IIM-Sidl Iß.s Zweite unveränderte Ausgabe. Zweiter Theil. Aufenthalt und Reisen in Egypten. Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . 169 < 5 --/^ 6 > 2 9 k AKWMk' Kr-KK Inhalt des zweiten Theils Seite Einiges über Egyptcn und sein Volk ... i Herodot's Beschreibung von Egypten. — Produkte des Landes. — Ackerbau. — Feldfrüchte. — Die Palme. — Hausthiere. — Brütofen. — Der Nil. — Der Nilmeffer. — Der Nilschnitt. — Klima. — Krankheiten. — Pest. — Ophthalmie und Diffente- rie. — Bevölkerungstabelle. — Der Egypter, sein Charakter, seine Kleidung. — Der Türke. — Seine Tracht. — Der Schleier. — Unverletzlichkeit der Frauen. — Türkischer Luxus. — Der Tsch i bu h k. — Waffen. — Besuch in einem türkischen Hause. — Türkische Etiquette. — Der Harehm. — Verhältniß des Mannes zu seinen Weibern. — Leben des Fellah. — Kopten. — Beduinen, Levantiner. — Das mahammedanische Gebet. — Beschnei- dung. — Brautwerbung und Hochzeit. — Ehescheidung. — Be- gräbnißfeierlichkeiten. — Mahammedanische Feste. — Der Ra- madtahn. — Bairam. — Schlangenbeschwörer. — Der Ritt des Chaliefen. — „Schimm el Nessihm". — Tänze. — Aberglaube der Araber. — Aabahs-Pascha. — Justiz - und Polizeiwesen. — Strafen bei Verbrechern. — Die Bastonade. — Eine Hinrichtung. — Egyptische Soldaten. — Ein Soldatendorf. — Kairo.121 Gruß an Kairo aus fernen kalten Landen her. — Topographie und Statistik. — Die Esbekre. — Die Muhski. — Basare. — Arbeitende Handwerker auf dem Basare. — Eine Barbierstube. — Ein Kaffchaus. — Der Meddah. — Kaffestam- pfen. — Ein De rw i h sch. — Die Fukhera und Amara. — Wohnhäuser in Kairo. — Wasserträger. — Eseltreiber. — Die Citadelle. — Mahammed - Aali's Moschee. — Der Josephsbrun- ncn. — Das Innere einer Moschee. — Oeffentliche Brunnen. — Türkische Bäder. — Kairo's Vorstädte. — Die Stadt der Todten. — Aabahsie. — Heliopolis. — Schubra. — Roh- da. — Der „rothe Berg" und der versteinerte Wald. — IV Seite Alerandrien als Centralpunkt des europäischen Lebens.165 Statistisches. — Christliche Kirchen und Klöster. — Allgemeine Bemerkungen über die Europäer. — Ihre Sittenlostgkeit. — Griechen und Italiener im Gegensatze zu den Deutschen. — Verheiratung eines Europäers in Alexandrien. — Conkubinate der Europäer. — Theuerung der Lebensbedürfnisse in Alexandrien. — Handel und Verkehrsanstalten. — Das Frankelviertel. — Festungswerke. — Das Arsenal. — Quarantäneanstalt. — Hospitäler. — Das Hafenschloß. — Alterthümer. — Die Mahmuhdi'e. — Ein Blick in das Thicrleben Egyptenö ... 198 Allgemeine Uebersicht. — Der Menzalehsee zur Winterszeit. — Fang des Flammings. — Pelekane. — Der Sporenkie- bitz. — Nächtliches Vogelleben in den Sümpfen. — Aufzählung der merkwürdigsten Säugethiere. — Tagebuchs- und Rciscnotizen während des Aufenthaltes in Unteregypten. 210 Ankunft des neuen Vizekönigs in Alerandrien. — Reise durch das Delta. — Der Heilige Saaid in Tanda. — Baron von Wrede. — Unser Firmahn. — Das Fischerdorf Mater'ie und seine Bewohner. — Ein Ostersonntag in der Fremde- — Der Glaube hilft. — Mein Wohnhaus in Dam iaht. — Warde und ihre Mutter. — Fort d'Esbe. — Seereise bei Sturm und Wetter. — Unsere Schiffsgcsellschaft. — Die dritte wissenschaftliche Expedition des Freiherr» v. Müller. — vr. Rüppell. — Prügelei mit Fellahhihn. — Gericht des Majors von Adfeh. — Ma h a mi» ed-A ali's Tod. — Eine Sauhatze. — Im türkischen Gefängniß. — Schiffbrüchige in den Händen der Beduinen. — Bogumil Goltz.Jagden bei Fuah. — Wettrennen zu Roß und zu Esel.— Uebernachten in einem Kaffehause. — Ankunft meiner Reisegefährten in Alexandrien. — Abreise nach Fajum. — „Die Stadt Josephs." — Der Mörissee-— Ansichten von Lepsius. — Ein interessanter Krankenbesuch. — Meine Reise nach Kairo. — Die Nacht im Hühnerstalle. — Abreise nach dem Innern. — Einiges über Egypten und fein Volk „Jetzt werde ich noch weitläufiger über Egypten sprechen, weil es mehr Wunder enthält, als jedes andere Land." „Die Egypter, gleichwie' ihr Himmel fremder Art ist, und gleich wie ihr Fluß eine ganz andere Natur hat, als die übrigen Flüsse, so find fie auch iu ihren Sitten und Gebräuchen gerade umgekehrt wie alle anderen Völker." H e r o d o t. „Hier im Nilthale Leben; ringsumher Erstarrung und Tod." — „Egypten ist der Nil mit seinen Schlammufern; das Andere ist Felsen und Sand." Julius Mvsen. Egypten und sein Volk hatte, nachdem ich aus dem Sudahn zurückgekehrt war, für mich ein ganz anderes Interesse bekommen; ich war im Lande heimisch geworden. Die arabische Sprache wurde mir geläufiger, das Volk durch sie zugänglicher. Ich fing an, viele seiner Sitten zu verstehen, nachdem ich die Ursachen erkannt hatte, aus denen sie hervorgegangen waren. Dazu trug ein von mir angenommener Sprachlehrer, der Hadj Musellem-Aali- Hohdje*), daS Meiste bei. Sein Unterricht, den ich leider nur kurze Zeit genießen konnte, wurde mir, obgleich er für mich höchst anstrengend war — Hadj Musellem sprach nur Arabisch — sehr nützlich; ich lernte durch meinen Lehrer das Volk eher und besser kennen, als viele andere Europäer. Ich durchwanderte mit *) Hadj oder Hadji ist der ehrende Titel Eines, welcher die heilige Wallfahrt nach dem Grabe des Propheten — Frieden über ihn! — gemacht hat und bedeutet wörtlich einen Pilger; Musellem (abgeleitet von „sal- Isms", Heil, Frieden oder Glück bringen, grüßen w.) heißt der Begrüßte oder Der, dem Friede (durch den Gesandten Gottes) gebracht wurde — auch ein treuer Nachfolger des Propheten; Aali, der Name des Vaters unseres Musellem, bedeutet „der Hohe, Erhabene"; Hvhdje, Lehrer, bezeichnet das Amt meines Sprachmeisters. n. t 2 meinem M'aal lein*) Stadt und Land, besuchte mit ihm die arabischen Kaffehäuser, lauschte dort den mir durch ihn verständlich werdenden Deklamationen des Meddah, nahm Theil an Festauf- zügcn und bemühte mich, mein Interesse an dem Treiben der Gläubigen diesen gegenüber recht deutlich an den Tag zu legen. Viele sahen in mir schon einen Renegaten. Das, was ich in diesem Abschnitte über Sitten und Gebräuche der Egypter geben werde, verdanke ich fast allein meinem Lehrer, weil dieser es war, welcher mich mit allen Klassen der Bevölkerung in Berührung brachte. Es giebt wenig europäische Länder, über welche schon so viel geschrieben wurde, als über das altberühmte Land der Pharaonen. Früher war es das Land der Weisheit und von jeher die Kornkammer Nordafrika's. Seine Priester erzogen und bildeten den Gesetzgeber der Juden, Moses; auf die Satzungen des Dienstes der Isis gründete er das Gebäude der noch heute von uns geachteten und bewunderten Religion des israelitischen Volkes. Gelehrte Männer der alten Griechen durchzogen und beschrieben Egpptenland; alle alten Beschrciber sind voll der Bewunderung über die weisen Einrichtungen in demselben, seine Berühmtheit geht bis in's graue Alterthum. Und als nun Napoleon und später Mahammed-Aali den Europäern freien Zugang in das Land der Wunder verschaffte, da erst erreichte sein Ruhm den höchsten Gipfel. Bauwerke, vor Tausenden von Jahren gegründet, mußten das Staunen der Europäer erregen, ein uns fremdartiges Volk ihnen unerschöpflichen Stoff zu Beschreibungen geben. Schon jetzt ist es kaum mehr möglich, alle über Egypten erschienenen Schriften kennen zu lernen. Wenn nun auch ich mich erkühne, neben den gediegenen Werken berühmter Männer Einiges über das so wohlbekannte und schon so viel und vortrefflich geschilderte Land zu geben, so finde ich die einzige Entschuldigung nur darin, daß das, was ich zu schreiben mir vorgenommen habe, zur Vervollständigung dieses Wer- ') Lehrer, von „sLISm»", lehren. kes gehört. Den meisten meiner Lesern werde ich nichts Neues berichten. Egypten liegt zwischen dem 24. und 32. Grade der nördlichen Breite und dem 43. und 33. Grade östlicher Länge von Ferro und enthält nach Rechnung der Geographen sechs- bis siebentausend Quadratmcilcn Flächeninhalt, weil man einen großen Theil der das Land von beiden Seiten umgebenden Wüsten innerhalb der Landesgrenzc verlegt hat. Weit richtiger würde die Berechnung der Größe des Landes sein, wenn man unter Egypten nur das der Kultur fähige Nilthal und das Delta begriffen hätte. Dann würde sich der Flächeninhalt auf nicht mehr als sechs- bis siebenhundert Quadratmeilen, von denen zweihundert auf das Delta kommen, belaufen. Dieses Land kann bebaut werden und erzeugt bei gehöriger Behandlung eine Fruchtfülle, wie sie fast kein anderes Land auszuweisen hat, denn alles Ackerland ist nichts Anderes, als angeschwemmter Nilschlamm. Schon Herodot sagt von Egypten: „Ein großer Theil dieses besagten Landes beuchte auch mir, eben wie die Priester erzählten, erst neu gewonnener Boden. Denn was zwischen den Gebirgen über Mcmphis*) liegt, schien mir vor Zeiten ein Meerbusen gewesen zu sein." „Es ist aber in dem arabischen Lande, nicht fern von Egypten, ein Busen des Meeres, der vom Meere, so das rothe heißt, sich hincinstreckt, so lang und schmal, wie ich gleich sagen werde. Nämlich die Länge der Fahrt, wenn man anfängt von dem Winkel und ihn durchschifft bis in die offenbare See, erfordert vierzehn Tage für ein Rudcrschiff, die Breite aber, wo der Busen am breitesten ist, beträgt eines halben Tages Fahrt. Und ist in dem- selbigen Ebbe und Fluth alle Tage. Gerade ein solcher Busen, glaube ich, ist Egypten auch einmal gewesen, also daß der eine Busen aus dem Meere nach Mitternacht hinein nach Aethiopien ging, und der andere, der arabische nämlich, aus dem Meere von Mittag nach Syrien zu, und ihre Winkel stießen an einander, und war nur wenig Land dazwischen. Wenn nun der Nil einmal sei- *) Memphis oder Memfis lag in der Gegend des heutigen Kairo. 1 * ' 4 nen Lauf richtete in diesen arabischen Busen, sollte der nicht von dcmselbigcn Fluß zugeschlcmmt werden in zwanzigtausend Jahren? Ja, ich glaube, er wäre schon zugcschlemmt in zehntausend Jahren. Und sollte nun nicht in der ganzen Zeit, die vor mir gewesen, ein auch noch weit größerer Busen zugeschlemmt worden sein, von einem so großen Flusse, der so große Kraft hat? Darum glaube ich, was die Priester über Egypten erzählen, und so dcucht es mir selbst gar sehr wahrscheinlich, wenn ich bedenke, daß Egypten heransücgt von den benachbarten Ländern, und daß man Muscheln auf den Bergen sieht und ein salziges Wesen*) hervordringt, also daß selbst die Pyramiden angefressen werden, und das Gebirge oberhalb Memphis das einzige in Egypten ist, daS Sand hat; dazu, daß der Boden von Egypten nicht gleichet weder dem benachbarten arabischen Lande, noch dem lybischen, noch dem syrischen (denn die Meeresküste von Arabien bewohnen Syrier), sondern er ist schwarz und geborsten, dieweil er Moder ist und Schlamm, so der Fluß aus Acthiopien heruntergesührt. Lybien aber hat, wie wir wissen, röthlichen und sandigen Boden, und Arabien und Syrien ist thonig und felsig." Diese vor mehr als zweitausend Jahren gegebene Beschreibung ist sehr richtig und noch für das heutige Egypten anwendbar. Ebenso interessant sind die uns über die Gestalt des Landes übcr- gebcnen Daten desselben Geschichtschreibers. Er sagt von Ober-- cgypten: „Also von Heliopolis an gehört nicht mehr viel Land zu Egypten **), sondern etwa vier Tagefahrten aufwärts ist Egypten schmal. Und was zwischen den Gebirgen liegt, ist ebenes Land, und es schienen mir ungefähr, wo es am schmalstcn ist, nicht mehr als zweihundert Stadien***) zu sein von dem arabischen Gebirge *) Ein salz- und salpcterhaltiger Ausschlag, welcher an vielen Stellen der Niederungen Egyptens hervortritt und auf der Erdoberfläche eine förmliche Kruste bildet. **) Soll wohl bedeuten: das Land bildet keine große Fläche mehr, weil es sehr schmal ist und eigentlich nur aus dem Nilthal besteht. *") Vierzig Stadien waren ungefähr einer deutschen Meile gleich. zu dem, so mein dos lybische heißt. Von da an aber wird Egypten wieder breit. Das ist also dieses Landes Beschaffenheit." Es versteht sich von selbst, daß die Beschaffenheit des heutigen Egyptcns in geologischer Hinsicht dieselbe ist, wie zu Zeiten Herodot'ö. Daß die Anschwemmung des Nil aber noch immer fortdauert, beweist die Lage der Stadt Damiaht und Reschicd, welche früher dicht am Meere gelegen haben sollen lind jetzt fast zwei Stunden von der Meeresküste entfernt sind. Doch scheint es nicht, als ob der Nil auch die Sceen im Delta verschleimn! habe, denn diese ziehen sich noch immer in großer Ausdehnung an der Meeresküste dahin. Die drei größten sind in Unter egypten oder Whhöriö, der Mcnzaleh-, Brurlos- und Mareotisscc; außerdem findet sich noch ein kleiner See bei Alcrandricn, welcher früher mit dem Marcvtissec zusammenhing, jetzt aber durch den Kanal Mah- muhd're davon getrennt wird, und einer bei Reschied. Auch der Mörissee oder Blrköt öl KHLrn bei Fäjnm in Mittelegyptcn oder Wastahni enthält »och viel Wasser. Die Natronseecn in der lybischcn Wüste sind bcmerkenswerth und bringen dem Lande, resp. dem Vizekönig, vielen Gewinn, weil das aus ihnen gewonnene Natron von vorzüglicher Güte ist. Egypten ist einem zwischen Wüsten eingeklemmten, fruchtbaren Garten zu vergleichen. Seine Felder bringen viele Fruchtarten in einer Ueppigkeit, Fülle und Ergiebigkeit hervor, wovon wir uns keinen Begriff machen können. In seinem milden Klima gedeiht die himmclanstrcbende Palme neben der mit goldenen Früchten beladcncn Orange, der Walzen neben dem Indigo, die Gurke neben der köstlichen Melone. Das Land ist reich an Produkten, mit Ausnahme der Metalle und des Brennholzes. Man baut in Egypten: Reis, Mais, Durrah, Walzen, Gerste, Hirsen, Hülsenfrüchtc, Gemüse, Zuckerrohr, Baumwolle, Flachs und Hans, Scnnc-Mecke (Scnnesblätter), Zwiebeln, Saslor, Indigo, Ja läppe, Kologuinthen, Opium, Tabak, Rübsen, Sesam, Dat- 6 teln, Citronen, Orangen, Oliven, Granatapfel, Bananen, Feigen, Stachelfeigen und Weintrauben. Von Nutzhölzern kenne ich nur wenige : Mimosen, Sy- komonen, Platanen, Akazien und einige andere mehr. In den Gebirgen findet man: Marmor, Alabaster, Granit, köstlichen Porphyr, feuerfesten und andern Thon, Gyps und Kalk, gute Bausteine, Salpeter, Steinsalz und Natron. Auf Metalle baut man nicht. Die Hausthicrc der Egypter sind: treffliche Pferde, gute Maulthiere, Vorzügliche Esel, schönes Rindvieh (unter ihnen der wasserliebende, milchreiche Büffel), Kamele, Ziegen ohne Hörner und mit langen herabhängenden Ohren, kurzen und glatten Haaren, Schafe mit Fettschwänzen, aber grober Wolle (bei den Europäern auch Schweine), Hunde, Katzen, Gänse, Enten, Hühner, Tauben, Bienen undSeiden- würmer. Von den wilden Thieren Egyptcns nenne ich die Hyäne, den Schakal, Fuchs, Luchs, Ichneumon, das wilde Schwein, die Antilope rc. An Vögeln ist unendlicher Reichthum. Unter den Amphibien finden sich sehr giftige Schlangen (z. B. die Brillenschlange), das Krokodil, der Waran oder die Nilcidcchse, viele andere Lazcrtincn, Frösche rc. Man sieht aus dem oben Angeführten leicht, daß der Ackerbau die Grundlage des ganzen egyptischen Wohlstandes ist. Er verdient daher wohl, daß wir uns etwas länger dabei verweilen. Der Ackerbau verhalf dem alten Egypten zu seiner Größe und zu seinem Ruhm, der Ackerbau machte es vollkommen unabhängig von anderen Ländern. Er war von jeher allen Besuchern Egyptcns von höchstem Interesse, weil er unzertrennlich von dem Nil ist, denn gerade so, wie er die Grundlage des egyptischen Staatshaushaltes bildet, ebenso ist der Nil der Quell alles Gedeihens, alles Segens des Ackerbaues. Noch bis heute ist Hcrodot's Befürchtung nicht eingetroffen: „Wenn, wie ich schon zuvor gesagt, das Land unterhalb Mem- fis (denn es ist das, welches so zunimmt) nach demselben Maße, wie in der Vergangenheit, an Höhe zunehmen sollte, werden dann die Egypter, so in diesem Lande wohnen, nicht Hunger leiden? dieweil es weder regnet in ihrem Lande noch sdann späters der Fluß auf die Felder übertreten kann", denn noch heute paßt die von ihm gegebene Schilderung des Ackerbaues auf die jetzigen Zustände des Landes: „Jetzt freilich ernten die Egypter die Früchte ihres Landes mit weit geringerer Mühe und Arbeit, als alle übrigen Völker. Sie brauchen sich nicht zu quälen, Furchen aufzubrechen mit dem Pflug, noch zu hacken, noch mit irgend einer anderen Arbeit, damit andere Menschen auf dem Felde sich quälen, sondern der Fluß kommt von freien Stücken aus ihre Acckcr und bewässert sie wieder, und dann besäet ein Jeglicher seinen Acker und treibet die Schweine darauf, und wenn die Schweine die Saat eingetreten, dann wartet er die Erntezeit ab, und drischt das Korn aus durch die Schweine, und dann bringt er es in seine Speicher." Ganz ähnlich ist es noch heute. Wenn der Lebensfaden des Landes der Pharaonen, der heilige Nil seine trüben Fluthcn über die Ufer schwellt und auf Flur und Feld verbreitet, erweicht und düngt er die ganze Erde und bereitet sie mit eincin Male zur Aussaat, wie zur Ernte vor. Der Fellah, welcher nie einsehen lernte, wie viel Dank er dem Göttlichen schuldet, schreitet über die schlammigen Felder hinweg, sobald er nicht mehr befürchten muß, im Schlamme zu versinken und streut mit freigebiger Hand das Saatkorn in das an Fruchtbarkeit reiche Ackerland. Nun überläßt er die Saat der für ihn schaffenden und sorgenden Natur und kommt wieder, wenn die Sonne die kurzen Halme vergoldet hat und die Aehrcn unter der Last der Körner, gebeugt von der Fülle des Segens, zur Erde sich neigen, um mit kurzer, sä- genartigcr Handsichcl hoch oben am Halme sie abzuschneiden. Mitten im Felde hat er eine Tenne errichtet, auf welcher er die abgeschnittenen Aehren ausdrischt. Hierauf bereitet er das Feld sogleich zur zweiten Aussaat vor, hat dann aber die große Arbeit des Wafferschöpfens, die in manchen Gegenden Egyptens ohnehin 8 das ganze Jahr hindurch anhält und schon zu Moses Zeiten gebräuchlich war: „Denn das Land, da Du hinkommst, es einzunehmen, ist » nicht wie Egyptenland, davon Ihr ausgezogen seid, da Du Deinen Samen säen und selbst tränken mußt, wie einen Kohlgarten" (5. Mos. 11, 10). Ich würde ungerecht sein, wollte ich sagen, der cgyptische Bauer habe immer Nichts zu arbeiten, wollte ich glauben machen, er sei glücklich, so glücklich, wie ihn die allzu gütige Natur wohl gern gemacht hätte. Gehört ja doch das Feld, welches er bewirthschaftet, nicht ihm, sondern dem Bicekönig, ist er ja doch durch die rohe Gewalt der Despotie gezwungen, auf dem ihm vom Vater und Ahn angestammten Erbe wie ein Sklave zu arbeiten und von dem Ertrage seiner Ernte nur ein Fünfthcil für sich zu genießen. Und dann, der freigebige Nil, dieser „Abu el baraka" oder Vater des Segens, ist ja nicht überall in ganz Egyptcn gleich mildthätig und gütig. Da, wo er seine scgenspendcndcn braunen Fluchen nicht hinsenden kann bei seinem niederen Wasserstande, ' soll ja zum zweiten Male und in den höher gelegenen Stellen des Landes das ganze Jahr hindurch gesäet und geerntet werden. ! Am Strome und an den Kanälen, welche das Land nach allen Richtungen hin durchziehen und bei fallendem Nil verdämmt werden, um so noch lange Wasser zu halten, steht er, der braune Sehn des Südens, mit dem Schatuhf oder Schöpfeimer in der Hand, in der glühenden Sonne Egyptens und hebt mit seiner, der unserer tiefen Ziehbrunnen ganz ähnlichen Maschinerie das so nöthige Wasser fünf bis acht Fuß in die Höhe. Ueber ihm steht ein Anderer und über diesem noch Einer oder Zwei und alle verrichten dieselbe Arbeit, so daß der Eimer Wasser oft vier bis sechs Hände durchwandern muß, ehe er oben auf dem dem Felde gleichhohen Ufer anlangt und dorthin abfließen kann. Nur mit einem Schurz um die Lenden bekleidet, giebt er den ganzen übrigen Kör- f per der egyptischen Sonne preis; obgleich der Schweiß in Strö- ' men auf seiner Haut hinabrieselt, verrichtet er singend sein Werk 9 und arbeitet ununterbrochen vier Stunden lang, bis andere Glieder seiner Familie erscheinen, um ihn abzulösen. Besser schon hat es Der, welcher einige Stücke Rindvieh besitzt. Er baut sich eine Sskhie oder ein einfaches Paternoster- schöpfwerk mit Thonkrügen, welches durch Vieh in Bewegung gesetzt wird. Sein kleiner Sohn, der bis zum achten Jahre nackt dahin wandelt, besteigt einen Sitz am Triebrad? des Schöpfwerkes und treibt die Ochsen an. Von drei Uhr Morgens bis zehn Uhr Vormittags und von zwei Uhr Nachmittags bis elf Uhr Abends hört der Reisende das Knarren des Werks; sowohl der Knabe, als auch das Vieh müssen gewechselt werden und nur acht Stunden lang genießen Beide ungestört der Ruhe. Im luftigen, dürftigen Schatten der Palmen liegt der entkräftete Stier während der Mittagszeit wiederkäuend neben dem ermüdeten Knaben und erholt sich von seinem mühseligen Werke. Aufs Neue drückt dann der Fellah das Joch auf den wunden Rücken des geplagten Thieres, von Neuem setzt sich das Werk in Bewegung und sendet ein Büchlein Wasser, welches in künstlichen Leitgräben dahin rieselt, nach dem Felde hin. Mit einem äußerst einfachen Pfluge, an dem ein vorgespannter Ochse durch seine Stätigkeit den Unwillen des neben ihm in's Joch gebeugten störrigen Kamels besiegen muß, zieht der Bauer tiefe Furchen in das fette Erdreich, eggt das Feld dann eben und theilt es mit einer breiten Hacke in quadratische Beete ein, die mit hohen Furchen umzogen werden und das in sie hincingcleitctc Wasser vollständig in sich aufsaugen. Zwischen zwei Reihen dieser Abtheilungen läuft ein Wassergraben hin, der von dem durch das Schöpfrad emporgehobenen Wasser gespeist wird und von dem aus die einzelnen Beete getränkt werden. Der Fellah erscheint, öffnet die Umdämmung mit seiner Hacke und leitet den Erguß des Wassergrabens auf eins der Beete, bis das Wasser vier Zoll hoch über dem Erdreiche steht; dann geht er zum nächsten Beete, verschließt das erstere und verfährt wie vorhin. In einigen Tagen hat er das ganze Feld „getränkt" und es ist gerade wieder Zeit geworden, das Vertrocknete, welches er 10 zuerst bcgoß, von Neuem zu erfrischen. So endet die Arbeit des Begießcns erst mit der Ernte. Dies ist die gewöhnliche Methode, die Felder zu wässern oder, wie der Araber sagt, „zu tränken." Bloß der Reis, den man nur in dem wasserreichen Delta baut, macht hiervon eine Ausnahme. In ihm muß das Wasser fortwährend vier Zoll hoch über der Erde stehen, so daß ein Reisfeld einem wahren Sumpfe gleicht. Waizen, Gerste und Reis werden beinahe auf gleiche Weise ausgedroschen und gereinigt. Das abgeschnittene Stroh wird mit einer eigenen Maschine in „Tibbn" oder Häcksel verwandelt. An einem Gestell befinden sich nämlich mehrere drehbare Walzen mit runden eisernen Scheiben von einem Fuß im Durchmesser, welche an ihrem Umfange scharf geschliffen sind und das Stroh zerschneiden, wobei zugleich die Körner mit ausfallen. Diese Maschine wird auf Achsen bewegt und auf der ganzen Tenne im Kreise herumgefahren. Die Körner befreit man während eines heftigen Luftzugs dadurch von der Spreu, daß man sie in die Höhe wirst. Der Wind führt die Spreu fort, die Körner und alles andere Schwere fällt gerade herab auf den Boden. Das so gereinigte Getreide speichert man unter freiem Himmel auf mächtige Haufen, ohne befürchten zu müssen, daß es Schaden nehmen könne. Die Zeit der Ernte ist in Egypten sehr verschieden, weil sie sich an vielen Orten nach der willkürlich vorgenommenen Aussaat richtet. Waizen und Gerste (Roggen und Hafer kennt man nicht) werden im April gcerntet, der Reis im Oktober, weil erstere nach der Ucberschwcmmung, letzterer aber schon vor der lleber- schwcmmung — im Juli und August — gesäct wurde. Man kann annehmen, daß jährlich zwei Aussaaten stattfinden, die erste im November und Dezember, die zweite im April und Mai. ES giebt aber nicht einen einzigen Monat im Jahre, in welchem nicht eine Getreide- oder Fruchtart eingeerntet wird. Die Behandlungs- wcisc der verschiedenen Fruchtarlcn vor und nach der Ernte ist sehr verschieden. Die Dürr ah oder der Moorhirse und der Mais (Dur- rah schahmi) werden fast nur künstlich durch Maschinen bewässert und zu derselben Zeit als Gerste und Walzen gebaut. Nach der Ernte löst man den Mais mit den Händen von den Fruchtkolben ab, reinigt ihn, wie eben beim Walzen beschrieben wurde, und speichert ihn eben so auf; die Kolben dienen als Brennmaterial, die Blätter der Stauden als Vichfutter oder zur Ausfüllung von Matratzen rc., die Durrah, Bohnen und Linsen drischt man mit Dattelästen aus. Melonen, Kürbisse und Gurken zieht der Fcllah im März, April, Mai und Juni auf vom Wasser entblößten Sandbänken im Nilc, den Tabak und häufig auch Mohn und Salat baut er an den schlammigen, abhängigen Ufern des Stromes, dcn Nargileh- oder Wasscrpfeifentabak (Tümbuhkh) aber auf großen ebenen Feldern, wie auch die schmackhaften, süßen und in üppiger Fülle gedeihenden Zwiebeln. Beide Tabakssorten werden halb dürr abgeschnitten, auf Haufen geworfen und getrocknet, ohne daß man sie beizt oder weiter zubereitet, wie es in Syrien mit dem feineren Tabak, z. B. dem köstlichen Djebcli, geschieht, der unter Anderem lange geräuchert wird. Das Zuckerrohr wird hauptsächlich in Obcregypten gebaut. Hier haben die Söhne Jbrahihm-Pascha's, wie schon früher ihr Vater, bedeutende Zuckerfabriken errichtet, welche guten Zucker, jedoch zu ziemlich hohen Preisen liefern. Für diese Fabriken bauen jetzt ganze Dorfschaftcn nur Zuckerrohr. Da dasselbe erst im zwölften oder vierzehnten Monat seine völlige Reife erlangt und fortwährend sehr viel Wasser bedarf, würde es fast unmöglich sein, die großen Felder mit gewöhnlichen Schöpfrädern zu bewässern. Man stellte deshalb Dampfmaschinen von dreihundert und mehr Pferdekraft auf, welche die Zuckerrohrdickichte unter Wasser setzen. Diese Einrichtung hat sich bewährt, denn es fallen viele zufällige störende Einflüsse, wie sie bei Betreibung der Schöpfräder Lurch Vieh leicht vorkommen können, hier weg. Man heizt die Dampfmaschinen mit ausgequetschtem und gedürrtem Zuckerrohr, Stcppcngrase, Baumwollenstauden und Baumwollcnkörncrn. Letztere heizen vorzüglich gut, sie sind sehr ölig und geben ein langsames, aber starkes und anhaltendes Feuer. Jbrahihm Pascha war unstreitig der 12 erste Landwirt!) Egyptcns; er erkannte, aus welche Art in Egyptcn wirklicher Nutzen zu erringen sei und wurde reich. Nach seinem Tode hinterließ er seinen drei Söhnen ein kolossales Vermögen. Jeder von diesen Dreien ist an und für sich weit reicher, als der Vizekönig. Die Kultur der Baumwolle und des Zuckerrohrs trägt dem Pascha enorme Summen ein. Aber auch in den übrigen Theilen des Landes wird das Zuk- kerrohr gebaut, denn die Egypter saugen sehr gern den süßen Saft desselben aus. Deshalb findet man auch bei allen größeren Städten Egyptcns Zuckerrohrfelbcr zum Bedarf der Einwohner. Man sieht oft einen Fcllah neben seinem mit Zuckerrohr beladenen Kamele durch die Straßen ziehen und die Waare feil bieten. TaS Volk tritt herzu und kauft einzelne Stengel, die nach der Größe theurer oder billiger sind und gewöhnlich von zwei bis fünf Pfennigen kosten. Der Fcllah schält daö Rohr nun sogleich mit seinem trefflichen Gebiß und saugt gierig den Saft. Ich konnte dieser Leckerei nie Geschmack abgewinnen. Die Ernte des Zuckerrohrs auf den großen Feldern in der Nähe der Fabriken ist sehr einfach. Der Fellah schneidet das Rohr dicht über der Erde ab, entblättert es und beladet die Kamele damit. Man sieht oft Züge von zwanzig bis dreißig an einander gebundenen Kamelen mit einer schweren Tracht des gewichtigen Rohres der Fabrik zugehen, wo es, ohne Verzug unter die durch Dampfkraft bewegten Walzen gebracht, so stark gequetscht wird, daß es diese völlig trocken verläßt und wenige Tage später zur Feuerung benutzt werden kann. Ein noch wichtigeres Erzeugniß Egyptcns, als das Zuckerrohr, ist die Baumwolle, „Khutrn". Sie bedarf weit weniger Wasser als dieses, aber größere Sorgfalt. Alle drei Jahre erneuert man die Stauden, jätet auf dem Felde während der ganzen Zeit ziemlich sorgfältig alles Unkraut aus, lockert die Erde um die Stauden herum mehrere Male aus und beschneidet die üppigen Auswüchse des Gewächses. Wenn die Staude einmal eine gewisse Größe erreicht hat, blüht und trägt sie das ganze Jahr hindurch. Dann werden regelmäßig alle sechs bis acht Tage die reifen Sa- 13 menkapscln eingesammelt. Man rechnet, daß jede Staude jährlich ungefähr zwei Pfund Baumwolle erzeugt. Die eingetragenen Kapseln werden auf Haufen geschüttet; später ziehen die Frauen der Fellahihn die Baumwolle aus ihnen heraus und trocknen sie an der Sonne. Nachdem sie recht trocken geworden ist und sich möglichst ausgedehnt hat, läßt man sie zwischen zwei Walzen von geringem Durchmesser, welche die Körner abstoßen, hindurch gehen. Außer der bereits erwähnten Verwendung der letzteren bereitet man auch noch ein gutes Brennöl aus ihnen. Ein sehr gewinnbringender Handelsartikel Egyptens ist auch das Opium, arabisch „Aafsiuhn" genannt. Daß es aus Mohnsaft bereitet wird, ist bekannt, weniger vielleicht, wie die einfache Bereitung desselben vor sich geht. Wenn der blühende Mohn dem trunkenen Auge seine ganze Pracht entfaltet (in Egpptcn im März, April und Mai) und einzelne Pflanzen schon Samenkapseln angesetzt haben, durchwandelt der Fcllah mit einem breiten, mciselartig geformten Messer die ganze Saat, nimmt die halbgerciften Samenkapseln und macht mit der einen Ecke seines Messers einen, zwei oder auch drei Einschnitte rund um die Kapsel herum. Der aus- fließende klebrige Mohnsaft bleibt an der Kapsel hängen, verdickt an der Luft und nimmt erst eine gelbe, dann eine immer dunkler werdende Farbe an. Am folgenden oder dritten Tage schabt der Bauer den her- ausgeronnenen Saft mit seinem Messer ab und bewahrt ihn als fertiges Opium auf. Außer diesem wohlthätigen Arzneimittel erwähne ich nur noch die Rosengärten und Felder bei Fajum, wo viel Nosenwas- ser gewonnen wird, mit welchem der lurusliebende Orientale sich, seine Kleider, Teppiche und Zimmer besprengt. Das Rosenwas- ser ist wohl zu unterscheiden von dem Rosenöle, denn dieses wird selbst für Egypten aus Tunis bezogen. Der Indigo wird in Egypten auf sandigen Feldern gebaut. Die Araber verbrauchen den gewonnenen Farbestoff (Nihle), zum Färben ihrer dunkel- oder hellblauen Kleider. Der Flachs gedeiht ausgezeichnet gut und erreicht eine Länge, die man in Europa vergebens zu erzielen wünscht. 14 Aus dem Hanf wird eine narkotische Substanz, der Haschiesch gewonnen, deren Genuß einen starken Rausch und sonderbare Gebilde der Phantasie hervorruft. Der Haschiesch ist wohl zu unterscheiden vom Opium, dessen Genuß eine ganz andere Wirkung hervorbringt. Einer, der Haschiesch genießt, wird „Haschasch" genannt und ist allgemein verachtet. Haschasch ist ein so großer Schimpfname für einen strenggläubigen Mahammcdaner, daß er den Beleidiger beim Khadi verklagt. Feigen, Aprikosen, Bananen (die feinste Frucht, welche ich kenne), Khischta (eine ananasähnliche, aromatische und geschmackvolle Baumfrucht), Citronen, Orangen, Weintrauben u. s. w. sind einzig und allein Erzeugnisse der Gärten. Weit wichtiger als diese leckeren Früchte ist für den Bewohner Nord-Ost- Afrika's die Dattelpalme. Welch' schöner, herrlicher Baum ist doch die Palme! Schon der Name des königlichen Gewächses ist Poesie. Die Palme ist uns ein fast heiliger Baum; sie ist uns ein Symbol des Friedens und des Heils. Die stille Würde des hohen, majestätischen Baumes mit seiner prächtigen Krone, seinen goldenen und purpurnen Fruchttrauben, an denen oft über zweitausend Datteln hängen, ruft in der Brust eines jeden fühlenden Menschen einen mächtigen und doch höchst angenehmen, lieblichen Eindruck hervor. Was wäre ein orientalisches Bild ohne die Palme?! Sie erst giebt ihm wahres Leben , sie erst rahmt das Ganze passend ein; sie erst kräftigt und stärkt das glühende Kolorit der südlichen Landschaft. Wenn um das schlanke Minaret, um die weißgetünchten Häuser mit den sarazenischen Erkergittern sich Palmen gruppiren, dann erst fühlen wir das fremdartig Schöne des morgenländischen Panoramas, dann erst empfinden wir in seiner wahren Stärke seine ganze Lieblichkeit und Anmuth. Und wie anspruchslos ist die Palme! Sie gedeiht, blüht und reift im dürren Sande. Man glaube nicht, daß der Araber nicht auch den Werth seiner Palme erkenne. Seine Poesie ist ihr Bild. Denn gleichwie die Palme, dem Sande entstammend, im goldncn Sonnenlichte goldne Früchte reifen läßt, so entsproßt auch die arabische Dichtung einem gar dürren Boden, breitet und 15 reckt sich aber mächtiglich und sendet ihre strahlenden Zweige frucht- bchangen weit hinaus. Er vergleicht seine Geliebte mit dem König der Bäume: „Sie ist wie eine Palme schlank"; er vergleicht mit ihr sein Weib, die Mutter seiner Kinder: „Sie ist so fruchtbar wie die Palme!" ja, er kennt die ganze Wichtigkeit der Palme, das beweist schon der herrliche Mythus, den sein dichterischer Geist erschuf. Nur wenig Worte hat ihm sein Khorahn überliefert *') und aus diesen wenigen Worten entstand eine liebliche Sage, aus einigen Fäden ein schimmerndes Gewand. Und wie immer, so auch hier, hat er auf die unerforschten Geheimnisse der Natur gelauscht und mit getreuer Benutzung Dessen, was er betrachtet, eine anmuthige, freundliche Erzählung gegeben, wie es kam, daß der Palmcnbaum jetzt Früchte trägt, Früchte, die das Gebet einer Frau ihm geschenkt: „Die von dem Mahammedancr so hoch verehrte Jungfrau Maria langt mit ihrem Kindlein auf ihrer Flucht nach Egypten in dem Palmcnlande an. Nebcrstandcn ist der größte Theil der mühseligen Reise der Armen, aufgezehrt aber auch ihre Nahrung; und geschwächt von dem Wüstenwcgc, verbrannt von den Strahlen der nie verhüllten Sonne, mit versengten Füßen, denen der glühende Sand bei jedem Schritte neue Schmerzen bereitet, bricht sie in einem Palmcnhaine müde und kraftlos, hungernd und dürstend zusammen. Doch nicht verzweifelnd richtet die hohe Frau ihre Blicke nach Oben; ihr klares Auge fleht fromm zu dem ewigen Vater, zu dem Beschützer der Ermatteten, Kranken und Hülflvsen und er, der Allgütige, erhört Las Gebet der beängstigten Seele der verschmachtenden Frau." „Siehe, zwischen den langgestieltcn Blättern hervorbricht eine *) Sure 19, Vers 23—26: „Einst befielen sie (die heilige Marie) die Wehen der Geburt bei einem Palmenbaume, da sagte sie: O wäre ich doch längst gestorben und ganz vergessen! Da rief eine Stimme unter ihr: Sei nicht betrübt, schon hat der Herr zu Deinen Füßen ein Büchlein fließen lassen und schüttle nur an dem Stamme des Palmenbaumes und es werden reife Datteln auf Dich herabfallen, die werden Dich nähren und tränken nnd Deine Thränen trocknen-" 16 keimende Schote und zeigt zerspringend der Hoffenden die goldene Blüthentraube der Dattel. Und die Knospen werden zu Blüthen, die Blüthen fallen ab und überschütten sie mit ihrem goldenen Samenstaube und wo sie abgefallen, schwillt es und wächst es; an der Stelle, wo sie geblüht, hängen grüne Früchte, die sich in wenig Augenblicken purpurn färben und neues Wachsthum fördert die Reife. Ehe die Heilige noch an Erhörung geglaubt, sind die Früchte gereift und saftig und süß; nährend und tränkend zugleich, fallen sie der durstigen Frau in den Schoos und erquicken sie und ihr Kindlcin." Aus der sinnigen, dichterischen Auffassung dieser Sage erkennt man leicht, wie sebr der Araber seine Palme zu würdigen weiß. Aber sie ist ihm auch sehr wichtig. Während ihm die Frucht die Zeit der Reife hindurch in manchen Gegenden fast das einzige Nahrungsmittel liefert, ist sie getrocknet ihm unentbehrlich auf seinen Reisen; selbst seine Hunde fressen sie gern. Getrocknete Datteln kann man Jahre lang aufbewahren; frisch in Zicgcnhäute gepackt und gepreßt, halten sie sich nicht so lange, bleiben aber saftiger und wohlschmeckender; in Zucker eingesotten ist die Dattel ein unübertrefflicher Leckerbissen. Die Blüthe der Palme fällt in die Monate April und Mai. Es giebt Bäume, welche nur männliche und andere, welche nur weibliche Blüthen hervorbringen; deshalb muß der Araber die letzteren durch die ersteren künstlich befruchten. Die männliche Blüthe ist eine prachtvolle goldgelbe Traube mit reichlichem Samenstaube. In den Monaten August, September und Oktober beginnt die Reife der Datteln. Ein einziger Baum ist oft mit zwanzig Fruchttraubcn beladen, von denen jede durchschnittlich wenigstens fünfzehnhundert Datteln trägt. Man kennt gegen vierzig verschiedene Dattclsortcn. Ist nun schon die Frucht der Palme wichtig, so ist es eben so sehr der Baum selbst. Nicht ein Stückchen verliert der Araber unbenutzt von ihm. Er spaltet die einzelnen Blätter, um Körbe und Matten aus ihnen zu flechten, verarbeitet seine Blattstiele (Djeried) zu „Khafaß", dreht seine Fasern zu Stricken, klopft *) DaS bedeutet „das Entlaubte." Von derselben Wurzel ist 17 die dicken Enden der Blattstiele zu Besen, von denen er das Stück zu einem Pfennig verkauft und verwendet die Stämme zum Baue seiner Schöpfender, Brücken und Häuser. Bloß als Brennholz kann er den Stamm nicht benutzen, denn starkes Palmenholz brennt schlecht oder gar nicht. Kurz, die Dattelpalme ist dem Araber so wichtig, daß manche Stämme seines Volkes kaum leben könnten, wenn sie dieselbe nicht besäßen. Unter den Hausthieren der Egypter steht das edle Pferd oben an. Es ist von einer vortrefflichen und großen Ra<;e, wenn auch nicht reines, arabisches Vollblut. Die ächten, arabischen Pferde, deren Stammbaum mit gewissenhafter Genauigkeit von Stute zu Stute bis zu der Urmutter aller arabischen Vollblutspferde oder Khohhehli der Stute, auf welcher Mahammed ritt, hinaufreicht, sind fast allein im Jemen und dort nur zu enormen Preisen zu finden. Selbst der Vicckönig besitzt nur wenig ächt arabische Pferde, obgleich er eine in jeder Art ausgezeichnete Stuterei hat. Die Beduinen halten viel auf gute Pferde, sie sammeln und sparen Jahre lang, um sich ihr Ein und Alles, ein Roß zu erschwingen. Die egyptischen Pferde sind nicht so ausdauernd, als die der Beduinen oder die ächt arabischen; letztere scheinen erst neues Leben zu bekommen, wenn sie den Sand der Wüste unter ihren Füßen fühlen. In Egypten nährt man die Pferde acht Monate lang im Stalle, die übrigen vier Monate bringt man sie auf die Weide. Wiesen hat man nicht, dagegen aber ausgedehnte, üppige Kleefelder. In diesen pflöckt man die Pferde reihenweise mit Büffeln, Djerahd, die Heuschrecke, abgeleitet und bedeutet wörtlich „das Entlaubende." *) Von „Khohh", rein, ächt, »«vermischt. Die Araber haben viele Namen für das Pferd. Ein halbedles Roß nennt man Hossahn, Pferde überhaupt Shell, ein Reisepferd Maracha oder Rachwahn. Die Stute beißt Fsrräs, das Fohlen Möchdr. 2 18 Ziegen und Schafen an und läßt sie so viel Grünes fressen, als sie gerade wollen. Die Maulthiere (Barhele, Plur. Barhahl) sind große, r aber ebenso störrische Thiere, als die unseren und werden gewöhnlich zum Lasttragen benutzt. Weit besser sind die Esel (Humahr, Plur. Hu in ihr). Der egyptische Esel ist ein treffliches Thier und ebenso reich an Vorzügen, als sein nordischer Gattungsverwandtcr an Untugenden. Er ist von Mittelgröße, sehr ausdauernd, fleißig und dabei äußerst genügsam. Abends und des Nachts sein Hauptfuttcr, harte Buffbohncn erhaltend, empfängt er bei Tage nur dann und wann ein Bündel frischen Klees oder eine Handvoll Bohnen. Dabei muß er tüchtig arbeiten. „Etwas Nutzbareres und Braveres von einer Kreatur, wie diese Esel", sagt Goltz, „ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Eremplar, das oft nicht größer, wie ein Kalb von sechs Wochen ist und setzt es in Galopp. Diese schwachgebauten Thiere gehen einen trefflichen Paß (einen Halbtrab); wo sie aber ' vollends die Kraft hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trabe und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus, in die Eselmysterien zu gehen, die auch noch ihren Esel-Sue bekommen müssen, wenn Gerechtigkeit in der Weltgeschichte ist." Ihr kurzer Galopp ist so angenehm, daß man wohl schwerlich ein bequemeres Rcitthicr finden kann. Man verschneidet den Reitescln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, wodurch es das Ansehen des glatten und weichen Pfcrdehaares erhält, und läßt es nur an den Schenkeln länger stehen; hier werden noch besondere Figuren und Schnörkel Angeschnitten. Die Miethest! in großen Städten tragen einen gepolsterten Sattel von ganz eigenthümlicher Form mit zwei Steigbügeln, an denen sich die Sporen befinden, und einen einfachen Zaum. Für die Esel einer guten Ra^e wird in Egypten oft ein höherer Preis bezahlt, als der unedler Pferde ist. Unter dem Rindvieh giebt es mehrere Arten. Ich nenne zu- 19 erst den Wasserbüffel (Djamiihs). So grimmig und wüthend ein solches Thier auch aussteht, so sanft und gutmüthig ist » es. Der Büffel ist wegen seiner Dummheit und Faulheit nur zu Wenigem abzurichten, am allerwenigsten zum Ziehen. Der Fellah benutzt ihn zur Gewinnung der Milch, denn diese giebt er sehr reichlich und gut, oder zum Lasttragen, z. B. um Futtcrklee von dem Felde nach Hause zu schaffen. Weiber und Kinder sieht man oft aus dem Rücken der Thiere reitend über den Nil setzen. Der Büffel schwimmt vortrefflich und liebt das Wasser ungcmcin. Man sieht ihn täglich mehrere Stunden behaglich im Nike oder in einer Wasserpsütze liegen; er taucht dabei seinen ganzen Körper unter das Wasser und schaut nur mit den Augen heraus. Seine Nahrung ist das grobe, saure Gras auf überschwemmten Plätzen oder in Sümpfen, welches alle anderen Thiere verschmähen; er ist höchst anspruchslos und nimmt mit dem Schlechtesten vorlieb. Deshalb schätzt ihn der Fellah und zählt ihn mit Recht unter die nützlichsten Hausthiere. Zum Betriebe der Schöpfräder gebraucht man in Egyptcn gewöhnlich starke, große, den unsrigcn ganz ähnliche Ochsen, fast nur von brauner Farbe. Den Hö ckcrsticr des Sudahn (Thohr) hat man auch eingeführt, doch ist er ziemlich selten. Das Fleisch des Rindviehes wird in ganz Nord-Ost-Afrika dem der Schafe nachgestellt; es ist in der That gewöhnlich hart und zähe. Die egyptischen Z iegcn gehören einer ganz eigenen Ra^e an. Sie sind von mittlerer Größe, haben weiches Haar, lang herabhängende, unten breitere Ohren, eine auffallend vorspringende Unter- kinnlade und gebogene Nase. Das große Euter hängt fast bis zur Erde herab. In größeren Städten giebt es Frauen, welche einzig und allein von einigen Ziegen leben. Mit diesen ziehen sie am Morgen durch die Straßen und fordern mit dem von Zeit zu Zeit wiederholten Rufe, „Leb den halieb" (süße Milch) zum Milch- kaufe auf. Wer kaufen will, tritt aus dem Hause heraus und läßt ein gewisses Quantum melken, welches er frisch aus dem Euter bekommt. Diese Einrichtung hat viel Vortheilhaftes, denn man ist sicher, gute und unverdünnte Milch zu erhalten. 2 * 20 Von Schaft» kennt und hält man vorzüglich zwei Arten: die eine ist den unsrigen ähnlich und besitzt lange, aber etwas haarige Wolle, die andere ist glatthaarig und hat den großen Fett- schwanz. Ost wird dieser zehn Pfund schwer und gilt dann für einen ausgesuchten Leckerbissen. Die Felle der Schafe werden entweder zu dem rothen oder gelben Saffian für die türkischen Schuhe verarbeitet oder mit den Haaren gegerbt und dienen dann zur Unterlage auf Rcitsätteln. Man liebt bei solchen „Farroaht" eine brennend rothe oder dunkelblaue Farbe. Zwar beansprucht die Regierung alle Felle der in ganz Egypten geschlachteten Thiere als eine Art Schlachtsteuer, nimmt es aber mit Dem, der diese Verordnung übertritt, nicht gerade sehr genau. Ich habe schon früher bemerkt, das das cgypirsche Kamel als Art von dem des Sudahn verschieden ist. Die Zahl der Kamele ist in Egypten geringer, als in Nubien und Sudahn, noch immer ist es aber auch da das einzige Lastthier, welches zu Waarentransportcn innerhalb des Landes gebraucht wird. Zu Wü- stenrci'sen wählt man in Egypten gewöhnlich die Kamele der Beduinen, welche sich das ganze Jahr hindurch mit ihren Thieren in der Nähe der größeren Städte aufhalten, um auf Reisende zu warten. In seiner Lebensart und seinem Betragen ähnelt das cgypti- sche Kamel ganz dem des Ost-Sudahn. In allen Dörfern Egyptcns findet man die Haushunde in großer Anzahl. Sie sind flinke und wachsame, aber röthliche, häßliche und pöbelhafte, ihren nordischen Gattungsverwandtcn weit nachstehende, unreinliche Thiere und flegelhaft, wie der Fellah selber. Viele laufen halb wild im Lande herum, graben sich in den Schutthaufen in der Nähe der Städte Höhlen und Wölfen auch dort. Die Jungen wachsen dann ebenso wild auf, wie ihre Alten, kläffen den Fremden an und ziehen sich, wenn sich derselbe umwendet , sogleich feig zurück. Der Mahammedancr hält eS für Sünde, eins dieser Thiere zu tödten oder zu beleidigen. Man findet deshalb oft räudige und kranke Hunde im größten Elende auf der Straße liegen, ohne daß eine mitleidige Hand sich fände, ihrem erbärmlichen Dasein ein Ende zu machen. Es ist ein wahres Glück, 21 daß diese Hunde fast nie oder nur äußerst selten der Wasserscheu ausgesetzt sind, immerhin ist es aber für den Fremden rathsam, jeden auf ihn eindringenden Hund todtzuschießcn. Da sie keinen eigentlichen Herrn haben, sondern frei herumlaufen und sich von Aas, Unrath und den Abfällen in den Straßen nähren, zieht ein solches Verfahren nicht die geringste Unannehmlichkeit nach sich und man ist auf jeden Fall vor einer solchen Bestie gesichert. In den Städten halten alle Hunde einer Straße unter sich zusammen und fallen sogleich über einen fremden Hund her, wenn er in ihre Straße kommt. Obcrcgypten besitzt gute zottige Schäferhunde, sogenannte „Armenti" (weil sie hauptsächlich in dem Dorfe Arment gezogen werden), die sich sowohl durch ihre Gestalt, als auch durch ihre Klugheit vor allen übrigen auszeichnen. Die Katze ist als Hausthier durch ganz Egypten verbreitet, wenn auch nicht in dem Maaße, wie bei uns. An Geflügel scheint der Egypter großen Gefallen zu finden. Gänse und Enten werden weniger gehalten, um so mehr aber Hühner und Tauben. Noch von den Zeiten der Pharaonen her versteht man die Kunst, Hühnereier in Brütvfen auszubrüten. Die berühmtesten und größten dieser Anstalten sind die des Alt-Kairo gegenüberliegenden Dorfes Djieseh. Außerdem finden sich aber auch in anderen Theilen des Landes Brütöfcn, im Ganzen ungefähr vierzig. Es sind verschlossene Gebäude mit kleine» Oesfnungen zum Hineinkriechen. In der Mitte läuft ein Gang, an dessen beiden Seiten sich kleine Kämmcrchcn befinden, durch die ganze Länge des Gebäudes. Die Kämmerchen sind die eigentlichen Oefen und durch beliebig zu verschließende Oesfnungen in Verbindung gesetzt, damit eine gleichmäßige Wärmevertheilung stattfinden kann. Jedes Kämmerchen ist mit einer Rinne umgeben, in welcher das Feuer angezündet und unterhalten wird. Die erforderliche Temperatur zum Ausbrüten beträgt ungefähr 30" Reaum.; durch langjährige Uebung weiß der bei dem Ofen angestellte Araber diese Wärme ohne Thermometer fortdauernd zu unterhalten. Auf die erpichte Erdfläche in der Mitte eines jeden der Kämmerchen legt mau über eine Unterlage von Mist ungefähr tausend Eier, wendet sie von Zeit zu Zeit leise um und sucht ängstlich jedes Geräusch zu verhindern. Nach drei Wochen schlüpfen die jungen Hühnchen aus dem Ei und werden dann noch mehrere Tage in der Wärme des Ofens gefüttert. Man nimmt gewöhnlich an, daß 70 Prozent der eingelegten Eier auskommen; von diesen erhält der Eigenthümer der Eier 30 bis 40 Prozent, die übrigen gehören dem Unternehmer, resp. dem Pascha. Es ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, daß die in Brütöfen ausgekommenen Hühner nie die Größe derer erlangen, welche auf natürlichem Wege ausgebrütet wurden, sie bleiben klein und legen auch kleine Eier. Diese sind nicht geeignet, wieder in Brütöfen eingelegt zu werden, denn sie sind unfruchtbar. Nur Eier von Hühnern, welche auf natürlichem Wege ausgebrütet wurden, erzeugen im Brütöfen junge Hühner. So bleibt das Eingreifen des Menschen in die ewigen, unerforschlichen Geheimnisse der Natur immer nur Stückwerk. Außer in den großen Städten sinldPie Hühner und ihre Eier (ein gewöhnliches Nahrungsmittel aller Nlleeisenden) in Egypten sehr billig. Man kauft in Ober- und Unteregypten ein Huhn für 2 bis 3 Silbergroschen, in dem Städtchen Djirdjeh, in Ober- egyptcn, erhielten wir einmal für 2 Silbergroschcn 120 Hühnereier. Der Fellah baut für die Hühner keine besonderen Ställe, sondern läßt sie ihre Eier dahin legen und da schlafen, wo sie w ollen. Um so größere Sorgfalt verwendet er auf die Wohnungen der Tauben. In Unteregypten baut man ihnen eigene Thürme zum Nisten, in Obercgypten hat man ihnen gewöhnlich das oberste Stockwerk der Fellahhütte eingeräumt und dieses mit größerer Genauigkeit ausgeführt, als die Wohnung des Fellah selbst. Es ist aus lauter länglichen Krügen ausgemauert, deren Boden durchbrochen ist. Das Ganze ist durch Lehm verbunden und die Wand zugleich der Wohnplatz der Tauben; jedes Paar bewohnt einen der Krüge. Die Wand ist ein Vereinigungspunkt des regsten Lebens. Die Oeffnung der Krüge, von denen einer wagerecht auf dem an- 23 deren liegt, ist nach innen, der durchbrochene Boden nach außen gerichtet, damit fortwährend ein geeigneter Luftzug in dem Gebäude stattfinden kann. Jeder der einzelnen Kruge ist geräumig genug, ein Rest in sich aufzunehmen. Besondere Oeffnungen dienen zum Ein- und Ausstiegen der Tauben in das Gebäude, um web ches noch Reihen von dicht an einander stehenden, wagerccht eingemauerten Reisern herumlaufen, um den Tauben in der Sonne Ruheplätze zu bieten. Ein auf solche Art gebautes Dorf gewährt einen höchst originellen, aber sehr malerischen Anblick. Außerdem hat man in manchen Dörfern auch noch besondere Taubenschläge, kleine backofenförnige Lchmgebäude mit zwei Oeffnungen, in welchen immer nur ein Paar Vögel brüten können. Inwiefern Ackerbau und Viehzucht in Nubicn und Sudahn von denen in Egypten verschieden sind, erkennt man leicht aus den im ersten Bande flüchtig gegebenen Mittheilungen. Auch in Nubicn hängen Ackerbau und Viehzucht unmittelbar mit den Segnungen des Nil zusammen; er ist der Quell alles Lebens. Dies erkannte der alte Egypter besser, als der heutige Araber. Jener verehrte den Fluß wie eine Gottheit und sah ihn als den Erzeuger aller anderen Gottheiten des Landes an. Ehe sein Anschwellen begann, feierte man ihm große Feste, opferte ihm schwarze Stiere und streute Lotosblumen in seine Fluthcn. Die große Stadt Mem- phis hieß die Tochter des Stromes, dem man nicht nur einen Tempel gebaut hatte, sondern den man auch bildlich darzustellen suchte: die kolossale Statue eines Flußgottes, ruhend auf einer Sphinr, um welche sechzehn Kinder spielen, als Symbol, daß er sechzehn Ellen hoch steigen müsse, um für Egypten wahrhaft segenspcndend zu werden. Der heutige Araber ehrt den Nil auch, doch nicht so, wie er es verdient. Jetzt ist der Durchschnitt des durch Kairo fließenden Kanals, ,,Khaliedj," das einzige Fest, welches man, so zu sagen, dem Nil zu Ehren feiert. Die Anschwellung des Nil wurde lange für mysteriös gehalten, und noch vor wenigen Jahren erzählte ein Rcisebeschreiber, daß die egyptischcn Astronomen ,,den 24 Zeitpunkt, wann der Nil zu steigen anfange, fast bis zur Minute auszurechnen wüßten." Es sei der 17. Juni. Die Araber gaben diesem Tage, oder vielmehr dieser Nacht, den Namen: „Teilet ei nukktlm," die Nacht des Tropfens. Jeder, der darüber nachgedacht, wie das Steigen und Fallen des Nil sich zutragen kann, und nur einigermaßen die Gesetze der Natur berücksichtigt hat, sieht das Ungereimte einer solchen Behauptung leicht ein, auch ohne die wahren Ursachen des veränderlichen Wasserstandes des Ricsenstro- mes zu kennen. Wir wissen, daß der Nil durch das im Sudahn und in Abyssinicn während des Charief oder der Zeit der tropischen Gewitterregen aus den Wolken herabstürzende Wasser geschwellt wird. Der, welcher nur einen tropischen Regenguß gesehen hat, kann beurtheilen, daß während des Charief genug Wasser auf die Erde fällt, um selbst dem Nil eine zehnmal größere Wassermenge zu ertheilen, als er in seinem niedrigsten Stande besitzt. Man kann wohl annehmen, daß der Nil überhaupt sein Bestehen nur den tropischen Gewittern zu verdanken hat, denn diese sind es, welche alle in der trockenen Jahreszeit fließenden Quellen gespeist haben. Aber so wenig man in Europa den Tag voraus- bestimmcn kann, an dem sich ein Gewitter entladet*), ebenso wenig kann man es bei den Regengüssen der Tropen. Wenn man also nun die Ursachen nicht berechnen kann, wie ist man iin Stande, die Wirkung genau anzugeben? Die Regenzeit des Ost-Sudahn tritt in gewissen Monaten ein, folglich muß auch das Steigen des Nil während einer gewissen Periode beginnen, und diese trifft in der That für Egypten in die Mitte oder das Ende des Juni. Im Anfange geht das Steigen des Stromes sehr langsam, je mehr er aber an Größe zunimmt, desto schneller steigt er auch. Zuletzt, d. h. gegen die Mitte des September, steigt der Nil täglich mehrere Zolle. Schon zu Ende Augusts tritt er an mehreren *) Ich brauche hier wohl nicht zu erwähnen, daß die Annahme, „ein Gewitter hundert Tage nach einem Märzennebel zu bestimmen," nur höchst problematisch sei» kann. lleberdieß bezieht sich eine derartige Annahme auch bloß auf die Gegend, in welcher der Nebel sichtbar gewesen ist. Orten über seine niedrigen Ufer. Man hat alle Kanäle geöffnet und das Wasser überschwemmt das ganze Land. „Wenn der Nil über das Land tritt," sagt Herodot von dieser Zeit, ,,so sieht man weiter Nichts, als die Städte, die über das Wasser hervorragen, beinahe wie die Inseln im ägäischen Meer. Das ganze übrige Eghptenland ist eine offenbare See, und nur die Städte ragen hervor. Sie schiffen auch, wenn dieses geschieht, nicht in dem Bette des Flusses, sondern mitten durch das Feld." Wenn der Nil zu steigen beginnt, fängt für die Araber eine fröhliche Zeit an; sie glauben, daß dann alle Krankheiten aufhören. Diese Annahme ist nicht ganz unbegründet. Zu Ende Augusts weichen die heißen, ungesunden Südwinde den frischen Nordwinden, zugleich drückt die Ausdünstung der mehr als zehnfach vergrößerten Wassermasse die Temperatur bedeutend herab und nach der Hitze des Sommers tritt eine wohlthuende und erfrischende Kühle ein, welche die Krankheiten zu schwächen scheint. Gleichwohl will man auch beobachtet haben, daß die Pest gewöhnlich mit dem Steigen des Nil ihren Anfang nähme. Immerhin aber ist diese Zeit ganz geeignet, in der Brust des Menschen frohe Empfindungen hervorzurufen. Wenn in Egypten nach dem die Pflanzen dörrenden Cha- masihn die Fluchen des heiligen Nil steigen und schwellen, da schwillt auch das Herz mit in der Brust. Am oberen Ende der Insel Roh da, gegenüber Alt-Kairo, befindet sich der allberühmte Nilmcsser, eine achteckige Säule mit gewissen Einthei- lungen, deren Einheit ungefähr 1^ Fuß beträgt und wieder in kleinere Theile zerlegt wurde. Er ist mit einer halbrunden, mit Zu- gangslöchcrn durchbrochenen Mauer umgeben, damit das hineinge- tretene Wasser einen ruhigen, von keinem Winde bewegten Spiegel bilden und genau gemessen werden kann. Es ist eine altegyp- tischc Sitte, die sich noch im Volke erhalten hat, daß eigene Ausrufer bestellt sind, welche den Wasserstand des Nil in blumenreicher Rede und mit Lobsingen Allah's und seines Propheten dem Volke bekannt machen, wofür sie von Manchem der Hörer mit einigen Paras belohnt werden. Der Spiegel des niedrigsten Wasserstandcs des Nil bei Kairo liegt sechzehn pariser Fuß über dem Spiegel des 26 Mittelmeercs, der höchste im Mittel vierzig Fuß. Der Unterschied ist demnach vierundzwanzig Pariser Fuß *). Seine größte Höhe erreicht der Nil in Egypten in der Mitte des September. Das Wasser bedarf also, nach dem oben von Charthum Gesagten, einen Monat, ehe es die Strecke von dreihundert Meilen (dem Laufe des Stromes nach gemessen) zurücklegt. Das Fallen des Nil geht im Anfange ebenso rasch, als er zuletzt stieg. In Egypten fällt er manchen Tag sechs Zoll, im Sudahn beobachteten wir am blauen Flusse eine Zeit lang ein tägliches Fallen von einem Fuß. Später geht es langsamer und vom Dezember an ist es kaum mehr bemerklich; der Strom scheint dann einen Stillstand erreicht zu haben, obwohl er, streng genommen, bis zu seinem wieder beginnenden Steigen immer abnimmt. Ich habe bereits erwähnt, wie schlammhaltig die Fluthen des Stromes sind. Es ist natürlich, daß sich nach jeder Ueberschwemmung des Nil ein Niederschlag von fruchtbarem Schlamm bildet und das Land fortwährend an Höhe zunehmen muß. Doch geht diese Zunahme durchaus nicht in dem Grade vor sich, als Hcrodot befürchtete. Durch Berechnungen, welche französische Ingenieurs an den Monumenten von Theben anstellten, hat man gefunden, daß die Bodenerhöhung Egyptens für das Jahrhundert nur 15 Centi- metre beträgt. Zu gleicher Zeit erhöht sich aber wahrscheinlich das Bett des Flusses auch mit, und deshalb wird der Nil, der schon Jahrtausende seinen Segen gespendet, noch andere Jahrtausende seine schlammigen Fluthen über das Land ergießen und jene Fruchtbarkeit hervorrufen können, welche, wie wir wissen, Egypten nur dem düngenden Wasser dieses Stromes verdankt. Der Durchschnitt des Kanals Khaliedj, welcher unterhalb Alt- Kairo aus dem Nil sein Wasser empfängt und durch ,,die Siegende" nach der Provinz Rharb'lc, d. h. die Ocstlichc — das Land Goscn der Bibel — fließt, ist für die Bewohner der Haupt- *) Au einige» Stelle» des Battn el Hadjar und der Felsbcrge Rherni in Nubien, wo der ganze Nil in ein Bett von kaum 30V Schritten Breite zusammengedrängt ist. beträgt die Differenz zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Wafferstande gerade das Doppelte, also 48 pariser Fuß. 27 stadt ein großes Freudenfest und wird von Vornehm und Gering, Mohammedanern und Christen gleich feierlich begangen. Zufällig war ich nie in Kairo anwesend, wenn der Durchstich des Kanal- dammcS geschah, und kann deshalb auch keine auf eigene Beobachtung gegründete Beschreibung der Festlichkeit geben. Mein Freund, der Herr Baron von Wrede, theilt hierüber Folgendes mit: ,,Daö Fest des Nildurchschnittes (Johm ekber cl bahhr — der Tag der Fülle des Stromes —) wird zwischen dem Ist. und 20. August oder zu der Zeit gefeiert, wenn der Nil gewöhnlich die Höhe von 16 Graden des Mekkas (Nilmesscrs) oder 21 Fuß über seinen mittleren Stand erreicht hat und eine genügende Ueber- schwemmung erwarten läßt. Während der Zeit des niederen Wasserstandes wird der erwähnte Kanal etwa zwanzig Schritte von seiner Mündung aus dem Nil durch einen Damm gesperrt, welcher am Tage des Festes durchstochen wird, daher die Benennung Tag des Nildurchbruchs oder Aöid el Khaliedj (Fest des Khaliedj). Außerhalb dieses Dammes, etwa fünf Schritte davon entfernt, wird eine sechs Fuß dicke, vier Fuß aus dem Wasser hervorragende Erdsäule errichtet. Diese Säule, welche am Tage deS Festes mit einer aus Palmcnzweigen, Aehren und Blumen verfertigten Krone geschmückt ist, heißt el Aaruhse (die Braut) und wird von dem Wasser sort- gcwaschen. Manche haben behauptet, daß diese Erdsäule jene Jungfrau darstelle, welche die alten Egypter jährlich dem Strome geopfert hätten. Es ist dies jedoch nicht wahrscheinlich, denn bei den alten Egyptern waren keine Menschenopfer gebräuchlich, wohl aber rührt der Gebrauch noch aus uralter Zeit her, und dürfte die Aaruhse einfach ein dem Nil dargebrachtes Opfer der vorzüglichsten Bodenerzeugnisse bedeuten." „Die eigentliche Feier des Festes beginnt mit Sonnenuntergang des Tages Wafc cl Nihl (dem „vollkommenen" — Stande — des Nil) und findet auf einem an den Nil und Kanal grenzenden freien Platze Statt, von dem der in der unmittelbaren Nähe des Stromes gelegene Theil abgesperrt wird, um den dort aufgestellten Battcrieen und Feuerwerken genügenden Spielraum zu lassen. Auf dem entgegengesetzten Ufer des Kanals stehen auf einer Plattform 28 ein großes und mehrere kleine Zelte, bestimmt, den Pascha, den Khadi und die hohe Geistlichkeit aufzunehmen. Gleich neben den Zelten liegt auf dem Nil ein mit Blumcnguirlaiiden, Flaggen und Laternen aus buntfarbigem Papier geschmücktes, großes Rilschiff, welches dem Dirigenten des Festes zum Aufenthalte dient. Auch auf der gegenüberliegenden Insel Rohda ist für die Artilleristen und Feuerwerker ein Platz abgesperrt, der von leuchtenden Mascha llaht (Flammcnbcchcrn) umgeben ist. Jede der Batterieen zählt acht Geschütze und feuert jede halbe Stunde 21 Schüsse ab, während das Feuerwerk ohne Unterbrechung die ganze Nacht spielt. Mehrere Musikchöre sind an verschiedenen Orten aufgestellt, wo sie abwechselnd ihre Stücke vortragen. Eßwaarcn, Scherbett), Limonade, sogar Wein und Branntwein werden überall feilgeboten und von letzterem eine erstaunliche Menge vertilgt. Oeffentlichc Tänzer in Frauentracht führen ihre unzüchtigen Tänze nach dem Takte der Tarabuka lind bei dem Klänge der Sadjaht, inmitten des gaffenden Volkes auf, während die von ihnen unzertrennlichen Spaßmacher ihre stereotypen guteir und schlechten Witze reißen. Gaukler, Sänger, gelehrte Hunde und Affen, abgerichtete Schlangen und dergleichen tragen auf Kosten der Direktion dazu bei, das Volk zu unterhalten." „Nicht minder lebhaft geht es auf dem Strome zu. Die durch am Ufer stehenden Maschallaht und das Feuerwerk hell erleuchteten Barken kreuzen sich im Herauf- und Hinabführen und gewähren einen wirklich phantastischen Anblick. Besonders aber überrascht es den Fremden, wenn er von diesen Barken Guitarrcnklängc und italienische, deutsche, französische, englische, spanische, griechische und maltesische Gesänge herüber tönen hört und die Flaggen dieser Nationen von den Schiffen wehen sieht. Allein gerade der Durchschnitt des Nil ist ein allgemeines Fest für Egypten und ganz frei von jeder religiösen Tendenz, und daher kommt es, daß viele der in Kairo ansässigen europäischen Familien und Gesellschaften junger Europäer dasselbe mit feiern helfen. Auch ist der Anblick des Stromes und seiner Ufer, der in dieser Nacht an eine Scene aus Tausend und einer Nacht erinnert, wohl geeignet, ein großes Interesse zu gewähren. Wie sich von selbst versteht, werden beim Besuch des Festschauplatzes auch andere Genüsse nicht unberücksichtigt gelassen, und in der Vertilgung des aus Keller und Küche Mitgenommenen wird ErstaunenöwertheS geleistet." „Dieses Treiben dauert fast ununterbrochen bis um zehn Uhr am andern Morgen, wo der Damm, der während der Nacht schon halb abgetragen wurde, vollends zerstört wird. Bei diesem Akte sind der Pascha, der Khadi und die Ulema zugegen. Ersterer wirft einige Tausend Piaster in kleiner Münze unter die im Kanal beschäftigten Arbeiter. Zu gleicher Zeit feuert jede der Batteriecn einundzwanzig Schüsse ab; das Hauptfeuerwcrk wird jetzt bei Hellem Tage abgebrannt. Gleich nach dem Durchbruch des Wassers ziehen sich die hohen Würdenträger in das Innere der Zelte zurück, wo der Khadi ein Document, Hodjet et bahhr genannt, welches den genügenden Wasscrstand bestätigt, in herkömmlicher Form verfaßt. Dieses Document wird, nachdem Alle ihr Siegel darunter gedrückt haben, durch einen Courier nach Konstantinopcl gesandt, und berechtigt den Diwahn der hohen Pforte, von der egyptischcn Regierung den vollen Tribut zu verlangen." „Sowie der Tag graut, verwandelt sich der Kanal in eine der lebhaftesten Straßen der Stadt, an deren Seiten sich Kaffcsicdcr, Schcrbeht-, Limonaden- und Fruchtverkäufer u. s. w. etablirt haben. Inmitten dieser Herrlichkeiten wandelt in festtäglichen Kleidern das Volk auf und ab, während hier und da zwei- und vierbeinige Künstler ihr Wesen treiben. Auf allen Balkönen und an jedem Fenster der am Khaliedj liegenden Häuser sieht man geschmückte Damen und Herren, denn die Sitte will, daß die Bewohner solcher Häuser am Tage der allgemeinen Freude Verwandte und Bekannte einladen, wozu schon mehrere Tage vorher die nöthigen Vorbereitungen getroffen werden. Die an dem unteren Theile der Häuser hier und da hervorgebauten Räume oder die zum Kanale hinabführenden Treppen sind dicht mit Frauen der unteren Nolksklasse besetzt, welche ihre Kinder mitgebracht haben, um ihnen ein wirklich schauderhaftes Bad zu bereiten. Das Volk glaubt nämlich, daß das erste in den Kanal strömende Wasser eine alle Krankheiten 30 heilende und überhaupt stärkende Kraft habe. Nun aber werden, sobald das schon an sich schlammige Wasser erscheint, die in den Khaliedj mündenden Abzugskanäle verschiedener Kloaken geöffnet und dem Wasser dadurch die größten Umeinlichkeiten zugeführt. In diese Flüssigkeit werden die armen Kinder trotz Schreiens und Zap- pelns dreimal im Namen des allbarmherzigcn Gottes ganz unbarmherzig eingetaucht. Die Europäerinnen, welche mit kleinen Kindern gesegnet sind, lassen diese deshalb an jenem Morgen keinen Augenblick außer Augen, denn die Ammen (gewöhnlich Eingeborene) treibt es unwiderstehlich, die ihnen anvertrauten Kleinen des sauberen Schlammbades theilhaftig werden zu lassen, natürlich in der festen Meinung und Absicht, daß ihren Pfleglingen daraus nur Heil und Segen erwachse." „In dem Augenblicke des Durchbruches reitet ein Offizier der Polizei dein Wasser voran und fordert den industriellen Theil des Volkes auf, den Kanal mit seinen Siebensachen zu verlassen, ihm folgt ein Fähnlein Soldaten, welche die nicht Gehorchenden unter handgreiflichen Ermahnungen vollends verjagen, dann erscheint eine Bande von halbblindcn und halblahmcn Paukern und Schalmcien- bläsern, die schnarrend, quäkend und paukend einen Höllenlärm machen. Hinter dieser schrecklichen Musik kommen die Munahdi (Ausrufer) mit ihren Knaben, die, nach einem gewissen Takte kleine Fähnlein schwingend, die Worte rufen: Der Strom kommt! Der Strom kommt! Dann erscheinen, mit den Kastagnetten klappernd, halb tanzend, halb gehend, die öffentlichen Tänzer, begleitet von ihren Spaßmachern, welche, wie gewöhnlich, Witze reißen und Grimassen schneiden, und zuletzt endlich die Arbeiter mit Hacken und Schaufeln, bereits bis zum Knie im Wasser laufend und den zärtlichen Müttern ihre Dienste anbietend, um deren Kleinen das bewußte Gesundheitsbad schmecken zu lassen. Eine Viertelstunde später hört man nur noch das Rauschen des eilenden Wassers, welches geschäftig dahinrinnt, um den Segen des Vater Nil über Goscn's Fluren zu verbreiten." „Die Kosten, welche das Fest verursacht, sind beträchtlich, und werden nicht von der Regierung, sondern von den in Kairo, Alt- Kairo und Bulakh wohnenden Mahammedancrn, Christen und Juden getragen, und zwar so, daß jedes Jahr eine der verschiedenen Religionspartcien die Ehre hat, das Fest zu leiten und zu bezahlen." „Da der Wohlstand der Egypter von einer guten Ncberschwcin- mung deS Nil abhängt, kann man sich wohl leicht die Bcsorgniß denken, die sich der Gemüther Aller bemächtigt, wenn der Fall eintritt, daß der Strom in den ersten Tagen des September noch nicht die zur Feier des Nilschnittes erforderliche Höhe erreicht hat, oder wenn, wie man sich ausdrückt, der Nil ausbleibt. Dann ist der Strom der einzige Gegenstand der Unterhaltung. Dauert die Sache zu lange, dann schickt die Regierung Circulare an die Ulema, an den katholischen Bischof, an die Patriarchen der griechischen, rumänischen und koptischen Kirche und au den Großrabbiner, in welchen Alle zu einem gemeinschaftlichen Gottesdienste in der eine halbe Stunde südlich von der Stadt liegenden Moschee Amru's eingeladen werden. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, die Priester dieser sich so feindlich gegenüberstehenden Religionen in dem Vorhofe eines mahaminedanischcn Tempels friedlich neben einander ihre Altäre errichten zu sehen, und man sollte glauben, daß sie daS, was sonst von ihnen in Abrede gestellt wird, die Wirksamkeit der Gebete ihrer Gegner, während der allgemeinen Bcdrängniß anerkennten. Darin täuscht man sich aber gewaltig, denn tritt nach diesem Bettage ein rasches Steigen des Stromes ein, so behauptet jede Partei, nur um ihrer Gebete willen sei der Nil gestiegen, und der alte Zwist ist wieder da." „Die Moschee Amru's liegt in einer einsamen, von hohen Schutthaufen umgebenen Gegend und ist schon ziemlich verfallen. Sie ist die älteste aller Moscheen Egyptens und wurde von Amr- ibn - cl - As, General des Chaliefen Aabd - Allah - Omahr, dem Eroberer Egyptens, erbaut. Der große Borhof, in welchem der erwähnte Gottesdienst gehalten wird, ist mit Steinplatten gepflastert, zwischen deren Fugen Unkraut cmporwuchert, rind mit einer breiten Halle umgeben, deren Dach von mehreren Hunderten von Säulen getragen wird. Die Säulen gehörten früher griechischen und römischen Bauwerken an und sind ohne symmetrische Ordnung 32 und ohne Rücksicht auf architektonische Verhältnisse aufgestellt, so daß die aus Marmor gearbeiteten zwischen denen aus Porphyr und Granit gehauenen bunt durch einander stehen. Ucbcrhaupt zeugt das ganze Bauwerk von der Barbarei seiner Zeit; man vermißt gänzlich die Eleganz der maurischen Bauwerke späterer Perioden, an denen Kairo so reich ist." „In keinem Vorhofe irgend einer anderen Moschee würde die mahammedanische Geistlichkeit die, wenn auch nur vorübergehende, Einrichtung christlicher und jüdischer Altäre dulden, wenn nicht eine Legende, die sich an den Erbauer derselben knüpft, eine Ausnahme verstattete. Gleich nach der Eroberung Egyptens durch die Araber „blieb der Nil aus," wodurch der Eroberer in nicht geringe Verlegenheit gesetzt wurde. Der General theilte seine Besorgnisse dem Chaliefen mit, worauf dieser ihm einen Brief mit dem Befehle übersandte, denselben an seine Adresse zu befördern. Der Brief lautete: „Aabd Allah Omahr, Fürst der Gläubigen, an den Nil von Egypten. Wenn du aus eignem Antriebe fließest, so fließe nicht; ist es aber Gott, der Einzige, auf dessen Geheiß du fließest, so bitten wir Gott, den Allmächtigen, dich. fließen zu machen." Amr Jbn cl As versammelte nach Empfang dieses Briefes seine Priester und Unterbefehlshaber und zog mit ihnen in Prozession nach den Ufern des Nil, in den er den Brief warf. Gott hatte die Bitte des Chaliefen erhört; denn bald nach der Uebergabe des Briefes begann der Strom anzuschwellen und erreichte die erforderliche Höhe. Da nun der General Amr Jbn el As der Beförderer der Bitte des Chaliefen war, so ist die von ihm erbaute Moschee dazu bestimmt, die Gebete aller Derer vor den Thron Gottes zu befördern, welche ihn als den Einigen anerkennen." — Das Klima Egyptens kann, trotz der dem Lande eigenthümlichen Krankheiten, ein gesundes genannt werden. — Unter- egyptcn gehört zu den wohnlichsten Himmelsstrichen der Erde. Der Sommer ist nicht zu heiß, der Winter nicht zu kalt. Schon die 33 herrlichsten Südfrüchte, welche in unglaublicher Fülle und großer Güte gedeihen, machen das Land höchst angenehm. Für einen Thaler unseres Geldes kann man sechshundert gute Orangen kaufen, wenn man sich in die ausgedehnten Gärten dieser Fruchtbäume bemühen will. Es kann wohl nichts Genußreicheres geben, als in einem solchen Garten hcrumzuwandcln und sich nach Belieben die schönsten Orangen herunterzulangen. Feigen, Datteln, Stachel feigen, Zitronen sind ebenfalls billig und schmackhaft. Die in ihrer Art einzigen Bananen, „jene aristokratisch vornehme Frucht", die köstliche Khischta und die vorzüglichen Aprikosen sind Geschenke des egyptischcn Klimas und ganz geeignet, dem Fremden seinen Aufenthalt im Pharaoncnlandc noch besonders „zu versüßen". Dabei überwölbt der ewig heitere Himmel das gesegnete Land; kein Blitzstrahl entzündet ein Gebäude; kein Orkan entwurzelt die Fruchtbäumc; kein Wolkcnbruch stürzt hernieder; keine Theuerung drückt das Land. Eine wohlthätige Wärme herrscht Jahr aus, Jahr ein; das Thermometer zeigt im Durchschnitt nur fünfzehn bis zwanzig Grade Rcaum. Das sind die Lichtseiten Egyptenlands; ebenso grell sind die Schattenseiten, und wenn auch jene die letzteren überwiegen, sind diese doch immer noch vermögend, dem Muthvollsten einen leisen Schauder abzunöthigcn. Ohne weiter die das Land dann und wann heimsuchenden Erdbeben erwähnen zu wollen, nenne ich meinem Leser nur ein einziges Wort, es lautet: Pest. Dieses Wort genügt, um zu beweisen, daß das Klima Egyptcns nicht vollkommen genannt werden kann. Die Ophthalmie und Disscntcrie treten häufig auf und sind, nächst der Pest und der dann und wann wüthenden Cholera, die furchtbarsten Krankheiten Egyptcns. Außer diesen habe ich noch des klimatischen Fiebers, der Elephantiasis, der Blattern, des Nilausschlags, des Sonnenstichs und einiger anderen mehr zu gedenken. Rechnen wir aber von den Krankheiten Egyptenö die auch bei uns dann und wann vorkommenden ab, so bleiben nur die Pest, Ophthalmie, Dissentcric, das klimatische Fieber (obgleich dieses in anderer Gestalt, unter dem Namen des kalten Fiebers in Deutschland li. 3 34 und als ausgeprägtes Wechselnder auch in Ungarn bekannt ist), der Nilausschlag (unserer Krätze entsprechend) und der Sonnenstich als Egypten eigenthümliche Krankheiten. Dagegen fehlen in Egypten: Lungenschwindsucht, Lungenentzündung in ihrer gefährlichsten Ausbildung, wie bei uns, Gicht, Podagra, anhaltender Rheumatismus rc. Viele Krankheiten, welche bei uns gefährlich werden, gehen in Egypten leicht und schnell vorüber. Und wenn es wirklich begründet ist, daß in Deutschland ein Fünftheil aller Erwachsenen an Lungen- krankheiten stirbt, wie manche Aerzte behauptet haben, so fordert in Egypten die Pest verhältnißmäßig weit weniger Opfer, denn einerseits vermehren sich die Egypter sehr stark und andererseits erscheint die Pest nur in großen Zwischenräumen. Sie trat im Jahre 1835 epidemisch in Egypten auf und raffte in Kairo und Umgegend gegen dreimalhunderttausend Menschen, drei Fünftheile aller Einwohner jener Gegend hinweg. Schon jetzt, nach achtzehn Jahren, ist die Bevölkerung wieder ersetzt, weit eher ersetzt, als die der vielen Dörfer Obercgyptens, aus denen der Vizekönig nur die jungen Männer wegnahm, um sie unter die Soldaten zu stecken. Während meines Aufenthaltes in Egypten ist meines Wissens nicht ein einziger Pestfall vorgekommen. Herr von Wrede hat die Güte gehabt, mir Folgendes über die P c st mitzutheilen: „Das schrecklichste Uebel, welches von Zeit zu Zeit Egypten heimsucht und nie ganz verschwindet, ist unstreitig die Pest. Dreitausend Jahre sind in dem unendlichen Ozean der Zeit verronnen, seitdem der Engel des TodeS zum ersten Male herabstieg in das blühende Thal des Nil, um diese Geisel Gottes über die Häupter seiner Bewohner zu schwingen. Nichts hat ihn seit dieser Zeit vermocht, seine Wuth zu zügeln, noch immer schreitet er todbringend einher und es scheint, als wenn er, nur einige Jahre ruhend, neue Kräfte sammle, um dann wieder desto vernichtender aufzutreten. Furchtbar durch die Unerbitilichkcit, mit dem sie ihre erkor- nen Opfer dem Dasein entrückt, wird diese Krankheit noch um so schrecklicher durch den demoralisircndeu Einfluß, den sie auf die Be- 35 wohner der von ihr heimgesuchten Gegend ausübt. Wenn sie ihren giftigen Odem über Städte und Dörfer haucht und täglich Tausende hinwegrafft, wenn die Zahl der Opfer in schrcckcnerrcgcnder Weise zunimmt, dann — erdrückt das Entsetzen die sanfteren Regungen des Herzens, dann verlassen Eltern ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern, die Gattin überläßt den Gatten seinem Schicksale und kein Freund schließt dem anderen das brechende Auge." — „Entmuthigcnd ist der Anblick im Innern einer von dieser furchtbaren Seuche heimgesuchten Stadt. Die Kaufläden sind geschlossen, die Basare verödet; lange Reihen von Särgen mit Leichen der Wohlhabenderen, denen Züge von Kamelen, beladen mit den nackten Leichnamen der Aermercn folgen, ersetzen das geschäftige Gewühl, welches in gesunden Tagen die Straßen belebt; die frohen Lieder sind verstummt, kein Jauchzen ausgelassener Freude wird mehr gehört und nur die eintönigen Weisen der Klaggcsänge, nur das Wehgchcul der Klageweiber und weiblichen Verwandten der Gctöd- teten durchschallen schaurig die todesschwangere Luft, vereinigen sich mit dem Unheil verkündenden, widerlichen Geheule unzähliger, herrenlos gewordener Hunde, zum Grauen erregenden, Ohren zerreißenden Chorus. Es ist wahrlich kein Wunder, wenn ein solcher Eindruck, verbunden mit dein Bewußtsein der unbedingten Tätlichkeit der Seuche, auf den Menschen demoralisirend einwirkt. Um so erfreulicher aber ist es, zur Ehre des eigennützigsten aller Thiere, des Menschen, sagen zu können, daß sehr viele Beispiele vorgekommen sind, wo die edleren Gefühle den Sieg über das Entsetzen davon trugen und Handlungen uneigennütziger Selbstaufopferung hervorriefen, welche gleich leuchtenden Gestirnen die grauenvolle Nacht durchstrahlen." „Die Art und Weise der Krankheit besteht in einer allgemeinen Störung des Organismus. Sie äußert sich zunächst in heftigen Kopfschmerzen und in Uebclkeit, dann folgt starkes und anhaltendes Delirium, die Lymphdrüscn in den Weichen oder die in den Achselhöhlen schwellen an (Bubonen), cS zeigen sich lokale, krebsartige Geschwüre von dunkler Farbe (Karbunkel), sowie dunkel- rothe Flecken und Streifen (Pctechien) auf der Oberfläche des 3 * 36 Körpers, die Zunge ist trocken und zeigt in der Mitte und der Länge nach einen scharlachblauen Streifen; der Athem wird im höchsten Grade übelriechend, ebenso die Exkremente, welche nur schmierig und gleichsam wie verkohlt ausgestoßcn werden. Dann und wann finden von Letzterem Ausnahmen statt, indem eine starke Diarrhöe eintritt." „Der Verlauf der Krankheit ist mehr oder minder rapid, je nach der Konstitution des von ihr Befallenen; starke Personen erliegen gewöhnlich am schnellsten, oft schon nach vierundzwanzig Stunden, während schwächere oft erst am siebenten Tage dem Tode anheimfallen. So lange die Seuche an einem Orte zunimmt, steigert sich auch ihre Heftigkeit, sie endet dann immer mit dem Tode; je mehr sie abnimmt, um so länger ist auch ihre Dauer und um so häufiger sind die Fälle der Genesung. Wie heftig sie den ganzen Organismus angreift, zeigt die lange Dauer der Rekonvalescenz: der Genesene braucht ein ganzes Jahr und oft noch mehr, um seine Kräfte wieder zu erlangen, die aufgebrochenen Bu- bonen und Karbunkel schließen sich erst nach einem halben Jahre und hinterlassen große und tiefe Narben." „Man hat die Beobachtung gemacht, daß das epidemische Auftreten der Pest sich nach Verlauf gewisser Zeiträume wiederholt und zwar nach zehn, zwölf oder fünfzehn Jahren. Sie ist in Egypten und zwar vorzugsweise in Nnteregyptcn endemisch und erscheint dort zerstreut alle Jahre, ist dann aber nicht tödtlich. ES ist sehr selten, daß sie die Städte an den Gestaden des rothen Meeres heimsucht, kein Beispiel aber ist vorhanden, daß sie den Wendekreis überschritten hätte. Deshalb ziehen sich die wohlhabenden Europäer Egyptens beim Beginn einer Pcstepidemie nach den Städten zurück, welche zwischen dem ersten und zweiten Katarakt des Nil liegen. Eine Pestepidemie beginnt im Dezember oder Januar und dauert bis zum Juli, wo die stärker werdende Son- nenwärme die Miasmen zerstört." „Die Lösung der Frage, ob die Pest je aufhören wird, in Egypten endemisch zu sein, liegt meiner Ansicht nach in der Beantwortung zweier anderen, nämlich: 37 1) welche Ursachen erzeugen die Seuche? und 2) können diese Ursachen entfernt werden?" „Die Ursachen, welche Egypten zu einem Herde , der Pest machen, sind viele. Nur das Zusammenwirken mehrerer einzelnen vermag einen so verderblichen Einfluß auf den menschlichen Organismus auszuüben. Unter diesen stehen unstreitig die Lebensweise der Fellahhihn und die Bauart ihrer Wohnungen obenan. Wer Egypten und besonders Unteregypten bereist und sich in den Dörfern näher umgesehen hat, wird sich kaum haben überreden können, daß die sich seinem Auge darbietenden, höhlenartigen oder, besser gesagt, backofcnförmigcn Behälter ohne Luftzug menschliche Wohnungen seien. In Europa würde man jedenfalls Anstand nehmen, darin seine Hunde einzusperren, allein dem Fellah beliebt es trotzdem, solch eine Spelunke seine Behausung zu nennen*)." „Es darf Einen nicht wundern, wenn in solchen Wohnungen im Kinde der Keim zu mannigfaltigen Krankheiten gelegt wird. Betrachten wir seine Nahrung näher, sehen wir uns die Lachen an, aus denen er sein Trinkwasser schöpft, obgleich sich Mensch und Büffel darin baden, obgleich die Abtritte der Menschen dahin Abfluß finden; erinnern wir uns an die Art und Weise, seine Todten zu begraben, an die Art und Weise, mit welch frevelhafter Sorglosigkeit er das gefallene Vieh liegen und verwesen läßt; denken wir an den ungeheuren Schmutz im Innern der Dörfer, an die Unmasse von Pflanzcnstoffen, welche während der Ueberschwemmungs- zcit des Nil in Verwesung übergeht und nothwendiger Weise eine faule, krankhcitsschwangere Luft erzeugen müssen, und rechnen wir hierzu die politischen Verhältnisse der Egyptcr; sehen wir den Mann der Entbehrung, gebeugt unter das eiserne Joch despotischer Herrscher, von seiner Jugend an bis zum späten Alter nur gewohnt, um geringen Lohn und reichliche Schläge viehisch zu arbeiten; bedenken wir, daß da der Geist des schon seit Jahrtausenden beknechtetcn Volkes *) Ich werde später ein Dorf der Fellah genau zu schildern versuchen uud führe deshalb die Einzelheiten der ungesunden Wohnungen, wie ße mir mein Freund gibt. nicht weiter an. Ebenso wird auch die Nahrung, Gewohnheit :c. des Fellah näher beschrieben werden. 38 vollkommen niedergetreten und unfähig gemacht wird, einen durch äußere Umstände zu jeder Krankheit befähigten Körper aufrecht zu erhalten: — es wird uns wahrlich kein Wunder mehr nehmen, in Eghpten die Pest auftreten und so Hausen zu sehen, daß dem Be- schreiber alle Worte mangeln, um solch' unnennbar Gräßliches auszudrücken. Physisch und moralisch muß der Egypter zu Grunde gerichtet sein, sonst könnte die Pest in seinem Vatcrlande nicht in der schauderhaften Wuth sich zeigen, wie z. B. im Jahre 1835, wo sie das Land decimirte." „Es erscheint wahrlich als ein Wunder, daß sie Egypten nicht jedes Jahr heimsucht und nur nach Verlauf gewisser Zeiten wieder erscheint. Sollte vielleicht ein uns unbekanntes Etwas bestehen, irgend ein meteorologisches Phänomen, welches nur in gewissen Zeitabschnitten erscheint und dessen Mitwirkung erforderlich ist, um der fürchterlichen Seuche den rechten Weg zu bahnen? Es ist sehr wahrscheinlich." „Ueber den mehr oder minder hohen Grad der Ansteckung der Pest hak man sich lange hin und her gestritten, ohne einig geworden zu sein. Ich bin der Meinung, daß sowohl Contagionistcn, als auch Anticontagionisten in ihren Behauptungen zu weit gegangen sind. Mehr als ein Pestjahr, unter andern auch das furchtbare 1835, habe ich an Ort und Stelle verlebt und bin anhaltend mit Pestkranken in Berührung gekommen. Aus allen meinen Beobachtungen hat sich bei mir die Ansicht gebildet, daß die Pest nur bedingungsweise ansteckend ist. Ich glaube, daß, wenn die mit pesterzeugcnden Miasmen geschwängerte Luft von einem Menschen eingeathmet wird, welcher zur Aufnahme der Krankheit empfänglich ist, dieser unbedingt von ihr befallen wird, während dasselbe bei nicht empfänglichen Personen keineswegs der Fall sein dürfte. Dies gilt auch von der Ansteckung durch Berührung der Kranken oder ihren während der Krankheit getragenen Effekten. Ich habe mehrere Beispiele erlebt, welche meine Anschauungsweise rechtfertigen; so habe ich Familien ganz oder fast ganz auSsterben sehen, welche sich in ihren Wohnungen auf das Strengste abgeschlossen hatten und keine der in solchen Fällen gc- 39 bräuchlichen Vorsichtsmaßregeln unbeachtet ließen, während Andere, die ihren Verkehr mit der Außenwelt nicht unterbrachen, vollkommen gesund blieben. Bei Ersteren war es ohne Zweifel die übergroße Furcht vor der Krankheit, welche dadurch, daß sie den Geist herabstimmte, den Körper zur Aufnahme und Entwickelung des Krankheitsstoffcs empfänglich machte, während der Muth der Anderen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Gegen die unbedingte Ansteckung der Kranken liegen noch schlagendere Beweise vor. Im Jahre 1835 besuchten in Kairo mehr als dreißig Aerzte die Pestkranken und kamen mit denselben in oftmalige Berührung; nur zwei dieser Männer fielen der Seuche zum Opfer. Um diese Zeit erhob sich ein lebhafter Streit zwischen den Contagionisten und Anticontagionisten. Einer der Letzteren, der französische Arzt Clot-Bci, ließ, um seine Gegner zu überzeugen, in Gegenwart von mehreren Aerzten einem im Hospitale sich befindlichen Pestkranken das Hemde ausziehen, zog es noch ganz warm an und trug es während vicrundzwanzig Stunden auf dem bloßen Leibe, ohne daß ihm irgend ein fühlbarer Nachtheil daraus erwachsen wäre. Ein anderer Franzose ging noch weiter: er ließ sich den aus einer Pestbeule entnommenen Eiter einimpfen. Die Folgen davon waren leichte Ficbcranfälle, die sich mehrere Tage hindurch wiederholten und dann ausblieben. Beide spielten freilich ein gewagtes Spiel, denn leicht hätte auch ein tragisches Ende durch solchen frevelhaften Leichtsinn herbeigeführt werden können. Kein Egyptcr denkt daran, das Lager, auf welchem sein Bruder starb, oder die Kleider, welche der an der Pest Verstorbene trug, auszulüften oder gar zu verbrennen, sondern bedient sich derselben ungcschcut. Würde also die Berührung dieser Gegenstände unbedingt ansteckend'sein, so müßte auch nothwendiger Weise eine einzige Pestepidemie das ganze Nilthal zu einer menschenleeren Einöde machen." ,,Dic zweite Frage: können die die Pest erzeugenden Ursachen entfernt werden? wurde schon vor mehreren Jahren von der egypti- scheu Regierung aufgeworfen. Nach dem Gutachten der obersten Medicinalbehörde Egyptens, dem aus wissenschaftlich gebildeten Europäern bestehenden Oonseil äs sante zu Kairo, wurden verschiedene 40 Verordnungen und Befehle erlassen, um eine Besserung der Zustände zu erzielen. Man setzte in den verschiedenen Provinzen höhere und niedere Sanitätsbcamtc ein, um über die Anordnungen der obersten Behörde zu wachen. Dann wurde der Befehl gegeben: 1) alle Thicrlcichcn in einer bestimmten Entfernung von den Dörfern so tief als möglich zu verscharren; 2) die Bcgräbnißplätze von den Ortschaften entfernter und höher anzulegen, sowie die alten genügend auszubessern; 3) alle bei den Dörfern sich befindlichen Lachen auszufüllen und keine neuen Gruben auszuhöhlen, sondern das zum Häuserbau und zur Erhöhung der Bauplätze erforderliche Material aus den Kanälen zu entnehmen." „Die ersten beiden Verordnungen waren leicht auszuführen, nicht so die dritte. Denn da die Kanäle einen großen Theil des Jahres trocken liegen und die Brunnen nur salziges Wasser enthalten, setzte man die Bewohner der weit vom Nil entfernt liegenden Dörfer der Gefahr aus, zu verdursten, oder wenigstens der Plage, sich ihr Trinkwasser weit herbeischaffen zu müssen. Man mußte daher erlauben, daß die Lachen in der Nähe der Dörfer blieben, nur wurden sie zu tieferen Teichen umgewandelt und das Baden der Menschen und Büffel in ihnen verboten. Da aber den Büffeln zu ihrem Gedeihen das Baden unumgänglich nothwendig ist, mußte auch dieses noch erlaubt werden. Im klebrigen blieb es bei den Verordnungen. Die Sanitätsbeamten haben ferner darüber zu wachen, daß das Innere der Häuser, wie auch die Straßen von Innen und Außen rein erhalten werden. Die Wohnungen sollen jährlich einmal von Innen und Außen geweißt werden, wozu die Acr- meren den Kalk von der Regierung geliefert erhalten. Die hohen Schutthaufen, welche fast alle größeren Städte EgyvtcnS umgeben und den Durchzug der Lust hindern, sollen weggeschafft werden. Man erbaute nach dem Entwürfe eines französischen Ingenieurs Musterdörfer, mit einstöckigen, reinlichen und luftigen Häusern und geraden, breiten, sich rechtwinkelig durchschneidenden Straßen. Sie sehen recht freundlich aus und es wäre ein wahres Glück für die armen Bewohner des Nilthals, wenn diese Idee durchgeführt würde. Jetzt gibt es ungefähr fünfzehn solcher Dörfer, nach denen noch 41 dreitausend andere umgeändert werden sollen, wozu wohl noch ein Jahrhundert erforderlich sein wird. Das wäre Alles gut oder doch ziemlich gut, nur eine der Ursachen der Pest wird schwerer auszurotten sein — der moralische Druck von Seiten der Herrscher Egyptcnlands. So lange es dort noch orientalische Herrscher gibt, wird auch die Knechtschaft nicht aufhören, welche den Menschen moralisch und physisch niederdrückt und zur Aufnahme und Entwickelung der Pest empfänglich macht." „Die Zeit wird nun lehren, ob es durch die, wie wir gesehen haben, nur thcilweise Entfernung einzelner Ursachen möglich sein wird, die Pest in Egypten auszurotten oder nicht. Die letzte Pest- epidemie herrschte dort im Jahre 1841, und da, wie wir eben bemerkten, gewöhnlich ein Zeitraum von zehn, zwölf und fünfzehn Jahren eine Epidemie von der anderen trennt, so muß man das Jahr 1856 abwarten, bevor man der Hoffnung Raum geben kann, Egypten endlich von dieser furchtbaren Seuche befreit zu sehen." — Mit derselben Wuth, mit welcher die Pest den ganzen Körper vernichtet, zerstört die Ophthalmie einen Theil desselben, das Auge. Unter zehn Menschen sieht man in vielen Orten Egyptens einen Einäugigen oder Blinden; sechs Prozent aller Einwohner Egyptcns — Türken und Europäer etwa ausgenommen — haben nur ein Auge oder sind thcilwcis ganz blind. Die große Verbreitung des Uebels läßt sich erklären. Der Fcllah ist ein höchst unreinlicher Mensch, seine Kinder sind erst mit sechs Jahren einem Menschen ähnlich. Man nimmt an, daß die Augcnkrankheit theil- weise von fein pulverisirten Salz- oder Salpctcrtheilcn herrührt, welche der Boden Egyptens in großer Menge enthält, wenigstens reizen diese das Auge außerordentlich; eine Erkältung, vor der sich der Fellah nie schützen kann oder will, bringt dann leicht die Oph- thalmic, deren Fortschreiten der Kranke wochenlang nicht beobachtet. Erst, wenn ihm völlige Erblindung droht, wendet er sich zu einem Arzte und dann ist meist keine Hülfe mehr. Gewöhnlich äußert sich die Krankheit zuerst durch ein gewisses Drücken im Auge, wie wenn ein Ständchen in dasselbe gefallen wäre. Dies ist der richtige Zeitpunkt, schwefelsaures Zink in Wasser aufgelöst als Heil- 42 mitte! zu gebrauchen, schon wenige Tage später dürfte es mit aller Arznei zu spät sein. Das Fortschreiten der Krankheit geht rasch von Statten; das Auge entzündet sich fürchterlich, tritt später auS der Augenhöhle hervor, und es sind schon oft Fälle vorgekommen, daß es förmlich zerplatzte. Dann endet nach und nach die Qual des Leidenden, wenigstens die des Körpers, aber die der Seele beginnt, das Auge ist erblindet. Häufig bildet sich durch die Oph- thalmie eine Haut über dem Auge, die manchmal, aber nicht immer operirt werden kann. Wenn man sich die ungeheure Hitze des Landes, das grelle Licht der nie bewölkten Sonne denkt, findet man erst einen Maßstab der entsetzlichen Leiden der von dieser Krankheit Befallenen. Napoleon's Genie erschuf gegen dieses furchtbare Nebel Staubbrillen, die in der egyptischen Erobcrungsarmee der Franzosen angewendet wurden: in Leder eingefaßte, einfache Glasscheiben, welche, etwas vom Auge entfernt, dessen Verrichtungen kein Hinderniß entgegensetzen. Die Engländer verbesserten die Staubbrillen und verfertigten aus feinem schwarzblauen Drahte gewebte, erhabene Gestelle, welche vor dem Auge ein Glas von bunter Farbe (gewöhnlich grün oder blau) umschließen und so ein etwas getrübtes Sehen möglich machen. Das Auge wird durch die farbigen Gläser kaum irritirt, und die Staubbrillen leisten treffliche Dienste. Die Dissentcrie ist leider eine derjenigen Krankheiten Egyp- tenS, welche gerade unter den Europäern und Türken verhältniß- mäßig die meisten Opfer fordert. Eine leichte Erkältung kann sie herbeiführen; oft endet sie schon nach wenig Tagen mit dem Tode. Kaum mehr als die Hälfte der Erkrankten genesen und auch sie nur, wenn schleunige Hülfe angewendet wird. Die Anzeigen sind heftige Kolik, später tritt fortdauernde, bald Blut und Schleim mit sich führende Diarrhöe ein, eine vollständige Entzündung der Gedärme endet das Leben. Es ist jedem neu Angekommenen anzu- rathen, jede Erkältung möglichst zu vermeiden und immer eine wollene Binde auf dem bloßen Leibe zu tragen, welche das beste Schutzmittel ist und bleibt. Dabei ist eine strenge Diät Jedem zu em- 43 pfehlen, vorzüglich hüte man sich vor zu reichlichem Genuß grünen Salats und der Südfrüchte. — Das klimatische Fieber wird in Egypten nicht gefürchtet; es tritt nie mit jener furchtbaren Stärke auf, wie im Sudahn und wird nur dann tödtlich, wenn entweder jede ärztliche Hülfe verschmäht wurde oder andere, die Krankheit verschlimmernde Umstände hinzutraten. Der Nilausschlag wird allgemein dem Genuß des ungereinigten Nilwasscrs zugeschrieben und gilt als ein Präservativ gegen andere Krankheiten; die Elephantiasis kommt selten und nur in sumpfigen Niederungen, der fürchterliche Sonnenstich in einzelnen Fällen vor. Dagegen wüthen die Blattern manchmal in grauenerregender Weise unter dem gemeinen Volke. Alle Krankheiten Egyptens sind im höchsten Grade rapid. Ein langes Krankenlager kennt man bloß bei dem Fieber; nach kurzem Verlauf endet die Krankheit entweder der Tod oder völlige Genesung. Kranke, welche nach der Vcrsichernng eines tüchtigen Arztes, meines Freundes, des Herrn Dr. Billharz in Kairo, so heftig an Lungenentzündung litten, daß in Deutschland gar keine Rettung gewesen wäre, waren in wenig Tagen vollkommen hergestellt. Ebenso schnell erfolgt bei tödtlichem Ausgangs der entgegengesetzte Fall. Die Gesammtzahl der Bevölkerung Egyptens mag sich jetzt auf ungefähr drei und eine halbe Million Menschen belaufen. Der frühere Leibarzt Mahammcd-Aali's, der Franzose Clot (in Egypten Clot-Bei genannt) gibt uns im Jahre 1836 — eine neuere Zählung ist noch nicht bekannt worden — folgende Zusammenstellung der einzelnen Völkerschaften Egyptens: 44 Egyptische Bauern, Handwerker rc. (Fälln hhrhn) 2,600,000 Beduinen (Bödäüi) ...... 70,000 Türken (Türki) ....... . . . 12,000 Kopten (Khübti). 150,000 Neger (Aäbihd). . . 20,000 Nubier (Bürsbrä) . . . . . . 5,000 Abyssinier (HLbeschi oder Mäkühtl) . . 5,000 Weiße Sklaven (MLmLlrhk) . . . . . . 5,000 Juden (JLHühdi) . 7,000 Syrier (Schähmi)v Griechen (Rühm!) s . . . . Armenier (Ärmönni)) - . . . 10,000*) Europäische, d. h. unter dem Konsulate stehende Grie- chen (Ruhmi). 2,000 Italiener (Tnliähni) . . . . . 2,000 Malteser (Mstlty ....... 1,000 Franzosen (FrLnsnui). 800 Engländer (Jngliesy. 100 Oesterrcichcr (NtzmsLui). 100 Russen (Mösköhw,). 30 Spanier (Sbäniülil). 20 Von den anderen europäischen Nationen 100 Summa 2,890,15V. Die Seelcnzahl der Europäer hat sich seitdem bedeutend vergrößert und dürste jetzt wohl das Doppelte obiger Angabe betragen; man rechnet die europäische Bevölkerung Alerandricns allein schon auf achttausend Individuen. Ein einziger Blick auf die mitgetheilte Tabelle zeigt uns die Verschiedenheit der cgyptischen Bevölkerung und doch sind im Grunde genommen nur die gröbsten Umrisse der wirklich bestehenden Vermischung angegeben. Ich kenne kein zweites Land, in dem man eine solche Vereinigung der verschiedensten Nationen fände, als in *) Diese Angabe ist offenbar zu niedrig gestellt; ich glaube, daß man füglich funfzehntausend setzen könnte. 45 Egypten. In Kairo kann man sehen: alle europäische Nationen, Türken, Georgier, Tscherkcssen und andere Kau- kasier, Perser, Syrier, Palästincr, Drusen, Maroniten, Armenier, Juden, Beduinen, Algierier, Marokkaner, Nubicr, Neger vom blauen und weißen Flusse, aus Dahr« Fuhr, Tombuktu, Barharmi und Takhale, Abyssinier aus allen Provinzen des großen Landes, Jemenesen, Jndicr u. s. w., kurz, man hat eine wahre Mustcrkarte der verschiedenartigsten Nationen, die Egypten entweder auf ihrer Reise besuchen oder bleibende Wohnsitze dort aufgeschlagen haben. Es ist natürlich, daß man bei einer so großen Verschiedenheit der Völkerschaften auch die verschiedenartigsten Sitten und Gebräuche wahrnehmen kann; ganz unmöglich aber ist es, sie alle kennen zu lernen. Ich werde versuchen, Einiges, was ich von den Sitten und Gebräuchen der verschiedenen Bewohner des Landes zu beobachten Gelegenheit hatte, so weit ich es im Stande bin, zu schildern. Zuerst beginne ich mit dem Egyptcr. Es ist nicht der Nachkomme des alten Egypters, den ich meine, nicht der, dessen Vorfahren die Weisheit lehrten und Bildung verbreiteten, Steinbcrge aufthürmten und Felsen aushöhlten, um ihren Königen Gräber zu bereiten, welche ganz Egyptmland mit Kanälen durchzogen hatten und sogar den von uns, den stolzen, so weit in der Bildung vorgeschrittenen Europäern, mit all unseren Entdeckungen und Erfindungen, mit unserer Dampfkraft und Mechanik, noch nicht in Angriff genommenen Kanal zu bauen angefangen, vielleicht fast vollendet hatten, um das rothe mit dem mittelländischen Meere zu verbinden, — denn das wäre der heutige Kopte, — sondern ich meine Den, welcher vor Jahrhunderten mit den Waffen in der Hand in Egypten eindrang, um die Lehre der Isis oder das Christenthum zu verdrängen und dafür auf schlankem Minaret den Halbmond aufzurichten, den früheren Araber. Seit Jahrhunderten von eigenen Herrscherin, Mameluken und Türken unterdrückt und beknechtet, ist er zum gemeinen Fell ah hcrabgesunkcn, denn der Araber, welcher in der Stadt sein Handwerk treibt, ist mit dem, welcher das Feld bearbeitet, eines Stammes, hat mit ihm einen 46 Glauben und eine Sitte. Zwischen Beiden findet nur der einzige Unterschied statt, daß der Bewohner des Dorfes uns im Umgänge ungebildeter und derber erscheint, als der Städter, gerade wie bei uns auch. Der Sprachgebrauch will, daß ich mit dem Türken Beide „Fellah" nenne; wollte ich ganz arabisch mich ausdrücken, dann müßte ich sie „Aülähd Asrräb" (Nachkommen oder Söhne der Araber) betiteln. Der Egypter ist von kräftigem, gedrungenem Körperbau, nicht unangenehmer, wenn auch gemeiner Gcsichtsbildung, gelber oder braungelber, oft sogar hellbrauner Hautfarbe, stark, ausdauernd in der Arbeit, gewandt, enthaltsam, und gleichwohl wieder ausschweifend, befähigt, große Beschwerden und Schmerzen mit Leichtigkeit zu ertragen und mit Wenigem zufrieden zu sein. Er hat ebenso viel gute, als schlechte Eigenschaften. Seine Leidenschaften sind heftig. Er ist jähzornig, aber nicht rachsüchtig und eben so zum Streit, als zum Frieden geneigt; er ist religiös, gastfrei, mildthätig, arbeitsam, sparsam; ebenso aber auch falsch, treulos, lügnerisch, betrügerisch, diebisch, wollüstig, kriechend gegen hohe, tyrannisch gegen Niedere, tückisch, bequem und über alle Begriffe unverschämt. Geiz und Habsucht kennt er nicht, überhaupt nicht berechnende Laster, denn er ist Sklave des Augenblicks. Er bereut seine Fehler nie, weil er zu anmaßend ist. Er vereint daher die sonderbarsten und grellsten Widersprüche in sich; er ist ein früher gut gewesener, durchlange Knechtschaft schlecht gewordener Mensch; seine Leidenschaften sind Ursache, daß bei ihm die schlechten Eigenschaften die guten überwiegen. Die egyptischcn Frauen sind von derselben Gemüthsbeschaffcn- hcit, wie ihre Männer. Sie sind herrlich gewachsen, graziöse Gestalten , haben oft eine sehr feine Gesichtsbildung und zuweilen eine Hautfarbe, welche der unserer Frauen an Weiße wenig nachgiebt. Oft werden sie ihren Männern untreu, weil sie Veränderung lieben und ziemlich leichtfertig sind. Ihre Zungenfertigkeit übertrifft selbst die der Französinnen und macht sie sehr widerlich, weil sie die unbedeutendsten Dinge mit einer Ausführlichkeit behandeln, die unerträglich wird und weder Maaß noch Ziel kennt. Wie die 47 Männer, sind auch die Frauen ausschweifend im Segnen und ausschweifend im Fluchen. So poesiercich und lieblich ihre Lobeserhebungen und Segnungen sind, so gemein und abscheulich sind ihre Schimpfwörter und Flüche. Die Araber und noch mehr die Türken haben Schimpfwörter, die so anstandverletzend und grauenvoll sind, daß man sie unmöglich übersetzen kann. Vorzüglich verstehen es die Weiber, sie in einer ununterbrochenen Reihenfolge heraus- zustoßen. Dabei ist es beachtenswerth, daß das nachfolgende Schimpfwort das vorhergegangene steigert. Ich will hier die Steigerung des sehr gebräuchlichen Schimpfwortes „Kelb", Hund, anführen: „Du Hund, du Sohn des Hundes, dessen Ahnen Hunde waren und dessen Urahnen von Hunden gezeugt wurden, eine Hündin hat dich groß gesäugt, deren ganzes Geschlecht von Hunden abstammt, deine Kinder werden Hunde sein und Hunde bleiben." Diese furchtbare Schimpfweise kommt daher, daß der Egypter Schimpfnamen, welche nur seiner Person gelten, wenig beachtet, insofern sie nämlich nicht auf Religion Bezug haben, wie z. B.: „Du Hund, du Ketzer, du Ungläubiger, du Feueranbeter," aber jede Schmähung seiner Eltern und Ahnen mit großer Erbitterung aufnimmt, weil er sie sehr tief empfindet. Die Schimpfwörter sind dem Fellah so geläufig geworden, daß er sie auch zur Unzeit und oft auf höchst komische Weise anwendet. Ich habe oft einen Vater im Zorne zu seinem Sohne: „4 a Lslb, ja ibn el Leib" (du Hund, du Hundesohn) oder „4Mb jenarblak abukk!" (Gott möge deinen Vater verdammen!) sagen hören, Ebenso grob wie der Araber wird, wenn er gereizt wurde, ebenso höflich ist er sonst. Der ärmste SLkha (Wasserträger) wird von dem Andern mit „4a sibcb," mein Herr, angeredet; zu einer Frau und wäre sie auch die des gemeinsten Fellah, sagt man nie anders als: „4a Ättl", meine Herrin. Die gegenseitigen Begrüßungen sind fast dieselben, wie im Sudahn, deren ich schon Erwähnung gethan habe. Der Erste sagt zu dem Zweiten: „L1 salabm aalei- kum", Friede (das Heil) sei mit Euch, oder mit Dir, worauf dieser erwiedert: „4aIeLum el salabm, vu raebmst iillabi vu varakabtu oder baraktu", mit Euch (Dir) sei das Heil und die 48 Gnade Gottes und sein Segen." Dann fragt der Erste: „Dei- bilin?" Befindest Du Dich wohl? Der Zweite antwortet: „LI ttanicki lillalli!" Gott sei gedankt! Eine gewöhnliche Höflichkeits- formel ist in Egyptcn „^kaselrtina za 8ittcli^-, was frei übersetzt ungefähr bedeutet: Wir wünschen, daß Gott alles Böse von Dir entfernt habe, worauf man erwiedert: akascli, vu tmsoli minsk", möge Gott alles Böse entfernen und zwar von Dir entfernen*). Der Grüße und Komplimente sind so viele, daß es hier viel zu weit führen würde, wenn ich noch mehrere anführen wollte; bemerkenswert!) ist es, daß die meisten Komplimente, nicht wie bei uns eine Schmeichelei, sondern einen Segenswunsch enthalten. Es erfordert viel Mühe, sie alle kennen und anwenden zu lernen. So gebraucht der Araber das Wort „Dank" nie gegen Menschen, sondern nur gegen Gott. Er übersetzt „ich danke Dir" durch die Redensart: Xll-tll icöttör elnürLk", Gott vergrößere Dein Glück, oder Gott mehre Dir alles Gute. Es würde ein gewaltiger Verstoß gegen die herkömmliche Sitte sein, wenn man einen Türken oder Araber nach dem Befinden seiner Frau fragen wollte; nach den Kindern aber darf man fragen; der Araber erwiedert darauf sehr höflich: „kö8S!l6m aaloilc, ds'I clisir, rabbina ei liamä", sie grüßen Dich (und befinden sich) ganz wohl, dem Herrn sei Lob und Dank. Die Eltern sind in der Regel stolz auf ihre Kinder. Während bei den Arabern der Name (aber nicht der Zuname, denn einen solchen besitzt der Araber nicht) des Vaters auf den Sohn erbt und so gleichsam den Zunamen bildet, nehmen Frauen, wenn sie Wittwen oder Geschiedene wurden, gern den Namen eines ihrer Söhne an. So nennt sich dann eine Frau, welche Fathme heißt und einen Sohn mit Namen Achmed besitzt: „Fathme, Umm Achmcd", Fathme, Mutter des Achmed. Heißt ein Araber z. B. Mahammed, dessen Vater Jbrahihm genannt wurde, so ist der ganze Name des Ersten: „Mahammed Jbn Jbrahihm", *) Ich kann diese Redensarten streng wörtlich im Deutschen nicht wieder geben. 49 Mahammed, Sohn des Jbrahihm. Würde nun ein Sohn von diesem Achmed heißen, so erbt er nicht den Namen seines Großvaters, sondern nur den seines Vaters Mahammed. Will man aber Jemanden ganz besonders ehren, so nennt man nächst seinem Vater den Namen des Großvaters und des Urahn der ganzen Familie. Dies ist der Grund, weshalb wir manchmal von einem Araber so viele Namen finden. Denn hätte z. B. der Urahn der Familie des Jbrahihm, Mahammed und Achmed Aabd-Allah geheißen, so würde der ganze Name des Achmed lauten: „Achmed Jbn Mahammed, Jbn Jbrahihm Ben Aabd-Allah", Achmed, Sohn des Mahammed, des Sohnes des Jbrahihm, Nachkomme Aabd-Allah's. Araber- und noch mehr Beduinenstämme (letztere halten besonders Viel auf ihren Stammbaum), deren Stammvater in Vergessenheit gekommen ist, haben zuweilen ihrem Stamm ganz eigene Namen gegeben. So heißt ein großer Beduinenstamm „Bßni «l Härb", die Söhne, Nachkommen des Kriegs. Alle Namen der Araber sind ursprünglich Eigenschaftsnamen, durch Gebrauch aber entweder so verstümmelt oder so gewöhnlich geworden, daß viele Araber die wahre Bedeutung eines Namens selbst nicht mehr kennen. Ich glaube, daß cS genügen wird, wenn ich hier die Bedeutung einiger der bekanntesten gebe. Mahammed und Hamihd bedeutet der Gepriesene, Achmed, der Lobenswerthe, Preiswürdige, Hassan, der Schöne, Latief, der Zarte, Elegante, Liebenswürdige oder Gesegnete u. s. w. Alle Namen, vor denen ein „Aabd" oder, wie man gewöhnlich schreibt, „Abd" steht, sind auch Eigenschaftsnamen Gottes oder des Propheten; das „Aabd" bedeutet Sklave oder Diener, Aabd-Allah ist Sklave Gottes, Aabd el Taimen, Sklave des Ewigen, Aabd el Rah hm an, Sklave des Gnädigen oder Barmherzigen, Aabd el Ncbbi, Sklave des Propheten. Die Kleidung der Araber ist bei den verschiedenen Ständen verschieden. Das Alltagsgewand des Fellah im engern Sinne, d. h. II. 4 50 dcs eigentlichen Bauers, besteht aus einer dünneren oder dickeren, bis auf die Knöchel herabrcichendcn Kutte von grobem Wollenzeuge und dem das Haupt seit Jahren bedeckenden, entfärbten Tarbuhsch, oder einer nach oben zugespitzten Filzmütze. Um den Tarbuhsch hat er ein schmutziges Tuch, oft auch ein zerrissenes Fischernetz tur- banähnlich herumgewickelt. In der Hand trägt er die unerläßliche, von ihm „Uhd" (Ast) genannte Tabakspfeife oder den Nabuht*). An Fest- und Feiertagen, wenn er in die Stadt kommt oder sich überhaupt putzen will, kleidet er sich besser. Zuvörderst nimmt er ein ihm sehr nöthiges Bad im Flusse oder einer der öffentlichen Badeanstalten, dann holt er ein Paar Unterbcinkleider von sehr zweifelhafter, selten weißer Farbe herbei und bekleidet damit den Unterleib. Ein Hemd — in der uns verständlichen Bedeutung — besitzt er nicht; er hüllt den Oberkörper in ein weites, schon mehrere Jahre lang getragenes, durch viele Wäschen sehr gebleichtes, langes und weitärmeligcs Baumwollengewand und überzieht dieses mit einem zweiten, neueren und deshalb noch dunkelblau aussehendem von gleichem Stoff und Schnitt. Das Haupt bedeckt der bessere, mit der reinen A'imme**) umwundene Tarbuhsch; die Füße stecken in einem Paare außerordentlich plumpen gelbledcrnen Schuhen. So schreitet er stolz einher. Sein Weib, die Fellahhe, ist ebenso einfach gekleidet, als ihr „Herr" und Gebieter. Sie trägt ein weites, bis auf die Füße *) Der Nabuht ist ein sechs bis acht Fuß langer, als Stab und Waffe dienender Schößling einer syrischen, festen und harten Holzart; er ist ein in Egppten unentbehrliches. Alles vermögendes Instrument, die gewöhnliche Angriffs - und Schutzwaffe des Fellah, der Thiere und Menschen antreibende, Kamele bändigende und wilde Thiere tödtende Prügel. Die meisten Morde werden mit dem Nabuht verübt; als Lanze geworfen streckt er den stärksten Mann zu Boden; er dient als Rappier zu den bei festlichen Auszügen gebräuchlichen Scheinkämpfen, kurz, er ist ein sehr vielseitiges, ebenso preisliches, als verwerfliches Instrument. Um mich kühn auszudrücken: der Nabuht regiert Egyptenland. **) Die Allinnre ist der eigentliche Turban und besteht aus einem sehr langen, blendend weißen baumwollenen Tuche, welches, in der Diagonale zusammengelegt, strickartig zusammengedreht und um den Tarbuhsch herum- gewunden wird. 51 herabfallendes, auf der Brust geschlitztes, blaues Oberhemd mit werten Aermeln, ein dunkles Kopftuch und den vor dem Gesicht lang herabfallenden wollenen oder baumwollenen Schleier, „Burkha". Dieser läßt bloß die Augen frei und wird auf der Stirn mit Mes- singkettchen, in der Schläfegegend mit Bändern am Haupte befestigt. Ihre kleinen und zierlichen Füßchen bekleidet sie selten mit rothen Schuhen. An Feiertagen ist ihr Anzug derselbe, nur sind die Kleider noch neu und wenig gebraucht. Wenn man eine unverschleierte Egypterin betrachtet, bemerkt man, daß sie ihr Gesicht und ihre Hände tätowirt und gefärbt hat. Am Kinn sieht man vier bis fünf parallellaufende Streifen, an den Schläfen vierstrahlige Sterne mit blauer Farbe (Indigo) ein- geäßt; die Nägel der Hände und Füße und die innere Fläche der ersteren zeigen ein schmutziges Braunroth, die Augenbrauen und Wimpern eine tiefe Schwärze. Die Tätowirung geschieht iin frühen Kindesalter, die rothe und schwarze Färbung wird von Zeit zu Zeit erneuert; erstere bringt man mit „Hinne" (I-nvsonin alba sivs inermis) *), letztere mit „Kohhl" (Antimonpulver)**) hervor. Wenn der Kohhl nicht zu stark aufgetragen wird, verschönert er das Auge ungemein, es erscheint viel glänzender und größer; aber leider trifft die Fcllahhe nicht oft das richtige Maaß. Auch ihre Tätowirung ist selten zierlich genug, um das Gesicht nicht zu entstellen. Um ihre Augenbrauen denen der Levantinerinncn, welche einem seidenen Fädchen gleich sich über dem Auge wölben, ähn- *) Behufs des Färbens werden die getrockneten Blätter des Hinnestrauches zwischen Steinen oder in einem Mörser zu Pulver gestoßen, dieses wird mit Wasser zu einem Brei angerührt und auf die zu färbende Hautfläche aufgelegt. An der Hornsubstanz haftet die Farbe länger, als an der Epidermis, wo sie nur zehn bis zwölf Tage hält. Derselbe Brei ist ein treffliches Heilmittel gegen Brandwunden. **) Die Sitte, sich Augenbrauen und Wimpern mit Antimon zu färben, ist bei den Orientalen schon seit alten Zeiten in Gebrauch. Man stößt den Antimon zu einem feinen Pulver, nimmt einen Messingstift. „Mihl" genannt, befeuchtet ihn und taucht ihn in das Pulver ein. Dann zieht man ihn bei geschlossenen Lidern zwischen den Wimpern hindurch, wobei der nöthige Färbestoff an den Haaren hängen bleibt. 4 * 52 lich zu machen, rasirt sie dieselben gewöhnlich zm Hälfte von Oben herab. Von Schmucksachen sieht man bei der Fcllahhc, wenn sie cS erschwingen kann, massiv goldene oder silberne Nasenringc, welche bei Armen auch von Messing sein können; Ohrenringe trägt sie nicht. Ein anderer Schmuck sind auch große, aber nicht werthe volle Goldmünzen, die am Rande durchlöchert und an das Kopftuch angenäht werden, um auf der Stirne zu glänzen. An den Füßen sieht man oberhalb der Knöchel sehr starke, meistens hohle silberne Ringe, deren größte Schönheit, nach arabischer Ansicht, in bedeutender Schwere zu suchen ist. Ocffentlichc Mädchen tragen oft ihr ganzes Vermögen in Goldmünzen und anderen Schmucksachen, z. B. Armringen und Diademen, beständig am Körper. Die Fcllahhc entschleiert ihr Gesicht nie, so lange sie noch verheiratet ist und keusch und züchtig lebt. Eine Egyptcrin, welche ihren Schleier auf Verlangen oder für immer ablegt, ist jederzeit eine seile Dirne. Die Sorge, ihr Gesicht jedem fremden Auge zu verbergen, geht so weit, daß sie eher den ganzen übrigen Körper, als das Gesicht, entblößt*). Die Kleidung des die Städte bewohnenden Fellah (um dem allgemeinen Sprachgebrauch Egyptenlands zu folgen) ist seiner und geschmackvoller, als die des Bauern. Man kann schon aus der Kleidung erkennen, welchem Stande der Städter ungefähr angehört; der Kaufmann kleidet sich anders, als der Gelehrte, dieser wieder anders, als der Künstler oder Handwerker. Ich will die am Meisten verbreitete Kleidung zu beschreiben suchen. Sie besteht aus Unterbeinkleidcrn, „Libbahs", dem Hemd, „KHLmrhs", Strümpfen, „SchärabLht", Schuhen, „MLrL- *) Auf einer Jagdpartie kam ich einmal an einen Kanal, in welchem Mehrere Fellahsfrauen badeten. Der Damm des Kanals war so hoch, daß ich weder die Badenden, noch diese mich gesehen hatten, bis ich auf demselben und dicht vor ibnen stand. Sie erhoben ein lautes Geschrei und verdeckten sogleich ihr Gesicht mit den Händen, dann eilten sie nach dem Ufer, verschleierten sich schleunigst und nun erst warfen sie die übrigen Kleider über. 53 kihb", der Weste, „Sldöhrl", der Leibbinde „Hlssühm", der rothen türkischen Trodelmütze, „ T »rb »ihsch", dem Turban, A t >n - >uö", einem Obcrgewande, „KhLftühn", und einem Ueberrocke, „A'rbbe oder Khibbe"*). In den Händen der mit diesen einzelnen Stücken bekleideten Person sieht man dann auch die Tabakspfeife, „Djibähk" oder „Tscht'bühk", in der Binde der Kaufleute das gewöhnliche Schreibzeug der Araber, ein Federkästchen mit Tintenfaß, „Trlweiö". Die Nnterbeinklcidcr sind oben sehr weit und werden durch einen Faltcnzug, „DlkhL", zusammengeschnürt, unten aber in die am Knie durch Bänder, „NnbLtnh t", zusammengehaltenen Strümpfe gesteckt; sie sind das erste Kleidungsstück. Das Hemd besteht aus gazeartig gewebter Leinwand, aus Baumwollenstoff oder Seide voll ganz eigenthümlicher Zubereitung, hat sehr weite, an dein Ende mit Stickereien verzierte Aermel und wird über den Unterbeinkleidern getragen. Die Schuhe sind aus rothem Saffian gefertigt, innen mit Leder oder buntem Tuche gefüttert, haben nach oben gekrümmte Spitzen und dicke Sohlen, verderben aber bei nassen oder schmutzigen Wegen in wenig Tagen. Jetzt trägt man wohl auch europäische kalblederne Schuhe, weil man sich von deren Zweckmäßigkeit überzeugt hat. Auf Kamelreisen bekleidet man die Füße mit Stiefeln aus Saffian, „Djvsmtz", welche bis zu den Knieen reichen. Die Weste ist entweder ohne Aermel, „Sidchri", oder hat lange Aermel und wird dann „Ander»" genannt. Sie wird aus verschiedenen Stoffen gefertigt und durch zwanzig bis dreißig dicht an einander stehende, eiförmige Seidenknöpfe und Schlingen auS Sci- denschnur zusammengehalten. Die Aermel sind bis zum Ellenbogen eng, von dort an aber aufgeschlitzt, um das Hemd sehen zu lassen und den Arm zu kühlen. Auch sie sind mit Knöpfen besetzt, aber mehr der Zierde, als des Nutzens wegen. Auf die Weste folgt der am Halse durch drei bis vier Knöpfe, in der Mitte des Körpers durch die buntfarbige Wollen- oder Scidcnbinde zusammcn- *) Ich lasse es unentschieden, ob der Ae»n- oder Khnf-Laut hier der richtige ist. 54 gehaltene KHaftahn, ein langes, einem Frauen- oder Schlafrocke ähnliches Gewand, mit ebensolchen Aermeln. Den Beschluß macht die Khibbe, ein weiter, nirgends am Körper anliegender, aus Tuch gefertigter Oberrock. Früher wählte man gern brennend rothes Tuch, jetzt nimmt man dunklere, weniger schreiende Farben dazu. Als Kopfbedeckung trägt man den Tarbuhsch allein, oder noch mit der Aünme umwunden, als Turban. Die besten Tarabiesch*) sind die sogenannte ,,MörhLrbi", d. h. die, welche in Algerien oder Tunis gefertigt und mit Cochenille rothgefärbt worden sind. Der Tarbuhsch ist eine runde Mütze ohne Naht und so vortrefflich gewebt, daß man das Gewebe erst erkennen kann, wenn er schon sehr abgetragen ist. Ohne ihn genau untersucht zu haben, hält man den Stoff für Filz. Reiche Kaufleute oder Schiuhch benutzen, anstatt des weißen baumwollenen Tuches, auch wohl kostbare Ka- schemirshawlö von ein- bis funfzehntausend Piastern an Werth zur Aimiiie. Dieser Anzug ist kleidsam. Vorzüglich steht er dem bärtigen Mohammedaner sehr wohl zu Gesicht, kleidet aber einen jugendlichen und bartlosen Mann auch um so schlechter. Die Frauen dieser Mittelklasse der Bevölkerung erinnern in ihrer Trachr noch an die Fcllahhe, welche sich auch, wenn sie wohlhabend ist, gerade so gekleidet wie jene, die wir die Bürgersfrauen Egyptens nennen können. Sie tragen meist Strümpfe, Schuhe und weite Beinkleider, „SchlndlLhn", zuweilen auch, wie die Türkinnen oder Lcvantinnerinncn, ein Unterhemd und Mieder. Für gewöhnlich verhüllen sie, wie die Fellahhe, den Oberkörper mit einem langen blauen Hemd und verzieren dieses mit starken, ihnen lang auf den Rücken herabhängenden Quasten. Bei festlichen Gelegenheiten erscheinen die Wohlhabenden auch wohl in dem Anzüge der Türkinnen. *) Plural von Tarbuhsch. 65 So wenig sich der Städter Egyptens in seinen Sitten und Gebräuchen und in seinem Charakter von dem Fellah unterscheidet, so sehr unterscheidet sich der Türke von Beiden. Jene gehören einer und derselben Nation an, haben eine Sprache, ein Land zu ihrer Hkimath und sind von Jugend auf so oft mit einander in enge Berührung gekommen, daß ein Unterschied zwischen Beiden zwar bemcrklich, aber nicht auffallend ist. Nicht leicht aber gibt es zwei durch einen und denselben Glauben vereinigte Nationen, welche in allein Anderen so unendlich von einander abweichen, als die Türken von den Egyptcrn. Die Ersteren stehen in jeder Hinsicht hoch erhaben über den Letzteren. Sie hassen sich gegenseitig, weil sie sich nie wirklich verbinden können. Der Türke zeichnet sich bei der ersten Begegnung durch zwei Eigenschaften, Stolz und Ehrgefühl, sogleich Vortheilhaft vor dem Egypter aus. Man sollte nicht meinen, daß diese zwei Tugenden — denn hier sind es Tugenden — wenn ein Volk sie besitzt oder nicht besitzt, so ganz den Charakter desselben verändern können. Und doch suche ich gerade in ihnen hauptsächlich die Verschiedenheit beider Nationen. Der Türke besitzt Stolz und Ehrgefühl und ist deshalb großer Tugenden fähig, welche der Araber gar nicht oder nur gezwungen ausübt. Ob der Erstere dem Letzteren an Gcistcsfähigkeitcn überlegen oder einer größeren geistigen Ausbildung fähig ist, möchte ich bezweifeln; ich glaube, dieser hat eben so gute Anlagen, wie jener. Ein Türke von altem Schrot und Korn muß uns als ein sehr edler, braver Mensch erscheinen, wenn nur uns in seine Verhältnisse hincindcn- ken. Er hat noch alle ritterlichen Tugenden unserer Vorfahren aus dem Mittelalter, ist patriarchalisch gastfrei, muthig, tapfer, treu, religiös, fast fanatisch, mildthätig, freigebig, ehrlich, wahrheitsliebend, gegen seine Diener und Sklaven ein strenger, aber gerechter Herr, seinem Beherrscher ein treuer Unterthan, seinem Freunde ein wahrer Freund, seinen Kindern ein guter Vater. Aber er hat auch viele Laster und Fehler an sich, wenigstens in unseren Augen, denn er ist herrschsüchtig, ehrgeizig, oft raublustig, wollüstig, grausam, manchmal tyrannisch, anmaßend und rachsüchtig, kurz, er ist ein Mensch, dessen natürliche Anlagen noch nicht durch allgemein 56 verbreitete Gesittung und Bildung geregelt wurden. Ganz anders ist der verfeinerte Türke, denn obwohl er seine Leidenschaften gänzlich zu zügeln weiß, arbeitet er doch nur daran, ihnen zur Zeit vollkommene Befriedigung zu verschaffen; er ist seiner, aber nicht besser geworden, als jener; gerade so, wie der Fellah derber, aber redlicher ist, als der Städter Egyptens. Der feinere Türke ist ein vollendeter Hofmann geworden, jedoch sehr zum Nachtheil seiner Tugenden. Er versteht es meisterhaft, mit Anderen umzugehen, aber er ist nicht der gerade, offene, rechtliche Mann mehr, der er früher war, sondern ein geschmeidiger, sich in alle Lagen fügender, jeden Vortheil benutzender, Alles bedenkender Diplomat. Da haben sich denn auch bei ihm die berechnenden Laster eingestellt, als da sind: Geiz, Habsucht, Lüge, Schmeichelei, Falschheit und nicht selten sogar Tücke und Hinterlist u. s. w. Hätte er keinen Stolz und kein Ehrgefühl, er würde ein weit gefährlicherer Mensch sein, als es der Fellah ist, welcher das Wort Schande nicht kennt oder nicht kennen will. So ist er es aber nicht. Der Umgang mit dem Türken ist ein weit angenehmerer, als der mit dem pöbelhaften Fellah. Das Hoflcbcn ist der Verderb des türkischen Nationalcha- rakters, ebenso auch der Umstand, daß viele freigelassene Mamelucken zu den höchsten Ehrenstcllcn befördert worden sind. Ein Mensch, der in der Sklaverei aufgewachsen, erzogen und gewöhnt worden ist, allen Leidenschaften seines Herrn Genüge zu leisten, wird nie wahre Gr-mdsätze befolgen oder wirkliche Tugenden selbst- ständig ausüben lernen. Wenn ein freigelassener Mameluk später edle Handlungen ausübt, so hat er, mit seltenen Ausnahmen, gewiß einen versteckten Grund dazu. Die wahren Türken kennen diesen Krebsschaden wohl, der an ihrem Volke frißt, das Uebel ist aber schon viel zu weit vorgeschritten, als daß es geheilt werden könnte. Hoffen wir, daß der jetzige Krieg dazu beitrage, das edle, ritterliche Volk zu neuem, kräftigerem Leben aufzustacheln. — Durch fortgesetzte Vermischungen mit den Frauen des schönsten Menschenschlags der Erde, den Georgincrinncn und Tscherkessinnen, welche als Sklavinnen in den Harchm gewandert sind und noch dahin wandern, hat sich die häßliche Ra«;e des Turkomanen oder 57 Tartaren sehr veredelt und verschönert. Der heutige Türke ist gewöhnlich ein schöner, wohlgebauter, mittelgroßer oder großer Mann, mit scharf markirten, aber regelmäßigen Gesichtszügen, dunkel blitzenden Augen, kleinem Munde, prächtigen Zähnen, schönem Barte und kleinen Händen und Füßen. Sein ganzes Auftreten scheint einen gewissen Stolz und eine besondere Würde an den Tag legen zu wollen. Er ist ernst, spricht wenig und geht langsam, fast schleppend, mit gerade aufgerichtetem Körper einher. Noch impo- nirendcr ist sein Erscheinen zu Pferde. Der vornehme Türke oder, wie er sich selbst nennt, „ösmLnli" reitet nur ein edles, großes Thier und belegt es mit einem prächtigen Sattel. Die Schabracke allein kostet selten weniger als hundert Thaler unseres Geldes, denn sie besteht meist aus ächtem Sammet, mit Verzierungen von gediegenem, stark im Feuer vergoldetem Silber. Der Sattel ist entweder ein weich gepolstertes Reitkissen oder ein Gestell mit hoher Rücken- und Vorderlehne, stets mit den breiten Steigbügeln, in denen der ganze Fuß steht und deren Ecken als Sporen benutzt werden. Vor ihm her trabt sein Sels oder Reitknecht, hinter ihm drein der Tschi- buhkdschi oder Pfeifenbesorger. Der ganze Zug hat etwas sehr Malerisches, zumal wenn der Türke noch nicht der Neuerung gehuldigt und dem „Tartieb stambuhli" gefolgt ist, d. h. noch nicht die alte Tracht seines Volkes mit dem den Europäern nachgeahmten Anzüge der Bewohner des heutigen Stambuhl vertauscht hat. Die alte Kleidung der Türken besteht in Egypten aus feinem, reich mit künstlicher Stickerei von schwarzen seidenen Schnüren verziertem, dunkelfarbigem Tuche. Zuerst kommen die hinten durch Heftel zusammengehaltenen engen Gamaschen, welche genau an das Bein anschließen und an den Knöcheln mit dicht an einander gereihten Scidcnschnüren besetzt sind. Die Beinkleider haben oben 14 bis 20 Fuß im Umfange, sind sackartig und an den Seiten mit Löchern versehen, durch welche die Beine gesteckt werden. Durch eine seidene Dikha wird das ganze Beinkleid zusammengezogen und in Falten gelegt, so daß es sich an den Körper anschließen kann. Die Dikha dient zugleich dazu, das Kleid zu befestigen. Die Weste ist lang und eng. Um die faltigen Beinkleider 5,8 fester zu halten und besser mit der Weste zu verbinden, gebraucht man die Binde, ein aus drei verschiedenen Streifen zusammengenähtes Tuch von feiner und schwerer Seide, 2 bis 6 Fuß breit und 12 bis 2V Fuß lang, an den Enden mit fußlangen Franzen. Sie wird übereck zusammengelegt, damit alle drei verschiedenen buntfarbigen Streifen sichtbar werden. Die Binde ist ein ebenso gut kleidendes als auch nothwendiges Stück der türkischen Tracht, welche den Unterleib trefflich vor der leicht gefährlich werdenden Erkältung schützt. Die Jacke, „Temihr", hat enge, aufgeschlitzte, an den Ellenbogen gestickte Aermel und ist außerdem auch ringsherum am Kragen und an den Brustscitcn reichlich mit Schnuren besetzt. Während der heißen Jahreszeit ist ein solcher Tuchanzug sehr lästig. Man trägt daher in Egyptcn und noch mehr im Sudahn Beinkleider und Westen von feinem weißen Kattun. Um nun aber den Beinkleidern die gehörige Weite zu verschaffen und recht viele und tiefe Falten hervorzubringen, nimmt man so viel Zeug dazu, daß der Umfang der Beinkleider bis 24 Fuß beträgt. Gewöhnlich behält man die Tuchjacke bei, doch wird auch diese oft genug aus demselben weißen Stoffe angefertigt. So lange der Anzug ganz rein ist, kleidet er sehr gut. Der so nützliche Turban ist jetzt bei den Türken verschwunden; man trägt dafür den Tarbuhsch, im Sommer oft zwei über einander, um den Kopf gegen die schädliche Einwirkung der Sonne gehörig zu schützen. Die rothe Farbe des Tarbuhsch und der Schuhe hat ihren guten Grund darin, daß sie die Sonnenhitze mildert. In einem schwarzen Hute ist man in der heißen Jahreszeit kaum im Stande, auszugehen. Der weiße Turban war nach physikalischen Gesetzen noch mehr geeignet, die Kraft der Sonnenstrahlen zu brechen, als der Tarbuhsch, aber die Mode ändert auch im Morgcnlandc die alten Gewohnheiten, Gebräuche und Trachten. Alle vornehmen Türken in Egypten gebrauchen schon jetzt die eben beschriebene Kleidung nicht mehr, sondern folgen der zuerst in Konstantinopel aufgekommenen Neuerung und tragen europäische, mit einiger Abweichung von der unserigcn angefertigte Anzüge. Man hat hierzu die polnischen Röcke mit einer Reihe Knöpfen und überreicher Seidenstickerei, weite Beinkleider, 59 einfache Westen, schwarzseidene Halsbinden und 'Schuhe von schwarzem Glanzleder gewählt. Der Tarbuhsch ist der kleine, sonst nur bei türkischen Frauen gebräuchliche, mit kurzer breiter Quaste von blauer gedrehter Seide. Er schützt nicht so gegen die Sonne, wie der, welcher früher getragen wurde, und ist deshalb oder auch um das bei dem heftigen Schwitzen leicht überhand nehmende Beschmutzen desselben zu verhüten, innen noch mit schwarzem Leder gefüttert. Der Rock wird stets vorn zugeknöpft. Um aber auch das dein Türken zur anderen Natur gewordene Sitzen mit untergeschlagenen Beinen zu ermöglichen, trägt man die Beinkleider ungebührlich weit und ohne Sprungriemen, damit der Bekleidete seiner alten Gewohnheit nach die Schuhe ausziehen und es sich in bloßen Strümpfen auf dem breiten Diwahn bequem machen kann. Die jüngere Generation gewöhnt sich allmählich daran, auf europäische Art zu sitzen, doch muß ich gestehen, daß das Sitzen auf den untergeschlagenen Beinen, wenn man cS einmal gelernt hat, weit bequemer ist; ebenso ist die weite türkische Tracht nach meiner Ansicht dem heißen Klima Egyptens viel angemessener, als die enge, überall spannende, europäische. Die neue Kleidung nennt der Araber „Lettls aal' sl Dartisb stambullli" (Anzug nach der con- stantinopolitanischcn Manier). Nicht leicht ist wohl eine neue Mode bei ihrer Einführung mehr verdammt worden, als diese von dem an seinen alten Gebräuchen ängstlich hängenden Türken. Die Verwünschungen erstreckten sich aber nicht bloß auf die Mode, sondern auch auf die vermeintlichen Urheber, die Europäer. „Der Herr verfluche die Franken mit ihrem neuen Tartieb!" rief Jeder, der sich in der neuen ungewohnten Tracht noch nicht recht bewegen konnte, bei jedem neu entdeckten Mangel mit unverhohlenem Grimme. Wie immer, siegte zuletzt die Mode doch und wird jetzt nicht nur für höchst anständig, sondern auch für sehr hübsch gehalten. Es ist eben so, wie bei uns auch. — Malerischer noch, als die alte Tracht der Türken, ist die Kleidung ihrer Frauen; die Stoffe dazu sind kostbar. Ein vorn geschlitztes Hemd aus buntem Seidenflor, mit weiten, spitzcnbesetzten oder gestickten Acrmeln, deckt den Körper, darauf folgt das cngan- 60 liegende, am Busen tief ausgeschnittene Mieder zur Bekleidung des Oberkörpers und weite, schwerseidcne Beinkleider zur Umhüllung der übrigen Körperthcile. Der kleine Fuß steckt in seidenen Strümpfen und eben solchen Schuhen; das Haupt bedeckt der Tarbuhsch, mit einem cdelsteinreichen Diadem. Ein wcrthvoller Kaschmirshawl umwindet die Hüfte; eine sammctne, kunstvoll und überreich mit Gold gestickte Jacke vollendet die Kleidung. Die Aermcl dcö Mieders sind sehr lang und fallen vom Ellenbogen an gerade herab, weil das den zarten, goldspangenbeschwerten Arm lose umflatternde Hemd zur Bekleidung genügend scheint; die Beinkleider werden, weil sie eine übermäßige Länge haben, unten nach Innen umgestülpt und unter dem Knie befestigt, was wesentlich dazu beiträgt, sie dem Auge gefälliger zu machen. Das lange Haupthaar theilt die vornehme Morgenländerin in mehr als hundert dünne Zäpfchen und flechtet in sie lange Seidenschnüre ein, an welche Goldstücke dicht gereiht sind; in den Ohren trägt sie köstliche Ohrcnringe, um den Hals Perlcnschnüre von oft unschätzbarem Werthe. Wenn eine Türkin das Haus verläßt, zieht sie ein buntseide- nes Gewand, welches die ganze Gestalt einhüllt, darüber und umgürtet es mit einem reich mit Gold gestickten Sammetbandc. Der weiße Schleier verbirgt das ganze Gesicht und läßt nur die Augen frei. Nun erst kommt der mantelartigc Uebcrwurf von schwarzem Seidenstoff, „HLbLr»", welcher oben auf der Stirn, an dein Tarbuhsch, befestigt ist und von vorn nur das Untcrgcwand und den Schleier sehen läßt. Die Habara gibt der ganzen Gestalt der Mor- genländerin etwas ungcmcin Plumpes und scheinbar Unbewegliches, wozu noch die Gewohnheit kommen mag, sie mit dem Ellenbogen abstehend vom Körper zu erhalten. Der Tarbuhsch der Frauen ist von dem der Männer durch geringere Höhe und Dichte verschieden und mit einer Quaste versehen, welche den ganzen Scheitel bedeckt und hinten bis auf die Schultern, vorn bis auf die Stirn herabhängt. Die Füße stecken in Halbstiefeln von gelbem Saffian, „M ä- stz", und diese wieder in Pantoffeln von demselben Stoffe. Wenn die Morgenländerin einen Besuch bei einer Freundin macht, wirst sie, dort angekommen, die lästige Hülle von sich und bekleidet ihre 61 ungcmein zierlichen Füßchen mit prachtvollen, reich mit Golddraht, oft sogar mit Perlen gestickten Sammetpantoffeln. Jene Verimun- mung trägt die vornehme Orientalin, wenn sie in Begleitung eines häßlichen Verschnittenen auf der Straße erscheint. Der unerläßliche und unverletzliche Schleier ist, wenn ich so sagen darf, der Ha- rehm auf der Straße oder das Bild der Unverletzlichkeit der Frauen selbst. Er ist allen Morgcnländerinnen das unentbehrlichste Kleidungsstück, ihn tragen die Türkinnen, Levantincrinnen, Griechinnen und Koptinncn ebensowohl, als die Frauen der Fellahhihn. Erstere verhüllen ihr Gesicht weniger sorgsam als die Letzteren. Ich machte mir oft das unschuldige Vergnügen, eine der vermummten Türkinnen oder Levantincrinnen, wenn ich ihr in einer abgelegenen Straße begegnete, zu bitten, sich auf einen Augenblick zu entschleiern. Nachdem ich der arabischen Sprache mächtig geworden war, Tausend und eine Nacht in der Ursprache lesen und verstehen lernte, suchte ich mir die süßen und schwülstigen Phrasen der blu- mcnreicken arabischen Redeweise insoweit zu eigen zu machen, daß ich sie sclbstständig anwenden konnte. Eine wohlangebrachtc Schmeichelei verfehlte auch bei den Orientalinnen ihre Wirkung nicht. „O Du Herrin der Schönheit und Lieblichkeit, der Anmuth und des Liebreizes, des Ebenmaßes uiw untadelhaften Wuchses, Deine Augen leuchten wie Edelsteine hinill^der Nacht Deines Schleiers hervor, wolltest Du nicht die Sonne Deines Angesichtes in ihrer vollendeten Reinheit und Schönheit Deinem Sclaven nur eine Sekunde lang leuchten lassen?" Einige Male war die Angeredete wirklich jung und schön, auch zufällig kein unnöthigcr Zeuge in der Nähe und ich erreichte meine Absicht. Die Dame lüftete auf einen Augenblick ihren Schleier, aber gleichsam nur, um ihrem Grimme Luft zu machen, und rief mir dann mit dem freundlichsten Gesicht und erkünsteltem Zorne zu: ,,Unverschämter Franke, Deine Frechheit geht weit, eile, daß Du von hinnen kommst." Aber andere Male kam ich auch an die Unrechten. Der Schleier wurde zwar auch ein Wenig erhoben, aber nur, um Raum zu geben, voll Abscheu vor mir ausspucken zu können. Dann entströmte den entfärbten Lippen eine Fluth von Schimpfwörtern, deren schwächste, auf's 62 Gelindeste übersetzt, immer noch alle Verstärkungen des Hundes, Ketzers, Heiden, Ungläubigen, Verfluchten u. s. w. mit unermüdlicher Beharrlichkeit bearbeiteten. In solchen Fällen ist es rathsam, sich schleunigst aus dem Staube zu machen, um sich nicht der Rache der Furie auszusetzen. Im ganzen Orient sind die Frauen unantastbar, jede Beleidigung einer Frau würde streng geahndet werden. Kein Konsul kann einen Europäer schützen, der sich ein Vergehen gegen eine Türkin oder überhaupt eine Mahammedanerin zu Schulden kommen läßt. Ein Europäer, der einen Türken ermordet hat, wird an seinen resp. Konsul abgeliefert; Einer, der in einem türkischer Harehm ergriffen wurde, ist der Rache des Türken verfallen. Ein Mohammedaner hält es für unanständig, seiner Frau nur zu erwähnen; er würde, wenn er ihr auf der Straße begegnete und sie erkannt hätte, durch keine Miene verrathen, daß er wisse, wer sie sei. Ich unterhielt mich einmal in Assuan im öffentlichen Diwahn mit einem türkischen Bei. Eine Fellahhe trat herein und beklagte sich bei dem Oberst, daß er ihren Mann wegen eines Vergehens hart bestraft hatte. Er hörte ihre Klage ruhig an, ebenso eine Zeit lang die Schimpfwörter, mit denen die Frau den Richter beleidigte. Endlich wurde die Frau so unverschämt, daß er ihr den Diwahn zu verlassen befahl. Weib gehorchte nicht, wurde vielmehr immer wüthender und grober und sandte alle nur erdenklichen Schmähungen auf das Haupt des Türken herab, bis dieser in fürchterlichen Zorn kam. „Weib," donnerte er sie an, „wärst du ein Mann, beim Barte meines Vaters, du solltest unter der Peitsche dein Leben verenden!" Hieraus sprang er von seinem Sitze auf und verließ das Zimmer so lange, als die Frau sich dort aufhielt. „Llr g» OllLlM Llkenäi," sagte er dann zu mir, „mit solch häßlichen Weibern muß man sich sehr ärgern." Gewiß handelte der Türke hier groß, größer als hundert Europäer an seiner Stelle gehandelt haben würden. — Die Orientalin legt nur kleine Wegstrecken zu Fuße zurück, bei größeren bedient sie sich der Reitesel, aber mit ganz eigenthümlich erhöhten, teppichbelegten Sätteln und kurzgeschnallten Steigbü- 63 geln. Sie reitet nicht wie unsere Frauen, sondern wie Männer zu reiten pflegen, und stützt sich mit einer Hand auf den nebenher trabenden Hamahri. Vornehme und reiche Damen benutzen jetzt auch Equipagen zu ihren Ausflügen. Die Türkinnen sind in ihrer Jugend sehr schön, altern aber schnell und werden leicht zu stark. Es ist durchaus unbegründet, wenn man annimmt, der Türke liebe nur wohlbeleibte Frauen; er findet im Gegentheil schlanke Gestalten schön, nur kann er die mageren Frauen nicht leiden, und darin, denke ich, urtheilt er so ziemlich wie der Europäer auch. Daß der Türke Fraucnschönheit zu würdigen weiß und hochschätzt, beweist schon der Ankauf der schönsten Mädchen der Erde; eine Georginen» kostet in Konstantinopel von vier- bis funfzehntausend Piaster oder zweihundertunddreißig bis tausend Thaler unseres Geldes. Ueber den Charakter der Türkinnen kann ich nicht Viel sagen, weil ich ihn nicht kenne. Ich weiß bloß, daß sie im Ganzen sanft und gutmüthig, sonst aber eitel, flatterhaft, lüstern, neugierig, plauderhaft, gesellschaftlich, prunksüchtig und nicht häuslich sind. Sie lieben, wie ihre Männer, den Putz ungcmein und tragen deshalb kostbare Geschmeide. Bis jetzt ist man in der Türkei noch nicht zu der Ausbildung der Goldarbeitcrkunst gelangt, um für wenig Thaler ein hohles Armband oder billige Ohrengehängc zu fertigen, sondern arbeitet die Schmucksachen nur aus massivem Golde. Ich habe höchst einfache, aber zierliche Armbänder gesehen, deren Gewicht vier Unzen des reinsten Goldes betrug. Der Werth dieser Armbänder bcli'cf sich auf 210 Thaler unseres Geldes. Es gibt auch noch schwerere, bis zu einem Goldwerthe von fünfhundert Thalern. Auf dem Basare in Kairo fand ich Ohrcngehänge im Werthe von tausend und mehr Thalern; es waren in Gold gefaßte Diamanten. Außerdem trägt die reiche Türkin auf dem Scheitel des Tar- buhsch ein Diadem. Die kleinen Goldmünzen in den Haaren fehlen nie. Als Binde gebraucht die Orientalin kostbare Kasche- mirshawls. Auch die Männer prunken gern. Ein einfacher, gemeiner tür- 64 sischer Soldat kaust sich von seinen Ersparnissen mit Silber beschlagene Pistolen oder mit Goldstickereien verbrämte Jacken, wie viel mehr wird nun der Reiche auf diese Lieblingsneigung aller Türken verwenden! Nur selten trägt er Ringe oder Brustnadeln, denn letztere kennt er gar nicht und die ersteren sind nur Siegelringe mit seinem Namen. Wenn er aber eine goldene Kette trägt, um seine Uhr oder sein Petschaft daran zu hängen, so ist sie gewiß schwer. Nur arme Türken wählen silberne, schlecht vergoldete oder hohle, in Europa gefertigte Ketten; bei den Reichen sind sie stets massiv, aus dem feinsten Golde und von einer Stärke, daß ihr Werth einige hundert Thaler beträgt. Die ganze Art und Weise, wie bei türkischen Beamten der Rang angezeigt wird, scheint darauf berechnet zu sein, in die Augen zu fallen. Es sind eigentlich Orden, welche nach den verschiedenen Graden der Stellung des Beainten verschieden sind. Die Pascha's und Bc't's tragen einen mit Diamanten besetzten Halbmond und Stern, niedere Offiziere denselben von Gold oder von Silber. Ein unentbehrlicher Begleiter des Türken ist bekanntlich der Tschibuhk, die lange Pfeife des Orients. Auf ihre geschmackvolle und reiche Ausstattung verwendet man große Summen. Das lange Rohr wird mit Seide und feinem silbernen, stark vergoldetem Drahte künstlich überspannen und nur ein Dritthcil des Holzes unbekleidet gelassen. Ein solches Rohr kostet mit dem entweder aus gediegenem Silber oder gar aus Gold bestehenden Beschläge von 250 bis 1,000 Piaster. Natürlich hat man auch billige; ein elegant gearbeitetes, mit Seide übcrsponnenes Rohr ist jedoch nicht unter 100 Piastern zu kaufen. Nächst den so reich ausgestatteten Röhren sind die aus Jasminschößlingen angefertigten die theuersten und werden der Seltenheit wegen jenen fast vorgezogen, eignen sich aber nur für den Gebrauch im Diwahn. Je länger und biegsamer sie sind, desto höher stehen sie im Preise. Die Weichselröhre sind um die Hälfte billiger, ein 8 Fuß langer Schößling kostet nur 40 bis 50 Piaster. Allein es ist nicht das Rohr, welches den Tschibuhk theuer macht, sondern das Mundstück, denn dieses besteht aus kostbaren Bernsteinstücken. Ein Stückchen Bernstein, 65 welches 1,000 Piaster kostet, ist nicht bedeutend groß; die Pascha'S und der Vizckönig besitzen Pfcifenspitzen, für welche 10,000 Piaster bezahlt wurden. Gewöhnlich besteht das Mundstück aus zwei Stücken, von denen das erste eirund und das andere ein abgestutzter Kegel ist. Beide werden in der Mitte, der Längenachse nach, durchbohrt und auf einem Holzröhrchen befestigt, welches in das Rohr gesteckt wird. Zwischen beiden Bernsteinstückcn hat man gewöhnlich Goldringe cingeschoben, die Vornehme und Reiche mit ächten Diamanten besetzen lassen. Ein solcher Ring verschönert daS Mundstück ungemein, vcrtheuert es aber auch oft um mehr als 5,000 Piaster. Die Köpfe der Pfeifen sind wcrthlos, in Egypten kommen sie nie über 5 Piaster zu stehen. Sie sind alle aus wenig gebranntem, roth gefärbtem, leicht zerbrechlichen Thone angefertigt. Die Pfeifen eines türkischen Großen enthalten oft ein Kapital von 10- bis 20,000 Specicsthalern. Wir belächeln solch' einen unsinnigen Lurus mit eben dem Rechte, mit welchem sich der Türke über unsere theuren Meerschaumköpfe wundert. Im Orient gibt die Pfeife, welche Jemand führt, gleichsam einen Begriff seines Wohlstandes. Wenn ein Türke in eine Gesellschaft tritt, bringt er seinen Tschibuhk mit, weil er nicht verlangen kann, daß der Wirth für alle seine Gäste Pfeifen habe. Kennt nun Jemand auS der Gesellschaft den Eingetretenen noch nicht, dann richtet er seine Blicke zunächst auf den Tschibuhk, um zu erfahren, welcher Klasse von Menschen er angehören möge. Vornehm und wohlhabend sind in der Türkei unzertrennlich; ein wohlhabender Mann führt aber auch eine anständige Pfeife. Hieraus kann man, ohne großen Scharfsinnes zu bedürfen, leicht ableiten, ob ein Unbekannter in eine Gesellschaft tauge oder nicht. Als auffallend muß ich noch hervorheben, daß der türkische Geschmack nur den Bernstein schätzt, welcher von vollkommen gleicher zitronengelber Farbe, trübe und undurchsichtig ist. Er darf wohl wolkig sein, aber nicht durchsichtige Stellen haben, denn diese verringern den Preis des Stückes um die Hälfte. Je gleichmäßiger und dunkler die Farbe des Bernsteins ist, desto gesuchter und werthvoller wird er dem Türken. Nächst dem Tschibuhk verwendet der Türke das meiste Geld 66 auf seine Waffen. Die theuren krummen Damascencrklingen sind bekannt. Alle Vornehmen tragen den Säbel mehr zur Zierde, als zur Vertheidigung. Früher trug man ihn an dicken, schweren, mit Goldfäden durchwobencn Seidenschnürcn auf der rechten Schulter; jetzt kommt diese Sitte mehr und mehr in Abnahme, man hat dafür einen mit Goldbordcn besetzten Leibgurt gewählt. Die Scheide des Säbels ist von Holz, mit schwarzem Leder überzogen und oben und unten mit Silber- oder gar mit Goldblech beschlagen. Am gesuchtesten sind die Griffe aus dem röthlichen Home des Rhino- zeros. Jetzt sind die alten ächten Damasecnerklingcn höchst selten und theuer. Gewöhnlich trägt der vornehme Türke einen Dolch im Gürtel, auf dessen Griff und Scheide ganz besondere Sorgfalt verwendet wird. Der erstere besieht oft aus gediegenem Silber mit geschmackvoller Cyselirung, die letztere aus Holz, mit Sammet überzogen und mit Silber oder Gold beschlagen. Oesterer sieht man auch Dolche, deren Griffe mit Edelsteinen verziert sind, oder andere, bei denen sie ganz aus theuren Steinen bestehen. Die Al- banesen führen in ihrer Binde manchmal noch ganz mittelalterlich aussehende Waffen bei sich: Strcitärte oder Morgensterne aus da- mascirtcm Stahle, welche theilwcis vergoldet oder auf andere Weise verziert sind. Die Pistolen sind die bekannten türkischen, mit den langen, oft mit Silber, Gold, Edelsteinen und Korallen geschmückten Hälsen. Zur Jagd gebraucht man lange, treffliche, in Perstcn gefertigte und ebenfalls damascirte Büchsen. Visir und Korn sind aber selten von hinreichender Feinheit, um eine genügende Sicherheit im Schuß zu gewähren. Dazu kommt noch der Umstand, daß alle Feuerwaffen nur schlechte Feuerschlösser haben und der Türke selten schießt, ohne seine Büchse aufzulegen. Er zielt lange und schießt unsicher. Alle türkischen Gewehre sind zu lang, um praktisch zu sein. Der längste Büchsenlauf, den ich gesehen habe, war 7 Fuß und einige Zoll lang. Die Türken verwundern sich stets, wenn wir mit unseren kurzen deutschen Büchsen besser schießen, als sie mit ihren ungebührlich langen. Mit Schroten schießt man weniger, als mit der Kugel, und auch dann nur, wenn ein Thier ganz ruhig sitzt. Der gebildete Türke sieht die Vorzüge unserer 67 Schlagschlösser recht wohl ein, ist aber noch immer nicht zu vermögen, sie mit dem Feuerschloß zu vertauschen, weil ihm jede Neuerung verhaßt ist. Nur ein Theil der