamer zu sein. Beim Schreiben haben größere Schüler die jüngeren und unwissenderen mit zu beaufsichtigen. Das Schulgeld, welches der Fakh'ie von den Eltern der Kinder empfängt, ist gering und lange nicht hinreichend, ihn zu ernähren, weshalb er noch viele Nebendienste treibt, z. B. Briefe für des Schreibens Unkundige, Kontrakte, Schuldverschreibungen und andere Schriften anfertigt. Von den Fabriken spreche ich nicht; ich habe mich nie dafür interessirt, auch stehen sie unter der Mittelmäßigkeit. Kairo's Vorstädte sind für sich betrachtet ganz anständige Städte. Bulakh soll vierundzwanzigtauscnd, Alt-Kairo fünf- zehntauscnd, Djieseh ungefähr sechstausend Einwohner haben. Bulakh liegt eine Viertelstunde, Fostat zehn Minuten von der Stadt entfernt, beide dicht am Nile. Beide sind die Häfenplätze der Stadt, Bulakh für die nach Unteregypten, Altkairo für die nach Oberegypten gehenden Schiffe. Beide Städte haben ihre eigene, der von Groß-Kairo jedoch untergeordnete Polizeiverwaltung. In Bulakh befindet sich ein Hauptzollamt, das Arsenal auf der Werfte, die Druckerei, Erzgießerei, das Büreau für die Dampfschiffe, Baumwollenspinnereien und andere Fabriken; Alt-Kairo hat auch ein Zollamt, Zuckersiedereien, Dampfschöpfmaschinen und mehrere Fabriken, ich weiß nicht mehr wozu. In Djieseh befinden sich eine große Militärschule für die Reiterei, die Regicrungsgcbäude für die Provinz Massr oder Mittelegypten und die Brütöfen, wie auch mehrere Dampfmaschinen zur Bewässerung der den Söhnen Jbrahihm - Pascha's gehörigen Ländereien. Unzählige Rcitesel, Pferde, mit Ochsen bespannte Waarenkarren, Kamele, Maulthicrc und in neuester Zeit zwischen Großkairo und Bulakh sogar Perso- nenomnibi stellen die Verbindung unter diesen Stadttheilen her; der Verkehr ist, wie sich erwarten läßt, sehr lebhaft. Die Vorstädte haben ihre eigenen Basars, in denen man die gewöhnlichsten 156 Handelsartikel nicht selten billiger kauft, als in Großkairo selbst. Das Leben ist in den Vorstädten weit billiger, als in der eigentlichen Stadt, weshalb auch viele Geschäftsleute dort ihre Wohnungen haben. — Die Umgebung der Hauptstadt ist nicht besonders schön, gewinnt aber durch die großartigen Denkmäler der Vergangenheit, auf die man in jeder Richtung stößt, sehr an Interesse. Südlich von Großkairo liegt die über eine halbe Meile lang und Viertelmeile breit, am Fuße des Mokhatham in der Wüste ausgebreitete Stadt der Todten einiger Jahrhunderte, um die Moschee Amru, die älteste der Khahira, herum. Es wird Dem, welcher zwischen den Tausenden der Gräber, von denen Hunderte mit Kapellen und Kuppeln überbaut sind, herumwandelt, ganz eigen zu Muthe. Der Geist des FricdhofeS überkommt Einen hier unter all den Gräbern. Da schlummern die großen Todten friedlich in der Wüste! Kaum daß man einen Laut hört, kaum daß man einen Vogel oder eine Eidechse sieht! Alles ist still und heilig, wie es auf dem Friedhofe sein soll. Lange, gassenartig angelegte Reihen von kup- pelbedachten Grabmälern überwölben die Gräber der früheren Herrscher des Landes, der Mameluken, andere gehören reichen und mächtigen Amara an. Und dazwischen sieht man im Sande ein halb verfallenes, elendes Grab, ohne die stolze, prunkende Inschrift, wie wir sie an jenen bemerken: wem mag dieses angehören? Es ist ein eigener Gedanke, über den Gräbern der Todten Prachtbauten zu errichten, eine Stadt der Todten anzulegen! Man meint immer, Einer von denen, die hier schlummern, nachdem sie das Schwert oder die Seuche oder die Ucberlast des Alters hinwegge- rafft, müsse hervortreten aus einem der Gebäude, um dem seltenen Wanderer, der diese Stätte betritt, zu begegnen und ihm Vieles, Vieles von verflossenen Jahrhunderten zu erzählen, und fast überfällt Einen ein Grausen! Aber bei denen sind längst die Boten Gottes Munk er und Nekihr vorübergegangen und haben ihnen ihre Fragen vorgelegt. Der „Klopfer" hat den Todten geweckt und der Prüfer*) hat gefragt: „Wer ist dein Herr?" und *) Mnnker und Nekihr ist von der Wurzel „nsksrs", Etwa» nicht 157 auf die Antwort geharrt: „„Gott ist mein Herr!"" „Was ist dein Glaube?" „„Der Jslahm ist mein Glaube!"" „Was ist dein Buch?" „„Der Khorahn ist es!"" „Welches ist deine Richtung?" „,,Die Khabala!"" ,,Welches ist dein Glaubensbekenntniß?" „„l-o, il Inka il Naksmmeä rassulrl ^Ilak."" Und bei wie Vielen wird dann Nekibr geantwortet haben: „Schlafe, Knecht Gottes, schlafe im Frieden Gottes!?" Nun so schlaft denn in Frieden Gottes, ihr treuen und untreuen Diener des Propheten, und möge nie eine frevelnde Hand an Euren Wohnungen rütteln, möge immer der traurig melancholische Ruf der Wüstenlerche zwischen Euren Ruhestätten erschallen, als sei er in seiner unendlichen Schwcrmuth ein Klaggesang; er stört Euch nicht, ebensowenig ihr den buntgeflügelten Steinschmäz- zer vertreibt, der in Euren Wohnungen auch sein Nest erbaute. „^Ilali arcimmkum!" Gott begnadige Euch! — Weiter nördlich, also südöstlich von der Stadt, liegen die Chaliefengräber. Es sind fast an hundert prachtvolle, aus allen Perioden der sarazenisch-arabischen Baukunst herrührende Moscheen, voller Geschmack und.Kunst, mit hohen Kuppeln und Minarets, innen und außen mit regellos und wirr durch einander geschlungenen und doch harmonisch zum Ganzen passenden Arabesken. Kein Zeichner ist im Stande, dem Chaos von Blumen und Blättern und Aesten mit seinem Blei zu folgen, welches die Kuppeln von allen Seiten bedeckt. Licht und Schatten wechseln bei der Beleuchtung Egyptens in einer Weise ab, die gar nicht zu beschreiben ist. Man muß Moscheen, man muß die Chaliefengräber selbst gesehen, man muß vor ihnen im Sande der Wüste gestanden, man muß* das Tosen der lebensvollen Stadt hier in der ewigen Stille der Wüste wie fernes Gemurmcl erklingen gehört haben, wenn man den Eindruck fühlen will, den sie hervorbringen. Da verstummt wissen oder nicht wissen wollen, ableugnen rc., abgeleitet. Ich habe Munker, wörtlich „der Etwas nicht Wissende", mit „Klopfer" und Ne- kihr „der Etwas Ableugnende", mit „Prüfer" übersetzt und bin so mehr der Sage, als der Grammatik gefolgt. Nach jener klopft Munker an das Grab des Todten und Nekihr stellt die angegebenen Fragen an denselben. 158 jede Erzählung, da hört die Feder auf, wirksam zu sein. Es gibt davon Viel zu erzählen, so Viel zu schreiben, daß man keinen Anfang und kein Ende finden würde. Mich interessirte vor Allem das Grab des unglücklichen vorletzten Beherrschers Egyptens, der dem türkischen Sultahn Selim auf seine Forderung: das Gebet in der Moschee für ihn zum Himmel zu senden, die trotzige Antwort gab: „Da sei Gott vor, daß ich Das thun lasse für einen räutigen Hund, wie Du es bist!" Der Sultahn sandte sogleich eine eben ausgerüstete Flotte und ein Landhecr nach Egyp- ten, den Frechen zu bestrafen. Doch Allah verschonte ihn von dem schrecklichen Zwanggerichte des erbosten Wütherichs: er starb und sein Nachfolger wurde für ihn der Rache geopfert und lebendig gespießt. Sultahn Selim eroberte das ganze Land und zog durch ein Thor in Kairo ein, welches noch heute Bahb el nassr (das Sicgesthor) genannt wird. Es ist dasselbe Thor, durch welches man jetzt die Stadt verlassen muß, um zu dem Grabe des stolzen Chaliefen zu gelangen. Wenn wir in der einmal begonnenen Richtung unsere Rundwanderung um Kairo fortsetzen, kommen wir zu einem im Beginn begriffenen neuen Stadttheile, Aab ah sie. Man hätte in allen Sprachen der Welt keinen passenderen Namen finden können, als gerade diesen. Die Idee, einen Stadttheil in die Wüste hinaus zu bauen, der mit dem Tode des Erbauers verlassen werden wird, konnte eben nur aus dem Gehirn eines Aabahs entspringen. Und dann die Art und Weise des Baues selbst ist ebenso aabahsisch, als die Idee. Der bereits vollendete Palast Sr. Hoheit zeugt von dem allererbärmlichsten Geschmack, den es geben kann, oder, besser gesagt, von gar keinem. Wenn nun auch der Vizekönig den Riß zu dem Gebäude nicht selbst zeichnete, den äußeren Putz hat er ganz gewiß angeordnet. Es sind grüne und rothe Felder neben einander und mit einander abwechselnd. Grün und Roth inmitten der Wüste! Man glaubt gar nicht, wie abscheulich das aussieht. Zu Anfang des Jahres 1852 waren außer dem Palaste Sr. Hoheit nur wenig andere Gebäude fertig. Der Befehl des Vizekönigs an alle hohe Beamten, dort auch Gebäude zu errichten, 159 schien diesen nicht gerade besonders zu gefallen, wenigstens zeigten sie keine große Eile. Allein dennoch waren mehr als tausend Arbeiter in Thätigkeit, meistens von der Regierung gepreßte und mit der Hetzpeitsche zur Arbeit getriebene Leute. Der Vizekönig hielt sich oft in seinem neuen Schlosse auf und ließ seine Knabenbatail- lonc Parade machen. An Hunden, Katzen, Hühnern, Tauben und anderem Pich fehlte es da, wo Aabahs sich aufhielt, natürlich nie. Nördlich von Aabahsie oder Hassuan liegt gegen zwei Stunden von Kairo entfernt das altbcrühmte Heliopolis, schon in der Bibel unter dem Namen On (1. B. Mosc 41. 50) erwähnt. Der Weg führt von Kairo aus an Aabahste vorüber, auf dem Damme eines Kanals dahin, welcher sich fast am Saume der Wüste hinzieht und nach dem Lande Gasen wendet. An der Stelle des alten Sonncntempels sieht man das heutige Dorf Mätsrks. Nur noch ein einziger Obelisk steht aufrecht, alles klebrige liegt im Schütte begraben, auf dem man theilweise schon wieder Gärten angelegt hat; große Strecken sind noch vom Schutt bedeckt. Der Obelisk ist einer der größten und schönsten, welche ich in Egypten gesehen habe, dient aber jetzt einer Art Wespen zur Wohnung, welche seine Hieroglyphen und Cartouchcn mit Lehm überklebt haben. Nicht allzu weit vom Obelisken entfernt stößt man auf eine große Merkwürdigkeit in Egypten: eine Quelle mit süßem Wasser. Die Araber nennen sie „Ai'n el schemms", d. h. die Sonnen- quelle. Die Sage bezeichnet sie als dieselbe, von welcher Joseph und Maria mit dem Kindlein auf ihrer Flucht nach Egypten tranken. Ganz in der Nähe sieht eine uralte, riesige Sykomore in einem Garten. Unter diesem Baume soll die Mutter des Heilandes mit ihrem Gemahle und dem Kinde geruht haben, nachdem sich die Familie an der Quelle erquickt. Der Baum steht in großer Achtung bei den Christen Egyptens und Syriens, dient aber auch zu gleicher Zeit einem merkwürdigen Aberglauben zur Basis. Man glaubt nämlich, Unfruchtbarkeit der Frauen dadurch heilen zu können, daß man einen Bindfaden um den Stamm des Baumes legt, 160 gewisse Ceremonieen beobachtet und dann den Bindfaden der Frau um den bloßen Leib herum bindet. So geht hier der Aberglaube mit der Sage Hand in Hand und schwächt die lieblichen Erinnerungen, welche uns diese vor die Seele führt. Mit Heliopolis haben wir das letzte, von uns noch nicht besuchte Denkmal aus der Pharaonenzeit in der Nähe Kairo's kennen gelernt und wenden uns auf unseren Ausflügen jetzt zu dem noch in voller Blüthe stehenden, lebendigen: ich meine die großartigen, orientalisch-schönen Gartenanlagen in Schubra und auf der Insel Roh da oder Rudah. Schubra liegt drei Viertelstunden nördlich von der Hauptstadt. Man reitet in einer schönen schattigen Allee von Sykomo- ren und Platanen dahin. Am Wege stehen Mimosen, deren Blü- thendust die ganze Atmosphäre würzt. Zahlreiche Landhäuser machen den sehr belebten Weg angenehm; sehr viele Schöpfräder bewässern rechts und links am Wege herrliche Gärten mit dunklen Orangenhainen. In Schubra zeigte man früher dem Fremden zuerst einen großen männlichen Elephanten mit mächtigen Stoßzähnen. Er war mit einer starken Eisenkette am Stamme einer Sy- komore gefesselt. Später nahm ihn Saaid-Pascha, der jetzige Vizckönig, mit sich nach Alerandricn, wo er, wie ich bereits berichtete , im Mareotissce ertrank. Der große berühmte Garten von Schubra, den einige Reisende den ersten Garten der Welt nannten, macht den Eindruck, welchen man erwartet, nicht. Er ist im Renaissance angelegt, gut bewässert und gehalten und von einer ganzen Vogelwelt bewohnt. Mitten darin steht der Kiosk oder Sommerpalast des alten Mahammed- Aali. Das großartige Gebäude bildet ein ungeheures Viereck, innen mit breiten Colonnaden, deren von vergoldeten Säulen getragenes Dach auf das Mannigfaltigste verziert ist. Die Säulengänge umschließen ein ungeheures Marmorbecken, in dessen Mitte sich auf einer Insel ein Pavillon erhebt. Das Ganze kann mit Gas beleuchtet werden und muß dann bei Nacht einen wirklich feenhaften Anblick darbieten, noch eher aber ihn zu Zeiten des alten Muhammed ihn dargeboten haben, wenn dieser sich, wie er gar gern that, 161 von den Frauen seines Harehm in einem kleinen leichten Boote auf der spiegelglatten Fläche des Wassers herumfahren ließ. Dann machte er sich auch gern den Spaß, eine der schönen Ruderinnen plötzlich in's Wasser zu werfen, welches nirgends so tief war, daß ein ernstlicher Unfall daraus hätte entstehen können, und ergötzte sich weidlich an dem Schrecken der geängstigten Frau, ehe er einem der Verschnittenen den Befehl gab, sie wieder herauszufischen. Die vier Ecksalonö des Kiosk sind mit verschwenderischer Pracht ausgestattet. Man scheut sich, im europäischen Anzüge mit den Stiefeln auf den prächtigen Teppichen herumzuwandeln oder sich auf einen der kostbaren Diwahns niederzulassen. Der höchste türkische Lurus zeigt sich überall. In einem der erwähnten Zimmer befindet sich auch ein Billard, welches, wie es scheint, ein Lieb- lingsspiel des alten Pascha gewesen sein muß, weil wir es in allen Palästen desselben bemerken. In dem Garten sieht man viele schattige Lauben, zu denen kühle, mit kleinen Steinen mosaikartig ausgelegte Wege führen. Als eigene Liebhaberei Mahammed-Aali's zeigte man früher noch mehrere hundert Paare seltener Tauben in einem großen Drahthause. Diese erfreuten sich auch unter der Regierung Aabahs des Großen der innigsten Theilnahme. Schubra ist ein Besitzthum des Vi'zckönigs; Rohda gehört den Söhnen Jbrahihm Pascha's. Die köstlichste aller Inseln Egyp- tens liegt zwischen Fostat und Djiesch im Nike. Sie ist bei einer Breite von zehn Minuten über eine Vicrtelmeile lang, enthält den berühmten Nilmcsser, Harehnigebäude des verstorbenen Jbrahihm und Wohnungen für hohe Beamte desselben. Das Uebrige ist in einen Garten, den wir wohl am Besten einen orientalischen Park nennen könnten, umgcschaffen worden. Wahrscheinlich haben ihn Europäer angelegt. Man sieht die allcrverschiedensten Pflanzen und Bäume in malerischen Gruppen vereinigt. Die Pinie Griechenlands steht neben der Dattelpalme Egyptens, indische Blüthenge- wächse im Schatten von nubischcn Dompalmen. Pflanzen und Bäume dreier Erdtheile wachsen in diesem Garten frei empor. WaS Indien und Persien, Syrien und Arabien, Palästina und Grie- » 11 162 chenlcmd, die Türkei und Tunis, Spanien und Algier, Nubien und Ost-Sudahn an seltenen Gewächsen bietet, ließ Jbrahihin auf der Insel Rohda pflanzen. Breite schattige Gänge sichren in den mannigfaltigsten Verschlingungcn, durch Orangenhaine und innner- blühende Rosenhecken, zwischen Blumenbeeten und fremdartigen Gebüschen dahin, dann und wann sich dem einen oder dem anderen Ufer der Insel nähernd, um einen Blick auf die Pyramiden oder Alt-Kairo mit den leuchtenden Minarets der Citadelle im Hintergründe zu erlauben. Manche Theile des Gartens sind mit Staketen aus Rohrstäben eingefaßt, andere mit stärkeren und festeren Zäunen umgeben, andere sind kleine, von breiten, gemauerten und mit wasserdichtem Cement ausgekitteten Gräben umzogene Inseln auf der Insel. Auf einem grünen, wohlumschlossenen Rasenplatze springen Känguruhs unter Damnchirschcn, Murmclthiere und Gazellen herum; mehrere Strauße, die Flügel lüftend und den langen Hals mit dein kleinen dummen Kopfe hin und her wiegend, stol- ziren langsam umher. Breite Steintreppcn führen auf der nach Alt-Kairo zu gelegenen Seite der Insel zum Strome herab, um den aus den Booten Landenden ein bequemes Aufsteigen zu gewähren ; am oberen Ende brechen feste Mauern die gegen die Insel anströmenden Wogen des mächtigen Stromes. Mitten im Garten steht ein kleines tempclartiges Gebäude, welches oben einen Saal mit schöner Aussicht und unten eine Grotte enthält, deren Wände mit Muscheln und Korallen auf das Reizendste verziert sind. Die Insel Rohda ist sehr schön, am schönsten aber erscheint sie aus der Ferne oder vom Strome aus gesehen. Wenn der Garten nicht dem großen Publikum geöffnet ist, ist es sogar ermüdend, zwischen den Blumen und Bäumen hcrumzuwandeln, ohne Jemanden, als einem der Gärtner zu begegnen. Europäern und Fremden ist Rohda nur dann unzugänglich, wenn sich der Harehm von einem der Söhne Jbrahihm'S dort aufhält. — Zwei Stunden südöstlich von Kairo stoßen wir auf eine na- turgeschichtliche Merkwürdigkeit, von welcher fast in allen Reisebe- schreibungen die Rede ist. Ich meine den sogenannten versteinerten Wald. Er liegt in der arabischen Wüste, hinter dem er- 163 stm Höhenzuge des Mokhadam. Auf dem gewöhnlichen Wege, den man zu Esel einzuschlagen pflegt, verläßt man die Maheruh- set durch daS Bahb clnassr, reitet an den Chaliefcngräbern und dem Djebel el achmar oder rothen Berge, welcher durch ein Thal von dem Djebel cl mokhadam getrennt ist, vorbei, läßt ihn links liegen, wenn man nur den Djebel cl chaschab oder versteinerten Wald zu besuchen beabsichtigt, thut aber wohl, den rothen Berg zu besteigen. Er besteht aus einem zerklüfteten rothen Steingerölle, welches ihm seinen Namen ertheilt hat. Bon seiner höchsten Spitze genießt man eine wundervolle Aussicht. Man schaut rechts auf Aabahsie und die diese Vorstadt umgebende Wüste, aus welcher mehrere Tclcgraphcnthürmc und Posthäuser an der Straße nach Sues hervorschimmern, sieht, nach links sich wendend, einen großen Theil des Rilthalcs mit den Pyramiden auf der anderen Seite des Stromes, mehr in derselben Richtung die Chaliesengräbcr und die Citadelle, vor sich auf das entfernte Bulakh, „und endlich schwimmt vor den berauschten Sinnen in einem Meere von Licht und Glänze die märchenhaft bethürmtc Kahira mit ihren dreihundert Moscheen. — Alle die Kuppeln blitzen in den revcrbcrircndcn Sonnenstrahlen und blähen sich so mächtig im blauen Aether, daß die weißen und schlank aufschießenden Minarets wie Fontaincn anzuschauen sind, durch welche den schwellenden Gewölben Luft gemacht wird, damit die architektonische Zauberei, die Fata Mor- gana, nicht wie ein buntes Scifenblascnspiel zerplatzt, so groß ist die Illumination der Sinne von dieser Wirklichkeit in Stein, daß sie auf Augenblicke wie Traum und Phantasmagorie erscheint*)." Eine Stunde weiter in der begonnenen Richtung fortschreitend, kommt man zum Djöbsl öl chaschöb. Dort liegt Baum an Baum versteinert. Welcher Prozeß mit dem Holze vorgegangen ist, begreift man nicht. Die einzelnen Stämme kann man auch noch aus der Richtung verschiedener Blöcke erkennen. Keiner davon ist über 11 * ) B. Goltz. 164 zehn Fuß lang, sie liegen oft drei bis vier Fuß von einander entfernt, als wollten sie dem Beschauer die Idee aufdrängen, der Baum wäre in der Luft versteinert, dann umgefallen und durch den Sturz in mehrere Stücke zerbrochen. Die Tertur des Holzes ist noch genau zu erkennen. Große Massen des Steinholzes liegen zerstreut in der Wüste und bedecken einen Raum von mehr als einer Viertelmeile im Durchmesser. Außer dem Holz findet man auch noch Massen von versteinerten Muscheln und Fischen. Unter den Steinen halten sich sehr viele Scorpionen auf, auch Schlangen sind häufig. Wenn man von diesem Berge in südlicher Richtung fortgeht, gelangt man zu einem etwa vier Stunden weit entfernten Wadi, in welchem sich Mit mehr und schönere Stücke des versteinerten Holzes finden. Dort liegen Stämme von sicbenzig Fuß Länge umgebrochen auf der Erde. Ich selbst habe den Ort nicht besucht, auch ist mir der Name des Wadi entfallen. Welcher Holzart die versteinerten Bäume angehört haben, weiß man nicht. A l e r a «t d k i e n als Centralpunkt des europäischen Lebens. Nach dem, was ich von Egyptcn und Kairo bereits mitgetheilt habe, würde eine trockene, statistisch-geographische Beschreibung Alerandriens meine Leser ermüden. Ich will deshalb in diesem 'Abschnitte die Schilderung des Lebens der in Egyptcn ansäßi- gen Europäer zu meiner Hauptaufgabe machen und von der Stadt selbst nur Das, was zur Vervollständigung meines Buches unumgänglich nothwendig ist, hier mittheilen. Alerandrien, arabisch „Jskändör'iö", die stark befestigte Hafenstadt Egyptens, liegt unter 31" nördlicher Breite und 35/ östlicher Länge (Fcrro) und, wie man aus jeder Special- kartc sehen kann, auf einer sich eine Viertclmeile in das Meer erstreckenden, von zwei Hafenbecken umgebenen Landzunge. Bemerkenswertste Gebäude sind: die Festungswerke, das Arsenal, die Quarantäne, die Militärhospitäler, das Hafen- schloß des Vizckönigs, einige ältere Moscheen n. s. w., von Alterthümern nennt man gewöhnlich: die P 0 mp e j us säu le, die Radeln der Kleopatra, die Bäder dieser Dame, die Katakomben u. s. w. und zeigt dem Fremden hie und da in der Stadt und Wüste liegende Sarkophage, Säulenschäfte, Kapitale u. s> w. Nach einer den europäischen Konsulaten von der egyptischen Regierung gemachten Angabe hatte Alerandrien mit Umgegend im Jahre 1849 einhundcrtundviertausend Ein- w oh n e r. Die Anzahl der damals hier ansässigen Europäer mochte zwölftausend betragen und ließ sich in ungefähr sechstausend Italiener und Dalmatiner, viertausend Griechen und Malte- 166 ser und zweitausend von den übrigen Nationen eintheilen. Unter den zwölftausend sind aber auch alle diejenigen Levantiner und Kopten mit Inbegriffen, welche sich unter den Schutz der europäischen Konsulate gestellt oder vielmehr deren Schutz empfangen hatten. Eine bei Weitem größere Anzahl der Letzteren sind, wie auch die meisten Griechen Räjä. Die Scelenzahl der türkischen Bevölkerung mochte sich auf höchstens achttausend belaufen, alle übrigen Einwohner Alerandriens bestanden aus Arabern, Kopten und Lcvantinern, wenigen Juden, einzelnen Persern, Kurden, Syrern und Beduinen, welche Letztere manchmal ihre Zelte um Ale- randrien herum aufschlugen und sonderbarer Weise — wie auch die Bewohner mehrerer kleiner Ortschaften in der Nähe Alerandriens — mit zu den Einwohnern der Stadt gezählt wurden. Innerhalb der die Stadt umschließenden Festungsmauern dürften nicht mehr als achtzigtauscnd Menschen wohnen. Ob die von mir eben gegebenen Zahlen richtig sind oder nicht, muß ich dahin gestellt sein lassen; ich selbst gebe auf die Genauigkeit türkischer oder arabischer Personenzählungen nicht gerade Viel. In das Geheimniß des Ha- rehm dringt kein Späherauge und alle mahammedanischen Wohnungen sind nach Außen zu viel zu sehr abgeschlossen, als daß eine Schätzung ihrer Bewohner jemals ganz richtig ausfallen könnte. Ein mahammedanischer Herrscher weiß nie genau, wie viele Einwohner sein Reich zählt. Alle Angaben über diesen Punkt sind bloße Schätzungen, von denen man muthmaßt, daß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Trotz der im Verhältniß zur ganzen Bevölkerung sehr geringen Anzahl der Europäer beginnt sich deren Uebergewicht doch mit jedem Tage fühlbarer zu machen. Die Europäer haben durch Maham- med-Aali: (El sälähm aale'ihu! Das Heil über ihn!) in Egypten vollkommene Religions - und Gewerbefrciheit erhalten. Wir finden jetzt drei christliche Mönchs- und ein Nonnenkloster in Ale- randrien. Eins der ersteren beherbergt Vätcr der Gesellschaft Jesu, welche sich auch schon hier festgesetzt und zu wirken angefan- 167 gen haben, die anderen beiden sind, wenn ich nicht irre, Fran- ziskancrklöstcr. Alle sind äußerst wohlthätige Erziehungsanstalten für die europäische Jugend. Die Schule der Jesuiten und die Mäd- chenerzichungsanstalt der Nonnen stehen im besten Rufe. Mit bewunderungswürdiger Selbstaufopferung üben die Nonnen auch die Pflege der Kranken im europäischen Hospitale. In Zeiten der Pest und Cholera erscheinen die Mönche mit wahrer Lebensverleugnung bei den Erkrankten, um sie zu Pflegen und zu trösten. Sonntags wird in allen Klöstern feierliche Messe abgehalten. Die Kirche der Jesuiten war der Versammlungsort der schönen europäischen Damenwelt Alcrandricns. Ihre Musik konnte für Alerandrien vortrefflich genannt werden. Die Kopten haben wie die Griechen, deren Religion auch die der Levantiner ist, eigene Kirchen und Klöster. Wir Protestanten haben bis jetzt nur eine englische Bctkapelle, doch hat man an einer neuen Kirche von Seiten der Engländer schon Viel gethan. Diese wird auf dem großen Platze des Frankenviertels, zwischen dem französischen und griechischen Konsulatsgcbäude im byzantinischen Style erbaut und verspricht sehr schön zu werden. Leider scheint das reiche England hierzu nur wenig Geld aufwenden zu wollen; der Bau fördert fast nicht und hat schon Jahre lang ganz brach gelegen. Der protestantische Gottesdienst wird bis jetzt nur in englischer Sprache abgehalten. Die Umgangssprache Alcrandricns ist Italienisch; Französisch ist, wie überall, die Sprache der vornehmeren Gesellschaft; Englisch wird wenig gesprochen, aber nächst dem Italienischen noch am Meisten von einzelnen Arabern erlernt, um den nach Egyptcn kommenden Engländern als Dragoman oder Reisebegleiter dienen zu können. Deutsch versteht, außer den Deutschen, Niemand. Umso mehr halten die Letzteren aber unter sich zusammen. Ich fand unsere Landsleutc größtcnthcils sehr zuvorkommend gegen einander; man hilft sich gegenseitig aus, so gut man kann und ist bemüht, einem fremden Landsmann auf daS Freundlichste zu begegnen. Obgleich der Deutsche Egyptcns, bei Lichte besehen, nicht der Beste ist, steht er dennoch als Arbeiter und wegen seiner Geradheit und Biederkeit, den andern Europäern Alerandriens gegen- 168 über, in ziemlich gutem Rufe. Es ist wahr, man findet einzelne verworfene Subjekte unter ihnen, aber noch immer die Meisten haben ihr ehrliches deutsches Wesen auch hier beibehalten, während man unter den Italienern, Maltesern und Griechen unter hundert Individuen neunundneunzig Schurken antreffen dürfte. Es ist eine schwere, aber leider genugsam begründete Klugheitsregel, beim Umgänge mit den in Egypten ansässigen Europäern jeden von ihnen so lange als Betrüger zu betrachten, bis man sich vom Gegentheil überzeugt hat. Man hat dann wenigstens den Vortheil, nicht so leicht betrogen zu werden, als es sonst geschehen würde. Deshalb frage man bei jeder Kleinigkeit, welche man bei einem Handwerker machen lassen muß, vorher, wieviel sie koste, ja man sei so vorsichtig, sogar im Gasthause sich vorher genau zu erkundigen, wieviel man für Das oder Jenes zu zahlen habe. Die Forderungen, welche sonst gestellt werden, übersteigen alle Begriffe von Unverschämtheit und da der Arbeitslohn und der Aufenthalt in Alerandrien sehr theuer ist, wird gerade dieses zum Deckmantel gebraucht, um desto größere Forderungen, scheinbar ganz gewissenhaft machen zu können. Derjenige, welcher sich bei einem Schneider einen Rock bestellt, ohne vorher mit ihm wegen des Preises ein Uebereinkommen getroffen zuhaben, kann darauf rechnen, einen ganzen Anzug bezahlen zu müssen. Es versteht sich von selbst, daß es Ausnahmen und noch am Meisten unter den Deutschen gibt, immer aber ist es gut, diese Regel fest im Auge zu behalten. Es ist nicht zu verkennen, daß sich die Verhältnisse der in Egypten lebenden Europäer mit jedem Jahrzehnt mehr gebessert haben. Man erkennt Das, wenn man nur fünfundzwanzig Jahre zurückblickt. Mord, Todtschlag und ein ganzes Heer anderer Verbrechen waren an der Tagesordnung. Die Europäer lebten in vollständiger Anarchie; sie bildeten eine ähnliche Gesellschaft, wie die in Eharthum ansässigen. Türken und Araber wurden noch nicht durch eine strenge Hand von Oben gezügelt. Der Religionsfanatismus der Mohammedaner betrachtete die fränkischen Fremdlinge mit neidischen und argwöhnischen Blicken. Reibereien und mehr oder weniger öffentliche Kämpfe zwischen beiden Parteien kamen 169 häufig vor. Der alte Mahammcd-Aali, ein Mann, welchem die Europäer den meisten Dank schulden und den wenigsten zollen, half diesem Uebclstande ab. Er führte eine strenge Polizei ein; die Konsuln überwachten ihre Unterthanen schärfer und die Stellung der Christen wurde, wenigstens den Mahammedancrn gegenüber, immer besser. Aber noch läßt die für die Europäer bindende, durch die Konsulate gehandhabte Gesetzvcrwaltung noch Manches zu wünschen übrig. Der sittlich gebildete Mensch bedarf zwar nirgends einer strengen Ucberwachung, wohl aber der Verbrecher. Und von letzteren treiben sich gar Viele unter den Europäern in Egypten herum, ohne daß sie jemals eigentlich so bestraft worden wären, als es in Europa der Fall gewesen sein würde. Die Generalkonsulate von Oesterreich, Preußen, England, Frankreich, Schweden und Dänemark verdienen alle Achtung; die übrigen lassen oft genug ein Verbrechen hingehen, ohne es zu ahnden. Aus Italien ist in neuerer Zeit der Abschaum des Landes nach Egypten gegangen; die verachteten Malteser und gefährlichen Griechen galten schon seit langer Zeit für den Auswurf der europäischen Nationen. Wie oft schon ist Mord vorgekommen, ohne daß der Mörder bestraft worden wäre! Man erzählt, daß ein Italiener, welcher einen Anderen erschlagen hatte, von seinem eigenen Konsulate bedeutet wurde, Egypten zu verlassen, weil man erfahren habe, daß die Hinterlassenen des Gemordeten den Mörder der Blutrache opfern wollten. Der Genannte entfernte sich. Von den Bestechungen der Beamten einzelner Konsulate wird so Viel gesprochen, daß, wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr ist, das übriggebliebene Wahre immer noch unsere vollste Verachtung verdient. Im Winter von 1851 — 1852 nahm der Dicbstahl in Alerandrien so überhand, daß, um dem Uebel zu steuern, von türkischer und europäischer Seite die schärfsten Verordnungen getroffen werden mußten. Man fand fast jede Woche in den Straßen von Messerstichen durchbohrte Personen. Die Thäter waren nur Europäer. Im Januar oder Februar 1852 erstach ein Malteser in Gegenwart vieler Menschen, auf offener Straße und am Vormittage in der Nähe des ersten europäi- 170 schm Kaffchauses einen Italiener. Der Mörder wurde gefangen genommen und an das englische Konsulat abgeliefert. Es hieß, daß der Generalkonsul, um einmal ein Erempel zu statuiern, seine Regierung um Ermächtigung gebeten habe, den Mörder auf dem großen Platze aufknüpfen zu lassen. Wie gern die Heimtücke der Italiener und Griechen, jener elenden, feigen und so recht niederträchtigen Völker, im Finstern schleicht, ist bekannt genug; denke man sich nun die Schlechtesten dieser Schlechten in Alcrandrien zusain- mcngchäuft und man wird begreifen, wie wenig da öffentliche Sicherheit herrschen konnte. Während des erwähnten Zeitraums war in Alcrandrien Nachts eine Waffe nothwendiger, als sie es in jedem egyptischen Dorfe war; wir Deutschen gingen fast nie aus, ohne einen sogenannten Borcr bei uns zu führen, d. h. zwei durch einen recht biegsamen Fischbeinstab verbundene, mit einem haltbaren Ledcrgeflccht überzogene schwere Bleikugeln, mit denen man einen beliebig starken und gefährlichen Schlag ausüben kann. In den Jahren 1848 und 1849 war die Erbitterung der Italiener gegen alle Deutschen — und vorzugsweise diejenigen, welche sich unter den kräftigen Schutz des österreichischen Generalkonsulats gestellt hatten — so groß, daß man nur die Straße betreten durfte, um sofort, „Tod den Deutschen, den Hunden, den Talgessern!" und andere beliebte italienische Schimpfwörter zu vernehmen. Die deutschen Handwerker Alcrandriens und Kairo's hielten sich zusammen und wurden dadurch von einem glühenden Patriotismus erfüllt. Dieser trat um so stärker hervor, je mehr sie durch die gemeinen Schimpfredcn der Italiener (welche jeder Deutsche ohnehin bald von Grund seines Herzens verachten lernt) gereizt wurden. So hatte unser Bedienter Karl in der Weinstube der deutschen Handwerker mit einem Italiener Streit bekommen und diesen einfach zur Thür hinausgeworfen. Nach kurzer Zeit erscheint der Italiener von Neuem und tritt an den Schenktisch. Da bemerkt Einer aus der deutschen Gesellschaft, daß jener den einen Arm auffallend steif hält und entdeckt ein langes Messer im Rockärmel verborgen, womit er seinen Beleidiger wahrscheinlich meuchlings zu erstechen gedachte. Sein Plan wurde aber vereitelt. Die Gesellschaft der Deutschen bestrafte 171 den Meuchler mit einer so derben Bastonade, daß er arg zugerichtet in's Hospital gebracht werden mußte und dort mehrere Mo- ^ nate hart darnieder lag. Wenige Tage später wurde Karl auf dem Heimwege Nachts in einem engen Gäßchen von zwei anderen Italienern angegriffen, von denen einer eine Pistole, welche aber glücklicher Weise versagte, auf ihn abdrückte. Ein einziger Schlag mit dem beschriebenen Borer fällte einen von den Beiden, der andere entfloh. Dies sind Thatsachen, welche ich erfuhr, weil sie meinen eigenen Bedienten betrafen, es sind aber nicht die einzigen, welche vorfielen. Die deutschen Handwerker, als tüchtige Raufer und handfeste Bursche anerkannt, blieben in ähnlichen Fällen, ohne Ausnahme, immer die Sieger. Sie nahmen nie, wie die Italiener, zu tödtlichen Waffen ihre Zuflucht, sondern begnügten sich, Jene dann und wann tüchtig durchzuprügeln, was sie auf's Aeußerste empörte. Bei einer Rauferei wurden die Italiener von den Deutschen mit dem beständig wiederholten Zurufe: „Ihr verdient weiter Nichts als Prügel, denn jede Waffe ist für Euch zu gut," f so arg zugerichtet, daß wiederum mehrere in's Hospital gebracht werden mußten. Ich weiß von dem Leben der Handwerker in Egyptcn Wenig zu berichten, weil es nicht rathsam ist, sich mit ihnen in zu vertrauten Umgang einzulassen. Es gibt unter ihnen leider viele Subjekte, welche man lieber flieht, als aufsucht. Der Hang zum Müssiggang wird von dem Klima und dem leichten Erwerb des Geldes weit mehr gefördert, als diesen Leuten gut ist. Mancher von ihnen gewöhnt sich den in jenen Ländern jederzeit vernichtenden Trunk an und sinkt dann bald zum vollendeten Lump herab. Immer noch die Meisten aber bleiben ordentliche, arbeitsame Leute und sind als rechtliche Männer geehrt und geschätzt. Die Türken und Araber achten den Deutschen nach dem Engländer am Meisten, während sie mit Recht den Griechen und noch mehr den Italiener sehr niedrig stellen. '' Man darf nicht zu glauben versucht werden, daß bei letzteren Nationen nur die sogenannten gemeinen Leute wegen ihrer Sit- tenlosigkeit verrufen sind; die Vornehmen, d. h. in Alerandrien 172 Diejenigen, welche mehr Geld als „die gemeinen Leute" haben, sind es wenigstens in eben so hohem Grade, vielleicht noch mehr. Viele sind erst durch Verbrechen, wie z. B. Wucher, betrügerischen Bankerott und dergleichen, reich oder vornehm (in Alerandrien ganz gleichbedeutend) geworden. Es wird dort Jemanden leicht verziehen, wenn er früher gelogen, betrogen oder gestohlen hat, nur muß er reich sein, wenn er angesehen sein will. AlerandrienS Ostrouiguo 8vanclal6us6 ist noch reicher und ausgedehnter an Geschichten und Erzählungen, als die von Eharthum, weil Alerandrien weit mehr Europäer beherbergt, als das ganze übrige egyp- tische Reich. Die Treulosigkeit der italienischen Frauen AlerandrienS ist zum Sprichwort geworden. Es soll schon manchem Ehemanne von diesen Damen, um sich von einer lästigen Gesellschaft zu befreien, ein Tränkchcn gemischt worden sein. Alle in Alerandrien geborenen oder erzogenen Italienerinnen, Französinnen und Griechinnen wachen, so lange sie unvcrheirathet sind, sorgfältig darüber, nicht in der Leute Mund zu kommen; haben sie jedoch glücklich einen Mann dauernd an sich gefesselt, dann treiben sie cS aber auch so, als wollten sie das Versäumte nachholen; je enthaltsamer sie früher waren, um so ausschweifender sind sie später. Daß die Männer um kein Haar besser sind, als sie, versteht sich von selbst; leider wird aber deren Untreue nie so streng beurtheilt und so scharf gerügt, als die der Frauen. Die in Egypten ansässigen Deutschen kennen diese Verhältnisse recht wohl und suchen ihnen durch mancherlei Mittel vorzubeugen. Einige kommen dabei „aus dem Regen in die Traufe;" sie leben mit gekauften Sklavinnen, mit Koptinnen oder Araberinncn in wilder Ehe. Nur sehr selten trägt eine derartige Verbindung ersprießliche Früchte. In den meisten Fällen sind die Frauen, mit welchen sie leben, noch schlimmer, als jene, welche sie vermeiden wollen. Außerdem sind aber die Italienerinnen (oder Europäerinnen überhaupt) entschieden bessere Wirthinnen, als die Morgcnlän- derinncn und haben dennoch immer noch Vorzüge vor diesen voraus. Um ein solches Verhältniß — oder besser gesagt Mißvcr- hältniß — recht anschaulich zu machen, will ich es zu schildern 173 versuchen. Ein deutscher Buchbinder, Namens Meier, welcher 1849 in Alerandricn starb, erzählte mir, wie er zu seiner Frau — wir müssen das Weib so nennen — einer Koptin, gekommen war. Er hatte sie sich in Kairo „angeschafft," weil dort unter den Koptinncn, welche derartige Verbindungen einzugehen geneigt sind, eine größere Auswahl möglich ist, als in Alerandricn und anderen Orten. Unser Landsmann machte, wie ich mich später überzeugte, keine besonders großen Ansprüche auf Schönheit und konnte behufs seiner Vcrheirathung auch nur die unbedeutende Summe von zweihundert Piastern aufwenden. Die Rathschläge eines anderen Deutschen, welcher bereits in einem derartigen Verhältnisse gelebt hatte, befolgend, begab er sich zu Esel in das Koptcnquartier und trug dem Schech cl Chshrs*) sein Anliegen vor. „Gut, Herr, ich werde Deine Angelegenheit besorgen; doch sage mir, willst du eine Jungfrau oder eine schon vcrheirathct Gewesene; soll die zu Erwählende schön sein oder genügt Dir auch eine weniger Schöne, und wie viel Geld willst Du aufwenden?" Zweihundert Piaster. „Hm, da ist es wohl mit einer Jungfrau dieses Mal Nichts, doch will ich sehen, wie ich Deine Wünsche befriedigen kann; komm morgen nach dem Aaffr zu mir." Der Heirathskandidat erschien zur bestimmten Zeit und fand den alten halbblindcn Schech in Gesellschaft von drei Frauen. Sie waren verschleiert und nur die glühenden Augen mit den eben frisch geschminkten Augenwimpern leuchteten hinter „der Nacht des Schleiers " hervor. Zu wie vielen und wie argen Trugschlüssen haben schon ein Paar solcher Augen verleitet! Auch unserem Freunde ging es so. Der Schleier hatte seinem liebeglühenden Herzen süße Träume vorgelogen, er fiel und alte, häßliche Frauen standen vor ihm. Meier war mit allen dreien höchst unzufrieden. Erst am dritten Tage wurde das Geschäft beendet. Der Schech hatte drei mittelalte Frauen herbeigeholt, von denen die eine gefiel; ich würde sie jedenfalls auch den Alten und Häßlichen zugezählt haben. Doch das gehört nicht hierher — unser Buchbinder war mit seinem Han- *) Viertelsmeister, wörtlich „Oberster einer Straße." 17L del zufrieden. Die Ehestiftung war sehr einfach —: der Europäer erklärte, seine Erwählte, „Warde" mit Namen, als Dienerin zu sich nehmen, sie gut behandeln und so lange bei sich behalten zu wollen, als es seine Umstände erlauben würden, zahlte ihr hundcrtundfunfzig Piaster oder zehn Thaler preußisch sofort baar aus und versprach, die noch fehlenden fünfzig Piaster bei ihrer Entlassung zu erlegen. Besagte Warde dagegen erkannte ihn als ihren „Herrn" an, versprach, ihm treu und gehorsam zu sein und bestens für sein Interesse zu sorgen, so lange er sie bei sich behalten würde. Beide Theile waren mit diesen Bedingungen zufrieden gestellt und wollten gehen. Allein der Schech hatte noch Etwas abzumachen. „IN dakliscinosck dita'i ld'ilui ja elmvaliclse?" (Wo ist mein Trinkgeld, mein Herr?) „Ich erhalte zehn Prozent des in einer Ehestiftung festgesetzten Mahlschatzes, folglich zwanzig Piaster, erwarte aber, daß Deine Großmuth dieser dürftigen Summe noch Etwas zulegen wird." Nach langem Widerstreben und einigen zwischen den Zähnen hervorgcmurmclten arabischen Ehrentiteln (von denen der gute Schech den einen: gsimllrlak adullkZa irm- arrass!" jGott möge Deinen Vater verdammen, Du Kuppler!j verstanden haben wollte) mußte sich der glückliche Bräutigam bequemen, noch dreißig Piaster zu bezahlen, obgleich diese ganz außer aller Berechnung lagen. Die neue Hausgenossin kostete ihm also bis jetzt fünfzehn Thaler; hierzu nun noch im Anfange wenigstens für fünf Thaler Kleider, macht im Ganzen zwanzig Thaler unseres Geldes. Glücklicher Weise war seine Wahl ziemlich gut ausgefallen. Warde stand allein in der Welt, hatte keine Eltern, keine Geschwister, Basen und anderes für einen solchen Ehemann stets lästiges Gcsindcl mehr und war fleißig und sparsam. Er lebte mit „seiner Frau" recht glücklich. Nicht immer gelingt eine solche „Hei rath" so gut wie dieses Mal. In den meisten Fällen sind die Koptinnen während der Zeit, in welcher sie ihrem Herrn haushalten, auf's Eifrigste bedacht, für spätere Zeiten etwas in's Trockene zu bringen. Sie bestehlcn und betrügen ihn auf jede Art und Weise. Haben sie Verwandte, 175 so werden auch diese reichlich mit Geschenken bedacht; das Vermögen des Betrogenen wandert nach und nach in die Hände der Verwandtschaft seiner Frau, welche indessen eifrig bemüht ist, ihn mit ihren Liebeönetzen zu umgarnen. Erkennt nun endlich der Europäer seine üblen Umstände, so kann er weiter Nichts thun, als seine Frau wegjagen, ist und bleibt aber der betrogene Theil, denn Jene hatte sich auf diesen Fall längst vorgesehen und wohl für sich gesorgt. Noch mißlicher ist die Verbindung eines Europäers mit einer Arabcrin. Diese zeigt sich schon von vornherein als eine liederliche Weibsperson, weil sie überhaupt ein Verhältniß mit einem Europäer eingeht. Zwischen Europäern und Koptinnen gibt es immer noch ein Band: das Christenthum; eine Arabcrin kann nur die schnödeste Gewinnsucht an einen Feind ihres Glaubens fesseln. Wenn sie nicht schon früher ein aller Zucht und Sitte arabischer Frauen bares Weibsbild war, konnte sie gar nicht mit dem Europäer bekannt werden. Es ist undenkbar, ja es ist unmöglich, daß eine rechtliche Arabcrin, möge sie Fellahhe oder Städtcbcwoh- nerin sein, jemals in so enge Verbindung mit einem Christen tritt. Und wenn sie, ehe sie den Europäer kennen lernte, schon eine Metze war, was hat dieser dann von einer Vereinigung mit ihr zu erwarten? Man begreift nicht, wie solche Verbindungen, welche immer den Ruin des Mannes herbeiführen, eingegangen werden können. Ich lernte in Kairo einen Tischler, Namens Keller, welcher mit einer Arabcrin längere Zeit zusammen gelebt hatte, persönlich kennen. Dieser Mann war einer der brauchbarsten Leute in seinem Fache, er war sehr geschickt, mehr als gewöhnlich gebildet und wurde deshalb von der egyptischen Regierung allen seinen Hand- werksgcnossen vorgezogen. Das egyptische Weib wurde sein böser Engel. Sie gebar ihm eine Tochter und nun war er unauflöslich an sie gebunden. Er blieb in dürftigen Umständen, weil ihn das Weib fortwährend bestahl, sonst hätte er jetzt einer der wohlhabendsten Deutschen sein können. Der französische Ingenieur d'Arnaud, derselbe, welcher eine der wissenschaftlichen Expeditionen Maham- 176 med-Aali's zur Erforschung der Nilquellen auf dem weißen Flusse mit begleitete, lebt in ähnlicher Verbindung und ist bei sehr anständiger Besoldung (er bezieht jährlich zweitausend Thaler von der egyptischen Regierung) doch unbemittelt geblieben. Kurz zuvor, ehe ich Egypten verließ, wohnte ich im Hause eines anderen Deutschen, welcher Stallmeister des Vizekönigs gewesen und ebenfalls durch eine früher wahrscheinlich sehr schöne Araberin zu Grunde gerichtet worden war. Das sind Thatsachen, welche am Besten für sich selbst reden. Andere Europäer kaufen sich braune oder schwarze Sclavinnen, Abyssinierinnen oder Negerinnen, und leben mit ihnen im Konku- binate. Schon die Voraussicht, später von solchen Frauen farbige Kinder mit krausem, wolligem Haar zu bekommen, sollte vor Verbindungen mit ihnen sattsam zurückschrecken. Gewöhnlich krönt ein Verbrechen zuletzt noch das unselige Verhältniß. Der Europäer verkauft dieselbe Sclavin, mit der er vielleicht Jahre lang vereinigt war, wenn er ihrer überdrüssig wurde. Wer einen männlichen oder weiblichen Sclaven kaufen will, hat das Recht, ihn drei Tage in seine Wohnung zu nehmen und dort genau zu beobachten. Findet er Fehler und Unarten an ihm, so kann er ihn vor Ablauf dieser Frist dem Verkäufer wieder zurückgeben. Allein wer, frage ich, kann in drei Tagen einen Menschen kennen lernen? Erst nach und nach lernt der Käufer seine Waare — denn das ist der richtige Ausdruck für einen Menschen, der ge- und verkauft werden kann, wie man ein Stück Vieh verhandelt! — näher kennen, der Gcldgeiz kommt mit dem Pflichtgefühl in Streit und besiegt es endlich in den meisten Fällen; der Europäer — aaleiiiu!" (Schande über ihn!) — verkauft den gekauften Menschen wieder, ja, er verkauft die in seinem Hause von seiner Sclavin geborenen Kinder. Nur in seltenen Fällen schlägt eine solche Verbindung zum Guten aus. Das sind freilich betrübende Bilder der häuslichen Verhältnisse vieler Europäer in Egypten; sie sind leider nur allzu treu! Der vernünftigere und gebildetere Theil unserer Landsleute wählt den richtigen Weg, häusliches Glück nach Egypten herüber- 177 zuziehen. Wenn sich ein Deutscher in guten Umständen befindet und eine sichere Zukunft erworben hat, geht er nach seinem Vaterlande zurück und bringt sich von dort eine Lebensgefährtin, eine brave deutsche Hausfrau, mit nach Egypten herüber. Die beiden Gatten sind dann zwar einzig und allein auf sich selbst beschränkt, denn mit Italienern und Franzosen, Griechen und Arabern oder Kopten macht man nicht gern Gemeinschaft, aber um so mehr kehrt häusliches Glück in ihren vier Pfählen ein und wandelt die Einsamkeit, in welcher sie inmitten des rauschenden Menschengewühls leben, zum Paradiese um. Anderen gelingt es wohl auch, eine Levantinerin, eine jener Perlen der orientalischen Frauen, an sich zu fesseln; sie vcrheirathen sich mit ihr nach christlichem Gesetz und Gebrauch, werden durch sie im fremden Lande heimischer und fühlen sich, mit ihr vereinigt, glücklich und zufrieden in der neuen Heimakh. Aber nur der geringste Theil aller in Egypten bekannten Europäer ist überhaupt vcrhcirathet. Die Meisten leben in ledigem Zustande und Viele sind dann sehr ausschweifend. Wie in allen Seehäfen, gibt es in Alerandrien eine Menge jener unglücklichen, bedauernswürdigen Geschöpfe, welche ihre Reize für Geld feilbieten. In entlegeneren Straßen haben sich Höhlen gebildet, in denen allen Lastern Vorschub geleistet wird. Nicht bloß Arabcrinnen, auch Europäerinnen treiben dort ihr schnödes Gewerbe. Mit wahrem Ekel sieht Der, welcher eine solche Straße betritt, die unzüchtig gekleideten, geschminkten Europäerinnen (meist wallachische Jüdinnen), denen das Laster alle seine Kennzeichen auf die Stirn prägte, vor den Fenstern und Thüren ihrer Spelunken sitzen. Es wäre lebensgefährlich, eine solche Straße bei Nacht zu passircn. Betrunkene Italiener halten sie besetzt, und welcher rechtliche Mann wiche nicht gern einem Italiener aus! Hier ist der Sammelpunkt der Hefe der ganzen europäischen Bevölkerung, eine Pflanzschule des Lasters unter allen seinen Namen und zugleich der den Körper und Geist tödtenden Seuche, welche in Alerandrien schon manches Opfer forderte. Zuweilen greift ein Konsulat mit kräftiger Hand ein, zerstört eine solche Lasterhöhle vom Grund aus und verweist die ehr- II. 12 178 losen Weibsbilder des Landes. Aber die Räume werden von Smyrna oder Konstantinopcl immer wieder gefüllt, und es wäre zur Beseitigung dieses Uebelstandcs eine größere Strenge wohl zu wünschen. Mit dem liederlichen Lebenswandel der Europäer Alcrandriens geht ein außergewöhnlicher Lurus Hand in Hand. Englische Reisende versicherten mir, daß man in London eben so wohlfeil leben könne, als in Alerandrien, daß man sich aber in London mit seinem Gelde jedenfalls größere Genüsse verschaffen könne, als es in Egyptcn der Fall sei. Alle europäischen Erzeugnisse sind in Alcran- drien selbstverständlich theurer, als in Europa; aber auch die Lebensmittel stehen, mit alleiniger Ausnahme des Brodes, Kaffes Zuckers und Reises, höher im Preise, als in einer Mittelstadt Deutschlands. Manche Nahrungsmittel werden, weil die Umgebung der Stadt die Wüste ist, aus einer Entfernung von fünfzehn deutschen Meilen herbeigeführt. Das Brennmaterial kommt sogar von Syrien, Anatolien und Kleinasien herüber. Es wird, wie alles Uebrige, nach dem Gewichte verkauft und ist so kostbar, daß ich in meiner kleinen Wirthschaft täglich für fünf Silbergroschen Kohlen verbrauchte. Die armen Fellahhihn und ein großer Theil der anderen arabischen Bevölkerung würden gar nicht im Stande sein, nur Feuer anzumachen, wenn sie nicht den uns bekannten Brennstoff hätten. Das Fleisch ist theuer, Fische, welche es in Menge gibt, wegen Mangels des ersteren ebenfalls *). Einige Gärten, welche in der Nähe der Hafenstadt angelegt wurden, können nicht genug Gemüse erzeugen, um dieses billig zu liefern; die dem Araber so unentbehrliche Dattelpalme ist bei Alerandrien noch lange nicht in hinreichender Anzahl angepflanzt worden, um eine für die Stadt hinreichende Ernte zu geben; man bringt die Dattel sogar von Obcregypten aus dahin zu Markte. Feigen und Weintrauben sind nicht allzu theuer. Von ersteren hat der verstorbene *) Die Okha Rind- und Schaffleisch wird in Alexandrien mit vier bis fünf, Schweinefleisch mit sechs bis zehn und geräucherte Wurst mit zwanzig bis viernndzwanzig Piaster bezahlt. Die Okha Fische kostet vier Piaster, welcher Preis für einen Seehafen gewiß sehr hoch ist. 179 Vizekönig, Ibrahihm-Pascha, ein Spekulant in jeder Hinsicht*), ausgedehnte Anpflanzungen angelegt. Weintrauben kommen, in Fässer gepackt, in großen Massen über's Meer aus Syrien, Kleinasien, einigen griechischen Inseln u. s. w. Der Wein ist billig, aber selten unverfälscht. Man bekömmt fast nur französischen Roth- wcin zu kaufen, von dem die Flasche zwei bis sechs Silbergroschen kostet, doch soll es vorgekommen sein, daß ganze Fässer dieses Getränkes aus nichts Anderem als Farbeholz, Alkohol und Weinstein bestanden haben. Der Branntwein ist wenig theurer als in Deutschland und ziemlich gut. Man liebt und kennt fast nur den Anisbranntwcin. Bier ist ein Lurusartikel und selten zu haben. Das meiste ist englisches Ale, von dem die Flasche mit zehn Sil- bergroschcn verkauft wird; einiges kommt auch von Smyrna oder Konstantinopel, wo es in neuerer Zeit deutsche Bierbrauer bereiten. Auch in Alerandricn hat man hierin Versuche gemacht, immer aber ohne günstigen Erfolg, woran das Nilwaffer Schuld sein soll. Aus den obigen Angaben, welche ich absichtlich theilwcise mit Zahlen belegte, ersteht man, daß die Preise der Lebensmittcl keineswegs niedrig, für Egypten aber enorm hoch sind. Es ist demnach natürlich, daß auch die Arbeitslöhne hiermit im Verhältniß stehen. Ein Handwerker erhält ohne Beköstigung selten weniger als einen Speciesthalcr täglichen Arbeitslohn. Folglich sind alle Gcwerbe- und Kunstprodukte theuer. Ich will wenige Kleidungsstücke anführen. Ein feiner Rock kostet nach unserem Gelde zehn bis fünfzehn Thaler Arbeitslohn; für ein Paar gute Stiefeln hat man zehn bis zwanzig Thaler zu bezahlen, je nach ihrer Größe. Damenkleider sind verhältmßmäßig noch viel kostspieliger und bei ihnen ist es hauptsächlich der in Alerandricn herrschende Lurus, welcher die Preise steigert. Die Käuferinnen pflegen stets nach dem Theuersten zu fragen, ohne den eigentlichen Werth oder Unwerth der Waare zu **) Er erbaute die großen Häuser der Esbekte Alexandriens auf Spekulation und vermietete sie an Europäer. Seine Sohne beziehen jetzt große Miethsummen aus ihnen. Fast die Hälfte der Ländereien des Delta gehören ihnen; außerdem haben sie noch bei Kairo und in Oberegypten Besitzungen, auf denen allein fünf Zuckerfabriken arbeiten. 12 * 180 untersuchen. Einfache pariser Damenhütc werden für zwölf und sechzehn Speciesthaler gekauft. Zum Glück für Unbemittelte werden jetzt sehr viele fertige Kleidungsstücke von Europa eingeführt. Der Lurus zeigt sich nicht nur in der Kleidung, auch in allem Uebrigen ist er auf die Spitze gestellt und sehr häufig der Ruin reicher Familien. Ich kenne in Alcrandrien und Kairo Handwerker, welche sich Equipage hielten, ohne daß ihre Einkünfte sie dazu berechtigt hätten. Ein Konditor in Kairo, dessen Bankerott, wie man sagte, nahe vor der Thür stand, fuhr täglich mit eigenem Geschirr fpatzieren. Es ist, als ob diese Leute ein Schwindel ergriff, sobald sie das Glück einigermaßen bedacht hat. Nur dieser Lurus, diese Sucht, es Reicheren nachznthun, sind es, welche oft genug verderblich werden und viele, fast immer unredliche Bankerotte nach sich ziehen. Die Deutschen und Engländer machen auch hierin gewöhnlich eine rühmliche Ausnahme. Mancher ordentliche deutsche Arbeiter ist mit seinem leeren Felleisen auf dem Rücken in Alcrandrien eingewandert, hat sich dort durch Fleiß und Sparsamkeit ein hübsches Sümmchen verdient und das Land reich wieder verlassen. Noch öfterer als in Egypten soll dies in Konstantinopel der Fall sein, wo der Lurus unter den Türken seinen Kulminationspunkt erreicht hat. In Egypten wird von den Europäern die vergangene alte, gute Zeit gerühmt, während der man bei geringerer Thätigkeit weit mehr verdienen konnte, als es jetzt möglich ist, wo eine Ueberfüllung an Geschäftsleuten einzutreten anfängt. Damals, als Mahammcd-Aali noch lebte und wirkte, fanden sich viel zu wenig Arbeiter zu seinen Unternehmungen, und obgleich er betrogen worden sein soll, wie kaum je ein anderer Mensch es wurde, zog er den theuren Europäer mit Recht allen seinen Unterthanen vor. Der Handel AlerandrienS ist sehr bedeutend und befindet sich fast nur in den Händen der Europäer. Er war bisher immer eine sichere Quelle zur Erlangung eines gewissen Reichthums; mancher von Mahammed- Aali begünstigte Europäer wurde durch ihn reich. 181 Das erste Kaffehaus der Stadt ist zugleich die Börse, Jeden Vormittag versammeln sich hier die europäischen Kaufleute, um ihre Geschäfte gegenseitig abzumachen. Die Verbindung mit Europa ist durch regelmäßig ankommende Postdampfschiffe sehr erleichtert worden. Jeden Monat kommen und gehen von Oesterreich und dahin zurück zwei direkte und zwei indirekte (über Griechenland, Smyrna u. s. w.) Postdampfer; von England kommen ebenso viele, von Frankreich fünf. Außerdem fahren noch Dampfschiffe der egyptischen Regierung zweimal im Monat nach Konstantinopel und zurück. Im Ganzen lausen also regelmäßig fünfzehn Dampfschiffe monatlich im Hafen Alerandriens ein und ebenso viele aus. Die Schifffahrt ist ausgedehnt. Von österreichischen Handelsschiffen erscheinen jährlich allein hundcrtundfunfzig, von preußischen in manchen Jahren fast die Hälfte. Während des Winters sieht man oft gegen dreihundert Schiffe in dem alten Hafen liegen*). Zwischen Alerandrien und Kairo hat man eine europäische Laufbriefpost eingerichtet. Sie verläßt Alerandrien oder Kairo jeden Abend und erreicht nach scchsunddrcißig Stunden Kairo oder umgekehrt Alerandrien. Man muß sich seine Briefe auf dem Post- bureau selbst abholen, weil sie dem Adressaten nicht durch Briefträger übcrbracht werden. Die Posttarc ist noch ziemlich hoch; jeder einfache Brief kostet drei Piaster oder sechs Silbergroschen, wovon sowohl der Aufgeber als der Empfänger die Hälfte zu bezahlen *) Erst unter der Regierung Mahammed - Aali's wurde dieser den Christen geöffnet. Früher mußten alle europäischen Schiffe im dem unsicheren, gegen Stürme wenig geschützten neuen Hafen ankern. Der alte Hafen ist sehr geräumig, aber nicht gegen jeden Wind geschützt, weil er zu groß ist. Der Eingang oom Meere aus ist sehr klippenreich und schwierig. Die arabischen Lootsen kennen den zunehmenden Weg genau und richten sich wohl nach den bei jeder neuen Biegung ein gewisses Bild gebenden, erhabenen Punkten Alerandriens. Große Kriegsschiffe können nicht in den Hafen eintreten, ohne einen große» Theil ihrer Geschütze auszuladen, obgleich sie einen anderen Weg nehmen als die Dampfer und Kauffahrteischiffe. Man könnte den Hafencingang leicht klippenfrei machen, scheint ihn aber als ein von der Natur Alerandrien verliehenes Bollwerk absichtlich nicht verbessern zu wollen. 182 hat. Einzelne Handlungshäuscr in Kairo erhalten für eine gewisse, jährlich zu entrichtende, niedrige Summe alle ihre Briefe besorgt. Packele und Geldsendungen werden nicht angenommen, sondern müssen mit den Dampfschiffen der von den Engländern eingerichteten Transitgescllschaft befördert werden. Diese Dampfschiffe fahren wöchentlich zweimal von Alcrandrien nach Kairo und dahin zurück und befördern Waaren und Personen. Die Fahrt auf ihnen ist sehr theuer: jede Person hat drei Guineen zu entrichten. Zur Privatkorrespondenz der Regierung besteht eine Telegra- phcnlinie. In den einzelnen SrationShäuscrn wohnen Fellahhihn, welche man abrichtete, die gegebenen Zeichen nachzumachen. ES läßt sich erwarten, daß die Arbeiten dieser Leute erbärmlich sind. Eine Nachricht braucht, um nach Kairo zu gelangen, oft über zwei Stunden. Die einzelnen Zeichen werden mit einer beispiellosen Langsamkeit nachgemacht, die Gläser der Fernröhre sind vergilbt und geben kein deutliches Bild, die ganze Maschinerie läßt Biel zu wünschen übrig. Mit dem Geheimnisse der einzelnen Zeichen scheint man es nicht so genau genommen zu haben; ein Fel- lah übersetzte mir eine ganze Depesche, welche er während meiner Anwesenheit in seinem Thurme weiter zu befördern hatte. Sie enthielt die Nachricht, daß eine Fregatte der Vereinigten Staaten im Hafen Alerandricns eingelaufen sei, was ich bei meiner Ankunft daselbst bestätigt fand. Die Telegraphenlinie endet in Alcrandrien auf dem Palast des Vizekönigs „Rahs el Thihn" und in Kairo auf der Citadelle oder neuerdings auf dem Schlosse des neuen Stadttheiles Aabah- s'ic. Von da geht eine zweite Telegraphenlinie nach Sues und eine andere, erst im Jahre 1852 eingerichtete, nach Kosse'lr am rothen Meere, um schnell aus dem Hedjahs Nachrichten zu erhalten, obgleich das ganze glückliche Arabien dem Vizekönig Nichts angeht. Mit den übrigen Städten Unter- und Obcregpptcns ist von Alcrandrien durch die fast täglich abgehende Lauf- oder Rcitpost der Regierung eine ziemlich schnelle und sichere Verbindung hergestellt worden. — 183 Man kann in Alerandrien fast alle die Waaren zu kaufen bekommen, welche man in einer Mittelstadt Deutschlands findet. Nur an literarischen Erzeugnissen ist großer Mangel; Alerandrien ist nicht mehr der Sitz der Gelehrsamkeit, sondern eine Handelsstadt. Alle aus Europa kommenden Waaren haben fünf Prozent Eingangszoll zu entrichten; für die das Land verlassenden Handelsartikel sind eigene Bestimmungen getroffen worden. Letztere werfen den Kaufleuten mehr Gewinn ab, als erstere. Mit dem Handel des Getreides sind, wenn in Europa Mangel war, enorme Summen verdient worden, und doch ist gerade dieser Handel so bedeutenden Schwankungen unterworfen, daß auch wiederum bei plötzlichem Fallen der Preise große Handlungshäuser durch ihn fallirt haben. Durch die Aufhebung der Monopole- der Regierung ist der Handel allgemeiner geworden. Wahrend die Regierung früher z. B. das arabische Gummi nur an einzelne europäische Häuser verkaufte, welche dann diese Waare hoch im Preise hielten und sehr viel gewannen, ist jetzt eine Concurrcnz eingetreten, die z. B. den Preis des arabischen Ccntncrs Gummi von sechs- bis achthundert auf zweihundert Piaster hcrabdrückte. Ein ähnliches Verhältniß findet auch bei anderen Waaren Statt. Ein dreifacher Cours erschwert die Handclsvcrhältnisse. Der Cours der Regierung bestimmt den wahren Geldwcrth und ist ein feststehender; der zweite Cours ist der der Börse in Alerandrien, der dritte der auf den größeren arabischen Märkten gewöhnliche; dieser und jener schwanken fortwährend. Dazu kommt die erstaunliche Menge verschiedener Münzen, welche im Lande Gültigkeit haben. Man bekommt in Egpptcn englische, französische, spanische, italienische, griechische, österreichische, preußische, russische, türkische, indische, persische und außer Cours gekommene altsultahnischc Münzen in die Hand. Im Ganzen mögen wohl gegen fünfzig Geldsortcn cursircn. Der Mittelpunkt des europäischen Lebens ist das Frankcnvier- rcl oder die Muh Ski. Es hat ganz das Aussehen einer europäi- 184 schm Stadt. Breite Straßen mit Reihen hoher, europäisch gebauter Häuser zeichnen es sogleich von den Quartieren der Araber aus, obgleich auch diese seit neuerer Zeit mannigfache Veränderungen erlitten haben. Der „Meidahn cl MuhSki," ein großer Platz in der Nähe des Meeres, ist mehr als achthundert Schritte lang und dreihundertundfunfzig Schritte breit. Wir nannten ihn die Sahahra Alerandriens, weil in den Mittagsstunden eine wahre Wilstenhitze auf ihm lag. Mahammed-Aali legte in seiner Mitte einen Brunnen an, welchem bis jetzt nur das Beste, das Wasser, fehlt. Hier sieht man die größten Gebäude der Stadt, die Amtswohnungen der Generalkonsuln von Frankreich, England, Rußland, Schweden, Dänemark, Belgien, der Niederlande, von Toskana, Spanien und Sardinien. Auf den Platten Dächern dieser Häuser erheben sich die Flaggenstöckc, von denen Sonntags und an Feiertagen die resp. Pavillone der verschiedenen Nationen herabwehcn. Stirbt einer der Unterthanen eines Konsulats, so wird dies durch Aufhissen der Flagge seiner Nation zur halben Höhe des Fahnen- stocks angezeigt. Ebenso kündet eine kleine, ganz aufgezogene Flagge auf dem Konsulatsgebäude Oesterreichs, Frankreichs oder Englands das Einlaufen eines Postdampfschiffes der bezüglichen Nation in den Hafen Alerandriens an, damit sich Jeder, welcher Briefe erwartet , auf der Post cinfinden und sie in Empfang nehmen kann. Der übrige Theil der Gebäude des Esbckie, wie der Meidahn wohl auch genannt wird, ist zu Kaufläden, Gasthäusern, Kneipen und Arbeitsstätten für Handwerker eingerichtet. In einem derselben hat man auch ein kleines Theater erbaut, in welchem man Vorstellungen in italienischer Sprache gibt. Obgleich das Eintrittsgeld zu diesen Vorstellungen ziemlich hoch und das Theater selten leer ist, führen die Schauspieler doch ein höchst elendes Leben, sie erringen sich kaum ihren nothdürftigcn Unterhalt. Von dem Frankenviertel aus führen gerade, breite und ebene Straßen nach allen Richtungen durch die Stadt. Sie sind nicht gepflastert, sondern nur mit gestampfter Erde bedeckt und werden, um großen und lästigen Staub zu vermeiden, täglich mit Wasser besprengt. Alle neuerlich angelegten Stadtviertel haben gerade und 185 rechtwinkelig in einander laufende Straßen. Nur in dein altarabischen Quartier findet man noch das Gewirr der vielen krummen, schmalen und nach Oben zu durch mehr und mehr vorspringende Häuser immer enger werdenden Gäßchcn, welche eine orientalische Stadt charakterisiren. Doch haben in Alerandricn auch sie schon Viel von ihrem eigenthümlichen Gepräge verloren; nur in Kairo kann man sie noch in ihrer ganzen Düsterheit und Verworrenheit finden. In einer Stadt, wie Alerandricn, wo die Europäer bereits ihre Druckereien, Casino's, Lesekabinette, Gcmäldehandlungen, ihr Theater u. s. w. haben, muß sich der Araber mehr und mehr dem europäischen Typus zuwenden, weil er ihn am Ende doch für besser anerkennt. Die Europäer regeln jetzt schon fast alle Verhältnisse. So haben die Konsulate eine polizeiliche Ordnung eingerichtet, sie riefen eine Sanitätsbehörde in's Leben und überwachen sie als Mitglieder derselben fortwährend. Sehr Viel ist durch sie für die Reinlichkeit geschehen, ihr Wirken scheint mit jedem Tage fühlbarer zu werden. Der Schmutz und die Unreinlichkeit nehmen in den arabischen Quartieren immer mehr und mehr ab, die eigentlichen Pflanzschulen der verheerenden Pest werden ausgerottet, und wirklich scheint diese furchtbare Seuche nicht mehr so häufig und heftig, wie früher, aufzutreten. Ich will nicht gesagt haben, daß schon Alles gethan sei, um diesem Uebel abzuhelfen, Viel ist aber schon gethan worden, und nur durch die Europäer. Unter den öffentlichen Gebäuden der Hafenstadt fallen zunächst die von französischen Ingenieuren zweckmäßig und solid erbauten Festungswerke in's Auge. Sie sind sehr ausgedehnt, umschließen Alerandrien von der Landseitc und ziehen sich längs des Hafens bis zu dem westlich von Alerandrien gelegenen, über anderthalb Meilen von der Stadt entfernten „Thurme der Araber" hinab. Auf einem mitten in der Stadt liegenden Schuttberge des alten Alerandricn hat man ein Fort angelegt, welches allgemein unter dem Namen „Fort Napoleon" bekannt ist. Man sagt, daß es Napoleon während seines Feldzuges in Egyptcn in „einer 186 Nacht" erbaut habe. Wenn nun das auch wohl nicht wörtlich zu nehmen ist, so kann man es sich wohl leicht erklären, daß Napoleons geübter Blick die Lage des nicht unbedeutenden Hügels als wichtig anerkannte und ihn zur Vertheidigung des Hafens mit Kanonen besetzte. Von diesem Hügel aus genießt man die schönste Aussicht um ganz Alerandrien herum. Die Stadt liegt wie eine Landkarte zu den Füßen vor uns ausgebreitet; links schweift der Blick über den alten Hafen mit seinen Hunderten bewimpelter und beflaggter Kriegs- und Kauffahrteischiffe, über dem Arsenale, dem Schlosse des Vizckönigs auf der einen, einem Heere von Windmühlen, den Pulvermagazinen und einzelnen Forts auf der anderen Seite hinweg bis zu den Bädern der Klcopatra lind dem Thurme der Araber; mehr nach rechts sieht man den Pharus, die Nadeln der Klcopatra, den bergigen Stadttheil Komendikle, einen großen Theil der Festungswerke und die Pompcjussäule, welche gar lieblich über einen prächtigen Palmcnwald emporragt; weiter hinten endlich den Kanal Mahmudie mit seiner kleinen Nilbarken- flotte, dem glatten Spiegel des Marnotisscc und einzelne, höchst malerisch gelegene, vom üppigsten Grün prächtiger Gärten versteckte Landhäuser, den großen und schönen Garten Said-Pascha'S mit seinem kostbar eingerichteten Schlosse, während unten um den von allen Seiten steil abfallenden Hügel herum das Auge mit Vergnügen auf dem bunten und regen Treiben der geschäftig hin- und herwogenden Menge ruhen bleibt oder sich auf der stillen, im Lichte der Sonnenstrahlen Egyptens intensiv ultramarinblau erscheinenden Fläche des Meeres verliert. Eine ähnliche, aber nicht so schöne Aussicht hat man auch vom Fort Komendikle und doch werden gerade diese zwei schönen Punkte fast niemals von den Reisenden bestiegen. Mehrere FortS sind auch außerhalb der Stadt vorgeschoben worden, die meisten Battericcn ziehen sich aber längs der Küste am Hafen dahin. So liegt das Hafcnschloß inmitten von Reihen drohender Geschütze vom größten Kaliber. Das Arsenal ist eine der großartigsten Anstalten, welche Mahammed-Aali gründete. Aus ihm ist die stattliche Flotte Egyptens hervorgegangen, welche, obgleich sie nicht die vorzüglichste ist, 187 doch der Schrecken der hohen Pforte ward, von Aabahs aber größ- tcnthcils an den Sultahn abgetreten wurde. Früher arbeiteten oft tausend und mehr Menschen darin, jetzt sind kaum dreihundert Arbeiter daselbst beschäftigt. Das Arsenal nimmt in Alerandrien einen großen Raum ein, es enthält die Werkstätten aller möglichen Handwerker und ziemlich bedeutendes Material für sie. Wenn man die zahlreiche Militärmacht — welcher unter anderen Pflichten auch die obliegt, die von der Arbeit heimkehrenden arabischen Handwerker genau zu durchsuchen, damit sie Nichts entwenden können — passirt hat, gelangt man zu einer kleinen Moschee, von deren Mcdinet (Minaret) herab durch Flaggensignale die verschiedenen Befehle ertheilt werden, und zu einem kleinen Markte, auf dem man Lebensrnittel feil bietet. Die Werkstätten liegen zur rechten Hand und sind sehr lange große Gebäude, gewöhnlich von zwei Stockwerken. Zur linken Hand liegen verschiedene zum Schiffswcrfte gehörige Gebäude, dicht am Meere. Mahammcd-Aali versuchte mit großem Kostcn- aufwande wasserlecrc Doks in's Meer hinauszubaucn, um darin die Kriegsschiffe ausbessern zu können. Große Dampfmaschinen sollten bestimmt sein, das Wasser aus ihnen auszupumpen. Der Plan gelang nicht, die Doks sind beständig gefüllt. Die Zeit der Arbeit dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; die Europäer machen es sich gewöhnlich leichter und arbeiten höchstens acht Stunden. Zur Zeit des Gebetes werden die Mahammedaner durch die grüne Fahne ihres Propheten zur Moschee gerufen, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Während des Mittags ist anderthalb Stunden Ruhezeit. Die Löhnung der Araber ist äußerst gering. Es gibt Arbeiter, welche täglich nur zwei Silbcrgroschen erhalten, wohl keiner unter ihnen empfängt mehr als täglich einen Gulden. Die Europäer und vorzugsweise die Teutschen werden sehr hoch bezahlt; ein Tischlcrgcscll arbeitet im Dienste der Regierung nicht unter einem Thaler und zwanzig Silbergroschcn nach unserem Gelde oder fünfundzwanzig Piaster cgyptisch. Nur herrscht auch hier, wie bei allen übrigen Arbeiten der Regierung, der Nebel- 188 stand, daß erst nach langer Zeit einmal die schuldige Löhnung dem Arbeiter ausgezahlt wird. Ost vergehen darüber Monate. Jeder Arbeiter erhält ein sogenanntes „Töskeröh", eine Schuldverschreibung der Regierung, welche er zwar bei jedem Wechsler, aber nur mit einem Verluste von ungefähr zwanzig Prozent, diskonti- ren kann. Die Quarantäneanstalt ist in neuerer Zeit vielfach verbessert worden. Ich hatte das Glück, nie, auch nur eine Stunde, in ihr zu verweilen. Frühere Reisende klagen sehr über schlechte Einrichtung der Gebäude, am Meisten wohl der Wagnergcscll Döbel, welcher vielleicht nicht im Stande war, so Viel aufzuwenden, um sich den unwohnlichcn Raum wohnlicher zu machen. Er mußte, von Syrien kommend, einundzwanzig Tage lang in einer elenden Spelunke verbringen. Nächst dem, daß man jetzt in Alcrandrien, in der Nähe des neuen Hafens (unweit der Nadeln der Kleopatra) ein besseres Gebäude errichtet hat, um die Kontumazzeit darin auszuhalten, hat man diese bei Zeiten, wo weder die Pest, noch die Cholera herrschen, sehr verringert und von einundzwanzig Tagen auf fünf Tage herabgesetzt, wobei, wie gewöhnlich, der Tag der Ankunft! eines Reisenden und der Entlassungsmorgcn mit gerechnet werden, so daß sich die ganze Zeit der Quarantäne auf kaum mehr als neunzig Stunden reducirt. Auch ist man gegen die Reisenden milder geworden und erlaubt ihnen, sich Betten, Tische und Stühle, Speisen und Getränke aus einem der europäischen Gasthäuser herbeischaffen zu lassen. So ist die Quarantäne für den wohlhabenden Reisenden kein Gebilde des Schreckens mehr; für den armen deutschen, aus Konstantinopcl kommenden Handwerker, welcher gewöhnlich eine mühselige Pilgerreise durch Palästina machte und ermattet in Egypten anlangt, hat sie noch immer nicht Viel von ihrer ganzen Furchtbarkeit verloren. Die Militärho Spitäler Alerandriens stehen jetzt unter der Aufsicht tüchtiger und rechtlicher europäischer Aerzte, welche wiederum von einer recht guten Sanitätsbehörde beaufsichtigt werden. Seitdem man anfängt, unsere wackeren Mediziner den ita- 189 lienischen Pfuschern und französischen Großredncrn vorzuziehen, ist man bedeutend vorwärts gegangen. Die Hospitäler sind luftige, kühle und reinlich gehaltene Gebäude, die Betten der Kranken sauber und geräumig, Arzneien und Speisen, auch die Pflege der Leidenden sind recht gut. Man verdankte Dies wohl größtenthcils unserem Landsmann, dem in ganz Egyptcn hochgeachteten Or. Prunner, früherem Leibarzte des Pascha und Direktor des ganzen Arzneiwesens in Egyptcn. Der später an seine Stelle gekommene, als tüchtiger Arzt in ganz Deutschland hinlänglich bekannte Professor Dr. Griesinger hat das Werk seines Vorgängers rühmlichst fortgesetzt. Als sehr geachtete Aerzte in Egyptcn nenne ich auch noch unsere deutschen Landsleute Dr. Schreiber in Alerandrien und Dr. Bill harz in Kairo. Die Bestrebungen der Sanitätsbehörde Alerandriens erstrecken sich jetzt auch über das übrige Egyptcn. Die Regierung thut zur Besserung des oft sehr traurigen Gesundheitszustandes ihrer Unterthanen mehr, als man vielleicht erwartet. In allen größeren Städten Egyptcns sind Aerzte angestellt und Apotheken gegründet worden. Alle Kranken, ohne Unterschied der Person, sind berechtigt, unentgeldlich die Hilfe des Arztes und die Arzneimittel der öffentlichen Apotheken zu beanspruchen. Leider werden diese wohlthätigen Institute von dem gemeinen Volk wenig benutzt. Gewissenhafte Aerzte erhalten, wenn sie schwer Erkrankten aufgeholfen haben, selten Dank für ihre Bemühungen. Ein italienischer Arzt, welcher einem Fellah das Leben gerettet hatte, wurde von diesem noch auf die unverschämteste Weise um „Bakhschicsch" angegangen. Nach seiner Ansicht hatte nur Allah ihm geholfen, aber ob er diesem gedankt hatte, war wohl auch noch zu bezweifeln. Diese Undankbarkeit für Wohlthaten aller Art verschließt in Egyptcn dem Guten nur allzu oft den Weg: Das Hafenschloß „Khasser el Thihn" steht dem Palaste des Pascha auf der Citadelle in Kairo an Pracht und Lurus wenig nach. Die innere Einrichtung der türkischen Paläste ist so ziemlich dieselbe und richtet sich mehr und mehr nach europäischen Vorbildern. Die Moscheen Alerandriens bieten nichts besonders 190 Merkwürdiges und sind mit denen Kairo's in keinen Vergleich zu bringen. Zu einigen von ihnen hat man viele Werkstücke von Gebäuden deS alten Alerandrien verwendet; so findet man ganze Säulenschäfte der heidnischen Tempel und späteren christlichen Bct- häuscr dazu benutzt, jetzt die Kuppeln der Moscheen zu tragen. Man erkennt solche Stücke sogleich an der Größe und Feinheit der Arbeit oder auch am Materiale, aus dem sie bestehen: dem rothen Granit aus den Steinbrüchen des alten Syene. Der Basar Alerandricns ist lange nicht so ausgedehnt und reich, wie der von Kairo. Man findet die nothwendigsten Artikel zur Befriedigung der Einwohner Alerandricns, der wahre Sitz des türkischen und arabischen Lurus aber ist die Maheruhset und diese Stadt der Ort, einen ächt morgcnlandischcn Markt in seiner Vollendung zu erschauen. In Alerandrien herrscht die abendländische, in Kairo die morgcnländischc Sitte vor. Das heutige Alerandrien nimmt kaum den vierten Theil des Raumes ein, auf welchem die alte Stadt der Ptolcmäer gestanden hat. Noch mehr als eine Vicrtelmeile von den äußersten Thoren der FcstungSmauern verkünden ungeheuere Schuttbcrge, daß dort früher Straßen und Häuser standen. Fast an jeder Stelle, wo Nachgrabungen gemacht worden sind, hat man Reste von Alterthümern entdeckt; in Alerandrien wird kein neues, großes Haus erbaut, ohne daß man auf Trümmer eines alten stieße. Mitten in der jetzigen Stadt liegen Säulenschäfte von bedeutendem Durchmesser, welche man, weil sich keine Kräfte finden, die ungeheuren Steinblöcke wegzuschaffen und sie nicht schön genug sind, um durch Alterthumsforschcr von der Stelle weggebracht zu werden, ruhig liegen läßt. In der Wüste, welche jetzt unmittelbar außerhalb der Thore der Stadt beginnt, fand man bei Nachgrabungen, die man anstellte, um Bausteine zu brechen, sehr zierlich gearbeitete Bildhauerarbeiten. Man begreift nicht, wie sich ganze Schuttbergc bilden konnten, und doch findet man viele Hügel, die gegen achtzig 191 Fuß hoch und noch höher sind und aus nichts Anderem, als dem Schütte des alten Alerandn'en bestehen. Die noch erhaltenen Reste der alten Stadt sind bekannt genug. Von den Ringmauern der Festung werden nur die beiden den Namen „Nadeln der Kleopatra" tragenden Obelisken umschlossen, alle übrigen Monumente liegen außerhalb der heutigen Stadt. Die Nadeln der Kleopatra stehen am neuen Hafen, jetzt in einer Batterie mit achtundvierzigpfündigen Kanonen. Eine der Spitzsäulen liegt im Sande, die andere steht noch aufrecht auf ihrem Fußgestcll. Die erstere wurde von Mahammed-Aali den Engländern geschenkt, von ihnen aber bis jetzt noch nicht abgeholt. Nächst den Obelisken in Heliopolis bei Kairo und einem in Buksor sind die Nadeln der Kleopatra wohl die größten dieser kolossalen Steinblöcke. Jeder dieser Obeliske ist einund sieben- zig wiener Fuß lang, an der Basis sechs Fuß neun Zoll und oben unterhalb der den Steinblock endenden kleinen Pyramiden vier Fuß und zehn Zoll auf jeder Seite breit und aus einem Stücke rothen Granits gehauen. Die Spitzsäule ist ganz mit Hieroglyphcnbildcrn, welche mit besonderer Schärfe zoll- ticf in den harten Granit cingcmciselt sind, bedeckt. Etwa eine Viertelstunde südwestlich von den Nadeln der Kleopatra entfernt steht auf einem Hügel außerhalb der jetzigen Stadt die Säule des Pompejus oder, wie die Alterthumsforscher neuerdings bewiesen haben wollen, des Diokletian. Schon ehe man zur See nach Alerandn'en kommt, ragt sie, wie das Minaret einer Moschee, hoch über die Gebäude der Stadt und über einen Wald schlanker Palmen empor. Nach Prokesch ist der aus einem einzigen Granitblocke gehauene Schaft der Säule drciundscch- zig pariser oder fast scchsundfiebenzig leipziger Fuß hoch, bei einem unteren Durchmesser von acht pariser Fuß und vier Zollen und einem oberen von sieben Fuß und drei Zollen. Sie steht aus einem ungeheuren Würfel. Die ganze Höhe des Monuments beträgt achtundneunzig pariser Fuß. Einzelne Engländer haben die Säule bestiegen und ihre Namen mit riesengroßen Buchstaben unterhalb des korinthischen Kapitäls derselben aufgezeichnet. Von drei 192 Seiten stößt der mahammcdanische Friedhof an das Postament des großartigen Denkmals; dicht neben ihm schlafen die Gläubigen ihren ewigen Schlaf. Nächst diesen beiden berühmten Ueberbleibseln der Vergangenheit nennt man bei einer Beschreibung von Alcrandrien gewöhnlich noch die Bäder der Kleopatra und die Katakomben. Wurden durch die Besichtigung jener auch die kühnsten Gebilde der Phantasie übertreffen, so stehen diese jeder Vorstellung, welche man sich vorher machte, bei Weitem nach. Wer denkt bei den Bädern der Kleopatra nicht an das stolze Weib mit all' seinen, die größten Helden bethörenden Reizen! Und wenn uns diese Geschichte auch ihre vielen und großen Verbrechen, ihre Heimtücke und ihren Wan- kclmuth aufzählt, söhnt sie uns doch durch die Erzählung ihres selbst gewählten Todes gleichsam wieder mit ihr aus; die schöne, licbe- brünstige Frau denken wir uns noch schöner, wie sie der um ihren Arm gewundenen Viper den Busen bietet, damit das Gift der Schlange schnell zu ihrem Herzen Eingang finde. Wer möchte nun nicht die Bäder betrachten, welche die üppigen Formen dieses Weibes gesehen haben sollen; wer glaubt nicht, daß die Pracht und Verschwendung liebende Frau ihre heimlichen Badenischen besonders reich ausgestattet habe? Wir nehmen ein kleines Boot, schiffen zwischen den Briggs und Kauffahrern der verschiedensten europäischen Nationen, unter den Fcuerschlünden der so stolzen egyptischen Linienschiffe an einigen Forts und sehr vielen Windmühlen vorüber, immer an der Küste dahin und erreichen nach einer kleinen Stunde eine sichere Mecrbucht, durch deren klippenreichen Eingang unser Fährmann geschickt und vorsichtig sein Schifflein steuert. Hier steigen wir aus und sind nach wenigen Schritten am Ziele unserer Wanderung. Zwei kleine, roh aus dem Felsen gehauene und zwei Fuß im Wasser stehende Nischen mit reinlichem Kiesboden — das sind die Bäder der Kleopatra. Rings an den Wänden der Löcher herum läuft eine niedere Steinbank, worauf wir unsere Kleider legen, wenn wir baden wollen. Das Wasser ist hell und rein, der Raum kühl. Durch einen unter Wasser stehenden ausgehauenen Gang bringt uns die Brandung mit 193 jedem Wogenschlage einen Schwall frischen Seewafsers, welches von der ersten Nische in die zweite läuft; eine dritte Nische ist verschüttet. Ganz in der Nähe liegen die Katakomben. Es sind einige unterirdische runde und vierseitige, von Pfeilern getragene Säle, halb oder ganz verschüttete Gänge, ohne besondere schöne Hieroglyphen oder sonst etwas Merkwürdigem. Früher sollen sich in den höhlenartigen Räumen Hyänen aufgehalten haben; jetzt findet man keine mehr. Weder die Katakomben, noch die Bäder der Kleopatra sind für die Mühe des Weges belohnend. Die Meerfahrt ist es selbst. Die Umgebung Alerandriens ist größtcnthcils Wüste. Nur in der Nähe des Mahmuhdre-Kanals hat man einzelne Landhäuser errichtet, Gärten und Felder angelegt und eine lebhafte Vegetation hervorgerufen. Ocstlich von der Stadt, nach Abukihr zu, liegen ausgedehnte Feigen- und Weingärten, die von Jbrahihm-Pascha angepflanzt wurden und jetzt seinen Söhnen gehören. Von den Europäern haben sich manche in der Nähe des Kanals angesiedelt und sich auf ihre Landhäuser zurückgezogen. Sie sind steuerfrei und erst ihre in Egypten geborenen Nachkommen müssen später an die egyptische Regierung gewisse Abgaben entrichten. Der nach dem letztvcrstorbencn Sultahn Mahmuhd „Mah- muhd'ie" genannte Kanal ist unzweifelhaft eins der erfolgreichsten Werke Mahammed-Aalis, denn er verbindet die Hafenstadt des Landes mit der Wasserstraße — bisher einzigen von Belang — desselben. Seine Herstellung soll, wie man sagt, mit dem Leben von sünfundzwanzigtausend Menschen erkauft worden sein. Die Unglücklichen wurden zum Arbeiten gezwungen, erhielten keine Werkzeuge und mußten den mühsam losgebrochenen Schlamm mit ihren Händen oder in kleinen, selbstverfertigten Körben wegtragen. Bei der Erbauung des Kanals, welcher erst neben, dann durch den Mareotissee und später durch wüstes Land seine Richtung nimmt, n 13 19L gab es noch keine Dörfer in der Nähe, wie dies jetzt der Fall ist, deshalb blieben bald die Nahrungsmittel aus, es fehlte selbst das Trinkwaffer; wo man einschlug, fand man nur salziges, brakcs, vollkommen ungenießbares Wasser. Die Arbeiter starben wie Fliegen dahin. Ungeachtet dieser ungeheuren Opfer hat der Kanal noch seine großen Mangel. Die Dämme sind an vielen Stellen nicht wasserdicht, der Lauf desselben ist voller Krümmungen, sein Bett ist zu seicht rc. Jetzt begrenzen schmale Streifen Culturlandes seine Ufer, auf den Dämmen sieht man kleine Dörfer der Araber, deren elende Hütten aus dem Schlamme des Kanals erbaut sind. Diese Spelunken beherbergen arme Fcllahhihn, mehrere größere Kaffchäuscr, öffentliche Tänzerinnen. Alle Dörfer des Kanals geben ein Bild der tiefsten Armuth. Man ist immer froh, wenn man den Nil erreicht. Der Kanal empfängt sein Wasser bei dem Dorfe „Adfeh" oder „Fumm el Mahmuhd're — Kanalmündung — vermittelst einiger Schleußcnthore aus dem Nile. Nur bei hohem Was- scrstande ist der Kanal tief genug; während des niederen Nilstandes (welcher mehrere Fuß unter das niedrigste Niveau des Kanals fällt) muß er aus einem theilweise künstlichen Binnensee gespeist werden. Und dann können ihn nur kleine Schiffe befahren. — Nach Süden zu umgibt der Mareotissee die Hafenstadt. Er ist unbedeutend, nur einige Stunden lang, kaum über eine Stunde breit, sehr seicht und an Fischen arm. Man gewinnt Kochsalz aus seinen bittern Fluthen. Früher lagen da, wo jetzt nur Salikarien- sträucher und Schilf stehen, große fruchtbare Felder. Die Engländer durchstachen 1801 den Damm bei Abuk ihr, der die Mee- resfluthen von der Niederung abhielt und verwandelten das ganze Land in den in jeder Hinsicht öden See. Jetzt ist er auch westlich, in der Nähe der Bäder der Klcopatra, mit dem Meere verbunden und enthält fortwährend ein trübes, salziges Wasser, welches einen grundlosen Schlammboden überdeckt. Westlich von Alerandrien erstreckt sich die Wüste meilenweit 195 an der öden Küste des Meeres, dort wächst außer den Wüsten- gräscrn gar Nichts und es kann auch wohl nie eine Anpflanzung angelegt werden; es fehlt an dem Alles belebenden süßen Wasser. Beduinenhorden streifen der Küste entlang in der Wüste herum, hüten ihre kleinen Heerdcn und rauben und plündern die Reisenden, denen es einfallen sollte, zu Lande nach Der na oder einer anderen von Alcrandrien aus westlich gelegenen Stadt zu reisen. 13 * Ein Blick in das Thierleben Egyptens. Die Untersuchung einer genauen Karte „des wie eine Auster zwischen zwei Schalen hängenden Nillandcs Egypten" berechtigt uns schon im Voraus dazu, einen Schluß zu machen, welche Thierklasse in diesem eigenthümlich beschaffenen Lande mehr als die andere bevorzugt sein wird. Das enge, sich nur gegen das Meer hin erweiternde Stromthal kann nicht geeignet sein, allen Thier- klassen gleiche Annehmlichkeiten zu bieten. Es ist zu schmal, um größeren Landthieren Raum und sichere Schlupfwinkel zu gewähren; die Gebirge sind zu kahl, um viele pflanzenfressende Thiere zu ernähren ; die Wälder sind zu licht und zu nahrungsarm, als daß diese oder gefährliche fleischfressende Raubthiere dort ihre Wohnung nehmen könnten. Dagegen werden Amphibien und Vögel passendere Wohnplätze in einem Lande finden, wo Feuchtigkeit und Trockenheit so wunderbar vereinigt sind, daß Sandwüsten Sümpfe begrenzen. Am glücklichsten dürfte Egypten für die Klasse der Vögel beschaffen sein. Der auf seinem Winterzuge von Norden her einwandernde Vogel findet einen Platz, wie er ihn nur immer wünschen mag: er findet schroffe, steile und öde Gebirge, welche sich an blühenden, bebauten und bewaldeten Ebenen hinziehen; er findet lachende, für ihn weite, von brennenden, sandigen Wüsten begrenzte Fluren, den mächtigen Nil mit seinen unzähligen Kanälen, die Küste des Meeres mit Salzseen und Sümpfen, welche vom Meere aus überflu- thet und mit süßem Wasser gespeist werden. Eins der angenehmsten Klimate der Erde setzt den der großen Wasserheerstraße folgenden Vogel in den Stand, seinen Aufenthaltsort innerhalb von sechs Breitengraden unter fast gleich glücklichen Verhältnissen wichen zu können. Und das bemerkt der Reisende bald. Er be- 197 tritt keinen Theil des Landes, ohne diesem oder jenem Vogel zu be- gegnen. Ueber den unzugänglichen Gebirgen, in deren Felsklüften nur der Schakal und die nächtlich hervorbrechende Hyäne Hausen, kreisen die mächtigen Geier in schwindelnder Höhe und spähen mit scharfem Auge nach Aas umher. Nur zuweilen lassen sie sich herab, um in einer Felsspalte auszuruhen oder der Verdauung zu pflegen; vielleicht enthält dieselbe ihren großen Horst. Der kleine, zutraulicheNooMroir xeronoptoi-os, Egyptens schmutziger Aasgeier, besucht jedes Dorf Oberegyptens, um dort seiner eckelhaf- ten Nahrung nachzugehen. Der Forscher findet ihn selbst vor den Thoren der Städte, oft auch auf den verfallenen Palästen und Tempeln vergangener Jahrtausende, welche heute noch sein Bild- niß tragen. Die kühnen Edeladlcr haben sich die im Feld gelegenen Palmenwälder auserkoren und bäumen dort, nachdem sie sich müde gejagt, mit Sonnenuntergang zur Nachtruhe auf; dieselben Plätze suchen die Schlangenadler, welche den Tag über eifrig bemüht waren, das Land von gefährlichen Amphibien zu säubern, die kräftigen, flügelschncllcn Edelfalken, die Milane, Bussarde und trägen Röthelfalken; der Gleitaar schwimmt durch den goldnen Abcndhimmcl seinem Orangengarten zu; die Weihen sitzen in einzelnen Mimosenhainen auf den untersten Aesten, an den Stamm gedrückt. Während des Tages Räuber sich zu Ruhe begeben, erwachen die der Nacht. Ein seltner Uhu, kullo »soslspllus, verläßt mit Hyäne und Schakal seine sichere Felsenwohnung und wird das Schrecken der egyptischen Taubenhäuser oder der in den Sand der Wüste gedrückten Flughühnerketten; die Hyäne erschreckt die friedlich äsende Gazelle, der Schakal heult seine unheimliche Weise. In jedem Dorfe sieht man das Käuzchen (Lckllonv iveriäions- lis) auf den Häusern sitzen und dort unter lebhaftem Gestenspiel sich mit seinem Gatten unterhalten. Sein Unheil verkündender Ruf wird in Egypten nicht sehr geachtet, Jedermann erfreut sich vielmehr an dem schmucken Thicrchcn, welches beim Erscheinen eines Menschen unzählige Verbeugungen und Knirc macht und sich so an 198 ihn gewöhnt hat, daß es seinen kleinen Horst in der Mauerspalte einer Fellahhütte aufzuschlagen wagt. Den todwcissagenden Ruf schreibt man dagegen der Schleiereule zu, welche, wie überall, so auch in Egypten in den Wohnplätzen lebt und diese zur Nachtzeit kreischend durchstiegt. Auf öderen, mit Halfa bestandenen Stellen erheben sich mit den Eulen Egyptens die Nachtschatten (OsxrimulAus skA^xtiaous und 6. isallellinus) zu ihrem nächtlichen Fluge und streichen mit zierlichen Wendungen behend und leicht über die insektenreiche Fläche dahin. Jedes Dorf beherbergt Schaarcn der überall, nur in Italien nicht geschonten Schwalben, jener von guten Menschen immer gern gesehenen Vögel, welche die Araber „lluulki- vl ckjinnv" (Böget des Paradieses) nennen, weil sie neben dem flammenden Schwerte des Cherub vorbeihuschten, um dem aus dem Eden verstoßenen Menschen zu folgen. Kindlichen Sinnes freut sich der Fellah, wenn einer dieser „Böget des Segens" sein künstliches Nest an das Sparrwcrk seiner Hütte heftet, und duldet den freundlichen Sänger auch in dem Innern seines Hciligthumcs. kiruncko Lois- sonsAuti ist es, welche in den Dörfern lebt, H. oakiriea wohnt an den Felsen des Stromufers und nistet in den einsamen Schechs- gräbcrn der Wüsten. Dort und auf den Halfaflächen sieht man die geräuschvollen Flughühner, in den Sandwüstcn den schnellen isabellfarbenen Läufer in Gesellschaft der kundigen, krummschnäbeligen und kleinen Jsabcll-Lerchen, an felsigen Particen der Wüste die Felsen- tauben. Aus trocknen Feldern leben Brachpiep er, Feld- und Haubenlerchen, in Kleestückcn unzählige Pieper. Da schleicht dann auch Tag und Nacht der egyptische Fuchs herum, um kleinen Vögeln nachzustellen und gar oft sieht der aufmerksame Beobachter den Sumpfluchs oder die dortige Wildkatze zu gleichem Zwecke aus dem Getraide oder zwischen Gebüschen hervorlugen. Aus den Wipfeln der Sykomoren schallt des unscheinbaren Drosslings schmetternder Sang, in den Salikarrenbüschen flöten die Sänger, auf den Maulbeerbüschen und in den Hecken singt Egyptens Nachtigall, die ^Zroliates Aalaotockes. Die zier- 199 lichm Bienenfresser sitzen paarweise auf niederen Gebüschen und sind am Saume der Mimosenhaine besonders häufig; im Innern dieser Wäldchen lebt der meckernde Straußkukuk, jener ungesellige, seine Sippschaft ewig befehdende Vogel, welcher sogar seine eigne Brüt der Sorgfalt der Nebelkrähcn, in deren Nester er seine Eier legt, übergibt. Hedenborg's Wüstenrabe ist in den größeren Palmenwäl- dern anzutreffen, die gewöhnliche Krähe aber ist die Nebel krähe, welche in den Gärten der Städte und Dörfer nistet. Die lieblichen Turteltäubchen Europas und Egyptcns ('lurtrn- sui-itus und seK^ptiaous) kommen ebenfalls in jedem Walde vor, mehrere Arten von Würgern sind gemein. Das sind so ungefähr die Erscheinungen aus der Vogelwelt, welche man im Innern des Landes antrifft. Weit reicher sind die Seen und Sümpfe, die Kanäle und der Strom. Hauptsächlich ist es das Delta, welches für die von Norden her ankommenden Vögel einen vorzüglichen Anziehungspunkt bildet, weil es die großen Seeen, Sümpfe und Lagunen, welche Egyptens Meeresküste auszeichnen, enthält. Die Seeen, deren größter der Mcnzalch ist, sind an Fischen, Insekten und anderen Wasserlhiercn unendlich reich und deshalb ein Licblingsaufenthalt unzählbarer Vögel, welche dort reichliche Nahrung finden. Sie enden nach dem Lande zu in schlammige, untiefe Buchten, in welche sich die Ausläufer der Kanäle ergießen, oder verbinden sich unmittelbar mit sumpfigen Reisfeldern oder wirklichen, rohrreichen Brüchen. Die herrlichsten Palmcnwaldungen schließen sie ein und vollenden das Paradies, die eigne Welt der geflügelten Schaarcn. Diese nur zu schätzen, scheint mir unmöglich; cS ist ein wahrer Hochgenuß finden Naturforscher, das Leben dieser Vogelwelt mit anzusehen; erstaunt und begreift nicht, wie es möglich ist, daß hier Hundcrttau- sende von Thieren leben können, welche der geringsten Schätzung nach täglich mindestens 60,000 Pfund Fische zu ihrer Nahrung bedürfen. Obgleich der Menzalehsee, welchen wir jetzt hauptsächlich in's Auge fassen wollen, auch im Sommer von Vögeln sehr belebt ist. 200 erhält er seine volle Bewohnerzahl doch erst zur Winterzeit. Wenn der goldgefiederte Pirol und die flüchtige Schwalbe die Kunde gebracht hat, daß sich im Norden die geflügelte Schaar zur Winterreise aufgemacht, kommt bald einer der altbekannten Gäste nach dem andern an. Die Wachteln erscheinen in so großen Flügen, daß ein gewandter Jäger ihrer in einer Stunde dreißig Stück erlegen kann, weil er kaum genug Zeit zum Laden hat; die ziehenden Seevögel verdunkeln zuweilen die Lust. Die Scharben, wahre Seevögel und eifrige Fischjäger, finden sich zu Tausenden ein, alle in Deutschland vorkommenden Enten sind vorhanden; die ähnlichen Arten sammeln sich in Schaaren, welche den See buchstäblich vier- telmeilcnwcit bedecken; sie werden in so großer Anzahl gefangen, daß man vier Stück für einen Silbergroschen zu kaufen bekommt. Kaiseradler und Schreiadler, Wanderfalken, Würg- und andere südländische Edelfalken suchen sich selbstverständlich dergleichen beutereiche Orte auf und fangen sich mit leichter Mühe ihre tägliche Nahrung. Vor Allen ist der gewaltige Kaiseradler (^guila imporislis) das Schrecken der Wildgänse und Flammings, welche er mit unermüdlicher Ausdauer verfolgt und in kurzer Zeit überwältigt. Unbeweglich sitzt der Seeadler (UsIlsetoZ »Ibi- eills) hier und da am Strande; Groß und Klein scheut die Nähe des gefürchteten Räubers, ganz im Gegensatze zu dem starkklauigen Fischadler (krmäiou llsliaetos), welcher oft mitten unter den Enten sitzt. Diese kennen ihn als bloßen Fischjäger und lassen ihn, ohne Furcht zu zeigen, fußhoch über sich Hinwegstreichen. Sie wissen recht wohl, daß sie ihre furchtbarsten Feinde nur in den Edelfalken haben. Mit wcitspähendem Auge gewahrt einer dieser gewandten Räuber schon aus großer Entfernung die im seichten Wasser ruhig schnatternden und lustig schwatzenden Enten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel stürzt er aus hoher Luft senkrecht unter sie herab, eine von ihnen ist stets seine Beute. Die übrigen fliegen erschreckt auf, lassen sich aber schon nach kurzem Fluge wieder auf das Wasser nieder, gleichsam als wüßten sie, daß es vor solchen Feinden kein Entrinnen gibt. Aber der Edelfalk hat seinen Raub noch nicht in Sicherheit. Kaum hat er ihn erhoben, als 201 auch schon der überall gegenwärtige Schmarotzermilan erscheint und ihn mit seinen Genossen schreiend verfolgt. Zu stolz, um mit den seiner unwürdigen Gesellen zu kämpfen, überläßt er ihnen lieber seinen Fang und eilt zurück, um sich nach anderem Fraße umzusehen. Außer den Enten wimmeln die seichten Stellen von kleineren Sumpf- und Wasservögeln. Hunderte von Schlamm-, User- und Wasserläufern beleben die Uferränder, etwas tiefer im Wasser stehen die abwechselnd weiß und schwarz gezeichneten Säbel- schnäbler und die dunkelrückigen Strandrcitcr; beide fangen Wasserinsekten. Erstere stellen sich dazu auf den Kopf, letztere, die auch in allen Lachen der Dörfer gewöhnlichen, gemüthlichen Stel- zenläuser, suchen sie mehr am Rande der Buchten. Im tieferen Wasser steht der Löffler (kalsles louooroäik») in großen Heer- den und durchstöbert mit seinem Löffclschnabel emsig den Schlamm des Seees; hinter ihm sieht man eine lange Feuerlinie, tausend und andere tausend von Flammings, gleichsam eine ungeheure Fronte bildend. Die Araber fangen diesen Prachtvogel in Netzen und erzählten mir noch eine andere Fangart, welche ich, weil ich sie nicht selbst gesehen habe, nicht verbürgen kann. Nachdem man einige Tage vorher den Schlafplatz der Vogel genau ausgekundschaftet hat, nähert man sich ihnen Nachts behutsam auf einem aus Rohr- stängeln zusammengebundenen Fahrzeuge und sucht den „Tschausch". d. h. den unter der Heerde die Wache Haltenden zu entdecken. Dieser steht aufrecht da, während alle übrigen den Kopf unter dem Flügel verborgen haben und schlafen. Ein nackter Araber kriecht vorsichtig unter dem Wasser zu ihm heran, zieht den Hals geschwind unter das Wasser und bricht ihn dort entzwei. Dann werden von seinen Gehülfen so viele Flammings gefesselt, als man in der Eile erlangen kann. Die Schlingen oder vielleicht auch die Netze dazu sind im Voraus hergerichtet. Man soll auf diese Weise in einer einzigen Nacht oft mehr als sechzig Eremplare sangen. Der Flamming oder PLschäröhsch, wie er von den Ära- 202 bcm genannt wird, ist einer der wohlschmeckendsten Vogel, welche man kennt. Bei den Gastmahlern des Römers LuculluS bildeten die fleischigen, fetten Zungen der Flammings seltene Gerichte und galten als köstliche Leckerbissen. Viele Gelehrten haben an der Wahrheit dieser Tradition gezweifelt, weil die Römer das Feuer- gewehr nicht kannten. Meiner Ansicht nach wäre es gerade mit dem lärmenden, alle Thiere verscheuchenden Feuergewehre unmöglich gewesen, so viele Flammings zusammenzubringen; ich bin überzeugt, daß man die Flammings damals in den pontischen Sümpfen auf ähnliche Art als heut zu Tage im Mcnzaleh mit Netzen sing. — Große Gesellschaften von Pclckancn durchziehen, gemeinsam fischend, weite Strecken des Seces. Nur Einer, welcher die ungeheure Anzahl dieser gefräßigen Thiere kennt, wird meiner oben mitgetheilten Schätzung des täglichen Fischvcrbrauchs durch die Böge! vollen Glauben schenken. In ganz Nord-Ost-Afrika habe ich niemals so viele Pelckanc vereinigt gefunden, als am Menzaleh- sce. Während der Nilüberschwemmung ist es nichts Seltenes, auf den überfluthcten Landstreckcn tausend bis zwölshundert Pelekane zusammen zu sehen; aber eine solche Anzahl steht noch immer weit hinter der zurück, welche der Menzaleh an einer einzigen Stelle beherbergt. Hier bedecken sie oft halbe Meilen und solche Stellen erscheinen, wenn man sie aus weiter Ferne betrachtet, als ob sie mit unzähligen weißen Wasserrosen übcrkleidet wären. Da tummelt sich die geschäftige Schaar nach Herzenslust in den Fluthcn herum. Ein weiter Kreis wird gebildet, enger und enger rücken die geschickten Fischer zusammen, den eingeschlossenen Fischen ist jede Flucht verwehrt. Begierig tauchen die Vögcl ihre langen Hälse in die Tiefe, die mächtigen Schnäbcl sind geöffnet, ein Fisch nach dem andern wandert in den Nimmersatten Schlund. Recht behaglich ruhen sie dann von ihrer Arbeit auf Sandinseln aus und putzen, fetten und glatten die harten kurzen Federn, welche während des Winters jenes, vielen Schwimmvögcln gemeinsame, Roscnroth überhaucht. Wenn man unter eine, auf dem Wasser schwimmende Pelckanhccrdc schießt, fliegt diese mit einem Geräusche aus, welches 203 man ungefähr einem von zwanzig Trommlern geschlagenen Wirbel vergleichen und über eine Viertelstunde weit hören kann. Der Pclekan ist nur Schwimmvogel und zum Tauchen vollkommen unfähig. Der Grund hiervon scheint mir hauptsächlich in der eigenthümlichen Beschaffenheit seiner Fetthaut (krnmionlns säiposus) zu liegen. Diese besteht aus vielen, sehr großen, dicht an einander liegenden, mit Luft gefüllten Zellen, welche zusammen eine Schicht von sechs bis zehn Linien Dicke bilden. Selbst bei größter Lebensgefahr bleibt der Pelekan auf der Oberfläche des Wassers und macht niemals den Versuch, in das Wasser hinabzu- tauchen, wie es in ähnlichen Lagen alle Schwimmvogel — mit Ausnahme der Möven und Secschwalben — thun. Auch der Pclekan wird von den Arabern gefangen und gegessen, obgleich das nach mahammedanischen Grundsätzen eigentlich verboten ist. Denn als man die Kaaba in Mecka baute und das Wasser weit herbeigeholt werden mußte, gebrach es bald an den Sakhaht. Die Bauenden klagten, weil sie ihre Hände müssig ruhen lassen mußten. Aber Allah wollte nicht, daß der heilige Bau behindert werde. Er sandte Tausende von Pclekanen, welche ihre geräumigen Kchlsäckc mit Wasser füllten und dieses den Bauleuten brachten. Wenn ein Fischer einen Pclekan gefangen hat, durchsticht er die unteren Augenlider mit einer Nadel, zieht einen Faden durch sie und bindet diesen mit dem vom andern Auge oben auf dein Kopfe zusammen. Die Lider entzünden sich bald in fürchterlicher Weise und der arme Vogel muß viele Schmerzen leiden. Jung gefangen, wird der Pclekan so zahm, daß er aus und ein geht und sich sein Futter selbst fischt. Sein Fleisch achten die Eingebor- nen dem Schaffleische gleich, ziehen ihm jedoch das Fleisch der Scharben noch vor. Letztere, welche ungcmein fett sind und thra- nig schmecken, sind für uns ungenießbar, aber die Araber besitzen nun einmal nicht den feinsten Geschmack und glauben, daß Alles, was fett ist, auch gut sein müsse. Nächst den Pclekanen sieht man auch einzelne Schwäne, ((H'KNIIL musieus), viele Wildgänsc (Anssr albili-oim) und 204 zahllose Möven und Seeschwalben auf der freien Fläche des Scees. Weit mehr Bögclarten (nicht Individuen) beherbergen die an den See grenzenden Sümpfe. Sie wimmeln von Bewohnern. In jedem Reisfelde liegen große und kleine Heerschncpfen; sie sind so gemein, daß der geschickte Schütze dort sich eine wahre Freude machen kann. Seltner ist die Doppelschnepfe oder der große Brachvogel (Numouiiw arguatus), die Wald- und Mittelschnepfen fehlen ganz. Dagegen sieht man den rothen Ibis (I^llloiiwUlls iZnsus) inmitten des Schilfes auf freien Plätzen zu zwanzig bis dreißig Stücken. Die bunten Reiher (Deckes oine- res und Purpurs») haben sich freiere und tiefere Stellen erwählt, während der Erzeuger der köstlichen Federn, der große Silberreiher (Uoroäias Kurnott») sich im dichtesten Röhrigt verbirgt, dem heranschleichenden Jäger vorsichtig zu erspähen bemüht ist und ihm, trägen Flügelschlags, schon aus großer Entfernung enteilt. Die nächtliche Rohrdommel ist in dem innersten Dickicht versteckt; ihr Gesell, der Nachtreiher, sitzt mit gesträubten Federn und halbgeschlossenen Augen in den Wipfeln der Sykomoren und Palmen, oft inmitten der Dörfer, blinzelt zuweilen zur Sonne empor und schließt die Lider wieder ärgerlich zum Schlafen und Träumen, wenn sie ihm noch zu hoch steht. Der kleine Silberreiher (LZrett» Agi-Mtt») schleicht mit dem immer nur einzeln sich einsendenden Rallenreiher (Deckes eowuts) in den Reisfeldern herum; ^rüsola bulkulo», Egyptens Kuhrciher spaziert gemüthlich in den Kleefeldern auf und ab, besucht die Rindcrheer- den und setzt sich auf den Rücken des egyptischcn Büffels, um diesen von den ihn quälenden Insekten zu befreien; er vertraut den Menschen und kennt des Jägers Tücke nicht. Oardo p^Zmaeus, die Zwergscharbe, klettert an den Rohrstängcln auf und nieder; der gcschäckte Eisvogel sitzt neben ihm oder fliegt dann und wann einmal auf, rüttelt über einer freien Stelle herum und stürzt, wenn er ein Fischchen erschaut hat, pfeilschnell so in das Wasser, daß dieses plätschernd über ihm zusammenschlägt. War er glücklich in seinem Fang, dann setzt er sich ruhig auf die alte Stelle und verdaut. Unser viel scheuerer und schönerer, blaurückiger Eis- 205 vogcl hat sich ein stilleres Plätzchen auserkoren. Svtvia turäoi- lles, die Rohrdrossel, hüpft mit dem Blaukehlchen durch das Rohr und vereitelt fast alle Flugversuche des hier gemeinen Rohrweihs (Oireus imkus). Kreischend und schreiend fliegen die See- schwalben daher; die große Sterne» es8pis senkt den schweren Schnabel herab und stürzt sich bisweilen mit großem Geräusche in'S Wasser. Den Mcergrund durchsuchen die Gänse und Brandenten; auf allen Inseln treiben sich die munteren Strand- und Uferläufer herum. Der Jäger schleicht durch das Schiff, um sich einen seltnen Vogel zu ersehen; da gewahrt ihn der immer aufmerksame Sporenkiebitz (Hop1optern8 8pmo8n8). Augenblicklich erhebt er sich und fliegt dem Jäger mit lautem Geschrei in immer enger werdenden Kreisen um das Haupt, sein Gefahr verkündender Ruf schreckt alle Vogel aus ihrer sichern Ruhe auf, einer nach dem andern eilt davon. „Das sollst du büßen!" denkt der Schütz, sein Schuß streckt ihn zu Boden. Er hat einen Kiebitz mit dunkler Brust und Kopf, weißem Hals und Bürzel und graubraunem Mantel in den Händen, an den Handgelenken sitzen die scharfen, längeren oder kürzeren Sporen. Wir glauben, daß sie die Waffen des Vogcl sind, der Araber weiß es besser. „Alle Böget," sagt er, „hielten einst zu Ehren Gottes ein großes Fest und versammelten sich in einem weiten Gelände. Aus allen Weltthei- ien kamen die flüchtigen Gäste vorbei; nur der Sporenkiebitz fehlte. Nach drei Tagen endlich erschien auch er und entschuldigte sein Ausbleiben, weil er geschlafen habe. Aber der Zorn Allahs ergrimmte über ihn und Er sprach zu ihm: „Weil du jetzt schliefst, als alle Vogel sich zu meiner Ehre versammelten, sollst du fortan gar nicht mehr schlafen." Hierauf setzte er ihm die beiden Sporen an die Flügel. Sobald er nun schlafen will, stechen ihn diese in die Seiten und so fliegt er fort und fort umher mit kläglichem Geschrei, immer und immer umsonst die Ruhe suchend." — Besonders nach Sonnenuntergang ist Leben in den Sümpfen. Dann werden sie von großen Enten-, Gänse-, Möven-, See- schwalben- und Scharbenschaaren, Reihern und anderen Sumpfvogeln , welche sich den Tag über auf der weiten Fläche des Seees 206 zerstreut hatten, ausgesucht und als Schlafplätze benutzt. Das ist ein Leben, ein Krächzen, Kreischen, Schnattern, Ouacken, Trommeln, Pfeifen und Rufen! Helle Schlammläufcrsti'mmen dringen von Zeit zu Zeit durch das Tonchaos hindurch; der Pelekan-Baß tönt dumpf dazwischen. Langsamen Flügelschlags erhebt sich ein kreischender Reiher, um sich ein sicheres Plätzchen auszuwählen, schnatternde Enten, gackernde Gänse verfolgen seinen Flug mit Aufmerksamkeit, ein lauter Bcwillkommungsruf anderer Reiher empfängt ihn, wenn er sich unter seines Gleichen niederläßt. Nach und nach wird es stiller, das Geplärr sinkt zum Geplauder, das Gekrächz zum Geflüster herab. Aber nun erschallen die Stimmen und Töne der Nacht. Das in dem Röhrigt verborgne Wildschwein erhebt sich von seinem Pfuhl zu seinem felderverheercnden Weidegang. Vorsichtig schnüffelt es nach allen Richtungen in die Luft hinaus, dann betritt es einen schon oft begangenen Pfad. Mit beständig bewegtem Gehör trollt es dahin; wehe Dem, welcher es unvorsichtig und unvorbereitet angreift: es schlitzt ihm mit seinen furchtbaren Gewehren die Haut oder gar den Leib auf! Der kluge Jäger läßt es dazu nicht kommen. Er liegt im wohleingc- richtctcn Versteck, die sichere Kugelbüchsc in der Faust und erwartet das Wechseln der Bestie. Jetzt kommt sie heran, der Stecher knackt fast unhörbar, aber doch stutzt sie einen Augenblick, ehe sie ihren Weg weiter fortsetzt. Der Anruf macht sie von Neuem aufmerksam; unmuthig grunzend dreht sie den ungeschlachten Kopf, da kracht die Büchse. Ein fruchtbares Brüllen zeugt von der Kugel Wirksamkeit, dann folgt ein kurzes Röcheln; dort liegt sie verendet. War der Schütze ungeschickt, dann mag er schnell das neben ihm liegende Doppelrohr zur Hand nehmen; die Sau wird ihn unverzüglich „begehren." Auf demselben Wege erscheint später der pfiffige Schakal. Geräuschlos gleitet er auf der Erde dahin, die kurze Ruthe liegt auf den Fersen, die Nase ist in beständiger Bewegung. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen, klemmt die Ruthe zwischen die Hintcrläufe und heult kläglich. Dann eilt er weiter. Mit diesen Gesellen ermuntern sich auch die Vögel der Nacht. Die Nachtreiher haben ausgeschlafen und ausgeträumt und recken die 207 Flügel; mit Beginn der Dunkelheit brechen sie auf. Krächzend verläßt die nächtige Schaar die Bäume und fliegt den Sümpfen zu, um dort die Jagd auf Fische und Amphibien fortzusetzen, welche die Tagreiher kaum geendet. Die Rohrdommel, welche vorher still war, steckt im Frühjahr den Schnabel in das Wasser und bringt so ihr weitschallendes Geschrei, das man für das Gebrüll eines Ochsen halten könnte, hervor. Bei Mondschein sind auch noch andere Vogel lebendig. Der Löffler durchsucht dann den Schlamm so eifrig als bei Sonnenschein und alle Regenpfeifer tummeln sich sorgloser und lustiger als bei Tage. Oeckionomus vrepitr»n8, der Dickfuß, ein ohnehin nächtlicher Vogel, kommt aus den nahen Dörfern und Städtchen, wo er bei Tage auf den platten Dächern großer Gebäude herumspazicrte, herbeigeeilt und mischt sich unter die fröhliche Gesellschaft. Lange vor der Morgendämmerung fliegen alle diese Nachtvögel nach ihren Ruheplätzen zurück; mit Beginn des Tages verlassen auch die Schlafgäste die Sümpfe, nach Sonnenaufgang ist es in ihnen ziemlich still geworden. Die Nothwendigkeit, Nahrung zu suchen, treibt erst bei späterer Tageszeit wieder andere Sumpfvögel an solche Schlafplätze und so kommt es, daß diese niemals ganz entvölkert sind. So dauert dieses Zusammenleben der verschiedenen Vogel fast die ganze Winterszeit hindurch, bis die stärker werdende Frühlingssonne einzelne vertreibt und andere herbeizieht. Ende Februars schon sammeln sich die Scharben zu Reisegesellschaften, man sieht Abends ungeheure Züge von ihnen nach den Schlafplätzen fliegen; aber sie werden mit jedem Tage schwächer. Der Pelekan ist zum Fluge gerüstet, der Fla Mining vertheilt sich täglich mehr. Jede Nacht hört man das pfeifende Geräusch des Fluges der heimwärts wandernden Enten. Die Adler, welche nicht nach Europa gehen, ziehen sich nach einzelnen öderen Inseln zurück und schreiten dort zum Nestbau; der Gleitaar gründet schon im Januar seinen Horst, der Milan baut im Februar eifrig. Um diese Zeit trocknen auch die Sümpfe, welche der zuweilen herabfallende Regen noch mit Wasser versorgte, mehr und mehr aus und ihre Bewohner verschwinden in eben dem Maßstabe, als das Wasser der 208 Brüche abnimmt. Die zuführenden Kanäle sind bereits hier und da ausgetrocknet, nur in einzelnen Tümpfeln lebt noch eine Vogel- schaar. Gegen die Mitte des März kommen die weiter südlich gezogenen Vogel einzeln zurück. Alle Gebüsche sind eine Zeit lang von europäischen Sängern belebt, in den Waizenfeldern schlägt die Wachtel. Sie weilen hier kurze Zeit, um sich auf fetter Weide zur bevorstehenden Reise über's Meer zu stärken. Ende März's sind alle Vogel im vollen Zuge und diejenigen, welche im Anfang des April noch nicht fortgewandert sind, bleiben auch den Sommer über in Egypten. Zu diesen gesellen sich auch jene Insektenfresser, welche in dem warmen Delta während des Winters nicht bleiben wollten. Der Bienenfresscr bezieht seine altbekannten Bäume wieder und späht bereits hier und da umher, ob sich eine steilabfallende Erdwand wohl später zur Nistkolonie eignen möchte. Im April ist in Egypten die Wärme wie bei uns im Juni oder Juli; die meisten Raubvogel, die Krähen und Tauben haben schon Junge. Die Säugethiere Egyptens haben im Vorstehenden schon zum größten Theile ihre Erwähnung gefunden. Führe ich sie noch einmal in gedrängter Reihenfolge auf, so habe ich zu nennen: die Gazelle (Mntiloxs ckoroas), den Aöriell (.