U - AMD ^rW ÄS' - s Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika oder den unter egyptischer Herrschaft stehenden Ländern Egypten, Nubien, Sennahr, Rosseeres und Kordofahn gesammelt auf seinen in den Jahren 1847 bis 1852 unternommenen Reisen von I»r Alfred Edmund Beehrn, Mitgliede der kais. leopold.-karol. Akademie der Naturforscher und anderer gelehrten Gesellschaften. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, ^ ^ >2 Den schickt er in die weite Welt; Den; will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld." Eichendorff. Zweite unveränderte Ausgabe. Erster Theil. Reise von Egypten nach Kordofahn und zurück. - «- U WSÄ8-«77- Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . ie g7; H V ^ -/ B o , durch 5, ^ durch Iil>, ^ durch Ir, ^ durch l, durch m, durch n, L durch Ii, -> durch >v, in der Mitte einer Silbe durch uli, ^ durch j, elr, ee oder ili ausdrücke, o, o,I, o--, ^ und ^ habe ich nur in besonderen Fallen zu unterscheiden versucht (einen unserem / entsprechenden Laut kenne ich nicht); die Vokale, Verlängerungs - und Verdoppelungszeichen habe ich, soweit als thuulich, berücksichtigt. Meine des Arabischen unkundigen Leser Litte ich, alle arabischen Wörter möglichst deutsch zu lesen, so z. B. statt „Charthum" nicht „Scharthum", statt „Cha- masihn" nicht „Schamasin", statt „Scho-urma" nicht „S ch u r m a" rc. Die Araber haben keine Doppellaute, deshalb muß ei immer ei oder ei gelesen werden. So viel über die von mir befolgte Orthographie. Ich habe meinen Reisebericht chronologisch gehalten und zwischen die Beschreibung einzelner Perioden meiner Reisen besondere Abschnitte über die Länder und ihre Bewohner eingeschaltet. Es ist dieß zur Vervollständigung des Ganzen geschehen. Die, wie ich hoffen darf, allgemein verständlichen Bilder aus dem Thierleben habe ich entworfen, weil sie einzelnen meiner Leser etwas Neues mittheilen und deshalb vielleicht nicht unvollkommen sind. Der einzige Zweck, welchen ich Lei meiner Arbeit zu erreichen gesucht habe, ist strenge Wahrheit Dessen, was ich er z ä h l c. Es ist möglich, daß ich mich hier und da, vielleicht betrogen von meiner individuellen Anschauungsweise, gc- VI irrt habe; wissentlich habe ich aber niemals eine Unwahrheit berichtet. Und deshalb empfehle ich das Werk der Theilnahme des Publikums. Es ist ganz schmucklos, denn es soll nur die schlichte, aber getreue Erzählung meiner Erlebnisse und Erfahrungen sein. Möge das Buch eine freundliche Ausnahme finden! Rentheudorf bei Triptis im Juli 1855. Der Nerfasscr. Inhalt -es ersten Theils Seite Einleitung.. . . 1 Abfahrt von Trieft. — Pirano. — Eindruck des Meeres. — Sonnenuntergang.. — Kein Land! — Korfu. — Seekrank- heit. — Syra. — Athen. — Reise nach Theben. — Griechenland- — Griechische Hirten. — Leben in Athen. — Die Griechen. — Ankunft in Alexandrien. — Die ersten Tage in Egypten.19 Eindruck von Alexandrien. — Arabische Gastfreundschaft. — Fuah am Nil. — Der Sonnenstich. — Erstes Reiseabenteuer. — Anblick der Pyramiden. — Erdbeben. — Ritt durch die Straßen Kairo's. — Eine Moschee. — Die Citadelle. — „Rüste Dich zum Gebet!" — Die Mission der Propaganda „zur Bekehrung der Heiden des weißen Flusses." — Vorbereitung der Reise in's Innere. — Die Pyramiden Seite . 37 Der Ritt nach Dj ieseh. — Die erste Nacht in der Wüste. — Maaße der Pyramide. — Das Besteigen des Cheops. — Aussicht von der Spitze des höchsten Gebäudes der Welt. — Kletternde Araber und Araberinnen. — Das Innere der Cheopspyramide.— Die Sphinr. — Mumienhandel. — Reise auf dem Nile, von Kairo bis zur Einbruchsstation der Wüstensteppe Bahiuda .46 Aufbruch. — Das Svldatendorf Torrah und seine Bewohner. — Das nothwendige Messer. — Die Nilschiffe. — Nilkrüge und Nilwasser. — Rilreise. — Jagd. — Winde. — Wirkungen der Conscriptionen des Pascha. — Egyptische Dörfer. — Theben. — Die Königsgräber. — Schmähungen gegen Lep- sius. — Egyptische Tänzerinnen. — Safte, die ehemalige Geliebte Aabahs-Pascha's. — Assuan. — Der erste Katarakt. — Philä. — Korosko, die Einbruchsstativn in die große nubische Wüste. — Die Barabra. — Zwischen Korosko und Derr. — Jbrihm. — Abu-Simbil. — Bettelei der Barabra. — WadiHalfa. — Wohnungen der Nubier. — Am zweiten Katarakt. — Im „Bauch der Steine." — Fahrt im Battn el Hadjar. — Die Stromschnelle von Semmne- — Mangel au Nahrungsmitteln. — Nubische Schwimmer. — Ein eifersüchtiger Nubier. — Die Therme von Okme. — Akah- sche. — Reis Bellahl. — Dahle. — Die ersten tropischen Vogel. — Ein Zweikamps. — Nauer. — Dongolael Urdi. — Abduhn. — Ambukohl. — Vorbereitungen zur Wüstenreise. — Das Kamel und seine Ladung ..si Das Schnüren der Kisten. — Die Schläuche. — Trinkgefäße. — Kamelraoen. — Tugenden und Untugenden der „Wüstenschiffe." Sattel. — Reisekostüm- Die Wüste und ihr Leben.t «2 Aufbrnch der Karawane. — Nacht. — Freiheit und Erhabenheit der Wüste. — Ihre Schrecken und ihre Pracht. — Allgemeiner Charakter derselben. — Geognostische Verhältnisse. — Brunnen. — Sandhosen. — Sainuhin. — Nach dem Samuhm. — Fata-Morgaua. — Sandmuunen. — Charakteristik der Wüsten- thiere. — Der Beduine und sein Roß. — Die Gazelle. — Ein Blick in die Thierwelt der Wüste. — Schlanchwasser am zweiten Tage. — Bihr el Bahiuda. — Ein Kompaß zur rechten Zeit. — Dein Verschmachten nahe Araber. — Ankunft am Nil. IIN Belled rl Sudahn.127 Die neue Welt der Tropen. — Ein Tokhuldorf und seine Gebäude. — Der sndahncsische Storch. — Die fremde Ornis. — Ankunft in Charthuin. — Ein Ausflug in die Urwälder. — Rüstung zur Reise nach Kordofahn. — Charthuin und seine Bewohner.13ü Bruchstücke aus der Geschichte des Landes. — Die Schlacht oon Korri. — Mclik Nimmer. — Is »iaöl - Pasch a's Tod. — Maham med-Bei's, des Defterdahrs, Rache. — Entstehung Charihum's. — Lage, Eindruck, innere Beschaffenheit. Häuser , öffentliche Gebäude und Gärten der Hauptstadt. — Beoölke- rung. — Die Sudahnesen, ihre Kleidung und Sitten. — Zwei Drittel und ein Drittel.— Sikr. — Beschneidnng der Mädchen. — Heirathsgebräuche. — Der Nahsir el Enke. — Beerdigung eines Verstorbenen. — Die Todtenklage. — Sveisen Seite und deren Zubereitung. — Geräthschafien. — Biahammedanische Schlächterei. — Meriesa. — Das Innere der Wohnung eines Eiugebornen — Seine Hansihiere und Kinder. — Zur Statistik der Provinz. — Sudahnefisches Militär. — Steuerwesen. — Handel. — Produkte. — Ackerban und Gewerbe. — Das Klima. — Ein Gewitter. — Die Regenzeit. — Krankheiten. — Charihum niemals zu europäischer Eolonisarion geeignet. Fromdcn! cberi in Chartbum.22S Zusammenleben der Europäer. — Abendnnterhalrungen. — vi. Penney. — Macht der Poesie. — Heimweh. — Die Europäer Charthum's hinter den Coulissen. — Ihre Sirtenlosigkeit. — Contariny. — Ende eines Europäers im Sudahn. — Griechen und Kopten. — Gastfreundschaft der Türken. — Egypter und ihre Sehnsucht nach dem Baterlandc. — Sklaven und Sklaveniagd . ... ...241 Die Neger; Einiges über ihre Sitten, ihre Waffen, Geräthschaften, Kleidung, Religion. — Abyssinische Sklaven- — Eunuchen.— Ein Sklavcnoerkauföhaus. — Marklszencn. — Nikola Uli- vi'S Metzelet. — Die Nhaffua gegen Takhake. — Sklaveii- sagd. — Anfall der Reger. — Kampf im Urwalde. — Des Negers treue Helfer. — Die Schcba. — Barbarei der Soldaten. — Rückzug mit der gemachten Beute. — Frischgefangene Sklaven. — Loos der Neger in der Sklaverei. — Umänderung ihres Charakters. — Entflohene Neger, ihre Fänger und die ihnen bevorstehende Strafe. — Ein dem Mensche» ähnliches Thier. — Loos der i» der Sklaverei geborene» Neger. — Eigenthümliche Gebräuche derselben. — Haß der Schwarzen gegen die Weißen. — XI Seite Die Steppe , . . ..26ö Begriff der Steppe. — Allgemeiner Charakter. — Askanit. — Erster Eindruck. — Die Steppe zur Zeit der Dürre. — Step- penbrand. — Flüchtende Thiere und ihre Feinde. — Die Regenzeit in der Steppe. — Thlerleben. — Gefahren dieser Zeit. — Der Anfall des Löwen. — Die schönste Zeit des Steppenle- bens. — Uebersicht der Thierwelt der Steppe. — Reise nach Kordofahn. 285 Veneräi eil msrie, no» 8i sposa, non si parte! — Vogelreichthum des Bahhr el abiadt. — Gangstraßen der Nilpferde. -- Das Dorf Torrah. — Kamclheerdcn und Kamelmilch. — Ed- jchd. — Mißverständniß. — Die Chala el akaba. — Pilgernde Takruhri. — Haschahba und die Madjanihn. — Bereitung der Meriesa Kordofahn's. — Kordofahnesische Tänze. — Gastfreundschaft des Schech von Djosinahd. — Bara. — Periodisch erscheinende Fische in Negentcichen. — Das Haus eines „vortrefflichen Mannes". — Thibaut. — Obeid, die Hauptstadt Kordofahn's, ihre Lage und Eintheilung, ihr Markt und Handel, das Leben ihrer Bewohner. — Aufenthalt in Mel- peß. — Nächtliche Besucher des Dorfes. — Ein vereiteltes Rei- seprofekt. — Ueber Reisen im tiefsten Innern Afrika's. — Abreise von Obeid. — Ein Anfall auf unser Leben. — Ein Morgen in der Steppe. — Allein auf Reisen. — Kordofahnesische Wäsche. — Nacht in der Steppe. — Beschaffung der nöthigen Lastthicre. — Das Fieber auf dem Rücke» eines Kameles. — Hassanie und ihre Hütten. — Mendsere. — Ankunft in Lharthum. — Zweiter Aufenthalt in Charthnm; Rückkehr nach E gyptcn und R ci se im D elta.335 Eine türkische Hochzeit. — Die Festlichkeit. — Albanesischer Gc- 2 XII sang. — Sklaventanz. — Ein türkisches Mahl. — Arabische Schauspieler. — Unangenehmes Zusammentreffen mit einem Krokodil. — Manöver der Negerbataillone Charthum's. — Abreise von Charthum. — Kahnfahrt des Barons. — Unser neuer Diener Aali. — Abd-Hammed. -- Schellahl Sabiecha. — Passage des Katarakts von Wadi-Halfa. — Die Fathcha. — Zm Schellahl. — Gefahr und Rettung. — Nach des Tages Last und Mühe. — Der Reis des Katarakts von Assnan. — Aufzählung der Schcllalaht des Nil. — Die Krokodilhöhle bei Mon fall, t.— Auf der Nilgebirge Jochen. — Die Höhle.— Menschen- und Krokodilmumien. — Aussicht auf das Nilthal. — Nacht auf dem Nil. — Ankunft in Kairo. — Karl Schmidt.— Reise nach Unteregypten. — Menzaleh. — Fischfang im See.— Reisbau und Reishandcl. — Ein sunger Europäer. — Kahil.— Damiaht. — Rüstungen zur Abreise des Barons. — Abschied. — Ginleitung sechsten Juli 1847 lag der große Postdampfer „Mamuhdie" dicht am „Molo grande" Triest's zur Abfahrt nach der Levante segelfertig. Es war gegen vier Uhr Nachmittags. Schon entstiegen dem Kamin des Schiffes dunkle Rauchwolken, aber noch verband eine leichte Brücke das belebte Verdeck mit dem Festlande. Ueber sie hinweg wogte ein Menschenschwarm, kommend und gehend. Da sah man den nirgends fehlenden Engländer mit seinem, unter der Last von großen Koffern keuchenden Lohnbedientcn neben der schwarzäugigen Italienerin und dunkcllockigcn, dem Neuling auffallenden Griechin, den Deutschen neben dem plaudernden Franzosen. Alle waren fröhlich und guter Dinge, wenn sie auch die Abfahrt sehnlichst herbeiwünschten. Unter den Reisenden befand sich der Baron von Müller aus Würtcmbcrg und der Verfasser. Wir Beide waren im Begriff, eine naturwissenschaftliche Jagdreise über Griechenland nach Egyptcn und Kleinasien anzutreten, wollten rückwärts die Türkei und Walachei besuchen und durch Ungarn nach Hause zurückkehren. Wie wir glaubten mit allem Nöthigen für die Reise wohlversehcn, gingen wir sorglos den Beschwerden derselben entgegen und stimmten von ganzem Herzen in die allgemeine Heiterkeit mit ein. ES schien sich Alles zu einer glücklichen Seefahrt vereinigen zu wollen. Ueber uns blaute der Himmel Italiens, von dessen Gestaden ein leichter Wind herüberwehte. Er war gerade kühlend genug, um der großen Hitze des Juli einigermaßen Einhalt zu thun, erfrischte die des warmen Klimas ungewohnten Nordländer und entfaltete dabei die freundlichen, überall gern gesehenen Farben der österreichi- 2 schen Handelsflagge hinten am Stern des Schiffes. Das beste Wetter stand uns bevor. Da tönten über den Hafen hinweg von den verschiedenen 4 Thürmen der Stadt die Glockcnschläge der vierten Stunde herab. Die Zeit der ersehnten Abfahrt war gekommen. Unser Kapitän bestieg die Brücke auf dem Radkasten und ertheilte durch sein Sprachrohr die nöthigen Befehle. Sogleich entfernten sich alle Diejenigen, welche nicht mit uns reisen wollten, die Landungsbrücke schwand, die Ankerwinde begann ihre eintönige und doch so willkommene Weise zu klappern. Schlammbedeckt hob sich der schwere Anker aus tiefem Grunde; Matrosen und Maschinisten waren in voller Thätigkeit; ein neuer Befehl und der Koloß bekam Leben. Er durchfurchte erst langsam, dann immer schneller und schneller den Hafen, dann rauschte er mit voller Dampfkraft in die offene See hinaus. Noch hafteten Aller Blicke auf dem stolzen Trieft. Im hellsten Sonnenscheine lag es vor uns, umschlossen von grünenden Bergen. Wir Deutschen nahmen Abschied vom Vaterlande, von * der letzten Stadt Deutschlands, wenn sie auch die Italiener zu ihrem Lande zählen wollen, weil sie sich in ihr eingenistet, Deutsch- thum und deutsche Sprache dort verdrängt und dafür ihre gleisnerischen Worte und Sitten eingeführt haben. Aber noch hatten uns bis hierher die treuen deutschen Augen entgegengeleuchtet, bis hierher deutsche Laute uns getönt, und darum hatten wir Recht, wenn wir erst hier der Hcimath die letzten Grüße sandten. Mehr und mehr verschwand die „Königin der Adria"; schon lag der blaue Duft der Ferne über dem Panorama, da fesselte ein anderes Bild die Aufmerksamkeit. Es war das freundliche Pi- rano, an dem wir vorübersegelten. Von den Strahlen der schon tief gesunkenen Sonne rosig beleuchtet, gewährte das Städtchen einen gar lieblichen Anblick. Es vereint noch nordische Frische mit südlicher Kraft. Die südlichen Olivenwäldchen gruppiren sich um > die nordischen Ziegeldächer, die hellgrüne Linde steht hier noch neben der dunkclbclaubten Kastanie Italiens. Uns ist Alles neu. Wie fröhliche Kinder gehen wir auf dem 5 ' Verdeck umher. Bald sehen wir in den Raum der Maschine und beobachten ihre kräftige Arbeit, bald schweifen unsere Blicke der Küste Dalmatiens entlang; immer und immer aber kehrt das Auge zum Meere zurück, wir lehnen uns über die Galleric des Bords und schauen in seine ruhige, tiefe Bläue hinab. Unsere Gefühle sind mächtig erregt. Es ist, als ob wir uns in einem Zauberlandc befänden. Das ist die erhabene Macht der See. Denn wie des Meeres Fläche jetzt so ruhig da liegt, ein Bild des reinsten, ungetrübten Friedens, so senkt sich auch auf uns ein stiller Frieden hernieder, belebt und kräftigt die Gedanken, herumzuschweifcn und uns noch einmal all' das Schöne vor die Seele zu führen, was die kurze, so genußreiche Reise durch Deutschlands Gauen uns gebracht. Da hasten sie noch einen Augenblick an dem schönen Dresden, durchwandern das romantische Elbthal und gelangen nach dem stolzen königlichen Prag. Das reizende Mähren öffnet uns noch einmal seine waldigen Thäler, wir weilen wieder in der erst vor Kurzem verlassenen Kaiscrstadt Wien und eilen dann über die Alpen hinweg durch Steiermark und Jllyrien nach der schon so fremdartigen Mecreskönigin Trieft. Noch beschäftigt uns die Macht deS ersten Eindrucks des vorher nie gesehenen Meeres. Dieser Eindruck ist unendlich groß, so unendlich groß, wie es die vor dem Beschauer ausgebreitete Wasserfläche zu sein scheint. Da verschmelzen am Horizonte Himmel und Wasser in Eins, und ebenso verschmelzen auch die Gefühle in der Menschcn- brust. Man wird sich ihrer selbst kaum bewußt. Nur zwei Gedanken sind mir klar geworden, das Gefühl der, ich möchte sagen, sichtbaren Unendlichkeit und das der menschlichen Nichtigkeit. Das letztere ist so niederdrückend, daß der Mensch Alles ergreift, um seinen Gast wieder zu kräftigen. Und dieser erhebt sich stolz wieder beim Anblick der königlichen Fregatte und des schätzcbringcnden Dreimasters. Mit ihnen durcheilt der kühne Seemann das endlos scheinende Meer, mit ihnen trotzt er der Macht des Mächtigen! Das war es, was uns beschäftigte. Mir war es, als ob ich wachend träumte, und nur das rege Treiben unserer Rcisegesell- 1 * 4 schaft führte mich zur schönen Wirklichkeit zurück. Die Abendländer gingen lachend und plaudernd auf und ab, ganz im Gegensatze zu einigen Türken, die auf dem Vorderdeck auf ihren Teppichen lagerten und mit britischer Gleichgültigkeit die grünen Küstenstriche Jstricns vorbeigehen ließen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Mit der ihnen eigenen Ruhe betrachteten sie uns Abendländer. Nur dann und wann machten sie eine Bemerkung über uns, was wir aus ihrem Micncnspiel errathen konnten, obgleich wir den Sinn der volltönenden, vokalreichen Worte ihrer kräftigen und melodischen Sprache nicht verstanden. Mich zogen die ernsten, schönen Männer an, ihre ruhige, würdevolle Haltung imponirte mir. Auch habe ich später gefunden, daß die erste Begegnung der Europäer mit den Türken auf die ersteren stets einen starken Eindruck macht, sei es nun wegen dcS ruhigen, von schwarzem Barte beschatteten Gesichts oder wegen der fremdartigen, malerischen Kleidung. Die Sonne hatte mittlerweile ihre heutige Reise beinahe vollendet. Jetzt stand sie noch als leuchtende Feuerkugel dicht über dein ruhigen Spiegel der See, allmählig tauchte ihr Rand in die Fluchen hiyab, nach wenig Minuten vergoldete nur noch ihre obere sichtbare Hälfte die Wogen, unser Schiff, die Gebirge JstrienS und den Himmel, bald war sie uns gänzlich verschwunden und der Abend, der goldene Abend Italiens brach herein. Langsam erhoben sich die Mohammedaner. Sie begannen ihre gesetzlichen Waschungen und fielen danw bei dem flammenden Himmel auf ihr Angesicht, um zu beten. Arifl dem Hinterdeck erschallt lustiges Gelächter, kaum entlockt der hehre Sonnenuntergang den Franken einen Ausruf der Bewunderung, die Matrosen betreiben ihre Geschäfte mit der gewöhnlichen Eile und nur die abgenommene Schiffsflagge kündet, daß der Tag zu Ende ist; — auf dem schlechtesten Platze des Vorderdecks liegen die Türken im ernsten Gebet, drücken die Stirne in den Staub und rufen langsam sich erhebend: „Da il latm il -ällad!" (Es giebt nur einen Gott!) Welch ein Kontrast! ES war Nacht geworden. Unser Schiff eilte mit Macht durch die Wogen und zertheilte kräftig die zürnenden Wellen, welche un- 5 zählige Feuerchen von sich strahlt«, und den dunklen Koloß mähr« chenhast beleuchteten. Die Schönheit der Nacht fesselte uns auf dem Verdeck. Es >var eine von den Nächten des Südens, die wir in Deutschland nur ahnen können. Der laue Wind, der von Italiens Küsten herüber wehte, gab ihr eine angenehme Wärme, aber gerade ihre Kühle war eS wieder, welche nach dem heißen Tage so wohl that. Mir war, als glänzten die freundlichen, noch bekannten Sterne viel lieblicher und Heller zu uns herab, als wäre Alles viel milder und schöner als daheim. Spät erst suchte ich den Schlaf in einer der Lagerstätten der Kajüte. Doch bedurfte eS langer Zeit, ehe ich bei dem Knacken der Schiffswände, dem Toben der Maschine und dem Zittern des ganzen Baues im Stande war, die Augen zu schließen. Der folgende Morgen brachte schon um vier Uhr den größten Theil der Reisegesellschaft auf das Deck. Die Matrosen waren beschäftigt, das ganze Deck zu reinigen, wie dies alltäglich auf den Schiffen geschieht. Halb fünf Uhr stieg die Sonne hinter den Gebirgen Dalmatiens empor und vergoldete die unermeßliche Wasserfläche, so weit das Auge reichte. Unsere Mohammedaner beteten oder lasen im Khorahn. Wir glitten rasch an der dalmatischen Küste dahin. Oft ist sie öde und unfruchtbar, oft aber zeigt sie uns liebliche Dörfchen zwischen Olivenwäldcrn. Die letzteren ziehen sich bisweilen hoch an den Gebirgen hinauf. Zwischen uns und der Küste sahen wir viele Inseln. Die Mövcn umschwärmten in zahlreichen Gesellschaften unser Schiff oder schaukelten sich, vom Fluge ruhend, auf den Wellen. Briggs und Dreimaster steuerten an uns vorüber, dem Hafen Tricst's zu. Nachmittags tauchte die Insel St. Andrä am Horizonte auf; gegen Abend fuhren wir zwischen den Inseln Lissa und Buri durch. Erstere lag uns so nahe, daß wir mit den, Fernrohr die Leute in den Straßen des Städtchens Lissa herumwandcln sahen. Allmählig verlor sich das Land aus unserm Horizonte. Nur die untergehende Sonne zeigte uns noch einmal jene bergigen Ländchen. Am dritten Tage unserer Reise sahen wir kein Land. Es ist ein großartiger und erhebender Gedanke, so allein, von jeder mensch- 6 lichen Hülfe so weit entfernt, über ungemessne Tiefen dahin zu segeln. Unsere Begleiter vom vorigen Tage, die krächzenden Mö- ven, waren verschwunden; dagegen zeigten sich Delphine, einzeln oder in Gesellschaften. Sie umkreisten spielend das Schiff und wurden mit Jubel begrüßt. Auf Korfu's Leuchtthurm erlosch am 9. Juli eben das Licht, als die Mamuhdie in den engen Kanal einbog, der die größte der ionischen Inseln vom Festlande trennt. Noch lagen beim heraufdämmernden Morgen die zahlreichen Landhäuser, Orangegärten und Weinberge des herrlichen Eilandes im tiefsten Schatten, die Stadt ruhte noch im tiefsten Schweigen der Nacht, als wir ihr gegenüber Anker warfen. Von einem der Forts auf den kleinen Inseln im Meere donnerten zwei Kanonenschüsse dem jungen Tage entgegen. Fröhliche Waldhornsignale und lärmender Trommelschlag antworteten auf allen Basteien der Festung. Die Purpurwölkchen über Albaniens Gebirgskämmcn erblichen vor den ersten Strahlen der Sonne, die Spitze des Leuchtthurms erglühte im hellsten Feuer, Stadt und Meer erschienen wie mit Goldduft überhaucht. Jetzt lag das reizende Bild ,,glühend in der Sonne Gold" vor uns; es war ein Panorama zum Entzücken. „Die Meereswasser sind flüssige Smaragde und Saphire, welche die Sonnengluth vom blauen Himmel und von der grünen Erde abgeschmolzen hat. Es ist ein Schimmer und Geflimmer, ein elektrisches Wellenzittern, eine Magie in den Lüften, auf den lichtgetränkten Wogen, welche im schneeigen Gischte ihre Buhlerei mit Sonne und Aether ausschäumen: — daß die Seele trunken und taumelig werden muß"*). Korfu ist, vom Meere aus gesehen, die schönste Stadt, die man sich denken kann. Auf steilen Felskegeln thronen die gewaltigen Forts; Kaktusfeigen wuchern auf ihren Mauern und Zinnen, wie an den unersteiglichen Felswänden. Pflanzen, welche wir nur in unseren Gärten sehen, treibt hier die Sonne Griechenlands zu Sträuchern und Bäumen empor, und zwischen den schon ganz *) Bogumil Geltz, Ein Kleinstädter in Egypten. 7 orientalisch gebauten Häusern der Stadt blüht und reift die goldne Orange ,,im dunklen Laube". Griechische Kirchen, mit niederm durchbrochenen Glockenthürmen, stehen neben den Wohnungen der übergesiedelten Britten, die morgenländische Terrasse wechselt mit dem nordischen Ziegeldach. Die Straßen ziehen sich in breiten, aus dem Felsen gehauenen Treppen oder abschüssigen Wegen so steil den Berg hinauf, daß das Haus einer oberen Gasse auf dem einer unteren zu stehen scheint. Kleine Gärtchcn sind mit sorgsamem Fleiße überall angelegt worden, wo der Felsen Raum zu einem Blumenbeete übrig ließ. Grünende Gärten und Olivenhaine, lachende Villa's und Weinberge rahmen das Zauberbild von beiden Seiten ein. Das Meer war von unzähligen Fischerbarken belebt, welche zwischen den zahlreichen Kriegs- und Handelsschiffen dahin ruderten. Einige von ihnen kamen zu unserem Schiffe und luden uns zum Landen ein. Die fremdartig gekleideten Männer wiegten sich auf den Wellen wie die Hunderte der silberweißen, grauröckigen Mövcn, welche ruhig auf der lasurblauen Fluth dahin gleiteten. Wir bestiegen eine der Barken und ruderten dem Lande zu. Ein rothröckigcr, englischer Soldat öffnete ein enges Pförtchcn im Thore und ließ uns eintreten. Der Abendländer glaubt sich im Innern der Stadt von einem Zauber umfangen zu sehen. Alles ist ihm neu, Alles ist anders als daheim. Neu sind ihm die Sprachen, welche er hört, neu ist Alles, was er sieht: die Trachten und Klci- dungsstoffe, Basars und Kaufhallen, Kirchen und Gebäude, Menschen und Thiere, Blumen und Früchte. Der Süden bietet ihm hier zum ersten Male seine Erzeugnisse dar. Für einen Kreuzer kauft man hier zwei Feigen von einer Größe, wie wir sie noch nie sahen; Citronen und Orangen, lockende Aprikosen und Pfirsiche sind noch billiger. Wir durchwanderten die Stadt und erstiegen die hochgelegenen, starken und ausgedehnten Festungswerke. Diese wurden bekanntlich von den Engländern erbaut und sind trefflich angelegt; die Stadt dagegen ist winkelig mrd thcilweiö eng, obgleich sie auch freie Plätze 8 besitzt. Der größte von ihnen ist parkartig gehalten und liegt vor dem Hause des Gouverneurs. Von dem höchsten Fort der Festung, auf welchem sich der Leuchtthurm und Signalstock befindet, hat man einen köstlichen Ueberblick der Insel. Sie liegt wie ein lachender Garten zu den Füßen ausgebreitet und setzt erst in einiger Entfernung von der Stadt durch ihre eignen hohen Berge dem Auge Grenzen. Ueber- all macht sich ein reges Leben der Natur bemcrklich. Die Vegetation ist eine rein südliche und wegen der hier noch fallenden Regen sehr üppige; die Fauna ist die deS gegenüberliegenden malerischen Gebirgslandes Albanien oder die des nahen Griechenlands. Wir besichtigten eine kleine Sammlung ausgestopfter Vögel, welche dies uns bestätigte. Man hört auf Korfu Englisch, Griechisch, Italienisch, Französisch und Deutsch. Ebenso verschieden wie diese Sprachen sind die Bewohner. Zwischen den malerisch und faltenreich gekleideten Griechen und Türken sieht man den Europäer in seinem eng anliegenden Kostüm; er kontrastirt mit seinem Frack und Glacehandschuhen unangenehm mit dem ernsten Amtsgcwande des griechischen Popen oder frauenhaften, farbenprächtigen Kleide des albancstschen Kriegers, und zerstört durch seine nüchterne, prosaische Erscheinung das glühende Kolorit des südlichen Bildes. Nachmittags verließ die Mamuhdic das liebliche Eiland, um ihre Reise fortzusetzen. Lange noch blieb Korfu in unserem Horizonte. Gegen Abend fuhren wir an St. Maura, später an Jthaka vorüber; Zante blieb uns links liegen. Gewöhnlich brauchen die Dampfschiffe zu der Fahrt von Korfu nach Syra nur 30 — 36 Stunden. Diesmal hielt uns ziemlich heftiger Gegenwind länger auf; wir kamen erst am Vormittage des 11. Juli in Syra an. Die meisten Passagiere waren von der Seekrankheit befallen worden, und alle waren herzlich froh, den immer noch stark bewegten Hafen erreicht zu haben. Es kann nichts Lächerlicheres geben als die Grimassen der von dieser sonderbaren Krankheit Ergriffenen. Wenig oder gar nicht von dem Schaukeln des Schiffs belästigt, hatte ich gerade g die rechte Stimmung erlangt, um die komischen Scenen, die sich mir boten, belachen zu können. Die unglücklich Leidenden gaben, vollkommen überwältigt, mit tragischer Fassung dem Meergott ihren Zoll. Es war mir ein ergötzliches Schauspiel, wie Einer nach dem Andern sein Lager verließ, mit dem Tuch vor dem Munde und, sich krampfhaft festhaltend, durch die Kajüte taumelte und dem Verdeck zueilte, ,,um frische Lust zu schöpfen". Viele waren nicht im Stande, sich von ihrer Lagerstätte zu erheben und ließen das grausige Walten des Schicksals ruhig über sich ergehen. Am Be- dauernswerthcsten waren jedenfalls die Frauen. Wir hörten ihr Aechzen und Stöhnen durch die Thür ihrer Kajüte hindurch, und da sie bei der durch die Krankheit bedingten Unordnung ihrer Kleidung ihren engen Raum nicht einmal verlassen konnten, spielten sie eine wirklich klägliche Rolle. Man behauptete, daß die Seekrankheit eine grenzenlose Gleichgültigkeit hervorrufe; ich kann versichern, daß durch sie auf dem Schiffe eine Unordnung entsteht, welche sich nicht schildern läßt*). Wir hatten beschlossen, die Insel Syra ein Wenig zu durch, streifen und nahmen deshalb unsere Gewehre mit an'S Land. In der Ebene der Küste bemerkten wir Weinberge, mit Reben voller Trauben, obgleich die Rebe ohne Stangen oder sonstige Zeichen des Fleißes cmporwuchcrte. Anders wurde es in der Nähe der Berge. Mit jedem Schritte wurde der Boden dürrer, unfruchtbarer und steiniger. Wenige, halb verkrüppelte Feigen- und einige größere Jo- hannisbrodbäume zeugten von Vegetation, alles Uebrige war öde, verbrannt und wüst. Auch die Thierwelt schien wie ausgestorben zu sein. Außer einigen Raben, Steinschmätzern und Sän- gern war kein Vogel zu sehen; Hunde und Ziegen schienen die einzigen Säugethicre der Insel zu sein. Darüber mißmuthig wandten wir uns der Stadt Syra zu, welche sich, vom Meere *) Man ist übrigens irriger Meinung, wenn man annimmt, daß die Seekrankheit augenblicklich endige, sobald man den Fuß an's Land setzt; sie dauert oft noch mehrere Tage auch am Lande fort; wenigstens soll man noch einige Zeit lang Kopfschmerzen und Sausen in den Ohren verspüren. Itt aus gesehen, recht gut ausgenommen hatte. Wir wurden arg getäuscht. Die Straßen Syra's sind eng und winkelig, schmutzig und bergig, die Wohnungen elende, unreinliche Baracken. Der Reisende ist gezwungen, das einzige nur einigermaßen erträgliche Gasthaus, Hotel ck'^nAleterre genannt, zu besuchen, und verläßt es unbefriedigt und fürchterlich geprellt. Das ist das Bild von Syra. Am 12. Juli verließen wir den unfreundlichen Ort mit dem kleinen, für den Dienst zwischen Syra und Athen bestimmten Dampfboote ,,Baron Kübeck." Die aus zwei Theilen bestehende, steil den Berg hinauf gebaute Stadt war beleuchtet und gewährte einen sehr schönen Anblick. Noch lange schimmerten die Lichter wie ferne Sterne zu uns herüber; eins nach dem andern verlosch und zuletzt blieb nur noch das Licht des Lcuchtthurms sichtbar. Viele Griechen reisten mit uns, die meisten als Passagiere des Verdecks. Sie schienen für ähnliche Reisen schon vorbereitet und hatten das Verdeck mit von ihnen selbst mitgebrachten Teppichen und Matratzen belegt. Die Fahrt von Syra nach Athen dauert nur wenige Stunden. Wir sahen schon am folgenden Morgen die Spitzen des griechischen Festlandes vor uns und lagen nach anderthalb Stunden im Pi- räus. Von hier ist es noch eine Stunde nach Athen; das wußte ich noch aus den Zeiten her, wo Cornelius Ncpos den lernbegierigen Knaben mit dem Land und den Thaten seiner Helden bekannt macht. Wir nahmen in dem mehr und mehr erblühenden Hafenstädtchen einen Wagen und fuhren auf einer guten, neuerdings angelegten Hochstraße der Hauptstadt zu. Kaum konnten wir den Augenblick erwarten, der uns in sie einführen sollte. Unser Weg führte durch einen Olivcnwald, welcher die ganze Ebene bedeckt. Die Berge zu beiden Seiten sind öde und kahl. Hitze und Staub quälten uns entsetzlich. Ein Hügel hatte uns lange die Aussicht geraubt. Wir umfuhren ihn und kamen zu den Ruinen des Thcscustempels. Die Akropolis lag vor uns, wir weideten unsere Augen an dem ersehnten Anblick. Dann fuhren wir in die Stadt. Mir kam sie wie ein elendes Bauerdorf vor, das sich um eine gut erhaltene, stolze Ruine gelagert hat. Die Häuser des heutigen Athen sind mit Ausnahme der königlichen, von deutschen Baumeistern aufgeführten Gebäude erbärmlich schlecht, die Straßen der Stadt sind krumm, eng und unregelmäßig, das Pflaster fehlt entweder oder ist so mangelhaft, daß man es kaum begehen kann. Das ist die Baukunst der heutigen Griechen. Wie ganz anders erscheinen da die hehren Tempel der Akro- polis! Wir besuchten sie am folgenden Tage, klimmten auf der Nordseite den steilen Felsberg hinan, wandten uns dann westlich und gelangten durch den einzigen, von einem Invaliden gehüteten Eingang in den Tempclhof. Wandalismus und Egoismus haben sich vereinigt, um die erhabenen Monumente vergangener Zeiten zu zerstören. Ein Engländer nahm den größten Theil des Frieses vom Parthenon, ,,dcs schönsten Gebäudes in der schönsten Lage der Welt," mit sich nach London und erbaute dafür einen schlechten Thurm in der Stadt; die Türken brannten Kalk aus den Kapitalen der Säulen und fertigten Kanonenkugeln aus ihren Schäften. Jetzt sammelt die griechische Regierung die gefundenen Alterthümer und versucht, die Monumente zu rcstauriren. Es kann meine Absicht nicht sein, die Akropolis beschreiben zu wollen, zumal da schon jeder Stein der Tempel durch Baukünstler und Maler gemessen und beschrieben wurde; ich begnüge mich, zu sagen, daß unsere Erwartungen von der Burg der Alten auf's Höchste gespannt waren und dennoch durch sie übertreffen wurden. Kleine Thurmfalken (Esretiiw'rs cmwlrris) bewohnten den Felsen, auf dem die Akropolis gegründet wurde, und horsteten in den Mauern der Burg, zutraulich sogar in den Wohnungen der Griechen. Wir jagten sie und hatten in kurzer Zeit mehrere von ihnen erlegt. Auch in einem nahen Olivenwalde gab es für uns manches Neue, doch konnten wir bei der uns kärglich zugemessenen Zeit nicht auf specielle Untersuchung der dort vertretenen Thierwelt eingehen. Nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen stiegen wir eines Morgens sehr früh zu Pferde, um eine kurze Reise in das Innere 12 des Landes anzutreten. Noch beleuchtete, als wir Athen verließen, der klare Sternenhiinmel unseren steinigen Weg. Wir ritten eine Zeit lang in Olivenwäldern dahin und später in die Berge hinein. Zur Linken lag uns das Meer: ein nebelgrauer, ruhiger Streifen, dein man schon recht wohl erkennen konnte. Viele Griechen begegneten uns und zogen mit ihren bcladcnen Eseln grüßend an unS vorüber. Durch eine steil abfallende Schlucht gelangten wir mit Sonnenaufgang in der Nähe der welthistorischen Bucht Salamis an's Meer, ritten eine Zeit lang der Küste entlang und dann über die triasianische Ebene wieder den Gebirgen zu. In einem Dorfe hielten wir Rast und baten um Wasser. Nur mit Mühe erhielten wir einen Trunk brack und fade schmeckenden Cisterncnwas- sers. Die Bewohner des Dorfes waren fast ohne Ausnahme häßlich ; die Frauen schienen es wegen ihrer abschreckenden Tracht noch mehr als die Männer zu sein. Mit aller Anstrengung der Phantasie hätte man aus ihren Fratzen keine ,,griechischen Formen" herausfinden können. Hinter dem Dorfe begann ein Pinienwald, durch welchen unS die Straße führte. Wir waren in das Kerata-Gebirge eingetreten und hatten gehofft, hier wenigstens romantisch wilde Gegenden zu erschauen. Aber auch hier zeigte sich dieselbe Ocde und Unfruchtbarkeit, Gleichförmigkeit und Dürre wie vorher in der Ebene. Wie ganz anders hatte ich mir Griechenland vorgestellt! Die grün- bewaldeten Gebirge, mit ihren romantischen Schluchten und saftigen Wiesen im Thalgrunde sind wie die überall bebauten und belebten Ebenen mit den freundlichen rothen Ziegeldächern der zwischen Obst- waldungen versteckten Dörfer dem Geiste des Abcndländcrs so vertraut geworden, daß er gar nicht glauben will, es könne wo anders Berge und Thäler, Dörfer und Städte geben, welche nicht ebenso beschaffen wären wie daheim. Und daß gerade Griechenland, das Land des milden Himmels, der Fruchtbarkeit und der segensreichen Erde, öder und trauriger sein könnte als Deutschland, hätte ich nie gedacht. Alle Reisenden schilderten seine Schönheit mit beredter Zunge, malten sein Bild mit glühenden Farben aus. Ich war überrascht, es nicht so zu finden, wie ich gehofft. 13 Ich hatte von wilden schneebedeckten Gebirgen geträumt, wo Adler und Geier horsten, wo der Jäger den südlichen Steinbock auf den ,,höchsten Grat" jagt, von Wäldern, durch deren Dickicht der zottige Bär trabt, in denen der raubgierige Luchs dem zierlichen Rehe nachspürt; ich hatte mir im Geiste blühende, in ewiges Grün gekleidete Ebenen ausgemalt, mit freundlichen Olivenwäldern und Cypressenhainen, mit Dörfern von Gärten umfaßt, in denen die goldene Orange und saftige Feige den Fremden entgcgenschim- mcrt; ich hatte schäumende Waldbäche, brausende Flüßchen und von romantischen Felsgcbirgcn umstandene Seccn zu finden geglaubt: — und sah kahle, nur mit Steinen bedeckte Berge, zwischen denen hindurch sich der in der Hitze dcö Südens ermattende Wanderer mühsam seinen Weg bahnt, öde, verbrannte Ebenen, welche das Auge ruhelos durchirrt, ohne belebenden Baumschlag, ohne stille Dörfchen, ohne gewcrbtreibende Städtchen; ich wurde heute bitter getäuscht, und fand statt lebensvoller Poesie allüberall nur trockene Prosa. Dazu kamen nun heute noch die ungewohnten Beschwerden der hier gebräuchlichen Art zu reisen; das fremde, heiße Klima drückte uns, die Sonne versengte den Scheitel, kein Wasser erquickte die dürr gewordene Zunge. Wir erreichten mißmuthig und angegriffen eine Art von Schuppen, Station genannt. Die Baracke hatte neben der von drei Seiten offenen Vorhalle noch eine Spelunke für den Besitzer des ganzen Gebäudes. Dieser Kerl, ein schmutziger Grieche, wurde Wirth genannt, konnte aber außer schlechtem Branntwein und mit Pinien- und anderem Harze versetztem Weine nichts Genießbares anbieten. Wir genossen eine Tasse Kasse und legten uns zur Ruhe nieder. Nach zweistündiger Rast ging es mit derselben Eile weiter wie früher. Die Straße führte uns bergauf, bergab durch öde, meist unbewohnte Gegenden. Nachmittags wurde noch einmal in einem kleinen Hause, in dessen Nähe gutes Wasser floß, gerastet. Die Hütte schien mehr der Hirten als der Reisenden wegen erbaut zu sein und war ebenso schlecht als die frühere. Wir waren bisher fortwährend gestiegen und sahen von unse- 14 mn letzten Ruhcpunkte aus noch hohe Berge vor uns. Die Gegend wurde wilder und romantischer. Ein verfallenes Kastell krönte den Rücken eines hohen Berges und mochte früher eine Thalschlucht, durch welche wir ziehen mußten, beherrscht haben. Zahlreiche Zie- genheerdcn kletterten an den steilsten Abhängen der Felsen herum und Passaten mit bedächtigem, possirlich ernstem Gange kühn die schwierigsten Stellen. Sie nagten an kleinen Gebüschen herum, welche der schwarzköpfige Ammer (Lmborira melauoeepkLla) zu seinen Wohnplätzen erwählt hatte, und wurden von mehreren Hirten bewacht, deren ganzer Reichthum sie sind. Unsere Pferde kletterten sehr geschickt mit uns die Berge hinauf. Endlich hatten wir die Höhe erreicht, und sahen, wie durch Zaubcrschlag hervorgerufen, ein prachtvolles Panorama vor uns. Die Sonne beleuchtete die zackigen Gipfel hoher Berge, welche eine weite, uns zu Füßen liegende Ebene begrenzen. Ein hoch über alle übrigen erhabener Berg, der Parnaß, zeigte uns seine schneebedeckten Häupter. In unermessencr Höhe schwebte, Beute suchend, ein Paar der kühnen Räuber des Gebirges, der Lämmergeier s6^paöto8 merickioimlis); im Thäte schritten Störche auf und ab; Egyptens Aasgeier (i^so- pllrou perouopterus) hockte an den Felsen, hundert Sylvien bewillkommneten uns mit melodischem Gesänge. Auf dem bisher zurückgelegten Wege waren uns nur einige geschichtlich merkwürdige Punkte von Interesse gewesen, hier fesselte uns ein romantisches Ge- birgsland; wir verweilten beglückt von dem entzückend schönen Bilde. Durch eine halsbrechcnde Schlucht ritten wir in die Ebene hinab. Sie war dürr und unbebaut, obgleich der Boden überall der fruchtbarste Acker hätte sein können. Gegen neun Uhr Abends ritten wir in Theben ein. Man erkennt die frühere Größe und Bedeutung dieses Orts nur noch durch ausgedehnte Trümmerhaufen; das heutige Theben ist ein elendes Dorf. Bei unserer Ankunft umringten uns Schaarcn von Müsstggängern und begleiteten uns zum Hause eines deutschen Arztes, des Dr. Hormel. Dieser empfing uns sehr gastfreundlich und that mit seiner liebenswürdigen Frau, einer schönen, jungen Griechin, alles ihm nur Mögliche, um uns unsere große Ermüdung vergessen zu machen. 15 Der folgende Morgen wurde zur Jagd benutzt. Wir sahen mehrere große Geier (Vultur oinerous und kulvuch und einen Flug der prachtvollen roscnrothcn Hirtcnvögcl (ks8tor rv86U8), waren aber nicht so glücklich, Beute zu machen. Deshalb zogen wir schon am Abend weiter und gelangten Nachts zu dem drei Stunden entfernten Anakulsee, welcher in einer ziemlich öden Gegend liegt und von hohen, mit niederem Gebüsch bestandenen Bergen umgeben ist. Dort bezogen wir die Hütte eines alten redlichen Hirten — wenigstens traktirte er einen anderen Hirten, der uns Schicß- pulver stehlen wollte, so derb mit Faustschlägen, daß jener mit blut- qucllender Nase und aufgeschwollenem Munde flüchten mußte, — jagten und präparirten das Erlegte. Unser Aufenthalt war für uns nicht uninteressant. Wir erbeuteten mehrere Schlangenadler und stellten den hier häufigen Hasen und Stein Hühnern (karäix Fräsen) nach, fanden in den Büschen interessante Sängerarten und viele Schlangen und bemerkten auf dem Spiegel deS Sees die ersten Pelekane. Dabei hatten wir Gelegenheit, das Leben der griechischen Hirten zu beobachten. Sie erschienen täglich in ziemlich bedeutender Anzahl in der Nähe unserer Hütte, bücken sich Brod zwischen heißen Steinen und tränkten ihre Heerdcn. So viel wurde mir aber klar, daß diese Hirten nicht die Originale zu vielen recht ,,freundlich zu lesenden" Idyllen sind; selbst ein Geßner hätte diesem pöbelhaften Pack keine Poesie ablauschen können. Die Nächte waren am Anakulsee weniger angenehm als die Tage. Tausende von quackenden Fröschen peinigten unsere Ohren durch ihre Musik, Schwärme von Musquitos unsere Haut mit ihren Stichen. Wir kehrten bald nach Athen zurück. Hier bemühten wir uns, das eigenthümliche Leben der Hauptstadt Griechenlands kennen zu lernen. Es zeugt von der Verschmelzung des Morgen- und Abendlandes. Viele Sitten und Gebräuche der Griechen sind ganz die der Morgenländer, andere ähneln denen der Abendländer. Die Laster Beider sind von den Griechen angenommen worden. Bei Tage sind die Straßen Athen's ziemlich verödet; erst gegen Abend beginnt das wahre Leben, dauert aber auch bis tief in die Nacht hinein. Dann beleben sich die Balköne der 16 bei Tage fast unzugänglichen Häuser mit den bisher eifersüchtig verborgen gehaltenen Frauen; die morgendländi'schen Kaufhallen, Basar genannt, sind erleuchtet, die Straßen werden lebendig. Da sieht man den zierlich gekleideten, vornehmen Griechen elastischen Schritts durch die Menge eilen, finster und ruhig lehnt das schroffste Gegenstück dazu, ein in Lumpen gehüllter Hirte, mit seinen rostigen Pistolen im schmutzigen Lcndengurt, an einer Ecke, — der erstere ist das vollendete Bild eines aalglatten, sich überall durchwindenden Gauners, der letztere das eines Räubers. Aus dem Basar ertönt das Geschrei eines Verkäufers, in den Straßen bieten barfüßige Malteser dem Fremden zudringlich ihre Dienste an und ähneln den vielen Jedermann ankläffenden herrenlosen Hunden, welche bei Nacht ebenfalls in den Straßen herumlaufen. In den Kaffehäuscrn sieht man bereits die brennende Wasserpfeife der Türken, nur herrscht in dem engen Raume nicht die Ruhe eines orientalischen Kaffchauses. Mehrere junge Leute tanzen nach der Musik einer Guitarre oder Einer von ihnen singt dazu. Der Himmel bewahre aber jeden Fremden, Das mit anhören zu müssen! Griechischer Gesang ist für das Ohr eines vernünftigen Menschen etwas Entsetzliches, er ist eine wahre Verhöhnung aller Musik. Erst nach Mitternacht wird es in den Straßen ruhig. Dann findet man viele der Armen mitten in dem Wege liegen, wo sie schlafen, und muß sich in Acht nehmen, keinen von ihnen zu treten oder zu stoßen. Die heutigen Griechen, welche ich später in Egypten noch genauer kennen lernte, ähneln in ihren Sitten noch sehr ihren Vorfahren, haben aber leider mehr deren Laster beibehalten, als deren Tugenden. Vor allen anderen Eigenschaften machen sich bei ihnen Eitelkeit und Habsucht bemerklich; ich behaupte geradezu, daß diese der Hauptbcweggrund zu vielen lasterhaften Handlungen sind. Es ist traurig, aber wahr, daß man sich den heutigen Griechen kaum als tugendhaften Menschen denken kann. Er läßt die Fluren seines Vaterlandes unbebaut und wandert als Kaufmann auS, um schneller reich zu werden, oder wird Räuber und Mörder, um Geld zu bekommen. Der Grieche ist fleißig, aber nur um seiner Hab- 17 gier und Eitelkeit fröhncn zu können, List und Betrug, Diebstahl und Mord sind bei ihm mit Fleiß identisch. Derselbe Kaufmann, dem es bei seinem Handel nicht nach Wunsch ging, tritt vielleicht später als gefürchtcter Räuber auf, und das lateinische Sprüch- wort: „Oraooa ücles, null» ückos" findet heute noch seine volle Anwendung. Wir verließen Athen am 2ö. Juli und kehrten nach Syra zurück. Hier schifften wir uns am folgenden Tage am Bord der „Imporatrros" ein und verließen Abends den Hafen, um Egypten zuzusteuern. Nach einer sehr glücklichen Fahrt waren wir schon am 29. Juli der afrikanischen Küste so nahe gekommen, daß wir noch denselben Tag im Hafen Alerandricns Anker zu werfen hoffen durften. Die Matrosen des Schiffes, mit denen ich fleißig verkehrte, machten mich Nachmittags auf das auftauchende Land aufmerksam. Bekanntlich ist die cgyptischc Küste sehr flach und hat nirgends hervorragende Punkte. Sie zeigte sich uns zuerst als ein langer, schmaler, fahlgelber Streifen, trat aber immer deutlicher hervor. Nach Verlauf einer Stunde von ihrem ersten Erscheinen an konnten wir mittelst der Fernrohre bereits mehrere hervorstechende Orte unterscheiden. Unser Schiff eilte mit einer durch günstigen Wind sehr beschleunigten Schnelligkeit dem Lande zu. Die Umrisse des vor uns ausgebreiteten Bildes zeichneten sich schärfer ab. Gerade vor uns zeigten sich viele Windmühlen, welche wir im Anfange für einen Wald gehalten hatten, rechts lag ziemlich nahe der ,,Thurm der Araber," links eine im Lichte der Sonne blendend weiß erscheinende Häusermasse mit schlanken Minarets und Thürmen: Alexanderen. Das Lootsenboot brachte uns einen des gefährlichen Weges kundigen Steuermann an Bord, der alsbald seine Instruktionen ertheilte. Er war der erste Sohn des vor uns liegenden Landes, den wir zu sehen bekamen, sprach ziemlich fertig Italienisch und schien sein Geschäft zu verstehen. Mit sicherer Hand führte er das nur von halber Dampfkraft bewegte Boot durch den gefürchteten Hafeneingang hindurch, an den Bädern der Kleopatra und mehreren Forts vorüber und dem innern Hafen zu. 18 Hier warfen wir neben einem mächtigen Kriegsschiffe der egypti- schen Flotte Anker. Wie soll ich die Gefühle beschreiben, welche jetzt in uns rege wurden! Staunen und Neugier, Verwunderung und Freude vermischten sich. Die riesigen Werke des Vizeköm'gs, die fremdartige Stadt und das fremde Volk in den Barken beanspruchten wechselseitig unser Interesse. Wir ließen unsere Blicke von einem Ort zum andern schweifen, immer aber kehrten sie unwillkürlich zu einem vor uns liegenden, von der Säule des Pompejus überragten Palmenwalde zurück. Palmen, und Palmen in Wäldern, das Schauspiel ist zu neu, als daß wir es nicht bewundern sollten. Jetzt wurde uns klar: ,,Das Märchenland der tausend und einen Macht liegt vor uns." Die ersten Tage in Cgypten. „Diese auf der Ueberfahrt wenig vorbereitete Uebersetzuug von Europa in Afrika; diese plötzlich meinen inneren und äußeren Sinnen vorgezauberte neue Welt, mit ihren ganz neuen Lebensarten und Erscheinungen, für die ich gleichwohl die alten fünf Sinne behielt; das war es eben, was mich die ersten Stunden in den Straßen von Alexandrien wie ein Wachträumen umfangen hat." Goltz, Ein Kleinstädter in Egypten. Schon wenige Minuten nach unserer Ankunft umschwärmte eine Unzahl kleiner Barken das Dampfboot. Ihre Führer forderten die Reisenden in drei bis vier Sprachen auf, eine derselben zu besteigen und zu landen. Noch fehlte uns aber die Erlaubniß der Hafen- und Gcsundheitspolizci hierzu. Die ersehnte Barke mit der gelben Quarantäncflagge erschien und legte dicht an unserem Schiffe an. Statt der gehofften „krä-tiea" ertheilte der befehligende Offizier der Quarantänemannschast den strengsten Befehl, auf dem Schiffe zu verweilen, weil er es in Quarantäne erklären müsse. Erst der folgende Tag löste das Räthsel. Ein anderes Dampfboot des österreichischen Lloyd hatte sich vor wenig Tagen ein Versehen gegen die Verordnungen der Gesundhcitspolizei zu Schulden kommen lassen, welches wir jetzt büßen mußten. Grollend und mißmuthig ergaben wir uns in unser Schicksalich brauche nicht zu schildern, mit welcher Sehnsucht wir nach dem nahen Lande hinüberblickten. Die Zeit schlich bleiern dahin, obgleich die Schiffsgesellschaft manches Mittel, sie zu kürzen, anwandte. Wir beschäftigten uns eine Zeit lang mit dem Herabschießen der zahlreich uns umschwärmenden Möven. Die Hitze des Juli Egyptens wurde uns fast unerträglich; die Gefahren des fremden Klimas nicht kennend, versuchte ich mir Erleichterung zu 2 " 20 verschaffen und ging mit bloßem Kopfe auf dem Verdeck herum. Schon nach wenig Minuten fühlte ich mich bestraft; heftige, sich mehr und mehr steigernde Kopfschmerzen waren die Vorboten einer mir damals kaum dem Namen nach bekannten, gefeuchteten Krankheit, des Sonnenstichs. Egyptcn bot mir einen bösen Willkomm, Erst vierundzwanzig Stunden nach unserer Ankunft war es dein k. k. österreichischen Generalkonsul gelungen, uns Pratika auszuwirken. Nachdem wir uns mühsam eine Barke verschafft hatten, — nicht, weil deren zu wenig, sondern weil ihrer zu viele waren und die verschiedenen Barkajuoli sich erst um uns gebalgt hatten — ruderten wir dem Lande zu. Hier wurden wir von einer schreienden und schimpfenden, uns ihre Thiere anpreisenden und ihre Genossen verhöhnenden Rotte von Eseltreibern ebenso in Empfang genommen, mit oder ohne unseren Willen auf Esel gesetzt und der Stadt zugeführt. Auch ich war die ersten Stunden in Alcrandrien wie ,,von einem Wachträumen umfangen," aber doch war der erste Eindruck der Hafenstadt auf mich für sie kein günstiger. Es ist für den in Egypten Neuangekommenen ein höchst ergötzliches und fesselndes Schauspiel, durch die wogenden, belebten Basare des arabischen Viertels zu reiten; es bedarf geraumer Zeit, um alle Eindrücke des fremden Bildes festzuhalten, um sich an das nur aus Erzählungen bekannte orientalische Treiben zu gewöhnen; aber die Frische der poetischen Anschauung der ersten arabischen Stadt erbleicht, wenn sich die altbekannten europäischen Gestalten dem Auge aufzwängen. In.der Muhski, d. h. den nur von Europäern bewohnten Straßen Alerandriens, haben diese bereits das arabische Gepräge vollständig verdrängt. Ohne Alcrandrien das Gute und Schöne einer europäischen Stadt zu ertheilen, hat die halbreife fränkische Civilisation oder, wenn ich so sagen darf, die Europäisirung der Stadt ihren orientalischen Charakter und damit ihren Reiz genommen. Und das empfindet der Fremde sogleich; Alerandrien wird ihm bald fade und langweilig. Unsere trefflichen Eseltreiber brachten uns in Bälde nach dem am großen Platze oder der Esbekie liegenden europäischen Gast- 2t Hofe. Meine Kopfschmerzen waren so heftig geworden, daß wir einen Arzt um Rath fragen mußten. Dieser, ein liebenswürdiger Landsmann von uns, ließ mich, nachdem er einen Aderlaß und Arznei verordnet hatte, baldige Genesung hoffen. In der That wurde mir nach der Blutentziehung wohlcr. Der Baron hatte, um seine Reise so bald als möglich fortsetzen zu können, mit einem Engländer und dessen Frau (oder wie sich später herausstellte Maitresse) noch am Tage unserer Ankunft eine der Segelbarken des Nil zur Reise nach Kairo gemiethet. Man schilderte uns die ,,D ah ab're" *) als ebenso bequem und wohnlich wie unser Gasthaus, weshalb ich mich, trotz meines Kopfschmerzes, zur Weiterreise bereit erklärte. Die nöthigen Vorbereitungen und Einkäufe wurden gemacht, die Gesellschaft miethete sich einen Dragoman Namens MLHLmmed, welcher zugleich Koch und Bedienter sein sollte, und bestellte die Esel zum Ritt an den Alerandrien mit dem Nil verbindenden Kanal. Wir brachen am 31. Juli Abends vom Gasthofe auf, verließen Alerandrien durch das „Lalld st sclmrklli" oder das östliche Thor und ritten bei einbrechender Nacht an der kolossalen Säule des Pompejus vorüber und dem Kanale Mäh muh die zu. Durch eine Akazienallee hindurchreitcnd kamen wir in ein elendes, nach dem Landhause eines türkischen Großen Mohar- rem-Bc'i genanntes Dorf am rechten Ufer der Mahmuhd'ie, wo unsere Barke liegen sollte. Die Nacht war aber so rasch hereingebrochen, daß wir sie nicht mehr auffinden konnten und zuletzt beschlossen , die Gastfreundschaft der Landbewohner in Anspruch zu nehmen. Mahammed führte uns in eins der größeren Häuser. Ein Diener empfing und geleitete uns in das Empfangszimmer des Hausherrn. Dieser nahm uns, nachdem er unseren Wunsch durch Mahammed's beredten Mund erfahren hatte, sehr freundlich auf, bewirthete uns mit würzigem Kasse, übersüßen Weintrauben und köstlichem Tabak und ließ uns nach einigen Stunden gute und reinliche Lager aufschlagen. Wir verbrachten in dem kühlen ) Zu deutsch „die Goldene," Name dieser Barken. 22 Schlafzimmer sehr angenehm die Nacht, erhielten am folgenden Morgen Dasselbe, was wir gestern genossen hatten, und verließen dankend den liebenswürdigen Wirth des gastlichen Hauses. Das Schifflcin wurde nun bald aufgefunden, mit unserem wenigen Gepäck beladen und sofort in Gang gebracht; ein günstiger Wind trieb uns rasch dem Nil entgegen. Um Mittag begegnete uns ein.von raschen Pferden geschleiftes Boot des Vizekönigs; sonst sahen wir den ganzen Tag über weiter Nichts als Himmel, Lust, Wasser, Schlamm, Schiffe und mehr oder weniger nackte Menschen; der Kanal bietet wenig Abwechselung. Gegen Abend erreichten wir „U'umin ei malunudckieden Mund des Kanals, und die ihn mit dem Nil verbindenden Schleußenthvre von Adfeh. Wir stiegen an's Land, gingen zu Fuß durch das Hafendorf und standen am Nil. Vor uns lag das jetzt zum tiefsten Stande herabgesunkene Silberband des heiligen Stromes, eingefaßt von blühenden Ufern. An dem uns gegenüberliegenden Ufer liegt Fuah, ein kleines Städtchen. Es ist ein ächt orientalisches Bild. Das dunkle Grün des Delta, die fruchtbeschwertcn Palmen mit den im Winde wogenden Kronen, die mächtigen, blätterreichen Sykomoren und der heilige Strom geben den Rahmen zu einer weißen, malerisch grup- pirten Häusermasse mit sarazenischen Erkcrgittern, überragt von schlanken, mit mehreren Gallerieen umgürteten Minarets. Wir standen und waren tief ergriffen von der unendlichen Schönheit des von der Abendsonne vergoldeten Panoramas. Unsere Blicke schweiften über die Wasserspiegel des Stromes dahin, seine Geschichte, die Geschichte von Jahrtausenden sprach uns an und führte unsre Gedanken mit sich fort in das Vergangene, aber Luft und Sonne, Strom und Palmen brachten uns zu uns selbst und zu erneutem Genuß des AnschauenS zurück. Man muß noch neu im Lande sein, um all' den Zauber einer solchen Landschaft zu verstehen; man darf noch nicht Tage lang in Palmcnhaincn hingerittcn sein, um die Schönheit des Königs der Bäume zu würdigen — denn auch das Herrlichste verliert durch die Gewohnheit an Reiz. Obgleich unser Barkenführer und Schiffskapitän, arabisch ,,Re'ts" genannt, die Reise mit orientalischem Phlegma fortzusetzen gedachte, wurde er doch, durch energische, keinem Zweifel Raum gebende Vorstellungen von unserem Wunsche, schnell zu reisen, in Kenntniß gesetzt, bald bewogen, noch heute Nacht weiter zu gehen. Erst nach Mitternacht fuhr er bei erschlaffendem Winde dem Lande zu, um in der Nähe eines kleinen Dorfes zu übernachten. Am andern Morgen zeigte sich der Nil als belebte Straße handeltreibender Menschen und leichtbeschwingter Vogel. Wir begegneten vielen Schiffen und sahen mit Vergnügen das bunte Treiben der geflügelten Schaaren seiner Bewohner. Mächtige Pele- kane fischten ungestört durch die vorbeisegelnden Schiffe mitten im Strome; noch zutraulicher waren die niedlichen schneeweißen kleinen Kuhreiher (^.rckeccka lmbulea); sie liefen zu Dutzenden in den Feldern herum und setzten sich auf die Rücken der Wasserbüffel, um ihnen die Insekten abzulesen. Leider war ich nicht fähig, alles Neue, welches uns die Nilfahrt bot, mit Lust und Vergnügen anzuschauen. Meine Krankheit hatte während unserer Reise sehr an Heftigkeit zugenommen. ES ist mir unmöglich, eine Beschreibung derselben zu geben; ich weiß nur, daß ich fürchterliche Kopfschmerzen, scheinbar so recht im Innern des Gehirns verspürte und wenn diese gar zu heftig wurden, durch lange anhaltendes Delirium und Besinnungslosigkeit in einen um deshalb besseren Zustand versetzt wurde, weil ich dann meine Schmerzen nicht mehr fühlte. Nur meine kräftige Körperkonstitution ließ mich die Krankheit, an welcher viele Europäer und selbst Eingeborne sterben, überleben. Die kurze Reise nach Kairo sollte nicht ohne Abenteuer endigen. Am 3. August (1847) war unser Steuermann so unvorsichtig, das mit vollen Segeln den Strom Hinaufbrausende Schiff aus ein anderes laufen zu lassen, dem dadurch das Steuer zertrümmert wurde. Es war zum Unglück noch mit einer zahlreichen Menge von Weibern beladen und diese erhoben nach dem Zusammenstoß ein so lautes, gellendes und durchdringendes Gebrüll, daß wir erschreckt aus unserer Kajüte heraustraten. Da sahen wir, daß sich vom Bord des andern Schiffes aus vier nackte Matrosen 24 in's Wasser stürzten, aus unser Schiff zuschwammen und an demselben emporklimmten. Einer der ungebetenen Gäste bemächtigte sich des Steuers und dirigirtc jetzt unser Schiff, die anderen ge- riethcn mit unserer Schiffsmannschaft in heftigen Streit und erhoben dabei ein furchtbares Geschrei. Der ganze Hergang war uns vollkommen unverständlich, aber weil wir fürchteten, daß diese, scheinbar in entsetzlicher Wuth auf unserem Schiffe herumtobenden Männer uns angreifen könnten, bewaffneten wir uns mit Säbel und Pistolen und stellten uns drohend vor den Eingang der Kajüte. Das ersah der Rc'r's als ein Mittel zur Befreiung der Eindringlinge und bat uns durch den Dollmctschcr, ihm gegen ,,die Räuber und Mörder" bcizustehen. Jetzt verwandelten wir unsere bisher passive Stellung sogleich in eine offensive. Der Baron stürzte sich auf den nackten Steuermann und hieb ihn mit seinem, in Wien erst scharfgeschliffcnen Säbel dermaßen über den Kopf, daß er lautlos kopfüber in den Strom fiel und sich dort kaum über dem Wasser erhalten konnte. Ich ging mit bloßem Hirschfänger direkt auf die klebrigen los und trieb sie durch scharfe Hiebe in die Flucht; unser.Reisegefährte, der Engländer, griff erst zu den Waffen, nachdem er von seiner Maitresse, einer muthigen Französin, durch schallende Ohrfeigen dazu aufgefordert worden war. Meine drei Gegner warteten seine Ankunft auf dem Kampfplätze aber nicht ab, sondern stürzten sich sogleich nach dem Fall ihres verwundeten Gefährte!: in den Nil, um diesem zu Hülse zu eilen. Alle vier erreichten auch glücklich das eine User deS Stromes und kehrten nach ihrer ebenfalls dort gelandeten Barke zurück. Auf dieser erhob sich ein Heidenlärm. Ein ganzer Haufe von Männern bewaffnete sich mit Knütteln und verfolgte, längs des Ufers hinlaufend, unser Schiff mit Wuthgeschrci und Rache drohend. Alan hätte sie für Nordamerikanische Wilde hallen können. Sie waren ganz nackt, der glattgeschorcne Kopf zeigte nur die Skalpirlocke am Scheitel, ihre Farbe war so dunkel, daß sie der der Rothhäutc wohl ziemlich ähnlich sein konnte. Wir luden unsere Gewehre mit Kugeln, holten die Büchsen herbei und bereiteten uns ernstlich zu einem etwaigen zweiten Angriff vor. Wirklich 25 schienen sie diesen zu beabsichtigen. Nach einiger Zeit bemächtigten sie sich einer kleinen Barke und steuerten zu uns herüber. Allein die ernstliche, ihnen durch den Dollmetscher zugerufene Drohung, daß wir sie niederschießen würden, wenn sie noch naher kämen, hielt sie zurück; sie ließen von ihrer Verfolgung ab und kehrten auf ihr Schiff zurück. Nur unsere gänzliche Unkenntniß des Landes und seiner Bewohner konnte unser Verfahren entschuldigen. Zwei Jahre später würde ich jene Matrosen mit der Peitsche und nicht mit vem Säbel verjagt haben. Die armen, von uns so sehr verkannten Burschen hatten keineswegs die Absicht gehabt, uns anzugreifen, sondern wollten sich von unserem Kapitän nur die Entschädigung für das ihnen zerbrochene Steuer zahlen lassen. Daß die Leute bei dieser Expedition aus vollem Halse schrieen und anderweitigen Lärmen zu verursachen bemüht waren, hätte einen mit ihren Sitten Vertrauten nicht beunruhigt, weil er gewußt haben würde, daß die Araber bei jeder Gelegenheit schreien und lärmen, aber es war uns ebensowenig zu verargen, daß wir nach den falschen Vorspiegelungen des Reis auf unserer Hut waren. Die Schändlichkeit des Letzteren hätte leicht einige Menschenleben kosten und uns große Unannehmlichkeiten zuziehen können. Bei diesem Handgemenge war der Hut des Barons vom Winde entführt worden und auch er trug in wenigen Minuten einen Sonnenstich davon, welcher schon am nächsten Morgen Delirium herbeiführte. Ich wußte nicht, was ich thun sollte und legte zuletzt dem in der Fieberhitze Glühenden ohne Unterbrechung nasse Umschläge auf den Kopf, obgleich ich selbst so krank war, daß ich mich kaum aufrecht erhalten konnte. Erst in der Fremde und auf Reisen sieht man ein, wie nothwendig ein Mensch den andern braucht. Wir waren Beide krank und genöthigt, uns gegenseitig zu pflegen; der Baron mußte sich selbst eine Ader öffnen. In sehr gedrückter Stimmung sahen wir am 5. August die Zeugen längst vergangener Größe am Horizonte aufsteigen. Ueber das flache Land ragten die Pyramiden empor ,,und jene ewigen Bauwunder zeichneten ihre kolossalen Dreiecke in den klaren Akther 26 zum Zeichen, daß es in allem Wandel und Fluß der irdischen Dinge und Zeiten doch schon hinieden ein Festes und Unwandelbares geben darf und soll*)." Wir waren von diesem Schauspiele, von ungefähr denselben Gedanken tief ergriffen. Das dem Knaben durch sein Bilderbuch, dem Schüler durch seine Lehrer Altbekannte lag hier als früher nur geahntes Original vor uns. Mir war, als ob ich träumte. Hundert Male habe ich die Pyramiden später gesehen, viele Male vor ihnen gestanden, niemals ihre Größe erfassen können, aber sie haben den hocherhebcnden Eindruck, den sie in mir vom ersten Sichtbarwerden zurückließen, nie wieder auf mich gemacht. Und der wird in mir fest und unwandelbar bleiben, wie jene hehren Denksteine eines großen altberühmten Volks. Jener Autor hat wahr gesprochen, wenn er sagt, daß es auch schon hienieden etwas Festes und Unwandelbares geben darf. Wir befanden uns jetzt im „Latin el llallllr"**') und erreichten nach kurzer Fahrt den eingetheilten Nil. Südöstlich stiegen die schlanken Minarets auf der Citadelle der Maheruhseth ***) am Horizonte auf. Reizende Landhäuser zu beiden Seiten des Flusses kündeten die Nähe der Hauptstadt. Um zehn Uhr Vormittags landeten wir in Bulakh, dem belebten Hafen Kairo's. Mahammed besorgte Esel, auf denen wir langsam, uns nur mit Mühe aufrecht erhaltend, durch die Straßen der Hafenstadt ritten. Dann gelangten wir in eine schattige Platancnallce, welche uns mit den vielen Kairo umgebenden Gärten den Anblick der herrlichen, im ganzen Oriente gepriesenen „sslnssr ei llllulllru" ****) noch ver- *) Goltz, Ein Kleinstädter in Egypten. **) Oft, aber mit Unrecht „Latin ei dslrker" (Bauch der Kuh) genannt. Latin ei bslilir heißt wörtlich Bauch des Flusses, weil dieser sich hier in die beiden Arme von Dam iaht und Re schied theilt und sich nach beiden Seiten ausbaucht. ***) slnkernlisetll oder Alälwrüllsä ist ein Beinamen Kairo's und bedeutet „die von Allah Beschützte," von liSrrLs», schützen. ****) Llassr bedeutet Hauptstadt, wird aber fast ausschließlich nur für Kairo gebraucht; klwINes bedeutet „die Zwingende" und bezüglich „Unbe- zwungene;" von diesem Worte ist Kairo (sprich Kai-ro und nicht Ka-i-ro) abgeleitet. 27 schleiertc. Wir waren sehr froh, nach halbstündigem Ritte einen der europäischen Gasthöfe Kairo's erreicht zu haben. Unsere Körperkräfte waren so erschöpft, daß wir uns sogleich nach unserer Ankunft zu Bett begeben mußten. Man rief einen italienischen Arzt, um uns zu behandeln, und bestellte einen arabischen Lohnbedientcn zu unserer Pflege. Bis zum elften August lagen wir fest darnieder. Die Kopfschmerzen wurden oft so heftig, daß wir von einer Ohnmacht in die andere fielen. Ich erinnere mich nur weniger Tage, an denen wir volles Bewußtsein hatten und mit einander sprechen konnten. Ein solcher war der siebente August. Wir lagen matt und kraftlos auf unseren Betten und klagten über die entsetzliche Schwüle der Luft. Plötzlich vernahmen wir ein donnerähnlicheS Rollen, Geschrei und Wehklagen auf der Straße, Gebrüll von Thieren und eiliges Laufen auf den Korridors; unsere Bcttgestelle schwankten, die Thüren des Zimmers flogen auf und zu, klirrende Fensterscheiben, zerbrechende Gläser stürzten zum Fußboden herab, an einzelnen Stellen des Zimmers löste sich der Mörtel von den Wänden und fiel polternd im Zimmer nieder, — wir wußten uns die Erschütterung nicht zu deuten. Ein neuer, stärkerer Stoß folgte dem ersten, wir hörten das Einstürzen von Mauern in unserer Nähe und fühlten, wie unser Haus in seinen Grundfesten schwankte. Da wurde uns das Phänomen entsetzlich klar: ein Erdbeben erschütterte die Hauptstadt. Und ohne Hülfe lagen wir, krank und elend, allein in unseren Betten, kaum fähig, uns zu bewegen, nicht im Stande, gleich den anderen Reisenden hinaus in's Freie zu flüchten ; unsere Lage war eine gräßliche. Die Naturerscheinung währte kaum eine Minute, uns wurde diese Zeit zu einer Ewigkeit. Ich erinnere mich noch heute sehr wohl der schauderhaften Vorstellung unseres geängsteten Geistes; das Einstürzen des Hauses fürchtend, betrachteten wir mit Todesangst die zersprungenen Mauern und ergaben uns mit verzweifelter Resignation in das bevorstehende Schicksal. Aber unser von Europäern erbautes Haus hielt die starke Erschütterung aus; nach wenigen Minuten verkündigte uns der herbeieilende Diener unsere Rettung. Das Erdbeben begrub in 28 unserer Nähe siebzehn Menschen unter den Trümmern ihrer Wohnungen. Am achtzehnten Tage meiner Krankheit konnte ich den ersten Ausgang machen. Noch war ich sehr entkräftet, weiß aber noch heute nicht, ob mehr durch die Krankheit selbst oder durch die Behandlung des Quacksalbers, welcher uns in der Kur hatte. Er hatte mir während der kurzen Zeit meines Krankseins durch drei Aderlässe und vierundsechzig Blutegel so viel Blut entzogen, daß ich meine Schwäche billig auf Rechnung einer so infernalischen Heilmethode schieben kann. Um mich gründlich zu kurircn, ließ er mir durch einen arabischen Barbier noch Senfpflaster auf die Waden legen. Dieser vergaß, sie zu rechter Zeit abzunehmen und dachte erst nach zwölf Stunden an den seiner Pflege Uebergebenen. Ich habe von da an ein für alle Mal an italienischer Unwissenheit, Gewissenlosigkeit und Quacksalberei genug gehabt. Mit steigenden Kräften wuchs uns auch Lebensmuth und Lebenslust wieder. Wir ritten, um uns gleich mit einem Male so recht in's dichteste Gewühl der „Unvergleichlichen" zu stürzen, durch die belebtesten, volkreichsten Straßen der Hauptstadt nach der Citadelle. Ich war in einer andern Welt; ich wußte nicht, ob ich „meiner alten fünf Sinne" noch mächtig war; ich war ein Trunkener, ein von Haschiesch*) Berauschter, der in seinem Träumen wirre, bunte, fremde Bilder sieht, ohne sich von ihnen einen klaren Begriff machen zu können. Luft, Himmel, Sonne, Wärme, Mensch und Thier, Minaret und Kuppel, Moschee und Haus — Alles, Alles war mir neu. Gerade diese Momente sind es, welche sich zu dem wunderbaren Ganzen vereinigen. Solch ein Gewimmel, solch Geschrei, solch ein Sich-Durcheinander-Drängen war mir nicht einmal im Traume vorgekommen. Ein ewig sich neu verschlingender, unaufhörlich sich auflösender und wieder bildender Knäuel wogt durch die Straßen. Da sieht man Fußgänger und Reiter zu Esel und zu Roß oder hoch oben auf dem Rücken eines *) Ein narkotisches Ertract aus Hanfsamen, mit einer dem Opium fast gleichen Wirkung. 29 Kameelcs; halb nackte Fellahhihn nnd beturbante Kaufleute, zerlumpte Soldaten und von Goldstickerei überladene Offiziere, Europäer, Türken, Griechen, Beduinen, Perser und Neger, Handelsleute aus Indien, aus Dahr-Fuhr, Syrien und vom Kaukasus; dicht verschleierte, in schwarzen Seidentaffet versteckte orientalische Damen und Fcllahsweiber im einfachen blauen Hemde, mit lang herabwallendem Gesichtsschleier; Kameele mit ihren riesigen Lasten, Maulthiere mit Waaren beladen, Esel vor kreischende Karren gespannt, Droschken mit prächtigem Geschirr und kostbaren Pferden, davor einen in vollem Laufe dahinrennenden, mit mächtiger Peitsche knallenden Sklaven, reich gekleidete, vornehme Türken auf noch reicher gesattelten edlen Rossen, in Begleitung des unerläßlichen Stallknechtes mit dein rothen Tuch, — dem Zeichen seines Amtes — auf der Schulter; mit Wassergcfäßen klingelnde Wasserträger, einen großen, langbehaartcn Schlauch oder einen kaum weniger haltenden Thonkrug auf dem Rücken, blinde Bettler, hcruin- wandernde Zuckerbäcker, Fruchthändler, Bäcker, Zuckerrohrvcrkäuser u. s. w. Das ist ein Lärmen, in dem man sein eigenes Wort nicht hören, das ist ein Gedränge, durch welches man sich nicht hindurch winden kann. „Oaa zu silieli, taellsrnk, rrclPnIr, je- mitrimk, llgginb-tk, selrirmlalr, ralisnk, oaa ei clgsminsl, el ba- rlielo, ol luiiimdr, ei llossnlw, orm rvlscliuk svockgalr,) ona, ga sadtir, tastukr ja sibcki!"*) tönt es ununterbrochen. Jeder Augenblick bringt Neues, jeder macht das vor wenig Sekunden Gesehene veralten. Denkt man sich hierzu die kühlen, krummen, heimlichen, nach oben zu immer enger werdenden, oft geradezu überdachten nnd deshalb dunklen Gassen mit den von kunstvollem Schnitzwerk über- kleidetcn Häusern, im Gegensatz zu den zum Himmel strebenden, von der Kraft der egyptischcn Sonne beleuchteten Minarets und einer hier und da zwischen den Häusern emporwuchernden Palme, *) Zu Deutsch: Sieh Dich vor, Herr! Dein Rücken, Dein Fuß, Deine rechte Seite, neben Dir, Deine linke Seite, Dein Kopf (ist gefährdet), sieh Dich vor, ein Kameel, ein Maulthier, ein Esel, ein Pferd, nimm Dein Gesicht in Acht, sieh Dich vor; o DuBcwahrer fGottj (hilf!), behüte Dich, Herr! 30 denkt man sich hierzu den Zauber des durch die Luken der Straßen- bedachung herabschimmernden ewig blauen Himmels, den Genuß der reinen, köstlichen Lust — so hat man ein schwaches Bild einer der Hauptstraßen Kairo's, aber nicht das eines Basars, denn dort herrscht wieder ein ganz anderes Leben. Wir konnten uns nicht satt sehen an den wechselvollen Bildern ; der Geist ermüdete von allem Schauen. Da hielten wir vor hochgewölbtem Portale, stiegen von unseren Reitthieren und traten in die Moschee des Sultahn Hassan. Der Friede Gottes umwehte uns; die Stille der Moschee kontrastirtc so lebhaft mit dem übersprudelnden Leben der Straße, daß wir wohl fühlen mußten, wir waren in das Haus Gottes eingetreten. Man zog uns Schuhe an, wir schritten in's Innere. Der Marmorboden ist mit Matten und Teppichen bedeckt, von den Kuppeln hängen unzählige Lampen an starken Messingketten herab. Jeder Vorsprung ist mit künstlichen Arabesken bedeckt, die kühnste Phantasie zeichnete die hochgcwölbten Kuppeln, die weit geschwungenen Bogen und die Säulen vor. ,,Von Allem, was einer christlichen Kirche zu gleichem Zwecke zu Gebote steht, Gemälde, Heiligenbilder, glänzender Altarschmuck, Musik, Weihrauch, Blumen — hat die Moschee Nichts! — sie muß den Stein geschmeidig machen, — und sie thut es!" Die Wände sind mit Schriftzeichen bedeckt, Khorahnstellen schmücken die einfache Kanzel. Keine Gallerie, keine Empore hemmt den Schwung der Bogen und Pfeiler, kein Betstuhl verengt das Schiff des Gotteshauses. Der große Raum ist ein Raum, Kuppel, Pfeiler, Arabesken und Marmormosaik sind Eins. Auf den Strohmatten lagen die Gläubigen im Gebet. Andere lasen mit andächtigen Beugungen des Hauptes im Khorahn. Man zeigte uns das Grab des Erbauers und eine in die Wand eingemauerte, gegen drei Fuß im Durchmesser haltende Scheibe, ein Andenken an die goldenen Zeiten der Regierung des Erbauers, weil damals ein Brod von dieser Größe nur einen Para oder Heller kostete. Im Hofe der Moschee sahen wir ein von Palmen 31 umstandenes Bassin, an welchem die Gläubigen die ihnen vom Gesetze vorgeschriebenen Waschungen verrichten. Von hier aus ritten wir nach der Citadelle. Der Weg zu ihr geht in einem großen Bogen ziemlich steil an dem Abhänge des Mokhadam, auf dem sie liegt, hinan. Wir gelangten durch drei Thore in die inneren, von französischen Ingenieuren erbauten Festungswerke. Man zeigte uns den berühmten Joscphsbrunncn und die Stelle, von welcher bei der allgemeinen Niedermetzelung der Mameluken — am 1. März 1811 — einer der edelsten Führer jener Kricgerschaar, hart bedrängt, mit seinem arabischen Rosse mehr als sechzig Fuß tief über die Mauern hinabsetzte. Der Sprung richtete das Thier zu Grunde, rettete aber den Reiter; Mahamined- Aali begnadigte den „kühnen Springer" und schenkte ihm eine kleine Pension. Er lebte als letzter der Mameluken noch lange in Kairo. Von einer der Batterieen genossen wir einen entzückenden Ueber- blick Kairo's und seiner Umgebung; wohl das schönste Panorama Egyptens lag vor uns. Es liegt etwas Zaubervolles in der südlichen Beleuchtung; das Auge vermag den ganzen Reiz einer in ihr liegenden Landschaft gar nicht zu erfassen. Unter 'uns breitete sich das märchenhafte Kairo aus, die Stadt mit ihren mehr als dreimalhundcrttausend Einwohnern, mit tausend Kuppeln, Minarets und Moscheen, mit Vorstädten, von denen jede an und für sich eine beträchtliche Stadt bildet, umgeben von einer in der Fülle des Pharaonenlandes schwelgenden, von einem Strome ersten Ranges durchzogenen Landschaft; in nächster Nähe sahen wir die Wächter des verderbenden Flugsandes der Wüste, eins der Wunder der Welt, die Pyramiden; den Horizont nahm die Wüste ein, jener einförmige, fahlgelbe, scheinbar unendliche, unermeßliche Streifen, in dem sich das Auge verliert: das war das Bild, welches sich unseren trunkenen Blicken entrollte. Der Abend lag auf der paradiesischen Gegend, der Nil floß golden, so weit man ihn verfolgen konnte, durch die lachenden Fluren dahin, ein sanfter Westwind bewegte die Kronen der Palmen. Wir standen sprachlos, staunend vor dem erhabenen Anblicke. Wie ferner Donner schallte 32 das Getös der tief unten wogenden Menge zu uns hinauf; da — es ist die Zeit des Abendgebetes, denn die Sonne taucht in das ewige Sandmeer— ertönt hoch über uns vom schlanken Minaret der Moschee herab der sonore Gesang des Mueddihn, des Ver- kündigers des Glaubens, er ruft sein „Hai aal el sallali!" zu der Menge hernieder; der fromme Mahammcdaner eilt zum Gebet und der Christ muß es fühlen, daß auch ihm die Mahnung des Sängers zum Herzen drängt: ,,Ja, rüste Dich zum Gebet!" Während unseres Aufenthaltes in Egypten hatten wir erfahren, daß in Kurzem eine Mission katholischer Geistlicher nach dein Innern Afrika's abgehen würde. Es war uns von Interesse, die kühnen Vcrkündiger des Evangeliums kennen zu lernen. Ein Empfehlungsbrief vom Generalkonsul von Laurin verschaffte uns bei ihnen Zutritt. Die wcitausgreifenden Pläne der Geistlichen erregten unsere Reiselust in so hohem Grade, daß der Baron die Bitte wagte, sich mit mir der Misston anschließen zu dürfen. Seine Bitte wurde ihm nicht nur gewährt, sondern die Herren waren sogar freundlich genug, uns einige Zimmer in einem großen Hause Bulahk's, das sie bewohnten, anzubieten, wovon wir dankbar Gebrauch machten. Somit war uns die Möglichkeit gegeben, mit einer Gesellschaft gebildeter, landcs- und sprachkundiger Landsleute in das Innere Afrika's dringen zu können. Charthum, die Tropenstadt der innerafrikanischen, unter Egyptcns Seeptcr gepreßten Länderstriche, erreichen zu können, war damals unser höchster Wunsch. Die Mission bestand aus fünf, von der Propaganda in Rom gesandten Geistlichen und hatte den Zweck, die Heiden des weißen Flusses zu bekehren. Ich will meiner Erzählung vorgreifen und unsere nachherigen Reisegefährten kurz zu schildern versuchen. Der Chef der Mission war der aus dem Aufstande der Drusen und Maronitcn zur Zeit der Kriege Jbrahihm-Paschha's mit der Pforte wohlbekannte Jesuit Ryllo, ein Mann von seltnen Geistesgaben und wirklich furchtbarer Energie, aber Jesuit durch und durch. Zur Zeit unserer Bekanntschaft mit ihm litt er schon an einer sich mehr und mehr verschlimmernden Dissenterie. Die ihn behandelnden Aerzte riechen ihm, zur sicheren Genesung nur einige Wochen nach Europa zu gehen; aber der Befehl seiner Oberen lautete, so bald als möglich nach dem Inneren Asrika's aufzubrechen. Er gehorchte, verließ in der Voraussicht seines Todes Egypten und eilte seinem Ziele zu. Nach einer Reise voller Mühseligkeiten und Beschwerden erreichte er Charthum und starb dort nach kurzem Aufenthalte. Das ist der Muth, welcher katholische und vorzugsweise jesuitische Geistliche so Vortheilhaft vor manchen protestantischen Missionären auszeichnet; ich würde Nyllo bewundert haben, wäre er nicht Jesuit gewesen. Die Seele der Mission aber war der in Deutschland rühmlichst bekannte Pater Jgnaz Knoblechcr aus Laibach. Ich habe später Gelegenheit gefunden, diesen Mann bewundern zu lernen. Er war eben so liebenswürdig, als gelehrt; er war uncrmüdet in seinen Arbeiten, heiter im Umgänge mit seinen Reisegefährten, bescheiden und streng sittlich. Im Besitze von seltenen und tiefen Sprachkcnntnissen, war er gleichwohl auch in anderen Wissenschaften bewandert und hatte neben dem ihm von seinen Oberen gesteckten Ziele nur die wissenschaftliche Ausbeutung seiner großen Reisen, ohne Rücksicht auf jeden Gewinn, im Auge. Während seine Reisegefährten ihre Zeit mit nutzlosem oder herzlosem Gebetelescn verschwendeten, besorgte er nicht nur alle nöthigen Tagesarbeiten, sondern führte noch nebenbei ein wirklich ausgezeichnetes wissenschaftliches und sehr mühsames Tagebuch. Seine Ausdauer glich seinen übrigen Eigenschaften; sie war großartig. Padre Petremonte, von uns Padre Mnhsa genannt, war der dritte Geistliche der Mission. Er stand, obgleich Jesuit, geistig weit hinter den Erwähnten zurück, liebte die Jagd leidenschaftlich und war von einer unseligen Bckehrungssucht befallen. Vor Allem schien er es darauf abgesehen zu haben, mich zur alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen. Tagtäglich hielt er mir einen langen Sermon mit den sich regelmäßig wiederholenden An- fangsworten: „0 LZIio mio, la straäa. äella salute e appsrto per voi, u.s.w.", nach denen er mir die Finsterniß zu schildern ver- 3 34 suchte, in denen sich meine von den Banden des Ketzerthums umstrickte Seele befinden sollte. Trotz seiner mißglückten Versuche sind wir gute Freunde geblieben. Die übrigen Geistlichen waren der Padre Dow Angelo Vinco und der Bischof Monsignore di Maurikaster. Ersterer war ein nicht gerade sehr befähigter Mann, in dem sich sonderbare Widersprüche vereinten. Don Angelo klammerte sich, aus Furcht vor dem Ertrinken, bei jedem Windstoße ängstlich an den Mast unserer Nilbarke, blies bei jeder ihm gefährlich scheinenden Fahrt seine Gummimatratze auf, um sie als Rettungsboot bei dem befürchteten Schiffbruche zu gebrauchen, — und lebte später mehrere Jahre, unter dem 4" der nördlichen Breite, unter halbwilden Negerhorden, ohne Furcht zu kennen. Ich erfuhr später, daß ihm der König der Nuöhr seine Tochter verheirathen wollte und sich höchlichst erzürnte, als ihm Padre Vinco erklärte, daß er als katholischer Geistlicher nie gesonnen sein könne, einem so unsinnigen Gesuche zu willfahren. Unser Pater war Jesuit, aber sehr gutmüthig, rechtlich und achtbar. Ganz das Gegentheil von ihm war der fünfte Geistliche, der Bischof. Dieser war nicht eigentliches Mitglied der Mission und begleitete sie nur bis Charthum, von wo er zurückkehrte. Der Bischof befolgte das christliche Gesetz: „Ein Bischof soll unsträflich sein" keineswegs. Er nahm es z. B. mit den Gesetzen der Keuschheit nicht sehr genau, lebte nur dem Vergnügen und begnügte sich, unter den Augen des strengen Padre Ryllo tagtäglich sein Brevier zu lesen. Außerdem hatten sich der Misston noch drei weltliche Personen angeschlossen. Der Eine, Baron S. S>, früher in Batavia Aufseher einer Pflanzung, wollte im Sudahn die Kultur des Kaffes und Reises zum Vortheile der Mission versuchen, mußte aber von dort aus, seiner Trunksucht wegen, nach Egypten zurückgeschifft werden; die anderen Beiden, ein junger Malteser und ein unausstehlicher Levantiner, dienten den Geistlichen als Einkäufer, Diener und Dolmetscher. Uns mit eingerechnet, bestand also die Gesellschaft aus acht Europäern und zwei Orientalen, zu denen später noch nubische 35 Bedienten hinzukamen. Die Abreise war für das Ende des September festgestellt. Es blieb uns demnach noch Zeit genug, die Umgegend zu durchstreifen, unsere Ausrüstungen für die große Tour zu treffen und unsere Pläne auszuarbeiten. Die meiste Zeit nahmen die nöthigen Einkäufe in Anspruch. Eine Reise in's Innere Afrika's ist in jeder Hinsicht von anderen Reisen verschieden. Man geht Ländern entgegen, in denen man weder Handwerker und Künstler, noch Kaufleute und Gastwirthe findet, und muß darnach seine Einrichtungen treffen. Mit allem und jedem zu einer Haushaltung Nöthigen muß man sich versehen, vom Tische bis zur Nähnadel herab; alle Bedürfnisse müssen bedacht werden, will man später nicht empfindlichen Mangel leiden. Der Reisende muß Kleider, Papier und Schreibmaterialien, Eßwaaren, Essig, Del, Branntwein, Spiritus und Wein für mehr als Jahresfrist, Arzneien, Lanzetten und Schröpfköpfe, Aerte, Beile, Sägen, Hammer, Nagel, Gewehre und Munition, Reisebeschreibungen, Charten u. s. w. u. s. w. u.s. w. mit sich führen und hundert Dinge besitzen, welche man erst vermißt, wenn man sie entbehrt. Findet man ja noch etwas Brauchbares auf einem der Basare Oberegyptens oder Sudahns: dann sind die Preise enorm. Alle Gegenstände müssen vor der Reise sorgfältig in besonders dazu eingerichtete Kisten gepackt und in strengster Ordnung gehalten werden. Vorzüglich schwer ist es, Alles so unterzubringen, daß es wohl versorgt und gleichwohl leicht auszupacken ist, wenn es schnell gebraucht werden sollte. Bei diesen langweiligen Arbeiten gingen uns die geistlichen Herren mit Rath und That hülsreich zur Hand. Ich will die Vortheile, welche wir genossen, indem wir uns der Mission anschlössen, nicht verkennen, habe aber später einsehen gelernt, daß der Naturforscher allein oder von seinen Gefährten unabhängig reisen muß, will er der Wissenschaft dienen, wie er soll. Eine einmal verlorene Gelegenheit, schöne und werthvolle Beute zn erlangen, kommt selten wieder. Wir waren neu im Lande und hatten unter der Aegide der Mission Zeit und Gelegenheit, so viel von den Sitten und Gebräuchen der Völkerschaften, unter denen wir lebten, kennen zu lernen, als uns zum späteren selbstständigen 3 * 36 Reisen nothwendig war, wir lernten die jedem Neuling im Reisen entgegentretenden Schwierigkeiten jeder Art durch das Beispiel der Mission bekämpfen, — aber wir wurden ihrem Willen Unterthan und unselbstständig. Und das hat uns später viel geschadet. Am 24. September mietheten die geistlichen Herren eine Nilbarke zur Reise nach Assuan, der Grenzstadt Egyptens gegen Nubien, zu dem Preise von zweitausendfünfhundcrt Piastern. Sie wurde in Stand gesetzt und mit dem Gepäck beladen. Die Abreise stand bevor. Noch wenige Tage vorher erreichte uns ein unheilkündendcs Gerücht. Ryllo hatte bei dem Aufstande der Drusen und Maroniten dem mächtigen Jbrahihm durch seine das Volk begeisternden Reden mehr geschadet, als alle Häuptlinge der Bergvölker zusammgenommen. Der Pascha hatte sogar einen hohen Preis auf den Kopf des gefürchtetcn Parteigängers gesetzt und dieser, kühn genug, wagte es, nach Egypten zu kommen. Jetzt hieß es, Jbrahihm habe nicht vergessen, was er dem Jesuiten in Syrien zugeschworen; ein Beduincnschech habe Auftrag, unsere Karawane aufzuheben und dafür die Effekten als gute Beute zu behalten. Padre Ryllo solle Egypten lebend nicht wieder erreichen. Er kehrte in der That dahin nicht zurück. Die Pyramiden. Ja es ist ein Ungeheures mit diesem Bau; — er ist ein Spiegelbild der uralte» Menscheuphantasie. Von gen Himmel gethürmten Skeinmaffen zeichenreden hier zu de» Nach- gebornen, zu Menschenkindern einer machtlosen Zeit: der älteste Menschcnglaube, der adamitische Natur- und Gottes- instinkl, die ungeschwächie Thatkraft, die Hcrrschertprannei, der Tyrannenübermuth. Bogumil Goltz. Es war am 16 . September. Der Nil hatte seinen höchsten Stand erreicht, alle Kanäle waren gefüllt, die Felder übcrfluthct. Man konnte nur auf hohen Dämmen zwischen den durch sie abgetheilten Wasserflächen dahin reiten, aber die Sonne war so angenehm, blitzte so goldig wieder auf den ungeheuren Wasserspiegel, die fruchtbeladcnen Palmen wiegten ihre duftigen Kronen in einem so lieblichen Westwinde, daß es uns dennoch mächtig hinauszog in's Freie, hinüber zu den blendenden Steinmasscn, welche wir jetzt tagtäglich, aber immer nur auö der Ferne gesehen hatten. Wir wollten noch heute die Pyramiden besuchen. Einer unserer neuen Bekannten, der uns als landeskundiger Führer und angenehmer Gesellschafter lieb und werth gewordene Baron von Wrede war so gefällig, uns zu begleiten. Er half uns die nothwendigsten Einkäufe von Wein, Brod, Fleisch, Kasse, Lichtern u.s.w. machen, bestellte vier starke Esel und ritt mit unS Nachmittags drei Uhr von Bulakh aus. Der Weg führte uns zuerst nach Alt-Kairo, jetzt „Massr atieka" genannt, wohin man von Bulakh aus auf einer breiten, sich zwischen blühenden Gärten und fruchtbaren Pflanzungen dahinziehenden Hochstraße reitet. Von p 38 Alt-Kairo ließen wir uns in einer „Maäd'ie"*) mit sammt unseren Eseln nach Djieseh übersetzen. Die Thiere waren mit Ausnahme des unlenksamen Zeltträgers so an diese Art des Transpor- tes gewöhnt, daß sie ohne Verzug in die Barke setzten; der störrische Esel wurde entladen, von zwei handfesten Arabern am Kopfe und Schwänze gepackt und gewaltsam in den ,,Bauch des Schiffes" geworfen. In Djieseh kauften unsere Treiber Brod und Zwiebeln für sich und Bohnen für ihre Thiere ein. Dann führten sie uns durch viele Winkelgäßchen hindurch in's Freie. Da lagen sie ganz nahe vor uns, die großartigsten Gebäude der Welt; aber leider schien uns der Weg abgeschnitten zu sein. Die Ueberschwemmung hatte das zwischen uns und den Pyramiden liegende Land in einen See verwandelt, aus dessen Wasser hier und da ein Dorf oder ein hochgelegener Weg hervorsah. Wir mußten, von einem Dorfe zum andern reitend, wohl das Dreifache des gewöhnlichen Weges zurücklegen, ehe wir die Wüste betreten konnten. Das Wasser war belebt von unzählbaren Möven und Enten- ? fchaaren; einzelne Pelekane fischten gemeinsam in den tieferen Stellen, Reiher und Störche entflohen schon aus großer Entfernung vor den herannahenden Menschen. Erst lange nach Sonnenuntergang kamen wir am Fuße der Pyramiden an. Das blasse Mondlicht spiegelte sie uns noch einmal so groß vor, als sie wirklich sind. Wir schlugen unser Zelt im Sande der Wüste auf, scharrten uns den Sand zu Polstern zusammen und belegten diese mit den mitgebrachten Teppichen. In der Mitte des Zeltes brannte ein lustiges Feuerchen; unsere luftige Wohnung wurde dadurch höchst gemüthlich. Aber *) Zur Verbindung beider Nilufer findet man an allen Orten, wo ein lebhafter Verkehr statt findet, Ueberfahrtsbarken, „Maäd'ie". Sie sind Eigenthum der Regierung und werden von dieser an Schiffer mit der Erlaubniß verpachtet, einen bestimmten Fährlohn erheben zu dürfen. Dieser beträgt für einen Menschen fünf, für einen Esel zehn Para; ein Maulthier wird mit einem halben, ein Pferd oder Rind und ein Waarenballen mit einem Piaster, ein Kameel mit zwei Piastern besteuert. 39 p Baron von Wrede meinte, daß noch der Tschibuhk und der Kaffe fehle, ließ sich den ersteren reichen und forderte den letzteren. Da brachte der Treiber die betäubende Nachricht, das sei vergessen worden, wonach das Herz sich sehne. Groß war der Schrecken; aber nah' die Hülfe. Unerschüttert von des Schicksals Tücken nahm unser praktischer Begleiter mehrere Flaschen des mitgebrachten Weines und begann einen Glühwein zu kochen. Das Getränk lobte den Meister, seine erheiternde Wirkung blieb nicht aus. Bald klangen deutsche Lieder in die Wüste hinaus, die Klänge lockten uns mit. Wir traten vor das Zelt, um die köstliche Nacht in ihrer ganzen Schönheit zu genießen. Die riesigen Weltbauten waren zauberhaft vom Monde und seinem Stcrnenheere beleuchtet; ihr Licht funkelte in ewiger Reinheit zu uns hernieder, die Luft war klar und kühl. Der Nacht Ruhe lag auf der Wüste; kein Laut war vernehmbar, nur zuweilen ,,knisterte das verlöschende Feuer." Wir durchwachten fast die ganze Nacht. Vor dem Schlafengehen feuerte Wrede noch mehrere Schüsse ab, um die umwohnenden Araber vor etwaigen Angriffen zu warnen. Am folgenden Morgen erweckte uns unser Begleiter schon sehr frühzeitig. Noch lag Alles ringsum im Schlummer und Dunkel der Nacht. In unserem Zelte brannte das wieder angefachte Feuer- chen; ein Treiber war beschäftigt, uns daran unseren Kaffe zu bereiten; denn Wrede hatte noch während der Nacht das Unentbehrlichste beizuschaffen gewußt. Ueber dem Djebel el mokhadam*) flammte die Morgenröthe. Nach kurzer Zeit erblich sie vor der aufgehenden Sonne, deren erste Strahlen rosenfarbenen Duft über die gewaltigen Steinmassen hauchten. Ihre Wärme that uns wohl nach der Kühle der Nacht. Eine Gesellschaft von Arabern war angelangt, um uns beim Besteigen der Pyramiden behülflich zu sein; ihr Schech wählte für Jeden von uns zwei rüstige Männer zur Begleitung und übergab uns den ungeduldig Harrenden, mit denen wir unseren Weg antraten. ») Das am rechten Ufer des Nil liegende Gebirge, wörtlich „das empor- oder hervorragende Gebirge" (von der Wurzel „klmä-m,-,"). 40 Zuerst erklimmten wir einen steilen und ziemlich hohen, aus Mauerschutt bestehenden Berg, welcher bei jedem Schritte nachgab und uns manchen Schweißtropfen kostete. Nun erst standen wir an der jetzigen Basis der Pyramiden und nun erst, nachdem wir an der einen Ecke der Chcop spyramide hinaufgcschaut hatten, waren wir im Stande, das unbegreiflich Großartige und Kolossale des Weltwunders zu würdigen. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß die Pyramide des Cheops jetzt über fünfzig Fuß tief im Sande steht und dennoch beträgt ihre Höhe nach den Messungen französischer Ingenieurs noch vicrhundertundsechzig pariser Fuß. Jede ihrer Seiten ist siebcn- hundertundzwanzig pariser Fuß lang. Eine einfache Berechnung ergiebt, daß die Pyramide des Cheops einen Flächeninhalt von fünfmalhundertachtzehntausend und vierhundert Quadratfuß bedeckt und, wenn man den Bau als reine Pyramide annimmt, ohne die kleinen Kammern und unbedeutenden Gänge in ihrem Innern mit in Rechnung zu bringen, einen Kubikinhalt von mehr als neunzig Millionen pariser Kubikfuß besitzt. Man muß vor dem Riescngeiste des Volkes, welches solche Monumente setzen konnte, staunen; wenn man aber bedenkt, daß alle die mächtigen zum Bau verwendeten Steinblöcke auf schiefen Ebenen, deren Erbauung die Ausführung des mühsamen Werkes noch bedeutend erschwerte, in die Höhe gebracht wurden, muß man zugehen, daß unsere kühnsten Bauten, trotz der dabei angewendeten Dampfkraft und Mechanik, gegen diese Gigantenbaue fast verschwinden. Die vier Ecken der Pyramiden sind genau nach den vier Weltgegenden gerichtet. Wir wählten die nördliche Seite zum Hinaufsteigen. Unsere Begleiter sprangen die im Anfange gegen fünf Fuß hohen Staffeln oder Mauerschichten — von denen bis zur Spitze zwcihundertundzwei gezählt werden — hinan und zogen uns an den Armen nach. Schon nach fünf Minuten langem Steigen mußten wir ruhen; wir hatten kaum die Hälfte des Wegs zurückgelegt. Nach anderen fünf Minuten standen wir auf dem Gipfel der Cheops, einem Raume von vierhundert Quadratfuß. Er ist ziemlich eben, nur in der Mitte überragen einige mit Namen bedeckte 41 Steinblöcke die anderen; sie mögen dem Zerstörer der Spitze wohl zu groß oder zu fest in das Gemäuer eingefügt gewesen sein. Ich nahm mir die höchstgelegene Spitze eines großen Blockes zum Andenken mit. Ermüdet von dem beschwerlichen Steigen ruhen wir aus; dann lassen wir unsere Blicke auf der vor und unter uns ausgebreiteten Landschaft heruinschwcifcn. Sie haften zuerst auf der überschwemmten Fläche, aus deren Wasserspiegel die Dörfer der Fcllahhihn *) mit ihren Palmenhaincn wie blühende Inseln hervorgehen; dann folgen sie dem silberglänzenden Bande, welches sich durch grüne Gefilde dahinzieht, dem heiligen Nilstrom mit seinen Dörfern und den drei Schwesterstädten Bulakh, Dsie seh und Alt-Kairo; rechts weilen sie an den in weiter Ferne die wogende Fluch der Kronen eines unabsehbaren Palmenwaldcs wie Fclsencilande überragenden Pyramiden von Sakahrah; links zeigt sich ibncn das freundliche Schubra mit seinen grünenden, lcbcnsfrischen Gärten und wcißgetünchten Landhäusern; in der Mitte des ganzen Bildes aber fesselt sie die Stadt der Chaliefen, das siegeSstolze Kairo. Gelehnt an dem Djcbel el Mokhadam, umgeben von Wüste, Gärten, Feldern, Palmenhaincn, Dörfchen und der stillen Stadt der Todten, unter dem Schutze der über ihr wie ein Herrscher thronenden Citadelle liegt sie vor uns; ihre Minarets glühen im Golde der Morgensonne, ein leichter Duft hüllt sie in seinen zarten Schleier. Nach allen Seiten und Himmelsgegenden breitet sich ihr Häuscr- meer, phantastisch gestaltete, reich verzierte Kuppeln tauchen aus ihm auf. Ganz dicht zu unseren Füßen endlich sehen wir unser kleines Lager, in dem sich mehrere, uns nur ameiscngroß erscheinende Menschen herumtreiben. Das ist die Vorderseite unserer Aussicht; sie sticht grell gegen die Rückseite ab. Von den dicht neben uns stehenden Pyramiden des Chephrcn und My- korinus, der im Sande lagernden Sphinr und den vom Sande überdeckten Mumiengräbern sich abwendend, irrt das Auge, wohin es sich auch wenden mag, in der Wüste herum; es sieht Nichts als Wellenhügcl gelben Sandes oder graue Steinmassen. Hier beginnt das Gebiet der ,,Furchtbaren, Zauberhaften, Unausfüllba- *) Plural von Fell ah, Laiidmaiiii. ren", arabisch Sahahra genannt, wenn sie auch hier nach unserer Geographen Meinung diesen Namen noch nicht führen darf. ,,Kein Gegensatz kann ergreifender sein, als der, welchen von der großen Pyramide herab die lybische Wüste mit ihren unabsehbaren Sandhügeln zur grünen Nilniederung bildet." Großartig ist das von der Pyramide herab gesehene Panorama, großartiger noch der Gedanke, auf dem höchsten Gebäude der Welt zu stehen. Kleine Krüge mit Trinkwasscr auf der flachen Hand tragend, waren mit uns noch mehrere Araber und Araberinnen hinaufgestiegen, um uns oben gegen ein kleines Entgelt den kühlen Labe- trunk anzubieten. Die bekannte Gewandtheit der graziösen Araberinnen überraschte uns weniger, als die Leichtigkeit und Sicherheit, mit welcher die Fellahhihn von einer Staffel zur andern sprangen, um uns ihre Fertigkeit im Klettern zu zeigen. Einer von ihnen machte sich erbötig, innerhalb zehn Minuten vom Gipfel der Cheops auf den der Chcphron zu gelangen und führte dieses stauncns- werthc Manöver gegen einen Bakhschicsch von zwei Piastern wirklich aus. Wir wählten zu unserem Rückwege dieselbe Seite, auf welcher wir heraufgestiegen waren. Das Hinabsteigen ist weit gefährlicher und beschwerlicher, als das Heraufklettern: der Neigungswinkel der Seiten ist noch immer steil genug, einen Sturz lebensgefährlich zu machen. Ein Engländer bestieg vor mehreren Jahren, hartnäckig jede Begleitung zurückweisend, allein die Pyramide, bekam Schwindel und stürzte sich zu Tode. Mit Hülfe unserer Araber kamen wir glücklich herab, wandten uns, da wir auch das Innere besuchen wollten, sogleich nach dem gegen vierzig Fuß über der Sandebene sich befindlichen Eingänge, waren aber von unserem mühsamen Steigen so ermüdet, daß wir, bevor wir uns anschickten, in's Innere hineinzukriechen, erst längere Zeit ausruhen mußten. Der Eingang der großen Pyramide wurde trotz aller gemachten Nachforschungen erst entdeckt, nachdem eine große Kalksteinplatte, welche bisher die Granitblöcke des in das Innere führenden Ganges verdeckt hatte, herabfiel. Man räumte dann eine wohl zehn 43 Fuß starke Mauer ab und gelangte zu dem engen und schmalen, unter einem Winkel von 25 Graden ungefähr hundertundzwanzig Fuß abwärts in's Innere führenden Gange. Seine Wände bestehen aus polirtcm Granit; im Fußboden hat man, um das Gehen zu erleichtern, Löcher eingehauen. Am äußersten Eingänge sieht man eine Gedenktafel an die Forschungen der preußischen Expedition in Hieroglyphenschrift. Mit angezündeten Lichtern traten wir unseren Weg in's Innere der Pyramide an. Der scharfe, widerliche Geruch, welchen die Ercremente der im Inneren aller egyptischen Monumente zahlreich hausenden Fledermäuse zurücklassen, machte das Eindringen höchst abschreckend. Je weiter wir in's Innere vordrangen, um so beschwerlicher wurde die Wanderung. Gänzlicher Mangel an Luftzug, die beständig hier herrschende mittlere Jahrestemperatur Egyp- tens, immenser Staub beengten uns die Brust, und dennoch konnten wir uns in dem niedrigen, engen und glatten Gange nur gebückt und mit größter Vorsicht weiter bewegen. So kamen wir an das Ende des einfallenden Ganges, gelangten in einen wagrecht hinlaufenden, kletterten über einige Stcinblöcke hinauf und betraten einen stark ansteigenden, immer höher werdenden dritten Gang, welcher uns endlich in die ,,Kammer des Königs" führte. Sie ist zweiunddrcißig Fuß lang, sechzehn Fuß breit, achtzehn Fuß hoch, mit mächtigen Steinblöcken wagrecht überdeckt und enthält einen sieben Fuß langen und drei Fuß breiten, wie die Wände der Kammer aus polirtem Granit bestehenden Sarkophag, welcher beim Daraufschlagcn einen hellen, im Inneren der Kammer dröhnend wiederhallenden Glockenton giebt. Die ,,Kammer der Königin" liegt tiefer, ist aber der des Königs ganz ähnlich. Außer diesen beiden Räumen hat man bis jetzt noch einen dritten, zu dem man auf leitersprossenartigen, in die Steine eingepflöckten Hölzern gelangen kann und einen (bis auf zweihundert Fuß Tiefe untersuchten) brunnenähnlichen Stollen aufgefunden. Der Staub und die drückende Hitze peinigten uns zu sehr, als daß wir beide letztgenannten zu besuchen Lust gehabt hätten. 