egyptischen Truppen hat vor Kurzem Perkusstonsschlösser erhalten. Ueberhaupt weichen die Waffen der Soldaten von den früher gebräuchlichen ab und sind nach europäischem Vorbilde gemodelt worden. Ein vornehmer Türke hält Viel darauf, seine Dienerschaft anständig gekleidet zu sehen. Sein Tschibuhkdji trägt gewöhnlich das malerische Gewand des Albanescn: knapp anliegende, mit vielen Seidenschnüren besetzte Gamaschen, weiße enge Beinkleider, ein bis zum Knie herabreichendes, blendend weißes, umfangreiches Falten- hemd, eine mit Goldstickerei verbrämte, rothtuchene Weste und eine gestickte Tuchjacke mit hängenden Aermcln. Im Gürtel stecken Pistolen und der Jatagahn, in der Hand trägt er die in einem Tuchfutterale bewahrte Pfeifen seines Herrn. Der Tischdeckcr oder „Söfrtzdj'i" ist oft dem Vorigen ähnlich , aber noch feiner gekleidet; seine Kleider sind aus besseren Stoffen gefertigt. Auffallender als beide Vorhergehende trägt sich der „Saks" oder Reitknecht. Seine Beinkleider reichen nur bis zum Knie, die Waden bleiben nackt, die Füße stecken in hohen, großen Schuhen; den Oberkörper bekleidet die Jellab'ie, ein unseren Staubhemden ähnliches Gewand, bei ihm eng und kurz, in der Mitte des Leibes durch eine breite, weiße Wolkcnbinde zusammengehalten und auf der Brust geschlitzt, damit die brennend rothe, gold- und seidegestickte Tuchweste zum Vorschein kommen kann; das Haupt bedeckt der Turban mit schneeweißer Aimmc; über die linke Schulter breitet er das Zeichen seiner Würde, ein purpurrothes Tuch mit Goldfranzen. In diesem Aufzuge läuft er als dienender Begleiter seinem berittenen Herrn im schnellen Trabe voraus. Zeigt sich nun schon im äußeren Auftreten des Türken ein augenscheinlicher Lurus, so wird derselbe doch eigentlich erst im Innern seines Hauses kund und offenbar. Wenn auch in letzterer Zeit die türkischen Großen sich ihre Paläste mehr und mehr nach 5 * 68 europäischen Grundsätzen erbauen lassen, tragen dieselben doch immer noch sarazenisches Gepräge an sich und gerade dieses ist es, welches der arabischen Wohnung in den Augen des Europäers Interesse verleiht. Von Außen verspricht ein alt sarazenisches Haus nicht Viel. Es steht in einer dunkeln, krummen und engen Straße der Stadt, springt nach Oben immer weiter vor und nähert sich zuletzt dem ihm gegenüber stehenden Gebäude bis auf einen ganz engen Zwischenraum, lange nicht breit genug, um den Sonnenstrahlen zu erlauben, jemals bis auf die Straße herabzufallen. Aber gerade dadurch wird eine wohlthuende Kühle in der durch tägliches Besprengen mit Wasser abgcfrischtcn und entstäubten Straße erhalten, das beständig in ihr herrschende Halbdunkel macht sie nur noch heimlicher und angenehmer. Bon dieser Straße aus treten wir durch die stets verschlossene, uns erst auf unser Anklopfen sich öffnende Thüre in das Innere des Hauses; jetzt erst sehen wir, daß es wirklich bewohnt ist; von Außen war es uns nicht möglich, dies zu erfahren. Die breiten hohen Fenster sind durch enge Holzgitter verschlossen und wenn auch hinter ihnen manches Paar schwarzer, glühender Augen das Leben der Straßen beobachtet und uns längst gesehen hat, wir waren nicht im Stande, auch nur den Schatten einer Gestalt wahrzunehmen; wir würden dies nicht gekonnt haben, wenn wir uns in dem gegenüberliegenden Hause befunden und durch dessen Gitter geschaut hätten. DaS Gitterwerk ist viel zu eng, als daß es jemals von einem unberufenen Auge in einiger Entfernung durchdrungen werden könnte. Ein Bedienter empfängt uns in der Hausflur und führt uns, ohne nach unserem Begehr zu fragen, in den Diwahn des Hausherrn. Dieser befindet sich, wenn das Haus einen großen lichthcllcn Hofraum hat, zu ebener Erde, im entgegengesetzten Falle aber ein Stockwerk erhöht. Ohne angemeldet zu werden, treten wir ein. Wir befinden uns in einem geräumigen, halbdunkcln, hohen Zimmer. Durch die vergitterten Fenster fällt ein gebrochenes, für Egyptcn höchst angenehmes Licht herein. Wir bemerken, daß sich in dem Gitterwerke Namenszüge befinden und lesen in dem einen Fenster in künstlich verschlungenen Schriftzügen: „Die Gnade des 69 Allbarmhcrzigcn sei über diesem Hause!" uud in dem anderen: „Hits uns, o Herr, und begnadige uns mit Deinem Segen!" War der Erbauer dieses Hauses ein Christ oder ein Mahammedaner? Die Antwort giebt uns ein drittes Fenster: „Da il lalla il ^tlalr vu Alallammsck rrwsulii Hialr"; tvir wissen nun, zu welchem Propheten der Mann betete, der dieses Haus gegründet. Kleinere Fenster — es mögen ungefähr sechs in dem Zimmer sein — sind aus buntfarbigem Glase zusammengesetzt. Die Wände schmücken Arabesken und andere entweder in die Gypsbckleidung eingcgrabcne oder aus erhöhtem Gyps geformte Ornamente; in der Nähe eines Fensters oder eines Zugloches bemerken wir eine Nische, bisweilen auch einen mit Marmorplattcn überklcideten und verzierten Pfcilcrtisch. Dort stehen die reinlich gehaltenen Wasscrkühlgcfäße triefend in einer Reihe. Der Fußboden ist mit polirtcn Kalk- oder mit Marmor- platten gepflastert, aber nicht von gleicher Höhe und außerdem trennt auch noch ein Geländer die erhöhte Seite von der tieferen. Das ist der Wartcabschnitt für die Bedienung; hier steht dieselbe mit über die Brust gekreuzten Armen ruhig da, um die Gäste und den Wirth zu beobachten und jeden Wunsch ihnen an den Augen abzusehen. Den erhöhten Theil bedecken Strohmatten und persische Teppiche. An der der Thür gegenüberstehenden Wand läuft ein breites Sopha, der Diwahn, von einer Ecke des Zimmers zur anderen. Eö ist ein schwellendes Polster mit Wollcnstofs, Damast oder sogar mit Sammet überzogen, von dem vorn lange, reiche Franzen herabhängen. Auf diesem Polster sitzt der Hausherr mit seinen Gästen. Er erhebt sich bei unserem Eintreten und bleibt vor dem Diwahn stehen. Wir ziehen unsere Schuhe aus uud betreten in den bloßen Strümpfen den Teppich vor dem Diwahn; der Hausherr deutet schweigend nach dem Ehrenplätze, der rechten, besonders erhöhten und mit kostbaren Stoffen belegten Ecke des So- phas. Diesen Platz benutzt der Hausherr nur dann in eigener Person, wenn alle seine Gäste niederen Standes sind, als er. Wir würden uns in seinen Augen herabsetzen, wenn wir ihn nicht ohne alles Zögern annehmen wollten. Nachdem wir uns gesetzt haben, begrüßen wir zuerst den Hausherrn und empfangen dann die Grüße 70 von allen Anwesenden. Es würde eine Beleidigung für den Wirth sein, wenn einer der Anwesenden den Neuangekommenen nicht mit größter Artigkeit behandeln wollte. Die Diener sind nach unserem Eintritte verschwunden, um Kasse und Pfeifen zu besorgen. Zuerst bringt man den Kasse. Der Khahwedji oder Kaffebereiter erscheint in der Thür und trägt einen kleinen Präsentirtcller von Kupfer, Messing oder Silber, „Sln'rtz", in der Hand, auf welchem zehn bis fünfzehn türkische Kaffetassen, Untersetzer dazu und ein kupfernes Kaffekännchen stehen. Die Tassen, „Findjahn" (Plur. Finadjihl), bestehen aus Porzellan, haben keinen Henkel und halten nur den fünfmal kleineren Inhalt unserer Kaffetassen. Man setzt diese Täßchen, weil sie, mit heißem Getränk gefüllt, nicht mit den Händen gehalten werden können, in Untersetzer, „Sarf" (Plur. Sarüh f), welche unseren Eierbechern ähnlich und sehr künstlich aus Messing, Silber oder Gold gefertigt sind. Beim Eintritte des Khahwedji war der Präsentirtcller mit einem runden, rothseidnen und mit Gold gestickten Tuche überdeckt. Jetzt sammeln sich die übrigen Bedienten um ihn; einer nimmt die seidne Decke von der Sinke und legt sie ihm auf die rechte Schulter, dann faßt er und jeder von den anderen einen Sarf, setzt eine Tasse hinein und läßt diese von dem Khahwedji mit Kasse anfüllen. Nun gehen alle Bedienten gleichmäßig auf die Gäste zu und präsentiren jedem von ihnen die mit dem Daumen und Zeigefinger am untern Rande des Untersetzers gehaltene Tasse. Wir danken dem Hausherrn durch die gewöhnliche grüßende Handbewegnng auf Mund, Stirn und Brust und fassen den Sarf mit dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Ohne unö den Rücken zuzuwenden, zieht sich der Bediente zurück, wartet, bis wir die Tasse ausgctrunken haben, und nähert sich dann wieder, um sie in Empfang zu nehmen. Hierbei bemüht er sich, unsere Hände nicht mit seinen Händen zu berühren und nimmt deshalb Findjahn und Sarf zwischen beide flach gehaltene Hände. Wir danken dem Hausherrn von Neuem. Obgleich der Bediente den Findjahn künstlich balanyiren muß, kommt es doch nie vor, daß einer von ihnen auch nur einen Tropfen seines Inhaltes verschüttet. Ost liegen auch noch 71 mehrere Nargiclehschläuche schlangenartig auf dem Boden herum und vermehren die Schwierigkeit, die volle Tasse zu tragen, allein die Diener sind so eingeübt, auch dann nie zu schwanken; leicht schreiten sie auf dem Boden dahin und besorgen ihre von der Etiquette ihnen streng vorgeschriebenen Geschäfte mit größter Sicherheit. Unser Hausherr erhielt eine von den unsrigcn verschiedene Tasse. Sie besteht nämlich nicht aus Porzellan, sondern ist, wie auch der Sarf, aus dem Horn des Rhinozeros gedreht. Man schreibt einem aus solchem Material gefertigten Findjahn die Eigenschaft zu, aufzubrausen, wenn sich Gift in dem Kasse befinden sollte. Der Türke ist für diesen Fall so mißtrauisch, daß er sich, wenn er einen Andern besuchen muß, mit dem er nicht in den freundschaftlichsten Verhältnissen lebt, von seinem Bedienten die Horntasse nachtragen und sich von demselben in dieser den Kasse präscntircn läßt. So lächerlich uns diese Maßregel erscheinen mag, so ernsthaft ist sie wieder auf der anderen Seite, weil sie uns zeigt, daß bei den Türken Vergiftungen im Kasse oft genug vorkommen müssen. Zum Glück glauben alle Türken steif und fest an die nicht begründete Eigenschaft des Hornes des Rhinozeros. Da wir als Europäer zu den anständigen und vornehmen Gästen gehören, erhalten wir auch Pfeifen. Bei Ueberrcichung derselben haben die Diener aber ebenfalls gewisse Ccrcmvnicen zu beobachten. Einer von ihnen besorgt das Amt des Djibuhkji (Tschi buhktschi) oder Tutunji, d. h. des Pfeifenstopfers, Tabaksvcrwahrers und überhaupt Dessen, dein Nauchgegenstände anvertraut wurden; er bekleidet im Morgcnlande und in der Türkei einen höchst nothwendigen Posten. Alle Pfeifen werden im Vor- saale gestopft und angeraucht. Der Bediente tritt mit der brennenden Pfeife in den Diwahn, geht auf uns zu, läßt sich auf ein Knie nieder, mißt genau die Entfernung ab, um uns den langen Tschibuhk mundrecht zu Präsentiren, setzt dann den Pfeifcn- kopf an der geeigneten Stelle auf den Fußboden und dreht uns das Mundstück zu. Nachdem wir die Pfeife mit der einen Hand gefaßt, vorher aber dem Hausherrn gedankt haben, zieht er einen kleinen Teller aus seiner Leibbinde und setzt in diesen den Kopf der 72 Pfeife. Dies geschieht, um zu verhüten, daß brennender Tabak auf den Teppich fallen und diesen versengen möge. Erst jetzt beginnt die Unterhaltung mit unserem Wirthe und den anderen Gästen, weil man annimmt, daß der Neuangekommene müde und einiger Ruhe bedürftig sei. Die Pfeifen werden beständig gewechselt, weil die Köpfe nur wenig Tabak fassen. Der Türke raucht nur „die Blume" des Tabaks, d. h. die obere Schicht in dem nach unten zu sehr enge werdenden Kopfe. Die Sitte, sich nur schon brennende Tschibuhkaht geben zu lassen, um der Mühe des Anrau- chens überhoben zu sein, geht so weit, daß mehrere Türken, die ich kennen lernte, sich sogar die Cigarren durch ihre Diener erst anrauchen ließen. Wenn wir unsere Geschäfte beendet oder genug geplaudert haben, stehen wir ohne weitere Ceremonie vom Diwahn auf, ziehen unsere Schuhe an — falls wir nämlich in orientalischer Kleidung gekommen waren —, legen grüßend die Hand auf Mund, Stirn und Brust und verlassen mit einem erv' Ulall (mit Gott) das Empfangszimmer. Unser Wirth und seine noch bleibenden übrigen Gäste stehen ebenfalls auf, grüßen uns und setzen sich dann zur weiteren Unterhaltung wieder nieder. Sehr selten und nur bei ganz vornehmen Gästen kommt es vor, daß der Wirth diesen bis an die Thüre des Zimmers entgegengeht oder sie bis dahin begleitet. Alles geht seinem uhigen, stillen Gang; kein ewiges lästiges Abschiednehmcn, Sich - Empfehlen, Kratzfüße - Machen und Komplimente-Hersagen wie bei uns; der Fremde kommt und geht, ohne besondere Umstände zu verursachen oder zu beanspruchen. Ueber- haupt hat die türkische Etiquette manches Gute und trotz dem, daß man mit der größten Artigkeit behandelt wird und Wirth und Gäste zu behandeln verpflichtet ist, sind die Höflichkeiten nie so gesucht und übertrieben, um lästig zu werden, wie es bei uns oft genug der Fall ist. Der gebildete Türke ist der angenehmste Wirth, den man sich denken kann; er sucht seine Gäste bestmöglichst zu unterhalten und ihnen jeden Wunsch, so zu sagen, an den Augen abzusehen. Findet man Etwas besonders schön, so muß man sich hüten, dies ihn zu deutlich merken zu lassen. Ich kam im Anfange meines Aufenthaltes unter den Türken oft in Verlegenheit, daß 73 mir eine Sache, die ich gelobt hatte, von dem Wirth zum Geschenk angeboten wurde. Wenn es nun damit auch nicht gerade Ernst war, wurde ich doch belehrt, ähnliche Lobeserhebungen sür die Zukunft zu unterlassen. Der Diwahn ist während des größten Theiles des Tages der beständige Aufenthalt des Türken. Nur Mittags und Nachts verläßt er ihn, um sich in seinen Harchm zu begeben, um dort entweder seine Siesta zu halten oder die Nacht zuzubringen. Seine Mahlzeiten hält er im Diwahn. Der Gang der Mahlzeiten ist dem bei Gelegenheit der Beschreibung des Gastmahls .in Char- thum geschilderten ganz ähnlich. Der Türke ißt täglich dreimal und jedes Mal nur warme Speisen. Morgens genießt er gewöhnlich Eierspeisen und wenig Fleisch, Mittags und Abends fast nur dieses. Er steht sehr früh und regelmäßig vor der Sonne auf, um das Gebet des Fcdjer, d. h. der Zeit des Zwielichtes vor der Morgenröthe, zu verrichten. Noch vor Sonnenaufgang nimmt er seine erste Mahlzeit zu sich und bleibt dann entweder in seinem Diwahn, um Gäste zu erwarten, Geschäfte zu erledigen u. s. w., oder verläßt diesen, um Besuche zu machen oder seine Arbeiten außerhalb des Hauses vorzunehmen. Während der größten Hitze ruht in Egypten fast schon alle Arbeit; im Sudahn sind dann sogar die Kaufläden geschlossen. Den Nachmittag verbringt er ebenso, wie den Vormittag. Wenn er das Haus verläßt, geschieht es fast nur in der Begleitung mehrerer Diener und gewöhnlich zu Pferde. Der Abend wird ganz der Unterhaltung gewidmet. Wenn Türken den Lehren ihres Propheten in mancher Beziehung untren geworden sind und Branntwein trinken, thun sie es nur Abends vor dem Nachtessen (Nasche). Ein berauschter Mann ist ihnen ein Gräuel, erscheint ihnen aber noch verabscheuungswürdiger, wenn er im Rausch sein Nachtlager aufsucht. Die Frömmeren verabscheuen, wie billig, den Genuß aller geistigen Getränke und bringen den Abend in ruhiger Unterhaltung zu, bis der Ruf des Mueddihn sie zum Abendgebete (A'ische)*) ruft. Nach diesem genießen sie das *) Das Nachtessen wird wie Asche, das Gebet wie Ische gesprochen. A nnd E ist ein und derselbe Kehllaut, das Ain. 74 Nachtmahl und begeben sich in den Harchm, wohin die Brannt- weintrinkendcn sich erst kurz vor Mitternacht zurückziehen. Wohl nur wenigen Europäern ist es gelungen, in das Innere des unverletzlichen Harchm einzudringen. Daß die Ausstattung ganz dieselbe, wie im Diwahn, oder etwas reicher ist, kann Jeder, der ein leerstehendes arabisches Haus besucht, beurtheilen. Aber dann fehlt ja das Leben oder das, was der Türke eigentlich mit dem Worte Harchm*) bezeichnet: die Frauen. Gerade weil er für den Fremden unzugänglich ist, denkt man sich daö Leben in ihm ganz anders, als es der Fall sein muß; die Phantasie baut ihre kühnsten Gebilde nur in den unS unbekannten Orten auf. Was ich von dem Treiben im Harehm hörte, ist nicht geeignet, unsere gewöhnlichen Begriffe davon zu rechtfertigen. Wir Männer denken uns da gern einen Garten, in welchem die lieblichsten Blumen üppig emporblühen; wir denken uns die schönsten Georgierinnen mit den schönsten Frauen anderer Völkerschaften vereinigt und bemüht, dem Priester dieses Hciligthums die sinnlichsten Genüsse zu bereiten; die Frauen bedauern ihre armen gefangenen Mitschwcstcrn, den Mann verachtend, welcher sein Herz unter die Legion der eingesperrten Schönen vertheilt und stets wankclmüthig, eine einzige von ihnen eine Zeit lang liebend, bald seine Neigung einer anderen zuwendet. Weder der eine, noch der andere Theil hat dabei die goldene Mittelstraße betreten. Sehr viele Mahammedancr haben nur eine rechtmäßige Frau. Hat diese nun Dienerinnen oder Sklavinnen, so hat der Ehchcrr die Macht, letztere beliebig zu seinen Concubinen zu erheben. Jede Sklavin tritt in die Rechte der gesetzmäßigen Frau, wenn ihr daS Glück zu Theil wurde, ihren Herrn mit einem Kinde beschenken zu können. Dem ungeachtet genießt die Frcigcborne immer ein größeres Ansehen, als die Frcigcwordcne; wie überall, wird auch in der Türkei auf gute Familie Rücksicht genommen. Daß alle Kinder ein und desselben Vaters gleiche Rechte haben, ist ebenso recht, als billig; stets aber behandelt der eigene Vater das Kind seiner ) Wörtlich „das Unantastbare." 75 Frau besser, als das Kind seiner Magd. Hat ein Türke mehrere Frauen rechtmäßig gcheirathet, so bewohnen diese ihre besonderen Zimmer, haben aber ihren gemeinschaftlichen Diwahn. In diesem empfangen sie Besuche von ihren Freundinnen, rauchen, unterhalten und beschäftigen sich entweder mit weiblichen Arbeiten oder mit der Erziehung und Pflege ihrer Kinder; dort verbringen sie den größten Theil des Tages. Wenn andere Frauen sie zu besuchen kommen, ist der Harehm selbst für den Hausherrn unzugänglich. Jeder Türke ehrt die herkömmliche Sitte und verräth durch keine Bemerkung, daß er um den Besuch überhaupt wisse. So können die türkischen Damen ebenso gut ihre Gesellschaften haben und geben, als die unsrigcn, nur ist ihnen nicht vergönnt, einem Männervcr- cin beizuwohnen. Sie gehen aus, machen ihre Spaziergänge und kaufen auf dem Basare ein, ohne daß dadurch das Geheimniß oder die Zucht des Harehm verletzt würde. Auch fühlen sie sich nicht unglücklich; sie sind von Kindheit auf an ihr eingezogenes Leben gewöhnt und wünschen sich gar nicht die Freiheit der Europäerinnen, sondern verachten diese sogar, weil sie ihre Reize unvcrhüllt zur Schau tragen. Wenn die türkischen Mädchen auch nicht, wie unsere Damen, wünschen können, einstmals eingetheilt das Herz eines Mannes zu besitzen, wünschen sie doch wenigstens, einstmals im Harehm zu herrschen oder die erste Frau eines Mannes zu werden. Heirathet er dann noch eine andere, dann entstehen oft genug die heftigsten Zwistigkeiten zwischen Beiden. Die gegenseitige Eifersucht seiner Frauen bringt dem guten Türken manche heiße Stunde. Mein arabischer Lehrer und ein anderer Mahammedaner, mit dem ich, ohne daß er mir darum zürnte, über dergleichen verpönte Sachen reden konnte, antwortete mir auf meine Fragen: ob denn die Eifersucht der Frauen nicht öfters zu großen Unannehmlichkeiten führe: „Davon sei ganz stille, lieber Chalihl-Effendi, da geht es oft genug bunt durch einander." Und dabei machte er verschiedene und so leicht erklärliche Handbcwegungcn, daß ich daraus deutlich ersehen konnte, er meine damit Haarraufcn, Kratzen, Schlagen und andere Thätlichkeiten. Aber auch mit dem Ehehcrrn giebt es manchmal Zwistigkeiten. 76 Der gesetzmäßige Richter in ehelichen Streitigkeiten ist der Khadi. Zu ihm kommen alle die Frauen, welche gegen ihren Gemahl eine Klage haben. Da giebt es nun zuweilen wirklich spaßhafte Gründe dazu: „Gott erhalte und segne Dich, mein Herr Khadi, ich muß Klage führen gegen meinen Herrn. Glücklich und zufrieden lebte ich einige Jahre mit ihm und war der Augapfel seiner Seele, wie er das Leben meines Herzens war. Aber da hcirathct er mir zur Schmach eine Andere und diese ist meine ärgste Widcrsacherin. Sie stiehlt mir die Liebe meines Gemahls und gleichwohl liebe und wünsche ich, daß dieser nach wie vor an meinem Herzen ruhe und auch mich mit seiner Liebe beglücke, die er jetzt fast nur der Anderen zuwendet. Wenn ich ihm zu viel geworden, warum verstößt er mich nicht ganz und gar? Es ist ja doch besser, ein Leben ganz ohne Liebe zu führen, als die Schmerzen der Herzenstödterin, der Eifersucht zu fühlen und vor Kummer zu Grunde zu gehen. O mein Herr Khadi, vcrhilf mir zu meinem guten Rechte! Befiehl meinem Herrn, daß er mir seine Liebe wieder zuwende! Ich beschwöre Dich darum bei dem Barte Deines Vaters — den Gott begnadigen möge — bei Deinem eigenen Haupte! Denn ich bin unschuldig und mir geschieht großes Unrecht. Gieb mir den Frieden meiner Seele, gieb mir die Liebe meines Herrn zurück, damit der Friede Gottes des Allbarmhcrzigen nicht von Dir und Deinem Hause weiche!" Der Khadi bcschcidct nun den Ehemann zu sich, nachdem er vorher die betrübte Frau beruhigt und nach Hause geschickt hat. Dem Chehcrrn wird dann wirklich befohlen, seine Frau nicht fernerhin zu vernachlässigen, falls er nicht etwa besondere Klage gegen sie zu führen hat. Er verspricht, zu gehorchen, und beglückt seine erste Frau eine Zeit lang wieder mit seiner vollen Liebe, bis die Jüngere ihm „mit ihrer Schönheit zum zweiten Male das Herz vergiftet" und die Acltcrc zu neuen Klagen veranlaßt wird. Dergleichen Streitigkeiten sind znmal bei den Arabern etwas ganz Gewöhnliches. Man sieht den Diwahn des Khadi oft förmlich 77 von Frauen, welche die sonderbarsten und manchmal sehr unschickliche Klagen vorzubringen haben, belagert. Der Khadi besitzt die unbegrenzte Macht, solche Dinge zu schlichten, wie er will. Es ist nichts Seltenes, daß ein Ehemann erst durch die Bastonade zu seiner Pflicht zurückgeführt wird. Die Frauen übernehmen im Harchin ganz die Rolle der männlichen Bedienten im Diwahn. Wie hier, verläßt auch dort den Türken seine Bequemlichkeit nicht. Sogleich bei seinem Eintritte in daS Frauengemach umgeben ihn Frauen und Sklavinnen, um nach seinen Wünschen zu fragen. Er entkleidet sich und laßt sich dabei von Allen hülfrciche Hand leisten. Beim Ablegen der Binde wirft er derjenigen den Zipfel derselben zu, welche er für diese Nacht unter den Andern erkoren hat. Die Ucbrigen ziehen sich, sobald dies geschehen, zurück und lassen den Gebieter mit der Aus- erwählten allein. Dieser liegt nun die Pflicht ob, den Herrn in Schlaf zu bringen. Sie nimmt einen porösen Stein, wie man ihn auch in den öffentlichen Bädern findet, und streicht ihm damit auf den Fußsohlen hin und her. Für uns Europäer bewirkt dies ein ganz unleidliches Gefühl; der Türke rechnet es mit unter die größten sinnlichen Genüsse. — Wenn die Stunde der Niederkunft einer Türkin herannaht, ist der Harehm für den Hausherrn auf mehrere Tage geschlossen. Die Nachbarinnen und Freundinnen der hülfsbedürftigcn Frau sind nebst der Hebamme im Harehm versammelt. Erst mehrere Tage nach der Geburt darf der Gatte das Wochcnzimmer besuchen. Der erste Ausgang der Wöchnerin geht nach dem Bade, wohin ihr gewöhnlich die Amme mit dem Säuglinge folgen muß. Dieser wird dann mit manchem „Nascllalla" und „Hauen aals'ilm ja radln" (Hilf ihm, o Herr)! bewundert und gepriesen. Seine Erziehung ist in der ersten fünf bis sechs Lebensjahren ganz der Mutter anheimgegeben. Hat das Kind dieses Lebensalter erreicht, dann nimmt es der Vater, wenn es ein Knabe ist, bei Tage auch wohl einige Stunden zu sich oder übergiebt es den Dienern, die es zuerst reiten lehren. Die Mädchen bleiben bis zu ihrer Verhcirathung im Harehm und werden von Kindheit aus an das stille und zurückge- 78 zogene Leben der Frauen gewöhnt. Nur sehr wenige lernen Lesen und Schreiben; sür mahammedanische Mädchen giebt es keine Schulen. Die Knaben der Wohlhabenden werden dagegen ohne Ausnahme in eine der Privatschulcn, welche irgend ein Fakhie in's Leben gerufen hat, gesandt und lernen dort den Khorahn lesen und abschreiben, selten wohl auch ein Wenig rechnen. Erst mit ihrem zwölften Jahre dürfen sie dann und wann den Diwahn ihres Vaters besuchen, werden aber auch dann immer von diesem unter fast knechtischer Zucht gehalten. So dürfen sie sich z. B. nicht niedersetzen, ohne von ihrem Vater dazu aufgefordert worden zu sein, sie dürfen sich unaufgefordert nicht in ein Gespräch mischen und erhalten auch, wenn sie älter, ja sogar wenn sie schon sclbstständig sind, ohne ausdrücklichen Befehl ihres Vaters keinen Tschibuhk. So reich in mancher Hinsicht der Diwahn des Hausherrn oder der Harchm im türkischen Hause ausgestattet ist, so ärmlich find die Zimmer für die Bedienung hergerichtet. Die Bedienung des Diwahn ist von der des Harchm, selbst bis auf die Verschnittenen vollkommen geschieden. Häufig hat der Harchm auch seine besondere Küche. Da die türkische Mahlzeit aus einer namhaften Menge Gerichten, welche alle zu gleicher Zeit bereitet werden müssen, besteht, würde ein Koch bei doppeltem Tische sie gar nicht alle zurichten können. Ein Gericht, welches schon auf der Tafel des Hausherrn stand, wird nie in den Harchm gebracht, sondern der Dienerschaft überlassen und selbst bei den größten Gastmählern bleibt sür Ersteren oder für den folgenden Tag Nichts übrig. Die türkische Küche unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der unsrigen. Fast für jedes einzelne Kochgeschirr ist eine besondere Fcuerstclle errichtet und da der Geschirre gerade so viele sind, als Gerichte auf den Tisch kommen sollen, steht man in größeren Häusern oft zwanzig und mehrere Roste neben einander. Alle Geschirre sind von Kupfer gearbeitet, werden sehr reinlich gehalten und oft verzinnt. Neben der Küche befindet sich auch noch ein kleiner Backofen (Fürn), in welchem die Mehlspeisen von dem Koche gebacken 79 werden. Die Zubereitung der Speisen ist vortrefflich, wenn auch dieselben bisweilen sehr fett sind. Ganz in der eben beschriebenen Weise leben auch die vornehmen Araber Egyptens, weit verschieden von ihnen die Fellahhihn. Bei diesen herrscht ja vom Urahn her die bitterste Armuth und diese wird auch der fernste Nachkomme wieder erben. Es ist wahr, der Fellah hat wenig Bedürfnisse, aber er hat noch weit weniger Mittel. Er könnte selbst das einfachste Bedürfniß nicht befriedigen, wenn es ihm jemals in den Sinn kommen sollte, ein Bedürfniß zu haben. Die ewige Bettelei um „Bakhschiesch", die häufig genug in Unverschämtheit ausartet, hat leider ihren tiefliegenden Grund in der grenzenlosen Armuth des Volks. Die Wohnung eines Fellah ist gar schnell beschrieben. AuS Nilschlamm werden vier Wände mit einer niedrigen Oeffnung, der Thüre, zusammengeklebt, darüber einige Stangen gelegt, auf diese Matten gebreitet und dann wird das Ganze mit Durrahstroh bedeckt. Das Haus ist fertig. ES war die Arbeit der Nachbarn und Freunde des Besitzers, die sie mit ihm in wenig Tagen vollendeten. Er speiste und tränkte sie während der Zeit zur Belohnung für ihre Hülfe. Neben an errichtet er später wohl auch noch drei Mauern mit einem Dache, den Stall für sein Vieh. Wenn er das Ganze mit einer Art umzäunender Mauer umgab, dann gehört seine Wohnung schon zu den besseren. Oft ist sie nur eine jedem Sturm und Regen preisgegebene Strohhütte. Das Innere einer Fellahhütte gleicht dem Acußeren. Der Fußboden ist die festgestampfte Erde, auf ihm liegen einige Stohmatten; es sind die Lagerstätten. In einem Winkel steht ein Thonkrug zur Aufbewahrung des Wassers, in der anderen vielleicht eine kleine Kiste aus Brettern oder aus an einander gefügten Palmblattstielen zur Beherbergung der wenigen Kleider. Außen vor der Hütte steht man auch einen kleinen Backofen und einige Steine in der Asche liegen. Dort wird gebacken und gekocht. Holz hat der Fellah nicht, er muß sich anders helfen. Sein Weib und seine Kinder sammeln 80 eifrig dm Dünger der Rinder, Pferde, Esel und Kamele, mischen ihn mit klargcschm'ttenem Stroh und Wasser zu einem Brei an und bilden hieraus dünne Kuchen, welche an der Sonne getrocknet werden. Oft wird mit ihnen auch das ganze Haus tapezirt. Das ist das Brennmaterial des Fcllah. Er ist genöthigt, die Salmiakdämpfe des brennenden Mistes beständig einzuathmcn, er kocht mit ihm seine wenigen Speisen, er bäckt sein Brod damit. In seiner Hütte liegt er dicht gedrängt mit seiner Familie und selbst der Schlafende muß noch während der Nacht die dem Organismus wahrhaft giftigen Ausdünstungen der Erde und der dicht neben ihm schlafenden Menschen cinsaugen. Ist es dann ein Wunder, wenn die Pest einen so zu ihrem Empfange vollkommen vorbereiteten Körper in wenig Stunden bewältigt? Und wie elend, wie dürftig ist seine Nahrung! Nur an hohen Festtagen kann man ein Gericht Fleisch in seiner Hütte sehen. Seine gewöhnlichste Speise sind die sogenannten Buffbohnen in Wasser gekocht mit ein Wenig Ocl und Salz gewürzt. Hierzu ißt er sein Durrahbrod. Sein Mittagscfsen besteht manchmal auch aus Linsen, dem gewöhnlichen Essen der Schiffslcutc, stets ohne alle Würze, Salz etwa ausgenommen. Zur Zeit der Dattelreife lebt er fast nur von Datteln; wenn er Mais ansäete, ißt er die in der Asche gebratenen Kolben desselben. Die einzige Erholungsstunde, welche sich der schwer geplagte Mann zuweilen erlauben darf, ist ein Gang in das ärmliche Kaffchaus des Dorfes, wo er für fünf Para zwei Tassen eines reichlich mit gebrannten Bohnen versetzten Kaffes trinkt. Glücklicher Weise empfindet er seine beispiellose Armuth nicht so, als sie jeder Andere empfinden würde; er hat nie bessere Zeiten kennen gelernt, wird aber auch wohl nie bessere sehen. Das Brod des Fellah wird von den Weibern tagtäglich frisch gebacken. Es besteht in dünnen Kuchen aus Durrah- oder Maismehl, welches ebenfalls erst von der Frau in einer erbärmlichen Handmühle gemahlen wurde. Die Brodkuchen werden bei der herrschenden Dürre schon nach ein oder zwei Tagen steinhart, dann ißt man sie im Wasser aufgeweicht. 81 Den Walzen, die Gerste und den Erlös aus seinem Viehstande braucht der Fellah mehr als nöthig, um die ihm von der Regierung aufgelegten Steuern völlig zu decken. Früher durste er ein Dritttheil des Ernteertrags für sich verwenden, jetzt hat er kaum ein Fünftheil des Ganzen zu seiner Verfügung. Die Regierung geht bei Eintreibung ihrer Steuern unerbittlich zu Werke. Das Dorf hastet für den einzelnen Bauer, der Kreis für das einzelne Dorf, die Provinz für den einzelnen Bezirk. Der Fellah darf nicht daran denken, sich auszubilden, er hat Viel zu Viel für die Regierung zu arbeiten und es nimmt Einen wirklich Wunder, wenn man in ein egyPtischcS Dorf kommt und dort um ein durch Durrahstroh unterhaltenes Feuer zwanzig bis dreißig Knaben am späten Abende sitzen steht, welche ein alter Fakh're um Gotteslohn im Lesen und in der Religion unterrichtet. Der Fellah wächst auf wie das Vieh, er nimmt sich mit seinem sechzehnten Jahre ein Weib, arbeitet und stirbt. Im Elende und im Schmutze geboren, lebt und stirbt er im Elende und Schmutze dahin. Mag er noch so indolent erscheinen, die Hauptursache seines Elendes ist und bleibt die Regierung, der ihn ewig drückende und quälende, jede geistige Regung tödtende, die physische Kraft vernichtende Zwang von Oben. Er hat Nichts, was er sein nennen könnte, er besitzt als Pachter des von ihm bewirthschafteten Landes Nichts, worauf die Regierung nicht eine Steuer gelegt hätte. Er verkauft eine Kuh, die Regierung beansprucht die Haut davon; er Pflanzt einen Palmen- baum, die Regierung verlangt drei Silbcrgroschcn unseres Geldes davon; er haut ihn um, die Steuer bleibt dieselbe; eine seiner Töchter ist schön und geht hin, um als öffentliches Mädchen Geld zu erwerben, die Regierung besteuert ihr schönes Gewerbe. — Russegger hat in seinem gediegenen Werke die Zustände und Lebcnsverhältnissc des Fellah so ausführlich beschrieben, daß ich, wenn sich einer meiner geehrten Leber darüber genauer zu unterrichten wünscht, auf dasselbe verweisen kann. Ehe wir »un noch einige hervorragende Erscheinungen aus ii 6 82 ton mahammedanischcn Volk hervorheben, wenden wir uns r" einem bisher, wenn auch oft genannten, doch wenig beachteten Volke Egyptenö, den Kopten. Sie sind u n b ez w e i f c l t die Nachkommen der alten Egypter. Wenn schon ihre scharf geschnittenen Gcsichtszüge, die kleinern, seinen und ausdrucksvollen Köpfe bei einiger Vergleichung mit denen der alten Egypter, welche wir an den Monumenten abgebildet finden, darauf hindeuten, so ist es doch besonders ihre jetzt fast auögcstorbcne Sprache, welche den besten und sichersten Beweis geliefert hat, denn sie ist der alt- egyptischcn ganz ähnlich und jedenfalls von ihr hergeleitet. Die Kopten haben seit der Zeit, in welcher das Christenthum den Dienst der Isis verdrängte, ihre Religion beibehalten, freilich nicht in der Reinheit, in welcher sie ihnen gelehrt worden sein mag. Ihre heutigen Begriffe von Christenthum und christlicher Kirche sind vermengt mit Zusätzen der morgenländischen Bischöfe oder mit aufgenommenen Grundsätzen der mahammedanischen Glaubenslehre. Der Ritus ihrer Kirche steht dem der griechischen am Nächsten, unterscheidet sich aber doch in vieler Beziehung sehr davon. So haben sie z. B. die Bcschneidung unter sich eingeführt und betrachten sie als einen religiösen Gebrauch. Sie haben ihre eigenen Patriarchen, erkennen weder die Oberherrschaft des Papstes, noch dic des Patriarchen der griechisch unirten Kirche an, erlauben ihren Geistlichen die Ehe, wenn sie, ehe sie Geistliche wurden, schon ver- heirathet waren, dulden es aber nicht, daß sich ein Geistlicher, dessen Frau starb, zum zweiten Male verheirathe, weil Paulus von einem Bischöfe fordert, daß er eines Weibes Mann sei; verehren ihre eigenen Heiligen u. d. m. Das Wesen ihrer Religion ist wirr und unbestimmt, die Form matt, schwülstig und cere- moniereich. Ihr Glaube ist wankend, ihre Ansichten über Gutes und Böses sind sehr mangelhaft. Die Kopten bekleiden in allen Aemtern die Stellen der Schreiber und Rechnungsführer. Sie sind die heuchlerischsten, erbärmlichsten Schufte, die ich kenne; sie betrügen, belügen und bestehlen ibren Oberherrn, wo sie nur können, schmeicheln dessen Schwächen und näbren seine Lasier, um daraus Vortheil zu zielst«. Es sind 83 in ihrer Denk- und Handlungsweise die vollendetsten Schurken, die ehrlosesten und niedrigsten Schmeichler, die schlimmsten und gefährlichsten Bösewichtc, weil sie ihre Tausende von Schlechtigkeiten stets unter der Larve der größten Frömmigkeit oder Rechtschaffenheit begehen. Dabei üben sie leider eine bedeutende Herrschaft aus, weil sie schon ihre Stellung häufig zu Vertrauten und Rathgebern der Herrscher macht. Ausnahmen sind selten. Ihre Frauen, mit denen sie (wie wir weiter unten sehen werden), so zu sagen, Handel treiben, sind im Ganzen ziemlich hübsch, verwelken aber schnell, weil sie schon vor ihrem zwölften Jahre verheirathct werden. In Sitten und Gebräuchen ähneln die Kopten sehr den Mahammeda- nern, mit denen sie auch stets so vertrauten Umgang pflegen, daß man sie füglich für Mahammedaner'halten könnte. Nur der schwarze Turban unterscheidet sie in ihrer Kleidung von der Mittelklasse der Egypter. Grün, die Farbe der Nachkommen des Propheten (Sche- rief), ist ihnen zu tragen verboten. Sie sind „Raja", d. h. Unterthanen der cgyptischen Regierung und werden durch keinen Konsul einer europäischen Macht beschützt. Erhaben über den Kopten, wie über den Fellahihn, selbst über einen großen Theil der Türken, steht in moralischer Hinsicht das kleinste Volk Eghptens, die Beduinen. Sie sind in der Freiheit der Wüste geboren und groß geworden, sie leben und sterben dort; sie denken und handeln frei und edel, wie jeder Frcigcborcne. Noch haben sich bei ihnen die alten Sitten ihrer Voreltern bewahrt, noch hegen sie dieselben Gefühle für Recht oder Unrecht, welche die Patriarchen hegten, noch sind sie, wie jene, mit Herz und Hand bereit, ihr gutes Recht sich zu erhalten oder zu verschaffen. Der Beduine, das Kind der hochhehren Wüste, ist noch der Sohn der alten und für ihn ewig neuen Freiheit, er ist der unverdorbene Nachkomme seiner tapfern und edlen Ahnen. Der Beduine lügt nie, er bestiehlt oder betrügt Niemanden, wohl aber tritt er mit der Waffe in der Faust als kühner Räuber hervor, um sich seinen Lebensunterhalt zu erringen. Er beraubt den friedlich durch die 6 * _ 84 Wüste pilgernden Kaufmann nicht als ei», nach unseren Begriff,'», verächtlicher Wegelagerer, sondern als muthiger, streitbarer Mann; er wird ihn nie berauben, wenn dieser ihn, den Herrn der unbegrenzten Wüste, erst um sicheres Geleit ersuchte, sein Gebiet durchwandern zu dürfen. Treu dein Freunde das gegebene Versprechen haltend, geht er für seine Schutzbefohlenen ohne Zögern in den Tod; furchtbaren Kampf dem Feinde schwörend, hält er das Gesetz der Blutrache für das hochheiligste seines Stammes. Er vergiebt kerne Beleidigung, er vergißt keine Wohlthat. Seinen letzten Bissen Brodes theilt er mit seinem Gastfreundc, den letzten Waffer- trunk spendet er dem Verschmachtenden. Er ist in seiner Treue groß, in seiner Rache furchtbar. Keinen Herrn über sich erkennend, als den Herrn feiner weiten Heimath und sein sich selbst gewähltes Oberhaupt, vertheidigt er seine Freiheit muthig und tapfer gegen jeden Feind derselben. Ohne Hoffnung auf Ersatz unterhält er den, der sich hungernd und dürstend in seinem Zelte einsund; ohne Dank zu fordern, bringt er ihn in seine Heimath zurück. Sein Pferd ist ebenso treu und edel, als er selbst, es ist sein beständiger Begleiter, er liebt es wie Weib und Kind. Der Beduine Egyptens unterscheidet sich von dem Fellah nur durch seine schmächtigere, feinere Gestalt, die gleichwohl eine große Muskelkraft nicht verkennen läßt. Seine Frauen sind zuweilen von ziemlicher Schönheit und gehen, im Gegensatze zu der Fellahhe, meist unverschlciert. Die Wohnung des Beduinen ist das bewegliche Zelt, meist aus dichtgcwcbten Zicgenhaardccken (Hahdjir) bestehend, dem stärksten Regen trotzend. Hier wohnt er mit Frau und Kind, Stute, Ziege und Lamm. Das Zelt des Schech ist etwas besser, als die der Ucbrigcn sind, sonst aber diesen ganz ähnlich. Fast in jedem grasreichen Wadi der Wüsten Egyptens kann man einige dieser Zelte aufgeschlagen sehen; oft siedeln sich einige Familien dicht bei Alerandricn an, wo die Männer dann eifrig der Jagd nachgehen und vorzüglich viele Wachteln fangen. Obgleich die Beduinen dem Namen nach von der egyptischcn Regierung unterjocht wurden, hat sie es im eigentlichen Sinne des Wortes doch immer noch nicht. Ihnen steht ja stets die weite _rn Wüste als Zufluchtsstätte offen und dorthin reicht selbst der Arm des egyptischen Herrschers nicht. Die Regierung hat eine Art Ueber- einkommen mit den Söhnen der Wüste getroffen, wodurch jetzt wenigstens der offene Krieg beendet worden ist. Sie haben noch immer ihre eigene Gerichtsbarkeit, welche die von ihnen selbst gewählten Schiuhch handhaben. Wenn auch im Ganzen gute Mahamme- daner, sind sie doch lange nicht so fanatisch, wie die mehr auf religiöse Cercmonieen haltenden Fellahhihn. Ihre Handlungen werden mehr durch ihre ihnen von Alters her angestammten Gebräuche, als durch die Vorschriften der Religion geregelt. Der Bruch der Gastfreundschaft wird von ihnen fast immer mit dem Tode bestraft. Vor einigen Jahren trat ein berüchtigter Räuber Obcregyptcns in das Zelt eines Beduinen und wurde nach dem üblichen Gruße von diesem mit dem „Marhaba" (Du sollst willkommen sein) als Gast anerkannt. Schon seit Langem fahndete die Regierung auf den Kopf des Räubers und hatte, weil er allen seinen Verfolgern immer geschickt entgangen war, schließlich einen Preis von mehreren tausend Piastern für Den ausgesetzt, der den Räuber lebendig oder todt überliefern würde. Der Beduine wußte dies und erkannte seinen Gast gar wohl. Allein, ohne sich etwas merken zu lassen, behandelte er den Fremden mit aller der Auszeichnung, welche die Gäste genießen und aß „das Brod und Salz" mit ihm. Im Schlafe überfiel er den Arglosen, knebelte ihn und lieferte ihn an die Regierung ab, von der er auch die Belohnung bezahlt erhielt. Drei Tage später fand man seinen Leichnam von unzähligen Kugeln durchbohrt in der Wüste. Sein eigener Stamm hatte ihn gerichtet. Die übrigen Bewohner Egyptcns sind eigentlich nur Fremdlinge im Lande und haben sich so mit der herrschenden Bevölkerung vermischt, daß sie auch die Sitten und Gebräuche derselben angenommen haben. Nur über die Lcvantiner oder arabischen und zwar meist lateinischen Christen sollte ich wohl noch Einiges sagen, aber ich habe, nachdem ich das Wesen und Treiben dieser heuchlerischen 86 Schufte keimen gelernt hatte, allen Muth und alle Lust verloren, mich mit ihnen mehr als nöthig vertraut zu machen. Ich habe die Männer als tückische und glcißnerische Schurken und unliebens- würdige Gesellschafter kennen und verachten gelernt, und wären nicht ihre Frauen ganz das Gegentheil von ihnen, ich würde nie ein levantischcs Haus betreten haben. Es ist wahr, die Europäerinnen haben vor den Orientalinnen Bildung des Verstandes und verfeinerte Sitte, die deutschen Frauen Liebenswürdigkeit und Häuslichkeit voraus; aber wie das tiefe, reine, durch keine Wolke getrübte Blau des Himmelsdomes im Süden den matten Schimmer unseres Himmels überstrahlt, so übertreffen die Orientalinnen unsere Frauen an Schönheit. Uneinge- geengt durch die den Körper an seiner Ausbildung hindernde Schnür- brust, ungestört durch die den Geist auf Kosten des Körpers erziehende Schulbank wächst das Weib im Süden frei empor; der milde Himmel Syriens und Egyptens läßt es zur üppigsten Blüthe gelangen. Die Lcvantincrinnen überraschen durch ihre vollendete Schönheit. Und dabei ist ihre Herzensgüte, zumal im Vergleich zu der Schlechtigkeit ihrer Männer, bewunderungswürdig. Von diesen nie nach ihrem Werthe geachtet, oft sogar mißhandelt, bewahren sie noch aus dem Paradiese her die schönste Tugend des Weibes: aufopfernde Treue für den Gegenstand ihrer Liebe. „Prachtblumcn gleichen diese Frauen, die zwar schnell verblühen, aber während der Zeit ihrer Blüthe auch den höchsten Reiz entfalten." Die Lcvantiner, meist aus Syrien stammend, sind jetzt in Egypten Kaufleute. Einzelne bekleiden bei den verschiedenen Konsulaten wohl auch die Stelle eines DollmctscherS und sind der fortwährende Grund zu Klagen der Europäer, welche sie leider noch als nothwendige Uebel dulden müssen. Ein rechtlicher Lcvantiner ist eine überaus große Seltenheit. Betrachten wir jetzt die Sitten und Gebräuche der heutigen Egvpter etwas genauer. 87 Ihre RcligionSgebräuche sind die der Mahammedaner und trafen das Gepräge eines tiefen Ernstes an sich, so lange der Fanatismus nicht in's Spiel tritt, dieser läßt freilich den frommen MoS-, lim nicht selten Handlungen begehen, welche wir lächerlich finden. Es ist für den Reisenden in mahammedanischen Ländern höchst wichtig, die verschiedenen Gebräuche kennen zu lernen, welche die Religion dem Gläubigen auferlegt, um nicht einmal gegen sie anzustoßen. Denn da, wie ich schon bemerkt habe, die Religion das ganze Leben des Mahammedaner leitet und regelt, da derKhorahn sein weltliches und geistliches Gesetzbuch ist und seine Gesetze die dcS Landes sind, gleichviel ob sie der Priester oder der Richter handhabt, kann es sogar gefährlich werden, eins dieser Gesetze zu übertreten; man würde dann nicht blos sich die gewöhnliche Strafe zuziehen, sondern auch den Fanatismus des Pöbels erregen. Unter allen religiösen Gebräuchen scheint mir das von dem Propheten vorgeschriebene Gebet der würdigste zu sein. Das ma- hammcdanische Gebet könnte jede Rcligionspartei ausüben, wenn sie ihrem Glauben gemäß nur einige Worte umändern wollte. DaS Gebet veredelt und bessert den Menschen überall, aber der Jslahm nimmt beim Gebet nicht allein auf das geistige, sondern auch auf das leibliche Wohl des Betenden Rücksicht. Es war wahrlich kein Kleines, Tausende von Menschen, welche noch nicht einmal gelernt hatten, ihren Körper vom Schmutze zu reinigen, zu einem religiösen und reinlichen Volke umzubilden. Ich sage „reinlich" im Vergleich zu dem früheren Zustande, in dem es sich befand, und will dabei, wenn ich von den Arabern spreche, die Reinlichkeit des Europäers noch nicht den Maßstab abgeben lassen, wohl aber, wenn ich den gebildeten Türken erwähne, weil dessen Reinlichkeit die des Europäers häufig übertrifft. Und das Alles bewirkte ein Wort des geehrten Propheten, denn dieser machte es dem gläubigen Manne zur unabwendbaren Bedingung, vorher den Körper von dem darauf haftenden Schmutze und Unrathe zu reinigen, bevor er Hintritt vor das Angesicht Gottes, um die Seele zu reinigen im fromme» Gebete. Er setzte „die Wäsche" ein und gab uns durch sie einen noch heute gültigen Beweis, wie nothwendig, wie 88 wohlüberlegt seine Maßregel war, denn noch heute kann man Den, welcher betet, von Dem, der nicht betet, dadurch unterscheiden, daß Jener gelernt hat, sich vom Schmutze zu säubern, während der Andere, wie der Jude, nie im Stande ist, diesen zu überwältigen. Das mohammedanische Gebet geschieht täglich fünfmal. Eine oder eine und eine halbe Stunde vor der Sonne besteigt der Mucddih», der Verkündig» des Glaubens, die Mädlne oder das Minaret der Moschee und ruft in den uns von Felicicn David so außerordentlich treu überlieferten Gesängen die Schlafenden zum Beten auf. „Das Heil sei mit Euch! Kein Gott außer Gott und Mahammed sein Prophet! Gott ist der Größte! Auf zum Gebet! Auf, auf zu dem Heiligen! Der Tag bricht an, auf zum Gebet! Kein Gott außer ihm und Mahammed sein Prophet! Gott ist der Größte!" Dann folgen vielleicht noch eine Sure oder einige Verse einer Sure des Khoran und mit dem nochmaligen Ausrufe: „Hai äsl Sl sLlLli" (Auf, slcbendigj zum Gebet)! du nkbar" (Gott ist der Größte)! beschließt er seinen hehren Morgcngcsang und steigt vom Thurme herab, um in der Moschee selbst zu beten. Zu Mittage, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, mit den letzten Strahlen der scheidenden Sonne und anderthalb Stunden später wiederholt er seine Aufforderung. Der Gläubige, wenn er seine Mahnung hört, verläßt das Lager oder seine Arbeit und geht hin, sein Gebet zu verrichten. Es ist ihm gleichgültig, wo er sich befindet, ob im rauschenden Gewühle des Basars oder in der Stille seines Hauses, ob auf dem Felde oder auf der Reise, ob im öffentlichen Gerichtssaale oder im Kerker. Er rollt einen Teppich oder eine reinliche Palmenblättcrmatte auf und legt sie in der Richtung der Khabala, das ist, der in jeder Moschee, auf jedem Thurme angezeigten Richtungslinic nach Mekka, dann entkleidet er sich der Schuhe und Strümpfe und beginnt die Wäsche, „el Wuthu". — Die Mahammedaner theilen sich in vier Secten: Melkt, Schäfaä'i, H-lnLf, und Hsinbäli. Nur die Ersteren dürfen stehendes Wasser zu ihrer Wäsche benutzen, bei allen klebrigen muß es unbedingt fließend sein. llm dies immer zu ermöglichen, be- 89 dient man sich des „Bcriekh" oder einer Kanne von Metall oder Thon mit langem Ausguß, durch welchen das Wasser über die Hände gegossen und also „fließend" wird. Der Betende faßt das Berieth mit der linken Hand, gießt etwas Wasser in die rechte und spricht: „Der Name Gottes sei über diesem Wasser! Ich bin im Begriff, das Vorgeschriebene und Hinzugefügte*) zu leisten." Hierauf wäscht er zuerst die rechte, dann die linke Hand dreimal, den Mund inwendig nebst dem Zahnfleische, zieht dreimal Wasser in die Nase und wäscht das Gesicht ebenso oft mit beiden Händen. Nun folgt der rechte und dann der linke Arm bis zum Ellenbogen, der Obcrkopf, der, wie jedes Glied, dreimal und zwar zuerst mit beiden Händen über den Schläfen und hinter den Ohren herum gewaschen wird, und dann das Oberhaupt. Die Schafaäi waschen den Kopf nur mit einer Hand. Beim Reinigen des Ohrs stecken die Melk! den Zeigefinger der benetzten Hand in das Ohr und waschen mit dem Daumen den äußeren Ohrenrand ab, während die Uebrigen schon mit dem bloßen Zeigefinger genug haben. Zuletzt wird das rechte und linke Bein bis zum Knöchel gewaschen und die Wäsche mit einem „LI iiamcli lillalll" (Gott sei Dank)! beendet. Nun betritt der Gläubige den Teppich oder die Matte, stellt sich aufrecht, nimmt die Khabala und wirft langsam die Hände über seine Schultern hinweg nach Hinten, um damit anzudeuten, daß er mit ihnen alle irdischen Gedanken nach Hinten werfe, ruft zweimal: „Mali du skliar" (Gott ist der Größte)! und beugt sich etwas nach Vorn, wobei er die Hände auf die Kniee stemmt, richtet sich wieder auf und ruft zweimal: „Hai aal ol sälalr" (Auf zum Gebet)! und zweimal: „Hai aal ei Mtalili" (Auf zu dem Heiligen, Glückseligen)! und wie vorher nach Vorn gebeugt: „^1- lall ku alebar!" Dann legt er die ausgespreizten Hände mit den *) Vorgeschrieben ist eine gewisse Anzahl ocn Knicbeugungen (Rakaat) zur Ehre Gottes; hinzugefügt sind mehrere zur Ehre des Propheten — über dem Gottes Frieden sei! — 90 Daumen an die Ohren an, kreuzt sie dann über der Brust und spricht die unö bekannte Fathcha, dann senkt er die Hände wie- der, legt sie auf die Kniee und sagt: „LüIMllim reu lle llamela" (Gott die Bewunderung und der Dank)! und dann: lluakbar!" kniet nieder, drückt das Haupt zweimal nach einander auf die Erde, sagt wieder: „Lubllskna reu llo Imm- äa!" und wieder: Inr akbar!" steht auf und verfährt bis zur zweiten Kniebcugung wie vorhin. Gegen den Schluß des Gebetes hin bleibt er auf den Knieen liegen, nimmt den Rosenkranz (Subcha) und sagt die „Tukeiaht" her, d. h. irgend ein Gebet aus dem Khorahn oder auch Worte seines eignen Herzens, denen er häufig das Glaubcnsbekcnntniß beifügt. Nach vollendetem Gebete wendet er sich rechts und links und ruft nach beiden Seiten hin: „L! 8alsllm aaloikum" (Das Heil oder der Friede sei mit Euch)! Worte, welche an die die Menschen überall umgebenden guten Geister gerichtet sind. Nun steht er von Neuem aus und verrichtet die zwei, zur Ehre des Propheten „hinzugefügten" Knicbeugungen (Rakast el sunnc). Morgens zum ,,Fcdjer" hat der Mohammedaner zwei, zu Mittage, „Toh her", vier, anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang, ,,Aassr", vier, beim Sonnenuntergang, „Morhreb", drei und anderthalb Stunden nach der Sonne, ,,Nische", vier Kniebeugungen zu verrichten. Am Freitage geht der Mahammedancr zum Mittagsgebet in die Moschee, in welcher ein öffentlicher Gottesdienst abgehalten wird. Ein Fakhre spricht einige Worte zu den Versammelten oder trägt ihnen Stellen aus dem Khorahn vor und der Im ahn oder Vorbe- ter sammelt die Gläubigen dann zum Gebet. Er stellt sich dabei auf dem freien Raume in der Mitte der Moschee auf und läßt die Betenden hinter sich in lange Reihen treten, worauf er laut vor- betet und mit den verschiedenen Bewegungen der Menge vorangeht. Die Moscheen sind jedoch auch zu jeder anderen Tageszeit Denen geöffnet, welche dort ihre Andacht verrichten wollen. Häufig findet in ihnen der (schon im ersten Theile beschriebene) Sikr statt, wobei gewöhnlich ein Derwihsch die Feierlichkeit leitet. — Der erste religiöse Gebrauch, welcher das Leben des jungen 91 Mahammedaner berührt, ist die Beschneid ring. Sie wird im fünften bis sechsten Lebensjahre des Knaben vorgenommen und ist, analog unserer Taufe, der feierliche Act der Aufnahme in die Gemeinde der Gläubigen. Große, je nach dem Range der Eltern des Kindes mehr oder weniger ausgedehnte Festlichkeiten gehen ihr voraus; auch selbst die Aermsten thun Alles, um das Fest so glänzend als möglich zu machen, wozu oft ganze Straßen beisteuern. In der Straße vor dem Hause des Festes werden Zelte aufgeschlagen oder es wird die Straße selbst mit Zeltdächern überspannt und mit vielen ganz eigens geformten vielseitigen Laternen erleuchtet und geschmückt. Vor dein Hause stehen Bänke und Stühle, aufweiche sich ein Theil der Gäste niederläßt, um dort ihren Tschibuhk zu rauchen oder sich gelegentlich von einem Kaffcbereitcr, welcher seinen Herd auf der Straße aufgeschlagen hat, einen Findjahn des köstlich zubereiteten Trankes zu erbitten. Im Innern des Hauses halten sich die eingeladenen Frauen auf, welche von der Herrin des Hauses bewirthet und unterhalten werden. Bei Vornehmen sind diese in dem Harehm, die Männer dagegen im Diwahn versammelt und nur im Hofe mehrere Zelte aufgeschlagen, in denen Arme gespeist werden. Hier dauert die Festlichkeit gewöhnlich sieben Tage; sie beginnt Freitag Nachmittags und endet Donnerstag Abends, während Aermere nur zwei oder drei Tage lang im Stande sind, mit ihren wenigen, schon seit Monaten ersparten Mitteln die Gäste zu beherbergen. Am letzten Tage des Festes wird der Knabe prachtvoll und zwar halb weiblich gekleidet auf ein reich geschmücktes Pferd gesetzt und durch die Straßen geführt, um ihn dem Volke zu zeigen. Er ist mit köstlichem Gold- und Brillantenschmuck behängen, der von den Frauen der vornehmen Aha- rahm*) gern und willig dargeliehen wird. Auch das Roß hat ein wohlwollender Türke zu dem Umzüge hergegeben und es gern gestattet, daß sein Reitknecht das schönste und sanfteste erwählte und mit dem reichsten Zeuge belegte. Wenn Letzterer dann einen Bakh- schicsch erhielt, ist er vollkommen zufrieden und begehrt von den *) Plural von Harehm. 92 armen Leuten, welche ihrem Sohn die höchste Ehre erzeigen wollen, keinen Lohn; gilt es ja doch, einer Vorschrift der hochheiligen Religion zu genügen; da ist er gern bereit, auch etwas dazu beizusteuern und hat ja schon mehr gethan, als heute. Ließ doch der reiche Mann, als sein Sohn beschnitten wurde, noch sieben arme Knaben beschneide», in einem prächtigen Zuge durch die Straßen führen und richtete er doch auf seine eigenen Kosten die große Fanthasie für sie aus, warum sollte er heute nicht eines seiner Pferde hcrleihcn? Der festliche Zug wendet sich vom Hause weg- zunächst nach dem Basare. Voran gehen zwei bis vier Pfeifer, welche auf kla- rinettcnartigcn, schrillenden Pfeifen (Sumahra) eine gellende, wahrhaft höllische Musik hervorbringen und von einigen Paukern, die mit Palmenstöcken die Kalbfelle rühren, begleitet werden. Ihnen folgt ein Zug verschleierter Frauen, ununterbrochen das unnachahmliche, unbeschreibliche, die Nerven erregende, schrillende Ululul- Gcheul hervorbringend. Das Roß, welches von einem anständig gekleideten Reitknecht langsam am Zügel geführt wird, ist von anderen Frauen umgeben. Sie tragen in ihren Kleidern Salz und werfen dieses von Zeit zu Zeit über das reitende Kind, um damit das böse Auge ei trSssiä) im Bann zu halten und unschädlich zu machen. Hinter dem Rosse gehen die weiblichen Verwandten des Kindes und hinter diesen, außer einigen der männlichen Gäste, die sich einer jeden Festlichkeit stets anschließenden müssigen Leute. Der Zug passirt alle Hauptstraßen und kehrt zum Hause deS Festes zurück, wo dann die Operation von einem Barbiere vorgenommen und mit ihr das Fest beendet wird. Von nun an besucht der Knabe die Schule und wird in den Grundsätzen seines Glaubens unterrichtet. Von den Spielen der Kindheit weiß er Wenig. Ich habe die Knaben der Egypter und Sudahnesen nur mit einer Spielerei beschäftigt gesehen. Sie bauen sich aus dem — dem Marke unserer Fliedcrschößlinge ganz ähnlichen — weichen Marke der Durrahstcngel kleine Schiffchen, versehen sie in gehöriger Ordnung mit Masten und Segeln, lassen sie im Flusse schwimmen, entkleiden sich und schwimmen ihnen nach. Die Schiffchen sind nicht ohne Kunst erbaut, regelrecht gcthcert und 93 werden durch die langen und spitzen Dornen der Mimosen zusammengehalten. Mit seiner Mannbarkeit wird der junge Mahammedaner auch in der Moschee zugelassen. Er hat unterdessen ein Gewerbe erlernt und denkt nun ernstlich daran, sich zu verehelichen, obgleich er vielleicht kaum mehr als sechzehn Jahre zählt. Wenn er auch die Spielgefährtinnen seiner frühesten Kindheit seit ihrem fünften Jahre nicht inehr »«verschleiert sah, so weiß er doch von Hörensagen, welche von ihnen ein hübsches zehnjähriges Mädchen geworden ist, und sendet seine Schwestern oder seine Mutter dahin, um sich das Mädchen anzusehen. Vielleicht ist aber trotz des Schleiers auch hier die Liebe ihre heimlichen Wege gegangen und er tritt mit seiner Werbung jetzt öffentlich hervor, oder alte Frauen, die ja in der ganzen Welt so gern beschäftigt sind, ein Pärchen zusammenzubringen, machen ihn auf ein schönes Mädchen aufmerksam. Die Ausdrücke, deren sie sich bei Schilderung des reizenden Kindes bedienen, sind wirklich spaßhaft, besonders wenn eine Schöne aus der niederen Volksklasse ist, von denen ich hier hauptsächlich sprechen will. „Herr, ich weiß ein Mädchen, eine kleine Braut für Dich, deren Vater wenig „Mahhr" verlangt, ja, das ist ein Mädchen!" Und hierbei legt sie ihre fünf Fingerspitzen zusammen, küßt sie und streckt sie von sich, schließt die Augen und sagt: ,,/Ld ga rabbi!" (O Du Herrgott!), um mit dieser Pantomime etwas unaussprechlich Süßes, Liebliches zu bezeichnen. Und nun fährt sie lebhaft fort: „Ihre Augen, Allah! die sind größer als die Thaler (und hierbei legt sie die Spitze des gebogenen Zeigefingers auf die Dan- menspitzc und bildet so einen Ring von Thalergröße, den sie vor's Auge legt)- ihr Mund, o Mahanuned! mit einem Fünfparastück kannst Du ihn bedecken; ihre Lippen, sie sind röther als das Innere des Granatapfels, ihre Zähne weißer als die Perlen, ihre Händchen, Maschalla, ich habe nie kleinere gesehen! Sie ist schlank, wie eine Gazelle, sanfter, als die Gicraffe; ihr Hals ist weißer, als der der Gans — Schwäne kennen die Araber leider nicht —, wie Elfenbein und so durchsichtig, daß man, wenn sie 94 Wasser trinkt, dieses hinabrieseln sehen kann, kurz, Herr, sie ist das Wunder ihrer Zeit, lieblicher als der Vollmond, die Herrin der Schönheit und Anmuth, des Liebreizes und Ebenmaaßcs!" Entspricht ein so geschildertes Mädchen den Erwartungen derer, die der junge Mann aussandte, um es zu beschauen und zu prüfen, dann bringt er bei ihrem Vater seine Werbung an. Dieser bestimmt den Mahhr; der Werbende vereinigt sich mit seinem Vater, um denselben möglichst zu erniedrigen, bis man sich endlich über eine gewisse Summe verständigt. Sobald dies geschehen, gilt das Mädchen als die Verlobte des jungen Mannes, welcher nun anfängt, in kleinen Stückzahlungcn die geforderte ganze Summe abzutragen. Reiche Leute kaufen für ihre mannbar gewordenen Söhne gewöhnlich Sclavinnen, bis sie selbst sich ihr Brod verdienen und selbstständi'g um freier Leute Töchter werben können. Sehr gern verbindet man Geschwisterkinder unter einander. Daß der Neffe ebenso gut einen Mahlschatz zu zahlen hat, als ein diesem fremder Brautwerber, versteht sich von selbst, selbst der Prophet muhte Mahhr zahlen, als er um seine Frau warb. Nachdem die festgesetzte Summe, zu deren Abzahlung oft Jahre nöthig sind, entrichtet ist, bereitet der Brautvater das Hochzeitsfest. Die Zurichtungen sind denen zu der Beschncidung ganz ähnlich, unterscheiden sich aber wesentlich von den bei türkischen Hochzeiten üblichen. Als Hauptsache gilt der Brautaufzug. Unter der bei der Beschneidung beschriebenen Musik seht sich ein Zug, welcher in jeder Hinsicht viel Originelles hat, in Bewegung. Voran gehen sechs bis acht Egypter und führen mit langen Stöcken, ,,Nabuht" (s. S. 50), Scheingefechte aus. Dabei fällt wohl auch ein tüchtiger Schlag auf die Almine und würde ohne sie dem Kopfe gewiß eine derbe Beule zugezogen haben, aber das stört das Vergnügen keineswegs. Dann folgen die Musiker mit ihrer abscheulichen Musik und hinter ihnen vier Männer, welche an Stangen einen seidenen, mit bunten Franzen geschmückten Baldachin tragen, unter dem die Braut dahinwandclt. Sie ist reich geschmückt und sorgfältig gekleidet, doch sind alle ihre Schönheiten dem Auge verborgen. Auf dem Haupte nämlich wird ihr ein kegelförmiger, wahrscheinlich aus 95 Holz bestehender Aufsatz befestigt, über welchen ein die ganze Gestalt einhüllendes, bis auf die Knöchel herabfallendes, in der Mitte durch einen Gürtel zusammengehaltenes Gewand von brennendrother Farbe herabhängt. Spangen, Goldkettcn und anderer Schmuck ist an dem erwähnten Aufsätze befestigt und auch der Gürtel gewöhnlich mit Gold gestickt. Die Braut, welche gleichsam in einem Sacke steckt, kann Nichts sehen und wird deshalb von zwei Frauen geführt. Hinter dem Baldachin schreitet ein ernstes Kamel gravitätisch einher; es wird von einem Araber geführt und ist gar köstlich beladen, denn auf ihm sitzen in einer Art Sänfte zwei oder vier junge Mädchen oder Frauen, Freundinnen der Braut, und schauen von ihren hohen Sitzen herab mit den glühenden, schönen schwarzen Augen neugierig dem Gewühle zu. Auch das Kamel ist festlich geschmückt. Es trägt auf dein Kopfe ein Büschel von Straußenfedern, am Halse mit kleinen Zaylmuscheln besetzte, mit Franzen bchangcne Lederstrcifen, und ist auch sonst noch auf alle mögliche Weise phantastisch herausgeputzt. Ueber den Sitzen, zu beiden Seiten des Sattels, wölben sich Palmenwedel zu einer Laube zusammen, bunte Tücher flattern an ihr, Blumen schmücken sie. Hinterdrein kommen die Hochzeitgäste. Der Zug geht durch viele Straßen hindurch und wird von der jauchzenden Menge begleitet. Gewöhnlich bringt er die Braut schließlich nach dem Hause des Bräutigams, selten nach dem ihres Vaters zurück. Dort angelangt, betritt sie die für sie bereiteten Gemächer des Harehm, in deren Vorsaale sich der Bräutigam aufhält, um hier sich mit seinen Gästen zu unterhalten. Diese sind eifrig bemüht, ihm die Zeit mit manchen Hochzeitspäßen zu vertreiben. Nach Ankunft der Braut erscheint ein Geistlicher und trägt in dem gewöhnlichen näselnden Tone der ,,Fukhera" einige Stellen aus dem Khorahn vor, welche sich auf die Ehe beziehen, fügt diesen gewöhnlich die lehrreiche Mahnung bei: „Du sollst bedenken, daß das Weib aus einer Ribbe gebildet ist; ebenso wenig Du diese gerade biegen kannst, ebenso wenig wirst Du gewaltsam die Untugenden eines WeibeS vernichten, und darum, o Gläubiger, habe Geduld mit ihr!" und schließt seinen Sermon mit der Fathcha. Vorher war der Bränti- 96 gam schon in der Moschee gewesen, um dort zu beten und den Segen des Geistlichen zu empfangen. Die Ehepakten sind bereits von ihm unterzeichnet worden, nur eine Thür trennt ihn noch von seinem Glücke. Jetzt öffnet sie sich, die Freunde ersassen den Glücklichen und werfen ihn beinahe hinein. Noch hört er einige Scherze ihm Nachhallen, aber bald ist die Thür verschlossen und zu einem undurchdringlichen Vorhänge geworden. Wir wollen diesen aber noch ein ganz klein Wenig lüften, um mit geistigem Auge Das zu erspähen, was er dem leiblichen verhüllte. Der Glückliche tritt ein in sein Heiligthum und sieht zum ersten Male seine Gattin entschleiert. Dort sitzt sie, die Anmuthstrahlende, auf ihrem schwellenden Diwahn, mädchenhaft erröthcnd beim Eintritte ihres Gatten, den sie schon oft, hinter dem Gitterwcrk ihres Hauses stehend, beobachtete und lieben lernte ; sie steht auf und geht ihm entgegen, um „ihren Herrn," ihren Gebieter und Gemahl zu begrüßen. Er eilt in ihre Arme und drückt sie an sein Herz, — dann aber besinnt er sich und kniet neben ihr auf den Boden des Gemaches und betet, betet, daß Allah ihm eine glückliche Ehe geben und ihm seine Gattin, jetzt noch ein halberwachsenes Kind, erhalten, sie mit seinem Segen beglücken und zu einer Hausfrau aufwachsen lassen möge, so fruchtbar, wie ein traubenbeschwerter Weinstock in den wasserreichen, blumenduftigen Gärten seiner Vaterstadt, der unübertrefflichen Khahira el Maheruhset. Und dann mag er sich von Neuem wohl wieder zu dem lieblichen Kinde wenden, um mit ihr zu kosen — aber wir haben den Vorhang fallen lassen. — So schwer es einem armen Mahammedaner wird, sich eine Frau zu erwerben, ebenso leicht wird es ihm, sich wieder von ihr zu trennen. Die wenigen Worte: ,,^na talalrlltak ja mar- ra" („Weib, ich habe mich von Dir geschieden"), denen noch der Schwur: „So wahr Gott lebt!" beigefügt wird, sind hinreichend, eine rechtskräftige Scheidung herbeizuführen. Das Gesetz gestattet jedem Ehemann, eine Frau zweimal von sich zu stoßen und wieder aufzunehmen, nach der dritten Scheidung darf er sie aber nur unter der Bedingung noch einmal ehelichen, daß ein Anderer sie heirathet und sie ebenfalls verstößt. Der letzte Fall ist 97 nicht selten. Dann wird von dcm Vater der Braut, um dem Gesetze zu genügen, ein armer Teufel von hübschem Aeußeren unter der harten Bedingung gemiethet, ein vielleicht schönes und liebenswürdiges Weib zu ehelichen und sich, wenn auch von ihrer Liebe und ihren Reizen entzückt und berauscht, in kurzer Zeit wieder von ihr zu trennen. Aber die Liebe spielt dem mürrischen, eines holden Weibes unwürdigen Manne oft einen gar fatalen Streich. Sie fesselt die Neuvermählten mit ihren Zaubcrbanden und läßt es nicht geschehen, daß man ihr Werk vernichte. Dem, der schnöden Geldgewinnes wegen sich in's Joch der Ehe spannen ließ, gibt sie das Glück der Ehe zu kosten; er weigert sich, das an ihn gebundene, von ihm geliebte Wesen von sich zu stoßen. Zwar hat man, um solchen Widerwärtigkeiten zu entgehen, in dem neuen Chever- trage einen bedeutenden Mahhr, den der arme Liebende nicht bezahlen kann, ausgesetzt, aber die Liebe sucht das unmöglich Scheinende möglich zu machen und es gelingt ihr. Schon in Tausend und einer Nacht erzählt man uns eine Geschichte*), daß die junge Frau allen ihren Schmuck verkaufte, um dadurch den ihrem geliebten Gemahle von ihrem Vater festgesetzten Mahhr zu bezahlen, und in Egyptenland erzählt man sich ein ganz ähnliches, romantisches Ge- schichtchen, wo der alte Mahammed-Aali ein junges, auf erwähnte Weise zusammengekommenes Ehepaar durch ein bedeutendes Geldgeschenk dauernd verband und glücklich machte. Wenn auch die Verhältnisse in den mahammedanischen Ländern ganz andere sind, als die bei uns daheim, die Liebe übt auch dort ihre allmächtige Gewalt aus, auch dort geht sie ihre eigenen Wege und fesselt gar oft, trotz Herkommen und Sitte, zwei Herzen an einander. — Die Begräbnißfeierlichkciten bei dein Tode eines Mahammeda- ners sind ganz dem Ernste der Religion angemessen. Ich habe ihrer schon bei Schilderung der Sudahnesen gedacht und füge dem dort Gesagten nur das Egypten Eigenthümliche hinzu. Die Leiche wird, wie im Sudahn, wenn sie männlichen Ge- *) Wenigstens in der in Bulakh erschienenen arabischen Ausgabe. » 7 I 98 schlechts ist, von einem Fakksse, wenn sie weiblichen Geschlechts ist, von den weiblichen Anverwandten gewaschen und in den „Keffn*)" ' gehüllt. Die Todtenklage findet auch in Egyptcn, aber in einer weniger rohen Weise als im Sudahn statt. ^ ' Sechs Stunden nach dem Tode erscheint ein Geistlicher mit ^ den eine Bahre Tragenden, um die Leiche nach dem Friedhofe zu s! bringen. Die Bahre ist einem Sarge ohne Deckel vergleichbar, an I; , dessen Kopfende ein Stab mit einem Knopfe emporragt. Auf diesen wird bei Männern ein Turban, bei Frauen ein weiblicher Kopfputz befestigt; war der Verstorbene ein Nachkomme des Propheten, dann ist der Turban grün umwunden; bei einem Dcrwihsch sieht man dessen spitze Filzmützc aufgesteckt. In diese Bahre wird , der Todte gelegt und mit einem roth- oder grünseidcnen Tuche, in I welches Khorahnsprüche eingewebt sind, bedeckt. Vier Männer tragen die Bahre, einige andere gehen zu beiden Seiten derselben und tragen Fahnen, in welche die Worte des Glaubensbekenntnisses . . eingestickt sind. Mehrere Blinde eröffnen den Leichenzug, ihnen folgen die Knaben der Nachbarschaft, von denen einige die Blinden führen. Die Blinden sollen für den Sehenden eine Mahnung sein, daß er einmal blind diesen Weg gehen müsse. Dann fol- >, gen die Männer und hinterdrein die Frauen, von denen sich in - jeder Straße immer mehr und mehr anschließen. Unter beständigem Absingen der Glaubensworte: „Ua il lall» il ^.Ilalr, Nallamliwä ra88ulll ^Ilall!" bewegt sich der Zug zuerst nach der Moschee; dort wird die Bahre in die Vorhalle niedergesetzt, der Geistliche spricht einige Gebete, dann ruft er mit lauter Stimme: „Bezeuget mir beim allbarmhcrzigen Gott, ihr Gläubigen, war dieser, den wir beerdigen wollen, ein frommer Mann!" Und wenn dann Alles antwortet: „„Ja, bei Gott, das war er, er hat als Gläubiger gelebt und ist als solcher gestorben!"" dann spricht er: „Nun wohlan, so bittet Gott, daß auch ihr den Tod dieses Gerechten sterben möget. Allah nehme seine Seele auf in das Paradies und sei uns gnädig!" „„Amen!"" schließt die Ver- ') S. Th. 1 S. 173. 99 sammlung. War der Verstorbene dagegen ein sündhafter, böser Mann und schweigt auf des Geistlichen Anfrage die geringe Versammlung, dann spricht der Fakh'ie sehr ernst: „Gott sei seiner Seele gnädig!" Von der Moschee aus geht der Zug unter dem vorhin erwähnten Gesänge und dem Klagen der Begleiterinnen nach dem Friedhofe. Hier wurde ein nur vier Fuß tiefes Grab ausgegraben, in welches die Leiche mit ihrer Hülle auf die bloße Erde gelegt wird. Der Geistliche spricht noch einige Worte am Grabe, dann wird dasselbe mit Erde zugedeckt und oben mit einzelnen Kieselsteinen belegt. Die Reicheren lassen für ihre Verstorbenen Mausoleen errichten. Es sind gewöhnlich sehr einfache, wcißbetünchte, einem riesigen Grabsteine ähnliche Mauern. Am Kopfende befindet sich ein aus Stein gehauener Turban und eine Platte mit Namen und Todestag des Verstorbenen. Vornehmere bauen eine kleine Kapelle über die Gräber ihrer Lieben und lassen dort dann und wann einen Fakh'ie Gebete lesen. Eine eigene Art von Gräbern sind die der Schiuhch, der für heilig oder wenigstens sehr fromm gehaltenen Personen, denen oft noch nach dem Tode große Wirksamkeit zugestanden wird. Ein Mohammedaner, welcher sein Leben stets nur religiösen Uebungen weihte, den Khorahn auswendig verstand, vielleicht mehrere Male in Mekka war und sich von den Uebrigen in Gottseligkeit auszeichnete, wird für heilig erklärt. In ganz ähnlicher Weise behandelt der Gläubige auch seine Blödsinnigen. Er sagt: „Sie sind von Gott geschlagen, sie sind genöthigt gewesen, hier auf Erden ein trauriges Leben zu führen, werden aber dort Oben um so besser versorgt werden." Man errichtet diesen, wie jenen, nach dem Tode besondere Grabmähler, entweder runde Kuppeln auf quadratischem Mauerwerke oder spitze, konische Thürme mit einer Thür. Wo es angeht, umpflanzt man sie mit schattengebenden Bäumen. Fast in jedem Dorfe sieht man solche „Khubbet" odcr„Tu- rahb*)", häufig aber auch hoch auf den Gebirgen, zu beiden Plural von Khubbe, Kuppel und Turbe, Grabmahl. 