s t 1 f Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika oder den unter egyptischer Herrschaft stehenden Ländern Egypten, Nnbien, Sennahr, Rosseeres und Kordofahn gesammelt auf seinen in den Jahren 1847 bis 1852 unternommenen Reisen von Idr. Alfred Edmund Brehm, Mitglieds der kais. leopold. - karol. Akademie der Naturforscher und anderer gelehrten Gesellschaften. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen. Den schickt er in die weite Welt; Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld." Eichendorff. s t i § Zweite unveränderte Ausgabe. Dritter Theil. Zweite Reise nach dem Sudahn, Reise nach dem Sinai und Heimkehr. Z e n a, Druck und Verlag von Friedrich Mauke. 1862 . Inhalt -es -ritten Theils Seite Zweite Reise nach dem Sudahn.. t Beni-Suöf. — Der heilige Käfer. — Schneider Striebe in Minute. — Auch ein egpptisches Schauspiel. — Monfalut.— Aemin-Bel. — Artesische Brunnen in der Wüste. — Achmihm und Djirdje. — Taubenhäuser. — Ein egpptischer Räuber. — Khenneh.— Transport der Töpferwaaren. — Scherbenberge. — Denderah. — Esneh. — El-Kahb. — Thermometerstand am 20. März. — Sturm. —Rettung eines Matrosen. — Assuan.— Das Dorf Schcllahl. — Große Wäsche. — Wadi-el-Aar- rab. — Tanz der Berber. — In Wadi-Halfa. — Hyänen- jagden und Mukle's Erzählungen dazu. — Türkische und ärztliche Ansichten im Widerspruch. — Zu Kamele. — Ein Morgen am Nil- — Im Dahr-el-Sukoht. — Die schöne Nubicrin. — Rubische Todtenklage.— Aufenthalt in D o n go l a - el-U rd i. — Meines Bruders Tod und Begräbniß. — Tröster im Unglück. — Abreise nach Ambukohl. — In der Bachiuda.— Aufdruch.— Ein Mittagsmahl. — Chohr-cl-Bachiuda. — Das Kind des Nomaden auf Reisen. — Am Bih r - e l - Bach iuda.— Nomaden vom Stamme der Hauawlhr- — Antilopenfang. — Gesang der Kameltreiber. — Wassermangel. — Der letzte Tag in der Wüste. — Woad-Bischahri. — Nachtscenerie. — Aali - Arha in seinem Glänze i» Surrurahb. — Ein Zither- spieler. — Ankunft in Charrhuin. — Vier Monate im Sudahn. ..... ^ Hassan-Effendi-ek Maadendji- — Latief-Pascha, sein Charakter und seine Regierung. — Lumello, unser Haus- wirrh und unsere neue Wohnung. — Demonstration zur Begründung des Hausfriedens. — Der erste Abend des Ramadtahn.— IV Seite Das Spiel mit dem Djeried. — Ein Doppelmord. — Lolius sonexalensis. — Webervögel und ihre Nester. — Allerlei aus dem Tagebuche. — Hu sseln - A rh a's Gefälligkeit. — Jagdausflug in die tropischen Wälder. — Mühevolle Arbeit der Matrosen. — Jbisjagd. — Sturm im Urwalde. — Abu-Harrahs. — Das klimatische Fieber endet der Jäger Lust und Mühen. — Die As- sa l a. — Eine sonderbare Heilmethode. — Rückkehr nach Char- thum. — Jagd auf Jungferukraniche. — Charthumer Geschichten.— Die Haudelsexpedition nach dem weißen Flusse. — NikolaUlivi, der Christ, ein schurkischer Wucherer, L a r i es - P a sch a, der Ma- hammedaner, ein edelmüthiger Helfer in der Noth. Die tropischen Wälder und ihre Fauna . . 102 Die Wälder, ein Erzeugniß der tropischen Regen. — Der Urwald, eine neue Welt. — Waldvegetation. — Augenweide. — Stimmen und Tone. — Hiob 36, 22. — Die Wälder in der Zeit der Dürre. — Der Affenbrodbaum. — Der Du- lehb. — Eigenthümlichkeit der afrikanischen Thierwelt. — Uebersicht der Säugerhiere: Affen, Aeffer; Hunde, Füchse, Hyänen; Löwe, Leopard, Jagdpanther, Steppenluchs; Genettkatzen, Man- gusten; Igel; Eichhörnchen, Schläfer, Springmäuse, Mäuse, Hasen, Stachelschweine; Scharrthiere; Elephant, Nashorn, Nilpferd, Schweine, Klippschliefer, wilde Esel; Antilopen, Schafe, Büffel.— Die Vogel der Urwälder: Papageien; See-, Edel-, Haubenadler, Bussarde, Edelfalken, Röthelfalken, Sperber, Weihen; Eulen; Ziegenmelker, Segler, Schwalben; Bienenfresser, Eisvogel; Kukuke, Honigangeber; Pirole, Mandelkrähen, Raben, Glanzdroffeln; Nashornvogel, Pisangfreffer; Spechte, Bartvögel; Banmwiede- höpfe, Honigsauger; Fliegenfänger, Würger; Dickschnäbler, Ammer, Lerchen, Pieper, Bachstelzen; Sänger; Drosseln; Meisen; Tauben, Hühner; Rennvögel; Reiher, Störche, Kraniche; önlsenieeps Uex; Ibisse, Sichler, Schnepfen; Gänse, Enten; Möven, See- schwalben, der Scheerenschnabel; der Schlangenhalsvogel, Pelekane, Scharben; Steißfüße. — Die Reptilien: Chamäleons; Erd- läufer; Gekonen; Eidechsen; Schlangen; Schildkröten; Batrachier; Panzerlurche. — Zwei merkwürdige Fische. — Ein Blick in die Welt der Insekten: Käfer, stechende Insekten, Schmetterlinge, Fliegen, Musqnitos, Netzflügler, Heuschrecken, Wanze», Parasiten. — Seite Bilder aus dem Thier leben . . . . 157 * I. Die Termite. Zerstörungssucht des Thiercheus. — Termitenhügel. — Art und Weise ihrer verderblichen Arbeiten. — Eine Termitenkolonie im Di- wahn Latief - Pascha's. II. Der Skorpion. Stellung des Skorpions im Thierreiche. — Seine Lebensweise. — Der Skorpionenstich und seine Folgen. — Gegenmittel. — Ein gezähmter Skorpion. — III. Das Krokodil. Der erste Anblick des Panzerlurchs. — Sein Aufenthalt, Lebensalter, Wachsthum; seine Gewandtheit. — Todtenschlaf während der Zeit der Dürre. — Nahrung des Krokodils. — Seine Stärke und Furchtbarkeit. — Freundschaft mit einem Vogel, dem Kro- ^ kodil Wächter. — Fortpflanzung. — Die Moschusdrüsen. — Jagd und Fang. — Ein Krokodil in unserer Gefangenschaft. — IV. Der heilige Ibis. Der Ibis, ein freudebringender Bote der Gottheit. — Sein gegenwärtiger Aufenthalt. — Seine Lebensweise und sein Betragen in der Freiheit und Gefangenschaft. V. Die Kraniche im Sudahn. Der alte Linne in vollem Rechte.— Der Pfauenkranich. — Seine Tänze. — Nahrungsverbranch der Kraniche. — Ihre Jagd. — VI. Der Marabu. „Undank ist der Welt Lohn!" — Kostüm des Marabu. — Betragen des Vogels. — Seine Gefräßigkeit. — Der komische Gesell in der Gefangenschaft. » VII. Geier Bestattung eines gefallenen Thieres im Norden und Süden. — „Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler." — Geier Nahrung suchend. — Ihr Mahl. — Jagd und Fang derselben. — Seite Ihr Betragen in der Gefangenschaft. — Die Geier Reiniger der Atmosphäre. — VIII. Der Strauß. Strauß und Kamel. — Falsche und wahrscheinliche Berichte über die Fortpflanzungsgeschichte des Ersteren. — Seine arabischen Namen. — Straußenjagd.— Der Strauß in der Gefangenschaft.— Seine Unverträglichkeit. — Arabische Sage. — IX. Die Ratte der Pharaonen. Alter Ruhm böswillig verkleinert. — Gestalt und Lebensweise des Ichneumon. — Seine Diebereien. — Jagd. — X. Die Affen. Affenleben im Urwalde. — Affen und Papageien. — Der Ersteren Raubzüge zu Fruchtfeldern. — Rückzug bei Gefahr. — Fang der Affen. — Affenliebe. — Vogelzug und Vogellebcn in der Fremde . . 2 vs „Wenn die Schwalben von uns zieh'»." — Naumann's Ansichten über die Ursachen des Zuges. — Zweifel an ihnen. — Beobachtungen über den Zug. — Des Naturforschers Gefühle, wenn er im fremden Lande den heimischen Vögeln begegnet. — Fremdenleben der Vogel. — Jagdreise in die tropischen Wälder des blauen Flusses.217 Abreise. — Rückerimierungen. — Die Wanderheuschrecke und ihre Feinde.— Musell einte. — Woled-Mcdine. — Senil ahr. — Thierreichthum der Tropen. — Schwierigkeit, Lebensmittel zu erlangen. — Schutzmittel der Eiugeboruen gegen die Verheerungen der Elephanten. — Sudahuesische Holzhauer. — Vereitelte Löwenjagd. — Krokodiljagd. — Fährten und Losung der Elephanten. — „Seht den Verfluchte», meine Brüder!" — Kriegerische Einfälle der Abyssinier und Dinkha. — Karls oh dj. — Nächtliche Kranichjagd. — Ein brennendes Dorf. — Frischgefangene Affen. — Gereizte Nilpferde. — Ebenholzbäume. — Bakhahra-Araber. — Ali-Bci's Zusammentreffen mit VII Seite den Tabi-Negern, — Rosseeres. — Flucht vor Nilpferden.— Löwengebrüll. — Auch eine Mahlzeit. — Ankunft in Char- thum. — Freuden und Leiden während des letzten Aufenthalts in Charthum.252 Drei Engländer in Charthum. — Abreise derselben. — Ankunft des k. k. Konsuls für Central-Afrika. — Verrathen und Verlassen!— Bauerhorst. — Aufrichtung des Konsulatwappens. — Freundschaft eines Affen mit einem Vogel. — Armuth, Kummer und Sorgen. — Freunde. — „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen." — Bachieda. — Aus dem Tagebuche. — Abermals Latief-Pascha der Helfer. — Ein Brief von ihm. — Ein Minister des Königs von Dahr-el-Fuhr im Diwahn des Hokmodahr. — Audienz bei der Prinzessin Soakim von Fuhr. — Seiner Majestät, des „großen Büffels" schmeichelhafte Meinung von den Europäern. — Hussein-Arha. — Des Konsuls Trinkspruch. — „Das Heil sei mit Dir, Charthum!" — Eine Nilfahrt von Charthum nach Kairo . . 277 Abschied. — Zb rah ihm -Arh a's Gastfreundschaft. — Das Felsenthal Rh erri. — Tropische Inseln. — Metämme. — Schen- di. — Berber. — Merkwürdige Löwenjagd. — Eine Regennacht. — LaFarque. -- Erzählungen des Wüstenschech Hus- seln-Chaliefe-— „Belaui."— Ruinen befestigter Schlösser.— Wadi-Gammar.— Leben seiner Bewohner. — Steinmeere. — Passage des Schellahl Sabiecha. — Umladen einer leckgewordenen Barke. — Des Unglücks Ursachen. — Kaab el Aabid. — Die Schritte. — Barkal. — Nubische Vogelscheuchen. — Tabbe. — Eine Wahrsagerin. — Aufnahme eines Matrosen im elterlichen Hause. — Die fragliche Höhle in A l t-Dv n g ol a. — Nubische Rechnung. — Abschied vom Grabe meines Bruders. — Vater und Sohn vor Gericht. — Die Insel Badihn. — Ei» Angriff auf unser Schiff. — Der Heilige von Koike, sein Grabmal und sein Bruder, Schech Jdrieß. — Sai. — Strandung unserer Barke. — Bauerhorsts Fahrt durch den Schellahl von Wadi-Halfa. — Das Fahrzeug eines Nu- biers. — Fahrt durch W a d i - el - A a rrab. — Kalabsche. — Der Tempel von Edf». — Besuch bei zwei Europäern. — Die VIII Seite „8teIIs mslutins." Glockentöne. — Wieder in Kairo. — Unter den Platanen der Esbekie. — Liebenswürdige LandLleute. — Reise von Kairo nach dem Sinai .... 31» Die Poststraße durch die Wüste und ihre Slationshäuser. — Dahr- el-Behde. -- Die Festung Adjeruht. — Das rothe Meer und seine Schiffe. — Sues. — Auf einer Dahab'te des rothen Meeres. — Der Meerbusen von Suös. — Thohr und seine Bewohner.— ltlonsleur sie Alslrsc.— Djebel Serbat.— Eine Ansicht von Lepsius. — Wadi Hebrahn und Salafe. — Alpenkräuter. — Bartgeier.— Die Felsenschlucht Abu-Tokh- — Der Sinai. — Einlaß in's Kloster. — Ueberblick desselben. — Schmale Kost. — Der Ruf zur Hora. — Die Kirche. — Die Kapelle des feurigen Busches. — Eine Legende. — Der Kloster- garten. — Die Mönche und ihr kärgliches Leben. — Ihre Unverschämtheit. — Beduinenjagd. — Der Hauptmann der Klosterwache. — Geographisches. — Besteigung des Sinai. — Ende unseres Aufenthalts im Kloster. — Die Quadte Felrahn, Me- ketebe, Rharakit, Marhha, Use'it und Rharandel. — Gastfreundschaft eines Beduinen. — Die Mosisquellen. — Schech Chelr - Allah der Aulahd - Aali. — Arabische Antwort auf eine alberne Frage. — Schluß ..350 Neue Bekanntschaften. — Graf Schäsberg. — Herr von Huber. — vr. Liebetrut auf Reisen. — „Friedensrorschlä- ge." — Weihnachtsfeier. — Der Staudamm. — Jagdreise durch Oberegppten. — Abreise von Egppteu. — Heimkehr. — Zweite Reise nach dem Sudahn. Zum zweiten Male stand ich im Begriffe, nach „dem Lande der Schwarzen" abzureisen, ungeachtet mir sein höllisches Klima bei meiner ersten Reise beinahe den Tod gebracht hatte. Ich trat meine Reise mit sehr gemischten Gefühlen an und konnte mir mannigfaltige Besorgnisse, welche sich mir immer und immer von Neuem aufdrängten, nicht verhehlen. Als dirigirendes Mitglied der „Expedition" hatte ich ernste Verpflichtungen gegen meine Reisegefährten übernommen. Ich sollte und mußte ihnen Führer und Rathgeber sein, denn hierzu berechtigten mich die auf der ersten Reise gesammelten Erfahrungen, und, wenn ich auch nicht daran zweifelte, meine Stelle zur vollkommenen Zufriedenheit verwalten zu können, vor unvorhergesehenen Ereignissen bangte mir. Vor dem Klima fürchteten wir uns nicht; wir gingen mit ziemlicher Zuversicht den Gefahren desselben entgegen und hofften und vertraueten auf ein gütiges Walten unseres Schicksals. Aber wenn ich dann an das geheimnißvolle Wirken und Schaffen der heiligen Natur im tropischen Urwald dachte, wenn ich als eifriger Jäger und Naturfreund mich im Geiste dorthin versetzte, wo mir so hohe Genüsse bevorstanden, wo es auch für den Forscher noch ein weites Feld zum Sichten und Ordnen der zahlreichen Erzeugnisse der Natur gab, dann erwachte lebhafter als je der Drang zum Reisen in mir. Wir hegten schöne Hoffnungen. Noch völlig unbekannte Länder zu erforschen, zogen wir aus; wir wollten den oberen Lauf des weißen Flusses besuchen, wenn es möglich wäre, sogar quer durch Afrika gehen. Uns bot sich die schönste Gelegenheit, auch ein Scherf- lein auf dem Altare der Wissenschaft niederlegen zu können. Meine Gefährten freuten sich noch weit mehr auf die Erlebnisse der bevorstehenden Reise; sie kannten damals die Gefahren derselben nur m. 1 2 vom Hörensagen. Keiner von ihnen mochte jetzt wohl ahnen, daß ihm in dem Lande, in welches ich sie führte, die letzte Ruhestätte bereitet werden würde; sie gingen voll Hoffnungen nach dem Su- » dahn und Keiner kehrte wieder nach dem Vaterland? zurück! Wer vermag die Wege der Vorsehung zu erforschen! — Unser Schiff hatte am Morgen des 25. Februar 1850 schon die letzte und auffallendste Pyramide, die treppcnförmig erbaute von Maiduhn hinter sich gelassen und segelte vor dem besten Winde so tapfer dahin, daß wir schon Abends in Beni-Suef landen konnten. Ich erwartete meine Gefährten am anderen Tage, aber Baron von Wrede glaubte, daß sich ihre Ankunft vielleicht verzögern könnte und ritt ihnen deshalb am 26. Februar entgegen. Nach seinem Weggange hatte ich Zeit, mich in dem Städtchen umzusehen. Die Unreinlichkeit aller egyptischen Ortschaften abgerechnet, ist es ein recht hübscher Ort, von ungefähr sechstausend Einwohnern, welche sich früher mit Anfertigung von Wollenzeugen beschäftigten. Basar und Handel sind jetzt herabgckom- men und unbedeutend geworden. Bem'-Suöf steht unter den Befehlen eines Effendi und ist der Garnisonsort einer Schwadron Ulahncn. Von Weitem gesehen macht es einen sehr angenehmen Eindruck. Die große Kaserne nebst dem von einem freundlichen Garten umgebenen und hohen Mimosen und dichtbelaubten Syko- moren beschatteten Regierungsgebäude gibt mit dem hart am Ufer des Stromes stehenden, von mehreren Minarets überthürmtcn Häusern ein anziehendes Bild. Der Stadt gegenüber liegt eine ausgedehnte, fruchtbare Insel im Nile. Sieben Stunden östlich bricht man in der Wüste den schönen Alabaster, welcher zum Bau der Mahammcd-Aali-Moschee verwendet wird. Daö wäre Alles, was ich von dem Orte zu berichten wüßte. Gegen Abend kamen meine Gefährten, unserer Uebereinkunft gemäß, pünktlich an. Der folgende Tag verging mit Einladen der Effekten. Abends erhob sich schwacher Wind, brachte uns aber nur bis an's obere Ende der Stadt, wo wir auch vom Baron 3 von Wrede herzlichen Abschied nahmen. Am 28. Februar wurde die Reise langsam fortgesetzt. Der Wind mangelte, weshalb zum < Libbahn gegriffen werden mußte. Mein Bruder und ich gingen dem Schiffe voraus, um zu jagen. Nach kurzer Zeit fanden wurme andere Unterhaltung. Auf einer sandigen Strecke des Ufers sahen wir den heiligen Käfer der alten Egypter beschäftigt, seine Kugeln zu formen. Der ^tteuolnm ssoor ist ein großer Dungkäfer von braunschwarzer Farbe; man sieht ihn fast auf allen altegyptischen Bauwerken bildlich dargestellt. In Grabmälern findet man auch öfters die sogenannten Scarabäen, d. h. Steine, welche der Körperform des Käfers nachgebildet, auf der platten Bauchseite mit tief eingeschnittenen Hieroglyphen oder Namenszügen beschrieben und von den alten Egyptern als Siegelstempel oder Amulett benutzt wurden. An den Monumenten ist er oft in riesiger Größe abgebildet und hält gewöhnlich mit den Vorderbeinen eine Kugel, welche nach der Meinung mehrerer Alterthumsforscher die Erde versinnbildlichen soll. Ob er wegen dieser allegorischen Dar- stcllungsweise für heilig gehalten wurde oder ob sonst noch ein anderer Grund vorlag, weiß ich nicht. So Viel ist gewiß: die alten Egypter hatten den Käfer erst bei seinen Arbeiten in der Natur beobachtet, ehe sie ihn auf ihren Bauwerken verewigten. Wenn die Weibchen des Dungkäfers ihre Eier ablegen wollen, bilden sie sich nämlich zuerst aus Rindermist eine Kugel von der Größe einer derben Wallnuß, welche den aus den Eiern geschlüpften Maden zur ersten Nahrung dienen soll. Die für ihre eigene Größe ungeheure Kugel rollen sie eine ziemlich weite Strecke bis zu einer sandigen Stelle des Bodens fort, graben dort eine fußtiefe Höhle, versenken in sie den Mistballcn und legen dann ihre Eier hinein. Die Emsigkeit, mit welcher die Thierchen ihre schwierige Arbeit verrichten, mag sie der Aufmerksamkeit der naturkundigen oder der auf die Geheimnisse der Natur wohl achtenden Egypter würdig gemacht ^ haben. Heute fanden wir sie so zahlreich, daß wir in kurzer Zeit mehrere Dutzend von ihnen erbeuten konnten. Während wir den Arbeiten der heiligen Käfer zusahen und uns mit ihrem Fange beschäftigten, war Wind aufgekommen und 1 * 4 unsere Barke bei uns angelangt. Wir stiegen ein und segelten rasch vorwärts, passirtcn das am linken Ufer gelegene Städtchen Feschne, dessen Minarets über die es umgebenden Palmenwälder emporragen, ^ und landeten mit aufhörendem Winde in der Nähe eines unbedeutenden Dorfes. Auch die anderen Tage hielt der Wind an und so kamen wir schon am 2. März Abends in Minn'ie an. Als wir das Land betraten, erschien ein in eine schwarze, mit Schnüren besetzte Sammctpekesche gekleideter Landmann, um uns zu bewillkommnen. Es war der Schneidermeister Stricbe aus Hano- ver, welcher sich hier ansässig gemacht hatte und außer seiner Schneiderei noch eine Schcnkwirthschaft betrieb. Während meines Aufenthaltes in Egypten hatte ich zwar mit manchem deutschen Handwerker verkehrt, aber Striebe setzte aller Anmaßung und Großthuerei bei vollkommener Unwissenheit, wie ich sie manchmal beobachtet hatte, die Krone auf. Ich will meine Leser nicht mit einer Beschreibung dieses sonderbaren Kauzes langweilen, zumals da Goltz in seinem „Kleinstädter" schon eine treffliche Schilderung ^ desselben gegeben hat. Wir ergötzten uns den ganzen Abend an seiner köstlichen Prahlerei und, daß ich es ehrlich sage, an seiner Dummheit. Minn'ie ist ein Städtchen von ungefähr achttausend Einwohnern und liegt am linken Ufer des Nil. Die Söhne Jbrahihm Paschas haben dort großartige Zuckerfabriken angelegt; für die Regierung sind einige Baumwollenspinnereien iin Gange; der Basar ist unbedeutend. Am 3. März segelten wir mit sehr günstigem Winde weiter. Der Schneider sandte uns mit seiner „schöntönenden Nilflinte" noch eine Salve nach, welche wir erwiederten. Kurz oberhalb Minn'ie beginnen die Katakomben und ziehen sich meilenlang am rechten Ufer,' in einer Höhe von ungefähr fünfhundert Fuß über dem Stromspicgel, in der Felswand hin. Der Wind war so vortrefflich, daß wir heute keine Zeit mit dem Besuch derselben ^ verlieren wollten. Wir sehen viele jagdbare Vögel: Adler, egyp- tische Gänse, Scharben, Löffelreiher, Pelekane und dergleichen mehr, ohne Etwas erlegen zu können. Gegen Mittag be- - r» gcgnete unsere Barke cinein den Strom hinabschwimmenden Leichnam, entweder Franken oder Türken, noch halb bekleidet. Zur ^ Zeit des Nachtgcbctes legte sich der Wind, weshalb wir bei Djarf, einer Musthafa-Bc'k, dem Sohne Jbrahihm Paschas, gehörigen Zuckerfabrik, anlegten. Da die Fabrik gerade in voller Arbeit war, besuchten wir dieselbe und fanden sie sehr gut, jedenfalls von Europäern eingerichtet. Die Walzen werden durch Dampfmaschinen getrieben und quetschen das Zuckerrohr so zusammen, daß es, nachdem es einige Tage in der Sonne gelegen hat, zur Feuerung der Maschine verwendet werden kann. Das Feucrungsmate- rial besteht in Baumwollenstauden, Baumwollcnkörncrn und Riedgras. Kohlen und Holz hat man nicht. Der frische Rohrsast schmeckt widerlich süß und wird an Ort und Stelle geläutert und zu vorzüglichem Zucker eingesotten. Nachts hatten wir eine großartige Schakalmustk in der Nähe der Barke. Der Mond schien nach Mitternacht hell, doch war es uns nicht möglich, eine von den Bestien zu Gesichte zu bekommen. > Am anderen Morgen fehlte der Wind. Wir gingen auf die Jagd und machten gute Beute. August Tischendorf, mein neuer Bedienter, sah in den Getreidefeldern einen Luchs, ohne darauf zu schießen. Ob er vielleicht auch die Meinung des Schneiders Striebe gehabt und ihn für einen jungen Löwen gehalten hat, weiß ich nicht. Goltz läßt diesen, nachdem er in der Durrah jedenfalls auch einem unschuldigen Luchs begegnet war, sein Abenteuer mit folgenden Worten erzählen: „Mich ist ein schönes Becst, wissen Sie, was man sagen kann, ein gefährliches Thier, aufgcstoßcn. Wie ich in das Frucht- getreide oder Feld drein kommen thue, sieht mir dieses Scheusal, wilde Thier, mit zwei schrecklichen Augen an, ganz als wenn es mir angreifen will. Ich denke, entweder du kommst auf mir, oder ich auf dir und so will ich gerade abdrücken, was ich eingeladen habe, so hat es mir nochmals angeblickt, ganz grimmig, und ist ^ davon gesetzt auf zwei Hinterfüße, daß nur so geknastert in das Rohr; daß ich gewiß denken kann, der Gestalt nach und Grimmigkeit, daß dieses Thier ein Löwe gewesen ist, vielleicht noch nicht - ganz ausgewachsen, aber doch schonen der Forye, was man sagen kann, ein wirklicher Löwe, der mir angefallen hat." Wir Andern hatten es freilich nur mit harmlosen Thieren zu , thun, denn wir schössen lauter kleine Vögel, z. B. Steinschmätzer, die unermüdlich flüchtigen, genügsamen und lustigen Bewohner der Wüste, und schöne kleine Gimpel, von der Farbe der braunen Blumen in unseren Getreidefeldern, welche ihnen auch zu ihrem lateinischen Namen, k^ri-lnila ZitligKinos, verholfen haben. Hier und da machten sich schon einige Dompalmen bemerk- lich. Unterhalb deS uns schon bekannten Dorfes Kosse'ir stiegen wir wieder ein und erreichten bei dem aufgekommenen starken Winde bald den Djebel Abu Fehde, hinter welchem die Krokodilhöhle liegt. Heute hatten wir keine Zeit zu ihrem Besuche und segelten rasch an dem Helfen hin. Der egyptische Aasgeier schaute hoch oben aus einer Felsenritze von seinem Horste herab, der Schmarotzermilan hatte nicht weit von ihm ein anderes Nistplätzchen gefunden, der egyptische Taubenfalke besichtigte die Felswand, wahrscheinlich in derselben Ansicht; unten im Strome ruderten P e- l lekane ruhig umher, während kleine schwarze Scharben mit einander um die Wette tauchten oder reihenweis auf den Felsen saßen und von der weißen Kalkwand grell abstachen. Felsen- und Haussch walken jagten nach Mücken, welche in Schaaren auf der Oberfläche des Wassers spielten, am Ufer saßen blaue Stein - drosseln auf Schöpfrädcrn; Gleitaare durchschwammen die klare Luft und spähten in den Feldern nach Mäusen umher; Weihen glitten geräuschlos dicht über die Felder hin und große Geier und Adler zogen in ungemessener Höhe ihre schraubenförmigen Kreise. Ein vorsichtiger Fischreiher verdaute seinen Fang an einer sandigen Stelle des Ufers; ich schoß mit der Büchse nach ihm, mehr in der Absicht, ihn zu erschrecken, als zu treffen. Donnernd brach sich der Knall des Gewehrs an den senkrechten Felsen und pflanzte sich von Wand zu Wand mit immer erneuerter Stärke fort. Jetzt ladeten wir unsere kleinen Kanonen und ließen sie von Aali- * Arha abfeuern. Das durch den Schlag hervorgerufene Echo war prachtvoll und erstarb erst in weiter Ferne. 7 DaS ist nun zwar gar Wenig gesagt, allein man muß sich hinzudenken, daß wir auf dem heiligen Nil dahin schwammen, , daß ein egHP tischer Himmel über uns blauete, daß an der anderen Seite des Stromes sich ausgedehnte Palmenwälder hinzogen und über die schlanken Kronen der königlichen Bäume hier und da das Minaret eines cgyptischen Dorfes schimmerte, kurz, daß uns eine andere Welt umgab, und dann erst wird man begreifen, daß das Erwähnte unseren Augen und Ohren einen gar großen Genuß verschaffte. Strom und Felsen, Palmen und Minarets, Nilschiffc und Pelekane, Scharben und Gleitaare, große Geier und Adler gehören zur cgyptischen Landschaft und deshalb ist es wohl auch nicht gerade überflüssig, wenn ich ihrer hier gelegentlich Erwähnung thue. Und wenn ich wirklich einmal von einem Böge! erzähle, der eben nicht in die Reisebeschreibung gehört, dann bitte ich zu berücksichtigen, daß ich nicht, wie viele Nilreisende, den Strom besuchte, um nur in einer Stadt oder bei einem verfallenen Tempel aus dem Innern der Kajüte hervorzutauchen, sondern i in Feld und Wald herumstreifte und mich in Hütten und Dörfern herumtrieb, um Thiere und Menschen zu beobachten, Vögel zu schießen und Käfer zu sammeln. Außer den Ruinen von Theben und den Pyramiden gibt es in Egypten noch gar Vieles zu schauen und außer dem Markte und Straßenlärmen in Kairo und Aleran- drien noch Manches zu hören, wenn man nur Augen und Ohren hübsch offen haben will! — Halb sechs Uhr Abends kamen wir an das Städtchen Mon- falut, an dem wir anlegten, weil der Koch Vorräthe für die Küche und Honig für die Reise einkaufen wollte. Man bekommt diesen hier sehr gut und billig, denn das Pfund kostet nur zwei Piaster. Von dem Schiffe aus konnten wir in mehrere Häuser hineinsehen. Die Strömung des Nil geht mehr nach dem linken Ufer zu und unterwäscht während des hohen Wasserstandes die Häuser so, daß jährlich mehrere in die Wogen hinabsinken. Das Minaret einer ^ Moschee lag in Trümmern unter derselben, andere Gebäude waren so zerfallen, daß sie bei der nächsten Ueberschwemmung gewiß nachstürzen müssen; an Abhülfe denkt Niemand. Es ist „Gottes 8 Schickung", gegen welche der Araber eben weiter Nichts thut, als daß er seine Gebäude entfernter vom jetzigen Stromufer wieder ausbaut. Ehe dieses, denkt er, von den Wellen weggespült wird, vergeht ja wieder eine geraume Zeit und llorikm" (Gott ist barmherzig)! Das sind tief im Volke eingewurzelte Begriffe, gegen welche keine vernünftige Vorstellung, nicht einmal Machtspruch Etwas auszurichten vermag. Nach kurzem Aufenthalte setzen wir unsere Reise fort und fahren bis Nachts zehn Uhr bei gutem Winde weiter. Dann legt man an dem Dorfe Beni-Mahammed an. Am 6. März. Gestern Abend waren wir nach langweiliger Fahrt, welche wir uns jedoch nach Möglichkeit mit der Jagd zu verkürzen suchten, in Siut angekommen. Die Stadt liegt am linken Ufer des Stromes, ungefähr eine Viertelstunde von diesem entfernt, unter 27" 13" nördlicher Breite und 28° 23" östlicher Länge von Paris, ist die Hauptstadt des Paschaliks Saa'id oder Oberegypten, hat fünfzehn Moscheen und zählt sechszehn- bis zwanzig tausend Einwohner. Siut ist die Ei'nbruchsstation für die großen Karavanenzüge, welche jährlich von hier nach Dahr- Fuhr und zurück gehen. Die Reisenden berühren auf dieser Tour mehrere Oasen, kommen regelmäßig alle drei bis vier Tage zu einem Brunnen und brauchen dreißig bis fünfunddrcißig Tage bis nach Kobbe, der Hauptstadt des Negerstaates. Auch gehen von hier aus, ebensogut als von Monfalut, Karavanenstraßen nach den Oasen Wadi-el Dachele und Wadi-el Khardje in der lybischen Wüste, aus denen man unter Anderem viel Honig und Brennkoh- len bezicht. Der Weg nach der Stadt läuft auf einem Damme zwischen Gärten dahin und führt durch eine von Platanen beschattete Moschee nach dem von Sykomoren umstandenen Hofe des großen und schönen RegierungsgebäudcS. Von hier aus gelangt man zu einer von Mahammed-Aali angelegten Steinbrücke, welche über den Kanal führt und von da durch mehrere bergige und krumme Gäß- chen auf den Basar. Bcmerkenswerth ist das von Mahammed- Be'k el Defterdahr, jenem grausamen Tyrannen, angelegte 9 Bad, jetzt ein vorthei'lhaftes Vermächtniß an die Hauptmoschee. Die katholischen Christen haben ein Kloster und eine große, recht hübsche Kirche erbaut, deren Geistliche von Oesterreich ausgesendet und besoldet werden. Das Leben ist in Eint billig und angenehm. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner besteht in Ackerbau und Anfertigung von Sattlerwaaren und Wollenzeugen, welche zu sehr niederen Preisen geliefert werden. Interessant ist der Friedhof. Er ist der Stadt der Todten in Kairo ähnlich und liegt westlich von der Stadt in der Wüste. Mimosen, welche die Gräber beschatten, erquicken den Besucher von Weitem durch die würzigen, balsamischen Düfte, die ihre goldnen, kleinen Röschen ähnlichen Blüthen verstreuen. Links oben, am Bergabhange, sieht man den Friedhof der alten Egypter, eine Reihe ziemlich großartiger, jedoch unschöner, in die Felsen gehauener Katakomben. Vom Nil aus gesehen zeichnet sich Siut Vortheilhaft vor den meisten Städten Egyptens auS. Die Häusermasscn sind größtenteils durch die lebhafte Einfassung von Palmen, Sykomoren, Mimosen, Orangen und anderen Fruchtbäumcn dem Auge verdeckt und treten nur hier und da freundlich aus dem lebhaften Grün hervor, während die schlanken, hoch über Palmen und Sykomoren emporragenden Minarets schon von Ferne die Stadt verkündigen. Andere Städte liegen dicht an dem Strome und zeigen, von da aus gesehen, ihre rohen und thcilweis zerstörten Häuserreihen, ohne alle das Bild hebende Einrahmung. Siut ist, von Außen wie von Innen betrachtet, eine reizende Stadt, in welcher man gern verweilt. Bevor wir in die Stadt gingen, sandten wir unseren Kha- wahs zu einem im Dienste der egyptischcn Regierung stehenden Franzosen, Aein in-Bei', dem wir, einem früheren Versprechen zu Folge, Gemüscsämereien von Europa besorgt hatten und jetzt übergeben ließen. Nachmittags besuchte er uns auf unserem Schiffe, um uns zu danken. Im Laufe des Gespräches erzählte er uns von seinen Versuchen, Wüstcnniederungen durch artesische Brunnen zu Oasen umzuwandeln. Bis jetzt hatte er seine Bohrversuchc nur auf eigene 10 Kosten unternommen; nun aber, nachdem diese gut ausgefallen waren, wollte er der egyptischcn Regierung den Vorschlag machen, die Sache im Großen anzuwenden. Die Bohrung eines Brunnens wäre, wie er versicherte, durchaus nicht mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden. Durch eine Sand- und Thonlage von ungefähr zwanzig bis dreißig Fuß durchgehend, kommt der Bohrer auf einen festen Sand - oder Kalkstein, dessen Bearbeitung wenig Mühe kostet und welcher dennoch gerade fest genug ist, um alle Einsatzröhren zu ersparen. In einer Tiefe von vier- bis fünfhundert Fuß findet sich das Wasser in so bedeutender Spannung, daß der durch das Bohrloch ausströmende Quell sehr stark und fähig ist, ganze Strecken in Seeen zu verwandeln. Sollten diese Versuche wirklich im Großen ausgeführt werden können, so daß man durch artesische Brunnen eine Oase da erschaffen könnte, wo man früher gar nicht an die Möglichkeit einer solchen dachte, so wäre dies ein Werk, dessen Folgen von unberechenbarem Nutzen sein müßten. Es wäre der Schlüssel zum Innersten der Wüste, ja sogar zum Innersten Afrika's, denn da, wo das Alles belebende Wasser vorhanden ist, ist auch die Möglichkeit zur Anbauung der Wüste gegeben. — Nachdem unS der Bei verlassen hatte, erschien ein Bedienter von ihm mit einem großen Schlauch von Ziegenleder, voll in ihm eingestampfter, köstlicher Datteln, als Gegengeschenk für unsere Sämereien; ganz wie es der türkische Gebrauch erfordert. Nach diesem erhielt der Ueberbringer nun aber auch seinen Bakhschiesch, den wahrscheinlich Aali-Arha ebenfalls empfangen haben mochte, weil er eifrig bemüht war, uns den „Tartieb"*) in's Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem der Diener belohnt werden müsse. — Am anderen Morgen fuhren wir weiter. Der Wind war günstig, wenn auch schwach. Unser Khawahs brachte Fcllahhihn auf, welche die Dahable ziehen mußten, bis der Wind stärker wurde. Wir kamen damit bis Khan, der alten Antaöpolis. Dort wendet sich der Nil nach Westen, weshalb uns der Wind konträr ') Gebrauch. 11 wurde. Die Matrosen wollten wegen der kurzen Strecke, welche die Barke gezogen werden mußte, anlegen und die Weiterfahrt für heute aufgeben, allein der Khawahs wußte Rath. Erst trieb er das Schiffsvolk im Guten zur Arbeit an, dann aber gebrauchte er Ernst, fing Fellahhihn ein, spannte sie gewaltsam an den Libbahn und half selbst mitziehen. Wir hüteten uns wohl, ihn durch hier nicht angewandte menschenfreundliche Gegenvorstellungen in seinen harten Maßregeln zu stören, sondern ließen ihn ganz ruhig seine Peitsche anwenden und sicherten uns bei diesen Menschen ein weit größeres Ansehen dadurch, daß wir nach türkischer Manier lieber unsern Khawasscn beauftragten, die gegebenen Befehle auszuführen, als wenn wir selbst dessen Handleistungen übernommen hätten. Es würde uns sehr geschadet haben, hätten ww, ohne die größte Noth, eigenhändig eine Ruderstange ergriffen. Nachdem wir die Krümmung des Stroms durchführen hatten, ging es mit vollen Segeln weiter; wir segelten noch den ganzen Abend hindurch, bis wir um Mitternacht in der Nähe des größtentheils von Kopten bewohnten Städtchens Tachta anlegten und übernachteten. Am 9. März. Gestern fuhren wir an dem Städtchen Ach- mihm vorüber. Es liegt am rechten Nilufer, hat zwei Moscheen und gegen zehntausend Einwohner, wobei gegen vierhundert Mann leichter türkischer unregelmäßiger Reiterei init gezählt sind. Eine halbe Stunde oberhalb der Stadt liegt das koptische s?l „De'ir- umbassadj" (Kloster der Unterhaltung) in der Wüste. Das Gebäude ist von hohen quadratischen Ringmauern umschlossen, über welche eine erhabene weiße Kuppel und eine mächtige Sykomore hervorragen. Dem Kloster schief gegenüber sieht man am linken Ufer das Städtchen Menschle mit einer Moschee, deren Minaret recht hübsch ausgeführt ist. Später fuhren wir an dem mit einem Hciligengrabe geschmückten Djebel Schech Muhsa (der Name des Heiligen) vorüber und landeten Abends in Djirdje, einer großen, am linken Stromufer liegenden Stadt mit acht Minarets, aber kaum zehntausend Einwohnern. Die Lebensrnittel sind hier beispiellos billig. Wir kauften hundert und fünfzig Eier für zwei Silbergroschen und bezahlten den Centner guter Schiffs- 12 zwiebacke mit zweiundzwanzig Piastern. Alle Reisenden, welche nach dem Sudahn gehen, nehmen von hier ihre Lebensmittel für die Wüste mit. Während die Leute mit dem Einkaufe unserer Bedürfnisse und zwar hauptsächlich von Zwicback beschäftigt waren, gingen wir am anderen Ufer auf die Jagd. Wüthendes Hundegcbcll lockte uns nach einer mitten in der großen Fläche von Riedgras stehenden Strohhütte. Wir fanden eine Hündin von der guten, wachsamen, oberegyptischen Rape, den sogenannten Armenti, von vier bis sechs kleinen, bissigen Hunden umgeben. Einer von den letzteren gefiel uns so, daß ich ihn zu kaufen beschloß. Für einen Piaster wurde ich mit der Bewohnerin der Hütte bald einig; größere Schwierigkeit machte das Einsangen des Hundes selbst, welcher wahrhaft um sick biß und darin von seiner Mutter unterstützt wurde. Endlich wurde er doch überwältigt, in der Jagdtasche auf unser herankommendes Schiff gebracht, unserem großen Pudel Maser-ut zugesellt und Bachihd, „der Glückliche", getauft. Gute Hunde sind bei Reisen, wie wir sie unternehmen wollten, von großer Wichtigkeit. Am Strande hatte sich eine Kolonie von Uferschwalben angesiedelt und mehrere hundert Ncstlöcher gegraben. Sie zu stören fällt glücklicher Weise keinem Araber ein und deshalb sind die Thier- chcn auch sehr zutraulich. Weiter oben bemerkte ich das erste Krokodil. Während ich es meinen erstaunten Gefährten zeigte, sah ich ein zweites von mittlerer Größe, d. h. von zehn bis zwölf Fuß Länge, auf einer Sandbank liegen. Es hielt auf Büchsenschußweite aus, ich schoß, fehlte aber wegen des heftigen Schwankens des Schiffes. Erschrocken machte es einen Luftsprung und kroch dann langsam in's Wasser. Kurz darauf beobachteten wir noch drei Stück, lauter große Eremplare, die von unseren neuen Afrikanern nicht wenig bewundert wurden. Abends legten wir bei der Zuckerfabrik Farschiut an, weil wir hier den nöthigen Zucker einkaufen wollten. Der arabische Centner ( 81 ^ Pfund wiener Gewicht) wird mit hundert und vierzig Piastern bezahlt. 13 Am 10. März. Die Dörfer in der hiesigen Gegend zeichnen sich durch eine sonderbare Bauart der Häuser aus. Diese scheinen mehr der Tauben als der Menschen wegen erbaut zu sein. Sie ähneln abgeschnittenen Pyramiden und sind zweistöckig. Der untere Raum ist für den Fellah und seine Familie bestimmt, roh aus lufttrockenen Lehmsteincn zusammengesetzt und ohne alle Sorgfalt ausgeführt. Das obere Stock beherbergt eine zahllose Menge von Tauben. Mehrere Reihen von dicht an einander eingemauerten Stöcken oder Reisigbündeln dienen ihnen zum bequemen Sitzplätze in der Sonne, die Wand ist geglättet und häufig sogar mit Kalk bewcißt; kurz, die Wohnung der Tauben ist weit eleganter und schöner, als die der Menschen. Außerhalb der Dörfer sieht man außerdem noch Reihen von thurmähnlichen, aus starken Krü- gcn zusammengemauertcn, einzig und allein für die Tauben erbauten Gebäuden. Bei dem wegen der Räubereien seiner Bewohner arg berüchtigten Dorfe Di schrie stiegen wir aus, um zu jagen, weil aller Wind aufgehört hatte. Doch erhob er sich sehr halb wieder und unser Reis, der die Räuber fürchtete, mahnte zur Weiterreise. Da fehlte unser großer Hund. Der Verdacht eines Diebstahls wurde rege und fiel auf's Räuberdorf. Er zeigte sich in der That auch begründet. Wir fanden unsern Hund an einem Hause angebunden und lösten ihn mit tüchtigen Peitschenhieben wieder aus. Nachdem wir auf das Schiff zurückgekommen waren, ging unser Reis sogleich wieder unter Segel. Jeder von dem Schiffsvolke wußte eine Räubergeschichte zum Besten zu geben. Der Hauptmann der Bande war ein gewisser Redjihl, dessen Geschichte mir der Reis beim dampfenden Dschibuhk erzählte. Sie ist folgende: Redjihl war der Vater von fünf Söhnen: Harrihdi, Moafi, Taiahb, Hassan und Schabahn, welche er mit einer Frau, Fathme, erzeugte. Die Söhne hießen nach ihm „el Redjihli" und starben, mit Ausnahme eines einzigen, entweder im Kerker oder durch Henkershand. Harrihdi wurde in Siut auf einem Fluchtversuche von den Soldaten der Wache mit dem Bajonett erstochen, Taiahb in Kenneh aufgehängt, Hassan und Schababn star« 14 ben im Kerker von der allzu großen Last ihrer Ketten. Moafi lebt und raubt noch jetzt und ist Anführer einer sehr gefürchteten Bande. Die Art und Weise seiner Räubereien ist originell. Braucht Moafi Geld, dann schickt er einen seiner Helfershelfer zu einem der wohlhabenden Schiuhch und läßt diesen nach dem friedlichen Gruße: „Ll salalim sslmkum!" höflichst ersuchen, eine bestimmte Summe Geldes und ein fettes Schaf dem Botschafter zu überreichen, durch seinen Bedienten aber einen oder zwei Ardehb Waizen in ein von ihm bezeichnetes Haus bringen zu lassen. Aus Furcht, den Zorn des Räubers zu erregen, gibt der Schech dem Botschafter, wenn es irgend möglich ist, alles Gewünschte. Man sagt, Moafi allein habe einmal dreißig vom Markte zurückkehrenden Fel- lahhihn das Geld abgenommen, welches sie bei sich führten; ja, man kennt in dem Dörfchen Sam ata, bei Dischne, seine Woh< nung, seine Mutter und ihn selbst ganz genau, ohne sich an ihn zu wagen. Wer die Feigheit der Fellahhihn kennt, zweifelt an der Wahrheit dieser Erzählung nicht. Harrihdi machte vor mehreren Jahren die ganze Gegend so unsicher, daß man nur mit Bedeckung reisen konnte. Er hielt die Schiffe auf dem Nil an, befahl den Kapitänen zu landen und feuerte, wenn diese seinen Befehlen nicht Folge leisteten, vom Ufer aus auf die Schiffsmannschaft oder erschlug diese, wenn er sich des Schiffes bemächtigt hatte. Die Regierung that alles Mögliche, um seiner Person habhaft zu werden, doch waren die Bemühungen der Soldaten, den kühnen und starken Räuber zu fangen, fruchtlos, weil die nahe Wüste ihm bei wirklicher Gefahr stets ein sicherer Zufluchtsort wurde. Zuletzt lieferte er sich selbst an Mahammed- Aali aus, bat um sein Leben, gelobte Besserung und wurde von dem Vizekönig wirklich begnadigt. Er erhielt einen Firmahn und sein Leben unter der Bedingung geschenkt, das Land von den Räubern zu befreien und diese an die Obrigkeit abzuliefern. Jetzt begann der Schuft ein wahres Bedrückungssystcm auszuüben. Er ging zu den wohlhabenden Schiuhch und eröffnete diesen, er wisse, daß sich unter ihrem Schutze mehrere Räuber aufhielten und verlange diese ausgeliefert zu haben, widrigenfalls er sie selbst zur An- 15 zeige bringen werde. Die Schiuhch suchten dem angedrohten Schicksale dadurch zu entgehen, daß sie sich mit hundert und mehr Piastern von der Anklage loszukaufen versuchten. Harrihdi trieb dies eine geraume Zeit lang und wußte die Regierung stets von Neuem dadurch zu täuschen, daß er Gefangene einbrachte. Endlich aber wurden seine Betrügereien doch zur Anzeige gebracht, sein Firmahn wurde cntkräftigt und Harrihdi mit der Gefangenschaft bedroht. Er flüchtete zu einem Bcduinenstamme, wurde dort aber, weil ein Preis von zweitausend Piastern auf seinen Kopf gesetzt worden war, von seinem Gastfrcunde verrathen und nach Siut gebracht (s. Th. 2 S. 85). Hier gelang es dem Räuber, Patronen zu erhalten, er bestach den Gefangenenwärter, befreite noch ungefähr hundert andere Verbrecher und entfloh mit diesen seinem Gefängnisse, doch nicht ohne mit seiner Bande die Gefängnißwache zu überrumpeln und zu entwaffnen. Glücklicher Weise wurde aber bald Lärm geschlagen und die in Siut liegende Garnison aufgeboten, den Flüchtigen nachzusetzen. Harrihdi war, durch seine lange Gefangenschaft entkräftigt, nicht im Stande, den Verfolgern zu entgehen; er wurde von einem Soldaten eingeholt und ohne Weiteres mit dein Bajonette erstochen. Moafi ist noch jetzt sehr gefürchtet und seinetwegen die Gegend von Dischnc oder Samata sehr verrufen. „IHn ei seit bitaa Lckenäins tkauilrl!" — Allein das Schwert unserer Herrlichkeit (des Vizckönigs) ist lang! — schloß unser Reis seinen Bericht. Am 11. März. Anf unserer heutigen Fahrt ereignete sich, außer daß wir wieder zwei Krokodile sahen, nichts Bemerkenswer- thcs. Abends kamen wir bei Khenneh an. Während des hohen Nilstandes wird ein dicht bei der Stadt vorübcrführender Kanal so mit Wasser angefüllt, daß die Nilschiffc unter den Mauern der Stadt anlegen können. In jetziger Jahreszeit hat man eine Viertelstunde zu gehen, ehe man vom Landungsplätze der Schiffe die Stadt erreicht. Khenneh zählt ungefähr achttausend Einwohner und sechs Moscheen, besitzt einen sehr schlechten Basar und ist der Sitz eines 16 Bei, des StadthalterS der Mudir'ie oder Provinz Khenneh. Die Hauptbeschäftigung der Einwohner besteht in Anfertigung der Khulahl oder Wasserkühlgefäße, wozu sich in der Nähe passender Thon in großer Quantität findet. Der Lohn der Arbeiter (Fa- cherahni) ist gering und steht mit ihrer Arbeit in gar keinem Verhältniß. Khenneh ist die Einbruchsstation für die Wüstenreise nach Kosse'ir am rothen Meere, eine Straße, welche vorzüglich von den Pilgern bei ihren Wallfahrten nach Mekka benutzt wird. Um auch irdischen Bedürfnissen der heiligen Hadjahdj*) zu genügen, ist Kenneh reich an Kaffehäusern, Branntweinkneipen und Spelunken mit schwarzen, braunen, gelben und weißen Freudenmädchen. Leider sind diese Geschöpfe aber so häßlich oder vielmehr Abscheu erregend, daß sie die Huhris des Paradieses keineswegs zu ver- sinnlichen im Stande sind. Eine andere Persönlichkeit, welche sich dem Fremden noch eher vorstellt als die öffentlichen Mädchen, ist ein nicht über drei Fuß hoher Zwerg. Er hält sich entweder am Landungsplätze oder am Eingänge der Stadt auf., ist überaus flink und rasch in seinen Bewegungen, begleitet den Reisenden bei jedem Schritte, den er thut, bittet um Aufträge, welche er zu besorgen verspricht, ist sehr höflich und verlangt für alles Dieses nur einen Bakhschicsch. Nahe bei der Straße nach Kosse'ir wird schöner Jaspis und Grün st ein oder Serpentin gefunden. Aabahs-Pascha hat in den Jahren 1851 und 1852 eine Telegraphenlinie von Kairo nach Kosserr eingerichtet, deren Signalthürme an der Karawanenstraße stehen. — Merkwürdig ist der Transport der in Khenneh gefertigten Gefäße. Die feinen Khulahl werden in Heu eingepackt, in großen Khafassaht versendet, aus den größeren und festeren aber eigene Flöße gebildet. Man baut diese, indem man in einer seichten Bucht des NiluferS mehrere hundert große Krüge (vorzüglich die festen, aus hartein Thone stark gebrannten Gefäße mit engen Oeff- I Plural von „Hadj," Pilger. 17 nungen, in denen die Fellahhe ihr Wasser auf dem Kopse nach ihrer Behausung trägt) so zusammengesetzt, daß alle Oeffnungen nach Oben gerichtet sind, wodurch eine Unterlage von dicht an einander stehenden, hohlen Gefäßen entsteht, die auf dem Wasser schwimmen. Die einzelnen Krüge sind mit Henkeln versehen, durch welche, um das Ganze zusammenzuhalten, starke Stricke gezogen werden. Auf die erste Lage kommen zwei bis drei andere, welche man ebenfalls durch Stricke mit der unteren Lage verbindet. Dann wird das ganze Floß flott gemacht, von einigen Ruderern bestiegen und dem Strome, welcher es langsam mit sich hinabzieht, übergeben. Es enthält mehrere Hunderte, ja Tausende von einzelnen Krägen, welche nicht billiger transportirt werden könnten. Nur dadurch ist es möglich, daß man in Kairo diese Krüge für einen oder anderthalb Piaster kaufen kann, nachdem sie über sechzig Meilen weit herbeigeschafft worden sind und der ziemlich hohe Zoll schon berechnet ist. In der That sind in ganz Egypten die Töpferwaarcn beispiellos billig; es scheint fast, als ob das Land die wahre Heimath der Töpfer wäre. Eine Menge von Geräthschaften, welche bei uns von Holz, Eisen, Kupfer oder Zinn gefertigt werden, macht der Araber aus Thon oder Nilschlamm. Ich erinnere nur an die Schöpfeimer bei den Süakhl*), an Taubenschläge u. a. m. In der Nähe der Städte finden sich ganze Berge von Topsscherben und Staub; bei Alerandricn sieht man in der Wüste statt kleiner Steine nur Scherben. Wer die Töpfe alle gefertigt haben muß und wie viel hundert Jahre die Scherben schon an ihrem jetzigen Platze liegen, weiß man nicht. Kein Mensch kann aber begreifen, daß selbst in Jahrtausenden so viele Töpfe zerschlagen werden können, als es, nach den Gebirgen von Scherben zu urtheilen, in Egypten der Fall gewesen sein muß. — Eine halbe Stunde stromauf- und ebenso viel landeinwärts liegt am rechten Nilufer der Tempel von Denderah, das am besten erhaltene und, wie sich durch neuere Forschungen herausgestellt hat, jüngste Monument Egyptens. Der Tempel, welcher *) Plural von Sakhre, Schopfrad. m. 2 18 noch sehr erhalten ist, wurde erst um daö Jahr 100 v. Chr. von der Cleopatra und ihrem und Cäsar's Sohne erbaut und der Gottheit Hathor oder der egyptischen Venus geweiht. Der Portikus wird von vier Reihen Säulen getragen, von denen in jeder Reihe drei und drei so zusammenstehen, daß in der Mitte ein breiterer Zwischenraum für den Eingang bleibt. Die vierundzwanzig Säulen des Portikus, deren nördlichste Reihe durch eine niedere Mauer verbunden ist, sind über und über mit Hieroglyphen bedeckt. Jede der Säulen hat sieben Fuß im Durchmesser und ist zweiunddreißig Fuß hoch. An der Decke der Vorhalle sah man einen später nach Paris gebrachten Zodiakus. Der Tempel hat zehn Gemächer, unter denen die von prächtigen, mit Palmenknäufen verzierten Säulen getragene Halle das schönste ist. Die Hallen, welche hinter einander liegen, werden, wie bei allen egyptischen Tempeln, nach innen zu immer kleiner, bis man in einen kleinen Raum gelangt, welcher wahrscheinlich das Allerheiligste des Tempels gewesen ist. Von Außen betrachtet zeigt der Tempel von beiden Seiten und hinten nur glatte Mauern mit einzelnen Löwcnköpsen, welche dazu gedient zu haben scheinen, die Abzugsrinncn für das auf dem Platten Stcindache sich sammelnde Regenwasser zu bekleiden. Allein man weiß, daß es fast nie in Oberegypten regnet, und kommt deshalb bald von seiner Ansicht zurück, ohne sich den eigentlichen Zweck der Ausgußrinnen erklären zu können. Hinter dem Hciligthum der Venus stand ein kleinerer, der Isis geweihter Tempel, welcher aber jetzt größtcnthcilS in Trümmern liegt. Der nebenanstchende größere ist noch besser erhalten. Er war dem Typ hon oder Teufel (bösen Wesen) zugeeignet. Um die Tempelruinen herum liegen die Trümmer eines auf Mauerrestcn, zwischen und neben großen Thoren aus der Pharao- ncnzeit erbaut gewesenen egyptischen Dorfes. Die Umgebung der Tempel ist auf der einen Seite die Wüste, auf der anderen eine weite, mit Riedgras, „Halfa," bedeckte Ebene, welche gegen den Nil hin von einem schönen Tompalmenwalde begrenzt wird. — Nach einer Fahrt mit wenig Wind und viel Libbahn kamen 19 wir am 19. März bei den Ruinen von Theben an. Fünfzehn Schiffe mit Europäern, meist Engländern oder Nordamcrikanern, lagen bei Luksor im Nil. Wir besichtigten die großartigen Monumente nur flüchtig, bloß um sagen zu können, wir haben sie gesehen. Deshalb kann ich auch keine Beschreibung von ihnen geben. Ich müßte Das, was ich sagen wollte, aus anderen Werken entlehnen, und das will ich nicht. Der freundliche Leser muß diesmal mit mir weiter reisen und Luksor und Karnak links, Medinct-Habu, die tönende Memone und die Königsgräber rechts liegen lassen. Wir fuhren an dem Tage unserer Ankunft wieder ab und reisten theils mit, theils ohne Wind, also mit dem Libbahn, weiter. Einzelne Krokodile lagen auf Sandbänken im Nil, Warane oder große, gegen sechs Fuß lange Wassereidechsen trieben wir aus den Gebüschen am Ufer des Stromes, in den Lüften kreisten Störche, in spitzigen Winkelzügcn flogen Kraniche; beide eilten der Hcimath zu. Am 17. März hielten wir kurze Zeit in Esneh. Das Städtchen mag ungefähr sechstausend Einwohner zählen, enthält zwei Moscheen, sowie auch einen altcgyptischen Tempel und war früher der Vcrbannungsort der öffentlichen Mädchen, welche es in Kairo zu bunt trieben. Sie bewohnten hier ein eigenes Viertel, in welchem zuweilen ein gar lustiges Leben herrschte, zumal wenn reiche Engländer, der Eifersucht ihrer Lady's überhoben, sich hier Fan- thasie machten und die berühmte „Nsvliols zu boll" sich vortanzen ließen. Jetzt sind die Mädchen fast alle begnadigt worden und nach Kairo zurückgekehrt. Esneh macht, vom Nil aus gesehen, einen traurigen Eindruck. Die Stadt liegt auf einem kahlen, nur am unteren Ende mit Gärten und Lusthäuscrn gezierten Hügel und zeigt ihre verworrenen, halb verfallenen, liederlich gehaltenen, schmutzigen Häuser- odcr Barackenreihen in nackter Blöße dem Auge. Der Wind blieb heute und den folgenden Tag aus, weshalb wiederum zum Libbahn gegriffen werden muß; wir sind darüber auch nicht ungehalten, weil wir viele Zeit zu einer ergiebigen Jagd verwenden können. 2 * 20 Am 19. März. Am rechten Nilufer sehen wir die Trümmer eines großen Dorfes und steigen aus, um sie zu besichtigen. Einige nannten sie el Kahb, Andere Hellahl, und europäische Gelehrte wissen ganz genau, daß auf der Stelle dieses zweifelhaften el Kahb oder Hellahl unzweifelhaft zu der Pharaonen Zeiten eine Stadt gestanden und den Namen Eilcthya geführt hat. So viel ist gewiß, daß sich hinter diesem Dorfe in dem Nilgebirge Katakomben befinden, welche Darstellungen aus dem häuslichen Leben der alten Egypter und gründliche Anweisungen enthalten, wie sie Vogel fingen, Schifffahrt oder Ackerbau betrieben, Steine behüben oder sonstige Arbeiten verrichteten. Um aber wieder auf el Kahb zu kommen, so fanden wir, daß der Ort einen altegyptischen Tempel enthielt, gänzlich in Trümmern lag und früher von hohen, außerordentlich starken Mauern aus lufttrockenen und gebrannten Ziegelsteinen (bei deren Anfertigung die lieben Kinder Israel wahrscheinlich die bewußten Prügel bekamen) umgeben war. Wir bemerkten, außer dem egyptischen Mauerkäuzchen mit seiner un- heilweissagendcn Stimme und der isabellfarbenen Wüsten! eiche, kein lebendes Wesen weit und breit und folglich für uns auch Wenig von Interesse. Bevor wir noch mit unserer Besichtigung ganz zu Ende waren, meldete ein Bote des edlen Re'rs, daß sich Wind erhoben habe. Deshalb kehrten wir nach unserem Schiffe zurück und fuhren bei schwachem Winde den ganzen Tag hindurch langsam weiter. Gegen Abend kamen wir an Edfu vorüber, ohne auszustei- gen. Zur Zeit des Arsche oder Nachtgebetes wurde bei einem Dorfe Halt gemacht. Bald erhielten wir Besuch von der sehr zahlreichen Hundeeinwohnerschaft desselben, welche nicht übel Lust bezeigte, unsere Barke in Belagerungszustand zu erklären. Einige wohlgezielte Schüsse, welche die Haupträdelsführer niederstreckten, befreiten uns für die Nacht von dieser ungebetenen Gesellschaft. Am 20. März. „Siebenunddreißig Grad Neaumur in der Sonne und fünfundzwanzig Grad in der Kajüte! Was soll daraus noch werden? Es ist zum Ersticken, man kann es wahrhaftig nicht aushalten u. s. w." So ungefähr klagen 21 meine Gefährten am heutigen Tage, wo kein Lüftchen weht. Ich versuche sie durch die Versicherung zu trösten, daß wir noch andert- halbmal so viel Wärme bekommen werden, muß aber mit Bedauern sehen, daß mein Trostgrund als solcher nicht anerkannt wird. Die Barke wird langsam weiter gezogen; selbst den Matrosen scheint der 20. März zu heiß zu sein. Die Gänse und Störche beeilen sich, nach dem kühleren Deutschland zu wandern; wir sehen sie in Zügen von mehreren Tausend Individuen an uns vorüberziehen. Der Djcbcl el Selseli ist in weiter Ferne in Sicht. TagS darauf geht eS mit schwachem Winde weiter; allmählig wird er stärker und artet plötzlich in einen so heftigen Sturm aus, daß er unser Schiff, ehe noch die Segel geborgen werden, mit Macht auf eine Sandbank schleudert. Alle Anstrengungen der Matrosen, die Dahab« wieder flott zu machen, sind vergeblich. Aali-Arha läßt sich von einem der Matrosen auf's feste Land tragen und sängt unter fürchterlichem Fluchen ungefähr zwanzig Fcllahhihn ein. Sie entkleiden sich und stemmen ihre Schultern an beide Seitcnwände des Schiffes. Seufzer, Gestöhn, unartikulirte Töne und zuletzt eine Art von verzweifeltem Gesänge regeln ihre gemeinsamen Anstrengungen. Die Dahab« schwimmt endlich wieder in gutem Fahrwasser. „^IIsk inasllum!" (Gott sei mit Euch!) rufen die Matrosen als einzigen Dank den Helfern zu. Die Barke fliegt jetzt den Strom hinan. Brausend brechen sich die Wogen am Bug des Schiffes, kein Segel ist geöffnet, zwei Mann regieren das Steuer und so geht cö schneller, als jedes Dampfschiff, den Wogen des Nils entgegen. Solche Scenen kommen während einer Nilfahrt sehr oft vor, sind aber keineswegs so gefährlich, wie ängstliche Reisende wissen wollen. Die Araber behaupten: „Wer den Nil kennt, dessen Freund ist er auch," und baden nicht Unrecht. Man muß die scheinbare Nachlässigkeit des Egyptcrs erst wirklich kennen gelernt haben, ehe man ihn geradezu als den schlechtesten Schiffer verdammen will. Wer, wie ich, sämmtliche Katarakten des Nil überschifft hat, der weiß recht gut, daß es unter den Arabern so muthige 22 und tüchtige Schiffsleute giebt, als unter den Europäern auch. Gewiß sind die Europäer die besten Seeleute, welche eristiren; aber ob sie den Gefahren des innerhalb der Katarakten äußerst heftigen Nil besser zu begegnen wissen, als die wüthigen Nubier, das fragt sich noch sehr. In Egypten gibt es auf einem guten Schiffe aus dem Nil gar keine Gefahren. Am 28. März. Der gestrige Sturm hatte sich heute in den besten Segelwind verwandelt. Gegen neun Uhr Vormittags passiven wir die Stromcngc zwischen den Bergen der Djebahl el Selseli und landen gegen elf Uhr bei Kohm-OmboS, um den schönen Doppeltempel dieses Namens zu besichtigen. Auf einer Sandbank, mitten im Nil, lag ein ungeheures Krokodil, wahrscheinlich dasselbe, welches ich schon am 16. Oktober 1847 liegen sah. Nach kurzem Aufenthalte gehen wir wieder unter Segel. Einer der Matrosen, Mahammed, und zwar ein Scherief, fällt in den Nil, während die Dahabre im schnellsten Zuge den Strom hinaufbraust. Der Scherief war kein fertiger Schwimmer und Alle fürchteten für sein Leben. Im Nu war er mehrere hundert Fuß von uns entfernt und kämpfte verzweifelnd mit den Wellen, ohne sich einem der Ufer nähern zu können. Ein tüchtiger Schwimmer warf, um ihn zu retten, die Rhiskahle in's Wasser, sprang selbst in den Strom und ruderte eilig auf den Ertrinkenden zu. Er kam mit seinem Rettungsboote auch wirklich noch zur rechten Zeit an und brachte den vollkommen kraftlosen Mahammed mit Hülfe desselben glücklich an's Land, wohin sich auch unser Schiff gewendet hatte. Der Wind bleibt uns so günstig, daß wir schon Nachmittags fünf Uhr, nachdem wir seit diesem Morgen ungefähr acht deutsche Meilen zurückgelegt haben, bei der Insel Elephant ine ankommen. Dort nehmen wir einen Lootsen ein und umfahren mit dessen Hülfe die linke Seite der Insel, wobei wir uns mit äußerster Vorsicht zwischen den Felsmassen des beginnenden Katarakts hindurch- windcn. Mit Sonnenuntergang landen wir unter dem Donner der kleinen Kanonen bei Assuan. — An den Felsen am oberen Ende der Insel Elephantine waren jetzt die riesigen Hicroglyphenbilder sichtbar, welche der hohe Nil mir bei meinen früheren Besuchen Assuan's verdeckt hatte. Jahrtausende hindurch waren die Wogen des Nil rastlos bemüht, sie zu vernichten, immer umsonst; es scheint, als ob sie erst vor wenig Jahren in die festen Porphyrinasscn cingegrabcn worden wären. Nachdem unsere Effekten ausgeladen worden waren, wir die Dahabie verlassen und ein Zelt im Palmcnwalde bezogen hatten, erschienen am Morgen des 25. März einige Araber mit sechzehn Kamelen, um unser Gepäck nach dem uns schon bekannten Dorfe Schellahl zu bringen, wo unser Khawahs zwei kleinere Barken, sogenannte Kheahse zur Weiterbeförderung gemiethet hatte. Diese Barken sind ohne Kajüte und werden deshalb zur Bequemlichkeit der Reisenden mit großen, aus Palmenblättcrn geflochtenen Matten überdeckt. Gegen Abend ritten wir aus Eseln auf der schon beschriebenen Straße nach und kamen nach anderthalb Stunden im Dorfe Schellahl an. Die Umgebung des Dorfes ist, wie jeder Punkt des Katarakts, romantisch schön. Am Landungsplätze unserer Barken ist der Nil von ausdrucksvollen Fclscmnasscn so umgeben, daß er eher einem See, als einem Strome gleicht. Die Strömung des Wassers ist auf dem uns gegenüber liegenden Ufer und uns völlig unmerkbar, hier liegt er in Spicgclglätte vor uns. Wir übernachten im Freien, im herrlichsten Mondcnschcine. Die Nacht ist so hell, daß meine Gefährten ihr Tagebuch beim Lichte des Mondes schreiben. Nur dann und wann bringt ein schwacher Nordwcst das Tosen dcS Katarakts zu uns. Unsere Leute sitzen in den verschiedenartigsten Gruppirungcn am Strande, um die Kisten herum und rauchen ihre Tschibuhkaht. Aali-Arha singt türkische Kriegs- und Minnelicdcr mit den schönen, gefühlvollen Melodiken. Außer unseren beiden Hunden hält Niemand die Wache; in dem friedlichen nubischcn Dorfe ist sie unnöthig. Am 26. März. Große, äußerst fatale Wäsche. Fatal für uns, denn wir müssen die getrocknete Wäsche selbst zusammenlegen, die einzelnen Strümpfe zu Paaren treiben, Alles selbst einpacken u. s. w., und das ist doch gewiß keine angenehme Beschäftigung für junge Männer. Wegen der Wäsche denken wir nun auch au 24 Diejenigen, welche die heutige, lästige Arbeit im Vaterlands uns abnehmen, an die Frauen; unter den Frauen verstehen wir jungen Leute nun zufälliger, aber höchst natürlicher Weise die jüngeren, und so kommen unsere Gedanken von der Wäsche hinweg direkt zu den deutschen Mädchen. Diese steigen Plötzlich noch einmal so hoch in unserer Achtung, wenn auch nicht allein wegen der Wäsche. Aber der Schluß aller Gedanken ist und bleibt immer der: Es wäre doch recht schön, wenn einige deutsche Mädchen uns auf unseren Reisen begleiten könnten, um sich dann und wann mit uns recht gemüthlich zu unterhalten und dann und wann — die Wäsche zuzurichten! Die Engländer scheinen das recht begriffen zu haben, wenigstens führen sie auf ihren Nilreisen stets eine Menge von Bedienten mit sich, welche ihnen derartige Arbeiten abnehmen. Gewöhnlich befindet sich auch ein Frauenzimmer mit auf der speciell für sie eingerichteten, prachtvollen und äußerst komfortablen Daha- b'r'e, — da läßt es sich freilich leicht reisen, denn man weiß da gar nicht, ob man zu Hause oder ob man auf Reisen ist. Wir aber empfinden das Letztere wohl, doch trösten wir uns mit dem Berge ebnenden „Ualllosvll" — es thut Nichts — der Araber. Nachmittags vertheilen wir das Gepäck in unsere beiden Khea- saht, von denen die eine von dem vr. Vierthaler und Aali- Arha, die andere, größere von meinem Bruder, meiner Wenigkeit, dem deutschen Bedienten August, dem Koch und dem Nubicr Matz a innre d bezogen wird. Nach dem Aassr fahren wir ab und legen mit Sonnenuntergang bei den Ruinen von Philä an. Am anderen Morgen besuchen wir diese und fahren gegen neun Uhr Vormittags ab. Der Wind wird uns so günstig, daß wir schon zum Morhreb unter Gewchrsalven den Wendekreis passircn können. Bei dem köstlichen Mondscheine fährt man die ganze Nacht hindurch, ohne in Gefahr zu sein, an einem der felsigen Ufer anzustoßen und das Schiff zu zertrümmern. Nur am Morgen machten die beiden Reisihn nach glücklich durchwachter Nacht ihre Manöver so schlecht, daß ihre Schiffe zusammenfuhren und uns das Strohzelt über dem Kopfe zerschlagen wurde, wodurch wir unangenehm aus dem Schlafe geweckt wurden. 25 Am 28. März. Die Hitze stieg heute wieder bis auf siebcn- undzwanzig " Rcaumur im freien Schatten und erschwerte die Arbeit des Treidelns. Nachmittags fuhren wir langsam mit Libbahn bis zum Dorfe Dj cb el - Heiati, in der Nähe des alten Tempels von Take. Später erhob sich noch etwas Wind, mit welchem wir bis zu dem Bahb el ahkhi, einer felsigen und gefährlichen Stelle des Stromes, gelangten. Wir haben bis heute schon den vierten Theil nach Wadi-Halfa zurückgelegt. Am anderen Morgen treibe ich, sobald der Tag graut, zur Abfahrt. Mit schwachem Winde geht es langsam weiter. Vor uns liegt der Djcbel Maharaka, ihm gegenüber, am linken Ufer der sehr zertrümmerte Tempel MoLbahd. Felsen oder die Wüste engen den Strom ein und lassen zu beiden Seiten kaum einen schwachen Streifen Culturlandcs frei. Die armen Nubicr haben daS geringste Fleckchen Landes bebaut und besäet; trotz ihrer geringen Anzahl ist der Boden nicht ergiebig oder nicht ausgebreitet genug, um sie zu ernähren, sie müssen von Egypten und aus der Gegend von Wadi-Halfa Getreide und Datteln zuführen. Die bitterste Armuth herrscht überall und der Reisende verzeiht deshalb der schwarzbraunen Jugend ihr dringendes Verlangen um Bakh- schiesch. Wir sind jetzt im Wadi el Aarab, einer der von den Berbern willkürlich gemachten Eintheilung der Nilufer, wahrscheinlich so genannt, weil früher ein Arabcrstamm dort seinen Wohnsitz aufschlug und sich über eine gewisse Gegend verbreitete. Abends im Mondcnscheine großes Conzcrt von dem versammelten Schiffsvolke beider Barken, wobei Aali-Arha thätig mitwirkt. Am 30. März. Der Wind fehlt uns den ganzen Tag; die Barken werden langsam weiter gezogen, wir jagen nebenher. Um Mittag ist man bis zu dem Dorfe el Subura vorgerückt; es liegt einem altcgyptischen Tempel gleiches Namens — wenigstens im Munde der Eingeborenen — gegenüber. Abends legt man bei dem Dorfe Aabd el Kcrihm an, um dort zu übernachten. Das Thermometer stand heute Morgen auf-f-11" nach Reau- mur, wobei uns tüchtig fror; eine Stunde nach Sonnenaufgang hatten wir bereits neunzehn und Mittags dreißig Grad im freien 26 Schatten. Eine Stunde nach Sonnenuntergang zeigte es noch dreiundzwanzig Grade. Diese Temperatur war für uns äußerst angenehm. Am Ostersonntage, den 31. März. Mit recht günstigem Winde kommen wir bis Korosko. Wir kennen den armseligen Ort bereits aus dem ersten Theile dieser Blätter (S. 65). Zur Feier des Festes zogen wir auf beiden Barken unsere größten Flaggen auf. Aali-Arha begrüßte sie mit freudigen Pistolenschüssen, weil der Türke sich nie recht freuen kann, ohne dabei zu schießen. Unser Khawahs freute sich heute weniger wegen des Festes, sondern mehr in Voraussicht der Mcriesa, welche ich den Leuten versprochen hatte. Wir lagen am Ufer unter Palmen auf Teppichen und rauchten unsere Tschibuhkaht. Rings um uns her standen blühende Mimosen, deren balsamische Gerüche bis zu uns gelangten. Es war der Weihrauch, welchen die hochheilige Natur am heutigen Tage verstreute. Die Araber hatten Mcriesa erhalten und machten Fanthaste. Sie wurden bald lustig und führten ihre, denen der Kordofahnesen ganz ähnlichen Nationaltänze auf. Unter Absingung eines ihrer Lieder mit den eintönigen Melodiken, welches sie mit Händeklatschen und Stampfen mit den Füßen begleiten, tritt Einer in den von sämmtlichen Thcilnehmern gebildeten Kreis und beginnt, einen Stock in den Händen haltend, den Tanz, in welchem er durch allerlei Bewegungen und Gcberdcn seine Wünsche auszudrücken versucht. Oft nimmt auch noch ein Anderer in der Rolle eines Mädchens am Tanze Theil. Dann bekommt freilich nicht selten der Natursohn die Oberhand und stellt Dinge dar, welche die Handlungen der berüchtigten pariser Tänze noch weit hinter sich zurücklassen. Die Gesänge der Nubicr, meist arabischen Ursprungs, sind oft wunderschön, d. h. von wirklich dichterischem Werthe. Die Poesie ist bei den Arabern in's Leben übergegangen. Ihr Talent zu Dichtungen aus dem Stegreife ist außerordentlich. Ich habe oft Zwei gesehen, welche sich halbe Stunden lang in Versen unterhielten, wie ja die Märchenerzähler auch stets nur in Versen sprechen. — 27 In Korosko lagen sehr viele Kamele, welche von Abu-Ham- med angekommen waren. Wir schmeichelten uns, dieselben, weil sie ohne Ladung nach Abu-Hammed zurückkehren mußten, billiger miethen zu können, als es sonst der Fall ist, und wären dann durch die große nubische Wüste gezogen. Der Schech cl Dje- mahli belehrte uns jedoch eines Anderen und stellte uns so hohe Preise, daß wir von unserem Vorhaben abstanden und die Route über Wadi-Haifa wählten. Glücklicher waren wir in unseren Bemühungen, die liebe schwarzbraune Jugend zum Käferfangen aufzumuntern — ein Mittel, welches ich, beiläufig bemerkt, jedem Sammler anrathe —; denn diese brachten uns für wenige Para so große Massen von Käfern, daß wir zuletzt ihrem Eifer selbst Einhalt thun mußten. — Mit oder ohne Wind setzten wir am folgenden Tage unsere Reise fort und erreichten am 5. April Wadi-Haifa. Ich erlegte mit der Büchse ein kleines Krokodil und schoß ein großes an, ohne es zu tödtcn. Tagtäglich beschäftigten wir uns mit der Jagd und erbeuteten oft seltene Vogel. Nebenbei wurde auch der Käser- fang eifrig betrieben oder mein Bruder sammelte Pflanzen ein. In Wadi-Haifa war die ganze Jugend auf die Beine gebracht worden, um die merkwürdigen Gelüste der „Frcndji" zu befriedigen; ein großer Theil von den müsstgen Männern und Knaben begleitete die Jäger, um sie mit den lebhaftesten Ausrufen der Bewunderung zur größten Enttäuschung auf die häufig vorhandenen cgyptischcn Turtcltäubchcn aufmerksam zu machen oder ihnen sonst bei der Jagd behülflich zu sein. Von Wadi-Halfa aus wollten wir mit Kamelen weiter reisen. Der Schech el Djemahli verlangte bis Ncudongola oder Dongola el Urdi fünfunddrcißig Piaster oder zwei Thaler zehn Neugroschen für das Kamel. Dies ist der gewöhnliche Preis, welchen die Regierung zu zahlen Pflegt; Kaufleute oder Reisende, welche nicht mit einem Firmahn versehen sind, müssen gewöhnlich das Doppelte erlegen. Die Wegstrecke beträgt zwciundzwanzig Mah- haddaht oder fünfunddrcißig biö vierzig Meilen. Weil der Weg sehr schlecht und uneben ist, braucht man zu der Reise zehn bis 28 zwölf Tage. Gewöhnlich wählt man das linke Ufer des Stromes, obgleich man auf der anderen Seite einen Bogen abschneiden und einen bis zwei Tage eher ankommen kann. Der Weg ist aber hier noch schlechter, als am linken Ufer. Wir fuhren daher an dieses hinüber und lagerten uns mit unserem Gepäcke in einer halbverfallenen Schuhne oder Schohne, einem jener Gebäude, in welchem die Getreide- und Spreuvorräthe aufgehäuft lagen, womit man die aus dem Sudahn nach Egyptcn ziehenden Rinderheerden fütterte und welche zugleich als große, mehrere Hundert Stücke Rindvieh fassende Ställe benutzt wurden. Das Dorf Wadi-Haifa lag uns gegenüber und nahm sich sehr gut aus. Nur hier und da blickte eins der Häuser durch das dunkle Grün des Dattelpalmenwaldcs, der sich über zwei Stunden lang am Ufer des Stromes dahinzieht und die weite, fruchtbare, leider nur wenig bewässerte und bebaute Fläche auf der einen Seite begrenzt. Von der anderen Seite wird die Ebene von Bergen umschlossen, deren zackige Gipfel über den Palmcnwald emporragen. Einer der Matrosen hatte sich die ganze Reise hindurch von unserem Schiffszwicbacke genährt, obgleich es streng verboten war, diesen uns in der Wüste so außerordentlich nöthigen Artikel anzugreifen. Der junge Mann erhielt seine wohlverdiente Strafe von Aali-Arha mit der Peitsche zuertheilt, obgleich sich der Reis für ihn verwendete, indem er sagte, der „Knabe" thue ihm nicht leid, der seine Strafe verdient habe, nur bcdaurc er, daß einer von seinen Schiffslcuten gestohlen habe, und jeder Peitschenhieb, den der Schuldige empfange, sei ihm ein Dolchstich in's Herz, weil er ihm stets von Neuem seine Schande in's Gedächtniß bringe. Er sei stets ein ehrlicher Mann gewesen und deshalb möge ich doch ja den Befehl geben, mit der Bastonade einzuhalten; denn es berühre ihn zu schmerzlich, daß einer seiner Leute schuldig sei. Die Heuchelei unseres Rci's that jedoch nicht die gewünschte Wirkung; der Dieb wurde empfindlich gestraft. Während unseres Aufenthaltes sahen wir öfters große Geier in der blauen Luft ihre Kreise ziehen. Wir beschlossen, sie anzulocken, kauften einen dem Tode stündlich entgegensehenden Esel, 29 vergifteten ihn und warfen ihn als Köder in die Nähe eines der Hintergebäude unserer jetzigen Wohnung. Die Geier erschienen nicht, anstatt ihrer aber jede Nacht Hyänen. Wir machten zuletzt förmlich Jagd auf sie und gingen allabendlich auf den Anstand. Doch waren die Nächte so dunkel, daß wir nie einen sicheren Schuß thun konnten. Wir fanden am Morgen einige Male Blutspuren, die wir über eine Stunde weit in die Wüste hinein verfolgen konnten, ohne jemals eine verendete Hyäne aufzufinden. Diese Thiere haben ein sehr zähes Leben und sind deshalb schwer todtzuschießen. In hiesiger Gegend sind sie ganz ungefährlich. Bei Gelegenheit dieser Jagden gab mir einer meiner Diener Aali, mit dem Spitznamen Mukle*'), Folgendes zum Besten: ,,Hicr," sagte er, ,,ist weiter keine Gefahr damit verbunden, wenn man eine Tabaä (ü^sona Krisis) schießt; etwas Anderes ist es aber im Sudahn, und zwar hauptsächlich im Sennahr und Fassokl, mit den großen Marafihl (Lesens oroeuts), welche als verwandelte Menschen herumgehen, große Zauberer sind und dem sie Angreifenden oft gefährlich werden können. Solche Hexenmeister können durch den bloßen Blick ihres „bösen Auges vl li 388 iä) das Blut in den Adern ihres Feindes zum Stocken, das Herz zum Stillstehen bringen, die Eingeweide austrocknen und den Verstand verwirren. Obgleich Churschid-Pascha (Gott segne ihn dafür!) viele der Dörfer verbrennen ließ, in denen sich solche Zauberer befanden, ist doch ihre Anzahl noch immer groß genug, und „au8 dillalli min el 8ol»oitalln ei rsckjillm!" (Gott sei über dem aus seinen Himmeln herabgestürzten Teufel!) mir schaudert die Haut, wenn ich an sie denke, die Allah einst in den tiefsten Pfuhl der Djehennem (Hölle) schleudern wird. Churschid-Pascha starb eines frühen Todes, denn er verfuhr hart gegen alle Zauberer, und wahrlich, nur das Aöin el hassid hat ihn unter die Erde gebracht. So machte er einstmals mit zwei- bis dreihundert Soldaten Jagd auf Nilpferde und schoß, obwohl ihn ein weiser *) Mulle soll in der Berbersprache einen närrischen Kauz oder spaßhaften Kerl bedeuten, und das war Mulle allerdings. 