^ntiloxo uraküou), den Steinbock (Ibsx urabieus) — in den zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich erhebenden Gebirgen — das Wildschwein, ein von unserer 8us scrotu verschiedenes Thier, den syrischen Klippschliefer (lll^rux s^riuous, Lär-enä. ), viele Mäuse und Ratten, darunter die interessante Stachelmaus (Mus oulliriou), ein in den Häusern Kairo's lebendes, mittelgroßes Thicrchen, Nus uloxsuckriaus und andere; den kleinen egyptischen Hasen (Texas svA^xtiaeus) mit seinen auffallend großen Löffeln, zwei Arten des allerliebsten Springhasen (vipus), wovon die eine: vipus Zerllos, der „Djerboa" der Araber; einige Spitzmäuse, einen kleinen Igel (Lrinaoeus seK^xtiuous), die „Ratte der Pharaonen" oder den Ichneumon (Iloi-xssles lollnsumou), jenes Thier, welches früher Krokodileier fraß, jetzt'aber auch mit Hühnereiern vorlieb nimmt, den egyptischen Fuchs (6snis Motoous), den Schakal (Ounis uureus), die gestreifte Hyäne (k^asna 209 «trist»), die egyptische Wildkatze (k'vlis msmoulsts) und den Sumpfluchs (keim 6ksu«) und einige vierzig Arten Fleder- in äuse. Egypten ist das Land der letztgenannten Thiere. In allen Monumenten, in jedem alten Hause, in jedcin dunklen Minaret wohnen sie zu Dutzenden; manche Höhlen des Gebirges, die Fel- senspaltcn u. s. w. beherbergen Tausende. Man findet fast alle Familien dieser reichen Ordnung durch mehrere Arten vertreten. Nach Sonnenuntergang erfüllen Schwärme von Fledermäusen die Luft; in der Nähe Kairo's fliegen sie zu Tausenden herum. Die Fische Egyptens kenne ich nicht; die Klasse der Reptilien ist reich an Schlangen und Sauriern, auch zählt sie einige Landschildkröten, der Nil beherbergt eine große Flußschild- kröte: Irion^x niloticus; doch ist diese Klasse, wie die der Insekten, an Arten vcrhältnißmäßig arm. Bis jetzt ist in der Fauna Egyptens nur die Klasse der Säu- gethiere, Vögel, Fische und Insekten von tüchtigen Forschern bearbeitet worden. Unter die ausführlichsten Arbeiten gehört das große Werk der französischen Expedition und die von Rüppell und Ehrenberg veröffentlichen Beobachtungen. Geof- froy hat auf die Klassifikation der Fledermäuse, Rüppell auf die der Fische vorzüglichen Fleiß verwendet; Ehrenberg ist unseres Wissens der Einzige, welcher alle Klassen der reichen Fauna mit gleicher Sorgfalt bearbeitet hat. Es gibt in Egypten noch Viel zu entdecken, aber nur dann, wenn ein Naturforscher das Land Jahre lang durchreist haben wird, dürfte es möglich sein, eine befriedigende Uebersicht der Fauna Egyptens zu erhalten; bei kürzerem Aufenthalte ist das unmöglich. ii. 14 Tagebuchs- und Reisenotizen während des Aufenthaltes in Unteregypten. Nach der Abreise des Baron von Müller verweilte ich nur noch wenige Tage in Alerandrien. Ich wollte an den Mcnzaleh- see zurückkehren, um dort unsere bisher gemachten Sammlungen und Beobachtungen zu vervollständigen, und stand im Begriff, dahin abzureisen, als der Behörde gemeldet wurde, daß Aabahs- Pascha, der vor Kurzem zur Regierung gelangte, in Konstantinopel aber nur mit der Würde „eines Statthalters der türkischen Provinz Egypten" belehnte Vizckönig mit seinem Gefolge dem Hafen Alerandriens zusteuere. Es war am 13. Februar 1849. Man hatte schon seit mehreren Tagen die Vorbereitungen zu den Empfangsfeierlichkeiten getroffen. Jetzt verkündete der Kanonendonner der egyptischen Kriegsschiffe das Eintreffen des Pascha. Das Tauwcrk der im Hafen liegenden Schiffe wurde mit allen Signalflaggen geschmückt; die Matrosen und Soldaten der Fregatten und Linienschiffe stellten sich paradirend in langen Reihen selbst auf den höchsten Raaen auf; der Rumpf der Schiffe zitterte von dem ununterbrochenen Donner der Geschütze. Auf den Konsulaten stiegen die Flaggen der verschiedenen Nationen empor, von den Forts wehten die egyptischen Standarten. Obgleich auch alle Batterieen der Festung spielten und die Häuser Alerandriens beben machten, übertraf doch der Geschützdonner der Kriegsschiffe den aller übrigen Stücke. Ein dem Auge undurchdringlicher Pulverdampf lag auf dem Meere. Das Ohr konnte keinen der einzelnen Schüsse mehr unterscheiden, aber man sah, wie eine zuckende, dunkelrothe Feuer- schlange den dichten Pulverdampf durchbrach, wenn ein neues Stück gelöst worden war. Um Mittag, zum Aassr und mit Sonncnun- 211 tergang wiederholte sich der ohrenbetäubende Geschützdonner. Eine allgemeine Illumination beschloß die Festlichkeit. Die flammen- strahlendcn Galleriecn leuchteten weithin durch die dunkle Nacht. An den öffentlichen Gebäuden sah man Halbmonde und Sterne, an einigen europäischen Häusern italienische und arabische Namenszüge illuminirt. Das Ganze war ein ächt türkisches Fest mit viel Geräusch ohne Gehalt und Geschmack. Am 14. Februar verließ ich Alcrandrien. Ich hatte eine kleine,, nach Adfch segelnde Barke gemiethet und ging zum Aassr unter Segel. Noch ehe wir uns durch das Gewirr der zahllosen im Hafen des Kanals liegenden Barken hindurchgewunden hatten, war es Nacht geworden. Wir segelten in der Dunkelheit der Nacht mit wenig Wind an den Landhäusern der reichen Einwohner Aleran- driens vorüber und langsam den Kanal hinauf. Am Morgen waren wir dem Städtchen Adfch bis auf wenige Meilen nahe gekommen. Der Himmel war mit grauen Wolken verhangen, dann und wann fiel ein Regenguß. Eine mitten im Kanal arbeitende Baggermaschine versperrte uns den Weg. Ich ließ den Dirigenten der Maschine durch meinen arabischen Bedienten um freien Durchgang bitten. Mein Gesuch wurde brutal zurückgewiesen. „Aber mein Herr ist ein Europäer und hat Eile," sagte mein Bedienter. „„Wenn Dein Herr ein Franke wäre, würde er nicht ohne die Flagge seiner Nation reisen,"" war die Antwort. Diesem Uebel- stande ward alsbald abgeholfen, die Farben Oesterreichs stiegen am Flaggenstocke der Barke empor und der auf der Maschine befehligende türkische Offizier wurde augenblicklich anderer Ansicht. Die den Kanal sperrende Kette fiel, wir konnten unaufgehaltcn unsere Reise fortsetzen. Mit Sonnenaufgang verstärkte sich der Wind und brachte uns in kurzer Zeit nach Adfch. Hier sah es schrecklich aus. Der Regen hatte den ohnehin nur aus Nilschlamm bestehenden Boden in einen Sumpf verwandelt, in welchem man sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Der Reis einer eben absegelnden Barke nahm uns für die mäßige Summe von zehn Piastern mit unserem Gepäck bis zu dem „Marktflecken des Vaters Aali," von wo aus 14* 2l2 wir mit Lastthieren durch das Delta gehen wollten, an Bord. Aber es gelang den Schealihn (Lastträgern) bei den grundlosen Wegen erst nach vielen Bemühungen, unsere Kiste von dem alten Schiffe auf das neue zu bringen. Nach einer Fahrt von wenigen Stunden hatten wir unser heutiges Reiseziel erreicht und bezogen ein sehr bescheidenes Stäbchen in einem Chahn *). Am 16 . Februar. Nachdem sich der Schech des Ortes nebst meinem Bedienten über eine Stunde lang mit den Kamele besitzenden Arabern herumgestrittcn hatte, war man endlich darin übereingekommen, daß ich zwei Kamele erhalten und für den Transport meines ungcwichtigen Gepäcks bis zur Mahallct cl kebihre, „dem großen Marktflecken," einem nicht unbedeutenden, im Innern des Delta gelegenen Städtchen, die sehr hohe Summe von hundert Piastern bezahlen sollte. Von dort aus hätte ich, um zu einem am Nilarm von Damiaht liegenden Orte zu gelangen, nochmals Kamele miethen müssen. Glücklicher Weise fand mein Bedic- ner einen anderen, hier fremden Fcllah, welcher sich erbot, für die Summe von achtzig Piastern unser Gepäck nach dem am Nilarme gelegenen Städtchen Samanuht zu bringen. Ich reiste damals noch ohne einen Firmahn der egyptischen Regierung und sah ein, daß jeder Reisende, welcher diesen nicht besitzt, sicher sein darf, von den Fellahhihn geprellt zu werden. Wir mietheten nun für einen mäßigen Preis noch ein Maulthier und zwei Esel für mich und meine beiden Bedienten und verließen um Mittag den Ort unserer Nachtruhe. Das Land, welches wir durchritten, war überall herrlich bebaut. Zahlreiche, durch Mahammcd-Aali's Fürsorge angelegte Kanäle durchschnitten es nach allen Richtungen. Für die Verbindung der auf höheren oder niederen Hügeln aus Mauerschutt erbauten Dörfer war durch gute Straßen, welche auf hohen Dämmen dahin führten, gesorgt worden. Noch standen von der Nilüberschwcm- mung her große Strecken Landes unter Wasser. Einzelne, auch *) Ei» in Egypten nicht gebräuchliches türkisches (?) Wort, welches in Syrien eine Art Fremdenherberge bedeutet, gewöhnlich Han oder Kan oder Khan geschrieben. im Sommer nie ganz austrocknende Sümpfe waren mit den egyp- tischen Rohr- und Schilf,väldcrn bedeckt und durch zahlreiche Vogel belebt. Ohne mich viel mit der Jagd zu beschäftigen, erlegte ich in kurzer Zeit mehrere Enten, einige Schnepfen und viele andere wohlschmeckende Sumpfvogel, welche Abends zu einer leckeren Mahlzeit verwendet wurden. Während deS höchsten Nilstandes gleicht das Delta einem großen See. Tann kann man nur auf den hochgelegenen Dämmen oder mit Kähnen von einem Dorfe zum anderen gelangen. Beim Zurücktreten deS Wassers bleiben alle Vertiefungen gefüllt; das junge Gras sproßt überall hervor, sobald die Wasscrdecke verschwindet, welche eS zurückhielt, und die größte Fruchtbarkeit schläft in dem nur des Samenkornes bedürftigen, fetten Erdreiche. Die ungeheure Ausdünstung der trocken gelegten Stellen drückt die Temperatur bedeutend herab, das Thermometer steht wie bei uns im April, und weder die Kälte eines europäischen Winters, noch die Hitze eines egyptischen Sommers belästigt den nordischen Fremdling, sei er nun als befiederter Gast durch die Lüste oder in Gestalt eines gewöhnlichen Menschenkindes zu Schiffe oder Kamele nach Egypten gekommen. Nicht so ergeht es dem Egypter. Er vermißt die wonnigen Tage seines heißen Sommers und friert bei zehn und zwölf Grad Wärme in seinem elenden Gewände. ,,^ll chl silxli öl söik gülribü öl nLiis, öl svllittö liätLII, bätöll liö- ttlir." „O, mein Herr, nur der Sommer liebt die Leute, der Winter ist schlecht, sehr schlecht!" versichert er dem Neuangekommenen Europäer. Der im Lande eingebürgerte „Frenbji" glaubt es ihm wohl, er leidet und friert mit ihm. Gar schnell verwöhnt daö heiße Klima den Nordländer. Wir blieben in dem kleinen Kaffr el Schech, „dem Weiler des Schech," über Nacht. Am anderen Morgen regnete es ziemlich heftig. Lange Zeit wurden wir am Aufbrechen gehindert. Ich ging in dem Kothe herum, um den Ort zu besehen. Wie alle egyptischen Dörfer ist es höchst unreinlich und besitzt nur ein Gebäude von Belang, eine Dampfmaschine zum Reinigen des Flachses. Sie wurde von Jbrahihm Pascha angelegt, denn dieser besaß hier bedeutende Ländercien, welche jetzt seinen Söhnen gehören. Der im Dorfe regierende türkische Essend!, oder was er sonst war, welcher wohl hauptsächlich die Feldarbeiten der für den Pascha arbeitenden Fcllahhihn zu beaufsichtigen hatte, ließ mir verbieten, unter die in Haufen vorhandenen, manche Hütte ganz bedeckenden Sperlinge zu schießen, weil das Schießen seine Ruhe störe. Ich ließ ihm sagen, daß ich seinen Befehlen nicht Folge leisten würde, weil er mir keine zu ertheilen habe, denn „durch die Gnade Gottes" sei ich ein Europäer und kein Türke. Bald hatte ich mehrere Dutzend der feisten Vögel erlegt, ohne daß er mich weiter daran gehindert hätte, obgleich ihn mein Beginnen sehr in Harnisch brachte. Einen Araber, vielleicht selbst einen Türken, würde er gewiß eingesperrt haben. So viel gilt ein Europäer in Egyptcn. Erst gegen Mittag erlaubte uns das Wetter weiter zu reisen. Wir ritten lange an verschiedenen Kanälen dahin, passirten einige derselben und langten Abends in Mahallet el kcbihre an. Auch heute hatten wir nur vollkommen ebenes, sorgfältig bebautes Ackerland, dessen Felder von einer außerordentlichen Fruchtbarkeit zeugten, durchzogen. Außer den noch ganz gefüllten Kanälen sahen wir wieder große Strecken Landes überschwemmt-» An solchen Teichen bemerkten wir eine erstaunlich große Menge von Vögeln. Hunderte von verschiedenen wilden Enten, Reihern, Scharben, Seeschwalben, Mövcn, Schnepfen, Sumpf- und Strandläufern tummelten sich im bunten Gemisch darauf und daran herum. Alle Straßen waren sehr gut gehalten, breit und trocken und oft meilcnlang schnurgerade; alles Werke des alten Mahammcd Aali oder Jbrahihm Pascha'S. Wir benutzten eine der Hauptstraßen des Delta, die von Alerandrien nach dem Städtchen Tanda führende. Ich hatte schon oft von diesem Orte und seinen Messen gehört, ohne etwas Gründliches erfahren zu haben. Heute machte mir mein Bedienter Aali folgende, später anderweit bestätigte Mittheilungen über das Städtchen und seinen Heiligen: Tanda ist Residenz (wenn man diesen Ausdruck hier brauchen darf) des in ganz Egypten hochverehrten arabischen Heiligen Saa'ld, 215 welcher in Mekka geboren wurde, nach Tanda wanderte, lange Zeit da wohnte und daselbst starb. Zu seiner Ehre werden hier nun r jährlich zweimal große, unter dem Namen Muhlct el Saa'id in der ganzen mahammcdanischcn Welt bekannte Feste gefeiert. Muhlct bedeutet ungefähr so viel als Weihe und hier, da sein Grab eine Betkapelle ist, Kirchweihe. Mit diesen Festen hat man große, sehr besuchte Messen verbunden. Wer es nur irgend vermag, nimmt daran Theil, und wenn ein Egyptcr nicht nach Mekka wanderte, um dem Gesetze seines Propheten (Mlaii musellsm vvu allein gsloilui!) zu genügen, war er gewiß einige Male mit beim Muhlct el Saa'id und glaubte so seiner Schuld ziemlich entledigt zu sein. Saaid steht dicht neben dem Propheten und sein Grab gilt für einen segenbringcnden Wallfahrtsort. Auch jetzt noch thut der Heilige große Wunder. Wer zu seinem Grabe tritt, dort betet, hieraus das Fenstergitter der Grabeskapclle anfaßt und unter Anrufung des Heiligen ihm eine Bitte vorträgt, dem wird sie gewiß gewährt. Er macht Kranke gesund, erlöst Gefangene aus ' ihren Kerkern, zumal wenn sie in die Hände der Ungläubigen fielen, bringt Gestohlenes an seinen rechtmäßigen Eigenthümer zurück und zeigt sich noch in vielen anderen Dingen als wohlthätig. Die Wcihfcste des Heiligen sind von eigener Beschaffenheit. Von nah und fern strömt die Menge herbei, aber es sind vorzüglich die Frauen, welche hier ihr Wesen treiben. Acht Tage lang wimmelt es von Kaufleuten, Soldaten, Musikern, Gaunern, Taschenspielern, öffentlichen Dirnen und dergleichen Gcsindel. Es wird eine großartige Fanthaste gefeiert. Alle Franen dürfen hier die Dauer des Festes hindurch, und zwar ungekränkt der Rechte ihrer Ehemänner, frei über ihre Reize verfügen (?) *). Jeder findet Gehör, denn Niemand darf eine Bitte abschlagen, der Heilige thut dies ja auch nicht. So artet das Fest zur Verehrung des heiligen *) Das widerspricht freilich ganz den türkischen und arabischen Grundsätzen in Bezug auf die Frauen. Und doch soll es so sein. Ich bedaure sehr, daß ich nie Gelegenheit fand, die Muhtet el Saaid selbst zu besuchen, obgleich es mein Wunsch war. 216 Schech in eine förmliche Orgie auS, an welcher Hohe und Niedere, Vornehme und Geringe Theil nehmen. — Schon am frühen Morgen des 18. Februar brachen wir auf und ritten nach dem ungefähr drei Stunden entfernten Städtchen Samanuht, um dort eine Barke zu suchen. Der Regen ereilte uns »ritten auf dem Wege; wir kamen durchnäßt in dem unbedeutenden Flecken an. Ich miethete für die Summe von drei Thalern eine Barke bis Damiaht, schiffte mich mit unserem Gepäck ohne Verzug ein und fuhr nach der wenige Stunden flußabwärts gelegenen Stadt Mansuhra, wo wir wegen heftigen Gegenwindes liegen bleiben mußten. Erst nach Mitternacht trat Windstille ein, später wurde der Wind günstig und brachte uns mit dem Grauen des Morgens nach Damiaht. Der Baron Müller hatte in Kairo vor seiner Abreise auch noch ein neues Mitglied für meine zweite Reise nach dem Sudahn angeworben. Es war der uns schon bekannte Baron von Wrede, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, welcher zwölf Jahre in Egyp- ten gelebt hatte und die Sitten und Gebräuche des Landes vollkommen kannte. Er hatte große Reisen gemacht, ganz Syrien, Palästina, Kleinasien, die Türkei und das glückliche Arabien durchwandert und konnte uns von größtem Nutzen werden. Seine nur im Interesse der Wissenschaft — und zwar der Länderund Völkerkunde — unternommene Reise nach dem Hcdjahs gehört zu den gefährlichen Touren dieser Art. Der Fanatismus der Jemencsen, jener strenggläubigen Mahammedancr, ist bekannt genug. Oft konnte Wrede nur, indem er sich für einen Maham- medaner ausgab und alle Gebräuche derselben sorgfältig beobachtete, weiter kommen. Mehrere Male war er in wirklicher Lebensgefahr. Er durchreiste das Land in allen Richtungen, besuchte nicht nur das glückliche und peträischc Arabien, sondern auch das bisher säst gänzlich unbekannte Hochland Hadramaut, und arbeitete mit äußerster Sorgfalt eine geographische Karte und eine umfassende Neisebeschrcibung aus. Schon auf der Rückreise nach Kairo begriffen, wurde er von dem türkischen Gouverneur der damals unter cgpptischer Herrschaft stehenden Stadt Jambo in einen elenden Kerker geworfen und schmachtete dort mehrere Monate. Wie ich höre, ist er, durch Zufälle aller Art verhindert, erst seht im Stande, die Ergebnisse seiner Reise der Oeffcntlichkeit zu übergeben. Gewiß wird sein Werk vieles Neue und Interessante enthalten und jedenfalls die gebührende Anerkennung von jedem Geographen finden. Dieser Mann sollte die gcognostischen und geographischen Arbeiten bei unserer gemeinschaftlichen naturwissenschaftlichen Reise nach dem Sudahn übernehmen. Jetzt hoffte ich ihn mit unserem deutschen Bedienten, Karl Schmidt, in Damiaht zu finden, sah mich aber getäuscht und bezog in der von Christen bewohnten Wekahle*') eine kleine Wohnung, welche man mir aber, weil sich die Christen Egyptens ebenso streng von einander abschließen, als die Türken, nur durch die Fürsprache unseres Konsularagenten Kahil eingeräumt wurde. Von hier aus machte ich mit meinen beiden Bedienten sogleich an den folgenden Tagen verschiedene Ausflüge, welche mir jedoch nicht genug Beute einbrachten. Ich verließ deshalb schon am 26. Februar Damiaht und siedelte mich nach Khit el Nasahrah über. Hier wohnte ich unmittelbar am Mcnza- lchsce, machte mich mit den umwohnenden arabischen Jägern bekannt und nahm sie nach und nach alle in meine Dienste. Auf diese Weise gelang es mir, viele und werthvolle Vogel zu erhalten. Der Aufenthalt am Menzaleh war nur in naturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, in jeder anderen aber sehr langweilig, weshalb ich mich möglichst kurz fassen und meine Leser nicht ermüden will. Am 7. März langte Baron von Wrede mit Karl Schmidt von Kairo an. Die Reisenden waren zwölf Tage unterwegs gewesen, weil sie eine zufällig abgehende Lastbarkc benutzt hatten, deren Führer zu seinem Privatvergnügen tagelang unthätig geblieben war. *) Wekahle bedeutet eigentlich das administrirte Gut, z. B. eine Moschee; man versteht darunter in Egypten aber gewöhnlich ein großes Gebäude mit abgesonderten Wohnungen oder Magazinen. 218 Am 18. März erhielt ich einen Brief von, vr. Reih auS Alerandrien nebst dem seit Langem ersehnten Firmahn der egypti- schen Regierung. Er war in türkischer Sprache auf dickes perga- mentartigeS Papier geschrieben und auf den Namen des Baron Müller ausgestellt. Ueber der Schrift war das große Siegel des Vizckönigs nach türkischer Manier mit arabischer Schreibschwärze vorgedruckt. Die mir vom österreichischen Generalkonsulate mitgetheilte deutsche Ucbersetzung lautete, wie folgt: (U. 8.) Der Inhaber dieses Buiruldu ist ein Edelmann von Würtem- berg, Herr Müller, der mit seinen sechs Begleitern jetzt nach dem Bcllcd Sudahn zu reisen beabsichtigt. Ueberall, wo er hin- und zurückgeht, soll Niemand ihm ein Hinderniß in den Weg legen. Und wenn er auf dem weißen Flusse reiset, so soll er unbehindert sein. Alles, was er zum Transport brauchen wird, als Barken, Lastthiere, soll man ihm gegen Entgelt verabfolgen. Wenn er die Grenzen smcineö ReichSj passiren will, so muß man es ihm gestatten. Da dieser Reisende wissenschaftliche Zwecke verfolgt, so darf er an den Mauthlinien durch Untersuchung seiner Effekten nicht belästigt worden. Solches hat der österreichische Generalkonsul vorgestellt. Dem genannten Reisenden mit seinen Gefährten sei es darum erlaubt, auf seiner Reise überall hin- und zurückzugehen. Ueberall soll man ihn schützen und ihm Ehre widerfahren lassen und — wie hier geschrieben — Niemand soll ihm ein Hinderniß auf seiner Reise in den Weg legen. Zu diesem Ende ist ihm dieser unser Buiruldu eingehändigt worden, damit Alle, die ihn sehen, genau nach seinem Inhalte handeln. Im Jahre 1265 den 13. Nabi-ähchir (am 6. März 1849). Mit diesem Buiruldu oder Firmahn in der Hand konnten wir den türkischen Behörden gegenüber mit einer gewissen Würde und 219 mit weit größerer Energie als früher auftreten. Der türkische Soldat, Aalt, welcher von uns aus Berber mitgenommen und willkürlich zum Arha erhoben worden war, hatte ihn von nun an bei unserer Ankunft in einem Orte dem Befehlshaber zu präsenti- ren; er wurde mit sauberer und anständiger Kleidung ausgestattet, erhielt ein Paar mit Silber beschlagene Pistolen und vermehrte durch sein oft wirklich unverschämtes Auftreten unser Ansehen bei seinen LandSlcutcn. Es imponirte den Türken, wenn ich, statt selbst zu erscheinen, vornehm nur meinen Khawahs in den Diwahn schickte, um von ihm meine Angelegenheiten besorgen zu lassen. Aali-Arha war ganz zu diesem Geschäfte geeignet und ein treuer, ehrlicher, mir von ganzer Seele ergebener Diener. Am 20. März verließen wir Khit-el-Nasahrah, gingen nach dem ganz vom See umgebenen, mit dem Festlande nur durch eine Brücke verbundenen Jnseldorfe Matö rrS. Es ist anderthalb Stunden von dem Städtchen Mcnzalch entfernt und nur von Fischern bewohnt, welche täglich viele Ccntncr Fische zu Markte bringen, aber auch die störrischsten und wildesten Fcllahhihn sind, welche ich in Egyptcn angetroffen habe. Vor mehreren Jahren wurde ihnen der Druck der egyptischcn Verwaltung zu arg, da machten sich mehrere Hunderte von ihnen in den der Regierung gehörigen Barken auf, gingen durch die Wasserstraßen, welche den Menzalehsce mit dem Meere verbinden, auf die hohe See hinaus und schifften auf ihren elenden Booten nach Syrien hinüber. Aber das Heimweh und der Mangel an Verdienst trieb sie gar bald wieder zurück, Einer nach dein Anderen stellte sich mit seinem Schiffe wieder ein. Die Regierung hatte wegen ihrer Abwesenheit, weil keine Fische gefangen wurden, einen bedeutenden Verlust erlitten und ist jetzt durch die Flucht der Fischer so klug geworden, an den nach dem Meere führenden Wasserstraßen kleine Forts zu errichten. Diese sind mit einer Kanone und mit einem Kommando Soldaten besetzt und sperren die Fischer auf ihren See, wo sie zur Arbeit gezwungen werden, ein. Die Türken der Umgegend schreiben ihren „Unverstand" dem beständigen Fischessen zu und sagen: „LLllSUnim, aäkllel ei (ihr Verstand ist der Verstand eines Fisches) Ihr Vorgesetzter, der Nahsir Mäh am in cd-An li, welcher tagtäglich Einen oder Mehrere von ihnen unter die Peitsche nahm, sagte mir: „Ja, Ehalihl-Effendi*'), sieh, diese Leute sind sehr bösartig, weil sie gar keinen Verstand haben. Aber wo soll dieser auch herkommen? Morgens essen sie Fische, Mittags essen sie Fische, Abends wieder. Solche verstandeslosc Thiere können doch unmöglich Verstand erzeugen. Deshalb muß man sie auch mild beurtheilen und behandeln. Fast alle meine Vorgänger konnten es nicht bei ihnen aushalten, ich bin schon lange hier." Was nun der gute Türke gerade unter „Milde" verstehen mochte, konnte ich nicht recht begreifen, zumal wenn ich sah, daß wieder Einer seine Füße in die fatale Kette gezwängt und mehr als hundert Streiche auf die Fußsohle» bekam. Strenge schien mir besser bei ihnen am rechten Orte, als Milde. Wir wurden oft genug von ihnen beunruhigt. Täglich kamen ganze Schaarcn, um uns bei unseren Arbeiten zuzusehen. „Was willst Du — Mann?**) ,M- *) Chalihl war mein arabischer Name und bedeutet wörtlich „Gottesfreund'. Später, als ich etwas schreiben und lesen konnte, setzte inan Effendi -azn, denn unter Effendi versiebt man einen gebildeten Mann. Dieser wurde ich aber erst dadurch, daß ich arabisch gebildet wurde. Der Grund, daß ich einen arabischen Namen annahm und beibehielt, ist eine wirklich spaßhafte Anekdote. Ich nannte den Arabern meinen Namen „Brehm." Brehm, Brehm — äi — «Ii malisch issm — was ist das? das ist ja gar kein Name, Du heißt wahrscheinlich J-bre-hm, — Jbra- hihm Wenn ich nun auch den Erzvater Abraham hoch genug stelle, lag mir doch gerade nicht Viel daran, seinen Namen zu führen, zumal da er hier auf Unkosten des meinen entstanden war. Ich nannte meinen Vornamen „Alfred". Obgleich nun im Arabischen der Name El-Ferihd (der Einzige) genau mit denselben Buchstaben geschrieben wird, wie Alfred, war er doch nur dem gebildeten Theil des Volks aus der Schriftsprache bekannt. Die klebrige» verstümmelten Alfred in Aafrihd, was entweder „den Gott sei bei uns", ein Gespenst oder einen verschmitzten, listigen Menschen bedeutet. Ich hob nun hervor, daß ich Al- und nicht Afriht oder Afrehd heiße. „Was? Nun gar elf- afriht? (tausend Teufel), das ist ein schlechter Name, mein Herr." Nun sagte ich, daß ich Chalihl hieße. „Ja, so mußt Du sagen, Herr, das ist ein wirklicher guter Name." **) ss rSWI, „o Mann", ist die gewöhnliche Anrede an niedere Leute, die man nicht mit Namen kennt. Zu Vornehmeren sagt man: srlntt", „mein Herr". 221 ttsd liääje, Mini etkarötlz". Nichts, ich möchte mich nur unterhalten, erfreuen. Mit diesem Wunsche, sich zu „erfreuen oder zu ^ unterhalten", wurden sie uns so lästig, daß ich zuletzt meinem Bedienten auftragen mußte, Jeden, welcher hier Nichts zu suchen habe, zur Thüre hinaus zu begleiten. Aali-Arha mochte dieses Amt einmal wohl nicht mit der Milde des Mahammcd-Arha ausgeführt haben, denn plötzlich wurde unsere Wohnung von vielen Fischern umringt, welche sich selbst Rache nehmen wollten. Ein tüchtiger Knittel aber, den Karl mit Energie zu führen verstand und unsere bereit gehaltenen, drohenden Gewehre stillten den Tumult bald. Die Schuldigen ließ ich, kraft des Firmahn, durch Muhammed-Arha abstrafen, worauf wir wieder eine Zeit lang Ruhe vor ihnen hatten. Die Frauen dieser Fischer, oft Tage lang von ihren Männern getrennt und sich selbst überlassen, suchen sich ihren Erwerb auf andere Weise zu verdienen. Sie gelten für sehr leichtfertig und hierin war die Frau des ärmsten Fischers der des ersten und wohl- f habendsten Schech (das Dorf stand unter den Befehlen mehrerer Aschiahch) ganz gleich. Da die jüngeren Weiber meist schlanke, schöne Gestalten waren, hübsche Gesichtszüge besaßen und reinlich gekleidet gingen, wurde es ihnen leicht, auf verbotenen Wegen Geld zu erlangen. Sie gingen in dieser Absicht, während der Abwesenheit ihrer Männer, oft Tage lang nach Damiaht, Mcnzaleh und selbst Mansuhra. Das Leben unter den Fischern konnte daher mit Recht höchst unsittlich genannt werden. Aali-Arha hatte sein Herz einer der Schönen geschenkt und unterhielt mit ihr in tiefster Stille eine geheime Liebschaft. Seine Geliebte täuschte ihn bitter, sie ging mit einem jungen Fischer durch. Nun erst erzählte mir Aali-Arha mit zornfunkelnden Augen von seinem Verhältnisse zu der schönen BLmba und hatte den Kummer, gebührender Weise noch tüchtig ausgelacht zu werden. Wir hatten das beste Haus im Materie, den öffentlichen Di- wahn oder Gerichtssaal, bezogen und arbeiteten fleißig an der Vervollständigung einer schon recht zahlreichen Vögelsammlung. Die Jäger der Umgegend standen auch hier wieder in meinem Solde i 222 und brachten mir seltene und schöne Vogel haufenweise. So führte ich ein für einen Naturforscher höchst genußreiches Leben in dem elenden Fischerdorfe. — Am 8. April. Wie ganz anders feiert man doch ein Fest in der lieben Heimath, als in fremdem andersgläubigen Lande! Beinahe die ganze Christenthcit feiert heute einen der festlichsten Tage des Jahres. In allen Städten tönen die ernsten Glocken- schlägc, die Tempel öffnen ihre heiligen Hallen, Tausende und Millionen beten heute dasselbe Gebet, tausend Priester bringen in allen Sprachen dem knicendcn Volke die frohe Kunde: Christ ist erstanden! Uns läutet keine Glocke, uns öffnet sich keine Kirche, wir hören heute keine Ostcrprcdigt. Und alle die Hunderte von Menschen, welche kalt und theilnahmloS an uns vorüberziehen, sie ahnen nicht, warum wir heute gerade ernster sind, als sonst. Sie wissen ja nicht, daß wir heute zu Ehren des „Nazarcners", den auch sie als Propheten Gottes hochheilig halten, ein hohes Fest begehen. Darum hinaus aus dem beengenden Stübchen, aus den finsteren Gäßchcn des Dörfchens, hinaus in Gottes erhabensten Tempel, hinaus in die heilige Natur! Und siehe, sie hat sich mit ihrem schönsten Kleide geschmückt! Wie herrlich leuchtet die Sonne von dem unbewölkten, hohen, dunkelblauen Himmelsdome herab auf die grünenden Fluren, herab auf die schon unter der Fülle des Segens zur Erde gebeugten, körner- schweren Achren der Waizcnfcldcr! Alles athmet Leben und Fröhlichkeit, über Egyptens Gefilde hat der lachende Frühling sein Gewand gebreitet, aber der Frühling Egyptens. Balsam haucht uns die Flur entgegen; balsamische Blüthcndüftc entströmen den Maulbeerbäumen und blühenden Sykomoren, Balsam verbreiten die zahllosen Blumen, deren Kelche die schönsten Schmetterlinge umschwärmen. Hat denn heute Alles sich verändert? Warum finden wir denn heute gerade Alles doppelt so schön, wie früher? Warum hörten wir denn früher nicht auf den melodischen Sang der Haubenlerche, welche über den der Sichel cntgegenhar- rrnden Gerstenfcldcrn hcrumschwebt, mit unseren heutigen Gefühlen? Weil wir hinausgetreten sind auf die Flur, um auf ihr — zu beten, weil uns, denen die von Menschenhänden erbauten Tempel verschlossen bleiben, hier der herrlichste Gottestempel eröffnet wurde und tausend Stimmen die Güte Dessen preisen, der ihn aufgebaut. Und wirklich erklangen alle Büsche und Sträucher von den Stimmen der gefiederten Sänger. Die nordischen Wanderer, welche sich vor dem Winter Europa's nach dem Inneren Afrika's geflüchtet hatten, sind zurückgekommen und weilen noch einige Tage hier, um sich auf fetter Weide zur Winterreise zu stärken. Die heimische Schwalbe fliegt pfeilschnell über die Flur dahin, sie ist aus ihrem uns noch unbekannten Winteraufcnthalte zurückgekehrt und betrachtet noch zögernd ihre egyptische Schwester, die langsame Wachtel verweilt noch in dem fruchtbaren Egyptcn und läßt ihren daktylischen Schlag in den dichtstehcnden Fruchthalmcn erschallen und nur der flötende Pirol verweilt noch mit anderen Sängern im Herzen des glühenden Innern. Reges Leben herrscht überall, im Wald, in der Flur, in der Wüste. Heiter und fröhlich durchstreift der Freund der Natur die liebliche Gegend. Er labt und freut sich an dem rastlosen Treiben und vorsichtigen Zögern der zur Heimath zurückziehenden Vögcl. Mit Entzücken hört er die singende Grasmücke in dem mannaträu- felnden Tarfastrauche, mit Vergnügen betrachtet er den stolzen Flug des königlichen Adlers. Ihm ist, als wollten die nach seiner Hci- math Ziehenden sich dorthin Grüße auftragen lassen. Sie sind ihm so bekannt, so heimisch. War denn nicht der Staar, der noch vor einem Monate hier auf dem Rücken der Büffel „sein heimathlich Lied" sang, aus dem kleinen Dorfe, in dem er geboren wurde? Wohnt nicht vielleicht dieselbe Schwalbe, welche jetzt ihre stahl- glänzenden Flügel im Sonnenstrahl spiegelt, in einem Hause seiner Vaterstadt? Und wenn er, der Mensch, an dem heutigen Tage seine Heimath schmerzlich vermißt, erscheinen ihm nicht alle die herrlichen Geschöpfe, die er heute belauschte, wie liebe Bekannte aus der Heimath; fordern sie ihn nicht in ihrer Fröhlichkeit auf, auch fröhlich zu sein? Ja und wahrhaftig, in diesem Eden, das sich jetzt der Frühling hier erschaffen, muß der Mensch fröhlich und heiter werden, aber auch ernster wird er. Denn wenn er die tau- 224 send Mysterien der heiligen Natur so vor sich ausgebreitet sieht, wenn er nicht Raum im Herzen findet, Alles, Alles so zu erfassen, wie er wohl wünschte, da falten sich, ihm unbewußt, die Hände und die Lippen sprechen das Gefühl des innersten Herzens aus: „Herr, wie sind Deine Werke so groß und so viel, Du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll Deiner Güte!" Eine solche Wanderung ist Gebet, und wenn ich heute auch in keine Kirche gekommen war, ich hatte Nichts verloren. Wenn ich so von der Jagd zurückkehrte, führte mich mein Weg öfters an einer halbverfallenen Hütte vorüber, neben welcher ein über und über mit Nageln beschlagener alter Baumstrunk lag. An allen Nägcln hingen größere oder kleinere Klcidcrfetzen. Man ertheilte mir hierüber folgende Auskunft. In der Hütte liegt ein Schech, welcher bei Lebzeiten ein Heiliger und großer Arzt war, begraben. Der Heilige wirkt auch noch nach seinem Tode fort. Wer im Dorfe krank ist, geht hin und schlägt einen Nagel in den Stock, auf welchem der fromme Mann ruhte und bindet ein Stück, resp. einen Lumpen von seiner Kleidung um den Nagel. Dann ruft er den Schech um Erhörung an und betet einige Rakaat*) auf seinem Grabe in der Hütte. Die Krankheit vergeht durch des Heiligen thätige Hülfe in kurzer Zeit. krobatum est, denn mehr als tausend Nägel stecken bereits in dem alten Baumstamme. Am 14. April verließ uns Baron von Wrede, um in Alerandrien Geld und Provisionen zu holen. Er kehrte erst am I.Mai zurück und brachte das uns Fehlende in hinreichender Menge. Bor einigen Tagen hatten wir auch das Vergnügen, hier eine großartige Fanthas're. zu sehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert, bei welcher man auf dem freien Platze vor unserem Hause, dem Fischmarkte, theatralische Aufführungen gab. Es waren freilich nur die Erzeugnisse der ärmlichsten Phantasie, aber die Spieler, wunderlich und phantastisch herausgeputzte Fischer, spielten vortrefflich. Siehe S. 89. 225 Abends wurde noch ein Fackelzug angeordnet, bei dem ich mich durch einige Schüsse sehr in Gunst setzte. „Sieh, Herr, die herrliche Fanthasie, schieße nur noch einmal", bat das Volk. Ich willfahrtete dem Begehr und erntete allgemeine Zufriedenheit. Am 10. Mai. In letzterer Zeit machten wir mehrere Male Jagd auf die Wildschweine, welche es in den Rohrdickichten am See in großer Anzahl gibt. Wir erlegten jedoch nie eins dieser Thiere, obgleich wir viermal zum Schusse kamen und drei sehr große Sauen anschössen. Die Araber schilderten uns die Bestien als blindwüthcnd und sehr gefährlich. Vorgestern schoß der Diener Aali Nachts eine gestreifte Hyäne bei einem Aase. Außerdem machten wir oft Jagdparticen auf Füchse, von denen wir fast jedes Mal einige erlegten. Am 25. Mai verließen wir Materie und gingen nach Da- miaht zurück, wo ich meine alte Wohnung wieder bezog. Bei längerem Aufenthalte lernte ich diese nun auch näher kennen. Unser Haus hatte zwei hohe Stockwerke und war hier und da schon ziemlich verfallen. Unten befanden sich Magazine, in denen man viele hundert Centner Reis aufbewahrte. Die Thüren und Fenster der Magazine und Wohnungen liefen nach einem geräumigen Hofraume aus, von welchem zwei Thore auf die Straßen der Stadt führten. Jeder der Flügel hatte einen breiten, durch Oberlicht erleuchteten, aber etwas dunklen Korridor, auf welchen sich die einzelnen Thüren zu den verschiedenen Wohnungen öffneten. Alle auf den Korridor führenden Oeffnungen waren durch dichtes Gitterwcrk vor dem unberufenen Auge eines Fremden geschützt; jede Familie lebte streng abgesondert, nur eingeführte und bekannte Freunde konnten Eintritt in die beständig verschlossenen Räumlichkeiten erhalten. Das ganze Gebäude hatte etwas Düsteres, Klosterartiges und Geheimnißvolles. Wer auf dem mir gegenüberliegenden Korridor wohnte, konnte ich nie erfahren; meine Nachbarn lernte ich nach und nach kennen, aber nur deshalb, weil ich mich fleißig auf's Spähen legte und die höchste Terrasse, von welcher ich die übrigen größtentheils übersehen konnte, besaß. Der erste Raum enthielt eine griechische Kapelle, im zweiten wohnten die dabei angestellten Geistlichen, welche zu- II. 15 226 gleich das Lehramt der Kinder übten, dann kamen zwei Wohnungen , welche levantische Familien beherbergten und nun erst die mei- nige; weiter nach hinten wohnten wieder arabische Christen und zuletzt der Vater des Europäers Filiponi, welchen wir schon kennen lernten. Den Letzteren besuchte ich ohne weitere Umstände. Er war ein einfacher Italiener und führte die ärgste Junggesellenwirthschaft, welche ich jemals zu beobachten Gelegenheit gehabt habe. Filiponi war der Schreiber von drei verschiedenen Vizckonsuln Da- miaht's. Seine frühere Geschichte erzählte er nicht gern. Er war in Konstantinopel mit guter Besoldung angestellt, lernte aber dort, wie er sagte, zu seinem Unglücke eine junge, reizende, leider schon mit einem Anderen verlobte Italienerin kennen, verliebte sich in sie und entführte sie nach Smyrna. Die Verwandten der Dame verfolgten ihn, er mußte flüchten und gelangte zuletzt nach Egypten. Hier lebte er erst lange in Alerandrien, zog aber später mit seiner Frau, welche ihn inzwischen mit zwei Söhnen beschenkt hatte, nach Damiaht. Wie er dort mit ihr gelebt habe, erzählte er nie, wohl aber, wie er sie sich endlich vom Halse geschafft und nach Konstantinopel zurückspedirt habe. Er blieb bei einer kärglichen Besoldung von nur zwanzig Thalern monatlich in Damiaht. Oft luden wir ihn auf eine Flasche Wein zu uns ein und wenn ihm dann der edle Rebensaft so recht zum Herzen mundete, störten wir ihn mit der scherzhaften Anrede auf: „Herr Filiponi, ein Glas auf das Wohl ihr Frau Gemahlin!" Eilig forderte er dann ein Glas Nilwasfer und trank es aus, „denn", sagte er, „zu diesem Zwecke ist der köstliche Cyperwein zu gut." Die griechischen Geistlichen, von Geburt Syrier, besuchten mich mehrere Male in meiner Wohnung; es waren höchst ungebildete Leute, welche Arabisch, als ihre Muttersprache, wohl verstanden, aber nur so viel Griechisch gelernt hatten, um eine Messe lesen zu können. Sie lebten im strengen Cölibate. Schwerer war es, mit meinen nächsten Nachbarn bekannt zu werden. Auf der höchsten Stelle des ganzen Gebäudes, dem Dache eines aus meiner Terrasse stehenden Stäbchens, saß ich Abends 227 oft Stunden lang, um einzelne der häufig vorüberfliegenden Fledermäuse zu schießen. Bei dieser Gelegenheit beobachtete ich zugleich die ncbenanstoßenden Terrassen und wurde zuerst mit alten grämlichen, später mit jüngeren und weniger unfreundlichen Frauen bekannt. Vorzüglich intcresstrte ich mich für eine noch unverheira- thete Dame, Namens Würde, welche ihren Namen mit vollem Rechte führte, denn Warde bedeutet die Rose. Ihre Mutter war eine, unseren Ansichten nach, noch in ihren besten Jahren stehende Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren; in Egypten galt sie für alt und hatte auch in der That alle die schlimmen Launen und jene merkwürdige Zungenfertigkeit, welche alte Frauen zuweilen sehr unliebenswürdig machen können. Unser erstes Zusammentreffen war nicht gerade freundschaftlich. Sie kam gegen Abend auf die Terrasse ihrer Wohnung, um dort häusliche Verrichtungen zu besorgen. Ich saß auf meinem gewöhnlichen Platze auf der hohen Terrasse, rauchte eine Pfeife guten Tabak und betrachtete sie sehr unbefangen. Plötzlich entdeckte sie mich. Ein Schrei der Verwunderung und des Unwillens entfuhr ihr, sie wollte sich ihr Gesicht verhüllen, aber hatte bei ihrem arglos angetretenen Gange den Schleier vergessen. Dies steigerte ihren Zorn. Sie begann mich mit Schmähungen zu überhäufen. „Was, Du Unverschämter, Du wagst es, Dich hier oben aufzuhalten und anderer Leute Harehm zu beobachten? Hast Du keine Scham oder kein Ehrgefühl, daß Du Das so ruhig mit anhörst? Gehe eilends von dem Dache herunter, denn ich muß hier arbeiten." „„Gut, meine Herrin, da werde ich Dir zusehen."" Diese ganz ruhig ausgesprochene Antwort brachte sie vollends in Wuth. Ihren Schmähungen gesellten sich einige Schimpfwörter bei und immer heftiger wurden die Ergüsse ihres Zornes. Ich nahm zu dein alten bewährten Mittel meine Zuflucht, gegen Leute, die uns grob behandeln, möglichst höflich zu sein und rief ihr, nachdem ich sie ruhig hatte ausreden lassen, endlich zu: ,,Bist Du denn eine Christin?" ,,,M llsmcki lillAki ja rodln! (Gott sei Dank, o Herr!) was soll ich denn sein?"" Nun, ich glaubte, Du wärest eine Mohammedanerin, weil Du so schimpftest, wie es wohl die Frauen 15 * 228 der Fellahhihn thun, aber nicht die Christinnen. Die Christen haben unter sich Gemeinschaft nnd wir Franken sind von Jugend auf gewöhnt worden, die Sonne des Antlitzes unserer Frauen leuchten zu sehen, ohne daß sie dieselbe mit der Wolke des Schleiers bedecken. Und Du, o Herrin, Du schiltst mich, daß ich Eine, die meines Glaubens ist, anders behandle, als ich eine Mahammeda- nerin behandeln würde? ,,,,Nun, Du magst wohl recht haben, aber nach der Sitte unseres Landes schickt es sich nicht, einer Frau in's Gesicht zu sehen; aber ich weiß schon, Ihr Franken seid unverschämte Leute."" Später wurden wir zwar erträglich gute Freunde, doch durfte ich den Diwahn ihrer Wohnung nie betreten. Um so öfterer besuchte ich ihre Terrasse, um mit ihrer holdseligen Tochter, einem höchst anmuthigen Mädchen, dessen ich noch heute gern gedenke, einige Minuten zu verplaudern. Mit Ausnahme der Geistlichen und des Italieners Filiponi, waren alle Bewohner der Wekahla Kaufleute, welche mit den nach Europa und Alerandrien gehenden Produkten Untereghptens Handel trieben. Am 2. Juni besuchten wir den in dem am Meere gelegenen Dörfchen Esbc stationirten französischen Ingenieur d'Arnaud, welcher die Vergrößerung eines, zur Vertheidigung der Mündung des Nilarmes, „Borhahs", angelegten, Forts zu leiten hatte. Der Franzose nahm uns sehr gastfrei auf, nicht minder freundlich auch seine Maitresse, eine schöne Araberin, welche sich in dem einsamen Dorfe sehr zu langweilen schien. Mr. d'Arnaud war so zuvorkommend, uns alle seine für Reisen im Innern Afrika's höchst praktischen Einrichtungen und Waffen zu zeigen. Dann führte er uns nach dem von Napoleon angelegten Fort d'Esbc. Dort sah es ächt türkisch aus. Man hatte Viel daran verändert, Manches dazu gebaut und überhaupt die Festung auf jede Art und Weise verschlechtert. d'Arnaud versicherte uns, daß er gerade Das, was die Türken den Anlagen der Franzosen hinzugefügt hätten, wieder wegnehmen müsse. Weiter nach dem Meere l 229 zu hatte er »och ein neues kleines Fort erbaut, mit dessen Kanonen man die Mündung des Marines und die Rhede von Daniiaht bc- , streichen konnte. Die Arbeiten an diesem waren fast beendet, wäh- rend, wie er glaubte, noch mehrere Jahre verfließen dürften, ehe bei der türkischen Langsamkeit auch daö größere Fort in Stand gesetzt sein würde. Wenige Tage später ging mir Baron von Wrede nach Ale- randrien voraus. Ich wollte die Reise dahin zur See machen, mußte aber, weil die aus dem Marine zur See gehenden Küstenfahrer den Borhahö nur bei Süden oder Westen wieder passiren können, noch eine Zeit lang in Damiaht verweilen. Der Nil ist an seiner Mündung so versandet, daß die Fahrstraße nur wenige Fuß Wassertiefc besitzt. Ebbe und Fluth sind im Mittelmeere bekanntlich gering und können keine der Schifffahrt günstige oder ungünstige Veränderung des Wasserstandes im Manne hervorbringen. In den Monaten März bis Juni, zur Zeit des niedrigsten Nil- standes, dringt das Mcerwasser bei Nordwind nicht selten bis über / Damiaht in den Mann ein. Ich mußte in dein jetzt höchst einförmigen Damiaht bis zum 22. Juni verweilen, obgleich mir das niedrige, elende Betragen des österreichischen Konsularagenten Kahil, welcher mich geradezu betrügen wollte, den Aufenthalt noch unangenehmer machte. An diesem Tage ging ich an einem für Alcrandricn bestimmten, nur noch auf günstigen Wind wartenden Küstenfahrer an Bord. Die Bauart dieses Schiffes war genau die der großen Lastbarken auf dem Nike, nur war es, seinem Zwecke entsprechend, größer und mit einem höheren Bord versehen. Es war ohne Verdeck und trug drei lateinische Segel, von denen die beiden vorderen eine enorme Größe hatten. In solchen Schiffen fährt man sogar nach Syrien hinüber, obgleich der Kapital» kaum nach dem Kom- pas steuern kann. Die Bemannung unserer Segelbarke bestand aus vierzehn Matrosen, einem Mustaamel (Steuermann) und dem Reis, derben, kräftigen, aber, wie alle Seeleute, gutmüthige», offenen Egyptern. Die Barke hatte bereits einige Tausend Centner Reis in Damiaht eingenommen, wollte jedoch auf der Rhede noch 230 mehr laden, weil sie mit ihrer vollen Ladung den Borhahs nicht passiren konnte. Ich hatte für mich, meine Dienerschaft und mein ganzes Gepäck bis Alerandrien nur hundert Piaster zu entrichten. Von einer Kajüte war freilich Nichts zu entdecken. Die Passagiere, deren Anzahl nach und nach auf einige Zwanzig stieg, kampirten auf ihren Teppichen auf den Rcisballen. Erst am 23. Juni konnten wir in's Meer hinausfahren. Die See ging sehr hoch, eS war kaum möglich, den in kleineren Barken nachgebrachten Reis einzuladen. Unsere Reisegesellschaft bestand größtentheils aus Einwohnern der Stadt Damiaht. Die meisten von ihnen waren lcvantinische Kaufleute. Auch hatten wir mehrere Griechinnen, unter denen sich zwei sehr schöne junge Frauen befanden, am Bord. Ein alter le- vantinischer Sünder reiste in Gesellschaft einer Negerin, welche wohl seine Sklavin sein mochte, und verbarg sie sorgfältig vor den neugierigen Blicken der Schiffsmannschaft. Auch uns Christen schien er nicht erlauben zu wollen, seine schwarze Schönheit zu sehen, denn er befahl ihr herrisch, sich dichter in ihre Milais zu hüllen, wenn wir ihr uns zufällig näherten. Mir war die Eifersucht des alten ergrauten und doch so feurigen Liebhabers sehr gleichgültig, nicht so meinem deutschen Bedienten. Karl verwünschte dessen Vorsicht, obgleich er überzeugt zu sein vorgab, daß die Negerin alt und häßlich sei. Er hielt ihm aus Langerweile in deutscher Sprache einen inhaltsschweren, dem nur Arabisch Sprechenden leider nicht verständlichen Vortrag über die Dummheit der Eifersüchtigen und hoffte, von der hochgehenden See Gelegenheit zur Kränkung des Alten zu erhalten. Diese fand sich bald. Der Anker wurde gelichtet, die dreieckigen Segel gelöst. Der Wind war uns fast entgegen. Man mußte laviren. Wir steuerten zunächst in die hohe See hinaus, bis wir die Küste ganz aus den Augen verloren hatten, dann ging es nach dem Lande zurück und wieder in das offene Meer hinaus. Das Schiff stöhnte und krachte in seinem ganzen Gebäude, die Wellen warfen es auf und nieder, es schaukelte furchtbar. Jede der anprallenden Wellen gab der ganzen Reisegesellschaft so viel von ihrem bitteren Schaum zu kosten, daß in 231 kurzer Zeit alle durchnäßt waren. Mich schützte eine vortreffliche ungarische Bunda vollkommen, Karl hatte sich in seine Teppiche gehüllt. Sein Wunsch war längst erfüllt. Schon mehr als die Hälfte der Reisenden hatte die Seekrankheit bekommen. Die schwarze Dame war die Erste, welche dem grollenden Neptun ihren Tribut entrichten mußte. Krampfhaft sich am Bord des Schiffes anklammernd, ergab sie sich stöhnend und seufzend in das Unvermeidliche. Dabei mußte sie nothgedrungen das sie einhüllende Tuch entfernen. Augenblicklich war der flinke Karl neben ihr und rauchte, ihren schmerzvollen Grimassen mit stillem Lächeln zusehend, gemüthlich seinen Tschibuhk. Hätte der Alte doch die Befriedigung in Karls Blicken lesen können, nachdem er eine genaue Besichtigung der schwarzen, ohnehin häßlichen, gräßlich verzerrten Ge- stchtszüge beendet hatte! Aber der Arme hing ja an der anderen Seite des Schiffes, vom gleichen Dränge, wie seine Sklavin geplagt und schier erliegend unter der furchtbaren Anstrengung seiner Berdauungsorgane. Jetzt kam Karl auf seinen Platz zurück. „Nun?" „„O, häßlich, wie ich keine Zweite gesehen habe; doch bitte, sagen Sie mir, was heißt denn im Arabischen: ich habe die Schwarze gesehen?"" ,,^nL Lsokäktü tzl 8öl>cks." „„Gut; warte, alter Freund, diese Nachricht muß ich Dir doch zunächst in Deiner Sprache zukommen lassen."" Weg war er wieder und saß einen Augenblick später bei unserem Eifersüchtigen, welcher an allen Gliedern, wie zerschlagen, eben versuchte einen Tschibuhk anzuzünden, sich durch einige Züge guten Tabacks zu kräftigen. „8L1LwLkt" (Sei gegrüßt)! „„^llLll stzllemäk (Gott grüße Dich)! Was willst Du? „Usüsvll Iralulgs, aüus IitzIIem8.lt Ln8 ssolluktu ei 8ollckell"*). „„^n»86iiÄ Mtlm de88eevenckj"" **). Jetzt hätte es, trotz des Sturmes, noch ein Schauspiel auf dem Schiffe geben können, wenn ich den erzürnten Karl nicht zur Ruhe verwiesen und ihm ein ferneres Beleidigen des tiefverletzten Orientalen untersagt hätte. *) Deutsch: Nichts, ich wollte Dir blos sagen, ich habe die Schwarze gesehen. **) Ein türkischer Fluch, den ich Auslands halber nicht übersetzen kann. Im Verlaufe unserer langweiligen Reise gab es, außer der eben erzählten, noch manche andere heitere Scene, welche uns unsere Lage auf kurze Zeit vergessen ließ. Diese war nicht beneidenswert!). Der Wind besserte sich keineswegs und war, obgleich er nicht zum Sturme anwuchs, immerhin kräftig genug, unser Schiff wie einen Spielball hin- und herzuschleudern und mit Wellen zu überschütten. Unsere Matrosen schöpften das hineinbringende Wasser fleißig aus, aber ihre Arbeit wollte gar nicht enden. Die durchnäßten Passagiere fluchten oder klagten über das tückische Meer. Das Schiff lavirte beständig; die Nacht brach herein, ehe wir uns zwei Meilen vom Hafen Damiaht's entfernt hatten. Zum Glück verschonte uns Deutsche die Seekrankheit, sei es wegen unserer glücklichen Constitution oder des in Menge genossenen Präservativen Cypcrweines. Und dieser mußte uns schließlich auch als Schlaftrunk dienen; im nüchteren Zustande wären wir zum Schlafen unfähig gewesen. Am folgenden Tage erwachten wir erst, als die Sonne schon längst aus dem Meere aufgetaucht war. Der Wind hatte nachgelassen, wurde jedoch bald wieder eben so heftig, wie gestern. Die gebadete, seekranke Reisegesellschaft sah zum Erbarmen aus, aber — „wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen" — gerade die traurigen Gesichter erheiterten und belustigten uns. Unsere Reise dauerte vier volle Tage und wurde zuletzt Allen zu lang. Das unzählige Male wiederholte Wenden des Schiffes, die langweilige Fahrt längs der Küste, welche wir bald dicht vor uns, bald in einer unersetzbaren Entfernung hatten, und dies sich gleichbleibende ungünstige Wetter erschöpften unsere Geduld. Endlich am fünften Tage der Fahrt besserten sich unsere Umstände, wir waren bei Sonnenaufgang gerade auf der Höhe von Röschred (Rosette), dessen hohe, von Palmen umstandenen Minarets wir vom Schiffe aus sehen konnten. Das Meer war in der Nähe der Mündung des Nilarmes sehr trübe, obgleich der Strom seinen niedrigsten Stand erreicht hatte und wenig, aber ziemlich reines Wasser enthielt. Zur Zeit der Überschwemmung ist die Menge des in's Meer strömenden Nilwassers so groß, daß 233 man, noch stundenweit von der egyptischen Küste entfernt, es nicht nur im Meere erkennen, sondern sogar schon trinken kann. Die Wahrheit dieser höchst interessanten Erscheinung wurde mir von Vielen bestätigt. Mehrere mit Melonen beladene Schiffe verließen den Bo- rhahs, um mit uns Alerandrien zuzusteuern. Die Melonen des Seees Brurlos gelten sür die besten in ganz Egypten; sie werden auf den sandigen Dünen des Meeres in der Nähe des Seees in großer Menge gebaut. Für einen Silbergroschcn bekommt man in Alerandrien schon eine sehr schöne und große Melone zu kaufen. Man schätzt die Pasteken oder Wassermelonen wegen ihrer großen Süßigkeit mehr als die Zuckermelonen. Einige Stunden nach Sonnenaufgang erhob sich ein starker, unsere Fahrt fördernder Nordwind. Schon Mittags passirten wir das geschichtlich interessante Fort Abuhkir. Wenige Stunden später tauchte die Pompejussäule aus dem Häusermeere Aleran- driens auf; wir fuhren am neuen Hafen hin und genossen eine herrliche Aussicht auf die Stadt mit den Nadeln der Kleopatra, dem Pharus und dem Hafcnschlosse des Vizekönigs. Der Reis unseres Schiffes passirtc den gefeuchteten Hafcneingang glücklich und ohne Lootsen. DaS Schiff durchfurchte den weiten Hafen und legte sich hart am Quai vor Anker. Nachdem ein Offizier der Quarantäne die Untersuchung der Schiffspapiere beendet hatte, erhielten wir „Uratios" (Erlaubniß zum Aussteigen) und gingen an's Land. Am 2. Juli. Wir bezogen wieder vereint ein geräumiges Wohnhaus in der Vorstadt, welches der Baron von Wrede für uns gemiethet hatte. Dr. Reitz übergab einen Brief aus der Hei- math und verhalf mir zu einigen interessanten Bekanntschaften. So besuchten wir zusammen eine levantinische Familie, welche unseren Landsmann gern in ihren Kreis gezogen Hütte. Nach Wunsch des Hausherrn sollte Dr. Reitz von zwei erwachsenen Töchtern eine hcirathen, aber, wie es in Egypten auch bei den levantinischen Christen üblich, dafür einen Mahlschatz von tausend Spcciesthalcrn entrichten. Die Mädchen waren wunderbar schön und nach der Meinung ihres Vaters mehr als tausend Speciesthaler werth; doch 23L will uns Europäern selbst in Egypten die Sitte nicht gefallen, Frauen mit Gelde zu erkaufen, weshalb dieses Mal die Heirath unterblieb. Von dem Baron von Müller erhielt ich einige, aus Wien datirte Briefe. Die einfache Reise einiger Naturforscher nach dem Innern Afrika's sollte von nun an, nach seiner Anordnung, den prunkenden, pomphaften Titel führen: „Dritte wissenschaftliche Expedition des Freiherrn vr. I. W. von Müller nach Centra l-A frika." Warum er unsere zu unternehmende Reise eine „dritte wissenschaftliche Expedition" nannte, ist mir unklar geblieben. Er versprach mir, viele Reisegefährten, lauter junge tüchtige Leute zu senden, und erbat sich von mir einen Kostenanschlag, welchen ich später auch ablieferte. Die „Expedition" schien großartig werden zu sollen. Ich zweifelte nicht daran, daß Baron Müller das schwierige Unternehmen auszuführen im Stande sei. Er hatte mir von seinem großen Vermögen erzählt und mir wiederholt versichert, daß er sich die Erforschung des Innern Afrika's zur Lebensaufgabe gestellt habe. Zu dem hatte ich seine Entschlüsse gedruckt vor mir liegen. In dem „Bericht über einzelne erhebliche Momente seiner in den Jahren 1845 — 1849 unternommenen wissenschaftlichen Reisen in Afrika von vr. I. W. Freiherrn von Müller (aus dem Aprilhefte des Jahrgangs 1849 der Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften besonders abgedruckt) heißt es: „In Unteregypten angelangt rüstete ich unter der Leitung meines Secretairs, des Herrn Alfred Brehm, Sohn unseres berühmten Ornithologen, eine dritte wissenschaftliche Expedition aus, welche für den weißen Nil und zur Vorbereitung meiner eigenen nächsten Reise in der Art bestimmt ist, daß dieselbe nach zwei Monaten*) in Egypten, wo bereits alle ihre Mitglieder vereinigt sind **) und nur die Ankunft der in Europa bereits *) Diese waren freilich schon abgelaufen. **) Bis dahin war »och keins dieser Mitglieder in Egypte» eingetroffen. 235 bestellten mathematisch - astronomischen Instrumente abgewartet wird, in's Innere von Afrika abgehen." „Die Instruktionen, welche ich vorläufig zu ertheilen im Stande war, lauten dahin, daß sich die Theilnehmer der Erpcdition über Sucs zu Meere nach Sauakim begeben, dort bei den Bischari- Arabern, welche die besten Kamele der Erde erzielen, sich mit den nöthigen Reit- und Lastkamelcn versehen. Nachdem sie den Lauf des unbekannten Atbara untersucht und hierauf nach Charthum gelangt sein werden, schiffen sie sich dort bei günstiger Jahreszeit und mit eingetretenem Nordwinde auf dem weißen Nil ein, um bis zu den Bari-Negern oder der Stromschnelle unter dem 4" n. Br. zu gelangen. Hier sollen sie ihren einstweiligen Wohnsitz aufschlagen, eine Anpflanzung zum Vortheile der Eingeborenen versuchen, deren Sprache erlernen und sich überhaupt den Einwohnern so nützlich wie möglich zu machen suchen, um sie dadurch zu belehren, daß es außer den Türken sonstige weiße Völker auf der Erde gebe, welche durch andere Gründe, als Raubsucht, bestimmt, sie aufzusuchen." „Gegen das Ende dieses Jahres gedenke ich den Wanderstab abermals zu ergreifen, mit noch vollen Kräften und frischen Verrathen unter dem 4? n. Br. anlangend, von dort aus, vereint mit meinen Leuten, die Quellen des Stromes aufzusuchen und auf die Westküste zuzureiscn. Bemerken muß ich, daß von den Bari- Negern unter dem 4" n. Br. bis nach Fernando da Po oder dem atlantischen Ocean, die Schwierigkeiten der Reiseroute abgerechnet, mir bloß vierzig Tagereisen übrig bleiben können." „Und so hoffe ich mit göttlicher Hülfe (und Ihrer mir vielleicht zu Theil werdenden Protektion) das, was ich im Interesse meiner Nebenmcnschen für Hebung und Belebung des Verkehrs, für Kultur und Gesittung, für Fortschritt und Wissenschaft »ach meinen schwachen Kräften zu leisten mir vorgesetzt habe, in Ballführung zu bringen." Zu einem solchen Unternehmen, dessen Schwierigkeiten ich wohl einsah, aber keineswegs fürchtete, gehört, wie mir Jedermann glauben wird, viel Geld. Ich berechnete, daß zwei Europäer mit der ihnen nöthigen Bedienung und Ausrüstung auf der von unserem Chef vorgezeichneten Reiseroute in den ersten achtzehn Monaten vicr- undachtzigtausend Piaster oder fünstausendsechshuudcrt und einige Thaler preußisch verausgaben würden, und habe mich, wie sich spater zeigte, nicht geirrt. Unter der „Ausrüstung" war der Einkauf einer Nilbarke gegen die Summe von zweitausend Thalern Inbegriffen; eine vermehrte Anzahl der Rciscmitglieder würde die Kosten verhältnißmäßig nicht sehr erhöht, die späteren Monate aber nur eine entschieden niedrigere Ausgabesumme nöthig gemacht haben. Mit großer Spannung erwartete ich nach Abscndung meines Kostenanschlags das nöthige Geld und die versprochenen Gefährten, sollte aber auf diese, wie auf jenes noch lange harren. Am 14. Juli. In Gesellschaft des Kanzlers vom österreichischen Generalkonsul, Herrn Dr. Beckc, und dessen Gemahlin zog ich heute in die Wüste von Ramla hinaus, um einige Tage im Freien zuzubringen. Viele Europäer hatten sich Zelte unter den Palmen aufgeschlagen, in der Einöde herrschte ein reges Leben. Wir unterhielten uns mit der ziemlich reichhaltigen Jagd und erfreuten uns bei traulichen Gesprächen und dampfenden Tschibuhkaht an der Schönheit der Nächte. Ich verlebte in Gesellschaft liebenswürdiger und gebildeter Landsleutc mehrere recht angenehme Tage und genoß ein in Alerandrien doppelt willkommenes, weil seltenes Glück. — Das Dampfschiff vom 23. Juli brachte uns den berühmten Reisenden und Naturforscher Dr. Rüppell nebst anderen interessanten Persönlichkeiten von Europa. Ersterer reiste in Gesellschaft eines jungen Kaufmanns und wollte diesen zunächst bis Wadi- Halfa begleiten, dann aber über Kairo nach Djetta am rothen Meere gehen, um dort Fische zu sammeln. Bekanntlich verdankt man die Kenntniß der Fische des rothen Meeres diesem tüchtigen und unermüdlichen Naturforscher. Rüppell behandelte mich mit großer Güte und überließ mir eins seiner Werke, welches ich zu 237 meiner bevorstehenden Reise höchst nothwendig brauchte, als ein mir sehr werthes Geschenk. Am 28. Juli begleiteten wir, der I)r. Reih und ich, die beiden Reisenden bis Adfeh. Wir waren Abends in Alerandrien abgefahren und erreichten den Mann von Re schied nach einer zwan- zigstündigen Fahrt. In Adfeh bestiegen die Reisenden eine bequeme, segelfertige Dahabic und stießen bald darauf mit Gewehrsalven vom Lande. Die schwarz-roth-goldnc deutsche Flagge wehte am Flaggenstocke des Schiffes; es war das erste Mal, daß Deutschlands Farben den heiligen Nil begrüßten. Es war um die Zeit, in welcher man im Vaterlande einen deutschen Erbkaiser bald erwählt zu sehen hoffte. Tags darauf gingen wir bei dem Städtchen Fuah auf die Jagd. Sie war ergiebig, mußte aber, weil wir noch Vormittags nach Alerandrien abfahren wollten, bald beendet werden. Die Abreise gelang uns jedoch nicht so schnell. Karl kam mit dem Reis unserer Barke in Streit, woraus in kurzer Zeit eine förmliche Prügelei entstand. Eine Menge nichtsnutzigen, im Orte herumlungernden Gcsindcls beeiferte sich, daran Theil zu nehmen; wir wurden von allen Seiten bedrängt, man riß uns die Gewehre aus den Händen und schlug mit den Läufen und Kolben auf uns. Unsere Vertheidigung mit bleibeschwertcn Stöcken machte das Volk zwar stutzig, würde uns der unverhältnißinäßigen Uebermacht gegenüber aber doch wenig geholfen und uns sicher gefährdet haben, wenn wir nicht zu der türkischen Polizei unsere Zuflucht genommen hätten. Der Pöbel war durch die ihm während des Monats Ra- madtahn gebotenen Fasten an Körper und Geist geschwächt und verfolgte uns mit Schmähungen und von Fanatismus zeugenden Schimpfrcdcn zum Gerichtssaalc des Polizeichefs oder „Sahbeth," wohin der Reis, um gegen uns Klage zu führen, vorausgegangen war. Er war in der Hitze des Gefechtes an mehreren Stellen deS Kopfes blutig geschlagen worden, und glaubte, obgleich er uns zuerst angegriffen hatte, den verhaßten Ungläubigen gegenüber dennoch Recht behalten zu können. Nachdem der Sahbeth die Klage des Barkenanführers ruhig angehört hatte, forderte er uns zur Ver- 238 theidigung oder Gegenklage auf. Wir unterstützten unsere Klage mit dem ganzen Gewichte des europäischen Einflusses, hoben besonders hervor, daß wir unter österreichischem Schutze ständen, ja, daß sogar der Dr. Reitz Sekretär beim Generalkonsulate sei und daß wir vollständige Genugthuung forderten und sie im Falle der Verweigerung von seiner Seite bei höherer Behörde suchen und finden würden. Zugleich erwähnten wir unserer Mäßigung, indem wir bei dem wüthenden Eindringen der Araber auf uns nicht, wie viele Andere gethan haben würden, von unseren Waffen Gebrauch gemacht und keinen Einzigen erschossen hätten. Er erwiderte: „Ihr habt wohlgethan, zu bedenken, daß die Menschenkinder keine Hühner sind, auf welche man ohne Weiteres schießen kann. Auch im Ucbrigen seid Ihr in Eurem Rechte. Der Barkcnführer soll seine wohlverdiente Züchtigung erhalten, weil er Franken, welche in seinem Schiffe reisten, gröblich beleidigte und sogar thätlich angriff. Khawasfihn, bringt die Peitsche!" Die vcrhängnißvolle Kette mit den fatalen Lederricmen zur Bastonade erschien, der Reis wurde gewaltsam niedergeworfen, die Kette um seine Waden gelegt und mit dem Befehle des Bimbaschi: „Lesvlr julrs!" (Fünfhundert!) begannen die Lederstrcifen die Füße des Opfers zu bearbeiten. Wohl an hundert Streiche mochten gefallen sein, da regte sich das Mitleiden in uns: „Schenke dem Manne," baten wir, „die übrigen Streiche, Major!" Er antwortete sehr ernst: „Wohl ist es hart, wenn ein Mann, welcher jetzt den ganzen langen, heißen Tag fasten muß, dessen Lippen keinen Wassertropfen, dessen Geist kein Tschibuhk erfrischen darf, auch noch geschlagen wird, aber Ihr habt Unrecht, für ihn zu bitten. Ihr habt ihn verklagt, weil er Euch beleidigt und geschlagen hatte, Ihr habt Genugthuung verlangt und seht, daß man eben daran ist, sie Euch zu geben; jetzt habt Ihr weiter Nichts zu fordern, denn Ihr steht vor Gericht und könnt meinen Ausspruch nicht hindern. Er werde also pünktlich vollzogen. Nichts soll ihn ändcm! Geht jetzt und sagt Euren Landsleuten, daß der Major von Adfeh Jedem Gerechtigkeit widerfahren lasse. „LUali mrwlrum!" (Gott mit Euch!) 239 Wir gingen. Vor dem Diwahn lag der Reis mit blutenden Füßen. Der Bimbaschi hatte für uns ein anderes Schiff bestellt. Dies bestiegen wir und fuhren Nachmittags von Adfeh ab. Tags darauf kamen wir Abends in Alerandrien an. Am 1. August. Ein alter Bekannter von uns aus dem Sudahn her, der im Auftrage der Petersburger Akademie reisende Pole Zenkowsky war vor wenigen Tagen hier angekommen. Er hatte auf allen seinen Reisen im Innern nicht nur mit allerhand Mißgeschick, sondern auch mit furchtbaren Ficberanfällen zu thun gehabt und sah sich gar nicht mehr ähnlich. Die unvermeidliche Krankheit des Ost-Sudahn hatte seine Gesundheit zerrüttet. Noch in Egypten litt er Schiffbruch und verlor einen großen Theil der von ihm mit Aufopferung seiner Gesundheit und mit Gefahr seines Lebens zusammengebrachten naturwissenschaftlichen Schätze. Ich glaubte ihm die Erzählung seiner Leiden und Entbehrungen, denn ich kannte den Sudahn mit seinem infernalischen Klima nur zu gut, und es überlief mich ein leiser Schauder, wenn ich den armen Naturforscher ansah und gedachte, wie ich in Kurzem wieder nach dem Lande gehen wollte, aus dem ich mit heiler Haut schon einmal zurückgekommen war. „Also nicht einen Einzigen verschont das fürchterliche Fieber?! Nein, wirklich Keinen!" Am 14. August starb Mahammed-Aali, der weit berühmte Vizekönig von Egypten. Vierzehn Tage lang hatte der große Mann im Todeskampfe gelegen. Die Todesnachricht rief eine allgemeine Trauer unter den Europäern hervor. Im Tode zollte man den Talenten des Vizekönigs Bewunderung, seiner Energie Dank; im Tode vergaß man, daß er diese, wie jene, nicht immer zum Besten angewandt hatte. Die nur zur halben Höhe aufgezogenen Flaggen aller Konsulate, welche drei Tage lang im Winde wehten, bezeugten die wahrhafte Trauer aller Europäer. Von Seite der Regierung geschah Nichts, man hörte keinen Kanonenschuß, denn Aabahs-Pascha hatte es durch den Telegraphen verbieten lassen, auf irgend eine Weise die allgemeine Trauer kund zu 240 geben. Der kleine AabahS wollte nicht, daß sein großer Ahn noch im Tode geehrt würde. Tags darauf wurde der Leichnam des Verstorbenen in einem mehr als einfachen Sarge von gewöhnlichen Lastträgern durch die Straßen Alerandriens nach der Mahmudie gebracht. Hier wartete ein eigenes Dampfschiff, um Mahammed-Aali's sterbliche Reste nach Kairo zu bringen, wo sie in der von dem Verstorbenen auf der Citadelle erbauten Moschee beigesetzt werden sollten. Ein großer Menschenzug begleitete die Leiche, bekam aber nur dadurch, daß viele Europäer dabei waren, etwas Feierliches. Die lebhafteste Theilnahme sprach sich überall unverhohlen und nicht zu Gunsten AabahS-Pascha's aus. Said-Pascha wollte die Leiche seines Vaters zu ihrer Gruft begleiten. Er kam zur Mahmuhdie und sah die erbärmlichen Anstalten zur Feier eines so ernsten Tages, welche der unwürdige Enkel Mahammcd Aali's angeordnet hatte. Da konnte er sich nicht entschließen, mit nach Kairo zu gehen und blieb, Krankheit vorschützend, im gerechten Zorne in Alerandrien. Am 16. August erhielt ich Briefe aus der Heimath mit der Nachricht, daß sich mein Bruder Oskar entschlossen habe, mich in's Innere zu begleiten. Der Gedanke, bald meinen Bruder bei mir zu haben, erfüllte mich mit großer Freude. Ein Bruder im fremden Lande ist einem Freund, Gefährte und Nathgeber, er ist Der, welchem man in jeder Lage offen vertrauen, dein man sich vollkommen hingeben kann. Ich hoffte nun mit wahrer Sehnsucht auf die Ankunft der mir vom Baron Müller versprochenen Reisegefährten. Er vertröstete mich von einem Dampfschiffe zum anderen. An der Ausrüstung zur Reise arbeitete ich nach allen Kräften. Zwei junge deutsche Tischlergesellen wollten mich in's Innere begleiten, ich nahm sie gern in Dienst. Jetzt arbeiteten sie daran, Reisekisten und andere nothwendige Gegenstände für die „Expedition" anzufertigen. Es fehlte uns Allen nicht am guten Willen, wohl aber noch an Geld, Reisegefährten, Waffen und Instrumenten, was wir Alles nur aus Deutschland erhalten könn- 241 ten. Baroir von Müller versprach, Alles zu senden; ich hoffte, spätestens Ende Oktobers Egypten verlassen zu können. Am 21. August. Der vormalige englische Generalkonsul Lar- kins stellte heute in den Sümpfen am Mareotissee eine große Sau- hatze an. Ich wurde von unserem Freunde Reitz dazu mit eingeladen. Die Jagd war arm an Beute — denn wir erlegten nur drei Sauen — aber reich an spaßhaften Austritten. So rief mich Reitz zu sich, um mich auf einen dunklen Gegenstand im Rohre aufmerksam zu machen. Ehe ich noch zu ihm kam, feuerte er bereits darauf. Ich hörte, daß ein Thier aus dem Sumpfe hervorbrach und dem festen Lande zueilte. „Machen Sie sich fertig, es ist tödtlich getroffen," rief mir Reitz zu, „es muß ein mächtiger Eber sein." Ich befolgte die Aufforderung und erwartete mit der gespannten Büchse in der Hand, daß das Thier eine lichtere Stelle passtren sollte. Jetzt kam es, der Jagdeifer regte sich mächtig in mir, ich suchte es auf's Korn zu nehmen, da sah ich, daß es ein Büffelkalb war, welches heftig das eine Ohr hin- und herschlcu- derte. Es kam mit blutendem Ohre vollends an's Land, unser Doctor hatte es durch'S Gehör geschossen. Die Spötter wetzten ihre Zungen, aber Reitz lähmte sie. „Meine Herren," sagte er scherzend, „wenn Einer von Ihnen später einem Büffel begegnen sollte, welcher Ohrringe trägt, so denken Sie daran, daß ich ihm die Ohrlöcher heute dazu gestochen habe." Nach der Jagd war im Garten der schönen Villa des Mr. Larkins große Tafel, wobei ein ungewöhnlicher Lurus entwickelt wurde. Am 26. August besuchten wir in Begleitung eines unserer Landsleute die Bäder der Kleopatra, um in den uns bekannten Nischen der berühmten und berüchtigten Königin ein erfrischendes Seebad zu nehmen. Beim Hineinfahren in eine kleine Bucht, in welcher die Boote gewöhnlich anzulegen pflegen, wären wir beinahe gescheitert; noch mehr Mühe machte uns das Herausfahren in's offene Meer. Die See ging hoch, bei unserer Heimfahrt schlugen die Wellen in das kleine Boot, der Wind schleuderte es auf dem H. 16 242 Meere herum und warf es zuletzt im Hafen noch an eine Brigg, wobei das kleine Segel zerriß. Der Bootsführer wurde grob und unverschämt und verklagte uns bei der türkischen Wache, welcher wir den Kerl übergaben, um ihn zum Sahbeth bringen zu lassen. Dort angekommen, geriet!) Baron von Wrede mit einem Polizei- beamten, welcher uns mit grenzenlosem Uebermuthe behandelte, in heftigen Streit. Da er mit dem Beamten türkiscb sprach, konnten wir nicht verstehen, um was es sich eigentlich handle, nur daß der türkische Beamte Jenen mit Schimpfworten überhäufte und Wrede diese mit Zinsen zurückgab. Es war gerade Sonntag und die Kanzlei unseres Konsulates geschlossen, sonst würden wir uns von dort sogleich einen Beamten erbeten haben, um gegen die uns zuletzt Alle empörenden Schmähungen des Türken Schutz zu finden. Wrede ging, um wenigstens den Khawahs des Konsulats herbeizuholen. Ich blieb noch, versicherte aber dem Polizcisckretär, daß ich jedenfalls Genugthuung fordern und nicht eher ruhen würde, bis er wegen seines Benehmens eine verdiente Strafe empfangen haben werde. „Jetzt kann ich Dir," sagte ich zu ihm, „nur meine grenzenlose Verachtung ausdrücken; ich fühle mich so sehr über Dich erhaben, daß ich mich besudeln würde, wenn ich Dich mit einem einzigen Schimpfnamen belegen wollte. Aber sei überzeugt, daß Deine Unverschämtheit bestraft werden soll." Dann verließ ich den Diwahn, in welchem der Effendi wüthend herumrannte. Wir bestiegen die Esel, welche uns vom Hafen hergetragen hatten, als uns sechs türkische Polizcimänner nachkamen, welche mit ihren langen Stöcken auf uns einhicbcn und uns gewaltsam zur Polizei zurückbrachten. Mein Begleiter rief mir zu, mich zu vertheidigen; allein ich schlug es aus und bat ihn, Alles, was uns die Türken zufügen würden, ruhig über sich ergehen zu lassen. Die Häscher behandelten uns mit der rohcsten Barbarei. Sie stießen uns mit den spitzen Enden ihrer langen Stöcke von den Eseln herunter, rissen uns gewaltsam in das Polizcigebäude und warfen uns auf Befehl des Beamten in's Gefängniß. Wir waren vollkommen passiv verblieben. Daß uns Genugthuung werden würde, wußte ich; ich kannte den ausgezeichneten Schutz, welchen das kaiserlich 243 königlich österreichische Generalkonsulat dem Geringsten, wie dem Vornehmsten seiner Unterthanen in kräftiger Weise ertheilt. Der Eseltreiber, auf dessen Thier ich gekommen war, hatte mich schon mehrere Male begleitet und kannte mich genau. Ich konnte mich auf seine Schlauheit verlassen und beschloß, ihn als Botschafter zu verwenden. Nachdem sich die Thüren unseres Haftlokales geschlossen hatten, riß ich ein Blatt aus meiner Brieftasche, theilte dem Khawahs unseres Konsulates das Geschehene in arabischer und italienischer Sprache mit und ersuchte ihn, sogleich hierher zu kommen, um uns zu befreien. Diesen Brief warf ich durch die Eisengitter des niederen Fensters dem außen wartenden Eseltreiber zu und befahl ihm, damit augenblicklich nach unserem Konsulate zu eilen. Ehe der Khawahs von dorther hier ankam, hatte ich Zeit genug, unser Gefängniß genauer zu betrachten. Es war ein Raum von ungefähr zwanzig Fuß Länge, zwölf Fuß Breite und neun Fuß Höhe. Eine einzige Thür führte in die Flur des Polizcigebäudes, ein Fenster auf die Straße. Letzteres war klein, ohne Glasscheiben und mit starken Eisengittern verwahrt. Der Fußboden des Gefängnisses war ursprünglich gepflastert gewesen, jetzt aber mit dickem Schmutz bedeckt. In diesem Raume lagen oder saßen zwanzig bis dreißig Verbrecher: Tagediebe, Gauner und Diebe ohne Fesseln in wahrem Kothc. In einer Ecke hatte man den Unrath aufgehäuft. Es wimmelte von Flöhen und Läusen, welche uns an den Kleidern in die Höhe krochen; die furchtbarste Unreinlichkeit und ein nicht zu beschreibender Gestank verpesteten die dicke, dumpfige Luft des grauenvollen Aufenthaltes. Die Verbrecher schienen der gemeinsten Klasse, der niedrigsten Hefe des Volkes anzugehören. Sie begrüßten uns sogleich mit frechen, unzüchtigen Redensarten. „Schweigt, ihr Hunde," antwortete ich, „denn wir sind Europäer! Wagt noch ein Wort und ihr sollt es gewiß bereuen!" Sogleich trat die gewünschte Stille ein; Alle suchten uns ihre Ehrerbietung an den Tag zu legen. Noch war keine Viertelstunde vergangen, seit wir eingesperrt waren, da erschien Derw ihsch-Arh a, der Khawahs unseres Konsulats, und verlangte unsere augenblickliche Entlassung. Sie wurde bewilligt; 16 * 244 der türkische Beamte stand sehr verlegen an der Thür. „Effendi," fragte Derwihsch-Arha, „was haben Dir diese Herren gethan? Wisse, daß st« einen Firmahn Seiner Herrlichkeit besitzen! Effendi, die Sache dürste übel für Dich ablausen!" Ich rief ihm beim Weggehen höhnisch zu: „Effendi, morgen wirst Du die Ehre haben, mit mir zu sprechen und, bei Deinem Barte, Du sollst Deine Niedrigkeit fühlen lernen!" Der Effendi antwortete nicht. Am anderen Morgen meldete ich den Vorfall dem Kanzler unseres Generalkonsulats, Dr. Becke, und bat, meine Angelegenheit baldigst beenden zu wollen. Der Kanzler sicherte mir vollständige Genugthuung zu und beorderte meinen Freund Rcitz, den damaligen Sekretär des Konsulats, und einen Dragoman, die Untersuchung gegen den türkischen Beamten einzuleiten. Wir gingen zum Sahbeth-Bei (Polizeidircktor). Er empfing uns sehr freundlich, ließ Kasse und Pfeifen präsentiren und behandelte seinen Freund Reitz und mich mit der größten Artigkeit, vr. Reitz trug die Anklage gegen den Effendi vor. Der alte Herr war sehr empört und befahl, den Beklagten sogleich vorzuladen. „Wie kannst Du es wagen, Europäer verhaften und zu gemeinen Verbrechern einsperren zu lassen?" „„Mein Oberst, ich habe den Befehl dazu nicht ertheilt."" „Der Effendi lügt, mein Oberst," sagte ich, „dort stehen die Khawasstn, welche mich gewaltsam in's Gefängniß warfen und dabei mit ihren Stöcken mißhandelten." „Ist es wahr," fragte diese der Bei, „was der Herr eben sagte?" „„Ja, mein Oberst, der Effendi gab uns den Befehl dazu!"" Jetzt wurde der Bei vollends in Wuth versetzt. „Bube," donnerte er dem Effendi zu, „Du wagst es, zu lügen, mir gegenüber zu lügen! Wer bist Du denn vor mir? Ein Hund, dessen Vater, dessen Ahnen Hunde waren, der von einer Hündin geboren wurde! Gehe und melde Dich als Verhafteter für vier Tage bei Wasser und Brot!" Dann wandte er sich an mich: „Bist Du damit zufrieden, mein Herr?" „„Nein, mein Oberst, er hat acht Tage verdient, wegen der Schmähungen, mit denen er mich, mein Volk und meinen Konsul überhäufte."" Reitz stimmte mir 245 bei. „Hast Du gehört, Effcndi? Die Herren wünschen, daß Du acht Tage in Haft kommen sollst, und bei meinem Barte, bei dem Kopfe meines VaterS, bei Allah und seinem Propheten, sie habe» Recht, es geschehe Dir, wie sie gewünscht haben. Jetzt gehe und lass' nie eine ähnliche Klage vor meine Ohren kommen!" Acngstlich hatten die beiden Khawassen den Worten des Bet zugehört. Jetzt befahl er ihnen, näher zu kommen. „Was hast Du gegen diese zu klagen?" fragte er mich. ,,,,Daß sie mich und meinen Begleiter, einen preußischen Unterthan, gemißhandelt haben."" „Sie sollen ihre Strafe erhalten. Khawassihn, Peitschen!" Die uns bekannten Werkzeuge erschienen und jeder der Schuldigen erhielt wohlgezählte hundert Streiche auf die Fußsohlen. Wir hatten uns die Lehre gemerkt, welche der Bimbaschi von Adfeh uns gegeben hatte, und schwiegen, selbst als uns die unter der Peitsche seufzenden Frohnen baten, ihre Fürsprecher zu werden. Der Sabeth schien ganz besonders erzürnt zu sein, denn er befahl den Frohnen, welche ihren Kameraden die Züchtigung ertheilen mußten, kräftiger zuzuhauen. Nachdem auch die schuldigen Khawassen ihre Strafe erhalten hatten, fragte uns der Bei nochmals, ob wir mit der uns gegebenen Genugthuung zufrieden wären. Wir bejahten dies und dankten ihm dafür. Dann bat er uns, es dem preußischen Konsulate zu melden, daß die Schuldigen bereits bestraft worden wären, damit nicht auch von dorther Klage erhoben würde. Er entließ unö sehr artig. Wie ich später hörte, wurde der Essend! fernerhin gegen die Europäer weit höflicher; er hatte eine gute Lehre erhalten. Ich war nicht bös auf ihn, denn ich hatte eins der Gefängnisse näher kennen gelernt. Am 3. September. Gestern kam die Mannschaft des preußischen Dreimasters „Wiedersehen," welcher vor ungefähr einem Monate den hiesigen Hafen verlassen hatte, auf der Höhe von Der na leck geworden und auf hoher See untergegangen war, in Alerandrien wieder an. Die Mannschaft rettete sich in den großen Schaluppen des Schiffes und erreichte die Küste. Hier wurden sie von räuberischen Beduinen angegriffen, vollständig ausgeplündert 246 und mit dem Tode bedroht. Keiner der deutschen Matrosen verstand eine Sylbe Arabisch, ihre Lage war furchtbar. Endlich gelang es dem Kapitän, den Beduinen begreiflich zu machen, daß man nach Alcrandrien zurück wollte. Sie verstanden sich dazu, die nöthigen Kamele herzugeben. Die Karawane brauchte siebzehn Tage zu ihrer Reise. Im Anfange behandelten die Beduinen unsere Leute mit wahrer Grausamkeit. Man gab ihnen kaum nur in Wasser gekochte Waizenkörner oder schlissiges Durrahbrod zu essen, wozu ihnen salziges Wasser nothdürstig gereicht wurde. Je näher die Karawane der Stadt Alcrandrien kam, um so besser und freundlicher wurde die Behandlung der Schiffbrüchigen von Seiten der Beduinen, denn diese fürchteten mit Recht, eine wohlverdiente Strafe von den Türken zu erhalten. Kaum läßt sich der elende Zustand, in welchem die Karawane in Alerandrien ankam, beschreiben. Trotz der enorm hohen Preise, welche der Kapitän für die Kamele zu zahlen versprechen mußte, hatten doch nur einige Matrosen deren erhalten und mußten abwechselnd zu Fuße gehen. Der glühende Sand der Wüste hatte ihre Füße verbrannt, sie trugen von der Sonne am ganzen Körper Brandwunden. Durch Hunger und Durst hatten sie entsetzlich gelitten; sie kamen kraftlos, krank und ohne einen Heller Geld in Alerandrien an. Das preußische Konsulat versorgte sie zuerst mit Wohnung, Speise und Trank, später auch mit einem Arzte. Dann wurde die Untersuchung des ganzen Unglücksfalles eingeleitet. Der Konsul wollte darauf antragen, daß jeder der Beduinen durch die türkische Regierung mit fünfzehnhundert Peitschenhieben bestraft werden sollte, und würde diese Strafe jedenfalls erwirkt haben, wenn es der Kapitän des Schiffes zugegeben hätte. Dieser setzte allen Vorstellungen nur die Worte entgegen: ,,Wenn ein anderes Schiff an der Stelle, wo ich zu scheitern das Unglück hatte, unterginge, würden die Beduinen gewiß die Mannschaft tödten, und dem hoffe ich dadurch vorzubeugen, daß Keiner von den Räubern gestraft wird." Er hatte hierin nicht Unrecht. Wenige Tage später erhielten die Beduinen die ihnen vom Kapitän versprochene Geldsumme und verließen Alerandrien. Der 247 Kapitän reiste mit dem Dampfschiffe, die Matrosen mit einer Brigg nach Europa zurück. Am 18. Oktober. Der Aufenthalt in Alerandricn wurde mir nachgerade lästig genug. Mir wurde das vergebliche Hoffen und Harren aus eine Veränderung unserer Verhältnisse peinlich. Nur die Bekanntschaft mit mehreren deutschen Landsleuten, welche den Nil bereisen wollten, erheiterte mir manche Stunde des Unmuthes. Am 3. Oktober brachte uns das Dampfschiff den Schriftsteller Bogen» il Goltz aus Thor» in Wcstprenßen, den genialen und originellen „Kleinstädter in Egypten," welchen meine Leser aus einigen Citaten seines interessanten Werkes bereits kennen gelernt. Weniger anziehend, immer aber von Interesse war mir die Bekanntschaft eines Geographen, des Herrn Bialoblowsky, welcher früher auf Kosten einer englischen Gesellschaft nach Sansebahr gereist war, um von dort aus in's Innere von Afrika einzudringen, sich jenseits Abyssinien dem Herzen des Erdtheils zuzuwenden, wo möglich die Quellen des Nil zu entdecken und die Westküste zu erreichen. Der englische Konsul schickte ihn, weil einige Völkerschaften in der Nähe von Sansebahr mit einander in Krieg verwickelt waren (wie Andere behaupten, weil er ihn für verrückt hielt) gewaltsam zurück. Bialoblowsky wünschte sich unserer „Expedition" anschließen zu dürfen und bat mich, ihm dies zu ermöglichen. Ich mußte ihm, weil er nicht geeignet schien, eine derartige Entdeckungsreise mit Erfolg zu unternehmen, eine verneinende Antwort geben. Was aus diesem Ehrenmanne (welcher auf seiner ersten Reise seinen zehnjährigen Sohn als erwählten Begleiter in's Innere Afrika's bis Aden mitgenommen hatte) später geworden ist, weiß ich nicht; ich habe nie wieder Etwas von ihm gehört, wünsche ihm aber alles Glück zu seinen kühnen Plänen. — Am 23. Oktober verließen wir in einem kleinen Schiffchen Alerandricn, um in der Nähe des palmcnumschatteten Fuah, jenes gar lieblich im Delta gelegenen Städtchens, zu jagen. Wir schlugen in der Nähe der Stadt unser Zelt unter einer riesigen Sy- komorc auf und durchstreiften von hier aus die Gegend nach allen Richtungen. Der Ichneumon und egyp tische Fuchs wurden 248 oft unsere Beute; Abends, beim Mondenschein, schössen wir in der Nahe unserer Zelte riesengroße Fledermäuse*), welche die Sykomo- ren umflogen; alte, vollkommen ausgewachsene Eremplare klafterten von der Spitze einer Flughaut zur anderen drei Fuß und wenige Zoll. Wir hielten sie im Anfange für Eulen, so groß kamen sie uns vor. Die nur verwundet Herabgefallencn bissen wehrhaft um sich. Mein Bedienter Karl und der eine der beiden Tischler, welche in meinem Solde arbeiteten, waren unermüdlich in der Jagd dieser ihnen besonders auffallenden Thiere. Sie standen oft bis Mitternacht auf dem Anstande, um eine von den Fledermäusen zu erlegen. Unser Jagdtcrrain bestand aus dem fruchtbarsten, trefflich und zwar vorzüglich mit Reis angebauten Ackerlande. Der Reis nahte sich seiner Reife. Gefräßige Sperlinge**) richteten wahre Verwüstungen in diesen Feldern an und fanden sich in so dichten Schwärmen ein, daß wir mit zwei rasch nach einander abgefeuerten Schüssen aus einem sich eben erhebenden Fluge sechsundfunfzig Stück herabschössen. Diese einzige Angabe mag zur Verständigung ihrer außerordentlich zahlreichen Menge genügen. Die wilden Schweine waren selten. Eines Nachmittags wollten wir Jchneumone jagen. Ich hatte mich vor ein Nohrdickicht, in welchem wir sie zu finden hofften, gestellt und ließ durch mehrere Fellahhihn treiben. Nach wenigen Minuten hörte ich das Geräusch eines durch das Rohr brechenden Thieres, welches aber nicht von einem Ichneumon, sondern nur von einem weit stärkeren Thiere herrühren konnte. Ich harrte mit erhobenem Gewehr erwartungsvoll des Kommenden. Ein riesiger Keuler, welcher im vollen Laufe aus dein Rohre herausbrach und gerade auf mich zurannte, löste das Räthsel. Ich jagte der Bestie beide Schüsse meines mit Rehposten geladenen Gewehres auf kaum fünfzehn Schritte Entfernung in den Leib, ohne die gewünschte Wirkung zu sehen. Der Eber nahm den Hagel mit *) kteropus (Vespertilio) ss^ptiscus, auct. **) Von den unseri.qen verschieden, aber auch in Europa vorkommend, die di8psniea, ancf. 249 furchtbarem Grunzen auf, setzte aber seine Flucht eilig fort, ohne mich, wie ich gefürchtet hatte, zu „begehren". Die ununterbrochenen Jagden gewährten mir einen wahren Hochgenuß. Ich befand mich so recht in meinem Elemente, das langweilige Alerandrien lag hinter mir, ich lebte wieder mein reizendes Jägerleben. Nach der Jagd logirten wir uns in unserem gemüthlichen Zelte unter der Sykomore, schmauchten würzigen Dje- beli und schauten vergnügt in die stille Nacht hinaus. Die köstlichen Abende Egyptens würden uns noch angenehmer geworden sein, wären wir nicht von den Mücken arg geplagt gewesen. Diese kamen nach Sonnenuntergang aus den nahen Sümpfen in unzählbaren Schwärmen zu uns und peinigten uns des Nachts bis auf'S Blut, dennoch waren wir einstimmig der Meinung, daß ihre Stiche weit eher zu ertragen wären, als ihr ewiges Summen. Die Musquitos waren unsere einzigen Quälgeister, in allem Uebrigen verlebten wir höchst angenehme Tage in unserem kleinen Lager und schieden nur mit Bedauern von ihm. Am 10. November veranstalteten die Europäer Alerandriens auf einem östlich von der Stadt in der Wüste gelegenen, ebenen Platze ein Wettrennen. Es liefen zwar nur Rosse von orientalischer Zucht, aber kein einziges arabisches Vollblutspserd. Die aus- gesetzten Preise waren hoch. Das Ganze läßt sich mit wenigen Worten schildern: Es gab tiefen Sand, dichten Staub, große Hitze, schwitzende Reitknechte, triefende Pferde, schlechte Musik, theure Speisen, mehrere Zelte und zwei volle Tribünen mit einigen hübschen Europäerinnen — >vü sLIsliw*)! — Auch wir — vr. Reitz und ich — hatten unsere Zelte in der Nähe der Rennbahn auf einem Hügel aufgeschlagen und sahen bei vollen Bechern edlen Cyperweins dem Schauspiele zu. Ein Wettrennen zu Esel, welches die Matrosen eines im Hafen ankernden Kriegsdampfers auf Wunsch ihrer Offiziere anstellten, krönte das Fest. Dem Glücklichen, welcher zuerst daS vorgesteckte Ziel erreichen würde, winkte ein Preis von fünf Guincen, seinem Esel- 9 Bedeutet wörtlich „und (damit) das Heil!" d. h. und damit genug. 250 treiber ein ansehnlicher Bakhschiesch. Nun begann eine tolle Jagd. Zwanzig Treiber schnalzten und stöhnten im Chor, hieben und stachen auf ihre Thiere los, ebenso viele Reiter spornten diese nach allen Kräften, arbeiteten mit Händen und Füßen, schimpften, fluchten und schlugen die nebenhcrtrabcnden Esel auf den Kopf, daß diese scheu zurückprallten; die Esel keuchten, stürzten, warfen ihre ungeschickten Reiter ab und schlugen mit den Hufen nach ihnen — es war ein unbeschreibliches Getümmel. Treiber und Reiter strengten sich wechselseitig an, die Esel in schnellsten Lauf zu setzen, die Bemühungen der drei activen Mitglieder der Reiterei waren für den Zuschauer höchst ergötzlich. Der Engländer wettet stets. Heute machte man hohe Wetten bezüglich der Schnelligkeit einzelner Esel. — Ein kleiner, schmächtiger und gewandter Schiffsjunge erhielt den Preis. — Ich hatte in letzter Zeit die angenehme Bekanntschaft zweier Landsleute gemacht, welche in Gesellschaft eines jungen Engländers Egyptcn bereisen wollten. Sie verließen Alerandrien am 21. November in einer bequemen großen Dahabie. vn. Rcitz und ich begleiteten sie einige Meilen weit. Die Sonne neigte sich zum Untergehen, als der Reis die Segel der Barke löste; der Wind war flau und brachte uns nach ziemlich langer Fahrt zur Villa des Mr. Larkins, dem die Reisenden noch einen Abschiedsbesuch schuldig waren. Hier hielt uns die Gastlichkeit des Engländers fest; es war beinahe Mitternacht geworden, ehe wir zum Wiedcraufbruch kamen. Nachdem wir mit unseren Landsleuten noch eine Meile weit die Mahmuhd'ie hinauf gefahren waren, trennten wir uns in der Nähe des „Fe- stungskaffehauses" (Khahwe cl Khclaäh*)) von ihnen und beschlossen, in besagter Kaffewirthschaft zu übernachten. Zu diesem Zwecke hatten wir uns auch mit den nöthigen Decken wohl versehen. Das Kaffehaus mochte früher wohl nicht in dem besten Rufe gestanden und öffentliche Mädchen beherbergt haben, denn auf un- *) So genannt, weil es neben einem früher besetzten Fort erbaut wurde. ser entschiedenes Pochen und den mit lauter Stimme gegebenen Befehl zum Ocffnen antwortete der Kahwedji von innen einfach mit: „lMsüän mskisoli Kinne" (Es sind keine Frauen hier), ohne zu öffnen. „Was gehen uns Deine Nissuan an? Oeffne sogleich." „„vlmliäil-M srLiä (Sehr wohl, sogleich, meine Herrn)."" Die Thüre ging auf und wir traten in das recht angenehm erwärmte Kasse ein. Der edle Wirth hatte nun im Sinne, uns in eins von den Kämmcrchen zu betten, welche zum Aufenthaltsorte der zuweilen hier hausenden schönen Bewohnerinnen nebenan gebaut, jetzt aber voller Schmutz und Unrath waren; er dagegen wollte auf einer Lehmbank, welche mit einer ziemlich reinen und weichen Strohmatte belegt war, seine gestörte Nachtruhe fortsetzen. Diesen schönen Plan vereitelten wir einfach dadurch, daß wir sein Bett von besagter Strohmatte hcrabwarfen, unsere Teppiche darauf breiteten und uns auf diese niederlegten. Dann riefen wir unsere großen und bissigen Hunde zu unS heran, wünschten dem Kahwedji eine glückliche Nacht und affcktirte die größte Müdigkeit, weshalb wir alsbald laut zu schnarchen anfingen. Sprachlos hatte der Wirth bisher unserem frevelhaften Beginnen zugeschaut, jetzt fanden Gefühle Worte: „Was, Ihr Herrn, Ihr legt Euch auf meine Bett- stätte, wo soll ich denn jetzt schlafen?" Keine Antwort. „Ihr wollt mich täuschen, Ihr glaubt, ich könne Nichts gegen Euch ausrichten, aber Ihr irrt Euch! Ich werde Euch zu meiner Thür hinauswerfen oder sie wenigstens jetzt öffnen, damit es recht kalt im Zimmer wird, Ihr müßt weichen!" Er näherte sich unserem Lager, die Hunde sprangen knurrend auf und stellten sich ihm zur Wehre. „^IIZll gennrlrt il^inselrüm vvü lieläkbliüm !" (Gott verdamme Euer Volk und Eure Hunde!) Hierauf öffnete er die Thür und ließ den kalten Nordwind hincinstreichen; es half ihm Nichts, wir schnarchten ruhig fort. „Hört, Ihr Herrn, wenn Ihr nicht gutwillig geht, lasse ich Euch die nebenan im Kastell liegenden Soldaten festnehmen." Wir wußten, daß keine Soldaten dort waren und blieben liegen. Jetzt blieb er seiner Verzweiflung nicht 252 länger Meister und brach ungefähr in folgendes Klaglied aus, mit Flüchen und Drohungen nebenbei: ,,Bei Gott, Ihr Leute*), ich lag so weich und schlief im Frieden Gottes, da erscheinen diese verruchten Europäer an meiner Thüre, ich öffne sie ihnen und — beim Allmächtigen, es ist prächtig! — sie werfen mir mein Bett von meiner Lagerstätte herab und schlafen an dem Orte meiner Ruhe. Meine Nacht ist jetzt schwärzer als Pech, schmutziger als Unrath! Gott verfluche Euch und so er wolle, gebe er Euch eine Nacht noch tausendmal schlechter als die meinige! Ihr Herrn, geht von meinem Platze weg, steht auf im Namen Gottes und laßt mich in Frieden! — Im ilslla II ^Ilati, rvn esollet inu ülabammeä rassulil Lcklsli! — Bei Gott dem Allmächtigen, Gnädigen und Barmherzigen, das Volk der Franken war von jeher ein verworfenes**)!" Wir fingen in der That an, jetzt für unsere Nachtruhe zu fürchten, unser Araber konnte für seine Bcredtsamkeit kein Ende finden. Ich unterbrach den tief Gekränkten endlich mit den Worten: „So wahr der Herr lebt, Du bist kein Mahammedaner!" „ „Der allmächtige Gott verzeihe Dir die Sünde dieser Beleidigung! Warum bin ich kein Gläubiger, mein Herr?"" „Weil Du keine Religion hast und doch weißt, daß geschrieben steht: Du sollst dem Hungrigen Dein Brod brechen, den Durstigen tränken, den Nackten kleiden und dem Müden die Thüre Deines gastlichen Hauses öffnen. Und Du willst uns jetzt hinauswerfen? Wahrlich, ein Jude würde dies nicht thun!" Der Araber antwortete nicht; er verschloß die vorhin geöffnete Thür, zündete ein Licht an, brachte Jedem von uns ein Scheit Holz znm Kopfkissen, bettete sich in einen Winkel und wünschte uns eine glückliche Nacht. Am anderen Morgen war er der höflichste und artigste Wirth, den wir wünschen konnten, erhielt sein *) Bei jedem Selbstgespräch, welches der Araber hält, vergegenwärtigt er sich Personen, zu denen er spricht. **) Die Worte des Kahwedji sind wörtlich übersetzt. gutes Trinkgeld und rief den Segen Allah's auf uns und unseren Pfad herab. Am 24. November. Das Meer war schon seit mehreren Tagen von Stürmen bewegt gewesen. Deshalb traf das von mir heiß ersehnte Dampfschiff anstatt am 19. November erst heute ein. Ich bestieg sogleich nach dem Erscheinen der Signalflagge auf dem österreichischen Konsulatsgebäude eine kleine Barke und fuhr nach dem Schiffe hinüber. Schon aus der Ferne fand ich meinen theuren Bruder Oskar unter den auf dem Verdeck stehenden Passagieren heraus. Nach ewig langem Warten und manchem vergeblichen Versuche, die Vorschriften der Quarantäne kühn zu umgehen, gelang es mir endlich doch, die Höhe zu gewinnen. Das Entzücken, mit welchem ich den geliebten Bruder an's Herz drückte, erlasse man mir zu beschreiben: für solche Semen gibt es keine Worte! So waren meine Begleiter nun endlich angekommen! Ich begrüßte meines Bruders Gefährten, den vi-. meck. Herrn Richard Vierthalcr aus Köchen, mit Herzlichkeit und konnte das geräuschvolle Schiff nicht eilig genug verlassen, um in der Stille des Hauses die erwünschte Ruhe zu finden. Leider konnte mein Bruder nicht die Hälfte meiner Fragen beantworten, er hatte sich auf dem Schiffe erkältet und ein rheumatisches Fieber zugezogen, welches ihn sogleich bei seiner Ankunft in Egypten auf's Lager warf. — Mit der sogenannten dritten wissenschaftlichen Erpcdition des Freiherr» vr. John Wilhelm von Müller sah eS aber noch immer schlecht genug aus. Statt der von mir verlangten vier- undachtzigtausend Piaster hatte mir mein Bruder nur drcißigtausend mitgebracht. Nach Abzug der Ausgaben für die nöthigsten Provisionen wären mir nur zwölftausend Piaster übrig geblieben und es wäre wirklich Frevel an mir und meinen Gefährten gewesen, hätten wir mit dieser Summe abreisen wollen. Ich meldete dies dem Baron und mußte die Abreise wieder auf lange unbestimmte Zeit hinausschieben. Es gab noch manchen anderen Grund zu gerechten Klagen. Meine Gefährten hatten mir von den nothwendigen Ge- 254 räthschaften und Werkzeugen, welche mir Baron Müller von Europa zu senden versprochen hatte, nur einen kleinen und den unwesentlichen Theil mitgebracht. Die Ausrüstung zeugte von einer Unordnung und Nachlässigkeit, welche ganz geeignet sein mußte, mir trübe Aussichten für die Zukunft zu eröffnen. Welcher Fahrlässigkeit und Treulosigkeit ich später ausgesetzt sein würde, konnte ich freilich damals noch nicht ahnen. Aber schon jetzt waren meine Besorgnisse von der Art, daß ich sie rechtlicher Weise den deutschen Handwerkern, welche uns begleiten wollten, nicht vorenthalten durfte. Beide verließen nach meiner Auseinandersetzung den Dienst der „Erpedition"; der Baron von Wredc war klüglicher Weise schon früher ausgetreten. Am 31. Dezember. Das hartnäckige, rheumatische Fieber meines Bruders wich erst einer sorgfältigen ärztlichen Behandlung von einigen Tagen. Vierzehn Tage nach seiner Ankunft in Egyp- ten konnte er seinen ersten Ausgang machen. Wir Alle wünschten unsere baldige Abreise sehnlich herbei. Nachdem die beiden Neuangekommenen die interessantesten Punkte Alcrandricns kennen gelernt hatten, empfanden auch sie bald jenen Widerwillen gegen die Stadt, der jeden Europäer befällt, welcher sich längere Zeit hier aufhält. Der Schriftsteller Bogumil Goltz war aus Oberegypten zurückgekehrt und konnte uns Tage lang vorerzählen, daß Egypten ein abscheuliches Land sei und daß es kein erbärmlicheres Volk gebe, als die Egyptcr. Eine Fahrt auf dem Nil sei eine wahre Höl- lenreise. Freilich war es unserem Reisenden auch schlecht genug ergangen. Herr Goltz hatte sich, gänzlich unbekannt mit der Sprache und den Sitten des Landes, ohne Dolmetscher einem arabischen Kapitän übergeben und dieser hatte bald genug eingesehen, daß er einen „ Rhaschihm*) " vor sich habe. Es ist begreiflich, daß es unter dieser Umständen unserem Freunde in Egypten nicht gefallen konnte; seine Klagen waren zwar gerecht, aber einseitig, weil er Egypten in höchst mißlichen Verhältnissen bereist hat. — In den letzten Tagen des Dezember hatte die schwedische Kriegsbrigg „Oehren" (Adler) im Hafen Alerandriens Anker ge- *) Der Sitte und des Landes Unkundigen. 255 warfen. Für uns befand sich eine interessante Persönlichkeit am Bord: der Naturforscher und Direktor des Museums in Christiania, Professor Es mark. Wir machten mit diesem gelehrten Manne mehrere Ausflüge in der Umgegend der Stadt und wurden zu unserer Freude von ihm zu einem Gegenbesuche eingeladen. Ich erinnere mich noch heute mit Vergnügen mit an die angenehmen Stunden, welche wir am Bord des Kriegsschiffs erlebten. Die Offiziere, zuvorkommende und sehr gebildete Leute, nahmen uns mit großer Artigkeit aus, bewirtheten uns auf's Beste und zeigten uns die innere Einrichtung des solid, gefällig und sauber erbauten Schiffes; der Kapitän beehrte uns mit einer wirklich schmeichelhaften Aufmerksamkeit und brachte in köstlichem Weine auf meinen Vater — den er auö seinen ornithologischen Werken kannte — eine Gesundheit aus. Es versteht sich von selbst, daß wir seine Artigkeit mit einer ähnlichen erwiderten. — Wir lebten die Zeit her sehr still und eingezogen. Das Fest der Weihnacht feierten wir daheim, den Sylvesterabend mit Reiß in einem Gasthausc. Beim Klänge der Gläser gingen wir froh und lustig in's neue Jahr hinüber ; Keiner dachte daran, daß dieser Sylvesterabend der letzte sei, den er mit feiern helfe und gleichwohl waren keine sechs Monate vergangen, da schlummerte einer der fröhlichen Abendgesellschaft, mein theurer Bruder, seinen ewigen Schlaf im glühenden Sande der Wüste! Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, beschleicht mich die Wehmuth trüber Rückerinnerung, denn auch der zweite liegt am Ufer des Nils im Grabe gebettet; den dritten deckt der Sand der Steppe eines kleinen Dorfes Ost-Sennahrs, Am 3. Januar 1850 erhielten wir von dem Baron von Müller einen Brief mit dem ,,bestimint ausgesprochenen Wunsche, ohne irgend welchen Zeitverlust und ohne auf irgend etwas Weiteres von Europa zu warten", Alerandrien zu verlassen. In einem beiliegenden Privatschreiben an mich findet sich folgende Stelle: „Mögen die Gründe, um diese 256 Summe zu verlange», sein, welche sie wollen, so werde ich Ihnen vorerst kein weiteres Geld schicken, sondern es ist mein unumstößlicher, unabänderlicher Wille, daß Sie augenblicklich mit Dem, was Sie haben, nach dem Sudahn abreisen. ,,Wer Ihnen nicht folgen will, bleibe zurück." Wir hatten aber dennoch keine Lust, Egypten zu verlassen und beschlossen, einstweilen nach dem Mörissee zu gehen und dort Geld abzuwarten. Am Abend des 16. Januar segelte eine große, von uns bis Kairo gemiethete Dahaküc an der letzten Villa Alerandrienö vorüber und rasch den Kanal hinauf. Ich habe von der Reise bis Kairo, obgleich sie zehn Tage dauerte, Wenig zu berichten und will das Wenige so kurz als möglich zusammenfassen. Wir wendeten die lange Zeit der Fahrt mit der Jagd und dem Sammeln von Naturalien an, machten mehrere Hetzen auf wilde Schweine ohne Erfolg, suchten Käfer unter der Rinde eines heiligen Baumes, wurden von den Fellahhihn wegen der uns von der unsichtbaren Hand des Schech sicher bevorstehenden Züchtigung im Voraus bemitleidet und würden am Ende unter dem Volke selbst Vollstrecker der Befehle des Heiligen gefunden haben, hätten wir den Leichtgläubigen nicht vorgelogen, daß wir die Käser zur Anfertigung von Arzneien nothwendig gebrauchten; verloren meinen Bruder auf einer Jagdpartie und fanden ihn nach langem Suchen, umringt von neugierigen Arabern und Araberinnen, um Mitternacht wohlbehalten im Hause eines Schech wieder; trafen zwei öffentliche Mädchen in einem Kaffchause in der ärgsten Trunkenheit und einem uns ein wahrhaft grausenvolles Mitleiden abnöthigenden Zustande an; störten einen in einem anderen Kaffchause friedlich schlummernden, türkischen Reisenden zu später Nachtzeit mit dem Befehle, uns Kasse zu kochen, aus seinem süßen Schlummer, wurden von ihm, weil Aali-Arha das Thürschloß des Etablissements zersprengte, des Einbruchs beschuldigt und nur durch Aali-Arha's Kcrnflüche und türkischen Witze wieder von dem Verdachte gereinigt, bekamen aber keinen Kasse; wollten beim Schcchsgrabe des Sihdi- Jbrahihm zu unserem nöthigen Bedarfc reichlich vorhandenes, dürres Holz von einigen hohen Sykomoren brechen, fanden aber 257 unter unserm Dienern keinen, welcher der Rache des Heiligen trotzen wollte und wurden, als wir uns anschickten, die Bäume zu besteigen, so flehentlich gebeten, von der Heiligthumsschändung abzustehen, daß wir ohne Brennholz weiter fuhren, bekamen, nachdem unser Schiff neun Tage lang getreidelt*) worden war, am letzten Tage endlich Segelwind, passirten die großartigen Bauten des Staudammes und waren am 20. Januar in Bulakh. Die Neuangekommenen besuchten nun, während eines kurzen Aufenthaltes in Kairo, alle Sehenswürdigkeiten und vernachlässigten keinen merkwürdigen Ort der Mahcruhset. Ich bestieg mit ihnen die Pyramiden zum zweiten Male und machte ihnen überall selbst den Dolmetscher. Mein gefälliger und bewanderter Freund Wrede unterstützte mich hierin getreulich. Am 25. Januar setzten wir unsere Reise nach Fajum weiter fort, stießen zur gewöhnlichen Zeit der Abreise nach dem Aaffr vom Lande ab und gelangten bei sehr schwachem Winde noch bis über Alt-Kairo hinauf. Am anderen Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang auf dem Lande. Der Himmel war mit dunklen Wolken überzogen, die einen Hintergrund bildeten, gegen welchen die Pyramiden hell abstachen. Da stieg die Sonne hinter dem Nilgebirge empor und sandte ihre ersten Strahlen auf jene großartigen Denkmäler einer großen Vergangenheit, die sie schon seit Jahrtausenden beschienen. Und eingerahmt von den dunklen Wolken standen diese wie mit rosigem Dufte überzogen „glühend in der Sonne Gold." Es war nur ein Augenblick, aber er war unnennbar, göttlich schön! — Wir gingen in dem ausgedehnten Palmenwalde von Sakahra hin, um zu jagen. Nach zwei Stunden sahen wir unsere Daha- lüe mit dem vor Kurzem aufgekommenen Winde den Strom Hinaufsegeln. Der Reis mahnte zum Einsteigen, holte uns in dem kleinen, an größere Barken angehängten Boote vom Ufer ab und fuhr dann beim besten Winde mit vollem Segel weiter. Der anhaltend günstige Wind brachte uns denselben Tag bis in die Nähe von Beni-Suös. Wenige Stunden nach Sonnenaufgang er- *) Treideln — am Seile fortziehen, n. 17 258 reichten wir am 27. die Stadt, bezogen ein großes, dicht am Nile gelegenes Kaffehaus und mietheten die nöthigen Last- und Reitthierc nach Fajum. Am 29. Januar. Schon lange vor dem Tageslichte erweckte unS das alte, bekannte, widerliche Geschrei der sich in Voraussicht der Ladung unglücklich fühlenden, widerspenstigen Kamele. Das Aufpacken ging unter dem gewöhnlichen Geschrei der Araber äußerst langsam von Statten und wurde nach unendlichen Streitigkeiten, wegen leichterer und schwererer Gepäckstücke, erst nach drei Stunden beendet. Ich bestieg ein Kamel, die Anderen zogen geduldigere und niedere Thierlein, nämlich Esel, vor. Nun waren diese aber nicht wie die guten khahirinschen Reitesel mit vollständigem Sattel und Zeug versehen, sondern nach Fcllah's Art gesattelt und, weil es der Fellah für ganz unnöthig hält, gar nicht gezäumt. Meine in der mir vom Sudahn her bekannten Behandlung eines so zum Reiten vorgerichteten Esels unerfahrenen Reisegefährten verstanden die nöthigen Manoeuvre zur Bewegung und Lenkung ihrer Neitthiere noch nicht auszuführen, weshalb auf Abhülfe jener Mängel gesonnen werden mußte. Der Fellah weiß in solchen Fällen Rath. Einige Baststricke wurden herbeigeschafft und theils als Zaum, theils als Steigbügel und Leibgurt verwendet. So war die Sache nun wohl zu einiger Zufriedenheit der Reisenden, keineswegs aber zur Zufriedenheit der Esel abgemacht, denn diese fühlten sich wegen der kratzenden und reibenden Baststri'cke höchst unbehaglich. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, hatte aber die Stadt kaum verlassen, da rannten die wegen der sie peinigenden Stricke im höchsten Grade beängstigten und erzürnten Esel wie toll davon und warfen Reiter und Sattel ab. Ich saß hoch oben auf meinem vortrefflichen Thiere und schaute den komischen Scenen, welche sich noch mehrere Male wiederholten, lachend zu. Der ungeschickteste Neuer war ein von uns neu angenommener, deutscher Bedienter, Namens Tischendorf; er „stieg", wie er sich auszudrücken pflegte, „sehr häufig ab, um Sattel und Zeug in Ordnung zu bringen." Wenige Tage später lernte auch ich eine ähnliche Marter, nur in viel höherem Grade, kennen, und da verging mir das Lachen gar bald. 259 Der Weg von Beni-Suöf nach Fajum führt auf mehr oder weniger guten Straßen durch fruchtbares, bebautes Land. Man durchreitet zwei Wüstenstreifen, an deren Rande man noch Ueberblcibsel von alten Bauwerken und Trümmern von Pyramiden sieht und kommt auf dem Wege durch die Dörfer Kohm el ach- mar, Belrhuö, Wübäh, el Hakhihr, el Hohn und Hauart el Rhassab. Die Entfernung zwischen beiden Städten beträgt etwas über vier deutsche Meilen. Wir hatten uns mit der Jagd, welche hier sehr ergiebig war, lange aufgehalten und kamen erst nach Sonnenuntergang in der Medihne an. Dort bezogen wir die gewöhnliche Fremdenherberge, das beste Kaffchaus, wurden von dem Kaffewirthe sehr freundlich empfangen und gefällig bedient und hörten später dem Gesänge einiger Tänzerinnen zu, welche sich hier aufhielten. Unser Gepäck langte erst drei Stunden nach unserer Ankunft an. Am anderen Morgen schlenderte ich in der Frühe im Basar herum. Unser Khawahs, Aali-Arha, war zum Hshkiin el Bellöd, zu deutsch ,,Landrichter", gegangen, um diesen um eine Wohnung für uns zu bitten. Nachdem ich mich in einem Theile der ziemlich reinlichen und freundlichen Stadt umgesehen hatte, kehrte ich zum Kaffehause zurück. Plötzlich fühle ich mich am Kleide gehalten, sehe mich um und erblicke ein kleines Männchen in türkischer Tracht, welches sich mir als den christlich katholischen Tähdjer öl Chäwähdjö Kähkl el Masse rk (Kaufmann Kahil, der Khahiriner) vorstellt und mit folgenden Worten anredet: „O Chalihl-Effendi, warum verweilst Du noch im Kaffehause? Warum bist Du nicht zu uns gekommen? Weißt Du nicht, daß hier Viele Deines Glaubens sind, warum suchst Du sie nicht auf, sondern beziehst wie ein Türke das Kaffehaus, welches sogar Tänzerinnen betreten? Ist das Recht von Dir? rc." In diesem Tone ging sein Redefluß fort, bis ich ihm endlich das Versprechen gab, meine Wohnung im christlichen Viertel aufschlagen zu wollen. Er nahm mich sogleich unter den Arm und führte mich in meine neue Wohnung, ein freundliches Logis in der Nähe der christlichen Capelle, wohin ich dann das Gepäck kommen ließ. 17 * 26V Wie ich später erfuhr, that er dies Alles nur, weil er der sicheren Ueberzeugung lebte, ich sei ein guter katholischer Christ; denn als ich ihn eines Tages über mehrere Gräber befragte, welche wir von unseren Fenstern aus dicht bei der Capclle gewahrten, erwiderte er: ,,Cs sind die Gräber guter Katholiken und nur diese begraben wir hierher; Kopten, Protestanten und anderes ketzerisches Gesinde! werden außerhalb der Stadt auf einem besonderen Kirchhofe verscharrt." Ich nahm mir vor, in Fajum nicht zu sterben. FLjüm liegt ander Stelle des alten Arsinoe oder Krokodil opolis, ist eine von den sieben Städten, an denen Allah ein ganz specielles Wohlgefallen haben soll, wie mir ein Araber versicherte, LI inellilin« söl'tlnä ckll88uk (die Stadt unsers Herrn Joseph) und von einem fruchtbaren, blühenden Paradiese, dem Garten Egyptcnlands, umgeben. Wenn nun auch der gute Mann die Schönheit der Mcdihne ein Wenig übertrieb, so ist sie doch in der That und Wahrheit eine der hübschesten Städte des ganzen Landes. Sie enthält zehn- bis zwölftauscnd Einwohner, welche Ackerbau, Roscnkultur, Handel und im nahen See Fischfang treiben. Aus den Blüthen der Rosen destillirt man hier Roscnwasser, wie es die Türken zum Besprengen ihrer Decken, Teppiche und Kleider und zum Räuchern brauchen, keineswegs aber Rosenöl, denn dieses wird für ganz Egyptcu aus Tunis bezogen. Der Kanal, welcher unterhalb Monfalut aus dem Nilc sein Wasser empfängt und mitten durch die Stadt geht, heißt der Bahhr el Jussuf. Er vertheilt sich ober- und unterhalb der Stadt in außerordentlich viele Verzweigungen, bewirkt eine ganz ungewöhnliche Fruchtbarkeit und mündet schließlich in den Mörissec. Zur Zeit des hohen Nilstandes wird er mit sehr kleinen Barken, jedoch ohne wesentlichen Nutzen befahren. Die Hauptcrzcugnissc der Oase, denn so kann man den Landstrich wohl nennen, sind: Baumwolle, Reis, Zucker, Indigo, Haus, Flachs, Oliven, Feigen, Wein und Datteln. Außerdem bemerkt man einen großen Reichthum an jagd- 261 barm und nicht jagdbaren Thieren. Wilde Schweine, Antilopen, Hasen, Gänse und Enten, überhaupt Federwild sind häufig, leider aber auch Scorpionen, Schlangen, Füchse, Hyänen und anderes Ungeziefer. Der Mörissec, von den Arabern Birke t el Kharn genannt, ist anderthalb bis zwei Meilen von der Stadt entfernt und soll noch eine Länge von neun und eine Breite von anderthalb deutschen Meilen haben. Er ist fischreich, trägt aber der Regierung jetzt nur zwölf Beutel ein, während früher das Vierfache oder zwölfhundcrt Spccicöthalcr Pacht bezahlt wurden. Sein Wasser ist sehr salzig; seine Fische sind merkwürdiger Weise größtcnthcils Arten, welche auch im Mittelmccre vorkommen. Die durch Gelehrte an den Trümmerhaufen großer Bauwerke in der Nähe deS Seecs angestellten Forschungen haben zu verschiedenen Resultaten geführt. Man nimmt an, daß das Wort Fajum von dem altcgyptischen „Phajom", eine sumpfige Niederung, abgeleitet werden muß. Der Name Birkct el Kharn soll nach Einigen von Charon herrühren; Andere glauben, daß er erst neuern und zwar arabischen Ursprungs wäre und von der Gestalt deS Seces herkäme, welche einem gebogenen Hörne (arabisch Kharn) ähnlich ist. Mehrere Altcrthumsforschcr sind der Meinung, daß früher ein Arm des Nil durch den Wirket el Kharn und die Na- tronsccn in's Meer geflossen sei, was jedoch unwahrscheinlich ist. Herodot gibt den Umfang des MvriSseecs zu dreitausend und sechshundert Stadien oder neunzig deutschen Meilen an und glaubt, daß er von MöriS oder Thatmosis lll., welcher ungefähr um das Jahr 1725 v. Chr. gelebt haben soll, gegraben worden ist. Piom oder Phajom soll ein Wasserreservoir gewesen sein, in welchem man bei der Ueberschwcmmung des Nil Wasser angesammelt habe, um cS später zur Bewässerung zu verwenden. Er beschreibt auch das Labyrinth und gibt an, daß cS dreitausend Kammern enthielt, von denen fünfzehnhundert über und eben so viel unter der Erde lagen. Da ich mir einmal einen Rückblick in die Vergangenheit erlaubt habe, ist es hier vielleicht am Orte, auch die Meinung un- 262 ftreS genialen Landsmannes Lepsius über das Labyrinth und den Mörissee wieder zu geben. Er berichtet in seinen Briefen aus Egypten darüber Folgendes: „Von der Höhe der Pyramide betrachtet, liegt der regelmäßige Plan der ganzen Anlagen des Labyrinths wie auf einer Karte vor Augen." „Die Disposition des Ganzen ist so, daß darin mächtige Gc- bäubemassen, in der Breite von dreihundert Fuß, einen viereckigen Platz einschließen, der an sechshundert Fuß lang und fünfhundert breit ist. Die vierte Seite, eine der schmalen, wird durch die dahinter liegende Pyramide begrenzt, welche dreihundert Fuß im Geviert hat." „Fn den Manethonischen Königslisten finden wir den Erbauer des Labyrinths gegen das Ende der zwölften Dynastie, der letzten des Reichs, kurz vor dem Einfall der Hyksos aufgeführt." „Die Fragmente der mächtigen Säulen und Architrave, die wir auf dem großen Platze der Aulen ausgcgraben haben, zeigen uns die Namensschildcr des sechsten Königs eben dieser Dynastie „Amenemha III." Hiermit ist diese wichtige Frage ihrem historischen Theile nach beantwortet. Wir haben auch diesen Namen in einer Kammer vor der Pyramide gefunden. — Wahrscheinlich gehören aber die großen Zimmermassen, welche den mittleren Platz umgeben, und die Einrichtung der zwölf Höfe erst der sechsundzwanzigsten Dynastie des Manetho (wie es nach Herodotö Erzählung abzunehmen ist), so daß der ursprüngliche Tempelbau des Amenemha nur den Kern dieses großartigen Umbaues gebildet hat." „Der Birket el Kharn, welchen man für den See Möris gehalten, ist ein natürlicher See, der nur zum Theil von dem Wasser des Jussuffkanals gespeist wird und keine einzige von den Eigenthümlichkeiten besitzt, die der Mörissee gehabt hat. Er liegt zu tief, als daß er je zu einer Uebcrschwemmung des Landes beim Versicchen des Nil zu brauchen war." „Da hat nun Linant mächtige, mcilenlange Dämme von ur- 263 alter, solider Konstruktion gefunden, die den obersten Theil des muschelförmig, konver gebildeten Fajumbeckens gegen die Hinteren, tiefer gelegenen Theile abgrenzen und nur dazu bestimmt sein konnten, einen großen See künstlich zurückzuhalten, der aber jetzt, nachdem die Dämme längst durchbrochen sind, völlig trocken liegt." „Diesen See hält Linant für den Mörissee und ich muß bekennen, daß mir das Ganze den Eindruck einer äußerst glücklichen Entdeckung schon nach seiner ersten mündlichen Mittheilung gemacht hat. Die Besichtigungen des Terrains haben mir jeden Zweifel an der Richtigkeit der Ansicht genommen. Ich halte sie für eine unumstößliche Thatsache." „Mit dem Namen MöriS, der weder auf den Denkmälern, noch bei Manethos vorkommt, ist es eines der zahlreichen griechischen Mißverständnisse; die Egypter nannten den See ktriom oa mors, den See der Nilübcrschwemmung, die Griechen machten aus mors Möris und aus Phium wurde Fajum." „Der Boden des Mörissce's hat sich in der Zeit seines mehr als zwcitauscndjährigcn Bestehens um elf Fuß durch Erdnieder- schläge erhöht. Dadurch begreift sich, wie seine Nützlichkeit mit der Zeit ganz und gar aufhören mußte." „Durch die Erdauffüllung nur von elf Fuß gingen dem See, wenn wir den Umfang nach Linant annehmen, schon ungefähr drei- zehntausend Million Kubikfuß Wasser verloren. Erhöhungen und Dämme halfen dagegen Nichts." Am 31. Januar. Es war heute ein schändliches Wetter, wir konnten kaum das Haus verlassen. Ein heftiger Wind wirbelte Wolken von Staub auf und hinderte uns sogar am Sehen, wodurch eine Jagdpartie, welche wir ganz in der Frühe des Tages unternommen hatten, bald beendigt wurde. Zu Hause trafen wir den arabischen christlichen Geistlichen, Abuhna-Chalihl, welcher mich und den Dr. Vicrthaler eine Kranke, die Schwester eines levantinischcn Kaufmannes, zu besuchen bat. Er begleitete 264 uns zu einem kleinen, unscheinbaren Hause, dessen Inneres unseren Erwartungen auch nicht entsprach. Wir wußten, daß der Hausherr ziemlich reich war; allein davon war in seinem Haushalte keine Spur zu bemerken. Es waren sogar diejenigen Gegenstände, welche der Orientale sonst gewöhnlich mit einem gewissen Luruö auszustatten pflegt, auffallend vernachlässigt. Nachdem wir im Empfangszimmer ein Weilchen auf staubbedeckten Ottomanen geruht hatten, erschien eine mit Goldmünzen über und über behan- gene Koptin, um uns mit Pfeifen zu versehen. Kurze Zeit nachher brachte sie den Kasse. Da trat herein, um uns denselben zu reichen, „wie ein Gebild aus Himmelshöhen" die Frau des Hausherrn, ein Weib von wunderbarer, unbeschreiblicher Schönheit, nach unseren Begriffen noch ein Kind. Sie mochte dreizehn, höchstens vierzehn Jahre zählen. Wir waren wahrhaft bestürzt, daß diese elende Hütte solch' einen Engel beherbergen konnte und trauten unseren Augen nicht, sondern hielten die vor uns Stehende für eine Erscheinung aus der Feenwelt, die ein süßer Traum unserer Phantasie vorgespiegelt. Da dachten wir wohl alle Drei im Stillen an Freiligrath'ö Ausruf: „Liebt mich einmal ein Weib, O Gott! so gleich' es diesem Bilde!" Ich erinnere mich nicht, jemals wieder eine Frau gesehen zu haben, welche dieser an Schönheit nur entfernt geglichen hätte. Sie besaß das lieblichste, feinste und edelste Gesicht, vereint mit der schlanken, herrlichen Gazellengestalt und Händchen und Füßchen, wie die eines neunjährigen Kindes! Bei Allah und seinem Propheten, die Frau war schön! Ja, in der That, der Orient hat zarte, schöne Blumen; wohl Dem, glücklich Der, dem es gelingt, eine davon zu pflücken! Und daß er sie dann warten möge mit aller Sorgfalt; aber wie bald wird sie verblüht sein, die kaum erblühte Rose! Hier im Morgcnlande wird sie nie zu ihrer wahren Blüthe gelangen; hier vernichtet die rohe Hand des Mannes, welcher, durch die verfeinernde Kultur und Sitte europäischer Länder noch nicht gebildet, schon den Keim erfaßt, ehe er tiefe Wurzeln geschlagen, die später herrlich prangende Blume. — 265 Die Kranke, welche uns zu solcher Augenweide und, daß ich die Wahrheit sage, auch zu gleicher Zeit recht fühlbarem Herzklopfen verhelfen hatte, lag in einem Nebenzimmer am klimatischen Fieber darnieder., Dr. Vierthal er verordnete Arznei, welche mein Bruder, da es hier keinen Apotheker gibt, aus unserem eigenen Arzncivorrathe nahm und zubereitete. — Am 1. Februar. Mein Bruder schoß heute auf der Jagd einen Kaiseradler flügellahm. Da dem Vogel nur ein Muskel des Vorderarmes, durch ein einziges nicht allzu grobes Schrot, verletzt worden war, beschlossen wir, ihn lebendig zu behalten. Die Wunde wurde verbunden und der Arm geschient, wonach sich der Adler ziemlich wohl zu befinden schien. Es war ein herrliches Thier; die stolze, kräftige Körpergestalt und das flammende, große Auge verliehen ihm ein wahrhaft majestätisches Ansehen. Am anderen Tage machte ich mit einem türkischen Effendi eine Jagdpartie auf wilde Schweine in den östlichen Theilen der Oase. Wir bekamen mehrere zu Gesicht, waren aber nicht im Stande, sie aus den Zucker- und Wasserrohrdickichten, in denen sie sich aufhielten, herauszutreiben. Dagegen war unsere Ausbeute in anderer Hinsicht recht zufriedenstellend. Der 3. Februar war ein Sonntag. Ich wurde von dem Kaufmann Kahil aufgefordert, ihn in die Kirche zu begleiten. Abuhna-Chalihl hielt den Gottesdienst nach griechischem Ritus. Wie in allen christlichen Kirchen des Orients, waren auch hier die Stühle der Frauen mit dichtem, jedem Blicke undurchdringlichem Gitterwcrk verschlossen. Die Kirche war sehr besucht. — Die ärztliche Hülfe unseres Doctors wird vielfach in Anspruch genommen. Fast in ;cdcr Familie gibt es jetzt, wo ein Arzt im Orte ist, Jemanden, der sich auf irgend eine Krankheit besinnt, an welcher er leidet, gelitten hat oder zu leiden vorgibt. — Einige Männer wünschten Hcilmittelchcn gegen Unvermögen. Die Frauen in den levantinischcn Häusern haben fast Alle zu klagen und berühren sehr zarte Punkte mit einer wahrhaft naiven Offenheit. Am schlechtesten kommt unsere Privatapotheke weg; es werden an sie, mit ziemlicher Frechheit, bedeutende Ansprüche gemacht. Aber mein 266 Bruder wacht mit aller Sorgfalt über die ihm übergebenen Schätze und gibt nur Arzneimittel, wo sie unbedingt nöthig sind. — Am 12. Februar. Ich war seit mehreren Tagen „eijahn" (unwohl) gewesen und mußte, ohne wirklich krank zu sein, das Lager hüten, weil ich beim Gehen Schmerzen im Untcrlcibe verspürte , welche manchmal recht heftig wurden. Es fehlte mir wohl auch an der nöthigen Spannung des Geistes; Fajum bietet bei längerem Aufenthalte so Wenig, daß diese zuletzt ausbleiben mußte. Da brachten sie endlich Briefe vom Hause, vom Baron Müller und vr. Reitz. Der Baron schickte uns noch fünfhundert Thaler, mit dem sicheren Versprechen, bis zum 1. Juli dieses Jahres in Charthum eintreffen zu wollen. Es war uns so die Möglichkeit geboten, nach dem Sudahn abzureisen, waS wir auch unverzüglich zu thun beschlossen. Ich wollte in den nächsten Tagen nach Kairo gehen und dort noch viele Provisionen für die Reise einkaufen, eine Barke miethen und in Beni-Suef an einem bestimmten Tage wieder zu meinen Reisegefährten stoßen, welche unterdessen an den Mörissce gehen sollten. Demgemäß ging der Khawahs, Aali- Arha, am folgenden Tage zu dem Hahkim el Bclled, um diesen zu ersuchen, mir ein Kamel und ein Maulthier besorgen zu lassen, während wir noch nöthige Briefe nach Hause schrieben und den Baron von unserer Abreise benachrichtigten. Am 14. Februar. Ich brach mit meinem Bedienten, dem Nubier Mahammed, Nachmittags von Fajum auf und bekam von einem Weibe ein schlecht gesatteltes und gezäumtes Maullhier mit dem Versprechen vorgeführt, daß ich dessen Sohn, den Führer des Thieres „khidahm" (voraus) finden werde. Der erste Ruhcpunkt auf der Reisestrecke von Fajum nach Kairo ist Damnte, ein nach arabischer Rechnung zwei deutsche Meilen von der Mcbinct Sc'tdne Jussuf entferntes Dorf. Nach alter Erfahrung rechnete ich im Stillen noch wenigstens die Hälfte der angegebenen Meilenzahl hinzu und trieb zur Eile an. Der Tag war sehr schön; es war einer von denen des egyptischen Frühlings, welche, trotzdem ihnen kein eigentlicher Winter vorausgegangen ist, doch alle die frohen Empfindungen, welche der Frühling Deutsch- 267 lands hervorruft, in des Menschen Brust erwecken. Allein das Klima Egyptcns ist ja ein ganz anderes als das Deutschlands und daher ist auch der dortige Frühling ein weit angenehmerer. Die Kühle des Winters — welche, wenn auch das Thermometer des Ncaumur -s- 12 Grade zeigt, dem im Lande Einheimischen zur unangenehmen Kälte wird — ist vorüber, ohne der oft lästigen Wärme des egyptischen Sommers Platz gemacht zu haben. Heute schien mich Alles so recht an die Hcimath erinnern zu wollen. Dort weideten auf einem grünen Kleefelde Rinderheerden und auf ihren Rücken sitzende Staaren sangen die heimischen, wohlbekannten Melodieen, als wollten sie vor der nahen Rückkehr nach ihrem Geburtslande hier erst noch ihre Kehlen prüfen. Singend und frohen Muthes ritt ich auf guten Straßen durch das fruchtbare, überall sorgfältig bebaute Land. Mit Sonnenuntergange kamen wir zu einem kleinen, an Geflügel überaus reichen See, den man mir Birket el Sirb're nannte. Ich machte vergeblich Jagd auf Flüge von Enten, Wildgänsen und anderen Was- servögcln, welche sich bei unserer Ankunft in dichten Schaarcn aus dem Röhricht erhoben. Die Nacht brach schnell herein und wurde, weil sich der Himmel stark mit Wolken umzogen hatte, ziemlich dunkel. Wir konnten das neben uns liegende Land nicht beurtheilen, ritten aber, wie wir sehen konnten, bereits auf Wüstenwegen. Sieben Stunden nach unserer Abreise kamen wir, von einem vielstimmigen Hundcgebcll geleitet, vor dem oben erwähnten Dorfe an und schoflen die Pistolen zum Zeichen unserer Ankunft ab. Nach wenigen Minuten erschien ein Wächter, „Rhaffihr," und führte uns in einen alten, halbverfallenen Chahn, ein Wekahle oder was es sonst war, wo wir für die Nacht beherbergt werden sollten. Der Wirth dieser Räumlichkeiten wies mir ein Zimmer an, in welchem mein Diener mir das Lager bereitete. Nur wenige Stunden mochte ich geschlafen haben, als ich durch den Ruf mehrerer Hähne erweckt wurde. Der verdammte Chumurdji*) hatte mich in den Hühnerstall gebettet! Kaum versuchte ich die Augen wieder ') Wirth; von Chain« hra, wörtlich Eselstallung, Wirthshaus. 