7 * 100 Seittn des Stromes. Kein Mahammedaner geht an einem solchen Grabe vorbei, ohne eine Falhcha zur Ehre des Verstorbenen zu sprechen und um dessen Segen zu bitten. Im Sommer werden die Schechsgräber oft eine Wohlthat für den Reisenden, denn sie enthalten fast immer einige Wasserkrüge, welche die fromme Sorgfalt der Umwohnenden stets von Neuem füllt. Die Achtung gegen die Turahb ist so groß, daß man ziemlich wcrthvolle Sachen unter ihrem Schutze liegen läßt, ohne daß es Jemanden einfallen sollte, diese zu stehlen. Früher wurden, wie dies die Gräber der Chalie- fen oder Fürsten der Kirche bei Kairo beweisen, die Grabmähler der Heiligen und Vornehmen mit weit größerer Pracht ausgestattet. Auch die übrigen Festlichkeiten der Mahammedaner sind fast ohne Ausnahme von religiöser Bedeutung. Man feiert allgemein nur zwei Feste: den großen und kleinen Bairam. Der Jahresanfang, „Rahs el sennch," wird kaum beachtet. Dagegen aber werden Erinnerungstage, „Muhlet," an den Propheten oder an Heilige sehr festlich begangen, wenn auch bei letzteren nur in dem Orte, wo sich das Grabmahl des Schech befindet. Das höchste Fest der Mahammedaner ist der große Bairam. Er ist ein Dankfest nach dem schweren Fastmonat Ra- madtahn. Mahammed selbst, der Prophet und Gesandte Gottes — das Heil über ihn! — ordnet das Fest an. In der zweiten Sure des Khorahn heißt es wörtlich also: ,,Der Monat Ramadtahn, in welchem der Khorahn offenbart wurde, als Leitung für die Menschen und deutliche Lehre des Guten, werde von Denen, so da gegenwärtig sind, gefastet. Wer aber krank oder auf Reisen ist, der faste zu einer anderen Zeit, denn Gott will eS Euch leicht und nicht schwer machen; daß Ihr nur die bestimmten Fasttage haltet und Gott verherrlicht, dafür, daß er Euch leitete, damit Ihr dankbar seid. Es ist Euch erlaubt, in der Nacht der Fastenzeit Euren Frauen beizuwohnen, denn sie sind Euch und Ihr seid ihnen eine Decke. Gott weiß, daß Ihr Euch 101 dieses versagt habt, aber nach seiner Güte erläßt er Euch dieses. Darum geht zu ihnen und begehret, was Gott Euch erlaubt, esset und trinket, bis man beim Morgenstrahle einen schwarzen Faden von einem weißen unterscheiden kann. Dann aber haltet Fasten bis zur Nacht, bleibet von ihnen (den Frauen nämlich), ziehet Euch in's Bethaus zurück. Dies sind die Schranken, welche Gott gesetzt, kommt ihnen nicht zu nahe. So lehret Gott die Menschen seinen Willen, auf daß sie ihn verehren." Wenn sich nun heutigen Tages des neuen MondeS Sichel zeigt, donnern die Kanonen der Forts großer Städte ihren hallenden Gruß dem heiligen Monat entgegen. Feuersprühende Racketcn entsteigen den größeren Plätzen der Städte, in allen Gassen knattern Gewehre. Alsbald beginnt das eigentliche nächtliche Leben der Fastenzeit. Der strenge Gläubige enthält sich auf seines Propheten Befehl des Essens, Trinkens, Rauchens, der Fromme thut noch mehr, er übt ein Werk ,,der Sunne*)," die Sudahnesen kauen bei Tage keinen Tabak mehr und versagen sich sogar ihre Zahnbürste (s. Th. 1 S. 185), um die Speicheldrüsen zur Befeuchtung ihres vertrockneten Mundes nicht zu reizen. Daß es während der größten Hitze des innerafrikanischen Sommers eine wirkliche Marter ist, einen ganzen langen Tag zu fasten, sieht Jeder leicht ein. Diejenigen aber, welche die Mahammedaner wegen einer so strengen Befolgung ihrer Religionsgesetze zu belächeln geneigt sein sollten, erinnere ich daran, daß sie jetzt die Jahreszahl 1270 schreiben — im Jahre 1270 nach Christi Geburt geißelten sich christliche Mönche und Nonnen ihren Rücken blutig — Alles zur Ehre Gottes und seines Heilandes!- Der Gläubige macht im Ramadtahn die Nacht zum Tage. Ehe noch der Mueddihn der im Westen sinkenden Sonne seinen Schoi- degruß zuruft, ehe er noch mit volltönigcr Stimme die Gläubigen zum Gebete des Morhreb auffordert, ermuntern und erheitern sich die durstigen Gemüther. Die Kaffehäuscr werden geöffnet. Auf *) Mksmmkrls»! mgxime pü per lotum n>e»sem cum uxvribus suii, nou coeunt. 1tt2 dem Herde des Kaffebereiters flammt ein Helles Feuer und bringt das in großen Kannen bereit gehaltene Wasser zum Sieden. Mühsam schleppen sich einige Gestalten wankenden Schrittes zum Kasse- Hause, ermattet sinken sie beinahe kraftlos auf die Palmenholzsessel vor der Thür desselben. Sie haben Tabak und Pfeifen mitgebracht. Einige bestellen sich beim Khahwedji NargilehS. Gefüllte Wasserkühlgefäße stehen neben ihren Stühlen. Aller Augen richten sich nach dem schlanken Minaret; Einige sehen nach ihren Taschenuhren. „Lissa?" (noch nicht?)*) fragen die Uebrigcn. „Lissa!" Es fehlen noch drei Minuten. Da plötzlich ertönt der längst sehnsüchtig erwartete Ruf vom Thurme: ,,La il laha il Allah, Maham- med rassuhl Allah! Es gibt nur einen Gott und Mahammed ist sein Prophet!" Ein Kanonenschuß donnert über die Stadt dahin; der Tag ist zu Ende. Man hört nur: „Allah!" Das einzige Wort sagt Alles. Es ist der Preis des Höchsten, es ist der Dank, daß er seine Sonne zur Ruhe gehen ließ; es ist die Freude, daß das schwere Werk ^ des Fastens für heute überstanden; es ist der erste Anfang alles zu hoffenden Genusses für die kommende Nacht. Jetzt herrscht eine Todtenstille vor dem Kaffehause. Alle sind beschäftigt, den Augenblick zu genießen. Einige dürsteten mehr nach den Pfeifen**), als nach dem Wasser und blasen dicke Wolken vom Rauche des gepriesenen Krautes von sich; Andere trinken gierig aus dem Wassergefäß. Alle erwarten mit Sehnsucht den Kaffe. Dieser ist unter der Leitung des Wirthes bereits fertig geworden und wird in kleinen Schalen herumgereicht. „El hamadi lillahi!" Kah« wedji, noch eine Schale! „Hahdir ja sihdi aale äühni." (Ich bin bereit und nehme sDeine Aufträgcj auf meine Augen.) Noch einige Täßchen Kaffe werden getrunken, dann geht man nach Hause, um zu essen und zu beten. *) „Lissa ' bedeutet sowohl „noch," als auch „noch nicht;" die Erklärung ist daher eigentlich der Frage angepaßt. „Lissa maschuf- tusch?" (vulgär) „Hast Du ihn noch nicht gesehen?" „Aschufu lissa." „Ich werde ihn noch sehen." **) Die Araber sagen „Tabak trinken," statt Tabak rauchen. 103 Mittlerweile ist die Nacht völlig hereingebrochen; in großen Städten flammen hundert Lämpchen an den Gallericen der schlanken Minarets; der Basar und alle Kaffehäuser werden erleuchtet, der Kaufmann setzt sich in seine Bude, der Handwerker sängt an zu arbeiten, der Regierungsbeamte eröffnet den Diwahn. Alle Schreiber der Regierung sind in voller Thätigkeit, der Geschäftstag bricht an, während der Tag zu Ende ging. Und nun beginnt das eigenthümliche Leben der Nacht. Die Basare vereinigen das verständige Alter und die tobende Jugend; in den Kaffchäuscrn sitzen Mährchenerzähler, tanzen Rhauasiaht*), treiben Gaukler oder Marioncttenspiclcr ihr Wesen. Zuckerbäcker gehen laut preisend mit ihren wandelbaren Verkaufstischen durch das Gedränge; Gahrköche rühmen die Erzeugnisse ihrer Kunst, Scher- bcthvcrkäufer klingeln mit metallenen Schalen. Es herrscht vollkommene Freiheit. Keine Polizeiwache stört das fröhliche Treiben des Volkes. Bis tief in die Nacht hinein durchwogt ein nicht endender Menschenschwarm die Straßen. Gegen Morgen wird es stiller. Einer nach dem Andern geht nach Hause, um zu ruhen. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang hört man wieder einen Kanonenschuß. Er fordert die Gläubigen auf, sich noch vor anbrechendem Morgen mit Speise und Trank zu erquicken, damit sie das schwere Glaubenswcrk ohne Murren zu beendigen im Stande sind. Mit dem Grauen des Morgens ertönt vom Minaret die Mahnung zum Frühgcbcte. Der Gläubige spricht den Fedjer, dann sucht er sein Lager und schläft bis weit in den Tag hinein. Wenn aber der erste Reiz der Neuheit vorüber ist, sehnt sich jeder der Fastenden mehr und mehr nach seiner gewohnten Lebensweise zurück. Man späht zu Ende des Monats nach der sich verkleinernden Mondscheibe und bemerkt jede Verringerung derselben mit rasender Freude. Am ncunundzwanzigsten oder dreißigsten Tage des Monats sammeln sich die Gcwcrke um die Zeit beö Nachmittagsgebetes zu einem Festzugc. Dieser bewegt sich durch viele Straßen hindurch und nimmt um so mehr an Ausdehnung zu, je ) Plural von ,,Rhauastc," Tänzerin. länger er währt. Mehrere Compagnieen Militär gehen ihm mit klingendem Spiele voran. Im Westen schimmert der blasse Neumond. Die Sonne neigt sich zum Untergänge; setzt ertönt die Stimme des Mucddihn. Eine rothe Fahne steigt an dem Minaret empor und donnernde Geschützsalvcn beschließen den Monat der Fasten. Am nächsten Morgen begrüßen die Kanonen mit ehernem Munde das von den Türken „Bairain," von den Arabern „Aind el ra- madtahn" genannte Freudenfest. Jetzt wird es lebendig aus den Straßen. In seinem besten Gewände durchwandelt der Araber dieselben und sucht das Vergnügen, welches ihm in der mannigfaltigsten Gestalt auf einem freien Platze, dem Fcstmarkte, ,,Suhkh cl Aöi'd," geboten wird, begierig auf. Man sieht den Erwachsenen mit größtem Wohlgefallen eine Drehschaukel besteigen und sich bei dem Umtrcibcn derselben kindisch freuen. Andere haben sich um einen Mährchenerzähler, Andere um einen Taschenspieler und noch Andere um einen Schlangenbeschwörer versammelt und hören oder sehen diesem mit großer Aufmerksamkeit zu. Einige Kaffeberciter haben provisorische Kaffebuden aufgerichtet, vor denen sich wieder Verkäufer von Scherbeht oder Zuckerwerk herumtreiben und mit eigenem unmelodischen Gesänge ihre Waare anpreisen. Die Marionettentheater, Gaukler und Schlangenbeschwörer ergötzen das Volk. Zwar werden im Puppentheater nur Erzeugnisse der schmutzigsten Phantasie zur Aufführung gebracht, aber das Volk belacht sie doch. Die Schlangenbeschwörer erlauben sich pöbelhaft gemeine Scherze, sie finden dennoch überall Anklang. Ihre Darstellungen stehen unter der Mittelmäßigkeit. Nur der Bajazzo oder ein abgerichteter, phantastisch aufgeputzter, drolliger Pavian mit seinem Reitpferde, einer Ziege, machen das Schauspiel einigermaaßen anziehend. Die große Gelehrigkeit der Affen kommt dem Gaukler trefflich zu Statten. Der „Khird" oder Pavian ist unermüdlich, die Menge mit den sinnreichsten und schwierigsten Kunststücken zu unterhalten, während sein Herr dann und wann eins seiner Slückc macht und lange Gespräche mit seinem Bajazzo hält; dieser behält, obgleich er die dümmsten Streiche ausführt, natürlich immer Recht. Alle Geräthschaften des Gauklers sind in wenigen Säcken un- tergebracht. In einem derselben befinden sich auch die abgerichteten Schlangen, meistens der Art Aasn. Hass*) angehörend, wie sich von selbst versteht, mit sorgfältig ausgebrochcnen Giftzähncn. Es ist dies dieselbe, welche schon Moses zu seinen Gaukeleien vor Pharao verwendete. Sie zieht, wenn man sie mit Wasser bespritzt oder an gewissen Körpcrtheilen drückt und knetet, ihre Muskeln so zusammen, daß sie so steif wie ein Stock wird. Eigentliche Kunststücke lernen die Schlangen nicht. Der Gaukler dreht und windet sie, wie bei uns manchmal Menageriebesitzer zu thun Pflegen, um ihre Zahmheit zu zeigen. Kleinere Schlangen kommen herbeige- krochen, wenn der Gaukler ihnen auf eigene Art pfeift. Hierauf beruht die tagtäglich von diesem ausgeführte Betrügerei, einige vorher in einem Hause freigelassene Schlangen wieder herbeizulocken, um sich den Dank und einen Bakhschiesch des Hausherrn, welcher sein Haus durch die Kunst des Gauklers von den darin wohnenden Schlangen befreit glaubt, zu verdienen. Mehr leisten die Schlangen nicht. Schlangenfänger haben mir selbst zugestanden, daß die sogenannte Kunst des Schlangcnbeschwörens nur ein Kunststückchen für das dumme Volk und folglich Betrügerei ist. Außer diesen Künstlern steht man wohl auch noch öffentliche Tänzerinnen, Sänger und Musiker auf dem Festmarkte. Nachts zieht sich die Menge von hier nach der Stadt zurück. Man hat in jedem Hause „Khachke," ein durchaus verfehltes Festgcbäck, zubereitet, welches nun verzehrt wird. Die Kaffehäuser sind erleuchtet. Musiker und Sänger oder Mährchenerzähler unterhalten die Gäste. Vor dem „Khahwe" sind halbe Straßen mit Zelttüchern, an denen buntfarbige Laternen hängen, überspannt. Die ganze Zeit des Festes über ruht jede Arbeit. Fünfmal täglich, zur jedesmaligen Zeit des Gebetes, gibt man Kanonensalven und von allen Forts wehen die Fahnen, die Kriegsschiffe flaggen. Die Untergebenen besuchen ihre Vorgesetzten, Freunde einander gegenseitig, um sich Glück zu wünschen. Das ist der Hergang eines arabischen Festes. *) Die sehr giftige egyptischc Brillenschlange, arabisch „H are", weshalb der Schlangenbeschwörer „Ha n i" heißr. 106 Dcr kleine Bairam, von den Arabern als „Aeid el bachie" — Schlachtfest — gefeiert, soll eine Erinnerung an das Opfer Abraham's sein. Er wird ebenfalls für hochheilig gehalten. Jeder Hausvater schlachtet an diesem Tage, wenn er es vermag, ein Schaf. Eine Feierlichkeit oder Festlichkeit ganz eigener Art wird, obgleich die Repräsentanten aller mahaimnedanischcn Länder zugegen sind, nur in Kairo begangen. Es ist der Tuhs el Cha liefe, jener merkwürdige Ritt des Chaliefen, welcher die große Pilgcrkara- wane nach Mekka begleitete und bis Egypten zurückbrachte. Auf einem prächtigen, edlen Rosse sitzend, reitet dieser über eine Brücke von dicht neben einander liegenden Menschen hinweg. Ich weiß nicht, welchen Beweggrund dieser Gebrauch hat, kann aber versichern, daß dcr Tuhs el Chaliefe ein sehr großes Fest ist. Außer den eben erwähnten Belustigungen finden auch noch Prozessionen statt, durch welche die Leute so fanatisch gemacht werden, daß sie sich freiwillig hinlegen, um den Fürsten dcr Kirche über sich wegrei- tcn zu lassen. Obgleich das Roß von zwei Reitknechten, welche auch noch auf der Mcnschenbrücke wandeln, geführt wird und sehr sorgfältig auftritt, kommt es doch vor, daß Einzelne durch die Hufe des Pferdes bedeutend verletzt werden. So etwas stört aber den Araber nicht. Sein Aberglaube erklärt eS ihm dadurch, daß dcr, welcher beschädigt wurde, nicht recht fest im Glauben war, weil Jeder, dcr fest glaubt, nicht verletzt und überhaupt von keinem Unglück betroffen werden kann. Der Tuhs el Chaliefe findet in Kairo auf dcr Birket el Esbekle statt. Schon viele Tage vorher wurden die nöthigen Zubereitungen getroffen, z. B. Zelte und Kaffebudcn errichtet u. s. w. Bor allen mahammedanischcn Festen verdient noch eins hervorgehoben zu werden, welches mit dem Laubhüttenfcst dcr Juden einige Aehnlichkeit hat. Es ist das Fest des eingcathmeten Morgenlüftchens, „Schimm «l Nössrhm*)." Gewöhnlich wird es am *) „Scliimm" heißl Rieche» oder Ein athmen, „Ncssilun," ein leichtes, vor Sonnenaufgang wehendes Lüftchen. 107 dritten Pfingstsciertage begangen, obgleich es sonderbar ist, daß sich die Mahammcdaner bei der Feier eines Festes nach den Christen richten. Wer es kann und vermag, verläßt an diesem Tage vor dem Morgengrauen seine Wohnung und geht in einen Garten der Stadt. In Kairo sind die Gärten von Rohda und Schu- bra dem Volke geöffnet worden. Männer und Frauen strömen in Schaaren dahin, um die Morgenluft, später aber auch die Mittags- und schließlich noch die Abcndluft im Freien zu genießen. Auch alle übrigen Gärten der Stadt, selbst die Anlagen des Wirket cl Esbekre sind mit Menschen erfüllt. Unter jedem Zitronen- oder Orangenbäume lagert eine Familiengruppc fröhlicher Menschen. Man hat öffentliche Kaffezclte aufgeschlagen, aber auch jede Familie hat ihr Kochgeschirr mitgebracht, um den köstlichen Trank für sich zu bereiten. Arm in Arm wandeln die Aralerinncn, gemüthlich plaudernd, im Gewählt herum, stiller und ruhiger sitzen einige Türkinnen auf ihren Teppichen, mit den funkelnden schwarzen Augen die Menge beschauend; Alles wogt durch einander, Männer und Frauen, Christen, Juden und Mahammcdaner, Türken, Europäer und Araber. Aus den Orangcnhainen erschallt Gesang, Gelächter, Zithcrspiel, Schalmeien-, Flöten- und Harfenton. Die jungen Bursche kaufen oder stehlen Blumen, um diese ihren Schönen zu schenken, kein Wächter oder Polizcimann stört das Vergnügen des Volkes. Man glaubt, daß der Genuß des Ncssihm von sehr heilsamer Wirkung für die Gesundheit sei. Kurze Zeit nach dem Feste beginnen die schädlichen heißen Südwinde oder Chama- sihne zu wehen, die, wenn sie anhaltend sind, nicht nur alle Straßen in Staubwolken hüllen, sondern auch das Laub der Bäume vertrocknen und auf Menschen und Thiere eine überaus lästige, abspannende und lähmende Wirkung äußern. Der Schimm el Nes- sihm ist, dem Aberglauben des Volkes nach, ein sehr gutes Schutzmittel gegen diese Winde, erheitert und kräftigt den Sinn, stärkt Glieder und Gesundheit und ist überaus zuträglich in jeder Hinsicht — für Den, welcher daran glaubt. Häusliche Feste, welche nicht mit einer religiösen Ceremonie zusammenhängen, kennt man nicht. Zuweilen versammeln sich die 108 Einwohner eines Dorfes oder Stadtviertels, um bei der dürftigen Musikbegleitung einer Suinahre und der von sieben, immer wiederholten Schlägen ertönenden Tarabuka eine der Töchter des Landes vor sich tanzen zu lassen, doch kann man das nicht mit unseren gesellschaftlichen Versammlungen vergleichen. Die Egyptcr lieben den Tanz leidenschaftlich. Ein Mädchen, welches gut zu tanzen versteht, ist der allgemeinen Achtung sicher, so lange sie eben nicht ihre Kunst zum Handwerk macht, wodurch sie zu einer Rhauafte herabsinkt. Der Tanz gewöhnlicher Fcllahmädchcn hat für uns durchaus nichts Anziehendes, wohl aber für die Egyptcr. Die Tänzerin tritt in einen von ihren Zuschauern gebildeten Kreis, faßt mit beiden Händen einen Na buht und stampft nach dem Takte der Musik mit dem einen oder dem anderen, nach außen oder nach innen gekehrten Fuße den Boden, wobei sie ihren übrigen Körper in eine unnachahmliche zitternde Bewegung zu bringen versucht. Ganz anders tanzt die Rhauafte in dem Diwahn eines vornehmen Arabers oder Türken. Schon ihr Erscheinen deutet auf etwas Vollkommneres, als einen gewöhnlichen Fellahtanz. Sie trägt, wenn sie jung, schön und deshalb wohlhabend ist, die Kleidung der Türkinnen, nur sind die Stoffe dazu weniger kostbar, die Kleider weniger sittsam. Zweisaitigc Violinen, die Tarabuka und die an ihren Händen befestigten glockenhell tönenden ,,Sadjaht" — Kastagnettcn — begleiten ihren Tanz. Noch zeigt er die Grundzüge des eben Beschriebenen, aber die Ausführung ist freier, kühner, lebendiger. Wenn mehrere Rauasieht zusammen und gegen einander tanzen, kann man eine treffliche Mimik wahrnehmen. Der vollendetste Tanz dieser Mädchen ist der, welchen sie selbst mit „Kacliele za I10I1" — die Biene ist nah — bezeichnen. Er stellt die Flucht eines von einer stechsüchtigen Biene oder Hornisse verfolgten Mädchens und seine endliche Erlösung von der Verfolgung des rachsüchtigen Thieres dar. Wenn einer meiner Leser nach Es- neh in Obercgypten kommen sollte, möge er nicht versäumen, sich diesen merkwürdigen Tanz produziren zu lassen. 109 Größer noch, als der Glaube der Araber ist ihr Aberglaube. Man erstaunt über Dinge, welche wir schon in unserer Jugend belächeln lernten, wenn abergläubige Wärterinnen sie erzählten, in Egypten in anderer Form wiedererzählen zu hören, und ich bemerkte mit Verwunderung, daß der tollste Unsinn mit vollster Ueberzeugung geglaubt wird. Gespenster- und Geister-, Teufels- und Spukgeschichten spielen in der arabischen Phantasie eine Hauptrolle. Man findet in Kairo und Bulakh schöne Häuser leer stehen, weil es darin umgehen soll, man fürchtet sich, Nachts an einem Fried- hofe oder Schechsgrabe vorüberzugehen, wenn letzteres sich nicht gerade mitten im Orte befindet. Man glaubt an gespensterische Erscheinungen, ja, man glaubt, daß jeder Fleck Erde von einem Geiste bewohnt wäre. Kein Araber wirft eine Last zu Boden, keiner schüttet Wasser auf die Erde, keiner spuckt aus, ohne vorher zu sagen „Tastuhr!" — siehe dich vor! — weil er fürchtet, damit einen Geist treffen zu können, der sich dann wahrscheinlich rächen würde. Keine Mutter sieht ihr Kind fallen, ohne das erwähnte Wort oder „Ja sshttr!" — Du Bewahrer, Behüter, Beschützer (hilf)! — auszurufen. Leidet das fallende Kind dennoch Schaden, dann hat eS jedenfalls einen bösen Geist berührt, bei welchem solche Ermahnungen zur Vorsicht Nichts fruchten. Man fürchtet das gehässige Auge, welches Dem, auf dem es haften bleibt, Schaden bringt, fürchtet Zauberer und Heren, glaubt an die Wunderkraft von Reliquien, Amuletcn und dergleichen und ist bei jedem Zufalle bemüht, zu unnatürlichen Erklärungen seine Zuflucht zu nehmen. Ich beschließe diesen Abschnitt mit einigen Bemerkungen über den, zur Zeit meines Aufenthaltes, regierenden Vizekönig Aabahs- Pascha, die unter seinen Befehlen gehandhabte Justiz und deren Vollstrecker, die Soldaten, ohne in die Einzelheiten des Regierungswesens — worüber ich hier und da einige Mittheilungen Angeschoben habe — einzugehen. Wer sich damit genauer bekannt machen will, den verweise ich auf Russegger'S Reisewerk und 110 andere neuere Beschreibungen, welche diesen Stoff mit weit mehr Gründlichkeit behandeln, als ich es zu thun im Stande bin. In die großen Lobsprüche des letztverstorbcncn Vizckönigs, welche ich nach meiner Heimkehr in einigen deutschen Zeitschriften — hauptsächlich aber in der Jllustrirtcn Zeitung pom 17. April 1852 — gelesen habe, kann ich nach Dem, was ich in Egypten selbst über Aabahs gehört habe, nicht mit einstimmen. Man war in Egypten ganz anderer Ansicht, als der Berichterstatter der leipziger Jllustrirten Zeitung und fürchtete seit seinem Regierungsantritte für das Wohl des Landes. Es ist sehr richtig, daß er von den Generalkonsuln der europäischen Mächte leichter zu lenken war, als seine ruhmreichen Vorfahren (die als charakterfeste Männer in der Geschichte dastehen); ob er aber aus eignem Antriebe jemals Etwas zum Besten des Landes gethan hat, ist eine Frage, welche ich nicht mit Ja beantworten möchte. Die erwähnte Zeitschrift, welche seines Lobes voll ist, giebt zugleich ein wohlge troffen es Portrait dieses Mannes, was sie füglich hätte unterlassen sollen, weil sie dadurch gewiß jeden Physiognomikcr in die Verlegenheit gebracht hat, den vergeblichen Versuch zu machen, Portrait und Biographie in Einklang zu bringen. Die Gesichtszüge des Pascha ähnelten denen eines gemeinen Fcllah außerordentlich und in der That strafte sein Charakter „den Spiegel seiner Seele" nicht Lügen. Aabahs-Pascha war der vollendetste Wüstling. Er stöhnte einem, leider oft die Tugenden des Türken in dunklen Schatten stellenden, schon von den alten Griechen tief verabscheuten Laster, in einer so stechen Weise, daß er sich bald die Verachtung aller sittlichen Europäer zuzog. Er war schamlos genug, mit einem zahlreichen Harehm kleiner, in die Tracht der Frauen gekleideten Knaben Egypten zu durchziehen (September oder Oktober 1849) und gab durch diese Verhöhnung aller Gesittung den Lastern des Volkes nur neue Nahrung. Um die Regierung seines Landes bekümmerte er sich nur wenig oder gar nicht und griff, wenn er es wirklich that, störend in den Gang derselben ein. Er schickte seine treue- sten Diener in die Verbannung, entsetzte die geachteten Offiziere, mit denen der tapfere Jbrahihm-Pascha die hohe Pforte erzittern machte und vergab ihre Stellen an fünfzehn- und sechzehnjährige Buben, welche er aus seinem Knabenharehm nahm. Der Sultahn nahm die Verbannten, welche sich nach Konstantinopel flüchteten, mit großer Freude auf und entzog dadurch dem Vizekönig einen seiner tüchtigen Beamten nach dem anderen. Aabahs-Pascha war in Allem klein. Während Mahaimned-Aali ungeheuere Summen opferte, ja thcilwcise verschwendete, um kostspielige, kolossale Bauwerke auszuführen, Fabriken anzulegen u. s. w., warf sein unwürdiger Enkel Gold mit vollen Händen weg, um sich Hunde, Tauben, Hühner und anderes Vieh zu kaufen. Im Ganzen charakterlos, war er vielleicht nur in einem Punkt charakterfest — wenn ich so sagen darf — in Ausübung einer oft raffinirtcn Grausamkeit. Wenn während der Zeit seiner Regierung einigen Uebel- ständen abgeholfen wurde, so ist das nicht ihm, sondern den Generalkonsuln der europäischen Mächte zu danken. Jede von dem Pascha selbst ausgegangene Maßregel erkannte man leicht an ihrer Verkehrtheit. So war die Erbauung der Eisenbahn von Aleran- dricn nach Kairo nicht sein Werk, sondern das der Engländer, welche die Bahn, trotz aller Einwendung der übrigen Konsulate, mit ihrem Gelde gegründet haben. Egypten braucht keine Eisenbahn, England aber gebraucht sie, um in Egypten immer mehr und mehr Einfluß zu gewinnen. AabahS-Pascha war — um sein ganzes Wesen mit wenig Worten zusammenzufassen — ein Mensch, in welchem sich das Menschliche nie über das Thierische erhob, er lebte mit seinem Vieh und ist kaum besser als ein Thier gestorben. Man fand ihn in einem einsamen Zimmer abgeschlachtet. — Von seiner Lebensgcschichte weiß ich nicht Viel mitzutheilen. Als namhafte Person tritt er zum ersten Male zur Zeit des egyp- tisch-türkischen Krieges in Syrien auf. Es ist begründet, daß er zu der von seinem Onkel befehligten syrischen Armee geschickt wurde, um dort ein Kommando zu übernehmen. Jbrahihm-Pascha fand ihn aber so unbrauchbar, daß er ihn entrüstet nach Alerandricn zurückschickte. Der alte Mahammcd-Aali war höchst erzürnt und wollte ihn, wie Einige behaupten, sogar umbringen lassen, seine Mutter oder vielmehr seine Erzieherin versteckte ihn aber so lange, 112 bis der Zorn des Vizekönigs ziemlich verraucht war *). Run schickte ihn Mahammed-Aali nach der Provinz Rhurb'ie — dem Lande Goscn der Bibel. Später wurde er Gencralgouvcrneur von Kairo, machte sich bei den Europäern allgemein verhaßt und zeichnete sich durch tyrannische Grausamkeiten aus**). Bei dem Regierungsantritte Jbrahihm-Pascha's sandte ihn dieser sogleich in den Hcdjahs in die Verbannung. Nach dem Tode des alten geraden Kricgs- mannes, seines größten Feindes, kehrte Aabahs-Pascha nach Egyp- ten zurück und wurde nach dem Erbfolgerecht des Mahammed- Aalischen Hauses — nach diesem erhält jederzeit beim Absterben eines Regenten der Aelteste aus der Familie den Thron — Vizekönig von Egypten, obgleich alle Europäer, Türken und Araber Sald-Pascha, den jetzigen Satrapen Egyptenlands, weit lieber als Regenten begrüßt hätten. Das sind die Nachrichten über Aabahs-Pascha, welche ich in Egypten erhalten habe. Das Justiz- und Polizeiwesen ist in der von Mahammed- Aali in's Leben gerufenen Verfassung geblieben. In großen Städten sind Justiz und Polizei getrennt, in kleineren vereinigt. Das Verfahren ist überall summarisch. Die Landesgesctze sind die im Khorahn enthaltenen. Erst seit neuerer Zeit kommen europäische Maßregeln zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung in Anwendung. Man konnte die Polizeiverwaltung Alerandrien's und Kairo's nach ihrer letzten Organisation vortrefflich nennen. Nach dem Signalschuß der „Aasche", d. h. der dritten Stunde des Tages ***) — zur Zeit unseres Zapfenstreichs — wurden die *) Aus Dankbarkeit bereitete er dieser Frau bei ihrer Rückkehr von einer Pilgerreise in dem Hedjahs — wo sie auch beinahe Schiffbruch litt und durch das englisch «ostindische Postdampfschiff gerettet wurde — im Jahre 1850 einen höchst festlichen Empfang in Kairo, wobei er ungeheure Geldsummen vergeudete. **) Seine oben mitgetheilte Liebesgeschichte mit der Tänzerin Safte ? fällt hierher. ***) Bekanntlich beginnen die Mahammedaner ihren Tag mit Sonnenuntergang. 113 Thore der Städte und einzelnen Viertel geschlossen. Herumziehende Streifwachen ergreifen Jeden, welcher ohne Laterne in den Straßen herumgeht und halten ihn bis zum nächsten Morgen in strengem Gewahrsam. Jetzt macht man, wie es früher geschah, mit Europäern keine Ausnahme mehr. Der Ergriffene wird am folgenden Tage verhört und nach Umständen bestraft oder, wenn er ein Europäer war, an seinen Konsul abgeliefert. Der Polizeichef großer Städte oder Pasch arha, welcher den Rang eines Pascha bekleidet und in einigen Fällen Recht über Leben und Tod hat, sorgt auch für Aufrechthaltung der Marktordnung. Es handelt sich dabei weniger um Untersuchung von Maaß und Gewicht, weil diese fast immer richtig sind, sondern mehr um Ueberwachung der, bezüglich der Reinlichkeit und allgemeinen Ordnung, bestehenden Gesetze. Weil nämlich vollkommene Gewcrbefreiheit herrscht und Jeder handeln kann, womit und wo er will, würden die feilhaltenden Männer und Frauen mit ihren Habseligkeiten die engen Straßen oft versperren, wenn nicht die Khawafsen der Pascharha's überall gegenwärtig wären, um nöthigen Falles mit Stöcken und Peitschen Platz zu machen. Wenn Verfälschungen des Gewichts oder der Waare entdeckt werden, verhängt der Pascharha schwere Strafen über die Schuldigen. Döbel*) berichtet, daß man Bäcker, welche zu leichtes Brod bücken, mit einem Ohre an ihrem Vcrkaufsladcn annagelte. Ich habe niemals eine derartige Strafe vollstrecken sehen, dagegen aber unverbesserliche Diebe, denen man die Finger der rechten Hand abgehauen hatte, in den Straßen bettelnd gefunden. Der zum ersten Male ergriffene Dieb wird selten so hart, sondern gewöhnlich nur mit der Bastonade bestraft. Mörder werden, nachdem sie ihr Verbrechen eingestanden, ohne Weiteres aufgeknüpft. Die Erckution einer Strafe erfolgt sofort nach dem von dem Richter gesprochenen Urtheil. Besondere Zulüftungen sind nicht nö- *) Wanderungen durch einen Theil von Europa, Asien und Afrika. Eisenach bei I. G. Müller (spätere Auflage in Döbels Selbstverläge). II. 8 114 thig. Die Frohnm der Regierung stecken die Beine eines zur Ba- stongde Vcrurtheilten in eine Kette, welche an einer starken, sechs Fuß langen Stange so befestigt ist, daß sie durch Aufrollen um die Stange beliebig angespannt werden kann, und klemmen sie durch Umdrehen der Stange ein. Zwei Khawassen halten die Stange an beiden Enden und heben die eingespannten Füße empor, während zwei andere Gcrichtsdicner die Streiche mit dem „Soth", einem breiten, dick zusammengenähten Lcderriemen, aufmessen. Zuweilen werden statt der breiten Riemen auch Nielpeitschcn, welche weit empfindlichere Schmerzen verursachen, angewendet. Die einzelnen Hiebe werden nicht sehr kräftig ausgeführt; man achtet erst zweitausendfünfhundert der Todesstrafe gleich. Der Verbrecher erleidet seine Strafe mit Heldcnstandhaftigkeit. Er wirft sich auf Befehl des Machthabers selbst auf die Erde und läßt sich ruhig seine Füße in die sie umklammernde Kette sperren. Nach den ersten hundert Streichen hört man ihn gewöhnlich rufen: „4nrr ll arcktAk ga silicki — ga Lok — ga Lllonckl — ga Lkksnckiim!" — Ich stelle mich auf Deinen Grund und Boden, d. h. ich bin Dein Eigenthum, Dein Sklave, mein Herr — mein Oberst (Bei) — mein edler Herr — meine Herrlichkeit! — je nach dem Range des Befehlenden; später sagt er wohl auch: sl rassulll IIIIM; se'üina Natrammeck (4cklall innsollom vu sellem aaleiku), orclmmulwi ga Lei ete." — Bei dem Gesandten Gottes, unserem Herrn Ma- hammed (Gott habe den Preis und nächst ihm auch er) begnadige mich, mein Bei u. s. w. — ohne besonders zu klagen. Nur wenn, wie es oft geschieht, die Streiche kein Ende nehmen wollen, wenn der Gequälte vergebens seinen Peiniger bei dem Namen Gottes und seines heiligen Propheten, bei dem Barte des Machthabers und dem Haupte seines Vaters beschworen hat, dann hört man wohl ein nicht zu verhaltendes Stöhnen, bis auch dieses endlich ganz aufhört, der Geprügelte beinahe ohne Leben daliegt und keinen Schmcrzcslaut mehr hervorbringen kann. Dann wird der Unglückliche auf einem Bettgestell aus dem Gerichtssaal herausgetragen und, ohne daß ihm besondere Pflege 115 zu Theil würde, zu seinen Angehörigen — oder zurück in das Gefängniß gebracht. Eine solche Strafe hat für den Zuschauer etwas unnennbar Schauderhaftes. Die Peitschen schleudern das Blut des Opfers im ganzen Saale umher; es rieselt in dichten Strömen an den Beinen herab auf den Fußboden und bespritzt die Vollstrecker solcher unmenschlichen Urtheile von oben bis unten. Die Füße oder überhaupt der geschlagene Theil ist zuletzt in eine offene schwammige Masse verwandelt worden, von der einzelne Fleischfasern herabhängen. Hätte ich nicht noch im Jahre 1847 das Spießruthenlaufen eines Soldaten mit angesehen, ich würde unbedingt zweifeln, daß es eine fürchterlichere Strafe geben könnte, ich würde den Türken, obgleich ihn das milde Licht des Christenthums noch nicht erleuchtet hat, wegen seiner Grausamkeit tief unter den Europäer stellen müssen, — so kann ich es aber leider nicht! An die russische Knute, mit der man in den Steppen Tauriens Wölfe todtschlägt, darf man dabei noch gar nicht denken. Die Hinrichtung eines Verbrechers geht ebenfalls mit der dem türkischen Gerichtsverfahren eigenthümlichen Schnelligkeit vor sich. Wenige Minuten nach dem Spruche des Todesurtheils begleiten einige Soldaten den Delinquenten zum Nichtplatze. Man fesselt seine Beine in den Kniegelenken, bindet ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und läßt ihn den leicht um den Hals geschlungenen Strick nachschleifen. So bewegt sich der Zug über den Markt, durch die Basars und einen Theil der Stadt, dem Galgen zu. Jeder, welcher der Hinrichtung beiwohne» will, schließt sich an. Wenn die Soldaten — gewöhnlich Albanescn, welche sich zu Allem brauchen lassen — am Galgen angekommen sind, steigt einer von ihnen an dem fatalen Gerüst in die Höhe und zieht den Strick durch einen im Querbalken desselben befestigten Ring. Nun sagt man noch: „Lsollllot in 1a 11 lalln 11 Jllnll!" — Bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! — worauf der Verdammte antwortet: „4Vu ssollllet Inu Nnknmiugck rassulll -Lllall"; — lind ich bezeuge, daß Mahammed sein Prophet ist — dann zieht man den armen Sünder zum Galgen empor. Wenige Minuten später ist er 8 * 116 eine Leiche. Die Soldaten, welche unter dem Galgen die Wache halten müssen, stopfen sich ihre Pfeifen und fangen gemüthlich zu rauchen an. Um die Zeit dcö Nachmittagsgebctes erscheinen die Verwandten des Verbrechers und nehmen den Leichnam vom Galgen ab, um ihn zu waschen und zu begraben. Ich sah in Char- thum eine Mutter, mit Asche aus dem Haupte, zum Galgen kommen, um den Leichnam ihres Sohnes abzunehmen und begraben zu lassen. Arme Mutter, welch' schwerer Gang! Die Todesstrafe durch's Schwert ist seltener geworden, war aber früher sehr gewöhnlich. Während meines Aufenthaltes in Alerandrien wurden zwei Mörder hingerichtet, beide waren Soldaten und erlitten den Tod durch die Kugel. Der beliebten Art Musthafa Pascha's in Kordofahn, die Verbrecher vor eine Kanone zu binden und diese dann abzufeuern, habe ich schon Erwähnung gethan. Als Vollstrecker aller Befehle der Justiz und Polizei dienen die Soldaten, „Aasakcr", wörtlich „die Eingeübten". Ohne mich mit einer Auseinandersetzung ihres kriegerischen Werthes oder Un- werthcs, ihrer guten oder schlechten Zusammensetzung u. s. w. beschäftigen zu wollen, gebe ich lieber meinen geneigten Lesern einige Pinselstrichc zu dem Gemälde ihres staatsbürgerlichen und häuslichen Lebens. Der in ganz Egypten verachtete, von allen Müttern gefürch- tete (Th. 1 S. 51) Soldatenstand sucht sich, überall mit bestialischer Brutalität auftretend, in allen Lebensverhältnisscn geltend zu machen. Der Soldat erscheint als ein vom Staate, wenn auch nicht befugter, doch geduldeter Rnhestiftcr, unberufener Richter, Polizeimann, Frohn u. s. w. im öffentlichen oder häuslichen Verein der Egypter, ist herrisch gegen Niedere, kriechend gegen Hohe, betrügerisch, diebisch, faul, liederlich, leichtsinnig, aber, wenn er kämpft, wirklich tapfer, ausdauernd und genügsam. Seine Unordnung und Unrcinlichkeit ist in Egypten sprüchwörtlich und zeigt sich sogleich an seiner Kleidung. Diese ist zwar den klimatischen Verhältnissen des Landes ganz entsprechend*), besteht aber in den meisten Fällen nur aus einem Flickwcrk von Lumpen, in denen sich eine von dem gleichgültigen Egyptcr als harmlose Insassen betrachtete Schaar von Ungeziefer herumtreibt. Man lernt den Soldaten aber erst kennen, wenn man sein Haus betritt. Der Militärstand EgpptenS zeigt nicht, wie in Europa, Repräsentanten aller Klassen der Bevölkerung, sondern ist eine eigne Kaste für sich. Man wollte, daß diese Absonderung des Soldaten von der übrigen Bevölkerung immer mehr hervortrete, man wollte den Militärstand aus sich selbst hervorgehen lassen. Deshalb ist es dem Krieger Egyptens erlaubt, selbst geboten, sich zu vcrheira- then und es entstanden neben allen Kasernen — welche als der unwesentliche Theil der Soldatcnwohnungcn erscheinen — Ansied- lungcn, Dörfer der Soldatenfrauen, deren Söhne von Jugend auf für daö Heer herangebildet werden und von ihrer Geburt an einen geringen Sold erhalten. Mitten in der Stadt Alerandricn und zwar in der Nähe des nach dem Kanal des Festungsthores des Mahmuhd, „Bahb el Mahmuhd'ie", findet man eine dieser Militärkolonicen. Der Platz, auf welchem sie gegründet wurde, mag ungefähr achthundert Schritte lang und fünfhundert Schritte breit sein. Er ist mit kleinen, niederen Lehmhütten von höchstens sechs Fuß Höhe, acht Fuß Tiefe und zehn Fuß Länge bebaut ; eine steht dicht neben der anderen, enthält nur den einen Raum von den eben gegebenen Dimensionen und besitzt keine Fenster, sondern bloß eine nur drei Fuß hohe und etwas über einen Fuß breite Thüre, durch welche man gedrängt und gebückt eintreten kann. Zwischen zwei Häuserreihen, welche mit den Rückmauern zusammenstehen, führt eine Längsstraßc *) Die epyptische Militärtracht besteht durchaus aus Leinwand oder starkem, weißem Baumwollenzeugc. Ihre Bestandtheile sind: ein Hemd, enge Gamasche», eine knappanlicgende Weste, weite Beinkleider, eine weite Jacke, die türkische Leibbinde, der Tarbuhsch mit einer kleinen Messingplattc auf dem Scheitel und schlechte Schuhe. 118 dahin und wird je nach fünf bis sechs Hütten von einer Querstraße rechtwinkelig durchschnitten. Die Gäßchcn sind sehr eng und durchziehen netzartig den ganzen Platz. In diesen Spelunken woh- ^ nen die Frauen der Soldaten und erziehen die kleine Kriegersamilie. Man kann sich in der That kaum einen Begriff von der Menge der Bewohner eines solchen Viertels machen. Ungezählte Kindcr- schaarcn schwärmen zwischen den ärmlich gekleideten Weibern herum; sie sind im höchsten Grade schmutzig und zerlumpt, manche fast nackt. Die Soldaten finden sich nur dann bei ihrer Familie ein, wenn sie vom Dienste frei sind. Aus diesen Pflanzschulen der Vertheidiger des Vaterlandes der Egyptcr gehen die meisten liederlichen Weibspersonen hervor. Die aus den Ehen der Krieger entsprossenen Töchter verheirathen sich später wieder an Soldaten oder es bilden sich aus ihnen die öffentlichen Tänzerinnen. Es gewährt ein eignes Interesse, ein solches Quartier zu besuchen. Man wird sogleich von einer Menge laufender, kriechender und schreiender Kinder, alter und junger Weiber, deren Anzahl ^ sich immer mehr anhäuft, je weiter man kommt, umringt. Hun- ' derte schreien, wie mit einer Stimme: „Chawahdje haht bakh- schiesch!" — Herr, gieb uns Trinkgeld! — Die größte Armuth herrscht überall, leider aber auch eine Unreinlichkeit, welche alle europäischen Begriffe übersteigt. Man sieht Weiber vor den Thüren der Hütten sitzen und Flechtarbeiten anfertigen. Neben ihnen liegt ihr Säugling auf einer Strohmatte, das ganze Gesicht voller Schmutz und dergestalt mit Fliegen bedeckt, daß es davon ganz schwarz ist. Die lästigen, in Egypten zumal zur Zeit der Dattel- reife außerordentlich häufigen Insekten kriechen in die Nasenlöcher und Ohren des Kindes, fressen sich zwischen den geschlossenen Lippen und Augenlidern ein, verwunden diese zarten Theile durch das fortwährende Betasten ihres Säugrüssels und saugen die aus den wunden Stellen ausfließende Feuchtigkeit auf. Das Kind erduldet i alle Qualen mit der Fühllosigkeit einer Leiche, die Mutter sitzt ruhig daneben, ohne die Fliegen abzuwehren. Der Anblick einer solcher Gruppe ist wahrhaft scheußlich. Hin und wieder sieht man 119 auch wohl eincil lahmen oder blinden, verstümmelte» oder vom Alter zu Boden gebeugten Greis zwischen den Häuserreihen dahin- ^ schleichen; es ist ein invalider Soldat des Bizekönigs, für den die Regierung nicht das Mindeste thut; er ist vielleicht noch elender, hülfsbedürftiger und hülsloser, als jenes Kind. Acht- bis zehnjährige Knaben sind bereits in die Leinwandkleibung der Soldaten gekleidet und tragen den Tarbuhsch; sie sind unartig und flegelhaft, beunruhigen die Leute, lügen, betrügen und stehlen. Ohne Zucht und Sitte wachsen sie auf und laufen als lungernde Tagediebe so lange in einer Art von gezähmter Wildheit herum, bis man sie zum Militär tauglich findet und zunächst mit dem Geschäft eines Trommelschlägers oder Pickclflötenbläscrs betraut. Wenn sie die Muskete tragen können, werden sie unter das Linienmilitär gesteckt, erwerben sich nun bald vollends die übrigen Untugenden der Soldaten, quälen die armen, ohnehin schon hinlänglich geplagten ^ Fellahhihn bis aufs Blut und betrügen und stehlen, wo sie nur immer können. In der Nähe der egyptischcn Soldaten hält gewiß * Jedermann strenge Wache über sein Eigenthum; man traut einem Soldaten nicht über den Weg. Wenn man die eben beschriebene Ansicdlung kennt, auS der ein großer Theil dieser Leute hervorging, wundert man sich freilich nicht mehr über ihre Fehler und Laster. Wie sehr in solchen Dörfern einem ganzen Heere von Lastern Vorschub geleistet wird, ist leicht erklärlich. Die Mädchen wachsen mit den unartigen Buben auf, verheirathcn sich vielleicht schon mit ihrem zehnten Jahre und grünten mit ihrem Gatten, der kaum sechzehn Jahre zählen mag, einen eignen Herd. Der Mangel und das Elend kehrt gar bald in der Familie ein; der Soldat erhält nur wenig Sold und diesen erst Monate später, als er fällig war, — wie nahe liegt cS dann, daß die oft recht hübschen und noch so jugendlichen Frauen verbotene Wege betreten, auf denen , ihnen eine leicht zu gewinnende, für sie reiche Gcldcrnte lockend 2 winkt! Oft ist eins der jungen Weiber schon vom Hauche des ^ Lasters verpestet, ehe sie noch Mutter wurde. Unter solche» Umständen darf es dann nicht befremden, wenn die Syphilis zuweilen trotz des diese Krankheit sehr mildernden Klimas wirklich verheerend auftritt — oder wenn der Funken der Pest, welche lange unter der Asche glimmte, als verzehrende Flamme plötzlich hervorbricht und sich mit unaufhaltsamer Gewalt weiter verbreitet. Durch die unermüdete Thätigkeit der europäischen Konsulate, hauptsächlich der unseres deutschen Vaterlandes, ist in Egypten Vieles besser geworden, Alles aber leider noch nicht. >> Kairo. ,,Kahira wirkt durch seine Umgebungen wie durch seine Bauart, durch Natur und Kunst zugleich, durch sein Klima, seine Luft, seine gefällige natürliche Lebensart, seine tausendfältige Scenerie, endlich durch seine Erinnerungen aus allen Zeiten von der Sündfluth bis zum laufende» Jahr; durch den Magnetismus, welcher von all den Wunderstätte», von den Pyramiden, von Heliopolis, den Kalifengräbern, der Zitadelle, von der Wüste, dem Nil und den köstlichen, immer grünenden Gärten auf Seele und Geist ausströmt, einen unaussprechlichen Rei z." Boguinil Goltz. Sei mir gegrüßt, mein Kairo! Ich grüße dich nochmals aus fernen kalten Landen her. Möge mein Gruß zu dir gelangen, möge er erwärmen unter deinem milden Himmel! Ich grüße dich, du herrliche, palmenumstandcne, wüstenbegrcnzte, gärtcnumlegcne Stadt! Ich grüße deine Moscheen mit ihren schlanken Minarets; ich grüße deine Zitadelle mit ihren geschützstarrenden Batterieen; ich grüße deine krummen, heimlichen, kühlen und engen Straßen; ich grüße deine sarazenischen Häuser, deine blumcnduftigen Esbekre, deine Alleen rauschender Platanen, sruchtbehangenen Sykamorcn, deine versteckten, üppig grünen Gärten mit ihren balsamduftenden Oran- genhainen, ihren duftspcndenden Blumen, ihren dattelbcschwcrten Palmen, ihren rieselnden Wassergräben; ich grüße deine altehrwürdigen Pyramiden, deine Wüsten mit ihrer Stadt der Todten; ich grüße die Gebirge, an denen du dich hingelagert hast; ich grüße deine Vorstädte, dein Bulakh mit seinem barkcnvollcn Hafen, dein Fostat mit seiner lieblichen Insel und seinem schiffbewegten Nile; ich grüße jeden deiner Plätze, dich und dein Volk! sslatun kmIMum! Mit Euch sei das Heil! 122 Ja, wahrhaftig, wer gleich mir Kairo kennen lernte, der sehnt sich gewiß oft zurück nach der so lieblichen Stadt. Mag man auch einmal des Volksgewühls in Kairo's Straßen überdrüssig geworden sein, es dauert nicht lange und man ist wieder geneigt, sich in das unvergleichliche Getümmel der Hauptstadt mit vollem Uebermuthe zu werfen. Freilich muß Derjenige, welcher sich in Kairo heimisch fühlen will, schon daran gewöhnt sein, Etwas von seinen alten Gewohnheiten abzulegen und dafür sich neue anzueignen, er muß gelernt haben, auf manche Annehmlichkeit, die uns in jeder größeren Stadt Europa's geboten wird, zu verzichten; aber Dem, welcher erst in Egypten eingebürgert ist und genug Lust und Liebe besitzt, das deutsche, ja das europäische Philisterthum von sich abzustreifen, dem muß und wird Kairo von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag theurer werden. Es ist etwas Anderes um sein mildes Klima, als um unserer kalten Zone schönsten Tage, es ist etwas Anderes, unter ewig grünen Orangcnwäldern dahin zu wandeln, als unter unseren ihren Blätterschmuck verlierenden Eichbäu- men; eS ist etwas Anderes, einen ewigen Frühling, als den kurzen Sommer und den langen, laugen Winter zu durchleben. Ich beginne meinen Bericht über Das, was ich von Kairo zu erzählen weiß, mit der leidigen Topographie, Geschichte und Statistik. Kairo liegt fast genau unter 30" n. Br., ungefähr unter 48" 4,V östlich von Ferro, zwanzig Minuten an dem einen, zehn Minuten an dem anderen Ende vom rechten User des Nil entfernt, zählt über vierhundert Moscheen und mit seinen Vorstädten Bu- lakh, Alt-Kairo oder Fostat und Djieseh gegen viermal- hundcrttauscnd Einwohner. Oestlich und südlich von der Wüste ist die Stadt westlich und nördlich von Gärten oder fruchtreichen Feldern umgeben. Kairo hat eine Zitadelle mit dem Palaste des Vizekönigs, einer prachtvollen, von Mahammcd-Aali angefangenen, fast vollendeten Moschee, den Regicrungsgebäudcn, Gewehr- fabriken und der Münze, einer arabischen Hochschule und eine Art von Pricstcrseminar an der „Djämaä cl aaschr" mit einer reichhaltigen und seltenen Bibliothek, besitzt mehrere Fabriken, eine Geschützgießcrei und ein ziemlich ansehnliches Arsenal mit einer bedeutenden Werfte für den Nil, eine Papiermühle und arabische Druckerei, außerordentlich reiche und ausgedehnte Basars, eine Wasserleitung rc. Das Militär liegt in einigen Dörfern der Umgegend und in der noch zu Kairo gehörenden Vorstadt Djieseh. Die Europäer sind noch nicht zahlreich und haben nur zwei Klöster und eine englische Kapelle, die Griechen besitzen eine neu erbaute Kirche, die Kopten deren mehrere, weil ihre Anzahl ziemlich bedeutend ist. Kairo ist nach ächt sarazenischem Geschmacke erbaut, hat nur wenig gerade und breite, sondern fast nur enge, krumme und theilweis überdachte Straßen und besitzt einige freie Plätze, von denen die Btrktzt öl Esbök'r'ö der größte und schönste ist. Der Umfang von Groß-Kairo beträgt über drei Stunden. Die Stadt ist von Ringmauern umschlossen, in welchen sich viele Thore befinden. Breite, von herrlichen Platanen oder Sykamoren reich beschattete Hochstraßen führen nach Alt-Kairo, Bulakh, Schubra und Aabahs'ie, einem neu entstehenden Stadtthcile in der Wüste. Eine gute Poststraße nach Sues ist ebenfalls in Angriff genommen worden. Die Hauptstadt und zunächst Alt-Kairo oder Fostat wurde im Jahre 642 nach Christus von Aamru, dem Feldherrn des Sultahn Omahr, gegründet. Fostat bedeutet das Zelt und zwar hieß die Stadt im Anfange so, weil dort der Feldherr sein Zelt aufschlug, um sich herum ein Lager und später eine Stadt bildete. Eine vom Himmel herabgekommene Taube, welche sich im Zelte des Feldherrn niederließ, wurde der Grund zum Bau der Stadt. Aamru wollte der Taube die Gastfreundschaft gewähren und ihre Jungen groß werden lassen, weshalb er sein Zelt nicht abbrechen ließ. Um das Zelt herum wurden feste Wohnsitze errichtet, aus denen sich allgemach ein Dörfchen, das sich rasch zur Stadt vergrößerte, bildete. Dreihundert Jahre später wurde Großkairo erbaut und wuchs, nachdem im Jahre 1186 der Sultahn Schah Chuahr Fostat zer- 124 stört hatte, sehr bald zu einer großen Stadt heran. Die heutige Massr el khahira soll nicht auf der Stelle des alten Mcmphis erbaut worden sein, sondern dieses auf der anderen Seite des Stro- - mes zwischen den Pyramiden von Djicseh und Sakkahra gelegen haben. Beginnen wir jetzt unsere Wanderung durch Kairo. Mein gütiger Leser wird mir folgen müssen, wohin ich ihn auch führe. Ich werde einzelne Bilder zeigen, wie sie sich dem Besucher der Ma- heruhset aufdrängen; unter sich nicht im Zusammenhange stehend, verbindet sie der ihnen allen gemeinsame Ort. Sie sind wirr durch einander gestellt, gehören aber doch zusammen. Wenn man zu Schiffe im Bulakh ankommt und sich zu Esel oder zu Fuße auf der nach Kairo führenden Straße der Hauptstadt nähert, sieht man nur Wenig von ihr. Die Stadt ist durch die sie umgebenden Gärten dem Auge verdeckt, noch dicht vor dem Thore kann man keinen Ueberblick gewinnen. Erst wenn man das Thor hinter sich hat, ändert sich der Prospekt. Man gelangt auf den schon mehrmals erwähnten großen Platz BirkctelEs- bek're, „Birkct" genannt, weil an der Stelle der schönen Promenade früher ein häßlicher See mit stinkendem Wasser lag, den, wie ich glaube, Mahammcd-Aali ausschütten und mit Bäumen bepflanzen ließ. Letztere sind jetzt mit recht hübschen Anlagen vereinigt worden. Der ganze Platz ist mit schattigen Spaziergängen umsäumt, an denen im Sommer gewöhnlich europäische und arabische Musik zu hören ist. Da kann man sich ein Plätzchen aussuchen, wie man es gerade haben will, um in aller Gemüthlichkeit in einem der zahlreichen Kaffehäuser seine Wasserpfeife zu rauchen und seine Tasse guten Mocha zu trinken. In den Abendstunden herrscht hier das regste Leben. Europäer und Araber suchen sich auf die mannigfaltigste Weise zu unterhalten. Die Europäer gehen in dem buntesten Gcwühle mit ihren Damen auf und ab, lassen sich an einer der Kaffebuden ein Nargileh stopfen und verweilen einige Au- ^ genblicke, die Araber schaarcn sich um eine Sängcrgruppe, welche irgend ein beliebtes arabisches Minnelicd vorträgt, scheinen sie aber gar oft mit den lebhaftesten Ausdrücken des Wohlbehagens und 125 Entzückens unterbrechen zu wollen. Vergnügen und Frohsinn herrscht überall. Die größten und besuchtesten europäischen Gasthäuser liegen in unmittelbarer Nähe des Esbekie und gewinnen dadurch gar sehr an Annehmlichkeit. Denn da noch eine sehr belebte Straße mit ächt sarazenischen Häusern nach dem Bahb cl hatict, einem nach Schubra hin nördlich von der Stadt gelegenen Thore, führt, bietet die Esbekie fortwährend ein interessantes, ewig wechselndes Bild. Sie ist einer der schönsten Plätze, die ich kenne, und fast der einzige Vergnügungsort der europäischen Bevölkerung. Ueber die Esbekie hinwcgreitend kommt man nach der Muhski. Obgleich man sich noch in dem von den Europäern bewohnten Stadtthcilc befindet, beginnt der Zauber der Hauptstadt doch jetzt schon, die Sinne zu umstricken. Ihn empfindet Jeder, der Kairo betritt. Man glaubt nicht bloß in einem anderen Erd- theile, sondern in einer anderen Welt zu sein und weiß nicht, wohin man zuerst seine Blicke richten, seine Ohren wenden soll. Ich habe daS Bild einer der Straßen Kairo's schon oben zu schildern versucht; der Eindruck, welchen es auf den Beschauer macht, wiederholt und verstärkt sich, so oft man Kairo nach längerer Abwesenheit wieder besucht. Zu schildern ist er nicht, denn er ist eben ein zauberhafter, nicht mit Worten wiederzugebender. Und diesen Eindruck übt nicht nur eine Straße, ihn übt ganz Kairo aus. Es ist nicht die Schönheit des Einzelnen, sondern vielmehr die Harmonie des Ganzen, welche eine so mächtige Wirkung aus das menschliche Gemüth hervorbringt. Die Muhöki im engeren Sinne ist eine ziemlich breite und lange Hauptstraße mit mehreren kleinen Nebengassen und Gäß- chen, von denen einige sich weit verzweigen und in die Quartiere der Kopten und Araber ausmünden. In der Muhski wohnen fast nur Europäer und zwar im bunten Gemische aller Nationen durch einander. Allein die Wichtigkeit der Straße besteht darin, daß sie gleichsam der europäische Basar ist. Hier befinden sich die Vcr- kaufslädcn der europäischen Erzeugnisse, drei Apotheken, die Schreibstuben großer Handelshäuser, die Vizckonsulate, die Arbeilsstuben > 126 der europäischen Handelshäuser rc. Auch die Klosterkirchen und Wirthshäuser, die Druckerei und die Post liegen in der Muhski. Eine neu angelegte, vor ein Paar Jahren durch das Gewirr des Gäßchennetzcö Kairo's gebrochene, nach dem Basare und der Zitadelle führende Straße ist jetzt größtcntheils vollendet, mit Kaufhallen versehen worden und wird jedenfalls von den Europäern eingenommen und später mit zur Muhski gezählt werden. Wie andere Straßen Kairo's ist auch die Muhski mit Brettern überdeckt. Die Folge hiervon ist eine liebliche Kühle, zugleich auch ein gewisses Düster, welches für den Fremden höchst angenehm, für den Arbeiter und Handwerker aber oft sehr hinderlich wird. Zur Vermeidung des Staubes werden die Straßen täglich ein oder mehrere Male mit Wasser besprengt, welches, verdunstend, noch größere Kühlung erzeugt. Der erste Ritt, den jeder der Neuangekommenen zu Esel in Kairo macht, ist gewöhnlich nach der Zitadelle oder dem Basare. Dann führen die Dolmetscher den Reisenden wohl auch zu einer oder der anderen Moschee, ohne jedoch im Stande zu sein, ihm Das oder Jenes zu erklären oder ihn so recht eigentlich mit dem Leben Khahira's bekannt zu machen. Der Dragoman ist ein nothwendiges Uebel in Egyptcn. Er nützt seinem Herrn nicht gerade Viel, macht unverschämte Forderungen (er verlangt selten unter einem Spcciesthalcr täglich) und betrügt ihn noch obendrein bei jeder Gelegenheit. Wenn wir also in Kairo uns umsehen wollen, thun wir dasselbe wenigstens ohne Dragoman, denn wir verstehen von der arabischen Sprache gerade genug, um uns über Das zu befragen, was uns auffällt, ohne unser Ohr einem Kauderwelsch von Italienisch oder Englisch aussetzen zu müssen, mit dem uns unser Dragoman langweilt. Auch wir wollen uns zuerst auf dem Basar umsehen. Der Basar Kairo's ist nach dem in Konstantin opel der größte und ausgedehnteste im ganzen türkischen Reiche. Er nimmt den größten Theil der ganzen Stadt ein und hat für besondere Handelsartikel seine besonderen Straßen. So findet man einen Basar, in welchem nur Schuhwerk, einen anderen, in welchem nur Kleider, einen dritten, in welchem nur Spccereien verkauft werden. Da gibt es ganze Straßen, in denen nur Blechschmicde, andere, in denen die Gcwchrmachcr, andere, in denen die Drechsler sitzen. Da die Kaufbuden bei Handwerkern durchgehcnds zugleich die Arbeits- räumc sind, so muß man auch auf den Basar gehen, wenn man einen dieser Leute braucht. Obgleich diese Einrichtung den Markt sehr ausdehnt, hat sie doch ihr Gutes. Wenn man einmal weiß, wo man eine Waare zu suchen hat, findet man in der Nähe eine große Auswahl vor. Die Preise werden dadurch fester und regelmäßiger, weil der Nachbar eines Kaufmanns, der zu Viel verlangt, denselben Gegenstand billiger geben würde. In jedem der einzelnen Theile des Basars befindet sich ein Kaffchaus, da jeder Verkäufer seinem Käufer eine Tasse Kasse und eine Pfeife anzubieten pflegt. Die einzige Straße des BasarS, welche verhältnißmäßig die meisten und verschiedensten Waaren bietet, ist der Chahn des Chalihl, gewöhnlich „Suh kh - Chahn - Chalihli" genannt. Man sieht hier fast nur türkische Kaufleute; diese verkaufen Alles, was zum türkischen Lurus gehört. Dort findet man Cashmirshawls von sechshundert bis zehntausend Piastern, indische, kunstvoll gestickte Umschlagtücher von zwölfhundcrt Piastern an bis zu fünfzchntauscnd, kostbaren Schmuck, prächtige Waffen, reiche Sättcl mit massivem Silberbeschlag, Kleider, Teppiche, Schuhe, Strümpfe, Tarabiesch, Kaffeegeschirre von Silber mit Edelsteinen besetzt, Damaszencrklingen und altpcrsische Büchsen, Raritäten und Kuriositäten, Uhren, Ringe u. dergl. in. Die Artikel, welche man in Chahn-Chalihli verkauft, sind mit wenig Ausnahmen nicht im Lande gefertigt, sondern Erzeugnisse Konstantinopel's, Persiens, Indiens, Syriens und Europa's, während in den anderen Straßen zugleich auch Waaren gearbeitet werden. Für jede Waarengattung gibt es einen eigenen Markt. Interessant ist es für den Europäer, den Arbeiten der Handwerker zuzusehen. Das Arbeitszeug ist so außerordentlich schlecht, die Vorrichtungen zum Arbeiten sind so mangelhaft, daß man glaubt, der Arbeiter wäre nicht im Stande, etwas Gutes zu liefern, und 128 doch ist dies nicht der Fall. Wir wollen einige Augenblicke vor der Bude eines Drechslers verweilen. Der Mann steht nicht bei seiner Arbeit, sondern sitzt dazu, wie alle anderen Handwerker auch. Seine Drehbank besteht aus zwei Holzblöcken mit Stäben, durch welche erstere beliebig zu einander gestellt werden können. In den Holzblöcken sind zwei abgerundete, zugespitzte Eisenbolzcn eingeschlagen, zwischen welche der Drechsler das zu drehende Holzstück einspannt. Ein starker Eiscnstab liegt auf den Holzblöcken und dient dem Mcisel zur sicheren Unterlage. Der Arbeiter spannt sein Holzstück ein, umwindet es einige Male mit der Sehne eines Bogens, faßt diesen mit der rechten, den Mcisel mit der linken Hand und den Fußzehen und beginnt zu drehen, wobei er mit der rechten Hand den Bogen hin und her bewegt und mit der linken Hand dem Mcisel, welchen er mit dem Fuße festhält und anstemmt, seine Richtung gibt. Er ist im Stande, große Säulen abzudrehen, Tischbeine und andere Möbelstücke herzurichten, wie sie von europäischen, ja von deutschen Tischlern verlangt und benutzt werden. Ja, ich bin von deutschen Handwerkern versichert worden, daß solche DrechSlcrarbeitcn denen von Europäern gefertigten in Nichts nachstünden. Und so ist es auch mit anderen Arbeitern. Da ist ein Büchsenmacher mit ein Paar Feilen, Hämmern und Mciseln, der schäf- tet ein Gewehr recht leidlich, während sein kaum vierzehnjähriger Sohn das Schloß dazu anfertigt; dort macht ein Posamentirer auf einem Webstuhle, der von Noah erfunden worden zu sein scheint, ganz kunstreiche Schnüre und Franzen; hier webt ein anderer seidene Binden mit acht und zehn verschiedenen Farben; dort hämmert ein kunstreicher Schmied an einer Arbeit herum, die er in einem winzigen, von einem elenden Blasebalg angefachten und noth- dürftig unterhaltenen Fcucrchen glühte, und dennoch wiegt das Ei- scnstück vielleicht über zwanzig Pfund; wo möglich sitzt auch er bei seiner Arbeit. Einige Khafaßmacher fertigen ihre künstlichen Gestelle mit einem Messer, einem kleinen Beile, einem hölzernen Hammer und einem Locheisen. Ich muß hier aber wohl erst erklären, waS ein Khafaß ist. Ein Khafaß ist eine aus den entblätterten 129 Palmcnzwcigen oder Blattstielen gefertigte Kiste, ein Korb, ein Bett- gestell, ein Stuhl, eine Bank, ein Fenstergitter, ein Vogelbauer und wer weiß, was sonst noch Alles. Was man überhaupt von „entblätterten" Palmenzweigen (Djericd) fertigen kann, heißt Khafaß. Khafassaht und Blechbüchsen findet man jn jeder Haushaltung, weil sie eine Menge Gegenstände ersetzen müssen, welche in unseren Landen vielleicht von zehn verschiedenen Handwerkern gefertigt worden sind. Jede Arbeit, welche ein Egypter liefert, ist fast aus Nichts und mit den allererbärmlichstcn Hülfsmitteln entstanden, gewöhnlich aber auch beispiellos billig. Alle diese Leute arbeiten auf dem Basare. Außer den nöthigsten Handwerkern findet man aber auch in jeder Straße Kaufläden für den täglichen Hausbedarf, wie z. B. Fleischbänke, Fett- und Oclhandlungcn, Gewürz- und Bäckerladen, Gemüse-, Tabak-, Branntweinbuden, Barbierstuben rc. Wein und Branntwein, Essig, Käse, geräuchertes Fleisch, Mehlwaarcn (Makaroni, Graupen rc.), Reis, Lichter und anderes mehr zum europäischen Haushalte Nöthige wird fast nur von Griechen verkauft. Solche Händler nennt man Bakahli, die arabischen Oelhändler heißen Se'iaht, von Seit, das Oel. Letztere verkaufen Butter und Käse, Brenn- und Speiseöl, Oliven und gekochte Bohnen, eine Hauptspeisc der Araber. Für fünf Para Brod, für ebensoviel gekochte Bohnen und für fünf Para Oel geben eine Mittagsmahlzcit, die im Ganzen auf sieben und einen halben Pfennig zu stehen kommt. Um Alles, was wir überhaupt sehen können, in Augenschein zu nehmen, treten wir in eine Barbierstube. Sie ist regelmäßig von Bartgästen erfüllt; die Barbiere haben im Orient, weil die Mahammedaner auch das Haupt scheeren, mehr zu thun, als bei uns. Der vornehme Türk bezahlt das Scheeren seines Bart- und Haupthaares recht anständig, wird dafür aber auch mit aller Sorgfalt rasirt. Der eintretende Gast wird von dem Inhaber des Lokals zunächst mit höflichen Worten zum Sitzen aufgefordert, dann breitet dieser Servietten über die Brust, Schultern und den Rücken des Gastes, verlangt dessen Tabaksbeutel und stopft ihm vor allen Din- ii. 9 130 gen eine Pfeife. Nun erst geht er an's Werk. Er streicht sein Messer auf einem breiten Ledcrricmcn, der ihm vom Gürtel herabhängt und beginnt dann das Einseifen. Hierzu bedient er sich einer Schüssel mit einem Ausschnitte, in welchen der Hals des zu Schcerenden gcngu paßt, hält sie diesem unter das Kinn und seift ihm den Bart ein. Zuerst schcert er das Gesicht mit dem Striche, so weit es vom Bart befreit werden soll, glatt, dann verfährt kraus entgegengesetzte Weise. Er stemmt den einen Fuß auf den Stuhl seines Gastes, legt dessen Kopf aus sein Knie und spannt die Haut des Gesichtes an. Jetzt wird mit größter Sorgfalt jedes Härchen vernichtet, das ganze Gesicht, Stirn, Schläfe, Alles mit berücksichtigt und äußerst sorgfältig gereinigt. Wenn der Kopf mit geschoren werden soll, hängt der Barbier einen Kessel mit einem Hahne über dem Kopfe seines Bartgastes auf, seift diesen tüchtig ein und rastrt ihn mit großer Gewandtheit kahl. Dann wird der ganze Kopf mit Seife cingcricben, diese mit weißen Dattclfasern (Liefe) zu Schaum gearbeitet, Kopf und Gesicht rein gewaschen und sauber abgetrocknet. Nun nimmt der Haarkünstler seinen Kamm zur Hand, kämmt die wenigen, am Scheitel stehen gebliebenen Haare glatt und flechtet sie zu einem zierlichen Zopfe zusammen. Schließlich wird noch der Bart gekämmt, jedes vorstehende Härchen mit der Scheere glatt geschnitten und dann das ganze Gesicht mit einem wohlriechenden Wasser eingeriebcn. Die Arbeit dauert über eine Viertelstunde. Wenn man die Operation dcS Bartscheerens glücklich überstanden hat, ist es allerdings wohlthuend, dem türkischen Gebrauche zu folgen und sich nach einem nahstehenden Kaffehause zu wenden. ES ist ein vornehmes Kaffehaus, in welches wir treten, wir sehen nur anständig gekleidete Türken darin. Die Wände sind ordentlich geweißt und mit reicher arabischer Ornamentik verziert. In Gyps ausgeführte Arabesken schmücken die Decke und die Wände des ziemlich großen Gemachs, von dem viele Fenster auf die Straße gehen. In einem Winkel ist das Kamin mit einem lustig prasselnden Holz- oder Kohlenfcucr, über dem auf einem Roste zwei große kupferne, innen und außen verzinnte, sorgfältig blank gehaltene Kannen stehen. 131 Daneben sehen wir auf einen, Stcintische das Kaffegeschirr, welches wir von unseren Besuchen bei Türken her schon kennen. RingS um die Wände des Zimmers ziehen sich breite Steinbänke, von denen einige mit Matratzen, andere bloß mit Strohmatten bedeckt sind, herum. In der Mitte stehen einige Bänke von Palmenzwei- gen. Auf dem Diwahn an den Wänden sitzen viele Gäste. Einige sind beschäftigt, ihre Wasserpfeifen zu rauchen, ohne dabei ein Wort zu sprechen, Andere unterhalten sich mit Bret- und Würfelspiel, Andere spielen Schach und noch Andere sprechen über schöne Pferde oder Waffen. Wir gesellen uns zu ihnen und mischen uns mit in ihr Gespräch, was von ihnen gar nicht übel genommen wird. Der Kahwedji hat unser Erscheinen bemerkt und ist schon beschäftigt, für uns Kasse zu bereiten. Er nimmt ein kupfernes Kännchen, in welches gerade so viel Tassen Kasse gehen, als wir Personen sind, füllt es mit dem heißen Wasser aus den großen Kannen und bringt es über das Feuer, wobei er es mit der linken Hand an dem langen kupfernen Stiele hält; in wenig Augenblicken kocht es. Nun ergreift er eine dicht verschlossene Büchse mit äußerst fein gestoßenem Kaffcpulvcr aus ächten Mochabohnen, die erst vor wenig Stunden gebräunt worden sind, zählt nochmals die neugekommenen Personen und nimmt für jede einen gehäuften Theelöffel voll Kaffepulver, schüttet dieses in das Kännchen, läßt den Kasse über dem Feuer noch einmal aufschäumen, gießt ihn in die Täßchen und präsentirt ihn uns mit einem freundlichen Allste sLbLolihüii, döl oiiei'r sä swAck (Gott lasse Euren Morgen glücklich sein, meine Herrn)! und eilt zurück, um die von uns bestellten Wasserpfeifen herbeizu- bringcn, ohne die uns, wie er glaubt, der Kasse nicht recht schmek- ken werde. Allein der Trank ist ganz köstlich und wir fragen, wo er den gestoßenen Kasse herbekommen habe, in der Absicht, uns ebenfalls mit gutem Kasse zu versehen. Er nennt uns einen der vielen Khahwedjahnaht oder Kaffestampfen, die wir uns zu besuchen vornehmen. Abends ist ein Kaffchaus gewöhnlich mehr belebt. Jeder Türk oder Araber geht nach beendetem Tagewerk gern dahin, um sich mit Anderen zu unterhalten und in aller Gemüthlichkeit seine Tasse 9 * Kaffe zu schlürfen. Da finden sich auch häufig Musiker und Tänzer ein, die dann von den Gästen oder auch von dein Wirthe bezahlt werden*). Während der langen Nächte des FastcnmonatS Ramadtahn erscheint hier der Meddah und erzählt aufmerksamen Zuhörern Geschichten aus Tausend und einer Nacht oder schildert ihnen Scenen aus dem Leben des Kampfhelbcn der Araber, Saaid cl bathel (der wüthige Saaid), oder wohl auch von dem Helden Aali, dem Schwiegersöhne (oder was er sonst war) des Propheten. Keiner der Versammelten wendet ein Auge von dem Erzähler. Die regste Theilnahme, die größte Spannung ist in jedem Gesicht ausgedrückt, wie wird Der enden, der so glorreich begonnen? Je besser der Meddah schildert, desto aufmerksamer werden seine Zuhörer. Still vor sich hingcmurmclter Beifallsruf wird allmählig lauter und fordert den Redner auf, alle seine Kräfte aufzubieten. Aber in der That, welch ein reiches, poetisches Gewand entfaltet der schlichte Araber vor seinen Genossen! Immer lebhafter werden seine Farben, immer kühner die Umrisse, immer freier wird die Ausführung seiner Gemälde. Bald hört man die herrschende Stimme eines Chaliefen der Mumenihn (Gläubigen), bald flehen Botschafter deö Sultahns der Franken demüthig um Gehör, bald spricht ein alter weiser Schech, bald spendet ein heiliger Ul8m» seinen Segen, ebenso reich an Dichtung, als an Würde und Kraft; bald redet eine alte Frau, bald besingt ein glühender Liebhaber die un- *) Die arabische Musik, von welcher ich hiermit Einiges mittheilen will, ist sehr monoton und keineswegs schön; um so anziehender ist aber meistens der Text der von ihr begleiteten Lieder: in ihnen lebt und webt die glühende Phantasie der Araber. Bon ihren Musikinstrumenten nenne ich: „El säht," ein unserer Harfe ähnliches Instrument, mit vielen Saiten über einen Resonanzboden; es wird mit Hornblättchen, die man an den Fingern befestigt, gespielt; El sümährä, eine Klarinette oder auch Rohrpfeife, eine Rohrflöte; El rübnhbn, eine zweisaitige Violine; eine Handtrommel, Tnräbakü; Pauken (Tüm bahrn) und das Tamburin. Metallinstrumente gebrauchen sie nicht. Die Weisen ihrer Lieder sind Moll und zeichnen sich durch lange, trillerartig wiederholte Triolen aus. In Fö- licien David's „Wüste" finden sich viele arabische Originalmelodieen. endliche Schönheil seiner Geliebten. Wie feurig ist dieser in ihrem Lobe! Er nennt sie „den Vollmond der Schönheit und Lieblichkeit, die Vollkommene in der Anmuth und Liebenswürdigkeit, die Herrin des Ebenmaaßcs der Gestalt, des Liebreizes der Seele, die Besitzerin der schönen Augen der Gazelle, der Händchen, die so klein sind, daß man sie in zwei Hände nehmen muß, weil man sie in einer gar nicht finden würde; der kleinen Füßchcn, die noch kein Auge gesehen, nicht weil ein weites Gewand sie umhüllt, sondern weil sie so klein sind, daß sie nie unter ihm hervordringen; der Pcrlenzähnc und des Mundes, der, obgleich er so zierlich ist, daß man ihn mit einem Para bedecken könnte, dennoch Worte spendet, die sich in der Ohrmuschel des sie Hörenden zu Perlen reihen, der Lippen, so roth, wie das Innere eines zerspringenden Granatapfels;" er versichert, daß er sich nach ihr ebenso sehne, wie der ermattete Wanderer in der Wüste nach dem kühlen Brunnen. „Licht meiner Augen, Geist meines Herzens, wo weilst Du?" — Kein Laut ist hörbar, keiner der Gäste will ein Wort von der Erzählung des Mcddah verlieren. Doch der hat sich endlich müde geredet und ruft plötzlich: 8ÄInlr vl irölckK! (Preis't den Propheten!) „.4.1llckr inusolloin vu selloiu ugle'üru!" antworten Andere. „Kahwcbji, eine Tasse!" Und nun erquickt er sich und fährt fort, von Neuem den berauschende» Geist seiner Worte auszutheilen. Er führt seine Zuhörer mit sich fort in das Schlachtgetüm- mel, er zeigt ihnen seinen Helden, den schon Alle liebgewonnen, im wildesten Kampfe, umringt von Gefahren. Die Heere der Christen sind gekommen, durch seine Zauberkünste hat sich einer ihrer Salatihne*) vierzig Riesen unterworfen, von denen jeder tausend andere Riesen unter seinen Befehlen hat, keiner unter vierzig Armcnlängen Körperhöhe, jeder mit der Stärke von hundert Menschen begabt. Ihnen gegenüber steht der Held des Kampfes, derselbe, welcher früher die Umrisse zum Bilde seiner Geliebten zeichnete. Wie, soll er untergehen? Nein!-Soll ich wci- *) Plural vo» Sultah». Arab. Trab, vo», Ellenbogen bis z»r Spitze des Mittelfingers, und dazu noch die Länge des Zeigefingers. 