30 Schcch wohlmeinend warnte, es nicht zu thun, auf die Djama- mihs el bahhr, wenn auch der Schech wiederholt sagte, es seien keine wirklichen Aeösinaht*), sondern lauter verwandelte Menschen, welche des Nachts in ihren Wohnungen schliefen und bei Tage die Gestalt eines Acesint annähmen. Der Pascha achtete seiner nicht, und wie bald hat ihn der giftige Blick eines Sahahr — Zauberers — gelobtet! Friede sei über ihm und Gott sei seiner Seele gnädig! Er ist dahingestorben an einer Krankheit; den fränkischen Aerzten hat er sich anvertraut und diese konnten ihm keine heilsame Arznei geben. Er war verzaubert, nur ein anderer Zauberer oder ein weiser, frommer Schech hätte ihm helfen können. O Herr, auch ich war einst in großer Gefahr! Allein subbmlnro wir trmlo *'*)" hat mein Herz gutem Rathe geöffnet, meine Ohren waren bereit, die Stimme des Warncrs zu meinem Herzen zu führen. Mein Bruder und ich wollten auf Hyänen Jagd machen, welche sich gar heftig auf einem todten Kamele stritten, wurden aber noch zur rechten Zeit — ei dumäi lillulii — davon abgehalten. Der Sohn des Schcch machte uns auf ihre Stimmen aufmerksam. „Hört ihr," sagte er, „ist das die Stimme des Mara- fihl? Bei Allah und seinem großen Propheten — ^rllsL musel- lem sellem ssle'ilru! — das sind Sahahl h r ***)!" Meine Glieder zitterten vor Schrecken, meine Zunge ward dürr, meine Augen dunkelten, ich schlich mich unter Zagen hinweg und suchte mein Lager. Die ganze Nacht hindurch hörte ich das Heulen der Ma- rafihl; es war, als wenn sich die Diener des Teufels — Gott schütze uns vor ihm! — gestritten hätten. Ja, Herr, das waren keine Hyänen, das waren wirkliche Zauberer, das waren die Söhne der Verfluchten! Was meine Augen sahen, was meine Ohren hörten, das läugnet mein Herz nicht." „Doch, Du zweifelst noch an meinen Worten, Herr? Du glaubst nicht, was ich sage? Ihr Franken seid einmal Ungläu- *) DjaINuhs, Plural DjamaINihs, e l bahhr ist der eine, AeL - sint, Plnr. Aeösinaht, der andere arabische Name des Nilpferdes. **) Gott, der Bewunderte und Gepriesene! ***) Plural von Sahahr. 31 bige, was soll ich Dir sagen! Glaubst Du denn gar nicht an derartige Dinge?" „Nein!" Mukle lachte hellauf. Er betheuerte das, was er gesagt hatte, mit kräftigen Schwüren. Ich glaubte noch immer nicht. „So wisse denn, Herr — meine Rede ist bei Gott wahr — daß im Sudahn noch ganz andere Zaubereien verübt werden. Ich muß mein Hei- mathsland *) doch besser kennen, als Du! Mein Vater und mein Großvater wissen doch mehr, als Du von Dingen wissen kannst, welche in einem Lande vorkommen, welches Du gar noch nicht kennst. Und Du sagst, daß es in Deinem Lande keine Zauberer gebe! Habe ich nickt hier mit diesen meinen beiden Augen den Sahahr Bosko in Alerandrien vor der Effcndina Maham- med-Aali — Gottes Gnade sei über ihm! — seine Tcufelswerke ausführen sehen, gegen welche die unserer Schlangenbeschwörer nur Schaum sind? War nicht ein indischer Zauberer in der Massr el khahira, welcher den Bauch eines Thonkrugcs austrocknete, ohne ihn anzurühren; warum sollte cS im Sudahn nicht Zauberer geben, welche den Leib des Menschen ebenso austrocknen könnten! Ich will Dir andere Geschichten erzählen: „Im Sudahn, und zwar in der Nähe der Stadt Scnnahr, leben Weiber, welche so die Zauberei verstehen, daß sie einen Mann, der sie nur einmal liebkoste, durch Zauberei verhindern, andere Weiber zu besuchen. Er darf ohne ihren Willen nicht einmal seinen ehelichen Pflichten genügen. Ich kenne einen jungen Mann, einen Jbn el Harahmi**), welcher durch ihre Zaubereien lange Zeit wie ein Verschnittener beschaffen war, ohne daß ein Messer ihn berührt hatte. Nur durch viele Bitten schenkte ihm die Satz ah re seine Mannbarkeit wieder; allein nie hat er, so lange sie lebte, eine andere Frau lieben dürfen. Er war Sclave ihres Willens und Niemand hat den Zauber lösen können." *) Mukle stammte aus Woled-Medine am blauen Flusse. **) Jbn el Harahmi, der Sohn des Verfluchten oder Gottlosen, bedeutet auch einen ausschweifenden Menschen und wird manchmal gebraucht, um einen „lustigen Bruder" zu bezeichnen. 32 „Und wahrhaftig, nicht immer sind diese Zaubermittel so unheilbringend, denn es gibt andere, in Gestalt kleiner Wurzeln, welche ein Ehemann vor seiner Abreise in den Sand vor seiner Thürschwelle gräbt, um sicher zu sein, seine Frau ebenso keusch, rein und treu zu finden, als er sie verlassen hat, weil das Zau- bermittcl jedem Unberufenen den Eingang wehrt. Es gibt auch wieder andere, welche man anwendet, um die Liebe einer Frau zu gewinnen. Man steckt die unscheinbare Wurzel unter die Takh'i'e oder den Tarbuhsch und besucht das Mädchen, von welchem man geliebt zu werden wünscht. Das wirkt besser als jeder Liebestrank die Wurzel entzündet die heftigste, brennendste Liebe in dem Busen des geliebten Weibes oder bekräftigt und stärkt sie." „Solche Zaubermittcl muß man sich von nackten Sahahihr lösen, entweder für Geld oder Geldeswerth. Man findet sie an wüsten Orten; allein es ist dem Frommen nicht zuträglich, sie aufzusuchen, denn sie sind verflucht und sind die Söhne der Verfluchten. Ihnen wird nie das Glück blühen, Vaterfreudcn zu genießen, und besäßen sie auch einen Harehm, gleich dem des Sultahn; sie werden das Paradies nie zu sehen bekommen, sondern in der tiefsten Nacht der Hölle wimmern." Ich war thatsächlich überführt und glaubte zu Muklcs großer Befriedigung Alles, ja, ich zeichnete es sogar im Tagebuche auf. Mukle hat mir versprochen, eine Wurzel mit den Eigenschaften zu bringen, welche, Liebe entzündend, Liebe gewähren sollte, — hat aber späterhin leider nicht Wort gehalten und mich so des überaus großen Vortheils beraubt, die Schönen im Vaterlande mit ihnen ganz neuen und, was die Hauptsache ist, unwiderstehlichen Waffen zu bekämpfen. Der Glaube an derartigen Unsinn ist sehr weit verbreitet und fest eingewurzelt. Es versteht sich von selbst, daß nur Dinge auf die Schultern der Sahahihr gewälzt werden, welche wir in der Befangenheit unseres Geistes und in unserer Herzenseinfalt für Zufälligkeiten ansehen. Allein der Sudahnese schreibt alle üblen Vor- g Die Araber glauben fest an die Wirksamkeit solcher HauSmittelchen. 33 fälle der Wirksamkeit der Zauberer zu und diese steigen so immer mehr durch Furcht — im Ansehen. Doch ist der Schimpfname Sahahr dem frommen Muselmann ein Gräucl und eine Beleidigung, wegen der er den Beleidiger beim Khadi verklagt. — Am 10. April. Es kommen zwei Dahab'ien an; auf der einen befinden sich levantinische Kaufleute, welche nach dem Sudahn gehen, um dort ihre Manufakturwaaren gegen Senahblätter und arabisches Gummi zu verkaufen. Der Hauptbesitzer, el Chawahdje Hanna Sabuaä, ist ein dicker, die nubische Sonne rücksichtslos verdammender Mann, welcher einen Bedienten aus Aleppo bei sich führt; er ist ebenfalls aus Syrien gebürtig und in Begleitung eines schmächtigen, heuchlerischen und kriechenden Levantiners, der, wie ich höre, von seiner Gnade lebt und Aabd el Fettah genannt wird. Sie wollen sich uns anschließen. Auf der anderen Barke haben sich sechs bis acht nubische Kaufleute zusammengcni- stet; sie führen hauptsächlich Kurzwaarcn und sind Djellalihb, d. h. Sklavenhändler, wenigstens dienen ihnen die Sklaven als Nebenfracht beim Gummi und der Scnnah. Der Schech el Djemahli schickt zu mir und läßt mich bitten, bald abzureisen oder wenigstens mein Gepäck vorauszuschicken, weil er sonst nicht im Stande wäre, mehreren nachkommenden Reisenden Kamele zu verschaffen. Es ist mir unangenehm, weil mein Bruder unwohl ist und nicht gut weiter kann. Aali-Arha erhält den Befehl, Alles zur Abreise vorzurichten und die Karawane zu begleiten. Am 13. April. Die griechischen Kaufleute verlassen in Gesellschaft meines deutschen Bedienten Tischendorf und Aali-Arha's heute den Lagerplatz und ziehen mit dem Gepäck Neu-Dongola zu; wir bleiben mit zwei nubischcn Bedienten noch zurück. Abends kommt eine kleine Karawane von Oben herab. Sie hat den uns bevorstehenden Weg nach Neu-Dongola in elf Tagen zurückgelegt. Der Inhaber der Karawane ist ein türkischer Kaufmann und früherer Soldat und heißt Mal)ammed-Arha. Er hat eine seiner Frauen bei sich und diese ist krank. Vergnügt kommt er zu unserem Doctor und bittet sich Arznei für sie aus. Der Doctor will zuerst die Frau sehen, was der Türke im Anfange gar nicht, später m. 3 34 nur dann erlaubm will, wenn sie bereits Arznei zu sich genommen habe. Jeder der Beiden behauptet, der Wunsch des Einen gehe nicht ohne vorherige Erfüllung des Wunsches des Anderen; Keiner gibt nach; die Frau bleibt krank und der Türke schleicht mit dem Stoßseufzer: .4Ilsk livrilim! seinem Zelte zu. Jeden Tag werden wir jetzt von dem heftigen Chamasthn gepeinigt; er wirbelt Wolken von Staub auf und jagt sie durch die lustigen Hallen unserer Wohnung, bezüglich durch die früheren Rinderställe. Wir lassen das Zelt aufschlagen, der Wind wirft es in der Nacht um und über uns. Um nun wenigstens ruhig zu schlafen, legen wir uns im Schutze einer Mauer nieder und errichten dort eine Art von Bcduincnzclt. Am 18. April. Mein Bruder fühlte sich stark genug, um weiter reisen zu können. Gestern waren Kamele angekommen, aus denen ich drei gute Hedjinihn und unter diesen wieder das beste aussuchte, um es für meinen Bruder zu satteln. Der Doktor vertauschte, trotz meines Abrathens, ein großes, schönes Reitkamel mit einem weit kleineren, um nicht allzu hoch herabzufallen. Ich sattelte alle Kamele eigenhändig, weil es ganz unmöglich ist, selbst auf einem guten, aber schlecht gesattelten Kamele zu reiten, und die Art und Weise, den Sattel auszupolstern, keineswegs gleichgültig ist. Gegen neun Uhr Vormittags verließen wir Wadi-Halfa und ritten in leichtem Trabe dem großen Katarakt zu. Um Mittag lagerten wir in der Nähe von Abke unter Palmen und hielten unser höchst einfaches Mittagsmahl. Ein Nubicr in unseren Diensten, welcher einstweilen die Stelle eines Kochs vertrat, Jdrieß, ging auf eine kleine Insel und prügelte dort, ohne Ursache, seine armen, harmlosen Landsleute. Diese beklagten sich bei mir und wurden durch die Versicherung getröstet, daß dem Burschen die nöthige Strafe zuertheilt werden würde. Er erhielt diese auch von mir mit der Nilpcitsche zugemessen, weil das Maaß seiner Sünden längst übergelaufen und er einer von Denen war, welche nur durch die Peitsche im Zaume gehalten werden können. Obgleich er heute 35 hinreichend bestraft worden war, wirkte dies doch, wie wir bald sehen werden, nur auf wenige Tage. Um vier Uhr Nachmittags reiten wir, mein Bruder und ich, den beiden anderen Kamelen voraus und erreichen zum Nische den Nil wieder, wo wir uns lagern und ein weit leuchtendes Feuer anzünden. Erst nach Verlauf von mehr als einer Stunde erscheint das Lastkamel mit unserem Doktor, weil dessen schwächliches Thier unterwegs gestürzt ist und jetzt leer geführt werden muß. Tags darauf kommen wir Mittags bei Semne an und besichtigen den kleinen verfallenen Tempel. Mit Sonnenuntergang setzen wir die Reise fort und reiten bei Hellem Mondenscheine in der Kühle des Abends weit angenehmer, als in der glühenden Hitze des Tages. Unsere Kamele werden zuletzt so müde, daß sie sich bei einer großen, ruhenden Karawane mit Gewalt niederlegen und nur mit aller Anstrengung weiter getrieben werden können. Gegen elf Ubr Abends wird gelagert. Der ganze Weg von heute war sehr beschwerlich, er führt bergauf und bergab durch die Gebirgsmassen und Sandfelder des Battn el Hadjar. Am 10. April. Die Hitze ist zwischen den schwarzen, glühenden Fclscnmassen so drückend, daß wir Nachtmärsche machen müssen, weil es die Kamele bei Tage nicht aushalten, große Strecken beladen zu durchwandern. Vormittags reiten wir heute nur wenige Stunden. Mit Sonnenuntergang Allah-Muhle (Gottesweihe), zwei Stunden später Akahsche. Noch leuchten am anderen Morgen die hellen Sterne am Himmelsdome, als wir aufbrechen und durch steinige und beschwerliche Wegstrecken die Reise fortsetzen. Hohe Berge, von wahrscheinlich mehr als tausend Fuß Höhe, ziehen sich am anderen Ufer in der Nähe der uns bereits'bekannten heißen Quelle von Okme in großen Bogen hin. Ihre zackigen Gipfel zeichnen sich scharf gegen den schon lichten östlichen Himmel ab. Nach wenig Minuten strahlen sie im prachtvollsten Purpurglanze, der mehr und mehr in's Goldige übergehend, die Ankunft der Königin des Tages kündete. Die Zeit der Dämmerung verläuft in den südlichen Breiten so 36 schnell, daß eigentlich von einer Dämmerung gar nicht die Rede sein kann. In wenigen Minuten geht die Dunkelheit der Nacht in die Helle des Tages über. Allein diese wenigen Minuten vereinen auch alle die Pracht des Morgens in unserem Vaterlandc, und weil das herrliche Schauspiel sich so schnell entfaltet, gewinnt es (wenn etwas so hoch Erhabenes noch gewinnen kann) nur um so mehr an Reiz. Fünfzehn Minuten nach dem ersten Morgenlichte vergoldeten die ersten Strahlen der Sonne schon die Gcbirgszackcn des anderen Ufers *). Mittags Rast bei dem Dorfe Dahle in der Nähe des Schel- lahl gleichen Namens. Um vier Uhr Nachmittags reite ich mit meinem Bruder den Lastkamelen voran. Wir verkürzen uns die Zeit in trauten Gesprächen von der Heimath und machen Pläne für die Zukunft. Am 22. April. Unser großer Hund hat sich in dem glühenden Sande die Beine verbrannt und kann nicht weiter laufen. Wir nehmen ihn aufs Kamel, obgleich dieses mit mancherlei Unannehmlichkeiten verbunden ist. Beim Hinausreiten aus einem Mimosen- wäldchen empfängt uns ein heftiger Chamasihn, welcher auch mit voller Stärke anhält. Gegen Mittag kommen wir zu einer einzeln stehenden Hütte, wo wir von zwei bildschönen Berberinnen mit Milch bewirthet und gar freundlich ersucht werden, die Gastfreundschaft des ärmlichen Hauses anzunehmen. Leider müssen wir ihr Anerbieten ablehnen und reiten weiter. Bei der Sakhle el Aa- bihd (dem Schöpfrade des Sklaven) halten wir Rast und theilen unsere Hütte mit mehreren Takruhripilgern, welche nach Mekka ziehen. Sakh'ie el Aabihd ist der erste Ort im Dahr el Sukoht. *) Zimmermann sagt in seinem „Populären Handbuche der physischen Geographie", dritte Auflage, Seite 486: „In jenen Gegenden, in welchen die Luft rein und durchsichtig ist, hat man (wie schon in Italien) Morgen- und Abendröthe nicht" u. s. w. Diese Behauptung des gelehrten Herrn Verfassers jenes vortrefflichen Werkes ist irrig. Gerade da, wo die Luft ganz rein ist, habe ich die Morgenröthe oft in unübertrefflicher Schönheit gesehen. 37 DaS öde, traurige Battn el Hadjar liegt hinter unS; der Nil breitet sich von Neuem aus, die Dattelpalmen fangen wieder an, sich in Wäldchen zu vereinigen. Von diesem Rasierte gelangen wir, nachdem wir über mehrere sandige Hügel weggekommen sind, auf einen breiten ebenen Weg. Dieser führt, mit dem Flusse gleichlaufend, hinter vielen Dörfern weg, von denen wir eins nach dem anderen zurücklassen. Lange, fast ununterbrochene Palmcnwälder ziehen sich von einem Dorfe zum anderen dahin; sie erzeugen die köstlichsten Datteln Nord-Ost- Afrikas. Um elf Uhr Nachts lagern wir in dem Dorfe Khubbe*), der Einbruchsstation für die Wüstenstraße nach der Oase cl Se- lihma. Letztere wird sehr besucht, weil sich in der Nähe der Oase, nur wenige Fuß unter der Erdoberfläche, große Lager eines außerordentlich reinen Kochsalzes finden. Die Nubier ziehen mit Kamelen dorthin und holen sich beliebige Quantitäten des Steinsalzes, mit denen ein kleiner Handel selbst bis Charthum und weiter südlich getrieben wird. Am 23. April. Unser guter Doktor kann sich noch immer nicht entschließen, sein Kamel in Trab zu setzen, weil dieses einmal mit ihm gestürzt ist. Da es nun aber für Einen, der auf dem Hedjihn reiten gelernt hat, etwas wahrhaft Peinigendes ist, das Thier im Schritt gehen zu lassen, reiten wir, mein Bruder und ich, immer den Lastkamelen voraus, während sich der Doktor zu diesen hält, obgleich wir ihn ermuntern, das Trabreiten doch zu versuchen. — Nachdem wir heute Morgen noch einige Stunden an dem ununterbrochenen Palmenwaldc dahin geritten waren, kamen wir zu den Ruinen eines Tempels aus der Pharaonenzeit, dessen Name mir unbekannt ist und verließen, einen Wüstenstrcifen betretend, das Dahr el Sukoht. Der Wüstenweg schnitt einen Bogen des Nil ab, dehnte sich aber mehr und mehr aus, so daß der Mittag längst vorüber war, als wir das Dorf Koö im Dahr el *) Kuppel, so genannt. weil mehrere uralte Schechsgräber in der Nähe sich befinden. 38 Mäh haß erreichten. Ruhend erwarteten wir die Lastkamele, welche erst zwei Stunden später eintrafen. Mein Bruder, der unermüdliche Sammler, war bereits wieder auf die Käferjagd ausgegangen. Ich bot die ganze Dorfschaft auf, um ihm sein Geschäft zu erleichtern. Für eine gewisse Anzahl von Käfern, wovon ich erst ein Eremplar vorzeigte, versprach ich wenige Para. In kurzer Zeit verließen die Knaben ihren Sitz am Tricbrade der Schöpfma- schinen, die Männer ihre Felder und die Weiber ihre Reibemahlsteine, um Käfer zu suchen, wovon auch bald Massen ankamen. Unter den Weibern, welche fast alle recht hübsch waren, befand sich ein bildschönes Mädchen oder junges Weib in der üppigsten Blüthe der Jugend. Immer hatte man mir die Frauen des Dahr el Mäh haß als die schönsten ganz Nubiens geschildert; allein meine Erwartungen wurden durch das vor mir stehende Original noch bei Weitem übertreffen. Man hätte es für eine Abys- sinierin halten können, so regelmäßig und vollendet schön war der Körperbau des Mädchens. Durch das luftige, durchscheinende Tuch, die Ferdah, welche es in malerischen Faltenwürfen um sich geschlagen hatte, wurden seine Reize keineswegs in Schatten, sondern erst recht in's wahre Licht gestellt. Es fehlte ihm in unseren Augen weiter Nichts, als eine lichte Hautfarbe. Allein selbst ein durch blendendweiße Georgincrinnen verwöhnter Türke oder ein durch das glühende Kolorit der Fraucnbeschreibungen aus dem Munde des Meddah idealisirter Araber würde nicht gezögert haben, der Nu- bierin ebenfalls einen Preis der Schönheit zuzuerkennen, warum sollte ich es da nicht thun, ich, dem alle Mittel zum Vergleiche fehlten? Waren ja doch die deutschen Frauen, welche ich — ich wiederhole es gern, — ganz gewiß für die liebenswürdigsten, einnehmendsten der Erde halte, so weit entfernt, daß ich mich jetzt unmöglich im Geiste mit ihnen beschäftigen konnte, wo ein- braunes Mägdlein mit seinen dunklen, von langen, seidenen Wimpern beschatteten Augen, seinen blendendweißen, unübertrefflich schönen Perlzähnen und einem kleinen Mündchen mit purpurrothen Lippen vor mir stand! Und diese Lippen waren so schön, so einladend, daß ich unmöglich etwas Anderes denken und thun konnte. 39 als mir cinen Kuß davon auszubittcn. Lachend entfloh das liebliche Kind, kehrte aber doch wieder zurück, um Käfer zu bringen. Die schlechtesten, welche das Mädchen brachte, waren doch immer die beßtcn, wenigstens bezahlte ich es am Reichlichsten und schenkte ihm zuletzt noch obendrein eine Kette von Glasperlen, womit ich ihm gar große Freude bereitete. Leider verstand die Nu- bierin kein Arabisch und deshalb gingen viele Artigkeiten, welche ich ihr sagte, ohne Wirkung an ihrem Ohre vorüber. Und als ich endlich meinen nubischen Bedienten aufforderte, mir den Dolmetscher zu machen, sah ich es ihm an den Augen an, daß er mehr oder weniger eifersüchtig auf seine Landsmännin war, weshalb der Schlingel auch gewiß nicht treu übersetzte. — Vor uns liegt ein breiter Wüstenstreifen, welchen wir durchreiten müssen, weil der Weg längs des NiluferS doppelt so lang ist, wie jener. Deshalb brechen wir heute erst gegen Sonnenuntergang auf und reiten bei Hellem Mondcnscheine die ganze Nacht hindurch. Um Mitternacht läuft ein Schakal oder eine Hyäne vor uns hin, ich schieße das Thier an, ohne es jedoch tödtlich zu verwunden« In der Nähe eines langen Felsblockeö, der auf einem anderen nur in der Mitte aufliegt und von den Arabern „el Timsach" (das Krokodil) genannt wird, kochen wir uns starken Kasse, um den Schlaf zu bannen und reiten weiter. Um drei Uhr Morgens überholen wir eine ebenfalls nach Süden ziehende Karawane und erfahren, daß der Nil sehr nahe ist. Aber unsere Müdigkeit ist so groß, daß wir uns bald darauf lagern. Erst mit Sonnenaufgang ziehen wir weiter und erreichen kurze Zeit später ein Schcchsgrab, neben dem unter einer großen schattigen Mimose eine bewohnte Hütte steht. Der Ort heißt Fak- h're- oder Schech-Bänder und ist ein gewöhnlicher Ruhepunkt der Karawanen. Im Sande der Wüste stehen sehr viele Gesträuche der ^.selepias provers, an denen wir große, prachtvoll gelb- und rothgcstreifte Heuschrecken finge». Dann legten wir uns unter Mimosen nieder und versuchten zu schlafen. Das glänzende Sonnenlicht, die drückende Hitze und ein heftiger, uns höchst lästiger Cha- masihn hinderten uns daran; wir waren froh, gegen Abend wie- der auf dem Kamele zu sitzen, ritten noch eine geraume Zeit hindurch und legten uns dann bald zur Ruhe. Am 25. April. Vor dem ersten Morgenschimmer brechen wir auf. Gegen sieben Uhr gelangen wir in ein Dorf und halten dort kurze Zeit an, um unser Frühstück bereiten zu lassen. Während dies geschieht, streichen wir, jeden Augenblick der so kostbaren Zeit benutzend, um Käfer zu sammeln, in der Nähe unseres Lagerplatzes herum und kommen in einen Theil des Dorfes, welcher in die Ringmauern einer der aus trockenen „Luftstcinen" aufgeführten Festungen hineingebaut ist. Ein lautes Klaggeschrci lockte uns näher, man beweinte einen Todten. „Schmerzvoll an die Brüste schlagend" saßen einige zwanzig jüngere Frauen im Kreise auf der Erde, weinten und klagten. Drei alte, zusammengeschrumpfte, bis auf die Hüften nackte Matronen liefen hin und her, stießen ein widerliches Geheul aus, schleuderten die Arme hoch in die Luft und streuten sich Staub und Erde auf's Haupt. Die Männer hockten etwas weiter entfernt am Boden und verhielten sich ruhiger. Jeder der Neuankommcnden begrüßte die Verwandten des Verstorbenen mit lautem Geheul und Weinen, wie ich dies früher auch schon bei den Sudahnesen gesehen hatte. — Die Vegetation in hiesiger Gegend nimmt mehr und mehr den Charakter der Tropen an. Schöne Mimosenwaldungen bedecken die Ebene. Sie prangten jetzt gerade in ihrem Blüthenschmucke und durchdufteten die ganze Atmosphäre mit Wohlgerüchen; das Land ist fruchtbar und leicht zu bebauen, aber keine Hände finden sich, um der Erde die Reichthümer, welche sie in ihrem Schooße birgt, abzulocken. Die Bevölkerung dieses gesunden Landstrichs ist seit der Einnahme Nubicns durch die Türken noch immer nicht wieder auf ihre frühere Anzahl gestiegen. Früher hatte die Insel Argo, deren unteres Ende uns im Strome gegenüberliegt, tausend Schöps- räder , jetzt ist kaum der vierte Theil dieser Anzahl noch im Gange. Der Mclik von Argo war ein angesehener Mann, der jetzige 41 Schech der Insel ist ein unter der egpptischen Ruthe seufzender Sklave, wenn er auch frei geboren wurde. — In der Nähe des Marktfleckens Hafiera sehen wir acht bis zehn große Geier auf einem todten Kamele sitzen. Es waren Ohrengeier (OtgK^ps surioularis) ; sie hielten so ruhig aus, daß ich mit Hasenschroten aus einer Entfernung von nur zwanzig Schritten mit meinem guten Doppelgewehr auf sie feuern konnte. Ungeachtet dieser Nähe blieb mein Schuß wegen der Lebenszähigkeit der Geier ohne Erfolg. Im Dorfe wurde gerade Markt gehalten. Einige elende Sä- chelchen, hauptsächlich Kurzwaaren, Gemüse, Getreide, Butter und Milch waren die einzigen Gegenstände, welche man zu kaufen bekam. Der Kahschef des Orts, Mahammed-Arha, lud uns freundlich zum Mittagessen ein, welches wir, mit Ausnahme unseres Doktors, auch annahmen. Dieser konnte sich aber durchaus nicht entschließen, mit den Fingern zu essen und verglich unser Mahl mit dem der Geier. Wir dagegen griffen, das alte Sprüch- wort: „Ländlich, sittlich" wohl erwägend, herzhaft zu und fanden uns durch eine sehr gute Mahlzeit recht angenehm überrascht. Im Diwahn deS Kahschef oder Bezirkskommandanten fanden wir auch Hanna Sabuaä, unseren alten Bekannten, von Wadi-Halfa wieder vor, welcher uns die glückliche Ankunft unserer Leute in Neu-Dongola meldete. Er hatte es vorgezogen, wegen des heftigen Chamasihn hier zu bleiben. Gegen Abend schössen wir noch einige Ohrengeier und bewunderten staunend die Größe des Vogels, der von einer Flügelspitze bis zur anderen über fünf Ellen klafterte und fünfzehn Pfund wog. Am 26. April. Der Chamasihn machte uns heute die Weiterreise lange Zeit unmöglich. Erst gegen Abend konnten wir wegreiten. Um zehn Uhr hielten wir an, um Kasse kochen zu lassen. Da fehlte das Wasser. Jdrieß erklärte sehr naiv, kcinS mitgenommen zu haben. Ich erinnerte ihn an den von mir vor der Abreise ausdrücklich gegebenen Befehl, die Simsemiaht zu füllen. „Ich habe cS aber nicht gethan", war die Antwort. „„Warum nicht?"" „Ich vergaß es, hättest Du es doch selbst gethan." Immer noch ruhig, schalt ich ihn aus und setzte ihm aus einander, welches Unglück entstehen würde, wenn er bei einer Wüstenrcise sich Aehnliches zu Schulden kommen ließe. Er wurde, statt zu schweigen, grob und immer gröber, bis dies zuletzt in eine so unerträgliche Unverschämtheit ausartete, daß ich zu dem einzigen Mittel greifen mußte, um ihn zur Ordnung zu bringen, nämlich zur Nilpcitsche. Beim Aufbruch fehlte er ganz und gar; er war, ehe wir recht wußten wie, mit seinem Kamele auf und davon geritten. Wir ritten die ganze Nacht hindurch und kamen wenige Stunden nach Sonnenaufgang inDongola el Urdi an. Unsere Leute hatten in dem Hause eines italienischen Juden, des Herrn Morpurgo aus Alerandrien, Aufnahme gefunden. Man wies uns jetzt auch dahin. Wir fanden in unserem Hausherrn einen zuvorkommenden und liebenswürdigen jungen Mann. Nachmittags schickte der Gouverneur der Provinz Dongola, Schirmn-Bei, zu mir und ließ mich bitten, ,,in seinem Diwahn eine Pfeife mit ihm zu rauchen." Ich ging hin, wurde sehr freundlich empfangen und endlich durch die Nachricht überrascht, mein Bedienter Jdrieß sei angelangt und habe mich bei dem Bei wegen erlittener Mißhandlung verklagt. Der Bei bat mich, die Sache der Wahrheit gemäß zu erzählen. Aufmerksam hörte er zu, endlich sagte er zu mir: ,,Da hast Du freilich einen sehr großen Fehler gemacht, Cha- lihl-Esfendi. Du hast den unverschämten Burschen gezüchtigt, aber viel zu wenig. Da muß ich nothwendiger Weise nachhelfen." Alle meine Versicherungen, daß der Bediente seine hinlängliche Strafe empfangen habe, halfen mir zu Nichts; der Bei blieb unerschütterlich, ließ den Rubier hereinrufen, hielt ihm eine derbe Strafpredigt und befahl zwei Khawassihn, ihm hundertundfunfzig Hiebe auf die Fußsohlen zu geben. Nachdem die Bastonade vorüber war, rief er Jdrieß, welcher kaum noch gehen konnte, zu sich und befahl ihm, sich meine Verzeihung zu erbitten. Ich gewährte ihm diese, gab aber auch seiner Bitte, ihn aus meinen Diensten entlassen zu wollen, augenblicklich Gehör, weil ich sein tückisches Herz kannte und zuletzt fürchten mußte. Unser Aufenthalt in Dongola elUrdi wurde uns durch die Freundlichkeit der Vornehmen der Stadt sehr verschönert. Wir empfingen die Besuche aller höherstehenden Türken und gaben fie zurück, wurden aber auch zu verschiedenen Festen geladen. Am 29. April gab unser Hausherr eine glänzende Fanthaste, zu welcher der Gouverneur mit seinem Gefolge und den nach Egypten zurückkehrenden Sendjek Aabdim-Bei aus Berber erschienen. Dabei wurde schließlich auch Wein getrunken und getanzt, wovon sämmtliche eingeladene Türken, mit Ausnahme des Bei, keine Feinde waren. Am 2. Mai besuchten wir den Chef der vierhundert albanesi- schcn irregulären Reiter in seinem Lager bei Kabtoht, einem unter Palmen gelegenen Dorfe, unterhalb der Stadt Dongola. Aab- dim-Bei bewohnte ein schönes, großes, im dichtesten Schatten aufgeschlagenes Zelt, in dessen Nähe noch zwei andere, für zwei Frauen seines Harchm, errichtet waren. Der in jeder Hinsicht sein gebildete, artige und höchst liebenswürdige Mann nahm uns sehr gut auf, bewirthete uns auf's Beste und ließ uns vor Abend nicht wieder weg. Für den Vizekönig hatte er achtzehn junge Dongo- lawipferde von der besten Raye eingekauft und ließ sie uns vorführen. Es waren große, schöne, kräftig gebaute Thiere von dunkler Farbe, feurig und muthig und doch fromm und sanft, wie die guten arabischen Rosse es sind. Mit diesem höchst werthvollcn Geschenke hoffte der Bei seinem Gebieter eine Freude zu machen. Am 5. Mai waren wir zu einer Festlichkeit bei einem der Adjutanten des Bei, Chalihl-Effendi, Tags darauf zu der Feier deS Festes „Schimm el Nessihm" (Thl. 2, S. 106) vom Gouverneur selbst eingeladen worden und hatten beide Male an sehr glänzenden Gastmählern Theil genommen. Wir hatten schöne Käfer erbeutet und auf drei getödtete Hunde achtundzwanzig Ohrengeier gelockt, von denen zwölf Stück erlegt worden waren; kurz, wir verlebten sehr glückliche Tage unter Fest und Schmaus, Arbeit und Belustigung, Jagd und Beutegcwinn. Mit dem Vergnügen, welches nur der Sammler kennt, sahen wir unsere natur- historischen Schätze von Tag zu Tage anwachsen und waren glücklich, sehr glücklich darüber- „Doch mit des Geschickes Mächten, Ist kein ew'ger Bund zu flechten Und das Unglück schreitet schnell!" Ja wohl, es schreitet oft so schnell, daß das arme Menschenherz seine Schläge noch gar nicht begreifen kann, wenn sie es schon beinahe vernichtet. Ich muß hier eine Geschichte niederschreiben, von welcher jedes Wort noch heute in meinem Innersten an eine zitternde Saite schlägt und dumpf und traurig wiedcrhallt. Es war am 8. Mai 1850, Mittwochs vor dem Himmel- fahrtsfeste, als wir Beiden, mein Bruder und ich, wie immer uns gegenseitig bei unseren jetzt sehr gehäuften Arbeit unterstützend, zuletzt so ermatteten, daß wir gegen Abend nach einem kühlenden Bade im Nike verlangten. Nahe bei der Stadt liegt eine stille Bucht im Strome, welche nur an ihrem unteren Ende mit demselben vereinigt, zum größten Theile von einer Sandinsel umgeben und vollkommen frei von Krokodilen ist. Zudem ist dort das Wasser auch so ruhig, daß sie einem See gleicht. Dort wollten wir baden. ES gibt wahrhaftig manchmal Augenblicke im Leben, in denen es uns fast scheint, als wolle eine warnende, prophetische Stimme in unserem Innern dem harten Spruche des Schicksals entgegenwirken, als spräche ein guter Genius, den der gütige Gott in unser Herz gelegt. So kam mir heute im Laufe des Nachmittags, ganz ohne Ursache, das Lied in den Sinn: „Morgenroth, Morgenroth, leuchtest mir zum frühen Tod" u. s. w. und die Weise vor mich hinsummcnd, sang ich dann laut, mich zu meinem Bruder wendend: „Prahlst Du gleich mit Deinen Wangen, Die wie Gold und Purpur prange», Ach, die Rosen welken all'!" Doch wir gingen ohne Besorgniß zum Baden. Oskar hatte schon oft in dieser Bucht gebadet, nur war sie weiter oben so seicht, daß das Wasser dort unangenehm warm wurde. Wir suchte» eine tiefere Stelle. Da wurde mein Bruder leichenblaß und sagte: 45 „Ach Gott, ich werde doch nicht ertrinken! Mir ist es zu Muthe, als könnte ich eine innere Angst nicht bezwingen. Ich kann nicht schwimmen." Nun hätte ich freilich davon abstehen sollen, zu baden, ich hätte wenigstens meinem Bruder abrathen müssen; allein was hätte ich nicht Alles thun können oder was würde ich nicht Alles gethan haben, hätte ich den Verlauf von einer Viertelstunde voraussehen können! Ich ging in's Wasser und untersuchte die Tiefe genau. Dann meldete ich meinem Bruder, daß das Ufer keineswegs sehr abschüssig sei, zeigte ihm, wie weit er ohne Gefahr hineingehen könne und schwamm der Mitte der Bucht zu, wo ich mich in dem kühlen Wasser nach Herzenslust erquickte. Mehrere Male schaute ich mich nach meinem Bruder um und sah ihn immer in einer vollkommen ungefährlichen Tiefe im Wasser stehen. Schon war ich auf dem Rückwege begriffen, als ich plötzlich einen taubstummen Knaben, welcher bei uns oft Almosen genossen hatte, einen fürchterlichen Schrei ausstoßen hörte und mit Geberden, welche mich das Aergste fürchten ließen, auf das Wasser deuten sah. Ich sah ein, daß ein Unglück geschehen war; die entsetzliche, schaudervolle Wahrheit wollte und konnte mein Geist nicht fassen. Mit aller Anstrengung schwimmend, erreichte ich gar bald das Ufer; ich sah es leer. Bruder! Oskar! Oskar!— Keine Antwort! Doch wo sollte er denn hingekommen sein, da standen ja sogar seine Schuhe noch. Ich sah auf einmal das Gräßliche vor Augen. Schon hatte der Taubstumme Leute herbeigezogen; ich versuchte, in die Tiefe zu tauchen, meine Glieder waren wie gelähmt, — ich konnte nicht! So oft ich in die Tiefe hinabzutauchen suchte, ebenso oft wurde ich wieder emporgeschleudert; ich mußte das Tauchen den bereits her beigekommcnen Nubicrn überlassen. Da saß ich denn am Strande, wie vernichtet an Seele und Leib, meine Glieder zitterten, vor den Augen schoß eS wirr durch einander; ich war zu Allem unfähig. Ich machte mir die bittersten Vorwürfe, daß ich Den allein gelassen hatte, den ich jetzt nicht einmal retten konnte; sprechen konnte ich nicht. Das ganze Ufer war mit Menschen angefüllt, fünfzehn bis 46 zwanzig Nubier tauchten unermüdlich im Wasser herum; der Doktor, Aali-Arha, mein deutscher Bedienter, unser Hausherr, Alle, Alle waren bemüht, die Leute aufzumuntern. Man hatte im Nu eine Barke herbeigeschafft und tauchte von dieser ab immer und immer von Neuem in's Wasser; endlich — jetzt hatte man den Körper gefunden, hob ihn auf die Barke und trug ihn nach unserem Zimmer. Auch mich trug man mehr dahin, als ich gehen konnte. Wir legten den leblosen Körper auf ein Lager und fingen an, ihn mit wollenen Tüchern zu reiben. Der Doktor öffnete zuerst am rechten Arme eine Ader — kein Blut! Dann wiederholte er seine Operation am linken — es fielen nur wenige Tropfen. Er war unermüdet, ordnete an, half selbst mit, kurz, er hat gethan, was ein Mensch, was der geschickteste Arzt thun konnte; er öffnete zuletzt noch die Luftröhre, um Luft in die Lungen zu blasen- zu spät! Wir beweinten einen Todten, vr. Vierthaler glaubte, daß ihm ein Schlagfluß das Leben geendet habe. Man brachte mich hinweg und versuchte mich zu trösten, man weinte, man handelte nach Schcfer's Worten: „Mit dem Betrübten klagen ist das Beste, Die Schmerzen ab ihm von der Brust zu losen, Und Worte geben seinem stummen Starren; Damit er bald der Leiden Kreis durchwandle." Und wirklich ich konnte weinen! Ich drängte die Thränen nicht zurück, die mir aus den Augen perlten; ich versuchte, mich zu fassen, ich vermochte es nicht! Ich versuchte, mich zu überreden, wie der Mohammedaner an ein unerbittliches Fatum zu glauben, ich konnte es nicht! Kein Schlaf kam die Nacht hindurch in meine Augen, sie war die traurigste, die längste meines Lebens. Wenn ich die Lichter schimmern sah, die man bei dem theuren Todten angezündet hatte, um die letzte Wache bei ihm zu halten, da war es mir, als solle durch sie jedes Fünkchen von Hoffnung, das sich in meinem Innern zeigen wollte, verdunkelt werden. Und wenn dann Aali-Arha, der treue Türke, zu mir hcrciiitrat, um nach mir zu sehen und ich auch bei ihm einzelne dicke Thränen in den grauen Bart hinabrvllcn sah, dann machten auch meine Gefühle sich von Neuem Luft und ich weinte wieder bitterlich! 47 Unser gütiger Hausherr und der wackere Adjutant des Gouverneurs, Chalihl-Effendi, besorgten am folgenden Tage das Nöthige zum Begräbnisse. Man fertigte aus zweien unserer Reise- kisten einen rohen Sarg und legte gegen Mittag die Leiche da hinein. Der Doktor hatte sie waschen und in ein weißes Gewand kleiden lassen. Schirim-Bei sandte nicht nur zwei arabische Schreiner, welche den Sarg anfertigen mußten, sondern auch seine beiden Adjutanten, um Alles anzuordnen, was zu einem feierlichen Begräbnisse nöthig wäre. Später erschien auch noch ein Kommando Soldaten, um dem Leichenzuge das Ehrengclcite zu geben. Nachmittags bedeckten wir den geschlossenen Sarg mit der österreichischen Flagge, unter deren Schutze wir bisher so sicher gereist waren, und legten darauf von einer Palme, unter welcher wir oft zusammen gesessen hatten, zwei Zweige. Dann verließen wir die Stadt unter Vorantritt der Soldaten, in Begleitung der Adjutanten des Diwahn und wandten uns dem koptischen Fricdhofe zu. Dem Sarge folgten wir, Aali-Arha, unser Gastfreund Morpurgo, der Kaufmann Hanna Sabuaä, die Diener des Hauses und mehrere koptische Christen. Wir zogen nach Westen in die Wüste hinaus und langten nach einer Viertelstunde aus dem Kirchhofe an, wo noch an dem Grabe gearbeitet wurde, weil dieses in den Felsen gehauen ward. Auch dieses hatte der Gouverneur angeordnet; ja er hatte mehrere Hundert gebrannte kleine Ziegelsteine von dem für den Bau einer Moschee bestimmten Materialc wegnehmen und auf den Kirchhof bringen lassen, um das Grab eines Christen zuzuwölben! Dieses wurde bald vollendet. Die koptischen Geistlichen weihten den Todten und sprachen ihre Gebete. Wir thaten dies mit Worten und Gedanken; die Türken beteten mit uns. Es that mir wohl, unaussprechlich wohl, zu sehen, daß sich fünf Rcligionsparteien vereinigt hatten, um einem Todten die letzte Ehre zu erweisen, um in vier verschiedenen Sprachen an seinem Grabe zu beten. Und Du, Leser, der Du den Türken, den Ma- hammcdancr als fanatisch verdammst, lerne ihn besser beurtheilen! Frage Dich, ob Du am Grabe eines Griechen, oder Kopten, oder 48 Mohammedaners, oder Juden wohl auch gebetet hättest, wie Diese es thaten!? Dann senkten wir den Sarg in seine Gruft und warfen nach vaterländischem Gebrauche noch eine Handvoll Erde auf die Gebeine des edlen Mannes, den wir beweinten. Zu Dreien waren wir in die Wüste hinausgezogen, zu Zweien kehrten wir zurück. Da richtete wohl Jeder still die Frage an das Schicksal: „Wer wird der Erste sein, der diesen Weg antreten wird? Du armer Richard Vierthaler, Du eifriger Mann der Wissenschaft, wie bald hast Du diese Frage beantwortet! Auch jener Levantiner Hanna Subuaä liegt schon im Sande der Wüste. Und von den Bekannten und Freunden, die mit mir nach dem Sudahn gingen oder die ich dort antraf, wie viele wurden während der kurzen fünf Jahre, die zwischen heute und jenem Tage liegen, schon zu ihrer ewigen Ruhe gebracht! — In der Wüste, westlich von Dongola, tausend Schritte von der Stadt entfernt, deckt ein einfacher Grabhügel die Asche meines armen Bruders Oskar. Er war ein edler, rechtlicher Mann, kennt- nißreich und bescheiden, eifrig und uncrmüdet, in jeder Hinsicht tüchtig und in jeder Hinsicht anspruchslos. Der Tod ereilte ihn zu früh, denn schon in seinem achtundzwanzigstcn Jahre haben wir ihn begraben. Mir starb in ihm der beste Freund, der treueste Gehülfe, der aufopferndste Gefährte. Sein Tod war der schwerste Schicksalsschlag, der mich je betroffen hat. — Am Abend des 10. Mai besuchte mich der Gouverneur Schi- rim-Bc'r, um mir sein Beileid auszudrücken. Er spendete mir Trostcswortc in orientalischer Weise. „Erhebe Dein Haupt, Chalihl-Efscndi, und murre nicht über die Schickung des allbarmhcrzigcn und hochheiligen Gottes. Du weißt ja wohl, daß der Tod uns Alle ereilt, früher oder später, wenn Allah unö die Pforten seines Paradieses öffnen will. Lass' Dir den Kummer nicht Dein Herz bemcistern, denn wir alle sind hier in der Fremde und nicht daheim in unserem Hcimaths- lande; wir müssen geduldig ausharren, bis Allah uns zurückführt. Denke an Deine Lieben im Vaterlande, es ist besser, damit Du 49 nicht auch von der Macht des Schmerzes, des Kummers und des Grames zu Boden gedrückt wirst." Das sind Worte eines strenggläubigen Mahammedaners, er sprach sie zu einem ihm säst fremden Christen, um diesen zu trösten! Und dann greife ich zu meinem Laienbrevier, um darin Trost zu suchen und zu finden. O, Leopold Schefer, das hast Du wohl nicht geahnt, daß selbst im fernen Afrika Deine Worte einem tiefbetrübtcn Herzen Balsam sein würden! Und welcher Trost lag nicht in diesen schönen Worten: „Denn unermeßlich ist dem Menschen Nichts, Dem Sterblichen unsterblich Nichts gemessen, Der Freud' ein Maaß und auch dem Leid ein Ziel, Und wollt' er ewig weinen — ihm »erstechen Zuletzt die Thränen, wollt' er immer wachen Und seinen Schmerz betrachten — löst' ihm endlich Der treue Schlaf die Glieder auf, verwischet In holde» Träumen seinen Schmerz und flüstert Allmählig Hoffnungsroth und Lebenslust ihm In so bescheidnen Morgenröthen ein. Die anspruchslos und schön und treu ihm täglich Antreten und ihn leise fragen, ob Er lebend, nicht zum Leben kehren wolle? Denn die da leben, sollen rüstig wirken, Und wenn wir todt sind, dann erst laßt uns ruh'»!" — Noch ist mir die ganze Begebenheit nur wie ein schwerer, schwerer Traum. Mir ist, als solle mein Bruder, von einer Jagdpartie zurückkehrend, zur Thüre hercintreten. Sein Tod hat einen zu tiefen und zu schmerzlichen Eindruck auf mich gemacht, als daß ich noch länger in Afrika bleiben könnte. Ich will nach Deutschland zurückkehren, wenn der Baron angelangt sein wird. Jetzt verlangt man ja noch Alles von mir, so schwer mir auch Alles werden wird. Man kann darnach nicht fragen. Am 13. Mai. Der vr. Vierthaler und ich machten heute noch einen Besuch ain Grabe unseres theuren Todten. ES war gegen Abend. Die Sonne sandte uns ihre letzten Strahlen in's Gesicht; die Wüste war still und ruhig, kein Laut war hörbar und das Herz konnte so ganz den Gedanken nachhängen, die sein Jn- m. 4 50 nerstcS durchtobtm. Ueber Den, welcher vor wenig Tagen noch in der Kraft der Jugend unter uns wandelte, wölbte sich heute der Hügel des Grabes! Wir waren Beide sehr traurig, ein Jeder war in seine eigenen Betrachtungen versunken. Still kehrten wir zur Stadt zurück; wir wollten deS anderen Tages weiter ziehen *). Am 1ä. Mai verließen wir Dongola mit dem herzlichsten Danke gegen Alle, welche uns in einer so schweren Zeit so thätige und freundliche Hülfe geleistet hatten. Tiefe Seufzer stahlen sich aus der Brust hervor, als wir vom Landungsplätze der Stadt, welche uns so viel entrissen hatte, abstießen, und von , den freudigen Gefühlen, welche man gewöhnlich bei einer Abreise nach uns unbekannten, anziehenden Ländern empfindet, verspürten wir heute keine Regung. Wir legten schon am oberen Ende der Insel, welche vor Neu-Dongola im Strome liegt, wieder an und blieben dort über Nacht. — Mit gutem und schlechtem Winde fuhren wir dann weiter. Nach ncuntägiger Fahrt kamen wir in Ambukohl an. Unterwegs bot sich oft gute Gelegenheit zur Jagd, doch wurde diese bloß in der letzten Zeit von mir benutzt. Ich nahm das Gewehr nur in die Hand, um mich zu zerstreuen, und fand, daß mir Bewegung und Arbeit Bedürfniß geworden waren. Mein Jagdgeräth wurde mir theuer und werth. Am 2 3. Mai bekamen wir einen heftigen Sturm, der später nachließ und einer Schwüle, welche sich bald in ein Gewitter verwandelte, Raum gab. Es blitzte und donnerte um uns herum, doch hatten wir noch immer das Gewitter nicht in der Nähe. Plötzlich aber erfaßte uns ein heftiger Wirbelwind und warf uns mit Macht auf eine Sandbank, so daß die Wellen über Bord schlugen. *) Ich habe die traurige Begebenheit ganz aus dem Tagebuche abgeschrieben und Gedanken und Empfindungen mit aufgezeichnet, welche, wie ich wohl weiß, nicht in eine Rcisebeschreibung gehören. Man möge mir es hier verzeihen! 51 Er trieb dcn Sand von dem mehr als dreihundert Schritte entfernten Ufer bis auf unsere Barke. Dann folgte ein starker Regen, dessen großen Tropfen Mensch und Thier zu entgehen suchten. Am 24. Mai. Mit dem frühesten Morgen gingen wir zu unserem alten Bekannten, dem Kahschef Jussuf-Effendi, und erfuhren von ihm, daß sich in der jetzigen Jahreszeit in der Wü- stensteppe noch Wasser vorfinde und daß wir in einigen Tagen Kamele bekommen würden. Auf Befehl des Kahschef wurde uns neben seinem Wohnhause eine Hütte eingeräumt, in welcher wir wohnen und unsere Effekten aufbewahren konnten. Wegen seiner Freundlichkeit lud ich den Kahschef ein, zu mir zu kommen und ein Glas Wein zu trinken. Er aber zeigte ruhig auf seinen vollen Bart und sagte gelassen: „Die Zeiten haben sich geändert, ich will meinen Bart nicht mehr durch die Thorheiten meiner Jugend beschimpfen, denn ich werde alt." Die Hitze hatte in letzter Zeit außerordentlich zugenommen. Das Thermometer zeigte im Schatten durchschnittlich fünfunddreißig Grade nach Rcaumur, wobei jedoch bemerkt werden muß, daß der heiße Chamafihn, welcher fast tagtäglich wehcte, sogar in dcn Häusern eine weit höhere Muth hervorrief, als die Sonne selbst. Wir blieben bis zum 2 9. M ai in Ambukohl und beschäftigten uns viel mit der Jagd. Ein uubischer Jäger, Fathl- Allah Wolcd cl Nahsir, welcher, wie er behauptete, schon unseren Landslcutcn, dem berühmten Naturforscher Rüppell und dessen Begleiter Hay, Dienste geleistet hatte, brachte uns einen jungen Wüstcnluchs von stroh- oder rehgclbcr Farbe (I^nx 6s- i-aosl). Er versprach auch Mehr zu liefern, weil er, wie er versicherte, die Wüstensteppc ganz genau kenne und beständig durchstreife. Zur Zeit des Nachmittaggcbctcs, am 29. Mai, gelang es unseren vereinten Bemühungen, die Karawane in Gang zu bringen. Wir verließen Ambukohl in süd-südöstlicher Richtung und zogen der Wüstensteppc zu, welche wir sehr bald erreichten. Noch zeigte sich überall eine für jene Gegend sehr lebhafte Vegetation. Die Gebüsche der Asklcpias hatten sich in der Nähe des Dorfes zu 4* 52 Wäldchen vereinigt und machten jetzl Mimosengesträuchcn Platz, Ich ritt mit dem Doktor der Karawane voran, so schnell unser Chabihr uns begleiten konnte. Doch erlegten wir dabei noch immer einige Wüstenvögel und freuten uns über die herrlichen Pa- pagcitäubchen (Oona ooponsis), Flughühner und Wüsten- lerchen, welche sich noch ziemlich häufig vorfanden. Mit Sonnenuntergang kamen wir zu einigen Nomadenzeltcn. Eine schöne Stute der vortrefflichen Dongolawiraye stand, an dem linken Hinterfüße gefesselt, vor dem Eingänge deS Hauptzeltes, mehrere Hunde, kordofahnesische Windspiele, fielen uns mit wüthendem Gebell an. Ganz in der Nähe der Zelte hatte sich der egyptische Aasgeier auf einige Mimosen zur Nachtruhe niedergelassen und theilte diese friedlich mit mehreren Hühnern der Nomaden, hier in der Wüste seltenen Hausthieren. Der Chabihr bat uns, die Karawane zu erwarten, welche uns nach Verlauf einer Stunde nachkam. Dann ging es weiter. Es war Nacht geworden; die Kameltreiber gingen singend hinter ihren Thieren her, Aali-Arha sang die Lieder seiner Hcimath. Die schönen, ausdrucksvollen Worte der kräftigen und doch melodischen Sprache hallten weithin durch die stille, herrliche Nacht der Wüste. Wir lagerten bald. Am 3 0. Mai. Obgleich wir die Kühle des Morgens benutzen und bei Mondschein hatten weiter reiten wollen, kamen wir doch erst eine Stunde vor Tagesanbruch zum Aufbruch. Wir ritten im scharfen Trabe der Karawane voran und rasteten erst nach einigen Stunden, um unS selbst den Kasse zu bereiten. Mein Kamel fand es bei dieser Gelegenheit für angemessen, durchzugehen und an einigen Mimosen zu weiden, obgleich diese über eine Vier- telmcile von uns entfernt waren. Mit großer Anstrengung gelang es uns, das selbstständig handelnde Thier nach einer Jagd von mehr als einer Stunde wieder cinzufangcn. Dann ritten wir weiter und gelangten nach kurzem Ritte in einen Chohr, welcher dicht mit Mimosen bewachsen und reich an Geflügel war. Unsere Richtung ging heute südöstlich, einem kahlen, dunklen Berge zu, welchen der Führer Schinkaui nannte. Er erwartete, dorr von dem 53 am 23. Mai gefallenen Regen her noch Wasser zu finden, mir welchem wir unsere Vorrathe sogleich wieder zu ergänzen beschlossen, um bei der jetzt herrschenden furchtbaren Hitze nicht dem Alles vernichtenden Wassermangel Preis gegeben zu sein. Um zehn Uhr Bormittags lagerten wir uns im Schatten eines äußerst dornigen Baumes oder Strauches, dessen Namen ich nicht kenne, um die Karawane zu erwarten. Lange Zeit warteten wir vergebens. Wir hatten weder Mund- vorräthe noch Trinkwasser mitgenommen und verspürten einen bedeutenden Hunger. Zuerst versuchten wir diesen mit den rothen Beeren des Strauches zu stillen, unter dem wir uns gelagert hatten, allein der Magen verlangte nach etwas Kräftigerem. Der Doktor ging deshalb auf die Jagd, um wenigstens einige von den vielen wilden Lachtauben zu erlegen, welche häufig in den Gebüschen herumflogen, während ich nach Wasser suchte, weil wir vermutheten, daß sich von dem Regen her davon noch finden würde. Nach halbstündigem Suchen entdeckte ich wirklich eine Lache mit diesem köstlichen Naß und füllte frohlockend unsere Simsemiaht. Der Doktor hatte mehrere Tauben geschossen, welche gerupft, in unserem Kaffegcschirr gekocht und mit Schießpulvcr gewürzt wurden. Das Wasser fand sich in einer Lehmpfütze und schmeckte, obgleich es ganz von erdigen Theilen geschwängert war, doch ungleich besser als unser Schlauchwasscr, denn dieses hatte bei der herrschenden Hitze schon heute ganz den unausstehlichen Geschmack und Geruch angenommen, welche die mit Thran getränkten Schläuche ihm sehr bald mittheilen. Mittlerweile schickten wir den Chabihr auf Entdeckungsreisen nach unserer Karawane aus. Er kam nicht zurück; an seiner Statt aber bemerkten wir gegen vier Uhr Nachmittags einen Nomaden zu Kamele, welcher nach einem verlaufenen Kamele suchte und uns die Nachricht brachte, daß sich die Karawane in einer Entfernung von zwei Meilen in der Nähe einer Lache gelagert habe, um uns zu erwarten. Er ermähnte uns, immer in dem Chohr fortzureiten und beschrieb uns den Lagerplatz unserer Leute genau. Auch der Chabihr kehrte nun bald zurück; wir stiegen zu Kamele und 54 erreichten nach einem scharfen Ritte von zwei Stunden unsere Karawane, deren Feuer uns schon von Weitem geleitet hatten. Der Chohr, in welchem wir uns befanden, war derselbe, in welchem der Bihr el Bahiuda (s. Th. 1 S. 123) liegt, nur führen die Krümmungen seines laugen Bogenlaufcö verschiedene Namen. Er ist vier bis sechs Tagereisen oder zwanzig bis dreißig Meilen lang, überall mit Bäumen oder Gebüschen bestanden, reich belebt (wenigstens nach Wüstenmaaßstabe) und von vielen Noma- denfamilicn, deren Ziegenhccrdcn die Blätter der Mimosen abweiden, bewohnt. Nach Versicherung unseres Chabihr soll er sich bis zur Hochebene Kord ofahn hinaufziehen und während der Regenzeit bisweilen fließendes Wasser enthalten, welches jedoch nie den Nil erreicht, sondern zuletzt im Sande der Steppe verschwindet. Die Kamele der in der Nähe des Chohr wohnenden Nomaden, welche mit ihren langen Hälsen weit an den Bäumen hinaufreichen und die hohen Zweige abfressen, laufen im Charles frei in der Steppe herum und suchen sich selbst ihr Trinkwasser auf. Außer ihnen besitzen die Nomaden auch noch kleine Ziegenhecrden, welche sie während der trockenen Jahreszeit aus mehreren Brunnen, die im Bette des Chor gegraben sind, tränken. Ihre Hauptnahrung sind während dieser Zeit ebenfalls die Mimosenblätter. Sie klettern geschickt in den Büschen herum und besteigen mit Leichtigkeit höher stehende Aeste der Bäume. Während des Charief werden sie in die Steppe getrieben, wo sich dann Gras in Menge befindet. Doch ist die Gegend noch immer viel zu wasserarm, als daß die Nomaden zahlreiche Heerdcn halten könnten, und sie leben deshalb in großer Dürftigkeit. Am 31. Mai. Die Karawane bricht heute sogleich nach Aufgang des Mondes auf; wir folgen erst mit Tagesanbruch und reiten, nachdem wir das Wadi verlassen haben, in südöstlicher Richtung weiter und zwischen dem großen und kleinen Djebcl cl Sin- kaui, zwei isolirt stehenden Kegelbcrgen, hindurch. Vor uns liegen in gleichmäßiger Entfernung von einander drei andere, deren südöstlichstem, Namens Seni, wir uns zuwenden. Auf einer Grasebene, über welche unser Weg führt, laufen vier wohlgenährte 55 Kamele ohne Hirten herum und kommen bei unserem Erscheinen neugierig herbei, um unsere Reitthiere zu begrüßen. Um neun Uhr Vormittags erreichen wir die Karawane und ziehen mit dieser dem wieder vor unS liegenden Chohr zu, welcher hier den Namen Wadi Abu-Rhue'r führt. In der Ferne werden wieder drei Bergspitzen sichtbar, von denen die eine den Djcbahl Abu-Samut, die andere den Djebahl cl Bahiuda angehören. Die Hitze ist so groß, daß wir schon gegen zehn Uhr rasten müssen, wozu wir uns in der Nähe dcö Djebel Tomaht schattige Mimosen im Wadi aussuchen. Erst Nachmittags um vier Uhr erlauben uns die sengenden Strahlen der Sonne die Weiterreise. Mein Kamel erregt durch seine grenzenlose Störrigkcit meinen gerechten Zorn, wirft mich aber, in den tollsten Sprüngen durchgehend, mit Sattel und Zeug ab, nachdem ich es die Peitsche hatte fühlen lassen. Unsere Richtung ist heute nach Süden. Wir verfolgen das Wadi und werden durch mehrere Antilopen zur Jagd aufgemuntert. Allein die Thiere waren viel zu scheu, als daß wir nur einen Schuß hätten thun können. Ihre leichten, zierlichen Sprünge und ihre fabelhafte Schnelligkeit gewähren uns Ersatz für die Hoffnung einer angenehmen Jagdbeute. Sie gehören der Art H,ntllops arsdioa an, welche die Araber Acriöll nennen. Wenn sie auch nicht so zierlich gebaut und deshalb nicht so oft und lebhaft von den Arabern besungen wurden, als die Gazellen, sind sie doch immer eine Erscheinung, welche man gern sieht. Links von unserem Wege liegt der Djebel Barkataui, weiter nach Vorn der Djebel Barkohl, rechts, in der Sandcbcne, der Berg Serchf*'). Zum Msche lagert man sich. Wir betten uns in den weichen Sand und schlafen nach des Tages Last und Hitze bald ein; ja, *) Ich führe die Namen dieser Gebirge hier mit an, um zu zeigen, wie wichtig sie für eine Wüstenreise sind. Sie bilden die Richtpunkte des Chabihr und dienen überhaupt dazu, gewisse Stellen der einförmigen Steppe zu bezeichnen. Aus diesem Grunde haben sie auch ihre besonderen Namen, welche fast allen Nomaden wohl bekannt sind. 56 unsere Ermüdung ist so groß, daß wir weder zum Essen, noch zu einem Tschibuhk Lust und Appetit haben. Am anderen Morgen Präsentiren sich die ausgeprägten Formen des Gebirges der Bahiuda. Der Chabihr hat wiederum die alte Richtung eingeschlagen; wir ziehen süd - südöstlich und erreichen Vormittags zehn Uhr den Rcgcnstrom wieder, welcher hier den Namen Chohr el Samurh führt. Unser Weg schneidet immer die großen Bogen desselben ab. Außer mehreren Gazellen sehen wir heute auch noch einige Hasen, kleinere, als die unseligen, aber mit weit größeren Ohren. Der Wüstenrabe und der egyptische schmutzige Aasgeier folgen unserer Karawane oder zeigen sich auf den Lagerplätzen, sobald wir diese verlassen haben. In den Gebüschen sehen wir auch wieder eine Familie der merkwürdigen, wü- stenfarbigen Stufen schwänze (Spllaenura ^oaoiav), welche, dicht auf der Erde hinfliegend, von Busch zu Busch eilen oder, wie Mäuse, schnell durch die dichtesten Dornenhecken schlüpfen. Schon in Ambukohl hatte sich eine Araberin von den am Bihr cl Bahiuda wohnenden Nomaden unserer Karawane angeschlossen. Sie hatte ihren kleinen, kaum einjährigen Sohn bei sich und ging zu Fuß neben den Kamelen her. Manchmal trug sie das Kind eine Strecke, manchmal reichte sie es einem von meinen Leuten auf das Kamel. Nie hörte ich dasselbe weinen oder schreien; es ertrug die furchtbare Sonnenhitze oder die schaukelnde Bewegung auf dem Kamele mit dem größten Gleichmache. Was würde eins unserer Kinder an seiner Stelle gethan haben? Hier sind die kleinen Kinder viel verständiger, viel weiter fortgeschritten, als bei uns, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil man ihnen hier weit weniger Hülfe leistet. Die Araberin legt ihr Kind nackt neben sich auf eine gegerbte Ziegcnhaut und verrichtet ruhig ihre Arbeit; sie hat keine Zeit, sich viel mit ihm zu beschäftigen. Das Kind fühlt, daß es sich selbst überlassen ist und lernt seine Geistes- und Körperkräfte bald in Anwendung bringen. Im Alter von einem halben Jahre kriecht der kleine Erdenbürger schon sclbstständig im Sande herum und fängt mit seinen Geschwistern an zu spielen. Bei den Wanderungen der Nomaden wird das Kind unter allen 57 Umständen mitgeschleppt und so kommt eS, daß dasselbe auch bald eine größere Reise ertragen lernt. Beim Aufbruche aus unserem Nastorte hatte ich noch den Verdruß, mein Thermometer zerbrochen zu finden. Der Verlust war um so empfindlicher, weil er gar nicht wieder ersetzt werden konnte. Unsere Richtung war wieder Südost. Wir ritten über eine harte, sandige Fläche, welche mit kleinen schwarzen und runden, hohlen, eisenhaltigen Steinen in der Größe von Flinten- bis zu dreipfündigen Kanonenkugeln bedeckt war, und erreichten nach drei Stunden den Bihr el Bahiuda. Dort lagerten wir uns unter derselben Mimose, welche mir schon vor zwei Jahren ein schattiges Obdach geboten hatte. Die Karawane kam nach Einbruch der Nacht am Lagerplatze an. Am Brunnen standen zwei Araberinnen und schöpften Wasser. Die Eine von ihnen war ein bildschönes Weib und bewillkommte mich freundlich, „ülardabadlmli sasollra!" — Du sollst mir zehnmal willkommen sein! — riefen sie mir Beide zu, als ich mich dem Brunnen näherte. Ich bat um Wasser, und wie einst Re- becka am Brunnen, so auch heute hier, schöpfte mir die Jüngere in einer Kürbisschale frisches, gutes Wasser und sagte: „Trinke, Herr, dann werden auch Deine Kamele getränkt werden." Sie war, wie ich später erfuhr, eine Tochter der Frau, welche mit uns gekommen war. Jetzt hatten die Frauen ihre Gefäße gefüllt und warfen den ledigen Strick noch einmal in den Brunnen hinab, aus welchem das Wasser bei der herrschenden Dürre aus einer Tiefe von neun Klaftern herausgehoben werden mußte. Sie zogen und brachten ein kleines Mädchen von höchstens acht Jahren heraus, welches das Wasser unten in einer Art von Stollen geschöpft hatte. Das Kind hatte sich den Strick um die Hände geschlungen und kletterte mit den Füßen an den Seitcnwänden des Brunnenschachtes empor. Es hatte ein wunderschönes, offenes Gesicht von hellbrauner Hautfarbe und war zutraulich und liebenswürdig. Das feine Haar hing ihm, in Hunderte von kleinen Zöpfchcn geflochten, frei um den Nacken. Eben wollte es mit seiner älteren Schwester, der vorhin 58 erwähnten schönen, jungen Frau, den weiter oben aufgeschlagenen Zelten zuwandern, als die Karawane und mit ihr die Mutter ankam. Mit lautem Frcudcnrufe eilten Beide dieser entgegen und be- willkommtcn sie und den kleinen Bruder mit vielen herzlichen Küssen. Unser Chabihr war ein Verwandter der Familie und trat jetzt auch hinzu, um die beiden Mädchen zu begrüßen. Gewiß würde er auch gern einen Kuß von den frischen Purpurlippen der hübschen jungen Frau angenommen haben, wenn ihm das die Sitte verstattet hätte. So mußte er sich mit einem Händcdruck begnügen. Es fiel mir auf, daß Beide, während sie sich die rechte Hand reichten, die linke Hand auf die rechte Hüfte des Anderen legten. Ob dies noch ein Ueberblcibscl der in der Bibel (1. B. MostS Cap. 24 Vers 2) erwähnten Sitte ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich bat um Milch und erhielt bald einen vollen Schlauch mit frischer, guter Ziegenmilch, welche ich mit Geld bezahlte. Als Bakhschicsch gab ich dem kleinen Mädchen noch eine Schnur Glasperlen und bereitete ihr damit eine große Freude. Am 2. Juni. Die wenigen Glasperlen, welche ich gestern verschenkt hatte, zogen heute mehrere Arabcrinnen mit ihren Töchtern in unser Lager. Man brachte Milch, Holzkruge, Gazcllcnle- dcr und andere Sachen herbei, um dafür Glasperlen einzutauschen. Gern gewährte ich ihnen ihre Bitten. Die Arabcrinncn hier am Brunnen haben sehr schöne, feine, lange Haare und flechten und salben sie auf andere Art, als dies die Frauen der Barabra zu thun pflegen. Ich wünschte ein Paar der fetttriefenden Locken zu besitzen, allein da stieß ich auf Schwierigkeiten, welche ich gar nicht vermuthet hatte. Die Frauen einiger Nomadenstänune achten ihr Haar so hoch, daß schon seit alten Zeiten ein sonderbarer Gebrauch herrscht, um dasselbe zu schützen. Man legt nämlich bei Verhcirathungcn dem Ehemanne die Verbindlichkeit auf, den Verwandten seiner Gattin für jedes Haar, welches er ihr gewaltsam ausrcißt, eine Kamelstute als Sühneopfcr zu geben. Erst nach vielen Bitten und Geschenken ertheilte mir jene junge Frau die Erlaubniß, eine ihrer Locken abtrennen zu dürfen. 69 Am Bihr el Bahiuda wohnen Hauawihr. Sie hausm in den aus Ziegenhaaren gewebten Zelten, welche so dicht sind, daß der Regen nicht durchdringen kann. Es sind große, wohlgcbildcte Leute, welche sich nur von Jagd und Viehzucht nähren. Glücklicher Weise übt man hier die üble Gewohnheit der Egypter, die Mädchen schon in ihrem sechsten oder siebenten Jahre zu vcrhcira- then, nicht aus, sondern läßt diese erst mannbar werden. Solche in jeder Hinsicht wohlausgebildcte Frauen sind dann auch gewiß eher im Stande, gesunde und kräftige Kinder zu gebären, als es bei den Egypterinnen der Fall sein kann, welche im zwölften Jahre oft schon schwanger sind. Die Kinder der Nomaden verheirathen sich mit ihrem vierzehnten Jahre, um welche Zeit sie erwachsen sind. Ich sah hier die schöne Braut eines unserer Kameltreiber, welche dieses Alter wohl kaum erreicht hatte und doch in ihrer Ausbildung einer achtzehnjährigen Nordländerin glich. Die eheliche Treue der Frauen der hiesigen Nomaden ist bekannt und wird selbst von den Arabern nach Verdienst und Würdigkeit belobt. Die Knaben beschäftigen sich von Jugend auf mit dem Hüten des Viehes, nebenbei aber auch mit dem Fang oder der Jagd des Wildes. Zum Fangen der Gazellen hat man eine eigene Falle erfunden. Sie besteht aus drei Theilen und ist sehr sinnreich. Der erste Theil bildet einen runden Ring, in welchem zugespitzte Stäbchen dicht an einander liegen und nach dem Mittelpunkte des Ringes zulaufen. Dieser steht tiefer, als der Ring. Der zweite Theil ist ein handhoher Reif von Baumrinde. Er wird in einer Vertiefung im Sande auf den Wechsel der Gazelle gelegt und mit dem beschriebenen Teller bedeckt. Hierauf wird der dritte Theil der Falle, eine an einem starken Knüttel befestigte Haarschlinge, um den Rand des Tellers gelegt. Tritt nun die Gazelle auf den mit Sand leicht bedeckten Teller, so rutscht der Huf auf der glatten Fläche der Stäbchen dem vertieften Mittelpunkte zu und kommt in die Grube. Sie fühlt jetzt ihren Fuß mit einem stachelnden Kranze umgeben und ist bemüht, diesen durch kräftiges Hin- und Hcrschleudern zu entfernen. Allein gerade durch die heftige Bewegung zieht sich die Schlinge fest zusammen und behält, selbst wenn sie sich des Tellers 00 entledigt, dennoch die Schlinge mit dem Knüttel am Fuße. Nun ist es dem Nomaden leicht, die Spur des Thieres aufzufinden und eS mit seinen windschnellcn, trefflich abgerichteten Jagdhunden zu fangen. Wollte man die Schlinge an einem schweren Gegenstände befestigen, so würde sie die Gazelle gewiß zerreißen und entfliehen. Erst am 3. Juni verließen wir nach dem Aassr den Bihr. Die Kameltreiber hatten einen ganzen Tag damit zugebracht, unsere Schläuche zu füllen. Man mußte oft Stunden lang warten, ehe sich in der Tiefe des Brunnens so viel Wasser gesammelt hatte, daß es geschöpft werden konnte. Gestern waren die durstigen Kamele getränkt worden. Die Richtung des Weges ist voin Brunnen aus erst südlich, dann südöstlich. Ich wollte die ganze Nacht hindurch reiten und unsere schon vor einigen Stunden vorausgegangene Karawane überflügeln, allein der Doktor erklärte, nicht weiter mitreiten zu wollen, weil er fürchtete, auf dein holperigen Wege vom Kamele zu stürzen. Natürlich hatte auch unsere Karawane es für gut befunden, sich zu lagern, aber nur, weil ich selbst nicht dabei war und zur Eile antrieb. Wir fanden sie, nachdem wir am anderen Morgen mit Aufgang des Mondes weiter gegangen waren, noch schlafend. Nachdem ich die trägen Schläfer ermuntert hatte, belud man die Kamele und zog langsam weiter und zwar genau in der gewöhnlichen süd-südöstlichen Richtung. Gazellen und andere Antilopen erschienen häufiger, ohne jedoch zum Schuß auszuhalten. Die Straußcnfährten kreuzten sich in allen Richtungen; man sah deutlich, ob der Vogel langsam oder schnell gelaufen war. Im ersteren Falle waren seine Schritte nur fünf, im letzteren aber acht bis neun Fuß lang. Schon um neun Uhr wurde die Hitze so unerträglich, daß gerastet werden mußte. Man hätte überhaupt in jetziger Jahreszeit viel mehr bei Nacht reisen müssen, als ich dies bei der mir überall hinderlichen Trägheit der Kameltreiber ermöglichen konnte. Wir lagerten uns im Schatten einiger Büsche und fanden zu unserer Verwunderung zwei der erwähnten Stufen schwänze ohne mir erklärliche Ursache todt aus der Erde liegen. 