268 zu schließen, da fing auch die Bestie von Neuem an zu krähen und zwar dicht neben mir. Jüngere Hähne, welche ebenfalls schliefen, wurden jetzt auch ermuntert und probieren ihre heißeren Stimmen; der unträgliche Lärm hörte gar nicht mehr auf. Nun behauptet zwar der vr. pllil. Rauh in Kairo, ein sehr großer Hüh- nerlicbhaber, daß es Hähne gebe, die schön und andere, welche unschön krähten, aber sicher hatte er keine Nacht im Hühnerstalle zugebracht, ehe er seinen unverantwortlichen Ausspruch that. Wenn der Hahn, welcher meine Nachtruhe auf eine raffinirt boshafte Weise unterbrach, wirklich mit Philomclenö Stimme begabt gewesen wäre, ich hätte ihm doch das Genick umgedreht, — wenn ich ihn nämlich hätte bekommen können. Allein es war mir unmöglich, ihn zu finden, obgleich ich, mit dem bloßen Säbel fechtend, das ganze Zimmer durchsuchte; es war mir unmöglich, Licht zumachen, unmöglich, meinen Bedienten herbeizurufen, ohne die ganze Wekahle aufzustören, unmöglich, mein Lager in der dichtesten Finsterniß zu verändern. Ich verbrachte eine Höllcnnacht; der verwünschte Hahn schien meiner ohnmächtigen Rache zu spotten und krähte ununterbrochen bis zum anderen Morgen fort. Am 15. Februar. In unserem Chahn waren gestern zwei niedere, türkische Offiziere angekommen, welche nebst mehreren Kaufleuten ebenfalls nach Kairo reisen wollten. Ich schloß mich ihnen mit Mahammcd an. Wir verließen, eine ziemlich starke Karawane bildend, schon vor der Zeit des Frühgcbctes den Ort der Nachtruhe, doch konnte ich es, trotz des schönen Morgens, nicht über mich gewinnen, dem Chumurdji auf seine mäßige Forderung die Zugabe zu schenken. Mit der höflichen Bitte, künftighin keine Gäste mehr in das vcrhängnißvolle Zimmer, in welchem ich die vorhergehende Nacht zugebracht hatte, zu führen, vereinigte ich eine gelinde Demonstration mit der Nilpeitschc und erntete deshalb die vollste Zufriedenheit meiner türkischen Begleiter. Wir betraten die Wüste, sobald wir die letzten Häuser dcö Dorfes hinter uns und einen Kanal des Bahhr el Jussuf überschritten hatten. Ein mit einer langen rostigen Flinte und einer schlechten Pistole bewaffneter Beduine drängte sich zu unserer Bcglei- 269 tung in der Eigenschaft eines Beschützers auf und durchkreuzte mit seinem mageren Gaule die ganze Karawane oder trug Geschichten von hier verübten Naubaufällen vor, bei denen er stets eine wichtige Rolle, selbstverständlich nur als tapferer Vertheidiger der Bedrängten, gespielt zu haben vorgab. Es war am Morgen so empfindlich kalt, daß wir die Strahlen der am unbewölkten Himmel aufgehenden Sonne mit wahrer Freude begrüßten. Gegen den Mittag hin schien es uns aber, als thäte die Sonne des Guten fast zu Viel. Die großen zweibindi- gcn Wüstenlerchen liefen im Wege herum, während das flügel- schncllc, flüchtige Wüstenhuhn (ktoroolos) so nahe im Wege sitzen blieb oder, sich bei unserer Annäherung in den Sand drückend, dort so regungslos verharrte, daß ich eins mit der Pistole erlegen konnte. Außer ihnen sahen wir nur noch kleine Wüstenlerchen und Fclscnschwalbcn, sonst war nichts Lebendes zu bemerken. Gegen elf Uhr erreichten wir die Mitte des Wüstcnstreifens und ruhten an einem zusammengetragenen Steinhaufen aus, um unser Mittagsmahl einzunehmen. Zugleich mit uns kamen dort einige von Kairo zurückkehrende Kameltreiber mit ihren Thieren an. Ich hatte gehofft, unter ihnen endlich den Herrn meines Thieres zu finden, sah mich aber getäuscht und schwur ihm im Stillen grimmige Rache, weil ich mit meiner „Bärhsls" (Maulthier) meiner Noth kein Ende wußte. Es war geradezu unmöglich, das störrische Thier zum Gehen zu bringen. Ließ ich es Sporen oder Reitpeitsche fühlen, so drehte es sich wie wahnsinnig mit der Schnelligkeit eines Kreisels im Ringe herum, versuchte Alles, mich abzuwerfen, schlug, weil ihm dies mißlang, nach hinten aus und geberdctc sich, wie von einem bösen Dämon besessen. Selbst der Beduine und einer der türkischen Offiziere vereinigten sich mit mir, um durch gemeinsame Anstrengungen die Barhelc in Gang zu bringen, ritten zu beiden Seiten derselben, spornten und peitschten sie, Alles vergeblich! Nach weiterem zweistündigen Ritte erschienen zwei Pyramiden« spitzen am Horizonte; anderthalb Stunden später betraten wir ein Thal, in welchem sich von der Nilübcrschwemmung her noch Wasser vorfand; für unseren Araber, Beduinen, Maulthicre und Ka- 270 melc ein angenehmes Labsal. Tarhschur, der gewöhnliche Ruheplatz der von Damnne kommenden Menschen und Thiere, ist von hier noch gegen eine Meile entfernt. Der uns schützende Beduine verabschiedete sich und empfing einen mäßigen Bakhschiesch. Wir Anderen ritten weiter und waren recht froh, als wir den erwähnten Ort Nachmittags halb fünf Uhr erreichten. Den ganz in der Nähe des Dorfes, in der Wüste stehenden Pyramiden schenkte ich heute keine Aufmerksamkeit, sondern wendete diese vielmehr einem alten Weibe zu, welches Waizcnbrod und Datteln feil bot. Für zwanzig Para kaufte ich von ihr eine Mahlzeit ein, an der vier Personen vollkommen genug hatten, und gedachte mich nun mit den türkischen Offizieren häuslich einzurichten, als Mahammed die untröstliche Nachricht brachte, daß die Kamele am Dorfe vorüber und nach einem anderen Dorfe, Bette el Schäln, gegangen wären. Da half es Nichts, wir sattelten unsere Thierchcn wieder und erreichten nach einem zweistündigen Ritte das Dorf Kaffr el Mele- sie, wo wir unsere Kamele einholten und die Nacht zu bleiben beschlossen. Wir beehrten den Schech des Ortes mit unserem Besuche, wurden von ihm freundlich aufgenommen und gastlich bewirthet. Die Straße, welche wir zuletzt beritten hatten, führte über den Kanal, welcher längs der Pyramidengruppen zwischen dem Nil und der Wüste hinabfließt. Mahammed-Aali ließ eine schöne steinerne Brücke darüber schlagen. Unterhalb derselben hatten die Wasser des Kanals einen ziemlich großen Teich gebildet, welchen man heute auszufischen im Begriff war. Man bediente sich hierzu einer sonderbaren Borrichtung. Auf einer aus hohlen Kürbissen zusammengesetzten Barke leitete ein Araber die Bewegung eines an einer zweizinkigen, langgestielten Gabel befestigten Netzes, welches von mehreren am Ufer stehenden Leuten hin- und hergeschoben wurde. Das Netz durchstrich so einen ziemlich großen Theil des Teiches und wurde reichlich mit großen und kleinen Fischen angefüllt. Am 16. Februar. Unser freundlicher Wirth von gestern erschien am frühen Morgen im heftigsten Zorne bei uns. Eins unserer Kamele, welches nachlässig bewacht worden war, hatte seine 271 Gastfrkundschast übel belohnt und ihm ein junges Mimosenstämm- chen vollkommen zerfressen. Der gute Schech war darüber ganz untröstlich und schien es recht gern zu sehen, daß wir sein Haus sogleich nach Sonnenaufgang verließen. Wir ritten noch immer auf dem linken Ufer des Stromes fort und setzten erst kurz oberhalb Alt-Kairo mit der Maädiet el Chabihri über. Hier nahm ich zärtlichen Abschied von meinen Begleitern und ritt auf meinem trostlosen Maulthiere der Stadt zu. Dies Thier schien jetzt wirklich Alles hervorzusuchen, um mich wüthend zu machen, denn es bewegte sich mit mir ganz nach eigenem Gutdünken. Noch kurz vor Alt-Kairo verirrte ich mich, mußte Viel umreiten und kam endlich in einem ganz verzweifelten Zustande vor einem Kaffehause an. Mahammcd war mit den Kamelen einen anderen Weg gezogen und noch nicht eingetroffen. Ich hatte keine Lust, auf ihn zu warten, desto größere aber, auf einem der trefflichen khahirinischcn Reitest! meine Reise fortzusetzen. Noch nie waren mir diese so lieblich erschienen, als gerade heute. Ich sann ernstlich darauf, mich des abscheulichen Maulthiercs zu entledigen. Der Kahwedji wurde überredet, dasselbe so lange zu behalten, bis sein Treiber es abholen würde, und überreichte mir ein achteckiges Papier, durch dessen Mitte er mit einer glühenden Kohle ein Loch brannte, als Empfangs- oder Pfandschein, mit dem Bemerken, daß nur Derjenige das Thier empfangen würde, welcher das Papier zurückbrächte. Mit wahrer Wonne bestieg ich einen Rcitesel und trabte meiner alten Wohnung in Bulakh zu. Mahammcd war schon angekommen, aber auch hier vom Treiber noch keine Spur zu finden. Wie ich später hörte, hat das Maulthier die Gastfreundschaft des Kaffcwirths zehn Tage lang beansprucht. Es lag mir bei meinem diesmaligen Aufenthalte in Kairo Alles daran, so schnell als möglich fortzukommen. Mein alter Freund Wrede half mir treulich einkaufen und meine Geschäfte auf's Beste fördern. Schon nach acht Tagen war ich zur Abreise gerüstet. Ich machte einige Abschiedsbesuche und miethete mir eine schöne Da- 272 hab'ie, für welche ich bis Afsuan tausend Piaster zu zahlen hatte. Baron von Wrede war so freundlich, mich bis Beni-Su«f zu begleiten. Am 24. Februar verließen wir mit unserem schnell- scgelnden Schiffe Bulakh und fuhren mit dem besten Winde dem Strome entgegen. Bald lag Alt-Kairo mit seiner schönen Insel Rohda hinter uns und nur die Minarets der Mahammcd-Aali'ö- Moschee zeichneten bei hellster Beleuchtung noch ihre Umrisse in dem blauen Aethcr. Mehr und mehr entfernten wir uns und immer schlanker schienen sie zu werden. Zuletzt waren sie nur noch dünnen Fäden vergleichbar, welche bald dem Auge unsichtbar wurden. Die sich am linken Stromufcr meilenweit hinziehenden Palmenwäl- dcr verdeckten die Pyramiden unseren Augen; die roth-weiß-rothe Flagge wehte lustig im Winde; wir schwammen rasch den Fluchen deö Stromes entgegen. — -7 7 ^ -! MM MW :>E UMMK^ MN^^^WMWOMWMAWB «W«M tz-HW WM MMM 1MW öibliottisk OOO61 4?" 6 MK «ZW W^WW WMK HWMMW °DdH WWUW MWM W^R- EL MM M§W-' ^WK Ä8-KÄ MK WM KMä.- W^W WKM s t 1 f Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika oder den unter egyptischer Herrschaft stehenden Ländern Egypten, Nnbien, Sennahr, Rosseeres und Kordofahn gesammelt auf seinen in den Jahren 1847 bis 1852 unternommenen Reisen von Idr. Alfred Edmund Brehm, Mitglieds der kais. leopold. - karol. Akademie der Naturforscher und anderer gelehrten Gesellschaften. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Den schickt er in die weite Welt; Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld." Eichendorff. s t i § Zweite unveränderte Ausgabe. Dritter Theil. Zweite Reise nach dem Sudahn, Reise nach dem Sinai und Heimkehr. Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . Inhalt -es -ritten Theils Seite Zweite Reise nach dem Sudahn.. t Beni-Suöf. — Der heilige Käfer. — Schneider Striebe in Minute. — Auch ein egpptisches Schauspiel. — Monfalut.— Aemin-Bel. — Artesische Brunnen in der Wüste. — Achmihm und Djirdje. — Taubenhäuser. — Ein egpptischer Räuber. — Khenneh.— Transport der Töpferwaaren. — Scherbenberge. — Denderah. — Esneh. — El-Kahb. — Thermometerstand am 20. März. — Sturm. —Rettung eines Matrosen. — Assuan.— Das Dorf Schcllahl. — Große Wäsche. — Wadi-el-Aar- rab. — Tanz der Berber. — In Wadi-Halfa. — Hyänen- jagden und Mukle's Erzählungen dazu. — Türkische und ärztliche Ansichten im Widerspruch. — Zu Kamele. — Ein Morgen am Nil- — Im Dahr-el-Sukoht. — Die schöne Nubicrin. — Rubische Todtenklage.— Aufenthalt in D o n go l a - el-U rd i. — Meines Bruders Tod und Begräbniß. — Tröster im Unglück. — Abreise nach Ambukohl. — In der Bachiuda.— Aufdruch.— Ein Mittagsmahl. — Chohr-cl-Bachiuda. — Das Kind des Nomaden auf Reisen. — Am Bih r - e l - Bach iuda.— Nomaden vom Stamme der Hauawlhr- — Antilopenfang. — Gesang der Kameltreiber. — Wassermangel. — Der letzte Tag in der Wüste. — Woad-Bischahri. — Nachtscenerie. — Aali - Arha in seinem Glänze i» Surrurahb. — Ein Zither- spieler. — Ankunft in Charrhuin. — Vier Monate im Sudahn. ..... ^ Hassan-Effendi-ek Maadendji- — Latief-Pascha, sein Charakter und seine Regierung. — Lumello, unser Haus- wirrh und unsere neue Wohnung. — Demonstration zur Begründung des Hausfriedens. — Der erste Abend des Ramadtahn.— IV Seite Das Spiel mit dem Djeried. — Ein Doppelmord. — Lolius sonexalensis. — Webervögel und ihre Nester. — Allerlei aus dem Tagebuche. — Hu sseln - A rh a's Gefälligkeit. — Jagdausflug in die tropischen Wälder. — Mühevolle Arbeit der Matrosen. — Jbisjagd. — Sturm im Urwalde. — Abu-Harrahs. — Das klimatische Fieber endet der Jäger Lust und Mühen. — Die As- sa l a. — Eine sonderbare Heilmethode. — Rückkehr nach Char- thum. — Jagd auf Jungferukraniche. — Charthumer Geschichten.— Die Haudelsexpedition nach dem weißen Flusse. — NikolaUlivi, der Christ, ein schurkischer Wucherer, L a r i es - P a sch a, der Ma- hammedaner, ein edelmüthiger Helfer in der Noth. Die tropischen Wälder und ihre Fauna . . 102 Die Wälder, ein Erzeugniß der tropischen Regen. — Der Urwald, eine neue Welt. — Waldvegetation. — Augenweide. — Stimmen und Tone. — Hiob 36, 22. — Die Wälder in der Zeit der Dürre. — Der Affenbrodbaum. — Der Du- lehb. — Eigenthümlichkeit der afrikanischen Thierwelt. — Uebersicht der Säugerhiere: Affen, Aeffer; Hunde, Füchse, Hyänen; Löwe, Leopard, Jagdpanther, Steppenluchs; Genettkatzen, Man- gusten; Igel; Eichhörnchen, Schläfer, Springmäuse, Mäuse, Hasen, Stachelschweine; Scharrthiere; Elephant, Nashorn, Nilpferd, Schweine, Klippschliefer, wilde Esel; Antilopen, Schafe, Büffel.— Die Vogel der Urwälder: Papageien; See-, Edel-, Haubenadler, Bussarde, Edelfalken, Röthelfalken, Sperber, Weihen; Eulen; Ziegenmelker, Segler, Schwalben; Bienenfresser, Eisvogel; Kukuke, Honigangeber; Pirole, Mandelkrähen, Raben, Glanzdroffeln; Nashornvogel, Pisangfreffer; Spechte, Bartvögel; Banmwiede- höpfe, Honigsauger; Fliegenfänger, Würger; Dickschnäbler, Ammer, Lerchen, Pieper, Bachstelzen; Sänger; Drosseln; Meisen; Tauben, Hühner; Rennvögel; Reiher, Störche, Kraniche; önlsenieeps Uex; Ibisse, Sichler, Schnepfen; Gänse, Enten; Möven, See- schwalben, der Scheerenschnabel; der Schlangenhalsvogel, Pelekane, Scharben; Steißfüße. — Die Reptilien: Chamäleons; Erd- läufer; Gekonen; Eidechsen; Schlangen; Schildkröten; Batrachier; Panzerlurche. — Zwei merkwürdige Fische. — Ein Blick in die Welt der Insekten: Käfer, stechende Insekten, Schmetterlinge, Fliegen, Musqnitos, Netzflügler, Heuschrecken, Wanze», Parasiten. — Seite Bilder aus dem Thier leben . . . . 157 * I. Die Termite. Zerstörungssucht des Thiercheus. — Termitenhügel. — Art und Weise ihrer verderblichen Arbeiten. — Eine Termitenkolonie im Di- wahn Latief - Pascha's. II. Der Skorpion. Stellung des Skorpions im Thierreiche. — Seine Lebensweise. — Der Skorpionenstich und seine Folgen. — Gegenmittel. — Ein gezähmter Skorpion. — III. Das Krokodil. Der erste Anblick des Panzerlurchs. — Sein Aufenthalt, Lebensalter, Wachsthum; seine Gewandtheit. — Todtenschlaf während der Zeit der Dürre. — Nahrung des Krokodils. — Seine Stärke und Furchtbarkeit. — Freundschaft mit einem Vogel, dem Kro- ^ kodil Wächter. — Fortpflanzung. — Die Moschusdrüsen. — Jagd und Fang. — Ein Krokodil in unserer Gefangenschaft. — IV. Der heilige Ibis. Der Ibis, ein freudebringender Bote der Gottheit. — Sein gegenwärtiger Aufenthalt. — Seine Lebensweise und sein Betragen in der Freiheit und Gefangenschaft. V. Die Kraniche im Sudahn. Der alte Linne in vollem Rechte.— Der Pfauenkranich. — Seine Tänze. — Nahrungsverbranch der Kraniche. — Ihre Jagd. — VI. Der Marabu. „Undank ist der Welt Lohn!" — Kostüm des Marabu. — Betragen des Vogels. — Seine Gefräßigkeit. — Der komische Gesell in der Gefangenschaft. » VII. Geier Bestattung eines gefallenen Thieres im Norden und Süden. — „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler." — Geier Nahrung suchend. — Ihr Mahl. — Jagd und Fang derselben. — Seite Ihr Betragen in der Gefangenschaft. — Die Geier Reiniger der Atmosphäre. — VIII. Der Strauß. Strauß und Kamel. — Falsche und wahrscheinliche Berichte über die Fortpflanzungsgeschichte des Ersteren. — Seine arabischen Namen. — Straußenjagd.— Der Strauß in der Gefangenschaft.— Seine Unverträglichkeit. — Arabische Sage. — IX. Die Ratte der Pharaonen. Alter Ruhm böswillig verkleinert. — Gestalt und Lebensweise des Ichneumon. — Seine Diebereien. — Jagd. — X. Die Affen. Affenleben im Urwalde. — Affen und Papageien. — Der Ersteren Raubzüge zu Fruchtfeldern. — Rückzug bei Gefahr. — Fang der Affen. — Affenliebe. — Vogelzug und Vogellebcn in der Fremde . . 2 vs „Wenn die Schwalben von uns zieh'»." — Naumann's Ansichten über die Ursachen des Zuges. — Zweifel an ihnen. — Beobachtungen über den Zug. — Des Naturforschers Gefühle, wenn er im fremden Lande den heimischen Vögeln begegnet. — Fremdenleben der Vogel. — Jagdreise in die tropischen Wälder des blauen Flusses.217 Abreise. — Rückerimierungen. — Die Wanderheuschrecke und ihre Feinde.— Musell einte. — Woled-Mcdine. — Senil ahr. — Thierreichthum der Tropen. — Schwierigkeit, Lebensmittel zu erlangen. — Schutzmittel der Eiugeboruen gegen die Verheerungen der Elephanten. — Sudahuesische Holzhauer. — Vereitelte Löwenjagd. — Krokodiljagd. — Fährten und Losung der Elephanten. — „Seht den Verfluchte», meine Brüder!" — Kriegerische Einfälle der Abyssinier und Dinkha. — Karls oh dj. — Nächtliche Kranichjagd. — Ein brennendes Dorf. — Frischgefangene Affen. — Gereizte Nilpferde. — Ebenholzbäume. — Bakhahra-Araber. — Ali-Bci's Zusammentreffen mit VII Seite den Tabi-Negern, — Rosseeres. — Flucht vor Nilpferden.— Löwengebrüll. — Auch eine Mahlzeit. — Ankunft in Char- thum. — Freuden und Leiden während des letzten Aufenthalts in Charthum.252 Drei Engländer in Charthum. — Abreise derselben. — Ankunft des k. k. Konsuls für Central-Afrika. — Verrathen und Verlassen!— Bauerhorst. — Aufrichtung des Konsulatwappens. — Freundschaft eines Affen mit einem Vogel. — Armuth, Kummer und Sorgen. — Freunde. — „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen." — Bachieda. — Aus dem Tagebuche. — Abermals Latief-Pascha der Helfer. — Ein Brief von ihm. — Ein Minister des Königs von Dahr-el-Fuhr im Diwahn des Hokmodahr. — Audienz bei der Prinzessin Soakim von Fuhr. — Seiner Majestät, des „großen Büffels" schmeichelhafte Meinung von den Europäern. — Hussein-Arha. — Des Konsuls Trinkspruch. — „Das Heil sei mit Dir, Charthum!" — Eine Nilfahrt von Charthum nach Kairo . . 277 Abschied. — Zb rah ihm -Arh a's Gastfreundschaft. — Das Felsenthal Rh erri. — Tropische Inseln. — Metämme. — Schen- di. — Berber. — Merkwürdige Löwenjagd. — Eine Regennacht. — LaFarque. -- Erzählungen des Wüstenschech Hus- seln-Chaliefe-— „Belaui."— Ruinen befestigter Schlösser.— Wadi-Gammar.— Leben seiner Bewohner. — Steinmeere. — Passage des Schellahl Sabiecha. — Umladen einer leckgewordenen Barke. — Des Unglücks Ursachen. — Kaab el Aabid. — Die Schritte. — Barkal. — Nubische Vogelscheuchen. — Tabbe. — Eine Wahrsagerin. — Aufnahme eines Matrosen im elterlichen Hause. — Die fragliche Höhle in A l t-Dv n g ol a. — Nubische Rechnung. — Abschied vom Grabe meines Bruders. — Vater und Sohn vor Gericht. — Die Insel Badihn. — Ei» Angriff auf unser Schiff. — Der Heilige von Koike, sein Grabmal und sein Bruder, Schech Jdrieß. — Sai. — Strandung unserer Barke. — Bauerhorsts Fahrt durch den Schellahl von Wadi-Halfa. — Das Fahrzeug eines Nu- biers. — Fahrt durch W a d i - el - A a rrab. — Kalabsche. — Der Tempel von Edf». — Besuch bei zwei Europäern. — Die VIII Seite „8teIIs mslutins." Glockentöne. — Wieder in Kairo. — Unter den Platanen der Esbekie. — Liebenswürdige LandLleute. — Reise von Kairo nach dem Sinai .... 31» Die Poststraße durch die Wüste und ihre Slationshäuser. — Dahr- el-Behde. -- Die Festung Adjeruht. — Das rothe Meer und seine Schiffe. — Sues. — Auf einer Dahab'te des rothen Meeres. — Der Meerbusen von Suös. — Thohr und seine Bewohner.— ltlonsleur sie Alslrsc.— Djebel Serbat.— Eine Ansicht von Lepsius. — Wadi Hebrahn und Salafe. — Alpenkräuter. — Bartgeier.— Die Felsenschlucht Abu-Tokh- — Der Sinai. — Einlaß in's Kloster. — Ueberblick desselben. — Schmale Kost. — Der Ruf zur Hora. — Die Kirche. — Die Kapelle des feurigen Busches. — Eine Legende. — Der Kloster- garten. — Die Mönche und ihr kärgliches Leben. — Ihre Unverschämtheit. — Beduinenjagd. — Der Hauptmann der Klosterwache. — Geographisches. — Besteigung des Sinai. — Ende unseres Aufenthalts im Kloster. — Die Quadte Felrahn, Me- ketebe, Rharakit, Marhha, Use'it und Rharandel. — Gastfreundschaft eines Beduinen. — Die Mosisquellen. — Schech Chelr - Allah der Aulahd - Aali. — Arabische Antwort auf eine alberne Frage. — Schluß ..350 Neue Bekanntschaften. — Graf Schäsberg. — Herr von Huber. — vr. Liebetrut auf Reisen. — „Friedensrorschlä- ge." — Weihnachtsfeier. — Der Staudamm. — Jagdreise durch Oberegppten. — Abreise von Egppteu. — Heimkehr. — Zweite Reise nach dem Sudahn. Zum zweiten Male stand ich im Begriffe, nach „dem Lande der Schwarzen" abzureisen, ungeachtet mir sein höllisches Klima bei meiner ersten Reise beinahe den Tod gebracht hatte. Ich trat meine Reise mit sehr gemischten Gefühlen an und konnte mir mannigfaltige Besorgnisse, welche sich mir immer und immer von Neuem aufdrängten, nicht verhehlen. Als dirigirendes Mitglied der „Expedition" hatte ich ernste Verpflichtungen gegen meine Reisegefährten übernommen. Ich sollte und mußte ihnen Führer und Rathgeber sein, denn hierzu berechtigten mich die auf der ersten Reise gesammelten Erfahrungen, und, wenn ich auch nicht daran zweifelte, meine Stelle zur vollkommenen Zufriedenheit verwalten zu können, vor unvorhergesehenen Ereignissen bangte mir. Vor dem Klima fürchteten wir uns nicht; wir gingen mit ziemlicher Zuversicht den Gefahren desselben entgegen und hofften und vertraueten auf ein gütiges Walten unseres Schicksals. Aber wenn ich dann an das geheimnißvolle Wirken und Schaffen der heiligen Natur im tropischen Urwald dachte, wenn ich als eifriger Jäger und Naturfreund mich im Geiste dorthin versetzte, wo mir so hohe Genüsse bevorstanden, wo es auch für den Forscher noch ein weites Feld zum Sichten und Ordnen der zahlreichen Erzeugnisse der Natur gab, dann erwachte lebhafter als je der Drang zum Reisen in mir. Wir hegten schöne Hoffnungen. Noch völlig unbekannte Länder zu erforschen, zogen wir aus; wir wollten den oberen Lauf des weißen Flusses besuchen, wenn es möglich wäre, sogar quer durch Afrika gehen. Uns bot sich die schönste Gelegenheit, auch ein Scherf- lein auf dem Altare der Wissenschaft niederlegen zu können. Meine Gefährten freuten sich noch weit mehr auf die Erlebnisse der bevorstehenden Reise; sie kannten damals die Gefahren derselben nur m. 1 2 vom Hörensagen. Keiner von ihnen mochte jetzt wohl ahnen, daß ihm in dem Lande, in welches ich sie führte, die letzte Ruhestätte bereitet werden würde; sie gingen voll Hoffnungen nach dem Su- » dahn und Keiner kehrte wieder nach dem Vaterland? zurück! Wer vermag die Wege der Vorsehung zu erforschen! — Unser Schiff hatte am Morgen des 25. Februar 1850 schon die letzte und auffallendste Pyramide, die treppcnförmig erbaute von Maiduhn hinter sich gelassen und segelte vor dem besten Winde so tapfer dahin, daß wir schon Abends in Beni-Suef landen konnten. Ich erwartete meine Gefährten am anderen Tage, aber Baron von Wrede glaubte, daß sich ihre Ankunft vielleicht verzögern könnte und ritt ihnen deshalb am 26. Februar entgegen. Nach seinem Weggange hatte ich Zeit, mich in dem Städtchen umzusehen. Die Unreinlichkeit aller egyptischen Ortschaften abgerechnet, ist es ein recht hübscher Ort, von ungefähr sechstausend Einwohnern, welche sich früher mit Anfertigung von Wollenzeugen beschäftigten. Basar und Handel sind jetzt herabgckom- men und unbedeutend geworden. Bem'-Suöf steht unter den Befehlen eines Effendi und ist der Garnisonsort einer Schwadron Ulahncn. Von Weitem gesehen macht es einen sehr angenehmen Eindruck. Die große Kaserne nebst dem von einem freundlichen Garten umgebenen und hohen Mimosen und dichtbelaubten Syko- moren beschatteten Regierungsgebäude gibt mit dem hart am Ufer des Stromes stehenden, von mehreren Minarets überthürmtcn Häusern ein anziehendes Bild. Der Stadt gegenüber liegt eine ausgedehnte, fruchtbare Insel im Nile. Sieben Stunden östlich bricht man in der Wüste den schönen Alabaster, welcher zum Bau der Mahammcd-Aali-Moschee verwendet wird. Daö wäre Alles, was ich von dem Orte zu berichten wüßte. Gegen Abend kamen meine Gefährten, unserer Uebereinkunft gemäß, pünktlich an. Der folgende Tag verging mit Einladen der Effekten. Abends erhob sich schwacher Wind, brachte uns aber nur bis an's obere Ende der Stadt, wo wir auch vom Baron 3 von Wrede herzlichen Abschied nahmen. Am 28. Februar wurde die Reise langsam fortgesetzt. Der Wind mangelte, weshalb zum < Libbahn gegriffen werden mußte. Mein Bruder und ich gingen dem Schiffe voraus, um zu jagen. Nach kurzer Zeit fanden wurme andere Unterhaltung. Auf einer sandigen Strecke des Ufers sahen wir den heiligen Käfer der alten Egypter beschäftigt, seine Kugeln zu formen. Der ^tteuolnm ssoor ist ein großer Dungkäfer von braunschwarzer Farbe; man sieht ihn fast auf allen altegyptischen Bauwerken bildlich dargestellt. In Grabmälern findet man auch öfters die sogenannten Scarabäen, d. h. Steine, welche der Körperform des Käfers nachgebildet, auf der platten Bauchseite mit tief eingeschnittenen Hieroglyphen oder Namenszügen beschrieben und von den alten Egyptern als Siegelstempel oder Amulett benutzt wurden. An den Monumenten ist er oft in riesiger Größe abgebildet und hält gewöhnlich mit den Vorderbeinen eine Kugel, welche nach der Meinung mehrerer Alterthumsforscher die Erde versinnbildlichen soll. Ob er wegen dieser allegorischen Dar- stcllungsweise für heilig gehalten wurde oder ob sonst noch ein anderer Grund vorlag, weiß ich nicht. So Viel ist gewiß: die alten Egypter hatten den Käfer erst bei seinen Arbeiten in der Natur beobachtet, ehe sie ihn auf ihren Bauwerken verewigten. Wenn die Weibchen des Dungkäfers ihre Eier ablegen wollen, bilden sie sich nämlich zuerst aus Rindermist eine Kugel von der Größe einer derben Wallnuß, welche den aus den Eiern geschlüpften Maden zur ersten Nahrung dienen soll. Die für ihre eigene Größe ungeheure Kugel rollen sie eine ziemlich weite Strecke bis zu einer sandigen Stelle des Bodens fort, graben dort eine fußtiefe Höhle, versenken in sie den Mistballcn und legen dann ihre Eier hinein. Die Emsigkeit, mit welcher die Thierchen ihre schwierige Arbeit verrichten, mag sie der Aufmerksamkeit der naturkundigen oder der auf die Geheimnisse der Natur wohl achtenden Egypter würdig gemacht ^ haben. Heute fanden wir sie so zahlreich, daß wir in kurzer Zeit mehrere Dutzend von ihnen erbeuten konnten. Während wir den Arbeiten der heiligen Käfer zusahen und uns mit ihrem Fange beschäftigten, war Wind aufgekommen und 1 * 4 unsere Barke bei uns angelangt. Wir stiegen ein und segelten rasch vorwärts, passirtcn das am linken Ufer gelegene Städtchen Feschne, dessen Minarets über die es umgebenden Palmenwälder emporragen, ^ und landeten mit aufhörendem Winde in der Nähe eines unbedeutenden Dorfes. Auch die anderen Tage hielt der Wind an und so kamen wir schon am 2. März Abends in Minn'ie an. Als wir das Land betraten, erschien ein in eine schwarze, mit Schnüren besetzte Sammctpekesche gekleideter Landmann, um uns zu bewillkommnen. Es war der Schneidermeister Stricbe aus Hano- ver, welcher sich hier ansässig gemacht hatte und außer seiner Schneiderei noch eine Schcnkwirthschaft betrieb. Während meines Aufenthaltes in Egypten hatte ich zwar mit manchem deutschen Handwerker verkehrt, aber Striebe setzte aller Anmaßung und Großthuerei bei vollkommener Unwissenheit, wie ich sie manchmal beobachtet hatte, die Krone auf. Ich will meine Leser nicht mit einer Beschreibung dieses sonderbaren Kauzes langweilen, zumals da Goltz in seinem „Kleinstädter" schon eine treffliche Schilderung ^ desselben gegeben hat. Wir ergötzten uns den ganzen Abend an seiner köstlichen Prahlerei und, daß ich es ehrlich sage, an seiner Dummheit. Minn'ie ist ein Städtchen von ungefähr achttausend Einwohnern und liegt am linken Ufer des Nil. Die Söhne Jbrahihm Paschas haben dort großartige Zuckerfabriken angelegt; für die Regierung sind einige Baumwollenspinnereien iin Gange; der Basar ist unbedeutend. Am 3. März segelten wir mit sehr günstigem Winde weiter. Der Schneider sandte uns mit seiner „schöntönenden Nilflinte" noch eine Salve nach, welche wir erwiederten. Kurz oberhalb Minn'ie beginnen die Katakomben und ziehen sich meilenlang am rechten Ufer,' in einer Höhe von ungefähr fünfhundert Fuß über dem Stromspicgel, in der Felswand hin. Der Wind war so vortrefflich, daß wir heute keine Zeit mit dem Besuch derselben ^ verlieren wollten. Wir sehen viele jagdbare Vögel: Adler, egyp- tische Gänse, Scharben, Löffelreiher, Pelekane und dergleichen mehr, ohne Etwas erlegen zu können. Gegen Mittag be- - r» gcgnete unsere Barke cinein den Strom hinabschwimmenden Leichnam, entweder Franken oder Türken, noch halb bekleidet. Zur ^ Zeit des Nachtgcbctes legte sich der Wind, weshalb wir bei Djarf, einer Musthafa-Bc'k, dem Sohne Jbrahihm Paschas, gehörigen Zuckerfabrik, anlegten. Da die Fabrik gerade in voller Arbeit war, besuchten wir dieselbe und fanden sie sehr gut, jedenfalls von Europäern eingerichtet. Die Walzen werden durch Dampfmaschinen getrieben und quetschen das Zuckerrohr so zusammen, daß es, nachdem es einige Tage in der Sonne gelegen hat, zur Feuerung der Maschine verwendet werden kann. Das Feucrungsmate- rial besteht in Baumwollenstauden, Baumwollcnkörncrn und Riedgras. Kohlen und Holz hat man nicht. Der frische Rohrsast schmeckt widerlich süß und wird an Ort und Stelle geläutert und zu vorzüglichem Zucker eingesotten. Nachts hatten wir eine großartige Schakalmustk in der Nähe der Barke. Der Mond schien nach Mitternacht hell, doch war es uns nicht möglich, eine von den Bestien zu Gesichte zu bekommen. > Am anderen Morgen fehlte der Wind. Wir gingen auf die Jagd und machten gute Beute. August Tischendorf, mein neuer Bedienter, sah in den Getreidefeldern einen Luchs, ohne darauf zu schießen. Ob er vielleicht auch die Meinung des Schneiders Striebe gehabt und ihn für einen jungen Löwen gehalten hat, weiß ich nicht. Goltz läßt diesen, nachdem er in der Durrah jedenfalls auch einem unschuldigen Luchs begegnet war, sein Abenteuer mit folgenden Worten erzählen: „Mich ist ein schönes Becst, wissen Sie, was man sagen kann, ein gefährliches Thier, aufgcstoßcn. Wie ich in das Frucht- getreide oder Feld drein kommen thue, sieht mir dieses Scheusal, wilde Thier, mit zwei schrecklichen Augen an, ganz als wenn es mir angreifen will. Ich denke, entweder du kommst auf mir, oder ich auf dir und so will ich gerade abdrücken, was ich eingeladen habe, so hat es mir nochmals angeblickt, ganz grimmig, und ist ^ davon gesetzt auf zwei Hinterfüße, daß nur so geknastert in das Rohr; daß ich gewiß denken kann, der Gestalt nach und Grimmigkeit, daß dieses Thier ein Löwe gewesen ist, vielleicht noch nicht - ganz ausgewachsen, aber doch schonen der Forye, was man sagen kann, ein wirklicher Löwe, der mir angefallen hat." Wir Andern hatten es freilich nur mit harmlosen Thieren zu , thun, denn wir schössen lauter kleine Vögel, z. B. Steinschmätzer, die unermüdlich flüchtigen, genügsamen und lustigen Bewohner der Wüste, und schöne kleine Gimpel, von der Farbe der braunen Blumen in unseren Getreidefeldern, welche ihnen auch zu ihrem lateinischen Namen, k^ri-lnila ZitligKinos, verholfen haben. Hier und da machten sich schon einige Dompalmen bemerk- lich. Unterhalb deS uns schon bekannten Dorfes Kosse'ir stiegen wir wieder ein und erreichten bei dem aufgekommenen starken Winde bald den Djebel Abu Fehde, hinter welchem die Krokodilhöhle liegt. Heute hatten wir keine Zeit zu ihrem Besuche und segelten rasch an dem Helfen hin. Der egyptische Aasgeier schaute hoch oben aus einer Felsenritze von seinem Horste herab, der Schmarotzermilan hatte nicht weit von ihm ein anderes Nistplätzchen gefunden, der egyptische Taubenfalke besichtigte die Felswand, wahrscheinlich in derselben Ansicht; unten im Strome ruderten P e- l lekane ruhig umher, während kleine schwarze Scharben mit einander um die Wette tauchten oder reihenweis auf den Felsen saßen und von der weißen Kalkwand grell abstachen. Felsen- und Haussch walken jagten nach Mücken, welche in Schaaren auf der Oberfläche des Wassers spielten, am Ufer saßen blaue Stein - drosseln auf Schöpfrädcrn; Gleitaare durchschwammen die klare Luft und spähten in den Feldern nach Mäusen umher; Weihen glitten geräuschlos dicht über die Felder hin und große Geier und Adler zogen in ungemessener Höhe ihre schraubenförmigen Kreise. Ein vorsichtiger Fischreiher verdaute seinen Fang an einer sandigen Stelle des Ufers; ich schoß mit der Büchse nach ihm, mehr in der Absicht, ihn zu erschrecken, als zu treffen. Donnernd brach sich der Knall des Gewehrs an den senkrechten Felsen und pflanzte sich von Wand zu Wand mit immer erneuerter Stärke fort. Jetzt ladeten wir unsere kleinen Kanonen und ließen sie von Aali- * Arha abfeuern. Das durch den Schlag hervorgerufene Echo war prachtvoll und erstarb erst in weiter Ferne. 7 DaS ist nun zwar gar Wenig gesagt, allein man muß sich hinzudenken, daß wir auf dem heiligen Nil dahin schwammen, , daß ein egHP tischer Himmel über uns blauete, daß an der anderen Seite des Stromes sich ausgedehnte Palmenwälder hinzogen und über die schlanken Kronen der königlichen Bäume hier und da das Minaret eines cgyptischen Dorfes schimmerte, kurz, daß uns eine andere Welt umgab, und dann erst wird man begreifen, daß das Erwähnte unseren Augen und Ohren einen gar großen Genuß verschaffte. Strom und Felsen, Palmen und Minarets, Nilschiffc und Pelekane, Scharben und Gleitaare, große Geier und Adler gehören zur cgyptischen Landschaft und deshalb ist es wohl auch nicht gerade überflüssig, wenn ich ihrer hier gelegentlich Erwähnung thue. Und wenn ich wirklich einmal von einem Böge! erzähle, der eben nicht in die Reisebeschreibung gehört, dann bitte ich zu berücksichtigen, daß ich nicht, wie viele Nilreisende, den Strom besuchte, um nur in einer Stadt oder bei einem verfallenen Tempel aus dem Innern der Kajüte hervorzutauchen, sondern i in Feld und Wald herumstreifte und mich in Hütten und Dörfern herumtrieb, um Thiere und Menschen zu beobachten, Vögel zu schießen und Käfer zu sammeln. Außer den Ruinen von Theben und den Pyramiden gibt es in Egypten noch gar Vieles zu schauen und außer dem Markte und Straßenlärmen in Kairo und Aleran- drien noch Manches zu hören, wenn man nur Augen und Ohren hübsch offen haben will! — Halb sechs Uhr Abends kamen wir an das Städtchen Mon- falut, an dem wir anlegten, weil der Koch Vorräthe für die Küche und Honig für die Reise einkaufen wollte. Man bekommt diesen hier sehr gut und billig, denn das Pfund kostet nur zwei Piaster. Von dem Schiffe aus konnten wir in mehrere Häuser hineinsehen. Die Strömung des Nil geht mehr nach dem linken Ufer zu und unterwäscht während des hohen Wasserstandes die Häuser so, daß jährlich mehrere in die Wogen hinabsinken. Das Minaret einer ^ Moschee lag in Trümmern unter derselben, andere Gebäude waren so zerfallen, daß sie bei der nächsten Ueberschwemmung gewiß nachstürzen müssen; an Abhülfe denkt Niemand. Es ist „Gottes 8 Schickung", gegen welche der Araber eben weiter Nichts thut, als daß er seine Gebäude entfernter vom jetzigen Stromufer wieder ausbaut. Ehe dieses, denkt er, von den Wellen weggespült wird, vergeht ja wieder eine geraume Zeit und llorikm" (Gott ist barmherzig)! Das sind tief im Volke eingewurzelte Begriffe, gegen welche keine vernünftige Vorstellung, nicht einmal Machtspruch Etwas auszurichten vermag. Nach kurzem Aufenthalte setzen wir unsere Reise fort und fahren bis Nachts zehn Uhr bei gutem Winde weiter. Dann legt man an dem Dorfe Beni-Mahammed an. Am 6. März. Gestern Abend waren wir nach langweiliger Fahrt, welche wir uns jedoch nach Möglichkeit mit der Jagd zu verkürzen suchten, in Siut angekommen. Die Stadt liegt am linken Ufer des Stromes, ungefähr eine Viertelstunde von diesem entfernt, unter 27" 13" nördlicher Breite und 28° 23" östlicher Länge von Paris, ist die Hauptstadt des Paschaliks Saa'id oder Oberegypten, hat fünfzehn Moscheen und zählt sechszehn- bis zwanzig tausend Einwohner. Siut ist die Ei'nbruchsstation für die großen Karavanenzüge, welche jährlich von hier nach Dahr- Fuhr und zurück gehen. Die Reisenden berühren auf dieser Tour mehrere Oasen, kommen regelmäßig alle drei bis vier Tage zu einem Brunnen und brauchen dreißig bis fünfunddrcißig Tage bis nach Kobbe, der Hauptstadt des Negerstaates. Auch gehen von hier aus, ebensogut als von Monfalut, Karavanenstraßen nach den Oasen Wadi-el Dachele und Wadi-el Khardje in der lybischen Wüste, aus denen man unter Anderem viel Honig und Brennkoh- len bezicht. Der Weg nach der Stadt läuft auf einem Damme zwischen Gärten dahin und führt durch eine von Platanen beschattete Moschee nach dem von Sykomoren umstandenen Hofe des großen und schönen RegierungsgebäudcS. Von hier aus gelangt man zu einer von Mahammed-Aali angelegten Steinbrücke, welche über den Kanal führt und von da durch mehrere bergige und krumme Gäß- chen auf den Basar. Bcmerkenswerth ist das von Mahammed- Be'k el Defterdahr, jenem grausamen Tyrannen, angelegte 9 Bad, jetzt ein vorthei'lhaftes Vermächtniß an die Hauptmoschee. Die katholischen Christen haben ein Kloster und eine große, recht hübsche Kirche erbaut, deren Geistliche von Oesterreich ausgesendet und besoldet werden. Das Leben ist in Eint billig und angenehm. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner besteht in Ackerbau und Anfertigung von Sattlerwaaren und Wollenzeugen, welche zu sehr niederen Preisen geliefert werden. Interessant ist der Friedhof. Er ist der Stadt der Todten in Kairo ähnlich und liegt westlich von der Stadt in der Wüste. Mimosen, welche die Gräber beschatten, erquicken den Besucher von Weitem durch die würzigen, balsamischen Düfte, die ihre goldnen, kleinen Röschen ähnlichen Blüthen verstreuen. Links oben, am Bergabhange, sieht man den Friedhof der alten Egypter, eine Reihe ziemlich großartiger, jedoch unschöner, in die Felsen gehauener Katakomben. Vom Nil aus gesehen zeichnet sich Siut Vortheilhaft vor den meisten Städten Egyptens auS. Die Häusermasscn sind größtenteils durch die lebhafte Einfassung von Palmen, Sykomoren, Mimosen, Orangen und anderen Fruchtbäumcn dem Auge verdeckt und treten nur hier und da freundlich aus dem lebhaften Grün hervor, während die schlanken, hoch über Palmen und Sykomoren emporragenden Minarets schon von Ferne die Stadt verkündigen. Andere Städte liegen dicht an dem Strome und zeigen, von da aus gesehen, ihre rohen und thcilweis zerstörten Häuserreihen, ohne alle das Bild hebende Einrahmung. Siut ist, von Außen wie von Innen betrachtet, eine reizende Stadt, in welcher man gern verweilt. Bevor wir in die Stadt gingen, sandten wir unseren Kha- wahs zu einem im Dienste der egyptischcn Regierung stehenden Franzosen, Aein in-Bei', dem wir, einem früheren Versprechen zu Folge, Gemüscsämereien von Europa besorgt hatten und jetzt übergeben ließen. Nachmittags besuchte er uns auf unserem Schiffe, um uns zu danken. Im Laufe des Gespräches erzählte er uns von seinen Versuchen, Wüstcnniederungen durch artesische Brunnen zu Oasen umzuwandeln. Bis jetzt hatte er seine Bohrversuchc nur auf eigene 10 Kosten unternommen; nun aber, nachdem diese gut ausgefallen waren, wollte er der egyptischcn Regierung den Vorschlag machen, die Sache im Großen anzuwenden. Die Bohrung eines Brunnens wäre, wie er versicherte, durchaus nicht mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden. Durch eine Sand- und Thonlage von ungefähr zwanzig bis dreißig Fuß durchgehend, kommt der Bohrer auf einen festen Sand - oder Kalkstein, dessen Bearbeitung wenig Mühe kostet und welcher dennoch gerade fest genug ist, um alle Einsatzröhren zu ersparen. In einer Tiefe von vier- bis fünfhundert Fuß findet sich das Wasser in so bedeutender Spannung, daß der durch das Bohrloch ausströmende Quell sehr stark und fähig ist, ganze Strecken in Seeen zu verwandeln. Sollten diese Versuche wirklich im Großen ausgeführt werden können, so daß man durch artesische Brunnen eine Oase da erschaffen könnte, wo man früher gar nicht an die Möglichkeit einer solchen dachte, so wäre dies ein Werk, dessen Folgen von unberechenbarem Nutzen sein müßten. Es wäre der Schlüssel zum Innersten der Wüste, ja sogar zum Innersten Afrika's, denn da, wo das Alles belebende Wasser vorhanden ist, ist auch die Möglichkeit zur Anbauung der Wüste gegeben. — Nachdem unS der Bei verlassen hatte, erschien ein Bedienter von ihm mit einem großen Schlauch von Ziegenleder, voll in ihm eingestampfter, köstlicher Datteln, als Gegengeschenk für unsere Sämereien; ganz wie es der türkische Gebrauch erfordert. Nach diesem erhielt der Ueberbringer nun aber auch seinen Bakhschiesch, den wahrscheinlich Aali-Arha ebenfalls empfangen haben mochte, weil er eifrig bemüht war, uns den „Tartieb"*) in's Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem der Diener belohnt werden müsse. — Am anderen Morgen fuhren wir weiter. Der Wind war günstig, wenn auch schwach. Unser Khawahs brachte Fcllahhihn auf, welche die Dahable ziehen mußten, bis der Wind stärker wurde. Wir kamen damit bis Khan, der alten Antaöpolis. Dort wendet sich der Nil nach Westen, weshalb uns der Wind konträr ') Gebrauch. 11 wurde. Die Matrosen wollten wegen der kurzen Strecke, welche die Barke gezogen werden mußte, anlegen und die Weiterfahrt für heute aufgeben, allein der Khawahs wußte Rath. Erst trieb er das Schiffsvolk im Guten zur Arbeit an, dann aber gebrauchte er Ernst, fing Fellahhihn ein, spannte sie gewaltsam an den Libbahn und half selbst mitziehen. Wir hüteten uns wohl, ihn durch hier nicht angewandte menschenfreundliche Gegenvorstellungen in seinen harten Maßregeln zu stören, sondern ließen ihn ganz ruhig seine Peitsche anwenden und sicherten uns bei diesen Menschen ein weit größeres Ansehen dadurch, daß wir nach türkischer Manier lieber unsern Khawasscn beauftragten, die gegebenen Befehle auszuführen, als wenn wir selbst dessen Handleistungen übernommen hätten. Es würde uns sehr geschadet haben, hätten ww, ohne die größte Noth, eigenhändig eine Ruderstange ergriffen. Nachdem wir die Krümmung des Stroms durchführen hatten, ging es mit vollen Segeln weiter; wir segelten noch den ganzen Abend hindurch, bis wir um Mitternacht in der Nähe des größtentheils von Kopten bewohnten Städtchens Tachta anlegten und übernachteten. Am 9. März. Gestern fuhren wir an dem Städtchen Ach- mihm vorüber. Es liegt am rechten Nilufer, hat zwei Moscheen und gegen zehntausend Einwohner, wobei gegen vierhundert Mann leichter türkischer unregelmäßiger Reiterei init gezählt sind. Eine halbe Stunde oberhalb der Stadt liegt das koptische s?l „De'ir- umbassadj" (Kloster der Unterhaltung) in der Wüste. Das Gebäude ist von hohen quadratischen Ringmauern umschlossen, über welche eine erhabene weiße Kuppel und eine mächtige Sykomore hervorragen. Dem Kloster schief gegenüber sieht man am linken Ufer das Städtchen Menschle mit einer Moschee, deren Minaret recht hübsch ausgeführt ist. Später fuhren wir an dem mit einem Hciligengrabe geschmückten Djebel Schech Muhsa (der Name des Heiligen) vorüber und landeten Abends in Djirdje, einer großen, am linken Stromufer liegenden Stadt mit acht Minarets, aber kaum zehntausend Einwohnern. Die Lebensrnittel sind hier beispiellos billig. Wir kauften hundert und fünfzig Eier für zwei Silbergroschen und bezahlten den Centner guter Schiffs- 12 zwiebacke mit zweiundzwanzig Piastern. Alle Reisenden, welche nach dem Sudahn gehen, nehmen von hier ihre Lebensmittel für die Wüste mit. Während die Leute mit dem Einkaufe unserer Bedürfnisse und zwar hauptsächlich von Zwicback beschäftigt waren, gingen wir am anderen Ufer auf die Jagd. Wüthendes Hundegcbcll lockte uns nach einer mitten in der großen Fläche von Riedgras stehenden Strohhütte. Wir fanden eine Hündin von der guten, wachsamen, oberegyptischen Rape, den sogenannten Armenti, von vier bis sechs kleinen, bissigen Hunden umgeben. Einer von den letzteren gefiel uns so, daß ich ihn zu kaufen beschloß. Für einen Piaster wurde ich mit der Bewohnerin der Hütte bald einig; größere Schwierigkeit machte das Einsangen des Hundes selbst, welcher wahrhaft um sick biß und darin von seiner Mutter unterstützt wurde. Endlich wurde er doch überwältigt, in der Jagdtasche auf unser herankommendes Schiff gebracht, unserem großen Pudel Maser-ut zugesellt und Bachihd, „der Glückliche", getauft. Gute Hunde sind bei Reisen, wie wir sie unternehmen wollten, von großer Wichtigkeit. Am Strande hatte sich eine Kolonie von Uferschwalben angesiedelt und mehrere hundert Ncstlöcher gegraben. Sie zu stören fällt glücklicher Weise keinem Araber ein und deshalb sind die Thier- chcn auch sehr zutraulich. Weiter oben bemerkte ich das erste Krokodil. Während ich es meinen erstaunten Gefährten zeigte, sah ich ein zweites von mittlerer Größe, d. h. von zehn bis zwölf Fuß Länge, auf einer Sandbank liegen. Es hielt auf Büchsenschußweite aus, ich schoß, fehlte aber wegen des heftigen Schwankens des Schiffes. Erschrocken machte es einen Luftsprung und kroch dann langsam in's Wasser. Kurz darauf beobachteten wir noch drei Stück, lauter große Eremplare, die von unseren neuen Afrikanern nicht wenig bewundert wurden. Abends legten wir bei der Zuckerfabrik Farschiut an, weil wir hier den nöthigen Zucker einkaufen wollten. Der arabische Centner ( 81 ^ Pfund wiener Gewicht) wird mit hundert und vierzig Piastern bezahlt. 13 Am 10. März. Die Dörfer in der hiesigen Gegend zeichnen sich durch eine sonderbare Bauart der Häuser aus. Diese scheinen mehr der Tauben als der Menschen wegen erbaut zu sein. Sie ähneln abgeschnittenen Pyramiden und sind zweistöckig. Der untere Raum ist für den Fellah und seine Familie bestimmt, roh aus lufttrockenen Lehmsteincn zusammengesetzt und ohne alle Sorgfalt ausgeführt. Das obere Stock beherbergt eine zahllose Menge von Tauben. Mehrere Reihen von dicht an einander eingemauerten Stöcken oder Reisigbündeln dienen ihnen zum bequemen Sitzplätze in der Sonne, die Wand ist geglättet und häufig sogar mit Kalk bewcißt; kurz, die Wohnung der Tauben ist weit eleganter und schöner, als die der Menschen. Außerhalb der Dörfer sieht man außerdem noch Reihen von thurmähnlichen, aus starken Krü- gcn zusammengemauertcn, einzig und allein für die Tauben erbauten Gebäuden. Bei dem wegen der Räubereien seiner Bewohner arg berüchtigten Dorfe Di schrie stiegen wir aus, um zu jagen, weil aller Wind aufgehört hatte. Doch erhob er sich sehr halb wieder und unser Reis, der die Räuber fürchtete, mahnte zur Weiterreise. Da fehlte unser großer Hund. Der Verdacht eines Diebstahls wurde rege und fiel auf's Räuberdorf. Er zeigte sich in der That auch begründet. Wir fanden unsern Hund an einem Hause angebunden und lösten ihn mit tüchtigen Peitschenhieben wieder aus. Nachdem wir auf das Schiff zurückgekommen waren, ging unser Reis sogleich wieder unter Segel. Jeder von dem Schiffsvolke wußte eine Räubergeschichte zum Besten zu geben. Der Hauptmann der Bande war ein gewisser Redjihl, dessen Geschichte mir der Reis beim dampfenden Dschibuhk erzählte. Sie ist folgende: Redjihl war der Vater von fünf Söhnen: Harrihdi, Moafi, Taiahb, Hassan und Schabahn, welche er mit einer Frau, Fathme, erzeugte. Die Söhne hießen nach ihm „el Redjihli" und starben, mit Ausnahme eines einzigen, entweder im Kerker oder durch Henkershand. Harrihdi wurde in Siut auf einem Fluchtversuche von den Soldaten der Wache mit dem Bajonett erstochen, Taiahb in Kenneh aufgehängt, Hassan und Schababn star« 14 ben im Kerker von der allzu großen Last ihrer Ketten. Moafi lebt und raubt noch jetzt und ist Anführer einer sehr gefürchteten Bande. Die Art und Weise seiner Räubereien ist originell. Braucht Moafi Geld, dann schickt er einen seiner Helfershelfer zu einem der wohlhabenden Schiuhch und läßt diesen nach dem friedlichen Gruße: „Ll salalim sslmkum!" höflichst ersuchen, eine bestimmte Summe Geldes und ein fettes Schaf dem Botschafter zu überreichen, durch seinen Bedienten aber einen oder zwei Ardehb Waizen in ein von ihm bezeichnetes Haus bringen zu lassen. Aus Furcht, den Zorn des Räubers zu erregen, gibt der Schech dem Botschafter, wenn es irgend möglich ist, alles Gewünschte. Man sagt, Moafi allein habe einmal dreißig vom Markte zurückkehrenden Fel- lahhihn das Geld abgenommen, welches sie bei sich führten; ja, man kennt in dem Dörfchen Sam ata, bei Dischne, seine Woh< nung, seine Mutter und ihn selbst ganz genau, ohne sich an ihn zu wagen. Wer die Feigheit der Fellahhihn kennt, zweifelt an der Wahrheit dieser Erzählung nicht. Harrihdi machte vor mehreren Jahren die ganze Gegend so unsicher, daß man nur mit Bedeckung reisen konnte. Er hielt die Schiffe auf dem Nil an, befahl den Kapitänen zu landen und feuerte, wenn diese seinen Befehlen nicht Folge leisteten, vom Ufer aus auf die Schiffsmannschaft oder erschlug diese, wenn er sich des Schiffes bemächtigt hatte. Die Regierung that alles Mögliche, um seiner Person habhaft zu werden, doch waren die Bemühungen der Soldaten, den kühnen und starken Räuber zu fangen, fruchtlos, weil die nahe Wüste ihm bei wirklicher Gefahr stets ein sicherer Zufluchtsort wurde. Zuletzt lieferte er sich selbst an Mahammed- Aali aus, bat um sein Leben, gelobte Besserung und wurde von dem Vizekönig wirklich begnadigt. Er erhielt einen Firmahn und sein Leben unter der Bedingung geschenkt, das Land von den Räubern zu befreien und diese an die Obrigkeit abzuliefern. Jetzt begann der Schuft ein wahres Bedrückungssystcm auszuüben. Er ging zu den wohlhabenden Schiuhch und eröffnete diesen, er wisse, daß sich unter ihrem Schutze mehrere Räuber aufhielten und verlange diese ausgeliefert zu haben, widrigenfalls er sie selbst zur An- 15 zeige bringen werde. Die Schiuhch suchten dem angedrohten Schicksale dadurch zu entgehen, daß sie sich mit hundert und mehr Piastern von der Anklage loszukaufen versuchten. Harrihdi trieb dies eine geraume Zeit lang und wußte die Regierung stets von Neuem dadurch zu täuschen, daß er Gefangene einbrachte. Endlich aber wurden seine Betrügereien doch zur Anzeige gebracht, sein Firmahn wurde cntkräftigt und Harrihdi mit der Gefangenschaft bedroht. Er flüchtete zu einem Bcduinenstamme, wurde dort aber, weil ein Preis von zweitausend Piastern auf seinen Kopf gesetzt worden war, von seinem Gastfrcunde verrathen und nach Siut gebracht (s. Th. 2 S. 85). Hier gelang es dem Räuber, Patronen zu erhalten, er bestach den Gefangenenwärter, befreite noch ungefähr hundert andere Verbrecher und entfloh mit diesen seinem Gefängnisse, doch nicht ohne mit seiner Bande die Gefängnißwache zu überrumpeln und zu entwaffnen. Glücklicher Weise wurde aber bald Lärm geschlagen und die in Siut liegende Garnison aufgeboten, den Flüchtigen nachzusetzen. Harrihdi war, durch seine lange Gefangenschaft entkräftigt, nicht im Stande, den Verfolgern zu entgehen; er wurde von einem Soldaten eingeholt und ohne Weiteres mit dein Bajonette erstochen. Moafi ist noch jetzt sehr gefürchtet und seinetwegen die Gegend von Dischnc oder Samata sehr verrufen. „IHn ei seit bitaa Lckenäins tkauilrl!" — Allein das Schwert unserer Herrlichkeit (des Vizckönigs) ist lang! — schloß unser Reis seinen Bericht. Am 11. März. Anf unserer heutigen Fahrt ereignete sich, außer daß wir wieder zwei Krokodile sahen, nichts Bemerkenswer- thcs. Abends kamen wir bei Khenneh an. Während des hohen Nilstandes wird ein dicht bei der Stadt vorübcrführender Kanal so mit Wasser angefüllt, daß die Nilschiffc unter den Mauern der Stadt anlegen können. In jetziger Jahreszeit hat man eine Viertelstunde zu gehen, ehe man vom Landungsplätze der Schiffe die Stadt erreicht. Khenneh zählt ungefähr achttausend Einwohner und sechs Moscheen, besitzt einen sehr schlechten Basar und ist der Sitz eines 16 Bei, des StadthalterS der Mudir'ie oder Provinz Khenneh. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner besteht in Anfertigung der Khulahl oder Wasserkühlgefäße, wozu sich in der Nähe passender Thon in großer Quantität findet. Der Lohn der Arbeiter (Fa- cherahni) ist gering und steht mit ihrer Arbeit in gar keinem Verhältniß. Khenneh ist die Einbruchsstation für die Wüstenreise nach Kosse'ir am rothen Meere, eine Straße, welche vorzüglich von den Pilgern bei ihren Wallfahrten nach Mekka benutzt wird. Um auch irdischen Bedürfnissen der heiligen Hadjahdj*) zu genügen, ist Kenneh reich an Kaffehäusern, Branntweinkneipen und Spelunken mit schwarzen, braunen, gelben und weißen Freudenmädchen. Leider sind diese Geschöpfe aber so häßlich oder vielmehr Abscheu erregend, daß sie die Huhris des Paradieses keineswegs zu ver- sinnlichen im Stande sind. Eine andere Persönlichkeit, welche sich dem Fremden noch eher vorstellt als die öffentlichen Mädchen, ist ein nicht über drei Fuß hoher Zwerg. Er hält sich entweder am Landungsplätze oder am Eingänge der Stadt auf., ist überaus flink und rasch in seinen Bewegungen, begleitet den Reisenden bei jedem Schritte, den er thut, bittet um Aufträge, welche er zu besorgen verspricht, ist sehr höflich und verlangt für alles Dieses nur einen Bakhschicsch. Nahe bei der Straße nach Kosse'ir wird schöner Jaspis und Grün st ein oder Serpentin gefunden. Aabahs-Pascha hat in den Jahren 1851 und 1852 eine Telegraphenlinie von Kairo nach Kosserr eingerichtet, deren Signalthürme an der Karawanenstraße stehen. — Merkwürdig ist der Transport der in Khenneh gefertigten Gefäße. Die feinen Khulahl werden in Heu eingepackt, in großen Khafassaht versendet, aus den größeren und festeren aber eigene Flöße gebildet. Man baut diese, indem man in einer seichten Bucht des NiluferS mehrere hundert große Krüge (vorzüglich die festen, aus hartein Thone stark gebrannten Gefäße mit engen Oeff- I Plural von „Hadj," Pilger. 17 nungen, in denen die Fellahhe ihr Wasser auf dem Kopse nach ihrer Behausung trägt) so zusammengesetzt, daß alle Oeffnungen nach Oben gerichtet sind, wodurch eine Unterlage von dicht an einander stehenden, hohlen Gefäßen entsteht, die auf dem Wasser schwimmen. Die einzelnen Krüge sind mit Henkeln versehen, durch welche, um das Ganze zusammenzuhalten, starke Stricke gezogen werden. Auf die erste Lage kommen zwei bis drei andere, welche man ebenfalls durch Stricke mit der unteren Lage verbindet. Dann wird das ganze Floß flott gemacht, von einigen Ruderern bestiegen und dem Strome, welcher es langsam mit sich hinabzieht, übergeben. Es enthält mehrere Hunderte, ja Tausende von einzelnen Krägen, welche nicht billiger transportirt werden könnten. Nur dadurch ist es möglich, daß man in Kairo diese Krüge für einen oder anderthalb Piaster kaufen kann, nachdem sie über sechzig Meilen weit herbeigeschafft worden sind und der ziemlich hohe Zoll schon berechnet ist. In der That sind in ganz Egypten die Töpferwaarcn beispiellos billig; es scheint fast, als ob das Land die wahre Heimath der Töpfer wäre. Eine Menge von Geräthschaften, welche bei uns von Holz, Eisen, Kupfer oder Zinn gefertigt werden, macht der Araber aus Thon oder Nilschlamm. Ich erinnere nur an die Schöpfeimer bei den Süakhl*), an Taubenschläge u. a. m. In der Nähe der Städte finden sich ganze Berge von Topsscherben und Staub; bei Alerandricn sieht man in der Wüste statt kleiner Steine nur Scherben. Wer die Töpfe alle gefertigt haben muß und wie viel hundert Jahre die Scherben schon an ihrem jetzigen Platze liegen, weiß man nicht. Kein Mensch kann aber begreifen, daß selbst in Jahrtausenden so viele Töpfe zerschlagen werden können, als es, nach den Gebirgen von Scherben zu urtheilen, in Egypten der Fall gewesen sein muß. — Eine halbe Stunde stromauf- und ebenso viel landeinwärts liegt am rechten Nilufer der Tempel von Denderah, das am besten erhaltene und, wie sich durch neuere Forschungen herausgestellt hat, jüngste Monument Egyptens. Der Tempel, welcher *) Plural von Sakhre, Schopfrad. m. 2 18 noch sehr erhalten ist, wurde erst um daö Jahr 100 v. Chr. von der Cleopatra und ihrem und Cäsar's Sohne erbaut und der Gottheit Hathor oder der egyptischen Venus geweiht. Der Portikus wird von vier Reihen Säulen getragen, von denen in jeder Reihe drei und drei so zusammenstehen, daß in der Mitte ein breiterer Zwischenraum für den Eingang bleibt. Die vierundzwanzig Säulen des Portikus, deren nördlichste Reihe durch eine niedere Mauer verbunden ist, sind über und über mit Hieroglyphen bedeckt. Jede der Säulen hat sieben Fuß im Durchmesser und ist zweiunddreißig Fuß hoch. An der Decke der Vorhalle sah man einen später nach Paris gebrachten Zodiakus. Der Tempel hat zehn Gemächer, unter denen die von prächtigen, mit Palmenknäufen verzierten Säulen getragene Halle das schönste ist. Die Hallen, welche hinter einander liegen, werden, wie bei allen egyptischen Tempeln, nach innen zu immer kleiner, bis man in einen kleinen Raum gelangt, welcher wahrscheinlich das Allerheiligste des Tempels gewesen ist. Von Außen betrachtet zeigt der Tempel von beiden Seiten und hinten nur glatte Mauern mit einzelnen Löwcnköpsen, welche dazu gedient zu haben scheinen, die Abzugsrinncn für das auf dem Platten Stcindache sich sammelnde Regenwasser zu bekleiden. Allein man weiß, daß es fast nie in Oberegypten regnet, und kommt deshalb bald von seiner Ansicht zurück, ohne sich den eigentlichen Zweck der Ausgußrinnen erklären zu können. Hinter dem Hciligthum der Venus stand ein kleinerer, der Isis geweihter Tempel, welcher aber jetzt größtcnthcilS in Trümmern liegt. Der nebenanstchende größere ist noch besser erhalten. Er war dem Typ hon oder Teufel (bösen Wesen) zugeeignet. Um die Tempelruinen herum liegen die Trümmer eines auf Mauerrestcn, zwischen und neben großen Thoren aus der Pharao- ncnzeit erbaut gewesenen egyptischen Dorfes. Die Umgebung der Tempel ist auf der einen Seite die Wüste, auf der anderen eine weite, mit Riedgras, „Halfa," bedeckte Ebene, welche gegen den Nil hin von einem schönen Tompalmenwalde begrenzt wird. — Nach einer Fahrt mit wenig Wind und viel Libbahn kamen 19 wir am 19. März bei den Ruinen von Theben an. Fünfzehn Schiffe mit Europäern, meist Engländern oder Nordamcrikanern, lagen bei Luksor im Nil. Wir besichtigten die großartigen Monumente nur flüchtig, bloß um sagen zu können, wir haben sie gesehen. Deshalb kann ich auch keine Beschreibung von ihnen geben. Ich müßte Das, was ich sagen wollte, aus anderen Werken entlehnen, und das will ich nicht. Der freundliche Leser muß diesmal mit mir weiter reisen und Luksor und Karnak links, Medinct-Habu, die tönende Memone und die Königsgräber rechts liegen lassen. Wir fuhren an dem Tage unserer Ankunft wieder ab und reisten theils mit, theils ohne Wind, also mit dem Libbahn, weiter. Einzelne Krokodile lagen auf Sandbänken im Nil, Warane oder große, gegen sechs Fuß lange Wassereidechsen trieben wir aus den Gebüschen am Ufer des Stromes, in den Lüften kreisten Störche, in spitzigen Winkelzügcn flogen Kraniche; beide eilten der Hcimath zu. Am 17. März hielten wir kurze Zeit in Esneh. Das Städtchen mag ungefähr sechstausend Einwohner zählen, enthält zwei Moscheen, sowie auch einen altcgyptischen Tempel und war früher der Vcrbannungsort der öffentlichen Mädchen, welche es in Kairo zu bunt trieben. Sie bewohnten hier ein eigenes Viertel, in welchem zuweilen ein gar lustiges Leben herrschte, zumal wenn reiche Engländer, der Eifersucht ihrer Lady's überhoben, sich hier Fan- thasie machten und die berühmte „Nsvliols zu boll" sich vortanzen ließen. Jetzt sind die Mädchen fast alle begnadigt worden und nach Kairo zurückgekehrt. Esneh macht, vom Nil aus gesehen, einen traurigen Eindruck. Die Stadt liegt auf einem kahlen, nur am unteren Ende mit Gärten und Lusthäuscrn gezierten Hügel und zeigt ihre verworrenen, halb verfallenen, liederlich gehaltenen, schmutzigen Häuser- odcr Barackenreihen in nackter Blöße dem Auge. Der Wind blieb heute und den folgenden Tag aus, weshalb wiederum zum Libbahn gegriffen werden muß; wir sind darüber auch nicht ungehalten, weil wir viele Zeit zu einer ergiebigen Jagd verwenden können. 2 * 20 Am 19. März. Am rechten Nilufer sehen wir die Trümmer eines großen Dorfes und steigen aus, um sie zu besichtigen. Einige nannten sie el Kahb, Andere Hellahl, und europäische Gelehrte wissen ganz genau, daß auf der Stelle dieses zweifelhaften el Kahb oder Hellahl unzweifelhaft zu der Pharaonen Zeiten eine Stadt gestanden und den Namen Eilcthya geführt hat. So viel ist gewiß, daß sich hinter diesem Dorfe in dem Nilgebirge Katakomben befinden, welche Darstellungen aus dem häuslichen Leben der alten Egypter und gründliche Anweisungen enthalten, wie sie Vogel fingen, Schifffahrt oder Ackerbau betrieben, Steine behüben oder sonstige Arbeiten verrichteten. Um aber wieder auf el Kahb zu kommen, so fanden wir, daß der Ort einen altegyptischen Tempel enthielt, gänzlich in Trümmern lag und früher von hohen, außerordentlich starken Mauern aus lufttrockenen und gebrannten Ziegelsteinen (bei deren Anfertigung die lieben Kinder Israel wahrscheinlich die bewußten Prügel bekamen) umgeben war. Wir bemerkten, außer dem egyptischen Mauerkäuzchen mit seiner un- heilweissagendcn Stimme und der isabellfarbenen Wüsten! eiche, kein lebendes Wesen weit und breit und folglich für uns auch Wenig von Interesse. Bevor wir noch mit unserer Besichtigung ganz zu Ende waren, meldete ein Bote des edlen Re'rs, daß sich Wind erhoben habe. Deshalb kehrten wir nach unserem Schiffe zurück und fuhren bei schwachem Winde den ganzen Tag hindurch langsam weiter. Gegen Abend kamen wir an Edfu vorüber, ohne auszustei- gen. Zur Zeit des Arsche oder Nachtgebetes wurde bei einem Dorfe Halt gemacht. Bald erhielten wir Besuch von der sehr zahlreichen Hundeeinwohnerschaft desselben, welche nicht übel Lust bezeigte, unsere Barke in Belagerungszustand zu erklären. Einige wohlgezielte Schüsse, welche die Haupträdelsführer niederstreckten, befreiten uns für die Nacht von dieser ungebetenen Gesellschaft. Am 20. März. „Siebenunddreißig Grad Neaumur in der Sonne und fünfundzwanzig Grad in der Kajüte! Was soll daraus noch werden? Es ist zum Ersticken, man kann es wahrhaftig nicht aushalten u. s. w." So ungefähr klagen 21 meine Gefährten am heutigen Tage, wo kein Lüftchen weht. Ich versuche sie durch die Versicherung zu trösten, daß wir noch andert- halbmal so viel Wärme bekommen werden, muß aber mit Bedauern sehen, daß mein Trostgrund als solcher nicht anerkannt wird. Die Barke wird langsam weiter gezogen; selbst den Matrosen scheint der 20. März zu heiß zu sein. Die Gänse und Störche beeilen sich, nach dem kühleren Deutschland zu wandern; wir sehen sie in Zügen von mehreren Tausend Individuen an uns vorüberziehen. Der Djcbcl el Selseli ist in weiter Ferne in Sicht. TagS darauf geht eS mit schwachem Winde weiter; allmählig wird er stärker und artet plötzlich in einen so heftigen Sturm aus, daß er unser Schiff, ehe noch die Segel geborgen werden, mit Macht auf eine Sandbank schleudert. Alle Anstrengungen der Matrosen, die Dahab« wieder flott zu machen, sind vergeblich. Aali-Arha läßt sich von einem der Matrosen auf's feste Land tragen und sängt unter fürchterlichem Fluchen ungefähr zwanzig Fcllahhihn ein. Sie entkleiden sich und stemmen ihre Schultern an beide Seitcnwände des Schiffes. Seufzer, Gestöhn, unartikulirte Töne und zuletzt eine Art von verzweifeltem Gesänge regeln ihre gemeinsamen Anstrengungen. Die Dahab« schwimmt endlich wieder in gutem Fahrwasser. „^IIsk inasllum!" (Gott sei mit Euch!) rufen die Matrosen als einzigen Dank den Helfern zu. Die Barke fliegt jetzt den Strom hinan. Brausend brechen sich die Wogen am Bug des Schiffes, kein Segel ist geöffnet, zwei Mann regieren das Steuer und so geht cö schneller, als jedes Dampfschiff, den Wogen des Nils entgegen. Solche Scenen kommen während einer Nilfahrt sehr oft vor, sind aber keineswegs so gefährlich, wie ängstliche Reisende wissen wollen. Die Araber behaupten: „Wer den Nil kennt, dessen Freund ist er auch," und baden nicht Unrecht. Man muß die scheinbare Nachlässigkeit des Egyptcrs erst wirklich kennen gelernt haben, ehe man ihn geradezu als den schlechtesten Schiffer verdammen will. Wer, wie ich, sämmtliche Katarakten des Nil überschifft hat, der weiß recht gut, daß es unter den Arabern so muthige 22 und tüchtige Schiffsleute giebt, als unter den Europäern auch. Gewiß sind die Europäer die besten Seeleute, welche eristiren; aber ob sie den Gefahren des innerhalb der Katarakten äußerst heftigen Nil besser zu begegnen wissen, als die wüthigen Nubier, das fragt sich noch sehr. In Egypten gibt es auf einem guten Schiffe aus dem Nil gar keine Gefahren. Am 28. März. Der gestrige Sturm hatte sich heute in den besten Segelwind verwandelt. Gegen neun Uhr Vormittags passiven wir die Stromcngc zwischen den Bergen der Djebahl el Selseli und landen gegen elf Uhr bei Kohm-OmboS, um den schönen Doppeltempel dieses Namens zu besichtigen. Auf einer Sandbank, mitten im Nil, lag ein ungeheures Krokodil, wahrscheinlich dasselbe, welches ich schon am 16. Oktober 1847 liegen sah. Nach kurzem Aufenthalte gehen wir wieder unter Segel. Einer der Matrosen, Mahammed, und zwar ein Scherief, fällt in den Nil, während die Dahabre im schnellsten Zuge den Strom hinaufbraust. Der Scherief war kein fertiger Schwimmer und Alle fürchteten für sein Leben. Im Nu war er mehrere hundert Fuß von uns entfernt und kämpfte verzweifelnd mit den Wellen, ohne sich einem der Ufer nähern zu können. Ein tüchtiger Schwimmer warf, um ihn zu retten, die Rhiskahle in's Wasser, sprang selbst in den Strom und ruderte eilig auf den Ertrinkenden zu. Er kam mit seinem Rettungsboote auch wirklich noch zur rechten Zeit an und brachte den vollkommen kraftlosen Mahammed mit Hülfe desselben glücklich an's Land, wohin sich auch unser Schiff gewendet hatte. Der Wind bleibt uns so günstig, daß wir schon Nachmittags fünf Uhr, nachdem wir seit diesem Morgen ungefähr acht deutsche Meilen zurückgelegt haben, bei der Insel Elephant ine ankommen. Dort nehmen wir einen Lootsen ein und umfahren mit dessen Hülfe die linke Seite der Insel, wobei wir uns mit äußerster Vorsicht zwischen den Felsmassen des beginnenden Katarakts hindurch- windcn. Mit Sonnenuntergang landen wir unter dem Donner der kleinen Kanonen bei Assuan. — An den Felsen am oberen Ende der Insel Elephantine waren jetzt die riesigen Hicroglyphenbilder sichtbar, welche der hohe Nil mir bei meinen früheren Besuchen Assuan's verdeckt hatte. Jahrtausende hindurch waren die Wogen des Nil rastlos bemüht, sie zu vernichten, immer umsonst; es scheint, als ob sie erst vor wenig Jahren in die festen Porphyrinasscn cingegrabcn worden wären. Nachdem unsere Effekten ausgeladen worden waren, wir die Dahabie verlassen und ein Zelt im Palmcnwalde bezogen hatten, erschienen am Morgen des 25. März einige Araber mit sechzehn Kamelen, um unser Gepäck nach dem uns schon bekannten Dorfe Schellahl zu bringen, wo unser Khawahs zwei kleinere Barken, sogenannte Kheahse zur Weiterbeförderung gemiethet hatte. Diese Barken sind ohne Kajüte und werden deshalb zur Bequemlichkeit der Reisenden mit großen, aus Palmenblättcrn geflochtenen Matten überdeckt. Gegen Abend ritten wir aus Eseln auf der schon beschriebenen Straße nach und kamen nach anderthalb Stunden im Dorfe Schellahl an. Die Umgebung des Dorfes ist, wie jeder Punkt des Katarakts, romantisch schön. Am Landungsplätze unserer Barken ist der Nil von ausdrucksvollen Fclscmnasscn so umgeben, daß er eher einem See, als einem Strome gleicht. Die Strömung des Wassers ist auf dem uns gegenüber liegenden Ufer und uns völlig unmerkbar, hier liegt er in Spicgclglätte vor uns. Wir übernachten im Freien, im herrlichsten Mondcnschcine. Die Nacht ist so hell, daß meine Gefährten ihr Tagebuch beim Lichte des Mondes schreiben. Nur dann und wann bringt ein schwacher Nordwcst das Tosen dcS Katarakts zu uns. Unsere Leute sitzen in den verschiedenartigsten Gruppirungcn am Strande, um die Kisten herum und rauchen ihre Tschibuhkaht. Aali-Arha singt türkische Kriegs- und Minnelicdcr mit den schönen, gefühlvollen Melodiken. Außer unseren beiden Hunden hält Niemand die Wache; in dem friedlichen nubischcn Dorfe ist sie unnöthig. Am 26. März. Große, äußerst fatale Wäsche. Fatal für uns, denn wir müssen die getrocknete Wäsche selbst zusammenlegen, die einzelnen Strümpfe zu Paaren treiben, Alles selbst einpacken u. s. w., und das ist doch gewiß keine angenehme Beschäftigung für junge Männer. Wegen der Wäsche denken wir nun auch au 24 Diejenigen, welche die heutige, lästige Arbeit im Vaterlands uns abnehmen, an die Frauen; unter den Frauen verstehen wir jungen Leute nun zufälliger, aber höchst natürlicher Weise die jüngeren, und so kommen unsere Gedanken von der Wäsche hinweg direkt zu den deutschen Mädchen. Diese steigen Plötzlich noch einmal so hoch in unserer Achtung, wenn auch nicht allein wegen der Wäsche. Aber der Schluß aller Gedanken ist und bleibt immer der: Es wäre doch recht schön, wenn einige deutsche Mädchen uns auf unseren Reisen begleiten könnten, um sich dann und wann mit uns recht gemüthlich zu unterhalten und dann und wann — die Wäsche zuzurichten! Die Engländer scheinen das recht begriffen zu haben, wenigstens führen sie auf ihren Nilreisen stets eine Menge von Bedienten mit sich, welche ihnen derartige Arbeiten abnehmen. Gewöhnlich befindet sich auch ein Frauenzimmer mit auf der speciell für sie eingerichteten, prachtvollen und äußerst komfortablen Daha- b'r'e, — da läßt es sich freilich leicht reisen, denn man weiß da gar nicht, ob man zu Hause oder ob man auf Reisen ist. Wir aber empfinden das Letztere wohl, doch trösten wir uns mit dem Berge ebnenden „Ualllosvll" — es thut Nichts — der Araber. Nachmittags vertheilen wir das Gepäck in unsere beiden Khea- saht, von denen die eine von dem vr. Vierthaler und Aali- Arha, die andere, größere von meinem Bruder, meiner Wenigkeit, dem deutschen Bedienten August, dem Koch und dem Nubicr Matz a innre d bezogen wird. Nach dem Aassr fahren wir ab und legen mit Sonnenuntergang bei den Ruinen von Philä an. Am anderen Morgen besuchen wir diese und fahren gegen neun Uhr Vormittags ab. Der Wind wird uns so günstig, daß wir schon zum Morhreb unter Gewchrsalven den Wendekreis passircn können. Bei dem köstlichen Mondscheine fährt man die ganze Nacht hindurch, ohne in Gefahr zu sein, an einem der felsigen Ufer anzustoßen und das Schiff zu zertrümmern. Nur am Morgen machten die beiden Reisihn nach glücklich durchwachter Nacht ihre Manöver so schlecht, daß ihre Schiffe zusammenfuhren und uns das Strohzelt über dem Kopfe zerschlagen wurde, wodurch wir unangenehm aus dem Schlafe geweckt wurden. 25 Am 28. März. Die Hitze stieg heute wieder bis auf siebcn- undzwanzig " Rcaumur im freien Schatten und erschwerte die Arbeit des Treidelns. Nachmittags fuhren wir langsam mit Libbahn bis zum Dorfe Dj cb el - Heiati, in der Nähe des alten Tempels von Take. Später erhob sich noch etwas Wind, mit welchem wir bis zu dem Bahb el ahkhi, einer felsigen und gefährlichen Stelle des Stromes, gelangten. Wir haben bis heute schon den vierten Theil nach Wadi-Halfa zurückgelegt. Am anderen Morgen treibe ich, sobald der Tag graut, zur Abfahrt. Mit schwachem Winde geht es langsam weiter. Vor uns liegt der Djcbel Maharaka, ihm gegenüber, am linken Ufer der sehr zertrümmerte Tempel MoLbahd. Felsen oder die Wüste engen den Strom ein und lassen zu beiden Seiten kaum einen schwachen Streifen Culturlandcs frei. Die armen Nubicr haben daS geringste Fleckchen Landes bebaut und besäet; trotz ihrer geringen Anzahl ist der Boden nicht ergiebig oder nicht ausgebreitet genug, um sie zu ernähren, sie müssen von Egypten und aus der Gegend von Wadi-Halfa Getreide und Datteln zuführen. Die bitterste Armuth herrscht überall und der Reisende verzeiht deshalb der schwarzbraunen Jugend ihr dringendes Verlangen um Bakh- schiesch. Wir sind jetzt im Wadi el Aarab, einer der von den Berbern willkürlich gemachten Eintheilung der Nilufer, wahrscheinlich so genannt, weil früher ein Arabcrstamm dort seinen Wohnsitz aufschlug und sich über eine gewisse Gegend verbreitete. Abends im Mondcnscheine großes Conzcrt von dem versammelten Schiffsvolke beider Barken, wobei Aali-Arha thätig mitwirkt. Am 30. März. Der Wind fehlt uns den ganzen Tag; die Barken werden langsam weiter gezogen, wir jagen nebenher. Um Mittag ist man bis zu dem Dorfe el Subura vorgerückt; es liegt einem altcgyptischen Tempel gleiches Namens — wenigstens im Munde der Eingeborenen — gegenüber. Abends legt man bei dem Dorfe Aabd el Kcrihm an, um dort zu übernachten. Das Thermometer stand heute Morgen auf-f-11" nach Reau- mur, wobei uns tüchtig fror; eine Stunde nach Sonnenaufgang hatten wir bereits neunzehn und Mittags dreißig Grad im freien 26 Schatten. Eine Stunde nach Sonnenuntergang zeigte es noch dreiundzwanzig Grade. Diese Temperatur war für uns äußerst angenehm. Am Ostersonntage, den 31. März. Mit recht günstigem Winde kommen wir bis Korosko. Wir kennen den armseligen Ort bereits aus dem ersten Theile dieser Blätter (S. 65). Zur Feier des Festes zogen wir auf beiden Barken unsere größten Flaggen auf. Aali-Arha begrüßte sie mit freudigen Pistolenschüssen, weil der Türke sich nie recht freuen kann, ohne dabei zu schießen. Unser Khawahs freute sich heute weniger wegen des Festes, sondern mehr in Voraussicht der Mcriesa, welche ich den Leuten versprochen hatte. Wir lagen am Ufer unter Palmen auf Teppichen und rauchten unsere Tschibuhkaht. Rings um uns her standen blühende Mimosen, deren balsamische Gerüche bis zu uns gelangten. Es war der Weihrauch, welchen die hochheilige Natur am heutigen Tage verstreute. Die Araber hatten Mcriesa erhalten und machten Fanthaste. Sie wurden bald lustig und führten ihre, denen der Kordofahnesen ganz ähnlichen Nationaltänze auf. Unter Absingung eines ihrer Lieder mit den eintönigen Melodiken, welches sie mit Händeklatschen und Stampfen mit den Füßen begleiten, tritt Einer in den von sämmtlichen Thcilnehmern gebildeten Kreis und beginnt, einen Stock in den Händen haltend, den Tanz, in welchem er durch allerlei Bewegungen und Gcberdcn seine Wünsche auszudrücken versucht. Oft nimmt auch noch ein Anderer in der Rolle eines Mädchens am Tanze Theil. Dann bekommt freilich nicht selten der Natursohn die Oberhand und stellt Dinge dar, welche die Handlungen der berüchtigten pariser Tänze noch weit hinter sich zurücklassen. Die Gesänge der Nubicr, meist arabischen Ursprungs, sind oft wunderschön, d. h. von wirklich dichterischem Werthe. Die Poesie ist bei den Arabern in's Leben übergegangen. Ihr Talent zu Dichtungen aus dem Stegreife ist außerordentlich. Ich habe oft Zwei gesehen, welche sich halbe Stunden lang in Versen unterhielten, wie ja die Märchenerzähler auch stets nur in Versen sprechen. — 27 In Korosko lagen sehr viele Kamele, welche von Abu-Ham- med angekommen waren. Wir schmeichelten uns, dieselben, weil sie ohne Ladung nach Abu-Hammed zurückkehren mußten, billiger miethen zu können, als es sonst der Fall ist, und wären dann durch die große nubische Wüste gezogen. Der Schech cl Dje- mahli belehrte uns jedoch eines Anderen und stellte uns so hohe Preise, daß wir von unserem Vorhaben abstanden und die Route über Wadi-Haifa wählten. Glücklicher waren wir in unseren Bemühungen, die liebe schwarzbraune Jugend zum Käferfangen aufzumuntern — ein Mittel, welches ich, beiläufig bemerkt, jedem Sammler anrathe —; denn diese brachten uns für wenige Para so große Massen von Käfern, daß wir zuletzt ihrem Eifer selbst Einhalt thun mußten. — Mit oder ohne Wind setzten wir am folgenden Tage unsere Reise fort und erreichten am 5. April Wadi-Haifa. Ich erlegte mit der Büchse ein kleines Krokodil und schoß ein großes an, ohne es zu tödtcn. Tagtäglich beschäftigten wir uns mit der Jagd und erbeuteten oft seltene Vogel. Nebenbei wurde auch der Käser- fang eifrig betrieben oder mein Bruder sammelte Pflanzen ein. In Wadi-Haifa war die ganze Jugend auf die Beine gebracht worden, um die merkwürdigen Gelüste der „Frcndji" zu befriedigen; ein großer Theil von den müsstgen Männern und Knaben begleitete die Jäger, um sie mit den lebhaftesten Ausrufen der Bewunderung zur größten Enttäuschung auf die häufig vorhandenen cgyptischcn Turtcltäubchcn aufmerksam zu machen oder ihnen sonst bei der Jagd behülflich zu sein. Von Wadi-Halfa aus wollten wir mit Kamelen weiter reisen. Der Schech el Djemahli verlangte bis Ncudongola oder Dongola el Urdi fünfunddrcißig Piaster oder zwei Thaler zehn Neugroschen für das Kamel. Dies ist der gewöhnliche Preis, welchen die Regierung zu zahlen Pflegt; Kaufleute oder Reisende, welche nicht mit einem Firmahn versehen sind, müssen gewöhnlich das Doppelte erlegen. Die Wegstrecke beträgt zwciundzwanzig Mah- haddaht oder fünfunddrcißig biö vierzig Meilen. Weil der Weg sehr schlecht und uneben ist, braucht man zu der Reise zehn bis 28 zwölf Tage. Gewöhnlich wählt man das linke Ufer des Stromes, obgleich man auf der anderen Seite einen Bogen abschneiden und einen bis zwei Tage eher ankommen kann. Der Weg ist aber hier noch schlechter, als am linken Ufer. Wir fuhren daher an dieses hinüber und lagerten uns mit unserem Gepäcke in einer halbverfallenen Schuhne oder Schohne, einem jener Gebäude, in welchem die Getreide- und Spreuvorräthe aufgehäuft lagen, womit man die aus dem Sudahn nach Egyptcn ziehenden Rinderheerden fütterte und welche zugleich als große, mehrere Hundert Stücke Rindvieh fassende Ställe benutzt wurden. Das Dorf Wadi-Haifa lag uns gegenüber und nahm sich sehr gut aus. Nur hier und da blickte eins der Häuser durch das dunkle Grün des Dattelpalmenwaldcs, der sich über zwei Stunden lang am Ufer des Stromes dahinzieht und die weite, fruchtbare, leider nur wenig bewässerte und bebaute Fläche auf der einen Seite begrenzt. Von der anderen Seite wird die Ebene von Bergen umschlossen, deren zackige Gipfel über den Palmcnwald emporragen. Einer der Matrosen hatte sich die ganze Reise hindurch von unserem Schiffszwicbacke genährt, obgleich es streng verboten war, diesen uns in der Wüste so außerordentlich nöthigen Artikel anzugreifen. Der junge Mann erhielt seine wohlverdiente Strafe von Aali-Arha mit der Peitsche zuertheilt, obgleich sich der Reis für ihn verwendete, indem er sagte, der „Knabe" thue ihm nicht leid, der seine Strafe verdient habe, nur bcdaurc er, daß einer von seinen Schiffslcuten gestohlen habe, und jeder Peitschenhieb, den der Schuldige empfange, sei ihm ein Dolchstich in's Herz, weil er ihm stets von Neuem seine Schande in's Gedächtniß bringe. Er sei stets ein ehrlicher Mann gewesen und deshalb möge ich doch ja den Befehl geben, mit der Bastonade einzuhalten; denn es berühre ihn zu schmerzlich, daß einer seiner Leute schuldig sei. Die Heuchelei unseres Rci's that jedoch nicht die gewünschte Wirkung; der Dieb wurde empfindlich gestraft. Während unseres Aufenthaltes sahen wir öfters große Geier in der blauen Luft ihre Kreise ziehen. Wir beschlossen, sie anzulocken, kauften einen dem Tode stündlich entgegensehenden Esel, 29 vergifteten ihn und warfen ihn als Köder in die Nähe eines der Hintergebäude unserer jetzigen Wohnung. Die Geier erschienen nicht, anstatt ihrer aber jede Nacht Hyänen. Wir machten zuletzt förmlich Jagd auf sie und gingen allabendlich auf den Anstand. Doch waren die Nächte so dunkel, daß wir nie einen sicheren Schuß thun konnten. Wir fanden am Morgen einige Male Blutspuren, die wir über eine Stunde weit in die Wüste hinein verfolgen konnten, ohne jemals eine verendete Hyäne aufzufinden. Diese Thiere haben ein sehr zähes Leben und sind deshalb schwer todtzuschießen. In hiesiger Gegend sind sie ganz ungefährlich. Bei Gelegenheit dieser Jagden gab mir einer meiner Diener Aali, mit dem Spitznamen Mukle*'), Folgendes zum Besten: ,,Hicr," sagte er, ,,ist weiter keine Gefahr damit verbunden, wenn man eine Tabaä (ü^sona Krisis) schießt; etwas Anderes ist es aber im Sudahn, und zwar hauptsächlich im Sennahr und Fassokl, mit den großen Marafihl (Lesens oroeuts), welche als verwandelte Menschen herumgehen, große Zauberer sind und dem sie Angreifenden oft gefährlich werden können. Solche Hexenmeister können durch den bloßen Blick ihres „bösen Auges vl li 388 iä) das Blut in den Adern ihres Feindes zum Stocken, das Herz zum Stillstehen bringen, die Eingeweide austrocknen und den Verstand verwirren. Obgleich Churschid-Pascha (Gott segne ihn dafür!) viele der Dörfer verbrennen ließ, in denen sich solche Zauberer befanden, ist doch ihre Anzahl noch immer groß genug, und „au8 dillalli min el 8ol»oitalln ei rsckjillm!" (Gott sei über dem aus seinen Himmeln herabgestürzten Teufel!) mir schaudert die Haut, wenn ich an sie denke, die Allah einst in den tiefsten Pfuhl der Djehennem (Hölle) schleudern wird. Churschid-Pascha starb eines frühen Todes, denn er verfuhr hart gegen alle Zauberer, und wahrlich, nur das Aöin el hassid hat ihn unter die Erde gebracht. So machte er einstmals mit zwei- bis dreihundert Soldaten Jagd auf Nilpferde und schoß, obwohl ihn ein weiser *) Mulle soll in der Berbersprache einen närrischen Kauz oder spaßhaften Kerl bedeuten, und das war Mulle allerdings. 30 Schcch wohlmeinend warnte, es nicht zu thun, auf die Djama- mihs el bahhr, wenn auch der Schech wiederholt sagte, es seien keine wirklichen Aeösinaht*), sondern lauter verwandelte Menschen, welche des Nachts in ihren Wohnungen schliefen und bei Tage die Gestalt eines Acesint annähmen. Der Pascha achtete seiner nicht, und wie bald hat ihn der giftige Blick eines Sahahr — Zauberers — gelobtet! Friede sei über ihm und Gott sei seiner Seele gnädig! Er ist dahingestorben an einer Krankheit; den fränkischen Aerzten hat er sich anvertraut und diese konnten ihm keine heilsame Arznei geben. Er war verzaubert, nur ein anderer Zauberer oder ein weiser, frommer Schech hätte ihm helfen können. O Herr, auch ich war einst in großer Gefahr! Allein subbmlnro wir trmlo *'*)" hat mein Herz gutem Rathe geöffnet, meine Ohren waren bereit, die Stimme des Warncrs zu meinem Herzen zu führen. Mein Bruder und ich wollten auf Hyänen Jagd machen, welche sich gar heftig auf einem todten Kamele stritten, wurden aber noch zur rechten Zeit — ei dumäi lillulii — davon abgehalten. Der Sohn des Schcch machte uns auf ihre Stimmen aufmerksam. „Hört ihr," sagte er, „ist das die Stimme des Mara- fihl? Bei Allah und seinem großen Propheten — ^rllsL musel- lem sellem ssle'ilru! — das sind Sahahl h r ***)!" Meine Glieder zitterten vor Schrecken, meine Zunge ward dürr, meine Augen dunkelten, ich schlich mich unter Zagen hinweg und suchte mein Lager. Die ganze Nacht hindurch hörte ich das Heulen der Ma- rafihl; es war, als wenn sich die Diener des Teufels — Gott schütze uns vor ihm! — gestritten hätten. Ja, Herr, das waren keine Hyänen, das waren wirkliche Zauberer, das waren die Söhne der Verfluchten! Was meine Augen sahen, was meine Ohren hörten, das läugnet mein Herz nicht." „Doch, Du zweifelst noch an meinen Worten, Herr? Du glaubst nicht, was ich sage? Ihr Franken seid einmal Ungläu- *) DjaINuhs, Plural DjamaINihs, e l bahhr ist der eine, AeL - sint, Plnr. Aeösinaht, der andere arabische Name des Nilpferdes. **) Gott, der Bewunderte und Gepriesene! ***) Plural von Sahahr. 31 bige, was soll ich Dir sagen! Glaubst Du denn gar nicht an derartige Dinge?" „Nein!" Mukle lachte hellauf. Er betheuerte das, was er gesagt hatte, mit kräftigen Schwüren. Ich glaubte noch immer nicht. „So wisse denn, Herr — meine Rede ist bei Gott wahr — daß im Sudahn noch ganz andere Zaubereien verübt werden. Ich muß mein Hei- mathsland *) doch besser kennen, als Du! Mein Vater und mein Großvater wissen doch mehr, als Du von Dingen wissen kannst, welche in einem Lande vorkommen, welches Du gar noch nicht kennst. Und Du sagst, daß es in Deinem Lande keine Zauberer gebe! Habe ich nickt hier mit diesen meinen beiden Augen den Sahahr Bosko in Alerandrien vor der Effcndina Maham- med-Aali — Gottes Gnade sei über ihm! — seine Tcufelswerke ausführen sehen, gegen welche die unserer Schlangenbeschwörer nur Schaum sind? War nicht ein indischer Zauberer in der Massr el khahira, welcher den Bauch eines Thonkrugcs austrocknete, ohne ihn anzurühren; warum sollte cS im Sudahn nicht Zauberer geben, welche den Leib des Menschen ebenso austrocknen könnten! Ich will Dir andere Geschichten erzählen: „Im Sudahn, und zwar in der Nähe der Stadt Scnnahr, leben Weiber, welche so die Zauberei verstehen, daß sie einen Mann, der sie nur einmal liebkoste, durch Zauberei verhindern, andere Weiber zu besuchen. Er darf ohne ihren Willen nicht einmal seinen ehelichen Pflichten genügen. Ich kenne einen jungen Mann, einen Jbn el Harahmi**), welcher durch ihre Zaubereien lange Zeit wie ein Verschnittener beschaffen war, ohne daß ein Messer ihn berührt hatte. Nur durch viele Bitten schenkte ihm die Satz ah re seine Mannbarkeit wieder; allein nie hat er, so lange sie lebte, eine andere Frau lieben dürfen. Er war Sclave ihres Willens und Niemand hat den Zauber lösen können." *) Mukle stammte aus Woled-Medine am blauen Flusse. **) Jbn el Harahmi, der Sohn des Verfluchten oder Gottlosen, bedeutet auch einen ausschweifenden Menschen und wird manchmal gebraucht, um einen „lustigen Bruder" zu bezeichnen. 32 „Und wahrhaftig, nicht immer sind diese Zaubermittel so unheilbringend, denn es gibt andere, in Gestalt kleiner Wurzeln, welche ein Ehemann vor seiner Abreise in den Sand vor seiner Thürschwelle gräbt, um sicher zu sein, seine Frau ebenso keusch, rein und treu zu finden, als er sie verlassen hat, weil das Zau- bermittcl jedem Unberufenen den Eingang wehrt. Es gibt auch wieder andere, welche man anwendet, um die Liebe einer Frau zu gewinnen. Man steckt die unscheinbare Wurzel unter die Takh'i'e oder den Tarbuhsch und besucht das Mädchen, von welchem man geliebt zu werden wünscht. Das wirkt besser als jeder Liebestrank die Wurzel entzündet die heftigste, brennendste Liebe in dem Busen des geliebten Weibes oder bekräftigt und stärkt sie." „Solche Zaubermittcl muß man sich von nackten Sahahihr lösen, entweder für Geld oder Geldeswerth. Man findet sie an wüsten Orten; allein es ist dem Frommen nicht zuträglich, sie aufzusuchen, denn sie sind verflucht und sind die Söhne der Verfluchten. Ihnen wird nie das Glück blühen, Vaterfreudcn zu genießen, und besäßen sie auch einen Harehm, gleich dem des Sultahn; sie werden das Paradies nie zu sehen bekommen, sondern in der tiefsten Nacht der Hölle wimmern." Ich war thatsächlich überführt und glaubte zu Muklcs großer Befriedigung Alles, ja, ich zeichnete es sogar im Tagebuche auf. Mukle hat mir versprochen, eine Wurzel mit den Eigenschaften zu bringen, welche, Liebe entzündend, Liebe gewähren sollte, — hat aber späterhin leider nicht Wort gehalten und mich so des überaus großen Vortheils beraubt, die Schönen im Vaterlande mit ihnen ganz neuen und, was die Hauptsache ist, unwiderstehlichen Waffen zu bekämpfen. Der Glaube an derartigen Unsinn ist sehr weit verbreitet und fest eingewurzelt. Es versteht sich von selbst, daß nur Dinge auf die Schultern der Sahahihr gewälzt werden, welche wir in der Befangenheit unseres Geistes und in unserer Herzenseinfalt für Zufälligkeiten ansehen. Allein der Sudahnese schreibt alle üblen Vor- g Die Araber glauben fest an die Wirksamkeit solcher HauSmittelchen. 33 fälle der Wirksamkeit der Zauberer zu und diese steigen so immer mehr durch Furcht — im Ansehen. Doch ist der Schimpfname Sahahr dem frommen Muselmann ein Gräucl und eine Beleidigung, wegen der er den Beleidiger beim Khadi verklagt. — Am 10. April. Es kommen zwei Dahab'ien an; auf der einen befinden sich levantinische Kaufleute, welche nach dem Sudahn gehen, um dort ihre Manufakturwaaren gegen Senahblätter und arabisches Gummi zu verkaufen. Der Hauptbesitzer, el Chawahdje Hanna Sabuaä, ist ein dicker, die nubische Sonne rücksichtslos verdammender Mann, welcher einen Bedienten aus Aleppo bei sich führt; er ist ebenfalls aus Syrien gebürtig und in Begleitung eines schmächtigen, heuchlerischen und kriechenden Levantiners, der, wie ich höre, von seiner Gnade lebt und Aabd el Fettah genannt wird. Sie wollen sich uns anschließen. Auf der anderen Barke haben sich sechs bis acht nubische Kaufleute zusammengcni- stet; sie führen hauptsächlich Kurzwaarcn und sind Djellalihb, d. h. Sklavenhändler, wenigstens dienen ihnen die Sklaven als Nebenfracht beim Gummi und der Scnnah. Der Schech el Djemahli schickt zu mir und läßt mich bitten, bald abzureisen oder wenigstens mein Gepäck vorauszuschicken, weil er sonst nicht im Stande wäre, mehreren nachkommenden Reisenden Kamele zu verschaffen. Es ist mir unangenehm, weil mein Bruder unwohl ist und nicht gut weiter kann. Aali-Arha erhält den Befehl, Alles zur Abreise vorzurichten und die Karawane zu begleiten. Am 13. April. Die griechischen Kaufleute verlassen in Gesellschaft meines deutschen Bedienten Tischendorf und Aali-Arha's heute den Lagerplatz und ziehen mit dem Gepäck Neu-Dongola zu; wir bleiben mit zwei nubischcn Bedienten noch zurück. Abends kommt eine kleine Karawane von Oben herab. Sie hat den uns bevorstehenden Weg nach Neu-Dongola in elf Tagen zurückgelegt. Der Inhaber der Karawane ist ein türkischer Kaufmann und früherer Soldat und heißt Mal)ammed-Arha. Er hat eine seiner Frauen bei sich und diese ist krank. Vergnügt kommt er zu unserem Doctor und bittet sich Arznei für sie aus. Der Doctor will zuerst die Frau sehen, was der Türke im Anfange gar nicht, später m. 3 34 nur dann erlaubm will, wenn sie bereits Arznei zu sich genommen habe. Jeder der Beiden behauptet, der Wunsch des Einen gehe nicht ohne vorherige Erfüllung des Wunsches des Anderen; Keiner gibt nach; die Frau bleibt krank und der Türke schleicht mit dem Stoßseufzer: .4Ilsk livrilim! seinem Zelte zu. Jeden Tag werden wir jetzt von dem heftigen Chamasthn gepeinigt; er wirbelt Wolken von Staub auf und jagt sie durch die lustigen Hallen unserer Wohnung, bezüglich durch die früheren Rinderställe. Wir lassen das Zelt aufschlagen, der Wind wirft es in der Nacht um und über uns. Um nun wenigstens ruhig zu schlafen, legen wir uns im Schutze einer Mauer nieder und errichten dort eine Art von Bcduincnzclt. Am 18. April. Mein Bruder fühlte sich stark genug, um weiter reisen zu können. Gestern waren Kamele angekommen, aus denen ich drei gute Hedjinihn und unter diesen wieder das beste aussuchte, um es für meinen Bruder zu satteln. Der Doktor vertauschte, trotz meines Abrathens, ein großes, schönes Reitkamel mit einem weit kleineren, um nicht allzu hoch herabzufallen. Ich sattelte alle Kamele eigenhändig, weil es ganz unmöglich ist, selbst auf einem guten, aber schlecht gesattelten Kamele zu reiten, und die Art und Weise, den Sattel auszupolstern, keineswegs gleichgültig ist. Gegen neun Uhr Vormittags verließen wir Wadi-Halfa und ritten in leichtem Trabe dem großen Katarakt zu. Um Mittag lagerten wir in der Nähe von Abke unter Palmen und hielten unser höchst einfaches Mittagsmahl. Ein Nubicr in unseren Diensten, welcher einstweilen die Stelle eines Kochs vertrat, Jdrieß, ging auf eine kleine Insel und prügelte dort, ohne Ursache, seine armen, harmlosen Landsleute. Diese beklagten sich bei mir und wurden durch die Versicherung getröstet, daß dem Burschen die nöthige Strafe zuertheilt werden würde. Er erhielt diese auch von mir mit der Nilpcitsche zugemessen, weil das Maaß seiner Sünden längst übergelaufen und er einer von Denen war, welche nur durch die Peitsche im Zaume gehalten werden können. Obgleich er heute 35 hinreichend bestraft worden war, wirkte dies doch, wie wir bald sehen werden, nur auf wenige Tage. Um vier Uhr Nachmittags reiten wir, mein Bruder und ich, den beiden anderen Kamelen voraus und erreichen zum Nische den Nil wieder, wo wir uns lagern und ein weit leuchtendes Feuer anzünden. Erst nach Verlauf von mehr als einer Stunde erscheint das Lastkamel mit unserem Doktor, weil dessen schwächliches Thier unterwegs gestürzt ist und jetzt leer geführt werden muß. Tags darauf kommen wir Mittags bei Semne an und besichtigen den kleinen verfallenen Tempel. Mit Sonnenuntergang setzen wir die Reise fort und reiten bei Hellem Mondenscheine in der Kühle des Abends weit angenehmer, als in der glühenden Hitze des Tages. Unsere Kamele werden zuletzt so müde, daß sie sich bei einer großen, ruhenden Karawane mit Gewalt niederlegen und nur mit aller Anstrengung weiter getrieben werden können. Gegen elf Ubr Abends wird gelagert. Der ganze Weg von heute war sehr beschwerlich, er führt bergauf und bergab durch die Gebirgsmassen und Sandfelder des Battn el Hadjar. Am 10. April. Die Hitze ist zwischen den schwarzen, glühenden Fclscnmassen so drückend, daß wir Nachtmärsche machen müssen, weil es die Kamele bei Tage nicht aushalten, große Strecken beladen zu durchwandern. Vormittags reiten wir heute nur wenige Stunden. Mit Sonnenuntergang Allah-Muhle (Gottesweihe), zwei Stunden später Akahsche. Noch leuchten am anderen Morgen die hellen Sterne am Himmelsdome, als wir aufbrechen und durch steinige und beschwerliche Wegstrecken die Reise fortsetzen. Hohe Berge, von wahrscheinlich mehr als tausend Fuß Höhe, ziehen sich am anderen Ufer in der Nähe der uns bereits'bekannten heißen Quelle von Okme in großen Bogen hin. Ihre zackigen Gipfel zeichnen sich scharf gegen den schon lichten östlichen Himmel ab. Nach wenig Minuten strahlen sie im prachtvollsten Purpurglanze, der mehr und mehr in's Goldige übergehend, die Ankunft der Königin des Tages kündete. Die Zeit der Dämmerung verläuft in den südlichen Breiten so 36 schnell, daß eigentlich von einer Dämmerung gar nicht die Rede sein kann. In wenigen Minuten geht die Dunkelheit der Nacht in die Helle des Tages über. Allein diese wenigen Minuten vereinen auch alle die Pracht des Morgens in unserem Vaterlandc, und weil das herrliche Schauspiel sich so schnell entfaltet, gewinnt es (wenn etwas so hoch Erhabenes noch gewinnen kann) nur um so mehr an Reiz. Fünfzehn Minuten nach dem ersten Morgenlichte vergoldeten die ersten Strahlen der Sonne schon die Gcbirgszackcn des anderen Ufers *). Mittags Rast bei dem Dorfe Dahle in der Nähe des Schel- lahl gleichen Namens. Um vier Uhr Nachmittags reite ich mit meinem Bruder den Lastkamelen voran. Wir verkürzen uns die Zeit in trauten Gesprächen von der Heimath und machen Pläne für die Zukunft. Am 22. April. Unser großer Hund hat sich in dem glühenden Sande die Beine verbrannt und kann nicht weiter laufen. Wir nehmen ihn aufs Kamel, obgleich dieses mit mancherlei Unannehmlichkeiten verbunden ist. Beim Hinausreiten aus einem Mimosen- wäldchen empfängt uns ein heftiger Chamasihn, welcher auch mit voller Stärke anhält. Gegen Mittag kommen wir zu einer einzeln stehenden Hütte, wo wir von zwei bildschönen Berberinnen mit Milch bewirthet und gar freundlich ersucht werden, die Gastfreundschaft des ärmlichen Hauses anzunehmen. Leider müssen wir ihr Anerbieten ablehnen und reiten weiter. Bei der Sakhle el Aa- bihd (dem Schöpfrade des Sklaven) halten wir Rast und theilen unsere Hütte mit mehreren Takruhripilgern, welche nach Mekka ziehen. Sakh'ie el Aabihd ist der erste Ort im Dahr el Sukoht. *) Zimmermann sagt in seinem „Populären Handbuche der physischen Geographie", dritte Auflage, Seite 486: „In jenen Gegenden, in welchen die Luft rein und durchsichtig ist, hat man (wie schon in Italien) Morgen- und Abendröthe nicht" u. s. w. Diese Behauptung des gelehrten Herrn Verfassers jenes vortrefflichen Werkes ist irrig. Gerade da, wo die Luft ganz rein ist, habe ich die Morgenröthe oft in unübertrefflicher Schönheit gesehen. 37 DaS öde, traurige Battn el Hadjar liegt hinter unS; der Nil breitet sich von Neuem aus, die Dattelpalmen fangen wieder an, sich in Wäldchen zu vereinigen. Von diesem Rasierte gelangen wir, nachdem wir über mehrere sandige Hügel weggekommen sind, auf einen breiten ebenen Weg. Dieser führt, mit dem Flusse gleichlaufend, hinter vielen Dörfern weg, von denen wir eins nach dem anderen zurücklassen. Lange, fast ununterbrochene Palmcnwälder ziehen sich von einem Dorfe zum anderen dahin; sie erzeugen die köstlichsten Datteln Nord-Ost- Afrikas. Um elf Uhr Nachts lagern wir in dem Dorfe Khubbe*), der Einbruchsstation für die Wüstenstraße nach der Oase cl Se- lihma. Letztere wird sehr besucht, weil sich in der Nähe der Oase, nur wenige Fuß unter der Erdoberfläche, große Lager eines außerordentlich reinen Kochsalzes finden. Die Nubier ziehen mit Kamelen dorthin und holen sich beliebige Quantitäten des Steinsalzes, mit denen ein kleiner Handel selbst bis Charthum und weiter südlich getrieben wird. Am 23. April. Unser guter Doktor kann sich noch immer nicht entschließen, sein Kamel in Trab zu setzen, weil dieses einmal mit ihm gestürzt ist. Da es nun aber für Einen, der auf dem Hedjihn reiten gelernt hat, etwas wahrhaft Peinigendes ist, das Thier im Schritt gehen zu lassen, reiten wir, mein Bruder und ich, immer den Lastkamelen voraus, während sich der Doktor zu diesen hält, obgleich wir ihn ermuntern, das Trabreiten doch zu versuchen. — Nachdem wir heute Morgen noch einige Stunden an dem ununterbrochenen Palmenwaldc dahin geritten waren, kamen wir zu den Ruinen eines Tempels aus der Pharaonenzeit, dessen Name mir unbekannt ist und verließen, einen Wüstenstrcifen betretend, das Dahr el Sukoht. Der Wüstenweg schnitt einen Bogen des Nil ab, dehnte sich aber mehr und mehr aus, so daß der Mittag längst vorüber war, als wir das Dorf Koö im Dahr el *) Kuppel, so genannt. weil mehrere uralte Schechsgräber in der Nähe sich befinden. 38 Mäh haß erreichten. Ruhend erwarteten wir die Lastkamele, welche erst zwei Stunden später eintrafen. Mein Bruder, der unermüdliche Sammler, war bereits wieder auf die Käferjagd ausgegangen. Ich bot die ganze Dorfschaft auf, um ihm sein Geschäft zu erleichtern. Für eine gewisse Anzahl von Käfern, wovon ich erst ein Eremplar vorzeigte, versprach ich wenige Para. In kurzer Zeit verließen die Knaben ihren Sitz am Tricbrade der Schöpfma- schinen, die Männer ihre Felder und die Weiber ihre Reibemahlsteine, um Käfer zu suchen, wovon auch bald Massen ankamen. Unter den Weibern, welche fast alle recht hübsch waren, befand sich ein bildschönes Mädchen oder junges Weib in der üppigsten Blüthe der Jugend. Immer hatte man mir die Frauen des Dahr el Mäh haß als die schönsten ganz Nubiens geschildert; allein meine Erwartungen wurden durch das vor mir stehende Original noch bei Weitem übertreffen. Man hätte es für eine Abys- sinierin halten können, so regelmäßig und vollendet schön war der Körperbau des Mädchens. Durch das luftige, durchscheinende Tuch, die Ferdah, welche es in malerischen Faltenwürfen um sich geschlagen hatte, wurden seine Reize keineswegs in Schatten, sondern erst recht in's wahre Licht gestellt. Es fehlte ihm in unseren Augen weiter Nichts, als eine lichte Hautfarbe. Allein selbst ein durch blendendweiße Georgincrinnen verwöhnter Türke oder ein durch das glühende Kolorit der Fraucnbeschreibungen aus dem Munde des Meddah idealisirter Araber würde nicht gezögert haben, der Nu- bierin ebenfalls einen Preis der Schönheit zuzuerkennen, warum sollte ich es da nicht thun, ich, dem alle Mittel zum Vergleiche fehlten? Waren ja doch die deutschen Frauen, welche ich — ich wiederhole es gern, — ganz gewiß für die liebenswürdigsten, einnehmendsten der Erde halte, so weit entfernt, daß ich mich jetzt unmöglich im Geiste mit ihnen beschäftigen konnte, wo ein- braunes Mägdlein mit seinen dunklen, von langen, seidenen Wimpern beschatteten Augen, seinen blendendweißen, unübertrefflich schönen Perlzähnen und einem kleinen Mündchen mit purpurrothen Lippen vor mir stand! Und diese Lippen waren so schön, so einladend, daß ich unmöglich etwas Anderes denken und thun konnte. 39 als mir cinen Kuß davon auszubittcn. Lachend entfloh das liebliche Kind, kehrte aber doch wieder zurück, um Käfer zu bringen. Die schlechtesten, welche das Mädchen brachte, waren doch immer die beßtcn, wenigstens bezahlte ich es am Reichlichsten und schenkte ihm zuletzt noch obendrein eine Kette von Glasperlen, womit ich ihm gar große Freude bereitete. Leider verstand die Nu- bierin kein Arabisch und deshalb gingen viele Artigkeiten, welche ich ihr sagte, ohne Wirkung an ihrem Ohre vorüber. Und als ich endlich meinen nubischen Bedienten aufforderte, mir den Dolmetscher zu machen, sah ich es ihm an den Augen an, daß er mehr oder weniger eifersüchtig auf seine Landsmännin war, weshalb der Schlingel auch gewiß nicht treu übersetzte. — Vor uns liegt ein breiter Wüstenstreifen, welchen wir durchreiten müssen, weil der Weg längs des NiluferS doppelt so lang ist, wie jener. Deshalb brechen wir heute erst gegen Sonnenuntergang auf und reiten bei Hellem Mondcnscheine die ganze Nacht hindurch. Um Mitternacht läuft ein Schakal oder eine Hyäne vor uns hin, ich schieße das Thier an, ohne es jedoch tödtlich zu verwunden« In der Nähe eines langen Felsblockeö, der auf einem anderen nur in der Mitte aufliegt und von den Arabern „el Timsach" (das Krokodil) genannt wird, kochen wir uns starken Kasse, um den Schlaf zu bannen und reiten weiter. Um drei Uhr Morgens überholen wir eine ebenfalls nach Süden ziehende Karawane und erfahren, daß der Nil sehr nahe ist. Aber unsere Müdigkeit ist so groß, daß wir uns bald darauf lagern. Erst mit Sonnenaufgang ziehen wir weiter und erreichen kurze Zeit später ein Schcchsgrab, neben dem unter einer großen schattigen Mimose eine bewohnte Hütte steht. Der Ort heißt Fak- h're- oder Schech-Bänder und ist ein gewöhnlicher Ruhepunkt der Karawanen. Im Sande der Wüste stehen sehr viele Gesträuche der ^.selepias provers, an denen wir große, prachtvoll gelb- und rothgcstreifte Heuschrecken finge». Dann legten wir uns unter Mimosen nieder und versuchten zu schlafen. Das glänzende Sonnenlicht, die drückende Hitze und ein heftiger, uns höchst lästiger Cha- masihn hinderten uns daran; wir waren froh, gegen Abend wie- der auf dem Kamele zu sitzen, ritten noch eine geraume Zeit hindurch und legten uns dann bald zur Ruhe. Am 25. April. Vor dem ersten Morgenschimmer brechen wir auf. Gegen sieben Uhr gelangen wir in ein Dorf und halten dort kurze Zeit an, um unser Frühstück bereiten zu lassen. Während dies geschieht, streichen wir, jeden Augenblick der so kostbaren Zeit benutzend, um Käfer zu sammeln, in der Nähe unseres Lagerplatzes herum und kommen in einen Theil des Dorfes, welcher in die Ringmauern einer der aus trockenen „Luftstcinen" aufgeführten Festungen hineingebaut ist. Ein lautes Klaggeschrci lockte uns näher, man beweinte einen Todten. „Schmerzvoll an die Brüste schlagend" saßen einige zwanzig jüngere Frauen im Kreise auf der Erde, weinten und klagten. Drei alte, zusammengeschrumpfte, bis auf die Hüften nackte Matronen liefen hin und her, stießen ein widerliches Geheul aus, schleuderten die Arme hoch in die Luft und streuten sich Staub und Erde auf's Haupt. Die Männer hockten etwas weiter entfernt am Boden und verhielten sich ruhiger. Jeder der Neuankommcnden begrüßte die Verwandten des Verstorbenen mit lautem Geheul und Weinen, wie ich dies früher auch schon bei den Sudahnesen gesehen hatte. — Die Vegetation in hiesiger Gegend nimmt mehr und mehr den Charakter der Tropen an. Schöne Mimosenwaldungen bedecken die Ebene. Sie prangten jetzt gerade in ihrem Blüthenschmucke und durchdufteten die ganze Atmosphäre mit Wohlgerüchen; das Land ist fruchtbar und leicht zu bebauen, aber keine Hände finden sich, um der Erde die Reichthümer, welche sie in ihrem Schooße birgt, abzulocken. Die Bevölkerung dieses gesunden Landstrichs ist seit der Einnahme Nubicns durch die Türken noch immer nicht wieder auf ihre frühere Anzahl gestiegen. Früher hatte die Insel Argo, deren unteres Ende uns im Strome gegenüberliegt, tausend Schöps- räder , jetzt ist kaum der vierte Theil dieser Anzahl noch im Gange. Der Mclik von Argo war ein angesehener Mann, der jetzige 41 Schech der Insel ist ein unter der egpptischen Ruthe seufzender Sklave, wenn er auch frei geboren wurde. — In der Nähe des Marktfleckens Hafiera sehen wir acht bis zehn große Geier auf einem todten Kamele sitzen. Es waren Ohrengeier (OtgK^ps surioularis) ; sie hielten so ruhig aus, daß ich mit Hasenschroten aus einer Entfernung von nur zwanzig Schritten mit meinem guten Doppelgewehr auf sie feuern konnte. Ungeachtet dieser Nähe blieb mein Schuß wegen der Lebenszähigkeit der Geier ohne Erfolg. Im Dorfe wurde gerade Markt gehalten. Einige elende Sä- chelchen, hauptsächlich Kurzwaaren, Gemüse, Getreide, Butter und Milch waren die einzigen Gegenstände, welche man zu kaufen bekam. Der Kahschef des Orts, Mahammed-Arha, lud uns freundlich zum Mittagessen ein, welches wir, mit Ausnahme unseres Doktors, auch annahmen. Dieser konnte sich aber durchaus nicht entschließen, mit den Fingern zu essen und verglich unser Mahl mit dem der Geier. Wir dagegen griffen, das alte Sprüch- wort: „Ländlich, sittlich" wohl erwägend, herzhaft zu und fanden uns durch eine sehr gute Mahlzeit recht angenehm überrascht. Im Diwahn deS Kahschef oder Bezirkskommandanten fanden wir auch Hanna Sabuaä, unseren alten Bekannten, von Wadi-Halfa wieder vor, welcher uns die glückliche Ankunft unserer Leute in Neu-Dongola meldete. Er hatte es vorgezogen, wegen des heftigen Chamasihn hier zu bleiben. Gegen Abend schössen wir noch einige Ohrengeier und bewunderten staunend die Größe des Vogels, der von einer Flügelspitze bis zur anderen über fünf Ellen klafterte und fünfzehn Pfund wog. Am 26. April. Der Chamasihn machte uns heute die Weiterreise lange Zeit unmöglich. Erst gegen Abend konnten wir wegreiten. Um zehn Uhr hielten wir an, um Kasse kochen zu lassen. Da fehlte das Wasser. Jdrieß erklärte sehr naiv, kcinS mitgenommen zu haben. Ich erinnerte ihn an den von mir vor der Abreise ausdrücklich gegebenen Befehl, die Simsemiaht zu füllen. „Ich habe cS aber nicht gethan", war die Antwort. „„Warum nicht?"" „Ich vergaß es, hättest Du es doch selbst gethan." Immer noch ruhig, schalt ich ihn aus und setzte ihm aus einander, welches Unglück entstehen würde, wenn er bei einer Wüstenrcise sich Aehnliches zu Schulden kommen ließe. Er wurde, statt zu schweigen, grob und immer gröber, bis dies zuletzt in eine so unerträgliche Unverschämtheit ausartete, daß ich zu dem einzigen Mittel greifen mußte, um ihn zur Ordnung zu bringen, nämlich zur Nilpcitsche. Beim Aufbruch fehlte er ganz und gar; er war, ehe wir recht wußten wie, mit seinem Kamele auf und davon geritten. Wir ritten die ganze Nacht hindurch und kamen wenige Stunden nach Sonnenaufgang inDongola el Urdi an. Unsere Leute hatten in dem Hause eines italienischen Juden, des Herrn Morpurgo aus Alerandrien, Aufnahme gefunden. Man wies uns jetzt auch dahin. Wir fanden in unserem Hausherrn einen zuvorkommenden und liebenswürdigen jungen Mann. Nachmittags schickte der Gouverneur der Provinz Dongola, Schirmn-Bei, zu mir und ließ mich bitten, ,,in seinem Diwahn eine Pfeife mit ihm zu rauchen." Ich ging hin, wurde sehr freundlich empfangen und endlich durch die Nachricht überrascht, mein Bedienter Jdrieß sei angelangt und habe mich bei dem Bei wegen erlittener Mißhandlung verklagt. Der Bei bat mich, die Sache der Wahrheit gemäß zu erzählen. Aufmerksam hörte er zu, endlich sagte er zu mir: ,,Da hast Du freilich einen sehr großen Fehler gemacht, Cha- lihl-Esfendi. Du hast den unverschämten Burschen gezüchtigt, aber viel zu wenig. Da muß ich nothwendiger Weise nachhelfen." Alle meine Versicherungen, daß der Bediente seine hinlängliche Strafe empfangen habe, halfen mir zu Nichts; der Bei blieb unerschütterlich, ließ den Rubier hereinrufen, hielt ihm eine derbe Strafpredigt und befahl zwei Khawassihn, ihm hundertundfunfzig Hiebe auf die Fußsohlen zu geben. Nachdem die Bastonade vorüber war, rief er Jdrieß, welcher kaum noch gehen konnte, zu sich und befahl ihm, sich meine Verzeihung zu erbitten. Ich gewährte ihm diese, gab aber auch seiner Bitte, ihn aus meinen Diensten entlassen zu wollen, augenblicklich Gehör, weil ich sein tückisches Herz kannte und zuletzt fürchten mußte. Unser Aufenthalt in Dongola elUrdi wurde uns durch die Freundlichkeit der Vornehmen der Stadt sehr verschönert. Wir empfingen die Besuche aller höherstehenden Türken und gaben fie zurück, wurden aber auch zu verschiedenen Festen geladen. Am 29. April gab unser Hausherr eine glänzende Fanthaste, zu welcher der Gouverneur mit seinem Gefolge und den nach Egypten zurückkehrenden Sendjek Aabdim-Bei aus Berber erschienen. Dabei wurde schließlich auch Wein getrunken und getanzt, wovon sämmtliche eingeladene Türken, mit Ausnahme des Bei, keine Feinde waren. Am 2. Mai besuchten wir den Chef der vierhundert albanesi- schcn irregulären Reiter in seinem Lager bei Kabtoht, einem unter Palmen gelegenen Dorfe, unterhalb der Stadt Dongola. Aab- dim-Bei bewohnte ein schönes, großes, im dichtesten Schatten aufgeschlagenes Zelt, in dessen Nähe noch zwei andere, für zwei Frauen seines Harchm, errichtet waren. Der in jeder Hinsicht sein gebildete, artige und höchst liebenswürdige Mann nahm uns sehr gut auf, bewirthete uns auf's Beste und ließ uns vor Abend nicht wieder weg. Für den Vizekönig hatte er achtzehn junge Dongo- lawipferde von der besten Raye eingekauft und ließ sie uns vorführen. Es waren große, schöne, kräftig gebaute Thiere von dunkler Farbe, feurig und muthig und doch fromm und sanft, wie die guten arabischen Rosse es sind. Mit diesem höchst werthvollcn Geschenke hoffte der Bei seinem Gebieter eine Freude zu machen. Am 5. Mai waren wir zu einer Festlichkeit bei einem der Adjutanten des Bei, Chalihl-Effendi, Tags darauf zu der Feier deS Festes „Schimm el Nessihm" (Thl. 2, S. 106) vom Gouverneur selbst eingeladen worden und hatten beide Male an sehr glänzenden Gastmählern Theil genommen. Wir hatten schöne Käfer erbeutet und auf drei getödtete Hunde achtundzwanzig Ohrengeier gelockt, von denen zwölf Stück erlegt worden waren; kurz, wir verlebten sehr glückliche Tage unter Fest und Schmaus, Arbeit und Belustigung, Jagd und Beutegcwinn. Mit dem Vergnügen, welches nur der Sammler kennt, sahen wir unsere natur- historischen Schätze von Tag zu Tage anwachsen und waren glücklich, sehr glücklich darüber- „Doch mit des Geschickes Mächten, Ist kein ew'ger Bund zu flechten Und das Unglück schreitet schnell!" Ja wohl, es schreitet oft so schnell, daß das arme Menschenherz seine Schläge noch gar nicht begreifen kann, wenn sie es schon beinahe vernichtet. Ich muß hier eine Geschichte niederschreiben, von welcher jedes Wort noch heute in meinem Innersten an eine zitternde Saite schlägt und dumpf und traurig wiedcrhallt. Es war am 8. Mai 1850, Mittwochs vor dem Himmel- fahrtsfeste, als wir Beiden, mein Bruder und ich, wie immer uns gegenseitig bei unseren jetzt sehr gehäuften Arbeit unterstützend, zuletzt so ermatteten, daß wir gegen Abend nach einem kühlenden Bade im Nike verlangten. Nahe bei der Stadt liegt eine stille Bucht im Strome, welche nur an ihrem unteren Ende mit demselben vereinigt, zum größten Theile von einer Sandinsel umgeben und vollkommen frei von Krokodilen ist. Zudem ist dort das Wasser auch so ruhig, daß sie einem See gleicht. Dort wollten wir baden. ES gibt wahrhaftig manchmal Augenblicke im Leben, in denen es uns fast scheint, als wolle eine warnende, prophetische Stimme in unserem Innern dem harten Spruche des Schicksals entgegenwirken, als spräche ein guter Genius, den der gütige Gott in unser Herz gelegt. So kam mir heute im Laufe des Nachmittags, ganz ohne Ursache, das Lied in den Sinn: „Morgenroth, Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod" u. s. w. und die Weise vor mich hinsummcnd, sang ich dann laut, mich zu meinem Bruder wendend: „Prahlst Du gleich mit Deinen Wangen, Die wie Gold und Purpur prange», Ach, die Rosen welken all'!" Doch wir gingen ohne Besorgniß zum Baden. Oskar hatte schon oft in dieser Bucht gebadet, nur war sie weiter oben so seicht, daß das Wasser dort unangenehm warm wurde. Wir suchte» eine tiefere Stelle. Da wurde mein Bruder leichenblaß und sagte: 45 „Ach Gott, ich werde doch nicht ertrinken! Mir ist es zu Muthe, als könnte ich eine innere Angst nicht bezwingen. Ich kann nicht schwimmen." Nun hätte ich freilich davon abstehen sollen, zu baden, ich hätte wenigstens meinem Bruder abrathen müssen; allein was hätte ich nicht Alles thun können oder was würde ich nicht Alles gethan haben, hätte ich den Verlauf von einer Viertelstunde voraussehen können! Ich ging in's Wasser und untersuchte die Tiefe genau. Dann meldete ich meinem Bruder, daß das Ufer keineswegs sehr abschüssig sei, zeigte ihm, wie weit er ohne Gefahr hineingehen könne und schwamm der Mitte der Bucht zu, wo ich mich in dem kühlen Wasser nach Herzenslust erquickte. Mehrere Male schaute ich mich nach meinem Bruder um und sah ihn immer in einer vollkommen ungefährlichen Tiefe im Wasser stehen. Schon war ich auf dem Rückwege begriffen, als ich plötzlich einen taubstummen Knaben, welcher bei uns oft Almosen genossen hatte, einen fürchterlichen Schrei ausstoßen hörte und mit Geberden, welche mich das Aergste fürchten ließen, auf das Wasser deuten sah. Ich sah ein, daß ein Unglück geschehen war; die entsetzliche, schaudervolle Wahrheit wollte und konnte mein Geist nicht fassen. Mit aller Anstrengung schwimmend, erreichte ich gar bald das Ufer; ich sah es leer. Bruder! Oskar! Oskar!— Keine Antwort! Doch wo sollte er denn hingekommen sein, da standen ja sogar seine Schuhe noch. Ich sah auf einmal das Gräßliche vor Augen. Schon hatte der Taubstumme Leute herbeigezogen; ich versuchte, in die Tiefe zu tauchen, meine Glieder waren wie gelähmt, — ich konnte nicht! So oft ich in die Tiefe hinabzutauchen suchte, ebenso oft wurde ich wieder emporgeschleudert; ich mußte das Tauchen den bereits her beigekommcnen Nubicrn überlassen. Da saß ich denn am Strande, wie vernichtet an Seele und Leib, meine Glieder zitterten, vor den Augen schoß eS wirr durch einander; ich war zu Allem unfähig. Ich machte mir die bittersten Vorwürfe, daß ich Den allein gelassen hatte, den ich jetzt nicht einmal retten konnte; sprechen konnte ich nicht. Das ganze Ufer war mit Menschen angefüllt, fünfzehn bis 46 zwanzig Nubier tauchten unermüdlich im Wasser herum; der Doktor, Aali-Arha, mein deutscher Bedienter, unser Hausherr, Alle, Alle waren bemüht, die Leute aufzumuntern. Man hatte im Nu eine Barke herbeigeschafft und tauchte von dieser ab immer und immer von Neuem in's Wasser; endlich — jetzt hatte man den Körper gefunden, hob ihn auf die Barke und trug ihn nach unserem Zimmer. Auch mich trug man mehr dahin, als ich gehen konnte. Wir legten den leblosen Körper auf ein Lager und fingen an, ihn mit wollenen Tüchern zu reiben. Der Doktor öffnete zuerst am rechten Arme eine Ader — kein Blut! Dann wiederholte er seine Operation am linken — es fielen nur wenige Tropfen. Er war unermüdet, ordnete an, half selbst mit, kurz, er hat gethan, was ein Mensch, was der geschickteste Arzt thun konnte; er öffnete zuletzt noch die Luftröhre, um Luft in die Lungen zu blasen- zu spät! Wir beweinten einen Todten, vr. Vierthaler glaubte, daß ihm ein Schlagfluß das Leben geendet habe. Man brachte mich hinweg und versuchte mich zu trösten, man weinte, man handelte nach Schcfer's Worten: „Mit dem Betrübten klagen ist das Beste, Die Schmerzen ab ihm von der Brust zu losen, Und Worte geben seinem stummen Starren; Damit er bald der Leiden Kreis durchwandle." Und wirklich ich konnte weinen! Ich drängte die Thränen nicht zurück, die mir aus den Augen perlten; ich versuchte, mich zu fassen, ich vermochte es nicht! Ich versuchte, mich zu überreden, wie der Mohammedaner an ein unerbittliches Fatum zu glauben, ich konnte es nicht! Kein Schlaf kam die Nacht hindurch in meine Augen, sie war die traurigste, die längste meines Lebens. Wenn ich die Lichter schimmern sah, die man bei dem theuren Todten angezündet hatte, um die letzte Wache bei ihm zu halten, da war es mir, als solle durch sie jedes Fünkchen von Hoffnung, das sich in meinem Innern zeigen wollte, verdunkelt werden. Und wenn dann Aali-Arha, der treue Türke, zu mir hcrciiitrat, um nach mir zu sehen und ich auch bei ihm einzelne dicke Thränen in den grauen Bart hinabrvllcn sah, dann machten auch meine Gefühle sich von Neuem Luft und ich weinte wieder bitterlich! 47 Unser gütiger Hausherr und der wackere Adjutant des Gouverneurs, Chalihl-Effendi, besorgten am folgenden Tage das Nöthige zum Begräbnisse. Man fertigte aus zweien unserer Reise- kisten einen rohen Sarg und legte gegen Mittag die Leiche da hinein. Der Doktor hatte sie waschen und in ein weißes Gewand kleiden lassen. Schirim-Bei sandte nicht nur zwei arabische Schreiner, welche den Sarg anfertigen mußten, sondern auch seine beiden Adjutanten, um Alles anzuordnen, was zu einem feierlichen Begräbnisse nöthig wäre. Später erschien auch noch ein Kommando Soldaten, um dem Leichenzuge das Ehrengclcite zu geben. Nachmittags bedeckten wir den geschlossenen Sarg mit der österreichischen Flagge, unter deren Schutze wir bisher so sicher gereist waren, und legten darauf von einer Palme, unter welcher wir oft zusammen gesessen hatten, zwei Zweige. Dann verließen wir die Stadt unter Vorantritt der Soldaten, in Begleitung der Adjutanten des Diwahn und wandten uns dem koptischen Fricdhofe zu. Dem Sarge folgten wir, Aali-Arha, unser Gastfreund Morpurgo, der Kaufmann Hanna Sabuaä, die Diener des Hauses und mehrere koptische Christen. Wir zogen nach Westen in die Wüste hinaus und langten nach einer Viertelstunde aus dem Kirchhofe an, wo noch an dem Grabe gearbeitet wurde, weil dieses in den Felsen gehauen ward. Auch dieses hatte der Gouverneur angeordnet; ja er hatte mehrere Hundert gebrannte kleine Ziegelsteine von dem für den Bau einer Moschee bestimmten Materialc wegnehmen und auf den Kirchhof bringen lassen, um das Grab eines Christen zuzuwölben! Dieses wurde bald vollendet. Die koptischen Geistlichen weihten den Todten und sprachen ihre Gebete. Wir thaten dies mit Worten und Gedanken; die Türken beteten mit uns. Es that mir wohl, unaussprechlich wohl, zu sehen, daß sich fünf Rcligionsparteien vereinigt hatten, um einem Todten die letzte Ehre zu erweisen, um in vier verschiedenen Sprachen an seinem Grabe zu beten. Und Du, Leser, der Du den Türken, den Ma- hammcdancr als fanatisch verdammst, lerne ihn besser beurtheilen! Frage Dich, ob Du am Grabe eines Griechen, oder Kopten, oder 48 Mohammedaners, oder Juden wohl auch gebetet hättest, wie Diese es thaten!? Dann senkten wir den Sarg in seine Gruft und warfen nach vaterländischem Gebrauche noch eine Handvoll Erde auf die Gebeine des edlen Mannes, den wir beweinten. Zu Dreien waren wir in die Wüste hinausgezogen, zu Zweien kehrten wir zurück. Da richtete wohl Jeder still die Frage an das Schicksal: „Wer wird der Erste sein, der diesen Weg antreten wird? Du armer Richard Vierthaler, Du eifriger Mann der Wissenschaft, wie bald hast Du diese Frage beantwortet! Auch jener Levantiner Hanna Subuaä liegt schon im Sande der Wüste. Und von den Bekannten und Freunden, die mit mir nach dem Sudahn gingen oder die ich dort antraf, wie viele wurden während der kurzen fünf Jahre, die zwischen heute und jenem Tage liegen, schon zu ihrer ewigen Ruhe gebracht! — In der Wüste, westlich von Dongola, tausend Schritte von der Stadt entfernt, deckt ein einfacher Grabhügel die Asche meines armen Bruders Oskar. Er war ein edler, rechtlicher Mann, kennt- nißreich und bescheiden, eifrig und uncrmüdet, in jeder Hinsicht tüchtig und in jeder Hinsicht anspruchslos. Der Tod ereilte ihn zu früh, denn schon in seinem achtundzwanzigstcn Jahre haben wir ihn begraben. Mir starb in ihm der beste Freund, der treueste Gehülfe, der aufopferndste Gefährte. Sein Tod war der schwerste Schicksalsschlag, der mich je betroffen hat. — Am Abend des 10. Mai besuchte mich der Gouverneur Schi- rim-Bc'r, um mir sein Beileid auszudrücken. Er spendete mir Trostcswortc in orientalischer Weise. „Erhebe Dein Haupt, Chalihl-Efscndi, und murre nicht über die Schickung des allbarmhcrzigcn und hochheiligen Gottes. Du weißt ja wohl, daß der Tod uns Alle ereilt, früher oder später, wenn Allah unö die Pforten seines Paradieses öffnen will. Lass' Dir den Kummer nicht Dein Herz bemcistern, denn wir alle sind hier in der Fremde und nicht daheim in unserem Hcimaths- lande; wir müssen geduldig ausharren, bis Allah uns zurückführt. Denke an Deine Lieben im Vaterlande, es ist besser, damit Du 49 nicht auch von der Macht des Schmerzes, des Kummers und des Grames zu Boden gedrückt wirst." Das sind Worte eines strenggläubigen Mahammedaners, er sprach sie zu einem ihm säst fremden Christen, um diesen zu trösten! Und dann greife ich zu meinem Laienbrevier, um darin Trost zu suchen und zu finden. O, Leopold Schefer, das hast Du wohl nicht geahnt, daß selbst im fernen Afrika Deine Worte einem tiefbetrübtcn Herzen Balsam sein würden! Und welcher Trost lag nicht in diesen schönen Worten: „Denn unermeßlich ist dem Menschen Nichts, Dem Sterblichen unsterblich Nichts gemessen, Der Freud' ein Maaß und auch dem Leid ein Ziel, Und wollt' er ewig weinen — ihm »erstechen Zuletzt die Thränen, wollt' er immer wachen Und seinen Schmerz betrachten — löst' ihm endlich Der treue Schlaf die Glieder auf, verwischet In holde» Träumen seinen Schmerz und flüstert Allmählig Hoffnungsroth und Lebenslust ihm In so bescheidnen Morgenröthen ein. Die anspruchslos und schön und treu ihm täglich Antreten und ihn leise fragen, ob Er lebend, nicht zum Leben kehren wolle? Denn die da leben, sollen rüstig wirken, Und wenn wir todt sind, dann erst laßt uns ruh'»!" — Noch ist mir die ganze Begebenheit nur wie ein schwerer, schwerer Traum. Mir ist, als solle mein Bruder, von einer Jagdpartie zurückkehrend, zur Thüre hercintreten. Sein Tod hat einen zu tiefen und zu schmerzlichen Eindruck auf mich gemacht, als daß ich noch länger in Afrika bleiben könnte. Ich will nach Deutschland zurückkehren, wenn der Baron angelangt sein wird. Jetzt verlangt man ja noch Alles von mir, so schwer mir auch Alles werden wird. Man kann darnach nicht fragen. Am 13. Mai. Der vr. Vierthaler und ich machten heute noch einen Besuch ain Grabe unseres theuren Todten. ES war gegen Abend. Die Sonne sandte uns ihre letzten Strahlen in's Gesicht; die Wüste war still und ruhig, kein Laut war hörbar und das Herz konnte so ganz den Gedanken nachhängen, die sein Jn- m. 4 50 nerstcS durchtobtm. Ueber Den, welcher vor wenig Tagen noch in der Kraft der Jugend unter uns wandelte, wölbte sich heute der Hügel des Grabes! Wir waren Beide sehr traurig, ein Jeder war in seine eigenen Betrachtungen versunken. Still kehrten wir zur Stadt zurück; wir wollten deS anderen Tages weiter ziehen *). Am 1ä. Mai verließen wir Dongola mit dem herzlichsten Danke gegen Alle, welche uns in einer so schweren Zeit so thätige und freundliche Hülfe geleistet hatten. Tiefe Seufzer stahlen sich aus der Brust hervor, als wir vom Landungsplätze der Stadt, welche uns so viel entrissen hatte, abstießen, und von , den freudigen Gefühlen, welche man gewöhnlich bei einer Abreise nach uns unbekannten, anziehenden Ländern empfindet, verspürten wir heute keine Regung. Wir legten schon am oberen Ende der Insel, welche vor Neu-Dongola im Strome liegt, wieder an und blieben dort über Nacht. — Mit gutem und schlechtem Winde fuhren wir dann weiter. Nach ncuntägiger Fahrt kamen wir in Ambukohl an. Unterwegs bot sich oft gute Gelegenheit zur Jagd, doch wurde diese bloß in der letzten Zeit von mir benutzt. Ich nahm das Gewehr nur in die Hand, um mich zu zerstreuen, und fand, daß mir Bewegung und Arbeit Bedürfniß geworden waren. Mein Jagdgeräth wurde mir theuer und werth. Am 2 3. Mai bekamen wir einen heftigen Sturm, der später nachließ und einer Schwüle, welche sich bald in ein Gewitter verwandelte, Raum gab. Es blitzte und donnerte um uns herum, doch hatten wir noch immer das Gewitter nicht in der Nähe. Plötzlich aber erfaßte uns ein heftiger Wirbelwind und warf uns mit Macht auf eine Sandbank, so daß die Wellen über Bord schlugen. *) Ich habe die traurige Begebenheit ganz aus dem Tagebuche abgeschrieben und Gedanken und Empfindungen mit aufgezeichnet, welche, wie ich wohl weiß, nicht in eine Rcisebeschreibung gehören. Man möge mir es hier verzeihen! 