44 Die beiden anderen Pyramiden halten mit der des Cheops keinen Vergleich aus; sie sind nicht mit derselben Genauigkeit gebaut, als letztere. Man sieht an der Pyramide des Chcphren noch Ueberreste der kostbaren, aus Syenit, Granit und Porphyr bestandenen Bekleidung. Einige glauben, daß sie die am Prächtigsten ausgestattete Pyramide gewesen sei. Ihre Höhe beträgt nahe an vierhundert Fuß; die Pyramide des Mykerinus ist noch niedriger. Geöffnete Gräber, Maucrrcste, vollendete und unvollendete Bildsäulen, versteinte Mörtelhaufcn und andere Fragmente aus früheren Zeiten liegen in namhafter Anzahl um die Pyramiden herum. An der südöstlichen Seite der Cheops ruht die gewaltige Sphinr, von den alten Egyptcrn Har-sm-ellu, „Horns im Horizonte" genannt. Die kolossale Figur verschwindet säst neben ihren riesigen Nachbarn; der Sand der Wüste droht sie vollends zu verschütten; von dem kleinen Tempel, den man zwischen ihren Vorderfüßcn entdeckt hatte, sieht man keine Spur mehr. Einer der sie untersuchenden Forscher will auf ihrer Brust einen in griechischer Sprache eingemeiselten Vers entdeckt haben, welcher, in's Deutsche übertragen, gelautet haben würde: „Deinen hehren Leib setzten hierher die unsterblichen Götter, Schützend die waizentragende Erve." An dem Gesicht bemerkt man jetzt die von alten Geschichtschreibern oft gerühmte Schönheit nicht mehr. Es zeigt die Physiognomie eines Nubiers, ist aber barbarisch verstümmelt worden. Von hier aus kehrten wir nach unserem Zelte zurück. Dort hatte sich ein kleiner Markt gebildet. Die umwohnenden Fellahhihn brachten kleine, auS Thon geformte Mumienbildcr und heilige Käfer, auch mehrere, von ihnen selbst gefertigte Mumicnschädel zum Verkauf. Für wenige Piaster, welche ihm von dem Europäer für ähnliche Sachen bezahlt werden, durchwühlt der geldarme Fellah die kunstreichen Gräber und holt die seit Jahrtausenden ruhenden Leichen hervor. Dabei zerstört er vielleicht die werthvollstcn und interessantesten Hicroglyphentafcln; aber das gilt ihm gleich; er sinket Absatz seiner geraubten Kunstschätze und kümmert sich um wci- 45 ter Nichts. Schon jetzt hält es, weil dieser Industriezweig bereits die meisten Gräber geplündert hat, unendlich schwer, ächte Alterthümer zu erhalten; die Fellahhihn fertigen sie deshalb höchsteigenhändig. Sie schneiden Skarabäen und Mumienbilder aus Steinen aus, schlagen kupferne Geldstücke und umwickeln mit Kasse gcgilbtcs Papier mit ächten Papyrusstücken, um damit geldspendende Engländer zu betrügen. Auch von uns verlangten sie hohe Preise für ihre Waaren; Wrede bot ihnen den zehnten Theil der von ihnen geforderten Summen und erhielt das von uns Gewünschte wirklich. Gegen drei Uhr Nachmittags brachen wir unser Zelt ab, nahmen in Djicseh eine kleine Barke und kamen mit ihr bei einbrechender Nacht in Bulakh an. * Reise aus dem Nile, von Kairo bis zur Einbruchsstation der Wüstensteppe B a h i u d a. Am Nachmittage des 28. September bestiegen wir mit den geistlichen Herren und ihrer Begleitung eine große, bequeme Nilbarke, welche, bereits mit unserem Gepäck beladen, im Hafen Bulakh's lag. Zur Zeit der Abreise aller Araber, zum Aassr, oder zwei Stunden vor Sonncnm'edergang flog sie vor einem frischen Nordwinde dem Strom entgegen. Mit krachenden Salven nehmen wir von Kairo Abschied. Unsere Gefühle sind wehmüthig gestimmt; es ist uns, als ob wir, von aller Civilisation uns losreißend, jetzt vom Vatcrlande für immer getrennt würden. Aber die Begierde, fremde Länder zu sehen, ist noch mächtiger; wir bemerken mit Vergnügen, wie eins der Häuser Bulakh's nach dein andern verschwindet. Balsamischer Duft weht von der Insel Rohda zu uns herüber, die noch vor Kurzem in der Sonne glühenden Minarets der Citadelle hüllen sich in das Dunkel der Nacht, wir passiren Alt-Kairo, die Stadt der Chaliefen entschwindet dem Auge. Mit der Nacht erschlafft der Wind, nur leise strömt er noch in die geöffneten Segel, leise plätschern die Wellen am Bug des Schiffes, melodisch hallt des heiligen Stromes Sprache in unserem Innern wieder. Wir waren bei Torrah gelandet. Die Brise der Nacht hatte sich in einen starken Ostwind verwandelt, welcher uns entgegen- blies und den Sand der Wüste aus erster Hand zuführte. Torrah ist ein großes Dorf, in welchem die Reiter des zweiten Regiments 47 des Vizekönigs sich mit Weibern und Kindern angesiedelt haben; es enthält einige regelrechte Straßen, ist aber ebenso schmutzig, als es die übrigen Wohnorte Egyptcns zu sein Pflegen. Hier war Nichts zu sehen, wir mußten auf unser Schiff zurückkehren und besseren Wind abwarten. Einige Soldaten liefen am Ufer herum und unterhielten sich damit, die Kamele und deren Treiber, welche aus den Steinbrüchen des Mokhadam Werkstücke herbeiholten, zu prügeln. Am Ufer lagen große Lastbarken, um die Steine einzunehmen; die Mannschaft derselben war mit dem Beladen der Schiffe beschäftigt und wurde dabei ebenfalls von den Soldaten beaufsichtigt. Einer dieser Lungerer befahl unserem Reis, sogleich abzufahren, weil unser Schiff anderen Barken im Wege liegen sollte. Man achtete seiner nicht; als er aber in brutaler Weise die Stricke zerhauen wollte, mit denen unser Schiff am Ufer gehalten wurde, sprang Pater Knoblecher an's Land und verwandelte den schnaubenden kleinen Tyrannen durch bloßes Vorzeigen seines Firmahns in einen demüthigen Sklaven. Um Mittag glaubte der Reis weiter fahren oder wenigstens das andere Ufer erreichen zu können, um vor dem hereinwehendcn Sande geschützt zu sein. Mitten im Strome aber legte der Wind das Schiff so auf die Seite, daß die Wellen hereinschlugen und der geängstigte Steuermann aus vollem Halse um Hülfe schrie. So glaubten wir wenigstens, doch war es so schlimm noch nicht gemeint. Der Mann verlangte nur ein Messer, welches, mit einem „Bö issm lillalli" (im Namen Gottes) in den Vordcrmast gestoßen, die Kraft hat, den Wind zu theilen oder zu schneiden. Ich weiß nicht, ob es das Messer war, welches den Wind wirklich ,,zerschnitt" oder nicht, er wurde uns aber plötzlich günstig und jagte die Barke mit der Schnelligkeit eines Dampfbootes den Strom hinan. Man kann sich wirklich keine angenehmere Reise denken, als die in einer Nilbarke, wenn man in Gesellschaft und mit allem Nöthigen wohl versehen ist. Bei längeren Nilreisen miethet man das Schiff mit seiner Mannschaft aus unbestimmte Frist; für eine 48 monatlich zu zahlende Summe, schwimmt man ganz nach Gutdünken und Belieben auf dem Weltstrome herum, ist vollkommen sein eigener Herr, kann seine Reise ausdehnen oder abkürzen, wie man will, und findet in allen Städten Egyptens das Unentbehrlichste zur Nahrung und Nothdurft des Leibes. Monatlich für tausend Piaster oder sechsundsechzig Thaler unseres Geldes kann man schon eine recht hübsche Dahabie mit sammt ihrer Bemannung miethen; doch giebt es auch sehr kostbar ausgestattete, allen Bequemlichkeiten entsprechende Barken für lururiöscre Reisende. Jedenfalls ist die Dahabre den Dampfschiffen vorzuziehen, welche jetzt, mit Reisenden beladen, in wenig Tagen das Pharaonenland durcheilen, kaum Zeit lassend, seine Wunderwerke zu besichtigen*). Bei schnell zurückgelegten Reisen vermischen sich die empfangenen Eindrücke; an eine auf der Dahabie zurückgelegte Nilreise wird gewiß Jeder mit Vergnügen zurückdenken und von ihr eine dauernde Erinnerung mitnehmen. Die Einrichtung der Segclbarken des Nil ist immer dieselbe. Mehr als die Hälfte ihrer ganzen Länge hat man für die Kajüte in Anspruch genommen, der übrig bleibende, über den Fußboden der Kajüten um einige Fuß erhöhte Theil beherbergt die Matrosen und daS Reisegepäck. Bis zum Mittclmast ist das Deck noch zur Benutzung der Reisenden bestimmt; es wird bis dahin mit einem Sonnendach überdeckt, unter welchem man sich aufhält, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Am Vordermaft steht die Küche: ein durch einen Bretterkasten vor dem Winde geschützter Kochherd oder eine Kochmaschine; zwischen Vorder- und Mittelmast befinden sich die Ruderbänke. Am Bug des Schiffes ist der Sitz des das Fahrwasser prüfenden Reis, auf dem Dach der Kajüte steht der durch den Reis befehligte „Mustahmel" oder Steuermann, zwischen Vorder- und Mittelmast sitzen die der Segel wartenden Matrosen. Die Masten sind verhältnißmäßig *) Diese Dampfschiffe legen die Hin- und Zurückreise in zwanzig Tagen zurück. Bei jedem Tempel wird drei Stunden, in Theben fünf Tage verweilt. Mit Einschluß der Kost bezahlt jeder Reisende fünfundzwanzig Guineen für die ganze Tour. 49 kurz, haben aber »»gemein lange Raaen, an denen dreieckige (sogenannte lateinische) Segel befestigt sind. Diese müssen nach der Richtung des Windes und der Fahrt oft gewendet werden, wobei auch die Segelstange jedesmal auf die andere Seite des Mastes gedreht wird. Bei niederem Nilstande und starkem Winde hält ein Matrose das Seil, mit welchem das Segel angespannt wird, um dieses sogleich freilassen zu können, wenn das Schiff, wie sehr häufig geschieht, auf den Grund gefahren ist. Dann entkleiden sich alle Matrosen mit großer Geschwindigkeit, springen in's Wasser und schieben die Barke mit manchem Seufzer und unnachahmlichem, taktmäßigem Gestöhn wieder in besseres Fahrwasser. Gewöhnlich hat die Dahab'ie zwei große und ein kleines Segel (Trikehta genannt), welches auf einem, durch verlängerte Planken am Stern des Schiffes gebildeten, Anhängsel steht; zuweilen sieht man auch nur ein großes Vordersegel, Khumasch, und die Trikehta. Kleine, sehr lange, stark bemannte Barken mit großen Segeln und einer kleinen Kajüte heißen Sandal; sie sind Schnellseglcr. Die Kajüte der Dahabren ist in drei bis vier Zimmerchcn eingetheilt, von denen eins das Empfangs-, das zweite das Wohnzimmer, das dritte ein Rcinigungskabinct und das vierte endlich das Schlafzimmer oder den Harehm darstellt. In dem letzten Raume beherbergen die Orientalen ihre weibliche Reisegesellschaft. Auf den großen Gcscllschaftsdahabicn enthalten die Kajüten wohl auch Tische, Stühle, Schränke, Truhen und dergleichen häusliche Geräthschaf- ten und werden dann nur um so wohnlicher. Nächst den, unserem europäischen Geschmack zusagenden, Pro- viantvorräthen, welche man bei Nilreiscn von Kairo mitnimmt, darf man die Wasserkühlgefäße nicht vergessen. Seit undenklichen Zeiten versteht man in Egypten Thonkrüge zu fertigen, welche durch ihre sehr seinen Poren immer eine geringe Menge der in ihnen enthaltenen Flüssigkeit durchschwitzen lassen. Diese überzieht dann den Krug von Außen mit einer sehr feinen, beständig verdunstenden und dadurch das Gefäß und seinen Inhalt kühlenden Schicht. Von diesen Gefäßen unterscheidet man zunächst zwei Sorten: den „Sihr" und die ,,Khula." Ersterer dient dazu, eine 4 50 große Menge des frischgeschöpsten Nilwassers zu läutern und zu kühlen, die letztere, um das schon gereinigte Wasser möglichst ab- zufrischcn. Der Sihr ist ein großer, ungefähr zwei Eimer haltender, zucker- hutähnlicher Topf, welcher mit seiner nach unten gerichteten Spitze aufgestellt und dann mit Wasser gefüllt wird. Seine Masse hat gröbere Poren, welche, zwar immer noch fein genug, um das durch sie ausfließende Wasser zu läutern, doch einer größeren Menge den Durchgang gewähren. Das durchgesickert Wasser wird in einer glasirten Schüssel aufgefangen und nun erst in die kleinen, zierlichen und sehr verschieden gestalteten Khulal*) gebracht, in denen man das Trinkwasser bis zu einer Frische von -j- 8" U-oauin. abkühlen kann. Beide Gefäßarten sind so billig, daß sie sich selbst der ärmste Fellah anschaffen vermag. Aus diesen Anstalten zum Reinigen und Kühlen des Nilwassers geht schon hervor, daß es so ohne Weiteres keineswegs ,,das beste Wasser der Welt" genannt werden kann, wie viele Reisende es gethan haben. Ich selbst werde im Verlaufe dieser Blätter vielleicht auch mit Entzücken von demselben sprechen und fühle mich deshalb um so mehr zu dem offenen Bekenntniß, daß die Ansichten über die Güte des Nilwassers nur relative sind, verpflichtet. Wenn der Strom seine größte Höhe erreicht hat, führt sein Wasser so viele erdige Theile mit sich, daß es davon hellbraun gefärbt wird; bei langem, ruhigem Stehen oder inniger Vermischung mit schnell klärendem Alaun, bitteren Mandeln, Buffbohnen und dergleichen sinken diese, eben die Fruchtbarkeit Egyptens bedingenden Schlammtheile zu Boden und bilden eine, das Zwölftel des Inhalts eines Gefäßes betragende, dichte Schicht. Ungeklärt genossen, hat es stets Durchfall und einen AuS- schlag, welchen die Araber geradezu den Nilausschlag nennen, zur Folge. Es ist also nicht wohl denkbar, daß ein so beschaffenes Wasser das beste Trinkwasser sein kann. Aber — die das köstliche Nilwasser preisenden Reisenden haben ') Plural von KImIs. 51 ganz Recht, wenn sie sagen: Es giebt in Egypten kein besseres Wasser, als das des Nil. Ich bin fest überzeugt, daß das Wasser unserer Elbe ebenso gut ist, als das des Nil; allein zwischen beiden Gewässern findet der Unterschied statt, daß wir in Deutschland silberreines Quellwasser und in Egypten nur stinkendes, ekelerregendes Lachen- oder Cisternenwasser zur Vergleichung haben. Und dabei ist egyptischer Durst ein anderer als deutscher, wenigstens deutscher Wasserdurst. Durst ist der beste Mundschenk; man ist in heißen Ländern froh, wenn man den oft zur Qual werdenden Durst löschen kann; geistige Getränke können das Wasser nie entbehrlich machen: ihr Genuß vermehrt nur die Begierde darnach. Und deshalb ist das Nilwasser das beste Wasser der Welt. Unsere Reise durch Obercgypten gewann mit jedem Tage an Interesse. Weite, fruchtbare, jetzt im Frühlingsgrün stehende Saatfelder, fruchtbeschwerte, in großen Wäldern vereinigte Dattelpalmen, Dörfer und Städte, öde liegende, vom Riedgras in Besitz genommene Strecken guten Ackerlandes, den beiden Wüsten des Landes angehörende Sandebencn, kahle Gebirge, mit jach abstürzenden Fclspartieen oder gcröllbedcckten Bergeshängen, Trümmer von altcgyptischen Tempeln und Ruinen verfallener Wohnsitze wechseln hier in bunrer Reihe mit einander ab. Der Vcrgnügungsreisende hat Zeit genug, alles Merkwürdige zu besichtigen; wir, von der Mission abhängend, konnten nur die Morgenstunden den Besuchen des festen Landes, mit denen wir zugleich die Jagd verbanden, widmen. Aber auch diese wurde uns durch die Nimrode unter unserer Reisegesellschaft oft genug verleidet. Jeder, der ein Gewehr führen zu können glaubte, zog damit aus, unschuldig Gewild zu erjagen; denn nicht dem saatcnverwüstendcn Wildschwein, der sich in Höhlen oder Stcinklüstcn bergenden Hyäne, nicht dem listig die Felder durchschleichenden egyptischen Fuchs, dem Eier und Hühner raubenden Ichneumon, oder dem mordlustigcn Sumpfluchs galt das regellose Treiben; — harmlose Tauben, gleichviel ob zahme 4 * 52 oder wilde, arglose Strandvögel, schreiende Kiebitze, dummdreiste Naben oder städteliebcnde Thurmfalken und Nachtkäuzchen wollte man erlegen. Dann bekam Mahammed, der die edle Kochkunst auf unserer Barke handhabende Nubier, Arbeit vollauf. Unserem Beispiele folgend, wollte man ornithologische Schätze sammeln, Mahammed aber vereitelte, einfach durch seine Liederlichkeit, das wissenschaftliche Streben: er sammelte nur Schätze für ,,Dermest und seine Jungen/' Doch muß ich rühmend erwähnen, daß nur unser ausgezeichneter Landsmann, der Pater Kno blech er die Anregung war, die ohne Zweck getödtcten Thiere nicht auch zwecklos verfaulen zu lassen; was er zur Entstehung einer zoologische» Sammlung thun konnte, hat er mit allen seinen Kräften zu thun versucht. Trotz unserer Rivalen vermehrte sich unsere Sammlung von Tag zu Tage. Ehe noch die Sonne über die Nilgebirge heraufstieg, verließen wir das Schiff und wanderten ihm voran, stromaufwärts. Wir jagten in der erfrischenden Kühle des Morgens mit ebenso viel Genuß als Glück. Egyptcn war damals für mich noch eine neue Welt, jeder mir noch wenig bekannte Vogel ein köstlicher Fund. Der Naturalicnsammler und Forscher genießt in fremden Landen tagtäglich neue Freuden; ich lebte nur der Jagd. Gewöhnlich waren wir in kurzer Zeit so reich mit Beute beladen, daß wir nach der mit dem mittlerweile aufgekommenen Winde her- ansegelndcn Barke zurückkehren konnten. Der Wind war uns während der ganzen Reise konstant günstig. Schon seit mehr als einem Monate wehten die regelmäßigen Nordwinde. Jene unter dem Namen ,,Passatwinde" bekannten Luftströmungen herrschten auch in Egyptcn. Die für die Schiff- fahrt auf dem Nil äußerst nützlichen Nordwinde beginnen hier gewöhnlich erst in der Mitte des Oktober und währen bis Ende des März oder Anfang Aprils; in diesem Jahre waren sie aber schon früher eingetreten. Andere Luftströmungen halten selten über einen Tag lang an. Am Morgen erhebt sich der Wind gegen neun Uhr und weht nun unausgesetzt bis gegen Sonnenuntergang; dann tritt Windstille ein. Oft kehrt aber schon nach wenigen Stunden der 53 Wind zurück und bläst bis zur Kühle des heraufdämmernden Morgens mit wechselnder Stärke. Zuweilen wird der Nordwind so heftig, daß die zu Thal gehenden Schiffe, trotzdem daß man sie cntmastet hat und mit Rudern fortbewegt, nicht von der Stelle kommen. In den Monaten April, Mai, Juni und Juli wechseln die Winde nach allen Richtungen der Windrose mit einander ab; häufig tritt dann auch der die Bäume entblätternde Chamasihn auf, welchen die Araber für sehr ungesund halten. Dann stockt die Schifffahrt. Reiner West- oder Ostwind dagegen hindert sie nicht; die Schiffe können, bei der südlich-nördlichen Richtung des Nil, mit ihren lateinischen Segeln dann bequem zu Berg und zu Thal fahren. Am zweiten Oktober legten wir im Hafen Minn'ie's, eines kleinen Städtchens in Obercgypten, an. Ein türkischer, sehr reich gekleideter Offizier kam zu uns an Bord und gab sich als einen schon mehrere Jahre in cgyptischcn Diensten stehenden Franzosen zu erkennen. Wir erfuhren bald, daß er mit seiner türkischen Tracht auch türkische Gebräuche angenommen hatte: kurz nach seinem Weggange brachte uns ein Diener von ihm einen fetten Hammel und einen großen Korb voll Brod, als Beweis der „Akrah- m e"*) seines Herrn. Um Mittag segeln wir weiter. Wir fahren an unzähligen, hoch oben in die Felsen des rechten UfcrS eingehaltenen Katakomben vorüber, haben aber keine Zeit, sie zu besichtigen, weil man den vortrefflichen Segelwind benutzen will. In den Dörfern, welche wir bisher besuchten, fanden wir fast nur Greise, Frauen und Kinder: die Männer und Jünglinge braucht oder beansprucht der Mzckönig für sein Heer, seine Bauten, seine Fabriken, Schiffe rc., oder für seine Handclsuntcrnehmungcn. Die Conscriptioncn des Pascha sollen am Nachthciligstcn auf die Vcr- *) Man kann ski-glnne mit „Gastfreundschaft" übersetzen. Der Begriff für Gastfreundschaft ist im Morgenlands so ausgedehnt, wie die Gastfreundschaft selbst, „karam-i" — die Wurzel von akrslime — heißt „Jemanden viele Ehre erzeigen;" für Gastfreundschaft in unserem Sinne gebraucht mau das Wort „tlüslike." Mehrung der Bevölkerung einwirken; wenigstens '.ist die Furcht vor ihnen so groß, daß achtzig Prozent der arabischen Mütter ihren Säuglingen den Zeigefinger der rechten Hand zu verstümmeln pflegen, um sie zum Militärdienste untauglich zu machen. Zwar hat der strenge Befehl der Regierung: gerade die so geschändeten Jünglinge zu Soldaten zu nehmen, diese grauenhafte Sitte beeinträchtigt, aber ihr noch keineswegs Einhalt gethan. Es ist nicht zu verkennen, daß sich die Einwohnerzahl Egyptcns zusehends verringert. Die Regierungswcise des Pascha hat der Quelle des Wohlstandes Egyptenlands, dem Ackerbau, Tausende von arbeitsamen Händen entzogen. Wenn wir ein Dorf betraten, wurden wir gewöhnlich von Kranken umringt, welche uns für Aerzte hielten und Hülfe begehrten. In dem Dorfe KossSir fanden wir zwei Fieberkranke, von denen der eine schon seit einem Vierteljahre, der andere seit dreizehn Monaten darnieder lag. Die Unglücklichen sahen, ohne Aussicht auf ärztliche Hülfe, gefaßt dem Ende ihrer Leiden, dem Tode entgegen. Ihre Heilkünstlcr können das Fieber, den Dämon Egyp- tens, nicht bändigen. Sie baten uns um Arzneien für ihre Kranken und hofften, diese damit in wenig Tagen herzustellen. Am 9. Oktober kamen wir zu einem Dorfe, welches, weil cS dem Städtchen Khau gegenüberliegt, Khau cl sorherr (,,Klein- khau") genannt wurde. Hier lebten die Menschen wie Amphibien. Der hohe Nil hatte die Ortschaft und ihre Umgebung unter Wasser gesetzt, welches nur deshalb nicht in die Häuser drang, weil man sie wenige Zolle über den höchsten Stand des Stromspiegels erhöht hatte. Daß es in ähnlichen Wohnsitzen viele Kranke giebt, ist erklärlich. Die geringste Erkältung führt eine Krankheit herbei. Auch wir litten wiederholt an heftigen Kolikanfällen, denen wir aber immer sogleich mit wirksamen Heilmitteln entgegenarbeiteten. Am 12. Oktober legten wir in der Nähe der Ruinen des hundertthorigcn Theben, bei dem Dorfe Luksor an. Elende 55 Fellahhütten stehen in und auf einem Tempelportale; daS Dorf selbst verbirgt dem Auge viele Denkmäler. Es ist nicht meine Absicht, die in mehr als hundert Werken bereits gegebene Beschreibung der Ruinen von Luksor und Karnak, Kurnu und Me- dinet-Habu hier zu wiederholen; ich werfe nur flüchtige Blicke auf sie und theile Das mit, was ich bei Besichtigung derselben empfand. Alle egyptischen Monumente sind großartig, aber steif und todt; die griechischen Tempel und anderen Denkmäler der Baukunst und Bildhauerei erwärmen und begeistern mit ihren lebensvollen Formen das Herz des Beschauers; wer diese gesehen, den lassen jene kalt. Nach meiner individuellen Ansicht giebt es nur drei wirklich erhabene Denkmäler altegyptischer Baukunst: die Pyramiden, die Königs grab er und die Felscntcmpel von Abu-Simbel. An allen übrigen Monumenten EgyptenlandS sind die zum Bau verwendeten riesigen Werkstücke, die mit unübertroffener Schärfe und Genauigkeit, aber ohne allen Begriff von Perspektive eingemeiselten Hicroglyphenreihen vom höchsten Interesse, die großartigen Anlagen der Werke sind Staunen erregend; aber nur das Kolossale, nicht die Formen sind bewunderungswcrth. Die Bilder der heiligen altcgyptischen Schrift verschwinden neben griechischen Skulpturen — selbst neben Arabesken — die ernsten Kolosse erbleichen neben den lebensfrischcn Statuen der Griechen. In diesen spiegelt sich die blumenreiche Poesie der Mythe, in jenen liegt der düstere Ernst des Gottesdienstes der verschleierten Isis. Nur da, wo die ursprüngliche Bestimmung der egyptischen Bauwerke noch heute unseren, durch ähnliche, gewohnte Monumente ernst gestimmten Gefühlen entspricht, nur da ergreifen sie noch heute mächtig des Beschauers Herz. So ist es mit den Königsgräbern. Sie liegen wie die meisten Tempel der alten Egypter am linken Nilufer, in der Wüste. ,,Ein Pharaonendenkmal, ein Denkmal der Welt gehört in die Wüste. Hier erst ist Sammlung und Selbstbefinnen möglich, Andacht und Theosophie. Hier ist der Geist frei und abgelöst von den tausendfältigen Eindrücken und Zerstreuungen der lärmenden, 56 bunten Welt. Die Stimme des alten einigen Gottes tönt aus der Wüste zu dem Menschengeschöpf herüber und es versenkt sich wieder in die Mysterien der Schöpfung und des ewigen Seins"*). Man zieht auf einer breiten Straße, welche noch deutlich die Spuren einer künstlich angelegten zeigt, in die Berge hinein. Immer öder und trauriger, todt und still wird der Weg, man reitet sichtbarlich in das Reich der Todten. In weiten Bogen umzieht die Straße die hier sich hoch erhebenden Gebirge; erst nachdem man eine starke halbe Meile zurückgelegt hat, gelangt man zum Eingänge des jetzt mit No. 1 bezeichneten Königsgrabes. Die übrigen, wohl einige und zwanzig an der Zahl, liegen in der Nähe in einem von hohen, steilen Bergeshängen gleichwie von Wänden umschlossenen Thale. Ein tiefer Sinn liegt in der Wahl dieses Friedhofes. Hier lebt kein Wesen, hier sieht man kein Geschöpf, keinen Vogel, bis hierher verirrt sich kein Thier. In diesen Gründen waltet heilige Ruhe und soll hier walten; denn hier ruhen die Könige des merkwürdigsten Volkes der Erde. Die Weisheit seiner Priester bettete die aus dem wogenden Gewühl eines rauschenden Lebens Abgeschiedenen an einen erhabenen Ort heiliger, ewiger Stille. Berge bedeckten die Räume, in denen die Sarkophage mächtiger Herrscher standen, Stcingeröll verbarg die Grabespfortcn und dennoch wagte es die frevelnde Hand späterer Geschlechter, jene vermauerten Eingänge zu eröffnen, die Särge aufzubrechen, den heiligen Friedhof zu entweihen. Die Anlage der Gräber ist mit wenig Modifikationen immer dieselbe. Mehrere Säle liegen hinter einander, in dem letzten von ihnen steht der Sarkophag. Nur das mit No. 17 bezeichnete Grab ist anders: hier findet man zwei Saalreihen über einander. Da, wo der Felsen, in dem man das Grab eingehauen hat, glatt war, wurden die Hieroglyphenbilder in den Kalkstein, da, wo er zersplittert war, in einen Mörtelüberzug eingeschnitten. Die Bilder sind die Lebensbeschreibung des in dem Grabe Ruhenden: man sieht ) B o g uin i l G o ltz. den König in seinen Schlachten, auf seinem Throne, in seinem Gebete, in seinen häuslichen Verhältnissen, in seinen Vergnügungen dargestellt. Einzelne Wände zeigen durch die Egypter unterjochte Völkerschaften in der Sklaverei; man kann den krausköpfigen Aethio- pier ohne Mühe von dem feingegliederten Jndier, den Juden von dem Perser unterscheiden. Auf den getünchten Wänden prangen die Bilder vergangener Jahrtausende noch heute in unvergänglicher Farbenfrische, als ob der Künstler gestern zum letzten Male seine Hand an's Werk gelegt hätte. Einige Figuren sind mit Nöthcl vorgezeichnet, aber noch nicht in den Kalkmörtel eingegraben; — der König starb und sollte in seinem Mausoläum beigesetzt werden, — da verstummte der Hammerschlag des Bildhauers in den hohen Räumen, die Schaar der Arbeiter zog dem Lichte zu und das Chor der Priester brachte die Mumie zur Ruhe in der dunklen Gruft. Erhaben ist die Wahl des stillen Thales, erhabener noch die Anlage dieser Gräber. Sie weiter zu beschreiben, vermag ich nicht; hierzu gehören mehr Monate als ich, sie zu besichtigen, Stunden übrig hatte. Champollion hat diese Arbeit ausgeführt; Lep- sius soll, wie viele Inschriften in allen europäischen Sprachen beweisen wollen, mehr vernichtet, als wissenschaftlich geforscht haben. Auch viele Säulen der Tempel Karnak's und Luksor's weisen Stellen auf, an denen die Hieroglyphenbilder ausgemeiselt wurden. Ein Fellah, welcher des letzteren Alterthumsforschers Diener gewesen zu sein vorgab, erzählte, daß dieser erst Ausgrabungen gemacht und gezeichnet, dann aber das Abgezeichnete vernichtet und, um eine neue Schande alt erscheinen zu lassen, mit Koth beweisen habe. Es gehört wirklich die ganze Leichtgläubigkeit gewöhnlicher Touristen dazu, ähnlichen ungereimten Erzählungen Glauben zu schenken. Daß unser ausgezeichneter Landsmann zu seinen Arbeiten Meise! und Hammer brauchte, ist erklärlich; spätere Reisende wünschten von unwissenden Fellahhihn von der Wissenschaft bisher noch nicht aufgedeckte Namen der Verwüster jener Monumente zu wissen und — Lepsius wurde genannt. Obgleich nun diese und andere Vcrläumdungen den gelehrten Mann gar nicht treffen können, ist es für den Deutschen doch unangenehm, gerade einen Namen hören zu müssen, den man als den eines Heros der Wissenschaft zu verehren gewohnt ist. Man nimmt seinen Rückweg von den Königsgräbern über die, dieselben umschließenden, hohen Berge, von deren Gipfeln man eine entzückende Aussicht über das Nilthal genießt. Unter und vor sich sieht man Karnak, Luksor, die Memnonssäulen, Medi- net-Habu und andere Tempel und hart am Fuße des Gebirges den wegen Mumienhandcl durchwühlten und entweihten Friedhof der früheren Einwohner der alten Königsstadr. Dann klettert man die Gebirge herab und gelangt nach Modln St Häbü, einem früheren Tempelpalaste. Die früher tönenden Memnonen sitzen jetzt auf ihren uralten Postumenten mitten zwischen fruchtbaren Waizen- feldern und sehen bei hohem Nil ruhig dem Wasser des Stromes zu, das ihre hehren Gestalten umfließt. Nach kurzer Besichtigung der Alterthümer bei Luksor und Karnak schickten wir uns zur Weiterreise an. Da erschienen, in leichte Gewänder gehüllt, drei jener öffentlichen Tänzerinnen „Rhauasre" — von den Reisenden oft Almeh *) genannt — und begannen beim Klänge ihrer Kastagnetten, eines Tamburins und einer zweisaitigcn Violine, die ein alter blinder Kerl bearbeitete, ihre sinnlichen maurischen Tänze aufzuführen. Wir weltliches Personale hätten gern den reizenden Tänzerinnen zugeschaut; die geistlichen Herren aber, vielleicht mit Ausnahme des Bischofs, fürchteten die Versuchung und jagten sie unbarmherzig fort. Es wurde uns erzählt, daß die Rhauasraht **) hier in der Verbannung leben. Sie übten ihre Künste früher in der Khahira und in Alcrandrien aus, trieben es aber dein alten Mahammcd- *) Die Almeh ist eine Sängerin, welche vor den im Diwahn des Türken versammelten Gästen singt. Sie selbst sitzt hinter dem engvergitterten Fenster eines Nebengemachs, durch welches wohl ihre Töne dringen, sie aber nicht gesehen werden kann und darf. **) Plural von Rhauasle. 59 Aali zuletzt doch zu bunt. Plötzlich erzürnt unterbrach er ihr fröhliches Leben durch den strengen Befehl, nach Obcregypten auszuwandern und ließ die Säumigen durch Soldaten nach mehreren Städtchen transportiren. Hier führen sie ein höchst unregelmäßiges Leben und werden dem Reisenden durch ihre Zudringlichkeit oft lästig. Man findet unter ihnen sehr schöne Mädchen; gewöhnlich aber sind sie durch Ausschweifungen aller Art, hauptsächlich auch durch Trunksucht, so hcrabgekommcn, daß sie Ekel und Mitleid erregen. Die mit ihnen aufgeführten Orgien und Bachanalicn nennen die Türken „Fanthasie"*); auf ihre Tänze werde ich zurückkommen. Wenn die Rhauasie jung, hübsch und reich gekleidet ist und ihre leidenschaftlichen Tänze gut zu produziren versteht, ist der Ausdruck Fanthasie auch in seiner ursprünglichen Bedeutung gerechtfertigt. Ihr Erscheinen schon ist phantastisch. Aber leider verblühen ihre Reize bald und wenn sie dann Männerherzen zu fesseln nicht mehr fähig ist, sinkt sie gar schnell in die Nacht der Vergessenheit. Nur die allernicdrigsten Kupplcrdienste erwerben ihr, wenn sie alt wird, einen nothdürftigcn Geldgewinn, kaum hinreichend, ihr elendes Leben zu fristen. Dieses kontrastirt mit dem Glänze ihres früheren Auftretens so grell, daß wirklich eine mahammedanischc Ergebung in das Walten des unabänderlichen Datums dazu gehört, um den Kontrast ertragen zu können. Eine wegen ihrer Schönheit berühmte Tänzerin, Namens Safte (Sophie) war die Geliebte des nachherigen Vizckönigs Aabahs-Pascha. Sie soll zur Zeit ihrer Blüthe so schön gewesen sein, daß Aabahs, damals Gouverneur von Kairo, in sci- *) Ich will dieses Wort, das ich gewohnheitshalber, wohl noch manchmal brauchen werde, erklären. Es ist nicht gleichbedeutend mit der Griechen, obwohl davon abgeleitet oder herstammend; sondern bezeichnet jede Art von Unterhaltung oder nicht religiöser Festlichkeit eines Orientalen. Jeder Zierrath heißt Fanthasie; ein gesticktes Kleid, ein gravirtes, siiber- oder goldbelegtes Gewehr mit geschnitzten Kolben, jeder farbenprächtige Teppich oder verzierte Sattel u. s. w. ist „mit viel Fanthasie" gearbeitet. Ein Trinkgelag, eine Tanzunterhaltung, ein festlicher Aufzug n. s. w. n. s. w. ist Fanthasie. 60 nein Harchm keine ihr an Reizen ähnliche Frau besaß. Er besuchte heimlich oft die liebliche Tänzerin, überhäufte sie mit Geschenken, verlangte aber von einem öffentlichen Mädchen Treue, die er nie erwarten konnte. Einst fand er sie in den Armen eines schmucken Arabers. Seine Rache war seiner Rohhcit und Grausamkeit gleich. Er ließ das unglückliche Weib ergreifen und ihren Rücken mit Peitschenhieben zerfleischen. Monate vergingen, ehe ihre Wunden heilten; ihre Blüthe war geknickt, ihre Schönheit vernichtet. Ich sah sie später in Esneh, wo sie ein ziemlich großes Haus bewohnte. Sie zeigte noch immer Spuren ihrer früheren Schönheit; doch war ihr kostbarer Anzug damals noch das Schönste an ihr. Eine unheilbare Lahmheit, die Folge der erlittenen qualvollen Strafe, blieb ihr für immer eine Erinnerung an die Liebe und Rachsucht eines Aabahs. Der Wind war uns unausgesetzt günstig. Schon am 13. Oktober erreichten wir das Städtchen Esneh, am 16. Oktober den ,,Bcrg der Kette" (Djebcl el Sclseli) — nach Anderen „Berg des Erdbebens" (Djebcl el Salßali) genannt — einen engen Strompaß: den letzten Damm, durch welchen sich der Nil Bahn brechen mußte, ehe er in dem durch ihn hervorgerufenen Schlammlandc Egypten seine Fluchen still und ruhig dahin senden konnte. Die Stelle ist merkwürdig, weil man ain rechten Ufer großartige Steinbrüche, am gegenüber liegenden Katakomben und kleine Tempelportale der Alten bemerken kann. Oberhalb des Djebcl el Sclseli treten die Gebirge wieder in weiten Bogen zurück und das Ackerland EgyPtcnS zeigt noch einmal seinen Reichthum. Am rechten Ufer liegt auf einem steilen, jetzt mit Sand überschütteten FclSkegel Kohm-Om bos, ein Dop- pcltempcl der Pharaonen. Wir fuhren mit der Schnelligkeit eines kleinen Dampfbootes den Strom hinauf. Auf mehreren Sandinscln bemerkten wir die ersten lebenden Krokodile, welche aber unsere Barke nicht einmal auf Büchscnschußwcitc an sich kommen ließen und langsam in's Wasser krochen. Vor einigen Tagen sahen wir bereits einen dieser Ricscnsaurier im Flusse schwimmen, aber, wie ich sogleich 61 wahrnahm, leblos. Dennoch sandten die geistlichen Herren ein halbes Dutzend Kugeln nach der Parzcrhaut des keinen Schuß mehr verlangenden Thieres ab. Man wunderte sich allgemein über die Ruhe des „schlafenden Ungeheuers" und ich im Stillen mich über Sonntagsjäger und Sonntagsjägerci. Gegen Abend legten wir in Assuan, der Grenzstadt Egyptens gegen Nubien hin, neben einer Sklavenbarke an. Schon von Weitem, lange bevor man die hinter Palmen versteckte Stadt gewahrt, sieht man das hoch auf den Bergen des linken Users gelegene Grabmal des Heiligen Muh sa, des Schutzpatrons des ersten Katarakts. Im Strome thürmen sich schwarzglänzcnde Granit- und Syenit- massen zusammen und hemmen im Sommer die Schiffsahrt. Dann erscheint die Insel Elephantine wie ein lieblicher Garten und mit ihr Assuan. Bei hohem Nilstaudc kann man zu Schiffe direkt bis an die Stadt gelangen, bei niederem Wasser muß man, am rechten Ufer hinfahrend, die Insel umschiffen und mit großer Vorsicht sich zwischen den letzten Felsblöcken der Stromschnclle hindurchwin- den. Dann findet man in höchst romantischer Lage zwischen Gra- nitblöckcn mit Hicroglyphcnbildcrn ein stilles Ankerplätzchen, zu welchem nur das ferne Tosen deö Katarakts dringt, dicht oberhalb der Stadt. Assuan ist das alte Syene der Griechen und liegt unter 24" 8^ der n. Br. und 30" 34/ östlich von Paris. Früher war es wegen der berühmten Steinbrüche der Alten von größerer Ausdehnung und Bedeutung als jetzt, wie man aus Trümmern, welche den vierfachen Raum der heutigen erbärmlichen Stadt bedecken, leicht schließen kann. Die Steinbrüche, aus denen jene Kolosse, Obelisken und Säulen stammen, deren Masscnhaftigkcit, Festigkeit und Schönheit man bei allen Tcmpelruinen Egyptens zu bewundern Gelegenheit hat, liegen ganz in der Nähe der Stadt in der Wüste. Man sieht noch überall die Spuren der Sprcngarbeiten der Alten: kleine, aber tiefe, in gerader Reihe in das Urgestein eingemeiselte Löcher, in denen man eingetriebene Holzkeile durch Uebcrgießcn mit Wasser so ausdehnte, daß sie Blöcke von mehreren tausend Cent- nern Gewicht vom Felsen ablösten. Das Urgestein ist jene Quarz-, 62 Glimmer- und Feldspath-Verbindung*), welcher man nach ihrem altbekannten Fundort Syene den Namen „Syenit" ertheilt hat. Einige Blöcke liegen jetzt noch, bereits vom Felsen getrennt, im Sande der Wüste, andere sind sogar schon theilwcise bearbeitet. Die Werkstücke wurden auf geebneten Wegen, deren Spuren ebenfalls noch sichtbar sind, vermittelst Walzen zu den im Flusse liegenden Schiffen gebracht und auf diesen dem Orte ihrer Bestimmung zugeführt. Eine längere, durch die Wüste nach dem nahen Phila führende Kunststraße mag wohl aus den Zeiten der Römer- herrschaft herrühren, obschon viele Felsen in ihrer Nähe mit Hieroglyphen beschrieben sind. Weniger solid erbaute Festungswerke, Moscheen und Grabmäler aus einer viel späteren Periode, vielleicht noch aus der Zeit der Mamelukenherrschaft hcrstammend, nehmen einen großen Raum der jetzigen Wüste ein. Sie liegen in Trümmern und vereinigen sich mit mehreren wilden Partiten der Stromschnclle im Hintergründe zu sehr anziehenden Ansichten. Die große Ausdehnung dieser Trümmermassen deutet darauf hin, daß Assuan, der Stapelplatz des ersten Katarakts, früher eine ansehnliche Handelsstadt gewesen sein muß. Das heutige Assuan verdient den Namen einer Stadt nicht mehr. ES hat nur wenige und schlechte Kaufhallen, in denen man oft weder Käufer noch Verkäufer sieht, und ist der Sitz einer egyp- tischen Mauth, weil alle nach dem Sudahn gehende und von daher kommende Waaren hier versteuert werden müssen. Für die Sklaven, welche ja im Orient überall als Waare betrachtet werden, ist die Steuer sehr hoch**). Wahrscheinlich lagen wegen der Versteuerung ihrer Neger und Negerinnen während unseres Aufenthalts mehrere Sklavenhändler einige Tage hier. Man bot uns ein sehr niedliches Gallamädchen zu dem Preise von achtzehnhundert Piastern an; Negerknaben und Negermädchen waren viel billiger. *) Oder Hornblende- und Feldspathverbindung. **) Sie beträgt für einen Neger oder Abyssinier zwanzig, für eine Negerin vierundzwanzig und für eine Abyssinierin dreiunddreißig Thaler unseres Geldes. 63 Einer dieser Sklavenhändler besuchte uns auf unserem Schiffe und erzählte uns von den oberen Ländern des weißen Flusses, den er bereist zu haben vorgab. Er zeigte uns Waffen und Geräth- schaften der Neger, welche allerdings furchtbar und eigenthümlich genug aussahen und von uns Allen mit lebhaftem Interesse betrachtet wurden. Alle von Egypten nach Nubicn gehenden Nilschiffe passiren den Katarakt von Assuan, obgleich er nicht gefährlich ist, nur wenn es dem Reis des Schiffes vorher kontraktlich znr Pflicht gemacht worden ist. Unsere große Dahabie wäre unter allen Umständen nicht dazu geeignet gewesen. Wir mußten deshalb unsere Effekten von Assuan auS mit Kameelen über die Stromschnelle bringen lasten. Don Jgnatio hatte in der Nähe der Insel Philä einen Lagerplatz ausgewählt, in welchem wir bis zur Ankunft anderer Barken verweilen wollten. Am achtzehnten Oktober kamen gemiethete Kamecltreibcr, beluden ihre stöhnenden Thiere mit dem Gepäck der Mission und zogen gegen Mittag dem Lagerplatze zu. Wir ritten nach dem Aassr auf Eseln nach und erreichten mit Sonnenuntergang das oberhalb der Stromschnclle gelegene Dörfchen Siahle. Die Umgebung desselben ist wildromantisch. Die Gebirge treten in einen weiten Bogen zurück, der Nil braust über ihre Ausläufer hinweg. Schwarzglänzendc Syenit- und Porphyrmassen, theils in ungeheuren Felsen vereinigt, theils wie von der Hand eines Riesen durch einander geworfen und zusammengeschichtet, theilen den Strom in Hunderte von kleinen, rauschenden Bächen, stauen ihn in den durch ihr Zurücktreten gebildeten Kessel auf und zwingen ihn, seine Fluthcn mit donnerndem Schwall über sie hinweg- zustürzen. Nur schmale Kulturstreifen ziehen sich dicht an seinen Ufern dahin, die Gegend ist todt und öde, aber dennoch schön. Inmitten dieses Felsenchaos liegt die palmenbestandene, grünende Insel Philä mit ihren Tempelruinen. Man glaubt ein Feenschloß vor sich zu sehen, wenn man sie zum ersten Male erblickt. Der ernste, gegen die dunklen Felsenmassen aber doch freund- liehe Tempel, in dcr tiefen Stille der Einsamkeit nur umtobt von den immer und immer von Neuem dahinrollenden Wasserstürzen, eingerahmt von balsamdustenden Mimosen und schlanken Palmen, steht an einem zur Verehrung der alten Gottheit Egyptens Passenden Orte, wie es keinen zweiten, ähnlichen geben kann. Hier mußte sich das Gemüth der Zöglinge, welche die Priester heranbildeten, von selbst dem Hohen und Erhabenen zuwenden; hier mußten sie, wenn man ihnen den uns gleichgültig erscheinenden Vogelflug und die Mysterien der Orakelsprüche deutete, die Hieroglyphcnschrift lehrte oder das Bild von Sais entschleierte, aus allen den bedeutungsvoll verhüllten Dogmen ohne Hülfe ihrer Lehrer leicht den Kern erkennen: Es giebt nur einen Gott! Philä ist es werth, gesehen zu werden. Schon seine Geschichte, klarer und bestimmter, als die anderer Tempel Egyptens, ist von hohem Interesse. Phila, das Grab des Osiris und der Isis, galt als ein besonders heiliger Ort. Dcr Dienst dcr Isis erhielt sich hier noch, als sich die Lehre vom Kreuze schon in Nnteregyp- tcn mehr und mehr verbreitete. Die Nubier, — die Blemier des Alterthums — holten sich von hier in feierlichen Aufzügen ihre Jstsbildcr ab oder schloffen hier mit ihren Nachbarn, den Egyptern, nach einem ihrer wiederholten Kriege den Frieden. Nachdem das Christenthum auch bis hierher gedrungen war, wurde der Jsistem- pel in eine christliche Kirche verwandelt. Die Tempclhallen sind in dem vollendetsten, reinsten egyptischen Style ausgeführt; jeder einzelne Theil des Bauwerks zeigt von einer mehr ideellen Anlage des Ganzen. Das Schwerfällige, Erdrückende anderer Monumente Egyptens verschwindet, während ein freierer, kühnerer Schwung ganz unverkennbar ist. Leicht gehaltene Knäufe krönen die schlanken Säulen; jeder einzelne ist von den übrigen verschieden, nur die Lotosblume ist allen gemeinsam. Wie ich an einigen noch unvollendeten Kapitalen sah, wurde ihre feinere Bearbeitung erst nach Vollendung des ganzen Baues vorgenommen, woraus sich auch eher die Schärfe und Mannichfaltigkeit des dargestellten Blättcrwcrks erklären läßt. Im inneren Tempel sind alle Säulen vollendet und über und über mit Hicroglyphenbildern bedeckt. Die Säulen prangen noch in alter, ewig neuer Farbenpracht. Einige Kapitale vcrsinnlichen eine aufrechtstehcnde Garbe grüner Palmcnwedcl oder vielleicht die Palme selbst; die Idee, so ganz aus der Natur des Landes gegriffen, ist einzig in ihrer Art und wunderschön. Zur Plattsond der Pylonen, von wo man einen Ueberblick des Katarakts genießt, führt eine noch guterhaltene Steintrcppe. Ueberall sieht man die Spuren gewaltsamer Zerstörung. An den äußeren und inneren Wänden des Tempels sind die riesigen Figuren der Gottheiten und Könige ausgcmeiselt worden; Trümmer bedecken die ganze Insel, in Trümmern liegt auch ein Dorf der Barabra, welches früher hier gestanden hat. In den Hallen, wo einst der ernste Gesang der Priester ertönte, bauen jetzt der Sperling und die Felscnschwalben ihre Nester, von den Trümmerhaufen hört man den traurigen Ruf der Wüstenlerche, — alles Irdische ist vergänglich! — Die bestimmte und sichere Nachricht, daß wir in Korosko nicht die nöthige Anzahl von Kamelen zur Reise durch die große nu bische Wüste finden würden, bewog die Mission, ihre Reiseroute umzuändern. Man miethete zwei kleinere Schiffe bis Wadi- Halfa und beschloß, von dort aus entweder zu Kamel oder zu Schiffe nach Dongola zu gehen, von wo aus man, ohne Aufenthalt befürchten zu müssen, durch die Wüstensteppe Bahiuda weiter reisen konnte. Am 21. Oktober bezogen wir mit dem Bischof Casolani, Padre Muhsa und Don Angelo das kleinere, aber bequemere der beiden Schiffe, die übrigen Mitglieder blieben auf der Transportbarke. Der Wind blieb uns günstig. Schon am 22. Oktober passirtcn wir mit Gcwehrsalven den Wendekreis; zwei Tage später erreichten wir Korosko. Wir fanden hier eine meist aus Bergleuten bestehende Erpcdition des Vizekönigs, welche für die Goldbergwcrke bei Khassahn bestimmt war und seit achtzehn Tagen auf Kamele, mit denen sie durch die Wüste reisen wollten, warteten. Die Leute gingen mit Zittern und Zagen nach dem in Kairo wegen seines Klimas sehr verrufenen Sudahn. Korosko ist ein elendes Dorf und enthält nur wenige Hätt- 66 scr: die erbärmlichen Wohnungen der, die Bricfpost zwischen Char- thum und Kairo besorgenden, Kamclreitcr. Dennoch ist der Ort für den Verkehr Egyptens mit Ost-Sudahn als Einbruchsstation in die große nubische Wüste von großer Wichtigkeit. Man legt den fünfunddreißig bis vierzig deutsche Meilen langen Wüstcnweg nach Abu-Hammed im südlichen Nubien in sieben bis neun Tagen zurück und gelangt, am Nile fortziehend, in fünf weiteren Tagen nach Berber el Muchc'iref. Im Inneren den Wüste stößt man nur einmal auf einen Brunnen, den Bihr murre, welcher, wie der arabische Beiname besagt, nur salziges Wasser enthält. Deshalb gehört die Reise zu den beschwerlichsten und zu den theuersten dieser Art *) auch ohne die Prellereien und Betrügereien der Kamelscheichs, denen der Reisende, wenn er nicht einen Firmahn von der Regierung besitzt, sicher ausgesetzt ist. Der Unterschied zwischen dem bis jetzt bereisten Theile Nubiens, dem Wadi-Kenuhs, und Egypten ist auffallend und erstreckt sich nicht auf das feste Land allein, sondern auch auf die Menschen, ihre Sprache und ihre Sitten. Nackte Felsmasscn engen den Strom auf beiden Seiten ein; seine Ufer sind viel zu hoch, als daß er sie überfluthen könnte. Daher hört man hier das Gekreisch unzähliger Schöpfrädcr, welche die schmalen und wenig fruchtbaren Felder an den Usern des Stromes bewässern, Tag und Nacht. Der arme Nubier konnte seinem Stcinlande nur Wenig abgewinnen. Seine Dörfer sind armseliger, aber freundlicher und hübscher als die der Fellahhihn; er selbst ist ärmer, aber besser als der Egypter. Schon auf den ersten Blick unterscheiden sich die friedlichen Berbern von den Egyptern. Die Männer haben eine mehr oder *) Ein mit Wafferschläuchen beladenes Kamel kostet nach den von der Regierung erlassenen Bestimmungen, wie das Reirkaniel, sechs Thaler unseres Geldes für diese Tour, der Transport eines arabischen Centners von hundert „Ardahl" oder einundachtzig wiener Pfunden wird mit dreißig Piastern oder zwei Thalern preußisch berechnet. Diese Miethpreise sind nicht niedrig, weil man bei dem beschwerlichen Wege einem Kamele nur drei arabische Centner aufbürden darf und sehr viel Trinkwaffer mit sich führen muß. 67 weniger dunkle Hautfarbe, sind schmächtiger, furchtsamer als die Fellahhihn und nicht so geeignet, jene enormen Körperanstrengungen , welche wir bei dem Egypter beobachten können, zu ertragen; die Frauen sind klein, nicht besonders hübsch und gehen unver- schleiert. Erstere bekleiden sich mit kurzen Beinkleidern und einem langen und breiten Nmschlagtuche, „Ferdah" genannt, Feiertags wohl auch mit einer blaugefärbten Baumwollenkutte; letztere tragen über einem Paar weiten Beinkleidern, die in den mannichfaltigsten Faltenwürfen, wie eine römische Tunika, um sich geschlagene Ferdah und haben ihr kurzes struppiges und grobes Haar in Hunderte von kleinen Zöpfchcn geflochten, gerade so, wie es, nach den Bildhauerarbeiten auf egyptischen Denkmälern der Baukunst, vor mehreren tausend Jahren auch üblich war. Ihre bisweilen recht angenehmen Gestchtszüge kann man leider nur aus der Ferne betrachten, denn in der Nähe schwindet deren Reiz vor ganz anderen Eindrücken. Ein unerträglicher Gestank weht Dem entgegen, der sich einer Nu- bierin nähert. Sie haben nämlich die üble Gewohnheit, sich ihre Haare mit Ricinusöl sehr stark einzusalben; dieses wird in der heißen Luft bald ranzig und verpestet die Atmosphäre bis auf dreißig Schritte Entfernung. Die Mädchen tragen schon hier den Rahhad, eine im Sudahn allgemein gebräuchliche Lederschürze, als einziges Kleidungsstück, die Knaben gehen bis in's zwölfte Jahr fast ohne Ausnahme nackt. Zwischen Derr und Korosko verläßt der Nil seine südlich - nördliche Richtung und wendet sich nordöstlich. Auf dieser Strecke ist der herrschende Nordwind den Schiffen ungünstig, weshalb diese am „Trekseile", arabisch „Libbahn" genannt, weiter gezogen werden müssen. Ein Befehl der Regierung hat den Bewohnern des rechten Ufers — das linke ist Wüste — die Pflicht auferlegt, diese Arbeit zu übernehmen. Auch wir machten von dem Vorrechte aller Vornehmen Gebrauch und ließen uns so rasch als möglich befördern. Aber es empörte uns die Art und Weise, mit welcher man die Nubicr zum Schiffsziehen preßte. Zwei unserer Matrosen, tüchtige, handfeste Burschen, liefen den Barken voraus und trieben die in den Feldern, an den Schöpfrädern oder in den Häu- 5 * 68 fern arbeitenden Männer mit Gewalt und Prügeln zum Zugseile. Wir wollten ihrer Rohheit Einhalt thun, sahen aber ein, daß es ohne die landesübliche Methode nicht möglich war, fortzukommen und mußten diese daher ihren Weg gehen lassen. Während der Fahrt bereitete uns Don Angclo, dessen Furcht vor dem Ertrinken ich schon gedacht habe, ein spaßhaftes Intermezzo. Unsere Dahab'i'e lag still, der Nil war seicht und ruhig und die Luft höchst angenehm. Man redete also dem guten Padrc zu, sein Rettungsboot, die Gummimatratze, doch einmal zu versuchen, um ihre Nützlichkeit bei einem thatsächlich vorkommenden Schiffbruche zu erproben. ES fehlte nicht an Gründen und Vorstellungen, ihm die Sache recht einleuchtend zu machen; er entschloß sich wirklich zu einer Probefahrt. Die luftgcfüllte Matratze lag auf dem Wasser, Don Angelo entkleidete sich und bestieg sie mit Hülfe des Barons sehr vorsichtig. Behaglich schaute er von seinem Lager herab in den Strom. „Nun wüthe, Nil, ich bin geborgen!" Aber — eine Bewegung — das trügerische Bette drehte sich, Don Angelo lag im Wasser! Obgleich er auf festem Grunde stand, rief er doch kläglich um Hülfe. Man brachte ihn an Bord, um eine Hoffnung weniger. Von nun an sah er nur mit der höchsten Seclcnangst in die trüben Fluchen des Stromes. Abends landeten wir in Derr, einem großen, zwischen Palmen versteckten, ganz unbedeutenden Dorfe, in dessen Nähe sich ein halb verfallener Felsentempcl befindet. Hier hatten unsere geistlichen Herren eine Amtsverrichtung. Ein Vater begehrte Hülfe für sein krankes, ganz erbärmlich aussehendes Kind. Man wußte nicht, was man diesem geben sollte, da die Mutter schon lange vor seiner Geburt an Syphilis gelitten hatte. Aber der Bischof wußte ihm zu helfen. Er ließ es dem Vater unter dem Vorwande, daß er ihm Arzneien geben wolle, abnehmen und — taufen! 0 sauet» simMvitas! Von Derr aus fehlte uns der Wind. Die Barken wurden deshalb von unserem Schiffsvolke am Libbahn langsam weiter gezogen. Am 29. kamen wir an der zerstörten Mamelukenfestung Jbrihm vorüber. Ein Dorf gleichen Namens liegt am Ufer des 69 Stromes unter Palmen. Die Festung befand sich auf einem fast senkrecht vom Nile aufsteigenden Felsen, wenig stromaufwärts vom Dorfe. Ihre Mauern waren zwar nur aus lufttrockenen Steinen aufgeführt, aber diese sind in Ländern, in denen es fast nie regnet, ein vollkommen dauerhaftes Material. Jbrihm war einer der letzten Haltpunkte der Mameluken, jener, von Mahammed-Aali sehr gcfürchtetcn, willens- und thatkräftigen Kricgcrschaar, dem Pascha, so lange sie bestanden, gefährlicher als das an einem Haare hängende Schwert dem Damvklcs. Lange war es ihm nicht möglich, Etwas gegen die wohlverthcidigte, fast unerstcigliche Festung zu unternehmen, während die Besatzung, insgeheim mit den Nubiern im Bunde, dem Angreifer durch Plünderung der den Strom befahren- den Schiffe und kühne Ausfalle beträchtlichen Schaden that. DaS Felsenschloß war mit Nahrung und durch eine in den Felsen gehauene, aus dem Strome gefüllte Cisterne auch mit Trinkwasser wohl versorgt. Endlich entschieden die Geschütze des Pascha den Fall desselben. Er zerschoß, eroberte und zerstörte die Burg und trieb die geschlagenen Feinde bis zur Insel Sais. Dort fanden sie spater vollends ihren Untergang. Am 1. November erreichten wir die Felscntempcl von Abu- Simbil oder Ibsa m bol. Es sind zwei großartige Monumente, welche die kühnsten Erwartungen übertreffen. Vor dem vorn Sande der Wüste fast verschütteten Portale des großen Tempels sitzen vier Kolosse von der Höhe des Memnoninus (vierundsechzig pariser Fuß); ihre Gesichter sind wie die aller cgyptischen Bildsäulen unschön, aber wirklich grauscnhaft anzusehen und deshalb imponircnd. Der innere Tempel ist ganz aus dem Felsen gehauen. Er enthält vierzehn Kammern und Hallen mit Hicroglpphentafcln und Statuen von mehr als dreißig Fuß Höhe. In der hintersten und kleinsten Zelle sieht man drei Steinbilder, wahrscheinlich Sinnbilder verschiedener Gottheiten. Nach Prokcsch*) beträgt die innere Tiefe des Riesenbaues hundertunddrcißig, die Breite hundcrtundfünfundvierzig wiener Fuß. Der zweite Tempel verschwindet neben ihm. Er liegt, *) „Das Land zwischen den Nilkataraklen." 70 nur wenige hundert Schritte von dem großen Tempel entfernt, dicht am Strome, ist kleiner und weniger schön. Etwas weiter stromabwärts steht man eine, im Niveau des Stromspiegels in ei- * ncr Felsennische sitzende, Figur, welche die Araber el Keahle, „die Messende" nennen. Sie hält in ihren erhobenen Händen ein gefülltes Getreidemaß und scheint im Begriff, dasselbe auszuschütten. Die Keahle ist offenbar nur ein Sinnbild der zu hoffenden Fruchtbarkeit deS neuen Niljahres. Ihre Augen sind nach dem Strome gerichtet, als wolle sie sein größeres oder geringeres Wachsthum beobachten. Steigt er nur so hoch, daß er bloß ihre Füße benetzt, dann hält sie das Maß des zu erwartenden, leicht zu berechnenden Getreides noch hoch erhaben — das Jahr wird eine arme Ernte bringen; verschwindet aber ihre Gestalt ganz unter den braunen Wellen, dann verschwindet mit ihr auch alles Maß des kommenden Segens. Wir verließen nach kurzer Besichtigung die erhabenen Monumente und zogen weiter. Am folgenden Tage sahen wir wiederum eine am rechten Ufer, hoch auf einem isolirt aufsteigenden Felsen in Trümmern liegenden Feste. Es ist El-Edjaht. Den Fuß des Felsenberges bedecken viele Grabmäler. Nach der Meinung des Volkes bezeichnen sie die „KHLbühr el Sähähb", die Gräber der heiligen Streiter des Jslahm, welche hier im Kampfe mit den Ungläubigen und Ketzern ihren Tod fanden. Dem Reisenden fällt die ewige Bettelei der Kinder und Erwachsenen aller nubischen Dörfer sehr zur Last. Bis hierher erstrecken sich noch die Reisen der gewöhnlichen Touristen, welche das Volk durch kleine Geschenke so verwöhnt haben, daß man in Dörfern, zumal wenn man europäisch gekleidet ist, sogleich von einem Haufen nackter Knaben oder in Lumpen gehüllter Erwachsenen umringt und mit den im Chor geschriecncn Worten: tMt Lskll8elii68cii!" (Herr, gieb uns ein Trinkgeld!) förmlich verfolgt wird. Selbst ganz kleine Kinder rufen dem Fremden schon » „Bakhschicsch" entgegen; es sind die ersten Laute, welche sie stammeln lernen. Gegen die oft die Grenzen himmlischer Geduld — und diese besaß ich nie — übersteigenden Anmaßungen der Erwach- 71 ftnm halfen mir gemeiniglich einige Hiebe mit dem unübertrefflichen Dolmetscher meiner Entrüstung, der aus der Haut des Hippopotamus geschnittenen Peitsche, kurzweg „Nilpcitsche" genannt. Da habe ich, zum Beweise der unersetzbaren, überraschenden Wirkungen dieses vorzüglichen Instruments, dann häufig sagen hören: „8L- inMImIilll M srircli!" (Verzeihe mir, Herr!) „ich wußte nicht, daß Du den „tärtieb ei btzllöck" (die Sitte, den guten Ton des Landes) so gut verstündest, ich will durchaus keinen Bakhschiesch; aber ich hielt Dich für einen des Landes Unkundigen, mMösoti (lass' es gut sein). „ULddönL elmliok!" (Unser Herr erhalte Dich!) Erst oberhalb Wadi - Halfa's, dessen Katarakt den Touristenreisen Grenzen setzt, hört diese Bettelei allmählig auf. Am dritten November erreichten wir den letztgenannten Ort. Er liegt in einem meilenlang sich am rechten Ufer hinziehenden Palmenwalde zerstreut, ist armselig, ohne Bedeutung und bietet an und für sich gar Nichts. Nur der eine Vicrtelmeile oberhalb der letzten Häuser des Dorfes beginnende, sogenannte zweite Katarakt hat Wadi-Haifa bekannt gemacht, denn es besitzt nicht einmal einen Markt. Sein Name ist aus den Worten „vLcki", d. i. Niederung, und der Benennung eines trockenen, scharfschneidigen Riedgrases abgeleitet. Wir bezogen die große, von den Einwohnern «l KhLssr, „das Schloß" betitelte Karawanserei und mußten hier, weil sich in Wadi-Haifa weder Kamele, noch oberhalb der Stromschnelle Schiffe vorfanden, dreizehn Tage verweilen. Unsere Wohnung bestand — vier Jahre später lag sie fast ganz in Trümmern — auS einem zweistöckigen, zimmerarmen Wohnhause und einem sehr ausgedehnten Hofraume. Das Gebäude war durchgehends aus lufttrockenen Ziegeln aufgeführt und mit (zu diesem Zwecke unbrauchbarem) Sparrwerk aus Palmenstämmcn gedeckt. In der Ringmauer, welche das Ganze umschloß, sah man viele, auf die Möglichkeit einer Vertheidigung hindeutende, Schießscharten. Früher mochte es wohl nöthig gewesen sein, die reichen Karawanen vor etwaigen Angriffen zu schützen; zur Zeit unseres Aufenthalts in Wadi- 72 Halfa, wo der Handel Monopol der Regierung war, erschien der Bau als nutzlos. Jedenfalls kam er uns aber sehr gelegen. Es ist für den Reisenden in einem so nichtssagenden Orte immer angenehm, sogleich eine Wohnung zu finden, ohne genöthigt zu sein, eine arme, wehrlose Familie Eingeborner aus ihrer Hütte zu vertreiben. Auch sind die Behausungen der Barabra*), obgleich reinlicher und wohnlicher als die Nilschlammspelunken der Fellah- hihn, noch immer schlecht genug. Sie gleichen vierseitigen, abgestutzten Pyramiden, bestehen aus lufttrockenen Formsteinen, besitzen keine Lichtlöcher — um den Ausdruck „Fenster" nicht zu mißbrauchen — und erhalten die Beleuchtung ihres Innern durch eine einzige, nach oben zu erweiterte, Thüröffnung, welche zur Nachtzeit mit einem, aus dicht an einander gereihten und mit einander verbundenen Palmcnwedelstängeln, „Djeried", bestehenden, Thürflügel geschlossen wird. Der Fußboden der nubischen Häuser ist manchmal mit buntfarbigen, künstlich geflochtenen Strohmatten bedeckt oder nur aus gestampfter Erde gefertigt; sonst sieht man im Innern der Hütte, außer einem nach Art der beschriebenen Thüre zusammengeflickten, auf vier Füßen erhöhten Lagengestclle, einigen hölzernen Schüsseln und irdenen Töpfen keine Wirthschaftsgcräthe. Die Bewohner Wadi-Halfa's unterscheiden sich bis auf die etwas verschiedenen Sprachdialcktc wesentlich weder in ihren Sitten und Gebräuchen, noch in Ansehung ihrer Körpcrgestalt und Gcistesfähigkeiten von den übrigen Einwohnern Nubicns bis über Ait-Dongola hinauf. Ihre Sprache deutet, wegen ihrer großen Ähnlichkeit mit äthiopischen Sprachen, auf eine Abstammung der Barabra von den Acthiopiern hin, und damit scheint auch die Kör« pergestalt der nubischen Völkerstäinme nicht im Widersprüche zu stehen. Man kann die Nubicr gesunde Leute nennen. Vor Allem bemerkt man bald nach dem Eintritte in ihr Hcimathland, daß mau das Land der Augenkrankheiten hinter sich hat. So wie sich in Nord-Ost-Afrika Länder und Völker streng und urplötzlich von *) Plural von Seröbrl; so nennen sich die Völker Nubicns, welche nicht arabischer Abkunft sind. 73 einander trennen, so wie es der Natur gefallen zu haben scheint, hier fruchtbares Ackerland und wenige Schritte weiter dürre, pflan- zenlose Wüste zu erschaffen, so scheint es auch mit den Krankheiten zu sein. In Assuan wüthet eine Epidemie, in dem nur eine Meile davon entfernten Dorfe Schellahl ist sie kaum dem Namen nach bekannt. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß ein blinder oder einäugiger Berber nicht in seinem Vaterlande, sondern in Egypten um sein Augenlicht gekommen ist. Dagegen sind in Nubien Verwundungen jeder Art sehr gefährlich; die kleinste Verletzung eitert oft Monate. Mehrere von unserer Reisegesellschaft litten an unbedeutenden Schnittwunden wochenlang. Wir langweilten unS in Wadi-Halfa ganz entsetzlich. In unserer Wohnung peinigten oder ängstigten uns große, in Menge vorhandene Skorpionen; im Freien ärgerten wir uns über das unergiebige Jagdterrain. Nur durch Zufall erhielten wir einige werth- volle Vögel. Am 23. November konnten wir endlich die Reise fortsetzen. Einige Nubier schafften unser Gepäck über den Katarakt hinauf; wir verließen, auf Eseln reitend, Nachmittags den einförmigen Ort und zogen längs des Nilufcrs an dem Katarakt hinauf. Mehrere unserer Reisegesellschaft hatten zum ersten Male Reit- kamele bestiegen und machten, um sich in den hohen Sätteln im Gleichgewichte zu erhalten, wunderliche Anstrengungen. Die Entfernung unseres Ziels, des Lagerplatzes Amke oder Abke, beträgt, von Wadi-Halfa aus gerechnet, über zwei Meilen. Schon eine Viertclmeile oberhalb des letztgenannten Ortes sieht man keine menschlichen Wohnungen mehr. Man gelangt in das Gebiet dcS von Wüsten eingeschlossenen zweiten oder großen Katarakts. Das Auge erschaut nichts als Steine, Sand, Felsen, den Himmel und den durch Hunderte von Fclseninscln zerspaltcnen, schäumenden und donnernden, seine gestauten Fluthen gewaltsam über die hemmenden Fclsblöcke stürzenden Nil; nur hier und da reckt ein Mimoscnbäumchen seine Zwciglein in die ruhige Luft; eS hat am Ufer oder selbst mitten zwischen dein zerklüfteten Gestein doch noch Nahrung und somit die Möglichkeit zum Leben gefunden. Das Schauspiel ist entsetzlich schön. Es scheint, als läge hier die 74 Natur noch in der chaotischen Verwirrung des Schöpfungsmorgens vor dem Auge des Beschauenden: so unendlich wild ist das vom Donner des Wasserfalls scheinbar erzitternde Panorama. Mit einbrechender Nacht kamen wir in Abke an. Die Matrosen vieler, hier in einer Bucht wie im Hafen liegenden, Barken saßen bei einer Temperatur von -s- 14? Reaum. am Feuer und wärmten sich. Auch unseren verwöhnten Körpern that die Wärme des Feuers wohl. Die Nacht war wundervoll. Noch hallte das Tosen des Katarakts in unserer Nähe als Echo wider, aber es begleitete nur die nicht unmelodischen Klänge der nubischen Zither, welche, weil sich das junge Volk der Schiffer zum Tanze ordnete, vor uns von kundiger Hand geschlagen wurde. Im Strome konnte ein scharfes Auge den Mastenwald der nahebei vereinigten Schiffe erkennen; er selbst glich einem stillen, nur melodisch an dem Felsenufer plätschernden See, darin die leuchtenden Sternlein wieder flimmerten. Würzige Mimoscndüfte schwängerten die frische reine Luft. Im leichten Winde rauschten die Kronen der Palmen; sie rauschten sanfter und weicher — wir schliefen! In Abke lagen mehr als fünfzig jener kleinen Barken, welche man zur Fahrt in den Katarakten benutzt und löschten ihre von Dongola el Urdi hierher gebrachte, fast nur aus ScnneSblät- tern bestehende, Ladung. Die Schiffchen sind aus einzelnen, ver- hältnißmäßig kleinen Planken ohne Rippen zusammengenagelt, haben einen Mast mit rautenförmigem Segel, aber keine Kajüten, sondern nur einen höchst unbequemen Schiffsraum, welcher selten mehr als vierzig arabische Centncr an Ladung aufnimmt. Alle Abweichungen dieser Bauart von der anderer Nilschiffe sind durch die gefährliche Wegstrecke, innerhalb deren sie sich bewegen, geboten. Die Rippen fehlen, damit das Boot eine möglichst große Elastizität bekommt und bei dem häufig vorkommenden Auffahren >> und Ausstößen an Felsenstücke nicht sogleich leck wird; die zwischen zwei Raaen (eine bewegliche und eine unbewegliche) eingeklemmten Segel sind rautenförmig, damit man die Kraft des Segels nach 75 der verschiedenen Stärke des Windes reguliren kann; das Boot ist klein, kurz und niedrig, weil Alles darauf ankommt, schnelle Wendungen machen zu können. Die Mission bedurfte acht dieser Schiffe zum Transport ihrer und unserer Effekten und stieß am 18. November zugleich mit einigen und zwanzig anderer Barken vom Ufer ab, um bei günstigem Winde ihre Reise fortzusetzen. Es war ein schöner Anblick, den Strom mit einem Male von mehr als dreißig, mit weit geöffneten, weißen Segeln fahrenden Schiffen bedeckt zu sehen. Unsere Boote zeichneten sich von den übrigen durch die an der Raacnspitze flatternden Pavillone aus. Die höchst malerisch auf einem zackigen, kohlschwarzen Fclskegel gelegene Lehmfcstung von Abkc verschwand den Blicken; wir betraten das Lättn öl H-lllMr, „den Bauch der Steine", d. i. das Steinthal: die wüsteste Provinz Nubicns, den traurigsten Landstrich, welchen ich je gesehen habe. Hohe, kahle, schwarze und glänzende Felscnmassen steigen senkrecht aus dem Nike, welcher sich durch sie hindurch im Laufe der Jahrtausende sein Bette graben mußte, empor, engen ihn ein und zersplittern, sich seinem tobenden Drängen kühn entgegenstellend, seine Kraft, stauen ihn hoch auf und zwängen ihn, daß er zur Zeit seines höchsten Wasserstandes um zweiundvierzig Fuß höher steht als im April. Sie brechen die Macht des Mächtigen. Er strebt, sie zu vernichten, um- schäumt sie mit seinem ewig rauschenden Wogenschwall; sie stehen unerschütterlich. Alles Kulturland haben sie verdrängt, aber, mit ihnen im ewigen Wechselkampfe, sucht der Strom sein göttliches Borrecht: das segensreiche Korn zu nähren und zu stärken, auch hier geltend zu machen. Wo er ein stilles Plätzchen findet, senkt er seinen fruchtbaren Schlamm auf das nackte Gestein und führt diesem selbst den Samen zu. Mitten im Strome sieht man von Weidengebüsch überzogene, ursprünglich kahle Felseninseln. Die Weiden haben ihre Zweige tief eingesenkt in das zerklüftete Gestein und treiben zur Zeit des niedersten Wasscrstandes Blätter, Zweige, neue Wurzeln. Sie gewähren den gefiederten Wanderern gastlich ein wirkliches Dach. Fröhliche Sänger durchschlüpfen die blü- then- und insektenreichen Hecken; die egyptischc Gans brütet dort 5 76 still auf ihren sechs bis zehn Eiern, der Pelekan ruht dort von seiner Fischjagd aus und putzt sich mit plumpem Schnabel das ro- senroth überhauchte Gefieder, die schwanzwippende Felsenbachstelze (NotaMs ogpsnsich wird hier geboren. Jetzt schwellt die' gewit- terreiche Regenzeit der Tropen den mächtigen Strom. Die Umstände ändern sich, die Felsen sind jetzt die Träger des Lebens, der Strom droht Vernichtung des grünenden Weidendickichts der Insel. Aber schlank und schmiegsam beugt sich die Gerte vor dem Zürnen des Gewaltigen. Sie senkt sich, zitternd vor dem heftigen Wellen- drang, tief ein in die trüben Fluthen, aber geschickt weicht sie und grünt und blüht bei fallendem Nile kräftiger und lebendiger als vorher. Das Steinthal ist kaum fähig kleine Vogel zu ernähren und dennoch giebt es Menschen, welche es ihre Hcimath nennen. In meilenwciten Abständen haben sie sich kleine Hütten erbaut, sie besitzen nur Das, was sie der Milde des Stromes zu verdanken haben. Mit Lebensgefahr schwimmen sie zu einer, von dem Gebirgen her vielleicht unzugänglichen, stillen Felsenbucht und streuen hier Bohncnkörner in den aus den Steinen haftenden Schlamm. Der Ertrag der Ernte ist ihr Reichthum; sie besitzen weiter Nichts; sie sind so arm, daß ihnen selbst die egyptische Regierung keine Steuern auferlegen konnte. Es giebt im Battn el Hadjar wohl auch einzelne Stellen, an denen mehrere Nubicr vereinigt ihre Strohhäuser aufgeschlagen haben, ein kleines Stückchen Feld bewirthschaften und zwei Rinder oder vier Ziegen hakten können, aber das sind Oasen, welche nicht das Gepräge dieser unglücklichen Provinz an sich tragen. Ein Palmenbaum, ein Strauch, eine Hütte wird hier mit Jubel begrüßt; ein Bohnenfeld ist das Ziel tagclangcr Hoffnung, ein Schöpfrad das Zeichen des Reichthums. Das Steinthal ist unendlich, unsäglich arm! Am 19. November. Die Mohammedaner feiern das Fest zur Erinnerung an das Opfer Abraham's; unser Schiffsvolk sitzt in Feiertagskleidern auf dem Deck der Barken und läßt den günstigen Wind unbenutzt vorübcrblasen; wir kommen erst um Mittag in Bewegung. Ruhig sitzen wir im Schiffsraum. Urplötzlich erzittert die Barke in ihrem ganzen Bau, sie ist mit furchtbarem Kra- 77 chen auf einen Felsen gefahren. Wir springen entsetzt auf und machen Anstalten zum Schwimmen. Aber unser alter stromkundi- gcr Reis Bellahl sitzt mit dem gemüthlichsten Gesichte von der Welt am Steuer und ruft uns freundlich zu: ,,Mahlesch"! Dank sei es diesem ,,Berge und Thäler ebnenden, das Unmögliche möglich, das Unerträgliche erträglich machenden, den Zorn beschwichtigenden, die Angst verbannenden" Worte, mit der unendlich vielfachen Bedeutung, welche ich mit: ,,Es thut Nichts" übersetzen will, — wir beruhigen uns. ,,Dic Barken sind sehr fest und halten manchen Stoß aus; ich habe noch ganz andere erlebt," sagt unser Altvater aller Kataraktcnschiffer, ,,scid ohne Sorgen!" ES war nicht zu bezweifeln, Bellahl kannte den Strom wie kein Anderer, er wußte jeden unter dem Wasser liegenden Felsen, schon ehe wir hinkamen, aber eben so unzweifelhaft schien eS zu sein, daß er mit einem gewissen Behagen das Schifflein auf den ihm bewußten Felsen jagte. Einige Tage nach dem eben Erzählten stieß unser mit starkem Winde segelndes Schiffchen so heftig auf versteckte Felsen auf, daß das Wasser durch einen bedeutenden Leck in's Innere eindrang. Aber man war auch auf Aehnliches gefaßt. Lumpen und Werg lagen bereit und wurden sofort zum Kalfatern verwandt; sie reichten nicht; da riß sich einer der Matrosen sein Hemd vorn Leibe und opferte es zu gleichem Zwecke für das allgemeine Wohl. In wenig Minuten war der Schaden beseitigt. Am 20. November kamen wir zum Schellahl *) von Seinne. Durch drei Stromengen, von einer kaum mehr als vierzig Fuß betragenden Breite, drängt sich die ungeheure Wassermcnge des Nil hindurch. Das Wasser steht am Anfange der Stromstelle positiv um sechs Fuß höher als zwanzig Fuß weiter stromabwärts. Wir fuhren mit aller Segelkraft bis an einen der brausenden Wasserstürze heran, unsere Matrosen stürzten sich mit einem Seile in den schäumenden Gischt, durchschwammen den heftigen Wogenzug und befestigten ihr Tau und somit unser Schifflcin an einem Fels- blocke. Hier lagen wir, bis sich die Mannschaft sämmtlicher acht ') Unter Schellahl versteht ber Nubier eine Stromschnelle. 78 Barken vereinigt hatte, dann zog man das schwankende Boot an starken Tauen durch die tobenden Fluthen, welche fast über den Stern desselben zusammenschlugen. Zu beiden Seiten der Stromschnelle stehen kleine, aber zierlich ausgeführte und mit sehr scharf gearbeiteten Hieroglpphenbildcrn gezierte Tempelruinen aus der Pharaonenzeit. — Wenn der Wind fortdauernd günstig bleibt, kann man alle Stromschnellen des Steinthals in sechs bis acht Tagen überschif- fen. Leiber hatten wir auf unserer diesmaligen Reise nicht guten Segelwind; wir legten in drei Tagen nur eine Strecke von anderhalb deutschen Meilen zurück. Weder die Mission, noch das Schiffs- volk war auf die Möglichkeit einer so ungünstigen Fahrt eingerichtet. Die Lebensmittel gingen zur Neige; auf den Schiffen stellte sich, obgleich nur sehr dürftige Rationen vertheilt wurden, wirkliche Noth ein. Unsere Matrosen schwärmten bei der herrschenden Windstille vergeblich meilenweit herum, um etwas Genießbares aufzu- treiben. Sie aßen anstatt des Gemüses wild-, aber spärlich wachsende Kräuter, welche sie hier und da auffanden und blieben bei all' ihrer Noth frohen Muthes, sangen und lachten. Wir Europäer waren bei unserer schmalen Kost weniger zufrieden und sehnten uns nach frischem Fleisch und Gemüse. Am Morgen erhielten wir eine Tasse Kasse und einen Schiffszwieback, Mittags trockenen Reis, ,,Pillau" genannt, und Abends eine magere Suppe. Den Gerichten fehlte alle Würze, weil uns das Schmalz schon seit mehreren Tagen mangelte. Ich erlegte eine Nilgans, deren Fleisch uns ein wahrer Leckerbissen wurde, und erwarb mir ein freundliches Gesicht meiner europäischen Reisegefährten wegen des gelieferten Bratens, die Bewunderung aller Nubier aber wegen des geschickten Schusses. Zwei Nilgänse, schöne, aber scheue Vögel, waren auf eine uns gegenüberliegende, wohl dreihundert Fuß entfernte Felseninsel gekommen und liefen am Strande herum. Sie fühlten sich, durch den breiten, wogenden und jählings abstürzenden Nilarm von uns getrennt, ganz sicher; aber meine treffliche Büchse erreichte sie doch. Ich sandte dem Männchen des Pärchens eine Kugel durch die 79 Brust; nach wenigen Flugversuchen lag es gelobtet am Strande der Insel. Die vereinigte Mannschaft von mehr als zwanzig, unterhalb der Stromschnelle versammelten, Schiffen hatte mir zugesehen und brach in lautes Beifallsgeheul aus. Nun trennte mich aber der breite Wassersturz noch von meiner Beute. Da erbot sich, in der Hoffnung eines zu erlangenden Bakhschiesch, einer unserer Matrosen, den Vogel herüber zu holen. Er legte sich auf einen kurzen Holzstamm und stürzte sich in den brausenden Strom. Die schäumenden Wogen schienen ihn verschlingen zu wollen und entzogen ihn auf Augenblicke wirklich unseren Blicken, aber er arbeitete sich rüstig durch, erreichte glücklich sein Ziel und kam, mit dem Vogel in der Hand, ohne Unfall wieder bei uns an. Man kann die Gewandtheit der nubischen Schwimmer nicht genug bewundern. Während sich der Egypter nur nach einiger Selbstüberwindung zum Schwimmen entschließt, scheint sich der Nubier im Wasser ganz heimisch zu fühlen. Er schwimmt, oft mit einem mehr als hundert Fuß langen Tau zwischen den Zähnen , kühn von Fels zu Fels trotz Wogendrang und Stromschnelle. Von Kindheit an ist er in der Kunst des Schwimmend geübt. Der Knabe jagt sich mit dem Mädchen spielend im Strome herum; der Jüngling oder erwachsene Mann bläst sich einen dichten Lederschlauch mit Luft auf, legt sich darauf und läßt sich dann vom Strome tagereisenweit thalabwärts treiben; Frauen und Männer setzen mit ihren Schläuchen ohne Bedenken über den oft mehr als tausend Schritte breiten Strom. Am 25. November legten wir mitten in dem bedeutenden Schellahl von Ambukohl an einem Felsenblocke an. Die Bewegung der wohlbefestigten Barken in dem Strudel der Strom- schnelle war so heftig, daß Mehrere aus unserer Gesellschaft die Seekrankheit bekamen. Wir zogen es vor, auf dem Felsen zu schlafen, wählten uns eine durch den Strom aufgelegte, ebene Sandbank zur Lagerstätte, breiteten unsere Teppiche darauf und schliefen, umtobt von dem Donner des Katarakts, herrlich die ganze Nacht hindurch. Wir bemerken zu unserer großen Freude, daß die Gegend bes« 80 ser zu werden scheint. Hier und da zeigt sich eine Palme oder eine Mimosengruppe. Große Flüge verschiedener Zugvogel wandern, dein Strome entlang, nach Süden und geben uns Hoffnung , auf Beute. Die Noth ist bei uns groß; wir haben fast Nichts mehr zu essen. Erst am 28. November erhob sich der sehnlich herbeigewünschte Nordwind und trieb unsere Schiffe nun ziemlich rasch dem Strom entgegen. Zwei Tage spater durchschiffen wir die Stromschnclle von Tanguhr. Eine gänzlich zertrümmerte Barke lag mitten im Katarakt auf einer Felseninscl; sie war vor einem Monate mit ihrer Ladung gescheitert. Auch heute gelang es nur den vereinigten Anstrengungen vieler Matrosen, ein Schiff unseres Geschwaders vom Untergänge zu retten. Mahammed, der Koch der Mission, wollte schwimmend sein mitten im Strome liegendes Boot erreichen. Die heftige Strömung trieb ihn unwiderstehlich dein Schellahl zu; er kämpfte verzweifelnd mit den Wellen, wäre aber ohne Zweifel ertrunken, wenn ihm nicht zwei andere Nubier zu Hülfe geeilt wären. Diese brachten ihn, obgleich selbst dem Versinken nahe, t besinnungslos an's User. Man versicherte mich, daß jährlich mehrere Barken hier zu Grunde gehen und oft auch Matrosen trotz aller Schwimmfertigkeit ertrinken. Einer unserer Schiffslcute, Aabd-Allah mit Namen, hat seine Frau, eine wirklich schöne Nubicrin aus dem Palmenkreise Sukoht, mit am Bord. Gestern näherte ich mich zufällig der nußbraunen Schönheit. Wie ein gereizter Tiger fuhr der Nubier auf mich los. ,,Hcrr," rief er wüthend, „was willst Du von meiner Frau?" Ich mochte ihm betheuern, was ich wollte, er betrachtete mich von nun an mit namenloser Eifersucht und schien uns Beide aus tiefster Seele zu hassen. Am 1. Dezember. Wir befinden uns in einem weit besseren Landstrich als bisher. Palmen und Mimosen gruppiren sich zu kleinen Wäldchen. Vor uns liegt am rechten Ufer ein hoher Berg mit zackigen, ausgeprägten Gipfeln, der Djebel el Tib- * sche. Auch am linken User erheben sich steile Felsmassen. Eins der schönsten Bilder des Battn el Hadjar liegt vor uns. Die 81 glühenden, schwarzglänzenden Felsenpartieen geben dem Panorama etwas schauerlich Wildes, aber da liegt wenig weiter oben Äkäh- » sch 8 mit seinem weißen, zwischen Mimosen hervorschauenden Schechs- grabe, umgeben von freundlichem, bebautem Ackerlande, und mildert das grausig Todte der übrigen Wildniß. Gegen Mittag erreichen wir die heiße Quelle von Okme. Sie kommt neben einem alten, halbverfallenen und verschlemmtcn Thurme, welcher sie früher wohl gefaßt haben mag, zu Tage. Rings herum ist der Boden mit einer Salzkruste bedeckt. Die Wärme der Therme beträgt über 40" Reaum.; ihre Wassermenge ist gering, hell und nach Schwefel schmeckend. Obgleich überall in Nubien als Heilquelle bekannt, wird sie doch wenig benutzt. Selten badet ein Kranker in ihr, gewöhnlich aber mit gutem Erfolge. Diese Quelle ist die einzige, welche zwischen Charthum und Kairo in den Nil fällt. Die Stromschnclle von Akahsche ist kaum eine halbe Meile südlich von ihr entfernt; wir erreichten sie Nachmittags. Von allen i Schiffen war das unsrige das einzige, welches den Schellahl sofort durchschiffte. Unser stromkundigcr Reis wiederholte, unzählige Male von der Strömung zurückgeworfen, den Versuch, über den Katarakt zu schiffen, solange, bis er gelang. Wir gingen oberhalb desselben am rechten Ufer an's Land. Jdrieß, unser schwarzbraimcr, nubischcr Diener, badete sich, kleidete sich festlich an und ging nach dem heiligen Grabe, um dort das Abendgebet zu verrichten. Der daselbst ruhende Schech steht, als Schutzpatron der Stromschnclle, in viel zu hoher Achtung, als daß es sich ein Schiffer erlauben würde, an seinem Grabe vorüber zu gehen, ohne zu beten. Das Schiffsvolk aller mit uns angekommenen Barken folgte dem Beispiele unseres Jdrieß; nur der alte, religiöse Reis Bellahl konnte nicht wohl abkommen. Da brachten ihm seine Leute Erde von dem heiligen Grabe mit; er streute diese aus das Deck seines Schifflcins und betete auf ihr. ^ Bellahl's Gottesfurcht ist unserer Achtung werth. Ehe er sein Schiff in die brausenden Wogen steuert, kniet er zum Gebete hin, um sich den Segen Allah's zu der gefährlichen Fahrt zu erflehen; wenn die - 6 Gefahr vorüber ist, drückt er dankend die Stirne in den Staub. Er ermähnt seine Untergebenen, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen; seine Frömmigkeit ist keine Maske, sondern tiefgefühlte Wahrheit. Mit dem schwachen Winde des Abends und nächsten Morgens kamen wir bis zum Schellahl von Dahle. Bellahl war wieder der Erste, welcher alle schwierigen Stellen überwand; die übrigen Rc'isihn *) zogen es vor, auf stärkeren Wind zu warten. Dieser blieb aus, die Barken mußten, um nicht von der Strömung wieder weit zurückgetrieben zu werden, anlegen, wo sich ein geeigneter Punkt zur Befestigung des Haltseilcs fand, und lagen nun zerstreut im Schellahl umher. Wir waren mit dem Jesuiten Ryllo, auf dessen Boote sich die Küche befand, am linken, Padre Petre- monte und Fatchalla Madruß am rechten Ufer gelandet, das Boot des B. S. hing mitten im Strome an einem Felsblock. Diese Windstille machte eine Vereinigung aller Schiffe unmöglich. Es gelang uns nur durch die Kühnheit eines rüstigen Schwimmers, den Versprengten Nahrungsmittel zukommen zu lassen. Ein starker Nordwind führte am 4. Dezember, nach dreißig- stündigcr Trennung, die zerstobenen Mitglieder der Reisegesellschaft wieder zusammen. Er ging bald in Sturm über und brachte empfindliche Kälte mit sich. Das Thermometer stand zwar noch immer auf -s- 12" Reaum.-, aber uvir froren bei dieser Temperatur und mußten Decken und Pelze herversuchen, um uns zu erwärmen. Der Sturm hielt auch am folgenden Tage mit gleicher Stärke an. Man hatte nur ein Dritttheil des Segels geöffnet, aber der Sturm jagte das Boot trotzdem mit der Schnelligkeit eines Dampfschiffes den Strom hinauf. Unser Schiffsvolk saß seekrank, mit kläglichen Mienen am Vordertheile der Barke. Wir waren in das Palmenland Dahr-el-Mahhaß**) eingetreten. Die Gebirge des Battn cl Hadjar sind hier verschwunden, die flachen Stromufcr geben fruchtbaren Feldern Raum, mei- *) Plural von Reis. **) Dahr bedeutet Land oder HauS. 83 lcnlange Palmenwälder ziehen sich am Saume der Wüste dahin. An den Palmen reifen hier köstliche, weitberühmte Früchte. Tropische Vogel beleben die Ufer und der Ornitholog steht viele neue erfreuliche Erscheinungen unter den gefiederten Bewohnern des Landes. Hier zeigte sich uns zuerst der prachtvolle Feuerfink (Luplootes issnicolor), welcher die Durrah- oder Moorhirsenfelder in namhafter Anzahl bewohnt. Er ist ein kleiner Vogel mit sammtschwarzcr Brust und Stirn und brcnnendroth befiederten Körperthcilcn; alle Federn haben einen eigenthümlichen Glanz. Wie ein Opferflämm- chcn erscheint er auf der Spitze eines Durrahkolbens und zirpt seine einfache Weise. In den Mimosen bemerkt man einen noch kleineren, einfarbig stahlblauen, auf den Häusern einen kaum zaunkönig- großen, rostbrüstigen Finken (IdrinAilla nitens und inim'ina). Die Macht des tropischen Klimas zeigt sich an diesen niedlichen Thier- chcn und entfaltet eine von uns Nordländern ungeahnte Farbenpracht. Ich litt in Folge zweier schlaflosen Nächte und des heftigen Windes an Kopfschmerzen. Reis Bcllahl wollte mich, durch eine sympathetische Kur — worauf die Araber sehr viel geben — davon befreien. Er näherte sich mir mit allerlei Gesten, drückte mir die Finger seiner rechten Hand fest auf die Schläfe und legte dann, Gebete murmelnd, die Finger seiner linken Hand in einer bestimmten Reihenfolge gegen die innere Handfläche. Schließlich preßte er meinen Kopf zwischen seinen beiden Händen zusammen, spie in die linke Hand und schlug sie mehrere Male auf den Boden. Ich weiß nicht, ob ich die Nachmittags eintretende Linderung meiner Schmerzen dieser merkwürdigen Heilmethode oder dem schwächer gewordenen Winde zuschreiben soll. Am 9. Dezember. Es war Windstille. Der Baron hatte sich auf die Jagd begeben; ich lag, von dem ersten Anfalle des klimatischen Fiebers gepeinigt, im Schiffsraum; der Fiebcrfrost durchschüttelte mich. Da erhob sich auf dem Deck der Barke ein wüstes Geschrei, dessen grelle Töne mir bald unerträglich wurden. Ich erfuhr von unserem Diener Jdrieß, daß man auf den Baron un- 6 * 84 willig sei, weil dieser nicht zurückkehre, nachdem Wind aufgekommen wäre. Um die Reise fortsetzen zu können, habe man den Matrosen Aabd-Lillahi (oder Aabd-Allah) fortgeschickt, um den Baron zurückzurufen. Mir ahnte davon nichts Gutes: Aabd-Lillahi war uns Allen als jähzorniger, wüthender und roher Mensch genugsam bekannt geworden. Wenige Minuten später hörte ich den Baron um Hülfe rufen und sah ihn am Strande im ernsthaftesten Handgemenge mit dem Nubier, welcher sich der Jagdflinte meines Gefährten zu bemächtigen suchte. Er würde diesen, märe er in Besitz der Waffe gelangt, wahrscheinlich zusammengeschossen haben, weshalb ich auch keinen Augenblick zögerte, das Gefürchtete wo möglich noch zu verhindern. Ich nahm die Büchse zur Hand und den Nubier auf's Korn; aber die Streitenden veränderten ihre Stellungen so oft, daß ich, ohne den Baron zu gefährden, den Schuß nicht wagen konnte. Jetzt wurde er frei, ich zielte genauer, — da brach er plötzlich, noch ehe ich geschossen hatte, blutend zusammen: der Baron hatte ihm sein Dolch- messer in die Brust gestoßen. Von ihm erfuhr ich nun auch den Hergang der Sache. Aabd- Lillahi war im höchsten Zorne schimpfend und fluchend auf ihn zugekommen, hatte ihn mit Gewalt dem Ufer zugcdrängt und in der Nähe des Schiffes sogar geschlagen. Der Baron nimmt erzürnt sein Gewehr von der Schulter und will dem Nubier einen Kolbenschlag versetzen, dieser aber springt wüthend auf ihn los, preßt ihm mit der Hand die Kehle zusammen, schimpft ihn Chri- stcnhund und Ungläubigen und droht, ihn mit dem Gewehr, dessen er sich bemächtigen will, niederzuschießen. Von diesem Menschen war Alles zu fürchten und der Baron, bei seiner wehrhaften Vertheidigung, in seinem vollen Rechte. Es ist unmöglich, von dem sich nach diesem Auftritte erhebenden Lärmen eine Beschreibung zu geben. Das Schiffsvolk schrie wie immer entsetzlich, schwur fürchterliche Rache und zog haufenweise zum Padro Rylbo. Dieser Jesuit war nicht nur niederträchtig genug, der Menge Recht zu geben, sondern hetzte sie sogar noch gegen uns — Ketzer — auf. Don Angelo, der Arzt der 85 Mission (welcher, beiläufig bemerkt, eine dunkle Idee von der Möglichkeit der Heilkunde haben mochte), wurde beordert, den ,,armen Verwundeten" zu sondiren und zu bepflastern. Das Volk wurde, wie leicht zu begreifen, durch diese christlichen Maßregeln noch weit erbitterter und anmaßeudcr. Die Re'lsihn erklärten unter thierischem Gebrüll wiederholt, unsere Barke zurücklassen und sich selbst Recht verschaffen zu wollen. Wir setzten unsere Waffen zu einer Vertheidigung auf Leben und Tod in den besten Stand, bedeuteten die Schiffsführer, welche am nächsten Morgen ihre Drohungen erneuerten, ihre Pflicht zu thun, versprachen, uns vor das Gericht des Gouverneurs der Provinz Dongola zu stellen und schwuren. Jeden, welcher sich unserem Boote in feindlicher Absicht nähern würde, niederzuschießen. Unsere Energie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Matrosen fügten sich murrend unseren Gewaltmaßrc- geln und sagten unS Gehorsam zu. Aabd-Allah's Wunde war nicht gefährlich. Eine Nippe hatte die Kraft des außerdem unfehlbar tödtlichen Stoßes gebrochen. Nachdem das im Anfange sehr heftige Wundficber vorüber war, genas er bald. Da er sich später willfährig zeigte, den Streit in Güte beizulegen, gab ihm der Baron drei Specicsthaler Schmerzensgeld und schlichtete damit den bösen Handel zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Jesuiten haben sich später bemüht, die Handlung meines Gefährten in ein schlechtes oder wenigstens zweideutiges Licht zu ziehen und seine Selbstvertheidigung als Verbrechen darzustellen, weshalb ich ihn hier vertreten zu müssen glaube. Er handelte, wie jeder Andere in seiner Lage gehandelt haben würde. Mord und Todtschlag ist in jenen Ländern keineswegs etwas so Außergewöhnliches, daß man nicht an eine kräftige Vertheidigung denken sollte, wenn man sein Leben bedroht sieht. Gegen Abend legten wir in der Nähe der Felsberge Nauer oder Nauri am rechten Ufer an. Man sieht diese beiden, sich mehr als vierhundert Fuß über die Ebene erhebenden Felsenkegcl schon von Weitem. Die Volkssage schildert uns beide Berge als früher vereinigt. Sie sind versteinerte Riesen. Der größere war 86 ein Mann und hieß Nauer, der zweite die Gemahlin desselben, Namens KisbtzttL. Die Gatten erzürnten sich und Nauer entfernte sich an fünfhundert Schritte von Kisbetta. Weil aber die sie früher gemeinschaftlich umschlingende Leibbinde — worunter man eine nach allen Seiten zu gleichförmig aufsteigende Stelle der Berge versteht — zerriß, konnten sie sich nicht wieder vereinigen. Diese roh zusammengefügte Geschichte zeigt uns, wie weit die Dichtung der Nubier hinter der der Araber zurücksteht. Heutigen Tages sind die Djebahl el Nauri von mehreren hundert Paaren Felsentauben, welche die Felder der armen Barabra ungestraft plündern dürfen, bewohnt. Nur ein einziges, hoch oben in einer Felsspalte horstendes Wanderfalkenpaar verfolgt die gefräßigen Tauben. Unsere Reise förderte von nun an rasch. Wir näherten uns, weil der im Dahr el Mahhaß felscnfrcie Strom uns nicht mehr aufhalten konnte, der Hauptstadt Dongola täglich mehr. Am 12. Dezember störte ein Zufall noch auf kurze Zeit die Ruhe einer äußerst angenehmen Nilfahrt durch das, im Vergleich mit dem mühsam durchsegelten Battn el Hadjar reich bebaute, Palmen- land Dongola. Unser Reis zertrümmerte beim Auffahren auf die letzten Fclsblöcke, welche er zu finden glauben mochte, das Steuer unseres Bootes. Obgleich der Schaden nothdürftig wieder ausgebessert wurde, blieb der Verlust doch so fühlbar, daß die Wellen bei einem heftigen Windstoße über Bord schlugen und an dem gänzlichen Umschlagen der Barke wenig fehlte. Nachdem uns Reis Bellahl am 14. Dezember in seiner Wohnung mit Palmen- wein*) bewirthet hatte, schied er von uns. Wir fuhren weiter und landeten um Mittag auf der großen, gut bebauten und stark bevölkerten Insel Argo, auf welcher vormals ein eigner König herrschte. Der hier wohnende Eigenthümer unserer Barke machte uns seinen Besuch und beschenkte uns mit einem wohlgenährten Schafe und einem Kruge Butter, welche hier zu Lande immer flüs- *) Ein braunes, durch leichte Währung auserlesener Datteln erzieltes berauschendes Getränk. 87 v s> sig ist. Am folgenden Tage, landeten wir in Dongola el Ur- d i, nachdem wir, von Wadi-Haifa aus, siebenundzwanzig Tage unter Wegs gewesen waren. Die Stadt Dongola, gemeiniglich schlechtweg ,,el Urdi", das Lager, genannt, wurde nach einem Plane des Naturforschers Ehrend erg an der Stelle des kleinen Dorfes Akromar erbaut und diente den Türken, welche die Provinz erst vor Kurzem erobert hatten, anfangs als Festung. Dongola ist ein unbedeutender Ort, welcher schlechte Basars*) mit wenigen Vcrkaufsartikeln, einige Kaffchäuser und Brandweinkneipen enthält. Es ist der Sitz eines türkischen Mohdihrs oder Provinzgouverneurs. Zur Zeit unseres Hierseins herrschte hier Muhsa-Be'i**), ein sehr gewandter, unterrichteter Türke, den wir spärter in Char- thum wieder trafen, wo er unter der Regierung Latief-Pascha's eine sehr demüthigende Rotte spielte. Er machte kurz nach unserer Ankunft den Geistlichen einen Besuch, welchen wir nach einigen Tagen erwiderten. Es ist eine überall in Nord-Ost-Afrika gebräuchliche Sitte, daß die Einwohner einer Stadt dm angekommenen Fremden zuerst besuchen. Man kann dann einen solchen Besuch erwidern oder nicht, wie man eben Lust hat. Die Sitte hat für den Fremden viel Angenehmes. Am ersten Sonntage nach unserer Ankunft (am 19. Dezember) las Padre Ryllo in der hiesigen koptischen Kapelle die Messe in arabischer Sprache. Das Gotteshaus war sehr zahlreich besucht worden. Ryllo brachte von dort ein Brödchcn, wie es die koptischen Christen bei ihrer Abendmahlsfcierlichkeit gebrauchen, mir zurück. Es war aus Waizcnmchl frisch gebacken, rund, einen Zoll hoch und hielt drei Zolle im Durchmesser; auf der oberen Seite sah man das fünffache Kreuz von Jerusalem: > 4 - *) Im Jahre 1852 wurden diese vergrößert und verbessert; auch baute man auf Befehl Latief-Pascha's, des Generalgouverneuers von Ost-Sudahn, eine Moschee. **) Ursprünglich ,,Belk"; von Anderen „Bei" oder „Beg" geschrieben, so viel als Oberst. 88 Die Mission wollte die zu hoffende Genesung ihres von Kairo an ununterbrochen an einer sich mehr und mehr verschlimmernden Disscnteric leidenden Chefs in Dongola abwarten. Der Ort bot v uns zu wenig, als daß wir diese unbestimmte Zeit hier hätten verbringen können. Wir trennten uns daher von der Mission, mietheten eine Barke bis zum Dorfe Ambukohl am Eingänge des Weges durch die Wüstenstcppe Bah luda und verließen Dongola am 20. Dezember. Unser Verhältniß zur Mission war nicht das beste gewesen, aber doch that es uns leid, von Männern scheiden zu muffen, mit denen wir länger als drei Monate zusammengelebt hatten; wir fühlten, daß wir von nun an ganz einzeln standen. Der falsche Bischof gab mir Gesundhcitsregcln, Pater Knoble eher herzlich gemeinte Mahnungen mit auf den Weg; Padrc Nyllo wünschte uns kalt und steif glückliche Reise; Don Angclo machte schlechte Witze, Padre Muhsa, mein alter grilliger, aber seelenguter, väterlicher Freund und Bckehrer, und Baron S. S. begleiteten uns bis zu unserem Schiffe. So schieden wir ^ in Frieden von einander. ' Oberhalb Dongola bieten die Ufer deS Stromes wenig Bcmer- kcnswerthes. Handak und Alt-Dongola, „DöngölZ. Ldjühs", sind so unbedeutende Ortschaften, daß sich Wenig oder Nichts über sie sagen läßt. Wir verkürzten uns den einförmigen Weg mit Jagen und Präparircn des Erlegten, bis der 24. Dezember herankam. Dieser weckte freilich mancherlei Empfindungen in unserem Innern. Wir befanden uns im Innern Afrika's, unsere Gedanken waren daheim. Der Abend stimmte uns weich; wir beschlossen, ihn wie im Vaterlande zu feiern. Uns selbst konnten wir gegenseitig Nichts bescheren, darum beschenkten wir unsere Diener. Dann holten wir Wein herbei und tranken auf's Wohl der fernen Lieben. Und als es vollends Nacht geworden war, setzten wir uns hinaus in die helle Sternennacht und horchten still dein Schlage der murmelnden, vom Kiel des Schiffes gebrochenen Wellen; und wäh- ^ rend dieses langsam, feierlich den Strom durchfurchte, begingen wir ernst und ruhig das Fest der Weihenacht. Am 25. Dezember landeten wir in Aabd uhn, einem unbc- 89 deutenden Dorfe, weil wir gehört hatten, daß wir auch von hier aus durch die Steppe ziehen könnten und zwei bis drei Tage Zeit v ersparen würden. Wir traten mit einem uns von unserem Reis zugeführtcn Araber in Unterhandlung, welcher uns versprach, bis Sonnenuntergang acht Kamele für die Micthsummc von vierzig Piastern (für jedes Kamel) zu stellen. Aber wir warteten, nachdem er sich entfernt hatte, um die Lastthiere herbeizuschaffen, mehrere Stunden vergeblich auf seine Rückkehr. Ungehalten wegen der verlorenen Zeit, wollten wir den Lügner durch den Kaimakahn*) bestrafen lassen und ließen diesen herbeirufen. Da erfuhren wir, daß dieser nicht die Macht habe, Aabd el Hamihd — so hieß jener Araber — zu züchtigen, weil er nicht unter seine Botmäßigkeit, sondern unter die eines verrufenen Bedutnenstammcs gehöre. Der Schech**) des Ortes habe ihm Kamele verweigert, weil er gezweifelt habe, daß wir unter Aabd cl Hamihd's Leitung jemals nach Charthum gelangt sein würden. Der Kaimakahn gab uns ^ zugleich den Rath, uns in Zukunft, wenn wir Kamele bedürften, ' nur an Beamtete der Regierung zu wenden; diese seien für die Sicherheit der Reisenden verantwortlich. In der Folge sah ich ein, wie Recht der Mann hatte. Wir brachen nach dem eben Erfahrenen sogleich wieder auf, störten ein riesiges Krokodil mit Büchsenkugeln aus seinem Nachmittagsschlummer und gelangten mit gutem Segelwinde am Mittage des folgenden Tages nach Ambukohl. Der Kahschcf oder Be- zirksvorstehcr, ein durch Empfehlungsbriefe von seinem Vorgesetzten Muhsa-Be'r sehr dienstfertig gemachter, wohlleibiger Türke, versprach Alles zu thun, was wir wünschen würden. Abends erschien er auf unserem Schiffe zum Besuch. Wir bewirtheten ihn zuerst mit Kasse und später mit Rum, weil uns sein Begleiter, ein schmächtiger, kriechender Kopte, versichert hatte, daß sein Gebieter die Befehle des Propheten zu interpretiren wisse. Das berauschende ^ Getränk versetzte unseren biederen Türken sehr bald in fröhliche *) Der Kaiinakahn ist der Vorsteher eines Dorfes, aber immer ein gedienter Soldat. **) „Schech" ungefähr so viel als Schultheiß. « Laune. Begeistert rief er mehrere Male: ,,O, meine Herren, das ist der schönste Tag meines Lebens!" Das sollte jedoch nicht der Fall sein. Beim Nachhausegehen fiel der schwere, mehr schwebende als gehende Mann von dem den Schiffsbord mit dem Lande verbindenden Brette (Rhiskahle) in den Nil und zog seinen dienstfertigen Geist und Sekretär nach sich in die trüben Fluchen. Wir wollten ihm zu Hülfe eilen, aber er hatte die terra ürnm bereits wieder gewonnen. Von Wasser triefend kehrte er an Bord zurück, um uns zu versichern, daß nicht er, sondern nur der lumpige Kopte in den Strom gefallen sei. ,,Seid ohne Sorgen, meine Herren, einer so schmiegsamen Kreatur schadet das Nichts. Iwil- küm saaräo!" Glückliche Nacht! > Vorbereitungen zur Wüstenreise. Das Kamel und feine Ladung. Am frühen Morgen des 29. Dezember erschien der ,, Schech el Djemahli", d. h. der Aelteste, Befehlende unter den Kameltreibern, mit einem Führer, ,,Chabihr" *), drei Kameltreibern und acht Kamelen in unserem Lager. Der Kahschef hatte uns die Lastthiere zu dem niederen Miethpreise der Regierung verschafft; wir bezahlten für die Benutzung eines Kameles zur Reise von Ain- bukohl nach Charthum — einer Wegstrecke von mindestens vierzig deutschen Meilen — nur fünfunddreißig Piaster oder zwei und einen drittel Thaler unseres Geldes. Hiervon entrichteten wir ein Dritt- theil im Voraus und verpflichteten uns kontraktlich, das Fehlende nach erfolgter, glücklicher Ankunft in Charthum einem der Treiber einzuhändigen. Während die Kamele ihre noch freie Zeit benutzten und einige Mimosen ihrer Blätter beraubten, begannen die Treiber die nöthigen Vorbereitungen zur Wüstenreise zu machen. Sie erweichten, reinigten und füllten zunächst die für unseren Trinkbedarf erforderlichen, von ihnen gelieferten Schläuche, wählten sich gleichschwere Gepäckstücke zu bestimmten Ladungen aus und umwanden sie mit je zwei starken, von ihnen sofort zusammengedrehten Dattelbaststricken, welche in einem Abstände von anderhalb Fuß um die Kisten geschnürt und unter sich verbunden wurden, an der einen Seite aber in handgroße Schlingen oder Oehrcn endigten. So einfach dieses Geschäft auch ist, so viel Lärmen, Gezänk und Krakchl verursacht es gewöhnlich. Jeder Treiber versucht, um sein eigenes Ka- *) Von „elisbara," benachrichtigen, erfahren sein, Etwas genau kennen. * 92 mel möglichst zu schonen, die leichtesten Frachtstücke sich zuzueignen, wird aber mit dem andern deshalb regelmäßig in lebhaften Wortwechsel verwickelt und ärgert den Reisenden durch sein Geschrei und ) nichtsnutziges Benehmen am allermeisten. Wenn die Karawane einmal im Gang ist, geht eS besser, weil dann Jeder die ihm einmal zucrthcilte Last seinem Thiere ohne Widerrede aufbürdet; er würde aber nie zu bewegen sein, inmitten der Wegstrecke seiner Ladung noch eine neue Last zuzusetzen. Selbst der Treiber, dessen Kamel die Wasserschläuche trägt, würde dies nur gezwungen thun, obgleich begreiflicher Weise die Ladung seines Thieres von Tag zu Tage leichter wird. Im Anfange der Reise hat freilich gerade das was- sertragende Kamel am Meisten zu leisten: zwei wohlgefüllte große Schläuche sind eine sehr starke Ladung. Man unterscheidet in Nord-Ost-Afrika zwei Sorten dieser Wasserbehälter. Die großen, ,,Rai" genannt, fassen ungefähr den vierfachen Inhalt der kleineren, ,,Khirba." Erstere bestehen aus Rindleder, letztere aus Ziegen- oder Schaffell; beide sind, um sie zu dichten, mit einem Theer, ,,Khutrahn", welchen die Araber aus den Samen der Coloquinthenkürbisse zu dcstillircn verstehen, cinge- fchmicrt. Der Khutrahn ertheilt dem mit ihm in Berührung kommenden Wasser einen wirklich entsetzlichen Geruch und Geschmack und, wie ich glaube, auch die Eigenschaften der Coloquinthen selbst, weil das in den Schläuchen aufbewahrte Trinkwasscr schon nach wenig Tagen ungenießbar wird, peinliche Kolik erregt und zum Erbrechen reizt. In Fässern erhält sich das Wasser länger wohlschmeckend, aber diese zerbersten von der Hitze und zerspringen, wenn ein Kamel seine Ladung abwirft, fast jedes Mal. Wir haben gefunden, daß gut verzinnte, durch sorgfältige Verpackung in Holzkisten vor äußeren, mechanischen Einflüssen geschützte Blechgc- säße bei Wüstcnrcisen zum Wassertransport am Vortheilhaftesten verwendet werden können. Das in ihnen aufbewahrte Wasser ist zwar immer lauwarm, bleibt aber länger als vierzehn Tage trinkbar und ist dem durch die Hitze und den Samuhm bewirkten Verdunsten nicht in demselben Grade, als das in Schläuche gefaßte, ausgesetzt. 