61 Die Karawane sollte erst nach dem Aassr aufbrechen, um den „Gohs" zu passircn, von dem ich mir keine rechte Vorstellung machen konnte. Es wurde mir erzählt, daß er sich von Kordofahn bis Berber el Mucheiref erstrecken sollte und daß die Kamele tief in den Sand versänken. Man schien dieser Wegstrecke mit einer gewissen Aengstlichkeit entgegenzugehen. Vor Sonnenuntergang zog man weiter. Wir ritten, nachdem es dunkel geworden war, neben der Karawane dahin. Singend gingen die Treiber hinter ihren Thieren her; Einer sang vor, die Anderen fielen nach jeder Strophe mit dem Refrain ein: „8vlwlllilii ei rs88ull1 seluigns!" — Der Prophet ist meine Sehnsucht, meine Bruder! — Wenn man die Mühseligkeiten einer Wüsten- rcisc kennt und wenn man bedenkt, daß der Treiber, welcher am frühen Morgen sein Kamel belud, den ganzen Tag in der glühenden Hitze hinter seinem Thiere zu Fuße hergehen muß, ohne einen Bissen zu genießen und nur des Abends oder in der heißen Jahreszeit des Mittags einige Nahrung zu sich nimmt, mit welcher in unserem Vaterlands die Schweine gefüttert werden würden, dann wundert man sich freilich, daß ein solcher Mensch noch fröhlich sein und singen kann. Unseren Kameltreibern waren die durch Sandalen nothdürftig geschützten Füße verbrannt (denn unsere Hunde konnten nicht auf dem glühenden Sande laufen, weil sie sich die Sohlen versengten, und mußten auf das Kamel genommen werden), der Schweiß rieselte ihnen während des Marsches in Strömen von dem über und über mit Staub bedeckten Körper, bloß zuweilen netzten sie die Zunge mit einigen Tropfen warmen, stinkenden Schlauchwassers. Das war ihre einzige Nahrung während der ganzen Reise; es war dieselbe, welche den Kamelen, eingekocht, gereicht wurde, und nie nahmen sie mehr als zwei Mahlzeiten zu sich. Gewöhnlich aßen sie zu Mittag einmal und dann bis zum anderen Mittag Nichts wieder. Es ist ganz wahr, daß man in der fürchterlichen Hitze fast gar keinen Hunger, sondern nur Durst, Durst, Durst! verspürt; allein wie man die im höchsten Grade anstrengenden Fußreisen dieser Leute und ihre Enthaltsamkeit zusammenreimen soll, ohne dieses Hungerleiden und jene 62 unmenschliche Beschwerde zu nennen, das weiß ich nicht. Und dennoch sind sie heiter und fröhlich! Wenn die Sonne sich zum Untergänge neigt, dann scheinen sich ihre Glieder neu zu erfrischen, ihr Muth und ihre Ausdauer neu zu stählen. Und wenn die kühle Nacht dann hereinbricht und in ihrer unendlichen, unbeschreiblichen Schönheit alles Lebende bc- zaubcrt, dann zieht eine Fröhlichkeit in das Herz der Leute ein, welche sich nothwendig in Gesängen Luft machen muß. Dann ist die Phantasie rege und geschäftig, dem ausgedörrten Pilger der Wüste erfrischende Gebilde vorzuzaubern: sie malt ihm kühlende, mit Palmen umstandene und von duftigen Mimosen beschattete Brunnen und Zelte mit freundlichen Nomaden befreundeter Stämme oder gar verwandter und wohlbekannter Leute vor. Denn siehe da, kennt nicht unser Wüstensohn jenes hübsche, braune Mägdlein, welches dort, den Vorhang eines Zeltes lüftend, hervorlugt und, wie es den Fremdling erschaut, freudig heraus- und ihm entgegeneilt, ihm den Gruß des Friedens spendet und ihn zu der luftigen Wohnung seiner Eltern führt? Er kennt es wohl, denn es ist die Geliebte seines Herzens, seine ihm angelobte Braut, für die er arbeitet und schafft, um bald den von dem Propheten gebotenen Mahhr zu entrichten und mit ihr dann ein eigenes Zelt in jenem schönen Orte aufzuschlagen, an jenem stets vollen Brunnen, in dessen Nähe es immer reiche Weide gibt. Und wenn er an alle diese Freuden denkt, dann wendet sich sein Herz auch gern dem Höheren zu, und deshalb schließt er jede der Strophen seines Liedes mit den immer und immer wiederkehrenden Worten: „8eliodllln bl I-S88ulll gk» solluemu!" Denn mehr noch, als nach all' dem Schönen und Herrlichen, das er in seinen Gesängen leben läßt, sehnt sich das Herz des frommen Mohammedaners nach den ihm von seinem Propheten bereiteten Freuden! Das war der Sinn der Reime, welche ich heute hörte und in schlichter Prosa wiedergegeben habe. Auch mir klangen deutsche Lieder vor der Seele auf und verschiedene heimathliche Melodiecn leise für mich hinsummend, lauschte ich dem Gesänge der Djcmahli bis tief in die stille, schöne Nacht. Dann trat nach und nach die 63 Ruhe der Ermüdung ein, der Gesang verstummte, wir stiegen von den Kamelen und streckten uns auf unsere Teppiche in den weichen Sand der Steppe. Noch sah ich die bunten Bilder des Gesanges vor meinen Augen vorüberhuschen, doch mehr und mehr verdunkelten sie sich. „Allmählich fühl' ich um mein Auge Sich leise Schlummerfäden weben. Mein Liebster ist von Wonne trunken. Ob meine Lieder auch vorschweben!" Am 5. Juni. Noch lag der Schleier der dunklen Nacht über der Wüste ausgebreitet, da saßen wir schon wieder im Sattel und ritten weiter. Wir befanden uns jetzt in dem „Gohs." Es ist eine hügelige und wellenförmige Strecke mit tiefem, leichtem Sande, ohne Bäume und fast ohne alle Vegetation. Die Kamele traten oft fußticf in das trockene Erdreich und kamen nur langsam weiter. Beim Aufgangc der Sonne war der ganze Himmel mit fahlen Dünsten umzogen, die Temperatur war im höchsten Grade schwül und lästig und nöthigte uns bald, einen kühlen Rastort zu suchen. Unsere Lastkamcle waren so matt, daß mehrere mit ihren Ladungen stürzten, weshalb diese bedeutend erleichtert und. trotz der Einwendungen der Treiber, den Wasserkamclcn aufgeladen werden mußten, deren Schläuche schon größtentheils geleert waren. Der Wassermangel wurde um so fühlbarer, weil auch ein Kamel stürzte, welches mit Wasserfässcrn, in denen wir unser Trinkwasser aufbewahrt hatten, beladen war. Dieses schmeckte noch immer erträglich gnt, während es uns schlechterdings unmöglich war, das Schlauchwafscr zu trinken. Daß wir bald einen Samuhm bekommen würden, wußten wir, und sahen nur mit großer Besorgniß den nächsten Tagen entgegen. Es galt jetzt, so schnell als möglich den Nil zu erreichen. Wir änderten sogleich unsere Richtung und zogen statt süd-südöstlich jetzt südöstlich weiter. Mein Rcitkamcl mußte mit einem anderen vertauscht werden, weil es sich kaum selbst weiter fortschleppen konnte, und ging unbcladen neben der Karawane her. 64 Der Chabihr versicherte uns, daß wir schon morgen früh in Woad- Bischahri, einem am Nil liegenden Dorfe, ankommen würden. Nach dein Aassr brachen wir auf und ritten eine Zeit lang der Karawane voraus. Am Horizonte war ein Gewitter aufgezogen, es blitzte und donnerte, wenn auch noch immer in weiter Ferne. Bald brach ein fürchterlicher Sturm über uns herein. Er wirbelte Wolken von Staub auf und trocknete unsere Schläuche ein. Wir mußten uns mit dem größten Durste zur Ruhe niederlegen, weil an eine Weiterreise bei unserer Mattigkeit nicht zu denken war. Am 6. Juni. Der Himmel war bei unserem Aufbruche, wie gestern, durch ein Nebclmecr unseren Blicken entzogen. Wir konnten kaum dreihundert Schritte vor uns die Gegenstände erkennen und sahen die Sonne erst, nachdem sie schon hoch am Himmel stand. Sie erschien uns kleiner als der Mond und war kaum bemerkbar. Von unserer Karawane entdeckten wir Nichts, nicht einmal die Fußtapfen der Kamele im Sande. Der Chabihr führte uns, wie ich an meinem Taschenkompaß sah, bald rechts, bald links, weil er in dem trockenen Nebel gar keine Richtpunkte finden konnte; ich glaubte, daß er viel zu weit östlich ging, durfte es aber bei unserer jetzigen Lage nicht wagen, meinem Kompaß mehr zu vertrauen, als ihm, auf dessen Ortskenntniß wir bauen mußten. Der Wind erhob sich bald wieder. Er war glühend heiß und vermehrte unseren Durst auf eine unerträgliche Weise. Seit gestern Nachmittag hatten weder wir noch unser treuer Hund einen Tropfen Wasser getrunken; dem armen Thiere hing die Zunge weit zum Halse heraus, es lechzte unter kläglichem Gestöhn nach Wasser und schien nach Luft zu schnappen. Wir kauten Grashalmen, um nur den Mund einigermaßen feucht zu halten, fühlten uns aber alle von einem sehr heftigen Kopfschmerz gepeinigt und unsäglich matt. Die Gazellen und Hasen sprangen in Rudeln vor uns auf. Niemand dachte daran, sie zu verfolgen. Unsere Gedanken beschäftigten sich mit weiter Nichts, als mit Wasser. So ritten wir noch gegen Mittag, so schnell die Thiere laufen konnten, in der Steppe herum und wie ich mit großer Besorgniß bemerkte, kreuz und quer. Mit Recht mußte ich fürchten, daß der Führer selbst 65 nicht mehr wußte, wo er sich befinde. Zum Glücke trafen wir endlich einen Baum, an welchem eine Nomadenfamilie ihre Ge- räthschaftcn aufgehangen hatte. Und da hing auch ein halbgefüllter Wasserschlauch. Unmöglich kann ich den Jubel, welcher jetzt laut wurde, beschreiben. Wir fühlten, daß wir den Durst nicht lange mehr hätten aushalten können und würden diesen Wasser- schlauch mit den Waffen in der Hand genommen und eher unser Leben, als ihn gelassen haben, wenn uns Jemand verwehrt haben wollte, zu trinken. Aber weit und breit war Niemand zu sehen. Das Wasser war jedenfalls zum Bedarfe der Hirten dahin gebracht worden, welche öfters mit ihren Heerden hierher kommen mußten. Es war schlecht und lauwarm, für unsere verdorrten Lippen aber eine köstliche Erquickung. Auch unser armer Hund wurde nicht vergessen und leckte begierig eine volle Kürbisschaale aus. Der Chabihr versicherte uns jetzt, daß wir den Fluß sehr bald erreichen würden und nahm aus diesem Grunde und auch deshalb kein Wasser mit, weil wir, wie er sagte, unmöglich unsere Sim- senüaht füllen könnten, ohne den Besitzer des Schlauches vielleicht in die größte Noth zu versetzen. Wir ritten eilig weiter und hatten bald eine vor uns liegende Hügelreihe überschritten, von welcher aus wir die Nilgebirgc sehen sollten; allein vor uns lag gerade wieder eine so leere Ebene als vorher. Heerden von Schafen und Ziegen weideten zerstreut unter den Mimosenbüschcn, ohne daß wir einen Hirten bei ihnen bemerken konnten. Nach einiger Zeit stöberten unsere Kamele einen Trappen auf, der uns zur Jagd anspornte, aber scheu entfloh, als ich mich ihm mit meiner Büchse zu nähern versuchte. Dann kamen wir in einen Chohr, welcher eine lebhafte Vegetation erzeugt hatte. Wir sahen schöne, große Bäume mit dichtbelaubten Kronen und dicken, saftigen Blättern. Die Kamele, welche in ziemlicher Anzahl in diesem Chohr weideten, rühren nach Aussage der Araber die Bäume nicht an. Nach zweistündigem Ritte kamen wir zu einem anderen Baume, unter welchem Leute schliefen. Das Niederlegen unserer Kamele erweckte zuerst ein Mädchen mit chocoladenbrauncr Hautfarbe, sehr feinem und scharf markirtem Gcsichtsschnitte, rothen Lippen, m. 5 66 blendendweißen, vollkommen fehlerfreien Zähnen und einem Auge, in welchem ein ganzer Himmel liegt. Es ist wirklich wahr, etwas Schöneres, als das dunkle Auge einer Arabcrin, kann es nicht geben. Die Augen der Nordländerinnen sind gewöhnlich zu sanft, in denen der braunen oder weißen Araberinnen ist dagegen der unschuldige Blick der Gazelle mit dem strahlenden Feuer des Adlerauges vereinigt. Das Kind war kaum zehn Jahre alt; doch hatten Wärme, Luft und Licht des Südens schon eine Knospe entwickelt, welche nur noch wenige Monden braucht, um sich zur vollendeten Blume zu entfalten. Ich beschenkte es mit Glasperlen und gewann dadurch sogleich sein Wohlwollen. Es ist für den Europäer ein unendlich wohlthuendes Gefühl, wenn er im Süden eine Frau ohne Zwang und vertrauensvoll sich ihm nähern sieht. Während in Egyptcn das Weib, beim Anblick des Mannes scheu entfliehend, nur die rohe Sinnlichkeit erregen kann, fesselt das Kind des Beduinen, die freie Tochter der Wüste, Sinn und Herz mit weit festeren Banden; Jene kann wohl Begierden, Diese kann und muß Liebe erwecken. Wir erhielten Wasser und Milch und zogen nach der Rast von einer halben Stunde dem Dorfe der Leutchen zu. Noch hatten wir uns in der glühenden Sonnenhitze des nubischen Mittags keine dreihundert Schritte entfernt, als die Kleine uns nachgelaufen kam und den Doktor, welcher zuletzt ritt, bat, sie zu sich auf's Kamel zu nehmen. Sie erzählte, daß sie zu ihren Eltern wolle, welche in einem nahen Zcltdorfe ihre lustige Wohnung aufgeschlagen hätten, und zeigte uns den nächsten Weg dahin. Einige Schafe lagen unter einem Busche; sie erkannte sie als die ihrigen und stieg ab, um sie dem Lager zuzutreiben. Später übernahm der Chabihr dieses Geschäft und ich bekam die Kleine auf's Kamel. Der Hund war abgesprungen und lief hinter uns her. Ich übergab ihn der Sorge des Führers und ritt mit meiner kleinen Wegweiserin rasch dem Dorfe zu. In kurzer Zeit hatte ich es erreicht. Zehn bis zwölf neben einander aufgeschlagene, aus Ziegenhaaren gewebte Zelte bildeten 67 den Kern desselben, andere Hütten standen weiter unten im Schatten dichter Mimosen. Die Leute nannten ihr Lager Abu-Rheiie. Freundlich bewillkommten sie uns und führten uns zu einem freistehenden Baume mitten im Dorfe, in dessen Schatten wir uns niederließen. Man brachte uns vier Tage altes, stinkendes Schlauchwasser, es war warm und brak, wir schlürften es mit Begierde! Dann regte sich aber der Hunger. Seit gestern Abend hatten wir Nichts gegessen; doch hatte bis jetzt der Durst jedes Gefühl deS Hungers zurückgehalten. Wir baten die Nomaden, uns Etwas zu essen zu geben. Sie hatten weiter Nichts als Durrahbrod. Es war dick, pechschwarz, schlissig, sauer und voller Asche und Kohlenstaub. Unser Doktor verspürte einen unüberwindlichen Eckel und war unfähig, auch nur einen Bissen zu genießen. Bei mir über- tobten die ungestümen Forderungen des Magens alle übrigen Rücksichten; ich suchte mir mit aller Kraft vorzustellen, daß ich mich im Inneren Afrikas befinde, drückte die Augen zu und aß. Dasselbe that unter fürchterlichen Grimassen auch August Tischendorf. Jetzt erst wurden wir gewahr, daß unser armer Hund fehlte. Mühsam hatte sich das ermattete Thier von Baum zu Baum geschleppt, um in deren Schatten einige Linderung zu bekommen. Zuletzt war er ganz zurückgeblieben. Ich sandte den Chabihr zurück, um ihn zu suchen, er fand ihn nicht. Trotz meines Mitlei- dens und unserer gemeinsamen Sorge konnten wir uns ohne Wasser und Nahrungsmittel hier nicht länger aufhalten und mußten weiter. Doch wollte ich noch Etwas thun und versprach Demjenigen, der mir den Hund noch lebend bringen würde, die hier außerordentlich hohe Summe von einem österreichischen Thaler. Unsere Simsemiaht waren leer, man konnte sie uns im ganzen Lager nicht füllen, weil auch die Bewohner desselben keins mehr besaßen und deshalb mehrere Kamele nach dem Nil gesandt hatten, um neuen Verrath herbeizuschaffen. Wir ritten von Zelt zu Zelt, das Wasser fehlte überall. Endlich, fast in der letzten Hütte, fand ich noch einen kleinen Schlauch mit dem kostbaren Le- bensclementc angefüllt und erhielt auf meine Bitte: vl rsssulll etilini 8cll weist was" (Beim Propheten, gebt mir ein 5 * 68 Wenig Wasser), welche kein Mahammedaner ohne Noth ausschlägk, eine geringe Menge davon. Von hier aus wandten wir uns in südöstlicher Richtung einem Felsbcrge zu, hinter welchem das Dorf Woad-Bischahri liegen sollte. Tischendorf's Kamel wurde zuletzt so matt, daß es zusammenstürzte. Der Reiter mußte nun den übrigen Weg zu Fuße machen, während der Führer zurückging, um das müde Thier nachzuholen. Vor uns lag eine weite, von hohen Bergen begrenzte Ebene. Vor dem Gebirge zog sich ein trüber Wasserstrci- fen dahin: er war das Ziel unserer grenzenlosen Sehnsucht, der heilige Nil! Jauchzend begrüßten wir ihn und gaben unseren ermatteten Kamelen zum letzten Male die Peitsche zu fühlen. Begierig schnüffelten sie den feuchten Duft ein, welcher bei der Kühle der einbrechenden Nacht von dort zu uns herüberwehte. Jetzt unterschieden wir auch Tokhulspitzen auf der weiten Ebene und hatten nach einer halben Stunde Woad-Bischahri erreicht. Dort weideten die Kamele unserer Karawane. Sogleich wurde ein frisches Kamel abgesandt, um August Tischendorf herbeizuholen. Nach Verlauf von wenig Minuten war auch er mit uns vereinigt. Unsere Leute waren schon heute Morgen angekommen und sehr besorgt um uns gewesen. Sie hatten sich bemüht, uns durch verschiedene Zurichtungen zu unserer Bequemlichkeit zu erfreuen. Aali- Arha hatte einen Tvkhul von seinen Bewohnern gesäubert, elastische Anakharihb herbeigeholt und schon am Mittage frisches Nilwasser in den im Schatten aufgehangenen Sinchcmiaht dem Luftzuge ausgesetzt, wodurch es sehr abgekühlt worden war; der Koch hatte ein gutes Mahl zugerichtet: kurz, es war gethan worden, was die Anhänglichkeit unserer Leute hatte ausdcnken können. Mit welcher Nimmersatten Begier wir das köstliche Wasser schlürften, mit welcher Wollust wir uns auf die weichen Bcttgcstcllen streckten und mit welcher Behaglichkeit wir unsere Tschibukaht rauchten, das kann nur Derjenige beurtheilen, welcher nach einer beschwerlichen Reise voll Gefahren und Mühseligkeiten in den Hafen der Ruhe einläuft; — doch nein, in Europa kann es Niemand — es kann es nur Der, welcher selbst eine Wüstenreisc gemacht hat. 69 Am 7. Juni. Am frühen Morgen erhielt der Chabihr die Weisung, den Hund zu suchen und ritt auf einem frischen Kamele in die Wüste hinaus. Am Abend kehrte er zurück und behauptete, den ganzen Tag eifrig, aber ohne Erfolg gesucht zu haben. Ich zweifelte daran, weil ich seine Nachlässigkeit kannte und wollte ihn am anderen Morgen wieder aussenden. Da fehlte auf einmal sein Kamel; er hatte es jedenfalls versteckt, um von dem Suchen nach dem Hunde befreit zu sein und war durch keine Befehle und Drohungen zu bewegen, wieder in die Steppe zu reiten. Da er mir schon den ganzen Weg viel Verdruß gemacht hatte, kündigte ich ihm eine Strafe an, welche er später durch den Bei in Charthum zuerthcilt erhielt. Er war ein störrischer, finsterer und übelgelaunter Mensch, welcher Reisende, die noch neu im Lande waren, gewiß oft tyrannisirtc, aber an mir seinen Mann in jeder Hinsicht gefunden hatte. Der arme Hund wurde, wie wir später erfuhren, todt gefunden; er war verdurstet! — Der erste Gang, welchen wir unternahmen, führte uns an die Ufer des Nil. Wir freuten uns wie Kinder, den Bringer und Erhalter alles Lebens vor uns zu sehen und begrüßten ihn wie einen theuren Freund. Seine Fluchen waren seit acht Tagen gerö- thet, ein Zeichen, daß die Regenzeit in seinem südlicheren Stromgebiete bereits begonnen hatte. — Woad-Bischahri ist ein großes Tokhuldorf, in welchem wöchentlich zweimal Markt gehalten wird. Fruchtbare, unbebaute Ebeucn umgeben es von allen Seiten; der Mensch ist zu indolent, um das Land zu bebauen. Er erwartet, daß die Natur ihm ihre Gaben zuschleudern soll und Pflanzt nur so viel Getreide an, als er zur höchsten Nothdurst gebraucht. Leider tragen hierzu die Män- gel der Regierung sehr Viel mit bei: der Bauer war bisher seines Eigenthums nie recht sicher und hielt es deshalb auch für unnö- thig, dasselbe zu vergrößern. Am 9. Juli setzten wir unsere Reise fort. In der Nacht vorher hatten wir ein ziemlich starkes Gewitter gehabt; es war etwas Regen gefallen und die drückende Hitze der letztverflossenen Tage dadurch vermindert worden. Nach kurzem Ritte kamen wir 70 in einen Mimosenwald, in welchem wir sehr viele Vögel in den lebhaftesten, brennendsten Farben des Sudahn antrafen. Wir ritten dem Djebel Nojahn zu. Der Nil windet sich unter diesem Berge zwischen hohen Gebirgen hindurch, weshalb wir jetzt rechts abbrachen und über eine steinige Ebene unseren Weg fortsetzten. Erst nach Mittag kamen wir in dem Dorfe Edjehr an und bezogen einen Tokhul, um den Mittag zu verbringen. Im Nil spazierten auf einer Sandinscl Reiher und rosenrothe Nimmersatte ('lantslus Ibis) herum, auf Felsen saß der schöne Schlangenhalsvogkl (ktotus 1s Vgllisntii) und sonnte sich. Unsere Karawane kam spät nach, weshalb wir auch im Dorfe über Nacht blieben und uns die Zeit mit einer höchst ergiebigen Jagd verkürzten. Wir erlegten Erdeichhörnchen an ihren Höhlen, Nashornvögel und prächtige Blauracken, Scheerenschnerbe! (Rb^nobops üavirostris) und stufenschwänzige Ziegenmelker. Ein im Strome auf einer Sandinscl liegendes, großes Krokodil erhielt von mir eine tödtliche Kugel und stürzte leblos in den Nil. Man wollte in der Nacht weiter reisen, wurde aber durch einen heftigen Südwind, welcher allmählich zum Sturme anwuchs, daran verhindert. Die Vorboten der nahen Regenzeit zeigten sich mehr und mehr. Auch am folgenden Tage mußten wir wegen des Sturmes bis gegen Abend in unserem einförmigen Dorfe verweilen und konnten nicht einmal auf die Jagd gehen. Erst um vier Uhr Nachmittags setzten wir die Reise fort. Eine Stunde später kamen wir wieder in die Nähe des Flusses. Am anderen Ufer stieg es wie eine braunroth gefärbte Rauchwolke auf. Ich glaubte, daß ein großer Ort oder ein Wald in Flammen stünde, erhielt aber auf meine Frage, was es sei, nur die kurze Antwort: „Usbukb Isbbisl" (ein schwerer Sturm). Auf unserem Ufer war noch keine Spur des Windes zu bemerken. Drüben vergrößerte sich die Wolke mehr und mehr und wurde dichter und dichter. Nach wenig Minuten brach ein fürchterlicher Orkan über uns herein. Später fielen einige Regentropfen; zu einem wirklichen Gusse 71 kam es aber nicht. In kurzer Zeit wurde dann Alles wieder ruhig. Eine Todtenstille herrschte und die untergehende Sonne leuchtete in einer Klarheit, daß man das Vorübergegangene nicht mehr ahnen konnte. Zum Arsche erreichten wir die ersten Häuser deS großen Dorfes Djtzmashb und nach einer Viertelstunde auch die Wohnung des Schech, in welcher wir über Nacht blieben. Ich trat vor die Hütte, um noch einen Blick hinaus in die stille Nacht zu werfen. Die Sterne leuchteten prächtig vom Himmelsdome herab; die Ziegenmelker flogen, im Dunkel der Nacht Insekten fangend, hin und her und schnurrten gemüthlich; hin und wieder sah man mehrere Männer nach der Mericfakneipe gehen oder von dort herkommen, in der Ferne tönte Tarabukenschall und Jauchzen der Menge; vor unserer Serieba lagen die ermüdeten Kamele und neben ihnen saßen die Treiber, um sie mit Durrah zu füttern; rings um die Hütte herum schliefen unsere Diener um ein großes, weithin strahlendes Feuer. Das ist die Scenerie eines Nachtbildcö in einem Dorfe Ost-Sudahns. — Am 11. Juli. Aali-Arha bestieg schon sehr früh seinen Hedjihn, um nach dem Dorfe Sururahb, in welchem er früher in Garnison gelegen hatte, vorauszurciten. Er war in seiner schönsten Kleidung und hatte seine Waffen schon einige Tage vorher geputzt. Wir folgten später nach und erreichten das große Dorf um Mittag. Der Ort zählt ungefähr fünfhundert Tokhahl, von denen vierhundert von den Soldaten bewohnt werden. Heute wurde gerade Markt gehalten, er war unbedeutend und enthielt nur die nöthigsten Lcbensmittel. Der Khawahs rcnommirte nach Herzenslust. Er hatte Sururahb als ein armer Invalid verlassen und kam jetzt zurück in den besten Kleidern und mit herrlichen Waffen, Sachen, welche in den Augen des türkischen Soldaten den höchsten Reiz haben und den größten Neid erregen. Sein Compagniechef bewirthete ihn selbst und ließ ihn neben sich setzen. Dies war eine Auszeichnung, welche dem alten ehrlichen Türken früher nie zu Theil geworden war. Allein der Sendjek verfehlte seinen Zweck, wenn er geglaubt hatte, 72 unserem Aali-Arha zu schmeicheln und die frühere schlechte Behandlung vergessen zu machen. Er nahin die Gunstbezeigung so ruhig hin, als ob er nie etwas Anderes gewohnt gewesen wäre, ohne seine gegen den Scndjck gefaßte üble Meinung zu ändern. „Der verdammte Bessewcndj", sagte er zu mir, „früher behandelte er mich wie einen Sklaven und jetzt weiß er nicht, was er Alles aus mir machen soll. Aber ich kenne den Ma-arras. Hätte ich Euch nicht gesunden, ich wäre elendiglich verhungert und M aha innre d- Arha (so hieß der Chef) hätte es geschehen lassen. Um meinen Sold hat er mich betrogen, jetzt nennt er mich Freund und Bruder. geiurlirl ei Kolli (Gott verdamme den Hund)!" Seine alten Bekannten kamen von allen Seiten herbei, um ihm zu seinen verbesserten Umständen Glück zu wünschen: Uasa nessied! — das ist (Gottes) Schickung — hieß es von der einen, ckio Imokt! — aber das ist ein Glück — von der anderen Seite, und Aali-Arha feierte einen so schönen Triumph, daß ich nothwendiger Weise hier liegen bleiben mußte, um ihn diesen recht genießen zu lassen. Abends erschien ein albanesischer Sänger in unserer Serieba, um uns auf seiner kleinen, kaum anderthalb Fuß langen Zither vorzuspielen. Er war von einem Mann und zwei alten und häßlichen egyptischen Weibsbildern begleitet, welche ich sogleich wegjagte. Der Albanese blieb und fing an spielen. Er strich mit einem Stückchen Papier, welches er zweimal zusammengebrochen hatte, um dadurch eine scharfe Ecke zu erzielen, über die vier Saiten hin und her und griff mit der linken Hand die Akkorde. Die Melodie ging bald in eine der schönen albanesischen Weisen über, der Mann spielte auf seinem unvollkommenen Instrumente meisterhaft und bereitete uns einen wahren Genuß. Am anderen Morgen zogen wir weiter, kamen bald nach Ker- reri und betraten jetzt das eigentliche Belled cl Sudahn. Oberhalb des Dorfes hielten wir in einem kleinen Wäldchen an, um zu rasten und unseren Kamelen Weide zu verschaffen. Einzelne Tokhahl standen zerstreut unter den Bäumen und über oder neben ihnen die Nester des kleinen sudahnesischen Storchs. Ich schickte 73 meinen Bedienten Mukle hinauf, um die Eier der Böget auszu- nehmcn; er fand in jedem Neste drei bis vier Stück und brachte viele herab. Die Araber erhoben ein Zetergeschrei, als wir die heiligen Böge! beunruhigten und riefen auf Mukle den Fluch des Himmels herab, waS diesen ganz in Wuth und Verzweiflung brachte. Gegen drei Uhr Nachmittags setzten wir unsere Reise fort und erblickten mit Sonnenuntergang das Minaret der Hauptstadt Ost- Sudahns. Eine halbe Stunde später lagen wir unter einem mir wohlbekannten Baume des blauen Flusses. Unser Feuer lockte eine Menge von Scorpionen, Spinnen und anderem Ungeziefer herbei, welches uns ein hinzugckommencr Grieche mit vertilgen half. Am 13. Juni. Mit Tagesanbruch wurden wir von einem heftigen Südwinde erweckt. Eben streckte ein mächtiges Krokodil, wie ich nur wenige gesehen, den Kopf aus dem Wasser, um mir, wie ich glaubte, den Morgcngruß zuzurufen. Nach kurzer Zeit erschien ein zweites und von nun an sahen wir alle fünf Minuten eins im Flusse herumschwimmen. Es waren fast lauter Riesen, welche die Araber des Dorfes Umdurmahn als äußerst gefährlich schilderten. Ich wurde später bald besser bekannt mit ihnen; manche meiner Kugeln mag heute noch einem Krokodile zu schaffen machen, denn ich habe nie einen Schuß gespart, wenn ich ihn anbringen konnte. — Mittag gingen wir nach Charthum hinüber. Vier Monate im Sudahn. Die Fata Morgan« hüllte die Hauptstadt Ost-Sudahns in ihr Nebelgewand, als wir uns ihren Mauern näherten. Ermattet von der fürchterlichen Hitze des Tages kamen wir auf dem Basare an und traten, um uns mit einer Tasse guten MochatrankeS zu erfrischen, zunächst in ein Kaffchaus. Dann machten wir Besuche. Der erste galt den Geistlichen der katholischen Mission. Wir wurden von ihnen recht freundlich aufgenommen. Während meiner Abwesenheit hatten sie ihre erste Reise auf dem weißen Flusse gemacht, auf welchem sie bis zu 4" 9^ der nördlichen Breite südlich vorgedrungen waren. Der alte Petremonte verkürzte unS die Zeit mit Erzählungen und Jagdgeschichten von der Reise, klagte über Musquitos und andere Unannehmlichkeiten, theilte mir aber auch einige interessante Notizen über Fauna und Flora der Länder deS weißen Flusses mit. Von hier aus gingen wir in das Hotel «lu Ogrtoum, d. h. zu meinem alten Freunde Penney. Wir traten in den Diwahn des Hausherrn und begrüßten die Anwesenden. Penney war noch immer der Alte. Er erklärte sich sogleich als unsern Gastfreund und bot uns eine Wohnung in seinem Hause mit so viel Herzlichkeit an, daß wir sie nicht ausschlagen konnten. Zu unserem nicht geringen Befremden wurden wir von einem Araber deutsch angeredet. Es war einer jener jungen Leute, welche auf Antrag des österreichischen Bergraths Russegger nach Wien gesandt worden waren, um dort (und später in verschiedenen österreichischen Bergwerken) den Bergbau zu studiren und befand sich jetzt in den Goldwäschereien von Khassahn, in der Provinz Fasse kl am oberen blauen Flusse, wo es ihm ziemlich trübe ging. Die Freude Hassan-Efsendi's cl Maadendji — des Berg- 75 beamten —, einmal wieder mit Deutschen verkehren zu können, war grenzenlos. Seine Jugenderinnerungen übermannten ihn; er fing zu weinen an. „Jesus Maria," rief er, „wie glücklich bin ich, endlich einmal Deutsche zu sehen!" Und nun suchte er uns begreiflich zu machen, daß er noch unendlich Viel von deutscher Art und Gewohnheit an sich habe. Er erzählte alte, längstbekannte Kalcndcranekdotcn, rezidirte deutsche Gedichte und sang schließlich sogar deutsche Lieder. Es war rührend und spaßhaft zugleich, unsern Hassan-Effcndi die Lieder: „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt u. s. w.", „Von der Alpe tönt das Horn u. s. w." und andere mehr anstimmen zu hören; er wußte seiner Freude keine Worte zu geben und glaubte sicherlich, sich heute nicht im Innern Afrika's, sondern inmitten Deutschlands zu befinden. Unsere Ankunft war unter den Europäern Charthums bald bekannt geworden. Alle kamen, um uns zu begrüßen, und theilten uns dann ihre Erlebnisse und andere Neuigkeiten mit. So erfuhren wir denn, daß sich Nicola Ulivi gegenwärtig in Kor- dofahn befinde, um Gummi einzukaufen; daß der Engländer Pe- therik seit einigen Monaten von einem Vimbaschi zu einem Kaufmann avanpirt sei und voriges Jahr hier in Charthum mit Sklaven gehandelt habe; daß la Farque nach Senahr gereist war und daß Nicola Ulivi's Töchterlein, die blasse Gen oveva, wieder in Charthum Hause. Der neue Gcncralgouverncur war Allen ein Stein des Anstoßes. Er hatte sich geäußert, daß er jeden Europäer, welcher die ihm wohlbekannten Gesetze seiner Nation vergäße, auf gut Türkisch behandeln, d. h., sobald er seinen Befehlen nicht Folge leisten würde, mit fünfhundert Peitschenhieben beschenken und in Ketten und Banden zu seinem resp. Konsul in Kairo bringen lassen werde. Er kennt die Europäer, ihre Gesetze und Sitten; er achtet ihren Verstand, haßt sie aber als Menschen. Ueber das Leben der Europäer Charthum's soll er sich wiederholt äußerst mißbilligend ausgesprochen haben; er tadelt mit Recht ihre Laster, vor Allem die Vielweiberei, in welcher sie fast Alle leben. Ich war begierig, ihn kennen zu lernen. Am 15. Juni 76 machte ich ihm den ersten Besuch. Er empfing mich, nachdem er meinen Firmahn angenommen und gelesen hatte, sehr höflich. Man brachte Tschibukaht und Kaffe. Der Pascha unterhielt sich mit mir in italienischer Sprache und brachte bald das Gespräch auf den weißen Fluß, welchen zu bereisen ich mir vorgenommen hatte. Im Laufe desselben entwickelte er sehr scharfsinnige Gedanken über Be- schiffung desselben behufs der Entdeckung seiner Quellen, brachte aber auch einige Ungereimtheiten mit zu Tage. So erzählte er von einem hohen Berge im oberen Stromgebiete des Flusses, welcher hin und her schaukle und von heftigen Winden bewegt werde. Derselbe müsse, glaube er, auf einer Lage von Quecksilber, welches er wahrscheinlich bloß in flüssiger Form kennen mochte, ruhen. Im Uebrigen hatte der Mann aber sehr vernünftige Ansichten. Wir wurden in unserm Gespräche durch das Erscheinen des früheren Gouverneurs Hahlid-Pascha und Hassan-Pascha's unterbrochen. Letzterer, ein ehrlicher, biederer Türke, ist einer der edelsten Familien entsprossen und half dem Vizckönig Aabahs-Pasch a so zu sagen auf den Thron, sprach sich aber über mehrere von seinen unheildrohendcn Regierungsmaßregeln so rücksichtslos offen aus, daß ihn der Pascha zu fürchten anfing und sich seiner zu entledigen suchte. Er schickte den alten Mann nach Kassahn in die Verbannung, hoffend, daß das mörderische Klima Ost-Sudahns oder die beschwerliche Reise von dreihundert und mehr deutschen Meilen dahin wohl das Leben des Greises enden würde. Aber die Vorsehung vereitelte den Plan des brutalen Menschen. Ein Engel wachte über dem Leben Hassan-Pascha's; seine zahlreichen Freunde brachten es beim Sultahn Aabd-el-Mcdjihd zuletzt dahin, daß Aabahs-Pascha einen derben Verweis und den bestimmten Befehl erhielt, Hassan-Pascha sogleich nach Egypten zurückzurufen. Aabd-el-Latief-Pascha ist ein schöner Mann von vierzig und einigen Jahren, mit sehr schlauem, regelmäßigem und einnehmendem Gesichte, dichtem, schwarzem, gut gehaltenem Barte und dunkeln, stark gewölbten Augenbraunen. Er ist in Tschcrkessien geboren, wurde als Sklave nach Konstantinopel verkauft, gelangte 77 von da in die Hände Mahammed-Aali's, erhielt von Diesem die Freiheit und mit ihr eine Anstellung in der Marine. Hier stieg er schnell empor, ging aber bald in den Landdienst über, bekam den Rang eines Bei und das Gouvernement.der Provinz Eint in Obcrcgyptcn, von wo aus er mit dem Range eines Generals oder Pascha als Gencralgouvcrncur „der Königreiche des Sudahn" nach Charthum gesandt wurde. Laticf-Pascha ist ein ziemlich unterrichteter Mann; er spricht neben der arabischen, türkischen und seiner heimathlichen Sprache das Italienische ganz leiblich, ist in manchen Wissenschaften bewandert und würde gewiß weit Mehr gelernt haben, wenn er dazu Gelegenheit gehabt hätte. Sein Charakter wurde sehr verschieden beurthcibt. Ich lernte ihn als einen edlen, freigebigen und großmüthigen, aber auch als einen herrschsüchtigen, strengen und rachsüchtigen Mann kennen. Oft machte er seinem Namen ^) alle Ehre. Er gab und liebte eine Fanthasie und hielt es, ohne den übrigen Gesetzen seines Propheten zu nahe zu treten, mit Luther's Worten: „Wer nicht liebt Wein (in Charthum gilt Branntwein dafür), Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Lebelang." Gewöhnlich speiste der Khadi Char- thums bei ihm; kamen dann Europäer, so lud er diese mit zur Tafel ein und trank ungenirt mit ihnen seinen Burgunder oder Champagner. Der fromme Mann betete, während dies geschah, ein „H.us billsllr min ei 8eli6!takn ei rsch'ikm" (Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gestürzten Teufel) nach dem andern, ohne dem sündigen Treiben des Pascha Einhalt zu thun, vielmehr ermunterte er Diesen zur Fröhlichkeit und entlockte ihm manchen Scherz. Latief präscntirtc ihm z. B. Wein und ergötzte sich an dem Entsetzen des Strenggläubigen oder versicherte ihm wiederholt, daß er keinen Wein, sondern nur Champagner oder Burgunder trinke u. d. m. — „Lieber Khadi", sagte er einmal zu ihm, „wenn Du gen Himmel fährst, halte ich mich an Deinem Khaf- tahn an, damit auch ich noch mit in's Paradies gelange, ehe dessen Thor wieder geschlossen wird." *) Latief bedeutet der Liebenswürdige. 78 Seine Regierungsmaßregeln sind streng. Er duldet keinen Widerspruch und führt Das, was er sich vorgenommen hat, gewiß durch. Alte Gauner, welche seit Jahren den Diwahn um ungeheure Summen betrogen hatten, wurden gezwungen, das Veruntreute wieder herauszugeben. Ein Araber, Hassan-Mussmahr*), welcher seit vielen Jahren gewisse Monopole verwaltet hatte, wurde für schuldig befunden, sechstausend Beutel oder cinhundertundfunf- zigtausend Spccicsthaler veruntreut zu haben. Dieser Mann hatte die armen Sudahnesen mit raffinirter Grausamkeit behandelt und sie unter Anderem zur Entrichtung von dreifachen Abgaben gezwungen, wo er nur einfache zu fordern hatte. Laticf-Pascha revidirte seine Rechnungsbücher genau und zwang den Betrüger zur Bezahlung der erwähnten Summe. Daß dieser sein Haus, seine Sklaven und Sklavinnen verkaufen mußte, kümmerte seinen Richter nicht; Hassan-Mussmahr durfte sich glücklich schätzen, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Selbst Hahlid-Pascha erhielt von seinem Nachfolger, sogar gegen ausdrücklichen Befehl des Vizckö- nigs, die Erlaubniß zur Abreise nach Egypten nicht, bevor er achthundert Beutel an die Schatzkammer der Regierung bezahlt hatte, die er derselben schuldete. „Aabahs-Pascha", sagte Latief zu mir, „ist Statthalter des Sultahns für Egypten, ich bin es für Ost- Sudahn und befolge die Befehle des Großherrn, ohne auf die des Vizekönigs Rücksicht zu nehmen. Ich habe vom Sultahn einen Firmahn erhalten, der mir befiehlt, das Rechte zu thun und ^vsl- Iskri »na svlrlsss ei 8ulm min ei msslumilin" (so wahr Gott lebt, ich endige das Unrecht und nehme es von denen, welchen man Unrecht gethan hat). Die ihm untergeordneten Beamten zittern vor ihm, das Volk ehrt und schätzt ihn. Wehe dem, der einen Nubier ohne hinreichenden Grund schlagen, ihn bedrücken oder ihm sonst Unrecht thun wollte! Sein Diwahn steht jedem Kläger offen. *) Mussmahr bedeutet einen Nagel. Hassan erhielt diesen Beinamen, weil er auf seiner Nase eine wie ein Nagelkopf gebildete Warze hatte. 79 Einige, recht nothwendige Verordnungen sind durch ihn bereits in's Leben getreten. So stellte er den Geldkurs Ost-Sudahns dem Egyptens gleich, was man früher nie für möglich gehalten hatte. Man verlor regelmäßig zehn bis zwölf Prozent des Nennwerthcs an dem von Egyptcn nach dem Sudahn gebrachten Gelde und hatte damit eine Reihe von Unannehmlichkeiten zu überwinden. Kurz nach unserer Ankunft ließ er in der Moschee fünf Gesetze proklamiren, welche ihm nur Ehre machen konnten. Das erste betraf die Schändung des Sikr*) und bedrohte die Fußsohlen eines Jeden, welcher auch fernerhin noch wagen sollte, das gottselige Werk auf die uns bekannte Weise zu vcrunhciligen, mit fünfhundert Peitschenhieben. Das zweite Gesetz untersagte den Gebrauch, welchen ich unter dem Namen „viltein nu äilt" beschrieben habe. „Jeder, welcher von nun an eine Braut unter den Umständen und Bedingungen des VUto'in vvu äilt Heimchen will, wird mit fünfhundert Peitschenhieben bestraft, ebenso der Vater dcS Mädchens. Ist Jemand mit Frauen verhcirathet, welche noch auf Erfüllung jener, das innerste Leben des Harchm tief verletzenden Bedingungen beharren, so soll er sich von diesen scheiden lassen und andere Heimchen, widrigenfalls ihm dieselbe Strafe, welche nach Befinden auch wiederholt werden kann, in Aussicht steht." Dieses Verbot störte freilich die Gemüthlichkeit der Sudahncsen wesentlich. Das dritte Gesetz betraf den Mißbrauch der Sklavinnen zu dem schnöden Gewerbe öffentlicher Mädchen. Latief-Pascha war über das Unwesen empört und verbot es bei harter Strafe. Er gab die strengsten Befehle, derartige Verbrechen sogleich zur Anzeige zu bringen und bedrohte Jeden, der es wagen sollte, sein Gesetz zu überschreiten, mit tausend Peitschenhieben. Zudem sollte die Sklavin auch noch an einen cdleren Herrn verkauft und das durch den Verkauf erlöste Geld als weitere Strafe von der Regierung in Beschlag genommen werden. Für den Fall, daß eine Sklavin ohne Wissen und Willen ihres Herrn einem solchen Er- *) S. Th. 1 S. 167. 80 werb nachgehen sollte, galt die Verordnung, daß sie ebenfalls verkauft und nach Kairo oder überhaupt außer Landes gebracht, dem frühern Eigenthümer aber nach ihrem Werthe gezahlt werden sollte. — Die beiden letzten Verordnungen verboten das thierische Geheul bei Beerdigungen und die im Sudahn übliche Beschneidung der Mädchen, welche von nun an genau nach den Geboten des Jslahm ausgeführt werden mußte. Aus all' Diesem wird man wohl ersehen haben, welcher Mann setzt Ost-Sudahn beherrschte. Ich werde noch mehrere Male Gelegenheit haben, seiner Erwähnung zu thun. Obgleich er sich gegen mich über die im Sudahn ansässigen Europäer mit nicht verhehlter Verachtung aussprach, gewählte er mir doch bald seine Gunst und erzeigte mir Dienste, welche ich füglich Wohlthaten nennen darf. Wir hatten mehrere Tage lang die Gastlichkeit des Dr. Penney annehmen müssen, weil wir trotz aller Bemühungen keine passende Wohnung finden konnten. Das einzige brauchbare Haus, welches wir gesehen hatten, gehörte einem Italiener, der dem Namen nach erster Apotheker der Provinz Ost-Sudahn, in der That aber früher Kaufmann war, er hatte einmal aus bloßer langer Weile in einem pharmaceutischen Werke gelesen, dann in Smyrna, um dem Hungertode zu entgehen, in einer Apotheke die Dienste eines KräuterstoßerS versehen und so Viel von der Arzneimischkunst erlernt, um sich in Egypten für einen Apotheker ausgeben zu können. Hier hatte die Praris seine Ausbildung vollendet; er war in die Dienste der Regierung getreten und von dieser nach Ost-Sudahn gesandt worden. Der gute Mann, Lumello war sein Name, hatte sich nun hier weniger mit den ihm anvertrauten Kranken des Hospitals, sondern mehr mit Kauf und Verkauf hübscher Sklavinnen beschäftigt, sich ein Haus und einen Garten angelegt und nebenbei auch die einträglichen Dienste eines Giftmischers besorgt; wenigstens hatte er einem italienischen Arzte, dessen Name mir entfallen ist, geholfen, einige Personen in ein besseres Land 81 zu spediren. Der Arzt hatte dies Geschäft für Geld und gute Worte übernommen, um wieder andern Personen damit wesentliche Dienste zu leisten. Außerdem stand unser Lumello auch noch in dem wohlbcgründeten Rufe eines Hauptgauners. Und gerade dieser Mann sollte und mußte unser Hauswirth werden, so sehr uns anch alle übrigen Europäer abgerathen hatten, uns mit ihm in eine, wie immer Namen habende Verbindung einzulassen. Allein was sollten wir thun? Die Regenzeit war vor der Thür, eine andre Wohnung nicht aufzufinden und in dein Hause des freundlichen Franzosen für uns kein Raum zu unsern Arbeiten. Wir mietheten also von Lumello ein „Gartenhaus" oder resp. eine Art von Hundestall, welcher von drei Seiten von seinem Garten eingeschlossen war, für monatlich sechzig Piaster und bezahlten die Miethe auch noch auf drei Monate voraus. Schon mit dem vierten Theile der Miethsumme wäre die elende Wohnung überreichlich bezahlt gewesen; wir wußten im Voraus, daß wir in Bälde mit dem Hauswirthe in Unfrieden gerathen würden; wir mußten dennoch die Wohnung miethen. Die einzige Annehmlichkeit der erbärmlichen Hütte war eine sich vor ihrer Thür befindliche Gartenlaube, in welcher wir uns den Tag über aufhalten, essen und schlafen konnten. Ich will hier dem Gange unserer Erzählung vorgreifen und Das vorausschicken, was wir mit Herrn Lumello späterhin erlebten. Nachdem der Italiener die Feindseligkeiten eröffnet hatte — ihm war es nämlich geradezu unmöglich, mit Jemandem längere Zeit in Frieden zu leben —, mußte ich darauf bedacht sein, wenigstens unser Leben vor seinen Mittelchen zu schützen. Daß ich hierzu ein „ srAiimentlllli sä llowinom" wählte, brachten die Verhältnisse mit sich. Lumello hatte ohne Grund den uns früher geöffneten Garten geschlossen, mich beim Pascha, freilich zu seinem eigenen größten Nachtheile, verklagt und einen Krakehl angefangen, welcher Monate hindurch anhielt. Ich mußte ernstliche, wohl begründete Besorgnisse hegen, von Herrn Lumello, wenn sich günstige Gelegenheit böte, vergiftet zu werden und ging daher, um Letzterem vorzubeugen, eines schönen Tages in Begleitung meines III. 6 82 wie ich selbst mit Pistolen wohl bewaffneten Khawahs Aali-Arha in den Diwahn des Apothekers. Hier entspann sich ungefähr folgender Dialog zwischen uns: „von Aiorno, 8iAnor Imwovo," sagte ich. „„von giorno voi, oai-i8simo 8iZnoro,"" erwiderte der alte Heuchler sehr freundlich, „„den vennto."" „Vi rinZrariio. Herr Lumello, ich bin gekommen, Ihnen Einiges zu sagen. Sie wissen, daß ich Ihnen zutrauen darf, gelegentlich von Ihnen vergiftet zu werden." „,Mn 8i§noro .... per Is mortv äi Vristo, -oomo xoteto ckirmi."" „O ich bitte, Herr Lumello, lassen Sie mich gefälligst ausreden. Sie wissen, Herr Lumello, daß Sie schon mehrere Personen vergiftet haben, ..... bitte, ereifern Sie sich nicht ohne Grund; und deßwegen bin ich gekommen, .Ihnen zu sagen, daß ich Sie sogleich niederschießen werde, wenn ich verspüren sollte, Gift erhalten zu haben. Sie kennen mich, Herr; verlassen Sie sich auf mein Wort, der geringste Versuch, Ihre Künste bei mir in Anwendung zu bringen, kostet Ihnen das Leben. Auch habe ich meinen Khawahs beauftragt, mich zu rächen, falls ich etwa zu jählings sterben sollte." „Aali-Arha, sage, was wirst Du thun," fragte ich diesen, „wenn ich durch Herrn Lumello vergiftet werden sollte?" Aali-Arha strich sich seinen Bart und antwortete mit zornfun- kelndem Auge: „Bei Allah und seinem Propheten, bei dem Kopfe meines Vaters, ich erschieße Dich, wenn Du meinem Herrn nur ein geringes Leid anthun solltest; ich erschieße Dich augenblicklich, wenn er eS befehlen sollte!" „Sie sehen, Signor Lumello," sagte ich, „daß mit mir nicht zu spaßen ist. ^ääio, 8iZnoro! ^ rivväerla!" Lumello blieb vernichtet, an allen Gliedern zitternd, in seinem Diwahn zurück. „'Ioäo8vo matto, 1nrio8o, mslsckotto!" murmelte er vor sich hin; — ich war vor seiner Kunst für immer gesichert. Später hat er sich bitter über mich beklagt. Er erzählte dem 83 nachherigen Konsul vr. Reitz, daß er in der größten Gefahr geschwebt habe, durch mich sein Leben zu verlieren. Am 28. Juni. Abends kamen Briefe aus der Heimath und vom Baron Müller an. Einer der letztem enthielt so schwere Beleidigungen, daß ich unmöglich länger in irgend einem Verhältnisse mit diesem Manne bleiben konnte, zumal da er sich von uns losgesagt und uns angekündigt hatte, daß er vor der Hand kein Geld weiter schicken werde. Ob wir dadurch in die größte Noth versetzt werden würden oder nicht, schien ihm gleichgültig zu sein. Ich schrieb ihm sogleich, daß ich mich von heute an aller Verbindlichkeiten gegen ihn überhoben fühle, bis zu seiner Ankunft aber, welche seinem mir schriftlich gegebenen Versprechen gemäß Mitte Juli erfolgen sollte, noch meine Funktionen versehen würde. Zugleich forderte ich ihn auf, mir die nöthigen Gelder zur Heimreise — einer Reise von mehr als sechshundert deutschen Meilen! — zu übersenden. — In der Nacht hatten wir den ersten Gewitterregen. Das Gewitter selbst war nicht heftig. Am andern Morgen war die Natur wie neu geboren. In unsrer Laube herrschte eine wahrhaft wohlthuende Kühle; im Garten sahen die Gebüsche noch einmal so frisch aus, als früher. Die beiden Flüsse sind seit einigen Tagen regelmäßig gestiegen. Am blauen Flusse sieht man das besser, als am weißen. Das Wasser des ersteren ist schon jetzt dunkel lehmroth gefärbt- während das des weißen Stromes kaum trüber geworden ist. Am 11. Juli. Man feierte gestern den Anfang des Fasten- monatS Ramadtahn. Auf dem freien Platze vor der Mudir're oder dem Regierungsgebäude der Provinz Charthum versammelte sich gegen drei Uhr Nachmittags eine Menge von Gesinde! um ein Bataillon Soldaten herum. Diese waren in Gala erschienen, d. h. die Offiziere trugen scharlachrotste, überreich und höchst geschmacklos mit Gold verzierte Jacken; die Gemeinen waren wie gewöhnlich gekleidet. Die Regimentsmusik dudelte schauerlich verstümmelte Kriegs- 6 * r 84 weisen der Franzosen her, dazwischen schlugen zerlumpte, auf geputzten Kamelen sitzende Kerle die großen Pauken unablässig und brachten damit einen Heidenlärm in ohrenzcrreißender Weise hervor. Die Kinder des Propheten oder die Schar afa leuchteten mit ihren grünen Turbanen aus dem bunten Gemisch der Menge heraus, welche einem halbnackten, wahrhaft scheußlich aussehenden Der- wihsch die von ihm vorgesagten Gebete nachschrie. Der Mönch saß auf einem dürren Klepper und ritt später unter krampfhaften Verrenkungen der Glieder und erbärmlichem Gebrülle dem Zuge voran. Man schrie, lärmte, betete, trug heilige oder wenigstens geweihte Fahnen herum und kam zuletzt in eine so grauenhafte Unordnung , daß ich Das, was ich hörte und sah, nicht mehr verstehen konnte. Aus einem nahen Fenster schauten sechs Paare schwarzer, glühender Augen heraus; ja, es ließ die Besitzerin des einen Paares manchmal sogar mehr von ihrem blendend weißen Gesichte sichtbar werden, als ihre Nachbarinnen zu billigen schienen. Diese Augenpaare waren unstreitig das Interessanteste bei der ganzen Geschichte; alles Andere war, wie gewöhnlich, trostlos langweilig. Wir gingen von hier aus nach der Hokmodene, auf deren Vorplätze eine großartige Fanthaft'e Statt finden sollte. Man warf hier eben den Djeried. Dieses kriegerische Spiel ist dem Türken unstreitig eins der angenehmsten, welche er kennt. Es gibt aber auch kein anderes, in dem sich männliche Kraft und Gewandtheit so kundgeben kann, als gerade beim Werfen des Djeried. Ein vollendeter Reiter hat hier die beste Gelegenheit, seine Künste zu zeigen. Der Djeried ist eine drei bis fünf Fuß lange und ungefähr einen Zoll dicke Wurflanze von Holz. Jeder der Mitspielenden führt drei bis vier dieser Stäbe mit sich oder hat mehrere Bedienten an der Grenze eines bestimmten Raumes aufgestellt, welche ihm die zur Erde gefallenen immer wieder auf's Pferd reichen. Die Spielenden theilen sich in zwei Parteien, welche sich im Scheingefechte gegenüberstehen. Nun erwählt sich Jeder seinen Mann, reitet im vollen Jagen auf ihn zu und schleudert seine Lanze nach ihm. Dieser muß nun entweder die ankommende Lanze mit seinem 85 eigenen Djeried pariren oder sich so auf die Seite deS Pferdes Herunterbeugen, daß sie über ihm wegfliegt. Man sieht den Reiter bei solchen Gelegenheiten am Bauche des Pferdes hängen und sich nur mit der Fußspitze am Sattelknopfe anhalten; im Nu aber ist er wieder im Sattel und verfolgt nun seinen Gegner, welcher sogleich nach dem Wurfe sein Pferd zur Flucht wandte, mit der größten Schnelligkeit, um ihm eine kräftig geschleuderte Lanze beizubringen. Oft wird auch einer der Spielenden von dem Djeried getroffen; ja es ist vorgekommen, daß Manche vom Pferde geworfen wurden. Für den Zuschauer ist das Werfen des Djeried eins der schönsten Schauspiele, welche ich kenne. Das Spiel steht in großer Achtung; die vornehmsten Türken nehmen oft daran Theil. Nachdem die Reiter Meisterhaftes geleistet hatten, räumten sie dem eben ankommenden Linienbataillon den Platz. Dieses stellte sich in Parade aus, schwenkte die Fahnen, präsentirte vor dem Pascha das Gewehr und zog sich unter dem Donner von einundzwanzig Kanonenschüssen, womit die Festlichkeit beendet wurde, nach seiner Kaserne zurück. — Am 23. Juli. Eine schauderhafte Gräuelthat des Pascha, welche, obgleich sie ein tiefes Dunkel decken sollte, doch bereits in Aller Munde ist, hat die Europäer in Bestürzung versetzt. Vorgestern Abend beschuldigten zwei Verschnittene des Pascha eine der Frauen des Harehm, in dem diesen umgebenden Garten mit einem fremden Manne verkehrt zu haben. Die Beschuldigte war die Frau Jbrahihm-Effendi's, eines Adoptivsohnes des Pascha, des unausstehlichsten, häßlichsten Menschen im Gefolge desselben. Sie mochte ungefähr fünfzehn Jahre zählen und soll ein Weib von großer Schönheit gewesen sein. Früher eine Conkubine des Pascha, war sie von diesem später an besagten Jbrahihm - Ef- fendi überlassen worden. Wahrscheinlich brachten die Eunuchen ihre Anklage mit der diesen Menschen eigenthümlichen Gehässigkeit vor, vielleicht sogar mit verleumderischen Zusätzen, wenigstens soll der Pascha über das Gehörte außerordentlich zornig gewesen sein. Er gab den Befehl, die Frau und den Mann, mit welchem sie vcr- 86 kehrt habe, vorzuführen. Das herbeigerufene unglückliche Weib zitterte an allen Gliedern, als sie die Wuth des Pascha in dessen Blicken las. „Hast Du heute mit einem fremden Manne im Garten gesprochen?" fragte der Pascha. «»Ja, Herrlichkeit, ich fragte den Dir und mir von Kairo her wohlbekannten Jbrahihm-Arha nach meinem Herrn (Jbra- hihm-Effendi)."" „Gewiß hat er Dich zur Untreue gegen Deinen Herrn verleiten wollen; nicht wahr, so ist es?" „„Nein, Herrlichkeit, das ist nicht wahr!"" „Gestehe die Wahrheit und es soll Dir Nichts geschehen; leugnest Du aber das Geschehene, dann lasse ich Dir Deine Glieder in Stücken vom Körper herunterhauen." Das arme Weib erschrak, wurde verwirrt und gestand Alles zu, was die niederträchtigen Ankläger behauptet hatten. „Führt sie hinweg," gebot der Pascha, „und bringt mir den Hund Jbrahihm - Arha!" > Dieser erschien. „Hast Du Nefiese, die Frau Jbrahihm-Effendi's, zur Untreue verleitet?" „„Nein, Ercellenz!"" „Wie, Du willst noch lügen? Ergreift ihn, Khawassihn, bindet ihn und prügelt ihn so lange, bis er die Wahrheit gesteht! Hund, Du mußt sterben!" Jbrahihm-Arha entflieht und passirt glücklich die Palastwache. Die Khawassihn verfolgen ihn und erhalten den Befehl, ihn lebend oder todt vor den Pascha zurückzubringen. Drei von ihnen fühlen menschlich und schießen nicht, der Vierte thut es, die Kugel zerschmettert die Kinnlade des Schlachtopsers. Er stürzt zusammen, man bringt ihn bewußtlos vor seinen Richter. Dort kehrt seine Besinnung zurück, er richtet sich auf und sagt: „„Herrlichkeit, ich bin unschuldig!"" ' „Schießt den Hund zusammen und werft ihn in den Fluß!" antwortet der Pascha. 87 Jbrahihm - Arha erhielt eine zweite Kugel in den Unterleib; man nimmt ihn, bringt ihn in eine Barke, fährt mit dieser der Mitte des Stromes zu und wirst ihn hinein. Ungeachtet des sehr hohen Wasserstandes erreicht der Unselige eine nur niedrig überflu- thete Sandinsel. Hier richtet er sich mit letzter Kraft noch einmal auf und ruft mit lauter Stimme: „ „Jbrahihm-Effendi, ich habe Dir noch Etwas zu sagen." " Statt Jbrahihm - Effendi's vernimmt dies der Pascha und befiehlt den Henkern, ihr Werk zu vollenden. Eine dritte Kugel bringt ihn auf immer zum Schweigen. Jetzt kommt die Reihe an die Frau. Der Pascha befiehlt, sie in den Strom zu werfen. Sie ist mit Diamantcnschmuck und anderem Geschmeide geziert, welches ihr die Khawafsihn abnehmen wollen. „Nein!" donnert der Pascha, „laßt das Zeug an ihr hängen und werft die Metze ihrem Buhlen nach, wie sie ist." Man bringt sie an das Ufer des blauen Flusses — ein Pistolenschuß — und die braunen Wogen empfangen das unglückliche Schlachtopfer und strömen über ihm so ruhig weiter, als ob sie Nichts um die grauenvolle Mordthat wüßten. Ich kann Nichts weiter hinzusetzen; die Geschichte spricht für sich selbst. Nur Das will ich noch sagen, daß die unabwendbare Strafe eines jeden Verbrechens, die Qual des Gewissens, nicht ausblieb. Latief-Pascha hat sich über ein Jahr lang nicht von dem immer und immer wiederkehrenden Bilde der Gemordeten befreien können. Am 26. Juli. Die Regenzeit hat jetzt in Eharthum allen Ernstes begonnen. Wir haben jeden dritten oder vierten Tag regelmäßig ein Gewitter, gewöhnlich mit Regen. — Ueber unsern Hof hinweg fliegen täglich mehrere Familien einer höchst interessanten Vogclart, deren systematischer Name llolius 5on6Agl6N8i8 ist. Sie haben die Größe einer Lerche, aber ein , mehr haar- als fcdcrartiges Gefieder, und zeichnen sich besonders durch den neun bis zehn Zoll langen Schwanz aus, welcher aus zwölf Federn mit sehr starken Kielen und bloßen Andeutungen von 88 Fahnen besteht. Ihr Gefieder ist mäusegrau oder bräunlich; sie haben einen Schöpf, am Nacken lebhaft blau gefärbte Federn und sind Bewohner der dichtesten Partiten der Gärten. Mit mäuseartiger Behendigkeit kriechen sie durch uns geradezu undurchdringlich scheinende Büsche, um dort sich ihre Nahrung aufzusuchen. Unter den Ornithologen herrscht die vollkommen unbegründete Meinung, daß sie sich mit den Füßen an dünne Zweige hängen und so schlafen sollen. In den Mimosenwäldern am blauen und weißen Flusse bauen die Webervögel ihre künstlichen Nester. Diese sind wegen ihrer eben so schönen als zweckmäßigen Bauart berühmt und haben den Vögeln ihren sehr passenden Namen verschafft. Hier bei Charthum findet sich vorzüglich die schmucke, gelbbäuchige Art mit schwarzem Gesicht und grünlichem Rücken, welche man Maskenweber Vogel (Ulooons personatub) genannt hat. Sein Nest hängt an der äußersten Spitze dünner, biegsamer Zweige und gewöhnlich über dem Wasser. Es hat die Gestalt einer ausgehöhlten Halbkugel, auf welche ein spitz zulaufender, ebenfalls hohler Kegel gestellt ist. Der Eingang ist eine lange Röhre, welche sich an der ganzen Außenwand des Nestes hinabzieht und erst unten öffnet. Die niedliche Wohnung besteht aus langen Grashalmen, welche so dicht und so künstlich mit einander verwebt sind, daß sie den Regen trefflich ableiten. Inwendig ist sie mit feinen und weichen Grashalmen und Samenfasern, welche den Jungen späterhin zur bequemen Unterlage dienen, ausgelegt. Wir machen jetzt die ergiebigsten Jagden. Die Regenzeit hat eine Menge seltener Vögel mitgebracht, denen wir eifrig nachstellen. Am Uferrande der beiden Ströme sieht man Schaaren von Gänsen, Löffelreihern, Nimmersatten, Reihern, kleinen schwarzen Störchen und Dickfüßcn ihr Wesen treiben; in den Wäldern zeigt sich dem Beobachter eine ihm völlig neue Ornis. In den Gärten Charthumö sind die Weintrauben gereift. Sie sind freilich mit den köstlichen, zuckersüßen Trauben Egyptens oder Griechenlands nicht in Vergleich zu bringen, aber dennoch genießbar. — 89 Vor einigen Tagen ist auch der Sardinier Brun-Rollet von einer Reise nach Kordofahn, wohin er in Handelsgeschäften gegangen war, zurückgekehrt. Er war von einem gewissen Vauts begleitet, welcher in Gesellschaft eines Mulatten, dem Sohne des berühmten Linnant-Bei, nach Kordofahn gereist war, um dort arabisches Gummi einzukaufen. Rollet ist Vater von vier oder fünf Kindern, welche er mit drei, sage drei Sklavinnen erzeugt hat. Diese leben jetzt friedlich beisammen, um gemeinschaftlich die jungen Bastarde aufzuziehen. Am 10. August. Feier des größten Festes der Mahamme- daner, des großen Beiram oder des Tages, an welchem der Neumond nach dem Fastenmonat Ramadtahn zuerst gesehen wird. Beturbante Türken und Egypter im höchsten Putz in allen Straßen ; großartige Fanthafle überall; Pomadengestank und Krokodil- drüsenduft durch die ganze Stadt; einundzwanzig Kanonenschüsse als obligater Chorus. — In der Nacht ein heftiges Gewitter mit einem wolkenbruchar- tigen Regen, welcher ganz Charthum unter Wasser setzt. Schon seit langer Zeit hatte ich eine Jagdreise auf dem blauen Flusse in's Werk zu setzen gesucht, war aber immer durch den jetzt sehr fühlbaren Geldmangel daran verhindert worden. Ich wagte es nicht, mich an die Europäer mit der Bitte um Gcldvorschuß zu wenden, weil ich im Voraus überzeugt war, entweder schnöde abgewiesen oder möglichst geprellt zu werden. Da wurde ich mit einem vornehmen Türken, Husse'rn-Arha, dem Obersten der irregulären Kavallerie außer Dienst, näher bekannt, schilderte ihm meine Geldverlegenheit und erhielt ohne Weiteres zweitausend Piaster vorgestreckt. Mit dieser Summe konnte ich meinen Vorsatz ausführen. Nachdem wir noch einige erfolgreiche Jagden am blauen und weißen Flusse gemacht hatten, verließ ich in einer kleinen, elenden und nur mit Strohmatten überdachten Barke Charthum am 9. September. Der vr. Vierthaler hatte beschlossen, in der Hauptstadt zurückzubleiben, weshalb ich nur meinen deutschen 90 Bedienten Tischendorf, einen neu angeworbenen nubischen Jäger, Tomboldo, einen Koch, zwei Abbälger, den alten Diener Gi- terendo und meinen treuen Aali-Arha mit mir nehmen konnte. Das klimatische Fieber stand uns in den Wäldern ganz sicher bevor; allein darnach darf der Naturforscher nicht fragen, wenn er Etwas leisten will. Vor meiner Abreise hatte ich ein anderes, geräumigeres Haus gemiethet, in welchem der Doktor seine Wohnung nahm. Voraussichtlich war eine sehr langsame Fahrt zu erwarten, der herrschende Wind war uns entgegen, die Barke mußte auch gegen den vollen Strom bewegt werden, wozu ebenso viele Kraft als Zeit gehörte. An den Stellen, wo die Wälder bis an den Strom reichten, wurde das Fortkommen nur dadurch möglich, daß die Matrosen ein Seil in den Mund nahmen, dainit unter den über und in das Wasser hängenden dornigen Mimosenbüschcn hinschwammen, in einer Lücke der Waldung einen festen Punkt zu gewinnen suchten und von dort aus die Barke nachzogen. Wir brauchten zu einer deutschen Meile Weg gewöhnlich einen ganzen Tag Zeit; aber diese war keineswegs verloren; vielmehr wurde die langsame Fahrt uns zum größten Gewinn, weil wir in den Wäldern so reiche Beute fanden, daß wir nie ohne volle Beschäftigung blieben. Ich will meine geneigten Leser, welche ich bitte, mich auf meiner zweiten Reise in die Urwälder zu begleiten, diesmal mit der Beschreibung dieser Tour nicht langweilen, von den naturwissenschaftlichen Ergebnissen jetzt ganz absehen und nur einige Erlebnisse derselben mittheilen. Am 17. September. Vorgestern waren wir in Kamlihn angekommen. Der Ort ist an und für sich höchst unbedeutend und vielleicht nur wegen seiner Branntwcinfabrik, der einzigen in ganz Ost-Sudahn, nenncnswerth. Für- uns wurde er aber wegen vortrefflicher Jagdbeute interessanter. Mein Jäger Tomboldo hatte gestern zwei seltene europäische Adler (L-guila Ronelli) und zwölf Exemplare des heiligen Ibis geschossen. Er erzählte, daß diese sonst so scheuen und seltenen Vögel in einer gewissen Gegend sehr häufig wären und leicht erlegt werden könnten. Eine solche Gele- 91 genheit kommt-nicht oft wieder; wir blieben deshalb heute hier. Ich ging am frühen Morgen mit Tomboldo am Flusse bis zu der bezeichneten Stelle hinab, legte mich in das hohe Gras und hatte bald einen der vorüberziehenden heiligen Bögel herabgeschossen. Auf Anrathen meines schwarzen Jägers brachte ich diesen mit Hülfe mehrerer Holzstückchen in eine ihm natürliche Stellung und erwartete nun die Ankunft neuer Züge. Fortwährend kamen zahlreiche Flüge der Böge! vom anderen Ufer herüber, um in der Steppe Heuschrecken zu suchen, welche jetzt ihre einzige Nahrung ausmachten. Jeder Zug, der vorbeikam, blieb in der Lust schwebend halten und umkreiste den getödteten Kameraden, so daß ich in kurzer Zeit fünfzehn Eremplare erlegen konnte, wozu Tomboldo noch sechs andere lieferte. Der Grund der merkwürdigen Vereinigung vieler Hunderte dieser gewöhnlich sehr einzelnen Böge! wurde mir erst später klar: es war eine Nistkolonie, welche die Thiere in einem unzugänglichen Sumpfe im Walde des anderen Ufers angelegt hatten. Nachmittags gab es nun natürlich viel Arbeit, um die bedeutende Anzahl der erlegten Böge! zu präpariren. Wir fuhren mit Libbahn langsam weiter. Zum Aaffr zogen sich Gewitterwolken zusammen, der Himmel schwärzte sich mehr und mehr und kurz vor Sonnenuntergang brach der Sturm über uns herein. Unser Schiffchen wurde mitten aus dem Strome herumgeschlendert; Blitz auf Blitz schlug vor und hinter uns, rechts und links in den Strom oder in die Wälder an beiden Ufern. Das Geprassel der brechenden Bäume, das Geheul der in Furcht gesetzten Hyänen, das Rauschen des von dem rasenden Sturme zu ellenhohen Wellen emporgetriebenen Stromes wurde von den ununterbrochen rollenden Donnerschlägen und dem Gebrüll des Orkanes völlig übertönt. Es war ein majestätisches, schauerlich-schönes Schauspiel. Mitten in diesem Sturmgebraus flog unsere schlechte Barke wie ein Dampfschiff dahin oder wurde wie ein Spielball hin- und hergeschleudert. Die Wellen schlugen über Bord und bald stand das hereingedrungcne Wasser mehrere Zoll hoch im Schiffsräume. Glücklicher Weise warf der Sturm das 92 Schifflein zuletzt auf daS schlammige Ufer so weit landeinwärts, daß die heranstürmenden Wogen keinen Schaden mehr thun konnten. Aber nun begann der Regen, ein Regen, den nur Einer beurtheilen kann, der tropische Gewitter aus Erfahrung kennt; ein Regen, in welchem, wie die Sudahnesen sich auszudrücken pflegen, die einzelnen Tropfen flintenkugelgroß herabfallen. In kurzer Zeit hatten wir das Wasser einen Fuß hoch im Raume stehen und waren Alle bis auf die Haut durchnäßt. Nur mit größter Noth schützte ich die präparirten Vogelbälge, von denen alle Kisten angefüllt waren, vor dem Naßwerden. Der Regen hielt nur kurze Zeit an, aber wir waren durch ihn in eine traurige Lage versetzt worden. Wir zitterten an allen Gliedern vor Frost und fühlten uns auf der durch Nichts geschützten Barke sehr ungemüthlich. Da entdeckten die Leute in der Nähe ein Dorf, wohin sich dann, mit Ausnahme des Schiffsvolkes, Alle flüchteten. Die Einwohner desselben wurden im Anfange durch das Erscheinen der bewaffneten Leute sehr in Angst versetzt und entflohen männlichen Theils sofort in die Wälder. Nachdem sie aber erfahren hatten, daß es uns nur um ein trockenes und warmes Nachtlager zu thun war, kehrten sie zurück, räumten uns einen Tokhul ein und schürten ein mächtiges Feuer, an dem wir unsere erstarrten Glieder erwärmen und einen kräftigen Kasse bereiten konnten. Unsere Nachtruhe wurde jedoch, außer dem Geheul der Hyänen, auch noch durch einen zweiten Orkan gestört, welcher zwar in unserem Dorfe keinen Schaden anrichtete, unsere Barke aber von Neuem in die größte Gefahr brachte. Am 21. September. Mein Diener Giterendo bemerkte heute Morgen in dem Walde die ersten Affen. Ich stieg sogleich an's Land, schoß eine vor mir auffliegende große Eule und verfolgte nun die Affen, welche mit den verschiedensten Grimassen und mit großer Schnelligkeit in den dornigen Gebüschen herumsprangen. Am 24. September. Wir hatten gestern Abend wieder heftigen Regen. Heute Mittag erreichen wir das am rechten Ufer des blauen Flusses liegende Dorf Abu-Harrahs, wo ich wegen der prächtigen Waldungen, welche sich dem Auge zu beiden Seiten ^93 darbieten, bleiben will. Wir nehmen eine verlassene Kaserne alba- nesischer Truppen in Beschlag, wohin ich unser Gepäck bringen lasse, nachdem drei noch einigermaßen bewohnbare Zimmer vom gröbsten Schmutze befreit worden sind. In den folgenden Tagen hatten wir, außer den stets höchst ergiebig ausfallenden Jagdercursionen, auch einige Besuche des hier wohnenden Kahschef, welcher uns noch überdicß nach türkischem Gebrauche mehrere Schafe „für die Küche" übersandt hatte, zu erwiedern. Daß er für sein „Akrahme" ein Gegengeschenk erhalten mußte, verstand sich von selbst, daß er Spiritussen wünschte, ging aus seinen Aeußerungen deutlich genug hervor. Er empfing daher einige Flaschen guten Branntwein und wir wurden dafür seiner bleibenden Freundschaft theilhaftig. Am 3V. September. Auf einer Jagdpartie in den Wäldern am anderen Ufer, welches Lurch zwei Uebcrfahrtsbarken mit dem unserigen in fortwährender Verbindung erhalten wird, waren wir kaum einige hundert Schritte in den Wald eingedrungen, als ein ungefähr acht Fuß langes Krokodil vor uns aufging und sich in eine nahe Hecke flüchtete. Wir umstellten dieselbe mit unseren Waffen, konnten sie aber nicht in Anwendung bringen, weil wir von dem Krokodil auch nicht das Geringste zu sehen vermochten. Jagend und dabei verschiedene Vögel verfolgend, gelangte ich nach einer guten Stunde auf die „Tahhera" oder die Höhe (wörtlich den Rücken) des Steppcnwaldes, verirrte mich dort und kam erst nach Mittag, triefend vom Schweiße, todtmüde, matt und im höchsten Grade durstig zum Flusse zurück. Ohne mich zu bedenken, stürzte ich dem Wasser zu, um zu trinken; hätte ich den Tod vor Augen gesehen, ich würde doch versucht haben, meine lechzende Zunge zu kühlen; denn hier, im Innern Afrika's, ist es für einen Durstigen bei der fürchterlichen Qual, welche er erleidet, rein unmöglich, auch nur einen Augenblick lang dem Anblick von Wasser zu widerstehen. Nachdem ich getrunken hatte, fühlte ich recht wohl, daß ich mir geschadet hatte und fürchtete die schlimmen Folgen, die in der That auch nicht ausblieben. Zum Tode matt, sank ich unter 94 einem schattigen Baume zusammen, nachdem ich mich durch langsames Gehen noch ein Wenig abzukühlen versucht hatte. Hier fanden mich meine Leute, halb besinnungslos, und brachten mich nach unserer Wohnung. Der blaue Fluß fällt jetzt fortwährend (an manchen Tagen neun Zoll), obgleich wir noch immer Gewitter und Regengüsse haben. Eigentlich sollte die Regenzeit schon vorüber sein; die ältesten Leute erinnern sich nicht, daß sie jemals so lange angehalten hätte. In der Steppe steht das Gras sechs bis acht Fuß hoch, die Durrah verspricht eine ungewöhnlich reiche Ernte. Man hat in der Nähe unseres Dorfes sehr große Strecken der Steppe mit dieser ergiebigen Getraideart bepflanzt. La tief-Pascha hat den sehr zweckmäßigen Befehl gegeben, daß das Militär sich seine eigenen Felder anlege. Die Soldaten von zwei in dem nahen Städtchen Wolcd-Medine stationirten Compagnien: haben eine so große Strecke der Steppe urbar gemacht, daß man diese in einem Tage nicht umgehen kann. Am 10. Oktober. Unser Haus ist in ein Lazareth verwandelt worden. Schon seit einer Woche liege ich am klimatischen Fieber darnieder. Die heftigsten Kopfschmerzen peinigen mich Tag und Nacht. Von meinen arabischen Bedienten sind vier erkrankt, auch Tischendorf hat das Lager suchen müssen. Er hat oft so heftiges Delirium, daß ihn die Uebrigen im Bett festhalten müssen, weil er in der Fieberhitze das Haus verläßt und mitten in der Nacht an dem Strome herumwandelt. Wir Alle können natürlich nicht arbeiten, weil die wenigen Gesunden zur Pflege der Anderen unentbehrlich sind. In unserem Dorfe sind viele Leute erkrankt; in Woled-Me- dine soll das Fieber so arg Hausen, das täglich durchschnittlich fünfzehn Menschen daran sterben. Man versichert mich von allen Seiten, daß dieser Monat gerade der schlimmste sei. — Die Gewitter und Regengüsse dauern fort. — Man brachte mir eine jener großen Schlangen, welche die 95 Eingcbornen Assala nennen; ein Araber hatte sie mit einem Knüttel erschlagen. Sie ist nicht giftig und wird gegessen. Das vorliegende Ercmplar war zehn pariser Fuß lang und mochte erst kürzlich Etwas gefressen haben; sein Leib war in der Mitte stärker als der Schenkel eines robusten Mannes. Die schöne Zeichnung der Haut veranlaßt die Eingebornen, dieselbe zu Zierrathen, wie z. B. zu Uebcrzügen auf Messerscheiben u. dergl., zu verarbeiten. Von Woled-Medine sind schon mehrere Barken, welche dorthin gekommen waren, um Durrah einzunehmen, leer zurückgekommen. Die alte Frucht ist verbraucht, die neue noch nicht reif. Man bezahlt das Ardehb oder 4,8 wiener Metzen in Woled- Medine gewöhnlich mit sechs Piastern. Wir warten mit Sehnsucht darauf, eine jener Barken zu Gesicht zu bekommen, um unsere Rückreise nach Charthum antreten zu können. Hier können wir ohne ärztliche Hülfe nicht länger verweilen. — Seit einigen Tagen haben wir die Vorboten der nun bald auftretenden Passatwinde, kühlende Luftströmungen aus dem Norden, beobachten können. Hoffentlich werden die erwünschten Winde bald erscheinen, um die fürchterliche Hitze zu verringern. Wir haben Nachts oft schon -s- 28" Reaum. gehabt. Am 14. Oktober. Tischendorf ist sehr bedenklich krank geworden und phantasirt die ganze Nacht. Auch unsern alten Türken Aali-Arha hat das Fieber erfaßt. Der Koch Man fuhr ist der Einzige von uns Allen, welcher gesund geblieben ist. Er befreite mich mehrere Male durch ein höchst sonderbares Mittel von meinem Kopfschmerze. In einer Tasse löst er nämlich Salz in Ci- tronensaft auf, entkleidet mich bis zu den Hüften und reibt mir damit unter Hersagung der Fathcha und einer ansehnlichen Menge von frommen Sprüchen, unter denen „Ls i88m lillslli ei i-add- maiui ei rsliiüllm" oft wiederholt wird, den ganzen Körper ein und zwar unter kräftigen Strichen von unten nach oben. Dann streicht er die Schläfe entlang nach der Stirn zu und treibt, wie er sich ausdrückt, „die Sonne auf der Stirne zusammen", weil er meine Krankheit der Wirkung der Sonnenstrahlen zuschreibt. Hier- 96 auf faltet er die Stirnhaut, zieht sie einigermaßen vom Kopfe ab, gießt mir von der Auflösung in die Ohrhöhlen und trocknet mich dann sorgfältig ab. In der Regel ist aller Schmerz wie abgeschnitten und wenigstens eine Zeit lang verschwunden. Wodurch diese Linderung der Schmerzen bedingt wird, will ich unentschieden lassen. Man mag das Ganze lächerlich finden; allein was läßt ein Kranker nicht mit sich vornehmen, wenn er eine Abnahme seiner Leiden hoffen darf! Noch eine volle Woche mußten wir in Abu-Harrahs verweilen, ohne daß unsere Krankheit abgenommen hätte. Erst am 21. Oktober konnten wir eine Barke zur Rückreise miethen. Wir ließen sie sogleich beladen und fuhren gegen Abend ab. In der Nacht, welche ich beinahe schlaflos verbringen mußte, hörte ich das Geschrei von mehreren Tausenden, wie ich glaubte, ziehender Kraniche. Am folgenden Tage sah ich aber, daß die Thiere nicht flogen, sondern ruhig auf Sandinscln im Strome saßen. Gegen Mittag ließen mehrere Hunderte dieser sonst so schlauen Böge! das den Strom langsam hinabschimmende Schiff so nahe an sich herankommen, daß ich nicht unterlassen konnte, obwohl mich zwei Leute aufrichten mußten, mit der Büchse unter den Haufen zu schießen. Der Schuß war glücklich und tödtcte zwei Stück. Man brachte sie mir: ich hatte die seltene 6rus VirZo in den Händen, einen Vogel, der mir früher nie zu Gesicht gekommen war. Mit meiner in ornithologischer und ästhetischer Hinsicht gleich großen Freude, die seltenen Vögel erlegt zu haben, erwachte auch das Verlangen, noch mehrere Kraniche zu schießen. Die Gelegenheit hierzu bot sich bald; der Aesthetikcr trat in den Hintergrund und nur der Sammler machte seine Rechte geltend. Leider ist freilich Naturaliensammeln fast immer mit Morden verbunden. Gegen Abend fuhren wir an einer großen Insel vorüber, auf der wir wieder viele Kraniche sitzen sahen. Ich ließ die Barke am unteren Ende der Insel anhalten und beschloß, ungeachtet meines Fiebers, eine nächtliche Jagd zu versuchen. Der Wille des Geistes beherrschte den geschwächten Körper. Seit mehreren Wochen war ich nicht fähig gewesen, mein Lager zu verlassen, heute konnte ich auf 97 die Jagd gehen. In der Dunkelheit der Nacht gelang es uns wirklich, mehrere