51 Er trieb dcn Sand von dem mehr als dreihundert Schritte entfernten Ufer bis auf unsere Barke. Dann folgte ein starker Regen, dessen großen Tropfen Mensch und Thier zu entgehen suchten. Am 24. Mai. Mit dem frühesten Morgen gingen wir zu unserem alten Bekannten, dem Kahschef Jussuf-Effendi, und erfuhren von ihm, daß sich in der jetzigen Jahreszeit in der Wü- stensteppe noch Wasser vorfinde und daß wir in einigen Tagen Kamele bekommen würden. Auf Befehl des Kahschef wurde uns neben seinem Wohnhause eine Hütte eingeräumt, in welcher wir wohnen und unsere Effekten aufbewahren konnten. Wegen seiner Freundlichkeit lud ich den Kahschef ein, zu mir zu kommen und ein Glas Wein zu trinken. Er aber zeigte ruhig auf seinen vollen Bart und sagte gelassen: „Die Zeiten haben sich geändert, ich will meinen Bart nicht mehr durch die Thorheiten meiner Jugend beschimpfen, denn ich werde alt." Die Hitze hatte in letzter Zeit außerordentlich zugenommen. Das Thermometer zeigte im Schatten durchschnittlich fünfunddreißig Grade nach Rcaumur, wobei jedoch bemerkt werden muß, daß der heiße Chamafihn, welcher fast tagtäglich wehcte, sogar in dcn Häusern eine weit höhere Muth hervorrief, als die Sonne selbst. Wir blieben bis zum 2 9. M ai in Ambukohl und beschäftigten uns viel mit der Jagd. Ein uubischer Jäger, Fathl- Allah Wolcd cl Nahsir, welcher, wie er behauptete, schon unseren Landslcutcn, dem berühmten Naturforscher Rüppell und dessen Begleiter Hay, Dienste geleistet hatte, brachte uns einen jungen Wüstcnluchs von stroh- oder rehgclbcr Farbe (I^nx 6s- i-aosl). Er versprach auch Mehr zu liefern, weil er, wie er versicherte, die Wüstensteppc ganz genau kenne und beständig durchstreife. Zur Zeit des Nachmittaggcbctcs, am 29. Mai, gelang es unseren vereinten Bemühungen, die Karawane in Gang zu bringen. Wir verließen Ambukohl in süd-südöstlicher Richtung und zogen der Wüstensteppc zu, welche wir sehr bald erreichten. Noch zeigte sich überall eine für jene Gegend sehr lebhafte Vegetation. Die Gebüsche der Asklcpias hatten sich in der Nähe des Dorfes zu 4* 52 Wäldchen vereinigt und machten jetzl Mimosengesträuchcn Platz, Ich ritt mit dem Doktor der Karawane voran, so schnell unser Chabihr uns begleiten konnte. Doch erlegten wir dabei noch immer einige Wüstenvögel und freuten uns über die herrlichen Pa- pagcitäubchen (Oona ooponsis), Flughühner und Wüsten- lerchen, welche sich noch ziemlich häufig vorfanden. Mit Sonnenuntergang kamen wir zu einigen Nomadenzeltcn. Eine schöne Stute der vortrefflichen Dongolawiraye stand, an dem linken Hinterfüße gefesselt, vor dem Eingänge deS Hauptzeltes, mehrere Hunde, kordofahnesische Windspiele, fielen uns mit wüthendem Gebell an. Ganz in der Nähe der Zelte hatte sich der egyptische Aasgeier auf einige Mimosen zur Nachtruhe niedergelassen und theilte diese friedlich mit mehreren Hühnern der Nomaden, hier in der Wüste seltenen Hausthieren. Der Chabihr bat uns, die Karawane zu erwarten, welche uns nach Verlauf einer Stunde nachkam. Dann ging es weiter. Es war Nacht geworden; die Kameltreiber gingen singend hinter ihren Thieren her, Aali-Arha sang die Lieder seiner Hcimath. Die schönen, ausdrucksvollen Worte der kräftigen und doch melodischen Sprache hallten weithin durch die stille, herrliche Nacht der Wüste. Wir lagerten bald. Am 3 0. Mai. Obgleich wir die Kühle des Morgens benutzen und bei Mondschein hatten weiter reiten wollen, kamen wir doch erst eine Stunde vor Tagesanbruch zum Aufbruch. Wir ritten im scharfen Trabe der Karawane voran und rasteten erst nach einigen Stunden, um unS selbst den Kasse zu bereiten. Mein Kamel fand es bei dieser Gelegenheit für angemessen, durchzugehen und an einigen Mimosen zu weiden, obgleich diese über eine Vier- telmcile von uns entfernt waren. Mit großer Anstrengung gelang es uns, das selbstständig handelnde Thier nach einer Jagd von mehr als einer Stunde wieder cinzufangcn. Dann ritten wir weiter und gelangten nach kurzem Ritte in einen Chohr, welcher dicht mit Mimosen bewachsen und reich an Geflügel war. Unsere Richtung ging heute südöstlich, einem kahlen, dunklen Berge zu, welchen der Führer Schinkaui nannte. Er erwartete, dorr von dem 53 am 23. Mai gefallenen Regen her noch Wasser zu finden, mir welchem wir unsere Vorrathe sogleich wieder zu ergänzen beschlossen, um bei der jetzt herrschenden furchtbaren Hitze nicht dem Alles vernichtenden Wassermangel Preis gegeben zu sein. Um zehn Uhr Bormittags lagerten wir uns im Schatten eines äußerst dornigen Baumes oder Strauches, dessen Namen ich nicht kenne, um die Karawane zu erwarten. Lange Zeit warteten wir vergebens. Wir hatten weder Mund- vorräthe noch Trinkwasser mitgenommen und verspürten einen bedeutenden Hunger. Zuerst versuchten wir diesen mit den rothen Beeren des Strauches zu stillen, unter dem wir uns gelagert hatten, allein der Magen verlangte nach etwas Kräftigerem. Der Doktor ging deshalb auf die Jagd, um wenigstens einige von den vielen wilden Lachtauben zu erlegen, welche häufig in den Gebüschen herumflogen, während ich nach Wasser suchte, weil wir vermutheten, daß sich von dem Regen her davon noch finden würde. Nach halbstündigem Suchen entdeckte ich wirklich eine Lache mit diesem köstlichen Naß und füllte frohlockend unsere Simsemiaht. Der Doktor hatte mehrere Tauben geschossen, welche gerupft, in unserem Kaffegcschirr gekocht und mit Schießpulvcr gewürzt wurden. Das Wasser fand sich in einer Lehmpfütze und schmeckte, obgleich es ganz von erdigen Theilen geschwängert war, doch ungleich besser als unser Schlauchwasscr, denn dieses hatte bei der herrschenden Hitze schon heute ganz den unausstehlichen Geschmack und Geruch angenommen, welche die mit Thran getränkten Schläuche ihm sehr bald mittheilen. Mittlerweile schickten wir den Chabihr auf Entdeckungsreisen nach unserer Karawane aus. Er kam nicht zurück; an seiner Statt aber bemerkten wir gegen vier Uhr Nachmittags einen Nomaden zu Kamele, welcher nach einem verlaufenen Kamele suchte und uns die Nachricht brachte, daß sich die Karawane in einer Entfernung von zwei Meilen in der Nähe einer Lache gelagert habe, um uns zu erwarten. Er ermähnte uns, immer in dem Chohr fortzureiten und beschrieb uns den Lagerplatz unserer Leute genau. Auch der Chabihr kehrte nun bald zurück; wir stiegen zu Kamele und 54 erreichten nach einem scharfen Ritte von zwei Stunden unsere Karawane, deren Feuer uns schon von Weitem geleitet hatten. Der Chohr, in welchem wir uns befanden, war derselbe, in welchem der Bihr el Bahiuda (s. Th. 1 S. 123) liegt, nur führen die Krümmungen seines laugen Bogenlaufcö verschiedene Namen. Er ist vier bis sechs Tagereisen oder zwanzig bis dreißig Meilen lang, überall mit Bäumen oder Gebüschen bestanden, reich belebt (wenigstens nach Wüstenmaaßstabe) und von vielen Noma- denfamilicn, deren Ziegenhccrdcn die Blätter der Mimosen abweiden, bewohnt. Nach Versicherung unseres Chabihr soll er sich bis zur Hochebene Kord ofahn hinaufziehen und während der Regenzeit bisweilen fließendes Wasser enthalten, welches jedoch nie den Nil erreicht, sondern zuletzt im Sande der Steppe verschwindet. Die Kamele der in der Nähe des Chohr wohnenden Nomaden, welche mit ihren langen Hälsen weit an den Bäumen hinaufreichen und die hohen Zweige abfressen, laufen im Charles frei in der Steppe herum und suchen sich selbst ihr Trinkwasser auf. Außer ihnen besitzen die Nomaden auch noch kleine Ziegenhecrden, welche sie während der trockenen Jahreszeit aus mehreren Brunnen, die im Bette des Chor gegraben sind, tränken. Ihre Hauptnahrung sind während dieser Zeit ebenfalls die Mimosenblätter. Sie klettern geschickt in den Büschen herum und besteigen mit Leichtigkeit höher stehende Aeste der Bäume. Während des Charief werden sie in die Steppe getrieben, wo sich dann Gras in Menge befindet. Doch ist die Gegend noch immer viel zu wasserarm, als daß die Nomaden zahlreiche Heerdcn halten könnten, und sie leben deshalb in großer Dürftigkeit. Am 31. Mai. Die Karawane bricht heute sogleich nach Aufgang des Mondes auf; wir folgen erst mit Tagesanbruch und reiten, nachdem wir das Wadi verlassen haben, in südöstlicher Richtung weiter und zwischen dem großen und kleinen Djebcl cl Sin- kaui, zwei isolirt stehenden Kegelbcrgen, hindurch. Vor uns liegen in gleichmäßiger Entfernung von einander drei andere, deren südöstlichstem, Namens Seni, wir uns zuwenden. Auf einer Grasebene, über welche unser Weg führt, laufen vier wohlgenährte 55 Kamele ohne Hirten herum und kommen bei unserem Erscheinen neugierig herbei, um unsere Reitthiere zu begrüßen. Um neun Uhr Vormittags erreichen wir die Karawane und ziehen mit dieser dem wieder vor unS liegenden Chohr zu, welcher hier den Namen Wadi Abu-Rhue'r führt. In der Ferne werden wieder drei Bergspitzen sichtbar, von denen die eine den Djcbahl Abu-Samut, die andere den Djebahl cl Bahiuda angehören. Die Hitze ist so groß, daß wir schon gegen zehn Uhr rasten müssen, wozu wir uns in der Nähe dcö Djebel Tomaht schattige Mimosen im Wadi aussuchen. Erst Nachmittags um vier Uhr erlauben uns die sengenden Strahlen der Sonne die Weiterreise. Mein Kamel erregt durch seine grenzenlose Störrigkcit meinen gerechten Zorn, wirft mich aber, in den tollsten Sprüngen durchgehend, mit Sattel und Zeug ab, nachdem ich es die Peitsche hatte fühlen lassen. Unsere Richtung ist heute nach Süden. Wir verfolgen das Wadi und werden durch mehrere Antilopen zur Jagd aufgemuntert. Allein die Thiere waren viel zu scheu, als daß wir nur einen Schuß hätten thun können. Ihre leichten, zierlichen Sprünge und ihre fabelhafte Schnelligkeit gewähren uns Ersatz für die Hoffnung einer angenehmen Jagdbeute. Sie gehören der Art H,ntllops arsdioa an, welche die Araber Acriöll nennen. Wenn sie auch nicht so zierlich gebaut und deshalb nicht so oft und lebhaft von den Arabern besungen wurden, als die Gazellen, sind sie doch immer eine Erscheinung, welche man gern sieht. Links von unserem Wege liegt der Djebel Barkataui, weiter nach Vorn der Djebel Barkohl, rechts, in der Sandcbcne, der Berg Serchf*'). Zum Msche lagert man sich. Wir betten uns in den weichen Sand und schlafen nach des Tages Last und Hitze bald ein; ja, *) Ich führe die Namen dieser Gebirge hier mit an, um zu zeigen, wie wichtig sie für eine Wüstenreise sind. Sie bilden die Richtpunkte des Chabihr und dienen überhaupt dazu, gewisse Stellen der einförmigen Steppe zu bezeichnen. Aus diesem Grunde haben sie auch ihre besonderen Namen, welche fast allen Nomaden wohl bekannt sind. 56 unsere Ermüdung ist so groß, daß wir weder zum Essen, noch zu einem Tschibuhk Lust und Appetit haben. Am anderen Morgen Präsentiren sich die ausgeprägten Formen des Gebirges der Bahiuda. Der Chabihr hat wiederum die alte Richtung eingeschlagen; wir ziehen süd - südöstlich und erreichen Vormittags zehn Uhr den Rcgcnstrom wieder, welcher hier den Namen Chohr el Samurh führt. Unser Weg schneidet immer die großen Bogen desselben ab. Außer mehreren Gazellen sehen wir heute auch noch einige Hasen, kleinere, als die unseligen, aber mit weit größeren Ohren. Der Wüstenrabe und der egyptische schmutzige Aasgeier folgen unserer Karawane oder zeigen sich auf den Lagerplätzen, sobald wir diese verlassen haben. In den Gebüschen sehen wir auch wieder eine Familie der merkwürdigen, wü- stenfarbigen Stufen schwänze (Spllaenura ^oaoiav), welche, dicht auf der Erde hinfliegend, von Busch zu Busch eilen oder, wie Mäuse, schnell durch die dichtesten Dornenhecken schlüpfen. Schon in Ambukohl hatte sich eine Araberin von den am Bihr cl Bahiuda wohnenden Nomaden unserer Karawane angeschlossen. Sie hatte ihren kleinen, kaum einjährigen Sohn bei sich und ging zu Fuß neben den Kamelen her. Manchmal trug sie das Kind eine Strecke, manchmal reichte sie es einem von meinen Leuten auf das Kamel. Nie hörte ich dasselbe weinen oder schreien; es ertrug die furchtbare Sonnenhitze oder die schaukelnde Bewegung auf dem Kamele mit dem größten Gleichmache. Was würde eins unserer Kinder an seiner Stelle gethan haben? Hier sind die kleinen Kinder viel verständiger, viel weiter fortgeschritten, als bei uns, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil man ihnen hier weit weniger Hülfe leistet. Die Araberin legt ihr Kind nackt neben sich auf eine gegerbte Ziegcnhaut und verrichtet ruhig ihre Arbeit; sie hat keine Zeit, sich viel mit ihm zu beschäftigen. Das Kind fühlt, daß es sich selbst überlassen ist und lernt seine Geistes- und Körperkräfte bald in Anwendung bringen. Im Alter von einem halben Jahre kriecht der kleine Erdenbürger schon sclbstständig im Sande herum und fängt mit seinen Geschwistern an zu spielen. Bei den Wanderungen der Nomaden wird das Kind unter allen 57 Umständen mitgeschleppt und so kommt eS, daß dasselbe auch bald eine größere Reise ertragen lernt. Beim Aufbruche aus unserem Nastorte hatte ich noch den Verdruß, mein Thermometer zerbrochen zu finden. Der Verlust war um so empfindlicher, weil er gar nicht wieder ersetzt werden konnte. Unsere Richtung war wieder Südost. Wir ritten über eine harte, sandige Fläche, welche mit kleinen schwarzen und runden, hohlen, eisenhaltigen Steinen in der Größe von Flinten- bis zu dreipfündigen Kanonenkugeln bedeckt war, und erreichten nach drei Stunden den Bihr el Bahiuda. Dort lagerten wir uns unter derselben Mimose, welche mir schon vor zwei Jahren ein schattiges Obdach geboten hatte. Die Karawane kam nach Einbruch der Nacht am Lagerplatze an. Am Brunnen standen zwei Araberinnen und schöpften Wasser. Die Eine von ihnen war ein bildschönes Weib und bewillkommte mich freundlich, „ülardabadlmli sasollra!" — Du sollst mir zehnmal willkommen sein! — riefen sie mir Beide zu, als ich mich dem Brunnen näherte. Ich bat um Wasser, und wie einst Re- becka am Brunnen, so auch heute hier, schöpfte mir die Jüngere in einer Kürbisschale frisches, gutes Wasser und sagte: „Trinke, Herr, dann werden auch Deine Kamele getränkt werden." Sie war, wie ich später erfuhr, eine Tochter der Frau, welche mit uns gekommen war. Jetzt hatten die Frauen ihre Gefäße gefüllt und warfen den ledigen Strick noch einmal in den Brunnen hinab, aus welchem das Wasser bei der herrschenden Dürre aus einer Tiefe von neun Klaftern herausgehoben werden mußte. Sie zogen und brachten ein kleines Mädchen von höchstens acht Jahren heraus, welches das Wasser unten in einer Art von Stollen geschöpft hatte. Das Kind hatte sich den Strick um die Hände geschlungen und kletterte mit den Füßen an den Seitcnwänden des Brunnenschachtes empor. Es hatte ein wunderschönes, offenes Gesicht von hellbrauner Hautfarbe und war zutraulich und liebenswürdig. Das feine Haar hing ihm, in Hunderte von kleinen Zöpfchcn geflochten, frei um den Nacken. Eben wollte es mit seiner älteren Schwester, der vorhin 58 erwähnten schönen, jungen Frau, den weiter oben aufgeschlagenen Zelten zuwandern, als die Karawane und mit ihr die Mutter ankam. Mit lautem Frcudcnrufe eilten Beide dieser entgegen und be- willkommtcn sie und den kleinen Bruder mit vielen herzlichen Küssen. Unser Chabihr war ein Verwandter der Familie und trat jetzt auch hinzu, um die beiden Mädchen zu begrüßen. Gewiß würde er auch gern einen Kuß von den frischen Purpurlippen der hübschen jungen Frau angenommen haben, wenn ihm das die Sitte verstattet hätte. So mußte er sich mit einem Händcdruck begnügen. Es fiel mir auf, daß Beide, während sie sich die rechte Hand reichten, die linke Hand auf die rechte Hüfte des Anderen legten. Ob dies noch ein Ueberblcibscl der in der Bibel (1. B. MostS Cap. 24 Vers 2) erwähnten Sitte ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich bat um Milch und erhielt bald einen vollen Schlauch mit frischer, guter Ziegenmilch, welche ich mit Geld bezahlte. Als Bakhschicsch gab ich dem kleinen Mädchen noch eine Schnur Glasperlen und bereitete ihr damit eine große Freude. Am 2. Juni. Die wenigen Glasperlen, welche ich gestern verschenkt hatte, zogen heute mehrere Arabcrinnen mit ihren Töchtern in unser Lager. Man brachte Milch, Holzkruge, Gazcllcnle- dcr und andere Sachen herbei, um dafür Glasperlen einzutauschen. Gern gewährte ich ihnen ihre Bitten. Die Arabcrinncn hier am Brunnen haben sehr schöne, feine, lange Haare und flechten und salben sie auf andere Art, als dies die Frauen der Barabra zu thun pflegen. Ich wünschte ein Paar der fetttriefenden Locken zu besitzen, allein da stieß ich auf Schwierigkeiten, welche ich gar nicht vermuthet hatte. Die Frauen einiger Nomadenstänune achten ihr Haar so hoch, daß schon seit alten Zeiten ein sonderbarer Gebrauch herrscht, um dasselbe zu schützen. Man legt nämlich bei Verhcirathungcn dem Ehemanne die Verbindlichkeit auf, den Verwandten seiner Gattin für jedes Haar, welches er ihr gewaltsam ausrcißt, eine Kamelstute als Sühneopfcr zu geben. Erst nach vielen Bitten und Geschenken ertheilte mir jene junge Frau die Erlaubniß, eine ihrer Locken abtrennen zu dürfen. 69 Am Bihr el Bahiuda wohnen Hauawihr. Sie hausm in den aus Ziegenhaaren gewebten Zelten, welche so dicht sind, daß der Regen nicht durchdringen kann. Es sind große, wohlgcbildcte Leute, welche sich nur von Jagd und Viehzucht nähren. Glücklicher Weise übt man hier die üble Gewohnheit der Egypter, die Mädchen schon in ihrem sechsten oder siebenten Jahre zu vcrhcira- then, nicht aus, sondern läßt diese erst mannbar werden. Solche in jeder Hinsicht wohlausgebildcte Frauen sind dann auch gewiß eher im Stande, gesunde und kräftige Kinder zu gebären, als es bei den Egypterinnen der Fall sein kann, welche im zwölften Jahre oft schon schwanger sind. Die Kinder der Nomaden verheirathen sich mit ihrem vierzehnten Jahre, um welche Zeit sie erwachsen sind. Ich sah hier die schöne Braut eines unserer Kameltreiber, welche dieses Alter wohl kaum erreicht hatte und doch in ihrer Ausbildung einer achtzehnjährigen Nordländerin glich. Die eheliche Treue der Frauen der hiesigen Nomaden ist bekannt und wird selbst von den Arabern nach Verdienst und Würdigkeit belobt. Die Knaben beschäftigen sich von Jugend auf mit dem Hüten des Viehes, nebenbei aber auch mit dem Fang oder der Jagd des Wildes. Zum Fangen der Gazellen hat man eine eigene Falle erfunden. Sie besteht aus drei Theilen und ist sehr sinnreich. Der erste Theil bildet einen runden Ring, in welchem zugespitzte Stäbchen dicht an einander liegen und nach dem Mittelpunkte des Ringes zulaufen. Dieser steht tiefer, als der Ring. Der zweite Theil ist ein handhoher Reif von Baumrinde. Er wird in einer Vertiefung im Sande auf den Wechsel der Gazelle gelegt und mit dem beschriebenen Teller bedeckt. Hierauf wird der dritte Theil der Falle, eine an einem starken Knüttel befestigte Haarschlinge, um den Rand des Tellers gelegt. Tritt nun die Gazelle auf den mit Sand leicht bedeckten Teller, so rutscht der Huf auf der glatten Fläche der Stäbchen dem vertieften Mittelpunkte zu und kommt in die Grube. Sie fühlt jetzt ihren Fuß mit einem stachelnden Kranze umgeben und ist bemüht, diesen durch kräftiges Hin- und Hcrschleudern zu entfernen. Allein gerade durch die heftige Bewegung zieht sich die Schlinge fest zusammen und behält, selbst wenn sie sich des Tellers 00 entledigt, dennoch die Schlinge mit dem Knüttel am Fuße. Nun ist es dem Nomaden leicht, die Spur des Thieres aufzufinden und eS mit seinen windschnellcn, trefflich abgerichteten Jagdhunden zu fangen. Wollte man die Schlinge an einem schweren Gegenstände befestigen, so würde sie die Gazelle gewiß zerreißen und entfliehen. Erst am 3. Juni verließen wir nach dem Aassr den Bihr. Die Kameltreiber hatten einen ganzen Tag damit zugebracht, unsere Schläuche zu füllen. Man mußte oft Stunden lang warten, ehe sich in der Tiefe des Brunnens so viel Wasser gesammelt hatte, daß es geschöpft werden konnte. Gestern waren die durstigen Kamele getränkt worden. Die Richtung des Weges ist voin Brunnen aus erst südlich, dann südöstlich. Ich wollte die ganze Nacht hindurch reiten und unsere schon vor einigen Stunden vorausgegangene Karawane überflügeln, allein der Doktor erklärte, nicht weiter mitreiten zu wollen, weil er fürchtete, auf dein holperigen Wege vom Kamele zu stürzen. Natürlich hatte auch unsere Karawane es für gut befunden, sich zu lagern, aber nur, weil ich selbst nicht dabei war und zur Eile antrieb. Wir fanden sie, nachdem wir am anderen Morgen mit Aufgang des Mondes weiter gegangen waren, noch schlafend. Nachdem ich die trägen Schläfer ermuntert hatte, belud man die Kamele und zog langsam weiter und zwar genau in der gewöhnlichen süd-südöstlichen Richtung. Gazellen und andere Antilopen erschienen häufiger, ohne jedoch zum Schuß auszuhalten. Die Straußcnfährten kreuzten sich in allen Richtungen; man sah deutlich, ob der Vogel langsam oder schnell gelaufen war. Im ersteren Falle waren seine Schritte nur fünf, im letzteren aber acht bis neun Fuß lang. Schon um neun Uhr wurde die Hitze so unerträglich, daß gerastet werden mußte. Man hätte überhaupt in jetziger Jahreszeit viel mehr bei Nacht reisen müssen, als ich dies bei der mir überall hinderlichen Trägheit der Kameltreiber ermöglichen konnte. Wir lagerten uns im Schatten einiger Büsche und fanden zu unserer Verwunderung zwei der erwähnten Stufen schwänze ohne mir erklärliche Ursache todt aus der Erde liegen. 61 Die Karawane sollte erst nach dem Aassr aufbrechen, um den „Gohs" zu passircn, von dem ich mir keine rechte Vorstellung machen konnte. Es wurde mir erzählt, daß er sich von Kordofahn bis Berber el Mucheiref erstrecken sollte und daß die Kamele tief in den Sand versänken. Man schien dieser Wegstrecke mit einer gewissen Aengstlichkeit entgegenzugehen. Vor Sonnenuntergang zog man weiter. Wir ritten, nachdem es dunkel geworden war, neben der Karawane dahin. Singend gingen die Treiber hinter ihren Thieren her; Einer sang vor, die Anderen fielen nach jeder Strophe mit dem Refrain ein: „8vlwlllilii ei rs88ull1 seluigns!" — Der Prophet ist meine Sehnsucht, meine Bruder! — Wenn man die Mühseligkeiten einer Wüsten- rcisc kennt und wenn man bedenkt, daß der Treiber, welcher am frühen Morgen sein Kamel belud, den ganzen Tag in der glühenden Hitze hinter seinem Thiere zu Fuße hergehen muß, ohne einen Bissen zu genießen und nur des Abends oder in der heißen Jahreszeit des Mittags einige Nahrung zu sich nimmt, mit welcher in unserem Vaterlands die Schweine gefüttert werden würden, dann wundert man sich freilich, daß ein solcher Mensch noch fröhlich sein und singen kann. Unseren Kameltreibern waren die durch Sandalen nothdürftig geschützten Füße verbrannt (denn unsere Hunde konnten nicht auf dem glühenden Sande laufen, weil sie sich die Sohlen versengten, und mußten auf das Kamel genommen werden), der Schweiß rieselte ihnen während des Marsches in Strömen von dem über und über mit Staub bedeckten Körper, bloß zuweilen netzten sie die Zunge mit einigen Tropfen warmen, stinkenden Schlauchwassers. Das war ihre einzige Nahrung während der ganzen Reise; es war dieselbe, welche den Kamelen, eingekocht, gereicht wurde, und nie nahmen sie mehr als zwei Mahlzeiten zu sich. Gewöhnlich aßen sie zu Mittag einmal und dann bis zum anderen Mittag Nichts wieder. Es ist ganz wahr, daß man in der fürchterlichen Hitze fast gar keinen Hunger, sondern nur Durst, Durst, Durst! verspürt; allein wie man die im höchsten Grade anstrengenden Fußreisen dieser Leute und ihre Enthaltsamkeit zusammenreimen soll, ohne dieses Hungerleiden und jene 62 unmenschliche Beschwerde zu nennen, das weiß ich nicht. Und dennoch sind sie heiter und fröhlich! Wenn die Sonne sich zum Untergänge neigt, dann scheinen sich ihre Glieder neu zu erfrischen, ihr Muth und ihre Ausdauer neu zu stählen. Und wenn die kühle Nacht dann hereinbricht und in ihrer unendlichen, unbeschreiblichen Schönheit alles Lebende bc- zaubcrt, dann zieht eine Fröhlichkeit in das Herz der Leute ein, welche sich nothwendig in Gesängen Luft machen muß. Dann ist die Phantasie rege und geschäftig, dem ausgedörrten Pilger der Wüste erfrischende Gebilde vorzuzaubern: sie malt ihm kühlende, mit Palmen umstandene und von duftigen Mimosen beschattete Brunnen und Zelte mit freundlichen Nomaden befreundeter Stämme oder gar verwandter und wohlbekannter Leute vor. Denn siehe da, kennt nicht unser Wüstensohn jenes hübsche, braune Mägdlein, welches dort, den Vorhang eines Zeltes lüftend, hervorlugt und, wie es den Fremdling erschaut, freudig heraus- und ihm entgegeneilt, ihm den Gruß des Friedens spendet und ihn zu der luftigen Wohnung seiner Eltern führt? Er kennt es wohl, denn es ist die Geliebte seines Herzens, seine ihm angelobte Braut, für die er arbeitet und schafft, um bald den von dem Propheten gebotenen Mahhr zu entrichten und mit ihr dann ein eigenes Zelt in jenem schönen Orte aufzuschlagen, an jenem stets vollen Brunnen, in dessen Nähe es immer reiche Weide gibt. Und wenn er an alle diese Freuden denkt, dann wendet sich sein Herz auch gern dem Höheren zu, und deshalb schließt er jede der Strophen seines Liedes mit den immer und immer wiederkehrenden Worten: „8eliodllln bl I-S88ulll gk» solluemu!" Denn mehr noch, als nach all' dem Schönen und Herrlichen, das er in seinen Gesängen leben läßt, sehnt sich das Herz des frommen Mohammedaners nach den ihm von seinem Propheten bereiteten Freuden! Das war der Sinn der Reime, welche ich heute hörte und in schlichter Prosa wiedergegeben habe. Auch mir klangen deutsche Lieder vor der Seele auf und verschiedene heimathliche Melodiecn leise für mich hinsummend, lauschte ich dem Gesänge der Djcmahli bis tief in die stille, schöne Nacht. Dann trat nach und nach die 63 Ruhe der Ermüdung ein, der Gesang verstummte, wir stiegen von den Kamelen und streckten uns auf unsere Teppiche in den weichen Sand der Steppe. Noch sah ich die bunten Bilder des Gesanges vor meinen Augen vorüberhuschen, doch mehr und mehr verdunkelten sie sich. „Allmählich fühl' ich um mein Auge Sich leise Schlummerfäden weben. Mein Liebster ist von Wonne trunken. Ob meine Lieder auch vorschweben!" Am 5. Juni. Noch lag der Schleier der dunklen Nacht über der Wüste ausgebreitet, da saßen wir schon wieder im Sattel und ritten weiter. Wir befanden uns jetzt in dem „Gohs." Es ist eine hügelige und wellenförmige Strecke mit tiefem, leichtem Sande, ohne Bäume und fast ohne alle Vegetation. Die Kamele traten oft fußticf in das trockene Erdreich und kamen nur langsam weiter. Beim Aufgangc der Sonne war der ganze Himmel mit fahlen Dünsten umzogen, die Temperatur war im höchsten Grade schwül und lästig und nöthigte uns bald, einen kühlen Rastort zu suchen. Unsere Lastkamcle waren so matt, daß mehrere mit ihren Ladungen stürzten, weshalb diese bedeutend erleichtert und. trotz der Einwendungen der Treiber, den Wasserkamclcn aufgeladen werden mußten, deren Schläuche schon größtentheils geleert waren. Der Wassermangel wurde um so fühlbarer, weil auch ein Kamel stürzte, welches mit Wasserfässcrn, in denen wir unser Trinkwasser aufbewahrt hatten, beladen war. Dieses schmeckte noch immer erträglich gnt, während es uns schlechterdings unmöglich war, das Schlauchwafscr zu trinken. Daß wir bald einen Samuhm bekommen würden, wußten wir, und sahen nur mit großer Besorgniß den nächsten Tagen entgegen. Es galt jetzt, so schnell als möglich den Nil zu erreichen. Wir änderten sogleich unsere Richtung und zogen statt süd-südöstlich jetzt südöstlich weiter. Mein Rcitkamcl mußte mit einem anderen vertauscht werden, weil es sich kaum selbst weiter fortschleppen konnte, und ging unbcladen neben der Karawane her. 64 Der Chabihr versicherte uns, daß wir schon morgen früh in Woad- Bischahri, einem am Nil liegenden Dorfe, ankommen würden. Nach dein Aassr brachen wir auf und ritten eine Zeit lang der Karawane voraus. Am Horizonte war ein Gewitter aufgezogen, es blitzte und donnerte, wenn auch noch immer in weiter Ferne. Bald brach ein fürchterlicher Sturm über uns herein. Er wirbelte Wolken von Staub auf und trocknete unsere Schläuche ein. Wir mußten uns mit dem größten Durste zur Ruhe niederlegen, weil an eine Weiterreise bei unserer Mattigkeit nicht zu denken war. Am 6. Juni. Der Himmel war bei unserem Aufbruche, wie gestern, durch ein Nebclmecr unseren Blicken entzogen. Wir konnten kaum dreihundert Schritte vor uns die Gegenstände erkennen und sahen die Sonne erst, nachdem sie schon hoch am Himmel stand. Sie erschien uns kleiner als der Mond und war kaum bemerkbar. Von unserer Karawane entdeckten wir Nichts, nicht einmal die Fußtapfen der Kamele im Sande. Der Chabihr führte uns, wie ich an meinem Taschenkompaß sah, bald rechts, bald links, weil er in dem trockenen Nebel gar keine Richtpunkte finden konnte; ich glaubte, daß er viel zu weit östlich ging, durfte es aber bei unserer jetzigen Lage nicht wagen, meinem Kompaß mehr zu vertrauen, als ihm, auf dessen Ortskenntniß wir bauen mußten. Der Wind erhob sich bald wieder. Er war glühend heiß und vermehrte unseren Durst auf eine unerträgliche Weise. Seit gestern Nachmittag hatten weder wir noch unser treuer Hund einen Tropfen Wasser getrunken; dem armen Thiere hing die Zunge weit zum Halse heraus, es lechzte unter kläglichem Gestöhn nach Wasser und schien nach Luft zu schnappen. Wir kauten Grashalmen, um nur den Mund einigermaßen feucht zu halten, fühlten uns aber alle von einem sehr heftigen Kopfschmerz gepeinigt und unsäglich matt. Die Gazellen und Hasen sprangen in Rudeln vor uns auf. Niemand dachte daran, sie zu verfolgen. Unsere Gedanken beschäftigten sich mit weiter Nichts, als mit Wasser. So ritten wir noch gegen Mittag, so schnell die Thiere laufen konnten, in der Steppe herum und wie ich mit großer Besorgniß bemerkte, kreuz und quer. Mit Recht mußte ich fürchten, daß der Führer selbst 65 nicht mehr wußte, wo er sich befinde. Zum Glücke trafen wir endlich einen Baum, an welchem eine Nomadenfamilie ihre Ge- räthschaftcn aufgehangen hatte. Und da hing auch ein halbgefüllter Wasserschlauch. Unmöglich kann ich den Jubel, welcher jetzt laut wurde, beschreiben. Wir fühlten, daß wir den Durst nicht lange mehr hätten aushalten können und würden diesen Wasser- schlauch mit den Waffen in der Hand genommen und eher unser Leben, als ihn gelassen haben, wenn uns Jemand verwehrt haben wollte, zu trinken. Aber weit und breit war Niemand zu sehen. Das Wasser war jedenfalls zum Bedarfe der Hirten dahin gebracht worden, welche öfters mit ihren Heerden hierher kommen mußten. Es war schlecht und lauwarm, für unsere verdorrten Lippen aber eine köstliche Erquickung. Auch unser armer Hund wurde nicht vergessen und leckte begierig eine volle Kürbisschaale aus. Der Chabihr versicherte uns jetzt, daß wir den Fluß sehr bald erreichen würden und nahm aus diesem Grunde und auch deshalb kein Wasser mit, weil wir, wie er sagte, unmöglich unsere Sim- senüaht füllen könnten, ohne den Besitzer des Schlauches vielleicht in die größte Noth zu versetzen. Wir ritten eilig weiter und hatten bald eine vor uns liegende Hügelreihe überschritten, von welcher aus wir die Nilgebirgc sehen sollten; allein vor uns lag gerade wieder eine so leere Ebene als vorher. Heerden von Schafen und Ziegen weideten zerstreut unter den Mimosenbüschcn, ohne daß wir einen Hirten bei ihnen bemerken konnten. Nach einiger Zeit stöberten unsere Kamele einen Trappen auf, der uns zur Jagd anspornte, aber scheu entfloh, als ich mich ihm mit meiner Büchse zu nähern versuchte. Dann kamen wir in einen Chohr, welcher eine lebhafte Vegetation erzeugt hatte. Wir sahen schöne, große Bäume mit dichtbelaubten Kronen und dicken, saftigen Blättern. Die Kamele, welche in ziemlicher Anzahl in diesem Chohr weideten, rühren nach Aussage der Araber die Bäume nicht an. Nach zweistündigem Ritte kamen wir zu einem anderen Baume, unter welchem Leute schliefen. Das Niederlegen unserer Kamele erweckte zuerst ein Mädchen mit chocoladenbrauncr Hautfarbe, sehr feinem und scharf markirtem Gcsichtsschnitte, rothen Lippen, m. 5 66 blendendweißen, vollkommen fehlerfreien Zähnen und einem Auge, in welchem ein ganzer Himmel liegt. Es ist wirklich wahr, etwas Schöneres, als das dunkle Auge einer Arabcrin, kann es nicht geben. Die Augen der Nordländerinnen sind gewöhnlich zu sanft, in denen der braunen oder weißen Araberinnen ist dagegen der unschuldige Blick der Gazelle mit dem strahlenden Feuer des Adlerauges vereinigt. Das Kind war kaum zehn Jahre alt; doch hatten Wärme, Luft und Licht des Südens schon eine Knospe entwickelt, welche nur noch wenige Monden braucht, um sich zur vollendeten Blume zu entfalten. Ich beschenkte es mit Glasperlen und gewann dadurch sogleich sein Wohlwollen. Es ist für den Europäer ein unendlich wohlthuendes Gefühl, wenn er im Süden eine Frau ohne Zwang und vertrauensvoll sich ihm nähern sieht. Während in Egyptcn das Weib, beim Anblick des Mannes scheu entfliehend, nur die rohe Sinnlichkeit erregen kann, fesselt das Kind des Beduinen, die freie Tochter der Wüste, Sinn und Herz mit weit festeren Banden; Jene kann wohl Begierden, Diese kann und muß Liebe erwecken. Wir erhielten Wasser und Milch und zogen nach der Rast von einer halben Stunde dem Dorfe der Leutchen zu. Noch hatten wir uns in der glühenden Sonnenhitze des nubischen Mittags keine dreihundert Schritte entfernt, als die Kleine uns nachgelaufen kam und den Doktor, welcher zuletzt ritt, bat, sie zu sich auf's Kamel zu nehmen. Sie erzählte, daß sie zu ihren Eltern wolle, welche in einem nahen Zcltdorfe ihre lustige Wohnung aufgeschlagen hätten, und zeigte uns den nächsten Weg dahin. Einige Schafe lagen unter einem Busche; sie erkannte sie als die ihrigen und stieg ab, um sie dem Lager zuzutreiben. Später übernahm der Chabihr dieses Geschäft und ich bekam die Kleine auf's Kamel. Der Hund war abgesprungen und lief hinter uns her. Ich übergab ihn der Sorge des Führers und ritt mit meiner kleinen Wegweiserin rasch dem Dorfe zu. In kurzer Zeit hatte ich es erreicht. Zehn bis zwölf neben einander aufgeschlagene, aus Ziegenhaaren gewebte Zelte bildeten 67 den Kern desselben, andere Hütten standen weiter unten im Schatten dichter Mimosen. Die Leute nannten ihr Lager Abu-Rheiie. Freundlich bewillkommten sie uns und führten uns zu einem freistehenden Baume mitten im Dorfe, in dessen Schatten wir uns niederließen. Man brachte uns vier Tage altes, stinkendes Schlauchwasser, es war warm und brak, wir schlürften es mit Begierde! Dann regte sich aber der Hunger. Seit gestern Abend hatten wir Nichts gegessen; doch hatte bis jetzt der Durst jedes Gefühl deS Hungers zurückgehalten. Wir baten die Nomaden, uns Etwas zu essen zu geben. Sie hatten weiter Nichts als Durrahbrod. Es war dick, pechschwarz, schlissig, sauer und voller Asche und Kohlenstaub. Unser Doktor verspürte einen unüberwindlichen Eckel und war unfähig, auch nur einen Bissen zu genießen. Bei mir über- tobten die ungestümen Forderungen des Magens alle übrigen Rücksichten; ich suchte mir mit aller Kraft vorzustellen, daß ich mich im Inneren Afrikas befinde, drückte die Augen zu und aß. Dasselbe that unter fürchterlichen Grimassen auch August Tischendorf. Jetzt erst wurden wir gewahr, daß unser armer Hund fehlte. Mühsam hatte sich das ermattete Thier von Baum zu Baum geschleppt, um in deren Schatten einige Linderung zu bekommen. Zuletzt war er ganz zurückgeblieben. Ich sandte den Chabihr zurück, um ihn zu suchen, er fand ihn nicht. Trotz meines Mitlei- dens und unserer gemeinsamen Sorge konnten wir uns ohne Wasser und Nahrungsmittel hier nicht länger aufhalten und mußten weiter. Doch wollte ich noch Etwas thun und versprach Demjenigen, der mir den Hund noch lebend bringen würde, die hier außerordentlich hohe Summe von einem österreichischen Thaler. Unsere Simsemiaht waren leer, man konnte sie uns im ganzen Lager nicht füllen, weil auch die Bewohner desselben keins mehr besaßen und deshalb mehrere Kamele nach dem Nil gesandt hatten, um neuen Verrath herbeizuschaffen. Wir ritten von Zelt zu Zelt, das Wasser fehlte überall. Endlich, fast in der letzten Hütte, fand ich noch einen kleinen Schlauch mit dem kostbaren Le- bensclementc angefüllt und erhielt auf meine Bitte: vl rsssulll etilini 8cll weist was" (Beim Propheten, gebt mir ein 5 * 68 Wenig Wasser), welche kein Mahammedaner ohne Noth ausschlägk, eine geringe Menge davon. Von hier aus wandten wir uns in südöstlicher Richtung einem Felsbcrge zu, hinter welchem das Dorf Woad-Bischahri liegen sollte. Tischendorf's Kamel wurde zuletzt so matt, daß es zusammenstürzte. Der Reiter mußte nun den übrigen Weg zu Fuße machen, während der Führer zurückging, um das müde Thier nachzuholen. Vor uns lag eine weite, von hohen Bergen begrenzte Ebene. Vor dem Gebirge zog sich ein trüber Wasserstrci- fen dahin: er war das Ziel unserer grenzenlosen Sehnsucht, der heilige Nil! Jauchzend begrüßten wir ihn und gaben unseren ermatteten Kamelen zum letzten Male die Peitsche zu fühlen. Begierig schnüffelten sie den feuchten Duft ein, welcher bei der Kühle der einbrechenden Nacht von dort zu uns herüberwehte. Jetzt unterschieden wir auch Tokhulspitzen auf der weiten Ebene und hatten nach einer halben Stunde Woad-Bischahri erreicht. Dort weideten die Kamele unserer Karawane. Sogleich wurde ein frisches Kamel abgesandt, um August Tischendorf herbeizuholen. Nach Verlauf von wenig Minuten war auch er mit uns vereinigt. Unsere Leute waren schon heute Morgen angekommen und sehr besorgt um uns gewesen. Sie hatten sich bemüht, uns durch verschiedene Zurichtungen zu unserer Bequemlichkeit zu erfreuen. Aali- Arha hatte einen Tvkhul von seinen Bewohnern gesäubert, elastische Anakharihb herbeigeholt und schon am Mittage frisches Nilwasser in den im Schatten aufgehangenen Sinchcmiaht dem Luftzuge ausgesetzt, wodurch es sehr abgekühlt worden war; der Koch hatte ein gutes Mahl zugerichtet: kurz, es war gethan worden, was die Anhänglichkeit unserer Leute hatte ausdcnken können. Mit welcher Nimmersatten Begier wir das köstliche Wasser schlürften, mit welcher Wollust wir uns auf die weichen Bcttgcstcllen streckten und mit welcher Behaglichkeit wir unsere Tschibukaht rauchten, das kann nur Derjenige beurtheilen, welcher nach einer beschwerlichen Reise voll Gefahren und Mühseligkeiten in den Hafen der Ruhe einläuft; — doch nein, in Europa kann es Niemand — es kann es nur Der, welcher selbst eine Wüstenreisc gemacht hat. 69 Am 7. Juni. Am frühen Morgen erhielt der Chabihr die Weisung, den Hund zu suchen und ritt auf einem frischen Kamele in die Wüste hinaus. Am Abend kehrte er zurück und behauptete, den ganzen Tag eifrig, aber ohne Erfolg gesucht zu haben. Ich zweifelte daran, weil ich seine Nachlässigkeit kannte und wollte ihn am anderen Morgen wieder aussenden. Da fehlte auf einmal sein Kamel; er hatte es jedenfalls versteckt, um von dem Suchen nach dem Hunde befreit zu sein und war durch keine Befehle und Drohungen zu bewegen, wieder in die Steppe zu reiten. Da er mir schon den ganzen Weg viel Verdruß gemacht hatte, kündigte ich ihm eine Strafe an, welche er später durch den Bei in Charthum zuerthcilt erhielt. Er war ein störrischer, finsterer und übelgelaunter Mensch, welcher Reisende, die noch neu im Lande waren, gewiß oft tyrannisirtc, aber an mir seinen Mann in jeder Hinsicht gefunden hatte. Der arme Hund wurde, wie wir später erfuhren, todt gefunden; er war verdurstet! — Der erste Gang, welchen wir unternahmen, führte uns an die Ufer des Nil. Wir freuten uns wie Kinder, den Bringer und Erhalter alles Lebens vor uns zu sehen und begrüßten ihn wie einen theuren Freund. Seine Fluchen waren seit acht Tagen gerö- thet, ein Zeichen, daß die Regenzeit in seinem südlicheren Stromgebiete bereits begonnen hatte. — Woad-Bischahri ist ein großes Tokhuldorf, in welchem wöchentlich zweimal Markt gehalten wird. Fruchtbare, unbebaute Ebeucn umgeben es von allen Seiten; der Mensch ist zu indolent, um das Land zu bebauen. Er erwartet, daß die Natur ihm ihre Gaben zuschleudern soll und Pflanzt nur so viel Getreide an, als er zur höchsten Nothdurst gebraucht. Leider tragen hierzu die Män- gel der Regierung sehr Viel mit bei: der Bauer war bisher seines Eigenthums nie recht sicher und hielt es deshalb auch für unnö- thig, dasselbe zu vergrößern. Am 9. Juli setzten wir unsere Reise fort. In der Nacht vorher hatten wir ein ziemlich starkes Gewitter gehabt; es war etwas Regen gefallen und die drückende Hitze der letztverflossenen Tage dadurch vermindert worden. Nach kurzem Ritte kamen wir 70 in einen Mimosenwald, in welchem wir sehr viele Vögel in den lebhaftesten, brennendsten Farben des Sudahn antrafen. Wir ritten dem Djebel Nojahn zu. Der Nil windet sich unter diesem Berge zwischen hohen Gebirgen hindurch, weshalb wir jetzt rechts abbrachen und über eine steinige Ebene unseren Weg fortsetzten. Erst nach Mittag kamen wir in dem Dorfe Edjehr an und bezogen einen Tokhul, um den Mittag zu verbringen. Im Nil spazierten auf einer Sandinscl Reiher und rosenrothe Nimmersatte ('lantslus Ibis) herum, auf Felsen saß der schöne Schlangenhalsvogkl (ktotus 1s Vgllisntii) und sonnte sich. Unsere Karawane kam spät nach, weshalb wir auch im Dorfe über Nacht blieben und uns die Zeit mit einer höchst ergiebigen Jagd verkürzten. Wir erlegten Erdeichhörnchen an ihren Höhlen, Nashornvögel und prächtige Blauracken, Scheerenschnerbe! (Rb^nobops üavirostris) und stufenschwänzige Ziegenmelker. Ein im Strome auf einer Sandinscl liegendes, großes Krokodil erhielt von mir eine tödtliche Kugel und stürzte leblos in den Nil. Man wollte in der Nacht weiter reisen, wurde aber durch einen heftigen Südwind, welcher allmählich zum Sturme anwuchs, daran verhindert. Die Vorboten der nahen Regenzeit zeigten sich mehr und mehr. Auch am folgenden Tage mußten wir wegen des Sturmes bis gegen Abend in unserem einförmigen Dorfe verweilen und konnten nicht einmal auf die Jagd gehen. Erst um vier Uhr Nachmittags setzten wir die Reise fort. Eine Stunde später kamen wir wieder in die Nähe des Flusses. Am anderen Ufer stieg es wie eine braunroth gefärbte Rauchwolke auf. Ich glaubte, daß ein großer Ort oder ein Wald in Flammen stünde, erhielt aber auf meine Frage, was es sei, nur die kurze Antwort: „Usbukb Isbbisl" (ein schwerer Sturm). Auf unserem Ufer war noch keine Spur des Windes zu bemerken. Drüben vergrößerte sich die Wolke mehr und mehr und wurde dichter und dichter. Nach wenig Minuten brach ein fürchterlicher Orkan über uns herein. Später fielen einige Regentropfen; zu einem wirklichen Gusse 71 kam es aber nicht. In kurzer Zeit wurde dann Alles wieder ruhig. Eine Todtenstille herrschte und die untergehende Sonne leuchtete in einer Klarheit, daß man das Vorübergegangene nicht mehr ahnen konnte. Zum Arsche erreichten wir die ersten Häuser deS großen Dorfes Djtzmashb und nach einer Viertelstunde auch die Wohnung des Schech, in welcher wir über Nacht blieben. Ich trat vor die Hütte, um noch einen Blick hinaus in die stille Nacht zu werfen. Die Sterne leuchteten prächtig vom Himmelsdome herab; die Ziegenmelker flogen, im Dunkel der Nacht Insekten fangend, hin und her und schnurrten gemüthlich; hin und wieder sah man mehrere Männer nach der Mericfakneipe gehen oder von dort herkommen, in der Ferne tönte Tarabukenschall und Jauchzen der Menge; vor unserer Serieba lagen die ermüdeten Kamele und neben ihnen saßen die Treiber, um sie mit Durrah zu füttern; rings um die Hütte herum schliefen unsere Diener um ein großes, weithin strahlendes Feuer. Das ist die Scenerie eines Nachtbildcö in einem Dorfe Ost-Sudahns. — Am 11. Juli. Aali-Arha bestieg schon sehr früh seinen Hedjihn, um nach dem Dorfe Sururahb, in welchem er früher in Garnison gelegen hatte, vorauszurciten. Er war in seiner schönsten Kleidung und hatte seine Waffen schon einige Tage vorher geputzt. Wir folgten später nach und erreichten das große Dorf um Mittag. Der Ort zählt ungefähr fünfhundert Tokhahl, von denen vierhundert von den Soldaten bewohnt werden. Heute wurde gerade Markt gehalten, er war unbedeutend und enthielt nur die nöthigsten Lcbensmittel. Der Khawahs rcnommirte nach Herzenslust. Er hatte Sururahb als ein armer Invalid verlassen und kam jetzt zurück in den besten Kleidern und mit herrlichen Waffen, Sachen, welche in den Augen des türkischen Soldaten den höchsten Reiz haben und den größten Neid erregen. Sein Compagniechef bewirthete ihn selbst und ließ ihn neben sich setzen. Dies war eine Auszeichnung, welche dem alten ehrlichen Türken früher nie zu Theil geworden war. Allein der Sendjek verfehlte seinen Zweck, wenn er geglaubt hatte, 72 unserem Aali-Arha zu schmeicheln und die frühere schlechte Behandlung vergessen zu machen. Er nahin die Gunstbezeigung so ruhig hin, als ob er nie etwas Anderes gewohnt gewesen wäre, ohne seine gegen den Scndjck gefaßte üble Meinung zu ändern. „Der verdammte Bessewcndj", sagte er zu mir, „früher behandelte er mich wie einen Sklaven und jetzt weiß er nicht, was er Alles aus mir machen soll. Aber ich kenne den Ma-arras. Hätte ich Euch nicht gesunden, ich wäre elendiglich verhungert und M aha innre d- Arha (so hieß der Chef) hätte es geschehen lassen. Um meinen Sold hat er mich betrogen, jetzt nennt er mich Freund und Bruder. geiurlirl ei Kolli (Gott verdamme den Hund)!" Seine alten Bekannten kamen von allen Seiten herbei, um ihm zu seinen verbesserten Umständen Glück zu wünschen: Uasa nessied! — das ist (Gottes) Schickung — hieß es von der einen, ckio Imokt! — aber das ist ein Glück — von der anderen Seite, und Aali-Arha feierte einen so schönen Triumph, daß ich nothwendiger Weise hier liegen bleiben mußte, um ihn diesen recht genießen zu lassen. Abends erschien ein albanesischer Sänger in unserer Serieba, um uns auf seiner kleinen, kaum anderthalb Fuß langen Zither vorzuspielen. Er war von einem Mann und zwei alten und häßlichen egyptischen Weibsbildern begleitet, welche ich sogleich wegjagte. Der Albanese blieb und fing an spielen. Er strich mit einem Stückchen Papier, welches er zweimal zusammengebrochen hatte, um dadurch eine scharfe Ecke zu erzielen, über die vier Saiten hin und her und griff mit der linken Hand die Akkorde. Die Melodie ging bald in eine der schönen albanesischen Weisen über, der Mann spielte auf seinem unvollkommenen Instrumente meisterhaft und bereitete uns einen wahren Genuß. Am anderen Morgen zogen wir weiter, kamen bald nach Ker- reri und betraten jetzt das eigentliche Belled cl Sudahn. Oberhalb des Dorfes hielten wir in einem kleinen Wäldchen an, um zu rasten und unseren Kamelen Weide zu verschaffen. Einzelne Tokhahl standen zerstreut unter den Bäumen und über oder neben ihnen die Nester des kleinen sudahnesischen Storchs. Ich schickte 73 meinen Bedienten Mukle hinauf, um die Eier der Böget auszu- nehmcn; er fand in jedem Neste drei bis vier Stück und brachte viele herab. Die Araber erhoben ein Zetergeschrei, als wir die heiligen Böge! beunruhigten und riefen auf Mukle den Fluch des Himmels herab, waS diesen ganz in Wuth und Verzweiflung brachte. Gegen drei Uhr Nachmittags setzten wir unsere Reise fort und erblickten mit Sonnenuntergang das Minaret der Hauptstadt Ost- Sudahns. Eine halbe Stunde später lagen wir unter einem mir wohlbekannten Baume des blauen Flusses. Unser Feuer lockte eine Menge von Scorpionen, Spinnen und anderem Ungeziefer herbei, welches uns ein hinzugckommencr Grieche mit vertilgen half. Am 13. Juni. Mit Tagesanbruch wurden wir von einem heftigen Südwinde erweckt. Eben streckte ein mächtiges Krokodil, wie ich nur wenige gesehen, den Kopf aus dem Wasser, um mir, wie ich glaubte, den Morgcngruß zuzurufen. Nach kurzer Zeit erschien ein zweites und von nun an sahen wir alle fünf Minuten eins im Flusse herumschwimmen. Es waren fast lauter Riesen, welche die Araber des Dorfes Umdurmahn als äußerst gefährlich schilderten. Ich wurde später bald besser bekannt mit ihnen; manche meiner Kugeln mag heute noch einem Krokodile zu schaffen machen, denn ich habe nie einen Schuß gespart, wenn ich ihn anbringen konnte. — Mittag gingen wir nach Charthum hinüber. Vier Monate im Sudahn. Die Fata Morgan« hüllte die Hauptstadt Ost-Sudahns in ihr Nebelgewand, als wir uns ihren Mauern näherten. Ermattet von der fürchterlichen Hitze des Tages kamen wir auf dem Basare an und traten, um uns mit einer Tasse guten MochatrankeS zu erfrischen, zunächst in ein Kaffchaus. Dann machten wir Besuche. Der erste galt den Geistlichen der katholischen Mission. Wir wurden von ihnen recht freundlich aufgenommen. Während meiner Abwesenheit hatten sie ihre erste Reise auf dem weißen Flusse gemacht, auf welchem sie bis zu 4" 9^ der nördlichen Breite südlich vorgedrungen waren. Der alte Petremonte verkürzte unS die Zeit mit Erzählungen und Jagdgeschichten von der Reise, klagte über Musquitos und andere Unannehmlichkeiten, theilte mir aber auch einige interessante Notizen über Fauna und Flora der Länder deS weißen Flusses mit. Von hier aus gingen wir in das Hotel «lu Ogrtoum, d. h. zu meinem alten Freunde Penney. Wir traten in den Diwahn des Hausherrn und begrüßten die Anwesenden. Penney war noch immer der Alte. Er erklärte sich sogleich als unsern Gastfreund und bot uns eine Wohnung in seinem Hause mit so viel Herzlichkeit an, daß wir sie nicht ausschlagen konnten. Zu unserem nicht geringen Befremden wurden wir von einem Araber deutsch angeredet. Es war einer jener jungen Leute, welche auf Antrag des österreichischen Bergraths Russegger nach Wien gesandt worden waren, um dort (und später in verschiedenen österreichischen Bergwerken) den Bergbau zu studiren und befand sich jetzt in den Goldwäschereien von Khassahn, in der Provinz Fasse kl am oberen blauen Flusse, wo es ihm ziemlich trübe ging. Die Freude Hassan-Efsendi's cl Maadendji — des Berg- 75 beamten —, einmal wieder mit Deutschen verkehren zu können, war grenzenlos. Seine Jugenderinnerungen übermannten ihn; er fing zu weinen an. „Jesus Maria," rief er, „wie glücklich bin ich, endlich einmal Deutsche zu sehen!" Und nun suchte er uns begreiflich zu machen, daß er noch unendlich Viel von deutscher Art und Gewohnheit an sich habe. Er erzählte alte, längstbekannte Kalcndcranekdotcn, rezidirte deutsche Gedichte und sang schließlich sogar deutsche Lieder. Es war rührend und spaßhaft zugleich, unsern Hassan-Effcndi die Lieder: „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt u. s. w.", „Von der Alpe tönt das Horn u. s. w." und andere mehr anstimmen zu hören; er wußte seiner Freude keine Worte zu geben und glaubte sicherlich, sich heute nicht im Innern Afrika's, sondern inmitten Deutschlands zu befinden. Unsere Ankunft war unter den Europäern Charthums bald bekannt geworden. Alle kamen, um uns zu begrüßen, und theilten uns dann ihre Erlebnisse und andere Neuigkeiten mit. So erfuhren wir denn, daß sich Nicola Ulivi gegenwärtig in Kor- dofahn befinde, um Gummi einzukaufen; daß der Engländer Pe- therik seit einigen Monaten von einem Vimbaschi zu einem Kaufmann avanpirt sei und voriges Jahr hier in Charthum mit Sklaven gehandelt habe; daß la Farque nach Senahr gereist war und daß Nicola Ulivi's Töchterlein, die blasse Gen oveva, wieder in Charthum Hause. Der neue Gcncralgouverncur war Allen ein Stein des Anstoßes. Er hatte sich geäußert, daß er jeden Europäer, welcher die ihm wohlbekannten Gesetze seiner Nation vergäße, auf gut Türkisch behandeln, d. h., sobald er seinen Befehlen nicht Folge leisten würde, mit fünfhundert Peitschenhieben beschenken und in Ketten und Banden zu seinem resp. Konsul in Kairo bringen lassen werde. Er kennt die Europäer, ihre Gesetze und Sitten; er achtet ihren Verstand, haßt sie aber als Menschen. Ueber das Leben der Europäer Charthum's soll er sich wiederholt äußerst mißbilligend ausgesprochen haben; er tadelt mit Recht ihre Laster, vor Allem die Vielweiberei, in welcher sie fast Alle leben. Ich war begierig, ihn kennen zu lernen. Am 15. Juni 76 machte ich ihm den ersten Besuch. Er empfing mich, nachdem er meinen Firmahn angenommen und gelesen hatte, sehr höflich. Man brachte Tschibukaht und Kaffe. Der Pascha unterhielt sich mit mir in italienischer Sprache und brachte bald das Gespräch auf den weißen Fluß, welchen zu bereisen ich mir vorgenommen hatte. Im Laufe desselben entwickelte er sehr scharfsinnige Gedanken über Be- schiffung desselben behufs der Entdeckung seiner Quellen, brachte aber auch einige Ungereimtheiten mit zu Tage. So erzählte er von einem hohen Berge im oberen Stromgebiete des Flusses, welcher hin und her schaukle und von heftigen Winden bewegt werde. Derselbe müsse, glaube er, auf einer Lage von Quecksilber, welches er wahrscheinlich bloß in flüssiger Form kennen mochte, ruhen. Im Uebrigen hatte der Mann aber sehr vernünftige Ansichten. Wir wurden in unserm Gespräche durch das Erscheinen des früheren Gouverneurs Hahlid-Pascha und Hassan-Pascha's unterbrochen. Letzterer, ein ehrlicher, biederer Türke, ist einer der edelsten Familien entsprossen und half dem Vizckönig Aabahs-Pasch a so zu sagen auf den Thron, sprach sich aber über mehrere von seinen unheildrohendcn Regierungsmaßregeln so rücksichtslos offen aus, daß ihn der Pascha zu fürchten anfing und sich seiner zu entledigen suchte. Er schickte den alten Mann nach Kassahn in die Verbannung, hoffend, daß das mörderische Klima Ost-Sudahns oder die beschwerliche Reise von dreihundert und mehr deutschen Meilen dahin wohl das Leben des Greises enden würde. Aber die Vorsehung vereitelte den Plan des brutalen Menschen. Ein Engel wachte über dem Leben Hassan-Pascha's; seine zahlreichen Freunde brachten es beim Sultahn Aabd-el-Mcdjihd zuletzt dahin, daß Aabahs-Pascha einen derben Verweis und den bestimmten Befehl erhielt, Hassan-Pascha sogleich nach Egypten zurückzurufen. Aabd-el-Latief-Pascha ist ein schöner Mann von vierzig und einigen Jahren, mit sehr schlauem, regelmäßigem und einnehmendem Gesichte, dichtem, schwarzem, gut gehaltenem Barte und dunkeln, stark gewölbten Augenbraunen. Er ist in Tschcrkessien geboren, wurde als Sklave nach Konstantinopel verkauft, gelangte 77 von da in die Hände Mahammed-Aali's, erhielt von Diesem die Freiheit und mit ihr eine Anstellung in der Marine. Hier stieg er schnell empor, ging aber bald in den Landdienst über, bekam den Rang eines Bei und das Gouvernement.der Provinz Eint in Obcrcgyptcn, von wo aus er mit dem Range eines Generals oder Pascha als Gencralgouvcrncur „der Königreiche des Sudahn" nach Charthum gesandt wurde. Laticf-Pascha ist ein ziemlich unterrichteter Mann; er spricht neben der arabischen, türkischen und seiner heimathlichen Sprache das Italienische ganz leiblich, ist in manchen Wissenschaften bewandert und würde gewiß weit Mehr gelernt haben, wenn er dazu Gelegenheit gehabt hätte. Sein Charakter wurde sehr verschieden beurthcibt. Ich lernte ihn als einen edlen, freigebigen und großmüthigen, aber auch als einen herrschsüchtigen, strengen und rachsüchtigen Mann kennen. Oft machte er seinem Namen ^) alle Ehre. Er gab und liebte eine Fanthasie und hielt es, ohne den übrigen Gesetzen seines Propheten zu nahe zu treten, mit Luther's Worten: „Wer nicht liebt Wein (in Charthum gilt Branntwein dafür), Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Lebelang." Gewöhnlich speiste der Khadi Char- thums bei ihm; kamen dann Europäer, so lud er diese mit zur Tafel ein und trank ungenirt mit ihnen seinen Burgunder oder Champagner. Der fromme Mann betete, während dies geschah, ein „H.us billsllr min ei 8eli6!takn ei rsch'ikm" (Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gestürzten Teufel) nach dem andern, ohne dem sündigen Treiben des Pascha Einhalt zu thun, vielmehr ermunterte er Diesen zur Fröhlichkeit und entlockte ihm manchen Scherz. Latief präscntirtc ihm z. B. Wein und ergötzte sich an dem Entsetzen des Strenggläubigen oder versicherte ihm wiederholt, daß er keinen Wein, sondern nur Champagner oder Burgunder trinke u. d. m. — „Lieber Khadi", sagte er einmal zu ihm, „wenn Du gen Himmel fährst, halte ich mich an Deinem Khaf- tahn an, damit auch ich noch mit in's Paradies gelange, ehe dessen Thor wieder geschlossen wird." *) Latief bedeutet der Liebenswürdige. 78 Seine Regierungsmaßregeln sind streng. Er duldet keinen Widerspruch und führt Das, was er sich vorgenommen hat, gewiß durch. Alte Gauner, welche seit Jahren den Diwahn um ungeheure Summen betrogen hatten, wurden gezwungen, das Veruntreute wieder herauszugeben. Ein Araber, Hassan-Mussmahr*), welcher seit vielen Jahren gewisse Monopole verwaltet hatte, wurde für schuldig befunden, sechstausend Beutel oder cinhundertundfunf- zigtausend Spccicsthaler veruntreut zu haben. Dieser Mann hatte die armen Sudahnesen mit raffinirter Grausamkeit behandelt und sie unter Anderem zur Entrichtung von dreifachen Abgaben gezwungen, wo er nur einfache zu fordern hatte. Laticf-Pascha revidirte seine Rechnungsbücher genau und zwang den Betrüger zur Bezahlung der erwähnten Summe. Daß dieser sein Haus, seine Sklaven und Sklavinnen verkaufen mußte, kümmerte seinen Richter nicht; Hassan-Mussmahr durfte sich glücklich schätzen, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Selbst Hahlid-Pascha erhielt von seinem Nachfolger, sogar gegen ausdrücklichen Befehl des Vizckö- nigs, die Erlaubniß zur Abreise nach Egypten nicht, bevor er achthundert Beutel an die Schatzkammer der Regierung bezahlt hatte, die er derselben schuldete. „Aabahs-Pascha", sagte Latief zu mir, „ist Statthalter des Sultahns für Egypten, ich bin es für Ost- Sudahn und befolge die Befehle des Großherrn, ohne auf die des Vizekönigs Rücksicht zu nehmen. Ich habe vom Sultahn einen Firmahn erhalten, der mir befiehlt, das Rechte zu thun und ^vsl- Iskri »na svlrlsss ei 8ulm min ei msslumilin" (so wahr Gott lebt, ich endige das Unrecht und nehme es von denen, welchen man Unrecht gethan hat). Die ihm untergeordneten Beamten zittern vor ihm, das Volk ehrt und schätzt ihn. Wehe dem, der einen Nubier ohne hinreichenden Grund schlagen, ihn bedrücken oder ihm sonst Unrecht thun wollte! Sein Diwahn steht jedem Kläger offen. *) Mussmahr bedeutet einen Nagel. Hassan erhielt diesen Beinamen, weil er auf seiner Nase eine wie ein Nagelkopf gebildete Warze hatte. 79 Einige, recht nothwendige Verordnungen sind durch ihn bereits in's Leben getreten. So stellte er den Geldkurs Ost-Sudahns dem Egyptens gleich, was man früher nie für möglich gehalten hatte. Man verlor regelmäßig zehn bis zwölf Prozent des Nennwerthcs an dem von Egyptcn nach dem Sudahn gebrachten Gelde und hatte damit eine Reihe von Unannehmlichkeiten zu überwinden. Kurz nach unserer Ankunft ließ er in der Moschee fünf Gesetze proklamiren, welche ihm nur Ehre machen konnten. Das erste betraf die Schändung des Sikr*) und bedrohte die Fußsohlen eines Jeden, welcher auch fernerhin noch wagen sollte, das gottselige Werk auf die uns bekannte Weise zu vcrunhciligen, mit fünfhundert Peitschenhieben. Das zweite Gesetz untersagte den Gebrauch, welchen ich unter dem Namen „viltein nu äilt" beschrieben habe. „Jeder, welcher von nun an eine Braut unter den Umständen und Bedingungen des VUto'in vvu äilt Heimchen will, wird mit fünfhundert Peitschenhieben bestraft, ebenso der Vater dcS Mädchens. Ist Jemand mit Frauen verhcirathet, welche noch auf Erfüllung jener, das innerste Leben des Harchm tief verletzenden Bedingungen beharren, so soll er sich von diesen scheiden lassen und andere Heimchen, widrigenfalls ihm dieselbe Strafe, welche nach Befinden auch wiederholt werden kann, in Aussicht steht." Dieses Verbot störte freilich die Gemüthlichkeit der Sudahncsen wesentlich. Das dritte Gesetz betraf den Mißbrauch der Sklavinnen zu dem schnöden Gewerbe öffentlicher Mädchen. Latief-Pascha war über das Unwesen empört und verbot es bei harter Strafe. Er gab die strengsten Befehle, derartige Verbrechen sogleich zur Anzeige zu bringen und bedrohte Jeden, der es wagen sollte, sein Gesetz zu überschreiten, mit tausend Peitschenhieben. Zudem sollte die Sklavin auch noch an einen cdleren Herrn verkauft und das durch den Verkauf erlöste Geld als weitere Strafe von der Regierung in Beschlag genommen werden. Für den Fall, daß eine Sklavin ohne Wissen und Willen ihres Herrn einem solchen Er- *) S. Th. 1 S. 167. 80 werb nachgehen sollte, galt die Verordnung, daß sie ebenfalls verkauft und nach Kairo oder überhaupt außer Landes gebracht, dem frühern Eigenthümer aber nach ihrem Werthe gezahlt werden sollte. — Die beiden letzten Verordnungen verboten das thierische Geheul bei Beerdigungen und die im Sudahn übliche Beschneidung der Mädchen, welche von nun an genau nach den Geboten des Jslahm ausgeführt werden mußte. Aus all' Diesem wird man wohl ersehen haben, welcher Mann setzt Ost-Sudahn beherrschte. Ich werde noch mehrere Male Gelegenheit haben, seiner Erwähnung zu thun. Obgleich er sich gegen mich über die im Sudahn ansässigen Europäer mit nicht verhehlter Verachtung aussprach, gewählte er mir doch bald seine Gunst und erzeigte mir Dienste, welche ich füglich Wohlthaten nennen darf. Wir hatten mehrere Tage lang die Gastlichkeit des Dr. Penney annehmen müssen, weil wir trotz aller Bemühungen keine passende Wohnung finden konnten. Das einzige brauchbare Haus, welches wir gesehen hatten, gehörte einem Italiener, der dem Namen nach erster Apotheker der Provinz Ost-Sudahn, in der That aber früher Kaufmann war, er hatte einmal aus bloßer langer Weile in einem pharmaceutischen Werke gelesen, dann in Smyrna, um dem Hungertode zu entgehen, in einer Apotheke die Dienste eines KräuterstoßerS versehen und so Viel von der Arzneimischkunst erlernt, um sich in Egypten für einen Apotheker ausgeben zu können. Hier hatte die Praris seine Ausbildung vollendet; er war in die Dienste der Regierung getreten und von dieser nach Ost-Sudahn gesandt worden. Der gute Mann, Lumello war sein Name, hatte sich nun hier weniger mit den ihm anvertrauten Kranken des Hospitals, sondern mehr mit Kauf und Verkauf hübscher Sklavinnen beschäftigt, sich ein Haus und einen Garten angelegt und nebenbei auch die einträglichen Dienste eines Giftmischers besorgt; wenigstens hatte er einem italienischen Arzte, dessen Name mir entfallen ist, geholfen, einige Personen in ein besseres Land 81 zu spediren. Der Arzt hatte dies Geschäft für Geld und gute Worte übernommen, um wieder andern Personen damit wesentliche Dienste zu leisten. Außerdem stand unser Lumello auch noch in dem wohlbcgründeten Rufe eines Hauptgauners. Und gerade dieser Mann sollte und mußte unser Hauswirth werden, so sehr uns anch alle übrigen Europäer abgerathen hatten, uns mit ihm in eine, wie immer Namen habende Verbindung einzulassen. Allein was sollten wir thun? Die Regenzeit war vor der Thür, eine andre Wohnung nicht aufzufinden und in dein Hause des freundlichen Franzosen für uns kein Raum zu unsern Arbeiten. Wir mietheten also von Lumello ein „Gartenhaus" oder resp. eine Art von Hundestall, welcher von drei Seiten von seinem Garten eingeschlossen war, für monatlich sechzig Piaster und bezahlten die Miethe auch noch auf drei Monate voraus. Schon mit dem vierten Theile der Miethsumme wäre die elende Wohnung überreichlich bezahlt gewesen; wir wußten im Voraus, daß wir in Bälde mit dem Hauswirthe in Unfrieden gerathen würden; wir mußten dennoch die Wohnung miethen. Die einzige Annehmlichkeit der erbärmlichen Hütte war eine sich vor ihrer Thür befindliche Gartenlaube, in welcher wir uns den Tag über aufhalten, essen und schlafen konnten. Ich will hier dem Gange unserer Erzählung vorgreifen und Das vorausschicken, was wir mit Herrn Lumello späterhin erlebten. Nachdem der Italiener die Feindseligkeiten eröffnet hatte — ihm war es nämlich geradezu unmöglich, mit Jemandem längere Zeit in Frieden zu leben —, mußte ich darauf bedacht sein, wenigstens unser Leben vor seinen Mittelchen zu schützen. Daß ich hierzu ein „ srAiimentlllli sä llowinom" wählte, brachten die Verhältnisse mit sich. Lumello hatte ohne Grund den uns früher geöffneten Garten geschlossen, mich beim Pascha, freilich zu seinem eigenen größten Nachtheile, verklagt und einen Krakehl angefangen, welcher Monate hindurch anhielt. Ich mußte ernstliche, wohl begründete Besorgnisse hegen, von Herrn Lumello, wenn sich günstige Gelegenheit böte, vergiftet zu werden und ging daher, um Letzterem vorzubeugen, eines schönen Tages in Begleitung meines III. 6 82 wie ich selbst mit Pistolen wohl bewaffneten Khawahs Aali-Arha in den Diwahn des Apothekers. Hier entspann sich ungefähr folgender Dialog zwischen uns: „von Aiorno, 8iAnor Imwovo," sagte ich. „„von giorno voi, oai-i8simo 8iZnoro,"" erwiderte der alte Heuchler sehr freundlich, „„den vennto."" „Vi rinZrariio. Herr Lumello, ich bin gekommen, Ihnen Einiges zu sagen. Sie wissen, daß ich Ihnen zutrauen darf, gelegentlich von Ihnen vergiftet zu werden." „,Mn 8i§noro .... per Is mortv äi Vristo, -oomo xoteto ckirmi."" „O ich bitte, Herr Lumello, lassen Sie mich gefälligst ausreden. Sie wissen, Herr Lumello, daß Sie schon mehrere Personen vergiftet haben, ..... bitte, ereifern Sie sich nicht ohne Grund; und deßwegen bin ich gekommen, .Ihnen zu sagen, daß ich Sie sogleich niederschießen werde, wenn ich verspüren sollte, Gift erhalten zu haben. Sie kennen mich, Herr; verlassen Sie sich auf mein Wort, der geringste Versuch, Ihre Künste bei mir in Anwendung zu bringen, kostet Ihnen das Leben. Auch habe ich meinen Khawahs beauftragt, mich zu rächen, falls ich etwa zu jählings sterben sollte." „Aali-Arha, sage, was wirst Du thun," fragte ich diesen, „wenn ich durch Herrn Lumello vergiftet werden sollte?" Aali-Arha strich sich seinen Bart und antwortete mit zornfun- kelndem Auge: „Bei Allah und seinem Propheten, bei dem Kopfe meines Vaters, ich erschieße Dich, wenn Du meinem Herrn nur ein geringes Leid anthun solltest; ich erschieße Dich augenblicklich, wenn er eS befehlen sollte!" „Sie sehen, Signor Lumello," sagte ich, „daß mit mir nicht zu spaßen ist. ^ääio, 8iZnoro! ^ rivväerla!" Lumello blieb vernichtet, an allen Gliedern zitternd, in seinem Diwahn zurück. „'Ioäo8vo matto, 1nrio8o, mslsckotto!" murmelte er vor sich hin; — ich war vor seiner Kunst für immer gesichert. Später hat er sich bitter über mich beklagt. Er erzählte dem 83 nachherigen Konsul vr. Reitz, daß er in der größten Gefahr geschwebt habe, durch mich sein Leben zu verlieren. Am 28. Juni. Abends kamen Briefe aus der Heimath und vom Baron Müller an. Einer der letztem enthielt so schwere Beleidigungen, daß ich unmöglich länger in irgend einem Verhältnisse mit diesem Manne bleiben konnte, zumal da er sich von uns losgesagt und uns angekündigt hatte, daß er vor der Hand kein Geld weiter schicken werde. Ob wir dadurch in die größte Noth versetzt werden würden oder nicht, schien ihm gleichgültig zu sein. Ich schrieb ihm sogleich, daß ich mich von heute an aller Verbindlichkeiten gegen ihn überhoben fühle, bis zu seiner Ankunft aber, welche seinem mir schriftlich gegebenen Versprechen gemäß Mitte Juli erfolgen sollte, noch meine Funktionen versehen würde. Zugleich forderte ich ihn auf, mir die nöthigen Gelder zur Heimreise — einer Reise von mehr als sechshundert deutschen Meilen! — zu übersenden. — In der Nacht hatten wir den ersten Gewitterregen. Das Gewitter selbst war nicht heftig. Am andern Morgen war die Natur wie neu geboren. In unsrer Laube herrschte eine wahrhaft wohlthuende Kühle; im Garten sahen die Gebüsche noch einmal so frisch aus, als früher. Die beiden Flüsse sind seit einigen Tagen regelmäßig gestiegen. Am blauen Flusse sieht man das besser, als am weißen. Das Wasser des ersteren ist schon jetzt dunkel lehmroth gefärbt- während das des weißen Stromes kaum trüber geworden ist. Am 11. Juli. Man feierte gestern den Anfang des Fasten- monatS Ramadtahn. Auf dem freien Platze vor der Mudir're oder dem Regierungsgebäude der Provinz Charthum versammelte sich gegen drei Uhr Nachmittags eine Menge von Gesinde! um ein Bataillon Soldaten herum. Diese waren in Gala erschienen, d. h. die Offiziere trugen scharlachrotste, überreich und höchst geschmacklos mit Gold verzierte Jacken; die Gemeinen waren wie gewöhnlich gekleidet. Die Regimentsmusik dudelte schauerlich verstümmelte Kriegs- 6 * r 84 weisen der Franzosen her, dazwischen schlugen zerlumpte, auf geputzten Kamelen sitzende Kerle die großen Pauken unablässig und brachten damit einen Heidenlärm in ohrenzcrreißender Weise hervor. Die Kinder des Propheten oder die Schar afa leuchteten mit ihren grünen Turbanen aus dem bunten Gemisch der Menge heraus, welche einem halbnackten, wahrhaft scheußlich aussehenden Der- wihsch die von ihm vorgesagten Gebete nachschrie. Der Mönch saß auf einem dürren Klepper und ritt später unter krampfhaften Verrenkungen der Glieder und erbärmlichem Gebrülle dem Zuge voran. Man schrie, lärmte, betete, trug heilige oder wenigstens geweihte Fahnen herum und kam zuletzt in eine so grauenhafte Unordnung , daß ich Das, was ich hörte und sah, nicht mehr verstehen konnte. Aus einem nahen Fenster schauten sechs Paare schwarzer, glühender Augen heraus; ja, es ließ die Besitzerin des einen Paares manchmal sogar mehr von ihrem blendend weißen Gesichte sichtbar werden, als ihre Nachbarinnen zu billigen schienen. Diese Augenpaare waren unstreitig das Interessanteste bei der ganzen Geschichte; alles Andere war, wie gewöhnlich, trostlos langweilig. Wir gingen von hier aus nach der Hokmodene, auf deren Vorplätze eine großartige Fanthaft'e Statt finden sollte. Man warf hier eben den Djeried. Dieses kriegerische Spiel ist dem Türken unstreitig eins der angenehmsten, welche er kennt. Es gibt aber auch kein anderes, in dem sich männliche Kraft und Gewandtheit so kundgeben kann, als gerade beim Werfen des Djeried. Ein vollendeter Reiter hat hier die beste Gelegenheit, seine Künste zu zeigen. Der Djeried ist eine drei bis fünf Fuß lange und ungefähr einen Zoll dicke Wurflanze von Holz. Jeder der Mitspielenden führt drei bis vier dieser Stäbe mit sich oder hat mehrere Bedienten an der Grenze eines bestimmten Raumes aufgestellt, welche ihm die zur Erde gefallenen immer wieder auf's Pferd reichen. Die Spielenden theilen sich in zwei Parteien, welche sich im Scheingefechte gegenüberstehen. Nun erwählt sich Jeder seinen Mann, reitet im vollen Jagen auf ihn zu und schleudert seine Lanze nach ihm. Dieser muß nun entweder die ankommende Lanze mit seinem 85 eigenen Djeried pariren oder sich so auf die Seite deS Pferdes Herunterbeugen, daß sie über ihm wegfliegt. Man sieht den Reiter bei solchen Gelegenheiten am Bauche des Pferdes hängen und sich nur mit der Fußspitze am Sattelknopfe anhalten; im Nu aber ist er wieder im Sattel und verfolgt nun seinen Gegner, welcher sogleich nach dem Wurfe sein Pferd zur Flucht wandte, mit der größten Schnelligkeit, um ihm eine kräftig geschleuderte Lanze beizubringen. Oft wird auch einer der Spielenden von dem Djeried getroffen; ja es ist vorgekommen, daß Manche vom Pferde geworfen wurden. Für den Zuschauer ist das Werfen des Djeried eins der schönsten Schauspiele, welche ich kenne. Das Spiel steht in großer Achtung; die vornehmsten Türken nehmen oft daran Theil. Nachdem die Reiter Meisterhaftes geleistet hatten, räumten sie dem eben ankommenden Linienbataillon den Platz. Dieses stellte sich in Parade aus, schwenkte die Fahnen, präsentirte vor dem Pascha das Gewehr und zog sich unter dem Donner von einundzwanzig Kanonenschüssen, womit die Festlichkeit beendet wurde, nach seiner Kaserne zurück. — Am 23. Juli. Eine schauderhafte Gräuelthat des Pascha, welche, obgleich sie ein tiefes Dunkel decken sollte, doch bereits in Aller Munde ist, hat die Europäer in Bestürzung versetzt. Vorgestern Abend beschuldigten zwei Verschnittene des Pascha eine der Frauen des Harehm, in dem diesen umgebenden Garten mit einem fremden Manne verkehrt zu haben. Die Beschuldigte war die Frau Jbrahihm-Effendi's, eines Adoptivsohnes des Pascha, des unausstehlichsten, häßlichsten Menschen im Gefolge desselben. Sie mochte ungefähr fünfzehn Jahre zählen und soll ein Weib von großer Schönheit gewesen sein. Früher eine Conkubine des Pascha, war sie von diesem später an besagten Jbrahihm - Ef- fendi überlassen worden. Wahrscheinlich brachten die Eunuchen ihre Anklage mit der diesen Menschen eigenthümlichen Gehässigkeit vor, vielleicht sogar mit verleumderischen Zusätzen, wenigstens soll der Pascha über das Gehörte außerordentlich zornig gewesen sein. Er gab den Befehl, die Frau und den Mann, mit welchem sie vcr- 86 kehrt habe, vorzuführen. Das herbeigerufene unglückliche Weib zitterte an allen Gliedern, als sie die Wuth des Pascha in dessen Blicken las. „Hast Du heute mit einem fremden Manne im Garten gesprochen?" fragte der Pascha. «»Ja, Herrlichkeit, ich fragte den Dir und mir von Kairo her wohlbekannten Jbrahihm-Arha nach meinem Herrn (Jbra- hihm-Effendi)."" „Gewiß hat er Dich zur Untreue gegen Deinen Herrn verleiten wollen; nicht wahr, so ist es?" „„Nein, Herrlichkeit, das ist nicht wahr!"" „Gestehe die Wahrheit und es soll Dir Nichts geschehen; leugnest Du aber das Geschehene, dann lasse ich Dir Deine Glieder in Stücken vom Körper herunterhauen." Das arme Weib erschrak, wurde verwirrt und gestand Alles zu, was die niederträchtigen Ankläger behauptet hatten. „Führt sie hinweg," gebot der Pascha, „und bringt mir den Hund Jbrahihm - Arha!" > Dieser erschien. „Hast Du Nefiese, die Frau Jbrahihm-Effendi's, zur Untreue verleitet?" „„Nein, Ercellenz!"" „Wie, Du willst noch lügen? Ergreift ihn, Khawassihn, bindet ihn und prügelt ihn so lange, bis er die Wahrheit gesteht! Hund, Du mußt sterben!" Jbrahihm-Arha entflieht und passirt glücklich die Palastwache. Die Khawassihn verfolgen ihn und erhalten den Befehl, ihn lebend oder todt vor den Pascha zurückzubringen. Drei von ihnen fühlen menschlich und schießen nicht, der Vierte thut es, die Kugel zerschmettert die Kinnlade des Schlachtopsers. Er stürzt zusammen, man bringt ihn bewußtlos vor seinen Richter. Dort kehrt seine Besinnung zurück, er richtet sich auf und sagt: „„Herrlichkeit, ich bin unschuldig!"" ' „Schießt den Hund zusammen und werft ihn in den Fluß!" antwortet der Pascha. 87 Jbrahihm - Arha erhielt eine zweite Kugel in den Unterleib; man nimmt ihn, bringt ihn in eine Barke, fährt mit dieser der Mitte des Stromes zu und wirst ihn hinein. Ungeachtet des sehr hohen Wasserstandes erreicht der Unselige eine nur niedrig überflu- thete Sandinsel. Hier richtet er sich mit letzter Kraft noch einmal auf und ruft mit lauter Stimme: „ „Jbrahihm-Effendi, ich habe Dir noch Etwas zu sagen." " Statt Jbrahihm - Effendi's vernimmt dies der Pascha und befiehlt den Henkern, ihr Werk zu vollenden. Eine dritte Kugel bringt ihn auf immer zum Schweigen. Jetzt kommt die Reihe an die Frau. Der Pascha befiehlt, sie in den Strom zu werfen. Sie ist mit Diamantcnschmuck und anderem Geschmeide geziert, welches ihr die Khawafsihn abnehmen wollen. „Nein!" donnert der Pascha, „laßt das Zeug an ihr hängen und werft die Metze ihrem Buhlen nach, wie sie ist." Man bringt sie an das Ufer des blauen Flusses — ein Pistolenschuß — und die braunen Wogen empfangen das unglückliche Schlachtopfer und strömen über ihm so ruhig weiter, als ob sie Nichts um die grauenvolle Mordthat wüßten. Ich kann Nichts weiter hinzusetzen; die Geschichte spricht für sich selbst. Nur Das will ich noch sagen, daß die unabwendbare Strafe eines jeden Verbrechens, die Qual des Gewissens, nicht ausblieb. Latief-Pascha hat sich über ein Jahr lang nicht von dem immer und immer wiederkehrenden Bilde der Gemordeten befreien können. Am 26. Juli. Die Regenzeit hat jetzt in Eharthum allen Ernstes begonnen. Wir haben jeden dritten oder vierten Tag regelmäßig ein Gewitter, gewöhnlich mit Regen. — Ueber unsern Hof hinweg fliegen täglich mehrere Familien einer höchst interessanten Vogclart, deren systematischer Name llolius 5on6Agl6N8i8 ist. Sie haben die Größe einer Lerche, aber ein , mehr haar- als fcdcrartiges Gefieder, und zeichnen sich besonders durch den neun bis zehn Zoll langen Schwanz aus, welcher aus zwölf Federn mit sehr starken Kielen und bloßen Andeutungen von 88 Fahnen besteht. Ihr Gefieder ist mäusegrau oder bräunlich; sie haben einen Schöpf, am Nacken lebhaft blau gefärbte Federn und sind Bewohner der dichtesten Partiten der Gärten. Mit mäuseartiger Behendigkeit kriechen sie durch uns geradezu undurchdringlich scheinende Büsche, um dort sich ihre Nahrung aufzusuchen. Unter den Ornithologen herrscht die vollkommen unbegründete Meinung, daß sie sich mit den Füßen an dünne Zweige hängen und so schlafen sollen. In den Mimosenwäldern am blauen und weißen Flusse bauen die Webervögel ihre künstlichen Nester. Diese sind wegen ihrer eben so schönen als zweckmäßigen Bauart berühmt und haben den Vögeln ihren sehr passenden Namen verschafft. Hier bei Charthum findet sich vorzüglich die schmucke, gelbbäuchige Art mit schwarzem Gesicht und grünlichem Rücken, welche man Maskenweber Vogel (Ulooons personatub) genannt hat. Sein Nest hängt an der äußersten Spitze dünner, biegsamer Zweige und gewöhnlich über dem Wasser. Es hat die Gestalt einer ausgehöhlten Halbkugel, auf welche ein spitz zulaufender, ebenfalls hohler Kegel gestellt ist. Der Eingang ist eine lange Röhre, welche sich an der ganzen Außenwand des Nestes hinabzieht und erst unten öffnet. Die niedliche Wohnung besteht aus langen Grashalmen, welche so dicht und so künstlich mit einander verwebt sind, daß sie den Regen trefflich ableiten. Inwendig ist sie mit feinen und weichen Grashalmen und Samenfasern, welche den Jungen späterhin zur bequemen Unterlage dienen, ausgelegt. Wir machen jetzt die ergiebigsten Jagden. Die Regenzeit hat eine Menge seltener Vögel mitgebracht, denen wir eifrig nachstellen. Am Uferrande der beiden Ströme sieht man Schaaren von Gänsen, Löffelreihern, Nimmersatten, Reihern, kleinen schwarzen Störchen und Dickfüßcn ihr Wesen treiben; in den Wäldern zeigt sich dem Beobachter eine ihm völlig neue Ornis. In den Gärten Charthumö sind die Weintrauben gereift. Sie sind freilich mit den köstlichen, zuckersüßen Trauben Egyptens oder Griechenlands nicht in Vergleich zu bringen, aber dennoch genießbar. — 89 Vor einigen Tagen ist auch der Sardinier Brun-Rollet von einer Reise nach Kordofahn, wohin er in Handelsgeschäften gegangen war, zurückgekehrt. Er war von einem gewissen Vauts begleitet, welcher in Gesellschaft eines Mulatten, dem Sohne des berühmten Linnant-Bei, nach Kordofahn gereist war, um dort arabisches Gummi einzukaufen. Rollet ist Vater von vier oder fünf Kindern, welche er mit drei, sage drei Sklavinnen erzeugt hat. Diese leben jetzt friedlich beisammen, um gemeinschaftlich die jungen Bastarde aufzuziehen. Am 10. August. Feier des größten Festes der Mahamme- daner, des großen Beiram oder des Tages, an welchem der Neumond nach dem Fastenmonat Ramadtahn zuerst gesehen wird. Beturbante Türken und Egypter im höchsten Putz in allen Straßen ; großartige Fanthafle überall; Pomadengestank und Krokodil- drüsenduft durch die ganze Stadt; einundzwanzig Kanonenschüsse als obligater Chorus. — In der Nacht ein heftiges Gewitter mit einem wolkenbruchar- tigen Regen, welcher ganz Charthum unter Wasser setzt. Schon seit langer Zeit hatte ich eine Jagdreise auf dem blauen Flusse in's Werk zu setzen gesucht, war aber immer durch den jetzt sehr fühlbaren Geldmangel daran verhindert worden. Ich wagte es nicht, mich an die Europäer mit der Bitte um Gcldvorschuß zu wenden, weil ich im Voraus überzeugt war, entweder schnöde abgewiesen oder möglichst geprellt zu werden. Da wurde ich mit einem vornehmen Türken, Husse'rn-Arha, dem Obersten der irregulären Kavallerie außer Dienst, näher bekannt, schilderte ihm meine Geldverlegenheit und erhielt ohne Weiteres zweitausend Piaster vorgestreckt. Mit dieser Summe konnte ich meinen Vorsatz ausführen. Nachdem wir noch einige erfolgreiche Jagden am blauen und weißen Flusse gemacht hatten, verließ ich in einer kleinen, elenden und nur mit Strohmatten überdachten Barke Charthum am 9. September. Der vr. Vierthaler hatte beschlossen, in der Hauptstadt zurückzubleiben, weshalb ich nur meinen deutschen 90 Bedienten Tischendorf, einen neu angeworbenen nubischen Jäger, Tomboldo, einen Koch, zwei Abbälger, den alten Diener Gi- terendo und meinen treuen Aali-Arha mit mir nehmen konnte. Das klimatische Fieber stand uns in den Wäldern ganz sicher bevor; allein darnach darf der Naturforscher nicht fragen, wenn er Etwas leisten will. Vor meiner Abreise hatte ich ein anderes, geräumigeres Haus gemiethet, in welchem der Doktor seine Wohnung nahm. Voraussichtlich war eine sehr langsame Fahrt zu erwarten, der herrschende Wind war uns entgegen, die Barke mußte auch gegen den vollen Strom bewegt werden, wozu ebenso viele Kraft als Zeit gehörte. An den Stellen, wo die Wälder bis an den Strom reichten, wurde das Fortkommen nur dadurch möglich, daß die Matrosen ein Seil in den Mund nahmen, dainit unter den über und in das Wasser hängenden dornigen Mimosenbüschcn hinschwammen, in einer Lücke der Waldung einen festen Punkt zu gewinnen suchten und von dort aus die Barke nachzogen. Wir brauchten zu einer deutschen Meile Weg gewöhnlich einen ganzen Tag Zeit; aber diese war keineswegs verloren; vielmehr wurde die langsame Fahrt uns zum größten Gewinn, weil wir in den Wäldern so reiche Beute fanden, daß wir nie ohne volle Beschäftigung blieben. Ich will meine geneigten Leser, welche ich bitte, mich auf meiner zweiten Reise in die Urwälder zu begleiten, diesmal mit der Beschreibung dieser Tour nicht langweilen, von den naturwissenschaftlichen Ergebnissen jetzt ganz absehen und nur einige Erlebnisse derselben mittheilen. Am 17. September. Vorgestern waren wir in Kamlihn angekommen. Der Ort ist an und für sich höchst unbedeutend und vielleicht nur wegen seiner Branntwcinfabrik, der einzigen in ganz Ost-Sudahn, nenncnswerth. Für- uns wurde er aber wegen vortrefflicher Jagdbeute interessanter. Mein Jäger Tomboldo hatte gestern zwei seltene europäische Adler (L-guila Ronelli) und zwölf Exemplare des heiligen Ibis geschossen. Er erzählte, daß diese sonst so scheuen und seltenen Vögel in einer gewissen Gegend sehr häufig wären und leicht erlegt werden könnten. Eine solche Gele- 91 genheit kommt-nicht oft wieder; wir blieben deshalb heute hier. Ich ging am frühen Morgen mit Tomboldo am Flusse bis zu der bezeichneten Stelle hinab, legte mich in das hohe Gras und hatte bald einen der vorüberziehenden heiligen Bögel herabgeschossen. Auf Anrathen meines schwarzen Jägers brachte ich diesen mit Hülfe mehrerer Holzstückchen in eine ihm natürliche Stellung und erwartete nun die Ankunft neuer Züge. Fortwährend kamen zahlreiche Flüge der Böge! vom anderen Ufer herüber, um in der Steppe Heuschrecken zu suchen, welche jetzt ihre einzige Nahrung ausmachten. Jeder Zug, der vorbeikam, blieb in der Lust schwebend halten und umkreiste den getödteten Kameraden, so daß ich in kurzer Zeit fünfzehn Eremplare erlegen konnte, wozu Tomboldo noch sechs andere lieferte. Der Grund der merkwürdigen Vereinigung vieler Hunderte dieser gewöhnlich sehr einzelnen Böge! wurde mir erst später klar: es war eine Nistkolonie, welche die Thiere in einem unzugänglichen Sumpfe im Walde des anderen Ufers angelegt hatten. Nachmittags gab es nun natürlich viel Arbeit, um die bedeutende Anzahl der erlegten Böge! zu präpariren. Wir fuhren mit Libbahn langsam weiter. Zum Aaffr zogen sich Gewitterwolken zusammen, der Himmel schwärzte sich mehr und mehr und kurz vor Sonnenuntergang brach der Sturm über uns herein. Unser Schiffchen wurde mitten aus dem Strome herumgeschlendert; Blitz auf Blitz schlug vor und hinter uns, rechts und links in den Strom oder in die Wälder an beiden Ufern. Das Geprassel der brechenden Bäume, das Geheul der in Furcht gesetzten Hyänen, das Rauschen des von dem rasenden Sturme zu ellenhohen Wellen emporgetriebenen Stromes wurde von den ununterbrochen rollenden Donnerschlägen und dem Gebrüll des Orkanes völlig übertönt. Es war ein majestätisches, schauerlich-schönes Schauspiel. Mitten in diesem Sturmgebraus flog unsere schlechte Barke wie ein Dampfschiff dahin oder wurde wie ein Spielball hin- und hergeschleudert. Die Wellen schlugen über Bord und bald stand das hereingedrungcne Wasser mehrere Zoll hoch im Schiffsräume. Glücklicher Weise warf der Sturm das 92 Schifflein zuletzt auf daS schlammige Ufer so weit landeinwärts, daß die heranstürmenden Wogen keinen Schaden mehr thun konnten. Aber nun begann der Regen, ein Regen, den nur Einer beurtheilen kann, der tropische Gewitter aus Erfahrung kennt; ein Regen, in welchem, wie die Sudahnesen sich auszudrücken pflegen, die einzelnen Tropfen flintenkugelgroß herabfallen. In kurzer Zeit hatten wir das Wasser einen Fuß hoch im Raume stehen und waren Alle bis auf die Haut durchnäßt. Nur mit größter Noth schützte ich die präparirten Vogelbälge, von denen alle Kisten angefüllt waren, vor dem Naßwerden. Der Regen hielt nur kurze Zeit an, aber wir waren durch ihn in eine traurige Lage versetzt worden. Wir zitterten an allen Gliedern vor Frost und fühlten uns auf der durch Nichts geschützten Barke sehr ungemüthlich. Da entdeckten die Leute in der Nähe ein Dorf, wohin sich dann, mit Ausnahme des Schiffsvolkes, Alle flüchteten. Die Einwohner desselben wurden im Anfange durch das Erscheinen der bewaffneten Leute sehr in Angst versetzt und entflohen männlichen Theils sofort in die Wälder. Nachdem sie aber erfahren hatten, daß es uns nur um ein trockenes und warmes Nachtlager zu thun war, kehrten sie zurück, räumten uns einen Tokhul ein und schürten ein mächtiges Feuer, an dem wir unsere erstarrten Glieder erwärmen und einen kräftigen Kasse bereiten konnten. Unsere Nachtruhe wurde jedoch, außer dem Geheul der Hyänen, auch noch durch einen zweiten Orkan gestört, welcher zwar in unserem Dorfe keinen Schaden anrichtete, unsere Barke aber von Neuem in die größte Gefahr brachte. Am 21. September. Mein Diener Giterendo bemerkte heute Morgen in dem Walde die ersten Affen. Ich stieg sogleich an's Land, schoß eine vor mir auffliegende große Eule und verfolgte nun die Affen, welche mit den verschiedensten Grimassen und mit großer Schnelligkeit in den dornigen Gebüschen herumsprangen. Am 24. September. Wir hatten gestern Abend wieder heftigen Regen. Heute Mittag erreichen wir das am rechten Ufer des blauen Flusses liegende Dorf Abu-Harrahs, wo ich wegen der prächtigen Waldungen, welche sich dem Auge zu beiden Seiten ^93 darbieten, bleiben will. Wir nehmen eine verlassene Kaserne alba- nesischer Truppen in Beschlag, wohin ich unser Gepäck bringen lasse, nachdem drei noch einigermaßen bewohnbare Zimmer vom gröbsten Schmutze befreit worden sind. In den folgenden Tagen hatten wir, außer den stets höchst ergiebig ausfallenden Jagdercursionen, auch einige Besuche des hier wohnenden Kahschef, welcher uns noch überdicß nach türkischem Gebrauche mehrere Schafe „für die Küche" übersandt hatte, zu erwiedern. Daß er für sein „Akrahme" ein Gegengeschenk erhalten mußte, verstand sich von selbst, daß er Spiritussen wünschte, ging aus seinen Aeußerungen deutlich genug hervor. Er empfing daher einige Flaschen guten Branntwein und wir wurden dafür seiner bleibenden Freundschaft theilhaftig. Am 3V. September. Auf einer Jagdpartie in den Wäldern am anderen Ufer, welches Lurch zwei Uebcrfahrtsbarken mit dem unserigen in fortwährender Verbindung erhalten wird, waren wir kaum einige hundert Schritte in den Wald eingedrungen, als ein ungefähr acht Fuß langes Krokodil vor uns aufging und sich in eine nahe Hecke flüchtete. Wir umstellten dieselbe mit unseren Waffen, konnten sie aber nicht in Anwendung bringen, weil wir von dem Krokodil auch nicht das Geringste zu sehen vermochten. Jagend und dabei verschiedene Vögel verfolgend, gelangte ich nach einer guten Stunde auf die „Tahhera" oder die Höhe (wörtlich den Rücken) des Steppcnwaldes, verirrte mich dort und kam erst nach Mittag, triefend vom Schweiße, todtmüde, matt und im höchsten Grade durstig zum Flusse zurück. Ohne mich zu bedenken, stürzte ich dem Wasser zu, um zu trinken; hätte ich den Tod vor Augen gesehen, ich würde doch versucht haben, meine lechzende Zunge zu kühlen; denn hier, im Innern Afrika's, ist es für einen Durstigen bei der fürchterlichen Qual, welche er erleidet, rein unmöglich, auch nur einen Augenblick lang dem Anblick von Wasser zu widerstehen. Nachdem ich getrunken hatte, fühlte ich recht wohl, daß ich mir geschadet hatte und fürchtete die schlimmen Folgen, die in der That auch nicht ausblieben. Zum Tode matt, sank ich unter 94 einem schattigen Baume zusammen, nachdem ich mich durch langsames Gehen noch ein Wenig abzukühlen versucht hatte. Hier fanden mich meine Leute, halb besinnungslos, und brachten mich nach unserer Wohnung. Der blaue Fluß fällt jetzt fortwährend (an manchen Tagen neun Zoll), obgleich wir noch immer Gewitter und Regengüsse haben. Eigentlich sollte die Regenzeit schon vorüber sein; die ältesten Leute erinnern sich nicht, daß sie jemals so lange angehalten hätte. In der Steppe steht das Gras sechs bis acht Fuß hoch, die Durrah verspricht eine ungewöhnlich reiche Ernte. Man hat in der Nähe unseres Dorfes sehr große Strecken der Steppe mit dieser ergiebigen Getraideart bepflanzt. La tief-Pascha hat den sehr zweckmäßigen Befehl gegeben, daß das Militär sich seine eigenen Felder anlege. Die Soldaten von zwei in dem nahen Städtchen Wolcd-Medine stationirten Compagnien: haben eine so große Strecke der Steppe urbar gemacht, daß man diese in einem Tage nicht umgehen kann. Am 10. Oktober. Unser Haus ist in ein Lazareth verwandelt worden. Schon seit einer Woche liege ich am klimatischen Fieber darnieder. Die heftigsten Kopfschmerzen peinigen mich Tag und Nacht. Von meinen arabischen Bedienten sind vier erkrankt, auch Tischendorf hat das Lager suchen müssen. Er hat oft so heftiges Delirium, daß ihn die Uebrigen im Bett festhalten müssen, weil er in der Fieberhitze das Haus verläßt und mitten in der Nacht an dem Strome herumwandelt. Wir Alle können natürlich nicht arbeiten, weil die wenigen Gesunden zur Pflege der Anderen unentbehrlich sind. In unserem Dorfe sind viele Leute erkrankt; in Woled-Me- dine soll das Fieber so arg Hausen, das täglich durchschnittlich fünfzehn Menschen daran sterben. Man versichert mich von allen Seiten, daß dieser Monat gerade der schlimmste sei. — Die Gewitter und Regengüsse dauern fort. — Man brachte mir eine jener großen Schlangen, welche die 95 Eingcbornen Assala nennen; ein Araber hatte sie mit einem Knüttel erschlagen. Sie ist nicht giftig und wird gegessen. Das vorliegende Ercmplar war zehn pariser Fuß lang und mochte erst kürzlich Etwas gefressen haben; sein Leib war in der Mitte stärker als der Schenkel eines robusten Mannes. Die schöne Zeichnung der Haut veranlaßt die Eingebornen, dieselbe zu Zierrathen, wie z. B. zu Uebcrzügen auf Messerscheiben u. dergl., zu verarbeiten. Von Woled-Medine sind schon mehrere Barken, welche dorthin gekommen waren, um Durrah einzunehmen, leer zurückgekommen. Die alte Frucht ist verbraucht, die neue noch nicht reif. Man bezahlt das Ardehb oder 4,8 wiener Metzen in Woled- Medine gewöhnlich mit sechs Piastern. Wir warten mit Sehnsucht darauf, eine jener Barken zu Gesicht zu bekommen, um unsere Rückreise nach Charthum antreten zu können. Hier können wir ohne ärztliche Hülfe nicht länger verweilen. — Seit einigen Tagen haben wir die Vorboten der nun bald auftretenden Passatwinde, kühlende Luftströmungen aus dem Norden, beobachten können. Hoffentlich werden die erwünschten Winde bald erscheinen, um die fürchterliche Hitze zu verringern. Wir haben Nachts oft schon -s- 28" Reaum. gehabt. Am 14. Oktober. Tischendorf ist sehr bedenklich krank geworden und phantasirt die ganze Nacht. Auch unsern alten Türken Aali-Arha hat das Fieber erfaßt. Der Koch Man fuhr ist der Einzige von uns Allen, welcher gesund geblieben ist. Er befreite mich mehrere Male durch ein höchst sonderbares Mittel von meinem Kopfschmerze. In einer Tasse löst er nämlich Salz in Ci- tronensaft auf, entkleidet mich bis zu den Hüften und reibt mir damit unter Hersagung der Fathcha und einer ansehnlichen Menge von frommen Sprüchen, unter denen „Ls i88m lillslli ei i-add- maiui ei rsliiüllm" oft wiederholt wird, den ganzen Körper ein und zwar unter kräftigen Strichen von unten nach oben. Dann streicht er die Schläfe entlang nach der Stirn zu und treibt, wie er sich ausdrückt, „die Sonne auf der Stirne zusammen", weil er meine Krankheit der Wirkung der Sonnenstrahlen zuschreibt. Hier- 96 auf faltet er die Stirnhaut, zieht sie einigermaßen vom Kopfe ab, gießt mir von der Auflösung in die Ohrhöhlen und trocknet mich dann sorgfältig ab. In der Regel ist aller Schmerz wie abgeschnitten und wenigstens eine Zeit lang verschwunden. Wodurch diese Linderung der Schmerzen bedingt wird, will ich unentschieden lassen. Man mag das Ganze lächerlich finden; allein was läßt ein Kranker nicht mit sich vornehmen, wenn er eine Abnahme seiner Leiden hoffen darf! Noch eine volle Woche mußten wir in Abu-Harrahs verweilen, ohne daß unsere Krankheit abgenommen hätte. Erst am 21. Oktober konnten wir eine Barke zur Rückreise miethen. Wir ließen sie sogleich beladen und fuhren gegen Abend ab. In der Nacht, welche ich beinahe schlaflos verbringen mußte, hörte ich das Geschrei von mehreren Tausenden, wie ich glaubte, ziehender Kraniche. Am folgenden Tage sah ich aber, daß die Thiere nicht flogen, sondern ruhig auf Sandinscln im Strome saßen. Gegen Mittag ließen mehrere Hunderte dieser sonst so schlauen Böge! das den Strom langsam hinabschimmende Schiff so nahe an sich herankommen, daß ich nicht unterlassen konnte, obwohl mich zwei Leute aufrichten mußten, mit der Büchse unter den Haufen zu schießen. Der Schuß war glücklich und tödtcte zwei Stück. Man brachte sie mir: ich hatte die seltene 6rus VirZo in den Händen, einen Vogel, der mir früher nie zu Gesicht gekommen war. Mit meiner in ornithologischer und ästhetischer Hinsicht gleich großen Freude, die seltenen Vögel erlegt zu haben, erwachte auch das Verlangen, noch mehrere Kraniche zu schießen. Die Gelegenheit hierzu bot sich bald; der Aesthetikcr trat in den Hintergrund und nur der Sammler machte seine Rechte geltend. Leider ist freilich Naturaliensammeln fast immer mit Morden verbunden. Gegen Abend fuhren wir an einer großen Insel vorüber, auf der wir wieder viele Kraniche sitzen sahen. Ich ließ die Barke am unteren Ende der Insel anhalten und beschloß, ungeachtet meines Fiebers, eine nächtliche Jagd zu versuchen. Der Wille des Geistes beherrschte den geschwächten Körper. Seit mehreren Wochen war ich nicht fähig gewesen, mein Lager zu verlassen, heute konnte ich auf 97 die Jagd gehen. In der Dunkelheit der Nacht gelang es uns wirklich, mehrere Kraniche zu erlegen. Ich wiederholte in den folgenden Tagen das Manöver und jagte immer glücklich. Aber stets war ich an dem diesen nächtlichen Jagden folgenden Morgen kränker, als vorher und mußte sie sehr bald aufgeben. Der Geist hatte doch nicht genug Spannkraft, um dem mächtigen Einflüsse des Fiebers die Spitze zu bieten. Am 26. Oktober landeten wir in Charthum. Ich war kaum im Stande, unsere Wohnung zu erreichen, so hatte mich das Fieber geschwächt. Der Doktor crschrack über mein Aussehen. Nachmittags bekam ich wieder heftige Fieberanfälle. Die Europäer Penney, Contariny und Grabeau besuchen mich, um mir ihr Beileid zu erkennen zu geben. Grabeau und Contariny wissen mir viele Gcwaltstreiche des Pascha zu erzählen. Er hat Ersteren, welcher als Apotheker angestellt war, seines Dienstes entlassen, nach dessen Ansichten natürlich ohne Grund, in der That und Wahrheit aber, weil sich Grabeau verschiedene Untcrschleife hat zu Schulden kommen lassen. Der alte Gauner Lumello will eine Sklavin verkaufen, der Pascha gibt dieser jedoch einen Frcihcitsbricf, worüber sich der Italiener nicht wenig ärgert. Leider finden die Verwünschungen, welche die Europäer gegen den Pascha ausstoßcn, in mir keinen Anklang, weil ich den kräftigen Maßregeln des Gouverneurs meine vollste Zustimmung nicht versagen kann. Unser Doktor hat sich in Charthum gar nicht behaglich gefunden. Er hat die Zerrüttung des europäischen Haushaltes und die Verworfenheit der meisten Europäer kennen und verachten gelernt. Jetzt wünscht auch er Nichts sehnlicher, als von hier fortzukommen. Wir machen Pläne zu einer neuen Reise nach dem blauen Flusse. Es steht uns nur meine Krankheit und der große Geldmangel hindernd im Wege. Aabahs-Pascha hat drei Araber hierher in die Verbannung geschickt. Die Leute wurden in Europa erzogen, aber nur Einer hat sich dort eine wissenschaftliche Bildung erworben und ist ein rechtschaffener, bescheidener Mann geblieben. Der Andere ist eine in III. 7 98 jeder Hinsicht unbedeutende Erscheinung; der Dritte, ein gewisser Bajuhin-Esfendi, hat trotz des zwölfjährigen Aufenthaltes in Frankreich den Fcllah noch immer an sich hängen. Er vereinigt alle Untugenden des gemeinen ArabcrS mit denen des Franzosen. Außerdem ist auch noch ein ungebildeter Franzose, Namens Eduard le Grand, ein ächter Kamin cko karis, hier angekommen und hat, wie sich fast von selbst versteht, Penncy's Haus zu seinem bleibenden Absteigequartiere erwählt. Vor einigen Wochen ist Nikola Nlivi von seiner Reise nach Kordofahn zurückgekehrt. Er hat von dort, außer mehreren Sklavinnen nnd einer bedeutenden Menge arabischen Gummis, auch eine höchst merkwürdige Frucht mitgebracht. Sie hat die Größe und Gestalt einer Mandel, eine schwarzgrau aussehende Schale und einen weißen Kern. Dieser hat, wenn man ihn in den Mund nimmt, einen unangenehmen bitterlichen Geschmack, der sich aber in den reinsten Zuckcrgeschmack umändert, wenn man einen Schluck Wasser trinkt. Die Frucht soll aus Takhale stammen. Am 14. Oktober verließ die Haudclserpcdition nach dem weißen Flusse, welche alljährlich von der Regierung und einigen wohlhabenden Kaufleuten ausgerüstet wird, unter der Leitung des Gauners Nikola Ulivi Charthum. Dank der Fürsorge unsers Herrn Chef, wir mußten sie unter zahllosen Flintenschüssen abfahren sehen, ohne uns, wie wir sehnlichst gewünscht hatten, ihr anschließen zu können. Der Hauptzweck dieser rein merkantilischen Erpedition ist der Eintausch von Elfenbein und Sklaven gegen Glasperlen (Sukh- sukh oder Suksuk). Gewöhnlich bringt man auch Waffen, Ge- räthschaften und andere in ethnographischer Hinsicht merkwürdige Gegenstände von dieser Reise mit nach Charthum. Die Schiffe erreichen mit den konstanten Passatwindcn bald den sechsten oder fünften Grad der nördlichen Breite und kehren, mit Elfenbein, Tama- rindcnkuchcn, Ebenholz, Honig und anderen Handelsartikeln beladen , nach drei bis vier Monaten zurück. Der Ertrag und Gewinn der Reise ist bedeutend. Erst seit der Errichtung eines Konsnlats 99 ist es den Europäern möglich geworden, ohne Beschränkung an der Expedition Theil zu nehmen. Am 10. November. Seit einigen Tagen bin ich im Stande , auszugehen. Wir unternahmen vorgestern einen kleinen Spazierweg nach dem Nahs el Charthum oder dem Vereinigungspunkte beider Ströme. Unterwegs machten mich meine Bedienten auf die Löcher des größten der im Ost-Sudahn vorkommenden Dungkäfers (6oxris Isickis) aufmerksam. Es sind fünf bis sechs Fuß tiefe Höhlen, aus denen wir die Käfer durch cingegosscnes Wasser bald herausbrachten. Die Fruchtbarkeit ist in diesem Jahre außerordentlich groß. Man hat in einem gut bewässerten Garten in Jahresfrist viermal Walzen geerntet. Die Dattelpalmen haben zum zweiten Male geblüht und neue Früchte angesetzt. Unsere Verhältnisse gestalteten sich immer trüber. Von Europa fanden sich weder Briese, noch Wechsel vor; alle meine Bemühungen, Geld in Charthum aufzunehmen, scheiterten. Zuletzt war ich gezwungen, mich an Nikola Ulivi, ehe dieser seine Reise auf dem weißen Flusse antrat, zu wenden. Ich schickte Contariny als Unterhändler zu ihm und war nicht wenig erstaunt, durch diesen zu erfahren, daß sich Nikola bereit erklärt habe, mir eine nicht unbedeutende Summe vorzustrecken. Nun ging ich in Begleitung meines treuen Aali-Arha zu ihm in seinen Diwahn. Nikola empfing mich sehr freundlich. „Sie wünschen von mir Geld zu haben, vereintester Herr; ich bin gern erbötig, Ihren Wunsch zu erfüllen. Aber ich bin Kaufmann und Sie werden sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich nur gegen Zinsen ein Darlehn gewähren kann. Auch glaube ich, daß es für Sie am Zweckmäßigsten wäre, wenn Sie zu Ihrer bevorstehenden Reise meine Barke benutzen wollten, welche ich Ihnen für die Miethsumme von monatlich siebenhundert Piastern überlassen will. Wie viel Piaster haben Sie nöthig? Ich nannte die Summe von dreitausend Piastern; Nikola 7 * 100 forderte fünf Prozent monatliche Zinsen. Hierzu kam die freilich nur angedeutete, aber, wie ich wohl wußte, unumstößliche Bedingung, seine Barke zu miethen, obgleich diese um ungefähr sechzig Prozent zu theuer war. Ich kochte innerlich; doch schien mir, um Geld zu erhalten, kein anderes Mittel übrig zu bleiben, als mich bezüglich der Barke um zwölfhundert Piaster oder achtzig Thaler preußisch betrügen zu lassen und außerdem für die ganze Summe (also auch für die zweitausend Piaster Barkenmiethe) sechzig Prozent Zinsen zu versprechen. Nikola's Gewinn würde zwcihundertundachtzig Thaler betragen haben. Und ich ging diese Bedingungen ein — weil ich mußte! Wie der Sinkende nach einem Strohhalme greift, griff auch ich verzweifelnd nach diesem letzten Rettungsanker. Was in meinem Innern vorging, will ich Niemanden beschreiben. Ich sah meinen und unser Aller Untergang vor Augen und fühlte, wie ich durch eine ruchlose Hand tief in den Abgrund geschleudert wurde; aber ich mußte meine Gefühle vor meinem Peiniger verbergen. Wir berechneten die ganze Summe auf eine gewisse Geldsorte, auf die ich einen Wechsel auszustellen versprach. Bei dieser Berechnung versuchte es Nikola, mich abermals um zwanzig Prozent zu betrügen. Jetzt war ich meiner Entrüstung nicht mehr Herr. Die furchtbarste Wuth bemächtigte sich meiner; ich ergriff den Schurken mit starker Hand an seinem langen Barte und prügelte ihn mit meiner Rilpeitschc, so lange ich einen Arm rühren konnte und das dauerte lange Zeit. Aali-Arha hütete mit der gespannten Pistole in der Faust die Thüre des Diwahn, damit der nach Hülfe rufende Ulivi nicht den Beistand seiner Diener erhalten konnte. — Heilige Gerechtigkeit! Verzeihe es mir, wenn ich damals in Deine Rechte cingriff! — Ich danke es noch heute meinem Glücke, daß mein Arm kräftig und stark blieb! Endlich entwand er sich meinen Händen, entfloh in seinen Harehm und rief mir noch zu: „Nslacketto, jetzt sieh, wo Du Geld her bekommst." Ohne ein Wort zu entgegnen, verließ ich den Diwahn des bestraften Wucherers. — Nachdem sich mein Zorn gelegt hatte, fing ich an, über unsre 101 Lage nachzudenken. Ich sah keinen Ausweg, unserer Geldnot!) ein Ende zu machen. Da kam mir der Gedanke, den Pascha um Geld anzugehen. Ich entwarf eine Bittschrift, stellte ihm meine Verlegenheit vor, schilderte die Schlechtigkeit der Europäer und bat ihn schließlich, mir auf vier Monate fünftausend Piaster zu leihen. Bis dahin hoffte ich vom Hause Geld zu erhalten und meine Schuld tilgen zu können. Nachdem ich die Bittschrift in's Arabische übersetzt hatte, sandte ich sie durch Aali-Arha dem Pascha zu. Noch denselben Tag erhielt ich Antwort. Nach türkischem Gebrauche hatte der Pascha sogleich auf der Rückseite desselben Papieres, welches ich ihm zugesandt hatte, eine Verordnung an den Schatzmeister der Mudinc erlassen. Sie enthielt ungefähr folgende Worte: „Wir haben das Gesuch des Deutschen, Chalihl-Essend!, zu genehmigen beschlossen und befehlen Euch, ihm fünftausend Piaster ohne Zinsen auf vier Monate vorzustrecken. Laßt Euch von ihm einen Empfangsschein geben. Sollte der Herr aber nach Verlauf der vier Monate noch nicht im Stande sein, das ihm geliehene Geld an die Kasse der Regierung zurückzuzahlen, so sendet uns seinen Empfangsschein zu und rechnet unö die Summe von fünftausend Piastern auf unsre Appanagen; wir werden das Weitere dann verordnen." Diese wahrhaft königliche Handlungsweise des Pascha bedarf weiter keines Kommentars. Ich ging zu ihm, um ihm zu danken. Er empfing mich mit den wie ein Vorwurs klingenden Worten: „Es war Unrecht von Dir, Chalihl-Effcndi, daß Du mir Deine Verlegenheit nicht schon früher angezeigt hast; ich würde sie längst beendet haben, denn auch ich bin ja in der Fremde." Mit wahrer Freude rüstete ich mich jetzt zur Reise nach dem oberen Laufe des blauen Flusses. Statt der siebenhundert Piaster, welche ich für Nikola Ulivi's Barke geben sollte, bezahlte ich jetzt dreihundert für eine andere, welche durch ein Zelt von Strohmatten für unsre Zwecke gut genug hergerichtet wurde. Unser jetziges Fahrzeug übertraf die Dahalüe Ulivi's an Größe. Schon nach wenigen Tagen waren wir reisefertig; unser Schiffsvolk war williger und dienstfertiger, als das im Solde jenes Gauners stehende. Die tropischen Wälder und ihre Fauna. „Es prangt der Wald in bunter Schöne, Wie eine neue, reiche Welt?' Wir haben die Wüste durchwandert und uns in der Steppe umgesehen; werfen wir jetzt noch einen Blick in die allgemach aus der letzteren hcrvorgegangenen Wälder des Innern, welche wir füglich „Urwälder" nennen können. In vielen von ihnen ist noch kein Artschlag gehört worden, viele hat noch kein Pulsschlag der Civilisation durchzittert; sie gehören noch ganz sich selbst und der Wildniß. Neben der Hütte des Negers baut sich noch heute der Aar seinen Horst, neben dem Elephanten durchwandert sie das wüste Rhinozcros, mit dem König der Wildniß durchschleicht sie der „rosenfellige" Panther. Um uns ihr Vorhandensein erklären zu können, blicken wir noch einmal auf uns zum Theil schon bekannt Gewordenes zurück. Wenn der dem Aequator zuwandernde Reisende den achtzehnten Grad der nördlichen Hemisphäre überschritten-hat und in das Gebiet jener Regen, welche die Flüsse des Innern schwellen, gekommen ist, bemerkt er gar bald den mächtigen Einfluß des vom Himmel bescheerten Wassers. Die Sandmeere verschwinden, die staubigen Ebenen, auf denen er bis jetzt nur halbdürres Riedgras wuchern sah, bekleiden sich mit einem, anfangs allerdings nur noch spärlichen Pflanzenteppich; selbst zwischen den glühenden Felsmassen, deren starre Oede den Menschengeist niederdrückt, sproßt es und keimt es und sehnt es sich, Zweige, Blätter und Blüthen in die. reine Aetherluft hinauszubrcitcn. Mit jedem Breitengrade, den man durchreist, begegnet man neuen Pflanzenformen; die Arten werden zahlreicher, zahlreicher auch die Individuen der Ge- 103 wächst. Schon unter dem sechzehnten Grade n. Br. vereinigen sich die früher nur einsam, verlassen hier und da an den Ufern der Ströme stehenden Mimosen zu Wäldern, sie selbst erstarken zu gewaltigen, schatten- und blüthcnduftspendenden Bäumen. Je mehr man sich dem Gleicher nähert, je flammender die Blitze, je rauschender und anhaltender die Regengüsse der tropischen Gewitter werden, um so reicher wird die Flora und mit ihr die Fauna des »«enthüllten, märchenhaften Innern. Die undurchwandcrtcn, uns unter dem Namen „Chala" bekannt gewordenen, Ebenen deckt ein mannshoher, von einzeln aus ihm sich erhebenden Bäumen und Gesträuchen überragter Graswald; in den Niederungen treten die Bäume näher zusammen und verzweigen ihre Kronen zu einem kühlen Laubdache, in dessen Schatten nun auch andere, wasserbcdürf- tigere Pflanzen gedeihen können; selbst auf den Bergen bemerkt man vegetabilisches Leben. Nördlich von dem dreizehnten Grade sind nur die Ströme die Hcrzadern und Träger dieses Lebens, und ihre Ufer bis zum sechzehnten Grade hinab mit Wäldern, welche oft ganz das Bild der Urwälder des Innern geben, bedeckt; südlich von demselben wird wegen der Menge der fallenden Regen und der damit in Einklang stehenden Kürze der Alles crtödtcnden Zeit der Dürre der Pflanzenwuchs allgemein. Je bälder die Wiederkehr des Charicf erfolgt, um so ähnlicher wird die Vegetation jener der Tropenländcr des wasserreichen Amerika. Während in den „AuLd'iö"'*) mit dem Aufhören der Regenzeit auch das sich in ihnen ansammelnde Wasser und damit der Lebensunterhalt der Bäume verschwindet, so daß diese kaum genugsam gekräftigt sind, die zweite Jahreszeit zu überstehen, sind alle Gewächse südlich vom dreizehnten Grade so gesättigt worden, daß sie fast das ganze Jahr hindurch in voller Ueppigkeit fortleben können. Deshalb endet erst dort die verhältnißmäßig dürftige Vegetation der gleichsam noch immer durstigen Pflanzen der Steppe und deshalb findet man erst dort ebensowohl auf den Bergen als in den Thälern, auf Hochebenen und in Niederungen jenes Pflanzenlcben, welches wir sonst *) Plural von „W ahd" oder „Wadl", Niederung. 104 nur in der Nähe immer wasserreicher Ströme bemerken. Die Trok- kenheit der regcnlosen Monate ist aber sogar dort noch so groß, daß sie, wenn auch nur auf kurze Zeit, den Blätterschmuck der Bäume vernichten und sie auf einige Wochen in Todcsschlummer versenken kann. Aber bald erweckt sie der wieder fallende Regen zu Frühlingslust und Frühlingsleben. Und mit diesem freundlichen Bilde will ich beginnen, obgleich es schwer ist, seine Pracht würdig zu beschreiben. Wir betreten vom Ufer aus, an einer etwas freien Stelle, den Urwald, aus welchem uns ein ununterbrochenes, wirres Stim- mengctön entgegenschallt und Balsamduft anweht. Schon nach wenigen Schritten umgibt uns von allen Seiten der großartige Wald. Alles in ihm schwelgt in der üppigsten Fülle. Das Auge weiß nicht, wohin es sich wenden soll; das Ohr strebt vergeblich, das nicht endende Töncchaos zu ergründen; der Fuß zögert, weiter zu schreiten. Pflanzen und Vögcl entfalten eine ungeahnte Pracht. Die von goldenen Blüthenröschcn schimmernden Wipfel der Mimosen haben meist noch eine Decke von Schlingpflanzen erhalten; die blumenreiche Liane rankt von Baum zu Baum, bemächtigt sich eines großen Theils des Waldes und verwebt Wipfel und Stämme, Baumkronen und niedere Gebüsche zu einem einzigen, undurchdringlichen, undurchsichtigen Ganzen, in welchem es lebt und webt, daß dem Naturfreunde das Herz aufgeht. Blumen, welche unsere reichsten Gärten zieren würden, wachsen hier wild. Wir zählen allein von Winden mehr als zehn Arten. An einigen Schlinggewächsen bewundern wir die Blumen, an anderen die Früchte. Eine von ihnen trägt eine carminrothe, gurkcnähnliche Frucht, welche die Eingeborncn „Tammr el Aabihd" — die Frucht der Sklaven — nennen; andere bieten den Vögeln ihre großen herzförmigen, zinnoberfarbencn Beeren zur leckeren Speise. An einigen Stellen ranken sich Riefendohnen an den Bäumen empor. Sie haben schöne Blüthen und fußlange, fleischige Schoten mit schweren Saamcnkernen. Die Sudahnesen benutzen sie nur als Vieh- futter, obgleich ich gar nicht zweifle, daß sie ein gutes Gemüse geben würden. Selbst bis auf die Blätter und Ranken erstreckt sich 105 die bildnerische Schöpfungskraft. Erstere strahlen nicht bloß in allen Schattirungen von Dunkelgrün bis Dunkelroth, sondern zeigen auch die mannigfaltigsten Formen; die Ranken sind glatt oder mit feinen Stacheln besetzt und haben zu ihrem Querschnitt oft zusammengesetzte geometrische Figuren. Viele Bäume, Gesträuche und andere Pflanzen, vor allen aber die Mimosen verbreiten balsamische Wohlgerüche. Was in Deutschland ein Monat reifen macht, bringt hier in üppiger Fülle eine Woche zu Stande. Allein nicht blos in der Hohe, sondern auch in der Tiefe ist der Pflanzcnwuchs außerordentlich. Das Gras bedeckt nicht selten den Boden bis auf vier Fuß Höhe und macht jede Bewegung schwierig, in Verbindung mit Schlingpflanzen und niederen Gebüschen oft geradezu unmöglich. Der Wald ist halbe Meilen weit vollkommen undurchdringlich. Jede Grasart, jeder Baum, fast jedes Rankcngcwächs hat Stacheln oder Dornen. Die Gräser sind unter allen Pflanzen die unangenehmsten. Eine Art ist der uns bekannte Askanit, welcher seine feinen Stacheln in den Kleidern und der Haut des Eindringlings sitzen läßt (s. Th. 1, S. 270); eine zweite nennen die Araber Esserk und hassen sie fast noch mehr als die erste. Ihre Achre haftet am Linncnzeuge sehr fest und kann weder im trockenen Zustande, noch durch Waschen daraus entfernt werden. Ein drittes Gras, die „Tarbe" der Araber (zu deutsch ungefähr ,,Wegerich"), erzeugt Samenkapseln von so großer Härte, daß sie das Schuhwerk zerschneiden und höchst lästig werden. Hierzu kommen noch Gebüsche mit Dornen von allen Größen und Gattungen, von den -drei bis vier Zoll langen Mi- moscndornen an, bis zu den kleinen, gebogenen des Na batst rauch es oder der während des Frühlings kahlen Harahsi herab. Nur mit großen Wasserstiefeln kann man hier und da in das Innere des Waldes eindringen; allein diese sind bei der herrschenden Hitze eine drückende Last und werden dort, wo die zu einem einzigen Dorncngcflechte verwebten Gesträuche, Disteln und Gräser jedes weitere Vordringen hemmen, unbrauchbar. — Aber dennoch versuchen wir immer von Neuem wieder in das Innere des Waldes zu gelangen. Dort eröffnet sich uns eine neue 106 Welt; wir können nicht mithören, zu bewundern. Ruhelos schweift der Blick umher. Voll das Auge die mit den prächtigsten Farben geschmückten Vögel verfolgen, soll es an den duftigen Blüthen haften bleiben, oder soll es sich an einer zierlichen Antilope, einem Erdeichhörnchcn, einem goldigen Käfer, einem buntfarbigen Schmetterlinge erfreuen? Es ist gar nicht fähig, all' das Schöne, Herrliche, Erhabene, welchem es nach allen Seiten hin begegnet, mit einem Male dem Geiste vorzuführen. Mit Entzücken und Erstaunen betrachten wir die auffallenden Gestalten und die Pracht der Farben, mit welchen der Schöpfer hier Alles ausstattete; erst durch seine Bewohner gewinnt der Wald seinen vollen Reiz. Wer empfände nicht ein lebhaftes Vergnügen, wenn er die stahlblaue, in der Sonne in allen Farben schillernde Glanzdrossel (Immxro- tornis) durch die Zweige schlüpfen sieht? Wer vermag es, den Flug einer Paradies wittwe (Vickus parackisea), welche das für sie fast allzu große Gebäude ihres Schwanzes mühsam durch die Lüste schleppt, gleichgültig zu verfolgen? Die verschiedensten Stimmen und Töne sind hörbar. Von dem kühnen, starkklauigen Adler an bis zu der smaragden schillernden Biene herab schwirrt und summt, singt und lockt es in allen Zweigen. Schon von Weitem leuchtet die hochkarminrothc Brust eines Würgers (des I-aniarlus sr^tllroAgstei) aus den dichtesten Hecken hervor. Sein merkwürdiger Lockton fällt auf; es ist ein hcllmelodischer, dem unseres Pirols entfernt ähnlicher Pfiff, welchem ein höchst umnclodisches Knarren folgt. Wir schleichen den Vögeln nach und hören plötzlich den Pfiff von der einen, das Knarren von der andern Seite erschallen: Männchen und Weibchen haben sich vereinigt, den ununterbrochenen Lockruf hervorbringen. Das Männchen beginnt seinen Flötenton und das wohl achtsame Weibchen endet das Duett mit seinem eigenthümlichen Knarren *). Hoch auf den Wipfeln größerer Bäume sehen wir *) Wir können etwas Achnliches bei unseren Hausgänsen bemerken. Das „Gahk" des Weibchens folgt so schnell auf das „Gihk" des Männchens, daß man ebenfalls glauben konnte, Beides rühre nur von einem Vogel her. Daß sich die verschiedenen Geschlechter der Vogclpaare gegenseitig 107 eine Art des Nashornvogels (lolrus ei-^tdrork) nokus), welcher, weil seine Brutzeit herannaht, da oben seinen Paarungsrus unter den lebhaftesten Gesten in alle Winde schreit. Unter scheinbar höchst anstrengenden, ergötzlich anzusehenden Bewegungen des Oberkörpers beginnt er langsam seinen aus einem einzigen Tone bestehenden Ruf, wird aber, noch ehe er schweigt, so hitzig, daß er zuletzt seiner Stimme mit dem Kopfe nicht mehr folgen kann, denn bei jedem Ausrufe neigt er diesen tief herab. Ganz ähnlich klingt -das Ruksen eines niedlichen Erdtäubchens, welches wahrscheinlich ebenfalls nach einer Gefährtin späht. Man hört wenig Sänger aber viele Schreier, welche jedoch allesammt von dem Kreischen der in die Blätterfarbe gekleideten Papageien übertönt werden. Zuweilen erschallt auch ein eigenes Gegurgel dazwischen. Es rührt von einer der hier vorkommenden Affenarten her. Der langgeschwänzte Affe (tleroopitllsoug Zriseo-viriäl8) durcheilt mit kühnen Sprüngen die höchsten Neste der himmelanstrebenden Bäume ; ein altes Männchen, erfahren in allen Lagen des Affenlcbens, ausgelernt und listig, ist es, welches mit jenen seltsamen, weit hörbaren Tönen die komisch hinter ihm dreinspringende Heerdc leitet. Und dazu hämmern die Spechte, summen und brummen Tausende von Insekten, rascheln die Schlangen und Eidechsen, knarren und rauschen die Bäume. Jeder Schritt fast bringt ein neues Wunder vor unsere Augen. Es gibt nur wenige Höhlungen, in welche die Vögcl ihre Nester anlegen könnten, in den Bäumen, deshalb hat der allgütige Schöpfer diese gelehrt, sich selbst Wohnungen zu erbauen, welche fast gleiche Sicherheit als jene Baumhöhlen gewähren. Ein finkenarti- gcr Vogel, von seiner Kunst, Gras, Wolle und andere Stoffe zu Nestern zu verweben, der „Webervögel" genannt, befestigt an den Enden der schwächsten und biegsamsten Zweige mit langen, zähen Grashalmen sein künstliches Haus, versieht es mit einem kegelförmigen Dache, unter dem er einen röhrenförmigen Eingang antworten, ist bekannt; bei unserem Wendehälse (§u»x torI, die „Um Rischaht" — Besitzerin eines prächtigen Kleides — der Sudahnesen, ist auch in den Urwäldern ein stetiger Bewohner. Er erreicht selten die Größe des europäischen Luchses, greift auch, wie dieser, nie ohne Noth den Menschen an, ist aber, wenn er eS thut, ein nicht zu verachtender Gegner desselben. Man begegnet dem Karakal, weil er sich wenig bemerklich macht, nicht allzu oft, darf ihn aber in jeder größeren Waldung mit Sicherheit vermuthen. Unsere Marder finden in den Genettkatzen und Manglest cn der Urwälder ebenbürtige Vertreter. Die große Viverra Civvtta, der „Sobäht" der Eingebornen, lebt in Erdhöhlen und 117 raubt nächtlicher Weile im Walde und in den Dörfern Geflügel, junge Hausthiere und anderes Gewild. Er wird, wegen seines Moschus, oft gezähmt gehalten. Letzterer bildet sich in einer dem After nahe liegenden Tasche, wird von Zeit zu Zeit herausgenommen, in Ochscnhörner gefüllt und als kostbarer Stoff in den Handel gebracht. Auch die kleinen Gcnetkatzcn, donetts sonoZa- lonsis und 6. sd;'88iiiiog, werden oft gezähmt, gewöhnen sich bald an ihren Herrn und erfreuen diesen durch ihre unmuthige Gestalt und ihr angenehmes Wesen. In den Steppen- waldungen leben zwei in die Nähe der vorhergehenden zu stellende Thiere, der Uatelrm oapsn8i8 und die KIiodäoAalo mimtelinr». Ersterer heißt in Nubien Abu-Kchm oder Abu-Kohm, letzterer wegen seines üblen Geruchs „Abu-Acffn" — Stänker—. Die Mangustcn sind häufige, aber, wie alle marderähnli- chen Thiere, wenig bemerkbare Räuber jener Gegenden, deren bekannteste Art ich ausführlicher zu schildern versuchen will. Wie viele Arten unser Gebiet beherbergt, weiß ich mit Bestimmtheit nicht anzugeben, zumal die Naturforscher über diese oder jene Art noch uneinig sind. Außer den von Rüppcl entdeckten vier Arten — 1Iei'i>08to8 80 Auinvu 8 , II. Araoilm, II. Xobra und II. älutgiAella— dürften noch II. Iououi-U8, II. tae»ioi>oto8, Fmr'e/t und II. ->Ilio8C6N8 , des/'/', hierher zu zählen sein. Man hat diese Sippe in drei Subgencra getrennt. Nach den Berichten Hcuglin's ist es jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die Flüsse Sudahns auch Fischottern enthalten. Bis jetzt sind diese Thiere noch unbekannt und unbc- nannt. Von den Igeln kommen vier Arten: drinaoou8 8o»i>aari- ou8, , U. bisclH'ckactvIrm, II. lUunoii, und u. lroickglm, in unserem Gebiete vor; die Spitzmäuse sind durch zwei Sippen und sechs Arten, welche ich hier nicht aufzählen will, vertreten. Auch die in den Urwäldern an Familien, Sippen und Arten reiche Ordnung der Nager kann ich nur flüchtig skizzircn. Rüppcl fand in Abvssinien ein auf Bäumen lebendes, kleines Eich- 118 Horn, 8eiuru8 maltioolor; vr. v. Heuglin hat dazu eine neue, noch unbeschriebene Art entdeckt. In den unter egyptischcr Herrschaft stehenden Ländern Ost-Sudahns sind bisher nur Erdeich- hörnchen, Xerv8, beobachtet und von ihnen zwei Arten: X. leu- ooumdrinu8, und X. rutilll8, oder llraolliotu8, unterschieden worden. Beide heißen in ihrem Vaterlande „S-lberL" — Höhlen- oder Häuserbaucr —. Die Erdeichhörnchcn sind muntere, fröhliche Thierchen, welche sich unter dichten Gesträuchen ausgebreitete Baue graben und deren Umkreis selten verlassen. Ungeachtet ihrer Gewandtheit werden sie oft eine Beute der Raubvogel, gegen deren Fangwaffcn ihre scharfen Zähne Nichts ausrichten. Sie sind durch ihr hartes, borstenähnliches, aber glattes Haar ausgezeichnet und deshalb von den wahren Eichhörnchen zu unterscheiden. In die Nähe dieser Gruppe gehört auch ein den tropischen Wäldern eigenthümlicher Schläfer, den ich auf einer Mimose erhäscht, später aber, ohne ihn genauer bestimmen zu können, verloren habe. Wahrscheinlich ist es Nvoxu8 tloupei der Autoren. — Die in Egyptcn häufigen Springmäuse, Vipu8, sind im Sudahn hinsichtlich der Jndividuenzahl seltener als dort, treten aber in mehreren Arten und Sippen auf. Sie werden von den Einge- bornen „Djerboa" genannt. Man kennt von dem in unserem Gebiete auftretenden Arten den v. (Hsltom^8) 1urtipk8, Lrc/rr., v. (8c^rtow)'8) tetrsäsot)Iu8, Lre/rt. Von den sehr zahlreichen Mäusen sind einige und zwanzig Arten, welche sechs Sippen angehören, bestimmt worden. Ich unterlasse auch ihre Aufzählung. Unser Z1u8 Ro1tu8 ist mit dem l>1. «leonmsiE an allen Küstcnplätzcn des mittelländischen und rothen Meeres eingewandert, weshalb auch sie zu der Fauna N.