134 ter schildern? Ich vermag es nicht, mir fehlt die Kraft des Ausdruckes, bin ich ja doch kein Meddah! Die Kaffehäuser sind dem Mohammedaner unentbehrlich, sie vereinigen alle Arten von Vergnügungen in sich. In allen, selbst in den für die ärmsten Fellahhihn bestimmten, bekommt man guten Kaste, wenn auch nicht überall ächten Mocha. Dieser wird nur in vornehmeren Häusern getrunken und viel nach Constantinopel ausgeführt. Der in Deutschland unter dem Namen „Mokka" verkaufte Kaste ist selten ächt. Schon in Kairo kostet das arabische Pfund oder ungefähr scchsundzwanzig Loth unseres Gewichtes bei größeren Ankäufen drei und einen halben bis vier Piaster. Der Transport bis Deutschland kömmt gewiß bis auf ebenso hoch zu stehen und dennoch erhalten wir hier ein Pfund des sogenannten Mokka für zwölf Silbcrgroschen, während ächter Mocha dem Kaufmann viel theurer zu stehen kommen würde. Die Kaffebohnen werden zum türkischen Gebrauche nur leicht gebräunt und nicht gemahlen, sondern in besonderen Kaffestampfcn (Khahwcdjahne) zerkleinert. Es sind große Steintröge, in denen die Bohnen mit schweren eisernen Keulen zu einem feinen Pulver zerstoßen werden. Durch mehrere enge Haarsiebe geschüttelt, wird dieses so fein, daß es dem Mehle ähnelt und beim Trinken des Kaffes bequem mit genossen werden kann. Wenn man deshalb den Araber oder Türken in Verdacht hat, er tränke den Kaf- fesatz mit, so thut man ihm Unrecht, er trinkt in der That nur eine starke Auflösung des Kaffes. Solcher Stampfen gibt es in Kairo mehrere; sie sind tagtäglich im Gange, weil der Türke oder Araber nie mehr gestoßenen Kaste einkauft, als er für einen oder höchstens für zwei Tage nöthig zu haben glaubt. Diese Vorsicht trägt allerdings zur guten Bereitung kräftigen und angenehm schmeckenden Kaffes wesentlich bei. Mit Zucker darf man ihn nicht versetzen, wenn man den wahren Genuß einer Tasse türkischen Kaffes (der freilich mit der in Deutschland gewöhnlichen Brühe in gar keinen Vergleich zu bringen ist) haben will. 135 Wenn wir so durch das uralte, ewig neue, immer wechselnde Gewühl des Volkes hinrciten, treffen wir häufig auf Persönlichkeiten, die wir eben nur in Kairo beobachten können, weil sie uns nirgends so häufig aufstoßen, wie gerade hier. So sehen wir einen phantastisch gekleideten Menschen langsam durch das Volk sich bewegen. Er ist mit einer seltsamen, zerrissenen Kutte bekleidet, die von einem Stricke oder irgend einem Lumpen zusammengehalten, auf der Brust offen und mit allerlei Zicrrathen behängen ist. Auf dem Kopfe sitzt ihm eine spitze Filzmütze, wie bei uns zu Lande dem Bajazzo einer Seiltänzergesellschast; sie ist mit Straußenfedern geschmückt oder mit Pelz verbrämt und beschattet ein unendlich pfiffiges, aber gefährliches Gesicht, welches von lang herabfallenden, wirr durch einander hängenden, kohlschwarzen Locken und einem ebensolchen Barte eingerahmt wird. In der einen Hand trägt er einen mahammedanischen Rosenkranz (Subcha) mit neunundncun- zjg riesigen Kugeln von schwarzem Ebcnholze, in der anderen einen langen Stab, an dessen oberem Ende bunte Lumpen fahncnartig flattern. Es ist ein Dcrwihsch oder mahammedanischcr Mönch, von dem Volke mehr gefürchtet, als geachtet, Einer von Denen, welche unter dem Deckmantel geheuchelter Frömmigkeit eine Unzahl von Betrügereien und anderen Schlechtigkeiten ausüben, durch Benutzung des Aberglaubens des Volkes sich bereichern, wo sie nur können, von einem Dorfe zum anderen schleichen, auö einer Stadt in die andere sich betteln, überall gefürchtet und nur geduldet sind, weil sie vorgeben, um der Religion und des heiligen Propheten — rLIIali inusklioin >vn sellsiu aalo'üru! — willen schwere Wallfahrten zu unternehmen, Entbehrungen jeder Art zu ertragen und ruhelos von einem Ende des Landes zum anderen zu pilgern. Allerdings gibt es schwach- und blödsinnige Mahammedaner, welche im Ernste glauben, durch ähnliche Wanderungen Gott die Ehre zu geben, um der Religion und des Propheten willen Weib und Kind verlassen, ihren Leib kasteien und ein ruheloses, nur religiösen Uebungen geweihtes Leben führen zu müssen; allein diese sind nicht mit jenen zu verwechseln. Sie thun es aus reinem Hcrzcnsan- tricbe, in der Schwachheit ihres Geistes oder Ucberspanntheit ihrer 136 Begriffe; aber jene machen ein Gewerbe daraus, sind zum Arbeiten zu faul, schämen sich aber nicht, zu betteln, zu lügen und zu betrügen. Sie haben den Khorahn aus der Zunge, aber die Tücke ^ im Herzen und gleichen ganz dem Bettler Abu Saaid in den Makamcn des Harihri, nur daß sie vielleicht noch schlechter sind. In mehr als einer Hinsicht haben sie die größte Aehnlichkcit mit den Bettelmönchen des Mittelalters und der späteren Jahrhunderte, jenen nichtsnutzigen, faulen Tagedieben, die Gott und die Welt auf jegliche Weise zu betrügen sich nicht entblödeten. Weit friedlicherer Natur sind die Fukhera, d. h. die gewöhnlichen mahammcdanischen Geistlichen. Wenn sie auch voller Aberglauben und Anmaßung sind, haben sie wenigstens nicht das Verschmitzte der Derwihsche an sich, schreiben ihre Amulette, weil sie gewiß größtenthcils selbst von der Wirkung überzeugt sind, besuchen fleißig die Moscheen und unterrichten die aufwachsende Jugend im Lesen, Schreiben und in der Religion, oft nur um Gottes willen, sind zum Fanatismus geneigt, aber selten so bösartig? um Andersgläubigen dadurch Schaden zuzufügen. Deshalb sind sie vom Volke auch mit Recht geachtet und gewiß als wohlthätige Menschen zu betrachten, als Leute, die viel Gutes thun, wenn sie Anderen auch ungereimtes Zeug in den Kopf setzen, weil sie es für gut und nützlich halten. Eine andere, von der Pietät des Volkes geachtete Klasse sind die Scharafa*), d. h. die Nachkommen des Propheten. Die vornehmen Scharafa heißen auch Ämär». Emihr (Singular von Amara) bedeutet Fürst, allein gar häufig sind diese armen Fürsten in üblen pekuniären Verhältnissen und genöthigt, wie andere arme Teufel zu arbeiten und es sich recht sauer werden zu lassen. Sie tragen zum Zeichen ihrer Würde und ihrer Abstammung ein grünes Tuch, die Farbe des Propheten, um ihren Turban. Wenn sie sich zu dem gemeinen Volke gesellen, beweist ihnen dieses gern die Achtung, welche es den Nachkommen des Gesandten Gottes schul- >» dig zu sein glaubt, indem es ihnen die Hände küßt. Von Seite g Plural vo» Schert es. der Türken und des Staates vermissen sie freilich eine ähnliche Berücksichtigung und genießen eben weiter keine Vorrechte, sind aber trotzdem stolz auf ihre Abstammung. Dagegen leben die Eh alle saht in ganz anderen Verhältnissen. Der Chaliefe ist ein Fürst in kirchlicher Hinsicht und hat als solcher den Rang eines hohen Staatsbeamten, mit einem damit verbundenen bedeutenden Einkommen. Er tritt mit aller Würde seines Standes auf. Wieviel Chalicfcn in Kairo anwesend sind und ob sie hinsichtlich ihrer Abstammung oder vermöge ihrer GeisteSfä- higkeitcn zu ihrer Stellung gelangen, weiß ich nicht. Ihr Erscheinen gleicht dem eines Pascha. Sie werden vom Volke umringt und demüthig begrüßt, man eilt herbei, um ihnen die Hände und Füße zu küssen, kurz, man sucht ihnen jeglichen Beweis einer unbegrenzten Achtung zu erkennen zu geben. Nur selten sieht man einen von ihnen auf -hohem Rosse langsam durch die Straßen reiten. Häufiger begegnet man dem Vizckönige oder einem der vornehmen Pascha's. Als der alte Mahammcd Aali noch lebte, sah man ihn oft, von wenig Gefolge umgeben, in einem einfachen Wagen nach Schubra fahren oder von dort zurückkommen. Sein freundliches, von einem langen, blendendweißen Barte umflosscnes Gesicht blickte, leutselig grüßend, nach allen Seiten aus die ehrfurchtsvoll links und rechts ausweichende, sich tief verneigende Menge. Er fuhr nie mit mehr als vier Pferden, gewöhnlich sogar nur mit zweien. Voran lief im vollen Trabe ein mit einer großen Hetzpeitsche tüchtig knallender und das Volk durch'lauten Zuruf zum Ausweichen auffordernder Sclave. Hinterdrein ritten einige Pfcifenstopfer und mehrere von den höheren Bedienten auf flüchtigen Dromedaren oder schnellen Rossen. Aabahs-Pascha war ein sehr guter und kühner Reiter, weshalb man ihn auch fast nur zu Pferde sah. Er war stets von einem großen Gefolge mit vielen Bewaffneten umgeben, weil er stets Tücke oder Meuchelmord befürchtete. Stolz ritt er in vollem Galopp dahin, auf keinen der Grüße dankend, dir er von dem Volke erhielt. Es ist herkömmliche Sitte, daß jeder Reiter von seinem Thiere springt und stehen 138 bleibt, wenn der Vizekönig vorbeireitet. Zu Aabahs-Pascha's Zeiten wurde diese Sitte von den Europäern kaum mehr beachtet. Um das Leben in Kairo genügend kennen zu lernen, ist es nothwendig, inmitten eines der arabischen Quartiere eine Wohnung zu miethen. Es ist nicht gerade schwer, diese zu bekommen, nur muß man, wenn man unter der arabischen Bevölkerung unangefochten leben will, behaupten, daß man vcrhcirathet sei oder wenigstens eine weibliche Bedienung besitze, weil man mit Recht annimmt, daß ein verhcirathcter Mann weniger Ungeziemendes sich zu Schulden kommen lassen würde, als ein unvcrhciratheter. Es ist aber keineswegs begründet, daß, wie manche Reisende behauptet haben, man um so mehr geachtet sei, je mehr man Frauen besitze, sondern die Sache verhält sich einfach- so, daß man es nicht gern sieht, wenn ein Mann liederlichen Weibsbildern nachläuft oder sich Dinge zu Schulden kommen läßt, welche in Egppten eben auch nicht mehr mißachtet werden, als bei uns daheim. Ich habe ein arabisches HauS schon zu beschreiben versucht und will hier nur erwähnen, daß ich in Kairo lange in einem Hause mitten unter Arabern gewohnt habe und mit diesen stets im besten Einvernehmen geblieben bin. Von der Terrasse meines Hauses hatte ich eine reizende Aussicht über einen großen Theil der Khahira und eine weniger ausgedehnte, aber ebenso reizende verstohlener Weise auf die Dächer meiner Nachbarshäuser, wo ich gar oft Gestalten wandeln sah, die chcr'Mahammcd's Paradiese, als der lieben Mutter Erde anzugehören schienen. Daß diese Gestalten keine Söhne Adams, sondern „Lsnnalit um ei tunje" (Töchter der Mutter der Welt) waren, wird jeder meiner Leser errathen haben. Und, wie schon bemerkt, ich befand mich wohl unter den Mahammcdancrn, achtete und berücksichtigte ihre Sitten und Gebräuche, ging in ihre Kasse- häuser, hielt meinen arabischen Bedienten zum Gebete und Besuche der Moschee an und galt, wenn nicht gar für einen Muselmann, zum Wenigsten für Einen, der die Religion dcS heiligen Propheten (Frieden über ihn!) hoch verehre. Und das thue ich in der That. *1 139 Ich achte Mahammcd und sein Volk, sollte ich es auch nur aus Dankbarkeit für mannigfaltige Dienste, ja sogar Wohlthaten thun, die mir von den Türken erzeigt worden sind. In meinem Hause hatte ich nun manchmal gar eigenen Besuch. Ich bewohnte die erste Etage, wahrend unten die ganzen Räumlichkeiten leer standen. Dort gab es ziemlich viele Scorpio- nen, Ratten, Mäuse, Eidechsen und einige Male auch Schlangen. Unter den Mäusen kommt ein höchst interessantes Thierchen (Aus oallirioa) mit igelartigen Stacheln vor. Im oberen Stocke erscheinen jede Nacht Gekonen, d. h. nächtliche Eidechsen mit fünf breiten Fingern, mit denen sie sich überall anhängen und selbst an der Decke hinlaufen können. Mit großem Vergnügen hörte ich das laute, gellende „gcck, geck" der Thierchen und sah dann ihrer Jagd auf Fliegen und andere Insekten zu, welche sie nach der Art der Chamäleone mit der Zunge anspiesten. Bei Tage wurden uns die egyptischen Hornissen eine große Last, denn sie erschienen sogleich in Schaaren, wenn der Koch seine Flcischstücken im Hofe aufgehangen hatte, um davon zu fressen. Sie stechen heftig, sind bösartig und außerordentlich häufig. So lebte ich in dem einsamen, abgelegenen Hause ein wahres Stillleben. Einer meiner Bedienten, ein Nubier, Mahammed mit Namen, handhabte die edle Kochkunst, ging Morgens auf den Markt, um einzukaufen und ließ sich das nöthige Wasser durch einen Sakha oder Wasserträger (wörtlich Tränker, Bcgießer) in's Haus schaffen. Ein in der egyptischen Haushaltung so nöthiger Mann verdient es wohl, kurz beschrieben zu werden. Die Sakha's sind in allen Häusern, ja sogar im Harchm, zugelassen, nur werden für die Aharahm blinde Wasserträger sehenden vorgezogen. Der Sakha kennt in dem Hause fast jedes Zimmer und jede Person, ist streng ehrlich und verschwiegen. Sein Wasser holt er auf einem Esel im Nil und verlangt für einen großen Schlauch, den er über eine halbe Stunde weit herschafft, nur dreißig Para oder einen und einen halben Silbcrgroschcn unseres Geldes. Wie es diese Menschen aushalten können, fortwährend mit nassen Kleidern cinhcrzugehen, begreift man nicht. Der Sakha 1LV ist stolz auf seine Kundschaft, betrachtet sich bei Jedem, den er bedient, wie einen Diener des Hauses, ist höflich, bescheiden und wohlgeliltcn. Kairo's Wasserträger sind die fleißigsten, regsamsten Menschen in der ganzen Stadt, denn ungefähr zwanzig Häuser mit Wasser zu versorgen und dabei mindestens zehnmal täglich nach Bulakh zu gehen, ist gerade keine Kleinigkeit. — Von einem solchen Hause aus machen wir unsere Ausflüge in die Stadt und ihre Umgebungen, natürlich nur zu Esel. Bei dieser Bemerkung fällt mir ein, daß ich die oft genug genannten Thiere und ihre Treiber noch gar nicht beschrieben habe. Und gerade diese gehören zu den interessantesten Persönlichkeiten Kairo's. Die Esel — welche unS hier nichts angehen, weil wir ihnen ihren Platz unter den Hausthieren Egyptenö angewiesen haben — sind die Droschken, die Esclbubcn die Droschkenkutscher der orientalischen Städte. ,,Eö ist eine wahre Lust und ein wahrer Jammer, mit diesen Arabern und insbesondere mit diesen Escljungen umzugehen. Man kann nicht einig mit sich werden, soll man sie für gutmüthiger oder bösartiger, für obstinater oder dienstwilliger, träger oder lebhafter, verschmitzter oder unverschämter halten. Sie sind ein Quirl von allen möglichen Eigenschaften," sagt unser ,,Kleinstädter in Egyp- tcn" von ihnen und hat in der That ganz Recht. Der Reisende begegnet ihnen, sobald er seinen Fuß in Alerandrien an die Küste setzt. Auf jedem belebten Platze einer großen Stadt stehen sie mit ihren Thieren von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Die Ankunft einem Dampfschiffes ist für sie ein Ercigniß, denn der Fremde und in ihren Augen Unwissende (R hasch ihm) ist ihnen auf den ersten Blick bekannt. Er wird zunächst in drei bis vier Sprachen angeredet und wehe ihm, wenn er englische Laute hören läßt. Dann entsteht um „den Gcldmann" eine Prügelei, bis der Reisende den Tumult durch den sehr räthlichcn Akt des Sich-zu-Esel- Setzens beendet. Erst, wenn man längere Zeit in Egyptcn gelebt hat, der arabischen Sprache kundig ist und statt des Kauderwelsches von drei bis vier von ihnen gemißhandelten Sprachen in ihrer Muttersprache mit ihnen zu konvcrsiren fähig ist, lernt man sie 1L1 kennen. Es ist wirklich interessant, ihre Redensarten, vor Allem aber die ihren Thieren gespendeten ergötzlichen Lobeserhebungen mit anzuhören. „Sieh, Herr, diese Dampfmaschine von einem Esel, wie ich ihn Dir anbiete, und vergleiche mit ihm die übrigen, welche Dir die anderen Knaben anpreisen! Sie werden unter Dir zusammenbrechen, denn Du bist ein starker Mann, aber der meinige! — dem ist es eine Kleinigkeit, mit Dir wie eine Gazelle davonzulaufen, das ist ein europäischer Esel, ich lasse nur Franken darauf reiten ; er ist ein khahirincr Esel. ja massoris" (Ei, du Kahiri- ncr), laufe und bestätige dem Herrn meine Worte." Oder: „Herr, Du verlangst einen Esel? Kennst Du mich und meinen Esel nicht, warum suchst Du nach einem anderen? Ich bin ja Aali, der Sohn Jbrahihm's, wir sind oft zusammen ausgelitten und Du bist stets mit mir zufrieden gewesen. Hier ist mein ganz vortrefflicher Esel, komm, besteige ihn!" Unter dem „Zusammenausreitcn" versteht der Hamahri, daß man reitet und er zu Fuße hinterhertrabt. Dabei treibt er unaufgefordert mit unnachahmlichem Zungenschnalzcn oder mit Stößen, Stichen und Schlägen seines an einem Ende zugespitzten Stockes den Esel zum schnellen Galopp an und folgt ihm meilenweit, ohne in seinem Laufe innezuhalten, ja, er trägt ihm noch einen mit Buffbohnen gefüllten Futtcrsack nach, um ihm diesen bei jeder noch so kurzen Rast anzuhängen. Man weiß nicht, wie man sich die Ausdauer eines solchen Burschen erklären soll. Kleine Knaben von sechs Jahren laufen schon den ganzen lieben langen Tag über ih, rein fast immer trabenden oder galoppirendcn Esel nach, werden dabei oft noch von den Reitern mit Waaren, Lebensmitteln und anderen zu transportirendcn Gegenständen bepackt und sind doch immer frohen Muthes. Die Eselbubcn sind ohne Ausnahmen kluge und verschmitzte Kerls, welche zu Allem zu gebrauchen sind. Sie sind verschwiegene Liebesboten, Kuppler, Neuigkeitskrämer, Briefträger, Diener u. s. w., sie thun Alles, was ihnen zugemuthet wird, und selbst noch mehr; sie kennen die Wohnungen und Charaktere aller her- 142 vorragenden Persönlichkeiten, wissen sich den Launen der oft gar kuriosen Reisenden zu fügen, verstehen es trefflich, eine Dame mit der nöthigen Sorgfalt und Behendigkeit zu bedienen oder sie mit ^ ihr schmeichelnden Redensarten zu unterhalten; sie sind aller Kniffe kundig und sind dem ernsten Mohammedaner ein gesetzter, dem Europäer ein kurzweiliger, toller Streiche voller Begleiter. Freilich regelt auch bei ihnen ein in Aussicht stehender größerer oder geringerer Bakhschicsch ihre Thätigkeit; aber ihnen, welche für fünf Piaster sammt ihrem Esel den ganzen Tag arbeiten müssen, ist das auch nicht zu verdenken. Das treffliche Gedächtniß der Hamahri ist oft von großem Nutzen, gibt aber noch öfter Gelegenheit zu ergötzlichen Geschichten. Einer meiner Freunde kehrte nach einer Abwesenheit von mehr als zwei Jahren von einer beschwerlichen Reise nach Kairo zurück. Beinahe unkenntlich geworden durch sein sonnverbranntes Gesicht, seine veränderte Kleidung und den in Egyptcn fremden Bartschnitt, wurde er doch sogleich von einem Eseltreiber erkannt, dessen er sich, trotz aller Anstrengung, nicht entsinnen konnte. ^ O, sei mir gegrüßt, Herr! Der Allmächtige segne Deinen Eingang! Gott sei Dank, daß Du in Frieden zurückgekehrt bist! Wie befindest Du Dich? Talllilin, ssiak, lls'ik elralall? (Bist Du gesund, wie geht es Dir, wie ist Dein Befinden?) „„Gott sei Dank, aber wer bist Du und was willst Du?"" „O Herr, Du kennst mich nicht? Ich bin Dein Eseltreiber, dem Du zwanzig Para schuldig bliebst, ehe Du abreistest, gib mir jetzt das Geld!" Mein Freund war dem Burschen wirklich aus Versehen die Summe von einem Silbergroschen unseres Geldes schuldig geblieben und bezahlte lachend demselben Kapital und Zinsen. Man redet die Eselstreiber gewöhnlich mit „ä-Volsä" oder „cka 4VoIecki!" (Sohn oder mein Sohn!) an. Ein der arabischen Sprache ! unkundiger Reisender erzählte Viel von dieser originellen Gesellschaft ^ und fügte nach Aufzählung ihrer guten und schlimmen Eigenschaften naiv hinzu, daß man sie wegen derselben in Egypten allgemein „Viavvletti" (Teufelchen) zu nennen pflege. 143 Das sind also die Bursche, ohne welche es uns ganz unmöglich sein würde, Kairo genau kennen zu lernen. Wir rufen einen , von ihnen vor unser HauS, besteigen sein Thier und reiten in dem ^ den Eseln eigenthümlichen kurzen Galopp durch die Straßen, zunächst um uns die öffentlichen Gebäude ber Khahira zu besichtigen. Beginnen wir mit der Citadelle, diesem ,,in der ganzen Welt nicht zum anderen Male anzutreffenden phantastisch-babylonischen Wirrsal von fabelhaften Höfen und mäandrischen Mauergängen, von Kasernen und Palästen, von jach abstürzenden Fclsmaucrn und schauerlichen Mordwinkcln, in welchen die Geister der massa- krirten Mamclukenhäuptlingc und der heimlich umgebrachten Ha- rchmsschönheitcn umgehen." — „Ruinen und Neubauten, Schutthaufen und Prachtbauten, in Alabaster ausgeführt, Felsenbrunnen, die bis zum Nilspicgcl herab- reichen, und Minarets, die wie ungeheure Wachskerzen auf Kandelabern um das Heiligthum der Kuppel aufgesteckt sind, durchirrt hier der Fremdling mit beängstigtem Herzen und zögerndem Fuß." ^ Die Citadelle liegt südöstlich von der Stadt, auf einem Ausläufer des Mokhadamgebirges, enthält den Palast, die Rc- gicrungsgebäudc, die Münze, eine Gewehrfabrik und die große Moschee des Mahammed Aali, welche, wenn sie vollendet sein wird, wohl die schönste Kairo's sein dürfte. Sie ist mit verschwenderischer Pracht ausgeführt und besteht in einer ungeheuren, von einer riesigen Kuppel bedeckten Halle, mehreren kleinen, unter sich vereinigten und ebenfalls durch Kuppeln überdachten Nebenräumen. Die Hauptkuppel wird von hohen, durch Bogen überwölbten Pfeilern getragen und zeigt auf dunkelblauem, der Farbe des egypti- schen Himmels gleichen Grunde Sprüche aus dem Khorahn in Goldschrift. Fußhohe Buchstabenreihen mit künstlich durch einander gezogenen Schriftzügen, sich ebenfalls zu Stellen der heiligen Schrift i der Mahammedaner vereinend, ziehen sich um den Fries der Kup- > pel herum. Aus den Mittelpunkten der verschiedenen Kuppelge- wölbe hängen schwere Messingplatten herab, an denen später die in jeder Moschee vorhandenen Lampen befestigt werden sollen. Die Leiche des Gründers steht noch in einem Winkel der Moschee, in 1L4 einem abgeschlossenen Raume. Hier halten sich beständig mehrere Fukhera auf, um für das Heil der Seele des Verstorbenen zu beten. Später wird wahrscheinlich ein Grabmal im Innern der Moschee gebaut werden, um die sterblichen Ucberrcste des großen Erbauers dieses herrlichen Bauwerkes in sich aufzunehmen. Der Eindruck des Ganzen war großartig und wird sich noch erhöhen, wenn der Bau vollendet sein wird. Außerhalb ist die Moschee von kühlen Bogengängen umgeben, von denen aus das Innere des Heiligthums durch große, mit geschmackvollen Metallgittern verschlossene Fenster beleuchtet wird. Sie sind, wie auch ein großer Theil des Inneren, ganz aus prächtigem, geschliffenem Alabaster, welcher einige Stunden oberhalb Beni- Suiff in der arabischen Wüste gebrochen wird, erbaut worden. Zwei schlanke, himmelanstrcbendc Minarets von gegen dreihundert Fuß Höhe krönen den heiligen Bau. Von dort oben ertönt, wie aus dem Himmel herab, die Stimme des sein Volk zum Gebete rufenden Mueddin. Mit welchem Gefühl mag der Gläubige diese Stimme aus der Höhe vernchinen und welches Gefühl muß im Herzen des Rufenden selbst erwachen, wenn er seine Augen hinabsenket auf das unbeschreiblich schöne, erhabene, vor seinen Füßen ausgebreitete Bild! — Die Gewehrfabrik auf der Citadelle steht unter der Mittelmäßigkeit. Interessanter ist die Münze, wenn sie auch nicht als ein Muster ähnlicher Anstalten gelten soll und kann. Man prägt mit sehr einfachen Maschinen Gold-, Silber- und Kupfermünzen. Von ersteren gibt es deren von hundert, fünfzig, zehn und fünf Piastern, von Silbermünzen werden Thalerstücke zu zwanzig, halbe und viertel Thaler zu zehn und fünf und endlich noch ganze, halbe und viertel Piaster geprägt; die Kupfermünzen sind Fünsparastücke. In den Regierungsgebäuden sind die Burcaur der verschiedenen Ministerien, die Schatzkammer und die Gerichtssäle für die Stadt Kairo enthalten; in ihnen befindet sich auch der Diwahn der Ulema und die Gcschäftslokale einer großen Menge anderer Beamten. Der Palast des Vizekönigs ist von einem köstlich duftenden 145 Garten umgeben und in der Abwesenheit desselben dem Fremden zugänglich. Er enthält Alles, was der europäische und orientalische Lurus verlangt, ist aber sonst in Nichts besonders merkwürdig. — Das älteste Gebäude der Citadelle ist der Josephsbrunnen. Einige behaupten, daß er von Sultahn Jussuf Salatihn zu Ende des zwölften Jahrhunderts erbaut, Andere, daß er von ihm nur gereinigt worden sei und noch Andere wollen ihn Joseph, Jacob's Sohne, aufbürden, obgleich man gar nicht weiß, ob zur Zeit dieses edlen Judensohneö überhaupt an der Stelle des heutigen Kairo eine Stadt gelegen hat oder nicht (was übrigens von neueren, tüchtigen Geschichtsforschern ganz in Abrede gestellt wird). So viel scheint festzustehen, daß ein gewisser Joseph oder Jussuf einmal die glückliche Idee gehabt und ausgeführt hat, der zu seiner Zeit wahrscheinlich schon befestigten Citadelle Wasser zu verschaffen. Der Brunnen besteht aus zwei neben einander stehenden Etagen, hat einen Umfang von zweiundvierzig Fuß und ist im Ganzen bis zum tiefsten Nilstande oder bis zu sechzehn Fuß über das Mittelmeer durch den Felsen gehauen. Seine ganze Tiefe beträgt nach den Messungen der französischen Ingenieurs zweihundertundachtundsie- benzig Fuß. Um den Brunnen herum führen schraubenförmig abwärts steigende Gänge mit vielen Oeffnungen nach dem Inneren des Brunnens, in welchen auch das zur Bewegung des Schöps- rades erforderliche Zugvieh auf dem ersten Absätze hinab gelangt. Von hier aus wird durch ein einfaches Paternosterwerk das Wasser bis in ein großes Bassin emporgehoben, aus dem es durch dieselbe Vorrichtung weiter nach oben befördert wird. Auch noch eine zweite Wasserleitung führt Wasser nach der Citadelle. Sie endet bei Alt-Kairo, hart am Nile, von dem aus das Wasser mit Schöpfrädern hundert Fuß hoch emporgehoben und in einer auf vielen Bogen ruhenden Rinne nach dem Orte seiner Bestimmung geleitet wird. Schließlich mögen noch einige Worte unsers „Kleinstädters in Egypten" hier eine Stelle finden, weil sie zu wahr und zu schön n 10 146 sind, als daß ich sie meinen Lesern vorenthalten möchte. Er spricht von der herrlichen Aussicht aus der Citadelle und sagt: „Zuerst schaute ich, meiner Gewohnheit gemäß, auf das Nächste, also hier von steilen Mauerabgründcn auf die Hassanmoschee, die Gebäude der Kanoncngießerei, auf den Rumelrc und den sich anschließenden langen Sukahra-Ma'idahn*) hinab. Aber diese von oben wüst und fabelhaft anzuschauenden Räume, auf denen das Menschcntreiben sich zu einem Gewimmel von Zwergen verjüngt, hielten mich nur einige Augenblicke von dem bis zur Wüste kreisenden, Leben athmenden Weltbilde zurück, das, einer schnellenden Frucht ähnlich, nur seinen Steinkern in den Steinklumpen und Gassenlabyrinthen der Sarazcnenstadt hat." „Im Nordosten dehnt sich am Abhänge des Mokattain die Mamelukengräberstadt, in einer Länge von mehr als dreiviertel Wegstunden, gleich bei den Thoren der Stadt hin. — Jenseits derselben, am Saume einer weiten, nur spärlich von Sykomoren, Dattelpalmen und Tamariskengruppen, gleichwie von weißen Gebäuden unterbrochenen Ebene, die sich in die arabische Wüste verliert, taucht der hohe Obelisk von Heliopolis auf, wie ein Grenzstein des Weichbildes und Gesichtskreises der ungeheuren, im^Schutze der Akropolis ausgebreiteten Hauptstadt des Nil, auf deren Gräber und Paläste, auf deren Siegesthore und Schutthaufen, auf deren lebendige und todte Mysterien man aus der Vogelperspektive Herabblicken darf." „In Südwesten führt da der Aquädukt die Nilwasser bei der uralten Amrn-Moschee in's Land; und wie majestätisch treibt der geheimnißvolle, zur Gottheit gemachte Strom seine Wogen zwischen Gieseh und Alt-Kairo der Insel Rudah entgegen, die wie ein grünes Bollwerk und eine Wehr, oder wie eine schwimmende Opfergabe von Blumen und Früchten der alten Gottheit von Ka- hira entgegengcscndct. Dem paradiesischen Eilande schließen sich die Plantagen Jbrahihm's in Fostat an, aber in dem ungeheuren Panorama erscheinen diese grüne Massen nur wie ein Smaragd auf ') Zwei große Plätze. 147 dem flüssigen Silber des segenspendenden Stromes, welcher, gleichsam einem unbekannten Nichts entquollen, sich wiederum im Weltmeere in's Nichts zurückwandeln muß. Aber an seinen vorüberei- lenden, sich ewig bildenden und ewig verschwindenden Wogen stehen als Gegensatz im fortwälzenden Strome der Zeiten, die in's Meer der Ewigkeit münden, die im vollen Sonnenlichte marmorweiß schimmernden Pyramidcnmasscn fest wie die Felsen, durch welche die libysche Wüste in langer monotoner Linie von der grünen Nilniederung abgeschnitten wird." — Wir verlassen die Citadelle mit träumender Seele und wenden uns zur Besichtigung der Moscheen. Die schönste der altehrwürdigen Gebäude dieser Art ist die des Sultahn Hassan. Sie wird fast von jedem Reisenden besucht; auch wir haben sie bereits im ersten Theile dieser Blätter kennen gelernt. Ihre Erbauung fällt in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts; Einige geben die Jahreszahl 1354 an. Weit interessanter ist die „Djämaä el Aaschr", wenn sie der Hassanmoschee an Schönheit auch bedeutend nachsteht. Sie wurde im Jahre 981 durch den General des Chaliefen Mues- el-Dihn-Mahi-Djanhur-Kaid erbaut. Acht Jahre später stiftete der Chaliefe Aasies Lillahi, die berühmte Hochschule, mit einer sehr zahlreichen, in ihrer Art einzigen Bibliothek, auf welcher jetzt noch ungefähr tausend Zöglinge Theologie studiren*). Früher wurden auch die Aerzte hier gebildet. Jede Moschee zerfällt in drei Theile: indenVorhof, die Halle und den heiligen Raum mit der nach der Rich- tungslinie des Gebetes oder Khabala gelegenen Nische. Ihre innere Einrichtung ist mit geringen Abänderungen die- *) Die Arzneiwissenschaft war bei den Mahammedanern bis zu Muhammed-Aali's Zeiten mit der Gottesgelahrtheit, so zu sagen, vereinigt. Das Volk gab mehr auf geschriebene Amülette, als auf wirkliche Arzneimittel. Die Wissenschaft ging traditionell von Einem auf den Anderen über. Doch mag sich auch wohl unter dem Bücherschatze der Bibliothek der Djämaä el Aaschr manche- gute medicinische Buch befunden haben. 10 * 1-48 selbe, welche wir beim Besuche der Moschee des Sultahn Hassan kennen gelernt haben. Der Besucher der Moschee wäscht sich i'in Vorhofc und knieet auf einer der Strohmatten zum Gebet hin. Von der Kanzel spricht der Geistliche nur an gewissen Festtagen zum Volke herab. Es macht stets einen feierlichen Eindruck auf jeden gefühlvollen Menschen, wenn er, das Gewühl und Getös der Straßen verlassend, den Ort der heiligen Stille betritt. Hier, im Innern der Moschee, stört Nichts den Betenden. Eine wohlthuende Kühle empfängt den Eingetretenen und unwillkürlich heben sich die Blicke an den schlanken Pfeilern empor. Und wenn das Auge sich verliert in der hehren Wölbung der Kuppel, dann tönt die Stimme Gottes lauter zum Herzen und auch die Gedanken schweifen den Blicken nach. Dann bedarf es nicht mehr der Mahnung des Mueddihn: „Rüste dich zum Gebet!" Hier hat er nicht mehr nöthig, dem Gläubigen die schönen Worte zuzurufen: „Es ist kein Gott außer Gott! Er ist der Ewige, der Alleinige. Er hat Keinen, der ihm gleich wäre; Ihm gebührt die Herrschaft, Ihm gebührt der Preis! Er gibt das Leben und sendet den Tod, er aber lebt und stirbt nie. In seiner Hand liegt die Fülle des Segens, denn er ist allmächtig. Es ist kein Gott außer Gott und wir wollen Keinen anbeten außer ihm, dienet ihm in aufrichtiger Gottesfurcht. Gepriesen sei der Ewige, der Alleinige!" Der Mensch fühlt es, daß er im Heiligthume seines GotteS steht; unwillkürlich möchte, dem Mohammedaner gleich, auch der Christ niederknieen und wie jener sein Haupt zur Erde beugen. — Mit den Moscheen, welche in Testamenten frommer Mohammedaner mit milden Stiftungen und Geldgeschenken bedacht werden und oft ein großes Vermögen besitzen, sind gewöhnlich noch öffentliche Wohlthatigkeitsanstalten verbunden. Die Moscheen hatten namhafte Einkünfte und besaßen, wie die christlichen Klöster, große Ländereien, aber Mahammcd-Aali hob im Jahre 1865 allen Grundbesitz auf, erklärte sich zum alleinigen Eigenthümer desselben und zog in den Jahren 1810 bis 1812 auch das Besitzthum der Moscheen ein. Seine Maßregel brachte eine lebhafte Entrüstung unter 149 dem Volke hervor. Die Ulcma vereinigte sich und erklärte den Pascha sür abgesetzt. Allein die weltliche Gewalt besiegte die geistliche. Der Vizekönig nahm die widerwärtigen Schristgelehrten gefangen und schickte sie sammt und sonders in die Verbannung, damit sie dort „ihre durch vieles Studien geschwächten Geistesfähigkeiten erholen möchten." Jedoch sind die Moscheen noch nicht verarmt. Viele Arme, gewöhnlich Blinde, werden von ihrem Vermögen unterhalten, Hungrige gespeist, Kranke mit Arznei versehen,. Irre versorgt, Pilger und Reisende beherbergt und unter Anderen auch Brunnen gebaut. Einzelne Moscheen besitzen öffentliche Bäder und erhalten deren oft sehr bedeutende Einkünfte. Die erwähnten öffentlichen Brunnen sind eine große Wohlthat für das Volk. Sie werden nicht von fließendem Wasser, sondern durch Sakhaht, welche ihre Schläuche in ein großes Bassin ausleeren, gespeist. Man sieht die meist halbkrcisrundcn Brunnenhäuser fast in jeder Straße, wenigstens in der Nähe einer Moschee. Messingbechcr hängen an Ketten aus eben derselben Metallmischung an dem Schnitzwerk der Einfassung zum Gebrauche eines Jeden, der trinken will. Um den Brunnen herum sind oft noch Steinbänke zum Ausruhen angebracht. Andere Brunnenhäuschen sind gairz verdeckt; nur steinerne Stufen und einige Heber mit Messing- mundstücken bezeichnen sie dein Vorübergehenden. Daran sieht man oft Durstige stehen und begierig an den Mcssingknöpfen saugen, um das nothwendige Lebensclement emporzuheben. „Man muß diese Wasserspendcn gesehen, man muß, verschmachtet, selbst mit getrunken haben, um auch noch in der bloßen Erinnerung lebendig und mit Seele zu begreifen, was für ein schönes, natürliches und ewig wahres Menschcnthum sich in solchen Anstalten manife flirt und in welch' poetischer, jedes Menschenherz ergreifender Gestalt*)." Ja, in der That, man muß im heißen Afrika gelebt haben, um das Wasser schätzen zu lernen, um zu begreifen, wie es dort die Hauptbedingung zur Möglichkeit des Lebens ist. In den dicht 150 belebten Straßen Kairo'S gehen Wasserträger auf und ab, um den Durstigen ihr unschätzbares Getränk anzubieten. Sie tragen an Achselbändern auf dem Rücken eine große hohe Flasche mit blechen nein Ausguß, in den Händen Messingschalen (Tahse) und gehen rufend und mit den Schalen klappernd durch das Gedränge. Großes Vergnügen gewährt es dem Fremden, das Wasser auf eigne Rechnung verschenken zu lassen. Man gibt dem Sakha einen oder zwei Piaster und fordert ihn auf, das von ihm jedem Durstigen angebotene Labsal unentgeldlich zu verschenken. Mit lauter Stimme ruft er dann das Volk herbei, zugleich in seiner blumenreichen Rede dem Geber der durch ihn vertheilten Wohlthat dankend: „Der Tag ist gesegnet, kommt herbei, meine Brüder, und trinkt süßes, in dem unvergänglichen, segenspendenden Strome frisch geschöpftes Wasser! Ein Mildthätiger schenkt es Euch, er gab seine Gabe mir armen Manne, damit ich die Durstigen tränke und erquicke; bittet, daß Allah ihn segnen möge! Kommt Alle herbei, mein Gefäß ist gefüllt, mein Wasser ist süß, kommt und trinkt." Selbst diese Wasserträger sind oft Gesandte der Moscheen, gewöhnlich bevorzugte Arme, denen man durch die Erlaubniß, in einem gewissen Bezirke Wasser feil bieten zu dürfen, eine kleine Einnahme sichern will. Die Wohlhabenderen geben ihm für seine Spende fünf oder zehn Para, den Armen schenkt er umsonst. — Unter die öffentlichen Anstalten gehören auch noch die türkischen, warmen Bäder. Sie sind täglich geöffnet und werden sehr zahlreich besucht. An gewissen Tagen sind sie Vormittags, an andere» Nachmittags den Männern verschlossen, weil dann die Frauen baden. Für Letztere ist das Bad ein Ort allgemeiner Zusammenkunft, weshalb eine türkische Dame auch stets wenigstens vier Stunden im Bade verweilt. Dorthin bringen die Mütter ihre Kinder, um diese von ihren Freundinnen bewundern zulassen, dort werden die Klatschgeschichten der ganzen Stadt erörtert und die Erlebnisse gegenseitig ausgetauscht; kurz, es werden im Bade alle die weiblichen Angelegenheiten erledigt, welche unsere Damen in Kaffe- und Theegesellschaften zu besprechen Pflegen. Daß dann nur weibliche Bedienung zugegen ist, versteht sich von selbst. 151 Die gewöhnliche Badezeit der Männer ist früh, vor Sonnenaufgang oder kurz nachher. Selten wird gebadet, wenn man schon etwas genossen hat, bis zehn Uhr Vormittags aber ist das Bad stets besetzt. Der Türke hält es für einen der höchsten Genüsse und hat nicht Unrecht. Wenn der Europäer zum ersten Male ein „Hainahm" besucht, gefällt es ihm gewöhnlich nicht darin, allein bald verspürt man die wohlthätigen Folgen des Bades an seinem Körper und kehrt dann je öfter, je lieber in das Bad zurück. Nach einer zurückgelegten beschwerlichen Reise oder anderen Strapatzen ist es eine wirklich genußbringcnde Wohlthat. Der Türke besucht es sehr fleißig, weil ihm von seiner Religion nicht allein die größte Reinlichkeit auferlegt, sondern auch geboten wurde, bei gewissen Gelegenheiten den ganzen Körper zu waschen, um wieder ,,tahir" (s. S. 180 d. 1. Th.) zu werden*). Von der Außenseite sieht ein Hamahm gewöhnlich nicht gerade einladend aus. Es gleicht manchmal einer Ruine mehr, als einem öffentlichen Gebäude und nur ein gut crhaltncs Thor scheint darauf hinzudeuten, daß man in einen noch unzcrtrümmerten Raum gelangt. Beim Eintritt kommt man zuerst in eine ziemlich erwärmte Vorhalle, an deren Wänden in verschiedenen Abtheilungen acht Fuß breite Erhöhungen hinlaufen. Hier sind Matratzen oder für das ärmere Volk Strohmatten ausgebreitet. Die Halle ist sehr hoch und von vielen langen Holzstangcn durchkreuzt, in denen die Badetücher zum Trocknen aufgehangen werden. Beim Erscheinen eines Badegastes wird eine der Matratzen mit einem Leintuche überdeckt und ein anderes stärkeres Tuch als Decke bereit gehalten. Man entkleidet sich und erhält von einem den Badewärtcr ein Leintuch als Schürze vorgebunden, ein anderes turbanähnlich um den Kopf gewickelt. Nachdem man so zum Baden vorbereitet ist, wird man in das zweite Zimmer geführt, in welchem sich bereits eine ziemliche Hitze fühlbar macht. Der Boden des Gemaches ist heiß und schlüpfrig, weshalb man die Füße mit Holzpantoffeln bekleidet *) kost ooncuditum lNskzmmoäsiii semper dslneo utuaiur 152 und sich, um nicht zu fallen, führen lassen muß. Hier wird man erst tüchtig durchgewärmt, bevor man die eigentliche Badestube betreten darf. Diese ist ein viereckiger, mit einer flachen Kuppel überdeckter Raum; in der Kuppel befinden sich durch verschiedenfarbiges GlaS verschlossene Ocffnungen. An den Wänden sind Nischen mit Becken angebracht, welche durch zwei Hähne mit heißem und kaltem Wasser versehen werden. In der Mitte des Zimmers ist ein Bassin mit Wasser von scchsunddreißig bis vierzig Grad Reaumur Wärme und neben diesem eine Steinbank von anderthalb Fuß Höhe und einem Flächenraum von zwölf und mehr Fuß in's Quadrat. Der Boden des Gemachs ist mit buntfarbigen Marmorplatten getäfelt. Die Hitze in diesem Raume ist beängstigend. Nun beginnt das eigentliche Baden. Der Hamahmdji oder Badewärter durchknetet erst alle Glieder des Patienten, welcher sich zu dieser Operation auf das erwähnte Steinlager legen muß. Der Schweiß dringt diesem dabei aus allen Poren heraus und rinnt in Strömen am Körper herab. Nachdem der Bader die Glieder hinlänglich gedehnt, gekniffen, gedrückt, gedreht und gerenkt hat, bringt er ein Gefäß mit Seife und warmem Wasser herbei, seift den ganzen Körper tüchtig ein und bearbeitet ihn mit einem Wisch von seinen Dattelfascrn unaufhörlich. Dann verwechselt er die „Liese" mit einem weniger kratzenden, handsckuhartigen Lappen von grobem Tuch oder sehr feinem Filze und reibt mit diesem die Haut so lange, bis sie sich stark röthet. Nun räth er dem Badenden, in das Bassin mit dem sechsunddreißiggrädigen Wasser zu steigen und sich darin abzuspülen, was ich aber billiger Weise stets unterlassen habe. Von hier aus wird man zu einer der Stufen geführt, wo man sich auf einen steinernen Stuhl setzt und nochmals einseifen und waschen läßt. Dann gießt der Hamahmdji mit einen blechernen Becher Ströme von Wasser über den Badenden aus. Nach und nach nimmt er das Wasser immer kälter, bis er zuletzt nur lauwarmes anwendet. Jetzt wird man der nassen Tücher entkleidet und bekommt ein reines Leintuch um die Hüften, ein anderes um die Schultern ge- 153 schlagen, ei'n drittes wieder als Turban um den Kopf gewickelt. In diesem Aufzuge wird man zu dem ersten Zimmer zurückgeführt und legt sich dort auf eine der reinlich überzogenen Matratzen nieder. Nun erscheint ein anderer Badewärter, uin die Nagel der Fußzehen zu verschneiden und den ganzen Körper noch einmal durchzukneten. So unangenehm diese Operation vor dem Bade ist, ebenso angenehm ist sie nach demselben. Man fühlt sich außerordentlich behaglich zwischen seinen Lcinentüchcrn, zumal bei einer Pfeife des köstlichen Tabaks und einer Tasse guten ächten Mocha's. Hier ruht man ein halbes Stündchen aus und kleidet sich dann wieder an. Der Preis eines türkischen Bades ist nicht bestimmt; Jeder gibt nach Gutdünken. Die armen Egypter zahlen nur fünfzehn Para, während Europärer und vornehme Türken gern drei bis fünf Piaster geben. Der Kaffe wird besonders bezahlt. In Kairo ist jedes Bad für anständige Leute eingerichtet und vorbereitet, in kleineren Städten thut man dagegen wohl, wenn man baden will, es vorher dem Badewärter ansagen zu lassen, dainit dieser das andere Gesindel entferne, in dessen Gesellschaft nicht gut zu baden ist. — Wollte ich bei Erwähnung der öffentlichen Gebäude aller Geschäftslokale hoher Beamten der Regierung gedenken, so würde das dem Zwecke dieser Blätter keineswegs entsprechen. Ich beschränke mich auf eins von ihnen: das Polizeiamt oder die SLbth'iö. Es ist ein großes, dicht am Eingänge der Muhski gelegenes Gebäude, in welchem sich viele Säle für alle die verschiedenen Zweige der Polizeivcrwaltung befinden, mit Schreibern, Effendis und anderen Beamten vollgcpropft. Das untere Stock enthält die immer gefüllten Gefängnisse. In der weiten Thorfahrt sieht man stets einige Khawaffen, d. h. Polizcidiener, Gensd'armen, Constabler oder was für einen Titel man ihnen sonst geben will, auf Khafaß- bänken sitzen und der Befehle eines Polizeibeamten harren. Die Leute sind uniformirt und unermüdlich im Dienste. Man wählt zu ihnen meist Soldaten türkischer Abkunft, welche früher bei der irregulären Kavallerie eine Stelle als Unteroffizier bekleideten. — Die Schulen sind keine öffentlichen Gebäude, sondern ganz nach Willkür der Fukhera ausersehene, große Zimmer in beliebigen Häusern. Hiervon sind natürlich mehrere von Mahammed-Aali angelegte, von Aabahs-Pascha aber thcilweis schon wieder aufgelöste oder wenigstens ganz vernachlässigte Schulen ausgenommen. Auf ihnen wurden talentvolle Knaben auf Kosten der Regierung in mehreren Sprachen und den nöthigsten Wissenschaften unterrichtet und zu Beamten herangebildet. Die Schulen oder, besser gesagt, die Hochschulen (Meträsse) standen unter spezieller Leitung tüchtiger Europäer und waren in recht gutem Zustande. Da übernahm Aabahs die Regierung, besuchte die Schulen und nahm die Hälfte der Zöglinge weg, um sich aus ihnen ein phantastisch gekleidetes Cadettcnregimcnt zu bilden. Die hübscheren unter ihnen wußte er noch besser zu verwenden und steckte sie in seinen Kna- benharehm. Gewöhnliche Volksschulen werden von einem Fakh'rc (Geistlichen) oder Hohdje (Lehrer) angelegt und sind Privatanstaltcn. Dort werden die Knaben einige Jahre unterrichtet und lernen den Khorahn lesen, Schreiben und Rechnen*). Die Schulstubcn befinden sich zur ebenen Erde; unbekümmert um das Gewühl und das Leben der Straße vor ihnen beginnt der Lehrer seinen Unterricht und gewöhnt die Knaben frühzeitig daran, eine gute Partie Schläge auf die Fußsohlen ertragen zu lernen. Das Getöse und Lärmen vor der Thür der Schulstube stört die lernbegierige Jugend übrigens nicht im Mindesten, weil sie selbst ein Lärmen verursacht, gegen welches das auf der Straße „Friede Gottes und süße Harmonie" ist. In allen Nythmen und Tonarten lesen, sprechen, brüllen und heulen sie durch einander und entwürdigen dabei den Khorahn auf eine abscheuliche Weise. Ernsthaft sitzt der mit einem langen Rohrstabe bewehrte Fakhie auf einem Kissen und hört, wie wenn er zwanzig Ohren hätte, auf das Durchcinanderbrüllen der *) An letzterem sind die Araber »och sehr zurück und bedienen sich unter Anderem ganz absurder Zeichen, um die Bruchtheile halb, viertel, achtel, sechzehnte!, drittel, sechstel, nenntet, zwölftel, fünftel und zehntel auszudrücken, denn weiter geht ihre Kunst nicht. Einen koptischen Schreiber, der sich rühmte, ein großer Rechnenmeister zu sein, brachte ich mit einem Kettenregelexempel in nicht geringe Verlegenheit. Jugend. Wenn Einer nur einen Buchstaben fehlerhaft liest, der Lehrer hat es gewiß gehört und ermähnt seine Schüler mit einem Schlag seiner Gerte, achtsamer zu sein. Beim Schreiben haben größere Schüler die jüngeren und unwissenderen mit zu beaufsichtigen. Das Schulgeld, welches der Fakh'ie von den Eltern der Kinder empfängt, ist gering und lange nicht hinreichend, ihn zu ernähren, weshalb er noch viele Nebendienste treibt, z. B. Briefe für des Schreibens Unkundige, Kontrakte, Schuldverschreibungen und andere Schriften anfertigt. Von den Fabriken spreche ich nicht; ich habe mich nie dafür interessirt, auch stehen sie unter der Mittelmäßigkeit. Kairo's Vorstädte sind für sich betrachtet ganz anständige Städte. Bulakh soll vierundzwanzigtauscnd, Alt-Kairo fünf- zehntauscnd, Djieseh ungefähr sechstausend Einwohner haben. Bulakh liegt eine Viertelstunde, Fostat zehn Minuten von der Stadt entfernt, beide dicht am Nile. Beide sind die Häfenplätze der Stadt, Bulakh für die nach Unteregypten, Altkairo für die nach Oberegypten gehenden Schiffe. Beide Städte haben ihre eigene, der von Groß-Kairo jedoch untergeordnete Polizeiverwaltung. In Bulakh befindet sich ein Hauptzollamt, das Arsenal auf der Werfte, die Druckerei, Erzgießerei, das Büreau für die Dampfschiffe, Baumwollenspinnereien und andere Fabriken; Alt-Kairo hat auch ein Zollamt, Zuckersiedereien, Dampfschöpfmaschinen und mehrere Fabriken, ich weiß nicht mehr wozu. In Djieseh befinden sich eine große Militärschule für die Reiterei, die Regicrungsgcbäude für die Provinz Massr oder Mittelegypten und die Brütöfen, wie auch mehrere Dampfmaschinen zur Bewässerung der den Söhnen Jbrahihm - Pascha's gehörigen Ländereien. Unzählige Rcitesel, Pferde, mit Ochsen bespannte Waarenkarren, Kamele, Maulthicrc und in neuester Zeit zwischen Großkairo und Bulakh sogar Perso- nenomnibi stellen die Verbindung unter diesen Stadttheilen her; der Verkehr ist, wie sich erwarten läßt, sehr lebhaft. Die Vorstädte haben ihre eigenen Basars, in denen man die gewöhnlichsten 156 Handelsartikel nicht selten billiger kauft, als in Großkairo selbst. Das Leben ist in den Vorstädten weit billiger, als in der eigentlichen Stadt, weshalb auch viele Geschäftsleute dort ihre Wohnungen haben. — Die Umgebung der Hauptstadt ist nicht besonders schön, gewinnt aber durch die großartigen Denkmäler der Vergangenheit, auf die man in jeder Richtung stößt, sehr an Interesse. Südlich von Großkairo liegt die über eine halbe Meile lang und Viertelmeile breit, am Fuße des Mokhatham in der Wüste ausgebreitete Stadt der Todten einiger Jahrhunderte, um die Moschee Amru, die älteste der Khahira, herum. Es wird Dem, welcher zwischen den Tausenden der Gräber, von denen Hunderte mit Kapellen und Kuppeln überbaut sind, herumwandelt, ganz eigen zu Muthe. Der Geist des FricdhofeS überkommt Einen hier unter all den Gräbern. Da schlummern die großen Todten friedlich in der Wüste! Kaum daß man einen Laut hört, kaum daß man einen Vogel oder eine Eidechse sieht! Alles ist still und heilig, wie es auf dem Friedhofe sein soll. Lange, gassenartig angelegte Reihen von kup- pelbedachten Grabmälern überwölben die Gräber der früheren Herrscher des Landes, der Mameluken, andere gehören reichen und mächtigen Amara an. Und dazwischen sieht man im Sande ein halb verfallenes, elendes Grab, ohne die stolze, prunkende Inschrift, wie wir sie an jenen bemerken: wem mag dieses angehören? Es ist ein eigener Gedanke, über den Gräbern der Todten Prachtbauten zu errichten, eine Stadt der Todten anzulegen! Man meint immer, Einer von denen, die hier schlummern, nachdem sie das Schwert oder die Seuche oder die Ucberlast des Alters hinwegge- rafft, müsse hervortreten aus einem der Gebäude, um dem seltenen Wanderer, der diese Stätte betritt, zu begegnen und ihm Vieles, Vieles von verflossenen Jahrhunderten zu erzählen, und fast überfällt Einen ein Grausen! Aber bei denen sind längst die Boten Gottes Munk er und Nekihr vorübergegangen und haben ihnen ihre Fragen vorgelegt. Der „Klopfer" hat den Todten geweckt und der Prüfer*) hat gefragt: „Wer ist dein Herr?" und *) Mnnker und Nekihr ist von der Wurzel „nsksrs", Etwa» nicht 157 auf die Antwort geharrt: „„Gott ist mein Herr!"" „Was ist dein Glaube?" „„Der Jslahm ist mein Glaube!"" „Was ist dein Buch?" „„Der Khorahn ist es!"" „Welches ist deine Richtung?" „,,Die Khabala!"" ,,Welches ist dein Glaubensbekenntniß?" „„l-o, il Inka il Naksmmeä rassulrl ^Ilak."" Und bei wie Vielen wird dann Nekibr geantwortet haben: „Schlafe, Knecht Gottes, schlafe im Frieden Gottes!?" Nun so schlaft denn in Frieden Gottes, ihr treuen und untreuen Diener des Propheten, und möge nie eine frevelnde Hand an Euren Wohnungen rütteln, möge immer der traurig melancholische Ruf der Wüstenlerche zwischen Euren Ruhestätten erschallen, als sei er in seiner unendlichen Schwcrmuth ein Klaggesang; er stört Euch nicht, ebensowenig ihr den buntgeflügelten Steinschmäz- zer vertreibt, der in Euren Wohnungen auch sein Nest erbaute. „^Ilali arcimmkum!" Gott begnadige Euch! — Weiter nördlich, also südöstlich von der Stadt, liegen die Chaliefengräber. Es sind fast an hundert prachtvolle, aus allen Perioden der sarazenisch-arabischen Baukunst herrührende Moscheen, voller Geschmack und.Kunst, mit hohen Kuppeln und Minarets, innen und außen mit regellos und wirr durch einander geschlungenen und doch harmonisch zum Ganzen passenden Arabesken. Kein Zeichner ist im Stande, dem Chaos von Blumen und Blättern und Aesten mit seinem Blei zu folgen, welches die Kuppeln von allen Seiten bedeckt. Licht und Schatten wechseln bei der Beleuchtung Egyptens in einer Weise ab, die gar nicht zu beschreiben ist. Man muß Moscheen, man muß die Chaliefengräber selbst gesehen, man muß vor ihnen im Sande der Wüste gestanden, man muß* das Tosen der lebensvollen Stadt hier in der ewigen Stille der Wüste wie fernes Gemurmcl erklingen gehört haben, wenn man den Eindruck fühlen will, den sie hervorbringen. Da verstummt wissen oder nicht wissen wollen, ableugnen rc., abgeleitet. Ich habe Munker, wörtlich „der Etwas nicht Wissende", mit „Klopfer" und Ne- kihr „der Etwas Ableugnende", mit „Prüfer" übersetzt und bin so mehr der Sage, als der Grammatik gefolgt. Nach jener klopft Munker an das Grab des Todten und Nekihr stellt die angegebenen Fragen an denselben. 158 jede Erzählung, da hört die Feder auf, wirksam zu sein. Es gibt davon Viel zu erzählen, so Viel zu schreiben, daß man keinen Anfang und kein Ende finden würde. Mich interessirte vor Allem das Grab des unglücklichen vorletzten Beherrschers Egyptens, der dem türkischen Sultahn Selim auf seine Forderung: das Gebet in der Moschee für ihn zum Himmel zu senden, die trotzige Antwort gab: „Da sei Gott vor, daß ich Das thun lasse für einen räutigen Hund, wie Du es bist!" Der Sultahn sandte sogleich eine eben ausgerüstete Flotte und ein Landhecr nach Egyp- ten, den Frechen zu bestrafen. Doch Allah verschonte ihn von dem schrecklichen Zwanggerichte des erbosten Wütherichs: er starb und sein Nachfolger wurde für ihn der Rache geopfert und lebendig gespießt. Sultahn Selim eroberte das ganze Land und zog durch ein Thor in Kairo ein, welches noch heute Bahb el nassr (das Sicgesthor) genannt wird. Es ist dasselbe Thor, durch welches man jetzt die Stadt verlassen muß, um zu dem Grabe des stolzen Chaliefen zu gelangen. Wenn wir in der einmal begonnenen Richtung unsere Rundwanderung um Kairo fortsetzen, kommen wir zu einem im Beginn begriffenen neuen Stadttheile, Aab ah sie. Man hätte in allen Sprachen der Welt keinen passenderen Namen finden können, als gerade diesen. Die Idee, einen Stadttheil in die Wüste hinaus zu bauen, der mit dem Tode des Erbauers verlassen werden wird, konnte eben nur aus dem Gehirn eines Aabahs entspringen. Und dann die Art und Weise des Baues selbst ist ebenso aabahsisch, als die Idee. Der bereits vollendete Palast Sr. Hoheit zeugt von dem allererbärmlichsten Geschmack, den es geben kann, oder, besser gesagt, von gar keinem. Wenn nun auch der Vizekönig den Riß zu dem Gebäude nicht selbst zeichnete, den äußeren Putz hat er ganz gewiß angeordnet. Es sind grüne und rothe Felder neben einander und mit einander abwechselnd. Grün und Roth inmitten der Wüste! Man glaubt gar nicht, wie abscheulich das aussieht. Zu Anfang des Jahres 1852 waren außer dem Palaste Sr. Hoheit nur wenig andere Gebäude fertig. Der Befehl des Vizekönigs an alle hohe Beamten, dort auch Gebäude zu errichten, 159 schien diesen nicht gerade besonders zu gefallen, wenigstens zeigten sie keine große Eile. Allein dennoch waren mehr als tausend Arbeiter in Thätigkeit, meistens von der Regierung gepreßte und mit der Hetzpeitsche zur Arbeit getriebene Leute. Der Vizekönig hielt sich oft in seinem neuen Schlosse auf und ließ seine Knabenbatail- lonc Parade machen. An Hunden, Katzen, Hühnern, Tauben und anderem Pich fehlte es da, wo Aabahs sich aufhielt, natürlich nie. Nördlich von Aabahsie oder Hassuan liegt gegen zwei Stunden von Kairo entfernt das altbcrühmte Heliopolis, schon in der Bibel unter dem Namen On (1. B. Mosc 41. 50) erwähnt. Der Weg führt von Kairo aus an Aabahste vorüber, auf dem Damme eines Kanals dahin, welcher sich fast am Saume der Wüste hinzieht und nach dem Lande Gasen wendet. An der Stelle des alten Sonncntempels sieht man das heutige Dorf Mätsrks. Nur noch ein einziger Obelisk steht aufrecht, alles klebrige liegt im Schütte begraben, auf dem man theilweise schon wieder Gärten angelegt hat; große Strecken sind noch vom Schutt bedeckt. Der Obelisk ist einer der größten und schönsten, welche ich in Egypten gesehen habe, dient aber jetzt einer Art Wespen zur Wohnung, welche seine Hieroglyphen und Cartouchcn mit Lehm überklebt haben. Nicht allzu weit vom Obelisken entfernt stößt man auf eine große Merkwürdigkeit in Egypten: eine Quelle mit süßem Wasser. Die Araber nennen sie „Ai'n el schemms", d. h. die Sonnen- quelle. Die Sage bezeichnet sie als dieselbe, von welcher Joseph und Maria mit dem Kindlein auf ihrer Flucht nach Egypten tranken. Ganz in der Nähe sieht eine uralte, riesige Sykomore in einem Garten. Unter diesem Baume soll die Mutter des Heilandes mit ihrem Gemahle und dem Kinde geruht haben, nachdem sich die Familie an der Quelle erquickt. Der Baum steht in großer Achtung bei den Christen Egyptens und Syriens, dient aber auch zu gleicher Zeit einem merkwürdigen Aberglauben zur Basis. Man glaubt nämlich, Unfruchtbarkeit der Frauen dadurch heilen zu können, daß man einen Bindfaden um den Stamm des Baumes legt, 160 gewisse Ceremonieen beobachtet und dann den Bindfaden der Frau um den bloßen Leib herum bindet. So geht hier der Aberglaube mit der Sage Hand in Hand und schwächt die lieblichen Erinnerungen, welche uns diese vor die Seele führt. Mit Heliopolis haben wir das letzte, von uns noch nicht besuchte Denkmal aus der Pharaonenzeit in der Nähe Kairo's kennen gelernt und wenden uns auf unseren Ausflügen jetzt zu dem noch in voller Blüthe stehenden, lebendigen: ich meine die großartigen, orientalisch-schönen Gartenanlagen in Schubra und auf der Insel Roh da oder Rudah. Schubra liegt drei Viertelstunden nördlich von der Hauptstadt. Man reitet in einer schönen schattigen Allee von Sykomo- ren und Platanen dahin. Am Wege stehen Mimosen, deren Blü- thendust die ganze Atmosphäre würzt. Zahlreiche Landhäuser machen den sehr belebten Weg angenehm; sehr viele Schöpfräder bewässern rechts und links am Wege herrliche Gärten mit dunklen Orangenhainen. In Schubra zeigte man früher dem Fremden zuerst einen großen männlichen Elephanten mit mächtigen Stoßzähnen. Er war mit einer starken Eisenkette am Stamme einer Sy- komore gefesselt. Später nahm ihn Saaid-Pascha, der jetzige Vizckönig, mit sich nach Alerandricn, wo er, wie ich bereits berichtete , im Mareotissce ertrank. Der große berühmte Garten von Schubra, den einige Reisende den ersten Garten der Welt nannten, macht den Eindruck, welchen man erwartet, nicht. Er ist im Renaissance angelegt, gut bewässert und gehalten und von einer ganzen Vogelwelt bewohnt. Mitten darin steht der Kiosk oder Sommerpalast des alten Mahammed- Aali. Das großartige Gebäude bildet ein ungeheures Viereck, innen mit breiten Colonnaden, deren von vergoldeten Säulen getragenes Dach auf das Mannigfaltigste verziert ist. Die Säulengänge umschließen ein ungeheures Marmorbecken, in dessen Mitte sich auf einer Insel ein Pavillon erhebt. Das Ganze kann mit Gas beleuchtet werden und muß dann bei Nacht einen wirklich feenhaften Anblick darbieten, noch eher aber ihn zu Zeiten des alten Muhammed ihn dargeboten haben, wenn dieser sich, wie er gar gern that, 161 von den Frauen seines Harehm in einem kleinen leichten Boote auf der spiegelglatten Fläche des Wassers herumfahren ließ. Dann machte er sich auch gern den Spaß, eine der schönen Ruderinnen plötzlich in's Wasser zu werfen, welches nirgends so tief war, daß ein ernstlicher Unfall daraus hätte entstehen können, und ergötzte sich weidlich an dem Schrecken der geängstigten Frau, ehe er einem der Verschnittenen den Befehl gab, sie wieder herauszufischen. Die vier Ecksalonö des Kiosk sind mit verschwenderischer Pracht ausgestattet. Man scheut sich, im europäischen Anzüge mit den Stiefeln auf den prächtigen Teppichen herumzuwandeln oder sich auf einen der kostbaren Diwahns niederzulassen. Der höchste türkische Lurus zeigt sich überall. In einem der erwähnten Zimmer befindet sich auch ein Billard, welches, wie es scheint, ein Lieb- lingsspiel des alten Pascha gewesen sein muß, weil wir es in allen Palästen desselben bemerken. In dem Garten sieht man viele schattige Lauben, zu denen kühle, mit kleinen Steinen mosaikartig ausgelegte Wege führen. Als eigene Liebhaberei Mahammed-Aali's zeigte man früher noch mehrere hundert Paare seltener Tauben in einem großen Drahthause. Diese erfreuten sich auch unter der Regierung Aabahs des Großen der innigsten Theilnahme. Schubra ist ein Besitzthum des Vi'zckönigs; Rohda gehört den Söhnen Jbrahihm Pascha's. Die köstlichste aller Inseln Egyp- tens liegt zwischen Fostat und Djiesch im Nike. Sie ist bei einer Breite von zehn Minuten über eine Vicrtelmeile lang, enthält den berühmten Nilmcsser, Harehnigebäude des verstorbenen Jbrahihm und Wohnungen für hohe Beamte desselben. Das Uebrige ist in einen Garten, den wir wohl am Besten einen orientalischen Park nennen könnten, umgcschaffen worden. Wahrscheinlich haben ihn Europäer angelegt. Man sieht die allcrverschiedensten Pflanzen und Bäume in malerischen Gruppen vereinigt. Die Pinie Griechenlands steht neben der Dattelpalme Egyptens, indische Blüthenge- wächse im Schatten von nubischcn Dompalmen. Pflanzen und Bäume dreier Erdtheile wachsen in diesem Garten frei empor. WaS Indien und Persien, Syrien und Arabien, Palästina und Grie- » 11 162 chenlcmd, die Türkei und Tunis, Spanien und Algier, Nubien und Ost-Sudahn an seltenen Gewächsen bietet, ließ Jbrahihin auf der Insel Rohda pflanzen. Breite schattige Gänge sichren in den mannigfaltigsten Verschlingungcn, durch Orangenhaine und innner- blühende Rosenhecken, zwischen Blumenbeeten und fremdartigen Gebüschen dahin, dann und wann sich dem einen oder dem anderen Ufer der Insel nähernd, um einen Blick auf die Pyramiden oder Alt-Kairo mit den leuchtenden Minarets der Citadelle im Hintergründe zu erlauben. Manche Theile des Gartens sind mit Staketen aus Rohrstäben eingefaßt, andere mit stärkeren und festeren Zäunen umgeben, andere sind kleine, von breiten, gemauerten und mit wasserdichtem Cement ausgekitteten Gräben umzogene Inseln auf der Insel. Auf einem grünen, wohlumschlossenen Rasenplatze springen Känguruhs unter Damnchirschcn, Murmclthiere und Gazellen herum; mehrere Strauße, die Flügel lüftend und den langen Hals mit dein kleinen dummen Kopfe hin und her wiegend, stol- ziren langsam umher. Breite Steintreppcn führen auf der nach Alt-Kairo zu gelegenen Seite der Insel zum Strome herab, um den aus den Booten Landenden ein bequemes Aufsteigen zu gewähren ; am oberen Ende brechen feste Mauern die gegen die Insel anströmenden Wogen des mächtigen Stromes. Mitten im Garten steht ein kleines tempclartiges Gebäude, welches oben einen Saal mit schöner Aussicht und unten eine Grotte enthält, deren Wände mit Muscheln und Korallen auf das Reizendste verziert sind. Die Insel Rohda ist sehr schön, am schönsten aber erscheint sie aus der Ferne oder vom Strome aus gesehen. Wenn der Garten nicht dem großen Publikum geöffnet ist, ist es sogar ermüdend, zwischen den Blumen und Bäumen hcrumzuwandeln, ohne Jemanden, als einem der Gärtner zu begegnen. Europäern und Fremden ist Rohda nur dann unzugänglich, wenn sich der Harehm von einem der Söhne Jbrahihm'S dort aufhält. — Zwei Stunden südöstlich von Kairo stoßen wir auf eine na- turgeschichtliche Merkwürdigkeit, von welcher fast in allen Reisebe- schreibungen die Rede ist. Ich meine den sogenannten versteinerten Wald. Er liegt in der arabischen Wüste, hinter dem er- 163 stm Höhenzuge des Mokhadam. Auf dem gewöhnlichen Wege, den man zu Esel einzuschlagen pflegt, verläßt man die Maheruh- set durch daS Bahb clnassr, reitet an den Chaliefcngräbern und dem Djebel el achmar oder rothen Berge, welcher durch ein Thal von dem Djebel cl mokhadam getrennt ist, vorbei, läßt ihn links liegen, wenn man nur den Djebel cl chaschab oder versteinerten Wald zu besuchen beabsichtigt, thut aber wohl, den rothen Berg zu besteigen. Er besteht aus einem zerklüfteten rothen Steingerölle, welches ihm seinen Namen ertheilt hat. Bon seiner höchsten Spitze genießt man eine wundervolle Aussicht. Man schaut rechts auf Aabahsie und die diese Vorstadt umgebende Wüste, aus welcher mehrere Tclcgraphcnthürmc und Posthäuser an der Straße nach Sues hervorschimmern, sieht, nach links sich wendend, einen großen Theil des Rilthalcs mit den Pyramiden auf der anderen Seite des Stromes, mehr in derselben Richtung die Chaliesengräbcr und die Citadelle, vor sich auf das entfernte Bulakh, „und endlich schwimmt vor den berauschten Sinnen in einem Meere von Licht und Glänze die märchenhaft bethürmtc Kahira mit ihren dreihundert Moscheen. — Alle die Kuppeln blitzen in den revcrbcrircndcn Sonnenstrahlen und blähen sich so mächtig im blauen Aether, daß die weißen und schlank aufschießenden Minarets wie Fontaincn anzuschauen sind, durch welche den schwellenden Gewölben Luft gemacht wird, damit die architektonische Zauberei, die Fata Mor- gana, nicht wie ein buntes Scifenblascnspiel zerplatzt, so groß ist die Illumination der Sinne von dieser Wirklichkeit in Stein, daß sie auf Augenblicke wie Traum und Phantasmagorie erscheint*)." Eine Stunde weiter in der begonnenen Richtung fortschreitend, kommt man zum Djöbsl öl chaschöb. Dort liegt Baum an Baum versteinert. Welcher Prozeß mit dem Holze vorgegangen ist, begreift man nicht. Die einzelnen Stämme kann man auch noch aus der Richtung verschiedener Blöcke erkennen. Keiner davon ist über 11 * ) B. Goltz. 164 zehn Fuß lang, sie liegen oft drei bis vier Fuß von einander entfernt, als wollten sie dem Beschauer die Idee aufdrängen, der Baum wäre in der Luft versteinert, dann umgefallen und durch den Sturz in mehrere Stücke zerbrochen. Die Tertur des Holzes ist noch genau zu erkennen. Große Massen des Steinholzes liegen zerstreut in der Wüste und bedecken einen Raum von mehr als einer Viertelmeile im Durchmesser. Außer dem Holz findet man auch noch Massen von versteinerten Muscheln und Fischen. Unter den Steinen halten sich sehr viele Scorpionen auf, auch Schlangen sind häufig. Wenn man von diesem Berge in südlicher Richtung fortgeht, gelangt man zu einem etwa vier Stunden weit entfernten Wadi, in welchem sich Mit mehr und schönere Stücke des versteinerten Holzes finden. Dort liegen Stämme von sicbenzig Fuß Länge umgebrochen auf der Erde. Ich selbst habe den Ort nicht besucht, auch ist mir der Name des Wadi entfallen. Welcher Holzart die versteinerten Bäume angehört haben, weiß man nicht. A l e r a «t d k i e n als Centralpunkt des europäischen Lebens. Nach dem, was ich von Egyptcn und Kairo bereits mitgetheilt habe, würde eine trockene, statistisch-geographische Beschreibung Alerandriens meine Leser ermüden. Ich will deshalb in diesem 'Abschnitte die Schilderung des Lebens der in Egyptcn ansäßi- gen Europäer zu meiner Hauptaufgabe machen und von der Stadt selbst nur Das, was zur Vervollständigung meines Buches unumgänglich nothwendig ist, hier mittheilen. Alerandrien, arabisch „Jskändör'iö", die stark befestigte Hafenstadt Egyptens, liegt unter 31" nördlicher Breite und 35/ östlicher Länge (Fcrro) und, wie man aus jeder Special- kartc sehen kann, auf einer sich eine Viertclmeile in das Meer erstreckenden, von zwei Hafenbecken umgebenen Landzunge. Bemerkenswertste Gebäude sind: die Festungswerke, das Arsenal, die Quarantäne, die Militärhospitäler, das Hafen- schloß des Vizckönigs, einige ältere Moscheen n. s. w., von Alterthümern nennt man gewöhnlich: die P 0 mp e j us säu le, die Radeln der Kleopatra, die Bäder dieser Dame, die Katakomben u. s. w. und zeigt dem Fremden hie und da in der Stadt und Wüste liegende Sarkophage, Säulenschäfte, Kapitale u. s> w. Nach einer den europäischen Konsulaten von der egyptischen Regierung gemachten Angabe hatte Alerandrien mit Umgegend im Jahre 1849 einhundcrtundviertausend Ein- w oh n e r. Die Anzahl der damals hier ansässigen Europäer mochte zwölftausend betragen und ließ sich in ungefähr sechstausend Italiener und Dalmatiner, viertausend Griechen und Malte- 166 ser und zweitausend von den übrigen Nationen eintheilen. Unter den zwölftausend sind aber auch alle diejenigen Levantiner und Kopten mit Inbegriffen, welche sich unter den Schutz der europäischen Konsulate gestellt oder vielmehr deren Schutz empfangen hatten. Eine bei Weitem größere Anzahl der Letzteren sind, wie auch die meisten Griechen Räjä. Die Scelenzahl der türkischen Bevölkerung mochte sich auf höchstens achttausend belaufen, alle übrigen Einwohner Alerandriens bestanden aus Arabern, Kopten und Lcvantinern, wenigen Juden, einzelnen Persern, Kurden, Syrern und Beduinen, welche Letztere manchmal ihre Zelte um Ale- randrien herum aufschlugen und sonderbarer Weise — wie auch die Bewohner mehrerer kleiner Ortschaften in der Nähe Alerandriens — mit zu den Einwohnern der Stadt gezählt wurden. Innerhalb der die Stadt umschließenden Festungsmauern dürften nicht mehr als achtzigtauscnd Menschen wohnen. Ob die von mir eben gegebenen Zahlen richtig sind oder nicht, muß ich dahin gestellt sein lassen; ich selbst gebe auf die Genauigkeit türkischer oder arabischer Personenzählungen nicht gerade Viel. In das Geheimniß des Ha- rehm dringt kein Späherauge und alle mahammedanischen Wohnungen sind nach Außen zu viel zu sehr abgeschlossen, als daß eine Schätzung ihrer Bewohner jemals ganz richtig ausfallen könnte. Ein mahammedanischer Herrscher weiß nie genau, wie viele Einwohner sein Reich zählt. Alle Angaben über diesen Punkt sind bloße Schätzungen, von denen man muthmaßt, daß sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Trotz der im Verhältniß zur ganzen Bevölkerung sehr geringen Anzahl der Europäer beginnt sich deren Uebergewicht doch mit jedem Tage fühlbarer zu machen. Die Europäer haben durch Maham- med-Aali: (El sälähm aale'ihu! Das Heil über ihn!) in Egypten vollkommene Religions - und Gewerbefrciheit erhalten. Wir finden jetzt drei christliche Mönchs- und ein Nonnenkloster in Ale- randrien. Eins der ersteren beherbergt Vätcr der Gesellschaft Jesu, welche sich auch schon hier festgesetzt und zu wirken angefan- 167 gen haben, die anderen beiden sind, wenn ich nicht irre, Fran- ziskancrklöstcr. Alle sind äußerst wohlthätige Erziehungsanstalten für die europäische Jugend. Die Schule der Jesuiten und die Mäd- chenerzichungsanstalt der Nonnen stehen im besten Rufe. Mit bewunderungswürdiger Selbstaufopferung üben die Nonnen auch die Pflege der Kranken im europäischen Hospitale. In Zeiten der Pest und Cholera erscheinen die Mönche mit wahrer Lebensverleugnung bei den Erkrankten, um sie zu Pflegen und zu trösten. Sonntags wird in allen Klöstern feierliche Messe abgehalten. Die Kirche der Jesuiten war der Versammlungsort der schönen europäischen Damenwelt Alcrandricns. Ihre Musik konnte für Alerandrien vortrefflich genannt werden. Die Kopten haben wie die Griechen, deren Religion auch die der Levantiner ist, eigene Kirchen und Klöster. Wir Protestanten haben bis jetzt nur eine englische Bctkapelle, doch hat man an einer neuen Kirche von Seiten der Engländer schon Viel gethan. Diese wird auf dem großen Platze des Frankenviertels, zwischen dem französischen und griechischen Konsulatsgcbäude im byzantinischen Style erbaut und verspricht sehr schön zu werden. Leider scheint das reiche England hierzu nur wenig Geld aufwenden zu wollen; der Bau fördert fast nicht und hat schon Jahre lang ganz brach gelegen. Der protestantische Gottesdienst wird bis jetzt nur in englischer Sprache abgehalten. Die Umgangssprache Alcrandricns ist Italienisch; Französisch ist, wie überall, die Sprache der vornehmeren Gesellschaft; Englisch wird wenig gesprochen, aber nächst dem Italienischen noch am Meisten von einzelnen Arabern erlernt, um den nach Egyptcn kommenden Engländern als Dragoman oder Reisebegleiter dienen zu können. Deutsch versteht, außer den Deutschen, Niemand. Umso mehr halten die Letzteren aber unter sich zusammen. Ich fand unsere Landsleutc größtcnthcils sehr zuvorkommend gegen einander; man hilft sich gegenseitig aus, so gut man kann und ist bemüht, einem fremden Landsmann auf daS Freundlichste zu begegnen. Obgleich der Deutsche Egyptcns, bei Lichte besehen, nicht der Beste ist, steht er dennoch als Arbeiter und wegen seiner Geradheit und Biederkeit, den andern Europäern Alerandriens gegen- 168 über, in ziemlich gutem Rufe. Es ist wahr, man findet einzelne verworfene Subjekte unter ihnen, aber noch immer die Meisten haben ihr ehrliches deutsches Wesen auch hier beibehalten, während man unter den Italienern, Maltesern und Griechen unter hundert Individuen neunundneunzig Schurken antreffen dürfte. Es ist eine schwere, aber leider genugsam begründete Klugheitsregel, beim Umgänge mit den in Egypten ansässigen Europäern jeden von ihnen so lange als Betrüger zu betrachten, bis man sich vom Gegentheil überzeugt hat. Man hat dann wenigstens den Vortheil, nicht so leicht betrogen zu werden, als es sonst geschehen würde. Deshalb frage man bei jeder Kleinigkeit, welche man bei einem Handwerker machen lassen muß, vorher, wieviel sie koste, ja man sei so vorsichtig, sogar im Gasthause sich vorher genau zu erkundigen, wieviel man für Das oder Jenes zu zahlen habe. Die Forderungen, welche sonst gestellt werden, übersteigen alle Begriffe von Unverschämtheit und da der Arbeitslohn und der Aufenthalt in Alerandrien sehr theuer ist, wird gerade dieses zum Deckmantel gebraucht, um desto größere Forderungen, scheinbar ganz gewissenhaft machen zu können. Derjenige, welcher sich bei einem Schneider einen Rock bestellt, ohne vorher mit ihm wegen des Preises ein Uebereinkommen getroffen zuhaben, kann darauf rechnen, einen ganzen Anzug bezahlen zu müssen. Es versteht sich von selbst, daß es Ausnahmen und noch am Meisten unter den Deutschen gibt, immer aber ist es gut, diese Regel fest im Auge zu behalten. Es ist nicht zu verkennen, daß sich die Verhältnisse der in Egypten lebenden Europäer mit jedem Jahrzehnt mehr gebessert haben. Man erkennt Das, wenn man nur fünfundzwanzig Jahre zurückblickt. Mord, Todtschlag und ein ganzes Heer anderer Verbrechen waren an der Tagesordnung. Die Europäer lebten in vollständiger Anarchie; sie bildeten eine ähnliche Gesellschaft, wie die in Eharthum ansässigen. Türken und Araber wurden noch nicht durch eine strenge Hand von Oben gezügelt. Der Religionsfanatismus der Mohammedaner betrachtete die fränkischen Fremdlinge mit neidischen und argwöhnischen Blicken. Reibereien und mehr oder weniger öffentliche Kämpfe zwischen beiden Parteien kamen 169 häufig vor. Der alte Mahammcd-Aali, ein Mann, welchem die Europäer den meisten Dank schulden und den wenigsten zollen, half diesem Uebclstande ab. Er führte eine strenge Polizei ein; die Konsuln überwachten ihre Unterthanen schärfer und die Stellung der Christen wurde, wenigstens den Mahammedancrn gegenüber, immer besser. Aber noch läßt die für die Europäer bindende, durch die Konsulate gehandhabte Gesetzvcrwaltung noch Manches zu wünschen übrig. Der sittlich gebildete Mensch bedarf zwar nirgends einer strengen Ucberwachung, wohl aber der Verbrecher. Und von letzteren treiben sich gar Viele unter den Europäern in Egypten herum, ohne daß sie jemals eigentlich so bestraft worden wären, als es in Europa der Fall gewesen sein würde. Die Generalkonsulate von Oesterreich, Preußen, England, Frankreich, Schweden und Dänemark verdienen alle Achtung; die übrigen lassen oft genug ein Verbrechen hingehen, ohne es zu ahnden. Aus Italien ist in neuerer Zeit der Abschaum des Landes nach Egypten gegangen; die verachteten Malteser und gefährlichen Griechen galten schon seit langer Zeit für den Auswurf der europäischen Nationen. Wie oft schon ist Mord vorgekommen, ohne daß der Mörder bestraft worden wäre! Man erzählt, daß ein Italiener, welcher einen Anderen erschlagen hatte, von seinem eigenen Konsulate bedeutet wurde, Egypten zu verlassen, weil man erfahren habe, daß die Hinterlassenen des Gemordeten den Mörder der Blutrache opfern wollten. Der Genannte entfernte sich. Von den Bestechungen der Beamten einzelner Konsulate wird so Viel gesprochen, daß, wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr ist, das übriggebliebene Wahre immer noch unsere vollste Verachtung verdient. Im Winter von 1851 — 1852 nahm der Dicbstahl in Alerandrien so überhand, daß, um dem Uebel zu steuern, von türkischer und europäischer Seite die schärfsten Verordnungen getroffen werden mußten. Man fand fast jede Woche in den Straßen von Messerstichen durchbohrte Personen. Die Thäter waren nur Europäer. Im Januar oder Februar 1852 erstach ein Malteser in Gegenwart vieler Menschen, auf offener Straße und am Vormittage in der Nähe des ersten europäi- 170 schm Kaffchauses einen Italiener. Der Mörder wurde gefangen genommen und an das englische Konsulat abgeliefert. Es hieß, daß der Generalkonsul, um einmal ein Erempel zu statuiern, seine Regierung um Ermächtigung gebeten habe, den Mörder auf dem großen Platze aufknüpfen zu lassen. Wie gern die Heimtücke der Italiener und Griechen, jener elenden, feigen und so recht niederträchtigen Völker, im Finstern schleicht, ist bekannt genug; denke man sich nun die Schlechtesten dieser Schlechten in Alcrandrien zusain- mcngchäuft und man wird begreifen, wie wenig da öffentliche Sicherheit herrschen konnte. Während des erwähnten Zeitraums war in Alcrandrien Nachts eine Waffe nothwendiger, als sie es in jedem egyptischen Dorfe war; wir Deutschen gingen fast nie aus, ohne einen sogenannten Borcr bei uns zu führen, d. h. zwei durch einen recht biegsamen Fischbeinstab verbundene, mit einem haltbaren Ledcrgeflccht überzogene schwere Bleikugeln, mit denen man einen beliebig starken und gefährlichen Schlag ausüben kann. In den Jahren 1848 und 1849 war die Erbitterung der Italiener gegen alle Deutschen — und vorzugsweise diejenigen, welche sich unter den kräftigen Schutz des österreichischen Generalkonsulats gestellt hatten — so groß, daß man nur die Straße betreten durfte, um sofort, „Tod den Deutschen, den Hunden, den Talgessern!" und andere beliebte italienische Schimpfwörter zu vernehmen. Die deutschen Handwerker Alcrandriens und Kairo's hielten sich zusammen und wurden dadurch von einem glühenden Patriotismus erfüllt. Dieser trat um so stärker hervor, je mehr sie durch die gemeinen Schimpfredcn der Italiener (welche jeder Deutsche ohnehin bald von Grund seines Herzens verachten lernt) gereizt wurden. So hatte unser Bedienter Karl in der Weinstube der deutschen Handwerker mit einem Italiener Streit bekommen und diesen einfach zur Thür hinausgeworfen. Nach kurzer Zeit erscheint der Italiener von Neuem und tritt an den Schenktisch. Da bemerkt Einer aus der deutschen Gesellschaft, daß jener den einen Arm auffallend steif hält und entdeckt ein langes Messer im Rockärmel verborgen, womit er seinen Beleidiger wahrscheinlich meuchlings zu erstechen gedachte. Sein Plan wurde aber vereitelt. Die Gesellschaft der Deutschen bestrafte 171 den Meuchler mit einer so derben Bastonade, daß er arg zugerichtet in's Hospital gebracht werden mußte und dort mehrere Mo- ^ nate hart darnieder lag. Wenige Tage später wurde Karl auf dem Heimwege Nachts in einem engen Gäßchen von zwei anderen Italienern angegriffen, von denen einer eine Pistole, welche aber glücklicher Weise versagte, auf ihn abdrückte. Ein einziger Schlag mit dem beschriebenen Borer fällte einen von den Beiden, der andere entfloh. Dies sind Thatsachen, welche ich erfuhr, weil sie meinen eigenen Bedienten betrafen, es sind aber nicht die einzigen, welche vorfielen. Die deutschen Handwerker, als tüchtige Raufer und handfeste Bursche anerkannt, blieben in ähnlichen Fällen, ohne Ausnahme, immer die Sieger. Sie nahmen nie, wie die Italiener, zu tödtlichen Waffen ihre Zuflucht, sondern begnügten sich, Jene dann und wann tüchtig durchzuprügeln, was sie auf's Aeußerste empörte. Bei einer Rauferei wurden die Italiener von den Deutschen mit dem beständig wiederholten Zurufe: „Ihr verdient weiter Nichts als Prügel, denn jede Waffe ist für Euch zu gut," f so arg zugerichtet, daß wiederum mehrere in's Hospital gebracht werden mußten. Ich weiß von dem Leben der Handwerker in Egyptcn Wenig zu berichten, weil es nicht rathsam ist, sich mit ihnen in zu vertrauten Umgang einzulassen. Es gibt unter ihnen leider viele Subjekte, welche man lieber flieht, als aufsucht. Der Hang zum Müssiggang wird von dem Klima und dem leichten Erwerb des Geldes weit mehr gefördert, als diesen Leuten gut ist. Mancher von ihnen gewöhnt sich den in jenen Ländern jederzeit vernichtenden Trunk an und sinkt dann bald zum vollendeten Lump herab. Immer noch die Meisten aber bleiben ordentliche, arbeitsame Leute und sind als rechtliche Männer geehrt und geschätzt. Die Türken und Araber achten den Deutschen nach dem Engländer am Meisten, während sie mit Recht den Griechen und noch mehr den Italiener sehr niedrig stellen. '' Man darf nicht zu glauben versucht werden, daß bei letzteren Nationen nur die sogenannten gemeinen Leute wegen ihrer Sit- tenlosigkeit verrufen sind; die Vornehmen, d. h. in Alerandrien 172 Diejenigen, welche mehr Geld als „die gemeinen Leute" haben, sind es wenigstens in eben so hohem Grade, vielleicht noch mehr. Viele sind erst durch Verbrechen, wie z. B. Wucher, betrügerischen Bankerott und dergleichen, reich oder vornehm (in Alerandrien ganz gleichbedeutend) geworden. Es wird dort Jemanden leicht verziehen, wenn er früher gelogen, betrogen oder gestohlen hat, nur muß er reich sein, wenn er angesehen sein will. AlerandrienS Ostrouiguo 8vanclal6us6 ist noch reicher und ausgedehnter an Geschichten und Erzählungen, als die von Eharthum, weil Alerandrien weit mehr Europäer beherbergt, als das ganze übrige egyp- tische Reich. Die Treulosigkeit der italienischen Frauen AlerandrienS ist zum Sprichwort geworden. Es soll schon manchem Ehemanne von diesen Damen, um sich von einer lästigen Gesellschaft zu befreien, ein Tränkchcn gemischt worden sein. Alle in Alerandrien geborenen oder erzogenen Italienerinnen, Französinnen und Griechinnen wachen, so lange sie unvcrheirathet sind, sorgfältig darüber, nicht in der Leute Mund zu kommen; haben sie jedoch glücklich einen Mann dauernd an sich gefesselt, dann treiben sie cS aber auch so, als wollten sie das Versäumte nachholen; je enthaltsamer sie früher waren, um so ausschweifender sind sie später. Daß die Männer um kein Haar besser sind, als sie, versteht sich von selbst; leider wird aber deren Untreue nie so streng beurtheilt und so scharf gerügt, als die der Frauen. Die in Egypten ansässigen Deutschen kennen diese Verhältnisse recht wohl und suchen ihnen durch mancherlei Mittel vorzubeugen. Einige kommen dabei „aus dem Regen in die Traufe;" sie leben mit gekauften Sklavinnen, mit Koptinnen oder Araberinncn in wilder Ehe. Nur sehr selten trägt eine derartige Verbindung ersprießliche Früchte. In den meisten Fällen sind die Frauen, mit welchen sie leben, noch schlimmer, als jene, welche sie vermeiden wollen. Außerdem sind aber die Italienerinnen (oder Europäerinnen überhaupt) entschieden bessere Wirthinnen, als die Morgcnlän- derinncn und haben dennoch immer noch Vorzüge vor diesen voraus. Um ein solches Verhältniß — oder besser gesagt Mißvcr- hältniß — recht anschaulich zu machen, will ich es zu schildern 173 versuchen. Ein deutscher Buchbinder, Namens Meier, welcher 1849 in Alerandricn starb, erzählte mir, wie er zu seiner Frau — wir müssen das Weib so nennen — einer Koptin, gekommen war. Er hatte sie sich in Kairo „angeschafft," weil dort unter den Koptinncn, welche derartige Verbindungen einzugehen geneigt sind, eine größere Auswahl möglich ist, als in Alerandricn und anderen Orten. Unser Landsmann machte, wie ich mich später überzeugte, keine besonders großen Ansprüche auf Schönheit und konnte behufs seiner Vcrheirathung auch nur die unbedeutende Summe von zweihundert Piastern aufwenden. Die Rathschläge eines anderen Deutschen, welcher bereits in einem derartigen Verhältnisse gelebt hatte, befolgend, begab er sich zu Esel in das Koptcnquartier und trug dem Schech cl Chshrs*) sein Anliegen vor. „Gut, Herr, ich werde Deine Angelegenheit besorgen; doch sage mir, willst du eine Jungfrau oder eine schon vcrheirathct Gewesene; soll die zu Erwählende schön sein oder genügt Dir auch eine weniger Schöne, und wie viel Geld willst Du aufwenden?" Zweihundert Piaster. „Hm, da ist es wohl mit einer Jungfrau dieses Mal Nichts, doch will ich sehen, wie ich Deine Wünsche befriedigen kann; komm morgen nach dem Aaffr zu mir." Der Heirathskandidat erschien zur bestimmten Zeit und fand den alten halbblindcn Schech in Gesellschaft von drei Frauen. Sie waren verschleiert und nur die glühenden Augen mit den eben frisch geschminkten Augenwimpern leuchteten hinter „der Nacht des Schleiers " hervor. Zu wie vielen und wie argen Trugschlüssen haben schon ein Paar solcher Augen verleitet! Auch unserem Freunde ging es so. Der Schleier hatte seinem liebeglühenden Herzen süße Träume vorgelogen, er fiel und alte, häßliche Frauen standen vor ihm. Meier war mit allen dreien höchst unzufrieden. Erst am dritten Tage wurde das Geschäft beendet. Der Schech hatte drei mittelalte Frauen herbeigeholt, von denen die eine gefiel; ich würde sie jedenfalls auch den Alten und Häßlichen zugezählt haben. Doch das gehört nicht hierher — unser Buchbinder war mit seinem Han- *) Viertelsmeister, wörtlich „Oberster einer Straße." 