Kraniche zu erlegen. Ich wiederholte in den folgenden Tagen das Manöver und jagte immer glücklich. Aber stets war ich an dem diesen nächtlichen Jagden folgenden Morgen kränker, als vorher und mußte sie sehr bald aufgeben. Der Geist hatte doch nicht genug Spannkraft, um dem mächtigen Einflüsse des Fiebers die Spitze zu bieten. Am 26. Oktober landeten wir in Charthum. Ich war kaum im Stande, unsere Wohnung zu erreichen, so hatte mich das Fieber geschwächt. Der Doktor crschrack über mein Aussehen. Nachmittags bekam ich wieder heftige Fieberanfälle. Die Europäer Penney, Contariny und Grabeau besuchen mich, um mir ihr Beileid zu erkennen zu geben. Grabeau und Contariny wissen mir viele Gcwaltstreiche des Pascha zu erzählen. Er hat Ersteren, welcher als Apotheker angestellt war, seines Dienstes entlassen, nach dessen Ansichten natürlich ohne Grund, in der That und Wahrheit aber, weil sich Grabeau verschiedene Untcrschleife hat zu Schulden kommen lassen. Der alte Gauner Lumello will eine Sklavin verkaufen, der Pascha gibt dieser jedoch einen Frcihcitsbricf, worüber sich der Italiener nicht wenig ärgert. Leider finden die Verwünschungen, welche die Europäer gegen den Pascha ausstoßcn, in mir keinen Anklang, weil ich den kräftigen Maßregeln des Gouverneurs meine vollste Zustimmung nicht versagen kann. Unser Doktor hat sich in Charthum gar nicht behaglich gefunden. Er hat die Zerrüttung des europäischen Haushaltes und die Verworfenheit der meisten Europäer kennen und verachten gelernt. Jetzt wünscht auch er Nichts sehnlicher, als von hier fortzukommen. Wir machen Pläne zu einer neuen Reise nach dem blauen Flusse. Es steht uns nur meine Krankheit und der große Geldmangel hindernd im Wege. Aabahs-Pascha hat drei Araber hierher in die Verbannung geschickt. Die Leute wurden in Europa erzogen, aber nur Einer hat sich dort eine wissenschaftliche Bildung erworben und ist ein rechtschaffener, bescheidener Mann geblieben. Der Andere ist eine in III. 7 98 jeder Hinsicht unbedeutende Erscheinung; der Dritte, ein gewisser Bajuhin-Esfendi, hat trotz des zwölfjährigen Aufenthaltes in Frankreich den Fcllah noch immer an sich hängen. Er vereinigt alle Untugenden des gemeinen ArabcrS mit denen des Franzosen. Außerdem ist auch noch ein ungebildeter Franzose, Namens Eduard le Grand, ein ächter Kamin cko karis, hier angekommen und hat, wie sich fast von selbst versteht, Penncy's Haus zu seinem bleibenden Absteigequartiere erwählt. Vor einigen Wochen ist Nikola Nlivi von seiner Reise nach Kordofahn zurückgekehrt. Er hat von dort, außer mehreren Sklavinnen nnd einer bedeutenden Menge arabischen Gummis, auch eine höchst merkwürdige Frucht mitgebracht. Sie hat die Größe und Gestalt einer Mandel, eine schwarzgrau aussehende Schale und einen weißen Kern. Dieser hat, wenn man ihn in den Mund nimmt, einen unangenehmen bitterlichen Geschmack, der sich aber in den reinsten Zuckcrgeschmack umändert, wenn man einen Schluck Wasser trinkt. Die Frucht soll aus Takhale stammen. Am 14. Oktober verließ die Haudclserpcdition nach dem weißen Flusse, welche alljährlich von der Regierung und einigen wohlhabenden Kaufleuten ausgerüstet wird, unter der Leitung des Gauners Nikola Ulivi Charthum. Dank der Fürsorge unsers Herrn Chef, wir mußten sie unter zahllosen Flintenschüssen abfahren sehen, ohne uns, wie wir sehnlichst gewünscht hatten, ihr anschließen zu können. Der Hauptzweck dieser rein merkantilischen Erpedition ist der Eintausch von Elfenbein und Sklaven gegen Glasperlen (Sukh- sukh oder Suksuk). Gewöhnlich bringt man auch Waffen, Ge- räthschaften und andere in ethnographischer Hinsicht merkwürdige Gegenstände von dieser Reise mit nach Charthum. Die Schiffe erreichen mit den konstanten Passatwindcn bald den sechsten oder fünften Grad der nördlichen Breite und kehren, mit Elfenbein, Tama- rindcnkuchcn, Ebenholz, Honig und anderen Handelsartikeln beladen , nach drei bis vier Monaten zurück. Der Ertrag und Gewinn der Reise ist bedeutend. Erst seit der Errichtung eines Konsnlats 99 ist es den Europäern möglich geworden, ohne Beschränkung an der Expedition Theil zu nehmen. Am 10. November. Seit einigen Tagen bin ich im Stande , auszugehen. Wir unternahmen vorgestern einen kleinen Spazierweg nach dem Nahs el Charthum oder dem Vereinigungspunkte beider Ströme. Unterwegs machten mich meine Bedienten auf die Löcher des größten der im Ost-Sudahn vorkommenden Dungkäfers (6oxris Isickis) aufmerksam. Es sind fünf bis sechs Fuß tiefe Höhlen, aus denen wir die Käfer durch cingegosscnes Wasser bald herausbrachten. Die Fruchtbarkeit ist in diesem Jahre außerordentlich groß. Man hat in einem gut bewässerten Garten in Jahresfrist viermal Walzen geerntet. Die Dattelpalmen haben zum zweiten Male geblüht und neue Früchte angesetzt. Unsere Verhältnisse gestalteten sich immer trüber. Von Europa fanden sich weder Briese, noch Wechsel vor; alle meine Bemühungen, Geld in Charthum aufzunehmen, scheiterten. Zuletzt war ich gezwungen, mich an Nikola Ulivi, ehe dieser seine Reise auf dem weißen Flusse antrat, zu wenden. Ich schickte Contariny als Unterhändler zu ihm und war nicht wenig erstaunt, durch diesen zu erfahren, daß sich Nikola bereit erklärt habe, mir eine nicht unbedeutende Summe vorzustrecken. Nun ging ich in Begleitung meines treuen Aali-Arha zu ihm in seinen Diwahn. Nikola empfing mich sehr freundlich. „Sie wünschen von mir Geld zu haben, vereintester Herr; ich bin gern erbötig, Ihren Wunsch zu erfüllen. Aber ich bin Kaufmann und Sie werden sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich nur gegen Zinsen ein Darlehn gewähren kann. Auch glaube ich, daß es für Sie am Zweckmäßigsten wäre, wenn Sie zu Ihrer bevorstehenden Reise meine Barke benutzen wollten, welche ich Ihnen für die Miethsumme von monatlich siebenhundert Piastern überlassen will. Wie viel Piaster haben Sie nöthig? Ich nannte die Summe von dreitausend Piastern; Nikola 7 * 100 forderte fünf Prozent monatliche Zinsen. Hierzu kam die freilich nur angedeutete, aber, wie ich wohl wußte, unumstößliche Bedingung, seine Barke zu miethen, obgleich diese um ungefähr sechzig Prozent zu theuer war. Ich kochte innerlich; doch schien mir, um Geld zu erhalten, kein anderes Mittel übrig zu bleiben, als mich bezüglich der Barke um zwölfhundert Piaster oder achtzig Thaler preußisch betrügen zu lassen und außerdem für die ganze Summe (also auch für die zweitausend Piaster Barkenmiethe) sechzig Prozent Zinsen zu versprechen. Nikola's Gewinn würde zwcihundertundachtzig Thaler betragen haben. Und ich ging diese Bedingungen ein — weil ich mußte! Wie der Sinkende nach einem Strohhalme greift, griff auch ich verzweifelnd nach diesem letzten Rettungsanker. Was in meinem Innern vorging, will ich Niemanden beschreiben. Ich sah meinen und unser Aller Untergang vor Augen und fühlte, wie ich durch eine ruchlose Hand tief in den Abgrund geschleudert wurde; aber ich mußte meine Gefühle vor meinem Peiniger verbergen. Wir berechneten die ganze Summe auf eine gewisse Geldsorte, auf die ich einen Wechsel auszustellen versprach. Bei dieser Berechnung versuchte es Nikola, mich abermals um zwanzig Prozent zu betrügen. Jetzt war ich meiner Entrüstung nicht mehr Herr. Die furchtbarste Wuth bemächtigte sich meiner; ich ergriff den Schurken mit starker Hand an seinem langen Barte und prügelte ihn mit meiner Rilpeitschc, so lange ich einen Arm rühren konnte und das dauerte lange Zeit. Aali-Arha hütete mit der gespannten Pistole in der Faust die Thüre des Diwahn, damit der nach Hülfe rufende Ulivi nicht den Beistand seiner Diener erhalten konnte. — Heilige Gerechtigkeit! Verzeihe es mir, wenn ich damals in Deine Rechte cingriff! — Ich danke es noch heute meinem Glücke, daß mein Arm kräftig und stark blieb! Endlich entwand er sich meinen Händen, entfloh in seinen Harehm und rief mir noch zu: „Nslacketto, jetzt sieh, wo Du Geld her bekommst." Ohne ein Wort zu entgegnen, verließ ich den Diwahn des bestraften Wucherers. — Nachdem sich mein Zorn gelegt hatte, fing ich an, über unsre 101 Lage nachzudenken. Ich sah keinen Ausweg, unserer Geldnot!) ein Ende zu machen. Da kam mir der Gedanke, den Pascha um Geld anzugehen. Ich entwarf eine Bittschrift, stellte ihm meine Verlegenheit vor, schilderte die Schlechtigkeit der Europäer und bat ihn schließlich, mir auf vier Monate fünftausend Piaster zu leihen. Bis dahin hoffte ich vom Hause Geld zu erhalten und meine Schuld tilgen zu können. Nachdem ich die Bittschrift in's Arabische übersetzt hatte, sandte ich sie durch Aali-Arha dem Pascha zu. Noch denselben Tag erhielt ich Antwort. Nach türkischem Gebrauche hatte der Pascha sogleich auf der Rückseite desselben Papieres, welches ich ihm zugesandt hatte, eine Verordnung an den Schatzmeister der Mudinc erlassen. Sie enthielt ungefähr folgende Worte: „Wir haben das Gesuch des Deutschen, Chalihl-Essend!, zu genehmigen beschlossen und befehlen Euch, ihm fünftausend Piaster ohne Zinsen auf vier Monate vorzustrecken. Laßt Euch von ihm einen Empfangsschein geben. Sollte der Herr aber nach Verlauf der vier Monate noch nicht im Stande sein, das ihm geliehene Geld an die Kasse der Regierung zurückzuzahlen, so sendet uns seinen Empfangsschein zu und rechnet unö die Summe von fünftausend Piastern auf unsre Appanagen; wir werden das Weitere dann verordnen." Diese wahrhaft königliche Handlungsweise des Pascha bedarf weiter keines Kommentars. Ich ging zu ihm, um ihm zu danken. Er empfing mich mit den wie ein Vorwurs klingenden Worten: „Es war Unrecht von Dir, Chalihl-Effcndi, daß Du mir Deine Verlegenheit nicht schon früher angezeigt hast; ich würde sie längst beendet haben, denn auch ich bin ja in der Fremde." Mit wahrer Freude rüstete ich mich jetzt zur Reise nach dem oberen Laufe des blauen Flusses. Statt der siebenhundert Piaster, welche ich für Nikola Ulivi's Barke geben sollte, bezahlte ich jetzt dreihundert für eine andere, welche durch ein Zelt von Strohmatten für unsre Zwecke gut genug hergerichtet wurde. Unser jetziges Fahrzeug übertraf die Dahalüe Ulivi's an Größe. Schon nach wenigen Tagen waren wir reisefertig; unser Schiffsvolk war williger und dienstfertiger, als das im Solde jenes Gauners stehende. Die tropischen Wälder und ihre Fauna. „Es prangt der Wald in bunter Schöne, Wie eine neue, reiche Welt?' Wir haben die Wüste durchwandert und uns in der Steppe umgesehen; werfen wir jetzt noch einen Blick in die allgemach aus der letzteren hcrvorgegangenen Wälder des Innern, welche wir füglich „Urwälder" nennen können. In vielen von ihnen ist noch kein Artschlag gehört worden, viele hat noch kein Pulsschlag der Civilisation durchzittert; sie gehören noch ganz sich selbst und der Wildniß. Neben der Hütte des Negers baut sich noch heute der Aar seinen Horst, neben dem Elephanten durchwandert sie das wüste Rhinozcros, mit dem König der Wildniß durchschleicht sie der „rosenfellige" Panther. Um uns ihr Vorhandensein erklären zu können, blicken wir noch einmal auf uns zum Theil schon bekannt Gewordenes zurück. Wenn der dem Aequator zuwandernde Reisende den achtzehnten Grad der nördlichen Hemisphäre überschritten-hat und in das Gebiet jener Regen, welche die Flüsse des Innern schwellen, gekommen ist, bemerkt er gar bald den mächtigen Einfluß des vom Himmel bescheerten Wassers. Die Sandmeere verschwinden, die staubigen Ebenen, auf denen er bis jetzt nur halbdürres Riedgras wuchern sah, bekleiden sich mit einem, anfangs allerdings nur noch spärlichen Pflanzenteppich; selbst zwischen den glühenden Felsmassen, deren starre Oede den Menschengeist niederdrückt, sproßt es und keimt es und sehnt es sich, Zweige, Blätter und Blüthen in die. reine Aetherluft hinauszubrcitcn. Mit jedem Breitengrade, den man durchreist, begegnet man neuen Pflanzenformen; die Arten werden zahlreicher, zahlreicher auch die Individuen der Ge- 103 wächst. Schon unter dem sechzehnten Grade n. Br. vereinigen sich die früher nur einsam, verlassen hier und da an den Ufern der Ströme stehenden Mimosen zu Wäldern, sie selbst erstarken zu gewaltigen, schatten- und blüthcnduftspendenden Bäumen. Je mehr man sich dem Gleicher nähert, je flammender die Blitze, je rauschender und anhaltender die Regengüsse der tropischen Gewitter werden, um so reicher wird die Flora und mit ihr die Fauna des »«enthüllten, märchenhaften Innern. Die undurchwandcrtcn, uns unter dem Namen „Chala" bekannt gewordenen, Ebenen deckt ein mannshoher, von einzeln aus ihm sich erhebenden Bäumen und Gesträuchen überragter Graswald; in den Niederungen treten die Bäume näher zusammen und verzweigen ihre Kronen zu einem kühlen Laubdache, in dessen Schatten nun auch andere, wasserbcdürf- tigere Pflanzen gedeihen können; selbst auf den Bergen bemerkt man vegetabilisches Leben. Nördlich von dem dreizehnten Grade sind nur die Ströme die Hcrzadern und Träger dieses Lebens, und ihre Ufer bis zum sechzehnten Grade hinab mit Wäldern, welche oft ganz das Bild der Urwälder des Innern geben, bedeckt; südlich von demselben wird wegen der Menge der fallenden Regen und der damit in Einklang stehenden Kürze der Alles crtödtcnden Zeit der Dürre der Pflanzenwuchs allgemein. Je bälder die Wiederkehr des Charicf erfolgt, um so ähnlicher wird die Vegetation jener der Tropenländcr des wasserreichen Amerika. Während in den „AuLd'iö"'*) mit dem Aufhören der Regenzeit auch das sich in ihnen ansammelnde Wasser und damit der Lebensunterhalt der Bäume verschwindet, so daß diese kaum genugsam gekräftigt sind, die zweite Jahreszeit zu überstehen, sind alle Gewächse südlich vom dreizehnten Grade so gesättigt worden, daß sie fast das ganze Jahr hindurch in voller Ueppigkeit fortleben können. Deshalb endet erst dort die verhältnißmäßig dürftige Vegetation der gleichsam noch immer durstigen Pflanzen der Steppe und deshalb findet man erst dort ebensowohl auf den Bergen als in den Thälern, auf Hochebenen und in Niederungen jenes Pflanzenlcben, welches wir sonst *) Plural von „W ahd" oder „Wadl", Niederung. 104 nur in der Nähe immer wasserreicher Ströme bemerken. Die Trok- kenheit der regcnlosen Monate ist aber sogar dort noch so groß, daß sie, wenn auch nur auf kurze Zeit, den Blätterschmuck der Bäume vernichten und sie auf einige Wochen in Todcsschlummer versenken kann. Aber bald erweckt sie der wieder fallende Regen zu Frühlingslust und Frühlingsleben. Und mit diesem freundlichen Bilde will ich beginnen, obgleich es schwer ist, seine Pracht würdig zu beschreiben. Wir betreten vom Ufer aus, an einer etwas freien Stelle, den Urwald, aus welchem uns ein ununterbrochenes, wirres Stim- mengctön entgegenschallt und Balsamduft anweht. Schon nach wenigen Schritten umgibt uns von allen Seiten der großartige Wald. Alles in ihm schwelgt in der üppigsten Fülle. Das Auge weiß nicht, wohin es sich wenden soll; das Ohr strebt vergeblich, das nicht endende Töncchaos zu ergründen; der Fuß zögert, weiter zu schreiten. Pflanzen und Vögcl entfalten eine ungeahnte Pracht. Die von goldenen Blüthenröschcn schimmernden Wipfel der Mimosen haben meist noch eine Decke von Schlingpflanzen erhalten; die blumenreiche Liane rankt von Baum zu Baum, bemächtigt sich eines großen Theils des Waldes und verwebt Wipfel und Stämme, Baumkronen und niedere Gebüsche zu einem einzigen, undurchdringlichen, undurchsichtigen Ganzen, in welchem es lebt und webt, daß dem Naturfreunde das Herz aufgeht. Blumen, welche unsere reichsten Gärten zieren würden, wachsen hier wild. Wir zählen allein von Winden mehr als zehn Arten. An einigen Schlinggewächsen bewundern wir die Blumen, an anderen die Früchte. Eine von ihnen trägt eine carminrothe, gurkcnähnliche Frucht, welche die Eingeborncn „Tammr el Aabihd" — die Frucht der Sklaven — nennen; andere bieten den Vögeln ihre großen herzförmigen, zinnoberfarbencn Beeren zur leckeren Speise. An einigen Stellen ranken sich Riefendohnen an den Bäumen empor. Sie haben schöne Blüthen und fußlange, fleischige Schoten mit schweren Saamcnkernen. Die Sudahnesen benutzen sie nur als Vieh- futter, obgleich ich gar nicht zweifle, daß sie ein gutes Gemüse geben würden. Selbst bis auf die Blätter und Ranken erstreckt sich 105 die bildnerische Schöpfungskraft. Erstere strahlen nicht bloß in allen Schattirungen von Dunkelgrün bis Dunkelroth, sondern zeigen auch die mannigfaltigsten Formen; die Ranken sind glatt oder mit feinen Stacheln besetzt und haben zu ihrem Querschnitt oft zusammengesetzte geometrische Figuren. Viele Bäume, Gesträuche und andere Pflanzen, vor allen aber die Mimosen verbreiten balsamische Wohlgerüche. Was in Deutschland ein Monat reifen macht, bringt hier in üppiger Fülle eine Woche zu Stande. Allein nicht blos in der Hohe, sondern auch in der Tiefe ist der Pflanzcnwuchs außerordentlich. Das Gras bedeckt nicht selten den Boden bis auf vier Fuß Höhe und macht jede Bewegung schwierig, in Verbindung mit Schlingpflanzen und niederen Gebüschen oft geradezu unmöglich. Der Wald ist halbe Meilen weit vollkommen undurchdringlich. Jede Grasart, jeder Baum, fast jedes Rankcngcwächs hat Stacheln oder Dornen. Die Gräser sind unter allen Pflanzen die unangenehmsten. Eine Art ist der uns bekannte Askanit, welcher seine feinen Stacheln in den Kleidern und der Haut des Eindringlings sitzen läßt (s. Th. 1, S. 270); eine zweite nennen die Araber Esserk und hassen sie fast noch mehr als die erste. Ihre Achre haftet am Linncnzeuge sehr fest und kann weder im trockenen Zustande, noch durch Waschen daraus entfernt werden. Ein drittes Gras, die „Tarbe" der Araber (zu deutsch ungefähr ,,Wegerich"), erzeugt Samenkapseln von so großer Härte, daß sie das Schuhwerk zerschneiden und höchst lästig werden. Hierzu kommen noch Gebüsche mit Dornen von allen Größen und Gattungen, von den -drei bis vier Zoll langen Mi- moscndornen an, bis zu den kleinen, gebogenen des Na batst rauch es oder der während des Frühlings kahlen Harahsi herab. Nur mit großen Wasserstiefeln kann man hier und da in das Innere des Waldes eindringen; allein diese sind bei der herrschenden Hitze eine drückende Last und werden dort, wo die zu einem einzigen Dorncngcflechte verwebten Gesträuche, Disteln und Gräser jedes weitere Vordringen hemmen, unbrauchbar. — Aber dennoch versuchen wir immer von Neuem wieder in das Innere des Waldes zu gelangen. Dort eröffnet sich uns eine neue 106 Welt; wir können nicht mithören, zu bewundern. Ruhelos schweift der Blick umher. Voll das Auge die mit den prächtigsten Farben geschmückten Vögel verfolgen, soll es an den duftigen Blüthen haften bleiben, oder soll es sich an einer zierlichen Antilope, einem Erdeichhörnchcn, einem goldigen Käfer, einem buntfarbigen Schmetterlinge erfreuen? Es ist gar nicht fähig, all' das Schöne, Herrliche, Erhabene, welchem es nach allen Seiten hin begegnet, mit einem Male dem Geiste vorzuführen. Mit Entzücken und Erstaunen betrachten wir die auffallenden Gestalten und die Pracht der Farben, mit welchen der Schöpfer hier Alles ausstattete; erst durch seine Bewohner gewinnt der Wald seinen vollen Reiz. Wer empfände nicht ein lebhaftes Vergnügen, wenn er die stahlblaue, in der Sonne in allen Farben schillernde Glanzdrossel (Immxro- tornis) durch die Zweige schlüpfen sieht? Wer vermag es, den Flug einer Paradies wittwe (Vickus parackisea), welche das für sie fast allzu große Gebäude ihres Schwanzes mühsam durch die Lüste schleppt, gleichgültig zu verfolgen? Die verschiedensten Stimmen und Töne sind hörbar. Von dem kühnen, starkklauigen Adler an bis zu der smaragden schillernden Biene herab schwirrt und summt, singt und lockt es in allen Zweigen. Schon von Weitem leuchtet die hochkarminrothc Brust eines Würgers (des I-aniarlus sr^tllroAgstei) aus den dichtesten Hecken hervor. Sein merkwürdiger Lockton fällt auf; es ist ein hcllmelodischer, dem unseres Pirols entfernt ähnlicher Pfiff, welchem ein höchst umnclodisches Knarren folgt. Wir schleichen den Vögeln nach und hören plötzlich den Pfiff von der einen, das Knarren von der andern Seite erschallen: Männchen und Weibchen haben sich vereinigt, den ununterbrochenen Lockruf hervorbringen. Das Männchen beginnt seinen Flötenton und das wohl achtsame Weibchen endet das Duett mit seinem eigenthümlichen Knarren *). Hoch auf den Wipfeln größerer Bäume sehen wir *) Wir können etwas Achnliches bei unseren Hausgänsen bemerken. Das „Gahk" des Weibchens folgt so schnell auf das „Gihk" des Männchens, daß man ebenfalls glauben konnte, Beides rühre nur von einem Vogel her. Daß sich die verschiedenen Geschlechter der Vogclpaare gegenseitig 107 eine Art des Nashornvogels (lolrus ei-^tdrork) nokus), welcher, weil seine Brutzeit herannaht, da oben seinen Paarungsrus unter den lebhaftesten Gesten in alle Winde schreit. Unter scheinbar höchst anstrengenden, ergötzlich anzusehenden Bewegungen des Oberkörpers beginnt er langsam seinen aus einem einzigen Tone bestehenden Ruf, wird aber, noch ehe er schweigt, so hitzig, daß er zuletzt seiner Stimme mit dem Kopfe nicht mehr folgen kann, denn bei jedem Ausrufe neigt er diesen tief herab. Ganz ähnlich klingt -das Ruksen eines niedlichen Erdtäubchens, welches wahrscheinlich ebenfalls nach einer Gefährtin späht. Man hört wenig Sänger aber viele Schreier, welche jedoch allesammt von dem Kreischen der in die Blätterfarbe gekleideten Papageien übertönt werden. Zuweilen erschallt auch ein eigenes Gegurgel dazwischen. Es rührt von einer der hier vorkommenden Affenarten her. Der langgeschwänzte Affe (tleroopitllsoug Zriseo-viriäl8) durcheilt mit kühnen Sprüngen die höchsten Neste der himmelanstrebenden Bäume ; ein altes Männchen, erfahren in allen Lagen des Affenlcbens, ausgelernt und listig, ist es, welches mit jenen seltsamen, weit hörbaren Tönen die komisch hinter ihm dreinspringende Heerdc leitet. Und dazu hämmern die Spechte, summen und brummen Tausende von Insekten, rascheln die Schlangen und Eidechsen, knarren und rauschen die Bäume. Jeder Schritt fast bringt ein neues Wunder vor unsere Augen. Es gibt nur wenige Höhlungen, in welche die Vögcl ihre Nester anlegen könnten, in den Bäumen, deshalb hat der allgütige Schöpfer diese gelehrt, sich selbst Wohnungen zu erbauen, welche fast gleiche Sicherheit als jene Baumhöhlen gewähren. Ein finkenarti- gcr Vogel, von seiner Kunst, Gras, Wolle und andere Stoffe zu Nestern zu verweben, der „Webervögel" genannt, befestigt an den Enden der schwächsten und biegsamsten Zweige mit langen, zähen Grashalmen sein künstliches Haus, versieht es mit einem kegelförmigen Dache, unter dem er einen röhrenförmigen Eingang antworten, ist bekannt; bei unserem Wendehälse (§u»x torI, die „Um Rischaht" — Besitzerin eines prächtigen Kleides — der Sudahnesen, ist auch in den Urwäldern ein stetiger Bewohner. Er erreicht selten die Größe des europäischen Luchses, greift auch, wie dieser, nie ohne Noth den Menschen an, ist aber, wenn er eS thut, ein nicht zu verachtender Gegner desselben. Man begegnet dem Karakal, weil er sich wenig bemerklich macht, nicht allzu oft, darf ihn aber in jeder größeren Waldung mit Sicherheit vermuthen. Unsere Marder finden in den Genettkatzen und Manglest cn der Urwälder ebenbürtige Vertreter. Die große Viverra Civvtta, der „Sobäht" der Eingebornen, lebt in Erdhöhlen und 117 raubt nächtlicher Weile im Walde und in den Dörfern Geflügel, junge Hausthiere und anderes Gewild. Er wird, wegen seines Moschus, oft gezähmt gehalten. Letzterer bildet sich in einer dem After nahe liegenden Tasche, wird von Zeit zu Zeit herausgenommen, in Ochscnhörner gefüllt und als kostbarer Stoff in den Handel gebracht. Auch die kleinen Gcnetkatzcn, donetts sonoZa- lonsis und 6. sd;'88iiiiog, werden oft gezähmt, gewöhnen sich bald an ihren Herrn und erfreuen diesen durch ihre unmuthige Gestalt und ihr angenehmes Wesen. In den Steppen- waldungen leben zwei in die Nähe der vorhergehenden zu stellende Thiere, der Uatelrm oapsn8i8 und die KIiodäoAalo mimtelinr». Ersterer heißt in Nubien Abu-Kchm oder Abu-Kohm, letzterer wegen seines üblen Geruchs „Abu-Acffn" — Stänker—. Die Mangustcn sind häufige, aber, wie alle marderähnli- chen Thiere, wenig bemerkbare Räuber jener Gegenden, deren bekannteste Art ich ausführlicher zu schildern versuchen will. Wie viele Arten unser Gebiet beherbergt, weiß ich mit Bestimmtheit nicht anzugeben, zumal die Naturforscher über diese oder jene Art noch uneinig sind. Außer den von Rüppcl entdeckten vier Arten — 1Iei'i>08to8 80 Auinvu 8 , II. Araoilm, II. Xobra und II. älutgiAella— dürften noch II. Iououi-U8, II. tae»ioi>oto8, Fmr'e/t und II. ->Ilio8C6N8 , des/'/', hierher zu zählen sein. Man hat diese Sippe in drei Subgencra getrennt. Nach den Berichten Hcuglin's ist es jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die Flüsse Sudahns auch Fischottern enthalten. Bis jetzt sind diese Thiere noch unbekannt und unbc- nannt. Von den Igeln kommen vier Arten: drinaoou8 8o»i>aari- ou8, , U. bisclH'ckactvIrm, II. lUunoii, und u. lroickglm, in unserem Gebiete vor; die Spitzmäuse sind durch zwei Sippen und sechs Arten, welche ich hier nicht aufzählen will, vertreten. Auch die in den Urwäldern an Familien, Sippen und Arten reiche Ordnung der Nager kann ich nur flüchtig skizzircn. Rüppcl fand in Abvssinien ein auf Bäumen lebendes, kleines Eich- 118 Horn, 8eiuru8 maltioolor; vr. v. Heuglin hat dazu eine neue, noch unbeschriebene Art entdeckt. In den unter egyptischcr Herrschaft stehenden Ländern Ost-Sudahns sind bisher nur Erdeich- hörnchen, Xerv8, beobachtet und von ihnen zwei Arten: X. leu- ooumdrinu8, und X. rutilll8, oder llraolliotu8, unterschieden worden. Beide heißen in ihrem Vaterlande „S-lberL" — Höhlen- oder Häuserbaucr —. Die Erdeichhörnchcn sind muntere, fröhliche Thierchen, welche sich unter dichten Gesträuchen ausgebreitete Baue graben und deren Umkreis selten verlassen. Ungeachtet ihrer Gewandtheit werden sie oft eine Beute der Raubvogel, gegen deren Fangwaffcn ihre scharfen Zähne Nichts ausrichten. Sie sind durch ihr hartes, borstenähnliches, aber glattes Haar ausgezeichnet und deshalb von den wahren Eichhörnchen zu unterscheiden. In die Nähe dieser Gruppe gehört auch ein den tropischen Wäldern eigenthümlicher Schläfer, den ich auf einer Mimose erhäscht, später aber, ohne ihn genauer bestimmen zu können, verloren habe. Wahrscheinlich ist es Nvoxu8 tloupei der Autoren. — Die in Egyptcn häufigen Springmäuse, Vipu8, sind im Sudahn hinsichtlich der Jndividuenzahl seltener als dort, treten aber in mehreren Arten und Sippen auf. Sie werden von den Einge- bornen „Djerboa" genannt. Man kennt von dem in unserem Gebiete auftretenden Arten den v. (Hsltom^8) 1urtipk8, Lrc/rr., v. (8c^rtow)'8) tetrsäsot)Iu8, Lre/rt. Von den sehr zahlreichen Mäusen sind einige und zwanzig Arten, welche sechs Sippen angehören, bestimmt worden. Ich unterlasse auch ihre Aufzählung. Unser Z1u8 Ro1tu8 ist mit dem l>1. «leonmsiE an allen Küstcnplätzcn des mittelländischen und rothen Meeres eingewandert, weshalb auch sie zu der Fauna N.-O.-Afrikas gezählt werden können. Aus der Familie der Hasen kommen im Sudahn wahrscheinlich nur zwei Arten: I.ogu8 sd^88inivu8, L/r^errL. und U. i8sdollilw8, vor. Alle Hasen Nord-Ost-Afrikas sind kleiner, als die unsrigcn, von denen sie sich durch Farbe und Lebensweise nur wenig unterscheiden. Ihre Ohren sind nach Verhält- 119 niß ihrer Körpergröße auffallend groß. Die Araber nennen sie Ärnöb oder Ernsb und ziehen ihr Fleisch dem alles anderen Wildes vor. Sie sind nirgends so gemein, als in guten Jagdge- gendcn Deutschlands. Kaninchen giebt es nicht. Die Familie der Stachelschweine zählt nur eine Art: IlMrix oriststa, deren Höhlen man ebenso häufig im Urwalde, als in der Steppe antrifft. Die Stachelschweine sind sehr harmlose Thiere, wissen sich aber, wenn sie angegriffen werden, gut zu vertheidigen, indem sie seitwärts gegen ihren Feind anrennen. Die Sudahnesen nennen das Thier „Abu-Schohk", Dornenvater oder mit Dornen Begabter. Beim Laufen hört man ein eigenthümliches Rasseln, welches durch das beständige Bewegen des mit kurzen, starken und stumpfen Stacheln besetzten Schwanzes hervorgebracht wird. Die zwei Sippen, welch« die Ordnung der Scharrthiere in Nord-Ost-Afrika repräsentiern, habe ich bereits bei Aufzählung der hervorragendsten Stcppenthiere aufgeführt. Durch die Mittheilungen meines Freundes Dr. von Heuglin habe ich aber so interessante Nachrichten über sie erhalten, daß ich die Gelegenheit, noch Einiges über sie zu sagen, nicht vorübergehen lassen will. Nach den Beobachtungen dieses ausgezeichneten Naturforschers ist es sehr wahrscheinlich, daß von der Sippe Or-vetoi-opus nächst 0. k»otliiopiou8 auch 0. vsponsm und nächst Llanis (I>dstgKv8) 'lemminoliii auch Äl. triou8pi8 in unserem Gebiete vorkommen. Es hält sehr schwer, sowohl das Erdferkel, als auch das Schup- peuthier zu erhalten, obgleich die Araber ersteren unter dem Namen „Abu Thclahf"*), letzteren unter der Benennung „Abu- Khirsc"**) sehr wohl kennen. Heuglin erhielt erst nach langen Bemühungen sowohl das eine, als auch das andere der Thiere und besaß beide längere Zeit lebendig. Er sagt von ihnen: „Das Erdferkel (0r^cteiop>i8) ist ein sehr behendes, nächtliches *) „Der mit Nageln Ausgerüstete." **) Khirfe bedeutet Rinde und demnach der Name des Thieres, der Inhaber eines der Rinde ähnlichen Kleides; streng wörtlich Rinden- v a t c r. 120 und sehr furchtsames Thier, welches an den großen Heerstraßen einer Mutilliden-Art in der Steppe mit ziemlicher Sicherheit aufgefunden werden kann. Es ist, vermöge seiner erstaunlichen Fertigkeit im Wühlen, schwer zu fangen, indem es sich, sobald es verfolgt wird, sofort in die Erde eingräbt. Doch brachten dieKa- babiesch, Dahr-Hammer und Bakhahra nach und nach einige für schweres Geld. Die Thiere schienen wenig gesellschaftlich zu sein, jedoch spielten drei Junge zuweilen zusammen." Sie ergötzten Hcuglin durch die Gewandtheit in ihren Bewegungen und, wenn sie unter sorgsamer Aufsicht frei gelassen wurden, im Graben. In der Ruhe standen alle Ercmplare, welche er besaß, immer nur auf drei Beinen; sie stützen dann einen Vordcrfnß mit den Nageln auf die Erde oder hielten ihn ganz frei; der Kopf wurde so gesenkt, daß die Schnauze zur Bodcnfläche senkrecht stand. Heuglin fütterte sie mit Milch, in welche rohe Eier, Honig, Mehl, Brod, Datteln, Weintrauben u. s. w. eingerührt wurden und einer sehr geringen Portion Ameisen groß. Sehr gern tranken sie die Buhsa (s. Th. 1 S. 184) der Eingcbornen. Das Schuppenthier findet sich nach Heuglin nur in den Steppen Kordofahns, wo es den Tag über, wie die Nomaden sagen, in nicht selbst gegrabenen, wenig vertieften Löchern in sich zusammengerollt auf der Seite liegt. Es ist ebenfalls Nachtthier, welches nur Abends und Morgens ausgeht und Skarabaen, Heuschrecken und andere Insekten frißt; in der Gefangenschaft kann man es mit Durrahkörncrn erhalten. ES geht nur auf den Hinterfüßen, indem es sich mit dem Schwanz im Gleichgewichte hält. Beide Edentaten haben die sonderbare Eigenschaft, ihren Unrath mit den Vorderfüßen cinzugraben. Sie schwitzen beständig und überaus heftig. Afrika zählt bekanntlich die meisten Familien der Dickhäuter. Südlich von dem vierzehnten Grade der nördl. Br. tritt der gewaltige Elephant, Llogkos ski-ieanrm, als stetiger Waldbc- wohner auf. Er erreicht eine riesige Größe und bekommt Stoßzähne, von denen ein einziger zuweilen mehr als hundert Pfund wiegt. In zahlreichen Heerden durchzieht er große Strecken; er ist 121 es, welcher die dichtesten Waldpartieen zugänglich macht. Der Führer der Hcerdc bricht sich durch den von Schlingpflanzen und Dornen zu einem allen übrigen großen Thieren undurchdringlichen Dik- kicht umgestalteten Wald seine Bahn, reißt mit seinem kräftigen Rüssel die starken Aeste und schwachen Zweige ab, um erstere aus seinem Wege zu werfen und letztere zu verspeisen; hinter ihm her traben die übrigen Glieder der Heerde und vernichten mit ihren plumpen Füßen oder dem gelcnkcn Greiforgan alle übrigen Hindernisse; zehn bis fünfzehn Elephanten hinterlassen nach einem einmaligen Zuge eine gangbare Straße durch den Wald. Obgleich der bedeutende Gewinn glücklicher Elephantenjagdcn viele Jäger zum Vernichtungskriege gegen die Waldriesen auffordern sollte, finden diese zur Zeit nur in den Negern Feinde, welche ihnen des Elfenbeins halber nach dem Leben trachten, denn die wenigen Jagden, welche von den im Sudahn lebenden Europäern gehalten werden, sind kaum in Betracht zu ziehen. Jene Waldwege, die von den Elephanten herrühren, wählt dann das blindwüthcnde Nashorn oder das nächtlich den Fluchen entsteigende Nilpferd zu seinen Weidegängen. Es scheint ausgemacht, daß von ersterem drei Arten: Rtuuoooros sti-ioanus, kd. Loitloa und Rll. simus im Sudahn vorkommen, welche ohne Unterschied von den Eingeborncn mit dem Namen „AnLsa" und Fertiet bezeichnet werden. Das Nashorn ist ein furchtbares Thier, das keine Feinde hat, weil es keinen Gegner findet, welcher es bewältigen könnte. Nur der muthige Neger oder der listige Abyssinicr wagt zuweilen einen vorher wohlvorbereiteten Kampf mit ihm; jener gräbt ihm Fallgruben oder sticht ihm von der Höhe eines Baumes herab die scharfe Lanze in's Genick; dieser greift es mit dem Schwert in der Faust, aber nur in Gesellschaft wohl erprobter Gefährten an. Die Sudahncsen fürchten es ungcmein. Die Anasa ist dasselbe Thier, in dem man das fabelhafte Einhorn zu finden geglaubt hat. Sie ist mir nie zu Gesicht gekommen, trotzdem zweifle ich sehr an der Eristcnz des Einhorns, weil ich gewiß weiß, daß Fertiet, Anasa und Nashorn gleichbedeutend sind. Das Nilpferd, Hippopotamus amplridius, Tr'»«e, 122 ist südlich vorn vierzehnten Grade in jedem Flusse und Flüßchen sehr gemein, wird aber ebenfalls wenig gejagt und nur hier und da durch Lärmen und unterhaltene Feuer von seinen Verheerungen in den Getreidefeldern abgehalten. In den oberen Stromgebieten der beiden Hauptflüsse unseres Gebietes leben mehrere Arten von Schweinen, wahrscheinlich sämmtlich der Sippe kkaoodwei-ug angehörend, von denen man zur Zeit nur zwei Arten, sotkiopiolls und kd. ^eliani, unterschieden hat. Die Thiere ähneln in ihrem Wesen und Betragen ganz unseren Wildschweinen, sollen jedoch nicht so gefährlich sein, als die in Egypten lebenden, welche, wie man annimmt, nur verwilderte Hausschweine sind. Nach dem System gehören auch die bedächtigen und netten Felsenbcwohncr, die Klippschliefer, zu den Pachydermen; in ihrem Wesen gleichen sie eher den Nagern, namentlich den Murmclthieren. Sie scheinen auf allen Gebirgen Nord-Ost- Afrikas zu Hause zu sein und gehören höchst wahrscheinlich mehreren Arten an, als man gelten lassen will. Wir glauben, daß die specifische Verschiedenheit der Ehrenb erg'schcn vier Arten: Il^rsx ruü«!6p8, ogponsl«, 8)'i-isoll8 und sk)'88inioll8, begründet ist. Im Sudahn finden sich, mit Ausnahme von kl. 8)riavu8, alle Arten; II. ru.Se:ex8 ist in der Nähe Charthnms gemein. Alle Berichte der Eingcbornen lauten übereinstimmend, daß in den inneren Steppcnwaldungcn mehrere Arten des ,, wilden EselS" vorkommen. Ich habe dieses fraglichen Thieres schon bei der Steppe gedacht, aber neuerdings durch Heuglin werthvolle Aufklärungen erhalten. Dieser sah in der Nähe von ihm aufgefundener Ruinen zwischen dem Nil und Atbara große Heerdcn desselben und hält es entweder für ^8inu8 OaaZei- oder ^8.I68tivll8 oder Lurellellii; von dem letzteren wurden ihm Felle aus dem oberen Stromgebiete des weißen Flusses gebracht. Die wilden Esel sollen erstaunlich scheu sein. Man erzählt sich Viel von der unbändigen Wildheit des ,,Chumahr el Chala" oder Steppcnesels, wie ihn die Eingcbornen nennen (obgleich sie stets bemerken, daß er waldiges 123 Terrain der reinen Steppe vorzuziehen scheine) und gibt vorzüglich das Land Tahka als seinen Wohnplatz an. In Dahr-Fuhr soll er gemein sein und in großen Heerden von Wald zu Wald streifen. Nächst den bei der Beschreibung der Steppe aufgezählten W i e- derkäuern beherbergt der Sudahn noch viele andere, hauptsächlich Antilopen. Das nahe Abysstnien ist an ihnen besonders reich und es mögen von da aus wohl viele Arten in das Gebiet des unteren blauen Flusses herüberkommen. Nicht ärmer jedoch sind die Waldungen am weißen Flusse, in denen Dr. v. Heuglin neuerdings eine sehr schöne Antilope aufgefunden hat, welche von ihm .4mtiloxs megsoero8 genannt wurde. In den Gebirgen Abpssiniens lebt ein von Rüppcll entdeckter St ein bock, die Osxrs HVslio, welcher mit dem auf einigen Gcbirgszügcn der,,Djesihre" gesehenen, bisher noch unbekannten, identisch sein dürfte; in ganz Nord-Ost-Afrika kommt ein Schaf, Ovi8 1'rgAslgpllu8 , in kleinen Heerden vor. Der kaffersche Büffel, Lem 6giror, Trmre, durchzieht unser Gebiet in größeren oder kleineren Truppen und steht in den Augen der Eingcbornen den größten Naubthieren an Furchtbarkeit gleich. Er greift den Jäger mit blinder Wuth an und weiß sich seiner starken Hörner trefflich zu bedienen. Wie ein von Dr. v. Heuglin nach Europa gebrachtes Eremplar — das erste, welches jemals dahin gelangte — beweist, kann er, wenn er jung aufgezogen wird, leicht gezähmt werden und zeigt dann eine sehr große Anhänglichkeit an seinen Wärter. Die Sudahnesen nennen ihn „Djamuhs el Chala", die Abyssinicr Gösch, die Kordofah- nesen oft auch el Khua. — Weit mehr Arten und Individuen zählt die Klasse der Bögest Sie sind die lieblichsten Waldbewohncr und die schönsten Erscheinungen aus der interessanten Fauna der afrikanischen Tropen. Schon an und für sich ist die Ornis der Urwälder sehr reich, sie erhält aber alljährlich durch die von Norden her zur Winterzeit einwandernden Zugvögel eine bedeutende Vermehrung ihres Reichthums. Es gibt gewisse Sammelplätze: holz- und wasserreiche Stellen in den Urwäldern, welche nahe an hundert Arten und eine 124 nicht zu berechnende Jndividuenzahl von Vögeln beherbergen. Ohne sie, die lebensfrohen, munteren und stimmbegabten Thiere würden die Wälder, ungeachtet ihrer übrigen großartigen Thicrwelt, todt sein. Die Vögel sind es, welche durch ihre heitere Lebenslust das Leben der Wälder erwecken. Zwar machen sich die größeren Vögel, welche meist stumm sind, gewöhnlich erst durch ihr Erscheinen bc- mcrklich; aber die kleineren verkünden ihr Dasein auch schon lange vorher, ehe sie sichtbar werden. Ich habe das Bild der Vogclwclt zu schildern versucht, wie es sich uns beim ersten Eintritt in den Urwald darstellt; dringen wir jetzt etwas tiefer in ihn ein. Bei einer Trennung der Steppe vom Urwalde kommt man zuweilen in einige Verlegenheit, welchem von Beiden man dieses oder jenes Thier zuzählen soll. Gerade im Sudahn sieht man häufig Stcppenthiere in den Wäldern, wenn diese Wasser enthalten, wahrend wiederum ächte Waldbewohner sich manchmal weit hinaus in die Steppe verirren. Ich ziehe solche Thiere zu dem Bereiche, welcher der Geburtsort derselben ist oder sein soll. Die Ordnung der Papageien, welche ich, weil ich die Assen obenan gestellt habe, zuerst erwähnen muß, zählt in Nord- Ost-Afrika nur drei Sippen mit sechs Arten, von denen die gemeinste der kalavornis enbieulr>ri8 ist. Die Papageien sind ächte Waldbewohner, obwohl sie nicht gerade besonders große, ununterbrochen zusammenhängende Waldpartieu verlangen. Wo einige Ta- marindcnbäume, deren prachtvolle Kronen ihnen immer Schatten und Schutz gewähren, zusammenstehen, wird man stets das kreischende Geschrei von Papageien hören. Sie selbst bekommt man nur selten zu sehen, denn sie wissen sich gar geschickt zwischen den mit ihrem Gefieder glcichgcfärbtcn Blättern zu verstecken. Sehr zahlreich ist in unserem Gebiete die Ordnung der Raub- vögel vertreten. Die acht Arten der großen und kleinen Geier, welche ich unterschieden habe, gehören dem Urwalde an, obschon sie sich auch stets in der Steppe finden, denn die tropischen Wälder enthalten nach Aussage der Araber und eigenen Beobachtungen ihren Horst und müssen deshalb als ihre Hcimath angesehen werden. Als vermittelndes Bindeglied zwischen ihnen und dcu 125 Edclad lern findet sich an allen Flüssen der Waldungen Le Val- liant's vollstimmiger Seeadler, llaliaötos voeilei- der Autoren, Abu-Tohk der Eingeborncn. Er ist ein prachtvoller Vogel, welcher seine nordische Sippschaft ebenso sehr an Schönheit des Gefieders übertrifft, als er ihnen an Körpergröße nachsteht. Der Kopf und Hals, die Kehle, der Nacken, die Brust und der Schwanz find schneeweiß, der Unterkörper und ein Theil der Flügel ziinmtbraun, das übrige Gefieder schwarz. Man muß den Seeadler auf dem Wipfel eines grünbelaubtcn, dicht am Ufer eines Stromes stehenden Baumes sehen, um die volle Pracht seines Gefieders ganz zu genießen. Während unser Vogel in der Nähe der Menschen sehr scheu wird, schaut er in Waldungen, in denen er ungestört lebt, dein Schützen dreist in's Rohr. Er verzehrt nur Fische und etwa auf dem Strome schwimmendes Fleisch; Vögel und Säugethiere scheint er nicht zu fangen, wenigstens habe ich gesehen, daß ein Krokodilwächter kühn genug war, mit ihm zugleich von einem Fische zu fressen. Seinen wcitschallenden Ruf vernimmt man lange, bevor man ihn sieht. Unter den Edcladlern fehlen die großen nördlichen Formen, wie Stein- und Kaiseradler und nur die Schrei adler Europas finden in allen ihren subtilen Arten und Unterarten ihre Vertreter in den Raubadlcrn, von denen wir drei Arten mit Bestimmtheit anzunehmen berechtigt sind. Während des Winters begegnen wir auch Bonelli's und dem gestiefelten Adler (^guila konolli und ^r. xonnsts) in den Wäldern. Diesen eigenthümlich ist die von mir aufgefundene und nach mir benannte Lrolimii, v. Ziemlich südlich tritt zu den Genannten Le Valliant's Haubenadlcr, Lpirraetos oooipitslis, und eine neue, von Heuglin entdeckte Art: 8p. lolleostiZms. Die Hauben adler erinnern an unsere Habichte; sie sind gewandte Flieger und tüchtige Räuber, aber ziemlich träge Vögel. Den 8p. oooi- pitsl>8 sieht man stundenlang ruhig auf einem Aste fitzen und sich damit beschäftigen, seine Fcderhaube aufzurichten, auszubreiten und wieder niederzulegen. Dann streicht er ab, nimmt vielleicht eine Maus, wohl auch ein bissiges Erdelch Hörnchen vom Boden 126 auf und kehrt zurück, um daS^alte Spiel von Neuem zu beginnen. In Abyssinien lebt die geierartige vulturina ; aus der Steppe kommen die Schlangenadler mit Ausnahme des Sekretärs in die Waldungen herein. Bisweilen, aber äußerst selten verirrt sich auch der Fischadler, kanckioa üalisötos, bis in die Wäl- düngen Ost-Sudahns. Der Rüppcll'sche Luteo i-ukau8 gehört eigentlich Egypten an, gelangt aber streichend, denn er wandert nicht, einzeln in unser Terrain und findet dort drei seiner Verwandten, den Luteo ^.ugur, oxlmiug und 86nsAslbN8i8 vor. Die in Egypten häufigen Milane und Gleitaare (Nilvim xsra8itiou8 und LIanu8 wvlsnoxteru8) scheinen die Wälder nicht zu lieben. In die Nähe der Bussarde gehört Strikland's kol^orni8 rullpsin,^, den ich Heu schreckend ussard nennen möchte. Während des Charles ist er auf allen Waldblößen gemein, mausert und verzehrt Heuschrecken; mit dem Dürrwerden des Grases verschwindet er und Niemand weiß, wohin er geht. Die Edclfalken und unter ihnen vorzüglich die Wanderfalken treffen wir als zufriedene Waldbcwohner an. Unser k'slco xorv8rwu8 sieht sich auch manchmal dort um, fliegt am blauen Flusse bis Nossceres hinauf, beneidet seine Sippschaft um ihr sorgenfreies Leben, kehrt aber, weil er sich würdig vertreten sieht, bald wieder in seine nordischen Fichten- und Föhrenwaldungcn zurück. Seine Repräsentanten sind der südliche Wanderfalke, der mittelafrikanische, Feldegg's- und der Nackenfalke (kaloo 1gn^pteru8, k»iarmieu8, UeläeAAÜ und oerviosl^) , welche die tropischen Wälder selten oder nie verlassen. Man begegnet ihnen oft. Hoch oben auf den letzten Aesten einer Tabaldie sitzen sie und spähen nach Beute umher, stürzen, wenn sie dieselbe gewahren, blitzschnell herab, ergreifen sie und kehren langsamer zu ihrer Warte zurück. Der schönste Vogel dieser Gruppe ist der rothhäl- sige Falke (I'aloo ruüoollw, S«var'nH. Er ist die Zierde der Wälder und zeigt den Wanderfalken in höchster Pracht, ist aber kleiner, als unser Baumfalke. An Kühnheit gibt er seinen Verwandten Nichts nach, an Schnelligkeit übertrifft er alle mir bekannten 127 Falken. Ich habe unter seinem Horste den e^psslus psi-vus gefunden und später gesehen, wie ein Falkenpaar einem dieser Segler so lange nachjagte, bis dieser von einem seiner Verfolger ergriffen wurde. Der Licblingsaufcnthalt des überaus zierlichen Vogels sind die Dulehb Palmen, auf deren breiten Blättern er seinen Horst erbaut und friedlich neben einer großen Taube (voluwds Zuinea) nistet. Seine Nahrung sucht er sich spielend. Wie ein Pfeil vom Bogen stürzt er sich unter einen der zahlreichen Wcbervogelschwärme und weiß sich daraus stets einen Vogel, welcher zu seiner Sättigung für einen Tag ausreicht, zu verschaffen. Auch er liebt die höchsten Spitzen der Adansonien. Der kaloo ooneolor ist eine ungleich seltnere Erscheinung. Im Winter kommen die Thurm- und Nöthelfalken (Derolinois) in unser Revier und werden dort, weil sie einzig und allein Heuschrecken verzehren, zu wahren Wohlthätern für dasselbe. Unsere Habichte und Sperber sind durch die ziemlich plumpe Form der Sippe Uoliei-ax, zu welcher der Singfalke gehört, vertreten. Im Sudahn kommen zwei Arten: N. xol^omis und Ll. ksbar, vor; der erstere ist gemein. Ein wirklicher Sperber ist der gewandte l^isus mimillus, welcher höchst einzeln beobachtet worden ist. Außer ihm kommen in Abyssinien noch mehrere ächte Sperber vor. Das alte System stellte in die Nähe der Sperber noch einen der sonderbarsten Raubvögel Afrika's, den nacktwan- gigen „Sperber" (Mi8U8 welcher in neuerer Zeit zum Typus des neuen Geschlechtes kol^boi-oicko8 erhoben worden ist. Es ist ein höchst auffallender Vogel mit ziemlich einfarbigem, blaugrauem Gefieder, sehr hohen Beinen und Flugwerkzeugcn, welche einen Adler durch die Lüfte tragen könnten und scheinbar in gar keinem Verhältnisse zu dem schmächtigen Körper des Vogels stehen. Sein HabituS erinnert lebhaft an die stets auffallend gestalteten Reptilienfrcsser; in der That lebt er nur von diesen Thieren. Im Sudahn gehört er nicht unter die häufigen Raubvögel. Man sieht ihn zuweilen mit langsamen, trägen Flügelschlägen von einem Baume des lichteren Waldes oder der Steppe zum andern fliegen. Ueber seine Lebensart ist Nichts bekannt. 128 Die Weihen, jenes Bindeglied zwischen Falken und Eulen gehören, obgleich sie auch in den Wäldern erscheinen, der Steppe an. Von den Eulen haben wir vier Arten aufgefunden, welche drei Geschlechter bilden. An der Stelle unseres Uhus finden wir den Lubo lacteub, anstatt unserer Ohreule den Otu8 slri- esnii 8 ; 0tv8 leuootm dürfte unseren 0 tu 8 llraoll) oto8, die allerliebste ?s88ei-ms xu8i1Is unseren Zwergkauz vertreten. Europäische Gäste in den Urwäldern sind die in der halben Welt hcrum- wandernde kurzohrige Eule und eine Zwergohreule (Lpdial- 1«8), welche sich wegen ihrer geringen Größe specifisch von L. 8eop8 unterscheidet. Das Geschlecht der Ziegenmelker besitzt in Afrika zahlreiche Arten — man kennt bis jetzt deren acht, — welche aber meist der Steppe angehören. In den Urwäldern ist der stufenschwän- zige Ziegenmelker (6axrimulAU8 olimaoturiw) und der „Vogel mit vier Flügeln" (6. lcmAiponnib) heimisch; unser 6. 6uropsou8 erscheint jeden Winter als Gast. Der stufenschwänzige Ziegenmelker, von welchem ich schon mehrfach gesprochen habe, schnurrt zur Paarungszeit ebenso gemüthlich, als unser europäischer Nachtschatten und hat deshalb von den Arabern den Namen „Khurre" erhalten. Im Fluge nimmt er sich prachtvoll aus. Sein Stufenschwanz schwimmt wie die Schleppe eines Gewandes durch die Lüfte und seine Erscheinung gewährt dann dem Naturfreunde einen eigenen Genuß. Den Vogel mit vier Flügeln sah ich, weil er erst unter dem elften Grade vorkommt, nie; aber Alle, welche ihn sahen, stimmen darin übercin, daß es keine phantastischere Erscheinung geben kann als diesen Vogel, wenn er fliegte Er ist klein (nur 8" lang), hat aber an den Spitzen der Flügel eine sechzehn Zolle lange nackte Feder, an deren Ende sich breite Barten befinden. Diese Anhängsel müssen beim Fluge allerdings als zwei andere Flügel erscheinen. Als Repräsentant unseres Mauerseglers, welcher die Urwälder nur auf seinem Zuge berührt, sieht man den schon genannten <^P80I>I8 xsrvu 8 , zu welchem südlich vom vierzehnten Grade noch der 6. 6a6or hinzutritt. Letzterer nistet wie die Uferschwalben in 129 selbstgegrabenen Höhlen, welche er an steilen Uferstellen anbringt. An der Stelle unserer Rauchschwalbe findet sich die rothstirnige Glanzschwalbe, (leoroxm ruktrons, anstatt unserer Uferschwalbe die kleinere 6ot^1e xsluäibulg. Außer der Genannten gibt es noch viele andere Arten. Die farbenprächtigen Bienenfresser zählen fünf einheimische Arten, welche von den europäischen (Hlorops ^piaster und lU. SsviZn^i) auf ihrem Zuge besucht worden. Unter den ersteren zeichnet sich Al. ooeruleoovplralus durch seine Größe und Schönheit, Nl. Lullooliii durch sein lebhaft gefärbtes Gefieder aus. Die Bienenfresser tragen wesentlich zur Belebung der Wälder bei. Pärchenweise sitzen die Vögelchen auf hervorragenden niederen Aesten und rufen von Zeit zu Zeit ihr allen gemeinsames Guep, Guep*), bis sie ein fliegendes Insekt erspähen, auf welches sie sich mit großer Schnelligkeit stürzen. Ihre Gestchtsschärfe ist außerordentlich; sie nehmen selbst kleine Insekten bis auf hundert Fuß Entfernung wahr. Während der eine Gatte seinem Raube nachfliegt, bleibt der andere ruhig sitzen; ich habe nie gesehen, daß sich zwei Bienenfresser um die Beute gestritten hätten. Es sind verträgliche, höchst gesellschaftliche und liebenswürdige Böge!, welche dem Beschauer ebenso sehr durch ihr schönes Federkleid, als durch ihr Betragen erfreuen. Unter den Eisvögeln treten in den Urwäldern jene merkwürdigen Formen auf, welche die Systematiker vsoslo und Usl- v^ou genannt haben. Die Ornis Centralafrika's zählt mehrere Arten derselben, welche sämmtlich mehr dem Lande, als dem Wasser angehören und, anstatt Fische, Insekten fangen. An unseren Eisvogel erinnert die wunderschöne ^-Iveäo ooerulva, welche sich von ersterem durch viel geringere Größe — sie ist nur halb so groß — und eine prachtvolle Federholle, die sie ausbreiten und erheben kann, unterscheidet. Der geschäckte Eisvogel Egyp« tenS (Verdis ruäis) ist seltener, als am Nil. Abyssinien beherbergt andere ausgezeichnete Arten. Daher der französische Name vuepier. m. 9 130 Unser Kucknk ist, wie der südcuropäische Strauß! uckuk, nur Gast in den tropischen Wäldern. Bon den einheimischen Arten dieser Familie haben wir vier aufgefunden, unter denen der Goldkuckuk (6Ki-)'8ooooo^x anrate) der schönste ist. Er hat ungefähr die Größe und Gestalt unseres Wendehalses und ist einer der prachtvollsten Böge! Central-Afrika's, dessen Purpurgefieder mit dem der Glanzdrosseln und Honigsauger an metallischem Glanz und an Farbe wetteifert. 6ontroxu8 8enoAa1en8i8, ein unscheinbarer, selbst brütender Kuckuk, welcher beständig nach Ameisen stinkt, weiß selbst die dichtesten Gebüsche der Urwälder mit derselben Leichtigkeit als in Egypten die Rohrdickichte zu durchschlüpfen; 6ontropll8 aker und 6. 8uporolIio8,i8 lieben mehr die freieren Waldpartieen. Die Honigangeber, Inlliostor, von denen man drei bis vier Arten kennt, sind in Abpssinien häufiger als im Sudahn, wo sie in den Waldungeu des oberen weißen Flußgebietes zu finden sind. Unser Pirol kommt jeden Winter bis in die Urwälder, welche zwei ihm ähnliche, afrikanische Arten, 0rio1u8 sursem und O. Noloxita, beherbergen. Zu den gemeinsten Waldvögeln Ost-Sudahns gehört die abys- si irische Mandelkrähe (0orsoie>8 »IH'smnivs) , welche die unsrige mit kleinerm Körper, aber in höherer Ausbildung darstellt. Ihr Schwalbenschwanz, an dem die äußersten Steuerfedern um vier Zoll verlängert sind, und ihre intensiveren Farben unterscheiden sie leicht von dieser, mit welcher sie dieselben Sitten hat. Die kordofahnesischcn Wälder beherbergen eine ungleich seltnere Art der Mandelkrähe, die 6. naovis. Hierher gehören die Genera Lur;'8tomll3 und ^xoloäerms, welche beide nur durch eine einzige Art rcpräsentirt sind. Hedenborg's Wüstenrabe kommt auch im Sudahn vor, der weißbrüstige Rabe (0. 8ospulstu8) ist aber häufiger als er. Südlich vom dreizehnten Grade begegnet man zuweilen dem äußerst vorsichtigen vorvultur era^iro^rm, einem ziemlich großen Raben mit dickem Schnabel; in Abpssinien kommen 131 nach Rüppell noch zwei andere Raben und die den Raben ähnliche Alpen krähe, MrsKilas Zrnonlii8, vor. Eine reiche Sippe oder Familie, die der Glanzdrosseln, liLmprotornis , reiht sich dem System nach an die Krähen an, enthält aber zugleich den ausgezeichnetsten Prachtvögel der afrikanischen Tropenländer. Man kennt ungefähr zehn Arten dieser ihrem Namen alle Ehre machenden Vögel. Wir haben drei Arten, U. nitoim, I,. SSN6U8 und 1,. rnüventri8, oft erlegt und noch I,. mo- rio, sowie den wirklich prächtigen U. 8uporbn8, Kue/,/,., beobachtet. Die Glanzdrosseln sind lebhafte, muntere Thiere, welche die Schönheit ihres Gefieders immer im vorthcilhaftesten Lichte zu zeigen wissen. Unserem Staar ähnelt der viloplE osrunou1stn8 in seiner Gestalt; er besitzt aber weder das ansprechende Gefieder unseres Lieblings, noch dessen philosophische Denkungsart, welche ihm unter allen Verhältnissen eine ungestörte Heiterkeit erhält. Dilo- phus ist ein einfacher, stiller Bewohner der Wälder und nicht fähig, unseren jovialen Frühlingsboten in irgend einer Weise zu ersetzen. Die Nashornvögel, Ruoorotiäae, treten in drei Sippen, von denen zwei unserem Gebiete im engeren Sinne gehören, in Nord-Ost-Afrika auf; die Pisangfrcsser, Nn8opftsAiäas, welche zwei Sippen bilden, gehören mehr Abyssinicn, die Madenhacker, kuxlmAinso, diesem Lande und den Urwäldern der Nilzuflüsse gemeinsam an. Von ersteren ist der die Größe eines Trut- hahns erreichende IrgAvxnn ad)88mion8 eine ziemlich seltne Erscheinung, während die der Sippe lockig gehörigen Arten, von denen man vier bis sechs unterschieden hat, überall, wo sie vorkommen, häufig sind. Im Sudahn sind zwei Arten: '1. er^- Ulrorll)mo1m8 und 1. ns8utll8 gemein. Die Nashornvögel sind phantastische Geschöpft mit ernsthaft-komischen Bewegungen und Manieren. Im Fluge strecken sie den Hals lang aus und stürzen sich, nachdem sie einige Flügelschläge gethan haben, in einem Bogen tief nach unten, erheben sich aber rasch wieder zu der vorigen Höhe. Ihr Flug ist der der Spechte, ihr Gang der der Raben, ihr Betragen ein sonderbares Gemisch von dem der Hühner, 9 * 132 Krähen und anderer Vogel. Sie fressen Früchte und Sämereien und sind höchst gutmüthige Thiere. Unter den Pisangfressern gibt es wirklich prachtvolle Arten. In Abyssinien leben lui-oeu» leuootis und 1'. Isiiooloplms, , einzeln und in kleinen Gesellschaften; Odisnorkis ronara, , ist auch in den Urwäldern gemein. In der Ordnung der Klettervögel treten die Spechte auffallend zurück. Schon Gloger bemerkt, daß alle Wälder mit harten Holzarten (wie z. B. die Australiens) arm an Spechten sind. Im Sudahn finden wir nur drei Arten, welche sämmtlich unseren großen Buntspecht an Körpergröße nicht übertreffen: kious sotlliopiou8 , //em/iT'rc/i , U. UempickokH, und ?. xoioopllolug, Krvarrrion. Rüppell fand in Abyssinien noch eine neue Art, den 8vkoöi,8i8, auf. Sie tragen im Gegensatze zu den prachtvoll gefiederten Spechten Amcrika's ein ziemlich unschein- liches Fedcrkleid. In ihrem Betragen ähneln sie den Buntspechten. Unser Wendehals kommt nur auf dem Zuge in die Urwälder, wird aber in Abyssinien durch die von Rüppell aufgefundene Vunx Logustoriali8 ersetzt. Von den Bartvögeln kennt man bis jetzt ungefähr zehn Arten, welche drei Sippen angehören. Wahrscheinlich werden noch mehrere entdeckt werden, da alle Bartvögel dichte Baumwipfel lieben, in denen sie schwer zu entdecken sind. Dort sitzen sie lange Zeit unbeweglich auf einem Aste und singen, wenn man das Ausstößen einzelner Töne, welche zu einer monotonen Weise verbunden werden, Singen nennen will. In Egypten ist der Wiedehopf ein häufiger Vogel, im Sudahn verschwindet er fast gänzlich. Dort scheint ihn eine ihm entfernt ähnliche Form, ?romerop8, welche ich Baumwiedehopf nennen möchte, zu vertreten. Man kennt bis jetzt vier Arten: k. or^tliroi-lr^n<:lla8, U. v^aaom6lL8, U. minor und ?. pu- 8iI1ll8, welche im Sudahn vorkommen. Die Baum- wicdehöpfe haben den bekannten, sprichwörtlich gewordenen Geruch unserer vxupa Lxop8 und sind ebenso lebhafte, aber weit lautere Vögcl als sie. Man sieht sie in kleinen Gesellschaften baumläuserartig an den Stämmen der Mimosen herumklettern und 133 hört schon von Weitem ihre ununterbrochene Unterhaltung. In den Menschen fernen Waldungen sind sie dummdreist und wissen nicht, was Gefahr ist. Der Jäger kann einen von ihnen nach dem anderen herabschießen, ohne die Gesellschaft zu zersprengen. Die Lebenden umfliegen die Gefallenen mit lautem Beilcidsgeschrei und setzen sich, ohne diese zu verlassen, dem Tode aus. Die letztgenannten Arten leben paarweise. Amerika's Kolibri's finden ihre fast ebenbürtigen Vertreter in den Honigsaugern, von denen zwei Arten (Metsrinis Metallica und dk. xulokella) im Sudahn häufig und mit Inbegriff Abyssiniens zehn Arten bekannt geworden sind. Wo eine Art lebt, findet sie sich stets in zahlreichen Exemplaren. Die Honigsauger sind ein Schmuck der Wälder und Gärten. Die metallischen Farben ihres Gefieders glänzen bei günstiger Beleuchtung wie Edelge- steine. Ihr Betragen ähnelt dem unserer Goldhähnchen. Mit leisem, oft wiederholtem Lockrufe kommen sie zu den Blüthen, hängen sich an die Zweige und tauchen ihre Spechtzungen tief in die Blumenkelche, um von deren Nektar zu naschen; doch verschmähen sie auch kleine Insekten nicht. ES sind höchst muntere, intelligente Vögelchen. Neben wirklichen Fliegenfängern (Nuseioaxa), zu denen mehrere europäische Arten als Wintergäste kommen, wohnen andere hierher gehörige Sippen in den tropischen Waldungen. Auch unter ihnen, z. B. unter der Sippe Nuacipcta, giebt es Arten, welche sich durch Prachtgefiedcr auszeichnen. Dagegen fehlt ihnen größtcntheils die Lebendigkeit unserer nordischen Fliegenfänger. Die würgerartigen Vögel zeichnen sich durch einen Reichthum von Sippen aus; fast jede Art der in den Waldungen vorkommenden Würger gehört einer besonderen Untergattung an. Unsere deutschen Würger sind Wintergäste in den Wäldern, wo sie bei fetter Nahrung das Geschäft der Mauser vollbringen. Wir haben im Ganzen sechzehn Würgerarten — von denen vier noch unbekannt waren — aufgefunden und zweifeln nicht, daß die Wälder die Hcimath noch anderer bekannter oder unbekannter Arten und. Von ihnen sind zwei Arten besonders ausgezeichnet: der 134 4>siü3i-iu8 er^tdi-vAgster , durch die Pracht seines Gefieders, und ?rionop8 eri8tst>i8, wegen seines Kopfschmuckes. Er trägt nämlich einen helmartigen Federbusch auf dem Kopfe, welchen er kronenartig ausbreiten oder zu einem schmalen Kamme zusammenlegen kann, und ist besonders deshalb merkwürdig, weil sich bei ihm die Bindehaut der Augenlider (6on- g'unotivs xslptzbrrri-um) nach Außen umstülpt und in Verbindung mit der äußeren Haut einen freien, in mehrere Lappen gespaltenen, lebhaft gefärbten Kranz bildet; eine Erscheinung, welche in der Vogclwclt sehr vereinzelt dasteht. Die Ordnung der Dickschnäbler (1>oxiaäao) zählt in unserem Gebiete mehrere, verhältnißmäßig aber wenige Familien. Große Finken fehlen; die eigentlichen Fringilliden fallen vielmehr wegen ihrer geringen Größe auf. Die Familie der Webervögel theilt sich in drei Sippen, von denen man bis jetzt im Ganzen ungefähr fünfzehn Arten entdeckt hat, welche aber größerenteils Abyssinicn angehören. loxtor Llvoto, kIov6U8 tlavo- viriäi8, ? 1 . suritroiw, ? 1 . Iarvatv8, kl. 8gKuiniro8tri8 und Lup1eotv8 iZnieolor sind in allen Waldungen gemein, schlagen sich zu Zeiten in große Flüge und schwärmen dann von einem Orte zum anderen. Vorzüglich sind es die ächten Ploceiden, welche jene künstlichen Nester bauen: der Feuer sink z. B. trägt nur grüne Halmen zusammen und verflicht diese zu einem kunstlosen Neste. Zu den Kernbeißern gehört ein schmuckes Vögel- chcn, welches oft nach Europa gebracht und hier zahm gehalten wird, der 0oocotkrsusto8 ts8eiatu8, dessen Männchen sich von dem Weibchen durch ein purpurrothes Halsband und dunklere Färbung des Gefieders unterscheidet. Sein Gesang ist einfach, jedenfalls aber ebenso viel werth, als der des O. eautaiiSi, eines noch kleineren Vogels, welcher ungemein häufig und selbst in den wüstesten Gegenden Sudahns zu finden ist. Die Wittwen (Vickua), jene kleinen, schöngefärbten Vögelchcn, bei denen die Schwanzdcckfedcrn zur Paarungszeit eine abnorme Größe erreichen, kommen überall in zwei Arten vor: Viäua pai-aä>86a und V. or^ttirork^nolls. Ihr Flug hat etwas Schwerfälliges, gewährt aber jedem Natur- 135 freunde einen eigenen Genuß, zumal bei heftigem Winde; dann ist das Thierchen nur fähig, diesem entgcgenzufliegcn, weil sich der Wind bei jeder anderen Richtung in dem ungeheuren Schwanz- gebäude verfängt. Alle eigentlichen Finken des Ost-Sudahn sind unter dem Namen „Senegalfinken" bei den größeren Vogel- händlern Deutschlands lebend zu sehen und daher meinen Lesern wohl bekannt. Man hat etwa zehn Arten in den Wäldern aufgefunden, welche sich alle durch Farbenschmelz und zarte, effektvolle Farbenvertheilung auszeichnen. Unseren Haussperling vertritt eine von uns beschriebene Art, die k^rZits i-uückorsalis , welche in Charthum häufig lebt, unseren Fcldspcrling die bisher zu dem Genus k'rillKills oder 8erinus f!j gestellte U^r-Aita Inten , deren ich schon gedacht habe. Außerdem lebt in den sudahnesischen Walddörfern die plumpe ?. Lvvsinsonii , Krre/,/,., in den Wäldern die dem Steinsperling ähnliche k. aldiAnInrm, und eine andere von Heuglin aufgefundene Art. Neben dem Finken beobachteten wir zwei Ammer arten in unserem Gebiete, von denen die eine, Lmberira oaasis, auch schon in Süd-Europa, besonders in Griechenland, erlegt worden ist. Dem Goldammer entspricht die prächtige L. üaviAg8ter, ein kleines Vögclchen mit hellgelbem Unterkörper und bräunlichem Rücken. Auf den Waldblößen trifft man auch Lerchen an. In Winter erscheint eine von der europäischen Nolsnoeoi-^xlia Ualanäi-s abweichende, etwas kleinere Kalanderlcrche, die N. imlosoons, L. Si-m., in Flügen in den Wäldern; N. bravlr^ckact^la ist zu derselben Zeit oft in Schwärmen von vielen Tausenden zu sehen. Alle übrigen Lerchenarten des Sudahn gehören der Steppe an. Von den Piepern gelangen nur wenige Arten auf ihrem Winterzuge bis in den Sudahn, wo bis jetzt noch keine diesem Lande eigenthümlichen Arten aufgefunden worden find, obgleich in Abyssinien zwei Species: ^ntlrus sorüickus und einnamomoas, , vorkommen. Zur Winterszeit sind die Bachstelzen, vollstes, in der 136 Nähe der Flüsse überall gemein; man sieht sie in großer Anzahl neben und unter den Viehheerden. Wir haben alle früher bekannten Schafstclzcnarten, mit Ausnahme des Lllä>t68 ilSKleotus, im Sudahn beobachtet, neben ihnen aber auch noch neue entdeckt. Unsere weiße Bachstelze ist ebenfalls dort zu finden; die in Nord-Ost-Afrika einheimische Art ist die Notseills Ickedteimteinii der Autoren und mit Sicherheit da anzutreffen, wo Felspartieen das Strombett begrenzen oder in dasselbe hineintreten. Unsere Sänger erscheinen fast ohne Ausnahme zur Winterszeit in den Urwäldern, welche an und für sich sehr arm an eigentlichen Sylvien sind. Die Rohrsänger, 6slswolwrpo , werden durch die ihnen in Gestalt und Wesen verwandten Stufen- schwänze, Vi-^moivs, FrvaE. , von denen es sehr viele Arten gibt, vertreten, kommen aber ebenfalls regelmäßig auf dem Zuge vor. Ein guter Sänger ist der überall anzutreffende Droßling, k^cnoiiotos Uv Vsillsntii, der einzige melodiecnreiche Gartenbkwoh- ner jener Gegenden. Eigentliche Drosseln sind selten — wir kennen bloß ll'nrckus olivaeeu8, — und erscheinen nur auf dem Zuge. Unserer Amsel ähnelt ein fröhliches, munteres Vögelchcn, 6ei-oo- trieli88 Vr^tlirop1ei-U8, welches die niederen Gebüsche bewohnt und einen aus wenigen Strophen bestehenden Gesang hat. Die Stein- und Blaudrosseln — letztere in Egypten heimisch — sind Wintergäste in den Wäldern, denen zwei bunte drossel- artige Vogel, 8 e 880 norni 8 86miruls, und 8. Llonavlig, angehören. Mehrere Arten aus der Familie der Ti walln en durchschlüpfen lärmend selbst die dichtesten Dornengehege und begrüßen den Jäger mit einem nicht enden wollenden Geschrei. Sie halten sich in Gesellschaften zusammen und sind häufig. Das muntere Volk der Meisen ist in N.-O.-Afrika nur durch zwei Sippen und drei Arten vertreten; in unserem Gebiet haben wir nur Usru8 I6uoomels8, ikuex/i., einige Male beobachtet. Um so zahlreicher an Arten und Individuen sind die Tauben. In den Urwäldern verschwinden die in Egypten häufigen Felsen- und Turteltauben (Ooluwda Ickvis, 6> Klauconotos, 137 6. unieolor, ^Voö., lurtiir suritim und 7. ssA^ptiseus), aber viele Arten treten an ihrer Stelle auf. eolumda Zainea ist die größte, 0. olla1co8xilo8 die kleinste Taube der Wälder. 6. (Oona) oapen8i8, die Papageitaube, erscheint oft in den Gärten der Städte und Dörfer; die Lachtaube, 6. (lurtur) rmo- ri», ist gemein und schlägt sich zu gewissen Zeiten in Flüge von Tausenden, welche dann die trockensten Stellen der Wälder oder mit Niederholz bestandene Steppenwäldchen aufsuchen, zusammen; eine ihr sehr ähnliche größere Taube, I. 8smitorgustii8, liebt mehr die Bäume an Flußufern; die papageigrünc, 6. (VinsZo) sd^88l- nioa, erwählt sich die dichtesten, ächt tropischen Waldparticen zu ihrem Aufenthalte. Die letztgenannte zeichnet sich durch ihr lebhaft gefärbtes Gefieder, die Papagcitaube durch ihre auffallende Gestalt, die „erzgefleckte" Erdtaube durch ihre Zierlichkeit vor der übrigen Sippschaft aus; alle drei wetteifern an Schönheit mit einander. Man findet die abyssinische Taube südlich vom dreizehnten Grade n. Br. paarweise ziemlich häufig in den Waldungen; ihr grünes Fedcrkleid erregt unsere Bewunderung, aber dennoch sind wir im Zweifel, ob wir nicht lieber der Papagei taube mit ihrer schönen schwarzen Kehle auf dem lichten Grunde, den zimmt- braunen Unterflügeln und dem sehr langen, stufenförmigen Schwänze den Vorzug geben sollen. Nur der Schnabel, die Füße, Flügel und die Beschaffenheit der Federn erinnern noch an eine Taube; ihr Totalhabituö ist ein ganz eigenthümlicher, uns Nordländern völlig fremder. Der kaum mehr als lerchcngroße Körper trägt einen Schwanz, welcher mindestens ebenso lang, als jener ist und wir fragen uns verwundert, ob wir denn auch wirklich eine Taube vor uns sehen. Noch kleiner und noch zierlicher ist die Erdtaube. Kurz nach der Regenzeit hört man ihr zu einem nur wenig modu- lirten Rufe verkümmertes Rucksen in den dichtesten Gebüschen erschallen und gewahrt bei aufmerksamem Spähen das liebliche Thier- chcn auf einem niederen Aste sitzend in trauter Gemeinschaft mit seinem Weibchen, dem eS jene Liebesscufzer weiht. Das sind gar freundliche Bilder auS der Vogelwelt, man erinnert sich nach Jahren noch gern an sie. 138 Die Perlhühner (Nuwicks xtilord^nolm, Tic/rk.) sind in den Urwäldern ebenso gemein, als in den Steppen. Südlich vom fünfzehnten Grade haben wir an einsamen Waldstellcn sehr oft Ketten von mehr als fünfzig Stücken gesehen. Sie sind nur wenig scheu und immer eine sichere Beute des Jägers, welcher den schmetternden Lockruf des Männchens schon von Weitem vernimmt. Die Frankolinen sind seltener; in den Urwäldern ist von uns nur k'ranvolimm kuexpsllii beobachtet worden. Unsere Wachtel trifft man im Winter auf jeder Waldblößc als Gast; am weißen Flusse lebt eine weit lebhafter gezeichnete Art, die Ooturnix oru- Wie die Hühner lieben auch einige Rennvogel unser Gebiet. Wir begegnen in den Wäldern zwei Arten von Dickfüßen, Oockionewus 8vn6AÄlsn8i8 , Dre/re. und Os. »klllil8 , Kue/,/ 1 ., drei Läufern, 6ur8oriu8 i83bvllinu8, 6. ollalooptbi'll8 und 6. di- vinotu8, dem „Krokodilwächter" oder Regenvogcl, U^S8 se§^ptiavu8, (aus jeder Sandbank in einem Strome), zwei Arten von Brach schwalben, Olsi-solu armtrisos und 01. Norämrmni, zwei Lappenkibietzen, Uobiv3N6llll8 wolsnooopks- Iu8 und U. 8ensAg1en8i8, und mehreren Regenpfeifcrarten. Die Ordnung der Wadvögel zeigt uns alle europäischen Formen, aber auch einige ächt afrikanische und dem Innern des räthselhaften Landes ganz eigenthümliche. Viele europäische Wadvögel besuchen den Sudahn alljährlich in höchst eigener Person. So erscheinen von den ächten Reihern ^räes oineres und d^otioorsx regelmäßig in den Urwäldern, welche im Ganzen fünfzehn Arten von Reihern, unter ihnen zwei von uns entdeckte Silberrciher, beherbergen. Von ihnen hebe ich zwei hervor: den Riesen- und Stur m's Reiher, Oolistk, und Stürmn, Ersterer ist in der That ein Goliath. Er ist fast doppelt so groß als der Fischreiher und hat einen mächtigen Schnabel und einen Schlund, in welchen man die geballte Faust ohne Mühe einschicken kann. Seine Trägheit wird ihm bei seiner großen Vorsicht ungefährlich; er ist noch scheuer als unser Fischreiher und entfliegt dem herannahenden Jäger, dessen Beute er 139 selten wird, schon aus großer Entfernung. Bei all' seiner Plumpheit ist er nicht schmucklos, sondern trägt ein ziemlich lebhaft gefärbtes Federkleid. Wir haben bei keinem anderen Reiher ein so starkes Abfärben des aus dem Gefieder liegenden Farbestaubes bemerkt, als bei ihm. Ganz das Gegentheil zu dieser wirklich imposanten Erscheinung ist die kleine, zutrauliche 8turwii, unstreitig einer der schönsten Vogel dieser Gruppe. Die Farben seiner zum Theil metallisch schimmernden Federn wechseln in höchst effektvoller Weise mit einander ab und sind ungemein zart. Sturm's Reiher gleicht an Größe der südeuropäischen .4. rslloiäos, lebt an den Ufern der Flüsse und Chuahr und in unter Wasser gesetzten Waldpartieen, wo er sich geschickt zwischen den Wurzeln und Zweigen der Bäume herum bewegt und kleinen Fischen, Wasserinsekten und anderen Wasserthicrchen auflauert. Dr. v. Heuglin hat vor Kurzem einen neuen, einfärbig blaugraucn Reiher, ^räoa eon- volor, am weißen Flusse entdeckt. Die Sippe 8oopus zählt in Nord-Ost-Afrika nur eine Art, 80. Umbrotta, Lr'nne. Es ist ein auffallender, rabengroßcr Vogel mit mittellangcn Reiherbeinen und starkem, hohem, seitlich zusammengedrücktem Schnabel, wie sein Name andeutet, von düsterer, brauner Färbung, welcher hier und da vorkommt. Anstatt unseres LöfslerS tritt die klstsloa tonuii-ostris , , ein kleinerer Vogel als unsere kl. lonoorockia , auf, welcher sich auch durch seine nackte Stirn und die karminrothen Füße hinlänglich von dieser unterscheidet. Die Familie der Störche zeigt nicht minder merkwürdige Formen als die der Reiher. An den beiden Hauptflüssen lebt ein fast storchgroßer Vogel, der Klaffschna b el, ^nsstomus lamel- IlZsi-us, , ebenso auffallend wegen seines nur an den Spitzen sich berührenden, rauhen und ungefügen Schnabels, als wegen der in hornähnlichcn, schillernden und schimmernden Blättchen endigenden Federn der Brust und des Rückens; er ist keine Seltenheit und einigt sich oft in Schaaren von mehreren hundert Individuen. Am oberen weißen Flusse kommt der bis jetzt uoch nirgends weiter aufgefundene Lalaomvexs kox, einer der intcrcssan- 140 testen Vogel des Erdballs vor. Der Kenner, welcher dieses Thier zum ersten Male sieht, weiß seiner Bewunderung nicht sattsam Worte zu geben; aber auch der Laie betrachtet mit höchstem Staunen einen Vogel, dem er es anmerkt, daß ihn eben nur das märchenhafte Afrika erzeugen konnte. An ihm ist Alles kolossal, zumeist der Schnabel, welcher ihm bei den arabischen Schiffern zu dem Namen „Abu-Markuh b", Besitzer oder Vater des Schuhes, vcrholfen hat. Er hat in der That große Achnlichkeit mit einem jener plumpen Schuhe, welche die egyptischen Bauern tragen; er ist un- gemcin breit, dick und kräftig, etwa zweimal so lang als der Kopf, an der Basis doppelt so breit als an der Spitze, wo er in einem starken Haken endigt. Der Unterschnabel ist wie der des Pelekans höchst biegsam. Nachdem die ersten Exemplare des Vogels, welche wir in Charthum bei Nikola Ulivi gesehen hatten, nach Europa gekommen waren, verging geraume Zeit, ehe es gelang, andere zu bekommen. „Erst im Winter 1833," sagt vr. v. Heuglin, „fanden einige meiner Bekannten, denen ich einen Jäger zur Begleitung nach dem Bahhr el abiadt mitgegeben hatte, den Ricsenvogel im Lande der Kitsch oder Kihk zwischen dem siebenten und achten Grade der nördlichen Breite wieder auf." „Unser Vogel lebt einzeln und in kleinen Flügen an unbewohnten Orten in hohen Gramineen und Ambadjbüschen*) auf überschwemmtem Boden und in Sümpfen. Unmittelbar am weißen Flusse wurde er bloß einzeln bei den Kitsch-Negern angetroffen; häufiger ist er westlich von diesem Strome an den vielen Chuahr; vorzüglich an einem mit dem Strome parallel laufenden Flusse, dem Niebohr." „Er ist furchtsam und scheu und versteckt sich gern in den Gramineen. In der Haltung gleicht er dem Marabu am Meisten; sein Flug ist kurz und niedrig. Er lebt bloß von Fischen, die er, oft bis an die Brust im Wasser stehend, geschickt heraushängt. *) Der „Ambad/" ist eine langgestengelte rohrartige Wasserpflanze mit weichem Marke. 