-O.-Afrikas gezählt werden können. Aus der Familie der Hasen kommen im Sudahn wahrscheinlich nur zwei Arten: I.ogu8 sd^88inivu8, L/r^errL. und U. i8sdollilw8, vor. Alle Hasen Nord-Ost-Afrikas sind kleiner, als die unsrigcn, von denen sie sich durch Farbe und Lebensweise nur wenig unterscheiden. Ihre Ohren sind nach Verhält- 119 niß ihrer Körpergröße auffallend groß. Die Araber nennen sie Ärnöb oder Ernsb und ziehen ihr Fleisch dem alles anderen Wildes vor. Sie sind nirgends so gemein, als in guten Jagdge- gendcn Deutschlands. Kaninchen giebt es nicht. Die Familie der Stachelschweine zählt nur eine Art: IlMrix oriststa, deren Höhlen man ebenso häufig im Urwalde, als in der Steppe antrifft. Die Stachelschweine sind sehr harmlose Thiere, wissen sich aber, wenn sie angegriffen werden, gut zu vertheidigen, indem sie seitwärts gegen ihren Feind anrennen. Die Sudahnesen nennen das Thier „Abu-Schohk", Dornenvater oder mit Dornen Begabter. Beim Laufen hört man ein eigenthümliches Rasseln, welches durch das beständige Bewegen des mit kurzen, starken und stumpfen Stacheln besetzten Schwanzes hervorgebracht wird. Die zwei Sippen, welch« die Ordnung der Scharrthiere in Nord-Ost-Afrika repräsentiern, habe ich bereits bei Aufzählung der hervorragendsten Stcppenthiere aufgeführt. Durch die Mittheilungen meines Freundes Dr. von Heuglin habe ich aber so interessante Nachrichten über sie erhalten, daß ich die Gelegenheit, noch Einiges über sie zu sagen, nicht vorübergehen lassen will. Nach den Beobachtungen dieses ausgezeichneten Naturforschers ist es sehr wahrscheinlich, daß von der Sippe Or-vetoi-opus nächst 0. k»otliiopiou8 auch 0. vsponsm und nächst Llanis (I>dstgKv8) 'lemminoliii auch Äl. triou8pi8 in unserem Gebiete vorkommen. Es hält sehr schwer, sowohl das Erdferkel, als auch das Schup- peuthier zu erhalten, obgleich die Araber ersteren unter dem Namen „Abu Thclahf"*), letzteren unter der Benennung „Abu- Khirsc"**) sehr wohl kennen. Heuglin erhielt erst nach langen Bemühungen sowohl das eine, als auch das andere der Thiere und besaß beide längere Zeit lebendig. Er sagt von ihnen: „Das Erdferkel (0r^cteiop>i8) ist ein sehr behendes, nächtliches *) „Der mit Nageln Ausgerüstete." **) Khirfe bedeutet Rinde und demnach der Name des Thieres, der Inhaber eines der Rinde ähnlichen Kleides; streng wörtlich Rinden- v a t c r. 120 und sehr furchtsames Thier, welches an den großen Heerstraßen einer Mutilliden-Art in der Steppe mit ziemlicher Sicherheit aufgefunden werden kann. Es ist, vermöge seiner erstaunlichen Fertigkeit im Wühlen, schwer zu fangen, indem es sich, sobald es verfolgt wird, sofort in die Erde eingräbt. Doch brachten dieKa- babiesch, Dahr-Hammer und Bakhahra nach und nach einige für schweres Geld. Die Thiere schienen wenig gesellschaftlich zu sein, jedoch spielten drei Junge zuweilen zusammen." Sie ergötzten Hcuglin durch die Gewandtheit in ihren Bewegungen und, wenn sie unter sorgsamer Aufsicht frei gelassen wurden, im Graben. In der Ruhe standen alle Ercmplare, welche er besaß, immer nur auf drei Beinen; sie stützen dann einen Vordcrfnß mit den Nageln auf die Erde oder hielten ihn ganz frei; der Kopf wurde so gesenkt, daß die Schnauze zur Bodcnfläche senkrecht stand. Heuglin fütterte sie mit Milch, in welche rohe Eier, Honig, Mehl, Brod, Datteln, Weintrauben u. s. w. eingerührt wurden und einer sehr geringen Portion Ameisen groß. Sehr gern tranken sie die Buhsa (s. Th. 1 S. 184) der Eingcbornen. Das Schuppenthier findet sich nach Heuglin nur in den Steppen Kordofahns, wo es den Tag über, wie die Nomaden sagen, in nicht selbst gegrabenen, wenig vertieften Löchern in sich zusammengerollt auf der Seite liegt. Es ist ebenfalls Nachtthier, welches nur Abends und Morgens ausgeht und Skarabaen, Heuschrecken und andere Insekten frißt; in der Gefangenschaft kann man es mit Durrahkörncrn erhalten. ES geht nur auf den Hinterfüßen, indem es sich mit dem Schwanz im Gleichgewichte hält. Beide Edentaten haben die sonderbare Eigenschaft, ihren Unrath mit den Vorderfüßen cinzugraben. Sie schwitzen beständig und überaus heftig. Afrika zählt bekanntlich die meisten Familien der Dickhäuter. Südlich von dem vierzehnten Grade der nördl. Br. tritt der gewaltige Elephant, Llogkos ski-ieanrm, als stetiger Waldbc- wohner auf. Er erreicht eine riesige Größe und bekommt Stoßzähne, von denen ein einziger zuweilen mehr als hundert Pfund wiegt. In zahlreichen Heerden durchzieht er große Strecken; er ist 121 es, welcher die dichtesten Waldpartieen zugänglich macht. Der Führer der Hcerdc bricht sich durch den von Schlingpflanzen und Dornen zu einem allen übrigen großen Thieren undurchdringlichen Dik- kicht umgestalteten Wald seine Bahn, reißt mit seinem kräftigen Rüssel die starken Aeste und schwachen Zweige ab, um erstere aus seinem Wege zu werfen und letztere zu verspeisen; hinter ihm her traben die übrigen Glieder der Heerde und vernichten mit ihren plumpen Füßen oder dem gelcnkcn Greiforgan alle übrigen Hindernisse; zehn bis fünfzehn Elephanten hinterlassen nach einem einmaligen Zuge eine gangbare Straße durch den Wald. Obgleich der bedeutende Gewinn glücklicher Elephantenjagdcn viele Jäger zum Vernichtungskriege gegen die Waldriesen auffordern sollte, finden diese zur Zeit nur in den Negern Feinde, welche ihnen des Elfenbeins halber nach dem Leben trachten, denn die wenigen Jagden, welche von den im Sudahn lebenden Europäern gehalten werden, sind kaum in Betracht zu ziehen. Jene Waldwege, die von den Elephanten herrühren, wählt dann das blindwüthcnde Nashorn oder das nächtlich den Fluchen entsteigende Nilpferd zu seinen Weidegängen. Es scheint ausgemacht, daß von ersterem drei Arten: Rtuuoooros sti-ioanus, kd. Loitloa und Rll. simus im Sudahn vorkommen, welche ohne Unterschied von den Eingeborncn mit dem Namen „AnLsa" und Fertiet bezeichnet werden. Das Nashorn ist ein furchtbares Thier, das keine Feinde hat, weil es keinen Gegner findet, welcher es bewältigen könnte. Nur der muthige Neger oder der listige Abyssinicr wagt zuweilen einen vorher wohlvorbereiteten Kampf mit ihm; jener gräbt ihm Fallgruben oder sticht ihm von der Höhe eines Baumes herab die scharfe Lanze in's Genick; dieser greift es mit dem Schwert in der Faust, aber nur in Gesellschaft wohl erprobter Gefährten an. Die Sudahncsen fürchten es ungcmein. Die Anasa ist dasselbe Thier, in dem man das fabelhafte Einhorn zu finden geglaubt hat. Sie ist mir nie zu Gesicht gekommen, trotzdem zweifle ich sehr an der Eristcnz des Einhorns, weil ich gewiß weiß, daß Fertiet, Anasa und Nashorn gleichbedeutend sind. Das Nilpferd, Hippopotamus amplridius, Tr'»«e, 122 ist südlich vorn vierzehnten Grade in jedem Flusse und Flüßchen sehr gemein, wird aber ebenfalls wenig gejagt und nur hier und da durch Lärmen und unterhaltene Feuer von seinen Verheerungen in den Getreidefeldern abgehalten. In den oberen Stromgebieten der beiden Hauptflüsse unseres Gebietes leben mehrere Arten von Schweinen, wahrscheinlich sämmtlich der Sippe kkaoodwei-ug angehörend, von denen man zur Zeit nur zwei Arten, sotkiopiolls und kd. ^eliani, unterschieden hat. Die Thiere ähneln in ihrem Wesen und Betragen ganz unseren Wildschweinen, sollen jedoch nicht so gefährlich sein, als die in Egypten lebenden, welche, wie man annimmt, nur verwilderte Hausschweine sind. Nach dem System gehören auch die bedächtigen und netten Felsenbcwohncr, die Klippschliefer, zu den Pachydermen; in ihrem Wesen gleichen sie eher den Nagern, namentlich den Murmclthieren. Sie scheinen auf allen Gebirgen Nord-Ost- Afrikas zu Hause zu sein und gehören höchst wahrscheinlich mehreren Arten an, als man gelten lassen will. Wir glauben, daß die specifische Verschiedenheit der Ehrenb erg'schcn vier Arten: Il^rsx ruü«!6p8, ogponsl«, 8)'i-isoll8 und sk)'88inioll8, begründet ist. Im Sudahn finden sich, mit Ausnahme von kl. 8)riavu8, alle Arten; II. ru.Se:ex8 ist in der Nähe Charthnms gemein. Alle Berichte der Eingcbornen lauten übereinstimmend, daß in den inneren Steppcnwaldungcn mehrere Arten des ,, wilden EselS" vorkommen. Ich habe dieses fraglichen Thieres schon bei der Steppe gedacht, aber neuerdings durch Heuglin werthvolle Aufklärungen erhalten. Dieser sah in der Nähe von ihm aufgefundener Ruinen zwischen dem Nil und Atbara große Heerdcn desselben und hält es entweder für ^8inu8 OaaZei- oder ^8.I68tivll8 oder Lurellellii; von dem letzteren wurden ihm Felle aus dem oberen Stromgebiete des weißen Flusses gebracht. Die wilden Esel sollen erstaunlich scheu sein. Man erzählt sich Viel von der unbändigen Wildheit des ,,Chumahr el Chala" oder Steppcnesels, wie ihn die Eingcbornen nennen (obgleich sie stets bemerken, daß er waldiges 123 Terrain der reinen Steppe vorzuziehen scheine) und gibt vorzüglich das Land Tahka als seinen Wohnplatz an. In Dahr-Fuhr soll er gemein sein und in großen Heerden von Wald zu Wald streifen. Nächst den bei der Beschreibung der Steppe aufgezählten W i e- derkäuern beherbergt der Sudahn noch viele andere, hauptsächlich Antilopen. Das nahe Abysstnien ist an ihnen besonders reich und es mögen von da aus wohl viele Arten in das Gebiet des unteren blauen Flusses herüberkommen. Nicht ärmer jedoch sind die Waldungen am weißen Flusse, in denen Dr. v. Heuglin neuerdings eine sehr schöne Antilope aufgefunden hat, welche von ihm .4mtiloxs megsoero8 genannt wurde. In den Gebirgen Abpssiniens lebt ein von Rüppcll entdeckter St ein bock, die Osxrs HVslio, welcher mit dem auf einigen Gcbirgszügcn der,,Djesihre" gesehenen, bisher noch unbekannten, identisch sein dürfte; in ganz Nord-Ost-Afrika kommt ein Schaf, Ovi8 1'rgAslgpllu8 , in kleinen Heerden vor. Der kaffersche Büffel, Lem 6giror, Trmre, durchzieht unser Gebiet in größeren oder kleineren Truppen und steht in den Augen der Eingcbornen den größten Naubthieren an Furchtbarkeit gleich. Er greift den Jäger mit blinder Wuth an und weiß sich seiner starken Hörner trefflich zu bedienen. Wie ein von Dr. v. Heuglin nach Europa gebrachtes Eremplar — das erste, welches jemals dahin gelangte — beweist, kann er, wenn er jung aufgezogen wird, leicht gezähmt werden und zeigt dann eine sehr große Anhänglichkeit an seinen Wärter. Die Sudahnesen nennen ihn „Djamuhs el Chala", die Abyssinicr Gösch, die Kordofah- nesen oft auch el Khua. — Weit mehr Arten und Individuen zählt die Klasse der Bögest Sie sind die lieblichsten Waldbewohncr und die schönsten Erscheinungen aus der interessanten Fauna der afrikanischen Tropen. Schon an und für sich ist die Ornis der Urwälder sehr reich, sie erhält aber alljährlich durch die von Norden her zur Winterzeit einwandernden Zugvögel eine bedeutende Vermehrung ihres Reichthums. Es gibt gewisse Sammelplätze: holz- und wasserreiche Stellen in den Urwäldern, welche nahe an hundert Arten und eine 124 nicht zu berechnende Jndividuenzahl von Vögeln beherbergen. Ohne sie, die lebensfrohen, munteren und stimmbegabten Thiere würden die Wälder, ungeachtet ihrer übrigen großartigen Thicrwelt, todt sein. Die Vögel sind es, welche durch ihre heitere Lebenslust das Leben der Wälder erwecken. Zwar machen sich die größeren Vögel, welche meist stumm sind, gewöhnlich erst durch ihr Erscheinen bc- mcrklich; aber die kleineren verkünden ihr Dasein auch schon lange vorher, ehe sie sichtbar werden. Ich habe das Bild der Vogclwclt zu schildern versucht, wie es sich uns beim ersten Eintritt in den Urwald darstellt; dringen wir jetzt etwas tiefer in ihn ein. Bei einer Trennung der Steppe vom Urwalde kommt man zuweilen in einige Verlegenheit, welchem von Beiden man dieses oder jenes Thier zuzählen soll. Gerade im Sudahn sieht man häufig Stcppenthiere in den Wäldern, wenn diese Wasser enthalten, wahrend wiederum ächte Waldbewohner sich manchmal weit hinaus in die Steppe verirren. Ich ziehe solche Thiere zu dem Bereiche, welcher der Geburtsort derselben ist oder sein soll. Die Ordnung der Papageien, welche ich, weil ich die Assen obenan gestellt habe, zuerst erwähnen muß, zählt in Nord- Ost-Afrika nur drei Sippen mit sechs Arten, von denen die gemeinste der kalavornis enbieulr>ri8 ist. Die Papageien sind ächte Waldbewohner, obwohl sie nicht gerade besonders große, ununterbrochen zusammenhängende Waldpartieu verlangen. Wo einige Ta- marindcnbäume, deren prachtvolle Kronen ihnen immer Schatten und Schutz gewähren, zusammenstehen, wird man stets das kreischende Geschrei von Papageien hören. Sie selbst bekommt man nur selten zu sehen, denn sie wissen sich gar geschickt zwischen den mit ihrem Gefieder glcichgcfärbtcn Blättern zu verstecken. Sehr zahlreich ist in unserem Gebiete die Ordnung der Raub- vögel vertreten. Die acht Arten der großen und kleinen Geier, welche ich unterschieden habe, gehören dem Urwalde an, obschon sie sich auch stets in der Steppe finden, denn die tropischen Wälder enthalten nach Aussage der Araber und eigenen Beobachtungen ihren Horst und müssen deshalb als ihre Hcimath angesehen werden. Als vermittelndes Bindeglied zwischen ihnen und dcu 125 Edclad lern findet sich an allen Flüssen der Waldungen Le Val- liant's vollstimmiger Seeadler, llaliaötos voeilei- der Autoren, Abu-Tohk der Eingeborncn. Er ist ein prachtvoller Vogel, welcher seine nordische Sippschaft ebenso sehr an Schönheit des Gefieders übertrifft, als er ihnen an Körpergröße nachsteht. Der Kopf und Hals, die Kehle, der Nacken, die Brust und der Schwanz find schneeweiß, der Unterkörper und ein Theil der Flügel ziinmtbraun, das übrige Gefieder schwarz. Man muß den Seeadler auf dem Wipfel eines grünbelaubtcn, dicht am Ufer eines Stromes stehenden Baumes sehen, um die volle Pracht seines Gefieders ganz zu genießen. Während unser Vogel in der Nähe der Menschen sehr scheu wird, schaut er in Waldungen, in denen er ungestört lebt, dein Schützen dreist in's Rohr. Er verzehrt nur Fische und etwa auf dem Strome schwimmendes Fleisch; Vögel und Säugethiere scheint er nicht zu fangen, wenigstens habe ich gesehen, daß ein Krokodilwächter kühn genug war, mit ihm zugleich von einem Fische zu fressen. Seinen wcitschallenden Ruf vernimmt man lange, bevor man ihn sieht. Unter den Edcladlern fehlen die großen nördlichen Formen, wie Stein- und Kaiseradler und nur die Schrei adler Europas finden in allen ihren subtilen Arten und Unterarten ihre Vertreter in den Raubadlcrn, von denen wir drei Arten mit Bestimmtheit anzunehmen berechtigt sind. Während des Winters begegnen wir auch Bonelli's und dem gestiefelten Adler (^guila konolli und ^r. xonnsts) in den Wäldern. Diesen eigenthümlich ist die von mir aufgefundene und nach mir benannte Lrolimii, v. Ziemlich südlich tritt zu den Genannten Le Valliant's Haubenadlcr, Lpirraetos oooipitslis, und eine neue, von Heuglin entdeckte Art: 8p. lolleostiZms. Die Hauben adler erinnern an unsere Habichte; sie sind gewandte Flieger und tüchtige Räuber, aber ziemlich träge Vögel. Den 8p. oooi- pitsl>8 sieht man stundenlang ruhig auf einem Aste fitzen und sich damit beschäftigen, seine Fcderhaube aufzurichten, auszubreiten und wieder niederzulegen. Dann streicht er ab, nimmt vielleicht eine Maus, wohl auch ein bissiges Erdelch Hörnchen vom Boden 126 auf und kehrt zurück, um daS^alte Spiel von Neuem zu beginnen. In Abyssinien lebt die geierartige vulturina ; aus der Steppe kommen die Schlangenadler mit Ausnahme des Sekretärs in die Waldungen herein. Bisweilen, aber äußerst selten verirrt sich auch der Fischadler, kanckioa üalisötos, bis in die Wäl- düngen Ost-Sudahns. Der Rüppcll'sche Luteo i-ukau8 gehört eigentlich Egypten an, gelangt aber streichend, denn er wandert nicht, einzeln in unser Terrain und findet dort drei seiner Verwandten, den Luteo ^.ugur, oxlmiug und 86nsAslbN8i8 vor. Die in Egypten häufigen Milane und Gleitaare (Nilvim xsra8itiou8 und LIanu8 wvlsnoxteru8) scheinen die Wälder nicht zu lieben. In die Nähe der Bussarde gehört Strikland's kol^orni8 rullpsin,^, den ich Heu schreckend ussard nennen möchte. Während des Charles ist er auf allen Waldblößen gemein, mausert und verzehrt Heuschrecken; mit dem Dürrwerden des Grases verschwindet er und Niemand weiß, wohin er geht. Die Edclfalken und unter ihnen vorzüglich die Wanderfalken treffen wir als zufriedene Waldbcwohner an. Unser k'slco xorv8rwu8 sieht sich auch manchmal dort um, fliegt am blauen Flusse bis Nossceres hinauf, beneidet seine Sippschaft um ihr sorgenfreies Leben, kehrt aber, weil er sich würdig vertreten sieht, bald wieder in seine nordischen Fichten- und Föhrenwaldungcn zurück. Seine Repräsentanten sind der südliche Wanderfalke, der mittelafrikanische, Feldegg's- und der Nackenfalke (kaloo 1gn^pteru8, k»iarmieu8, UeläeAAÜ und oerviosl^) , welche die tropischen Wälder selten oder nie verlassen. Man begegnet ihnen oft. Hoch oben auf den letzten Aesten einer Tabaldie sitzen sie und spähen nach Beute umher, stürzen, wenn sie dieselbe gewahren, blitzschnell herab, ergreifen sie und kehren langsamer zu ihrer Warte zurück. Der schönste Vogel dieser Gruppe ist der rothhäl- sige Falke (I'aloo ruüoollw, S«var'nH. Er ist die Zierde der Wälder und zeigt den Wanderfalken in höchster Pracht, ist aber kleiner, als unser Baumfalke. An Kühnheit gibt er seinen Verwandten Nichts nach, an Schnelligkeit übertrifft er alle mir bekannten 127 Falken. Ich habe unter seinem Horste den e^psslus psi-vus gefunden und später gesehen, wie ein Falkenpaar einem dieser Segler so lange nachjagte, bis dieser von einem seiner Verfolger ergriffen wurde. Der Licblingsaufcnthalt des überaus zierlichen Vogels sind die Dulehb Palmen, auf deren breiten Blättern er seinen Horst erbaut und friedlich neben einer großen Taube (voluwds Zuinea) nistet. Seine Nahrung sucht er sich spielend. Wie ein Pfeil vom Bogen stürzt er sich unter einen der zahlreichen Wcbervogelschwärme und weiß sich daraus stets einen Vogel, welcher zu seiner Sättigung für einen Tag ausreicht, zu verschaffen. Auch er liebt die höchsten Spitzen der Adansonien. Der kaloo ooneolor ist eine ungleich seltnere Erscheinung. Im Winter kommen die Thurm- und Nöthelfalken (Derolinois) in unser Revier und werden dort, weil sie einzig und allein Heuschrecken verzehren, zu wahren Wohlthätern für dasselbe. Unsere Habichte und Sperber sind durch die ziemlich plumpe Form der Sippe Uoliei-ax, zu welcher der Singfalke gehört, vertreten. Im Sudahn kommen zwei Arten: N. xol^omis und Ll. ksbar, vor; der erstere ist gemein. Ein wirklicher Sperber ist der gewandte l^isus mimillus, welcher höchst einzeln beobachtet worden ist. Außer ihm kommen in Abyssinien noch mehrere ächte Sperber vor. Das alte System stellte in die Nähe der Sperber noch einen der sonderbarsten Raubvögel Afrika's, den nacktwan- gigen „Sperber" (Mi8U8 welcher in neuerer Zeit zum Typus des neuen Geschlechtes kol^boi-oicko8 erhoben worden ist. Es ist ein höchst auffallender Vogel mit ziemlich einfarbigem, blaugrauem Gefieder, sehr hohen Beinen und Flugwerkzeugcn, welche einen Adler durch die Lüfte tragen könnten und scheinbar in gar keinem Verhältnisse zu dem schmächtigen Körper des Vogels stehen. Sein HabituS erinnert lebhaft an die stets auffallend gestalteten Reptilienfrcsser; in der That lebt er nur von diesen Thieren. Im Sudahn gehört er nicht unter die häufigen Raubvögel. Man sieht ihn zuweilen mit langsamen, trägen Flügelschlägen von einem Baume des lichteren Waldes oder der Steppe zum andern fliegen. Ueber seine Lebensart ist Nichts bekannt. 128 Die Weihen, jenes Bindeglied zwischen Falken und Eulen gehören, obgleich sie auch in den Wäldern erscheinen, der Steppe an. Von den Eulen haben wir vier Arten aufgefunden, welche drei Geschlechter bilden. An der Stelle unseres Uhus finden wir den Lubo lacteub, anstatt unserer Ohreule den Otu8 slri- esnii 8 ; 0tv8 leuootm dürfte unseren 0 tu 8 llraoll) oto8, die allerliebste ?s88ei-ms xu8i1Is unseren Zwergkauz vertreten. Europäische Gäste in den Urwäldern sind die in der halben Welt hcrum- wandernde kurzohrige Eule und eine Zwergohreule (Lpdial- 1«8), welche sich wegen ihrer geringen Größe specifisch von L. 8eop8 unterscheidet. Das Geschlecht der Ziegenmelker besitzt in Afrika zahlreiche Arten — man kennt bis jetzt deren acht, — welche aber meist der Steppe angehören. In den Urwäldern ist der stufenschwän- zige Ziegenmelker (6axrimulAU8 olimaoturiw) und der „Vogel mit vier Flügeln" (6. lcmAiponnib) heimisch; unser 6. 6uropsou8 erscheint jeden Winter als Gast. Der stufenschwänzige Ziegenmelker, von welchem ich schon mehrfach gesprochen habe, schnurrt zur Paarungszeit ebenso gemüthlich, als unser europäischer Nachtschatten und hat deshalb von den Arabern den Namen „Khurre" erhalten. Im Fluge nimmt er sich prachtvoll aus. Sein Stufenschwanz schwimmt wie die Schleppe eines Gewandes durch die Lüfte und seine Erscheinung gewährt dann dem Naturfreunde einen eigenen Genuß. Den Vogel mit vier Flügeln sah ich, weil er erst unter dem elften Grade vorkommt, nie; aber Alle, welche ihn sahen, stimmen darin übercin, daß es keine phantastischere Erscheinung geben kann als diesen Vogel, wenn er fliegte Er ist klein (nur 8" lang), hat aber an den Spitzen der Flügel eine sechzehn Zolle lange nackte Feder, an deren Ende sich breite Barten befinden. Diese Anhängsel müssen beim Fluge allerdings als zwei andere Flügel erscheinen. Als Repräsentant unseres Mauerseglers, welcher die Urwälder nur auf seinem Zuge berührt, sieht man den schon genannten <^P80I>I8 xsrvu 8 , zu welchem südlich vom vierzehnten Grade noch der 6. 6a6or hinzutritt. Letzterer nistet wie die Uferschwalben in 129 selbstgegrabenen Höhlen, welche er an steilen Uferstellen anbringt. An der Stelle unserer Rauchschwalbe findet sich die rothstirnige Glanzschwalbe, (leoroxm ruktrons, anstatt unserer Uferschwalbe die kleinere 6ot^1e xsluäibulg. Außer der Genannten gibt es noch viele andere Arten. Die farbenprächtigen Bienenfresser zählen fünf einheimische Arten, welche von den europäischen (Hlorops ^piaster und lU. SsviZn^i) auf ihrem Zuge besucht worden. Unter den ersteren zeichnet sich Al. ooeruleoovplralus durch seine Größe und Schönheit, Nl. Lullooliii durch sein lebhaft gefärbtes Gefieder aus. Die Bienenfresser tragen wesentlich zur Belebung der Wälder bei. Pärchenweise sitzen die Vögelchen auf hervorragenden niederen Aesten und rufen von Zeit zu Zeit ihr allen gemeinsames Guep, Guep*), bis sie ein fliegendes Insekt erspähen, auf welches sie sich mit großer Schnelligkeit stürzen. Ihre Gestchtsschärfe ist außerordentlich; sie nehmen selbst kleine Insekten bis auf hundert Fuß Entfernung wahr. Während der eine Gatte seinem Raube nachfliegt, bleibt der andere ruhig sitzen; ich habe nie gesehen, daß sich zwei Bienenfresser um die Beute gestritten hätten. Es sind verträgliche, höchst gesellschaftliche und liebenswürdige Böge!, welche dem Beschauer ebenso sehr durch ihr schönes Federkleid, als durch ihr Betragen erfreuen. Unter den Eisvögeln treten in den Urwäldern jene merkwürdigen Formen auf, welche die Systematiker vsoslo und Usl- v^ou genannt haben. Die Ornis Centralafrika's zählt mehrere Arten derselben, welche sämmtlich mehr dem Lande, als dem Wasser angehören und, anstatt Fische, Insekten fangen. An unseren Eisvogel erinnert die wunderschöne ^-Iveäo ooerulva, welche sich von ersterem durch viel geringere Größe — sie ist nur halb so groß — und eine prachtvolle Federholle, die sie ausbreiten und erheben kann, unterscheidet. Der geschäckte Eisvogel Egyp« tenS (Verdis ruäis) ist seltener, als am Nil. Abyssinien beherbergt andere ausgezeichnete Arten. Daher der französische Name vuepier. m. 9 130 Unser Kucknk ist, wie der südcuropäische Strauß! uckuk, nur Gast in den tropischen Wäldern. Bon den einheimischen Arten dieser Familie haben wir vier aufgefunden, unter denen der Goldkuckuk (6Ki-)'8ooooo^x anrate) der schönste ist. Er hat ungefähr die Größe und Gestalt unseres Wendehalses und ist einer der prachtvollsten Böge! Central-Afrika's, dessen Purpurgefieder mit dem der Glanzdrosseln und Honigsauger an metallischem Glanz und an Farbe wetteifert. 6ontroxu8 8enoAa1en8i8, ein unscheinbarer, selbst brütender Kuckuk, welcher beständig nach Ameisen stinkt, weiß selbst die dichtesten Gebüsche der Urwälder mit derselben Leichtigkeit als in Egypten die Rohrdickichte zu durchschlüpfen; 6ontropll8 aker und 6. 8uporolIio8,i8 lieben mehr die freieren Waldpartieen. Die Honigangeber, Inlliostor, von denen man drei bis vier Arten kennt, sind in Abpssinien häufiger als im Sudahn, wo sie in den Waldungeu des oberen weißen Flußgebietes zu finden sind. Unser Pirol kommt jeden Winter bis in die Urwälder, welche zwei ihm ähnliche, afrikanische Arten, 0rio1u8 sursem und O. Noloxita, beherbergen. Zu den gemeinsten Waldvögeln Ost-Sudahns gehört die abys- si irische Mandelkrähe (0orsoie>8 »IH'smnivs) , welche die unsrige mit kleinerm Körper, aber in höherer Ausbildung darstellt. Ihr Schwalbenschwanz, an dem die äußersten Steuerfedern um vier Zoll verlängert sind, und ihre intensiveren Farben unterscheiden sie leicht von dieser, mit welcher sie dieselben Sitten hat. Die kordofahnesischcn Wälder beherbergen eine ungleich seltnere Art der Mandelkrähe, die 6. naovis. Hierher gehören die Genera Lur;'8tomll3 und ^xoloäerms, welche beide nur durch eine einzige Art rcpräsentirt sind. Hedenborg's Wüstenrabe kommt auch im Sudahn vor, der weißbrüstige Rabe (0. 8ospulstu8) ist aber häufiger als er. Südlich vom dreizehnten Grade begegnet man zuweilen dem äußerst vorsichtigen vorvultur era^iro^rm, einem ziemlich großen Raben mit dickem Schnabel; in Abpssinien kommen 131 nach Rüppell noch zwei andere Raben und die den Raben ähnliche Alpen krähe, MrsKilas Zrnonlii8, vor. Eine reiche Sippe oder Familie, die der Glanzdrosseln, liLmprotornis , reiht sich dem System nach an die Krähen an, enthält aber zugleich den ausgezeichnetsten Prachtvögel der afrikanischen Tropenländer. Man kennt ungefähr zehn Arten dieser ihrem Namen alle Ehre machenden Vögel. Wir haben drei Arten, U. nitoim, I,. SSN6U8 und 1,. rnüventri8, oft erlegt und noch I,. mo- rio, sowie den wirklich prächtigen U. 8uporbn8, Kue/,/,., beobachtet. Die Glanzdrosseln sind lebhafte, muntere Thiere, welche die Schönheit ihres Gefieders immer im vorthcilhaftesten Lichte zu zeigen wissen. Unserem Staar ähnelt der viloplE osrunou1stn8 in seiner Gestalt; er besitzt aber weder das ansprechende Gefieder unseres Lieblings, noch dessen philosophische Denkungsart, welche ihm unter allen Verhältnissen eine ungestörte Heiterkeit erhält. Dilo- phus ist ein einfacher, stiller Bewohner der Wälder und nicht fähig, unseren jovialen Frühlingsboten in irgend einer Weise zu ersetzen. Die Nashornvögel, Ruoorotiäae, treten in drei Sippen, von denen zwei unserem Gebiete im engeren Sinne gehören, in Nord-Ost-Afrika auf; die Pisangfrcsser, Nn8opftsAiäas, welche zwei Sippen bilden, gehören mehr Abyssinicn, die Madenhacker, kuxlmAinso, diesem Lande und den Urwäldern der Nilzuflüsse gemeinsam an. Von ersteren ist der die Größe eines Trut- hahns erreichende IrgAvxnn ad)88mion8 eine ziemlich seltne Erscheinung, während die der Sippe lockig gehörigen Arten, von denen man vier bis sechs unterschieden hat, überall, wo sie vorkommen, häufig sind. Im Sudahn sind zwei Arten: '1. er^- Ulrorll)mo1m8 und 1. ns8utll8 gemein. Die Nashornvögel sind phantastische Geschöpft mit ernsthaft-komischen Bewegungen und Manieren. Im Fluge strecken sie den Hals lang aus und stürzen sich, nachdem sie einige Flügelschläge gethan haben, in einem Bogen tief nach unten, erheben sich aber rasch wieder zu der vorigen Höhe. Ihr Flug ist der der Spechte, ihr Gang der der Raben, ihr Betragen ein sonderbares Gemisch von dem der Hühner, 9 * 132 Krähen und anderer Vogel. Sie fressen Früchte und Sämereien und sind höchst gutmüthige Thiere. Unter den Pisangfressern gibt es wirklich prachtvolle Arten. In Abyssinien leben lui-oeu» leuootis und 1'. Isiiooloplms, , einzeln und in kleinen Gesellschaften; Odisnorkis ronara, , ist auch in den Urwäldern gemein. In der Ordnung der Klettervögel treten die Spechte auffallend zurück. Schon Gloger bemerkt, daß alle Wälder mit harten Holzarten (wie z. B. die Australiens) arm an Spechten sind. Im Sudahn finden wir nur drei Arten, welche sämmtlich unseren großen Buntspecht an Körpergröße nicht übertreffen: kious sotlliopiou8 , //em/iT'rc/i , U. UempickokH, und ?. xoioopllolug, Krvarrrion. Rüppell fand in Abyssinien noch eine neue Art, den 8vkoöi,8i8, auf. Sie tragen im Gegensatze zu den prachtvoll gefiederten Spechten Amcrika's ein ziemlich unschein- liches Fedcrkleid. In ihrem Betragen ähneln sie den Buntspechten. Unser Wendehals kommt nur auf dem Zuge in die Urwälder, wird aber in Abyssinien durch die von Rüppell aufgefundene Vunx Logustoriali8 ersetzt. Von den Bartvögeln kennt man bis jetzt ungefähr zehn Arten, welche drei Sippen angehören. Wahrscheinlich werden noch mehrere entdeckt werden, da alle Bartvögel dichte Baumwipfel lieben, in denen sie schwer zu entdecken sind. Dort sitzen sie lange Zeit unbeweglich auf einem Aste und singen, wenn man das Ausstößen einzelner Töne, welche zu einer monotonen Weise verbunden werden, Singen nennen will. In Egypten ist der Wiedehopf ein häufiger Vogel, im Sudahn verschwindet er fast gänzlich. Dort scheint ihn eine ihm entfernt ähnliche Form, ?romerop8, welche ich Baumwiedehopf nennen möchte, zu vertreten. Man kennt bis jetzt vier Arten: k. or^tliroi-lr^n<:lla8, U. v^aaom6lL8, U. minor und ?. pu- 8iI1ll8, welche im Sudahn vorkommen. Die Baum- wicdehöpfe haben den bekannten, sprichwörtlich gewordenen Geruch unserer vxupa Lxop8 und sind ebenso lebhafte, aber weit lautere Vögcl als sie. Man sieht sie in kleinen Gesellschaften baumläuserartig an den Stämmen der Mimosen herumklettern und 133 hört schon von Weitem ihre ununterbrochene Unterhaltung. In den Menschen fernen Waldungen sind sie dummdreist und wissen nicht, was Gefahr ist. Der Jäger kann einen von ihnen nach dem anderen herabschießen, ohne die Gesellschaft zu zersprengen. Die Lebenden umfliegen die Gefallenen mit lautem Beilcidsgeschrei und setzen sich, ohne diese zu verlassen, dem Tode aus. Die letztgenannten Arten leben paarweise. Amerika's Kolibri's finden ihre fast ebenbürtigen Vertreter in den Honigsaugern, von denen zwei Arten (Metsrinis Metallica und dk. xulokella) im Sudahn häufig und mit Inbegriff Abyssiniens zehn Arten bekannt geworden sind. Wo eine Art lebt, findet sie sich stets in zahlreichen Exemplaren. Die Honigsauger sind ein Schmuck der Wälder und Gärten. Die metallischen Farben ihres Gefieders glänzen bei günstiger Beleuchtung wie Edelge- steine. Ihr Betragen ähnelt dem unserer Goldhähnchen. Mit leisem, oft wiederholtem Lockrufe kommen sie zu den Blüthen, hängen sich an die Zweige und tauchen ihre Spechtzungen tief in die Blumenkelche, um von deren Nektar zu naschen; doch verschmähen sie auch kleine Insekten nicht. ES sind höchst muntere, intelligente Vögelchen. Neben wirklichen Fliegenfängern (Nuseioaxa), zu denen mehrere europäische Arten als Wintergäste kommen, wohnen andere hierher gehörige Sippen in den tropischen Waldungen. Auch unter ihnen, z. B. unter der Sippe Nuacipcta, giebt es Arten, welche sich durch Prachtgefiedcr auszeichnen. Dagegen fehlt ihnen größtcntheils die Lebendigkeit unserer nordischen Fliegenfänger. Die würgerartigen Vögel zeichnen sich durch einen Reichthum von Sippen aus; fast jede Art der in den Waldungen vorkommenden Würger gehört einer besonderen Untergattung an. Unsere deutschen Würger sind Wintergäste in den Wäldern, wo sie bei fetter Nahrung das Geschäft der Mauser vollbringen. Wir haben im Ganzen sechzehn Würgerarten — von denen vier noch unbekannt waren — aufgefunden und zweifeln nicht, daß die Wälder die Hcimath noch anderer bekannter oder unbekannter Arten und. Von ihnen sind zwei Arten besonders ausgezeichnet: der 134 4>siü3i-iu8 er^tdi-vAgster , durch die Pracht seines Gefieders, und ?rionop8 eri8tst>i8, wegen seines Kopfschmuckes. Er trägt nämlich einen helmartigen Federbusch auf dem Kopfe, welchen er kronenartig ausbreiten oder zu einem schmalen Kamme zusammenlegen kann, und ist besonders deshalb merkwürdig, weil sich bei ihm die Bindehaut der Augenlider (6on- g'unotivs xslptzbrrri-um) nach Außen umstülpt und in Verbindung mit der äußeren Haut einen freien, in mehrere Lappen gespaltenen, lebhaft gefärbten Kranz bildet; eine Erscheinung, welche in der Vogclwclt sehr vereinzelt dasteht. Die Ordnung der Dickschnäbler (1>oxiaäao) zählt in unserem Gebiete mehrere, verhältnißmäßig aber wenige Familien. Große Finken fehlen; die eigentlichen Fringilliden fallen vielmehr wegen ihrer geringen Größe auf. Die Familie der Webervögel theilt sich in drei Sippen, von denen man bis jetzt im Ganzen ungefähr fünfzehn Arten entdeckt hat, welche aber größerenteils Abyssinicn angehören. loxtor Llvoto, kIov6U8 tlavo- viriäi8, ? 1 . suritroiw, ? 1 . Iarvatv8, kl. 8gKuiniro8tri8 und Lup1eotv8 iZnieolor sind in allen Waldungen gemein, schlagen sich zu Zeiten in große Flüge und schwärmen dann von einem Orte zum anderen. Vorzüglich sind es die ächten Ploceiden, welche jene künstlichen Nester bauen: der Feuer sink z. B. trägt nur grüne Halmen zusammen und verflicht diese zu einem kunstlosen Neste. Zu den Kernbeißern gehört ein schmuckes Vögel- chcn, welches oft nach Europa gebracht und hier zahm gehalten wird, der 0oocotkrsusto8 ts8eiatu8, dessen Männchen sich von dem Weibchen durch ein purpurrothes Halsband und dunklere Färbung des Gefieders unterscheidet. Sein Gesang ist einfach, jedenfalls aber ebenso viel werth, als der des O. eautaiiSi, eines noch kleineren Vogels, welcher ungemein häufig und selbst in den wüstesten Gegenden Sudahns zu finden ist. Die Wittwen (Vickua), jene kleinen, schöngefärbten Vögelchcn, bei denen die Schwanzdcckfedcrn zur Paarungszeit eine abnorme Größe erreichen, kommen überall in zwei Arten vor: Viäua pai-aä>86a und V. or^ttirork^nolls. Ihr Flug hat etwas Schwerfälliges, gewährt aber jedem Natur- 135 freunde einen eigenen Genuß, zumal bei heftigem Winde; dann ist das Thierchen nur fähig, diesem entgcgenzufliegcn, weil sich der Wind bei jeder anderen Richtung in dem ungeheuren Schwanz- gebäude verfängt. Alle eigentlichen Finken des Ost-Sudahn sind unter dem Namen „Senegalfinken" bei den größeren Vogel- händlern Deutschlands lebend zu sehen und daher meinen Lesern wohl bekannt. Man hat etwa zehn Arten in den Wäldern aufgefunden, welche sich alle durch Farbenschmelz und zarte, effektvolle Farbenvertheilung auszeichnen. Unseren Haussperling vertritt eine von uns beschriebene Art, die k^rZits i-uückorsalis , welche in Charthum häufig lebt, unseren Fcldspcrling die bisher zu dem Genus k'rillKills oder 8erinus f!j gestellte U^r-Aita Inten , deren ich schon gedacht habe. Außerdem lebt in den sudahnesischen Walddörfern die plumpe ?. Lvvsinsonii , Krre/,/,., in den Wäldern die dem Steinsperling ähnliche k. aldiAnInrm, und eine andere von Heuglin aufgefundene Art. Neben dem Finken beobachteten wir zwei Ammer arten in unserem Gebiete, von denen die eine, Lmberira oaasis, auch schon in Süd-Europa, besonders in Griechenland, erlegt worden ist. Dem Goldammer entspricht die prächtige L. üaviAg8ter, ein kleines Vögclchen mit hellgelbem Unterkörper und bräunlichem Rücken. Auf den Waldblößen trifft man auch Lerchen an. In Winter erscheint eine von der europäischen Nolsnoeoi-^xlia Ualanäi-s abweichende, etwas kleinere Kalanderlcrche, die N. imlosoons, L. Si-m., in Flügen in den Wäldern; N. bravlr^ckact^la ist zu derselben Zeit oft in Schwärmen von vielen Tausenden zu sehen. Alle übrigen Lerchenarten des Sudahn gehören der Steppe an. Von den Piepern gelangen nur wenige Arten auf ihrem Winterzuge bis in den Sudahn, wo bis jetzt noch keine diesem Lande eigenthümlichen Arten aufgefunden worden find, obgleich in Abyssinien zwei Species: ^ntlrus sorüickus und einnamomoas, , vorkommen. Zur Winterszeit sind die Bachstelzen, vollstes, in der 136 Nähe der Flüsse überall gemein; man sieht sie in großer Anzahl neben und unter den Viehheerden. Wir haben alle früher bekannten Schafstclzcnarten, mit Ausnahme des Lllä>t68 ilSKleotus, im Sudahn beobachtet, neben ihnen aber auch noch neue entdeckt. Unsere weiße Bachstelze ist ebenfalls dort zu finden; die in Nord-Ost-Afrika einheimische Art ist die Notseills Ickedteimteinii der Autoren und mit Sicherheit da anzutreffen, wo Felspartieen das Strombett begrenzen oder in dasselbe hineintreten. Unsere Sänger erscheinen fast ohne Ausnahme zur Winterszeit in den Urwäldern, welche an und für sich sehr arm an eigentlichen Sylvien sind. Die Rohrsänger, 6slswolwrpo , werden durch die ihnen in Gestalt und Wesen verwandten Stufen- schwänze, Vi-^moivs, FrvaE. , von denen es sehr viele Arten gibt, vertreten, kommen aber ebenfalls regelmäßig auf dem Zuge vor. Ein guter Sänger ist der überall anzutreffende Droßling, k^cnoiiotos Uv Vsillsntii, der einzige melodiecnreiche Gartenbkwoh- ner jener Gegenden. Eigentliche Drosseln sind selten — wir kennen bloß ll'nrckus olivaeeu8, — und erscheinen nur auf dem Zuge. Unserer Amsel ähnelt ein fröhliches, munteres Vögelchcn, 6ei-oo- trieli88 Vr^tlirop1ei-U8, welches die niederen Gebüsche bewohnt und einen aus wenigen Strophen bestehenden Gesang hat. Die Stein- und Blaudrosseln — letztere in Egypten heimisch — sind Wintergäste in den Wäldern, denen zwei bunte drossel- artige Vogel, 8 e 880 norni 8 86miruls, und 8. Llonavlig, angehören. Mehrere Arten aus der Familie der Ti walln en durchschlüpfen lärmend selbst die dichtesten Dornengehege und begrüßen den Jäger mit einem nicht enden wollenden Geschrei. Sie halten sich in Gesellschaften zusammen und sind häufig. Das muntere Volk der Meisen ist in N.-O.-Afrika nur durch zwei Sippen und drei Arten vertreten; in unserem Gebiet haben wir nur Usru8 I6uoomels8, ikuex/i., einige Male beobachtet. Um so zahlreicher an Arten und Individuen sind die Tauben. In den Urwäldern verschwinden die in Egypten häufigen Felsen- und Turteltauben (Ooluwda Ickvis, 6> Klauconotos, 137 6. unieolor, ^Voö., lurtiir suritim und 7. ssA^ptiseus), aber viele Arten treten an ihrer Stelle auf. eolumda Zainea ist die größte, 0. olla1co8xilo8 die kleinste Taube der Wälder. 6. (Oona) oapen8i8, die Papageitaube, erscheint oft in den Gärten der Städte und Dörfer; die Lachtaube, 6. (lurtur) rmo- ri», ist gemein und schlägt sich zu gewissen Zeiten in Flüge von Tausenden, welche dann die trockensten Stellen der Wälder oder mit Niederholz bestandene Steppenwäldchen aufsuchen, zusammen; eine ihr sehr ähnliche größere Taube, I. 8smitorgustii8, liebt mehr die Bäume an Flußufern; die papageigrünc, 6. (VinsZo) sd^88l- nioa, erwählt sich die dichtesten, ächt tropischen Waldparticen zu ihrem Aufenthalte. Die letztgenannte zeichnet sich durch ihr lebhaft gefärbtes Gefieder, die Papagcitaube durch ihre auffallende Gestalt, die „erzgefleckte" Erdtaube durch ihre Zierlichkeit vor der übrigen Sippschaft aus; alle drei wetteifern an Schönheit mit einander. Man findet die abyssinische Taube südlich vom dreizehnten Grade n. Br. paarweise ziemlich häufig in den Waldungen; ihr grünes Fedcrkleid erregt unsere Bewunderung, aber dennoch sind wir im Zweifel, ob wir nicht lieber der Papagei taube mit ihrer schönen schwarzen Kehle auf dem lichten Grunde, den zimmt- braunen Unterflügeln und dem sehr langen, stufenförmigen Schwänze den Vorzug geben sollen. Nur der Schnabel, die Füße, Flügel und die Beschaffenheit der Federn erinnern noch an eine Taube; ihr Totalhabituö ist ein ganz eigenthümlicher, uns Nordländern völlig fremder. Der kaum mehr als lerchcngroße Körper trägt einen Schwanz, welcher mindestens ebenso lang, als jener ist und wir fragen uns verwundert, ob wir denn auch wirklich eine Taube vor uns sehen. Noch kleiner und noch zierlicher ist die Erdtaube. Kurz nach der Regenzeit hört man ihr zu einem nur wenig modu- lirten Rufe verkümmertes Rucksen in den dichtesten Gebüschen erschallen und gewahrt bei aufmerksamem Spähen das liebliche Thier- chcn auf einem niederen Aste sitzend in trauter Gemeinschaft mit seinem Weibchen, dem eS jene Liebesscufzer weiht. Das sind gar freundliche Bilder auS der Vogelwelt, man erinnert sich nach Jahren noch gern an sie. 138 Die Perlhühner (Nuwicks xtilord^nolm, Tic/rk.) sind in den Urwäldern ebenso gemein, als in den Steppen. Südlich vom fünfzehnten Grade haben wir an einsamen Waldstellcn sehr oft Ketten von mehr als fünfzig Stücken gesehen. Sie sind nur wenig scheu und immer eine sichere Beute des Jägers, welcher den schmetternden Lockruf des Männchens schon von Weitem vernimmt. Die Frankolinen sind seltener; in den Urwäldern ist von uns nur k'ranvolimm kuexpsllii beobachtet worden. Unsere Wachtel trifft man im Winter auf jeder Waldblößc als Gast; am weißen Flusse lebt eine weit lebhafter gezeichnete Art, die Ooturnix oru- Wie die Hühner lieben auch einige Rennvogel unser Gebiet. Wir begegnen in den Wäldern zwei Arten von Dickfüßen, Oockionewus 8vn6AÄlsn8i8 , Dre/re. und Os. »klllil8 , Kue/,/ 1 ., drei Läufern, 6ur8oriu8 i83bvllinu8, 6. ollalooptbi'll8 und 6. di- vinotu8, dem „Krokodilwächter" oder Regenvogcl, U^S8 se§^ptiavu8, (aus jeder Sandbank in einem Strome), zwei Arten von Brach schwalben, Olsi-solu armtrisos und 01. Norämrmni, zwei Lappenkibietzen, Uobiv3N6llll8 wolsnooopks- Iu8 und U. 8ensAg1en8i8, und mehreren Regenpfeifcrarten. Die Ordnung der Wadvögel zeigt uns alle europäischen Formen, aber auch einige ächt afrikanische und dem Innern des räthselhaften Landes ganz eigenthümliche. Viele europäische Wadvögel besuchen den Sudahn alljährlich in höchst eigener Person. So erscheinen von den ächten Reihern ^räes oineres und d^otioorsx regelmäßig in den Urwäldern, welche im Ganzen fünfzehn Arten von Reihern, unter ihnen zwei von uns entdeckte Silberrciher, beherbergen. Von ihnen hebe ich zwei hervor: den Riesen- und Stur m's Reiher, Oolistk, und Stürmn, Ersterer ist in der That ein Goliath. Er ist fast doppelt so groß als der Fischreiher und hat einen mächtigen Schnabel und einen Schlund, in welchen man die geballte Faust ohne Mühe einschicken kann. Seine Trägheit wird ihm bei seiner großen Vorsicht ungefährlich; er ist noch scheuer als unser Fischreiher und entfliegt dem herannahenden Jäger, dessen Beute er 139 selten wird, schon aus großer Entfernung. Bei all' seiner Plumpheit ist er nicht schmucklos, sondern trägt ein ziemlich lebhaft gefärbtes Federkleid. Wir haben bei keinem anderen Reiher ein so starkes Abfärben des aus dem Gefieder liegenden Farbestaubes bemerkt, als bei ihm. Ganz das Gegentheil zu dieser wirklich imposanten Erscheinung ist die kleine, zutrauliche 8turwii, unstreitig einer der schönsten Vogel dieser Gruppe. Die Farben seiner zum Theil metallisch schimmernden Federn wechseln in höchst effektvoller Weise mit einander ab und sind ungemein zart. Sturm's Reiher gleicht an Größe der südeuropäischen .4. rslloiäos, lebt an den Ufern der Flüsse und Chuahr und in unter Wasser gesetzten Waldpartieen, wo er sich geschickt zwischen den Wurzeln und Zweigen der Bäume herum bewegt und kleinen Fischen, Wasserinsekten und anderen Wasserthicrchen auflauert. Dr. v. Heuglin hat vor Kurzem einen neuen, einfärbig blaugraucn Reiher, ^räoa eon- volor, am weißen Flusse entdeckt. Die Sippe 8oopus zählt in Nord-Ost-Afrika nur eine Art, 80. Umbrotta, Lr'nne. Es ist ein auffallender, rabengroßcr Vogel mit mittellangcn Reiherbeinen und starkem, hohem, seitlich zusammengedrücktem Schnabel, wie sein Name andeutet, von düsterer, brauner Färbung, welcher hier und da vorkommt. Anstatt unseres LöfslerS tritt die klstsloa tonuii-ostris , , ein kleinerer Vogel als unsere kl. lonoorockia , auf, welcher sich auch durch seine nackte Stirn und die karminrothen Füße hinlänglich von dieser unterscheidet. Die Familie der Störche zeigt nicht minder merkwürdige Formen als die der Reiher. An den beiden Hauptflüssen lebt ein fast storchgroßer Vogel, der Klaffschna b el, ^nsstomus lamel- IlZsi-us, , ebenso auffallend wegen seines nur an den Spitzen sich berührenden, rauhen und ungefügen Schnabels, als wegen der in hornähnlichcn, schillernden und schimmernden Blättchen endigenden Federn der Brust und des Rückens; er ist keine Seltenheit und einigt sich oft in Schaaren von mehreren hundert Individuen. Am oberen weißen Flusse kommt der bis jetzt uoch nirgends weiter aufgefundene Lalaomvexs kox, einer der intcrcssan- 140 testen Vogel des Erdballs vor. Der Kenner, welcher dieses Thier zum ersten Male sieht, weiß seiner Bewunderung nicht sattsam Worte zu geben; aber auch der Laie betrachtet mit höchstem Staunen einen Vogel, dem er es anmerkt, daß ihn eben nur das märchenhafte Afrika erzeugen konnte. An ihm ist Alles kolossal, zumeist der Schnabel, welcher ihm bei den arabischen Schiffern zu dem Namen „Abu-Markuh b", Besitzer oder Vater des Schuhes, vcrholfen hat. Er hat in der That große Achnlichkeit mit einem jener plumpen Schuhe, welche die egyptischen Bauern tragen; er ist un- gemcin breit, dick und kräftig, etwa zweimal so lang als der Kopf, an der Basis doppelt so breit als an der Spitze, wo er in einem starken Haken endigt. Der Unterschnabel ist wie der des Pelekans höchst biegsam. Nachdem die ersten Exemplare des Vogels, welche wir in Charthum bei Nikola Ulivi gesehen hatten, nach Europa gekommen waren, verging geraume Zeit, ehe es gelang, andere zu bekommen. „Erst im Winter 1833," sagt vr. v. Heuglin, „fanden einige meiner Bekannten, denen ich einen Jäger zur Begleitung nach dem Bahhr el abiadt mitgegeben hatte, den Ricsenvogel im Lande der Kitsch oder Kihk zwischen dem siebenten und achten Grade der nördlichen Breite wieder auf." „Unser Vogel lebt einzeln und in kleinen Flügen an unbewohnten Orten in hohen Gramineen und Ambadjbüschen*) auf überschwemmtem Boden und in Sümpfen. Unmittelbar am weißen Flusse wurde er bloß einzeln bei den Kitsch-Negern angetroffen; häufiger ist er westlich von diesem Strome an den vielen Chuahr; vorzüglich an einem mit dem Strome parallel laufenden Flusse, dem Niebohr." „Er ist furchtsam und scheu und versteckt sich gern in den Gramineen. In der Haltung gleicht er dem Marabu am Meisten; sein Flug ist kurz und niedrig. Er lebt bloß von Fischen, die er, oft bis an die Brust im Wasser stehend, geschickt heraushängt. *) Der „Ambad/" ist eine langgestengelte rohrartige Wasserpflanze mit weichem Marke. 141 Verwundete setzen sich, laut mit dem Schnabel knackend, gegen ihren Angreifer zur Wehre. Man hat bisher keine Stimme, sondern nur eine kurze Zeit währendes Klappern mit dem Schnabel gehört." ,,Jm Juni baut er sein auf einem zwei Fuß hohen Haufen von Ambadj in den dichtesten Gramineen stehendes, aus Ambadj- stengeln, Reisern und Grashalmen roh zusammengefügtes Nest auf die Erde." Unsere deutschen Störche, die 6ioonia sibs und 6. in§ra, Lmre, kommen auf dem Zuge vor, erstere in ungeheuren Schaa- ren. Wenn sie erscheinen, zieht die im Sudahn heimische 0. äimü weiter nach Süden, gleichsam als wolle sie ihren Gattungsverwandten Platz machen; nur die weit seltnere 6. louooooxllglu, Dinrrö, bleibt in kleinen Familien im Lande zurück. Südlich vom vierzehnten Grade begegnet man dem Sattel storche, Ll^otvria Vplrippioi-Ii^nolig, Lue/,/,., welcher durch seine Gestalt und Farbenpracht schon von Weitem, vorzüglich wenn er fliegt, bemerklich wird. Man muß diesen Giganten, um seine Pracht gehörig verstehen zu können, im Urwalde — denn dahin gehört er — gesehen haben. Unsere deutsche Ornis gibt uns selten Haltpunkte, um die Ornis der Tropen mit ihr vergleichen zu können; eine Erscheinung, wie die eines lebenden Sattel st orchs, malen uns nicht einmal unsere Träume aus. Die Kropfstörche (Maräbu's), I-I, /ÄrrnAer-), welche in Nord-Ost-Afrika leben, hat man viele in dreizehn Genera gehörige Arten aufgefunden. Die afrikanische Sonne hat ihre Schuppenhaut zum Theil mit den prachtvollsten Mctallfarben begabt, ihre Heimath ihnen die sonderbarsten Formen gegeben. Sie finden sich überall und zwar erstaunlich häufig. In jedem Garten treiben die unschuldigen, harmlosen Thiere ihr Wesen, in jedem Walde sind sie daheim. Hier werden sie oft unangenehm, weil ihr Rasseln in den abgefallenen Blättern fortwährend an die ebenfalls allerorts vorhandenen Schlangen — vor denen sich in gewissem Grade zu fürchten, man niemals sich ganz entwöhnen kann — erinnern. Die 147 größtm Thiere dieser Ordnung sind die Warncidechsen oder Warane, von denen der Uol^äasckalim ni1otitu8, der , Nilwaran oder „Wärrän sl Bähhr" der Araber der häufigste ist. An menschenleeren Orten erreicht er oft eine Größe von sechs Fuß und darüber; man sieht ihn, sich sonnend, an den Ufern der Ströme liegen, in deren Fluchen er beim Erscheinen eines Menschen sogleich verschwindet. Obgleich zwischen seinen langen Zehen keine Schwimmhaut ausgespannt ist, schwimmt und taucht er doch vorzüglich. Seine Untcrkicferäste sind nur durch Bänder mit einander verbunden und erlauben ihm, wie es die Schlangen vermögen, große Thiere zu verschlingen. Dies berechtigt zu der Annahme, daß er Vögeln und kleinen Säugethieren nachstellt und hiermit steht seine außerordentliche Behendigkeit nicht im Widerspruch. An wüsten Orten lebt der fast gleichgroße psammosanrus xrissus, der Erdwaran oder,,Warran el Ardt" der Araber, ein ebenso gewandtes, aber weniger furchtsames, sondern vielmehr höchst muthiges, bösartiges Thier, welches den sich ihm nä- > Hemden Menschen und Thieren nach dem Gesicht springt oder sich in die Beine einbcißt. Man kennt zur Zeit gegen zwanzig unserem Gebiete angehörende Arten dieser Ordnung. Die Ordnung der Halbeidechsen (Uommsuri, zählt viele, acht Sippen angchörige Arten, welche alle ächte Waldbewohner sind. Leider ist auch die Ordnung der Schlangen (Oxlliäia, FÄrr'ttAer-) in den Urwäldern wenigstens durch zahlreiche Individuen vertreten. Neben der unschuldigen „Assala" der Sudah- nesen, dem Lromiop^tllon 1>loroAl)pIiieu8 des Systems ringelt sich die außerordentlich giftige „Haie" (Urserm Usgv, durch das hohe Gras, welches den Boden bedeckt und wird darin, weil sie schwer bemerkt wird, gefährlicher als in Egypten, wo sie weit häufiger ist. Andere Giftschlangen sind: 6on^oolli8 6ora8to8, ^ 6. Llooxalrso, Lvlli8 ksvo, L. p)ramickum u. a. m., welche die Araber mit dem ihnen gemeinschaftlichen Namen „Debihbe" (was auf der Erde kriecht) bezeichnen. Diese und — die Affen haben eine gleich große Furcht vor den Schlangen, vor denen man 10 * 148 übrigens auch keinen Augenblick und nirgends sicher ist, denn sie besuchen sehr oft und gern das Innere der Wohnungen. Nach den Berichten der Sudahnesen soll es eine kleine, kaum anderthalb Fuß lange Giftschlange geben, deren Biß unbedingt und in kürzester Zeit tödtet; ich selbst habe dieses Thier nie gesehen. Man wundert sich, daß bei der großen Zahl von Giftschlangen so wenige Menschen durch sie das Leben verlieren; die Krokodile fressen ihrer weit mehr, als die Schlangen todten. Unser Gebiet ist sehr arm an Landschildkröten äs, Der in Egypten häufige Ollersus msurltsinorm, kommt im Sudahn nicht mehr vor; man kennt von dort her nur vsoollslons senvAslonsis, In Schon fand Rüppell eine der merkwürdigen Sippe Llnix^s, Lekk (bei welcher der Hintere Theil des RückcnschildeS beweglich ist) zugehörige Art: 6. 8vlloen8l8, Kne/r/i., auf. Kaum reicher ist die Ordnung der Flußschildkröten (8to- Zsnopoäa, llaAke?), von welchen in Abyssinien und im Sudahn zusammengenommen nur vier Arten: Uelomeäuss olivsoss oder Vollstes, ?. ^cksn8onii, ^8xiäoiroots8 soK^ptisou8, und 6r)'ptoxu8 8eneAsIon8>8 gesammelt und beobachtet wurden. Auch die Ordnung der Batr achter (Ustrsellis, L««/,) ist außerordentlich arm oder nock höchst wenig erforscht worden. Von den Laubfröschen kennt man eine einzige Art, welche mit der europäischen große Aehnlichkeit hat, von Wasscrfrö sehen, deren nur zwei, von Kröten drei, worunter die gemeinsten und am Meisten verbreiteteste Luto rsguksrm, Keus«, ist. Ein in die Unterabtheilung der Wühlkrötcn (Vsock^tss) gehöriger Morop8, welcher aus Kordofahn und Fassokl gebracht wurde, ist durch seine eigenthümliche Kopfbildung ausgezeichnet. Aus der Ordnung der Halbfrösche oder salamander- ähnlichen Thiere (Hsmidatrsedis, FÄLttrAsr) findet sich keine einzige Art in Nord-Ost-Afrika, ebensowenig aus der der Fischmolche oder Olme (Ivlltllzockss, krtr.), es sei denn, daß man den räthsclhaften krotoxteru8 astlliopiorm , über den ich noch Einiges mittheilen werde, zu den Reptilien zählen wollte. 149 Die Ordnung der Panzerlurche oder Krokodile (I-ori- vsta, endlich zählt heut zu Tage noch drei lebende Arten: Oroooällus vulZarm, (7r«o., 0. msi-ginstus, 6oo^?'. und 0. 8uolui8, Wie uns Krokodilmumien beweisen, hat zur Pharaoncnzcit noch eine vierte Species, der 6. laounosus, im Nike gehaust; jetzt scheint diese Art vollständig verschwunden zu sein. Die Klasse der Fische ist, nach den bisher gemachten Erfahrungen und Entdeckungen zu schließen, in unserem Gebiete ziemlich reich an Familien, Sippen und Arten. Ich unterlasse eine trockene Aufzählung derselben, will dagegen aber Einiges über zwei Fische mittheilen, welche mir die interessantesten alle» nord-ost-afrikanischen zu sein scheinen und mir einen neuen Beweis für die Existenz von Fischen in jenen Rcgentcichen, von denen ich oben (S. 301 Thl. 1) gesprochen habe, gegeben haben. Ich meine ki-otoxtorim Aötliiopious, //ocz-ok und 6lsrote8 HouZlini, L-rei-r. Dem Kenner will ich noch berichten, daß in dem Nil, seinen Zuflüssen und in den in seinem Gebiete liegenden Scccn vorzüglich die Genera Ilstorotm, jk^ckroe^on, Uulsptorurim, letroäon, Norm)ru8, 0llromi8 , I,gt68, LsKi'U8, Hotorobronellim, 8vnockonti8, kol)- xtoru8, 6)'iuimrolui8 u. s. w. durch Arten vertreten sind. krotoxtsru8 sotluopiom lebt am Weißen Flusse in den Ländern der Kihk- oder Kifschncger und wird von diesen „Kon- dok" genannt, vr. von Heu glitt theilt mir über ihn Folgendes mit: „Der Protopterus findet sich ziemlich häufig in den trockenen Betten der Chuahr, namentlich in dem Chohr Dollo in Bari, wo er in Löchern wohnt, welche er nur zur Nachtzeit verläßt. In den großen Sümpfen im Lande der Kihk ist er auch schon angetroffen worden, niemals aber bisher im Strome selbst. In der Regenzeit macht er sich Wege im Schlamme. Wenn er angegriffen wird, zischt er wie eine Schlange, begibt sich, falls er es vermag, in's Innerste seiner Wohnung und stellt sich dort gegen seinen Feind. Er ist so mulhig, daß er auf die ihn belästigenden Menschen und Thiere losgeht und diese, wo möglich, beißt; mit Seinesgleichen soll er sogar ernsthafte Zweilämpfc bestehen; 150 wenigstens hatten alle Eremplare, welche man erhielt, einen zerbissenen Schwanz. Seine Nahrung besteht in Molusken, kleinen Reptilien, Fischen, Säugethieren u. s. w., er wird wegen seines wohlschmeckenden Fleisches gegessen." Lange Zeit wußte man nicht, ob man dieses merkwürdige Thier den Fischen oder Reptilien zuzählen sollte. Die Ähnlichkeit seiner Gestalt mit einigen der Ordnung der Halbfrösche zugehörigen Amphibien und seine den letzteren fast gleiche Lebensweise, verursachte bei den Gelehrten gerechte Zweifel an seiner Fischnatur. Erst die Auffindung der H autsch leim drüsen, welche allen Reptilien fehlen, sicherte ihm seine Stellung bei den Fischen. Dort steht er sehr einzeln im System und bildet den Uebcrgang von den Reptilien zu den Ersteren. „lM Lt per ssltum!" Bon demselben Interesse dürfte (llsrotes HouZIiin, Lrrerr, dessen nähere Beschreibung noch nicht veröffentlicht worden ist, den Männern der Wissenschaft sein. „Beim Graben eines Brunnens in der Steppe," erzählt sein Entdecker, dessen Namen der Fisch trägt, „trafen die Arbeiter das vorher noch nie von einem Europäer gesehene Thier in sechs bis acht Fuß Tiefe im besten Wohlsein an. Man war noch nicht auf Wasser gekommen, verspürte aber bereits eine dasselbe kündende Feuchtigkeit in den Letten, welche den Fisch umgaben. Man brachte mir ihn lebendig; ich versah ihn mit Wasser und bemerkte, daß er sich in demselben ganz mit der Gewandtheit der übrigen Fische zu bewegen weiß; später brachte ich ihn auf das trockene Land und sah zu meinem größten Erstaunen, daß der Fisch ein wahres Amphibien» ist. Erst nach drei Tagen, welche er aus dem von der Sonne Central-Afrika's durchglühten Erdboden meines Gartens ohne Wasser zugebracht hatte, starb er." Diese beiden Nachrichten haben mir meine etwa noch bestehenden Zweifel an dem, mit der Regenzeit zusammenhängenden, periodischen Erscheinen der Fische in Regenreichen genommen. Ich halte die mir so oft von den Eingebornen gemachten Mittheilungen nunmehr für vollkommen begründet. Als gewissenhafter Reisebeschrci- ber habe ich früher nur von der Möglichkeit dieses unglaublich er- scheinenden Phänomens gesprochen; jetzt erkläre ich gern, daß es Thatsache ist. Die Arten der Fische, welche die Fuhlaht bewohnen, kennt man noch nicht; möglich, daß beide Erwähnten ebenfalls sich dort aufhalten. — Schließlich erlaube ich mir noch einen Blick auf die Insekten. Es läßt sich erwarten, daß eine so reiche Vegetation das Gedeihen und die Ausbildung der so sehr an die Pflanzen gebundenen Thierklasse begünstigen muß. Wir finden deshalb auch fast alle Ordnungen dieser großen Thierreihc in namhafter Artcn- und Jndividuenzahl vertreten, von den Colcoptercn an bis zu den Hctcroptercn herab. Die am Meisten in's Auge fallenden Käfer scheinen mit am Reichsten rcpräscntirt zu sein. Die Prachtkäfer (Lllprostis) umfliegen bei Tage die blühenden Mimosen und spiegeln, wenn sie sitzen, in der Sonne ihre glänzenden Flügel, um deren Purpurftrahlcn, welche selbst durch den auf die Flügel gehauchten Goldstaub hindurchschimmern, zu zeigen; sie erscheinen in vielen Arten und so zahlreichen Individuen, daß man mehrere Dutzende von einem Bäumchcn ablesen kann. An allen sonnigen und feuchten, grasloscn Stellen sieht man prachtvolle Sandkäfer (llieinllela) sich flicgcnartig in der Luft oder auf dem Sande hcr- umlummcln; sie sind scheu und nur in der Frühe des Morgens leicht zu erlangen, wo sie dicht neben einander auf den thaufeuch- tcn Grashalmen der Flußufcr hängen und ohne besondere Mühe massenweise „geschöpft" werden können. Nach den Untersuchungen des Herrn Professors Apetz haben wir sechs Arten dieser ausgezeichneten Käfer aufgefunden, welche zum größten Theile schon am Senegal beobachtet worden sind. Von den Laufkäfern (ksrabus) hat derselbe bis jetzt auS unseren Sammlungen drciuuddrcißig Arten bestimmt; von den Glanzkäfern sOotonla) glaube ich ungefähr sechs Arten beobachtet zu haben. In den Lachen wimmelt es von Wasscrkäfern und Spielern: Hydroeantharen; letztere (tHMnus), von denen wir fünf Arten eingesammelt haben, tanzen zu Hunderten in jeder Uferbucht, hinter jedem, die Strömung mildernden Busche auf der Oberfläche des Wassers herum; erstere (lHtisous) kommen zwar in mehreren Arten vor — Herr 152 Professor Apetz hat ihrer neun bestimmt — sind aber schwerer zu erbeuten. Die Dung- und Aaskäfer sind in der Nähe einer jeden Rinderheerde zahlreich zu finden und zeichnen sich durch Reichhaltigkeit der Arten aus. Unter den ersteren nenne ich die bekannte vopris Isiäis, welche man, um sie zu erlangen, mit Wasser aus ihren sechs bis acht Fuß tiefen Erdlöchcrn treiben muß; sie fällt zumeist wegen ihrer Größe und Körpergestalt auf. Spring- käfer (Llster) und Rüsselkäfer (Kd^nvlwpiwru8) sind gemein. Nicht minder zahlreich sind die stechenden Insekten der Wälder. Um jedes gefallene Thier sammeln sich große, gefährliche Hornissen zu Hunderten, fressen gierig von dessen Fleisch und stechen heftig; unter den Wespen sind die Goldwespen (Chry- sididen) vorzüglich ausgeprägt. Diese prachtvollen, intelligenten Thiere werden zu einer wahren Plage für den Reisenden, zumal sie wegen ihres schmucken und unschuldigen Acußcren oft verkannt und gern gefangen werden. Eine Art von ihnen kommt häufig in die Wohnungen; sie gleicht einem leuchtenden Smaragd an Farbe und einem Teufel an Bösartigkeit, denn sie sticht sehr empfindlich. Aechte Honigbienen gibt es auch. Die freien Neger sammeln ihren Honig in große Burahm oder Töpfe, betrachten ihn als Leckerbissen und halten ihn hoch iin Preise. Auffallend ist es, daß man wenig Schmetterlinge bemerkt. Die Tagfalter, unter denen die Ritter am Meisten hervortreten, fallen eher in's Auge als die Nachtschmetterlinge, sind aber weit weniger zahlreich als diese, sowohl an Arten als an Individuen. Dies hat vielleicht seinen Grund darin, daß die Puppen der Nachtschmetterlinge mehr Zeit zu ihrer Ausbildung brauchen und deshalb die trockene Jahreszeit, welche sie im Larvenstande zubringen, leichter überstehen als die Tagschmcttcrlinge. Diese erreichen, wie bemerkt, in den Papilioniden ihre höchste Ausbildung und tragen oft eine erstaunenswerthe Farbenpracht zur Schau. Gelb und Schwarz in allen Mischungen scheinen unter den ihnen vorn Schöpfer verliehenen Farben die bevorzugtesten zu sein. Alle großen Tagfalter sind sehr scheu und verlieren sich, wenn sie sich verfolgt sehen, bald in den höchsten Wipfeln der Bäume. Dabei 153 gaukeln sie mit solcher Leichtigkeit über die Dornenhecken, Graswälder, Büsche, Gräben und Lachen hinweg, welche der schwerbeschuhte, unter der Tropensonne keuchende Fänger durchkricchen, durchdringen, umgehen oder durchwaden muß, daß er gewöhnlich nur das Nachsehen hat. Für die Dipteren sind die tropischen Waldgegenden ein Paradies. Die Bies fliegen sind ungemein zahlreich. Wahrscheinlich gehört der „Tubahn" der Araber hierher. Es ist die „Fliege", welche sie zwingt, sich mit ihren Rinder- und Kamelheerdcn während der Regenzeit in die höchsten und trockensten Stellen der Chala zu flüchten. Man hat behauptet, daß dieses Thier die Hauptursache von dem unfehlbaren Zugrundcgehcn des Kamels südlich vom 12." n. Br. ist. Ich selbst habe eS nie gesehen, auch nie eine genügende Beschreibung davon erhalten. Die mir von den Nomaden gemachten Mittheilungen sind naiv genug. „Der Tubahn", sagen sie, „kommt in großer Anzahl auf die Kamele und da sterben sie davon". „„Nun und was ist der Tubahn?"" „Kennst Du den Tubahn nicht? Es ist eben der Tubahn! Er ist klein, aber sehr schlimm!" So ungefähr beschreiben diese Leute ein Thier, welches keine Haare, keine Federn hat, nicht schreit, keine nachzuahmende Bewegungen macht und als „ein Geschenk des Teufels" — Gott schützt uns vor ihm! — angesehen wird. Unter die Ordnung der Dipteren — bei deren Erwähnung ich meine Unkenntniß gern zugestehen will — gehören bekanntlich auch die Quälgeister der Tage und Nächte jener Gegenden, die gierigen, heißhungrigen Fliegen, zu deren Entwehrung, wenn sie von Nutzen sein sollte, der Mensch eine eigene Hand haben müßte, und die der Hölle, d. h. den auch außerdem viel Böses und Schädliches bergenden Sümpfen, entstammten Musquitos. Die Arten kennt man nicht; man weiß bloß, daß sie den Gattungen Oulox und Simulinm zugehörcn. Jede Beschreibung der Art und Weise, wie diese Dämonen in Mückengestalt auftreten, mißlingt; jede Schilderung der Unannehmlichkeit und Pein, welche sie verursachen, bis sie ihren glashellen Leib mit dem Blute eines armen Menschenkindes gemästet haben, bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Ehe man noch die von den saugenden Rüsseln der Tagfliegen schmerzenden Augenlider schließt — denn die afrikanischen Fliegen sind im Vergleich mit ihren weit harmloseren europäischen Kollegen raffi- nirte Böscwichter, kriechen Einem dutzendweise in die Ohren, die Nase, die Augen, soweit sie können auch in den Mund und lassen sich nicht so leicht vertreiben, wie eine gesittete norddeutsche Hausfliege — verdunkelt sich die Luft von den Schwärmen der Musquitos. Jede im Schatten gewesene Dlattscite, jeder Rohr- stängcl, jedes Schilfblatt, jeder Grashalm sendet diese Nichtswür- digen aus zur Qual der Menschen und Thiere; sie erscheinen und sollten sie aus den Wolken herabkommcn. Unter unheilkündcndem Summen nähern sie sich ihrem auserkornen Opfer; die Kreise, welche sie in ihrem Fluge beschreiben, werden enger, die Furcht — ich darf diesen Ausdruck brauchen — wächst mit der Dunkelheit des Abends, denn ein unsichtbarer Feind ist furchtbarer als ein sichtbarer. Ich habe schon erzählt, daß sich der Neger des weißen Flusses, welcher seinem Feinde mit Todesverachtung entgegentritt, vor den MuSquitos fürchtet und sich, um ihnen zu entgehen, in einen Aschcnhaufen bettet; der Europäer säubert sein Gayenctz, zieht es sich über den Kopf, bläst Tabaksdampf in alle Ecken und Falten desselben, schläft endlich ein und wacht von dem Jucken wieder auf, welches ihm die Stiche von einigen Dutzenden dieser Peiniger, die doch unter das Netz gekommen sind, verursachen. Jede Nacht wiederholt sich Dasselbe; jede Nacht beginnt und endet unter Verwünschungen gegen sie. Man muß das jeder Bequemlichkeit bare Lager eines Reisenden im Innern Asrika's kennen und muß monatelang allnächtlich von Musquitos zerstochen worden sein, um diese Plage beurtheilen zu können. Zur Zeit der Dürre ist es etwas besser; MuSquitos gibt es aber das ganze Jahr hindurch. Auch von den Netzflüglern oder Neuroptercn finden wir in den Tropen Asrika's viele Familien, Geschlechter und Arten. Die Sparrwerk und Bäume zerstörenden Termiten wollen wir uns weiter unten genauer betrachten; sie sind die schädlichsten Gesellen dieser Ordnung. Von den harmlosen Florsliegen oder Perlide» kennt man mehrere Sippen im Sudahn. Eine Art 155 der dieser Familie nahe stehenden Sialiden fanden wir oft zu Hunderten an den Mimoscnstämmcn dunkler Waldungen, wo sie von den Vögeln begierig aufgesucht werden. Das Thierchen hatte einen köstlichen, roscnölähnlichcn Geruch und theilte diesen den Vögeln, welche es verzehrten, mit. Afrika ist das Land der Orthopteren. Während des Charles fressen sogar große Vögel und deren Brüt, wie ich bereits mehrfach erwähnt habe, nichts Anderes als Heuschrecken; sogar Störche und Kraniche verschmähen es nicht, auf Heuschrecken Jagd zu machen. Ihre Anzahl übertrifft alle Schätzungen. Ich glaube, daß schon die Artcnzahl der in Afrika vorkommenden Manti- den, Phasmiden, Acrididen, Locustiden und anderer Familien Fünfhundert übersteigen dürfte. Einige Arten des sonst ziemlich seltenen „fliegenden Blattes" (lUrzllium) sind häufig in den Urwäldern. Aus der Ordnung der Hetcropteren nenne ich die Wasser- und Schildwanzen als häufige Erscheinungen der innerafrikanischen Thierwelt; die Aphaniptercn verschwinden größten- thcils innerhalb des Wendekreises. Unser kulsx irritrms, der in Egyptcn in den Kleidern der feinsten europäischen Löwen ein gar lustiges Leben führt, plagt die Sudahncsen nicht. Dafür haben sie um so mehr mit anderen Parasiten, deren sie nie Herr werden, zu kämpfen. — Somit hätte ich eine flüchtige Uebersicht der Fauna des oberen Nilgebictcs gegeben. So unvollständig sie ist, — bei der noch immer herrschenden Unkenntniß der innerafrikanischcn Thierwelt kann sie nicht anders sein, — zeigt sie doch, wie außergewöhnlich reich der Sudahn an lebenden Wesen ist. Die Menge der Thiere ist so bedeutend, daß der Forscher und Sammler bloß einen Zweig des großen Ganzen behandeln darf, will er nur einigermaßen gründlich zu Werke gehen. Meine Leser werden bemerkt haben, daß ich mich vorzugsweise mit der edlen Kunde der lieben Vögel beschäftigt habe. Die Säugethiere wurden bis jetzt nur von Rüppell und Heug- lin sorgfältig beobachtet; von den Fischen des Sudahn hat Hcckel die durch Russeggc r nach Europa gebrachten Eremplarc beschere- 156 ben; die Klasse der Reptilien ist von Rüppell und Fitz inger behandelt worden; alle übrigen Klassen des Thierreichs harren zur Zeit noch eines sie sichtenden, ordnenden und beschreibenden Naturforschers. Und deshalb möge man mit meiner dürftigen Uebersicht vorlieb nehmen und mir es auch verzeihen, wenn ich an einigen Orten nicht ausführlicher, als es die Anlage meiner „Skizzen" erlaubt, geworden bin. Bilder aus dem Thierleveu. Zu den vorstehend mitgetheilten Notizen über die Fauna Nord- Ost-Afrika's füge ich noch kurze Biographicen einiger Thiere, welche mir einer etwas ausführlichen Schilderung werth zu sein scheinen, hinzu. Meine Wahl ist auf Geschöpfe gefallen, die dem größten Theile meiner Leser schon mehr bekannt sind und dürfte somit gerechtfertigt sein. Gern hätte ich alle von mir beobachteten Thiere in gleicher Weise behandelt, allein damit würde ich das mir vorgesteckte Ziel weit überschritten haben. Um jede allzu große Ausdehnung zu vermeiden, habe ich auch die nachstehenden Zeichnungen so flüchtig als möglich hingeworfen. i. Die Termite. „Düstres Dunkel ist mein Dunkel; Nach Licht begehrst Du: ich will Nacht!" Inschrift der Statue der Diana zu Ephesus. Südlich vom Wendekreise der nördlichen Halbkugel tritt zu der fleißigen Ameise des Nordens ein ihr verwandtes Thierchen, die Termite, 'kormos, deren bekannteste Art die zerstörende I. tsts- lis ist. Man sieht in den dunklen Wohnungen mit Lehmgängen überwölbte Straßen, welche sich nach allem Holzwerk wenden und entdeckt, wenn man ein derartiges Gewölbe zertrümmert, daß es einen Gang bedachte, in dem sich Hunderte von kleinen, gelben, ameisenartigen Thierchen herumtreiben; man betritt einen Steppcn- oder Urwald und findet hohe Erdkegel, deren feste, glatte Rinde kaum zerschlagen werden kann; hat man wirklich ein Loch durch 158 die harte Schale gebohrt, so beobachtet man dort dasselbe oder ein ihm ganz ähnliches Thierchen in regster Thätigkeit und Geschäftigkeit; der Staunn eines nahen Baumes ist mit einer Erdkruste überdeckt und auch diese birgt dasselbe Geschöpf, die „Ardte" (d. h. Erdarbeiter«») der Araber, die Termite. Der die Natur belauschende Reisende begegnet ihr überall wieder, der unachtsame Wanderer wird von ihrem Dasein unterrichtet, wenn seine Kisten und Waa- renballen aus einander fallen. Ich glaube kaum, daß es ein zweites Thier von so geringer Größe gibt, welches ebenso Viel leisten kann, als die leider nur auf Zerstörung bedachte Termite. Was das Pflanzenreich auch immer erzeugen mag, unterliegt ihrem scharfen Zahn. Sie zernagt das Sparrwerk der menschlichen Wohnungen, tödtet die stärksten Bäume der Wälder, zerfrißt alle Effekten der Reisenden, falls diese nicht eine sehr große Härte besitzen, und macht oft schöne Behausungen unbewohnbar. Besonders interessant sind die hohen Erdkegel, welche das kleine Thierchen in den Wäldern errichtet. Es sind wahre Gebäude, die immerfort an Höhe und Stärke zunehmen; wir haben gefunden, daß einzelne Hügel über sechzehn Fuß hoch wurden. Die Termite versteht es meisterhaft, ihre Wohnungen zusammenzukittcn; der Regen dringt nicht in das konische Haus, dessen Mantel glatt und fest ist. Im Innern der Kegel bemerkt man unzählige, größere und kleinere, innen geglättete Gänge, welche sich mannigfaltig verzweigen und nach der entgegengesetzten Seite hin in die Hauptröhren münden. In ihnen herrscht das bekannte „äinsige" Leben ihrer nordischen Verwandten. Die Hauptröhren ziehen sich tief in die Erde hinab und senden hier und da Ausläufer in der Umgebung des Kegels empor. Alle kegelbauendcn Termiten scheinen von denen, welche die Bäume benagen oder von denen, welche in den Häusern wohnen, verschieden zu sein. Letztere lieben noch mehr die dunkleren Orte als die ersteren, sind kleiner und giftiger, d. h. sie stechen heftiger und werden oft zur wahren Hausplage. Wahrscheinlich ist auch die freistehende Bäume zerstörende Termite eine eigene Art. 159 Die Termiten beginnen ihre verderblichen Arbeiten nur zur Nachtzeit oder wenigstens in tiefster Dunkelheit. Zunächst überziehen sie das der Vernichtung Geweihte mit einer das Licht abhaltenden Erdkruste, unter welcher sie arbeiten. Alle am Boden liegenden oder an den Erdwänden hängenden Gegenstände werden zuerst ergriffen, mit dem Lchmmantcl überkleidct und gewöhnlich in wenig Nächten zerfressen. Bastmatten, Strohgeflcchte, Lederfutterale, Kleider und derartige Stoffe werden in einer einzigen Nacht vernichtet. Sie versuchen ihre Zerstörungswut!) an allen Stoffen, deren sie habhaft werden können, auszulasten; so haben sie uns mehrere Male die Gewehrläufe mit ihren Erdkrusten bedeckt. Von dem auf der Erde Liegenden wenden sie sich zu dem sich in der Höhe Befindlichen. In kurzer Zeit wird das solideste Sparrwerk von ihnen zernagt; sie sind die Ursache, daß unbewohnte Gebäude in kurzer Zeit in Trümmer fallen. Wenn sie sich einen gesunden und kräftigen Baum ersehen haben, verfahren sie ebenso. Von der Erde aufwärts arbeiten sie sich bis in den Wipfel hinauf, in das feinste Geäst hinaus. Jeder Zweig wird durchlöchert und zerfressen, der Stamm ist der Hauptsitz der Kolonie, aber nur so lange, als der Baum noch genießbare Theile enthält. Dann wird ein anderer in Angriff genommen; den ersten bricht der nächste Sturm zusammen. Wir haben Gelegenheit gehabt, uns von der ungeheuren Jn- dividuenzahl einer Termitenkolonie zu überzeugen. Am 15. August 1850 bat uns Latief-Pascha zu sich, weil er uns etwas Merkwürdiges zu zeigen habe. In der That bot sich uns beim Eintritt in den Diwahn ein interessantes naturhistorischcs Schauspiel dar. Die Grundgewässer des jetzt hochgestiegenen blauen Flusses, an dem der Diwahn unmittelbar liegt, hatten Tags vorher eine Termitenkolonie in die Höhe getrieben, welche sich durch den Estrich- boden des Saales einen Weg gebahnt und ihre Mitglieder in solcher Anzahl hcrausgesandt hatte, daß alle Anwesenden sich flüchten mußten. Am folgenden Morgen ließ der Pascha ein tiefes Loch in das Erdreich graben, um den ganzen Stock vertilgen zu können. Im Niveau des Stromes fand man einen großen lebendigen Klum- 160 per«, welcher nur aus Termiten bestand. Er schien der Mittelpunkt der Kolonie zu sein. Von ihm liefen nach allen Seiten hin höh- lenartige Kanäle aus, durch welche fortwährend neue Haufen zu- oder abströmten. Man suchte den ganzen Klumpen in ein verschließbares Blcchgefäß zu bringen und entleerte dieses in den Strom. Sodann ließ der Pascha Kalk in die Grube werfen, sie mit Erde ausfüllen und wieder mit einer Estrichlage bedecken. Er glaubte die Kolonie vernichtet zu haben, bemerkte aber, daß Abends die Termiten, anstatt aus einer Oeffnung, aus drei Löchern hervorbrachen und noch in weit größerer Anzahl vertreten schienen als gestern. Auch wir hatten nie etwas Achnliches gesehen. Tausende folgten auf Tausende, Millionen auf Millionen. Mehrere Diener arbeiteten beständig daran, die Thiere zusammenzukehren, in Gefäße zu schaufeln und diese dann auszuschütten. Unter der Unzahl von Weibchen befanden sich viele geflügelte Männchen, welche ungefähr Biencngröße erreicht hatten. Die Termiten gehören zu den schädlichsten Insekten der Tropen. Sie vernichten alle von ihnen zerstörbaren Effekten der Rei- - senden, wenn diese nicht vor ihnen geschützt werden. Es ist Regel, die Kisten auf Steine zu setzen und zum Ocftcren mit Wasser zu besprengen, weil dieses die Ardte vertreibt. In den Hütten der Eingeborenen findet man Geflechte, in denen sie ihre Geräth- schaften und Vorräthe aufhängen, um sie vor dem verderblichen Thiere zu schützen. Je dunkler ein Raum ist, um so häufiger ist es; im Tokhul ist es seltener als in der Tankha; die Termite scheut das Licht. n. Der Skorpion. „Giftig und heiß nenn' ich den Stachel des Aakhreb, Giftiger nur ist des Verläumders glühende Zunge." Arabisches Sprichwort. Gleich der Vorhergehenden ist auch der Skorpion, jener gefährliche Genosse der Wohnungen im Süden, ein nächtliches Thier. 161 Bei Tage sieht man ihn nie in Bewegung, er erscheint bloß zur Nachtzeit. Der Skorpion gehört zu der Klasse der Arach niden oder Spinnen und bildet unter der Ordnung der Arthrogast oren eine eigene Familie. Er wird durch Eier fortgepflanzt, wächst sehr langsam, kann mehrere Jahre alt und fünf bis sechs Zoll lang werden, wovon der Schwanz mit Giftblase und Stachel zwei bis drei Zoll wegnimmt. Man kennt mehrere — in Nord-Ost-Afrika vier bis fünf — Arten des giftigen, bösartigen und gefährlichen Thieres; die Araber unterscheiden hauptsächlich zwei: den Xsklli-tzll tzl mtzlllll oder Salzskorpion und den ^slikroll ei blüllt oder Hausskorpion; ersterer gilt als der giftigste. Man findet den „Salzskorpion" erst im südlichen Nubien, er ist größer als der „Hausskorpion" und dunkler, bisweilen fast schwarz, weshalb er auch oft der schwarze Skorpion genannt wird; der Hausskorpion ist in ganz Nord-Ost-Afrika gemein. Bei Tage verbirgt sich der Skorpion, weil er die Sonnenhitze scheut, unter Steinen, in Löchern, an dunklen Orten u. s. w. und wartet dort, bis es kühl und finster wird. Dann läuft er spin- nenähnlich, ziemlich rasch, mit emporgehobenem Schwänze herum, betastet mit seinen Fangschecrcn die Gegenstände sorgfältig und sticht gewandt und schnell in Alles, was Leben hat oder zu haben scheint. Wenn man ihn mit einem vorgehaltenen Stocke beunruhigt, kann man beobachten, daß er binnen wenigen Minuten unzählige Male sticht. Der Stachel dringt nicht tief in die Haut eines lebenden Thieres ein, das durch den Stachel in die Wunde fließende Gift ist aber so furchtbar, daß der Verwundete sogleich ein äußerst heftiges Brennen verspürt, wenn auch die Wunde nicht oder als kleines weißes Pünktchen kaum bemerkbar ist. In einzelnen Fällen schwitzen einige Tropfen Blut aus ihr hervor. Schon nach wenigen Minuten ergreift der Schmerz das ganze Glied, ja selbst die ganze Seite des Körpers, ein im höchsten Grade peinigendes Reißen durchzuckt den Körper und kann so heftig werden, daß Krämpfe und Bewußtlosigkeit eintreten und bei schwächlichen Menschen unter unsäglichen Leiden der Lebensfaden reißt. Kinder sterben rein. 1 1 162 gel mäßig am Skorpioncnstich, aber selbst bei Erwachsenen hat er oft sehr bedenkliche Folgen; man hat mich wiederholt versichert, daß schon starke Männer daran gestorben sind. Genesende * leiden mehrere Tage lang an einer Art von Wundficber. Deshalb wird der Skorpion mit Recht von den Eingeborenen gefürchtet. Sie kennen leider nur wenige, vielleicht gar keine Mittel gegen sein Gift. Einige besitzen gewisse, noch besonders von einem Fakh're geweihte Steine, denen sie Heilkräfte zuschreiben und bestreichen damit unter mancherlei Gebeten und religiösen Ccrcmo- nicen die Wunden eines Vergifteten; Andere, hauptsächlich die Su- dahnesen, führen beständig eine beißende Wurzel, welche sie „Aerkh el Aakhreb" nennen, mit sich, kauen diese und legen sie auf die Wunde; wieder Andere schwitzen mehrere Stunden lang oder nehmen abführende Mittel ein*). Man hört oft des Nachts in einer Tankha oder einem Tokhul lautes Wehklagen erschallen und erfährt, daß ein Skorpion die Ursache desselben war. Bei der Gewohnheit der Leute, meist auf dem nur mit einer Matte bedeckten Boden zu schlafen, kommt oft genug eine Vergiftung durch Skorpionen vor. * Auch die klugen Hunde kennen und fürchten den Skorpion, mehr noch als sie aber die Affen, welche alle ihnen gefährlichen Thiere vollkommen zu würdigen verstehen. Der wüthigste Hund und wü- thcndste Affe ergreifen vor einem ihnen vorgehaltenen lebenden Skorpion sofort die Flucht. Nur der gleichsam gegen Gift gefeite Igel naht sich ihm unerschrocken und verzehrt ihn mit großer Gemüthsruhe. Er und der Mensch dürften die einzigen Feinde des gefährlichen Thieres sein. *) Wir Europäer setzten eine» Schröpfkopf auf die Wunde, entzogen ihr so schnell als möglich ziemlich viel Blut, öffneten sie dann durch einen Kreuzschnitt und rieben Ammoniak in sie ein. Zehn bis zwölf Tropfen dieses trefflichen Gegenmittels wurden auch innerlich gegeben. Einer meiner Diener, welcher von einem sehr großen Skorpion gestochen worden war, , litt bei dieser Behandlung nur acht Stunden. Ich wurde ein einziges Mal und bloß von einem so kleinen Skorpion verwundet, daß ich schon nach einer Stunde keine Schmerzen mehr fühlte. In neuerer Zeit hat man auch Chlorwasser als Gegenmittel vorgeschlagen. 163 In ganz Nord-Ost-Afrika ist der Skorpion überall gemein. An manchen Stellen der Wüste oder Steppe findet man unter jedem > mittelgroßen Steine gewiß Skorpionen. Jedes eine Zeit lang unbewohnt gewesene Haus muß erst sorgsam von dieser liebenswürdigen Gesellschaft gesäubert werden. Eine Eigenthümlichkeit des Thieres ist diese, daß es Nachts dem Lichte zuläuft. Ich habe deren schon mehrere Male Erwähnung gethan, ebenso der alten Fabel, nach welcher sich der in einen Kreis glühender Kohlen gebrachte Skorpion selbst erstechen soll. Der Skorpion senkt in seinem feurigen Kerker allerdings den erhobenen furchtbaren Schwanz auf den Rücken herab; aber das geschieht in Folge der ihn tödtenden Hitze und nicht in der Absicht, seinem Leben durch Selbstvergiftung ein Ende zu machen. Als interessante naturgeschichtliche Thatsache erwähne ich noch, daß der Skorpion in gewissem Grade gezähmt werden kann. Ich sah bei dem Dr. Rauh in Kairo einen Skorpion, welcher schon über Jahr und Tag in einem Glaskasten lebte, seinen Herrn kannte * und diesem dargereichte Fliegen abnahm, um sie zu verzehren. Er schien sich auch vor Fremden nicht mehr so ängstlich zu verstecken, als dies bei Tage die übrigen thun. Die Nahrung des Spinnenkrebses besteht in Insekten. Er fängt diese mit seinen tastenden Scheeren und saugt ihnen nach Art der Spinnen die genießbaren, flüssigen Theile ihres Körpers aus. Wahrscheinlich gebraucht er, um zu morden, seine furchtbare Waffe nur im Kampfe mit stärkeren, ihm übermächtigen Thieren dieser Klasse. Gegen alle übrigen Thiere dient sie zu seiner Vertheidigung. II * 164 m. Das Krokodil. „Dazu muß ich nun sagen, wie groß, wie mächtig und wohigeschaf- , fen er ist. Wer kann ihm sein Kleid aufdecken? Und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen? Wer kann die Kinnbacken seines Antlitzes auftbun? Schrecklich stehen seine Zähne umher. Seine stolzen Schuppen sind wie feste Schilde, fest und enge in einander. Eine rühret an die andere, daß nicht ein Lüftlein dazwischen geht. Er hat einen starken Hals, und seine Lust ist, wo er verderbet. Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faules Holz. Kein Pfeil wird ihn verjagen, die Schleudersteine sind ihm wie Stoppeln." Hiob, 41. Es macht einen eigenen Eindruck auf den Reisenden, welcher das alte Wunderland Egyptcn bereist, wenn er in den Nachmit- tagsstunden eines der sonnigen Tage jenes Landes das erste Krokodil auf einer flachen Sandbank liegen sieht. Er greift zunächst zum Fernrohr, um sich das urwcltliche Ungeheuer zu betrachten, ? dann aber in der Absicht zur sicheren Büchse, ihm wo möglich eine Kugel in den gepanzerten Leib zu jagen. Doch dieses kennt seines größten Feindes Macht und Tücke und kriecht, lange bevor das Schiff des Reisenden in Schußnähe gelangt, gemächlich in den Nil, somit zugleich fernere Beobachtungen vereitelnd. Will der wißbegierige Wanderer den „Lcviathan" besser kennen lernen, dann muß er weiter nach Süden ziehen, erst dort trifft er ihn in so großer Anzahl, daß er seinen Zweck erreicht. Das Krokodil ist noch heute über den größten Theil des Nil und seiner Zuflüsse verbreitet, im unteren Stromgebiete aber seltener geworden. Wie die Tausende der in Aababdes Höhlen aufgespeicherten Mumien des Riesenlurchs beweisen, muß es vor Jahrhunderten auch in Egypten sehr häufig gewesen sein; jetzt kann man dies nur noch von dem Sudahn sagen. Hier darf man mit Sicherheit darauf rechnen, auf jeder Sandbank der beiden Hauptströme ein Krokodil zu finden. Am Liebsten hält sich das Krokodil an ruhigen Stellen der 165 Ströme auf; in den Katarakten scheint cS ihm nicht zu gefallen. Eine Sandbank, auf welcher es sich behaglich sonnen kann, ist ein e Haupterforderniß zur Wahl seines Standortes. Diesen behauptet es mit großer Beharrlichkeit. Greise Männer haben mich versichert, daß sie schon als Kinder ein und dasselbe Krokodil genau auf derselben Insel zum Vorschein kommen sahen. Ich zweifle, weil ich überzeugt bin, daß die Thiere sehr alt werden, nicht an der Wahrheit dieser Mittheilungen. Ein Krokodil, welches zwanzig Fuß an Länge erreicht, ist eine sehr seltene Erscheinung; die größten Erem- plare, welche ich sah, mögen sechzehn Fuß gemessen haben. Sie bewohnten große Sandinscln in dem hier meilenweit nur vorn Ur- walde begrenzten blauen Flusse und waren vielleicht hundert Jahre lang nicht beunruhigt worden. Hundert Jahre sind für uns gebrechliche Menschen ein hohes Alter, für ein Krokodil wahrscheinlich nur ein Abschnitt seines Lebens. DaS Thier schlüpft bei seiner Geburt aus einem Ei, welches das einer Hausgans an Größe nicht übertrifft, wächst, wie alle Amphibien, höchst langsam und ^ erreicht dennoch jene ungeheure Größe. Wie viele Jahrzehnte mögen dazu gehören, es auszubilden!? Wenn es die Hüllen seines Eies sprengt, ist es höchstens neun Zoll lang, nach Jahresfrist hat es ungefähr die doppelte, zuweilen die dreifache Größe erreicht, dann wächst es langsamer. Vergleicht man das ausgewachsene Krokodil mit dem eben ausgckrochenen, kaum scheint es möglich, daß das niedliche Thierchen solch ein Riese werden könne. Ungeachtet seiner Größe ist das Krokodil gewandt und schnell. Die zwischen den vier Zehen seiner Hinterfüße ausgespannte Haut*) setzt es in den Stand, im Wasser ohne Mühe Fische zu erhäschen; aber auch auf dem Lande ist es behend. Ich brauche die alte Fabel, nach welcher das Krokodil keine Scitenwendungcn machen kann, wohl nicht zu widerlegen, glaube aber doch bemerken zu müssen, daß es alle Bewegungen mit größter Leichtigkeit vollführt. Ein H Krokodil vermag sich in einem Kreise herumzudrehen, dessen Radius der halben Körpcrlänge des Thieres ungefähr gleichkommt, *) Zwischen den fünf Zehen der Vorderfüße ist sie nur (in Rudimenl. 166 und mehr bedarf es zur Enlwerthung des allbekannten Mittels aller Märchenerzähler, dem verfolgenden Krokodil durch schnelles Hin- und Herlaufen zu entgehen, wahrlich nicht. Glücklicher Weise läßt r das Krokodil landeinwärts den Menschen nie die Unzulänglichkeit seines Zickzacklaufes erproben; es flüchtet auf dem Lande immer vor ihm. Zuweilen entfernt es sich meilenweit vom Flusse, eilt diesem aber, wenn es sich verfolgt sieht, pfeilschnell in geradester Richtung zu. Ist dieser sehr weit entfernt, dann sucht es sich in hohem Grase oder in einem Dickicht zu verbergen (Seite 93). vi-. Penney störte auf einer seiner Reisen in Fassokl ein Krokodil auf, welches sich in einem größtentheils mit dürrem Laube ausgefüllten Rcgenstrombett versteckt hatte. Das Thier entfloh bei Annäherung der Berittenen und eilte schnurstracks dem ungefähr anderthalb Meilen entfernten Strome zu. Man konnte es mit den schnellsten Reitkamelen nicht einholen. Es rannte mit der bekannten Eilfertigkeit davon und brüllte laut *). Während des Charief geht es oft weit in die Chuahr hinauf, zieht sich, wenn deren Wasser zu verschwinden beginnt, in die ein- ^ zelnen Tümpel zurück und verbirgt sich, wenn auch diese vertrocknen, in den feuchten Letten, um dort in einer gewissen Lethargie die nächste Regenzeit zu erwarten. Ich habe das Letztere nicht selbst beobachtet, schließe es aber aus einer Erzählung meines glaubwürdigen Freundes Penney. Als Begleiter einer „Rhassua" (s.TH.1 S. 254) gelangte er mit seinen Leuten in einen trocknen Chohr, dessen Mündung noch etwa drei Meilen vom blauen Flusse entfernt war. Wegen Wassermangel wurde in dem Bett des Rcgenstroines ein Stollen eingetrieben, welcher, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Nothwendige zu liefern versprach. Die Arbeiter hatten ihn bereits acht Fuß abgeteuft, da sprangen sie entsetzt aus der Tiefe und rie- *) Auch ich habe das Krokodil in der Angst oder im Zorne laute, dem Kamelgebrüll ähnliche Töne ausstoßen hören. Ich näherte mich einer steilen Uferstelle des weißen Flusses vorsichtig, um einen Reiher zu beschlei- chen und sah dicht unter mir ein Krokodil, dein ich den ganzen starken Schrotschuß auf den Schädel jagte, worauf es mit einem wüthenden Ge- murr in den Fluthen verschwand. 167 sen den alleswisscnden ,,Hakihm-Pascha" oder Oberstabsarzt zu Hülfe, weil sich in der Grube ein ,,graues Ding" hin und ^ her bewege. Bei genauerer Untersuchung stellte sich dasselbe als die Schwanzspitze eines lebenden, sehr großen Krokodils heraus. Nun wurde ein zweites Loch in der Kopfgegend gemacht, durch welches man dem Ungeheuer mit einer Lanze den Gcnickfang gab. Man grub es zuletzt vollends aus und fand, daß es fünfzehn Fuß maß. „Und deshalb", schloß Penney, „nennen die Araber diesen Regenstrom heute noch „llllölir ei l'illmLekr" (Krokodilregenstrom). Die Hauptnahrung des riesigen Lurchs besteht aus Fischen. Daneben frißt er aber alles Lebende, was er erreichen und bewältigen kann. Die Beute, welche er sich vom Lande holt, überrascht er gewöhnlich beim Saufen. Langsam schwimmt er unter der Oberfläche des Wassers zu dem trinkenden Thiere heran, schnellt plötzlich aus dem Wasser hervor, faßt seine Beute am Kopfe oder an einem Vorderbeine, zieht sie in die Fluchen hinab, ertrankt sie und verzehrt sie dann in aller Gemächlichkeit; wie Einige meinen, ^ aber erst, nachdem das getödtete Thier zu faulen begonnen hat. Die meisten Menschenopfer werden ihm, wenn die Eingebornen in den Fluß wadcn, um Wasser zu schöpfen. Nur zuweilen bemüht er sich vergeblich, Etwas zu ergreifen. Wir sahen mit Vergnügen eine trinkende Antilope mit einem mächtigen Satz das Ufer verlassen, auf welches zur selben Zeit ein Krokodil herausschoß. Die Hunde in den am Nil gelegenen Ortschaften kennen, fürchten und hassen es. Während ein im Innern des Landes geborner Hund sich ohne Scheu dem Strome nähert und noch ganz „raschihm" ist, kommen jene mit äußerster Vorsicht zum Flußspiegel herab, trinken nur in kurzen Absätzen und beobachten das Wasser genau. Wenn es möglich ist, wählen sie seichte Uferstellen zu ihren Trinkplätzcn. Ihr Haß offenbart sich darin, daß sie wüthend werden, wenn man ihnen eine große Eidechse zeigt. Aber auch die Eingebornen verrathen ihre leider genugsam be- gründete Furcht vor dem bepanzerten Ungeheuer bei jeder Gelegenheit. Sie wissen viele Geschichten von der Bösartigkeit und Stärke 168 des Krokodils zu erzählen. Eine derselben wird uns den besten Begriff von dem Respekt, welchen sie vor dem Thiere haben, geben. „Ein Kamel kommt in den Abendstunden zum Flusse, um zu trinken. Auf dem steilen Uferrande liegt ein mächtiger Löwe sprung- fcrtig, im Wasser lauert ein riesiges Krokodil auf das durstige Thier. Beide, Löwe und Krokodil, ergreifen es in demselben Augenblicke. Ersterer sitzt ihm auf dem Rücken, das Krokodil hat es am Halse gefaßt. Jeder Räuber will sich die Beute zueignen, sie ringen um sie. Keiner gibt nach, beide verdoppeln ihre Anstrengungen, da reißt das Kamel mitten entzwei und jeder Streiter bekommt die Hälfte davon." Gewiß ist die Anekdote rein aus der Luft gegriffen, aber ebenso gewiß ist sie uns ein Maßstab der Furchtbarkeit des Krokodils in den Augen der Araber. Die zahlreichen Unglücksfälle, welche oft genug am blauen und weißen Flusse durch Krokodile herbeigeführt werden, berechtigen die nicht einmal mit Feuergewchr bewaffneten Menschen leider zu derlei Ansichten über ein auch nach unserer Meinung wirklich gefährliches Ungethüm. Es ist keine Kunst, ein Krokodil mit der Büchse zu erlegen, aber es ist unmöglich, mit ihm zu kämpfen, weil es den Kampf nur annimmt, wenn man wehrlos, d. h. im Wasser ist. Im ganzen Sudahn gibt es nicht ein einziges an einem der beiden Ströme gelegenes Dorf, aus welchem durch die Krokodile nicht schon Menschen geraubt worden wären, es geschehen alljährlich unzählige Unglücksfälle, sie kommen aber nur dann zur Kenntniß des Reisenden, wenn sich dieser speciell darnach erkundigt. Dann wissen alle alten Leute zu erzählen, daß der „Timfach" Den und Den, Sohn Des und Des, Nachkommen von Dem und Dem, außer ihm auch noch diverse Pferde, Kamele, Maulthiere, Esel, Hunde, Schafe, Ziegen in die trüben Fluthen hinabgczogen und gefressen oder ihnen wenigstens die eine oder die andere der Extremitäten, den Kopf u.s.w. amputirt habe. Der Angriff der Bestie geschieht so schnell, daß an eine Flucht kaum zu denken ist; ich bin durch die mit Kranichfcdcrn bestreuten Spuren eines Krokodils im Sande einer Insel belehrt worden, daß es selbst Böget erjagen kann. Mit Ausnahme des Nilpferdes, 169 Nashorns und Elephanten ist kein Thier vor ihm sicher, es verzehrt seine eigenen Jungen. Nur ein Vogel ist nach Ansicht der Eingcbornen mit ihm befreundet: es ist der kleine windschnclle Userrenner (Hvss seZ) ptiseus) , welchen die Araber kdnkikir ol 'l'imsnoll, Krokodilwächter, nennen. Der Vogel hat beiläufig die Größe einer Wachtel, ist bunt, aber gefällig gezeichnet und ungemein gewandt. Die Bezeichnung der Araber ist nicht schlecht gewählt, wenn unser Vogel auch nur zufällig das Amt eines Wächters übernimmt. Er lebt auf sandigen Inseln und flachen Ufcrstellen des Nil und seiner Zuflüsse, ist in steter Bewegung und mit den Krokodilen von Jugend auf so bekannt geworden, daß er sich vor ihnen zu fürchten nicht Ursache hat; seine Gewandtheit begründet seine Sicherheit. Er läuft ohne Bedenken auf dem Rücken der schlafenden Ungeheuer herum, frißt die dort etwa sitzenden Egel und Wasserinsckten weg und scheint jene eher für Baumstämme, als für gcfürchtete Bestien anzusehen. Seine Gewohnheit, bei Ankunft eines Menschen laut zu schreien und diesen dadurch dein Krokodil zu verrathen, mag ihm den Namen und das Amt eines Wächters verschafft haben. In der That erwacht das schlafende Krokodil durch sein Geschrei und kriecht dann gewöhnlich in das Wasser*). Nächst den lebenden frißt das Krokodil auch alle todten Thiere, *) Zufällig fand ich vor Kurzem in Fr. Mich- Vierthaler's „philosophischen Geschichte der Menschen und Völker" (Wien. 1794), daß die Alten unseren Vogel schon gekannt und von seiner Freundschaft mit dem Krokodil gewußt haben. „Die alten Naturforscher", sagt Vierthaler, „erzählen von ihm, daß er sich von den Blutegeln und den Ueberbleibseln der Speisen nähre, die sich zwischen den Zähnen des Krokodils anhängen. Denn wenn dieser mit aufgesperrtem Rachen am Ufer schläft (welches meistens zur Zeit eines sanft wehenden Westes geschieht), so hüpfe ihm der „Trochilus" hinein und halte seinen Schmaus, wobei er nicht die mindeste Gefahr zu befürchten habe; denn das Ungeheuer, welches sich dadurch wohlgethan fühlt, thut seinem kleinen Freunde Nichts zu Leide. Die alten Physiologen zählen mehrere Arten vom Trochilus; das Krokodil lebte aber nur mit jener in Freundschaft, die sie „Kladarorhynchos" heißen." 170 welche den Fluß hinabschwimmcn. Ich bin durch dasselbe mehrere Male werthvollcr Vögel, die nach dem Schusse in den Strom stürzten , beraubt und dann jedesmal von Neuem zur Rache angespornt worden. Die Krokodile sind bei einer erlangten Größe von acht Fuß bereits zeugungsfähig. Große Individuen sollen mehr und größere Eier legen, als kleinere. Die Zahl derselben variirt zwischen zwanzig und neunzig Stücken; ich selbst habe einmal bei einem Weibchen von zehn Fuß Länge einige und dreißig Stück gefunden. Sie werden von ihrer Erzeugerin auf Sandinseln in eine tiefe Grube gelegt und vermittelst des Schwanzes mit Sand bedeckt. Das eier- legende Weibchen soll alle Spuren seiner Arbeit so sorgfältig verwischen, daß die Eicrgrube nur durch die sich über ihr sammelnden Fliegen aufgefunden werden kann. Die ausgckrochencn Jungen sollen von der Mutter wieder aus dem Sande herausgewühlt, auf den Rücken genommen und dem Wasser zugeführt werden. Ich bemerke hierzu ausdrücklich, daß mir das Letztere nicht glaubwürdig erscheint. Eine Eigenthümlichkeit des Krokodils sind vier, mit einer moschusähnlichen Substanz angefüllte Drüsen, welche von den Eingebornen als Parfüm benutzt werden. Sie werden von diesen theuer bezahlt und sind der einzige pekuniäre Gewinn der Krokodiljagd; weit wichtiger ist unstreitig die durch die Jagd herbeigeführte Verminderung der gefährlichen Thiere. Von diesen Drüsen liegen zwei neben den Kinnladcngelenken, die beiden anderen zu beiden Seiten des Afters. Sie verleihen dem Fleische des alten Krokodils einen so starken Moschusgeruch, daß wir Europäer es nicht zu genießen im Stande sind. Das blendendweiße, dem der Fische ähnliche Fleisch jüngerer Thiere schmeckt dagegen nicht unangenehm*). Nur selten findet man einen Egypter oder Sudahnesen, welcher die Jagd auf Krokodile energisch betreibt. Die Egypter gebrauchen zu derselben das Feuergewehr, die Sudahnesen eine Har- Oenitslis eM, <;ui penom vrocväili eelit, eeixi et incitsii putsnt. 17t pune. Letztere ist ein auf drei Seiten zugcschliffcnes Eisen mit Widerhaken, einer Aushöhlung, in welchem ein hölzerner Wurfspieß und einem Ring, in welchem ein aus zwanzig bis dreißig haltbaren, von einander getrennten, aber in gewissen Abschnitten wieder vereinigten Schnuren bestehender Strick befestigt wird. Nachdem die aus großer Nähe und kräftig geschleuderte Harpune die Panzerhaut des Krokodils durchbohrt hat, fällt der hölzerne Spieß ab und nun bewährt der aus so vielen Theilen zusammengesetzte Strick seinen Nutzen. Das Thier ist eifrig bemüht, die Schnuren zu zerbeißen, aber diese legen sich zwischen die furchtbaren Zähne des Rachens, ohne denselben Widerstand zu leisten. Am Ende des Strickes hat man einen Klotz aus leichtem Holze angebunden, welcher dem Jäger die Spur des schwimmenden Thieres zeigt. Dieser verfolgt es in einer kleinen Barke, zieht es an die Oberfläche des Wassers empor und sticht ihm die Lanze durch das Rückenmark. Wir Europäer jagen das Krokodil, wie die Türken und Egyp- ter, mit dem Feuergewehr. Die Büchse ist jeder anderen Waffe vorzuziehen, weil ihre Kugel, wenn sie aus gehöriger Entfernung abgesandt wurde, die Panzerhaut des Krokodil stets durchbohrt, was bei der matteren Musketcnkugel nicht immer der Fall ist. Kugeln, welche in den Kopf und in die Brust dringen, tödten das Thier zwar regelmäßig, aber nicht so schnell, als eine in das Rückenmark gejagte. Deshalb ist die Halswirbelgegend der Zielpunkt eines Schützen, welcher das Krokodil in seine Gewalt bekommen will. In Netzen sängt man die Thiere nur zufällig. Wir kauften am 20. Juli 1850 ein acht Fuß langes, lebendes Krokodil, welches sich in den Netzen einiger Fischer Charthums verwickelt hatte, für den Preis von fünf Piastern, um es zu beobachten. Die Fischer hatten ihm den Rachen fest zusammengebunden, damit es nicht beißen konnte, aber dennoch fuhr es, als wir uns ihm näherten, mit einem so ungestümen und raschen Satze auf uns los, daß wir erschrocken zurücktraten. Es pfauchte, wenn wir es stießen, wie eine Katze oder Eule, war aber im Ganzen unempfindlich. Wir stachen es mit Nadeln , streuten ihm den allen Amphibien höchst lästigen 172 Schnupftabak in die Nase, legten ihm glühende Kohlen auf die Haut und thaten ihm andere Tmbationcn an, ohne daß es das geringste Unbehagen gezeigt hätte. Nur den Tabaksrauch schien es nicht vertragen zu können; Dr. Vierthaler hielt ihm die brennende Pfeife unter die Nase und erzürnte es dadurch im hohen Grade. Seine Bewegungen waren nichts weniger als plump, sondern vielmehr schnell, gewaltig und wüthend. Ein in der nächsten Nacht fallender Regen kam ihm sehr zu Statten. Er ermunterte es und verwandelte noch dazu eine ziemlich tiefe und ausgedehnte Grube vor unserem Hause in eine Lache, welche ihm von uns zum Quartier angewiesen wurde. Hier schien es sich wohl zu befinden, hielt sich aber stets auf dem Grunde auf. Es kam selten und nur mit den durch eigene Klappen verschließbaren Nasenlöchern, um zu athmen, zum Vorschein, während es auf dem Lande beständig Luft wechselte. Unser Krokodil wurde nun für die Bewohner von ganz Char- thum ein Gegenstand der köstlichsten Unterhaltung. Sein Quartier war von Groß und Klein fortwährend umlagert. Um sein Entfliehen nach dem nicht allzu weit entfernten blauen Flusse zu verhüten, hatte ich es mit einer langen Schnur anbinden lassen, aber damit dem Volk das beste Mittel gegeben, seine Schaulust zu befriedigen. Jeder Vorübergehende zog das wehrlose Thier an dee Schnur aufs Trockene heraus, betrachtete es genau und ließ es unter Flüchen und Schimpfreden, welche wohl auch mit Stcinwür- fen gewürzt wurden, wieder los. Selbst kleine Kinder machten sich das Vergnügen, einmal einen „Timsach" zu turbiren. Die Peitsche fruchtete gegen das Gesinde! Nichts; ich ließ deshalb, um die Quälgeister zu schrecken, die Stricke zerschneiden, mit denen ihm die Schnauze zugebunden worden war. Allein auch diese Demonstration bewährte sich nicht. Man holte lange Stöcke herbei, schlug unser Krokodil damit auf den Rücken und hielt ihm, wenn man es sattsam gereizt hatte, denselben vor das Gebiß. Es erfaßte sie mit solcher Wuth, daß es sich an ihnen hin- und Her- schleifen ließ, ohne sie loszulassen. Dabei brachen gewöhnlich einige seiner denen der Fische ähnlichen, nur mit brüchiger Emaille 173 bekleideten Zähne ab. Dank sei es den unendlichen Bemühungen der Einwohnerschaft Charthums: nach wenig Tagen hatte der Tii»- sach seinen „verruchten" Geist aufgegeben. IV. Der heilige Ibis. „Vom Süden kommst Du und bringst uns die Botschaft des Lebens. D'rum nennen heilig wir Dich, denn heilig ist uns der Bote, Welchen die Götter gewürdigt, Frohes zu künden." Isis und Osiris sind vor dem Kreuz und dem Halbmond gewichen, mit ihnen verschwand auch „T h o t", ihr göttlicher Bote, der heilige Ibis. Zu unserer Zeit erscheint er nicht mehr im Lande der Pharaonen, um einem seine Sendung nicht glaubenden Volke das Schwellen der Fluchen zu künden; weit hinauf an dem heiligen Strome, „welcher seine Quellen verbirgt", ist er gezogen, gleichsam als fühle er sich berufen, den vor das Quellenland des Nil gezogenen Schleier zu wahren und zu behüten. Aber vergeblich ist sein Bemühen. Die poetische Anschauung der Alten ist vor der jetzt auf dem Thron des Geistes herrschenden Vernunft erblichen; für das heutige Geschlecht gibt es keinen Schleier mehr; auch der Urquell des völkcrcrnährcndcn und länderbelebenden Stromes wird von ihm aufgedeckt werden und in dem Gesandten der ewigen Götter sieht es schon heute nur einen Vogel noch. Wohl erkannte das tiefsinnige Volk der Pharaonen in dein Nilstrom den Bringer und Erhalter alles Lebens, denn es erhob ihn selbst zur Gottheit. Dieser Ansicht zu Folge mußte auch der mit den schwellenden Fluthen in Egyptcnland erscheinende Ibis, der sichere Künder und Bürge, daß der alte Gott wiederum seiner Gnade Born und seines Segens Füllhorn über das durstige Land ergießen werde, als Diener und Bote der ewigen Gottheit zu hoher Achtung und Ehre gelangen; auch er mußte göttlich sein! Und wie lieblich, wie anspruchslos, wie verständig war dieser Bote! 174 Der Ibis gehört zu den liebenswürdigsten Vögeln; er kann leicht gezähmt werden und belohnt durch sein Betragen die Mühe der Zähmung reichlich. Das wußten und empfanden die alten Egypter gewißlich auch, denn überall bemerken wir, daß sie in dem großen Buche der Natur mit Liebe, Aufmerksamkeit und Einsicht zu lesen verstanden. Und darum heiligte man den Vogel, darum sorgte man dafür, daß sein vergänglicher Leib durch der Priester hohe Kunst der Verwesung enthoben und für Jahrtausende bewahrt werde, damit, wenn einmal der unvergängliche Geist, welcher nach dem Willen der allweisen Götter Welten und Sphären durchwandern mußte, zurückkehre, er auch seine irdische Hülle wieder finden möge. Wie des Menschen Leichnam wurde der ,,des Vogels" ein- balsamirt, dieselben Spercreien, welche des Fürsten Sterbliches vor der Zerstäubung und Auflösung in die Atome der Urmaterie schüz- zen mußte, wurden auch ihm gespendet. Und gleichwie man über dem Sarkophag, welcher des Königs Mumie umschloß, einen Berg aufthürmte, so bebaute man auch für den heiligen Vogel ein eignes Mausoläum: eine der Pyramiden, welche wir die von Sa- kahra nennen. Hier findet man die von eigenthümlich geformten Urnen umschlossenen oder auch in Kammern schichtenweise aufgestapelten Mumien zu Tausenden und es nimmt uns, bei der bekannten Thatsache, daß fast nie eine Vogelleiche gefunden wird, Wunder, wie es selbst im Laufe von Jahrtausenden möglich war, so viele JbiSleichen zu sammeln. In unseren Tagen wird dem heiligen Ibis keine Ehre mehr angethan. Deshalb hat er das Land, in welchem er so hoch gefeiert ward, verlassen und ist bis in die Urwälder des weißen und blauen Flusses geflohen. Gegenwärtig findet man ihn nördlich der Grenze der tropischen Regen nicht mehr. Sogar in Charthum ist er noch nicht Standvogel. Seiner uralten Gewohnheit treu, erscheint er, wenn sich das helle Wasser des Gebirgsstromes el AS- rakh röthet oder die Fluthen des Bahhr el ab ladt zu trüben beginnen. Dann sammelt er sich mit seines Gleichen auf einer baumreichen, vom Wasser überflutheten Insel oder in einem überschwemmten Theil des Urwaldes und baut dort in das dichteste Geäst der dornigen Harahsi sein aus Zweigen und Halmen bestehendes Nest. Im September legt er drei bis vier schneeweiße oder leicht gelblich besprengte Eier, aus welchen nach wenig Wochen die Jungen schlüpfen, da hinein. Die Milliarden von Heuschrecken und andern Insekten, welche zu dieser Zeit die Steppe beleben, machen es ihm leicht, seine Kinder aufzufüttern. Schon Anfangs November sind diese flügg geworden. Sie ähneln in der Farbenverthcilung ihres Gefieders den Alten, allein ihr Hals ist befiedert und ihr Bürzel noch nicht mit den schönen, stahlschwar- zen, zerschlissenen Federn bedeckt. Erst im dritten Jahre ist der Vogel ausgewachsen, ausgefärbt und zeugungsfähig. Dann trägt er folgendes Kleid: der ganze Körper schneeweiß, auf den Flügeln und unter denselben (in den Weichen) gelbe Streifen, die Schwingen- spitzen schwarz, die Flügelfcdern dritter Ordnung zerschlissen, stahl- schwarz, der Hals und Kopf nackt und wie die Füße und der starke, lange, gekrümmte Schnabel kohlschwarz, das Auge hochkarminroth. Der ausgewachsene Vogel hat die Größe eines Haushahns mit hohen Füßen. vi. Vicrthaler hatte sich während meines ersten Ausfluges in die tropischen Wälder fünf junge Ibisse aufgefüttert, welche uns tagtäglich Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen lieferten und viele Freude »rächten. Sie vertraten in unserem Hofe die Stelle der Haushühner, liefen, obgleich sie vortrefflich fliegen konnten, frei herum und gaben uns fortwährend Beweise ihrer Anhänglichkeit, Gemüthlichkeit und ihres sehr ausgebildeten, oft überraschenden Verstandes. So wurden sie, um sie vor Katzen und Malignsten zu schützen, allabendlich in einen Kasten gesperrt; später gingen sie mit Einbruch der Nacht aus freien Stücken hinein, obgleich das ihnen viele Mühe machte. Wenn am Morgen ihr Schlafka- binet geöffnet wurde, flogen sie mit freudigem Geschrei auf die Dächer unserer Wohnung oder der Nachbarshäuser, entfernten sich bis auf fünfhundert Schritte von unserer Behausung, kehrten aber immer bald dahin zurück und verließen dann den ihnen angewiesenen Hofraum und Garten nicht wieder. Um Mittag suchten sie in den kühlen Räumlichkeiten unseres Wohnhauses Schatten, waren aber. 176 wenn sie Teller nach dem Speisezimmer bringen sahen, sogleich daselbst versammelt, umstanden unseren Tisch und baten und schmeichelten, bis wir ihnen Etwas verabreichten. Wir fütterten sie mit Allem, was auf unseren Tisch kam; sie nahmen uns das für sie Bestimmte geschickt aus der Hand, faßten es mit der Spitze und warfen es mit Leichtigkeit in den Schlund hinab. Ihren Schnabel wußten sie vortrefflich zu gebrauchen, steckten ihn in die feinsten Ritzen und konnten mit ihm alle Löcher ausplündern. Sie waren höchst gesellschaftlich. Oft setzten sie sich gegen Abend in einem Kreise auf die Fußsohlen und bckomplimcntirten sich auf die seltsamste Weise. Kam etwas Weiches, z. B. ein mit Kissen belegtes Ankharehb, in den Hof, dann nahmen sie es fluggs in Besitz und legten sich neben einander behaglich mit von sich gestreckten Beinen darauf hin. Sie haben uns manche trübe Stunde erheitert und manchen bösen Tag erleichtert. Wir hatten sie Beide so lieb gewonnen, daß mir, als ich abreiste, der Doktor nur die Hälfte gab, weil „er seine lieben Hausgenossen doch nicht alle von sich lassen könne." V. Die Kraniche im Sndahn. „Seid mir gegrüßt, befreund'te Schaaren, Die mir zur See Begleiter waren. Zum guten Zeichen nehm' ich Euch. Mein Loos, es ist dem eurem gleich: Von fernher kommen wir gezogen Und flehen um ein wirthlich Dach." Ja, seid mir gegrüßt, ihr freundlichen Vögcl, die ihr mit mir gewandert seid! Wohl seid ihr mir befreundet! Ein und derselbe Himmel hat über uns geblauet, ein und derselbe Strom uns geführt und getränkt, ein und derselbe Wald uns das Abendlied gesungen, ein und dieselbe Welt uns umgeben. Glücklich seid ihr, die mit leichten Schwingen Begabten, weil ihr wandern könnt, so 177 weit eure Sehnsucht euch treibt! Im fernen heißen Afrika haben wir uns einst gefunden; jetzt blicke ich mit Wehmuth nur noch euren Zügen nach! Alljährlich sehen wir im Herbst die einem V gleichgestalteten Züge der Kraniche dem Süden zuwandern. Wie weit sie ihre Reise ausdehnen, habe ich schon bemerkt und gewiß würde eine Beschreibung des Winterlcbens unseres allbekannten grauen Kranichs ohne jedes Interesse sein, träfe er zur Zeit desselben nicht zwei seiner Gattungsverwandten, welche mir der Erwähnung werth zu sein scheinen. Ich meine 6rv8 VirZo und 6. pavonina, Lrnne. Fürwahr, der erstere führt einen stolzen Namen: 6. VirK», die Jungfrau! Man muß ihn in der That erst kennen lernen, um zu verstehen, mit welchem Rechte es geschieht. Aber man kann dem alten Linus nicht widersprechen. Der Vogel ist wirklich so schön, so anmuthig, daß er nur mit einer Jungfrau verglichen werden kann. Alle Begriffe, welche dieses liebliche Wort in sich vereint, finden sich bei ihm, wenn auch nur in dem durch seine Stellung in der Thierreihe bedingten Maßstabe wieder. Sein Kleid zeichnet sich zwar nicht durch prunkende Farben aus — es ist im Gegentheil so einfach, als das Kleid einer Jungfrau es sein soll —; aber gerade die Anspruchslosigkeit desselben erhöht seine Schönheit. Das Gefieder ist seidenweich, wie das Haar einer Jungfrau, es kleidet den Vogel so gut als ein einfaches Gewand eine Jungfrau und die Federzöpfchcn am Hinterhaupte sind fast ebenso schön als jene langen Haarflechten, welche oft ganz in ähnlicher Weise getragen werden. Zu der schönen Einfachheit des Aeußeren gesellt sich ein höchst anmuthiges Betragen, um unseren Vogel Jedermann angenehm zu machen. Er zeigt einen erstaunlichen Verstand, wird nach kurzer Gefangenschaft ebenso zahm und zutraulich, als er in der Freiheit scheu und mißtrauisch war und erfreut seinen Besitzer tagtäglich mehr. Mit mädchenhafter Sorgsamkeit wahrt er sein Kleid vor jeder Verunreinigung und versteht es meisterhaft, seine Schönheit durch eine höchst liebenswürdige, natürliche Coquettcrie noch mehr hervorzuheben. Kurz, wer ihn näher kennen lernt, muß zürn 12 178 gestehen, daß eö für ihn gar keinen andern Namen geben kann, als eben 6rus VirS«*). Ihm gegenüber erscheint der Pfaucnkranich, Or»8 g-nonina, » unendlich plump. Wenn wir die 0. VwAo mit einer lieblichen Jungfrau vergleichen, können wir ihn das Spiegelbild eines sich brüstenden Gcldaristokratcn nennen. Wegen seiner Krone wird er gewöhnlich Königskranich genannt; allein sein Betragen deutet durchaus nicht auf etwas Königliches, sondern mehr auf etwas Pfauenhaftes hin. Es scheint, als wolle sich der Vogel auf sein farbenprächtiges Gewand etwas zu Gute thun. Dieses besteht hauptsächlich aus den beiden Farben Schwarz und Weiß, zeigt aber auch noch Goldgelb und, mehr verdeckt, Braun; im Leben liegt ein graulicher Dust über dem Sammtschwarz, welcher den größten Theil seines Körpers bedeckt. Der Gang des Vogels ist aufrecht und stolz zu nennen: er breitet dabei die aus goldgelben, spiralförmig gedrehten, fast bartlosen Federn bestehende Krone aus und hebt den Kopf empor; sein Flug ist langsam, aber imponirend. Dennoch hat der Vogel wenig Anziehendes; seine schmetternde Trom- ^ petenstimme macht ihn sogar oft unangenehm. In neuerer Zeit hat das System den Pfauenkranich, weil er von den eigentlichen Kranichen wesentlich abweicht, von diesen getrennt. Er steht zwischen ihnen und den Hühnern mitten inne, ebensowohl hinsichtlich seiner Gestalt, als auch hinsichtlich seines Betragens. So haben wir oft höchst sonderbare Bewegungen — wir nannten sie Tänze — an ihnen beobachtet, wenn sich neue Gefährten bei einer Gesellschaft einsanken oder wenn ihnen sonst etwas Ungewöhnliches begegnete. Sie springen senkrecht in die Höhe, breiten die Flügel ein Wenig aus und setzen die Füße dann tanzartig wieder nieder, wobei sie noch mancherlei Beugungen und Bücklinge machen. Ich glaube, daß nur die Männchen tanzen, wahrscheinlich um das Wohlgefallen oder die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich zu ziehen. Achnlichcs sehen wir bei der Balze ^ *) Ich will gern zugestehen, daß ich für die numidische Jungfrau sehr eingenommen bin; allein ich glaube, daß ich ihre Lieblichkeit noch nicht einmal genug hervorgehoben habe. 179 des Aucr- und Birkwildes unserer Gebirge; es ist aber ja auch außerdem eine bekannte Thatsache, daß gute Tänzer dein weiblichen » Geschlechte stets willkommene Erscheinungen sind. Der Königskranich ist im Sudahn Standvogel, der Jung- fernkranich wie der graue nur zur Winterszeit Gast im fremden Lande. Jeden Herbst erscheinen Tausende der Letzteren im Gebiet der Nilzuflüsse, um dort behaglich den Winter zu verleben und die Vcrmauserung ihres Gefieders in aller Ruhe abzuwarten. Beide Arten vereinigen sich mehr oder weniger mit einander. Sie bewohnen dieselben Sandbänke und ziehen vor Sonnenaufgang auf dieselben Plätze aus, um Nahrung zu suchen. Den Königskranich, welcher sich tagtäglich bei ihnen aufdrängt, scheinen sie nicht als ihres Gleichen betrachten zu wollen; wahrscheinlich ist er ihnen nicht anständig und klug genug; sie selbst leben in bester Eintracht zusammen. Bei ihrer Ankunft (im Oktober) sind die Ströme bereits so ^ weit gefallen, daß einzelne Sandbänke über den Wasserspiegel hervorragen. Diese bilden ihre Standplätze; von hier aus fliegen sie jeden Morgen in ihre Nahrungsspeicher, die Getraidefeldcr der Steppe hinaus. Eine einfache Berechnung der Getraidemenge, welche die im Sudahn überwinternden Kraniche verzehren, beweist, daß sie in so großen Massen in keinem andern Land der Erde würden leben können. Ich habe beobachtet, daß jeder Einzelne von ihnen täglich mindestens ein halbes Maas Durrah zu seiner Nahrung braucht und bin fest überzeugt, daß die Anzahl der im Sudahn wintcrnden Kraniche zu mehr als dreimal Hunderttausend angenommen werden kann. Bei einem Aufenthalte der Böge! von hundertundfunfzig Tagen berechnet sich das Quantum des während dieser Zeit verbrauchten Getraidcs zu 125,000 dresdner Scheffeln! Diese Schätzung ist keineswegs übertrieben, denn ich habe die Minima angenommen; aber ich glaube, daß sie nur Derjenige, > welcher die ausgedehnten Getraidefeldcr Ost-Sudahns und die ungeheure Anzahl der in ihnen Nahrung findenden Kraniche kennt, annähernd richtig finden wird. Wenn man Mitte Oktobers einen der beiden Hauptflüsse des 12 * 180 Ost-Sudahn befählt, hört und sieht man Tag und Nacht einen Kranichzug nach dem andern vorüberfliegen, welcher sich dann an einer ihm geeignet erscheinenden Stelle niederläßt. Er besteht entweder aus grauen oder aus numidischcn Kranichen. Man hat den letzteren an der Wolga brütend gefunden und nur höchst selten in Deutschland beobachtet, aber Niemand weiß, wo sich die Tausende, welche wir im Sudahn vereinigt sehen, während des Sommers aufbellten. Der numidische Kranich ist noch in den meisten Sammlungen ein seltner Vogel und findet sich im Sudahn in so namhafter Menge, daß er eine große Sandinsel förmlich bedeckt. ES wäre für den Sammler leicht, von dort aus alle Kabinette Europa's mit diesem ziemlich werthvollen Vogel zu versehen, wenn er nicht so außerordentlich klug, scheu und vorsichtig wäre. Er umgeht jede Falle und weiß dein Rohr des Schützen stets hinreichend fern zu bleiben. Wir wählten die Nacht zu seiner Jagd und machten die Beobachtung, daß er in mondhellen Nächten doppelt so hoch flog als in dunklen, ihn ohnehin schützenden. Das geringste Geräusch oder alles nur irgend Verdächtige bewog ihn stets, sogleich die Höhe zu suchen. Erst im Anfange des März verlassen die Kraniche den Strom und sein Gebiet, um nach dem fernen Norden zurückzukehren. So weit wandern sie, „den Gastlichen" zu finden, „Der von dem Fremdling wehrt die Schmach." VI. Der Marabu. „Des Elephanten Zahn — das Elfenbein Ist das, was lockt, daß man ihn sagt und tödtet; Daß man die Muschel öffnet, daß sie stirbt, — Verursacht ihr die Perle! Netze stellet man Dem Vogel Tsu, der schönen Federn wegen." Schefer, Laienbrevier. Ich bin fest überzeugt, daß alle meine schönen Leserinnen die Federn des Marabu genau kennen, erlaube mir aber, daran zu zwei- 181 feln, daß auch dcm Erzeuger dieses Schmuckes dasselbe Glück zu Theil wird. Das menschliche Geschlecht ist leider ein sehr undankbares; gewöhnlich nimmt es die Gaben, ohne sich um den Geber viel zu kümmern. Unter Letzteren verstehe ich in diesem Falle nun zwar keinen gütigen Vater, keine zärtliche Mutter, freundliche Tante, keinen freigebigen Onkel, Vetter u. s. w. u. s. w., sondern nur einen schlichten Vogel; aber die Dankbarkeit, scheint es mir, darf sich auch auf einen solchen ausdehnen. Man muß nur bedenken, wie sehr der Vogel geplagt und wie Viel ihm geraubt wird, um die schönen Europäerinnen zu schmücken; man muß wissen, daß in Indien der Marabu — von dem es, beläufig bemerkt, mehrere Arten gibt — zahm gehalten und durch Ausrupfen seiner Zierfe- dern systematisch zum Erzeugen neuer Federn gezwungen wird und muß erwägen, daß wir Grausamen den Marabu des Sudahn, Doptoptilus erumonikor genannt, erst todtschossen, bevor wir ihm seine Federn rauben konnten. Nachdem ich mich so des Mitleides aller marabufedertragenden Damen versichert habe, will ich ihnen den Vogel selbst vorstellen. Er ist nicht gerade liebenswürdig, noch weniger schön, aber mindestens originell. Bezüglich seiner Gestalt ähnelt er einem Storch; allein er ist weit größer und jedenfalls häßlicher als dieser, sein Hals und Kopf sind unbefiedert, erster ist mit einem mächtigen Kropfsack, letzterer mit einem ditto Schnabel versehen; sein Gefieder ist auf dem Rücken grünlich-blau, auf der Brust und allen übrigen unteren Partiten weiß gefärbt, ebenso erscheinen die eigentlich schwarzen Beine, welche der ziemlich unreinliche Gesell beständig mit einer weißen Kruste bedeckt. Der Schmuck unserer Damen sind die Un- tcrschwanzdcckfedern. Will man sich ein treues Bild von ihm machen, so darf man nur an einen Schneidergesellen denken, welcher des Sonntags Nachmittags in blauem Frack, weißer Weste und Nankinbcinklcidcrn im Freien herumstolpcrt und, um sein wunderliches Costüm zu krönen, ein rothes Käppchen auf dem trotzig erhobenen Haupte trägt. Die Phantasie braucht der Wirklichkeit dabei gar nicht Viel zu Hülse zu kommen; jede gute Abbildung schon ruft jenen Eindruck in uns hervor. Die Achnlichkeit seines blauen 182 Rückens und der ebenso gezeichneten, scharf geschnittenen Flügel mit einem dunklen Frack und die seiner weißen Vorderseite und koth- bespritzten Beine mit weißer Weste und eben solchen Beinkleidern ist frappant. Dabei trägt er den Hals so eingezogen, daß der Kopf wie bei einem Menschen dicht auf den Schultern zu sitzen scheint und gerade diese Stellung macht die Carrikatur nur um so beißender. Sein Benehmen steht mit seiner Gestalt im besten Einklanges spricht sich in ihm eine stoische, unverwüstliche Ruhe aus. Jede seiner Bewegungen, sein Gang, jeder Blick ist berechnet, genau abgemessen. Wenn ihn der Jäger verfolgt, schaut er sich langsam und gravitätisch um, mißt die Entfernung zwischen sich und seinem Feinde und regelt nach ihr seine Schritte. Geht man langsam, thut er es auch, beschleunigt man seinen Gang, macht er es ebenso, bleibt man stehen, dann steht auch er bald still. Auf einer weiten Ebene, wo er immer jede beliebige Strecke zwischen sich und den Jäger bringen kann, läßt er es nie zum Schusse kommen, fliegt aber auch nicht auf, sondern bewegt sich immer in der gleichwciten Entfernung von zwei- bis dreihundert Schritten mit derselben Geschwindigkeit als sein Verfolger. Er ist erstaunlich klug und weiß genau, wie weit das ihm verderbliche Jagdrohr des Schützen trägt. Im Sudahn wird der Vogel, weil man den Werth seiner Federn*') nicht kennt, nicht verfolgt. Hier trifft man ihn am Sichersten auf den Schlachtplätzen der Städte, wo er sich einstellt, um die Abfälle der geschlachteten Thiere zu verzehren. Er fällt auch wohl mit den Geiern auf das Aas, ist hier aber weit schwerer zu erlegen, als diese. Seine Vorsicht ist so groß, daß er — was die Geier nicht thun — Wachen ausstellt und dein herannahenden Jäger stets zu entfliehen weiß. Diese Thatsache scheint unglaublich, weil er zu den gefräßigsten Vögeln gehört, welche man kennt. Wir zogen aus seinem Kröpfe ganze Rinderohren und Knochen, die ein v *) Diese sind bloß nach der Mauser vollkommen schön. Man erhält von jedem Vogel zu dieser Zeit gewöhnlich nur vier Stück, welche allen Anforderungen entsprechen. 