93 Zum eigenen Bedarse führt jeder Kamelreiter noch ein kleines, mit Wasser gefülltes Ledergefäß bei sich auf seinem Reitthiere. Es ist der unpraktische „Sa'in" der Sudahnesen oder die wohleinge- richtcte „Simsem'ie" der Bewohner des glücklichen Arabiens. Ersterer ist das gegerbte Fell einer jungen Ziege, welches man in der Halsgegcnd und der der Vorderbeine des Thieres zusammengenäht, am Hinteren Ende aber nur zusammengeschnürt hat; letztere ist ein ganz nach dem Prinzip der Wasscrkühlgcfäße Egyptens eingerichteter, steifer Lederbeutel mit einem Henkel und zwei durch Pfropfen verschließbaren Mundstücken. Die Simsenne wird Abends gefüllt, im Luftzuge aufgehängt und kühlt während der Nacht das in ihr enthaltene Wasser um mehrere Grade ab. Man bezieht diese bei Wüstenreisen ganz unentbehrlichen Gefäße aus Jemen und bekommt sie in jeder größeren egyptischen Stadt zu dem mäßigen Preise von einem Gulden unseres Geldes. — Nachdem die Karawane insofern gerüstet und mit den beschriebenen, neu in Stand gesetzten Geräthschaften versehen ist, beginnt das Aufladen. Ehe ich aber eine Beschreibung geben kann, muß ich meine Leser nothwendiger Weise erst mit dem „getreuen Wüstenschiffe", dem Kamele, bekannt machen. Ich unterlasse eine naturwissenschaftliche Beschreibung seines Acußeren und beschäftige mich vielmehr mit seinen Ra^enunterschieden, Leistungen, Kräften Eigenthümlichkeiten; von ersteren hätte ich vielleicht nur zu sagen, daß weiß- oder isabellfarbige Kamele mehr als dunkelbraune geschätzt werden. Das Kamel hat ebensowohl seine Rapen, als das Pferd; ein von den Bischahrihn (einem Nomadenstamme des Bclled- Tahka im Sudahn) gezüchtetes edles Reitkamel, „Hedjihn", unterscheidet sich von dem egyptischen Lastkamele wie ein arabisches Roß von einem Karrcngaule. Der Bischahrihnhcdjihn ist das vollendetste Kamel, welches ich kenne; er ist fähig, in einem Trabe fünf, ohne Beschwerde zehn, mit Aufopferung seiner Kräfte aber sogar zwanzig deutsche Meilen innerhalb vierundzwanzig Stunden zurückzulegen, wird deshalb nur als Reitkamel benutzt und von frühester Jugend an zum Trabgehen gewöhnt. Sein Trab fördert 94 so schnell, daß ein gutes Pferd Mühe hat, mit ihm (im Trabe) fortzukommen; dabei ermüdet er den Reiter wenig. Das egyptische Lastkamel ist ein kolossales Thier mit kurzen dicken Füßen, einem gedrungenen mächtigen Körper, es ist faul und nur mit Mühe zum Trabgehen zu bewegen; der Bischahri ist hochbeinig, feingliedrig, schmächtig und unermüdlich, eignet sich nicht zum Tragen großer Lasten, wohl aber zum Durcheilen einer bedeutenden Strecke; das egyptische Kamel würde zu Wüstenrciscn unbrauchbar sein, schleppt aber so enorme Lasten, daß die egyptische Regierung ein Gesetz erlassen hat, nach welchem es nur mit sieben arabischen Centnern oder ungefähr 570 wiener Pfunden beladen werden darf*). Beide haben ihre Vorzüge, aber die des Bischahri überwiegen die des Lastkamels. Es würde eine wahre Qual sein, wenn man tagelang auf einem nur Schritt gehenden Kamele reiten sollte. Denn da dieses Thier nicht wie andere Säugethicre — mit Ausnahme der Giraffe — den rechten Vorder- und den linken Hinterfuß, sondern beide Beine einer Seite zugleich fortbewegt — es erhebt dabei das Hinterbein etwa um eine Viertelsecunde eher als das Vorderbein — entsteht eine schaukelnde Rückcnbewcgung, welche der Reiter mit *) Ein Fellah wurde von meinem nachherigen Gönner La tief-Pascha, dem damaligen Gouverneur der Provinz Siut in Oberegypten, auf merkwürdige Weise zur Bestrafung gezogen. Der die Stadt mit dem Strome verbindende Weg führt durch den Hof des Regierungsgebäudes, dessen Diwahn jedem Kläger seine hohen Pforten öffnet. Latief sitzt zu Gericht. Da tritt ein riesiges, mit einer gewaltigen Last befrachtetes Kamel ohne Treiber in den Gerichtssaal. „Was will das Thier?" fragt der Bei, „seht, es ist unverantwortlich belade»! Wiegt seine Last!" Man findet, daß das Kamel zehn Centner oder tausend arabische Pfunde getragen hat. Nach kurzer Zeit erscheint sein Eigenthümer und sieht mit höchstem Erstaunen, daß die Amtsfrohne sein Kamel abgeladen haben. „Weißt Du nicht", donnert der Bei ihn an, „daß Du einem Kamele nur siebenhundert und nicht tausend Pfunde aufbürden darfst? Gewiß, die Hälfte dieser Summe, Dir in Hieben zugemessen, würde Dich drücken! Ergreift ihn, Chawassen, und zählt ihm fünfhundert Streiche auf." Dem Befehle wird gehorcht; der Fellah erhält die ihm bestimmte Strafe. „Jetzt geh", sagt der Richter, „und wenn Dein Kamel Dich noch einmal verklagt, dann erwarte Schlimmeres." „„kabdona csisliek, LlkonSina!" " (der Herr erhalte Dich, Herrlichkeit!) erwidert der Fellah und geht. 95 dem Gestenspiele chinesischer Pagoden getreulich nachmachen muß. Der Schritt eines beladenen Kamels ist dem eines guten Fußgängers gleich; man würde also täglich zwölf Stunden lang zu unfreiwilligen Verbeugungen gezwungen sein. Dem entgeht man durch Besteigen des Hedjihn. Ein guter Bischahri setzt seine Beine weit aus einander und geht einen so bequemen Trab, daß der ihn anpreisende Araber sich zu den etwas hyperbolischen Ausspruche: „Dusedrub lmststüiu lckadvs anls taellsru!" (Du kannst eine türkische Tasse Kaste auf seinem Rücken trinken!) — nota bens ohne Etwas davon zu verschütten — berechtigt glaubt. Aber ein guter Hedjihn hat noch andere Vorzüge. Er ist nicht störrisch, er schreit nicht beim Auf- oder Absteigen und „verlangt die Peitsche nicht." Man muß monatelang mit Kamelen umgegangen sein, um diese Tugenden würdigen zu können, denn von der Störrigkeit eines Kamels kann sich Niemand einen Begriff machen. Wenn es Etwas nicht thun will, hat man eine Höllenar- beit, um es zu bändigen. Es läßt, in Wuth versetzt, ein aus tiefster Kehle kommendes, unheimliches Kollern hören und stößt eine mit Luft gefüllte, von Geifer triefende Hautblase *) von der Größe eines Kinderkopfs aus dem Halse hervor, brüllt, beißt, schlägt und geht durch. Man zieht den Zügel mit Leibeskräften an, reißt ihm den Kopf zurück, bis er senkrecht steht, sucht es mit der Stimme zu besänftigen oder einzuschüchtern — es rennt nur so toller davon. Da erwischt man glücklich noch einen dünnen Riemen, welcher ihm durch den einen Nasenflügel gezogen worden ist und zieht ihn langsam an — jetzt steht es still. Man will es zum Niederlegen bringen — es beginnt von Neuem zu brüllen; endlich liegt es am Boden, man nähert sich ihm, um aufzusteigen, das Wuth- brüllen wird ärger als zuvor, wechselt mit kläglichen Lauten, als ob die Bestie gespießt wäre und geht dann wieder in die Töne des unbändigsten Grimms über. Kaum hat man die Fußspitze im Sattel, so springt es, wie von einem bösen Geiste beseelt, mit unglaublicher Schnelligkeit aus und rennt wie rasend davon. Wenn *) Den Brüll sack der Anatomen. 96 es Trab gehen soll, bleibt es stehen, dreht sich um oder läuft einer Mimosenhecke zu, in der Absicht, seinen Reiter da hinein, in die dichtesten, zolllangcn, nadelspitzen Dornen zu werfen; giebt man ihm die Peitsche, dann fängt das Geschilderte vom Durchgehen an, wieder genau in derselben Reihenfolge. Es ist ein Jammer mit solch einer Bestie! Ihr gegenüber verhält sich der Hed- jihn wie ein gebildeter Mensch zu einem ächt bengelhaften Lümmel. Ich will, weil ich einmal von den Untugenden des Kamels spreche, auch seine übrigen unlicbenswerthen Eigenschaften vollends aufzählen. Die Araber pflegen das Kamel mit besonderer Sorgfalt , aber ich habe nur ein einziges Mal.die Beobachtung gemacht, daß es gegen seinen Herrn eine gewisse Anhänglichkeit zeigt. Bösartige Kamele beißen und schlagen nach ihrem eigenen Herrn, wie ich durch das Beispiel eines Karawanenführers, welchem ein Kamel seinen linken Arm durch einen Biß verstümmelt hatte, belehrt worden bin. Dabei ist das Kamel feig, es vertheidigt sich — mit Huf und Zähnen — nur gegen schwächere Thiere; das Geheul einer Hyäne versetzt es in die größte Furcht; beim Gebrüll des Löwen zerstieben die Kamele einer Karawane nach allen Richtungen. In Hinsicht seiner geistigen Fähigkeiten steht es auf einer sehr niederen Stufe: ein gewisser Ortssinn, eine Kenntniß verschiedener, von ihm oft gegangener Wege sind die einzigen Anzeigen geistigen Vermögens, welche ich an ihm bemerkt habe, wenn man nicht die große Liebe zu seinen Jungen, welche es an den Tag legt, indem es die kleinen posfirlichcn Thierchcn sehr sorgsam beschützt, mit hierher rechnen will. Aber das Thier besitzt auch große Tugenden. Es ist sehr genügsam, kann lange dursten und wird wegen dieser Eigenschaften das nützlichste aller afrikanischen Hausthiere. Seine gewöhnliche Nahrung sind dürre Disteln, verdorrtes, hartes GraS, in den Dörfern Durrahstroh; nur bei anstrengenden Wüstenrciscn erhält es Durrahkörncr. Die saftigen Blätter der Mimosen frißt eS sammt den Aestchen und drei bis vier Zoll langen, harten und scharfen Dornen, ohne daß ihm letztere den lederfesten Gaumen oder die warzigen Lippen verwunden. Oft ist ihm ein alter, aus Dat- 97 telblattstreifm geflochtener Korb eine willkommene Speise. Belastete Kamele können während des Sommers vier bis fünf, während der Regenzeit oder des innerafrikanischen Winters, zu welcher Zeit sie viel Grünes zu fressen bekommen, acht bis zehn Tage ohne Nachtheil das Wasser entbehren. Dann trinken sie aber auch mehrere Eimer davon auf einmal. Eine reine Fabel ist die Erzählung einiger Reisenden, daß man auf Wüftenrcisen, dem Verdursten nahe, einem Kamele den Leib aufschneide, um das in seinem Magen enthaltene Wasser zu trinken. Ich habe hierüber alte, in der Wüste ergraute Schiuhch* **) ) befragt: keiner wußte Etwas davon. Es ist auch, wie ich mich an srischgeschlachteten Kamelen selbst überzeugt habe, ganz unmöglich, Wasser zu trinken, welches tagelang mit den im Magen aufgehäuften Nahrungsstoffen und dem Magensäfte vermengt war. Dieser Brei hat einen äußerst widrigen Geruch, welcher auch dann nicht verschwinden würde, wenn man ihn, um das Wasser von ihm zu trennen, durchseihen und letzteres abkochen wollte. Auch ohne diesen mühsam herbeigeholten Beweis für die außerordentliche Nutzbarkeit des Kamels würde der Werth dieses Thieres augenscheinlich genug sein. Die Kamele sind der größte Reichthum der sich mit ihrer Zucht befassenden Nomaden, der Lebensunterhalt vieler Menschen, die Handel, Reisen und mit beiden verbundene Ausbreitung der Civilisation ermöglichenden Thiere"). Zum Beladen der Lastkamcle dient die „Rau're", ein höchst einfaches, gepolstertes Hvlzgcstell, über welches die beiden Laststücke einer Ladung gehangen werden. Der Akt des Beladens selbst ist ohne Zweifel das Unangenehmste einer Wüstenreise. Wenn der von dem Wege des vergangenen Tages ermüdete Reisende am frühen Morgen noch im süßen Schlummer ruht, erweckt ihn das klägliche, herzbrechende Geschrei der wegen der ihnen zugemutheten Belastung Verzweiflungssüchtigen Kamele. Der Treiber hat die kurz *) Plural von Schech. **) Der Kaufpreis eines guten Reitkainels ist ein nach unseren Begriffen sehr niederer: er beträgt nur sechs, bis fünfzehnhundert Piaster; ein gewöhnliches Lastkamel kostet selten mehr als vierhundert Piaster. 7 98 gekoppelten Thiere, welche während der Nacht in der Nähe des Lagers herumgelaufen waren, um etwas Genießbares zu suchen, zusammengetrieben und führt jetzt das erste zwischen die beiden zum Aufladen bestimmten Kisten. Mit unnachahmlichen Kchltöncn und ruckweisem Anziehen des Zügels bringt er das Thier zum Niederlegen, faßt es, wenn es störrisch ist, mit der linken Hand derb an der Nase, mit der rechten kurz am Zügel und setzt ihm den einen Fuß auf das Knie. Zwei andere Treiber eilen hinzu, heben die Frachtstücke auf, stecken die Schlingen in einander, durch sie noch einen das Ausgleiten verhindernden Qucrpflock und helfen durch Heben derselben dem auf Befehl des Ersteren aufstehenden Kamele nach. Dabei brüllt die Bestie aber in allen Arten von Wuth-, Verzweiflungs-und Klagctönen, schweigt jedoch, nachdem sie beim Aufstehen noch einen, alle Leidenschaften vereinigenden, kurzen Schrei ausgcstoßen hat, den ganzen Tag über. Ganz unwahr ist die Erzählung, daß Kamele, denen man mehr, als sie zu tragen vermochten, aufbürdete, liegen blieben, auch wenn man ihnen ihre Last wieder abgenommen hatte, und mit wahrhaft poetischer Resignation den Tod erwarteten. Ein übermäßig beladenes Kamel springt nicht auf, weil es nicht kann; erleichtert man ihm aber seine Last, dann erhebt es sich ohne Weiteres oder wenigstens durch einige Hiebe angespornt aus seine Füße. Anders ist es, wenn ein Kamel bei längeren Wüstcnreisen unter seiner Last zusammenbricht. Dann ist es aber nicht Störrigkeit, sondern vollkommene Entkräs- tung, an der es für immer liegen bleibt. Das Kamel hat einen sehr sicheren, ruhigen Gang und stürzt auf ebenen und trockenen Wegen nie, so lange es bei Kräften ist; unterliegt es aber den Strapatzcn einer Reise und stürzt zusammen, dann ist es so angegriffen, daß es keinen Schritt mehr thun kann. Während die Rame der Lastkamele nur durch den Druck und das Gleichgewicht der beiden Frachtstücke in ihrer Lage auf dem Rückenhöcker des Thieres erhalten wird, wird der „Serdj" oder Rcitsattel durch drei feste und breite Gurte — zwei um den Bauch laufende und ein dritter um den Vordcrhals gehender, um das Nach-Hinten-Rutschen des Sattels zu verhüten— auf den Hedjihn 99 geschnallt. Der Lastsattel ist ein ganz erbärmliches Machwerk, der Scrds ein Produkt aus Künstlcrhand. Er ruht auf einem soliden, sauber gearbeiteten Gestell und besteht aus einem muldenförmigen, ungefähr einen Fuß über dem Rückenhöckcr des Thieres erhöhten Sitz für den Reiter. Am vorderen und Hinteren Ende des Scrdj erheben sich zwei Knöpfe um mehrere Zolle. Sie dienen zum Aufhängen der dem „Hedjahn", — dem Reiter eines Herrschn — nöthigen Geräthschasten, z. B. der Simsemle, der Jagd- oder Munitionstaschc, der Waffen, Pistolenhalster u. s. w. Den Sitz belegt man sich mit einem langzottigen, gewöhnlich brennendroth oder blau gefärbten Schaffell, „Farrwa"; zu weich darf er, weil er sonst zu sehr erhitzen würde, nicht sein und deshalb nie aus Federkissen bestehen. Der Zügel ist eine einfache, mehrere Male halftcrartig um den Kopf des Hedjihn gezogene Schlinge, welche beim Anziehen das Maul zusammenschnürt, der Beizügel eine dünne, durch das eine Nasenloch gezogene Lederschnur. Ein Gebiß hat das Neitkamcl nicht. Der Reiter trägt am Besten weiche, langgeschäftete Stiefeln ohne Sporen, enge, europäische Beinkleider, eine kurze Jacke mit weiten Aermeln, die Leibbinde, den Tarbuhsch und das dichte Baumwollentuch der Beduinen, „Khuff'ie" genannt, um sich bei großer Hitze damit kaputzenartig den Kopf einhüllen zu können. Um daö Handgelenk hängt die unerläßliche Nilpeitsche an einem Riemen. So ausgerüstet tritt er zu dein mit znsaiiimengebogenen Beinen lm Sande liegenden Reitkamele, besänftigt und ermähnt es durch einen eigenen — dem Laute eines mit aller Kraft aspirirten oll ungefähr ähnlichen — Kehlten zum Stilllicgen, faßt den Zügel so kurz als möglich mit der linken, den vorderen Sattelknopf mit der rechten Hand, erhebt den rechten Fuß vorsichtig bis in den Serdj und schwingt sich mit möglichster Schnelligkeit in den Sattel, wobei man sich sofort mit beiden Händen festhalten muß. Es gehört eine sehr große Gewandtheit dazu, den Hedjihn in dieser, einem Hedjahn zukommenden Weise zu besteigen. Das Kamel wartet es nämlich nicht ab, bis sich der Reiter im Sattel festgesetzt hat, sondern richtet sich, sobald es den geringsten Druck verspürt, in 7 * drei ruckweise, aber mit sehr großer Geschwindigkeit auf einander folgenden Absätzen auf. Ehe der Hedjahn noch zum Sitzen kommt, erhebt eS sich auf die Kniee — richtiger die Handgelenke — der Vorderbeine, sodann auf die langen Hinterbeine und schließlich vollends auf die Vordcrfüße. Diese Bewegungen erfolgen so schnell auf einander und kommen dem Anfänger so unverhofft, daß er beim zweiten Ruck regelmäßig nach vorn aus dem Sattel und entweder auf den Hals des darüber empörten Kamels oder zur Erde stürzt. Erst nach einiger Uebung kommt man dahin, den Wirkungen der Stöße eines aufspringenden Kamels durch Vor- und Zurückbeugen ausweichen und seinen Platz im Sattel behaupten zu können. Reisende Engländer pflegen sich zum Besteigen des Hedjihn kleiner Leitern zu bedienen oder hängen zu beiden Seiten des Sattels Körbe auf, in denen zwei Personen Platz nehmen; türkische Damen reisen in Sänften, welche von zwei Kamelen getragen werden oder im „Tachterwahn," einer kleineren, korbar- tigen Vorrichtung, welche ebenfalls nur paarig an den Sattel befestigt wird. Der Tachterwahn ist, um jedem unberufenen Auge den Zugang zu verwehren, eng vergittert. Ein im Lande Eingewöhnter aber reitet den Hedjihn auf die oben beschriebene Weise und genießt dadurch alle Annehmlichkeiten einer Kamelreise, ohne deren Unannehmlichkeiten empfinden zu müssen. Man gewöhnt sich gar bald an das Reiten auf einem dieser schnellfüßigen Thiere, obgleich man im Serdj hoch über dem Thiere wie in einem Stuhle sitzt, sich durch Balancircn im Gleichgewicht halten muß und nur mit den gekreuzt über den Nacken und Hals des Kamels gelegten Füßen festhalten kann. Und wenn dann die Karawane, nur drei Meilen in fünf Stunden zurücklegend, ihren einförmigen Weg durch die Wüste verfolgt, ruht man da, wo man eine Beunruhigung von feindlichen Beduinenstämmen nicht zu befürchten hat, noch behaglich im Lager oder eilt mit seinem Hedjihn den Lastkamelen voraus, um während der Hitze des Mittags unter luftigem Zelte verweilen zu können. Die Karawane zieht gegen Mittag langsam an dem Lagernden vorüber; er läßt sie wiederum über eine Meile weit voran gehen und steigt erst nach drei- 1V1 bis vierstündiger Rast von Neuem in den Sattel, weil er mit einem nur mittelmäßigen Läufer sicher zugleich mit ihr im Nachtlager eintrifft. So legt man ohne große Ermüdung bedeutende Reisestrecken zurück, während man, wenn man mit dem das Gepäck tragenden Kamele dahin zieht, immer wie an allen Gliedern zerschlagen im Nachtlager ankommt —. Zur Zeit des Mittagsgebetes hatten unsere Treiber ihre Geschäfte beendet und begannen die Lastthiere zu beladen. Unsere Diener sattelten die Reitkamele und unterwiesen uns in der Führung und Lenkung derselben. Dann brach man das Zelt ab, rollte Tücher, Streben und Pflöcke in einen Ballen zusammen und warf eS als letztes Laststück auf den Rücken des am Leichtesten beladcncn Kamels. Wir waren zur Abreise gerüstet. Die Wüste und ihr Leben. „Der Wüste Bild giebt von dem Ew'gen Kunde; Der Geist, entfesselt, läßt sich nimmer binden Bei solcher Groß', er strebt zum Licht, und will Die Tiefe des Unendlichen ergründen. Die Wüste schweigt, und dennoch — o Geheimniß! In dieser träumerischen Stille höre Gedankenvoll ich in der tiefsten Seele Ein lautes Echo, stimmenreiche Chöre. Es sind des ew'gen Schweigens unausgesprochene Akkorde! Ein jedes Sandatom hat seine Worte. Im Aether wogen bunte Melodieen, Ich fühle sie durch meine Seele ziehen." Felicien David's Wüste. Das Schinerzgestöhn der beladen werdenden Kamele war verstummt, die Berittenen saßen glücklich im Sattel, die Karawane ordnete sich, der Führer schritt voran. Wir zogen dem schon halb in der Wüste liegenden Dorfe Ambukohl zu, um uns von unserem rasch gewonnenen Freunde, dem Kahschef, zu verabschieden. Noch einmal mußten wir absteigen und bei ihm in seinem Di- wahn oder Empfangszimmer eine Pfeife rauchen, dann gab er uns bis vor die Thüre seines Hauses das Geleite und wünschte uns eine glückliche Reise. Um halb zwei Uhr Nachmittags verließen wir die letzten Häuser Ambukohl's und betraten die sich vor uns ausbreitende Wüste. Lange noch blieben uns zwei hohe, kegelförmige Monumente, wie ich hörte, die Gräber zweier Heiligen oder Aschiahch*), sichtbar. °) Zweites Plural von Schech. 103 Wir zogen in süd-süd-östlicher Richtung in die Wüste hinaus. Nach Sonnenuntergang wurde Halt gemacht; wir breiteten die Teppiche in den weichen Sand und legten uns zur Ruhe nieder. Es ist Nacht. Die Luft der Wüste ist, wie immer, rein und hell, über uns leuchten die Sterne in ihrer ewigen Klarheit. Außer dem durch die Karawane verursachten Geräusche hört man keinen Laut; eine tiefe feierliche Stille ruht auf der dunklen Ebene. Nur auf wenige Schritte hin erhellt sie ein kleines Feuer, darum sitzen und liegen die halbnackten Söhne Nubiens und kochen sich ihr ärmliches Wüstcngericht: Dürr ah körn er in Wasser. Mit zusammengekoppcltcn Beinen liegen die wiederkäuenden Kamele in einem weiten Halbkreise außerhalb des Lagers; manchmal leuchten ihre Augen hell auf im Widerscheine der Flammen. Es ist das schöne Bild des Lagers in der Wüste. Wer wäre im Stande, die unendliche Schönheit der Nacht der Wüste zu schildern, wer kann sie ahnen, wenn er sie nicht selbst empfunden! Wie wohlthuend ist die Kühle der Nacht nach des heißen Tages Last und Mühe! „Bleibt hinter Euren Kerkermaucrn Ihr bleichen Städter eingebaut. Die Ihr den Himmel nie, die Erde In ihrer Pracht habt angeschaut- Die Sorge nagt an Eurem Leben Das ew'ge lahme Einerlei. Wir wohnen in der Wüste Gauen, Da stnd wir stark und stolz und frei! llns ist das Licht, das aus dem Aether In seiner Strahlenkrone blitzt, Uns ist die Wolke in dem Raume, Der Renner uns, der keucht und schwitzt- Uns ist der Sand das Schlummerkissen, Auf dem wir ruhen, sorgenlos, Uns die Gestirne, die von oben Herschau'n aus ihrem Himmclsschooß." 10L Ja, der Du diese Strophen gedichtet, Du mußt in der Wüste gewesen sein! Du mußt das blitzende Licht des Aethcrs, die Pracht der Gestirne mit leiblichem Auge erschaut haben. Nur der, welchem der Sand sein Schlummerkissen, nur der, welcher stark und frei war, wie Du es gewesen, darf so kühn und freudig Denen mit dem Worte des Vorwurfs entgegentreten, welche ihr Leben hinter dumpfen Mauern vertrauern. Wohl ist es eine eigene Pracht, die der Städter nie geschaut, wenn Nachts das Heer der Sterne herniederschwcbt zu dem klaren Auge des in der Wüste Ruhenden. Es ist eine Pracht, welche wir, die in eine kalte Zone Gebannten, nicht ahnen können, wenn uns nur der Raum, nicht der trübe undurchsichtige Dunst von jenen Welten trennt, die in der Wüste nur in ewiger Reinheit und Herrlichkeit zu uns herniederschimmern. Dann streift der Geist der Staubgeborenen seine irdische Hülle von sich ab, mit dem Auge schweift er empor zu seinen lichten Höhen und tritt ein in die geahnten Räume. Das Gefühl der Unendlichkeit Gottes erfaßt daS Gemüth, die Seele schwingt sich auf dem Fittich der Andacht zu Dem empor, der alle diese Welten erschuf und leuchten läßt. Die Wüste ist das Bild der Unendlichkeit Gottes, der Tempel, aus dem der irrende Fuß keinen Ausweg findet. Kein Ort reißt stärker zur Andacht hin als sie, keine Zeit ist zum Gottesdienste geeigneter als die Nacht der Oede. Wer in der Wüste nicht die Stimme Gottes zum Herzen tönen fühlt, der kennt Gott nicht, der steht tief unter dem von uns stolzen Christen so mißgeachteten Araber, welcher nach des heißen Tages Last, nach dem beschwerlichen Wege, nach seiner ermüdenden Arbeit sein glühendes Antlitz betend im Sand der Wüste birgt. Auf die Kniee sinkt er, gläubig ruft er die Worte : „^.Ilalr du alebar!" Gott ist größer, — größer als alles Irdische, welches nur seiner Größe Zeugniß giebt. Aber die Pracht und Erhabenheit der Wüste ist es nicht allein, welche des Menschen Herz zu seinem Schöpfer erhebt, auch ihre Schrecken zeichnen uns das Bild seiner Größe mit Flammen- zügcn in die Brust. Wenn sich dem Menschen das Gefühl seiner 105 eigenen Nichtigkeit allzu mächtig aufdrängt, auch dann wendet er sich Trost und Hülse suchend nach oben. Blutigroth steigt am Morgen die Sonne an dem noch unbewölkten Horizonte herauf, glühend blitzt sie nach einer kleinen Spanne Zeit auf den Wanderer herab. Da schweift das Auge ruhelos umher, um einen kühlenden Schatten zu finden, — überall endet der suchende Blick im Sande. Der brennende Sand wirst die Gluthstrahlen der sengenden Sonne zurück; — kein Felsen, kein wirthliches Dach, um dem ausgedörrten Körper nur ein Plätzchen zur Ruhe, nur einen Augenblick der Kühlung zu gewähren. Längst ist der Gesang der Kameltreiber verstummt. Die Luft zittert vor übergroßer Hitze und spiegelt dem umflorten Auge wogende Seeen, trügerische, höllische Bilder vor; fahlgrau umzieht sich der Himmel, ein glühender Wind, dessen unheilkündenden Namen die erschreckte Karawane zu nennen sich scheut, wirbelt den Staub empor und droht die Schläuche zu verderben, die Schläuche, welche den Lcbenstro- pfen, der die letzende Zunge noch tagelang bcthauen soll, in sich bergen; — der Muth entsinkt dem Manne, nur sein Glaube schützt ihn vor Verzweiflung. „Hauon asls'ina, str radb, sellem aale'ina Im baraletalr!" (Hilf uns, o Herr, begnadige uns mit Deinem Segen!) so ruft der gläubige Mahammedaner im brünstigen Gebet. Und der Christ fühlt die Wahrheit seiner Worte und stärkt sein verzagendes Herz an dem felsenfesten Glauben des Sohnes „vom Volke des Gebets." Und siehe! Die flammende Sonne hat längst schon ihren Scheitelpunkt überschritten, nur noch matte Strahlen wirft sie auf den gcängstigtcn Wanderer. Des Südens gluthhauchendcr Wind weicht einem kühlenden Luftstrom aus Norden, mit ihm entflieht das Gespenst der Wüste: der „See ohne Wasser" oder das „Meer des Teufels", wie es der Eingeborne nennt; ermuthigt sieht der Reisende die Dinge wieder in ihrer wahren Gestalt. Der Abend kommt heran, strahlend versinkt die Sonne in den Wellen des Sandmceres. Und der Wandrer, dessen Scheitel sie noch vor wenig Stunden versengte, läßt seine Blicke mit Entzücken 1«6 auf dem hehren Schauspiele ruhen, er sendet der Scheidenden noch einen herzlichen Gruß nach. Frohen Muthes, mit Dankgcfühlcn im Herzen treibt er das flüchtige Kamel zu frischem Laufe an, um das am Tage Versäumte nachzuholen, Lebenslust und Lebensfreudigkcit sind in Aller Brust zurückgekehrt. Die Treiber drängt es zu singen, nicht mehr die höllische Fata-Morgana schwebt ihnen vor, ihrem geistigen Auge dämmern freundliche Bilder auf, sie suchen sie in Wort und Reim zu bringen. Der melodische Klang der Glocke des Leitkamels begleitet ihren Sang, fröhlich ziehen sie dahin. Schon tauchen einzelne Sterne am dunklen Himmelsdome auf, des Mondes Sichel beleuchtet den mühevollen Weg. Die Nacht umfängt die Karawane wieder mit ihrem kühlen Gewände, Leid und Schmerzen, Kummer und Sorgen, Angst und Trübsal sind vergessen, was der böse Tag verschuldet, sühnt die erquickende Nacht. „O Nacht, o schöne Nacht, Selig - süße Hlmmelspracht, Wie die Geliebte Das lange Harren vergilt, So hast Du heiße Sehnsucht gestillt!" Die Bahiuda liegt nicht mehr unter der Breite der eigentlichen Wüsten. Während der Regenzeit herabstürzende Gewittergüsse, deren Wasser sich in periodisch wiederkehrenden Rcgcnströ- men, „Chohr", sammelt, sind im Stande, in den Niederungen eine ziemlich lebhafte Vegetation hervorzurufen. Nur die Hochebenen dieser Wüstenstcppe, ihre Berge und Höhenzüge bleiben kahl. Nach Süden zu verschmilzt sie allgemach mit jenen gras- und buschrcichcn, von den Arabern „Chala" genannten Savannen des Innern. Aber an ihren nördlichen Grenzen erstirbt die Spur des vegetabilischen Lebens und mit ihm das Thierlcbcn fast gänzlich. Dort giebt sie stellenweise noch ganz das allgemeine Bild der Wüste: Sand ebenen und Felskegel, kahle Niederungen und 107 glühende Stein Massen, nur in den Thälern einzeln hcrvorsprossende dürftige, schilsartigc Gräser, zwischen denen sich höchst selten ein lebendes Wesen herum bewegt. In meilcnweiten Entfernungen trifft der Wanderer vielleicht nur einmal auf eine Lache und auch diese hat meist nur bitteres, kaum trinkbares Wasser. Die Wüste wird nur einförmig wegen ihres großen Mangels an lebenden Geschöpfen, an Pflanzen, Bäumen u. s. w. Ihre geognostischen Verhältnisse wechseln gar mannichfaltig mit einander ab. Auf große Strecken hin ist sie ein Stcinmeer mit Bergen und jach abstürzenden Felsschluchten ohne ein freundliches Plätzchen, ohne jegliches Zeichen des Lebens; schwarze, glänzende Syenitmassen, grauliche Sandsteinfclscn thürmcn sich über einander, steigen senkrecht, kegelförmig sich nach oben zuspitzend, aus der Ebene auf oder vereinigen sich zu Höhenzügcn mit sich mehr und mehr vereinigenden Ausläufern; das Gestein ist reich an Eisen, arm an anderen Metallen und zeugt wegen des gänzlichen Mangels an Kohle davon, daß hier nie vegetabilisches Leben geherrscht hat; — an anderen Orten ist sie vollkommen eben und mit feinem, hellgelbem Sande, in welchen der Wanderer bis an die Knöchel einsinkt, bedeckt; der Sand ist an einzelnen Stellen von dem Winde zusammengeworfen, an anderen zerstreut, seine Oberfläche ist uneben, gewellt. An Bergesabhängen treibt ihn der Sturm oft hoch in die Höhe und auf der anderen Seite des Berges wieder herab, dann bildet er auf beiden Seiten dachartig geneigte, in der Sonne goldgelb schimmernde Flächen. Nur in den tiefsten, sehr günstig gelegenen Thälern findet sich das selbst dem Sande Leben entzaubernde Wasser. Dort liegen die von den Karawanen inbrünstig herbeigesehnten „Biahr", Brunnen. Es sind natürliche oder künstliche, stol- lenartige Vertiefungen, in denen sich der aus den Wänden tropfenweise ausschwitzende Lebensthau sammelt. Liegt der Brunnen im Bereiche der tropischen oder der Küstenregen, dann füllen diese ihn mit klarem, trinkbarem Wasser an. Am Rande des „Bihr" steht man einige Dattel- oder Dompalmcn und halb verkrüppelte Mimo- senbüsche, unter denen einige Nomaden oder Beduinen ihre Zelte 108 aufgeschlagen haben. Die Mimosenbüsche erstrecken sich vielleicht auch weiter das Thal hinauf oder hinab, je fähiger dieses ist, Vegetation zu erzeugen und zu erhalten. Zuweilen sieht sich der Reisende bitter getäuscht. Eine mit saftigen, dunkelgrünen Blättern überklcidete Ebene zeigt sich dem Auge, die Karawane bricht in lauten Jubel aus; — man erreicht sie — es ist die Menschen und Thieren ungenießbare Scnna oder der Coloquintenkürbis, dessen Genuß fast giftige Wirkungen hat. Ueber diesem so verschieden erscheinenden Landstriche liegt jahraus jahrein die Sonne mit ihrer ganzen Gluth; sie blitzt vom Morgen bis zum Abend von dem wolkenfreien, dunklen Himmel herab und ruft eine fast unleidliche Hitze hervor. Das ist das allgemeine Bild der Wüste. Doch leicht veränderlich, gleichwie der ungemessene Ozean, ist auch das Meer des Sandes. Auch hier ist es der Wind, welcher den Sand wie des Meeres Wogen aufrüttelt und zu Bergen treibt. Während des Nord- und Ostwindes sieht man seine feineren Partiten sich einige Fuß hoch erheben und über den Wellenhügcln kreiseln, bei Süd- und Westwind steigt er, wenn die Strömung der Lust elektrisch wird, hoch empor, verfinstert den Himmel oder färbt ihn mit den brennendsten Tinten und jagt vor der rasenden Windsbraut eilig dahin. Das ist dann der gefürchtete „Sa- muhin" der Wüste, der „Gifthauchende", wenn ich Samuhm übersetzen soll. Mit Recht fürchtet ihn der Araber, mit Recht belegt er ihn mit einem so entsetzlichen Namen. Er ist das Schrecken des Reisenden. Der Wüste ähnelt in noch anderer Hinsicht dem Meere. So wie dort der Wirbelwind des Himmels Wolken herabzieht, um sie mit von ihm gehobenen Wasserkegcln zu vereinen, welche er dann zum Entsetzen der Schiffe über die Wasserfläche dahintreibt, so ficht der Reisende in der Wüste den Sand sich erheben, zu starken und mächtigen Säulen sich gestalten und diese sich bald langsam, bald mit unheildrohender Schnelligkeit bewegen. Der Wanderer steht erstarrt, Furcht lähmt seine Glieder, Entsetzen bindet seine Zunge, und dennoch möchte er wieder seine Bewunderung laut werden lassen. Jeden Augenblick wechseln die Säulen ihren Stand, ihr Aus- 109 sehen und ihre Gestalt. Sie eilen mit einer Schnelligkeit dahin, daß es Thorheit wäre, vor ihnen selbst mit dem flüchtigsten Rosse fliehen zu wollen, die Sonne giebt ihnen den Glanz von Feuersäulen, der um sie und in ihnen herumwirbclnde Orkan trennt sie in mehrere Stücken, vereinigt diese wieder, schwächt und verstärkt sie. Und wenn sie dann auch plötzlich zu einem Sandhügcl zusammensinken und dem Reisenden dadurch unschädlich werden, er darf sich noch nicht leichten Hoffnungen hingeben, denn gewöhnlich folgt den Sandsäulen der Samuhm nach. Schon mehrere Tage vorher ahnt und weissagt der Wüstcn- sohn diesen furchtbaren Wind, dem er geradezu tödtliche Wirkungen zuschreibt. Auch der im Lande einheimisch gewordene Fremde lernt das Phänomen im Voraus bestimmen. Die Temperatur der Luft wird im höchsten Grade lästig: sie ist schwül und abspannend, wie vor einem Gewitter — ein deutliches Zeichen von der elektrischen Natur des Windes. Der Horizont ist mit einem leichten, röthlich oder blau erscheinenden Dufte wie überhaucht, — es ist der in der Atmosphäre kreisende Wüstensand; aber noch bemerkt man keinen Hauch des Windes. Die Thiere jedoch fühlen seine Nähe wohl. Sie werden unruhig und ängstlich, wollen nicht mehr in gewohnter Weise gehen, drängen sich aus dem Zuge heraus und geben noch andere, unverkennbare Beweise ihres Ahnungsvermögens. Dabei ermatten sie in kurzer Zeit mehr als sonst durch tagclange Märsche, stürzen zuweilen mit ihren Ladungen und können nur mit Mühe oder gar nicht wieder zum Aufstehen gebracht werden. In der dem Sturme vorausgehenden Nacht nimmt die Schwüle unverhältnißmäßig zu. Der Schweiß dringt aus allen Poren hervor; nur die strengste, geistige Ucberwachung vermag dem Körper die ihm nöthige Spannkraft zu erhalten. Die Karawane setzt ihre Reise mit ängstlicher Eile fort, so lange es gehen will, so lange nicht Mensch und Thier vor allzu großer Ermüdung zusammenbrechen, so lange noch, dem Führer zum Merkmale, ein Sternlcin am Himmel flimmert. Aber auch das letzte verschwindet, ein dicker, trockener, undurchsichtiger Nebel deckt die Ebene. Die Nacht vergeht, die Sonne steigt im Osten auf, der Wan- 110 derer sieht sie nicht. Der Nebel ist dichter, undurchsichtiger geworden, die starkgeröthcte Lust nimmt allgemach eine grauere, düstere Färbung an: „Bleifarben wird die Luft und schwer; so sieht Das Antlitz eines Menschen, welcher stirbt." Es herrscht fast Dämmerung. Das Auge durchdringt den Dunstschleier kaum über hundert Fuß weit. Der Tageszeit nach muß es Mittag sein. Da erhebt sich ein leiser, glühender Wind aus Süden oder Südwesten. Stärkere Stöße folgen, abgerissen, einzeln. Jetzt braust der Wind, zum Orkan gesteigert, daher; hoch auf wirbelt der Sand, dicke Wolken verdunkeln die Luft. Er würde den Reiter, welcher sich ihm widersetzen wollte, aus dem Sattel heben, aber kein Kamel ist zum Weitergehen zu vermögen. Die Karawane muß lagern. Den Hals platt auf den Boden gestreckt, schnaubend und stöhnend, legen sich die Kamele nieder; man hört die unruhigen, regellosen Athemzüge der geängstigten Thiere. Geschäftig bauen die Araber alle Wasserschläuche an der sie vordem Winde schützenden Seite eines lagernden Kameles auf einen Haufen, um die der trocknenden Lust ausgesetzte Oberfläche derselben zu verringern; sie selbst hüllen sich in das sie bekleidende Tuch so dicht als möglich ein und suchen ebenfalls hinter Kisten oder Waa- rcnbällm Schutz. Die Karawane liegt todtenstill. In den Lüsten rast der Orkan. Es kracht und dröhnt: die Bretter der Kisten zerspringen mit gewaltigen Knallen. Der Staub dringt durch alle Oeffnungen, selbst durch die Tücher hindurch, peinigt und quälr den Menschen, auf dessen Haut er sich festsetzt. Man fühlt bald heftige Kopfschmerzen, das Athmen wird schwer, die Brust ist bewegt; der Körper trieft von Schweiß, aber dieser näßt die dünnen Kleider nicht, begierig saugt die glühende Atmosphäre alle Feuchtigkeit auf. Wo die Wafferschläuche mit dem Winde in Berührung kommen, dörren sie und werden brüchig, das Wasser verdunstet. Wehe dein armen Wanderer in der Wüste, wenn der.Samuhm lange währt! Er wird sein Verderber. 111 „Beuget das Haupt, des Samuhms Athem weht, Gottes Geisel vorüber geht. Allah! Erbarmen unsrer Noth! Allah! Des Todes Engel droht! Himmel, Du weichst, die Hölle will siegen, Rettung send' uns, die wir im Staub vor Dir liegen!" Ein lange anhaltender Samuhm ermattet Menschen und Thiere mehr, als alle übrigen Beschwerden der Wüstenreise. Und dabei bringt er neue, bisher nie gekannte Qualen über den Reisenden. Schon nach kurzer Zeit springen ihm, weil die heiße Luft alle Feuchtigkeit entzieht, die Lippen auf und fangen an zu bluten; die Zunge hängt trocken in dem nach Wasser lechzenden Munde, der Athem wird übelriechend, alle Glieder erschlaffen. Zu dem grenzenlosen Durste gesellt sich bald ein unerträgliches Jucken und Brennen am ganzen Körper, die Haut ist brüchig geworden nnd in alle Risse dringt der feine Staub. Man hört die lauten Klagen der Gemarterten; zuweilen arten sie in förmliche Raserei aus, zuweilen werden sie schwächer und schweigen zuletzt ganz. Im ersteren Falle ist der Arme wahnsinnig geworden, im letzteren hat das mit fibrischer Hast durch die Adern strömende Blut den Kopf so beschwert, daß Bewußtlosigkeit eingetreten ist. Der Sturm ermattet, aber mancher Mensch erhebt sich nicht mehr: ein Gchirnschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht. Auch mehrere Kamele liegen in den letzten Zügen. Und der Ueberlebende ist nicht glücklicher. Der Durst tödtet auch ihn, langsamer, aber qualvoller. Sein Reitthier ist gefallen, die Schläuche sind fast ganz geleert. Er versucht zu Fuße zu gehen, der glühende Sand verursacht in Kurzem die schmerzhaftesten Brandwunden. Jeder ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß er dem Kranken die nöthige Pflege angedeihen lassen könnte; alle Banden der Ordnung reißen, die Treiber suchen auf den noch kräftigen Kamelen zu entfliehen, — es würde der Untergang der ganzen Karawane zur Folge haben, wenn es ihnen gelänge — man muß es ihnen wehren. Das Gepäck wird abgeladen, nur die das Wasser tragenden Kamele bleiben belastet; jedes Mitglied der Karawane hat im glücklichsten Falle noch ein Kamel zum Reiten, 112 man eilt dem Strom, dein nächsten Brunnen zu — nicht alle erreichen ihn. Ein Kamel bleibt hinter dem übrigen zurück, es stürzt, sein Reiter steht verlassen mitten in der Wüste. Er zerrauft sich seinen Bart, er verflucht sein Schicksal, für ihn giebt es keine Hülfe mehr. Sein Wasser ist aufgezehrt, der Tod des Berschmach- tens steht ihm bevor. Und jetzt breitet sich das „Meer des Teufels" vor ihm aus. Der Verschmachtende sieht die prächtigsten Bilder: vom Wasser um- flosscne Landhäuser, Palmcnwälder an Scegcstaden, Flüsse mit bewimpelten und beflaggten Schiffen; er sieht Alles, was mit Wasser zusammenhängt. Die Phantasie tröstet so gern mit freundlichen Trugbildern den erkrankten Geist und wenn unter solchen Umständen die Fata-Morgana ihren Lustsee über die Ebene breitet, dann wird es der Geschäftigen leicht, zu dem scheinbar wirklich Vorhandenen noch Bäume, Häuser, Menschen, dem Verendenden befreundete Gestalten hinzuzudenken. Dann wird Freiligrath's Dichtung Wahrheit in jedem ihrer Worte: „Sie aber sieht sich wundernd um. — „Ha! was ist Das? Du schläfst Gemahl? „Der Himmel, der von Erze schien, sieh da, er kleidet sich in Stahl! „Wo blieb der Wüste lodernd Gelb? Wohin ich schaue, Licht! „Es ist ein Schimmern, wie des Meers, das sich an Algiers Küsten bricht!" „Es blitzt und brandet wie ein Strom, es lockt herüber feucht und kühl „Ein riesiger Spiegel funkelt es; — wach auf, es ist vielleicht der Nil! „Doch nein, wir zogen südwärts ja; so ist es wohl der Senegal? „Wie, oder wär' es gar das Meer mit seinem Wasser sprüh'nden Schall?" „Gleichviel, 's ist Wasser ja! Wach auf! Am Boden schon liegt mein Gewand. „Wach' auf, o Herr, und lass' uns flieh'», und löschen uns'rer Leiber Brand! „Ein frischer Trunk, ein stärkend Bad, und uns durchsiebet neue Kraft! „Die Feste drüben, hochgethürmt, beschließen bald die Wanderschaft." „Geliebter, meine Zunge lechzt! wach auf, schon naht die Dämmerung !" 113 Noch einmal hob er seinen Blick, dann sagt' er dumpf: „„Die Spie- gelung! „„Ein Blendwerk ärger als der S'muhm, böswill'ger Geister Zeitvertreib."" Er schwieg, — das Meteor verschwand — auf seine Leiche sank das Weib!" Die Leiche bleibt liegen und dörrt zur Mumie aus. Eine später vorüberziehende Karawane schüttet wohl Staub über den federleicht gewordenen, gebräunten Leichnam, aber immer deckt der Wind ihn wieder auf. An jeder großen Wüstcnstraße kann der Reisende dergleichen Sandmumien von Kamelen und Menschen finden; gewöhnlich ragt nur ein Glied von ihnen aus dem Sande hervor; der Araber spricht bei ihrem Anblick ein kurzes Gebet. Das ist das „vom Sand Begrabenwerden" in der Wüste! Ich selbst kann nach eigenen Erfahrungen die Zauberbilder der Fata-Morgana verbürgen. Mehr als hundert Male habe ich die Luftspiegelung gesehen — bei Charthum, während der heißen Jahreszeit tagtäglich — nur einmal hat sie mir ihre Traumbilder gezeigt. Das Trinkwasser mangelte uns seit länger als vierundzwan- zig Stunden; seit achtzehn Stunden hatten wir Nichts gegessen, Hunger und Durst quälten uns entsetzlich. Wir ritten dem Nile zu. „Sieh," sagte ich zum Führer, „endlich erscheint er! Ich sehe ein großes Dorf und viele Palmen, eile, eile, uns dahin zu bringen, dort finden wir Wasser, eile, eile! „ „O Herr, der Strom ist noch weit! Du siehst das Meer des Teufels!"" antwortete der Mann. Die Erscheinung wiederholte sich unzählige Male, — es war immer nur Täuschung der geschwächten Sinne. Zuletzt sahen wir Alle die mannigfaltigsten Bilder: sie waren nur Erzeugnisse der Phantasie, entsprachen aber genau den Wünschen zu Gunsten unseres leeren Magens und der lechzenden Zunge. Alle Begriffe vereinigen sich, wenn man in jener fürchterlichen Hitze dursten muß, in dem einzigen Worte,, Wasser"; außer diesem Worte giebt es Nichts. Man muß, um die Hast zu begreifen, mit der sich eine, auch frische und gesunde Karawane aus der Wüste zum Flusse stürzt, die Qualen des Durstes kennen gelernt haben; man muß selbst halb verschmachtet sein, um an die Bilder der Fata-Morgana zu 8 11L glauben. Wenn inmitten der Wüste der Lebensthau versteckst ist, bann bringt die Phantasie die lieblichsten Traumbilder vor die geschwächten Sinne; ist man aber vollkommen gesund und gegen jeden Mangel geschützt, dann verschwinden alle Bilder der Spiegelung, und nur das wirklich Vor handene bleibt zurück. Die Fata-Morgana ist am Besten einer großen Ueberschwem- mung zu vergleichen, aus welcher die gegenwärtigen Objekte, seien sie lebend oder todt, wie vom Wasser getragen herausschauen. Sie spiegeln sich auch, wie im Wasser, verkehrt nach unten zu ab. Lebende und sich bewegende Gegenstände erscheinen, weil sie auf der wogenden Fläche zu schweben scheinen, riesig groß und nehmen erst bei größerer Annäherung mehr und mehr ihre natürliche Gestalt an. Die spiegelnde Fläche selbst scheint eine Höhe oder Tiefe von sechs bis acht Fuß zu haben und ähnelt in ihrer Farbe getrübtem, von der Sonne nicht beschienenem Wasser. Gewöhnlich beginnt die Erscheinung um neun Uhr Vormittags, ist um Mittag am ausgeprägtesten und endet gegen drei Uhr Nachmittags, uin welche Zeit sie, wie Nebel an verschiedenen Stellen zerreißend, lichter wird und zuletzt ganz verschwindet. Das ist das Phänomen, mit ««verschleiertem Sinn, bei kräftigem, gesundem Körper betrachtet. Der Sonnenauf- und Sonnenniedergang, das Funkeln der Sterne in der Nacht, die nur geahnte Melodie des Sandes, Luftstrom, Sturm, Samuhm und Fata-Morgana sind die einzelnen Momente des Lebens der Wüste. Tod bringt nur die Kälte und die ewige Nacht; wo Licht und Wärme strahlt, herrscht auch Leben. Nenne man es ideelles, gcträumtes Leben, Leben bleibt es doch. Aber die Wüste zeigt auch die Spuren eines Lebens in der gewöhnlich gültigen Bedeutung. Sie erzeugte sich ein eigenes, lebensfrischeö Reich. Alpe, Meer und Wüste, gleich erhaben, gleich großartig, diese drei beherbergen eine ihnen eigenthümliche, 115 von all' dem Andern unabhängige Welt. Wie selbst der höchstge« legene Schnee, das am Tiefsten im Meeresschooße ruhende Was- ler noch von einem gewissen Leben zeugt, so auch der Sand der Wüste. Hier und da sproßt ein Pflänzchen zwischen den feinen Körnern hervor, hier und da kriecht ein Käfer, zischt eine Schlange, singt ein Vogel, läuft ein Säugethier. So wenig Lebendes auch die Wüste hervorbrachte, so charakteristisch zeichnet und gestaltet sie es. Von dem Menschen, dem gelblichbrauncn Beduinen an, bis herab zu dem im Sande kaum bemerkbaren Wurm, giebt sie allen ihren Geschöpfen ein gleiches Gewand, eine gleiche Farbe, welche ich geradezu die Wüsten- farbe nenne. Sie ist allen ächten Wüstenlhieren gemeinsam; es ist jenes Jsabell, das der Gazelle ebenso gut angehört, als der kleinen Wüstenlcrche. Daß es in der Vogelwelt mancherlei Modifikationen unterliegt, ist dem Typus der ganzen Thicrklasse angemessen; die Abweichungen nehmen zu, je mehr sich die Wüste der Steppe nähert oder allgemach in diese verschmilzt, aber auch bann noch ist der Wüstcncharakter nicht zu verkennen. Nnstät und flüchtig zu sein, ist das Loos der Wüstenthiere. Ihre Heimath ist zu arm an Nahrung, als daß sie dieselbe ohne Beschwerde erlangen könnten. Aber der Schöpfer gab ihnen auch die ihnen nöthige Behendigkeit und Ausdauer, welche sie vor vielen anderen Thieren auszeichnet. Selbst Thiere, welche ursprünglich nicht der Wüste angehörten, aber sie seit mehreren Generationen als ihre Heimath ansehen lernten, wie das edle Roß des Beduinen, nehmen diese Eigenschaften an. Und alle Wüstenbewohner beseelt ein und derselbe Geist, ein und derselbe Hang zur Unabhängigkeit, ein und dieselbe Heimathsliebe. Wie der Beduine kühn und kräftig Dem gegenübertritt, welcher ihm seine Freiheit rauben will, wie er gastfrei Dem die Hand bietet, welcher, seine Sitte ehrend, in sein bewegliches Haus eintritt, so lieben auch die Wü- stenthierc ihre Heimath über Alles und, unfähig sich dem Stärkeren zur Wehre zur setzen, verkümmern sie, welken sie dahin, wenn eine starke Hand sie ihren Geburtsort zu verlassen zwang. Seht jenes edle Roß der Wüste in der Straße einer Stadt 8 * 1t6 stehen. Traurig senkt cS das Haupt, Niemand vermuthet die Kraft seiner feinen, gelenkigen Glieder; die gebeugte Gestalt mit den herabhängenden Ohren scheint der größten Trägheit Bild zu sein. Das Thier gleicht seinem Herrn. Auch er scheint nicht der kühne ! Räuber der Wüste, er scheint ein schläfriger Reisender zu sein. Und wäre nicht das glühende, schwarze Auge, welches unstät und ruhelos unter der buschigen Braue hervorblitzt, Ihr wäret versucht, den ewig regsamen, ewig lärmenden Fellah ihm vorzuziehen. Da besteigt er das unmuthig seiner harrende Roß: als ob ein elektrischer Funke Beide durchströme, erheben sie die Köpfe, recken und dehnen sie die sehnigen Glieder. Langsam verläßt das Roß die staubigen Straßen der Stadt und betritt die Wüste. Jetzt sind Beide in ihrer Heimath, Roß und Reiter verschmelzen in Eins, jetzt erst steht der Beduine, jetzt erst das arabische Roß vor Euch. Im flügelschnellen Laufe eilt es seinem Zeltdorfe zu, kaum berühren die leichten Hufen die Fläche des Sandes, der weiße Burnuß des Reiters flattert im Winde, fest und sicher zügelt er das königliche Thier. Nach wenig Minuten sind Beide Euren Blicken ent- ? schwunden, Nichts kündet der Entflohenen Spur, Ihr schaut in der von ihnen betretenen Richtung in die Wüste hinaus und ruft mit Freiligrath: „Beduin', Du selbst auf Deinem Rosse Bist ein phantastisches Gedicht!" Und jene Gazelle, der liebliche, harmlose, ewig frohe Wüsten- bewohner, wie bald verkümmert sie in der Gefangenschaft! Saftiger Klee, lockerer Kohl und nährende Körner ersetzen ihr die mageren Gräser der Wüste nicht. Der größte Raum erscheint ihr zu eng gegen ihr unermessencs Gebiet. Der Steinbock tauscht seine öden, unzugänglichen Klippen nicht mit den Alpengcbirgcn Abyssinicns, der Wüstenluchs verläßt seine Heimath nicht. Die Fauna der eigentlichen Wüste ist sehr arm an Arten, vorzüglich an Säugcthieren. Die Gazelle, „ei klmssalll" (^nti- ^ lope ckoreas), die arabische Antilope, „ei seriell" (Antilope ara- biea), ein mittelgroßer, röthlich isabellfarbener Luchs, „Lllutt ei atmuki" (bHis earaeal?). der Schakal, „ei Dllilld" (6an!s aureus), 117 5 die Hyäne, „ei Haas" tzllvaoiue slri-elH sind fast die einzigen Säugethiere, welche die Ebene bewohnen. Selten findet sich hier !» eine aus der Steppe hereingekommeue Gieraffe, nie, wie oft fälschlich angenommen wurde, ein Löwe. Gegen die Steppe hin durcheilen wohl auch Hasen und Füchse das Gebiet der Wüste. Aus den Gebirgszügcn trifft man den kaukasischen Steinbock, „kllaneiu chLballi" sldöx, eaueameim), den arabischen Klippschliefer, „ei äVadlw" svrmeus) und mehrere Fledermausarten an. Die Antilopen und Fledermäuse kommen dem Reisenden am Oeftersten zu Gesicht; im Herzen der Wüste verschwinden gewöhnlich alle übrigen Thiere. Die Spuren der Antilopen bemerkt man aber überall. Eine Gazelle wird von einer Karawane stets mit Jubel begrüßt. „Der Mensch sucht überall zunächst nach dem verwandten lebendigen Oden; die todte Masse erdrückt ihn, starre Oede stimmt ihn traurig. Ohne Thierlebcn verwaist ihm die Natur; in diesem sieht und ahnt er verwandte Kräfte; mit ihm theilt er gern die ? freundliche Gewohnheit des Daseins *)." Nichts Zierlicheres kann es geben als eins dieser netten Thiere in ihrer unbegrenzten Freiheit. Die Gazelle ist ungefähr von der Größe eines Rehes, aber schlanker und viel flüchtiger als dieses ; ihre feinen Glieder sind im höchsten Grade elastisch; jede Bewegung des Thieres ist leicht, anmuthig. Verwundert schaut eine Gazelle der ankommenden Karawane entgegen. Sie spitzt das Gehör, reckt den Hals und betrachtet neugierig mit klugem Auge die erscheinenden Menschen. Jetzt scheint ihr Etwas nicht geheuer, hurtig macht sie einige Sätze, schnellt leicht über große Steine oder Gebüsche hinweg und steht, lustig die „Blume" hin und her bewegend, wieder ruhig und still. Wo sie nicht verfolgt wird, ist sie sehr zutraulich; sie wird aber, wenn sie Nachstellungen erfährt, so vorsichtig, daß ihre Jagd dann die größte Ausdauer und List er- ^ fordert und wegen ihrer beispiellosen Schnelligkeit dennoch selten gelingt. In grasreichen Steppen schlägt sie sich in Rudel und *) Tschudi, Das Thicrlebcn der Alpenmelt. 118 durchstreift, auch bei Tage äsend, behaglich gieße Strecken, kehrt aber immer wieder zu ihrem früheren Standquartiere zurück. In der Gefangenschaft dauert sie nicht aus. Schon seit grauen Zeiten hat die vollendet schöne Gestalt und das herrliche Auge der Gazelle den Orientalen zu Gedichten Stoff gegeben. Der Araber vergleicht das Auge seiner Geliebten mit dem der Gazelle, und sie hat Ursache, ob dieses Vergleiches stolz zu sein. „Du bist so anmuthig, so schlank wie eine Gazelle", das ist die größte Schmeichelei, welche eine Araberin hören kann. Die Dichtkunst der Wüstenkinder malt auch die übrigen Eigenschaften des zarten Thieres so reizend aus, daß es der größte Genuß ist, ein Gedicht, welches die Tugenden und die volle Schönheit der Geliebten mit den Eigenschaften und dem Körperbau der Gazelle vergleicht, zu hören. Noch heute ist der Spruch des frommen Dichters, Psalm 42, 2, bei den Orientalen in Kraft; Luther's „Hirsch" ist die Gazelle; die Sehnsucht des Herzens gilt aber nicht Gott allein, sondern auch der Geliebten. — Weit zahlreicher an Arten und Eremplaren, wenn auch noch immer sehr beschränkt, ist die ornithologische Fauna der Wüste. Die Vögel „fallen auch hier zuerst in's Auge" und zeugen durch ihre Lebendigkeit, ihre stete Beweglichkeit von Leben und Lebendigkeit in der Einöde. „Während man stundenweit wandert, ohne auch nur Ein anderes Wirbeithier anzutreffen", sagt Tschudi von seinen Alpen, „läßt sich die heitre Welt der Vögel nie so lange vermissen. Sie sind die wahren Vertreter des überall die Welt in Besitz nehmenden Lebens, der frischen Lebenslust, der heiteren Bewegung." So ist es auch in der Wüste. Je mannigfaltiger ihr Charakter ist, je mehr Abwechselung sie zeigt, desto reicher ist ihre Ornis an Arten und Familien. Im Osten Egyptens, wo sich die Kalkberge des Nilthales allmählig in die Sandsteingcbirge und Granitmassen der Küsten des rothen Meeres verlieren und letztere, der alpinen Gebirgswclt angehörend, sich schon bis zu 5800 pariser Fuß über den Meeresspiegel erheben, da kreist hoch in den Lüsten der gewaltige südliche Bartgeier (Evpaötos msriäionalis) — von 119 den Beduinen Arabiens nach seinem Geschrei „tzt öüch" genannt —; da ruht der zuweilen auf seinem Wandcrzugc auch hier erscheinende » Steinadler s.4guila kulva), während auf den ,, Steinmeeren", jenem natürlichen, aus chaotisch durch einander geworfenen Steinen zusammengesetzten Mauern der Hochgebirge, das bunte Stein- huhn Syriens und Arabiens (kerclix guellar) und das kaum mehr als wachtelgroße, prächtig gezeichnete Hay'sche Rebhuhn (ksr- elix init lautem Rufe herumläuft oder sich plötzlich in Kitten vor dem erschreckenden Wanderer zu lärmendem Fluge erhebt. Auf jedem Felsblock fast sieht man ein Pärchen des tief schwarzen Steinschmätzers mit dem blendend weißen Scheitel und Schwänze (8axioola oaeln'usns); der Mönchs sie in schmätzcr s8. moimotm) hüpft mit seinem „springenden" Gattungsverwandtcn s8. «Matrix) und den von Europa cingewandertcn und hier im Winterquartiere liegenden schwarzkehligen, weißschwänzi- g e n und Ohren - Steinschmätzer (8»xiLola stapariim, oonau- tsis und Äurita) uncrmüdet von Stein zu Stein. Die Wüste ist das unbegrenzte Reich dieser niedlichen Thiere, sie fehlen nirgends, wo es Felsen oder zerstreut herumgeworfene Steine giebt. Stein« und Blaudrosseln (kotroeoss^plum saxrckili« und e^unu«) sind da ebenfalls keine seltenen Erscheinungen. Auch zeigt sich wohl mitunter ein munterer Spatz oder ein Flug jener niedlichen Ro« sengimpel (Lrvtdrvtliorax AitlmAinsa), welche an den Gebirgen der das Nilthal begrenzenden Wüsten so häufig sind. Pfeilschnell durchsausen in jähem Fluge der Merlin, Eleonorens Falke, der einfarbige, der Baum- und der südliche Wander« Falke (I?aleo aesalon, Moonoras, ooneolor, subbutso und pers- grinoiäes) jene Strecken; sie weilen nie lange in dem für sie beute« armen Gebiet. Dagegen bemerkt man hoch oben auf den Felsen oft den schmutzigen Aasgeier (Xsopllron peronoptsrus); von der Natur, wie alle Geier zu anhaltendem Fluge ausgerüstet, baut ^ er sich seinen Horst auf meilenweit von dem bewohnten Lande entfernten Felsen, obgleich er, um seine Nahrung zu finden, tagtäglich dahin, wo Menschen wohin«, zurückkehren muß. Auch die 120 großen Geier Nord-Afrika's (Vultur — 6 l^p 8 — tulvus und Ota- §^18 suri 6 ulari 8 ) verfliegen sich oft weit in die Wüste hinein. Da, wo die Wüste bis an den Nil herantritt, wechseln die Genannten mit anderen Gästen aus dem bewohnten Lande ab. So erscheint der im Nilthale lebende gelbliche Adlerbussard (Lu- taöto 8 louourim oder rulmug) zum Ocfteren in der Wüste, wo er sich ein stilles, etwas erhabenes Plätzchen aussucht, um ungestört den wichtigen Akt der Verdauung abzuwarten. Er ist wegen seines Fedcrkleidcs schwer von dein Sande zu unterscheiden und entgeht deshalb oft genug dem suchenden Auge deö Jägers; außerdem enteilt er mit langsamen Flügelschlägcn jedem sich ihm Nahenden schon auö großer Entfernung. Wahrscheinlich zieht sich dieser, dem Menschen sehr nützliche Räuber nur dann in die Wüste zurück, wenn er ein zehn bis zwölf Stück Mäuse, Eidechsen und Frösche verspeist und von seiner Mahlzeit Magen - und Kropfbeschwerden bekommen hat, zu deren Hebung ihm die Wüste als der ruhigste, sicherste Ort erscheinen mag. Auch die Adler des Nilthales stiegen, wenn sie sich recht satt gefressen und behaglich aus dem Strome getränkt haben, gern in die Wüste hinaus. Dazu kommen nun noch zahlreiche Völker der geräuschvoll fliegenden, immer behenden, unruhvollen, flügelschnellen Flughühner, von denen Nord- Ost-Afrika vier Arten (ktsroelss exrmtu«, xuttatu 8 , eorona- trm, Iüollt 6 N 8 t 6 inii) auszuweisen hat, Felsen tauben (Eoluinba livia), Felsenschwalben (Lotzcko rupsZtrm), Lerchen, Brachpieper und andere. Ein ganz anderes, regeres Leben herrscht aber an den der Steppe zugekehrten Grenzen der Wüsten. Auf dieses wollen wir bei besonderer Betrachtung der Steppe unsere Blicke werfen. Alle bis jetzt aufgezählten Böget sind, vielleicht nur mit Ausnahme der Flughühner, Rebhühner und Steinschmätzer, keine ächten Wüsten bewohn er. Die Zahl dieser ist sehr gering; nur wenige Lerchen- und Finkenarten und den unermüdlichen Läufer des Sandes vermag die reine Wüste zu ernähren. Wenn auch der schwarze Wüstenrabe ( 6 orvri 8 umbrinrm) der Karawane, selbst bis in's Herz der Wüste folgt, sobald sie das über Nacht 5 121 innegehabte Lager verläßt, dort sich einfindet, um den Kamclmist zu untersuchen, nach einem noch abzunagenden Knochen oder noch - nahrhaften Brod- oder Getraideresten zu spähen, so ist er doch kein Wüstenvogel, weil er nicht in der Wüste groß wurde. Sein leichter, schneller Flug bringt ihn in wenig Stunden an Orte, zu denen die Kamele erst nach tagelangcn Märschen gelangen; heiser krächzend fliegt er über der wandernden Karawane dahin und erscheint dem Araber als böses Omen. Die Ornis der eigentlichen Wüste dürfte folgende sein: der isabellfarbige Läufer (Oursorius isadollinus); zwei Arten der krummschnäbeligen, großen Rennlerchen (OerttMsuäa äessrtoruiu und msrickionalm); zwei kleine Jsabelllerchen (IVIe- lanooor^plia isadeliina und ck68erti); eine von mir aufgefundene Haubenlerche (Kalerita üava); ein Kernbeißer (OoeootllrLu- 8tss eantanch; zwei Ammerarten (Lmberirm 8trlolata und oao8ia) und mehrere Arten der schon genannten Steinschmätzer. Unter ihnen sind der Läufer und die Lerchen ohne Zwei- * fcl die interessantesten. Ersterer ist von der Größe einer Turteltaube, hat hohe, dreizehige Beine und ist mit Ausnahme des Kopfes und den unter dem übrigen Gefieder versteckten Schwingen durchaus isabellfarben. Der Kopf wird von einer lebhaft graublauen Fedcrholle geschmückt, die Augen sind von zwei schwarzen oder braunen Streifen eingerahmt. Dieser Vogel ist im Verhältniß zu seiner Größe der beste Renner, den ich kenne und da er vortrefflich fliegt, im Stande, ungeheure Strecken zu durchwandern, um seine sehr zerstreute Nahrung zu erlangen. Im schnellsten Rennen nimmt er hier und da ein Insekt vom Boden auf; immer rastlos entkommt er dem Jäger leicht und zwar weniger wegen seiner Vorsicht, als vielmehr wegen seines beispiellos schnellen Laufes. Er wird erst, nachdem er Nachstellungen erfahren hat, scheu und flüchtet dann fliegend, wobei man seine dunklen Schwingen bemerken kann. ^ Die Wüste ist seine eigentliche Heimath, obwohl er sich zuweilen dem bewohnten Lande nähert. Ein Beweis seiner Wanderfähig- keit mag sein schon mehrere Male in Deutschland beobachtetes Vorkommen sein. Die Rennlerchen stehen dem Läufer nahe und als Bindeglied zwischen ihm und den anderen Lerchen. Sie sind etwas größer als unsere Feldlerchen, wenig scheu und da, wo viele Menschen hinkommen, sogar zutraulich. Sie und die kleinen isabellfarbigen Ammcrlerchen finden sich überall in der Wüste. Die letzteren sind so harmlose und vertrauensvolle Thierchen, daß sie ohne Furcht mitten in das Lager einer Karawane oder in das Zelt des Beduinen kommen, um dort Nahrung zu suchen. Ihr Ruf hat etwas Melancholisches und Trauriges: auf den Trümmern verfallener Paläste sitzend, erscheinen sie als wehklagende Boten einer längst vergangenen Zeit. — Das sind die hervorstechendsten Erscheinungen der höheren Thierklassen in der Wüste. Gedenke ich nach ihnen noch der giftlosen und giftigen Schlangen, der großen, bissigen Erdwarane (Varanus tsrr^tris) und vieler Arten kleiner, in allen Farben schillernden Eidechsen, der wenigen Kerbthiere, — unter denen die Scorpionen an manchen Stellen sehr häufig sind — und der einzeln vorkommenden Insekten, — so habe ich die Grenzen des Thicrlebenö der Wüste bestimmt. Eine ausführliche Aufzählung des Pflanzenreichs der Wüste vermag ich als Unkundiger in diesem Reiche nicht zu geben. Vierzig Minuten nach Sonnenaufgang saßen wir am 30. Dezember im Sattel und ritten zwei, isolirt aus der Ebene aufsteigenden, schwarzen Bergen zu. Unser Führer leitete die Karawane mit bewunderungswürdiger Sicherheit und Genauigkeit immer in süd-östlicher Richtung durch die nur ihm Anhaltepunkte bietende Wüste. Die Reise wurde, kleine Vorfälle abgerechnet, für uns eine sehr glückliche. Ich gebe, da ich noch einmal auf denselben Weg zurückkommen muß, jetzt keine Beschreibung desselben, sondern begnüge mich, einige Tagebuchsnotizen mitzutheilen. Gegen Mittag lagerten wir unS in dem dürftigen Schatten einer Mimose, um die Lastkamcle, denen wir mit unseren flüchtigen Dromedaren weit vorausgeeilt waren, zu erwarte». Der Führer 123 zündete Feuer an und bereitete den Kaffe. Bald hatte ein Wüsten- rabe das ausgewittert und erschien in unserer Nähe. Wir würdigten ihn, weil ihn der Chabihr zu speisen wünschte, nicht der Gastfreundschaft, sondern tödtetcn ihn. Ohne ihm eine Feder auszuziehen, warf der Nubier den Vogel in's Feuer, ließ das Gefieder versengen, das Fleisch ein Wenig rösten und verzehrte es dann mit großem Appetite. Die Simsenüen waren leer, mein Durst wurde brennend; ich erwartete die mit Wasser beladenen Kamele mit Ungeduld und stürzte bei ihrem Erscheinen gierig auf die Schläuche zu. Ein langer Zug brachte mir Erquickung und später fürchterliche Qual. Das Wasser verursachte mir Erbrechen und sich bald zu einem so hohen Grade steigernde Leibschmerzen, daß mir buchstäblich die Sinne vergingen. Thränenden Auges stürzte ich vom Kamele herab und litt bis gegen Abend entsetzliche Schmerzen. Späterhin habe ich lieber den unleidlichsten Durst zu ertragen gesucht, als ähnliches Wasser getrunken. Der einzige, fast in der Mitte des Wüstenweges liegende Brunnen der Bahiuda, „Likr ei LMuäa," sollte uns nach Versicherung des Führers schon am Abende des folgenden Tages mit seinem erquicklichen Naß beglücken und wurde von uns mit Sehnsucht erwartet. Das schon jetzt ungenießbar gewordene Schlauchwasser war weder mit Wein und anderen Spiritussen, noch mit Essig zu cor- rigiren und ertheilte selbst dem stärksten Kaffe seinen widerlichen Geschmack. Wir eilten, so sehr wir konnten, den Brunnen zu erreichen, aber der unebene, sandige, den Kamelen höchst beschwerliche Weg wollte kein Ende nehmen. Gegen Mittag ruhten wir in einem schon gestern betretenen ,,Chohr" und ritten von hier aus in scharfem Trabe einer den Brunnen umschließenden Hügelkette zu. Erst mit Sonnenuntergang langten wir am Bihr an. Er war jetzt bis an den Rand mit Wasser gefüllt und zeigte sich uns in Gestalt einer Lache trüben, grünlichen, schmutz- und schaumbedeckten Wassers. Ein Nomade schöpfte uns davon in ein Gefäß, mußte aber die Oberfläche der Lache erst von dem Koche einer Zic- genherde, welche dort soeben ihren Durst gelöscht hatte, säubern. 124 Und doch däuchte es unö, niemals köstlicheres Wasser getrunken zu haben. Später erhielten wir noch frische Ziegenmilch und schwelgten in ihrem Genusse. Die Milch und daö Wasser machte uns reich, weil wir nie so arm an dem Nothwendigsten gewesen waren, als kurz vorher. Still und ernst gingen wir in's neue Jahr hinüber. — Die Strahlen der Sonne des ersten Morgens im Jahre 1848 brann- tcn kurz nach ihrem Aufgange recht fühlbar auf uns herab. Wir waren schon, ehe es tagte, wach, beglückwünschten uns gegenseitig und sandten von hier auS unsere Grüße der fernen, kalten Hcimath zu. Dann ordneten wir die Karawane und eilten ihr auf unseren Dromedaren weit voraus. Den Mittag verbrachten wir unter einem über vier, in die Erde gepflanzten Lanzen gespannten Tuche und ließen die Lastkamele an uns vorüberziehen. Erst Nachmittags um drei Uhr folgten wir ihnen auf unseren schnellfüßigen Hedjinihn*) von Neuem. Aber wir mußten nicht auf dem rechten Wege sein; der Führer wurde unruhig und suchte mit aller Anstrengung einen Hügel, von dem aus er wahrscheinlich eine weitere Aussicht gewinnen wollte, zu erreichen. Schließlich erklärte er geradezu, daß er sich verirrt habe. Unsere Lage war gerade keine angenehme. Abgeschnitten von den Lastkamelen, ohne Nahrungsmittel, ohne Wasser irrten wir in der Wüste umher; beängstigende Gedanken malten uns unsere nächste Zukunft mit trüben Farben aus. Da fiel mir, fast zufällig der Kompaß in die Hände; wir zeigten ihn mit lautem Frcudenrufe den darüber nicht wenig erstaunten Nomaden und änderten nach ihm, trotz aller Gegenvorstellungen des Führers, sofort die bisher befolgte Richtung. Nach ander-halbstündigem Ritte entdeckte das scharfe Auge des Wüstensohncs lebende Wesen, welche wir mit unseren Fernrohren für Kamele erkannten. Eine Stunde später hatten wir sie erreicht; es waren die unsrigen. Der Führer schüttelte erstaunt sein Haupt. „Setrürlrel ei vlrtznckz rval- 1M kmckjiüb!" (Die Sachen der Franken sind bei Gott wunderbar!) sagte er zu seinen Gefährte». -) Plural von „Hedjihn." Der folgende Tag verging ohne etwas Bcinerkenswerthes. Unser Chabihr zeigte uns eine Stelle, auf welcher vor mehreren Jahren ein türkischer Kaufmann von den Beduinen überfallen, geplündert und getödtet worden war, belehrte uns aber zugleich, daß jetzt ähnliche Angriffe nicht zu befürchten seien, weil die Landesregierung mit den vornehmsten Stämmen wegen der Sicherung der Ka- rawancnstraßc ein Übereinkommen getroffen habe. Nach diesem beziehen die Herrn der Wüste jährlich einen bestimmten Gehalt, wenn sie ihre gewohnten Raubzüge unterlassen. Wir waren heute allgemach in die Steppe eingetreten und bemerkten das regere Thicrlebcn in derselben mit großer Freude. Am 3. Januar. Das zeitraubende Aufsuchen eines während der Nacht entlaufenen Kamels verzögerte am Morgen den Aufbruch der Karawane; wir kamen erst mehrere Stunden nach Sonnenaufgang in den Sattel. Die Steppe zeigte uns hier zum ersten Male ihre Gras- und Buschwäldcr. Vorzüglich die letzteren waren von vielen Vögeln belebt. Bisher noch nie gesehene Tropenvögel, zahlreiche Rudel von Gazellen und einzelne Hasen erregten unsere Jagd- begierde; wir fanden immer neue Abhaltung. Gegen Mittag hörten wir Kindergeschrei und trafen auf eine Familie nomadifircnder Araber. Eine alte Matrone kam wankenden Schrittes auf uns zu und flehte uns „bei der Gnade des hochheiligen Propheten" um einen Trunk Wasser vn. Wir ließen ihr von unserem reichlichen Verrathe so viel, als sie begehrte, zukommen, empfingen die Segenswünsche der Armen und erfuhren, daß sie mit ihrem Gatten hierher gezogen sei, weil dieser einen jetzt versuchten Brunnen für wasserreich gehalten habe. Nun hätten Beide schon seit drei Tagen keinen Tropfen Wasser getrunken und seien dem Verschmachten nahe gekommen. Die Kinder waren noth- dürftig mit Ziegenmilch erhalten worden. Bald darauf erschien auch der Nomade und schlürfte mit ebenso großer Gier das stinkende Wasser unserer Schläuche. Nach kurzem Ritte hielten uns zwei dicht vor uns auffliegende Trappen von Neuem auf. Wir machten eifrig Jagd auf sie, konnten aber nur des einen habhaft werden; der andere, entkam, ob- ! 126 gleich verwundet, in dem hohen Grase. Nach vollendeter Jagd fühlten wir ein schmerzliches Jucken an allen Theilen unseres Körpers. Die seinen Stacheln der Steppenpflanzen waren uns überall durch die Kleider gedrungen und hafteten uns unsichtbar in der Haut. Wir hatten genug zu thun, um unsere Kleider von den an ihnen äußerlich sichtbaren Kletten zu reinigen. Die Jagd hatte uns viel Zeit gekostet und uns wesentlich zurückgebracht. Wenn wir den Nil noch heute erreichen wollten, mußten wir eilen. Unsere Dromedare trabten, von uns angetrieben, daß uns alle Knochen zu krachen schienen. In einem zweiten No- madenzeltc kauften wir frische Ziegenmilch, erlabten damit unsere lechzenden Gaumen, ritten aber sogleich in unverminderter Eile weiter. Schon jetzt konnten wir die Nähe bewohnter Gegenden an den Spuren des menschlichen Fleißes erkennen; in einer Niederung sahen wir die ausgedehnten Getraidefelder des Dorfes el Edjchr, unseres heutigen Reisezieles. Seine Lage bezeichnete uns ein hoher, die am Nil sich hinziehende Gebirgskette überragender Berg, der Djebel Rojahn. Von jedem Hügel aus hofften wir den Strom zu erblicken; wir hofften immer vergebens. Der Berg schien gleichweit entfernt zu bleiben; die Steppe dehnte sich auch jetzt noch unabsehbar vor uns aus. Unsere Sehnsucht nach frischem Wasser ließ uns das beschwerliche Reiten und unsere Müdigkeit vergessen. Wir jagten, so schnell unsere vorzüglichen Thiere laufen wollten, über die Ebene dahin, erreichten aber das Dorf erst spät in der Nacht. Das unleidliche Gestöhn der Schöpfräder am Nile war uns heute Himmelsmusik, das Durrahbrod dünkte uns das leckerste Gericht der Welt zu sein. Frisches, köstliches Wasser und weiche, elastische Bettgestelle erhöhten den Genuß, in den Hafen der Ruhe eingelaufen zu sein. Wir schliefen herrlich die ganze Nacht hindurch. Im Belled el Su-ahri. Die ersten Strahlen der über den hohen Djebel Rojahn Hinwegblitzenden Sonne erweckten uns. Wir befanden uns in einer neuen Welt. Von den zwischen sonderbaren Strohhütten zerstreuten Mimosen girrten uns zierliche, langgeschwänztc Täubchen mit schwarzer Papageikehle und zimmtrothcn Flügeln (Ooira oapensis) den Morgengruß zu; phantastisch gestaltete Nashornvögel mit großen, röthlichen, gesägten Schnäbeln (Doolrus sr^ttirorü^nokos) eilten, die Nähe unserer Hütte scheu vermeidend, nach einem nahen Wäldchen; schwarze Raben mit schneeweißer Brust und weißem Nacken (0orvu8 8oapulatu8) untersuchten eifrig den Mist unserer Kamele. Die ermüdende Reise durch die Wüste war vergessen; wir ergriffen die Gewehre, um uns ihrer Jagd zu widmen. Aber noch gab es im Orte unserer Nachtruhe viel Neues zu sehen. Schon hier bestehen die Dörfer nur aus der eigentlichen, uralten Wohnung der Sudahnescn, jenen runden Strohhäusern mit kegelförmigem Dach, dem Tökhül. Ich will meine Leser zuvörderst mit diesen Hütten bekannt zu machen suchen. Sie sind als ein für immer feststehendes Zelt zu betrachten. Ihre Gründung ist das Werk weniger Tage, ihre Vernichtung durch Feuer das einiger Minuten. Die festeren Theile der Wand und des Daches sind Mimosenstäbe, die Einkleidung der Hütte Durrah-, Dochen- oder Steppengrasstroh. Bei Erbauung eines Tokhul vereinigen sich alle erwachsenen Männer eines Dorfes. Einige gehen in den Mimosenwald und holen lange, gerade Stangen herbei; andere rammen oben gegabelte Streben in gewissen Abschnitten eines vorgezeichneten Kreises senkrecht in die Erde und verbinden sie durch Reifen von langen biegsamen Gerten; andere sind mit der Verfertigung des Kegeldachs 128 beschäftigt. Zn letzteren sieht man kein eisernes Band, keine Klammer, nicht einmal einen Holznagel. Zuerst bildet man aus sechs bis acht schwachen, biegsamen und sehr langen Mimosenästen einen dem Kreise mit den eingerammten Pfählen entsprechenden Reifen, bindet hieran acht, dem Durchmesser des Kreises ungefähr gleichlange, gerade und starke Stäbe — die Sparren — und vereinigt diese am oberen Ende vermittelst zähen Bändern aus biegsamen Zweigen. Dann legt man in Entfernungen von je drei Fuß immer enger werdende Reifen auf, verbindet sie mit den Sparren zu einem möglichst haltbaren Ganzen und schiebt nach unten zu schwächere Sparren zwischen die ersteren ein. So entsteht ein festes, ziemlich enges Gitterwerk, welches nach seiner Vollendung von mehreren Männern auf die feststehenden Streben gesetzt und an dieselben wohl befestigt wird. Schließlich wird das Gebäude dicht mit Stroh bekleidet. Nur eine einzige niedrige Thüre führt in das Innere des Tok- hul. Deshalb herrscht da stets ein magisches Dunkel; bei heftigem Winde gesellt sich unerträglicher Staub dazu. Der Aufenthalt in der Hütte würde demnach ein ganz unleidlicher sein, gäbe es nicht hinreichende Gründe, ihn dennoch annehmbar zu machen. Erst in der Regenzeit bewährt sich der Tokhul: er ist wasserdichter als die übrigen Wohnungen des Ostsudahn. Vor der Thüre befindet sich regelmäßig noch ein zweites Gebäude, die „RekübL", eine kubische Strohhütte, in welcher die Frauen Getraide mahlen und andere häusliche Verrichtungen besorgen. Arme Familien besitzen nur einen Tokhul, wohlhabendere erbauen sich mehrere und schließen ihr Besitzthum durch die „Ssrrebä" von den Wohnungen ihrer Nachbarn ab. Serieba bedeutet eigentlich einen Schlupfwinkel, weil man aber auch die durch Dornenhecken eingefaßten Viehhürdcn damit bezeichnet, jetzt jede Art von Umzäunung. Die Serieba dient in den Dörfern zum Schutz gegen die Kamele — welche fähig wären, den Tokhul bis auf sein Holzgerüst aufzufressen — und gefährliche Raubthicre. Wo man nächtliche Einfälle der letzteren zu befürchten hat, nimmt sie an Stärke, Dichtigkeit 129 und Höhe zu. Eine gut angelegte Serieba ist eine vollkommen undurchdringliche Schutzmauer. Die im Sudahn ansässigen Türken haben den Tokhul insofern verbessert, als sie die senkrechte, kreisrunde Mauer höher, — sechs bis acht Fuß hoch — und aus Erde erbauten. In einigen Tokhahl * **) ) sind wohl auch Fensteröffnungen angebracht worden. Das Dach bleibt aber immer ein jeden Gewitterguß sicher ableitendes Strohdach. Ein Tokhuldorf ist zur Verhütung von Feuersgefahr weitläufig gebaut und gewährt, in der Ebene liegend, keinen anziehenden Anblick. Die Spitzen der niederen Hütten ragen, aus einiger Entfernung betrachtet, wenig über den wogenden Graswald aller Ebenen Ostsudahns empor; man muß nahe heranreiten, ehe man die auf der unermessenen gleichförmigen Fläche verschwindenden menschlichen Wohnungen steht. Um so malerischer ist ein Tokhuldorf im Urwalde. Unter jedem schattigen Baume steht eine Hütte. Die blüthenreiche Mimose überwölbt ihr bemoostes, unregelmäßig abgeflachtes Dach; von der „sich (durch ihre Dornen) Schützenden", der Harahsi, neigen sich blättergeschmückte Schlingpflanzen auf die Hütte herab und umspinnen den ganzen Bau mit ihrem traulichen Rankennetzc; der zum Baume gewordene Nabakstrauch läßt seine unzähligen, nicht ganz geschmacklosen Früchte über ihr reifen. Unten am Stamme der freundlichen Bäume spielt die schwarze oder braune Jugend des Dorfes, oben in der Krone baut der sudahne- sische kleine schwarze Storch, die Oioonia J.b«liinii, LHr-en- seinen Horst. Vertrauensvoll läßt sich der überall die Nähe des Menschen aufsuchende Vogel wohl auch auf die mit Straußeneiern gezierte Spitze des Tokhul selbst nieder. Und sein Vertrauen wird nicht getäuscht. Der Bewohner der Hütte freut sich über diese „Vögel des Segens" — Diriukr ei baraka — und *) Plural von Tokhul. **) So einem Freunde Ehrenberg's, dem damaligen Gouverneur von Dongvla, Abdim (richtiger Aabdim) zu Ehren genannt- 9 k- 130 schützt sie gegen fremde Störungen*). Ohne ihre Nester giebt ein Dorf dcS Sudahn kein rechtes Bild. In jedem Tokhul befindet sich wenigstens eins jener elastischen Bettgestelle, auf denen wir unsere erste Nacht im „Lande der Schwarzen"**) zugebracht hatten. Man nennt sie hier Ankharehb. ES sind feste, auf vier oder sechs, anderthalb bis zwei Fuß hohen Füßen stehende Holzrahmen, über welche man Leder- oder Strickgeflechte gespannt hat. Die Lcderstrcifcn des engen Geflechtnetzes werden feucht aufgezogen und verkürzen sich beim Trocknen; die Stricke werden durch eine besondere Vorrichtung immer nach Belieben angespannt. Deshalb sind die Anakharihb***) sehr elastisch. Sie sind aber auch, weil die Nachtluft von unten her zu dem Körper des Schlafenden Zutritt hat, angenehm kühl, schützen, vermöge ihrer erhöhten Stellung, den auf ihnen Ruhenden vor schädlichem Gewürm und Gethier und vereinigen alle Eigenschaften eines für jene Länder bequemen Lagers. Die Anakharihb sind ein allen Einwohnern Ostsudahns gemeinsames Hausgeräth und finden sich ebensowohl in den Häusern der Vornehmen und Europäer, als in den Hütten der Niedrigen und Neger. Am 4. Januar. Wir hielten oberhalb des Dorfes Edjchr Rasttag, jagten in den Wäldern und präparirten das Erlegte. In *) Mir wurde es nur dadurch möglich, die Eier des ,,Simbil" zu erhalten, daß ich den Sudahnesen vorspiegelte, Arznei daraus bereiten zu können. Es ist, als ob es alle Bögel wüßten, wie sehr sie von den friedfertigen Bewohnern jener Länder beschützt werden. Der Araber gewährt jedem lebenden, keinen Schaden bringenden Wesen seine Gastfreundschaft. Schon die Kinder scheuen sich, die Nester der Böge! auszunehmen — oder, wie sich die Landleute meiner Heimath auszudrücken pflegen, „auszuschinden" — und deshalb sieht man diese ihre Nester so niedrig über der Erde anlegen, daß man sie mit der Hand ausrauben kann. Die Turteltauben und die kleinen Täubchen Egyptens (volumbs sex>ptisca) fliegen, wenn man sich ihrem Neste nähert, gar nicht von ihren Eiern auf. **) Wörtliche Uebersetzung von „Seilest ei Sustskn". »") Plural von Ankharehb. 131 der Kühle des Abends zogen wir noch bis zu einem nahen Dorfe, in welchem wir übernachteten. Der Baron ritt am nächsten Morgen mit unserem Diener Jdrieß der Karawane voraus; ich blieb bei den Lastthieren, weil die ergiebige Jagd der Wälder ein langsameres Reisen erforderte. Unsere Straße führte nur durch wenige Dörfer und fast ohne Unterbrechung in Mimosenwäldern dahin. Hier fand ich volle Beschäftigung. Zu den Vögeln, welche ich schon gestern bemerkt hatte, gesellten sich für mich neue Arten. Zänkische Schaaren lärmender Droßlinge (Urateroprm leuoooepiwlus) flogen von Strauch zu Strauch; goldgelbe, gezähmten Kanarienvögeln ähnliche Sperlinge (k^rZita Irrten , Lr'c/rk.) trieben sich, in großen Flügen vereint, ganz mit dem Geschrei und Wesen unserer Feldsperlinge in den Gebüschen herum; auf den höheren Bäumen saßen prachtvolle, von den unsrigcn durch intensivere Färbung und gegabelten Schwanz hinlänglich verschiedene Blauracken (6c>rneirr8 ab^ssiiricus) , welche bei unserem Erscheinen ohne Scheu auf ihren Ruhepunkten verweilten; bunte Finken (kUngiüa Minima) und lebhaft gefärbte Ammern — den Goldammer gleichsam auf höchster Stufe der Vollendung darstellend — (Lmberisa üaviZastsr, Kü/»/,ekk) durchsuchten die Abfälle der Kamele. Unter den dichteren Gesträuchen, auf denen ohne Hirten weidende Ziegen herumkletterten, um für sie sonst unerreichbare Blätter zu naschen, lagen mit plattgedrücktem Leibe stufenschwänzige Ziegenmelker (tlaprimulxus elimnerrruch und schauten halbgeschlossenen Auges harmlos dem sich ihnen nähernden Jäger zu, während einzelne Paare kleiner rühriger Gimpellerchen (kzwrimllauckg, leueotis oder k^rriiullaucka erneuern) zwischen den Füßen der ihres Weges wandelnden Kamele herumliefen oder höchstens bis zu einem dicht am Wege stehenden Busche flogen, um sich auf einem seiner Zweige minutenlang niederzulassen*). Der gravitätische Marabu (I,sxtoptilus arZalla), der Erzeuger jener schönen, meinen Leserinnen wohlbekannten Federn, schritt langsam auf einer von Bäumen kahlen Fläche herum, auf den höchsten Mimo- *) Anmerkung für Ornithologen- Wenigstens thut das die k crucixera. 9 * 132 sen hatten habichtartigc Falken (Neliorax pol^omis) aufgebäumt, in den Lüften kreisten große Geier. Ich machte eifrig Jagd auf Alles, was ich zu sehen bekam und erbeutete in kurzer Zeit viele und schöne Vogel. Nur an der bcwundernswerthen Klugheit des Marabu scheiterten meine Bemühungen. Von Säugcthieren sahen wir nur kleine Erdeichhörnchen (8oiu- rns draell^oto8, L/rrenäerA), welche mit buschigem, erhobenem Schwänze hin und wieder unseren Weg kreuzten. — Die Wälder, in denen wir Hinritten, zeugten noch nicht von der Ueppigkeit der die Ufer des blauen und weißen Flusses bedeckenden Urwälder. Sie waren dünn und mit niederen Bäumen bestanden. Die wenigen Schlingpflanzen, welche hier und da einen Stamm mit ihren Ranken umzogen hatten, waren verblüht, einige Baumarten hatten schon jetzt zum größten Theile ihre Blätter verloren. Zuweilen näherte sich unsere Straße dem Nile, welcher, von keinem Felsen zertheilt und durch kein Gebirge eingeengt, in majestätischer Breite vor uns lag. Er zeigte sich uns hier noch in seiner ganzen Größe. Auf seinem dreihundert deutsche Meilen langen Bogenlaufe wird ihm durch unzählige Schöpfräder, große und kleine Kanäle und eine von der afrikanischen Sonne erzeugte Verdunstung so viel Wasser entzogen, daß er in Egypten nothwendig schwächer sein muß als hier*). Wir zogen gemächlich unseres Weges entlang. Von Zeit zu Zeit begegneten uns „Männer des Sudahn"**). Sie ritten auf schlecht gesattelten Eseln und trugen mit seltener Ausnahme ihre altherkömmliche Waffe, die langgcstielte Lanze mit der breiten zweischneidigen Eisenspitze. Um Mittag rasteten wir in dem Dorfe *) Wenn man weiß, daß er Nach seinem Ursprünge, d. h. nach Vereinigung des blauen und weißen Flusses, nur noch die Fluchen des Atbara aufnimmt und alle Momente seines Wafferverlustes zusammenstellt, begreift man leicht, daß dieser ein ungeheurer sei» muß. Man kann ihn, ohne sich eines erheblichen Fehlers schuldig zu machen, wohl dem gesammten Wasserinhalte der Elbe gleichstellen. **) So pflegen sich die Einaebornen gern z» nennen. 133 Surrurahb, in welchem damals eine Schwadion leichter, irregulärer türkischer Reiterei lag. Die weißen Gesichter der Soldaten und ihrer Kinder fielen mir auf, so sehr war ich bereits an die braune Hautfarbe der Nubier gewöhnt. Surrurahb ist nach den Bestimmungen der europäischen Geographen das letzte Dorf Nu- biens; mit dem Dorfe Kerreri, in dem wir übernachteten, beginnt der Sudahn. Zur Zeit meiner Erzählung rcsidirtc in letzterem, sonst ganz unbedcutsamem Orte ein von den Türken und Ein- gebornen gleich hochgeachteter Mann, Solimahn Kahschef, der Vorsteher des größten Regierungsbezirks im Paschalik. Er starb im Jahre 1849. Durch Werne's Beschreibung der dritten, von Mahammed-Aali ausgerüsteten Entdeckungsreise auf dem weißen Flusse ist er auch in Deutschland bekannt geworden. — Am sechsten Januar brachen wir schon in der Nacht wieder auf und kamen nach drei Stunden, während derer wir wieder in Mimoscnwäldern dahingerittcn waren, mit Sonnenaufgang an das linke User des weißen Flusses „Bähhr öl äblsdt". In der Nähe des Dörfchens Umdurmahn fanden wir eine Ueberfahrtsbarkc und schlugen bei ihrem Landungsplätze am Ufer das Zelt auf. Wenig unterhalb unseres Lagers, in dessen Nähe kleine Kalk- brennöfen stehen, vereinigt sich der Bahhr cl abiadt mit dem kaum schwächeren „Bahhr öl üsräkh" oder blauen Flusse, dessen Helles Wasser in jetziger Zeit gegen das trübe, grauweiße des weißen Flusses merklich absticht. Die Ufer beider Flüsse sind jetzt gut bebaut. Unser Zelt steht auf einer grünen Wiese, in welche sich das früher überschwemmte flache Schlammufcr verwandelt hat. Heerdcn von Rindern, Ziegen und Schafen, Pferde, Esel und Kamele weiden auf ihr in buntem Gemisch. Reges Leben macht sich längs der beiden Ufer bemerkbar. Gänse, heimathliche Störche (01- eoula alda) und Reiher sitzen in langen Reihen am Strande, Pelekane fischen inmitten des Stromes, auf einer Insel läuft der erste mir zu Gesicht gekommene heilige Ibis herum. Die Stadt Charthum liegt in einer Entfernung von kaum einer halben Meile vor uns. 134 Am folgenden Tage zog ich, nachdem ich das Gepäck übcrge- schifft und mich von den braunen Genossen unseres zurückgelegten Weges verabschiedet hatte, der Stadt auf frisch gemietheten Kamelen zu. Ich fand den Baron in Gesellschaft eines Europäers und beschäftigt, ein kleines Haus zu miethen. Jbrahihm Jskan- derahni überließ uns eine für Charthum recht hübsche und freundliche Wohnung für eine monatlich zu entrichtende Miethsumme von zwanzig Piastern oder einem Thaler und zehn Groschen unseres Geldes. Der Contrakt wurde zu allseitiger Zufriedenheit vollzogen; wir bezogen die neue Wohnung und empfingen die Besuche der hier wohnenden Europäer. 81 m 9. Januar gingen wir zum Gouverneur der Provinz Charthum, Solimahn-Pascha, von welchem wir mit großer Artigkeit aufgenommen wurden. Er bat den Baron, sich in jeder Verlegenheit an ihn zu wenden und sicherte uns im Voraus die Gewähr aller unserer Wünsche zu. Die hier und da neugierig über die hohen Mauern einzelner Höfe hinwegschaucnden Gieraffen und Strauße erregten in uns die Lust, eine kleine Menagerie anzulegen. Für's Erste kauften wir ein Paar junge Hyänen für die Summe von einem Gulden, mit denen ich, weil sie sehr bissig waren, Zähmungsvcrsuche anstellte. Ein zahmer Marabu, dessen Verstand und Drolligkeit uns ergötzte, einige Gazellen, mehrere Affen und zwei Strauße, welche uns Solimahn-Pascha sendete, vermehrten die Thiergesellschaft. Unser kleines Haus wurde ihnen bald zu eng, wir mietheten deshalb eine größere, neben dem Hause eines Franzosen gelegene Wohnung und machten von hier aus Jagdercursionen. Immer fanden wir für uns neue Vögel und Säugethiere auf. Die Farbenpracht der Ersteren gab uns tagtäglich Grund zur Bewunderung des Reichthums der Tropen. Wir sammelten sehr fleißig und erlegten viele Vögel, aber jedes Mal, wenn wir uns über unsere Beute freuten, versicherten uns die Europäer, daß sich jetzt, während der trockenen Jahreszeit, verhältnißmäßig nur wenige Vögel hier aufhielten. 135 Die Regenzeit, der Frühling jener Länder, rufe ein ganz anderes Leben in der Thicrwclt hervor und bringe unzählbare, wie sie vom Süden hcrabkommende Vogelschaarcn mit sich. Schon jetzt waren wir mit unserer Ausbeute zufrieden; wir hielten cS für unmöglich, noch bessere Jagden machen zu können. Mit einer der uns von Tag zu Tage interessanter werdenden Ercursionen verbanden wir einen Besuch bei einem reichen Türken, Saaid-Arha, dem Befehlshaber — Sendjek — eines irregulären Reiterregiments oder Sendjeklik. Der Oberst wohnte in Halfa'i, einem, ungefähr eine deutsche Meile unterhalb Char- thum am rechten Ufer des Nil liegenden, großen Dorfe. Herr Contariny, der gefällige und originelle Fremdenführer Char« thum'S, geleitete uns dahin. Wir wurden mit türkischer Gastlichkeit einpfangen und bis zum Abende des folgenden Tages in dem Hause unseres gütigen Wirths festgehalten. Die beste Jagd verkürzte uns den Weg. Wir rühmten sie gegen Contariny, aber dieser sagte gelassen: „Ihre Ausbeute ist schlecht; gehen Sie drei bis vier Meilen an dem blauen Flusse hinauf und jagen Sie in den dortigen Wäldern, dann werden Sie mir Recht geben." Ich war sogleich bereit, Contariny's Rathe zu folgen und verließ am 27. Januar die Hauptstadt mit einigem Gepäck und zwei nubischen Dienern. Wir ritten auf Eseln und wurden bei der Leichtigkeit, in den und aus dem Sattel dieser Thiere zu kommen, so oft zu Letzterem verlockt, daß wir das Ziel unseres Weges, ein kleines in den Wäldern erbautes Nomadendörfchen, heute nicht erreichten. In einigen Hütten gastfreier Sudahnesen verbrachten wir die Nacht. Man brachte uns sogleich nach unserer Ankunft klastische An akharih b und einen großen Topf mit Buhsa, einem mir widerlichen, bierartigcn Getränk, herbei. Am andern Morgen zogen wir fortwährend in Mimosen- wäldern weiter. Wir sahen, trotz der hier sehr bemerkbaren Dürre, viele mir noch unbekannte Vögel; ich mußte aber oft von ihrer Jagd abstehen, weil ich mich damals noch nicht gewandt genug irr den dornen- und distelreichen Wäldern bewegen konnte. Noch in guter Morgenstunde kamen wir in dem Dörfchen Butri an. Ich ließ das Zelt im Schatten einer riesigen Mimose aufschlagen 136 und ging sogleich, mit dem Gewehr auf der Schulter, in den thier- belebten Wald heraus. Die Bewohner Butri's gehören zu dem Nomadenstamme der Hsssän'ie. Es sind schöne Leute, denen man die größere Freiheit anmerkt. Sie tragen ihr langes Haar in Zöpfen und salben es reichlich mit Schmalz oder Butter. Ihre Kleidung besteht aus einem einfachen Tuche, in welches sie den Oberkörper hüllen, kurzen Beinkleidern und Sandalen. Schöne Frauen schienen hier seltner zu sein, als es sonst bei den Hassame der Fall ist; um so häufiger sah man nackt gehende Kinder und flinke, windspielartigc Hunde, welche sich bei Ankunft eines Fremden vereinigten, um ihn mit einem wüthenden Gebell zurückzutreiben. Die Hütten des Dörfchens standen im dichtesten Schatten hoher Bäume, sie bestanden aus einem über die Erde erhöhten, geflochtenen Boden und waren mit Matten oder Haartüchern überdeckt. Neben jeder Hütte befand sich ein kleiner Hof, in welchem gekocht und Buhsa gebraut wurde. Letztere, zu deren Bereitung zwei Tage erforderlich waren, wurde unmäßig genossen und fand sich immer vorräthig. Inmitten des Dorfes hatte man eine geräumige Scrieba errichtet. Gegen Abend füllte sie sich mit zahlreichen Heerdcn von Ziegen, welche den Tag über, zum Theil ohne Hirten, in den Wäldern geweidet hatten. Jeder Dorfbewohner besaß über sechzig Stück dieser Thiere; Schafe waren seltner. Die Ziegenmilch wurde in Schläuchen, welche man eine halbe Stunde lang hin und her schleuderte, zu Butter, „S ib- ta", umgewandelt, diese dann aber sogleich geschmolzen und in Kürbisflaschen gefüllt. Damit ziehen sie nach Charthum zu Markte; der Erlös genügt, um die ihnen auferlegten Steuern zu bezahlen. Neben der Ueberwachung ihrer Heerden besteht ihre einzige Arbeit darin, Brennholz zu hauen und nach Charthum, wo die Eselladung mit zwei bis drei Piastern bezahlt wird, auf den Markt zu bringen. Ihr Wohnsitz ist ein feststehender; sie haben sich sogar in der Nähe desselben Getraidefelder angelegt und weichen dadurch von mehreren anderen Stämmen der eigentlichen Nomaden wesentlich ab. Am 3l. Januar unterbrach das klimatische Fieber meine 137 sehr lohnenden Arbeiten. Ich bekam einen starken Anfall dieser Krankheit und wurde durch ihn so geschwächt, daß ich auch die folgenden Tage mein Zelt nicht verlassen konnte. Die schlimmste Zugabe des Fiebers ist ein nicht zu beschreibender Widerwille gegen alle Beschäftigung. Und gerade der Mangel an Arbeit wird so bald zur unerträglichen Qual. Langsam schlich mir jetzt die Zeit dahin. Am 2. Februar kehrte der Anfall zurück. Er war schon viel stärker als der erste und erregte mir ernste Besorgnisse. Hätten die Lieben im Vaterlande es ahnen können, daß ich an diesem mir festlichen Tage ohne alle ärztliche Hülfe, ohne Arzneien, ohne liebevolle Bedienung fieberkrank inmitten der Urwälder unter einem elenden Zelte lag, wie sehr würden sie sich geängstigt haben! Mich beruhigte der Gedanke, daß sie mich gerade heute wahrscheinlich völlig gesund wähnten. Um mir wenigstens Arzneien zu verschaffen, ritt ich am 3. Februar nach Charthum. Zehn Stunden auf dem Rücken eines hartgehenden Esels und fieberkrank! — Das sind afrikanische Stra- patzen! Der Kranke muß, um Arzneien zu erlangen, sich selbst zum Apotheker quälen! Später versah ich mich freilich auf der kleinsten Reise mit den nothwendigsten Arzneimitteln, aber das geschah erst, nachdem ich durch mannichfaltiges Mißgeschick, also so recht eigentlich durch Schaden klug geworden war. Der in Afrika Reisende muß vorher viel ausgestanden und ertragen haben, ehe eS ihm gelingt, sich leidlich wohl zu befinden. Mit dem fieberbändigcnden Chinin in der Tasche ritt ich, nachdem ich einige Stunden in Charthum geruht hatte, wieder nach Butri zurück. Die Nacht ereilte mich mitten im Walde, ich ritt an dem Dörfchen vorbei und kam erst um Mitternacht zu einigen Nomadenhütten. Dort nahin ich einen Führer und gelangte gegen Morgen aus dornigen Pfaden zerschunden und zerkratzt nach Butri. Ich nahm mir vor, in Zukunft bei nächtlichen Wanderungen nicht ohne Führer zu reisen. Hundcrtunddreißig Vogelbälge hatte ich präparirt, damit kehrte ich am 8. Februar nach Charthum zurück. Der Baron musterte die kleine Sammlung und war mit der Anzahl der Bälge unzu- 138 frieden. Mich empörte diese Undankbarkeit; ich hatte selbst fieber- schwach noch gearbeitet. Damals habe ich zum ersten Male gefühlt, daß die Bemühungen eines Sammlers oder Naturforschers nur selten anerkannt werden. Und hätte nicht gerade die Wissenschaft ihre unwiderstehlichen Reize, wäre sie es nicht, welche die ihr Ergebenen durch den Genuß, ihr, der Hohen, dienen zu können, belohnt, ich würde von jener Stunde an keine Beobachtung mehr gemacht, kein Thier mehr gesammelt haben. Und damit würde ich mir selbst die Thore meines Glücks verschlossen haben, denn mehr und mehr lerne ich es verstehen: Meine beschwerlichen Reisen, meine trüben Erfahrungen haben mir überreichen Lohn gebracht. Einen zweiten Ausflug in die Urwälder verleidete mir das Fieber; ich mußte, noch ehe ich meine Arbeiten begonnen, nach Charthum zurückkehren. Dort machten wir die Bekanntschaft eines Engländers, des Mr. Petherik, welcher im Dienst der egypti- schcn Regierung nach Kordofahn reisen wollte, um dort geologische Untersuchungen zu machen. Der Engländer bekleidete den Rang eines Bimbaschi oder Majors — ließ sich aber Oberst (Bei) nennen — und war der Sprache kundiger als wir, weshalb wir uns ihm anzuschließen beschlossen. Mitte Februars waren wir mit allem unS nöthig Scheinenden versehen. Charthum und seine Bewohner. Ehe wir zur Betrachtung der Hauptstadt des inncrafrikanischen Reiches übergehen, müssen wir vorerst einen Blick auf die Geschichte jener Länder werfen, deren Centralpunkt ich zu schildern versuchen werde. Die Geschichte des Sudahn beginnt erst in unseren Zeiten; das vorher Geschehene ist durch das Blut von Tausenden, der Habgier und Rache geopferten Menschen verwischt worden. Nur traditionell zieht sich die Erinnerung wie ein goldener Faden durch dieses trübe Blutmecr hindurch, die Erinnerung an die früheren glücklichen Zeiten unter der Herrschaft der eingebornen Könige aus dem Stamme der Fungi, an die Zeiten, wo auf der Insel Arg» in Nubien noch tausend Schöpfräder kreischten, wo dort noch ein König Gericht hielt, wo das Volk der Scheine, zu Berber und Halfa'i, die Bewohner von Sennahr, Roseeres und Fassokl noch eigne Herrscher hatten und Kordofahn unter dem milden Scepter Dahr-Fuhr's stand. Aber diese Erinnerung lebt nur noch in dem Gedächtnisse Weniger; erst seit den Jahren 1820 und 1821 ist die Geschichte in Aller Mund. Die Begebenheiten jener Jahre werden nie vergessen werden: verlassene Städte, verödete Felder und zu Grunde gerichtete Völker sprechen ohne Worte ihre nie verhallende Sprache. Ich meine mit jenen Ereignissen die Eroberung des Sudahn und die Unterjochung seiner Völkerschaften durch die türkisch-egyptischen Truppen. Mit der Niedcrmetzelung der Mameluken schien Maham- med-Aali's Herrschaft in Egypten erst neu gegründet, aber gesichert zu sein. Allein noch war die Ruhe nicht hergestellt; ein Kampf des Muthes, der Rache und Verzweiflung erhob sich gegen unverhältnißmäßige Uebermacht, schändlichen Verrath und infame Treulosigkeit. Die Häuptlinge der Mameluken waren gefallen, 1-40 meuchlings gemordet, unbesiegt. Noch lebte ihre tapfere Krieger« schaar. Aus ihrer Mitte wählten sie sich neue Führer und zogen sich nach Nubien zurück, in der Absicht, dort ein neues, von ihnen beherrschtes Reich zu gründen. Mahammed-Aali'S Truppen folgten ihnen. Jbrihm, Sais und andere Festungen der Mameluken wurden belagert und erobert, obgleich die Belagerten mit Todesverachtung kämpften und den Siegern nur ihre Leichen überließen. Zu schwach, um sich in offener Feldschlacht dem Feinde entgegenzustellen, mußten sie sich in die Festungen werfen, wurden einzeln angegriffen und endlich vernichtet. Das siegreiche Vordringen des türkisch - egyptischen Heeres führte zur Eroberung von Ländern, nach deren Besitz der egyptischc Usurpator früher nie gestrebt hatte, wurde aber auch die Quelle namenloses Elendes für mehrere Völkerschaften, welche sich bis dahin ihrer Freiheit und des damit verbundenen Glückes zu erfreuen gehabt hatten. Die Mameluken hatten bis zum letzten Hauche für ihre Unabhängigkeit gekämpft, die Nubicr mußten mit ihnen gemeinschaftliche Sache machen, um ihre Freiheit zu schützen und ihr Heimathsland zu vertheidigen. Von den schwächlichen Barabra konnten die egyptischen Truppen nicht aufgehalten werden; der Adel Nubiens, die sieggewohnten, tapferen und stolzen Scheine mußten sich dem heranwogenden Heere entgegenwerfen. Die immer Siegenden sollten zum ersten Male besiegt werden. Im Jahre 1820 stellten sich die ScheiNe den Egyptern bei Korti gegenüber. Mit Schaudern denkt noch heute jeder Nu- bier des unglücksvollen Tages. Die Egypter siegten. Ein tapferes, heldcnmüthiges, aber regelloses Volk kämpfte mit Lanze und Schild gegen tüchtige Krieger mit dem ihm noch unbekannten Feuerrohr in der Hand. Seine Frauen waren mit ihren Kindern hinausgezogen, um die Männer durch gellenden Schlachtruf zum Kampfe anzufeuern oder im frommen Gebete den Sieg für sie zu erflehen. Sie hielten ihre Kinder auf den Armen empor und beschworen liebkosend die Väter, ihr Theuerstes vor schmachvoller Knechtschaft zu bewahren. Der Kampf begann. Die Geschütze der Egypter schleuderten Tod und Verderben in die Reihen der tapferen Nubier und, 141 obgleich diese die Kanonen erreichten und mit dein Schwerte in die metallenen Röhre Lücken zeichneten, welche man noch heute sehen kann*), — nicht die ruhmvolle Tapferkeit, die Uebermacht der Waffen entschied den Sieg. Die braunen Männer ergriffen die Flucht. Das Wehcgeschrei der Frauen übertönte das Kampfgebrüll. Verzweiflung erfaßte sie, sie drückten ihre Kinder an's Herz und stürzten sich zu Hunderten in die Wogen des Stromes, ruhmvollen Tod schmachvoller Knechtschaft vorziehend. Den Uebrigblcibcnden war die Flucht verwehrt. Zur rechten und linken Seite des Flusses starrten ihnen öde und dürre Wüsten entgegen; für sie boten diese keinen Zufluchtsort. In der Wüste hätten sie verschmachtend den Tod gefunden, wenn sie auch dem Tode durch das Schwert zu entgehen geglaubt hätten. Deshalb blieben sie in ihrem Vaterlande und beugten den früher frei getragenen Nacken unter das Joch der Unterdrücker, obgleich sie es kaum zu ertragen vermeinten. Nur noch einmal entflammte ihr Heldenfeuer, noch einmal erhob sich daS edle Volk zur letzten Gegenwehr. Der kühne Melik cl Nimmer, d. i. der Tigerkönig, zu Schcndi versammelte sein Volk. Schcndi und MLtämms, jene zwei südnubischcn Schwesterstädte, sollten auss Neue die Geisel des Siegers fühlen. Jörn aöl-Pascha, des alten Mahammed-Aali Sohn, erschien mit seinen Soldaten im Oktober des Jahres 1822 auf vielen Schissen vor Schcndi. Er verlangte von dem dort herrschenden Melik innerhalb drei Tagen eine nicht zu liefernde Menge von Sklaven und mehr Geld, als je im Besitz des Häuptlings gewesen war. Diesem und allem seinem Volk stand die Todesstrafe bevor, wenn er die ihm auferlegte Steuer nicht entrichten konnte. Da gab ihm die Verzweiflung Muth. Er sah sein Verderben vor Augen und beschloß, das Aeußerste zu versuche». Nach allen Seiten eilten seine Boten, um den unter der Asche glimmenden Funken der Empörung zur hellen, vernichtenden Flamme anzublasen; sie geboten dem seiner Knechtschaft übermüden Volk List, Muth und Ausdauer. *) In Kordofahn sah ich noch mehrere Geschütze, welche die Wahrheit jener kühnen That beweisen. Der König selbst heuchelte dem Pascha gegenüber die tiefste Unterwerfung. Durch falsche Vorspiegelungen lockte er Jsmaöl von seiner sicheren Barke in eine geräumige, mit dichter Sericba umschlossene Strohhüttc. Große Strohhaufen lagen im Innern der Um- zäumung aufgeschichtet und wurden als Kamelfuttcr ausgegeben. Melik Nimmer selbst richtete in jenem Tokhul dem Pascha ein Gastmahl zu, zu welchem alle höheren Offiziere gebeten wurden und auf Befehl ihres Gebieters erschienen. Der Pascha und seine Getreuen sitzen beim Mahle. Vor der Serieba tönt die TLrLbükä*), das junge Volk übt sich im fröhlichen Tanze. Sie werfen gegenseitig Lanzen auf einander und sangen sie geschickt mit ihren Schilden aus. Der Pascha wirst zuweilen einen Blick auf das Getümmel und ergötzt sich an dem Geschick der Tanzenden. Und als wollten diese ihre ganze Gewandtheit zeigen, so rasch und wild werden ihre Bewegungen. Sie kämpfen scheinbar mit Erbitterung. Immer tobender werden ihre Spiele, immer heftiger dringen sie auf einander ein, die Trommel tönt ununterbrochen fort, plötzlich aber auch in allen übrigen Theilen der Stadt. Ein gellendes durchdringendes Geheul durchzittert die Luft. Die Kämpfenden haben sich vereinigt und schleudern ihre Lanzen nicht mehr nach den Schilden ihrer Freunde, sondern in das Innere der Serieba aus die Türken. Von allen Seiten sieht man Frauen mit Flammenbränden herbeieilen und diese in das aufgehäufte Stroh am Tokhul des Pascha's werfen. Im Nu hat das Feuer alle Theile des Strohgebäudes ergriffen, ein Flammenmeer röthet den Himmel. Jetzt hört man die Kriegstrommel auch in Mctämme; man hört sie in jedem der benachbarten Dörfer; ihr Klang erschallt von Ort zu Ort und verbreitet sich durch die ganze Provinz. Es ist, als ob die Streiter des geknechteten Volkes der Erde entkeimten. Was Waffen tragen kann, trägt sie; Weiber stehen, ihr Geschlecht vergessend, in den Reihen der Männer, man sieht sie, Asche und Sand in den fettgetränkten Haaren, mit ent- *) Die Tarabuka ist eine Trommel, hier die Kriegstrommel der inner- afrikanischen Völkerschaften. 