141 Verwundete setzen sich, laut mit dem Schnabel knackend, gegen ihren Angreifer zur Wehre. Man hat bisher keine Stimme, sondern nur eine kurze Zeit währendes Klappern mit dem Schnabel gehört." ,,Jm Juni baut er sein auf einem zwei Fuß hohen Haufen von Ambadj in den dichtesten Gramineen stehendes, aus Ambadj- stengeln, Reisern und Grashalmen roh zusammengefügtes Nest auf die Erde." Unsere deutschen Störche, die 6ioonia sibs und 6. in§ra, Lmre, kommen auf dem Zuge vor, erstere in ungeheuren Schaa- ren. Wenn sie erscheinen, zieht die im Sudahn heimische 0. äimü weiter nach Süden, gleichsam als wolle sie ihren Gattungsverwandten Platz machen; nur die weit seltnere 6. louooooxllglu, Dinrrö, bleibt in kleinen Familien im Lande zurück. Südlich vom vierzehnten Grade begegnet man dem Sattel storche, Ll^otvria Vplrippioi-Ii^nolig, Lue/,/,., welcher durch seine Gestalt und Farbenpracht schon von Weitem, vorzüglich wenn er fliegt, bemerklich wird. Man muß diesen Giganten, um seine Pracht gehörig verstehen zu können, im Urwalde — denn dahin gehört er — gesehen haben. Unsere deutsche Ornis gibt uns selten Haltpunkte, um die Ornis der Tropen mit ihr vergleichen zu können; eine Erscheinung, wie die eines lebenden Sattel st orchs, malen uns nicht einmal unsere Träume aus. Die Kropfstörche (Maräbu's), I-I, /ÄrrnAer-), welche in Nord-Ost-Afrika leben, hat man viele in dreizehn Genera gehörige Arten aufgefunden. Die afrikanische Sonne hat ihre Schuppenhaut zum Theil mit den prachtvollsten Mctallfarben begabt, ihre Heimath ihnen die sonderbarsten Formen gegeben. Sie finden sich überall und zwar erstaunlich häufig. In jedem Garten treiben die unschuldigen, harmlosen Thiere ihr Wesen, in jedem Walde sind sie daheim. Hier werden sie oft unangenehm, weil ihr Rasseln in den abgefallenen Blättern fortwährend an die ebenfalls allerorts vorhandenen Schlangen — vor denen sich in gewissem Grade zu fürchten, man niemals sich ganz entwöhnen kann — erinnern. Die 147 größtm Thiere dieser Ordnung sind die Warncidechsen oder Warane, von denen der Uol^äasckalim ni1otitu8, der , Nilwaran oder „Wärrän sl Bähhr" der Araber der häufigste ist. An menschenleeren Orten erreicht er oft eine Größe von sechs Fuß und darüber; man sieht ihn, sich sonnend, an den Ufern der Ströme liegen, in deren Fluchen er beim Erscheinen eines Menschen sogleich verschwindet. Obgleich zwischen seinen langen Zehen keine Schwimmhaut ausgespannt ist, schwimmt und taucht er doch vorzüglich. Seine Untcrkicferäste sind nur durch Bänder mit einander verbunden und erlauben ihm, wie es die Schlangen vermögen, große Thiere zu verschlingen. Dies berechtigt zu der Annahme, daß er Vögeln und kleinen Säugethieren nachstellt und hiermit steht seine außerordentliche Behendigkeit nicht im Widerspruch. An wüsten Orten lebt der fast gleichgroße psammosanrus xrissus, der Erdwaran oder,,Warran el Ardt" der Araber, ein ebenso gewandtes, aber weniger furchtsames, sondern vielmehr höchst muthiges, bösartiges Thier, welches den sich ihm nä- > Hemden Menschen und Thieren nach dem Gesicht springt oder sich in die Beine einbcißt. Man kennt zur Zeit gegen zwanzig unserem Gebiete angehörende Arten dieser Ordnung. Die Ordnung der Halbeidechsen (Uommsuri, zählt viele, acht Sippen angchörige Arten, welche alle ächte Waldbewohner sind. Leider ist auch die Ordnung der Schlangen (Oxlliäia, FÄrr'ttAer-) in den Urwäldern wenigstens durch zahlreiche Individuen vertreten. Neben der unschuldigen „Assala" der Sudah- nesen, dem Lromiop^tllon 1>loroAl)pIiieu8 des Systems ringelt sich die außerordentlich giftige „Haie" (Urserm Usgv, durch das hohe Gras, welches den Boden bedeckt und wird darin, weil sie schwer bemerkt wird, gefährlicher als in Egypten, wo sie weit häufiger ist. Andere Giftschlangen sind: 6on^oolli8 6ora8to8, ^ 6. Llooxalrso, Lvlli8 ksvo, L. p)ramickum u. a. m., welche die Araber mit dem ihnen gemeinschaftlichen Namen „Debihbe" (was auf der Erde kriecht) bezeichnen. Diese und — die Affen haben eine gleich große Furcht vor den Schlangen, vor denen man 10 * 148 übrigens auch keinen Augenblick und nirgends sicher ist, denn sie besuchen sehr oft und gern das Innere der Wohnungen. Nach den Berichten der Sudahnesen soll es eine kleine, kaum anderthalb Fuß lange Giftschlange geben, deren Biß unbedingt und in kürzester Zeit tödtet; ich selbst habe dieses Thier nie gesehen. Man wundert sich, daß bei der großen Zahl von Giftschlangen so wenige Menschen durch sie das Leben verlieren; die Krokodile fressen ihrer weit mehr, als die Schlangen todten. Unser Gebiet ist sehr arm an Landschildkröten äs, Der in Egypten häufige Ollersus msurltsinorm, kommt im Sudahn nicht mehr vor; man kennt von dort her nur vsoollslons senvAslonsis, In Schon fand Rüppell eine der merkwürdigen Sippe Llnix^s, Lekk (bei welcher der Hintere Theil des RückcnschildeS beweglich ist) zugehörige Art: 6. 8vlloen8l8, Kne/r/i., auf. Kaum reicher ist die Ordnung der Flußschildkröten (8to- Zsnopoäa, llaAke?), von welchen in Abyssinien und im Sudahn zusammengenommen nur vier Arten: Uelomeäuss olivsoss oder Vollstes, ?. ^cksn8onii, ^8xiäoiroots8 soK^ptisou8, und 6r)'ptoxu8 8eneAsIon8>8 gesammelt und beobachtet wurden. Auch die Ordnung der Batr achter (Ustrsellis, L««/,) ist außerordentlich arm oder nock höchst wenig erforscht worden. Von den Laubfröschen kennt man eine einzige Art, welche mit der europäischen große Aehnlichkeit hat, von Wasscrfrö sehen, deren nur zwei, von Kröten drei, worunter die gemeinsten und am Meisten verbreiteteste Luto rsguksrm, Keus«, ist. Ein in die Unterabtheilung der Wühlkrötcn (Vsock^tss) gehöriger Morop8, welcher aus Kordofahn und Fassokl gebracht wurde, ist durch seine eigenthümliche Kopfbildung ausgezeichnet. Aus der Ordnung der Halbfrösche oder salamander- ähnlichen Thiere (Hsmidatrsedis, FÄLttrAsr) findet sich keine einzige Art in Nord-Ost-Afrika, ebensowenig aus der der Fischmolche oder Olme (Ivlltllzockss, krtr.), es sei denn, daß man den räthsclhaften krotoxteru8 astlliopiorm , über den ich noch Einiges mittheilen werde, zu den Reptilien zählen wollte. 149 Die Ordnung der Panzerlurche oder Krokodile (I-ori- vsta, endlich zählt heut zu Tage noch drei lebende Arten: Oroooällus vulZarm, (7r«o., 0. msi-ginstus, 6oo^?'. und 0. 8uolui8, Wie uns Krokodilmumien beweisen, hat zur Pharaoncnzcit noch eine vierte Species, der 6. laounosus, im Nike gehaust; jetzt scheint diese Art vollständig verschwunden zu sein. Die Klasse der Fische ist, nach den bisher gemachten Erfahrungen und Entdeckungen zu schließen, in unserem Gebiete ziemlich reich an Familien, Sippen und Arten. Ich unterlasse eine trockene Aufzählung derselben, will dagegen aber Einiges über zwei Fische mittheilen, welche mir die interessantesten alle» nord-ost-afrikanischen zu sein scheinen und mir einen neuen Beweis für die Existenz von Fischen in jenen Rcgentcichen, von denen ich oben (S. 301 Thl. 1) gesprochen habe, gegeben haben. Ich meine ki-otoxtorim Aötliiopious, //ocz-ok und 6lsrote8 HouZlini, L-rei-r. Dem Kenner will ich noch berichten, daß in dem Nil, seinen Zuflüssen und in den in seinem Gebiete liegenden Scccn vorzüglich die Genera Ilstorotm, jk^ckroe^on, Uulsptorurim, letroäon, Norm)ru8, 0llromi8 , I,gt68, LsKi'U8, Hotorobronellim, 8vnockonti8, kol)- xtoru8, 6)'iuimrolui8 u. s. w. durch Arten vertreten sind. krotoxtsru8 sotluopiom lebt am Weißen Flusse in den Ländern der Kihk- oder Kifschncger und wird von diesen „Kon- dok" genannt, vr. von Heu glitt theilt mir über ihn Folgendes mit: „Der Protopterus findet sich ziemlich häufig in den trockenen Betten der Chuahr, namentlich in dem Chohr Dollo in Bari, wo er in Löchern wohnt, welche er nur zur Nachtzeit verläßt. In den großen Sümpfen im Lande der Kihk ist er auch schon angetroffen worden, niemals aber bisher im Strome selbst. In der Regenzeit macht er sich Wege im Schlamme. Wenn er angegriffen wird, zischt er wie eine Schlange, begibt sich, falls er es vermag, in's Innerste seiner Wohnung und stellt sich dort gegen seinen Feind. Er ist so mulhig, daß er auf die ihn belästigenden Menschen und Thiere losgeht und diese, wo möglich, beißt; mit Seinesgleichen soll er sogar ernsthafte Zweilämpfc bestehen; 150 wenigstens hatten alle Eremplare, welche man erhielt, einen zerbissenen Schwanz. Seine Nahrung besteht in Molusken, kleinen Reptilien, Fischen, Säugethieren u. s. w., er wird wegen seines wohlschmeckenden Fleisches gegessen." Lange Zeit wußte man nicht, ob man dieses merkwürdige Thier den Fischen oder Reptilien zuzählen sollte. Die Ähnlichkeit seiner Gestalt mit einigen der Ordnung der Halbfrösche zugehörigen Amphibien und seine den letzteren fast gleiche Lebensweise, verursachte bei den Gelehrten gerechte Zweifel an seiner Fischnatur. Erst die Auffindung der H autsch leim drüsen, welche allen Reptilien fehlen, sicherte ihm seine Stellung bei den Fischen. Dort steht er sehr einzeln im System und bildet den Uebcrgang von den Reptilien zu den Ersteren. „lM Lt per ssltum!" Bon demselben Interesse dürfte (llsrotes HouZIiin, Lrrerr, dessen nähere Beschreibung noch nicht veröffentlicht worden ist, den Männern der Wissenschaft sein. „Beim Graben eines Brunnens in der Steppe," erzählt sein Entdecker, dessen Namen der Fisch trägt, „trafen die Arbeiter das vorher noch nie von einem Europäer gesehene Thier in sechs bis acht Fuß Tiefe im besten Wohlsein an. Man war noch nicht auf Wasser gekommen, verspürte aber bereits eine dasselbe kündende Feuchtigkeit in den Letten, welche den Fisch umgaben. Man brachte mir ihn lebendig; ich versah ihn mit Wasser und bemerkte, daß er sich in demselben ganz mit der Gewandtheit der übrigen Fische zu bewegen weiß; später brachte ich ihn auf das trockene Land und sah zu meinem größten Erstaunen, daß der Fisch ein wahres Amphibien» ist. Erst nach drei Tagen, welche er aus dem von der Sonne Central-Afrika's durchglühten Erdboden meines Gartens ohne Wasser zugebracht hatte, starb er." Diese beiden Nachrichten haben mir meine etwa noch bestehenden Zweifel an dem, mit der Regenzeit zusammenhängenden, periodischen Erscheinen der Fische in Regenreichen genommen. Ich halte die mir so oft von den Eingebornen gemachten Mittheilungen nunmehr für vollkommen begründet. Als gewissenhafter Reisebeschrci- ber habe ich früher nur von der Möglichkeit dieses unglaublich er- scheinenden Phänomens gesprochen; jetzt erkläre ich gern, daß es Thatsache ist. Die Arten der Fische, welche die Fuhlaht bewohnen, kennt man noch nicht; möglich, daß beide Erwähnten ebenfalls sich dort aufhalten. — Schließlich erlaube ich mir noch einen Blick auf die Insekten. Es läßt sich erwarten, daß eine so reiche Vegetation das Gedeihen und die Ausbildung der so sehr an die Pflanzen gebundenen Thierklasse begünstigen muß. Wir finden deshalb auch fast alle Ordnungen dieser großen Thierreihc in namhafter Artcn- und Jndividuenzahl vertreten, von den Colcoptercn an bis zu den Hctcroptercn herab. Die am Meisten in's Auge fallenden Käfer scheinen mit am Reichsten rcpräscntirt zu sein. Die Prachtkäfer (Lllprostis) umfliegen bei Tage die blühenden Mimosen und spiegeln, wenn sie sitzen, in der Sonne ihre glänzenden Flügel, um deren Purpurftrahlcn, welche selbst durch den auf die Flügel gehauchten Goldstaub hindurchschimmern, zu zeigen; sie erscheinen in vielen Arten und so zahlreichen Individuen, daß man mehrere Dutzende von einem Bäumchcn ablesen kann. An allen sonnigen und feuchten, grasloscn Stellen sieht man prachtvolle Sandkäfer (llieinllela) sich flicgcnartig in der Luft oder auf dem Sande hcr- umlummcln; sie sind scheu und nur in der Frühe des Morgens leicht zu erlangen, wo sie dicht neben einander auf den thaufeuch- tcn Grashalmen der Flußufcr hängen und ohne besondere Mühe massenweise „geschöpft" werden können. Nach den Untersuchungen des Herrn Professors Apetz haben wir sechs Arten dieser ausgezeichneten Käfer aufgefunden, welche zum größten Theile schon am Senegal beobachtet worden sind. Von den Laufkäfern (ksrabus) hat derselbe bis jetzt auS unseren Sammlungen drciuuddrcißig Arten bestimmt; von den Glanzkäfern sOotonla) glaube ich ungefähr sechs Arten beobachtet zu haben. In den Lachen wimmelt es von Wasscrkäfern und Spielern: Hydroeantharen; letztere (tHMnus), von denen wir fünf Arten eingesammelt haben, tanzen zu Hunderten in jeder Uferbucht, hinter jedem, die Strömung mildernden Busche auf der Oberfläche des Wassers herum; erstere (lHtisous) kommen zwar in mehreren Arten vor — Herr 152 Professor Apetz hat ihrer neun bestimmt — sind aber schwerer zu erbeuten. Die Dung- und Aaskäfer sind in der Nähe einer jeden Rinderheerde zahlreich zu finden und zeichnen sich durch Reichhaltigkeit der Arten aus. Unter den ersteren nenne ich die bekannte vopris Isiäis, welche man, um sie zu erlangen, mit Wasser aus ihren sechs bis acht Fuß tiefen Erdlöchcrn treiben muß; sie fällt zumeist wegen ihrer Größe und Körpergestalt auf. Spring- käfer (Llster) und Rüsselkäfer (Kd^nvlwpiwru8) sind gemein. Nicht minder zahlreich sind die stechenden Insekten der Wälder. Um jedes gefallene Thier sammeln sich große, gefährliche Hornissen zu Hunderten, fressen gierig von dessen Fleisch und stechen heftig; unter den Wespen sind die Goldwespen (Chry- sididen) vorzüglich ausgeprägt. Diese prachtvollen, intelligenten Thiere werden zu einer wahren Plage für den Reisenden, zumal sie wegen ihres schmucken und unschuldigen Acußcren oft verkannt und gern gefangen werden. Eine Art von ihnen kommt häufig in die Wohnungen; sie gleicht einem leuchtenden Smaragd an Farbe und einem Teufel an Bösartigkeit, denn sie sticht sehr empfindlich. Aechte Honigbienen gibt es auch. Die freien Neger sammeln ihren Honig in große Burahm oder Töpfe, betrachten ihn als Leckerbissen und halten ihn hoch iin Preise. Auffallend ist es, daß man wenig Schmetterlinge bemerkt. Die Tagfalter, unter denen die Ritter am Meisten hervortreten, fallen eher in's Auge als die Nachtschmetterlinge, sind aber weit weniger zahlreich als diese, sowohl an Arten als an Individuen. Dies hat vielleicht seinen Grund darin, daß die Puppen der Nachtschmetterlinge mehr Zeit zu ihrer Ausbildung brauchen und deshalb die trockene Jahreszeit, welche sie im Larvenstande zubringen, leichter überstehen als die Tagschmcttcrlinge. Diese erreichen, wie bemerkt, in den Papilioniden ihre höchste Ausbildung und tragen oft eine erstaunenswerthe Farbenpracht zur Schau. Gelb und Schwarz in allen Mischungen scheinen unter den ihnen vorn Schöpfer verliehenen Farben die bevorzugtesten zu sein. Alle großen Tagfalter sind sehr scheu und verlieren sich, wenn sie sich verfolgt sehen, bald in den höchsten Wipfeln der Bäume. Dabei 153 gaukeln sie mit solcher Leichtigkeit über die Dornenhecken, Graswälder, Büsche, Gräben und Lachen hinweg, welche der schwerbeschuhte, unter der Tropensonne keuchende Fänger durchkricchen, durchdringen, umgehen oder durchwaden muß, daß er gewöhnlich nur das Nachsehen hat. Für die Dipteren sind die tropischen Waldgegenden ein Paradies. Die Bies fliegen sind ungemein zahlreich. Wahrscheinlich gehört der „Tubahn" der Araber hierher. Es ist die „Fliege", welche sie zwingt, sich mit ihren Rinder- und Kamelheerdcn während der Regenzeit in die höchsten und trockensten Stellen der Chala zu flüchten. Man hat behauptet, daß dieses Thier die Hauptursache von dem unfehlbaren Zugrundcgehcn des Kamels südlich vom 12." n. Br. ist. Ich selbst habe eS nie gesehen, auch nie eine genügende Beschreibung davon erhalten. Die mir von den Nomaden gemachten Mittheilungen sind naiv genug. „Der Tubahn", sagen sie, „kommt in großer Anzahl auf die Kamele und da sterben sie davon". „„Nun und was ist der Tubahn?"" „Kennst Du den Tubahn nicht? Es ist eben der Tubahn! Er ist klein, aber sehr schlimm!" So ungefähr beschreiben diese Leute ein Thier, welches keine Haare, keine Federn hat, nicht schreit, keine nachzuahmende Bewegungen macht und als „ein Geschenk des Teufels" — Gott schützt uns vor ihm! — angesehen wird. Unter die Ordnung der Dipteren — bei deren Erwähnung ich meine Unkenntniß gern zugestehen will — gehören bekanntlich auch die Quälgeister der Tage und Nächte jener Gegenden, die gierigen, heißhungrigen Fliegen, zu deren Entwehrung, wenn sie von Nutzen sein sollte, der Mensch eine eigene Hand haben müßte, und die der Hölle, d. h. den auch außerdem viel Böses und Schädliches bergenden Sümpfen, entstammten Musquitos. Die Arten kennt man nicht; man weiß bloß, daß sie den Gattungen Oulox und Simulinm zugehörcn. Jede Beschreibung der Art und Weise, wie diese Dämonen in Mückengestalt auftreten, mißlingt; jede Schilderung der Unannehmlichkeit und Pein, welche sie verursachen, bis sie ihren glashellen Leib mit dem Blute eines armen Menschenkindes gemästet haben, bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Ehe man noch die von den saugenden Rüsseln der Tagfliegen schmerzenden Augenlider schließt — denn die afrikanischen Fliegen sind im Vergleich mit ihren weit harmloseren europäischen Kollegen raffi- nirte Böscwichter, kriechen Einem dutzendweise in die Ohren, die Nase, die Augen, soweit sie können auch in den Mund und lassen sich nicht so leicht vertreiben, wie eine gesittete norddeutsche Hausfliege — verdunkelt sich die Luft von den Schwärmen der Musquitos. Jede im Schatten gewesene Dlattscite, jeder Rohr- stängcl, jedes Schilfblatt, jeder Grashalm sendet diese Nichtswür- digen aus zur Qual der Menschen und Thiere; sie erscheinen und sollten sie aus den Wolken herabkommcn. Unter unheilkündcndem Summen nähern sie sich ihrem auserkornen Opfer; die Kreise, welche sie in ihrem Fluge beschreiben, werden enger, die Furcht — ich darf diesen Ausdruck brauchen — wächst mit der Dunkelheit des Abends, denn ein unsichtbarer Feind ist furchtbarer als ein sichtbarer. Ich habe schon erzählt, daß sich der Neger des weißen Flusses, welcher seinem Feinde mit Todesverachtung entgegentritt, vor den MuSquitos fürchtet und sich, um ihnen zu entgehen, in einen Aschcnhaufen bettet; der Europäer säubert sein Gayenctz, zieht es sich über den Kopf, bläst Tabaksdampf in alle Ecken und Falten desselben, schläft endlich ein und wacht von dem Jucken wieder auf, welches ihm die Stiche von einigen Dutzenden dieser Peiniger, die doch unter das Netz gekommen sind, verursachen. Jede Nacht wiederholt sich Dasselbe; jede Nacht beginnt und endet unter Verwünschungen gegen sie. Man muß das jeder Bequemlichkeit bare Lager eines Reisenden im Innern Asrika's kennen und muß monatelang allnächtlich von Musquitos zerstochen worden sein, um diese Plage beurtheilen zu können. Zur Zeit der Dürre ist es etwas besser; MuSquitos gibt es aber das ganze Jahr hindurch. Auch von den Netzflüglern oder Neuroptercn finden wir in den Tropen Asrika's viele Familien, Geschlechter und Arten. Die Sparrwerk und Bäume zerstörenden Termiten wollen wir uns weiter unten genauer betrachten; sie sind die schädlichsten Gesellen dieser Ordnung. Von den harmlosen Florsliegen oder Perlide» kennt man mehrere Sippen im Sudahn. Eine Art 155 der dieser Familie nahe stehenden Sialiden fanden wir oft zu Hunderten an den Mimoscnstämmcn dunkler Waldungen, wo sie von den Vögeln begierig aufgesucht werden. Das Thierchen hatte einen köstlichen, roscnölähnlichcn Geruch und theilte diesen den Vögeln, welche es verzehrten, mit. Afrika ist das Land der Orthopteren. Während des Charles fressen sogar große Vögel und deren Brüt, wie ich bereits mehrfach erwähnt habe, nichts Anderes als Heuschrecken; sogar Störche und Kraniche verschmähen es nicht, auf Heuschrecken Jagd zu machen. Ihre Anzahl übertrifft alle Schätzungen. Ich glaube, daß schon die Artcnzahl der in Afrika vorkommenden Manti- den, Phasmiden, Acrididen, Locustiden und anderer Familien Fünfhundert übersteigen dürfte. Einige Arten des sonst ziemlich seltenen „fliegenden Blattes" (lUrzllium) sind häufig in den Urwäldern. Aus der Ordnung der Hetcropteren nenne ich die Wasser- und Schildwanzen als häufige Erscheinungen der innerafrikanischen Thierwelt; die Aphaniptercn verschwinden größten- thcils innerhalb des Wendekreises. Unser kulsx irritrms, der in Egyptcn in den Kleidern der feinsten europäischen Löwen ein gar lustiges Leben führt, plagt die Sudahncsen nicht. Dafür haben sie um so mehr mit anderen Parasiten, deren sie nie Herr werden, zu kämpfen. — Somit hätte ich eine flüchtige Uebersicht der Fauna des oberen Nilgebictcs gegeben. So unvollständig sie ist, — bei der noch immer herrschenden Unkenntniß der innerafrikanischcn Thierwelt kann sie nicht anders sein, — zeigt sie doch, wie außergewöhnlich reich der Sudahn an lebenden Wesen ist. Die Menge der Thiere ist so bedeutend, daß der Forscher und Sammler bloß einen Zweig des großen Ganzen behandeln darf, will er nur einigermaßen gründlich zu Werke gehen. Meine Leser werden bemerkt haben, daß ich mich vorzugsweise mit der edlen Kunde der lieben Vögel beschäftigt habe. Die Säugethiere wurden bis jetzt nur von Rüppell und Heug- lin sorgfältig beobachtet; von den Fischen des Sudahn hat Hcckel die durch Russeggc r nach Europa gebrachten Eremplarc beschere- 156 ben; die Klasse der Reptilien ist von Rüppell und Fitz inger behandelt worden; alle übrigen Klassen des Thierreichs harren zur Zeit noch eines sie sichtenden, ordnenden und beschreibenden Naturforschers. Und deshalb möge man mit meiner dürftigen Uebersicht vorlieb nehmen und mir es auch verzeihen, wenn ich an einigen Orten nicht ausführlicher, als es die Anlage meiner „Skizzen" erlaubt, geworden bin. Bilder aus dem Thierleveu. Zu den vorstehend mitgetheilten Notizen über die Fauna Nord- Ost-Afrika's füge ich noch kurze Biographicen einiger Thiere, welche mir einer etwas ausführlichen Schilderung werth zu sein scheinen, hinzu. Meine Wahl ist auf Geschöpfe gefallen, die dem größten Theile meiner Leser schon mehr bekannt sind und dürfte somit gerechtfertigt sein. Gern hätte ich alle von mir beobachteten Thiere in gleicher Weise behandelt, allein damit würde ich das mir vorgesteckte Ziel weit überschritten haben. Um jede allzu große Ausdehnung zu vermeiden, habe ich auch die nachstehenden Zeichnungen so flüchtig als möglich hingeworfen. i. Die Termite. „Düstres Dunkel ist mein Dunkel; Nach Licht begehrst Du: ich will Nacht!" Inschrift der Statue der Diana zu Ephesus. Südlich vom Wendekreise der nördlichen Halbkugel tritt zu der fleißigen Ameise des Nordens ein ihr verwandtes Thierchen, die Termite, 'kormos, deren bekannteste Art die zerstörende I. tsts- lis ist. Man sieht in den dunklen Wohnungen mit Lehmgängen überwölbte Straßen, welche sich nach allem Holzwerk wenden und entdeckt, wenn man ein derartiges Gewölbe zertrümmert, daß es einen Gang bedachte, in dem sich Hunderte von kleinen, gelben, ameisenartigen Thierchen herumtreiben; man betritt einen Steppcn- oder Urwald und findet hohe Erdkegel, deren feste, glatte Rinde kaum zerschlagen werden kann; hat man wirklich ein Loch durch 158 die harte Schale gebohrt, so beobachtet man dort dasselbe oder ein ihm ganz ähnliches Thierchen in regster Thätigkeit und Geschäftigkeit; der Staunn eines nahen Baumes ist mit einer Erdkruste überdeckt und auch diese birgt dasselbe Geschöpf, die „Ardte" (d. h. Erdarbeiter«») der Araber, die Termite. Der die Natur belauschende Reisende begegnet ihr überall wieder, der unachtsame Wanderer wird von ihrem Dasein unterrichtet, wenn seine Kisten und Waa- renballen aus einander fallen. Ich glaube kaum, daß es ein zweites Thier von so geringer Größe gibt, welches ebenso Viel leisten kann, als die leider nur auf Zerstörung bedachte Termite. Was das Pflanzenreich auch immer erzeugen mag, unterliegt ihrem scharfen Zahn. Sie zernagt das Sparrwerk der menschlichen Wohnungen, tödtet die stärksten Bäume der Wälder, zerfrißt alle Effekten der Reisenden, falls diese nicht eine sehr große Härte besitzen, und macht oft schöne Behausungen unbewohnbar. Besonders interessant sind die hohen Erdkegel, welche das kleine Thierchen in den Wäldern errichtet. Es sind wahre Gebäude, die immerfort an Höhe und Stärke zunehmen; wir haben gefunden, daß einzelne Hügel über sechzehn Fuß hoch wurden. Die Termite versteht es meisterhaft, ihre Wohnungen zusammenzukittcn; der Regen dringt nicht in das konische Haus, dessen Mantel glatt und fest ist. Im Innern der Kegel bemerkt man unzählige, größere und kleinere, innen geglättete Gänge, welche sich mannigfaltig verzweigen und nach der entgegengesetzten Seite hin in die Hauptröhren münden. In ihnen herrscht das bekannte „äinsige" Leben ihrer nordischen Verwandten. Die Hauptröhren ziehen sich tief in die Erde hinab und senden hier und da Ausläufer in der Umgebung des Kegels empor. Alle kegelbauendcn Termiten scheinen von denen, welche die Bäume benagen oder von denen, welche in den Häusern wohnen, verschieden zu sein. Letztere lieben noch mehr die dunkleren Orte als die ersteren, sind kleiner und giftiger, d. h. sie stechen heftiger und werden oft zur wahren Hausplage. Wahrscheinlich ist auch die freistehende Bäume zerstörende Termite eine eigene Art. 159 Die Termiten beginnen ihre verderblichen Arbeiten nur zur Nachtzeit oder wenigstens in tiefster Dunkelheit. Zunächst überziehen sie das der Vernichtung Geweihte mit einer das Licht abhaltenden Erdkruste, unter welcher sie arbeiten. Alle am Boden liegenden oder an den Erdwänden hängenden Gegenstände werden zuerst ergriffen, mit dem Lchmmantcl überkleidct und gewöhnlich in wenig Nächten zerfressen. Bastmatten, Strohgeflcchte, Lederfutterale, Kleider und derartige Stoffe werden in einer einzigen Nacht vernichtet. Sie versuchen ihre Zerstörungswut!) an allen Stoffen, deren sie habhaft werden können, auszulasten; so haben sie uns mehrere Male die Gewehrläufe mit ihren Erdkrusten bedeckt. Von dem auf der Erde Liegenden wenden sie sich zu dem sich in der Höhe Befindlichen. In kurzer Zeit wird das solideste Sparrwerk von ihnen zernagt; sie sind die Ursache, daß unbewohnte Gebäude in kurzer Zeit in Trümmer fallen. Wenn sie sich einen gesunden und kräftigen Baum ersehen haben, verfahren sie ebenso. Von der Erde aufwärts arbeiten sie sich bis in den Wipfel hinauf, in das feinste Geäst hinaus. Jeder Zweig wird durchlöchert und zerfressen, der Stamm ist der Hauptsitz der Kolonie, aber nur so lange, als der Baum noch genießbare Theile enthält. Dann wird ein anderer in Angriff genommen; den ersten bricht der nächste Sturm zusammen. Wir haben Gelegenheit gehabt, uns von der ungeheuren Jn- dividuenzahl einer Termitenkolonie zu überzeugen. Am 15. August 1850 bat uns Latief-Pascha zu sich, weil er uns etwas Merkwürdiges zu zeigen habe. In der That bot sich uns beim Eintritt in den Diwahn ein interessantes naturhistorischcs Schauspiel dar. Die Grundgewässer des jetzt hochgestiegenen blauen Flusses, an dem der Diwahn unmittelbar liegt, hatten Tags vorher eine Termitenkolonie in die Höhe getrieben, welche sich durch den Estrich- boden des Saales einen Weg gebahnt und ihre Mitglieder in solcher Anzahl hcrausgesandt hatte, daß alle Anwesenden sich flüchten mußten. Am folgenden Morgen ließ der Pascha ein tiefes Loch in das Erdreich graben, um den ganzen Stock vertilgen zu können. Im Niveau des Stromes fand man einen großen lebendigen Klum- 160 per«, welcher nur aus Termiten bestand. Er schien der Mittelpunkt der Kolonie zu sein. Von ihm liefen nach allen Seiten hin höh- lenartige Kanäle aus, durch welche fortwährend neue Haufen zu- oder abströmten. Man suchte den ganzen Klumpen in ein verschließbares Blcchgefäß zu bringen und entleerte dieses in den Strom. Sodann ließ der Pascha Kalk in die Grube werfen, sie mit Erde ausfüllen und wieder mit einer Estrichlage bedecken. Er glaubte die Kolonie vernichtet zu haben, bemerkte aber, daß Abends die Termiten, anstatt aus einer Oeffnung, aus drei Löchern hervorbrachen und noch in weit größerer Anzahl vertreten schienen als gestern. Auch wir hatten nie etwas Achnliches gesehen. Tausende folgten auf Tausende, Millionen auf Millionen. Mehrere Diener arbeiteten beständig daran, die Thiere zusammenzukehren, in Gefäße zu schaufeln und diese dann auszuschütten. Unter der Unzahl von Weibchen befanden sich viele geflügelte Männchen, welche ungefähr Biencngröße erreicht hatten. Die Termiten gehören zu den schädlichsten Insekten der Tropen. Sie vernichten alle von ihnen zerstörbaren Effekten der Rei- - senden, wenn diese nicht vor ihnen geschützt werden. Es ist Regel, die Kisten auf Steine zu setzen und zum Ocftcren mit Wasser zu besprengen, weil dieses die Ardte vertreibt. In den Hütten der Eingeborenen findet man Geflechte, in denen sie ihre Geräth- schaften und Vorräthe aufhängen, um sie vor dem verderblichen Thiere zu schützen. Je dunkler ein Raum ist, um so häufiger ist es; im Tokhul ist es seltener als in der Tankha; die Termite scheut das Licht. n. Der Skorpion. „Giftig und heiß nenn' ich den Stachel des Aakhreb, Giftiger nur ist des Verläumders glühende Zunge." Arabisches Sprichwort. Gleich der Vorhergehenden ist auch der Skorpion, jener gefährliche Genosse der Wohnungen im Süden, ein nächtliches Thier. 161 Bei Tage sieht man ihn nie in Bewegung, er erscheint bloß zur Nachtzeit. Der Skorpion gehört zu der Klasse der Arach niden oder Spinnen und bildet unter der Ordnung der Arthrogast oren eine eigene Familie. Er wird durch Eier fortgepflanzt, wächst sehr langsam, kann mehrere Jahre alt und fünf bis sechs Zoll lang werden, wovon der Schwanz mit Giftblase und Stachel zwei bis drei Zoll wegnimmt. Man kennt mehrere — in Nord-Ost-Afrika vier bis fünf — Arten des giftigen, bösartigen und gefährlichen Thieres; die Araber unterscheiden hauptsächlich zwei: den Xsklli-tzll tzl mtzlllll oder Salzskorpion und den ^slikroll ei blüllt oder Hausskorpion; ersterer gilt als der giftigste. Man findet den „Salzskorpion" erst im südlichen Nubien, er ist größer als der „Hausskorpion" und dunkler, bisweilen fast schwarz, weshalb er auch oft der schwarze Skorpion genannt wird; der Hausskorpion ist in ganz Nord-Ost-Afrika gemein. Bei Tage verbirgt sich der Skorpion, weil er die Sonnenhitze scheut, unter Steinen, in Löchern, an dunklen Orten u. s. w. und wartet dort, bis es kühl und finster wird. Dann läuft er spin- nenähnlich, ziemlich rasch, mit emporgehobenem Schwänze herum, betastet mit seinen Fangschecrcn die Gegenstände sorgfältig und sticht gewandt und schnell in Alles, was Leben hat oder zu haben scheint. Wenn man ihn mit einem vorgehaltenen Stocke beunruhigt, kann man beobachten, daß er binnen wenigen Minuten unzählige Male sticht. Der Stachel dringt nicht tief in die Haut eines lebenden Thieres ein, das durch den Stachel in die Wunde fließende Gift ist aber so furchtbar, daß der Verwundete sogleich ein äußerst heftiges Brennen verspürt, wenn auch die Wunde nicht oder als kleines weißes Pünktchen kaum bemerkbar ist. In einzelnen Fällen schwitzen einige Tropfen Blut aus ihr hervor. Schon nach wenigen Minuten ergreift der Schmerz das ganze Glied, ja selbst die ganze Seite des Körpers, ein im höchsten Grade peinigendes Reißen durchzuckt den Körper und kann so heftig werden, daß Krämpfe und Bewußtlosigkeit eintreten und bei schwächlichen Menschen unter unsäglichen Leiden der Lebensfaden reißt. Kinder sterben rein. 1 1 162 gel mäßig am Skorpioncnstich, aber selbst bei Erwachsenen hat er oft sehr bedenkliche Folgen; man hat mich wiederholt versichert, daß schon starke Männer daran gestorben sind. Genesende * leiden mehrere Tage lang an einer Art von Wundficber. Deshalb wird der Skorpion mit Recht von den Eingeborenen gefürchtet. Sie kennen leider nur wenige, vielleicht gar keine Mittel gegen sein Gift. Einige besitzen gewisse, noch besonders von einem Fakh're geweihte Steine, denen sie Heilkräfte zuschreiben und bestreichen damit unter mancherlei Gebeten und religiösen Ccrcmo- nicen die Wunden eines Vergifteten; Andere, hauptsächlich die Su- dahnesen, führen beständig eine beißende Wurzel, welche sie „Aerkh el Aakhreb" nennen, mit sich, kauen diese und legen sie auf die Wunde; wieder Andere schwitzen mehrere Stunden lang oder nehmen abführende Mittel ein*). Man hört oft des Nachts in einer Tankha oder einem Tokhul lautes Wehklagen erschallen und erfährt, daß ein Skorpion die Ursache desselben war. Bei der Gewohnheit der Leute, meist auf dem nur mit einer Matte bedeckten Boden zu schlafen, kommt oft genug eine Vergiftung durch Skorpionen vor. * Auch die klugen Hunde kennen und fürchten den Skorpion, mehr noch als sie aber die Affen, welche alle ihnen gefährlichen Thiere vollkommen zu würdigen verstehen. Der wüthigste Hund und wü- thcndste Affe ergreifen vor einem ihnen vorgehaltenen lebenden Skorpion sofort die Flucht. Nur der gleichsam gegen Gift gefeite Igel naht sich ihm unerschrocken und verzehrt ihn mit großer Gemüthsruhe. Er und der Mensch dürften die einzigen Feinde des gefährlichen Thieres sein. *) Wir Europäer setzten eine» Schröpfkopf auf die Wunde, entzogen ihr so schnell als möglich ziemlich viel Blut, öffneten sie dann durch einen Kreuzschnitt und rieben Ammoniak in sie ein. Zehn bis zwölf Tropfen dieses trefflichen Gegenmittels wurden auch innerlich gegeben. Einer meiner Diener, welcher von einem sehr großen Skorpion gestochen worden war, , litt bei dieser Behandlung nur acht Stunden. Ich wurde ein einziges Mal und bloß von einem so kleinen Skorpion verwundet, daß ich schon nach einer Stunde keine Schmerzen mehr fühlte. In neuerer Zeit hat man auch Chlorwasser als Gegenmittel vorgeschlagen. 163 In ganz Nord-Ost-Afrika ist der Skorpion überall gemein. An manchen Stellen der Wüste oder Steppe findet man unter jedem > mittelgroßen Steine gewiß Skorpionen. Jedes eine Zeit lang unbewohnt gewesene Haus muß erst sorgsam von dieser liebenswürdigen Gesellschaft gesäubert werden. Eine Eigenthümlichkeit des Thieres ist diese, daß es Nachts dem Lichte zuläuft. Ich habe deren schon mehrere Male Erwähnung gethan, ebenso der alten Fabel, nach welcher sich der in einen Kreis glühender Kohlen gebrachte Skorpion selbst erstechen soll. Der Skorpion senkt in seinem feurigen Kerker allerdings den erhobenen furchtbaren Schwanz auf den Rücken herab; aber das geschieht in Folge der ihn tödtenden Hitze und nicht in der Absicht, seinem Leben durch Selbstvergiftung ein Ende zu machen. Als interessante naturgeschichtliche Thatsache erwähne ich noch, daß der Skorpion in gewissem Grade gezähmt werden kann. Ich sah bei dem Dr. Rauh in Kairo einen Skorpion, welcher schon über Jahr und Tag in einem Glaskasten lebte, seinen Herrn kannte * und diesem dargereichte Fliegen abnahm, um sie zu verzehren. Er schien sich auch vor Fremden nicht mehr so ängstlich zu verstecken, als dies bei Tage die übrigen thun. Die Nahrung des Spinnenkrebses besteht in Insekten. Er fängt diese mit seinen tastenden Scheeren und saugt ihnen nach Art der Spinnen die genießbaren, flüssigen Theile ihres Körpers aus. Wahrscheinlich gebraucht er, um zu morden, seine furchtbare Waffe nur im Kampfe mit stärkeren, ihm übermächtigen Thieren dieser Klasse. Gegen alle übrigen Thiere dient sie zu seiner Vertheidigung. II * 164 m. Das Krokodil. „Dazu muß ich nun sagen, wie groß, wie mächtig und wohigeschaf- , fen er ist. Wer kann ihm sein Kleid aufdecken? Und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen? Wer kann die Kinnbacken seines Antlitzes auftbun? Schrecklich stehen seine Zähne umher. Seine stolzen Schuppen sind wie feste Schilde, fest und enge in einander. Eine rühret an die andere, daß nicht ein Lüftlein dazwischen geht. Er hat einen starken Hals, und seine Lust ist, wo er verderbet. Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faules Holz. Kein Pfeil wird ihn verjagen, die Schleudersteine sind ihm wie Stoppeln." Hiob, 41. Es macht einen eigenen Eindruck auf den Reisenden, welcher das alte Wunderland Egyptcn bereist, wenn er in den Nachmit- tagsstunden eines der sonnigen Tage jenes Landes das erste Krokodil auf einer flachen Sandbank liegen sieht. Er greift zunächst zum Fernrohr, um sich das urwcltliche Ungeheuer zu betrachten, ? dann aber in der Absicht zur sicheren Büchse, ihm wo möglich eine Kugel in den gepanzerten Leib zu jagen. Doch dieses kennt seines größten Feindes Macht und Tücke und kriecht, lange bevor das Schiff des Reisenden in Schußnähe gelangt, gemächlich in den Nil, somit zugleich fernere Beobachtungen vereitelnd. Will der wißbegierige Wanderer den „Lcviathan" besser kennen lernen, dann muß er weiter nach Süden ziehen, erst dort trifft er ihn in so großer Anzahl, daß er seinen Zweck erreicht. Das Krokodil ist noch heute über den größten Theil des Nil und seiner Zuflüsse verbreitet, im unteren Stromgebiete aber seltener geworden. Wie die Tausende der in Aababdes Höhlen aufgespeicherten Mumien des Riesenlurchs beweisen, muß es vor Jahrhunderten auch in Egypten sehr häufig gewesen sein; jetzt kann man dies nur noch von dem Sudahn sagen. Hier darf man mit Sicherheit darauf rechnen, auf jeder Sandbank der beiden Hauptströme ein Krokodil zu finden. Am Liebsten hält sich das Krokodil an ruhigen Stellen der 165 Ströme auf; in den Katarakten scheint cS ihm nicht zu gefallen. Eine Sandbank, auf welcher es sich behaglich sonnen kann, ist ein e Haupterforderniß zur Wahl seines Standortes. Diesen behauptet es mit großer Beharrlichkeit. Greise Männer haben mich versichert, daß sie schon als Kinder ein und dasselbe Krokodil genau auf derselben Insel zum Vorschein kommen sahen. Ich zweifle, weil ich überzeugt bin, daß die Thiere sehr alt werden, nicht an der Wahrheit dieser Mittheilungen. Ein Krokodil, welches zwanzig Fuß an Länge erreicht, ist eine sehr seltene Erscheinung; die größten Erem- plare, welche ich sah, mögen sechzehn Fuß gemessen haben. Sie bewohnten große Sandinscln in dem hier meilenweit nur vorn Ur- walde begrenzten blauen Flusse und waren vielleicht hundert Jahre lang nicht beunruhigt worden. Hundert Jahre sind für uns gebrechliche Menschen ein hohes Alter, für ein Krokodil wahrscheinlich nur ein Abschnitt seines Lebens. DaS Thier schlüpft bei seiner Geburt aus einem Ei, welches das einer Hausgans an Größe nicht übertrifft, wächst, wie alle Amphibien, höchst langsam und ^ erreicht dennoch jene ungeheure Größe. Wie viele Jahrzehnte mögen dazu gehören, es auszubilden!? Wenn es die Hüllen seines Eies sprengt, ist es höchstens neun Zoll lang, nach Jahresfrist hat es ungefähr die doppelte, zuweilen die dreifache Größe erreicht, dann wächst es langsamer. Vergleicht man das ausgewachsene Krokodil mit dem eben ausgckrochenen, kaum scheint es möglich, daß das niedliche Thierchen solch ein Riese werden könne. Ungeachtet seiner Größe ist das Krokodil gewandt und schnell. Die zwischen den vier Zehen seiner Hinterfüße ausgespannte Haut*) setzt es in den Stand, im Wasser ohne Mühe Fische zu erhäschen; aber auch auf dem Lande ist es behend. Ich brauche die alte Fabel, nach welcher das Krokodil keine Scitenwendungcn machen kann, wohl nicht zu widerlegen, glaube aber doch bemerken zu müssen, daß es alle Bewegungen mit größter Leichtigkeit vollführt. Ein H Krokodil vermag sich in einem Kreise herumzudrehen, dessen Radius der halben Körpcrlänge des Thieres ungefähr gleichkommt, *) Zwischen den fünf Zehen der Vorderfüße ist sie nur (in Rudimenl. 166 und mehr bedarf es zur Enlwerthung des allbekannten Mittels aller Märchenerzähler, dem verfolgenden Krokodil durch schnelles Hin- und Herlaufen zu entgehen, wahrlich nicht. Glücklicher Weise läßt r das Krokodil landeinwärts den Menschen nie die Unzulänglichkeit seines Zickzacklaufes erproben; es flüchtet auf dem Lande immer vor ihm. Zuweilen entfernt es sich meilenweit vom Flusse, eilt diesem aber, wenn es sich verfolgt sieht, pfeilschnell in geradester Richtung zu. Ist dieser sehr weit entfernt, dann sucht es sich in hohem Grase oder in einem Dickicht zu verbergen (Seite 93). vi-. Penney störte auf einer seiner Reisen in Fassokl ein Krokodil auf, welches sich in einem größtentheils mit dürrem Laube ausgefüllten Rcgenstrombett versteckt hatte. Das Thier entfloh bei Annäherung der Berittenen und eilte schnurstracks dem ungefähr anderthalb Meilen entfernten Strome zu. Man konnte es mit den schnellsten Reitkamelen nicht einholen. Es rannte mit der bekannten Eilfertigkeit davon und brüllte laut *). Während des Charief geht es oft weit in die Chuahr hinauf, zieht sich, wenn deren Wasser zu verschwinden beginnt, in die ein- ^ zelnen Tümpel zurück und verbirgt sich, wenn auch diese vertrocknen, in den feuchten Letten, um dort in einer gewissen Lethargie die nächste Regenzeit zu erwarten. Ich habe das Letztere nicht selbst beobachtet, schließe es aber aus einer Erzählung meines glaubwürdigen Freundes Penney. Als Begleiter einer „Rhassua" (s.TH.1 S. 254) gelangte er mit seinen Leuten in einen trocknen Chohr, dessen Mündung noch etwa drei Meilen vom blauen Flusse entfernt war. Wegen Wassermangel wurde in dem Bett des Rcgenstroines ein Stollen eingetrieben, welcher, aller Wahrscheinlichkeit nach, das Nothwendige zu liefern versprach. Die Arbeiter hatten ihn bereits acht Fuß abgeteuft, da sprangen sie entsetzt aus der Tiefe und rie- *) Auch ich habe das Krokodil in der Angst oder im Zorne laute, dem Kamelgebrüll ähnliche Töne ausstoßen hören. Ich näherte mich einer steilen Uferstelle des weißen Flusses vorsichtig, um einen Reiher zu beschlei- chen und sah dicht unter mir ein Krokodil, dein ich den ganzen starken Schrotschuß auf den Schädel jagte, worauf es mit einem wüthenden Ge- murr in den Fluthen verschwand. 167 sen den alleswisscnden ,,Hakihm-Pascha" oder Oberstabsarzt zu Hülfe, weil sich in der Grube ein ,,graues Ding" hin und ^ her bewege. Bei genauerer Untersuchung stellte sich dasselbe als die Schwanzspitze eines lebenden, sehr großen Krokodils heraus. Nun wurde ein zweites Loch in der Kopfgegend gemacht, durch welches man dem Ungeheuer mit einer Lanze den Gcnickfang gab. Man grub es zuletzt vollends aus und fand, daß es fünfzehn Fuß maß. „Und deshalb", schloß Penney, „nennen die Araber diesen Regenstrom heute noch „llllölir ei l'illmLekr" (Krokodilregenstrom). Die Hauptnahrung des riesigen Lurchs besteht aus Fischen. Daneben frißt er aber alles Lebende, was er erreichen und bewältigen kann. Die Beute, welche er sich vom Lande holt, überrascht er gewöhnlich beim Saufen. Langsam schwimmt er unter der Oberfläche des Wassers zu dem trinkenden Thiere heran, schnellt plötzlich aus dem Wasser hervor, faßt seine Beute am Kopfe oder an einem Vorderbeine, zieht sie in die Fluchen hinab, ertrankt sie und verzehrt sie dann in aller Gemächlichkeit; wie Einige meinen, ^ aber erst, nachdem das getödtete Thier zu faulen begonnen hat. Die meisten Menschenopfer werden ihm, wenn die Eingebornen in den Fluß wadcn, um Wasser zu schöpfen. Nur zuweilen bemüht er sich vergeblich, Etwas zu ergreifen. Wir sahen mit Vergnügen eine trinkende Antilope mit einem mächtigen Satz das Ufer verlassen, auf welches zur selben Zeit ein Krokodil herausschoß. Die Hunde in den am Nil gelegenen Ortschaften kennen, fürchten und hassen es. Während ein im Innern des Landes geborner Hund sich ohne Scheu dem Strome nähert und noch ganz „raschihm" ist, kommen jene mit äußerster Vorsicht zum Flußspiegel herab, trinken nur in kurzen Absätzen und beobachten das Wasser genau. Wenn es möglich ist, wählen sie seichte Uferstellen zu ihren Trinkplätzcn. Ihr Haß offenbart sich darin, daß sie wüthend werden, wenn man ihnen eine große Eidechse zeigt. Aber auch die Eingebornen verrathen ihre leider genugsam be- gründete Furcht vor dem bepanzerten Ungeheuer bei jeder Gelegenheit. Sie wissen viele Geschichten von der Bösartigkeit und Stärke 168 des Krokodils zu erzählen. Eine derselben wird uns den besten Begriff von dem Respekt, welchen sie vor dem Thiere haben, geben. „Ein Kamel kommt in den Abendstunden zum Flusse, um zu trinken. Auf dem steilen Uferrande liegt ein mächtiger Löwe sprung- fcrtig, im Wasser lauert ein riesiges Krokodil auf das durstige Thier. Beide, Löwe und Krokodil, ergreifen es in demselben Augenblicke. Ersterer sitzt ihm auf dem Rücken, das Krokodil hat es am Halse gefaßt. Jeder Räuber will sich die Beute zueignen, sie ringen um sie. Keiner gibt nach, beide verdoppeln ihre Anstrengungen, da reißt das Kamel mitten entzwei und jeder Streiter bekommt die Hälfte davon." Gewiß ist die Anekdote rein aus der Luft gegriffen, aber ebenso gewiß ist sie uns ein Maßstab der Furchtbarkeit des Krokodils in den Augen der Araber. Die zahlreichen Unglücksfälle, welche oft genug am blauen und weißen Flusse durch Krokodile herbeigeführt werden, berechtigen die nicht einmal mit Feuergewchr bewaffneten Menschen leider zu derlei Ansichten über ein auch nach unserer Meinung wirklich gefährliches Ungethüm. Es ist keine Kunst, ein Krokodil mit der Büchse zu erlegen, aber es ist unmöglich, mit ihm zu kämpfen, weil es den Kampf nur annimmt, wenn man wehrlos, d. h. im Wasser ist. Im ganzen Sudahn gibt es nicht ein einziges an einem der beiden Ströme gelegenes Dorf, aus welchem durch die Krokodile nicht schon Menschen geraubt worden wären, es geschehen alljährlich unzählige Unglücksfälle, sie kommen aber nur dann zur Kenntniß des Reisenden, wenn sich dieser speciell darnach erkundigt. Dann wissen alle alten Leute zu erzählen, daß der „Timfach" Den und Den, Sohn Des und Des, Nachkommen von Dem und Dem, außer ihm auch noch diverse Pferde, Kamele, Maulthiere, Esel, Hunde, Schafe, Ziegen in die trüben Fluthen hinabgczogen und gefressen oder ihnen wenigstens die eine oder die andere der Extremitäten, den Kopf u.s.w. amputirt habe. Der Angriff der Bestie geschieht so schnell, daß an eine Flucht kaum zu denken ist; ich bin durch die mit Kranichfcdcrn bestreuten Spuren eines Krokodils im Sande einer Insel belehrt worden, daß es selbst Böget erjagen kann. Mit Ausnahme des Nilpferdes, 169 Nashorns und Elephanten ist kein Thier vor ihm sicher, es verzehrt seine eigenen Jungen. Nur ein Vogel ist nach Ansicht der Eingcbornen mit ihm befreundet: es ist der kleine windschnclle Userrenner (Hvss seZ) ptiseus) , welchen die Araber kdnkikir ol 'l'imsnoll, Krokodilwächter, nennen. Der Vogel hat beiläufig die Größe einer Wachtel, ist bunt, aber gefällig gezeichnet und ungemein gewandt. Die Bezeichnung der Araber ist nicht schlecht gewählt, wenn unser Vogel auch nur zufällig das Amt eines Wächters übernimmt. Er lebt auf sandigen Inseln und flachen Ufcrstellen des Nil und seiner Zuflüsse, ist in steter Bewegung und mit den Krokodilen von Jugend auf so bekannt geworden, daß er sich vor ihnen zu fürchten nicht Ursache hat; seine Gewandtheit begründet seine Sicherheit. Er läuft ohne Bedenken auf dem Rücken der schlafenden Ungeheuer herum, frißt die dort etwa sitzenden Egel und Wasserinsckten weg und scheint jene eher für Baumstämme, als für gcfürchtete Bestien anzusehen. Seine Gewohnheit, bei Ankunft eines Menschen laut zu schreien und diesen dadurch dein Krokodil zu verrathen, mag ihm den Namen und das Amt eines Wächters verschafft haben. In der That erwacht das schlafende Krokodil durch sein Geschrei und kriecht dann gewöhnlich in das Wasser*). Nächst den lebenden frißt das Krokodil auch alle todten Thiere, *) Zufällig fand ich vor Kurzem in Fr. Mich- Vierthaler's „philosophischen Geschichte der Menschen und Völker" (Wien. 1794), daß die Alten unseren Vogel schon gekannt und von seiner Freundschaft mit dem Krokodil gewußt haben. „Die alten Naturforscher", sagt Vierthaler, „erzählen von ihm, daß er sich von den Blutegeln und den Ueberbleibseln der Speisen nähre, die sich zwischen den Zähnen des Krokodils anhängen. Denn wenn dieser mit aufgesperrtem Rachen am Ufer schläft (welches meistens zur Zeit eines sanft wehenden Westes geschieht), so hüpfe ihm der „Trochilus" hinein und halte seinen Schmaus, wobei er nicht die mindeste Gefahr zu befürchten habe; denn das Ungeheuer, welches sich dadurch wohlgethan fühlt, thut seinem kleinen Freunde Nichts zu Leide. Die alten Physiologen zählen mehrere Arten vom Trochilus; das Krokodil lebte aber nur mit jener in Freundschaft, die sie „Kladarorhynchos" heißen." 170 welche den Fluß hinabschwimmcn. Ich bin durch dasselbe mehrere Male werthvollcr Vögel, die nach dem Schusse in den Strom stürzten , beraubt und dann jedesmal von Neuem zur Rache angespornt worden. Die Krokodile sind bei einer erlangten Größe von acht Fuß bereits zeugungsfähig. Große Individuen sollen mehr und größere Eier legen, als kleinere. Die Zahl derselben variirt zwischen zwanzig und neunzig Stücken; ich selbst habe einmal bei einem Weibchen von zehn Fuß Länge einige und dreißig Stück gefunden. Sie werden von ihrer Erzeugerin auf Sandinseln in eine tiefe Grube gelegt und vermittelst des Schwanzes mit Sand bedeckt. Das eier- legende Weibchen soll alle Spuren seiner Arbeit so sorgfältig verwischen, daß die Eicrgrube nur durch die sich über ihr sammelnden Fliegen aufgefunden werden kann. Die ausgckrochencn Jungen sollen von der Mutter wieder aus dem Sande herausgewühlt, auf den Rücken genommen und dem Wasser zugeführt werden. Ich bemerke hierzu ausdrücklich, daß mir das Letztere nicht glaubwürdig erscheint. Eine Eigenthümlichkeit des Krokodils sind vier, mit einer moschusähnlichen Substanz angefüllte Drüsen, welche von den Eingebornen als Parfüm benutzt werden. Sie werden von diesen theuer bezahlt und sind der einzige pekuniäre Gewinn der Krokodiljagd; weit wichtiger ist unstreitig die durch die Jagd herbeigeführte Verminderung der gefährlichen Thiere. Von diesen Drüsen liegen zwei neben den Kinnladcngelenken, die beiden anderen zu beiden Seiten des Afters. Sie verleihen dem Fleische des alten Krokodils einen so starken Moschusgeruch, daß wir Europäer es nicht zu genießen im Stande sind. Das blendendweiße, dem der Fische ähnliche Fleisch jüngerer Thiere schmeckt dagegen nicht unangenehm*). Nur selten findet man einen Egypter oder Sudahnesen, welcher die Jagd auf Krokodile energisch betreibt. Die Egypter gebrauchen zu derselben das Feuergewehr, die Sudahnesen eine Har- Oenitslis eM, <;ui penom vrocväili eelit, eeixi et incitsii putsnt. 17t pune. Letztere ist ein auf drei Seiten zugcschliffcnes Eisen mit Widerhaken, einer Aushöhlung, in welchem ein hölzerner Wurfspieß und einem Ring, in welchem ein aus zwanzig bis dreißig haltbaren, von einander getrennten, aber in gewissen Abschnitten wieder vereinigten Schnuren bestehender Strick befestigt wird. Nachdem die aus großer Nähe und kräftig geschleuderte Harpune die Panzerhaut des Krokodils durchbohrt hat, fällt der hölzerne Spieß ab und nun bewährt der aus so vielen Theilen zusammengesetzte Strick seinen Nutzen. Das Thier ist eifrig bemüht, die Schnuren zu zerbeißen, aber diese legen sich zwischen die furchtbaren Zähne des Rachens, ohne denselben Widerstand zu leisten. Am Ende des Strickes hat man einen Klotz aus leichtem Holze angebunden, welcher dem Jäger die Spur des schwimmenden Thieres zeigt. Dieser verfolgt es in einer kleinen Barke, zieht es an die Oberfläche des Wassers empor und sticht ihm die Lanze durch das Rückenmark. Wir Europäer jagen das Krokodil, wie die Türken und Egyp- ter, mit dem Feuergewehr. Die Büchse ist jeder anderen Waffe vorzuziehen, weil ihre Kugel, wenn sie aus gehöriger Entfernung abgesandt wurde, die Panzerhaut des Krokodil stets durchbohrt, was bei der matteren Musketcnkugel nicht immer der Fall ist. Kugeln, welche in den Kopf und in die Brust dringen, tödten das Thier zwar regelmäßig, aber nicht so schnell, als eine in das Rückenmark gejagte. Deshalb ist die Halswirbelgegend der Zielpunkt eines Schützen, welcher das Krokodil in seine Gewalt bekommen will. In Netzen sängt man die Thiere nur zufällig. Wir kauften am 20. Juli 1850 ein acht Fuß langes, lebendes Krokodil, welches sich in den Netzen einiger Fischer Charthums verwickelt hatte, für den Preis von fünf Piastern, um es zu beobachten. Die Fischer hatten ihm den Rachen fest zusammengebunden, damit es nicht beißen konnte, aber dennoch fuhr es, als wir uns ihm näherten, mit einem so ungestümen und raschen Satze auf uns los, daß wir erschrocken zurücktraten. Es pfauchte, wenn wir es stießen, wie eine Katze oder Eule, war aber im Ganzen unempfindlich. Wir stachen es mit Nadeln , streuten ihm den allen Amphibien höchst lästigen 172 Schnupftabak in die Nase, legten ihm glühende Kohlen auf die Haut und thaten ihm andere Tmbationcn an, ohne daß es das geringste Unbehagen gezeigt hätte. Nur den Tabaksrauch schien es nicht vertragen zu können; Dr. Vierthaler hielt ihm die brennende Pfeife unter die Nase und erzürnte es dadurch im hohen Grade. Seine Bewegungen waren nichts weniger als plump, sondern vielmehr schnell, gewaltig und wüthend. Ein in der nächsten Nacht fallender Regen kam ihm sehr zu Statten. Er ermunterte es und verwandelte noch dazu eine ziemlich tiefe und ausgedehnte Grube vor unserem Hause in eine Lache, welche ihm von uns zum Quartier angewiesen wurde. Hier schien es sich wohl zu befinden, hielt sich aber stets auf dem Grunde auf. Es kam selten und nur mit den durch eigene Klappen verschließbaren Nasenlöchern, um zu athmen, zum Vorschein, während es auf dem Lande beständig Luft wechselte. Unser Krokodil wurde nun für die Bewohner von ganz Char- thum ein Gegenstand der köstlichsten Unterhaltung. Sein Quartier war von Groß und Klein fortwährend umlagert. Um sein Entfliehen nach dem nicht allzu weit entfernten blauen Flusse zu verhüten, hatte ich es mit einer langen Schnur anbinden lassen, aber damit dem Volk das beste Mittel gegeben, seine Schaulust zu befriedigen. Jeder Vorübergehende zog das wehrlose Thier an dee Schnur aufs Trockene heraus, betrachtete es genau und ließ es unter Flüchen und Schimpfreden, welche wohl auch mit Stcinwür- fen gewürzt wurden, wieder los. Selbst kleine Kinder machten sich das Vergnügen, einmal einen „Timsach" zu turbiren. Die Peitsche fruchtete gegen das Gesinde! Nichts; ich ließ deshalb, um die Quälgeister zu schrecken, die Stricke zerschneiden, mit denen ihm die Schnauze zugebunden worden war. Allein auch diese Demonstration bewährte sich nicht. Man holte lange Stöcke herbei, schlug unser Krokodil damit auf den Rücken und hielt ihm, wenn man es sattsam gereizt hatte, denselben vor das Gebiß. Es erfaßte sie mit solcher Wuth, daß es sich an ihnen hin- und Her- schleifen ließ, ohne sie loszulassen. Dabei brachen gewöhnlich einige seiner denen der Fische ähnlichen, nur mit brüchiger Emaille 173 bekleideten Zähne ab. Dank sei es den unendlichen Bemühungen der Einwohnerschaft Charthums: nach wenig Tagen hatte der Tii»- sach seinen „verruchten" Geist aufgegeben. IV. Der heilige Ibis. „Vom Süden kommst Du und bringst uns die Botschaft des Lebens. D'rum nennen heilig wir Dich, denn heilig ist uns der Bote, Welchen die Götter gewürdigt, Frohes zu künden." Isis und Osiris sind vor dem Kreuz und dem Halbmond gewichen, mit ihnen verschwand auch „T h o t", ihr göttlicher Bote, der heilige Ibis. Zu unserer Zeit erscheint er nicht mehr im Lande der Pharaonen, um einem seine Sendung nicht glaubenden Volke das Schwellen der Fluchen zu künden; weit hinauf an dem heiligen Strome, „welcher seine Quellen verbirgt", ist er gezogen, gleichsam als fühle er sich berufen, den vor das Quellenland des Nil gezogenen Schleier zu wahren und zu behüten. Aber vergeblich ist sein Bemühen. Die poetische Anschauung der Alten ist vor der jetzt auf dem Thron des Geistes herrschenden Vernunft erblichen; für das heutige Geschlecht gibt es keinen Schleier mehr; auch der Urquell des völkcrcrnährcndcn und länderbelebenden Stromes wird von ihm aufgedeckt werden und in dem Gesandten der ewigen Götter sieht es schon heute nur einen Vogel noch. Wohl erkannte das tiefsinnige Volk der Pharaonen in dein Nilstrom den Bringer und Erhalter alles Lebens, denn es erhob ihn selbst zur Gottheit. Dieser Ansicht zu Folge mußte auch der mit den schwellenden Fluthen in Egyptcnland erscheinende Ibis, der sichere Künder und Bürge, daß der alte Gott wiederum seiner Gnade Born und seines Segens Füllhorn über das durstige Land ergießen werde, als Diener und Bote der ewigen Gottheit zu hoher Achtung und Ehre gelangen; auch er mußte göttlich sein! Und wie lieblich, wie anspruchslos, wie verständig war dieser Bote! 174 Der Ibis gehört zu den liebenswürdigsten Vögeln; er kann leicht gezähmt werden und belohnt durch sein Betragen die Mühe der Zähmung reichlich. Das wußten und empfanden die alten Egypter gewißlich auch, denn überall bemerken wir, daß sie in dem großen Buche der Natur mit Liebe, Aufmerksamkeit und Einsicht zu lesen verstanden. Und darum heiligte man den Vogel, darum sorgte man dafür, daß sein vergänglicher Leib durch der Priester hohe Kunst der Verwesung enthoben und für Jahrtausende bewahrt werde, damit, wenn einmal der unvergängliche Geist, welcher nach dem Willen der allweisen Götter Welten und Sphären durchwandern mußte, zurückkehre, er auch seine irdische Hülle wieder finden möge. Wie des Menschen Leichnam wurde der ,,des Vogels" ein- balsamirt, dieselben Spercreien, welche des Fürsten Sterbliches vor der Zerstäubung und Auflösung in die Atome der Urmaterie schüz- zen mußte, wurden auch ihm gespendet. Und gleichwie man über dem Sarkophag, welcher des Königs Mumie umschloß, einen Berg aufthürmte, so bebaute man auch für den heiligen Vogel ein eignes Mausoläum: eine der Pyramiden, welche wir die von Sa- kahra nennen. Hier findet man die von eigenthümlich geformten Urnen umschlossenen oder auch in Kammern schichtenweise aufgestapelten Mumien zu Tausenden und es nimmt uns, bei der bekannten Thatsache, daß fast nie eine Vogelleiche gefunden wird, Wunder, wie es selbst im Laufe von Jahrtausenden möglich war, so viele JbiSleichen zu sammeln. In unseren Tagen wird dem heiligen Ibis keine Ehre mehr angethan. Deshalb hat er das Land, in welchem er so hoch gefeiert ward, verlassen und ist bis in die Urwälder des weißen und blauen Flusses geflohen. Gegenwärtig findet man ihn nördlich der Grenze der tropischen Regen nicht mehr. Sogar in Charthum ist er noch nicht Standvogel. Seiner uralten Gewohnheit treu, erscheint er, wenn sich das helle Wasser des Gebirgsstromes el AS- rakh röthet oder die Fluthen des Bahhr el ab ladt zu trüben beginnen. Dann sammelt er sich mit seines Gleichen auf einer baumreichen, vom Wasser überflutheten Insel oder in einem überschwemmten Theil des Urwaldes und baut dort in das dichteste Geäst der dornigen Harahsi sein aus Zweigen und Halmen bestehendes Nest. Im September legt er drei bis vier schneeweiße oder leicht gelblich besprengte Eier, aus welchen nach wenig Wochen die Jungen schlüpfen, da hinein. Die Milliarden von Heuschrecken und andern Insekten, welche zu dieser Zeit die Steppe beleben, machen es ihm leicht, seine Kinder aufzufüttern. Schon Anfangs November sind diese flügg geworden. Sie ähneln in der Farbenverthcilung ihres Gefieders den Alten, allein ihr Hals ist befiedert und ihr Bürzel noch nicht mit den schönen, stahlschwar- zen, zerschlissenen Federn bedeckt. Erst im dritten Jahre ist der Vogel ausgewachsen, ausgefärbt und zeugungsfähig. Dann trägt er folgendes Kleid: der ganze Körper schneeweiß, auf den Flügeln und unter denselben (in den Weichen) gelbe Streifen, die Schwingen- spitzen schwarz, die Flügelfcdern dritter Ordnung zerschlissen, stahl- schwarz, der Hals und Kopf nackt und wie die Füße und der starke, lange, gekrümmte Schnabel kohlschwarz, das Auge hochkarminroth. Der ausgewachsene Vogel hat die Größe eines Haushahns mit hohen Füßen. vi. Vicrthaler hatte sich während meines ersten Ausfluges in die tropischen Wälder fünf junge Ibisse aufgefüttert, welche uns tagtäglich Gelegenheit zu interessanten Beobachtungen lieferten und viele Freude »rächten. Sie vertraten in unserem Hofe die Stelle der Haushühner, liefen, obgleich sie vortrefflich fliegen konnten, frei herum und gaben uns fortwährend Beweise ihrer Anhänglichkeit, Gemüthlichkeit und ihres sehr ausgebildeten, oft überraschenden Verstandes. So wurden sie, um sie vor Katzen und Malignsten zu schützen, allabendlich in einen Kasten gesperrt; später gingen sie mit Einbruch der Nacht aus freien Stücken hinein, obgleich das ihnen viele Mühe machte. Wenn am Morgen ihr Schlafka- binet geöffnet wurde, flogen sie mit freudigem Geschrei auf die Dächer unserer Wohnung oder der Nachbarshäuser, entfernten sich bis auf fünfhundert Schritte von unserer Behausung, kehrten aber immer bald dahin zurück und verließen dann den ihnen angewiesenen Hofraum und Garten nicht wieder. Um Mittag suchten sie in den kühlen Räumlichkeiten unseres Wohnhauses Schatten, waren aber. 176 wenn sie Teller nach dem Speisezimmer bringen sahen, sogleich daselbst versammelt, umstanden unseren Tisch und baten und schmeichelten, bis wir ihnen Etwas verabreichten. Wir fütterten sie mit Allem, was auf unseren Tisch kam; sie nahmen uns das für sie Bestimmte geschickt aus der Hand, faßten es mit der Spitze und warfen es mit Leichtigkeit in den Schlund hinab. Ihren Schnabel wußten sie vortrefflich zu gebrauchen, steckten ihn in die feinsten Ritzen und konnten mit ihm alle Löcher ausplündern. Sie waren höchst gesellschaftlich. Oft setzten sie sich gegen Abend in einem Kreise auf die Fußsohlen und bckomplimcntirten sich auf die seltsamste Weise. Kam etwas Weiches, z. B. ein mit Kissen belegtes Ankharehb, in den Hof, dann nahmen sie es fluggs in Besitz und legten sich neben einander behaglich mit von sich gestreckten Beinen darauf hin. Sie haben uns manche trübe Stunde erheitert und manchen bösen Tag erleichtert. Wir hatten sie Beide so lieb gewonnen, daß mir, als ich abreiste, der Doktor nur die Hälfte gab, weil „er seine lieben Hausgenossen doch nicht alle von sich lassen könne." V. Die Kraniche im Sndahn. „Seid mir gegrüßt, befreund'te Schaaren, Die mir zur See Begleiter waren. Zum guten Zeichen nehm' ich Euch. Mein Loos, es ist dem eurem gleich: Von fernher kommen wir gezogen Und flehen um ein wirthlich Dach." Ja, seid mir gegrüßt, ihr freundlichen Vögcl, die ihr mit mir gewandert seid! Wohl seid ihr mir befreundet! Ein und derselbe Himmel hat über uns geblauet, ein und derselbe Strom uns geführt und getränkt, ein und derselbe Wald uns das Abendlied gesungen, ein und dieselbe Welt uns umgeben. Glücklich seid ihr, die mit leichten Schwingen Begabten, weil ihr wandern könnt, so 177 weit eure Sehnsucht euch treibt! Im fernen heißen Afrika haben wir uns einst gefunden; jetzt blicke ich mit Wehmuth nur noch euren Zügen nach! Alljährlich sehen wir im Herbst die einem V gleichgestalteten Züge der Kraniche dem Süden zuwandern. Wie weit sie ihre Reise ausdehnen, habe ich schon bemerkt und gewiß würde eine Beschreibung des Winterlcbens unseres allbekannten grauen Kranichs ohne jedes Interesse sein, träfe er zur Zeit desselben nicht zwei seiner Gattungsverwandten, welche mir der Erwähnung werth zu sein scheinen. Ich meine 6rv8 VirZo und 6. pavonina, Lrnne. Fürwahr, der erstere führt einen stolzen Namen: 6. VirK», die Jungfrau! Man muß ihn in der That erst kennen lernen, um zu verstehen, mit welchem Rechte es geschieht. Aber man kann dem alten Linus nicht widersprechen. Der Vogel ist wirklich so schön, so anmuthig, daß er nur mit einer Jungfrau verglichen werden kann. Alle Begriffe, welche dieses liebliche Wort in sich vereint, finden sich bei ihm, wenn auch nur in dem durch seine Stellung in der Thierreihe bedingten Maßstabe wieder. Sein Kleid zeichnet sich zwar nicht durch prunkende Farben aus — es ist im Gegentheil so einfach, als das Kleid einer Jungfrau es sein soll —; aber gerade die Anspruchslosigkeit desselben erhöht seine Schönheit. Das Gefieder ist seidenweich, wie das Haar einer Jungfrau, es kleidet den Vogel so gut als ein einfaches Gewand eine Jungfrau und die Federzöpfchcn am Hinterhaupte sind fast ebenso schön als jene langen Haarflechten, welche oft ganz in ähnlicher Weise getragen werden. Zu der schönen Einfachheit des Aeußeren gesellt sich ein höchst anmuthiges Betragen, um unseren Vogel Jedermann angenehm zu machen. Er zeigt einen erstaunlichen Verstand, wird nach kurzer Gefangenschaft ebenso zahm und zutraulich, als er in der Freiheit scheu und mißtrauisch war und erfreut seinen Besitzer tagtäglich mehr. Mit mädchenhafter Sorgsamkeit wahrt er sein Kleid vor jeder Verunreinigung und versteht es meisterhaft, seine Schönheit durch eine höchst liebenswürdige, natürliche Coquettcrie noch mehr hervorzuheben. Kurz, wer ihn näher kennen lernt, muß zürn 12 178 gestehen, daß eö für ihn gar keinen andern Namen geben kann, als eben 6rus VirS«*). Ihm gegenüber erscheint der Pfaucnkranich, Or»8 g-nonina, » unendlich plump. Wenn wir die 0. VwAo mit einer lieblichen Jungfrau vergleichen, können wir ihn das Spiegelbild eines sich brüstenden Gcldaristokratcn nennen. Wegen seiner Krone wird er gewöhnlich Königskranich genannt; allein sein Betragen deutet durchaus nicht auf etwas Königliches, sondern mehr auf etwas Pfauenhaftes hin. Es scheint, als wolle sich der Vogel auf sein farbenprächtiges Gewand etwas zu Gute thun. Dieses besteht hauptsächlich aus den beiden Farben Schwarz und Weiß, zeigt aber auch noch Goldgelb und, mehr verdeckt, Braun; im Leben liegt ein graulicher Dust über dem Sammtschwarz, welcher den größten Theil seines Körpers bedeckt. Der Gang des Vogels ist aufrecht und stolz zu nennen: er breitet dabei die aus goldgelben, spiralförmig gedrehten, fast bartlosen Federn bestehende Krone aus und hebt den Kopf empor; sein Flug ist langsam, aber imponirend. Dennoch hat der Vogel wenig Anziehendes; seine schmetternde Trom- ^ petenstimme macht ihn sogar oft unangenehm. In neuerer Zeit hat das System den Pfauenkranich, weil er von den eigentlichen Kranichen wesentlich abweicht, von diesen getrennt. Er steht zwischen ihnen und den Hühnern mitten inne, ebensowohl hinsichtlich seiner Gestalt, als auch hinsichtlich seines Betragens. So haben wir oft höchst sonderbare Bewegungen — wir nannten sie Tänze — an ihnen beobachtet, wenn sich neue Gefährten bei einer Gesellschaft einsanken oder wenn ihnen sonst etwas Ungewöhnliches begegnete. Sie springen senkrecht in die Höhe, breiten die Flügel ein Wenig aus und setzen die Füße dann tanzartig wieder nieder, wobei sie noch mancherlei Beugungen und Bücklinge machen. Ich glaube, daß nur die Männchen tanzen, wahrscheinlich um das Wohlgefallen oder die Aufmerksamkeit der Weibchen auf sich zu ziehen. Achnlichcs sehen wir bei der Balze ^ *) Ich will gern zugestehen, daß ich für die numidische Jungfrau sehr eingenommen bin; allein ich glaube, daß ich ihre Lieblichkeit noch nicht einmal genug hervorgehoben habe. 179 des Aucr- und Birkwildes unserer Gebirge; es ist aber ja auch außerdem eine bekannte Thatsache, daß gute Tänzer dein weiblichen » Geschlechte stets willkommene Erscheinungen sind. Der Königskranich ist im Sudahn Standvogel, der Jung- fernkranich wie der graue nur zur Winterszeit Gast im fremden Lande. Jeden Herbst erscheinen Tausende der Letzteren im Gebiet der Nilzuflüsse, um dort behaglich den Winter zu verleben und die Vcrmauserung ihres Gefieders in aller Ruhe abzuwarten. Beide Arten vereinigen sich mehr oder weniger mit einander. Sie bewohnen dieselben Sandbänke und ziehen vor Sonnenaufgang auf dieselben Plätze aus, um Nahrung zu suchen. Den Königskranich, welcher sich tagtäglich bei ihnen aufdrängt, scheinen sie nicht als ihres Gleichen betrachten zu wollen; wahrscheinlich ist er ihnen nicht anständig und klug genug; sie selbst leben in bester Eintracht zusammen. Bei ihrer Ankunft (im Oktober) sind die Ströme bereits so ^ weit gefallen, daß einzelne Sandbänke über den Wasserspiegel hervorragen. Diese bilden ihre Standplätze; von hier aus fliegen sie jeden Morgen in ihre Nahrungsspeicher, die Getraidefeldcr der Steppe hinaus. Eine einfache Berechnung der Getraidemenge, welche die im Sudahn überwinternden Kraniche verzehren, beweist, daß sie in so großen Massen in keinem andern Land der Erde würden leben können. Ich habe beobachtet, daß jeder Einzelne von ihnen täglich mindestens ein halbes Maas Durrah zu seiner Nahrung braucht und bin fest überzeugt, daß die Anzahl der im Sudahn wintcrnden Kraniche zu mehr als dreimal Hunderttausend angenommen werden kann. Bei einem Aufenthalte der Böge! von hundertundfunfzig Tagen berechnet sich das Quantum des während dieser Zeit verbrauchten Getraidcs zu 125,000 dresdner Scheffeln! Diese Schätzung ist keineswegs übertrieben, denn ich habe die Minima angenommen; aber ich glaube, daß sie nur Derjenige, > welcher die ausgedehnten Getraidefeldcr Ost-Sudahns und die ungeheure Anzahl der in ihnen Nahrung findenden Kraniche kennt, annähernd richtig finden wird. Wenn man Mitte Oktobers einen der beiden Hauptflüsse des 12 * 180 Ost-Sudahn befählt, hört und sieht man Tag und Nacht einen Kranichzug nach dem andern vorüberfliegen, welcher sich dann an einer ihm geeignet erscheinenden Stelle niederläßt. Er besteht entweder aus grauen oder aus numidischcn Kranichen. Man hat den letzteren an der Wolga brütend gefunden und nur höchst selten in Deutschland beobachtet, aber Niemand weiß, wo sich die Tausende, welche wir im Sudahn vereinigt sehen, während des Sommers aufbellten. Der numidische Kranich ist noch in den meisten Sammlungen ein seltner Vogel und findet sich im Sudahn in so namhafter Menge, daß er eine große Sandinsel förmlich bedeckt. ES wäre für den Sammler leicht, von dort aus alle Kabinette Europa's mit diesem ziemlich werthvollen Vogel zu versehen, wenn er nicht so außerordentlich klug, scheu und vorsichtig wäre. Er umgeht jede Falle und weiß dein Rohr des Schützen stets hinreichend fern zu bleiben. Wir wählten die Nacht zu seiner Jagd und machten die Beobachtung, daß er in mondhellen Nächten doppelt so hoch flog als in dunklen, ihn ohnehin schützenden. Das geringste Geräusch oder alles nur irgend Verdächtige bewog ihn stets, sogleich die Höhe zu suchen. Erst im Anfange des März verlassen die Kraniche den Strom und sein Gebiet, um nach dem fernen Norden zurückzukehren. So weit wandern sie, „den Gastlichen" zu finden, „Der von dem Fremdling wehrt die Schmach." VI. Der Marabu. „Des Elephanten Zahn — das Elfenbein Ist das, was lockt, daß man ihn sagt und tödtet; Daß man die Muschel öffnet, daß sie stirbt, — Verursacht ihr die Perle! Netze stellet man Dem Vogel Tsu, der schönen Federn wegen." Schefer, Laienbrevier. Ich bin fest überzeugt, daß alle meine schönen Leserinnen die Federn des Marabu genau kennen, erlaube mir aber, daran zu zwei- 181 feln, daß auch dcm Erzeuger dieses Schmuckes dasselbe Glück zu Theil wird. Das menschliche Geschlecht ist leider ein sehr undankbares; gewöhnlich nimmt es die Gaben, ohne sich um den Geber viel zu kümmern. Unter Letzteren verstehe ich in diesem Falle nun zwar keinen gütigen Vater, keine zärtliche Mutter, freundliche Tante, keinen freigebigen Onkel, Vetter u. s. w. u. s. w., sondern nur einen schlichten Vogel; aber die Dankbarkeit, scheint es mir, darf sich auch auf einen solchen ausdehnen. Man muß nur bedenken, wie sehr der Vogel geplagt und wie Viel ihm geraubt wird, um die schönen Europäerinnen zu schmücken; man muß wissen, daß in Indien der Marabu — von dem es, beläufig bemerkt, mehrere Arten gibt — zahm gehalten und durch Ausrupfen seiner Zierfe- dern systematisch zum Erzeugen neuer Federn gezwungen wird und muß erwägen, daß wir Grausamen den Marabu des Sudahn, Doptoptilus erumonikor genannt, erst todtschossen, bevor wir ihm seine Federn rauben konnten. Nachdem ich mich so des Mitleides aller marabufedertragenden Damen versichert habe, will ich ihnen den Vogel selbst vorstellen. Er ist nicht gerade liebenswürdig, noch weniger schön, aber mindestens originell. Bezüglich seiner Gestalt ähnelt er einem Storch; allein er ist weit größer und jedenfalls häßlicher als dieser, sein Hals und Kopf sind unbefiedert, erster ist mit einem mächtigen Kropfsack, letzterer mit einem ditto Schnabel versehen; sein Gefieder ist auf dem Rücken grünlich-blau, auf der Brust und allen übrigen unteren Partiten weiß gefärbt, ebenso erscheinen die eigentlich schwarzen Beine, welche der ziemlich unreinliche Gesell beständig mit einer weißen Kruste bedeckt. Der Schmuck unserer Damen sind die Un- tcrschwanzdcckfedern. Will man sich ein treues Bild von ihm machen, so darf man nur an einen Schneidergesellen denken, welcher des Sonntags Nachmittags in blauem Frack, weißer Weste und Nankinbcinklcidcrn im Freien herumstolpcrt und, um sein wunderliches Costüm zu krönen, ein rothes Käppchen auf dem trotzig erhobenen Haupte trägt. Die Phantasie braucht der Wirklichkeit dabei gar nicht Viel zu Hülse zu kommen; jede gute Abbildung schon ruft jenen Eindruck in uns hervor. Die Achnlichkeit seines blauen 182 Rückens und der ebenso gezeichneten, scharf geschnittenen Flügel mit einem dunklen Frack und die seiner weißen Vorderseite und koth- bespritzten Beine mit weißer Weste und eben solchen Beinkleidern ist frappant. Dabei trägt er den Hals so eingezogen, daß der Kopf wie bei einem Menschen dicht auf den Schultern zu sitzen scheint und gerade diese Stellung macht die Carrikatur nur um so beißender. Sein Benehmen steht mit seiner Gestalt im besten Einklanges spricht sich in ihm eine stoische, unverwüstliche Ruhe aus. Jede seiner Bewegungen, sein Gang, jeder Blick ist berechnet, genau abgemessen. Wenn ihn der Jäger verfolgt, schaut er sich langsam und gravitätisch um, mißt die Entfernung zwischen sich und seinem Feinde und regelt nach ihr seine Schritte. Geht man langsam, thut er es auch, beschleunigt man seinen Gang, macht er es ebenso, bleibt man stehen, dann steht auch er bald still. Auf einer weiten Ebene, wo er immer jede beliebige Strecke zwischen sich und den Jäger bringen kann, läßt er es nie zum Schusse kommen, fliegt aber auch nicht auf, sondern bewegt sich immer in der gleichwciten Entfernung von zwei- bis dreihundert Schritten mit derselben Geschwindigkeit als sein Verfolger. Er ist erstaunlich klug und weiß genau, wie weit das ihm verderbliche Jagdrohr des Schützen trägt. Im Sudahn wird der Vogel, weil man den Werth seiner Federn*') nicht kennt, nicht verfolgt. Hier trifft man ihn am Sichersten auf den Schlachtplätzen der Städte, wo er sich einstellt, um die Abfälle der geschlachteten Thiere zu verzehren. Er fällt auch wohl mit den Geiern auf das Aas, ist hier aber weit schwerer zu erlegen, als diese. Seine Vorsicht ist so groß, daß er — was die Geier nicht thun — Wachen ausstellt und dein herannahenden Jäger stets zu entfliehen weiß. Diese Thatsache scheint unglaublich, weil er zu den gefräßigsten Vögeln gehört, welche man kennt. Wir zogen aus seinem Kröpfe ganze Rinderohren und Knochen, die ein v *) Diese sind bloß nach der Mauser vollkommen schön. Man erhält von jedem Vogel zu dieser Zeit gewöhnlich nur vier Stück, welche allen Anforderungen entsprechen. 