183 anderer Vogel gar nicht hatte verschlingen können, heraus und machten einmal eine Beobachtung, welche für mich etwas Entsetzliches hatte. Einer meiner Diener zerschmetterte einem Marabu durch den Schuß beide Füße und einen Flügelknochen, war aber fühllos genug, das verwundete Thier nicht sogleich zu todten und brachte es noch lebend in unsere Wohnung. Hier wurden gerade große Geier abgebälgt; das Fleisch derselben lag in großen Haufen um den Arbcircr herum. Der Jäger warf den Marabu meinem Abbälgcr zu, der Vogel brach natürlich zusammen, fing aber sogleich an, die vor ihm liegenden Fleischstücke gierig zu verschlingen. Ich tödtcte ihn augenblicklich. Ein anderes Mal sah ich zehn bis zwölf dieser Vögcl, welche im weißen Flusse Fische fingen. Sie besitzen darin viele Geschick- lichkcit und einer von ihnen hatte auch geschwind einen großen Fisch erhäscht, welcher alsbald hinabgewürgt und einstweilen im Kropfsack aufbewahrt wurde. Der Fisch lebte noch, zappelte in dem Sack herum und dehnte ihn fußlang aus *). Sofort kamen die Gefährten des Glücklichen herbei und schnappten so ernstlich nach dein Kröpfe desselben, daß er sich nur durch schleunige Flucht den Naubvcrsuchen der Andern entziehen konnte. Wie alle klugen Thiere wird auch der Marabu in der Gefangenschaft bald zahm. Ich besaß einen, welcher, weil ich ihn fütterte, große Anhänglichkeit an mich zeigte. Er begleitete mich im ganzen Hause und legte, war ich abwesend gewesen, bei meiner Zurückkunst eine lebhafte Freude an den Tag. Er kam mir entgegen, nickte mit dem Kopfe, ließ ein freudiges Schnabelgcklapper hören oder umtanzte mich mit allerlei possirlichen Bewegungen und Gesten. Allein seine Freundschaft verlor sich bald, nachdem er einen Gefährten erhalten hatte und als ich später zwei Monate lang verreist gewesen war, kannte er mich gar nicht mehr. *) Wegen dieses esacks nennen ihn die Sudahncsc» „Abn-Saln" (oder Säin), Baker des Trinkschtauches. S. Th. 1 S. 03. 18 L VII. Geier. ,,Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler." Matthäus 24 , 28. Im hohen, kalten Norden stirbt ein Thier und die Natur überdeckt seinen Leichnam mit ihrem schneeigen Leichcntuche, krystallistrt die flüssigen Theile des Körpers und wandelt sie in eine feste Masse um, welche sich — wie uns die in den Eisfeldern aufgefundenen Mamonts beweisen — Jahrtausende hindurch, ohne die geringste Spur der Verwesung zu zeigen, erhält; im Süden bestattet sie ihre gefallenen Geschöpfe in anderer Weise. Dasselbe Licht, dieselbe Wärme, welche Leben und Gedeihen, Wachsthum und Blühen der Thiere und Pflanzen wunderbar beschleunigten, wirken auch mit voller Kraft auf ihre Zerstörung und führen in wenig Stunden den Akt der vehementesten Fäulniß herbei. Und darum, daß der aus der Reihe der Lebenden geschiedene Körper nicht die noch lebendigen Ncbengcschöpfe gefährde, sandte der Schöpfer dorthin, in die unter der Tropcnsonne glühenden Länder, seine Boten, die Geier. Ehe noch daS sich in die Urstoffe der thierischen Materie auflösende Aas die Luft verpestet, erscheinen sie, die immer bereiten, nimmer müden Wächter, vertilgen das Schädliche, assimili- ren den der Vernichtung geweihten Stoff und verhindern die Wirksamkeit der giftigen Gase. Acht Arten dieser Reiniger der Atmosphäre kennen wir in Nord-Ost-Afrika*); unter ihnen sind die beiden Ohrengeicr die größten, denn sie klaftern von einer Flü- gelspitze zur andern oft über zehn (deutsche) Fuß, die eigentlichen Aasgeier, von denen iVeopllron pileatus höchstens die Größe unseres Kolkraben erreicht, die kleinsten. Am Saume der Wüste liegt ein verendetes Kamel. Die ungeheuren Beschwerden der Wüstenreisc, ein erlittener Samuhm haben es erschöpft; es erreichte, obgleich der Treiber dem ermatteten *) Nämlich: dleopliro» perenopterus, lV. pilestus oder inonscluis, Vul- tur (6^ps) kulvus, 6^ps Nueppellü, , 6, denxslensis, Vultur occipils- lis, Knockst, Otoxvps suriculsris und 0. peunatus, tVobtr. 185 Thiere schon am vorigen Tage seine Last abnahm und es ledig neben den befrachteten Lastthieren einhergchen ließ, den Nil nicht mehr, ^ sondern brach vollkommen entkräftet aus Nimmerwiedcraufstehen zusammen. Sein Herr läßt es, nachdem er mit nicht verhehltem Kummer über den durch seinen Tod erlittenen Verlust von ihm geschieden ist, unberührt liegen, weil seine Religion ihm verbietet, das Geringste von einem gestorbenen, nicht unter den üblichen Gebräuchen gctödtetcn Thiere zu verwenden. Mich wundert, daß die zur Nachtzeit heulend auf Raub ausgehenden Hyänen das leckere Aas nicht fanden; am folgenden Morgen liegt das Kamel noch unzcrfleischt auf seinem fahlen Sterbebette. Es ist kühl und still am Morgen in der Wüste; erst kurz vor Sonnenaufgang beginnen die Steinschmätzer und Wüst enlerchen ihren Gesang. Dem Aase dort einen Todtengesang? Warum nicht! Schon ist der Leichnam in Fäulniß übergegangen; die Todtcn- starre ist vorüber, die Augen liegen tief in den Höhlen, die Ober- ^ haut beginnt sich hier und da zu lösen, aus Mund und Nase fließt eine übelriechende Feuchtigkeit. Im Innern der Höhlen gährt und braust es, die Stoffe verlassen ihre alten Verbindungen, um neue einzugehen; frei gewordene Gase haben den Leib hoch auf- gctriebcn und scheinen sich einen Weg nach Außen bahnen zu wollen, um ihren giftigen Hauch weithin zu verbreiten. Da erscheint mit den ersten Strahlen der Morgensonne am Horizonte ein Rabe. Seine weiße Brust schimmert uns schon von Weitem entgegen und läßt uns einen alten Bekannten erkennen: es ist der 6orvus seapulatlw. Er scheint das Aas schon wahrgenommen zu haben, denn er schreit und nähert sich mit rascheren Flügelschlägen, kreist einige Male um das gefallene Thier herum, senkt sich dann herab, schwingt sich ein Wenig nach Vorn und Oben und betritt, seine Flügel zusammenlegend, in nicht allzu großer Entfernung von demselben den Boden; hierauf nähert er sich * ihm rasch und umgeht es mehrere Male langsam mit bedächtigem ! Spähen. Ein Wüstenrabe (6orvus umbrinus, folgt ihm bald nach und gesellt sich zu ihm; von beiden Arten 186 langen in Kurzem mehrere an; es mögen wohl zwei Dutzend Raben bei dem Kamele versammelt sein. DaS gewahrten einige schmutzige Aasgeier (Neopdron peronopteru8 und pilsa- tu8), welche schon bei guter Zeit die Felsen und Bäume, auf denen sie ihre Nachtruhe gehalten haben, verließen, um aus Nahrung auszugehen; sie kommen alsbald zu den Raben herab und ziehen nach und nach noch viele ihrer Art herbei. Der immer gegenwärtige Schmarotzergabelweih (Mlvu8 paraÄtieuch und ein weit- schauendcr Raubadler s^guila rapax), welche beide frisches Aas keineswegs verschmähen, vergrößern die Versammlung; einigen Kröpf st örchen, denen das Fischen in dem nahen Strome zu langweilig wurde, ist das schon jetzt in der Nähe des Kameles stattfindende Gewimmel wohlbekannt und auch sie eilen nun herbei, um noch zu rechter Zeit an dem für sie und ihr Gelichter gedeckten Tische einzutreffen. Aber noch fehlen die großen Geier, die Vorleger der Speise. Dem Gesinde!, welches vor ihnen sich einsund, ist die starke Haut eines großen Thieres zu fest, als daß sie dieselbe mit ihren schwa- X chen Schnäbeln zerreißen könnten; selbst die Kropfstörche vermöchten das mit ihrem ungeheuren — freilich zum Zerreißen nicht eingerichteten — Schnabel nicht auszurichten. Doch ist die Zeit gekommen, in welcher auch jene, die Vornehmen in der Tischgesellschaft, erscheinen; es ist zehn Nhr geworden. Sie haben aus- gcschlafen und ausgeträumt und schicken sich jetzt an, ihr weites Gebiet zu durchstreifen. In einer dem menschlichen Auge unerreichbaren Höhe ziehen sie ihre Kreise; einer folgt dem andern, steigt und fällt mit ihm, wendet sich mit ihm nach dieser oder nach jener Seite. Da gewahrt einer von ihnen das Getümmel da unten, wahrscheinlich noch eher als das Aas selbst und läßt sich, die Sache zu untersuchen, näher herab. Sein scharfes Auge gibt ihm bald ein klares Bild: er erkennt, daß das Gesuchte gefunden, zieht seine Flügel ein und läßt seinen Körper den Gesetzen der Schwere folgen, ohne ihnen entgegenzuarbeiten; sausend stürzt dieser mehrere ^ Hundert Fuß herab; aber zu rechter Zeit noch breitet der Vogel die Fittige wieder, streckt die Füße lang von sich und kommt gc- 187 mächlich und sicher unten an. Alle übrigen folgen ihm rücksichtslos nach; so lange er auf dem Fraße sitzt, stört sie Nichts, nicht » einmal ein herannahender Jäger. Wenn wir einen einzigen Geier auf das von uns hinter uns verdeckende Mauern oder Erdwälle ausgelegte Aas fallen sahen, eilten wir auf dasselbe zu, um noch zu rechter Zeit dort anzulangen. Denn nun kamen die Ucbrigen von allen Seiten so zahlreich hcrbcigcflogcn, daß wir oft schon mehr als zwanzig an Ort und Stelle versammelt sahen, von deren Vorhandensein wir gar keine Ahnung gehabt hatten. Ein Punkt, welchen das Auge im klaren, blauen Aether kaum bemerkt, fällt herab und wird zu einem Ohr eng ei er! Demnach ist es einzig und allein das Gesicht der Geier, welches sie bei Erforschung des Aases leitet, keineswegs der Geruch, wie man bisher noch häufig angenommen hat. Bei genauer Untersuchung zeigt es sich, daß der Geruchsinn aller Vögel auf einer vcrhältmßmäßig sehr niederen Stufe steht und dennoch hat man von ihm sogar größere Leistungen erwartet als von dem am Besten ausgebildeten Organ dieses Sinnes, z. B. bei den „witternden" Säugcthieren. Ich habe bei meinen monatelang ununterbrochen fortgesetzten Jagden die Beobachtung gemacht, daß die großen Geier auch auf ganz frischem Aase erschienen, welches noch gar keinen Geruch verbreitete und selbst bei heftigem Winde, welcher die Düfte nothwendiger Weise nur nach einer Richtung fortführen konnte, von allen Seiten herbeikamen. Auf Aas aber, welches mit Zweigen wohl verdeckt worden war, sind sie niemals gekommen. Schon der erste Blick findet heraus, daß der Sinn des Gesichts weit vollkommener ausgebildet ist als der des Geruchs: aus den kleinen, völlig borstcnfreien Naslöchern tropft fortwährend eine übelriechende Feuchtigkeit, das schöne Auge gibt dem der Adler an Größe und Klarheit oder Feuer Nichts nach. Die großen Geier, welche bei Charthum am Häufigsten in ^ den Monaten Mai bis September erscheinen — die übrige Zeit des Jahres bringen sie wahrscheinlich in der Steppe zu, deren Vieh- hccrden ihnen sichere Nahrung versprechen — fliegen täglich nur wenige Stunden auf Nahrung aus. Ihre vortrefflichen Flugwerk- 188 zeuge setzen sie in den Stand, in dieser Zeit Großes zu leisten: sie durcheilen in wenig Stunden ungeheure Strecken. Ihr Flug ist eher ein Schweben zu nennen als ein Fliegen, mehrere Minuten lang sieht man keinen Flügelschlag und dennoch bewegen sie sich sehr rasch und ohne jede bemerkliche Anstrengung. Aus der Höhe, in welcher sie dahin streichen, können sie ein ungemcin großes Feld absuchen; sie leiden selten Mangel, denn in ihrem ausgedehnten Gebiete findet sich für sie fast immer Beute. Vor zehn Uhr Vormittags habe ich sie niemals auf dem Aase erscheinen, länger als vier Uhr Nachmittags niemals dort weilen sehen. Die einzelnen Arten halten sich mehr oder weniger zusammen, obgleich man alle Arten auf ein und demselben Aase zusammen beobachten kann. Um die Etymologie des Wortes „Geier" verstehen zu können, muß man die Vögel beim Fressen beobachtet haben. Sie zeigen dabei eine so große Gier, als müßten sie sich mit einem Male auf mehrere Monate verprovianiircn. Mit wagrecht vorgestrecktem Halse, erhobenem Schwänze und schleppenden oder ausgebreiteten Flügeln eilen sie in mächtigen Sätzen auf das Aas zu, bei dem ein Gewimmel, Streiten, Zanken und Arbeiten entsteht, welches gar nicht zu beschreiben ist. Die Ohrcngeier reißen die dicke Haut mit wenig Schnabclhicbcn auf und behandeln die solideren Muskeln; die langhälsigcn Geier öffnen sich die Bauchhöhle, stecken ihren Hals bis zur Halskrause dahinein, wühlen in den Eingeweiden herum, fördern sie zu Tage und kämpfen wüthend mitsammen um Darmschlingen; nur die schmutzigen Aasgeier sitzen mit Adlern, Milanen und Naben, so lange die Gewaltigen fressen, entsagend um die Gruppe herum, höchstens hier und da ein abfallendes Bröcklcin erhäschend. Beständig kommen neue hinzu, welche mit wahrer Wuth die schon halb Gesättigten von der köstlichen Speise zu vertreiben suchen. Es entsteht wiederum Kampf, Lärmen, Beißen und ingrimmiges Gczwitscher — denn laute Stimmen haben die Geier nicht — und das dauert so lange, als noch Aas vorhanden ist. Dabei wundert man sich über die Leichtigkeit und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, weil man rück- fichtlich ihrer ziemlich plumpen Körpergestalt eine große Schwerfäl- 189 ligkeit bei ihnen voraussetzt. Der größte Hund wird von vier bis fünf Ohrengeiern in fünf Minuten rein aufgefressen. — Es war uns Jägern eine Lust, nachdem wir uns recht nahe angeschlichen hatten, auf die Haufen der versammelten Vögel zwei schnell gewechselte Doppelgewehre abfeuern zu können. Selten gelang es mir, dem mich begleitenden Diener noch ein drittes Gewehr abzunehmen, um auch dieses zu benutzen; gewöhnlich waren dann die Geier schon außer aller Schußweite. Hierzu gehört, weil sie außerordentlich schwer todtzuschießcn sind, nicht gerade eine große Entfernung und diese legen sie sehr rasch zurück. Ein oder zwei Sprünge genügen dem Vogel, sich von der Erde erheben zu können, dann fliegt er und zwar leicht und behend. Die Schmausenden wurden durch unsere Ueberfälle oft so geschreckt, daß sie sich nach den Schüssen bald wieder niederließen, um sich die Sache noch einmal ordentlich anzusehen. Hierauf setzten sie ihre Flucht fort und mögen da wohl oft fünf bis sechs Meilen weit geflogen sein. Die Verwundeten suchten sich ebenfalls so weit als möglich zu entfernen. Ihre Lebenszähigkcit machte es ihnen, wenn sie auch stark verwundet waren, möglich, noch mehrere Hundert Schritte fliegend zurückzulegen; plötzlich zogen sie die Flügel ein und fielen todt aus der Luft herab. Die flügellahm Geschossenen liefen so schnell, daß wir uns anstrengen mußten, sie einzuholen; bei unserer Annäh- rung stellten sie sich zur Wehre, pfauchten wie die Katzen und bissen mit ihrem starken und scharfen Schnabel um sich oder bedienten sich, wenn wir sie angriffen und am Halse gepackt hatten, ihrer Krallen zur letzten Vertheidigung. Meine braunen Diener verfertigten mir eine Falle, in welcher sich die Geier ziemlich leicht fingen. Zuerst bekam ich einen Ohrcn- geicr, dem es nicht eingefallen war, mit seinem mächtigen Schnabel die schwache Schlinge zu zerbeißen, lebend in meine Gewalt. Er betrug sich ganz im Gegensatze zu einer anderen Gcicrart, von der ich später ein Exemplar erhielt, von allem Anfange an ruhig und furchtlos in der Gefangenschaft, während jener dem sich ihm Nähernden nach dem Gesichte sprang. Schon am dritten Tage nach seiner Gefangennahme nahm er Nahrung zu sich; am fünften Tage 190 fraß und trank er bereits in unserer Gegenwart; später ergriff er die ihm vorgehaltenen Flcischstückchen und ließ sich streicheln. Manchmal legte er sich behaglich auf den Bauch und stieß dabei ein leises > „Zick, Zick" aus. Das von ihm verzehrte und zur Vorverdauung im Kröpfe bewahrte Aas spie er nicht selten aus, fraß es aber, wie es die Hunde auch zu thun pflegen, wieder auf. Im Zorne sträubte er seine Federn, pfauchte wie eine Eule, streckte den Hals vor und wurde an allen nackten Stellen seines Körpers hochroth. — Die Sudahncsen schreiben der Leber der Geier heilsame Kräfte zu und nennen ihren abscheulichen Aas- oder Bisamgeruch „Miskh" — Moschus —. Alle großen Geier stehen in dem schlimmen Rufe, in der Steppe schlafende Menschen anzufallen, zu todten und zu verzehren, was jedenfalls unbegründet ist. Obgleich man den Nutzen der Vögel nicht verkennt, gewährt man ihnen doch keine Achtung, sondern hat sie vielmehr als „nedjis" (S. 180 d. 1. Th.) verschrieen. Nur der Mangel an Feuergcwchren, die Un- brauchbarkcit des getödteten Vogels und die Indolenz des Einge- borncn sind Ursache, daß die Geier geschont werden und manche Arten ganz zutraulich geworden sind. Bei der keine Grenzen kennenden Unreinlichkcit der Eingcbor- nen würde die Atmosphäre einer Stadt des inneren Afrika ohne die Geier, die nützlichsten aller Raubvogel, kaum zu ertragen sein. Jeden Morgen finden die beiden Neophronen vollkommene Beschäftigung und hinreichende Nahrung *), selbst in den öderen Straßen der Stadt. Ob das, wie man erzählt hat, vormals auch in den Gassen Kairo's der Fall gewesen ist, lasse ich dahin gestellt sein; jetzt sieht man dort keine Aasgeier mehr herumfliegen, wohl aber in manchen Städten Obcrcgyptens. °) Neopkrones kere mini elio nisi Iwminum excremeniis vescunlur. 191 VIII. Der Strauß. „Barmherzig und gnädig ist Gott, den wir anbete» und preisen, Furchtbar nur Denen, die seine Gebote verletzen. Siehst Du, o Mensch, den Vogel der Wüste, betracht' ihn; er ist es, Den Allah gerichtet ob seines frevelnden Hochmuths. Drücke die Stirn' in den Staub, bevor Du ein Werk willst beginnen, Und fassest Dein Werkzeug Du dann, so bete: „Jn- schallah"!" Arabisch. Der größte aller Vogel, Ltrutllio eamelus, der Strauß, vertritt, wie sein lateinischer Name andeutet, unter den Vögeln ein Säugcthier, das Kamel. Wie dieses ist er für Wüsten und trockene Steppen geschaffen, wie dieses zu ausdauerndem Laufen ausgerüstet; ja, er ähnelt ihm sogar auffallend in der Gestaltung seines Körpers. Seine hohen, starken Beine, seine zwcizchigen, schwieligen Füße, sein langer, magerer Hals, der dummheitver- rathende, phantastische Kopf, die ausgebildete Brustschwiele u. s. w. erinnern ebenso lebhaft an das von ihm rcpräscntirte Säugethicr als sein Betragen und seine Lebensweise. In letzterer dürfte bei nothwendiger Berücksichtigung der durch seine Stellung in der Thier- reihe bedingten Abweichungen kein anderer Unterschied zu bemerken sein als der, daß der Strauß im Gegensatz zum Kamel viel und oft säuft — wenigstens thut er dies in der Gefangenschaft —; ersteres gleicht dem des Kameles in jeder Hinsicht. Er steht als Bindeglied zwischen der Klasse der Saugcthicre und Vögel mitten inne; sein Geripp ähnelt dem der ersteren, seine Körpergcstaltung und Fortpflanzungswcise ist die der letzteren. In der Freiheit gehört der Strauß unter die scheusten Thiere, welche man kennt. Man kommt selten so nahe an eine Straußen- heerde heran, daß man die Männchen von den Weibchen unterscheiden kann; in den meisten Fällen zerstiebt sie in eiliger Flucht nach allen Richtungen hin. Diese Unzugänglichkeit und Wildheit des Vogels ist die Ursache der verschiedenen sich oft geradezu wi- 192 versprechenden Meinungen, welche bis heute noch über den Vogel und seine Lebensweise unter den Naturforschern herrschen. Vor allem Andern ist bisher das Brutgcschäft des Straußes der lebhaftesten Diskusion unterworfen worden. Einige erzählen, daß der Strauß außer den Eiern, welche er zum Ausbrüten bestimmt habe, noch andere neben dem Neste aufbewahre, damit deren Inhalt den ausschlüpfenden Jungen zur ersten Nahrung diene, ohne daran zu denken, daß dieselbe Sonne, welche die ersteren zum Leben bringen soll, auch bei den übrigen dasselbe Geschäft übernehmen würde; Andere lassen das Straußweibchen in einer genau angegebenen Richtung und Entfernung von, Neste, die Augen starr auf dasselbe gerichtet, Wache halten, so daß man nur nöthig habe, in der von dem Weibchen beobachteten Richtung fortzugehen, um die Eier sicher zu finden u. s. w. Das Alles scheinen Hypothesen zu sein, welche die Beobachtung wohl schwerlich zu Lehrsätzen erheben wird. Was wir über den Strauß wissen, haben wir von Le Vaillant und den Arabern erfahren; Jenem will und Diesen darf man nicht immer Glauben schenken und so stehen wir noch heute an der alten Stelle. Auch ich bin nicht im Stande, eigene Beobachtungen mitzutheilen, sondern kann hier nur das Resultat meiner Erfahrungen nach Hörensagen geben und bin weit entfernt, dasselbe als eine thatsächlich begründete Wahrheit gelten lassen zu wollen. Nach Aussage der Araber und zwar der ziemlich glaubwürdigen Beduinen also legt der Strauß in Kordofahn in den Monaten Februar, März und April seine Eier in eine von ihm selbst gescharrte Vertiefung im Sande. Die Zahl derselben ist nach den Umständen verschieden; als Durchschnittszahl dürfen wir ungefähr zwölf annehmen. Bei Tage bedeckt das Weibchen die Eier mit Sand*), bei Nacht bebrütet es sie selbst. Die Brutzeit dauert ungefähr sechs Wochen; die ausgekrochencn Jungen haben die Größe unserer Zwerghühner. Ich habe sie so von den Eingebornen erhalten und kann über sie Genaueres mittheilen. Es *) Dasselbe thun nach meinen eigenen Beobachtungen koxloxterus sxi- nosus und Ilftss sex^ptiscus, so oft sie ihr Nest verlassen. 193 sind allerliebste Thierchen, welche eher einem Igel als einem Vogel gleichen. Ihre Bedeckung besteht nicht aus Federn, sondern aus steifen und harten, den Jgelstacheln ähnlichen Horngebilden, welche in allen Richtungen vom Körper abstehen. Das Betragen der jungen Strauße ist das der Trappen oder Hühner; sie laufen sofort nach dem Auskriechen ebenso behend und gewandt als diese herum und suchen sich geschickt ihre Nahrung. Ebensowenig junge Hühner von den Alten besonders gepflegt oder gar mit eigens dazu bestimmten Eiern gefüttert werden, ebensowenig bedürfen die jungen Strauße ähnlicher Sorgfalt von Seiten der Alten, welche mir durchaus nicht geeignet scheinen, ihnen eine solche angedeihcn zu lassen. Ich glaube, daß die Jungen nicht lange von den Alten geführt werden, sondern sich vielmehr bald ihre Nahrung selbst suchen müssen. Bei ungefähr vierzehn Tage alten Jungen, von denen wir einmal zehn Stück besaßen, bemerkten wir, daß sie die Hülfe der Alten nicht zu vermissen schienen. Mit dem Alter von zwei Monaten verlieren sich die Stachel- federn und machen dem unscheinbaren, grauen Gewände des Weibchens Platz. Dieses trägt der junge Strauß bis zu seinem zweiten Lebensjahre. Im dritten Jahre ist das Männchen schon schwarz, aber erst im vierten Jahre ausgewachsen, ausgefärbt und zeugungsfähig. Dann heißt es „Edlihm", während das Weibchen und der junge Vogel „Ribehda" genannt wird. Ohne Berücksichtigung seines Federklcides heißt der Strauß „Naahm"*). Ueber die Straußenjagd erfuhr ich von Contarinp Folgendes: Mehrere Nomaden reiten auf flüchtigen Pferden langsam in die Steppe hinaus und suchen eine Straußenheerdc auf. Einige mit Wasserschläuchen belastete Kamele folgen den Jägern in einer gewissen Entfernung nach und bleiben auch während der Jagd immer in ihrer Nähe. Wenn sie ihr Wild entdeckt haben, reiten die Jäger so lange gemächlich auf den Trupp der Vögel zu, bis ein vor- *) Edlihm ist von „Etwas, was tiefschwarz, zugleich aber glatt und weich ist", Ribehda von rvdööL „mit einer dunklen oder grauen Farbe begabt sein" und Naahm von oLLmL „weich und schön sein" abgeleitet. III. 13 194 sichtiger Edlihm durch sein Beispiel das Zeichen zur Flucht gibt. Je zwei oder drei der Jäger wählen sich jetzt ein Männchen aus und verfolgen dasselbe in gestrecktem Galopp. Während Einer von ihnen den Vogel auf allen Krümmungen seines Laufes verfolgt, sucht der Andere dieselben abzuschneiden, übernimmt, wenn ihm dies gelang, die Rolle des Ersten und läßt diesen die kürzere Strecke durchreiten. So wechseln Beide mit einander ab, bis sie den mit aller ihm möglichen Schnelligkeit entfliehenden Edlihm müde gemacht haben. Gewöhnlich holen sie ihn nach einer Stunde ein und schlagen ihn mit einem langen Stock oder einer Peitsche auf den Kopf, bis er zusammenbricht. Die Wurfschlinge kennt man nicht. Sofort nach dem Fall des Thieres springt der eine Jäger vom Pferde, schneidet ihm unter Hersagen der üblichen Formel: „Ls issm lilllckii ei raollmalln ei racllillm; Jsilali du akbar"! (s. Th. 1 S. 181) die Halsschlagadern durch und steckt, um Verschmutzung der Federn durch Blut zu verhüten, den Nagel der langen Zehe eines Fußes in die Wunde. Nachdem sich der Vogel völlig verblutet hat, zieht ihm der Jäger das Fell ab, dreht es um und bewahrt in diesem Fcdersacke die Schmuckfedern auf. Schließlich schneidet er sich von dem saftigen Fleische so Viel ab, als er braucht, das übrigbleibende hängt er an einen Baum zum Trocknen und späteren Gebrauche etwa vorüberziehender Wanderer auf. Mittlerweile sind die Kamele nachgekommen. Der Araber erquickt sich und sein Pferd nach der anstrengenden, heißen Jagd, ruht einige Stunden aus und kehrt dann mit seiner Beute beladen nach Hause zurück. Hier sortirt er die Federn, bindet die kostbaren weißen, welche er Äwähnk nennt und von denen ein vollkommen ausgebildeter Strauß höchstens vierzehn Stück besitzt, in einzelne Bündel zusammen und bewahrt sie zu gelegentlichem Verkauf in seinem Zelte auf. Der Händler muß sich, um Federn zu bekommen, selbst zu dem Jäger verfügen und erlangt von diesem nach wirklich lächerlichen Umständlichkeiten den Vogel zuletzt für drei bis fünf Speciesthaler. Gezähmt ist der Strauß eins der unnützesten Hausthiere, wel- che es geben kann. Seine Gefräßigkeit übersteigt alle Vorstellung. In der Freiheit nährt er sich nur von Vcgetabilicn, in der Gefangenschaft frißt er Alles, was verschlingbar ist, so z. B. Ziegelbruchstücke, Steine, Nägel, Lumpen, Lehm u. s. w. Ein Strauß wurde Selbstmörder, indem er ungelöschten Kalk verspeiste. Wenn wir Etwas, was möglicher Weise eine Straußcnkehle passiren und nicht leicht von dem Magensaft zerstört werden konnte, verloren hatten, durften wir überzeugt sein, es im Kothe der Strauße wiederzufinden. Dabei ist der Strauß ein höchst unverträglicher Geselle. Er mißhandelt jedes Thier, welches ihm nicht schon vielfache Beweise seiner Ueberlegenhcit gegeben hat, sogar seines Gleichen. Ein zahmes Männchen, welches wir besaßen, verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit den scharfen Nägeln seiner Zehen mehrere Male gefährlich. Er schlug dabei immer nach Vorn, nie nach Hinten aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er jedesmal die Brust des bedrängten Weibchens fürchterlich zerfleischte. Selbst uns fürchtete er, zumal während der Paarungszeit, erst, nachdem er mehrere Male mit der Nilpeitsehc empfindlich gezüchtigt worden war. In der Freiheit besteht er mit seinen Nebenbuhlern die blutigsten Zweikämpfe. Unser Pavian war ein erbitterter Feind der Strauße. Er hatte in unserem Hofe die Stelle eines Thürhüters erhalten und stand seinem Amte mit großer Treue vor, d. h. er biß Alle, welche nicht die Ehre hatten, von ihm gekannt zu sein. Sein Lieblingssitz war die obere Thürpfoste, an welcher wir ihn auch angekettet hatten und von wo aus er den Eingang am Besten vertheidigen und beherrschen konnte. Hier pflegte er zuweilen, ermüdet von seinen wichtigen Geschäften, auf Augenblicke der Ruhe, wobei er dann gewöhnlich auf seinen langen Schwanz nicht die nöthige Rücksicht nahm. Alsbald nahte sich der mit dem Halse schaukelnde Strauß wankenden Schrittes und biß den Affen aus reinem Ucbcrmuthe in den letzteren. Allein nur selten entging er seiner gerechten Strafe. Blitzschnell erfaßte der gereizte Pavian den Kopf des Unruhstifters und schüttelte und zauste denselben so lange herum, bis es dem bestürzten Vogel gelang, wieder frei zu werden.— 13 * 196 Daß der so sonderbar gestaltete, so merkwürdig befiederte Strauß die Aufmerksamkeit der Araber auf sich lenken mußte, ist erklärlich. Die Poesie kam der Sage zu Hülfe und baute auf schwankendem, für sie jedoch felsenfestem Grunde ein prachtvolles Gebäude mit herrlichem Schmuck. Ein ebenso dichterischer als religiöser Mythus gibt uns Kunde von der Entstehung der verkrüppelten Flügel und zerschlissenen Federn des Straußes. „Vor mehr als tausend Jahren", so erzählen die Nomaden Kordofahns, „glich der Strauß noch der Hubahra (dem Trappen*)) und bewohnte mit ihr gemeinschaftlich die weite Ehala. Damals flog er vortrefflich, war auch nicht so scheu, als jetzt, wo er dem herannahenden Menschen mit riesigen Schritten enteilt, son-' dem lebte in Freundschaft und Vertrauen mit und zu den Menschen und anderen Thieren der Einöde. Eines Tages sagte die Hubahra zu ihm: „Lieber Bruder, wenn es Dir recht ist, wollen wir morgen — in seine lillalii! — (oder inselralla, so Gott will) an den Fluß fliegen, dort trinken, uns waschen und dann zu unseren Kindern zurückkehren." „Wohl", antwortete der Strauß, „wir wollen fliegen!" setzte aber nicht hinzu: inschallah, denn er war hochmüthig und beugte sich nicht unter die Macht dcS allbarmherzigen und ewigen Gottes — dessen Preis die Engel im Himmel uns künden, dessen Ruhm der Donner in den Wolken feiert**) — weil er bisher nur dessen unerschöpfliche Gnade kennen gelernt hatte, sondern trotzte auf seine Kraft und seine starken Schwingen. Am anderen Morgen rüsteten sich beide zur Reise, erhoben sich und die Hubahra sagte: „Ls issm lill-ckri" (im Namen Gottes), dann flogen sie dem Auge Gottes (der Sonne) zu. Und der Strauß schwang sich höher und höher hinauf und eilte mit gewaltigen Flügelschlägen der Hubahra weit voraus. Sein Herz war voll Stolz und Hochmuth, er vergaß der Wohlthaten des die Wohlthaten Spendenden und glaubte, nur seiner eigenen Kraft vertrauen zu können. Aber das Maß der Gnade des All- *) Otis srsds. **) Worte des Khorahn. 197 barmherzigen war übervoll und der Zorn Allahs, des Gerechten und Heiligen, ergrimmte über den Frevler. Höher und höher stieg er hinauf zu der Wohnung der Begnadigten, als wolle er die Sonne erreichen. Da nahte sich ihm der strafende Engel des Herrn und zog den Schleier hinweg, welcher ihn von der Flammenstrah- lendcn trennte und sie sandte ihm ihre Gluthen zu. Im Nu vcr- brannten seine Schwingen und elendiglich stürzte er zur Erde herab. Noch heute kann er nicht fliegen, heute noch siehst Du seine versengten Federn, heute noch fürchtet er Gottes Zorn und sucht diesem mit riesigen Schritten zu entgehen. In einem engen Raume rennt er so lange herum, bis er ermattet niedersinkt. Darum, o Mensch, nimm Dir den Vogel der Wüste zum warnenden Beispiel, beuge Dich unter die Gewalt des Gewaltigen und willst Du Etwas unternehmen, so sage vorher in schall ah! damit Du den Segen Allahs zu Deinem Werke habest." Wem fällt nicht die Aehnlichkeit dieser Sage mit der Geschichte des Ikarus ein! Welche Erzählung ist die ältere? Ich glaube, beide sind von einander unabhängig. Aber das ist der Unterschied zwischen beiden: die Mythe der Griechen ist aus der Luft gegriffen, die der Araber fußt auf vorhandenem Grunde. In alle arabischen Sagen webt die Religion ihre hellen, leuchtenden Fäden; sie sind es, welche dem Gewände seinen Schimmer leihen. Und wenn sich der religiöse Sinn unter den ungelchrten, unwissenden Arabern weit verbreitete, wenn er auch im Herzen des gleichsam von der übrigen Welt getrennten Nomaden feste Wurzeln schlug, diese Erzählungen haben dazu gewiß Viel beigetragen. Alle streben nur nach einem Ziele hin: Achtung und Verehrung Allahs und seiner hochheiligen Gebote! 198 IX. Die Ratte der Pharao neu. „Dem gibt die Ehre Hohn, Der sich uns ausgibt als der Ehre Sohn Und gleicht der Mutter nicht. Der Ruhm gedeiht, Den mau von Thaten mehr, als Ahnen leiht. Ende gut. Alles gut. Kurz nachdem ich von Afrika zurückgekehrt war, theilte ich einige meiner Beobachtungen über das Krokodil einer Gesellschaft mit, welche einzelne Mitglieder derselben keineswegs befriedigten, weil ich von ,,dcm muthvollcn, klugen Thiere, das dem dummen Krokodil, wenn es schläft, in den Rachen kriecht, sich durch den Schlund bis zu dem Sitz des Lebens hinabarbeitet, das Herz ihm zerbeißt und, o Entsetzen! — sich dann mittelst seiner Zähne aus dem blutcrfüllten Leichnam des von ihm getödtetcn Leviathans mit stolzem Bewußtsein einen Weg in's Freie bahnt"*), kurz, von dem Ichneumon keine ähnliche ruhmvolle That zu erzählen wußte. Das mochte vielleicht mit daher kommen, weil ich bei den Bewohnern des Nilthals niemals eine Spur jener Achtung, die ein so äußerst nützliches Thier doch nothwendiger Weise genießen müßte, bemerken konnte, sondern vielmehr unzweifelhafte Beweise einer un- verholenen Mißachtung, sogar eines gewissen Grolls, welche sammt und sonders dem „krokodilfcindlichen" Ichneumon galten, überall erhielt. Ich will gar nicht leugnen, daß auch ich vor meiner Reise nach Afrika einen weit größeren Respekt vor dem Ichneumon hatte, als nachdem ich ihn kennen gelernt und unzählbare Verwünschungen gegen die in der That lebhafte Thätigkeit desselben vernommen hatte. Um so richtiger dürfte vielleicht mein Urtheil über ihn sein. Edler Ichneumon, auch ich muß den Stab über Dich brechen, magst Du nun Deinen Ruhm selbst begründet haben oder an ihm unschuldig sein! Du selbst mußt zugestehen, daß niemals einer Deiner Ahnen freiwillig in einen Krokodilrachen gekommen ist *1 ?Iii>ius II. VIII, 24. 2',. 199 und ich müßte mich gänzlich in Dir getäuscht haben, wenn Du nicht herzlich froh wärest, daß jetzt in der Nähe Deiner Lieblingsplätze dergleichen fatale Zahnbattcricen gar nicht mehr drohen. Auch darin thue ich Dir gewiß nicht Unrecht, wenn ich annehme, daß Dir Hühnereier stets besser geschmeckt haben als Krokodileier oder vollends, daß Du — wären nur die ungehobelten Wächter nicht gewesen, — weit lieber in den „Mund" eines Brütofens, als in den eines Krokodils gekrochen wärest. Nicht wahr, Freundchen, ich kenne Dich? Doch will ich, statt eines Zwiegesprächs mit einem Bekannten, diesen vorerst meinen Lesern vorstellen. Der Ichneumon, Ulerp68te8 klmraouis, von den Arabern „cl Nimö" genannt, vertritt in Egyp- ten die Stelle unserer Marder. In Nubicn und im Sudahn wird er durch ihm ähnliche Gattungsverwandtc ersetzt, deren Lebensweise fast dieselbe unseres „Aufspürcrö" ist. Sie selbst sind aber von geringerem Interesse, weil sie bisher keine Märchendichter, welche unS von ihren kühnen Thaten Bericht gegeben hätten, gesunden haben. Unser Ichneumon, d. h. die Ratte der Pharaonen, bewohnt am Liebsten die mit dichtem Rohre bewachsenen Ufer der Kanäle. Hier hält er sich bei Tage auf, bildet sich zwischen den Rohrstängeln schmale, aber sehr sorgfältig gesäuberte Gang- straßen und gräbt sich tiefe, nicht besonders ausgedehnte Baue, in denen das Weibchen zwei bis vier Junge wirft und lange säugt. Der Ichneumon ähnelt in seinem Baue unseren Mardern, stinkt wie der Iltis und ist ebenso listig, diebisch und mordsüchtig als jene. Das Männchen kann eine Länge von vier Fuß erreichen, wovon die Ruthe etwas über ein Drittheil wegnimmt, dann wiegt es zwölf bis fünfzehn Pfund. Die Beine sind so niedrig, daß der mit langen Haaren bedeckte Körper und Schwanz auf der Erde zu schleppen scheint. Der Ichneumon geht bei Tage und bei Nacht auf den Raub aus. Die groben, grünlich-grauen Haare, mit denen sein Körper bedeckt ist, machen es ihm leicht, sich ungesehen an stine Beute, welche aus Ratten, Mäusen, Schlangen, Eidechsen, kleinen Vögeln, Hühnern, Tauben u. s> w. besteht, heranzuschleichen. Seine 20<1 Diebereien haben ihm die volle Verachtung und Feindschaft der Fellahhihn, deren Hühnerställe und Taubenhäuser er unbarmherzig plündert, zugezogen. Wenn man ihn, ohne von ihm bemerk zu werden, beobachtet, sieht man ihn sehr langsam und bedächtig durch die Felder oder Nohrdickichte schleichen. Bisweilen bleibt er stehen, schnüffelt um ein Mauseloch herum und scharrt wohl auch ein Wenig, bisweilen windet er sich wie eine Schlange geräuschlos zwischen den Halmen hindurch, um an ein Vögelchen heranzukommen, welches er dann mit einem oder zwei jähen Sätzen zu erfassen strebt. Er hält sich familienweise zusammen und führt mit seinem Weibchen die halberwachsenen Jungen spazieren, um sie diesen oder jenen Kunstgriff zu lehren, was zu sehen höchst ergötzlich ist. So rasch und behend er ist, wenn er verfolgt wird, so langsam und vorsichtig schleicht er herum, wenn er sich unbeobachtet weiß oder beobachtet, sich noch mit guter Manier „zu drücken" sucht. Gelingt ihm das Letztere, dann flüchtet er sich mit seiner ganzen Familie, von welcher ein Mitglied dem anderen auf dem Fuße folgt, in den ersten, besten Nothbau, verläßt diesen aber sogleich wieder, wenn er sich durch mehrmaliges Winden und Lauschen von der Gefahrlosigkeit, einen sicheren Bau zu erreichen, vergewissert hat. Die Jagd auf ihn führt am Sichersten zum Ziele, wenn man einige Fellahhihn mit ihren Nababiht*) in ein Rohrdickicht schickt, in welchem sich Jchneumonen aufhalten. Diese sind, weil es ihrem ärgsten Feinde gilt, gern bereit zur Jagd, durchstöbern das Dickicht und treiben die aufgescheuchten Thiere nach einer zur Anstellung der Schützen passenden Lichtung, wo letztere dieselben mit starkem Blei auf geringe Entfernung mit wohlgezieltcn Schüssen erlegen. *) Plural von Nabuht, s. Th. 2 S. 5V. 201 X. Die Affen. „Die Affen sind metamorphosirte Menschen ohne Selbsterkenntniß." Wagler. Da bemerkt man ein Leben, ein Schreien und Kämpfen, ein Sich-Zürnen und Versöhnen, Klettern und Laufen, Rauben und Plündern, Grimasscnschnciden und Glicdcrvcrrenkcn, wenn man so einer Affenheerde an dem Orte, wo sie hingehört, im Urwalde oder auf Fclspartieen, begegnet! Unwillkürlich muß Der, welcher diese Carrikaturen des Menschen in ihrem Urzustände sah, lächeln, wenn er an ihr Leben in der Freiheit denkt. Einen eigenen Staat sich bildend, keinen Herrn über sich erkennend, als den Starken Ihresgleichen, kein Recht beachtend, als das durch spitze Zähne und kräftige Hände von so 'nein alten Affcnstammvatcr geübte, keine Gefahr für möglich haltend, aus welcher es nicht auch einen Ausweg gäbe, jede Lage sich behaglich machend, niemals Mangel und Noth fürchtend, verbringt die fröhliche Gesellschaft der Waldseiltänzer ihr Leben. Ihr fehlt nie jene ernste Komik und jener grenzenlose Leichtsinn, mit welchem sie alle ihre Geschäfte beginnt und vollendet. Kein Ziel ist ihr zu weit gesteckt, kein Wipfel zu hoch, kein Felsen zu steil, kein Schatz sicher genug, kein Eigen- thumsrccht achtbar. „Spitzbuben, Söhne der Spitzbuben sind sie, diese Affen, deren Söhne und Urenkel ebensolche Spitzbuben bleiben werden, als ihre Urahnen waren", sagen die Eingeborncn; „Gott hat sie in seinem Zorn aus verworfenen Menschen gewandelt, ihnen ist Nichts heilig: düme edüütm!*) — sie sind perfid!" Die im Sudahn vorkommenden Affen sind uns bekannt; wir wissen auch, daß die Paviane Gebirge, der „Guereza" und Meerkatzen (l-kroopittwous Arlsoo-viiickis und 6. pvrrlrnnotvs) wasserreiche Waldungen bewohne«; von letzteren ist die grünlichgraue, der „ÄbLlLndj" der Sudahnesen, überall gemein, wo sich auch sein Repräsentant aus der Vogelwclt, der Papagei, vorfindet; ) Plural von „cllsm", trculoe, alles Guten bar. 202 man kann mit größter Sicherheit darauf rechnen, in einem Walde, welcher den Abalandj beherbergt, auch den Papagei (Dalaoornis eudieularis) zu finden. Beide Thiere scheinen aus ein und demselben Stoffe gebildet, mit ein und demselben Geiste beseelt zu sein, sie ähneln sich in allen Stücken noch mehr als Kamel und Strauß, Katze und Eule, Hyäne und Geier, Hund und Nabe u. s. w., und geben den besten Beweis, wie die allwaltende, schöpferische Weisheit gewisse Grundformen der Natur in mannigfacher Weise ausprägt und dennoch wiederum sich nahe gebracht hat. ,,Bci den Affen und Papageien zeigt sich diese Achnlichkeit", sagt mein Vater in seiner Monographie der Papageien*) Seite 20 u. flg., „schon in der Unruhe, welche beiden Thicrord- nungen eigenthümlich ist. Sehr viele Thiere sitzen ruhig da, wenn sie sich gesättigt haben. Nicht so die Affen und Papageien. Sie verhalten sich nur ruhig während des Fressens. Die Affen springen außer der Mahlzeit immer herum, hängen sich an die Zweige, schwenken sich auf ihnen herum wie die Seiltänzer, springen von einem Ast zum anderen, erklettern die höchsten Bäume und gehen mit Geschrei zur Ruhe. Auf ganz ähnliche Weise betragen sich auch die Papageien. Auch sie fliegen außer der Zeit, wo sie fressen, beständig herum, schreien und klettern unaufhörlich und gehen ebenfalls nur unter Geschrei zur Ruhe u. s. w." „Beide lieben die belaubten, grünen Bäume und verbergen sich gern und geschickt zwischen ihren Zweigen und Blättern, beide haben eine ungewöhnliche Gewandtheit im Klettern, beide verzehren vorzugsweise Früchte und gerade in der Art des Fressens ist die Aehnlichkeit am Auffallendsten. Alle Affen bringen die Speisen, wie der Mensch, mit der Hand zum Munde, was ihnen ganz eigenthümlich ist und sehr gut ansteht. Gerade so machen eS die Papageien. Auch sie nehmen daS Futter zwischen die Zehen des einen Fußes, während sie sich mit dem anderen festhalten, führen *) Jena, bei August Schmid. Ein billiges Papageienwcrk mit Abbildungen. Was den letzteren an Corrcktheit abgeht, ersetzt die treffliche Beschreibung vollständig. 2V3 es zum Schnabel und verzehren es auf diese Weise. Endlich sind Affen und Papageien einander ähnlich in der bewunderungswürdigen Klugheit, welche Beide besitzen u. s. w." Letztere offenbart sich auch in der Freiheit in mancherlei Weise. Man muß eine Heerde der Gattung Osrcopitlwous xrisoo-virlckis in ihrem Waldlebcn beobachtet haben, um davon eine richtige Vorstellung zu bekommen. Am Meisten hat mich immer die den Ein- gcbornen empörende Dreistigkeit ergötzt, mit welcher sie sich ihre Nahrung rauben. Eine zahlreiche Bande der Thiere zieht unter der Führung eines alten, oft geprüften und wohlerfahrenen Männchens dem Gctraidefclde zu. Die Acffinncn, welche Kinder haben, tragen diese, indem sich die Kleinen mit den Vordersätzen am Halse, mit den Hinterfüßen am Bauche festhalten, auch wohl zum Ueber- fluß mit ihren Schwänzchen noch einen Haken um den Schwanz der Frau Mama geschlagen haben, ebenfalls mit dahin. Anfangs nähert sich die Bande mit großer Vorsicht, am Liebsten, indem sie ihren Weg noch von einem Baumwipfel zum anderen verfolgt. Der alte Herr geht immer voran, ihm folgt die ganze Heerde von Zweig zu Zweig. Bisweilen steigt der Führer auf einem Baume bis in die höchsten Spitzen hinauf, um von dort aus sorgfältig Umschau zu halten. Einige beruhigende Gurgellönc überzeugen seine Schaar von den günstigen Resultaten seiner Forschungen. Von einem in der Nähe des Feldes stehenden Baume wird abgestiegen, dann geht es mit rüstigen Sprüngen dem Felde zu. Dort angekommen, ist es die erste Beschäftigung Aller, sich für jeden Fall die weiten Backentaschen mit Nahrung vollzustopfen. Dann erst gestatten sie sich mehr Freiheit, zeigen sich aber auch immer wählerischer im Aussuchen des Futters. Jetzt werden alle Durrah- oder Maiskolben, nachdem sie abgebrochen worden sind, erst sorgsam berochen und wenn sie, was sehr häufig geschieht, diese Probe nicht aushalten, sofort ungefres- sen weggeworfen. Ein Affe vergeudet, wenn er viele Speise vor sich steht, zehnmal mehr davon, als er verzehrt; daher stammt auch die grenzenlose Verachtung der Eingeborncn gegen sein Geschlecht. Wenn sich die Affcnhcerde im Fruchtfclde vollkommen sicher fühlt, erlauben die Mütter ihren Kindern, welche stets unter ziem- 204 lich strenger Aussicht gehalten werden, sie zu verlassen und mit Ihresgleichen zu spielen. Die Thicrchen, welche von Gesicht und Körper ungemcin häßlich sind, wurden so gut gezogen, daß sie auf den ersten warnenden Ruf sogleich zur Mutter zurückkehren. Diese verläßt sich, wie alle übrigen Mitglieder der Bande, ganz auf die Umsicht des Hecrdcnführcrs. Derselbe erhebt sich, selbst während der schmackhaftesten Mahlzeit, von Zeit zu Zeit auf die Hinterfüße, stellt sich aufrecht wie ein Mensch und späht in die Runde. Auf einen einzigen von ihm ausgestoßcnen, unnachahmlichen, warnenden Gurgelton sammelt sich augenblicklich die Schaar seiner Vasallen, die Mütter rufen ihre Kinder zu sich heran und Alle sind im Nu zur Flucht bereit. Jeder sucht in der Eile noch so viel Futter mitzunehmen, als er fortbringen zu können glaubt; ich habe Affen flüchten sehen, welche fünf große Maiskolben — zwei davon umklammerten sie mit dem rechten Vorderarme, die übrigen so mit ihren andern Händen, daß sie sich beim Gehen darauf stützten — mit sich fortnahmen. Bei wirklicher Gefahr wird mit sauren Mienen alle Last abgeworfen, die Hccrdc erklettert den nächsten Baum und setzt von hier aus die Flucht von Wipfel zu Wipfel fort. Die Gewandtheit im Klettern, welche die Affen hierbei zeigen, ist bewunderungswürdig und übertrifft die aller übrigen Thiere weit. Für sie gibt es kein Hinderniß; die furchtbarsten Dornen, die dichtesten Hecken, weit von einander entfernte Bäume u. s. w., Nichts hält sie auf. Jeder Sprung wird mit einer Sicherheit, welche uns in größtes Erstaunen setzt, ausgeführt; oft ergreift einer nur noch mit einer Hand einen Zweig, was keine Katze, kein Marder und kein Eichhorn kann, weiß sich aber dennoch geschickt auf den Ast zu schwingen; ein anderer ändert, mit Hülfe des steuernden Schwanzes, noch im Sprunge die anfangs beabsichtigte Richtung; ein dritter wirft sich vom Wipfel des Baumes auf die Spitze eines tief unten stehenden Astes, beugt ihn durch den plötzlich erfolgten Stoß tief herab und benutzt das Zurückschnellen desselben zu einem mächtigen Horizontalsprung. Der Leitaffc führt auch auf der Flucht noch immer seine Unterthanen, welche erst dann, wenn er eS für gut befindet, ihre Eile mäßigen. Dabei zeigen diese aber niemals 205 Angst oder Muthlosigkcir, sondern vielmehr eine so vollständige Geistesgegenwart, daß für sie eigentlich gar keine Gefahr cristirt. Sie fürchten sich nur vor Ihresgleichen und vor Schlangen; großen Ranbsängethiercn entgehen sie durch die Flucht, Raubvögeln begegnen sie durch ihren festen Zusammenhalt; jeder Adler läßt, weil er weiß, daß er sofort von der ganzen Bande angefallen werden würde, die Affen ungeschoren. Sie führen das sorgenloseste Leben der Welt. Während die „Abalandjaht"* **) ) von den Eingebornen des Sudahn nur verachtet werden, sind die „Khiruhd"*) oder Paviane mit Recht gefürchtet. Sie werden dem sie angreifenden Menschen oft sehr gefährlich; man versicherte mich, daß ihnen selbst der Löwe aus dem Wege ginge, jedenfalls würde er viel mit ihnen zu schaffen haben. Die alten Männchen erreichen eine bedeutende Größe, sind bcmähnt, bekommen ein furchtbares Aussehen und besitzen eine erstaunliche Kühnheit, Kraft und Gewandtheit. Sie sind Bewohner der Gebirge und scheuen das Wasser, weil sie nicht schwimmen können. Man weiß im Sudahn viele Geschichten von ihrer grenzenlosen Frechheit zu erzählen und es ist begründet, daß sie während ihrer Brunstzeit Frauen und Mädchen schon tödt- lich gemißhandelt haben. — Die kleinen Affen werden im Sudahn in Netzen gefangen; die Paviane erhäscht man, nachdem man sie vorher durch ihnen vorgesetzte Mericsa, welche sie begierig trinken, berauscht hat. Erstere sieht man ungleich häufiger in der Gefangenschaft als letztere. — Ich könnte von den Affen, welche ich lebend besaß, viele Geschichten erzählen; doch würde das hier zu weit führen. Deshalb begnüge ich mich, einen wahrhaft rührenden Zug aus ihrem Leben mitzutheilen: die zum Sprichwort gewordene Affenliebe. Ein männlichem Abalandj, welchen wir frischgefangcn gekauft hatten, zeigte eine ebenso große Neigung, junge Thiere zu warten, als es sonst gewöhnlich nur die Aeffinncn zu thun Pflegen. Ein- *) Plural von „Abalandj." **) Plural von „K h i'r d." 206 mal erhielten wir einen jungen, noch sehr der mütterlichen Hülfe bedürftigen Affen seines Geschlechts. Koko, so hieß unser Männchen, adoptirte das Acffchcn sogleich, behandelte es mit mütterlicher Zärtlichkeit, bewachte es, wenn es fraß und wärmte es Nachts in seinen Armen. Er war beständig für sein Wohl besorgt, wurde unruhig, wenn es sich einige Schritte weit entfernte und rief es bei anscheinender Gefahr sogleich zu sich zurück. Wollten wir es ihm entreißen, dann wurde er wüthend, sprang uns nach dem Gesicht, biß heftig um sich und vertheidigte sein Adoptivkind mit all' seiner Kraft. So lebte er mehrere Monate mit ihm. Da wurde das Acffchcn krank und starb nach wenig Tagen. Der Schmerz des Pflegevaters war grenzenlos; er glich nicht dem Schmerz eines Thieres, sondern dem eines tief fühlenden Menschen. Erst nahm er seinen erstarrenden Pflegling in beide Arme, liebkoste ihn auf alle mögliche Weise, lockte ihn mit den liebevollsten Tönen und wartete ihn wie früher mit großer Zärtlichkeit. Dann setzte er ihn vor sich hin, betrachtete ihn genau und begann kläglich zu schreien, als er sah, daß er zusammenbrach. Immer und immer wiederholte er die Versuche, ihn in das Leben zurückzurufen; jedesmal schrie er laut auf, wenn er sah, daß sein Liebling todt blieb. Den ganzen Tag über nahm er keine Speise zu sich; das todte Thicrchen beschäftigte ihn unablässig. Zuletzt entrissen wir ihm dasselbe mit Gewalt und warfen es über die hohe Mauer unseres Hofes hinweg in den Garten. Schon nach wenig Minuten hatte Koko seinen starken Strick zerbissen — wozu er früher nie Versuche gemacht hatte — sprang über die Mauer und kehrte mit der Leiche in den Armen nach seinem Platze zurück. Wir fesselten ihn von Neuem, entrissen ihm das todte Aeffchen zum zweiten Male und warfen es in einen tiefen Brunnen. Koko befreite sich sogleich wieder von seinen Banden, durchsuchte unsern und einen benachbarten Garten stundenlang und verließ unser Haus, ohne dahin zurückzukehren. Am Abende desselben Tages sah man ihn den Wäldern zueilen. Einer meiner Bedienten hatte eine alte Aeffin für mich gekauft, welche mit ihrem noch ganz kleinen, säugenden Jungen gefangen worden war. Es kann keine Mutter geben, welche zärtlicher als 207 diese Acffin wäre. Sie darbte sich jeden guten Bissen am Munde ab, um ihn ihrem Kinde zu geben. Da wurde sie krank und starb. Wir pflegten ihr hinterlassenes Junge mit aller Sorgfalt, aber es folgte ihr nach wenig Tagen. Solche und ähnliche Handlungen Instinkt zu nennen, würde als sehr ungereimt erscheinen. Sie sind Beweise eines wahrhaft ausgezeichneten VerstandeS, ja sogar eines tiefen Gefühls. Es gibt Affen, welche halbwegs beschränkte Menschen an Klugheit übertreffen. Ihr Verstand schärft sich, wie ich an zahmen Affen oft beobachtet habe, durch Erfahrung. Ohne Bedenken kann man die Affen für die nach dem Menschen auch in geistiger Hinsicht ausgebildetsten Thiere erklären. Vogelzug und Vogelleben in der Fremde. „Da grüßen ihn Vogel, bekannt über'm Meer, Sie flogen von Bergen der Heimath daher." „Wenn die Schwalben von uns zieh'», Wenn die Rosen nicht mehr blüh'n, Wenn der Nachtigall Gesang Mit der Nachtigall verklang. Fragt das Herz, in bangem Schmerz, Werden wir uns wiederseh'n?-— Werdet ihr wohl wiederkehren in unsre Gauen, werdet ihr ihn wohl wieder finden den weiten, weiten Weg? Ein ruheloses Sehnen treibt euch, die Heimath zu verlassen, ein nimmer trügendes Ahnen zwingt euch, von uns zu scheiden; wo ziehet ihr hin? Wohin wandert ihr, ihr geflügelten „Segler der Lüfte", ihr fröhlichen Sänger der Wälder? Nach welchem Land der Erde geht euer Flug? O kehret wieder, kommt zu uns zurück!" Mancher Freund der lieblichen Geschöpfe mag diese Worte den Scheidenden nachrufen, mag sie wenigstens ahnen; manches Herz mag es, wenn sich die Vöglcin rüsten, eine gar bald öde, un- wirthlich werdende Stätte zu verlassen, tief empfinden, daß diese auch ihm keine Freude mehr gewähren kann. Jedes Kind ist beglückt, wenn, von der weiten Reise heimgekehrt, der erste Staar im Februar oder März wieder auf der Thurmspitze erscheint. Dort sitzt er, hebt die Flügel und kleidet, trotz des ihn noch oft umwehenden Sturmgebrauscs und Schneegestöbers des Frühlingsmondes seinen Frühlingsgruß in Frühlingsmelodieen. „Da ist er wieder, aber wo kam er her, der fröhliche Bote einer lebenbringenden Zeit?" „„Nach Süden ging sein Zug, von Süden kehrte er wieder."" 2Ü9 „Aber welches Land der Erde hat ihm, dem von dem eis'gen Winter Ausgestoßenen, ein freundliches Asyl gewährt? Hat es ihm wohl auch gefallen in der Fremde?" ,,„O du Kindermund Vogelsprachekund Wie Salomo — Verstehst du denn nicht seinen jubelnden Sang? Verkennst du die Freude, mit welcher er seine Heimath wieder grüßt? Und du fragst, ob es ihm gefallen haben könnte draußen in der Fremde? Nein, gewiß nicht! Er war eiliger, seinen Winteraufenthalt, als seine Heimath zu verlassen. Und wie hat er sich gefreut, als ihm durch von uns ungekanntc Boten Kunde ward, daß in seinem Vaterlande nun die Zeit des Frühlings gekommen! Wie hat er da vergnügt die Schwingen gehoben und seine Kehle versucht, gleichsam als wolle er beide erproben zu seiner bevorstehenden Reise und dem in der Heimath zu erhebenden Freudengcsange. Und plötzlich ist er verschwunden; alle Geselligkeit verschmähend, hat er allein sich auf die Reise gemacht, sie um so schneller zu vollenden. Trauernd, so schien es, zog er von uns, freudig kehrte er wieder. Doch, wo er weilte, das will ich dir deuten."" In weit entlegene, südliche Länder wandern die Vögel. Ich bin ihnen nachgezogen, ich habe manchen von ihnen wieder gefunden, aber doch nur manchen. Wir, die an die Scholle Gebannten, wir bedenken freilich nicht, daß die gefiederten Bewohner der Erde keine Entfernungen kennen; wir wollen cS uns nicht einge- stehen, daß der Wanderer der Lüfte Länder und Meere, welche wir in Wochen nicht zu durchreisen vermögen, in Stunden und Tagen durcheilt. Was wir Reisen nennen, erscheint ihnen, den Behenden, Flüchtigen vielleicht nur als lustige Wanderung. Aber doch will es uns bedünken, als ob viele Zugvogel Das, was sie in der weiten Ferne suchen, in größerer Nähe finden könnten. Der Zug der Vögel ist uns noch in mannichfacher Hinsicht dunkel und bleibt es, selbst nachdem uns das Land, welches den einen oder den anderen während des Winters beherbergt, bekannt geworden ist. Ich habe viele Vögel in ihrem Winterquartiere beobachtet, III. 1.4 210 ^ aber noch ist mir Eins nicht klar geworden: jenes Etwas, l! welches die Zugvögel dazu bewegt, so ungeheure Wegstrecken zu durchwandern, ehe sie Ruhe finden; jenes Etwas, das sie ^ treibt, Orte zu verlassen, welche ihnen jahraus, jahrein, nach menschlichem Ermessen wenigstens, alles zu ihrem Wohlbefinden Erforderliche bieten. „Die Vogel verlassen unsere Gegenden", sagt der vogelkun- dige Altmeister Naumann in seinem ausgezeichneten Werke, „um der eintretenden Kälte und dem Mangel an Nahrung auszuwei- l chen, sie fliegen gemächlich in wärmere Länder, haben während ihres Zuges also immer dieselbe Temperatur der Luft und dieselben l Nahrungsmittel in Ueberfluß bis zu dem Orte ihres Winteraufent- haltes und kommen, sowie jene Ursachen sich allmählig verlieren, ebenso wieder von da zurück." „So wie sie von der ihnen folgenden Kälte nach und nach von uns fortgetrieben werden, so muß sie im Gegentheile eine größere Wärme, als ihnen angenehm ist, ! zum Rückzüge bestimmen u. s. w." Meine Beobachtungen haben in mir Zweifel an der Wahrheit > dieser Ansichten erregt. Der Mangel an hinreichender Nahrung und Wärme kann es nicht allein sein, welcher die Vogel zum Wandern treibt. Es muß noch andere Beweggründe dazu geben. Sagt doch Naumann, fast sich selbst widersprechend: „Der Trieb, in wärmere Länder zu ziehen, ist dem Vogel angeboren und die Eltern haben nicht nöthig, ihren Kindern erst den Weg zu zeigen. Jung aus dem Neste genommene und aufgezogene, in einer geräumigen Kammer frei herumfliegend unterhaltene Vögel *) beweisen dies hinlänglich. Sie schwärmen während ihrer Zugzcit des Nachts so gut in ihrem Gefängnisse umher, als wenn man alte ihrer Art darinnen unterhält." Ja, dieser ihnen angeborene Trieb, zu wandern, diese Sehnsucht, ferne Länder zu besuchen, dieses nur in seltenen Fällen geschwächte Streben, ihre Heimath zu gewissen Zeiten zu verlassen *) Diesen fehlt es also weder an hinreichender Nahrung, noch an Wärme. Br. r 211 und wieder dahin zurückzukehren, in einem wunderbaren Ahnungsvermögen der Vogel von Dem, was kommen wird, begründet: das ist die Hauptursache des Zuges der Vögel. Sonst würden wir nur in kalten Ländern, nicht aber auch in jenen, unter einem ewig heiteren Himmel sich sonnenden Landstrichen einen Vogelzug bemerken. Wie wollten wir es uns sonst erklären, wenn wir unter dem zwölften Grade der nördlichen Breite noch immer jene Reiselust, welche wir Ziehen nennen, bemerken; wenn der Pirol, die Schwalbe, der Bienenfrcsser und andere auch dort noch nicht Ruhe finden, den Winter zu verbringen? In Egypten weilen das ganze Jahr hindurch zwei Schwalbcn- artcn und eine Bienenfrefserspecies. Die Schwalben schreiten schon im Januar und Februar zum Bau ihres künstlichen Nestes und befinden sich unstreitig während des ganzen Winters wohl — und unsere in einem weit kälteren Klima groß gewordenen Schwalben weilen gleichwohl auf ihrem Wandcrfluge auch nicht einen Tag lang ruhig in Egypten, nicht in Nubicn, nicht in den insekten- rcichen Steppen- und Waldgegenden Ost-Sudahns. Bis in das innerste Herz des fremden Erdtheils müssen sie wandern, — aber warum so weit? — In jedem Wäldchen, fast auf jedem Busche Oberegyptens wohnt ein Pärchen des kleinen niedlichen, grünen Biencnfressers (Nerops virickissimus), aber nur während des Sommers erscheint dort ein anderer Gattungsverwandter des heiteren, behenden Vögelchens, Llorox8 8sviZn)i; er brütet dort und verläßt das Land wieder, wenn er der Liebe Trieb gehuldigt, seine zahlreiche Familie groß gezogen und in der Kunst, sich den Lebensunterhalt zu erwerben, unterrichtet hat. Ein anderer, der in Ungarn brütende und in Deutschland zuweilen vorkommende Nerop8 sx)M8t6i- berührt das Nilland nur auf seinen Wanderungen. Beide theilen mit dem Erstgenannten, die deutschen Schwalben mit den in Egypten wohnenden dieselbe Nahrung, — warum bleiben sie nicht bei ihnen? — Der Naturforscher begegnet mit dem größten Erstaunen in Kordofahn (16—13" n. Br.) der „daktylisch schlagenden" Wachtel und in den Urwäldern dem deut- 14* 212 schen Wiesenknarrcr, welcher wahrscheinlich den größten Theil seines mehr als fünfhundert deutsche Meilen betragenden Weges laufend zurückgelegt hat; er sieht, wie sich der sudahnesische Storch zu gewissen Zeiten in Flüge zusammenschlägt und zum Wandern anschickt, obgleich unser deutscher Storch (tlieoina slbo) in kleinen und größeren Schaaren — die Hauptmenge der Wanderer geht ebenfalls über den zwölften Grad der nördlichen Breite hinaus — dort behaglich lebt; er könnte, glaubt man, schon in Egyptens Sümpfen ohne Nahrungssorgen weilen; er beobachtet, daß, während Tausende von Spicßenten in den Seccn und Brüchen Untcrcgyptens überwintern, andere Hunderte in langen, einem umgekehrten V ähnlichen Flügen den Nil hinaufziehen, seinen Lauf mit allen Krümmungen verfolgen, bei Rahs el Char- thum noch ebenso eilig weiter reisen als bei Kairo und vielleicht erst unter dem vierten Grade ausruhen von ihrem dem sechsten Theile des Erdumfanges gleichen Wege*). Das prachtvolle Purpur Huhn (korpli^rio ebloi-onotos, sVoL-'z) verläßt die nahrungsreichen Reisfelder Egyptens zu bestimmten, den Perioden des Zugs europäischer Böge! entsprechenden Zeiten und fliegt nach Süden; der von Norden kommenden Nachtigall schließt sich ihre egyptischc Vertreterin, die Sylvia Aslgotocko8, den reisenden europäischen Würgern der in Egypten brütende Masken Würger an (obwohl von beiden Arten einzelne Exemplare in ihrer Heimath bleiben) und wandern mit ihnen in die Tropenländer; der in Egypten lebende Pelekan wird von der allgemeinen Reiselust mit fortgerissen und zieht ebenfalls in zahlreichen Flügen nach Mittag; — und Alle werden nicht durch Nahrungsmangel fortgetrieben. Was wollen sie denn aber in der Ferne, was suchen sie? Warum wandern sie, die ruhig in der Heimath leben könnten? Das sind Fragen, welche die bisher gegebene Erklärung des Vogelzugs nicht beantwortet. Doch wir wollen uns nicht länger mit noch uncrklär« *) Die Spießente Onas scuts, brütet noch häufig innerhalb des Polarkreises, z. B. an der Mündung des Palsjocki, unterm 70« der n. Br.; man kann annehmen, daß sie sogar bis zum Eismeer geht. 213 liehen Dingen beschäftigen; ich will die meinem Leser bekanntesten Wanderer aufzählen, welche ich in ihren Winterquartieren antraf, und von ihrem Fremdenlcben sprechen. Die meisten Adler bleiben in Egypten, nur wenige Arten und zwar vorzugsweise die kleineren, gehen in südlicher gelegene Länder. Man begegnet ihnen an allen Seccn und längs des Nil in den größeren, am Oeftersten in den von Dörfern entfernten Pal- menwaldungcn. Die Edelsalken sind ihre Gesellschafter; eine gleich gute Aussicht auf Beute hält sie, die mit ersteren ohnehin nahe Verwandten, bei diesen fest, doch begegnet man einzelnen auch in den tropischen Wäldern Ost-Sudahns; ihrer Gewandtheit und Ausdauer im Fluge sind Hunderte von Meilen keine Hindernisse. Alle unedlen Falken wandern weiter als die edleren Arten. Man sieht die Thurm- und Röthel fallen in Gesellschaften von dreißig bis hundert Exemplaren in die unzählbaren Schaarcn der Bäume und Felder verheerenden Wanderheuschrecke einfallen und sich diese zum leckeren Fraße erbeuten. Bussarde, Habichte und Sperber kommen nur einzeln vor und bleiben stets in Egypten; die Weihen verbreiten sich über ganz Nord-Ost- Afrika und gleiten im geräuschlosen Fluge, der Rohrweih aber mit viel Geschrei über Rohrwälder, Felder und Steppen dahin. Eine Eulenart (Otem dracd^otos) geht bis nach dem Sudahn. Unser Ziegenmelker überwintert in den tropischen Wäldern zwischen dem fünfzehnten und zehnten Grade der nördlichen Breite; die Schwalben durchwandern alle mir durch meine Reisen bekannt gewordenen Länder N.-O.-Afrikas; der Mauersegler scheint nicht so weit südlich zu gehen. Blauracke und Eisvogel kommen regelmäßig in Egypten, erstere selbst in den tropischen Wäldern vor. Die Sänger gehen bis tief in's Innere; nur die Laub- sänger, Rohrsänger, Grasmücken, Blaukehlchcn, Steinschmätzer u. s. w. bleiben zum Theil in Egypten. Die Bachstelzen und Sch äffte lzcn scheinen überall in Nord-Ost- Afrika den Winter zu verbringen, bloß die gelbe Bachstelze siviotaeills sulptiures) berührt Egypten nicht. Von den Drosseln geht nur der herrliche Sänger der Wälder, die Zippdros- 2 214 sei dahin; sie lebt einzeln in den Gärten, Orangen- und Oliven- wäldchen und ist ungcmein scheu. Unser lieber Staar sucht sich in Untereghpten seinen Aufenthalt — wahrscheinlich kommen bloß wenige bis dahin —; der goldgelbe Pirol ist selbst von den Urwäldern des zwölften Grades n. Br., in welche sich unsere Würger zurückziehen, noch nicht befriedigt und geht weiter. Unter den Krähenartcn offenbart die Saatkrähe ihre Wanderlust; sie kommt in Flügen im Nilthale vor. Sehr seltene Gäste sind dort der Edelfink, der Hänfling und der Stieglitz, häufiger erscheinen die fettleibigen Grauammern. Unsere Fcldler- chen habe ich nie südlich vom dreißigsten Grade n. Br. angetroffen, die Pieper, welche rüstigere Wanderer sind, dagegen um so häufiger. Von den Klcttcrvögeln bekunden nur der Wendehals und der Kukuk den Wandertrieb; ersterer geht bis nach dem Sudahn hinauf, letzterer, wie die Schwalben, nach dem tiefsten, unbekannten Innern. Kiebitze und Regenpfeifer bleiben in Egyptcn, die Ufcrläufer wandern südlicher. Unser Kranich zieht mit dem an der Wolga hausenden Jungfernkranich bis an die Ströme des Sudahn, die Störche fliegen noch weiter, die Reiher finden es überall wohnlich. Von den Schnepfenartcn wandern nur die Beccassinen bis nach Egypten; die Rallen, Rohrhühner und Wasserhühner fliegen, schwimmen und laufen bis zum dreizehnten Grade der nördlichen Breite. Jeden Winter erscheinen in Egyptcn einzelne Schwäne und große Schaaren wcißstirniger Gänse, Enten, Scharben, Mö- ven und Seeschwalben, von denen fast alle Arten dort auf dem Zuge vorkommen. — Es ist für den Naturforscher, der im Süden weilt, ein erhebendes, beseligendes Gefühl, wenn er die nordischen Vogel auf ihrem Wandcrzuge ankommen sieht. Er begrüßt sie wie traute Bekannte, denn „die Böge! sie kennen sein heimathlich Haus;" ihm ist, als müßten sie ihm Grüße von der entfernten theuren Heimath bringen. Und wie bekannt, wie vertraut thun sie in der Fremde! Der Adler, welcher bei uns zu Lande sich die höchsten 215 Föhren und Eichen erkor, hat sich bald eine schlanke Palme oder eine hochgewipfelte Sykomore zur Nachtruhe auserschcn; die Saatkrähe scheint auf Egyptens Feldern so heimisch als auf denen deS Vaterlandes zu sein; die Sänger schlüpfen so geschickt durch die dornigen Mimosen- und dickvcrästelten Darfasträuche als daheim durch Weißdorn- und Wachholderbuschheckcn. Was kümmern den Mauersegler die schwarzen Bewohner der Städte? Wie um die altersgrauen deutschen Dome und Kirchthürme segelt er um arabische Moscheen und Minarets. Die Steinschmätzer tummeln sich in dem Reich der Steine, der unabsehbaren Wüste; die Pieperarten schwärmen lustig in dem egyptischcn Sumpfe; einige Ler- chenarten treiben sich auf den nubischen Acckern herum; die Was- servögel plätschern und schnattern auf allen vom Vater Nil gespeisten Kanälen und Brüchen. Aber doch ist es das rechte Leben nicht. Die Vögcl wissen, daß sie in der Fremde sind. Sie halten sich die Zeit ihrer Wanderung über immer in zahlreichen Gesellschaften zusammen, viele Gattungen mausern, alle sind still, kein Sänger läßt seine Lieder erschallen. Nicht ein einziger Wandervogel gründet sich in der Fremde einen zweiten Herd, nicht einer baut ein Nest, nicht einer brütet. Mit Ungeduld scheinen sie die Zeit der Heimkehr zu erwarten. Munter, fröhlich werden sie, wenn sie herannaht. Ein neues Leben scheint sie zu beseelen. Ist es das Gefühl der Liebe, welches sie so mächtig ergreift, ist es die Freude, bald heimkehren zu können, welches sie durchwogt? Ich weiß es nicht. Aber Kunde muß ihnen geworden sein, daß der Frühling ihrer Heimath naht, daß die Zeit gekommen ist, in welcher sie zurückwandern, denn wie vermöchte man sonst ihre unverkennbare Lebcnsfrcudigkeit zu erklären. Der fröhliche Staar spiegelt sein Glanzgefiedcr in der Februarsonne Egyptens, fliegt auf des Büffels Rücken und singt dort ,,sein heimathlich Lied"; die Lerche steigt trillernd in die Höhe; die Wachtel ruft im dichtbehalmten Waizcnfelde wiederholt ihr schallendes „Pickperwick". Und wenn dann die Sonne noch höher gegen Norden hinaufsteigt, dann verstummen die lieblichen Gesänge; die Sänger sind fortgezogen und ihrem Vatcrlande zugeeilt. Der Wai'zen Egyptens neigt seine körnerschweren Aehren der Sichel entgegen, aber die Wachtel weilt nicht mehr in jenem Halmcnwalde, sie flog schon längst der lieben Heimath zu. Einsamer und stiller wird es im Süden. Einer der Wanderer nach dem anderen tritt seine Rückreise an; nur die in jenen Ländern heimischen Vogel bleiben zurück, bauen sich Nester und brüten. Wenn ihre Jungen groß geworden sind, haben sie alle ihre nordischen Gäste verlassen. Doch schon nach wenigen Monaten erscheint der Vortrab wieder, der Zug beginnt von Neuem, schon langen die immer Flüchtigen wieder an und unsere Blicke folgen ihnen sehnend nach. „Durch des Aethers lichte Bläue Eilen sie mit raschem Flug, Nach des Südens sonn'gen Landen Wendet sich der munt're Zug. Vöglein mit dem Glanzgefieder Wollt ihr wieder mir entflieh'»? Leiht mir eure leichten Schwingen, Laßt, o laßt mich mit euch zieh'n!" * l Fagdreise in den tropischen Wäldern des blauen Flusses. „Es richtet sich des Jünglings Seele Gesammelt anf das eine Ziel: Sei's Leid, sei's Freude, was ihn quäle. Vergessen wird's im kühne» Spiel. Der Wildniß Thier mit Mordgelüste, Und die Gefahr ist nimmer weit: D'rum ziemt's ihm, daß er stets sich rüste. Mit männlicher Besonnenheit. Doch aus den windbewcgten Zweigen Rauscht mild ihm zu des Waldes Geist, Der ihn im tiefen grünen Schweigen Von Mannestugeud unterweist. ^ Was er gelitte» und genossen, > Es zeigt sich dämmernd nur von fern, Die bunte Welt ist zugeschlossen. Er fühlt sich seines Schicksals Herrn. Er spürt, wie neu der Becher mundet. Wie drinnen ihm das Herz gesundet, Wie klein die Welt, die ihn versehet. Wie groß Natur, die ihn ernährt." Die nächsten Blätter enthalten Bruchstücke aus meinem Tagebuche während unserer Reise nach Rosseeres. Ich will mich be« mühen, das allgemein Interessante hervorzuheben; das Tagebuch ist voll von Vogelnamen, Beobachtungen aus dem Thicrlcbcn und anderen Notizen, von welchen ich in den vorigen Abschnitten schon Einiges mitgetheilt habe. Jetzt werde ich mich so viel als möglich auf unsere Erlebnisse beschränken und nur gelegentlich einen Blick in den Wald der Ufer werfen. ^ Am 23. November verließen wir zur gebräuchlichen Abreisezeit, d. h. zum Aassr, Charthum in unserer wohl ausgerüsteten Barke. Unsere Reisegesellschaft bestand aus dreizehn Personen: dem Dr. Vierthaler, meiner Wenigkeit, als Ausrüstern der 218 Reise, unserem deutschen Bedienten, Aali-Arha, dem Koch, dem Jäger Tomboldo, den Arbeitern Mähamincd und Mukle, dem Reis und vier Matrosen. Ich hatte am Morgen einen hef- ? tigen Fieberanfall gehabt, bestand aber auf der Abreise, weil ich hoffte, in den Wäldern bei unausgesetzter Bewegung und Thätigkeit eher zu genesen, als wenn ich noch länger in Charthum bliebe. Den Diwahn des Pascha begrüßten wir mit wehender Flagge und drei Böllerschüssen, welche uns von dort sofort erwiedert wurden. Dann zogen wir vor einem günstigen Winde rasch den Strom hinauf. Die Morgen- und Abendstunden sollten unter allen Umständen der Jagd gewidmet werden. Diese lieferte uns stets so viele Beute, daß wir die übrige Zeit des Tages vollauf beschäftigt waren. Noch heute erinnere ich mich mit wahrer Wonne an diese schönste aller meiner Reisen. Wir lebten ein köstliches Jägcrleben, kein Unfall trübte die glückliche Fahrt; Beute, Beschäftigung, Unterhaltung fehlte nie, Jägcrfrcuden wechselten mit Jagdabcntcuern. ^ Der Hyäne Heule» wurde uns auf dieser Reise zur gewohnten Melodie, des Panthers grunzende Stimme, des Nilpferdes Brummen verlor sein Schreckhaftes und nur „Des Löwen donnerndes Gebrülle Tief aus den Bergen her, das durch die Todesstille Der Nacht noch schrecklicher, im Walde wiederhabt" trieb uns, wenn der Wälder König gar zu nahe um uns war, die Haare unwillkürlich etwas in die Höhe. Doch ich will, anstatt spätere Begebenheiten vorauszuschicken, zu meines Lesers Nutz' und Frommen lieber eine getreue Abschrift der bezüglichen Stellen meines Tagebuches folgen lassen. Bei dem Dorfe Kamlihn jagen wir am Morgen dcS 27. November in dem fast undurchdringlichen Urwaldc. Einige Araber machen uns auf die Fährten eines „Essed" (Löwen) aufmerksam und erzählen uns, daß dieser vor drei Tagen zwei Esel getödtct, » zum Theil gefressen und dadurch die Bewohner einiger Tokhahl des rechten Ufcrö so eingeschüchtert habe, daß diese, Hab' und Gut im Stich lassend, an das andere User geflüchtet seien. - Bei nähe- 219 rer Untersuchung finden wir, daß wir es mit den Fährten eines Leoparden zu thun haben. Wir trösten die Araber mit dem Versprechen, auf die Bestie anzustehen und werden zum Danke dafür von Einem derselben auf einem mannigfach verschlungenen, nur arabischen Augen bemerkbaren Pfade durch den sonst vollkommen undurchdringlichen Theil des Tropenwaldes nach einer Lichtung gebracht. Hohe Mimosen stehen auf blumengeschmückter, mit saftigem Grase prangender Grasmatte; hier würde ein Paradies sein, hätte nicht das „Volk des Teufels", die Wanderheuschrecken, den Prächtigen Wald der Vernichtung geweiht. Von den zarten Blättern, von den duflspcndenden Blumen der saftigen, kräftigen Bäume sieht man keine Spur mehr. Die Zweige und Beste haben anderes Blattwerk erhalten. Dicht an einander gedrängt, sich ewig befehdend und mit gierigem Zahne ihren arabischen Namen bethätigend, sitzt eins der gefräßigen Insekten an dem andern; es gibt keinen Raum zwischen ihnen, aber auch keinen Blattstiel mehr. Die „Entblätternde" benagt die Rinde des Baumes, nachdem sie seinen Blätterschmuck zerstört. Die Anzahl der Schwärme übersteigt alle Begriffe und doch springt sie erst in die Augen, wenn wir durch Rütteln der Bäume einen Schwärm flüchtig gemacht haben. Dann verdunkelt das wüste, sich nach grünen Bäumen wendende Volk die Luft, aber es zieht auch seinen Feind herbei. Mehrere Hunderte von Thurmfalkcn, welche Europa verlassen haben, um auf fetter Weide den reichliche Nahrung beanspruchenden Akt der Mauser bequem abwarten zu können, sitzen regungslos auf den höchsten Spitzen der Mimosen oder schweben, rütteln und gleiten in wechselvollcm, nicht ermüdendem Fluge über der schwarzgraucn Schaar herum. So lange sie an den Zweigen hängt, wehren die langen Stacheln und Dornen der Bäume den flinken Räubern, herabzustürzen unter die von ihnen zur Beute erkorncn Insekten; jetzt fliegen sie. Im Nu eilen die Falken herbei, jagen durch die dichtesten Schaarcn hindurch und ergreifen mit gewandter Klaue eins der häßlichen, schädlichen Thiere. Es wehrt sich, beißt mit den scharfer; Frcßzangen in die beschilderten Füße des Falken, aber dieser ist stärker. Ein Biß des kräftigen Schnabels zermalmt deir Kopf 220 der Heuschrecke und nun beginnt der Sieger diese gemächlich zu verzehren. Ohne Zeit zu verlieren, reißt er ihr die Flügel aus, zerbricht die dürren Füße und speist den leckeren Fraß in der Lust, in welcher er sich schwebend zu erhalten weiß. Binnen zwei Minuten hat der geübte Jäger eine Heuschrecke gefangen, gerupft und verspeist und eilt nun rasch wieder zurück unter die noch nicht wieder zur Ruhe gekommenen Schwärme, um sich noch eins oder zwei ihrer Mitglieder zu rauben. Dieses scheinbare Spiel der hübschen Falken ist so anmuthig, daß wir sie nicht durch Schüsse in ihrer nützlichen Beschäftigung stören, sondern ihnen vielmehr durch wiederholtes Schütteln der mit Heuschrecken bedeckten Bäume neue Gelegenheit zum Fange geben. Es scheint, als wüßten die Hcuschrek- ken, welche Feinde sie an den Falken haben, denn sie weichen wirklich im Fluge aus einander, wenn sich einer der Vogel jählings unter sie stürzt. In der Nähe der verwüsteten Waldstrecke liegt eine von Bäumen umstandene und hochstämmige Mimosen umspülende Fuhla. Sie ist mit Sumpf- und Wasservögeln, Schlingpflanzen und Wasserlilien überdeckt und gewährt einen zauberhaften Anblick: „Den stillen Fluchen bin ich hold, Die mitten in des Waldes Düster Licht glänzen von des Mittags Gold, Umrauscht von leisem Schilfgeflüster. Am Grund, wohin die Sonne klar Die grüngebroch'nen Strahlen spendet. Sproßt eine volle Pflanzenschaar, Die Blatt und Blumen aufwärts sendet. Am dünnen schlangengleichen Stiel Schwankt bleich die milde Wasserrose, Sie ist der Fluchen lieblich Spiel, Die schaukeln sie im Windgckose. Tief bei der Pflanzenwurzeln Nacht, Da ist der Fische kühle Wohnung; Doch taucht der Reiher mit Bedacht Hinab und würgt sie ohne Schonung, Bis ihn des Falken Schlachtruf weckt Und aufjagt von der leckern Speise. Der drohend seine Fänge reckt Und ihn umschwebt im scharfen Kreise." 221 Was außer Reiher, Falk und Adler, Wasserlilien und den alle trocknen Stellen bedeckenden Schlingpflanzen mit den prächtigen Blüthen die Fuhla noch in ihrem Innern bergen mochte, blieb mir Geheimniß, welches zu enthüllen ich bei meinem Fieber nicht wagen konnte. Unsere Jagd blieb deshalb auch ohne besonderen Erfolg, ebenso der nächtliche Anstand auf das Raubthier. Am 3. Dezember sahen wir das erste Nilpferd. Es tummelte sich bei Tage in dem Strome herum und wurde von seinem Jungen, mit welchem es zu spielen schien, beständig umkreist. Später kamen wir zu den tiefen und großen Fährten, welche es bei seinen nächtlichen Werdegängen hinterlassen hatte. Wir befinden uns in der Nähe der in der Steppe liegenden Stadt Müsöllemiö. Der Ort mag ungefähr eine Meile vom Strome entfernt sein, treibt einen ziemlich ausgedehnten Handel und gilt als eine Aufbruchsstation der nach Abyssinien reisenden Kaufleute. Zwei Tage später landen wir in dem Bezirksstädtchen Wölsd- MsdiNv, wo gegenwärtig zwei Bataillone Negcrmilitär liegen. < Der Ort besteht zum größten Theile aus Lehmbarackcn, „Tanakha", zwischen denen man hier und da wohl noch einen Tokhul sieht. Früher kannte man nur die letztgenannte Wohnung, bis Muhsa- Be't, der zeitweilige Mudihr der Provinz Charthum, wegen der häufig stattfindenden FeucrSbrünste die Stadt niederbrennen ließ und ihre Einwohner zum Bau der Tanakha zwang. Dieses grausame Mittel, Feuersbrünste zu verhüten, erscheint als unzweckmäßig, weil die Einwohner gegenwärtig oft so viel Durrahstroh zu später zu benutzendem Kamclfuttcr aufspeichern, daß durch dasselbe jetzt einem Brande ebensowohl Vorschub geleistet wird als früher auch. Wir erhalten eine Einladung zum Abendessen bei Saard- Haschem, dem ersten Schreiber des Negerregimcnts, und finden bei dem reichen Manne einen unserer Bekannten aus Charthum, den Militärinspcktor Aali-Bc'i, welcher uns ankündigt, daß er dieselbe Reise vorhabe als wir. Der Hausherr veranstaltet eine ^ große Fanthasie. Tisch endorf hört in der Nacht zum ersten Male das Gebrüll des Löwen in dem Walde des gegenüberliegenden UferS er- 222 schallen und wird durch einen anderen Vierfüßler, wahrscheinlich durch eine armselige Hyäne, zur schleunigen Rückkehr nach der Barke bewogen. ^ Der blaue Fluß wendet sich von Woled-Medine aus nach Osten, kehrt aber bald wieder nach Westen und in seine frühere, südlich-nördliche Richtung zurück. Durch diese Krümmung entstand eine Halbinsel, welche die Eingeborncn Djesihrct el Fih l, „Ele- phantcninscl", nennen. Noch vor zehn Jahren sollen in den ausgedehnten Waldungen der Insel oft zahlreiche Elcphantenheerden gesehen worden sein; wir bemerkten nur noch Affen und Vogel daselbst. In den Gebüschen hingen merkwürdige Fledermäuse (NsAackerma kräng), von denen wir mehrere erlegten. Die Farbe des Thieres war ein düsteres Olivengrün; die Flughäute glichen ölgetränktem Papier. An einem von uns getödtctcn Weibchen klammerte ein halberwachsenes Junges, welches auch nach dem Tode der Mutter die Saugwarzen nicht losließ. Es war schon flugfähig. Ich glaube, daß sowohl die Mutter als das Kind bei Nacht einzeln herumfliegen und sich nur bei Tage vereinigen. > Auf einer mit hohem, stacheligem und höchst wohlriechendem „Grase" — eine genauere Definition kann ich als Laie nicht geben — bestandenen Ebene schoß ich ein altes Männchen dcS hier „Chu- bahra" genannten arabischen Trappen (Otm srab>8, Lr'nne). Königökraniche, graue und Jungfernkranich e waren häufig, aber scheu. Am 15. Dezember. Wir sind jetzt in die Nähe der Stadt Scnnahr gekommen. Don dem großen Tokhuldorfe Wadi- Aabahs, in welchem wir gestern Lcbcnsmittcl einkauften, sahen wir bereits die Gcbirgszüge, welche sich einige Meilen südlich von der alten Fungistadt aus der Ebene erheben. Der Strom macht aber so viele Krümmungen, daß wir den Nordwind nur auf kurze Strecken benutzen können und die übrige Zeit mit Libbahn weiter gehen müssen. Wir verlieren keine Zeit bei dieser langsamen Fahrt. Beide Stromufer scheinen mit einander zu wetteifern, uns reiche ^ Jagdbeute zu liefern. Die Schlingpflanzen der Wälder werden häufiger und nehmen an Größe und Stärke zu; gewöhnlich prangen sie im köstlichsten Blüthenschmuck. Der Boden scheint hier außerordentlich fruchtbar zu sein. Er ist kohlschwarz und bringt eine üppige Vegetation hervor. Doch scheinen die Ebenen zu beiden Seiten des Flusses wenig zum Feldbau geeignet zu sein; sie sind nach allen Richtungen hin durch Chuahr zerrissen und zerklüftet. Zuin Aassr kommen wir an eine mit Vögeln ganz bedeckte Strominscl. Die Vögcl fliegen nach den ersten Schüssen in den Wald des rechten Users. Ich lasse überfahren und entdecke nach minutenlangein Wege eine schmale, aber mehr als sechshundert Schritte lange Lache, an welcher sich Hunderte von Sumpfvögeln herumtreiben. Es war mir vollkommen unbegreiflich, wie diese einzige Fuhla eine so außerordentlich zahlreiche Vogelgcscllschaft ernähren konnte, zumal da ich unter ihnen große Schaaren von Nimmersatten und Kropfstörchen oder Marabus — welche auch nicht die anspruchlosestcn sind — bemerkte. Unter dem bunten Gewimmel fielen mir zwei storchartige Vögcl von riesiger Größe auf, welche beim Fliegen nur die zwei Hauptfarben ihres Gefieders, Schwarz und Weiß, zeigten, sich im Sitzen aber gar nicht beobachten ließen. Ich lernte in ihnen später den prachtvollen Sattelstorch*) (Rektorin vpllipplorll^nclm) kennen. Einein Seeadler (Ualisetos vooikor) nachschleichend, kam ich in einen Mimoscnwald, wie ich bisher nie einen ähnlichen gesehen hatte. Hohe, prachtvolle Bäume standen ziemlich einzeln in einer gras- und dornlosen Ebene und bildeten, sich oben verzweigend, ein hehres Laubgcwölbc. Ich befand mich im eigentlichen Hochwaldc. Die Papageien kreischten in den Kronen der Bäume, wußten sich aber so geschickt zwischen den ihrer Körperfarbe gleichen Blättern zu verstecken, daß ich, zumal in dem Halbdunkel des herannahenden Abends, auch nicht einen einzigen entdecken konnte. Nur der Seeadler wurde mir zur Beute. vr. Vierthaler und Tomboldo waren mittlerweile auch an'S Land gestiegen und verfolgten die Marabus, welche in Ge- *) Die Vogel werden so genannt, weil sie auf dem Hinterschnabel eine sattelförmige Erhöhung haben. 224 sellschaft der Nimmersatte zur Nachtruhe aufgebäumt waren. Die ersten fallenden Schüsse machten sie so scheu, daß alle Anstrengungen, ihrer habhaft zu werden, erfolglos blieben. Sie wurden so gestört, daß wir noch den ganzen Abend hindurch das Geräusch ihrer Flügelschläge hören konnten. Von fernher tönte das sonderbare Grunzen eines Leoparden zu uns herüber, unmittelbar neben unserem Schiffe hob ein Nilpferd seinen ungeschlachten Kopf aus dem Wasser und brüllte dann und wann uns förmlich in die Ohren. Dazu wollten die Leute in dem letzten Dritttheil der Nacht noch die gewaltige Stimme des Königs der Wälder vernommen haben. Die Barke legte am folgenden Tage hart unter der Stadt Sennahr an dem mir dem dichtesten Urwalde bestandenen linken Ufer an. Wiederum brummte, brüllte oder grunzte — denn es ist ein ganz sonderbarer Ton — ein Leopard im Walde und gab uns Hoffnung auf ein gelegentliches, von uns sehr gewünschtes Zusammentreffen mit ihm. Wir landeten deshalb am 17. Dezember ebenfalls auf diesem Ufer der Stadt gegenüber und hatten dabei den doppelten Vortheil vor Augen, der Jagd nahe und der meine sonst fleißigen Diener jedesmal in eine der Arbeit keineswegs förderliche Verzückung setzenden Meriesa fern zu sein. Uns Deutschen bot die elende Stadt gar Nichts, der Wald aber um so mehr. Sennahr, die Hauptstadt des durch die Türken vernichteten Königreichs Dahr-Fungi, soll nach Bruce im sechzehnten Jahrhundert von den Schilluk-Negern gegründet worden sein. Es war früher der Sitz der Macht und der Kultur des Ost-Sudahn; jetzt ist es zu einem ganz erbärmlichen Flecken herabgcsunken. Die Zahl seiner Bewohner dürfte mit Einschluß von fast zweitausend Negcrsoldatcn kaum zehntausend betragen, während zur Zeit der Fungikönige fünfundzwanzigtausend Menschen hier gelebt haben sollen. Sennahr ist in allen seinen Theilen schmutziger und ärmlicher als Woled-Medine und besitzt an der Stelle des Basars nur einige elende Boutiquen, in denen man die nothwendigsten Gegenstände zum täglichen Gebrauche der Türken zu kaufen bekommt. Zum Bedarf der Eingebornen wird wöchentlich zweimal ein großer Markt, „Suhkh", zu welchem die Einwohner der ganzen Nmge- 225 gend zu Fuß, zu Esel und zu Kamele herbeikommen, gehalten. Ganz im Gegensatz zu andern Städten des Innern verstummt hier das fröhliche Leben der Nacht sehr bald, weil die Hyänen schon vor Mitternacht die Straßen der Stadt besuchen. Wir waren mit dem schon mehrere Tage vor uns hier angekommenen Aali-Bei bei dem Major Aabd elKerihm-Effendi zum Abendessen eingeladen worden und hörten auf dem Nachhausewege die Hyänen in den Hauptstraßen der Stadt um die Wette heulen. Auf der großen Sandbank, an welcher wir angelegt hatten, sonnten sich in den Nachmittagsstundcn regelmäßig mehrere Krokodile. Ich erlegte ein halberwachsenes; ein anderes, riesenhaftes, gelangte, obgleich ködtlich verwundet, noch ehe ich mich seiner bemächtigen oder ihm eine zweite Kugel durch das Hirn jagen konnte, in die trüben Fluchen des Stromes und entkam. Tomboldo töd- tete eine Boa (hier „AssälL" genannt) in dem nahen Walde durch drei Schrotschüsse. Die Schlange war acht pariser Fuß lang und wog fünfzehn Pfund. Wir ließen uns, um es zu genießen, ein Stück Fleisch sieden. Es hatte eine vielversprechende, schneeweiße Farbe, blieb aber hart und zähe und konnte von uns kaum zerkaut werden. Sein Geschmack ähnelte dem des Hühnerfleisches. Tomboldo hatte in der Nähe unseres Landungsplatzes eine große Fuhla, deren Vorhandensein wir aus dem Fluge vieler Was- scrvögel schon vermuthet hatten, entdeckt. Ein sehr verschlungener, schmaler Pfad nach der Höhe der Uferebene machte uns das Durchdringen des Urwaldes möglich. Wir fanden ein ganz ähnliches Vogclleben, wie wir es schon an anderen Regenteichen beobachtet hatten, wandten unsere Aufmerksamkeit aber ausschließlich nur einem Paare der prachtvollen Sattelstörche zu, welche sich unter den bekannteren Sumpfbewohnern würdevoll herumbewegten. Ich konnte mich dem Männchen des Paares nach langer beschwerlicher Jagd endlich auf zweihundert Schritte nähern und ihm eine tätliche Kugel beibringen. Der Besitz des werthvollcn Vogels erfreute M. 15 226 uns auf's Höchste; wir maßen den gigantischen Storch unter den Ausrufen der lebhaftesten Bewunderung. Wir verließen Sennahr am 22. Dezember und kamen nach einer zweitägigen Fahrt wieder zu sehr großen, d. h. zu solchen Waldungen, welche auf lange Strecken weder durch Dörfer noch durch baumlose Ebenen, Ausläufer der auf der „Tahhera"*) sich ausbreitenden Chala, unterbrochen werden. Streng genommen sind die Ufer des blauen Flusses ununterbrochen mit mehr oder minder dichtem Walde bedeckt. Am Morgen des 24. Dezember erstiegen wir in einer durch den Regen gebildeten Schlucht das hohe Ufer und gingen über eine weite Ebene dem vor uns sich unabsehbar ausdehnenden Walde zu. Die Ebene war mit dem schon erwähnten wohlriechenden Grase bestanden, aber sehr arm an Vögeln. Nur die deutsche Wachtel, welche hier ihr Winterquartier genommen hatte, flog oft unmittelbar vor unseren Füßen auf. Ich hoffte Trappen zu finden und wandte mich mehr landeinwärts. Ohne es zu bemerken, wich ich immer mehr von der zu befolgenden Richtung ab und traf nach langem Herumirren in dem über mannshohen Grase aus gebahnte Wege, welche mich zuletzt zu einem Nomadcnlager führten. Wie immer empfing mich bei meiner Annäherung ein wüthendes Hundcgcbell. Einige alte Weiber wehrten den beißlustigen Bestien und sicherten mir den Eintritt in die das Lager umzäumende Serieba. Ich war sehr durstig geworden und verlangte Wasser, erhielt aber nur saure Milch, weil in der ganzen Niederlassung kein Wasser zu finden war. Erst später erschienen einige junge Frauen, welche gefüllte Schläuche an breiten, über die Stirn gelegten Riemen auf dem Rücken trugen. Man labte mich mit frischem Nilwasscr und zeigte mir die einzuschlagende Richtung. Nach halbstündigem Wege gelangte ich zu einer noch wasserreichen Fuhla, welche von vielen wilden Gänsen zum Nist- platze gewählt worden war und gegenwärtig eine außerordentlich *) Unter der Tahhera, „dem Rücken," verstehe» die Sudahncsen die von den Strömen landeinwärts liegenden, über das Ufer erhabenen Ebenen oder die längs der Stromkhäler sich hinziehenden Bergrücken, 227 zahlreiche Vogelgcsellschaft versammelt hatte. Im Walde saßen fast auf allen Büschen kleine, bisher mir noch unbekannte, prachtvolle Bienenfresser (lVleropZ vuloollü), von denen ich mehr als ein Dutzend Eremplare erlegte. Der Wald war durch die Rindcrheer- dcn der Nomaden gangbar geworden und schien eine mannigfaltige Thicrwclt zu beherbergen. Ich ließ deshalb unsere Barke, welche ich eine halbe Meile stromaufwärts wieder auffand, an einer „Mi- scheraäh" oder einem von der Höhe des Ufers zum Wasserspiegel führenden Wege anlegen und eröffnete meinem Gefährten und den Dienern, daß wir hier einige Tage verweilen würden. In verstellen Userwand entdeckten wir eine Nistkolonie des im Walde bemerkten Biencnfresscrs mit mehr als achtzig runden Eingängen zu den backofenförmigen Nesthöhlcn auf kaum zwanzig Quadratfuß Fläche: die Ursache der Zusammenhäufung des niedlichen Vögelchens. Die großartige Welt, welche uns die tropischen Wälder aufgeschlossen, hatte bisher alle Sehnsucht nach civilisirten Ländern und geselligen Freuden in uns verstummen lassen. Heut Abend war es anders. Wir kochten nach dem Abendessen Punsch und versuchten beim Klang der Becher die nach der Heimath schweifenden Gedanken zu vertreiben, so gut es eben gehen wollte. Es konnte uns nicht vollständig gelingen. Feierte man daheim im Va- tcrlande doch heut' das hehre Fest der Christnacht! Wie natürlich, daß wir im Geiste in unserer Lieben Kreise verweilten! Uns hatte Niemand einen Christbaum angezündet, aber der Urwald selbst wollte uns Weihnachtsfrcuden beschceren. Am anderen Ufer ging eine Elephantenheer de zum Flusse und rief uns ihre schmetternd zu uns herüberschallenden Grüße zu. Und als sollten die schrillen Trompetentöne der Waldriesen das Zeichen sein, des Urwalds Stimmen zu einem allgemeinen Wettruf aufzufordern, so lebendig und laut wurde es jetzt im Walde. Das donnernde Gebrüll eines von uns noch weit entfernten Löwen durchhallte, momentan alles Lebende zum Schweigen bringend, die vorher so stille Nacht, dann 15 * 228 hob ein Nilpferd seinen Kopf aus den Fluthen und brummte, als wollte cS versuchen, mit der Löwenstimme zu ringen, drüben aus der Sandbank klagten einige Scherenschnäbel, im Walde die Eulen, die Hyänen heulten im Chorus und Silberglöckchen gleich erklang das Gezirp der tropischen Grillen oder Cikaden harmonisch durch das allgemeine Chaos der Stimmen und Töne. Das war die Musik der Urwälder in der heiligen Weihnacht; die Freude, gerade heute zuerst die Elephanten zu hören, war unser Weihnachtsgeschenk. Am 27. Dezember. Wenn ich einem Ornithologen die Vogelarten, welche wir im Umkreise einer halben Meile von der erwähnten Fuhla antrafen, aufzähle und ihm mittheile, daß viele Arten durch Hunderte von Individuen vertreten waren, so wird er, falls er mir überhaupt Glauben schenkt, sich gewiß höchlich über den staunenswerthen Reichthum der Tropen verwundern. In Europa kommt eine ähnliche Vögelversammlung auf einem so kleinen Raume nie vor. Ich habe in meinem Tagcbuche die Namen von mehr als siebzig Vogclarten, welche wir hier bemerkt haben, aufgezeichnet; wie viele andere Arten unseren Augen entgingen, wage ich nicht zu bestimmen. Die Armuth der Wälder Deutschlands erlaubt uns gar keinen Vergleich mit dem Thierleben der Tropen. Wo in Nord-Ost-Afrika Bäume und Wasser vereinigt sind, sieht man stets viele Tausende von lebensfrohen Geschöpfen versammelt. Nächst den Vögeln bemerken wir wieder einmal recht viele Schlangen. Gestern kroch die äußerst gefährliche Brillenschlange kaum anderthalb Fuß vor den Füßen unseres Doktors vorbei und verschwand in dem hohen Grase, ehe er ihr einen Schrotschuß beibringen konnte. Ob diese von den Sudahnesen sehr gefürchtete Schlange der egyptische Ilrseus Ilsgg oder eine andere Art ist, weiß ich nicht; ihr Biß endet aber, wie der der egyptischen „Haie"*), immer mit dem Tode. Nattern und Vipern von anderthalb bis zwei ) Arabischer Name der Brillenschlange. 229 Fuß Länge sind häufig und unwillkürlich erheben wir das Gewehr zum Schusse empor, wenn eine der hier zahllosen Eidechsen durch die Büsche raschelt. Wir todten jede Schlange, welche wir zu sehen bekommen, weil wir nie wissen können, ob wir es mit einer giftigen Viper oder harmlosen Natter zu thun haben. Auf unserer heutigen Vormittagsjagd erlegten wir eine weibliche Antilope von der Große eines Rehes, wahrscheinlich Hmtiloxs Alockogua oder saltisna, welche nicht zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehört und uns einen ebenso wohlschmeckenden Braten als die gemeinen Gazellen lieferte. Die Witterung ist jetzt beständig schön. Wir haben konstanten Nordwind, welcher unserer Fahrt sehr günstig ist. Aber wir verzögern diese absichtlich, um die Wälder bestmöglichst ausbeuten zu können. Unsere Nahrung besteht fast nur in dem Fleische der erlegten Thiere und den von uns von Charthum mitgebrachten trockenen Gemüsen (Reis, Erbsen, Linsen, Bohnen u. s. w.). Frisches, grünes Gemüse ist höchst selten zu erlangen. Die Ein- gebornen verweigern uns gewöhnlich alle Nahrungsmittel, selbst wenn wir ihnen das Doppelte des bestehenden Preises derselben bieten. Sie sind zu mißtrauisch und halten uns wahrscheinlich für türkische Soldaten, welche selten zahlen, sondern in der Regel Das, was sie brauchen, gewaltsam wegnehmen. Das Volk zwingt uns, diesem üblen Beispiele zu folgen. Aali-Arha raubt die uns nöthigen Schafe und Hühner und bezahlt erst dann die Eigenthümer oder bemächtigt sich des Schech eines Dorfes, bringt ihn auf unsere Barke und diktirt ihm seine Befehle. Das „theure Oberhaupt zu befreien" eilt des Dorfes Mannschaft zu uns, bittet um Loslassung des Gefangenen und verspricht, sich unserem Willen zu fügen. Man schleppt Schafe, Hühner, Eier, Butter und dergleichen in hinlänglicher Menge herbei und verwundert sich höchlich, daß wir das Erwählte mit seinem vollen Werthe bezahlen. Der Schech verläßt die Barke, wenn die Geschäfte beendet sind mit einem Bakhschiesch in der Hand und Segenswünschen für unsere Personen auf der Zunge, tritt in den Kreis seiner Untergebenen und sagt mit leiser Stimme zu ihnen: „Diese Art (Menschen) ist 230 verrückt, sie bezahlen Das, was sie früher raubten. >V'^Uadi dass saägaib!" — Bei Gott, das ist wunderbar! — Um Mittag verlassen wir unseren beutereichen Wald und setzen unsere Reise bei flauem Winde fort. Abends erreichen wir das Dorf Terchre, dessen Umgebung nach Tomboldo's Aussagen reich an jagdbaren Thieren sein soll. Der Nubicr geht in's Dorf und bringt von dort die Nachricht mit, daß sich die Nomaden der Steppe gestern dem Flusse genähert und die ihren Hcerden immer folgenden Löwen mitgebracht haben. Die Elephanten, sagen die Dorfbewohner, wären vor einigen Tagen in großer Anzahl in den Feldern des Dorfes erschienen und hätten dort gräuliche Verwüstungen angerichtet. Aber der fromme Fakhie habe kräftige Amulete geschrieben, diese auf hohen Stangen in den Feldern befestigt und das habe seine Wirkung nicht verfehlt. Die Elephanten, welche derartige Bannflüche gar nicht vertragen können, wären durch die Worte des heiligen Mannes so eingeschüchtert worden, daß es keiner von ihnen mehr gewagt hätte, in so kräftig beschützten Feldern fernerhin seine Nahrung zu suchen. Tomboldo versicherte mich, daß dieses Mittel sehr probat sei. Unterwegs begegneten uns neun Flöße mit jenen dünnen Stangen (Raßaß), welche zum Bau der Terrassen der Tanakha verwendet werden. Die Flößer waren vor fünf Monaten von Char- thum ausgezogen, hatten die Stangen mühselig in den Wäldern zusammengesucht nnd sich allen Entbehrungen einer beschwerlichen Land- und Wasserreise ausgesetzt, um bei ihrer Rückkehr nach Char- thum fünfzehn bis dreißig Eh eierten oder ebenso viele Gulden in Empfang zu nehmen. Das Geschäft wirft also einen Tagelohn von höchstens zwölf Kreuzern für jeden Theilnehmer ab. — Am 28. Dezember fahren wir nach dem uns gegenüberliegenden Dorfe TächclL über. Die Eingebornen wollen mich am hellen Tage zu einem mächtigen, von ihnen sehr gefürchtetcn Löwen bringen, welcher ihnen mehrere Rinder und erst in voriger Nacht ein Kamel getödtet hat, jetzt aber in träger Ruhe im dichten Schat- 231 teu niederer Gebüsche liegen soll. Man verspricht mir, mich bis auf sichere Schußnähe an das Raubthier heranzuführen und zwar noch « ehe dieses den Jäger bemerken würde. Brennend vor Jagdbegierde eröffnete ich meinen Gefährten und Dienern meinen Entschluß, daS kühne Wagstück zu bestehen und bat sie, mich zu unterstützen. Allein der Doktor und alle Bedienten weigerten sich bestimmt, die Jagd mitzumachen. Zu meinem Leidwesen mußte nun auch ich die schöne Gelegenheit versäumen, weil es Thorheit oder Tollkühnheit gewesen wäre, zum ersten Male allein auf die Löwenjagd auszugehen. Am folgenden Tage kamen wir zu der mitten im Walde liegenden Hütte eines Fakh'ie. Wenige Felder in der Nähe derselben mochten sein ganzer Reichthum sein. Nicht weit entfernt von ihr fanden wir eine zweite Nistkolonie des Biencnfrcsscrs. Dicht daneben lag ein riesengroßes Krokodil, welchem ich eine Büchscnkugel zudachte. Ich machte einen weiten Umweg, um ungesehen an dasselbe heranzukommen, kroch vorsichtig auf Händen und Füßen ' durch das mich deckende Gebüsch und lag nun, mich schon im Voraus über seinen Tod aus purer Rachsucht freuend, hart am Uferrande. Die Stelle, auf welcher es sich gesonnt hatte, war leer. „Teufel! Doch halt!" Da schwamm es gemüthlich im Strome herum, den Kopf über das Wasser emporreckcnd, es hatte keine Ahnung von seinem Todfeinde. Ich zitterte vor Jagd- und Mordlust und weidete mich an dem in meine Hand gegebenen Ungeheuer. Es blinzelte mit den graugrünen Augen, ich fürchtete, voir ihm entdeckt zu werden und durste keine Zeit mehr verlieren. Langsam erhob ich das Todesrohr, zielte kurz und sicher, die Büchse krachte, die Kugel hatte ihren bezeichneten Weg eingehalten. Hochauf rauschten die Wellen. Das in's Gehirn getroffene Thier peitschte sie mit seinem furchtbaren Schwänze und schoß wie toll auf der Oberfläche des Wassers herum. Plötzlich bekam es Zuckungen, öffnete den zahnstarrenden Rachen, ließ einen merkwürdigen Schrei hören und versank in den trüben Fluthen des langsam dahin fließenden Stromes. Das war die schönste Krokodiljagd, welche ich jemals gemacht habe. Die schädlichen Bestien sind hier 232 so häufig, daß wir während einer Tagesfahrt oft einige und zwanzig zählen. Wir blieben bei der Hütte des Fakhi'e über Nacht und verließen sie am andern Morgen mit Sonnenaufgang zu Fuße, weil wir in dein nahen Walde jagen wollten. Dieser wurde schon kurz nach unserem Eintritte bis auf gewisse Wege undurchdringlich. Letztere liefen in allen Richtungen in den Wald hinaus, endeten aber regelmäßig am Flußufer, von wo stark betretene Steige nach dem Flußspicgcl hinabführten. Die Wege rührten von den Elephanten her, das konnten wir schon aus der massenhaft in ihnen liegenden Losung schließen; denn diese war von einer Größe, wie sie kein anderes Thier hätte erzeugen können und bestand nicht allein aus Blätterüberresten, sondern auch aus drei bis vier Zoll langen, daumcnstarken Aesten, Holzstücken und Baumfasern. Im Schlamme des Flußufers konnten wir die Fährten der Elephanten deutlich von denen der Nilpferde und wilden Büffel unterscheiden. An allen Bäumen des WaldeS bemerkten wir die Verheerungen, welche die gewaltigen Fresser angerichtet hatten, die Thiere selbst bekamen wir nicht zu Gesicht (obgleich wir, nach noch ganz frischen Fährten zu schließen, ihre Gegenwart mit Sicherheit annehmen konnten); wahrscheinlich hatten sie sich nach der Tahhera zurückgezogen. Einige, jetzt halb verwilderte Baumwollenfelder waren fast gänzlich zerstört. Hier am blauen Flusse sind die Einwohner zu indolent oder faul, als daß sie den ihr Besitzthum oft genug verwüstenden Elephanten nachstellen und sich des gewinnbringenden Elfenbeins bemächtigen sollten. Die Neger des Bahhr el abiadt, welche sich überhaupt in gar mancher Hinsicht Vortheilhast vor den Sudahne- sen auszeichnen, graben tiefe Gruben, in welche die Elephanten stürzen. Dann geben sie ihnen mit langgestielten, sehr scharfen und spitzigen Lanzen den Genickfang, ziehen die todten Körper aus den Gruben heraus, essen das Fleisch und brechen mit Hülfe des Feuers die Stoßzähne aus den Kinnladen. Wir hätten in unserem Walde, wenn wir mit passenden Waffen versehen gewesen wären, leicht Elephanten erlegen können, standen aber von Vorn 233 herein von der Jagd ab, weil unsere Büchsen nur kleine Kugeln schössen. « Auf mehreren Sandinseln lagen viele Krokodile von erstaunlicher Größe, im Flusse machten sich drei Nilpferde recht lustig. Sie tauchten in kurzen Zwischenräumen auf und schnaubten das in ihre Nasen gekommene Wasser wie Walfische rauschend von sich. Meine zum Theil sehr gut treffenden Kugeln schienen sie nicht besonders zu beunruhigen; ich glaube auch nicht, daß sie jemals die dicke Kopfhaut durchbohrten. Wenn sie eine Kugel schmerzte, ließen sie ein wüthendes Gebrüll, welches mit dem unseres Bullochscn Aehn- lichkeit hat, aber viel stärker ist, hören, sprudelten mit sichtbarem Grimme das Wasser von sich und tauchten dann etwas länger unter als gewöhnlich. Es war heute sehr heiß gewesen. Erst der Abend brachte uns die gewünschte Kühle. Wir hatten am rechten Ufer des Flusses angelegt und zündeten mit Einbruch der Nacht ein großes Feuer an, weil einige dürre, mächtige Bäume unbenutzt am Strande lagen. f Schon nach wenig Minuten zeigte sich eine grell von den Flammen beleuchtete Hyäne auf dem hohen Uferrande, sah starr auf uns herab und begann dann kläglich zu heulen. Die ganze Reisegesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, ohne daran zu denken, der Hyäne eine Kugel zuzusenden. Diese Raubthicre sind hier gemein. Wir hören sie jede Nacht großartige, aber abscheu- lige Vokalkonzertc aufführen. Sobald nur eine von ihnen ihre Stimme erhebt, heult bald die ganze Runde. Niemand denkt daran, sich vor ihnen zu fürchten. Am 3. Januar 1851. Seit gestern Nachmittag hatten wir heftigen Sturm aus Norden, welcher uns sogar zum Stillliegen zwang. Erst gegen Abend erlaubte er uns heute die Weiterreise. Kurz nach der Abfahrt sahen wir an dem einen Ufer einige Geier auf einem Aase sitzen. Eine Nomade verscheuchte die Böge! ^ und brach bei Besichtigung des Aases in lautes Weinen aus. Auf unsere Anfragen erzählte er uns, daß er seit heute Mittag sein Lieblingsrind vermißt habe und es jetzt todt am Strande finde. Ein Krokodil hatte dem zwei Jahre alten Thiere den Kopf abge- 234 bissen. „8ot>ulrk ei mAlmülin ja sollusna"! — Seht den Verfluchten (alles Guten Baren), meine Bruder— sagte Tomboldo. — Abends erlegten wir den Riesenrciher, einen nur selten vor- > kommenden Vogel, den ich Oben kurz beschrieben habe. — An meinem Gewehre ist die Schraube, welche beide Schlösser zusammenheilt, zerbrochen. Das ist nun freilich ein sehr fataler Umstand. Glücklicher Weise finde ich eine ähnliche Schraube in unseren VorrathSkasten, seile sie zu und setze mein unentbehrliches Jagdgewehr wirklich wieder in Stand. Tags darauf erreichen wir den Marktflecken Karkohdj am rechten Stromufcr. Am andern Ufer lag das Dorf Söröh, welches von den Dinkha-Ncgern zerstört wurde. Für uns war eine zahme, frei herumlaufende Gier äffe das Interessanteste, was uns Karkohdj bieten konnte. Das schöne, zutrauliche Thier besuchte uns sogleich nach unserer Ankunft an der Barke, fraß uns Brod und Durrahkörncr aus der Hand und behandelte uns so freundlich, als wären wir seine alten Bekannten. Wir erhielten hier die Nachricht, daß die Abyssinier, mit denen * die Türken selten in Frieden leben, von Neuem in das türkische Gebiet eingefallen seien und der Major eines in Sennahr stehenden Linicnbatallions, Sahlcch-Effendi, Befehl erhalten habe, gegen sie zu Felde zu ziehen. Die Bewohner des oberen Stromgebietes sind überhaupt unter türkischem Schutze nicht so gesichert, als man vielleicht glauben könnte. Von Osten her bedrohen die Abyssinier, von Westen her die Neger des weißen Flusses das Land mit Einfällen. Die Ersteren, welche man gewöhnlich „Makahte" nennt, sind sehr gefürchtet; ihre Grausamkeit *) soll ebenso schrecklich sein, als ihr Schlachtcnmuth groß. Weil sie lebenden Thieren Flcischstücke aus den Lenden schneiden, um diese roh oder nach ihrer Meinung saftig verzehren zu können, gelten sie in manchen Gegenden für Menschenfresser. Dem Tode sollen sie tollkühn entgegengehen. Sie strecken ihre Schilde den Kugeln und Bajonetten ^ der türkischen Soldaten entgegen und halten, ohne zurückzuweichen, *) Hostes omnes csptas csslrsre eorliuiPie penes tsiiqusm tiopzes con- siilersrs äicuntur. 