17L del zufrieden. Die Ehestiftung war sehr einfach —: der Europäer erklärte, seine Erwählte, „Warde" mit Namen, als Dienerin zu sich nehmen, sie gut behandeln und so lange bei sich behalten zu wollen, als es seine Umstände erlauben würden, zahlte ihr hundcrtundfunfzig Piaster oder zehn Thaler preußisch sofort baar aus und versprach, die noch fehlenden fünfzig Piaster bei ihrer Entlassung zu erlegen. Besagte Warde dagegen erkannte ihn als ihren „Herrn" an, versprach, ihm treu und gehorsam zu sein und bestens für sein Interesse zu sorgen, so lange er sie bei sich behalten würde. Beide Theile waren mit diesen Bedingungen zufrieden gestellt und wollten gehen. Allein der Schech hatte noch Etwas abzumachen. „IN dakliscinosck dita'i ld'ilui ja elmvaliclse?" (Wo ist mein Trinkgeld, mein Herr?) „Ich erhalte zehn Prozent des in einer Ehestiftung festgesetzten Mahlschatzes, folglich zwanzig Piaster, erwarte aber, daß Deine Großmuth dieser dürftigen Summe noch Etwas zulegen wird." Nach langem Widerstreben und einigen zwischen den Zähnen hervorgcmurmclten arabischen Ehrentiteln (von denen der gute Schech den einen: gsimllrlak adullkZa irm- arrass!" jGott möge Deinen Vater verdammen, Du Kuppler!j verstanden haben wollte) mußte sich der glückliche Bräutigam bequemen, noch dreißig Piaster zu bezahlen, obgleich diese ganz außer aller Berechnung lagen. Die neue Hausgenossin kostete ihm also bis jetzt fünfzehn Thaler; hierzu nun noch im Anfange wenigstens für fünf Thaler Kleider, macht im Ganzen zwanzig Thaler unseres Geldes. Glücklicher Weise war seine Wahl ziemlich gut ausgefallen. Warde stand allein in der Welt, hatte keine Eltern, keine Geschwister, Basen und anderes für einen solchen Ehemann stets lästiges Gcsindcl mehr und war fleißig und sparsam. Er lebte mit „seiner Frau" recht glücklich. Nicht immer gelingt eine solche „Hei rath" so gut wie dieses Mal. In den meisten Fällen sind die Koptinnen während der Zeit, in welcher sie ihrem Herrn haushalten, auf's Eifrigste bedacht, für spätere Zeiten etwas in's Trockene zu bringen. Sie bestehlcn und betrügen ihn auf jede Art und Weise. Haben sie Verwandte, 175 so werden auch diese reichlich mit Geschenken bedacht; das Vermögen des Betrogenen wandert nach und nach in die Hände der Verwandtschaft seiner Frau, welche indessen eifrig bemüht ist, ihn mit ihren Liebeönetzen zu umgarnen. Erkennt nun endlich der Europäer seine üblen Umstände, so kann er weiter Nichts thun, als seine Frau wegjagen, ist und bleibt aber der betrogene Theil, denn Jene hatte sich auf diesen Fall längst vorgesehen und wohl für sich gesorgt. Noch mißlicher ist die Verbindung eines Europäers mit einer Arabcrin. Diese zeigt sich schon von vornherein als eine liederliche Weibsperson, weil sie überhaupt ein Verhältniß mit einem Europäer eingeht. Zwischen Europäern und Koptinnen gibt es immer noch ein Band: das Christenthum; eine Arabcrin kann nur die schnödeste Gewinnsucht an einen Feind ihres Glaubens fesseln. Wenn sie nicht schon früher ein aller Zucht und Sitte arabischer Frauen bares Weibsbild war, konnte sie gar nicht mit dem Europäer bekannt werden. Es ist undenkbar, ja es ist unmöglich, daß eine rechtliche Arabcrin, möge sie Fellahhe oder Städtcbcwoh- nerin sein, jemals in so enge Verbindung mit einem Christen tritt. Und wenn sie, ehe sie den Europäer kennen lernte, schon eine Metze war, was hat dieser dann von einer Vereinigung mit ihr zu erwarten? Man begreift nicht, wie solche Verbindungen, welche immer den Ruin des Mannes herbeiführen, eingegangen werden können. Ich lernte in Kairo einen Tischler, Namens Keller, welcher mit einer Arabcrin längere Zeit zusammen gelebt hatte, persönlich kennen. Dieser Mann war einer der brauchbarsten Leute in seinem Fache, er war sehr geschickt, mehr als gewöhnlich gebildet und wurde deshalb von der egyptischen Regierung allen seinen Hand- werksgcnossen vorgezogen. Das egyptische Weib wurde sein böser Engel. Sie gebar ihm eine Tochter und nun war er unauflöslich an sie gebunden. Er blieb in dürftigen Umständen, weil ihn das Weib fortwährend bestahl, sonst hätte er jetzt einer der wohlhabendsten Deutschen sein können. Der französische Ingenieur d'Arnaud, derselbe, welcher eine der wissenschaftlichen Expeditionen Maham- 176 med-Aali's zur Erforschung der Nilquellen auf dem weißen Flusse mit begleitete, lebt in ähnlicher Verbindung und ist bei sehr anständiger Besoldung (er bezieht jährlich zweitausend Thaler von der egyptischen Regierung) doch unbemittelt geblieben. Kurz zuvor, ehe ich Egypten verließ, wohnte ich im Hause eines anderen Deutschen, welcher Stallmeister des Vizekönigs gewesen und ebenfalls durch eine früher wahrscheinlich sehr schöne Araberin zu Grunde gerichtet worden war. Das sind Thatsachen, welche am Besten für sich selbst reden. Andere Europäer kaufen sich braune oder schwarze Sclavinnen, Abyssinierinnen oder Negerinnen, und leben mit ihnen im Konku- binate. Schon die Voraussicht, später von solchen Frauen farbige Kinder mit krausem, wolligem Haar zu bekommen, sollte vor Verbindungen mit ihnen sattsam zurückschrecken. Gewöhnlich krönt ein Verbrechen zuletzt noch das unselige Verhältniß. Der Europäer verkauft dieselbe Sclavin, mit der er vielleicht Jahre lang vereinigt war, wenn er ihrer überdrüssig wurde. Wer einen männlichen oder weiblichen Sclaven kaufen will, hat das Recht, ihn drei Tage in seine Wohnung zu nehmen und dort genau zu beobachten. Findet er Fehler und Unarten an ihm, so kann er ihn vor Ablauf dieser Frist dem Verkäufer wieder zurückgeben. Allein wer, frage ich, kann in drei Tagen einen Menschen kennen lernen? Erst nach und nach lernt der Käufer seine Waare — denn das ist der richtige Ausdruck für einen Menschen, der ge- und verkauft werden kann, wie man ein Stück Vieh verhandelt! — näher kennen, der Gcldgeiz kommt mit dem Pflichtgefühl in Streit und besiegt es endlich in den meisten Fällen; der Europäer — aaleiiiu!" (Schande über ihn!) — verkauft den gekauften Menschen wieder, ja, er verkauft die in seinem Hause von seiner Sclavin geborenen Kinder. Nur in seltenen Fällen schlägt eine solche Verbindung zum Guten aus. Das sind freilich betrübende Bilder der häuslichen Verhältnisse vieler Europäer in Egypten; sie sind leider nur allzu treu! Der vernünftigere und gebildetere Theil unserer Landsleute wählt den richtigen Weg, häusliches Glück nach Egypten herüber- 177 zuziehen. Wenn sich ein Deutscher in guten Umständen befindet und eine sichere Zukunft erworben hat, geht er nach seinem Vaterlande zurück und bringt sich von dort eine Lebensgefährtin, eine brave deutsche Hausfrau, mit nach Egypten herüber. Die beiden Gatten sind dann zwar einzig und allein auf sich selbst beschränkt, denn mit Italienern und Franzosen, Griechen und Arabern oder Kopten macht man nicht gern Gemeinschaft, aber um so mehr kehrt häusliches Glück in ihren vier Pfählen ein und wandelt die Einsamkeit, in welcher sie inmitten des rauschenden Menschengewühls leben, zum Paradiese um. Anderen gelingt es wohl auch, eine Levantinerin, eine jener Perlen der orientalischen Frauen, an sich zu fesseln; sie vcrheirathen sich mit ihr nach christlichem Gesetz und Gebrauch, werden durch sie im fremden Lande heimischer und fühlen sich, mit ihr vereinigt, glücklich und zufrieden in der neuen Heimakh. Aber nur der geringste Theil aller in Egypten bekannten Europäer ist überhaupt vcrhcirathet. Die Meisten leben in ledigem Zustande und Viele sind dann sehr ausschweifend. Wie in allen Seehäfen, gibt es in Alerandrien eine Menge jener unglücklichen, bedauernswürdigen Geschöpfe, welche ihre Reize für Geld feilbieten. In entlegeneren Straßen haben sich Höhlen gebildet, in denen allen Lastern Vorschub geleistet wird. Nicht bloß Arabcrinnen, auch Europäerinnen treiben dort ihr schnödes Gewerbe. Mit wahrem Ekel sieht Der, welcher eine solche Straße betritt, die unzüchtig gekleideten, geschminkten Europäerinnen (meist wallachische Jüdinnen), denen das Laster alle seine Kennzeichen auf die Stirn prägte, vor den Fenstern und Thüren ihrer Spelunken sitzen. Es wäre lebensgefährlich, eine solche Straße bei Nacht zu passircn. Betrunkene Italiener halten sie besetzt, und welcher rechtliche Mann wiche nicht gern einem Italiener aus! Hier ist der Sammelpunkt der Hefe der ganzen europäischen Bevölkerung, eine Pflanzschule des Lasters unter allen seinen Namen und zugleich der den Körper und Geist tödtenden Seuche, welche in Alerandrien schon manches Opfer forderte. Zuweilen greift ein Konsulat mit kräftiger Hand ein, zerstört eine solche Lasterhöhle vom Grund aus und verweist die ehr- II. 12 178 losen Weibsbilder des Landes. Aber die Räume werden von Smyrna oder Konstantinopcl immer wieder gefüllt, und es wäre zur Beseitigung dieses Uebelstandcs eine größere Strenge wohl zu wünschen. Mit dem liederlichen Lebenswandel der Europäer Alcrandriens geht ein außergewöhnlicher Lurus Hand in Hand. Englische Reisende versicherten mir, daß man in London eben so wohlfeil leben könne, als in Alerandrien, daß man sich aber in London mit seinem Gelde jedenfalls größere Genüsse verschaffen könne, als es in Egyptcn der Fall sei. Alle europäischen Erzeugnisse sind in Alcran- drien selbstverständlich theurer, als in Europa; aber auch die Lebensmittel stehen, mit alleiniger Ausnahme des Brodes, Kaffes Zuckers und Reises, höher im Preise, als in einer Mittelstadt Deutschlands. Manche Nahrungsmittel werden, weil die Umgebung der Stadt die Wüste ist, aus einer Entfernung von fünfzehn deutschen Meilen herbeigeführt. Das Brennmaterial kommt sogar von Syrien, Anatolien und Kleinasien herüber. Es wird, wie alles Uebrige, nach dem Gewichte verkauft und ist so kostbar, daß ich in meiner kleinen Wirthschaft täglich für fünf Silbergroschen Kohlen verbrauchte. Die armen Fellahhihn und ein großer Theil der anderen arabischen Bevölkerung würden gar nicht im Stande sein, nur Feuer anzumachen, wenn sie nicht den uns bekannten Brennstoff hätten. Das Fleisch ist theuer, Fische, welche es in Menge gibt, wegen Mangels des ersteren ebenfalls *). Einige Gärten, welche in der Nähe der Hafenstadt angelegt wurden, können nicht genug Gemüse erzeugen, um dieses billig zu liefern; die dem Araber so unentbehrliche Dattelpalme ist bei Alerandrien noch lange nicht in hinreichender Anzahl angepflanzt worden, um eine für die Stadt hinreichende Ernte zu geben; man bringt die Dattel sogar von Obcregypten aus dahin zu Markte. Feigen und Weintrauben sind nicht allzu theuer. Von ersteren hat der verstorbene *) Die Okha Rind- und Schaffleisch wird in Alexandrien mit vier bis fünf, Schweinefleisch mit sechs bis zehn und geräucherte Wurst mit zwanzig bis viernndzwanzig Piaster bezahlt. Die Okha Fische kostet vier Piaster, welcher Preis für einen Seehafen gewiß sehr hoch ist. 179 Vizekönig, Ibrahihm-Pascha, ein Spekulant in jeder Hinsicht*), ausgedehnte Anpflanzungen angelegt. Weintrauben kommen, in Fässer gepackt, in großen Massen über's Meer aus Syrien, Kleinasien, einigen griechischen Inseln u. s. w. Der Wein ist billig, aber selten unverfälscht. Man bekömmt fast nur französischen Roth- wcin zu kaufen, von dem die Flasche zwei bis sechs Silbergroschen kostet, doch soll es vorgekommen sein, daß ganze Fässer dieses Getränkes aus nichts Anderem als Farbeholz, Alkohol und Weinstein bestanden haben. Der Branntwein ist wenig theurer als in Deutschland und ziemlich gut. Man liebt und kennt fast nur den Anisbranntwcin. Bier ist ein Lurusartikel und selten zu haben. Das meiste ist englisches Ale, von dem die Flasche mit zehn Sil- bergroschcn verkauft wird; einiges kommt auch von Smyrna oder Konstantinopel, wo es in neuerer Zeit deutsche Bierbrauer bereiten. Auch in Alerandricn hat man hierin Versuche gemacht, immer aber ohne günstigen Erfolg, woran das Nilwaffer Schuld sein soll. Aus den obigen Angaben, welche ich absichtlich theilwcise mit Zahlen belegte, ersteht man, daß die Preise der Lebensmittcl keineswegs niedrig, für Egypten aber enorm hoch sind. Es ist demnach natürlich, daß auch die Arbeitslöhne hiermit im Verhältniß stehen. Ein Handwerker erhält ohne Beköstigung selten weniger als einen Speciesthalcr täglichen Arbeitslohn. Folglich sind alle Gcwerbe- und Kunstprodukte theuer. Ich will wenige Kleidungsstücke anführen. Ein feiner Rock kostet nach unserem Gelde zehn bis fünfzehn Thaler Arbeitslohn; für ein Paar gute Stiefeln hat man zehn bis zwanzig Thaler zu bezahlen, je nach ihrer Größe. Damenkleider sind verhältmßmäßig noch viel kostspieliger und bei ihnen ist es hauptsächlich der in Alerandricn herrschende Lurus, welcher die Preise steigert. Die Käuferinnen pflegen stets nach dem Theuersten zu fragen, ohne den eigentlichen Werth oder Unwerth der Waare zu **) Er erbaute die großen Häuser der Esbekte Alexandriens auf Spekulation und vermietete sie an Europäer. Seine Sohne beziehen jetzt große Miethsummen aus ihnen. Fast die Hälfte der Ländereien des Delta gehören ihnen; außerdem haben sie noch bei Kairo und in Oberegypten Besitzungen, auf denen allein fünf Zuckerfabriken arbeiten. 12 * 180 untersuchen. Einfache pariser Damenhütc werden für zwölf und sechzehn Speciesthaler gekauft. Zum Glück für Unbemittelte werden jetzt sehr viele fertige Kleidungsstücke von Europa eingeführt. Der Lurus zeigt sich nicht nur in der Kleidung, auch in allem Uebrigen ist er auf die Spitze gestellt und sehr häufig der Ruin reicher Familien. Ich kenne in Alcrandrien und Kairo Handwerker, welche sich Equipage hielten, ohne daß ihre Einkünfte sie dazu berechtigt hätten. Ein Konditor in Kairo, dessen Bankerott, wie man sagte, nahe vor der Thür stand, fuhr täglich mit eigenem Geschirr fpatzieren. Es ist, als ob diese Leute ein Schwindel ergriff, sobald sie das Glück einigermaßen bedacht hat. Nur dieser Lurus, diese Sucht, es Reicheren nachznthun, sind es, welche oft genug verderblich werden und viele, fast immer unredliche Bankerotte nach sich ziehen. Die Deutschen und Engländer machen auch hierin gewöhnlich eine rühmliche Ausnahme. Mancher ordentliche deutsche Arbeiter ist mit seinem leeren Felleisen auf dem Rücken in Alcrandrien eingewandert, hat sich dort durch Fleiß und Sparsamkeit ein hübsches Sümmchen verdient und das Land reich wieder verlassen. Noch öfterer als in Egypten soll dies in Konstantinopel der Fall sein, wo der Lurus unter den Türken seinen Kulminationspunkt erreicht hat. In Egypten wird von den Europäern die vergangene alte, gute Zeit gerühmt, während der man bei geringerer Thätigkeit weit mehr verdienen konnte, als es jetzt möglich ist, wo eine Ueberfüllung an Geschäftsleuten einzutreten anfängt. Damals, als Mahammcd-Aali noch lebte und wirkte, fanden sich viel zu wenig Arbeiter zu seinen Unternehmungen, und obgleich er betrogen worden sein soll, wie kaum je ein anderer Mensch es wurde, zog er den theuren Europäer mit Recht allen seinen Unterthanen vor. Der Handel AlerandrienS ist sehr bedeutend und befindet sich fast nur in den Händen der Europäer. Er war bisher immer eine sichere Quelle zur Erlangung eines gewissen Reichthums; mancher von Mahammed- Aali begünstigte Europäer wurde durch ihn reich. 181 Das erste Kaffehaus der Stadt ist zugleich die Börse, Jeden Vormittag versammeln sich hier die europäischen Kaufleute, um ihre Geschäfte gegenseitig abzumachen. Die Verbindung mit Europa ist durch regelmäßig ankommende Postdampfschiffe sehr erleichtert worden. Jeden Monat kommen und gehen von Oesterreich und dahin zurück zwei direkte und zwei indirekte (über Griechenland, Smyrna u. s. w.) Postdampfer; von England kommen ebenso viele, von Frankreich fünf. Außerdem fahren noch Dampfschiffe der egyptischen Regierung zweimal im Monat nach Konstantinopel und zurück. Im Ganzen lausen also regelmäßig fünfzehn Dampfschiffe monatlich im Hafen Alerandriens ein und ebenso viele aus. Die Schifffahrt ist ausgedehnt. Von österreichischen Handelsschiffen erscheinen jährlich allein hundcrtundfunfzig, von preußischen in manchen Jahren fast die Hälfte. Während des Winters sieht man oft gegen dreihundert Schiffe in dem alten Hafen liegen*). Zwischen Alerandrien und Kairo hat man eine europäische Laufbriefpost eingerichtet. Sie verläßt Alerandrien oder Kairo jeden Abend und erreicht nach scchsunddrcißig Stunden Kairo oder umgekehrt Alerandrien. Man muß sich seine Briefe auf dem Post- bureau selbst abholen, weil sie dem Adressaten nicht durch Briefträger übcrbracht werden. Die Posttarc ist noch ziemlich hoch; jeder einfache Brief kostet drei Piaster oder sechs Silbergroschen, wovon sowohl der Aufgeber als der Empfänger die Hälfte zu bezahlen *) Erst unter der Regierung Mahammed - Aali's wurde dieser den Christen geöffnet. Früher mußten alle europäischen Schiffe im dem unsicheren, gegen Stürme wenig geschützten neuen Hafen ankern. Der alte Hafen ist sehr geräumig, aber nicht gegen jeden Wind geschützt, weil er zu groß ist. Der Eingang oom Meere aus ist sehr klippenreich und schwierig. Die arabischen Lootsen kennen den zunehmenden Weg genau und richten sich wohl nach den bei jeder neuen Biegung ein gewisses Bild gebenden, erhabenen Punkten Alerandriens. Große Kriegsschiffe können nicht in den Hafen eintreten, ohne einen große» Theil ihrer Geschütze auszuladen, obgleich sie einen anderen Weg nehmen als die Dampfer und Kauffahrteischiffe. Man könnte den Hafencingang leicht klippenfrei machen, scheint ihn aber als ein von der Natur Alerandrien verliehenes Bollwerk absichtlich nicht verbessern zu wollen. 182 hat. Einzelne Handlungshäuscr in Kairo erhalten für eine gewisse, jährlich zu entrichtende, niedrige Summe alle ihre Briefe besorgt. Packele und Geldsendungen werden nicht angenommen, sondern müssen mit den Dampfschiffen der von den Engländern eingerichteten Transitgescllschaft befördert werden. Diese Dampfschiffe fahren wöchentlich zweimal von Alcrandrien nach Kairo und dahin zurück und befördern Waaren und Personen. Die Fahrt auf ihnen ist sehr theuer: jede Person hat drei Guineen zu entrichten. Zur Privatkorrespondenz der Regierung besteht eine Telegra- phcnlinie. In den einzelnen SrationShäuscrn wohnen Fellahhihn, welche man abrichtete, die gegebenen Zeichen nachzumachen. ES läßt sich erwarten, daß die Arbeiten dieser Leute erbärmlich sind. Eine Nachricht braucht, um nach Kairo zu gelangen, oft über zwei Stunden. Die einzelnen Zeichen werden mit einer beispiellosen Langsamkeit nachgemacht, die Gläser der Fernröhre sind vergilbt und geben kein deutliches Bild, die ganze Maschinerie läßt Biel zu wünschen übrig. Mit dem Geheimnisse der einzelnen Zeichen scheint man es nicht so genau genommen zu haben; ein Fel- lah übersetzte mir eine ganze Depesche, welche er während meiner Anwesenheit in seinem Thurme weiter zu befördern hatte. Sie enthielt die Nachricht, daß eine Fregatte der Vereinigten Staaten im Hafen Alerandricns eingelaufen sei, was ich bei meiner Ankunft daselbst bestätigt fand. Die Telegraphenlinie endet in Alcrandrien auf dem Palast des Vizekönigs „Rahs el Thihn" und in Kairo auf der Citadelle oder neuerdings auf dem Schlosse des neuen Stadttheiles Aabah- s'ic. Von da geht eine zweite Telegraphenlinie nach Sues und eine andere, erst im Jahre 1852 eingerichtete, nach Kosse'lr am rothen Meere, um schnell aus dem Hedjahs Nachrichten zu erhalten, obgleich das ganze glückliche Arabien dem Vizekönig Nichts angeht. Mit den übrigen Städten Unter- und Obcregpptcns ist von Alcrandrien durch die fast täglich abgehende Lauf- oder Rcitpost der Regierung eine ziemlich schnelle und sichere Verbindung hergestellt worden. — 183 Man kann in Alerandrien fast alle die Waaren zu kaufen bekommen, welche man in einer Mittelstadt Deutschlands findet. Nur an literarischen Erzeugnissen ist großer Mangel; Alerandrien ist nicht mehr der Sitz der Gelehrsamkeit, sondern eine Handelsstadt. Alle aus Europa kommenden Waaren haben fünf Prozent Eingangszoll zu entrichten; für die das Land verlassenden Handelsartikel sind eigene Bestimmungen getroffen worden. Letztere werfen den Kaufleuten mehr Gewinn ab, als erstere. Mit dem Handel des Getreides sind, wenn in Europa Mangel war, enorme Summen verdient worden, und doch ist gerade dieser Handel so bedeutenden Schwankungen unterworfen, daß auch wiederum bei plötzlichem Fallen der Preise große Handlungshäuser durch ihn fallirt haben. Durch die Aufhebung der Monopole- der Regierung ist der Handel allgemeiner geworden. Wahrend die Regierung früher z. B. das arabische Gummi nur an einzelne europäische Häuser verkaufte, welche dann diese Waare hoch im Preise hielten und sehr viel gewannen, ist jetzt eine Concurrcnz eingetreten, die z. B. den Preis des arabischen Ccntncrs Gummi von sechs- bis achthundert auf zweihundert Piaster hcrabdrückte. Ein ähnliches Verhältniß findet auch bei anderen Waaren Statt. Ein dreifacher Cours erschwert die Handclsvcrhältnisse. Der Cours der Regierung bestimmt den wahren Geldwcrth und ist ein feststehender; der zweite Cours ist der der Börse in Alerandrien, der dritte der auf den größeren arabischen Märkten gewöhnliche; dieser und jener schwanken fortwährend. Dazu kommt die erstaunliche Menge verschiedener Münzen, welche im Lande Gültigkeit haben. Man bekommt in Egpptcn englische, französische, spanische, italienische, griechische, österreichische, preußische, russische, türkische, indische, persische und außer Cours gekommene altsultahnischc Münzen in die Hand. Im Ganzen mögen wohl gegen fünfzig Geldsortcn cursircn. Der Mittelpunkt des europäischen Lebens ist das Frankcnvier- rcl oder die Muh Ski. Es hat ganz das Aussehen einer europäi- 184 schm Stadt. Breite Straßen mit Reihen hoher, europäisch gebauter Häuser zeichnen es sogleich von den Quartieren der Araber aus, obgleich auch diese seit neuerer Zeit mannigfache Veränderungen erlitten haben. Der „Meidahn cl MuhSki," ein großer Platz in der Nähe des Meeres, ist mehr als achthundert Schritte lang und dreihundertundfunfzig Schritte breit. Wir nannten ihn die Sahahra Alerandriens, weil in den Mittagsstunden eine wahre Wilstenhitze auf ihm lag. Mahammed-Aali legte in seiner Mitte einen Brunnen an, welchem bis jetzt nur das Beste, das Wasser, fehlt. Hier sieht man die größten Gebäude der Stadt, die Amtswohnungen der Generalkonsuln von Frankreich, England, Rußland, Schweden, Dänemark, Belgien, der Niederlande, von Toskana, Spanien und Sardinien. Auf den Platten Dächern dieser Häuser erheben sich die Flaggenstöckc, von denen Sonntags und an Feiertagen die resp. Pavillone der verschiedenen Nationen herabwehcn. Stirbt einer der Unterthanen eines Konsulats, so wird dies durch Aufhissen der Flagge seiner Nation zur halben Höhe des Fahnen- stocks angezeigt. Ebenso kündet eine kleine, ganz aufgezogene Flagge auf dem Konsulatsgebäude Oesterreichs, Frankreichs oder Englands das Einlaufen eines Postdampfschiffes der bezüglichen Nation in den Hafen Alerandriens an, damit sich Jeder, welcher Briefe erwartet , auf der Post cinfinden und sie in Empfang nehmen kann. Der übrige Theil der Gebäude des Esbckie, wie der Meidahn wohl auch genannt wird, ist zu Kaufläden, Gasthäusern, Kneipen und Arbeitsstätten für Handwerker eingerichtet. In einem derselben hat man auch ein kleines Theater erbaut, in welchem man Vorstellungen in italienischer Sprache gibt. Obgleich das Eintrittsgeld zu diesen Vorstellungen ziemlich hoch und das Theater selten leer ist, führen die Schauspieler doch ein höchst elendes Leben, sie erringen sich kaum ihren nothdürftigcn Unterhalt. Von dem Frankenviertel aus führen gerade, breite und ebene Straßen nach allen Richtungen durch die Stadt. Sie sind nicht gepflastert, sondern nur mit gestampfter Erde bedeckt und werden, um großen und lästigen Staub zu vermeiden, täglich mit Wasser besprengt. Alle neuerlich angelegten Stadtviertel haben gerade und 185 rechtwinkelig in einander laufende Straßen. Nur in dein altarabischen Quartier findet man noch das Gewirr der vielen krummen, schmalen und nach Oben zu durch mehr und mehr vorspringende Häuser immer enger werdenden Gäßchcn, welche eine orientalische Stadt charakterisiren. Doch haben in Alerandricn auch sie schon Viel von ihrem eigenthümlichen Gepräge verloren; nur in Kairo kann man sie noch in ihrer ganzen Düsterheit und Verworrenheit finden. In einer Stadt, wie Alerandricn, wo die Europäer bereits ihre Druckereien, Casino's, Lesekabinette, Gcmäldehandlungen, ihr Theater u. s. w. haben, muß sich der Araber mehr und mehr dem europäischen Typus zuwenden, weil er ihn am Ende doch für besser anerkennt. Die Europäer regeln jetzt schon fast alle Verhältnisse. So haben die Konsulate eine polizeiliche Ordnung eingerichtet, sie riefen eine Sanitätsbehörde in's Leben und überwachen sie als Mitglieder derselben fortwährend. Sehr Viel ist durch sie für die Reinlichkeit geschehen, ihr Wirken scheint mit jedem Tage fühlbarer zu werden. Der Schmutz und die Unreinlichkeit nehmen in den arabischen Quartieren immer mehr und mehr ab, die eigentlichen Pflanzschulen der verheerenden Pest werden ausgerottet, und wirklich scheint diese furchtbare Seuche nicht mehr so häufig und heftig, wie früher, aufzutreten. Ich will nicht gesagt haben, daß schon Alles gethan sei, um diesem Uebel abzuhelfen, Viel ist aber schon gethan worden, und nur durch die Europäer. Unter den öffentlichen Gebäuden der Hafenstadt fallen zunächst die von französischen Ingenieuren zweckmäßig und solid erbauten Festungswerke in's Auge. Sie sind sehr ausgedehnt, umschließen Alerandrien von der Landseitc und ziehen sich längs des Hafens bis zu dem westlich von Alerandrien gelegenen, über anderthalb Meilen von der Stadt entfernten „Thurme der Araber" hinab. Auf einem mitten in der Stadt liegenden Schuttberge des alten Alerandricn hat man ein Fort angelegt, welches allgemein unter dem Namen „Fort Napoleon" bekannt ist. Man sagt, daß es Napoleon während seines Feldzuges in Egyptcn in „einer 186 Nacht" erbaut habe. Wenn nun das auch wohl nicht wörtlich zu nehmen ist, so kann man es sich wohl leicht erklären, daß Napoleons geübter Blick die Lage des nicht unbedeutenden Hügels als wichtig anerkannte und ihn zur Vertheidigung des Hafens mit Kanonen besetzte. Von diesem Hügel aus genießt man die schönste Aussicht um ganz Alerandrien herum. Die Stadt liegt wie eine Landkarte zu den Füßen vor uns ausgebreitet; links schweift der Blick über den alten Hafen mit seinen Hunderten bewimpelter und beflaggter Kriegs- und Kauffahrteischiffe, über dem Arsenale, dem Schlosse des Vizckönigs auf der einen, einem Heere von Windmühlen, den Pulvermagazinen und einzelnen Forts auf der anderen Seite hinweg bis zu den Bädern der Klcopatra lind dem Thurme der Araber; mehr nach rechts sieht man den Pharus, die Nadeln der Klcopatra, den bergigen Stadttheil Komendikle, einen großen Theil der Festungswerke und die Pompcjussäule, welche gar lieblich über einen prächtigen Palmcnwald emporragt; weiter hinten endlich den Kanal Mahmudie mit seiner kleinen Nilbarken- flotte, dem glatten Spiegel des Marnotisscc und einzelne, höchst malerisch gelegene, vom üppigsten Grün prächtiger Gärten versteckte Landhäuser, den großen und schönen Garten Said-Pascha'S mit seinem kostbar eingerichteten Schlosse, während unten um den von allen Seiten steil abfallenden Hügel herum das Auge mit Vergnügen auf dem bunten und regen Treiben der geschäftig hin- und herwogenden Menge ruhen bleibt oder sich auf der stillen, im Lichte der Sonnenstrahlen Egyptens intensiv ultramarinblau erscheinenden Fläche des Meeres verliert. Eine ähnliche, aber nicht so schöne Aussicht hat man auch vom Fort Komendikle und doch werden gerade diese zwei schönen Punkte fast niemals von den Reisenden bestiegen. Mehrere FortS sind auch außerhalb der Stadt vorgeschoben worden, die meisten Battericcn ziehen sich aber längs der Küste am Hafen dahin. So liegt das Hafcnschloß inmitten von Reihen drohender Geschütze vom größten Kaliber. Das Arsenal ist eine der großartigsten Anstalten, welche Mahammed-Aali gründete. Aus ihm ist die stattliche Flotte Egyptens hervorgegangen, welche, obgleich sie nicht die vorzüglichste ist, 187 doch der Schrecken der hohen Pforte ward, von Aabahs aber größ- tcnthcils an den Sultahn abgetreten wurde. Früher arbeiteten oft tausend und mehr Menschen darin, jetzt sind kaum dreihundert Arbeiter daselbst beschäftigt. Das Arsenal nimmt in Alerandrien einen großen Raum ein, es enthält die Werkstätten aller möglichen Handwerker und ziemlich bedeutendes Material für sie. Wenn man die zahlreiche Militärmacht — welcher unter anderen Pflichten auch die obliegt, die von der Arbeit heimkehrenden arabischen Handwerker genau zu durchsuchen, damit sie Nichts entwenden können — passirt hat, gelangt man zu einer kleinen Moschee, von deren Mcdinet (Minaret) herab durch Flaggensignale die verschiedenen Befehle ertheilt werden, und zu einem kleinen Markte, auf dem man Lebensrnittel feil bietet. Die Werkstätten liegen zur rechten Hand und sind sehr lange große Gebäude, gewöhnlich von zwei Stockwerken. Zur linken Hand liegen verschiedene zum Schiffswcrfte gehörige Gebäude, dicht am Meere. Mahammcd-Aali versuchte mit großem Kostcn- aufwande wasserlecrc Doks in's Meer hinauszubaucn, um darin die Kriegsschiffe ausbessern zu können. Große Dampfmaschinen sollten bestimmt sein, das Wasser aus ihnen auszupumpen. Der Plan gelang nicht, die Doks sind beständig gefüllt. Die Zeit der Arbeit dauert von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; die Europäer machen es sich gewöhnlich leichter und arbeiten höchstens acht Stunden. Zur Zeit des Gebetes werden die Mahammedaner durch die grüne Fahne ihres Propheten zur Moschee gerufen, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Während des Mittags ist anderthalb Stunden Ruhezeit. Die Löhnung der Araber ist äußerst gering. Es gibt Arbeiter, welche täglich nur zwei Silbcrgroschen erhalten, wohl keiner unter ihnen empfängt mehr als täglich einen Gulden. Die Europäer und vorzugsweise die Teutschen werden sehr hoch bezahlt; ein Tischlcrgcscll arbeitet im Dienste der Regierung nicht unter einem Thaler und zwanzig Silbergroschcn nach unserem Gelde oder fünfundzwanzig Piaster cgyptisch. Nur herrscht auch hier, wie bei allen übrigen Arbeiten der Regierung, der Nebel- 188 stand, daß erst nach langer Zeit einmal die schuldige Löhnung dem Arbeiter ausgezahlt wird. Ost vergehen darüber Monate. Jeder Arbeiter erhält ein sogenanntes „Töskeröh", eine Schuldverschreibung der Regierung, welche er zwar bei jedem Wechsler, aber nur mit einem Verluste von ungefähr zwanzig Prozent, diskonti- ren kann. Die Quarantäneanstalt ist in neuerer Zeit vielfach verbessert worden. Ich hatte das Glück, nie, auch nur eine Stunde, in ihr zu verweilen. Frühere Reisende klagen sehr über schlechte Einrichtung der Gebäude, am Meisten wohl der Wagnergcscll Döbel, welcher vielleicht nicht im Stande war, so Viel aufzuwenden, um sich den unwohnlichcn Raum wohnlicher zu machen. Er mußte, von Syrien kommend, einundzwanzig Tage lang in einer elenden Spelunke verbringen. Nächst dem, daß man jetzt in Alcrandrien, in der Nähe des neuen Hafens (unweit der Nadeln der Kleopatra) ein besseres Gebäude errichtet hat, um die Kontumazzeit darin auszuhalten, hat man diese bei Zeiten, wo weder die Pest, noch die Cholera herrschen, sehr verringert und von einundzwanzig Tagen auf fünf Tage herabgesetzt, wobei, wie gewöhnlich, der Tag der Ankunft! eines Reisenden und der Entlassungsmorgcn mit gerechnet werden, so daß sich die ganze Zeit der Quarantäne auf kaum mehr als neunzig Stunden reducirt. Auch ist man gegen die Reisenden milder geworden und erlaubt ihnen, sich Betten, Tische und Stühle, Speisen und Getränke aus einem der europäischen Gasthäuser herbeischaffen zu lassen. So ist die Quarantäne für den wohlhabenden Reisenden kein Gebilde des Schreckens mehr; für den armen deutschen, aus Konstantinopcl kommenden Handwerker, welcher gewöhnlich eine mühselige Pilgerreise durch Palästina machte und ermattet in Egypten anlangt, hat sie noch immer nicht Viel von ihrer ganzen Furchtbarkeit verloren. Die Militärho Spitäler Alerandriens stehen jetzt unter der Aufsicht tüchtiger und rechtlicher europäischer Aerzte, welche wiederum von einer recht guten Sanitätsbehörde beaufsichtigt werden. Seitdem man anfängt, unsere wackeren Mediziner den ita- 189 lienischen Pfuschern und französischen Großredncrn vorzuziehen, ist man bedeutend vorwärts gegangen. Die Hospitäler sind luftige, kühle und reinlich gehaltene Gebäude, die Betten der Kranken sauber und geräumig, Arzneien und Speisen, auch die Pflege der Leidenden sind recht gut. Man verdankte Dies wohl größtenthcils unserem Landsmann, dem in ganz Egyptcn hochgeachteten Or. Prunner, früherem Leibarzte des Pascha und Direktor des ganzen Arzneiwesens in Egyptcn. Der später an seine Stelle gekommene, als tüchtiger Arzt in ganz Deutschland hinlänglich bekannte Professor Dr. Griesinger hat das Werk seines Vorgängers rühmlichst fortgesetzt. Als sehr geachtete Aerzte in Egyptcn nenne ich auch noch unsere deutschen Landsleute Dr. Schreiber in Alerandrien und Dr. Bill harz in Kairo. Die Bestrebungen der Sanitätsbehörde Alerandriens erstrecken sich jetzt auch über das übrige Egyptcn. Die Regierung thut zur Besserung des oft sehr traurigen Gesundheitszustandes ihrer Unterthanen mehr, als man vielleicht erwartet. In allen größeren Städten Egyptcns sind Aerzte angestellt und Apotheken gegründet worden. Alle Kranken, ohne Unterschied der Person, sind berechtigt, unentgeldlich die Hilfe des Arztes und die Arzneimittel der öffentlichen Apotheken zu beanspruchen. Leider werden diese wohlthätigen Institute von dem gemeinen Volk wenig benutzt. Gewissenhafte Aerzte erhalten, wenn sie schwer Erkrankten aufgeholfen haben, selten Dank für ihre Bemühungen. Ein italienischer Arzt, welcher einem Fellah das Leben gerettet hatte, wurde von diesem noch auf die unverschämteste Weise um „Bakhschicsch" angegangen. Nach seiner Ansicht hatte nur Allah ihm geholfen, aber ob er diesem gedankt hatte, war wohl auch noch zu bezweifeln. Diese Undankbarkeit für Wohlthaten aller Art verschließt in Egyptcn dem Guten nur allzu oft den Weg: Das Hafenschloß „Khasser el Thihn" steht dem Palaste des Pascha auf der Citadelle in Kairo an Pracht und Lurus wenig nach. Die innere Einrichtung der türkischen Paläste ist so ziemlich dieselbe und richtet sich mehr und mehr nach europäischen Vorbildern. Die Moscheen Alerandriens bieten nichts besonders 190 Merkwürdiges und sind mit denen Kairo's in keinen Vergleich zu bringen. Zu einigen von ihnen hat man viele Werkstücke von Gebäuden deS alten Alerandrien verwendet; so findet man ganze Säulenschäfte der heidnischen Tempel und späteren christlichen Bct- häuscr dazu benutzt, jetzt die Kuppeln der Moscheen zu tragen. Man erkennt solche Stücke sogleich an der Größe und Feinheit der Arbeit oder auch am Materiale, aus dem sie bestehen: dem rothen Granit aus den Steinbrüchen des alten Syene. Der Basar Alerandricns ist lange nicht so ausgedehnt und reich, wie der von Kairo. Man findet die nothwendigsten Artikel zur Befriedigung der Einwohner Alerandricns, der wahre Sitz des türkischen und arabischen Lurus aber ist die Maheruhset und diese Stadt der Ort, einen ächt morgcnlandischcn Markt in seiner Vollendung zu erschauen. In Alerandrien herrscht die abendländische, in Kairo die morgcnländischc Sitte vor. Das heutige Alerandrien nimmt kaum den vierten Theil des Raumes ein, auf welchem die alte Stadt der Ptolcmäer gestanden hat. Noch mehr als eine Vicrtelmeile von den äußersten Thoren der FcstungSmauern verkünden ungeheuere Schuttbcrge, daß dort früher Straßen und Häuser standen. Fast an jeder Stelle, wo Nachgrabungen gemacht worden sind, hat man Reste von Alterthümern entdeckt; in Alerandrien wird kein neues, großes Haus erbaut, ohne daß man auf Trümmer eines alten stieße. Mitten in der jetzigen Stadt liegen Säulenschäfte von bedeutendem Durchmesser, welche man, weil sich keine Kräfte finden, die ungeheuren Steinblöcke wegzuschaffen und sie nicht schön genug sind, um durch Alterthumsforschcr von der Stelle weggebracht zu werden, ruhig liegen läßt. In der Wüste, welche jetzt unmittelbar außerhalb der Thore der Stadt beginnt, fand man bei Nachgrabungen, die man anstellte, um Bausteine zu brechen, sehr zierlich gearbeitete Bildhauerarbeiten. Man begreift nicht, wie sich ganze Schuttbergc bilden konnten, und doch findet man viele Hügel, die gegen achtzig 191 Fuß hoch und noch höher sind und aus nichts Anderem, als dem Schütte des alten Alerandn'en bestehen. Die noch erhaltenen Reste der alten Stadt sind bekannt genug. Von den Ringmauern der Festung werden nur die beiden den Namen „Nadeln der Kleopatra" tragenden Obelisken umschlossen, alle übrigen Monumente liegen außerhalb der heutigen Stadt. Die Nadeln der Kleopatra stehen am neuen Hafen, jetzt in einer Batterie mit achtundvierzigpfündigen Kanonen. Eine der Spitzsäulen liegt im Sande, die andere steht noch aufrecht auf ihrem Fußgestcll. Die erstere wurde von Mahammed-Aali den Engländern geschenkt, von ihnen aber bis jetzt noch nicht abgeholt. Nächst den Obelisken in Heliopolis bei Kairo und einem in Buksor sind die Nadeln der Kleopatra wohl die größten dieser kolossalen Steinblöcke. Jeder dieser Obeliske ist einund sieben- zig wiener Fuß lang, an der Basis sechs Fuß neun Zoll und oben unterhalb der den Steinblock endenden kleinen Pyramiden vier Fuß und zehn Zoll auf jeder Seite breit und aus einem Stücke rothen Granits gehauen. Die Spitzsäule ist ganz mit Hieroglyphcnbildcrn, welche mit besonderer Schärfe zoll- ticf in den harten Granit cingcmciselt sind, bedeckt. Etwa eine Viertelstunde südwestlich von den Nadeln der Kleopatra entfernt steht auf einem Hügel außerhalb der jetzigen Stadt die Säule des Pompejus oder, wie die Alterthumsforscher neuerdings bewiesen haben wollen, des Diokletian. Schon ehe man zur See nach Alerandn'en kommt, ragt sie, wie das Minaret einer Moschee, hoch über die Gebäude der Stadt und über einen Wald schlanker Palmen empor. Nach Prokesch ist der aus einem einzigen Granitblocke gehauene Schaft der Säule drciundscch- zig pariser oder fast scchsundfiebenzig leipziger Fuß hoch, bei einem unteren Durchmesser von acht pariser Fuß und vier Zollen und einem oberen von sieben Fuß und drei Zollen. Sie steht aus einem ungeheuren Würfel. Die ganze Höhe des Monuments beträgt achtundneunzig pariser Fuß. Einzelne Engländer haben die Säule bestiegen und ihre Namen mit riesengroßen Buchstaben unterhalb des korinthischen Kapitäls derselben aufgezeichnet. Von drei 192 Seiten stößt der mahammcdanische Friedhof an das Postament des großartigen Denkmals; dicht neben ihm schlafen die Gläubigen ihren ewigen Schlaf. Nächst diesen beiden berühmten Ueberbleibseln der Vergangenheit nennt man bei einer Beschreibung von Alcrandrien gewöhnlich noch die Bäder der Kleopatra und die Katakomben. Wurden durch die Besichtigung jener auch die kühnsten Gebilde der Phantasie übertreffen, so stehen diese jeder Vorstellung, welche man sich vorher machte, bei Weitem nach. Wer denkt bei den Bädern der Kleopatra nicht an das stolze Weib mit all' seinen, die größten Helden bethörenden Reizen! Und wenn uns diese Geschichte auch ihre vielen und großen Verbrechen, ihre Heimtücke und ihren Wan- kclmuth aufzählt, söhnt sie uns doch durch die Erzählung ihres selbst gewählten Todes gleichsam wieder mit ihr aus; die schöne, licbe- brünstige Frau denken wir uns noch schöner, wie sie der um ihren Arm gewundenen Viper den Busen bietet, damit das Gift der Schlange schnell zu ihrem Herzen Eingang finde. Wer möchte nun nicht die Bäder betrachten, welche die üppigen Formen dieses Weibes gesehen haben sollen; wer glaubt nicht, daß die Pracht und Verschwendung liebende Frau ihre heimlichen Badenischen besonders reich ausgestattet habe? Wir nehmen ein kleines Boot, schiffen zwischen den Briggs und Kauffahrern der verschiedensten europäischen Nationen, unter den Fcuerschlünden der so stolzen egyptischen Linienschiffe an einigen Forts und sehr vielen Windmühlen vorüber, immer an der Küste dahin und erreichen nach einer kleinen Stunde eine sichere Mecrbucht, durch deren klippenreichen Eingang unser Fährmann geschickt und vorsichtig sein Schifflein steuert. Hier steigen wir aus und sind nach wenigen Schritten am Ziele unserer Wanderung. Zwei kleine, roh aus dem Felsen gehauene und zwei Fuß im Wasser stehende Nischen mit reinlichem Kiesboden — das sind die Bäder der Kleopatra. Rings an den Wänden der Löcher herum läuft eine niedere Steinbank, worauf wir unsere Kleider legen, wenn wir baden wollen. Das Wasser ist hell und rein, der Raum kühl. Durch einen unter Wasser stehenden ausgehauenen Gang bringt uns die Brandung mit 193 jedem Wogenschlage einen Schwall frischen Seewafsers, welches von der ersten Nische in die zweite läuft; eine dritte Nische ist verschüttet. Ganz in der Nähe liegen die Katakomben. Es sind einige unterirdische runde und vierseitige, von Pfeilern getragene Säle, halb oder ganz verschüttete Gänge, ohne besondere schöne Hieroglyphen oder sonst etwas Merkwürdigem. Früher sollen sich in den höhlenartigen Räumen Hyänen aufgehalten haben; jetzt findet man keine mehr. Weder die Katakomben, noch die Bäder der Kleopatra sind für die Mühe des Weges belohnend. Die Meerfahrt ist es selbst. Die Umgebung Alerandriens ist größtcnthcils Wüste. Nur in der Nähe des Mahmuhdre-Kanals hat man einzelne Landhäuser errichtet, Gärten und Felder angelegt und eine lebhafte Vegetation hervorgerufen. Ocstlich von der Stadt, nach Abukihr zu, liegen ausgedehnte Feigen- und Weingärten, die von Jbrahihm-Pascha angepflanzt wurden und jetzt seinen Söhnen gehören. Von den Europäern haben sich manche in der Nähe des Kanals angesiedelt und sich auf ihre Landhäuser zurückgezogen. Sie sind steuerfrei und erst ihre in Egypten geborenen Nachkommen müssen später an die egyptische Regierung gewisse Abgaben entrichten. Der nach dem letztvcrstorbencn Sultahn Mahmuhd „Mah- muhd'ie" genannte Kanal ist unzweifelhaft eins der erfolgreichsten Werke Mahammed-Aalis, denn er verbindet die Hafenstadt des Landes mit der Wasserstraße — bisher einzigen von Belang — desselben. Seine Herstellung soll, wie man sagt, mit dem Leben von sünfundzwanzigtausend Menschen erkauft worden sein. Die Unglücklichen wurden zum Arbeiten gezwungen, erhielten keine Werkzeuge und mußten den mühsam losgebrochenen Schlamm mit ihren Händen oder in kleinen, selbstverfertigten Körben wegtragen. Bei der Erbauung des Kanals, welcher erst neben, dann durch den Mareotissee und später durch wüstes Land seine Richtung nimmt, n 13 19L gab es noch keine Dörfer in der Nähe, wie dies jetzt der Fall ist, deshalb blieben bald die Nahrungsmittel aus, es fehlte selbst das Trinkwaffer; wo man einschlug, fand man nur salziges, brakcs, vollkommen ungenießbares Wasser. Die Arbeiter starben wie Fliegen dahin. Ungeachtet dieser ungeheuren Opfer hat der Kanal noch seine großen Mangel. Die Dämme sind an vielen Stellen nicht wasserdicht, der Lauf desselben ist voller Krümmungen, sein Bett ist zu seicht rc. Jetzt begrenzen schmale Streifen Culturlandes seine Ufer, auf den Dämmen sieht man kleine Dörfer der Araber, deren elende Hütten aus dem Schlamme des Kanals erbaut sind. Diese Spelunken beherbergen arme Fcllahhihn, mehrere größere Kaffchäuscr, öffentliche Tänzerinnen. Alle Dörfer des Kanals geben ein Bild der tiefsten Armuth. Man ist immer froh, wenn man den Nil erreicht. Der Kanal empfängt sein Wasser bei dem Dorfe „Adfeh" oder „Fumm el Mahmuhd're — Kanalmündung — vermittelst einiger Schleußcnthore aus dem Nile. Nur bei hohem Was- scrstande ist der Kanal tief genug; während des niederen Nilstandes (welcher mehrere Fuß unter das niedrigste Niveau des Kanals fällt) muß er aus einem theilweise künstlichen Binnensee gespeist werden. Und dann können ihn nur kleine Schiffe befahren. — Nach Süden zu umgibt der Mareotissee die Hafenstadt. Er ist unbedeutend, nur einige Stunden lang, kaum über eine Stunde breit, sehr seicht und an Fischen arm. Man gewinnt Kochsalz aus seinen bittern Fluthen. Früher lagen da, wo jetzt nur Salikarien- sträucher und Schilf stehen, große fruchtbare Felder. Die Engländer durchstachen 1801 den Damm bei Abuk ihr, der die Mee- resfluthen von der Niederung abhielt und verwandelten das ganze Land in den in jeder Hinsicht öden See. Jetzt ist er auch westlich, in der Nähe der Bäder der Klcopatra, mit dem Meere verbunden und enthält fortwährend ein trübes, salziges Wasser, welches einen grundlosen Schlammboden überdeckt. Westlich von Alerandrien erstreckt sich die Wüste meilenweit 195 an der öden Küste des Meeres, dort wächst außer den Wüsten- gräscrn gar Nichts und es kann auch wohl nie eine Anpflanzung angelegt werden; es fehlt an dem Alles belebenden süßen Wasser. Beduinenhorden streifen der Küste entlang in der Wüste herum, hüten ihre kleinen Heerdcn und rauben und plündern die Reisenden, denen es einfallen sollte, zu Lande nach Der na oder einer anderen von Alcrandrien aus westlich gelegenen Stadt zu reisen. 13 * Ein Blick in das Thierleben Egyptens. Die Untersuchung einer genauen Karte „des wie eine Auster zwischen zwei Schalen hängenden Nillandcs Egypten" berechtigt uns schon im Voraus dazu, einen Schluß zu machen, welche Thierklasse in diesem eigenthümlich beschaffenen Lande mehr als die andere bevorzugt sein wird. Das enge, sich nur gegen das Meer hin erweiternde Stromthal kann nicht geeignet sein, allen Thier- klassen gleiche Annehmlichkeiten zu bieten. Es ist zu schmal, um größeren Landthieren Raum und sichere Schlupfwinkel zu gewähren; die Gebirge sind zu kahl, um viele pflanzenfressende Thiere zu ernähren ; die Wälder sind zu licht und zu nahrungsarm, als daß diese oder gefährliche fleischfressende Raubthiere dort ihre Wohnung nehmen könnten. Dagegen werden Amphibien und Vögel passendere Wohnplätze in einem Lande finden, wo Feuchtigkeit und Trockenheit so wunderbar vereinigt sind, daß Sandwüsten Sümpfe begrenzen. Am glücklichsten dürfte Egypten für die Klasse der Vögel beschaffen sein. Der auf seinem Winterzuge von Norden her einwandernde Vogel findet einen Platz, wie er ihn nur immer wünschen mag: er findet schroffe, steile und öde Gebirge, welche sich an blühenden, bebauten und bewaldeten Ebenen hinziehen; er findet lachende, für ihn weite, von brennenden, sandigen Wüsten begrenzte Fluren, den mächtigen Nil mit seinen unzähligen Kanälen, die Küste des Meeres mit Salzseen und Sümpfen, welche vom Meere aus überflu- thet und mit süßem Wasser gespeist werden. Eins der angenehmsten Klimate der Erde setzt den der großen Wasserheerstraße folgenden Vogel in den Stand, seinen Aufenthaltsort innerhalb von sechs Breitengraden unter fast gleich glücklichen Verhältnissen wichen zu können. Und das bemerkt der Reisende bald. Er be- 197 tritt keinen Theil des Landes, ohne diesem oder jenem Vogel zu be- gegnen. Ueber den unzugänglichen Gebirgen, in deren Felsklüften nur der Schakal und die nächtlich hervorbrechende Hyäne Hausen, kreisen die mächtigen Geier in schwindelnder Höhe und spähen mit scharfem Auge nach Aas umher. Nur zuweilen lassen sie sich herab, um in einer Felsspalte auszuruhen oder der Verdauung zu pflegen; vielleicht enthält dieselbe ihren großen Horst. Der kleine, zutraulicheNooMroir xeronoptoi-os, Egyptens schmutziger Aasgeier, besucht jedes Dorf Oberegyptens, um dort seiner eckelhaf- ten Nahrung nachzugehen. Der Forscher findet ihn selbst vor den Thoren der Städte, oft auch auf den verfallenen Palästen und Tempeln vergangener Jahrtausende, welche heute noch sein Bild- niß tragen. Die kühnen Edeladlcr haben sich die im Feld gelegenen Palmenwälder auserkoren und bäumen dort, nachdem sie sich müde gejagt, mit Sonnenuntergang zur Nachtruhe auf; dieselben Plätze suchen die Schlangenadler, welche den Tag über eifrig bemüht waren, das Land von gefährlichen Amphibien zu säubern, die kräftigen, flügelschncllcn Edelfalken, die Milane, Bussarde und trägen Röthelfalken; der Gleitaar schwimmt durch den goldnen Abcndhimmcl seinem Orangengarten zu; die Weihen sitzen in einzelnen Mimosenhainen auf den untersten Aesten, an den Stamm gedrückt. Während des Tages Räuber sich zu Ruhe begeben, erwachen die der Nacht. Ein seltner Uhu, kullo »soslspllus, verläßt mit Hyäne und Schakal seine sichere Felsenwohnung und wird das Schrecken der egyptischen Taubenhäuser oder der in den Sand der Wüste gedrückten Flughühnerketten; die Hyäne erschreckt die friedlich äsende Gazelle, der Schakal heult seine unheimliche Weise. In jedem Dorfe sieht man das Käuzchen (Lckllonv iveriäions- lis) auf den Häusern sitzen und dort unter lebhaftem Gestenspiel sich mit seinem Gatten unterhalten. Sein Unheil verkündender Ruf wird in Egypten nicht sehr geachtet, Jedermann erfreut sich vielmehr an dem schmucken Thicrchcn, welches beim Erscheinen eines Menschen unzählige Verbeugungen und Knirc macht und sich so an 198 ihn gewöhnt hat, daß es seinen kleinen Horst in der Mauerspalte einer Fellahhütte aufzuschlagen wagt. Den todwcissagenden Ruf schreibt man dagegen der Schleiereule zu, welche, wie überall, so auch in Egypten in den Wohnplätzen lebt und diese zur Nachtzeit kreischend durchstiegt. Auf öderen, mit Halfa bestandenen Stellen erheben sich mit den Eulen Egyptens die Nachtschatten (OsxrimulAus skA^xtiaous und 6. isallellinus) zu ihrem nächtlichen Fluge und streichen mit zierlichen Wendungen behend und leicht über die insektenreiche Fläche dahin. Jedes Dorf beherbergt Schaarcn der überall, nur in Italien nicht geschonten Schwalben, jener von guten Menschen immer gern gesehenen Vögel, welche die Araber „lluulki- vl ckjinnv" (Böget des Paradieses) nennen, weil sie neben dem flammenden Schwerte des Cherub vorbeihuschten, um dem aus dem Eden verstoßenen Menschen zu folgen. Kindlichen Sinnes freut sich der Fellah, wenn einer dieser „Böget des Segens" sein künstliches Nest an das Sparrwcrk seiner Hütte heftet, und duldet den freundlichen Sänger auch in dem Innern seines Hciligthumcs. kiruncko Lois- sonsAuti ist es, welche in den Dörfern lebt, H. oakiriea wohnt an den Felsen des Stromufers und nistet in den einsamen Schechs- gräbcrn der Wüsten. Dort und auf den Halfaflächen sieht man die geräuschvollen Flughühner, in den Sandwüstcn den schnellen isabellfarbenen Läufer in Gesellschaft der kundigen, krummschnäbeligen und kleinen Jsabcll-Lerchen, an felsigen Particen der Wüste die Felsen- tauben. Aus trocknen Feldern leben Brachpiep er, Feld- und Haubenlerchen, in Kleestückcn unzählige Pieper. Da schleicht dann auch Tag und Nacht der egyptische Fuchs herum, um kleinen Vögeln nachzustellen und gar oft sieht der aufmerksame Beobachter den Sumpfluchs oder die dortige Wildkatze zu gleichem Zwecke aus dem Getraide oder zwischen Gebüschen hervorlugen. Aus den Wipfeln der Sykomoren schallt des unscheinbaren Drosslings schmetternder Sang, in den Salikarrenbüschen flöten die Sänger, auf den Maulbeerbüschen und in den Hecken singt Egyptens Nachtigall, die ^Zroliates Aalaotockes. Die zier- 199 lichm Bienenfresser sitzen paarweise auf niederen Gebüschen und sind am Saume der Mimosenhaine besonders häufig; im Innern dieser Wäldchen lebt der meckernde Straußkukuk, jener ungesellige, seine Sippschaft ewig befehdende Vogel, welcher sogar seine eigne Brüt der Sorgfalt der Nebelkrähcn, in deren Nester er seine Eier legt, übergibt. Hedenborg's Wüstenrabe ist in den größeren Palmenwäl- dern anzutreffen, die gewöhnliche Krähe aber ist die Nebel krähe, welche in den Gärten der Städte und Dörfer nistet. Die lieblichen Turteltäubchen Europas und Egyptcns ('lurtrn- sui-itus und seK^ptiaous) kommen ebenfalls in jedem Walde vor, mehrere Arten von Würgern sind gemein. Das sind so ungefähr die Erscheinungen aus der Vogelwelt, welche man im Innern des Landes antrifft. Weit reicher sind die Seen und Sümpfe, die Kanäle und der Strom. Hauptsächlich ist es das Delta, welches für die von Norden her ankommenden Vögel einen vorzüglichen Anziehungspunkt bildet, weil es die großen Seeen, Sümpfe und Lagunen, welche Egyptens Meeresküste auszeichnen, enthält. Die Seeen, deren größter der Mcnzalch ist, sind an Fischen, Insekten und anderen Wasserlhiercn unendlich reich und deshalb ein Licblingsaufenthalt unzählbarer Vögel, welche dort reichliche Nahrung finden. Sie enden nach dem Lande zu in schlammige, untiefe Buchten, in welche sich die Ausläufer der Kanäle ergießen, oder verbinden sich unmittelbar mit sumpfigen Reisfeldern oder wirklichen, rohrreichen Brüchen. Die herrlichsten Palmcnwaldungen schließen sie ein und vollenden das Paradies, die eigne Welt der geflügelten Schaarcn. Diese nur zu schätzen, scheint mir unmöglich; cS ist ein wahrer Hochgenuß finden Naturforscher, das Leben dieser Vogelwelt mit anzusehen; erstaunt und begreift nicht, wie es möglich ist, daß hier Hundcrttau- sende von Thieren leben können, welche der geringsten Schätzung nach täglich mindestens 60,000 Pfund Fische zu ihrer Nahrung bedürfen. Obgleich der Menzalehsee, welchen wir jetzt hauptsächlich in's Auge fassen wollen, auch im Sommer von Vögeln sehr belebt ist. 200 erhält er seine volle Bewohnerzahl doch erst zur Winterzeit. Wenn der goldgefiederte Pirol und die flüchtige Schwalbe die Kunde gebracht hat, daß sich im Norden die geflügelte Schaar zur Winterreise aufgemacht, kommt bald einer der altbekannten Gäste nach dem andern an. Die Wachteln erscheinen in so großen Flügen, daß ein gewandter Jäger ihrer in einer Stunde dreißig Stück erlegen kann, weil er kaum genug Zeit zum Laden hat; die ziehenden Seevögel verdunkeln zuweilen die Lust. Die Scharben, wahre Seevögel und eifrige Fischjäger, finden sich zu Tausenden ein, alle in Deutschland vorkommenden Enten sind vorhanden; die ähnlichen Arten sammeln sich in Schaaren, welche den See buchstäblich vier- telmeilcnwcit bedecken; sie werden in so großer Anzahl gefangen, daß man vier Stück für einen Silbergroschen zu kaufen bekommt. Kaiseradler und Schreiadler, Wanderfalken, Würg- und andere südländische Edelfalken suchen sich selbstverständlich dergleichen beutereiche Orte auf und fangen sich mit leichter Mühe ihre tägliche Nahrung. Vor Allen ist der gewaltige Kaiseradler (^guila imporislis) das Schrecken der Wildgänse und Flammings, welche er mit unermüdlicher Ausdauer verfolgt und in kurzer Zeit überwältigt. Unbeweglich sitzt der Seeadler (UsIlsetoZ »Ibi- eills) hier und da am Strande; Groß und Klein scheut die Nähe des gefürchteten Räubers, ganz im Gegensatze zu dem starkklauigen Fischadler (krmäiou llsliaetos), welcher oft mitten unter den Enten sitzt. Diese kennen ihn als bloßen Fischjäger und lassen ihn, ohne Furcht zu zeigen, fußhoch über sich Hinwegstreichen. Sie wissen recht wohl, daß sie ihre furchtbarsten Feinde nur in den Edelfalken haben. Mit wcitspähendem Auge gewahrt einer dieser gewandten Räuber schon aus großer Entfernung die im seichten Wasser ruhig schnatternden und lustig schwatzenden Enten. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel stürzt er aus hoher Luft senkrecht unter sie herab, eine von ihnen ist stets seine Beute. Die übrigen fliegen erschreckt auf, lassen sich aber schon nach kurzem Fluge wieder auf das Wasser nieder, gleichsam als wüßten sie, daß es vor solchen Feinden kein Entrinnen gibt. Aber der Edelfalk hat seinen Raub noch nicht in Sicherheit. Kaum hat er ihn erhoben, als 201 auch schon der überall gegenwärtige Schmarotzermilan erscheint und ihn mit seinen Genossen schreiend verfolgt. Zu stolz, um mit den seiner unwürdigen Gesellen zu kämpfen, überläßt er ihnen lieber seinen Fang und eilt zurück, um sich nach anderem Fraße umzusehen. Außer den Enten wimmeln die seichten Stellen von kleineren Sumpf- und Wasservögeln. Hunderte von Schlamm-, User- und Wasserläufern beleben die Uferränder, etwas tiefer im Wasser stehen die abwechselnd weiß und schwarz gezeichneten Säbel- schnäbler und die dunkelrückigen Strandrcitcr; beide fangen Wasserinsekten. Erstere stellen sich dazu auf den Kopf, letztere, die auch in allen Lachen der Dörfer gewöhnlichen, gemüthlichen Stel- zenläuser, suchen sie mehr am Rande der Buchten. Im tieferen Wasser steht der Löffler (kalsles louooroäik») in großen Heer- den und durchstöbert mit seinem Löffclschnabel emsig den Schlamm des Seees; hinter ihm sieht man eine lange Feuerlinie, tausend und andere tausend von Flammings, gleichsam eine ungeheure Fronte bildend. Die Araber fangen diesen Prachtvogel in Netzen und erzählten mir noch eine andere Fangart, welche ich, weil ich sie nicht selbst gesehen habe, nicht verbürgen kann. Nachdem man einige Tage vorher den Schlafplatz der Vogel genau ausgekundschaftet hat, nähert man sich ihnen Nachts behutsam auf einem aus Rohr- stängeln zusammengebundenen Fahrzeuge und sucht den „Tschausch". d. h. den unter der Heerde die Wache Haltenden zu entdecken. Dieser steht aufrecht da, während alle übrigen den Kopf unter dem Flügel verborgen haben und schlafen. Ein nackter Araber kriecht vorsichtig unter dem Wasser zu ihm heran, zieht den Hals geschwind unter das Wasser und bricht ihn dort entzwei. Dann werden von seinen Gehülfen so viele Flammings gefesselt, als man in der Eile erlangen kann. Die Schlingen oder vielleicht auch die Netze dazu sind im Voraus hergerichtet. Man soll auf diese Weise in einer einzigen Nacht oft mehr als sechzig Eremplare sangen. Der Flamming oder PLschäröhsch, wie er von den Ära- 202 bcm genannt wird, ist einer der wohlschmeckendsten Vogel, welche man kennt. Bei den Gastmahlern des Römers LuculluS bildeten die fleischigen, fetten Zungen der Flammings seltene Gerichte und galten als köstliche Leckerbissen. Viele Gelehrten haben an der Wahrheit dieser Tradition gezweifelt, weil die Römer das Feuer- gewehr nicht kannten. Meiner Ansicht nach wäre es gerade mit dem lärmenden, alle Thiere verscheuchenden Feuergewehre unmöglich gewesen, so viele Flammings zusammenzubringen; ich bin überzeugt, daß man die Flammings damals in den pontischen Sümpfen auf ähnliche Art als heut zu Tage im Mcnzaleh mit Netzen sing. — Große Gesellschaften von Pclckancn durchziehen, gemeinsam fischend, weite Strecken des Seces. Nur Einer, welcher die ungeheure Anzahl dieser gefräßigen Thiere kennt, wird meiner oben mitgetheilten Schätzung des täglichen Fischvcrbrauchs durch die Böge! vollen Glauben schenken. In ganz Nord-Ost-Afrika habe ich niemals so viele Pelckanc vereinigt gefunden, als am Menzaleh- sce. Während der Nilüberschwemmung ist es nichts Seltenes, auf den überfluthcten Landstreckcn tausend bis zwölshundert Pelekane zusammen zu sehen; aber eine solche Anzahl steht noch immer weit hinter der zurück, welche der Menzaleh an einer einzigen Stelle beherbergt. Hier bedecken sie oft halbe Meilen und solche Stellen erscheinen, wenn man sie aus weiter Ferne betrachtet, als ob sie mit unzähligen weißen Wasserrosen übcrkleidet wären. Da tummelt sich die geschäftige Schaar nach Herzenslust in den Fluthcn herum. Ein weiter Kreis wird gebildet, enger und enger rücken die geschickten Fischer zusammen, den eingeschlossenen Fischen ist jede Flucht verwehrt. Begierig tauchen die Vögcl ihre langen Hälse in die Tiefe, die mächtigen Schnäbcl sind geöffnet, ein Fisch nach dem andern wandert in den Nimmersatten Schlund. Recht behaglich ruhen sie dann von ihrer Arbeit auf Sandinseln aus und putzen, fetten und glatten die harten kurzen Federn, welche während des Winters jenes, vielen Schwimmvögcln gemeinsame, Roscnroth überhaucht. Wenn man unter eine, auf dem Wasser schwimmende Pelckanhccrdc schießt, fliegt diese mit einem Geräusche aus, welches 203 man ungefähr einem von zwanzig Trommlern geschlagenen Wirbel vergleichen und über eine Viertelstunde weit hören kann. Der Pclekan ist nur Schwimmvogel und zum Tauchen vollkommen unfähig. Der Grund hiervon scheint mir hauptsächlich in der eigenthümlichen Beschaffenheit seiner Fetthaut (krnmionlns säiposus) zu liegen. Diese besteht aus vielen, sehr großen, dicht an einander liegenden, mit Luft gefüllten Zellen, welche zusammen eine Schicht von sechs bis zehn Linien Dicke bilden. Selbst bei größter Lebensgefahr bleibt der Pelekan auf der Oberfläche des Wassers und macht niemals den Versuch, in das Wasser hinabzu- tauchen, wie es in ähnlichen Lagen alle Schwimmvogel — mit Ausnahme der Möven und Secschwalben — thun. Auch der Pclekan wird von den Arabern gefangen und gegessen, obgleich das nach mahammedanischen Grundsätzen eigentlich verboten ist. Denn als man die Kaaba in Mecka baute und das Wasser weit herbeigeholt werden mußte, gebrach es bald an den Sakhaht. Die Bauenden klagten, weil sie ihre Hände müssig ruhen lassen mußten. Aber Allah wollte nicht, daß der heilige Bau behindert werde. Er sandte Tausende von Pclekanen, welche ihre geräumigen Kchlsäckc mit Wasser füllten und dieses den Bauleuten brachten. Wenn ein Fischer einen Pclekan gefangen hat, durchsticht er die unteren Augenlider mit einer Nadel, zieht einen Faden durch sie und bindet diesen mit dem vom andern Auge oben auf dein Kopfe zusammen. Die Lider entzünden sich bald in fürchterlicher Weise und der arme Vogel muß viele Schmerzen leiden. Jung gefangen, wird der Pclekan so zahm, daß er aus und ein geht und sich sein Futter selbst fischt. Sein Fleisch achten die Eingebor- nen dem Schaffleische gleich, ziehen ihm jedoch das Fleisch der Scharben noch vor. Letztere, welche ungcmein fett sind und thra- nig schmecken, sind für uns ungenießbar, aber die Araber besitzen nun einmal nicht den feinsten Geschmack und glauben, daß Alles, was fett ist, auch gut sein müsse. Nächst den Pclekanen sieht man auch einzelne Schwäne, ((H'KNIIL musieus), viele Wildgänsc (Anssr albili-oim) und 204 zahllose Möven und Seeschwalben auf der freien Fläche des Scees. Weit mehr Bögclarten (nicht Individuen) beherbergen die an den See grenzenden Sümpfe. Sie wimmeln von Bewohnern. In jedem Reisfelde liegen große und kleine Heerschncpfen; sie sind so gemein, daß der geschickte Schütze dort sich eine wahre Freude machen kann. Seltner ist die Doppelschnepfe oder der große Brachvogel (Numouiiw arguatus), die Wald- und Mittelschnepfen fehlen ganz. Dagegen sieht man den rothen Ibis (I^llloiiwUlls iZnsus) inmitten des Schilfes auf freien Plätzen zu zwanzig bis dreißig Stücken. Die bunten Reiher (Deckes oine- res und Purpurs») haben sich freiere und tiefere Stellen erwählt, während der Erzeuger der köstlichen Federn, der große Silberreiher (Uoroäias Kurnott») sich im dichtesten Röhrigt verbirgt, dem heranschleichenden Jäger vorsichtig zu erspähen bemüht ist und ihm, trägen Flügelschlags, schon aus großer Entfernung enteilt. Die nächtliche Rohrdommel ist in dem innersten Dickicht versteckt; ihr Gesell, der Nachtreiher, sitzt mit gesträubten Federn und halbgeschlossenen Augen in den Wipfeln der Sykomoren und Palmen, oft inmitten der Dörfer, blinzelt zuweilen zur Sonne empor und schließt die Lider wieder ärgerlich zum Schlafen und Träumen, wenn sie ihm noch zu hoch steht. Der kleine Silberreiher (LZrett» Agi-Mtt») schleicht mit dem immer nur einzeln sich einsendenden Rallenreiher (Deckes eowuts) in den Reisfeldern herum; ^rüsola bulkulo», Egyptens Kuhrciher spaziert gemüthlich in den Kleefeldern auf und ab, besucht die Rindcrheer- den und setzt sich auf den Rücken des egyptischcn Büffels, um diesen von den ihn quälenden Insekten zu befreien; er vertraut den Menschen und kennt des Jägers Tücke nicht. Oardo p^Zmaeus, die Zwergscharbe, klettert an den Rohrstängcln auf und nieder; der gcschäckte Eisvogel sitzt neben ihm oder fliegt dann und wann einmal auf, rüttelt über einer freien Stelle herum und stürzt, wenn er ein Fischchen erschaut hat, pfeilschnell so in das Wasser, daß dieses plätschernd über ihm zusammenschlägt. War er glücklich in seinem Fang, dann setzt er sich ruhig auf die alte Stelle und verdaut. Unser viel scheuerer und schönerer, blaurückiger Eis- 205 vogcl hat sich ein stilleres Plätzchen auserkoren. Svtvia turäoi- lles, die Rohrdrossel, hüpft mit dem Blaukehlchen durch das Rohr und vereitelt fast alle Flugversuche des hier gemeinen Rohrweihs (Oireus imkus). Kreischend und schreiend fliegen die See- schwalben daher; die große Sterne» es8pis senkt den schweren Schnabel herab und stürzt sich bisweilen mit großem Geräusche in'S Wasser. Den Mcergrund durchsuchen die Gänse und Brandenten; auf allen Inseln treiben sich die munteren Strand- und Uferläufer herum. Der Jäger schleicht durch das Schiff, um sich einen seltnen Vogel zu ersehen; da gewahrt ihn der immer aufmerksame Sporenkiebitz (Hop1optern8 8pmo8n8). Augenblicklich erhebt er sich und fliegt dem Jäger mit lautem Geschrei in immer enger werdenden Kreisen um das Haupt, sein Gefahr verkündender Ruf schreckt alle Vogel aus ihrer sichern Ruhe auf, einer nach dem andern eilt davon. „Das sollst du büßen!" denkt der Schütz, sein Schuß streckt ihn zu Boden. Er hat einen Kiebitz mit dunkler Brust und Kopf, weißem Hals und Bürzel und graubraunem Mantel in den Händen, an den Handgelenken sitzen die scharfen, längeren oder kürzeren Sporen. Wir glauben, daß sie die Waffen des Vogcl sind, der Araber weiß es besser. „Alle Böget," sagt er, „hielten einst zu Ehren Gottes ein großes Fest und versammelten sich in einem weiten Gelände. Aus allen Weltthei- ien kamen die flüchtigen Gäste vorbei; nur der Sporenkiebitz fehlte. Nach drei Tagen endlich erschien auch er und entschuldigte sein Ausbleiben, weil er geschlafen habe. Aber der Zorn Allahs ergrimmte über ihn und Er sprach zu ihm: „Weil du jetzt schliefst, als alle Vogel sich zu meiner Ehre versammelten, sollst du fortan gar nicht mehr schlafen." Hierauf setzte er ihm die beiden Sporen an die Flügel. Sobald er nun schlafen will, stechen ihn diese in die Seiten und so fliegt er fort und fort umher mit kläglichem Geschrei, immer und immer umsonst die Ruhe suchend." — Besonders nach Sonnenuntergang ist Leben in den Sümpfen. Dann werden sie von großen Enten-, Gänse-, Möven-, See- schwalben- und Scharbenschaaren, Reihern und anderen Sumpfvogeln , welche sich den Tag über auf der weiten Fläche des Seees 206 zerstreut hatten, ausgesucht und als Schlafplätze benutzt. Das ist ein Leben, ein Krächzen, Kreischen, Schnattern, Ouacken, Trommeln, Pfeifen und Rufen! Helle Schlammläufcrsti'mmen dringen von Zeit zu Zeit durch das Tonchaos hindurch; der Pelekan-Baß tönt dumpf dazwischen. Langsamen Flügelschlags erhebt sich ein kreischender Reiher, um sich ein sicheres Plätzchen auszuwählen, schnatternde Enten, gackernde Gänse verfolgen seinen Flug mit Aufmerksamkeit, ein lauter Bcwillkommungsruf anderer Reiher empfängt ihn, wenn er sich unter seines Gleichen niederläßt. Nach und nach wird es stiller, das Geplärr sinkt zum Geplauder, das Gekrächz zum Geflüster herab. Aber nun erschallen die Stimmen und Töne der Nacht. Das in dem Röhrigt verborgne Wildschwein erhebt sich von seinem Pfuhl zu seinem felderverheercnden Weidegang. Vorsichtig schnüffelt es nach allen Richtungen in die Luft hinaus, dann betritt es einen schon oft begangenen Pfad. Mit beständig bewegtem Gehör trollt es dahin; wehe Dem, welcher es unvorsichtig und unvorbereitet angreift: es schlitzt ihm mit seinen furchtbaren Gewehren die Haut oder gar den Leib auf! Der kluge Jäger läßt es dazu nicht kommen. Er liegt im wohleingc- richtctcn Versteck, die sichere Kugelbüchsc in der Faust und erwartet das Wechseln der Bestie. Jetzt kommt sie heran, der Stecher knackt fast unhörbar, aber doch stutzt sie einen Augenblick, ehe sie ihren Weg weiter fortsetzt. Der Anruf macht sie von Neuem aufmerksam; unmuthig grunzend dreht sie den ungeschlachten Kopf, da kracht die Büchse. Ein fruchtbares Brüllen zeugt von der Kugel Wirksamkeit, dann folgt ein kurzes Röcheln; dort liegt sie verendet. War der Schütze ungeschickt, dann mag er schnell das neben ihm liegende Doppelrohr zur Hand nehmen; die Sau wird ihn unverzüglich „begehren." Auf demselben Wege erscheint später der pfiffige Schakal. Geräuschlos gleitet er auf der Erde dahin, die kurze Ruthe liegt auf den Fersen, die Nase ist in beständiger Bewegung. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen, klemmt die Ruthe zwischen die Hintcrläufe und heult kläglich. Dann eilt er weiter. Mit diesen Gesellen ermuntern sich auch die Vögel der Nacht. Die Nachtreiher haben ausgeschlafen und ausgeträumt und recken die 207 Flügel; mit Beginn der Dunkelheit brechen sie auf. Krächzend verläßt die nächtige Schaar die Bäume und fliegt den Sümpfen zu, um dort die Jagd auf Fische und Amphibien fortzusetzen, welche die Tagreiher kaum geendet. Die Rohrdommel, welche vorher still war, steckt im Frühjahr den Schnabel in das Wasser und bringt so ihr weitschallendes Geschrei, das man für das Gebrüll eines Ochsen halten könnte, hervor. Bei Mondschein sind auch noch andere Vogel lebendig. Der Löffler durchsucht dann den Schlamm so eifrig als bei Sonnenschein und alle Regenpfeifer tummeln sich sorgloser und lustiger als bei Tage. Oeckionomus vrepitr»n8, der Dickfuß, ein ohnehin nächtlicher Vogel, kommt aus den nahen Dörfern und Städtchen, wo er bei Tage auf den platten Dächern großer Gebäude herumspazicrte, herbeigeeilt und mischt sich unter die fröhliche Gesellschaft. Lange vor der Morgendämmerung fliegen alle diese Nachtvögel nach ihren Ruheplätzen zurück; mit Beginn des Tages verlassen auch die Schlafgäste die Sümpfe, nach Sonnenaufgang ist es in ihnen ziemlich still geworden. Die Nothwendigkeit, Nahrung zu suchen, treibt erst bei späterer Tageszeit wieder andere Sumpfvögel an solche Schlafplätze und so kommt es, daß diese niemals ganz entvölkert sind. So dauert dieses Zusammenleben der verschiedenen Vogel fast die ganze Winterszeit hindurch, bis die stärker werdende Frühlingssonne einzelne vertreibt und andere herbeizieht. Ende Februars schon sammeln sich die Scharben zu Reisegesellschaften, man sieht Abends ungeheure Züge von ihnen nach den Schlafplätzen fliegen; aber sie werden mit jedem Tage schwächer. Der Pelekan ist zum Fluge gerüstet, der Fla Mining vertheilt sich täglich mehr. Jede Nacht hört man das pfeifende Geräusch des Fluges der heimwärts wandernden Enten. Die Adler, welche nicht nach Europa gehen, ziehen sich nach einzelnen öderen Inseln zurück und schreiten dort zum Nestbau; der Gleitaar gründet schon im Januar seinen Horst, der Milan baut im Februar eifrig. Um diese Zeit trocknen auch die Sümpfe, welche der zuweilen herabfallende Regen noch mit Wasser versorgte, mehr und mehr aus und ihre Bewohner verschwinden in eben dem Maßstabe, als das Wasser der 208 Brüche abnimmt. Die zuführenden Kanäle sind bereits hier und da ausgetrocknet, nur in einzelnen Tümpfeln lebt noch eine Vogel- schaar. Gegen die Mitte des März kommen die weiter südlich gezogenen Vogel einzeln zurück. Alle Gebüsche sind eine Zeit lang von europäischen Sängern belebt, in den Waizenfeldern schlägt die Wachtel. Sie weilen hier kurze Zeit, um sich auf fetter Weide zur bevorstehenden Reise über's Meer zu stärken. Ende März's sind alle Vogel im vollen Zuge und diejenigen, welche im Anfang des April noch nicht fortgewandert sind, bleiben auch den Sommer über in Egypten. Zu diesen gesellen sich auch jene Insektenfresser, welche in dem warmen Delta während des Winters nicht bleiben wollten. Der Bienenfresscr bezieht seine altbekannten Bäume wieder und späht bereits hier und da umher, ob sich eine steilabfallende Erdwand wohl später zur Nistkolonie eignen möchte. Im April ist in Egypten die Wärme wie bei uns im Juni oder Juli; die meisten Raubvogel, die Krähen und Tauben haben schon Junge. Die Säugethiere Egyptens haben im Vorstehenden schon zum größten Theile ihre Erwähnung gefunden. Führe ich sie noch einmal in gedrängter Reihenfolge auf, so habe ich zu nennen: die Gazelle (Mntiloxs ckoroas), den Aöriell (.^ntiloxo uraküou), den Steinbock (Ibsx urabieus) — in den zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich erhebenden Gebirgen — das Wildschwein, ein von unserer 8us scrotu verschiedenes Thier, den syrischen Klippschliefer (lll^rux s^riuous, Lär-enä. ), viele Mäuse und Ratten, darunter die interessante Stachelmaus (Mus oulliriou), ein in den Häusern Kairo's lebendes, mittelgroßes Thicrchen, Nus uloxsuckriaus und andere; den kleinen egyptischen Hasen (Texas svA^xtiaeus) mit seinen auffallend großen Löffeln, zwei Arten des allerliebsten Springhasen (vipus), wovon die eine: vipus Zerllos, der „Djerboa" der Araber; einige Spitzmäuse, einen kleinen Igel (Lrinaoeus seK^xtiuous), die „Ratte der Pharaonen" oder den Ichneumon (Iloi-xssles lollnsumou), jenes Thier, welches früher Krokodileier fraß, jetzt'aber auch mit Hühnereiern vorlieb nimmt, den egyptischen Fuchs (6snis Motoous), den Schakal (Ounis uureus), die gestreifte Hyäne (k^asna 209 «trist»), die egyptische Wildkatze (k'vlis msmoulsts) und den Sumpfluchs (keim 6ksu«) und einige vierzig Arten Fleder- in äuse. Egypten ist das Land der letztgenannten Thiere. In allen Monumenten, in jedem alten Hause, in jedcin dunklen Minaret wohnen sie zu Dutzenden; manche Höhlen des Gebirges, die Fel- senspaltcn u. s. w. beherbergen Tausende. Man findet fast alle Familien dieser reichen Ordnung durch mehrere Arten vertreten. Nach Sonnenuntergang erfüllen Schwärme von Fledermäusen die Luft; in der Nähe Kairo's fliegen sie zu Tausenden herum. Die Fische Egyptens kenne ich nicht; die Klasse der Reptilien ist reich an Schlangen und Sauriern, auch zählt sie einige Landschildkröten, der Nil beherbergt eine große Flußschild- kröte: Irion^x niloticus; doch ist diese Klasse, wie die der Insekten, an Arten vcrhältnißmäßig arm. Bis jetzt ist in der Fauna Egyptens nur die Klasse der Säu- gethiere, Vögel, Fische und Insekten von tüchtigen Forschern bearbeitet worden. Unter die ausführlichsten Arbeiten gehört das große Werk der französischen Expedition und die von Rüppell und Ehrenberg veröffentlichen Beobachtungen. Geof- froy hat auf die Klassifikation der Fledermäuse, Rüppell auf die der Fische vorzüglichen Fleiß verwendet; Ehrenberg ist unseres Wissens der Einzige, welcher alle Klassen der reichen Fauna mit gleicher Sorgfalt bearbeitet hat. Es gibt in Egypten noch Viel zu entdecken, aber nur dann, wenn ein Naturforscher das Land Jahre lang durchreist haben wird, dürfte es möglich sein, eine befriedigende Uebersicht der Fauna Egyptens zu erhalten; bei kürzerem Aufenthalte ist das unmöglich. ii. 14 Tagebuchs- und Reisenotizen während des Aufenthaltes in Unteregypten. Nach der Abreise des Baron von Müller verweilte ich nur noch wenige Tage in Alerandrien. Ich wollte an den Mcnzaleh- see zurückkehren, um dort unsere bisher gemachten Sammlungen und Beobachtungen zu vervollständigen, und stand im Begriff, dahin abzureisen, als der Behörde gemeldet wurde, daß Aabahs- Pascha, der vor Kurzem zur Regierung gelangte, in Konstantinopel aber nur mit der Würde „eines Statthalters der türkischen Provinz Egypten" belehnte Vizckönig mit seinem Gefolge dem Hafen Alerandriens zusteuere. Es war am 13. Februar 1849. Man hatte schon seit mehreren Tagen die Vorbereitungen zu den Empfangsfeierlichkeiten getroffen. Jetzt verkündete der Kanonendonner der egyptischen Kriegsschiffe das Eintreffen des Pascha. Das Tauwcrk der im Hafen liegenden Schiffe wurde mit allen Signalflaggen geschmückt; die Matrosen und Soldaten der Fregatten und Linienschiffe stellten sich paradirend in langen Reihen selbst auf den höchsten Raaen auf; der Rumpf der Schiffe zitterte von dem ununterbrochenen Donner der Geschütze. Auf den Konsulaten stiegen die Flaggen der verschiedenen Nationen empor, von den Forts wehten die egyptischen Standarten. Obgleich auch alle Batterieen der Festung spielten und die Häuser Alerandriens beben machten, übertraf doch der Geschützdonner der Kriegsschiffe den aller übrigen Stücke. Ein dem Auge undurchdringlicher Pulverdampf lag auf dem Meere. Das Ohr konnte keinen der einzelnen Schüsse mehr unterscheiden, aber man sah, wie eine zuckende, dunkelrothe Feuer- schlange den dichten Pulverdampf durchbrach, wenn ein neues Stück gelöst worden war. Um Mittag, zum Aassr und mit Sonncnun- 211 tergang wiederholte sich der ohrenbetäubende Geschützdonner. Eine allgemeine Illumination beschloß die Festlichkeit. Die flammen- strahlendcn Galleriecn leuchteten weithin durch die dunkle Nacht. An den öffentlichen Gebäuden sah man Halbmonde und Sterne, an einigen europäischen Häusern italienische und arabische Namenszüge illuminirt. Das Ganze war ein ächt türkisches Fest mit viel Geräusch ohne Gehalt und Geschmack. Am 14. Februar verließ ich Alcrandrien. Ich hatte eine kleine,, nach Adfch segelnde Barke gemiethet und ging zum Aassr unter Segel. Noch ehe wir uns durch das Gewirr der zahllosen im Hafen des Kanals liegenden Barken hindurchgewunden hatten, war es Nacht geworden. Wir segelten in der Dunkelheit der Nacht mit wenig Wind an den Landhäusern der reichen Einwohner Aleran- driens vorüber und langsam den Kanal hinauf. Am Morgen waren wir dem Städtchen Adfch bis auf wenige Meilen nahe gekommen. Der Himmel war mit grauen Wolken verhangen, dann und wann fiel ein Regenguß. Eine mitten im Kanal arbeitende Baggermaschine versperrte uns den Weg. Ich ließ den Dirigenten der Maschine durch meinen arabischen Bedienten um freien Durchgang bitten. Mein Gesuch wurde brutal zurückgewiesen. „Aber mein Herr ist ein Europäer und hat Eile," sagte mein Bedienter. „„Wenn Dein Herr ein Franke wäre, würde er nicht ohne die Flagge seiner Nation reisen,"" war die Antwort. Diesem Uebel- stande ward alsbald abgeholfen, die Farben Oesterreichs stiegen am Flaggenstocke der Barke empor und der auf der Maschine befehligende türkische Offizier wurde augenblicklich anderer Ansicht. Die den Kanal sperrende Kette fiel, wir konnten unaufgehaltcn unsere Reise fortsetzen. Mit Sonnenaufgang verstärkte sich der Wind und brachte uns in kurzer Zeit nach Adfch. Hier sah es schrecklich aus. Der Regen hatte den ohnehin nur aus Nilschlamm bestehenden Boden in einen Sumpf verwandelt, in welchem man sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Der Reis einer eben absegelnden Barke nahm uns für die mäßige Summe von zehn Piastern mit unserem Gepäck bis zu dem „Marktflecken des Vaters Aali," von wo aus 14* 2l2 wir mit Lastthieren durch das Delta gehen wollten, an Bord. Aber es gelang den Schealihn (Lastträgern) bei den grundlosen Wegen erst nach vielen Bemühungen, unsere Kiste von dem alten Schiffe auf das neue zu bringen. Nach einer Fahrt von wenigen Stunden hatten wir unser heutiges Reiseziel erreicht und bezogen ein sehr bescheidenes Stäbchen in einem Chahn *). Am 16 . Februar. Nachdem sich der Schech des Ortes nebst meinem Bedienten über eine Stunde lang mit den Kamele besitzenden Arabern herumgestrittcn hatte, war man endlich darin übereingekommen, daß ich zwei Kamele erhalten und für den Transport meines ungcwichtigen Gepäcks bis zur Mahallct cl kebihre, „dem großen Marktflecken," einem nicht unbedeutenden, im Innern des Delta gelegenen Städtchen, die sehr hohe Summe von hundert Piastern bezahlen sollte. Von dort aus hätte ich, um zu einem am Nilarm von Damiaht liegenden Orte zu gelangen, nochmals Kamele miethen müssen. Glücklicher Weise fand mein Bedic- ner einen anderen, hier fremden Fcllah, welcher sich erbot, für die Summe von achtzig Piastern unser Gepäck nach dem am Nilarme gelegenen Städtchen Samanuht zu bringen. Ich reiste damals noch ohne einen Firmahn der egyptischen Regierung und sah ein, daß jeder Reisende, welcher diesen nicht besitzt, sicher sein darf, von den Fellahhihn geprellt zu werden. Wir mietheten nun für einen mäßigen Preis noch ein Maulthier und zwei Esel für mich und meine beiden Bedienten und verließen um Mittag den Ort unserer Nachtruhe. Das Land, welches wir durchritten, war überall herrlich bebaut. Zahlreiche, durch Mahammcd-Aali's Fürsorge angelegte Kanäle durchschnitten es nach allen Richtungen. Für die Verbindung der auf höheren oder niederen Hügeln aus Mauerschutt erbauten Dörfer war durch gute Straßen, welche auf hohen Dämmen dahin führten, gesorgt worden. Noch standen von der Nilüberschwcm- mung her große Strecken Landes unter Wasser. Einzelne, auch *) Ei» in Egypten nicht gebräuchliches türkisches (?) Wort, welches in Syrien eine Art Fremdenherberge bedeutet, gewöhnlich Han oder Kan oder Khan geschrieben. im Sommer nie ganz austrocknende Sümpfe waren mit den egyp- tischen Rohr- und Schilf,väldcrn bedeckt und durch zahlreiche Vogel belebt. Ohne mich viel mit der Jagd zu beschäftigen, erlegte ich in kurzer Zeit mehrere Enten, einige Schnepfen und viele andere wohlschmeckende Sumpfvogel, welche Abends zu einer leckeren Mahlzeit verwendet wurden. Während deS höchsten Nilstandes gleicht das Delta einem großen See. Tann kann man nur auf den hochgelegenen Dämmen oder mit Kähnen von einem Dorfe zum anderen gelangen. Beim Zurücktreten deS Wassers bleiben alle Vertiefungen gefüllt; das junge Gras sproßt überall hervor, sobald die Wasscrdecke verschwindet, welche eS zurückhielt, und die größte Fruchtbarkeit schläft in dem nur des Samenkornes bedürftigen, fetten Erdreiche. Die ungeheure Ausdünstung der trocken gelegten Stellen drückt die Temperatur bedeutend herab, das Thermometer steht wie bei uns im April, und weder die Kälte eines europäischen Winters, noch die Hitze eines egyptischen Sommers belästigt den nordischen Fremdling, sei er nun als befiederter Gast durch die Lüste oder in Gestalt eines gewöhnlichen Menschenkindes zu Schiffe oder Kamele nach Egypten gekommen. Nicht so ergeht es dem Egypter. Er vermißt die wonnigen Tage seines heißen Sommers und friert bei zehn und zwölf Grad Wärme in seinem elenden Gewände. ,,^ll chl silxli öl söik gülribü öl nLiis, öl svllittö liätLII, bätöll liö- ttlir." „O, mein Herr, nur der Sommer liebt die Leute, der Winter ist schlecht, sehr schlecht!" versichert er dem Neuangekommenen Europäer. Der im Lande eingebürgerte „Frenbji" glaubt es ihm wohl, er leidet und friert mit ihm. Gar schnell verwöhnt daö heiße Klima den Nordländer. Wir blieben in dem kleinen Kaffr el Schech, „dem Weiler des Schech," über Nacht. Am anderen Morgen regnete es ziemlich heftig. Lange Zeit wurden wir am Aufbrechen gehindert. Ich ging in dem Kothe herum, um den Ort zu besehen. Wie alle egyptischen Dörfer ist es höchst unreinlich und besitzt nur ein Gebäude von Belang, eine Dampfmaschine zum Reinigen des Flachses. Sie wurde von Jbrahihm Pascha angelegt, denn dieser besaß hier bedeutende Ländercien, welche jetzt seinen Söhnen gehören. Der im Dorfe regierende türkische Essend!, oder was er sonst war, welcher wohl hauptsächlich die Feldarbeiten der für den Pascha arbeitenden Fcllahhihn zu beaufsichtigen hatte, ließ mir verbieten, unter die in Haufen vorhandenen, manche Hütte ganz bedeckenden Sperlinge zu schießen, weil das Schießen seine Ruhe störe. Ich ließ ihm sagen, daß ich seinen Befehlen nicht Folge leisten würde, weil er mir keine zu ertheilen habe, denn „durch die Gnade Gottes" sei ich ein Europäer und kein Türke. Bald hatte ich mehrere Dutzend der feisten Vögel erlegt, ohne daß er mich weiter daran gehindert hätte, obgleich ihn mein Beginnen sehr in Harnisch brachte. Einen Araber, vielleicht selbst einen Türken, würde er gewiß eingesperrt haben. So viel gilt ein Europäer in Egyptcn. Erst gegen Mittag erlaubte uns das Wetter weiter zu reisen. Wir ritten lange an verschiedenen Kanälen dahin, passirten einige derselben und langten Abends in Mahallet el kcbihre an. Auch heute hatten wir nur vollkommen ebenes, sorgfältig bebautes Ackerland, dessen Felder von einer außerordentlichen Fruchtbarkeit zeugten, durchzogen. Außer den noch ganz gefüllten Kanälen sahen wir wieder große Strecken Landes überschwemmt-» An solchen Teichen bemerkten wir eine erstaunlich große Menge von Vögeln. Hunderte von verschiedenen wilden Enten, Reihern, Scharben, Seeschwalben, Mövcn, Schnepfen, Sumpf- und Strandläufern tummelten sich im bunten Gemisch darauf und daran herum. Alle Straßen waren sehr gut gehalten, breit und trocken und oft meilcnlang schnurgerade; alles Werke des alten Mahammcd Aali oder Jbrahihm Pascha'S. Wir benutzten eine der Hauptstraßen des Delta, die von Alerandrien nach dem Städtchen Tanda führende. Ich hatte schon oft von diesem Orte und seinen Messen gehört, ohne etwas Gründliches erfahren zu haben. Heute machte mir mein Bedienter Aali folgende, später anderweit bestätigte Mittheilungen über das Städtchen und seinen Heiligen: Tanda ist Residenz (wenn man diesen Ausdruck hier brauchen darf) des in ganz Egypten hochverehrten arabischen Heiligen Saa'ld, 215 welcher in Mekka geboren wurde, nach Tanda wanderte, lange Zeit da wohnte und daselbst starb. Zu seiner Ehre werden hier nun r jährlich zweimal große, unter dem Namen Muhlct el Saa'id in der ganzen mahammcdanischcn Welt bekannte Feste gefeiert. Muhlct bedeutet ungefähr so viel als Weihe und hier, da sein Grab eine Betkapelle ist, Kirchweihe. Mit diesen Festen hat man große, sehr besuchte Messen verbunden. Wer es nur irgend vermag, nimmt daran Theil, und wenn ein Egyptcr nicht nach Mekka wanderte, um dem Gesetze seines Propheten (Mlaii musellsm vvu allein gsloilui!) zu genügen, war er gewiß einige Male mit beim Muhlct el Saa'id und glaubte so seiner Schuld ziemlich entledigt zu sein. Saaid steht dicht neben dem Propheten und sein Grab gilt für einen segenbringcnden Wallfahrtsort. Auch jetzt noch thut der Heilige große Wunder. Wer zu seinem Grabe tritt, dort betet, hieraus das Fenstergitter der Grabeskapclle anfaßt und unter Anrufung des Heiligen ihm eine Bitte vorträgt, dem wird sie gewiß gewährt. Er macht Kranke gesund, erlöst Gefangene aus ' ihren Kerkern, zumal wenn sie in die Hände der Ungläubigen fielen, bringt Gestohlenes an seinen rechtmäßigen Eigenthümer zurück und zeigt sich noch in vielen anderen Dingen als wohlthätig. Die Wcihfcste des Heiligen sind von eigener Beschaffenheit. Von nah und fern strömt die Menge herbei, aber es sind vorzüglich die Frauen, welche hier ihr Wesen treiben. Acht Tage lang wimmelt es von Kaufleuten, Soldaten, Musikern, Gaunern, Taschenspielern, öffentlichen Dirnen und dergleichen Gcsindel. Es wird eine großartige Fanthaste gefeiert. Alle Franen dürfen hier die Dauer des Festes hindurch, und zwar ungekränkt der Rechte ihrer Ehemänner, frei über ihre Reize verfügen (?) *). Jeder findet Gehör, denn Niemand darf eine Bitte abschlagen, der Heilige thut dies ja auch nicht. So artet das Fest zur Verehrung des heiligen *) Das widerspricht freilich ganz den türkischen und arabischen Grundsätzen in Bezug auf die Frauen. Und doch soll es so sein. Ich bedaure sehr, daß ich nie Gelegenheit fand, die Muhtet el Saaid selbst zu besuchen, obgleich es mein Wunsch war. 216 Schech in eine förmliche Orgie auS, an welcher Hohe und Niedere, Vornehme und Geringe Theil nehmen. — Schon am frühen Morgen des 18. Februar brachen wir auf und ritten nach dem ungefähr drei Stunden entfernten Städtchen Samanuht, um dort eine Barke zu suchen. Der Regen ereilte uns »ritten auf dem Wege; wir kamen durchnäßt in dem unbedeutenden Flecken an. Ich miethete für die Summe von drei Thalern eine Barke bis Damiaht, schiffte mich mit unserem Gepäck ohne Verzug ein und fuhr nach der wenige Stunden flußabwärts gelegenen Stadt Mansuhra, wo wir wegen heftigen Gegenwindes liegen bleiben mußten. Erst nach Mitternacht trat Windstille ein, später wurde der Wind günstig und brachte uns mit dem Grauen des Morgens nach Damiaht. Der Baron Müller hatte in Kairo vor seiner Abreise auch noch ein neues Mitglied für meine zweite Reise nach dem Sudahn angeworben. Es war der uns schon bekannte Baron von Wrede, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, welcher zwölf Jahre in Egyp- ten gelebt hatte und die Sitten und Gebräuche des Landes vollkommen kannte. Er hatte große Reisen gemacht, ganz Syrien, Palästina, Kleinasien, die Türkei und das glückliche Arabien durchwandert und konnte uns von größtem Nutzen werden. Seine nur im Interesse der Wissenschaft — und zwar der Länderund Völkerkunde — unternommene Reise nach dem Hcdjahs gehört zu den gefährlichen Touren dieser Art. Der Fanatismus der Jemencsen, jener strenggläubigen Mahammedancr, ist bekannt genug. Oft konnte Wrede nur, indem er sich für einen Maham- medaner ausgab und alle Gebräuche derselben sorgfältig beobachtete, weiter kommen. Mehrere Male war er in wirklicher Lebensgefahr. Er durchreiste das Land in allen Richtungen, besuchte nicht nur das glückliche und peträischc Arabien, sondern auch das bisher säst gänzlich unbekannte Hochland Hadramaut, und arbeitete mit äußerster Sorgfalt eine geographische Karte und eine umfassende Neisebeschrcibung aus. Schon auf der Rückreise nach Kairo begriffen, wurde er von dem türkischen Gouverneur der damals unter cgpptischer Herrschaft stehenden Stadt Jambo in einen elenden Kerker geworfen und schmachtete dort mehrere Monate. Wie ich höre, ist er, durch Zufälle aller Art verhindert, erst seht im Stande, die Ergebnisse seiner Reise der Oeffcntlichkeit zu übergeben. Gewiß wird sein Werk vieles Neue und Interessante enthalten und jedenfalls die gebührende Anerkennung von jedem Geographen finden. Dieser Mann sollte die gcognostischen und geographischen Arbeiten bei unserer gemeinschaftlichen naturwissenschaftlichen Reise nach dem Sudahn übernehmen. Jetzt hoffte ich ihn mit unserem deutschen Bedienten, Karl Schmidt, in Damiaht zu finden, sah mich aber getäuscht und bezog in der von Christen bewohnten Wekahle*') eine kleine Wohnung, welche man mir aber, weil sich die Christen Egyptens ebenso streng von einander abschließen, als die Türken, nur durch die Fürsprache unseres Konsularagenten Kahil eingeräumt wurde. Von hier aus machte ich mit meinen beiden Bedienten sogleich an den folgenden Tagen verschiedene Ausflüge, welche mir jedoch nicht genug Beute einbrachten. Ich verließ deshalb schon am 26. Februar Damiaht und siedelte mich nach Khit el Nasahrah über. Hier wohnte ich unmittelbar am Mcnza- lchsce, machte mich mit den umwohnenden arabischen Jägern bekannt und nahm sie nach und nach alle in meine Dienste. Auf diese Weise gelang es mir, viele und werthvolle Vogel zu erhalten. Der Aufenthalt am Menzaleh war nur in naturwissenschaftlicher Hinsicht interessant, in jeder anderen aber sehr langweilig, weshalb ich mich möglichst kurz fassen und meine Leser nicht ermüden will. Am 7. März langte Baron von Wrede mit Karl Schmidt von Kairo an. Die Reisenden waren zwölf Tage unterwegs gewesen, weil sie eine zufällig abgehende Lastbarkc benutzt hatten, deren Führer zu seinem Privatvergnügen tagelang unthätig geblieben war. *) Wekahle bedeutet eigentlich das administrirte Gut, z. B. eine Moschee; man versteht darunter in Egypten aber gewöhnlich ein großes Gebäude mit abgesonderten Wohnungen oder Magazinen. 218 Am 18. März erhielt ich einen Brief von, vr. Reih auS Alerandrien nebst dem seit Langem ersehnten Firmahn der egypti- schen Regierung. Er war in türkischer Sprache auf dickes perga- mentartigeS Papier geschrieben und auf den Namen des Baron Müller ausgestellt. Ueber der Schrift war das große Siegel des Vizckönigs nach türkischer Manier mit arabischer Schreibschwärze vorgedruckt. Die mir vom österreichischen Generalkonsulate mitgetheilte deutsche Ucbersetzung lautete, wie folgt: (U. 8.) Der Inhaber dieses Buiruldu ist ein Edelmann von Würtem- berg, Herr Müller, der mit seinen sechs Begleitern jetzt nach dem Bcllcd Sudahn zu reisen beabsichtigt. Ueberall, wo er hin- und zurückgeht, soll Niemand ihm ein Hinderniß in den Weg legen. Und wenn er auf dem weißen Flusse reiset, so soll er unbehindert sein. Alles, was er zum Transport brauchen wird, als Barken, Lastthiere, soll man ihm gegen Entgelt verabfolgen. Wenn er die Grenzen smcineö ReichSj passiren will, so muß man es ihm gestatten. Da dieser Reisende wissenschaftliche Zwecke verfolgt, so darf er an den Mauthlinien durch Untersuchung seiner Effekten nicht belästigt worden. Solches hat der österreichische Generalkonsul vorgestellt. Dem genannten Reisenden mit seinen Gefährten sei es darum erlaubt, auf seiner Reise überall hin- und zurückzugehen. Ueberall soll man ihn schützen und ihm Ehre widerfahren lassen und — wie hier geschrieben — Niemand soll ihm ein Hinderniß auf seiner Reise in den Weg legen. Zu diesem Ende ist ihm dieser unser Buiruldu eingehändigt worden, damit Alle, die ihn sehen, genau nach seinem Inhalte handeln. Im Jahre 1265 den 13. Nabi-ähchir (am 6. März 1849). Mit diesem Buiruldu oder Firmahn in der Hand konnten wir den türkischen Behörden gegenüber mit einer gewissen Würde und 219 mit weit größerer Energie als früher auftreten. Der türkische Soldat, Aalt, welcher von uns aus Berber mitgenommen und willkürlich zum Arha erhoben worden war, hatte ihn von nun an bei unserer Ankunft in einem Orte dem Befehlshaber zu präsenti- ren; er wurde mit sauberer und anständiger Kleidung ausgestattet, erhielt ein Paar mit Silber beschlagene Pistolen und vermehrte durch sein oft wirklich unverschämtes Auftreten unser Ansehen bei seinen LandSlcutcn. Es imponirte den Türken, wenn ich, statt selbst zu erscheinen, vornehm nur meinen Khawahs in den Diwahn schickte, um von ihm meine Angelegenheiten besorgen zu lassen. Aali-Arha war ganz zu diesem Geschäfte geeignet und ein treuer, ehrlicher, mir von ganzer Seele ergebener Diener. Am 20. März verließen wir Khit-el-Nasahrah, gingen nach dem ganz vom See umgebenen, mit dem Festlande nur durch eine Brücke verbundenen Jnseldorfe Matö rrS. Es ist anderthalb Stunden von dem Städtchen Mcnzalch entfernt und nur von Fischern bewohnt, welche täglich viele Ccntncr Fische zu Markte bringen, aber auch die störrischsten und wildesten Fcllahhihn sind, welche ich in Egyptcn angetroffen habe. Vor mehreren Jahren wurde ihnen der Druck der egyptischcn Verwaltung zu arg, da machten sich mehrere Hunderte von ihnen in den der Regierung gehörigen Barken auf, gingen durch die Wasserstraßen, welche den Menzalehsce mit dem Meere verbinden, auf die hohe See hinaus und schifften auf ihren elenden Booten nach Syrien hinüber. Aber das Heimweh und der Mangel an Verdienst trieb sie gar bald wieder zurück, Einer nach dein Anderen stellte sich mit seinem Schiffe wieder ein. Die Regierung hatte wegen ihrer Abwesenheit, weil keine Fische gefangen wurden, einen bedeutenden Verlust erlitten und ist jetzt durch die Flucht der Fischer so klug geworden, an den nach dem Meere führenden Wasserstraßen kleine Forts zu errichten. Diese sind mit einer Kanone und mit einem Kommando Soldaten besetzt und sperren die Fischer auf ihren See, wo sie zur Arbeit gezwungen werden, ein. Die Türken der Umgegend schreiben ihren „Unverstand" dem beständigen Fischessen zu und sagen: „LLllSUnim, aäkllel ei (ihr Verstand ist der Verstand eines Fisches) Ihr Vorgesetzter, der Nahsir Mäh am in cd-An li, welcher tagtäglich Einen oder Mehrere von ihnen unter die Peitsche nahm, sagte mir: „Ja, Ehalihl-Effendi*'), sieh, diese Leute sind sehr bösartig, weil sie gar keinen Verstand haben. Aber wo soll dieser auch herkommen? Morgens essen sie Fische, Mittags essen sie Fische, Abends wieder. Solche verstandeslosc Thiere können doch unmöglich Verstand erzeugen. Deshalb muß man sie auch mild beurtheilen und behandeln. Fast alle meine Vorgänger konnten es nicht bei ihnen aushalten, ich bin schon lange hier." Was nun der gute Türke gerade unter „Milde" verstehen mochte, konnte ich nicht recht begreifen, zumal wenn ich sah, daß wieder Einer seine Füße in die fatale Kette gezwängt und mehr als hundert Streiche auf die Fußsohle» bekam. Strenge schien mir besser bei ihnen am rechten Orte, als Milde. Wir wurden oft genug von ihnen beunruhigt. Täglich kamen ganze Schaarcn, um uns bei unseren Arbeiten zuzusehen. „Was willst Du — Mann?**) ,M- *) Chalihl war mein arabischer Name und bedeutet wörtlich „Gottesfreund'. Später, als ich etwas schreiben und lesen konnte, setzte inan Effendi -azn, denn unter Effendi versiebt man einen gebildeten Mann. Dieser wurde ich aber erst dadurch, daß ich arabisch gebildet wurde. Der Grund, daß ich einen arabischen Namen annahm und beibehielt, ist eine wirklich spaßhafte Anekdote. Ich nannte den Arabern meinen Namen „Brehm." Brehm, Brehm — äi — «Ii malisch issm — was ist das? das ist ja gar kein Name, Du heißt wahrscheinlich J-bre-hm, — Jbra- hihm Wenn ich nun auch den Erzvater Abraham hoch genug stelle, lag mir doch gerade nicht Viel daran, seinen Namen zu führen, zumal da er hier auf Unkosten des meinen entstanden war. Ich nannte meinen Vornamen „Alfred". Obgleich nun im Arabischen der Name El-Ferihd (der Einzige) genau mit denselben Buchstaben geschrieben wird, wie Alfred, war er doch nur dem gebildeten Theil des Volks aus der Schriftsprache bekannt. Die klebrige» verstümmelten Alfred in Aafrihd, was entweder „den Gott sei bei uns", ein Gespenst oder einen verschmitzten, listigen Menschen bedeutet. Ich hob nun hervor, daß ich Al- und nicht Afriht oder Afrehd heiße. „Was? Nun gar elf- afriht? (tausend Teufel), das ist ein schlechter Name, mein Herr." Nun sagte ich, daß ich Chalihl hieße. „Ja, so mußt Du sagen, Herr, das ist ein wirklicher guter Name." **) ss rSWI, „o Mann", ist die gewöhnliche Anrede an niedere Leute, die man nicht mit Namen kennt. Zu Vornehmeren sagt man: srlntt", „mein Herr". 221 ttsd liääje, Mini etkarötlz". Nichts, ich möchte mich nur unterhalten, erfreuen. Mit diesem Wunsche, sich zu „erfreuen oder zu ^ unterhalten", wurden sie uns so lästig, daß ich zuletzt meinem Bedienten auftragen mußte, Jeden, welcher hier Nichts zu suchen habe, zur Thüre hinaus zu begleiten. Aali-Arha mochte dieses Amt einmal wohl nicht mit der Milde des Mahammcd-Arha ausgeführt haben, denn plötzlich wurde unsere Wohnung von vielen Fischern umringt, welche sich selbst Rache nehmen wollten. Ein tüchtiger Knittel aber, den Karl mit Energie zu führen verstand und unsere bereit gehaltenen, drohenden Gewehre stillten den Tumult bald. Die Schuldigen ließ ich, kraft des Firmahn, durch Muhammed-Arha abstrafen, worauf wir wieder eine Zeit lang Ruhe vor ihnen hatten. Die Frauen dieser Fischer, oft Tage lang von ihren Männern getrennt und sich selbst überlassen, suchen sich ihren Erwerb auf andere Weise zu verdienen. Sie gelten für sehr leichtfertig und hierin war die Frau des ärmsten Fischers der des ersten und wohl- f habendsten Schech (das Dorf stand unter den Befehlen mehrerer Aschiahch) ganz gleich. Da die jüngeren Weiber meist schlanke, schöne Gestalten waren, hübsche Gesichtszüge besaßen und reinlich gekleidet gingen, wurde es ihnen leicht, auf verbotenen Wegen Geld zu erlangen. Sie gingen in dieser Absicht, während der Abwesenheit ihrer Männer, oft Tage lang nach Damiaht, Mcnzaleh und selbst Mansuhra. Das Leben unter den Fischern konnte daher mit Recht höchst unsittlich genannt werden. Aali-Arha hatte sein Herz einer der Schönen geschenkt und unterhielt mit ihr in tiefster Stille eine geheime Liebschaft. Seine Geliebte täuschte ihn bitter, sie ging mit einem jungen Fischer durch. Nun erst erzählte mir Aali-Arha mit zornfunkelnden Augen von seinem Verhältnisse zu der schönen BLmba und hatte den Kummer, gebührender Weise noch tüchtig ausgelacht zu werden. Wir hatten das beste Haus im Materie, den öffentlichen Di- wahn oder Gerichtssaal, bezogen und arbeiteten fleißig an der Vervollständigung einer schon recht zahlreichen Vögelsammlung. Die Jäger der Umgegend standen auch hier wieder in meinem Solde i 222 und brachten mir seltene und schöne Vogel haufenweise. So führte ich ein für einen Naturforscher höchst genußreiches Leben in dem elenden Fischerdorfe. — Am 8. April. Wie ganz anders feiert man doch ein Fest in der lieben Heimath, als in fremdem andersgläubigen Lande! Beinahe die ganze Christenthcit feiert heute einen der festlichsten Tage des Jahres. In allen Städten tönen die ernsten Glocken- schlägc, die Tempel öffnen ihre heiligen Hallen, Tausende und Millionen beten heute dasselbe Gebet, tausend Priester bringen in allen Sprachen dem knicendcn Volke die frohe Kunde: Christ ist erstanden! Uns läutet keine Glocke, uns öffnet sich keine Kirche, wir hören heute keine Ostcrprcdigt. Und alle die Hunderte von Menschen, welche kalt und theilnahmloS an uns vorüberziehen, sie ahnen nicht, warum wir heute gerade ernster sind, als sonst. Sie wissen ja nicht, daß wir heute zu Ehren des „Nazarcners", den auch sie als Propheten Gottes hochheilig halten, ein hohes Fest begehen. Darum hinaus aus dem beengenden Stübchen, aus den finsteren Gäßchcn des Dörfchens, hinaus in Gottes erhabensten Tempel, hinaus in die heilige Natur! Und siehe, sie hat sich mit ihrem schönsten Kleide geschmückt! Wie herrlich leuchtet die Sonne von dem unbewölkten, hohen, dunkelblauen Himmelsdome herab auf die grünenden Fluren, herab auf die schon unter der Fülle des Segens zur Erde gebeugten, körner- schweren Achren der Waizcnfcldcr! Alles athmet Leben und Fröhlichkeit, über Egyptens Gefilde hat der lachende Frühling sein Gewand gebreitet, aber der Frühling Egyptens. Balsam haucht uns die Flur entgegen; balsamische Blüthcndüftc entströmen den Maulbeerbäumen und blühenden Sykomoren, Balsam verbreiten die zahllosen Blumen, deren Kelche die schönsten Schmetterlinge umschwärmen. Hat denn heute Alles sich verändert? Warum finden wir denn heute gerade Alles doppelt so schön, wie früher? Warum hörten wir denn früher nicht auf den melodischen Sang der Haubenlerche, welche über den der Sichel cntgegenhar- rrnden Gerstenfcldcrn hcrumschwebt, mit unseren heutigen Gefühlen? Weil wir hinausgetreten sind auf die Flur, um auf ihr — zu beten, weil uns, denen die von Menschenhänden erbauten Tempel verschlossen bleiben, hier der herrlichste Gottestempel eröffnet wurde und tausend Stimmen die Güte Dessen preisen, der ihn aufgebaut. Und wirklich erklangen alle Büsche und Sträucher von den Stimmen der gefiederten Sänger. Die nordischen Wanderer, welche sich vor dem Winter Europa's nach dem Inneren Afrika's geflüchtet hatten, sind zurückgekommen und weilen noch einige Tage hier, um sich auf fetter Weide zur Winterreise zu stärken. Die heimische Schwalbe fliegt pfeilschnell über die Flur dahin, sie ist aus ihrem uns noch unbekannten Winteraufcnthalte zurückgekehrt und betrachtet noch zögernd ihre egyptische Schwester, die langsame Wachtel verweilt noch in dem fruchtbaren Egyptcn und läßt ihren daktylischen Schlag in den dichtstehcnden Fruchthalmcn erschallen und nur der flötende Pirol verweilt noch mit anderen Sängern im Herzen des glühenden Innern. Reges Leben herrscht überall, im Wald, in der Flur, in der Wüste. Heiter und fröhlich durchstreift der Freund der Natur die liebliche Gegend. Er labt und freut sich an dem rastlosen Treiben und vorsichtigen Zögern der zur Heimath zurückziehenden Vögcl. Mit Entzücken hört er die singende Grasmücke in dem mannaträu- felnden Tarfastrauche, mit Vergnügen betrachtet er den stolzen Flug des königlichen Adlers. Ihm ist, als wollten die nach seiner Hci- math Ziehenden sich dorthin Grüße auftragen lassen. Sie sind ihm so bekannt, so heimisch. War denn nicht der Staar, der noch vor einem Monate hier auf dem Rücken der Büffel „sein heimathlich Lied" sang, aus dem kleinen Dorfe, in dem er geboren wurde? Wohnt nicht vielleicht dieselbe Schwalbe, welche jetzt ihre stahl- glänzenden Flügel im Sonnenstrahl spiegelt, in einem Hause seiner Vaterstadt? Und wenn er, der Mensch, an dem heutigen Tage seine Heimath schmerzlich vermißt, erscheinen ihm nicht alle die herrlichen Geschöpfe, die er heute belauschte, wie liebe Bekannte aus der Heimath; fordern sie ihn nicht in ihrer Fröhlichkeit auf, auch fröhlich zu sein? Ja und wahrhaftig, in diesem Eden, das sich jetzt der Frühling hier erschaffen, muß der Mensch fröhlich und heiter werden, aber auch ernster wird er. Denn wenn er die tau- 224 send Mysterien der heiligen Natur so vor sich ausgebreitet sieht, wenn er nicht Raum im Herzen findet, Alles, Alles so zu erfassen, wie er wohl wünschte, da falten sich, ihm unbewußt, die Hände und die Lippen sprechen das Gefühl des innersten Herzens aus: „Herr, wie sind Deine Werke so groß und so viel, Du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll Deiner Güte!" Eine solche Wanderung ist Gebet, und wenn ich heute auch in keine Kirche gekommen war, ich hatte Nichts verloren. Wenn ich so von der Jagd zurückkehrte, führte mich mein Weg öfters an einer halbverfallenen Hütte vorüber, neben welcher ein über und über mit Nageln beschlagener alter Baumstrunk lag. An allen Nägcln hingen größere oder kleinere Klcidcrfetzen. Man ertheilte mir hierüber folgende Auskunft. In der Hütte liegt ein Schech, welcher bei Lebzeiten ein Heiliger und großer Arzt war, begraben. Der Heilige wirkt auch noch nach seinem Tode fort. Wer im Dorfe krank ist, geht hin und schlägt einen Nagel in den Stock, auf welchem der fromme Mann ruhte und bindet ein Stück, resp. einen Lumpen von seiner Kleidung um den Nagel. Dann ruft er den Schech um Erhörung an und betet einige Rakaat*) auf seinem Grabe in der Hütte. Die Krankheit vergeht durch des Heiligen thätige Hülfe in kurzer Zeit. krobatum est, denn mehr als tausend Nägel stecken bereits in dem alten Baumstamme. Am 14. April verließ uns Baron von Wrede, um in Alerandrien Geld und Provisionen zu holen. Er kehrte erst am I.Mai zurück und brachte das uns Fehlende in hinreichender Menge. Bor einigen Tagen hatten wir auch das Vergnügen, hier eine großartige Fanthas're. zu sehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert, bei welcher man auf dem freien Platze vor unserem Hause, dem Fischmarkte, theatralische Aufführungen gab. Es waren freilich nur die Erzeugnisse der ärmlichsten Phantasie, aber die Spieler, wunderlich und phantastisch herausgeputzte Fischer, spielten vortrefflich. Siehe S. 89. 225 Abends wurde noch ein Fackelzug angeordnet, bei dem ich mich durch einige Schüsse sehr in Gunst setzte. „Sieh, Herr, die herrliche Fanthasie, schieße nur noch einmal", bat das Volk. Ich willfahrtete dem Begehr und erntete allgemeine Zufriedenheit. Am 10. Mai. In letzterer Zeit machten wir mehrere Male Jagd auf die Wildschweine, welche es in den Rohrdickichten am See in großer Anzahl gibt. Wir erlegten jedoch nie eins dieser Thiere, obgleich wir viermal zum Schusse kamen und drei sehr große Sauen anschössen. Die Araber schilderten uns die Bestien als blindwüthcnd und sehr gefährlich. Vorgestern schoß der Diener Aali Nachts eine gestreifte Hyäne bei einem Aase. Außerdem machten wir oft Jagdparticen auf Füchse, von denen wir fast jedes Mal einige erlegten. Am 25. Mai verließen wir Materie und gingen nach Da- miaht zurück, wo ich meine alte Wohnung wieder bezog. Bei längerem Aufenthalte lernte ich diese nun auch näher kennen. Unser Haus hatte zwei hohe Stockwerke und war hier und da schon ziemlich verfallen. Unten befanden sich Magazine, in denen man viele hundert Centner Reis aufbewahrte. Die Thüren und Fenster der Magazine und Wohnungen liefen nach einem geräumigen Hofraume aus, von welchem zwei Thore auf die Straßen der Stadt führten. Jeder der Flügel hatte einen breiten, durch Oberlicht erleuchteten, aber etwas dunklen Korridor, auf welchen sich die einzelnen Thüren zu den verschiedenen Wohnungen öffneten. Alle auf den Korridor führenden Oeffnungen waren durch dichtes Gitterwcrk vor dem unberufenen Auge eines Fremden geschützt; jede Familie lebte streng abgesondert, nur eingeführte und bekannte Freunde konnten Eintritt in die beständig verschlossenen Räumlichkeiten erhalten. Das ganze Gebäude hatte etwas Düsteres, Klosterartiges und Geheimnißvolles. Wer auf dem mir gegenüberliegenden Korridor wohnte, konnte ich nie erfahren; meine Nachbarn lernte ich nach und nach kennen, aber nur deshalb, weil ich mich fleißig auf's Spähen legte und die höchste Terrasse, von welcher ich die übrigen größtentheils übersehen konnte, besaß. Der erste Raum enthielt eine griechische Kapelle, im zweiten wohnten die dabei angestellten Geistlichen, welche zu- II. 15 226 gleich das Lehramt der Kinder übten, dann kamen zwei Wohnungen , welche levantische Familien beherbergten und nun erst die mei- nige; weiter nach hinten wohnten wieder arabische Christen und zuletzt der Vater des Europäers Filiponi, welchen wir schon kennen lernten. Den Letzteren besuchte ich ohne weitere Umstände. Er war ein einfacher Italiener und führte die ärgste Junggesellenwirthschaft, welche ich jemals zu beobachten Gelegenheit gehabt habe. Filiponi war der Schreiber von drei verschiedenen Vizckonsuln Da- miaht's. Seine frühere Geschichte erzählte er nicht gern. Er war in Konstantinopel mit guter Besoldung angestellt, lernte aber dort, wie er sagte, zu seinem Unglücke eine junge, reizende, leider schon mit einem Anderen verlobte Italienerin kennen, verliebte sich in sie und entführte sie nach Smyrna. Die Verwandten der Dame verfolgten ihn, er mußte flüchten und gelangte zuletzt nach Egypten. Hier lebte er erst lange in Alerandrien, zog aber später mit seiner Frau, welche ihn inzwischen mit zwei Söhnen beschenkt hatte, nach Damiaht. Wie er dort mit ihr gelebt habe, erzählte er nie, wohl aber, wie er sie sich endlich vom Halse geschafft und nach Konstantinopel zurückspedirt habe. Er blieb bei einer kärglichen Besoldung von nur zwanzig Thalern monatlich in Damiaht. Oft luden wir ihn auf eine Flasche Wein zu uns ein und wenn ihm dann der edle Rebensaft so recht zum Herzen mundete, störten wir ihn mit der scherzhaften Anrede auf: „Herr Filiponi, ein Glas auf das Wohl ihr Frau Gemahlin!" Eilig forderte er dann ein Glas Nilwasfer und trank es aus, „denn", sagte er, „zu diesem Zwecke ist der köstliche Cyperwein zu gut." Die griechischen Geistlichen, von Geburt Syrier, besuchten mich mehrere Male in meiner Wohnung; es waren höchst ungebildete Leute, welche Arabisch, als ihre Muttersprache, wohl verstanden, aber nur so viel Griechisch gelernt hatten, um eine Messe lesen zu können. Sie lebten im strengen Cölibate. Schwerer war es, mit meinen nächsten Nachbarn bekannt zu werden. Auf der höchsten Stelle des ganzen Gebäudes, dem Dache eines aus meiner Terrasse stehenden Stäbchens, saß ich Abends 227 oft Stunden lang, um einzelne der häufig vorüberfliegenden Fledermäuse zu schießen. Bei dieser Gelegenheit beobachtete ich zugleich die ncbenanstoßenden Terrassen und wurde zuerst mit alten grämlichen, später mit jüngeren und weniger unfreundlichen Frauen bekannt. Vorzüglich intcresstrte ich mich für eine noch unverheira- thete Dame, Namens Würde, welche ihren Namen mit vollem Rechte führte, denn Warde bedeutet die Rose. Ihre Mutter war eine, unseren Ansichten nach, noch in ihren besten Jahren stehende Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren; in Egypten galt sie für alt und hatte auch in der That alle die schlimmen Launen und jene merkwürdige Zungenfertigkeit, welche alte Frauen zuweilen sehr unliebenswürdig machen können. Unser erstes Zusammentreffen war nicht gerade freundschaftlich. Sie kam gegen Abend auf die Terrasse ihrer Wohnung, um dort häusliche Verrichtungen zu besorgen. Ich saß auf meinem gewöhnlichen Platze auf der hohen Terrasse, rauchte eine Pfeife guten Tabak und betrachtete sie sehr unbefangen. Plötzlich entdeckte sie mich. Ein Schrei der Verwunderung und des Unwillens entfuhr ihr, sie wollte sich ihr Gesicht verhüllen, aber hatte bei ihrem arglos angetretenen Gange den Schleier vergessen. Dies steigerte ihren Zorn. Sie begann mich mit Schmähungen zu überhäufen. „Was, Du Unverschämter, Du wagst es, Dich hier oben aufzuhalten und anderer Leute Harehm zu beobachten? Hast Du keine Scham oder kein Ehrgefühl, daß Du Das so ruhig mit anhörst? Gehe eilends von dem Dache herunter, denn ich muß hier arbeiten." „„Gut, meine Herrin, da werde ich Dir zusehen."" Diese ganz ruhig ausgesprochene Antwort brachte sie vollends in Wuth. Ihren Schmähungen gesellten sich einige Schimpfwörter bei und immer heftiger wurden die Ergüsse ihres Zornes. Ich nahm zu dein alten bewährten Mittel meine Zuflucht, gegen Leute, die uns grob behandeln, möglichst höflich zu sein und rief ihr, nachdem ich sie ruhig hatte ausreden lassen, endlich zu: ,,Bist Du denn eine Christin?" ,,,M llsmcki lillAki ja rodln! (Gott sei Dank, o Herr!) was soll ich denn sein?"" Nun, ich glaubte, Du wärest eine Mohammedanerin, weil Du so schimpftest, wie es wohl die Frauen 15 * 228 der Fellahhihn thun, aber nicht die Christinnen. Die Christen haben unter sich Gemeinschaft nnd wir Franken sind von Jugend auf gewöhnt worden, die Sonne des Antlitzes unserer Frauen leuchten zu sehen, ohne daß sie dieselbe mit der Wolke des Schleiers bedecken. Und Du, o Herrin, Du schiltst mich, daß ich Eine, die meines Glaubens ist, anders behandle, als ich eine Mahammeda- nerin behandeln würde? ,,,,Nun, Du magst wohl recht haben, aber nach der Sitte unseres Landes schickt es sich nicht, einer Frau in's Gesicht zu sehen; aber ich weiß schon, Ihr Franken seid unverschämte Leute."" Später wurden wir zwar erträglich gute Freunde, doch durfte ich den Diwahn ihrer Wohnung nie betreten. Um so öfterer besuchte ich ihre Terrasse, um mit ihrer holdseligen Tochter, einem höchst anmuthigen Mädchen, dessen ich noch heute gern gedenke, einige Minuten zu verplaudern. Mit Ausnahme der Geistlichen und des Italieners Filiponi, waren alle Bewohner der Wekahla Kaufleute, welche mit den nach Europa und Alerandrien gehenden Produkten Untereghptens Handel trieben. Am 2. Juni besuchten wir den in dem am Meere gelegenen Dörfchen Esbc stationirten französischen Ingenieur d'Arnaud, welcher die Vergrößerung eines, zur Vertheidigung der Mündung des Nilarmes, „Borhahs", angelegten, Forts zu leiten hatte. Der Franzose nahm uns sehr gastfrei auf, nicht minder freundlich auch seine Maitresse, eine schöne Araberin, welche sich in dem einsamen Dorfe sehr zu langweilen schien. Mr. d'Arnaud war so zuvorkommend, uns alle seine für Reisen im Innern Afrika's höchst praktischen Einrichtungen und Waffen zu zeigen. Dann führte er uns nach dem von Napoleon angelegten Fort d'Esbc. Dort sah es ächt türkisch aus. Man hatte Viel daran verändert, Manches dazu gebaut und überhaupt die Festung auf jede Art und Weise verschlechtert. d'Arnaud versicherte uns, daß er gerade Das, was die Türken den Anlagen der Franzosen hinzugefügt hätten, wieder wegnehmen müsse. Weiter nach dem Meere l 229 zu hatte er »och ein neues kleines Fort erbaut, mit dessen Kanonen man die Mündung des Marines und die Rhede von Daniiaht bc- , streichen konnte. Die Arbeiten an diesem waren fast beendet, wäh- rend, wie er glaubte, noch mehrere Jahre verfließen dürften, ehe bei der türkischen Langsamkeit auch daö größere Fort in Stand gesetzt sein würde. Wenige Tage später ging mir Baron von Wrede nach Ale- randrien voraus. Ich wollte die Reise dahin zur See machen, mußte aber, weil die aus dem Marine zur See gehenden Küstenfahrer den Borhahö nur bei Süden oder Westen wieder passiren können, noch eine Zeit lang in Damiaht verweilen. Der Nil ist an seiner Mündung so versandet, daß die Fahrstraße nur wenige Fuß Wassertiefc besitzt. Ebbe und Fluth sind im Mittelmeere bekanntlich gering und können keine der Schifffahrt günstige oder ungünstige Veränderung des Wasserstandes im Manne hervorbringen. In den Monaten März bis Juni, zur Zeit des niedrigsten Nil- standes, dringt das Mcerwasser bei Nordwind nicht selten bis über / Damiaht in den Mann ein. Ich mußte in dein jetzt höchst einförmigen Damiaht bis zum 22. Juni verweilen, obgleich mir das niedrige, elende Betragen des österreichischen Konsularagenten Kahil, welcher mich geradezu betrügen wollte, den Aufenthalt noch unangenehmer machte. An diesem Tage ging ich an einem für Alcrandricn bestimmten, nur noch auf günstigen Wind wartenden Küstenfahrer an Bord. Die Bauart dieses Schiffes war genau die der großen Lastbarken auf dem Nike, nur war es, seinem Zwecke entsprechend, größer und mit einem höheren Bord versehen. Es war ohne Verdeck und trug drei lateinische Segel, von denen die beiden vorderen eine enorme Größe hatten. In solchen Schiffen fährt man sogar nach Syrien hinüber, obgleich der Kapital» kaum nach dem Kom- pas steuern kann. Die Bemannung unserer Segelbarke bestand aus vierzehn Matrosen, einem Mustaamel (Steuermann) und dem Reis, derben, kräftigen, aber, wie alle Seeleute, gutmüthige», offenen Egyptern. Die Barke hatte bereits einige Tausend Centner Reis in Damiaht eingenommen, wollte jedoch auf der Rhede noch 230 mehr laden, weil sie mit ihrer vollen Ladung den Borhahs nicht passiren konnte. Ich hatte für mich, meine Dienerschaft und mein ganzes Gepäck bis Alerandrien nur hundert Piaster zu entrichten. Von einer Kajüte war freilich Nichts zu entdecken. Die Passagiere, deren Anzahl nach und nach auf einige Zwanzig stieg, kampirten auf ihren Teppichen auf den Rcisballen. Erst am 23. Juni konnten wir in's Meer hinausfahren. Die See ging sehr hoch, eS war kaum möglich, den in kleineren Barken nachgebrachten Reis einzuladen. Unsere Reisegesellschaft bestand größtentheils aus Einwohnern der Stadt Damiaht. Die meisten von ihnen waren lcvantinische Kaufleute. Auch hatten wir mehrere Griechinnen, unter denen sich zwei sehr schöne junge Frauen befanden, am Bord. Ein alter le- vantinischer Sünder reiste in Gesellschaft einer Negerin, welche wohl seine Sklavin sein mochte, und verbarg sie sorgfältig vor den neugierigen Blicken der Schiffsmannschaft. Auch uns Christen schien er nicht erlauben zu wollen, seine schwarze Schönheit zu sehen, denn er befahl ihr herrisch, sich dichter in ihre Milais zu hüllen, wenn wir ihr uns zufällig näherten. Mir war die Eifersucht des alten ergrauten und doch so feurigen Liebhabers sehr gleichgültig, nicht so meinem deutschen Bedienten. Karl verwünschte dessen Vorsicht, obgleich er überzeugt zu sein vorgab, daß die Negerin alt und häßlich sei. Er hielt ihm aus Langerweile in deutscher Sprache einen inhaltsschweren, dem nur Arabisch Sprechenden leider nicht verständlichen Vortrag über die Dummheit der Eifersüchtigen und hoffte, von der hochgehenden See Gelegenheit zur Kränkung des Alten zu erhalten. Diese fand sich bald. Der Anker wurde gelichtet, die dreieckigen Segel gelöst. Der Wind war uns fast entgegen. Man mußte laviren. Wir steuerten zunächst in die hohe See hinaus, bis wir die Küste ganz aus den Augen verloren hatten, dann ging es nach dem Lande zurück und wieder in das offene Meer hinaus. Das Schiff stöhnte und krachte in seinem ganzen Gebäude, die Wellen warfen es auf und nieder, es schaukelte furchtbar. Jede der anprallenden Wellen gab der ganzen Reisegesellschaft so viel von ihrem bitteren Schaum zu kosten, daß in 231 kurzer Zeit alle durchnäßt waren. Mich schützte eine vortreffliche ungarische Bunda vollkommen, Karl hatte sich in seine Teppiche gehüllt. Sein Wunsch war längst erfüllt. Schon mehr als die Hälfte der Reisenden hatte die Seekrankheit bekommen. Die schwarze Dame war die Erste, welche dem grollenden Neptun ihren Tribut entrichten mußte. Krampfhaft sich am Bord des Schiffes anklammernd, ergab sie sich stöhnend und seufzend in das Unvermeidliche. Dabei mußte sie nothgedrungen das sie einhüllende Tuch entfernen. Augenblicklich war der flinke Karl neben ihr und rauchte, ihren schmerzvollen Grimassen mit stillem Lächeln zusehend, gemüthlich seinen Tschibuhk. Hätte der Alte doch die Befriedigung in Karls Blicken lesen können, nachdem er eine genaue Besichtigung der schwarzen, ohnehin häßlichen, gräßlich verzerrten Ge- stchtszüge beendet hatte! Aber der Arme hing ja an der anderen Seite des Schiffes, vom gleichen Dränge, wie seine Sklavin geplagt und schier erliegend unter der furchtbaren Anstrengung seiner Berdauungsorgane. Jetzt kam Karl auf seinen Platz zurück. „Nun?" „„O, häßlich, wie ich keine Zweite gesehen habe; doch bitte, sagen Sie mir, was heißt denn im Arabischen: ich habe die Schwarze gesehen?"" ,,^nL Lsokäktü tzl 8öl>cks." „„Gut; warte, alter Freund, diese Nachricht muß ich Dir doch zunächst in Deiner Sprache zukommen lassen."" Weg war er wieder und saß einen Augenblick später bei unserem Eifersüchtigen, welcher an allen Gliedern, wie zerschlagen, eben versuchte einen Tschibuhk anzuzünden, sich durch einige Züge guten Tabacks zu kräftigen. „8L1LwLkt" (Sei gegrüßt)! „„^llLll stzllemäk (Gott grüße Dich)! Was willst Du? „Usüsvll Iralulgs, aüus IitzIIem8.lt Ln8 ssolluktu ei 8ollckell"*). „„^n»86iiÄ Mtlm de88eevenckj"" **). Jetzt hätte es, trotz des Sturmes, noch ein Schauspiel auf dem Schiffe geben können, wenn ich den erzürnten Karl nicht zur Ruhe verwiesen und ihm ein ferneres Beleidigen des tiefverletzten Orientalen untersagt hätte. *) Deutsch: Nichts, ich wollte Dir blos sagen, ich habe die Schwarze gesehen. **) Ein türkischer Fluch, den ich Auslands halber nicht übersetzen kann. Im Verlaufe unserer langweiligen Reise gab es, außer der eben erzählten, noch manche andere heitere Scene, welche uns unsere Lage auf kurze Zeit vergessen ließ. Diese war nicht beneidenswert!). Der Wind besserte sich keineswegs und war, obgleich er nicht zum Sturme anwuchs, immerhin kräftig genug, unser Schiff wie einen Spielball hin- und herzuschleudern und mit Wellen zu überschütten. Unsere Matrosen schöpften das hineinbringende Wasser fleißig aus, aber ihre Arbeit wollte gar nicht enden. Die durchnäßten Passagiere fluchten oder klagten über das tückische Meer. Das Schiff lavirte beständig; die Nacht brach herein, ehe wir uns zwei Meilen vom Hafen Damiaht's entfernt hatten. Zum Glück verschonte uns Deutsche die Seekrankheit, sei es wegen unserer glücklichen Constitution oder des in Menge genossenen Präservativen Cypcrweines. Und dieser mußte uns schließlich auch als Schlaftrunk dienen; im nüchteren Zustande wären wir zum Schlafen unfähig gewesen. Am folgenden Tage erwachten wir erst, als die Sonne schon längst aus dem Meere aufgetaucht war. Der Wind hatte nachgelassen, wurde jedoch bald wieder eben so heftig, wie gestern. Die gebadete, seekranke Reisegesellschaft sah zum Erbarmen aus, aber — „wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen" — gerade die traurigen Gesichter erheiterten und belustigten uns. Unsere Reise dauerte vier volle Tage und wurde zuletzt Allen zu lang. Das unzählige Male wiederholte Wenden des Schiffes, die langweilige Fahrt längs der Küste, welche wir bald dicht vor uns, bald in einer unersetzbaren Entfernung hatten, und dies sich gleichbleibende ungünstige Wetter erschöpften unsere Geduld. Endlich am fünften Tage der Fahrt besserten sich unsere Umstände, wir waren bei Sonnenaufgang gerade auf der Höhe von Röschred (Rosette), dessen hohe, von Palmen umstandenen Minarets wir vom Schiffe aus sehen konnten. Das Meer war in der Nähe der Mündung des Nilarmes sehr trübe, obgleich der Strom seinen niedrigsten Stand erreicht hatte und wenig, aber ziemlich reines Wasser enthielt. Zur Zeit der Überschwemmung ist die Menge des in's Meer strömenden Nilwassers so groß, daß 233 man, noch stundenweit von der egyptischen Küste entfernt, es nicht nur im Meere erkennen, sondern sogar schon trinken kann. Die Wahrheit dieser höchst interessanten Erscheinung wurde mir von Vielen bestätigt. Mehrere mit Melonen beladene Schiffe verließen den Bo- rhahs, um mit uns Alerandrien zuzusteuern. Die Melonen des Seees Brurlos gelten sür die besten in ganz Egypten; sie werden auf den sandigen Dünen des Meeres in der Nähe des Seees in großer Menge gebaut. Für einen Silbergroschcn bekommt man in Alerandrien schon eine sehr schöne und große Melone zu kaufen. Man schätzt die Pasteken oder Wassermelonen wegen ihrer großen Süßigkeit mehr als die Zuckermelonen. Einige Stunden nach Sonnenaufgang erhob sich ein starker, unsere Fahrt fördernder Nordwind. Schon Mittags passirten wir das geschichtlich interessante Fort Abuhkir. Wenige Stunden später tauchte die Pompejussäule aus dem Häusermeere Aleran- driens auf; wir fuhren am neuen Hafen hin und genossen eine herrliche Aussicht auf die Stadt mit den Nadeln der Kleopatra, dem Pharus und dem Hafcnschlosse des Vizekönigs. Der Reis unseres Schiffes passirtc den gefeuchteten Hafcneingang glücklich und ohne Lootsen. DaS Schiff durchfurchte den weiten Hafen und legte sich hart am Quai vor Anker. Nachdem ein Offizier der Quarantäne die Untersuchung der Schiffspapiere beendet hatte, erhielten wir „Uratios" (Erlaubniß zum Aussteigen) und gingen an's Land. Am 2. Juli. Wir bezogen wieder vereint ein geräumiges Wohnhaus in der Vorstadt, welches der Baron von Wrede für uns gemiethet hatte. Dr. Reitz übergab einen Brief aus der Hei- math und verhalf mir zu einigen interessanten Bekanntschaften. So besuchten wir zusammen eine levantinische Familie, welche unseren Landsmann gern in ihren Kreis gezogen Hütte. Nach Wunsch des Hausherrn sollte Dr. Reitz von zwei erwachsenen Töchtern eine hcirathen, aber, wie es in Egypten auch bei den levantinischen Christen üblich, dafür einen Mahlschatz von tausend Spcciesthalcrn entrichten. Die Mädchen waren wunderbar schön und nach der Meinung ihres Vaters mehr als tausend Speciesthaler werth; doch 23L will uns Europäern selbst in Egypten die Sitte nicht gefallen, Frauen mit Gelde zu erkaufen, weshalb dieses Mal die Heirath unterblieb. Von dem Baron von Müller erhielt ich einige, aus Wien datirte Briefe. Die einfache Reise einiger Naturforscher nach dem Innern Afrika's sollte von nun an, nach seiner Anordnung, den prunkenden, pomphaften Titel führen: „Dritte wissenschaftliche Expedition des Freiherrn vr. I. W. von Müller nach Centra l-A frika." Warum er unsere zu unternehmende Reise eine „dritte wissenschaftliche Expedition" nannte, ist mir unklar geblieben. Er versprach mir, viele Reisegefährten, lauter junge tüchtige Leute zu senden, und erbat sich von mir einen Kostenanschlag, welchen ich später auch ablieferte. Die „Expedition" schien großartig werden zu sollen. Ich zweifelte nicht daran, daß Baron Müller das schwierige Unternehmen auszuführen im Stande sei. Er hatte mir von seinem großen Vermögen erzählt und mir wiederholt versichert, daß er sich die Erforschung des Innern Afrika's zur Lebensaufgabe gestellt habe. Zu dem hatte ich seine Entschlüsse gedruckt vor mir liegen. In dem „Bericht über einzelne erhebliche Momente seiner in den Jahren 1845 — 1849 unternommenen wissenschaftlichen Reisen in Afrika von vr. I. W. Freiherrn von Müller (aus dem Aprilhefte des Jahrgangs 1849 der Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften besonders abgedruckt) heißt es: „In Unteregypten angelangt rüstete ich unter der Leitung meines Secretairs, des Herrn Alfred Brehm, Sohn unseres berühmten Ornithologen, eine dritte wissenschaftliche Expedition aus, welche für den weißen Nil und zur Vorbereitung meiner eigenen nächsten Reise in der Art bestimmt ist, daß dieselbe nach zwei Monaten*) in Egypten, wo bereits alle ihre Mitglieder vereinigt sind **) und nur die Ankunft der in Europa bereits *) Diese waren freilich schon abgelaufen. **) Bis dahin war »och keins dieser Mitglieder in Egypte» eingetroffen. 