143 blößtem Busen und nur um die Lenden geschürzt, die Feinde verfolgen ; Kinder und Greise fechten mit der Kraft der Männer. An der brennenden Hütte, welche den Pascha und fünfzig seiner Offiziere einschließt, beginnt der Vernichtungskampf. Wer hcrausflieht, wird niedergestochen; die Bleibenden frißt das Feuer, Keiner entkommt*). Schendi und Metämme sind in einer Nacht von den Feinden befreit. An den übrig gebliebenen Mauern des festen Schlosses zu Metämme bezeugen noch heute dunkle Blutflecken die Begebenheiten jener Tage. Nur wenige von den Soldaten Jsmaöl-Pascha's entkamen auf ihren Schiffen und brachten dem in Kordofahn weilenden Mahammed-Bei el Defterdahr die grauenvolle Nachricht. Dieser, wegen seiner Grausamkeiten „el Djelahd", der Henker, genannt, eilte mit der ganzen Macht seines Heeres nach Schendi und schwur, die Manen seines Oberbefehlshabers und Verwandten blutig zu rächen. Obgleich die Nubier sich mit aller Macht rüsteten, waren sie doch nicht im Stande, den wohlgeübten Truppen Mahammed - Be'r's zu widerstehen. Sie wurden wieder geschlagen. Niemand kennt die Zahl der Menschen, welche jener Tyrann seiner Rache opferte; sie soll die Hälfte der damaligen Bewohncrzahl weit überstiegen haben. Mahammed-Be'r vernichtete die Blüthe der streitbaren Mannschaft Nubiens und mordete die Greise, Frauen und Kinder des unglücklichen Volkes. Die Gräuclthaten, welche er ausübte, sind nicht zu beschreiben und machten auf das Volk einen fürchterlichen Eindruck. Ich habe das hier Mitgetheilte aus dem Munde eines Augenzeugen vernommen. Der Nubier Tomboldo, einer meiner nachherigen Diener, war in der Periode jener Schrcckcns- tage noch ein kleiner Knabe; er war, wie er sagte, „im Blute seiner Landsleute groß geworden." Als er mannbar wurde, sproßten *) Es wird den in jener Strohhütte eingeschlossenen Soldaten ewig zum größten Ruhme gereichen, wie sie ihren Feldherrn vor dem sie Alle vernichtenden Feuer zu schützen versucht haben. Man fand den Pascha unversehrt unter einem Haufen halb und ganz verkohlter Leichen. Die Sol- daten hatten ihn mit ihren eignen Leibern vor den Schmerzen des Flammentodes bewahrt. Er erstickte in der Mitte seiner Getreuen. 144 ihm statt des kohlschwarzen Haares der Nubi'er graue Haare um Mund und Kinn; sein Haupthaar ergraute noch vor seinem zwanzigsten Jahre „wegen deS vielen Blutes, welches vor seinen Augen vergossen worden war." Nach dem letzten, lange dauernden Blutbadc war die Unterjochung der Nubicr beendet. Das früher freie und stolze Volk der Scheikke hörte auf ein Volk zu sein. Die Häuser der Getödte- ten verfielen, Schendi und Metämme verödeten, die Felder blieben unbebaut, der Sand der Wüste bedeckte das frühere Kulturland. Dreifach schwerer lastete das Joch, welches die Nubier abzuschütteln versucht hatten, auf ihnen; es lastet heute noch. Erst nach Jahren entstand ein in der Knechtschaft aufgewachsenes Geschlecht, das sich geduldig dem Beherrscher seines Landes unterwirft. ES ist knechtischer geworden als seine kampflustigen Vorfahren, aber nicht besser als diese*). Nachdem sich Mahammed-Be'r am Blute seiner gemordeten Schlachtopfcr genugsam gesättigt hatte, drang er unaufhaltsam dem Süden zu. Die das Land durchreisenden Sklavenhändler brachten vom oberen Laufe des blauen Flusses Goldkörner und Goldringe, vorn Bahhr el abiadt vorzügliches Elfenbein in großer Menge mit sich. Sie erzählten, daß die Sudahnesinnen schwere Goldringe in der Nase trügen, daß der König der Fungi zu Sennahr, der Hauptstadt seines Reiches, eine Serieba von Elephantenzähncn um seinen Strohpallast gezogen habe, wie man sich dasselbe noch heut zu Tage vom Sultahn Dahr-Fuhrs erzählt. Die Heerden der Kamele und Rinder, welche bisher nur von dem König der Wild- niß, dem Löwen, belästigt, in den tropischen Wäldern an den Ufern *) Melik Nimmer entfloh nach Abyssinien. Die türkische Regierung sehte einen hohen Preis auf seinen Kopf und dingte Mörder für ihn. Selbst der Vater einer seiner Frauen zettelte gegen ihn eine Verschwörung an, wurde aber von seiner eignen Tochter an den Häuptling verrathen. Dieser lud die Verschwornen zu einem Gastmahl ein und ließ sie umbringen, wobei die erwähnte Frau ihren eignen Vater erdolcht haben soll. Der Melik entging glücklich allen Nachstellungen, lebte lange in hohen Ehren und starb erst vor wenigen Jahren. Er wurde von seinen früheren Vasallen oft besucht und von ihnen wie ein Heiliger verehrt. der beiden Ströme weideten, hielten sie für unzählbar. Diese theilweise wahren Erzählungen ermunterten den habsüchtigen Tyrannen zu weiterem Vordringen. Er entthronte den König von Halfa'r und besiegte den König der Fungi. Die Provinz Kords sahn war dem milden Scepter Dahr-Fuhr's bereits entrissen worden. Dort stand noch ein ziemlich starkes Heer, um das besiegte Volk im Zaume zu halten; der Bei konnte frei agiren. Die Königreiche Halfa'i und Sennahr waren bald unterjocht und noch schneller ausgeplündert. Weiter im Süden winkte die Goldernte. Man erreichte Rose er es und erfuhr, daß das Gold noch weiter südlich, in Khassahn, gegraben werde. Aber es war jetzt nicht rathsam, auch bis dahin vorzudringen. Die Truppen waren schon zu weit von Egypten entfernt und man mußte ihnen erst eine Station errichten, von welcher aus man weitere Feldzüge unternehmen konnte. Die Wahl derselben war äußerst glücklich. Da, wo der muntere Gebirgsstrom, der Bahhr el asrakh, seine raschen Fluchen mit den langsam dahin schleichenden, trüben Wässern des weißen Stroms vermischt, lag ein kleines Dorf: Charthum. Aus ihm sollte die Hauptstadt der „Königreiche des Sudahn" — so nennen die arabischen Gelehrten noch heute jenes Land — hervorgehen. Im Jahre 1823 erbaute man die ersten Tokhahl für die Soldaten, ein Wenig oberhalb des Dorfes und wegen des guten Trinkwassers aus dem blauen Flusse, dicht an diesem Strome. Eine Hütte reihte sich an die andere, der ,,Kaffr" (Weiler) erwuchs zum ,,Bänder" (Flecken). Häufige Brände vernichteten die Strohhütten, weshalb man sie durch Lehmgebäude ersetzte. Man errichtete nun die Wohnung für den dort herrschenden Pascha, zahlreiche Gefängnisse für die wi'dcrspän- stigen Eingcborncn und gründete die Moschee. Spätere Neubauten, unter denen der Basar obenan steht, gaben dem Bänder Charthum seine heutige Gestalt und erhoben ihn zur „Medihne" (Stadt). Von hier aus wurden nun in späteren Jahren mehrere Feldzüge und viele Sklavenjagden unternommen. Das zwischen dem 10 146 rothen Meere und dein blauen Flusse, der Nordgrenzc Abyssiiüens und dem Atbara gelegene Belled Tahka wurde unterjocht; man eroberte die Länder des oberen blauen Flusses: RosseereS, Fasset l und KHassahn, ließ hier aber die früheren Herrscher noch einige Zeit lang nominell in ihrem Bcsitzthum und erlaubte ihnen, ihren Rang und Titel fortzuführen, freilich ebenfalls nur dem Namen nach. Bis jetzt haben diese Länder den Eroberern noch keineswegs große Vortheile gebracht, sondern sind vielmehr wegen häufiger Einfälle der abyssinischcn Völker, wegen oft stattfindender Empörungen und fast immerwährender Unruhen ihnen eine wahre Last geworden, welche man aber immer nicht gern wegwerfen will. Führen wir die einzelnen ,, Länder" — nach dem Begriffe des arabischen Wortes ,, Belled", — welche von Charthum aus beherrscht und die Königreiche des Sudahn genannt werden, zur bessern Uebersicht namentlich auf, so sind es folgende: Battn el Madjar bis zum Anfange des großen Katarakts von Wadi- Halfa; Dahr el Sukoht, Dahr el Mahhaß, Dahr Dongola, Dahr el Scheik're, Dahr Berber, Dahr Schendi, Dahr Halfa'r, El Djcsihre, d. i. daS zwischen den beiden Strömen liegende „Jnsel"-Land, Scnnahr, Ros- seeres, Fassokl, Khassahn, Kordofahn und Belled Tahka. Die Karte zeigt, daß die Hauptstadt aller dieser Länder fast in ihrem Mittelpunkte liegt. El Chärt hüm, wie ich, gemäß der arabischen Aussprache, statt Chardum, Charrum, Cartum, Kardum und Khar- toum schreibe, liegt ungefähr unter 15" 3V' der n. Br., 30' 10' östlicher Länge von Paris und 1525 pariser Fuß über dem Spiegel des mittelländischen Meeres, dicht am blauen Flusse und nur hier und da von ihm durch Gärten getrennt. Der blaue Fluß oder Bahhr el asrakh vereinigt sich eine Viertclmeile unterhalb der Stadt bci Rahö el Charthum (dem Vorgebirge von Charthum) mit dem Bahhr el abiadt oder weißen Flusse und bildet mit ihm den Bahhr el Nihl oder Nilstrom, welcher von nun an auf seinem fast dreihundert deutsche Meilen langen Bogenlaufe nur 147 noch die Fluthen dos Atbara (auch Takasse und von den Alten Astaboras genannt) bei Berber el Mucheircs aufnimmt. Wenn man sich der Stadt vom weißen Flusse aus nähert, nimmt sie sich gerade nicht am Vortheilhaftesten aus. Während der trockenen Jahreszeit und dem durch sie bedingten niederen Wasser- stande der Ströme kommt man dicht an den Ufern derselben durch einige gut bebaute und sehr fruchtbare Felder, hinter denen sich eine öde, sterile und staubige Ebene, ohne alle Gebirge und Hö- henzügc ausbreitet. Zur Linken bemerkt man im blauen Flusse die Insel Buri mit einem hinter den Dünen fast versteckten Tokhul- dorse gleichen Namens und weiter stromaufwärts die im üppigsten Flore stehenden Gärten der reicheren Einwohner Charthuin's. Mehr nach Osten zu sieht )nan die „Chala" mit spärlichem Baumschlag, südöstlich zwei freundliche, von duftigen Mimosen beschattete Dörfchen, südlich Nichts als Sand und einzelne Büsche, westlich den breiten Spiegel des weißen Flusses und die schon hier beginnenden tropischen Wälder. Nach Norden zu schließen die Gebirge von Kerreri, welche nach der Ansicht mancher Geographen den Sudahn von Nubien scheiden, den Prospekt. Gerade vor sich hat man (im Osten) die Stadt Charthum: eine einförmig graue Häusermasse ohne jede Abwechselung, über welche sich ein niederes Minaret kaum erhebt. Bevor man zur Stadt gelangt, muß man eine von Aas und anderem Unrath stinkende, staubige Fläche passircn und einen zum Schutze der Häuser gegen die übertretenden Flüsse gezogenen Damm überschreiten. Man betritt auf dein erwähnten Wege die Hauptstraße Charthuin's, welche vom Westen nach Osten zu die Stadt durchschneidet, und kommt durch sie zunächst auf den Markt. Wenn ich eine Straße Charthuin's beschreibe, schildere ich auch alle übrigen. Die Straßen sind während der trockenen Jahreszeit staubig und sandig, während der Regenzeit eine ununterbrochene Reihe von Pfützen und Kothhaufen. Der in ihnen zu jeder Jahreszeit herrschende Gestank und ihre Hitze sind über alle Begriffe civilistrter Menschen erhaben. Fast alle Straßen führen nach dem Markte oder zu einem der beiden Amtsgebäude; sie sind selten breit und 10 * 148 gerade, sondern meist krumm und unregelmäßig und verstricken sich oft zu einem kaum zu ergründenden Labyrinth. Freie Plätze sind in Charthum selten und haben, wo sie sich finden, gewöhnlich keinen Zweck. Von der Straße auS sieht man von den Häusern bloß die Thüren; alles Nebrige ist hinter hohen Lchmmauern versteckt. Hiervon machen wenige Gebäude insofern eine Ausnahme, als auch einige Fensteröffnungen nach der Straße herausgehen, selbstverständlich nur die des Hausherrn. Charthum zeigt in seiner heutigen Gestalt noch deutlich den Gang seiner Entstehung. Anfangs stand es jedem Baulustigen vollkommen frei, sich einen Bauplatz auszusuchen, wie er ihn wünschte. Diesen benutzte er ganz nach seinem Gutdünken. Man findet deshalb mitten in der Hauptstadt noch große Gärten und sieht nirgends die Anzeichen eines, von Anfange an befolgten, regelmäßigen Bauplanes. Die Häuser Charthum's sind durchgehends einstöckig, mit plattem Dache. Jede größere Wohnung bildet ein für sich abgeschlossenes Ganze, zumal wenn sie einem Türken, Kopten oder reichen Araber gehört. Sie enthält gewöhnlich zwei von einander getrennte Theile: die Behausungen des männlichen und die des weiblichen Personals einer Familie oder, wie man in Egypten sagt, den Diwahn und den Harehm. Die Häuser der Vornehmen sind höher und größer als die der Armen und gemeinen Leute, haben eine ziemlich große Zahl von sogenannten Zimmern, besitzen Ställe, Remisen und dergleichen andere Räume, unterscheiden sich aber in der Bauart von diesen wenig oder nicht. Das Material ist zu allen dasselbe; es besteht aus sogenannten Luftsteinen, d. h. zu viereckigen Stücken geformtem Lehm, aus welchem die Mauern errichtet werden, Mimosenbalken, dünnen Stäben und Strohmatten zum Bau des Daches und Rohrstäben oder Brettern zu Thüren und Fenstern, falls diese überhaupt vorhanden sind. Der Bau einer Tankhit (im Plural Tsnäkha), wie die aus Erde errichteten Wohnhäuser im Sudahn genannt werden, geht sehr rasch von Statten. Man gräbt und formt die nothwendige, 149 thonhaltige Erde so nahe als möglich an der Baustelle und läßt sie in der Sonne trocknen. Bei der immer herrschenden Hitze wer« den die Luftsteine bald so hart, daß sie zum Bauen verwendet werden können. Die Armen verrichten dieses Geschäft mit Hülfe ihrer Nachbarn selbst, die Vornehmen und Reichen dingen sich Werklcutc dazu. Man zeichnet den Plan zu dem Gebäude gleich auf der Baustelle vor und gründet die Mauern, welche bis zu einer gewissen Höhe mit Erde ausgefüllt werden, damit der Fußboden über das Niveau des umliegenden Terrains erhöht wird. Run werden die Mauern bis zu der bestimmten Höhe fortgeführt und dann zur Bedachung vorbereitet. Das Dach ist derjenige Theil des Hauses, auf welchen die größte Sorgfalt verwendet werden muß und deswegen auch am kostspieligsten. Es ruht zuerst auf einer Unterlage von ziemlich starken Balken aus Mimoscnholz, welche man, etwa an« derhalb bis zwei Fuß von einander entfernt, in die Wände einmauert. Auf diese Balken legt man querüber dünne, dicht an einander gereihte Stäbe, von den Eingebornen Rässsß genannt, welche in den tropischen Wäldern geschnitten und oft weit herbeigeschafft werden. Sie tragen doppelt über einander gebreitete, sorgfältig geflochtene Matten aus Palmcnblättern. Jetzt erst folgt die eigentliche, wasserdichte Bedachung: eine mehrere Zolle dicke, festgestampfte, möglichst geglättete Lchmschicht. Das Dach ist nach der einen Seite unter einen Winkel von zehn bis fünfzehn Graden zur Horizontalen geneigt und hier mit kurzen Traufrinncn versehen, durch welche das Wasser ablaufen kann, ohne an den Mauern her- unterzurieseln. Die Scitenuiauern überragen die Fläche des Dachs um einen Fuß und werden wie diese mit einem Uebcrzuge von Lehm, Spreu und Rindermist bedeckt, um das Eindringen des Regens, der an dieser Kruste herabläuft, möglichst zu verhüten. Leider ist die Konstruktion eines solchen Daches noch immer sehr mangelhaft. Nach jedem Gewitterregen sieht man die Einwohner Charthum's beschäftigt, die Dächer ihrer Wohnungen wieder auszubessern; oft kommt es sogar vor, daß sich die Abzugskanälc verstopfen. Dann bildet sich auf dem Dache eine Wasserlache und erweicht dasselbe so, daß das Wasser nach dem Innern einen Abzug findet und die I5Ü Räumlichkeiten dcr Wohnung überschwemmt. Zuweilen hat dies auch den Einsturz des ganzen Gebäudes zur Folge. In Charthum sind schon viele Menschen von dem während eines Gewitters zu- » sammenstürzcnden Dache erschlagen worden (unter Andern auch vor etwa zehn Jahren ein italienischer Arzt). Wir waren mehrere Male genöthigt, unsere Effekten vor dem in das Zimmer herabstürzenden Regen in Kisten zu bergen und wurden nicht selten aus einem Zimmer in's andere getrieben. Ein derartiges Wohnhaus kostet in Charthum mit Garten und Zubehör drei- bis sechstausend Piaster oder zwei- bis vierhundert Thaler unseres Geldes. Das Innere der Häuser gleicht ihrem Aeußcren. Der Fußboden besteht aus gestampfter Erde, ebenso dcr um anderthalb Fuß über denselben erhöhte Diwahn*), auf welchen man später Matten oder Sitzpolster legt. Nur selten haben die vier nackten, etwas geglätteten Lchmwände eine besondere Verschönerung auszuweisen, nur in wenigen Häusern sind sie außer der Rindcrmistkruste auch noch mit Weißkalk getüncht worden. Die Fenster sind Mauerlöcher, ^ vor denen man weite oder enge Gitter befestigt hat, die Thüren ähneln ihnen und können nur in manchen Gebäuden geschlossen werden. Man findet im ganzen Hause weder Schloß und Riegel, noch Bänder und anderes Eisenwerk. Selbst die in Egypten gebräuchlichen Holzschlösser sind selten. Alle Zimmer gleichen eher Viehställen, als menschlichen Wohnungen. In dcr Nähe des Marktes sieht man bessere Häuser, als in den andern Stadtthcilen. Die Zimmer sind höher und kühler, reinlicher und verschließbar. Auch haben mehrere Europäer und Türken ihre Wohnungen nach egyptischcn Vorbildern verbessert, obgleich sie den im Sudahn gebräuchlichen Grundgesetzen treu geblieben sind. Im Hause eines Franzosen fand man sogar Glasfenster und Estrichfußboden; an den gewcißtcn Wänden hingen Bilder und als große Seltenheit Spiegel. Ein ähnlicher Lurus war sonst nur noch im Palaste des Generalgouvcrneurs bemerklich. , Am schlimmsten sind in Charthum, was die Wohnung anlangt, Hier die sich an der Wand hinziehende breite Ottomane. 151 die Neuangekommenen daran. Wenn ein Fremder seine erste Wohnung miethet, bekommt er regelmäßig das schlechteste Haus, weil » die besseren Gebäude schon an länger Ansäßige verdingt sind. Hier muß er sich nun so gut als möglich selbst einrichten, denn der Hausherr bietet seinem Micthsmanne, außer den vier Wänden, Nichts. Zuerst gilt es, das Haus von dem innewohnenden Ungeziefer zu säubern. Alle dunkleren Orte beherbergen, zumal während der Regenzeit, Scorpionen, Taranteln, Vipern, häßliche Eidechsen, Hornissen und andere schlimme Gäste. Man dars Abends nie ohne Licht ein Zimmer betreten, weil sonst die zu dieser Zeit lebendige Schaar leicht gefährlich werden könnte. Ich trat einmal in einem dunklen Gange auf eine sehr giftige Viper, welche aber zum Glück gerade beschäftigt war, ein von ihr getödtetcs, harmloses Schwalbenpaar zu verschlingen und nicht beißen konnte. An große Spinnen und Scorpionen gewöhnt man sich so, daß man die nöthigen Vorsichtsmaßregeln nie versäumt. Nächtlich lebende Eidechsen, welche mit ihren Klcbefingcrn an der Decke hin und her spazieren und Fliegen fangen, werden wegen ihres Nutzens und ihrer unschuldigen Lebendigkeit Einem zuletzt lieb und werth; man freut sich, wenn man ihr Feie, xok — den Ruf, wegen dessen sie Gekonen genannt werden, — hört. Um so unangenehmer werden die lästigen Insekten. Die offenen Fensterlöchcr gewähren bei Tage einer hungerigen Schaar von Fliege» und Wespen, Nachts unzählbaren Haufen summender, blutdürstiger Musquitos freien Eingang. Diese Quälgeister peinigen den Schläfer bei Nacht ebenso sehr als die Fliegen , Wespen und Hornissen den Wachenden bei Tage. Man weiß sich vor ihnen gar nicht zu schützen. Dabei pfeift der Wind ganz nach Belieben durch diese Räume, die wir „Zimmer" uenncn müssen, hindurch und wirst von Außen Sand und Staub durch sie herein. Die in den meist niedrigen Räumen gewöhnlich herrschende große Hitze muß erst durch öfteres Sprengen mit Wasser etwas beseitigt ^ werden. Falls man nicht alles zum Sich-Wohl-Befinden Unentbehrliche von Egypten mitgebracht hat, ist man genöthigt, dasselbe zu sehr hohen Preisen auf dem Basare zu kaufen. Aber auch bei der bestmöglichsten Einrichtung eines charihumcr Hauses entbehrt man 152 noch immer unendlich Viel und thut wohl, wenn man das halbwilde Leben der Sudahnesen anzunehmen versucht. Charthum ist arm an öffentlichen Gcbäuden. Eigentlich ^ kann man nur die Amtswohnung des Generalgouvcrneurs der vereinigten Königreiche, die des Modihr oder Gouverneurs der Provinz Charthum, ein Lazareth und eine Kaserne, ein Pulvermagazin, die Moschee und den Basar öffentliche Gebäude nennen. Sie wurden von der Regierung nach und nach erbaut und erfüllen zum Theil ihren Zweck vollkommen. Will man auch einige Privatanstaltcn unter die öffentlichen Gebäude rechnen, so muß ich noch der koptischen und katholischen Kapelle und einer christlichen Schule Erwähnung thun. Die erstere Kapelle ist Besitzthum der Kopten, die letztere ist wie die Schule von der uns bekannten Mission errichtet worden. Die Wohnung des Generalgouvcrneurs (Hokmodahr) vom Sudahn nennt man die Hokmodcrte. Sie liegt im östlichen Theile der Stadt dicht am blauen Flusse und hat einen großen ^ freien Platz vor sich, welcher keinen besonderen Namen führt. Unter der Regierung Latief-Pascha's (1850—1852) wurde das Gebäude setze verschönert und vergrößert. Früher war es wie die übrigen Häuser Charthum's aus Lehm gebaut, jetzt sind die Erdwände durch solide Ziegelmauern ersetzt worden. Die Hokmodcrte enthält den Empfangssaal oder Diwahn des Pascha, die Arbeitszimmer seiner Beamten und Wohnzimmer seiner Bedienten, das Archiv, mehrere Staatsgefängnisse, eine starke Wache und den besonders abgeschlossenen, sehr zweckmäßig und dauerhaft erbauten, für den Sudahn kostbar ausgestatteten Harehm, welcher von einem fruchtbaren, gut gehaltenen Garten umgeben ist. Die Amtswohnung des Statthalters der Provinz Charthum oder die Moderte liegt im Mittelpunkte der Stadt nahe am Markte, ist höchst baufällig und mangelhaft und enthält den Di- wahn des Modihr, die Burcaur der Verwaltung, die Schatz- , kammer des Sudahn (cl Hesne), viele Gefängnisse für Verbrecher und ebenfalls eine starke Militärwache. Der Harehm des Bet befindet sich in dessen Privathausc. 153 Durch die Bemühungen von rechtlichen europäischen Aerzten ist das Lazareth jetzt so eingerichtet worden, daß der Kranke nicht mehr zu klagen nöthig hat. Die Krankensäle sind reinlich, hoch und lustig, die Pflege ist erträglich und die ärztliche Behandlung ziemlich gut, wenigstens werden jetzt keine Quacksalber und Pfuscher mehr geduldet. Leider kann man die Kaserne dem Lazarett) nicht zur Seite stellen. Sie ist unstreitig unter allen öffentlichen Gebäuden das erbärmlichste und besteht aus mehreren, von einer hohen Mauer umschlossenen, aber von einander getrennten Höfen, an deren Wänden sich kleine Höhlen befinden. Diese ähneln unseren Schwcincställen in ihrem Aeußeren und Inneren und sind für die armen Soldaten und deren Familien bestimmt. Auch in Egyptcn sind die Kasernen schlecht, jedoch immer noch Paläste gegen die im Sudahn. Wie in allen mahammedanischen Städten ist auch in Char- thum der Markt der Centralpunkt des geselligen Lebens und deshalb mit Sorgfalt angelegt. Er enthält hier die Moschee und mehrere Basare. Erstere ist aus Ziegelsteinen erbaut worden und hat ein recht freundliches Aussehen, obgleich ihre Bauart einfach ist. Das Minaret ist aus Lehm zusammengeklebt und ganz geschmacklos. In ihrer Nähe liegen zwei ziemlich bedeutende Kaufhallen, von denen die eine ebenfalls aus Backsteinen erbaut und zweckmäßig eingerichtet ist. Das Gebäude ist über hundert Ellen lang und mit zwei gewölbten, wohlverschlicßbarcn Eingängen versehen. Bon dem einen Eingänge zum andern führt ein breiter Weg, an dessen beiden Seiten vier und zwanzig Kaufladen angelegt wurden. Es sind von einander abgesonderte, freie und etwas erhabene Plätze, auf denen die Kaufgegenstände ausgelegt werden. Nachts hebt man die Waaren in kleinen Magazinen auf, welche sich hinter den Laden befinden. Die Halle wird durch Oberlicht erleuchtet, Nachts verschlossen und von einem vereideten Wächter, der sein Lager in ihr aufschlägt, gehütet. In diesem Basare findet man die theuersten, mehr für die Türken und Europäer von Egypten eingeführten Waaren. Die zweite Halle steht ihm an solider Ausführung und bequemer Anlage der Kaufladen bedeutend nach, denn 154 diese haben dort nur acht Fuß Höhe, Breite und Tiefe, weshalb jedes Plätzchen mit Waaren überhäuft ist. Aber der arabische Kaufmann braucht, um in seiner Bude auf den untergeschlagenen Bei- tz ncn sitzen zu können, nur wenig Platz und weiß aus den unordentlich im Laden durch einander liegenden Gegenständen geschickt das Gewünschte herauözukramen. Ueber den einzelnen Buden sieht man oft den Namen des Besitzers oder Sprüche aus dem Khorahn in mächtiger Frakturschrift (arabisch Süllns genannt), mit bunt ausgemalten Lettern prangen. Andere verzieren ihre Bilden mit Gemälden, welche von der Hand arabischer Künstler herrühren, gewöhnlich Löwen, Pferde und andere, zuweilen einer höchst überspannten Phantasie angehörige Thiere darstellen, kaum zu erkennen und unter aller Kritik ausgeführt sind. Zwischen beiden Kaufhallen liegt der Brodmarkt der Stadt. Hier sitzen die aus Egypten eingewandertcn Bäcker unter großen Sonnenschirmen und bieten ganz vortreffliches Waizenbrod feil, während die Sudahnesinncn kleine Durrahkuchen und größere Dur- rahfladen zum Bedarf ihrer Landslcute dort verkaufen. An den Brodmarkt reiht sich der Milch-, Frucht- und Gemüsemarkt, in dessen Mitte sich ein fatales Gerüst, der Galgen, erhebt. Es hat etwas Schauerliches, wenn sich hier die Menschen kaufend herumtreiben, zumal wenn der Galgen behängen ist, was die Gärtner und Butterwciber keineswegs in ihren Geschäften stört. Von hier aus kann man über den Getraidemarkt nach dem Tabaks markte gehen, welcher wiederum mit dem Fctt- und Futtermarkte in Verbindung steht. Auf dem ersteren sieht man Waizen- und Durrah Haufen auf der bloßen Erde liegen; den Tabak kauft man in einer engen Straße, in welcher der Staub des stets trocknen Krautes die Luft erfüllt. Auf dem Fett- markte findet man Rinder- und Schöpsentalg zur Anfertigung der Tclka, von deren Gebrauch wir weiter unten sprechen werden, und auf dein Futtermarkte Heu, Stroh, Durrahstängel und ande- ^ res Viehfutter. Eine ganz besondere Annehmlichkeit Charthum's sind die Gärten am Ufer des blauen Flusses. Ihr lebhaftes Grün erfreut das 155 durch die öde Umgebung der Stadt niedergedrückte Gemüth und ihre Früchte sind bei der Fruchtlosigkeit der inncrafrikanischen Holztz arten oft ein erwünschtes Labsal. In diesen Gärten gedeihen noch Weintrauben, Limonen oder Zitronen von der Große der Wallnüsse, Granatapfel, Feigen, Kaktus- oder Stachel- feigen, Bananen und die ananasartigcn Früchte eines BaumeS, „Khischta" genannt, von köstlich aromatischem Geschmack. Außerdem zieht man hier Gemüse, als: Mülüch'ie, ein niederes, unserer Pfeffermünze an Gestalt ähnliches, wie Spinat schmeckendes Kraut; BiUn'rö, die schleimige Frucht eines auch in der Steppe wildwachsenden und dort unter dem Namen ÜökL bekannten Strauchs; BitlngZchn rswid und Bitingahn LchmLr, schwarze und rothe Liebcsäpfel; Khölstsch, ein breitblättriges Zwiebelgewächs, dessen Zwiebeln geröstet den Kartoffeln ähnlich schmecken; Ridjls, Salat; Lüb'i«, Bohnen und Brlsssl, Zwiebeln. Die Dattelpalme hat hier ihre südlichste Grenze erreicht und liefert, wenn sie auch zu schönen Stämmen erwächst, keine guten Früchte mehr. Einige Gärten sind so geräumig, daß man in ihnen Getraide baut. Bei gut unterhaltener Bewässerung hat man auf ein und demselben Stücke schon viermal im Jahre Waizcn geerntet, so groß ist die Fruchtbarkeit und lebenbeschleunigcnde Wärme dieser Gegend. Der Ackerbau spielt in der Nähe Charthum's, ebenso wie die Thierzucht eine sehr untergeordnete Rolle. Man schafft die nothwendigen Lebensrnittel in so großer Menge herbei, daß die Preise derselben sehr niedrig sind und man in der That nicht bcnöthigt ist, bei Charthum große Sorgfalt auf ihre Erzeugung zu verwenden. Nur die Melonen werden hier in namhafter Menge gezogen und geben einen sehr reichlichen Ertrag. Während der trocknen Jahreszeit baut man sie auf den im blauen Flusse entstehenden Sandinseln, während der Regenzeit einzeln in den Gärten. Sie werden so billig, daß man für zwanzig Para oder einen Silber- ^ groschcn sehr schöne Wassermelonen (arabisch BLtrech) und für die Hälfte dieser Summe ebenso große Zuckermelonen (KHLuühn) kaufen kann. Obgleich sie den egyptischen Melonen an Güte nachstehen , sind sie doch immer noch recht genießbar. Mit den Melonen 156 pflanzt man anch Gurken von geringer Güte und unbedeutender Größe. Sonst sieht man in der Nahe Charthum's noch Gerste und Bohnen, Durrah und Dachen auf den Feldern, je- e doch werden die letzteren Getraidcarten in weit größerer Ausdehnung in der Steppe gebaut. Die Bevölkerung der Stadt Charthum ist aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt, wenn auch nicht so bunt gemischt, als in Kairo. Alan kann die Gesammtzahl der Bewohner auf 30,000 Seelen anschlagen, wovon vielleicht 3000 auf daS Negermilitär kommen dürften. Wir finden in Charthum Türken, Europäer, Griechen*), Juden, Egypter, Nubier, Su- dahncsen, Abyssinier, Gsllüs und vier oder fünf verschiedene Negervölker, als z. B. Dah r-Fuhr-Neger, Schil- luk, Dinkha, Neger aus Takhale und vom oberen Laufe des blauen Flusses u. s. w. Die Türken des Ost-Sudahn und Egyp- tens find von ihren Landsleuten wegen ihrer schlechten Sitten verachtet, stehen aber in moralischer Hinsicht noch hoch erhaben über den Europäern Charthum's, denn diese sind mit wenigen Ausnahmen der Abschaum ihrer Nationen. Griechen und Juden sind im Sudahn nicht besser oder schlechter, als anderswo und die Egypter ihren heimischen Sitten und Gebräuchen treu geblieben. Ueber die zuletzt genannten Völkerschaften werde ich mehr zu sagen haben. Unter den Sudahnesen haben wir alle jetzt in den Ländern des weißen und blauen Flusses einheimischen braunen Völkerschaften des innern Afrika zu verstehen. Schon seit mehreren Jahr- *) Die Griechen werden in der Levante nicht zu den Europäern gezählt, es würde sich sogar jeder länger in Egyptcn ansässige Europäer beleidigt fühlen, wollte mau einen Griechen ihm gleichstellen. Es wird selbst ausdrücklich bemerkt, wenn man Jemanden nach der Nationalität eines noch unbekannten Mannes fragt, wenn dieser ein Grieche ist, daher ein Grieche und kein Europäer sei. In ganz Nord-Ost-Afrika stehen die Grieche» in so schlechtem Rufe, daß sich daraus diese sonderbare Thatsache erklären läßt. Hunderten haben sich die Ureinwohner des Sudahn, die Fungi, mit den umwohnenden Völkern vermischt, weshalb man von einer reinen Rape nicht mehr sprechen kann. Gegenwärtig zählt man auch die im Sudahn wohnenden Abyssinier und eingcwanderten Nubier zu den Sudahnesen, kann aber das Volk in zwei Hauptklassen eintheilen: Städte- oder Dörscrbewohner und Nomaden. Von den letzteren unterscheidet man die „Aulahd" oder „Ben," (zu deutsch: Söhne), el Hassan'ie, Beni-Djerahr, KLbL- bresch, Bischahri, Bllkhähra und andere, welche in Gestalt, Sitten und Gebräuchen mehr oder weniger von einander abweichen, aber wegen ihrer Lebensart mit den Bewohnern fester Wohnsitze nicht verwechselt werden können. Alle Sudahnesen sind frei- gebornc Leute, welche nicht als Sklaven verkauft werden dürfen. Die Sudahnesen sind durchgehcnds wohlgebaute Menschen von mittlerer oder hoher Statur, kräftig und im Stande, bedeutende Körperanstrengungen zu ertragen; die Männer sind mit Ausnahme der Hassame gewöhnlich schöner als die Frauen, welche in manchen Städten, wie z. B. in Charthum, geradezu für häßlich gelten. Hierzu trägt hauptsächlich wohl ihre Sitte bei, sich die Lippen blau zu färben, was die Frauen der Nomaden nicht thun. Ihre Kleidung ist mit geringen Veränderungen fast überall dieselbe und sehr einfach. Bei den Männern besteht sie gewöhnlich nur aus kurzen, ursprünglich weißen, ziemlich weiten Unterbeinklcidcrn, „Libbshs" genannt, welche von der Hüfte an bis zum Knie Herabreichen, der „Fsrdllh, einem oft sechzehn Fuß langen und vier Fuß breiten, baumwollenen Umschlagtuche von grauer Farbe, mit hochrothen oder lebhaft blauen Endstreifen, in welches sie den Körper einhüllen, einfachen Sandalen und der „Takh 'r e", einem dicht auf dem Kopfe liegenden, weißen Mätzchen aus doppeltem, durch viele parallel laufende Nähte vereinigtem Baumwollenzeuge. An dem linken Oberarm tragen sie in der Nähe des Ellbogens ein kurzes Messer, „Se- kihn", welches in einer festen Ledcrscheide steckt und durch eine aus Leder geflochtene Schnur befestigt wird, oft auch mehrere Ledcrrollen mit Amuleten, „HödjLhb". Beides wird von ihnen nie abgelegt, 158 das Messer zum gewöhnlichen Gebrauche oder als Waffe benutzt und das Amulet in hohen Ehren gehalten, obgleich es nur ein mitKho- rahnsprüchen beschriebenes Papier ist, welches aber die Macht haben soll, verschiedenen Krankheiten vorzubeugen. Einige tragen an lang herabhängenden Riemen lederne Brieftaschen, welche recht zierlich gearbeitet sind, fünf Abtheilungen enthalten und in den Beinkleidern verborgen werden. Hierin bewahren sie sich ihr weniges Geld und wichtige Schriften auf. Mehr zur Spielerei als zum wirklichen Gebrauche sieht man in ihren Händen mahammcdanischc Rosenkränze, deren Perlen sie, ohne Etwas dabei zu denken, durch die Finger gleiten lassen. Von Zeit zu Zeit schceren sie sich die Haare ab und bedienen sich hierzu ganz schlechter Barbiermeffer, welche vorher auf der Sandale gewetzt werden. Nur auf dem Scheitel läßt man die krausen, wolligen Locken mehrere Zoll lang wachsen. Dann und wann sieht man aber auch, wie eine Erscheinung aus alten vergangenen Zeiten, einen Nomaden aus der Gegend des Atbara oder dem Innern der Dje- sihre, welcher sich in seinem Haarputz wesentlich von den übrigen Sudahnesen unterscheidet. Er trägt das Haar sechs Zoll lang und krcmpt es über der Stirn in die Höhe, salbt es reichlich mit Butter und steckt in dieses krausige Gelock zwei neun Zoll lange, sorgfältig geglättete und schön verzierte Holznadeln, um damit unter den zahlreichen Insassen seines Hauptes Ruhe herzustellen*). Bis zum Jahre 1850 sah man die Männer stets mit einer oder zwei acht Fuß langen Lanzen erscheinen. Diese Waffe verließ sie nie und war ebenso schnell zum Angriff als zur Vertheidigung zur Hand. Laticf-Pascha verbot das Tragen derselben allen Männern des Sudahn mit Ausnahme der Nomaden und hat durch diese anerkennenswerthe Vorsichtsmaßregel häufigen Morden gesteuert. Doch hat durch den Wegfall *) Die Araber und Sudahnesen sind sehr mit Läusen geplagt und können sie nie los werden. Bei den Sudahnesen sind die Läuse schwarz wie die Kopfhaut, auf welcher sie sich aufhalten. Die Wohnungen beherbergen dazu noch viele Wanzen, merkwürdiger Weise aber keine Flöhe. Sobald man die Tropen betritt, verschwinden diese unangenehmen, in Egypten äußerst häufigen Geschöpfe. 159 der Lanze das Bild der Sudahnesen viel von seinem eigenthümlichen, fremdartigen Charakter verloren. Ebenso einfach als die Kleidung der Männer ist im Sudahn auch die Tracht der Frauen. Die Mädchen tragen bis zu ihrer Vcr- heirathung den RLHhLd, jene aus mehreren Hundert feinen Lc- dcrstreifcn bestehende Schürze, welche mit Quasten und, zur Bezeichnung der Jungfräulichkeit, mit Muscheln verziert wird. Am Tage ihrer Verheirathung vertauschen sie den zierlichen, sehr wohl kleidenden Rahhad mit einer Baumwollcnschürze. Auch sie besitzen Amulett, befestigen diese aber nicht, wie die Männer, am Oberarm, sondern tragen sie an langen Schnüren unter ihrer Schürze auf dem bloßen Körper. Der Aberglaube lehrt sie dieselben als untrügliche Mittel gegen viele Krankheiten, vor Allem gegen Unfruchtbarkeit betrachten. Die Fcrdah bekleidet auch bei ihnen als letzter Ueberwurf den Körper, wird aber auf andere Art getragen, als bei den Männern. Sogar der Stoff zu der von den Frauen benutzten Ferdah ist ein anderer, als zu jener. Er ähnelt mehr unserer Ga^e und läßt die braune Hautfarbe der Schönen durchschimmern. Man umhüllt mit der Ferdah den Körper bis zu den mit Sandalen bekleideten Füßen herab und wickelt mit ihr auch den Kopf so ein, daß nur das nie verschleierte Gesicht von ihr frei bleibt. Die Nase wird mit großen und starken messingenen oder silbernen (früher goldenen) Ringen verziert und diese geben nebst den blau gefärbten Lippen dem Gesicht etwas so Widerliches, daß man es aus ästhetischen Rücksichten lieber verhüllt sehen möchte. Wie überall, suchen auch im Sudahn die Frauen einen gewissen Lurus zu entfalten. Dem zu Folge sind ihre Sandalen weit kostbarer gearbeitet, als die der Männer. Während sich diese mit einfachen, nur anderthalb Groschen unseres Geldes kostenden, Ledersohlcn begnügen, benutzen jene aus mehreren Stücken zusammengeheftete und mit allerhand Schnörkeln verzierte Sandalen, welche bis zu dem Preise von dreißig Piastern oder zwei Thalern preußisch verkauft werden. DaS krause Haar wird auf ganz eigenthümliche Art von besonderen Künstlerinnen aufgeputzt. Zuerst werden über hundert dünne Zäpfchen geflochten und diese dann mit arabischem Gummi so gestärkt und ver- 160 einigt, daß sie in einzelnen Partieen und drei oder mehr Terrassen vom Haupte abstehen. Nachdem die schwierige Arbeit vollendet ist, beginnt die Salbung des künstlichen Haarbaucs. Man nimmt hierzu eine Mischung aus Rinderfett und wohlriechenden Substanzen, z. B. Simbil (Valeriana eoltioa), Odogatsch (wohlriechende, harzreiche Braunkohlen) und anderen derartigen Stoffen. Diese Pomade wird so dick aufgetragen, daß sie erst nach und nach durch die Sonncnwärme flüssig gemacht und gehörig verbreitet wird. Dabei tropft das Fett auf Schultern und Nacken herab, wird hier aber sorgsam in die Haut eingericbcn. Anfangs ist der Geruch der Pomade erträglich, wenn das Fett nach Verlauf einiger Tage ranzig wird, ist er ganz unleidlich. Ein solcher Kopfputz gilt im Sudahn für sehr schön und kostet viel Geld; er wird aber nur alle Monate einmal neu hergerichtet. Die Eitelkeit der Frauen hat auf wahrhaft heroische Mittel gesonnen, ihn so lange im Stande zu halten und möglichst gegen Zerstörung zu schützen. Wie in früherer Zeit die Europäerinnen eine Nacht im Lehnstuhle zuzubringen Pflegten, um sich das für den folgenden Tag vorbereitete frisirte Haargelock nicht zu verderben, berauben sich auch die Sudahnesinnen des süßen Schlafs, um einen ähnlichen Zweck zu erreichen. Sie legen den Nacken beim Schlafen auf kleine, vier Zoll hohe, der Wölbung des Kopfes entsprechend ausgehöhlte Stühlchcn von nur anderthalb bis zwei Zoll Breite und quälen sich, auf diesen entsetzlichen Pfühlen die Nacht zu verbringen. Beide Geschlechter pflegen sich ihren Körper wie die Nubier und Neger von Zeit zu Zeit mit Fett einzureiben, wozu sie die Telks, eine der beschriebenen Haarpomade ganz ähnliche Salbe, gebrauchen. Sie schützen dadurch ihre Haut vor dem Brüchig, und Trockenwerden und erhalten sie gclind und geschmeidig. Ich bin von europäischen Aerzten, welche sich längere Zeit im Sudahn aufgehalten haben, versichert worden, daß sich sehr bald Hautkrankheiten bei ihnen zeigen, wenn sie das Einreiben der Telka unterlassen müssen. Die Neger erhalten durch diese Salbe eine glänzend schwarze Haut, wie wir sie bei ihnen in Europa nie finden; die Frauen der dunklen Völkerschaften erweichen durch sie ihre Oberhaut 161 in so hohem Grade, daß diese sehr zart und sammtartig erscheint und der Haut europäischer Schönen nicht nachsteht. Früher war es in vornehmen Häusern des Sudahn allgemeiner Gebrauch, einem geehrten Gaste durch eine schöne Sklavin vor dem Schlafengehen den Körper mit Tclka cinreiben zu lassen. Leider geht es auch mit der Telka gerade so wie mit der Haarpomade, sie wird ranzig und stinkt dann entsetzlich. Bekanntlich haben die dunklen Völker schon an und für sich einen widerlichen, unangenehmen Hautgeruch. Dieser erhält durch den Gestank des ranzigen Fetts einen die Geruchsnerven civilisirter Menschen wirklich peinigenden Begleiter und wird so stark, daß er in den von den Sudahncsen getragenen Kleidern Jahre lang hastet. So wird der Rahhad, um ihn geschmeidig zu machen, ebenfalls mit Fett eingerieben; ich brachte mehrere Ercmplare davon mit nach Deutschland und diese stinken auch hier noch. Obgleich die Sudahncsen durch den nach der Unterjochung ihres Heimathlandcs gestiegenen Verkehr mit Egyptcn und anderen ihrer Nachbarstaaten, durch das ihnen fremdartige Rcgicrungs- und Gesetzwesen der türkischen Beherrscher und die sich damit verbindende Einführung fremder Gewohnheiten viel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren haben, findet der aufmerksame Beobachter in ihren Sitten und Gebräuchen dennoch noch manches ihnen ganz Eigenthümliche : Uebcrbleibsel aus der Regierungszcit der Fungikönige. Leider führt uns, wie schon bemerkt, keine Geschichte in jene für Ost-Sudahn glückliche Zeit zurück; wir müssen Das, was wir noch durch Hörensagen erfahren können, auf Treu' und Glauben hinnehmen. Nur einige Nomadcnstämme haben sich die patriarchalischen Sitten ihrer Vorfahren bewahrt, aber der Reisende kommt so selten in eins ihrer Lager oder steht nur so Wenige von ihnen, daß er über sie nichts Genaues berichten kann. Der Charakter der Sudahncsen unserer Tage ist der aller noch halbwilden, aber durch eine für ihre Umstände ganz vortrefflichen Religion schon einigermaßen veredelten Völkerschaften. Man II 162 kann, wenn man die Licht- und Schattenseiten ihres Wesens mit einander vergleicht, nicht lange über sie in Zweifel bleiben. Sie sind im Grande genommen kerngute Menschen, gastlich und zuvorkommend gegen den Fremden und bei all ihrer Armuth — oder, besser gesagt, bei ihrem Reichthume, denn sie wissen nicht, daß sie arm sind — gern bereit, einen Dürftigen zu beschenken oder einen Hungrigen zu erquicken; sie halten ein gegebenes Wort und bewahren ein ihnen anvertrautes Pfand (Ämähnö) besser als ihr Eigenthum; sie lieben ihre Kinder und achten ihre Eltern; sie halten die Gastfreundschaft für eine heilige Pflicht und üben sie mit der strengsten Gewissenhaftigkeit aus. Aber — die Sudahncsen liegen, betrügen und stehlen, wo sie nur können; sie sind sinnlichen Genüssen sehr ergeben, faul, leichtsinnig, arbeitsscheu und liederlich; sie sind, wie alle Südländer, heftige, leicht reizbare Menschen und durch Kultur und Gesittung noch wenig bearbeitete Kinder der Natur; ihr Zorn flammt wie Strohfeuer auf und läßt sie ohne Bedenken Erzesse begehen, welche sie wenige Augenblicke nachher bereuen. Früher war der Mord etwas ganz Gewöhnliches, jetzt hat die Regierung ihnen durch furchtbare Strenge Zaum und Gebiß angelegt. Wollten wir sie nun nach unseren Ansichten beurtheilen, wir müßten sie für moralisch tief gesunken erklären. Und darin hätten wir Unrecht, denn sie thun das Gute, weil sie von ihren Vorfahren her gewohnt sind, es zu thun, und üben das Böse, weil es ihre Vorfahren ebenfalls übten. Ihre Begriffe von Gut und Böse sind ganz andere, als die unsrigcn. Jedes Volk hat für sich andere Ansichten über Tugend und Laster; dem einen kann dasselbe als Tugend erscheinen, was das andre als Laster verdammt. Die Sudahncsen entschuldigen einen Betrug, Diebstahl oder Mord nicht nur, sondern sie halten ihn sogar für eine dem Manne ganz würdige That. Ich sah Mörder aufhängen, welche über ihr Verbrechen nie Reue empfunden hatten und mit wahrer Todesverachtung zum Galgen gingen. Von der türkischen Herrschaft war die Blutrache unter ihnen üblich und Mord und Todtschlag kam alle Tage vor. Die Betheiligten fochten ihre Streitigkeiten unter sich selbst aus; sie thun es noch heut' zu Tage, wenn 163 sie glauben, daß es der Regierung nicht zur Kenntniß kommt. Ihre Mtzlühk*) bekümmerten sich wenig oder nicht um die Pri- vatfehden ihrer Unterthanen, deshalb wundern sich diese, daß die jetzige Regierung dagegen einschreitet und sich mit derartigen, nach ihrer Meinung sie gar Nichts angehenden Kleinigkeiten behelligt. Erst unter der türkischen Herrschaft haben sie den Mord von dein gerechtfertigten, wie sie wähnten, Todtschlag unterscheiden gelernt. So wenig ein Soldat Gewissensbisse fühlt, welcher seinen Feind erschlug, ebensowenig glaubte der ungebildete Natursohn ein Verbrechen begangen zu haben, wenn er einen Anderen, welcher ihn beleidigte oder große Reichthümer besaß, umbrachte. Im ersteren Falle hielt er den Tod seines Feindes für eine gerechte, wohlverdiente Strafe, im letzteren, wie der Beduine, für eine mit dem Raube bedingte Nothwendigkeit, welche er leicht entschuldigen zu können glaubte. Jemanden zu belügen oder zu betrügen scheint ihm keine Sünde, sondern vielmehr ein Sieg seiner geistigen Ueber- legenheit über die Beschränktheit des Anderen zu sein. Die Türken sind bemüht, ihre verwerflichen Grundsätze nach und nach auszurotten, aber das geht sehr langsam. Ein eigentliches Gesetzbuch besitzen die Mahammedaner zur Zeit noch nicht: der Khorahn ist ihr Ein und Alles. Er lehrt sie das Gute vom Bösen unterscheiden, bestimmt die Strafe eines Verbrechens und enthält die Gesetze, durch welche der Feldherr Mahammed seine Truppen und Anhänger zügelte. Leider ist dieses ganz vortreffliche Religionsbuch bis jetzt bei den Sudahnesen nur wenig verbreitet, sie besitzen erst eine einzige Moschee in ihrem großen Vaterlande (in Charthum) und nur die Hauptformcln ihrer Religion sind ihnen traditionell bekannt geworden. Sie sind Mahammedaner dem Namen nach, ohne die Gesetze des Jslahm zu kennen oder zu verstehen. Wenn sie einigen Formeln genügen, glauben sie genug zu thun. Eine That ist gewiß nur dann erst Verbrechen, wenn Der, welcher sie begeht, weiß, daß sie Verbrechen ist. Wir dürfen aber keineswegs überzeugt sein, daß der Sudahnese jetzt schon zu dieser Erkenntniß 11 * *) Plural von Mölik, Kouig. 164 gelangt ist. Und deshalb glaubt der Mörder, wenn er zum Galgen geführt wird, nicht etwa eine verdiente Strafe zu erleiden, sondern beugt sich, wie er meint, mit einer seiner würdigen Re- » signation unter das Joch der Unterdrücker. Man halte das nicht für Störrigkeit, denn man wird gewiß nie von einem Sudahnesen den Verbrecher verdammen hören. Einen Mord würde er ungefähr besinnen: „Mord ist, daß, wenn Einer einen Andern todt schlägt, er aufgehängt wird." Die Sudahnesen bestätigen uns fortwährend die Wahrheit, daß Moral nur mit , der Bildung entstehen und fortschreiten kann; dieselbe Wahrheit, welche uns die Geschichte mit hundert Belegen beweist. Der Sudahncse ist sinnlichen Genüssen ergeben, faul, arbeitsscheu, liederlich und leichtsinnig. So einfach er in seiner Kleidung ist, so Wenig er für Essen ausgiebt, so Viel verwendet er an öffentliche Mädchen — meist freigelassene Sklavinnen oder Töchter derselben — und so Viel vertrinkt er in der Merke sä. Ich will es versuchen, noch einmal seine Vertheidigung zu übernehmen, indem ich einen großen Theil seiner Sünden dem Einflüsse des Kli- ^ mas zuschiebe. Es ist gar nicht abzuleugnen, daß dieses einen ebenso wesentlichen Antheil an der Ausbildung des Geistes nimmt, als an der des Körpers. Selbst der aus einem anderen Himmelsstriche Eingewandertc vermag es nicht, sich den Einwirkungen des ihm neuen Klimas zu entziehen. Wer jemals in heißen Ländern gelebt hat, weiß, wie leicht dort auch der fleißige Europäer träge wird. Die Hitze der Tropen — welche ich in Charthum bei elektrischem Winde oder Samuhm im Schatten bis auf -s- 40° R. ansteigend beobachtet habe — wirkt lähmend auf den Körper ein, schwächt ihn durch eine fortwährende, starke Hautausdünstung und macht ihn zu ausdauernder Arbeit unfähig. Wenn nun der Geist des Eingewanderten nicht energisch und fähig ist, durch seine Herrschaft über den Körper jenen Einwirkungen das Gleichgewicht zu halten, artet die Trägheit in Faulheit aus und vernichtet diesen und jenen. Als eine ganz unvermeidliche Folge gesellt sich ihr die ? Ausschweifung in jeder Hinsicht bei; der Körper verweichlicht und wird leicht ein Opfer des Fiebers und anderer Krankheiten. Diese 165 Wahrheit bestätigt uns das Leben und Ende vieler in heißen Ländern lebender Europäer. Nirgends ist eine rege Geistesthatigkeit mehr anzurathen als in den Tropen: sie ist es, welche das Leben erhält. Ohne sie wird der Mensch so träge und faul, daß er sich zuletzt, jeder Bewegung abhold, nur auf seine bequeme, kühle Wohnung beschränkt und dann um so sicherer seinem Untergänge entgegengeht. Der Europäer kennt die Macht des heißen Klimas, er kennt die Folgen der Verweichlichung seines Körpers: und dennoch beugt er beiden selten vor; um wie viel weniger wird dies der Su- dahnese thun! Er urtheilt über seine Ausschweifungen ganz anders als der Europäer und ahnt nicht, daß diese ihm sein Leben verkürzen können. Daß er faul ist, liegt in seinen Verhältnissen; wenn er wirklich arbeitet, geschieht es nur, um sich und den Sei- nigcn den Lebensunterhalt zu sichern. Aber er braucht so Wenig und sein Vaterland ist so gesegnet mit Fruchtbarkeit und Erzeugungskraft, daß er das Wenige ohne Mühe erringt. Warum soll er sich also mit Arbeit quälen, warum Etwas thun, waS ihm nicht einmal durch seine Religion geboten wird? Diese erlaubt es ihm, sein Leben nach seiner Art und Weise zu genießen, denn sie sagt ihm: „^lialr ksrillm," Gott ist barmherzig und will es Euch leicht machen. Sie tröstet ibn, wenn Jemand an den Folgen seiner Ausschweifungen stirbt mit den Worten: „MLtüllb aölAllü nrin aünck rübbinü sübollLlind evü taülö" (Es ist ihm so voin höchsten und allmächtigen Gott bestimmt sgeschriebenj gewesen). Und darum lebt er sorglos in den Tag hinein. Bei Tage arbeitet der Eingeborne des Sudahn nur höchst Wenig; er liegt in seiner Behausung auf weichem Ankharehb und pflegt der Ruhe. Mit Sonnenuntergang geht das wahre Leben erst bei ihm an, aber nicht das der Arbeit, sondern das des Genusses. Der behaglich hingestreckte, fast unbekleidete Mann schöpft sich mit einer Kürbisschaale seinen Labetrunk aus einer großen, mit Meriesa gefüllten „BürmL". Sein „Keif" *) erreicht den höchsten Grad, wenn ihm ein schönes Weib die Schaale kredenzt; berauscht *) Keif ist ein nicht zu übersehendes Wort und bezeichnet jenes Wohl- 166 von Liebe und Meriesa verbringt er die halbe Nacht mit seiner Burma und seiner Schönen. Was kümmert er sich dann um das Leuchten der Sterne in der klaren Tropennacht, was um Allah * und seinen Propheten, was um Arbeit oder seinen Arbei'tsherrn! Er lebt nur sich, dem Weibe und der Mericsa. „^llalr lrerilun!" Er vergiebt dem Sünder. Und klopft der Tod an seine Pforte, dann braucht der Reuige ja nur sein Glaubensbekcnntniß: ll luliL ll ^.Ilsli, Nslmmmtzel rssülrl ^Ilsli, herzusagen, um sich die Pforten des Paradieses und die Arme ihn dort empfangender, brauner Huhri's zu öffnen. So viel Zeit, denkt er, wird wohl noch werden. Wir finden diese Genußsucht und Leichtfertigkeit nicht allein bei den Männern, sondern auch bei den Frauen der Sudahnesen ganz allgemein verbreitet. Ihre eheliche Treue läßt sehr viel zu wünschen übrig. Die Hassanie stehen in dem Rufe, die schönsten, aber auch genußsüchtigsten Frauen zu haben und pflegen vor ihrer Heirath einen ganz besonderen merkwürdigen Heirathskontrakt abzuschließen, welchen sie mit „vlltoür vü ckilt" (zwei Drittel und * ein Drittel) bezeichnen. Ihre Frauen verpflichten sich, je zwei Tage lang ihren Ehehcrrn in Allem gehorsam sein und sie mit ihrer ehelichen Liebe beglücken zu wollen, bedingen sich aber aus, den dritten Tag, ungckränkt der Rechte des Ehemanns, nach eigenem Willen und Gutdünken über ihre Reize verfügen zu dürfen. Sogar die andere Auslegung des ckilte'in veu ckilt, wo die Frauen zwei Tage für ihren „Keif" beanspruchen, kommt häufig vor, und cS findet so ein recht gemüthliches Zusammenleben beider Geschlechter statt, obgleich es von anderen Arabern und Nubiern genugsam bespöttelt wird. Dennoch sucht und findet mancher der Spöttler, welchem die Natur außer seinen dunklen, versengenden Augen auch noch behagen, welches der Mahammedaner durch den Genuß alles ihm nur erdenklichen Comforts zu erreichen bestrebt ist; es ist das „äolcs kar mente" der Italiener in seiner höchsten Vollendung. Eine Pfeife sehr guten Tabaks, ein schönes Weib, Gold oder Befitzthum ohne Arbeit, weiche Diwahnkissen, gute Speisen und Getränke gehören dazu, um den Keks vollkommen zu machen. Auch die Siesta wird Keks genannt, ebenso der freie Wille eines Menschen. 167 anderweitige körperliche Vorzüge ertheilt hat, in den Arincn der hellbronzefarbencn Schönen der Liebe Glück; er besucht die Zelthäuser der Hassan'i'e und erringt mit wenigen Piastern leicht „der Minne Sold". Man sagt den Männern dieser mit ihren Reizen so freigebigen Frauen (deren idealisch schöner Körperbau wohl auch die Blicke eines Weißen auf sich ziehen kann) mit vollem Rechte nach, daß sie ihr Haus ohne Umstände verlassen, wenn sich ein Anderer demselben in der Absicht nähert, bei seiner Ehehälfte Zutritt zu erlangen. Ein Türke würde solch frevelndes Beginnen mit dem Tode des Verwegenen bestrafen; der Hassarnc ebnet den Weg dazu. Man kann noch bei anderen Gelegenheiten einen ähnlichen Eommunismus beobachten. Die Mohammedaner üben eine religiöse Ceremonie aus, welche sie „Sikr" nennen*). Der Sikr wird auch in Egypten abgehalten und gilt für ein höchst gottseliges Werk. Hohe und Niedere nehmen daran Theil, vornehme Mohammedaner veranstalten die Feierlichkeit auf ihre eigenen Kosten. Bei keinem Religionsgebrauche zeigt sich der Fanatismus in einer so abschreckenden Gestalt, als bei dem Sikr. Um einen Geistlichen (F a k- h'kc) oder Mönch (Dvrwihsch), der mit lauter Stimme Gebete und Khor ahn stellen rezidirt, sammelt sich ein Kreis von Männern jedes Standes, welche unter fortwährenden Kopf- und Kniebcu- gungen den Namen Gottes oder die Formel: kü LkdLr" (Gott ist der Größte)! ohne Aufhören ausrufen. Ihre Bewegungen und Worte werden so leidenschaftlich, daß ihnen zuletzt der Schaum vor dem Munde steht und sie wie „berauscht" oder selbst ohnmächtig zusammenbrechen. Der Anblick einer solchen Schaar wahnsinnig scheinender Männer hat etwas Abschreckendes und Schauderhaftes. Im Sudahn wird der Sikr ebenfalls begangen, nur mit dem Unterschiede, daß hier auch Frauen daran Theil nehmen dürfen und mit dem unschuldigen Nachspiele, daß sich nach Beendigung der Feierlichkeit jeder der Betenden eine von den frommen *) Das Wort ist von der Wurzel srcksrs abgeleitet »nd bedeutet wörtlich einen Rausch. ? 168 Frauen auswählt, um sich in ihren Armen von den Beschwerden des heiligen Werkes zu erholen. Aus dieser leichtsinnigen Behandlung einer religiösen Ceremonie kann man beurtheilen, wie der Sudahnese die Religion überhaupt betrachtet. Er zeigt sehr wenig Eifer bei Ausübung derselben, aber auch keinen Fanatismus. Wenn sie den, ihrer Ansicht nach, ketzerischen Europäer kennen gelernt haben, bewundern sie ihn wegen seiner Kenntnisse, ohne daran zu denken, ihn seines Glaubens wegen zu verfolgen. Sie sind sehr abergläubisch, bauen auf die Orakelsprüche von Wahrsagerinnen, wie auf die geachteter, im Rufe großer Frömmigkeit stehender Fukhera^), fürchten sich vor Zaubern und deren gefährlichem Wirken, glauben an Gespenster, gute und böse Genien, den Teufel und seine höllischen Gesellen, an umherirrende und die Lebenden quälende Geister von Verstorbenen, halten die Verwandlungen von Menschen in verschiedene Thiere für möglich und dergleichen mehr. Trotz ihrer Unsitten und moralischen Schwächen kann ich bei Betrachtung ihrer vielen guten Eigenschaften mehreren Reisenden, welche sie gar zu tief stellen, nicht beipflichten und glaube, meine Meinung rechtfertigen zu können. Ich habe zwei Jahre unter ihnen gelebt, aber nie Heimtücke von ihnen erfahren oder an ihnen bemerkt, während diese von vielen anderen Völkern, wie z. B. von den Negern, mit Recht gefürchtet werden muß. Ihre Laster lassen sich fast alle mit ihrem grenzenlosen Leichtsinn oder Jähzorn und ihrem Mangel an Bildung entschuldigen. Leider aber habe ich beobachtet, daß diejenige Bildung, welche sie sich auf Reisen aneignen und mit nach Hause bringen, ihre Sitten nicht verbessert. Je weitere Reisen sie machen, je mehr Kenntnisse sie erwerben, um so mehr Laster nehmen sie zu gleicher Zeit mit an. Es geht ihnen wie den jungen Eghptern und Türken, welche der Vizekönig zu ihrer Ausbildung nach Europa sendet. Auch diese bringen gewöhnlich die Untugenden der Europäer mit in ihre Heimath, ohne sich ihre Vorzüge zu eigen gemacht zu haben. Plural von Fabkie, wenigstens im vulgären Arabisch. 169 Obgleich die Sudahncsen Mahammedarier sind, weichen viele ihrer Gebräuche doch von denen anderer Völkerschaften, welche dieselbe Religion bekennen, wesentlich ab. Dies muß uns wunderbar erscheinen, weil gerade bei den Mahammedanern die Religion überall in's Leben eingreift und die meisten Gebräuche ursprünglich durch sie entstanden sind. Die Sudahncsen üben nun zwar auch die mahammedanischcn Religionsgebräuche aus, haben aber dabei noch viele andere mit aufgenommen, welche ihnen jetzt ebenso heilig erscheinen, wie die durch die Religion gebotenen. So ist die Beschneidung der Mädchen in der von ihnen gebräuchlichen Weise ihnen ganz eigenthümlich und nicht durch die Gesetze des mahammedanischen Glaubens vorgeschrieben^). Gewöhnlich erfolgt diese fürchterliche Operation, wenn das Mädchen fünf bis sieben Jahre alt geworden ist; sie wird von alten Weibern vorgenommen, welche mit stumpfen Rasirmcssern die nöthigen Schnitte machen, dabei aber das Kind auf entsetzliche Weise quälen. Oft muß es vier Wochen lang mit zusammengebundenen Füßen auf dem Ankharehb liegen bleiben, ehe die Wunde vernarbt. Wie bei der Beschneidung der Knaben üblich, gehen auch der Circumcision der Mädchen große Festlichkeiten voraus. Schon mehrere Tage vor dem vorzunehmenden Akte singt, lärmt, tanzt und trinkt man bis tief in die Nacht hinein. Das „Mädchen des Festes" wird so viel als möglich mit zur Theilnahme gezogen. Während *) Asbsmmedsnorum lezes puellsrum Klitoris moäo eircumcisionem im- persnt; st 8udsbni incolse non soium es, sed etism Isbiis minoribus (üixm- plus) sbscissis Isbis pudendi msjors inde s Veneris inonte usque sä vsxi- nsm ssnsndo its eopulsnt, ut üstuls sols sä urinsm tundendsm pstest. ^nte nuptiss sponsus penis sui mvduium lixno sculptum mittit, secundum quem in sponsse pudendis korsmen dst. ^»te xrsvidsrmn psrtum pudendorum korsmen diisistur sä inksntem psriendum. 8unt msriti, qui post uxvris pgr- tum operstionem nvvsm instituunt, »t ills qussi in viiAinitstis ststum redesl. In vsbr-kubri rexno in puellis circumcidendis „8sturs cruents" quo- que sdbibetur, koo est Isdiis pudenti minoribus incisionibus ksctis vulnerstis Isbis ms)ors scu et iilo evnjunxuntur. IIu)us cireumcisionis Unis is esse videtur, ut sponsss virxinem pursm i» mslrimonium ducere persussissimum bsbest. 170 der Operation verdoppelt sich der Lärmen, das wüste Gelag wird ausschweifend, die Tarabuka ertönt unter mächtigen Schlägen, ein die Ohren der Zuhörer — wenigstens der Türken und Europäer — - zerreißendes Geheul durchzittert die Luft*). Wahrscheinlich will man den Schmerz des beschnitten werdenden Kindes mit all' dem Lärm betäuben, denn nach vollendeter Operation schweigt der Haufen der tumultirenden Gäste und die „Fanthasie" hat ein Ende. Wie hoch diese Beschneidung in der Achtung der Sudahnesen dasteht, mag daraus hervorgehen, daß mir einer meiner Bedienten, welcher ein Mädchen erzogen hatte, mit stolzem Selbstbewußtsein sagte: „Ich habe dieses Mädchen nicht nur groß gezogen, sondern auch beschnitten und verheirathet. Das gute Werk der Beschneidung hob er wohl auch um deshalb noch besonders hervor, weil das damit verbundene Fest nie ohne ziemlich bedeutende Geldkosten abgeht. Bei der Verheirathung eines Sudahnesen werden nur selten besondere Festlichkeiten veranstaltet. Wenn der Knabe sein fünfzehntes Jahr erreicht hat, ist er gewöhnlich erwachsen; das Mädchen * wird schon mit dem dreizehnten Jahre mannbar. Glücklicherweise befolgt man im Sudahn nicht die Unsitte der Egypter, die Mädchen schon im zarten Kindesalter zu verehelichen, sondern läßt die Natur erst ihr Werk vollenden, ehe man an dessen Zerstörung denkt. Auch der Sudahnese ist gehalten, seinem Schwiegervater *) Dieses Geheul ist weder zu beschreiben noch nachzuahmen. Einige Reisende versuchten es durch „ulululul" wiederzugeben; ich bezweifle, daß es überhaupt durch Buchstaben versinnlicht werden kann. Die Frauen bringen es durch ein, bei zitternder Zunge, oder sich im Munde schnell bewegenden Zeigefinger ausgestoßenes Kreischen hervor und drücken damit jede heftige Gemüthsbewegung: Freude und Schmerz, Trauer, Furcht und Schrecken, Wonne und Entsetzen aus; auch ist es das Kriegsgeschrei. Goltz sagt davon in seinem „Kleinstädter in Egypten": „Die Weiber brachten mit Zungenschlag und Kehlkünsten ein frappant absonderliches „blubbernd" tremulirendcs durchdringendes und unartikulirtes Ton-Unwesen, etwa wie wilder Waldvogelgesang in Urwäldern (vor der Sündfluth und Einführung eines geläuterten Naturgeschmacks) hervor." Der Kürze wegen will auch ich es wie Rüp- vcll und Andere durch ulululul ausdrücken. eine gewisse Summe (Mahhr) zu zahlen. Der Mahhr*) ist aber viel geringer als in Egypten und wird gewöhnlich in einzelnen Raten abgetragen, wozu der Mäarihs oder Bräutigam oft mehrere Jahre braucht. Die Vereinigung der Brautleute besorgt ein Fakh'ie in aller Schnelligkeit und aus dem Stegreife, unter Hersagung mehrerer auf die Ehe bezüglichen Khorahnstellen. Nach der Verheirathung erbaut sich das Pärchen, wenn es in der Stadt zu wohnen gedenkt, eine Tankha, und wenn es auf dem Dorfe leben will, einen Tokhul. Die eine oder der andere kosten bei den geringen Bedürfnissen dieser anspruchslosen Menschen kaum mehr als zehn bis fünfzehn Thaler unseres Geldes. Nun ergreifen die jungen Leute irgend ein Gewerbe und arbeiten, wie ihre Eltern, nur gerade so viel, als zur Erlangung ihrer Nahrungsmittel und der von der Regierung verlangten Steuern unumgänglich nothwendig ist. So gering auch der Mahhr im Sudahn ist, so kommt eS doch oft genug vor, daß ein Vater seine Einwilligung zur Verheirathung seiner Tochter in der Absicht verweigert, um eine größere Summe für sie zu erhalten. Man betrachtet in allen ma- hammedanischen Ländern die Verheirathung wie einen Handel; es darf uns deshalb auch nicht befremden, wenn man daraus einen möglichst bedeutenden Gewinn zu ziehen sucht. Aber weil durch die Verhinderung mancher Ehen leicht eine Verminderung der Bevölkerung herbeigeführt werden könnte, hat die Regierung im Sudahn ein eignes Institut in's Leben gerufen. Dort sind der Liebe überhaupt nicht gar so sehr Thüren und Thore versperrt, wie in der Türkei und anderen dem Jslahm ergebenen, aber mehr civili- sirten Ländern; die Mädchen gehen unverschleiert und können mit ihrem oft sehr angenehmen Gesicht wohl die Herzen der Jünglinge entzünden. Um nun Letzteren in ihren Wünschen behülflich zu sein *) Man könnte dieses Wort mit Brautschatz übersetzen, nur im umgekehrten Sinne, weit der Bräutigam, anstatt zu empfangen, zu geben hat. Dafür muß der Vater des Mädchens die Hochzeitsfeier ausrichten und seine Tochter, wenn sie, von ihrem Manne geschieden, zu ihm zurückkehrt, fernerhin beköstigen und unterhalten. 172 und ihre Verbindung mit hübschen, jungen Mädchen zu ermöglichen, ehe diese, während der langsamen Abzahlung des hohen Mahhr alt und häßlich und zur Erzeugung tüchtiger Kinder un- - fähig werden, bestellte die Regierung den Nshsir sl Enke mit dem Amte eines Ehestistcrs. Der Nahsir el Enke ist eine hochwichtige Person im Sudahn geworden, steht aber, wie schon sein Name anzudeuten scheint, nicht gerade in hoher Achtung bei den Türken, obgleich diese seinen Namen und sein Amt erdachten. Er ist ein Geistlicher und reist im ganzen Sudahn herum, von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt, erkundigt sich nach heirathsfähigen und heiraths- lustigen Mädchen, fragt sie, ob sie schon einen Geliebten haben oder nicht, schafft, wenn seine Frage mit Ja beantwortet wurde, den bezeichneten jungen Mann mit Güte oder Gewalt herbei und traut ihm das Mädchen an. Den Mahhr bestimmt er selbst nach seinem Gutdünken. Damit er in der Ausübung seines Amtes nicht gestört wird, hat ihm die Regierung einen Khawahs oder F> ohn bcigegeben. Dieser bringt widerspenstige Vätcr zur Vernunft zurück, treibt die mäßigen Stolgebühren des Nahsir ein und dient * überhaupt als dessen weltlicher Gehülfe. Der Sudahncse ehelicht selten mehr als eine Frau zu gleicher Zeit, liebt aber Veränderung seiner häuslichen Verhältnisse und scheidet sich deshalb oft ohne eigentlichen Grund von seiner Ehehälfte, was ihm nach mahammedanischcn Gesetzen vollkommen frei steht. Wenn er Sklavinnen besitzt, erhebt er diese gewöhnlich zu seinen Conkubinen und achtet die mit ihnen erzeugten Kinder denen seiner gesetzmäßigen Frauen gleich. Zuweilen entfliehen von ihm gemißhandelte Frauen zu ihren Angehörigen. Dann sattelt der Eheherr sofort seinen Esel und reitet der Entflohenen nach. Wenn er sie findet, bringt er sie gewaltsam in seine Hütte zurück und züchtigt sie, verwickelt sich dadurch aber oft in sehr ernsthafte Streitigkeiten mit ihren Verwandten. Hat sich die Frau aber ohne gegründete Ursache entfernt, dann erhält sie von ihrer Freundschaft ^ ernstliche Verweise oder sogar Schläge und wird von ihnen ohne Zuthun des Mannes zurückgebracht. Wenn ein Sudahnese so krank wird, daß man sein Ende be- 173 fürchtet, versammeln sich seine Nachbarn und Freunde um sein Lager, um ihm die Freuden des Paradieses auszumalen und ihm ? sein Glaubensbekenntniß abzunehmen. Die Gesunden rufen mehrere Male: „Da il lalla II ^Ilall!" worauf der Kranke oder Sterbende antworten muß: „äVu Natiammeä rn88ulll Mali." Thut er dies, dann sind Alle, welche seinen letzten Seufzer hören, überzeugt, daß er als guter Muselmann stirbt. Sobald man dem Verscheidenden die Augen zugedrückt hat, theilen seine weiblichen Verwandten ihrer ganzen Nachbarschaft den betrübenden Todesfall durch gellendes Dlnlulul-Geheul mit. Die Gattin des Todten gebcrdct sich wie wahnsinnig. Sie läuft durch alle Straßen in der Nähe ihres Hauses, nimmt die zusammengerollte Ferdah, macht mit ihr die sonderbarsten Bewegungen über ihrem Haupte und bestreut dieses, unter den Gcberden der tiefsten Trauer, mit Asche und Staub. Beim Tode einer Frau macht man weniger Umstände: die Freundinnen oder weiblichen Verwandten derselben heulen zwar ebenfalls, drücken aber doch nicht eine so große Trauer aus wie beim Tode * eines Mannes. Wahrscheinlich kommt dies mit daher, weil die Mahammcdaner noch gar nicht recht im Klaren darüber sind, was aus den Frauen nach dem Tode eigentlich werden soll. Auf den Klageruf erscheinen die Nachbarn des Verstorbenen am Traucrhause und beginnen die Todtenklage, heulen und schreien kläglich, trinken aber dabei Mericsa, so viel sie vertragen können. Mittlerweile wird der Todte gewaschen und in den „Keffn" gehüllt. Dieser ist ein langes Stück reines Baumwollenzeug, welches selbst der Aermste für seinen todten Verwandten erkauft oder erbettelt, wobei er der Mildthätigkeit aller seiner Glaubensgenossen versichert ist. Wenn der Kranke am Morgen starb, wird er noch denselben Tag beerdigt, starb er gegen Abend oder in der Nacht, am nächsten Morgen. Die Todtenklage dauert bis zu dem Augenblicke fort, wo die Leiche in's Grab gesenkt wird; man hört sie daher oft die ganze Nacht hindurch. Zuweilen begleiten einzelne ^ Trommclschläge die Klage und geben dem für uns höchst widerwärtigen Ganzen etwas Feierlicheres. Jeder nun Hinzukommende sucht den Leidtragenden noch besonders zu trösten, er umhalst diesen 174 und heult mit ihm. Dabei klopft Einer den Andern beruhigend auf die Schultern und Jeder weint an des Andern Halse. Auch wenn ein Todter schon längst beerdigt ist, ist Jeder, welcher noch nicht mit den Verwandten geklagt hat, durch die Sitte verbunden, von Neuem einen Klaggesang zu erheben. Dann wird dieser freilich oft genug durch ganz heterogene Redensarten unterbrechen. „Tröste Dich Gott mein Bruder!" „Msri, mLktülll m,u sLuä rLb- blnL" (das ist Gottes Schickung), „seine Tage sind beendigt, Gott hat ihn begnadigt aredsmtü), weine nicht!" „Aber sage mir, mein Bruder, willst Du mir wirklich das junge Kamel nicht verkaufen? Ich bot Dir schon dreihundert Piaster dafür!" „„Nein, mein Bruder, das ist zu wenig. Ach, mein Bruder, mein begnadigter und erlöster Vater!" " Und nun beginnen Beide wieder zu heulen und der Erste spricht wieder: „Tröste Dich Gott, mein Bruder, weine nicht mehr! ULü68otr lÄck» mlu sollLllu 61 müllt LjMenir (für den Tod giebt es keinen Ausweg), llälr rätrsäk t-üd" (erhebe Dein Haupt) u. s. w. Das sind dergleichen Redensarten, welche man bei jedem Todesfälle hören kann. Dabei ahmen sie alle Gebcrden des tiefsten Schmerzes nach, schluchzen und heulen, klagen und wischen sich mit der Hand die Augen, obgleich nicht eine Thräne fließt. Es hat für uns Europäer etwas wahrhaft Empörendes, die Todtenklage mit anzuhören; wir können uns des unangenehmen Eindrucks, welchen diese durch die Sitte gebotene Heuchelei auf unS macht, gar nicht cntwehren. Das Begräbniß einer Leiche erfolgt ganz nach mahammcdani- schen Regeln und Gesetzen. Man macht im Sande der Steppe in einiger Entfernung von dem Wohnplatze eine nur drei bis vier Fuß tiefe Grube, gewöhnlich an hochgelegenen Stellen. Die in den Kcffn eingewickelte Leiche wird auf einem Ankharehb in zahlreicher Begleitung von singenden Männern und brüllenden oder heulenden Weibern nach dem Fricdhofc gebracht und dort so in das Grab gelegt, daß ihre Füße in die Richtung nach Mecka zu liegen kommen, wohin das Gesicht des Todten schauen soll. Einen Sarg kennt man nicht. Der Leichnam ruht auf dem Boden des Grabes, wird aber mit trocknen Luftsteinen, welche von der Be- »» 175 gleitung mitgebracht werden, dachartig überdeckt. Dann wird das Grab zugeworfen, die Erde darauf geebnet und mit einer Reihe weißer Kieselsteine belegt. Nach dem Tode giebt es bei den Sudahnesen keinen Standes« unterschied mehr. Der am Galgen Gestorbene wird ebenso beerdigt, als der wohlhabende Kaufmann oder Schech. Keine Regierung befolgt die in Europa vormals gebräuchlich gewesene Unsitte, den Leichnam eines Hingerichteten unbeerdigt verfaulen zu lassen. Sie tödtet den Verbrecher, gönnt ihm aber ein ehrlich Bcgräbniß. Ein Gehängter wird schon nach wenig Stunden von seinen Verwandten vom Galgen genommen, wie jeder andere Tode gewaschen in das Lailach gehüllt und unter den Gebeten eines Fakhie der Erde übergeben. Mit dem Tode eines Hingerichteten endigt seine Entehrung. Gehen wir mehr in das tägliche Leben der Sudahnesen ein, so finden wir auch hier manche merkwürdige Gebräuche. Ich gedenke zuerst ihrer Art und Weise, Bekannte zu begrüßen. Sie machen beim Gruß noch weit mehr Umstände und Komplimente als die Egypter. Zuerst geben sie sich die Hände und drücken sie an den Mund, d. h. Jeder küßt die innere Fläche seiner eignen Hand und giebt sie dann dem Anderen wieder. Die Redensarten „88- lLmLllt, tnibilln, sMmLllt, Svi8k, KM' (Sei gegrüßt, bist Du wohl? Sei gegrüßt, wie ist Dein Befinden, wie geht es Dir?) und ähnliche Worte werden unzählige Male wiederholt, ebenso das Küssen und Drücken der Hände. Dann erst beginnen die Fragen nach dem Haushalte. „Was macht Deine schöne Kamelstute (Näkhe) B8ch'ieds*)? Hat sie ein Junges geworfen oder nicht? Haben sich Deine Heerden vermehrt? Hast Du Deine Steuern und Abgaben entrichtet? Der Herr sei uns gnädig, wir müssen doch gar zu Viel zahlen! Sind Deine Kinder wohl? Wie geht es Deiner Frau? 8slnmakt, ta'iditin, kmlamnllt, 8eisk, kett' llatilak?" Hierauf geleitet der Gastfreund seinen Gast in die Hütte; man *) Ein Name, welcher oft Thieren und — Gelarinnen gegeben wird und die Glückliche bedeutet. 176 bringt eine Burma Meriesa herbei und führt die weitere Unterhaltung bei der kreisenden, schön verzierten, mit glühenden Eisen gebrannten und noch besonders dekorirren Kürbisschale. Die Nomaden setzen sich nicht auf Anakharihb, sondern kauern sich auf ihre eignen Fersen. Sie sind von Kindheit an an dieses sonderbare Sitzen gewöhnt und ruhen so wirklich aus; freilich muß ich bemerken, daß ihre Beine eine ganz andere Beschaffenheit dadurch erhalten haben, als die eines anderen Menschenkindes. Die Wade fehlt beinahe und der Oberschenkel liegt so genau auf ihr auf, daß nicht der geringste Raum zwischen Beiden bemerkt werden kann. Will ein Sudahnese seinen Gast besonders ehren, dann schlachtet er ein Schaf oder, wenn er arm ist, wenigstens eine Ziege und bereitet deren Fleisch als besonderen Leckerbissen zu. Gewöhnlich ißt er nur seine stehenden Gerichte „Ässiedä" und „LükhmS". Aber er ist so gastfrei, daß er den Tag, an welchem ein Fremder oder Bekannter in seiner Hütte einkehrt, als einen Festtag betrachtet und dann Alles, was in seiner Macht steht, gern thut, um seinen Gast zu erfreuen. Wenn es ihm möglich ist, veranstaltet er wohl auch einen Tanz vor seiner Hütte und versammelt dazu seine Nachbarschaft. Der Tanz ist ein Lieblingsvcrgnügen aller Sudah- nesen und wenn auch nicht in dem Grade ausgebildet als in Egyp- ten oder Kardofahn, dennoch nicht ohne künstlerischen Werth, leider freilich nur in den Augen der Sudahnesen. Selbst Fremde werden von dem Sudahnesen freundlich und gastlich aufgenommen. Er theilt sogar dem bettelnd und stehlend von Ort zu Ort nach Mecka wandernden T a kh ruh ri-Pilger gern eine Gabe mit und ist zuvorkommend gegen Weiße und Braune. Seiner Meinung nach reicht die Gastfreundschaft selbst bis über das Grab hinaus. Man erzählte mir, daß Derjenige, welcher auf einem Friedhofe eine Nacht zubringen wolle, nur ruhen könne, wenn er sich entschieden auf ein Grab und nicht zwischen zwei Gräber lege. Denn thäte er das Letztere, dann zögen ihn die Todten, zwischen deren Behausungen er sein Lager aufgeschlagen habe, wechselseitig zu sich heran, in der Absicht, sich die Rechte l 177 des Gastfreuudes zu sichern. Der Schlafende würde dann hin und her gestoßen und dabei von unruhigen Träumen gequält*). - Die Nahrung des Sudahnesen ist an und für sich sehr einfach; ihre Bereitung erfordert aber so viele Arbeit, daß sie die angestrengteste Thätigkeit der Frauen, denen sie ausschließlich überlassen bleibt, den ganzen Tag über in Anspruch nimmt. Der Grund liegt in der schwierigen Zubereitung des Brodes: Klsrä**). Dieses war zwei Stunden vor der Mahlzeit noch Gctraide. Man kennt im Sudahn die einfachen Handmühlcn der Egypten nicht, sondern bedient sich zum Zerkleinern der Hülsenfrüchte und des Ge- traides der MürhLkä und „ihres Sohnes", um mit dem Sudahnesen zu reden. Die Murhaka***) ist eine etwas schief geneigte Granitplatte, auf welcher die vorher angefeuchteten Durrahoder Dochenkörner mit der Hand und durch den „Sohn der Murhaka" (Idn e! murlmlea) zerrieben werden. Bei diesem unge- mein anstrengenden Geschäft kniet die Frau vor der etwas erhöhten Granitplatte nieder, faßt mit beiden Händen den ovalen Reibstein ' und zerkleinert durch kräftiges Auf- und Niederschieben desselben die aufgeschüttete Frucht. Zur Erweichung der Körner gießt sie von Zeit zu Zeit etwas Wasser hinzu und sammelt den groben Brei in einer am unteren Ende der Platte angebrachten, mit Lehm aus- geglätteten Vertiefung. Der Brei, in welchem sich natürlich auch die Kleie mit befindet, ist erst nach zwei- oder dreimaliger Bearbeitung zum Backen der Kisra tauglich. Unter dem Klima der Tropen ist dieses Zerreiben so angreifend, daß der Arbeiterin, welche sich bis auf einen Schurz um die Lenden entkleidet hat, der Schweiß in großen Tropfen auf der Haut herunterperlt. Dennoch Derselbe Aberglaube ist auch in der Türkei und in Egypten verbreitet. **) Abgeleitet von „kessr", zerbrechen. kwrs heißt wörtlich ein Bruchstück, bedeutet im Sudahn aber Brod. In Egypten heißt das Brod I.üklime, d. i. Mundbissen, oder Geisel», was man mit „Speise" übersetzen kann; unter Geisel, verstehen die Sudahnesen Getraide; die Egyp- ter nennen letzteres NlrLII«; die IMKüme der Sudahnesen ist ein steifer Mehlbrei. So wechseln in verschiedenen Ländern die Begriffe der arabischen Sprache. ***) Abgeleitet von „rülwk", Etwas zwischen zwei Steinen zerbrechen. 12 178 singt sie dabei ein, oft improvisirtcs, einfaches Liebchen, mit nicht mißtönender Weise. Bei jungen Mädchen zeigt sich beim Zerkleinern des GctraideS ihr vollendet schöner Körperbau in seiner ganzen Zierlichkeit. Durch keine Schnürbrust eingeengt und verunstaltet, entfaltet bei diesen Kindern eines erzeugungskräfligen Klimas der Busen schon im dreizehnten Lebensjahre des Mädchens seine üppigste Blüthe; leider welkt diese bei so beschwerlicher Arbeit schnell dahin. Der Sudah- ncse weiß recht wohl, daß gerade die heftige Bewegung des Oberkörpers die Reize seiner Tochter oder Gattin bald zerstört und miethet sich deswegen eine Dienerin oder kauft sich eine Sklavin. Beide nennt man Chshdim«*). Gewöhnlich ist die Sklavin oder Dienerin alt und häßlich und kontrastirt um so greller und unangenehmer mit den jugendlichen Schönheiten. Bei ihnen gab uns die fehlende Kleidung Gelegenheit, idealische Körpcrschönheit der Jugend zu bewundern, bei jenen verhüllt sie uns leider die Gebrechen des Alters nicht. Ein altes Weib an der Murhaka ist eben so grauenerregend, als ein junges Mädchen in derselben Stellung schön. Jene Organe, welche nur das Klima des Südens tadellos hervorruft, sind bei der Chahdime verwelkt nnd so schlaff geworden, daß sie während der strengen Arbeit und lebhaften Bewegung des Oberkörpers mit einer Schnur angebunden werden müssen. Nicht immer wird der auf der Murhaka hinlänglich zerriebene Teig sogleich gebacken. Man läßt ihn im Gegentheil gewöhnlich erst einige Tage stehen und in saure Gährung übergehen. Backöfen kennt man nicht. Der Mehltcig wird aus einer Thonplatte, TöhkL, höchst oberflächlich geröstet. Auch die Anfertigung dieser Platte ist Sache der Frauen. Die Tokha hat ungefähr zwei Fuß im Durchmesser, ist in der Mitte flach eingebogen und hier einen Zoll stark. Vor dem Brodbacken wird sie auf einem in einer Ecke der Tankha oder Rekuba angebrachten Herde über einem gelinden *) kbskclime ist abgeleitet von cliääLm, dienen. Man versteht unter Kbsliclime auch eiue Sklavin, weil man das Femininum von Sklave (Xsbä) in der arabischen Sprache nicht kennt oder wenigstens nicht anwendet. 179 Feuer genugsam erwärmt und mit etwas Fett eingerieben und geglättet. Hierauf wird der Teig mit einer Kürbisschale aufgetragen und gleichmäßig verbreitet, auf der einen Seite schwach geröstet und dann umgewendet, um auch hier ein Wenig gebacken zu werden. Der dünne Fladen bleibt in der Mitte immer schlissig, klebrig, hängt sich beim Kauen zwischen die Zähne, hat einen unangenehmen Geschmack und Geruch und verleidet oft schon durch seinen Anblick Appetit und Eßlust. Eine Art von Durrah hat rothbraune Körner und giebt durch deren Schalen dem Fladen dieselbe Farbe, was nicht dazu beiträgt, ihn angenehmer zu machen. Dem Europäer wird es erst nach langer Selbstüberwindung möglich, dieses zuweilen eckelerregendc Gebäck zu genießen. Der Sudahnese legt seine Durrahfladen gern auf buntfarbige, aus Palmenblattstrcisen und Palmenfasern, Waizenstroh und grünem Leder mit vieler Kunst geflochtene, muldenförmige Teller, KhLd- däh, und überdeckt diese mit einem niederen, konischen Aufsätze, Tä- bLkh, von derselben Beschaffenheit und Schönheit. Beide haben wirklichen Kunstwerth und können als Luxusartikel betrachtet werden, weil man sie bis zu dem Preise von vier preußischen Thalern oder sechzig Piastern zu kaufen bekommt. Hauptsächlich in Korde sahn und Wöled-Medlne sind die Frauen sehr geschickt in Flechtereien; sie beschäftigen sich aber auch Monate lang mit einer einzigen derartigen Arbeit. Damit erklärt sich der für Sudahn enorm hohe Preis derselben; denn wenn man die unsägliche Mühe der Arbeit bedenkt, erscheint die Summe von sechzig Piastern verhält- nißmäßig sehr gering. Zur Bereitung der Assieda wird die Kisra in eine Mulde aus Mimosen- oder anderem Holze gebrockt und mit einer Brühe übergössen. Diese besteht aus einem Absud dickschlcimiger Uska, in dem man getrocknetes und zerriebenes Fleisch und sehr viel spanischen oder rothen Pfeffer (b"lM seiuimr) gekocht hat. Ein anderes Gericht heißt Lükhmö und ist der steif gekochte Brei der auf der Murhaka zerriebenen Durrah- oder Dochen- körner. Er wird mit derselben Brühe wie die Kisra zur Bereitung der Assieda, oder mit Zwiebelbrühe und saurer Milch über- 12 * — 180 ^ gössen. Um den Rand der Khaddah, aus welcher man ißt, liegen stark geröstete Durrahfladen herum, welche die Stelle der Löffel vertreten. Nur selten bereitet man Fleischspeisen. Tauben und Hühner werden in einer mit entsetzlichen Quantitäten spanischen Pfeffers versetzten Buttcrbrühe gekocht oder gebraten. Die Europäer glauben ersticken oder inwendig verbrennen zu müssen, wenn sie von dem auf sudahnesische Weise zubereiteten Geflügel essen sollen; ich selbst habe es nie dahin bringen können, auch nur einen Bissen davon zu genießen. Quantitativ dürfte wenigstens ein Dritttheil der Brühe aus spanischem Pfeffer bestehen. Bei gewissen Feierlichkeiten essen die Sudahnesen einfach in Wasser gekochtes Schaffleisch, ohne irgend eine pikante Würze. Der Schech eines großen Dorfes speiste mich einmal mit Schaffleisch, welches in Honig gesotten war und trotz dieser frappanten Bereitungswkisc nicht übel schmeckte. Das Rindfleisch wird im Sudahn von den Eingebornen nur zur Kräftigung von Brühen benutzt. Man schneidet es in der Richtung der Muskelfasern in lange, dünne Streifen, trocknet diese in der Sonne und bewahrt sie auf. Bor dem Gebrauche werden einige dieser Streifen zerstoßen oder zerrieben und der schleimigen Brühe beigemischt. Auf diese Weise führt man auch Fleisch auf Reisen mit sich. Man zieht das Rindfleisch dem Kamelfleischc vor, stellt es aber dem Schasfleische nach und wohl nicht mit Unrecht. Ersteres ist auffallend schlecht und trocken, wenig saftig und kräftig; aber immer noch köstlich im Vergleich zu dem Kamclfleische. Wenn dieses von alten Thieren genommen wurde, ist es so zähe und hart, daß es selbst durch langes Kochen nicht erweicht werden kann. Alles Fleisch, welches der Sudahncse (als Mahammedancr) genießt, muß „tLh lr", rein *), sein, d. h. das Thier, von dem es stammt, *) I»lNr heißt nur rein von dein Gesetz; es ist das „kauscher" der Juden. Der Mann, welcher sich zum Gebet gewaschen hat, ist talilr, selbst wenn er in Lumpen ginge; wir Europäer sind zwar »LtjUsrein in gewöhnlicher Bedeutung), aber als Christen vom Hause aus nechls, d. h. unrein, und wären wir eben aus dein Bads gestiegen. 181 muß so geschlachtet werden, daß beim Tode Blut aus den Halsschlagadern fließt. Ein mit der Kugel durch's Herz geschossenes Thier ist nicht „tahir," wenn Derjenige, welcher es erlegte, vor seinem Schusse nicht die gewöhnliche Gebctformcl beim Schlachten eines Thieres ausgerufen oder dem Thiere sofort nach demselben die erwähnten Pulsadern durchgeschnitten hat. Beim Schlachten eines Thieres faßt der Metzger sein Opfer am Kopfe und ruft dreimal: „LS ism liHüln «I rkiokmälin öl rSolnllin, ^Ilstlr Ini stledsr!"*) und schneidet hierauf mit einem raschen Schnitte die Halsschlagadern durch. Nach crfolg- tem Tode wird das Fell des Thieres abgestreift und soglcichals Fleischmulde benutzt; dann öffnet man den Leib, nimmt die Eingeweide heraus und zerlegt endlich das Thier in mehrere große Stücken. Trotz aller Reinlichkeit nach den Gesetzen des Khorahn geht es nach unseren unverständigen Ansichten beim Schlachten eines Thieres höchst unreinlich zu. Jedes aus den Händen sudahnesischer Fleischer empfangene Fleischstück bedarf vor dem Kochen erst einer sehr sorgfältigen Reinigung. Man schlachtet in Charthum alle Tage, weil sich das Fleisch in den Tropen nicht länger genießbar erhalten läßt. Ob das Schlachtvieh fett oder mager ist, bleibt unberücksichtigt; sogar trächtig gehende Kühe oder Kamelstuten werden getödtct und gegessen. Es hat wirklich etwas Ergreifendes, wenn man sieht, wie ein Kamel auf Geheiß seines Herrn nicderkniet, um die tödtliche Wunde zu empfangen. Die Fleischbank Charthum's befindet sich, ziemlich weit von der Stadt entfernt, auf einer in der Steppe liegenden Ebene und verbreitet nach allen Seiten hin den cckelhaften Geruch faulenden Blutes und Fleisches. Hunde, Geier, Falken, Adler und Marabus treiben sich zu jeder Tageszeit in ihrer Nähe herum, um die für sie abfallenden Eingeweide und Flcischstücken zu verzehren. *) Zu Deutsch: „Im Namen Gottes des Allbarmherzigen; Gott ist großer!" Der letztere Ausruf soll nach der mir gegebenen Erklärung bedeuten: Jetzt bin ich großer (mächtiger), als Du,' Gott ist aber noch großer, als ich. 182 Der Unterhalt des gemeinen Sudahnescn kostet, bei den auffallend niederen Preisen des Fleisches*) und Getraides **), so wenig, daß er sammt seiner ziemlich zahlreichen Familie mit der Summe von drei preußischen Thalern einen Monat lang bequem leben kann; aber trotzdem ist er nicht reich genug, sich tagtäglich Fleisch zu kaufen; er ist oft nicht im Stande, das zur Bereitung der As- sieda erforderliche Quantum zu erschwingen, und lebt nach unseren Begriffen außerordentlich ärmlich. Auf den Barken, welche langdauernde Reisen machen, erhalten die Matrosen anstatt der Provisionen nur Durrahkörner und eine Sklavin, welche dieselben zur Lukhme oder Assieda verarbeitet. Der Sudahnese führt, wie alle Morgenländer, seine Speise mit der Hand zum Munde, beobachtet hierbei aber nicht jene Zierlichkeit und Reinlichkeit, welche bei den Türken diese unanständige Eß- weise erträglich macht. Er nimmt ein Stück Durrahfladen mit den drei ersten Fingern der rechten Hand, taucht damit in die vor ihm stehende Mulde und führt mit dem als Löffel benutzten Fladen so Viel von der Speise in den Mund, als er darin unterzubringen vermag. Nach dem Essen, welches er so schnell als nur möglich beendigt, leckt er sich seine Finger unter lautem Schnalzen einzeln behaglich ab, dann wäscht er sich Mund und Hand und bemüht sich, recht hörbar aufzustoßen. Durch diese Unsitte will er zugleich andeuten, daß es ihm vorzüglich geschmeckt hat. Das einzige Gericht, aus welchem gerade die Mahlzeit besteht, wird vor ihm auf die bloße Erde oder eine auf dieser ausgebreitete Strohmatte gesetzt, seine Eßgesellschaft hockt sich darum und verschlingt gierig die Speise bis auf den letzten Rest; Fleischstücke zerreißt er mit den Händen und beißt dann davon so große Bissen ab, als er mit einem Male zu kauen im Stande ist. Nicht minder unanständig ist er beim Trinken der geistigen *) Ein preußisches Pfund Schaffleisch kostet in Charthum 22 Para oder 1,1 Sgr.; ein Pfund Rindfleisch 0,7 Silbergroschen und ein Pfund Kamel- fleisch 0,5 Sgr. Für ein Schaf bezahlt man 10—50 Sgr., für ein Rind 100 — 400 Sgr., für ein Kamel 120 — 500 Sgr. **) Ein Ardehb oder 2,4 wiener Wetzen Durrah kostet in Charthum zwölf bis achtzehn Piaster oder 24 — 36 Sgr. 188 Getränke. Beide Geschlechter gehen in ihrer Hütte bis auf einen Schurz um die Lenden nackt und wissen nicht, was Anstand heißt. Der Mann legt sich fast unbekleidet auf sein Ankarehb und trinkt seine Miricsa mit solcher Begier, daß er nicht aufsteht, um den nothwendigsten Bedürfnissen zu genügen. Das Gefühl der Scham kennt er nicht. Er trinkt, so lange er trinken kann, und bleibt zuletzt berauscht auf seinem Ankharchb liegen. Die Meriesa oder eine geistigere Art desselben Getränks, BilbN, wird aus Durrah oder Lochen bereitet und in Char- thuin in großer Menge verbraucht. Die Meriesa wird in eigenen Brauhäusern auf sehr verschiedene Weise gebraut. In Char- thllin weicht man die Durrah ein und läßt sie an einem feuchten Orte zwischen den milchigen Blättern der ^Zclepias procera (arabisch Ääschr) zolllange Keime treiben. Wenn wir die Meriesa mit unserem Bier vergleichen, vertritt die Durrah die Gerste und der Aäschr den Hopfen. Nachdem die Durrah genügend gekeimt hat, nimmt man die Aäschrblätter weg und trocknet das Durrahmalz in der Sonne. Dann zerreibt man es auf der Murhaka und bringt es mit einer hinreichenden Menge Wassers in großen irdenen Gefäßen über das Feuer. Gewöhnlich läßt man die Maische sechs bis acht Stunden lang kochen und langsam abkühlen. Wird zu dieser Flüssigkeit Hefe gesetzt und sie der Gährung überlassen, so nennt man das daraus hervorgehende Getränk Meriesa; wird sie aber durch einen aus Palmenblattstreifen geflochtenen Trichter geseiht und zum zweiten Male zum Kochen gebracht, so entsteht der Bilbil, welcher durch hinzusetzte Hefe in Gährung gebracht wird und nach wenigen Stunden genossen werden kann. Man vertheilt ihn schließlich in große, fast kugelrunde Töpfe, B u- rahm'*), deren Inhalt dem von sechs bis acht unserer Flaschen gleichkommt. Eine „Burma Bilbil" kostet in Charthum zwei Piaster; aber ungeachtet dieses niederen Preises beträgt der sich beim Brauen des Bilbil ergebende Gewinn drei- bis vierhundert Prozent der Auslagen. *) Plural von kurms. 