235 daS mörderische Gewehrfeuer derselben aus. Ihre Angriffswaffen sind gewöhnlich nur Strcitkolben, Bogen und Pfeile, selten Gewehre von großem Kaliber, welche sie mit abgerundeten Eisenstücken laden, aber doch sind sie nicht zu verachtende Feinde der türkischen Regierung, deren Kriegszüge zu jeder Jahreszeit geschehen. Karkohdj ist von drei Seiten von einer hügeligen, mit einzelnen Bäumen bestandenen, wildrcichen Chala, welche sich erst in ziemlicher Entfernung von dem Dorfe in Wald verwandelt, umgeben. Der Wald selbst ist hier nicht der prachtvolle Mimosenwald der Stromufcr, sondern besteht fast nur aus niederen buschartigen Bäumen mit langen Schoten, welche die Eingcborncn Kharat nennen und zum Gerben eines sehr dauerhaften Leders benutzen. Die Gesträuche sind ungcmein dornig und stehen so dicht beisammen, daß sie den Wald ebenso undurchdringlich machen als die Schlingpflanzen, Nabakh- und anderen Büsche die Urwälder. Eine zahlreiche Gesellschaft von Königs kranichen hatte sich ein Dickicht zum Schlafplatze ersehen und trompetete von dort allabendlich ihr Schlafgeschrei zu uns herüber. Ich versteckte mich in Gesellschaft meines Dieners Mukle eines Nachmittags in diesem Dickicht und erlegte zwei Stück der ankommenden Böget. Aber dabei war es Nacht geworden, wir verirrten uns in dem verworrenen Gestrüpp und konnten zuletzt keinen Ausweg finden. Die Dornen zerrissen uns die leichten Kleider und verwundeten uns am ganzen Körper. In kurzer Zeit waren wir des größten Theiles unserer Kleider beraubt. Mukle war untröstlich; „Gott verfluche die Dornen und vergelte es Dir, Effendi, daß Du mich mitten in der Nacht, — wü knkrs »LtüIiL 81 lläds! — (und sie ist doch die Feindiu der Menschen) — im Bauch des Waldes herumführst", rief er entrüstet und suchte vergeblich nach einem dornlosen Pfade. Das Bellen der Dorfhunde brachte uns am Ende doch wieder glücklich in die offene Steppe hinaus. Am 6. Januar erlegte ich abermals ein riesengroßes Krokodil; cS ging mir ebenfalls verloren, obgleich es lange Zeit besinnungslos am Strande lag. — Die türkische Kleidung, welche wir tragen, ist hier so unbc- 236 kannt, daß sie selbst den Thieren auffällt. Gestern kam ich einer Rinderheerde zu nahe und sah alsbald die ganze Gesellschaft, die Ochsen mit zur Erde gebeugten Köpfen und hoch emporgehobenen ? Schwänzen, auf mich loskommen. Ich begrüßte die schnaubenden Ungethüme mit empfindlichen Schrotschüssen und trieb sie glücklich zurück. Wir verließen Karkohdj in den Nachmittagsstunden des 10. Januar, fuhren aber nur eine halbe Meile den Strom hinauf, weil wir in einem viel versprechenden Walde jagen wollten. Unsere Erwartung wurde nicht getäuscht; wir machten ergiebige Jagden und reisten erst am Abende des folgenden Tages weiter. Mit Einbruch der Nacht erreichten wir das Dorf Tlbehbö. Um Mitternacht weckte uns Lärm. Ein Tokhul war in Brand gerathen und verbreitete die Flammen mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. In Zeit von einer halben Stunde lagen fünf und zwanzig dieser Strohhäuser in Asche. Die Lohe der brennenden Wohnungen war über vierzig Fuß hoch und strahlte eine so gewaltige Hitze aus, daß wir für unsere Barke fürchteten und diese ei- * nige hundert Schritte stromaufwärts ziehen ließen. Während des Brandes durchzitterte das schrille Angstgcschrei der Weiber die Luft. Die Männer hatten von der Möglichkeit, Feuer zu löschen, gar keine Idee. Niemand dachte daran, aus dem ziemlich nahen Strome Wasser herbeizuschaffen. Man bemühte sich, dem Feuer den Weg abzuschneiden; weiter that man Nichts. Die Flammen ergriffen alles Brennbare mit außerordentlicher Schnelligkeit und liefen wie Schlangen auf dem Gestrüpp und den Dornhecken hin, mit welchen die Hütten gewöhnlich umgeben sind. DaS Gehölzel brannte wie Schwefel und brachte das Feuer selbst zu den entfernten Tokhahl. Was von dem entfesselten Elemente einmal ergriffen wurde, war verloren; fünf Minuten genügten, einen Tokhul bis auf die wenigen Hauptstützen in Asche zu verwandeln. Der größte Theil der Dorfbewohner sah mit stummer Verzweiflung dem vernichtenden Brande zu. Nur Wenige arbeiteten und hielten dabei, um sich gegen die Hitze zu schützen, Lederschilde und Strohmatten vor sich hin. Einige Männer bemühten sich, 237 das Vieh zu bergen, andere zertrümmerten die mit dem öligen Sim- sim angefüllten Lehmbehälter, weil diese den Flammen lange andauernde Nahrung gaben, andere schafften Anakharihb und anderes Hausgeräthe bei Seite. Die Weiber verhüllten sich ihr Gesicht, weinten und schrieen. — Ein in der Nähe des Dorfes SLmürkö beginnender Mimo- senwald beendete am folgenden Tage schon anderthalb Stunden nach unserer Abfahrt die Weiterreise. Wir landeten neben einer Mischeraäh, welches nach einer hier betriebenen Werfte führte und traten bewundernd in den hehren, mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Wald. Die Gurgeltöne von hundert Affen vermischten sich mit dem Kreischen unzähliger Papageien, welche in den grünen Wipfeln herumklctterten, zu unserem Willkomm. Tomboldo fand das Nest des großen abyssinischen Nashornvogels (8u- coro8 — IrgKoxsn — rrll^88iaieu8) mit einem fast flüggen Jungen von der Größe eines Haushahnes, konnte aber die vorsichtigen Eltern, welche lieber ihr Junges im Stich ließen, als sich Gefahr auszusetzen, nicht erlegen. Die Einwohner des Dorfes Sumurko brachten uns fünf frisch gefangene Affen zum Verkauf. Wir bezahlten das Stück mit einem Piaster und banden sie an starken Schnuren auf unserer Barke an. Dort saßen sie, den Kopf unter dem Arme verborgen, mit dem Ausdruck der tiefsten Niedergeschlagenheit im Gesicht und verschmähten das ihnen angebotene Futter. Unsere Jagden fallen immer höchst ergiebig aus. Der Wald ist von zahlreichen Pcrlhühnerketten belebt; wir schießen von den leckeren Vögeln so viele, als wir zur Küche brauchen. Dann und wann erlegen wir auch eine Antilope. Bis jetzt sind wir mit dem Ertrage unserer Reise sehr zufrieden. Wir haben seit unserer Abreise von Charthum achthundert Vögcl präparirt. Gewöhnlich treten die Arten der Vögel in zahlreichen Eremplaren auf. Heute zählte ich auf einer nicht allzu großen Sandinsel sünsundneunzig K ö- nigskraniche. Die numidischen und grauen Kraniche sind noch zahlreicher. Erstere bedecken im vollen Sinne des Worts oft ganze Sandbänke und einigen sich in Schaaren von mehreren Hun- 238 dcrt, ja mehreren Tausend Individuen. Unter solchen Umständen ist es eine Lust zu jagen! Glücklicher Weise sind wir mit Ausnahme Tischcndors's Alle gesund geblieben. Dieser ist noch immer mehr oder weniger fieberkrank. Nachdem wir am 18. Januar einen sehr unbedeutenden und dennoch von unserem feigen Schiffsvolk gcfürchtcten Schcllahl über- schifft hatten, gelangten wir am 21. Januar zu einem Regentcichc, hielten uns aber an ihm nur wenige Stunden auf, weil unser Reis uns zu einem andern, den er sogar „Birket" — See — nannte, zu führen versprach. Wir kamen nach zwei Tagen dahin und fanden die noch mit Wasser gefüllte Fuhla so groß, daß sie den Namen Birket verdiente. Sie war nur acht Minuten vom Stromufer entfernt und beherbergte noch gegenwärtig mehrere Nilpferde mit ihren Jungen. Vielleicht hatten die Mütter diese hier zur Welt gebracht; wenigstens schien mir die Birket zu einem ruhigen und stillen Aufenthalte der Hippapotami wohl geeignet. Rings um sie lagen fruchtbare Felder, aus denen sich die Thiere ohne Beschwerden ihre Nahrung holen konnten. Wir fanden hier außer den uns schon bekannten Vögeln auch den Schlangenhalsvogel Nord-Ost-Afrika's (klotu8 Us Vaik- lantii) in ziemlicher Anzahl vor, doch war derselbe leichter zu beobachten als zu erlegen. Bevor wir einen Schuß auf ihn thun konnten, mußten wir bis an die Brust in's Wasser waden und hatten es auch dann nur dem Zufall zu danken, wenn ein Schrot den einzig und allein über dem Wasser sichtbaren dünnen, schlan- genähnlichcn Hals traf. Ungeachtet aller mit dieser Jagd verbundenen Beschwerden wurden von uns dennoch drei Stück des schönen Vogels erbeutet und viele andere verwundet. Diese entkamen uns, vermöge ihrer erstaunlichen Schwimmfertigkeit; aber auch ein vierter, welchen Tomboldo getödtet hatte, ging verloren. Der Nubier war eben im Begriff, den todt auf dem Wasser schwimmenden Vogel herbeizuholen, als ihn ein am Ufer arbeitender Araber bat, „um der Barmherzigkeit Gottes willen" dem Lande zuzueilen, weil ein Nilpferd auf ihn lvsschwimme. Tomboldo wendet sich um und sieht die wuthschnaubende Bestie mit wilden Sätzen auf ihn zukommen; sie hat bereits festen Grund unter ihren Füßen und droht ihn zu ergreifen, da nimmt er die Flucht und ist wirklich so glücklich, den Wald zu erreichen, ehe sein grimmer Feind noch die Birket verlassen hat. Bis an den Uferrand verfolgt ihn das Un- gethüm; erst im Walde darf sich der Jäger sicher fühlen, denn die Schrotflinte in seiner Hand verdient diesem Ungeheuer gegenüber nicht einmal den Namen einer Waffe. Das wahrscheinlich durch die fallenden Schüsse in Harnisch gejagte Thier würde meinen trefflichen Jäger, hätte es seiner habhaft werden können, unfehlbar zermalmt haben; denn es ist bekannt, daß das Nilpferd zuweilen mit blinder Wuth auf einen ganz harmlosen Gegenstand losstürzt, um ihn zu vernichten. So tödtete, wie Rüppell erzählt, ein Hippopotamus vier, an einem Schöpfrade angefeffelte Ochsen, ohne daß man nur ahnen konnte warum, dillLlil mln tzl sLlisi- tLkn gä rälM, chllslr jenärlil ei äö 88 int — vvä öl i'liLttäl>83 rsoli!" — Behüte mich, o Herr, vor dem Teufel, Gott verdamme diese Nilpferde! — Und mein schöner Taucher ist hin — sagte Tomboldo ingrimmig zu mir. Und nun bat er mich inständig, doch diesen „Malaai'hn" oder Verworfenen recht viele Kugeln auf den Pelz zu jagen. Daß dadurch die Nilpferde immer wüthender wurden, ist nicht zu verwundern. Bei unserer Ankunft verhielten sie sich ziemlich ruhig, aber schon am zweiten Tage unserer Jagden wurde es gefährlich, in das Wasser zu gehen. — Nach einem Aufenthalte von zwei Tagen reisten wir weiter. Unsere Leute machten uns auf die erst hier beginnenden Ebenholzbäume, „8rlch'ör ei bLdänüli8", aufmerksam. Am weißen Flusse bemerkt man sie schon weiter nördlich. Die von mir gesehenen Ebcn- holzbäumc waren mehr strauch- als baumartig und hatten selten über dreißig Fuß Höhe. Das Holz der „Babanuhs" ist nicht gerade ausgezeichnet, immerhin aber brauchbar; hier verdorrt und verfault es unbenutzt. — Am 27. Januar. Gegen Mittag kamen wir zu einem ziemlich großen Lager der Bakhahra-Araber. Sie waren erst gestern 240 vorn andern Ufer übergesiedelt und hatten ihre luftigen Zelte unter den schattigen Mimosen eines Waldes am rechten Stromufer aufgeschlagen. Bald nach unserer Ankunft fanden sich mehrere Männer in der Nähe unserer Barke ein und betrachteten die auf dem Strohgezclt derselben liegenden ausgestopften Vögel. Zu ihnen gesellten sich Mehrere und in kurzer Zeit auch Weiber, so daß zuletzt die Hälfte aller Bewohner deS Zeltdorfcs um uns versammelt war. Die Weiber hatten sich mit Bernsteinschnurcn, deren einzelne Stücke oft einen halben Zoll im Durchmesser haben mochten, Korallen und Glasperlen Kopf, Hals, Arme und Haare geputzt. Einzelne von ihnen hatten wohl auch starke Messingringe in die Haare geflochten oder trugen diese in der Nase, aber eine der Schönen verdunkelte sie alle: sie trug als ganz besondere Zierde zwölf bis fünfzehn messingene Fingerhüte in den Haaren und warf ihren Kopf zuweilen mit europäischer Gefallsucht zurück, um dadurch ein höchst nüchternes, prosaisches Zusammenklingen der Fin- gerhüte zu bewirken. Sowohl Mädchen als Frauen waren nur mit einem um die Hüften geschlagenen Tuche bekleidet und trugen den übrigen Körper unverhüllt zur Schau. Sie waren ohne Ausnahme untadelhaft gebaut und zeigten Zähne von vorzüglicher Reinheit und so großer Regelmäßigkeit, daß sie gewiß manche Europäerin darum beneidet haben würde. Ebenso schön als die Zähne was das glühende, schwarze Augenpaar der Schönen oder bei jugendlicheren Gestalten der volle, aber wahrhaft plastisch geformte Busen. Die Kleidung der Sklavinnen und kleinen Mädchen bestand aus einem sehr unvollständigen Schürzchen; die Knaben gingen völlig nackt. Es machte mir Vergnügen, mich mit diesen Naturkindern zu unterhalten. Die treuen Schilderungen der Bibel finden sich bei ihnen wieder Bild für Bild; aber der Nimbus, in welchem dem Kinde der schafehütende Jakob oder die wasserscköpfende Rebecka vor der Seele steht, geht leider verloren. Noch heute kann man, wie sonst, den Hirten mit seinem Stäbe oder seiner Lanze bei seiner Heerde stehen sehen; noch heute kommt, wie sonst, die Jungfrau 241 mit dem in seiner Gestalt sich gleichgebliebenen, alterthümlichen Gefäße zum Flusse, um dort Wasser zu schöpfen und noch heute vielleicht, schlägt sie ihre Ferdah in denselben Faltenwürfen um sich als vor Jahrtausenden, — aber nur aus der Ferne betrachtet erscheint das noch biblisch. Wenn man näher kommt, zerfließt das patriarchalische Bild in Nebel: der Buttergcstank des überaus- schmutzigen „biblischen" Kleides wirkt empfindlicher auf unser Inneres, als die wohlcrhaltencn Sitten der Erzväter es thun können. Die Phantasie kehrt bald in engere Grenzen zurück, ungeachtet uns jener Alte dort noch mit denselben Worten zu seiner Hütte einladet, die einst Abraham den wandernden Engeln spendete. Ich zeigte den Frauen zuerst Glasperlen. Sie gefielen, waren aber zu zerbrechlich. Dann reichte ich ihnen meinen Spiegel. Ein nicht enden wollendes Freudengeschrei belohnte mich dafür. Der Spiegel ging aus einer Hand in die andere, wanderte von den Frauen zu den Männern, von diesen wieder zu den Frauen zurück und schien Allen, allmindcstens den Frauen unsäglichen Spaß zu machen. Ich bekam ihn nicht wieder zurück, bevor Alle ihre nicht gerade hübschen, sondern eher unregelmäßigen Gesichtszüge zu wiederholten Malen genau betrachtet hatten. Einige der Schönen hatten sich, wie dies alle Tage zu geschehen Pflegt, die Haut eben frisch mit Butter cingeriebcn und eine von diesen hatte der Butter noch fein gestoßene Curcumawurzel beigemischt, wodurch ihr Gesicht eine safrangelbe Farbe angenommen hatte. Sie konnte gar nicht müde werden, den Spiegel immer wieder von Neuem zu gebrauchen und schien die gelbe Schminke ungefähr mit demselben Vergnügen zu beäugeln, als manche meiner schönen Landmänninnen das durch „die Kunst" hervorgerufene Roth ihrer zarten Wangen. Zuletzt brachte ich Kaup's Naturgeschichte herbei und zeigte ihnen die in diesem Werke dargestellten Thier- und Mcnschenabbil- dungen. Ein Bcifallsgeheul erschallte, so oft ich das Bild eines ihnen bekannten Thieres aufschlug. Es verdient bemerkt zu werden, daß sie, die niemals von Bildern gehört hatten, jeden guten Holzschnitt sogleich erkannten; sie wußten mir dann jedesmal durch Gesten, Nachahmungen der Stimme und Beschreibung des Acußeren m. 16 242 sicheres Kennzeichen des gezeichneten Thieres zu geben. Ain Besten gefielen ihnen Menschenabbildungen. Das Bildniß eines Negers erweckte sprudelnde Witze und einen unverwüstlichen Humor in ihnen. Gegen Abend verließen wir das glückliche Völkchen und landeten nach mehrstündiger Fahrt in der Nähe eines kleinen, wenige Stunden unterhalb Rosse er es gelegenen Dörfchens. Hier erhielten wir die Nachricht, daß unser Bekannter Aali-Bei von seiner Reise nach Khassahn zurückgekehrt sei und krank in RosseereS liege. Auf unserer heutigen Fahrt sahen wir am rechten Flußuser nur Tompalmenwäldcr, in denen sich selten wilde Thiere aufhalten. Am anderen Ufer mochte es anders aussehen, denn dort ließ Abends „der grimme Leu" mehrere Male seine Stimme ertönen; wahrscheinlich war er hungrig und grollte über die Bakhahra, welche ihm seine Beute: die Rinder und Ziegen der Nomaden entzogen und in Sicherheit gebracht hatten. Mit dem frühesten Morgen erschienen zwei Diener Aali-Bei's und baten unseren Doktor im Namen ihres Herrn um einen Krankenbesuch bei Letzterem. Sie hatten für den Fall, daß mein Gefährte reiten wollte, einen wohlgcsattelten Hedjihn mitgebracht. Der Doktor zog es bei dem günstigen Winde vor, mit der Barke zu reisen und besuchte den Obersten sogleich nach unserer Ankunft in Rosfecres. Aali-Be'i lag in einer hart am Ufer erbauten Nekuba fieberkrank darnieder, befand sich jedoch bereits auf dem Wege der Besserung. Mit Hülfe einiger Arzneimittel genas er bald. Wir erfuhren von ihm auch Näheres über seine Reise. Er hatte zu seiner Bedeckung von Fassokl auS zweihundertundfunfzig Ncgersoldaten mitgenommen, war aber dennoch von den freien Negern des Gebirges Tabi angefallen worden. Nach seiner Aussage hatten mehr als zweitausend Neger die Soldaten angegriffen und fünf von diesen getödtct. Obgleich auf Seiten der Schwarzen fünfundzwanzig bis dreißig Mann durch die Kugeln der Soldaten gefallen waren, wurden jene doch keineswegs vom Kampfe abgeschreckt, sondern stürzten sich mit wahrer Todesverachtung in die 243 Bajonnctte der Soldaten, ergriffen sie mit den Händen und hieben mit ihrem Trumbasch nach dem Kopfe derselben. Auf die erhaltenen Wunden streuten sie Erde, um die Blutung zu stillen, kämpften jedoch ungeachtet derselben fort. Zuletzt wichen sie aber doch den Feuerwaffen und Aali-Bci erreichte von nun an unangefochten die Goldbcrgwcrke von Khassan. Mit welcher Erbitterung gestritten worden war, konnte man an den Gefallenen sehen: ein Unteroffizier der Soldaten hatte mehr als zwanzig Lanzenstiche empfangen. Auf seiner Rückreise nahm der Bei noch fünfzig Soldaten mehr mit sich und ließ jedem Einzelnen fünfzig Patronen verabreichen. Diesmal blieb der Reisezug unangefochten. Man suchte die Wahlstatt auf, fand aber dort keinen Gefallenen mehr und glaubte deshalb nur einen neuen Beweis zu der seit Langem herrschenden, unbegründeten Meinung, daß alle freien Neger Menschenfresser seien, erhalten zu haben. Aali-Bei, ein sonst sehr Heller Kopf, glaubte jetzt selbst steif und fest daran. Der gute Mann war unendlich froh, „diesem Tcufclslande" mit heiler Haut entronnen zu sein und überzeugte uns, daß es bei unserer geringen Anzahl Tollkühnheit wäre, die von uns beschlossene Reise von Fassokl nach Khassahn auszuführen. „Ich rathe Ihnen", sagte er in seinem schlechten Italienisch zu uns, „gehen Sie nicht in jene von Gott seit Erschaffung der Welt verdammten Gegenden, wo Sie Ihr Fell lassen können; — freilich — wenn Sie trotz aller meiner Warnungen verrückt sein wollten: dann ist es etwas Anderes." Rössvcrös, die frühere Hauptstadt eines Königreichs der Fungi, liegt am rechten Ufer des blauen Flusses und eine starke Viertelstunde von diesem entfernt, einige Minuten südlich vorn zwölften Grade der nördlichen Breite. An der dem Flusse zugekehrten Seite begrenzt ein unabsehbarer, fast undurchdringlicher Dompalmenwald, nach den übrigen drei Seiten die ziemlich bäu-- mereiche Steppe die Stadt, welche jetzt kaum diesen Namen noch verdient. Gegenwärtig ist Noffecres nur als eine Vereinigung mehrerer durch Felder und Steppenstreifen von einander getrennter Ortschaften, welche auch besondere Namen führen, zu betrach- 16 * teil. Die Basars sind, seitdem man das vormals hier stationirte Militär nach Fassokl und Khassahn verlegte, verödet, der Handel ist unbedeutend. Man sieht nur Tokhahl, keine Tanakha. Erstere sind zur Verhütung großer Feuersbrünste sehr weit von einander erbaut, weshalb die Stadt größer erscheint, als sie ist. Ihre Einwohnerzahl dürste Zweitausend betragen. Die Lage der Stadt ist ungünstig. Sie liegt auf mehreren Hügeln und leidet an Wassermangel. Allabendlich sieht man Frauen und Esel — die geplagten Lastträger der Sudahncsen — in langen Zügen zum Flusse wallen, um sich von dort das nöthige Trinkwafser herbeizuschaffen. Rofseeres ist todt und unfreundlich. Gegenwärtig lebten die Einwohner des Fleckens in großer Furcht vor den M akahtc. Man hatte den Palmenwald in Brand gesteckt, um einen sicheren Zufluchtsort der gefürchtetcn Feinde zu vernichten und sich am anderen Stromufer oder auf den vom Strome umflossenen Inseln leichte Strohhütten erbaut, um beim ersten Erscheinen der feindlichen Krieger dahin flüchten zu können. Diese waren zum größten Glück für die armen Bewohner jener Gegenden gar nicht erschienen, sondern hatten sich, nachdem sie einige Grenzdörfer verheert hatten, wieder zurückgezogen; vielleicht weil sie von dem Herannahen eines Negerbataillonö, welches von Scn- nahr aus gegen sie dem dem Marsche war, gehört hatten. Wir blieben bis zum 4. Februar in Rofseeres. Nach Süden zu konnten wir unsere Reise nicht weiter fortsetzen, weil der Fluß bereits so seicht geworden war, daß unser Reis fürchtete, bei längerem Aufenthalte mehrere Untiefen nicht mehr passiern zu können. Die Jagd war ziemlich ergiebig, würde aber in dem uns gegenüber liegenden Walde wohl noch besser gewesen sein. Diesen durften wir nicht betreten, weil dort die Tabi-Neger streiften. Allnächtlich hörten wir von dort das Gebrüll der Löwen zu uns her- überschallen; Elephanten sollten, nach Aussage der Eingeborncn, in ihm häufig sein. Der Hyänen und Nilpferde thue ich nicht mehr Erwähnung, weil es eine Ausnahme von der Regel gewesen wäre, 245 wenn wir sie einen Tag lang nicht vernommen oder gesehen hätten. Bald nach unserer Abfahrt, welche, wie gewöhnlich, erst zur Zeit des Assr erfolgte, sah ich zwei wilde Büffel (Los oaller) am Strome trinken, fehlte sie aber in der Dunkelheit des AbcndS auS nicht allzu großer Entfernung. Nachts wechselseitiges Löwengebrüll auf beiden Stromufern. Noch bis spät in die Nacht hinein treiben wir langsam mit den Wellen des Stromes hinab. Am folgenden Tage landeten wir bei der Birket mit den Nilpferden und Schlangcnhalsvögcln. Wir jagten dort den ganzen Tag über und wollten mit Einbruch der Dunkelheit noch einige Pe- lekane, von denen eine zahlreiche Gesellschaft Nachmittags angekommen war, erlegen. Ich hatte zwei Stück geschossen, Tom- boldo jagte auf der anderen Seite. Mein Nachhauseweg führte mich durch ein dorniges, schon wieder von dem Urwalde in Besitz genommenes Baumwollenfeld. Einer meiner Nubicr begleitete mich und trug Büchse und Beute. Wir hatten fast das Ende der Birket erreicht, als mich der Nubier auf drei dunkle, hügclartige Gegenstände aufmerksam machte, welche ich bei Tage gesehen zu haben mich nicht erinnerte. Die Nacht war so dunkel, daß ich nur ihre Umrisse erkennen konnte. Ich hielt sie für Erdhaufen und ging sorglos auf sie zu. Das Wuthbrüllcn eines Hippopotamus belehrte mich über meinen Irrthum: drei aus dem Wasser herausgetreten Nilpferde, welche wir den ganzen Tag über gereizt hatten, standen in einer Entfernung von kaum fünfzig Schritten vor mir. „Lsuvir salo'ilw ja robb"*) rief der Nubier schaudernd, ,,flieh, Ef- fendi, rette Dich, Du bist verloren, wenn Du einen Augenblick länger weilst." Und weg warf er die erlegten Pelekane, die Büchse und die Jagdtasche und war mit einigen Sätzen im Gebüsch verschwunden. Daß uns die Ungcthümc bemerkt hatten, war augenscheinlich. Sogleich nach dem ersten Gebrüll bewegten sie sich nach uns zu; der Nubier hatte recht, es blieb uns nur die Flucht übrig! Waffen besaß ich nicht, denn meine Gewehre waren keine Waffen und ohne Waffen ist der Mann kein Mann mehr. Ich stürzte dem *) Zu Deutsch: „Hilf uns, o Herr!" 346 Nubier auf dem Fuße nach. Die Dornen der Büsche zerfetzten mir die Kleider, zerkratzten mir die Haut, die stacheligen Zweige peitschten mich in's Gesicht, der ganze Körper schmerzte, — ich achtete es nicht! Hinter mir her stürmte das wüthende Thier, es kam näher und näher, die Todesangst lieh mir Kräfte, aber wie lange noch? Verzweifelnd eilte ich in der eingeschlagenen Richtung weiter, es gab für mich keine Hindernisse, ich sprang durch die furchtbarsten Dornenhecken ohne Bedenken hindurch. Meine Lage war schauderhaft. Vor mir dunkle Nacht, dicht hinter mir mein entsetzlicher Feind, ich wußte nicht mehr, wo ich mich befand, ich wußte Nichts mehr von mir selbst. Da, Himmel! — ich stürzte! Aber ich fiel weich, ich lag im Wasser! Gottlob, ich war im Strome und wenige hundert Schritte vor mir schimmerte das freundliche Feuer unseres Schiffes. Rasch durchschwamm ich die schmale Bucht, welche mich von der Halbinsel trennte, an der unsere Barke angelegt hatte, ich betrat sie und war gerettet! Oben an dem wohl zwanzig Fuß hohen Uferrande, über welchen ich herabgestürzt war, stand das brüllende Ungeheuer. An allen Gliedern zitternd und ganz entkräftet kam ich an der Barke an. Tomboldo kehrte später zurück und war, achtlos seinen Weg verfolgend, noch näher als ich an ein Nilpferd herangekommen und von diesem ebenfalls verfolgt worden. Er hatte, vor ihm flüchtend, dieselbe Richtung eingeschlagen als wir, war dabei aber fast in noch größere Todesgefahr gerathen. Das Nilpferd ist ihm schon bis auf wenige Schritte nahe gekommen, da bleibt er mit einem Fuße in den Dornen hängen und fällt zu Boden. Sein Gewehr entladet sich, ohne ihn zu verletzen, die ihm nachjagende Bestie stutzt einen Augenblick, er rafft sich auf und erreicht ebenfalls das Ufer. Kopfüber stürzt er sich in die Fluthcn und schwimmt nach der erwähnten Halbinsel herüber. Dort angelangt, fällt es ihm ein, daß er fast aus der Scylla in die Charybdis gekommen wäre: er hatte erst vor wenig Stunden drei Riesenkrokodile in derselben Bucht, durch welche er und ich eben geschwommen waren, gesehen. In höchster Aufregung kam er bei uns an. ,,Brüder", rief er den Matrosen und übrigen Dienern zu, ,,betet heute zwei 247 Rakaat*) mehr, danket Gott mit mir für meine Errettung! Ich will Euch, wenn ich erst mit Hülfe des Barmherzigen in Char- thum angekommen sein werde, einen großen Sack voll Datteln, „Karahmc", (zum Opfer) geben. il lalla il l>la- Iismmeck rsssulll ^llalr! Der Arm des Todes griff nach mir — aber — ei Iiamcln lillalli — ^Usli tierillm! Sgllall ol nobbi g'a solumna — Preist den Propheten, meine Brüder — 4IIak lisrilim! Gott ist barmherzig!" — Einer unserer Matrosen hat sich in dem nahen Dorfe S8-- k»'i einen jungen rothen Assen (Uei-oopitlioons p^rrbonotos) gekauft, welcher ein scheußliches Geschöpf ist. Das noch bartlose, faltige Gesicht ähnelt dem eines alten häßlichen Weibes. — Das Gebrüll des Löwen hören wir jetzt jede Nacht. Am 20. Februar. In den letzten Tagen haben wir mehrere Male zur Nachtzeit glücklich auf die Jungfernkraniche gejagt. Die Thiere scheinen sich jetzt zum Zuge zu versammeln. Wir sehen auf manchen Sandinscln so zahlreiche Schaarcn, daß wir sie, wahrscheinlich ohne sehr zu irren, zu mehr als sechstausend Individuen schätzen können. Jetzt sind die Böge! in ihrem Prachtkleide. Vorgestern wehte am Morgen ein heftiger und sehr kalter Nordwind. Wir froren erbärmlich, hüllten uns in unsere Decken und wagten uns erst mehrere Stunden nach Sonnenaufgang hinaus in die kalte Luft. Um Mittag kamen wir zu einem von den Wanderheuschrecken verwüsteten Wald und erlegten viele Röthelfal- kcn, welche in der schon beschriebenen Weise Jagd auf die Insekten machten. Der Fluß ist sehr seicht geworden und kann an manchen Stellen durchwadet werden. Dort hat er zwar immer noch die Breite von einer Viertelstunde, seine Wassermenge ist aber dennoch mit der im Charles nicht zu vergleichen. Unser Reis klagt oft über das geringe Fahrwasser und versichert, daß von nun an der blaue Fluß gar nicht mehr schiffbar sei. In der Nacht passiren wir dagegen eine sehr tiefe, von hohen Felsen eingeschlossene Stelle des ) Eigentlich Rakaaaht, Plural von ,,Raksah". S. Thl. 2 S- 9V, Flusses, welche, weil sie nur wenig Fall hat, Birket cl fetal) te, „der todte See" genannt wird. Um Mittag landen wir in Scnnahr. Zwei Tage später kommen wir mit der Barke Aali-Bei's wieder zusammen und fahren mit ihm gemeinschaftlich weiter. Im Laufe des Tages zählen wir mehr als dreißig Krokodile, was zum Theil darin, daß jetzt bei dein seichten Wasser die gefährlichen Lurche eher zu sehen sind, seinen Grund haben mag. Ich schieße auf mehrere, verwunde aber nur ein einziges tödtlich. Abends legten wir mitten im Walde an und besuchten Aali- Bei auf seiner Barke. Die Tschibukaht dampften, der Oberst war sehr gesprächig und heiter. Da auf einmal verfinsterten sich seine Mienen: eine Löwe brüllte in nicht allzu großer Entfernung. „Der Teufel hole diese verfluchten Bestien", sagte er, „man kann auch nicht eine Nacht mehr ruhig schlafen. Ich werde noch nach der Insel überfahren lassen, um vor ihnen sicher zusein." Sein Wort war noch nicht verhallt, als der zweite Löwe des Paares, wie es schien, in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritten, dem ersten antwortete. Und nun begann ein großartiges, schauerlich wildes Duett: „Er hebt sein Haupt empor und brüllt. Sein Brüllen tönt so hohl, so wild! Dem Panther starrt das Rosenfell, Erzitternd flüchtet die Gazell', Es lauscht Kamel und Krokodil Des Königs zürnendem Gebrüll." Nicht nur des Panthers, auch Aali-Bei's „Fell schien zu starren". „Meine Herren, ich werde sogleich an die Insel fahren lassen, Sie werden doch nicht hier bleiben wollen?" „„Gewiß, mein Oberst."" ,,Nun dann muß ich Sie bitten, auf Ihr Schiff zurückzukehren, denn ich bin wirklich nicht so verrückt, mich unnöthiger Weise einer Gefahr auszusetzen. Luona notts, SiZnori!" Er ließ in der That sogleich von dem verhängnißvollen Ufer abfahren und schien sich auch auf der Insel nicht eher sicher zu fühlen, als bis dort ein mächtiges Feuer angezündet worden war. 249 Wir blieben am Ufer liegen, doch will ich nicht leugnen, daß auch uns das Löwcngebrüll zuweilen die Haare sträuben machte. Man könnte das Gebrüll des Löwen einen Ausdruck seiner Kraft nennen; es ist einzig in seiner Art und wird von keiner Stimme eines anderen lebenden Wesens übertreffen. Die Araber haben ein sehr bezeichnendes Wort dafür: „raad", donnern. Beschreiben läßt es sich nicht. Tief aus des Löwen Brust scheint es hervorzukommen, es scheint diese zersprengen zu wollen. Furchterregend schlägt es an jedes Ohr. Die heulende Hyäne, der brummende Panther, die blöckende Heerde verstummt; der gurgelnde Affe klettert zu den höchsten Aesten der Baumwipfel hinauf; die Gazelle entflieht in eiligem Laufe; das beladene Kamel zittert, gehorcht keinem Zurufe seines Treibers mehr, wirft seine Lasten, seinen Reiter ab und sucht sein Heil in eiliger Flucht. Und selbst der Mensch, der so wohl Ausgerüstete, jedes Thier geistig so hoch Ueberragende, sragt sich, ob wohl seine moralische Kraft der höchsten Potenz der physischen die Spitze bieten könne. „Der Mann, der nie gebebt in seinem Leben, Der fühlet hier zum ersten Mal sein Herz erbeben/' Am anderen Morgen landen wir wenig unterhalb unseres nächtlichen Ruheortes in der Nähe einer Sattste, um dort frisches Gemüse zu kaufen. Ein dort beschäftigter Sudahncse sagt aus, daß man dort keine Nacht vor den Einfällen eines Löwenpaares sicher sei, welches selbst am Tage oft aus dem Dickicht des Waldes hervortrete. Gegen Abend passiren wir die Mündung des Dinder, eines aus den Gebirgen Abyssiniens nach dem Bahhr el asrakh strömenden Flüßchens, welches während der Regenzeit zu einem Strome anschwillt, in jetziger Zeit aber nur ungefähr den Wassergehalt unserer Elster haben mag. Wir nehmen hier Abschied von der Palmenkönigin „Dulchb", denn diese kommt weiter nördlich nicht mehr vor. — ES wird Zeit, daß wir zurückkehren. Unsere Schießvorräthc 250 sind fast ganz zu Ende. Die Präparaten Vögel können wir gar nicht mehr in den Kisten unterbringen und haben sie auf dem Stroh- gezelt in hohen Haufen aufgeschichtet. Wir haben bis jetzt mehr als vierzehnhundert Bälge Präparat und sind mit dem Ertrage der Reise überaus zufrieden. Jetzt wird es stiller in den Wäldern. Auch in der Thierwclt macht sich die Nähe der Alles crtödtenden trockenen Jahreszeit bemerklich. Das Laub der Bäume fällt ab, die flüchtigen Gäste der Wälder ziehen sich nach den südlicheren, wasserreicheren Gegenden zurück; unsere Jagden sind weniger ergiebig als früher. — Am 25. Februar. Zur Zeit des NachmittagSgcbetes jagte ich einem von sieben schlafenden Krokodilen eine Kugel, welche es auf der Stelle tödtete, durch die Brust. Es maß zehn pariser Fuß in die Länge und hatte mehr als dreißig halbreife Eier im Leibe. Ich bekam davon nur sechsundzwanzig Stück zu sehen, weil die Matrosen die übrigen sofort verspeist hatten. Anfänglich waren sie Willens, auch das ganze Krokodil zu essen, besannen sich aber und beschlossen, es in dem nahen Woled-Medine auf den Markt zu bringen. Es wurde deshalb heute nur das Schwanzstück gesotten. Die Matrosen fanden das zarte weiße Fleisch sehr wohlschmeckend; uns Europäern war der starke Moschusgeruch, welches dasselbe auch noch nach dem Kochen ausdünstete, so zuwider, daß wir keinen Bissen davon genießen konnten. Unsere Leute machten in Woled- Medine gute Geschäfte mit der von den Sudahnesen gesuchten Speise, kauften sich Meriesa von dem Erlös des verkauften Fleisches und hielten noch eine zweite Mahlzeit, bestehend aus einem Gericht Krokodil und mehreren Töpfen Meriesa. Und die TaIndus) ra erklang gar lieblich zwischen dem Schnalzen und den Be« theuerungen deS Wohlbehagens der Schmausenden und Zechenden! In Woled-Medine trafen wir unseren lieben Penney. Jeder angesehene Einwohner der Stadt veranstaltete seinetwegen eine Fanthas'ie, wozu auch wir jedesmal mit eingeladen wurden. Ein Fest drängte das andere, die späteren arteten aber immer in Bacha- nalien, die letzten sogar in Orgien aus und brachten uns bald so wenig Unterhaltung mehr, daß wir schon am ersten März weiter 251 reisten. Kurz nach unserer Abfahrt erlegte ich noch einen Jungfern- kranich, sah aber auch sogleich ein Krokodil auf ihn zuschwimmen und verjagte es nur durch mehrere gut gezielte Schüsse. Der Vogel trieb stromabwärts an's Land, ein Bein fehlte. >Jch habe ihn der Merkwürdigkeit halber ausgestopft und besitze ihn noch gegenwärtig in meiner Sammlung. Wir erreichten Charthum am sechsten März. Ich fand einen Brief von meinen Eltern vor. Für die sogenannte dritte Expedition des Frecherm von Müller waren weder Briefe, noch Wechsel angekommen. Freude» und Leiden während des letzten Aufenthaltes in Carthum. Hat manches Bild mich auch geschreckt Doch würd' es unrecht sein, zu schelten, Denn manches hat mich auch gelabt. Wie Sonnenlicht auf Wolkensäumen Und manchen Traum hab' ich gehabt, Den ich allzeit hätt' mögen träumen." Fre iligrath. Am 8. März. Contariny erschien heute mit einem vielsagenden Gesichte. ,,Eine Neuigkeit, Signori, eine interessante Neuigkeit!" Lange strebten wir vergebens darnach, ihm sein Geheimniß abzulocken. Erst nachdem er unsere Neugicrde möglichst erregt hatte, kam er zur Sache. „Es sind drei Engländer, wahr- und leibhaftige Engländer hier angekommen. Glauben Sie es? Drei Stockengländer." Und nun begann er in seiner humoristischen Weise uns die Gesichter, Brillen, Uhrkcttcn, Hüte, Beinkleider, Röcke, Manieren und Bewegungen der Leute auszumalen, trank seinen „Aquavite" und verschwand, um das wichtige Geheimniß noch weiter zu verbreiten. Die Engländer glichen aber keineswegs den Karrikaturen, welche uns Contariny gezeichnet hatte. Es waren ganz treffliche Leute, mit denen wir manche vergnügte Stunde verlebt haben. Der Ael- teste von ihnen hatte aller Herrn Länder bereist, sprach fertig Deutsch, war Botaniker und ein sehr unterrichteter, gebildeter Mann; die beiden Andern dienten in der Marine der ostindischen Compagnie und machten eine Urlaubsreife — von Bombay über Kairo nach Charthum! Daß sie hierher gekommen, war ganz das Werk des Zufalls. Sie hatten Oberegypten bereisen wollen, wa- 253 MI von einer Stadt zur anderen gezogen und schließlich nach Char- thum gelangt. So etwas kann Engländern wohl begegnen. Hier fanden sie aber, daß sie nicht mehr genug Geld zur Rückreise hatten. Ihre Verlegenheit war groß. Ich nahm mich ihrer treulich an und erhielt auf meinen Namen die ihnen nöthige Geldsumme von Nikola Ulivi und zwar, Dank der früher von mir empfangenen Prügel, zu mäßigen Prozenten vorgestreckt. In kurzer Zeit wurden wir die besten Freunde. Nur eine einzige Schwierigkeit konnten wir nicht sogleich überwinden. Der Botaniker Dr. Bromfield allein sprach deutsch, die jungen Leute redeten außer ihrem Englisch weiter keine mir verständliche Sprache. So blieb unsere Unterhaltung oft auf Gesten beschränkt oder konnte nur durch den gemeinschaftlichen Dragoman Bromfield geführt werden, was diesem und uns lästig werden mußte. Allein wir lernten uns nach und nach doch verstehen und von Tage zu Tage mehr lieben. Noch heute denke ich mit großem Vergnügen an jene angenehme, im Inneren Afrika's gemachte Bekanntschaft. Leider war unser Zusammensein nur von kurzer Dauer. Wir versprachen uns gegenseitig zu schreiben; der Tod hat dieses Versprechen aufgehoben. Wenige Tage nach seiner Abreise von Charthum erlag der Eine, Mr. Lakes, dem Klima Ost-Sudahns. Er starb in Berber el Muche'rrcf. Dr. Bromfield starb, noch vor meiner Ankunft in Eghptcn, in Damaskus an den Folgen des klimatischen Fiebers, und nur der Dritte, Mr. Pengcllcy kehrte nach Indien zurück. Von ihm habe ich Nichts wieder gehört. Es scheint mir Manches traumhaft zu sein, was ich in Nord-Ost-Afrika erlebte; die glücklichen und fröhlichen Stunden, welche ich mit jenen rechtlichen, braven Menschen unter einer Gesellschaft lasterhafter Bösewichte verbrachte, scheinen mir es mehr, als alles Uebrigc. Besäße ich nicht ein von ihnen für mich in Kairo zurückgelassenes Andenken an sie, ein treffliches Fernrohr, ich würde ernstlich versucht sein, zu glauben, ich habe sie nie gekannt. Zuweilen wird es mir ganz wehe um das Herz, wenn ich auf die in Afrika verlebten creignißrcichcn und verhängnißvollcn Jahre zurückblicke. Von meinen dortigen Freunden und Bekannten sind 25L schon jetzt die meisten dem höllischen Klima erlegen. Nur wenige erfreuen sich noch heute ihrer vollen Gesundheit, aber sie sind mir so fern, daß mir ihre Briefe wie Stimmen aus einer andern Welt vorkommen. Von all' Dem, was ich erlebt, ist mir Viel zurückgeblieben und doch ist es für mich unendlich Wenig! — Am 18. März verließ ich mii den Engländern zu Schiffe Charthum, um sie eine Strecke wird zu begleiten. Die Dahabie war mit sechs Ruderern bemannt und eilte rasch den Strom hinab. Ehe die jungen Leute Sudahn wieder verließen, wollten sie erst noch eine Jagdpartie auf dem weißen Flusse machen, weßhalb wir um Rahs e l Charthum herum - und den weißen Strom hinauf segelten. Hier brachten wir in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen von Charthum die Nacht und den größten Theil des folgenden Tages zu, kehrten dann um und landeten unterhalb des uns schon bekannten Dorfes Halfa'r. Am 20. März. Bei Gegenwind schifften wir nur langsam den Strom hinab. Gegen Abend sahen wir hinter dem Gebirgs- zugc in der Nähe des Dorfes Surrurah b ein Schiff mit österreichischer Flagge Hervorfahren. Es kam rasch den Strom heraufge- braust, fuhr aber ganz in unserer Nähe auf eine große Sandbauk auf. Nun wurde cS von unseren Schüssen begrüßt und dann angerufen. Deutsche Worte hallten zu uns herüber; die Dahabie brachte uns den lange ersehnten österreichischen Konsul, unsern Freund, den Dr. Konstantin Rcitz. Ihn begleitete ein großer, schöner Mann, welcher mir als ein deutscher Kaufmann aus St. Petersburg, Herr Bauerhorst, vorgestellt wurde. Nach den ersten herzlichen Begrüßungen fragte ich nach Baron Müller. Die Antwort des Konsuls lautete nicht befriedigend; sie bestätigte mir beinahe eine Nachricht, welche die fliegende Fama längst in Charthum verbreitet hatte, daß nämlich Baron Müller banquerott sei. Für uns hatte Dr. Rcitz von ihm kein Geld, sondern nur einen nichtssagenden Brief voller Be- theuerungen, Klagen und Beileidsbezeugungen erhalten. So war die letzte Hoffnung zerronnen. Ich wußte nicht, wie ich die Hunderte von Meilen, welche mich vom Vatcrlande trennten, zurück- 255 legen sollte. Selbst wenn ich Alles, was ich außer meinen schwer erworbenen Sammlungen besaß, hatte verlausen können, würde der Erlös nicht hingereicht haben, die Reisekosten bis Kairo zu bc- strcitc». Verlassen und verrathen im Innern Afrika's — das war, mit wenig Worten sei es hingestellt, das Lovs, welches uns Baron Müller bereitet hatte. Hätten wir nicht selbst in Charthum edle Menschen gesunden, wir wären verhungert oder wenigstens den Krankheiten Ost-Sudahns, welche den größten Theil meiner dortigen Bekannten in das Grab gebracht haben, zum Opfer gefallen: dem Fieber, welchem der freiwillig noch länger als ich im Sudahn zurückbleibende Dr. Vicrthalcr unterlag*), der Disscnterie, welche unsern braven Reiß in die heiße Erde des Steppendorfcs Tohka in Ost-Sennahr gebettet hat**). Ueber die Handlungsweise des Barons brauche ich Nichts weiter zu sagen, sie spricht eine Sprache, der ich keine Worte zu leihen nöthig habe. Wir blieben bis zum andern Morgen noch mit den Engländern zusammen. Der Abschied von ihnen ging mir und ihnen sehr nahe. » Lakcs umhalste mich noch mehrere Male mit Thränen in den Augen. Ich wünschte ihm eine glückliche, fröhliche Reise nach Kairo und — durch's Leben; er gab mir meine Wünsche reichlich zurück. Mit dem Tuche vor den Augen stand er, so lange ich ihn noch sehen konnte, auf dem Verdeck seiner Barke und winkte mir Abschiedsgrüße zu. — Vierzehn Tage später wurde er auf dem Kirchhofe zu Berber beerdigt! — Nachmittags kamen wir wieder in Charthum an. Ich ging zum Pascha, um ihm die Ankunft des österreichischischcn Konsuls für Charthum „noll' ^krics conto als" anzuzeigen. Am 22. März. Großer Staatsbesuch beim Pascha. Der Konsul in Gallauniform und in Begleitung aller Europäer; Aali- Arha als KonsulatskhawahS mit großem, silbcrbeschlagcnem Stocke geht gravitätisch voran. Der Pascha bemüht sich, alle ihm zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit an den Tag zu legen und ist * so artig und höflich, als er es sein kann. — ») Am 26. August 1852. ") Am 23. März 1853. 256 Der Konsul bezieht einstweilen Dr. Penncy's Wohnung; Baucrhorst wohnt in der vorderen Abtheilung unseres geräumt gen Hauses. Letzterer scheint ein ächter, biederer Deutsche zu sein. Wir schließen uns so viel als zulässig an ihn an. Er hat Proben von verschiedenen europäischen Waaren, hauptsächlich auch Arbeitszeuge und Kurzwaaren mitgebracht und wird mit letzteren bessere Geschäfte machen, als mit den Baumwollenzcugen. Am 30. März. Feierliche Aufrichtung des Konsulatwappens, wozu alle Europäer eingeladen sind. Der Konsul hält an sie eine Anrede in italienischer Sprache, setzt ihnen darin das Wesen und die Wichtigkeit eines europäischen Konsulats aus einander und ladet sie zuletzt als seine Gäste ein. Gegen Abend erscheint auch der Pascha mit seinen höchsten Beamten. Wir verherrlichen das Fest durch einundzwanzig Böllerschüsse. Zwei Tage später gibt Nikola Ulivi dem Konsul zu Ehren eine große Fanthasr'c, bei welcher ich nicht mit bctheiligt bin, weil ich am Fieber darnieder liege. Contariny berichtet mir treulich Alles, was dabei vorgegangen, und schildert mir die Tafel als ganz vorzüglich lururiös und reichhaltig. Der Nashornvogel, den wir mit von unsererer Reise aus dem blauen Flusse gebracht hatten, ist in diesen Tagen an den Folgen eines Schlags gestorben. Er hielt mit einem Affen aus demselben Walde, in dem wir ihn cingefangen hatten, große Freundschaft. Dieser machte mit ihm, was er wollte; er behandelte den Vogel mit der den Affen eigenthümlichen Unverschämtheit und Dreistigkeit, ohne daß sich letzterer darüber erzürnt hätte, vielmehr ließ er sich von seinem übermüthigen Freunde selbst Mißhandlungen gefallen. So haben die Affen eine wahre Sucht, andere Geschöpfe, deren sie habhaft werden können, sorgfältig nach Ungeziefer abzusuchen. Ich besaß einen Pavian, welcher jedes kleinere Säugethicr sogleich wie sein Kind behandelte und emsig zu säubern anfing. Selbst die Menschen, mit denen er Freund war, mußten sich eine sorgfältige Untersuchung ihres Kopfhaares gefallen lassen. Dergleichen 257 Bemühungen dehnte jener Affe nun auch bald auf den Vogel aus. Er ergriff ihn bei seinem riesigen Schnabel und legte mit einer der Vorderhand«: die Federn aus einander. Das ließ sich der Vogel nicht nur willig gefallen, sondern unterstützte es sogar. Er lief selbst zu seinem Freunde hin, bückte sich in eine passende Lage, sträubte seine Federn und ließ ihn gewähren. Gewiß ist dies ein höchst interessantes Beispiel von der Geselligkeit der Thiere. — Unsere Lage wurde durch die ewige Geldverlegenheit immer verwickelter und unangenehmer, vr. Vierthaler trennte sich von mir, weil Jeder jetzt darauf denken mußte, sein eigenes Unterkommen zu finden. Er ging zu seinem Universitätsfreunde, dem Konsul, welcher das Haus des Kaufmanns Rollet gekauft, verbessert und zum Konsulatsgebäude eingerichtet hatte; ich blieb in unserer Wohnung zurück. Gern hätte ich meine Diener entlassen, aber ich war zu arm, um ihnen den schuldigen Lohn auszahlen zu können. Auch macht es in Charthum keinen großen Unterschied, ob man zwei oder sechs nubische Bedienten beköstigt. Außerdem hatte ich den Vortheil, durch ihre Hülfe meine Sammlungen mehr und mehr anwachsen zu sehen. Ich arbeitete daher fortwährend, um wenigstens die noch übrigen Antheile von den Behufs des Sam- melns gekauften Provisionen zu verbrauchen, oder auch, weil ich fühlte, daß nur durch Arbeit meine Lage erträglicher wurde, weil mir die Natur in reicher Fülle Genüsse bot, welche mich einigermaßen das Elend meiner häuslichen Umstände vergessen ließen. Die zu machenden Ausgaben für die Sammlungen gingen allen übrigen vor. Ich vertauschte eine silberne Cylinderuhr gegen acht Pfund Schießpulver! Ich verkaufte Kleider, Waffen, Bücher, Kisten, Wäsche, den wenigen Schmuck, den ich besaß; ich verkaufte Alles, was ich verkaufen konnte. Und wurde mir das Herz einmal gar zu kummerschwer, und war der Dämon des Fiebers einmal auf Stunden von mir gewichen, dann ging ich, mein Gewehr über der Schulter, hinaus in die freie Natur, um III. 17 258 mich wieder zu kräftigen und zu stärken. Da kam mir denn gar oft das Jägerlicd: „Des Morgens zieh' ich früh in's Holz, Die Tannen rauschen und die gold'ne Sonne scheint; Da fühl' ich'S recht mit frend'gem Stolz, Wie gut's der alte Gott doch mit uns meint. Mit jedem Schritte wird ein Leben wach, Die Drossel flötet und das Wildpret schleicht zu Bach rc." in den Sinn und mit ihm auch wieder Trost und Muth. Rauschten auch die Tannen nicht um mich, so rauschten mir doch anstatt ihrer die balsamduftenden Mimosen den Frieden und die Ruhe Gottes zu; statt der Drosseln flöteten afrikanische Sänger*), statt des heimischen Wildprcts zeigte sich mir die schlanke Antilope. Die Zeit der Jagd wurde für mich die des Trostes, der Stärkung und der Erholung. Ich war verlassen, aber ich fühlte es weniger, als man vielleicht glaubt; mir blieben immer noch Freunde und ich hatte das Glück, mir sogar einen neuen, es treu und redlich meinenden zu erwerben. Das warst Du, mein lieber Bauerhorst, der Du mir manche bittere Stunde süß, manches schwere Ungemach leicht oder wenigstens leichter gemacht hast. Du warst mir ein neuer Freund, aber ich brauchte Dich nicht erst alt werden zu lassen, „wie neuen Wein", ich sah bald, „was ich an Dir hatte." Du hast mich leiblich und geistig unterstützt, erhoben und gekräftigt. Diese leichten fliegenden Blätter können Dir kein festes, bleibendes Andenken sichern^, aber sie sollen Dir, edler Mann, wenn sie sich vielleicht sogar bis zu Dir verfliegen, meinen herzlichen, innigen Dank bringen. Bist du doch der Einzige, der mich die meisten der übrigen in Charthum lebenden Christen vergessen machte. Glaube mir, wenn ich all' das Gute, welches Du mir in Afrika erzeigtest, dort einmal nicht zu würdigen verstand, hier in der Heimath versiehe ich es! Aber ich will auch noch anderer Freunde gedenken. Da tritt mir ein biederer Mann vor die Seele; er ist Mohammedaner; Hus- *) z. B. die Droßlinge. 259 scln-Arha ist sein Name. Um jedoch meiner Erzählung nicht vorzugreifen, will ich diesen Mann erst später schildern. Einen andern Freund kann ich nennen. Er ist uns schon näher bekannt geworden, denn er ist ja der Bornchmste des ganzen Sudahn; ich meine den Gcneralgouvcrneur Latief-Pascha. Die vier Monate, während deren ich meine Schuld an ihn zurückzuzahlen versprochen hatte, waren vorüber. Ich gab dem Pascha Kunde von meinen bedrängten Verhältnissen und bedauerte, mein Versprechen nicht erfüllen zu können. Er gab mir eine recht kurze Antwort; sie enthielt nur die wenigen Worte: „Lsai veä bsnLIr mäkisoll tekllsk", aber diese wenigen Worte enthielten einen ganzen Schatz von Edclmuth. Sie lauten in's Deutsche übersetzt ohne Commentar: „Zwischen mir und zwischen Dir gibt es keine beschwerlichen Dinge." Das versteht man nun freilich im Deutschen nicht, wenigstens könnte man es mißverstehen. Ich will deßhalb die wahre Bedeutung angeben. Jene Worte besagten in diesem Falle ungefähr Folgendes: „Chalihl-Essend!, Du warst in Noth und ich konnte Dich, Gott sei Dank, daraus befreien. Du bist mir dadurch verbindlich geworden; allein ich will Dir keine neue Noth bereiten, sondern Dir sagen, daß es „ „zwischen mir und Dir keine Verbindlichkeiten"" gibt." — Ich bat den Pascha, mir, wenn es möglich wäre, etwas Schicß- pulver zu verabreichen. „Gebt dem Herrn sechstausend Stück Militärpatronen zum Einkaufspreise der Regierung!" lautete die Antwort, welche ich dem Aufseher des Pulvermagazins zu überbringen hatte. Das Pulver war freilich schlecht, aber das Pfund kostete mich auch nur fünf Piaster. Die Bleikugeln hatte ich bei dieser Berechnung umsonst; ich goß Schrote aus ihnen. Welchen Namen gebe ich nun den Handlungen dieses Mannes? „Türkische" kann ich sie nicht nennen, denn da würde ein großer Theil meiner Leser an grausame denken. „Christliche"? Im Vergleich zu den Handlungen der Christen Charthums wäre dieser Ausdruck doch eine Herabsetzung jener Wohlthaten, die ich bei mir selbst nicht verantworten könnte. Und wie kann denn auch ein Türke, ein ,,irrgläubiger Muselmann", ein Wielandscher 17 * 260 „Hekde" christliche Thaten thun? Ich muß eS meinen Lesern überlassen, selbst eine Bezeichnung für sie aufzufinden. Nur wundere man sich nicht, wenn ich die Türken achte und liebe. Sie haben mich dazu gezwungen, gezwungen durch viele Thaten des Edelmuthes, der reinsten Menschlichkeit, Menschenliebe und Barmherzigkeit. Ich wiederhole es: die Christen in Ost-Sudahn mit Ausnahme der wenigen, welche wir als rechtlich und bieder kennen gelernt haben, hätten mich verhungern lassen, ja sie hätten mich vergiftet und sich frohlockend in meinen Nachlaß getheilt, wenn sie gekonnt hätten; sie haben mich tief gekränkt, belogen, betrogen, be- stohlen, verleumdet. Die Türken haben sich meiner angenommen, mich Bruder, Freund, Sohn genannt und mich als Bruder, Freund und Sohn behandelt; sie achte und liebe ich; aber ich verachte und hasse jene Frevler an dem innersten, heiligsten Kern unserer Religion, jene Schänder des Namens meiner Glaubensbrüder! Wollte auch ich heucheln, dann würde ich sagen, ich bcdaure sie; aber ich fühle es zu tief, daß mein Haß gerecht ist. — Die Liste meiner Freunde ist jedoch noch nicht geschlossen. Ich nenne noch meinen ehrlichen Aali-Arha, ich nenne meine braunen Diener, welche mir treu wie Gold geblieben sind und mit mir Freud und Leid getheilt haben. Ich weiß noch einen Freund, der mir immer geblieben ist, der auch manchem Anderen Trost gebracht hat. Er ist kalt und fühllos, aber dennoch fähig, Freud' und Trost zu bringen. Durch meinen Gewährsmann, den Dichter des schon erwähnten Jägerliedes, lasse ich ihn nennen: „Ich bin ein armes Waidmannsblut, Und hab' kein eigen Dach in meinem Jagdrevier, Doch wahr' ich einem Schatz so gut, Des Kaisers Krone tausch' ich nicht dafür. Das ist mein Trost gcwest zu jeder Zeit In bangen Sorgen und in stillem Herzeleid Ein wack'rer Fels im Sturmesheer: Es ist mein Pulverhorn und mein Gewehr!" Ja, wahrlich! ich hätte eigentlich nicht klagen sollen. Ich hatte bei all' meiner Armuth doch noch Viel, sehr Viel. Ich hatte Gottcö Sonne und seine hochheilige Natur, ich hatte in meinem Hofe eine eigene kleine Welt. Wie viel Vergnügen machten mir meine zahmen Ibisse, die lebenden großen Thiere; wie schmeichelten mir die Affen, wie liebkoste mich Bachicda! Aber freilich Geld hatte ich nicht; oft mußte ich mir die Frage auswerfen: „Herr, was werden wir morgen essen?" Oft raubte mir jenes „Geschenk deS Teufels", das gräßliche Wcchselficbcr, Kraft und Muth. Und dann, welch' tiefen, bittern Groll hegte ich gegen die große Mehrzahl der Menschen, von denen mich fast alle diejenigen, mit denen ich näher in Berührung kam, belogen, betrogen, ja beinahe um meine Menschenliebe besrohlen hatten! Jetzt, wo ich ruhig und theilnahmlos in ihr buntes Treiben schaue, muß ich über meine damaligen Gedanken lächeln; begreiflich finde ich sie aber heute noch. Damals bin ich oft in den Diwahn B au er horst's gegangen, um mir die trüben Gedanken aus dem Sinne zu schlagen oder mit ihm zu plaudern. Zuweilen stritten wir uns wohl auch einmal, aber immer wurde der Friede bald wieder hergestellt. Stundenlang spielte ich mit Bachieda. Ich gewann sie sehr lieb, sie wurde meine beste Freundin. In ihrem Charakter fand man noch Offenherzigkeit, Kraftsülle, Ehrlichkeit und Gemüthlichkeit vereint. Aber wer war denn eigentlich Bachieda? wird man fragen. Das hätte ich freilich meinen Lesern vorher sagen sollen, zumal da, wie wir wissen, Bachieda ein Mädchenname ist, der aus dem Persischen stammt und „die Glückliche" bedeutet. Und da könnte man glauben, als habe Fraucnliebc mir damals Trost gebracht. Nun Bachieda war zwar in der That weiblichen Geschlechts, aber kein Mädchen. Sie war, um eö kurz zu sagen, die meinem Freunde Bauerhorst gehörige junge Löwin, mit deren Erziehung er mich betraut hatte. Er hatte sie von Laticf- Pascha zum Geschenk erhalten, weil ich diesem sagte, daß mein Freund das junge Thicrchen allerliebst finde. Die Löwin mochte ungefähr ein halbes Jahr alt sein, als wir sie bekamen. Sie hatte die Größe eines mittleren Dachshundes, war schon ganz zahm und mit den Menschen bekannt geworden und durfte frei herumlaufen. Ich nahm mich ihrer besonders an und gewann bald ihre Anhänglichkeit. 262 Sie folgte mir wie ein Hund auf dem Fuße nach. Oft besuchte sie auch ihren früheren Herrn, den sie sogleich erkannte, wenn er zu Fuß oder zu Roß in die Nahe unseres Hauses kam. Nachts theilte die Löwin nicht selten das Lager mit mir; sie war zahmer, als ein Hund, und betrug sich immer sehr artig. Nur als sie größer wurde, mußte sie einige Male wegen Wildheit gezüchtigt werden. Sie spielte mit den Pavianen, welche wir besaßen, wurde aber von ihnen ängstlich gemieden. Einmal fraß sie einen kleinen Affen, ein anderes Mal tödtete sie einen Schafbock, mit dem sie oft spielte, mit einem Schlage ihrer kräftigen Pranken. Wenn wir sie zu derb züchtigten, ging sie wüthend auf uns los, wurde aber sehr bald wieder sanft und gerade so gutmüthig, wie vorher. Wir haben mit diesem schönen Thiere manche angenehme Stunde verlebt; ich habe es begreiflich finden lernen, daß Thiere den Verlust des Umganges mit Menschen ersetzen können. — So verlebte ich den Sommer des Jahres 1851. Er hatte viele böse, aber auch manche gute Tage. Die mir bekannten Dinge Charthums gingen schleppend ihren Gang, ohne daß Etwas geschehen wäre, was Abwechselung in unsere Einförmigkeit gebracht hätte. Die Notizen über das, was ich erlebt, sind immer sehr kurz im Tagebuche. Ich will daraus noch Einiges mittheilen: Am 8. Mai 1851. Ankunft mehrerer Briefe aus der Hcimath. Am 9. Mai. Auf dem Basare hängt man einen Mörder. Am 17. haben wir ein ziemlich starkes Gewitter; am 2 4. frißt ein Krokodil einen Knaben von ungefähr acht Jahren auf der im blauen Flusse liegenden Sandbank; am 1. Juni fahren wir Deutschen nach Halfai und besuchen einen Bekannten von mir, den Türken I brah im - Arh a, von dem wir festlich empfangen werden. Ende Juni tritt Aali-Arha aus meinen Diensten, weil er die reiche Wittwe eines türkischen Kaufmanns heirathcn will, und wird von dem Pascha als Khawahs des Nahsir el Enke*) mit einem Gehalt von monatlich hundert und fünfzig Piastern angestellt. Aali-Arha hofft, diese Summe durch viele gezwun- *) S. Th. 1 S. 172. 263 gcne Verheirathungen zu verdoppeln. Er versichert mir, daß er mit seiner häuslichen Glückseligkeit zufrieden sei, und preist seinen guten Genius, der ihn mir zugesellt und so zu Dem gemacht habe, was er sei. Wäre es der ehrlichen Seele doch recht wohl ergangen! Aber leider haben sie, wie ich unlängst erfuhr, auch ihn schon in das Lailach gehüllt! Im Anfang des Juli kommt unser Hausherr, ein gewisser Solimahn - Es fendi von Kordofahn, ohne Erlaubniß seines Chefs, des schon mehrfach erwähnten Mahammed - Arha- Wannli^) hier an, um sich beim Pascha über Letzteren zu beklagen. Da sich aber Mahammed-Arha auf einem Kriegszuge gegen den König von Takhale befindet, wird die Reise als Desertion angesehen, dieser mit fünfhundert Peitschenhieben bestraft und mit der Schcba am Halse zu seinem niederträchtigen Obersten zurückgesandt. Sechsundzwanzig türkische Soldaten, welche früher gekommen waren, um ebenfalls gegen Mahammed-Arha Klage zu führen, wurden ebenso bestraft, aber nach Khassahn in die Gold- bergwerke gesandt. Der Pascha übt bei derartigen Vcrgehungcn selten Milde aus; bei Verbrechen kennt er keine Gnade. Zwei türkische Soldaten im Dienste Ibrahim - Arha's in Halfai, von denen der eine, als Räuber schon bestraft, als Mörder angecklagt worden war und jetzt in Halfen im Gefängnisse saß, der andere aber der Wächtor des Ersteren war, entflohen und wandten sich auf gestohlenen Kamelen der Grenze Abyssinicns zu. Sie wurden verfolgt, eingeholt und sollten gefangen genommen werden, tödteten aber mehrere der sie verfolgenden Soldaten und konnten erst überwältigt werden, nachdem sie verwundet und vcrlhcidigungsunfähig waren. Man brachte sie nach Halfai zurück und meldete dem Pascha den Vorfall. Dieser gab Befehl, beide Verbrecher zu erschießen, aber noch ehe derselbe ausgeführt werden konnte, war der Eine bereits an seinen Wunden verschieden, der Andere dem Tode nahe. Man band den Gestorbenen, sowie auch den Anderen, der nicht gehen konnte, auf ) S. Th. 1 S, 25t. 204 Anakharihb brachte Beide vor das Dorf und schoß Beiden, um dem Befehle vollkommen zu genügen, die Kugel durch die Brust. Bauerhorst hatte seine Geschäfte in Charthum beendet. Er sah ein, daß jetzt für ihn Wenig zu thun sei, und beschloß, nach Kairo zurückzureisen, um von dort aus mit größeren Capitalien einen zweiten Handclsversuch zu machen, welcher wohl auch einträglich geworden wäre. Seine Freundschaft für mich ging so weit, daß er mich und mein Gepäck mit sich nach Kairo zu nehmen und alle Reisekosten für mich auszulegen versprach. Nun kam es nur darauf an, ob mir mein Hauptgläubiger, der Pascha, die Erlaubniß zur Abreise geben würde. Wir gingen deßhalb am 3. August zu ihm, Bauerhorst, um Abschied zu nehmen, ich, um ihn zu bitten, einen Wechsel auf Kairo annehmen zu wollen. Der Pascha war schlechter Lärme und im Anfange sehr kalt. Ich übersetzte zuerst Baucrnhorst's Abschiedsworte und kam dann zu meiner Bitte. ,,Herrlichkeit," sagte ich zu ihm, „ich muß zu Grunde gehen, wenn ich noch einige Wochen hier verweile. Nach Aussage der Aerzte ist mein geschwächter Körper nicht mehr fähig, einem neuen Ficberanfall Widerstand zu leisten. Ich muß eilen, ein gesundes Klima zu erreichen; auch möchte ich gern die Lieben im Vaterlande wieder sehen, von denen ich so lange getrennt gewesen bin." „„Aber wer hält Dich denn hier zurück, Chalihl - Essend! ? So ziehe doch in Frieden Deiner Heimath zu!"" „Herrlichkeit, mich hält einzig und allein mein gegebenes Wort zurück. Ein rechtlicher Mann muß sich durch dasselbe für gebunden erachten, selbst wenn er seinen unvermeidlichen Untergang vor sich sähe. Ich bin Dein Schuldner und freue mich, es zu sein, weil ich dadurch Deine Großmuth erkennen lernte. Es ist mir aber unmöglich, mein Wort hier zu lösen, wie ich es versprochen habe; ich kann es nur in Kairo. Willst Du mir erlauben, daß ich dahin abreisen darf, so wirst Du das Maß Deiner gegen den Fremdling reichlich bewiesenen Gnade übervoll machen." 265 „„Lil äiadulo! Was denkst Du von mir, Ehalihl-Effendi? Ziehe in Frieden! Du bist nicht mir, Du bist der Regierung Ost - Sudahns Geld schuldig. Die Schatzkammer derselben wird Dir zur Bezahlung Deiner Schuld längere Frist gestatten. Bezahle zwei Monate nach Deiner Ankunft die der Regierung schuldige Summe an Deinen Konsul in Kairo; ich werde dort das Geld erheben lassen. Aber wie willst Du nach Kairo gelangen? Du hast eine Reise von mehreren hundert Meilen vor Dir, wo willst Du die Reisekosten hernehmen?"" „Mein Freund Bauerhorst hat mir versprochen, diese bis nach Kairo auszulegen." „„Ganz gut, Chalihl-Effendi. Aber ich will Dir noch eine Lehre geben. Du bist jung und kannst noch nicht die Menschen- kenntniß besitzen, welche ich mir durch lange Erfahrung im Ge- schäftslcben erworben habe. Glaube mir, der beste Freund verwandelt sich allgemach in einen Feind, wenn man ihn fortwährend um Geld anzusprechen gezwungen ist. Ich kann verhüten, daß auch Du diese Erfahrung machst, und ich will es. Schicke mir morgen ein Gesuch zu; ich werde darauf verfügen, daß man Dir noch fünftausend Piaster aus der Schatzkammer auszahlt. Du bist der Regierung dann zehntausend Piaster schuldig; zahle sie in Kairo an Deinen Konsul zurück."" Ich fand im Anfange keine Worte, meinen Dank anözudrük- ken. Endlich sagte ich ihm: „Herrlichkeit, Deine Gnade drückt mich zu Boden, ich werde Deinen Edclmuth nie vergessen." Er mag in meinen feuchten Blicken wohl gelesen haben, was ich fühlte. Freundlich entließ er mich*). Am folgenden!Tage erhielt ich die erwähnte Summe ausbezahlt. *) Nachdem ich im Vaterlands, und Latief-Pascha wieder in Kairo angekommen war, hielt ich es für meine Pflicht, ihm nochmals zu danken. Ich schrieb in französischer Sprach an ihn und erhielt sehr bald eine mir höchst schmeichelhafte Antwort. Der geneigte Leser möge nicht glauben, daß ich mich mit den in jenem Briefe enthaltenen Schmeicheleien brüsten will, aber der Brief wird ihm einen Beweis liefern, wie freundschaftlich Latief gegen mich gesinnt war. Ich bin stolz, daß ich mir das Wohlwollen dieses ausgezeich. neten Mannes erwarb und entblöde mich nicht, dies zu sagen. 266 Am 11. August. Ich machte heute meinen Abschiedsbesuch beim Pascha. Nachdem er sich sehr Viel mit mir unterhalten hatte, schickte ich mich zum Weggehen an und bat ihn nach türkischem Gebrauche um Erlaubniß dazu. „Nein, Chalihl-Effcndi," antwortete der Pascha, „warte noch ein Wenig; eben erfahre ich, daß ich jetzt eine gewiß interessante Audienz zu geben habe; der Gesandte Der Brief des Pascha lautete: llsire, !e 23. Lecemdre 1852. Aionsieur, Voll« do >ne letlre du 27. octvbro dcrnier que j'rii re^ue la semai'ne dernivre, m's causv u» plaisir d'aulant plus ssraud qu'elle m's appl ie le pai kait ölst äs votre saute, s isquelle je por.e et portersi toujours le plus vik interet. de ' 0 »s remercie, ülonsieur, des clroses üalteuses que . ous nie dites dans vvirs letlre. ainsi qrre des veux que vous forme n pvur inol. d'en korure sutaut pvur rolre donlieur. de crois, que raus exagerer los Services que j'ai pu vous rendre au Lennaar Pendant que j'avai Is direclion de ce vaste gouveinemenl. Daus tous les cas je suis die» sise, d'avvir pu etrs de quelquo utilite ä »ue persvnno gusn estimable que von,, ltlonsieur, vous Irouvsllt surlout ä uns tres Grande distance du paz>s qui vous s vu aaltre. Du resle, je n'si lall pvur vous que c« que vous inerilie/ sous tous les rapports. d'ai sppris avec joie que vous erier arrive Kien pvrtant au sein de votre kinille, et que vous etie eontant et lieirreux aupres de ü!r. votre don et exellant pere dont vous kaltes le bondenr. de vous pris d'szreer les veux dien sinceres que je forme pour vous au eonu»eiiceinent de ?a»nee '853. vaigue l'otre supreme les exaucer et vous en ressenlirer les deureux elkeis. d'ai I'Ilonneur d'elre älonsieur, avec .a consideration In plus disti'nques volre tres du.-uble et tres vbeissant servileur l-alik- ?ascl>s. (Eigenhändige Namensunterschrift mit arabischen Buchstaben.) Zu gleicher Zeit richtete der Pascha ein ebenso freundliches Schreiben an meinen theure» Barer, den er sehr hoch schätzt. Er sagte zu dem Konsul Dr. Reitz, als dieser ihm einen nach meiner Abreise in Charthnm angekommenen, an den Pascha gerichteten Brief meines Vaters übersetzte: „Ohne daß ich den Mann kenne, welcher die Güte gehabt Hai, an mich zu schreiben, habe ich ihn liebgewonnen. Ich weiß, daß sein Sohn Cha- lihl-Effendi die Summe zurückbezahlen wird, welche er mir schuldet, aber wenn er es nicht thäte, würde mich dieser Brief vollkommen entschädigen." 267 Seiner Majestät, des allergnädigst regierenden großen Büffels, zur Zeit durch Gottes und seines Propheten Gnade Königs von Dahr- Fuhr, wird sogleich erscheinen, um über wichtige Staatsgeschäfte mit mir zu sprechen." Obgleich der Pascha bei Aufzählung derehr- surchtgebietenden Titel Seiner schwarzen Majestät ein wiederholtes schlaues Lächeln nicht unterdrückte, und wir demnach schon im Voraus wußten, wie die schwarze Ercellcnz ungefähr aussehen würde, war doch unsere Neugierde hinreichend erregt worden, um zu bleiben. Es dauerte auch nicht lange, so erschien im Diwahn der Erwartete in Begleitung eines in Charthum ansäßigen Schech von den braunen Eingebornen des Landes. Seine Ercellenz, der schwarze Minister waren in ein langes, schreiend roth und gelb gestreiftes Kattunhemd gehüllt, traten bis in die Mitte des Diwahn mit edlem Fuhranstand vor, schauten entsetzlich dumm in die Runde, wandten sich dann dem Pascha zu und legten grüßend dreimal die Hand auf Mund und Stirn, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Eine Handbewcgung des Pascha lud den Minister und seinen arabischen Begleiter zum Sitzen ein; Beide erhielten Kasse, aber keine Pfeifen. Der Schech begann nun das Gesuch Seiner Ercellcnz vorzutragen. Zuerst erlaubte sich diese, dem Pascha die allerungcwöhnlichst freundlichen Gesinnungen Seiner Majestät, des großen Büffels zu versichern, bat dann um freies Geleit für die Tante Seiner Majestät, die allergnädigste Prinzessin Soakim, welche im Begriff stehe, dem Gesandten ihres Glaubens, dem von Gott gepriesenen und begnadigten Propheten Mähainnred — ^Ilslrm'sollsmwu sollsm nslsidn— den heiligsten Tribut zu zollen, die Wallfahrt nach der Kaaba anzutreten und zu ihrem zeitlichen und ewigen Heile die mühsame, beschwerliche und gefahrvolle Pilgerreise „in- svlisllolr-' glücklich zu beenden. Seine Majestät sei vollkommen überzeugt, daß Ihre Nachbarn, die Türken, einem so gottseligen Werke gewiß Nichts in den Weg stellen, sondern es eher auf alle Art und Weise fördern würden. Die Regierung werde daher un- bezweifelt auch die Verpflegungs - und Reisekosten für die Prinzessin und ihr Gefolge während der Dauer der ganzen Reise durch tür- 268 kisches Gebiet übernehmen; denn obgleich die Schatzkammer Seiner Majestät unerschöpfbar an— Elfenbein sei, wäre es doch erwünscht..... Mehrere Male sah mich der Pascha während des Vertrags lächelnd an; er wurde durch den Pomp der Sprachweise des Fuhr- Ministers sehr heiler gestimmt und machte mich in italienischer Sprache auf die pikanten Prahlereien noch ganz besonders aufmerksam. Dann wandte er sich an den Schwarzen und sicherte ihm die Gewähr seines Antrages zu, verwechselte aber im Lauf der Rede, aus ihm sehr verzeihlicher Ungeläufigkcit der arabischen Sprache, das Lpitlroton ornans Seiner Majestät „großer Büffel" hartnäckig mit dem nicht gerade schmeichelhaften Titel „großer Ochse," wobei jedesmal ein trüber Schatten über das dunkle Gesicht des Ministers flog. Ein Beamter des Diwalm erhielt dann den Befehl, die ganze Pilgerkarawane mit Obdach und Nahrung aus Kosten der Regierung zu versorgen. Mau räumte ihnen ein sehr weitläufiges Gebäude für die Dauer ihres Aufenthaltes in Eharthum ein. Die Prinzessin bezog dessen Harehm. Ihr Gefolge bestand aus acht und sechzig Individuen: Dienern und Sklavinnen Ihrer Hoheit, Kaufleuten und frommen Gläubigen, welche sich dem Zuge angeschlossen hatten. Es war natürlich, daß wir Europäer die Prinzessin zu sehen wünschten. Wir beschlossen ihr, den Konsul an der Spitze, einen feierlichen Besuch abzustatten, wozu man den 14. August wählte. In solennem Aufzeige schritten wir Morgens der Wohnung Ihrer Hoheit zu, hatten aber keine günstige Zeit getroffen, denn eben verließ sie das Haus hoch zu Roß, um den Damen des Harehm Latief- Pascha'S einen Staatsbesuch zu mache». Die Dame ritt auf einem jener kleinen, aber als vorzüglich bekannten Fuhrpferdc mit türkischem Sattel und Zeug und zwar nicht wie Frauen, sondern wie Männer zu reiten pflegen, wozu sich die türkisch-arabische Kleidung, welche sie trug, mehr eignet als die unserer Damen. Sie war umgeben von einigen in Lumpen gehüllten Kerlen, von denen der Eine, wahrscheinlich der Herr Oberstallmeistcr Ihrer Hoheit, das Roß am Zaume führte. Rechts und links gingen sechs bis acht Sklavinnen, gekleidet wie die Sudahnesinnen, d. h. die uns bekannte 269 Ferdah wie diese um sich geworfen; sie trugen an Schnüre gereihte , rundliche Bernsteknstücken in den gefetteten Haaren und waren barfüßig. Dame Soakim trug ein rund zusammengewickeltes schreiend gelbes Tuch turbanähnlich auf dem Kopfe; die Enden des Tuches hingen zu beiden Seiten lang herab. Sie war sehr sorgfältig verschleiert. Nur kurz über den Steigbügeln ließ sich ein buntgestreifter, halbseidener Stoff erkennen, wie ihn die Frauen der egyptischen Fellahhihn tragen; wahrscheinlich bestanden ihre Beinkleider daraus. So bewegte sich der Zug in vollem Trabe an uns vorüber. Getauscht sahen wir der, um mich orientalisch auszudrücken, „in die Wolken der Schleier gehüllten" Erscheinung nach. Vor Allen machte der Konsul dem Schmerzgefühle vereitelter Hoffnungen Luft in derben Flüchen gegen den Unglücksvogcl, Osmahn, seinen Bedienten, weil dieser durch seine Nachlässigkeit seinen Gebieter mehrere Stunden hingehalten hatte. Nachmittags begünstigte uns dagegen das Glück. Die Dame war zu sprechen und befand sich, als wir in den ihrem Gesinde! eingeräumten Hof traten, im Harchm oder der hintersten Abtheilung ihrer Wohnung. Wir wurden angemeldet, hörten innen gewaltig schelten uud lärmen und warteten geduldig, bis der erwähnte Lump, welcher heute als Stallmeister fungirt halte, in Begleitung eines ditto Anderen, uns mit bedeutungsvollen Winken nach dem Innern rief. Der Konsul ging voran, wir folgten. Inmitten des geräumigen Hofes saß die Prinzessin mit gekreuzten Beinen auf einem langen und schmalen Teppiche und erhob sich bei unserem Ein- tritte. Seine Erccllenz, der uns schon aus dem Diwahn her bekannte Minister nöthigte uns zum Sitzen, was auch die bunte Gesellschaft in den mannigfaltigsten Stellungen und mit grimmigem Mienenspiel endlich zu Stande brachte. Der Platz zum Sitzen war nämlich gar zu türkisch bereitet worden; es war ein dünner Teppich, den man platt auf die Erde gelegt hatte. Für mich und die übrigen türkisch gekleideten und mit türkisch-arabischen Sitten und Gebräuchen wohlbekannten Europäer war der Teppich ganz bequem, nicht so aber für den in enger europäischer Uniform steckenden Konsul oder meinen Freund Baucrhorst im Ballfrack und engen Bein- 270 kleidern mit Sprungriemen. Nachdem wir uns zuletzt doch gesetzt oder mehr gelagert hatten, ließ sich auch Ihre Hoheit wieder nieder und erhielt sogleich Gesellschaft in der Person Seiner Ereellcnz des Stallmeisters, der unverschämt genug war, sich dicht hinter sie auf die Fersen zu hocken und ihr dann und wann gar vertrauliche Worte in's Ohr zu flüstern. Der Minister setzte sich in respektabler Entfernung vor sie hin und nahm Theil an der nun beginnenden Unterhaltung. Diese eröffnete der Konsul damit, daß er der Prinzessin durch seinen Bedienten Geschenke anbieten ließ, welche in wohlriechenden Seifen, Bonbons, kölnischem Wasser u. s. w. bestanden. Sie nahm dieselben, wie es schien, mit großem Vergnügen au und erwiderte sie mit Danksagungen in arabischer Sprache. Ihre wohlgewähltcn Ausdrücke zeugten von einer großen Geläufigkeit der Sprache, während der Konsul sich vergeblich bemühte, ihr in gewählten Ausdrücken den hohen Zweck seines Erscheinens und die Wichtigkeit eines direkten Verkehrs der Europäer mit den Unterthanen Sr. Majestät des „großen Büffels" begreiflich zu machen. Er war damals der Landessprache noch so wenig mächtig, daß wir Andern seine Phrasen, deren Sinn wir recht wohl verstehen konnten, erst in reines Arabisch übersetzen mußten, um sie der Prinzessin genießbar zu machen. Während Reitz diplomati- sirte, fand ich Zeit, Dame Soakim etwas näher zu betrachten. Sie war in eine große, halbseidene Milaie*) eingehüllt und hatte sich mit dieser auch den Kopf und das Gesicht verschleiert. Doch gelang es mir einmal, einen Augenblick das letztere zu sehen; es zeigte allzu deutlich die Spuren von dreißig, unter der Sonne Central - Afrika's verlebten Jahren und war — sehr häßlich. Um die Handgelenke trug sie Bernsteinketten als Armbänder; die einzelnen Stücken waren von beträchtlicher Größe. Sie hatte sich mit dem Gesicht von uns abgewendet, zeigte uns nur ihre linke Seite und schien sehr sorgsam die türkische Fraucnsitte zu beobachten. Bei alledcm war sie sehr aufmerksam auf das um sie her Vorgehende, *) Ein Umschlagetuch, der Ferdah ähnlich, nur mehr quadratisch gestaltet und aus besseren Stoffen gefertigt. 271 antwortete rasch und befriedigend auf mehrere Fragen, welche wir ihr vorlegten und fand dabei noch immer Zeit, in der, wie alle äthiopischen und Negerfprachen, wohlklingenden Fuhrsprache Befehle an ihre Dienerschaft zu richten. Diese bestand zunächst in einer jungen und gar nicht häßlichen Sklavin, vielleicht der Kammerzofe oder Gesellschaftsdame Ihrer Hoheit, welche in einiger Entfernung von ihr auf der Erde kniete und ihre Gebieterin fortwährend beobachtete. Auch sie war reichlich mit Bernsteinschnuren geputzt. Wenige Worte der Prinzessin, wahrscheinlich einen Befehl ausdruckend, veranlaßten sie, sich in daS Innere des Hauses zu begeben, von woher sie später nicht wieder zurückkehrte. Die strenge Etiquette Fuhrs erlaubte ihr nicht, zu gehen; sie kroch wie ein Hund auf Händen und Füßen davon. Im Hintergründe des Hofes war eine andere Sklavin beschäftigt, saftiges Rindfleisch in dünne Streifen zu schneiden und diese in der Sonne zu trocknen, um sie für Wüstenreisen transportabel zu machen. Eine Dritte hing ein Paar Unterbeinkleider der Prinzessin zum Trocknen auf; zwei noch nicht erwachsene Mädchen saßen in einem Winkel und wuschen andere Kleider aus. Sie schienen mir noch das Flügelkleid der Damen Fuhrs zu tragen. Ihre ganze Kleidung bestand nämlich nur aus zwei, ungefähr drit- tehalb Zoll breiten Bändern aus grobem Baumwollenstoff. Das eine derselben diente als Gürtel, daS andere war an dem ersteren befestigt; mein geneigter Leser mag errathen, wie. Das war Alles, was wir von dem Haushalte Ihrer Hoheit zu sehen bekamen. Unsere Audienz währte ohnehin bloß kurze Zeit, so daß unseren Beobachtungen nur ein sehr beschränkter Spielraum geboten wurde. Nach ungefähr einer Viertelstunde erhob sich Dame Soakim. Seine Excellenz der Herr Minister ließen sich herab, uns bis vor das Hofthor zu begleiten und waren so gütig, die Versicherung auszudrücken, daß unser Besuch Ihrer Hoheit gewiß gefallen haben werde. Der Konsul setzte sogleich mit ihm seine diplomatischen Unterhandlungen fort und war wirklich so glücklich, zuletzt von Sr. Excellenz die Möglichkeit in Aussicht gestellt zu sehen, daß Seine Majestät der König von Fuhr es erlauben würde, » l 272 > wenn einer der Suditcn des Konsuls sein Land besuchen wolle. ' - Trotzdem würde ich, selbst wenn mir Zeit und Mittel zu Gebote gestanden hätten, es dennoch nicht gewagt haben, auf die Worte des Herrn Ministers hin Fuhr zu betreten, weil ich alle Ursache habe, zu glauben, daß mir dann das unvermeidliche Schicksal aller Europäer, welche dorthin kommen, bevorstände*). Wir schieden mit der Versicherung einer gegenseitigen Achtung von einander. — Nachdem ich vom Pascha Geld zu meiner Reise nach Egypten erhalten hatte, dachte ich daran, einige meiner Gläubiger zu befriedigen, welche ich sonst erst von Kairo aus hätte bezahlen können. Unter ihnen befand sich Husscin-Arha, von dem ich, wie wir wissen, zweitausend Piaster geliehen hatte. Ich habe bisher noch Wenig über diesen Mann mitgetheilt. Husscm-Arha war der Oberst eines Sendjeklik **) Arnanten, fiel aber bei dem Vizckönig AabahS-Pascha in Ungnade, weil dieser ihm zu Leb- und Regierungszeiten seines GroßvvterS Mahammed-Aali ein edles > arabisches Roß abkaufen resp. von ihm geschenkt haben wollte, welches *) Seine Majestät, der allergnädigstregierende „große Büffel", Sul- tahn von Dahr e> Fuhr, gernhen, alle Europäer für höchst brauchbare Menschen anzusehen. Nur haben Se. Majestät leider ein — uns übrigens sehr schmeichelhaftes — Vornriheil, daß ein Europäer alle nur erdenkbaren Kenntnisse in sich vereinigen müsse. Deßhalb belieben Sie auch zu verlangen, daß ein und derselbe Europäer, „einer jener spaßhaften und gescheuten Kerls, von denen Er so Viel gehört habe", Gewehre, Kanonen, Leinwand, Schieß- pulver, Taschenuhren, Spiegel, Schmuckgegenstände, Elfenbeinarbeiten, Arzneien und alle die Dinge, welche Se. Majestät einmal zu sehen bekamen, zugleich anfertige. Der Europäer genießt dagegen große Vortheile vor anderen Einwohnern Fuhrs; er erhält drei bis vier Sklavinnen, mehrere Sklaven, welche ihm sein Feld bestellen, eine Hütte und dergl. mehr, darf jedoch nie das Land verlassen. Er befindet sich zwar in einem weiten Kerker, aber doch gefangen. Früher schlug man jeden Weißen, ,der die Grenzen Dahr el Fuhrs betrat, ohne viele Umstände todt; man hielt ihn für einen Spion der Türken, welche bekanntlich die früher fuhrische Provinz Kordvfahn eroberten. Aus chiese» wenigen Worten erklärt sich genugsam die Unkenntniß dieses großen Negerstaates. ") S. Th. 1 S. 191. 273 Hussein - Arha zu verkaufen sich weigerte, indem er ganz trocken sagte: „Effendina, Du reitest sehr gern ein gutes Pferd, ich aber auch." Hussein-Arha war der Abgott seiner Soldaten, der Tapferste und Kühnste bei jedem Gefecht, der beste Befehlshaber; aber er wurde sogleich seines Dienstes entsetzt, nachdem Aabahs- Pascha zur Regierung gekommen war. Ein alter Türke, der unter Hussein gedient Patte und diesen mir gegenüber rühmte, sagte: „Aabahs-Pascha fürchtet den Löwen, weil er nur mit Hunden zu spielen gewohnt ist." Unser Oberst wurde nun Kaufmann und lebte, da er aus einer alten, guten und wohlhabenden Familie stammte, also vom Hause aus Vermögen besaß, sich auch während seines langen Dienstes wohl Etwas erspart haben mochte, auf einem eben so großen Fuße, als früher, eben so geachtet, nur nicht so vergnügt, weil ein alter Kriegsmann das Schwert gewiß nie gern mit der Elle vertauscht. Die Wohnung und der Harehm Hussein-Arha's befanden sich in Schendi, wo der Oberst ausgedehnte Besitzungen besaß oder vielmehr bewirthschaftete, weil bekanntlich aller Grund und Boden als Eigenthum der Regierung angesehen wird. Aber er brachte einen großen Theil des Jahres in Charthum zu und bewohnte hier ein kleines Haus mit wenigen Dienern. Ich suchte ihn dort auf. Es war um die Zeit des Aassr; Hussein betete, während ich einstweilen auf dem Diwahn Platz nahm. Nachdem er sein Gebet vollendet hatte, setzte er sich zu mir und wünschte mir herzlich Glück zu meiner bevorstehenden Abreise. Ich sagte ihm, daß ich gekommen sei, meine vor fast dreizehn Monaten erhobene Schuld abzutragen. Erstaunt sah mich der biedre Türke an: „Du willst die wenigen Piaster, welche Du mir schuldest, bezahlen, Chalihl-Effendi? Wie willst Du denn nach Kairo gelangen? Behalte doch Dein Geld sür Dich und bezahle mir die Kleinigkeit von Kairo aus; ich werde gern noch warten. Schicke mir einen Kreditbrief an den hiesigen Konsul von Alerandrien aus, schicke mir ihn von Deinem Vaterlande. Solltest Du aber auch dort kein Geld haben, so thut das Nichts; ich bin ein reicher Mann, dem Höchsten sei Dank" — und dabei küßte er seine Hand m. 18 274 von Innen und Außen, wie dies die Mahammedaner immer zu thun pflegen, wenn sie „ei Immcki lillnlli" aussprechen — ,,ich brauche die zweitausend Piaster nicht so nöthig und werde mich freuen, daß ich Dir einen Dienst leisten konnte." Und nun wandte er mit größter Freundlichkeit alle seine Beredsamkeit an, um mich zu bewegen, noch länger sein Schuldner zu bleiben. Allein gerade um so drückender ward mir meine Schuld. Ich übergab das Geld seinem Haushofmeister und bat diesen, es seinem Herrn später zuzustellen. Nachdem der Oberst sich von der Fruchtlosigkeit seiner Bitten überzeugt hatte, nahm er herzlichen Abschied von mir und versprach mir, einen Empfehlungsbrief an seinen Wekihl in Schendi mitzugeben, weil ich auch dort nur meinen Schuldbrief zurückbekommen könne. Ich verließ Hussci'n- Arha mit Dankesworten auf den Lippen und wahrer Hochachtung im Herzen. Er ist einer von den liebenswürdigsten Türken, welche ich kennen gelernt habe. Fern von der Hauptstadt geboren und erzogen, hat er sich die patriarchalische Einfachheit und Biederkeit der Sitten seiner Vorfahren erhalten; er ist einer jener Türken „von altem Schrot und Korn", welche vielen Christen zum Muster aufgestellt werden können*). In Verbindung mit Bauerhorst suchte ich jetzt eine Barke zu *) Auch von Hussein-Arha empfing ich in Kairo einen sehr freundlichen Brief. Der Konsul hatte ihu im Auftrage dieses vortrefflichen Mannes Deutsch geschrieben, Hussein-Arha aber durch das Daraufdrücken seines Siegeis unterzeichnet. Der Brief lautete: „Unserem theuren Freunde Chalihl-Effendi, dem Deutschen! Durch unseren gemeinschaftlichen Freund habe ich erfahren, daß Du glücklich in Kairo angelangt bist und habe mich darüber sehr gefreut. Möge Allah auch Deine weitere Reise segnen! Schreibe mir auch von Deinem Vaterlande aus jährlich wenigstens einmal durch unseren Freund Reitz. Und wenn Du einmal wieder nach dem Sudahn zurückkehren solltest, dann vergiß nicht, daß Du an mir stets einen wahren Freund hast, denn ich betrachte Dich wie meinen Adoptivsohn. Gott sei mit Dir! (I-- 8.) Hussein-Arha." Und als der nachherige österreichische Konsular-Agent für Central- Afrika vr. von Heuglin von Charthum nach Europa zurückkehrte, übergab ihm Hussein-Arha ein Geschenk für mich, „damit ich seiner nie vergessen möge." 275 miethen. Wir wollten unsere Reise zu Wasser machen, weil auf diesem Wege die Reisekosten gegen die einer Wüstenrcise unverhält- nißmäßig gering sind. Freilich war die Gefahr bei einer Fahrt über die Katarakten, wie ich aus Erfahrung wußte, ungleich größer als bei der Landrcise; allein junge Leute, welche gerade nicht unter die Furchtsamen gerechnet werden dürfen, pflegen darnach nicht Viel zu fragen. Nach langem Herumlaufen wurden wir zuletzt mit dem Besitzer eines neu erbauten Schiffes ohne Kajüte, „NLkhr", einig und mietheten dasselbe für hundertunddrcißig Spc- ciesthalcr — drei Viertel des Werthes unsers ganzen Schiffes — bis Kairo. Um für alle Fälle gesichert zu sein, nahm ich unseren Rhcder mit in die Müderie und ließ dort einen wohl verklausel- ten Kontrakt aufsetzen und gerichtlich bekräftigen. Wir wollten uns ungefähr sechs anderen Barken anschließen, welche mit arabischem Gummi beladen unter der Führung eines des Stromes kundigen Mannes nach Kairo gerudert werden sollten und warteten, nachdem unsere Effekten und die kleine Menagerie eingeladen waren, nur auf die Abfahrt derselben, um Charthum zu verlassen. Die Regenzeit hatte wieder begonnen und schien ebenso heftig zu werden, als die vorjährige. Es war also die höchste Zeit, abzureisen, um noch mit vollem Wasserstande in Egyptm anzukommen. Der Konsul gab uns am 16. August den Abschiedsschmaus. Nur wir Deutschen waren zugegen. Wein und Punsch stimmten uns heiter; wir sangen, tranken und waren fröhlich. War es ja doch das letzte Mal, daß wir so zusammensaßen. Reitz erhob sein Glas und rief: „Meine Freunde, stoßen Sie mit mir an auf eine fröhliche Wiedervereinigung, obgleich wir nicht wissen können, ob wir noch einmal zusammenkommen. Ich selbst zweifle daran, aber wir wollen dennoch unser Glas darauf leeren l" Er hatte leider wahr gesprochen. Am 17. August bezogen wir (Bauerhorst und ich) mit unseren Bedienten das auf dem Hinterdeck der Barke errichtete Strohzelt. vr. Reitz und vr. Vierthalcr erschienen mit Weinflaschen unter dem Arme, die Hälfte der letzten Nacht im traulichen Gespräche mit uns zu verbringen. Nachdem sie sich entfernt 18* 276 hatten, suchte ich auf meinem Lager noch immer umsonst den Schlaf. Vierzehn Monate zogen an meinem Geiste vorüber, vierzehn Monate, welche mir viel Schlimmes gebracht hatten. Die Erinnerung an sie brachte das freudige und stolze Bewußtsein mit sich, sie überstanden zu haben. Und dann dachte ich an das viele Schöne und Erhabene, das ich genossen und war fast geneigt, Charthum all' das Böse zu vergeben, das mich in seinen Mauern betroffen hatte. Mit vielen Hoffnungen hatte ich Charthum betreten, nur wenige waren erfüllt worden. Freudlos hatte ich fast die ganze lange Zeit verlebt, mit unendlichen Hindernissen und Sorgen hatte ich kämpfen müssen. Doch Ende gut — Alles gut und darum auch „vl salallm sals'ik sa Oksrtllum!" Das war es, was ich dachte, aber die Wogen deS Stromes schlugen ihre eintönige und doch melodische Weise an die Seiten- wände unseres Schiffleins und wiegten mich langsam in den Schlaf hinüber. Und der Schlaf brachte die bunten Bilder des Traumes und dieser ließ mich gegen Morgen unter duftigen Orangenbäumen eines Gartens der herrlichen Maheruhsct erwachen. — Eine Nilfahrt von Charthum nach Kairo. „Sturm wühlt und die Wogen bäumen Sehnsüchtig sich himmelan; Hoch in solcher Wellen Schäume» Segle, kühner Steuermann!" Eichendorff. Am Morgen des 18. August kamen noch mehrere Europäer Charthums auf unsere Barke, um von uns Abschied zu nehmen. Reitz und Vierthaler wollten uns bis Halfaii begleiten. Wir stießen mit freudigen Gefühlen vom Ufer ab; der volle Strom trieb unser Schifflein schnell abwärts. Nach anderthalb Stunden waren wir in der Nähe des erwähnten Dorfes. Noch zeigte sich uns die Ornis des Ost-Sudahn. Die Regenzeit hatte mehrere Arten südlicher wohnender Vogel hcrabgelockt. Der rosenrothe Nimmersatt und der heilige Ibis liefen am Ufer herum; der Webervögel saß in der Nähe seiner künstlichen Nester, der Fcuerfink auf den Durrahstängeln; in der mit hohem fettem Grase bewachsenen Steppe am rechten Nilufcr fing der buntflügclige Falke Heuschrecken; hoch in den Lüften kreisten Geier. Wie zum Abschiede erhob ein Nilpferd seinen ungeschlachten Kopf aus dem Wasser und beglotzte mit seinen großen Augen unsere nahe an ihm vorbei- schwimmende Barke und die in der Steppe weidenden Hecrdcn. Vierthaler und ich gingen von einem bequemen Landungspunkte aus durch den reich belebten Wald dem Dorfe Haifa i zu. Unser alter Freund Jbrahihm-Arha sandte den Zurückgebliebenen Pferde, auf denen sie bald anlangten. Der Wirth erschöpfte sich in Beweisen von Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. Er veranstaltete eine glänzende Fanthasie, welche auch am folgenden Tage noch fortdauerte. Wir wollten abreisen, Jbrahihm-Arha verhinderte es durch ein ächt türkisches Mittel. Er beorderte unseren Reis zu sich und sagte ihm, daß wir im Begrifft ständen, 278 weiter zu reisen. Da er dies aber nicht wünsche, gebiete er ihm, hier zu bleiben und uns seine Dienste zu versagen, widrigenfalls er fünfhundert Hiebe aus die Fußsohlen erhalten sollte, wenn er jemals nach Haifai zurückkäme. Der Reis widersetzte sich nun entschieden der Abreise und wir waren schon gezwungen, uns von unserem Wirthe mit Artigkeiten überhäufen zu lassen. Dieser that Alles, um uns angenehm zu unterhalten. Er stellte vortreffliche Pferde zu unserer Verfügung, zeigte uns seine Besitzungen und sein Gestüte und ließ es auch an Speise und Trank nicht fehlen. „Drei Tage lang", sagte er, „habe ich als Gastfreund das Recht, einen mir werthen Gast bei mir zu behalten, verlangt daher nicht, eher aus meinem Hause zu gehen." Erst am 20. August erlaubte er unsere Abreise. Wir nahmen herzlichen Abschied von ihm, unseren Freunden Reitz und Vierthaler und schifften uns gegen Mittag ein. Der uns sehr günstige Südwind, welcher heute ziemlich heftig wehte, führte uns rasch den Strom hinab; wir passirtcn zum Aassr am rechten Ufer den Djebel Wod-Aabahs, links einen anderen hohen, mir dem Namen nach unbekannten Berg der Bahiuda und legten Abends hinter dem mächtigen Rojahn in der Nähe des uns schon bekannten Dorfes el Edjehr an. Der Besitzer der Barke gab den Matrosen einen Hammel, um durch diese „Karahme" — Opfer — eine glückliche Fahrt zu ermöglichen. Am Ufer tödtete ich eine, wahrscheinlich mit dem Fange großer Prachtkäfer (Bupresten) beschäftigte Viper, welche sich sehr geschickt zwischen und auf den Zweigen hin und her bewegte. Am 21. August. Mit dem Grauen des Morgens fuhren wir weiter. Bald umgaben uns die Gebirge des engen Fclsentha- les Rherri. Sie bieten für das Auge schöne Particen dar. Der mächtige Strom wälzt sich zwischen den steil aufsteigenden Bergen, welche ihn mehr und mehr einengen und zuletzt bis auf ungefähr zwcihundertundfunfzig Schritte zusammentreten, dahin. Hier fanden wir mit dem Senkblei bei achtzehn Klaftern noch keinen Grund. Auch heute hatten wir wieder Südwind und eilten mit ihm schnell den Nil hinab. Gegen Mittag wuchs er zum Sturm an, 279 trieb unser Schifflein mit Macht gegen die Felsen des linken Ufers und zwang uns, anzulegen. Rechts und links dehnte sich die lc- bensarme Wüste aus. Der gestreifte Ammer und die isabellfarbige Wüstenlerche schienen die einzigen Vertreter thierischen Lebens zu sein. Nach anderthalb Stunden setzten wir die Reise fort. Das Thal erweitert sich. Mit ihm der Strom. Er umschließt viele Inseln, welche in tropischer Fülle emporwuchernde Mimosen und mit Blüthen bedeckte, in allen Farben prangende Schlingpflanzen begrünen. Der schöne Seeadler sitzt auf den dichtvcrschlungcnen Büschen und spiegelt sein blendendweißes Haupt in den Fluchen des Stromes. Spater gelangen wir zu den mit Wald bedeckten Ufern oberhalb des Dorfes Gohs el Redjeb, legen gegen Sonnenuntergang bei mehreren Hütten und Schöpfrädern an und gehen in dem nahen Walde auf die Jagd. Mahammed fängt Käfer, wir stören eine Kette Perlhühner, viele Reiher und einige Adler auf, von denen uns auch einige Eremplare zur Beute werden. Der Wald gibt noch einmal das Bild eines wildverworrc- ncn, ächt innerafrikanischen Urwaldes. Der andere Morgen bringt uns schon Vormittags zu dem Städtchen M etäm m e. Es ist ein elender Ort mit wenigen Einwohnern, welche gesuchte künstliche Gold-, Silber-, Eisen- und Lcdcrarbeiten verfertigen. Man hielt gerade Markt, er war erbärmlich. Wir ließen uns nach den Ruinen ,,des Schlosses" führen, welches 1822 bei dem Aufstande des Volkes unter Me- lik Nimmr von den Nubiern eingenommen wurde. Jetzt liegt das Kastell in Trümmern. In einer für Sudahn sehr anständigen Hütte fanden wir guten Bilbil; suchten aber vergeblich nach Straußenfedern, womit hier ein bedeutender Handel getrieben wird. Schendi ist eine halbe Meile stromabwärts von Metämme am anderen (rechten) Ufer des Nil gelegen. Husse'in-Arha hatte mir Empfehlungsbriefe an seinen Wekihl Hassan-Arha mitgegeben. Wir wurden bei unserer Ankunft sehr freundlich empfangen und mußten versprechen, im Hause meines Freundes über Nacht zu verweilen. Gegen Abend ritten wir mit Hassan-Arha 280 in der Stadt herum. An der Stelle des Tokhul, in welchem Js- mael-Pascha verbrannt wurde, ist eine Moschee erbaut worden. Der Palast des hochherzigen „TigerkönigS" liegt in Trümmern, ebenso die Stadt, welche jetzt kaum ein Drittthcil ihres Umfanges einnimmt. Die Bewohnerzahl ist von zwanzigtausend auf viertausend zusammengeschmolzen. Außer den türkischen Soldaten wohnen fast nur Araber und keine Nubier hier. Es sind schöne, aber ungcmein leichtsinnige, unsittliche, dem Trunke und anderen Lastern ergebene Leute. Schcndi liegt unter dem 16" 37 ^ n. Br. und 310 östlich von Paris. Hassan-Arha bewirthete uns auf's Beste. Fast mit Gewalt wollte er mir zwei lebende Strauße aufdrängen. Aus Mangel an Platz konnte ich sie nicht annehmen. Dagegen bat ich ihn, weil wir unsere ethnographischen Sammlungen bereichern wollten, um Empfehlungsbriefe an den Schech von Tahmr, einem in der Nähe des Atbara gelegenen Dorfe, in welchem sehr künstliche Arbeiten zum Schmuck oder anderen Bedürfnissen der Sudahnesen gefertigt werden. Am frühen Morgen des 13. August verlassen wir Schendi. Der Wind ist uns auch heute sehr günstig, er erspart unseren Matrosen das Rudern und fördert die Reise ungemein, obgleich nur zwei zusammengebundene Feradah *) als Segel dienen. Um 10 Uhr Vormittags passiren wir das am rechten Ufer gelegene, altberühmte Mero« mit seinen Ruinen und Pyramiden. Diese liegen für uns zu weit landeinwärts. Auch können wir die ungefähr eine halbe Meile von uns entfernten Ruinen vom Schiffe aus recht wohl sehen. Eine ziemlich hohe Bergkette im Hintergründe, die Djcbahl el Khohli, rahmen das Bild ein. Um Mittag kommen wir zu dem großen Dorfe Um-Aali mit vielen komischen Schechsgräbern. Sie sind im weiten Bogen von den Djcbahli Um-Aali, welche die Fortsetzung des Gebirges der Djcbahl el Khohli bilden, eingeschlossen. Am anderen, dem linken, Ufer liegt das Dorf el Mikn're. *) Plural von Ferdah. Zum Aassr erreichen wir das Dorf Sikahlc. Eine früher schwunghaft betriebene Jndigofabrik ist eingegangen. Sie war ergiebig, weil der Indigo in der Steppe wild wächst und nur gesammelt zu werden braucht. Der Nil nimmt hier die majestätische Breite von fast einer halben Meile an. Beide Ufer sind bewaldet oder mit Durrah bebaut. Die Strömung des Wassers ist sehr stark. Sie führt unsere Barke so schnell mit sich fort, daß wir schon zum Morhrcb bei dem Dorfe Se'itahbe, um dort zu übernachten, landen können. In der Umgegend wachsen schöne Mimosen, weshalb man daselbst eine Werfte für gewöhnliche Nilbarken errichtet hat. Wir wollten am folgenden Tage in Tahmr landen, fuhren aber aus Mangel an Ortskenntniß an dem Dorfe vorüber und erkannten unseren Irrthum erst, nachdem wir an der Mündung des Atbara angekommen waren. Dann passirtcn wir noch die beiden, am rechten Ufer gelegenen Dörfer Tcrmahli und Sa lahme und erreichten Nachmittags bei guter Zeit das uns schon bekannte Berber oder Muche'rref. Die kleine unbedeutende Stadt liegt unter dem 17" 68^ nördlicher Breite und 31" 3t? östlicher Länge von Paris und zählt ungefähr sechstausend Einwohner. In neuerer Zeit wurde es der Sitz eines Mudihr und folglich die Hauptstadt einer „Mudir'ie." Diese verdient aber nur dadurch, daß viele Nomaden in der Nähe des Atbara hierher tributpflichtig sind, ihren Namen. Man darf die Zahl dieser Leute wohl zu vicrhundcrttausend annehmen, wovon auf den Stamm der Bi schar ihn zweihundcrttausend, auf den der Aababde hunderttausend und auf die übrigen Stämme ebenfalls hunderttausend kommen. Der Handel Berbers ist ohne Bedeutung, obgleich die meisten Waaren, welche von Charthum kommen und dahin zurückkehren, die Stadt passtrcn. Der Basar ist einer der elendesten in ganz Nubien. Gewöhnlich nimmt man, weil der Strom von hier an stromabwärts sehr klippenreich und nur bei hohem Wasscrstande fahrbar ist, schon hier die Kamele für die große nubische Wüste und zieht dann bis Abu-Hammed dem Nil entlang. 282 Der Franzose La Farque, den wir besuchten, erzählte uns, daß man vor vierzehn Tagen in der Nähe der Stadt einen großen männlichen Löwen erlegt habe. Das königliche Thier machte die ganze Gegend unsicher, raubte Rinder und Schafe und zog sich mit seiner Beute immer in ein Dickicht des Urwaldes zurück. Vier mit Feuergewehren bewaffnete Morhrarbi vereinigten sich mit zwölf nur mit Lanzen ausgerüsteten Nubiern zur Jagd des Raub- thieres. Die „Abendländer" schössen schlecht, die Lanzenwürfe wurden nicht tödtlich. Der Löwe verwundete zwei seiner Angreifer und verstümmelte sie grauenhaft. Da faßt sich ein Nubier ein Herz, geht dem glücklicher Weise ganz vollgefressenen Thiere zu Leibe und erschlägt es mit mehreren kräftigen Streichen des selbst Löwen bezähmenden Na buht. Die Verwundeten lagen darnieder, waren aber, ohne daß ärztliche Hülfe angewendet wurde, bereits auf dem Wege der Besserung. Einem im Inneren Afrikas reisenden Europäer ist ein dort ansässiger „Landsmann" immer eine erfreuliche Erscheinung. Wir freuten uns, La Farque getroffen zu haben. Gern leisteten wir der freundlichen Einladung, bei ihm zu verweilen, Folge. Im Hause des Franzosen verbrachten wir in angenehmer Unterhaltung den Nachmittag und Abend. Es war spät geworden, als wir zur Barke zurückkehrten. Am westlichen Himmel stieg ein Gewitter auf, die Blitze leuchteten zu uns herüber, der Donner rollte noch fern. Wir beachteten es nicht und legten uns zur Ruhe nieder. Bald nachdem wir eingeschlafen waren, wurden wir unangenehm aufgeweckt. Ein heftiger Ostwind brachte Wolken von Sand und Staub mit sich und bedeckte damit alle Gegenstände um uns herum linicn- dick. Auch durch unsere Teppiche und Decken drängte er sich hindurch. Es gehörte eine geraume Zeit dazu, sich in diese Unannehmlichkeit zu finden. Zuletzt machte sich, trotz der kläglichen Situation, Einer über den Anderen lustig. Zum zweiten Male schliefen wir ein und wurden zum zweiten Male durch ein viel unangenehmeres Gefühl aufgestört. Es regnete fürchterlich. Das pras- 283 sclnste Donnerwetter umtobte uns, die Blitze zischten in unserer Nähe in den Nil. Und welch elenden Schutz hatten wir gegen das Ungewitter! Ein einfaches Strohmattenzelt. Der Regen sammelte sich auf demselben und fiel in um so größeren Massen auf unsere Lagerstätten nieder. Drei Teppiche und meine ungarische Wildschur, das beste Schutzmittel, welches ich noch besaß, waren in einer Viertelstunde vollkommen durchnäßt. Obgleich ich bei jeder Bewegung Wasserbäche von der letzteren abschüttelte, lag ich doch wie im Wasser gebadet. — ,,Baucrhorst, wie geht es Dir?" „,,O mein Gott, entsetzlich schlecht, ich bin schon patschnaß!" " Und dann — eine lange, lange Pause, und jeder schlief „patschnaß" wieder ein. Der naßkalte Westwind weckte am Morgen die gebadete Reisegesellschaft. Da stand August Tischendorf schon nackt im Sturme da und durchsuchte seinen Koffer nach wenigstens halbtrockcnen Kleidern; Bauerhorst versuchte sich in seinem nassen Pelze zu wärmen, nachdem er seine triefenden Decken von sich abgeschüttelt hatte; ich sprang im tiefsten Neglige ohne Umstände dem nächsten Hause zu nnd ließ mir dort ein Feuer anzünden. Tischendorf folgte, Bauerhorst ging nach dem La Fargue'schcn Hause. Es war eine Höllcnnacht gewesen, der Morgen war teuflisch. Was wir ansahen, war naß, was wir anziehen wollten, ebenfalls. Der Koch Man fuhr blickte mit Wehmuth nach dem Holze, welches, allen seinen Bemühungen Trotz bietend, nicht brennen wollte, obgleich wir wiederholt starken Kasse verlangten; M aha m m e d suchte mit Verzweiflung in allen Kisten nach trockener Wäsche herum; die Matrosen saßen mit kläglichen Mienen stumm, regungslos auf dem Verdeck der Barke. Ueber unser Aussehen schweige ich lieber still. Unsere Anzüge glichen so ziemlich denen betrunkener Gesellen, welche die Nacht im Rinnstein zubrachten. Erst nach und nach wurde unser Zustand erträglicher. Wir erhielten endlich Kasse und Pfeifen. Die Kleider trockneten an dem in der Hütte brennenden Feuer. Der naßkalte Wind wurde allmählig schwächer, am Horizonte trat die Sonne hinter dem Gewölk hervor und sandte uns ihre freund- 284 lichcn Strahlen zu. Dennoch konnten wir die große Unbchaglich- keit, welche wir fühlten, nicht sogleich verbannen. Es fror uns bei aller Sonncnwärme. — In Berber hatte das Unwetter viel Schaden angerichtet. Unter Anderem waren auch drei mit arabischem Gummi beladene Barken untergegangen. Gegen Mittag ging ich wieder zu unserem Gastfrcunde. Er behielt uns zum Mittagessen bei sich. Vor unserem Weggange stellte er uns seiner Frau vor. Sie ist eine der schönsten Abyssi- nicrinnen, welche ich gesehen habe. Ihr Gatte kaufte sie als sechsjähriges Mädchen, brachte sie nach Kairo und ließ sie dort erziehen. Später nahm er sie zu sich, machte mit ihr mehrere Reisen, deren Beschwerden sie mit großer Standhaftigkcit ertrug, deren Gefahren sie mit männlicher Entschlossenheit überstand. Einmal rettete sie ,,ihrem Herrn" durch ihre seltene Geistesgegenwart das Leben und erschoß einen Menschen, welcher diesen angreifen wollte, mit eigener Hand. Sie liebt den Franzosen und dieser hat alle Ursache, seine Wahl nicht zu bereuen. Ein hübscher Junge, Kahmil, zu Deutsch: der Vollkommene, ist die Frucht ihrer Ehe. La Farque lebt alö Kaufmann in Berber ziemlich glücklich. Er hat sich durch seine oft sehr gewinnbringenden Handelsreisen ein hübsches Vermögen erworben und gedenkt, damit später nach Frankreich zurückzukehren. So Viel ich erfahren habe, soll er ein rechtlicher, biederer Mann und somit eine seltene Ausnahme unter den Kaufleuten Ost-Sudahns sein. Wir verließen Berber Nachmittags, ohne die Barken, mit denen zugleich wir die Reise durch die Schellalaht machen wollten, gesehen zu haben. Eine von ihnen gehört La Farque und ist mit vierhundert Ccntnern arabischem Gummi beladen. Der einzige tüchtige, d. h. des Stromes kundige, Re'rS, ein gewisser Solimahn, mit dem Beinamen cl Mahassi, befindet sich auf einer dem neidischen Kaufmannc Aabd cl Hamihd gehörigen Barke. Am 26. August. Nachdem wir bei dem Dorfe Bannke über Nacht geblieben waren, setzten wir heute Morgen mit dem Frühesten unsere Reise fort. Schon nach einer Stunde fanden wir 285 die übrig«: Barken, welche auf uns gewartet hatten und sich bei unserem Erscheinen segelfcrtig machten. Vor unö lag der Schcl- lahl Akabat el Humahr. Er war bei dem jetzigen Wasserstande nicht gerade gefährlich, verlangt aber immer eine sichere Führung des Schiffes. Während der trockenen Jahreszeit ist er kaum zu befahren. Wir legten die bedenklichen Stellen der Stromschnelle rasch und leicht zurück. In der Nähe eines Dorfes der Landstrccke Bakhehr suchten die Matrosen der anderen Schiffe das Ufer des Stromes. Man legte an und ging in's Dorf. Die Einwohner waren gerade mit Einsammeln der Datteln beschäftigt, welche hier von vorzüglicher Güte sind. Für wenige Para kauften wir mehrere hundert Stück dieser lieblichen Früchte. Unsere Matrosen erholten sich von der ziemlich anstrengenden Arbeit des Tages und lagen, Datteln essend, bis vier Uhr Nachmittags im Schatten der Palmen. Dann fuhr man weiter, aber nur bis zum Anfange des Schcllahl Bakhehr, wo man zu übernachten beschloß. In der Nähe liegt das Dorf gleichen Namens. Vom anderen Ufer des hier ungefähr eine starke Viertelstunde breiten Stromes schwammen Männer und Frauen auf großen, mit Luft aufgeblasenen Schläuchen zu uns herüber. Krokodile brauchen sie nicht zu fürchten, weil diese Thiere, wie oben bemerkt, nur das ruhige Wasser, aber nicht die heftigen Stromschnellcn der Katarakten lieben. Nach günstiger und rascher Fahrt erreichen wir am folgenden Tage die fruchtbare Insel Mograhd, nicht weit oberhalb Abu- Hammcd, wohin wir am 18 . August nach anderthalbstündigcr Fahrt gelangen. Wie gewöhnlich, wollen auch unsere Schiffsleute hier mehrere Tage liegen bleiben, uin die Barken zur bevorstehenden Reise durch die sehr gefährlichen Schellalaht erst gehörig auszurüsten. Da mir der Schech M aham med - Aali, Wekihl oder Stellvertreter des Wüstenschcch Hussein Ehaliefe, erklärt, daß Kamele zu finden seien, besckloß ich, einen großen Theil meiner Sammlungen durch die nubische Wüste nach Korosko zu schicken. Mahammed-Aali findet sich das durch bloße Ansehen des Siegels der ,,Essend! kebihr" oder des Vizekönigs auf meinem Firmahn auch bewogen, meine Kisten nur nach der Tare der Regierung 286 und zwar bis Korosko mit fünfzehn Piaster für den Ccntner zu berechnen. Die Erzählungen des Schech sind mir von großem Interesse, vorzüglich die Schilderung des Innern der Wüste. Er kennt die nubische Wüste von Abu-Hammed bis an das rothe Meer oder von da bis nach Korosko genau. Ich erfahre, daß es in ihrem Innern viele Brunnen gibt, an denen die heerdcnreichen Nomaden, meistens dem Stamme der Aababde angehörend, ihre Zelte aufgeschlagen haben. Der im Charief herabfallende Regen genügt, in den Niederungen eine zwar spärliche, aber hinreichende Vegetation, welche die Kamele, Ziegen und Schafe der Nomaden mit Nahrung versorgt, hervorzurufen und die Brunnen zu füllen. Selten oder nie dringen türkische Beamtete in diese Auadie ein. Die Bewohner derselben leben daher im ruhigen Besitze ihres Eigenthums. Sie haben nur an ihren Schech, den erwähnten Hussein-Eh aliefe, mäßige Abgaben zu entrichten; mäßige, weil die Türken ihren Reichthum — wenn ich überhaupt dieses Wort gebrauchen darf — nicht kennen. Die nubische Wüste ist die Vor- rathSkammer oder das Ersatzmagazin für die vielen Kamele, welche auf der Straße von Korosko nach Abu-Hammed zu Grunde gehen. Ohne sie würde jene Straße gar nicht unterhalten werden können, weil die Zahl der aus ihr fallenden Kamele so bedeutend ist, daß sie im ganzen türkischen Reiche diejenige Straße sein soll, Welche die meisten Lastthicre fordert. Hussein-Chaliese kennt alle Wohnplätze der Beduinen. Die kleinen Schiuhch derselben sind ihm untergeordnet. Er hütet sich aber wohl, die Türken mit den Umständen derselben vertrauter zu machen, als es bisher geschah, um die sich ihm dadurch bietenden großen Vortheile nicht zu verringern. Am 30. August. Der Aufenthalt in Abu-Hammed fängt an, uns recht zu langweilen. Wir müssen uns gegen unseren Willen den Bestimmungen des stromkundigen Reis Saline ahn unterordnen. Es kommt Alles zusammen, um uns miß- muthig zu stimmen. Ich leide seit mehreren Tagen an heftigen rheumatischen Zahnschmerzen, der Gebieter Solimahn's erwartet 287 langweiliger Weise seinen langweiligen Bruder, Bancrhorst hat schlechte Laune, die Jagd ist erbärmlich und dabei pfeift uns noch der kalte Nordwind um die Ohren. Der Araber nennt so Etwas „Bclaui". Es war uns heute noch mehr von diesem Artikel vorbehalten. Manfuhr wirft zwei silberne Löffel, noch ein Andenken aus dem Vaterlande, in den Nil; Bauerhorst badet die Affen, wobei diese fürchterliche Grimassen schneiden; Tischendorf findet das allerliebst und badet deshalb auch seinen eigenen mit, ist aber so ungeschickt, den Strick loszulassen, weshalb der gute Pavian auch alsobald ertrinkt und gar nicht wieder zum Vorschein kommt. Nun will Bauerhorst ,,seinen Aerger auslasten". Er geht zu dem versammelten Schiffsvolke und fordert dieses, mit der Peitsche in der Hand, zur Weiterreise auf. Die Leute lassen sich das aber nicht so gefallen und prügeln ebenfalls darauf los; 'es entsteht ein allgemeiner Spektakel und ich komme noch eben dazu, um Mißhandlungen meines Freundes zu verhüten. Kaum ist die Sonne untergegangen, erhebt sich ein heftiger Wind, wächst zum Sturme an, reißt uns unser Strohzclt über den Haufen, wirft cS in den Nil und bringt uns ein Gewitter über den Hals, dessen Regengüsse uns zwingen, in das Dorf zu flüchten. Hier bietet sich mir ein Asyl. Ich trete in eine Hütte, der Raum ist leer. Schon bin ich im Begriff, mich behaglich einzurichten, da öffnet sich die Thüre und hcreintritt die Besitzerin der Spelunke, ein Weib, so alt und häßlich, wie etwa Macbcth'ö Zau- berschwestern gewesen sein mögen: „Um sich verbreitend Schreck und Grauen, Gleichwie der Helle Bild zu schauen." Am Liebsten wäre ich wieder entflohen, aber es regnete und stürmte draußen gewaltig, ich mußte bleiben! Eigentlich hätte ich meine Leser mit dergleichen Erzählungen nicht behelligen sollen. Ich fühle das recht wohl, aber ich kann mich entschuldigen. Ich wollte nämlich das vielsagende, umfassende Wort „Bclaui" erklären. Am 31. August. Unter Absingen der Fathcha verlassen wir am frühen Morgen mit den übrigen Barken Abu-Hammed. 288 Der Nil wendet sich eine Viertelstunde unterhalb des Dorfes nach West. In dieser Richtung läuft er fast fünfundzwanzig Meilen weit fort. Wir biegen am rechten Ufer in einen Arm des Flusses ein und passtren schnell die drei Stromschnellen des Schcllahl Mühhr oder Abu-Hammed. Gegen Mittag kommen wir zu einer Insel mit den Ruinen eines alten Schlosses, Wöd-Äbü-Htzdjön. Nachdem wir neben schmalen Streifen Kulturlandes im oberen Theile des WZ,di-GLmmLr wieder einige Dattelpalmcm zu Gesicht bekommen haben, erreichen wir das Kastell gleichen Namens. Es liegt prachtvoll und äußerst romantisch. Schwarzglänzend, schroff und steil thürmt sich ein kolossaler Fclsblock empor, wild umbraust von den sich an ihm mit Macht brechenden Wogen. Wie eine Krone deckt daö Schloß sein dunkles Haupt. Es ist aus Steinen und Lehm erbaut und für Kanonen eine leicht Annehmbare Feste, widerstand aber etwaigen Angriffen zur Zeit seiner Erbauung. Der eine, wahrscheinlich ältere Theil des Schlosses liegt in Trümmern; die Mauern sind aus großen Steinen roh zusammengesetzt. Am unteren Ende des Felsens hat der Strom eine kleine fruchtbare Insel angeschwemmt, auf welcher sich mehrere Familien der Nubier Hütten und Felder angelegt haben. Man findet in hiesiger Gegend diese Ruinen ähnlichen Festungen in ziemlicher Anzahl. Derlei befestigte Wohnplätze hatten hauptsächlich den Zweck, die Bewohner dieser armen Gegend mit ihren Hcerden gegen die räuberischen Einfälle der Scheikre zu schützen. Oft unternahm die kriegerische Mannschaft jenes Stammes Raubzüge, welche sich sogar bis el Muche'tref erstreckten. Sie raubten Menschen und Vieh, Getraide und andere Früchte und kehrten damit nach ihrer Heimath zurück. Der Strom ist hier ganz von Felsen eingeschlossen. Zu beiden Seiten einen und erheben sich die zerklüfteten Gesteine in den seltsamsten Gestalten zu Gebirgen. Nur dann und wann deuten einige Palmen an, daß es dem Fleiße des hier geborenen, armen Menschen gelang, der unwirthbaren Natur ein karges Stückchen Kulturland abzuringen. Wenige Beete eines schmalen, sich an dem Ufer hinziehenden Feldes sind mit Durrah bepflanzt worden, aber 289 kaum hinreichend, eine einzige Familie zu ernähren. Darüber hinausgehend, kommt man unmittelbar in das Reich der Steine. Von den Gipfeln der Berge aus steht man nichts Anderes, als Felsen und Sand vor sich. Es scheint, als ob der Zorn Gottes diese Einöde erschaffen hätte. Chaotisch verwirrt liegen die schwarz- glühenden Felsmassen in ungemessener Ausdehnung vor dem Auge. Erschreckt wendet man immer und immer wieder den Blick dem Strome zu. Er ist das einzige Lebende in dem Reiche des Todes. — Nach dem Aassr legt man bei einigen Hütten an, welche Sa- lamaht genannt werden. Um dem kulturfähigen Lande nicht Abbruch zu thun, sind sie auf den Felsen gebaut. Ihre Bewohner sind unaussprechlich arm. Und dennoch genießen sie eines großen Glückes: sie sind so gesund, daß man Krankheiten nur dem Namen nach kennt. Der Mensch wird hier geboren, wächst empor, zählt seine Jahre nach dem Steigen und Fallen des Nil und weiß nur, daß er alt geworden, wenn sich sein Haar bleicht, sein Rük- kcn krümmt und wenn die Glieder ihre Dienste versagen. Und wenn dann seine Zeit abgelaufen, stirbt er dahin, ohne zu wissen wie, ohne es gefühlt zu haben, daß der Tod sich naht. — Wir haben heute eine Wegstrecke von zwanzig Stunden zurückgelegt. Der heftig wehende Nordwind des anderen Morgens zwingt uns, gegen Mittag bei dem Dorfe Suhr anzulegen. Die wenigen Hütten desselben werden von den Matrosen in Beschlag genommen. Gegenüber liegt am anderen Ufer das Schloß Kahb. Unsere Löwin, Bachieda, kommt uns in das Dörfchen nachgelaufen und will sich ein Schaf rauben. Glücklicher Weise rette ich noch das schon erfaßte Lamm vom Tode. Nachmittag fahren wir noch eine kurze Strecke weiter hinab und legen oberhalb eines Schel« lahl an. Am 2. September. Reis Solimahn mahnt sehr früh zur Abfahrt. Wir überfahren einen ziemlich jähen Wassersturz trotz des uns hindernden Gegenwindes mit großem Glücke, gelangen III. 19 290 aber später in eine gefährliche Schema*), aus der wir uns erst nach Verlaus einer Stunde herausarbeiten können. Die Kraft des Wirbels ist so bedeutend, daß unser Schiff mehrere Male um sich selbst herumgedreht und in die Nachbarschaft der halb vom Wasser bedeckten Felsen geschleudert wird. Des starken Windes halber wird angelegt. Erst nach dem Slafsr geht es weiter. Man passtrt die erste Stromschnelle des gc- fürchtcten Schcllahl Rakabat cl Djcmmcl, „Kamelhals." Unsere Barke fliegt dicht an dem Felsen vorüber. Alle Ruder werden eingezogen, Tischcndors macht sich schwimmfertig. Wir kommen jedoch an den schlimmsten Stellen glücklich vorüber und erreichen bald die übrigen Barken, welche bereits das rechte Stromufer gewonnen und angelegt haben. Die Fclsmassen an beiden Ufern sind wilder, die Gegend ist öder und trauriger, als je. Wir besteigen die Gebirgsreihe unseres Ufers und sehen uns die Felsen etwas näher an. Sie bestehen aus Porphyr und Syenit, sind aber sehr zerklüftet, so sonderbar über einander gcthürmt und geschichtet, daß man nicht begreifen kann, welche Kräfte hier thätig waren, um die hier stattgefunden Revolution herbeizuführen. Selbst die ohne Zweifel am Meisten gegründete Annahme, daß nur das Wasser gewirkt habe, scheint gewagt. Man sieht losgerissene Felsblöcke von tausend und mehr Kubikfuß auf kleinen kubischen oder runden Steinen aufliegen, welche durch die Kraft weniger Menschen auS ihrem Schwerpunkte gehoben werden können. Wir benutzten die Ruderstangen unserer Barke als Hebel und waren mit Hilfe einiger Matrosen im Stande, kolossale Fclsmassen von ihren Unterlagen hcrabzuhe- ben. Donnernd wälzten sich die fast kugelrunden Blöcke die steilen Wände hinab und stürzten, mit ungeheurer Gewalt alles in ihrem *) Unter Schema versteht der Araber einen großen Wafferstrudel oder eine Stelle des Stromes, wo das Wasser sich mit Heftigkeit in einem gewissen Raume kreisförmig herumdreht, ohne eigentlich ein Wirbel genannt werden zu können. Der Kürze wegen werde ich Schema mit Wirbel übersetzen. 291 Wege Liegende zertrümmernd oder mit sich fortreißend, zuletzt in das Strombett. Unsere Beschäftigung belustigte die Matrosen; in kurzer Zeit waren mehr als zwanzig Menschen bemüht, uns zu unterstützen und Fclsblöcke in den Nil zu rollen. Am 3. September. Kurz nach der Abreise fahren wir wieder in die sich vor uns ausbreitenden Felsenberge hinein. Mit eingezogenen Rudern eilt unser Schifflein den uns vorausgegangenen Barken nach. Wir überfahren eine jach abstürzende, brausende und wellenwerfende Stromschnclle, die erste des bedeutenden Schcl- lahl Sabiecha. Dann steuern wir nach Norden. An der äußersten Wendung der Krümmung, welche wir zu durchführen haben, ist das Fahrwasser durch niedere, unsichtbare Felsen gesperrt und äußerst gefährlich. Unsere Barke folgt genau der von dem ReiS Solimahn geleiteten und windet sich, wie diese hart am rechten Ufer hinabführend, rasch und leicht durch die Felsen hindurch. Die kleinste der fünf Barken, welche noch mit uns vereinigt sind, kann jedoch das Fahrwassrr nicht halten und stößt, in die Felsen gera- thend, so heftig auf einen unter dem Wasser verborgenen Stein, daß alle Ruderer zu Boden stürzen und ein Matrose über Bord geschleudert wird. Er erreicht schwimmend das Ende eines der Ruder und wird gerettet. Wunderbar glücklich arbeitet sich die festgefahrene Barke wieder los und gelangt an das Ufer, wo sie anhält, um den erhaltenen, nicht unbedeutenden Leck auszubessern. Dies veranlaßt einen Aufenthalt von anderthalb Stunden, welchen wir theilen müssen. Von Neuem setzen sich die verschiedenen Barken in Bewegung und fahren einige Stunden weiter stromabwärts bis zu wenigen Hütten, wo die ermüdeten Matrosen anlegen, um auszuruhen und sich für die noch bevorstehenden Beschwerden zu stärken. Unsere Umgebung ist wie gestern und vorgestern schauerlich wild, die Schwärze der Felsen beengend. Rauschend wälzt sich der Nil in seinem engen Bette dahin. Die Strömung ist sehr stark und heftig. Auf einer mitten aus dem Nil sich erhebenden Felsen- insel sehen wir eine der erwähnten Festen, Tulka, kühn wie einen Adlerhorst auf die Spitze des Felsens geklebt, merkwürdig durch Gestalt und Anlage. Die gefährlichste Stelle deS Schellahl liegt 19* 292 vor uns. Der Strom wendet sich zuerst westlich, geht dann südlich und kehrt, die Gestalt eines 8 bildend, wieder nach Westen zurück. An der ersten Biegung stehen Felsen im Wasser, welche der Reis Solimahn, sich an der rechten Uferscite haltend, umfährt. Auch wir streben mit allen Kräften dahin, jene Richtung einzuschlagen. Die Gewalt des Wassers ist zu groß, wir werden nach links verschlagen und rauschen vom kräftigsten Wogcnzuge ergriffen, umtobt und bespritzt von den schäumenden, brausenden Welle», leicht und schnell an dein Felsen vorüber. Eine dicht hinter uns herfahrende Barke folgt mit gleichem Glück. Durch dieses kühne Wagstück haben wir einen großen Bogen abgeschnitten und uns den vorausgegangenen Barken genähert. Da hören wir rechts einen furchtbaren Krach. Das im tollsten Wogcnzuge hinsagende Schiff Solimahns ist auf einen Felsblock aufgefahren. Händeringend, rath- und thatlos steht die Mannschaft am Bord. Man ruft um Hülfe; Niemand ist im Stande, sie zu gewähren. Keine Barke ist in der Gewalt ihres Steuermannes, der Strom reißt sie willkürlich, allen Ruderkräften Trotz bietend, mit sich fort. Mit einem „ei llamäi lillslii" für unsere eigene Rettung, das gestrandete Schiff dem Schutze Gottes und seines Propheten empfehlend, durchschiffen wir die zweite Biegung des Stromes und gehen unterhalb derselben mit den nach und nach sich sammelnden Barken an's Land. Während wir uns anschickten, dem in größter Gefahr schwebenden Schiffe zu Hilfe zu kommen, war dieses glücklich losgekommen und arbeitete mit Anstrengung aller Kräfte der sehr starken Mannschaft, das Ufer zu gewinnen. Ich bemerkte sogleich, daß es viel tiefer ging als gewöhnlich und trieb zur Eile. Jetzt erreichte es das Ufer; cS war über die Hälfte mit Wasser gefüllt und mußte ausgeladen werden. Die Araber arbeiteten ohne Sinn und Verstand, ohne alle Uebcrlegung und verschlimmerten mehr, als sie gut machten. Wir, Bauerhorst und ich, bemächtigten uns des Kommandos. Nun wurde gerettet, was zu retten war. Ueber fünfzig Menschen waren in regster Arbeit. Es gelang uns, das arabische Gummi, die Hauptfracht der Barke, auszuladen. Die geschnürten Ballen gaben einen kläglichen Anblick; die aufgelöste Masse lief in dicken Strömen heraus und dein Strome zu. Einige Ballen waren beim Einladen schon vorher in den Nil gestürzt. Am Meisten bemitleidete ich einen armen Teufel, der für mehr als zweitausend Piaster Schaden erlitten hatte. Der ganze Verlust wurde auf fünftausend Piaster geschätzt. Der mahammcdanische Glaube an das Datum ist recht poetisch ausgebucht, aber, wie wir heute gesehen haben, doch so tröstend nicht, als er es sein sollte; der Mensch ist viel zu egoistisch, als daß er alle Schläge des Schicksals mit Gleichmuth ertragen könnte. Jener arme Kaufmann, welcher vielleicht den sechsten Theil seines Vermögens verloren hatte, klagte und weinte über seinen Verlust; die Tröstungen der Uebrigcn fruchteten nicht Viel. Wie immer, wußte die arabische Gelehrsamkeit auch für das heutige Unglück Grund und Ursache aufzufinden. So fühlte sich die Mannschaft der kleinen Barke, welche heute Morgen auf die Steine lief, der Schuld bewußt, einem Fakhie eine junge Katze entwendet und mitgenommen zu haben. Dieses Vergehen mußte die Gefahr herbeiführen, in der das Schiff geschwebt hatte. Bei unserem Aufenthalte zu Mittage, wurde das arme Thier mitten in der Wüste ausgesetzt, um nicht neue Unfälle herbeizuführen und grausam seinem Schicksale überlassen. Ich wollte es tödten und meinem lebenden Geier füttern, allein der Reis bat mich flehentlich, dies zu unterlassen. Gewiß, sagte er, würden wir dann dieselbe Schuld auf uns laden, von der sich die anderen zu befreien gesucht hätten. Auf einen zufällig vorübcrfliegendcn Adler vertrauend, gab ich zuletzt den Bitten des Schiffers nach. Von der anderen, fast gescheiterten Barke wurde erwähnt, daß die sich auf ihr befindlichen braunen und schwarzen Sklavinnen längst eine Strafe Gottes verdient, weil sie die Mannschaft mit ihren Liebesbezcugungen beglückt hätten. Da nun nach arabischen Grundsätzen ein Weib dem Manne nur selten, auf Reisen nie Glück bringen kann, mußte es für ganz erklärlich gefunden werden, daß das Schiff scheiterte. Nur die „Xaralunot lillalri", die Barmherzigkeit Gottes, verhütete größeres Unglück. Ich benutzte meine 294 arabischen Kenntnisse, um dem Besitzer der Barke eine zwar sehr ironische, aber nichtsdestoweniger eindringliche Warnungsrcde zur Vermeidung von ähnlichen schlimmen Thaten, zu halten, welche derselbe mit großem Ernste, aber der feierlichen Versicherung: daß das Gerede der Leute völlig unbegründet sei, hinnahm. Man erklärte dies für arge Verstocktheit und fand, als das Schiff im Katarakt von Wadi-Haifa noch einmal strandete und völlig zu Grunde ging, nur eine neue Bestätigung des vorgefaßten Aberglaubens. Tags darauf wird die verunglückte Barke ausgebessert und wieder reisefertig gemacht. Da wir sehr starken Gegenwind haben, fahren wir nur bis zum Dorfe Bcnebini oberhalb des Schellahl Kaab el Aabid. Hier kann ich glücklicher Weise für meine lebenden Geier, welche seit sechs Tagen Nichts gefressen haben, einen Hund erlegen und für Bachicda eine Ziege kaufen. Am 5. September. Der Morgen brachte uns die erwünschte Windstille. Wir passtren bald den Schellahl Kaab cl Aabid mit heftig rauschendem Wogenzug, aber ohne besondere Gefahr. Am unteren Ende des Wassersturzes liegen die Trümmern eines Schlosses, welches dem Schellahl den Namen gab. Kaab cl Aabid bedeutet das viereckige Haus*) des Sklaven. Die Sage meldet, daß ein Sklave die Gattin seines Herrn, eines Schech der Scheik'lc, gewaltsam entriß, sich mit ihr hierher in die Einöde flüchtete und jenes Kastell erbaute. Er führte nun ein wahres Blaubartlebcn, raubte, schändete und ermordete die Mädchen der um ihn her angesiedelten Nubier, stahl ihnen die Schafe und Ziegen und war der Schrecken der Umgegend, bis ihn die Scheitle todteren, die schöne Frau wieder mit sich nahmen und das zweite Troja zerstörten. Nachdem wir kurze Zeit später auch den ganz unbedeutenden Schellahl Mähhühns übcrschifft hatten, kamen wir zu dem letzten des sogenannten dritten Katarakts, dem Schellahl el Tihn. Der Nil zertheilt sich kurz unter der unbedeutenden Stromcnge in ') Eigentlich den Würfel. 295 drei Arme, von denen der eine völlig von Felsen frei ist. Alle vor uns hinfahrenden Barken erreichten diesen Arm. Unsere Leute arbeiteten aber so ungeschickt, daß wir in den mittleren und in ein Labyrinth von Felsen gericthcn, aus welchem uns nur die meisterhafte Gcschicklichkcit unseres alten Reis herausführte. Früher als die übrigen Barken waren wir in dem ganz freien Fahrwasser angelangt und begrüßten jene mit Flintenschüssen. Wie wir später erfuhren, hatte man uns für ganz verloren gegeben. In der That war die Gefahr groß gewesen. Selbst der alte besonnene Reis Jhsa rief einmal über das andere: „la 8smck siob ol tsralulj!" (O Saa'rd bring uns die Freude!) Von hier an wurde die Gegend mit jeder Viertelstunde besser. Wir näherten uns dem Lande der schönsten Männer Nubiens, den Scheikre*). Sie bilden einen kräftigen Menschenschlag und zeichnen sich Vortheilhaft vor allen Dongolawistämmen aus. Früher waren sie die Herrn des Landes und beherrschten die übrigen Nu- bicr vollständig. Noch heute kränkt man diese mit dem Vorwürfe, daß ihre Väter von den tapferen, aber sehr übermüthigen Scheikre mit Stricken aus den Blättern der Zwiebeln gebunden worden wären, ohne daß sie gewagt hätten, ihre haltlosen Fesseln zu zerreißen. Sie haben sich ihre Sprache, die arabische, bewahrt und sind noch immer zu stolz, sich mit den umwohnenden Berbern, welche sie verachten, zu vermischen. Ihre Francn sind schön, stehen aber denen des Dahr el Mahhaß, den schönsten Nubiens, bedeutend nach. Die Palmenwäldcr werden üppiger, die Durrahfelder besser und größer, je mehr wir uns dem Djcbel Baikal nähren. Das Dorf Barkal gilt für den Mittelpunkt des Dahr el Scheikre. Dieses ist der fruchtbarste Landstrich Nubiens. Gegen Abend landen wir in der Nähe des berühmten Berges und besichtigen die großartigen, jetzt aber ganz in Schutt und Trümmern liegenden Ueberrestc der Tempel am Fuße desselben. Der Wüstensand soll die Eingänge zu mehreren in die Felsen gehauenen Räumen verschüttet haben; wir fanden nur noch zwei kleine Kammern niit we- ') S. 140 d. 1. Th. 296 nigen Säulen offen. An der Nordwestseite des Berges stehen Pyramiden, welche wir nicht besuchen. Die Lage des Djebel Baikal wurde von Rüppell und Anderen astronomisch bestimmt und unter 180 30' nördlicher Breite und 29" 48' östlicher Länge vvn Paris angenommen. Der heutige Barkal soll die Napata der Alten gewesen und durch die Römer zerstört worden sein. Am linken User liegen die uns bekannten, aus späterer Zeit stammenden Pyramiden von Nuhri. Am 7. September kamen wir bei guter Zeit in Korti an. Wir waren Tags vorher von Barkal abgefahren und in einem kleinen Dorfe über Nacht geblieben. An vielen Stellen zeigten sich zum Theil wahrhaft romantisch gelegene Ruinen alter Bauwerke. In Korti bekommen die Matrosen, nach glücklicher Passage des Katarakts, Bilbil und Mcriesa. Korti ist ein ganz unbedeutender Ort, hat aber trotzdem viele Bilbilkncipcn, in denen öffentliche Mädchen ihr Wesen treiben. Gewöhnlich sind es Sklavinnen, welche nicht selten von ihren Herrn gezwungen worden sind, dem schnöden Erwerbe nachzugehen. Wir fahren nach dem Aassr weiter und übernachten auf der Insel Gän litte. Sie ist wie die übrigen, an denen wir heute vorübergefahren sind, sehr sorgfältig kultivirt und mit Durrah, welche sich jetzt der Reife nähert, bebaut. Um die kleinen körnerfressenden Vögel, die sich in ungeheuren Schaaren cinfinden, aus den Feldern zu verjagen, bedient man sich einer besonderen Vorrichtung. Man errichtet in den Ecken und in der Mitte der Getreidefelder überdachte, zwei Fuß über die Kolben der Durrah erhöhte Gerüste. Diese werden unter sich durch Stricke, in denen Lappen und Federn hängen, in Verbindung gesetzt. Frauen und Kinder besteigen sie und vertreiben, durch Anziehen und Bewegen der Leinen, die einfallenden Vögel. Andere Leinen sind an den im Felde stehenden Bäumen befestigt, um sie zu schütteln, wenn sich Vögel auf ihnen niedergelassen haben. Von Morgens bis Abends sieht man die Leute bemüht, die ungebetenen Gäste zu entfernen und kann daraus beurtheilen, wie bedeutend der durch sie herbeigeführte Schaden sein muß. 297 Am 8. September. Schon vor Sonnenaufgang setzen wir die Reise fort. Die Wüste tritt auf beiden Stromusern vor und verdrängt das Kulturland. Dennoch zeigt sich eine ziemlich lebhafte Vegetation. Gegen zehn Uhr erreichen wir das Dorf el Tabbe, die Einbruchsstation nach Kordofahn. Fünfzehn bis zwanzig Hütten liegen im Sande der Wüste zerstreut, eben fo viele Mc- riesakneipen sind mehr abgesondert. Auch in ihnen treiben sich öffentliche Mädchen herum. Sie sind beschäftigt, Herz und Mund der aus der Wüste Kommenden mit Liebe und Mcriesa zu erquicken. Man hielt heute gerade Markt. Leute der verschiedensten Gattungen und Farben wogten durch einander, um sich gegenseitig ihre, in unseren Augen sehr unbedeutenden Waaren anzupreisen. Unter ihnen befand sich eine Wahrsagerin, welche mir für wenige Para eine großartige Gunst des Geschicks in Aussicht stellte und eine so glückliche Zukunft versprach, daß ich froh sein könnte, wenn sich nur der zehnte Theil ihrer Prophezcihungen verwirklichen sollte. Ihre ganze Kunst bestand in einfachem Punktiren. Eine größere Portion Verstand, als die anderen besitzen mochten, sicherte ihr hohes Ansehen. Die Dongolawi hingen, dem ihnen geoffenbarten Geschick vertrauend, an ihrem Munde und glaubten ihr jedes Wort. Am 9. September. Zwei unserer Matrosen wohnten auf der Insel Hamuhr, oberhalb Dongola el Adjuhs oder Alt- Don gola. Wir landeten heute Morgen dort und gingen, die Matrosen im Schooße ihrer Familie zurücklassend, auf die Jagd. Durch Hülfe der Jugend einiger kleiner Dörfer erhielt ich viele Nester des Feuer sinken, welche ich mit wenigen Para bezahlte. Bei unserer Zurückkunft trafen wir in dem elterlichen Hause unserer Matrosen viele Leute versammelt. Man hatte ein Schaf geschlachtet, wie einstens bei der Zurückkunst des verlorenen Sohnes, und gab ein kleines Fest. Sogar die Verwandten aus einem Dorfe des gegenüberliegenden Ufers waren auf ihren mit Luft gefüllten Schläuchen hcrübcrgeschwommen. Die Araber uud Nubier sind im Stande, mit sehr erhöhter Stimme ausgestoßene Worte über den Strom hinüber zu rufen, selbst wenn er eine Viertelstunde breit sein sollte. 