183 anderer Vogel gar nicht hatte verschlingen können, heraus und machten einmal eine Beobachtung, welche für mich etwas Entsetzliches hatte. Einer meiner Diener zerschmetterte einem Marabu durch den Schuß beide Füße und einen Flügelknochen, war aber fühllos genug, das verwundete Thier nicht sogleich zu todten und brachte es noch lebend in unsere Wohnung. Hier wurden gerade große Geier abgebälgt; das Fleisch derselben lag in großen Haufen um den Arbcircr herum. Der Jäger warf den Marabu meinem Abbälgcr zu, der Vogel brach natürlich zusammen, fing aber sogleich an, die vor ihm liegenden Fleischstücke gierig zu verschlingen. Ich tödtcte ihn augenblicklich. Ein anderes Mal sah ich zehn bis zwölf dieser Vögcl, welche im weißen Flusse Fische fingen. Sie besitzen darin viele Geschick- lichkcit und einer von ihnen hatte auch geschwind einen großen Fisch erhäscht, welcher alsbald hinabgewürgt und einstweilen im Kropfsack aufbewahrt wurde. Der Fisch lebte noch, zappelte in dem Sack herum und dehnte ihn fußlang aus *). Sofort kamen die Gefährten des Glücklichen herbei und schnappten so ernstlich nach dein Kröpfe desselben, daß er sich nur durch schleunige Flucht den Naubvcrsuchen der Andern entziehen konnte. Wie alle klugen Thiere wird auch der Marabu in der Gefangenschaft bald zahm. Ich besaß einen, welcher, weil ich ihn fütterte, große Anhänglichkeit an mich zeigte. Er begleitete mich im ganzen Hause und legte, war ich abwesend gewesen, bei meiner Zurückkunst eine lebhafte Freude an den Tag. Er kam mir entgegen, nickte mit dem Kopfe, ließ ein freudiges Schnabelgcklapper hören oder umtanzte mich mit allerlei possirlichen Bewegungen und Gesten. Allein seine Freundschaft verlor sich bald, nachdem er einen Gefährten erhalten hatte und als ich später zwei Monate lang verreist gewesen war, kannte er mich gar nicht mehr. *) Wegen dieses esacks nennen ihn die Sudahncsc» „Abn-Saln" (oder Säin), Baker des Trinkschtauches. S. Th. 1 S. 03. 18 L VII. Geier. ,,Wo aber ein Aas ist, da sammeln sich die Adler." Matthäus 24 , 28. Im hohen, kalten Norden stirbt ein Thier und die Natur überdeckt seinen Leichnam mit ihrem schneeigen Leichcntuche, krystallistrt die flüssigen Theile des Körpers und wandelt sie in eine feste Masse um, welche sich — wie uns die in den Eisfeldern aufgefundenen Mamonts beweisen — Jahrtausende hindurch, ohne die geringste Spur der Verwesung zu zeigen, erhält; im Süden bestattet sie ihre gefallenen Geschöpfe in anderer Weise. Dasselbe Licht, dieselbe Wärme, welche Leben und Gedeihen, Wachsthum und Blühen der Thiere und Pflanzen wunderbar beschleunigten, wirken auch mit voller Kraft auf ihre Zerstörung und führen in wenig Stunden den Akt der vehementesten Fäulniß herbei. Und darum, daß der aus der Reihe der Lebenden geschiedene Körper nicht die noch lebendigen Ncbengcschöpfe gefährde, sandte der Schöpfer dorthin, in die unter der Tropcnsonne glühenden Länder, seine Boten, die Geier. Ehe noch daS sich in die Urstoffe der thierischen Materie auflösende Aas die Luft verpestet, erscheinen sie, die immer bereiten, nimmer müden Wächter, vertilgen das Schädliche, assimili- ren den der Vernichtung geweihten Stoff und verhindern die Wirksamkeit der giftigen Gase. Acht Arten dieser Reiniger der Atmosphäre kennen wir in Nord-Ost-Afrika*); unter ihnen sind die beiden Ohrengeicr die größten, denn sie klaftern von einer Flü- gelspitze zur andern oft über zehn (deutsche) Fuß, die eigentlichen Aasgeier, von denen iVeopllron pileatus höchstens die Größe unseres Kolkraben erreicht, die kleinsten. Am Saume der Wüste liegt ein verendetes Kamel. Die ungeheuren Beschwerden der Wüstenreisc, ein erlittener Samuhm haben es erschöpft; es erreichte, obgleich der Treiber dem ermatteten *) Nämlich: dleopliro» perenopterus, lV. pilestus oder inonscluis, Vul- tur (6^ps) kulvus, 6^ps Nueppellü, , 6, denxslensis, Vultur occipils- lis, Knockst, Otoxvps suriculsris und 0. peunatus, tVobtr. 185 Thiere schon am vorigen Tage seine Last abnahm und es ledig neben den befrachteten Lastthieren einhergchen ließ, den Nil nicht mehr, ^ sondern brach vollkommen entkräftet aus Nimmerwiedcraufstehen zusammen. Sein Herr läßt es, nachdem er mit nicht verhehltem Kummer über den durch seinen Tod erlittenen Verlust von ihm geschieden ist, unberührt liegen, weil seine Religion ihm verbietet, das Geringste von einem gestorbenen, nicht unter den üblichen Gebräuchen gctödtetcn Thiere zu verwenden. Mich wundert, daß die zur Nachtzeit heulend auf Raub ausgehenden Hyänen das leckere Aas nicht fanden; am folgenden Morgen liegt das Kamel noch unzcrfleischt auf seinem fahlen Sterbebette. Es ist kühl und still am Morgen in der Wüste; erst kurz vor Sonnenaufgang beginnen die Steinschmätzer und Wüst enlerchen ihren Gesang. Dem Aase dort einen Todtengesang? Warum nicht! Schon ist der Leichnam in Fäulniß übergegangen; die Todtcn- starre ist vorüber, die Augen liegen tief in den Höhlen, die Ober- ^ haut beginnt sich hier und da zu lösen, aus Mund und Nase fließt eine übelriechende Feuchtigkeit. Im Innern der Höhlen gährt und braust es, die Stoffe verlassen ihre alten Verbindungen, um neue einzugehen; frei gewordene Gase haben den Leib hoch auf- gctriebcn und scheinen sich einen Weg nach Außen bahnen zu wollen, um ihren giftigen Hauch weithin zu verbreiten. Da erscheint mit den ersten Strahlen der Morgensonne am Horizonte ein Rabe. Seine weiße Brust schimmert uns schon von Weitem entgegen und läßt uns einen alten Bekannten erkennen: es ist der 6orvus seapulatlw. Er scheint das Aas schon wahrgenommen zu haben, denn er schreit und nähert sich mit rascheren Flügelschlägen, kreist einige Male um das gefallene Thier herum, senkt sich dann herab, schwingt sich ein Wenig nach Vorn und Oben und betritt, seine Flügel zusammenlegend, in nicht allzu großer Entfernung von demselben den Boden; hierauf nähert er sich * ihm rasch und umgeht es mehrere Male langsam mit bedächtigem ! Spähen. Ein Wüstenrabe (6orvus umbrinus, folgt ihm bald nach und gesellt sich zu ihm; von beiden Arten 186 langen in Kurzem mehrere an; es mögen wohl zwei Dutzend Raben bei dem Kamele versammelt sein. DaS gewahrten einige schmutzige Aasgeier (Neopdron peronopteru8 und pilsa- tu8), welche schon bei guter Zeit die Felsen und Bäume, auf denen sie ihre Nachtruhe gehalten haben, verließen, um aus Nahrung auszugehen; sie kommen alsbald zu den Raben herab und ziehen nach und nach noch viele ihrer Art herbei. Der immer gegenwärtige Schmarotzergabelweih (Mlvu8 paraÄtieuch und ein weit- schauendcr Raubadler s^guila rapax), welche beide frisches Aas keineswegs verschmähen, vergrößern die Versammlung; einigen Kröpf st örchen, denen das Fischen in dem nahen Strome zu langweilig wurde, ist das schon jetzt in der Nähe des Kameles stattfindende Gewimmel wohlbekannt und auch sie eilen nun herbei, um noch zu rechter Zeit an dem für sie und ihr Gelichter gedeckten Tische einzutreffen. Aber noch fehlen die großen Geier, die Vorleger der Speise. Dem Gesinde!, welches vor ihnen sich einsund, ist die starke Haut eines großen Thieres zu fest, als daß sie dieselbe mit ihren schwa- X chen Schnäbeln zerreißen könnten; selbst die Kropfstörche vermöchten das mit ihrem ungeheuren — freilich zum Zerreißen nicht eingerichteten — Schnabel nicht auszurichten. Doch ist die Zeit gekommen, in welcher auch jene, die Vornehmen in der Tischgesellschaft, erscheinen; es ist zehn Nhr geworden. Sie haben aus- gcschlafen und ausgeträumt und schicken sich jetzt an, ihr weites Gebiet zu durchstreifen. In einer dem menschlichen Auge unerreichbaren Höhe ziehen sie ihre Kreise; einer folgt dem andern, steigt und fällt mit ihm, wendet sich mit ihm nach dieser oder nach jener Seite. Da gewahrt einer von ihnen das Getümmel da unten, wahrscheinlich noch eher als das Aas selbst und läßt sich, die Sache zu untersuchen, näher herab. Sein scharfes Auge gibt ihm bald ein klares Bild: er erkennt, daß das Gesuchte gefunden, zieht seine Flügel ein und läßt seinen Körper den Gesetzen der Schwere folgen, ohne ihnen entgegenzuarbeiten; sausend stürzt dieser mehrere ^ Hundert Fuß herab; aber zu rechter Zeit noch breitet der Vogel die Fittige wieder, streckt die Füße lang von sich und kommt gc- 187 mächlich und sicher unten an. Alle übrigen folgen ihm rücksichtslos nach; so lange er auf dem Fraße sitzt, stört sie Nichts, nicht » einmal ein herannahender Jäger. Wenn wir einen einzigen Geier auf das von uns hinter uns verdeckende Mauern oder Erdwälle ausgelegte Aas fallen sahen, eilten wir auf dasselbe zu, um noch zu rechter Zeit dort anzulangen. Denn nun kamen die Ucbrigen von allen Seiten so zahlreich hcrbcigcflogcn, daß wir oft schon mehr als zwanzig an Ort und Stelle versammelt sahen, von deren Vorhandensein wir gar keine Ahnung gehabt hatten. Ein Punkt, welchen das Auge im klaren, blauen Aether kaum bemerkt, fällt herab und wird zu einem Ohr eng ei er! Demnach ist es einzig und allein das Gesicht der Geier, welches sie bei Erforschung des Aases leitet, keineswegs der Geruch, wie man bisher noch häufig angenommen hat. Bei genauer Untersuchung zeigt es sich, daß der Geruchsinn aller Vögel auf einer vcrhältmßmäßig sehr niederen Stufe steht und dennoch hat man von ihm sogar größere Leistungen erwartet als von dem am Besten ausgebildeten Organ dieses Sinnes, z. B. bei den „witternden" Säugcthieren. Ich habe bei meinen monatelang ununterbrochen fortgesetzten Jagden die Beobachtung gemacht, daß die großen Geier auch auf ganz frischem Aase erschienen, welches noch gar keinen Geruch verbreitete und selbst bei heftigem Winde, welcher die Düfte nothwendiger Weise nur nach einer Richtung fortführen konnte, von allen Seiten herbeikamen. Auf Aas aber, welches mit Zweigen wohl verdeckt worden war, sind sie niemals gekommen. Schon der erste Blick findet heraus, daß der Sinn des Gesichts weit vollkommener ausgebildet ist als der des Geruchs: aus den kleinen, völlig borstcnfreien Naslöchern tropft fortwährend eine übelriechende Feuchtigkeit, das schöne Auge gibt dem der Adler an Größe und Klarheit oder Feuer Nichts nach. Die großen Geier, welche bei Charthum am Häufigsten in ^ den Monaten Mai bis September erscheinen — die übrige Zeit des Jahres bringen sie wahrscheinlich in der Steppe zu, deren Vieh- hccrden ihnen sichere Nahrung versprechen — fliegen täglich nur wenige Stunden auf Nahrung aus. Ihre vortrefflichen Flugwerk- 188 zeuge setzen sie in den Stand, in dieser Zeit Großes zu leisten: sie durcheilen in wenig Stunden ungeheure Strecken. Ihr Flug ist eher ein Schweben zu nennen als ein Fliegen, mehrere Minuten lang sieht man keinen Flügelschlag und dennoch bewegen sie sich sehr rasch und ohne jede bemerkliche Anstrengung. Aus der Höhe, in welcher sie dahin streichen, können sie ein ungemcin großes Feld absuchen; sie leiden selten Mangel, denn in ihrem ausgedehnten Gebiete findet sich für sie fast immer Beute. Vor zehn Uhr Vormittags habe ich sie niemals auf dem Aase erscheinen, länger als vier Uhr Nachmittags niemals dort weilen sehen. Die einzelnen Arten halten sich mehr oder weniger zusammen, obgleich man alle Arten auf ein und demselben Aase zusammen beobachten kann. Um die Etymologie des Wortes „Geier" verstehen zu können, muß man die Vögel beim Fressen beobachtet haben. Sie zeigen dabei eine so große Gier, als müßten sie sich mit einem Male auf mehrere Monate verprovianiircn. Mit wagrecht vorgestrecktem Halse, erhobenem Schwänze und schleppenden oder ausgebreiteten Flügeln eilen sie in mächtigen Sätzen auf das Aas zu, bei dem ein Gewimmel, Streiten, Zanken und Arbeiten entsteht, welches gar nicht zu beschreiben ist. Die Ohrcngeier reißen die dicke Haut mit wenig Schnabclhicbcn auf und behandeln die solideren Muskeln; die langhälsigcn Geier öffnen sich die Bauchhöhle, stecken ihren Hals bis zur Halskrause dahinein, wühlen in den Eingeweiden herum, fördern sie zu Tage und kämpfen wüthend mitsammen um Darmschlingen; nur die schmutzigen Aasgeier sitzen mit Adlern, Milanen und Naben, so lange die Gewaltigen fressen, entsagend um die Gruppe herum, höchstens hier und da ein abfallendes Bröcklcin erhäschend. Beständig kommen neue hinzu, welche mit wahrer Wuth die schon halb Gesättigten von der köstlichen Speise zu vertreiben suchen. Es entsteht wiederum Kampf, Lärmen, Beißen und ingrimmiges Gczwitscher — denn laute Stimmen haben die Geier nicht — und das dauert so lange, als noch Aas vorhanden ist. Dabei wundert man sich über die Leichtigkeit und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, weil man rück- fichtlich ihrer ziemlich plumpen Körpergestalt eine große Schwerfäl- 189 ligkeit bei ihnen voraussetzt. Der größte Hund wird von vier bis fünf Ohrengeiern in fünf Minuten rein aufgefressen. — Es war uns Jägern eine Lust, nachdem wir uns recht nahe angeschlichen hatten, auf die Haufen der versammelten Vögel zwei schnell gewechselte Doppelgewehre abfeuern zu können. Selten gelang es mir, dem mich begleitenden Diener noch ein drittes Gewehr abzunehmen, um auch dieses zu benutzen; gewöhnlich waren dann die Geier schon außer aller Schußweite. Hierzu gehört, weil sie außerordentlich schwer todtzuschießcn sind, nicht gerade eine große Entfernung und diese legen sie sehr rasch zurück. Ein oder zwei Sprünge genügen dem Vogel, sich von der Erde erheben zu können, dann fliegt er und zwar leicht und behend. Die Schmausenden wurden durch unsere Ueberfälle oft so geschreckt, daß sie sich nach den Schüssen bald wieder niederließen, um sich die Sache noch einmal ordentlich anzusehen. Hierauf setzten sie ihre Flucht fort und mögen da wohl oft fünf bis sechs Meilen weit geflogen sein. Die Verwundeten suchten sich ebenfalls so weit als möglich zu entfernen. Ihre Lebenszähigkcit machte es ihnen, wenn sie auch stark verwundet waren, möglich, noch mehrere Hundert Schritte fliegend zurückzulegen; plötzlich zogen sie die Flügel ein und fielen todt aus der Luft herab. Die flügellahm Geschossenen liefen so schnell, daß wir uns anstrengen mußten, sie einzuholen; bei unserer Annäh- rung stellten sie sich zur Wehre, pfauchten wie die Katzen und bissen mit ihrem starken und scharfen Schnabel um sich oder bedienten sich, wenn wir sie angriffen und am Halse gepackt hatten, ihrer Krallen zur letzten Vertheidigung. Meine braunen Diener verfertigten mir eine Falle, in welcher sich die Geier ziemlich leicht fingen. Zuerst bekam ich einen Ohrcn- geicr, dem es nicht eingefallen war, mit seinem mächtigen Schnabel die schwache Schlinge zu zerbeißen, lebend in meine Gewalt. Er betrug sich ganz im Gegensatze zu einer anderen Gcicrart, von der ich später ein Exemplar erhielt, von allem Anfange an ruhig und furchtlos in der Gefangenschaft, während jener dem sich ihm Nähernden nach dem Gesichte sprang. Schon am dritten Tage nach seiner Gefangennahme nahm er Nahrung zu sich; am fünften Tage 190 fraß und trank er bereits in unserer Gegenwart; später ergriff er die ihm vorgehaltenen Flcischstückchen und ließ sich streicheln. Manchmal legte er sich behaglich auf den Bauch und stieß dabei ein leises > „Zick, Zick" aus. Das von ihm verzehrte und zur Vorverdauung im Kröpfe bewahrte Aas spie er nicht selten aus, fraß es aber, wie es die Hunde auch zu thun pflegen, wieder auf. Im Zorne sträubte er seine Federn, pfauchte wie eine Eule, streckte den Hals vor und wurde an allen nackten Stellen seines Körpers hochroth. — Die Sudahncsen schreiben der Leber der Geier heilsame Kräfte zu und nennen ihren abscheulichen Aas- oder Bisamgeruch „Miskh" — Moschus —. Alle großen Geier stehen in dem schlimmen Rufe, in der Steppe schlafende Menschen anzufallen, zu todten und zu verzehren, was jedenfalls unbegründet ist. Obgleich man den Nutzen der Vögel nicht verkennt, gewährt man ihnen doch keine Achtung, sondern hat sie vielmehr als „nedjis" (S. 180 d. 1. Th.) verschrieen. Nur der Mangel an Feuergcwchren, die Un- brauchbarkcit des getödteten Vogels und die Indolenz des Einge- borncn sind Ursache, daß die Geier geschont werden und manche Arten ganz zutraulich geworden sind. Bei der keine Grenzen kennenden Unreinlichkcit der Eingcbor- nen würde die Atmosphäre einer Stadt des inneren Afrika ohne die Geier, die nützlichsten aller Raubvogel, kaum zu ertragen sein. Jeden Morgen finden die beiden Neophronen vollkommene Beschäftigung und hinreichende Nahrung *), selbst in den öderen Straßen der Stadt. Ob das, wie man erzählt hat, vormals auch in den Gassen Kairo's der Fall gewesen ist, lasse ich dahin gestellt sein; jetzt sieht man dort keine Aasgeier mehr herumfliegen, wohl aber in manchen Städten Obcrcgyptens. °) Neopkrones kere mini elio nisi Iwminum excremeniis vescunlur. 191 VIII. Der Strauß. „Barmherzig und gnädig ist Gott, den wir anbete» und preisen, Furchtbar nur Denen, die seine Gebote verletzen. Siehst Du, o Mensch, den Vogel der Wüste, betracht' ihn; er ist es, Den Allah gerichtet ob seines frevelnden Hochmuths. Drücke die Stirn' in den Staub, bevor Du ein Werk willst beginnen, Und fassest Dein Werkzeug Du dann, so bete: „Jn- schallah"!" Arabisch. Der größte aller Vogel, Ltrutllio eamelus, der Strauß, vertritt, wie sein lateinischer Name andeutet, unter den Vögeln ein Säugcthier, das Kamel. Wie dieses ist er für Wüsten und trockene Steppen geschaffen, wie dieses zu ausdauerndem Laufen ausgerüstet; ja, er ähnelt ihm sogar auffallend in der Gestaltung seines Körpers. Seine hohen, starken Beine, seine zwcizchigen, schwieligen Füße, sein langer, magerer Hals, der dummheitver- rathende, phantastische Kopf, die ausgebildete Brustschwiele u. s. w. erinnern ebenso lebhaft an das von ihm rcpräscntirte Säugethicr als sein Betragen und seine Lebensweise. In letzterer dürfte bei nothwendiger Berücksichtigung der durch seine Stellung in der Thier- reihe bedingten Abweichungen kein anderer Unterschied zu bemerken sein als der, daß der Strauß im Gegensatz zum Kamel viel und oft säuft — wenigstens thut er dies in der Gefangenschaft —; ersteres gleicht dem des Kameles in jeder Hinsicht. Er steht als Bindeglied zwischen der Klasse der Saugcthicre und Vögel mitten inne; sein Geripp ähnelt dem der ersteren, seine Körpergcstaltung und Fortpflanzungswcise ist die der letzteren. In der Freiheit gehört der Strauß unter die scheusten Thiere, welche man kennt. Man kommt selten so nahe an eine Straußen- heerde heran, daß man die Männchen von den Weibchen unterscheiden kann; in den meisten Fällen zerstiebt sie in eiliger Flucht nach allen Richtungen hin. Diese Unzugänglichkeit und Wildheit des Vogels ist die Ursache der verschiedenen sich oft geradezu wi- 192 versprechenden Meinungen, welche bis heute noch über den Vogel und seine Lebensweise unter den Naturforschern herrschen. Vor allem Andern ist bisher das Brutgcschäft des Straußes der lebhaftesten Diskusion unterworfen worden. Einige erzählen, daß der Strauß außer den Eiern, welche er zum Ausbrüten bestimmt habe, noch andere neben dem Neste aufbewahre, damit deren Inhalt den ausschlüpfenden Jungen zur ersten Nahrung diene, ohne daran zu denken, daß dieselbe Sonne, welche die ersteren zum Leben bringen soll, auch bei den übrigen dasselbe Geschäft übernehmen würde; Andere lassen das Straußweibchen in einer genau angegebenen Richtung und Entfernung von, Neste, die Augen starr auf dasselbe gerichtet, Wache halten, so daß man nur nöthig habe, in der von dem Weibchen beobachteten Richtung fortzugehen, um die Eier sicher zu finden u. s. w. Das Alles scheinen Hypothesen zu sein, welche die Beobachtung wohl schwerlich zu Lehrsätzen erheben wird. Was wir über den Strauß wissen, haben wir von Le Vaillant und den Arabern erfahren; Jenem will und Diesen darf man nicht immer Glauben schenken und so stehen wir noch heute an der alten Stelle. Auch ich bin nicht im Stande, eigene Beobachtungen mitzutheilen, sondern kann hier nur das Resultat meiner Erfahrungen nach Hörensagen geben und bin weit entfernt, dasselbe als eine thatsächlich begründete Wahrheit gelten lassen zu wollen. Nach Aussage der Araber und zwar der ziemlich glaubwürdigen Beduinen also legt der Strauß in Kordofahn in den Monaten Februar, März und April seine Eier in eine von ihm selbst gescharrte Vertiefung im Sande. Die Zahl derselben ist nach den Umständen verschieden; als Durchschnittszahl dürfen wir ungefähr zwölf annehmen. Bei Tage bedeckt das Weibchen die Eier mit Sand*), bei Nacht bebrütet es sie selbst. Die Brutzeit dauert ungefähr sechs Wochen; die ausgekrochencn Jungen haben die Größe unserer Zwerghühner. Ich habe sie so von den Eingebornen erhalten und kann über sie Genaueres mittheilen. Es *) Dasselbe thun nach meinen eigenen Beobachtungen koxloxterus sxi- nosus und Ilftss sex^ptiscus, so oft sie ihr Nest verlassen. 193 sind allerliebste Thierchen, welche eher einem Igel als einem Vogel gleichen. Ihre Bedeckung besteht nicht aus Federn, sondern aus steifen und harten, den Jgelstacheln ähnlichen Horngebilden, welche in allen Richtungen vom Körper abstehen. Das Betragen der jungen Strauße ist das der Trappen oder Hühner; sie laufen sofort nach dem Auskriechen ebenso behend und gewandt als diese herum und suchen sich geschickt ihre Nahrung. Ebensowenig junge Hühner von den Alten besonders gepflegt oder gar mit eigens dazu bestimmten Eiern gefüttert werden, ebensowenig bedürfen die jungen Strauße ähnlicher Sorgfalt von Seiten der Alten, welche mir durchaus nicht geeignet scheinen, ihnen eine solche angedeihcn zu lassen. Ich glaube, daß die Jungen nicht lange von den Alten geführt werden, sondern sich vielmehr bald ihre Nahrung selbst suchen müssen. Bei ungefähr vierzehn Tage alten Jungen, von denen wir einmal zehn Stück besaßen, bemerkten wir, daß sie die Hülfe der Alten nicht zu vermissen schienen. Mit dem Alter von zwei Monaten verlieren sich die Stachel- federn und machen dem unscheinbaren, grauen Gewände des Weibchens Platz. Dieses trägt der junge Strauß bis zu seinem zweiten Lebensjahre. Im dritten Jahre ist das Männchen schon schwarz, aber erst im vierten Jahre ausgewachsen, ausgefärbt und zeugungsfähig. Dann heißt es „Edlihm", während das Weibchen und der junge Vogel „Ribehda" genannt wird. Ohne Berücksichtigung seines Federklcides heißt der Strauß „Naahm"*). Ueber die Straußenjagd erfuhr ich von Contarinp Folgendes: Mehrere Nomaden reiten auf flüchtigen Pferden langsam in die Steppe hinaus und suchen eine Straußenheerdc auf. Einige mit Wasserschläuchen belastete Kamele folgen den Jägern in einer gewissen Entfernung nach und bleiben auch während der Jagd immer in ihrer Nähe. Wenn sie ihr Wild entdeckt haben, reiten die Jäger so lange gemächlich auf den Trupp der Vögel zu, bis ein vor- *) Edlihm ist von „Etwas, was tiefschwarz, zugleich aber glatt und weich ist", Ribehda von rvdööL „mit einer dunklen oder grauen Farbe begabt sein" und Naahm von oLLmL „weich und schön sein" abgeleitet. III. 13 194 sichtiger Edlihm durch sein Beispiel das Zeichen zur Flucht gibt. Je zwei oder drei der Jäger wählen sich jetzt ein Männchen aus und verfolgen dasselbe in gestrecktem Galopp. Während Einer von ihnen den Vogel auf allen Krümmungen seines Laufes verfolgt, sucht der Andere dieselben abzuschneiden, übernimmt, wenn ihm dies gelang, die Rolle des Ersten und läßt diesen die kürzere Strecke durchreiten. So wechseln Beide mit einander ab, bis sie den mit aller ihm möglichen Schnelligkeit entfliehenden Edlihm müde gemacht haben. Gewöhnlich holen sie ihn nach einer Stunde ein und schlagen ihn mit einem langen Stock oder einer Peitsche auf den Kopf, bis er zusammenbricht. Die Wurfschlinge kennt man nicht. Sofort nach dem Fall des Thieres springt der eine Jäger vom Pferde, schneidet ihm unter Hersagen der üblichen Formel: „Ls issm lilllckii ei raollmalln ei racllillm; Jsilali du akbar"! (s. Th. 1 S. 181) die Halsschlagadern durch und steckt, um Verschmutzung der Federn durch Blut zu verhüten, den Nagel der langen Zehe eines Fußes in die Wunde. Nachdem sich der Vogel völlig verblutet hat, zieht ihm der Jäger das Fell ab, dreht es um und bewahrt in diesem Fcdersacke die Schmuckfedern auf. Schließlich schneidet er sich von dem saftigen Fleische so Viel ab, als er braucht, das übrigbleibende hängt er an einen Baum zum Trocknen und späteren Gebrauche etwa vorüberziehender Wanderer auf. Mittlerweile sind die Kamele nachgekommen. Der Araber erquickt sich und sein Pferd nach der anstrengenden, heißen Jagd, ruht einige Stunden aus und kehrt dann mit seiner Beute beladen nach Hause zurück. Hier sortirt er die Federn, bindet die kostbaren weißen, welche er Äwähnk nennt und von denen ein vollkommen ausgebildeter Strauß höchstens vierzehn Stück besitzt, in einzelne Bündel zusammen und bewahrt sie zu gelegentlichem Verkauf in seinem Zelte auf. Der Händler muß sich, um Federn zu bekommen, selbst zu dem Jäger verfügen und erlangt von diesem nach wirklich lächerlichen Umständlichkeiten den Vogel zuletzt für drei bis fünf Speciesthaler. Gezähmt ist der Strauß eins der unnützesten Hausthiere, wel- che es geben kann. Seine Gefräßigkeit übersteigt alle Vorstellung. In der Freiheit nährt er sich nur von Vcgetabilicn, in der Gefangenschaft frißt er Alles, was verschlingbar ist, so z. B. Ziegelbruchstücke, Steine, Nägel, Lumpen, Lehm u. s. w. Ein Strauß wurde Selbstmörder, indem er ungelöschten Kalk verspeiste. Wenn wir Etwas, was möglicher Weise eine Straußcnkehle passiren und nicht leicht von dem Magensaft zerstört werden konnte, verloren hatten, durften wir überzeugt sein, es im Kothe der Strauße wiederzufinden. Dabei ist der Strauß ein höchst unverträglicher Geselle. Er mißhandelt jedes Thier, welches ihm nicht schon vielfache Beweise seiner Ueberlegenhcit gegeben hat, sogar seines Gleichen. Ein zahmes Männchen, welches wir besaßen, verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit den scharfen Nägeln seiner Zehen mehrere Male gefährlich. Er schlug dabei immer nach Vorn, nie nach Hinten aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er jedesmal die Brust des bedrängten Weibchens fürchterlich zerfleischte. Selbst uns fürchtete er, zumal während der Paarungszeit, erst, nachdem er mehrere Male mit der Nilpeitsehc empfindlich gezüchtigt worden war. In der Freiheit besteht er mit seinen Nebenbuhlern die blutigsten Zweikämpfe. Unser Pavian war ein erbitterter Feind der Strauße. Er hatte in unserem Hofe die Stelle eines Thürhüters erhalten und stand seinem Amte mit großer Treue vor, d. h. er biß Alle, welche nicht die Ehre hatten, von ihm gekannt zu sein. Sein Lieblingssitz war die obere Thürpfoste, an welcher wir ihn auch angekettet hatten und von wo aus er den Eingang am Besten vertheidigen und beherrschen konnte. Hier pflegte er zuweilen, ermüdet von seinen wichtigen Geschäften, auf Augenblicke der Ruhe, wobei er dann gewöhnlich auf seinen langen Schwanz nicht die nöthige Rücksicht nahm. Alsbald nahte sich der mit dem Halse schaukelnde Strauß wankenden Schrittes und biß den Affen aus reinem Ucbcrmuthe in den letzteren. Allein nur selten entging er seiner gerechten Strafe. Blitzschnell erfaßte der gereizte Pavian den Kopf des Unruhstifters und schüttelte und zauste denselben so lange herum, bis es dem bestürzten Vogel gelang, wieder frei zu werden.— 13 * 196 Daß der so sonderbar gestaltete, so merkwürdig befiederte Strauß die Aufmerksamkeit der Araber auf sich lenken mußte, ist erklärlich. Die Poesie kam der Sage zu Hülfe und baute auf schwankendem, für sie jedoch felsenfestem Grunde ein prachtvolles Gebäude mit herrlichem Schmuck. Ein ebenso dichterischer als religiöser Mythus gibt uns Kunde von der Entstehung der verkrüppelten Flügel und zerschlissenen Federn des Straußes. „Vor mehr als tausend Jahren", so erzählen die Nomaden Kordofahns, „glich der Strauß noch der Hubahra (dem Trappen*)) und bewohnte mit ihr gemeinschaftlich die weite Ehala. Damals flog er vortrefflich, war auch nicht so scheu, als jetzt, wo er dem herannahenden Menschen mit riesigen Schritten enteilt, son-' dem lebte in Freundschaft und Vertrauen mit und zu den Menschen und anderen Thieren der Einöde. Eines Tages sagte die Hubahra zu ihm: „Lieber Bruder, wenn es Dir recht ist, wollen wir morgen — in seine lillalii! — (oder inselralla, so Gott will) an den Fluß fliegen, dort trinken, uns waschen und dann zu unseren Kindern zurückkehren." „Wohl", antwortete der Strauß, „wir wollen fliegen!" setzte aber nicht hinzu: inschallah, denn er war hochmüthig und beugte sich nicht unter die Macht dcS allbarmherzigen und ewigen Gottes — dessen Preis die Engel im Himmel uns künden, dessen Ruhm der Donner in den Wolken feiert**) — weil er bisher nur dessen unerschöpfliche Gnade kennen gelernt hatte, sondern trotzte auf seine Kraft und seine starken Schwingen. Am anderen Morgen rüsteten sich beide zur Reise, erhoben sich und die Hubahra sagte: „Ls issm lill-ckri" (im Namen Gottes), dann flogen sie dem Auge Gottes (der Sonne) zu. Und der Strauß schwang sich höher und höher hinauf und eilte mit gewaltigen Flügelschlägen der Hubahra weit voraus. Sein Herz war voll Stolz und Hochmuth, er vergaß der Wohlthaten des die Wohlthaten Spendenden und glaubte, nur seiner eigenen Kraft vertrauen zu können. Aber das Maß der Gnade des All- *) Otis srsds. **) Worte des Khorahn. 197 barmherzigen war übervoll und der Zorn Allahs, des Gerechten und Heiligen, ergrimmte über den Frevler. Höher und höher stieg er hinauf zu der Wohnung der Begnadigten, als wolle er die Sonne erreichen. Da nahte sich ihm der strafende Engel des Herrn und zog den Schleier hinweg, welcher ihn von der Flammenstrah- lendcn trennte und sie sandte ihm ihre Gluthen zu. Im Nu vcr- brannten seine Schwingen und elendiglich stürzte er zur Erde herab. Noch heute kann er nicht fliegen, heute noch siehst Du seine versengten Federn, heute noch fürchtet er Gottes Zorn und sucht diesem mit riesigen Schritten zu entgehen. In einem engen Raume rennt er so lange herum, bis er ermattet niedersinkt. Darum, o Mensch, nimm Dir den Vogel der Wüste zum warnenden Beispiel, beuge Dich unter die Gewalt des Gewaltigen und willst Du Etwas unternehmen, so sage vorher in schall ah! damit Du den Segen Allahs zu Deinem Werke habest." Wem fällt nicht die Aehnlichkeit dieser Sage mit der Geschichte des Ikarus ein! Welche Erzählung ist die ältere? Ich glaube, beide sind von einander unabhängig. Aber das ist der Unterschied zwischen beiden: die Mythe der Griechen ist aus der Luft gegriffen, die der Araber fußt auf vorhandenem Grunde. In alle arabischen Sagen webt die Religion ihre hellen, leuchtenden Fäden; sie sind es, welche dem Gewände seinen Schimmer leihen. Und wenn sich der religiöse Sinn unter den ungelchrten, unwissenden Arabern weit verbreitete, wenn er auch im Herzen des gleichsam von der übrigen Welt getrennten Nomaden feste Wurzeln schlug, diese Erzählungen haben dazu gewiß Viel beigetragen. Alle streben nur nach einem Ziele hin: Achtung und Verehrung Allahs und seiner hochheiligen Gebote! 198 IX. Die Ratte der Pharao neu. „Dem gibt die Ehre Hohn, Der sich uns ausgibt als der Ehre Sohn Und gleicht der Mutter nicht. Der Ruhm gedeiht, Den mau von Thaten mehr, als Ahnen leiht. Ende gut. Alles gut. Kurz nachdem ich von Afrika zurückgekehrt war, theilte ich einige meiner Beobachtungen über das Krokodil einer Gesellschaft mit, welche einzelne Mitglieder derselben keineswegs befriedigten, weil ich von ,,dcm muthvollcn, klugen Thiere, das dem dummen Krokodil, wenn es schläft, in den Rachen kriecht, sich durch den Schlund bis zu dem Sitz des Lebens hinabarbeitet, das Herz ihm zerbeißt und, o Entsetzen! — sich dann mittelst seiner Zähne aus dem blutcrfüllten Leichnam des von ihm getödtetcn Leviathans mit stolzem Bewußtsein einen Weg in's Freie bahnt"*), kurz, von dem Ichneumon keine ähnliche ruhmvolle That zu erzählen wußte. Das mochte vielleicht mit daher kommen, weil ich bei den Bewohnern des Nilthals niemals eine Spur jener Achtung, die ein so äußerst nützliches Thier doch nothwendiger Weise genießen müßte, bemerken konnte, sondern vielmehr unzweifelhafte Beweise einer un- verholenen Mißachtung, sogar eines gewissen Grolls, welche sammt und sonders dem „krokodilfcindlichen" Ichneumon galten, überall erhielt. Ich will gar nicht leugnen, daß auch ich vor meiner Reise nach Afrika einen weit größeren Respekt vor dem Ichneumon hatte, als nachdem ich ihn kennen gelernt und unzählbare Verwünschungen gegen die in der That lebhafte Thätigkeit desselben vernommen hatte. Um so richtiger dürfte vielleicht mein Urtheil über ihn sein. Edler Ichneumon, auch ich muß den Stab über Dich brechen, magst Du nun Deinen Ruhm selbst begründet haben oder an ihm unschuldig sein! Du selbst mußt zugestehen, daß niemals einer Deiner Ahnen freiwillig in einen Krokodilrachen gekommen ist *1 ?Iii>ius II. VIII, 24. 2',. 199 und ich müßte mich gänzlich in Dir getäuscht haben, wenn Du nicht herzlich froh wärest, daß jetzt in der Nähe Deiner Lieblingsplätze dergleichen fatale Zahnbattcricen gar nicht mehr drohen. Auch darin thue ich Dir gewiß nicht Unrecht, wenn ich annehme, daß Dir Hühnereier stets besser geschmeckt haben als Krokodileier oder vollends, daß Du — wären nur die ungehobelten Wächter nicht gewesen, — weit lieber in den „Mund" eines Brütofens, als in den eines Krokodils gekrochen wärest. Nicht wahr, Freundchen, ich kenne Dich? Doch will ich, statt eines Zwiegesprächs mit einem Bekannten, diesen vorerst meinen Lesern vorstellen. Der Ichneumon, Ulerp68te8 klmraouis, von den Arabern „cl Nimö" genannt, vertritt in Egyp- ten die Stelle unserer Marder. In Nubicn und im Sudahn wird er durch ihm ähnliche Gattungsverwandtc ersetzt, deren Lebensweise fast dieselbe unseres „Aufspürcrö" ist. Sie selbst sind aber von geringerem Interesse, weil sie bisher keine Märchendichter, welche unS von ihren kühnen Thaten Bericht gegeben hätten, gesunden haben. Unser Ichneumon, d. h. die Ratte der Pharaonen, bewohnt am Liebsten die mit dichtem Rohre bewachsenen Ufer der Kanäle. Hier hält er sich bei Tage auf, bildet sich zwischen den Rohrstängeln schmale, aber sehr sorgfältig gesäuberte Gang- straßen und gräbt sich tiefe, nicht besonders ausgedehnte Baue, in denen das Weibchen zwei bis vier Junge wirft und lange säugt. Der Ichneumon ähnelt in seinem Baue unseren Mardern, stinkt wie der Iltis und ist ebenso listig, diebisch und mordsüchtig als jene. Das Männchen kann eine Länge von vier Fuß erreichen, wovon die Ruthe etwas über ein Drittheil wegnimmt, dann wiegt es zwölf bis fünfzehn Pfund. Die Beine sind so niedrig, daß der mit langen Haaren bedeckte Körper und Schwanz auf der Erde zu schleppen scheint. Der Ichneumon geht bei Tage und bei Nacht auf den Raub aus. Die groben, grünlich-grauen Haare, mit denen sein Körper bedeckt ist, machen es ihm leicht, sich ungesehen an stine Beute, welche aus Ratten, Mäusen, Schlangen, Eidechsen, kleinen Vögeln, Hühnern, Tauben u. s> w. besteht, heranzuschleichen. Seine 20<1 Diebereien haben ihm die volle Verachtung und Feindschaft der Fellahhihn, deren Hühnerställe und Taubenhäuser er unbarmherzig plündert, zugezogen. Wenn man ihn, ohne von ihm bemerk zu werden, beobachtet, sieht man ihn sehr langsam und bedächtig durch die Felder oder Nohrdickichte schleichen. Bisweilen bleibt er stehen, schnüffelt um ein Mauseloch herum und scharrt wohl auch ein Wenig, bisweilen windet er sich wie eine Schlange geräuschlos zwischen den Halmen hindurch, um an ein Vögelchen heranzukommen, welches er dann mit einem oder zwei jähen Sätzen zu erfassen strebt. Er hält sich familienweise zusammen und führt mit seinem Weibchen die halberwachsenen Jungen spazieren, um sie diesen oder jenen Kunstgriff zu lehren, was zu sehen höchst ergötzlich ist. So rasch und behend er ist, wenn er verfolgt wird, so langsam und vorsichtig schleicht er herum, wenn er sich unbeobachtet weiß oder beobachtet, sich noch mit guter Manier „zu drücken" sucht. Gelingt ihm das Letztere, dann flüchtet er sich mit seiner ganzen Familie, von welcher ein Mitglied dem anderen auf dem Fuße folgt, in den ersten, besten Nothbau, verläßt diesen aber sogleich wieder, wenn er sich durch mehrmaliges Winden und Lauschen von der Gefahrlosigkeit, einen sicheren Bau zu erreichen, vergewissert hat. Die Jagd auf ihn führt am Sichersten zum Ziele, wenn man einige Fellahhihn mit ihren Nababiht*) in ein Rohrdickicht schickt, in welchem sich Jchneumonen aufhalten. Diese sind, weil es ihrem ärgsten Feinde gilt, gern bereit zur Jagd, durchstöbern das Dickicht und treiben die aufgescheuchten Thiere nach einer zur Anstellung der Schützen passenden Lichtung, wo letztere dieselben mit starkem Blei auf geringe Entfernung mit wohlgezieltcn Schüssen erlegen. *) Plural von Nabuht, s. Th. 2 S. 5V. 201 X. Die Affen. „Die Affen sind metamorphosirte Menschen ohne Selbsterkenntniß." Wagler. Da bemerkt man ein Leben, ein Schreien und Kämpfen, ein Sich-Zürnen und Versöhnen, Klettern und Laufen, Rauben und Plündern, Grimasscnschnciden und Glicdcrvcrrenkcn, wenn man so einer Affenheerde an dem Orte, wo sie hingehört, im Urwalde oder auf Fclspartieen, begegnet! Unwillkürlich muß Der, welcher diese Carrikaturen des Menschen in ihrem Urzustände sah, lächeln, wenn er an ihr Leben in der Freiheit denkt. Einen eigenen Staat sich bildend, keinen Herrn über sich erkennend, als den Starken Ihresgleichen, kein Recht beachtend, als das durch spitze Zähne und kräftige Hände von so 'nein alten Affcnstammvatcr geübte, keine Gefahr für möglich haltend, aus welcher es nicht auch einen Ausweg gäbe, jede Lage sich behaglich machend, niemals Mangel und Noth fürchtend, verbringt die fröhliche Gesellschaft der Waldseiltänzer ihr Leben. Ihr fehlt nie jene ernste Komik und jener grenzenlose Leichtsinn, mit welchem sie alle ihre Geschäfte beginnt und vollendet. Kein Ziel ist ihr zu weit gesteckt, kein Wipfel zu hoch, kein Felsen zu steil, kein Schatz sicher genug, kein Eigen- thumsrccht achtbar. „Spitzbuben, Söhne der Spitzbuben sind sie, diese Affen, deren Söhne und Urenkel ebensolche Spitzbuben bleiben werden, als ihre Urahnen waren", sagen die Eingeborncn; „Gott hat sie in seinem Zorn aus verworfenen Menschen gewandelt, ihnen ist Nichts heilig: düme edüütm!*) — sie sind perfid!" Die im Sudahn vorkommenden Affen sind uns bekannt; wir wissen auch, daß die Paviane Gebirge, der „Guereza" und Meerkatzen (l-kroopittwous Arlsoo-viiickis und 6. pvrrlrnnotvs) wasserreiche Waldungen bewohne«; von letzteren ist die grünlichgraue, der „ÄbLlLndj" der Sudahnesen, überall gemein, wo sich auch sein Repräsentant aus der Vogelwclt, der Papagei, vorfindet; ) Plural von „cllsm", trculoe, alles Guten bar. 202 man kann mit größter Sicherheit darauf rechnen, in einem Walde, welcher den Abalandj beherbergt, auch den Papagei (Dalaoornis eudieularis) zu finden. Beide Thiere scheinen aus ein und demselben Stoffe gebildet, mit ein und demselben Geiste beseelt zu sein, sie ähneln sich in allen Stücken noch mehr als Kamel und Strauß, Katze und Eule, Hyäne und Geier, Hund und Nabe u. s. w., und geben den besten Beweis, wie die allwaltende, schöpferische Weisheit gewisse Grundformen der Natur in mannigfacher Weise ausprägt und dennoch wiederum sich nahe gebracht hat. ,,Bci den Affen und Papageien zeigt sich diese Achnlichkeit", sagt mein Vater in seiner Monographie der Papageien*) Seite 20 u. flg., „schon in der Unruhe, welche beiden Thicrord- nungen eigenthümlich ist. Sehr viele Thiere sitzen ruhig da, wenn sie sich gesättigt haben. Nicht so die Affen und Papageien. Sie verhalten sich nur ruhig während des Fressens. Die Affen springen außer der Mahlzeit immer herum, hängen sich an die Zweige, schwenken sich auf ihnen herum wie die Seiltänzer, springen von einem Ast zum anderen, erklettern die höchsten Bäume und gehen mit Geschrei zur Ruhe. Auf ganz ähnliche Weise betragen sich auch die Papageien. Auch sie fliegen außer der Zeit, wo sie fressen, beständig herum, schreien und klettern unaufhörlich und gehen ebenfalls nur unter Geschrei zur Ruhe u. s. w." „Beide lieben die belaubten, grünen Bäume und verbergen sich gern und geschickt zwischen ihren Zweigen und Blättern, beide haben eine ungewöhnliche Gewandtheit im Klettern, beide verzehren vorzugsweise Früchte und gerade in der Art des Fressens ist die Aehnlichkeit am Auffallendsten. Alle Affen bringen die Speisen, wie der Mensch, mit der Hand zum Munde, was ihnen ganz eigenthümlich ist und sehr gut ansteht. Gerade so machen eS die Papageien. Auch sie nehmen daS Futter zwischen die Zehen des einen Fußes, während sie sich mit dem anderen festhalten, führen *) Jena, bei August Schmid. Ein billiges Papageienwcrk mit Abbildungen. Was den letzteren an Corrcktheit abgeht, ersetzt die treffliche Beschreibung vollständig. 2V3 es zum Schnabel und verzehren es auf diese Weise. Endlich sind Affen und Papageien einander ähnlich in der bewunderungswürdigen Klugheit, welche Beide besitzen u. s. w." Letztere offenbart sich auch in der Freiheit in mancherlei Weise. Man muß eine Heerde der Gattung Osrcopitlwous xrisoo-virlckis in ihrem Waldlebcn beobachtet haben, um davon eine richtige Vorstellung zu bekommen. Am Meisten hat mich immer die den Ein- gcbornen empörende Dreistigkeit ergötzt, mit welcher sie sich ihre Nahrung rauben. Eine zahlreiche Bande der Thiere zieht unter der Führung eines alten, oft geprüften und wohlerfahrenen Männchens dem Gctraidefclde zu. Die Acffinncn, welche Kinder haben, tragen diese, indem sich die Kleinen mit den Vordersätzen am Halse, mit den Hinterfüßen am Bauche festhalten, auch wohl zum Ueber- fluß mit ihren Schwänzchen noch einen Haken um den Schwanz der Frau Mama geschlagen haben, ebenfalls mit dahin. Anfangs nähert sich die Bande mit großer Vorsicht, am Liebsten, indem sie ihren Weg noch von einem Baumwipfel zum anderen verfolgt. Der alte Herr geht immer voran, ihm folgt die ganze Heerde von Zweig zu Zweig. Bisweilen steigt der Führer auf einem Baume bis in die höchsten Spitzen hinauf, um von dort aus sorgfältig Umschau zu halten. Einige beruhigende Gurgellönc überzeugen seine Schaar von den günstigen Resultaten seiner Forschungen. Von einem in der Nähe des Feldes stehenden Baume wird abgestiegen, dann geht es mit rüstigen Sprüngen dem Felde zu. Dort angekommen, ist es die erste Beschäftigung Aller, sich für jeden Fall die weiten Backentaschen mit Nahrung vollzustopfen. Dann erst gestatten sie sich mehr Freiheit, zeigen sich aber auch immer wählerischer im Aussuchen des Futters. Jetzt werden alle Durrah- oder Maiskolben, nachdem sie abgebrochen worden sind, erst sorgsam berochen und wenn sie, was sehr häufig geschieht, diese Probe nicht aushalten, sofort ungefres- sen weggeworfen. Ein Affe vergeudet, wenn er viele Speise vor sich steht, zehnmal mehr davon, als er verzehrt; daher stammt auch die grenzenlose Verachtung der Eingeborncn gegen sein Geschlecht. Wenn sich die Affcnhcerde im Fruchtfclde vollkommen sicher fühlt, erlauben die Mütter ihren Kindern, welche stets unter ziem- 204 lich strenger Aussicht gehalten werden, sie zu verlassen und mit Ihresgleichen zu spielen. Die Thicrchen, welche von Gesicht und Körper ungemcin häßlich sind, wurden so gut gezogen, daß sie auf den ersten warnenden Ruf sogleich zur Mutter zurückkehren. Diese verläßt sich, wie alle übrigen Mitglieder der Bande, ganz auf die Umsicht des Hecrdcnführcrs. Derselbe erhebt sich, selbst während der schmackhaftesten Mahlzeit, von Zeit zu Zeit auf die Hinterfüße, stellt sich aufrecht wie ein Mensch und späht in die Runde. Auf einen einzigen von ihm ausgestoßcnen, unnachahmlichen, warnenden Gurgelton sammelt sich augenblicklich die Schaar seiner Vasallen, die Mütter rufen ihre Kinder zu sich heran und Alle sind im Nu zur Flucht bereit. Jeder sucht in der Eile noch so viel Futter mitzunehmen, als er fortbringen zu können glaubt; ich habe Affen flüchten sehen, welche fünf große Maiskolben — zwei davon umklammerten sie mit dem rechten Vorderarme, die übrigen so mit ihren andern Händen, daß sie sich beim Gehen darauf stützten — mit sich fortnahmen. Bei wirklicher Gefahr wird mit sauren Mienen alle Last abgeworfen, die Hccrdc erklettert den nächsten Baum und setzt von hier aus die Flucht von Wipfel zu Wipfel fort. Die Gewandtheit im Klettern, welche die Affen hierbei zeigen, ist bewunderungswürdig und übertrifft die aller übrigen Thiere weit. Für sie gibt es kein Hinderniß; die furchtbarsten Dornen, die dichtesten Hecken, weit von einander entfernte Bäume u. s. w., Nichts hält sie auf. Jeder Sprung wird mit einer Sicherheit, welche uns in größtes Erstaunen setzt, ausgeführt; oft ergreift einer nur noch mit einer Hand einen Zweig, was keine Katze, kein Marder und kein Eichhorn kann, weiß sich aber dennoch geschickt auf den Ast zu schwingen; ein anderer ändert, mit Hülfe des steuernden Schwanzes, noch im Sprunge die anfangs beabsichtigte Richtung; ein dritter wirft sich vom Wipfel des Baumes auf die Spitze eines tief unten stehenden Astes, beugt ihn durch den plötzlich erfolgten Stoß tief herab und benutzt das Zurückschnellen desselben zu einem mächtigen Horizontalsprung. Der Leitaffc führt auch auf der Flucht noch immer seine Unterthanen, welche erst dann, wenn er eS für gut befindet, ihre Eile mäßigen. Dabei zeigen diese aber niemals 205 Angst oder Muthlosigkcir, sondern vielmehr eine so vollständige Geistesgegenwart, daß für sie eigentlich gar keine Gefahr cristirt. Sie fürchten sich nur vor Ihresgleichen und vor Schlangen; großen Ranbsängethiercn entgehen sie durch die Flucht, Raubvögeln begegnen sie durch ihren festen Zusammenhalt; jeder Adler läßt, weil er weiß, daß er sofort von der ganzen Bande angefallen werden würde, die Affen ungeschoren. Sie führen das sorgenloseste Leben der Welt. Während die „Abalandjaht"* **) ) von den Eingebornen des Sudahn nur verachtet werden, sind die „Khiruhd"*) oder Paviane mit Recht gefürchtet. Sie werden dem sie angreifenden Menschen oft sehr gefährlich; man versicherte mich, daß ihnen selbst der Löwe aus dem Wege ginge, jedenfalls würde er viel mit ihnen zu schaffen haben. Die alten Männchen erreichen eine bedeutende Größe, sind bcmähnt, bekommen ein furchtbares Aussehen und besitzen eine erstaunliche Kühnheit, Kraft und Gewandtheit. Sie sind Bewohner der Gebirge und scheuen das Wasser, weil sie nicht schwimmen können. Man weiß im Sudahn viele Geschichten von ihrer grenzenlosen Frechheit zu erzählen und es ist begründet, daß sie während ihrer Brunstzeit Frauen und Mädchen schon tödt- lich gemißhandelt haben. — Die kleinen Affen werden im Sudahn in Netzen gefangen; die Paviane erhäscht man, nachdem man sie vorher durch ihnen vorgesetzte Mericsa, welche sie begierig trinken, berauscht hat. Erstere sieht man ungleich häufiger in der Gefangenschaft als letztere. — Ich könnte von den Affen, welche ich lebend besaß, viele Geschichten erzählen; doch würde das hier zu weit führen. Deshalb begnüge ich mich, einen wahrhaft rührenden Zug aus ihrem Leben mitzutheilen: die zum Sprichwort gewordene Affenliebe. Ein männlichem Abalandj, welchen wir frischgefangcn gekauft hatten, zeigte eine ebenso große Neigung, junge Thiere zu warten, als es sonst gewöhnlich nur die Aeffinncn zu thun Pflegen. Ein- *) Plural von „Abalandj." **) Plural von „K h i'r d." 206 mal erhielten wir einen jungen, noch sehr der mütterlichen Hülfe bedürftigen Affen seines Geschlechts. Koko, so hieß unser Männchen, adoptirte das Acffchcn sogleich, behandelte es mit mütterlicher Zärtlichkeit, bewachte es, wenn es fraß und wärmte es Nachts in seinen Armen. Er war beständig für sein Wohl besorgt, wurde unruhig, wenn es sich einige Schritte weit entfernte und rief es bei anscheinender Gefahr sogleich zu sich zurück. Wollten wir es ihm entreißen, dann wurde er wüthend, sprang uns nach dem Gesicht, biß heftig um sich und vertheidigte sein Adoptivkind mit all' seiner Kraft. So lebte er mehrere Monate mit ihm. Da wurde das Acffchcn krank und starb nach wenig Tagen. Der Schmerz des Pflegevaters war grenzenlos; er glich nicht dem Schmerz eines Thieres, sondern dem eines tief fühlenden Menschen. Erst nahm er seinen erstarrenden Pflegling in beide Arme, liebkoste ihn auf alle mögliche Weise, lockte ihn mit den liebevollsten Tönen und wartete ihn wie früher mit großer Zärtlichkeit. Dann setzte er ihn vor sich hin, betrachtete ihn genau und begann kläglich zu schreien, als er sah, daß er zusammenbrach. Immer und immer wiederholte er die Versuche, ihn in das Leben zurückzurufen; jedesmal schrie er laut auf, wenn er sah, daß sein Liebling todt blieb. Den ganzen Tag über nahm er keine Speise zu sich; das todte Thicrchen beschäftigte ihn unablässig. Zuletzt entrissen wir ihm dasselbe mit Gewalt und warfen es über die hohe Mauer unseres Hofes hinweg in den Garten. Schon nach wenig Minuten hatte Koko seinen starken Strick zerbissen — wozu er früher nie Versuche gemacht hatte — sprang über die Mauer und kehrte mit der Leiche in den Armen nach seinem Platze zurück. Wir fesselten ihn von Neuem, entrissen ihm das todte Aeffchen zum zweiten Male und warfen es in einen tiefen Brunnen. Koko befreite sich sogleich wieder von seinen Banden, durchsuchte unsern und einen benachbarten Garten stundenlang und verließ unser Haus, ohne dahin zurückzukehren. Am Abende desselben Tages sah man ihn den Wäldern zueilen. Einer meiner Bedienten hatte eine alte Aeffin für mich gekauft, welche mit ihrem noch ganz kleinen, säugenden Jungen gefangen worden war. Es kann keine Mutter geben, welche zärtlicher als 207 diese Acffin wäre. Sie darbte sich jeden guten Bissen am Munde ab, um ihn ihrem Kinde zu geben. Da wurde sie krank und starb. Wir pflegten ihr hinterlassenes Junge mit aller Sorgfalt, aber es folgte ihr nach wenig Tagen. Solche und ähnliche Handlungen Instinkt zu nennen, würde als sehr ungereimt erscheinen. Sie sind Beweise eines wahrhaft ausgezeichneten VerstandeS, ja sogar eines tiefen Gefühls. Es gibt Affen, welche halbwegs beschränkte Menschen an Klugheit übertreffen. Ihr Verstand schärft sich, wie ich an zahmen Affen oft beobachtet habe, durch Erfahrung. Ohne Bedenken kann man die Affen für die nach dem Menschen auch in geistiger Hinsicht ausgebildetsten Thiere erklären. Vogelzug und Vogelleben in der Fremde. „Da grüßen ihn Vogel, bekannt über'm Meer, Sie flogen von Bergen der Heimath daher." „Wenn die Schwalben von uns zieh'», Wenn die Rosen nicht mehr blüh'n, Wenn der Nachtigall Gesang Mit der Nachtigall verklang. Fragt das Herz, in bangem Schmerz, Werden wir uns wiederseh'n?-— Werdet ihr wohl wiederkehren in unsre Gauen, werdet ihr ihn wohl wieder finden den weiten, weiten Weg? Ein ruheloses Sehnen treibt euch, die Heimath zu verlassen, ein nimmer trügendes Ahnen zwingt euch, von uns zu scheiden; wo ziehet ihr hin? Wohin wandert ihr, ihr geflügelten „Segler der Lüfte", ihr fröhlichen Sänger der Wälder? Nach welchem Land der Erde geht euer Flug? O kehret wieder, kommt zu uns zurück!" Mancher Freund der lieblichen Geschöpfe mag diese Worte den Scheidenden nachrufen, mag sie wenigstens ahnen; manches Herz mag es, wenn sich die Vöglcin rüsten, eine gar bald öde, un- wirthlich werdende Stätte zu verlassen, tief empfinden, daß diese auch ihm keine Freude mehr gewähren kann. Jedes Kind ist beglückt, wenn, von der weiten Reise heimgekehrt, der erste Staar im Februar oder März wieder auf der Thurmspitze erscheint. Dort sitzt er, hebt die Flügel und kleidet, trotz des ihn noch oft umwehenden Sturmgebrauscs und Schneegestöbers des Frühlingsmondes seinen Frühlingsgruß in Frühlingsmelodieen. „Da ist er wieder, aber wo kam er her, der fröhliche Bote einer lebenbringenden Zeit?" „„Nach Süden ging sein Zug, von Süden kehrte er wieder."" 2Ü9 „Aber welches Land der Erde hat ihm, dem von dem eis'gen Winter Ausgestoßenen, ein freundliches Asyl gewährt? Hat es ihm wohl auch gefallen in der Fremde?" ,,„O du Kindermund Vogelsprachekund Wie Salomo — Verstehst du denn nicht seinen jubelnden Sang? Verkennst du die Freude, mit welcher er seine Heimath wieder grüßt? Und du fragst, ob es ihm gefallen haben könnte draußen in der Fremde? Nein, gewiß nicht! Er war eiliger, seinen Winteraufenthalt, als seine Heimath zu verlassen. Und wie hat er sich gefreut, als ihm durch von uns ungekanntc Boten Kunde ward, daß in seinem Vaterlande nun die Zeit des Frühlings gekommen! Wie hat er da vergnügt die Schwingen gehoben und seine Kehle versucht, gleichsam als wolle er beide erproben zu seiner bevorstehenden Reise und dem in der Heimath zu erhebenden Freudengcsange. Und plötzlich ist er verschwunden; alle Geselligkeit verschmähend, hat er allein sich auf die Reise gemacht, sie um so schneller zu vollenden. Trauernd, so schien es, zog er von uns, freudig kehrte er wieder. Doch, wo er weilte, das will ich dir deuten."" In weit entlegene, südliche Länder wandern die Vögel. Ich bin ihnen nachgezogen, ich habe manchen von ihnen wieder gefunden, aber doch nur manchen. Wir, die an die Scholle Gebannten, wir bedenken freilich nicht, daß die gefiederten Bewohner der Erde keine Entfernungen kennen; wir wollen cS uns nicht einge- stehen, daß der Wanderer der Lüfte Länder und Meere, welche wir in Wochen nicht zu durchreisen vermögen, in Stunden und Tagen durcheilt. Was wir Reisen nennen, erscheint ihnen, den Behenden, Flüchtigen vielleicht nur als lustige Wanderung. Aber doch will es uns bedünken, als ob viele Zugvogel Das, was sie in der weiten Ferne suchen, in größerer Nähe finden könnten. Der Zug der Vögel ist uns noch in mannichfacher Hinsicht dunkel und bleibt es, selbst nachdem uns das Land, welches den einen oder den anderen während des Winters beherbergt, bekannt geworden ist. Ich habe viele Vögel in ihrem Winterquartiere beobachtet, III. 1.4 210 ^ aber noch ist mir Eins nicht klar geworden: jenes Etwas, l! welches die Zugvögel dazu bewegt, so ungeheure Wegstrecken zu durchwandern, ehe sie Ruhe finden; jenes Etwas, das sie ^ treibt, Orte zu verlassen, welche ihnen jahraus, jahrein, nach menschlichem Ermessen wenigstens, alles zu ihrem Wohlbefinden Erforderliche bieten. „Die Vogel verlassen unsere Gegenden", sagt der vogelkun- dige Altmeister Naumann in seinem ausgezeichneten Werke, „um der eintretenden Kälte und dem Mangel an Nahrung auszuwei- l chen, sie fliegen gemächlich in wärmere Länder, haben während ihres Zuges also immer dieselbe Temperatur der Luft und dieselben l Nahrungsmittel in Ueberfluß bis zu dem Orte ihres Winteraufent- haltes und kommen, sowie jene Ursachen sich allmählig verlieren, ebenso wieder von da zurück." „So wie sie von der ihnen folgenden Kälte nach und nach von uns fortgetrieben werden, so muß sie im Gegentheile eine größere Wärme, als ihnen angenehm ist, ! zum Rückzüge bestimmen u. s. w." Meine Beobachtungen haben in mir Zweifel an der Wahrheit > dieser Ansichten erregt. Der Mangel an hinreichender Nahrung und Wärme kann es nicht allein sein, welcher die Vogel zum Wandern treibt. Es muß noch andere Beweggründe dazu geben. Sagt doch Naumann, fast sich selbst widersprechend: „Der Trieb, in wärmere Länder zu ziehen, ist dem Vogel angeboren und die Eltern haben nicht nöthig, ihren Kindern erst den Weg zu zeigen. Jung aus dem Neste genommene und aufgezogene, in einer geräumigen Kammer frei herumfliegend unterhaltene Vögel *) beweisen dies hinlänglich. Sie schwärmen während ihrer Zugzcit des Nachts so gut in ihrem Gefängnisse umher, als wenn man alte ihrer Art darinnen unterhält." Ja, dieser ihnen angeborene Trieb, zu wandern, diese Sehnsucht, ferne Länder zu besuchen, dieses nur in seltenen Fällen geschwächte Streben, ihre Heimath zu gewissen Zeiten zu verlassen *) Diesen fehlt es also weder an hinreichender Nahrung, noch an Wärme. Br. r 211 und wieder dahin zurückzukehren, in einem wunderbaren Ahnungsvermögen der Vogel von Dem, was kommen wird, begründet: das ist die Hauptursache des Zuges der Vögel. Sonst würden wir nur in kalten Ländern, nicht aber auch in jenen, unter einem ewig heiteren Himmel sich sonnenden Landstrichen einen Vogelzug bemerken. Wie wollten wir es uns sonst erklären, wenn wir unter dem zwölften Grade der nördlichen Breite noch immer jene Reiselust, welche wir Ziehen nennen, bemerken; wenn der Pirol, die Schwalbe, der Bienenfrcsser und andere auch dort noch nicht Ruhe finden, den Winter zu verbringen? In Egypten weilen das ganze Jahr hindurch zwei Schwalbcn- artcn und eine Bienenfrefserspecies. Die Schwalben schreiten schon im Januar und Februar zum Bau ihres künstlichen Nestes und befinden sich unstreitig während des ganzen Winters wohl — und unsere in einem weit kälteren Klima groß gewordenen Schwalben weilen gleichwohl auf ihrem Wandcrfluge auch nicht einen Tag lang ruhig in Egypten, nicht in Nubicn, nicht in den insekten- rcichen Steppen- und Waldgegenden Ost-Sudahns. Bis in das innerste Herz des fremden Erdtheils müssen sie wandern, — aber warum so weit? — In jedem Wäldchen, fast auf jedem Busche Oberegyptens wohnt ein Pärchen des kleinen niedlichen, grünen Biencnfressers (Nerops virickissimus), aber nur während des Sommers erscheint dort ein anderer Gattungsverwandter des heiteren, behenden Vögelchens, Llorox8 8sviZn)i; er brütet dort und verläßt das Land wieder, wenn er der Liebe Trieb gehuldigt, seine zahlreiche Familie groß gezogen und in der Kunst, sich den Lebensunterhalt zu erwerben, unterrichtet hat. Ein anderer, der in Ungarn brütende und in Deutschland zuweilen vorkommende Nerop8 sx)M8t6i- berührt das Nilland nur auf seinen Wanderungen. Beide theilen mit dem Erstgenannten, die deutschen Schwalben mit den in Egypten wohnenden dieselbe Nahrung, — warum bleiben sie nicht bei ihnen? — Der Naturforscher begegnet mit dem größten Erstaunen in Kordofahn (16—13" n. Br.) der „daktylisch schlagenden" Wachtel und in den Urwäldern dem deut- 14* 212 schen Wiesenknarrcr, welcher wahrscheinlich den größten Theil seines mehr als fünfhundert deutsche Meilen betragenden Weges laufend zurückgelegt hat; er sieht, wie sich der sudahnesische Storch zu gewissen Zeiten in Flüge zusammenschlägt und zum Wandern anschickt, obgleich unser deutscher Storch (tlieoina slbo) in kleinen und größeren Schaaren — die Hauptmenge der Wanderer geht ebenfalls über den zwölften Grad der nördlichen Breite hinaus — dort behaglich lebt; er könnte, glaubt man, schon in Egyptens Sümpfen ohne Nahrungssorgen weilen; er beobachtet, daß, während Tausende von Spicßenten in den Seccn und Brüchen Untcrcgyptens überwintern, andere Hunderte in langen, einem umgekehrten V ähnlichen Flügen den Nil hinaufziehen, seinen Lauf mit allen Krümmungen verfolgen, bei Rahs el Char- thum noch ebenso eilig weiter reisen als bei Kairo und vielleicht erst unter dem vierten Grade ausruhen von ihrem dem sechsten Theile des Erdumfanges gleichen Wege*). Das prachtvolle Purpur Huhn (korpli^rio ebloi-onotos, sVoL-'z) verläßt die nahrungsreichen Reisfelder Egyptens zu bestimmten, den Perioden des Zugs europäischer Böge! entsprechenden Zeiten und fliegt nach Süden; der von Norden kommenden Nachtigall schließt sich ihre egyptischc Vertreterin, die Sylvia Aslgotocko8, den reisenden europäischen Würgern der in Egypten brütende Masken Würger an (obwohl von beiden Arten einzelne Exemplare in ihrer Heimath bleiben) und wandern mit ihnen in die Tropenländer; der in Egypten lebende Pelekan wird von der allgemeinen Reiselust mit fortgerissen und zieht ebenfalls in zahlreichen Flügen nach Mittag; — und Alle werden nicht durch Nahrungsmangel fortgetrieben. Was wollen sie denn aber in der Ferne, was suchen sie? Warum wandern sie, die ruhig in der Heimath leben könnten? Das sind Fragen, welche die bisher gegebene Erklärung des Vogelzugs nicht beantwortet. Doch wir wollen uns nicht länger mit noch uncrklär« *) Die Spießente Onas scuts, brütet noch häufig innerhalb des Polarkreises, z. B. an der Mündung des Palsjocki, unterm 70« der n. Br.; man kann annehmen, daß sie sogar bis zum Eismeer geht. 213 liehen Dingen beschäftigen; ich will die meinem Leser bekanntesten Wanderer aufzählen, welche ich in ihren Winterquartieren antraf, und von ihrem Fremdenlcben sprechen. Die meisten Adler bleiben in Egypten, nur wenige Arten und zwar vorzugsweise die kleineren, gehen in südlicher gelegene Länder. Man begegnet ihnen an allen Seccn und längs des Nil in den größeren, am Oeftersten in den von Dörfern entfernten Pal- menwaldungcn. Die Edelsalken sind ihre Gesellschafter; eine gleich gute Aussicht auf Beute hält sie, die mit ersteren ohnehin nahe Verwandten, bei diesen fest, doch begegnet man einzelnen auch in den tropischen Wäldern Ost-Sudahns; ihrer Gewandtheit und Ausdauer im Fluge sind Hunderte von Meilen keine Hindernisse. Alle unedlen Falken wandern weiter als die edleren Arten. Man sieht die Thurm- und Röthel fallen in Gesellschaften von dreißig bis hundert Exemplaren in die unzählbaren Schaarcn der Bäume und Felder verheerenden Wanderheuschrecke einfallen und sich diese zum leckeren Fraße erbeuten. Bussarde, Habichte und Sperber kommen nur einzeln vor und bleiben stets in Egypten; die Weihen verbreiten sich über ganz Nord-Ost- Afrika und gleiten im geräuschlosen Fluge, der Rohrweih aber mit viel Geschrei über Rohrwälder, Felder und Steppen dahin. Eine Eulenart (Otem dracd^otos) geht bis nach dem Sudahn. Unser Ziegenmelker überwintert in den tropischen Wäldern zwischen dem fünfzehnten und zehnten Grade der nördlichen Breite; die Schwalben durchwandern alle mir durch meine Reisen bekannt gewordenen Länder N.-O.