235 bestellten mathematisch - astronomischen Instrumente abgewartet wird, in's Innere von Afrika abgehen." „Die Instruktionen, welche ich vorläufig zu ertheilen im Stande war, lauten dahin, daß sich die Theilnehmer der Erpcdition über Sucs zu Meere nach Sauakim begeben, dort bei den Bischari- Arabern, welche die besten Kamele der Erde erzielen, sich mit den nöthigen Reit- und Lastkamelcn versehen. Nachdem sie den Lauf des unbekannten Atbara untersucht und hierauf nach Charthum gelangt sein werden, schiffen sie sich dort bei günstiger Jahreszeit und mit eingetretenem Nordwinde auf dem weißen Nil ein, um bis zu den Bari-Negern oder der Stromschnelle unter dem 4" n. Br. zu gelangen. Hier sollen sie ihren einstweiligen Wohnsitz aufschlagen, eine Anpflanzung zum Vortheile der Eingeborenen versuchen, deren Sprache erlernen und sich überhaupt den Einwohnern so nützlich wie möglich zu machen suchen, um sie dadurch zu belehren, daß es außer den Türken sonstige weiße Völker auf der Erde gebe, welche durch andere Gründe, als Raubsucht, bestimmt, sie aufzusuchen." „Gegen das Ende dieses Jahres gedenke ich den Wanderstab abermals zu ergreifen, mit noch vollen Kräften und frischen Verrathen unter dem 4? n. Br. anlangend, von dort aus, vereint mit meinen Leuten, die Quellen des Stromes aufzusuchen und auf die Westküste zuzureiscn. Bemerken muß ich, daß von den Bari- Negern unter dem 4" n. Br. bis nach Fernando da Po oder dem atlantischen Ocean, die Schwierigkeiten der Reiseroute abgerechnet, mir bloß vierzig Tagereisen übrig bleiben können." „Und so hoffe ich mit göttlicher Hülfe (und Ihrer mir vielleicht zu Theil werdenden Protektion) das, was ich im Interesse meiner Nebenmcnschen für Hebung und Belebung des Verkehrs, für Kultur und Gesittung, für Fortschritt und Wissenschaft »ach meinen schwachen Kräften zu leisten mir vorgesetzt habe, in Ballführung zu bringen." Zu einem solchen Unternehmen, dessen Schwierigkeiten ich wohl einsah, aber keineswegs fürchtete, gehört, wie mir Jedermann glauben wird, viel Geld. Ich berechnete, daß zwei Europäer mit der ihnen nöthigen Bedienung und Ausrüstung auf der von unserem Chef vorgezeichneten Reiseroute in den ersten achtzehn Monaten vicr- undachtzigtausend Piaster oder fünstausendsechshuudcrt und einige Thaler preußisch verausgaben würden, und habe mich, wie sich spater zeigte, nicht geirrt. Unter der „Ausrüstung" war der Einkauf einer Nilbarke gegen die Summe von zweitausend Thalern Inbegriffen; eine vermehrte Anzahl der Rciscmitglieder würde die Kosten verhältnißmäßig nicht sehr erhöht, die späteren Monate aber nur eine entschieden niedrigere Ausgabesumme nöthig gemacht haben. Mit großer Spannung erwartete ich nach Abscndung meines Kostenanschlags das nöthige Geld und die versprochenen Gefährten, sollte aber auf diese, wie auf jenes noch lange harren. Am 14. Juli. In Gesellschaft des Kanzlers vom österreichischen Generalkonsul, Herrn Dr. Beckc, und dessen Gemahlin zog ich heute in die Wüste von Ramla hinaus, um einige Tage im Freien zuzubringen. Viele Europäer hatten sich Zelte unter den Palmen aufgeschlagen, in der Einöde herrschte ein reges Leben. Wir unterhielten uns mit der ziemlich reichhaltigen Jagd und erfreuten uns bei traulichen Gesprächen und dampfenden Tschibuhkaht an der Schönheit der Nächte. Ich verlebte in Gesellschaft liebenswürdiger und gebildeter Landsleutc mehrere recht angenehme Tage und genoß ein in Alerandrien doppelt willkommenes, weil seltenes Glück. — Das Dampfschiff vom 23. Juli brachte uns den berühmten Reisenden und Naturforscher Dr. Rüppell nebst anderen interessanten Persönlichkeiten von Europa. Ersterer reiste in Gesellschaft eines jungen Kaufmanns und wollte diesen zunächst bis Wadi- Halfa begleiten, dann aber über Kairo nach Djetta am rothen Meere gehen, um dort Fische zu sammeln. Bekanntlich verdankt man die Kenntniß der Fische des rothen Meeres diesem tüchtigen und unermüdlichen Naturforscher. Rüppell behandelte mich mit großer Güte und überließ mir eins seiner Werke, welches ich zu 237 meiner bevorstehenden Reise höchst nothwendig brauchte, als ein mir sehr werthes Geschenk. Am 28. Juli begleiteten wir, der I)r. Reih und ich, die beiden Reisenden bis Adfeh. Wir waren Abends in Alerandrien abgefahren und erreichten den Mann von Re schied nach einer zwan- zigstündigen Fahrt. In Adfeh bestiegen die Reisenden eine bequeme, segelfertige Dahabic und stießen bald darauf mit Gewehrsalven vom Lande. Die schwarz-roth-goldnc deutsche Flagge wehte am Flaggenstocke des Schiffes; es war das erste Mal, daß Deutschlands Farben den heiligen Nil begrüßten. Es war um die Zeit, in welcher man im Vaterlande einen deutschen Erbkaiser bald erwählt zu sehen hoffte. Tags darauf gingen wir bei dem Städtchen Fuah auf die Jagd. Sie war ergiebig, mußte aber, weil wir noch Vormittags nach Alerandrien abfahren wollten, bald beendet werden. Die Abreise gelang uns jedoch nicht so schnell. Karl kam mit dem Reis unserer Barke in Streit, woraus in kurzer Zeit eine förmliche Prügelei entstand. Eine Menge nichtsnutzigen, im Orte herumlungernden Gcsindcls beeiferte sich, daran Theil zu nehmen; wir wurden von allen Seiten bedrängt, man riß uns die Gewehre aus den Händen und schlug mit den Läufen und Kolben auf uns. Unsere Vertheidigung mit bleibeschwertcn Stöcken machte das Volk zwar stutzig, würde uns der unverhältnißinäßigen Uebermacht gegenüber aber doch wenig geholfen und uns sicher gefährdet haben, wenn wir nicht zu der türkischen Polizei unsere Zuflucht genommen hätten. Der Pöbel war durch die ihm während des Monats Ra- madtahn gebotenen Fasten an Körper und Geist geschwächt und verfolgte uns mit Schmähungen und von Fanatismus zeugenden Schimpfrcdcn zum Gerichtssaalc des Polizeichefs oder „Sahbeth," wohin der Reis, um gegen uns Klage zu führen, vorausgegangen war. Er war in der Hitze des Gefechtes an mehreren Stellen deS Kopfes blutig geschlagen worden, und glaubte, obgleich er uns zuerst angegriffen hatte, den verhaßten Ungläubigen gegenüber dennoch Recht behalten zu können. Nachdem der Sahbeth die Klage des Barkenanführers ruhig angehört hatte, forderte er uns zur Ver- 238 theidigung oder Gegenklage auf. Wir unterstützten unsere Klage mit dem ganzen Gewichte des europäischen Einflusses, hoben besonders hervor, daß wir unter österreichischem Schutze ständen, ja, daß sogar der Dr. Reitz Sekretär beim Generalkonsulate sei und daß wir vollständige Genugthuung forderten und sie im Falle der Verweigerung von seiner Seite bei höherer Behörde suchen und finden würden. Zugleich erwähnten wir unserer Mäßigung, indem wir bei dem wüthenden Eindringen der Araber auf uns nicht, wie viele Andere gethan haben würden, von unseren Waffen Gebrauch gemacht und keinen Einzigen erschossen hätten. Er erwiderte: „Ihr habt wohlgethan, zu bedenken, daß die Menschenkinder keine Hühner sind, auf welche man ohne Weiteres schießen kann. Auch im Ucbrigen seid Ihr in Eurem Rechte. Der Barkcnführer soll seine wohlverdiente Züchtigung erhalten, weil er Franken, welche in seinem Schiffe reisten, gröblich beleidigte und sogar thätlich angriff. Khawasfihn, bringt die Peitsche!" Die vcrhängnißvolle Kette mit den fatalen Lederricmen zur Bastonade erschien, der Reis wurde gewaltsam niedergeworfen, die Kette um seine Waden gelegt und mit dem Befehle des Bimbaschi: „Lesvlr julrs!" (Fünfhundert!) begannen die Lederstrcifen die Füße des Opfers zu bearbeiten. Wohl an hundert Streiche mochten gefallen sein, da regte sich das Mitleiden in uns: „Schenke dem Manne," baten wir, „die übrigen Streiche, Major!" Er antwortete sehr ernst: „Wohl ist es hart, wenn ein Mann, welcher jetzt den ganzen langen, heißen Tag fasten muß, dessen Lippen keinen Wassertropfen, dessen Geist kein Tschibuhk erfrischen darf, auch noch geschlagen wird, aber Ihr habt Unrecht, für ihn zu bitten. Ihr habt ihn verklagt, weil er Euch beleidigt und geschlagen hatte, Ihr habt Genugthuung verlangt und seht, daß man eben daran ist, sie Euch zu geben; jetzt habt Ihr weiter Nichts zu fordern, denn Ihr steht vor Gericht und könnt meinen Ausspruch nicht hindern. Er werde also pünktlich vollzogen. Nichts soll ihn ändcm! Geht jetzt und sagt Euren Landsleuten, daß der Major von Adfeh Jedem Gerechtigkeit widerfahren lasse. „LUali mrwlrum!" (Gott mit Euch!) 239 Wir gingen. Vor dem Diwahn lag der Reis mit blutenden Füßen. Der Bimbaschi hatte für uns ein anderes Schiff bestellt. Dies bestiegen wir und fuhren Nachmittags von Adfeh ab. Tags darauf kamen wir Abends in Alerandrien an. Am 1. August. Ein alter Bekannter von uns aus dem Sudahn her, der im Auftrage der Petersburger Akademie reisende Pole Zenkowsky war vor wenigen Tagen hier angekommen. Er hatte auf allen seinen Reisen im Innern nicht nur mit allerhand Mißgeschick, sondern auch mit furchtbaren Ficberanfällen zu thun gehabt und sah sich gar nicht mehr ähnlich. Die unvermeidliche Krankheit des Ost-Sudahn hatte seine Gesundheit zerrüttet. Noch in Egypten litt er Schiffbruch und verlor einen großen Theil der von ihm mit Aufopferung seiner Gesundheit und mit Gefahr seines Lebens zusammengebrachten naturwissenschaftlichen Schätze. Ich glaubte ihm die Erzählung seiner Leiden und Entbehrungen, denn ich kannte den Sudahn mit seinem infernalischen Klima nur zu gut, und es überlief mich ein leiser Schauder, wenn ich den armen Naturforscher ansah und gedachte, wie ich in Kurzem wieder nach dem Lande gehen wollte, aus dem ich mit heiler Haut schon einmal zurückgekommen war. „Also nicht einen Einzigen verschont das fürchterliche Fieber?! Nein, wirklich Keinen!" Am 14. August starb Mahammed-Aali, der weit berühmte Vizekönig von Egypten. Vierzehn Tage lang hatte der große Mann im Todeskampfe gelegen. Die Todesnachricht rief eine allgemeine Trauer unter den Europäern hervor. Im Tode zollte man den Talenten des Vizekönigs Bewunderung, seiner Energie Dank; im Tode vergaß man, daß er diese, wie jene, nicht immer zum Besten angewandt hatte. Die nur zur halben Höhe aufgezogenen Flaggen aller Konsulate, welche drei Tage lang im Winde wehten, bezeugten die wahrhafte Trauer aller Europäer. Von Seite der Regierung geschah Nichts, man hörte keinen Kanonenschuß, denn Aabahs-Pascha hatte es durch den Telegraphen verbieten lassen, auf irgend eine Weise die allgemeine Trauer kund zu 240 geben. Der kleine AabahS wollte nicht, daß sein großer Ahn noch im Tode geehrt würde. Tags darauf wurde der Leichnam des Verstorbenen in einem mehr als einfachen Sarge von gewöhnlichen Lastträgern durch die Straßen Alerandriens nach der Mahmudie gebracht. Hier wartete ein eigenes Dampfschiff, um Mahammed-Aali's sterbliche Reste nach Kairo zu bringen, wo sie in der von dem Verstorbenen auf der Citadelle erbauten Moschee beigesetzt werden sollten. Ein großer Menschenzug begleitete die Leiche, bekam aber nur dadurch, daß viele Europäer dabei waren, etwas Feierliches. Die lebhafteste Theilnahme sprach sich überall unverhohlen und nicht zu Gunsten AabahS-Pascha's aus. Said-Pascha wollte die Leiche seines Vaters zu ihrer Gruft begleiten. Er kam zur Mahmuhdie und sah die erbärmlichen Anstalten zur Feier eines so ernsten Tages, welche der unwürdige Enkel Mahammcd Aali's angeordnet hatte. Da konnte er sich nicht entschließen, mit nach Kairo zu gehen und blieb, Krankheit vorschützend, im gerechten Zorne in Alerandrien. Am 16. August erhielt ich Briefe aus der Heimath mit der Nachricht, daß sich mein Bruder Oskar entschlossen habe, mich in's Innere zu begleiten. Der Gedanke, bald meinen Bruder bei mir zu haben, erfüllte mich mit großer Freude. Ein Bruder im fremden Lande ist einem Freund, Gefährte und Nathgeber, er ist Der, welchem man in jeder Lage offen vertrauen, dein man sich vollkommen hingeben kann. Ich hoffte nun mit wahrer Sehnsucht auf die Ankunft der mir vom Baron Müller versprochenen Reisegefährten. Er vertröstete mich von einem Dampfschiffe zum anderen. An der Ausrüstung zur Reise arbeitete ich nach allen Kräften. Zwei junge deutsche Tischlergesellen wollten mich in's Innere begleiten, ich nahm sie gern in Dienst. Jetzt arbeiteten sie daran, Reisekisten und andere nothwendige Gegenstände für die „Expedition" anzufertigen. Es fehlte uns Allen nicht am guten Willen, wohl aber noch an Geld, Reisegefährten, Waffen und Instrumenten, was wir Alles nur aus Deutschland erhalten könn- 241 ten. Baroir von Müller versprach, Alles zu senden; ich hoffte, spätestens Ende Oktobers Egypten verlassen zu können. Am 21. August. Der vormalige englische Generalkonsul Lar- kins stellte heute in den Sümpfen am Mareotissee eine große Sau- hatze an. Ich wurde von unserem Freunde Reitz dazu mit eingeladen. Die Jagd war arm an Beute — denn wir erlegten nur drei Sauen — aber reich an spaßhaften Austritten. So rief mich Reitz zu sich, um mich auf einen dunklen Gegenstand im Rohre aufmerksam zu machen. Ehe ich noch zu ihm kam, feuerte er bereits darauf. Ich hörte, daß ein Thier aus dem Sumpfe hervorbrach und dem festen Lande zueilte. „Machen Sie sich fertig, es ist tödtlich getroffen," rief mir Reitz zu, „es muß ein mächtiger Eber sein." Ich befolgte die Aufforderung und erwartete mit der gespannten Büchse in der Hand, daß das Thier eine lichtere Stelle passtren sollte. Jetzt kam es, der Jagdeifer regte sich mächtig in mir, ich suchte es auf's Korn zu nehmen, da sah ich, daß es ein Büffelkalb war, welches heftig das eine Ohr hin- und herschlcu- derte. Es kam mit blutendem Ohre vollends an's Land, unser Doctor hatte es durch'S Gehör geschossen. Die Spötter wetzten ihre Zungen, aber Reitz lähmte sie. „Meine Herren," sagte er scherzend, „wenn Einer von Ihnen später einem Büffel begegnen sollte, welcher Ohrringe trägt, so denken Sie daran, daß ich ihm die Ohrlöcher heute dazu gestochen habe." Nach der Jagd war im Garten der schönen Villa des Mr. Larkins große Tafel, wobei ein ungewöhnlicher Lurus entwickelt wurde. Am 26. August besuchten wir in Begleitung eines unserer Landsleute die Bäder der Kleopatra, um in den uns bekannten Nischen der berühmten und berüchtigten Königin ein erfrischendes Seebad zu nehmen. Beim Hineinfahren in eine kleine Bucht, in welcher die Boote gewöhnlich anzulegen pflegen, wären wir beinahe gescheitert; noch mehr Mühe machte uns das Herausfahren in's offene Meer. Die See ging hoch, bei unserer Heimfahrt schlugen die Wellen in das kleine Boot, der Wind schleuderte es auf dem H. 16 242 Meere herum und warf es zuletzt im Hafen noch an eine Brigg, wobei das kleine Segel zerriß. Der Bootsführer wurde grob und unverschämt und verklagte uns bei der türkischen Wache, welcher wir den Kerl übergaben, um ihn zum Sahbeth bringen zu lassen. Dort angekommen, geriet!) Baron von Wrede mit einem Polizei- beamten, welcher uns mit grenzenlosem Uebermuthe behandelte, in heftigen Streit. Da er mit dem Beamten türkiscb sprach, konnten wir nicht verstehen, um was es sich eigentlich handle, nur daß der türkische Beamte Jenen mit Schimpfworten überhäufte und Wrede diese mit Zinsen zurückgab. Es war gerade Sonntag und die Kanzlei unseres Konsulates geschlossen, sonst würden wir uns von dort sogleich einen Beamten erbeten haben, um gegen die uns zuletzt Alle empörenden Schmähungen des Türken Schutz zu finden. Wrede ging, um wenigstens den Khawahs des Konsulats herbeizuholen. Ich blieb noch, versicherte aber dem Polizcisckretär, daß ich jedenfalls Genugthuung fordern und nicht eher ruhen würde, bis er wegen seines Benehmens eine verdiente Strafe empfangen haben werde. „Jetzt kann ich Dir," sagte ich zu ihm, „nur meine grenzenlose Verachtung ausdrücken; ich fühle mich so sehr über Dich erhaben, daß ich mich besudeln würde, wenn ich Dich mit einem einzigen Schimpfnamen belegen wollte. Aber sei überzeugt, daß Deine Unverschämtheit bestraft werden soll." Dann verließ ich den Diwahn, in welchem der Effendi wüthend herumrannte. Wir bestiegen die Esel, welche uns vom Hafen hergetragen hatten, als uns sechs türkische Polizcimänner nachkamen, welche mit ihren langen Stöcken auf uns einhicbcn und uns gewaltsam zur Polizei zurückbrachten. Mein Begleiter rief mir zu, mich zu vertheidigen; allein ich schlug es aus und bat ihn, Alles, was uns die Türken zufügen würden, ruhig über sich ergehen zu lassen. Die Häscher behandelten uns mit der rohcsten Barbarei. Sie stießen uns mit den spitzen Enden ihrer langen Stöcke von den Eseln herunter, rissen uns gewaltsam in das Polizcigebäude und warfen uns auf Befehl des Beamten in's Gefängniß. Wir waren vollkommen passiv verblieben. Daß uns Genugthuung werden würde, wußte ich; ich kannte den ausgezeichneten Schutz, welchen das kaiserlich 243 königlich österreichische Generalkonsulat dem Geringsten, wie dem Vornehmsten seiner Unterthanen in kräftiger Weise ertheilt. Der Eseltreiber, auf dessen Thier ich gekommen war, hatte mich schon mehrere Male begleitet und kannte mich genau. Ich konnte mich auf seine Schlauheit verlassen und beschloß, ihn als Botschafter zu verwenden. Nachdem sich die Thüren unseres Haftlokales geschlossen hatten, riß ich ein Blatt aus meiner Brieftasche, theilte dem Khawahs unseres Konsulates das Geschehene in arabischer und italienischer Sprache mit und ersuchte ihn, sogleich hierher zu kommen, um uns zu befreien. Diesen Brief warf ich durch die Eisengitter des niederen Fensters dem außen wartenden Eseltreiber zu und befahl ihm, damit augenblicklich nach unserem Konsulate zu eilen. Ehe der Khawahs von dorther hier ankam, hatte ich Zeit genug, unser Gefängniß genauer zu betrachten. Es war ein Raum von ungefähr zwanzig Fuß Länge, zwölf Fuß Breite und neun Fuß Höhe. Eine einzige Thür führte in die Flur des Polizcigebäudes, ein Fenster auf die Straße. Letzteres war klein, ohne Glasscheiben und mit starken Eisengittern verwahrt. Der Fußboden des Gefängnisses war ursprünglich gepflastert gewesen, jetzt aber mit dickem Schmutz bedeckt. In diesem Raume lagen oder saßen zwanzig bis dreißig Verbrecher: Tagediebe, Gauner und Diebe ohne Fesseln in wahrem Kothc. In einer Ecke hatte man den Unrath aufgehäuft. Es wimmelte von Flöhen und Läusen, welche uns an den Kleidern in die Höhe krochen; die furchtbarste Unreinlichkeit und ein nicht zu beschreibender Gestank verpesteten die dicke, dumpfige Luft des grauenvollen Aufenthaltes. Die Verbrecher schienen der gemeinsten Klasse, der niedrigsten Hefe des Volkes anzugehören. Sie begrüßten uns sogleich mit frechen, unzüchtigen Redensarten. „Schweigt, ihr Hunde," antwortete ich, „denn wir sind Europäer! Wagt noch ein Wort und ihr sollt es gewiß bereuen!" Sogleich trat die gewünschte Stille ein; Alle suchten uns ihre Ehrerbietung an den Tag zu legen. Noch war keine Viertelstunde vergangen, seit wir eingesperrt waren, da erschien Derw ihsch-Arh a, der Khawahs unseres Konsulats, und verlangte unsere augenblickliche Entlassung. Sie wurde bewilligt; 16 * 244 der türkische Beamte stand sehr verlegen an der Thür. „Effendi," fragte Derwihsch-Arha, „was haben Dir diese Herren gethan? Wisse, daß st« einen Firmahn Seiner Herrlichkeit besitzen! Effendi, die Sache dürste übel für Dich ablausen!" Ich rief ihm beim Weggehen höhnisch zu: „Effendi, morgen wirst Du die Ehre haben, mit mir zu sprechen und, bei Deinem Barte, Du sollst Deine Niedrigkeit fühlen lernen!" Der Effendi antwortete nicht. Am anderen Morgen meldete ich den Vorfall dem Kanzler unseres Generalkonsulats, Dr. Becke, und bat, meine Angelegenheit baldigst beenden zu wollen. Der Kanzler sicherte mir vollständige Genugthuung zu und beorderte meinen Freund Rcitz, den damaligen Sekretär des Konsulats, und einen Dragoman, die Untersuchung gegen den türkischen Beamten einzuleiten. Wir gingen zum Sahbeth-Bei (Polizeidircktor). Er empfing uns sehr freundlich, ließ Kasse und Pfeifen präsentiren und behandelte seinen Freund Reitz und mich mit der größten Artigkeit, vr. Reitz trug die Anklage gegen den Effendi vor. Der alte Herr war sehr empört und befahl, den Beklagten sogleich vorzuladen. „Wie kannst Du es wagen, Europäer verhaften und zu gemeinen Verbrechern einsperren zu lassen?" „„Mein Oberst, ich habe den Befehl dazu nicht ertheilt."" „Der Effendi lügt, mein Oberst," sagte ich, „dort stehen die Khawasstn, welche mich gewaltsam in's Gefängniß warfen und dabei mit ihren Stöcken mißhandelten." „Ist es wahr," fragte diese der Bei, „was der Herr eben sagte?" „„Ja, mein Oberst, der Effendi gab uns den Befehl dazu!"" Jetzt wurde der Bei vollends in Wuth versetzt. „Bube," donnerte er dem Effendi zu, „Du wagst es, zu lügen, mir gegenüber zu lügen! Wer bist Du denn vor mir? Ein Hund, dessen Vater, dessen Ahnen Hunde waren, der von einer Hündin geboren wurde! Gehe und melde Dich als Verhafteter für vier Tage bei Wasser und Brot!" Dann wandte er sich an mich: „Bist Du damit zufrieden, mein Herr?" „„Nein, mein Oberst, er hat acht Tage verdient, wegen der Schmähungen, mit denen er mich, mein Volk und meinen Konsul überhäufte."" Reitz stimmte mir 245 bei. „Hast Du gehört, Effcndi? Die Herren wünschen, daß Du acht Tage in Haft kommen sollst, und bei meinem Barte, bei dem Kopfe meines VaterS, bei Allah und seinem Propheten, sie habe» Recht, es geschehe Dir, wie sie gewünscht haben. Jetzt gehe und lass' nie eine ähnliche Klage vor meine Ohren kommen!" Acngstlich hatten die beiden Khawassen den Worten des Bet zugehört. Jetzt befahl er ihnen, näher zu kommen. „Was hast Du gegen diese zu klagen?" fragte er mich. ,,,,Daß sie mich und meinen Begleiter, einen preußischen Unterthan, gemißhandelt haben."" „Sie sollen ihre Strafe erhalten. Khawassihn, Peitschen!" Die uns bekannten Werkzeuge erschienen und jeder der Schuldigen erhielt wohlgezählte hundert Streiche auf die Fußsohlen. Wir hatten uns die Lehre gemerkt, welche der Bimbaschi von Adfeh uns gegeben hatte, und schwiegen, selbst als uns die unter der Peitsche seufzenden Frohnen baten, ihre Fürsprecher zu werden. Der Sabeth schien ganz besonders erzürnt zu sein, denn er befahl den Frohnen, welche ihren Kameraden die Züchtigung ertheilen mußten, kräftiger zuzuhauen. Nachdem auch die schuldigen Khawassen ihre Strafe erhalten hatten, fragte uns der Bei nochmals, ob wir mit der uns gegebenen Genugthuung zufrieden wären. Wir bejahten dies und dankten ihm dafür. Dann bat er uns, es dem preußischen Konsulate zu melden, daß die Schuldigen bereits bestraft worden wären, damit nicht auch von dorther Klage erhoben würde. Er entließ unö sehr artig. Wie ich später hörte, wurde der Essend! fernerhin gegen die Europäer weit höflicher; er hatte eine gute Lehre erhalten. Ich war nicht bös auf ihn, denn ich hatte eins der Gefängnisse näher kennen gelernt. Am 3. September. Gestern kam die Mannschaft des preußischen Dreimasters „Wiedersehen," welcher vor ungefähr einem Monate den hiesigen Hafen verlassen hatte, auf der Höhe von Der na leck geworden und auf hoher See untergegangen war, in Alerandrien wieder an. Die Mannschaft rettete sich in den großen Schaluppen des Schiffes und erreichte die Küste. Hier wurden sie von räuberischen Beduinen angegriffen, vollständig ausgeplündert 246 und mit dem Tode bedroht. Keiner der deutschen Matrosen verstand eine Sylbe Arabisch, ihre Lage war furchtbar. Endlich gelang es dem Kapitän, den Beduinen begreiflich zu machen, daß man nach Alcrandrien zurück wollte. Sie verstanden sich dazu, die nöthigen Kamele herzugeben. Die Karawane brauchte siebzehn Tage zu ihrer Reise. Im Anfange behandelten die Beduinen unsere Leute mit wahrer Grausamkeit. Man gab ihnen kaum nur in Wasser gekochte Waizenkörner oder schlissiges Durrahbrod zu essen, wozu ihnen salziges Wasser nothdürstig gereicht wurde. Je näher die Karawane der Stadt Alcrandrien kam, um so besser und freundlicher wurde die Behandlung der Schiffbrüchigen von Seiten der Beduinen, denn diese fürchteten mit Recht, eine wohlverdiente Strafe von den Türken zu erhalten. Kaum läßt sich der elende Zustand, in welchem die Karawane in Alerandrien ankam, beschreiben. Trotz der enorm hohen Preise, welche der Kapitän für die Kamele zu zahlen versprechen mußte, hatten doch nur einige Matrosen deren erhalten und mußten abwechselnd zu Fuße gehen. Der glühende Sand der Wüste hatte ihre Füße verbrannt, sie trugen von der Sonne am ganzen Körper Brandwunden. Durch Hunger und Durst hatten sie entsetzlich gelitten; sie kamen kraftlos, krank und ohne einen Heller Geld in Alerandrien an. Das preußische Konsulat versorgte sie zuerst mit Wohnung, Speise und Trank, später auch mit einem Arzte. Dann wurde die Untersuchung des ganzen Unglücksfalles eingeleitet. Der Konsul wollte darauf antragen, daß jeder der Beduinen durch die türkische Regierung mit fünfzehnhundert Peitschenhieben bestraft werden sollte, und würde diese Strafe jedenfalls erwirkt haben, wenn es der Kapitän des Schiffes zugegeben hätte. Dieser setzte allen Vorstellungen nur die Worte entgegen: ,,Wenn ein anderes Schiff an der Stelle, wo ich zu scheitern das Unglück hatte, unterginge, würden die Beduinen gewiß die Mannschaft tödten, und dem hoffe ich dadurch vorzubeugen, daß Keiner von den Räubern gestraft wird." Er hatte hierin nicht Unrecht. Wenige Tage später erhielten die Beduinen die ihnen vom Kapitän versprochene Geldsumme und verließen Alerandrien. Der 247 Kapitän reiste mit dem Dampfschiffe, die Matrosen mit einer Brigg nach Europa zurück. Am 18. Oktober. Der Aufenthalt in Alerandricn wurde mir nachgerade lästig genug. Mir wurde das vergebliche Hoffen und Harren aus eine Veränderung unserer Verhältnisse peinlich. Nur die Bekanntschaft mit mehreren deutschen Landsleuten, welche den Nil bereisen wollten, erheiterte mir manche Stunde des Unmuthes. Am 3. Oktober brachte uns das Dampfschiff den Schriftsteller Bogen» il Goltz aus Thor» in Wcstprenßen, den genialen und originellen „Kleinstädter in Egypten," welchen meine Leser aus einigen Citaten seines interessanten Werkes bereits kennen gelernt. Weniger anziehend, immer aber von Interesse war mir die Bekanntschaft eines Geographen, des Herrn Bialoblowsky, welcher früher auf Kosten einer englischen Gesellschaft nach Sansebahr gereist war, um von dort aus in's Innere von Afrika einzudringen, sich jenseits Abyssinien dem Herzen des Erdtheils zuzuwenden, wo möglich die Quellen des Nil zu entdecken und die Westküste zu erreichen. Der englische Konsul schickte ihn, weil einige Völkerschaften in der Nähe von Sansebahr mit einander in Krieg verwickelt waren (wie Andere behaupten, weil er ihn für verrückt hielt) gewaltsam zurück. Bialoblowsky wünschte sich unserer „Expedition" anschließen zu dürfen und bat mich, ihm dies zu ermöglichen. Ich mußte ihm, weil er nicht geeignet schien, eine derartige Entdeckungsreise mit Erfolg zu unternehmen, eine verneinende Antwort geben. Was aus diesem Ehrenmanne (welcher auf seiner ersten Reise seinen zehnjährigen Sohn als erwählten Begleiter in's Innere Afrika's bis Aden mitgenommen hatte) später geworden ist, weiß ich nicht; ich habe nie wieder Etwas von ihm gehört, wünsche ihm aber alles Glück zu seinen kühnen Plänen. — Am 23. Oktober verließen wir in einem kleinen Schiffchen Alerandricn, um in der Nähe des palmcnumschatteten Fuah, jenes gar lieblich im Delta gelegenen Städtchens, zu jagen. Wir schlugen in der Nähe der Stadt unser Zelt unter einer riesigen Sy- komorc auf und durchstreiften von hier aus die Gegend nach allen Richtungen. Der Ichneumon und egyp tische Fuchs wurden 248 oft unsere Beute; Abends, beim Mondenschein, schössen wir in der Nahe unserer Zelte riesengroße Fledermäuse*), welche die Sykomo- ren umflogen; alte, vollkommen ausgewachsene Eremplare klafterten von der Spitze einer Flughaut zur anderen drei Fuß und wenige Zoll. Wir hielten sie im Anfange für Eulen, so groß kamen sie uns vor. Die nur verwundet Herabgefallencn bissen wehrhaft um sich. Mein Bedienter Karl und der eine der beiden Tischler, welche in meinem Solde arbeiteten, waren unermüdlich in der Jagd dieser ihnen besonders auffallenden Thiere. Sie standen oft bis Mitternacht auf dem Anstande, um eine von den Fledermäusen zu erlegen. Unser Jagdtcrrain bestand aus dem fruchtbarsten, trefflich und zwar vorzüglich mit Reis angebauten Ackerlande. Der Reis nahte sich seiner Reife. Gefräßige Sperlinge**) richteten wahre Verwüstungen in diesen Feldern an und fanden sich in so dichten Schwärmen ein, daß wir mit zwei rasch nach einander abgefeuerten Schüssen aus einem sich eben erhebenden Fluge sechsundfunfzig Stück herabschössen. Diese einzige Angabe mag zur Verständigung ihrer außerordentlich zahlreichen Menge genügen. Die wilden Schweine waren selten. Eines Nachmittags wollten wir Jchneumone jagen. Ich hatte mich vor ein Nohrdickicht, in welchem wir sie zu finden hofften, gestellt und ließ durch mehrere Fellahhihn treiben. Nach wenigen Minuten hörte ich das Geräusch eines durch das Rohr brechenden Thieres, welches aber nicht von einem Ichneumon, sondern nur von einem weit stärkeren Thiere herrühren konnte. Ich harrte mit erhobenem Gewehr erwartungsvoll des Kommenden. Ein riesiger Keuler, welcher im vollen Laufe aus dein Rohre herausbrach und gerade auf mich zurannte, löste das Räthsel. Ich jagte der Bestie beide Schüsse meines mit Rehposten geladenen Gewehres auf kaum fünfzehn Schritte Entfernung in den Leib, ohne die gewünschte Wirkung zu sehen. Der Eber nahm den Hagel mit *) kteropus (Vespertilio) ss^ptiscus, auct. **) Von den unseri.qen verschieden, aber auch in Europa vorkommend, die di8psniea, ancf. 249 furchtbarem Grunzen auf, setzte aber seine Flucht eilig fort, ohne mich, wie ich gefürchtet hatte, zu „begehren". Die ununterbrochenen Jagden gewährten mir einen wahren Hochgenuß. Ich befand mich so recht in meinem Elemente, das langweilige Alerandrien lag hinter mir, ich lebte wieder mein reizendes Jägerleben. Nach der Jagd logirten wir uns in unserem gemüthlichen Zelte unter der Sykomore, schmauchten würzigen Dje- beli und schauten vergnügt in die stille Nacht hinaus. Die köstlichen Abende Egyptens würden uns noch angenehmer geworden sein, wären wir nicht von den Mücken arg geplagt gewesen. Diese kamen nach Sonnenuntergang aus den nahen Sümpfen in unzählbaren Schwärmen zu uns und peinigten uns des Nachts bis auf'S Blut, dennoch waren wir einstimmig der Meinung, daß ihre Stiche weit eher zu ertragen wären, als ihr ewiges Summen. Die Musquitos waren unsere einzigen Quälgeister, in allem Uebrigen verlebten wir höchst angenehme Tage in unserem kleinen Lager und schieden nur mit Bedauern von ihm. Am 10. November veranstalteten die Europäer Alerandriens auf einem östlich von der Stadt in der Wüste gelegenen, ebenen Platze ein Wettrennen. Es liefen zwar nur Rosse von orientalischer Zucht, aber kein einziges arabisches Vollblutspserd. Die aus- gesetzten Preise waren hoch. Das Ganze läßt sich mit wenigen Worten schildern: Es gab tiefen Sand, dichten Staub, große Hitze, schwitzende Reitknechte, triefende Pferde, schlechte Musik, theure Speisen, mehrere Zelte und zwei volle Tribünen mit einigen hübschen Europäerinnen — >vü sLIsliw*)! — Auch wir — vr. Reitz und ich — hatten unsere Zelte in der Nähe der Rennbahn auf einem Hügel aufgeschlagen und sahen bei vollen Bechern edlen Cyperweins dem Schauspiele zu. Ein Wettrennen zu Esel, welches die Matrosen eines im Hafen ankernden Kriegsdampfers auf Wunsch ihrer Offiziere anstellten, krönte das Fest. Dem Glücklichen, welcher zuerst daS vorgesteckte Ziel erreichen würde, winkte ein Preis von fünf Guincen, seinem Esel- 9 Bedeutet wörtlich „und (damit) das Heil!" d. h. und damit genug. 250 treiber ein ansehnlicher Bakhschiesch. Nun begann eine tolle Jagd. Zwanzig Treiber schnalzten und stöhnten im Chor, hieben und stachen auf ihre Thiere los, ebenso viele Reiter spornten diese nach allen Kräften, arbeiteten mit Händen und Füßen, schimpften, fluchten und schlugen die nebenhcrtrabcnden Esel auf den Kopf, daß diese scheu zurückprallten; die Esel keuchten, stürzten, warfen ihre ungeschickten Reiter ab und schlugen mit den Hufen nach ihnen — es war ein unbeschreibliches Getümmel. Treiber und Reiter strengten sich wechselseitig an, die Esel in schnellsten Lauf zu setzen, die Bemühungen der drei activen Mitglieder der Reiterei waren für den Zuschauer höchst ergötzlich. Der Engländer wettet stets. Heute machte man hohe Wetten bezüglich der Schnelligkeit einzelner Esel. — Ein kleiner, schmächtiger und gewandter Schiffsjunge erhielt den Preis. — Ich hatte in letzter Zeit die angenehme Bekanntschaft zweier Landsleute gemacht, welche in Gesellschaft eines jungen Engländers Egyptcn bereisen wollten. Sie verließen Alerandrien am 21. November in einer bequemen großen Dahabie. vn. Rcitz und ich begleiteten sie einige Meilen weit. Die Sonne neigte sich zum Untergehen, als der Reis die Segel der Barke löste; der Wind war flau und brachte uns nach ziemlich langer Fahrt zur Villa des Mr. Larkins, dem die Reisenden noch einen Abschiedsbesuch schuldig waren. Hier hielt uns die Gastlichkeit des Engländers fest; es war beinahe Mitternacht geworden, ehe wir zum Wiedcraufbruch kamen. Nachdem wir mit unseren Landsleuten noch eine Meile weit die Mahmuhd'ie hinauf gefahren waren, trennten wir uns in der Nähe des „Fe- stungskaffehauses" (Khahwe cl Khclaäh*)) von ihnen und beschlossen, in besagter Kaffewirthschaft zu übernachten. Zu diesem Zwecke hatten wir uns auch mit den nöthigen Decken wohl versehen. Das Kaffehaus mochte früher wohl nicht in dem besten Rufe gestanden und öffentliche Mädchen beherbergt haben, denn auf un- *) So genannt, weil es neben einem früher besetzten Fort erbaut wurde. ser entschiedenes Pochen und den mit lauter Stimme gegebenen Befehl zum Ocffnen antwortete der Kahwedji von innen einfach mit: „lMsüän mskisoli Kinne" (Es sind keine Frauen hier), ohne zu öffnen. „Was gehen uns Deine Nissuan an? Oeffne sogleich." „„vlmliäil-M srLiä (Sehr wohl, sogleich, meine Herrn)."" Die Thüre ging auf und wir traten in das recht angenehm erwärmte Kasse ein. Der edle Wirth hatte nun im Sinne, uns in eins von den Kämmcrchen zu betten, welche zum Aufenthaltsorte der zuweilen hier hausenden schönen Bewohnerinnen nebenan gebaut, jetzt aber voller Schmutz und Unrath waren; er dagegen wollte auf einer Lehmbank, welche mit einer ziemlich reinen und weichen Strohmatte belegt war, seine gestörte Nachtruhe fortsetzen. Diesen schönen Plan vereitelten wir einfach dadurch, daß wir sein Bett von besagter Strohmatte hcrabwarfen, unsere Teppiche darauf breiteten und uns auf diese niederlegten. Dann riefen wir unsere großen und bissigen Hunde zu unS heran, wünschten dem Kahwedji eine glückliche Nacht und affcktirte die größte Müdigkeit, weshalb wir alsbald laut zu schnarchen anfingen. Sprachlos hatte der Wirth bisher unserem frevelhaften Beginnen zugeschaut, jetzt fanden Gefühle Worte: „Was, Ihr Herrn, Ihr legt Euch auf meine Bett- stätte, wo soll ich denn jetzt schlafen?" Keine Antwort. „Ihr wollt mich täuschen, Ihr glaubt, ich könne Nichts gegen Euch ausrichten, aber Ihr irrt Euch! Ich werde Euch zu meiner Thür hinauswerfen oder sie wenigstens jetzt öffnen, damit es recht kalt im Zimmer wird, Ihr müßt weichen!" Er näherte sich unserem Lager, die Hunde sprangen knurrend auf und stellten sich ihm zur Wehre. „^IIZll gennrlrt il^inselrüm vvü lieläkbliüm !" (Gott verdamme Euer Volk und Eure Hunde!) Hierauf öffnete er die Thür und ließ den kalten Nordwind hincinstreichen; es half ihm Nichts, wir schnarchten ruhig fort. „Hört, Ihr Herrn, wenn Ihr nicht gutwillig geht, lasse ich Euch die nebenan im Kastell liegenden Soldaten festnehmen." Wir wußten, daß keine Soldaten dort waren und blieben liegen. Jetzt blieb er seiner Verzweiflung nicht 252 länger Meister und brach ungefähr in folgendes Klaglied aus, mit Flüchen und Drohungen nebenbei: ,,Bei Gott, Ihr Leute*), ich lag so weich und schlief im Frieden Gottes, da erscheinen diese verruchten Europäer an meiner Thüre, ich öffne sie ihnen und — beim Allmächtigen, es ist prächtig! — sie werfen mir mein Bett von meiner Lagerstätte herab und schlafen an dem Orte meiner Ruhe. Meine Nacht ist jetzt schwärzer als Pech, schmutziger als Unrath! Gott verfluche Euch und so er wolle, gebe er Euch eine Nacht noch tausendmal schlechter als die meinige! Ihr Herrn, geht von meinem Platze weg, steht auf im Namen Gottes und laßt mich in Frieden! — Im ilslla II ^Ilati, rvn esollet inu ülabammeä rassulil Lcklsli! — Bei Gott dem Allmächtigen, Gnädigen und Barmherzigen, das Volk der Franken war von jeher ein verworfenes**)!" Wir fingen in der That an, jetzt für unsere Nachtruhe zu fürchten, unser Araber konnte für seine Bcredtsamkeit kein Ende finden. Ich unterbrach den tief Gekränkten endlich mit den Worten: „So wahr der Herr lebt, Du bist kein Mahammedaner!" „ „Der allmächtige Gott verzeihe Dir die Sünde dieser Beleidigung! Warum bin ich kein Gläubiger, mein Herr?"" „Weil Du keine Religion hast und doch weißt, daß geschrieben steht: Du sollst dem Hungrigen Dein Brod brechen, den Durstigen tränken, den Nackten kleiden und dem Müden die Thüre Deines gastlichen Hauses öffnen. Und Du willst uns jetzt hinauswerfen? Wahrlich, ein Jude würde dies nicht thun!" Der Araber antwortete nicht; er verschloß die vorhin geöffnete Thür, zündete ein Licht an, brachte Jedem von uns ein Scheit Holz znm Kopfkissen, bettete sich in einen Winkel und wünschte uns eine glückliche Nacht. Am anderen Morgen war er der höflichste und artigste Wirth, den wir wünschen konnten, erhielt sein *) Bei jedem Selbstgespräch, welches der Araber hält, vergegenwärtigt er sich Personen, zu denen er spricht. **) Die Worte des Kahwedji sind wörtlich übersetzt. gutes Trinkgeld und rief den Segen Allah's auf uns und unseren Pfad herab. Am 24. November. Das Meer war schon seit mehreren Tagen von Stürmen bewegt gewesen. Deshalb traf das von mir heiß ersehnte Dampfschiff anstatt am 19. November erst heute ein. Ich bestieg sogleich nach dem Erscheinen der Signalflagge auf dem österreichischen Konsulatsgebäude eine kleine Barke und fuhr nach dem Schiffe hinüber. Schon aus der Ferne fand ich meinen theuren Bruder Oskar unter den auf dem Verdeck stehenden Passagieren heraus. Nach ewig langem Warten und manchem vergeblichen Versuche, die Vorschriften der Quarantäne kühn zu umgehen, gelang es mir endlich doch, die Höhe zu gewinnen. Das Entzücken, mit welchem ich den geliebten Bruder an's Herz drückte, erlasse man mir zu beschreiben: für solche Semen gibt es keine Worte! So waren meine Begleiter nun endlich angekommen! Ich begrüßte meines Bruders Gefährten, den vi-. meck. Herrn Richard Vierthalcr aus Köchen, mit Herzlichkeit und konnte das geräuschvolle Schiff nicht eilig genug verlassen, um in der Stille des Hauses die erwünschte Ruhe zu finden. Leider konnte mein Bruder nicht die Hälfte meiner Fragen beantworten, er hatte sich auf dem Schiffe erkältet und ein rheumatisches Fieber zugezogen, welches ihn sogleich bei seiner Ankunft in Egypten auf's Lager warf. — Mit der sogenannten dritten wissenschaftlichen Erpcdition des Freiherr» vr. John Wilhelm von Müller sah eS aber noch immer schlecht genug aus. Statt der von mir verlangten vier- undachtzigtausend Piaster hatte mir mein Bruder nur drcißigtausend mitgebracht. Nach Abzug der Ausgaben für die nöthigsten Provisionen wären mir nur zwölftausend Piaster übrig geblieben und es wäre wirklich Frevel an mir und meinen Gefährten gewesen, hätten wir mit dieser Summe abreisen wollen. Ich meldete dies dem Baron und mußte die Abreise wieder auf lange unbestimmte Zeit hinausschieben. Es gab noch manchen anderen Grund zu gerechten Klagen. Meine Gefährten hatten mir von den nothwendigen Ge- 254 räthschaften und Werkzeugen, welche mir Baron Müller von Europa zu senden versprochen hatte, nur einen kleinen und den unwesentlichen Theil mitgebracht. Die Ausrüstung zeugte von einer Unordnung und Nachlässigkeit, welche ganz geeignet sein mußte, mir trübe Aussichten für die Zukunft zu eröffnen. Welcher Fahrlässigkeit und Treulosigkeit ich später ausgesetzt sein würde, konnte ich freilich damals noch nicht ahnen. Aber schon jetzt waren meine Besorgnisse von der Art, daß ich sie rechtlicher Weise den deutschen Handwerkern, welche uns begleiten wollten, nicht vorenthalten durfte. Beide verließen nach meiner Auseinandersetzung den Dienst der „Erpedition"; der Baron von Wredc war klüglicher Weise schon früher ausgetreten. Am 31. Dezember. Das hartnäckige, rheumatische Fieber meines Bruders wich erst einer sorgfältigen ärztlichen Behandlung von einigen Tagen. Vierzehn Tage nach seiner Ankunft in Egyp- ten konnte er seinen ersten Ausgang machen. Wir Alle wünschten unsere baldige Abreise sehnlich herbei. Nachdem die beiden Neuangekommenen die interessantesten Punkte Alcrandricns kennen gelernt hatten, empfanden auch sie bald jenen Widerwillen gegen die Stadt, der jeden Europäer befällt, welcher sich längere Zeit hier aufhält. Der Schriftsteller Bogumil Goltz war aus Oberegypten zurückgekehrt und konnte uns Tage lang vorerzählen, daß Egypten ein abscheuliches Land sei und daß es kein erbärmlicheres Volk gebe, als die Egyptcr. Eine Fahrt auf dem Nil sei eine wahre Höl- lenreise. Freilich war es unserem Reisenden auch schlecht genug ergangen. Herr Goltz hatte sich, gänzlich unbekannt mit der Sprache und den Sitten des Landes, ohne Dolmetscher einem arabischen Kapitän übergeben und dieser hatte bald genug eingesehen, daß er einen „ Rhaschihm*) " vor sich habe. Es ist begreiflich, daß es unter dieser Umständen unserem Freunde in Egypten nicht gefallen konnte; seine Klagen waren zwar gerecht, aber einseitig, weil er Egypten in höchst mißlichen Verhältnissen bereist hat. — In den letzten Tagen des Dezember hatte die schwedische Kriegsbrigg „Oehren" (Adler) im Hafen Alerandriens Anker ge- *) Der Sitte und des Landes Unkundigen. 255 warfen. Für uns befand sich eine interessante Persönlichkeit am Bord: der Naturforscher und Direktor des Museums in Christiania, Professor Es mark. Wir machten mit diesem gelehrten Manne mehrere Ausflüge in der Umgegend der Stadt und wurden zu unserer Freude von ihm zu einem Gegenbesuche eingeladen. Ich erinnere mich noch heute mit Vergnügen mit an die angenehmen Stunden, welche wir am Bord des Kriegsschiffs erlebten. Die Offiziere, zuvorkommende und sehr gebildete Leute, nahmen uns mit großer Artigkeit aus, bewirtheten uns auf's Beste und zeigten uns die innere Einrichtung des solid, gefällig und sauber erbauten Schiffes; der Kapitän beehrte uns mit einer wirklich schmeichelhaften Aufmerksamkeit und brachte in köstlichem Weine auf meinen Vater — den er auö seinen ornithologischen Werken kannte — eine Gesundheit aus. Es versteht sich von selbst, daß wir seine Artigkeit mit einer ähnlichen erwiderten. — Wir lebten die Zeit her sehr still und eingezogen. Das Fest der Weihnacht feierten wir daheim, den Sylvesterabend mit Reiß in einem Gasthausc. Beim Klänge der Gläser gingen wir froh und lustig in's neue Jahr hinüber ; Keiner dachte daran, daß dieser Sylvesterabend der letzte sei, den er mit feiern helfe und gleichwohl waren keine sechs Monate vergangen, da schlummerte einer der fröhlichen Abendgesellschaft, mein theurer Bruder, seinen ewigen Schlaf im glühenden Sande der Wüste! Und heute, während ich diese Zeilen schreibe, beschleicht mich die Wehmuth trüber Rückerinnerung, denn auch der zweite liegt am Ufer des Nils im Grabe gebettet; den dritten deckt der Sand der Steppe eines kleinen Dorfes Ost-Sennahrs, Am 3. Januar 1850 erhielten wir von dem Baron von Müller einen Brief mit dem ,,bestimint ausgesprochenen Wunsche, ohne irgend welchen Zeitverlust und ohne auf irgend etwas Weiteres von Europa zu warten", Alerandrien zu verlassen. In einem beiliegenden Privatschreiben an mich findet sich folgende Stelle: „Mögen die Gründe, um diese 256 Summe zu verlange», sein, welche sie wollen, so werde ich Ihnen vorerst kein weiteres Geld schicken, sondern es ist mein unumstößlicher, unabänderlicher Wille, daß Sie augenblicklich mit Dem, was Sie haben, nach dem Sudahn abreisen. ,,Wer Ihnen nicht folgen will, bleibe zurück." Wir hatten aber dennoch keine Lust, Egypten zu verlassen und beschlossen, einstweilen nach dem Mörissee zu gehen und dort Geld abzuwarten. Am Abend des 16. Januar segelte eine große, von uns bis Kairo gemiethete Dahaküc an der letzten Villa Alerandrienö vorüber und rasch den Kanal hinauf. Ich habe von der Reise bis Kairo, obgleich sie zehn Tage dauerte, Wenig zu berichten und will das Wenige so kurz als möglich zusammenfassen. Wir wendeten die lange Zeit der Fahrt mit der Jagd und dem Sammeln von Naturalien an, machten mehrere Hetzen auf wilde Schweine ohne Erfolg, suchten Käfer unter der Rinde eines heiligen Baumes, wurden von den Fellahhihn wegen der uns von der unsichtbaren Hand des Schech sicher bevorstehenden Züchtigung im Voraus bemitleidet und würden am Ende unter dem Volke selbst Vollstrecker der Befehle des Heiligen gefunden haben, hätten wir den Leichtgläubigen nicht vorgelogen, daß wir die Käser zur Anfertigung von Arzneien nothwendig gebrauchten; verloren meinen Bruder auf einer Jagdpartie und fanden ihn nach langem Suchen, umringt von neugierigen Arabern und Araberinnen, um Mitternacht wohlbehalten im Hause eines Schech wieder; trafen zwei öffentliche Mädchen in einem Kaffchause in der ärgsten Trunkenheit und einem uns ein wahrhaft grausenvolles Mitleiden abnöthigenden Zustande an; störten einen in einem anderen Kaffchause friedlich schlummernden, türkischen Reisenden zu später Nachtzeit mit dem Befehle, uns Kasse zu kochen, aus seinem süßen Schlummer, wurden von ihm, weil Aali-Arha das Thürschloß des Etablissements zersprengte, des Einbruchs beschuldigt und nur durch Aali-Arha's Kcrnflüche und türkischen Witze wieder von dem Verdachte gereinigt, bekamen aber keinen Kasse; wollten beim Schcchsgrabe des Sihdi- Jbrahihm zu unserem nöthigen Bedarfc reichlich vorhandenes, dürres Holz von einigen hohen Sykomoren brechen, fanden aber 257 unter unserm Dienern keinen, welcher der Rache des Heiligen trotzen wollte und wurden, als wir uns anschickten, die Bäume zu besteigen, so flehentlich gebeten, von der Heiligthumsschändung abzustehen, daß wir ohne Brennholz weiter fuhren, bekamen, nachdem unser Schiff neun Tage lang getreidelt*) worden war, am letzten Tage endlich Segelwind, passirten die großartigen Bauten des Staudammes und waren am 20. Januar in Bulakh. Die Neuangekommenen besuchten nun, während eines kurzen Aufenthaltes in Kairo, alle Sehenswürdigkeiten und vernachlässigten keinen merkwürdigen Ort der Mahcruhset. Ich bestieg mit ihnen die Pyramiden zum zweiten Male und machte ihnen überall selbst den Dolmetscher. Mein gefälliger und bewanderter Freund Wrede unterstützte mich hierin getreulich. Am 25. Januar setzten wir unsere Reise nach Fajum weiter fort, stießen zur gewöhnlichen Zeit der Abreise nach dem Aaffr vom Lande ab und gelangten bei sehr schwachem Winde noch bis über Alt-Kairo hinauf. Am anderen Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang auf dem Lande. Der Himmel war mit dunklen Wolken überzogen, die einen Hintergrund bildeten, gegen welchen die Pyramiden hell abstachen. Da stieg die Sonne hinter dem Nilgebirge empor und sandte ihre ersten Strahlen auf jene großartigen Denkmäler einer großen Vergangenheit, die sie schon seit Jahrtausenden beschienen. Und eingerahmt von den dunklen Wolken standen diese wie mit rosigem Dufte überzogen „glühend in der Sonne Gold." Es war nur ein Augenblick, aber er war unnennbar, göttlich schön! — Wir gingen in dem ausgedehnten Palmenwalde von Sakahra hin, um zu jagen. Nach zwei Stunden sahen wir unsere Daha- lüe mit dem vor Kurzem aufgekommenen Winde den Strom Hinaufsegeln. Der Reis mahnte zum Einsteigen, holte uns in dem kleinen, an größere Barken angehängten Boote vom Ufer ab und fuhr dann beim besten Winde mit vollem Segel weiter. Der anhaltend günstige Wind brachte uns denselben Tag bis in die Nähe von Beni-Suös. Wenige Stunden nach Sonnenaufgang er- *) Treideln — am Seile fortziehen, n. 17 258 reichten wir am 27. die Stadt, bezogen ein großes, dicht am Nile gelegenes Kaffehaus und mietheten die nöthigen Last- und Reitthierc nach Fajum. Am 29. Januar. Schon lange vor dem Tageslichte erweckte unS das alte, bekannte, widerliche Geschrei der sich in Voraussicht der Ladung unglücklich fühlenden, widerspenstigen Kamele. Das Aufpacken ging unter dem gewöhnlichen Geschrei der Araber äußerst langsam von Statten und wurde nach unendlichen Streitigkeiten, wegen leichterer und schwererer Gepäckstücke, erst nach drei Stunden beendet. Ich bestieg ein Kamel, die Anderen zogen geduldigere und niedere Thierlein, nämlich Esel, vor. Nun waren diese aber nicht wie die guten khahirinschen Reitesel mit vollständigem Sattel und Zeug versehen, sondern nach Fcllah's Art gesattelt und, weil es der Fellah für ganz unnöthig hält, gar nicht gezäumt. Meine in der mir vom Sudahn her bekannten Behandlung eines so zum Reiten vorgerichteten Esels unerfahrenen Reisegefährten verstanden die nöthigen Manoeuvre zur Bewegung und Lenkung ihrer Neitthiere noch nicht auszuführen, weshalb auf Abhülfe jener Mängel gesonnen werden mußte. Der Fellah weiß in solchen Fällen Rath. Einige Baststricke wurden herbeigeschafft und theils als Zaum, theils als Steigbügel und Leibgurt verwendet. So war die Sache nun wohl zu einiger Zufriedenheit der Reisenden, keineswegs aber zur Zufriedenheit der Esel abgemacht, denn diese fühlten sich wegen der kratzenden und reibenden Baststri'cke höchst unbehaglich. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, hatte aber die Stadt kaum verlassen, da rannten die wegen der sie peinigenden Stricke im höchsten Grade beängstigten und erzürnten Esel wie toll davon und warfen Reiter und Sattel ab. Ich saß hoch oben auf meinem vortrefflichen Thiere und schaute den komischen Scenen, welche sich noch mehrere Male wiederholten, lachend zu. Der ungeschickteste Neuer war ein von uns neu angenommener, deutscher Bedienter, Namens Tischendorf; er „stieg", wie er sich auszudrücken pflegte, „sehr häufig ab, um Sattel und Zeug in Ordnung zu bringen." Wenige Tage später lernte auch ich eine ähnliche Marter, nur in viel höherem Grade, kennen, und da verging mir das Lachen gar bald. 259 Der Weg von Beni-Suöf nach Fajum führt auf mehr oder weniger guten Straßen durch fruchtbares, bebautes Land. Man durchreitet zwei Wüstenstreifen, an deren Rande man noch Ueberblcibsel von alten Bauwerken und Trümmern von Pyramiden sieht und kommt auf dem Wege durch die Dörfer Kohm el ach- mar, Belrhuö, Wübäh, el Hakhihr, el Hohn und Hauart el Rhassab. Die Entfernung zwischen beiden Städten beträgt etwas über vier deutsche Meilen. Wir hatten uns mit der Jagd, welche hier sehr ergiebig war, lange aufgehalten und kamen erst nach Sonnenuntergang in der Medihne an. Dort bezogen wir die gewöhnliche Fremdenherberge, das beste Kaffchaus, wurden von dem Kaffewirthe sehr freundlich empfangen und gefällig bedient und hörten später dem Gesänge einiger Tänzerinnen zu, welche sich hier aufhielten. Unser Gepäck langte erst drei Stunden nach unserer Ankunft an. Am anderen Morgen schlenderte ich in der Frühe im Basar herum. Unser Khawahs, Aali-Arha, war zum Hshkiin el Bellöd, zu deutsch ,,Landrichter", gegangen, um diesen um eine Wohnung für uns zu bitten. Nachdem ich mich in einem Theile der ziemlich reinlichen und freundlichen Stadt umgesehen hatte, kehrte ich zum Kaffehause zurück. Plötzlich fühle ich mich am Kleide gehalten, sehe mich um und erblicke ein kleines Männchen in türkischer Tracht, welches sich mir als den christlich katholischen Tähdjer öl Chäwähdjö Kähkl el Masse rk (Kaufmann Kahil, der Khahiriner) vorstellt und mit folgenden Worten anredet: „O Chalihl-Effendi, warum verweilst Du noch im Kaffehause? Warum bist Du nicht zu uns gekommen? Weißt Du nicht, daß hier Viele Deines Glaubens sind, warum suchst Du sie nicht auf, sondern beziehst wie ein Türke das Kaffehaus, welches sogar Tänzerinnen betreten? Ist das Recht von Dir? rc." In diesem Tone ging sein Redefluß fort, bis ich ihm endlich das Versprechen gab, meine Wohnung im christlichen Viertel aufschlagen zu wollen. Er nahm mich sogleich unter den Arm und führte mich in meine neue Wohnung, ein freundliches Logis in der Nähe der christlichen Capelle, wohin ich dann das Gepäck kommen ließ. 17 * 26V Wie ich später erfuhr, that er dies Alles nur, weil er der sicheren Ueberzeugung lebte, ich sei ein guter katholischer Christ; denn als ich ihn eines Tages über mehrere Gräber befragte, welche wir von unseren Fenstern aus dicht bei der Capclle gewahrten, erwiderte er: ,,Cs sind die Gräber guter Katholiken und nur diese begraben wir hierher; Kopten, Protestanten und anderes ketzerisches Gesinde! werden außerhalb der Stadt auf einem besonderen Kirchhofe verscharrt." Ich nahm mir vor, in Fajum nicht zu sterben. FLjüm liegt ander Stelle des alten Arsinoe oder Krokodil opolis, ist eine von den sieben Städten, an denen Allah ein ganz specielles Wohlgefallen haben soll, wie mir ein Araber versicherte, LI inellilin« söl'tlnä ckll88uk (die Stadt unsers Herrn Joseph) und von einem fruchtbaren, blühenden Paradiese, dem Garten Egyptcnlands, umgeben. Wenn nun auch der gute Mann die Schönheit der Mcdihne ein Wenig übertrieb, so ist sie doch in der That und Wahrheit eine der hübschesten Städte des ganzen Landes. Sie enthält zehn- bis zwölftauscnd Einwohner, welche Ackerbau, Roscnkultur, Handel und im nahen See Fischfang treiben. Aus den Blüthen der Rosen destillirt man hier Roscnwasser, wie es die Türken zum Besprengen ihrer Decken, Teppiche und Kleider und zum Räuchern brauchen, keineswegs aber Rosenöl, denn dieses wird für ganz Egyptcu aus Tunis bezogen. Der Kanal, welcher unterhalb Monfalut aus dem Nilc sein Wasser empfängt und mitten durch die Stadt geht, heißt der Bahhr el Jussuf. Er vertheilt sich ober- und unterhalb der Stadt in außerordentlich viele Verzweigungen, bewirkt eine ganz ungewöhnliche Fruchtbarkeit und mündet schließlich in den Mörissec. Zur Zeit des hohen Nilstandes wird er mit sehr kleinen Barken, jedoch ohne wesentlichen Nutzen befahren. Die Hauptcrzcugnissc der Oase, denn so kann man den Landstrich wohl nennen, sind: Baumwolle, Reis, Zucker, Indigo, Haus, Flachs, Oliven, Feigen, Wein und Datteln. Außerdem bemerkt man einen großen Reichthum an jagd- 261 barm und nicht jagdbaren Thieren. Wilde Schweine, Antilopen, Hasen, Gänse und Enten, überhaupt Federwild sind häufig, leider aber auch Scorpionen, Schlangen, Füchse, Hyänen und anderes Ungeziefer. Der Mörissec, von den Arabern Birke t el Kharn genannt, ist anderthalb bis zwei Meilen von der Stadt entfernt und soll noch eine Länge von neun und eine Breite von anderthalb deutschen Meilen haben. Er ist fischreich, trägt aber der Regierung jetzt nur zwölf Beutel ein, während früher das Vierfache oder zwölfhundcrt Spccicöthalcr Pacht bezahlt wurden. Sein Wasser ist sehr salzig; seine Fische sind merkwürdiger Weise größtcnthcils Arten, welche auch im Mittelmccre vorkommen. Die durch Gelehrte an den Trümmerhaufen großer Bauwerke in der Nähe deS Seecs angestellten Forschungen haben zu verschiedenen Resultaten geführt. Man nimmt an, daß das Wort Fajum von dem altcgyptischen „Phajom", eine sumpfige Niederung, abgeleitet werden muß. Der Name Birkct el Kharn soll nach Einigen von Charon herrühren; Andere glauben, daß er erst neuern und zwar arabischen Ursprungs wäre und von der Gestalt deS Seces herkäme, welche einem gebogenen Hörne (arabisch Kharn) ähnlich ist. Mehrere Altcrthumsforschcr sind der Meinung, daß früher ein Arm des Nil durch den Wirket el Kharn und die Na- tronsccn in's Meer geflossen sei, was jedoch unwahrscheinlich ist. Herodot gibt den Umfang des MvriSseecs zu dreitausend und sechshundert Stadien oder neunzig deutschen Meilen an und glaubt, daß er von MöriS oder Thatmosis lll., welcher ungefähr um das Jahr 1725 v. Chr. gelebt haben soll, gegraben worden ist. Piom oder Phajom soll ein Wasserreservoir gewesen sein, in welchem man bei der Ueberschwcmmung des Nil Wasser angesammelt habe, um cS später zur Bewässerung zu verwenden. Er beschreibt auch das Labyrinth und gibt an, daß cS dreitausend Kammern enthielt, von denen fünfzehnhundert über und eben so viel unter der Erde lagen. Da ich mir einmal einen Rückblick in die Vergangenheit erlaubt habe, ist es hier vielleicht am Orte, auch die Meinung un- 262 ftreS genialen Landsmannes Lepsius über das Labyrinth und den Mörissee wieder zu geben. Er berichtet in seinen Briefen aus Egypten darüber Folgendes: „Von der Höhe der Pyramide betrachtet, liegt der regelmäßige Plan der ganzen Anlagen des Labyrinths wie auf einer Karte vor Augen." „Die Disposition des Ganzen ist so, daß darin mächtige Gc- bäubemassen, in der Breite von dreihundert Fuß, einen viereckigen Platz einschließen, der an sechshundert Fuß lang und fünfhundert breit ist. Die vierte Seite, eine der schmalen, wird durch die dahinter liegende Pyramide begrenzt, welche dreihundert Fuß im Geviert hat." „Fn den Manethonischen Königslisten finden wir den Erbauer des Labyrinths gegen das Ende der zwölften Dynastie, der letzten des Reichs, kurz vor dem Einfall der Hyksos aufgeführt." „Die Fragmente der mächtigen Säulen und Architrave, die wir auf dem großen Platze der Aulen ausgcgraben haben, zeigen uns die Namensschildcr des sechsten Königs eben dieser Dynastie „Amenemha III." Hiermit ist diese wichtige Frage ihrem historischen Theile nach beantwortet. Wir haben auch diesen Namen in einer Kammer vor der Pyramide gefunden. — Wahrscheinlich gehören aber die großen Zimmermassen, welche den mittleren Platz umgeben, und die Einrichtung der zwölf Höfe erst der sechsundzwanzigsten Dynastie des Manetho (wie es nach Herodotö Erzählung abzunehmen ist), so daß der ursprüngliche Tempelbau des Amenemha nur den Kern dieses großartigen Umbaues gebildet hat." „Der Birket el Kharn, welchen man für den See Möris gehalten, ist ein natürlicher See, der nur zum Theil von dem Wasser des Jussuffkanals gespeist wird und keine einzige von den Eigenthümlichkeiten besitzt, die der Mörissee gehabt hat. Er liegt zu tief, als daß er je zu einer Uebcrschwemmung des Landes beim Versicchen des Nil zu brauchen war." „Da hat nun Linant mächtige, mcilenlange Dämme von ur- 263 alter, solider Konstruktion gefunden, die den obersten Theil des muschelförmig, konver gebildeten Fajumbeckens gegen die Hinteren, tiefer gelegenen Theile abgrenzen und nur dazu bestimmt sein konnten, einen großen See künstlich zurückzuhalten, der aber jetzt, nachdem die Dämme längst durchbrochen sind, völlig trocken liegt." „Diesen See hält Linant für den Mörissee und ich muß bekennen, daß mir das Ganze den Eindruck einer äußerst glücklichen Entdeckung schon nach seiner ersten mündlichen Mittheilung gemacht hat. Die Besichtigungen des Terrains haben mir jeden Zweifel an der Richtigkeit der Ansicht genommen. Ich halte sie für eine unumstößliche Thatsache." „Mit dem Namen MöriS, der weder auf den Denkmälern, noch bei Manethos vorkommt, ist es eines der zahlreichen griechischen Mißverständnisse; die Egypter nannten den See ktriom oa mors, den See der Nilübcrschwemmung, die Griechen machten aus mors Möris und aus Phium wurde Fajum." „Der Boden des Mörissce's hat sich in der Zeit seines mehr als zwcitauscndjährigcn Bestehens um elf Fuß durch Erdnieder- schläge erhöht. Dadurch begreift sich, wie seine Nützlichkeit mit der Zeit ganz und gar aufhören mußte." „Durch die Erdauffüllung nur von elf Fuß gingen dem See, wenn wir den Umfang nach Linant annehmen, schon ungefähr drei- zehntausend Million Kubikfuß Wasser verloren. Erhöhungen und Dämme halfen dagegen Nichts." Am 31. Januar. Es war heute ein schändliches Wetter, wir konnten kaum das Haus verlassen. Ein heftiger Wind wirbelte Wolken von Staub auf und hinderte uns sogar am Sehen, wodurch eine Jagdpartie, welche wir ganz in der Frühe des Tages unternommen hatten, bald beendigt wurde. Zu Hause trafen wir den arabischen christlichen Geistlichen, Abuhna-Chalihl, welcher mich und den Dr. Vicrthaler eine Kranke, die Schwester eines levantinischcn Kaufmannes, zu besuchen bat. Er begleitete 264 uns zu einem kleinen, unscheinbaren Hause, dessen Inneres unseren Erwartungen auch nicht entsprach. Wir wußten, daß der Hausherr ziemlich reich war; allein davon war in seinem Haushalte keine Spur zu bemerken. Es waren sogar diejenigen Gegenstände, welche der Orientale sonst gewöhnlich mit einem gewissen Luruö auszustatten pflegt, auffallend vernachlässigt. Nachdem wir im Empfangszimmer ein Weilchen auf staubbedeckten Ottomanen geruht hatten, erschien eine mit Goldmünzen über und über behan- gene Koptin, um uns mit Pfeifen zu versehen. Kurze Zeit nachher brachte sie den Kasse. Da trat herein, um uns denselben zu reichen, „wie ein Gebild aus Himmelshöhen" die Frau des Hausherrn, ein Weib von wunderbarer, unbeschreiblicher Schönheit, nach unseren Begriffen noch ein Kind. Sie mochte dreizehn, höchstens vierzehn Jahre zählen. Wir waren wahrhaft bestürzt, daß diese elende Hütte solch' einen Engel beherbergen konnte und trauten unseren Augen nicht, sondern hielten die vor uns Stehende für eine Erscheinung aus der Feenwelt, die ein süßer Traum unserer Phantasie vorgespiegelt. Da dachten wir wohl alle Drei im Stillen an Freiligrath'ö Ausruf: „Liebt mich einmal ein Weib, O Gott! so gleich' es diesem Bilde!" Ich erinnere mich nicht, jemals wieder eine Frau gesehen zu haben, welche dieser an Schönheit nur entfernt geglichen hätte. Sie besaß das lieblichste, feinste und edelste Gesicht, vereint mit der schlanken, herrlichen Gazellengestalt und Händchen und Füßchen, wie die eines neunjährigen Kindes! Bei Allah und seinem Propheten, die Frau war schön! Ja, in der That, der Orient hat zarte, schöne Blumen; wohl Dem, glücklich Der, dem es gelingt, eine davon zu pflücken! Und daß er sie dann warten möge mit aller Sorgfalt; aber wie bald wird sie verblüht sein, die kaum erblühte Rose! Hier im Morgcnlande wird sie nie zu ihrer wahren Blüthe gelangen; hier vernichtet die rohe Hand des Mannes, welcher, durch die verfeinernde Kultur und Sitte europäischer Länder noch nicht gebildet, schon den Keim erfaßt, ehe er tiefe Wurzeln geschlagen, die später herrlich prangende Blume. — 265 Die Kranke, welche uns zu solcher Augenweide und, daß ich die Wahrheit sage, auch zu gleicher Zeit recht fühlbarem Herzklopfen verhelfen hatte, lag in einem Nebenzimmer am klimatischen Fieber darnieder., Dr. Vierthal er verordnete Arznei, welche mein Bruder, da es hier keinen Apotheker gibt, aus unserem eigenen Arzncivorrathe nahm und zubereitete. — Am 1. Februar. Mein Bruder schoß heute auf der Jagd einen Kaiseradler flügellahm. Da dem Vogel nur ein Muskel des Vorderarmes, durch ein einziges nicht allzu grobes Schrot, verletzt worden war, beschlossen wir, ihn lebendig zu behalten. Die Wunde wurde verbunden und der Arm geschient, wonach sich der Adler ziemlich wohl zu befinden schien. Es war ein herrliches Thier; die stolze, kräftige Körpergestalt und das flammende, große Auge verliehen ihm ein wahrhaft majestätisches Ansehen. Am anderen Tage machte ich mit einem türkischen Effendi eine Jagdpartie auf wilde Schweine in den östlichen Theilen der Oase. Wir bekamen mehrere zu Gesicht, waren aber nicht im Stande, sie aus den Zucker- und Wasserrohrdickichten, in denen sie sich aufhielten, herauszutreiben. Dagegen war unsere Ausbeute in anderer Hinsicht recht zufriedenstellend. Der 3. Februar war ein Sonntag. Ich wurde von dem Kaufmann Kahil aufgefordert, ihn in die Kirche zu begleiten. Abuhna-Chalihl hielt den Gottesdienst nach griechischem Ritus. Wie in allen christlichen Kirchen des Orients, waren auch hier die Stühle der Frauen mit dichtem, jedem Blicke undurchdringlichem Gitterwcrk verschlossen. Die Kirche war sehr besucht. — Die ärztliche Hülfe unseres Doctors wird vielfach in Anspruch genommen. Fast in ;cdcr Familie gibt es jetzt, wo ein Arzt im Orte ist, Jemanden, der sich auf irgend eine Krankheit besinnt, an welcher er leidet, gelitten hat oder zu leiden vorgibt. — Einige Männer wünschten Hcilmittelchcn gegen Unvermögen. Die Frauen in den levantinischcn Häusern haben fast Alle zu klagen und berühren sehr zarte Punkte mit einer wahrhaft naiven Offenheit. Am schlechtesten kommt unsere Privatapotheke weg; es werden an sie, mit ziemlicher Frechheit, bedeutende Ansprüche gemacht. Aber mein 266 Bruder wacht mit aller Sorgfalt über die ihm übergebenen Schätze und gibt nur Arzneimittel, wo sie unbedingt nöthig sind. — Am 12. Februar. Ich war seit mehreren Tagen „eijahn" (unwohl) gewesen und mußte, ohne wirklich krank zu sein, das Lager hüten, weil ich beim Gehen Schmerzen im Untcrlcibe verspürte , welche manchmal recht heftig wurden. Es fehlte mir wohl auch an der nöthigen Spannung des Geistes; Fajum bietet bei längerem Aufenthalte so Wenig, daß diese zuletzt ausbleiben mußte. Da brachten sie endlich Briefe vom Hause, vom Baron Müller und vr. Reitz. Der Baron schickte uns noch fünfhundert Thaler, mit dem sicheren Versprechen, bis zum 1. Juli dieses Jahres in Charthum eintreffen zu wollen. Es war uns so die Möglichkeit geboten, nach dem Sudahn abzureisen, waS wir auch unverzüglich zu thun beschlossen. Ich wollte in den nächsten Tagen nach Kairo gehen und dort noch viele Provisionen für die Reise einkaufen, eine Barke miethen und in Beni-Suef an einem bestimmten Tage wieder zu meinen Reisegefährten stoßen, welche unterdessen an den Mörissce gehen sollten. Demgemäß ging der Khawahs, Aali- Arha, am folgenden Tage zu dem Hahkim el Bclled, um diesen zu ersuchen, mir ein Kamel und ein Maulthier besorgen zu lassen, während wir noch nöthige Briefe nach Hause schrieben und den Baron von unserer Abreise benachrichtigten. Am 14. Februar. Ich brach mit meinem Bedienten, dem Nubier Mahammed, Nachmittags von Fajum auf und bekam von einem Weibe ein schlecht gesatteltes und gezäumtes Maullhier mit dem Versprechen vorgeführt, daß ich dessen Sohn, den Führer des Thieres „khidahm" (voraus) finden werde. Der erste Ruhcpunkt auf der Reisestrecke von Fajum nach Kairo ist Damnte, ein nach arabischer Rechnung zwei deutsche Meilen von der Mcbinct Sc'tdne Jussuf entferntes Dorf. Nach alter Erfahrung rechnete ich im Stillen noch wenigstens die Hälfte der angegebenen Meilenzahl hinzu und trieb zur Eile an. Der Tag war sehr schön; es war einer von denen des egyptischen Frühlings, welche, trotzdem ihnen kein eigentlicher Winter vorausgegangen ist, doch alle die frohen Empfindungen, welche der Frühling Deutsch- 267 lands hervorruft, in des Menschen Brust erwecken. Allein das Klima Egyptcns ist ja ein ganz anderes als das Deutschlands und daher ist auch der dortige Frühling ein weit angenehmerer. Die Kühle des Winters — welche, wenn auch das Thermometer des Ncaumur -s- 12 Grade zeigt, dem im Lande Einheimischen zur unangenehmen Kälte wird — ist vorüber, ohne der oft lästigen Wärme des egyptischen Sommers Platz gemacht zu haben. Heute schien mich Alles so recht an die Hcimath erinnern zu wollen. Dort weideten auf einem grünen Kleefelde Rinderheerden und auf ihren Rücken sitzende Staaren sangen die heimischen, wohlbekannten Melodieen, als wollten sie vor der nahen Rückkehr nach ihrem Geburtslande hier erst noch ihre Kehlen prüfen. Singend und frohen Muthes ritt ich auf guten Straßen durch das fruchtbare, überall sorgfältig bebaute Land. Mit Sonnenuntergange kamen wir zu einem kleinen, an Geflügel überaus reichen See, den man mir Birket el Sirb're nannte. Ich machte vergeblich Jagd auf Flüge von Enten, Wildgänsen und anderen Was- servögcln, welche sich bei unserer Ankunft in dichten Schaarcn aus dem Röhricht erhoben. Die Nacht brach schnell herein und wurde, weil sich der Himmel stark mit Wolken umzogen hatte, ziemlich dunkel. Wir konnten das neben uns liegende Land nicht beurtheilen, ritten aber, wie wir sehen konnten, bereits auf Wüstenwegen. Sieben Stunden nach unserer Abreise kamen wir, von einem vielstimmigen Hundcgebcll geleitet, vor dem oben erwähnten Dorfe an und schoflen die Pistolen zum Zeichen unserer Ankunft ab. Nach wenigen Minuten erschien ein Wächter, „Rhaffihr," und führte uns in einen alten, halbverfallenen Chahn, ein Wekahle oder was es sonst war, wo wir für die Nacht beherbergt werden sollten. Der Wirth dieser Räumlichkeiten wies mir ein Zimmer an, in welchem mein Diener mir das Lager bereitete. Nur wenige Stunden mochte ich geschlafen haben, als ich durch den Ruf mehrerer Hähne erweckt wurde. Der verdammte Chumurdji*) hatte mich in den Hühnerstall gebettet! Kaum versuchte ich die Augen wieder ') Wirth; von Chain« hra, wörtlich Eselstallung, Wirthshaus. 268 zu schließen, da fing auch die Bestie von Neuem an zu krähen und zwar dicht neben mir. Jüngere Hähne, welche ebenfalls schliefen, wurden jetzt auch ermuntert und probieren ihre heißeren Stimmen; der unträgliche Lärm hörte gar nicht mehr auf. Nun behauptet zwar der vr. pllil. Rauh in Kairo, ein sehr großer Hüh- nerlicbhaber, daß es Hähne gebe, die schön und andere, welche unschön krähten, aber sicher hatte er keine Nacht im Hühnerstalle zugebracht, ehe er seinen unverantwortlichen Ausspruch that. Wenn der Hahn, welcher meine Nachtruhe auf eine raffinirt boshafte Weise unterbrach, wirklich mit Philomclenö Stimme begabt gewesen wäre, ich hätte ihm doch das Genick umgedreht, — wenn ich ihn nämlich hätte bekommen können. Allein es war mir unmöglich, ihn zu finden, obgleich ich, mit dem bloßen Säbel fechtend, das ganze Zimmer durchsuchte; es war mir unmöglich, Licht zumachen, unmöglich, meinen Bedienten herbeizurufen, ohne die ganze Wekahle aufzustören, unmöglich, mein Lager in der dichtesten Finsterniß zu verändern. Ich verbrachte eine Höllcnnacht; der verwünschte Hahn schien meiner ohnmächtigen Rache zu spotten und krähte ununterbrochen bis zum anderen Morgen fort. Am 15. Februar. In unserem Chahn waren gestern zwei niedere, türkische Offiziere angekommen, welche nebst mehreren Kaufleuten ebenfalls nach Kairo reisen wollten. Ich schloß mich ihnen mit Mahammcd an. Wir verließen, eine ziemlich starke Karawane bildend, schon vor der Zeit des Frühgcbctes den Ort der Nachtruhe, doch konnte ich es, trotz des schönen Morgens, nicht über mich gewinnen, dem Chumurdji auf seine mäßige Forderung die Zugabe zu schenken. Mit der höflichen Bitte, künftighin keine Gäste mehr in das vcrhängnißvolle Zimmer, in welchem ich die vorhergehende Nacht zugebracht hatte, zu führen, vereinigte ich eine gelinde Demonstration mit der Nilpeitschc und erntete deshalb die vollste Zufriedenheit meiner türkischen Begleiter. Wir betraten die Wüste, sobald wir die letzten Häuser dcö Dorfes hinter uns und einen Kanal des Bahhr el Jussuf überschritten hatten. Ein mit einer langen rostigen Flinte und einer schlechten Pistole bewaffneter Beduine drängte sich zu unserer Bcglei- 269 tung in der Eigenschaft eines Beschützers auf und durchkreuzte mit seinem mageren Gaule die ganze Karawane oder trug Geschichten von hier verübten Naubaufällen vor, bei denen er stets eine wichtige Rolle, selbstverständlich nur als tapferer Vertheidiger der Bedrängten, gespielt zu haben vorgab. Es war am Morgen so empfindlich kalt, daß wir die Strahlen der am unbewölkten Himmel aufgehenden Sonne mit wahrer Freude begrüßten. Gegen den Mittag hin schien es uns aber, als thäte die Sonne des Guten fast zu Viel. Die großen zweibindi- gcn Wüstenlerchen liefen im Wege herum, während das flügel- schncllc, flüchtige Wüstenhuhn (ktoroolos) so nahe im Wege sitzen blieb oder, sich bei unserer Annäherung in den Sand drückend, dort so regungslos verharrte, daß ich eins mit der Pistole erlegen konnte. Außer ihnen sahen wir nur noch kleine Wüstenlerchen und Fclscnschwalbcn, sonst war nichts Lebendes zu bemerken. Gegen elf Uhr erreichten wir die Mitte des Wüstcnstreifens und ruhten an einem zusammengetragenen Steinhaufen aus, um unser Mittagsmahl einzunehmen. Zugleich mit uns kamen dort einige von Kairo zurückkehrende Kameltreiber mit ihren Thieren an. Ich hatte gehofft, unter ihnen endlich den Herrn meines Thieres zu finden, sah mich aber getäuscht und schwur ihm im Stillen grimmige Rache, weil ich mit meiner „Bärhsls" (Maulthier) meiner Noth kein Ende wußte. Es war geradezu unmöglich, das störrische Thier zum Gehen zu bringen. Ließ ich es Sporen oder Reitpeitsche fühlen, so drehte es sich wie wahnsinnig mit der Schnelligkeit eines Kreisels im Ringe herum, versuchte Alles, mich abzuwerfen, schlug, weil ihm dies mißlang, nach hinten aus und geberdctc sich, wie von einem bösen Dämon besessen. Selbst der Beduine und einer der türkischen Offiziere vereinigten sich mit mir, um durch gemeinsame Anstrengungen die Barhelc in Gang zu bringen, ritten zu beiden Seiten derselben, spornten und peitschten sie, Alles vergeblich! Nach weiterem zweistündigen Ritte erschienen zwei Pyramiden« spitzen am Horizonte; anderthalb Stunden später betraten wir ein Thal, in welchem sich von der Nilübcrschwemmung her noch Wasser vorfand; für unseren Araber, Beduinen, Maulthicre und Ka- 270 melc ein angenehmes Labsal. Tarhschur, der gewöhnliche Ruheplatz der von Damnne kommenden Menschen und Thiere, ist von hier noch gegen eine Meile entfernt. Der uns schützende Beduine verabschiedete sich und empfing einen mäßigen Bakhschiesch. Wir Anderen ritten weiter und waren recht froh, als wir den erwähnten Ort Nachmittags halb fünf Uhr erreichten. Den ganz in der Nähe des Dorfes, in der Wüste stehenden Pyramiden schenkte ich heute keine Aufmerksamkeit, sondern wendete diese vielmehr einem alten Weibe zu, welches Waizcnbrod und Datteln feil bot. Für zwanzig Para kaufte ich von ihr eine Mahlzeit ein, an der vier Personen vollkommen genug hatten, und gedachte mich nun mit den türkischen Offizieren häuslich einzurichten, als Mahammed die untröstliche Nachricht brachte, daß die Kamele am Dorfe vorüber und nach einem anderen Dorfe, Bette el Schäln, gegangen wären. Da half es Nichts, wir sattelten unsere Thierchcn wieder und erreichten nach einem zweistündigen Ritte das Dorf Kaffr el Mele- sie, wo wir unsere Kamele einholten und die Nacht zu bleiben beschlossen. Wir beehrten den Schech des Ortes mit unserem Besuche, wurden von ihm freundlich aufgenommen und gastlich bewirthet. Die Straße, welche wir zuletzt beritten hatten, führte über den Kanal, welcher längs der Pyramidengruppen zwischen dem Nil und der Wüste hinabfließt. Mahammed-Aali ließ eine schöne steinerne Brücke darüber schlagen. Unterhalb derselben hatten die Wasser des Kanals einen ziemlich großen Teich gebildet, welchen man heute auszufischen im Begriff war. Man bediente sich hierzu einer sonderbaren Borrichtung. Auf einer aus hohlen Kürbissen zusammengesetzten Barke leitete ein Araber die Bewegung eines an einer zweizinkigen, langgestielten Gabel befestigten Netzes, welches von mehreren am Ufer stehenden Leuten hin- und hergeschoben wurde. Das Netz durchstrich so einen ziemlich großen Theil des Teiches und wurde reichlich mit großen und kleinen Fischen angefüllt. Am 16. Februar. Unser freundlicher Wirth von gestern erschien am frühen Morgen im heftigsten Zorne bei uns. Eins unserer Kamele, welches nachlässig bewacht worden war, hatte seine 271 Gastfrkundschast übel belohnt und ihm ein junges Mimosenstämm- chen vollkommen zerfressen. Der gute Schech war darüber ganz untröstlich und schien es recht gern zu sehen, daß wir sein Haus sogleich nach Sonnenaufgang verließen. Wir ritten noch immer auf dem linken Ufer des Stromes fort und setzten erst kurz oberhalb Alt-Kairo mit der Maädiet el Chabihri über. Hier nahm ich zärtlichen Abschied von meinen Begleitern und ritt auf meinem trostlosen Maulthiere der Stadt zu. Dies Thier schien jetzt wirklich Alles hervorzusuchen, um mich wüthend zu machen, denn es bewegte sich mit mir ganz nach eigenem Gutdünken. Noch kurz vor Alt-Kairo verirrte ich mich, mußte Viel umreiten und kam endlich in einem ganz verzweifelten Zustande vor einem Kaffehause an. Mahammcd war mit den Kamelen einen anderen Weg gezogen und noch nicht eingetroffen. Ich hatte keine Lust, auf ihn zu warten, desto größere aber, auf einem der trefflichen khahirinischcn Reitest! meine Reise fortzusetzen. Noch nie waren mir diese so lieblich erschienen, als gerade heute. Ich sann ernstlich darauf, mich des abscheulichen Maulthiercs zu entledigen. Der Kahwedji wurde überredet, dasselbe so lange zu behalten, bis sein Treiber es abholen würde, und überreichte mir ein achteckiges Papier, durch dessen Mitte er mit einer glühenden Kohle ein Loch brannte, als Empfangs- oder Pfandschein, mit dem Bemerken, daß nur Derjenige das Thier empfangen würde, welcher das Papier zurückbrächte. Mit wahrer Wonne bestieg ich einen Rcitesel und trabte meiner alten Wohnung in Bulakh zu. Mahammcd war schon angekommen, aber auch hier vom Treiber noch keine Spur zu finden. Wie ich später hörte, hat das Maulthier die Gastfreundschaft des Kaffcwirths zehn Tage lang beansprucht. Es lag mir bei meinem diesmaligen Aufenthalte in Kairo Alles daran, so schnell als möglich fortzukommen. Mein alter Freund Wrede half mir treulich einkaufen und meine Geschäfte auf's Beste fördern. Schon nach acht Tagen war ich zur Abreise gerüstet. Ich machte einige Abschiedsbesuche und miethete mir eine schöne Da- 272 hab'ie, für welche ich bis Afsuan tausend Piaster zu zahlen hatte. Baron von Wrede war so freundlich, mich bis Beni-Su«f zu begleiten. Am 24. Februar verließen wir mit unserem schnell- scgelnden Schiffe Bulakh und fuhren mit dem besten Winde dem Strome entgegen. Bald lag Alt-Kairo mit seiner schönen Insel Rohda hinter uns und nur die Minarets der Mahammcd-Aali'ö- Moschee zeichneten bei hellster Beleuchtung noch ihre Umrisse in dem blauen Aethcr. Mehr und mehr entfernten wir uns und immer schlanker schienen sie zu werden. Zuletzt waren sie nur noch dünnen Fäden vergleichbar, welche bald dem Auge unsichtbar wurden. Die sich am linken Stromufcr meilenweit hinziehenden Palmenwäl- dcr verdeckten die Pyramiden unseren Augen; die roth-weiß-rothe Flagge wehte lustig im Winde; wir schwammen rasch den Fluchen deö Stromes entgegen. — -7 7 ^ -! 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