181 t- Der Bilbil schmeckt säuerlich, jedoch keineswegs unangenehm, ist berauschend und wird in kleinen Quantitäten auch von Europäern gern genossen. Er vermehrt die in jenen Ländern die Gesundheit erhaltende Hautausdünstung und soll nach Aussage meiner Diener, unter denen sich große Verehrer dieses sudahnestschen Nektars befanden, sehr nährend sein. In manchen Dörfern Sudahn's bereitet man noch ein drittes geistiges, uns Europäern eckelhastcs Getränk, die Bühsä. Sie ist ein dünnflüssiger, mehlartiger, aus einem gerösteten und dann zcrbrockten Durrahmchlklumpcn und Wasser zusammengesetzter Brei, welcher in saure Gährung übergegangen ist, und schmeckt höchst widerlich. Bei der Armuth der innerafrikanischen Länder an fruchttragenden Bäumen kennt man im Sudahn nur zwei Getränke, welche aus Früchten entstanden sind. Das erstere ist eine aus Datteln durch Gährung erhaltene Meriesa, das andre eine Limonade, welche man aus dem säuerlichen Mchlc der Früchte des Affcnbrot- baumö oder der Adansonie gewinnt. Beide sind wohlschmeckend. » Ein drittes limonadenähnlichcs, erfrischendes Getränk erhalten die Sudahnesen durch einen Aufguß von Wasser über hart gebackene, noch besonders in der Sonne getrocknete, dünne und sehr saure Durrah- oder Dochenfladen. Bei Wüsten- oder Step- pcnreisen ist dieses einfache Getränk das beste, welches ich kenne. Zum Verschenken des Bilbil bestehen in Charthum eigene Kneipen, in denen man gewöhnlich auch öffentliche Mädchen antrifft. Die Reichen und Vornehmen Charthum's benutzten vor La- tief-Pascha's Regiment diese Einrichtung zur Erzielung eines schändlichen Gewinns, aus Rechnung eines empörenden Mißbrauchs der Sklaverei. Sie kauften sich mehrere hübsche Gallamädchen, räumten ihnen eine Tankha ein, verschafften ihnen Gelegenheit ! zum Ausschenken des Bilbil und zwangen sie, in diesen Kneipen als Freudenmädchen zu fungiern. Die Mädchen hatten die Verpflichtung, monatlich eine bestimmte Summe — selbst bis zu zwei- ^ hundert Piastern — ihres schnöden Gewinns an ihre Herren ab- abzulicfern und diese betrachteten ihre Sklavinnen als sehr einträg- 185 liche Erwerbsquelle. Selbst der KhLdk und die Ulöinä Char- thum's entblödeten sich nicht, auf diese Weise erst geraubte und dann verkaufte Mädchen gewaltsam zu feilen Metzen zu stempeln. Laticf- Pascha ist diesem Unwesen mit furchtbarer Strenge entgegengetreten und hat es vermöge der in Aussicht gestellten „tausend Peitschenhiebe" bald unterdrückt. Nur wenige Sudahncsen rauchen Tabak; dagegen kauen ihn Männer und Frauen ohne Ausnahme. Man wählt hierzu eine sehr starke Sorte und vermischt ihn vor dem Gebrauche noch mit Holzasche und Natron. Der Eingeborne erscheint fast nie ohne seine Primc, obgleich sein Aussehen dadurch nicht gerade gewinnt. Er drängt nämlich durch den zwischen die Zähne und die Lippe des Unterkiefers gepreßten Tabak die Lippe weit vor und saugt die durch Speichel angefeuchtete Primc langsam aus. Auf Reisen führen die Männer das zum pikanteren Geschmack des Tabaks nöthige Natron in ihrer Brieftasche bei sich. Ebenso unentbehrlich als der Tabak ist ihnen die sich leicht in zarte Fasern zersplitternde Wurzel eines mir unbekannt gebliebenen Strauches, welche ihnen anstatt der Zahnbürste dient. Männer und Frauen benutzen dieses Instrument fortwährend und halten den Gebrauch der Zahnbürste oder die Reinigung ihrer blendend weißen Zähne für einen so hohen Genuß, daß sie sich denselben, um den sündigen Leib kräftigst zu kasteien, während des Fastmonats Ramadahn versagen. Mit den Geräthschaftcn, um das Essen zu bereiten, und den dazu gebräuchlichen Töpfen, Tellern, Mulden und Deckeln haben wir zugleich beinahe die ganze innere Einrichtung einer Wohnung des ärmeren Sudahncsen kennen gelernt. Betrachten wir noch die Tankha selbst ein Wenig genauer, ebenso den Viehstand und die Kinder der Eingcbornen, so kennen wir auch seinen ganzen Reichthum. Daß ich die Kinder zuletzt erwähne, darf nicht befremden; ich verfahre dabei ganz nach sudahnesischen Ansichten. Nach diesen stehen die Frauen und Kinder wenigstens den Hausthicren unbedingt nach. Die Tankha des Eingcbornen ist ein von vier Lchmmauern umschlossener, überdachter, viereckiger Raum mit einer einzigen Ocff- 186 nung: der Thüre. Sie enthält im Innern eine aus zusammengefügten, dicht neben einander liegenden, geraden Stäben bestehende Scheidewand und eine ebenso gefertigte Thüre. Diese schützt nun zwar nicht gegen Wind und Wetter oder Diebstahl, soll aber auch nicht dagegen schützen; gestohlen wird dem armen Sudahne- scn aus dem einen sehr einfachen Grunde Nichts, weil er nichts Wethvolles besitzt. Denken wir uns als Geräthschaften einer so ärmlichen Wohnung noch einige, zuweilen buntfarbige, geschmackvoll und künstlich gearbeitete Matten zum Darauffitzen und Liegen; ein Ankharehb, mehrere Glasflaschcn und Teller aus schlechtem Steingut, manchmal buntbemalte, halbkugelförmige Schüsseln sSültähn'iö) aus demselben Materiale; einen eingemauerten Topf zum Räuchern der Fenitalia (mit wohlriechenden, harzigen Hölzern, denen man körperstärkcnde Wirkungen zuschreibt); viele aus Pal- nienfasern und Palmenblattstreifen geflochtene Gehänge, in denen man Holzteller und gefüllte Schüsseln zum Schutz gegen die Termiten aufhängt, und andre Kleinigkeiten: so haben wir Alles, was die Hütte enthält. Kisten und Kasten zum Aufbewahren von Kleidungsstücken oder Baumwollenzeugcn kennt man nicht; der Sudah- nese hängt das Wenige, was er davon besitzt, an die beschriebene Scheidewand im Innern der Tankha. In einzelnen Häusern sieht man auch Waffenstücke der Einge- bornen. Die Waffen bestehen aus der Lanze (Härbk), einem ovalen Schilde von Antilopen- oder Krokodilhaut, dem erwähnten Dolchmesfer (Sökrhn) und einem langen zweischneidigen Schwerte (Se'rf). Letzteres tragen die Vornehmen, Häuptlinge und Karawanenführer an einem Gehänge am Vorderarme. Die Klingen, welche im Sudahn mit einer eigenthümlichen Scheide und einem starken Kreuzgriff versehen werden, stammen aus einer der Fabriken Solingen's. Einzelne führen auch die Ebenholzkeulen der Neger des blauen Flusses als Waffe. Das Feuergewehr gewahrt man selten in den Händen der Eingcbornen und immer nur bei denen, welche weite Reisen gemacht haben und in mehr civitisirren Ländern mit dem Gebrauche desselben vertraut geworden sind. Der Hos des Städtebewohners beherbergt von Hausthie- 187 ren einen Esel, einen wachsamen Hund, zuweilen auch eine Katze, mehrere Ziegen und ein Volk Haushühner. Die Dörfler besitzen zahlreiche Hecrdcn von Rindern, Ziegen und Schafen, einige Kamele und Zebu's oder Höckerstiere, mehrere Esel, Hunde und Hühner; die Nomaden haben zwar auch nur dieselben Thiere, aber in weit größerer Anzahl. Mehrere von diesen Hausthüren gehören eigenen Rayen an. Der Esel des Ost-Sudahn steht dem egyptischen in jeder Hinsicht nach. Er ist kleiner, schwächlicher, fauler und störrischer als dieser, dem Sudahnesen aber ein sehr theurer Gegenstand, obgleich er ihn oft halb verhungern oder sich selbst Futter suchen läßt. Um aus ihm zu reiten, legt sein Besitzer einen hölzernen Sattel ohne Gurten und Steigbügel auf seinen Rücken, nimmt statt des Zügels einen Hakenstock in die Hand und bringt sein Reitthier durch besonderes Zungenschnalzen in Gang. Mit dem kurzen Stock, Assäi'ö genannt, wird der Esel so gelenkt, daß ihn der Reiter jedesmal auf der einer zu nehmenden Richtung entgegengesetzten Seite auf den Hals schlägt, worauf der Esel seinen Kopf wendet und nach Wunsch davontrabt. Am Sattel hängt eine kurze Koppel aus Palmcnfa- sern, mit welcher der Reiter nach beendetem Ritt die Beine des Esels so fesselt, daß er, wenn er nach seiner Nahrung herumläuft, nur kleine Sprünge machen kann. Auf ähnliche Weise werden in der Steppe Nachts die Kamele gekoppelt. Der Hund des Sudahnesen ist ein sehr schönes, feines Thier, von edler Ra>;e. Besonders die Nomaden besitzen ausgezeichnet gute Windspiele, welche die Gazelle jagen und fangen. Diese Thiere sind wundervoll gebaut und haben seidenweiches, gelbliches Haar. Sie werden von den Arabern hoch geschätzt und theuer bezahlt*). Ihre Wachsamkeit, Treue, Anhänglichkeit und ihr Muth *) I» Jemen muß »ach altem Brauch und Recht Jeder, welcher einen Hund erschlägt, dessen Besitzer so viel Walzen zur Sühne geben, als erforderlich ist, den an der Ruthe aufgehangenen Hund, der mit der Schnauze den Boden berührt, zu bedecken. Die Buße ist bei dem geringen Fallwinkel des Getraides und dessen hohem Preise sehr groß. In der Gegend von Afsuan erschoß ich einen wüthend auf mich ein- 188 sind gleich groß und verdienen die ihnen von den Eingcbornen gezollte Wcrthschätzung. Die sudahncsische Ziege ist ein kleines, feines und milchreicheö Thierchen. Sie klettert geschickt auf den schicfstchcnden Bäumen in den Wäldern herum, verlangt wenig oder gar keine Pflege und nährt sich von spärlich wachsenden Kräutern und grünen Baumblät- tcrn. Seit längerer Zeit hat man im Sudahn auch die Ziege der am weißen Flusse und in Takhale wohnenden Negerstämmc eingebürgert und schätzt diese allerliebsten, kaum mehr als anderthalb Fuß hohen Thierchen wegen ihrer schmucken Gestalt und ihres vcrhältnißmäßig reichen Ertrages. Der Sudahnese liebt überhaupt nur Thiere, welche wenig Pflege bedürfen und ihm keine Mühe verursachen. Schafe und Rinder spielen im Haushalte des Dörflers im Sudahn eine untergeordnete Rolle. Erstere gehören zu den auch in Egpptcn gewöhnlichen, wollcloscn — dafür aber behaarten — Fettschwänzcn, letztere sind klein und wenig wcrthvoll. Dagegen ist der Zebu für die bewässerten Felder am blauen Flusse von großer Wichtigkeit; er ist es, welcher die Schöpfräder in Bewegung setzt. Der Zebu ist ein mächtiges, schönes Thier und, wenn er nicht bei magerer Kost und harter Arbeit verkümmert, wohl das größte Rind, welches überhaupt eristirt. Sein Fctthöckcr schwillt bei guter und reichlicher Nahrung wie bei dem Kamel zu einer bedeutenden Größe an und sinkt bei harter Arbeit und wenig Futter zu einer kaum bemerkbaren Unebenheit des Rückens zusammen. Die Hühner des Sudahn sind klein, aber fruchtbar; Tauben werden erst seit wenig Jahren im Sudahn wie in Egpptcn gehegt; anderweitiges Geflügel hält man nicht. Die Kinder der Sudahnesen werden im höchsten Grade vernachlässigt und sind äußerst unreinlich gehaltene Geschöpfe. Bis zu dem Alter von sechs Jahren gehen beide Geschlechter nackt. dringenden Hund. Der Besitzer desselben erschien und war ganz untröstlich. > „Erschieße mich auch, nachdem Du meinen Hund erschossen hast", rief er aus und schlug die Hände verzweifelnd über dem Kopfe zusammen, „ich klage es Gott und mache ihn zu meinem Vertreter!" 189 Dann bekleidet man den Knaben mit einem Paar kurzen Bcinklei- der», das Mädchen mit dem Rahhad. Um diese Zeit schneidet man in die Haut ihrer Wangen, wie es die Nubier thun, mehrere parallel neben einander laufende Wunden, deren Narben als besondere Verschönerung des Gesichts gelten. Diese Unsitte ist wahrscheinlich von Nubicn herauf gekommen, jedoch nicht überall im Gebrauch. Da die Kinder beständig essen, so viel sie wollen, bekommen sie bald einen unförmlich dicken Unterleib und dieser nimmt erst mit dem Alter von zehn Jahren seine natürliche Gestalt an. Nur selten lernt ein^ Knabe lesen und schreiben. Er wächst wie seine Eltern in Unwissenheit und Unsittlichkeit auf und wird erst durch den Hunger angetrieben, irgend ein Gewerbe zu ergreifen. Ich habe versucht, in Vorstehendem ein allgemeines Bild des Sudahnesen zu zeichnen, ohne die verschiedenen Stämme und Völkerschaften, aus denen die Eingcborncn der „vereinigten Königreiche des Landes Sudahn" bestehen, besonders zu berücksichtigen. Im Verlaufe dieser Blätter werde ich auf sie zurückkommen und wende mich jetzt zur Betrachtung der staatsbürgerlichen und socialen Verhältnisse der unter dem, Scepter Egpptens und bezüglich der Türkei in den Ländern des blauen und weißen Flusses lebenden Menschen. Charthum ist die Residenz eines Pascha, welcher zur Verwaltung der Regierung des Ost-Sudahn von Egypten dahin geschickt wird. Seine Stellung wird wegen des gefährlichen Klimas des Sudahn und des Mangels an allen Genüssen und Freuden des geselligen Lebens als eine Strafe angesehen. Deswegen wechselt er in Friedenszciten alle drei Jahre und kehrt nach dieser Zeit (welche man jetzt in Egypten geradezu seine Strafzeit nennt) auf seinen alten oder einen besseren Posten zurück. Der Pascha von Sudahn, Hokmodahr el Sud ahn genannt, ist der höchste Würdenträger „der Königreiche", besitzt Recht über Leben und Tod, trotz der schwebenden Tansimatsfrage der Pforte, die Macht, Krieg zu beginnen und Frieden zu schließen, und ist nur dem hohen Rathe der e- 190 Citadelle zu Kairo verantwortlich. Cr ist der oberste Befehlshaber der Truppen und in Rechtssachen der in zweiter Instanz Entscheidende. Seine Besoldung beträgt monatlich vierzig Beutel oder tausend Speciesthalcr. Alle übrigen Beamteten des Sudahn sind dem Generalgouverneur untergeordnet. In den einzelnen Provinzen (Mödlris) herrscht ein Mohdihr oder Gouverneur, welcher gewöhnlich den Titel und die Würde eines Bei bekleidet. Dieser hat mehrere Kahschuhf*) oder Bezirksvorsteher unter sich, welche wiederum die Ortsvorsteher (Kaiinakahn) befehligen. Die bisher Genannten besitzen Militärrang. Außerdem gebietet in jedem Dorfe noch der „Schech el bekleb", ein Beamter, welcher entweder von der Regierung oder von den Dorfbewohnern bestallt wird und ungefähr die Stellung eines unserer Dorfschultheißen hat. Neben dein weltlichen Gerichtshof besteht der geistliche ganz in derselben Art und Weise wie in den übrigen mahammedanischen Staaten. Der Sudahn ist in seiner jetzigen Verfassung ein Militärstaat. Fast alle Befehlshaber der einzelnen Provinzen oder Dörfer, vom Pascha bis zu dem Kaimakahn herab, gehören dem stehenden Heere an und bekleiden in diesem einen ihrer richterlichen Stellung entsprechenden Rang. In Friedenszeiten beschäftigen sie sich mit der Regierung der ihnen anvertrauten Provinzen, in Kriegszeiten befehligen sie die ihnen zuertheilten Hcerhaufen. Deshalb kann man Regierungs - und Militärbeamtete kaum von einander trennen. Auch die Aerzte und Apotheker des Sudahn sind Militärs oder haben wenigstens Militärrang. Sie sind fast ohne Ausnahme Europäer, die Befehlshaber der Truppen dagegen meistens Türken oder als Sklaven nach der Türkei gekommene und dort frei gewordene Georgier, Tscherkessen und andere mahammedanische Kaukaster. Das Gerichtsverfahren ist summarisch; die Verhandlungen werden in arabischer Sprache geführt. Der Diwahn oder das Empfangszimmer (hier der Gerichtssaal) eines Beamten steht Jedem offen; selbst der Aermste und Zerlumpteste geht ohne Umstände in 9 Plural vo» Kahschef. 191 ihn hinein. Eine Klage oder Bittschrift, „Ärdähal", muß auf einen Stempelbogen geschrieben und dem Richter, welcher auf demselben Papiere seine Verfügungen bemerkt, übergeben werden. Dieser entscheidet, nachdem er die andere Partei vernommen hat, kurz und bündig; aber in den meisten Fällen gerecht und handelt hierbei nach den Gesetzen des Khorahn oder seinem eigenen Ermessen. Laticf-Pascha ließ am Thore der Hokmodcnc einen Kasten aufstellen, in welchen alle Klagsachen und Bittschriften geworfen wurden. Von Stunde zu Stunde ließ er den Inhalt der Kiste untersuchen und jede Schrift binnen vier und zwanzig Stunden erledigen. Die Kopten stehen auch im Sudahn den Beamteten als Schreiber und Rechnungsführer zur Seite. Polizeiliche Maßregeln bringt das Militär in Geltung und Anwendung; es sorgt für Ruhe und Sicherheit und leistet der Regierung Schergen-, Frohn-, Courier- und andere Dienste, ist aber mit wenig Ausnahmen unzuverläßlich, bestechlich, ja selbst diebisch. Früher bestand es im Sudahn aus viererlei Waffengattungen: den Arnauten, Morhrarbi, Scheiki und der Nisahm; jetzt sind die Morhrarbi und Scheiki aufgelöst worden. Diese unterscheiden sich nicht allein durch die Waffen, sondern auch durch ihre Hautfarbe. Die Arnauten sind weiße, die Morhrarbi gelbe, die Scheiki braune und die Nisahm schwarze Soldaten. Die Arnauten sind aus Türken, Albanescn, Griechen und anderen der Pforte Unterthanen Völkerschaften zusammengesetzt und bilden im Sudahn drei Regimenter (Scndjekre oder Sendjeklik), denen ein Oblist (Sendjek) vorsteht. Sie sind leichte, unregelmäßige Reiter und nicht gepreßte, sondern angeworbene Soldaten; ihre Dienstzeit, ist unbeschränkt und gründet sich auf gegenseitiges Uebcreinkommen. Der Arnaut tritt bei einem Sendjek in Dienst und übernimmt alle Verpflichtungen eines niederen Soldaten. Das Kleid, welches er trägt, die Waffe, welche er führt, und das Pferd, welches er reitet, sind sein Eigenthum; er erhält von seinem Befehlshaber nur seinen Sold und eine bestimmte Ration Durrah für sein Pferd., Die Truppe besitzt keine eigene Uniform, nicht einmal bestimmte, vorgeschriebene Waffen und deshalb sind die Arnauten 192 das regelloseste Corps, welches man sich denken kann. Der Eine führt ein Paar Pistolen und einen Jatagahn, der Andere Pistolen und eine lange Flinte, der Dritte Pistolen und einen Säbel; der Eine kleidet sich in Tuch, der Andre in Baumwollenzcug; der Eine trägt den Turban, der Andre nur den Tarbuhsch; die Leute sind ebensowenig eingeübt, als ihre Pferde zugeritten: aber dennoch sind die Arnauten die besten Soldaten des Sudahn. Sie haben keine Begriffe von einem geordneten Angriff in geschlossener Schwadron, wohl aber besitzen sie große Tapferkeit und wilden Muth. Das Regiment stürmt unaufhaltsam auf den Feind los und jeder Soldat sucht im Einzclkampfc Großes zu leisten. Gegen europäische Soldaten würden sie Nichts ausrichten können, den von ihnen ohnehin gehaßten Farbigen sind sie jedenfalls überlege». Eine Sendjekre Arnauten zählt vier- bis fünfhundert Reiter und wird von dem Sendjek, vier oder fünf Kahschuhf und viermal so vielen Bulluk befehligt. Der Kaschef oder Rittmeister erhält wie der Bulluk oder Wachtmeister und gemeine Soldat von Seiten der Regierung monatlich hundertundfünsundzwanzig Piaster (84 Thlr. unseres Geldes) Sold und ein bestimmtes Quantum Durrah. Hiervon werden dem gemeinen Soldaten monatlich ncunundzwanzig Piaster zur höheren Besoldung des Obersten, der Ritt- und Wachtmeister, sowie auch der Regimcntsschrciber abgerechnet. Nur der Oberst, welcher den Titel eines Arha (gewöhnlich „Aga" geschrieben) führt, bekommt noch fünf Beutel oder hundertundfünfzwanzig Kroncnthalcr monatlichen Zuschuß „für seine Küche." Jeder Soldat muß ihm monatlich zwölf Piaster abgeben. Da er nebenbei in Friedcnszcitcn so viel Land bebauen darf, als er will, zahlreiche Heerden und große Stutcrcien besitzt, so steigt seine Einnahme noch bedeutend. Ein Kahschcf befehligt hundert Mann und vier Bulluk, von denen jeder fünfundzwanzig Gemeinen vorsteht. Die Musik der Arnauten ist einfach, aber kriegerisch; die einzigen Instrumente sind kleine Pauken, welche ein Soldat an den Sattclknopf seines Pferdes hängt und mit Holzschlägeln bearbeitet. In Friedcnszeitcn lagern die Arnauten in mehreren von ihnen gegründeten Tokhuldörscrn. Jeder gemeine Soldat bewohnt 193 dort mit einer Sklavin oder Dienerin eine Strohhütte, vor welcher man sein Pferd nach arabischer Sitte am Fuße gefesselt sieht. Während der Regenzeit laufen die Thiere frei in der Steppe herum und sind nur der Obhut einiger dazu kommandirtcn Soldaten überlassen. Die Arnauten verbringen ihre Zeit mit Nichtsthun; sie besuchen die Kaffehäuscr, spielen und rauchen. Dagegen sind sie, wenn es sein muß, zu jeder Anstrengung und für jede Gefahr bereit und ohne Zweifel die festesten Stützen der türkischen Regierung des Sudahn. Die Morhrarbi*) waren eine den Arnauten entfernt ähnliche Waffengattung, ritten bescheiden auf Eseln und waren wo möglich noch unregelmäßiger als die letzteren, dabei aber so unbrauchbar und nutzlos, daß sie die cgyptische Regierung aufhob. Leider wurden mit ihnen zugleich auch einige Compagnieen der muthvollen und tapferen Schcikic mit aufgelöst. Nur die Nisahm**) ist regelmäßiges Militär. Sie besteht aus gekauften oder geraubten Negern, welche von egyptischcn Offizieren und Unteroffizieren eingeübt und befehligt werden. Sie sind in jeder Hinsicht schlechte Soldaten, bei Kriegen gegen ihre Stammgenosscn und Sklavenjagdcn höchst unzuverlässig, obgleich man den vererbten Haß der verschiedenen Negcrstämme unter einander zu benutzen versteht und immer bloß diejenigen Negersoldaten zur Bekämpfung der freien Schwarzen in's Feld führt, welche diesen von Kindheit an feindlich gegenüberstanden. Diese Soldaten liegen in Charthum in den beschriebenen Kasernen. Sie erhalten vierzehn Piaster monatlichen Sold, einige Ardehb Durrah und dann und wann etwas Fleisch. Bei ihren geringen Bedürfnissen würden sie mit Sold und Nahrung ganz zufrieden sein, aber leider bekommen sie weder das Eine, noch das Andere regelmäßig und sind deshalb zu Empörungen immer geneigt. Die beispiellose Unordnung *) Alorkrsrdi, Abendländer, werden alle lichtfarbigen Bewohner der Westländer Afrikas, als Algier's, Tunis'. Morokos u. s. w., genannt. Viele derselben dienten unter dem egyptischen Militär und bildeten später eine durch Egypter vielfach vermischte eigene Waffengattung. **) diisalim ist abgeleitet von „nissm", eine Linie bilden- 13 194 des türkisch-egpptischen Staatshaushaltes macht alle Besoldungen häufig nur nominell. Sie greift in alle Verhältnisse störend ein, behindert den Kaufmann, welcher der Regierung Etwas liefert, er« ^ bittcrt den Künstler und Handwerker, welcher für das Gonvcrne- ^ mcnt arbeitet, und setzt den Beamteten, trotz seines hohen Gehaltes, oft drückender Noth aus. So ist es auch im Sudahn der Fall, ^ daß die armen Soldaten monatelang keinen Para ihres Soldes zu sehen bekommen und sich, vom Hunger getrieben, als gefähr- j liehe Aufwiegler der Regierung gegenüberstellen. Gegenwärtig bilden die Negcrsoldatcn drei Regimenter, jedes zu zweitausend Mann. Ein Regiment steht unter den Befehlen ei- ! ncS Bci. Das Bataillon wird von einem Brmbäschi oder Major, die Compagnie von einem Jüsbklschi oder Hauptmann befehligt. Letzterer hat einen Milssrm aüwkl und scher (ersten und zweiten Lieutenant) und mehrere Tschausch (Unteroffiziere) unter sich. Die Besoldungen eines Beb in cgyptischen Diensten betrug während meines Aufenthaltes in Nord-Ost-Afrika sechzehn bis vierundzwanzig > Beutel*), die eines Major fünf, eines Hauptmanns zwei und - einen halben und die eines Lieutenant einen Beutel. Dasselbe erhalten auch alle Civilbcamtetcn, welche militärischen Rang haben. Die Regierung erhebt von ihren Unterthanen gewisse Steuern an Geld oder Naturprodukten. Jeder erwachsene Mann ist steuerpflichtig; der Schech eines Dorfes bestimmt die Höhe der von ihm zu liefernden Abgaben. Von den Städtebewohnern verlangt man gewöhnlich Geld, von den Dorfbewohnern Getraide, selbstgewebte Baumwollenzeugc, Kohlen, Vieh und andere Gegenstände; die Nomaden müssen von ihren Vichhecrdcn eine bestimmte Anzahl von Stücken abliefern. Mehrere Jahre hindurch wurden die Hcerdcn der letzteren durch die Forderungen der Regierung mehr als decimirt. Man war im hohen Rathe zu Kairo auf den unglücklichen Gedanken gekommen, den durch Seuchen, angestrengte Arbeiten an den Schöpfrädern und bedeutenden Fleischverbrauch einer, in dem kleinen Lande Egypten ^ *) Ein Beutel ist 25 Marientheresien- oder 33^ preußische Thaler. 195 zusammengezogenen, zahlreichen Armee unverhältnißmäßig zusammengeschmolzenen Viehstand Egyptens aus dem Sudahn zu ersetzen. Zunächst errichtete man dem Nil entlang eine Etappenstraße für das zu liefernde Vieh und erbaute in bestimmten Entfernungen „M L- HLddä"*), Futtcrmagazine, und Viehställe, „Schuhne". Die diesen Magazinen zunächst wohnenden Nubicr und Fellahhihn wurden gezwungen, den nöthigen Futterbedarf herbeizuschaffen. Nun erhielten die Kahschuhf der einzelnen Bezirke Sudahns Befehl, Kamele und Rinder, oft mehrere Tausende von Stücken, auszuheben und in Charthum zum Transport nach Egyptcn abzuliefern. Die Rinder wurden in kleinen Märschen von höchsten zwei Mahhaddaht längs des Stromes hinabgetriebcn. Obgleich man sie möglichst schonte, nur bei Nacht gehen ließ und ihnen viele Ruhetage gönnte, unterlagen, auf der mehr als acht Monate dauernden Reise, doch gegen vierzig Prozent der von Charthum abgehenden Thiere den Beschwerden des weiten Weges. Wenn man die, oft viele Meilen lang öden Strecken der Niluser gesehen hat, staunt man über das riesige Unternehmen derartiger Transporte, gelangt bei einigem Nachdenken aber bald dahin, dasselbe als eine verfehlte Spekulation zu bedauern und eine die Betheiligten barbarisch bedrückende Maßregel zu verachten. Die armen Nubier wurden durch die ihnen befohlenen Futtcrlieferungen, obgleich man sie nur als eine indirekte Steuer ansah, so gedrückt, daß sie nicht im Stande waren, die ihnen aufgebürdeten übrigen Auflagen der Regierung zu decken; die Nomaden verloren den Kern ihrer Heerden. Nach einigen Jahren sah man das Nachtheilige dieser Lieferungen in Kairo ein; die geträumten Ideale wichen der Wirklichkeit; man hob das Institut auf, nachdem es der Regierung Tausende von Piastern und dem Sudahn Hunderttausende von Kamelen und Rindern gekostet hatte. Leider sind viele Maßregeln der Regierung, welche auf dem Papiere Nichts zu wünschen übrig lassen, in praktischer Hinsicht unausführbar oder we- *) Von IikM, begrenzen. Eine Mahhadda (Plural Mahhaddaht) beträgt ungefähr zwei deutsche Meilen. 13 * 196 nigstcnö so schlecht, daß sie mehe schaden als nütze». Noch heutigen Tages kann man die Etappenstraße verfolgen, wenn man von dem Gerippe eines jener Rinder zum andern reitet. In den Wü- stenstrcifcn Nubicns liegen, halb vom Flugsande bedeckt, unzählig viele. Ich habe mit der Erwähnung dieser einen Steuer einen Maßstab gegeben, nach welchem man beurtheilen kann, wie schonungslos die Regierung bei Eintreibung der von ihr geforderten Abgaben verfährt. Diese sind scheinbar zwar gering, aber für die mittellosen Sudahnescn enorm hoch. Daneben beansprucht die Regierung die Kräfte ihrer Unterthanen noch auf andere Weise. Bei öffentlichen Bauten werden die Männer ohne Weiteres zur Arbeit gepreßt, ihre Kamele und Barken mit Beschlag belegt und zu den verschiedensten Zwecken benutzt. Wenn so Etwas bei Unternehmungen geschieht, welche das allgemeine Beste aller Einwohner eines Ortes bezwecken, kann man darin eigentlich nichts Unrechtes finden; allein es geschieht leider auch bei Privatsachcn der Regierung. Der sonst sehr gerechte und tüchtige Lati es-Pascha erbaute einen Harehm für den jeweiligen Hokmodahr. Derselbe wurde aus Ziegelsteinen aufgeführt und kostete dem Gouvernement etwa dreitausend Specicsthaler, weil die beim Bauen verwendeten Barken, Last- thiere und Menschen größtentheils ohne Löhnung arbeiten mußten. Ein Privatmann würde nicht im Stande sein, mit einer doppelt so großen Summe ein derartiges Gebäude herzustellen. Unter den Gewerben der Sudahnescn steht der Handel oben an, obgleich er erst seit dem Jahre 1850 frei wurde. Früher waren die hauptsächlichsten Handclsgegenstände Monopol der Regierung. Man nahm in Charthum die Naturprodukte des Sudahn, z. B. Sklaven, — ich verwahre mich gegen Miß- verständniß meiner Ausdrucksweise!! — Elfenbein, arabisches Gummi, Tamarindenkuchcn u. s. w., zu niederen Preisen als Abzahlung auf die geforderte Steuersummc an und verkaufte diese Artikel in Egypten mit großem Gewinn. Jetzt sind die 197 Monopole aufgehoben, jedoch betheiligt sich die Regierung noch immer beim Handel des Landes. Der Sklavenhandel geht fast allein * durch ihre Hände; sie macht noch regelmäßig Sklavcnjagden (wenigstens wurde noch im Jahre 1851 eine Rhassua*), — wie man diese „Heerzügc gegen die Heiden oder Ungläubigen" nennt — ausgerüstet) und sendet alljährlich eine HandelSerpcdition, an welcher sich Privatleute nur bedingungsweise bctheiligen können, nach dem weißen Flusse ab. Der Handel Charthum's ist bedeutend und entspricht der ihm überaus günstigen Lage der Stadt. Am Vereinigungspunkte zweier großen Ströme, den Herzadcrn des inneren Afrika, muß sich für Kaufleute ein reges Leben gestalten. Ein Strom besagt in Afrika für den Handel weit mehr, als in Europa, wo Eisenbahnen und andere Transportmittel den leichtesten Verkehr ermöglichen; er ist die beste Handelsstraße, welche es überhaupt giebt. Der blaue Fluß ist von Charthum noch fünf, der weiße Fluß noch elf Breitengrade stromaufwärts schiffbar; der Nil kann ohne Gefahr bis * Berber cl Mucheiref befahren werden. Von dort an stromabwärts thürmcn sich der Schiffsahrt zwar unbesiegbare Hindernisse, die Katarakten, entgegen, aber dann ist der Verkehr durch eine geordnete Karawanenstraße auch sehr erleichtert. Das rasche Aufblühen Charthum's ist ohne Zweifel nur seinem Handel zuzuschreiben : die Hauptstadt des Sudahn ist jetzt die wichtigste Handelsstadt, ihr Basar vielleicht das reichste Waarenlager Central-Afrikas. Von Kairo gelangen ungefähr folgende Waaren nach Charthum: Zucker, Branntwein, Baumöl, Essig, Wein, Rum; Maka- roni, Reis, Seife, Stearinkerzen; Eisenwaaren, Weißblech, Kupfer- gefäße; Saffianschuhe und rohes Leder, Wasserschläuche, türkische Kleidungsstücke, persische Teppiche, gegerbte, langhaarige Schaffelle, morhrarbincr Tarabihsch**) oder rothe türkische Filzmützen, französisches Tuch, englische und egyptischc Baumwollcnzeuge; Gewürze, Zuckcrbackwerk; Schießpulver und Feuerwaffen, Blei und Schrote; Wurzel „rkass", eine Kncgserpedltieu ausrüsten. **) Plural reu „Tarbuhsch". 198 Porzellan, Gläser und egyptische Thongefäße; Papier, arabische Tinte und Schreibfcderrohr; syrischer Pfeifen- und persischer Nar- gilehtabak, schlechte Cigarren aus Malta, Pfeifenrohre und Bern- f steinspitzen, Thonpfeifenköpfe; Rcibzündhölzchen und Feuerschwamm; Schiffsthcer, Segeltuch, Taue, Schiffsgloben und Segelstangen aus Fichten- oder Föhrenholz; Glasspiegel, Glasperlen, Schmucksachen aus Messing; wohlriechende Wässer und Hölzer, z. B. Odo- gatsch, Speik u. s. w. Von den Erzeugnissen des Innern sieht man: Elfenbein, Ebenholz und Straußenfedern, arabisches Gummi, Eoloquinthen-Kürbisse, Sennesblätter, Tamarindenkuchen, Indigo, Kasse aus Abyssinien. Honig vom weißen Flusse, Goldkörncr aus Khassahn, Tabak aus Sennahr, Leopardenfelle aus Dahr-Fuhr. Dazu kommen Sklaven und Sklavinnen vom weißen und blauen Flusse, aus Khassahn, Abyssinien, Takhalc und Dahr- Fuhr; Kamele von den Bischahri-Arabern, Pferde von den Kababiesch und aus Dahr-Fuhr, Rinder, Schafe und Ziegen von verschiedenen Nomadenstämmen; ebenso Durrahkörner und * Dochenhirse vom oberen blauen Flusse und aus Kordofahn; Flecht- und Lederarbeiten aus Woled-Medine u. s. w. Die meisten Waaren, welche von Egypten heraufkommen, werfen, wenn der Markt nicht gerade überfüllt ist, hohen Gewinn ab, die Eß - und Trinkwaaren durchschnittlich hundert Prozent nach Abzug aller Spesen. Ferner sind gewinnbringende und gut gehende Artikel: Seife, Eisenwaaren, Tabak, Schießpulver, Waffen u. s. w. Zuweilen tritt beim Absatz mancher Waaren eine bedenkliche Stockung ein. Im Jahre 1851 hatten so viele Kaufleute Kattun und andere Baumwollenzeuge, für welche sie arabisches Gummi eintauschen wollten, nach Charthum gebracht, daß der Bedarf Ost-Sudahns für mehr als zehn Jahre gedeckt schien. In Folge dessen fielen die Preise der Baumwollenzeuge um zwanzig Prozent unter die in Kairo üblichen, während zugleich das arabische Gummi ungewöhnlich im Preise stieg. Der Centner Gummi, für welchen die Regierung zur Zeit ihrer Monopole fünfzehn Piaster bezahlt hatte, stieg zu dieser Zeit bis auf neunzig und hun- 199 dert Piaster im Werth, und kostete in Kairo nur fünfundsechzig Piaster mehr, obgleich die baarcn Auslagen für den Transport bis dahin mindestens vierzig Piaster betrugen. Alle Kaufleute, welche auf die genannten Waaren spekulirt hatten, verloren bedeutend. Am Besten gehen dic Eßwaaren, weil sie stark verbraucht werden und immer von Neuem ergänzt werden müssen. Sie sind in Charthum ebenso schlecht, als theuer. Der Wein, welcher nach dem Sudahn kommt, ist oft verfälschter, erbärmlicher, französischer Roth- wcin, von dein man in Kairo die Flasche für 2^ Sgr. kaufen kann. Im Sudahn verkauft man die Flasche mit 18 — 24 Sgr. Aber sein Genuß ist für die Europäer unerläßlich und deshalb bezahlt man gern so viel dafür. Der Branntwein wird in Charthum ebenfalls zu hohen Preisen und in noch größerer Menge als der Wein verkauft, weil die Türken im Sudahn fast ohne Ausnahme Branntwein trinken. Man kann in den heißen Ländern den mäßigen Genuß geistiger Getränke aus gesundheitlichen Rücksichten nicht entbehren, muß aber Uebermaß vermeiden, was in Charthum leider nicht geschieht. Seit einigen Jahren besteht in dem Dorfe Kamlihn am blauen Flusse eine Branntweinbrennerei, aus welcher jährlich mehrere Tausend, aus Datteln destillirte Flaschen dieses Getränks gewonnen werden. Obgleich man die Datteln aus der Provinz Dongola in Nu- bien herbeischaffen muß, sind die Preise des kamlihner Schnapses doch niedriger, als die des aus Egypten eingeführten. Die einzige Zuthat zum Alkohol des zu destillirenden „Aarakhi"*) ist Anisöl. Der Branntwein bekommt durch dasselbe einen erträglichen Geschmack und, wenn er mit Wasser vermischt wird, ein milchiges Ansehen. — Durch die Europäer kommen zuweilen ganz ungewöhnliche Dinge auf den Basar. Man trank in Charthum schon oft Champagner und gute französische Rothweine, ja selbst Rheinweine. Ein mit Wermuth versetzter südlicher Wein war in letzter Zeit ein ge- *) Von der Wurzel ssrskl,, schwitzen, abgeteilet, daher das, was ausgeschwitzt oder destillier ist: Spiritus, hier Branntweiu. 2V0 wohnliches Getränk der Europäer und Türken. Im Jahre 1851 fand ich Reibzündlichter aus Wachs in den Händen eines darüber nicht wenig ergötzten Sudahnesen. Bei vielen europäischen Kaufge- genständcn hat der Betrug freies Spiel. So verkauft man z. B. galvanisch vergoldete Uhren für massiv goldene und findet doch seine Käufer. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß bei derartigen Vorkommnissen nur die Europäer die Betrüger sind. Unter den Produkten des Innern sind für den Handel Kasse, arabisches Gummi und Elfenbein die wichtigsten. Der Kasse kommt aus Abyssinicn und steht bezüglich seiner Güte dem ächten Mocha (oft „Mokka" geschrieben) nicht oder nur wenig nach. Er wird theils im Sudahn verbraucht, theils geht er weiter nach Nubicn und bis Egypten herab. In Charthum bezahlt man das arabische Rottet oder nach unserem Gewicht 26 (wiener) Loth mit 70 Para oder 3^- Silbergroschcn. Im Vergleich zu dem Gummi und Elfenbein ist seine Bedeutung eine untergeordnete zu nennen. Letzteres kommt zum größten Theile vom weißen Flusse herab und gelangt entweder über Sauakim am rothen Meere in die Hände der Engländer oder geht über Kairo nach Europa. Früher lieferte auch Takhale und Dahr-Fuhr viel Elfenbein nach Charthum; jetzt ist der Import von dort her geringer. Ich bin nicht im Stande, etwas Genügendes über den Handel zu geben und muß mich auf wenige Angaben beschränken. Im Jahre 1850 kostete der arabische Centner — ungefähr cinundachtzig wiener Pfund — in Charthum zwölf- und in Kairo achtzchnhundert Piaster; in Oberd, der Hauptstadt Kordofahn's, verkaufte man ihn um hundert Piaster billiger als in Charthum. Diese Preise beziehe» sich auf die beste Qualität dcS Elfenbeins. Nach den Mittheilungen des europäischen Kaufmanns Con- tariny in Charthum unterscheiden die Kaufleute des Innern mehrere Stufen der Güte des Elfenbeins, arabisch Srn öl fihl, Elcphantenz ahn, genannt. Man versteht unter der Bezeichnung „Si n" (Zahn) einen fehlerfreien, über fünfzehn Rotte! schweren Zahn, unter „MüschskhLt" (zersprungen) einen großen, aber zerrissenen Zahn, unter „Bara" (was außerhalb — der Rech- 201 innig — ist) kleine Zähne unter fünfzehn arabischen Pfunden und unter „SchLnis'rö" Zähne von gestorbenen Thieren, welche lange Zeit in der Sonne, „Schems", gelegen haben. Die letztere Sorte wird nur mit zwei Dritttheilen ihres wirklichen Gewichts und außerdem , weil sie an Reinheit der Farbe und Festigkeit verloren hat, zu niedrigeren Preisen berechnet. Das arabische Gummi wird vorzugsweise in Kordofahn eingesammelt und kommt erst von dort aus nach Charthum. Nach der Regenzeit quillt es als Harz mehrerer Mimoscnarten in dicken, Wasserstellen Klumpen aus den Zweigen und Achten der Bäume hervor, trocknet in der Sonne mählig zusammen, wird dabei, wegen Aufnahme von Sauerstoff aus der Atmosphäre, dunkler und kann nun eingesammelt werden. Hierzu bedienen sich die Eingc- bornen hölzerner und eiscner Haken, mit denen sie die Harzklumpen abreißen. Sie mischen gute, d. h. reine, und schlechte Klumpen unter einander und bieten sie den das Land durchziehenden Kaufleuten partieemvcisc im Bausch und Bogen zum Kauf an. Diese verpacken es in große Bastsäcke,. „Khüfftz", von je zwei arabischen Centncr Inhalt, vereinigen zwei solcher Säcke zu einer Kamelladung, „Rächöl", und schaffen so die Waare über Charthum oder Dongola nach Kairo. Während des Transportes verliert das Gummi zwölf Prozent seines Gewichts durch Verdunstung des noch in den einzelnen Klumpen enthaltenen Wassers. Die übrigen Handelsartikel sind mit Ausnahme der Sklaven und Hausthicre den erwähnten untergeordnet. Man schafft wohl zu zierlichen Tischler- und festen Holzarbcitcn bestimmtes Ebcn- und Mimosen holz nach Egyptcn, nimmt Senncsblätter, Ta- marindcnkuchen, Straußenfedern, Hippopotamuspcitschen rc., mit unter die dahin abgehenden Waarenscndungen auf, aber das geschieht Alles nur gelegentlich. Dagegen werden mit Sklaven die ausgedehntesten Geschäfte gemacht und leider bethciligcn sich die in Charthum ansässigen Europäer hieran oft genug. Ich will hier nicht auf die Art und Weise des erniedrigenden Menschenhandels eingehen, sondern begnüge mich, die Qualitäten und die darauf bezüglichen Preise der Sklaven anzugeben. Zunächst unterscheidet 202 man ihren geistigen Fähigkeiten nach Abpssinier, Da h r - F u h r Takhale-, Tabi-, Schilluk- und Dinkhaneger und schätzt sie, nach der von mir beobachteten Reihenfolge, mehr oder weniger. Weibliche Sklaven sind immer theurer als männliche; Verschnittene sind theurer als beide zusammengenommen. Dem zu Folge handelt man lieber mit weiblichen Sklaven als mit männlichen; deshalb finden sich, zwar weniger in Charthum selbst, als in Woled-Medine, Sennahr und Kordofahn noch Leute, welche das schändliche Gewerbe der Knabenverstümmelung betreiben und jene Operation *) vornehmen, die nur in fünfundsiebzig von hundert Fällen einen glücklichen Ausgang wahrscheinlich macht. Je nach ihrer Jugend, Schönheit, Körperstärke und Brauchbarkeit werden die Sklaven zum zweiten Male eingetheilt. In Charthum kostet ein Schilluk- oder Dinkhaneger zwei- bis vierhundert, ein Neger aus Dahr-Fuhr, Takhale oder vom Berge Tabi vier- bis siebenhundert, ein Abyssiner, d. h. Galln, MLkähtö oder HLbtzschi sechshundert bis tausend, ein Verschnittener sechshundert bis vierzehn- oder selbst sechzehnhundert Piaster; Negerinnen sind um die Hälfte theurer als Neger; Abyssinierinncn werden mit sechshundert bis zweitausend Piaster bezahlt. Stellt man die gewöhnlichen Preise der Hansthiere daneben, so ergiebt sich, daß diese denen der Menschen fast gleich sind. Ein gewöhnliches Kamel wird mit zwei- bis vierhundert, ein guter zugerittener Hedjihn von den Bischahn-Arabern mit acht- bis zwölf- hundert Piastern bezahlt. Die Pferde sind kaum theurer als gute cgyptische Esel; erstere kosten vier- bis zwölfhundert Piaster, letzterer zuweilen noch zwei- bis vierhundert Piaster mehr. Der Ort wo die Handelsgeschäfte abgemacht werden, ist der *) kuer eastrsnäus sntee zezunio lon^o et slvi purxgtione mexnopere de bititstur et krsnxitur. ^nte esstretionis vperetivnem puer spende« (^nklie- rellb sppettstur) glliAitur ne se mvvere situmcsue justum vertere possit. lum vperstor non soluin testieuls sed etiein penem ipsum scnto sbseindit cultrv; emplsstrum edipe itlitum in vulnere iinponit st üstulsm plumbeem in uretlirsin immittit, usyue sd vulnus ssnstum. Vulnere bene et kelieiter ss nsto csrentium loco ciestrix lere modo rmimedvertitur. 203 Basar; hier werden auch gerichtliche Versteigerungen abgehalten, gewöhnlich Freitags. Der Richter nimmt mit seinen Schreibern in einer Bude Platz, die Kauflustigen schlürfen in den übrigen Kaufladen ihren Kasse. Ein Dellahl (Mäkler) führt die zu versteigernden Gegenstände, z. B. Sklaven, Kamele, Esel, Pferde re., vor, geht mit ihnen von einer Bude zur andern und nennt mit lauter Stimme die Zahl der Piaster, welche ihm für das Verkaufsobjekt geboten wurden. Das höchste Gebot meldet er dann dem Eigenthümer oder dem eine Sache Verkaufenden und fragt an, ob er damit zufrieden sei oder nicht. Er erhält für seine Bemühungen von der Regierung zwei, von Privaten fünf Prozent des Werths der verkauften Waare und wird von Beiden gleich oft benutzt. Zuweilen sieht man ihn wie einen Harlekin geputzt über den Markt gehen; er hat vielleicht zwanzig verschiedene Kaufsartikel über Arme und Schultern gebreitet oder in seinen Leibgurt gesteckt. Diese Leute werden von der Regierung streng überwacht und wenn sie wegen erwiesenen Betrugs angezeigt wurden, so hart bestraft, daß * man bei ihnen eine durch die Furcht vor der Peitsche bedingte Ehrlichkeit voraussetzen kann. Nächst Charthum nenne ich als bekannte Handelsstädte des Ost-Sudahn noch Mästzllsm're und elObe'id, die Hauptstadt Kordofahn's. Von letzterer werde ich im Verlaufe meiner Erzählung ausführlicher reden; erstere liegt in der Nähe der Provinzial- hauptstadt Wolled-Medine und ist für den Handelsverkehr mit Abysstnien von großer Bedeutung. Der Handel ist auch im Innern Afrikas das die Völker vereinigende Motiv. Fast aller stattfindende Verkehr ist im Interesse des Handels entstanden und wird durch dasselbe unterhalten. Die Regierung richtete nur zwei Poststraßen ein: eine von Charthum nach Kairo, die andere von Charthum nach el Oberd. Beide sind durch Latief-Pascha so verbessert worden, daß jetzt ein Brief in fünfund zwanzig Tagen von Charthum nach Kairo gelangt. Ich verstehe unter der Verbesserung der Poststraßen keineswegs eine geschickte Anlage von Straßen, — denn Straßen giebt es im Innern Afrikas nicht — sondern vielmehr ein geordnetes, sich zur rechten Zeit ablösendes Postpcrsonal. Von Charthum aus gehen wöchentlich zwei Hedjanihn (Dienstags und Freitags) mit einem Brieffcllcisen nach Egypten ab, erreichen in fünf Tagen Berber el Muche'rref, in zwölf bis dreizehn Tagen Korosko und kämmen nach sechszehn oder achtzehn Tagen in Assuan an, wo sie ihre Briefe und Depeschen abgeben. Diese Postreiter werden, wo es thunlich, von zwei Tagen zu zwei Tagen abgelöst und reiten schnellfüßige, gute Bischahri- Kamelc. Bei Betracht der Verhältnisse innerafrikanischer Länder muß man dieser Einrichtung jedes Lob zugestehen. Ich meines Theils habe nie den Verlust eines Briefes zu beklagen gehabt. Für einen anderweitigen Verkehr findet keine regelmäßige Verbindung statt; nur der Kaufmann bringt Nachrichten von den Nachbarländern des Sudahn nach dessen Hauptstadt. Er kennt gewisse Orte, von wo aus er seine Reisen antritt und nach denen er zurückkehrt. Ein solcher Ort ist Muscllem're für die Verbindung des Sudahn mit Abyssinien, Obcrd für die mit Dahr-Fuhr. Hier sammeln sich abreisende und zurückkehrende Kaufleute und so entsteht ein ziemlich schwunghafter Verkehr und Waarcnumsatz. Die Länder, mit denen die Kaufleute Charthum's verkehren, sind: Abyssinien, Takha, Jemen, Indien; Kordofahn, Takhale, Dahr-Fuhr; Nubien, Egypten und die Rege rländ er des weißen und blauen Flusses. Zuweilen dringen einzelne Djellalihb*) in westlicher Richtung weit in's Innere vor. Nächst dem Handel nimmt der Ackerbau unter den Gewerben der Sudahnesen die erste Stelle ein. Ich habe erwähnt, daß der in der Nähe Charthum's betriebene unbedeutend ist; in Dörfern, welche nur wenige Meilen von der Hauptstadt entfernt sind, ist dies nicht mehr der Fall. Hier beginnt der interessante, dem *) vjellslib oder VM-Mbi, Plur. vsellslilrb (Wurzel chglaba), „ein Kaufmann, welcher Waaren von einem fernen Orte zum andern bringt;" jetzt, weil diese Leute gewöhnlich mit Sklaven handeln, fast gleichbedeutend mit Sklavenhändler- 205 Ost-Sudahn ganz eigenthümliche Gctraidebau in der Steppe. Die Ufer der Ströme sind überall in Nord-Ost-Afrika die einzigen Felder, auf denen man vermittelst Schöpfrädern das unbedingt nöthige Wasser jederzeit herbeischaffen kann; sie sind für Egypten und Nubien der Lebcnsfaden, welcher sich durch das öde Stcin- und Sandmecr hindurchwindct. Im Sudahn verlieren sie an Gewicht. Da, wo in Afrika der Himmel seine Schleusten öffnet, treibt die Erde überall zum fröhlichen Leben. Südlich vom sechzehnten Grade der nördlichen Breite giebt es keine Wüsten mehr; sie verwandeln sich in Steppen. Hier deckt eine verhältnißmäßig üppige Vegetation die Erde. Der Sommer sucht diese zu vernichten, der Winter weckt sie zu neuem Leben. Das ist der, von uns später noch genauer zu betrachtende Boden, auf dem der Sudahnese seine Durrahfelder anlegt. Kurz vor Beginn der Regenzeit zündet er das Gras der Steppe an. Das Feuer verbreitet sich meilenweit und rasirt die ganze Fläche; das Unkraut verschwindet, aber es giebt den Keim zu neuem Leben. Fruchtbare Asche bleibt zurück, der erste Regen vereinigt ihr kohlensaures Kali mit dem Humus des Bodens. Jetzt erscheint der Bauer, um sein Samenkorn auszustreuen. Die Bewohner eines Dorfes vereinigen sich, um ein einziges, ungeheures Getraidefeld anzulegen. Mit einem halbmondförmigen Eisen, Husch lisch*) genannt, lockern die Männer die Erde auf, dann stechen sie mit einem zugespitzten, unserem Pfahleisen oder „Stichel" entfernt ähnlichen Mimosenholzc, drei bis vier Fuß im Quadrate von einander entfernte, Löcher in dieselbe. Die Frauen streuen einige Durrahkörner in jedes Loch und treten es leicht mit dem Fuße zu. Der von *) Hsscliaseb, Wurzel Imscli, Etwas, womit das Gras, „HssMesclr", bearbeitet wird. Einige Reisende haben Hs8cli3seli mit „Opiumesser" übersetzt, weil Haschiesch auch ein dem Opium ähnliches, berauschendes Hanfsamenextrakt bedeutet und Derjenige, welcher Haschiesch genießt, Haschasch genannt wird. Jedermann sieht ein, daß der seiner reichen, biegsamen Sprache wohl kundige Araber durch dergleichen geistvolle Ueber- setznngen eben nicht in's vortheilhasteste Licht gestellt wird. Ich habe aber die betrübende Erfahrung, daß mancher Reisende dem andern offenbaren Unsinn ohne Bedenken nachschreibt, leider nur zur oft gemacht. 206 nun an fallende Regen ruft bald ein kräftiges Wachsthum der geleimten Durrah hervor; schon drei Monate nach der Aussaat reifen die fußhohen Kolben auf kräftigen, übermannshohen Halmen oder Stängeln. Bis dahin hatten sich die Sudahnesen nicht um ihre Felder gekümmert; der Himmel sorgt mit feinen fruchtbringenden Niederschlügen und seiner belebenden Sonne mehr, als ihnen nöthig, für sie. Zur Zeit der Erndte zieht Alt und Jung hinaus, um die reisen Kolben zu sammeln. Von dem Stroh benutzt man nur so viel, als man gerade zum Dach oder der Seitcnwand eines Tokhul braucht, das übrige bleibt auf dem Felde stehen und dient als Viehfuttcr. Die Kolben werden an bestimmten Stellen des Feldes zusammengetragen und auf Hausen geworfen, um gedroschen zu werden. Man legt die Tennen sogleich auf freiem Felde an. Ein viereckiger, seitlich erhöhter oder mit niederen Wällen umgebener Raum wird geebnet, festgestampft und geglättet. Nebenan klebt man auf der Windseite eine Erdsäule zusammen, behufs der späteren Reinigung der Frucht. Nachdem nämlich die Kolben mit langen Stöcken gedroschen worden sind, besteigt einer der Männer die Säule und läßt sich eine große, mit Spreu und Fruchtkörncrn gefüllte Mulde hinaufreichen. Von der Erhöhung herab schüttet er die Mulde bei starkem Winde langsam aus. Der Wind treibt die Spreu hinweg, die Körner fallen vermöge ihrer Schwere zu Boden. Zwar enthalten sie noch kleine Sternchen und Erdtheile, doch hat das keinen Nachtheil, weil die Körner vor dem Gebrauche erst sorgfältig gewaschen werden. Die auf diese Weise „gewursten" Körner werden nun bis zu ihrer Verwendung in den Fruchtbchältcrn der Sudahnesen aufbewahrt. Man gräbt, oft weit von den Dörfern entfernt, brunnen- artige zwölf bis zwanzig Fuß im Durchmesser haltende und doppelt so tiefe Löcher in die Erde, an erhöhten, möglichst vor dem Regen geschützten Stellen. Dahinein schüttet man zuerst eine mehrere Fuß hohe Lage von Spreu oder zerkleinertem Stroh (Trbbn) und belegt diese mit festen, reinlichen, aus zerspaltcnen Palmen- blättern geflochtenen Matten (Bursch oder HLssker«), worauf endlich die Körner zu liegen kommen. An den Seitenwänden verfährt man ebenso, füllt die Grube allmählig bis oben mit Getreide an, stampft die Spreu an den Seiten fest, schüttet über Matten eine neue, sechs bis acht Fuß tiefe Sprculage und bedeckt die Grube mit einem Erdhügel. Die Trockenheit der Erde in in- nerafrikanischen Ländern ist so groß, daß die Sudahnescn ihr aus solche Art aufgespeichertes Gctraidc ohne Nachtheil zehn Jahre lang aufbewahren lassen; nur muß das Magazin, wenn es einmal angegriffen wird, sogleich vollständig geleert werden, wenn die Körner nicht dann noch verderben sollen. Der Dochen wird ebenso behandelt, wie die Durrah. Er ist feinkörniger als diese, dem Hirsen ähnlich und liefert schmackhafteres Brod oder, weil er mehr Zucker enthält, geistigere Me- riesa. Meiner Ansicht nach ist der Lochen das „Senfkorn" der Bibel. Ein Körnchen treibt einen Stängel von sechs bis zehn Fuß Höhe, welcher den Ausdruck der Bibel, „Baum", wohl rechtfertigt und mit einem oft mehr als tausend Körnchen bergenden Kolben gekrönt ist. In der Provinz Charthum wenig kultivirt, ist er das einzige Gctraidc der Bewohner Kordofahn's, Dahr-Fuhr's und der Ncgcrländer am blauen und weißen Flusse. Er ist noch anspruchsloser als die Durrah, gedeiht selbst aus schlechtem und sandigem Boden, übertrifft die mehr ein fettes Erdreich liebende Durrah oder den Moorhirsen an Ergiebigkeit und Fruchtbarkeit und wird deshalb ein unendlich wichtiges Naturprodukt für alle Steppenbewohner. Neben der Durrah und dem Lochen, den für den Sudahn wichtigsten Getraidcarten, baut man auch noch Slmslm in der Steppe. Die Sudahncsen bereiten aus den Körnern des Sim- sim (Sesams?) ein erträglich gutes Speiseöl; aber durch ein ganz eigenthümliches Verfahren. Sie zerreiben die Körner auf der Mur- haka und kochen das Mehl in großen thönerncn Gefäßen. Das Oel schwimmt hierbei oben auf, wird abgeschöpft und in Kürbisflaschen aufbewahrt. Geradeso entziehen sie auch den Coloquinthcn- kürbissen (arabisch Hand -i l) einen Theer, mit welchem sie hauptsächlich die Kamele einschmieren. Sie glauben damit die Gelenke 208 dcr Kamele geschmeidig und beweglich zu machen oder Wunden dieser Thiere zu heilen, vermehren aber den ohnehin unleidlichen Gestank derselben noch bedeutend. Ohne Zuthun der Menschen wächst in der Steppe Indigo (arabisch Nihle genannt). Früher gab es im Sudahn mehrere Fabriken zur Bereitung des von den Arabern sehr geschätzten Fär- bestoffs; jetzt bestehen meines Wissens nur noch zwei von ihnen: die eine in dem Dorfe Käriüm am Djcbel Rojahn, die andere in dem Städtchen Meraui am Djebel Barkal, im Dahr cl Schcik'ic. Beide gehören der Regierung, sehen aber ihrem Verfall entgegen: die Türken und Araber verstehen wohl Etwas zu erbauen, nicht aber, es zu erhalten. In Charthum kostet die Okha Indigo zwölf Piaster, was nach unserem Gewicht und Geld für das preußische Pfund zehn bis zwölf Silbergroschcn betragen würde. Handel und Ackerbau sind die unter den Sudahnescn verbreiteten Gewerbe. Handwerke cristiren in der von uns gekannten Bedeutung unter ihnen nicht; jeder ist mehr oder weniger selbst der Vcrfcrtigcr dessen, was er braucht. Die Frauen sammeln die aus den reisen Kapseln der wild wachsenden oder angebauten Staude hervorquellende Baumwolle, krempeln und reinigen sie mit der Hand oder mit sclbstgefcrtigtcn, höchst einfachen Instrumenten und spinnen sie auf mangelhaft geschnitzten Spindeln zu ungleichen Faden aus. Männer und Frauen sind gleich fähig, zu weben; die Stühle, auf denen es geschieht, sind ebenso einfach als das gewebte Zeug. Der Weber oder die Weberin schlägt sich im Schatten eines dichtbelaubten Baumes vier Pfähle in die Erde und bedeckt diese mit einem Dach aus Durrahstroh. Inmitten dieser Hütte ist ein Loch, in welchem der Arbeiter seine Füße unterbringt und die Trittbrettc zu den „Geschirren" befestigt. Die „Lade" mit dem aus Durrahstroh gefertigten „Kamme" hängt an zwei Schnuren vom Dach herab. Dann sieht man noch zwei runde Hölzer zum Aufwickeln des Zeuges und in einer bestimmten Entfernung einen in die Erde geschlagenen Pfahl, um welchen der Arbeiter das Ende der „Kette" schlingt. Das ist, 209 nebst einigen Stäben und Stricken, der ganze Apparat, welcher unseren Webstuhl vertreten muß. Das gewebte Zeug wird entweder als Ferdah oder zum Verfertigen der kurzen Beinkleider benutzt. Der Schneider ist unnö- thig, weil sich der Sudahnese die Beinkleider, wenn er sie überhaupt besitzt, selbst zuschneidet und zusammennäht; seine Takh'ie kauft er sich auf dem Basare. Ebenso wenig bedarf der Einge- borne der Hülfe eines Gerbers oder Schuhmachers, um seine Sandalen anzufertigen. Die Männer verstehen ohne Ausnahme Leder zu gerben. Man benutzt die gerbsäurercichen Schoten einer, niedere Büsche bildenden Mimosenart arab. „Kharat" als Lohe und gerbt nur so viel Leder, als man gerade braucht. In der Nähe von Musellenüe werden sehr dauerhafte Ledcrgeflechte und andere Lederarbeiten gefertigt, aber auch dieses Handwerk ist von Jedermann gekannt. Die Sudahnesen können das Eisen schmieden und schmelzen. Kordofahn ist reich an Eisenerz von vorzüglicher Güte, sogenanntem Raseneksenstein. Diesen schmelzen die Eingebornen in kleinen, trichterförmigen Erdgruben mit selbstgcbranntcn Kohlen aus Mimosenholz, um das zur Anfertigung ihrer Waffen und Geräth- schaften nöthige Roheisen zu erhalten. Man staunt bei Besichtigung' ihrer Schmiedearbeiten über die Einfachheit der Werkstätte und der Instrumente. Ein schlechter, kleiner Blasebalg, ein kubisches Stück Eisen als Ambos, einige Hämmer und eine Zange sind dem Schmiede zu seinen Arbeiten ausreichend; er versteht damit Dinge zu fertigen, welche bei uns zu Lande mit weit vollkomm- nerem Arbeitsmatcrial kaum besser gearbeitet werden. So ist es mit allen übrigen Handwerken (wenn ich so sagen darf), welche sie betreiben. Gänzlicher Mangel an Ausbildung ist des Arbeiters Loos, er besitzt erbärmliche Werkzeuge und geringes Rohmaterial und ist dennoch im Stande, für seine Verhältnisse Großes zu leisten. Das Klima Charthum's ist unbedingt eins der ungesundesten der Erde. Man hat berechnet, daß achtzig Prozent aller Europäer, 14 210 welche gezwungen sind, mehrere Jahre nach einander in Charthum zu leben, während dieser Zeit sterben. Die Lage der Stadt selbst, zwischen zwei, während der Regenzeit anschwellenden und dann große Sümpfe bildenden Flüssen, würde zwar auch unter unserem Himmel eine der Gesundheit schädliche sein, allein die Sterblichkeit ihrer Bewohner steht mit der einer gleich ungünstig gelegenen Stadt Europa's in keinem Verhältniß. Das Klima des Sudahn ist es, das dem Menschen verderblich wird: ein Klima, welches dem Schwarzen ebenso wenig zusagt, als dem Weißen, welches den Eingebor- nen ebenso leicht hinrafft, als den Fremdling. Die Krankheiten sind im Sudahn so rapid, daß sie oft in wenig Stunden den Tod herbeiführen. Sie sind theilweise durch gewisse Jahreszeiten bedingt, treten aber sporadisch auch das ganze Jahr hindurch auf. Man kann im Sudahn hauptsächlich zwei Jahreszeiten unterscheiden: die Zeit der Dürre und die Regenzeit, oder Sommer und Winter. Zwischen beiden giebt es keine Uebergängc: die eine folgt plötzlich auf die andere. Beide stehen sich feindlich gegenüber: was die eine hervorruft, sucht die andere zu vernichten. Die Regenzeit ist die Zeit des Lebens: sie wandelt das Land in einen blühenden Garten um; die Dürre vernichtet die Vegetation und quält die Geschöpfe. Der Charles*), wie der Araber die Zeit der Regen nennt, beginnt in Charthum im Juni oder Juli und währt bis Mitte des Oktober. Im Süden regnet es früher und heftiger, als im Norden; die Regen kommen von oben herab und ziehen sich bis zum achtzehnten Grade der nördlichen Breite nach dem Mittelmecre hinab. Man kann sich von dem trostlosen Zustande der Natur vor und dem lebenskräftigen Schaffen derselben während und nach der Regenzeit keine Vorstellung machen. Der Charles erweckt Alles zu neuem Leben; er kleidet die verbrannte Steppe in ein neues, blü- thcnreiches, duftiges Gewand. Wenn in den Monaten März und April die Sonne ihre Gluth- *) „Drei Monarc zwischen Sommer und Winter, in denen man Früchte einsammelt.'' 211 strahlen senkrecht auf den Sudahn herabsendet und beinahe ihre größte Höhe erreicht hat, treten die Südwinde, welche bis dahin noch durch die von Norden her zuströmenden Passatwinde zurückgehalten wurden, häufiger und stärker auf. Sie vermehren die Hitze und nehmen nach den Beobachtungen Russegger'S einen elektrischen Charakter an, beengen die Brust des Menschen und ängstigen die Thiere. Es sind dieselben Winde, welche in den Wüsten als Sa- muhm den Sand cmporwirbeln, die Wasscrschläuche der ziehenden Karawane trocknen und die an Durstesqualen verendeten Menschen damit begraben, in Egypten als Chamasihn*), d. h. der Wind, welcher innerhalb fünfzig Tagen weht, die Bäume entblättern, als Sirrocco den Schiffern des Mittelmeeres, als Föhn den Bewohnern der Alpen gefährlich werden und als Thauwind Deutschlands Fluren durchsausen. Sie sind überall mehr oder weniger gefürchtet, am heftigsten und furchtbarsten aber in den Tropen. Es scheint, als wollten sie dort die ganze Natur vernichten. Sie trocknen und zerstäuben die Blätter der noch grünenden Bäume, zerspalten und zerklüften die dürstende Erde und beunruhigen die lebenden Wesen. Aber gerade diese Südwinde sind die Boten des Lebens, denn sie bringen die Regengüsse aus dem Süden herbei. Zwar kann sich, so lange sie wüthen, kein Gewitter zusammenziehen, keine Wolke entladen, aber sie ermatten allmählig. Und nun kämpft das lcbenbringende Element des Wassers mit dem ertötenden, gluthhauchcndcn Winde. Je schwächer die Südwinde werden, um so dunkler und dichter werden die Wolken. In den Monaten Mai und Juli ändern sich die Luftströmungen. Die konstanten Südwinde wechseln mit Stürmen aus Südost, Ost, Südwest und West. Die ersteren sind in CharthÄN die, welche Gewitter herbeiführen; sie sind die Träger und Herolde des Regens, auf ihren Fittichen rauschen die Wolken daher. Ein Gewitter in den Tropen ist eine so imposante Naturerscheinung, ist so grauenhaft furchtbar und so unendlich erhaben, *) Oft Ksmsin, LliZinsin und Sclismsin geschrieben. Abgeleitet von clismsikn, fünfzig. 14 * 212 daß keine Feder Worte finden kann, es würdig zu schildern. Ich will es versuchen, den Umriß zu einem nie wiederzugebenden Bilde zu liefern: Gewitterschwanger droht der Himmel, ein Orkan mit Regengüssen ist im Anzüge. Wir betrachten das sich entfaltende Schauspiel von einem erhöhten Standpunkte aus, wozu uns die Tcrasse unseres Lehmhauses am Geeignetsten scheint. Noch rührt sich bei uns kein Lüftchen, noch hört man kein Flüstern der Blätter grünender Baume, noch ist Alles todt. Todt wird es aber auch in den Straßen der Stadt, todt in dem Walde und den Baumhecken der Gärten. Die Vcrkaufshallen in den Basaren, die öffentlichen Amtssäle und Schreibstuben der Regierung werden geschlossen, Jedermann zieht sich in seine Behausung zurück; die sonst so lauten, streitsüchtigen Hunde schleichen mit eingezogenem Schwänze einem stillen Plätzchen zu; der Gesang, jede Stimme der Vögcl ist längst verstummt, sie selbst haben sich im dichtesten Laubwerk geborgen. Diese Ruhe ist unheimlich, wahrhaft grausencrregend; sie ist die Stille vor dem Ausbruche einer allgemeinen Empörung der Natur. In der Ferne ballt sich eine dunkle, flammende Wolke zusammen. Sie erscheint wie die Fcucrwolke über einer brennenden Stadt oder einem meilenweit in Flammen stehenden Walde. Brandrot!), Purpur, Dunkclroth und Braun, Fahlgelb, Grau, Tiefblau und Schwarz galtet und vereint sich in allen Schattirungen zu einem furchtbar anzuschauenden Ganzen. Je dunkler diese Wolke wird, um so dunkler wird der Himmel. Sie wächst immer mehr an Ausdehnung und ihre Farbe an Intensität. Jetzt hört man von Ferne ein pfeifendes und sausendes Geräusch; — bei uns ist noch Alles tonlos. Nur die Hitze und der Luftdruck mehren sich; das Thermometer steigt um mehrere Grade, das Barometer fällt auf „Sturm" herab. Die Schwüle wird unerträglich und beengend; der muthigste Mann fühlt sein Herz stärker schlagen, unwillkürlich muß er dem allgemeinen Zustande der Natur folgen. Unser Horizont wird immer kleiner. Die dunkle, undurchsichtige Wolke hüllt nach und nach alles Sichtbare in ihren düsteren Schleier. Plötzlich bewegen sich die Zweige der nächsten Bäume 213 mit Heftigkeit, der Wind hat sie erreicht. Zuerst sind eS mehrere einzelne Stöße, dann nimmt er seine sich immer steigernde Heftigkeit an. In wenig Minuten erwächst er zum Sturme, der Sturm zum Orkan. Dieser wüthet mit einer beispiellosen Gewalt. Sein Toben ist so groß, daß man das ausgesprochene Wort nicht tönen hört. Jeder Laut wird von einem nicht zu beschreibenden Getöse, Geprassel, Pfeifen und Sausen, Heulen und Rauschen übertönt, verschlungen. Die vor Kurzem noch ruhig stehenden Bäume beugen sich wie schlanke Gerten, ihre Kronen werden hin und her geschleudert und des größten Theiles der ihnen noch gebliebenen Blätter beraubt, die Stämme ächzen, krachen und brechen. Es ist, als ob die Elemente mit einander kämpfen wollten. Selbst die Grundfesten der Erde möchte der Orkan erschüttern: er wühlt in den Ritzen und Spalten der Erdoberfläche herum, nimmt den Staub und Sand daraus, führt ihn mit sich fort und schleudert ihn mit Gewalt durch die Thür- und Fensteröffnungen in das Innere der Wohnungen hinein; er belegt damit alle Gegenstände liniendick und wirft ihn mit solcher Macht an feststehende Sachen an, daß er prickelnd zurückprallt. Wir haben längst unseren Rückzug in das Innere der Wohnung nehmen müssen; denn wehe dem Armen, der im Freien von solch' einem Unwetter überrascht wird. Aber auch in unserer Behausung wird es unheimlich. Es wird so finster, daß wir, um nur Etwas zu sehen, Laternen anzünden müssen; der über und um uns dahin sausende Staub verdunkelt jede Aussicht'). Da auf einmal übertäuben prasselnde Donnerschläge das Tosen der Windsbraut. Noch kann man keine Blitze sehen, die Staubwolken sind zu dicht, aber immer lauter und vernehmlicher dröhnt des Donners Rollen durch das allgemeine Tonchaos hindurch. Jetzt rauscht es sonderbar dazwischen: es ist, als ob der Hagel Deutschlands Gauen verwüstet und doch sind es mir einzelne Re- *) Diese Schilderung wurde nach einem von uns am 5. Juli 1850 in Charthum beobachteten Gewittersturm und einem, uns am 10. Juni im Freien überraschenden Orkane entworfen. 214 gentropfen, die aber bald zu Güssen anwachsen. Die Musik der Hölle nähert sich dem Ende, der Orkan ermattet, der Sturm schweigt endlich. Nun werden wir auch des fahlen Lichtes der Blitze gewahr; einer folgt auf den andern, ohne Pausen; ihr Licht ist so grell, daß man die schmerzenden Augen schließen muß. Der Donner rollt in unübertrefflicher Stärke, ohne Aufhören, der Regen stürzt in wolkenbruchartigen Strömen herunter. Er hat allen Staub mit sich niedergeschlagen und bildet auf den Dächern der Lehmhäuser Teiche, deren Wasser in dichten Strahlen auf die Straßen herabfällt. In kurzer Zeit gleichen diese Flüssen, die Hauptstraßen Strömen, die öffentlichen Plätze Seen; es bilden sich Lachen von drei bis acht Fuß Wassertiefe. So dauert das Unwetter zwei oder höchstens drei Stunden. Der dunkle Himmel entsendet einen seiner flammenden Feuerstrahlen nach dem andern, der Donner rollt ohne Unterbrechung, aus dem Regen scheint ein Wolkenbruch geworden zu sein. Doch der Wind erhebt sich nach kurzer Ruhe wieder und führt die Regenwolken rasch von dannen; schon leuchten die Blitze in weiter Ferne, der Donner wird schwächer, der Regen hört auf. Noch immer ist die Sonne hinter dichtem Gewölk verborgen, aber ehe sie für heute scheidet, sendet sie noch einen Strahlenblick zu uns herauf und beleuchtet rosig die gleichsam neubelebte Natur. Jetzt tritt jene wohlthätige Ruhe nach dem Sturme ein. Die Blätter der immer grünen Bäume, auf denen sich Wochen- und monatelang der Staub gelagert hatte, prangen jetzt im schönsten Dunkelgrün; die Pflanzen, welche ermattet ihre Zweige, Blätter und Blüthenkronen hängen ließen, scheinen neu geboren zu sein. Wir vermögen es nicht, nach den uns bekannten Naturerscheinungen unserer gemäßigten Zone auf die allgemeine Erschöpfung alles Lebenden in Central-Afrika zur Zeir der Dürre zu schließen, sind aber auch nicht im Stande, uns die Lebensfreudigkeit und Lebcnsthätigkeit der Pflanzen und Thiere zu vcrsinnlichen, wie sie sich nach einem Gewitter in den Tropen kundgicbt. Der erste Regenguß des Charles ist der Zauberschlag, welcher den Frühling und das Leben jener Länder hervorruft. Ein einziger Regen ist hinreichend, die früher braune 215 Erde mit einem grünen Teppich zu überkleiden; »räch wenig Tagen sproßt das junge Gras überall luftig empor. Lange schon > standen die Bäume knospend, der Regen zersprengt die Hüllen, frisch und kräftig entfalten sich die Blätter und werfen ihr grünes Gewand um die von nun an in ihrem Frühlingsschmucke prangen- gen Kronen der Bäume. Man muß den Urwald in seiner Herrlichkeit gesehen haben, um den Frühling der Tropen würdigen, begreifen zu können. Wie balsamisch durchweht der von den blühenden Mimosen jetzt so freigebig gespendete Blüthenduft die kühlende, Geist und Körper, Herz und Sinn erfreuende, erhebende und belebende Tropennacht! Wir werden später einen Tropenwald durchwandern, um auch aus das Leben in der Thicrwelt unsere Blicke zu werfen; ich gedenke hier nur des Lebens in den Straßen Charthum's während der Regenzeit. Sogleich nach dem ersten Regen hört man die Conzerte kleiner Frösche, deren laute und tiefe Baßstimmen auf einen vierfach größeren Körper schließen lassen, als die Thierchen wirklich besitzen. Sie sind wenig Stunden nach dem ersten Regen erschienen, man weiß nicht, woher; sie bewohnen die Lachen zu Hunderten, ihre Stimmen durchhallen weithin die Nacht und Niemand sah oder hörte sie vorher. Auf den sandigen Wegen sammeln sich farbenprächtige Sandkäfer (Cincidelen) zu Tausenden, die Wipfel der Palmen und Mimosen sind von Millionen Insekten umschwirrt und langgeschwänzte Ziegenmelker eilen allnächtlich zu ihrem Fange herbei. In jedem Garten bauen fröhliche Vögel ihre Nester, die goldncn und sma- ragdnen Honigsauger kommen aus den Wäldern bis dicht unter die Fenster an die Blüthen der Kaktusfeigen, um von deren Nektar zu naschen. Es ist eine Zeit des Genusses für den Forscher, aber, wegen der nun auftretenden Krankheiten, eine Zeit der Gefahr für die gebrechliche Hülle des Menschen. Gewöhnlich regnet es in drei bis fünf Tagen einmal. Die seit Monaten durstige Erde saugt begierig den Himmelssegen ein, das sich auf der Oberfläche sammelnde Wasser verschwindet schnell. Schon nach kurzer Zeit wirbelt der Wind neue Staubmasscn auf und erst ein zweiter Regen muß diese wieder niederschlagen. Die 216 Wärme wird überaus lästig, der Mensch Tag und Nacht von dem aus allen Poren der Haut hervorrieselnden Schweiß gebadet; aber dennoch ist es nicht die positive Hitze, sondern mehr eine kaum zu ertragende Schwüle, welche ermattend auf Körper und Geist einwirkt. Jeder neue Regenguß beschleunigt das wunderbar schnelle Wachsthum der Pflanzen und jeder schwellt die schon hoch gestiegenen Ströme noch mehr an. Bekanntlich sind es nur die in den Tropen Nord-Ost-Afrika's während des Charief herabstürzenden Regen, welche das Steigen des weißen und blauen Flusses und somit auch des Nil bewirken. Der blaue Fluß sängt in Charthum, weil es, wie schon erwähnt, im Süden des Sudahn eher regnet, als im Norden dieses Landes, schon Anfang Mai's konstant zu steigen an, der weiße Fluß wohl einen halben Monat später. Beide steigen erst sehr langsam, dann aber immer rascher; nur ist das Steigen bei dem durch hohe und steile Ufer eingeengten, direkt aus den Gebirgen herabströmenden Bahhr el asrakh sichtlicher, als bei dem sich durch viele Breitegrade langsam im Flachlandc dahinziehenden Bahhr el abiadt. Wenn der blaue Fluß schon hoch geröthet ist, bemerkt man in den graulichen Fluchen des weißen Stromes noch gar keine Färbung. Nachdem die Regenzeit auch bei Charthum begonnen hat, steigen beide Ströme erstaunlich schnell: der blaue Fluß nimmt manchen Tag um einen Fuß an Höhe zu, der weiße zwar weniger, aber um so mehr an Breite. Zur Zeit der Dürre ist er eine starke Vier- telmeilc von den Häusern Charthum's entfernt, bei seinem höchsten Stande bespühlen seine Fluchen den dicht an den letzten Häuserreihen der Stadt aufgeworfenen Erddamm; dabei ist er auch auf seinem anderen User fast eine Achtelmcile weit in's Land hineingetrc- ten. Dann sieht man in den einzelnen Ritzen des durch die Son- nengluth tief zerklüfteten Schlammlandes seiner Ufer geschäftig kleine Büchlein Wassers dem Lande zulaufen; sie erweichen schon vorher den Uferboden weit umher und wandeln ihn, noch ehe er von den Fluchen des Stromes bedeckt wird, in zähen, tiefen Schlamm um. Ein Orkan treibt die Wellen des Flusses oft mehrere hundert Schritte über die Ufer hinaus und bildet, das Wasser zurücklassend, neben 217 dem Strome eine mehr oder weniger unterbrochene Reihe von Sümpfen. In der Mitte des Monats August hat der blaue Fluß seine größte Höhe erreicht und beginnt von nun an erst langsam, dann sehr rasch und schließlich kaum bemerkbar bis zu Anfang Februars zu fallen.' Der weiße Fluß hat erst zu Ende des August seinen höchsten Wasserstand. Zu dieser Zeit gewähren beide Ströme dicht unter ihrem, der Stadt sehr nahe gerückten Vereinigungspunkte ein majestätisches Schauspiel. Man hat die Wasserfläche eines Stromes von fast einer halben Meile Breite vor sich. Alles Land zwischen den beiden Strömen und Charthum, welches sich früher wüst oder bebaut dem Auge zeigte, ist verschwunden; von den Inseln inmitten der Ströme sieht man nur noch die, mit Wasservögeln aller Art, wie mit weißen Blüthen bedeckten Kronen der Bäume über den Wasserspiegel emporragen; selbst die hart oberhalb des Dörfchens ÜmdärmZchn am linken Ufer des weißen Flusses beginnenden tropischen Wälder stehen größtenteils unter Wasser. Dann tummeln sich, dem weittragenden Kugclrohr des Schützen unerreichbar, verschiedenartige Wasservögel unter Krokodilen und Nilpferden herum, der heilige Ibis baut sein Nest auf den vom Wasser umwogten Mimosen der Inseln, der Webervögel hängt sein zierlich geflochtenes Haus an schwankenden Gerten aus. Allüberall bringt die Regenzeit neues Leben hervor. Mit dem Verschwinden des Wassers beginnt die Zeit der Dürre. Im Oktober stellen sich die nördlichen Passatwindc ein, erst leise fragend, ob sie sich mit den vom Süden daherrasendcn Orkanen wohl wieder in einen Kampf einlassen dürfen, dann stärker und gleichmäßiger. Bis in den November hinein wechseln sie mit Südwinden, erst von der Mitte dieses Monats an behalten sie ihre ungestörte Thätigkeit. Während im Mai und Juni das Thermometer oft -j- 4V" Reaum. im freien Schatten zeigte, sinkt es jetzt zuweilen auf Z- 8" herab; der an die Hitze gewöhnte Europäer zittert dabei vor Frost und hüllt sich in seine dichtesten Pelze. Im Dezember harren die Durrah- und Dochenfeldcr der erntenden Sichel entgegen, im Januar und Februar fangen die Bäume an ihre Blätter 218 zu verlieren; das Gras und die übrigen Pflanzen der Steppe verdorren, die Schlingpflanzen in den Wäldern sterben ab oder versinken in lange anhaltende Lethargie. Aber die Samen aller Pflanzen ? sind längst gereist, die Jungen der Bögel dem Neste entflogen, die Kinder der Säugcthiere zum Ertragen des nun herannahenden Elendes erstarkt; die Ströme sind bis zu ihrem tiefsten Stande herab- gesunken und so seicht geworden, daß sie an einzelnen Stellen durch- wadet werden können oder neben ausgedehnten Sandinseln nur ein schmales Wafscrbächlein dahin senden, kaum tief genug, Segclbar- ken zu tragen. Jetzt sieht man das Krokodil reihenweise am Ufer oder auf Sandbänken liegen, um sich behaglich in dem immer mehr an Wärme zunehmenden Strahl der Sonne zu recken, und Pas Nilpferd sich die tieferen Stellen aussuchen; Ibis und Webervögel sind verschwunden, weggezogen, wer weiß es, wohin. Noch wehten bisher die kühlenden Passatwinde, aber nun treten auch die Südwinde, die vernichtenden, auf: der Kreislauf ist beendet, aus die von nun an waltende Zerstörung folgt wieder neues Leben. Trotz der in den Monaten März bis August herrschenden fürchterlichen Hitze ist diese Zeit doch die gesündeste für den Fremden und Einheimischen. Erst am Ende des Charief, wenn die feuchte Erde unter der glühenden Sonne auszudünsten beginnt und giftige Miasmen erzeugt, treten die dem Sudahn eigenthümlichen Krankheiten in ihrer vollen Stärke auf. Nur wenige Fremdlinge bleiben von ihnen verschont, viele unterliegen ihnen; aber auch die Eingebornen, welche den Krankheiten nicht die starke Körpcrkonsti- tution der Nordländer entgegensetzen können, leiden sehr. Ich glaube, daß ihre Ausschweifungen wesentlich dazu beitragen, daß sie leicht einer Krankheit zum Opfer fallen; oft mag wohl auch gänzlicher Mangel an passender Arznei den Gang der Krankheit beschleunigen und den Tod herbeiführen. Die Sterblichkeit ist unter den Eingebornen während der Monate September und Oktober zuweilen entsetzlich groß und nur der Glaube an das unabänderliche, ihnen schon vorher bestimmte Geschick vermag sie lebensmuthig zu erhalten, wenn der Ficberfrost sie zusammenschüktclt. Die Sudahnescn kennen die Anwendung wirklicher Heilmittel 2l9 nicht. Ihre ärztlichen Kenntnisse beschränken sich auf den Gebrauch weniger Hausmittel, deren Wirkung in vielen Fällen noch sehr zweifelhaft ist. Dagegen nehmen sie zum Aberglauben oder zu einfachen Blutentziehungen um so öfter ihre Zuflucht. Man läßt sich von einem Geistlichen religiöse Formeln oder Khorahnstellen auf Steingutteller schreiben und giebt dem Kranken die davon durch Fleischsuppe abgewichene Tinte oder, nach ihrer Meinung, die heiligen Worte zu essen, oder setzt Schröpfköpfe, aber auf eine wirklich peinigende Weise. Der die chirurgische Operation Unternehmende schneidet mit der Spitze des Barbiermessers dicht neben einander viele Risse in die Haut des Patienten, welcher, ohne eine Miene zu verziehen, die langsame Marter aushält. Dann nimmt man einen ausgehöhlten Kürbis, von dessen Kugelfläche ein Segment abgeschnitten wurde, zündet darin einen aus Dattelbast, „Liefe", oder Baumwolle bestehenden Klumpen an und setzt den Affenkürbis mit seinem brennenden Inhalte an der abgeschnittenen und geglätteten Stelle auf die wundgemachte Hautportion fest auf. Das Feuer verdünnt die in dem Kürbis eingeschlossene atmosphärische Luft um so viel, als zum Blutziehen erforderlich ist. Gewöhnlich setzt man diese Art von Schröpfköpsen auf der, über dem Schulterblatt sich befindlichen Haut auf und läßt sie so lange ziehen, bis sie von selbst abfallen. Nachdem dies auf der einen Seite geschehen ist, schröpft man auf der anderen. Oft glauben sie sich die Wirbelsäule verrenkt zu haben und lassen sich, um den bedenklichen Schaden wieder zu heilen, von einem Andern so aufheben, daß der Rücken des Leidenden auf den des Arztes zu liegen kommt, und dann tüchtig abschütteln. Hierbei stöhnt der Arzt ebenso gewaltig, als der Kranke, welch letzterer nach geschehener Zusammcnrüttelung vollkommen genesen zu sein glaubt. Leider helfen derartige Kuren Nichts gegen die verderblichen Fieber des Ost-Sudahn, an denen die Eingebornen ebenso oder noch mehr leiden als die Fremden. Die gewöhnlichen Fieber sind Wcchselfieber mit den auch in Deutschland beobachteten Perioden der Wiederkehr des Anfalls und 5 2-20 bei baldigst angewandter ärztlicher Hülfe selten gefährlich. Aber sie entkräften selbst bei kurzer Dauer den Körper so, daß er zu jeder Arbeit und Bewegung unfähig wird. Brustbeklemmung, Aengst- ? lichkeit und heftiger Kopfschmerz sind ihre ersten Anzeichen. Dann folgt quälender Frost mit krampfhaften Bewegungen des ganzen Körpers, Uebelkeit und trockne Hitze. Das Gesicht des Kranken, welcher während des Frostes sehr bleich aussieht und mit den Zähnen klappert, röthet sich ungewöhnlich; die Neigung zum Erbrechen wird stärker, ein brennender Durst tritt ein; aber der Magen stößt das aufgenommene Wasser unter schmerzhaften Zusammenzie- hungen der Bauchmuskeln wieder aus. Der Kopfschmerz wird zuweilen so heftig, daß gänzliche Bewußtlosigkeit und Delirium eintritt, der Kranke phantasirt und nicht auf seinem Lager zu erhalten ist; oft leidet er dabei an entsetzlich peinigender Kolik. Die kräftigsten Menschen werden von dem Fieber am Stärksten angegriffen, Frauen ungleich seltner als Männer. Nach längerer oder kürzerer Dauer des Anfalls mildert sich die trockne Hitze und ein gelinder Schweiß bricht aus allen Poren der Haut hervor. Jemehr er zunimmt, desto wohlthätiger erscheint er dem Kranken. Er fühlt eine große Erleichterung, zugleich aber eine Schwäche, welche ihm keine Bewegung der Glieder gestattet und erst nach einigen Stunden weniger fühlbar wird. Im Anfange kann man das Wechselficbcr durch nicht allzu starke Dosen von schwefelsaurem Chinin bekämpfen; vertreiben läßt es sich aber durch keine Arznei und kehrt bei der geringsten Veranlassung verstärkt zurück. Strenge Diät und Blutentziehung wird von vernünftigen Aerzten im Sudahn beim Wechselficber nicht verordnet, wohl aber kräftige und gesunde Nahrung, mäßiger Genuß von starken geistigen Getränken und gute, nicht zu leichte Kleidung, vor Allem eine warme Leibbinde und dichte Kopfbedeckung. Bei großer Hitze hüllt man den mit dem türkischen Tarbuhsch bedeckten Kopf noch in die starke und sehr dicht gewebte, buntfarbige Khüff'itz ein. Je besser man das Haupt gegen die Einwirkungen der Sonnenstrahlen und den Unterleib gegen Erkältung schützen kann, desto sicherer erhält man sich die Gesundheit. Im Sudahn 221 ist die belebende Sonne dein Menschen ebenso gefährlich, als der harmlose Mond, der Tag ebenso schädlich, als die Nacht. Wahrend der letzteren sinkt die zuweilen sehr hohe Temperatur oft um mehrere Grade und zwar so plötzlich, daß sich der im Schweiß gebadete Schläfer, ehe er erwacht, bereits eine lebensgefährliche Erkältung zugezogen haben kann. Deshalb schläft der Sudahnese und in Charthum eingebürgerte Europäer stets unter einer ziemlich dichten, wollenen Decke und hüllt sich mit dieser auch das Haupt ein. Inwiefern der Mond dem Menschen schädlich werden kann, habe ich nie einsehen lernen; daß es aber geschieht, unterliegt gar keinem Zweifel. Die Eingeborncn fürchten den „guten Mond" weit mehr, als die gluthstrahlendc Sonne. Ungleich gefährlicher als die Wechselficber sind die den Europäern unter dem Namen „perniciöse oder Sennahrfiebcr" bekannten Krankheiten. Bis jetzt sind sie noch so wenig untersucht worden, daß selbst die bessern Aerzte Ost-Sudahn's nichts Bestimmtes darüber mitzutheilen im Stande sind. Heftiger Kopfschmerz und trockne, glühende Haut gehen dem Delirium und ruhrartigem Erbrechen voraus, fürchterliche Krämpfe enden oft schon am dritten Tage der Krankheit das Leben. Die perniciösen Fieber treten gegen das Ende der Regenzeit auf, nehmen zuweilen den Charakter einer Seuche an und dezimiren die Bevölkerung eines von ihnen ergriffenen Orts. Ihre lebcnszcrstörende Wirkung soll sich vorzugsweise in den Verdauungsorganen aussprechcn. Gewöhnlich ist ärztliche Hülfe vergebens; die sicherste Anzeige des tödtlichen Ausgangs der Krankheit ist nach Dr. Penney's Beobachtungen das Anschwellen der Hals- oder Achseldrüsen. Man schreibt ihr Entstehen den schädlichen Ausdünstungen des durch die Sonne Central- Afrika's monatelang durchglühten und Plötzlich stark befeuchteten Erdbodens zu, ob mit Recht oder Unrecht, wage ich nicht zu entscheiden. Außer den genannten Krankheiten kommt, wenn auch sehr selten, die Cholera im Sudahn vor. Die Sudahnesen und Araber nennen sie „Häuä «l äsfLr", d. h. die gelbe Luft, und fürchten sie ungcmein. Die Dissenterie tritt nicht so häufig, als in 222 Egppten, aber viel rapider aus und endet fast immer mit dem Tode; der Sonnenstich wird ebenfalls nur selten beobachtet, ist aber viel gefährlicher als in Egppten. Es kommt vor, daß vollkommen gesunde Menschen über Kopfschmerzen klagen, nach wenigen Minuten bewußtlos zusammenbrechen und unter anhaltenden Blut- stürzen verscheiden. Die Lustseuche soll durch türkische Soldaten nach dem Sudahn gebracht worden sein. Bei der Unwissenheit der Heilkundigen des Volks und dessen eigener Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegen alles ihm offenbar Schädliche nimmt sie leider einst einen sehr bösartigen Charakter an und wird der Untergang Vieler. Sehr selten sieht man unter den Sudahnescn einen Lahmen; nie einen Ausgewachsenen. Alle Krankheiten und Uebelstände des Körpers, welche durch das verfeinerte Leben civilisirtcr Nationen entstehen, fehlen im Sudahn. Der Mensch gleicht in jenem Lande auch in körperlicher Hinsicht den übrigen Säugethiercn in höherem Grade, als der auf Unkosten des Körpers geistig verfeinerte Europäer. Das Kind wächst wie ein Thier auf; ungewohnt an sorgsame Pflege und Wartung, kriecht es in wenig Monaten im Sande herum und lernt seine Glieder viel eher gebrauchen, als ein Kind europäischer Eltern. Wie dem Thiere, sind ihnen viele Krankheiten, welche unsere Kleinen dem Grabe zuführen, fremd; der Mensch wird im ungestörtesten Besitz seiner Gesundheit groß: wird er aber von einer Krankheit überfallen, dann theilt er auch die Hinfälligkeit eines kranken Thieres. Er unterliegt einer Krankheit, welche der Europäer leicht übersteht. Man kann dasselbe Verhältniß auch dann noch beobachten, wenn ein Sudahnese erheblich verwundet wurde. Wie bei dem Thiere zeigt sich bei ihm die Heilkraft der Natur viel stärker, als bei dem Europäer. Ohne geschickte ärztliche Behandlung verharr- schen tiefe Wunden der Eingebornen schnell und gut. Nur will man beobachtet haben, daß die Regenzeit die Heilung einer Wunde verzögert und dieselbe oft gefährlich macht. Diese Meinung ist ebensowohl unter den Europäern, als unter dem Volke verbreitet. Ein Mann, welcher sich mit der Art am Fuße verletzt hatte, kam zu mir, um mich um Heilpflaster zu bitten. Er hoffte sehnlichst auf das bevorstehende Ende des Charief, weil, wie er sagte, seine Wunde dann bald heilen würde. Während des „Seif" oder Sommers ist die Zahl und die Heftigkeit der Krankheiten geringer, aber immer nur verhältnißmä- ßig geringer als zur Regenzeit. Das Klima Charthum's oder Ost- Sudahn's ist auch, als Ganzes betrachtet, im höchsten Grade gefährlich; Egypten ist im Vergleich mit Sudahn, trotz seiner Pest, Cholera, Ophthalmic und Dissenterie, nicht bloß ein gesundes Land, sondern ein Paradies. Die Regierung hat zwar ihr Möglichstes gethan, um den Erkrankten Hülfe zu schaffen; sie setzte Aerzte und Apotheker in Charthum ein und errichtete das Hospital: — es ist nicht einmal für Charthum genug. Der „Nöäioia en ellsk", vr. Penney, hat das Hospital, wie erwähnt, aus einer Mördergrube in ein Krankenhaus umgewandelt; jeder Einge- borne und Unterthan der türkischen Regierung ist berechtigt, die Hülfe des Arztes und die Heilmittel des Apothekers unentgeltich zu beanspruchen: es geschieht damit noch immer nicht genug. Nur zu schnell nimmt der Europäer Charthum's die Gewohnheiten und das Phlegma des Türken an, der Arzt begnügt sich mit einem einmaligen Besuche des Hospitals und steht, von Haus aus nicht viel wissend, oft genug am Bette des Kranken rath- und thatlos. In den übrigen Städten Sudahn's sind gar keine oder nur arabische Aerzte angestellt. Dann sind die Kranken vollständig ihrem Schicksale überlassen; der Arzt hilft ihnen nicht, — er beschleunigt vielleicht eher ihren Untergang. Zum Schlüsse dieses Abschnittes muß ich noch des wahnwitzigen Gedankens eines, mit den Verhältnissen des Sudahn nur durch die Erzählungen Anderer Vertrauten, gedenken, welcher in einem Schriftchen *) deutsche Auswanderer zur Kolonisation im Sudahn *) Central - Afrika, ein neuer und wichtiger Aniiedelungspunkt für deutsche Colonisten, von vr. Ungar. Stuttgart, 1650. 224 auffordert. Eigentlich hat die Flugschrift im Vorstehenden schon ihre Entgegnung gefunden: Jedermann wird sich wohlweislich hüten, ein Land zu seinem Wohnsitze zu wählen, dessen mörderisches Klima achtzig Prozent seiner Mitbrüder zum Opfer fordert; aber doch könnte sich mancher Waghals bewogen finden, des Geldgewinns wegen sein Leben in die Schanze zu schlagen. Und Diesem soll gesagt sein, daß die vom Verfasser jener, nur einen Wust von Lügen enthaltenden Schrift in Aussicht gestellten Vortheile zum größten Theile reine Illusionen sind. Der Kolonist oder Kaufmann muß, ehe er seine Waare verwerthen kann, erst fast dreihundert deutsche Meilen durchreisen. Dies Eine genügt, um die überspanntesten Hoffnungen zu nichte zu machen. Charthum kann nie der feste Wohnsitz, wohl aber eine Station der Europäer werden, von wo aus Kaufleute — deren Gewinn jedoch in Kurzem zu den Beschwerden und Strapatzen der Reise in gar keinem Verhältniß mehr stehen wird — und Forscher ihre weiteren Reisen in's Innere antreten. Die Geistlichen der Mission kauften sich ein großes Haus mit einem schönen Garten, bauten das eine, bepflanzten den anderen und betrachten das Besttzthum jetzt als einen Stationspunkt. Von hier aus beginnen sie ihre Bekehrungsreisen nach dem weißen Flusse und hierher ziehen sie sich nöthigen Falls zurück. Jeder Reisende, welcher tief in's Innere Afrikas eindringen will, thut wohl, wenn er diesem Beispiele folgt. Charthum ist der letzte Pulsschlag der Civilisation und die letzte Stadt, in welcher er, wenn auch zu hohen Preisen, das ihm unumgänglich Nothwendige kaufen kann. Von hier an hört der Handel mit europäischen Erzeugnissen auf; der Tauschhandel beginnt; kein Basar mehr öffnet seine waarenbcrgenden Hallen. Nur Durrahkörner, Elfenbein und Sklaven, Gummi und andere Pflanzenstoffe sind noch feil; jetzt erst beginnen die Reisen der Entbehrungen und Entsagungen. Südlich Charthum's kann der Europäer nicht mehr als civilisirter Reisender: er muß als Halbwilder die Steppen und Wälder durchziehe». F-remdenleben in Charthum. „Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wiederseh'n! Das wüthende Thier ist ein besserer Anblick. Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regiere»! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind, Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb." Hart an der Grenze der osmanischen Besitzungen in Central- Afrika finden wir noch einmal eine Vereinigung der Repräsentanten verschiedener Nationen, wie wir sie in den Hauptstädten dieses ausgedehnten, sich über drei Erdtheile erstreckenden Reiches beobachtet haben. Charthum, die südlichst gelegene Stadt von Bedeutung der unter türkischem Scepter stehenden Länder, verleugnet ihr türkisches Gepräge nicht. Die Bekenner dreier Religionen leben hier eben so friedlich neben einander, als jetzt — früher freilich nicht — in der übrigen Türkei. Ja, gerade im fernen Sudahn fallen die Schranken, welche sie überall trennen, mehr und mehr. Hier sieht der Christ nicht, wie in Egypten oder Syrien, verachtungsvoll auf den Türken herab oder umgekehrt, denn Beide fühlen es, daß sie so recht eigentlich in der Fremde leben, wo ein Mensch des andern mehr als irgendwo bedarf. Hier unterscheidet Beide nur noch die Sprache; die Sitten sind die der stärksten Partei. Sie sind sogar geneigt, dem sonst tief verachteten Egyptcr eine fast gleiche Stellung neben sich einzuräumen; nur die im Lande Gebornen bleiben von ihrem Verein ausgeschlossen. Die Europäer, Türken und Egypter sind die Fremden, von deren Leben und Treiben ich jetzt sprechen will; die andern Fremden im Sudahn, als die Abyssinier, Araber, Nubier und die verschiedenen Ncgerstämme, unterscheiden sich wenig oder nicht 15 226 von den Sudahnesen, deren Sitten und Gebräuche sie, seitdem sie im Lande heimisch geworden sind, angenommen haben. Ich beginne mit unseren Landsleutcn. Es ist nicht der engherzige Begriff, den wir in Deutschland mit dem Worte Landsmann zu verbinden gewohnt sind, welchen ich hier angewendet wissen will. Schon in Egyptcn erweitern sich die Grenzen des Vaterlandes in jenem engen Sinne, schon in Egyptcn ist der Deutsche froh, wenn er den Deutschen fand und fragt nicht, ob sein Landsmann dem Süden oder Norden, den Ostseeprovinzen oder Rheinländern angehört. Nun komme man erst nach Charthum! Da bedarf es weder eines Empfehlungsschreibens noch einer längeren Bekanntschaft, um in den Kreis der dort lebenden Europäer einzutreten; die Worte: „Meine Herrn, ich bin ein Europäer," genügen, wenn sie in einer Sprache gesagt werden, welche Einer der Anwesenden versteht, den Neuangekommenen in jedes europäische Haus zu führen. Die Umgangssprachen der Europäer in Charthum sind Französisch und Italienisch; wer nur einige Worte einer dieser Sprachen sprechen kann, ist als Landsmann beglaubigt. Erst nach längerer Unterhaltung wird gefragt: „Mein Herr, welcher Nation gehören Sie an?" Die Europäer Charthum's bilden gezwungen gleichsam eine große Familie. Fast jeden Abend kommen sie irgendwo zusammen, um sich zu unterhalten, Tabak zu rauchen und Branntwein zu trinken. Alle Monat« gelangt ein Heft französischer Zeitungen in ihren Besitz. Dieses wird von Einem nach dem Andern aufmerksam und sorgfältig gelesen, um immer von den Hergängen im Vaterlande unterrichtet zu sein. Das giebt dann Stoff zur Unterhaltung für viele Abende. Es bilden sich dabei aber auch Parteien, vorzüglich unter den Franzosen. Die Einen huldigen der Monarchie, die Anderen der Republik. Heftige Streitigkeiten werden in Charthum ausgefochten, wichtige Zeitftagen dort erledigt. Man vertritt die ganze Nation. Der Branntwein^ kreist in der Mitte der Streitenden und erhitzt die Gemüther. Die früher nur politisch Entzweiten stellen sich jetzt auch in anderer Hinsicht einander feindlich gegenüber. Der Vertreter der Republik muß hören, daß der Royalist jetzt allen den Schimpf und alle die Schmähungen, welche dem Wesen der Republik galten, auf sein eignes Haupt schleudert. Der Streit droht ernsthaft zu werden. Da springt vr. Penney vom Diwahn auf, ergreift die Flasche mit dem begeisternden Getränk, schüttet Etwas davon in eine breite Trinkschale, vermischt es mit frischem Wasser, tritt zu den heftig Erregten und spricht begütigend : „Nais, Nesslsurs, lalsssL «laue la politigue; allons, bu- ver!" Man gehorcht den Ermahnungen, wird ruhiger, versöhnt sich, lacht, scherzt und geht schließlich mit schwerem Haupte heim. vr. Penney ist der Friedcnsengcl der in Charthum wohnenden Europäer; er ist nächst den Geistlichen der Mission und dem österreichischen Konsul der einzige Franke, vor welchem man Achtung haben muß. Er ist ein Franzose, in dem wir alle Borzüge seiner Nation vereinigt finden, ohne sie von den Lastern derselben verdunkelt zu sehen. Dr. Penney ist patriarchalisch in seiner Gastfreundschaft, liebenswürdig in seinem Umgänge, freundlich gegen Jedermann. Von ihm ist noch keiner seiner Landsleute beleidigt worden; ich glaube aber nicht, daß in Charthum ein Europäer wohnt, welchem Penney nicht schon eine Beleidigung verziehen hätte. Penney hat im Sudahn keinen Feind. Dieser Mann ist es, welcher die übrigen, ihm leider nicht ähnlichen Europäer in seinem gastlichen Hause, das wir scherzhafter Weise das „Hotel cku 6artouin" nannten, vereinigt. Das Haus liegt mitten in der Stadt und bietet alle Annehmlichkeiten einer Charthumer Wohnung. Man sitzt unter der luftigen Vorhalle und hört in dem nahen Garten das eintönige Kreischen des Schöpfradcs. Die nicht gerade unmelodischen Klänge erwecken andere im Herzen der Gesellschaft. Man beschließt den Abend — nehmen wir an, es sei einer jener luftigen und frischen der Regenzeit, welcher den Blüthenduft der Mimosen selbst vom andern Ufer herüberführt — den Musen zu widmen. Der Hausherr spielt die Guitarre. „^.Ilons enkants cke la patrie" ertönt von den Saiten. Alle singen die Marseillaise: Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen oder was sonst für Europäer gerade in Charthum anwesend sind. Volla, Nessieurs, uns belle ebanson ele LeranZer: „Nes 228 ^ jours sont conckrunno8 etc." Man schweigt, man ist begeistert, ob von dem Liede, ob von dem Branntwein, — gleichviel! Dann wird große Oper gehalten, d. h. Jeder singt, was er gerade weiß. Die Kritik verstummt; der Sänger braucht nicht Künstler zu sein, er soll nur singen. Die Barkarole aus der Stummen wurde von dem vereinigten Männerchore mit Gnitarrenbc- glcitung in drei Sprachen zugleich vorgetragen; es ist die Frage, ob sie auf der ersten Bühne Europa'S eine größere Begeisterung erweckt hat, als es in Charthum stets der Fall war, wenn wir sie sangen in einer jener tropischen, schönen Nächte. Diesen Abenduntcrhaltungen habe ich immer sehr gern beigewohnt. Der Ernst des Lebens tritt dem Wanderer im Innern Afrika's auf seinen beschwerlichen Reisen so streng entgegen, daß es der Poesie bedarf, um dem durch Entbehrungen aller Art, durch Krankheit und Allcinstehcn niedergedrückten Geist eine Spannkraft zu verleihen, welche alles das Schwere und Ungewohnte ertragen helfen muß. Es ist ein eigenes Gefühl, so entfernt zu stehen aller heimischen Sitte und Gewohnheit, es ist eine schwere Aufgabe, den traulichen Klang der heimathlichen Sprache zu entbehren, allen heimischen Genüssen des Geistes und Körpers zu entsagen. Und wenn dann eine vaterländische Melodie ertönt, sie hallt wohlthuend im Innern wieder. Wie manchmal, wenn der Reisende sein Lager in der Wüste aufschlägt, wenn jene Ruhe, jene feierliche, dem Geist zu den mannigfaltigsten Gedanken unbegrenzten Spielraum lassende Stille eintritt, wie manchmal entschlüpfen dann den Lippen heimathliche Lieder! Und die Phantasie, die freundliche, geschäftige ist dann bemüht, dem durch die von ihm selbst gesungenen Lieder Beruhigten und Erquickten auch der Lieder Bilder aufzurollen. Wenn ich so ganz allein, mit einem Gefährten deutsche Min- nelieder sang, dann trat das Bild der Minne vor uns hin, das liebliche, bezaubernde Bild, an dem das geistige Auge mit stillem Genusse haftete. Mochte es auch verbleichen vor dem grellen Lichte der Wirklichkeit, uns blieb die Befriedigung, es hervorgerufen zu haben. Erst in der Ferne, in der weiten Fremde würdigt man die Poesie, erst da empfindet man ihre ganze Kraft. Wer unsrer Dichter Gesänge ganz verstehen will, muß sie in der tiefsten Einsamkeit, muß sie da lesen, wo er sie Niemanden anders, nur seinem eignen Selbst mittheilen kann. Dann wird sich ihre Wirkung und ihr Werth immer mehr steigern. Wir hängen viel zu sehr m dem von Kindheit auf Gewohnten, als daß wir Alles, Alles mit einem Male von uns werfen könnten; und glauben wir uns einmal wirklich ganz befreit von aller Sehnsucht nach der Heimath, ein Wort der Muttersprache führt uns gewaltsam zurück in die Regionen der Kindheit. Uns Deutschen in Charthum wäre der schlechteste Roman ein Genuß gewesen. Wir lasen bedruckte Papierstück- chen mit Interesse zu wiederholten Malen. Nicht der Werth dessen, was wir lasen, war es, was uns fesselte; es war nur die Erinnerung air die Heimath. Sie läßt sich nicht verdrängen. Das Heimweh beschleicht oft den stärksten Geist und kehrt, wenn auch manchmal mit Glück bekämpft, doch immer und nur stärker wieder. So lange uns noch gewohnte Gestalten umgeben, hat es vielleicht keine Macht über uns, aber wenn wir allein stehen, dann malt eS uns das Bedürfniß der heimischen Sprache und Gewohnheit in immer süßer, reizender werdenden Bildern aus, daß es uns damit zuletzt doch besiegt. Die Erinnerung an die Heimath ist das Band, welches die Europäer Charthum's vereinigt. So viele einander widersprechende, meist verderbte Charaktere würden sich nirgends im Vater- lande anziehen. Nur die Allmacht der heimischen Sprache, Sitte und Gewohnheit zwingt sie, in ziemlicher Eintracht zusammenzuleben. Deshalb kehrt ihre Unterhaltung auch immer wieder zum Vaterlande oder zum Vaterländischen zurück. Und diese Stunden sind die einzigen, in denen uns der Franke des Sudahn gefällt. Der Europäer Charthum's erscheint dem Neuangekommenen als ein höchst liebenswürdiger Mensch. Er macht ihm die glänzendsten, freundlichsten Anerbietungen, ist gastfrei und zuvorkommend, — aber bald bemerkt man, daß das, was ihn leitete, nur berechnender Egoismus war. Die fröhliche Abendgesellschaft ist bei Tage nicht wieder zu erkennen. Wenn wir einen tieferen Blick in 23 « das Innere eines europäischen Hauses werfen, lernen wir den Europäer erst beurtheilen. Wir sehen die innere Zerrissenheit des uns so fest scheinenden Verbandes, wir entdecken die Gesetzlosigkeit, in welcher er lebt, wir bemerken, daß er der Abschaum seiner Nation ist; wir werden mit Entsetzen gewahr, daß die ganze europäische Gesellschaft fast ohne Ausnahme aus Schurken, Betrügern, Gaunern, Mördern zusammengesetzt ist. Man wird mir diese harten Worte nicht glauben wollen, weil jetzt ein europäischer Konsul in Charthum Gericht hält und der Anarchie, in welcher die Franken lebten, mit aller Kraft zu steuern versucht; — wohl, das geschieht jetzt, aber — man muß, um meinen Worten unbedingten Glauben zu schenken, in einer ihrer Abendgesellschaften gewesen sein, wenn der übermäßig genossene Branntwein ihrer Zunge Band gelöst und sie ihrer Klugheit vergessen gemacht hat. Dann hört man, wie sie sich ihre Schandthaten gegenseitig vorwerfen; dann erfährt man, daß der Apotheker Lumello mit Hülfe eines französischen Arztes mehrere Personen vergiftete, daß der Sardinier Rollet einen Sklaven so schlagen ließ, daß der Unglückliche seinen Geist aufgab; daß der erst vor Kurzem vor den Thron eines höheren Richters gerufene Nikola Ulivi neben unzähligen Betrügereien, Diebereien und einer offenkundigen Mordthat seine eigene, leibliche Tochter so lange quälte, bis diese verzweifelnd in den türkischen Gcrichtssaal ging, um gegen einen Vater, welcher der Tochter Gewalt anthun wollte, Schutz zu suchen; dann erzählen sie, ohne nur daran zu denken, daß sie ihre Verbrechen mittheilen, wie viele Sklavinnen sie schon überdrüssig bekommen, wie oft Einer oder der Andere von ihnen glücklicher Vater in „seinem Harehm, in welchem sich vier bis fünf bildschöne Abyssinierinnen befinden," geworden ist, wie Einer diese oder jene Sklavin verkaufte, wenn sie ihm vielleicht auch schon ein Kind gebar u. d. m. Der Sklavenhandel ist in ihren Augen ein ganz unschuldiges Gewerbe. Es ist eine Schmach des europäischen Namens, den sie führen, daß sie die von ihren Regierungen lange vergeblich be- 231 kämpften türkischen Mißbrauche ohne Bedenken annehmen. Die Vielweiberei und der Sklavenhandel finden in Charthum lebhafte Vertheidiger; das Rechtsgefühl der Europäer des Ost-Sudahn ist so tief gesunken, daß es darin keinen Anstoß nimmt. Was ihren Begierden zusagt, was ihren Wünschen schmeichelt, erscheint ihnen recht und billig. Nikola Ulivi, welcher in der Ausübung aller Laster immer voranging, soll im Sklavenhandel doch noch von einem Franzosen, Vessieur, übertreffen worden sein. Dieser trieb das einträgliche Geschäft im Großen, spedirte unter französischer Flagge ganze Schiffsladungen „der Waare" nach Kairo und — bewarb sich später um die Stelle eines französischen Kon- sularagentcn für Central-Afrika. Man will die Beobachtung gemacht Habens daß die Sklaven bessere und zuverlässigere Diener seien, al^die freien Leute und versucht damit den abscheulichen Mcnschesshandcl^w'cntschuldigen; man behauptet sogar, daß man ig^S udahn^-gfzwungen sei, Sklaven zu halten, weil die eigenHumlicheipLändesverhältniffe unmittelbar dazu führten: Beides-ist ungegründet. Ich habe stets nur freie Leute in meinen Diensten gehabt und bin mit ihren Leistungen und Eigenschaften stets zufriedener gewesen, als die anderen charthumer Landsleutc mit denew ihrer Sklaven. Und wenn die Entschuldigungsgründe wirklich wahr wären und den Einkauf von Sklaven rechtfertigten, den Verkauf derselben können sie nicht vertheidigend ^ch könnte aus der (von uns „das große Buch" genannte«) Okronigus seanäalvusö Charthum's noch viele Blätter aufschlagen und meine Leser einige Blicke dahinein thun lassen, aber ich glaube, daß das Wenige, was ich bereits mitgetheilt habe, genügen wird. Auch wollen wir lieber unsere Blicke auf die jetzigen Verhältnisse, welche ein östreichischer Konsul regelt, werfen und es mit Dank anerkennen, daß jetzt der vormaligen Anarchie durch Machthaber gesteuert wird. Dem Deutschen muß es erfreulich sein, daß eine deutsche Regierung das erste Konsulat in Charthum errichtete. Die rechtlichen Europäer ziehen sich von der übrigen Gauner« t 232 bände möglichst zurück. Ganz isoliren kann man sich leider nicht. Die alte Gewohnheit ist zu mächtig und reißt Einen doch wieder in ihre Mitte. Selbst die Geistlichen der Mission, welche in ihrem eigenen Hause ganz eingezogen lebten, mischten sich zuweilen unter den wilden Kreis ihrer Beichtkinder. Wir Deutschen bildeten, wenn wir auch nicht zahlreich waren, immer eine eigene Gesellschaft. Die Andern gingen ihren mannigfaltigen Geschäften nach. Einige sind Kaufleute, Andere Angestellte der Regierung. Diese thun Wenig oder Nichts, lassen ihre Arbeiten von ihren Untergebenen besorgen und leben in Saus und Braus, für Jene arbeiten ihre Sklaven; nur bisweilen machen sie eine Handelsreise in's Innere oder nach Kairo. Rollet besuchte mehrere Male den oberen Bahhr el abiadt und trieb dort Tauschgeschäfte mit den Negern; Nikola Ulivi handelte zumeist mit Kordofahn und als Großhändler mit den kleineren Kaufleuten Charthum's; die Geistlichen lasen Sonntags die Messe in ihrer kleinen Kapelle und unterrichteten in den Wochentagen die christliche Jugend; noch Andere hatten kein eigentliches Gewerbe und lebten doch. Ich will das Bild eines dieser gcwcrbelosen Landsleute zu zeichnen versuchen und thue dies um so lieber, als Contariny, der Gegenstand meiner Schilderung, ein ziemlich harmloser, zwar grenzenlos leichtsinniger, aber gutmüthiger, nicht lasterhafter Mensch und dabei eine Persönlichkeit Charthum's ist. Contariny wurde auf einer griechischen Insel von französischen Eltern geboren, besitzt poiirt ä'konnsur, „amour clo sa pu- tris" — worunter er Frankreich versteht — und spricht sieben Sprachen. Er begann seine Laufbahn als Schiffsjunge auf einem Kriegsschiffe, desertirte aber von diesem „wegen der erbärmlichen Prügel, die ihm überreichlich zugemessen wurden," als es sich gerade in Konstantinopcl befand, und versuchte sich als Kaufmann. Es gelang ihm nicht so schnell, reich zu werden, als er gedacht hatte, deshalb nahm er als Dollmetschcr Dienste und gelangte als solcher, nachdem er sich in aller Herren Länder herumgetrieben hatte, nach Charthum. Hier lebt er seit geraumer Zeit als Branntweindestilla- tcur. Sein Geschäft wirft ihm aber so wenig ab, daß er sich als 233 kin Mensch, welcher alles Das weiß, was Europäer, Türken, Griechen, Araber und Sudahnesen intercsfiren kann, durch Schmarotzen ernähren muß. Er ist der erste Europäer, welcher den neu ankommenden Landsmann begrüßt, sucht sich mit meisterhafter Gewandtheit die Freundschaft eines Jeden zu erhalten und übernimmt alle Aufträge. Dem zu Folge erscheint er bald als Unterhändler, Mäkler und Trödler, bald als Dollmetschcr, Spasmacher, Neuig- kcitskrämer rc. Kein Mensch begreift, wovon Contariny mit zwei Sklavinnen und deren Kindern — letztere liebt er zärtlich, obgleich das eine ihm von einer sehr häßlichen Negerin geboren wurde, weshalb er auch seine Vaterschaft bisweilen zuzugestehen verweigert — erhalten kann, und dennoch lebt er sorglos in den Tag hinein. In seiner dürftigen Behausung ist er sehr gastfrei, beansprucht aber auch die Gastfreundschaft und speciell den Branntwein Anderer mit großer Freiheit. Seine Bekanntschaft mit allen interessanten Leuten Charthum's kommt ihm trefflich zu statten, sich in jedes Haus einzuschmuggeln und in der Gunst des Hausherrn zu erhalten. Nach jedem neuen Ereignisse ist er unermüdlich beschäftigt, die Neuigkeit möglichst schnell zu verbreiten, und nicht fähig, irgendwo zu verweilen, bis er allerorts sein Herz erleichtert hat. Von den Orten und Ländern, welche er auf seinen Reisen berührte, will ich nur folgende nennen: Konstantinopel, Trieft, Athen und alle übrigen Städte des griechischen Fest- und Jnscllan- des, Toulon, Marseille, Smyrna, Beiruth, ganz Egypten, Arabien, Jemen, Kordofahn und Abysstnien. In letzterem Lande soll es ihm am Schlimmsten ergangen sein. Er machte, auf einem Ochsen reitend, von Allem entblößt, eine dreimonatliche Reise und gelangte mit seinem Reitthiere bis in die Nähe der Stadt SaüL- kim am rothen Meere. Dort brach das entkräftete Thier unter ihm zusammen. Contariny besaß außer seiner Ferdah Nichts und konnte seine Reise nicht fortsetzen. Aber der Gouverneur von Sauakim gewann den drolligen Kauz lieb, kleidete ihn, versah ihn mit Reisegeld und schickte ihn nach Jemen, von wo er nach verschiedenen Abenteuern wieder nach Kairo kam. Seine Erlebnisse sind so mannigfaltig, daß eine Erzählung derselben ein eigenes 5 234 Werk erfordern würde. Und gewiß, es gehören auch die verschiedenartigsten Lebensvcrhältnisse dazu, ehe ein Mensch den fortwährenden Aufenthalt in Charthum für den angenehmsten erklären kann. » Contariny's gute Kenntnisse verdienten ein besseres Loos, doch glaube ich nicht, daß er ein solches verlangt; das höchste Ziel seiner Wünsche überstieg nie den einstigen Besitz von zweihundert Thalern unseres Geldes. — In Hinsicht auf Kleidung, Essen und Trinken leben die Europäer ganz auf dem Fuße der Türken. Nur sind sie weit ausschweifender als die Letzteren, welche auch in Charthum noch immer Zucht und Sitte vor Augen haben. Die Vielweiberei, welcher jene treulosen Bekennn des Christenthums ohne Ansnahme huldigen, hat bezüglich der Frauen auch das Absperrungssystem der Türken bei ihnen in Aufnahme gebracht. Nikola's schöne Sklavinnen blieben dem Auge der übrigen Europäer ebenso unzugänglich, als die Schönheiten eines türkischen Harehms. Selbst die Tochter Ulivi's, die blasse, mondcnscheinige Genoveva, welche ich später in Kairo sah, durfte das Fraucngemach ihres Vaters nicht verlassen. Ueberhaupt haben die Europäer viele türkische Gebräuche und — es läßt sich nicht verkennen — darunter auch einige gute angenommen. Aber dafür haben sie so vielen Tugenden ihrer Landsleute entsagt, daß sie sich nicht gebessert haben. Sie sind ihrem Vaterlande verloren, sie handeln nie für etwas Gemeinnütziges, nur für ihr eigenes Interesse. Von ihnen ist keine wissenschaftliche Beobachtung zu erwarten; ihr Streben geht dahin, sich ihren Unterhalt zu sichern und sich das Leben so angenehm als möglich zu machen. Edle Genüsse kennen sie nicht mehr, deshalb berauschen sie sich in gemeinen. Wenn wir bei ihnen wirklich einmal Sinn für etwas Erhabenes finden, dann müssen wir ihn als den letzten Hauch des von ihrer Heimath mitgenommenen besseren Lebens ansehen. Ihr Leben in Charthum ist das eines aus allen Banden der Geselligkeit, Freundschaft und Liebe herausgerissenen Menschen; ^ es ist grenzenlos elend! Wohl mögen sie das manchmal fühlen, wohl mögen sie sich manchmal zurücksehnen in die blühenden Lande der Heimath, — sie sind unauflöslich an ihre jetzige Eri- 235 7 stenz gekettet. Im Vaterlande würden sie, die aller heimischen Sitten Entwöhnten, sich auch nicht mehr wohl befinden. Und » darum bleiben sie in der freudlosen Fremde und leben ihre Tage dahin. Und wenn dann das Fieber Einen von ihnen überwältigt, dann verscharren ihn die Uebrigen im Sand der Steppe und wenden sich nach seiner Wohnung, um sich dort bei klingenden Gläsern in seine Habe zu theilen *). Kein Freund betrauert den Todten, keine Thräne fließt um ihn. Der, welcher lebend keine Achtung verdiente und besaß, erwirbt sie sich auch nach seinem Tode nicht. Sein Name ist nach wenig Jahren verschollen. Das ist das Leben der Europäer in Charthum! Der Grieche des innern Afrika ist nicht schlechter als es seine Landsleute überall sind, d. h. er lügt, betrügt, stiehlt und mordet, wenn es keinen großensLärm macht, dort ebenso gut, als er es in Konstantinopel, Smyrna oder Kairo thut. Die gute Polizei Ale- randriens und Kairo's hat den früher durch die Griechen und Malteser häufig verübten Mordthaten jetzt Einhalt gethan. Der Grieche ist im Sudahn Kaufmann und daher mag es wohl kommen, daß er dort seltner mit dem Dolche in der Faust einem Feinde nachschleicht, denn Handel und Mord vereinigen sich nicht gut. Aber Lug, Betrug und Diebstahl stehen ihm auch im Sudahn immer zu Gebote, um seinem Feinde zu schaden und diese Laster sind ihm nie fremd geblieben. Ein in Egypten gebräuchliches Sprichwort sagt: Zwei Juden wiegen an Verschmitztheit erst einen Araber auf, zwei Araber sind nicht so schlecht als ein Malteser, um aber die Schlechtigkeit eines einzigen Griechen zu vergleichen, muß man sich eine Vereinigung von wenigstens drei Maltesern denken. Ihnen ähneln die Kopten in mancher Hinsicht. Diese finden wir auch im Sudahn in denselben Verhältnisse» wie in Egypten. *) Ob das jetzt, seitdem ein Konsul in Charthum lebt, noch geschieht, weiß ich nicht; früher war es immer der Fall, Sie sind Schreiber und Rechnuiigsführcr der Beamteten, betrügen diese, wo sie nur können und bedrücken ihre Untergebenen, wie in Egypten auch. Das vorstehend gezeichnete Bild aller im Sudahn lebenden Christen ist kein erfreuliches. Wenden wir uns deshalb von ihm ab und blicken wir auf das Leben der nach Charthum eingewanderten Mahammedancr. Die Türken Ost-Sudahn's haben wir bereits als die Beklei- der der höchsten Ehrenstellen kennen gelernt. Andere in Chartbum lebende Osmanen sind Kaufleute, wieder andere befinden sich hier in der Verbannung, weil Aabahs-Pascha Alle, die ihm lästig wurden, nach Charthum oder in die Goldbergwcrke von Khassahn in das Eril sandte. Wie in Egypten sind die hier unter dem Namen Türken bekannten Kaukasier keineswegs allein aus Konstanti- nopcl, der europäischen oder asiatischen Türkei abstammende Mahammedancr, sondern vielmehr ein Gemisch verschiedener, dem Js- lahm ergebener, weißer Nationen, welche sich, nachdem sie ihre Heimath verlassen, längere Zeit in der Türkei aufhielten und die Gebräuche des letzteren Landes annahmen. Demnach finden wir unter ihnen Circassier, Georgier, Kurden und Griechen, Bosnier, Wallachen und andere Slaven, welche Renegaten wurden. Blos die Perser werden von allen diesen Nationen scharf getrennt und unterschieden. In den meisten Fällen wurden die Türken von der egyptischcn Regierung nach dem Sudahn gesendet, um hier irgend ein Amt zu verwalten. Nur die Kaufleute zog Gewinnsucht hierher. Das Charakteristische des türkischen Lebens ist im Sudahn wenig ausgeprägt, weshalb ich jetzt nur von der hier mehr als irgendwo hervortretenden Gastfreundschaft sprechen will. Hier, im tiefen Innern, wo der Türke vereinzelt dasteht, führt er ein ächt patriarchalisches Leben. Ein Kahschcf oder Kaimakahn lebt oft das ganze Jahr hindurch einsam und allein in einem, vielleicht rings vom Urwalde umgebenen oder inmitten der Steppe gelegenen Dorfe. Seine wenigen Bedienten genügen zuletzt nicht mehr, ihm Unter- 237 Haltung zu gewähren, er sehnt sich nach Gesellschaft. Deshalb ist sein Freude, wenn ein Fremder unter sein Dach eintritt, aufrichtiger, ^ als es inr Gcwühle einer belebten Stadt zu erwarten sein möchte. Er übt mit wahrem Vergnügen alle Pflichten der „Thiahfa" und sucht die Abreise seines Gastes durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern oder wenigstens zu verschieben. Auf jede Weise ist er bemüht, den Gast zu fesseln; er läßt auftragen, was die Küche liefern kann, weiß dem Fremden jeden Wunsch an den Augen abzusehen und entläßt ihn mit Bedauern. Der Reisende kommt mit seinem Reitkamclc vor dem Hause eines Türken an, legt das Thier nieder, springt aus dem Sattel und tritt in das Empfangszimmer des Hausherrn. „Ll salalrm rmIeLuin!" — Friede sei mit Euch! — spricht er und geht auf den Diwahn zu. Der Gastgeber erhebt sich und antwortet: lrum ei salakm, uu racllmet lillalri vu baraktu oder rvarakak- tu!" — Mit Euch sei das Heil und die Gnade Gottes und sein Segen! *) — „iVIarkabakblrum!" — Seid mir willkommen! — Diese > wenigen Worte genügen dem Wirth, seinen Gast (er sei nur kein gemeiner Fellah oder Sudahnesc, sonst aber wer er will) aller Rechte der Gastfreundschaft theilhaftig zu machen und versichern den Gast des freundschaftlichen Empfangs. Gelangt man zu Schiffe oder zu Kamele in eine kleine Stadt, dann erscheinen sehr bald nach der Ankunft des Fremden die türkischen Beamteten des Fleckens, um ihn zu bewillkommnen. Bisweilen fallen diese Besuche zur Last, man kann ihnen aber nicht entgehen. Die etwa mit in's Spiel kommende Ncugierde, einen Fremden kennen zu lernen, ist den Einsiedlern nicht zu verdenken. Der das ganze Jahr auf denselben Umgang beschränkte Türke sehnt « jede Abwechselung seines langweiligen Aufenthaltes herbei. Er kommt auf die Barke, trinkt seinen Kasse, ist sehr artig und bittet den Fremden schließlich um Gegenbesuch. Man nimmt die Einla- *) Das ist der Gruß, welchen der Prophet den schönsten nenne. „Denn Dem, welcher Gutes thut oder wünscht, soll man das Empfangene zwei- fältig zurückgeben." 238 düng ebenfalls der Abwechselung wegen gern an, raucht einige Pfeifen bei dem neuen Bekannten, erfährt nebenbei so Manches über den Ort und kehrt befriedigt zu seinem Lager oder Schiffe zurück. Ich sage „befriedigt", denn was will, was erhält man mehr? Wie angenehm die schöne Sitte der Türken, den Fremdesten freundschaftlich aufzunehmen, kurz die Gastfreundschaft dem Reisenden in einem Lande ohne Wirthshäuser ist, brauche ich wohl nicht aus einander zu setzen. Noch bei seinem Weggange empfängt er Beweise derselben. Der Gastfreund läßt seinen Gast nicht ziehen, ohne ihm noch ein Schaf, Brod oder sonstige Provisionen „für die Küche" mitzugeben. Dann geleitet er ihn bis auf den richtigen Weg oder so lange dieser gefahrbringend sein sollte, und wünscht beim Scheiden den Segen Allahs auf den Fremdling herab. Die aus Egypten in den Sudahn eingcwandertcn Araber wohnen nur in den Städten des Landes — falls sie nicht Soldaten und als Ortsvorsteher angestellt sind — und treiben dort Hand- > werke. In Charthum verfertigen sie Schuhe, Sattlerwaaren, sind Blaufärber — denn man versteht nur mit Indigo zu färben — Barbiere, Kaffebereiter, Büchsenmacher, Gahrköche, Bäcker, Kaufleute, Geistliche u. s. w. Sie erhalten sich nicht immer ihre heimischen Sitten und Gebräuche, dünken sich aber hoch erhaben über den Nubier oder Sudahnescn. In Charthum haben sie ihr eigenes, wenn auch inmitten der Wohnungen der Eingebornen gelegenes Quartier und im Basare ein nur von ihnen, den „Aulahd Masseri" oder „Söhnen Kairo's", besuchtes Kaffehaus. Durch sie ist die Hauptstadt der Königreiche wohnlicher geworden. Sie liefern die nothwendigsten Arbeiten und haben vor Allem einem Mangel, dem an genießbarem Brode, abgeholfen. Früher war man genöthigt, auch in Charthum das cckclhafte Gebäck der Eingebornen zu essen, jetzt bekommt man vortreffliches Waizenbrod. In den Häusern vornehmer Türken finden wir den Egypter f als Diener und dann, wenn auch unter die türkischen, doch immer über die dunklen Bedienten und Sklaven seines Herrn gestellt. 239 Hierzu berechtigen ihn seine Fähigkeiten. Er ist, von seinem Vaterland«: getrennt, ein sehr zuverlässiger und treuer Dienstmann und , geht, zumal wenn er über die Jünglingsjahre hinaus ist, seinen Geschäften mit Ernst und Eifer nach. Während man in Egypten nubische Bedienten den egyptischen oft vorzieht, schätzt man diese im Sudahn mehr als jene. Auch in der Fremde behalten sie ihre ihnen wohl anstehende Kleidung bei und zeichnen sich dem Einge- bornen gegenüber immer durch Reinlichkeit auS. Wenn sich ein Egypter im Sudahn seinen Herd gründen und verheirathen will, erbaut er sich sein Haus nur in der Nähe der Wohnungen seiner Landsleute und späht nicht unter „den Töchtern des Landes" umher, um sich aus diesen seine Gattin zu erwählen, sondern sucht sich seine Na§e möglichst rein zu erhalten. Eine mannbare Tochter egyptischer Eltern ist in Charthum ein sehr gesuchter Gegenstand. Der Egypter preist sich glücklich, wenn er eine solche gefunden. Seine Kinder läßt er Lesen und Schreiben lehren und erzieht sie immer besser als die Sudahncsen die ihrigen, > wenn man bei diesen überhaupt noch von Erziehung reden kann. Wie die Europäer unter sich, schließt er mit seinen Landsleuten einen engen Kreis; wenn er im Innern desselben etwas Heimisches in's Leben rufen kann, freut er sich unendlich darüber. Man muß einen Egypter von seinem schönen Kairo reden hören, um aus seinen Worten die Tieft seiner Sehnsucht nach dem Vaterlande verstehen zu können. Man muß es sehen, mit welcher Wonne sie im Khahwe sich um einen Sänger schaaren, um der Heimath Lieder zu vernehmen, mit welcher Spannung sie den Reden des Meddah lauschen, wenn dieser seine Erzählung in die Gefilde ihrer Heimath lenkt. Sie sind immer des Lobes ihres Vaterlandes voll, ihr Vaterhaus ist ihnen „Ein Haus an Schimmer der Sonne gleich. Ein Erdcnhimmel mit goldnen Thoren." Und sprechen sie erst von ihrem Jugendleben, sie finden nicht Worte ^ genug, um es zu beschreiben. Ich will einen arabischen Dichter zu meinem Gewährsmann machen und seine eigenen Worte hier folgen lassen, um arabisches Heimweh zu schildern: 2-40 „O welches Leben, das ich gelebt, O welches Eden, das ich verloren! Wo ich gewandelt in Füll' nnd Lust, Vom Most der Jugend und Rausch durchgohreu, Des Wohlbehagens Gewand geschleift, Durch Gärten, dicht wie das Haar des Mohreu, Bereit zu duften auf meinen Wink, Und auf mein Lächeln sich zu beflvreu. Wenn Kummer hätte zu todten Macht, Er müßte tödtlich dies Herz durchbohren. Und ließ ein Glück sich zurückbeschwören, Mein Seufzen hätt' es zurückbeschwören *)." Und deshalb versammeln sich die Egypter allabendlich, um in ihrer Unterhaltung Kairo's zu gedenken, um ihre Gefühle auszutauschen. Wenn der Familienvater das Gebet der Nacht gesprochen hat, nimmt er seinen Tschibuhk und wandelt nach dem Markte. Dieser vereinigt für ihn und wohl auch für den Türken Alles, wornach sein Herz sich außerhalb seines Hauses sehnen kann. Hier bleibt er bis spät in die Nacht. Und dann geht er, geistig und körperlich erquickt durch süße Rede und würzigen Kasse, wieder heim in seine dürftige Wohnung und beginnt am nächsten Morgen sein Geschäft in der süßen Hoffnung, den Abend wieder im trauten Kreise „der Söhne seines Volkes" verleben zu können. Und so versucht er sich von Tag zu Tage, von Jahr zu Jahr zu trösten und bittet das Geschick, ihm doch bald den Weg zur Heimath zu eröffnen. Wohl mag auch der in Charthum erst Neuangekommene, fremde Neger sich zurückwünschen in die Heimath, in seine undurchwandel- ten Wälder; — sein Heimweh will Niemand fühlen! Auch er ist Fremdling in dem von den Türken unterworfenen Gebiet, aber von seinem Fremdenlebcn kann ich hier nicht sprechen. ') Harlhrl, übersetzt von Rückert. Sklaven und Sklaven jag d. „O, du großer Geist, was thaten meines armen Sramm's Genossen, Daß du über uns die Schalen deines Zornes ausgegossen! Sprich, wann wirst du mild dein Auge aus den Wolken zu uns wenden? Sprich, o sprich, wann wird der Jammer deiner schwarzen Kinder enden?" „Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Vor dem freien Menschen erzittert nicht!" Der Kampf der Völkerschaften des Sud ahn mit der türkisch- cgyptischen Regierung ist beendet, mit den Sklaven währt er noch heute fort; mit ihnen wird er noch so lange dauern, als der frei- gcborne Mensch sein heiligstes Gut zu vertheidigen im Stande ist, so lange noch kräftiger ManncSmuth mit Todesverachtung gehen List und Schändlichkeit, Habgier und Bekncchtungssucht in die Schranken treten kann. Ich verstehe unter den Sklaven alle diejenigen freien Völker, denen die türkische Regierung auf ewig den Krieg erklärt hat, weil sie die Kraft ihrer Männer oder die Schönheit ihrer Frauen im Dienste der Knechtschaft verwenden will; weil sie Beide nicht höher achtet, als der gebildete Mensch die Thiere seiner Heerden; weil sie Menschen findet, welche Menschen kaufen. Das unglückliche Loos, als verkäufliche Waare betrachtet zu werden, trifft die Völkcrstämme Abyssinicns: die Galla oder Gal- las, Schon, Makahte, Amhahra, und die verschiedenen Ne- gerstämmc aus den südlichen Ländern des weißen und blauen Flusses, aus Takhale, Dahr-Fuhr und anderen westlich oder südwestlich von Kordofahn gelegenen Ländern, als die Schilluk, Dinkha, Takhalaui, Dahr-Fuhri, Scheibuhni, Kihk, Nuöhr und andere. Die ersteren werden unter dem Namen Herbe schi, die letzteren unter der gemeinschaftlichen Benennung Aa- 16 242 bihd, d. h. Sklaven in den Handel gebracht. Der Krieg mit ihnen heißt Rhassua oder Rasswe. Ich will das Wenige, was ich von diesen armen Menschen und ihrer Jagd durch eigne Beobachtungen oder Aussagen glaubwürdiger Männer erfahren habe, hier mittheilen. Das Land der Schwarzen zieht sich auf der nördlichen Seite Afrika's wie ein breiter Gürtel von Osten nach Westen durch den ganzen Erdthcil hindurch. Seine Grenzen fallen zwischen den dreizehnten und siebzehnten Grad der Breite, im Osten mehr nach Süden, im Westen mehr nach Norden zu. So weit man sich dem Aequator genähert hat, ist man auf die schwarze (äthiopische) Menschenratze gestoßen; wie weit ihre Länder über den Gleicher hinaus in südlicher Richtung sich erstrecken, weiß man nicht. In diesem ungeheuren Ländcrgcbiete ist seit uralten Zeiten der Menschenhandel betrieben worden; die Türken waren es nicht, welche ihn in Ostsudahn einführten, sie nahmen nur die Barbarei halb wilder Völker an und rüsteten großartigere Mcnschenjagden aus, als vor ihrer Herrschaft stattfinden konnten. Während meines Aufenthaltes in Nord-Ost-Afrika bin ich mit den am blauen und weißen Flusse, in Takhalc und Dahr-Fuhr wohnenden Negern bekannt geworden. Unter ihnen sind die Bewohner Dahr-Fuhr's, Takhalc'S und des Gebirges Tabi am obern blauen Flusse die der kaukasischen Ratze in Bezug auf Geist und Körper am Nächsten Stehenden; die Bewohner des untern weißen Flusses gleichen mehr den Thieren. Ihre Gestalt ist mager, ihre Arme und Beine sind ungewöhnlich, außer allem Verhältniß lang; wie bei den Affen tritt die Stirn zurück; der Schädel mit dem weit nach hinten liegenden Scheitel ist fast kegelförmig zugespitzt; das beinahe bartlose Gesicht zeigt dicke, fleischige, stark aufgeworfene Lippen, eine breitgcdrücktc unförmliche Nase und etwas schief stehende Augen; Dummheit und Geiftcslostgkeit spricht aus allen Zügen. Die abschreckende Häßlichkeit des Gesichts wird noch durch die Unsitte, sich die Vorderzähne der Untcrkinnlade auszubrc- chcn, vermehrt; der ganze Mensch ist widerlich. Sie, die Schil- luk und Dinkha, sind es, welche wegen der Nähe ihrer Wohn- 243 sitze an der Grenze der von den Türken unterjochten Länder am Häufigsten gefangen und zu Sklaven gemacht werden; sie sind die ^ unbrauchbarsten und boshaftesten Diener ihrer sie unterdrückt habenden Herrn. Dennoch darf man sie nicht als Wilde betrachten. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht, wohnen in zusammenhängenden Dörfern, verstehen das Eisen zu schmelzen und zu schmieden, sind geschickt, Thon zu formen und zu brennen, und verfertigen nicht ganz kunstlos gearbeitete Waffen, Kleidungsstücke und Geräthschasten, werden hierin aber von den weiter südlich hausenden, riesengroßen Nuöhr übertreffen. Die von ihnen angebauten Getraidearten sind Durrah und Dochen; ihre Heerden bestehen aus Rindern, den schon erwähnten kleinen Ziegen und haaretragenden Schafen; ihre Hütten sind sorgfältig gearbeitete Tokhahl, ihre Waffen die Lanze, der Bogen, der Schild und die Keule. Die Lanzen der Schilluk und Dinkha sind anderthalb Fuß i lange, an einem schwachen, oft mit Eidechsen- und Schlangenhaut ? oder dünnen Eisenbändern umwickelten, biegsamen und elastischen Bambusrohre befestigte Eisen von der Form langgestreckter Radir- messer. Sie gebrauchen dieselben als Wurf- oder Stoßwaffe im Krieg: oder Zweikampse und sind eben so geschickt, die Lanze zu werfen, als sie mit einem kleinen Schilde aufzufangen. Ein in Charthum als Sklave lebender Dinkha erlaubte mir, aus einer Entfernung von nur fünfzehn Schritten eine sehr scharfe und spitzige Lanze nach ihm zu schleudern und fing sie regelmäßig mit einem nur einen Fuß im Durchmesser haltenden Schilde auf. Die zweite mehr für den Zwcikampf berechnete Art der Lanzen ist eine vierseitige, sehr all- mählig sich zuspitzende Pyramide von Eisen, welche an den in der Diagonale sich gegenüberliegenden Ecken mit fürchterlichen Widerhaken besetzt ist. Ihre Bogen und Pfeile sind ganz vortrefflich gearbeitet. Der . Bogen ist ein ziemlich starkes, an beiden Seiten schwächer werden- l des, mit schmalen Bändern biegsamen Eisens umwickeltes, kaum zu ! biegendes Bambusrohr, mit einer Sehne aus Darmsaiten. Die Pfeile sind glatte, schwache Rohrstäbe mit Eisenspitzen, welche oft 16 * 5 mit gefährlichen Widerhaken versehen, noch öfter vergiftet und dann rettungslos tödtend sind. Zum Vergiften der Pfeile benutzen die Neger den Saft eines mir unbekannten Baumes, keineswegs aber die Milch der ^.solspia« proosra, wie fälschlich angegeben worden ist. Die Lanze wird von ihnen aus einer Entfernung von fünfzig Schritten mit Sicherheit geworfen; mit den Pfeilen treffen sie das Ziel aus einer Entfernung von achtzig Schritten. Die Keule ist von verschiedener Form und Größe. Sie besteht entweder aus Ebenholz oder einer anderen festen und schweren Holzart. Oft ist sie nach Art der Morgensterne des Mittelalters mit vielen Holzspitzcn versehen, zuweilen mit Eisenbändcrn umwunden, in andern Fällen, wie die Ebenholzkcule, glatt und nach vorn zu wenig stärker, als am Handgriff. In ihren Hütten findet man buntgefärbtc Matten aus zierlich an einander gereihten, sorgfältig mit einander verbundenen Strohhalmen; kleine, nur sechs Zoll hohe, aus einem Stücke geschnittene Stühlchen, Flechtarbeiten, welche unsern Seilern keine Schande machen würden, und ähnliche Geräthschaften. Im Flechten und Fadenspinnen übertreffen alle Neger die Sudahnesen an Gewandtheit und Geschick. Sie verfertigen Stricke und Schnuren, welche wirklich meisterhaft gearbeitet sind; noch künstlicher sind aus Bast- stricken geflochtene, unten netzförmig und am oberen Ende zu einem Stricke vereinigte Gehänge, in denen man Holzteller und Schüsseln aufhängt, um sie gegen den zerstörenden Zahn der Termiten zu schützen. Man würdigt erst die Vortrcfflichkcit ihrer Arbeiten, wenn man ihre erbärmlichen Arbeitsinstrumente kennt. Auch die von ihnen geformten und gebrannten Thongefäße werden von den Sudahnesen wegen ihrer Güte sehr geschätzt. Wirklich monströs sind ihre Tabakspfeifen, welche zwar nicht die Friedenspfeife der nordamcrikanischen Wilden vertreten, dieser aber in mehr als einer Hinsicht entsprechen. Die Pfeife besteht aus drei Theilen, Kopf, Rohr und Mundstück. Ersterer, aus gebranntem Thon gefertigt, ist von kolossaler Größe und entsprechender Schwere und steckt in einem ausgehöhlten starken Bambusrohre. An diesem ist das Mundstück aufgesetzt: ein kugelrunder, ungefähr vier Zoll im Durchmesser haltender Affenkürbis, welcher mit narkotischen Kräutern gefüllt wird; der ausgehöhlte Stiel des Kürbisses ist das eigentliche Mundstück. Beim Rauchen zieht der Rauch des Tabaks durch die befeuchteten, narkotischen Kräuter des Mundstücks und wirkt nun berauschend auf den Raucher. Wahrscheinlich gebrauchen sie keine eigentliche Tabaksart, sondern wohl eher irgend ein anderes Kraut zum Füllen des Niesenpfeifenkopfes. Die von ihnen erhaltenen Tabaksproben waren Bruchstücke fest gekneteter, zusammenhängender Kuchen aus grünen Blättern, deren Gestalt sich nicht mehr erkennen lieh. Der Rauchstoff soll sehr stark sein. Zum Anzünden ihrer Pfeife führen sie stets eiserne Feuerzangen bei sich. Man sieht die Dinkha und Schilluk auch in der Sklaverei mit wollüstigem Behagen diese Pfeife schmauchen. Ich handelte die Eremplare dieser Ungeheuer aller Pfeifen, welche ich mit nach Europa brachte, gewöhnlich von Negerinnen ein, obgleich sich diese nicht gern davon trennen wollten. Von einer Kleidung der Neger kann eigentlich keine Rede sein. Die Männer gehen ohne Ausnahme nackt, rasircn sich aber häufig daS Haupt und bedecken dieses dann mit einer sonderbaren, perük- kenartigen, rothgefärbten Mütze, an welcher die Haare durch dicke, ungefähr zwei Zoll lange Baumwollcnfädcn nachgeahmt sind. Bei den Frauen und Mädchen deckt eine kleine Schürze aus Lcdcrstrei- scn oder panzcrringartig verbundenen Eiscnblättche» die Hüfte. Als Zicrrath lieben sie buntfarbige (vorzüglich blaue) Glasperlen über Alles. Beim Tauschhandel gibt der Neger gern einen Ccntner Elfenbein für eine Handvoll dieser elenden Waare hin. Bcmcrkenswcrth ist es, daß alle Gcräthschaften, Kleidungsstücke — wenn ich die beschriebene Mütze und Schürze so nennen darf —, Waffen u. s. w. der Neger roth gefärbt sind. Entweder lieben sie diese Farbe besonders oder besitzen kein anderes Farbe- material, als den Nöthel, womit sie ihre Kunstwerke bcstrcichen. Die Schilluk und Dinkha sind unter sich Todfeinde und machen sich gegenseitig zu Sklaven oder schlagen den Einzelnen, der sich auf das Gebiet des andern Stammes wagt, ohne Umstände todt. Sie sind nicht gerade gute Krieger, aber, wie auch schon 246 aus ihrer Körpcrgestall hervorgeht, treffliche Läufer. Man steht sie bei ihren Kriegscrpcditioncn immer einen leichten, jedoch sehr fördernden Trab laufen. Die Dinkha, welche das rechte Ufer des » weißen Flusses bewohnen, plünderten und zerstörten in einem Zeitraume von sechs Jahren mehrere Dörfer in der Nahe der Stadt Scnnahr, trieben das Vieh mit sich hinweg und machten die bewältigten Einwohner zu Gefangenen. Die volle Breite der Djesihre trennt diese Dörfer von ihren Niederlassungen, aber die Dinkha durchlaufen, nach Versicherung der Sudahnescn, die ganze, wenigstens zwölf Meilen lange Strecke ohne Beschwerde in einem Tage und werden deshalb in den am oberen blauen Flusse, zwischen Sennahr und Rosseeres gelegenen Dörfern sehr gefürchtet. Ueber die Religion der Neger des weißen Flusses habe ich nur erfahren können, daß es nicht die mahammcdanische ist. Die Su- dahnesen und Araber nennen sie „Kaffuhr"^), d. h. Solche, welche die Grundsätze der mohammedanischen Religion oder die Wohlthaten Gottes ableugnen, bezüglich Heiden sind. Man sagt, daß ihre Religion nur dunkle und wirre Begriffe von einem guten ' und einem bösen Wesen habe, welche sie durch Götzenbilder versinn- lichen. Mit der Handelserpedition nach dem weißen Flusse gelangen gewöhnlich kleine, aus Holz geschnitzte Menschenbilder nach Charthum, welche fälschlich für Götzenbilder gehalten worden sind; es sind nur Bilder zur Erinnerung an verstorbene Kinder und von deren Eltern gefertigt. Ihre Todten begraben sie nicht, sondern werfen sie, den zahllosen Krokodilen zur Speise, in die Fluchen des weißen Flusses. Geistig und körperlich höher stehend, vermitteln die Neger Tak- hale's, Dahr-Fuhr'ö und des Gebirges Tabi einen Uebergang des am tiefsten stehenden Negertypus zu den durch die kaukasische Ra< ten angehört. Er hat viele Vorzüge vor dem Neger und steht dem weißen Sklaven oder, nach jetzigem Sprachgebrauch, dem Mame- 249 - luken am Nächsten. Wie dieser erwirbt er sich durch sein Betragen oft die Liebe eines milden Herrn und mit dieser seine Freiheit. Das abyssinische Mädchen wird höher geschätzt, als der männliche Sklave und verdient es, sei es wegen seiner Schönheit oder bekannten treuen Anhänglichkeit an seinen, nur zu oft grausamen Herrn. Seine Schönheit macht es gewöhnlich zur Conkubine seines Besitzers. Nach türkischem Gesetz ist jede Sklavin frei, wenn sie ihrem Gebieter ein Kind geboren hat; dasselbe hat sogar alle Rechte des von der Frau „vor dem Gesetze" stammenden. Deßhalb findet man in türkischen Häusern die Abyssinierin oft frei, oft selbst als Gebieterin des Hauses. Mancher Europäer lebt mit einer Abyssinierin in glücklicher Ehe. Nach Diesem hätte der Abyssinicr in der Sklaverei ein erträgliches Loos. Aber dem ist nicht so. Er dient leider oft genug dem Türken in der niedrigsten Sphäre, in welcher überhaupt ein Mensch dem andern dienen kann — als Eunuch. Als solcher gleicht er weniger dem Menschen, sondern eher einem scheußlichen Dämon. Es kann nichts Häßlicheres geben, als einen dieser Unglücklichen im späteren Alter. Schon die Kleidung unterscheidet den „Arha" (wie der Araber den Verschnittenen nennt) von anderen Menschen. Das Gesicht hat etwas Abschreckendes. Fette, aufgedunsene, glänzende und bartlose Wangen; breite, dicke und schwülstige Lippen und wahrhaft teuflisch leuchtende Augen treten dem Beobachter unheimlich entgegen. Von Gesichtszügen ist eigentlich Nichts wahrzunehmen; der ganze Kopf ist eine schwammige, von einem riesigen Turban beschattete Fettmasse. Der Charakter des Verschnittenen entspricht seinem Acnßercn. Es ist, als ob er sich an der Menschheit wegen des ihm angethanen Verbrechens rächen wolle. Er ist herrisch, tückisch, falsch und rachsüchtig und behandelt die unter seiner Obhut stehenden Frauen eines Harchm mit ausgesuchter Grausamkeit. Wegen seiner Un- entbchrlichkcit im türkischen Hauswesen steht er über dem übrigen Hausgesinde und tyrannisirt dieses auf mannigfaltige Weise. In den Straßen einer größeren Stadt sieht man den Eunuchen mit erhobenem Stock durch das dichteste Menschengcdränge sich Bahn 250 brechen und da der Fellah EgyptenS oder der Sudahnese nicht weiß, welches hohen Herrn Diener jener ist, auch ohncdieß vor dem Begleiter der im ganzen osmanischen Reiche hochgeachteten Frauen eine gewisse Ehrfurcht hat, hütet er sich wohl, ihn wieder zu beleidigen. Wenden wir uns, bevor wir mit der Rhassua in die Urwälder eindringen, rückwärts und betreten wir einen Sklaveninarkt in Egypten. Der Reisende, welcher heutzutage dieses Landes Hauptstadt betritt, fragt zuerst mit nach dem Sklavenmarkte. Gesättigt und erhoben von all' dem Großartigen, das er in wenigen Tagen gesehen, befriedigt von dem Anschauen eines der Wunder der Welt: den Pyramiden, noch staunend über die Pracht der Gräber der Chalifen, ernst gestimmt von der Stadt der Todten, schwelgend im Genusse eines ewig heitern, unbewölkten Himmels, betäubt vom uralten und immer neuen Gewühl und Getön in den Straßen der Stadt der Sarazenen, wendet er sich nach dein Sklavenmarkte, um auch hier seiner Neugier zu genügen. Glücklich hat er sich durch das Menschengewimmel der Märkte hindurch gedrängt und gelangt in ödere, stillere Straßen. Vor einem alten Gebäude hält sein Führer. Er befindet sich vor der „Wekahle el Aabihd" (dem Sklaven-Verkaufshause). Ein wirres Gemisch von Höfen, Ställen, Zimmern und Räumen breitet sich vor ihm aus. Schon am Eingänge sieht er „die Waare" vor sich. Auf schlechten, aus Palmenfascrn geflochtenen Matten sitzen die dunkeln Kinder des Südens, dürftig bekleidet, um den Fremden oder dem Käufer zur Schau zu dienen. Der Djcllahbi raucht, auf einem Ankharehb liegend, ruhig seine Pfeife und ladet den Angekommenen ein, „el Farchaht" (die jungen Thiere) zu besichtigen. Ist dieser ein Kauflustiger, dann erhebt jener sich wohl auch, um ihn zum Aufenthaltsorte des Sklaven zu begleiten; unbekümmert um Alter oder Geschlecht gebietet er diesem, die Zähne zu zeigen, um danach, wie in Deutschland bei einem zu verkaufenden Pferde, einen Schluß aus das Alter und die Brauchbarkeit des Individuums ziehen zu können, verschiedene Stellungen und Biegungen des Körpers vorzunehmen, um die Gelenkigkeit desselben kundzugeben und schließlich sich zu entkleiden, um Untersuchungen gefühlloser und wollüstiger Barbaren auszuhalten: Untersuchungen, die selbst das Schamgefühl eines Wilden auf das Tiefste empören müssen. Scheinbar gefühllos starren die Sklaven den Käufer an; ohne eine Miene zu verziehen, gehorchen sie den Befehlen des Djellahbi; sie lassen Alles über sich ergehen, wandern aus einer Hand in die andere, ohne ein Gefühl des Schmerzes kundzugeben. Und dennoch ist ihr bloßer Anblick für den fühlenden Europäer schauderhaft! Er sieht einen Menschen vor sich, der einem Vieh ähnelt und wie ein Vieh behandelt wird. Jndignirt wendet er sich ab und verläßt die We- kahle, — er hat einen Markt verlassen, aus dem der Sklave, im Vergleich zu denen des innern Afrika, mild, menschlich behandelt wird; er hat die wenigen Hellstrahlen des Nachtgemäldes gesehen. Erst im Sudahn sieht er die Sklaverei in ihrer ganzen Abscheulich- keit, denn dort begegnet er der Sklavenjagd. Beknechtung und qualvoller Frohndienst, Unterdrückung der heimischen Sitte, Trennung der heiligsten Banden, Schändung des Theuersten, Vernichtung der edelsten Gefühle steht dem Abpssinicr oder Neger bevor, wenn sich die Rhassua oder die auf flügel- schnellen Rossen herankommende Araberhorde seinem Heimathslande nähert. Kein Wunder, daß der Mann mit Mannesmuth dem blutdürstigen, beutelustigen Feinde zum fürchterlichen Kampfe entgegentritt; kein Wunder, daß er mit entsetzlicher Grausamkeit Grausamkeit vergilt. Das türkische Gouvernement will Menschen fangen, um sie an Soldes Statt seinen Beamten zu geben; der Araber will Sklaven haben, um sie als Diener, denen Alles aufgebürdet werden kann, zu benutzen oder als gewinnbringende Waare zu verschachern. Der braune oder schwarze Mann des Gebirges oder des Urwaldes kennt sein Loos; er weiß seinen Heerd zu vertheidigen — und thut es. Die Sklavenjagd ist jetzt nicht mehr einträglich, wie sie es war, ehe der Neger seinen grimmigsten Feind 252 als sterbliches Wesen kenne» lernte; jetzl fallen oft mehr Soldaten, als Feinde gefangen werden. Es ist noch nicht lange her, da betrachtete der ungebildete Sohn der Wildniß den Weißen als unantastbares, geheiligtes, der Gottheit — oder dein Teufel gleiches Wesen. Im Jahre 1851 befehligte der Italiener Nicola Ulivi, jener in Charthum ansässige, in ganz Ost-Sudahn als Gauner, Betrüger, Dieb und Mörder bekannte Kaufmann, die Handelsflotte, welche jährlich von Charthum aus nach dem weißen Flusse gesandt wird, um dort mit den eingcbornen Negern, dem Stamme der Dinkha, Schilluk, Nuöhr u. s. w., Tauschhandel zu treiben. Die Habgier des Italieners war mit dein dabei sich ergebenden enormen Gewinn nicht befriedigt. Bei Gelegenheit des Handels im Lande der Kihk bekam ein Neger von den Tausenden, welche sich in der Nähe der Barken versammelt hatten, Streit mit einem Matrosen, von dem er übervortheilt zu sein glaubte und auch wirklich war. Die Männer am Ufer murrten über die schreiende Ungerechtigkeit der Weißen. Da befürchtete Nicola, daß sein Handel gefährdet sein könnte und ließ, um den armen Schwarzen seine Stärke zu zeigen, die fünfzig Negcrsoldaten, welche die Handelserpcdition begleiteten, auf das am User versammelte Volk Feuer geben. Mehr als zwanzig Neger fielen nach den ersten Schüssen. Erbebend, wie vor dem unabwendbaren Gerichte allmächtiger Götter, beugten die unwissenden Naturkinder ihre Kniee vor dem Frevler. Wchelaute des Schreckens und der Furcht ausstoßend, fielen sie auf ihr Angesicht; heulend und klagend besichtigten sie die Körper der Gefallenen, deren Wunden das warme Herzblut entströmte; wie Kinder, welche das unbegreifliche Walten der Gottheit nicht zu fassen verstehen, betasteten sie die Wunden der Leichen, in denen kein Pfeil, keine Lanze steckte. Die bleiernen To- desboten aus den Geschossen der Weißen hatten unsichtbar ihren grauenvollen Weg zurückgelegt. Noch war den armen Schwarzen die Feucrwaffe beinahe unbekannt. Sie kannten den Frevel, sie kannten die Waffe in des Frevlers Hand noch nicht. Ihre Brü- dcr lagen dahingcschlachtct wie des Waldes Thiere; sie sahen nur das Entsetzliche, aber kein Mittel, das Entsetzliche abzuwenden, und entflohen jammernd dem Orte des Schreckens. Und Nicola Ulivi rühmte sich später dieser That; erst das Fieber hat die Gemordeten gerächt. Man könnte mir vielleicht einwenden, daß Nicola's Grausamkeit ein Akt der Nothwendigkeit, eine Handlung der Selbstverthei- digung gewesen sei. Das war nicht der Fall. Die Tausende der versammelten Neger hätten das Häuflein ihrer Peiniger erdrückt, wenn sie gewußt hätten, daß es mit ihren Waffen besiegbar wäre. Das sehen wir bei den in neuerer Zeit gehaltenen Sklavcnjagden. Nicht alle Negcrstämmc sind heutigen Tages noch über den Weißen und seine Waffen so im Unklaren, wie die bethörten Kihk. Die Schilluk und Dinkha, Takhali und Dahr-Fuhri, die Abyssinicr und Tabi wissen, welch' ein Feind ihnen gegenübersteht. Und wo der Neger eingesehen hat, daß er mit sterblichen Wesen kämpft, da hat er auch den Weißen jedes Mal besiegt. Immer seltner, immer beschwerlicher, immer gefährlicher wird die frevelhafte Jagd. In demselben Jahre, welches Nicola's Morden sah, rüstete Lati es-Pascha auf Befehl des Vizekönigs eine Rhassua gegen Takhalc aus. Der kühne Fürst, denn diesen Namen verdient der Schwarze, hatte versucht, sich an den Feinden seiner Nation zu rächen. Er hatte aufgehört, den Tribut zu entrichten, welchen die Türken seinem Lande nach einem glücklichen Feldzuge auferlegt hatten ; er war sogar in das Gebiet der Türken, in die Provinz Kor- dofahn, eingefallen und hatte dort Dörfer zerstört, Hcerdcn Hinweg- getrieben , Leute getödtct und in die Gefangenschaft geführt: er hatte einfach das Vergeltungsrecht für unzählbare, seinem Volke früher angethane Grausamkeiten geübt. Dafür sollte er gestraft werden. Lati es-Pascha rüstete ein für jene Länder bedeutendes Heer aus. Mehr als tausend Negersoldatcn vom blauen Flusse, vom Hause aus grimme Feinde der Takhalaui, vierhundert berittene Ar- nauten und sechs Geschütze mit ihrer Bemannung bildeten die Kriegsmacht. Aehnliche Heerhaufcn brachten sonst gewöhnlich fünf- bis sechshundert Gefangene mit sich zurück; diesmal wurde das Heer 254 total auf's Haupt geschlagen; von den vierzehn Hundert kehrten nur drei Hundert zurück. Der Negerkönig hatte sich zum größten Staunen ein mit Feuerwaffen bewehrtes, durch Ueberläufer eingeübtes Heer gebildet. Jeder Ueberläufer, der mit seiner Waffe bei ihm eintraf, erhielt von ihm eine Hütte und zwei Frauen geschenkt und befand sich unter seinen Stammverwandten — denn selbst die angeerbtc Fehde lernt der Sklave vergessen — wohler, als er sich in der Knechtschaft der ihn peinigenden Türken befunden hatte. Ehe es noch zum Kampfe kam, verließen Hunderte von Negersoldaten die Reihen ihrer Bataillone und gingen zum Feinde über. Die Türken, ohnehin von einem erbärmlichen Oberst, dem einäugigen, wie die Italiener sich auszudrücken pflegen: „von Christus gezeichneten"*), von allen gemeinen Soldaten gehaßten Mäh am - med-Arha, schlecht angeführt, mußten trotz aller Tapferkeit der Arnauten das Feld räumen. Mahammed-Arha hatte in dem Könige von Takhale einen ihm nicht nur ebenbürtigen, sondern sogar überlegenen Kriegsmann gefunden. Er hatte in der Schlacht die größte Feigheit, der König der Neger die größte Tapferkeit gezeigt. Glücklich hatte dieser den Unbesonnenen in die Berge gelockt, wie Wetterleuchten ihn dort überfallen und geschlagen. Der türkische Befehlshaber rettete nur durch schleunigen Rückzug die Trümmer seines Heeres; von einer Schwadron zu hundert Reitern blieben ihm bloß fünf gesunde Leute übrig. Eine Sklavenjagd ist der vollkommenste Guerillakrieg. Von beiden Seiten suchen sich die Kämpfenden an List und Grausamkeit zu überbieten. Ich will versuchen, sie nach den Mittheilungen eines mir befreundeten, wahrheitsliebenden türkischen Majors zu schildern. Die Rhassua ist versammelt; Geschütze und Waffen sind im besten Stande, Bespannungs- und Lastthiere vollzählig, die Soldaten selbst frohen Muths. Kamele tragen das Gepäck der Krieger und kleine Kisten mit Munition; die Soldaten ziehen leicht dahin. Man erreicht die Grenze des den Türken unterjochten Lan- ') dlsrcsto äi Orislo. 255 des und betritt das Gebiet der freien Schwarzen, die noch von keiner Art entweihten Urwälder. Die Kolonnen theilen sich und ma- . chen sich mühsam durch das Gehänge der Schlingpflanzen, durch das Dickicht der niederen Mimosen Bahn. Dichter und dichter werden die Urwälder. Kein Feind zeigt sich; die zufällig aufgefundenen Dörfer sind leer, man begnügt sich, sie anzuzünden. Das Heer zieht weiter in den Wald hinein; die Beschwerden mehren sich. Ungewohnt des ihm fremden Klimas stürzt das Kamel, sei es, wie man annimmt, in Folge der Stiche von tausend kleinen Fliegen, sei es in Folge der ihm nicht zusagenden Kräuter; südlich des dreizehnten Grades gedeiht es nicht mehr. Man vertheilt seine Last unter die Soldaten. Langsamer bewegen sich ihre Reihen. Tagelang schon marschiren sie, noch immer haben sie keinen Feind erblickt. Aber dunkle Gestalten sind ihrem Zuge gefolgt. Von Baum zu Baum schleichend, sich hinter jedem Stamme verbergend, beobachten schwarze Männer jede ihrer Bewegungen, zählen oder schätzen ihre Streitkräfte und benachrichtigen ihre Stammgenossen , mit dem Resultate ihrer Erfahrungen. Endlich werden sie von jenen entdeckt, jedoch einzelne Schüsse genügen, die Neger zu vertreiben. Unbekannt in dem Urwaldc schleppt sich die Reihe der durch Beschwerden aller Art schon geschwächten Krieger durch das Urdickicht des Waldes. Bereits sind die Geschütze nothgedrungen zurückgelassen worden. Müde und matt erreichen die Krieger einen freien, zum Lager paffenden Platz. Nach kurzer Ruhe beginnt ein reges Leben. Die Aerte fällen die Mimose, deren stachelige Aeste, zur undurchdringlichen Serieba vereinigt, das Lager schützen; ein kleiner Raum beherbergt die zusammengedrängten Bataillone. Dunkel senkt sich die Nacht auf den Wald hernieder. Geprüfte cgyptischc Soldaten halten, paarweise vereint, die Wache. Tiefe Stille; die Nacht ist anfangs still und dunkel im Urwaldc, erst später erschallen seine nächtlichen Stimmen. In der Ferne hört man das grunzende Gebrüll des Panthers, der milchweise Uhu ruft seinen Na- ^ men, sein „Buh m" klingt schauerlich im Walde wieder; fast verhallend tönt das melodische, glockenreine Gezirp gewisser Grillcn- arten zum Lager herüber; in einem entfernten Sumpfe quaken die 256 Frösche; tiefer im Walde heult die Hyäne. Dichte Schwärme summender Musquitos, Hunderte von Fledermäusen umschwirren die Häupter der aus ihre Gewehre gelehnten Wachen. „Hörst du nicht, mein Bruder? Raschelte es nicht dort im Gebüsch? Siehst du nicht jene dunkle Gestalt?" „„Wohl, es wird der Marafihl*) sein, den wir hörten; schieße nicht nach ihm, wer weiß, ob es nicht einer jener Verfluchten, ein Zauberer — aus Iiillabi min ei seirertalin, ja rabbi!**) — ist, welcher die Gestalt des Marafihl angenommen hat."" „Verflucht sei der Wald und seine Bewohner! Mein Bruder, mir dunkelt's vor den Augen, ich bin müde, müde! zu rabln!" Der ermüdete Soldat kann sich trotz des gegenseitigen, immer erneuten, ermunternden Zurufs der übrigen Wachen des Schlafes kaum erwehren, er schlummert nicht, aber sein Auge ist trübe vor Müdigkeit. Er sieht nicht jene sich in der Schwärze der Nacht leise, wie schleichende Katzen herannahenden, dem Auge kaum wahrnehmbaren schwarzen Männer, und doch kriechen sie schon dicht vor ihm auf dem Bauche, unhörbar an den Wall heran. Endlich bemerkt er sie. „^Ilall im abbar! Lsmcm ,ja aebui, bauen aalema ja rab- bi, ol aabi— Iit***)!" Weiter sagt er Nichts: eine Lanze hat ihm die Brust durchbohrt. Vor der Serieba erheben sich Tausende schwarzer Männer, ein heulender, langgedehnter, gellender Schlachtruf erschallt, das Grunzen des Panthers, das Geheul der Hyäne, der Todesruf des Uhus erklingt aus dem Munde der Neger; mit dem Schlachtgebrüll durchzischt die kräftig geschleuderte, tödtende Lanze die Luft. Wo sie auch hinfällt im Lager, sie fällt in die dichtesten Rotten der bedrängten Soldaten; das Blitzen einzelner Gewehre zeigt diesen, daß sich unter den Angreifern auch der Feuer- *) Marafihl ist der im Sudahn gebräuchliche Name der gefleckten Hyäne. **) „Schütze mich Gott vor dem Gespenst (dem Teufel)! v schütze mich, Herr!" ***) Gott ist der Größte! Höre, mein Bruder! Hilf uns, o Herr! Die Ne—ger! 257 Waffen kundige Männer befinden. Jetzt entladen Hunderte von Soldaten ihre Feuerwaffen, eine oder zwei leichte Kanonen donnern gegen den Feind — die Kugeln schaden wenig oder nicht. Längst schon sind die Angreifer wieder geborgen. Dicke Baume, Erdwände, Erhöhungen des Bodens und die Nacht schützen sie. Die Kugeln der Soldaten pfeifen durch die Aeste der Mimosen, ohne mehr zu nützen, als den Feind von einem neuen Angriffe abzuschrecken. Der heranbrechende Morgen endet den Kampf. Sein Licht beleuchtet daS kleine Schlachtfeld. Viele der Soldaten haben keine Bewegung gemacht; der Tod hat sie im Schlafe ereilt. Mit den Lanzen sind sie fest an die Erde geheftet, die Stiele derselben starren in die Luft hinaus. Andere sind unter den fürchterlichsten Krämpfcn verschieden: ein vergifteter Pfeil hat sie getroffen; Andere liegen im Todeskampfe. Von den Schwarzen sieht man auf der Wahlstatt keinen Todten; die Lebenden nahmen die Leichen ihrer Brüder mit sich hinweg, um sie nach ihrer Weise zu beerdigen oder den Wellen des geheiligten Stromes zu übergeben. Unter solchen Umständen thut der Führer der Rhassua wohl daran, den Rückzug anzutreten. Seine Negersoldaten werden durch Mißgeschick im Kriege zu leicht Empörungen geneigt und gehen, obgleich man die Vorsicht gebrauchte, sie nur gegen Feinde zu führen, mit denen sie auf Tod und Leben zu kämpfen von Kindheit an gewöhnt sind, gern zu ihren Stammcsverwandtcn über, diesen im Anfange willkommmcn, später vielleicht eine unnütze, von Neuem gehaßte Last. Dem des Landes ungewohnten Arnautcn droht neben dem furchtbaren Feinde noch ein treuer Gehülfe: das Klima. Mit dem Sinken der Sonne verdunkeln unschätzbare Schwärme blutsaugender Musguitos die Luft und stören die Ruhe des ohnehin genugsam entkräfteten Fremdlings. Milliarden dieser Quälgeister der Nacht peinigen den Besucher des weißen und oberen blauen Flusses oder des Urwaldes. Sie sind in den sumpfigen Niederungen des Bahhr cl abiadt so gefürchtet, daß die Kihk und Nuöhr in der Asche schlafen, um vor ihnen geschützt zu sein; sie bohren ihren langen feinen Rüssel durch das dichteste Gewebe bis in die Haut ihres Opfers, färben ihren durchsichtigen Körper hoch- 17 258 roth mit dem Blute desselben und verursachen durch ihren Stich schmerzhafte, unausstehlich juckende Beulen. Den Tag über in steter Bewegung und Aufregung, die Nacht hindurch der nöthigen Ruhe entbehrend, jeder Erquickung nachgedrungen entsagend, ist der weiße Mann nicht fähig, dem in dem höllischen Lande sich seiner unfehlbar bemächtigenden Fieber zu widerstehen. Das Wasser, welches er genießen muß, ist aus den Sümpfen des Waldes oder aus dem langsam dahinschleichcnden Flusse geschöpft; sein Brot ist die unverdauliche Kisra, seine Speise die Lukhmc; nur selten erhält er Fleisch, denn die Neger haben ihre Heerden geborgen. Die giftigen Miasmen der Sümpfe, die Ausdünstungen der Wälder werden ihm gleich gefährlich. Das perniciöse Fieber ergreift ihn. Der Sonne Central-Afrikas preisgegeben, liegt er krank auf bloßer Erde. Glühende Strahlen sendet das leuchtende Gestirn des Tages herab, der Kranke friert wie bei eisiger Kälte; seine Zähne schlagen klappernd zusammen, die Glieder zittern vor grimmigem Frost. Und nun kommt die Hitze des Fiebers über den Obdachlosen. Dieselbe Sonne, die ihn nicht zu erwärmen vermochte, wird ihm zur unerträglichen Qual. „Bruder, mein Bruder, nur einen Tropfen Wasser!" fleht er mit matter Stimme. Man reicht es ihm, er schlürft es mit Begierde, — und bricht es unter erhöhten Schmerzen wieder von sich. Bald endet Bewußtlosigkeit, Delirium sein Leiden. Heftige Konvulsionen erschüttern das morsche Gebäu deS Körpers, die Achsel- und Halsdrüsen schwellen an; ein Schrei — da liegt die Leiche! In den übrigen Soldaten erwacht der Muth der Verzweiflung. Sie verlangen stürmisch, gegen den Feind geführt zu werden; sie fluchen ihm und, alle mahammedanische Resignation vergessend, ihrem fürchterlichen Loose. Mehr Leute, als die Neger morden, würgt die tückische Seuche; über ein Dritthcil der Mannschaft fault aus dem Lagerplatze. Der Krieger entgeht nur der einen Todesart, wenn er sich der andern entgegenstürzt; er braucht den Giftpfeil, die Lanze und den Streitkolbcn sichtbarer Feinde nicht zu fürchten, wenn ihn unsichtbare bedrohen. Mit seinem Bayonnett, mit dem Jata- gähn in der Faust stürmt man den Berg hinan, den Dörfern der Schwarzen entgegen. Hinter jedem Baumstämme lehnt ein kamps- gcrüstcter Mann; der sichere Pfeil entgleitet geräuschlos seinen Händen. Hier nützen die Feuerwaffen wenig oder nichts. Der Krieger kämpft Mann gegen Mann mit dem Feinde. Oft werden die Gewehre der schwarzen Soldaten, welche ihre Furcht vor dem Pulver nicht überwinden konnten und mit abgewandtem Gesichte feuern, plan- und zwecklos gebraucht; weder Taktik noch Kanonen helfen im Urwalde; der nach den Regeln europäischer Kriegskunst eingeschulte Soldat unterliegt im Einzelkampfe dem kühnen Schwarzen. Wohl diesem, wenn er den Feind zwingt, sich zurückzuziehen, aber wehe ihm, wenn ihm dieß nicht gelingt! Dann wird das Dorf der Neger umzingelt und genommen. Tigern gleich stürzen sich die Soldaten auf ihre Beute. Greise, Kranke und zu Sklaven unbrauchbare Feinde werden von den jetzt keine Menschlichkeit mehr kennenden Soldaten ohne Weiteres niedergestochen, die Frauen geschändet. Den wüthenden Grimm der Männer hat man zu bändigen gewußt. Man hat sie längst entwaffnet und in die Scheba*) gesteckt. Sie versuchen, sich darin zu erwürgen; man wehrt es ihnen. Vor ihren Augen schlachtet man Weib und Kind, Vater und Mutter; selbst die unschuldigen Hausthicre werden erbarmungslos niedergestochen. Zur Ehre der Weißen sei es gesagt, daß bei solchen Gelegenheiten die Negersoldatcn im Vergleich zu ihnen ächte Teufel sind, Teufel, welche mit wahrer Virtuosität schauderhafte *) Die Scheba ist eine roh zugearbeitete Holzgabel, in welche der Hals des Gefangenen gesteckt wird. Vorn ist die Gabel durch ein fest aufgenageltes Querholz verschlossen, am Hinteren Ende besitzt sie einen langen Stiel. Diesen muß der Gefangene selbst tragen oder, wenn man sein Entfliehen befürchtet, einen hinter ihm Gehenden tragen lassen. Der Gefesselte behält die Gabel so lange an seinem Halse, bis er am Orte seiner Bestimmung angelangt ist. Sie ist nicht geglättet oder mit weichen Lumpen umhüllt, und verursacht deßhalb böse Wunden, welche so lange nicht heilen, als die Scheba ihre Wirkung äußern kann. Es ist keinem so Gefesselten möglich, zu entfliehen; allein solche Grausamkeit kann schwerlich eine Vorsicht entschuldigen, die man bei Verbrechern —oder Sklaven, welche Nichts verbrochen haben — anzuwenden für nöthig erachtet. 17 * _ 200 _ Marter» für die Besiegten aussinnen und an ihnen ausüben. Nun werden die Gefangenen gemustert und alle Unbrauchbaren niedergemacht. Nachdem der Sieger auch so viel Vieh, als er finden konnte, zusammengetrieben hat, tritt er den Rückzug an. Von Soldaten eingeschlossen, bewegt sich der Zug der Gefangenen, mehr gestoßen und gepeinigt, als eine Hecrde Vieh. Der Kommandi- rende ruft Halt. Alles wendet die Blicke nach dem brennenden Dorfe. Ob dort ein Schwervcrwundeter erst in den Flammen seinen Tod findet; ob dort ein gemartertes Weib mit den Zahnen in die Erde beißt, um ihre Schmerzen zu betäuben, ob sie, unfähig zum Gehen, die vernichtende Feuersbrunst näher und näher kommen sieht und sich bei ihr die Todesangst zum Todeskampfe gesellt; ob inmitten einer vom Feuer ergriffenen Hütte ein verlassenes Kind um Hülfe schreit — den Sieger kümmert das wenig. So geht es mit noch mehreren Dörfern, bis man Sklaven genug hat oder dem Klima und dem immer und immer die Soldaten umschleichenden Feinde nicht mehr widerstehen kann. Sengend und brennend, mordend und plündernd ziehen die Soldaten nach Charthum zurück. Der Zug geht langsam. Die schmerzgcpcinigten Männer, welche noch Wunden vom Schlachtfelde her tragen, deren Hälse die Scheba wund reibt, die armen, halb verdurstenden und verhungernden Weiber, die schwachen Kinder sind nicht im Stande, schnell zu gehen. Ich habe einen Transport Dinkha-Neger in Charthum ankommen sehen. Der Anblick war schauderhaft. Keine Feder kann ihn beschreiben, keine Worte drücken ihn aus. Mir hat er wochenlang wie ein Bild des Schreckens vor der Seele gestanden. Es war am zwölften Januar 18 L 8 . Vor dem Re- Licrungsgebäudc in Charthum saßen über sechzig Männer und Weiber im Kreise auf der Erde. Alle Männer waren gefesselt, die Weiber frei. Kinder krochen auf allen Vieren zwischen ihnen herum. Die Unglücklichen lagen ohne den geringsten Schutz in der glühenden Sonne, mit stieren, todten und dennoch unendlich traurigen Blicken auf der Erde, ohne zu klagen, ohne zu wimmern. Eiter 261 und Blut floß aus den Wunden der Männer hervor, kein Wundarzt bekümmerte sich um sie. Sie hatten nichts als heiße Erde, um das herabträufclnde Blut zu stillen; ihre Nahrung bestand aus rohen Durrahkörnern, demselben Futter, das die Kamele fressen. Unwillkürlich suchte sich der Blick des Beschauers aus dem Entsetzlichen das Entsetzlichste heraus. Dort jene Mutter mit ihrem Säuglinge war es, jene kranke Mutter mit jenem verschmachtenden Säuglinge! Mit Thränen in den Augen sah sie das Kind auf allen Vieren zu sich hcrangekrochen kommen. Das Kind verlangte die Muttcrbrust. Aber diese labte nicht mehr. Die Haut lag bei Beiden in großen Falten auf dem Knochengerippe. Ich sah im Geiste den Todesengcl über Beiden schweben, ich glaubte das Rauschen seiner Flügel zu hören und habe Gott gebeten, ihn bald, recht bald zu senden. Ein Egyptcr, der Tschausch oder Unteroffizier der die Wache haltenden Soldaten, trat zu uns. „Siehst du, Herr, Allah war unserm Zuge günstig, wir waren glücklich. Fünf Dörfer haben wir erobert, mehr als fünfhundert Heiden gctödtct. ^.Ii ja kelalrl), all ja malalii, ja urkkrm *)! Wartet, ich will euch aufhelfen!" Der Unmensch nahm in die eine Hand eine Peitsche, in die andere ein Musikinstrument, schwang Beides und befahl durch einen Dolmetscher den Negern, zu tanzen und zu singen. Das ist die Sklavcnjagd, welche die Regierung öffentlich betreibt. Es ist kein Wunder, daß sie auch Privatleute ausüben. Zwischen Obcid und dem weißen Flusse wohnen die Kababiesch, ein räuberischer Nomadenstamm, dem Namen nach von den Türken ebenfalls unterjocht. Zwanzig bis dreißig dieser Nomaden besteigen ihre schnellfüßigen, ausdauernden Pferde und jagen dem Gebirge zu. Ehe die muthigcn Gebirgsbewohner es ahnen, ist ein Dorf überfallen, zehn bis zwölf Kinder werden geraubt, bevor noch der Neger zu den Waffen greifen konnte, ist die Räuberhorde wieder verschwunden. Sklavenhändler erscheinen nun im Lager der Nomaden, kaufen die Kinder und bringen sie nach Obe'id. Die *) O ihr Hunde, o ihr Nichtswürdigen, auf, tanzet! 2Ü2 Knaben werden entweder Soldaten oder, wie die Mädchen, Dienst- leute, Sklaven in den Häusern der Vornehmen und Reichen. Wohl ihnen, wenn sie in die Hände milder Türken oder Egypter fielen; wehe ihnen, wenn ihr unglückliches Loos sie in die Hände eines Nubiers, Kordofahnescn oder — eines Europäers warf! Die aus der Haut des Hippopotamus geschnittene Peitsche zerfleischte ihren Rücken, ehe sie noch Jünglinge wurden. Die grausame Behandlung dauert auch in der Sklaverei fort. Es ist wahr, der Neger ist in der Knechtschaft ein anderer Mensch, als in der Freiheit seiner heimathlichen Berge. Wie jeder unterdrückte und dabei uncivilistrte Mensch wird er falsch, tückisch und schlecht. Seine Energie verwandelt sich in der Sklaverei in Starrköpfigkeit, seine Kriegslist in Hinterlist und Heimtücke, seine an dem feindlichen Stamme ausgeübte Blutrache in Rachsucht: der frühere Krieger wird jetzt leicht ein zu fürchtender Mörder. Der Sklave, welcher seine Kette nicht brechen kann, sinnt auf Mittel, sich an Dem zu rächen, welcher ihm diese geschmiedet. Ihm ist es einerlei, ob er einen milden oder strengen Hrrrn bekommt, er haßt diesen, wie jenen. Aber der Weiße trägt daran die Schuld. Er entriß ihm vielleicht sein Weib, seine Kinder, er trennte ihn von Allem, was ihm theuer war, er nahm ihm die Freiheit und gab ihm schmachvolle Knechtschaft dafür, er entwürdigte den Menschen in ihm und erniedrigte ihn zum Thiere. Der Reisende, welcher Kordofahn's Hauptstadt betritt, sieht die Sklaven als Diener von Vornehm und Gering, denen man die schwersten Arbeiten aufbürdet und die man, um ihr Entspringen zu verhüten, mit schweren Ketten fesselt. Unangenehm tönt das Gerassel derselben im Innern jedes Braven wieder; er sieht die Sklaverei in ihrer ganzen Furchtbarkeit. Einem so gemißhandelten Sklaven ist es nicht zu verargen, wenn er sich sehnt, anstatt des lästigen Staubes der Ebene, welche er zu Feld umzuschaffen gezwungen wird, die frische Luft seiner heimathlichen Berge zu athmen; wenn er wünscht, seinen von Peitschenhieben zerfleischten Rücken des lastenden Joches zu entledigen und mit der Lanze in der Hand Dem frei gegenüberzutreten, welche ihn in jahrelanger Knechtschaft quälte. Er entflicht und eilt zurück nach 263 den blühenden Wäldern seiner Heimath, zu den Brudern seines Stammes. Aber eine fürchterliche Strafe harrt seiner, wenn ihm ein Fluchtversuch nicht gelang und er wieder eingesungen wurde. Der Sklavenbesitzer will seinen Neger, mit dem er schalten und walten kann gleichwie mit vernunftlosem Vieh, nicht gutwillig fahren lassen. Was ist schon für ein Kummer, wenn so ein Sklave stirbt! Wie bedauert sein Herr den Verlust der zwei- oder dreihundert Piaster, die er gekostet hat! Und welche Wuth erfaßt einen Skla- vcnbcsttzer, wenn es einem seiner Leibeigenen gelang, zu entfliehen! Er schwört ihm im Voraus grimmige Rache, unmenschliche Strafe zu. Dann geht er zu einer gewissen Art Menschen, die den Dienst der Bluthunde Nordamcrika's übernehmen. Er führt sie in seine Behausung, zeigt ihnen die Fußstapfen des Entflohenen und fordert sie auf, ihn wieder einzufangcn, wofür er eine gewisse Geldsumme verspricht. Die Bluthunde machen sich auf, den Flüchtling zu suchen. Sie bewaffnen sich mit Pistolen, einem Feucrge- wchr und der Lanze, nehmen Ketten, Nagel und eine Art mit sich, um sogleich die Scheba zu zimmern. Dann verfolgen sie die Fährte des Entkommenen. Unter Tausenden von Fußstapfcn wissen sie dieselbe herauszufinden und zu behalten. Es gelingt ihnen nach stunden- und tagclanger Jagd wirklich, den Sklaven wieder einzufangcn oder niederzuschießen, wenn er sich nicht gefangen geben will. Im ersteren Falle bringen sie den Unglücklichen zu seinem Herrn zurück. „Fesselt und bindet den Hund auf diesen Balken!" herrscht er den klebrigen zu. Der Befehl wird ausgeführt. Die Henkersknechte, welche die Peitsche schwingen müssen, erhalten von der berauschenden Mcricsa, soviel sie trinken wollen. Die Bastonade beginnt. Kein Laut entfährt dem Gefolterten. Schon ist die Lederhaut seines Rückens zersprungen, die blutgetränkten Peitschen wühlen in den bloßgclegten Muskelfasern. Da und dort hin fliegen die losgetrennten Fleischstücke. Der Gemarterte schweigt: er ist besinnungslos oder gar todt. Ich habe einen so gemißhandelten Menschen gesehen, der mit dem Leben davongekommen war. Wir waren in dem Grenzdorfe Meldest in Kordofahn; es war 264 im Monat Mai 1848. Mein Bedienter Mahammed bälgte mehrere große Geier ab, deren Fleisch in Haufen vor unsrer Hütte lag. Die Geier fressen nur faulendes Aas, sie selbst nehmen den Geruch desselben an und stinken noch nach Jahren in den Sammlungen, trotz des Kampfers und anderer stark riechender Konservations- mittel. Der Nubier hatte sich, um den Gestank der Vogel ertragen zu können, Zwiebeln in die Nase gesteckt. Da schlich hinkend eine menschliche Gestalt zu ihm und bat ihn mit arabischen Worten: „cka asüui, üo rrwümst lillalck, rvu rassulilu JInüsiu- msck, stück üu8u sl lasüem*)!" Ich trat verwundert aus meiner Nebuka hervor. Vor mir stand ein Mensch — nein, es war kein Mensch mehr! — vor mir stand ein menschliches Knochengerippe, mit geistgetödtetem Auge, die Füße in eine mehr als zehn Pfund schwere Kette gezwängt, mit acht bis zehn 4 — 8 Zoll langen, 1 — 2 Zoll breiten, eiternden Wunden auf dem Rücken, zitternd vor Schwäche am ganzen Körper und gestützt auf einen Stab, um das wankende, kraftlose Gerippe aufrecht zu erhalten. „Schon der aufrechte Gang des Menschen zeigt das Streben seines Geistes zum Hohen, Himmlischen — zu Gott an," lautet die gewöhnliche Erklärung, warum der Mensch aufrecht geht. Fand sie auch hier ihre Anwendung? Wäre dieses Thier, das vor uns stand, wohl fähig gewesen, noch aufrecht, zum Himmel blickend, zu gehen, wenn es sich nicht auf einen Stab gestützt hätte? Nein. Es hätte kaum Kraft genug gehabt, auf allen Vieren herumzukriechen! Aber trotzdem trug eS noch die schwere Kette, trotzdem wurde cS noch zur Arbeit gepeitscht. „Unglücklicher, was willst du mit dem Fleische?" fragte ich die Jammergestalt. „O Herr, ich will es essen, ich bin so kraftlos und habe seit Monaten kein Fleisch genossen, ich will mich daran kräftigen." Ich habe ihm keine Antwort gegeben, ich fand keine Worte. Stumm willfahrte ich seiner Bitte. Hätte er mich gebeten, ihm *) Mein Bruder, bei der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und seines Gesandten Mahammed, gib mir dieses Fleisch. 265 die Kugel der neben mir stehenden Büchse durch sein Hirn zu jagen, ich hätte es auch gethan! — Das ist die Sklaverei im Innern Asrika's; das war ein Sklave, der entflohen, wieder gefangen und vor drei Monaten bestraft worden war! Man erinnere mich hier nicht an die bekannte Thatsache, daß die Schwarzen Hunde, Schlangen, Krokodile und anderes Gethier, vor dessen Genuß wir zurückschaudern würden, ohne Ekel verspeisen, — Gcicrflcisch essen sie nicht. Ich behaupte, daß es einem Menschen, der andere Nahrung erhalten kann, unmöglich ist, eine so ekelhafte Speise zu genießen. Das bewies das Erstaunen und Grauen meines braunen Bedienten bei der Bitte des Unglücklichen, das bewiesen meine lebenden, stinkendes Aas mit Begierde verschlingenden Hyänen, welche sich weigerten, Gcierfleisch zu fressen. Ein fast verhungerter, durch Mißhandlung halb wahnsinnig gewordener Mensch ißt es, er befindet sich aber in einem so traurigen Zustande, daß er nicht mehr Mensch genannt werden kann. Ich will, nachdem ich das Bild des tiefsten Elendes gezeichnet, auch der lichteren Seiten des Sklaventhums gedenken und bemerken, daß der Neger oft durch seine Störrigkeit und Tücke Strafe verdient; ich weiß, daß oft nur fürchterliche Strenge ihn im Zaume halten kann, und daß mancher Mahammedaner seine Sklaven besser hält, als seine freien Diener. Die als Kinder zu Sklaven gemachten oder in der Sklaverei geborenen Neger vergessen ihre Knechtschaft leicht, weil sie die Freiheit nie gekannt haben; sie werden von vielen Mahammedanern milde behandelt, von ihren Herrn gekleidet und ernährt, wie zur Familie gerechnet und erhalten Alles, nur ihre Freiheit nicht. Und diese, ein ihnen, wie gesagt, unbekanntes Gut, wünschen sie nicht einmal; ja, sie würden sich vielleicht unglücklich fühlen, wenn sie dieselbe erhalten sollten. Nur ganz unmenschliche Herrn, etwa Europäer, trennen ihre Kinder von ihnen, um diese zu verkaufen; sie würden von ihren Mitbürgern hart angegriffen werden. So geschieht es, daß sich der in der Sklaverei geborene Neger den Frcigcborenen gleich achtet; — denn seine schwarze Farbe ist nicht, wie in Amerika, ein Zeichen der Schande: der Jslahm vereinigt alle Völkerschaften — er nimmt 266 die Sitten nnd Gebräuche des Volkes an, unter dem er aufwächst und ist nur Sklave dem Namen nach. In diesem Falle sind die meisten Neger Charthum's, wenn auch nicht die der Europäer, ^ denn diese sind Sklaven im vollsten Sinne des Wortes. In Charthum erlaubt den Negern ein sonderbarer Gebrauch, sogar ihre Herrn zu wechseln. Wenn nämlich ein Sklave mit Recht oder Unrecht mit seiner Lage unzufrieden ist, geht er zu einem anderen, als menschenfreundlich bekannten Türken oder Araber und schneidet einem diesem gehörigen Esel, Pferde oder Kamele ein Ohr ab. Nach dem Gesetze oder an Gesetzes Statt gültigem Gebrauche wird der zahlungsunfähige Thäter Eigenthum des Besitzers eines so verunstalteten Thieres, wenn sein früherer Herr nicht Schadenersatz leisten sollte. Kamele und Pferde sind in Charthum häufig nominell wcrthvollcr, als Sklaven und deßhalb wird selten Schadenersatz geleistet. Auch würde der Sklave so lange Esels- oder Kamelohren abschneiden, bis es sein Herr überdrüssig bekäme, dieselben zu bezahlen. In diesem Gebrauche kann man, wenn man das Loos des ^ Negers kennt, abgesehen von der Thicrquälerei, nichts Strafbares finden, aber eine gewisse Tücke leuchtet unverkennbar hindurch. Diese, verbunden mit einer grenzenlosen Undankbarkeit, kann man sehr oft bei ihm wahrnehmen. Von letzterer erlebten wir selbst ein Beispiel. Bei unserer Ankunft in Kordofahn's Hauptstadt erfuhren wir, daß der Sohn des aus Dahr-Fuhr vertriebenen „Sultahn" Äbü-Mediön *) daselbst in großer Dürftigkeit lebe. Der Baron beschloß, ihn zu sich und, wenn er es zufrieden, mit sich nach Europa zu nehmen. Früher war er schon einmal in England gewesen und hatte sich dort so wohl befunden, daß er wünschte nach Europa zurückzukehren. A » bd - 8 l - S » ms, a - s, ht **) erschien in den zerlumptesten Kleidern bei uns und schien entzückt über die sich ihm darbietende Gelegenheit, wieder in bessere Umstände zu gelangen. Er fiel auf sein Angesicht, küßte die Füße des Barons und sagte: *) Z» deutsch: Vater (Begründer) der Städte. **) Sklave der Himmel. 267 „Herr, ich bin Dein Sklave, thue mit mir, wie Du willst, ich bin Deiner Gnade nicht werth!" Der Baron schenkte ihm Kleider und Geld, ließ ihn mit sich an einem Tische speisen und behandelte ihn mit ebensoviel Liebe, als Auszeichnung. Acht Tage später hatte der armselige Prinz uns verlassen und — bcstohlen. Ich könnte Thatsachen erzählen, welche darzuthun scheinen, daß die Schwarzen aller Laster fähig sind. Aber das wäre nur dann eine begründete Behauptung, wenn wir den Weißen fehlerfrei nennen. Und das ist dieser leider nicht, am allerwenigsten fern von seiner Heimath. Es ist sehr zweifelhaft, ob der Neger den übermannten Weißen oder ob dieser den in seine Hände gefallenen Schwarzen mit größerer Grausamkeit behandelt. Ein einziger Rückblick auf die geschilderte Sklavenjagd möchte nicht zum Vortheil des Weißen entscheiden. Ich finde es sehr erklärlich, daß der Neger in der Knechtschaft alle Tugenden des Freien vergißt und die Laster des Sklaven dafür annimmt; ich finde es erklärlich, daß er, von dem Elende seiner zu Sklaven gemachten Mitbrüdcr unterrichtet, den Weißen aus tiefster Seele haßt. Und dieser oft genug bethätigte Haß scheint dem Türken die Rechtfertigung seiner grausamen Jagden zu sein. Er bedenkt nicht, daß sein Vorfahr giftigen Samen gestreut hat, der jetzt aufgeht; er vergißt, daß er den Keim zu jenen entsetzlichen Vernichtungskriegen gelegt hat. Der Neger, den Alle, welche den weißen Fluß bereisten, als gutmüthigen, arglosen Menschen schildern, wird im Kriege mit den Türken zum Tiger. Es ist nicht zu verwundern, wenn der rohe, ungebildete Bewohner des Urwaldes, um dem beim Erscheinen des Feindes ihm bevorstehenden furchtbaren Loosc zu entgehen, des Menschen heiligstes Gut, die Freiheit, mit einem Muthe vertheidigt, der ihn der Civilisation und Bildung würdig machen könnte; aber es ist ebenfalls nicht zu verwundern, wenn er sich blutig rächt an den Feinden, welche sengend und brennend in sein Land einfallen, wenn er aus Rache ihre Besitzungen plündert, Reisende des feindlichen Volkes und zuletzt alle Weißen verfolgt und tödtet und dem ganzen Volke seiner Peiniger offenen und heimlichen Krieg erklärt hat. Man beurtheilt die schauderhafte 268 Sitte der Abyssinier, jeden gefangenen Feind zu entmannen, milder, wenn man weiß, daß den Schritten dieses Feindes Schrecken und Fluch, Elend und Verzweiflung nachfolgen. Der Haß der dunkeln Völkerschaften ist gerecht; die ausgesuchte Grausamkeit, mit welcher der in ihre Hände fallende Weiße hingeschlachtet wird, ist nur die Ausübung einer furchtbar begründeten Rache. Die Sklavenjagd ist eS, welche dem Forscher den Weg in'S Innere Afrika's verschließt. Die Steppe „Unabsehbar breitet vor Dir sich der dichteste Graswald, Einzelne Sträuche nur sprossen dazwischen empor. Zögernd betritt ihn Dein Fuß; von nun an theilst Du mit Löwe, Panther, Hyän' und Genossen dasselbe Gebiet." Bevor ich meine Leser nach Kordofahn geleite, muß ich sie erst einen Blick auf denjenigen Landstrich, in welchem wir unS von nun an bewegen werden, werfen lassen. Die „Chala" Nord- Ost-Afrika's ist weder die Prairie Südamerika's, noch die Steppe deS südlichen Rußlands: sie ist das Bindeglied zwischen Wüste und Urwald; sie steht zwischen beiden mitten innc. Wir wollen sie Steppe nennen, weil dieses Wort dem Begriff am Besten entsprechen dürfte. Sie zieht sich wie ein breiter Gürtel durch Afrika hindurch und geht nach Süden zu unmittelbar in die Urwälder, nach Norden zu in die Wüste über. Diese Uebergänge erfolgen aber so mählig, daß man oft nicht sagen kann, ob man sich in der Steppe oder der Wüste, der Chala oder dem Urwalde befindet. Der Reisende gelangt mit dem siebenzehnten Grade n. Br. in das Gebiet der Steppe. Er sieht »eine Ebene vor sich, deren Ende sein Auge nicht erreicht. Hier und da erhebt sich ein Hügel aus ihr, hier und da wohl auch ein niederer Bergrücken; niemals sind die Berge so schroff und todt als in der Wüste. Die Sandstein- formation ist vorherrschend, der Sand selbst durch Eiscnoryd gefärbt und an manchen Stellen so eisenhaltig, daß der Eingeborne einen kunstlosen Schacht eintreiben und auf das von ihm geschätzte Metall bauen kann. An allen übrigen Erzen ist Mangel, die Brenzc fehlen gänzlich und nur die Salze sind durch wenige Arten rcpräscntirt. Der Charakter der Steppe ist ein ungleich milderer als der der Wüste. Während in dieser das Urgestein noch 270 häufig zu Tage tritt, gehört in jener die Granit-, Syenit-, Porphyr- und Basaltformation zu den Ausnahmen von der Regel. Dieser mildere Charakter macht sich aber noch weit mehr bei dem Pflanzenreiche und am Meisten bei dem Thierreichc bemcrklich. Daß die im Bereich der tropischen Regen liegende Steppe eine reichere Vegetation erzeugt, als die unter ewigem Sonnenstrahl glühende Wüste, ist erklärlich, und daß die Fauna mit der Flora stetig zunimmt, eine anerkannte, natürliche Thatsache, auf welche ich nicht hinzuweisen brauche. Im Gegensatz zur Wüste beginnt die Steppe bereits zu malen, d. h. sie formt und zeichnet ihre Thiere und Pflanzen auf das Mannigfaltigste, wahrend wir bei der Wüste fanden, daß diese allen ihren Geschöpfen mit geringer Ausnahme das gleiche Gewand ertheilt. In der Chala erstarkt das Gras zu sechs bis acht Fuß hohen Stängcln, wird reich an Arten und Eremplaren, die Gebüsche treten dichter zusammen, die Bäume erreichen eine beträchtliche Höhe, viele Geschöpfe tragen schon hier ein prangendes, farbenprächtiges Kleid. In den von nur bereisten Ländern gelangt man, sobald man die Steppe betritt, in einen ziemlich hohen, von einzelnen, spärlich zerstreuten Bäumen unterbrochenen Graswald. Das „Gras" ist meilenweit der unlcidige „Askanit", eine alle Reisenden entsetzlich peinigende Pflanze mit klcttenarti'gen Samcnkolben, welche bei der geringsten Berührung feine, gelbe, kaktusähnliche, das dichteste Zeug durchdringende Stacheln fahren läßt. Diese werden dann gemeiniglich erst bemerkt, nachdem sie schon Eiterung veranlaßt haben. An anderen Stellen sieht man in ebenso großer Ausdehnung eine Pflanze, deren Aehrcn an den Kleidern hängen bleiben, auf anderen scharfschncidiges Riedgras, auf noch anderen ein Gras mit höchst wohlriechenden Aehrcn und endlich auf wieder anderen alle möglichen dornigen, disteligcn, stechenden, schneidenden und quälenden Gräser und Pflanzen in wirrem Gemisch vereinigt. Dazwischen erheben sich die Bäume und Gesträuche. Man bemerkt am Häufigsten mehrere Mimoscnartcn und eine Leguminose, welche die Eingeborncn „Murdj" nennen und, weil ihnen das 271 dürre Holz des Strauches ein Reibfeucrzeug *) liefert, besonders schätzen. Ihre Kamele lieben die saftigen Astspitzcn mit den kleinen Blättern und benagen den Strauch, soweit sie können. Die schon in Egypten häufige elsolopirw prooora überzieht humusreichere Strecken mit ihren blüthenvollcn Gebüschen, der Nabakstrauch bildet zuweilen kleine Wäldchen; auch noch andere fruchttragende Gesträuche sind vorhanden. In diesen Wäldchen bemerkt man die kunstvollen Gebäude der Termiten, in denen sich wiederum andere Thiere eingenistet haben; aus dem Grasdickicht ertönt zuweilen der Ruf des kleinen nubischcn Trappen, welchen die Eingebornen nach diesem „MLkhLr" nennen, bisweilen sieht man eine Antilope das Haupt über die Halmen erhoben. Vorzüglich häufig sind die Gazellen, denen man hier in Rudeln von dreißig und mehr Stücken begegnet; wegen ihrer unbeschreiblichen Anmuth und Geschwindigkeit ist man geneigt, sie eher für Gebilde der Phantasie, als für wirklich cristirende Wesen zu halten. Der Sand zeigt überall die Spuren größerer Step- penthicre. Die Fährte des Straußes wechselt mit denen der Antilopen, nicht selten auch mit der der Gieraffe. Das sind ungefähr die ersten Eindrücke, welche die Chala auf den sie Betretenden macht. Aber sie ändern sich mit den Jahreszeiten. Während die Steppe zur Zeit der Regen einem blühenden Garten gleicht, ist sie zur Zeit der Dürre oder in den Monaten Februar bis Mai oder Juni ein wirklich grauenerregender Ort. Die „Chuah r" sind versucht, die Bäume blätterlos, hie ») Sie spitzen zu diesem Behufe einen geraden dünnen Stock an einem Ende zu und bohren in einen zweiten ein der Spitze des ersten entsprechendes Loch. In dieses wird der erste Stock gesteckt und möglichst schnell herumgedreht. Durch fortgesetzte Reibung entsteht ein dunkles, brandig riechendes Pulver, welches sich bald vollständig in Kohle umwandelt und zu glühen anfängt. Der Steppenbewohner fängt es auf seiner Sandale auf, zündet langsam glimmendes Durrahstängelmark oder feines Gras durch starkes Bewegen in der Luft an und bekommt bald eine helllodernde Flamme. Ein geübter Sudahnese macht mit diesem Reibzeuge binnen drei Minuten Feuer an. **) Plural von „Chvhr", Regenstrom. 272 Gräser dürr geworden. Wohin das Auge schaut, begegnet es einer verbrannten, gleichfarbig strohgelben Fläche, über welcher der Südwind Staubwolken herumwirbelt. Große Strecken des Graswaldes sind von weidenden Mehhecrden niedergetreten worden und ähneln einer vom Hagel zerschlagenen Flur. Alles Frische, Lebendige, Schöne ist verschwunden, das Verwelkte, Todte, Lästige blieb zurück. Der Chamasihn hat den Gesträuchen ihren Blatt- und Blüthenschmuck geraubt, aber die Dornen starren noch in die trübe, nebelige, staubcrfüllle Luft hinaus. Die munteren Gazellen haben sich in die Niederungen zurückgezogen, aber gistzähnige Schlangen, gefährliche Skorpionen, ekelhafte Taranteln, Spinnen und anderes Ungeziefer treibt sich lustig auf denselben Plätzen, auf denen jene äs'tcn, herum. Des inncrafrikanischen Sommers volle Gluth liegt auf der weiten Ebene. Müde und matt schleppen sich die Säugethicre von einer Stelle zur anderen, für sie herrscht eine böse Zeit, nur das giftige Gewürm und die unschuldigen, in allen Farben glänzenden Eidechsen befinden sich jetzt wohl. Der Mensch glaubt verschmachten, verenden zu müssen in dieser Oede. Allein das Ende der furchtbaren Zeit ist nahe. Im Süden zeigen sich dunkle, rcgcnkündende Wolkcnschichten. Nachts leuchten aus ihnen zuckende Blitze auf. Der Donner rollt in weiter Ferne. Allnächtlich wiederholt sich das glückverheißende Schauspiel. Die gewitterschwangeren Wolken werden mächtiger und schwerer, ein Regenguß steht bevor. Jetzt eilt der Eingcborne auf seinem flüchtigen Hedjihn hinaus in die Steppe und zündet den Graswald an. Der Sturm jagt das gefräßige Element mit seiner eignen Schnelle über die Ebene dahin. Meilenweit röthet ein Feuermcer den nächtlichen Himmel; zur Tageszeit lagert dichter Rauch über der brennenden Fläche. Mit immer gesteigerter Eile verbreiten sich die Flammen, alles dürr Gewordene giebt ihnen neue Nahrung. Schreckerfüllt fliehen die Thiere der Wildniß, denen der Brand naht. Die Antilopen laufen mit dem Sturm um die Wette, die Schlangen eilen, so schnell es ihnen ihr fußlvßcr Leib gestatten will, davon. Doch näher und näher kommt ihnen das Verderben. Sie spähen ängstlich nach schützenden Erdlöchern, der Giftzahn muß deren Bewohner beseitigen. Unzählige sterben den Flammentod, mit ihnen zugleich Tausende von Seorpionen, Taranteln und anderein ähnlichen Gcthier. Die fliegenden Insekten erheben sich, um der allgemeinen Vernichtung zu entrinnen: sie harrt ihrer in der Höhe. Hunderte von Bienensressern lauern dort auf sie. Sie wissen, daß das Feuer alles Fliegende auftreibt und sind geschäftig, die ihnen entsprechende Beute zu machen. Vor der Feuerlinie sieht man auch andere geflügelte Räuber. Dort treiben sich drei Arten schlangenvertilgcnder Vogel herum, der Sekretär, der Gaukler und der Schlangcnbussard; ersterer verfolgt die bedrohten Reptilien lausend, die beiden andern fliegend. Alle übrigen Thiere zeigen unverkennbar eine große Angst. Wenn ja einmal ein Erdcichhörnchcn neugierig aus seinem sicheren Bau hervorsteht, beim Anblick der Flammen eilt es gewiß in den tiefsten Kessel desselben zurück. Das Wild flüchtet mit allen Kräften, der beutegierige Leopard denkt nicht daran, eine der Gazellen, unter denen er dahinjagt, anzugreifen, der schnellläufige Gepard vergißt seine Mordlust. Unmuthig schaut der Löwe nach seinem kühlen Ruheortc zurück, von dem ihn das Feuer vertrieb, er brüllt vor Grimm laut auf, dann aber sucht auch er sein Heil in der Flucht. So reinigt der Nomade sein Weideland. Mit dem Aufhören des Sturmes ersterben die Flammen. Die Steppe ist rasirt, fruchtbare Asche liegt überall auf dem sandigen Boden, hier und da glimmt noch ein starker Ast oder dürr gewordener Baumstamm. Und nun senden die dunklen Wolken ihre Güsse herab. Schon nach wenig Tagen überklcidet saftiges Gras die vor Kurzem noch so öde, verbrannte Fläche. Der Eingcborne zieht mit seinen Hcerden hinaus in das üppige Weideland, der Nomade wandert von einer Hochebene zur andern. Neue Gewittergüsse befördern das Wachsthum. In den Niederungen bilden sich Seeen, die Chuahr enthalten Wasser. Alle Bäume schlagen aus, der Frühling ist gekommen, bald herrscht er überall. Den Kronen der Mimosen entströmen balsamische Wohlgerüche, ihren Aesten und Zweigen entquillt das anfangs krystallhelle, später immer dunkler werdende arabische Gummi, die Quelle des Un- 18 27L Inhalts für tausend Menschen. Die dickhäutige Adansonie kleidet sich in ihren höchsten Schmuck, die Rankcngewächse blühen und bringen Früchte. Vor wenig Wochen waren die Rinder der Romaden nur Skelette, die Fetthöcker der dürren Kamele waren aufgezehrt: jetzt glänzen die Hcerden und die Kamele werden täglich feister. Mit frischen Kräften kehrt Lebens- und Licbcslust zu den Thieren zurück. Der Antilopen bock schreitet mit stolz erhobenem Gehörn durch seinen Halmenwald, der „Cdlihm" kämpft mit seinen Genossen um die „Ribehda"*), der „Makhar" ruft seinen Namen laut den Nebenbuhlern zu. DeS Nachts verläßt die jetzt Junge säugende Löwin ihr Lager, um sich und jenen Beute zu erjagen, mit dem behenden Gepard schleicht der Leopard dem liebestollen Gazcllenbock nach. Gesellschaften des schöngczeich- ncten wilden Esels (ob Lguus robra oder L. Luiolrelli ist noch unentschieden) und kleine Trupps der panthcrgefleckten Gieraffe durchstreifen das Land, das „Rind der Steppe" (Antilope Isu- eor^x) äst behaglich mit seinem unlängst gebornen Kalb. In den Mimosenbüschen tragen die Finken zu ihren kunstlosen Häusern zusammen, der Lappenkicbitz scharrt sich in einem Grasbusch eine Vertiefung, um da seine Eier hineinzulegen; die Regenteiche bezicht die Sporengans mit einem Heere verschiedener reihcr- artigen Vögcl, unter denen die ächten Reiher wohl sehen wollen, ob die Erzählung der Eingcbornen, nach welcher die Regenreiche große Fische beherbergen, auch wahr ist. Hoch in den Lüsten schweben die Raubadler, über ihnen kreisen die Geier in angemessener Höhe, der Steppenweih gleitet geräuschlos über das wogende Halmenmeer dahin. Allüb'erall offenbart sich des Frühlings Macht und Leben. Doch auch diese Herrlichkeit hat ihre dunklen Schattenseiten. Unter den unzählbaren Schaaren der Insekten sind die lästigen am Häufigsten. Wo Wasser ist, erscheinen die Musquitos zur Qual *) Edlihm ist der arabische Name des männlichen, Ribehda der des weiblichen Straußes. 275 der Menschen, die „Fliegen"*) zur Qual der Thiere. Das Wild, unter dessen Oberhaut sich gefräßige Maden eingenistet haben, rennt wie toll von einer Stelle zur andern, um seine ungeheuren Schmerzen zu betäuben, der Mensch stöhnt unter der Marter, welche ihm kaum sichtbare Peiniger bereiten. Zu diesen höllischen Gesellen kommen die Krankheiten der Regenzeit. Mit dem verdunstenden Wasser entströmen dem Erdreiche Miasmen, welche das Fieber gar bald in das bewegliche Haus des Nomaden bringen. Ueber dem Hirten und seiner Hcerde kreisen, unheilweisagend, die Geier; ihnen gilt es gleich, mit ihrem scharfen Schnabel einem Schafe den Leib aufzureißen oder Menschcngcbein zu benagen: daß ihnen Nahrung werden wird, scheinen sie zu wissen. Noch andere Feinde bedrohen Menschen und Thier. Mit Sonnenuntergang hat der Nomade seine Heerden in der sicheren Geriebn eingehördet. Dunkel senkt sich die Nacht auf das geräuschvolle Lager herab. Die Schafe blocken nach ihren Jungen; die Rinder, welche bereits gemolken wurden, haben sich niedergethan. Eine Meute wachsamer Hunde hält die Wacht. Mit einem Male läutet sie hell auf, im Nu ist sie versammelt und stürmt in einer Richtung in die Nacht hinaus. Man hört den Lärm eines kurzen Kampfes, wüthende, bellende Laute und grimmiges, heißeres Gebrüll — sodann Triumphgeläut — eine Hyäne umschlich das Lager, mußte aber vor den muthigen Wächtern der Heerden nach kurzer Gegenwehr die Flucht ergreifen. Einem Leoparden würde es nicht besser gegangen sein. Urplötzlich scheint die Erde zu beben — in nächster Nähe brüllt ein Löwe. Dreimal — so sagen die Ein- gebornen— kündet er mit donnernder Stimme seine Ankunft, dann nähert er sich der Serieba. In dieser offenbart sich die größte Bestürzung. Die Schafe rennen gegen die Dornenhecken, die Ziegen schreien laut, die Rinder rotten sich mit lautem Angstgcstöhn zu wirren Haufen zusammen, das Kamel sucht, weil es gern entfliehen möchte, alle Fesseln zu zersprengen. Und die muthigen Hunde, *) Die „Fliege" (et lubslm) ist ein den Heerden jener Länder äußerst schädliches Thier, von dem ich weiter unten sprechen will. 18 * 276 welche Leoparden und Hyäne bekämpften, heulen laut und kläglich und flüchten sich zu ihrem Herrn. Dieser aber wagt sich nicht hinaus in die Nacht; er wagt es nicht, nur mit seiner Lanze bewaffnet, einem so mächtigen Feinde gegenüberzutretcn und läßt es geschehen, daß er mit einem gewaltigen Satze die oft zehn Fuß hohe Dorncumauer überspringt und sich ein Opfer auswählt. Ein Schlag seiner furchtbaren Pranken betäubt ein zweijähriges Rind, das kräftige Gebiß zermalmt die Wirbclknochen des HalseS und damit den Lebensnerv des widerstandsunfähigcn Thieres. Dumpf grollend liegt der Räuber auf seiner Beute, die großen Augen funkeln hell vor Siegcslust und Ranbbegicr. Dann tritt er seinen Rückweg an. Er muß zurück über die hohe Umzäumung und will auch seine Beute mit sich nehmen. All' seine ungeheure Kraft ist erforderlich, mit dem Rind im Rachen den Rücksprung auszuführen. Aber er gelingt *) und nun schleppt er die schwere Last mit Leichtigkeit seinem, vielleicht eine Meile entfernten Lager zu. Alles Lebende am Lager athmet freier auf, es schien durch die Furcht gebannt zu sein. Der Hirt ergicbt sich gefaßt in sein Schicksal, er weiß, daß der Löwe seiner Heerde immer auf dem Fuße folgt, mag er sich wenden wohin er will. Der Verlust, den er durch den König der Wildniß erleidet, ist ebenso groß als die Steuer, welche er in untadelhaften Viehstücken dem Könige des Landes geben muß. Zwei Könige fordern Tribut von ihm, er muß beiden gerecht werden; beider Forderungen sind unabwendbar. Er ist froh, wenn ihn der Himmel noch vor größerem Unheil bewahrt. Zur Zeit der Regen nämlich ist die Steppe auch den wilden Banden der Neger zugänglich. Oestlich vom weißen Flusse streifen dann die langbeinigen Schilluk und Dinkha, westlich davon *) Ich bin erst durch vielseitige Versicherungen der Eingeborue» und eigene Anschauung überzeugt worden, daß der Löwe wirklich ein derartiges Kraftstück auszuführen vermag. Man bat mir am blauen Flusse eine Serieba von mindestens acht Fuß Höhe gezeigt, über welche ein Löwe mit einem Rind im Rachen gesprungen war. Wenn sich meine Leser ein Bild des Löwen der Wälder Ost-Sudahn's machen wollen, bitte ich sie, die halberwachsenen, halbverkrüppelren Exemplare, welche man in Menagerieen sieht, nicht zum Maaßstabe zu nehmen. 277 die Schwarzen Takhales, Dahr-Fuhr's, Nubas und Schei- buhn's. Sie überfallen, wenn sie stark genug sind, sogar größere Dörfer und sind der Schrecken der festwohnenden und nonia- disircndcn Eingebornen des Sudahn. Was in ihre Hand fällt, ist verloren; sie rauben Menschen und Hausthicrc, sei es auch nur um sich für ihnen angethanes Unrecht zu rächen. Derselbe Noma- dcnschech, dessen Weib sie mit sich nehmen, war vielleicht der Anführer einer Horde berittener Räuber, welche ihnen vor wenig Monden ihre Kinder entriß. Frevelhaftes Beginnen wird immer bestraft! Zwischen dem Charles und der trocknen Zeit liegen drei bis vier Monate, welche beide vermitteln. Es sind die Monate Oktober bis Januar, oder November bis Februar. Sie sind die glücklichste Periode des Steppcnlebens, die Zeit, in welcher die Himmelssaat, der Regen, Früchte trägt. Sie sind es, während deren der einem Igel ähnliche junge Strauß seinem Eigehäuse entschlüpft, während deren die Jungen der meisten Vögel flugbar und die Kälber der Antilopen kräftig werden. Noch ist des Regens Einfluß durch den Sonnenstrahl nicht aufgehoben, dieser bringt die Aehrcn nur zur Reife. Erst wenn die Sonne höher nach Norden heraufsteigt, wird sie übermächtig. Das bisher in den Chuahr fließende Wasser vcrsiecht, die Rcgcnteiche vertrocknen. Jetzt wühlt sich das Krokodil, welches in den größeren, wasserreichen Stcppcn- flüssen lebte, in den feuchten Letten ein, um dort mehrere Monate im todähnlichen Schlafe zuzubringen, die leichtbeschwingten Wasser- vögel fliegen den immcrfließendcn Strömen zu. Schon im März ist das Wasser aller Birakct *» und Ehuahr verdunstet und der Steppenbewohner muß, um sein Vieh zu tränken, zum Zugeimer greifen. Das milchreiche Euter der Kühe schrumpft zusammen wie die bereits verdorrten Blätter der Bäume, welche mit dem ersten Südwinde vollends ihren Zweigen entführt werden. Bei vielen Pflanzen ist der Herbst längst eingetreten: wenn die langgestielten Früchte der Adansonie sichtbar werden, fallen die sie bisher verhüllenden *) Plural von „Blrker", See oder großer Rcgeutelch. 278 Blätter. Im April sind die kühlenden Nordwinde erstürben, von nun an treten ihre Gegner auf; das Leben erlischt, die Vernichtung beginnt. In diesem flüchtig skizzirten Landstriche herrscht, wie ich schon angedeutet habe, ein reges Thierlcbcn. Man würde irren, wenn man die Steppe arm nennen wollte: sie ist reich und erzeugungs- fähig. Ganze Länder liegen in ihr, noch nicht gezählte Nomadcn- stämme nennen sie ihre Heimath, Hunderttauscnde von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen werden in ihr geboren. Ackerbau und Viehzucht sind die Quellen des Wohlstandes ihrer Bewohner, sie werden beide stark betrieben, doch steht die Viehzucht oben an. Zur Mittagszeit gewähren die in den Niederungen liegenden Tränk- plätze ein eigenes Schauspiel, aber ein Bild des Wohlstandes der Steppe selbst. Da kann man acht- bis zwölfhundert durstige Kamele, drei- bis viertausend nach Wasser lechzende Rinder vereinigt sehen, welche hier von ihren Hirten getränkt werden. Das begehrlichere Volk der Ziegen und Schafe kommt zweimal des Tages zu gleichem Zwecke hierher. Viele Hirten, vielleicht die Hälfte der Männer eines Stammes, haben vollauf zu thun, ihrer ungeduldigen Schaar Genüge zu leisten. Jeder Stamm hat seine bestimmten Tränkplätze und wechselt nach der Jahreszeit oder der eben erkorenen Weidcgcgend, bald mit diesem, bald mit jenem. Die in Dörfern hausenden Viehzüchter sättigen ihre Heerden aus der Ci- sterne ihres Dorfes. Ursprünglich waren auch sie wandernde Nomaden, jetzt warten sie mehr des Ackerbaues als der Viehzucht*). Eigenthümlicher als die gezähmte ist die freilebende Thierwelt der Steppe. Ich bemerke, daß ich bei einem kurzen Uebcrblick der *) Die Steppenbewohner, über welche ich meinen Lesern im Verlaufe meiner Erzählung hier und da noch Einiges mittheilen werde, theilen sich in mehrere Hauptstämme und viele Rebenzweige, unterscheiden sich aber in ihren Sitten und Gebräuchen wenig von einander und den andern, uns schon bekannten Bewohnern des Sudahn, 279 Steppenthierc die mehr in größeren Waldungen wohnenden Geschöpfe, weil ich diese dem Unvalde zuzähle, nicht berücksichtige. Die Chala hat übrigens selbst interessante Erscheinungen genug und braucht dem Urwald Nichts zu entnehmen. Unter den Sau geth irren der Steppe sind die Ordnungen der Raubthicre, Nager und Widcrkäuer am Zahlreichsten vertreten. In der Nähe ausgedehnter Waldungen finden sich alle Raubthierc der Urwälder, welche wir später kennen lernen werden; überall aber trifft man den afrikanischen Gepard (k'elis — 6^imi>uru8 — Auttatus), den Stcppenluchs (kelis oaraeal), die gefleckte und ge st reifte Hyäne (Unserm crocuta und stria- ts), den Schakal (Uanis varie^atim) und Fcnnek (Ue^alotis palliäus) an. Eine der selteneren Erscheinungen dürste der gemalte Hund (6ani8 picckus) sein, welcher in Kordofahn gefunden worden ist. Zwei Arten der Genetkatzc (Oenetta, se- neAickensis und E. akra) sind häufig, aber wegen ihrer Behendigkeit schwer zu erlangen, die Sippe Ilerpsstss zählt drei Arten: H. eakker, U. ^ebra und slbicauelatus, Km///,. Die Nager sind durch viele Sippen und »och mehr Arten von Mäusen, welche ich jedoch nicht kenne, vertreten; außerdem bemerkt man den Steppenhasen (lll,epu8 -mtkiopioim) und mehrere Arten der „S-lbörL" der Eingebornen, des Erdcichhörn- chens, worunter 8eiuru8 braeir^oto8, , oder 80. leueo- umbrinu8, die gemeinste ist. Am Ausgebildctsten ist jedÜrfalls die Ordnung der Wiederkäuer, für welche die Steppe als die eigentliche Heimath angesehen werden muß. Schon in Kordofahn ist die Gieraffe keine Seltenheit. Man trifft ihre Spuren sehr oft, wenn man sie selbst auch mehr gerade häufig zu sehen bekommt. Sie scheint dazu geschaffen zu sein, die Baumblättcr abzufressen, denn niedere Weide wird ihr beschwerlich. Wenn sie trinken oder auf die Erde gestreutes Futter aufnehmen will, muß sie ihre Vorderbeine so weit aus einander spreizen, daß die Hufen derselben sechs bis acht Fuß von einander zu stehen kommen ; erst dann, nachdem sie so den Vorderkörper bc- - 280 deutend erniedrigt hat, ist sie im Stande, ihre Lippen bis zu der Flache, auf welcher sie fußt, herabzubringen. Ihre Schwerfälligkeit ist übrigens eine nur scheinbare, sie ist ein behendes Thier und vermag im Laufen das beste Pferd zu ermüden. In der Gefangenschaft macht sie ihr sanfter Charakter und die Zutraulichkeit, welche sie bald gegen ihren Wärter zeigt, zu einem höchst liebenswürdigen Thiere. Ich glaube, daß auf dieser Wahrnehmung die Bedeutung ihres arabischen Namenö „Serähfe" — die Liebliche — beruht. Von den in der Steppe N.