-Afrikas; der Mauersegler scheint nicht so weit südlich zu gehen. Blauracke und Eisvogel kommen regelmäßig in Egypten, erstere selbst in den tropischen Wäldern vor. Die Sänger gehen bis tief in's Innere; nur die Laub- sänger, Rohrsänger, Grasmücken, Blaukehlchcn, Steinschmätzer u. s. w. bleiben zum Theil in Egypten. Die Bachstelzen und Sch äffte lzcn scheinen überall in Nord-Ost- Afrika den Winter zu verbringen, bloß die gelbe Bachstelze siviotaeills sulptiures) berührt Egypten nicht. Von den Drosseln geht nur der herrliche Sänger der Wälder, die Zippdros- 2 214 sei dahin; sie lebt einzeln in den Gärten, Orangen- und Oliven- wäldchen und ist ungcmein scheu. Unser lieber Staar sucht sich in Untereghpten seinen Aufenthalt — wahrscheinlich kommen bloß wenige bis dahin —; der goldgelbe Pirol ist selbst von den Urwäldern des zwölften Grades n. Br., in welche sich unsere Würger zurückziehen, noch nicht befriedigt und geht weiter. Unter den Krähenartcn offenbart die Saatkrähe ihre Wanderlust; sie kommt in Flügen im Nilthale vor. Sehr seltene Gäste sind dort der Edelfink, der Hänfling und der Stieglitz, häufiger erscheinen die fettleibigen Grauammern. Unsere Fcldler- chen habe ich nie südlich vom dreißigsten Grade n. Br. angetroffen, die Pieper, welche rüstigere Wanderer sind, dagegen um so häufiger. Von den Klcttcrvögeln bekunden nur der Wendehals und der Kukuk den Wandertrieb; ersterer geht bis nach dem Sudahn hinauf, letzterer, wie die Schwalben, nach dem tiefsten, unbekannten Innern. Kiebitze und Regenpfeifer bleiben in Egyptcn, die Ufcrläufer wandern südlicher. Unser Kranich zieht mit dem an der Wolga hausenden Jungfernkranich bis an die Ströme des Sudahn, die Störche fliegen noch weiter, die Reiher finden es überall wohnlich. Von den Schnepfenartcn wandern nur die Beccassinen bis nach Egypten; die Rallen, Rohrhühner und Wasserhühner fliegen, schwimmen und laufen bis zum dreizehnten Grade der nördlichen Breite. Jeden Winter erscheinen in Egyptcn einzelne Schwäne und große Schaaren wcißstirniger Gänse, Enten, Scharben, Mö- ven und Seeschwalben, von denen fast alle Arten dort auf dem Zuge vorkommen. — Es ist für den Naturforscher, der im Süden weilt, ein erhebendes, beseligendes Gefühl, wenn er die nordischen Vogel auf ihrem Wandcrzuge ankommen sieht. Er begrüßt sie wie traute Bekannte, denn „die Böge! sie kennen sein heimathlich Haus;" ihm ist, als müßten sie ihm Grüße von der entfernten theuren Heimath bringen. Und wie bekannt, wie vertraut thun sie in der Fremde! Der Adler, welcher bei uns zu Lande sich die höchsten 215 Föhren und Eichen erkor, hat sich bald eine schlanke Palme oder eine hochgewipfelte Sykomore zur Nachtruhe auserschcn; die Saatkrähe scheint auf Egyptens Feldern so heimisch als auf denen deS Vaterlandes zu sein; die Sänger schlüpfen so geschickt durch die dornigen Mimosen- und dickvcrästelten Darfasträuche als daheim durch Weißdorn- und Wachholderbuschheckcn. Was kümmern den Mauersegler die schwarzen Bewohner der Städte? Wie um die altersgrauen deutschen Dome und Kirchthürme segelt er um arabische Moscheen und Minarets. Die Steinschmätzer tummeln sich in dem Reich der Steine, der unabsehbaren Wüste; die Pieperarten schwärmen lustig in dem egyptischcn Sumpfe; einige Ler- chenarten treiben sich auf den nubischen Acckern herum; die Was- servögel plätschern und schnattern auf allen vom Vater Nil gespeisten Kanälen und Brüchen. Aber doch ist es das rechte Leben nicht. Die Vögcl wissen, daß sie in der Fremde sind. Sie halten sich die Zeit ihrer Wanderung über immer in zahlreichen Gesellschaften zusammen, viele Gattungen mausern, alle sind still, kein Sänger läßt seine Lieder erschallen. Nicht ein einziger Wandervogel gründet sich in der Fremde einen zweiten Herd, nicht einer baut ein Nest, nicht einer brütet. Mit Ungeduld scheinen sie die Zeit der Heimkehr zu erwarten. Munter, fröhlich werden sie, wenn sie herannaht. Ein neues Leben scheint sie zu beseelen. Ist es das Gefühl der Liebe, welches sie so mächtig ergreift, ist es die Freude, bald heimkehren zu können, welches sie durchwogt? Ich weiß es nicht. Aber Kunde muß ihnen geworden sein, daß der Frühling ihrer Heimath naht, daß die Zeit gekommen ist, in welcher sie zurückwandern, denn wie vermöchte man sonst ihre unverkennbare Lebcnsfrcudigkeit zu erklären. Der fröhliche Staar spiegelt sein Glanzgefiedcr in der Februarsonne Egyptens, fliegt auf des Büffels Rücken und singt dort ,,sein heimathlich Lied"; die Lerche steigt trillernd in die Höhe; die Wachtel ruft im dichtbehalmten Waizcnfelde wiederholt ihr schallendes „Pickperwick". Und wenn dann die Sonne noch höher gegen Norden hinaufsteigt, dann verstummen die lieblichen Gesänge; die Sänger sind fortgezogen und ihrem Vatcrlande zugeeilt. Der Wai'zen Egyptens neigt seine körnerschweren Aehren der Sichel entgegen, aber die Wachtel weilt nicht mehr in jenem Halmcnwalde, sie flog schon längst der lieben Heimath zu. Einsamer und stiller wird es im Süden. Einer der Wanderer nach dem anderen tritt seine Rückreise an; nur die in jenen Ländern heimischen Vogel bleiben zurück, bauen sich Nester und brüten. Wenn ihre Jungen groß geworden sind, haben sie alle ihre nordischen Gäste verlassen. Doch schon nach wenigen Monaten erscheint der Vortrab wieder, der Zug beginnt von Neuem, schon langen die immer Flüchtigen wieder an und unsere Blicke folgen ihnen sehnend nach. „Durch des Aethers lichte Bläue Eilen sie mit raschem Flug, Nach des Südens sonn'gen Landen Wendet sich der munt're Zug. Vöglein mit dem Glanzgefieder Wollt ihr wieder mir entflieh'»? Leiht mir eure leichten Schwingen, Laßt, o laßt mich mit euch zieh'n!" * l Fagdreise in den tropischen Wäldern des blauen Flusses. „Es richtet sich des Jünglings Seele Gesammelt anf das eine Ziel: Sei's Leid, sei's Freude, was ihn quäle. Vergessen wird's im kühne» Spiel. Der Wildniß Thier mit Mordgelüste, Und die Gefahr ist nimmer weit: D'rum ziemt's ihm, daß er stets sich rüste. Mit männlicher Besonnenheit. Doch aus den windbewcgten Zweigen Rauscht mild ihm zu des Waldes Geist, Der ihn im tiefen grünen Schweigen Von Mannestugeud unterweist. ^ Was er gelitte» und genossen, > Es zeigt sich dämmernd nur von fern, Die bunte Welt ist zugeschlossen. Er fühlt sich seines Schicksals Herrn. Er spürt, wie neu der Becher mundet. Wie drinnen ihm das Herz gesundet, Wie klein die Welt, die ihn versehet. Wie groß Natur, die ihn ernährt." Die nächsten Blätter enthalten Bruchstücke aus meinem Tagebuche während unserer Reise nach Rosseeres. Ich will mich be« mühen, das allgemein Interessante hervorzuheben; das Tagebuch ist voll von Vogelnamen, Beobachtungen aus dem Thicrlcbcn und anderen Notizen, von welchen ich in den vorigen Abschnitten schon Einiges mitgetheilt habe. Jetzt werde ich mich so viel als möglich auf unsere Erlebnisse beschränken und nur gelegentlich einen Blick in den Wald der Ufer werfen. ^ Am 23. November verließen wir zur gebräuchlichen Abreisezeit, d. h. zum Aassr, Charthum in unserer wohl ausgerüsteten Barke. Unsere Reisegesellschaft bestand aus dreizehn Personen: dem Dr. Vierthaler, meiner Wenigkeit, als Ausrüstern der 218 Reise, unserem deutschen Bedienten, Aali-Arha, dem Koch, dem Jäger Tomboldo, den Arbeitern Mähamincd und Mukle, dem Reis und vier Matrosen. Ich hatte am Morgen einen hef- ? tigen Fieberanfall gehabt, bestand aber auf der Abreise, weil ich hoffte, in den Wäldern bei unausgesetzter Bewegung und Thätigkeit eher zu genesen, als wenn ich noch länger in Charthum bliebe. Den Diwahn des Pascha begrüßten wir mit wehender Flagge und drei Böllerschüssen, welche uns von dort sofort erwiedert wurden. Dann zogen wir vor einem günstigen Winde rasch den Strom hinauf. Die Morgen- und Abendstunden sollten unter allen Umständen der Jagd gewidmet werden. Diese lieferte uns stets so viele Beute, daß wir die übrige Zeit des Tages vollauf beschäftigt waren. Noch heute erinnere ich mich mit wahrer Wonne an diese schönste aller meiner Reisen. Wir lebten ein köstliches Jägcrleben, kein Unfall trübte die glückliche Fahrt; Beute, Beschäftigung, Unterhaltung fehlte nie, Jägcrfrcuden wechselten mit Jagdabcntcuern. ^ Der Hyäne Heule» wurde uns auf dieser Reise zur gewohnten Melodie, des Panthers grunzende Stimme, des Nilpferdes Brummen verlor sein Schreckhaftes und nur „Des Löwen donnerndes Gebrülle Tief aus den Bergen her, das durch die Todesstille Der Nacht noch schrecklicher, im Walde wiederhabt" trieb uns, wenn der Wälder König gar zu nahe um uns war, die Haare unwillkürlich etwas in die Höhe. Doch ich will, anstatt spätere Begebenheiten vorauszuschicken, zu meines Lesers Nutz' und Frommen lieber eine getreue Abschrift der bezüglichen Stellen meines Tagebuches folgen lassen. Bei dem Dorfe Kamlihn jagen wir am Morgen dcS 27. November in dem fast undurchdringlichen Urwaldc. Einige Araber machen uns auf die Fährten eines „Essed" (Löwen) aufmerksam und erzählen uns, daß dieser vor drei Tagen zwei Esel getödtct, » zum Theil gefressen und dadurch die Bewohner einiger Tokhahl des rechten Ufcrö so eingeschüchtert habe, daß diese, Hab' und Gut im Stich lassend, an das andere User geflüchtet seien. - Bei nähe- 219 rer Untersuchung finden wir, daß wir es mit den Fährten eines Leoparden zu thun haben. Wir trösten die Araber mit dem Versprechen, auf die Bestie anzustehen und werden zum Danke dafür von Einem derselben auf einem mannigfach verschlungenen, nur arabischen Augen bemerkbaren Pfade durch den sonst vollkommen undurchdringlichen Theil des Tropenwaldes nach einer Lichtung gebracht. Hohe Mimosen stehen auf blumengeschmückter, mit saftigem Grase prangender Grasmatte; hier würde ein Paradies sein, hätte nicht das „Volk des Teufels", die Wanderheuschrecken, den Prächtigen Wald der Vernichtung geweiht. Von den zarten Blättern, von den duflspcndenden Blumen der saftigen, kräftigen Bäume sieht man keine Spur mehr. Die Zweige und Beste haben anderes Blattwerk erhalten. Dicht an einander gedrängt, sich ewig befehdend und mit gierigem Zahne ihren arabischen Namen bethätigend, sitzt eins der gefräßigen Insekten an dem andern; es gibt keinen Raum zwischen ihnen, aber auch keinen Blattstiel mehr. Die „Entblätternde" benagt die Rinde des Baumes, nachdem sie seinen Blätterschmuck zerstört. Die Anzahl der Schwärme übersteigt alle Begriffe und doch springt sie erst in die Augen, wenn wir durch Rütteln der Bäume einen Schwärm flüchtig gemacht haben. Dann verdunkelt das wüste, sich nach grünen Bäumen wendende Volk die Luft, aber es zieht auch seinen Feind herbei. Mehrere Hunderte von Thurmfalkcn, welche Europa verlassen haben, um auf fetter Weide den reichliche Nahrung beanspruchenden Akt der Mauser bequem abwarten zu können, sitzen regungslos auf den höchsten Spitzen der Mimosen oder schweben, rütteln und gleiten in wechselvollcm, nicht ermüdendem Fluge über der schwarzgraucn Schaar herum. So lange sie an den Zweigen hängt, wehren die langen Stacheln und Dornen der Bäume den flinken Räubern, herabzustürzen unter die von ihnen zur Beute erkorncn Insekten; jetzt fliegen sie. Im Nu eilen die Falken herbei, jagen durch die dichtesten Schaarcn hindurch und ergreifen mit gewandter Klaue eins der häßlichen, schädlichen Thiere. Es wehrt sich, beißt mit den scharfer; Frcßzangen in die beschilderten Füße des Falken, aber dieser ist stärker. Ein Biß des kräftigen Schnabels zermalmt deir Kopf 220 der Heuschrecke und nun beginnt der Sieger diese gemächlich zu verzehren. Ohne Zeit zu verlieren, reißt er ihr die Flügel aus, zerbricht die dürren Füße und speist den leckeren Fraß in der Lust, in welcher er sich schwebend zu erhalten weiß. Binnen zwei Minuten hat der geübte Jäger eine Heuschrecke gefangen, gerupft und verspeist und eilt nun rasch wieder zurück unter die noch nicht wieder zur Ruhe gekommenen Schwärme, um sich noch eins oder zwei ihrer Mitglieder zu rauben. Dieses scheinbare Spiel der hübschen Falken ist so anmuthig, daß wir sie nicht durch Schüsse in ihrer nützlichen Beschäftigung stören, sondern ihnen vielmehr durch wiederholtes Schütteln der mit Heuschrecken bedeckten Bäume neue Gelegenheit zum Fange geben. Es scheint, als wüßten die Hcuschrek- ken, welche Feinde sie an den Falken haben, denn sie weichen wirklich im Fluge aus einander, wenn sich einer der Vogel jählings unter sie stürzt. In der Nähe der verwüsteten Waldstrecke liegt eine von Bäumen umstandene und hochstämmige Mimosen umspülende Fuhla. Sie ist mit Sumpf- und Wasservögeln, Schlingpflanzen und Wasserlilien überdeckt und gewährt einen zauberhaften Anblick: „Den stillen Fluchen bin ich hold, Die mitten in des Waldes Düster Licht glänzen von des Mittags Gold, Umrauscht von leisem Schilfgeflüster. Am Grund, wohin die Sonne klar Die grüngebroch'nen Strahlen spendet. Sproßt eine volle Pflanzenschaar, Die Blatt und Blumen aufwärts sendet. Am dünnen schlangengleichen Stiel Schwankt bleich die milde Wasserrose, Sie ist der Fluchen lieblich Spiel, Die schaukeln sie im Windgckose. Tief bei der Pflanzenwurzeln Nacht, Da ist der Fische kühle Wohnung; Doch taucht der Reiher mit Bedacht Hinab und würgt sie ohne Schonung, Bis ihn des Falken Schlachtruf weckt Und aufjagt von der leckern Speise. Der drohend seine Fänge reckt Und ihn umschwebt im scharfen Kreise." 221 Was außer Reiher, Falk und Adler, Wasserlilien und den alle trocknen Stellen bedeckenden Schlingpflanzen mit den prächtigen Blüthen die Fuhla noch in ihrem Innern bergen mochte, blieb mir Geheimniß, welches zu enthüllen ich bei meinem Fieber nicht wagen konnte. Unsere Jagd blieb deshalb auch ohne besonderen Erfolg, ebenso der nächtliche Anstand auf das Raubthier. Am 3. Dezember sahen wir das erste Nilpferd. Es tummelte sich bei Tage in dem Strome herum und wurde von seinem Jungen, mit welchem es zu spielen schien, beständig umkreist. Später kamen wir zu den tiefen und großen Fährten, welche es bei seinen nächtlichen Werdegängen hinterlassen hatte. Wir befinden uns in der Nähe der in der Steppe liegenden Stadt Müsöllemiö. Der Ort mag ungefähr eine Meile vom Strome entfernt sein, treibt einen ziemlich ausgedehnten Handel und gilt als eine Aufbruchsstation der nach Abyssinien reisenden Kaufleute. Zwei Tage später landen wir in dem Bezirksstädtchen Wölsd- MsdiNv, wo gegenwärtig zwei Bataillone Negcrmilitär liegen. < Der Ort besteht zum größten Theile aus Lehmbarackcn, „Tanakha", zwischen denen man hier und da wohl noch einen Tokhul sieht. Früher kannte man nur die letztgenannte Wohnung, bis Muhsa- Be't, der zeitweilige Mudihr der Provinz Charthum, wegen der häufig stattfindenden FeucrSbrünste die Stadt niederbrennen ließ und ihre Einwohner zum Bau der Tanakha zwang. Dieses grausame Mittel, Feuersbrünste zu verhüten, erscheint als unzweckmäßig, weil die Einwohner gegenwärtig oft so viel Durrahstroh zu später zu benutzendem Kamclfuttcr aufspeichern, daß durch dasselbe jetzt einem Brande ebensowohl Vorschub geleistet wird als früher auch. Wir erhalten eine Einladung zum Abendessen bei Saard- Haschem, dem ersten Schreiber des Negerregimcnts, und finden bei dem reichen Manne einen unserer Bekannten aus Charthum, den Militärinspcktor Aali-Bc'i, welcher uns ankündigt, daß er dieselbe Reise vorhabe als wir. Der Hausherr veranstaltet eine ^ große Fanthasie. Tisch endorf hört in der Nacht zum ersten Male das Gebrüll des Löwen in dem Walde des gegenüberliegenden UferS er- 222 schallen und wird durch einen anderen Vierfüßler, wahrscheinlich durch eine armselige Hyäne, zur schleunigen Rückkehr nach der Barke bewogen. ^ Der blaue Fluß wendet sich von Woled-Medine aus nach Osten, kehrt aber bald wieder nach Westen und in seine frühere, südlich-nördliche Richtung zurück. Durch diese Krümmung entstand eine Halbinsel, welche die Eingeborncn Djesihrct el Fih l, „Ele- phantcninscl", nennen. Noch vor zehn Jahren sollen in den ausgedehnten Waldungen der Insel oft zahlreiche Elcphantenheerden gesehen worden sein; wir bemerkten nur noch Affen und Vogel daselbst. In den Gebüschen hingen merkwürdige Fledermäuse (NsAackerma kräng), von denen wir mehrere erlegten. Die Farbe des Thieres war ein düsteres Olivengrün; die Flughäute glichen ölgetränktem Papier. An einem von uns getödtctcn Weibchen klammerte ein halberwachsenes Junges, welches auch nach dem Tode der Mutter die Saugwarzen nicht losließ. Es war schon flugfähig. Ich glaube, daß sowohl die Mutter als das Kind bei Nacht einzeln herumfliegen und sich nur bei Tage vereinigen. > Auf einer mit hohem, stacheligem und höchst wohlriechendem „Grase" — eine genauere Definition kann ich als Laie nicht geben — bestandenen Ebene schoß ich ein altes Männchen dcS hier „Chu- bahra" genannten arabischen Trappen (Otm srab>8, Lr'nne). Königökraniche, graue und Jungfernkranich e waren häufig, aber scheu. Am 15. Dezember. Wir sind jetzt in die Nähe der Stadt Scnnahr gekommen. Don dem großen Tokhuldorfe Wadi- Aabahs, in welchem wir gestern Lcbcnsmittcl einkauften, sahen wir bereits die Gcbirgszüge, welche sich einige Meilen südlich von der alten Fungistadt aus der Ebene erheben. Der Strom macht aber so viele Krümmungen, daß wir den Nordwind nur auf kurze Strecken benutzen können und die übrige Zeit mit Libbahn weiter gehen müssen. Wir verlieren keine Zeit bei dieser langsamen Fahrt. Beide Stromufer scheinen mit einander zu wetteifern, uns reiche ^ Jagdbeute zu liefern. Die Schlingpflanzen der Wälder werden häufiger und nehmen an Größe und Stärke zu; gewöhnlich prangen sie im köstlichsten Blüthenschmuck. Der Boden scheint hier außerordentlich fruchtbar zu sein. Er ist kohlschwarz und bringt eine üppige Vegetation hervor. Doch scheinen die Ebenen zu beiden Seiten des Flusses wenig zum Feldbau geeignet zu sein; sie sind nach allen Richtungen hin durch Chuahr zerrissen und zerklüftet. Zuin Aassr kommen wir an eine mit Vögeln ganz bedeckte Strominscl. Die Vögcl fliegen nach den ersten Schüssen in den Wald des rechten Users. Ich lasse überfahren und entdecke nach minutenlangein Wege eine schmale, aber mehr als sechshundert Schritte lange Lache, an welcher sich Hunderte von Sumpfvögeln herumtreiben. Es war mir vollkommen unbegreiflich, wie diese einzige Fuhla eine so außerordentlich zahlreiche Vogelgcscllschaft ernähren konnte, zumal da ich unter ihnen große Schaaren von Nimmersatten und Kropfstörchen oder Marabus — welche auch nicht die anspruchlosestcn sind — bemerkte. Unter dem bunten Gewimmel fielen mir zwei storchartige Vögcl von riesiger Größe auf, welche beim Fliegen nur die zwei Hauptfarben ihres Gefieders, Schwarz und Weiß, zeigten, sich im Sitzen aber gar nicht beobachten ließen. Ich lernte in ihnen später den prachtvollen Sattelstorch*) (Rektorin vpllipplorll^nclm) kennen. Einein Seeadler (Ualisetos vooikor) nachschleichend, kam ich in einen Mimoscnwald, wie ich bisher nie einen ähnlichen gesehen hatte. Hohe, prachtvolle Bäume standen ziemlich einzeln in einer gras- und dornlosen Ebene und bildeten, sich oben verzweigend, ein hehres Laubgcwölbc. Ich befand mich im eigentlichen Hochwaldc. Die Papageien kreischten in den Kronen der Bäume, wußten sich aber so geschickt zwischen den ihrer Körperfarbe gleichen Blättern zu verstecken, daß ich, zumal in dem Halbdunkel des herannahenden Abends, auch nicht einen einzigen entdecken konnte. Nur der Seeadler wurde mir zur Beute. vr. Vierthaler und Tomboldo waren mittlerweile auch an'S Land gestiegen und verfolgten die Marabus, welche in Ge- *) Die Vogel werden so genannt, weil sie auf dem Hinterschnabel eine sattelförmige Erhöhung haben. 224 sellschaft der Nimmersatte zur Nachtruhe aufgebäumt waren. Die ersten fallenden Schüsse machten sie so scheu, daß alle Anstrengungen, ihrer habhaft zu werden, erfolglos blieben. Sie wurden so gestört, daß wir noch den ganzen Abend hindurch das Geräusch ihrer Flügelschläge hören konnten. Von fernher tönte das sonderbare Grunzen eines Leoparden zu uns herüber, unmittelbar neben unserem Schiffe hob ein Nilpferd seinen ungeschlachten Kopf aus dem Wasser und brüllte dann und wann uns förmlich in die Ohren. Dazu wollten die Leute in dem letzten Dritttheil der Nacht noch die gewaltige Stimme des Königs der Wälder vernommen haben. Die Barke legte am folgenden Tage hart unter der Stadt Sennahr an dem mir dem dichtesten Urwalde bestandenen linken Ufer an. Wiederum brummte, brüllte oder grunzte — denn es ist ein ganz sonderbarer Ton — ein Leopard im Walde und gab uns Hoffnung auf ein gelegentliches, von uns sehr gewünschtes Zusammentreffen mit ihm. Wir landeten deshalb am 17. Dezember ebenfalls auf diesem Ufer der Stadt gegenüber und hatten dabei den doppelten Vortheil vor Augen, der Jagd nahe und der meine sonst fleißigen Diener jedesmal in eine der Arbeit keineswegs förderliche Verzückung setzenden Meriesa fern zu sein. Uns Deutschen bot die elende Stadt gar Nichts, der Wald aber um so mehr. Sennahr, die Hauptstadt des durch die Türken vernichteten Königreichs Dahr-Fungi, soll nach Bruce im sechzehnten Jahrhundert von den Schilluk-Negern gegründet worden sein. Es war früher der Sitz der Macht und der Kultur des Ost-Sudahn; jetzt ist es zu einem ganz erbärmlichen Flecken herabgcsunken. Die Zahl seiner Bewohner dürfte mit Einschluß von fast zweitausend Negcrsoldatcn kaum zehntausend betragen, während zur Zeit der Fungikönige fünfundzwanzigtausend Menschen hier gelebt haben sollen. Sennahr ist in allen seinen Theilen schmutziger und ärmlicher als Woled-Medine und besitzt an der Stelle des Basars nur einige elende Boutiquen, in denen man die nothwendigsten Gegenstände zum täglichen Gebrauche der Türken zu kaufen bekommt. Zum Bedarf der Eingebornen wird wöchentlich zweimal ein großer Markt, „Suhkh", zu welchem die Einwohner der ganzen Nmge- 225 gend zu Fuß, zu Esel und zu Kamele herbeikommen, gehalten. Ganz im Gegensatz zu andern Städten des Innern verstummt hier das fröhliche Leben der Nacht sehr bald, weil die Hyänen schon vor Mitternacht die Straßen der Stadt besuchen. Wir waren mit dem schon mehrere Tage vor uns hier angekommenen Aali-Bei bei dem Major Aabd elKerihm-Effendi zum Abendessen eingeladen worden und hörten auf dem Nachhausewege die Hyänen in den Hauptstraßen der Stadt um die Wette heulen. Auf der großen Sandbank, an welcher wir angelegt hatten, sonnten sich in den Nachmittagsstundcn regelmäßig mehrere Krokodile. Ich erlegte ein halberwachsenes; ein anderes, riesenhaftes, gelangte, obgleich ködtlich verwundet, noch ehe ich mich seiner bemächtigen oder ihm eine zweite Kugel durch das Hirn jagen konnte, in die trüben Fluchen des Stromes und entkam. Tomboldo töd- tete eine Boa (hier „AssälL" genannt) in dem nahen Walde durch drei Schrotschüsse. Die Schlange war acht pariser Fuß lang und wog fünfzehn Pfund. Wir ließen uns, um es zu genießen, ein Stück Fleisch sieden. Es hatte eine vielversprechende, schneeweiße Farbe, blieb aber hart und zähe und konnte von uns kaum zerkaut werden. Sein Geschmack ähnelte dem des Hühnerfleisches. Tomboldo hatte in der Nähe unseres Landungsplatzes eine große Fuhla, deren Vorhandensein wir aus dem Fluge vieler Was- scrvögel schon vermuthet hatten, entdeckt. Ein sehr verschlungener, schmaler Pfad nach der Höhe der Uferebene machte uns das Durchdringen des Urwaldes möglich. Wir fanden ein ganz ähnliches Vogclleben, wie wir es schon an anderen Regenteichen beobachtet hatten, wandten unsere Aufmerksamkeit aber ausschließlich nur einem Paare der prachtvollen Sattelstörche zu, welche sich unter den bekannteren Sumpfbewohnern würdevoll herumbewegten. Ich konnte mich dem Männchen des Paares nach langer beschwerlicher Jagd endlich auf zweihundert Schritte nähern und ihm eine tätliche Kugel beibringen. Der Besitz des werthvollcn Vogels erfreute M. 15 226 uns auf's Höchste; wir maßen den gigantischen Storch unter den Ausrufen der lebhaftesten Bewunderung. Wir verließen Sennahr am 22. Dezember und kamen nach einer zweitägigen Fahrt wieder zu sehr großen, d. h. zu solchen Waldungen, welche auf lange Strecken weder durch Dörfer noch durch baumlose Ebenen, Ausläufer der auf der „Tahhera"*) sich ausbreitenden Chala, unterbrochen werden. Streng genommen sind die Ufer des blauen Flusses ununterbrochen mit mehr oder minder dichtem Walde bedeckt. Am Morgen des 24. Dezember erstiegen wir in einer durch den Regen gebildeten Schlucht das hohe Ufer und gingen über eine weite Ebene dem vor uns sich unabsehbar ausdehnenden Walde zu. Die Ebene war mit dem schon erwähnten wohlriechenden Grase bestanden, aber sehr arm an Vögeln. Nur die deutsche Wachtel, welche hier ihr Winterquartier genommen hatte, flog oft unmittelbar vor unseren Füßen auf. Ich hoffte Trappen zu finden und wandte mich mehr landeinwärts. Ohne es zu bemerken, wich ich immer mehr von der zu befolgenden Richtung ab und traf nach langem Herumirren in dem über mannshohen Grase aus gebahnte Wege, welche mich zuletzt zu einem Nomadcnlager führten. Wie immer empfing mich bei meiner Annäherung ein wüthendes Hundcgcbell. Einige alte Weiber wehrten den beißlustigen Bestien und sicherten mir den Eintritt in die das Lager umzäumende Serieba. Ich war sehr durstig geworden und verlangte Wasser, erhielt aber nur saure Milch, weil in der ganzen Niederlassung kein Wasser zu finden war. Erst später erschienen einige junge Frauen, welche gefüllte Schläuche an breiten, über die Stirn gelegten Riemen auf dem Rücken trugen. Man labte mich mit frischem Nilwasscr und zeigte mir die einzuschlagende Richtung. Nach halbstündigem Wege gelangte ich zu einer noch wasserreichen Fuhla, welche von vielen wilden Gänsen zum Nist- platze gewählt worden war und gegenwärtig eine außerordentlich *) Unter der Tahhera, „dem Rücken," verstehe» die Sudahncsen die von den Strömen landeinwärts liegenden, über das Ufer erhabenen Ebenen oder die längs der Stromkhäler sich hinziehenden Bergrücken, 227 zahlreiche Vogelgcsellschaft versammelt hatte. Im Walde saßen fast auf allen Büschen kleine, bisher mir noch unbekannte, prachtvolle Bienenfresser (lVleropZ vuloollü), von denen ich mehr als ein Dutzend Eremplare erlegte. Der Wald war durch die Rindcrheer- dcn der Nomaden gangbar geworden und schien eine mannigfaltige Thicrwclt zu beherbergen. Ich ließ deshalb unsere Barke, welche ich eine halbe Meile stromaufwärts wieder auffand, an einer „Mi- scheraäh" oder einem von der Höhe des Ufers zum Wasserspiegel führenden Wege anlegen und eröffnete meinem Gefährten und den Dienern, daß wir hier einige Tage verweilen würden. In verstellen Userwand entdeckten wir eine Nistkolonie des im Walde bemerkten Biencnfresscrs mit mehr als achtzig runden Eingängen zu den backofenförmigen Nesthöhlcn auf kaum zwanzig Quadratfuß Fläche: die Ursache der Zusammenhäufung des niedlichen Vögelchens. Die großartige Welt, welche uns die tropischen Wälder aufgeschlossen, hatte bisher alle Sehnsucht nach civilisirten Ländern und geselligen Freuden in uns verstummen lassen. Heut Abend war es anders. Wir kochten nach dem Abendessen Punsch und versuchten beim Klang der Becher die nach der Heimath schweifenden Gedanken zu vertreiben, so gut es eben gehen wollte. Es konnte uns nicht vollständig gelingen. Feierte man daheim im Va- tcrlande doch heut' das hehre Fest der Christnacht! Wie natürlich, daß wir im Geiste in unserer Lieben Kreise verweilten! Uns hatte Niemand einen Christbaum angezündet, aber der Urwald selbst wollte uns Weihnachtsfrcuden beschceren. Am anderen Ufer ging eine Elephantenheer de zum Flusse und rief uns ihre schmetternd zu uns herüberschallenden Grüße zu. Und als sollten die schrillen Trompetentöne der Waldriesen das Zeichen sein, des Urwalds Stimmen zu einem allgemeinen Wettruf aufzufordern, so lebendig und laut wurde es jetzt im Walde. Das donnernde Gebrüll eines von uns noch weit entfernten Löwen durchhallte, momentan alles Lebende zum Schweigen bringend, die vorher so stille Nacht, dann 15 * 228 hob ein Nilpferd seinen Kopf aus den Fluthen und brummte, als wollte cS versuchen, mit der Löwenstimme zu ringen, drüben aus der Sandbank klagten einige Scherenschnäbel, im Walde die Eulen, die Hyänen heulten im Chorus und Silberglöckchen gleich erklang das Gezirp der tropischen Grillen oder Cikaden harmonisch durch das allgemeine Chaos der Stimmen und Töne. Das war die Musik der Urwälder in der heiligen Weihnacht; die Freude, gerade heute zuerst die Elephanten zu hören, war unser Weihnachtsgeschenk. Am 27. Dezember. Wenn ich einem Ornithologen die Vogelarten, welche wir im Umkreise einer halben Meile von der erwähnten Fuhla antrafen, aufzähle und ihm mittheile, daß viele Arten durch Hunderte von Individuen vertreten waren, so wird er, falls er mir überhaupt Glauben schenkt, sich gewiß höchlich über den staunenswerthen Reichthum der Tropen verwundern. In Europa kommt eine ähnliche Vögelversammlung auf einem so kleinen Raume nie vor. Ich habe in meinem Tagcbuche die Namen von mehr als siebzig Vogclarten, welche wir hier bemerkt haben, aufgezeichnet; wie viele andere Arten unseren Augen entgingen, wage ich nicht zu bestimmen. Die Armuth der Wälder Deutschlands erlaubt uns gar keinen Vergleich mit dem Thierleben der Tropen. Wo in Nord-Ost-Afrika Bäume und Wasser vereinigt sind, sieht man stets viele Tausende von lebensfrohen Geschöpfen versammelt. Nächst den Vögeln bemerken wir wieder einmal recht viele Schlangen. Gestern kroch die äußerst gefährliche Brillenschlange kaum anderthalb Fuß vor den Füßen unseres Doktors vorbei und verschwand in dem hohen Grase, ehe er ihr einen Schrotschuß beibringen konnte. Ob diese von den Sudahnesen sehr gefürchtete Schlange der egyptische Ilrseus Ilsgg oder eine andere Art ist, weiß ich nicht; ihr Biß endet aber, wie der der egyptischen „Haie"*), immer mit dem Tode. Nattern und Vipern von anderthalb bis zwei ) Arabischer Name der Brillenschlange. 229 Fuß Länge sind häufig und unwillkürlich erheben wir das Gewehr zum Schusse empor, wenn eine der hier zahllosen Eidechsen durch die Büsche raschelt. Wir todten jede Schlange, welche wir zu sehen bekommen, weil wir nie wissen können, ob wir es mit einer giftigen Viper oder harmlosen Natter zu thun haben. Auf unserer heutigen Vormittagsjagd erlegten wir eine weibliche Antilope von der Große eines Rehes, wahrscheinlich Hmtiloxs Alockogua oder saltisna, welche nicht zu den gewöhnlichen Erscheinungen gehört und uns einen ebenso wohlschmeckenden Braten als die gemeinen Gazellen lieferte. Die Witterung ist jetzt beständig schön. Wir haben konstanten Nordwind, welcher unserer Fahrt sehr günstig ist. Aber wir verzögern diese absichtlich, um die Wälder bestmöglichst ausbeuten zu können. Unsere Nahrung besteht fast nur in dem Fleische der erlegten Thiere und den von uns von Charthum mitgebrachten trockenen Gemüsen (Reis, Erbsen, Linsen, Bohnen u. s. w.). Frisches, grünes Gemüse ist höchst selten zu erlangen. Die Ein- gebornen verweigern uns gewöhnlich alle Nahrungsmittel, selbst wenn wir ihnen das Doppelte des bestehenden Preises derselben bieten. Sie sind zu mißtrauisch und halten uns wahrscheinlich für türkische Soldaten, welche selten zahlen, sondern in der Regel Das, was sie brauchen, gewaltsam wegnehmen. Das Volk zwingt uns, diesem üblen Beispiele zu folgen. Aali-Arha raubt die uns nöthigen Schafe und Hühner und bezahlt erst dann die Eigenthümer oder bemächtigt sich des Schech eines Dorfes, bringt ihn auf unsere Barke und diktirt ihm seine Befehle. Das „theure Oberhaupt zu befreien" eilt des Dorfes Mannschaft zu uns, bittet um Loslassung des Gefangenen und verspricht, sich unserem Willen zu fügen. Man schleppt Schafe, Hühner, Eier, Butter und dergleichen in hinlänglicher Menge herbei und verwundert sich höchlich, daß wir das Erwählte mit seinem vollen Werthe bezahlen. Der Schech verläßt die Barke, wenn die Geschäfte beendet sind mit einem Bakhschiesch in der Hand und Segenswünschen für unsere Personen auf der Zunge, tritt in den Kreis seiner Untergebenen und sagt mit leiser Stimme zu ihnen: „Diese Art (Menschen) ist 230 verrückt, sie bezahlen Das, was sie früher raubten. >V'^Uadi dass saägaib!" — Bei Gott, das ist wunderbar! — Um Mittag verlassen wir unseren beutereichen Wald und setzen unsere Reise bei flauem Winde fort. Abends erreichen wir das Dorf Terchre, dessen Umgebung nach Tomboldo's Aussagen reich an jagdbaren Thieren sein soll. Der Nubicr geht in's Dorf und bringt von dort die Nachricht mit, daß sich die Nomaden der Steppe gestern dem Flusse genähert und die ihren Hcerden immer folgenden Löwen mitgebracht haben. Die Elephanten, sagen die Dorfbewohner, wären vor einigen Tagen in großer Anzahl in den Feldern des Dorfes erschienen und hätten dort gräuliche Verwüstungen angerichtet. Aber der fromme Fakhie habe kräftige Amulete geschrieben, diese auf hohen Stangen in den Feldern befestigt und das habe seine Wirkung nicht verfehlt. Die Elephanten, welche derartige Bannflüche gar nicht vertragen können, wären durch die Worte des heiligen Mannes so eingeschüchtert worden, daß es keiner von ihnen mehr gewagt hätte, in so kräftig beschützten Feldern fernerhin seine Nahrung zu suchen. Tomboldo versicherte mich, daß dieses Mittel sehr probat sei. Unterwegs begegneten uns neun Flöße mit jenen dünnen Stangen (Raßaß), welche zum Bau der Terrassen der Tanakha verwendet werden. Die Flößer waren vor fünf Monaten von Char- thum ausgezogen, hatten die Stangen mühselig in den Wäldern zusammengesucht nnd sich allen Entbehrungen einer beschwerlichen Land- und Wasserreise ausgesetzt, um bei ihrer Rückkehr nach Char- thum fünfzehn bis dreißig Eh eierten oder ebenso viele Gulden in Empfang zu nehmen. Das Geschäft wirft also einen Tagelohn von höchstens zwölf Kreuzern für jeden Theilnehmer ab. — Am 28. Dezember fahren wir nach dem uns gegenüberliegenden Dorfe TächclL über. Die Eingebornen wollen mich am hellen Tage zu einem mächtigen, von ihnen sehr gefürchtetcn Löwen bringen, welcher ihnen mehrere Rinder und erst in voriger Nacht ein Kamel getödtet hat, jetzt aber in träger Ruhe im dichten Schat- 231 teu niederer Gebüsche liegen soll. Man verspricht mir, mich bis auf sichere Schußnähe an das Raubthier heranzuführen und zwar noch « ehe dieses den Jäger bemerken würde. Brennend vor Jagdbegierde eröffnete ich meinen Gefährten und Dienern meinen Entschluß, daS kühne Wagstück zu bestehen und bat sie, mich zu unterstützen. Allein der Doktor und alle Bedienten weigerten sich bestimmt, die Jagd mitzumachen. Zu meinem Leidwesen mußte nun auch ich die schöne Gelegenheit versäumen, weil es Thorheit oder Tollkühnheit gewesen wäre, zum ersten Male allein auf die Löwenjagd auszugehen. Am folgenden Tage kamen wir zu der mitten im Walde liegenden Hütte eines Fakh'ie. Wenige Felder in der Nähe derselben mochten sein ganzer Reichthum sein. Nicht weit entfernt von ihr fanden wir eine zweite Nistkolonie des Biencnfrcsscrs. Dicht daneben lag ein riesengroßes Krokodil, welchem ich eine Büchscnkugel zudachte. Ich machte einen weiten Umweg, um ungesehen an dasselbe heranzukommen, kroch vorsichtig auf Händen und Füßen ' durch das mich deckende Gebüsch und lag nun, mich schon im Voraus über seinen Tod aus purer Rachsucht freuend, hart am Uferrande. Die Stelle, auf welcher es sich gesonnt hatte, war leer. „Teufel! Doch halt!" Da schwamm es gemüthlich im Strome herum, den Kopf über das Wasser emporreckcnd, es hatte keine Ahnung von seinem Todfeinde. Ich zitterte vor Jagd- und Mordlust und weidete mich an dem in meine Hand gegebenen Ungeheuer. Es blinzelte mit den graugrünen Augen, ich fürchtete, voir ihm entdeckt zu werden und durste keine Zeit mehr verlieren. Langsam erhob ich das Todesrohr, zielte kurz und sicher, die Büchse krachte, die Kugel hatte ihren bezeichneten Weg eingehalten. Hochauf rauschten die Wellen. Das in's Gehirn getroffene Thier peitschte sie mit seinem furchtbaren Schwänze und schoß wie toll auf der Oberfläche des Wassers herum. Plötzlich bekam es Zuckungen, öffnete den zahnstarrenden Rachen, ließ einen merkwürdigen Schrei hören und versank in den trüben Fluthen des langsam dahin fließenden Stromes. Das war die schönste Krokodiljagd, welche ich jemals gemacht habe. Die schädlichen Bestien sind hier 232 so häufig, daß wir während einer Tagesfahrt oft einige und zwanzig zählen. Wir blieben bei der Hütte des Fakhi'e über Nacht und verließen sie am andern Morgen mit Sonnenaufgang zu Fuße, weil wir in dein nahen Walde jagen wollten. Dieser wurde schon kurz nach unserem Eintritte bis auf gewisse Wege undurchdringlich. Letztere liefen in allen Richtungen in den Wald hinaus, endeten aber regelmäßig am Flußufer, von wo stark betretene Steige nach dem Flußspicgcl hinabführten. Die Wege rührten von den Elephanten her, das konnten wir schon aus der massenhaft in ihnen liegenden Losung schließen; denn diese war von einer Größe, wie sie kein anderes Thier hätte erzeugen können und bestand nicht allein aus Blätterüberresten, sondern auch aus drei bis vier Zoll langen, daumcnstarken Aesten, Holzstücken und Baumfasern. Im Schlamme des Flußufers konnten wir die Fährten der Elephanten deutlich von denen der Nilpferde und wilden Büffel unterscheiden. An allen Bäumen des WaldeS bemerkten wir die Verheerungen, welche die gewaltigen Fresser angerichtet hatten, die Thiere selbst bekamen wir nicht zu Gesicht (obgleich wir, nach noch ganz frischen Fährten zu schließen, ihre Gegenwart mit Sicherheit annehmen konnten); wahrscheinlich hatten sie sich nach der Tahhera zurückgezogen. Einige, jetzt halb verwilderte Baumwollenfelder waren fast gänzlich zerstört. Hier am blauen Flusse sind die Einwohner zu indolent oder faul, als daß sie den ihr Besitzthum oft genug verwüstenden Elephanten nachstellen und sich des gewinnbringenden Elfenbeins bemächtigen sollten. Die Neger des Bahhr el abiadt, welche sich überhaupt in gar mancher Hinsicht Vortheilhast vor den Sudahne- sen auszeichnen, graben tiefe Gruben, in welche die Elephanten stürzen. Dann geben sie ihnen mit langgestielten, sehr scharfen und spitzigen Lanzen den Genickfang, ziehen die todten Körper aus den Gruben heraus, essen das Fleisch und brechen mit Hülfe des Feuers die Stoßzähne aus den Kinnladen. Wir hätten in unserem Walde, wenn wir mit passenden Waffen versehen gewesen wären, leicht Elephanten erlegen können, standen aber von Vorn 233 herein von der Jagd ab, weil unsere Büchsen nur kleine Kugeln schössen. « Auf mehreren Sandinseln lagen viele Krokodile von erstaunlicher Größe, im Flusse machten sich drei Nilpferde recht lustig. Sie tauchten in kurzen Zwischenräumen auf und schnaubten das in ihre Nasen gekommene Wasser wie Walfische rauschend von sich. Meine zum Theil sehr gut treffenden Kugeln schienen sie nicht besonders zu beunruhigen; ich glaube auch nicht, daß sie jemals die dicke Kopfhaut durchbohrten. Wenn sie eine Kugel schmerzte, ließen sie ein wüthendes Gebrüll, welches mit dem unseres Bullochscn Aehn- lichkeit hat, aber viel stärker ist, hören, sprudelten mit sichtbarem Grimme das Wasser von sich und tauchten dann etwas länger unter als gewöhnlich. Es war heute sehr heiß gewesen. Erst der Abend brachte uns die gewünschte Kühle. Wir hatten am rechten Ufer des Flusses angelegt und zündeten mit Einbruch der Nacht ein großes Feuer an, weil einige dürre, mächtige Bäume unbenutzt am Strande lagen. f Schon nach wenig Minuten zeigte sich eine grell von den Flammen beleuchtete Hyäne auf dem hohen Uferrande, sah starr auf uns herab und begann dann kläglich zu heulen. Die ganze Reisegesellschaft brach in ein schallendes Gelächter aus, ohne daran zu denken, der Hyäne eine Kugel zuzusenden. Diese Raubthicre sind hier gemein. Wir hören sie jede Nacht großartige, aber abscheu- lige Vokalkonzertc aufführen. Sobald nur eine von ihnen ihre Stimme erhebt, heult bald die ganze Runde. Niemand denkt daran, sich vor ihnen zu fürchten. Am 3. Januar 1851. Seit gestern Nachmittag hatten wir heftigen Sturm aus Norden, welcher uns sogar zum Stillliegen zwang. Erst gegen Abend erlaubte er uns heute die Weiterreise. Kurz nach der Abfahrt sahen wir an dem einen Ufer einige Geier auf einem Aase sitzen. Eine Nomade verscheuchte die Böge! ^ und brach bei Besichtigung des Aases in lautes Weinen aus. Auf unsere Anfragen erzählte er uns, daß er seit heute Mittag sein Lieblingsrind vermißt habe und es jetzt todt am Strande finde. Ein Krokodil hatte dem zwei Jahre alten Thiere den Kopf abge- 234 bissen. „8ot>ulrk ei mAlmülin ja sollusna"! — Seht den Verfluchten (alles Guten Baren), meine Bruder— sagte Tomboldo. — Abends erlegten wir den Riesenrciher, einen nur selten vor- > kommenden Vogel, den ich Oben kurz beschrieben habe. — An meinem Gewehre ist die Schraube, welche beide Schlösser zusammenheilt, zerbrochen. Das ist nun freilich ein sehr fataler Umstand. Glücklicher Weise finde ich eine ähnliche Schraube in unseren VorrathSkasten, seile sie zu und setze mein unentbehrliches Jagdgewehr wirklich wieder in Stand. Tags darauf erreichen wir den Marktflecken Karkohdj am rechten Stromufcr. Am andern Ufer lag das Dorf Söröh, welches von den Dinkha-Ncgern zerstört wurde. Für uns war eine zahme, frei herumlaufende Gier äffe das Interessanteste, was uns Karkohdj bieten konnte. Das schöne, zutrauliche Thier besuchte uns sogleich nach unserer Ankunft an der Barke, fraß uns Brod und Durrahkörncr aus der Hand und behandelte uns so freundlich, als wären wir seine alten Bekannten. Wir erhielten hier die Nachricht, daß die Abyssinier, mit denen * die Türken selten in Frieden leben, von Neuem in das türkische Gebiet eingefallen seien und der Major eines in Sennahr stehenden Linicnbatallions, Sahlcch-Effendi, Befehl erhalten habe, gegen sie zu Felde zu ziehen. Die Bewohner des oberen Stromgebietes sind überhaupt unter türkischem Schutze nicht so gesichert, als man vielleicht glauben könnte. Von Osten her bedrohen die Abyssinier, von Westen her die Neger des weißen Flusses das Land mit Einfällen. Die Ersteren, welche man gewöhnlich „Makahte" nennt, sind sehr gefürchtet; ihre Grausamkeit *) soll ebenso schrecklich sein, als ihr Schlachtcnmuth groß. Weil sie lebenden Thieren Flcischstücke aus den Lenden schneiden, um diese roh oder nach ihrer Meinung saftig verzehren zu können, gelten sie in manchen Gegenden für Menschenfresser. Dem Tode sollen sie tollkühn entgegengehen. Sie strecken ihre Schilde den Kugeln und Bajonetten ^ der türkischen Soldaten entgegen und halten, ohne zurückzuweichen, *) Hostes omnes csptas csslrsre eorliuiPie penes tsiiqusm tiopzes con- siilersrs äicuntur. 235 daS mörderische Gewehrfeuer derselben aus. Ihre Angriffswaffen sind gewöhnlich nur Strcitkolben, Bogen und Pfeile, selten Gewehre von großem Kaliber, welche sie mit abgerundeten Eisenstücken laden, aber doch sind sie nicht zu verachtende Feinde der türkischen Regierung, deren Kriegszüge zu jeder Jahreszeit geschehen. Karkohdj ist von drei Seiten von einer hügeligen, mit einzelnen Bäumen bestandenen, wildrcichen Chala, welche sich erst in ziemlicher Entfernung von dem Dorfe in Wald verwandelt, umgeben. Der Wald selbst ist hier nicht der prachtvolle Mimosenwald der Stromufcr, sondern besteht fast nur aus niederen buschartigen Bäumen mit langen Schoten, welche die Eingcborncn Kharat nennen und zum Gerben eines sehr dauerhaften Leders benutzen. Die Gesträuche sind ungcmein dornig und stehen so dicht beisammen, daß sie den Wald ebenso undurchdringlich machen als die Schlingpflanzen, Nabakh- und anderen Büsche die Urwälder. Eine zahlreiche Gesellschaft von Königs kranichen hatte sich ein Dickicht zum Schlafplatze ersehen und trompetete von dort allabendlich ihr Schlafgeschrei zu uns herüber. Ich versteckte mich in Gesellschaft meines Dieners Mukle eines Nachmittags in diesem Dickicht und erlegte zwei Stück der ankommenden Böget. Aber dabei war es Nacht geworden, wir verirrten uns in dem verworrenen Gestrüpp und konnten zuletzt keinen Ausweg finden. Die Dornen zerrissen uns die leichten Kleider und verwundeten uns am ganzen Körper. In kurzer Zeit waren wir des größten Theiles unserer Kleider beraubt. Mukle war untröstlich; „Gott verfluche die Dornen und vergelte es Dir, Effendi, daß Du mich mitten in der Nacht, — wü knkrs »LtüIiL 81 lläds! — (und sie ist doch die Feindiu der Menschen) — im Bauch des Waldes herumführst", rief er entrüstet und suchte vergeblich nach einem dornlosen Pfade. Das Bellen der Dorfhunde brachte uns am Ende doch wieder glücklich in die offene Steppe hinaus. Am 6. Januar erlegte ich abermals ein riesengroßes Krokodil; cS ging mir ebenfalls verloren, obgleich es lange Zeit besinnungslos am Strande lag. — Die türkische Kleidung, welche wir tragen, ist hier so unbc- 236 kannt, daß sie selbst den Thieren auffällt. Gestern kam ich einer Rinderheerde zu nahe und sah alsbald die ganze Gesellschaft, die Ochsen mit zur Erde gebeugten Köpfen und hoch emporgehobenen ? Schwänzen, auf mich loskommen. Ich begrüßte die schnaubenden Ungethüme mit empfindlichen Schrotschüssen und trieb sie glücklich zurück. Wir verließen Karkohdj in den Nachmittagsstunden des 10. Januar, fuhren aber nur eine halbe Meile den Strom hinauf, weil wir in einem viel versprechenden Walde jagen wollten. Unsere Erwartung wurde nicht getäuscht; wir machten ergiebige Jagden und reisten erst am Abende des folgenden Tages weiter. Mit Einbruch der Nacht erreichten wir das Dorf Tlbehbö. Um Mitternacht weckte uns Lärm. Ein Tokhul war in Brand gerathen und verbreitete die Flammen mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit. In Zeit von einer halben Stunde lagen fünf und zwanzig dieser Strohhäuser in Asche. Die Lohe der brennenden Wohnungen war über vierzig Fuß hoch und strahlte eine so gewaltige Hitze aus, daß wir für unsere Barke fürchteten und diese ei- * nige hundert Schritte stromaufwärts ziehen ließen. Während des Brandes durchzitterte das schrille Angstgcschrei der Weiber die Luft. Die Männer hatten von der Möglichkeit, Feuer zu löschen, gar keine Idee. Niemand dachte daran, aus dem ziemlich nahen Strome Wasser herbeizuschaffen. Man bemühte sich, dem Feuer den Weg abzuschneiden; weiter that man Nichts. Die Flammen ergriffen alles Brennbare mit außerordentlicher Schnelligkeit und liefen wie Schlangen auf dem Gestrüpp und den Dornhecken hin, mit welchen die Hütten gewöhnlich umgeben sind. DaS Gehölzel brannte wie Schwefel und brachte das Feuer selbst zu den entfernten Tokhahl. Was von dem entfesselten Elemente einmal ergriffen wurde, war verloren; fünf Minuten genügten, einen Tokhul bis auf die wenigen Hauptstützen in Asche zu verwandeln. Der größte Theil der Dorfbewohner sah mit stummer Verzweiflung dem vernichtenden Brande zu. Nur Wenige arbeiteten und hielten dabei, um sich gegen die Hitze zu schützen, Lederschilde und Strohmatten vor sich hin. Einige Männer bemühten sich, 237 das Vieh zu bergen, andere zertrümmerten die mit dem öligen Sim- sim angefüllten Lehmbehälter, weil diese den Flammen lange andauernde Nahrung gaben, andere schafften Anakharihb und anderes Hausgeräthe bei Seite. Die Weiber verhüllten sich ihr Gesicht, weinten und schrieen. — Ein in der Nähe des Dorfes SLmürkö beginnender Mimo- senwald beendete am folgenden Tage schon anderthalb Stunden nach unserer Abfahrt die Weiterreise. Wir landeten neben einer Mischeraäh, welches nach einer hier betriebenen Werfte führte und traten bewundernd in den hehren, mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Wald. Die Gurgeltöne von hundert Affen vermischten sich mit dem Kreischen unzähliger Papageien, welche in den grünen Wipfeln herumklctterten, zu unserem Willkomm. Tomboldo fand das Nest des großen abyssinischen Nashornvogels (8u- coro8 — IrgKoxsn — rrll^88iaieu8) mit einem fast flüggen Jungen von der Größe eines Haushahnes, konnte aber die vorsichtigen Eltern, welche lieber ihr Junges im Stich ließen, als sich Gefahr auszusetzen, nicht erlegen. Die Einwohner des Dorfes Sumurko brachten uns fünf frisch gefangene Affen zum Verkauf. Wir bezahlten das Stück mit einem Piaster und banden sie an starken Schnuren auf unserer Barke an. Dort saßen sie, den Kopf unter dem Arme verborgen, mit dem Ausdruck der tiefsten Niedergeschlagenheit im Gesicht und verschmähten das ihnen angebotene Futter. Unsere Jagden fallen immer höchst ergiebig aus. Der Wald ist von zahlreichen Pcrlhühnerketten belebt; wir schießen von den leckeren Vögeln so viele, als wir zur Küche brauchen. Dann und wann erlegen wir auch eine Antilope. Bis jetzt sind wir mit dem Ertrage unserer Reise sehr zufrieden. Wir haben seit unserer Abreise von Charthum achthundert Vögcl präparirt. Gewöhnlich treten die Arten der Vögel in zahlreichen Eremplaren auf. Heute zählte ich auf einer nicht allzu großen Sandinsel sünsundneunzig K ö- nigskraniche. Die numidischen und grauen Kraniche sind noch zahlreicher. Erstere bedecken im vollen Sinne des Worts oft ganze Sandbänke und einigen sich in Schaaren von mehreren Hun- 238 dcrt, ja mehreren Tausend Individuen. Unter solchen Umständen ist es eine Lust zu jagen! Glücklicher Weise sind wir mit Ausnahme Tischcndors's Alle gesund geblieben. Dieser ist noch immer mehr oder weniger fieberkrank. Nachdem wir am 18. Januar einen sehr unbedeutenden und dennoch von unserem feigen Schiffsvolk gcfürchtcten Schcllahl über- schifft hatten, gelangten wir am 21. Januar zu einem Regentcichc, hielten uns aber an ihm nur wenige Stunden auf, weil unser Reis uns zu einem andern, den er sogar „Birket" — See — nannte, zu führen versprach. Wir kamen nach zwei Tagen dahin und fanden die noch mit Wasser gefüllte Fuhla so groß, daß sie den Namen Birket verdiente. Sie war nur acht Minuten vom Stromufer entfernt und beherbergte noch gegenwärtig mehrere Nilpferde mit ihren Jungen. Vielleicht hatten die Mütter diese hier zur Welt gebracht; wenigstens schien mir die Birket zu einem ruhigen und stillen Aufenthalte der Hippapotami wohl geeignet. Rings um sie lagen fruchtbare Felder, aus denen sich die Thiere ohne Beschwerden ihre Nahrung holen konnten. Wir fanden hier außer den uns schon bekannten Vögeln auch den Schlangenhalsvogel Nord-Ost-Afrika's (klotu8 Us Vaik- lantii) in ziemlicher Anzahl vor, doch war derselbe leichter zu beobachten als zu erlegen. Bevor wir einen Schuß auf ihn thun konnten, mußten wir bis an die Brust in's Wasser waden und hatten es auch dann nur dem Zufall zu danken, wenn ein Schrot den einzig und allein über dem Wasser sichtbaren dünnen, schlan- genähnlichcn Hals traf. Ungeachtet aller mit dieser Jagd verbundenen Beschwerden wurden von uns dennoch drei Stück des schönen Vogels erbeutet und viele andere verwundet. Diese entkamen uns, vermöge ihrer erstaunlichen Schwimmfertigkeit; aber auch ein vierter, welchen Tomboldo getödtet hatte, ging verloren. Der Nubier war eben im Begriff, den todt auf dem Wasser schwimmenden Vogel herbeizuholen, als ihn ein am Ufer arbeitender Araber bat, „um der Barmherzigkeit Gottes willen" dem Lande zuzueilen, weil ein Nilpferd auf ihn lvsschwimme. Tomboldo wendet sich um und sieht die wuthschnaubende Bestie mit wilden Sätzen auf ihn zukommen; sie hat bereits festen Grund unter ihren Füßen und droht ihn zu ergreifen, da nimmt er die Flucht und ist wirklich so glücklich, den Wald zu erreichen, ehe sein grimmer Feind noch die Birket verlassen hat. Bis an den Uferrand verfolgt ihn das Un- gethüm; erst im Walde darf sich der Jäger sicher fühlen, denn die Schrotflinte in seiner Hand verdient diesem Ungeheuer gegenüber nicht einmal den Namen einer Waffe. Das wahrscheinlich durch die fallenden Schüsse in Harnisch gejagte Thier würde meinen trefflichen Jäger, hätte es seiner habhaft werden können, unfehlbar zermalmt haben; denn es ist bekannt, daß das Nilpferd zuweilen mit blinder Wuth auf einen ganz harmlosen Gegenstand losstürzt, um ihn zu vernichten. So tödtete, wie Rüppell erzählt, ein Hippopotamus vier, an einem Schöpfrade angefeffelte Ochsen, ohne daß man nur ahnen konnte warum, dillLlil mln tzl sLlisi- tLkn gä rälM, chllslr jenärlil ei äö 88 int — vvä öl i'liLttäl>83 rsoli!" — Behüte mich, o Herr, vor dem Teufel, Gott verdamme diese Nilpferde! — Und mein schöner Taucher ist hin — sagte Tomboldo ingrimmig zu mir. Und nun bat er mich inständig, doch diesen „Malaai'hn" oder Verworfenen recht viele Kugeln auf den Pelz zu jagen. Daß dadurch die Nilpferde immer wüthender wurden, ist nicht zu verwundern. Bei unserer Ankunft verhielten sie sich ziemlich ruhig, aber schon am zweiten Tage unserer Jagden wurde es gefährlich, in das Wasser zu gehen. — Nach einem Aufenthalte von zwei Tagen reisten wir weiter. Unsere Leute machten uns auf die erst hier beginnenden Ebenholzbäume, „8rlch'ör ei bLdänüli8", aufmerksam. Am weißen Flusse bemerkt man sie schon weiter nördlich. Die von mir gesehenen Ebcn- holzbäumc waren mehr strauch- als baumartig und hatten selten über dreißig Fuß Höhe. Das Holz der „Babanuhs" ist nicht gerade ausgezeichnet, immerhin aber brauchbar; hier verdorrt und verfault es unbenutzt. — Am 27. Januar. Gegen Mittag kamen wir zu einem ziemlich großen Lager der Bakhahra-Araber. Sie waren erst gestern 240 vorn andern Ufer übergesiedelt und hatten ihre luftigen Zelte unter den schattigen Mimosen eines Waldes am rechten Stromufer aufgeschlagen. Bald nach unserer Ankunft fanden sich mehrere Männer in der Nähe unserer Barke ein und betrachteten die auf dem Strohgezclt derselben liegenden ausgestopften Vögel. Zu ihnen gesellten sich Mehrere und in kurzer Zeit auch Weiber, so daß zuletzt die Hälfte aller Bewohner deS Zeltdorfcs um uns versammelt war. Die Weiber hatten sich mit Bernsteinschnurcn, deren einzelne Stücke oft einen halben Zoll im Durchmesser haben mochten, Korallen und Glasperlen Kopf, Hals, Arme und Haare geputzt. Einzelne von ihnen hatten wohl auch starke Messingringe in die Haare geflochten oder trugen diese in der Nase, aber eine der Schönen verdunkelte sie alle: sie trug als ganz besondere Zierde zwölf bis fünfzehn messingene Fingerhüte in den Haaren und warf ihren Kopf zuweilen mit europäischer Gefallsucht zurück, um dadurch ein höchst nüchternes, prosaisches Zusammenklingen der Fin- gerhüte zu bewirken. Sowohl Mädchen als Frauen waren nur mit einem um die Hüften geschlagenen Tuche bekleidet und trugen den übrigen Körper unverhüllt zur Schau. Sie waren ohne Ausnahme untadelhaft gebaut und zeigten Zähne von vorzüglicher Reinheit und so großer Regelmäßigkeit, daß sie gewiß manche Europäerin darum beneidet haben würde. Ebenso schön als die Zähne was das glühende, schwarze Augenpaar der Schönen oder bei jugendlicheren Gestalten der volle, aber wahrhaft plastisch geformte Busen. Die Kleidung der Sklavinnen und kleinen Mädchen bestand aus einem sehr unvollständigen Schürzchen; die Knaben gingen völlig nackt. Es machte mir Vergnügen, mich mit diesen Naturkindern zu unterhalten. Die treuen Schilderungen der Bibel finden sich bei ihnen wieder Bild für Bild; aber der Nimbus, in welchem dem Kinde der schafehütende Jakob oder die wasserscköpfende Rebecka vor der Seele steht, geht leider verloren. Noch heute kann man, wie sonst, den Hirten mit seinem Stäbe oder seiner Lanze bei seiner Heerde stehen sehen; noch heute kommt, wie sonst, die Jungfrau 241 mit dem in seiner Gestalt sich gleichgebliebenen, alterthümlichen Gefäße zum Flusse, um dort Wasser zu schöpfen und noch heute vielleicht, schlägt sie ihre Ferdah in denselben Faltenwürfen um sich als vor Jahrtausenden, — aber nur aus der Ferne betrachtet erscheint das noch biblisch. Wenn man näher kommt, zerfließt das patriarchalische Bild in Nebel: der Buttergcstank des überaus- schmutzigen „biblischen" Kleides wirkt empfindlicher auf unser Inneres, als die wohlcrhaltencn Sitten der Erzväter es thun können. Die Phantasie kehrt bald in engere Grenzen zurück, ungeachtet uns jener Alte dort noch mit denselben Worten zu seiner Hütte einladet, die einst Abraham den wandernden Engeln spendete. Ich zeigte den Frauen zuerst Glasperlen. Sie gefielen, waren aber zu zerbrechlich. Dann reichte ich ihnen meinen Spiegel. Ein nicht enden wollendes Freudengeschrei belohnte mich dafür. Der Spiegel ging aus einer Hand in die andere, wanderte von den Frauen zu den Männern, von diesen wieder zu den Frauen zurück und schien Allen, allmindcstens den Frauen unsäglichen Spaß zu machen. Ich bekam ihn nicht wieder zurück, bevor Alle ihre nicht gerade hübschen, sondern eher unregelmäßigen Gesichtszüge zu wiederholten Malen genau betrachtet hatten. Einige der Schönen hatten sich, wie dies alle Tage zu geschehen Pflegt, die Haut eben frisch mit Butter cingeriebcn und eine von diesen hatte der Butter noch fein gestoßene Curcumawurzel beigemischt, wodurch ihr Gesicht eine safrangelbe Farbe angenommen hatte. Sie konnte gar nicht müde werden, den Spiegel immer wieder von Neuem zu gebrauchen und schien die gelbe Schminke ungefähr mit demselben Vergnügen zu beäugeln, als manche meiner schönen Landmänninnen das durch „die Kunst" hervorgerufene Roth ihrer zarten Wangen. Zuletzt brachte ich Kaup's Naturgeschichte herbei und zeigte ihnen die in diesem Werke dargestellten Thier- und Mcnschenabbil- dungen. Ein Bcifallsgeheul erschallte, so oft ich das Bild eines ihnen bekannten Thieres aufschlug. Es verdient bemerkt zu werden, daß sie, die niemals von Bildern gehört hatten, jeden guten Holzschnitt sogleich erkannten; sie wußten mir dann jedesmal durch Gesten, Nachahmungen der Stimme und Beschreibung des Acußeren m. 16 242 sicheres Kennzeichen des gezeichneten Thieres zu geben. Ain Besten gefielen ihnen Menschenabbildungen. Das Bildniß eines Negers erweckte sprudelnde Witze und einen unverwüstlichen Humor in ihnen. Gegen Abend verließen wir das glückliche Völkchen und landeten nach mehrstündiger Fahrt in der Nähe eines kleinen, wenige Stunden unterhalb Rosse er es gelegenen Dörfchens. Hier erhielten wir die Nachricht, daß unser Bekannter Aali-Bei von seiner Reise nach Khassahn zurückgekehrt sei und krank in RosseereS liege. Auf unserer heutigen Fahrt sahen wir am rechten Flußuser nur Tompalmenwäldcr, in denen sich selten wilde Thiere aufhalten. Am anderen Ufer mochte es anders aussehen, denn dort ließ Abends „der grimme Leu" mehrere Male seine Stimme ertönen; wahrscheinlich war er hungrig und grollte über die Bakhahra, welche ihm seine Beute: die Rinder und Ziegen der Nomaden entzogen und in Sicherheit gebracht hatten. Mit dem frühesten Morgen erschienen zwei Diener Aali-Bei's und baten unseren Doktor im Namen ihres Herrn um einen Krankenbesuch bei Letzterem. Sie hatten für den Fall, daß mein Gefährte reiten wollte, einen wohlgcsattelten Hedjihn mitgebracht. Der Doktor zog es bei dem günstigen Winde vor, mit der Barke zu reisen und besuchte den Obersten sogleich nach unserer Ankunft in Rosfecres. Aali-Be'i lag in einer hart am Ufer erbauten Nekuba fieberkrank darnieder, befand sich jedoch bereits auf dem Wege der Besserung. Mit Hülfe einiger Arzneimittel genas er bald. Wir erfuhren von ihm auch Näheres über seine Reise. Er hatte zu seiner Bedeckung von Fassokl auS zweihundertundfunfzig Ncgersoldaten mitgenommen, war aber dennoch von den freien Negern des Gebirges Tabi angefallen worden. Nach seiner Aussage hatten mehr als zweitausend Neger die Soldaten angegriffen und fünf von diesen getödtct. Obgleich auf Seiten der Schwarzen fünfundzwanzig bis dreißig Mann durch die Kugeln der Soldaten gefallen waren, wurden jene doch keineswegs vom Kampfe abgeschreckt, sondern stürzten sich mit wahrer Todesverachtung in die 243 Bajonnctte der Soldaten, ergriffen sie mit den Händen und hieben mit ihrem Trumbasch nach dem Kopfe derselben. Auf die erhaltenen Wunden streuten sie Erde, um die Blutung zu stillen, kämpften jedoch ungeachtet derselben fort. Zuletzt wichen sie aber doch den Feuerwaffen und Aali-Bci erreichte von nun an unangefochten die Goldbcrgwcrke von Khassan. Mit welcher Erbitterung gestritten worden war, konnte man an den Gefallenen sehen: ein Unteroffizier der Soldaten hatte mehr als zwanzig Lanzenstiche empfangen. Auf seiner Rückreise nahm der Bei noch fünfzig Soldaten mehr mit sich und ließ jedem Einzelnen fünfzig Patronen verabreichen. Diesmal blieb der Reisezug unangefochten. Man suchte die Wahlstatt auf, fand aber dort keinen Gefallenen mehr und glaubte deshalb nur einen neuen Beweis zu der seit Langem herrschenden, unbegründeten Meinung, daß alle freien Neger Menschenfresser seien, erhalten zu haben. Aali-Bei, ein sonst sehr Heller Kopf, glaubte jetzt selbst steif und fest daran. Der gute Mann war unendlich froh, „diesem Tcufclslande" mit heiler Haut entronnen zu sein und überzeugte uns, daß es bei unserer geringen Anzahl Tollkühnheit wäre, die von uns beschlossene Reise von Fassokl nach Khassahn auszuführen. „Ich rathe Ihnen", sagte er in seinem schlechten Italienisch zu uns, „gehen Sie nicht in jene von Gott seit Erschaffung der Welt verdammten Gegenden, wo Sie Ihr Fell lassen können; — freilich — wenn Sie trotz aller meiner Warnungen verrückt sein wollten: dann ist es etwas Anderes." Rössvcrös, die frühere Hauptstadt eines Königreichs der Fungi, liegt am rechten Ufer des blauen Flusses und eine starke Viertelstunde von diesem entfernt, einige Minuten südlich vorn zwölften Grade der nördlichen Breite. An der dem Flusse zugekehrten Seite begrenzt ein unabsehbarer, fast undurchdringlicher Dompalmenwald, nach den übrigen drei Seiten die ziemlich bäu-- mereiche Steppe die Stadt, welche jetzt kaum diesen Namen noch verdient. Gegenwärtig ist Noffecres nur als eine Vereinigung mehrerer durch Felder und Steppenstreifen von einander getrennter Ortschaften, welche auch besondere Namen führen, zu betrach- 16 * teil. Die Basars sind, seitdem man das vormals hier stationirte Militär nach Fassokl und Khassahn verlegte, verödet, der Handel ist unbedeutend. Man sieht nur Tokhahl, keine Tanakha. Erstere sind zur Verhütung großer Feuersbrünste sehr weit von einander erbaut, weshalb die Stadt größer erscheint, als sie ist. Ihre Einwohnerzahl dürste Zweitausend betragen. Die Lage der Stadt ist ungünstig. Sie liegt auf mehreren Hügeln und leidet an Wassermangel. Allabendlich sieht man Frauen und Esel — die geplagten Lastträger der Sudahncsen — in langen Zügen zum Flusse wallen, um sich von dort das nöthige Trinkwafser herbeizuschaffen. Rofseeres ist todt und unfreundlich. Gegenwärtig lebten die Einwohner des Fleckens in großer Furcht vor den M akahtc. Man hatte den Palmenwald in Brand gesteckt, um einen sicheren Zufluchtsort der gefürchtetcn Feinde zu vernichten und sich am anderen Stromufer oder auf den vom Strome umflossenen Inseln leichte Strohhütten erbaut, um beim ersten Erscheinen der feindlichen Krieger dahin flüchten zu können. Diese waren zum größten Glück für die armen Bewohner jener Gegenden gar nicht erschienen, sondern hatten sich, nachdem sie einige Grenzdörfer verheert hatten, wieder zurückgezogen; vielleicht weil sie von dem Herannahen eines Negerbataillonö, welches von Scn- nahr aus gegen sie dem dem Marsche war, gehört hatten. Wir blieben bis zum 4. Februar in Rofseeres. Nach Süden zu konnten wir unsere Reise nicht weiter fortsetzen, weil der Fluß bereits so seicht geworden war, daß unser Reis fürchtete, bei längerem Aufenthalte mehrere Untiefen nicht mehr passiern zu können. Die Jagd war ziemlich ergiebig, würde aber in dem uns gegenüber liegenden Walde wohl noch besser gewesen sein. Diesen durften wir nicht betreten, weil dort die Tabi-Neger streiften. Allnächtlich hörten wir von dort das Gebrüll der Löwen zu uns her- überschallen; Elephanten sollten, nach Aussage der Eingeborncn, in ihm häufig sein. Der Hyänen und Nilpferde thue ich nicht mehr Erwähnung, weil es eine Ausnahme von der Regel gewesen wäre, 245 wenn wir sie einen Tag lang nicht vernommen oder gesehen hätten. Bald nach unserer Abfahrt, welche, wie gewöhnlich, erst zur Zeit des Assr erfolgte, sah ich zwei wilde Büffel (Los oaller) am Strome trinken, fehlte sie aber in der Dunkelheit des AbcndS auS nicht allzu großer Entfernung. Nachts wechselseitiges Löwengebrüll auf beiden Stromufern. Noch bis spät in die Nacht hinein treiben wir langsam mit den Wellen des Stromes hinab. Am folgenden Tage landeten wir bei der Birket mit den Nilpferden und Schlangcnhalsvögcln. Wir jagten dort den ganzen Tag über und wollten mit Einbruch der Dunkelheit noch einige Pe- lekane, von denen eine zahlreiche Gesellschaft Nachmittags angekommen war, erlegen. Ich hatte zwei Stück geschossen, Tom- boldo jagte auf der anderen Seite. Mein Nachhauseweg führte mich durch ein dorniges, schon wieder von dem Urwalde in Besitz genommenes Baumwollenfeld. Einer meiner Nubicr begleitete mich und trug Büchse und Beute. Wir hatten fast das Ende der Birket erreicht, als mich der Nubier auf drei dunkle, hügclartige Gegenstände aufmerksam machte, welche ich bei Tage gesehen zu haben mich nicht erinnerte. Die Nacht war so dunkel, daß ich nur ihre Umrisse erkennen konnte. Ich hielt sie für Erdhaufen und ging sorglos auf sie zu. Das Wuthbrüllcn eines Hippopotamus belehrte mich über meinen Irrthum: drei aus dem Wasser herausgetreten Nilpferde, welche wir den ganzen Tag über gereizt hatten, standen in einer Entfernung von kaum fünfzig Schritten vor mir. „Lsuvir salo'ilw ja robb"*) rief der Nubier schaudernd, ,,flieh, Ef- fendi, rette Dich, Du bist verloren, wenn Du einen Augenblick länger weilst." Und weg warf er die erlegten Pelekane, die Büchse und die Jagdtasche und war mit einigen Sätzen im Gebüsch verschwunden. Daß uns die Ungcthümc bemerkt hatten, war augenscheinlich. Sogleich nach dem ersten Gebrüll bewegten sie sich nach uns zu; der Nubier hatte recht, es blieb uns nur die Flucht übrig! Waffen besaß ich nicht, denn meine Gewehre waren keine Waffen und ohne Waffen ist der Mann kein Mann mehr. Ich stürzte dem *) Zu Deutsch: „Hilf uns, o Herr!" 346 Nubier auf dem Fuße nach. Die Dornen der Büsche zerfetzten mir die Kleider, zerkratzten mir die Haut, die stacheligen Zweige peitschten mich in's Gesicht, der ganze Körper schmerzte, — ich achtete es nicht! Hinter mir her stürmte das wüthende Thier, es kam näher und näher, die Todesangst lieh mir Kräfte, aber wie lange noch? Verzweifelnd eilte ich in der eingeschlagenen Richtung weiter, es gab für mich keine Hindernisse, ich sprang durch die furchtbarsten Dornenhecken ohne Bedenken hindurch. Meine Lage war schauderhaft. Vor mir dunkle Nacht, dicht hinter mir mein entsetzlicher Feind, ich wußte nicht mehr, wo ich mich befand, ich wußte Nichts mehr von mir selbst. Da, Himmel! — ich stürzte! Aber ich fiel weich, ich lag im Wasser! Gottlob, ich war im Strome und wenige hundert Schritte vor mir schimmerte das freundliche Feuer unseres Schiffes. Rasch durchschwamm ich die schmale Bucht, welche mich von der Halbinsel trennte, an der unsere Barke angelegt hatte, ich betrat sie und war gerettet! Oben an dem wohl zwanzig Fuß hohen Uferrande, über welchen ich herabgestürzt war, stand das brüllende Ungeheuer. An allen Gliedern zitternd und ganz entkräftet kam ich an der Barke an. Tomboldo kehrte später zurück und war, achtlos seinen Weg verfolgend, noch näher als ich an ein Nilpferd herangekommen und von diesem ebenfalls verfolgt worden. Er hatte, vor ihm flüchtend, dieselbe Richtung eingeschlagen als wir, war dabei aber fast in noch größere Todesgefahr gerathen. Das Nilpferd ist ihm schon bis auf wenige Schritte nahe gekommen, da bleibt er mit einem Fuße in den Dornen hängen und fällt zu Boden. Sein Gewehr entladet sich, ohne ihn zu verletzen, die ihm nachjagende Bestie stutzt einen Augenblick, er rafft sich auf und erreicht ebenfalls das Ufer. Kopfüber stürzt er sich in die Fluthcn und schwimmt nach der erwähnten Halbinsel herüber. Dort angelangt, fällt es ihm ein, daß er fast aus der Scylla in die Charybdis gekommen wäre: er hatte erst vor wenig Stunden drei Riesenkrokodile in derselben Bucht, durch welche er und ich eben geschwommen waren, gesehen. In höchster Aufregung kam er bei uns an. ,,Brüder", rief er den Matrosen und übrigen Dienern zu, ,,betet heute zwei 247 Rakaat*) mehr, danket Gott mit mir für meine Errettung! Ich will Euch, wenn ich erst mit Hülfe des Barmherzigen in Char- thum angekommen sein werde, einen großen Sack voll Datteln, „Karahmc", (zum Opfer) geben. il lalla il l>la- Iismmeck rsssulll ^llalr! Der Arm des Todes griff nach mir — aber — ei Iiamcln lillalli — ^Usli tierillm! Sgllall ol nobbi g'a solumna — Preist den Propheten, meine Brüder — 4IIak lisrilim! Gott ist barmherzig!" — Einer unserer Matrosen hat sich in dem nahen Dorfe S8-- k»'i einen jungen rothen Assen (Uei-oopitlioons p^rrbonotos) gekauft, welcher ein scheußliches Geschöpf ist. Das noch bartlose, faltige Gesicht ähnelt dem eines alten häßlichen Weibes. — Das Gebrüll des Löwen hören wir jetzt jede Nacht. Am 20. Februar. In den letzten Tagen haben wir mehrere Male zur Nachtzeit glücklich auf die Jungfernkraniche gejagt. Die Thiere scheinen sich jetzt zum Zuge zu versammeln. Wir sehen auf manchen Sandinscln so zahlreiche Schaarcn, daß wir sie, wahrscheinlich ohne sehr zu irren, zu mehr als sechstausend Individuen schätzen können. Jetzt sind die Böge! in ihrem Prachtkleide. Vorgestern wehte am Morgen ein heftiger und sehr kalter Nordwind. Wir froren erbärmlich, hüllten uns in unsere Decken und wagten uns erst mehrere Stunden nach Sonnenaufgang hinaus in die kalte Luft. Um Mittag kamen wir zu einem von den Wanderheuschrecken verwüsteten Wald und erlegten viele Röthelfal- kcn, welche in der schon beschriebenen Weise Jagd auf die Insekten machten. Der Fluß ist sehr seicht geworden und kann an manchen Stellen durchwadet werden. Dort hat er zwar immer noch die Breite von einer Viertelstunde, seine Wassermenge ist aber dennoch mit der im Charles nicht zu vergleichen. Unser Reis klagt oft über das geringe Fahrwasser und versichert, daß von nun an der blaue Fluß gar nicht mehr schiffbar sei. In der Nacht passiren wir dagegen eine sehr tiefe, von hohen Felsen eingeschlossene Stelle des ) Eigentlich Rakaaaht, Plural von ,,Raksah". S. Thl. 2 S- 9V, Flusses, welche, weil sie nur wenig Fall