298 Aus diese Weise hatte man Jenen sogleich Nachricht von dem Erscheinen Mahammeds gegeben: „Und wo ein Bär den andern sah'. Da hieß es: Petz ist wieder da!" Nachdcm^wir um Mittag wieder abgefahren sind, müssen wir schon unterhalb Alt-Dongola wieder anlegen, um einem anderen Matrosen den Besuch seiner dort wohnenden Familie zu gestatten. Von Alt-Dongola aus soll eine unterirdische Höhle bis zum Djebel Barkal führen. Obgleich ich an der Wahrheit dieser Mittheilung zweifle, halte ich doch das Vorhandensein einer tiefen und ausgedehnten Höhle für möglich, weil ich von verschiedenen Eingeborenen, so oft ich Alt-Dongola berührte, immer Dasselbe hörte. Man erzählt sich, daß ein Kalb zufällig in den in der Nähe der Moschee Alt-Dongola's sich befindlichen Eingang gerathen und abgemagert, mit abgestumpften Hörnern, abgeschabtem und blutendem Fell am Djebel Barkal wieder zum Vorschein gekommen sei. Leider hatte ich nie Gelegenheit gehabt, mich von der wahren Beschaffenheit der Sache zu überzeugen. Am 10. September haben wir heftigen Gegenwind und kommen fast gar nicht von der Stelle. Um Mittag wird bei dem alten Kastell Schech Rheahme angelegt. In der Nähe dieses Ortes wohnt ein berühmter Heiliger, Saard-Aali, welcher, nach den Versicherungen der Nubier nicht weniger als zweihundertundzwanzig Jahre zählt und seine Ur-Uren« kel um sich spielen sieht. Wenn man so Etwas von ehrwürdigen, ernsthaften Leuten erzählen hört, begreift man erst, wie Methu- salah ncunhundertncunundsechzig Jahre alt geworden ist. Abends landen wir in dem Ufersteige des Unglücksortes Dongola. Der erste meiner Gänge war für mich der wichtigste nnd traurigste. Ich besuchte das Grab meines armen Bruders. Mit welchen Gefühlen ich den Ort betrat, an welchem wir diesen guten Menschen vor sechszehn Monaten in die heiße Erde betteten, wage ich nicht zu schildern. Sie kann nur Derjenige beurtheilen, welcher seinen theuersten Freund ohne die Hoffnung, ihn auf Erden 299 jemals wieder zu sehen, zurückläßt. Mein Abschied war noch schmerzlicher; ich nahm ihn nicht von dem Lebenden mehr, ich nahm ihn von seinem Grabe. Der unersetzliche Verlust, den ich erlitten, trat mir noch einmal in seiner ganzen Herbheit vor die Seele; ich fühlte ihn von Neuem wieder und verließ den Fricdhof weit trauriger, als ich ihn betreten hatte. Dann besuchte ich den seines Amtes entsetzten Gouverneur der Provinz, Schirmn-Bei, und brachte ihm die Grüße und Danksagungen, welche mir mein Vater für ihn aufgetragen hatte. Er schien sich über meinen Besuch zu erfreuen und bat mich, mehrere Briefe, die er gern sicher gehen lassen wollte, mit nach Kairo zu nehmen. Ich that dies mit dem Vergnügen, welches wir empfinden, wenn wir uns Jemanden, der uns einen großen Dienst erzeigte, dankbar erweisen können. Herzlich froh waren wir, als wir am 13. September der Stadt Dongola den Rücken kehren konnten. Die Erinnerung an die Vergangenheit drückte mich und meinen treuen Freund Bauer- horst. Am Abend des 14. Septembers landeten wir in der Nähe des großen Dorfes Hafiera, um dort zu übernachten. Eine Gerichtsscene hielt uns auch am anderen Morgen bis Mittag dort auf. In Charthum hatten wir einen jungen Burschen, Ach- med, der gern die Maheruhset sehen wollte, in Dienst genommen. Der Vater desselben, ein Scheiki, kam in Dongola zu uns, um sich der Abreise seines Sohnes zu widersetzen und diesen zurückzufordern. Achmcd klagte, weinte und bat uns flehentlich, ihn nicht von uns zu stoßen, weil seine Eltern und zwar vorzüglich die Mutter ihn fortwährend mißhandele. Wir verwiesen Vater und Sohn an den Diwahn, welcher den Bescheid ertheilte, daß der Bursche hingehen könne, wohin er wolle. Dieser entfloh hierauf aus der Stadt, um flußabwärts wieder zu uns zu stoßen, wurde aber von seinen Verwandten eingeholt, in Ketten gelegt, seines Geldes und seiner Kleider beraubt und geschlagen. Mit Hülfe eines Bekannten entfloh er zum zweiten Male und langte zu gleicher Zeit mit seinem ihm nachgeeilten Vater bei uns an, um ein Asyl zu suchen. Jetzt nahm ich mich des 300 Knaben an. Der Alte verklagte mich im Diwahn. Zum Unglück für ihn erkannte ich in dem Hahkim el Belled oder Ortslichter einen alten Freund, Aabd el Wehahl Effcndi aus Dongola, und trug ihm die Geschichte vor. Er entschied zu Gunsten des Sohnes und ermächtigte diesen, mit uns zu reisen, was er mit großem Vergnügen that, obgleich ihm seine Verwandten den im Sudahn weit verbreiteten Glauben: daß die Europäer die schwarzen Leute schlachteten, um mit ihrem Blute die rothen Tarabiesch zu färben, warnend mitgetheilt hatten. Am Mittag reisten wir ab und erreichten Nachts die dattcl- reichc Insel Bad ihn, deren Bewohner ungeachtet der ihnen gehörigen ausgedehnten Palmenwäldcr sehr arm sind. Die Regierung hat auch hier die hohe Steuer von fünfzig Para oder fünfundzwanzig sächsischen Pfennigen auf jeden Palmenbaum gelegt. Da nun alle Palmen besteuert sind, gleichviel ob sie Früchte tragen oder nicht, ist es erklärlich, daß die Steuer kaum zu erschwingen ist. Häufig tritt Mißwachs ein oder eS können die armen Nubier ihre Früchte gar nicht verwerthen; dann bleiben sie im Rückstände mit ihren Steuern und sind allen Bedrückungen der Regierung ausgesetzt. Man muß sich billig wundern, daß sie leben können. Am 17. September. Nachdem wir Mittags abgefahren sind, durchschiffen wir bald darauf den Schcllahl Hannik, den ersten des sogenannten zweiten Katarakts. Das Schiff windet sich mit großer Schnelligkeit und Sicherheit zwischen den vielen Felseninseln, welche überall aus dem Wasser hervorragen, hindurch. Auf den größeren Inseln sieht man wieder ähnliche Kastelle, wie im Wadi Gam m a r. So erheben sich auf jedem Ende der großen Insel Simmit stattliche Schlösser von denen das eine, am unteren Ende befindliche, schon verfallen ist. Sie liefern uns den Beweis, daß die Raubzüge der Scheikie auch bis hierher ausgedehnt wurden. Zu beiden Seiten des Stromes tritt die Wüste wieder einmal bis zu den Ufern heran. Oberhalb des eben überfahrcnen Schcllahl liegt das Schechsgrab Suktahn-Mohke, unterhalb des vor uns rauschenden Schabahn der Djebel Aaschkahn und links der 301 breitrückige Djebcl Aali-Barsi. Der Schcllahl Schabn hn ist nur bci niederem Wasserstande gefährlich. Wir passiren ihn am 18. September und erreichen Vormittags das Schcchsgrab des Fakhi - Bcndcr. Von hier aus wendet sich der Nil östlich und beschreibt einen großen Bogen, dessen Sehne wir von Kos aus zu Kamel verfolgt hatten. Die Aussicht öffnet sich und während zu beiden Seiten wieder ausgedehnte Palmenwälder sichtbar werden, schließen vor uns in blauer Ferne sechs zackig gcgipfelte, malerische Berge den Prospekt. Unsere heutige Fahrt fördert. Die Djcbahl Nauer und Kisbetta liegen schon zu Mittage hinter uns. Bald darauf erscheint das Dorf Kuhke, von wo aus sich der Nil, wenn auch nur auf kurze Zeit, wieder nördlich wendet. Schon bei den etwa eine Meile stromabwärts gelegenen Bergen Sehsi und Berber geht er nach Westen zurück. In der Wüste links sieht man vier aufrecht stehende Säulen eines Tempels, auf dem Djcbcl Sehsi eine, diesmal den ganzen Berg einnehmende und seinen Gipfel mit malerischen Ruinen krönende Festung. Hier überrascht uns ein Orkan und zwingt uns, Land zu suchen. Nach kurzem Aufenthalte können wir die Reise fortsetzen und landen erst spät in der Nacht bei dem herrlichsten Wetter in der Nähe des Dorfes Gorgath, am Fuße einer Bergkette gleichen Namens. Am 19. September. Der Fluß wendet sich von unserem Nachtlager aus nordwestlich; er ist von Fclsenbergcn eingeschlossen und wälzt sich langsam in seinem ziemlich engen Bett dahin. Wir brechen sehr früh auf, kommen um 8 Uhr Morgens an dem Dorfe Kos vorüber und erreichen zwei Stunden später bei dem Tempel Sobbe das Dahr el Mäh aß. Um Mittag landet man bei dem Dorfe Soahrte, um Datteln und Fleisch zu kaufen. Man- suhr hat für den Löwen eine kleine Ziege gekauft, geräth aber mit dem Verkäufer derselben, welchen der Verkauf gereut, in Streit. Bald versammeln sich viele Männer um unsere Barke und suchen diese an dem nach dem Ufer gehenden Haftseile festzuhalten. Unsere Bemühungen, die Barke flott zu machen, sind fruchtlos. Der Haufen am Ufer wird immer größer. Man fängt an, mit sehr großen Steinen nach dem Schiffe zu werfen. Ich zeige mich mit Waffen versehen und drohe, Feuer zu geben, wenn man uns nicht in Ruhe lassen werde, lege das Gewehr an und schieße über die Köpfe der Leute weg; es hilft Nichts. Das Werfen wird ärger, das Volk wüthender. Wiederholte Warnungen fruchten nicht; ich muß mich am Ende entschließen, unter den Haufen scharf zu feuern. Um jedoch Niemanden zu tödten, wähle ich nur Schrotgewchre und ziele nach den Füßen. Die Wirkung ist vortrefflich, der Strand wird frei, aber nur auf Augenblicke. Ein wüthendes Ulululul-Geheul durchtönt das ganze Dorf, in wenigen Minuten ist das Ufer mit mehr als fünfzig mit Aerten, Lanzen, Hacken, Knütteln und ähnlichen Werkzeugen bewaffneten Männern bedeckt, welche uns mit grimmigen Geberden zum Kampfe herausfordern. Da wir fürchten müssen, bei einem Kampfe mehrere Menschen zu tödten, nehmen wir ihre Herausforderung nicht an und fahren ruhig weiter. Um ihnen aber alle Lust zu weiterem Kampfe zu nehmen, sende ich mehrere Büchsenkugcln dicht an ihnen vorüber und diese tanzen so verständlich auf dem Wasser dahin, daß sie wirklich von ihrem Vorhaben abstehen. Nach einer halben Stunde kommt auf dem rechten Ufer der ungefähr achthundert Fuß hohe, breitrückige Djebel Debchdj zum Vorschein; links sieht man den Djebel Sai auf der durch die Mammelukcn berühmt gewordenen Insel gleichen Namens. Wir übernachten in dem Dorfe Koike. Die hohe, von allen bisher gesehenen abweichende Kuppel eines Grabmales erhebt sich über die Kronen der Palmen. Sie deckt die Ruhestätte eines großen Heiligen, dessen Bruder Jdrieß noch hier lebt, ebenfalls im Rufe der Heiligkeit und fast in derselben Achtung als der Verstorbene steht. Dieser machte sich hauptsächlich durch große Wohlthaten an den Armen beliebt und wurde wegen sieben Wallfahrten nach Mekka bald allgemein verehrt. Sein noch lebender Bruder errichtete ihm das erwähnte Grabmal und wurde dabei durch reichliche Geschenke von Seiten des Vizekönigs und anderer wohlhabenden Türken unterstützt. Mahammed-Aali erklärte ihn für steuerfrei und gab ihm seine Hochachtung vielfältig zu erkennen. Schech Jdrieß war 303 nur einmal in Mekka, macht aber in der festen Ueberzeugung der Nubier jedes Jahr die heilige Wallfahrt „sirran", d. h. so geheimnißvoll mit, daß er immer in Koike gesehen wird, obgleich er sich bei der Pilgcrkarawanc befindet. Ich sah Schech Jdrieß aus seinem hübschen Hause heraustreten, um den Morhrcb zu beten. Alle unsere Leute gingen ehrfurchtsvoll auf ihn zu, küßten ihm die Hand und baten um seinen Segen. Dann reihten sie sich den Dorfbewohnern an, verrichteten die Waschungen und beteten dem Schech, welcher die Stelle des Jmahn übernahm, das Abendgebet nach. Unser alter Reis Jhsa versicherte mich, daß keine Barke hier vorüberfahre, ohne daß die Matrosen und der Nc'rS Schech Jdrieß um seinen Segen und „die Erlaubniß" zur Weiterreise gebeten hätten. Schech Jdrieß lebt fast nur von den Gaben, welche ihm die Milde der Türken und Nubier spendet. Er sammelt aber keine Reichthümer. Was er besitzt, verwendet er an die Armen oder an Reisende. Auch uns sandte er mehrere Schüsseln seines Abendessens mit seinen besten Segenswünschen. Wir belächelten die Nubier nicht, welche einem so ausgezeichneten Manne eine Achtung zollen, die wir selbst ihm nicht verweigert haben. So ließ er unter Anderem am linken Stromufcr, einige Stunden unter Koike in der Wüste ein Häuschen bauen, um darin durch einen Sklaven und dessen Frau Reisende beherbergen und bewirthen zu lassen. Wir sahen daö Werk ancrkcnnungswcrther Gastfreundschaft und Barmherzigkeit am folgenden Tage. Weit und breit ist keine menschliche Wohnung zu erblicken, die Gegend wüste und unwirthsam; da zeigt sich dem Reisenden ein Ort der Ruhe und Erquickung, auf dein der Segen eines heiligen oder in unseren Augen wenigstens geachteten Mannes liegt. Ein so edler Mann muß Ehrfurcht erwecken ! Bauerhorst besuchte das Innere des Grabmals. Er fand ein sehr einfaches, von Lehmziegeln überwölbtes, mit arabischen Inschriften geziertes Grab. Ein Holzgitterwerk mit einer Kuppel überdacht, dessen Ecksäulen versilberte Knäufe tragen, umschließt es. Wollene und seidene Decken zieren den Boden und das Gitterwerk. 30L Das ist die Ruhestätte des verehrten Geistlichen oder Heiligen von Koikc. Am 2 0. September. Der Morgen ist sehr neblig und verspricht einen stürmischen Tag. Bald nach unserer Abfahrt erreichen wird die Insel Sai und später das von den Mameluken befestigte, von den Türken eroberte Schloß derselben. Es war der letzte Hauptpunkt der schon überall geschlagenen adeligen Krieger- schaar. Die Metzelei bei Einnahme der Festung soll schrecklich gewesen sein; wenigstens sagt man, daß die Ströme des Blutes der Erschlagenen von der Feste aus über einen, jetzt vielleicht vierzig Fuß den Wasserspiegel überragenden Felsen dem Nil zuliefen. Dicke schwarze Streifen, welche man an den Mauern des Schlosses noch heute sehen kann, bezeichnet man als die Spuren des Blutes. — Gegen Mittag passircn wir den unbedeutenden Schellahl Abihr, in der Nähe eines eben so benannten hohen Berges, dessen Formen durch den dichten Nebel hindurch nur in groben Unwissen bcmerk- lich sind. Wir sehen die Sonne kaum, so blaß und klein erscheint sie. Um zwei Uhr Nachmittags gehen wir in den langen, heftig erregten Schellahl Dahle ein, den wir in der kurzen Zeit von dreiviertel Stunden hinter uns haben, obgleich er über anderthalb Meilen lang sein mag. Jetzt ragen nur die grünen Spitzen der bei niederem Wasserstande sichtbaren Bruchweidcn über das Wasser empor. Unterhalb Dahle wird der Strom von steilen und ziemlich hohen Felsen sehr eingeengt und wendet sich eine kurze Strecke direkt nach Osten. Unter dieser Stromcnge liegt die gefährliche Schema Jsbe, oberhalb des Schellahl von Akahsche. Wir pas- siren Beides schnell und landen unterhalb des Schechsgrabes Akahsche, in welchem die Schiffsmannschaft den Morhreb betet. Am anderen Morgen fahren wir sehr früh weiter. Das Häuschen der thcrmalischen Quelle von Okme ist kaum sichtbar. Der gefährliche Schellahl Tanguhr liegt hinter uns, ehe wir wissen wie; Mittags durchschiffen wir die Stromschnelle von Ambukohl und gelangen zum Aassr in die Nähe von Semmne mit seinem wogenden Wassersturz. Acht Barken haben angelegt und rufen uns zu, ihnen Gesellschaft zu leisten. Reis Jhsa antwortet ihnen: „L. II all maana" „Gott ist mit uns" und leitet das Schiff mit sicherer Hand in die brausenden Wellen hinein. Unter dem lauten Rufe der Matrosen: „cks 8ol,svk .4,kallsoks l> auen saleina," „Hilf uns, o Schech Akahschc!" gleitet es pfeilgeschwind über die Stromschnelle, sucht das User und ruht nach wenigen Minuten in stiller, sicherer Bucht. Am 22. September. Wenn man in einer elenden Barke mit schlechten Rudern und unzuverlässigen Matrosen, von Charthum kommend, glücklich mehr als zwanzig Schellalaht hinter sich und nur noch zwei Wasserfalle, vor denen die werthvollen Sachen ausgeschifft werden, vor sich sieht, bemächtigt sich ein freudiges Gefühl der ganzen Reisegesellschaft und ein, von Allen gleich lebhaft empfundenes „Ll llamcki lilkslli!" gibt diesem Gefühle Worte. So war es bei uns, als wir Semmne hinter uns wußten. Vor uns lag die freudige Gewißheit, nun bessere Landstriche zu erreichen. Während wir bisher nur die Beschwerden und Gefahren einer Katarakteufahrt, einer Reise durch unbebaute Ländcr- strecken oder unbebaubare Felscnbcrge und Wüsten ertragen mußten, empfanden wir schon jetzt das Vorgefühl des Genusses, sorglos und ruhig auf einem der kolossalsten Ströme durch eins der merkwürdigsten Länder der Erde hinabzuschwimmen. Bloß der Katarakt von Wadi-Halfa lag noch zwischen uns und dem sicheren, felsen- freien Strombette des Wadi-Aarrab, Wadi-Kennuhs und E g p p t e n s. Wir waren heute wieder sehr früh abgefahren und hatten schon manche Schema, manche kleine Stromschnclle durchschifft, da zeigten sich die Mauern des Kastells von Abke. Wir mochten noch eine Viertel- meile von diesem uns bekannten Landungsplätze entfernt sein, als die Ungeschicklichkeit der Schiffsmannschaft noch einen beinahe tragischen Schluß der ganzen Reise herbeiführte. Oberhalb der Stelle, an welcher wir uns befanden, nimmt der durch Felsen in drei Arme getheilte Nil eine Breite von mehr als einer halben Meile an. Reis Jhsa will den rechten Arm wählen, wird aber von einem uns begleitenden, stromkundigen m. 20 3ÜÜ Nubier, Mäh am m ed - A ali, gewarnt, weil sich unter der zu erwählenden StromschneUe ein Strudel befindet. Jetzt wendet man sich dem mittleren Arme zu und erreicht ihn auch glücklich zur Durchfahrt. Da glaubt Jhsa, auf dem linken Ufer noch besseres Fahrwasser zu benicrken und leitet dorthin das Schiff. Nur die äußerste Kraftanstrengung der Ruderer überwindet den Wasserzug des mittleren Armes und führt die Barke dem linken Ufer zu. Der Ruderschlag siegt zwar über das wogende Element, kann es jedoch nicht verhindern, daß die Barke an die beide Arme trennende Felseninsel geschleudert wird, wo sie mit starkem Getös über mehrere Steine hinwegglcitet. Jetzt erfaßt sie die volle Gewalt des linken Stromarmeö und treibt sie unabwendbar einem halb aus dem Wasser hervorragenden Felsblocke zu, den jetzt erst Alle bemerken. Der dieser Wahrnehmung folgende Schrecken ist allgemein, „cka i-sbb lisusn ssloina, ga Saaiägiok, ol karalräs, In 11 lalrr» il äU- Isli, Icksllammeä rassukl ^Ilak*)! erschallt von den Lippen der bestürzten Matrosen, aber nur, um einem Verzweiflungsgeschrei der ganzen Schiffsgesellschaft Raum zu geben: — die Barke ist mit furchtbarem Krachen auf den Felsblock gestoßen und festgefahren. Ein bedeutender Leck ist die Folge. StromweiS ergießt sich das Wasser in das Schiff, welches, wie wir Alle wissen, auS dem im Wasser sinkenden Mimosenholze gezimmert ist. Alle haben die Geistesgegenwart verloren und laufen ohne Plan und Zweck auf dem Schiffe herum. Die Matrosen entkleiden sich, um beim gänzlichen Sinken des Schiffes davon zu schwimmen. Da erkennen wir Beide, Bauerhorst und ich, die Größe der Gefahr und damit kehrt auch unser volles Bewußtsein und die Kraft zum Handeln zurück. Ich verbiete den Matrosen bei Todesstrafe, das Schiff zu verlassen, und schwöre ihnen zu, dem Ersten, der sich entfernen würde, eine Kugel durch den Kopf zu jagen, was ich, wie sie wohl wissen, gewiß auch thun werde. Wir fürchten Nichts für uns, denn wir Beide sind *) Herr, hilf uns! o Saüd, bring uns Freude (Rettung)! es ist nur ein Gott und Muhammed sein Prophet. 307 rüstige Schwimmer, wohl aber für das Leben Tisch end orfS, welcher nicht schwimmen kann. Deßhalb gebiete ich einem Bedienten, für diesen einen luftdichten Wasserschlauch nach Art der Nu- bicr aufzublasen, unterweise ihn, wie er ihn zu befestigen und was er dann weiter zu thun habe, und befehle ihn dem Schutze Gottes und seines guten Genius. Dann übergebe ich dem Diener Man - fuhr unser Reisegeld, einem anderen, Mahammed, unsere wichtigsten Papiere in einem ziemlich wasserdichten Kästchen, mit dem Auftrage, Beides zu retten, falls es Noth thun sollte. Das ist das Nöthigste. Auf der Barke geht Alles nach wie vor durch einander. Noch trägt der Felsen das Schiff und verhindert es am weiteren Sinken. Das Schiffsvolk hat die Besinnung immer noch nicht erlangt. Einige versuchen, die Barke flott zu machen, Andere schöpfen Wasser. Ich wende mich nach dem Steuer und finde dort bereits Baucrhorst, welcher dasselbe, wie er selbst sagt, ohne bestimmte Absicht hin und her bewegt. Nur das Steuer kann uns retten! Wir Beiden drücken den Hebelarm desselben nach der Seite hin, von welcher wir den heftigsten Widerstand fühlen, und bemerken, daß das Vordertheil der Barke sofort seine Lage verläßt. Die Kraft des an die breite Fläche des Steuers wirkenden Wassers schleudert uns aber gewaltsam zurück und Baucrhorst über Bord, wo er sich glücklicher Weise noch festhält. Von Neuem wiederholen wir unsere Kraftanstrengungen und überwinden glücklich den unglaublich starken Gegendruck des Steuers. Das Vordertheil der Barke bewegt sich langsam vom Felsen ab, dreht sich dein Strom entgegen, steht einen Augenblick bewegungslos und wird nun plötzlich von ihm auf der günstigsten Seite erfaßt und herumgeworfen. Das geschieht so schnell, daß die auf dem Felsen stehenden und dort arbeitenden Matrosen das Schiff nicht geschwind genug erreichen können und von den Wellen in einem Strudel herumgetrieben werden. Wir retten sie durch Stangen, welche wir ihnen entgegenhalten. Alle sind noch bestürzt und lassen das Schiff sich erst zwei- bis dreimal um sich herumdrehen, ehe sie Hand an die Ruder legen. Wir übernehmen daS Kommando und sorgen mit der Peitsche in der Hand für schnelle Befolgung 20 * der gegebenen Befehle. Die Matrosen arbeiten mit allen Kräften. Wir schöpfen mit den Bedienten Wasser, müssen aber sehen, wie das Schiff mit jedem Rudcrschlage schwerer und unbeweglicher wird. Es sinkt immer tiefer; das Wasser steht bereits zwei Fuß hoch i'm Schiffsraum und füllt mehr als die Hälfte desselben an. Endlich erreichen wir das linke User des Stromes. Wir sind gerettet. Sogleich werden mächtige Pfähle in das Erdreich gerammt und an diese das Schiff mit starken Seilen so befestigt, daß es nicht tiefer sinken kann. Dann werden die Waarenballen und Kisten ausgeladen. Wir schöpfen in größerer Anzahl eifrig fort und können nach und nach einen Leck nach dem anderen oberflächlich verstopfen. Die Kisten und Gummisäcke sehen erbärmlich aus, doch ist, wie sich bei genauerer Besichtigung herausstellt, der Schaden immer noch nicht so groß, als er hätte sein können. Ich habe, wie ich später berechnete, in den mir zu Grunde gegangenen Naturalien einen Verlust von ungefähr sechshundert Thalern erlitten, Reis Jhsa verliert verhältnißmäßig weit mehr. Er hatte vor vierundzwanzig Monaten seine Heimath, das Dorf Schcllahl bei Assuan, verlassen, hatte sich die ganze Zeit hindurch geplagt und abgemüht und zwanzig Centner arabischen Gummi erworben. Jetzt steht mehr als die Hälfte im Wasser. Er zerrrauft sich seinen weißen Bart und weint. Alle Trostgründe sind vergeblich; der Arme kann sich nicht in sein Schicksal ergeben. Während wir noch in voller Arbeit sind, kommen die acht Barken, welche wir gestern bei Semmne gesehen haben, von Oben herab und passtren, eine nach der anderen, den mittleren Arm, welchen Jhsa unkluger Weise nicht gewählt hatte. Wir rufen ihnen zu, uns zu Hilfe zu kommen und nehmen mit großem Verdruß den Vortheil, welchen sie durch ihre Segel vor uns haben, wahr. Sie spannen dieselben auf und sind nach wenig Minuten bei uns *). *) Im Schellahl selbst werden oft nur diese Rautensegel die Mittel zur Rettung jener kleinen Boote, weil die zur Zeit des hohen Wasserstandes wehenden Paffatwinde eine Barke immer wieder stromaufwärts treiben können. 309 Unsere ermüdeten Matrosen werden nun durch fast zwanzig Männer von den anderen Schiffen abgelöst. In Zeit von einer Stunde hat man alle Lecke verstopft und das im Schiffe befindliche Wasser ausgeschöpft. Dann beladet man das Boot von Neuem und fahrt nach dreistündigem Aufenthalte dem gewöhnlichen Landungsplätze am anderen Ufer zu. Hier werden die Kisten aws Land gebracht, ihres Inhaltes entleert und die durchnäßten Vogel- bälge getrocknet, so gut es gehen will. Hiermit bringen wir drei Tage zu. Wahrscheinlich in Folge des in die Barke eingcdrungencn Wassers sterben drei meiner lebenden großen Geier, wodurch mir der allerempfindlichste Verlust bereitet wird. Erst am 2 3. September verließ uns Bauerhorst, welcher den großen Katarakt zu Schiffe passtrcn wollte. Ich blieb bei dem Gepäck zurück und zog mit ihm am folgenden Tage nach Wadi - Halfa. Schon mit Sonnenaufgang saßen wir im Sattel; die Paviane und andere Affen hockten in den posstrlichstcn Stellungen auf den Kisten, mit denen die Kamele beladen waren, und zankten sich mit diesen ohnehin selten gut gelaunten Thieren ohne Unterlaß. Nach beinahe drei Stunden kamen wir mit unseren Rcitkamelen in Wabi -Haifa an; die Lastlhierc folgten erst später. Ich hatte die glückliche Ankunft Bauerhorsts schon gestern erfahren. Mit wirklicher Freude begrüßten wir uns gegenseitig. Mein Freund erzählte mir das Nähere der Fahrt. Es war so ziemlich dasselbe, was ich früher auch erlebt hatte, wenn auch die Nebcn- umstände verschieden sein mochten. Die Gefahr, zu scheitern, war für das Schiff sehr nahe gewesen. Man hatte an dem Felsen des engen Thores, Kussukohl, zwei Ruder zerbrochen und war weiter unten auf Felsen aufgelaufen, wobei ein Matrose in'S Wasser stürzte und ertrunken wäre, wenn ihm Baucrhorst nicht den mit. Luft gefüllten Schlauch zugeworfen und ihn durch denselben gerettet hätte. Letzterer war ganz meiner Ansicht, daß Der, welcher den Katarakt von Wadi-Haifa einmal ü'oerschifft hat, es, ohne dazu gezwungen zu sein, zum zweiten Male nicht wieder thut. Um so auffallender war cS unS, wenige Tage später einen Nubicr ganz vergnügt aus einem Floß ankommen zu sehen, womid 310 er nicht nur den vor uns liegenden Katarakt, sondern von Do rigol« aus alle übrigen Stromschnellen durchschwömmen hatte. Er befand steh auf der von mir genannten Insel Badihn und wollte diese eben verlassen, um nach Kairo zu reisen, als wir ankamen. Vergeblich suchte er bei uns und bei den übrigen Barken um Aufnahme nach. Da baute er sich aus Durrahstängeln ein vorn zugespitztes, zehn Fuß langes und fünf Fuß breites Floß, setzte sich darauf und vertraute sich den Wogen des Stromes. Die Stiele zweier Palmen- blätter dienten ihm in den Schcllalaht als Ruder. In dem Katarakt von Wadi - Half« zog ein heftiger Strudel sein gebrechliches Fahrzeug in die Tiefe und zwang unseren Nubier, so lange in der Stromschncllc herumzuschwimmen, bis das leichte Floß wieder zu Tagö kam. Er bestieg es von Neuem, fischte einen im Strome schwimmenden Waarenballcn aus dem Wasser, brachte diesen nach Wadi-Haifa und setzte dann seine weite Reise fort. Den Bedarf seiner Nahrung nimmt er sich aus den Dörfern mit, in denen er anlegt. So durchreisen die Nubier manchmal eine Landstreckc von mehr als hundert deutschen Meilen. Am 28. Septeinber. Gegen Mittag kam eine der Barken, mit denen wir unsere Kataraktenrcise angetreten hatten, in Wadi- Halfa an und brachte die Nachricht, daß das Boot, welches schon am 3. September bedeutend beschädigt wurde, oberhalb des Schellahl Kussukohl oder Gas kohl in dem Katarakt von Wadi-Half« vollkommen gescheitert und mit fünfzehn Kamelladungcn oder beiläufig sechzig Centnern Gummi untergegangen sei. Die Mannschaft hatte sich mit genauer Noth gerettet. Kurz darauf langte eine zweite, meinem Gönner und Beschützer, Latief-Pascha, gehörende Barke an. Ihre Ladung bestand aus einem prachtvllcn Löwenpaare, welches Latief-Pascha Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich zum Geschenk gemacht hatte, und fünfzehn bis zwanzig abysstnischen Sklavinnen. Die Leute lagerten sich in unserer Nähe unter Palmen. Wir sahen sehr schöne Mädchen unter den für den Haushalt des Pascha bestimmten Sklavinnen, welche zusammen wohl über tausend Speciesthaler gekostet haben mögen. Der die Sklavinnen und Löwen begleitende Diener 311 war deshalb auch so vorsichtig gewesen, sie durch die Wüste zu transportiren. Gegen Abend verlassen wir Wadi-Haifa und fahren bis zu dem ungefähr vier Stunden entfernten Dorfe Jschkeht, wo wir eine Nacht bleiben, weil Reis Jhsa seine dort ansässigen Verwandten besuchen will. Tags darauf hindert ein heftiger Gegenwind die schnelle Fahrt. Wir verweilen den größten Theil deS Tages bei den Felsentempeln von Abu-Simbil und benutzen die windstille Nacht zur Weiterfahrt. Am 3V. September. Mit Sonnenaufgang waren wir bei der uns schon bekannten Mammelukenfestung Jbrihm angekommen. Während eines nothwendig gewordenen Aufenthaltes von wenigen Minuten jagte ich in dem schönen Palmenwalde des Dorfes Jbrihm, hatte aber das Mißgeschick, einen an Krämpfcn leidenden Knaben durch einen Schuß so zu erschrecken, daß er augenblicklich einen Anfall seiner Krankheit bekam. Fühllos und unthätig umstanden die Nubier das unglückliche Kind und überließen eS kaltblütig seinem Schicksale. Um zehn Uhr Vormittags landen wir in Derr oder Dirr, um Fleisch zu kaufen. Man findet im ganzen Dorfe kein Schaf; da beschenkt uns der Kahschef des Orts, ein alter freundlicher Türke aus der Gegend von Belgrad, mit einem fetten Hammel. Nach kurzein Aufenthalte fahren wir weiter und kommen schon Mittags in Korosko an. Meine Kisten sind glücklich angelangt und werden eingeladen. Außerdem empfangen wir mit großem Vergnügen einen Brief von unserem Freunde Reitz aus Carthum. Mit Sonnenuntergang setzen wir unsere Reise fort und fahren die ganze mondhelle Nacht hindurch. Am 1. October besichtigen wir die altegyptischen Tempel von Gurda, Tahke und Djcrf - Hussein. Sie liegen sämmtlich auf dem linken Ufer, sind ziemlich klein, aber sorgfältig ausgearbeitet. Am 2. October. Noch vor Mittag erreichen wir Kalabsche und besuchen den großartigen, leider fast ganz in Trümmern lie- « 312 genden Tempel. Er ist einer der schönsten, welche ich gesehen habe, sehr groß und ausgedehnt und mit vielen Bildwerken und Hieroglyphen geziert. Die ganze Umgegend ist mit Trümmern bedeckt. An den Farben auf den Sculpturen kann man die Jahrtausende, welche an dem Bauwerke vorübergegangen sind, nicht ahnen; ihre alte Schönheit hat sich noch ganz erhalten. Mit Gewehrschüssen und freudigen Hurrahrufcn passiren wir kurz nach unserer Abfahrt den Wendekreis des Krebses. Ich that es zum vierten Male. Unterhalb desselben verengt sich der Nil und bildet das sogenannte Thor von Kalab sehe (Bahb el Ka- labsche). Weiter stromabwärts liegt links der Tempel Hindahf und eine Meile von diesem der Schcllahl Tuboht. Er ist nur bei vollem Nile gefährlich und wird im Sommer ganz unbedeutend. Der in der Nähe desselben liegende Tempel gleichen Namens bietet wenig Bcmerkenswcrthcs dar. Es fehlt ihm sowohl das Großartige und Massenhafte der Anlage, als auch der Reichthum an Sculpturen, welche alle egyptischen Alterthümer auszeichnen. Die wenigen hier vorhandenen sind schlecht und liederlich ausgearbeitet. Am 3. October. Philä. Wir besehen die Ruinen der „Fccninscl" zum zweiten Male, sind aber, trotz unseres ziemlich langen Aufenthaltes, nicht im Stande, unserem Gedächtniß ein kleines Bild all' des Herrlichen einzuprägen. Die Pracht des Tempels im Ganzen genommen ist so groß, die Sculptur und Verzierung der einzelnen Hallen so mannichfaltig, daß der Geist den Ge- sammteindruck nicht sogleich zu erfassen vermag. Am 4. October ging ich mit allem Gepäck zu Kamel durch die Wüste nach Assuan. Baucrhorst blieb auf der Barke und passierte mit ihr den unbedeutenden Schcllahl oder den sogenannten ersten Katarakt des Nil. Wir verweilten bis zum 7. October in Assuan. Ueber unsere Reise durch Obcregypten habe ich nicht Viel zu berichten. Am 8. October erreichten wir Morgens Kohm-Ombos, Nachmittags den Djcbel elSelseli, Abends das zerstörte Dorf Silwe, Tags darauf E d fu. Der bisher von mir wenig beachtete Tempel daselbst überraschte mich. Er ist in je- 3l3 der Beziehung großartig angelegt. Die hohen Pylonen sind noch recht wohl erhalten; wahrscheinlich waren sie die Wohnungen der Priester. Man sieht an der Vorderseite drei Reihen von Sculptu- ren, männliche und weibliche Figuren en rolle 5. Diese nehmen von Oben nach Unten an Größe zu. Die der oberen Reihe erscheinen von Unten gesehen in Lebensgröße, die der unteren sind kolossal. Durch den, wie gewöhnlich, mit der geflügelten Schlange gezierten Eingang hindurch gehend, gelangt man in einen von Kolonaden umschlossenen Hof, in dessen Hintergründe der leider fast ganz verschüttete Tempel seine mit vorzüglicher Sorgfalt gearbeiteten Säulen zeigt. Ein mit Sculpturen reich verzierter Gang läuft, gleichsam einen Hinterhof bildend, um den Tempel herum. Auf dem platten Dache des Bauwerkes haben mehrere Fcllah- familicn ihre Hütten aufgebaut; hinier demselben liegen Schuttberge, welche höher sind, als der Tempel selbst. Allem Anscheine nach sind sie erst nach der Erbauung des Tempels durch wiederholte Zerstörung der Stadt entstanden und liefern uns so einen, wenn auch nur indirekten Beweis des enormen Alters altegyptischcr Monumente. ^ In der Wüste des anderen (rechten) Ufers sind in neuester Zeit von dem Elsasser Nöttinger durch Bohrvcrsuchc sporadisch vorkommende Kohlenlager entdeckt worden. Die egyptischc Regierung läßt unter der Dircction eines Franzosen auf sie bauen, doch hat man bis jetzt noch keine Kohlen zu Tage gefördert. Die Abnahme der Wärme macht sich hier in Egypten sehr fühlbar; Morgens und Abends wird es oft empfindlich kalt. Während in Nubien zu beiden Ufern des Flusses Fclsenberge die Sonnenstrahlen auffangen, zurückwerfen und so eine größere Wärme verbreiten, drückt in dem jetzt überschwemmten Egypten eine starke Ausdünstung des Wassers die Temperatur bedeutend herab. Dazu lassen die niederen Bergrücken, welche das Nilthal hier in weiten Bogen einschließen, den Nordwinden freien Zutritt. Wir frieren und finden unsere Pelze manchmal höchst nothwendig. Wo wir anhalten, versammelt sich sogleich eine große Men- 314 . schenmcnge um unsere Barke, die lebenden Thiere zu betrachten. Die Leute sind bei ihrer Begierde, sich „zu erfreuen", oft so zudringlich, daß sie mit dem Stocke von dem Schiffe getrieben werden müssen. In Esneh war gewiß der dritte Theil der Bevölkerung auf den Beinen, um uns mit ihrer Gegenwart zu belästi- stigen. In einem Dorfe rettete ich mit genauer Noth einen Knaben aus den Klauen der Löwin. Er hatte sich so nahe an das an einen Palmenbaum angebundene Thier herangewagt, daß er von Bachieda ergriffen worden war und eben verzehrt werden sollte. Glücklicherweise war die Löwin satt und spielte noch mit dem Knaben, wie eine Katze mit der Maus, als ich hinzu kam und ihr den Jungen aus den Tatzen riß. Am 11. Oktober. Gestern verließen wir Esneh und legten in der Nacht bei Arment, einer von Musthafa-Pascha (dem Sohn Jbrahihm-Paschcrs) neu angelegten Zuckerfabrik an. Hier arbeiteten zwei Europäer an dem Aufstellen der Maschinen, der Engländer For und der Franzose Rollet. Wir besuchten Ersteren in seiner Wasserhebedampfmaschine, welche in einem sehr soliden Gebäude aufgestellt ist. Er empfing uns freundlich, aber ruhig kalt, der Franzose dagegen, vollkommen mit ihm kon- trasti'rend, mit ausgelassener Freude. Nicht leicht sah ich zwei Europäer, welche einander gegenüber so ihre Nation vertraten, wie diese Beiden. So war Jeder von Beiden zu stolz, die Sprache des Anderen zu lernen; sie unterhielten sich deshalb — in arabischer Sprache. Jeder von ihnen hatte an dem Anderen fortwährend etwas auszusetzen, Jeder mußte den Anderen achten und Beide bemühten sich doch, das Gegentheil zu thun. Unsere Ankunft wurde für sie ein Fest. Wir wurden zuerst von Rollet mit Beschlag belegt und zum Mittagöessen bei ihm eingeladen. Natürlich sagten wir dankbar zu, mußten aber zugleich dem Engländer das Versprechen geben, bei ihm zu Abend essen zu wollen. Rollet lebte mit einer Italienerin, welche nach dem Tode seiner Frau dein Hauswesen vorstand, in ziemlich guter Eintracht; doch konnte das Verhältniß Beider zu einander kein häusliches genannt werden. Ganz anders war es bei dem Engländer. Seine liebenswürdige Frau, eine geborne Engländerin, gab mit ihren drei lieblichen Kindern ein freundliches Bild häuslicher Zufriedenheit und Glückseligkeit. Wie wohl that uns die Zartheit und Aufmerksamkeit bei Bedienung der Gäste! Wir hatten Das nicht erwartet, was wir fanden und waren daher um so angenehmer überrascht. Lächelnd erinnerten wir uns später in Kairo daran, wie sehr uns die blendende Weiße der Europäerin auffiel. Bisher hatten wir unsere Hautfarbe sehr weiß und die der Italienerin auch eben nicht bleicher gefunden, da wurden wir beim Erscheinen der Mistreß For eines Anderen belehrt und bemerkten plötzlich, daß wir mit unseren sonnenverbrannten Gesichtern eher angehenden Mohren, als Europäern glichen. Erst nach Mitternacht verließen wir diese gastfreien Häuser. Am Morgen des 12. Oktober waren wir in Luksor angekommen. Wir verweilten hier zwei Tage und benutzten diese Zeit zu Ausflügen nach den verschiedenen Ruinen. Interessant wurde uns die Bekanntschaft mit dem französischen Grafen de Sayve, welcher die Einsamkeit Luksors benutzte, um ein politisches Werk zu schreiben. Der neu angestellte englische Konsularagent Musthafa- Arha lud ihn, uns und den koptischen Bischof von Esneh, Abuh- na Michael, zum Abendessen ein. Am 15. Oktober landeten wir in Khenneh, am 17. in Djirdjeh, Tags darauf in Siut. Hier trafen wir einen deutschen Schmied aus Laibach, welcher uns die baldige Ankunft meines früheren Reisegefährten, des wackern Don Jgnatio oder Pater Knoblecher, meldete und den blühenden Zustand der Mission schilderte. Nachdem ich in Gesellschaft Bauerhorst'ö am 21. Oktober zum zweiten Male die Krokodilhöhlen besichtigt hatte, begegneten wir am 22. dem auf seiner schönen eisernen Da- habie, „Stolls watutina", den Strom hinauf segelnden Geistlichen und erfreuten uns eben so sehr an dem uns zu Theil werdenden freundlichen Empfang, als an der prachtvollen und praktischen Einrichtung des Schiffes. Die jungen Geistlichen, welche den vr. Knoblecher begleiteten, waren nur Deutsche, wie er versicherte, junge, gediegene und anspruchslose Männer; sie waren geistig und 316 materiell mit Allein ausgerüstet, was für den Sudahn erforderlich scheint. Eine schöne, genußreiche Stunde verbrachten wir bei den liebenswürdigen, wüthigen Verkündigten des Christenthums, dann schieden wir und wandten, der Heimath zueilend, den nach dem fernen, heißen Süden Ziehenden den Rücken. Unsere weitere Fahrt war rasch und glücklich. Am 26. Oktober. Der erste Strahl der jungen Sonne beleuchtete die Spitzen der schlanken Minarets der Moschee Maham- med - Aalis. Freudig begrüßten wir die Maheruhset. Wir landeten bald darauf in Fostat und trabten auf raschen Eseln der Muh Ski zu. Es war heute Sonntag. Die Glocken des Klosters ,,zur heiligen Erde" läuteten zur Frühmesse. Jeder Ton klang melodisch in unserem Inneren wieder. Und mit dem Klingen dämmerten der Heimath Bilder in uns auf. Das waren dieselben Glocken, welche uns als Knaben getönt, dieselben, welche uns die Abschiedsstunde vom Vaterlande geschlagen hatten und jetzt uns seinen Willkommen entgegenliefen. Monate, Jahre lang mußten wir von allem Dem, was an die Heimath mahnt, entfernt gewesen sein, um ihre Sprache verstehen zu lernen; jetzt riefen sie uns klare, helle Worte zu: „Das ferne Glockengeläute zog träumerisch durch die Luft. Es sprach von vergangenen Tagen, von Lenz und Blüthendnft." Und wieder berauschte mich das Wogen und Leben der unvergleichlichen Stadt. Ich konnte von Neuem in den Gärten ,,dcr Siegreichen" schwelgen und schwärmen. Mein durch das Fieber entkräfteter Körper stärkte, mein so oft darniedergedrücktcr Geist erhob sich. Ich lebte in Kairo wieder auf. Schon früher habe ich diese herrliche Stadt mein Ideal genannt. Ich wiederhole es, um die Fülle meines Glückes beschreiben zu können. Wie nahe war ich der Heimath! In anderthalb Monaten erhielt ich Antworten auf Briefe, die ich den Lieben geschrieben. Wie freundlich kamen mir ehrliche, biedere Landslcute entgegen! Ich versöhnte mich durch sie wieder mit dem Europäer, wieder mit dem Christen. — 317 Mein treuer Freund Bau erhörst bezog mit mir eine Wohnung in dem Tarb el Tiahb, „Weg der Schakale", einem engen Gäßchcn im arabischen Viertel, nahe der Muhski. Nur wenige Schritte brauchten wir zu machen, um unter den Platanen der blumenduftcndcn Esbeki'e in stiller Behaglichkeit eine Schiesche*) zu rauchen und ein Täßchen köstlichen Mochatrankcs zu schlürfen. Es ist so schön unter den schattigen Alleen der Esbekrc! Von fern her tönen gegen Abend sanfte, vom leisen Abcndwinde getragene Klänge europäischer Hornmusik oder arabischer Minnclieder. Lustwandelnde Europäer und kühlcsuchcnde Europäerinnen gehen vorüber, manchmal auch Levantiner mit ihren verschleierten Frauen. Wie blitzen die dunklen Augen hinter dem Schleier hervor; wie ruhen sie bisweilen so sonderbar fragend auf dem Fremdling! Und darüber blaut der herrliche Himmel Egyptens, bis ihn die scheidende Sonne in Purpur kleidet. Die hin und her wandelnden Damen und Herrn verschwinden, aber die Blumcngcister werden wach mit der Nacht. Die Sterne funkeln so herrlich vom dunklen Himmclsdome herab, die Lust ist so kühl und doch so unendlich mild. Man sitzt träumend auf der harten Bank aus Palmenstic- len, aber alle Sinne sind geschäftig, die Herlichkeit der Nacht zuin Throne des Geistes zu bringen. Oft war Niemand mehr auf den Spazicrgängcn zu sehen, außer uns. Wir blieben noch, wenn schon alle Ucbrigen heimgegangen waren. Nicht wahr, Bauerhorst? In Kairo hatten wir drei liebenswürdige Deutsche kennen gelernt, in deren Gesellschaft wir manche frohe Stunde zubrachten. Es war der Naturforscher Dr. Theodor von Heuglin aus Würtcmberg, der Kaufmann Sauer aus Hannover und der Dr. meä. Theodor Billharz aus Sigmaringen. Heuglin würzte durch wissenschaftliche Mittheilungen oder Sauer durch seine Gesprächigkeit und Billharz durch sein gcmüthvollcs Wesen die genußreichen Abende unseres Vereins. Billharz war die Seele der Gesellschaft. Ich bin unentschieden geblieben, ob ich seinem treffli- *) Arabischer Name der Wasserpfeife (Nargileh). 318 chen Charakter vder seinen tiefen, gründlichen Kenntnissen größere Anerkennung und Achtung zollte. Im Anfange des November saßen wir im Diwahn Sauer's zusammen und schlürften den Rauch des köstlichen Krautes Djc- beli. Cyperwein funkelte in den krystallenen Gläsern. Heug- lin sprach von einer beabsichtigten Reise an daS rothe Meer. ,,Gehen Sie mit mir", sagte er zu uns. Wir überlegten und beriethen. Bald waren wir übereingekommen. Bauerhorst und ich wollten Heuglin nach dem rothen Meere, er dagegen sollte uns nach dem Sinai begleiten. Die Gläser klangen zusammen: „Auf eine glückliche Reise!" Reise von Kairo nach dem Sinai. „Die Mönche, so weder Gott, noch die Menschen kennen, sind gekrochen in die Wüste und haben darin für sich selbst gelebet, welches denn gar nicht christlich ist; sondern das ist christlich, daß Du bleibest in der Welt und unter den Leuten. Luther. Am 9. November. Beduinen von der peträischen Halbinsel ArabienS brachten die gesattelten Reit- und Lastkamele vor unsere Wohnung. Wir bestiegen sie und verließen, unserem Gepäck vorausreitend, die Hauptstadt durch das nach Norden gelegene ,,eiserne Thor", wandten uns dann aber auf einer zwischen hohen Schuttbergen und Stachelfeigenhecken dahinführenden, staubigen Straße östlich, umritten den nördlichen Theil der Stadt und betraten in der Nähe des Bühb öl Nässr die Wüste auf einer vortrefflichen, mit Bäumen bepflanzten Hochstraße. Links lag das neuerstandene A bah sie, rechts der Djebel el achmar und vor uns die erste Posthalterei der englisch-ostindischen Poststraße mit dem in ihrer Nähe erbauten Telegraphen. Die Freunde begleiteten uns zu Esel bis zu letzterem Orte und verließen uns erst mit einbrechender Nacht. Wir setzten die Reise fort und ritten bei angehendem Mon« denscheine noch einige Stunden in die Nacht hinein. Bei der vierten Posthalterei lagerten wir, um uns zur Ruhe zu begeben. Die von Kairo nach Suös führende Straße wurde vor mehr als einem Jahrzehnt von den Engländern mit den erwähnten Posthaltereien erbaut und nach einer ziemlich langen Benutzung an die egyptische Regierung abgetreten. Wenn ich von „Erbauung" der Straße spreche, meine ich damit mehr die Einrichtung der Stationshäuser, als einen eigentlichen Wegebau. Man räumte die größten Steine weg, welche an der für die Straße erwählten Stelle 320 der Wüste lagen und warf sie bei Seite; das war die ganze Arbeit. Erst jetzt läßt die egyptischc Regierung eine wirkliche Hochstraße herstellen, ist aber zugleich auch genöthigt, neue StationShäuscr zu errichten, weil die, welche die Engländer erbaut hatten, aus Holz bestanden und nur für die Zeit, während welcher die Benutzung der Straße den Engländern ausschließlich zugehören sollte, berechnet waren. Nach Ablauf einer mit der cgyptischcn Regierung durch Vertrag festgestellten Reihe von Jahren übergab die Compagnie ihr Werk an die egyptischc Regierung. Diese hatte dann das Vergnügen, eine sogenannte Straße in eben demselben Zustande zu erhalten, in welchem sich die Wüste früher befunden hatte, bemerkte, daß sie von den schlauen Söhnen Albions recht anständig betrogen worden war und fing nun an, dasselbe zu thun, was sie vor mehr als fünfzehn Jahren auch härte thun können: eine wirkliche Straße und massive Posthäuser anzulegen. Jedes der Stationshäuser besteht aus einem langen Gebäude mit zwei Vordcrflügcln, welche durch eine ziemlich hohe Mauer wiederum mit einander verbunden sind. Das Hauptgebäude enthält Stallung zu vicrunddreißig Pferden und Maulthieren für den Postdienst; in den Flügeln wohnen die Postknechte und der Postbeamte. Zwei große gußeiserne Kasten werden vorn Nil aus durch Kamele mit Wasser versehen und müssen fortwährend den nöthigen Bedarf für drei Tage enthalten. Die Gebäude liegen ungefähr eine deutsche Meile von einander. Sie sind numerirt und werden von Kairo aus gezählt. In der Nähe der Stationen Vier, Acht und Zwölf hat man Gasthäuser für die Postrciscndcn errichtet. Der bloße Eintritt in dieselben muß aber erst mit einer Guinee erkauft werden; die Lebensrnittel sind natürlich ebenfalls enorm theuer. Am 10. November. Die Wüste ist sehr einförmig, der Weg bietet wenig Unterhaltung. Selbst von einer Wüstenvegeta- tion steht man fast keine Spur. Es ist Alles todt. Nur die zwei- bindige, die isabellfarbene Wüstenlerche oder eine versprengte Gazelle zeigt sich manchmal dem Reisenden. Erst in der Nähe der hohen Gebirge am rothen Meere wird es besser. Dort erhält der dann und wann fallende Regen in den durch 321 das Wasser ausgehöhlten Chuahr einzelne Büsche am Leben. Zu Bäumen erstarken sie nicht. In der Nähe des Stationshauses Acht liegt auf einem niederen Berge das Wüstenschloß Aabahs-Pascha's, Dahr el Bch- de, „das weiße Haus." Es ist ein unbedeutendes Gebäude. Der Vizekönig ließ das ganz aus Holz bestehende Haus aus Schweden kommen und in der Wüste aufstellen, weil Aerzte ihm versichert hatten, daß die reine Luft der Wüste sehr gesund wäre. Niemand pflegte seinen Leichnam mit so erstaunlicher Sorgfalt, wie der edle Vizckönig. Man brauchte, wenn er in Dahr el Behde residirte, täglich für hundert Marien-Theresien-Thaler Nilwasser zum Bedarf seines Hofstaates. Der Beamtete der Station Neun gibt uns, auf unsere Bitte, dicht neben seiner Wohnung in kaum vier Fuß Tiefe gegrabenes Steinsalz. Chemische Untersuchungen, welche wir im Vaterlande mit ihm angestellt haben, ergaben, daß es aus stebenundneunzig Prozent reinem Chlor-Natrium besteht und also unter das chemisch reinste Salz der Erde gerechnet werden kann. Wir übernachten bei der Station Elf. Am 11. November. Beim Erwachen zeigt uns der hohe Djcbel Ataka seine von Wolken umlagerten zackigen Gipfel. Die Stationen sind heute sehr groß, der Weg ist uneben und beschwerlich. Er würde für uns sehr langweilig geworden sein, wenn nicht schon nach der Station Dreizehn ein anziehendes Bild uns gefesselt hätte. Vor uns lagen in blauer Ferne die Gebirge Asiens, rechts die leuchtende Fläche des rothen Meeres. Weiter nach Suös zu, fast gegenüber der Station Vierzehn, sahen wir um Mittag eine kleine Festung. Es ist die Khslsäh el Ädjtzrüht. Man hat sie früher zum Schutze der Pilgcrkarawane errichtet und mit Geschützen und einer ziemlich starken Besatzung versehen. Jetzt sind die Kanonen verrostet; die Besatzung ist, weil sie nicht mehr nöthig erscheint, verringert worden. In der Nähe des Forts befindet sich ein Brunnen mit Bitterwasser. Von hier aus hat man noch zwei deutsche Meilen bis Suös. Der Weg führt immer bergab. Nach zwei Stunden kommt man III 21 zu der letzten Station der Wüste. Eine Stunde weiter nach dem Meere zu liegt der Brunnen, welcher die Bewohner deS Städtchens mit Wasser versteht. ES wird durch ein Schöpfrad aus der Tiefe emporgehoben, ist aber ebenfalls bitter. Noch ehe wir Suvs erreichten, war die Nacht hereingebrochen. Beim Eintrittc in das von Soldaten bewachte Thor wurden wir von einem Quarantäncbeamtcn um unsere Pässe befragt. Obgleich dies in arabischer Sprache geschah, wußten wir doch sogleich, daß wir es mit einem Europäer zu thun hatten. Der ruhige Türke behelligt die Reisenden mit solchen Geringfügigkeiten nie. Wir stiegen in dem Gasthause eines Italieners, des Signore Antonio Pachini, ab und fanden gute Aufnahme. Die Wellen des rothen Meeres bespülten fast die Grundmauern des Hauses. Am 12. November. Hinter den Gebirgen Asiens stieg die Sonne an dem klaren Himmel empor und sandte uns ihre ersten Strahlen in das wohnliche Zimmer, in welchem wir die Nacht zugebracht hatten. Wir warfen die Gewehre über die Schultern und wanderten nach dem Meere hinaus. Es war die Zeit der Ebbe. Ueber eine halbe Meile Wegs konnte man auf einer jetzt trocken liegenden Sandbank in das Meer hinein gehen. Arabische Fischer waren beschäftigt, mit spitzen Stöcken die Krabben anzuspießen, welche in den Lachen zurückgeblieben waren. Reiche Muschclbänke gaben uns Beschäftigung. Wir sammelten und aßen austcrnartig schmeckende Konchylien, welche wir lebendig gefangen hatten. Der Djebel Ataka lag im schönsten Sonnenglanzc vor uns, scheinbar in einer Nähe von nur einer Viertelmcile, obgleich die Entfernung wohl das Sechsfache betragen mochte. Von der Spitze der Sandbank aus sandten wir mit unseren Büchsen Kugeln nach Asten hinüber. Um zehn Uhr trieb uns die ankommende Fkuth zurück. Die Küste des Meeres flacht sich so sanft ab, daß das Wasser zur Fluthzcit so schnell, als ein Mensch gehen kann, dem Ufer zuläuft. Wir mußten uns vor den herankommenden Wellen flüchten. Der Unterschied zwischen Ebbe und Fluth beträgt im rothen Meere sechs Fuß. Nur bei letzterer können die in einer Art von Hafen im Anfange des Pharaonenkanals liegenden kleineren Schiffe 323 in das offene Meer hinausfahren. Seeschiffe und Dampfer der englisch - ostindischcn Gesellschaft liegen auf der Rhede beiläufig eine halbe Meile von Suös entfernt; zur Verbindung mit ihnen dient ein kleines Dampfboot, welches die Reisenden und Waarenballen herein und heraus befördert. Man nennt die Küstenfahrzeuge des rothen Meeres, wie die mit Kajüten versehenen Nilbarken, Dahab'ie, obgleich sie fich von diesen hinlänglich unterscheiden. Sie sind fester als die Nilschiffe gebaut, haben kein Verdeck und nur ein kleines Kajüten- häuschen, gehen tief und segeln, obgleich sie gewöhnlich bis an den Rand des Bords beladen werden, vortrefflich. Viele der reicheren Bewohner von Suös besitzen ihren hauptsächlichsten Reichthum in diesen Dahabraht. Der Handel würde sich deshalb bloß in ihren Händen befinden, wenn nicht Mahammed-Aali durch ein wohlthätiges Gesetz Diesem gesteuert hätte. Die Schiffe dürfen nämlich nur in der Reihenfolge, in welcher sie angekommen sind, den Hafen verlassen. Dann kommt es freilich vor, daß einzelne Schiffe Monate lang unbenutzt liegen bleiben*'). Allein bloß durch dieses Gesetz ist es möglich, daß den Anmaßungen der Levantiner oder dem Einflüsse, welchen sie sonst mit ihrem Gelde leicht ausüben dürften, einigermaßen entgegengearbeitet wird und sich auch andere Bewohner des rothen Meeres an der Schifffahrt betheiligen können. Suös ist ein sehr kleines Städtchen und dürfte kaum mehr als dreitausend Einwohner zählen. Es ist schmutzig, wie alle egyp- tischen Städte, wird aber dem Fremden noch besonders durch den Mangel an gutem Trinkwasser unangenehm. Dieses ist bitter, übelschmeckend und selbst mit Essig wenig zu verbessern. Im Sommer ist der Aufenthalt in Suös für den Fremden kaum zu ertragen; der Genuß des Wassers verursacht dann entweder Erbrechen oder erzeugt Krankheiten. Die geographische Lage des Städtchens ist 290 57' n. Br. und 30" 11' östl. Länge von Paris. Nur wenige Christen sind hier ansässig. Sie sind, wie der *1 Nach neuesten Nachrichten soll dar Gesetz aufgehoben sein. 21 * 324 größte Theil unserer im Oriente lebenden Glaubensgenossen, falsch, treulos, heuchlerisch und betrügerisch. In dieser Hinsicht soll unter ihnen der Konsular-Agent Kosta obenan stehen. Dieser Mann vertritt die Unterthanen Frankreichs, Rußlands und Oesterreichs und betreibt einen bedeutenden Handel nach dem glücklichen Arabien. Wir lernten mehrere Europäer kennen, welche sich uns natürlich nur von ihrer liebenswürdigen Seite zeigten. Es waren Angestellte der Quarantäneanstalt oder der ostindischen Dampfschiff- fahrts-Gesellschaft. Am 13. November. Heute fuhren wir in einer kleinen Barke nach dem offenen Meere hinaus, landeten zuerst in Asien und kehrten dann nach Afrika zurück. In der Nähe des Djcbel Ataka, jenes prächtig geformten, 6400 Fuß hohen Gcbirgsstockes, suchten wir Konchylien und erlegten mit der Büchse fünf Stück der von den Arabern sehr gefürchteten Zitterrochen. Die Böge! waren ohne Ausnahme sehr scheu. Ich erkannte unter den großen Flügen der Strandvögel Austernfischer und Flammings. Kleinere Strandläufer waren häufig; ebenso auch die in großer Anzahl die Schiffe umschwärmenden Mövc n und Sccschwalbcn. Ganz in unserer Nähe lag ein englisches Beobachtungsschiff. Es war eine Dampffrcgatte von vierundzwanzig Kanonen, zum Schutze der englischen Postdampfschiffe. Letztere fahren monatlich einmal nach Bomben und einmal nach Kalkutta. Sie brauchen bis zum Bahb el Mandeb neun und bis nach Bomben fünfzehn Tage Fahrzeit. Am 15. November. Ein gerade nach dem glücklichen Arabien abgehendes Schiff bot uns Gelegenheit, den größten Theil unserer Reise nach dem Sinai mit aller Annehmlichkeit einer Seefahrt zurücklegen zu können. Wir mietheten die Kajüte einer großen Dahab'tc für hundertundfunfzig Piaster oder zehn Thaler preußisch bis Tohr und schifften uns mit unserem Gepäck Nachmittags ein. Außer uns fanden sich mit dem Schiffövolke nach und nach so viele Reisende ein, daß die ganze Schiffsgcsellschaft aus mehr als neunzig Köpfen bestand, obgleich die Dahabre bis an den Rand deS BordS mit Waaren beladen war. In den verschiedensten Stellungen und Lagen saß und kauerte die bunt zusammengewürfelte Menschenmenge durch einander. Es war eine wirkliche Musterkarte verschiedener Nationen. Man fand Europäer, Türken, Araber aus Jemen und dem Hcdjahs, von der peträischcn Halbinsel und aus Massohwa, Beduinen und Egypter, Morharbi, Perser, Nubier und Dahr-Fuhr-Neger auf einem kleinen Schiffe vereinigt. Die meisten der Reisenden wollten sich nach Djetta begeben. Jetzt besahen wir uns das Schiff etwas näher. Es mochte neunzig Fuß lang und zwanzig Fuß breit sein. Die niedrige und enge Kajüte hatte verschließbare, sehr kleine Luken, enthielt eine Masse von verschiedenartigen Geräthschaften, war schmutzig und stank abscheulich. Doch war sie immer noch der beste Platz auf der ganzen Dahab'ie. Einzelne Reisende hatten sich elastische, den Anakharihb deö Ost-Sudahn ganz ähnliche Rahmen an die Seiten des Bordes gebunden, um auf ihnen frei über dem Wasser des Meeres zu sitzen oder zu schlafen. Ein einziger jäher Stoß würde sie in das Meer hinabgeworfen haben. Sie besaßen die zweitbesten Plätze. Die übrige Reisegesellschaft lag oder kauerte, fortwährend durch die Arbeiten der zahlreichen Schiffsmannschaft belästigt, auf den Waarenballcn herum, so gut eö eben gehen wollte. Bei jedesmaligem Scgclwcnden müssen hier die Naacn erst heruntergelassen, die Segel losgebunden und wieder befestigt werden. Es geht, trotz der damit verbundenen Umstände, ziemlich rasch von Statten, ist aber für die auf dem Deck sich Befindlichen eben nichts Angenehmes. Weiter nach Vorn stand ein mit Erde gefüllter Kasten, welcher als Küche diente. Große thönerne Gefäße enthielten das nöthige Wasser. Der Steuermann hockte hinten auf dem Deck der Kajüte und richtete sein Schiff nach seiner Ortskenntniß; wenigstens schien er den Gebrauch des Kompasses nicht zu kennen. Nach dem Signalschusse von dem auf der Rhede liegenden Kriegsdampfer lichtete das Schiff den Anker. Unter einem höchst unangenehmen Geschrei der Matrosen, wobei Einer mit seiner unbeschreiblich widerlichen Fistelstimme die Anderen überheulte oder ihrem Gebrüll vorschric, wurden die Segel aufgehißt und die Daha- b'ie durchglitt rasch die dunklen Wogen. A m 16. Nove m b e r. Auf dem rothen Meere. Rechts und 326 links ficht man die hohen, prächtig gestalteten Gebirge der afrikanischen und asiatischen Küste des Meerbusens von Sues. Sie bringen Leben in die Oede der Küsten. Der Meerbusen ist sehr schmal; man kann zu beiden Seiten die kleinsten Hügel am Meercsufer wahrnehmen. Es ist, als ob wir auf einem großen Strome schwämmen, so nahe ist das Land auf beiden Seiten. Nur die Farbe des Wassers zerstört diesen Traum. Sie ist ein prachtvolles Ultramarin, die ganze Kraft der südlichen Sonne liegt auf ihm. Das lichte Blau des Himmels spiegelt sich in dem dunklen Blau des Meeres. Wie schwarze Flecken schimmern die Korallenbänke vom Grunde desselben zu uns herauf. Aber sie liegen tief, tief unter uns; das Schiff segelt, von dem frischem Nordwinde rasch dahineilend, ungefährdet über sie hinweg. Nach Einbruch der Nacht wirft man den Anker in der Nähe der gefürchteten Korallenbank Schahb el Chahsa unweit des Rahs Abu Selihme. Am 17. November. „Lustige Delphnie»schaareii, Scherzen i» dem silberklaren. Reinen Element umher." sie umkreisen unser Schiff, Scharben und Tölpel schwimmen und tauchen im Wasser herum. Der Morgen ist so klar, so mild, so schön! Die Sonne beleuchtet Afrika's niedere Gebirge, nachdem sie mühsam über die zackigen Häupter des Djebel Serbal heraufgestiegen. Man sieht nur Himmel und Wasser, Berge und Sand, Wüste und Meer und dennoch lebt es und regt es sich. Wir stehen auf dem höchsten Punkte der Kajüte und lassen unsere Blicke herumschwcifen. Das Auge findet immer einen Gegenstand, auf dem es mit Interesse hasten bleibt. Gegen zehn Uhr Vormittags zeigt sich uns der armselige Flecken Tohr. Mit einer geschickten Wendung fahren wir in den gefährlichen Hafcncingang hinein und werfen, nachdem wir uns hart an Korallenriffen dahingezogen hatten, bald den sicheren Anker. Vor uns liegen die Gebirge des steinigen Arabien in einer langen, malerischen Reihe, mehr zur Linken erhebt der riesige Serbal seine Häupter und hart am Meeresstrande bezeichnet ein schattiger Hain die Lage des griechischen Klosters Raito. Es liegt nördlich von Thor in der Nähe des HrldjLr el Mit und einer Therme, welche der edle Vizekönig Aabahs bereits ausgewählt und beschlossen, dort sich ein Haus zu bauen, um seinen wollüstigen Leichnam zu baden und zu stärken. Tohr selbst ist öde und arm. Es besteht aus kaum zwanzig, meist von griechischen Familien bewohnten Häusern. Was der Mensch hier dem Meere abgewinnt, besitzt er, weiter Nichts! Korallenriffe liefern ihm den Baustein zu seinen elenden Hütten, Fische und wenige Dattelpalmen im Sande der Wüste am Saume des Gebirges Nahrung und Geld zur Nothdurft des Leibes. Ein einziger Brunnen mit ziemlich gutem Trinkwasser versorgt ihn und durchziehende Pilger mit diesem nöthigen Lebcnsclemente. Wenige für Trinkwasser, welches er an die in den Hafen kommenden Schiffe verkaufte, eingenommene Piaster wendet er an, um sich Getreide zu seinem Brode zu kaufen. Und trotzdem, daß er sich unter der« ihm nahcwohncnden Beduinen noch einen Schutzherrn erwählen und diesen besolden muß, um ruhig und sicher das Wenige zu genießen, lebt er still und glücklich, zufrieden mit seinem kargen Schicksale, zufrieden mit den geringen Gaben der Natur, welche er empfängt. „Er vermeint, sein Haus auf heiligen Boden gegründet zu haben und glaubt den Worten seines würdigen Geistlichen ElesiuS, der ihm sein Glück zu schildern bemüht ist. Doch nicht lange schweifen unsere Blicke über die öde und dennoch anziehende Landschaft dahin. Ein kleines Boot nähert sich unserer Dahabte. Der Grieche, welcher das Ruder handhabt, ladet uns ein, an's Land zu gehen. Er geleitet uns in seine dürftige Wohnung, breitet geschäftig ärmliche Teppiche auf dem Boden aus, bringt uns mit Mandeln durchknetetes Dattel- und frisches Wai- zenbrod, Mandeln, köstliches Wasser und bereitet uns einen festlichen, gastfreundlichen Empfang. Verwundert schauen wir seinem Beginnen zu und erhalten auf unser Befragen, aus welcher Absicht er Alles gethan habe, die Antwort, daß es auf Befehl eines in seinem Hause wohnenden Europäers geschehen sei. Dieser habe ihn beauftragt, bei jedem ankommenden Schiffe nach Europäern zu 328 forschen und falls sich deren fänden, sie herüber zn holen und gastlich aufzunehmen. Dann übergibt uns der Grieche einen Pakt Zeugnisse, um deutlich darzuthun, daß sein Haus schon von Vielen gekannt sei. Die Papiere durchblätternd, sehen wir, daß wir uns auf einem für uns klassischen Boden befinden. Rüppell's und Ehrenberg's Namen befinden sich unter den Unterschriften der vielen Zeugnisse, welche Naturforscher hier zurückließen. Auch der jetzt hier wohnende Franzose beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Sammlungen. Wir sind begierig, ihn kennen zu lernen. Mittlerweile ist ein Mann hcreingetreten, den ich meinen Lesern zuerst in seinem Kostüm vorführen will. Ein zerfetzter, breitrandiger, früher grau gewesener Hut beschattet eine verrostete Stahlbrille; der Aermel eines Hemdes ist um einen sehnigen, sonnenverbrannten Hals gewunden, um als Tuch zu dienen; die Weste, an welcher man noch aus Spuren wahrnehmen kann, daß sie früher aus Sammet bestand, ist, mit zwei Knöpfen zusammengehalten, nicht im Stande, ein schmutziges, grobes und zerrissenes Tuch zu verhüllen, das die Stelle des Hemdes vertritt; die Unterbeinkleider blicken durch viele Löcher der oberen und verschmelzen mit grauen, in riesigen Schuhen steckenden Strümpfen zu einem wunderlichen Ganzen. Auf den Schultern des Hereingetretenen hängt eine zerrissene Jacke mit mächtigen Seitentaschcn, aus denen Tücher herausschauen, welche lange des reinigenden Wassers entbehrt haben; in der einen Hand trägt er einen Knotenstock, während die andere eine Pfeife hält, die nur aus einem Thonkopfe besteht, den man an einem Stückchen Rohr befestigt hatte. Das zweite Ende des Rohres steckt in einem von röthlichcn Barthaaren umdüstcr- tcn Munde, welcher Dampfwolkcn stinkenden Tabaks von sich bläst und mit ihnen die ganze Gestalt in ein magisches Dunkel hüllt. Erstaunt blicken wir den räthsclhaften Fremdling an und halten ihn höchstens für einen im Dienste des Franzosen stehenden Vagabunden. Doch müssen wir diese Meinung bald aufgeben, als der Fremde sich uns nähert und unter dem Namen und Titel: Non- kiivur cks Alalrrao, natui-slmts st ataoks L l'aml> 388 k»cks lrsn- ssise ä koms vorstellt. Und nun drückt er in französischer Sprache 329 lein Vergnügen aus, uns zu sehen und löst unser Erstaunen ob seines Aufzuges mit der Erzählung, daß er von Räubergesindcl überfallen und aller seiner Kleider beraubt worden wäre. Das Kleid machte auch hier den Mann nicht. Der zerlumpte Franzose war der artigste und interessanteste Mann, den wir finden konnten. Bald waren mehrere Kamele zur Reise nach dem Sinai auf- getrieben * **) ). Schon nach dem Aassr verließen wir Tohr und wandten uns dem schönen el Wadi zu, in dem wir dann nach kurzer Unterbrechung bis zehn Uhr Nachts dahin ritten. Erst als die Müdigkeit uns zur Ruhe mahnte, stiegen wir aus dem Sattel und lagerten uns in der Nähe des Gebirges unter Mannabäumcn. Am 18. November. Mit dem Grauen des Morgens wecken uns die Kameltreiber und mahnen zur Weiterreise. Das Gebirge liegt vor uns. Es ist zerklüftet, zerspaltet und zeigt uns Schluchten und Thäler, Berge und Felsen in mannigfacher Abwechselung. Scheinbar ist es nur eine Viertclmeilc von uns entfernt und dennoch liegt noch die ganze Breite der Wüste Sin zwischen uns und dem Fuße der ersten Verberge. Wenn ich das Wadi vor uns die Wüste Sin nenne, folge ich der Meinung von Lcpsius, welcher gewiß nicht mit Unrecht den Serbal für den Sinai der Bibel hält *'*). So hoch der majestätische Berg auch die umliegen- *) Man bezahlt von Tohr bis auf den Sinai dreißig Piaster für das Stück. **) Reise des Professor Dr. Lepsius von Theben nach der Halbinsel des Sinai, vom 4. März bis zum 14. April 1845. In der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 3. Januar 1846 fand ich darüber folgende Stelle: „Wenn manche andere Neuerungen der Art zum ersten Eindruck ein bedenkliches Mißtrauen haben mögen, so macht die vorliegende uin so gespannter, da ein Name, welcher der Wissenschaft bereits so theuer geworden, für den Ernst der Forschung bürgt, mit dem sie gemacht worden ist. Den Beweis für seine Ansicht führt Lepsius auf die einzige Weise, welche wahre Geltung verdient. Von einer genauen Untersuchung des Terrains nämlich, auf dem ganzen Wüstenstriche, der in Betracht kommt, geht er aus und stellt mit den gewonnenen Ergebnissen den biblischen Text vom Zuge der Jsraeliten zusammen. Er glaubt, daß sich Beides vollkommen vereinigt, um als den einstigen Sinai den heutigen Serbal nachzuweisen, von dessen Fuße bis zum Katharinenkloster am Fuße des setzt allgemein gefeierten Sinai der natürlistche Weg noch gegen zwei Tagereisen beträgt. 330 den Gebirge überragt, er scheint uns niedriger vorzukommen, als vom Meere aus und dennoch wissen wir, daß seine Höhe sechstausend Fuß beträgt. Die Beduinen erzählen mir von dem „Schech el Serbal", dem „Bödden" oder arabisch en Stcin b ock und die Lust wird in mir rege, den Gipfel des Mächtigen zu besteigen, wenn auch das Fernrohr mir sagt, wie hoch und steil er ist. Doch ich bin ja nicht allein und muß mich dem Willen meiner Reisegefährten, welche schnurstracks auf das Gebirge zueilen, unterordnen. Nach dreistündigem Ritte sind wir am Fuße desselben angelangt und wenden uns links, dem Eingänge des Wadi-He- brahn zu. Um zehn Uhr betreten wir es und gelangen nach einer klei- Ganz besonderes Gewicht legt Lepsius noch darauf, daß das durch seine üppige Vegetation vor allen anderen Wadi's der arabischen Wüste ausgezeichnete Fe'tranthal allein den gehörigen Reichthum an Wasser und Weide besitzen konnte, das fast eine Million starke Heer der Jsraeliten auf längere Zeit zu fesseln. Das Feiranthal, dies glückliche Kleinod der Wüste, müsse, so glaubt er, die Niederlassung der Amalekiter in sich gefaßt haben; die Besitznahme desselben habe Amalek den Jsraeliten in Raphidim, nahe am Eingänge des Thales, mit dem Schwerte streitig gemacht. Zur Lagerung im Felranthale stimme aber vortrefflich der Serbal, der mit seinen majestätischen Felsengipfeln die ganze Lagerstätte beherrscht und zum großen Akte der Offenbarung das herrlichste Terrain dargeboten habe. Aus der biblischen Beschreibung des Jsraelitenzugs hebt Lepsius besonders hervor, daß es heißt: die Wüste Ein liege zwischen Elim und dem Sinai. Diese Ausdrucksweise bestätigt, wie er glaubt, sowohl seine Ansicht von der Lage Elims im heutigen Kaibethal an, Rahs Abu Selihme, als auch seine Geltendmachung des Serbal als des mosaischen Sinai. Der Name des Berges Sinai nämlich, der zur Zeit des Moses nur Sini gelautet habe, hänge offenbar mit dem Namen der Wüste Sin zusammen und bezeichne den Sin-Berg. Mit Elim aber im Kaibetbale und dem Serbal als Sinai lasse sich in der Thal die Wüste Sin abgrenzen. Auch in den übrigen Theilen der mosaischen Aufzeichnungen von der israelitischen Wü- stenreise findet sich »ach Lepsius durchaus Nichts, was seine Hypothese beeinträchtige. Dieser neuen Ansicht über den Sinai läßt sich die wissenschaftliche Bedeutsamkeit nicht absprechen. Die Eregeten der Bibel so gut, wie die Kenner der biblischen Geographie sind ihr eine sorgfältige Prüfung schuldig. Künftige Reisende werden sie weiter zu begründen oder auch mit Nachdruck zu widerlegen suchen müssen" u. s. w. 331 nm halben Stunde zu einer schönen, palmenbeschattetcn Quelle, nach Lepsius der Maral) der Bibel. Nur kurze Zeit weilen wir, die Glieder an dem kühlerü Wasser, das Herz an der romantischen Lage der Quelle zu erfrischen und lagern uns nach einer weiteren Stunde Wegs mitten im Thale unter Palmen. Wir bereiten uns ein einfaches Mittagsmahl und ruhen uns von den Beschwerden des NitteS aus. Heuglin zeichnet die malerischen Felsenpartien, welche wir von unserem Ruhepunkte aus erblicken können. Dann setzen wir die Reise fort. Jede Biegung des Thales rollt ein anderes Panorama vor uns auf. Eng läuft es in fortwährenden Windungen zwischen hohen Granitmauern, welche es fast senkrecht einschließen, dahin. Immer ueue Schönheiten des wechselvollen Bildes fesseln das Auge. Und dennoch weilt es nicht lange auf ihnen, nicht auf den Spuren der durch daö Wasser hervorgerufenen Zerstörungen, sondern schweift über die Häupter der Palmen hinweg, an den Felsenwänden empor und verliert sich in der ruhigen Bläue des azurnen Gewölbes, das auf den Felsen ruht. Am 19. November. Ein äußerst steiniges Terrain beginnt bald nach unserem Lagerplatze der vergangenen Nacht. Der Weg wird den Kamelen so beschwerlich, daß wir genöthigt sind, abzusteigen und zu Fuße zu gehen. Das Wadi-Hebrahn wird enger und steiniger, je weiter wir fortschreiten. Zuletzt theilt es sich in zwei Arme, von denen der eine an einem Berge ausläuft. Wir übersteigen ihn und gelangen durch ein kurzes Thal in das Wadi- SälLfö. Es ist breiter als das Wadi-Hebrahn und mit viel Gestrüpp bewachsen. Nicht weit oberhalb der Einmüdungsstelle des Thales, von welchem aus wir das Wadi-Salafc betraten, sehen wir Araberzelte aufgeschlagen: es sind die Wohnungen unserer Beduinen. Der Djcbel Serbal zeigt uns jetzt seine Rückseite; noch malerischer und steiler als die Vorderseite krönt sie den Berg zum wahren Könige des Gebirges. Drei Stunden der Mittagshitze verbringen wir in den Zelten der gastfreien Beduinen, dann setzen wir unsere Reise fort, jedoch nicht, ohne bei den Beduinen Bestellungen auf seltene Thiere gemacht zu haben. 332 Wir sind vom Meere aus fortwährend gestiegen und jetzt schon in einer Alpcnregion angekommen. Selbstverständlich meine ich damit nicht die des Schnees, weil es nur höchst selten vorkommt, daß die Spitzen der höchsten Berge einmal mit Reif bedeckt werden, sondern die, in der sich eine Alpenvegetation zeigt. Ich bin kein Pflanzenkcnner und weiß nicht, mit welchen Gewächsen wir eS zu thun haben, wohl aber, daß ich die hier vorkommenden noch nirgends gesehen habe. Die Pflanzen duften allesammt; die meisten riechen so stark, daß sie von den Beduinen benutzt werden, um Fleisch längere Zeit frisch zu erhalten, gerade als ob es einbalsa- mirt werden sollte. Einzelne Hasen und schwache Ketten zweier Arten von Rebhühnern laufen unter ihnen herum. Sonst sieht man außer den Zicgcnhcerdcn und Kamelen der Beduinen, welche an den Felsen oder Abhängen herumklettern und die würzigen Kräuter abfressen, nur wenige Thiere. Gerade heute aber hatten wir das Vergnügen, einen der seltneren Felsenbewohner beobachten zu können: den südlichen Bart- oder Lämmergeier (K^psLtos wsriäionslis, und L/az.). Um den Gipfel des Djcbkl Üm- säläf schweben fünf Stück dieser kühnen Räuber der Alpcnge- birge. In schönen Schwenkungen lassen sie sich allmählich in das Thal herab und kommen zuletzt so tief herunter, daß ich nach einem ruhig fliegenden einen Schuß mit der Büchse machen kann. Nur eine Feder fällt aus den Schwingen des herrlichen Vogels herab; er selbst setzt unbekümmert der ernstlichen Drohung seinen Weg fort. Nicht leicht habe ich einen so schönen Flug gesehen, wie den des Lämmergeiers: er ist der des behenden Falken und nicht der des trägen Geiers. Stolz auf seine Kraft scheint der mächtige Vogel, die Heerdcn der Ziegen mit seinen Angriffen bedrohend, das kleinliche Treiben der Menschen in der Tiefe betrachten zu dürfen; er sucht seine Ruhe den Wolken näher in der schwindelnden Höhe der Felsspitzen das Djebel Serbal, Muhsa und Katharina. Dort baut er sich seinen uncrstciglichcn Horst und von dort aus beginnt er seine kühnen Räubereien. Wo er erscheint, ist er das Schrecken der Hirten und der Mütter; ihm gilt es gleich, seiner Brüt eine Ziege oder ein kleines Kind zum Fraße vorzulegen. 333 Zum Abend erreichen wir die zwischen den Granitfelscn cl Rhasi und cl Faräkh hinlaufende, steinige Schlucht Abu Tokh und winden uns in ihr auf künstlichen Wegen bis zur Hälfte hinan. Dann machen wir auf einem sandigen Plätzchen Halt und legen uns zur Ruhe nieder. Rechts und links sind wir von den senkrechten Wänden der genannten Berge eingeschlossen. Sie werfen den Schall unserer abgefeuerten Gewehre unwillig von sich und theilen ihn dröhnend der ganzen Runde mit. Welch' hehre Nacht im Schoße der Felsen, inmitten der unbewohnten Gebirge! Am 20. November. Auch heute müssen wir wieder zu Fuße über die Stcinblöcke im Wege hinwegklettern. Die Kamele sind kaum im Stande, uns auf den schmalen, überaus beschwerlichen, gewundenen Pfaden nachzufolgen. Noch liegt das Dunkel der Nacht über unserer engen Schlucht. Erst hoch oben sehen wir die ersten Strahlen der schon längst am Himmel aufgestiegenen Sonne. Nach einer Stunde Weges haben wir die Spitzen deS Berges Gottes vor uns. Bald darauf erscheint auch das Kloster St. Katharina, zwischen ihm und dem Horeb (ar. Djc- bel Charuhf) liegend, fast verdeckt von den hohen Cyprcfsen des Klostcrgartcns. Wir erwarten die langsam uns nachkeuchenden Kamele auf einer mit duftigen Kräutern bewachsenen, sandigen Ebene, besteigen sie und reiten im Trabe dem Kloster zu. Um neun Uhr erreichen wir eine von Mahammcd-Aali hier stationirte militärische Klosterwache und kommen wenige Minuten später unter der luftigen Pforte des Klosters an. Es ist ein hohes, großes, fast quadratisches Gebäude mit starken Mauern und Schießscharten, aus denen kleine Kanonen her- vorlugcn. Der Haupteingang befindet sich ungefähr vierundzwanzig Fuß über den Boden erhöht und wird durch eine mit Eisen beschlagene Thüre verschlossen. Man gelangt vermittelst eines Glo- bcnzugcS der in einem Krahncn befestigt ist und herabgelassen wird, zu ihr, indem man sich von den Pfaffen Hinaufwinden läßt. Ein anderes kleines Pförtchen führt zu ebener Erde in einen ebenfalls gut verschlossenen Hofraum und von da in'ö Kloster, eine dritte 334 Thür steht mit dem von hohen Mauern umschlossenen Garten durch einen unterirdischen Gang in Verbindung. Bei unserer Ankunft feuerten wir einige Schüsse ab. Die Hauptthüre öffnete sich; ein Klosterpfaffe mit weißem Barte erschien oben und rief uns ein heißeres „boa vonuto" herab, fragte uns aber doch erst nach Empfehlungsbriefen. Glücklicher Weise hatte uns der Pater Elesius aus Tohr mit einem derartigen Instrumente versehen. Der Pförtner ließ einen eisernen Haken herab und forderte uns auf, den Brief daran zu befestigen und zu warten. Nach einiger Zeit setzte sich ein stärkerer Globenzug in Bewegung, ein dickeres Seil wurde herabgelassen. Ich war der Erste, welcher sich daran hing und die Luftfahrt antrat. Dank meiner nicht ganz verlernten Uebung im Klettern, ich kam schnell und wohlbehalten oben an. Die Anderen folgten; Kaspar, Heug- lin's Diener und Mahammed besorgten das Aufwinden unseres Gepäckes. Wir befanden uns jetzt im Kloster und wurden zwei Stockwerke höher in bequem eingerichtete, neuerlich erbaute Fremdenzimmer geführt. Von hier aus konnten wir das ganze Kloster übersehen. Es ist ein Chaos von mehreren, während verschiedener Jahrhunderte entstandener, von unwissenden Mönchen ihren jedesmaligen Bedürfnissen gemäß aufgebauten, wirr durch einander geworfenen Gebäuden, ohne Symmetrie, Bequemlichkeit oder Geschmack. Nur die Kirche ist schön. Sie steht mitten im Klosterhofe und ist wenigstens aus einem Stücke gearbeitet und vollendet. Die nähere Besichtigung des ganzen Gebäudes mußten wir jetzt einstweilen verschieben. Man brachte uns Kaffe, Oliven, Datteln aus Tohr und Branntwein. Später bereitete uns ein Klostergeistlicher das Mittagsessen. ES war eher teufels- als mönchsmäßig einfach und sehr schmacklos. Dazu hatten wir bedeutenden Hunger und hörten gleich beim Eintritte, daß hier das ganze Jahr kein Fleisch gegessen werde. Das waren schöne Aussichten! Wir fanden, daß die heilige Luft des Berges eben nicht gerade satt mache und bedauerten innig, unsere Provisionen nicht besser bestellt zu haben. Einst- 335 weilen streckten wir uns jedoch recht behaglich auf dem weichen Di- wahn aus und trösteten uns durch den Genuß des unentbehrlichen Tschibuhk. Nachdem wir ausgeruht hatten, erschien ein anderer Mönch bei uns und redete uns in deutscher Sprache an. Es war ein in Wien erzogener Grieche, Namens Pietro, welcher von seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmanne, hierher geschickt worden war, weil er Spuren von Geistcszerrüttung gezeigt hatte. Schon seit mehreren Jahren theilte er gezwungen das traurige Loos zwi' schcn Felsen vergrabener Menschen und schien darüber höchst unglücklich zu sein. Er wurde später unser Führer im Kloster. Ich begann mit ihm noch heute einen Spaziergang durch das ganze Institut zu machen. Zuerst besichtigten wir sechsundzwanzig verschiedene Kapellen, welche in allen Winkeln des Klosters nutzlos angelegt und meist mit abscheulichen Heiligenbildern ausgeschmückt waren. Dann gingen wir zusammen durch das Speisezimmer oder Refektorium nach den unteren Geschossen, in denen man ein Wasch- und Backhaus, eine Mahlmühle, Küche, Remisen und dergleichen Räumlichkeiten zeigte. Die Gänge liefen kreuz und quer durch das ganze Kloster hindurch, ohne daß man sich in dem Wirrwarr von Ställen, Schuppen, Gängen, Zellen u. s. w. zurccht finden konnte. Plötzlich trafen sonderbare Töne mein Ohr; erst langsam, dann immer schneller erschallend, glichen sie zuletzt einem Trommeln. Einzelne Glockenschläge beschlossen die sonderbare Musik, welche die Stunde der Vesper anzeigen sollte. Anstatt der Glocken, die nur Feiertags geläutet werden, bedient man sich eines aufgehangenen, keilförmig gestalteten, tönenden Bretts von hartem Holze, auf welches mit mehreren Hämmern geschlagen wird. Die Schwingungen desselben erzeugen einen ziemlich starken Ton, der sich, vom Sinai und Horeb abspringend, schallend in dem engen Felscnthale verbreitet. Die Kirche war geöffnet. Wir traten mit dem Beginne der Messe in das Innere derselben ein und befanden uns in einem mit Mormorplatten getäfelten Schiffe, in welchem zu beiden Seiten mehrere mit hölzernem Schnitzwcrk gezierte Stühle standen. Nach 336 Osten zu enden es mit einem Chor, in dessen Halbkuppel wir ein Mosaikbild bemerkten. Einzelne Kruzefire und Rcliquienschreine waren reich mit Edelsteinen geschmückt. An den Wänden der Kirche hingen viele Heiligenbilder. Die Amtshandlung begann. Jeder der Mönche hatte einen der Stühle eingenommen und bekreuzigte sich, während ein Geistlicher die Messe las, häufig und andächtig. Nur der alte Prior saß in seinem Lehnsessel; alle Nebligen standen und neigten sich mehrere Male fast bis auf den Fußboden. Uns war der Gottesdienst vollkommen unverständlich. Zum Schlüsse ertheilte der Abt allen Anwesenden seinen Segen, worauf sich die Meisten entfernten. Wir blieben, um uns noch die Merkwürdigkeiten der Kirche zeigen zu lassen. Zuerst führte man uns nach einer Kapelle, welche die Stelle des heiligen Busches bezeichnen sollte, wie überhaupt die Unwissenheit der Pfaffen für jede in der Bibel erzählte Begebenheit die wirkliche Stelle anzugeben weiß. So sieht man in der Nähe des Klosters auf fast allen hervorragenden Punkten Kreuze aufgerichtet, ohne daß man eigentlich weiß, wozu. Beim Eintrittc in die Kapelle mußten wir die Schuhe ausziehen und durften nur in bloßen Strümpfen die auf dem Fußboden liegenden Teppiche betreten. Wenn ich nicht irre, zeigte man unS in einem Glasschranke den heiligen Busch selbst. Dann gab es noch mit Diamanten geschmückte Meßbücher, Teppiche, Bilder, Bischofsstäbe, Kelche, WcihrauchSbcckcn, Kannen und andere Gcräthschaften zu sehen. In der Nähe des Altars machte uns der Mcßner auf eine steinerne Truhe aufmerksam, welche die Ucberreste Katherina's, der Schutzheiligen dcS Klosters , enthalten sollen. Die Lebens - und Leidensgeschichte der Einsiedlerin ist kurz folgende: Katharina war die einzige Tochter eines Königs von Egyp- ten, gleich ausgezeichnet durch Verstand, Schönheit und Tugend, allein eitel auf diese Vorzüge, ein unerreichbares Kleinod für alle die königlichen Freier, welche sich ihr nahten; denn nur Der, welcher ihr an Verstand und Schönheit gleichkomme, sollte ihr Gatte werden. Und wo fand sich unter den hundert Prinzen, die 337 um sie warben, auch nur ein Einziger, der entfernt ihr geglichen hätte. Da erscheint ihr nach langem Harren und Wählen die heilige Jungfrau und verspricht, ihr Den zu zeigen, der sie in Allem überträfe. „Folge mir", spricht die Heilige, „ich will die Sehnsucht Deines Herzens stillen; allein sei ihm, dem Unvergleichlichen, auch treu und gehorsam, sei ihm Braut, er wird Dir Bräutigam sein und Dir der Kronen höchste, der Diademe schönstes auf Deine dunklen Locken drücken." Und sie nimmt die freudig zagende Jungfrau bei der Hand und führt sie durch Länder und Wüsten; lange nnd weit entfernt von Eltern und Vaterhause irrt sie bang dem Traumbilde ihrer Hoffnung nach; ihr Stolz beugt sich unter der Last ihrer Mühen, ihre Eitelkeit schwindet, sobald sie ihrer Bewunderer ledig geworden und noch immer hat sie den Bräutigam nicht gefunden. Klagend und ermüdet sinkt sie in einen tiefen Schlaf; da erscheint ihr die Heilige des Himmels zum zweiten Male, an der Hand ihren Sohn, den Herrn der Welt. Und befriedigt erkennt sie die Hoheit des Unübertrefflichen und dient ihm, in tiefster Oede ihre Wohnung aufschlagend, treu ihr ganzes gottseliges Leben hindurch. Fromm erwartet sie ihr Stündlein in einer Felsenhöhle des dem Berge Gottes gegenüberliegenden Djcbel Katharina. Erst Jahre lang nach ihrem Tode finden die Mönche des ncucr- richtcten Klosters den Leichnam der Heiligen und begraben ihn ehrenvoll in ihre Kirche. So erzählte mir Pietro. — Nur frommen und reichen Russen oder Griechen wird der Sarg der Heiligen geöffnet. Wir bekamen die Gebeine nicht zu sehen, weil wir keine Lust hatten, mehrere Thaler dafür auszugeben, wie bessere Gläubige, als wir waren, wohl thun mögen. Einzelne Russen haben der Kirche des Sinai große Geschenke gemacht. Man zeigt eine Gabe des Kaisers Alexander von sehr bedeutendem Werthe. Am 21. November. Unser heutiger Ausflug galt hauptsächlich dem Besuch des Klostcrgartcns. Schon von Weitem war er uns gestern erschienen; sein freundliches Grün inmitten der rothbraunen Felsenmasscn that dem Auge so wohl, daß das Herz sich sehnte, unter den schattigen Laubgängcn dahin zu wandeln und sich an dem klaren Wasser der Fclsquellen zu erquicken. Hk. 22 Wir betraten den Garten durch den unterirdischen Gang, von welchem ich oben gesprochen habe, und kamen zuerst in einen ziemlich in der Mitte des Gartens sich hinziehenden Weg, welcher uns zu einer Ruine führte. Nach Aussage unseres Führers diente das durch ein Erdbeben zertrümmerte Gebäude früher zu einer Sternwarte. Nebenan liegt eine kleine Kapelle mit dem sich unter ihr befindlichen Grabgewölbe der im Kloster verstorbenen Mönche. Die Leichen werden aber erst beigesetzt, nachdem sie vorher in bloßer Erde begraben und durch die Verwesung zum Skelet geworden sind. Man nimmt hierzu einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren an. Die ganze Gartenanlage zeugt von dem Siege des Fleißes über die rohe Natur. Es war wahrlich kein Kleines, den Granitfelsen ein Stückchen urbaren Erdreiches abzugewinnen; hier galt es, zu arbeiten. Früher wirr durch einander geworfene Stcinblöcke und Fels- massen wurden zu Mauern für Terrassen umgewandelt; der von den Steinen befreite Raum wurde mit fruchtbarer Erde bedeckt, diese geebnet und zu Beeten umgeschaffcn. Weithin sich erstreckende Kanäle wurden angelegt, um das von den Felsen herabrinncnde Wasser aufzufangen, zu sammeln und dem Garten zuzuführen. Sorgfältig wird es dort gehütet und bewacht, damit kein Tropfen des so nothwendigen Elements verloren gehen kann. Mit berechneter Sparsamkeit wird täglich nur eine bestimmte Menge verbraucht und so ist es möglich geworden, einen Garten herzustellen. Hohe Eypressen geben ihm ein klösterliches Ansehen. Fortwährend werden neue Stämmchen angepflanzt, um sie zu Bäumen zu erziehen. Diese werden dann gefällt, zu Brettern und Pfosten zertheilt und im Kloster z. B. zum Ausbau von Kapellen verwendet. Es scheint, als ob seit Jahrhunderten nur ein einziger Gärtner hier gearbeitet habe. Alles wird nach bestimmten, unabänderlichen Regeln betrieben. Man baut in dem Garten Mandeln, Feigen, Stachel- feigen, Trauben und Gemüse von ziemlicher Güte, einzig und allein zum Bedarf des Klosters. Interessant war mir ein uralter Feigen- kaktus, auf dessen verschiedenen Blättern die einzelnen Mönche Zeit und Ort ihrer Geburt und den Tag ihres Eintrittes in's Kloster 339 eingeschnitten hatten. Pietro zeigte mir mit einem Seufzer das Blatt mit seinem Namen und der Jahreszahl seiner Ankunft auf dem Sinai. Gegenwärtig befanden sich sechs und zwanzig Mönche im Kloster. Sie waren, mit Ausnahme eines Rüsten, Griechen und theils aus Griechenland, theils aus der Levante gebürtig. Man sah viele alte Leute unter ihnen, die noch rüstig und frisch umhergingen. Pietro versicherte mich, daß Jemand, der längere Zeit auf dem Sinai gelebt habe, selten weniger als ein Alter von achtzig Jahren erreiche. Dies mag seinen Grund in der reinen, gesunden Alpenluft des heiligen BergcS und der strengen Fastenkost haben, welche, obgleich nahrhaft, doch so einfach ist, daß man sich, wenn man sie einmal gekostet hat, denken kann, was Adam und Eva im Paradiese gekocht haben mögen. Die Mönche essen täglich nur einmal warme Speisen und kommen hierzu auf ein gegebenes Zeichen im Refektorium zusammen. Ich war bei einer ihrer Mahlzeiten zugegen. Nach einem kurzen, von dem dienstthuenden Geistlichen vor dem im Refektorium stehenden Altare gesprochenen Gebete setzten sie sich in einer gewissen Reihenfolge an die langen Tafeln des gewölbten Speisesaalcs zum Essen nieder. Still und lautlos ging die Mahlzeit vorüber. Der Prior erhob sich zuerst, dann folgte der Geistliche und schlug dreimal an eine hclltöncnde Glocke. Hierauf erhoben sich Alle; der Geistliche sprach wieder ein Gebet und ging dann, sich vor dem am Eingänge stehenden Prior so tief verneigend, daß er mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände den Fußboden erreichte, zur Thüre hinaus. Alle Uebrigen folgten in derselben Weise und empfingen den Segen des Priors. So gastfrei und zuvorkommend uns die Mönche im Anfange vorgekommen waren, ebenso habsüchtig, geldgierig und verstockt zeigten sie sich später. Auch hier auf dem Sinai blieben sie ihrem Nationalcharakter -treu. Man verlangte von uns enormen 22 * 3L0 Bakhschicsch in Gestalt „milder Gaben für die arme Kirche," als Bezahlung der uns zu Theil gewordenen gastlichen Aufnahme. Jeden Dienst ließ man sich bestens bezahlen und drängte sich deßhalb mit Dienstleistungen aller Art in widerlicher Weise auf. So wurde unter Anderem als unumgänglich feststehend angenommen, daß wir den Sinai nur in Begleitung eines Klosterbruders besteigen könnten und daß für diese Begleitung Jeder von uns siebenundzwanzig egyptische Piaster zahlen müsse; daß wir die Kamele zur Rückreise nur durch Diener des Klosters bestellen und idafür dem Besteller achtzehn Piaster „für neue Schuhe" bezahlen sollten und dergleichen mehr. Alles Dies wurde uns in einer Art und Weise gesagt, als ob es so sein müsse und garnicht anders sein könne. Die Pfaffen kamen aber an die Unrechten. Ich war leider zu lange gereist, als daß ich mich allen unverschämten Forderungen so gutmüthig unterworfen hätte. Zuvörderst fand ich es für unnöthig, „der armen Kirche die geringe Summe von achtundvierzig Spcciesthalern, wobei ja täglich nur drei Thaler auf die Person gerechnet wären," zu schenken, weil wir gerade in dieser armen Kirche Edelsteine gesehen hatten, von denen ein einziger uns alle Drei zu reichen Leuten gemacht hätte; zweitens glaubten wir den Weg auf den heiligen Berg auch ohne Pfaffenbegleitung finden zu können und drittens hatte ich meinen Firmahn bei mir und war entschlossen, das Herz des Hauptmannes der Klosterwache zu rühren und wäre es härter gewesen als die Felsen, auf denen er seine Hütte erbaut hatte. Wir theilten ihnen unsere Ansicht ruhig mit und riefen mit ihr auf allen Gesichtern ein für uns höchst komisches Entsetzen hervor, zumal da ich zugleich bemerkte, daß wir trotzdem die Gastfreundschaft des Klosters noch einige Tage lang zu genießen wünschten und noch zu bleiben gedächten. ,Msl»cketti ers- tici," murmelte der Eine, „k»te oows volste" der Andere. Das Letztere schien uns in der That vernünftig zu sein. Am 22. November. Meine Bestellungen im Wadi- Sa- lafe waren nicht ohne Erfolg geblieben. Der Vater des berühmten Jägers Aam ehr brachte heute in aller Frühe zwei Klippschliefer (kl^rax s^risous); später folgte der Sohn selbst und 3L1 überlieferte uns einen prächtigen Steinbock, für welchen wir einen Spcciesthaler bezahlten. Das Fleisch pökelte Kaspar für die bevorstehende Rückreise sehr sorgfältig ein; Fell und Ekelet kamen als werthvolle Stücke in meine Sammlung. Obgleich der Stcinbock im pcträischen Arabien nicht häufig ist, kann ihn der Naturforscher doch bald genug erhalten, wenn er, unserem Beispiele folgend, die Beduinen mit seiner Jagd beauftragt. Diese kennen nicht nur alle Plätze, an denen sich die Thiere aufhalten, genau, sondern sind auch viel ausdauernder und enthaltsamer bei dieser schwierigen Jagd, als es der Europäer zu sein im Stande ist. Ein Stückchen Brod in der Tasche, seine Luntenflinte über den Rücken, verläßt der Beduine sein Zelt, wandert über Berg und Thal und verfolgt sein Ziel Tage lang, vielleicht ohne zu trinken. Seine schlechten Gewehre vermehren die Schwierigkeit, eins der scheuen Thiere zu erlegen. Nur in einer Entfernung von fünfzig Schritten schießt er, weiter nie, und braucht, bevor er schießen kann, um seine Lunte zurccbt zu machen, wenigstens zwei Minuten. Und dennoch erreicht er seinen Zweck. Wie viel leichter würde uns die Jagd mit unseren trefflichen Büchsen werden! Für heute Nachmittag hatte uns der Jusbaschi oder Hauptmann der Klosterwache zu einer Jagd auf Steinhülmer eingeladen. Es kam aber nur zu einem Scheibenschießen mit Büchsen. Unser Türke blieb, zu seinem Erstaunen, mit seiner langen, persischen Büchse hinter unseren kurzen Stutzen zurück; er konnte nicht begreifen, daß kurze Gewehre zuweilen besser schießen können als lange. — Der Mann führt übrigens ein trauriges Leben. Er ist auf seine fünfzig Mann egyptische Soldaten beschränkt und findet Niemanden, mit dem er seine Muttersprache reden kann. Eigentlich ist er viel mehr Einsiedler, als es die Mönche deS Klosters sind. Am 23. November. Banerh orst hatte gestern den Sinai bestiegen und machte uns eine so anziehende Beschreibung der Partie, daß wir Beide, Hcuglin und ich, heute seinem Beispiele zu folgen beschlossen. Ich schicke der kurzen Schilderung unseres Wegs, des bessern Verständnisses halber, zuerst etwas Geographisches voraus. 342 Dabei sage ich ganz offen, daß ich die verschiedenen Zahlen anderen Büchern entlehnt und dazu hauptsächlich Nussegger's genaue Angaben benutzt habe. Das Kloster „zur heiligen Katharina" liegt unter 28" 32 ^ nördlicher Breite und 31" 54^ östlicher Länge von Paris in einer Höhe von 5115 pariser Fuß über der Fläche des rothen Meeres und ist von Suös 3-4^, von Kairo 56^ deutsche Meilen entfernt. Westlich von demselben thürmcn sich die Felsendes Horeb zu noch 2000, südlich die des Sinai zu noch 1982 pariser Fuß über die Thalsohle auf, so daß also die ganze Höhe des Sinai zu 7097 pariser Fuß über dem Meere angenommen werden muß. Der Dje- bel Katharina ist nach Russegger 8168 Fuß hoch, der Djebel Uin - Schober noch über hundert Fuß mehr. Mehrere Reisende wollen jedoch noch zwei andere Berge, deren Namen ich nicht kenne, gemessen und 8300 pariser Fuß hoch gefunden haben. Diese dürften als die höchsten Bergspitzen der peträischcn Halbinsel betrachtet werden. Wir verließen das Kloster gegen neun Uhr Vormittags. Der Weg beginnt sogleich ziemlich steil, wird es aber immer mehr, je weiter man in die Höhe gelangt. Er führt in Zickzacklinien den Berg hinan und ist stellenweise künstlich hergestellt. Die Kloster- brüdcr nennen diese Strecke „den Weg der Engel," weil diese es waren, welche Moses eine gangbare Straße erbauten. Sie ist aber so schlecht, daß sie jedem deutschen Pflasterergesellen Schande machen würde. Wenn man ungefähr ein Drittel der Berghöhe erstiegen hat, erblickt man eine schon fast ganz verfallene, über und über mit Namen bedeckte Kapelle, welche der heiligen Jungfrau geweiht ist. Von hier aus führt der Weg auf groben Stufen weiter. Man kommt, wenn man durch zwei Portale durchgegangen ist, auf eine kleine Ebene, in deren Mitte sich ein Becken mit trefflichem Ouellwasser befindet, und hat jetzt ungefähr zwei Dritttheile des Weges oder eine Höhe von 6200 Fuß über dem Meere erreicht. Eine hohe Cypreffe steht einsam trauernd am Rande deS BeckenS, 343 nicht weit davon eine kleine, dem Ellas geweihte Kapelle. Nun hat man den letzten Gipfel des Sinai vor sich und etwa noch sechshundert Fuß zu steigen. Dort liegen eine kleine Moschee und eine christliche Kapelle friedlich neben einander. Auch sie sind mit europäischen und arabischen Namen beschrieben worden. Die Aussicht von Oben ist ziemlich schön, leider aber im Süden durch den höheren Djebcl Katharina sehr behindert. An hellen Tagen kann man den Meerbusen von A kaba und den von Suös sehen; wir konnten heute blos die Wasserfläche des ersteren wahrnehmen. Ich habe den Weg nicht belohnend gefunden. Das Interesse an der Geschichte des Berges ist das Einzige, was ihn anziehend machen kann und dieses wird durch die gräuliche Ignoranz der Klosterpfassen, welche den ganzen Berg mit ihren Traditionen in Stücke zertheilen zu wollen scheinen, sehr geschwächt. Der Schwung der Phantasie wird durch Kreuze und andere Zeichen, die überall angebracht sind, aufgehalten; der aufgezwungene Glaube stört die Betrachtungen Dessen, der da glaubt, ohne beständig Mahnungen s zu bedürfen, daß er glauben soll. Am 2 4. November. Am frühen Morgen erschienen die Pfaffen in feierlichem Aufzuge in unserem Zimmer, um uns zu erklären, daß es heute der fünfte Tag sei, den wir im Kloster zubrächten und da auf einen glänzenden Bakhschiesch von unserer Seite nicht zu rechnen sei, so-die Thüre stände uns offen. Wir nahmen diesen wohlmeinenden Borschlag ohne Weiteres an. Doch fühlte ich ein lebhaftes Bedürfniß in mir, ihnen aus einander zu setzen, daß sie doch eigentlich, bei Lichte betrachtet, die ärgsten Schufte wären, welche jemals in einer Mönchskutte gesteckt hätten, und ihnen zu versichern, daß ich alle Reisende vor ihren Gaunereien warnen würde. Sie erwiderten Nichts, bedauerten aber, wie mir Pietro sagte, im Stillen einmüthig meine grenzenlose Verdorbenheit. Nun ging ich zum Jusbaschi der Klosterwache und brachte ^ es durch ein sehr energisches Auftreten bald dahin, daß uns Kamele geliefert wurden. Wir beschenkten den Geistlichen, der uns bedient hatte, sehr reichlich, schnürten unser Gepäck, zankten uuS nochmals i 344 mit dem Pförtner, welcher ein Lösegeld verlangte, ließen uns eigenhändig an dem Globcnzuge herab, bcluden die unten lagernden Kamele und verließen nach dem Aassr den ungastlichen Ort, dessen Staub ich von den Füßen schüttelte. „4 Hak gonarlll ckgin- sedum" — Gottt verdamme ihre Art! — sagte der brummende Mahammcd, welcher, mit der Klostcrkost höchst unzufrieden, freudig die Luftreise antrat. Die Nacht ereilte uns in der Felscnschlucht Abu - Tohk, wo wir den schon einmal benutzten Lagerplatz auch heute wieder zur Nachtruhe wählten. Am 25. November. Bei guter Zeit bricht man auf. Heug- lin und ich gehen den Kamelen durch die steinige, unwegsame Schlucht zu Fuß voran, um zu jagen. Die Gegend war, wenn auch reichlich mit Gestrüpp bewachsen, doch sehr arm an Thieren. Um Mittag erreichen wir das Wadi Salafe, rasten unter den Zelten der uns bekannten Beduinen und setzten dann unsere Reise durch das Wadi Rubehk weiter fort. Erst spät in der Nacht lagern wir bei einem freundlichem Feuer unter Mannabäumen. Am anderen Morgen erreichen wir schon nach kurzem Ritte das reich bewaldete und bewässerte Wadi Fcirahn, „das Kleinod der Wüste" des peträischen Arabien. Uns erschien es wie ein großer Garten. Früher nie gesehene Vögel sangen in den Wipfeln der Mimosen oder bargen sich vor dem sie verfolgenden Jäger in den Kronen der Palmen, welche hier zu einem ausgedehnten Walde vereinigt sind. In der Mitte desselben steht ein ziemlich großes Dorf, dessen Bewohner Viehzucht und Gartenbau treiben, d. h. Dattelpalmen pflanzen, Pflegen und deren Früchte verkaufen. Ich hätte hier Tage lang weilen mögen, allein Bauerhorst wollte gern bald wieder nach Kairo zurückkommen und trieb zur Eile an. Am unteren Ende des Thales lagerten wir uns. Am 27. November. Nach kurzem Ritte gelangen wir in das Wadi meketebe oder zu Deutsch : in „daS beschriebene Thal;" so genannt, weil man in den Felsenwänden desselben viele kufische Inschriften eingegrabcn steht. Hierauf führt uns unser Weg durch das Wadi-Sitri nach dem Wadi el Rharakit, einem Bc- gräbnißplatze der Beduinen. Es ist ein eigener, aber wirklich hehrer 3L5 Fricdhof. Hohe Berge schließen ihn ein. Und da liegen im Sande, auf dem ihr luftiges Haus gestanden, die Kinder der Wüste; so, gar die, welche sich im Leben befeindet und befehdet, werden hier vereint. Das Kamel, welches den Beduinen während seines Lebens trug, bringt auch seine Leiche hierher, selbst aus meilenwcitcr Ferne und schreitet später gleichgültig über das mit weißen Steinen bezeichnete Grab seines Herrn hinweg. Nur selten wird die Ruhe dieses Gottesackers durch eine vorüberziehende Karawane unterbrochen. Gewöhnlich herrscht hier immerdar das recht eigentliche Schweigen des Todes. In der Nähe dieses Begräbnißplatzes machen uns die Beduinen auf einen nach ihrer Meinung sehr weiten Schuß aufmerksam. Der Großvater Aamchr's hatte hier einen Steinbock in einer Entfernung von etwa hundertundzwanzig Schritten erlegt und beide Endpunkte der Schußlinie durch große, weiße Kieselsteine bezeichnet. Wahrscheinlich ist dieser Schuß der weiteste, den jemals ein Beduine gemacht hat. Von hier aus führen uns die Beduinen durch ein Wadi, dessen Namen ich vergessen habe, in der Gegend des Birket el FLrLühn — „See der Pharaonen" —, einer Einbuchtung der Meeresküste an den Golf von Suvs. Ueber die weite, spärlich mit Kräutern bewachsene Ebene „Wadi-Marhha" hin- wegrcitend, gelangen wir an den Bittcrwasserbrunncn gleichen Namens und übernachten dort. Am 28. November. Nach dem Aufbruche der Karawane gehen wir länger als zwei Stunden neben dem Kamele zu Fuße her, um an der Küste des Meerbusens Konchylicn zu suchen. Dann geht es durch das Wadi Ta'ibe wieder in die Berge, welche jetzt nicht mehr den Primitivgebirgs-, sondern der Sandstcinformation angehören, hinein. Ganz in der Nähe unseres Weges befindet sich eine unter dem Namen Hain ahm el Fa rauhn — „Bad der Pharaonen" — bekannte Therme, auf welche uns die Beduinen erst aufmerksam machen, nachdem wir sie bereits seit mehreren Stunden hinter uns haben. Um Mittag rasten wir bei den Sandstein- bergen Schöblkv, oberhalb des Thales Usel't und genießen später von der Höhe eines sehr steil in daS Thal abfallenden Weges 346 einen prachtvollen Ueberblick der sich mehr und mehr verflachenden Berge. In weiter Ferne zeigt sich der Spiegel des Meerbusens und scheint mit dem blauen Aetherduft der afrikanischen hohen Porphyrgebirge in Eins zu verschmelzen. Auf dem steilen Pfade, welchen die Kamele nur mit äußerster Vorsicht zu? betreten im Stande sind, gehen wir zu Fuße in das Wadi Ufert hinab, kosten von dem Wasser der dort zu Tage kommenden Salzquellen und beenden unseren heutigen Weg in dein nicht allzu weit von hier entfernten Wadi Rharandel, wo wir unter wildwachsenden Palmen unser Lager aufschlagen. Tags darauf kommen wir auf einem höchst langweiligen Wege bis zum Wadi Ward ahn. Ein freundlicher Beduine, in dessen Nähe wir unS lagern, erfährt, daß uns der Kasse ausgegangen ist und bereitet deßhalb sogleich von diesem so nothwendigen Tränke, um uns damit zu erquicken, obgleich er selbst nicht viel Vorrath besitzt. Das ist arabische Gastfreundschaft und wahrlich himmelweit von der verschieden, welche uns auf dem Sinai zu Theil wurde. Am 3 0. November. Wie gestern, war auch heute der Weg höchst einförmig. Wir hatten eine weite, sterile Ebene zu durchreiten, auf welcher wir Mittags nicht einmal Schatten finden konnten. Gegen Abend bekamen wir in weiter Ferne Suös und nahe vor uns die Mosis-Quellen, „ALuhn-Muhsa," zu Gesicht. Heuglin und ich übernachteten hier, Baucrhorst ritt nach Suös voraus. Die reichern Einwohner von Sues haben sich in Aeuhn- Muhsa Gärten angelegt. Diese werden durch die Quellen, deren Wasser man in künstlichen Becken sammelt, getränkt und erzeugen ein gutgedcihendcs Gemüse. Hohe, durch Tarfabäume gebildete Hecken umzäunen sie und geben ihnen ein freundliches Ansehen. Kleine Landhäuser liegen unter den Bäumen zerstreut umher. Die Anlage erscheint von Weitem wie eine Oase der Wüste. Es ist sonderbar, daß die Quellen, deren man sieben zählt, fast alle auf der Spitze nicht allzu niederer, kegelförmig zugespitzter Sandhügel zum Vorschein kommen. Man hält sich zu der Annahme berechtigt, daß sie mineralhaltig und heilkräftig sind. Ob 347 das begründet ist, weiß ich nicht. In der That sah ich aber selbst die Quellen von Zeit zu Zeit heftig sprudeln und Gasblasen auswerfen. Obgleich die Vegetation nicht ausgedehnt ist, fanden wir doch in der Nähe der Quellen viele Fährten von wilden Thieren, unter denen wir hauptsächlich die von Hyänen und Antilopen herrührenden unterscheiden konnten. Ein in den Gärten arbeitender Araber erzählte uns, daß fast jede Nacht Hyänen erschienen, um von dein Aase eines in der Nähe der Gärten gefallenen Kameles zu fressen. Heuglin legte sich deßhalb Abends hinter einen Sandhügcl auf den Anstand und erlegte nach kurzem Harren wirklich eins der heranschleichenden Raubthiere. Am 1. Dezember. Von Aöuhn Muhsa aus gingen wir zu Fuße dem Mccresstrande entlang, um Konchylicn zu suchen. Mittags kamen wir SuLs gegenüber bei dem auf asiatischer Seite erbauten Quarantänchäuschen an, mußten dort aber trotz unserer über eine halbe Stunde lang ununterbrochen abgefeuerten Signalschüsse zwei Stunden verharren, bis es dem Quarantänebeamten gefiel, uns nach Afrika hinüber zu holen. Bauerhorst erwartete uns, vor seinem schon gesattelten Kamele stehend, am Wirthshause, verließ bald darauf Sues und ritt nach Kairo voraus. Wir dagegen beschlossen, noch einige Tage hier zu verweilen, um auf interessante Vögel, welche wir an und auf dem Meere gesehen hatten, Jagd zu machen. Unter ihnen fesselte unS besonders eine Mövcnart mit schönem silbcrgraucn Rücken, weißem Hals und Kopf und roscnroth überflogcncm Unterkörper, der auch in Europa zuweilen vorkommende Usrns §vla8to8. Erst am 5. Dezember verließen wir Nachmittags bei heftigem und kaltem Nordwinde Sülls, um nach Kairo zurückzukehren. Wir erreichten die Station Zwölf und setzten am anderen Morgen den Ritt weiter fort. Das Wetter blieb ebenso unfreundlich, wie cS Tags vorher gewesen war. Zum Aassr kamen wir an der Station Acht vorüber. Der Vizekönigresidirtegerade in seinem Wüsten- schlosse. Von den Zinnen „des weißen Hauses" flatterten roth- seidene Fahnen mit weißem Halbmond und Stern, den Symbolen 348 EgyptenS, in der Mitte. Die Wüste wimmelte von Reitern, Soldaten, Stallknechten, Bedienten und Pferden des Pascha; wahrscheinlich verfluchten sie heimlich insgesammt das sonderbare Gelüst ihres Herrn. Auf der Station Sechs lagerten wir uns für die Nacht. Der Postbeamte erschien, um uns zu begrüßen, wurde von uns zu einem Glase Wein geladen und folgte unserer Aufforderung so bereitwillig und gewissenhaft, daß in kurzer Zeit die Reste unseres Vorrathes seinen unersättlichen Schlund passirt hatten. Später langte noch der Beduincnschech Cheir-Allah des in der Gegend von Nedjihle (einer Stadt Untcregyptens) in der Wüste wohnenden Beduinenstammes Aulahd-Aali mit mehreren Leuten seines Stammes bei uns an. Wir baten ihn, abzusteigen und eine Tasse Kasse und einen Tschibuhk mit uns „zu trinken." Er that dies und bat um Gegenbesuch. Bei dieser Gelegenheit kam eine von mir längst schon projektirte Reise nach der Oase Sibah oder Siwah zur Sprache. Schech Cheir-Allah sagte, daß er mit dem Schech der Oase wohl bekannt sei und erbot sich, mich dahin zu begleiten. Ich wurde verhindert, mein Projekt auszuführen. Sollte aber einer meiner geehrten Leser den Tempel des Jupiter Ammon besuchen wollen, dann rathe ich ihm, vorerst zum Schech Cheir-Allah zu gehen und mit diesem die wegen der Raublust mehrerer Bcduincnstämme höchst gefährliche Reise anzutreten. Am 7. Dezember. Das Wetter war den ganzen Tag so abscheulich, daß wir uns sehr freuten, als Nachmittags die Minarets der Moscheen Kairos aus dein Nebel auftauchten. Freudig und übermüthig, der Maheruhsct wieder so nahe gekommen zu sein, trabten wir, so schnell die Kamele laufen wollten, der Es- bekie zu. Da begegnete uns ein Araber mit einem Maulthicre, auf welches er ein anderes, gefallenes geladen hatte, um es in der Wüste zu verscharren. Er versperrte uns mit seiner Ladung den engen Weg und dies veranlaßte mich zu der spöttischen, aber, wie ich bald merkte, sehr albernen Frage: „Ist dein Todter auch als Mahamedaner gestorben, lieber Freund? Ohne sich zu besinnen, antwortete der 349 Mann: „Nein, Herr, das nicht, denn der Todte war ein Christ" und rief mit dieser treffenden Antwort hellen Frohsinn in uns hervor, der auch durch Nichts weiter gestört wurde. Mit Sonnenuntergang langte ich in unserer Wohnung an, begrüßt von meinem Wirth, dem Bedienten Mansuhr, Bachieda, der Löwin, den lebenden Affen und anderem Gcthiere. Schluß. „Gut scheint noch Alles; endet's so, begrüße, Nach Bitter'm um so lieber ich das Süße." Ende gut, Alles gut. Ich bin am Ende meiner Erzählung. Der Winter bannte mich an Eghpten; bei meiner zerrütteten Gesundheit durste ich es nicht wagen, mich plötzlich allen Einflüssen des rauhen Klimas unseres Vaterlandes preis zu geben. Eine angenehme Reise in Gesellschaft liebenswürdiger Landslcute kürzte mir die Zeit. Am frühen Morgen des 9. Dezember saßen wir in unserer Wohnung im „Scbakalswege" beim Kasse. Heuglin war bei uns über Nacht geblieben und demnach die fröhliche Reisegesellschaft vom Sinai versammelt. Die Tschibukaht dampften*). Wir besprachen die eben zurückgelegte Reise in ihren Einzelheiten. Da meldete der dienstthuende Mabammed zwei Fremde, welche uns zu sprechen wünschten. Der Eine von ihnen war unser Franzose aus Tohr, jetzt aber unter den Händen des Schneiders, Schuhmachers, Wcißzeughändlers, Haarkünstlers und wer weiß wessen sonst noch zum Gcntleinen umgeschafsen, daher auch kaum wiederzuerkennen; der Andere stellte sich uns als den Pfarrer vr. Liebe- trut aus der Nähe von Wittcnberg mit der Bitte vor, ihm die nöthige Auskunft über eine Reise nach dem Sinai, welche er vor *) Die langen Pfeifen sind so unerläßlich bei jeder Unterhaltung, daß ich sie hier unmöglich übergehen kann. hatte, zu geben. Ich erwähne der Bekanntschaft dieses Herrn, weil sich daran meine letzte egyptische Reise knüpft. Nach einer ziemlich langen Unterhaltung bat mich der Pfarrer, ihn in sein Gasthaus, das Uotol äu lM, zu begleiten, um dort mit ihm zu Mittag zu essen. Wir traten zusammen in das ziemlich besetzte Gastzimmer, welches heute Franzosen, Italiener, Deutsche und Engländer vereinigte. Von meiner in orientalische Kleidung gehüllten Persönlichkeit schien man nicht eben große Notiz zu nehmen; wahrscheinlich hielt man mich für einen von irgend einem Reisenden angenommenen Dolmetscher. Man sprach anfangs Französisch, später wurde von Einigen die Unterhaltung in deutscher Sprache geführt, wobei ich Gelegenheit bekam, meine Landsleute kennen zu lernen. Ein mich interessirendes Gespräch eines jungen Mannes mit einem Anderen, den man sofort als Künstler erkennen konnte, führte zu gegenseitiger Bekanntschaft. Ich erfuhr, daß ich mit dem Grafen Schäsberg aus Nheinprcußcn und dem kön. preußischen Hofmaler Hildeb rankt gesprochen habe. Der Graf war in Begleitung des Pfarrers in Kleinasien und Palästina gewesen und wollte jetzt eine Reise durch Obcrcgyptcn machen, um „zu jagen und dabei on ps8sant die Monumente anzusehen." Nachdem wir genauer zusammen bekannt geworden waren, lud er mich zu der „Jagdpartie" in so freundlicher Weise ein, daß ich sein Anerbieten nicht abschlagen konnte. So wendete ich mich also noch einmal dem Süden zu. — Am Abende jenes für mich nicht unwichtigen Tages trafen wir bei dem k. k. österreichischen Generalkonsul von Huber wieder zusammen. Ich hatte diesen würdigen Vertreter der österreichischen Unterthanen, welcher sich stets bereitwillig zeigte, jedem Deutschen zu helfen, erst heute persönlich kennen gelernt; seinen Namen und edlen Charakter kannte ich längst. Herr von Huber hat mir in jeder Beziehung hülfreiche Hand geboten und mir so viele Beweise seiner Güte gegeben, daß ich es für eine angenehme und heilige Pflicht halte, ihm nochmals öffentlich meinen tief gefühlten Dank zu bringen. Obgleich Ausländer, habe ich von Sei- 352 tcn Oesterreichs einen Schutz genossen, welchen ich nicht genug rühmen kann. Wir verbrachten zusammen einen höchst genußreichen Abend bei dem auch als Wirth äußerst liebenswürdigen Manne. Unser guter Pfarrer war ein ganz vortrefflicher und gewiß sehr gelehrter Mann, für Egyptcn aber leider etwas zu alt. Nicht leicht habe ich einen so unentschlossenen Reisenden kennen gelernt, als ihn. Was er heute wollte, verwarf er morgen gewiß. Ucber- all um Rath fragend, nahm er gleichwohl keinen an und schwebte deshalb fortwährend zwischen bangen Zweifeln. Ich gab mir alle Mühe, ihm die Ausrüstungen zu seiner Reise zu beschaffen, brauchte aber acht volle Tage dazu, um mit ihm das Nöthige einzukaufen. Am 17. Dezember reiste er, trotz unserer Warnungen, bei heftigem Regenwetter von Kairo ab. Die Kameltreiber, welche uns vom Sinai zurückgeführt hatten, waren uns als brave Leute bekannt und ihm von mir dringend empfohlen worden. Er schien sehr zufrieden zu sein, sichere Leute gefunden zu haben, nahm aber ungeachtet alles Abrathens andere und trat mit diesen seine Reise an. Nach wenig Tagen kehrte er, durch Aergcr, ungewohnte Strapatzcn und das fortwährend ungünstige Wetter erkrankt, nach Kairo zurück. Er hatte nur SuöS erreicht und war von seinem infamen Dragoman, einem Malteser, noch ärger als von den Kameltreibern gepeinigt, systematisch gequält worden. Die Abscheulichen hatten mit dem widerstandsunfähigen Manne mitten in der Wüste gemacht, was sie gewollt hatten. In Kairo lag der Pfarrer mehrere Wochen lang krank darnieder und dankte es wahrscheinlich nur den Bemühungen meines Freundes, des als Arzt und Mensch gleich ausgezeichneten vr. Bill harz, daß er überhaupt mit dem Leben davon kam. Das ist eins der Beispiele von Reiscunannehmlichkcitcn, welche durch die Schuld böswilliger Bedienten, denen der Reisende mehr oder weniger in die Hände gegeben ist, häufig vorkommen. Man kann mit der Wahl seiner Bedienung nicht vorsichtig genug 353 sein und darf, wenn diese sich vergangen hat, keine Milde kennen, sondern muß dann bei der türkischen Obrigkeit stets auf strenge Bestrafung dringen. Das ist man späteren Reisenden schuldig! Am 19. Dezember beschick mich der österreichische Generalkonsul zu sich, um mir Vergleichungsvorschläge des Baron Müller mitzutheilen. Jetzt, nachdem ich mich durch alles erdenkliche Ungemach mühsam durchgearbeitet, gedarbt und entbehrt, dabei aber fleißig und glücklich gesammelt hatte, wollte derselbe die von mir nachgedrungen gemachten Schulden großmüthig — gegen Uebergabe meiner Sammlungen übernehmen! Ich wies seine „Friedensvorschläge" entrüstet zurück. An mir und nicht an ihm war eS, Bedingungen zu stellen. Von nun an hatte ich vollauf zu thun, unsere Abreise nach Möglichkeit zu beschleunigen und die Gaunereien und Langweiligkeiten des im Dienste des Grafen stehenden Dragoman durch sorgfältiges, diesem höchst unangenehmes Ueberwachen zu verhüten. Ein äußerst praktischer Reisender, der Herr Leopold Buvry aus Berlin, wurde als unser Reisegefährte noch aufgenommen. Ende Dezembers hatte ich eine hübsche Dahalüe für uns gemiethet, die uns nöthigen Provisionen eingekauft und meine Privatgeschäfte beendet. Die heilige Weihnacht brachten wir in Gesellschaft meiner mir sehr werth gewordenen Bekannten bei Sauer zu. Wir saßen gemüthlich zusammen, schwatzten, rauchten, tranken Cyperwcin und gingen um Mitternacht in die nahe Kirche des Klosters zur heiligen Erde, wo wir die Christmessc mit anhörten. Das war die einfache Feier des Christabends, die rechte war es nicht, aber wie sollten wir das heilige Fest anders begehen? Zwei Tage später verließen wir Bulakh, wandten uns aber nördlich, weil wir in der Nähe des „varsZe" oder Nil- m 23 staudammcsH auf Wildschweine jagen wollten. Im Balln cl B ahhr legten wir mit Einbruch der Dunkelheit an, um die Schleu- senthore nicht zur Nachtzeit passiren zu müssen, fuhren am anderen Morgen bis Sihdi-Jbrahihm herab und kehrten nach mehreren glücklichen Jagdtagen nach Kairo zurück. Unsere Jagdbeute krönte das Mahl, welches wir am Svlvcstcrabend im Kreise unserer Freunde genossen. Mit dem Abende des 1. Januar 1852 traten wir unsere Jagd- reise nach Oberegyptcn an. Sie war heiter und glücklich. Der Graf fand immer Gelegenheit, seine Jagdlust zu befriedigen, zumal er sich für meine Sammlungen sehr intcrcssirte und an der Vergrößerung derselben thätig half. Wir machten von Beni-Suöf aus einen Abstecher nach dem Mörissee, hielten dort mehrere ergiebige Sauhatzen, schliefen in Beduincnzclten unter Ziegen und Schafen und setzten nach vierzchntägigcm Aufenthalte in der Oase Fa- jum die Nilreise fort. Im Schcllahl von Assuan wandten wir unser Schiff wieder nach Norden und gaben es den Wellen des Stromes preis, welche es am 27. März glücklich bei Bulakh an's Land trieben. Nun gedachte ich ernstlich der Heimreise und arbeitete deshalb eifrig an der gehörigen Verpackung meiner Schätze. Mein mir während der Reise Freund gewordener Gefährte B u v r» unterstützte Der St an d a »> IN ist ein kolossaler Brückenbau mit Schleuscntho- rcn, welcher dazu dienen soll, das Wasser des Nil während seines niederen Standes aufzustauen und die Bewässerung llntcregvptens beliebig regu- liren zu können. Er wurde unter M a h a ni in ed - Aa l i am Theilungs- vunktc der Arme von Re schied und D am iaht durch französische und englische Ingenieure angelegt, ist jetzt vollendet und ein Werk, welches man den Pyramiden würdig zur Seite stellen kaun. Man gedenkt nächst dem das Delia durchschneidenden Hauptkaual noch einen zweiten, direkt nach Alerandrien führenden und auf dein anderen Stromufer eine» dritten dem Khalicdj Wasser zuführenden zu graben. Der Gesamiiiteili- druck der Brückeusayade ist trotz der Großartigkeit des Baues nicht befriedigend , weil man im Mittel der Brücke merkwürdiger Weise arabische Minarets mir gothischen Thürmen zusammengestellt hat. mich bei diesem mühseligen Geschäft. Um diese Zeit machte mir der kön. preußische Generalkonsul, Baron von Pcntz, den Vorschlag, eine für den zoologischen Garten in Berlin bestimmte, von ihm in Egypten zusammengebrachte Menagerie in der Eigenschaft eines die Wärter Beaufsichtigenden bis Trieft zu begleiten, wozu ich mich gern bereit fand. Ich verwandte meine mit der Pflege der Thiere vertrauten Bedienten zu den nöthigen Wärtern und segelte am 26. April in Gesellschaft Bnvry's mit den Bestien, unter denen sich auch meine liebenswürdige Bachieda befand, von Kairo ab. Am 28. erreichte ich die Schlcusenthore von Adfch, ließ meine Fracht auf vier kleine Barken verladen und gelangte, obgleich diese bei dem großen Wassermangel im Kanal auf dem feuchten Schlamme fortgeschleift werden mußten, am 30. April nach Alerandrien. Von da aus konnte ich wegen Ueberfüllung des Postschiffes erst am 22. Mai abreisen. Meine beiden Diener Manfuhr und Mahammed, von denen der erste anderthalb, der letztere fast drei Jahre in meinen Diensten gestanden hatte, begleiteten mich bis auf s Schiff, schluchzten und weinten beim Abschiede und riefen den Segen Allahs auf meine Pfade herab. Das Meer war spiegelglatt und blieb es während der kurzen, nur fünf Tage langen Fahrt. Am zweiten Tage derselben hatten wir Kandia, am dritten das herrliche Korfu vor uns. Die letzten Tage segelten wir so nahe an den dalmatinischen Küsten dahin, daß ich, um das entzückende Panorama nach Herzenslust genießen zu können, fast den ganzen Tag auf dem Verdeck zubrachte. Am Nachmittage des 28. Mai stieg Trieft aus den blauen Fluchen empor. Die Gefühle, welche mich beim Anblicke der ersten Stadt des ersehnten Vaterlandes durchwogten, will ich nicht beschreiben! Mit Sonnenuntergang rollte der Anker in den Grund des Hafens der adriatischen Meereskönigin. Weil wir unsere Reise in Gesellschaft zweier Beamteten der Quarantäne gemacht hatten, erhielten wir noch denselben Tag „Pratika" und standen eine Stunde nach unserer Ankunft auf dem Malo grandc der Hafenstadt. 23* ^ 356 Meine Bestien übergab ich einem mir von Berlin entgegen- gesandten Thierwärter. Nach einigen Tagen Aufenthalt reiste ich weiter. In Wien nahm ich zärtlichen Abschied von meiner lieben Bachieda, dann eilte ich über Prag und DrcSden der theuren Heimath zu. Am 16. Juli 1852 drückte ich meine theuren Eltern und Geschwister nach mehr als fünfjähriger Abwesenheit an'S Herz. Die lange Fahrt hatte ihr Ende erreicht. I'IHW-Sibiiotksk 0057824 O