-O.-Afrikas hausenden Antilopen kennt man bis ungefähr zwanzig Arten. Die bekanntesten sind: Antilope eloreas, die Gazelle, 4.. aradioa?, derAoriell, 4. loueor^x, das Rind der Steppe (BLHkr Sl chäl-l), 4. Iw- rmartioa (von 4. or^x des Cap unterschieden), der Tetal, 4. Montana, 4. 8oenini6ring'H, 4. eaams, von den Eingebornen ebenfalls „Tetal" genannt, 4. nasoinaoulata (von 4. aclax Süd- afrika's getrennt); seltnere Arten sind die 4. Ouvisri, 4. 6ama, die „Aadra" der Sudahnescn, 4. budalis, die reizende 4. kemprl- okiana und andere. Das System hat sie in fast ebenso viele Sippen, als ich Arten aufgeführt habe, getrennt, worauf ich nicht näher eingehen will. Alle Antilopen haben mit den Hirschen eine zierliche Gestalt gemein und nur sehr wenige Arten ein etwas plumperes Ansehen, als diese. Sie sind behende, flüchtige Thiere, welche truppweise die weite Steppe durchziehen. In der Größe unterscheiden sie sich sehr von einander. Man kennr Antilopen, welche so groß als ein fast ausgewachsenes Mind werden, während die 4. p^ssmaea des Cap einem kaum geborenen Reh gleicht. Im Sudahn wird letztere Art durch .4. liemprielüana rcpräscntirt, welche sie nur wenig an Größe, aber an Anmuth und Zierlichkeit übertrifft. An manchen Orten sind sie sehr scheu, an anderen weit zutraulicher. Zu den seltensten Bewohnern der Steppe gehört das innerafrikanische Schuppenthier (Nanis — kdataxo8 — Teminkii), welches wir in Kordofahn erbeutet haben. Später sah ich ein zweites Eremplar dieses merkwürdigen Geschöpfes in der Gefangenschaft bei Nikola Ulivi in Charthum, welcher es mit Milch und 281 Weißbrod ernährte. Mein Freund Heuglin hat auch den äthiopischen Ameisenbär (OrMeropu8 aotdiopieuch aus der Steppe erhalten. Genau den Ordnungen der Säugethicrc entsprechend, sind auch die in der Steppe auftretenden Ordnungen der Vogel. Die Raubvogel und die Renner sind am Zahlreichsten vertreten. Man findet alle Geier arten des Innern ohne Ausnahme in der Steppe, die eigentlichen Adler leben mehr in den größeren Waldungen, die Schlangenadler hingegen sind ächte Steppenbewohner. Vier Sippen und fünf Arten dieser interessanten Thiere zählt die Chala: zwei dem europäischen 0ircavto8 l>r-rotr^ckaet)cku8 ähnliche (den 6. 2 onuru 8 und 6. mkrickionalm) , einen auffallenden, falken- artigen (den I?o1^pe bsteleur", Letzterer oberer. 283 Außer den Schlangenadlern begegnet man dem gemeinen Sing- sperber lMelierax polz^onuch überall in der Chala. In Kordo- sahn lebt ebenda auch der seltene Gabelgleitaar (Nauelerus Mooourü). Die Eulen sind durch den häufigen Otus leuevtls repräsentirt. Alle Ziegenmelker N.-O.-Afrika's sind stetige Bewohner der Steppe. Der schon erwähnte 6aprimul§u8 6limaeurn8 ist eine gewöhnliche Erscheinung, nächst ihm sind 6. wadellmrw und 6. in- bu86atu8 die häufigsten; der prachtvolle, strohgelbe 0. eximiu8 ist seltner. Unter den Schwalbenartcn des Sudahn scheint die große Oeeropm 8eu6Aalsn8i8 der Steppe eigenthümlich zu sein. Bon den Bicncnsrcssern findet man in ihr drei Arten, welche durch zahlreiche Ercmplarc vertreten sind. Ich überspringe viele Ordnungen des Systems, denen wir im Urwalde wieder begegnen werden, um zu den der Chala angehörenden Nennvögeln zu gelangen. Vorher bemerke ich noch, daß fast alle Taubcnarten Ost-Sudahn's in unserem Gebiet zahlreich vorkommen, die Perlhühner überall gemein und die Franko- lien (kerclix tllsppsrtonü oder kuoppellii) dagegen seltner sind. Bon den europäischen Vögeln erscheint die Wachtel zur Winterszeit regelmäßig in großer Anzahl in der Chala, welcher ein höchst niedliches, hühnerartiges, aber kaum lerchengroßeö Vögclchen, der Lemipo6iu8 Noilkrenü, angehört. Unter den Nennvögeln steht der Strauß hinsichtlich seiner Größe oben an. Er findet sich überall einzeln oder in kleinen Trupps von mehreren Individuen. Zahlreicher, aber weniger bemerkbar sind die Trappen, die Antilopen der Vogel. Im Sudahn kennt man hauptsächlich drei Arten von ihnen: Oti8 aral)8, Lttrne, die „Chübährs" der Eingebornen, 0. nuba, den Makhar, und 0. insIanoAa8t6r, Ich bezweifle, daß die in Algier lebende 0. Iioudara, welche allgemein unserem Gebiete zugezählt wird, in ihm wirklich vorkommt; eher dürften noch andere afrikanische Trappen dort leben. Man kennt zwei Läufer, Oursorius isalwilinns und 6. eksl- 284 eoptorrm, , mehrere Lappenkibitze, worunter I^odlvanellus 86ne§Älensi8 der gemeinste, und zwei Dickfüße (Ooelionsmus iMnm und Oö. 86N6K3lkN8i8), welche die Chala bewohnen. Sumpf- und Wasservögel erscheinen nur während der Regenzeit in der Chala; von ersteren brüten einige Arten daselbst. — Die Reptilien der Steppe, für welche diese ein Paradies ist, das ihnen alle Annehmlichkeiten bietet, kenne ich nicht. Das Vorkommen der Fische in den größeren Rcgenteichen ist noch manchem Zweifel unterworfen. Reise nach Kordofahn. Die wohlbemannte Dahabic, welche uns und Mr. Pethc- rik bis zu dem Walddorfc Torrah den weißen Fluß hinaufführen sollte, verließ am 23. Februar gegen Abend die „Mischeraäh" <— den gangbaren Weg zum Flusse — von Charthum, glitt unter kräftigen Rudcrschlägcn rasch den blauen Fluß hinab, bog bei Rahs cl Charthum in den weißen Fluß ein und öffnete ihre Segel einem frischen Nordwinde, welcher den Fluchen des letztgenannten Stromes cntgegcnwehte. Der Wind war gut, das Wetter herrlich. Wir waren vergnügt über die voraussichtlich schnelle Fahrt und gespannt auf das uns noch gänzlich unbekannte Step- penland. Aber es war an einem Freitage und Contariny hatte uns noch warnend das Sprichwort: „Venercli oä warte, non si sposa, non si parte"*), zugerufen. Der Freitag ist den Seefahrern ein böses Omen. An diesem Tage sticht in Italien kein Schiff in See, geht keine Braut zum Traualtäre, tritt Niemand, wie wir Freigeister es thaten, eine wichtige Reise an. Die Seeleute haben auch ganz recht: Der Freitag ist kein glücklicher Tag zur Abreise. Wir flogen an den Ufern des Stromes vorüber und setzten, so lange der Wind „fahrend" blieb, unsere Reise fort. Am anderen Morgen befanden wir uns beim Erwachen schon wieder mitten in dem hier mehr als dreitausend Schritte breiten Strome. Bei dem mittelhohen Wasserstande desselben waren bereits ausgedehnte Schlammbänke und Sandinseln an beiden Ufern bloßgelegt worden. Auf ihnen trieb sich eine unzählbare, ununterbrochen sich am Ufer fortziehende Vögclschaar herum. Wir sahen den Tag über viele Tausende von Nilgänsen (Olleimlopsx ae^xtious), Reihern *) Freitags und Dienstags heirathet und reist man nicht. 286 «Arcksa einorsa, 8turmii, L§retta alba, I^inckerms^ori, ^räeola bubuleus w.), Störchen sUiconia alba im Winterquartier), Kranichen (Erus einoroa), Nimmersatten (Dantalus Ibis), Königskranichen (.^ntbropoiclos pavonina), heiligen Ibissen, Strandläufern und anderen Sumpf- und Wasservögeln. So weit das Auge reichte, waren beide User mit Mimoscnwaldungen bedeckt, welche schon hier zuweilen den Charakter der tropischen Urwälder Nord- Ost-Afrikas annahmen. Große Strecken von ihnen waren noch jetzt unter Wasser gesetzt, an den trocken liegenden kündeten uns die Stämme den höchsten Wasscrstand des Stromes, welcher an einigen Stellen zehn Fuß über dem Boden emporgestiegen war. Wenn die Wälder sich einmal von den Ufern zurückzogen, zeigte sich eine unabsehbare Ebene mit hier und da aufsteigenden, nackten Hügeln dem Auge. Die Dörfer waren im Walde versteckt, aber große Hcerden verriethen ihr Dasein. Unschätzbare Massen von Schafen, Rindern und Kamelen weideten das kurze Gras der schlammigen Ufer oder benagten die blättcrtragenden Neste der Bäume. In den weiten Schlammbänkcn fielen uns tiefe, nach dem Walde führende Furchen auf. Es sind Gangstraßcn der Nilpferde (von den Arabern richtiger „Flußbüffel"— Djamuhs el bahhr — genannt), welche diese dem weichen Schlammboden eindrücken, wenn sie, zur nächtlichen Weide gehend, den Fluß verlassen. Bei ihrer ungeheuren Schwere versinken ihre kurzen Beine im Schlamme, der Bauch schleppt auf der Erde und zieht jene Rinnen. Die Flußbüffel sollen hier sehr häufig sein und in den Durrahfeldcrn großen Schaden anrichten. Wo sie vorhanden sind, fehlt auch ihr steter Begleiter, das Krokodil, nie; wir sehen diese gefürchtcten Saurier, Baumstämmen gleich, in langen Reihen auf den Sandbänken liegen und beim Erscheinen eines Bootes langsam in's Wasser kriechen. An beiden Ufern wohnt ein Stamm jener Halbnomaden, welche zwar ganz das Leben der ächten führen, aber nicht wandern. Hier sind es Hassan'ie, deren Heerden ihr einziger Reichthum sind. Sie treiben nebenbei wohl auch etwas Ackerbau, immer bleibt aber die Viehzucht ihr eigentlicher Nahrungszweig. Der weiße Fluß scheint um so breiter zu werden, je mehr 287 wir uns Eleis, dem letzten Orte unter türkischer Herrschaft, nähern. Er muß bei seinem höchsten Wasserstande schon in der Nähe des Dorfes Büöhdk über eine deutsche Meile breit sein. Die Wälder werden zum Urwald. Wir finden Schlingpflanzen, deren Ranken, weil sie mehr als sechs Zoll im Durchmesser haben, Stämme genannt werden können. Im Innern der oft unzugänglichen Dik- kichte herrscht ein ächt brasilianisches Tropcnlcbcn. Der langgc- schwänztcn Affen Schaaren gurgeln in der Tiefe des Waldes oder erscheinen mit komischen Sprüngen am Ufer, um zu trinken; die Papageien fliegen kreischend von Baum zu Baum. Bei jedem neuen Schritte sieht der Jäger neue, fremdartige Erscheinungen. Die Jagd fällt immer befriedigend aus. Am 28. Februar landeten wir in der Gegend des anderthalb deutsche Meilen landeinwärts liegenden Dorfes Torrah und schlugen, bis zur Ankunft der erforderlichen Lastthiere, unsere Zelte auf. Der Naturforscher braucht im Innern eines fremden Erdtheils nie über Langweile zu klagen. Während Mr. Petherik sehnlich die Weiterreise herbeiwünschte, bot uns der nahe Wald so viele Unterhaltung, daß wir gern noch einige Tage hier geblieben wären. Leider endigte das klimatische Fieber schon am folgenden Tage meine Jagdfreuden. Ich kam krank von einem AuSfluge zurück und fühlte bald den peinigenden Frost jener unseligen Krankheit. Der Baron öffnete mir eine Ader, weil wir, von den Rathschlägen eines einfältigen italienischen Arztes bcthört, damals noch Bluteutziehungcn für zweckmäßig hielten, doch wollte der Anfall nicht weichen. Die mittlerweile angekommenen und schon beladenen Kamele standen zur Abreise bereit; ich mußte mich im vollsten Fieber auf eins von ihnen packen lassen, um nur nach Torrah zu gelangen. Zu schwach, um mich aufrecht erhalten zu können, versuchte ich mich in einer halb sitzenden, halb liegenden Stellung an einer der Kisten, mit denen das Thier noch überdem beladen war, festzuhalten und litt dabei fürchterlich. Jeder Schritt des Thieres wurde mir zur Qual. Die schaukelnde Bewegung verursachte mir Erbrechen, die Anstrengungen, welche ich, um nicht herabzufallen, machen mußte, rühmten vollends meine ohnehin schon geschwächten Kräfte. Nach drei 288 wie auf der Folter verbrachten Stunden kam ich todesmatt im Dorfe an und brach kraftlos in dem ersten Tokhul desselben zusammen. Ich unterlasse, um nicht zu ermüden, die Auszählung der Reihe von Krankheiten, welche uns — auch der Baron bekam schon am folgenden Tage das sogleich mit Delirium beginnende klimatische Fieber — von nun an unablässig quälten, und schicke voraus, daß wir während der vier Monate unseres Aufenthaltes in dem Steppenlande Kordofahn das Fieber in seinen verschiedenen Gestalten und Arten gar nicht los werden konnten. Mehr als dreißig Tage mußten wir auf elendem Schmcrzcnslager zubringen; dreifach schwer wurden uns die Beschwerden, denen jeder Reisende in diesem Lande ausgesetzt ist, dreifach schwer alle Entbehrungen, welche er zu ertragen hat. Wir blieben bis zum 9. März in Torrah. Nur einmal — am 3. März — wurde unser trauriges, einförmiges Leben durch ein Ereigniß, welches uns vom Krankenlager scheuchte, unterbrochen. Ein Tokhul hatte Feuer gefangen und stand im Nu in hellen Flammen. Fünf Minuten später war er ein Aschcnhaufen. Glücklicher Weise wehte kein Lüftchen, sonst wäre, bei der unglaublichen Geschwindigkeit , mit welcher hier ein Brand um sich greift, das ganze Dorf ein Raub der Flammen geworden. Das Dorf Torrah besteht aus einigen und dreißig Strohhüt- tcn und besitzt wenige Durrahfeldcr, aber große Hccrden. Ich sah in den nahen Wäldern Kamclheerden von fünf- bis sechshundert Stücken. Sie wurden nur von einigen Hunden und mehreren Hirten bewacht. Letztere boten mir, wenn ich sie bei ihren Heerden besuchte, freiwillig Milch von Kamelstuten an. Diese schmeckt säuerlich und im Ganzen widerlich, ist aber ungemcin fett und wird deshalb von den Hirten zur Speise benutzt. Jeden zweiten Mittag trieb man die Kamele, um sie vor Angriffen der Krokodile zu schützen, nach muldenartigen, mit Schlamm umdämmtcn Tränktei- chen, in deren Wasser man salzhaltige Lchmcrde — welche fast überall gefunden wird — auflöste, weil die Kamele, wie alle Wiederkäuer, das Salzwasser mit großer Begierde trinken. Wir fanden unter den Heerden wunderschöne Thiere und erstaunten über die nie- 289 deren Preise derselben. Gerade die Ufer des weißen Flusses gelten, nächst denen des Atbara, für die besten Kamelzüchtereicn. Wir kauften zu der bevorstehenden Reise einen, als „vorzüglich" angepriesenen, Hedjihn für die Summe von ungefähr dreißig Thalern unseres Geldes. Mit der Karawane des Mr. Pethcrik verließen wir Torrah und ritten an dem schönen Morgen des 9. März dem ersten Dorfe Kordofahn's zu. Wir bestiegen die Hedjinihn mit schwerem Herzen. Der Baron war noch sehr leidend, ich noch keineswegs genesen. Um der langsamen Reise mit den Lastkamelen zu entgehen, eilten wir diesen im scharfen Trabe voraus, hatten uns aber noch nicht fünfhundert Schritte von ihnen entfernt, als der „vorzügliche Hedjihn" des Baron im vollen Laufe durchging, den Baron mit Sattel und Zeug, Gewehren und Wasserschläuchen abwarf und bald darauf zwischen den Bäumen verschwand. Die Treiber der Lastkamele erkannten, nach einigen vergeblichen Versuchen, die Unmöglichkeit, das Thier wieder einzufangen und schickten deshalb einen ihrer Gefährten mit dem Auftrage, den Unfall kund zu machen, nach dem Dorfe zurück. Nothgedrungen mußten wir jetzt unsere Reise mit den Lastkamelen, von denen ich eins bestiegen hatte, fortsetzen. Der Chabihr führte uns im Zickzack in der Steppe herum und machte uns den Weg dadurch nur um so langweiliger. Nach vierstündigem Ritte sahen wir die Spitzen der Tokhahl des Dorfes el Edjehd aus der Steppe auftauchen. Zugleich bemerkte einer der Treiber einen mit Windeseile auf uns zukommenden Hedjahn. Es war ein Araber, welcher uns das durchgebrannte Kamel wieder überlieferte. Er hatte es, vier Stunden von Torrah entfernt, fröhlich in der Steppe weidend, angetroffen, erkannt und nach Torrah gebracht, von wo er uns nachgeschickt wurde. Trotz des Spaziergangs von ungefähr sechs Meilen, welchen der vorzügliche Hedjihn heute gemacht hatte, schien er nicht übel Lust zu haben, seine Fluchtversuche zu wiederholen. Aber Jdrieß, unser Diener, ein so zu sagen auf dem Rücken der Kamele ausgewachsener Nubier, war nicht so leicht aus dem Sattel zu heben, als sein früherer Reiter, legte ihm einen Nasenzaum an und jagte mit ihm eine 19 29V halbe Stunde lang dergestalt in der Steppe herum, daß der Muth willc und Trotz des störrischen Thieres bald gebrochen war. Wir waren in el Ebjehd kaum abgestiegen und in eine Hütte getreten, als eine Schaar junger Mädchen erschien, um uns zu bewillkommnen. Sie begannen unter Chorgesang einen ebenso sinnlichen, als unästhetischen Tanz und schienen es darauf abgesehen zu haben, unsern Beifall zu erringen. Aber wir waren viel zu müde und hungrig, um für etwas Anderes als Ruhe und Essen Sinn zu haben, fertigten sie mit einem sie zufriedenstellenden Bakh- schiesch ab und bestellten, weil es nichts weiter gab, junge Hühner unter dem in Egypten gebräuchlichen Namen „Farcha". Der Schech schüttelte verwundert den Kopf. „Ihr zieht, wie ich höre, nach Obe'rd und wollt hier Farcha kaufen? Ich besitze eine, aber sie ist alt und häßlich." „„Es schadet Nichts, bringe sie uns."" Er erschien und brachte — eine Sklavin! Und diese entsprach in der That der Beschreibung des guten Mannes vollständig. Wir lachten und versicherten ihm, daß wir diese Eh ahdime nicht brauchen könnten, weil wir die Farcha essen wollten. Der Schech verließ uns voll Entsetzen. Wir staunten ihm verwundert nach. Erst Jdrieß löste das Räthsel, indem er uns mittheilte, daß die Kor- dofahnesen auch junge Sklaven unter der Rubrik ,,junge Thiere" begriffen, Hühner aber mit „Faruhdj" bezeichneten. Er eilte dem mißtrauisch gewordenen Manne nach und forderte das Verlangte mit seinem richtigen Namen, worauf uns auch alsbald Hühner im Ueberflusse gebracht wurden. El Edjehd wird schon zu Kordofahn gezählt, obgleich es von Haschahba, dem ersten eigentlichen Dorfe dieses Landes, volle elf deutsche Meilen entfernt ist. Zwischen el Edjehd und Haschahba liegt die Chala el ÄkLbü*), welche der Engländer mit seinem Begleiter und einem Bedienten in einem Tage zu durchreiten *) Chüls bedeutet die Einöde, im Sndahn, wie wir wisse», die innerafrikanische Steppe oder Sawanne; ÄkZbü bezeichnet einen wüsten unbebauten Ort oder die eigentliche Wüste selbst. gesonnen war. Mit einem guten Hcdjihn ist eine Strecke von zwölf Meilen keine übermäßige Tagereise; unS Fieberkranken wäre die Tour zu stark gewesen. Wir hielten es für gerathener, mit den Lastkamelen zu ziehen und ritten am folgenden Tage gegen Mittag dem mit Tagcsgrauen aufgebrochenen Major nach. Nachdem wir noch einige Stunden durch Mimosenwäldcr gezogen waren, betraten wir die Chala. Mit Sonnenuntergang lagerten wir uns, um Kasse zu bereiten. Dann zogen wir in der Nacht noch einige Stunden weiter. Unsere Kamele jagten ein zahlreiches Kitt Perlhühner auf, welche sich mit lauten Rufen nach allen Seiten zerstreuten. Es waren die ersten, welche wir in der Freiheit zu sehen bekamen, aber die Thiere waren so scheu, daß wir keins von ihnen erlegen konnten. Nach zehn Uhr lagerten wir uns auf einer vom Grase freien, sandigen Stelle mitten in der Steppe. Nach Süden zu stand sie meilenweit in Flammen; man hatte das dürre Gras angezündet, um den mit dem ersten Regen emporschießenden jungen Weidcpflan- zen Platz zu machen. Am 11. März. Die Weiterreise verzögerte sich, weil der Baron in der Nacht wieder einen starken Ficbcranfall gehabt hatte und der Ruhe bedürftig war. Unser Weg war heute einförmiger als gestern. Die Steppe hatte überall dasselbe Aussehen. Von ihrem reichen Thierleben zeigte sich außer den zuweilen in Nudeln erscheinenden Gazellen gerade heute keine Spur. Von Edjeh d aus begleitete eine Pilgerkarawane unseren Zug. Es waren schwarze, von Mekka zurückkehrende Takruhri. Unter ihnen befand sich ein ungefähr fünfzehn Jahre altes Mädchen, Welches wir ebensowohl wegen ihrer Schönheit — ich bitte meine geneigten Leserinnen um Verzeihung, aber dunkle Hautfarbe beeinträchtigt niemals wirkliche Schönheit, — als auch wegen ihrer Ausdauer bewunderten. Der Takruhri pilgert, fast immer zu Fuße gehend, bettelnd von Ort zu Ort, um seine Wallfahrt aus dem Herzen Afrika's nach dem fernen Asien zu vollbringen. Er erscheint mit einer hölzernen Schreibtafcl, auf welcher er „Ai'jaht" — Verse — aus dem Khorahn niedergeschrieben hat, und einigen Kürbisschalcn schweigend vor dem Tokhul, der Tankha oder dem Zelte des Arabers, Nomaden, 19 * 292 Beduinen oder Rubins, halt mit stummen Bitten die leere Schale dem Bewohner der Hütte entgegen und wartet, bis dieser ihm eine Handvoll Durrah oder ein Stückchen Durrahbrod hineinfallen läßt. Er ist der arabischen Sprache nur insoweit mächtig, um sein Glaubensbekenntniß hersagen, einige Stellen des Khorahn verstehen zu können*). Seine Pilgerreise dauert oft Jahre; er durchwandert die glühende Wüste, die wasserlosc Steppe und wandelt, alten Groll vergessend, auf seinem gegen dreihundert deutsche Meilen langen Wege friedlich neben seinem Todfeinde. Man versteht unter Takruhri jeden schwarzen Pilger aus dem tiefsten Innern Afrika'S, z. B. aus den Ländern Tom bukt«, Dahr-Fuhr, Bornuh, Barhrarmi u.s.w. Diese Pilger sind Neger, welche aber den verschiedensten Stämmen angehören. Im Sudahn sind sie wenig angesehen, weil man sie in dem, wie ich glaube, unbegründeten Verdachte hat, daß sie Kinder rauben, um diese als Sklaven zu verkaufen. Daß sie Nahrungsmittel stehlen, ist begründet. — Gegen Mittag lagerten wir uns im Schatten einiger Mimosen und bereiteten uns das gewöhnliche Mittagsmahl in der Wüste: Kasse und Schiffszwieback. Nach zweistündiger Rast ritten wir der Karawane im scharfen Trabe nach und erreichten sie in den ausgedehnten Dochenfeldew des Dorfes Haschahba — zu deutsch „Holzdorf" — dessen Tokhulspitzen sich in der Ferne erkennen ließen, weil sie von dem im Abcndrothe flammenden Himmel dunkel abstachen. Bald darauf trafen wir den mit zwei erlegten Gazellen von der Jagd heimkehrenden Engländer und kamen mit ihm nach ständigem Ritte im Dorfe an. *) Der Khorahn darf nach mahainmedanischen Grundsätzen in keine andere Spruche übersetzt und nie gedruckt werden. Der Mohammedaner ist zu fromm, als daß er das Wort seines Propheten umgehen sollte, welcher hervorhebt, daß das Wort Gottes arabisch gegeben sei; so in Sure 41, Vers 1 u. 2: „Dies ist eine Offenbarung vom Allbarmherzigen. Eine Schrift, deren Verse deutlich erklärt sind, ein arabischer Khorahn zur Belehrung für verständige Männer." Gedruckt darf das Buch nicht werden, weil das Wort Gottes den Druck der Presse nicht aushalten darf. 293 Hasch ahba wird von Madjanihn, einem Zweig des großen Nomadenstammes der Hassame, bewohnt. Sie sind keine Nomaden, sondern Hausen in festen Wohnsitzen und zwar hauptsächlich in den Dörfern Haschahba und Djoömahd, bauen Dochen, etwas Baumwolle und Durrah, nähren sich aber vorzugsweise von der Viehzucht. Ihre Heerdcn bestehen aus Rindern und Ziegen, für welche man, wie in allen Dörfern Kordosahn's, in der Nähe der Wohnsitze das Gras der Steppe stehen läßt, weshalb man die Felder wohl eine halbe Meile von den Häusern entfernt anlegt, um dem Vieh ja recht ausgedehnte Weideplätze zu erhalten. Ich schicke hier voraus, daß die Ortschaften Kordosahn's einander selten näher als anderthalb Meilen, oft aber vier biö sechs Meilen von einander entfernt sind. Die Weideplätze sind überall mit dem abscheulichen Askanit, jener Steppenpflanze, von welcher ich oben sprach, bedeckt, nur in den Feldern hat man ihn vertilgt. Diese bringen bei aller Trockenheit dennoch einen reichlichen Ertrag. Der Dochen trägt so außerordentlich ergiebig, daß man nur ungefähr fünf Sechstel der Erndte, d. h. nur die schwersten und schönsten Kolben einsammelt und das Uebrige, ohne jemals eine Hungcrsnoth befürchten zu müssen, den Vögeln des Himmels überlassen kann. Die Erndte geschieht wie in der Provinz Charthum und wird auch ebenso aufbewahrt. Aus den Körnern bereiten die Frauen und Mädchen unter ziemlich melodischem Gesänge Poesiereicher Lieder in der oben angegebenen schwierigen Weise wohlschmeckendes Brod und vorzügliche Meriesa, welches Getränk das in Charthum gebrauete an Güte weit übertrifft. Dies mag seinen Grund ebensowohl in der Beschaffenheit des Getraides als auch in der eigenthümlichen Zubereitung der Meriesa haben. Man reibt hier zuerst den sehr zuckerhaltigen Dochen zu einem seinen Mehle, rührt dieses mit Wasser zu einem dicken Brei an und läßt letzteren in saure Gährung übergehen. Wenn er die gewünschte Säure erlangt hat, zündet man im Sande vor der Hütte ein mächtiges Feuer an, schüttet den Teig auf die erwärmte Bodcnflächc, bedeckt ihn mit Asche und schürt das Feuer von Neuem an. Nach dreistündigem Backen wird das 294 brodähnliche Gebäck aus den Kohlen genommen, heiß zerbrockl und in einem Gefäße mit Wasser übergössen. Schon nach wenigen Stunden beginnt eine zweite Gährung, welche man erst am folgenden Tage unterbricht. Schließlich wird die Masse durchgeseiht, auf Burahm gefüllt und verschenkt. Die Mcriesa Kordofahn's ist ein höchst angenehmes, erfrischendes Getränk und gilt als ein Labsal für Jung und Alt, Reich und Arm. Jedenfalls ist sie gesünder als das salzige Wasser der meisten Brunnen der kordofahnesi- schen Hochebene. Hier in Haschahba tranken Menschen und Thiere aus einer Cisterne, welche sicbenundzwanzig Klaftern tief war und ein abgestandenes, brackcs und faulschleimiges Wasser enthielt. Der Salz- und Salpetergehalt desselben war so groß, daß sich beim Kochen in Geschirren davon eine starke Kruste an den Wänden der Gefäße ablagerte. — Auch in ihrer Kleidung unterscheiden sich die Madjanihn nicht von den Hassame. Die kleinen Mädchen tragen, wie überall im Sudahn, den Rahhad und wissen recht wohl, wie hübsch er sie kleidet. Unter den erwachsenen Mädchen — d. h. unter denen, welche das zwölfte oder dreizehnte Lebensjahr erreicht haben — findet man idealisch schöne Gestalten, mit oft recht ansprechenden Gesichtszügen. Sie verzieren sich Kopf und Hals mit Bernsteinstücken, farbigen Steinen, z. B. Carniol, Glasperlen und dergleichen; die Arme schmücken sie mit Messing-, Horn-, Elfenbein- oder Eisenringen; bei den Reichen findet man auch wohl silberne Spangen. Die Frauen sind ohne Ausnahme sehr eitel, versuchen sich auf alle Weise zu putzen und erachten es für eine Schande, nicht stark betalgtes Haar zu haben. Sie altern schnell und werden dann ebenso häßlich, als sie früher schön waren. Ihnen wird fast alle Arbeit aufgebürdet, die Männer thun Wenig oder Nichts; ihre einzige Beschäftigung besteht darin, Holz herbeizuschaffen, Wasser zu schöpfen und das Vieh zu hüten; den übrigen Theil des Tages verbringen sie in träger Ruhe im Tokhul. Die Madjahnin lieben Gesang und Tanz. Herr Petherik schaute den schönen, üppigen Tänzerinnen gar gern zu, ermunterte sie durch reichlichen Bakhschiesch und versammelte dadurch tagtäglich 295 die Mädchen deS Dorfes vor seinem Tokhul zur Fanthasie. Ihr Tanz ist von dem der Rhauasiaht oder Fellahhiaht*) Egyptens verschieden. Sie bilden einen weiten Halbkreis, singen und klatschen mit den Händen; ein Mädchen tritt aus dem Kreist heraus und beginnt zu tanzen. Sie geht mit taktmäßigem Schritt und mit zu- rückgcbcugtem Oberkörper auf den Gefeierten zu, entblößt sich vor ihm mit ausgesuchter Gefallsucht nach und »ach den bisher von der Ferdah verhüllten Busen und schleudert, sich vorbeugend, die settgetränkten Haare ihm in's Gesicht. Dann geht sie mit schmachtenden Blicken langsam zurück, eine Andere tritt an ihre Stelle und verfährt ebenso, die Uebrigen folgen, bis Alle getanzt haben. Wir Europäer finden die Berührung der Haarzöpfe für unnöthig, aber man muß die leuchtenden Blicke eines kordofahncsischen Jünglings, welcher an dein Tanze Theil nahm und mit dem Haarfett der Schönen beglückt wurde, gesehen haben, um begreifen zu können, welch' eine hohe Auszeichnung diese fatale Zärtlichkeit ist oder sein soll. Stolz steht er da, betrachtet liebeerglüht die Tänzerin und reibt das seinem Gesichte mitgetheilte Fett freudig in seine Haut ein. Beide Geschlechter sind sinnlichen Genüssen in hohem Grade ergeben, doch bleiben die Frauen hinsichtlich ihrer ehelichen Treue in engeren Grenzen als die eigentlichen Hasscune. Vollkommen unwahr ist die von einem Reisenden mitgetheilte Erzählung, daß die Frauen kordofahnesischer Dörfer dem Fremden auflauern und ihn mit einer angedrobtcn Bastonade zur Annahme ihrer Gunstbc- zcugungen zwingen sollten. Der Aufenthalt in Haschahba war nicht der angenehmste. Der Mangel an guter Nahrung würde von uns leicht ertragen worden sein, wenn nicht der Genuß des aus dem Bihr des Dorfes geschöpften Wassers, bei der großen Hitze, Trockenheit und dem mit beiden verbundenen brennenden Durste zur Qual geworden wäre. *) Plural von Rhauasle und Fellahhe, Tänzerinnen und Fellab- mädchen- 296 Das im Vergleich zu dem des blauen Flusses verachtete Wasser des Bahhr el abiadt würde uns hier in Haschahba Nektar gewesen sein. Es war kein Wunder, daß uns das ungesunde Getränk das Fieber bald wieder brachte. Der Baron litt mehr als ich. Während ihn der Ficberfrost im Tvkhul zusammenschüttelte, konnte ich mich wenigstens mit der immer aufheiternden Jagd befassen. Ich ritt mit meinem Hcdjihn tagtäglich in die Steppe hinaus und erlegte, obgleich mir der böse Askanit und meine den Thieren ungewohnte Kleidung oft hinderlich wurden, manchen seltenen Vogel. Meinen Hedjihn hatte ich abgeschult, bei einem von seinem Rücken aus abgefeuerten Schusse ruhig stehen zu bleiben; im Anfange ging er mir nach jedem Schusse regelmäßig durch. Hinter dem Sattel hockte gewöhnlich noch ein Kordofahnese, welcher die erlegten Thiere herbeiholte und trug. Auch er mußte erst für meine Jagd abgerichtet werden, weil er gewohnt war, allen geschossenen Thieren mit einem „Ls i«8m lillaki el raellmslrn el rairllillin" *) die Kehle durchzuschneiden. Im Dorfe selbst hielten wir eine eigene Jagd. Ein Araber besaß zwei halbwilde Strauße, welche wir ihm abkauften und, um sie zu präpariren, todtschossen. Das köstliche Straußenflcisch aßen wir; es ist zarter als Rindfleisch und hat einen trefflichen Wildpretsgeschmack. — Wir verließen Haschahba am 22. März Abends vor Sonnenuntergang, ritten dem uns am Morgen vorausgeeilten Bim- baschi nach und lagerten uns nach einem drei- bis vierstündigen Ritte mitten in der Steppe. Am anderen Morgen zogen wir in der Frühe weiter. Ich konnte mich, weil mir ein Fuß erkrankt war, auf dem noch außerdem schlecht gesattelten Kamele nur mit Mühe festhalten und wurde in der Nähe des sechs deutsche Meilen von Haschahba entfernten Dorfes Djoemahd von meinem wieder einmal durchbrcnncnden Reitthiere ab- und mitten in einen Mimoscnbusch geworfen. Zcrschundcn, zerkratzt und mit zerfetzten Kleidern kroch ich mühsam aus den Dornen heraus und setzte auf *) In, Name» Gottes des Allbarmherzigcn. S. S. 181 . einem bescheidenen Eselchcn meine Reise fort. Das schwächliche Thier blieb leider bald hinter den rasch gehenden Kamelen zurück; ich ritt allein der Karawane nach, bekam einen Fieberanfall und erreichte mit großer Noth das Dorf, in dessen ersten Tokhul ich eintrat. Dort bat ich um ein Ankharcb, Trinkwasser und, weil ich krank war, um Ruhe. Die gutmüthigen Hüttenbewohner nahmen mich freundlich auf und gewährten mir alles Gewünschte. Bald erschien auch der in der Nähe wohnende Schech, erkundigte sich nach meinem Befinden und bemühte sich, mir Linderung zu verschaffen. Man brachte mir Wasser, welches durch hartgebackene Durrahfladen gesäuert worden war und mir als wahres Labsal erschien. Gegen Abend verschwand das Fieber, ich verließ mein Lager und mit dankbarem Herzen die gastlichen Leute. Zwar haben die Aschiach der Dörfer des Sudahn die Verpflichtung , alle ankommenden Reisenden zu beherbergen und man findet deshalb in jedem Dorfe eine geräumige, luftige Wohnung für sie, aber es war gewiß ein Beweis wirklicher Gastfreundschaft, daß mich der mir ganz fremde Mann nach besten Kräften Pflegte und bediente. Ich würde ungerecht sein, wenn ich annehmen wollte, daß er mir die geleisteten Dienste als einen den Eroberern des Landes — denn für einen Türken hielt er mich — schuldigen Tribut betrachtet habe. Man muß vielmehr die Gastfreundschaft als das erkennen, was sie ist: als uneigennützige Ausübung eines von Alters her geachteten, ja für heilig gehaltenen Gebrauches, welches der Aermste wie der Reichste mit gleicher Gewissenhaftigkeit beobachtet. Ich fand den Baron mit dem Bimbaschi in einem Tokhul am anderen Ende des Dorfes und erfuhr von Letzterem, daß man noch diese Nacht den Lastthieren bis zu dem Dorfe Tohm vorausreiten wolle. Das war bei meinem Zustande für mich eine gar trübe Aussicht, aber — Entbehrungen und Strapatzen sind immer das Loos des in jenen Gegenden Reisenden — ich mußte bei all' meiner Schwäche wieder zu Kamele steigen. Mit Aufgang des Mondes verließen wir Djoömahd und ritten weiter; ich wurde jedoch 298 bald so schwach, daß ich schon nach kurzem Wege absteigen und einige Stunden ruhen mußte. Mein Lager war ei» dünner, auf den Sand der Straße gebreiteter Teppich; ich hätte früher nie r darüber geklagt, heute that ich es unwillkürlich. Erst am anderen Morgen kamen wir in Tohm an. Doch lag ich den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht beständig im Fieber. Das nennt man „Reisen im Innern Afrika's!" — Am Morgen des 25. März setzten wir unsere Reise fort. Mittags ruhten wir in Tendar, Abends in Wadi-Sakh'ie, zwei kleinen, mitten im Steppenwalde gelegenen Dörfern. Der Baron ritt von letzterem Orte aus mit dem Engländer der Karawane voraus, weil er mit diesen bald nach Bara, nach cl Obeid dem größten Flecken Kordofahn's, gelangen wollte. Ich folgte mit den Lastthieren und kam dort gegen Mittag an. Bara ist ein großes Tokhuldorf, welches wohl über eine halbe Meile im Umfange haben mag. Es liegt in einem sanft abgeflachten Kessel, besitzt viele Brunnen von nicht allzu großer Tiefe mit ziemlich trinkbarem, wenn auch etwas schleimigem Wasser und enthält mehrere Gärten, deren frisches Grün dein von dem einförmigen, gelben Stcppengrase ermüdeten Auge ungcmein wohl thut. Einige hier angepflanzte Dattelpalmen erscheinen wie freundliche Bilder aus milderen, besseren Ländern, saftiggrüne Mimosen gruppi- ren sich zu schattigen Lauben, dicht belaubte Nabaksträuche stehen zwischen den einzelnen Hütten herum. In den Gärten baut man Waizen, Zwiebeln, Tabak und einige Gemüse. Durch Vieh getriebene Schöpfräder oder den „Schatuff" *) bewegende Sklaven bewässern sie. Das herausgeschöpfte Wasser schüttet man zuerst in ein weites Bassin und leitet es Abends auf die einzelnen Beete. Der Ort ist sehr weitläufig. Die Tokahl liegen zwischen Gebüschen, Lochen- und Durrahfeldern zerstreut in der Wüste. Wenn mit Beginn der Regenzeit das junge Gras überall empor- *) Der Schatuff ist eine ganz nach Art unserer Ziehbrunnen eingerichtete, in Egypten sehr gebräuchliche Vorrichtung zum Wafferschovfen, welche durch Menschenkraft in Bewegung gesetzt wird. 299 schießt, weiden die Kamel-, Rinder-, Ziegen- und Schafheerden mitten im Orte. Die Besitzungen der Einwohner sind von der Serieba umzäunt, die der Wohlhabenderen bestehen zuweilen aus zwölf Strohhütten und bilden ein kleines Dorf für sich. Zur Zeit unserer Ankunft hielt sich Musthafa-Pascha, der Gouverneur von Kordofahn, gerade in Bara auf. Er hatte sein Zelt an dem westlichen Ende des Dorfes unter schattigen Bäumen aufgeschlagen und empfing den ihn besuchenden Baron mit großer Freundlichkeit. Als er hörte, daß er einen Naturforscher vor sich sehe, beschenkte er ihn sogleich mit einer Gieraffe, welche uns aber durch die Nachlässigkeit oder Treulosigkeit eines seiner Diener verloren ging. Wir verließen Bara, uns der Hauptstadt des Landes zuwendend, am 6. April. Der Baron war mit dem Kahschef des Orts bekannt geworden, weil er diesem heilsame Arzneien gegen ein ihn quälendes langjähriges Uebel gegeben hatte und erhielt von ihm Kamele zum Transport unserer Effekten, nebst einem Empfehlungsbriefe an einen Freund des Kahschef in el Obeid, welcher uns von ihm als ein „Radjel aasihm" — ein vortrefflicher Mann — geschildert wurde. Des Kahschef eigener Diener wurde unser Führer. Der Weg nach der Hauptstadt zieht sich durch einen lichten Mimosenwald, in welchem hier und da Dochenfelder zerstreut liegender Dörfer liegen, dahin. Ungefähr vier deutsche Meilen von Bara übersteigt die Straße einen niederen Bergrücken, den Djebel el Kurbatsch, zu Deutsch „Berg der Reitpeitsche", von dessen Gipfel man in weiter Ferne die Tokhulspitzen der Hauptstadt auftauchen sieht. Links vom Wege erblickt man ein Wäldchen der Adan- sonicn, jener von den Eingebornen Tabaldic, Boabahb oder Khunkhlehs genannten Riescnbäume der alten Welt. Graugrüne, wahrscheinlich schon nach Nistlöchern spähende Papageien flogen kreischend in den jetzt entlaubten Wipfeln der Baumkolossc herum. Etwas weiter nach der Hauptstadt zu kommt man zu einer von hohen Mimosen umschatteten „Fuhla", einer durch die Regengüsse des Charles gefüllten Niederung, welche auch noch lange nach der Regenzeit trinkbares Wasser enthält. 300 Nach den Versicherungen unserer Kameltreiber und den später vernommenen Aussagen anderer glaubwürdigen Personen enthält diese und manche andere Fuhla Kordofahn's, während sie mit Wasser gefüllt ist, viele und große Fische. Pallme glaubt, daß sie aus Laich, welcher von den früher vorhandenen Fischen zurückgelassen oder durch fischfressende Wasservögel vom weißen Flusse her- geschleppt wurde, entstehen. Ich bezweifle das Eine wie das Andere, weil die Fische, welche gefangen werden, sehr groß sein sollen und alle Wasservögel viel zu rasch verdauen — eine Ente braucht zur Verdauung ihrer Nahrung höchstens eine halbe Stunde — als daß sie aus so großer Entfernung unversehrten Laich herbeitragen könnten. Der am schnellsten fliegende Wasservogel würde, um die über zwanzig Meilen weite Entfernung vom Bahhr el abiadt bis Obeid zu durchstiegen, immer noch ungefähr eine Stunde brauchen. Es ist begründet, daß die Rcgentciche ganz austrocknen, — wir selbst haben die erwähnte Fuhla bei unserer Rückkehr wasserleer gefunden — und wohl nur die Annahme möglich, daß sich die Fische, wie es mehrere Amphibien thun, in den tiefen, feuchtbleibenden Schlamm einbohren und dort bis zur Wiederkehr des Wassers in einer Art von Lethargie verharren. Diese Meinung scheint eine Beobachtung des glaubwürdigen Naturforschers Faber zu rechtfertigen. Auf Island gefrieren die Teiche im Winter bis auf den Grund und dennoch erscheinen im nächsten Frühjahre die Forellen frisch und munter wieder, während in Deutschland bei starkem Froste und dem dadurch bedingten Lustmangel viele Fische zu Grunde gehen. Daß Letzteres auf Island nicht geschieht, ist ebenso unerklärlich, ja vielleicht noch unerklärlicher als die merkwürdige Erscheinung der periodisch wiederkehrenden Fische des innern Afrika. Ich bemerke noch ausdrücklich, daß ich mich von der Wahrheit deS Gehörten nicht persönlich überzeugen konnte, würde aber den fraglichen Punkt gar nicht berührt haben, wenn mir die Erzählung nicht als „eine Thatsache" wiederholt gegeben worden wäre. Eine ähnliche Fuhla gab der sich jetzt vor uns ausbreitenden Stadt el Obeid ihren Namen. Ehe die Türken das Land eroberten, stürzte das Pferd eines Häuptlings der Kordosahnesen in 301 einen Regcnteich (welcher an der Stelle, wo sich die Tokhulstadt jetzt ausbreitet, gelegen haben soll), blieb im Schlamme stecken und ertrank. Die Kordofahnesen nannten die Fuhla von jenem Vorfalle an „Fuhla chossahn el ab ladt", — den Regentcich deS weißen Pferdes — und später gerade zu „el ab ladt." Einige in der Nähe des Regenteichs erbauten Hütten, zu denen sich bald mehrere gesellten, wurden anfangs ebenfalls „el abiadt" und zuletzt „el ob erd" genannt. Die aus dieser Ansiedelung hervor- gegangcne Stadt wird noch heutigen Tages ,,el Abiadt" geschrieben. — Unter der Leitung unseres Führers betraten wir das Haus des „vortrefflichen Mannes." Zu unserem Befremden ritten wir in einen schmutzigen Hofraum ein; man nahm gar keine Notiz von uns und ließ uns, ohne uns zu unterstützen, für unsere Unterkunft selbst sorgen. Müde und erschöpft, wie wir waren, mußten wir zuletzt froh sein, eine elende Rekuba, aus welcher Sklaven murrend auszogen, zum Schlafplatze eingeräumt zu bekommen. Mitten in der Nacht erweckte uns ein furchtbarer Lärm. Unsere Kameltreiber hatten sich mit den Dienern des Hauses betrunken, gezankt und fingen nun an sich gegenseitig zu prügeln. In dem Hause eines so vortrefflichen Mannes, welcher so ausgezeichnet die Gastfreundschaft handhabte, konnte unseres Bleibens nicht länger sein. Wir beschlossen, noch in der Nacht uns ein anderes Quartier zu suchen. Der Baron befahl den Kameltreibern, das Gepäck aufzuladen und ritt fort, um uns ein anderes Unterkommen ausfindig zu machen; ich wachte, mit der Nilpcitschc in der Hand, auf strenge Befolgung des Befehls. Wir fanden in der im Schlafe begrabenen Stadt nun zwar für heute kein anderes Obdach, hatten aber doch vor den inzwischen nüchtern gewordenen Leuten Ruhe erlangt. Am folgenden Tage wurden uns, vermöge der mächtigen Fürsprache des Wekihl-cl-Mudir'ic oder des in Abwesenheit des Gouverneurs die Geschäfte besorgenden Beamten der Provinz Kordofahn, die Pforten der Wohnung des jetzt gerade abwesenden Franzosen Thibaut eröffnet. Wir wurden, nachdem wir uns als Europäer kund gegeben hatten, von dem Hausgesinde dieses braven 802 Europäers auf das Zuvorkommendste behandelt und mit allem uns Nöthigen versehen. Ich lernte den Mann, dessen Gastfreundschaft wir in Obeid genossen, später kennen. Er ist im ganzen Sudahn unter dem Namen „Schech Jbrahihm" wohl bekannt, seit dreißig Jahren im Lande heimisch, bei Arabern, Türken und Europäern gleich beliebt und ein Busenfreund aller Beduinen. In europäischer Gesellschaft ist er ein heiterer, fast zu lustiger Geselle, in Gegenwart der Mahammcdaner ein ernster Schech, welcher den Namen des Propheten nie ausspuckst, ohne die Worte „Moll musolloin vu soilöni oolllillu"*) hinzuzufügen und dabei seine eigene Hand inwendig und äußerlich zu küssen. Er scheint die mahammedanischen Heiligen ebenso zu ehren als die Gläubigen selbst, weiß über Kamel- und Pferdezucht zu sprechen und handelt als ächter Kaufmann mit Türken, Arabern und Beduinen auf die verschiedenartigste Weise; er kennt die ächten Damaszenerklingen genau und unterläßt nicht, sie den Türken zum Unterschiede der weniger edlen „Tab ahn" gehörig anzupreisen, ehrt den Gouverneur der Provinz und nennt ihn nie anders als „Effendina" — unsere Herrlichkeit — kurz, er versteht den „Tartieb el belled" — die Sitten und Gebräuche des Landes — meisterlich. In seinem eigenen Hause ist er gastfrei wie ein Araber und herrscht wie ein Patriarch unbeschränkt über Heerden von Sklaven, Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen; im Diwahn seiner besten Freunde tanzt er, trotz seiner achtundfunfzig Jahre, gelegentlich noch mit dem Feuer eines Jünglings die graziöse Polka. Bis jetzt hat er den Anfechtungen des Klimas glücklich getrotzt und ist rüstiger, als er zu sein scheint. Sein Bart - und Haupthaar ergraute auf einer äußerst beschwerlichen Reise durch die Bahiuda, auf welcher er tagelang kein Wasser zu trinken bekam, drei seiner Gefährten an Durstesqualcn verenden sah, zu dem Urin der Kamele seine Zuflucht nehmen mußte und endlich mehr als halbtodt den Fluß noch erreichte. Thibaut würde es verstanden haben, uns länger in Obkid *) Gott sei gepriesen und über ihm — dem Propheten — das Heil! 1 303 festzuhalten, als wir vielleicht selbst gewünscht hätten. Jetzt wollte es uns in der Tokhulstadt gar nicht gefallen. Die Jagd fiel in der t Nähe der Hauptstadt höchst unergiebig aus, es fehlte uns an Beschäftigung und damit trat eine Langeweile ein, wie ich sie später nur noch in Alerandrien erlitten habe. Deshalb verließen wir Obeid schon am 13. April und ritten nach Meldest, einem im Süden Kordofahn's, inmitten der hier wieder beginnenden Urwälder gelegenem Dorfe, welches uns reiche Ausbeute versprach. Hinter der Hauptstadt wandte ich mein Dromedar, um noch einmal auf sie, deren Ausdehnung ich jetzt erst beurtheilen konnte, zurückzuschallen. El Obeid liegt in einer unabsehbaren Ebene, im Süden Kordofahn's, nach NüpPell unter 18° 11' n. Br., 27" 48' östl. Länge (Paris) und ist von, Bahhr cl abiadt ungefähr sünf- unddrcißig, von der Ostgrenze Dahr-Fuhr's höchstens zwanzig deutsche Meilen entfernt. Die Stadt besteht aus mehreren Theilen, nach der Beschaffenheit ihrer sehr zusammengesetzten Bewohner. In ' Urdi*) — dem Lager — Hausen die Türken und die unten ihren Befehlen stehenden Soldaten, in Danakhla oder Danagla die aus Nubien Eingcwandertcn (welche selbst Danagla **) genannt werden), in Marharba die früher im Dienste der Regierung gestanden habenden „Abendländer", d. h. Algerier, Fezzaner, Mo- rokaner u. s. w. und in Dakar ni oder Tarharni die hier angesiedelten Takruhri oder Tarhuhri. Der Haupttheil der Stadt ist el Urdi. Hier befindet sich der Palast des Gouverneurs: ein einstöckiges Lchmgebäude mit plattem Dache; der Diwahn: eine weite lustige Halle mit ungeweißten Wänden; die Wohnungen der Beamten: Tokhal mit soliden Erdmauern; die Kaserne, das Hospital und der Markt. Die Kaserne ist ein von einer zehn Fuß hohen und fünf Fuß dicken, undurchdringlichen Scrieba umschlossener, freier Platz, welcher ungefähr vierzig in zwei langen Reihen ^ neben einander gebauete Tokhahl enthält; das Hospital ist ähnlich *) Von „aarid," sich ausbreiten. **) Plural von „Dongolawi" oder „Dongali" (Bewohner Dongola's). eingerichtet, steht aber dem von Charthum in jeder Hinsicht nach: unwissende Aerzte und unkundige Apotheker wirthschaften in ihm in einer so furchtbaren Weise, daß der dort eingesperrte Kranke die in ihm verbrachten oder zu verbringenden Martertage für eine grausame Strafe hält. Ueber den Häuptern der gesunden und kranken Soldaten der Kaserne und des Hospitals haben die kleinen schwarzen Störche des Sudahn ihre Wohnungen aufgeschlagen und legen unter den die Spitzen der Tokhahl krönenden Straußcneicrn die ihrigen in das feste, wohlgebaute und geräumige Nest. Zuweilen soll sich auch der heilige Ibis auf einem mitten in der Stadt stehenden Baume ansiedeln. Wenigstens sieht man auf einer einzigen Harahst zwanzig bis sechszig Nester verschiedener , aber unter sich mehr oder weniger verwandter Vögelarten. Die Basars sind erbärmlich, obgleich der Handel von Bedeutung ist. Erst Nachmittags nach drei Uhr beginnt der Markt; die große, auf dem schattenlosen, staubigen Platze doppelt fühlbare Sonnenhitze erlaubt die Versammlung vieler verkaufender und kaufender Menschen nicht früher. Man bietet die Waaren nicht in einer kühlen, bedachten Halle, sondern unter einfachen, zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen mit Matten bedeckten Gerüsten aus; der Verkäufer ordnet seine Kaufgegenstände aus einer »»gegerbten Ochsenhaut. Die gewöhnlichen Handelsartikel sind Baumwollenzeuge, Glasperlen, schlechter Landestabak, Durrah- und Dochenkörner, Tamarindcnkuchcn und Lebensrnittel. Weißbrodbäcker giebt es nicht; mitten im Sande sitzen Sklavinnen und bieten dünne Dochenmehl- fladen, von denen man fünf Stück für einen Para oder Heller unseres Geldes zu kaufen bekommt, an Diejenigen feil, welche sich das einfache Gebäck nicht selbst bereiten. In der Nähe des Suhkh sind einige Tokhahl zu schmutzigen Kaffehäusern eingerichtet worden. Der Haupthandcl Obe'rd's wird nicht auf dem Markte, sondern in den Wohnungen der Kaufleute abgemacht. Dort kann man jede beliebige Menge von Sklaven, Elfenbein, arabischem Gummi, Tamarindcnkuchen und anderen Erzeugnissen des Innern zu kaufen bekommen. Obenan steht der Sklavenhandel, dann folgt der des arabischen Gummi's und dann der des Elfenbeins. Das Gummi 305 wird im Lande Kordofahn in großer Quantität eingesammelt, das Elfenbein, von welchem man hier jährlich viele hundert Ccntncr umsetzt, gelangt zumeist von Dahr-Fuhr nach Obcid. Auch hier befindet sich der Handel fast nur in den Händen der Danagla. Sie sind in Nord-Ost-Afrika, wie die Juden in Europa, überall verbreitet, treiben verschiedene Handwerke, aber auch nebenbei noch andere Gewerbe, gleichviel ob diese entehrend sind oder nicht. Unter letzteren will ich bloß die Umgestaltung der Negerknaben in Eunuchen anführen, weil gerade aus Obeid die meisten jener, der Eifersucht der Türken unentbehrlich gewordenen und von diesen theuer bezahlten Unglücklichen hervorgehen. Der bei der Verstümmelung der Negerknaben sich ergebende Geldgewinn entschuldigt die grausame Barbarei in den Augen der inner- afrikanischen Völkerschaften leider noch immer. Eigentliche Handwerker giebt es wenige in Obcid. Die Türken brauchen nur Schneider, Schuhmacher, Sattler, Schmiede, Blcchschmiede, Gold- arbeiter und Schreiner, die Kordofahncsen gar keine. Auch diese Leute hat man in der Nähe des Marktes aufzusuchen. Mit den Negern der umliegenden Länder betreibt man einen ziemlich regen Tauschhandel. Aus Takhale und den Ländern der Nuba-Neger tauscht man Gold und Sklaven, aus Dahr-Fuhr Sklaven, Elfenbein, Straußenfedern u. s. w. gegen Glasperlen, Schießpulvcr — obgleich dieses auszuführen streng verboten ist — Baumwollenzeuge u. s. w. ein. Das Gold kommt, wie überall im Sudahn, in Ringen, welche die Neger in Thonformen gießen, in den Handel und soll nach Untersuchungen sachverständiger Männer mit das beste der Erde sein und dem venezianischen Dukatengolde an Reinheit nicht nachstehen. Vormals sollen die Goldringe von den Kordofahnesinnen allgemein als Schmuck getragen worden sein; die Türken ließen dem Volke Nichts von ihrem Reichthum. Oft wurden die grausamsten Mittel angewendet, um Gold zu erpressen. Jetzt erscheint es nur als Handelswaare, aber dennoch thut der Besitzer so köstlichen Gutes wohl, ein Geheimniß daraus zu machen; er dürfte sonst leicht mit hohen, ganz indirekten Steuern belegt oder gar in einen Prozeß, welcher seine Schätze 20 306 völlig fressen könnte, verwickelt werden. Nur die Frauen der in Kordofahn ansässigen Türken tragen heutigen Tages ungestraft im Lande gefertigtes Geschmeide. Es sind meistens ebenso einfache, als schöne, aus vier bis sechs verschieden starken, an beiden Enden zusammengeschmiedeten und strickartig zusammengedrehten Golddrähten bestehende Spangen. Zuweilen wiegt ein einziger Armreif vier bis sechs Unzen und hat dann, da man während unseres Aufenthaltes in Kordofahn die Unze Ringgold mit 380 Piastern verkaufte, 96 bis 150 Thaler (unseres Geldes) reinen Goldwerth. Die Goldarbeiter oder ,,Seiarh"*) verfertigen mit erstaunlich schlechten Werkzeugen vortreffliche Arbeiten. Ich sah türkische Tasscnhaltcr oder „Seruhf," Leuchter und andere in Filcgrain gearbeitete Gefäße , deren Ausführung auch einem europäischen Goldschmied keine Schande gemacht haben würde. Wie überall im ganzen cgyptischen Reiche ist auch in Kordofahn der Mangel an Kleingeld unangenehm fühlbar und hindert den raschen Betrieb des Handels gar sehr. In Charthum verliert man beim Wechseln großer Geldstücke (Marien-Thcresien-, Fünffrankenthaler und Landcsmünzen) regelmäßig fünfzehn bis zwanzig Prozent des Werthes, in Obeid würde das Mißverhältniß noch greller hervortreten, wenn man nicht daran gedacht hätte, ihm abzuhelfen. Man schmiedete kleine Eisenplatten, gab ihnen die Gestalt der früher beschriebenen Haschasch und deshalb auch denselben Namen. Man rechnet vierzig von ihnen auf einen Piaster und verwerthet sie demnach genau mit einem Heller unseres Geldes. Zur bequemeren Führung in Taschen hat man den unteren Theil, welchen ich den Stiel nennen möchte, umgebogen und alle scharfen Ecken möglichst abzustumpfen versucht. Der Haschasch giebt zugleich einen Maßstab zur Schätzung des Arbeitslohnes eines kor- dofahnesischen Handwerkers, weil Jeder, welcher Eisen zu schmelzen und zu bearbeiten versteht, sich so viele Haschasch anfertigen kann, als er will. Er wird, auch wenn er einen ganzen Tag ) Von „seirl>", schmelzen. 307 lang Geld schmiedet, doch nicht mehr als höchstens zwei bis drei Piaster verdienen. — El-Obe'id ist sehr weitläufig gebaut. Weil fast jedes Be- sitzthum mit einer Sericba umgeben ist, bilden sich überall in der Stadt kleine Abtheilungen, zwischen denen sich die Wege dahin ziehen. Diese sind so sandig und staubig, daß man bis über die Knöchel in den lockeren Boden einsinkt und bei der immer herrschenden, fürchterlichen Hitze zu ersticken fürchtet. Jeder Bewohner der Hauptstadt nimmt, wenn er sein Gut mit Erdmauern versieht, das dazu nöthige Material mitten aus der Stadt von der Straße weg. So entstehen Löcher, in denen sich aller Unrath sammelt. Da finden sich dann häufig auch Thicrleichcn, welche die Indolenz der Eingebornen, ohne sie zu verscharren, ruhig der Verwesung überläßt. Früher soll man sogar Mcnschcnleichen mitten in der Stadt unbcerdigt liegen gelassen haben, jetzt geschieht es, wenn es auch neuere Reisende behauptet haben, nicht mehr. Aber die Bewohner Oberd's verunreinigen die Gruben in jeder anderen Weise, weshalb sich aus ihnen auch immer ein kaum zu ertragender, die Luft von Obeid verpestender Gestank entwickelt. Das Trinkwasser der Hauptstadt ist schlecht. Nur wenige Brunnen enthalten trinkbares, d. h. nicht zu salziges. Man hält sich an die Mericsa, welche man hier vortrefflich zu bereiten versteht. Außer fortwährend bestehenden Mericsakneipen, in denen die blühenden, braunen, simbilduftenden Schcnkmädchen auch noch auf andere Wünsche der Gäste Rücksicht nehmen, findet man jeden Nachmittag auf allen größeren Plätzen Sklavinnen, welche das von ihnen bereitete, labende Getränk dem Durstigen anbieten und aus kleinen Kürbisschaalen verschenken. Auch brauen einzelne Familien Meriesa und Bilbil, um sie öffentlich auszuschenken. Wie in manchen Dörfern Deutschlands wird dann ein an einer langen Stange befestigter Strohwisch als ein niemals unberücksichtigt bleibendes Schenkzeichen ausgcsteckt. Die sehr gemischte Bevölkerung Obeid's mag nahe an zwan- zigtausend Seelen betragen. Man hört ebenso viel Arabisch, als Berberisch und nebenbei noch drei bis fünf Negersprachen reden. 20 * 308 Die Einwohner leben unter ganz ähnlichen Verhältnissen, als die Charthum's, sind aber, falls dies möglich, noch mehr sinnlichen Genüssen ergeben, grenzenlos ausschweifend und deshalb häufig zu Verbrechen geneigt. Erst nach Sonnenuntergang geht das eigentliche Leben an; während der Hitze des Tages bleibt man schlafend im Tokhul und verläßt diesen nur gezwungen, z. B. um auf den Markt zu gehen oder wirklich einmal eine Arbeit zu verrichten. Nachts hört man Gesang, das Klatschen taktschlagendcr Hände, Tarabukcnschall und andere Tanzmusik: man macht irgendwo Fan- thasie. Da geht dann die Liebe ihre heimlichen Wege und mit ihr der behutsam von Tokhul zu Tokhul schleichende Dieb, denn an ihnen ist die Hauptstadt sehr reich. Man darf Das, was die türkische Regierung, um diesem Uebel zu steuern, gethan hat, nicht verkennen. Noch vor einem Jahrzehnt war Niemand seines Eigenthums sicher. Jetzt macht man mit einem eingebrachten Diebe kurzen Prozeß: er wird ohne Weiteres vor dem Palaste des Gouverneurs aufgeknüpft. Musthafa-Pascha, der damalige Mudihr, war eine wahre Geisel aller Diebe und Räuber; die ersteren wurden gehängt, die letzteren vor die Mündung eines Geschützes, welches dann abgefeuert wurde, gebunden. Zu allen Arbeiten, welche die Faulheit der Einwohner scheut, gebraucht man hier die Packesel aller Stände, die Sklaven. Sie müssen Gärten und Felder bewässern, das Vieh hüten, Häuser bauen, Dornengehege errichten, daS Feld bebauen rc., während ihr Herr unthätig im Tokhul liegt oder sich mit der edlen Mericsa beschäftigt. Bei allen ihren schweren Arbeiten sind sie dennoch mit gewichtigen Ketten gefesselt. Wegen geringer Vergehen werden sie unmenschlich bestraft. Die Frauen Kordofahn's haben ebenso gut ihre Sklavinnen, als die Männer ihre Sklaven. Sie selbst arbeiten nur höchst Wenig, gehen gern müssig und scheuen die Sonne, um sich eine lichtere Hautfarbe, als die derjenigen Weiber ist, welche sich den Sonnenstrahlen oft aussetzen müssen, zu erhalten. Man findet auch wirklich, daß ihre Farbe zuweilen so hell, als die dunkler Europäerinnen ist. Ihre Körpergestalt ist idealisch schön zu nennen. 309 Der Umgang beider Geschlechter mit einander ist noch freier, als in Charthum und ähnelt dem leichtfertigen Wesen der Hassa- n'ie. Die Frauen unterscheiden sich in ihrem Betragen von den öffentlichen Mädchen Egyptcn's oder Charthum's, welche dem Fremden unverhohlen ihre Gunstbezeugungen anbieten, wenig oder nicht. Deshalb ist die Hauptstadt Kordofahn's dem sinnlichen Nubier stets ein Ort der Freude; dem gebildeten Europäer erscheint Obeid als Das, was es ist: als die unerträglichste, langweiligste Stadt von ganz Nord-Ost-Afrika. Der Weg nach Mclbeß führt durch die von mehreren Chuahr durchschnittene Chala. Während der Regenzeit fällt so viel Wasser auf jene Gegenden herab, daß diese periodischen Flüßchcn auch noch eine Zeit lang nachher Wasser zu erhalten und an ihren Ufern eine blühende Vegetation hervorzurufen im Stande sind. Uebcrall machte sich im Walde ein reges Thierlebcn bemerklich. Wir ritten deshalb langsam und beschäftigten uns mit der Jagd. Nach Einbruch der Nacht erreichten wir das Dorf, dessen Berg, der Djede! Mclbeß, schon lange sichtbar gewesen war und bezogen eine geräumige Rekuba, in welcher wir uns so gut als thunlich einrichteten. Mclbeß oder Mülpeß ist ein ziemlich großes Dorf mit einigen schlecht gehaltenen Gärten und vielen, mit vorzüglichem Wasser begabten Brunnen. Es liegt in einer von allen Seiten her abgeflachten Niederung, ist während der Regenzeit ein Paradies und zur Zeit der Dürre unzweifelhaft der angenehmste Ort Kordofahn's. Die das Dorf von allen Seiten einschließenden Wälder gehen nach Süden zu in die Urwälder der Negcrstaaten Tak- hale, Schcibuhn und Nuba über und beherbergen eine an Individuen und Arten außerordentlich reiche Thierwelt, zu deren Jagd die Bewohner des Dorfes allwöchentlich an bestimmten Tagen ausziehen. Tausende von Rindern, Ziegen und Schafen wei- 310 den unter Aufsicht der Hirten eines Nomadenstammes (der Kaba- biesch oder zu deutsch „der die Widder Hütenden") das Gras und die saftigen Baumblätter der Wälder ab und vereinigen sich jeden Mittag in der Nähe des Dorfes, um das ihnen von den Hirten inzwischen aus den Brunnen geschöpfte Wasser zu trinken. Der Naturforscher verlebt in Melbcß, so lange ihn das tückische Fieber nicht erfaßt und geistig und körperlich niederdrückt, herrliche, genußreiche Tage. Ich hatte vollauf zu thun, unsere mit Leichtigkeit errungene Jagdbeute zu präpariren und zu beschreiben. Die Jagd fiel immer reichlich und stets zu unserer Zufriedenheit aus. Verschiedene Adler-, Falken- und Geierartcn waren dem Kenner, die Prachtvögel der Wälder dem Auge ergötzlich, mehrere Arten wilder Hühner lieferten ihr köstliches Fleisch für die gewöhnlich schlecht bestellte Küche. Nachdem mich der Baron in Begleitung unseres Kochs verlassen hatte, war ich genöthigt, diese selbst zu besorgen. In der Wahl der Lebensmittel unendlich beschränkt , wurde es ein Festtag für uns, wenn wir ein leckeres Gericht Perlhühner, Frankoline oder Hasen erbeutet hatten. An Gemüse fehlte es uns stets. Ganz Kordofahn ist nicht mehr geeignet, gute Gemüse zu erzeugen. Das Land ist zu glühend, der Boden zu mager; die bekannten Pflanzen Egyptens, welche zu Gemüse verwendet werden und an welche sich die Türken gewöhnt haben, gedeihen nicht mehr. In den einigen wohlhabenden Einwohnern der Hauptstadt gehörigen Gärten sahen die Citronensträu- che verkrüppelt aus und trugen nur noch kleine, grüne, nie zur Reise gelangende und deshalb saftlose Früchte; die Melonen, welche in Charthum noch wohlschmeckend sind, können hier kaum mehr genossen werden; mit anderen Früchten ist es nicht besser. Aber wir litten anch oft an anderen Nahrungsmitteln Mangel. Fleisch und Butter waren trotz der zahlreichen Heerdcn nicht aufzutreiben, weil uns die Bewohner des Dorfes nur mit Widerwillen etwas Genießbares verabreichten; der Milch mußte ich aus Gcsundsheits- rücksichten entsagen, ein Huhn war eine seltene Speise. Wir aßen gewöhnlich die hier aus kohlschwarzen, schlissigen Durrahmehlkuchcn 311 bestehende Lukhmc der Eingebornen oder einen höchst einfach zubereiteten Reisbrei. Ich würde alle diese Entbehrungen über der herrlichen Ausbeute unserer Jagden vergessen haben, hätte mir das gar nicht mehr zu lindernde Fieber das Leben in dem einsamen Dorfe nicht so verbittert. Die Zeit meines Aufenthaltes in Melbeß war leider die ungesundeste des ganzen Jahres; die Nähe der Regenzeit machte sich mit jedem Tage fühlbarer. Heiße Südwinde warfen uns Wolken von Staub und Sand über den Hals, erschwerten uns das Athmen und wirkten bei ihrer starken elektrischen Spannung lähmend auf den Körper. So schlichen mir die Tage zuletzt doch recht langsam dahin und nur die Jagd erhielt mich aufrecht. Ohne sie wäre das Leben ein sehr trauriges gewesen. Den Tag über war es still in Meldest, die Nacht brachte mehr Leben. Sie ermunterte die trägen Einwohner und führte uns, wenn auch nicht immer gern gesehene Gäste aus dem nahen Walde zu. Die Ziegenmelker schnurrten dann gemüthlich auf den im Dorfe stehenden Bäumen, die Eulen kreischten ihren nur dem Laien unheimlichen Ruf von den Spitzen der Tokhahl herab. Mit ihnen erschienen auch andere Thiere. Hyänen besuchten das Dorf allnächtlich, wurden aber von den Hunden schon vor ihrem Eintreffen ausgewittert, mit heftigem Bellen begrüßt und von der vereinigten Meute des ganzen Dorfes zurückgetrieben. Dann kehrten sie heulend in die Wälder zurück. Während meiner Anwesenheit in Meldest kam aber auch ein Löwe zweimal bis vor die Hütten des Dorfes und tödtctc das erste Mal ein Kamel, das zweite Mal einen Ochsen. Bon Beiden fraß das edle Thier nur höchst wenig; am andern Tage schössen wir Geier auf den Ueberrcstcn der königlichen Tafel; die nächsten Nächte versammelte sich eine Schaar hungriger Hyänen auf dem saftigen Aase. Bei seiner Ankunft, welche er durch mehrmaliges donnerndes Brüllen verkündete, benahmen sich die sonst muthigcn Hunde feig. Sie wagten sich nicht zu einem Angriffe aus dem Dorfe hervor, sondern verkrochen sich heulend in einem Winkel der Serieba. Außer Löwen und 312 Hyänen umschlichen wohl auch Panther und Jagdleopardcn (^olis Futtata) bei nächtlicher Weile das Dorf. Am 17. April vkrließ mich der Baron Müller, um sich mit Musth afa-Pascha und Herrn Petherik über eine von uns beabsichtigte Reise nach Takhale zu besprechen. Ich blieb mit einem von mir in dem Abhäuten der Vogel und Säugethicre unterrichteten Diener in Meldest zurück. Abends zogen Gewitterwolken am Horizonte auf, einzelne Regentropfen, die Boten der kommenden Regenzeit fielen in unserer Nähe nieder; ich begrüßte sie als traute Bekannte aus der fernen Heimath, denn seit meiner Abreise aus Europa hatte ich keinen Regen gesehen. Im Süden erhellten einzelne Blitze von Zeit zu Zeit den dunklen Himmel, das Gewitter war fern, aber dennoch hörten wir dann und wann ein leises Grollen des Donners. Aus einem mir am 26. April zukommenden Briefe des Barons erfuhr ich, daß am dreiundzwanzigsten April Ostern gewesen war. Ich hatte es nicht gewußt und war am Ostersonntage gerade sehr krank gewesen. So sehr aller heimischen Sitte entfremdet, verlebte ich meine Tage in dem wie von der übrigen Welt abgeschiedenen Walddorfe. Mein Gefährte kehrte am zweiten Mai zu mir zurück. Wir bereiteten uns nun ernstlich auf die projcktirte Reise vor, obgleich man uns die Neger von Takhale als furchtbare Feinde der Weißen geschildert und noch außerdem vor den Bakhahra-Arabcrn*) *) Die Bakhahra — von „Bakhr", das Rind — sind Nomaden, welche sich zwischen dem vierzehnten und elften Grade nördlicher Breite herumtreiben. Sie besitzen ausgezeichnet schöne Rinderheerden und ganz vorzügliche Pferde, sind ein sehr wohlgebauter Menschenschlag, aber wegen ihrer Grausamkeit und Kinderräuberei in Kordofahn übelberüchtigt. Dem Namen nach unterjocht, liegen sie dennoch mit den Beherrschern des Landes und anderen Araberstämmen (z. B. den Kababiesch, Dahr-Ham- m er) in beständiger Fehde und sind ebensowohl als Krieger, als auch als Räuber gefürchtet. 313 gewarnt hatte. Die letzteren waren vor nicht langer Zeit fünftausend Mann stark in Kordofahn eingefallen, hatten dort Hecrden und Menschen geraubt und sollten von der Regierung gezüchtigt werden; Grund genug, sie gerade jetzt besonders zu fürchten. Wir wollten jedoch unseren Lieblungsplan, ein noch von keinem Europäer betretenes Land zu besuchen, nicht aufgeben und beschlossen dennoch, aber mit äußerster Vorsicht, zu reisen. Die Ausführung unseres schönen Projekts scheiterte an Etwas, woran wir gar nicht gedacht hatten. Wir waren, behufs der noch nöthigen Ankäufe für die Reise, in Obcid gewesen und kehrten am 10. Mai nach Melbeß zurück, um dort die nöthigen Kamele zu miethen. Es fanden sich auch bald kamclbcsitzcnde Araber bei uns ein, alle aber waren, trotz der ihnen versprochenen reichlichen Trinkgelder, nicht zu bewegen, uns ihre Thiere für eine Reise nach Tak- hale zu überlassen. Wir waren recht mißmulhig, sahen aber schon wenige Tage später ein, daß wir alle Ursache hatten, unserem in Gestalt dunkelbrauner Kordofahnesen verkörperten Geschick zu danken. Vor ungefähr vierzehn Tagen war eine große Handelskarawane, welcher wir uns sehr gern angeschlossen haben würden, wenn wir von ihrer Ausrüstung Kunde gehabt hätten, nach Takhale abgegangen. Sie zog unter der Führung eines hochgeachteten und wohlhabenden Scher! es oder Nachkommen des Propheten, um dem Könige dieses Staates von ihm gewünschte Waaren zu überbringen. Man versicherte uns allgemein, daß wir unter der Leitung jenes Mannes vollkommen sicher hätten reisen können. Am 14. Mai kamen einige Kameltreiber der Karawane nach Kordofahn zurück. Nach ihren Erzählungen hatte sie der Ncgcrkönig schon an der Grenze seines Reiches empfangen und bewillkommt. Ohne Argwohn zogen sie mit ihm seiner Hauptstadt zu. Aber noch ehe sie diese erreichten, fiel ein Haufen Schwarzer plötzlich über sie, warf sie zu Boden, fesselte sie, prügelte sie halbtodt, nahm ihnen Waffen und Lastthicre weg und überließ sie ohne Nahrungsmittel hohnlachend ihrem Schicksale. Drei Kameltreiber des ungefähr zwanzig Personen starken Reisezuges waren in Kordofahn angekommen, von den Uebrigcn wußte man Nichts. 31L Diese einzige Thatsache erklärt die Schwierigkeit, in Afrika neue Länder zu bereisen, hinlänglich. So weit die Weißen den Schwarzen bekannt wurden, sind sie ihnen auch verhaßt geworden. Erst dann, wenn der Reisende jene Länder der Neger, in denen man noch weiß, daß es weiße Menschen giebt, glücklich durchzogen hat, ist er vor der Rache der Schwarzen sicher; ihr Jähzorn ist aber auch dann noch in sehr ernste Erwägung zu ziehen. Der mit den Sitten und Gebräuchen halbwilder Völker unbekannte Reisende kann gar zu leicht durch ein bloßes Mißverständniß den schnell aufbrausenden Zorn jener Naturkinder erregen und ihm zum Opfer werden. Möglich, daß der Neger später die Handlung seiner Hitze bereut, — aber der Forscher hat unnütz sein Leben verloren. Von dem allen Forschungen früher oder später ein Ziel setzenden, mörderischen Klima habe ich bei Erwähnung dieser Gefahren noch ganz abgesehen. Ich will die Möglichkeit, Afrika zu durchwandern oder die Quellen des Nils zu entdecken, nicht bezweifeln, glaube aber nur dann an die Verwirklichung derselben, wenn sich eine ziemliche Anzahl junger und entschlossener, mit allem Nöthigen wohl versehener und von einer europäischen Regierung thätig unterstützter Europäer, in der Voraussicht, fünfzig Prozent ihrer Gefährten zu verlieren, auf die Reise macht. Nur eine deutsche Großmacht oder England würde ein solches Vorhaben kräftig unterstützen und nur Deutsche oder Engländer scheinen mir zur Ausführung desselben geeignet. Dies beiläufig; es kann meine Absicht nicht sein, das nur auf meine eigene Ansicht gegründete „Für und Wider" inncrasrikanischcr Entdek- kungsreiscn hier genauer aus einander zu setzen. — Die mehr und mehr herannahende Regenzeit, unsere fortwährenden Krankheiten und das Zu-Ende-Gchcn unseres Reisegeldes bestimmten uns zur baldigen Rückreise nach Charthum. Ich verließ mit meinem sämmtlichen Gepäck Mclbeß am 20. Mai und zog nach Obeld, wo wir noch einige Tage verweilten, zurück. Am 25. Mai traten wir unsere Rückreise an. Wir ließen die Lastkamele vorausgehen und behielten nur einen Bedienten, welcher einen lebenden, halberwachsenen „Bakhr cl Chala" oder Steppenrind (.Antilope Isueor^x) auf seinem Kamele transportiren sollte, bei 315 uns zurück. Das Letztere konnte aber nicht so leicht, als wir gedacht hatten, in's Werk gesetzt werden. Zuerst hatten wir alle Mühe, das große unbeholfene Thier, welches nach der albernen Ansicht der Araber noch nicht marschfähig sein sollte, auf dem Kamele zu befestigen; es rutschte bald auf der einen, bald auf der anderen Seite herunter. Der zweite Ucbelstand war, daß sich weder der Bediente, noch das Kamel mit dem sonderbaren Rcisegesell- schaftcr vertragen konnte. Die Antilope stieß Beide mit ihren spiz- zcn Hörnern oder gab ihnen mit den starken Läufen so nachdrückliche Rippenstöße, daß Kamel und Reiter murrten, und Ersteres zum großen Verdruß des Letzteren schließlich noch entrüstet durchging. Nach langen Bemühungen gelang es uns, den Bakhr el Chala so in Teppiche zu wickeln, daß er sich nicht regen konnte, und wir verließen nun die Hauptstadt erst mit Einbruch der Dunkelheit. Ich hatte bis drei Uhr Nachmittags einen Fieberanfall gehabt und war so schwach, daß ich mich kaum im Sattel erhalten konnte. Mein hochbepacktes Kamel ging den anderen beiden langsam voraus und schritt bedächtig zwischen den verschiedenen Sericahb*) des Bezirkes Tar harrn, in denen wir uns fast verirrt hatten, dahin. Plötzlich machte der durch irgend Etwas erschreckte Hcdjihn einige tolle Sprünge und warf mich, weil ich mich nicht darauf vorgesehen hatte, sammt dem Sattel ab. Man fing das erboste Thier; ich sattelte es von Neuem und fiel wegen meiner Schwäche zum zweiten Male. Ich ritt nun recht mißgestimmt weiter. Die Nacht überraschte uns ganz in der Nähe der letzten Tok- hahl Obeid's; meine grenzenlose Mattigkeit erlaubte mir die Weiterreise nicht; wir mußten uns nach kurzem Ritte in der weiten Steppe lagern. Nach Aufgang des Mondes verließen wir unseren Lagerplatz und zogen dem Djebcl Kurbatsch zu. Bei anbrechendem Morgen hatten wir ihn noch nicht erreicht und irrten rath- los in der Steppe herum. Ein dichter, den Sonnenstrahlen undurchdringlicher Nebel deckte die Ebene. Wir waren vom Wege abgekommen und konnten, weil auch unser Kompaß sich zufällig °) Plural von Serieba. 316 unter dem übrigen, mit der Karawane vorausgegangenen Gepäck befand, uns nicht einmal mehr nach den Himmelsgegenden orien- tiren. Da sahen wir zwei Holz einsammelnde Neger und baten sie, uns den Weg zu zeigen; sie weigerten sich, es zu thun. Noth kennt kein Gebot. Wir hätten, wenn wir ohne Führer weiter geritten wären, inmitten der Steppe verhungern oder verdursten können. Deshalb zwangen wir einen der Neger, unser Führer zu sein, bedrohten ihn, wenn er uns absichtlich auf einen falschen Weg bringen würde, mit dem Tode, und versprachen ihm im entgegengesetzten Falle einen reichlichen Bakhschiesch. Sein Kamerad bat unS vergebens um die Freigebung des in unseren Dienst Gepreßten und entfernte sich dann unter lauten Schmähungen. Der Erstere brachte uns nach mehrstündigem scharfen Ritte wirklich auf den Rücken des „Pcitschcnbcrgcs" *) und von dort auf eine sehr begangene Straße. Er wurde nun entlassen und beschenkt, zog es aber vor, noch bis zu dem nächsten Dorfe mit uns zu gehen, um dort sein Kapital sogleich in Meriesa anzulegen. Ehe wir die wenigen Hütten desselben erreichten, hatten wir ein neues Mißgeschick. Die zahme Antilope entsprang und spottete allen Bemühungen, ihrer wieder habhaft zu werden. Als ob sie den Vollgcnuß der Freiheit fühle, entrann sie mit großen Sätzen bald dem Bereiche unserer Augen. Es war fast Mittag geworden, als wir in der kleinen Hil- la**) Tomaht anlangten. Die Sonne lag, nachdem sie die Dünste des Morgens zertheilt hatte, mit ihrer ganzen Kraft auf der staubigen Ebene. Wir waren durstig und sehr müde. Man bot uns brühwarmes Schlauchwasscr, welches unsern Durst nur noch vermehrte. Um so mehr hofften wir durch den uns fehlenden Schlaf erquickt zu werden und betraten deshalb sogleich eine kleine ») Diebel el Kurbatsch. **) Unter Hilla versteht man inKordofahn ein kleines Dorf mit wenigen Hütten, — einen Weiler. — Die Egypter gebrauchen dafür das Wort Kaffr. Ein größeres Dorf wird in beiden Landern Belled genannt; ein Städtchen heißt Bänder, eine Stadt Medihue, eine Hauptstadt Massr. 317 Rckuba, wo wir auf klastischem Ankharehb auch alsbald die gewünschte Ruhe fanden. Ein wüthendes Geheul schreckte uns vom Schlafe auf. Ich schaute verwundert nach der Thür der Hütte und sah durch sie einen halbnackten, schwarzen Kerl hereinkommen und mit einem langen, gezogenen Schwerte auf mich zustürzen, wobei er den vor der Hütte Brüllenden zurief: „Kommt, bier sind sie, die Hunde, kommt und schlagt sie nieder!" Mit einem furchtbaren Kolbenschlagc warf ich den Wüthenden zurück, dann erweckte ich den im Innern des mit der Rckuba verbundenen Tokhul schlafenden Baron und unseren Diener Aali. Wir griffen zu unseren Waffen und drohten jeden Eindringling niederzuschießen. Da glaubte Aali, von Jenen gehört zu haben, daß sie uns die Hütte über unserem Haupte anzünden wollten. Jetzt waren wir genöthigt, diese zu verlassen, wurden aber im selben Augenblick von ungefähr fünfzehn Negern, welche auf uns einstürmten und uns ihre Lanzen in einer Entfernung von weniger als einem halben Fuß auf die Brust setzten, umringt. Die Ucbermacht der Schwarzen war so groß, daß, wie ich sofort einsah, jeder Vertheidigungsversuch unseren sicheren Untergang zur Folge gehabt haben würde. Aber ich hatte alle Mühe, davon auch den Baron, welcher beide Pistolen gespannt vor sich hinhielt und schießen wollte, zu überzeugen. Wir wären, selbst wenn wir sechs oder acht von ihnen getödtct hätten, noch immer verloren gewesen. Jedem von uns standen vier oder fünf Schwarze so nahe gegenüber, daß sie uns ihre Lanzen mit einer einzigen Armbewegung in die Brust stoßen konnten. Es war jedenfalls das Klügste in unserer Lage, uns, bei all' der im Innern tobenden Wuth und Rachelust, aufs Bitten zu legen, aber das thierische Gebrüll der Neger verschlang unsere Worte. Wir zogen uns, um einigermaßen geschützt zu sein, langsam nach der Thür der Rckuba zurück. Die Hülfe kam von einer Seite, von welcher wir sie nicht erwarten konnten. Ein Araber, mit milchweißem Barte, eilte, ohne zu wissen, um Was es sich handle, zu unserer Rettung herbei. Die Schwarzen schienen ihn zu kennen. Er trieb sie, welche sich vor den toddrohenden Röhren unserer Gewehre nicht gefürchtet hatten, mit der Peitsche zurück und brachte Ruhe in den tobenden Haufen. 318 Von ihm erst erfuhren wir die Ursache des wüthenden Anfalls der rasenden Schwarzen. Wir waren für Sklavenräubcr gehalten worden. Jener Neger, welcher uns um die Freilassung seines Gefährten gebeten hatte, war zu seinem Herrn, einem wohlhabenden Schech, gelaufen und hatte diesem mitgetheilt, daß zwei Türken — für solche wurden wir gehalten — einen seiner Sklaven gewaltsam entführt hätten. Der Schech versammelte sogleich die Schaar seiner Sklaven, begeisterte sie durch reichlich gespendete Meriesa, bewaffnete sie und gebot ihnen, die „weißen Hunde" zu verfolgen und zu todten, jedenfalls aber zur Herausgabe seines Eigenthums zu zwingen. Halb berauscht war die den Spuren unserer Kamele gefolgte Rotte in der Hilla angekommen, hatte unseren Aufenthalt erkundet und uns in der Meinung, daß wir den geraubten Neger in unserer Rekuba gefangen hielten, überfallen. Unser Befreier durchsuchte die Hütte, fand aber den Sklaven nicht in ihr, sondern berauscht in einer anderen, wo er während des ungeheuren Tumults ruhig geschlafen hatte. Nachdem sich die Sache aufgeklärt und unsere Unschuld sich herausgestellt hatte, baten uns die nüchtern gewordenen Feinde demüthig um Verzeihung und um einen Bakhschiesch, damit auch sie Meriesa trinken könnten. Wir trieben sie zurück und nahmen jetzt einen drohenden Ton an. Sie bestiegen deshalb bald ihre Kamele, nahmen unseren Wegweiser in ihre Mitte und ritten eilig davon. Jetzt schienen sie unsere Rache oder unsere weittragenden Feuerwaffen zu fürchten; sie ritten, so schnell ihre Kamele laufen wollten. Auch wir waren herzlich froh, von ihrer Gesellschaft befreit zu sein, und brachen nach kurzer Erholung von dem ausgestandenen Schrecken zur Weiterreise auf. In einem einzeln stehenden Tokhul, dessen Besitzer den Baron schon einmal beherbergt hatten, blieben wir über Nacht und genossen der Gastfreundschaft guter Kordofahnesen in ihrer vollsten Ausdehnung. Am 27. Mai saßen wir bereits zwei Stunden vor Sonnenaufgang wieder im Sattel und zogen dann bis Tagesanbruch zwischen Dochenfeldern dahin. Noch schliefen des Tages Vogel, aber die der Nacht waren, wie immer, gegen Morgen um so munterer. 319 Langgeschwänzte Ziegenmelker, deren Paarungszeit herannahte, umflogen die einzeln stehenden Bäume der Steppe, von denen die Männchen, den weiten Rachen nur wenig geöffnet, ihre gemüthliche Weise herunterschnurrten. Nach und nach wurde mehr Leben. Der „Makhar" oder Mag gar der Eingcborncn (Otis nuda) rief schallend seinen Namen und erregte damit bald den Unwillen anderer Männchen, welche, eifersüchtig auf paarungsfähige Weibchen, laut und zornig antworteten. Ein Droßling (Ixo8 ob- sourus) erwachte nun auch von dem Schelten der erbosten Trappen und schmetterte seine volltönenden Lieder der Sonne entgegen, die weißbrüstige Krähe (Oorvus seapnlatns) erwiderte diese mit eintönigem Krächzen, nur ein Pärchen von Raubadlern saß noch still und regte sich nicht. Gegen Mittag erreichten wir das Dorf Chursi und fanden dort unsere Diener mit dem Reisegepäck, aber ohne Kamele zur Weiterreise. Der Baron schickte sogleich den Nubier Jdrieß nach dem nahen Bara und ließ unseren Bekannten, Husse'in-Kahschef, um Lastthicre ersuchen. Dieser schien keine Lust zu haben, unsere Bitte zu gewähren. Er entschuldigte sich mit einer Lüge und behauptete, für die Regierung fünfzig Lastkamcle stellen zu müssen. Wahrscheinlich war er durch den Engländer Pctherik, welcher sich gerade in Bara aufhielt und mit dem Baron wegen eines Be« dienten überwarfen hatte, bestimmt worden, uns jede Gefälligkeit zu versagen. Wir mußten mehrere Tage in Chursi verweilen. Der Baron lag am Fieber darnieder, ich konnte mich kaum aufrecht erhalten. Die Jahreszeit war schon so weit vorgeschritten, daß wir jeden Tag Regengüsse erwarten konnten; die schon in Mclbeß uns unangenehm gewordenen Südwinde nahmen von Tag zu Tag an Hitze zu und ermatteten mich in außerordentlich hohem Grade. Oft durften wir, weil sie die Atmosphäre zum Ersticken mit Staub erfüllten, den Tokhul nicht verlassen. Ein kühlender Nordwind, welcher aber selten lange anhielt, wurde für den gepeinigten Körper zur Wohlthat. Die Hitze hatte ihr Marimum erreicht und stieg bei Südwind im Schatten der Strohhütten einmal auf-s-äS" Reaum.; 320 das der Sonne ausgesetzte oder in den Sand gestellte Thermometer zeigte nicht selten fünsundfunfzig Grade. Der Körper triefte Tag und Nacht von Schweiß. Am 4. Juni verließ ich den Baron, um den Engländer, mit welchem ich noch Einiges abzumachen hatte, aufzusuchen. Der Tag war sehr heiß gewesen, der Himmel hatte sich mit Wolken umzogen; es stand Regen oder wenigstens Sturm bevor. Gegen Abend wurden die Wolken dichter. Der Himmel erschien dunkelschwarz. Jetzt brach der Sturm über mich herein und drohte mich vom Kamele zu reißen; das Thier wurde unruhig und wild. Ich ritt, so schnell es laufen konnte, auf dem mir unbekannten Wege dahin. Langst schon hätte ich im nächsten Dorfe sein müssen, die Nacht brach herein, ich hatte noch immer keine Spur einer menschlichen Anstedlung entdeckt. Es wurde mir klar, daß ich mich verirrt hatte; ich fürchtete, den Weg vollends zu verlieren. Da stieg ich von meinem Kamele ab, band es an eine stachelige Mimose und legte mich daneben. Vergebens versuchte ich, Feuer anzumachen; der heftige Wind blies es mir aus. Ich hatte, außer einem dünnen Pelze, Nichts bei mir, um mich gegen die Kühle der Nacht zu schützen. Dennoch schlief ich bald ein. Der Sturm heulte die ganze Nacht hindurch mit den Hyänen um die Wette. Am Morgen nach der unruhvoll verbrachten Nacht hatte ich mich aus dem Sande, mit welchem mich der Sturm überschüttet hatte, förmlich herauszuarbeiten. Jetzt war eine wohlthuende Stille in der Natur eingetreten. Der Wind hatte sich gelegt, die Morgenröthe leuchtete prächtig im Osten, einzelne Vogelstimmen riefen dem kommenden Tage ihre Grüße zu. Lange vor Sonnenaufgang saß ich wieder im Sattel. Ich ritt auf gebahnten Wegen und spähte von meinem hohen Sitze herab nach den in der Ferne glänzenden Straußenciern der Tokhulspitzen eines Dorfes. Mein Was- servorrath war erschöpft, zu einem recht fühlbaren Hunger gesellte sich brennender Durst. Die Hitze wurde bald wieder unerträglich. Endlich nach achtstündigem, scharfem Ritte kam ich in Dochenfel- der und bald darauf in ein kleines Dorf. Mein Kamel war wie ich zum Umfallen müde und hungrig; ich glaubte vor Durst ver- 321 gehen zu müssen. Der Schech des Dorfes nahm mich gastfreundlich auf und bewirthete mich mit saurer Milch und schwarzem Durrahbrode, den einzigen Nahrungsmitteln, welche er hatte. Mein Hcdjihn schlang begierig die goldenen Dochenkörncr hinunter. Auf die Erkältung der Nacht, vielleicht auch auf das unpassende Mittagsbrod, folgte eine heftige Kolik und Dissenterie, welche mich des Reitens beinahe unfähig machte. Doch konnte ich hier nicht verweilen. Nachdem ich mich nach dem Wege erkundigt hatte, ritt ich, mich dem Dorfe Tcndar zuwendend, ungeachtet der mich peinigenden Schmerzen weiter. Die Gegend, welche ich heute durchzog, war von allen bis jetzt in Kordofahn besuchten Oertlichkeitcn verschieden. Zwischen zu- sammensortlaufcnden, sich mannigfaltig verzweigenden Bergrücken lag Kessel an Kessel. Diese Vertiefungen, welche sehr gut bebaut und zahlreich bevölkert zu sein schienen, fielen meistens sehr steil ab; im Grunde lag gewöhnlich ein Brunnen und ein um diesen erbautes Dorf; ihr Durchmesser wechselte zwischen dreihundert bis sechstausend Schritten. Die weinbergähnlichen Abhänge enthielten die rings um den Hügel herumlaufenden Dochcnfelder; auf den Hügeln vereinigten sich die sonst einzeln stehenden Bäume der Steppe zu dichteren Gruppen. Gegend Abend erreichte ich die Hilla des Schech Fadtl-Allah. An den Brunnen des Dorfes schien die halbe Bevölkerung beschäftigt zu sein. Einige tränkten das Vieh, Andere schöpften Wasser, wieder Andere wuschen ihre Kleider. Die letztgenannte Verrichtung fiel mir besonders wegen der eigenthümlichen Seife auf, welche die Waschenden anwandten. Die Frucht eines sehr stacheligen Baumes der tropischen Wälder, welche sammt Blättern und Zweigen des Baumes von den Elephanten sehr gern gefressen wird, giebt, entkernt, gequetscht und mit Wasser vermischt, einen reichlichen Schaum, welcher durch Schlagen mit den Händen oder, wie im Sudahn gebräuchlich, durch Stampfen mit den Füßen dick und zur Reinigung der Zeuge geeignet wird. Das Waschen selbst war hier erstaunlich einfach. Die Leute scharrten eine flache Vertiefung in den Sand, legten ein ziemlich wasserdichtes Ledcrstück über sie 21 322 hinweg, füllten diese eigenthümliche Mulde mit Wasser und der genannten Frucht, warfen ihr einziges Kleidungsstück obendrauf und begannen nun, von einem Fuße auf den andern tretend, das Zeug nach Möglichkeit durchzuwalken. Dann wurde die Wäsche ausgerungcn und zum Trocknen der Sonne ausgesetzt. Wie kräftig die Wirkung der Sonnenstrahlen ist, mag daraus hervorgehen, daß zwei Personen das Zeug so lange hielten, bis es trocken war. Wenn bei hohem Nilstande die Fluchen des Bahhr el ab Ladt noch ziemlich rein sind, sieht man täglich Hunderte der Einwohner Charthum's nach dem Flnsse gehen, um in der oben beschriebenen Weise ihre Kleider zu reinigen. Mit Einbruch der Nacht hielt ich mein Kamel vor einem einzeln stehenden Tokhul an und beschloß, daselbst zu übernachten. Der Besitzer der Hütte, welcher mich für einen Türken und folglich Soldaten hielt, versicherte mir vor allen Dingen, daß er weder für mich, noch für mein Neitthier etwas Eß- oder Trinkbares in seinem Haushalte habe, daß aber ganz in der Nähe ein Weiler sei, zu welchem er mich führen wolle. Ich war damit zufrieden und unser Schwarzer herzlich froh, das drohende Unwetter von seinem Hause abgelenkt und anf die Häupter seiner Nachbarn gewendet zu haben. Nach fünf Minuten kam ich unter der Leitung meines jetzt sehr dienstwilligen Führers in der Hilla an und blieb dort über Nacht. Am 6. Juni. Das Dorf Tendar war von meinem Nachtlager nicht weit entfernt. Ich erreichte es schon vor Sonnenaufgang und ritt dann in nordöstlicher Richtung über eine öde, traurige Savanne nach der Hilla Umsersuhr. Mr. Petherik empfing mich mit großer Freundlichkeit und gab mir sogleich starke, aber wohlthuende Arznei gegen meine Dissenterie. Ich blieb mehrere Tage bei ihm und begleitete ihn, nachdem ich so ziemlich wieder hergestellt war, nach mehreren Dörfern, deren Umgegend er auf Eisen prüfen wollte. Am 16. Juni traf ich mit dem Baron in dem Dorfe Seröga wieder zusammen. Unsere Bedienten waren mit dem Gepäck bereits vorausgezogen, weshalb wir den Ort bald nach meiner An- 323 kunst verließen. Mittags rasteten wir in der Hilla Um-Sa- murh *) und fanden hier völlig untrinkbares, außerordentlich salziges Wasser, Abends trafen wir in der Hilla Mahadjer — zu deutsch „dem steinigen Dorfe" — ein und übernachteten daselbst. Die Steine waren nicht daS einzige Unangenehme des Ortes. Es war uns unmöglich, Hühner zum Essen und Meriesa zum Trinken zu bekommen und wir mußten wieder einmal mit den eckelhasten Durrahkuchen und ebenso widerlichem Wasser vorlieb nehmen. Wir ritten am 18. Juni über Schetieb nach dem schön genannten Dorfe Allah - Amahne, „Gottesfrieden," fanden dort aber von der von Rusfegger gerühmten Gastfreundschaft der Bewohner keine Spur mehr. Nur gewaltsame Maßregeln verschafften uns und unseren Thieren die nöthigen Nahrungsmittel. Nachdem der Mond aufgegangen war, wollten wir weiter reisen , aber im ganzen Dorfe war kein Führer zu finden. Alle Männer waren in der Voraussetzung, von uns zu Dienstleistungen gezwungen zu werden, durchgegangen. Auf ihre Artigkeit vertrauend, ließ der Baron nach langem vergeblichen Suchen nach etwas Männlichem drei Frauen des Dorfes ergreifen und beschloß, diese so lange, bis die Männer sie ausgelöst und sich zu Führcrdiensten bereit erklärt haben würden, als Geiseln zu behalten. Wir hatten die Kordo- fahnesen sehr falsch beurtheilt. Die Männer ließen sich weder hören noch sehen; wir mußten die Frauen endlich doch wieder freigeben. Zum Glück fand einer unserer Kameltreiber den richtigen Weg und erklärte sich zu unserem Führer. Unter seiner Leitung erreichten wir bald die Sawannc und ritten noch länger als vier Stunden in die Nacht hinein. Es war eine jener herrlichen Tropennächte kurz vor der Regenzeit, welche man selbst durchlebt haben muß, um sich eine würdige Vorstellung von ihr machen zu können. Mir fiel heute mehr als je v. Humboldt's schöne Schilderung der Nächte in den südamerika- *) Das Wort „Hilla" ist weiblich. Deswegen führen hier die Dörfer statt des in Egypten gebräuchlichen „Ab u" — Vater, den Beinamen „Um" — Mutter. Um-Samurh bedeutet „Mutter des Gummi." 21 * 324 nischen Steppen ein, obgleich diese von den Nachten der Tropen-- gegenden Afrika's sehr verschieden sein müssen: „Tritt endlich nach langer Dürre die wohlthätige Regenzeit ein, so verändert sich plötzlich die Scene in der Steppe. Das tiefe Blau des bis dahin nie bewölkten Himmels wird lichter. Kaum erkennt man bei Nacht den schwarzen Raum im Sternbild deö südlichen Kreuzes. Der sanfte phosphorartige Schimmer der magela- nischen Wolken verlischt. Selbst die scheitelrechten Gestirne des Adlers und des Schlangcnträgcrs leuchten mit zitterndem, minder planetarischcm Lichte. Wie ein entlegnes Gebirge erscheint einzelnes Gewölk im Süden. Nebelartig breiten die Dünste sich über dem Zenith aus. Den belebenden Regen verkündet der ferne Donner"*). Hier war es heute anders. Wohl ballten sich im Süden dunkle, rcgenkündende Wolken zusammen und entsandten leuchtende Blitze, deren Donner sich bei uns in leisem Gemurmel verlor, aber senkrecht über uns leuchteten die Sterne noch in ihrer unendlichen Klarheit. Auch das Kreuz strahlte noch freundlich auf uns hernieder, die Atmosphäre war rein und heiter. Der südliche Himmel zeigte uns noch seine ganze Schönheit. In seiner tiefen Schwärze wölbte er sich über uns. Am 19. Juni. Der erste Strahl der Tagcskönigin traf uns bereits im hohen Sattel. Zur Linken überragte der Djebel el Dejuhs, der „Berg der Böcke," den Graswald der Sawanne. Seine dunkeln zackigen Gipfel zeichneten sich scharf am Horizonte ab. Nach kurzem Ritte kamen wir zu der Stelle, auf welcher früher das Dorf Sahkra stand; jetzt war keine Spur mehr davon zu bemerken. Es ist in Kordofahn gar nichts Seltenes, daß die Bewohner eines Dorfes ihren Wohnsitz verändern und ihr Dorf gänzlich verlassen. Die Ursache dazu kann ein «erstechender Brunnen oder ein entholztcr Wald werden. Dann verschwindet ein Dorf fast ebenso schnell, als es entstand. Die Termite verzehrt oder durchbohrt das Holzwerk des Tokhul, den Sturm zerstreut die leichten Trümmer, 9 A. r. Humboldts Ansichten der Natur. 325 der Regen deckt sie mit Sande zu. Das Gras wuchert dann zwischen den Gassen des Dorfes auf; in Jahresfrist hat sich die Steppe wieder des ihr Entrissenen bemächtigt. Wo Sahkra gestanden hatte, schallte heute der Ruf des Makhar. Um Mittag lagerten wir uns im Schatten einiger Mimosen. Eine drückende Schwüle lag auf der Ebene. Der Himmel war leicht bewölkt. Da erhob sich ein leiser, glühender Wind, welcher, mehr und mehr an Stärke und Hitze zunehmend, zuletzt in Sturm überging. Es war der Samuhm. Unsere Kamele wurden unruhig und wild, die Treiber ängstlich. Zum Glück wehte der Sturm kaum eine halbe Stunde lang. Wir konnten unsere Reise fortsetzen, waren aber sehr erschöpft. Zur Zeit des Nachmittagsgebetes begegneten wir einem Araber, welcher zwei Kamele langsam vor sich Hertrieb. Wir fragten ihn freundlich, wie weit es noch nach Helba, einer von allen benachbarten Dörfern weit entfernten Hilla, sei und erhielten die Antwort: „Reitet, mit Sonnenuntergang trinkt ihr von dem frischen Wasser des dortigen Bihr; ich habe den Ort erst kurz vor dem Aassr verlassen." Uns auf den hier von allen Reisenden gehaltenen Rasttag und eine Burma guter Mcriesa freuend, trieben wir die Hedjinihn zu frischem Laufe an und eilten der ersehnten Hilla zu. Mehr als die Hälfte der uns von dem Araber angegebenen Wegstrecke hatten wir zurückgelegt, noch immer wollte das Dorf nicht zum Vorschein kommen; noch hörten wir kein Hundcgcbcll. Nur zuweilen unterbrach das eintönige Geheul eines einzelnen, entfernten Schakals die Stille des Abends. Mit Recht verwünschten wir den Araber, welcher uns ohne allen Grund belogen hatte. Die Nacht war vollkommen hereingebrochen. Wir waren der Karawane weit vorausgeeilt und machten Halt, um sie zu erwarten. Bald loderte ein weithin leuchtendes Feuer neben unseren auf den Boden.gebreiteten Teppichen. Es sollte der herannahenden Karawane ein Anzeichen unseres Aufenthaltes sein, zog aber zugleich auch ungebetene Gäste herbei. In Schaarcn lief der Steppe Gewürm und Ungeziefer dem Lichte zu. Taranteln mit sechs finger- 326 langen, behaarten Füßen, Skorpionen mit dem zum Stich erhobenen Schwänze eilten, zum Theil über unsere Teppiche hinweg, wie von einem Magnet angezogen, nach unserem Feuer. Neben uns ringelte und zischte eine kleine, aber äußerst gefährliche Viper auf, deren sich der Baron mit vielem Geschick und Muth alsdann bemusterte. Mahammed hatte bereits mehrere große, schwarze Skorpionen in's Feuer geschleudert, aber noch immer kamen neue Erem- plare jener häßlichen Thiere herbei. In solcher Gesellschaft die Nacht zu verbringen, war in der That weder angenehm, noch gefahrlos. Wir beschlossen, die Ankunft des Gepäcks abzuwarten und uns dann auf unsere Kisten zu betten, bemerkten die Anwesenheit der Karawane aber erst am folgenden Morgen, als uns das ohrcnzerreißende Gebrüll der Kamele aus dem Schlafe rief. Gott Morpheus hatte die Schrecknisse der Nacht zu überwältigen gewußt und uns in seinen sanften Armen gestärkt und erquickt. Lange vor Sonnenaufgang saßen wir wieder im Sattel und dennoch erreichten wir erst um Mittag den von hohen Mimosen umstandenen Brunnen der Dorfschaft Helba. Sein süßes Wasser war angenehm und erfrischend, wenigstens im Vergleich zu dem der salzigen Biahr des übrigen Kordofahn. Wir schlugen unser Zelt unter den schattigen Bäumen auf, weil wir nothwcndigcrweise Rasttag halten mußten. Die Kamele waren sehr erschöpft, unsere Diener und wir selbst nicht weniger. Erstere trugen mehrere wundgeriebene Stellen, welche ihnen empfindliche Schmerzen verursachten; die Bedienten waren zum Theil mehrere Tage lang zu Fuße gegangen und klagten über verbrannte Füße; wir selbst litten an dem immer und immer wiederkehrenden Fieber. So war für unS Alle ein Tag der Ruhe unerläßlich, wir sollten ihrer aber nicht genießen. Es ist oft unmöglich, von den Kordofahncscn Lastthiere vermuthet zu bekommen, selbst wenn man ihnen das Doppelte der Miethprcise bietet. Der alte Haß gegen die Türken, bezüglich gegen alle Weißen, welche ihr Land in Besitz nahmen, sie ihrer Freiheit beraubten und jetzt noch bedrücken, hat sich von Geschlecht zu 327 Geschlecht ungcschwächt erhalten. Sie verweigern dem Weißen zuweilen sogar die nöthigen Nahrungsmittel. Der Reisende wird dadurch gezwungen, das, was er bedarf, mit Gewalt zu nehmen. So hatten unsere Diener sich auf gewaltsame Weise Esel verschafft, welche sie dann gemeinsam und abwechselnd zum Reiten benutzten. Ein alter, von uns in Obced in Dienst genommener Nubicr, Mahammed-Wod-Gitcrc oder Khitcre (von seinen Lands- lcuten Gitcrendo* **) ) genannt), führte einen Eselsattcl, d. h. nach Landcsgcbrauch ein einfaches Holzgcstcll mit Border- und Rücklehne und zwei Sitzbrettcrn mit sich und legte diesen dem ersten besten Esel auf, dessen er habhaft werden konnte. Dann ritt er ohne Gewisscnsscrupel mit der Karawane weiter. Der Herr des Esels erschien sehr bald, um sein Eigenthum wieder in Besitz zu nehmen, erhielt es aber nicht, bevor sich ein anderer Esel gefunden hatte und wurde bis dahin als Treiber benutzt. Nachdem seine Dienstleistungen beendet waren, empfing er die gewöhnliche Miethe für seinen Esel und einen Bakhschiesch obendrein. Gitercndo hatte auf diese Weise einen großen Theil der dem Alten sonst zu beschwerlichen Reise zurückgelegt und gedachte seinen im Dorfe Schetieb eroberten Esel noch bis Abu-Djcrahd, einem am Saum der Steppe in der Nähe des weißen Flusses gelegenen Dorfe, zu benutzen, obgleich der Treiber bereits neun deutsche Meilen neben seinem Grauthicre hergewandelt war. Auch die Bewohner deS Dorfes Helba waren nicht zu bewegen, uns einige dringend nothwendige Lastthiere zu vcrmiethen. Bitten und Drohungen fruchteten Nichts, deshalb nahmen wir zuletzt zwei Esel, welche am Brunnen getränkt werden sollten, gewaltsam weg. Aber die Hclbaui^) schienen mit unserem Verfahren nicht zufrieden zu sein. Schon in der Nacht stahlen sie ihre *) Mahammed-Wod-Gitere oder Giterendo ist gleichbedeutend. Ersteres bedeutet Muhammed, Gitere's Sohn, das Letztere geradezu Gitere's Sohn. (Wod ist das verstümmelte Woled und bedeutet wie das berberische, dem Name» immer hinten angefügte „D o" Sohn oder Knabe.) **) Bewohner des Dorfes Helba. 328 „Humihr" *) und würden sich gewiß auch Einiges von unserem Eigenthume zugeeignet haben, wenn Giterendo die nächtlichen Gäste nicht bemerkt hätte. Er verfolgte sie und jagte ihnen einen der Esel glücklich wieder ab. Am 21. Juni. Mit dem frühesten Morgen erschienen Abgesandte des Dorfes, um den „Humahr" zurückzufordern. Wir trieben sie fort, sie kamen aber immer und stets in größerer Anzahl wieder. Zuletzt versammelte sich ein zahlreicher Haufen mit Lanzen bewaffneter Männer, welche wie gewöhnlich entsetzlich schrieen, lärmten und sich Rache zu nehmen drohten, vor unserem Zelte. Da es uns in der That schien, als solle ein Angriff stattfinden, errichteten wir mit unseren Kisten einen Wall vor der Thür des Zeltes, versammelten unsere Streitkräfte innerhalb desselben, legten unser Geschütz: vier Doppelgewehre, mehrere Büchsen und einige Paare Pistolen geladen und gespannt auf die Brustwehr des Walles und ließen den außen Tobenden sagen, daß wir Feuer geben würden, wenn sie sich zu nähern wagen sollten. Der diesmal als Zankapfel erscheinende Esel ward in der Festung wohlgeborgen und nagte, unbekümmert seiner ferneren Schicksale, an einem Bündel dürren Steppengrases. Gewiß wäre die Sache noch zu unserem Vortheile abgelaufen, — denn unsere drohende Batterie hielt das Volk wirklich in Respekt, — wenn ich nicht während des Streites meinen Fieberanfall wieder bekommen hätte, in Folge dessen ich den Lärmen nicht ertragen konnte und den Baron schließlich bitten mußte, das ohnehin schlechte Thier wieder frei zu geben. Dies geschah und die Araber zogen sich mit lauten Segenswünschen und um so stilleren Flüchen nach ihrer Hilla zurück. Sobald ich reiten konnte, brachen wir auf. ' Erst in später Nacht wurde Halt gemacht. Wir zündeten Feuer an und begannen wie vor einigen Tagen auf das von allen Seiten herankrie- chende Gewürm Jagd zu machen. Um die Wahrheit der Sage, welche erzählt, daß sich der in einen Kreis glühender Kohlen gebrachte Scorpion selbst todte, zu erfahren, ließen wir heute viele 3 Plural von „Humahr," Esel. 329 dieser „Spinnenkrebse" fangen und der Feuerprobe unterwerfen. Alle wurden, ohne den Versuch, sich selbst umzubringen, gemacht zu haben, bald von der Gluth des Feuers gelobtet. Der andere Morgen verschaffte uns die Gewißheit des schon seit vorgestern befürchteten Ereignisses, daß unser Eseltreiber aus Schcticb sich mit seinem Thier in aller Stille auf und davon gemacht hatte. Als Entschädigung für die in unserem Dienste verlorene Zeit oder als Belohnung für seine Bemühungen hatte er einem der Kameltreiber für sechzig Piaster Haschasch (S. 205) entwendet. Der Baron ersetzte dem Armen später seinen Verlust und bezahlte damit die theuerste Eselmiethc, welche er je entrichtet hat. Nach einem entsetzlich langweiligen Ritte durch einen spärlich bestandenen, todten Mimosenwald erreichten wir Abends die nur noch drei deutsche Meilen vom weißen Flusse entfernte Hilla Abu- Djerahd — zu deutsch „Hcuschreckendorf" — und hatten die Freude, den breiten Spiegel des Stromes durch das dunkle Grün der Ufer- wälder hindurchschimmern zu sehen. Am 23. Juni zogen wir in der Frühe weiter und über eine staubige, baumleere Ebene dein Bahhr el abiadt zu, auf welchem das scharfe Auge unserer Diener schwellende Segel bemerken wollte. Wir hatten den Anblick einer große Hitze kündenden, aber prachtvollen Fata Morgan« und trieben, derselben uns zu entziehen, die Kamele zu rascherem Laufe an. Ich bekam leider wieder einen Fieberanfall und litt auf dem Kamele mehr als je. Die Hitze wurde gegen Mittag fürchterlich. Mit ihr nahm das Fieber in solcher Stärke zu, daß ich, um den Qualen unter der glühenden Sonne zu entgehen und auf Augenblicke der Kühlung zu genießen, bei jedem Baume abstieg. Flehentlich beschwor ich den Baron und die Bedienten, mir einige Tropfen Wasser zu übergeben, „denn weiter bedürfe ich ja doch Nichts mehr" und mich dann meinem Schicksale zu überlassen; nur solle man mich nicht fort und fort auf jene Folter, den Sattel, zurücktreiben. Ich erinnere mich nicht, mich jemals unglücklicher gefühlt zu haben. Wenn mich der Baron oder der alte ehrliche Gitercndo von Neuem zum Reiten zwangen, glaubte 330 ich meine ärgsten Feinde vor mir zu sehen und doch thaten gerade sie Alles, was in ihren Kräften stand, um mir meinen qualvollen Zustand zu erleichtern. Diesen beschreiben zu können, scheint mir unmöglich zu sein. Der Aermste der Armen Europa's findet unter ähnlichen Umständen wenigstens ein kühlendes Plätzchen, einen Ort, wo er sich ruhig hinlegen kann. Ich war der Hitze der afrikanischen Tropensonne ausgesetzt, während das fiebcrglühende Blut mir alle Adern zersprengen zu wollen schien; ich hing, kaum meiner selbst bewußt, auf dem Rücken des Kamels, mußte meine ohnehin unsäglich geschwächten Kräfte noch zu sammeln streben, um nicht aus dem hohen Sattel zu stürzen, und der Ficberfrost, welcher derselben gluthhauchcnden Sonne Hohn zu sprechen schien, durchschüttelte mich! Für einen solchen Zustand, für die Qualen eines Fieberanfalls auf dem Kamele während der Mittagshitze in einer von der scheitelrecht stehenden Sonne durchglühten Einöde des innern Afrika's giebt es keine Worte. Endlich, nach fünf martervollcn Stunden, kamen wir zu einigen Hütten. Hier erst konnte ich mich ausgestreckt hinlegen, hier erst konnte ich auf Erleichterung meiner Schmerzen hoffen. Mein Zustand ließ gar nicht an eine Weiterreise denken. Der Baron versuchte, von den Bewohnern der Tokhahl Hühner zu erhalten, um für mich eine kräftige Suppe kochen zu lassen; man verweigerte ihm, eins von den vielen, welche um die Wohnungen herumliefen, zu geben. In solchen Fällen gab es nur ein Mittel, um zum Ziele zu gelangen: Gewalt. Daö erste beste Huhn wurde zusammengeschossen, gerupft und gekocht. Dann kam der Besitzer und bat um Bezahlung des Thieres, welche er auch regelmäßig von uns erhielt. Am 24. Juni. Der Weg von unserem gestrigen Nachtlager zu dem Bahhr el abiadt führte in einen Chohr, welcher dem Orte Mendjere gegenüber mündete, dem Ufer des weißen Flusse zu. In den Wäldern hatten mehrere Familien der Hassaiüc ihre niedlichen Häuschen aufgeschlagen. Ich kannte die schönen Männer und 331 noch schöneren Frauen und Mädchen schon von Butri her. Die letzteren besitzen eine sehr helle Hautfarbe; das dunkle Braun der Männer ist von dem lichten Bronzegelb der Frauen so verschieden, daß man sie als Glieder zweier Stämme zu betrachten geneigt wird. Ich habe nirgends in Afrika eine größere Sorgsamkeit zur Erhaltung eines blassen Teints gefunden, als unter den Frauen der Has- sam'e. Während die Männer in der Sonne des Mittags das Vieh hüten, bleiben die Frauen ruhig und träge in ihren kühlen Hütten, welche stets unter Mimosen, deren Laubdach den Strahlen der Sonne jeden Durchgang verwehrt, angelegt sind. Sie sind als faule und arbeitsscheue, aber, wie ich schon bemerkte, als überaus leichtfertige und sinnliche Frauen bekannt, ebenso von den verschiedenen Stämmen der übrigen Nomaden geachtet als verachtet, gepriesen als geschmäht, gesucht als vermieden. Die Hütten der Hassame stehen zwischen Zelt und Tokhul so recht mitten inne. Zwei Fuß über der Erde befindet sich ein wag- recht liegendes Gerüst von Stangen, welches auf fcstgcrammten Pfählen ruht. Dieses dient dem Boden des Häuschens: dicht an einander gefügten, zusammen wohlverbundenen, nicht allzu dünnen, geraden Stäben, zur Unterlage. Der Boden ist höchstens zehn Fuß lang, vier bis sechs Fuß breit und wird von einer aus den hohen Stängcln des Steppengrases sehr sorgfältig geflochtenen Matte bedeckt. Sie wird über ein festes, sparrenähnlichcs Pfahlgcrüst gehängt und bildet zugleich zwei Seitcnwände der Wohnung. Man macht sie stets breiter, als der Boden der Hütte ist, läßt sie an der Vorderseite diesen um zwei bis drei, an der Rückseite um einen Fuß überragen und neigt sie nach hinten, damit der Regen leichter abfließen kann. Zum besseren Schutz gegen die Nässe wird die Matte noch mit einem ungewöhnlich dicht und fest gewebten Stück Zeug aus Ziegenhaaren, „Hadjihr", welches dem Regen vollkommen undurchdringlich ist, belegt. Die Rückwand der Hütte besteht, wie die Seitcnwände, aus einer Strohmatte, an welcher man sauber gearbeitete Gcräthschaften und Zicrrathen zur Schau gehängt steht. Während der Regenzeit bewährt sich die Bauart dieser Hütten als zweckmäßig. Unter dem erhöhten Boden finden die Regengüsse freien Abzug, das Dach ist wasserdicht, das Häuschen demnach immer trocken. Aber auch allem Ungeziefer ist der Zugang in das Innere wegen der hohen Lage des Bodens verwehrt. Die Erbauung der Wohnungen ist Sache der Männer, die Anfertigung des Hadjihr die Arbeit der Frauen. Schon kleine Mädchen arbeiten daran, das nöthige Material zu letzterem zu sammeln und zum Weben vorzubereiten; das Haartuch ist die Ausstattung, welche die Braut eines Hassarüe ihrem Gatten zubringt. Unter den Schmucksachen bemerkt man künstlich aus Leder geflochtene, mit Straußenfedern oder kleinen Cypräen * **) ) (U^praoa monsta) herausgeputzte Kamclzäume, Mädchenschürzen sRahhahd*'*)!, Halsschnüre aus Fischknochen, Krokodil--und Pantherzähnen, Geier- klauen rc., Tabaksbeutel aus dem Fell langhaariger Affen, Handkörbchen , Lcdersäckchen u. s. w. Bei einem Schech der Hassarüe sah ich einen Beutel aus dem Fell des prachtvollen Oolollus tzuorera (eines seltenen, in Abyssinien lebenden Affen mit langen, silberweißen und sammtschwarzen, seidenweichen Haaren), über dessen Herkunft mir der Mann keinen Bericht abstatten konnte, bei andern Leoparden- und Gcpardenfelle. Wie die Beduinen, bergen die Hassarüe ihre Habseligkeiten in Lederjacken mit nach Bedürfniß größeren oder kleineren Ocffnungen. Wir tauschten gegen wenige Para manche ihrer hübschen Arbeiten ein und setzten unsere Reise bald wieder fort. Gegen Mittag begrüßten wir die Ufer des Bahhr el abiadt mit freudigem Jubel. Hinter uns lag ein Land, dessen höllischem Klima wir sicher binnen Kurzem unterlegen wären, hätten wir nicht an schleunigen Rückzug gedacht. Vieles Böse, manche trübe Stunde war überstanden. Erquickt und erheitert, ließen wir unsere Blicke auf *) Bei uns zu Lande „Otterkopfc" genannt. Man sieht oft di> Riemen, an denen die Fleischer ihre Wetzstahle tragen, mit diese» kleinen Muscheln verziert. **) Plural von Rahhav. 333 dem schon hoch gestiegenen Spiegel des Stromes haften. Das Plätschern seiner Wellen war uns Himmelsmusik. Zum ersten Male nach vier Monaten schwelgten wir wieder im Genusse guten Trink- wassers, welches uns der reiche Strom so freigebig spendete. Frohen Muthes schlugen wir unser Zelt im Schatten einer riesigen Mimose auf und sahen den possirlichen Affen zu, welche in Schaaren nach dem Flusse eilten und unterwegs ihre Gaukeleien und lachen- errcgenden Künste gratis zum Besten gaben. Am 26. Juni mietheten wir eine von Ele'is zurückkehrende Barke, welche uns für heute nach dem am andern Ufer liegenden Dorfe Mendjere brachte. Am Ufer fanden wir gegen vierzig im Auftrage der Regierung Barken zimmernde Arbeiter beschäftigt. Die Arbeiten, welche die Schwarzen mit ihren unter aller Kritik schlechten Werkzeugen zu Stande brachten, erregten billig unsere Verwunderung. Man hatte einige Tokhahl zu Schmieden, andere für Schiffszimmerleute, andere wieder für Seiler eingerichtet. Ueber- all herrschte eine rege Thätigkeit. Schon der Name des Dorfes — Mendjere bedeutet die Wcrfte — zeigt an, daß es nur durch die hier in dem jetzt gelichteten, früher aber fast undurchdringlichen Urwalde vereinigten Arbeiter entstand. Wir verließen Mendjere in der Frühe deS anderen Tages. Ein ziemlich heftiger Südwind trieb unser Schifflein so rasch den Strom hinab, daß wir schon am 28. Juni das Minaret der Hauptstadt Ost-Sudahn's aus dem Meere der Fata Morgana auftauchen sahen. Der Bahhr el abiadt war bedeckt mit Vögeln aller Art, welche mächtig zur Jagd einluden. Aber mächtiger noch war die Sehnsucht nach dem jetzt in jeder Beziehung wohlthätigen Charthui». Schon der Gedanke, wieder einmal unter Europäern sein zu können, nachdem wir so lange des Umgangs civilisirtcr Menschen entbehrt hatten, war uns erfreulich genug. Ein schwerer Gewittersturm war im Anzüge, als wir das Rahs cl Charthum umfuhren. Der Baron suchte dem Regen zu entgehen und verließ schon von hier aus das Schiff; ich stieg erst eine halbe Stunde später, nachdem die Matrosen die Dahalüe an 33L der nordöstlichen Häuserreihe der Stadt befestigt hatten, an's Land und trat mit Beginn des herabstürzenden, wolkenbruchartigen Regens in den Diwahn unsers Freundes Penney. — Mit steigendem Interesse vernahmen wir den aus einem Packt französischer Zeitungen vor wenig Stunden hier bekannt gewordenen Zustand der Dinge in Europa. Zweiter Aufenthalt in Charthum; Rückkehr nach Egypten und Reise im Delta. Unsere kleine Menagerie, welche wir unter der Aufsicht eines Nubiers, Fadtl, in Charthum zurückgelassen hatten, trafen wir bei unserer Ankunft im besten Wohlsein an. Wir bezogen mit ihr ein geräumiges Haus, in dessen großem Hofraum die Strauße Platz genug hatten, alle ihre Unarten zeigen zu können. Die gewandten und dabei gut bewehrten Marabus hatten von ihnen weniger zu leiden, als die friedlichen Gazellen und der streitsüchtige Perro, unser kluger Pavian, welcher der ganzen Thiergescllschast die Fehde erklärt zu haben schien. Wir benutzten die kurze Zeit unseres Aufenthalts noch zu fleißigen Jagden und erbeuteten während der nun begonnenen Regenzeit werthvolle Gegenstände für unsere Sammlungen. Am 5. Juli besichtigten wir eine Vögelsammlung, welche der Gauner Nikola am blauen und weißen Flusse durch einen seiner Diener hatte anlegen lassen und sahen in ihr die ersten Ercmplare eines bisher unbekannten Vögelgcschlechts, welche späterhin in England den Namen Lalasnieeps Hex erhalten haben. Die Sammlung bestand aus zwölfhundert Eremplarcn, für welche Nikola dreitausend und fünfhundert Specicsthalcr forderte. Später wäre er mit achthundert Thalern zufrieden gewesen. Ich rieth dem Baron, die Sammlung anzukaufen, was dieser leider nicht that und nachher sehr bedauerte. Am 11. Juli. Seit einigen Tagen wurde die Verheirathung des Scndjek Tomus-Arha auf das Glänzendste gefeiert. Seine Braut — wenn ich diesen Ausdruck von Mahammedanern gebrauchen darf, — war die Schwester des uns bekannten Muhsa- 336 Bei, damaligen Modihrs der Provinz Dongola, und sollte Tomus-Arha's dritte Frau werden. Es war für acht Tage eine großartige Fanthas'ie, welche durch das festliche Beilager beschlossen werden sollte, zugesagt worden. Raketen und von den Arnauren mit scharfen Patronen abgefeuerte Freudenschüsse durch- zischten jeden Abend die Lust; in der Stadt herrschte, wie während des Ramadtahn, allgemeine Laternenfrciheit; vor dem Hause verbreiteten große „Maschallaht" oder Flammenbecher*) eine ungewöhnliche Helle; in dem Hofraume ertönten zuweilen Passagen aus einer europäischen Oper, welche von der Musikbande des Linicn- regiments vorgetragen wurden. Wir Europäer waren für heute von dem Hochzeiter feierlichst zum Abendessen eingeladen worden und brachen, unseren liebenswürdigen Freund Penney an der Spitze, in den verschiedenartigsten Kostümen gegen vier Uhr Nachmittags nach dem Lchmpalaste Muhsa-Be'i's auf. Als Anhängsel hatte sich uns ein Grieche, Constantini, welcher damals in Charthum als Blatterimpfarzt eine höchst unbedeutende Rolle spielte, angeschlossen. Der vordere Hof des Hochzcithauses zeigte ein buntes Bild der verschiedenen Bewohner der Hauptstadt. Auf der Vorhalle des Diwahn hatte sich die Musikbande der Armee aufgestellt und empfing uns mit einem kaum anzuhörenden Vortrage der Marseillaise. An langen grauen Teppichen, welche man der Länge des Hofes nach aus den Boden gelegt hatte, schmauste das arme Ge- sindel Charthum's; im Hintergründe ertönten die sieben, sich ewig in eigenem Takte wiederholenden Schläge der Tarabuka und begleiteten die sinnlichen, unästhetischen, allzu üppigen Tänze öffentlicher Mädchen, an denen sich auch viele Sklavinnen des Gastgebers eifrigst betheiligten. Ihnen fehlte es nicht an Zuschauern. Bedächtig schmauchten ernste Türken ihre Tschibuhkaht, um ihnen zuzuschauen; das junge Volk umstand in Haufen die Gruppe der übermäßig gefetteten Tänzerinnen und manches beifallspendende *) Eiserne, auf hohe Stangen gestellte Körbe, in denen man leicht brennendes Holz anzündet. 337 „Maschallah" *) ermunterte sie zu neuen Verrenkungen des Oberkörpers, neuem Zittern aller Glieder, neuem, staubverbreitendem Stampfen mit den Füßen, — kurz, zu möglichst vollkommener Ausführung der früher genugsam geschilderten Tänze. Der schmachtenden, zärtlichen, liebcbcgehrenden und liebegewährenden Blicke der schönen Tänzerinnen und ihrer braunen „Ahabahb"**) will ich hier gar nicht weiter gedenken; sie wurden den Schönen ebenso reichlich zurückgegeben, als sie von ihnen reichlich ausgespcndct worden waren. Man führte uns in einen zweiten Hof. Wir traten durch eine Vorhalle in den Diwahn ein. Unsere Wirthe und einige Gäste rauchten dort ihre Pfeifen. Es war ein wohnliches, gemüthliches Zimmer, in welchem wir uns befanden. Künstliches Gitterwcrk überwob die für Charthum so seltenen Glasfcnstcr, unter denen sich weiche Ottomanen an den Wänden hinzogen. In der Mitte des Zimmers schleuderte ein Springbrunnen schwache Strahlen gegen die Decke empor und füllte damit ein weites Becken, welches im Zimmer angenehme Kühle verbreitete. Contariny's Falkenaugen überflogen beim Eintritte sogleich den ganzen Diwahn. „Voila, Alessieurs, uns batterio dien pörillisuse pour nous," sagte er und deutete auf eine zahlreiche Reihe von Weinflaschen, welche man, um sie abzukühlen, in's Wasser gestellt hatte. Nachdem wir Kasse und Pfeifen bekommen und uns eine Zeit lang, mehr als nöthig, gelangweilt hatten, erschien eine wenigstens vier Fuß im Durchmesser haltende Sin nie oder die den Tisch der Türken substituirende runde Mctallplatte mit einem vollständigen Branntweingeschirr und unzähligen Schüsselchen. - In den letzteren befanden sich Näschereien, um den Appetit zu reizen. Dann traten arabische Musiker herein, setzten sich und begannen, nach einem quälenden Präludium ihre arabischen Weisen abzuleiern. Die entsetzliche Einförmigkeit derselben behagte uns so wenig, daß sich *) Maschallah wird gebraucht, um ausz oder in Erstaunen setze. **) Plural von „Habihb", Geliebter. »drücken, daß Etwas gefalle 22 338 Jeder auf eigene Art zu amüsiren suchte. Eontarin y war uebft einigen andern Europäern mit einem sehr ernsten Studium des Branntweins beschäftigt; der Bischof belog Muhsa-Bei; Don Jgnatio rühmte die Vorzüge des jetzt abgeschiedenen Jesuiten Ryllo einem im Auftrage der Petersburger Akademie auf naturwissenschaftlichen Reisen begriffenen Polen, Zcnkowsky, gegenüber; Don Angclo dachte über irgend etwas Dummes nach, Constantini aß von den eigentlich nur zur Schau hingestellten Näschereien so viel, daß es den Anschein hatte, als wolle er sich damit sättigen; der Baron freute sich über die schönen, sonnengebräunten, trotzigen Gesichter der Arnauten und ihre reich mit Gold gestickten Jacken mit den malerisch herabhängenden Acrmeln und ich erlaubte mir, im Stillen über Alle und Alles Glossen zu machen. Der arabische Gesang mit den herrlichen, poesicrcichen Liedern und den einförmigen, tonarmen Weisen hatte zuletzt selbst die Türken ermüdet. Tomus-Arha rief zur Abwechselung einige Al- banescn, welche uns ihre Hcimathslieder vorsingen sollten, zu uns herein. Die Mclodieen ihrer Lieder waren schön, das Gefühl, mit denen die Leute sangen, ergriff uns. Gewiß, sie dachten in ihrem, uns unverständlichen Gesänge an die schneebedeckten Gebirge ihres Vaterlandes unter dem.italienischen Himmel, an das stille Gehöft, in welchem sie ihre Kindheit verlebt hatten, sie dachten vielleicht an ein holdes Mädchen, das ihnen noch jetzt zuweilen als liebliches Traumbild erscheinen mochte, sie dachten an Vater und Mutter, an alle die fernen Lieben, denn weicher lind sanfter wurden ihre Akkorde. Und dann gedachten sie wohl des feindlichen Geschicks, welches sie zwang, von ihren grünen Thälern, von den mit Reben bepflanzten Bergen zu scheiden, sie dachten zurück an die Tage der Freiheit, in denen der Mann als Krieger dem Feinde gegenüber trat, um sein Recht im blutigen Spiele der Waffen zu erproben, denn kräftiger und freier, lebendiger wurde ihr Lied. Oder mochte an ihrem Geiste all' das Schwere, das Bittere, welches sie hier in der Fremde erfahren, vorübergehen? Sahen sie sich vielleicht im Kampf mit dem nächtlich heranschleichenden Neger- oder dem gereizten, listigen Nomaden? Wild flammte das sprc- 339 chendc Auge der schönen Männer, wilder rauschte ihre Musik, wilder wurde ihr Sang. So klein, so unscheinbar ihre Zithern waren, so meisterhaft verstanden sie dieselben zu schlagen. War es doch kaum denkbar, daß sie mit dem einfachen, zugespitzten Leder, mit welchem sie die Saiten berührten, ihnen andere als mißtönigc Laute entlocken würden, und dennoch entzauberten sie ihnen reiche, volltönende Weisen. In der Musik lag die Weiche der slavischen Volksmelodicen, in den Worten die volle Kraft der wohlklingenden türkischen Sprache. Der Chor und die Solosänger trugen ihre Stücke mit gleicher Meisterschaft vor. Die Sänger ernteten reichlichen Beifall, wenn sie vielleicht auch zu lebhaft gestikulirten. Unser Wirth schien unerschöpflich in seiner Sorge für unsere Unterhaltung zu sein. Die Albanescn hatten ihren Gesang beendet, jetzt begann ein neues Schauspiel. Außen vor der „Mast ab a" oder Vorhalle eröffnete sich eine wilde Scene. Es war, als ob der Hercnsabbath angebrochen wäre. Wir eilten hinaus, um uns das Niegesehcnc anzuschauen. Um drei der erwähnten Flam- menbcchcr, von denen ein grelles Licht ausströmte, drehte sich in den tollsten Reigen eine wilde Schaar. Die männlichen Sklaven des Hausherrn führten mit raubthierähnlichen Sprüngen und gräßlichem Geschrei ihre Nationaltänzc auf. Das waren keine Menschen, welche da tanzten, es waren Dämonen der dunklen Nacht; sie tanzten nicht, sondern sprangen, hüpften und kollerten ohne Takt und Regel wie wüthende Kobolde, wie eine Gesellschaft verrückter Teufel im Hofe herum. Ihr Gebrüll glich dem Gebrüll der Thiere, wir wußten nicht, was wir sagen sollten. In den Händen schwangen sie den todbringenden Trumbasch, an den Armen und Beinen klirrten eiserne Ringe. Und durch das Geheul, Gebrüll, Geächz und Fußstampfen der Kämpfenden oder Tanzenden tönten die durchschallenden Schläge der Kricgstrommel hindurch. Es war ein nicht zu beschreibendes Getümmel. Seit unserer Ankunft waren mehrere Stunden vergangen und wir recht hungrig geworden. Da brachte man das Essen. Zuerst erschien ein Diener mit vielen Servietten aus dem linken Arme und 22 * 3L0 breitete jedem der Anwesenden eins dieser Tücher über den Schooß; ihm folgten zwei andere mit dem türkischen Waschzeug Tischt und Berihkh. Ersteres ist einem Waschbecken nicht unähnlich, aber von einem durchbrochenen Deckel, welcher in der Mitte erhöht ist und ein Seifennäpschen enthält, überdeckt, damit das durch das Waschen unrein gewordene Wasser immer abfließen kann; das letztere ist eine Deckelkanne mit dünnem Hals und einer langen, gebogenen, sehr engen Ausflußrohre. Kanne und Becken sind gewöhnlich aus Metall gefertigt. Der Bediente nimmt das Tischt in die linke, das Berihkh in die rechte Hand, läßt sich vor dem Gaste auf ein Knie nieder, hält ihm das Tischt über seinen Schooß und gießt ihm mit dem Berihkh Wasser über die dargebotenen Hände. Nachdem sich der Gast Hände und Mund gewaschen hat, trocknet er sich an der Serviette; der Bediente geht zum zweiten und dritten und so fort, bis sich alle gereinigt haben. Dann breitet der Sofredji oder Tischdecken eine Matte oder einen Teppich auf den Boden, stellt darauf einen kleinen, nur anderthalb Fuß hohen Tisch und bedeckt diesen mit einem großen Tisch- tuche. Auf dieses setzen zwei andere Diener die blanke Sinnre. Der Hausherr erhebt sich von seinem Platze und bittet die Gäste mit dem Worte „Bujcrum" — Wcm'S beliebt — oder „Tefat- telan" — Wenn es Euch gefällig ist — sich um die Sinn'ie her- umzulagern. Am Rande der Metallplatte liegen kleine, frischgebackene Waizenbrode oder Kuchen und reichgeschnitzte Horn- oder Holzlöffel*) zu beliebigem Gebrauch der Gäste. Die Speisen werden nun rasch nach einander aufgetragen. Zuerst erscheint eine kleine Schüssel mit trefflich zubereiteter Suppe, von welcher die Gäste nach abermaliger Aufforderung des Gastgebers und den an der Stelle des Tischgebetes gesprochenen Worten: „Ls l8sm IckIM tzl rükInuLdn ei iLlllullm" **), einige Löffel genießen. Der Vornehmste *) Diese Löffel sind oft sehr luxuriös gearbeitet. Man hat deren, welche aus dem schönen Horn des Rhinozeros gedreht sind und mit Korallen oder Bernsteinstsicken verzierte, elfenbeinerne Stiele besitze». **) Im Manien des Allbarmhcrzigen. 341 der Tischgesellschaft taucht seinen Löffel zuerst in die Suppe, ihm folgen die Ucbrigen nach ihrem Range nach. Auf einen Wink deS Hausherrn verschwindet die Suppenschüssel, im selben Nu steht aber auch schon ein zweites Gericht, bei großen Gastmälern die köstliche „Schöärmä," an ihrer Stelle. Die Schourma ist ein am Spieße gebratenes, mit Reis, süßen Mandeln, Rosinen, Kastanien, Haselnüssen und dergleichen gefülltes Schaf, welches ganz aufgetragen wird. Der Sofredji tritt herzu, streift beide Aermel seiner Jacke zurück und zerreißt das Schaf mit den Händen in mehrere Stücke. Man greift mit den drei ersten Fingern der rechten Hand zu und sucht sich die besten und saftigsten Rückenstücke vom Braten abzuschälen; Messer und Gabel fehlen ganz. Eine solche Mahlzeit steht keineswegs einladend aus, wird aber appetitlicher, als man glaubt, indem man weiß, daß sich jeder Mitesscnde die Hände wusch und seine Speisen immer nur von einer Stelle der Schüssel nimmt. Heute bediente der Hochzeiker seine Gäste selbst und zerriß uns die Schourma eigenhändig. Der in der Bauch- und Brusthöhle des Schafes versteckte Reis wird mit den Fingern oder mit Löffeln herausgeholt. Will aber der Hausherr Jemanden besonders ehren, dann dreht er zwischen seinen Händen kleine Kugeln von dem Reis und steckt sie dem Bevorzugtcir in den Mund. Auch mir widerfuhr diese Ehre. Da half kein Sträuben, ich mußte sie verschlucken, aller europäische Anstand mußte als Vorur- theil angesehen werden. Aber ich rächte mich. Eine der Kugeln hatte ich hinabgewürgt und gedachte Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ich drehte unserem gütigen Wirthe einen so großen Ballen, daß er ihn kaum in den Mund bringen konnte. „Chalihl Effendi," sagte er, „Du bist in der Kunst, anständig türkisch zu essen, noch sehr unkundig." Der Arglose ahnte meine Tücke nicht. — Nach der Schourma folgen die Gerichte rasch auf einander. Die Fleischspeisen werden in kleinen Schüsseln aufgetragen und sind in mundgerechte Bissen zerhackt, die Mehlspeisen werden mit den Fingern zerstückelt. Süße und saure Speisen wechseln in bunter Reihe mit einander ab. Der Pillau, jenes bekannte, bei keiner türkischen Mahlzeit fehlende Reisgericht, beschließt das Mahl. Man 342 kocht den Reis zum Pillau nur halb weich und läßt ihn durch die nach dem Abguß des Kochwassers noch aufsteigenden Dämpfe vollends gahr werden. Dann übergießt man ihn mit Schmalz oder einem steifen AprikosenmuS, oder mengt kleine Bratcnstückchcn unter ihn. Jeder Europäer gewöhnt sich so an den Pillau, daß er ihm wie den Türken, zuletzt unentbehrlich wird. Unsere heutige Mahlzeit bestand aus ungefähr dreißig Gängen. Früher verlangte eS der Lurus, daß bei Gastmählern türkischer Großen bis hundert Gerichte aufgetragen wurden. Während des Mahles trinken die Türken im Allgemeinen nur Wasser. Ein Diener steht mit der Khula hinter den Gästen und füllt Jedem, welcher es verlangt, eine breite Trinkschale mit Wasser an. Unser Wirth wurde aber, bezüglich des Genusses verbotener Getränke, keineswegs von zarten Bedenken gepeinigt, sondern trank anstatt des Wassers Burgunder. Schließlich zechte er trotz Contariny und anderen Europäern, welche des Guten fast zu viel zu thun schienen. Wenn die übersatten Gäste einige Löffel oder Fingerspitzen voll Pillau genossen haben, springt Einer nach dem Anderen mit den Worten: „M llämck, WÄu* **) )" von seinem Sitze auf, sagt zu seinen Tischgcnosscn „Anilin" — Wohl bekomm'ö! — eilt nach dem Diwahn und wäscht sich, wie vor der Mahlzeit, Hände und Mund. Der Tisch verschwindet mit den Resten des Mahles so rasch, als er kain, die Diener bringen für jeden Gast eine mit dem köstlichen Djebeli*») gestopfte Pfeife und ziehen sich noch einmal auf kurze Zeit zurück, um den Kasse zu besorgen. Im Diwahn beginnt die Unterhaltung von Neuem, bis einer der Gäste nach dem andern sich zum Weggehen beurlaubt. Tomus-Arha hatte uns aber noch einen besonderen Spaß zugedacht. Zwei Araber erschienen in den sonderbarsten Phantasie- anzügen, um eine theatralische Vorstellung zu geben. Das Stück stellte eine Vcrhaftuugsscenc dar. Der eine Schauspieler trat in *) Gott sei Dank. **) Die beste Sorte des syrischen Tabaks, welche von dem Dorfe Dje- bcli ihren Namen , führt der Rolle des Polizeidieners, der andere in der eines Spaßmachers auf. Letzterer beleidigte mit seinen gottlosen Witzen den Richter oder Khadi und den Chaliefen oder Fürsten der Kirche auf eine unverantwortliche Weise. Die Polizei ließ auf ihn fahnden, das Volk — von dem man freilich nichts sah — stand ihm bei. Neue Witze und Scherze, meist Ausbrüchc einer schmutzigen Phantasie, empörten den Polizeimann; es entstand zwischen Beiden eine Balgerei, der Spaßmacher siegte und nahm, wie Kaspar auf unseren Marionettentheatern, den Schergen gefangen. Die im Diwahn anwesenden Türken ergötzten sich weidlich an dem erbärmlichen Schauspiele, bis zuletzt Tomus-Arha selbst mit activ wurde und beide Komödianten in das tiefe Wasserbecken des Springbrunnens warf. Zuin Schluß erschienen noch Tänzerinnen, jugendlich schöne, wohlgestaltete und lichtfarbige Hassame, im Diwahn und führten ihre Tänze auf. Immer leidenschaftlicher, freier und unzüchtiger wurden ihre Bewegungen, immer schmachtender und verzehrender ihre Blicke. Da glaubten eS die Geistlichen mit ihrer Würde nicht vereinigen zu können, noch länger hier zu bleiben; sie erhoben sich vom Diwakn und gaben somit das Zeichen zum allgemeinen Auf- bruche. Am 13. Juli verließ ich Charthum und schlug mein Zelt in der Nähe des Dorfes Umdurmahn, am linken Ufer des weißen Flusses, auf. Ich hoffte, an dem jetzt sehr belebten Strome noch gute Beute zu machen. Der Aufenthalt in meinem Zelte war nicht angenehm. Heiße, die Nähe der Regenzeit kündende Südwinde belästigten mich bei Tage, Skorpionen und Taranteln bei Nacht. Durch das emsig in den Spalten des zerrissenen Erdreichs hinrieselndc Wasser wurden sie aus ihren Schlupfwinkeln cmporgc- triebcn und liefen nun mit Einbruch der Nacht meinem Lagerfeuer zu. Dunkle Regenwolken ballten sich tagtäglich drohender zusammen und ließen mich einen jener tropischen Güsse, gegen welche ein Zelt so gut als keinen Schutz gewährt, befürchten. Obgleich ich wünschte, ein Gewitter jener Zone in seiner vollen Erhabenheit 344 kennen zu lernen, mußte ich jetzt, bei meinem fieberschwachen Körper, doch jede Erkältung vermeiden und sah allabendlich vor dem Schlafengehen ängstlich zu dem schwarzvcrhangenen Himmelsdome empor. Die Regen blieben glücklicher Weise während meines kurzen Aufenthaltes am Flusse aus. Am 22. Juli kehrte ich mit einer sehr befriedigenden Vögelsammlung nach Charthum zurück, mußte aber meiner Gesundheit während der wenigen, am Flusse verlebten Tage doch geschadet haben, denn schon am 24. Juli bekam ich heftiges Fieber, und dieses verließ mich, so lange ich noch in Charthum weilte, nicht mehr. Von der Zeit dieses Jagdausflugcs datirt sich meine späterhin vielfach bethätigte Feindschaft gegen die Krokodile. Jede von meiner Hand abgesendete Büchsenkugel, welche während meiner zweiten Reise im Sudahn die Panzerhaut eines dieser Ungethüme durchbohrt hat, war nur ein Werkzeug meiner Rache. Ich hatte einen Seeadler angeschossen, welcher noch bis zum Strome flatterte und dort auf das Wasser fiel. Der mir damals werthvoll erscheinende Vogel trieb mit den Wellen dicht am Ufer hin und näherte sich einer sich nach der Mitte wendenden Strömung. Er schien mir verloren. Da erschien ein Araber; ich bat ihn, mir den Vogel herauszufischen. „Nein, Herr," antwortete er mir, „hier gehe ich nicht in's Wasser, hier giebt es zu viele Krokodile. Erst vor Kurzem haben sie zwei Schafe beim Tränken erfaßt und in die Wellen hinabgezogen; einem Kamele bissen sie ein Bein ab, ein Pferd entrann ihnen mit genauer Noth." Ich versprach dem Manne ein gutes Trinkgeld, schalt ihn Feigling und forderte ihn auf, sich als Mann zu zeigen. „Und wenn Du mir „mnualll ei tunzs" — die Schätze der Welt — geben wolltest, ich ginge nicht." Unwillig entkleidete ich mich selbst und sprang in den Strom. Noch spürte ich Grund unter meinen Füßen, jetzt schickte ich mich zum Schwimmen an. Laut auf schrie der Araber: „Herr, um der Gnade und Barmherzigkeit Gottes willen, kehre um, ein Krokodil!" Ich ging erschrocken nach dem Ufer zurück. Von der anderen Seite des Stromes her kam ein riesiges Krokodil, die Panzer- stacheln zeigten sich über der Oberfläche des Wassers, es schwamm schnurgerade auf meinen Vogel zu, tauchte dicht vor ihm in die Tiefe, öffnete den mit drohenden Zahnrcihen besetzten Rachen — groß genug, um auch mich darin unterzubringen — und verschwand mit meiner, jetzt seiner Beute in den trüben Fluchen. Ich stand wie gelähmt am Ufer. Dann gelobte ich es mir, künftighin auf die Warnungen der Araber zu achten. Aber den Krokodilen schwur ich Rache zu; ich habe sie ausgeführt. Nie habe ich einen Schuß gespart, wenn ich ihn anbringen konnte, und manches alte, hundertjährige Krokodil mag noch heute eine ihm von mir in den Leib gejagte Kugel mit sich herumtragen. — Am 31. Juli. Unter höchsteigener Anführung des General- gouverneurs „der Königreiche" Aabd el Chahlid-Pascha ma- növerirten heute die Negerbataillone Charthum's. Mich hinderte meine Fieberschwäche, der „Fanthasie" beizuwohnen. Erst später hatte ich das Vergnügen oder Mißvergnügen, eine Uebung der Ne- gersoldatcn mit anzusehen. Es war ein nutzloses Plänkeln ohne Sinn und Verstand, europäische, nicht gut gelehrte, noch schlechter begriffene Taktik auf unrechtem Felde, die Bewegungen wurden höchst mangelhaft ausgeführt. Ich kam zu der Erkenntniß, daß das Feuergewchr in der Hand des Negers eine lächerliche Waffe und ein Manöver in Charthum eine großartige Lumperei ist. Mit Sonnenuntergang donnerten die Kanonen, zahlreiche Raketen stiegen in die Luft, der Basar wurde erleuchtet. Man feierte den Anfang des Fastenmonats Ramadtahn. Die diesjährige Regenzeit trat hier außergewöhnlich spät ein. Erst am 4. August bekamen wir ein starkes Gewitter mit Regen. Wenige Tage später regnete es unter einem nicht zu beschreibenden Aufruhr in der Natur zum zweiten Male eine ganze Nacht hindurch. Dann folgten die Regen in den gewöhnlichen Zwischenräu- men. Wir fühlten an unseren von Kordosahn her geschwächten Körpern bald die verderblichen Wirkungen dieser ungesunden Jahreszeit. Die Fieber Sudahn's peinigten uns unausgesetzt. Ich hatte das Glück, das perniciöse Fieber zu überstehen. Die Tage 346 schlichen uns langsam dahin. Egypten erschien uns jetzt als ein Paradies, welches zu erreichen wir voll Sehnsucht waren. Am 28. August erhielten wir die Nachricht, daß Hahlid- Pascha, der damalige Generalgouvcrneur, zwei für Egypten bestimmte Barken zu unserer Berfügung gestellt habe. ES waren zwei jener Fahrzeuge, welche man in Egypten mit dem Namen ,, Nakhr" bezeichnet. Sie waren aus dem festen Holze der Mimosen gezimmert, sehr dauerhaft, klein und das Eigenthum eines egyptischcn Großen. Ihre Ladung bestand aus Schiffsbauholz. Sie genügten unseren Zwecken. Wir bctuden sie noch denselben Tag mit unserem Gepäck und den lebenden Thieren, überdachten sie mit einem Strohgezelt und bezogen sie mit Einbruch der Nacht. Am folgenden Tage verließen wir in der Frühe des Morgens die Hauptstadt. Der Reis und alle Matrosen beteten die „Fa- thcha," das erste Kapitel des Khorahn, um mit diesen, vor jedem wichtigen Unternehmen gesprochenen Worten Glück für die Reise von Oben zu erflehen. Mit gleichmäßigen Schlägen fielen die Ruder in's Wasser; wir glitten rasch an den Häuserreihen hinab und ließen uns dann von den Wellen treiben. Gegen Sonnenuntergang landeten wir in Woad-Rammla und blieben dort über Nacht. Eine unserer lebenden Hyänen benutzte die Ruhe, um sich aus ihrem Käfig herauszuarbeiten, konnte aber nicht entkommen, weil der starke Nachtwind das Land, an welchem wir lagen, in eine Insel verwandelt hatte. Man entdeckte am andern Morgen den Flüchtling; er wurde trotz seines furchtbaren Widerstandes überwältigt und zurückgebracht. Nachmittags legten die Schiffsleutc in der Nähe eines Marktfleckens an, um Provisionen einzukaufen. Wir gingen auf die Jagd. Auf einer Insel liefen seltene und werthvolle Vogel herum, deren wir gern habhaft geworden wären. Da entdeckte der Baron einen ausgehöhlten Baumstamm. Er erklärte ihn für einen Kahn und machte Anstalt, ihn zu besteigen. Meine Abmahnungen fruchteten Nichts. Er ergriff eine Art von Ruder und trieb das gebrechliche Fahrzeug in die starken Wellen des breiten Stromarmes. Noch ehe er die Mitte desselben erreicht hatte, schlug das Kanot um, der Baron 347 versank in den Wellen, mit ihm sein Gewehr. Da er schwimmen konnte, erreichte er zwar das andere Ufer, war aber nicht im Stande, wieder auf das feste Land zu kommen und stand drüben rath - und thatlos. Ich rief einige Araber herbei und forderte sie auf, meinem Gefährten zu Hülfe zu eilen. Sie schwammen auch sogleich nach der Insel hinüber, schöpften den mit Wasser gefüllten Kahn aus, trugen den Baron hinein und ruderten ihn nach dem festen Lande zurück. Ein in Aussicht gestellter Bakhschiesch ermunterte die rüstigen Schwimmer zu eifrigem Tauchen nach dem versunkenen Gewehr, und vermöge ihrer Ausdauer waren sie auch wirklich so glücklich, ihre lange vergeblichen Bemühungen zuletzt mit Erfolg gekrönt zu sehen. Das unfreiwillige Bad äußerte keine üble Nachwirkung auf den Baron. Am 1. September erreichten wir Mittags Metäinnre und eine Stunde später Schendi. Der Baron besuchte den in letzterem Städtchen stationirten Chef eines Regiments albanesischcr Truppen, Namens Aabdim-Be'i, wurde von diesem freundlich aufgenommen, aber auch bald um „Arakhi" (Branntwein) gebeten, weil es in Schendi gar zu langweilig sei. Aabdim-Bei versicherte, daß er nie Wein trinke, aber das köstliche Getränk Arakhi sei ja von dem Propheten — weil damals noch unbekannt — nicht verboten worden *'), und er bedürfe es äußerst nothwendig zu seiner Erquickung. So beredtem Flehen konnten wir nicht widerstehen und schickten ihm das Gewünschte, wofür er uns mit einem fetten Schafe regalirte. Wir verließen Schendi am folgenden Tage, passirten ain 3. September die Mündung des Atbara oder Takasse (des letzten Zuflusses des Nil) und landeten Abends in Berber el Mucheircf, dessen Nähe uns drei, das Ende des Ramadtahn bezeichnende Kanonenschüsse schon vorher gekündet hatten. Wir empfingen sofort nach unserer Ankunft den Besuch der Honorationen der Stadt. Fast vier Tage mußten wir in Berber verweilen, weil die *) Hier,» hatte Aabdim-Bel Unrecht. Der Prophet verbietet den Genuß des „cliumro," d. h. des Gegohrenen. Ein frommer Mohammedaner trinkt nie Branntwein, ja man ist in Jemen sogar so gewissenhaft, den Genuß des „gegohrenen" Essigs und Käses zu verschmähen. 348 Matrosen erst hier alte Zulüftungen des Schiffes für die Fahrt über die Katarakten beendeten. Unsere Reisegesellschaft vermehrte sich hier in Berber um eine Person. Ein gedienter türkischer, aus Eudin bei Smyrna gebürtiger Soldat, Aali, bat uns flehentlich, ihn mit nach Egppten zu nehmen. Der alte Krieger war bei einem der letzten Kämpfe mit den Abyssiniern durch das Ellenbo- gengclcnk des rechten Armes geschossen und zum ferneren Dienst untüchtig geworden. Er hatte an seiner Wunde wegen Mangel an ärztlicher Hülfe unsäglich gelitten*), war, noch krank, deS Dienstes entlassen und von dem nichtswürdigen Obersten, Ma- hammed-Arha-Wannli, ohne seinen rückständigen Sold in die Welt hinausgestoßen worden. Krank war er im Sudahn her- umgcirrt, mehr und mehr war er heruntergekommen, jetzt befand er sich im tiefsten Elende. Demüthig bat er um ein Plätzchen auf dem Schiffe, welches er durch treue Dienste reichlich zu bezahlen versprach. Wir erbarmten uns des Armen, nahmen ihn auf und fanden bald, daß Aali ein sehr brauchbarer Diener und eine treue Seele sei. Er hat sich mir dann späterhin immer nützlich, zuletzt sogar unentbehrlich zu machen gewußt. Wir verließen el-Muche'iref am 7. September. Am 10. September landeten wir bei dem Dorfe Atmuhr, weil der Baron hier ein Familienfest begehen wollte. Zur Verherrlichung der Feier erhielten auch die Bedienten und das Schiffsvolk schon heute einen Hammel und Mericsa, und durchsangen die halbe Nacht beim Schlagen der Tarabuka und Tambuhra **) oder nubischen Zither. Am anderen Morgen erschien Alles in Festkleidern. Nur fehlte *) Um den Muth und die Selbstbeherrschung Aali's zu beweisen, genüge die Erzählung eines Freundes von ihm, welcher bei seiner Verwundung zugegen war. Nachdem Aali die Kugel erhalten hatte, ging er ruhig zurück, um sich verbinden zu lassen. Die Schmerzen wurden aber bald so heftig, daß Aali sie kaum ertragen konnte und, um keine Klage laut werden lassen zu »tüssen — zu singen begann. **) Ein fünfsaitigcs, einer Lyra nicht unähnliches Instrument, dessen Resonanz ein über einen halbe» Kürbis oder über eine Holzmulde gespanntes Ziegenfell ist. Die Stimmung der Saiten ist: Grundton, Terz, Septime, None, der Ton des Instruments erträglich. 349 die Ruht. Wir mußten die uns nöthigen Lcbensmittel erst mit Gewalt herbeischaffen, wobei es ohne den gewöhnlichen Lärmen nicht abging. Nachmittags fuhren wir weiter und landeten mit Sonnenuntergang an einer großen Insel: Kohmgalli. Am 12. September. Die Ufer des Stromes sind Wüste; die Gegend ist sehr traurig. Abends erreichten wir Abu-Hamm cd, die Einbruchsstation in die große nubische Wüste. Der Ort ist überaus elend; er ist das trübste Bild der Wüste. Aus dem gelben Sande erheben sich erbärmliche Strohgezcltc, zwischen glühend schwarzen Felsen wenige, dürftige Hütten. Die Zelte sind so niedrig, daß man darin nur herumkriechen kann; einzelne Hütten bestehen aus senkrecht neben einander in die Erde gerammten Pal- menstämmcn, welche mit Nilschlamm verklebt sind, andere sind die uns bekannten Rekubaht. In allen wohnen die armen Hedjinihn, welche die Briefpost zwischen Egyptcn und Charthum besorgen. Von Abu Hammed an, flußabwärts, beginnt der sogenannte dritte Katarakt des Nil. Er charakterisirt, wie der zweite Katarakt, einen der ödesten Landstriche Indiens und enthält viele Stromschnellcn, welche die Eingeborenen unterschieden und benannt haben. Die Beschiffung dieser Strecke ist sehr gefährlich und zu jeder Zeit ein kühnes Wagstück. Wir passierten den dritten Katarakt rasch und glücklich. Bei Gelegenheit der Beschreibung meiner zweiten Kataraktenthalfahrt will ich die Gegend zu beschreiben versuchen, jetzt gebe ich nur Bruchstücke unserer Erlebnisse. Am 15. September. Der Schcllahl Sabiecha lag vor uns. Aabd el Rhahsi*) sagte es uns mit nicht verhehlter Besorgniß, welche in der That als nicht unbegründet erschien. Der Wogenzug erfaßte unser Schiff mit unwiderstehlicher Gewalt, trieb es mit reißender Schnelligkeit fort und schleuderte eS einer Felseckc zu, an welcher wir zu scheitern fürchteten. Nur die Kraft der brandenden Wellen, welche unser Schifflein wie einen Spiclball zurückschleu- derten, rettete uns vor dem Untergänge, Anstatt zu rudern, hatten die Matrosen gebetet. *) „Sklave des Erhalters," unser Reis. 350 Schon glaubten wir alle Gefahr überstanden zu haben, als uns das Angstgeschrei der am Bord befindlichen Weiber von Neuem unter dem Sonnenzelte hervorrief. Unser Schiff trieb, trotz aller Anstrengungen der Matrose», einem ungefähr acht Fuß hohen Wassersturze zu. Die Kraft der Ruder verschwand gegen die Gewalt des Wassers. „Legt Euch auf den Boden und haltet Euch an den Planken fest!" kommandirte der Reis. Es geschah. Einen Augenblick später sahen wir Nichts mehr. Das sinnbetänbende Donnern des Katarakts umtobte uns, die Wellen stürzten haufenweise über Bord, das Schiff krachte in allen seinen Fugen. Aber es erhob sich aus der Tiefe, stieg auf den Rücken einer zweiten Welle und glitt nun in schnellströmendem, aber felscnfreicm Fahrwasser dahin. Wir waren gerettet. Die Lecke wurden ausgebessert, das hereingedrungene Wasser ausgeschöpft und betend sanken die Araber in die Kniee. Man übernachtete in Wadi Khaddah. Am folgenden Tage erprobte das Schiff seine Festigkeit. Es wurde auf die Felsen geschleudert, zwei Ruder zersplitterten wie Glas, aber die Planken aus dem Holze der Mimosen hielten den furchtbaren Stoß aus. Mahammcd cl Scheiki, einer unserer Matrosen, schwamm in dem furchtbaren Strudel mit bewunderungswürdigem Muthe und Geschick herum, um die Rudertrümmcr aufzufangen. Abends landeten wir bei dem Dörfchen KLssicgä. Der Djcbcl B-lrkLl ist in Sicht. Das Thal der Schrecken liegt hinter uns. Am 17. September. Bald nach Sonnenuntergang besichtigten wir die Pyramiden von Nnhr>. Sie sind klein — wohl keine einzige dürfte über achtzig Fuß Höhe haben — aus schlechten Sandsteinen aufgeführt und diese anstatt des Mörtels mit Nilschlamm verbunden. Wir zählten deren vierzehn. Um Mittag landeten wir in dem kleinen Städtchen MsrLui. ES besitzt eine verfallende Jndigofabrik, schlechte Basars, eine ziemlich erhaltene Moschee, liegt aber zum größten Theile in Trümmern. Wir erhielten den langweiligen Besuch des Kahschcf, des Khadi und eines Offiziers — der Honorationen der Stadt. 351 Nachdem uns diese Leute drei Stunden lang mit dummen Fragen gequält hatten, versicherten sie uns, daß sie die angenehme Unterhaltung zu ihrem Leidwesen nicht fortsetzen könnten — weil sie mit Geschäften überhäuft wären. Wir athmeten freier auf, als die Plagegeister ihr liebliches Versprechen verwirklichten. Der Baron, besuchte den Djebel Barkal, kehrte aber unbefriedigt von dort zurück. Die Ruinen der großartigen Tempclwerke einer längst vergangenen Zeit sind jetzt zum größten Theile nur noch Haufen von Schutt. Zwischen dem Djebel Barkal und dem Dorfe öl TLbbö, an dem Ende der großen östlich-westlichen Nilkrümmung, liegt einer der fruchtbarsten Landstriche Nubiens. Dattelpalmenhaine wechseln mit höchst ergiebigen Durrahfcldern. Der Nil ist von Felsen wieder frei, die Schifffahrt aber unbedeutend. Hier hauste das tapfere Volk der Scheiki, welches jetzt, nachdem es seine Söhne dem Vaterlande geopfert, aufgehört hat, ein Volk zu sein. Das zu einem elenden Flecken herabgesunkene Korti liegt uns gegenüber, am linken Ufer dcS Stromes, welcher damals die Leichen jener muthvollcn, die Freiheit mit ihrem Tode besiegelnden Frauen begrub. — Schon am 21. September landeten wir in Neu-Dongola. Wir hielten uns, weil wir gute Jagdbeute machten, dort bis zum 26. September auf. Am 2. Oktober kamen wir Morgens zu dein Schellahl von Dahle, zwei Stunden später zu dem von Aka fische. Das Schiffsvolk begrüßte den dort in seinem kuppclübcr- dachten Grabe ruhenden Heiligen und warf ihm Datteln in den Strom — ein Opfer für die bei der gefährlichen Fahrt geleistete Hülfe! Noch denselben Nachmittag passirtcn wir die Stromschnellen Tanguhr und Ambukohl. Mit Sonnenuntergang hatten wir eine Strecke zurückgelegt, zu deren Durchschiffung wir bei unserer Heraufrcise zwölf Tage gebraucht hatten. TagS darauf überschifften wir den brausenden Schellahl Scm- mee und landeten Abends in Abke. Hier lagen wiederum viele mit Senn ah beladene Barken der Regierung. Der Aufseher der kleinen Flotte, Osmahn-Effendi, ein uns bekannter und be- frcundctcr Türke, versprach uns die kräftigste Hülse zu der uns morgen bevorstehenden Passage des großen Katarakts von Wadi- Halfa, obgleich er uns abrietst, ein Wagniß zu bestehen, welches vor unS noch kein Europäer bestanden. Der Katarakt von Wadi-Haifa ist in der That der gefährlichste aller Wasscrstürze des Nil. Es vergeht kein Jahr, ohne daß hier mehrere Schiffe scheitern. Oft verlieren sogar die kühnen nubischcn Schwimmer hier das Leben. Alle mahnten uns ab, „Gott zu versuchen," wir beharrtcn auf unserem Entschlüsse, auch den Katarakt von Wadi-Haifa zu befahren. Aber unsere naturhistorischen Schätze sollten auf jeden Fall gerettet werden. Der Türke Aalt zog mit ihnen auf Kamelen nach Wadi-Halfa voraus. Unser Pavian Perro, welcher nicht schwimmen konnte, mußte mit Gewalt aus unserer Nähe gerissen werden, den nubischen Bedienten gaben wir Freiheit, den Land- oder den Wasserweg zu wählen; sie verließen uns ohne Ausnahme. Die Schiffer betrachteten unsere Beharrlichkeit als tollkühne Stör- rigkeit und empfahlen uns dem Schutze Gottes, seines hochheiligen Propheten, — -Lllalr inusollein vu sollsur aale'üru! — und Muh- sa's, des Schutzpratrones aller Schiffer. — Wir lagen am Ufer, auf schwellenden Anakharihb. Die Nacht zog ihren Schleier über die Erde, in dem „Bauche der Felsen" donnerte der Katarakt, in unserer Nähe dufteten die Mimosen. Erwartung des Kommenden ließ uns kein Auge schließen. Wir träumten wachend. Da trat Aabd-Allah, „der Sklave Gottes," ein alter Schiffsführer, zu uns. Ein weißer Bart nmfloß sein ernstes Antlitz, deit braunen Körper umhüllte das Gewand des Landes, ein einfaches, weitärmeligcs, blaues Kattunhemd. In seiner Erscheinung lag für uns heute alles das Ehrwürdige des alten Mor- genländcrs, welches, Ehrfurcht gebietend, zum Herzen spricht. Sein Gewand schien uns der Talar eines Priesters, seine Worte die eines Propheten zu sein. Er war gekommen, uns nochmals zu warnen; er ahnte nicht, daß das, was er sagte, rednerisch, daß es ergreifend war. „Söhne der Fremde," begann er, „seht, ich bin ein alter 353 Mann, die Sonne hat mein Haar stebenzig Jahre beschienen und gebleicht, des Alters Silber deckt es, mein Gebein ist mürbe geworden — Ihr könntet meine Kinder sein. Wohlan, so höret, Männer des Frankenlandes, höret auf das, was ich Euch sagen will. Ich spreche die Sprache des wohlmeinenden Warners. Laßt ab von Eurem Beginnen, denn Ihr geht einer großen Gefahr entgegen, unwissend, sorglos — ich aber kenne sie. Hättet Ihr, gleich mir, jene Felsen gesehen, welche, zusammentretend, den Wogen ihre Thür schließen, hättet Ihr es gehört, wie sie, Einlaß und Durchgang begehrend, donnernd, zürnend, mächtig an die ewig feststehenden klopfen, wie sie die Steine überfluthen und mit Gebrüll zur Tiefe stürzen, und wüßtet Ihr, daß nur die Gnade Gottes — 8udImÄiiu vu taals*) — unser gebrechliches Fahrzeug leiten und führen kann — Ihr würdet meinem Rathe folgen. Denkt an Eure Mütter; der Kummer würde sie erdrücken, wenn uns der Segen des Allbarmherzigen verließe!" Es wurde uns schwer, den Bitten des von uns als redlichen Mann gekannten Alten zu widerstehen. Wir antworteten ihm: „„Uablioim llauen kmloina, ^.liall korilnn! **)" " „Nun, so geht mit Gott und seinem gepriesenen Propheten," erwiederte er, „ich will für Euch beten in der Stunde der Gefahr." „„Amen, o Reis, wir danken Dir, das Heil sei mit Dir!"" „Ds'Mum saicls!" Glückliche Nacht! Wir legten uns zur Ruhe nieder und schliefen kummerlos die ganze Nacht. — Am 5. Oktober. Mit Sonnenuntergang wurde es lebendig auf dein kleinen Deck des Schiffleins. Ernste, des Stromes kundige Rcisihn, muntere, glicderkrästigc Matrosen erschienen und boten uns ihre Hülfe an. Unser Schiffsführer wählte die besten und stärksten. Zuletzt kam auf Verlangen auch Bellahl, unser alter Reis, um den jungen Männern mit Rath zur Seite zu stehen. Alle Ruder hatten mehr als doppelte Mannschaft, am Steuer stan- *) Ihm sei die Bewunderung, denn er ist der Erhabene. **) Der Herr wird uns helfen; er ist gnädig! 23 354 den drei Barkenführer. Am Lande lockerte ein Matrose mit dem gewaltigen Holzhammer den Haftpfahl, um das die Barke am Ufer festhaltende Seil losmachen zu können. Er war fertig. „Männer und Söhne Nubiens, betet die Fathcha," befahl Bellahl. Und der Chor der Versammelten sprach mit lauter Stimme die Worte der „das Buch" (den Khorahn) „eröffnenden" Sure. „Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gesteinigten Teufel!" „Im Namen des Mbarmhcrzigen!" „Lob und Preis dem Wcltenherrn, dem A llerbarm er, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen, zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden! Amen!" Dann sagte Bellahl: „^solideln inu la il iaira il 4,IIad!" und alles Volk antwortete: „äVu N68olilr6tu in» Nalminmeck ra8- 8ukl Zllalr *)! Die Ruder fielen mit gleichmäßigem Schlage in's Wasser. Das war der Zillen verständliche, kurze Gottesdienst vor dem Beginn einer gefährlichen Fahrt. Er war des Volkes, welches ihn hielt, würdig. Die Worte und Werke der Religion sind den Mohammedanern keine Formeln, sie sind ihnen tief gefühlte Wahrheit. Denn wir Alle beteten, daß Allah sie nicht den Weg der Irrenden führen möge, da beteten sie zugleich, daß Gott ihnen auch heute den rechten Weg zeigen wolle. Auch uns hatte das Gebet der Andersgläubigen tief ergriffen. Richt Furcht vor der Gefahr bemächtigte sich unserer, wohl aber Ehrfurcht vor der Religiosität eines noch halb wilden Volkes, welches nie die Handhabe eines Werkzeuges ergreift, nie ein Werk beginnt, ohne dabei auszurufen: „Im Namen des Allbarmherzigen!" so wie es ihm sein Prophet vor Jahrhunderten geboten. Die Religion regelt und leitet die Handlungen des Mahammedanerö, sie regelt sein ganzes Leben. *) Zu deutsch: „Bezeuget, daß es nur einen Gott giebt!" „„Und wir bezeugen, daß Mahammed sein Gesandter ist!"" Der aufgestauete Strom trieb unser Schiff langsam mit sich hinab. Wir ruderten unter fortwährenden Gebeten der Nubier einem sich vor uns ausbreitenden Felsenlabyrinth zu und gelangten nach kurzer Fahrt zur ersten Stromschnelle. Mit furchtbarer Gewalt flutheten die Wogen über die kaum vom Wasser bedeckten Felsenblöcke hinweg, in allen Fugen stöhnte und krachte das Schiffchen, kein Ruder that seinen Dienst; dem Steuer ungehorsam tobte die Barke durch den kochenden Gischt. Wir wurden von den über Bord stürzenden Wellen gebadet und fürchteten, das Schiff jeden Augenblick scheitern zu sehen. Das Ohr war betäubt von dem Donnern des Katarakts, kein Commandoruf durchtönte das Chaos der Töne. Die mehr und mehr zusammentretenden Felsen schienen jeden Ausweg verschließen zu wollen; ängstlich blickte das Auge nach einer Oeffnung zwischen den hohen, schwarzen, glänzenden Syenitmassen. Durch ein enges Felsenthor wälzen sich ungeheure Wogen. Wir treiben mit einer gewissen Beklemmung darauf zu. Urplötzlich stürzen Alle zu Boden, das Schiff ist mit einem entsetzlichen Stoße auf die Felsen gefahren. Aber nur ein leichter Leck ist die Folge dieses allen Muth lähmenden Ereignisses. Auch sind überall Felsen in der Nähe, auf welche man sich wohl zur Noth retten kann. Warum also fürchten? Ruhiger und gefaßter machen wir uns auf die Durchfahrt jenes Thores, in das wir in der nächsten Sekunde eintreten müssen, bereit. Wir stehen wenigstens zwölf Fuß über dem Niveau des anderen Endes dieses Wasscrsturzes, aber nur einen Augenblick, denn schon erfaßt uns die Gewalt des Stromes. Uns zu beiden Seiten steigen schroffe Felsen fast senkrecht in die Höhe, sie sind von uns kaum acht Fuß entfernt, alle Ruder müssen eingezogen werden. Wie, wenn der Strom unser Schiff an diesen Steinmasscn zerschellte, wer vermöchte an ihnen emporzuklimmen? Niemand! Wir wären rettungslos verloren. Aber nur Muth! Die verderblich scheinenden Wogen selbst erretten uns. Sie umfassen, umklammern das Schiff und fort mit sich nehmen sie es in rasender Eile. Wie ein Pfeil vom Bogen jagt es zwischen den Felömaucrn hindurch. 23 * 356 Da, Allah! gerate vor uns am Ente des Falles erhebt ein mächtiger Felsblock sein trotziges Haupt über die ihn mit machtloser Wuth umtobende Fluth, welche, statt ihn zu zertrümmern, nur dazu beiträgt, ihn furchtbarer zu machen. Hoch auf an ihm spritzt der Gischt,-ohnmächtig rieseln die Fluthen zurück, sie sind die Silber- locken dieses Riesenhauptes— und darauf zu stürzt unser Schiff! „Im Namen Gottes, rudert, rudert, ihr Männer, ihr tapferen, ihr gewaltigen, ihr kühnen Männer, rudert, rudert!" stöhnt der Reis. Vor uns her schwebt, schwankt, taumelt unsere zweite Barke, sie biegt links ab — ein Jubelruf ihrer Matrosen — sie ist in Sicherheit! „Ihr nach, euren Brüdern nach, ihr Männer, ihr tüchtigen Männer!" bittet, schmeichelt, befiehlt der Reis. Es ist unmöglich. Wir fallen, zwar ohne aufzustoßcn, ab, aber auf die andere Seite. Uns folgt eine der Regierung gehörige Dahabie. Sie ist zu lang, um schnell genug dem Steuer gehorchen zu können; jetzt biegt sich ihr Schnabel nach links, das Wasser ist zu gewaltig — ein furchterregender Krach — dort sitzt sie auf dem Felsen! Der Riese hat sein Opfer. Er trägt es stolz auf seinem Haupte, vergebens strebt das Häuflein der Matrosen, es ihm zu entreißen, er hält es fest. Der Reis ringt die Hände, er ruft, er fleht zu uns herüber um Hülfe, — wir verstehen von Allem, was er sagt, kein Wort; wir gehören dein Strome, ihm Hülfe zu bringen vermögen wir nicht. Doch wird er sein Schiff wohl noch losmachen können; es gehört ja der Regierung. Schon stürzt ein kühner, gewandter Schiffer in die schäumenden Wogen; von Felsen zu Felsen schwimmend, wird er das Land erreichen und den in Abke versammelten Matrosen Nachricht bringen. Diese werden die Dahab'ic gewiß flott machen, wenn auch mit unsäglichen Anstrengungen. Im Innern derselben scheint man beschäftigt, den Leck zu verstopfen. Aber wo befinden wir uns? Warum spähen die Reisihn so ängstlich zwischen den Felsen umher? Es scheint auch uns, als ob es hier keinen Ausweg gäbe. Wir sind verirrt, wir befinden uns inmitten eines Labyrinths! Eine cntkräftigende Angst bemächtigt sich der Mannschaft. Keiner der Matrosen, keiner der Schiffsführcr weiß, wo wir sind. Einige Matrosen werfen die letzte Hülle von sich, sie wollen das Ufer schwimmend zu erreichen suchen; an Rettung des Schiffes denkt Niemand mehr, den Rudern fehlen die Arbeiter, dem Steuer die Leiter. Die Barke jagt noch immer zwischen den Felsen hindurch, aber nach allen Seiten strömt Wasser ab, unser Fahrwasser muß immer seichter werden. In dieser allgemeinen Noth übertönt die Stimme des siebenzigjährigen Bcllahl, des „.4,ku sl lUüsilm," des Vaters der Schiffsführcr, das Stimmengewirr des jammernden Schiffsvvlkes, das Brausen des Katarakts: „An die Ruder, ihr Helden*)! Seid ihr denn toll, ihr Kinder der Heiden? Arbeitet, arbeitet, ihr Hunde, ihr Knaben, ihr Männer, ihr Tapferen, ihr Braven! Maschallah! .4,1 Kür keritrm! ja .4üleür amM"**)! Er selbst handhabt das Steuer. Da flieht nach links ein starker Arm ab, in ihn lenkt Bcllahl die Barke, verfolgt den Lauf des StromzwcigeS mit sicherer Hand und erreicht freies Fahrwasser. Die Gefahr ist überstanden, unsere Gcwehrsal- ven begrüßen das am Horizonte auftauchende Palmendorf Wadi- Halfa. Die Araber fallen auf ihr Angesicht und beten wie vor der Abfahrt die Fathcha: „Lob und Preis Dir dem Weltenherrn!" Eine halbe Stunde später landen wir in Wadi-Halfa. Wie belohnend ist uns das Gefühl, ein solches Wagniß glücklich überstanden zu haben! Und dennoch möchte auch ich den Katarakt von Wadi-Halfa, nachdem er mir einmal seine Schrecken enthüllt, zum zweiten Male nicht passiren. — Es ist allmählig Abend geworden. Die Matrosen haben ein Schaf erhalten, sitzen und liegen am Ufer unter den Palmen herum und starren in das Feuer, an welchem es gebraten wird. Der liebliche Abend scheint auch sie zu ergreifen. Schon ertönt die Tam- buhra, die Melodie wird lauter und lauter. Es ordnen sich Gruppen zum Tanze. Noch spät in die Nacht hinein erschallt ihr Jauchzen und Händeklatschen. Einer von ihnen hat Mericsa aufgefun- *) Ei» sehr beliebter arabischer, jmigeu Männern schmeichelhafter Ausdruck. **) Bei ähnlichen Gelegenheiten folgen Schimpf und Schmeicheleien, rasch auf einander. Die letzten arabischen Worte bedeuten: „Gott ist gnädig" und „Bei Gott, macht!" 358 den, jetzt sind sie glücklich. Es treibt sie zu singen. Ein junger Nubicr ist lange in Egyptcn gewesen und hat dort eins jener schönen Lieder erlernt. Das trägt er vor. Alle lauschen mit größter Aufmerksamkeit. Er beginnt: O Nacht, o Nacht, zu viel hast Du mir angethan! O Nacht, den Schlummer raubst Du mir, o Nacht! Wie oft durchwachten meine Augen Dich, o Nacht, Und länger, immer länger wirst Du mir, o Nacht! Doch die auch, die ich liebe, that mir Unrecht, Denn sie verließ mich, — nur die Sehnsucht ließ sie mir! Wie lange schon, daß ich sie nicht gesehen. Die sie mein Leben ist und mir mein Herz verwundet, Die meine Seele mit sich nahm. O, möchten sie mich Armen bald begraben, — Ach, länger nicht kann meinen Schmerz ich tragen — Doch nicht im dunklen Garten will ich ruhen. Auf hohen Berges Gipfel sollen sie mich betten. Dann werden noch im Tode meine Augen sie erschauen. Und sie wird sagen: Gott begnad'ge Dich, Der Du vor Liebe starbst; er nahm in's Paradies Dich auf, Der Du so wahrhaft liebtest! Am 7. Oktober. Gestern Abend verließen wir Wadi-Haifa, heute landeten wir bei den Felsentempeln von Abu Simbil. Der Eindruck, welchen die hehren Denkmale heute auf mich machten, war größer, als der, welchen ich empfand, als ich zum ersten Male vor ihnen stand. Damals trug ich noch die idealen, lichtvollen Schöpfungen der alten Griechen in der Seele; jetzt kam ich aus dem Sudahn und jetzt erst verstand ich, das Großartige zu würdigen. Schon am 10. Oktober landeten wir oberhalb des Dorfes Schellahl bei Assuan. Unser Reis hatte dieses Dorf, seinen Geburtsort, seit fünfunddreißig Jahren nicht gesehen. Fast aus allen Häusern kamen alte Weiber hervor, um Den zu bewillkommnen, welcher als Jüngling sie, die damals kleine Mädchen waren, verlassen hatte. Wir mußten schon erlauben, daß er der nun beginnenden Fanthasle beiwohnen durfte und blieben für heute hier liegen. 359 Am Morgen des folgenden Tages kam der Reis des ersten Katarakts zu uns, um uns von den ungeheuren Gefahren der bevorstehenden Passage des unbedeutenden Schellahl gründlich zu unterrichten. Guter Reis, wir waren keine Engländer und zur Abgabe eines splendiden Bakhschiesch keineswegs geneigt. Wir wußten, daß die Stromschnelle im Ganzen nur achtzig Fuß Gefalle — und dies aus dreiviertel Meilen Länge — hat und ganz gefahrlos ist. Das Bcdrückungssystem des Schuftes war uns ebenfalls wohlbekannt und, da wir oft genug reisenden Engländern begegnet waren, auch erklärlich. Für uns war aber kein Grund vorhanden, uns seinen Absichten und Forderungen zu unterwerfe». Deshalb erwiederten wir dem sich Brüstenden nur die wenigen Worte: „Schurke, willst Du uns fahren oder nicht?" „„Nein, Herr! Ich kann und darf es nicht, ich muß erstellten Erlaubnißschein vom Gouverneur zu Assuan haben, ehe ich Eure Barke besteigen darf."" „Elender, Du lügst, sofort begicb Dich auf das Schiff oder, beim Barte des Propheten, Du erhälst fünfhundert Streiche auf Deine Fußsohlen! Fürchte den Firmahn unseres großmächtigcn Sultahns!" Das mit großen Lettern gedruckte Doctordiplom des Baron Müller, welches wir ihm bei diesen Worten vorzeigten, schien wirklich alle Eigenschaften eines Firmahn zu besitzen. Er änderte sogleich seine Sprache, wurde demüthig und sagte: „Herr, ich weiß, daß ich in Assuan einer schweren Strafe entgegengehe, aber wer vermag Euch zu widerstehen? Euch zu Gefallen werde ich ohne Gclcitsschein fahren; ich werde thun, was Ihr verlangt und Eure Wünsche auf mein Haupt und vor meine Augen nehmen; ich bin Euer demüthiger Diener." Zehn Minuten später fuhren wir ab; nach einer ständigen Fahrt landeten wir in Assuan. Der Reis empfing keine Strafe, aber auch kehre Löhnung, sondern nur einen seinen Diensten entsprechenden Bakhschiesch, weil unsere Barke als Eigenthum der Regierung angesehen wurde. So befanden wir uns in dem sehnlich herbeigewünschten Pa- 360 radiesc Egypten. Alle Stromschnellen lagen hinter uns. Die Araber zählen ihrer einunddreißig, aber nur wenige sind bedeutend. Ich will alle namentlich aufführen und die wirklich gefährlichen mit einem * bezeichnen. Sie heißen: Aabd-Allah . . . . . . . . Ortsname. Armahn. .......... „ „ Djimehs.. . „ „ Rojahn.. Um el Hadjar ...... *Hamahr — während des Sommers *Bakhehr ........ „ k, Steinmutter. Esel. Ortsname. Abu - Hammed . . *Rakabe el Djemmel Nach mahne . . . ^Sabiecha .... *Mahhahne . . . *Kaab el Aabid. . El Thien .... Handak..... Schabaan . . . . . Katbahr. ^ . . . Attahb ..... *Dahle ..... ^Akahsche .... Allah-Muhle . . Tanguhr .... Tibsche. Ambukohl. . . . Semmnc Kadidjcna. Kamelhals. die Begnadigte, die Schwimmerin? die Erschütternde, das Haus des Sklaven. die Schlammige. Ortsname. Reich, d. h. an Fahrwasser. Ortsname. „ „ Gottesweihe. Ortsname. k, k, ein grasreicher Ort — hier aber wahrlich nicht! Ortsname. Ortsname in berberi- schcr Mundart. 361 Gaskohl ^ . . . . . Mordjahne I . . . . . Abu-Sihr i ^ Wadi-Haifa. Hambohl Assuan. desgleichen, die Koralle, nach einem in derNähe stehenden Schcchs- grabe des Vaters Sihr. Nachdem unsere Barke von den Zollbeamten besucht und besichtigt worden war, verließen wir am 12. Oktober Assuan und setzten unsere Reise mit möglichster Schnelligkeit fort. Wir kamen bei ungünstigem Nordwind Abends zu dem Tempel Kohm-Om- bos, Tags daraus nach Edfu und landeten am 15. Oktober in Esnch. Hinter der Stadt waren alle Felder in einen See verwandelt worden, auf dem sich Tausende von Wasservögeln unter den Hcerden der Wasserbüffel, welche dort weideten, herumtrieben. Meine Jagd war ergiebig. In der Nacht fuhren wir weiter, erreichten mit Sonnenaufgang Luksor und kamen am 17. Oktober in Khenneh an. Der Admiral der Nilflottille, Cheredihn-Be't, bewirthete uns mit einem Gastmahl, ein Italiener, Fiorani, mit Branntwein. Im Hause des Letzteren trafen wir einen jener unter österreichischer Protektion in Najahde lebenden katholischen Geistlichen, welcher uns bat, ihn bis Siut mitzunehmen. Der Padre Franz esko war ziemlich unverschämt, aber dabei gutmüthig und geistig etwas beschränkt. Er konnte uns den Mangel, in welchem er lebte, nicht groß genug schildern und überzeugte uns durch Vorrechnung seiner Einkünfte auch wirklich davon, daß die katholischen Geistlichen in Oberegypten in einer beispiellosen Armuth leben. Ich hatte mir in Khenneh eine Ophthalmie zugezogen und war herzlich froh, den staubigen Ort bald verlassen zu können. Unser Padre begleitete uns. Wir hatten uns vorgenommen, alle Europäer Egyptens zu besuchen, soweit uns deren Wohnungen bekannt 362 werden würde». Einer gute» Aufnahme waren wir im Boraus gewiß. Deshalb landeten wir am 19. Oktober bei Farschiut, einer Zuckerfabrik Jbrahihm-Pascha's, um den dort stationirten französischen Ingenieur Rollet zu besuchen, besichtigten die Fabrik unter seiner Leitung und setzten Abends unsere Reise fort. Der folgende Tag brachte uns nach Djirdjeh und Achmihm, am 22. Oktober gelangten wir nach Siut. Hier entledigten wir uns des guten Padre Franzesko, besuchten einige Europäer und fuhren Abends weiter. Fröhliche Hornmusik erklang. Wir erwachten vorn Schlafe, rieben uns die Augen und starrten erstaunt in's Blaue. Ein eghpti- sches Reiterregiment sprengte an unserem Schiffe vorüber. Vor uns lag das Städtchen Monfalut. Mitten in der Nacht hatte man das Schiff unterhalb des Fleckens am Ufer befestigt. Auf den uns gegenüberliegenden Bergeshöhcn, hinter dem Dorfe Ma-abde sollten die berühmten Krokodilhöhlen liegen. Wir hatten davon Viel gehört und in einer Flugschrift davon gelesen. Und deshalb wollten wir das Merkwürdige selbst untersuchen. Einer unserer Diener wurde nach dem Städtchen entsandt, um Lebcnsmit- tel einzukaufen und die nöthigen Erkundigungen einzuziehen. Mittlerweile rüsteten wir uns zur bevorstehenden Höhlenfahrt aus. Mehrere Matrosen wurden zu Begleitern auserkoren; einer von ihnen bekam eine Laterne, Lichter und Zündhölzchen, ein zweiter Brod, Wein, Eier und das unentbehrliche Kaffegeschirr, ein dritter trug das Jagdzeug, ein vierter die mit Wasser gefüllten Siinscnüen. So durchwanderten wir lustig das freundliche Städtchen, nahmen eine kleine Barke und fuhren über auf's andere Ufer. Zwei Araber empfingen uns und gaben sich uns als Führer nach der Höhle zu erkennen. Wir nahmen ihre in Aussicht gestellten Dienstleistungen an und versprachen ihnen für den Fall, daß die Expedition zu unserer Zufriedenheit ablaufen sollte, reichlichen Bakh- schicsch, für den entgegengesetzten aber eben so reichliche Prügel. Der Strom hatte uns weit mit sich hinab getrieben ; wir muß- 363 teil eine halbe Meile zurückkehren, ehe wir uns die hohen und steilen Kalkgebirge zu besteigen anschicken konnten. In schwindelnder Höhe über uns lag das Haus eines verrückten Heiligen. Es war kühn wie ein Adlerhorst an den Felsen geklebt und eigentlich nur der Vorbau einer geräumigen Höhle deS Gebirges, welche von den Mahammedanern Kloster genannt und hoch geachtet wird. Wir stiegen langsam an den steilen Felswänden empor. Mancher Schweißtropfen fiel zur Erde, ehe wir die erste Höhe erreicht hatten. Die Wüste breitete sich vor uns aus. Hier und da unterbrachen niedere Hügelreihen die endlose Ebene. Der Führer machte uns auf einen dieser Hügel aufmerksam, dort sollte der Eingang zur Höhle sein. Wir durcheilten die wie von Diamanten besäcte Ebene. Ucber- all lagen die reinsten Quarzkrystalle zu Tage, oft vereinigten sie sich in Drusen, die sechsseitigen, zugespitzten Prismen flimmerten und blitzten in der Sonne — es war eine Pracht! Nach einer Stunde gelangten wir zum Eingänge der Höhle. Es war ein kleiner, größtenteils von einem mächtigen Felsblock überdachter Schacht von zehn bis zwölf Fuß Tiefe. Ringsherum dorrten Mu- mienknochen, getrocknete Muskeln rc. in der Sonne; Dattelbast, Datteläste, Leinwand lag in Haufen umher. Die Führer entkleideten sich und stiegen behutsam in den Schacht hinab. Wir folgten ihnen und zündeten unsere Lichter an. Ein scharfer, widerlicher Geruch kam uns aus dem Innern der Höhle entgegen. Einer unserer Führer legte sich jetzt auf den Boden und begann in ein enges, staubiges Loch hineinzukriechen. Wir folgten seinem Beispiele, erstickten aber fast vor Staub und Hitze. Der Gang war sehr eng, wir stießen uns oft an den Ecken des Gesteins. Aber der Staub verminderte sich allgemach, unser Gang wurde weiter, geräumiger und höher. Tausende und Tausende von Fledermäusen bewohnten diese Räume, Fliegen gleich hingen sie mit den Hinterfüßen an der Decke, eine dicht an der andern. Von uns aufgestört, umflogen sie uns in Schaarcn und verursachten dabei ein Geräusch, welches, sich mehr und mehr verstärkend, wie leiser Donner in der weiten Höhle widerhallte. Mehrere Male löschten sie uns die Lichter aus. Wir erbeuteten manche von ihnen, muß- 36-4 im aber die meisten wieder frei lassen, weil sie gar wehrhaft um sich bissen. Die Wände und der Fußboden aller Gänge waren mit einer schmierigen Substanz überzogen. Bei näherer Beleuchtung erkannten wir die Masse als den reichlich mit dem Erdpcch der Mumien geschwängerten Koth der Fledermäuse. Das Gestein hatte durch ihn eine schwarze Farbe angenommen und diese frühere Besucher zu drin völlig unbegründeten Glauben verleitet, daß hier ein großer Erdbrand gewüthet haben müsse. Wäre dies der Fall gewesen, so würden gewiß auch alle Mumien zu Pulver verbrannt sein. Unser Gang mündete in ein weites Gemach, welches wir mit unserer dürftigen Beleuchtung nicht zu erhellen vermochten. Größere und kleinere Gänge liefen nach allen Seiten hin von ihm aus. Wir betraten einen von ihnen und begannen unseren Kricchmarsch von Neuem. Der Gang war sehr eng, wir blieben mehrere Male fest stecken und wurden nur mit Mühe wieder frei. Später wurde er weiter, in demselben Grade aber auch beschwerlicher und unebener. Wir kletterten über durch und über einander geworfene Stein- massen hinweg; rechts und links zeigte sich zersplittertes und verworrenes Gestein, in welches zu stürzen gefährlich werden konnte. Zuletzt schlüpften wir durch ein enges Loch und kamen in einen neuen Gang. Er war eben so felsig und uneben, als der frühere. Hier fanden wir schon sehr viel Dattelbast und Leinwand- fetzen; der darin herrschende Geruch war nicht zum Aushalten. Einer unserer Führer erzählte, daß hier einmal zwei Engländer umgekommen wären; die mephitischen Dünste, welche uns hier umgaben, schienen den Mann nicht Lügen strafen zu wollen. Nur noch eine kurze Strecke gingen wir weiter, dann sagten uns die Führer, daß wir am Ziele wären. Wir mochten im Ganzen zehn Minuten weit auf dein Bauche dahin gekrochen sein. Jetzt befanden wir uns in einem weiten Gewölbe und erstiegen einen Hügel, welcher sich, nach genauer Besichtigung, als aus menschlichen Leichnamen bestehend zeigte. Die wenigsten Mumien waren noch vollständig. Frühere Besucher der Höhle hatten viele von ihnen aus ihrer Leinwandhülle herausgeschält und verstümmelt. Man harte ihnen die Köpfe, Arme, Hände, Füße abgerissen. Diese Glieder lagen zum Theil noch in dem Gewölbe umher; man sah alle Stücke, welche man wünschen konnte. Dazwischen fanden sich ganze Hansen von Leinwand. Die Führer warnten uns, mit den Lichtern unbehutsam umzugehen, weil sonst die leicht brennbaren Sachen Feuer fangen könnten. Alle Mumienreste waren so stark von dein sie bedeckenden Erdpcch (mit welchem die gewöhnlichen Mumien einbalsamirt wurden) durchdrungen, daß sie gewiß einen unauslöschlichen Brand verbreitet haben würden. Wir hatten uns bald einige schöne Mumien herausgesucht, jedoch mangelte es uns an einem hinreichenden Vorrath von Lichtern, um sie herauszuschaffen. Deshalb mußten auch wir ihnen die Köpfe abreißen, um nur Etwas zu erhalten. In einem zweiten, noch weiter nach hinten liegenden Gewölbe fanden wir die Krokodile. Sie lagen zu Tausenden über einander geschichtet, in allen Größen, von zehn Zoll Lange an bis zu zwanzig Fuß und darüber. Da gab es Brocken, viertel, halbe und ganze Eremplare; wenige waren aus ihrer Umhüllung herausgeschält, andere waren noch mit Dattelbastgeflechtcn umwunden. Die kleineren Thierchcn, etwa bis zu anderthalb Fuß Körperlänge, hatte man zu sechzig bis achtzig Stücken in langen, an beiden Enden zugespitzten und zusammengebundenen Palmenzweigkörben aufbewahrt, ebenso auch die Eier der alten Krokodile. Hieraus scheint mir deutlich genug hervorzugehen, daß die alten Egypter die Krokodile eher fürchteten, als verehrten und sie aus jede Weise zu vermindern suchten. Unmöglich waren alle hier liegenden Ungeheuer eines natürlichen Todes verblichen, sondern vielmehr erst getödtet und dann, um sie wegen des Mordes zn versöhnen, einbalsamirt worden. Weshalb hätte man sonst auch die Eier getrocknet und aufbewahrt? Die Leichen der Menschen, welche wir fanden, gehörten wahrscheinlich jener Klaffe an, welche das Einsangen, Tödtcn und Mumisircn der Krokodile betrieb. Die Beisetzung dieser Leute in der Krokodilhöhle erstreckte sich auch auf die Familien der Fänger, weil man auch weibliche Mumien findet. Das Gewölbe war mit Namen und Inschriften früherer Be- 366 suchn bedeckt. An einer ziemlich ebenen Fläche hatte die römische wissenschaftliche Expedition ihr „ Lpeckitlous romaiur" in großen und nur punktirtcn Lettern in den Felsen eingchauen. Wo der schmierige Ueberzug der Wände durch den Meisel entfernt war, flimmerte das Gestein der Höhle durch und schien bei unserer Beleuchtung wegen des reichen Quarzgchaltes der Steine aus glänzenden Brillanten zu bestehen. Auch von den Krokodilen suchten wir uns einige wohl erhaltene Exemplare aus und traten dann, weil unsere Lichter dem Verlöschen nahe waren, den Rückweg an. Wir konnten nur langsam vorwärts kommen, denn Alle waren beladen. In der Mitte des Weges drohten die Lichter völlig zu verlöschen. Diese Wahrnähme machte uns unwillkürlich schaudern. Da zog einer der Matrosen noch einige Lichtstummel aus seiner Takhi'e hervor, welche er dort für den wirklich eingetretenen Fall wohlweislich verborgen hatte. Mit Jubel wurden sie angezündet, sie reichten aus. Laute Hur- rahs begrüßten das Tageslicht und unsere außen wartenden Diener. Der Koch Fadtl erhielt den Befehl, Kasse zu bereiten und kochte ihn mit den vom Erdpech durchdrungenen Mumicnflcisch und den vor Jahrtausenden von den Palmen abgeschnittenen Wedeln aus der Höhle! Ermattet lagen wir auf den Teppichen, athmeten mit wohllüstigen Zügen die reine Actherluft und betrachteten erfreut unsere Köpfe. Es waren ihrer sieben, waren alle wohl erhalten; nur die Haare hatten sich verändert, diese waren roth geworden. Dann wandten wir uns dem Flusse zu. Am Rande der ersten Felsenrcihe standen wir still, um das entzückende Panorama, welches unter uns ausgebreitet war, zu betrachten. Palmen, Minarets und Häuser ragten aus dem unabsehbaren Nebel und Was- sermcerc des Thales auf. Inseln gleich erhoben sich die Dörfer aus dem überschwemmten Land, in weiter Ferne begrenzte eS die Wüste. Nach andcrthalbstündigem Marsche kamen wir, ermüdet von den Beschwerden des Tages, auf unserem Schiffe an. Der Abend brach herein, rosig beleuchtete die im Westen hinabsinkende Sonne die Berge, von denen wir herabgestiegcn waren; ihr letztes Licht lag 367 auf „der Nilgcbirgc Jochen." Mit Gesang und Rudcrschlag schaukelten uns die Matrosen auf dem Strome; näher und näher führten sie uns der unvergleichlichen Mähernhset mit ihrer blumen- duftigen Esbekle. Allmählig brach die Nacht herein, eine jener unbeschreiblich schönen EgyptenS, und Alles wurde stiller und stiller ; selbst die Matrosen hörten auf zu singen und zu rudern. Zwar breitete das leuchtende Gestirn der Nacht sein Zauberlicht heute nicht über das Palmenthal, aber Millionen voll Sternen flimmerten in den glitzernden Wogen und wetteiferten, die köstliche Nacht zu erhellen. Wie ein Schwan zog unser Schiff lautlos den Strom hinab, die Erlebnisse des Tages hielten noch den Schlaf von meinen Augen fern, aber melodischer und weicher sangen die sich am Bug des Schiffes brechenden Wellen, buntere und mannigfaltigere Bilder riefen sich wach in der träumenden Seele. Und die Bilder verschmolzen und vereinigten sich zu einem einzigen: das Thal der Heimath, der Kindheit Tummelplatz lag vor mir, ich war glücklich, selig, — ich träumte. Am 24. Oktober fanden wir in dem Hause des französischen Ingenieurs Munuiö in Minute die freundlichste Aufnahme. Der liebenswürdige Franzose beschäftigte sich hier, für Jbrahihm- Pascha eine großartige Zuckerfabrik anzulegen. Drei Jahre später sah ich sie in voller Thätigkeit. Munniö war mit einer Abyssinie- rin verhcirathct und lebte sehr glücklich mit ihr. Erst in der Nacht durften wir sein gastliches Hauö verlassen. Am 26. Oktober besuchten wir einen anderen Europäer, den Dr. Castelli in Bcni- Sucf, und wurden abermals von ihm länger als vierundzwanzig Stunden festgehalten. Nun ließ cS uns aber keine Ruhe mehr: Kairo, das Ziel unserer Wünsche, lag zu nahe vor uns. Am 28. Oktober. Die Pyramide von Maiduhn tauchte am Horizonte auf, die Thore „der Siegenden" sollten sich uns noch heute öffnen. Gewehre und Schicßpulvcr lagen bereit, die alte Stadt der Chaliefcn zu begrüßen, sobald die schlanken Minarets der Citadelle sich zeigen würden. Die Spitzen der Pyramiden von Djieseh 368 erhoben sich über das Palmenmcer, noch immer wollte die Stadt unserer Sehnsucht nicht erscheinen. Jetzt traten die Minarets aus dem Nebel hervor; — eine krachende Salve donnerte über den Nil hinüber. Die Gläser klangen, wir tranken den edlen Burgunder, den Munniö uns geschenkt, die Matrosen schwelgten, lhrcs Propheten Lehre vergessend, in französischem Rothwcin. Aber wie langsam bewegte sich das Schiff, wie sehr blieb es hinter unseren Wünschen zurück! Wir hielten es nicht länger aus am Bord der trägen Barke, sondern nahmen ein kleines Boot und ruderten und segelten der Hauptstadt entgegen. Da lag sie vor uns, die „von Allah Beschützte", prangend in ihrer uralten, ewig neuen Pracht. Wie soll ich den Eindruck schildern, den Kairo auf den unbefangenen Beschauer ausübt, nachdem sich schon Meister vergeblich bemüht, ein niemals zu erreichendes Bild desselben zu geben? Wie vermöchte ich es, meine Gefühle zu beschreiben! Jetzt lag das Ende aller Mühen und Beschwerden vor meinem trunknen Sinn, jetzt stand ich im Begriff, alle Entbehrungen vergessend, mich in den weichen Liebesarmen der Herrlichen zu erquicken, in allen den von ihr gebotenen Genüssen zu berauschen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, welche auch das Glück nach Graden und Gewichten messen, ich erfasse es ganz und schlürfte jetzt mit vollen Zügen den Hochgenuß der Freuden ein, die mich beseligten. In Altkairo warfen wir uns auf Esel und sprengten den alten Thoren der „Massr" zu. Das in seiner Art unvergleichliche Treiben und Wogen in den Straßen der Hauptstadt überraschte uns weit mehr als vor einem Jahre und wie der geistesarme Bewohner der Urwälder des Innern, welcher, aus seinem Tokhuldorfe hierher versetzt, zum ersten Male eine solche Bewegung anstaunen mag, so ritten auch wir heute bewundernd durch das Gemisch fast aller Nationen des Südens und Nordens. Unser erster Gang war zu Herrn Champion, unserem Konsul. Er empfing uns mit gewohnter Güte und übergab uns viele Briefe aus der Heimath. Dann gingen wir in ein europäisches 369 Gasthaus und suchten hier auf weichen Pfühlen lange vergeblich den Schlaf, welcher heute sich nicht finden lassen wollte. Der andere Tag war ein Sonntag. Wir traten in ein Kaffe- haus und ließen die in den Straßen auf und nieder wogende Menge an uns vorüberziehen. Duftiger Djebeli und köstlicher Mocha versetzten uns bald vollends in die köstlichste Laune der Welt. Wir blickten gleichgültig auf die vorübergehenden Europäer, aber die erste Europäerin, welche wir nach Jahresfrist wieder sahen, entzückte uns. Mein Gefährte bezog das Hotel ä'Orient, eins der ersten Gasthäuser, ich kehrte nach der Barke zurück, um unsere Sachen in Ordnung zu bringen. Später bezogen wir eine Privatwohnung inBulakh und nun erst genossen wir ungestört der uns Allen bedürftigen Ruhe. Am 2. November trat ein Deutscher, Karl Schmidt (aus Lahr in Baden), in unsere Dienste. Der Mann war Webergesell und hatte als solcher ganz Deutschland, die Schweiz, Italien, Ungarn und einen großen Theil der europäischen Türkei durchwandert, von Konstantinopel aus Kleinasien bereist, war nach Jerusalem gepilgert und endlich nach Kairo gelangt. Er hat sich uns in der Folge sehr nützlich gemacht und war ein ordentlicher, fleißiger und treuer Mensch, welcher sich des Deutschen stets würdig gezeigt hat. Wir verließen mit ihm am 28. November unsere Wohnung, um eine naturwissenschaftliche Reise nach den Seeen Unteregyptens anzutreten. Der See Menzaleh schien uns für unsere Zwecke der geeignetste Ort zu sein. Der Reis der bequemen Dahab'ie, welche wir zu der Reise gemiethet hatten, konnte kurz nach unserer Abfahrt einem äußerst günstigen Winde die Segel öffnen; wir jagten, einem Dampfschiffe gleich, den Strom hinab. Schon am 30. November erreichten wir Mansuhra, ein sehr regsames gc- werbtreibendeS Städtchen Unteregyptens, mit ungefähr zehntausend Einwohnern, belebten und wohlversorgten Basars, einer Baum- 24 370 wollenspinnerei, einer Dampfmaschine zum Reinigen des in hiesiger Gegend viel gebauten Flachses u. s. w. Die Empfehlungsbriefe, mit denen uns unser Konsul in Kairo versehen hatte, verschafften uns einen sehr ehrenvollen Empfang im Diwahn des Mudihr Hahlid-Pascha, welcher uns mit den uns nöthigen Befehlen an verschiedene Schiuhch der Provinz versorgte. Unter den Europäern fanden wir einen Bekannten aus Charthum, den Dr. Savoir, hier wieder und wurden durch ihn mit einem kleinen lebensfrohen, krakehllustigcn Franzosen, Mout, bekannt. Der von Mansuhra abgehende, sich nach vielen Richtungen verzweigende „Bahhr el sorhe'ir," ein in den Mcnzaleh führender Kanal, trug jetzt mehrere SänshdLl*), von denen wir einen mietheten. Jetzt war der Kanal, welcher im März fast ganz trocken lag, gefüllt und lieferte den Bewohnern der Niederung das zuin Versorgen ihrer Cisternen nöthige Trinkwasscr. Er war zu beiden Seiten über seine Ufer getreten und hatte ausgedehnte Sümpfe gebildet, in denen wir einen fabelhaften Reichthum von meist der europäischen Ornis angehörigen Vögeln fanden. Ihre Jagd hielt uns so lange auf, daß wir erst am 8. Dezember das Städtchen Menzaleh erreichten. Früher von großer Bedeutung, ist es jetzt zu einem Fcllahdorfe herabgcsunkcn. Nur der Handel mit dem hier in großer Menge erzeugten vortrefflichen Reis, welcher viele hundert Menschen erhält, schützt es vor gänzlichem Verfall. Schel- lawit-Tubahr, der Schech und reichste Gutsbesitzer des Orts, ein unausstehlicher Araber, nahm uns zwar sehr freundlich auf, aber man sah deutlich, daß es nur wegen unserer Empfehlungsbriefe geschah. Er suchte seine Heimtücke hinter gleißnerischen Worten zu verbergen, bemühte sich, sehr höflich zu erscheinen und war in der That der anmaßendste Schurke, welcher mir jemals vorgekommen ist. Je vornehmer ein Türk ist, um so höflicher ist er, je reicher — vornehme Fellahhihn giebt es nicht — ein Egypter ist, um so unliebenswürdiger, gröber und pöbelhafter wird er. *) Plural von „Sandal", eine kleine, der Dahabke ähnliche Nilbarke mit Kajüre. 371 In unmittelbarer Nähe der Stadt beginnt der See. Er umschließt den Flecken von drei Seiten. Seine größte Länge beträgt zehn, seine Breite zwei bis vier deutsche Meilen. Nach Osten zu erstreckt er sich bis an die Grenze von Palästina, nach Westen bis Damiaht; südlich ist er von den Niederungen „des Landes Gosen" eingefaßt, nach Norden reicht er bis an das Mittelmeer, mit welchem er durch mehrere Wasserstraßen in Verbindung steht. Seine Tiefe ist gering, sein Fischreichthum außerordentlich, die Menge seiner gefiederten Bewohner — welche Gegenstand eines besonderen Abschnittes dieser Blätter sein werden — übersteigt jeden Begriff. Fast alle Bewohner der Umgegend des Sees sind Fischer. Zwölf Ortschaften, welche in unmittelbarer Nähe des Menzaleh liegen und von eigens angestellten Beamteten befehligt werden, beherbergen Fischer. Die Regierung hat die Fischerei des Sees für 3,400 Beutel (oder 113,330 Thaler preußisch) verpachtet; die Beamteten und Fischer müssen noch besonders besoldet werden. Diese einzige Angabe mag den fabelhaften Reichthum des Menzaleh in Zahlen fassen. Und dabei sind frisch gefangene Fische erstaunlich billig. Wir kauften drei Aale von drei Fuß Länge an Ort und Stelle für einen Silbcrgroschen. Nur die wenigsten Fische werden frisch gefangen verkauft, bei Weitem der größere Theil geht, Ungesalzen, unter dem Namen,,Fa siech" durch ganz Egypten, Syrien und Kleinasten und gilt als Leckerbissen. Weniger einträglich, aber immerhin von Belang ist der Vogelfang und die Salzgewinnung an mehreren Stellen dieses Sees. DaS Salz wird durch Verdunsten des Wassers abgedämmter, seichter Stellen gewonnen. Eine Eselsladung desselben kostet in dem Dorfe Materie einen Piaster. Die Salzpfannen heißen ,,Melach iaht" oder im Singular ,,Melache." Der in der Umgegend gewonnene Reis wird in Stampfmüh- len von seinen Schalen befreit, oft aber mit dem billigen Salze Verfälscht. Eine Okha (2 Pfund 6 Loth wiener Gewicht) Reis, beste Qualität, kostet an Ort und Stelle im Einzelkaufe einen Piaster. Vor der Versendung packt man den Reis in Säcke aus Pal- menblättern, „Khuffa," von denen jeder 2tz arabischen Ccntner 24 * 372 faßt. Viele christliche Familien in Damiaht sind durch den Reis- handel reich geworden; der Fellah, welcher die Plage hat, erhält, wie gewöhnlich, Nichts. Wir blieben bis zum 29. Dezember in Menzaleh, wo wir ein kleines Haus bezogen hatten. Unsere Jagden waren höchst ergiebig. Der Baron ging einmal nach Damiaht, um unseren Konsularagenten Kahil zu besuchen. Ich konnte ihn wegen meiner kaum zu bewältigenden Arbeiten nicht begleiten. Mein Gefährte kehrte auch sehr bald zurück und brachte einen jungen Europäer mit, welcher für mich eine wirkliche Merkwürdigkeit war. Herr Filli- poni, der Sohn eines Italieners, war im Orient geboren und in Konstantinopel und Damiaht erzogen worden, sprach ziemlich fertig Italienisch, Französisch, Neugriechisch, Türkisch und Arabisch, konnte aber kaum eine einzige dieser Sprachen lesen und schreiben, hatte alle Laster des Morgcnländers an sich, nicht aber dessen Tugenden, noch viel weniger die des Europäers, war unerträglich langweilig, quälte mich beständig mit sehr dummen Fragen und betrug sich, siebzehn Jahre alt, noch wie ein höchst unartiger Bube. Mir war er merkwürdig, weil ich in ihm ein lebendes Beispiel der europäischen Kindererziehung im Morgcnlande sah. — Das Weihnachtsfcst suchten wir so feierlich als möglich zu begehen. Schon am heiligen Abende wehte unsere, d. h. die österreichische Handelsflagge von der hohen Terrasse unseres Hauses. Den Einbruch der „heiligen Nacht" begrüßten wir mit einundzwanzig Schüssen. Wir hielten ein Mahl und waren fröhlich. Dann tranken wir drei Deutschen das Wohl unserer Lieben in deutschem Wein und beschenkten uns gegenseitig. Die Feiertage über sollte alle Arbeit ruhen; aber die Langeweile plagte uns so gewaltig, daß wir unseren Entschluß nicht auszuführen vermochten. Am 30. Dezember bestiegen wir eine der eigens für den See erbauten Fischerbarken und fuhren an das westliche Ufer desselben, nach der in der Nähe Damiaht's liegenden Fischerstation „Khith cl Nasahra," weil wir unsere Rückreise auf dem Nilarme von Damiaht zurücklegen wollten. Khith el Nasahra besteht nur aus 373 wenigen Gebäuden. Der Name des Orts bedeutet „Kiesplatz der Christen;" ich weiß nicht, woher diese sonderbare Benennung entstand. Kahil sandte uns Pferde, welche jedoch nur der Baron benutzte; ich ging, der Jagd wegen, zu Fuße nach der nahen Stadt und fand den Baron in dem wohleingerichtcten Hause des Konsularagenten. Der Sohn dieses würdigen Mannes war einer von den Levantinern, welche, wie sich einer meiner Freunde auszudrücken pflegte, „den levantinischen Esel unter der fränkischen Löwenhaut zu verbergen suchen, ohne die fatalen Ohren des Grauthieres verstecken zu können." Er sank dadurch, daß er beständig den Europäer spielen wollte, zu einer vollendeten Carricatur herab. Con- stantini, so hieß er, war klein von Person, sehr häßlich und besaß noch dazu ein Paar höchst ungleicher Augen; eins war größer als das andere. Diesen Mißgriff der Natur suchte er nun zwar durch ein beständiges Blinzeln wieder gut zu machen, aber gerade die Anstrengungen, den Fehler zu verbergen, ließen diesen um so mehr hervortreten. Zum Glück fühlte Constantini nicht, wie widerwärtig er war. Er hielt sich für den schönsten jungen Mann Unteregyptens, trat einmal um das andere vor einen großen Wandspiegel und versicherte uns mit ungekünsteltem Ernste, daß er ein allen Ehemännern Damiaht's höchst gefährlicher Adonis sei. Ich lachte ihm in's Gesicht — und von diesem Tage an war er mein Feind. Jetzt bekleidet dieser Ehrenmann, wie ich ihn später mit bitterer Ironie nennen hörte, das Vicekonsulat Toskana's in Kairo. Dam iaht ist nach Kairo und Alerandrien die bedeutendste Stadt Egyptens. Sie zählt gegenwärtig 30,000 Einwohner, enthält vortreffliche Basars und besitzt einen lebhaften Verkehr und ausgedehnten Handel. Der Strom geht in einem stark gekrümmten Bogen durch die Stadt und diese gewährt deshalb einen höchst malerischen Anblick. Der am linken Stromufer liegende Stadttheil enthält die Kaserne, das Hospital und die Dörfer der Soldatenfrauen; die eigentliche Stadt liegt am rechten Ufer des Nilarmes. Unter den öffentlichen Gebäuden sind eine große Baumwollenspinnerei, eine Dampfmaschine zur Enthülsung des Reises, das Re- 374 gierungsgebäude, einige Moscheen, mehrere gute und geschnmckvolle Bäder und eine sogenannte „Wekahle" oder Verkaufshalle u. s. w. bemerkenswert!). Die Wcrfte ist nicht ohne Bedeutung und liefert nicht nur viele Schiffe für den Nil, sondern auch Briggs und Schooner für das Meer. Man kauft in Damiaht fast alle europäischen Erzeugnisse ebenso billig wie in Alerandricn; der Lebensunterhalt ist aber in letztgenannter Stadt dreimal theurer als hier, weshalb auch viele Kaufleute hier ihre Handelsgeschäfte betreiben. Der Haupthandclsartikel Damiaht's ist ohne Frage der Reis. Fast aller im Delta gebaute Reis wird von hier aus verhandelt. Bei hohem Nilstande löschen kleinere Seeschiffe ihre Waaren unmittelbar bei der Stadt, zur Zeit der Dürre können nur sehr seicht gehende Fahrzeuge nach Damiaht gelangen. Die größeren müssen auf der Rhede des eine Meile stromabwärts am Meere liegenden Dörfchens Esbe ankern. Die europäischen Mächte, mit wenigen Ausnahmen, haben in Damiaht Konsularagenturcn errichtet. Sonntags sieht man die resp. Flaggen aus den Wohnungen der Agenten wehen. Nur wenige Europäer leben in Damiaht, um so mehr Levantiner, welche unter dem Schutze der europäischen Mächte stehen. Die Koptengemeinde soll über 2000 Seelen zählen. Wir schifften uns noch am Tage unserer Ankunft in einer bequemen Dahabie ein. Ein kleines, hinten angehängtes Boot trug einen Käfig mit zwanzig lebenden Pelekanen, von denen einer nach dem andern während der Fahrt ausgestopft werden sollte. Das neue Jahr begrüßten wir mit Schüssen. Unser Boot segelte dem Strome sehr langsam entgegen. Später wurde unS der Wind ungünstig, die Dahabie mußte gezogen werden; wir erreichten erst am 4. Januar 1849 das nur wenige Meilen von Damiaht entfernte Städtchen Mansuhra. Der Baron verließ hier das Schiff und ritt auf dem kürzeren Landwege nach Kairo. Ich hatte mit unserem Bedienten Karl noch acht Tage lang mit Gegenwind und Kälte zu kämpfen. Am 12. Januar landeten wir in Bulakh. Die Zurüstungen zur Abreise deS Barons nach Europa nah- W 375 men unsere Zeit bis zum 25. Januar in Anspruch. An diesem Tage stießen wir mit unseren lebenden und todten Thieren in Bu- lakh vorn Lande, segelten rasch den Strom hinab, bogen in den Nilarm von Rcschied ein und konnten, Dank den außerordentlichen Anstrengungen der Matrosen, schon am 28. Januar die Schlcu- senthore von Adfch passircn. Wo wir anhielten, liefen die Menschen zusammen, um die Hyänen und den Pavian, welcher vor Allem die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wußte, zu sehen. Den Hyänen schössen wir von Zeit zu Zeit einen der halb wild herumlaufenden Hunde zum Fraße, sonst gebrauchten wir unsere Gewehre während der ganzen Reise nicht. In der Nacht erhob sich Wind, am Morgen des 29. Januar lagen wir bei Alerandricn. Wir nahmen Esel und ritten in die fast ganz europäisch gebaute Stadt. Wenn uns dies vor anderthalb Jahren nicht auffiel, war es jetzt um so mehr der Fall; wir glaubten uns in eine der Städte Europa's versetzt. Das unabsehbare Meer blickte durch alle Straßen mit seinem azurnen Auge herein, es lag in spiegelglatter Fläche vor uns, ,,der Schiffe masten- reicher Wald" war zahlreicher als je. Unter dem Personale des Generalkonsulats machten wir die erfreuliche Bekanntschaft des Dr. Konstantin Reitz, nachheri- gen Konsuls in Charthum. Er war sogleich rege, uns aller Unannehmlichkeiten der Ankunft in einer fremden Stadt zu entheben, miethete für uns eine Privatwohnung, besorgte uns Frachtwagen u. s. w. und erwies sich uns als einen in jeder Hinsicht gefälligen Mann. Drei Lastwagen führten unser Gepäck von der Dahabre in die neue Wohnung. Ein unabwendbarer Mcnschcnstrom folgte ihnen wegen des Affen und der Hyänen. Perro hatte einer Hündin aus ihrer Wohnung an der Straße einen jungen, netten Hund geraubt und wollte sich diesen nicht entreißen lassen. Er trug das Thierchen auf den Armen, wartete und hätschelte es mit mütterlicher Zärtlichkeit, vertheidigte sich muthig gegen die wiederholten Anfälle der Hündin und erweckte dadurch die lebhafteste Theilnahme der Araber. t 376 Die Brandung schlug an die Grundmauern unserer neuen Wohnung. Das eine Zimmer war ziemlich reinlich, freundlich und gewährte uns die Aussicht auf das Meer, den Pharus, die Nadeln der Kleopatra und einen Theil der Stadt. Der Preis der Wohnung war für Alerandrien sehr mäßig; wir bezahlten für zwei Zimmer mit Betten täglich 12 Piaster. Unsere freundliche Hauswirthin that mit ihrer Tochter Giuseppa, einer vierzehnjährigen, aber schon erwachsenen und ziemlich hübschen Jungfrau, Alles, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Mein Gefährte wollte mit den Sammlungen und einem Paar schwarzer Bedienten auf dem nächsten direkten Loyddampfer Egypten verlassen und nach Deutschland zurückkehren; ich hatte mir vorgenommen, im Pharaonenlande zurückzubleiben und sollte nach Wunsch und auf Rechnung des Baron Müller, eine zweite Reise in's Innere mit den dazu nöthigen Begleitern und Gehülfen antreten. Sturm und die verspätete ostindische Post hinderten den Dampfer, zur bestimmten Zeit unter Segel zu gehen. Erst am 10. Februar konnte das Gepäck eingeladen werden. Auch wir gingen noch an demselben Abende in Begleitung des Dr. Neitz, welchen wir immer inchr kennen und lieben lernten, an Bord des schönen Schiffes ,, Schild" und verbrachten dort die Nacht. Der andere Morgen brachte neue Reisende auf das Schiff und die zur Ausfahrt aus dem Hafen nöthige Ruhe auf das Meer. Es that mir wehe, mich von dem Baron trennen zu müssen. Ich hatte mit ihm Deutschland verlassen und Nordost-Afrika bis zu den Negerländcrn bereist, Freud und Leid zwei Jahre lang mit ihm getheilt; wir hatten zusammen viel Schönes erlebt, viel Schweres ertragen, in einem Zelte gelebt, unter einer Decke geschlafen und mit einem Becher aus dem Brunnen der Wüste Wasser geschöpft. Obgleich er manchmal ungerecht gegen mich gewesen war, hatten wir doch im Ganzen wie Brüder zusammen gelebt. Jetzt trennten sich unsere Wege: er eilte der lieben, theuren Heimath zu, ich sollte mich nach dem fernen Süden wenden. Ich drückte ihn noch einmal an's Herz, sagte ihm noch einmal Lebewohl — wir schieden. Mit Reitz verließ ich den Dampfer, dessen Schlot schon dunkle Dampfwolken von sich stieß, und ruderte in einem kleinen Boote nach dem Lande zurück. Noch von fern winkten wir uns mit weißen Tüchern zu, die Ankerwinde klapperte, die Räder des Dampfers tauchten ihre Schaufeln in die blaue Fluth. Mehr und mehr vergrößerte sich die Entfernung zwischen dem Schild und unserem Boote; jener eilte Deutschlands Gestaden zu, dieses stieß an's afrikanische Ufer. 1 l j i f IIV1W SldÜQtbsk ^ OOO6146 S WM MWZs! _^ MMS MMW -WZL-KMM' ÄKKr ^ WWÄsL^'^ M 7^ MWUtzZÄ