hat, Birket cl fetal) te, „der todte See" genannt wird. Um Mittag landen wir in Scnnahr. Zwei Tage später kommen wir mit der Barke Aali-Bei's wieder zusammen und fahren mit ihm gemeinschaftlich weiter. Im Laufe des Tages zählen wir mehr als dreißig Krokodile, was zum Theil darin, daß jetzt bei dein seichten Wasser die gefährlichen Lurche eher zu sehen sind, seinen Grund haben mag. Ich schieße auf mehrere, verwunde aber nur ein einziges tödtlich. Abends legten wir mitten im Walde an und besuchten Aali- Bei auf seiner Barke. Die Tschibukaht dampften, der Oberst war sehr gesprächig und heiter. Da auf einmal verfinsterten sich seine Mienen: eine Löwe brüllte in nicht allzu großer Entfernung. „Der Teufel hole diese verfluchten Bestien", sagte er, „man kann auch nicht eine Nacht mehr ruhig schlafen. Ich werde noch nach der Insel überfahren lassen, um vor ihnen sicher zusein." Sein Wort war noch nicht verhallt, als der zweite Löwe des Paares, wie es schien, in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritten, dem ersten antwortete. Und nun begann ein großartiges, schauerlich wildes Duett: „Er hebt sein Haupt empor und brüllt. Sein Brüllen tönt so hohl, so wild! Dem Panther starrt das Rosenfell, Erzitternd flüchtet die Gazell', Es lauscht Kamel und Krokodil Des Königs zürnendem Gebrüll." Nicht nur des Panthers, auch Aali-Bei's „Fell schien zu starren". „Meine Herren, ich werde sogleich an die Insel fahren lassen, Sie werden doch nicht hier bleiben wollen?" „„Gewiß, mein Oberst."" ,,Nun dann muß ich Sie bitten, auf Ihr Schiff zurückzukehren, denn ich bin wirklich nicht so verrückt, mich unnöthiger Weise einer Gefahr auszusetzen. Luona notts, SiZnori!" Er ließ in der That sogleich von dem verhängnißvollen Ufer abfahren und schien sich auch auf der Insel nicht eher sicher zu fühlen, als bis dort ein mächtiges Feuer angezündet worden war. 249 Wir blieben am Ufer liegen, doch will ich nicht leugnen, daß auch uns das Löwcngebrüll zuweilen die Haare sträuben machte. Man könnte das Gebrüll des Löwen einen Ausdruck seiner Kraft nennen; es ist einzig in seiner Art und wird von keiner Stimme eines anderen lebenden Wesens übertreffen. Die Araber haben ein sehr bezeichnendes Wort dafür: „raad", donnern. Beschreiben läßt es sich nicht. Tief aus des Löwen Brust scheint es hervorzukommen, es scheint diese zersprengen zu wollen. Furchterregend schlägt es an jedes Ohr. Die heulende Hyäne, der brummende Panther, die blöckende Heerde verstummt; der gurgelnde Affe klettert zu den höchsten Aesten der Baumwipfel hinauf; die Gazelle entflieht in eiligem Laufe; das beladene Kamel zittert, gehorcht keinem Zurufe seines Treibers mehr, wirft seine Lasten, seinen Reiter ab und sucht sein Heil in eiliger Flucht. Und selbst der Mensch, der so wohl Ausgerüstete, jedes Thier geistig so hoch Ueberragende, sragt sich, ob wohl seine moralische Kraft der höchsten Potenz der physischen die Spitze bieten könne. „Der Mann, der nie gebebt in seinem Leben, Der fühlet hier zum ersten Mal sein Herz erbeben/' Am anderen Morgen landen wir wenig unterhalb unseres nächtlichen Ruheortes in der Nähe einer Sattste, um dort frisches Gemüse zu kaufen. Ein dort beschäftigter Sudahncse sagt aus, daß man dort keine Nacht vor den Einfällen eines Löwenpaares sicher sei, welches selbst am Tage oft aus dem Dickicht des Waldes hervortrete. Gegen Abend passiren wir die Mündung des Dinder, eines aus den Gebirgen Abyssiniens nach dem Bahhr el asrakh strömenden Flüßchens, welches während der Regenzeit zu einem Strome anschwillt, in jetziger Zeit aber nur ungefähr den Wassergehalt unserer Elster haben mag. Wir nehmen hier Abschied von der Palmenkönigin „Dulchb", denn diese kommt weiter nördlich nicht mehr vor. — ES wird Zeit, daß wir zurückkehren. Unsere Schießvorräthc 250 sind fast ganz zu Ende. Die Präparaten Vögel können wir gar nicht mehr in den Kisten unterbringen und haben sie auf dem Stroh- gezelt in hohen Haufen aufgeschichtet. Wir haben bis jetzt mehr als vierzehnhundert Bälge Präparat und sind mit dem Ertrage der Reise überaus zufrieden. Jetzt wird es stiller in den Wäldern. Auch in der Thierwclt macht sich die Nähe der Alles crtödtenden trockenen Jahreszeit bemerklich. Das Laub der Bäume fällt ab, die flüchtigen Gäste der Wälder ziehen sich nach den südlicheren, wasserreicheren Gegenden zurück; unsere Jagden sind weniger ergiebig als früher. — Am 25. Februar. Zur Zeit des NachmittagSgcbetes jagte ich einem von sieben schlafenden Krokodilen eine Kugel, welche es auf der Stelle tödtete, durch die Brust. Es maß zehn pariser Fuß in die Länge und hatte mehr als dreißig halbreife Eier im Leibe. Ich bekam davon nur sechsundzwanzig Stück zu sehen, weil die Matrosen die übrigen sofort verspeist hatten. Anfänglich waren sie Willens, auch das ganze Krokodil zu essen, besannen sich aber und beschlossen, es in dem nahen Woled-Medine auf den Markt zu bringen. Es wurde deshalb heute nur das Schwanzstück gesotten. Die Matrosen fanden das zarte weiße Fleisch sehr wohlschmeckend; uns Europäern war der starke Moschusgeruch, welches dasselbe auch noch nach dem Kochen ausdünstete, so zuwider, daß wir keinen Bissen davon genießen konnten. Unsere Leute machten in Woled- Medine gute Geschäfte mit der von den Sudahnesen gesuchten Speise, kauften sich Meriesa von dem Erlös des verkauften Fleisches und hielten noch eine zweite Mahlzeit, bestehend aus einem Gericht Krokodil und mehreren Töpfen Meriesa. Und die TaIndus) ra erklang gar lieblich zwischen dem Schnalzen und den Be« theuerungen deS Wohlbehagens der Schmausenden und Zechenden! In Woled-Medine trafen wir unseren lieben Penney. Jeder angesehene Einwohner der Stadt veranstaltete seinetwegen eine Fanthas'ie, wozu auch wir jedesmal mit eingeladen wurden. Ein Fest drängte das andere, die späteren arteten aber immer in Bacha- nalien, die letzten sogar in Orgien aus und brachten uns bald so wenig Unterhaltung mehr, daß wir schon am ersten März weiter 251 reisten. Kurz nach unserer Abfahrt erlegte ich noch einen Jungfern- kranich, sah aber auch sogleich ein Krokodil auf ihn zuschwimmen und verjagte es nur durch mehrere gut gezielte Schüsse. Der Vogel trieb stromabwärts an's Land, ein Bein fehlte. >Jch habe ihn der Merkwürdigkeit halber ausgestopft und besitze ihn noch gegenwärtig in meiner Sammlung. Wir erreichten Charthum am sechsten März. Ich fand einen Brief von meinen Eltern vor. Für die sogenannte dritte Expedition des Frecherm von Müller waren weder Briefe, noch Wechsel angekommen. Freude» und Leiden während des letzten Aufenthaltes in Carthum. Hat manches Bild mich auch geschreckt Doch würd' es unrecht sein, zu schelten, Denn manches hat mich auch gelabt. Wie Sonnenlicht auf Wolkensäumen Und manchen Traum hab' ich gehabt, Den ich allzeit hätt' mögen träumen." Fre iligrath. Am 8. März. Contariny erschien heute mit einem vielsagenden Gesichte. ,,Eine Neuigkeit, Signori, eine interessante Neuigkeit!" Lange strebten wir vergebens darnach, ihm sein Geheimniß abzulocken. Erst nachdem er unsere Neugicrde möglichst erregt hatte, kam er zur Sache. „Es sind drei Engländer, wahr- und leibhaftige Engländer hier angekommen. Glauben Sie es? Drei Stockengländer." Und nun begann er in seiner humoristischen Weise uns die Gesichter, Brillen, Uhrkcttcn, Hüte, Beinkleider, Röcke, Manieren und Bewegungen der Leute auszumalen, trank seinen „Aquavite" und verschwand, um das wichtige Geheimniß noch weiter zu verbreiten. Die Engländer glichen aber keineswegs den Karrikaturen, welche uns Contariny gezeichnet hatte. Es waren ganz treffliche Leute, mit denen wir manche vergnügte Stunde verlebt haben. Der Ael- teste von ihnen hatte aller Herrn Länder bereist, sprach fertig Deutsch, war Botaniker und ein sehr unterrichteter, gebildeter Mann; die beiden Andern dienten in der Marine der ostindischen Compagnie und machten eine Urlaubsreife — von Bombay über Kairo nach Charthum! Daß sie hierher gekommen, war ganz das Werk des Zufalls. Sie hatten Oberegypten bereisen wollen, wa- 253 MI von einer Stadt zur anderen gezogen und schließlich nach Char- thum gelangt. So etwas kann Engländern wohl begegnen. Hier fanden sie aber, daß sie nicht mehr genug Geld zur Rückreise hatten. Ihre Verlegenheit war groß. Ich nahm mich ihrer treulich an und erhielt auf meinen Namen die ihnen nöthige Geldsumme von Nikola Ulivi und zwar, Dank der früher von mir empfangenen Prügel, zu mäßigen Prozenten vorgestreckt. In kurzer Zeit wurden wir die besten Freunde. Nur eine einzige Schwierigkeit konnten wir nicht sogleich überwinden. Der Botaniker Dr. Bromfield allein sprach deutsch, die jungen Leute redeten außer ihrem Englisch weiter keine mir verständliche Sprache. So blieb unsere Unterhaltung oft auf Gesten beschränkt oder konnte nur durch den gemeinschaftlichen Dragoman Bromfield geführt werden, was diesem und uns lästig werden mußte. Allein wir lernten uns nach und nach doch verstehen und von Tage zu Tage mehr lieben. Noch heute denke ich mit großem Vergnügen an jene angenehme, im Inneren Afrika's gemachte Bekanntschaft. Leider war unser Zusammensein nur von kurzer Dauer. Wir versprachen uns gegenseitig zu schreiben; der Tod hat dieses Versprechen aufgehoben. Wenige Tage nach seiner Abreise von Charthum erlag der Eine, Mr. Lakes, dem Klima Ost-Sudahns. Er starb in Berber el Muche'rrcf. Dr. Bromfield starb, noch vor meiner Ankunft in Eghptcn, in Damaskus an den Folgen des klimatischen Fiebers, und nur der Dritte, Mr. Pengcllcy kehrte nach Indien zurück. Von ihm habe ich Nichts wieder gehört. Es scheint mir Manches traumhaft zu sein, was ich in Nord-Ost-Afrika erlebte; die glücklichen und fröhlichen Stunden, welche ich mit jenen rechtlichen, braven Menschen unter einer Gesellschaft lasterhafter Bösewichte verbrachte, scheinen mir es mehr, als alles Uebrigc. Besäße ich nicht ein von ihnen für mich in Kairo zurückgelassenes Andenken an sie, ein treffliches Fernrohr, ich würde ernstlich versucht sein, zu glauben, ich habe sie nie gekannt. Zuweilen wird es mir ganz wehe um das Herz, wenn ich auf die in Afrika verlebten creignißrcichcn und verhängnißvollcn Jahre zurückblicke. Von meinen dortigen Freunden und Bekannten sind 25L schon jetzt die meisten dem höllischen Klima erlegen. Nur wenige erfreuen sich noch heute ihrer vollen Gesundheit, aber sie sind mir so fern, daß mir ihre Briefe wie Stimmen aus einer andern Welt vorkommen. Von all' Dem, was ich erlebt, ist mir Viel zurückgeblieben und doch ist es für mich unendlich Wenig! — Am 18. März verließ ich mii den Engländern zu Schiffe Charthum, um sie eine Strecke wird zu begleiten. Die Dahabie war mit sechs Ruderern bemannt und eilte rasch den Strom hinab. Ehe die jungen Leute Sudahn wieder verließen, wollten sie erst noch eine Jagdpartie auf dem weißen Flusse machen, weßhalb wir um Rahs e l Charthum herum - und den weißen Strom hinauf segelten. Hier brachten wir in einer Entfernung von ungefähr zwei Meilen von Charthum die Nacht und den größten Theil des folgenden Tages zu, kehrten dann um und landeten unterhalb des uns schon bekannten Dorfes Halfa'r. Am 20. März. Bei Gegenwind schifften wir nur langsam den Strom hinab. Gegen Abend sahen wir hinter dem Gebirgs- zugc in der Nähe des Dorfes Surrurah b ein Schiff mit österreichischer Flagge Hervorfahren. Es kam rasch den Strom heraufge- braust, fuhr aber ganz in unserer Nähe auf eine große Sandbauk auf. Nun wurde cS von unseren Schüssen begrüßt und dann angerufen. Deutsche Worte hallten zu uns herüber; die Dahabie brachte uns den lange ersehnten österreichischen Konsul, unsern Freund, den Dr. Konstantin Rcitz. Ihn begleitete ein großer, schöner Mann, welcher mir als ein deutscher Kaufmann aus St. Petersburg, Herr Bauerhorst, vorgestellt wurde. Nach den ersten herzlichen Begrüßungen fragte ich nach Baron Müller. Die Antwort des Konsuls lautete nicht befriedigend; sie bestätigte mir beinahe eine Nachricht, welche die fliegende Fama längst in Charthum verbreitet hatte, daß nämlich Baron Müller banquerott sei. Für uns hatte Dr. Rcitz von ihm kein Geld, sondern nur einen nichtssagenden Brief voller Be- theuerungen, Klagen und Beileidsbezeugungen erhalten. So war die letzte Hoffnung zerronnen. Ich wußte nicht, wie ich die Hunderte von Meilen, welche mich vom Vatcrlande trennten, zurück- 255 legen sollte. Selbst wenn ich Alles, was ich außer meinen schwer erworbenen Sammlungen besaß, hatte verlausen können, würde der Erlös nicht hingereicht haben, die Reisekosten bis Kairo zu bc- strcitc». Verlassen und verrathen im Innern Afrika's — das war, mit wenig Worten sei es hingestellt, das Lovs, welches uns Baron Müller bereitet hatte. Hätten wir nicht selbst in Charthum edle Menschen gesunden, wir wären verhungert oder wenigstens den Krankheiten Ost-Sudahns, welche den größten Theil meiner dortigen Bekannten in das Grab gebracht haben, zum Opfer gefallen: dem Fieber, welchem der freiwillig noch länger als ich im Sudahn zurückbleibende Dr. Vicrthalcr unterlag*), der Disscnterie, welche unsern braven Reiß in die heiße Erde des Steppendorfcs Tohka in Ost-Sennahr gebettet hat**). Ueber die Handlungsweise des Barons brauche ich Nichts weiter zu sagen, sie spricht eine Sprache, der ich keine Worte zu leihen nöthig habe. Wir blieben bis zum andern Morgen noch mit den Engländern zusammen. Der Abschied von ihnen ging mir und ihnen sehr nahe. » Lakcs umhalste mich noch mehrere Male mit Thränen in den Augen. Ich wünschte ihm eine glückliche, fröhliche Reise nach Kairo und — durch's Leben; er gab mir meine Wünsche reichlich zurück. Mit dem Tuche vor den Augen stand er, so lange ich ihn noch sehen konnte, auf dem Verdeck seiner Barke und winkte mir Abschiedsgrüße zu. — Vierzehn Tage später wurde er auf dem Kirchhofe zu Berber beerdigt! — Nachmittags kamen wir wieder in Charthum an. Ich ging zum Pascha, um ihm die Ankunft des österreichischischcn Konsuls für Charthum „noll' ^krics conto als" anzuzeigen. Am 22. März. Großer Staatsbesuch beim Pascha. Der Konsul in Gallauniform und in Begleitung aller Europäer; Aali- Arha als KonsulatskhawahS mit großem, silbcrbeschlagcnem Stocke geht gravitätisch voran. Der Pascha bemüht sich, alle ihm zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit an den Tag zu legen und ist * so artig und höflich, als er es sein kann. — ») Am 26. August 1852. ") Am 23. März 1853. 256 Der Konsul bezieht einstweilen Dr. Penncy's Wohnung; Baucrhorst wohnt in der vorderen Abtheilung unseres geräumt gen Hauses. Letzterer scheint ein ächter, biederer Deutsche zu sein. Wir schließen uns so viel als zulässig an ihn an. Er hat Proben von verschiedenen europäischen Waaren, hauptsächlich auch Arbeitszeuge und Kurzwaaren mitgebracht und wird mit letzteren bessere Geschäfte machen, als mit den Baumwollenzcugen. Am 30. März. Feierliche Aufrichtung des Konsulatwappens, wozu alle Europäer eingeladen sind. Der Konsul hält an sie eine Anrede in italienischer Sprache, setzt ihnen darin das Wesen und die Wichtigkeit eines europäischen Konsulats aus einander und ladet sie zuletzt als seine Gäste ein. Gegen Abend erscheint auch der Pascha mit seinen höchsten Beamten. Wir verherrlichen das Fest durch einundzwanzig Böllerschüsse. Zwei Tage später gibt Nikola Ulivi dem Konsul zu Ehren eine große Fanthasr'c, bei welcher ich nicht mit bctheiligt bin, weil ich am Fieber darnieder liege. Contariny berichtet mir treulich Alles, was dabei vorgegangen, und schildert mir die Tafel als ganz vorzüglich lururiös und reichhaltig. Der Nashornvogel, den wir mit von unsererer Reise aus dem blauen Flusse gebracht hatten, ist in diesen Tagen an den Folgen eines Schlags gestorben. Er hielt mit einem Affen aus demselben Walde, in dem wir ihn cingefangen hatten, große Freundschaft. Dieser machte mit ihm, was er wollte; er behandelte den Vogel mit der den Affen eigenthümlichen Unverschämtheit und Dreistigkeit, ohne daß sich letzterer darüber erzürnt hätte, vielmehr ließ er sich von seinem übermüthigen Freunde selbst Mißhandlungen gefallen. So haben die Affen eine wahre Sucht, andere Geschöpfe, deren sie habhaft werden können, sorgfältig nach Ungeziefer abzusuchen. Ich besaß einen Pavian, welcher jedes kleinere Säugethicr sogleich wie sein Kind behandelte und emsig zu säubern anfing. Selbst die Menschen, mit denen er Freund war, mußten sich eine sorgfältige Untersuchung ihres Kopfhaares gefallen lassen. Dergleichen 257 Bemühungen dehnte jener Affe nun auch bald auf den Vogel aus. Er ergriff ihn bei seinem riesigen Schnabel und legte mit einer der Vorderhand«: die Federn aus einander. Das ließ sich der Vogel nicht nur willig gefallen, sondern unterstützte es sogar. Er lief selbst zu seinem Freunde hin, bückte sich in eine passende Lage, sträubte seine Federn und ließ ihn gewähren. Gewiß ist dies ein höchst interessantes Beispiel von der Geselligkeit der Thiere. — Unsere Lage wurde durch die ewige Geldverlegenheit immer verwickelter und unangenehmer, vr. Vierthaler trennte sich von mir, weil Jeder jetzt darauf denken mußte, sein eigenes Unterkommen zu finden. Er ging zu seinem Universitätsfreunde, dem Konsul, welcher das Haus des Kaufmanns Rollet gekauft, verbessert und zum Konsulatsgebäude eingerichtet hatte; ich blieb in unserer Wohnung zurück. Gern hätte ich meine Diener entlassen, aber ich war zu arm, um ihnen den schuldigen Lohn auszahlen zu können. Auch macht es in Charthum keinen großen Unterschied, ob man zwei oder sechs nubische Bedienten beköstigt. Außerdem hatte ich den Vortheil, durch ihre Hülfe meine Sammlungen mehr und mehr anwachsen zu sehen. Ich arbeitete daher fortwährend, um wenigstens die noch übrigen Antheile von den Behufs des Sam- melns gekauften Provisionen zu verbrauchen, oder auch, weil ich fühlte, daß nur durch Arbeit meine Lage erträglicher wurde, weil mir die Natur in reicher Fülle Genüsse bot, welche mich einigermaßen das Elend meiner häuslichen Umstände vergessen ließen. Die zu machenden Ausgaben für die Sammlungen gingen allen übrigen vor. Ich vertauschte eine silberne Cylinderuhr gegen acht Pfund Schießpulver! Ich verkaufte Kleider, Waffen, Bücher, Kisten, Wäsche, den wenigen Schmuck, den ich besaß; ich verkaufte Alles, was ich verkaufen konnte. Und wurde mir das Herz einmal gar zu kummerschwer, und war der Dämon des Fiebers einmal auf Stunden von mir gewichen, dann ging ich, mein Gewehr über der Schulter, hinaus in die freie Natur, um III. 17 258 mich wieder zu kräftigen und zu stärken. Da kam mir denn gar oft das Jägerlicd: „Des Morgens zieh' ich früh in's Holz, Die Tannen rauschen und die gold'ne Sonne scheint; Da fühl' ich'S recht mit frend'gem Stolz, Wie gut's der alte Gott doch mit uns meint. Mit jedem Schritte wird ein Leben wach, Die Drossel flötet und das Wildpret schleicht zu Bach rc." in den Sinn und mit ihm auch wieder Trost und Muth. Rauschten auch die Tannen nicht um mich, so rauschten mir doch anstatt ihrer die balsamduftenden Mimosen den Frieden und die Ruhe Gottes zu; statt der Drosseln flöteten afrikanische Sänger*), statt des heimischen Wildprcts zeigte sich mir die schlanke Antilope. Die Zeit der Jagd wurde für mich die des Trostes, der Stärkung und der Erholung. Ich war verlassen, aber ich fühlte es weniger, als man vielleicht glaubt; mir blieben immer noch Freunde und ich hatte das Glück, mir sogar einen neuen, es treu und redlich meinenden zu erwerben. Das warst Du, mein lieber Bauerhorst, der Du mir manche bittere Stunde süß, manches schwere Ungemach leicht oder wenigstens leichter gemacht hast. Du warst mir ein neuer Freund, aber ich brauchte Dich nicht erst alt werden zu lassen, „wie neuen Wein", ich sah bald, „was ich an Dir hatte." Du hast mich leiblich und geistig unterstützt, erhoben und gekräftigt. Diese leichten fliegenden Blätter können Dir kein festes, bleibendes Andenken sichern^, aber sie sollen Dir, edler Mann, wenn sie sich vielleicht sogar bis zu Dir verfliegen, meinen herzlichen, innigen Dank bringen. Bist du doch der Einzige, der mich die meisten der übrigen in Charthum lebenden Christen vergessen machte. Glaube mir, wenn ich all' das Gute, welches Du mir in Afrika erzeigtest, dort einmal nicht zu würdigen verstand, hier in der Heimath versiehe ich es! Aber ich will auch noch anderer Freunde gedenken. Da tritt mir ein biederer Mann vor die Seele; er ist Mohammedaner; Hus- *) z. B. die Droßlinge. 259 scln-Arha ist sein Name. Um jedoch meiner Erzählung nicht vorzugreifen, will ich diesen Mann erst später schildern. Einen andern Freund kann ich nennen. Er ist uns schon näher bekannt geworden, denn er ist ja der Bornchmste des ganzen Sudahn; ich meine den Gcneralgouvcrneur Latief-Pascha. Die vier Monate, während deren ich meine Schuld an ihn zurückzuzahlen versprochen hatte, waren vorüber. Ich gab dem Pascha Kunde von meinen bedrängten Verhältnissen und bedauerte, mein Versprechen nicht erfüllen zu können. Er gab mir eine recht kurze Antwort; sie enthielt nur die wenigen Worte: „Lsai veä bsnLIr mäkisoll tekllsk", aber diese wenigen Worte enthielten einen ganzen Schatz von Edclmuth. Sie lauten in's Deutsche übersetzt ohne Commentar: „Zwischen mir und zwischen Dir gibt es keine beschwerlichen Dinge." Das versteht man nun freilich im Deutschen nicht, wenigstens könnte man es mißverstehen. Ich will deßhalb die wahre Bedeutung angeben. Jene Worte besagten in diesem Falle ungefähr Folgendes: „Chalihl-Essend!, Du warst in Noth und ich konnte Dich, Gott sei Dank, daraus befreien. Du bist mir dadurch verbindlich geworden; allein ich will Dir keine neue Noth bereiten, sondern Dir sagen, daß es „ „zwischen mir und Dir keine Verbindlichkeiten"" gibt." — Ich bat den Pascha, mir, wenn es möglich wäre, etwas Schicß- pulver zu verabreichen. „Gebt dem Herrn sechstausend Stück Militärpatronen zum Einkaufspreise der Regierung!" lautete die Antwort, welche ich dem Aufseher des Pulvermagazins zu überbringen hatte. Das Pulver war freilich schlecht, aber das Pfund kostete mich auch nur fünf Piaster. Die Bleikugeln hatte ich bei dieser Berechnung umsonst; ich goß Schrote aus ihnen. Welchen Namen gebe ich nun den Handlungen dieses Mannes? „Türkische" kann ich sie nicht nennen, denn da würde ein großer Theil meiner Leser an grausame denken. „Christliche"? Im Vergleich zu den Handlungen der Christen Charthums wäre dieser Ausdruck doch eine Herabsetzung jener Wohlthaten, die ich bei mir selbst nicht verantworten könnte. Und wie kann denn auch ein Türke, ein ,,irrgläubiger Muselmann", ein Wielandscher 17 * 260 „Hekde" christliche Thaten thun? Ich muß eS meinen Lesern überlassen, selbst eine Bezeichnung für sie aufzufinden. Nur wundere man sich nicht, wenn ich die Türken achte und liebe. Sie haben mich dazu gezwungen, gezwungen durch viele Thaten des Edelmuthes, der reinsten Menschlichkeit, Menschenliebe und Barmherzigkeit. Ich wiederhole es: die Christen in Ost-Sudahn mit Ausnahme der wenigen, welche wir als rechtlich und bieder kennen gelernt haben, hätten mich verhungern lassen, ja sie hätten mich vergiftet und sich frohlockend in meinen Nachlaß getheilt, wenn sie gekonnt hätten; sie haben mich tief gekränkt, belogen, betrogen, be- stohlen, verleumdet. Die Türken haben sich meiner angenommen, mich Bruder, Freund, Sohn genannt und mich als Bruder, Freund und Sohn behandelt; sie achte und liebe ich; aber ich verachte und hasse jene Frevler an dem innersten, heiligsten Kern unserer Religion, jene Schänder des Namens meiner Glaubensbrüder! Wollte auch ich heucheln, dann würde ich sagen, ich bcdaure sie; aber ich fühle es zu tief, daß mein Haß gerecht ist. — Die Liste meiner Freunde ist jedoch noch nicht geschlossen. Ich nenne noch meinen ehrlichen Aali-Arha, ich nenne meine braunen Diener, welche mir treu wie Gold geblieben sind und mit mir Freud und Leid getheilt haben. Ich weiß noch einen Freund, der mir immer geblieben ist, der auch manchem Anderen Trost gebracht hat. Er ist kalt und fühllos, aber dennoch fähig, Freud' und Trost zu bringen. Durch meinen Gewährsmann, den Dichter des schon erwähnten Jägerliedes, lasse ich ihn nennen: „Ich bin ein armes Waidmannsblut, Und hab' kein eigen Dach in meinem Jagdrevier, Doch wahr' ich einem Schatz so gut, Des Kaisers Krone tausch' ich nicht dafür. Das ist mein Trost gcwest zu jeder Zeit In bangen Sorgen und in stillem Herzeleid Ein wack'rer Fels im Sturmesheer: Es ist mein Pulverhorn und mein Gewehr!" Ja, wahrlich! ich hätte eigentlich nicht klagen sollen. Ich hatte bei all' meiner Armuth doch noch Viel, sehr Viel. Ich hatte Gottcö Sonne und seine hochheilige Natur, ich hatte in meinem Hofe eine eigene kleine Welt. Wie viel Vergnügen machten mir meine zahmen Ibisse, die lebenden großen Thiere; wie schmeichelten mir die Affen, wie liebkoste mich Bachicda! Aber freilich Geld hatte ich nicht; oft mußte ich mir die Frage auswerfen: „Herr, was werden wir morgen essen?" Oft raubte mir jenes „Geschenk deS Teufels", das gräßliche Wcchselficbcr, Kraft und Muth. Und dann, welch' tiefen, bittern Groll hegte ich gegen die große Mehrzahl der Menschen, von denen mich fast alle diejenigen, mit denen ich näher in Berührung kam, belogen, betrogen, ja beinahe um meine Menschenliebe besrohlen hatten! Jetzt, wo ich ruhig und theilnahmlos in ihr buntes Treiben schaue, muß ich über meine damaligen Gedanken lächeln; begreiflich finde ich sie aber heute noch. Damals bin ich oft in den Diwahn B au er horst's gegangen, um mir die trüben Gedanken aus dem Sinne zu schlagen oder mit ihm zu plaudern. Zuweilen stritten wir uns wohl auch einmal, aber immer wurde der Friede bald wieder hergestellt. Stundenlang spielte ich mit Bachieda. Ich gewann sie sehr lieb, sie wurde meine beste Freundin. In ihrem Charakter fand man noch Offenherzigkeit, Kraftsülle, Ehrlichkeit und Gemüthlichkeit vereint. Aber wer war denn eigentlich Bachieda? wird man fragen. Das hätte ich freilich meinen Lesern vorher sagen sollen, zumal da, wie wir wissen, Bachieda ein Mädchenname ist, der aus dem Persischen stammt und „die Glückliche" bedeutet. Und da könnte man glauben, als habe Fraucnliebc mir damals Trost gebracht. Nun Bachieda war zwar in der That weiblichen Geschlechts, aber kein Mädchen. Sie war, um eö kurz zu sagen, die meinem Freunde Bauerhorst gehörige junge Löwin, mit deren Erziehung er mich betraut hatte. Er hatte sie von Laticf- Pascha zum Geschenk erhalten, weil ich diesem sagte, daß mein Freund das junge Thicrchen allerliebst finde. Die Löwin mochte ungefähr ein halbes Jahr alt sein, als wir sie bekamen. Sie hatte die Größe eines mittleren Dachshundes, war schon ganz zahm und mit den Menschen bekannt geworden und durfte frei herumlaufen. Ich nahm mich ihrer besonders an und gewann bald ihre Anhänglichkeit. 262 Sie folgte mir wie ein Hund auf dem Fuße nach. Oft besuchte sie auch ihren früheren Herrn, den sie sogleich erkannte, wenn er zu Fuß oder zu Roß in die Nahe unseres Hauses kam. Nachts theilte die Löwin nicht selten das Lager mit mir; sie war zahmer, als ein Hund, und betrug sich immer sehr artig. Nur als sie größer wurde, mußte sie einige Male wegen Wildheit gezüchtigt werden. Sie spielte mit den Pavianen, welche wir besaßen, wurde aber von ihnen ängstlich gemieden. Einmal fraß sie einen kleinen Affen, ein anderes Mal tödtete sie einen Schafbock, mit dem sie oft spielte, mit einem Schlage ihrer kräftigen Pranken. Wenn wir sie zu derb züchtigten, ging sie wüthend auf uns los, wurde aber sehr bald wieder sanft und gerade so gutmüthig, wie vorher. Wir haben mit diesem schönen Thiere manche angenehme Stunde verlebt; ich habe es begreiflich finden lernen, daß Thiere den Verlust des Umganges mit Menschen ersetzen können. — So verlebte ich den Sommer des Jahres 1851. Er hatte viele böse, aber auch manche gute Tage. Die mir bekannten Dinge Charthums gingen schleppend ihren Gang, ohne daß Etwas geschehen wäre, was Abwechselung in unsere Einförmigkeit gebracht hätte. Die Notizen über das, was ich erlebt, sind immer sehr kurz im Tagebuche. Ich will daraus noch Einiges mittheilen: Am 8. Mai 1851. Ankunft mehrerer Briefe aus der Hcimath. Am 9. Mai. Auf dem Basare hängt man einen Mörder. Am 17. haben wir ein ziemlich starkes Gewitter; am 2 4. frißt ein Krokodil einen Knaben von ungefähr acht Jahren auf der im blauen Flusse liegenden Sandbank; am 1. Juni fahren wir Deutschen nach Halfai und besuchen einen Bekannten von mir, den Türken I brah im - Arh a, von dem wir festlich empfangen werden. Ende Juni tritt Aali-Arha aus meinen Diensten, weil er die reiche Wittwe eines türkischen Kaufmanns heirathcn will, und wird von dem Pascha als Khawahs des Nahsir el Enke*) mit einem Gehalt von monatlich hundert und fünfzig Piastern angestellt. Aali-Arha hofft, diese Summe durch viele gezwun- *) S. Th. 1 S. 172. 263 gcne Verheirathungen zu verdoppeln. Er versichert mir, daß er mit seiner häuslichen Glückseligkeit zufrieden sei, und preist seinen guten Genius, der ihn mir zugesellt und so zu Dem gemacht habe, was er sei. Wäre es der ehrlichen Seele doch recht wohl ergangen! Aber leider haben sie, wie ich unlängst erfuhr, auch ihn schon in das Lailach gehüllt! Im Anfang des Juli kommt unser Hausherr, ein gewisser Solimahn - Es fendi von Kordofahn, ohne Erlaubniß seines Chefs, des schon mehrfach erwähnten Mahammed - Arha- Wannli^) hier an, um sich beim Pascha über Letzteren zu beklagen. Da sich aber Mahammed-Arha auf einem Kriegszuge gegen den König von Takhale befindet, wird die Reise als Desertion angesehen, dieser mit fünfhundert Peitschenhieben bestraft und mit der Schcba am Halse zu seinem niederträchtigen Obersten zurückgesandt. Sechsundzwanzig türkische Soldaten, welche früher gekommen waren, um ebenfalls gegen Mahammed-Arha Klage zu führen, wurden ebenso bestraft, aber nach Khassahn in die Gold- bergwerke gesandt. Der Pascha übt bei derartigen Vcrgehungcn selten Milde aus; bei Verbrechen kennt er keine Gnade. Zwei türkische Soldaten im Dienste Ibrahim - Arha's in Halfai, von denen der eine, als Räuber schon bestraft, als Mörder angecklagt worden war und jetzt in Halfen im Gefängnisse saß, der andere aber der Wächtor des Ersteren war, entflohen und wandten sich auf gestohlenen Kamelen der Grenze Abyssinicns zu. Sie wurden verfolgt, eingeholt und sollten gefangen genommen werden, tödteten aber mehrere der sie verfolgenden Soldaten und konnten erst überwältigt werden, nachdem sie verwundet und vcrlhcidigungsunfähig waren. Man brachte sie nach Halfai zurück und meldete dem Pascha den Vorfall. Dieser gab Befehl, beide Verbrecher zu erschießen, aber noch ehe derselbe ausgeführt werden konnte, war der Eine bereits an seinen Wunden verschieden, der Andere dem Tode nahe. Man band den Gestorbenen, sowie auch den Anderen, der nicht gehen konnte, auf ) S. Th. 1 S, 25t. 204 Anakharihb brachte Beide vor das Dorf und schoß Beiden, um dem Befehle vollkommen zu genügen, die Kugel durch die Brust. Bauerhorst hatte seine Geschäfte in Charthum beendet. Er sah ein, daß jetzt für ihn Wenig zu thun sei, und beschloß, nach Kairo zurückzureisen, um von dort aus mit größeren Capitalien einen zweiten Handclsversuch zu machen, welcher wohl auch einträglich geworden wäre. Seine Freundschaft für mich ging so weit, daß er mich und mein Gepäck mit sich nach Kairo zu nehmen und alle Reisekosten für mich auszulegen versprach. Nun kam es nur darauf an, ob mir mein Hauptgläubiger, der Pascha, die Erlaubniß zur Abreise geben würde. Wir gingen deßhalb am 3. August zu ihm, Bauerhorst, um Abschied zu nehmen, ich, um ihn zu bitten, einen Wechsel auf Kairo annehmen zu wollen. Der Pascha war schlechter Lärme und im Anfange sehr kalt. Ich übersetzte zuerst Baucrnhorst's Abschiedsworte und kam dann zu meiner Bitte. ,,Herrlichkeit," sagte ich zu ihm, „ich muß zu Grunde gehen, wenn ich noch einige Wochen hier verweile. Nach Aussage der Aerzte ist mein geschwächter Körper nicht mehr fähig, einem neuen Ficberanfall Widerstand zu leisten. Ich muß eilen, ein gesundes Klima zu erreichen; auch möchte ich gern die Lieben im Vaterlande wieder sehen, von denen ich so lange getrennt gewesen bin." „„Aber wer hält Dich denn hier zurück, Chalihl - Essend! ? So ziehe doch in Frieden Deiner Heimath zu!"" „Herrlichkeit, mich hält einzig und allein mein gegebenes Wort zurück. Ein rechtlicher Mann muß sich durch dasselbe für gebunden erachten, selbst wenn er seinen unvermeidlichen Untergang vor sich sähe. Ich bin Dein Schuldner und freue mich, es zu sein, weil ich dadurch Deine Großmuth erkennen lernte. Es ist mir aber unmöglich, mein Wort hier zu lösen, wie ich es versprochen habe; ich kann es nur in Kairo. Willst Du mir erlauben, daß ich dahin abreisen darf, so wirst Du das Maß Deiner gegen den Fremdling reichlich bewiesenen Gnade übervoll machen." 265 „„Lil äiadulo! Was denkst Du von mir, Ehalihl-Effendi? Ziehe in Frieden! Du bist nicht mir, Du bist der Regierung Ost - Sudahns Geld schuldig. Die Schatzkammer derselben wird Dir zur Bezahlung Deiner Schuld längere Frist gestatten. Bezahle zwei Monate nach Deiner Ankunft die der Regierung schuldige Summe an Deinen Konsul in Kairo; ich werde dort das Geld erheben lassen. Aber wie willst Du nach Kairo gelangen? Du hast eine Reise von mehreren hundert Meilen vor Dir, wo willst Du die Reisekosten hernehmen?"" „Mein Freund Bauerhorst hat mir versprochen, diese bis nach Kairo auszulegen." „„Ganz gut, Chalihl-Effendi. Aber ich will Dir noch eine Lehre geben. Du bist jung und kannst noch nicht die Menschen- kenntniß besitzen, welche ich mir durch lange Erfahrung im Ge- schäftslcben erworben habe. Glaube mir, der beste Freund verwandelt sich allgemach in einen Feind, wenn man ihn fortwährend um Geld anzusprechen gezwungen ist. Ich kann verhüten, daß auch Du diese Erfahrung machst, und ich will es. Schicke mir morgen ein Gesuch zu; ich werde darauf verfügen, daß man Dir noch fünftausend Piaster aus der Schatzkammer auszahlt. Du bist der Regierung dann zehntausend Piaster schuldig; zahle sie in Kairo an Deinen Konsul zurück."" Ich fand im Anfange keine Worte, meinen Dank anözudrük- ken. Endlich sagte ich ihm: „Herrlichkeit, Deine Gnade drückt mich zu Boden, ich werde Deinen Edclmuth nie vergessen." Er mag in meinen feuchten Blicken wohl gelesen haben, was ich fühlte. Freundlich entließ er mich*). Am folgenden!Tage erhielt ich die erwähnte Summe ausbezahlt. *) Nachdem ich im Vaterlands, und Latief-Pascha wieder in Kairo angekommen war, hielt ich es für meine Pflicht, ihm nochmals zu danken. Ich schrieb in französischer Sprach an ihn und erhielt sehr bald eine mir höchst schmeichelhafte Antwort. Der geneigte Leser möge nicht glauben, daß ich mich mit den in jenem Briefe enthaltenen Schmeicheleien brüsten will, aber der Brief wird ihm einen Beweis liefern, wie freundschaftlich Latief gegen mich gesinnt war. Ich bin stolz, daß ich mir das Wohlwollen dieses ausgezeich. neten Mannes erwarb und entblöde mich nicht, dies zu sagen. 266 Am 11. August. Ich machte heute meinen Abschiedsbesuch beim Pascha. Nachdem er sich sehr Viel mit mir unterhalten hatte, schickte ich mich zum Weggehen an und bat ihn nach türkischem Gebrauche um Erlaubniß dazu. „Nein, Chalihl-Effcndi," antwortete der Pascha, „warte noch ein Wenig; eben erfahre ich, daß ich jetzt eine gewiß interessante Audienz zu geben habe; der Gesandte Der Brief des Pascha lautete: llsire, !e 23. Lecemdre 1852. Aionsieur, Voll« do >ne letlre du 27. octvbro dcrnier que j'rii re^ue la semai'ne dernivre, m's causv u» plaisir d'aulant plus ssraud qu'elle m's appl ie le pai kait ölst äs votre saute, s isquelle je por.e et portersi toujours le plus vik interet. de ' 0 »s remercie, ülonsieur, des clroses üalteuses que . ous nie dites dans vvirs letlre. ainsi qrre des veux que vous forme n pvur inol. d'en korure sutaut pvur rolre donlieur. de crois, que raus exagerer los Services que j'ai pu vous rendre au Lennaar Pendant que j'avai Is direclion de ce vaste gouveinemenl. Daus tous les cas je suis die» sise, d'avvir pu etrs de quelquo utilite ä »ue persvnno gusn estimable que von,, ltlonsieur, vous Irouvsllt surlout ä uns tres Grande distance du paz>s qui vous s vu aaltre. Du resle, je n'si lall pvur vous que c« que vous inerilie/ sous tous les rapports. d'ai sppris avec joie que vous erier arrive Kien pvrtant au sein de votre kinille, et que vous etie eontant et lieirreux aupres de ü!r. votre don et exellant pere dont vous kaltes le bondenr. de vous pris d'szreer les veux dien sinceres que je forme pour vous au eonu»eiiceinent de ?a»nee '853. vaigue l'otre supreme les exaucer et vous en ressenlirer les deureux elkeis. d'ai I'Ilonneur d'elre älonsieur, avec .a consideration In plus disti'nques volre tres du.-uble et tres vbeissant servileur l-alik- ?ascl>s. (Eigenhändige Namensunterschrift mit arabischen Buchstaben.) Zu gleicher Zeit richtete der Pascha ein ebenso freundliches Schreiben an meinen theure» Barer, den er sehr hoch schätzt. Er sagte zu dem Konsul Dr. Reitz, als dieser ihm einen nach meiner Abreise in Charthnm angekommenen, an den Pascha gerichteten Brief meines Vaters übersetzte: „Ohne daß ich den Mann kenne, welcher die Güte gehabt Hai, an mich zu schreiben, habe ich ihn liebgewonnen. Ich weiß, daß sein Sohn Cha- lihl-Effendi die Summe zurückbezahlen wird, welche er mir schuldet, aber wenn er es nicht thäte, würde mich dieser Brief vollkommen entschädigen." 267 Seiner Majestät, des allergnädigst regierenden großen Büffels, zur Zeit durch Gottes und seines Propheten Gnade Königs von Dahr- Fuhr, wird sogleich erscheinen, um über wichtige Staatsgeschäfte mit mir zu sprechen." Obgleich der Pascha bei Aufzählung derehr- surchtgebietenden Titel Seiner schwarzen Majestät ein wiederholtes schlaues Lächeln nicht unterdrückte, und wir demnach schon im Voraus wußten, wie die schwarze Ercellcnz ungefähr aussehen würde, war doch unsere Neugierde hinreichend erregt worden, um zu bleiben. Es dauerte auch nicht lange, so erschien im Diwahn der Erwartete in Begleitung eines in Charthum ansäßigen Schech von den braunen Eingebornen des Landes. Seine Ercellenz, der schwarze Minister waren in ein langes, schreiend roth und gelb gestreiftes Kattunhemd gehüllt, traten bis in die Mitte des Diwahn mit edlem Fuhranstand vor, schauten entsetzlich dumm in die Runde, wandten sich dann dem Pascha zu und legten grüßend dreimal die Hand auf Mund und Stirn, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Eine Handbewcgung des Pascha lud den Minister und seinen arabischen Begleiter zum Sitzen ein; Beide erhielten Kasse, aber keine Pfeifen. Der Schech begann nun das Gesuch Seiner Ercellcnz vorzutragen. Zuerst erlaubte sich diese, dem Pascha die allerungcwöhnlichst freundlichen Gesinnungen Seiner Majestät, des großen Büffels zu versichern, bat dann um freies Geleit für die Tante Seiner Majestät, die allergnädigste Prinzessin Soakim, welche im Begriff stehe, dem Gesandten ihres Glaubens, dem von Gott gepriesenen und begnadigten Propheten Mähainnred — ^Ilslrm'sollsmwu sollsm nslsidn— den heiligsten Tribut zu zollen, die Wallfahrt nach der Kaaba anzutreten und zu ihrem zeitlichen und ewigen Heile die mühsame, beschwerliche und gefahrvolle Pilgerreise „in- svlisllolr-' glücklich zu beenden. Seine Majestät sei vollkommen überzeugt, daß Ihre Nachbarn, die Türken, einem so gottseligen Werke gewiß Nichts in den Weg stellen, sondern es eher auf alle Art und Weise fördern würden. Die Regierung werde daher un- bezweifelt auch die Verpflegungs - und Reisekosten für die Prinzessin und ihr Gefolge während der Dauer der ganzen Reise durch tür- 268 kisches Gebiet übernehmen; denn obgleich die Schatzkammer Seiner Majestät unerschöpfbar an— Elfenbein sei, wäre es doch erwünscht..... Mehrere Male sah mich der Pascha während des Vertrags lächelnd an; er wurde durch den Pomp der Sprachweise des Fuhr- Ministers sehr heiler gestimmt und machte mich in italienischer Sprache auf die pikanten Prahlereien noch ganz besonders aufmerksam. Dann wandte er sich an den Schwarzen und sicherte ihm die Gewähr seines Antrages zu, verwechselte aber im Lauf der Rede, aus ihm sehr verzeihlicher Ungeläufigkcit der arabischen Sprache, das Lpitlroton ornans Seiner Majestät „großer Büffel" hartnäckig mit dem nicht gerade schmeichelhaften Titel „großer Ochse," wobei jedesmal ein trüber Schatten über das dunkle Gesicht des Ministers flog. Ein Beamter des Diwalm erhielt dann den Befehl, die ganze Pilgerkarawane mit Obdach und Nahrung aus Kosten der Regierung zu versorgen. Mau räumte ihnen ein sehr weitläufiges Gebäude für die Dauer ihres Aufenthaltes in Eharthum ein. Die Prinzessin bezog dessen Harehm. Ihr Gefolge bestand aus acht und sechzig Individuen: Dienern und Sklavinnen Ihrer Hoheit, Kaufleuten und frommen Gläubigen, welche sich dem Zuge angeschlossen hatten. Es war natürlich, daß wir Europäer die Prinzessin zu sehen wünschten. Wir beschlossen ihr, den Konsul an der Spitze, einen feierlichen Besuch abzustatten, wozu man den 14. August wählte. In solennem Aufzeige schritten wir Morgens der Wohnung Ihrer Hoheit zu, hatten aber keine günstige Zeit getroffen, denn eben verließ sie das Haus hoch zu Roß, um den Damen des Harehm Latief- Pascha'S einen Staatsbesuch zu mache». Die Dame ritt auf einem jener kleinen, aber als vorzüglich bekannten Fuhrpferdc mit türkischem Sattel und Zeug und zwar nicht wie Frauen, sondern wie Männer zu reiten pflegen, wozu sich die türkisch-arabische Kleidung, welche sie trug, mehr eignet als die unserer Damen. Sie war umgeben von einigen in Lumpen gehüllten Kerlen, von denen der Eine, wahrscheinlich der Herr Oberstallmeistcr Ihrer Hoheit, das Roß am Zaume führte. Rechts und links gingen sechs bis acht Sklavinnen, gekleidet wie die Sudahnesinnen, d. h. die uns bekannte 269 Ferdah wie diese um sich geworfen; sie trugen an Schnüre gereihte , rundliche Bernsteknstücken in den gefetteten Haaren und waren barfüßig. Dame Soakim trug ein rund zusammengewickeltes schreiend gelbes Tuch turbanähnlich auf dem Kopfe; die Enden des Tuches hingen zu beiden Seiten lang herab. Sie war sehr sorgfältig verschleiert. Nur kurz über den Steigbügeln ließ sich ein buntgestreifter, halbseidener Stoff erkennen, wie ihn die Frauen der egyptischen Fellahhihn tragen; wahrscheinlich bestanden ihre Beinkleider daraus. So bewegte sich der Zug in vollem Trabe an uns vorüber. Getauscht sahen wir der, um mich orientalisch auszudrücken, „in die Wolken der Schleier gehüllten" Erscheinung nach. Vor Allen machte der Konsul dem Schmerzgefühle vereitelter Hoffnungen Luft in derben Flüchen gegen den Unglücksvogcl, Osmahn, seinen Bedienten, weil dieser durch seine Nachlässigkeit seinen Gebieter mehrere Stunden hingehalten hatte. Nachmittags begünstigte uns dagegen das Glück. Die Dame war zu sprechen und befand sich, als wir in den ihrem Gesinde! eingeräumten Hof traten, im Harchm oder der hintersten Abtheilung ihrer Wohnung. Wir wurden angemeldet, hörten innen gewaltig schelten uud lärmen und warteten geduldig, bis der erwähnte Lump, welcher heute als Stallmeister fungirt halte, in Begleitung eines ditto Anderen, uns mit bedeutungsvollen Winken nach dem Innern rief. Der Konsul ging voran, wir folgten. Inmitten des geräumigen Hofes saß die Prinzessin mit gekreuzten Beinen auf einem langen und schmalen Teppiche und erhob sich bei unserem Ein- tritte. Seine Erccllenz, der uns schon aus dem Diwahn her bekannte Minister nöthigte uns zum Sitzen, was auch die bunte Gesellschaft in den mannigfaltigsten Stellungen und mit grimmigem Mienenspiel endlich zu Stande brachte. Der Platz zum Sitzen war nämlich gar zu türkisch bereitet worden; es war ein dünner Teppich, den man platt auf die Erde gelegt hatte. Für mich und die übrigen türkisch gekleideten und mit türkisch-arabischen Sitten und Gebräuchen wohlbekannten Europäer war der Teppich ganz bequem, nicht so aber für den in enger europäischer Uniform steckenden Konsul oder meinen Freund Baucrhorst im Ballfrack und engen Bein- 270 kleidern mit Sprungriemen. Nachdem wir uns zuletzt doch gesetzt oder mehr gelagert hatten, ließ sich auch Ihre Hoheit wieder nieder und erhielt sogleich Gesellschaft in der Person Seiner Ereellcnz des Stallmeisters, der unverschämt genug war, sich dicht hinter sie auf die Fersen zu hocken und ihr dann und wann gar vertrauliche Worte in's Ohr zu flüstern. Der Minister setzte sich in respektabler Entfernung vor sie hin und nahm Theil an der nun beginnenden Unterhaltung. Diese eröffnete der Konsul damit, daß er der Prinzessin durch seinen Bedienten Geschenke anbieten ließ, welche in wohlriechenden Seifen, Bonbons, kölnischem Wasser u. s. w. bestanden. Sie nahm dieselben, wie es schien, mit großem Vergnügen au und erwiderte sie mit Danksagungen in arabischer Sprache. Ihre wohlgewähltcn Ausdrücke zeugten von einer großen Geläufigkeit der Sprache, während der Konsul sich vergeblich bemühte, ihr in gewählten Ausdrücken den hohen Zweck seines Erscheinens und die Wichtigkeit eines direkten Verkehrs der Europäer mit den Unterthanen Sr. Majestät des „großen Büffels" begreiflich zu machen. Er war damals der Landessprache noch so wenig mächtig, daß wir Andern seine Phrasen, deren Sinn wir recht wohl verstehen konnten, erst in reines Arabisch übersetzen mußten, um sie der Prinzessin genießbar zu machen. Während Reitz diplomati- sirte, fand ich Zeit, Dame Soakim etwas näher zu betrachten. Sie war in eine große, halbseidene Milaie*) eingehüllt und hatte sich mit dieser auch den Kopf und das Gesicht verschleiert. Doch gelang es mir einmal, einen Augenblick das letztere zu sehen; es zeigte allzu deutlich die Spuren von dreißig, unter der Sonne Central - Afrika's verlebten Jahren und war — sehr häßlich. Um die Handgelenke trug sie Bernsteinketten als Armbänder; die einzelnen Stücken waren von beträchtlicher Größe. Sie hatte sich mit dem Gesicht von uns abgewendet, zeigte uns nur ihre linke Seite und schien sehr sorgsam die türkische Fraucnsitte zu beobachten. Bei alledcm war sie sehr aufmerksam auf das um sie her Vorgehende, *) Ein Umschlagetuch, der Ferdah ähnlich, nur mehr quadratisch gestaltet und aus besseren Stoffen gefertigt. 271 antwortete rasch und befriedigend auf mehrere Fragen, welche wir ihr vorlegten und fand dabei noch immer Zeit, in der, wie alle äthiopischen und Negerfprachen, wohlklingenden Fuhrsprache Befehle an ihre Dienerschaft zu richten. Diese bestand zunächst in einer jungen und gar nicht häßlichen Sklavin, vielleicht der Kammerzofe oder Gesellschaftsdame Ihrer Hoheit, welche in einiger Entfernung von ihr auf der Erde kniete und ihre Gebieterin fortwährend beobachtete. Auch sie war reichlich mit Bernsteinschnuren geputzt. Wenige Worte der Prinzessin, wahrscheinlich einen Befehl ausdruckend, veranlaßten sie, sich in daS Innere des Hauses zu begeben, von woher sie später nicht wieder zurückkehrte. Die strenge Etiquette Fuhrs erlaubte ihr nicht, zu gehen; sie kroch wie ein Hund auf Händen und Füßen davon. Im Hintergründe des Hofes war eine andere Sklavin beschäftigt, saftiges Rindfleisch in dünne Streifen zu schneiden und diese in der Sonne zu trocknen, um sie für Wüstenreisen transportabel zu machen. Eine Dritte hing ein Paar Unterbeinkleider der Prinzessin zum Trocknen auf; zwei noch nicht erwachsene Mädchen saßen in einem Winkel und wuschen andere Kleider aus. Sie schienen mir noch das Flügelkleid der Damen Fuhrs zu tragen. Ihre ganze Kleidung bestand nämlich nur aus zwei, ungefähr drit- tehalb Zoll breiten Bändern aus grobem Baumwollenstoff. Das eine derselben diente als Gürtel, daS andere war an dem ersteren befestigt; mein geneigter Leser mag errathen, wie. Das war Alles, was wir von dem Haushalte Ihrer Hoheit zu sehen bekamen. Unsere Audienz währte ohnehin bloß kurze Zeit, so daß unseren Beobachtungen nur ein sehr beschränkter Spielraum geboten wurde. Nach ungefähr einer Viertelstunde erhob sich Dame Soakim. Seine Excellenz der Herr Minister ließen sich herab, uns bis vor das Hofthor zu begleiten und waren so gütig, die Versicherung auszudrücken, daß unser Besuch Ihrer Hoheit gewiß gefallen haben werde. Der Konsul setzte sogleich mit ihm seine diplomatischen Unterhandlungen fort und war wirklich so glücklich, zuletzt von Sr. Excellenz die Möglichkeit in Aussicht gestellt zu sehen, daß Seine Majestät der König von Fuhr es erlauben würde, » l 272 > wenn einer der Suditcn des Konsuls sein Land besuchen wolle. ' - Trotzdem würde ich, selbst wenn mir Zeit und Mittel zu Gebote gestanden hätten, es dennoch nicht gewagt haben, auf die Worte des Herrn Ministers hin Fuhr zu betreten, weil ich alle Ursache habe, zu glauben, daß mir dann das unvermeidliche Schicksal aller Europäer, welche dorthin kommen, bevorstände*). Wir schieden mit der Versicherung einer gegenseitigen Achtung von einander. — Nachdem ich vom Pascha Geld zu meiner Reise nach Egypten erhalten hatte, dachte ich daran, einige meiner Gläubiger zu befriedigen, welche ich sonst erst von Kairo aus hätte bezahlen können. Unter ihnen befand sich Husscin-Arha, von dem ich, wie wir wissen, zweitausend Piaster geliehen hatte. Ich habe bisher noch Wenig über diesen Mann mitgetheilt. Husscm-Arha war der Oberst eines Sendjeklik **) Arnanten, fiel aber bei dem Vizckönig AabahS-Pascha in Ungnade, weil dieser ihm zu Leb- und Regierungszeiten seines GroßvvterS Mahammed-Aali ein edles > arabisches Roß abkaufen resp. von ihm geschenkt haben wollte, welches *) Seine Majestät, der allergnädigstregierende „große Büffel", Sul- tahn von Dahr e> Fuhr, gernhen, alle Europäer für höchst brauchbare Menschen anzusehen. Nur haben Se. Majestät leider ein — uns übrigens sehr schmeichelhaftes — Vornriheil, daß ein Europäer alle nur erdenkbaren Kenntnisse in sich vereinigen müsse. Deßhalb belieben Sie auch zu verlangen, daß ein und derselbe Europäer, „einer jener spaßhaften und gescheuten Kerls, von denen Er so Viel gehört habe", Gewehre, Kanonen, Leinwand, Schieß- pulver, Taschenuhren, Spiegel, Schmuckgegenstände, Elfenbeinarbeiten, Arzneien und alle die Dinge, welche Se. Majestät einmal zu sehen bekamen, zugleich anfertige. Der Europäer genießt dagegen große Vortheile vor anderen Einwohnern Fuhrs; er erhält drei bis vier Sklavinnen, mehrere Sklaven, welche ihm sein Feld bestellen, eine Hütte und dergl. mehr, darf jedoch nie das Land verlassen. Er befindet sich zwar in einem weiten Kerker, aber doch gefangen. Früher schlug man jeden Weißen, ,der die Grenzen Dahr el Fuhrs betrat, ohne viele Umstände todt; man hielt ihn für einen Spion der Türken, welche bekanntlich die früher fuhrische Provinz Kordvfahn eroberten. Aus chiese» wenigen Worten erklärt sich genugsam die Unkenntniß dieses großen Negerstaates. ") S. Th. 1 S. 191. 273 Hussein - Arha zu verkaufen sich weigerte, indem er ganz trocken sagte: „Effendina, Du reitest sehr gern ein gutes Pferd, ich aber auch." Hussein-Arha war der Abgott seiner Soldaten, der Tapferste und Kühnste bei jedem Gefecht, der beste Befehlshaber; aber er wurde sogleich seines Dienstes entsetzt, nachdem Aabahs- Pascha zur Regierung gekommen war. Ein alter Türke, der unter Hussein gedient Patte und diesen mir gegenüber rühmte, sagte: „Aabahs-Pascha fürchtet den Löwen, weil er nur mit Hunden zu spielen gewohnt ist." Unser Oberst wurde nun Kaufmann und lebte, da er aus einer alten, guten und wohlhabenden Familie stammte, also vom Hause aus Vermögen besaß, sich auch während seines langen Dienstes wohl Etwas erspart haben mochte, auf einem eben so großen Fuße, als früher, eben so geachtet, nur nicht so vergnügt, weil ein alter Kriegsmann das Schwert gewiß nie gern mit der Elle vertauscht. Die Wohnung und der Harehm Hussein-Arha's befanden sich in Schendi, wo der Oberst ausgedehnte Besitzungen besaß oder vielmehr bewirthschaftete, weil bekanntlich aller Grund und Boden als Eigenthum der Regierung angesehen wird. Aber er brachte einen großen Theil des Jahres in Charthum zu und bewohnte hier ein kleines Haus mit wenigen Dienern. Ich suchte ihn dort auf. Es war um die Zeit des Aassr; Hussein betete, während ich einstweilen auf dem Diwahn Platz nahm. Nachdem er sein Gebet vollendet hatte, setzte er sich zu mir und wünschte mir herzlich Glück zu meiner bevorstehenden Abreise. Ich sagte ihm, daß ich gekommen sei, meine vor fast dreizehn Monaten erhobene Schuld abzutragen. Erstaunt sah mich der biedre Türke an: „Du willst die wenigen Piaster, welche Du mir schuldest, bezahlen, Chalihl-Effendi? Wie willst Du denn nach Kairo gelangen? Behalte doch Dein Geld sür Dich und bezahle mir die Kleinigkeit von Kairo aus; ich werde gern noch warten. Schicke mir einen Kreditbrief an den hiesigen Konsul von Alerandrien aus, schicke mir ihn von Deinem Vaterlande. Solltest Du aber auch dort kein Geld haben, so thut das Nichts; ich bin ein reicher Mann, dem Höchsten sei Dank" — und dabei küßte er seine Hand m. 18 274 von Innen und Außen, wie dies die Mahammedaner immer zu thun pflegen, wenn sie „ei Immcki lillnlli" aussprechen — ,,ich brauche die zweitausend Piaster nicht so nöthig und werde mich freuen, daß ich Dir einen Dienst leisten konnte." Und nun wandte er mit größter Freundlichkeit alle seine Beredsamkeit an, um mich zu bewegen, noch länger sein Schuldner zu bleiben. Allein gerade um so drückender ward mir meine Schuld. Ich übergab das Geld seinem Haushofmeister und bat diesen, es seinem Herrn später zuzustellen. Nachdem der Oberst sich von der Fruchtlosigkeit seiner Bitten überzeugt hatte, nahm er herzlichen Abschied von mir und versprach mir, einen Empfehlungsbrief an seinen Wekihl in Schendi mitzugeben, weil ich auch dort nur meinen Schuldbrief zurückbekommen könne. Ich verließ Hussci'n- Arha mit Dankesworten auf den Lippen und wahrer Hochachtung im Herzen. Er ist einer von den liebenswürdigsten Türken, welche ich kennen gelernt habe. Fern von der Hauptstadt geboren und erzogen, hat er sich die patriarchalische Einfachheit und Biederkeit der Sitten seiner Vorfahren erhalten; er ist einer jener Türken „von altem Schrot und Korn", welche vielen Christen zum Muster aufgestellt werden können*). In Verbindung mit Bauerhorst suchte ich jetzt eine Barke zu *) Auch von Hussein-Arha empfing ich in Kairo einen sehr freundlichen Brief. Der Konsul hatte ihu im Auftrage dieses vortrefflichen Mannes Deutsch geschrieben, Hussein-Arha aber durch das Daraufdrücken seines Siegeis unterzeichnet. Der Brief lautete: „Unserem theuren Freunde Chalihl-Effendi, dem Deutschen! Durch unseren gemeinschaftlichen Freund habe ich erfahren, daß Du glücklich in Kairo angelangt bist und habe mich darüber sehr gefreut. Möge Allah auch Deine weitere Reise segnen! Schreibe mir auch von Deinem Vaterlande aus jährlich wenigstens einmal durch unseren Freund Reitz. Und wenn Du einmal wieder nach dem Sudahn zurückkehren solltest, dann vergiß nicht, daß Du an mir stets einen wahren Freund hast, denn ich betrachte Dich wie meinen Adoptivsohn. Gott sei mit Dir! (I-- 8.) Hussein-Arha." Und als der nachherige österreichische Konsular-Agent für Central- Afrika vr. von Heuglin von Charthum nach Europa zurückkehrte, übergab ihm Hussein-Arha ein Geschenk für mich, „damit ich seiner nie vergessen möge." 275 miethen. Wir wollten unsere Reise zu Wasser machen, weil auf diesem Wege die Reisekosten gegen die einer Wüstenrcise unverhält- nißmäßig gering sind. Freilich war die Gefahr bei einer Fahrt über die Katarakten, wie ich aus Erfahrung wußte, ungleich größer als bei der Landrcise; allein junge Leute, welche gerade nicht unter die Furchtsamen gerechnet werden dürfen, pflegen darnach nicht Viel zu fragen. Nach langem Herumlaufen wurden wir zuletzt mit dem Besitzer eines neu erbauten Schiffes ohne Kajüte, „NLkhr", einig und mietheten dasselbe für hundertunddrcißig Spc- ciesthalcr — drei Viertel des Werthes unsers ganzen Schiffes — bis Kairo. Um für alle Fälle gesichert zu sein, nahm ich unseren Rhcder mit in die Müderie und ließ dort einen wohl verklausel- ten Kontrakt aufsetzen und gerichtlich bekräftigen. Wir wollten uns ungefähr sechs anderen Barken anschließen, welche mit arabischem Gummi beladen unter der Führung eines des Stromes kundigen Mannes nach Kairo gerudert werden sollten und warteten, nachdem unsere Effekten und die kleine Menagerie eingeladen waren, nur auf die Abfahrt derselben, um Charthum zu verlassen. Die Regenzeit hatte wieder begonnen und schien ebenso heftig zu werden, als die vorjährige. Es war also die höchste Zeit, abzureisen, um noch mit vollem Wasserstande in Egyptm anzukommen. Der Konsul gab uns am 16. August den Abschiedsschmaus. Nur wir Deutschen waren zugegen. Wein und Punsch stimmten uns heiter; wir sangen, tranken und waren fröhlich. War es ja doch das letzte Mal, daß wir so zusammensaßen. Reitz erhob sein Glas und rief: „Meine Freunde, stoßen Sie mit mir an auf eine fröhliche Wiedervereinigung, obgleich wir nicht wissen können, ob wir noch einmal zusammenkommen. Ich selbst zweifle daran, aber wir wollen dennoch unser Glas darauf leeren l" Er hatte leider wahr gesprochen. Am 17. August bezogen wir (Bauerhorst und ich) mit unseren Bedienten das auf dem Hinterdeck der Barke errichtete Strohzelt. vr. Reitz und vr. Vierthalcr erschienen mit Weinflaschen unter dem Arme, die Hälfte der letzten Nacht im traulichen Gespräche mit uns zu verbringen. Nachdem sie sich entfernt 18* 276 hatten, suchte ich auf meinem Lager noch immer umsonst den Schlaf. Vierzehn Monate zogen an meinem Geiste vorüber, vierzehn Monate, welche mir viel Schlimmes gebracht hatten. Die Erinnerung an sie brachte das freudige und stolze Bewußtsein mit sich, sie überstanden zu haben. Und dann dachte ich an das viele Schöne und Erhabene, das ich genossen und war fast geneigt, Charthum all' das Böse zu vergeben, das mich in seinen Mauern betroffen hatte. Mit vielen Hoffnungen hatte ich Charthum betreten, nur wenige waren erfüllt worden. Freudlos hatte ich fast die ganze lange Zeit verlebt, mit unendlichen Hindernissen und Sorgen hatte ich kämpfen müssen. Doch Ende gut — Alles gut und darum auch „vl salallm sals'ik sa Oksrtllum!" Das war es, was ich dachte, aber die Wogen deS Stromes schlugen ihre eintönige und doch melodische Weise an die Seiten- wände unseres Schiffleins und wiegten mich langsam in den Schlaf hinüber. Und der Schlaf brachte die bunten Bilder des Traumes und dieser ließ mich gegen Morgen unter duftigen Orangenbäumen eines Gartens der herrlichen Maheruhsct erwachen. — Eine Nilfahrt von Charthum nach Kairo. „Sturm wühlt und die Wogen bäumen Sehnsüchtig sich himmelan; Hoch in solcher Wellen Schäume» Segle, kühner Steuermann!" Eichendorff. Am Morgen des 18. August kamen noch mehrere Europäer Charthums auf unsere Barke, um von uns Abschied zu nehmen. Reitz und Vierthaler wollten uns bis Halfaii begleiten. Wir stießen mit freudigen Gefühlen vom Ufer ab; der volle Strom trieb unser Schifflein schnell abwärts. Nach anderthalb Stunden waren wir in der Nähe des erwähnten Dorfes. Noch zeigte sich uns die Ornis des Ost-Sudahn. Die Regenzeit hatte mehrere Arten südlicher wohnender Vogel hcrabgelockt. Der rosenrothe Nimmersatt und der heilige Ibis liefen am Ufer herum; der Webervögel saß in der Nähe seiner künstlichen Nester, der Fcuerfink auf den Durrahstängeln; in der mit hohem fettem Grase bewachsenen Steppe am rechten Nilufcr fing der buntflügclige Falke Heuschrecken; hoch in den Lüften kreisten Geier. Wie zum Abschiede erhob ein Nilpferd seinen ungeschlachten Kopf aus dem Wasser und beglotzte mit seinen großen Augen unsere nahe an ihm vorbei- schwimmende Barke und die in der Steppe weidenden Hecrdcn. Vierthaler und ich gingen von einem bequemen Landungspunkte aus durch den reich belebten Wald dem Dorfe Haifa i zu. Unser alter Freund Jbrahihm-Arha sandte den Zurückgebliebenen Pferde, auf denen sie bald anlangten. Der Wirth erschöpfte sich in Beweisen von Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. Er veranstaltete eine glänzende Fanthasie, welche auch am folgenden Tage noch fortdauerte. Wir wollten abreisen, Jbrahihm-Arha verhinderte es durch ein ächt türkisches Mittel. Er beorderte unseren Reis zu sich und sagte ihm, daß wir im Begrifft ständen, 278 weiter zu reisen. Da er dies aber nicht wünsche, gebiete er ihm, hier zu bleiben und uns seine Dienste zu versagen, widrigenfalls er fünfhundert Hiebe aus die Fußsohlen erhalten sollte, wenn er jemals nach Haifai zurückkäme. Der Reis widersetzte sich nun entschieden der Abreise und wir waren schon gezwungen, uns von unserem Wirthe mit Artigkeiten überhäufen zu lassen. Dieser that Alles, um uns angenehm zu unterhalten. Er stellte vortreffliche Pferde zu unserer Verfügung, zeigte uns seine Besitzungen und sein Gestüte und ließ es auch an Speise und Trank nicht fehlen. „Drei Tage lang", sagte er, „habe ich als Gastfreund das Recht, einen mir werthen Gast bei mir zu behalten, verlangt daher nicht, eher aus meinem Hause zu gehen." Erst am 20. August erlaubte er unsere Abreise. Wir nahmen herzlichen Abschied von ihm, unseren Freunden Reitz und Vierthaler und schifften uns gegen Mittag ein. Der uns sehr günstige Südwind, welcher heute ziemlich heftig wehte, führte uns rasch den Strom hinab; wir passirtcn zum Aassr am rechten Ufer den Djebel Wod-Aabahs, links einen anderen hohen, mir dem Namen nach unbekannten Berg der Bahiuda und legten Abends hinter dem mächtigen Rojahn in der Nähe des uns schon bekannten Dorfes el Edjehr an. Der Besitzer der Barke gab den Matrosen einen Hammel, um durch diese „Karahme" — Opfer — eine glückliche Fahrt zu ermöglichen. Am Ufer tödtete ich eine, wahrscheinlich mit dem Fange großer Prachtkäfer (Bupresten) beschäftigte Viper, welche sich sehr geschickt zwischen und auf den Zweigen hin und her bewegte. Am 21. August. Mit dem Grauen des Morgens fuhren wir weiter. Bald umgaben uns die Gebirge des engen Fclsentha- les Rherri. Sie bieten für das Auge schöne Particen dar. Der mächtige Strom wälzt sich zwischen den steil aufsteigenden Bergen, welche ihn mehr und mehr einengen und zuletzt bis auf ungefähr zwcihundertundfunfzig Schritte zusammentreten, dahin. Hier fanden wir mit dem Senkblei bei achtzehn Klaftern noch keinen Grund. Auch heute hatten wir wieder Südwind und eilten mit ihm schnell den Nil hinab. Gegen Mittag wuchs er zum Sturm an, 279 trieb unser Schifflein mit Macht gegen die Felsen des linken Ufers und zwang uns, anzulegen. Rechts und links dehnte sich die lc- bensarme Wüste aus. Der gestreifte Ammer und die isabellfarbige Wüstenlerche schienen die einzigen Vertreter thierischen Lebens zu sein. Nach anderthalb Stunden setzten wir die Reise fort. Das Thal erweitert sich. Mit ihm der Strom. Er umschließt viele Inseln, welche in tropischer Fülle emporwuchernde Mimosen und mit Blüthen bedeckte, in allen Farben prangende Schlingpflanzen begrünen. Der schöne Seeadler sitzt auf den dichtvcrschlungcnen Büschen und spiegelt sein blendendweißes Haupt in den Fluchen des Stromes. Spater gelangen wir zu den mit Wald bedeckten Ufern oberhalb des Dorfes Gohs el Redjeb, legen gegen Sonnenuntergang bei mehreren Hütten und Schöpfrädern an und gehen in dem nahen Walde auf die Jagd. Mahammed fängt Käfer, wir stören eine Kette Perlhühner, viele Reiher und einige Adler auf, von denen uns auch einige Eremplare zur Beute werden. Der Wald gibt noch einmal das Bild eines wildverworrc- ncn, ächt innerafrikanischen Urwaldes. Der andere Morgen bringt uns schon Vormittags zu dem Städtchen M etäm m e. Es ist ein elender Ort mit wenigen Einwohnern, welche gesuchte künstliche Gold-, Silber-, Eisen- und Lcdcrarbeiten verfertigen. Man hielt gerade Markt, er war erbärmlich. Wir ließen uns nach den Ruinen ,,des Schlosses" führen, welches 1822 bei dem Aufstande des Volkes unter Me- lik Nimmr von den Nubiern eingenommen wurde. Jetzt liegt das Kastell in Trümmern. In einer für Sudahn sehr anständigen Hütte fanden wir guten Bilbil; suchten aber vergeblich nach Straußenfedern, womit hier ein bedeutender Handel getrieben wird. Schendi ist eine halbe Meile stromabwärts von Metämme am anderen (rechten) Ufer des Nil gelegen. Husse'in-Arha hatte mir Empfehlungsbriefe an seinen Wekihl Hassan-Arha mitgegeben. Wir wurden bei unserer Ankunft sehr freundlich empfangen und mußten versprechen, im Hause meines Freundes über Nacht zu verweilen. Gegen Abend ritten wir mit Hassan-Arha 280 in der Stadt herum. An der Stelle des Tokhul, in welchem Js- mael-Pascha verbrannt wurde, ist eine Moschee erbaut worden. Der Palast des hochherzigen „TigerkönigS" liegt in Trümmern, ebenso die Stadt, welche jetzt kaum ein Drittthcil ihres Umfanges einnimmt. Die Bewohnerzahl ist von zwanzigtausend auf viertausend zusammengeschmolzen. Außer den türkischen Soldaten wohnen fast nur Araber und keine Nubier hier. Es sind schöne, aber ungcmein leichtsinnige, unsittliche, dem Trunke und anderen Lastern ergebene Leute. Schcndi liegt unter dem 16" 37 ^ n. Br. und 310 östlich von Paris. Hassan-Arha bewirthete uns auf's Beste. Fast mit Gewalt wollte er mir zwei lebende Strauße aufdrängen. Aus Mangel an Platz konnte ich sie nicht annehmen. Dagegen bat ich ihn, weil wir unsere ethnographischen Sammlungen bereichern wollten, um Empfehlungsbriefe an den Schech von Tahmr, einem in der Nähe des Atbara gelegenen Dorfe, in welchem sehr künstliche Arbeiten zum Schmuck oder anderen Bedürfnissen der Sudahnesen gefertigt werden. Am frühen Morgen des 13. August verlassen wir Schendi. Der Wind ist uns auch heute sehr günstig, er erspart unseren Matrosen das Rudern und fördert die Reise ungemein, obgleich nur zwei zusammengebundene Feradah *) als Segel dienen. Um 10 Uhr Vormittags passiren wir das am rechten Ufer gelegene, altberühmte Mero« mit seinen Ruinen und Pyramiden. Diese liegen für uns zu weit landeinwärts. Auch können wir die ungefähr eine halbe Meile von uns entfernten Ruinen vom Schiffe aus recht wohl sehen. Eine ziemlich hohe Bergkette im Hintergründe, die Djcbahl el Khohli, rahmen das Bild ein. Um Mittag kommen wir zu dem großen Dorfe Um-Aali mit vielen komischen Schechsgräbern. Sie sind im weiten Bogen von den Djcbahli Um-Aali, welche die Fortsetzung des Gebirges der Djcbahl el Khohli bilden, eingeschlossen. Am anderen, dem linken, Ufer liegt das Dorf el Mikn're. *) Plural von Ferdah. Zum Aassr erreichen wir das Dorf Sikahlc. Eine früher schwunghaft betriebene Jndigofabrik ist eingegangen. Sie war ergiebig, weil der Indigo in der Steppe wild wächst und nur gesammelt zu werden braucht. Der Nil nimmt hier die majestätische Breite von fast einer halben Meile an. Beide Ufer sind bewaldet oder mit Durrah bebaut. Die Strömung des Wassers ist sehr stark. Sie führt unsere Barke so schnell mit sich fort, daß wir schon zum Morhrcb bei dem Dorfe Se'itahbe, um dort zu übernachten, landen können. In der Umgegend wachsen schöne Mimosen, weshalb man daselbst eine Werfte für gewöhnliche Nilbarken errichtet hat. Wir wollten am folgenden Tage in Tahmr landen, fuhren aber aus Mangel an Ortskenntniß an dem Dorfe vorüber und erkannten unseren Irrthum erst, nachdem wir an der Mündung des Atbara angekommen waren. Dann passirtcn wir noch die beiden, am rechten Ufer gelegenen Dörfer Tcrmahli und Sa lahme und erreichten Nachmittags bei guter Zeit das uns schon bekannte Berber oder Muche'rref. Die kleine unbedeutende Stadt liegt unter dem 17" 68^ nördlicher Breite und 31" 3t? östlicher Länge von Paris und zählt ungefähr sechstausend Einwohner. In neuerer Zeit wurde es der Sitz eines Mudihr und folglich die Hauptstadt einer „Mudir'ie." Diese verdient aber nur dadurch, daß viele Nomaden in der Nähe des Atbara hierher tributpflichtig sind, ihren Namen. Man darf die Zahl dieser Leute wohl zu vicrhundcrttausend annehmen, wovon auf den Stamm der Bi schar ihn zweihundcrttausend, auf den der Aababde hunderttausend und auf die übrigen Stämme ebenfalls hunderttausend kommen. Der Handel Berbers ist ohne Bedeutung, obgleich die meisten Waaren, welche von Charthum kommen und dahin zurückkehren, die Stadt passtrcn. Der Basar ist einer der elendesten in ganz Nubien. Gewöhnlich nimmt man, weil der Strom von hier an stromabwärts sehr klippenreich und nur bei hohem Wasscrstande fahrbar ist, schon hier die Kamele für die große nubische Wüste und zieht dann bis Abu-Hammed dem Nil entlang. 282 Der Franzose La Farque, den wir besuchten, erzählte uns, daß man vor vierzehn Tagen in der Nähe der Stadt einen großen männlichen Löwen erlegt habe. Das königliche Thier machte die ganze Gegend unsicher, raubte Rinder und Schafe und zog sich mit seiner Beute immer in ein Dickicht des Urwaldes zurück. Vier mit Feuergewehren bewaffnete Morhrarbi vereinigten sich mit zwölf nur mit Lanzen ausgerüsteten Nubiern zur Jagd des Raub- thieres. Die „Abendländer" schössen schlecht, die Lanzenwürfe wurden nicht tödtlich. Der Löwe verwundete zwei seiner Angreifer und verstümmelte sie grauenhaft. Da faßt sich ein Nubier ein Herz, geht dem glücklicher Weise ganz vollgefressenen Thiere zu Leibe und erschlägt es mit mehreren kräftigen Streichen des selbst Löwen bezähmenden Na buht. Die Verwundeten lagen darnieder, waren aber, ohne daß ärztliche Hülfe angewendet wurde, bereits auf dem Wege der Besserung. Einem im Inneren Afrikas reisenden Europäer ist ein dort ansässiger „Landsmann" immer eine erfreuliche Erscheinung. Wir freuten uns, La Farque getroffen zu haben. Gern leisteten wir der freundlichen Einladung, bei ihm zu verweilen, Folge. Im Hause des Franzosen verbrachten wir in angenehmer Unterhaltung den Nachmittag und Abend. Es war spät geworden, als wir zur Barke zurückkehrten. Am westlichen Himmel stieg ein Gewitter auf, die Blitze leuchteten zu uns herüber, der Donner rollte noch fern. Wir beachteten es nicht und legten uns zur Ruhe nieder. Bald nachdem wir eingeschlafen waren, wurden wir unangenehm aufgeweckt. Ein heftiger Ostwind brachte Wolken von Sand und Staub mit sich und bedeckte damit alle Gegenstände um uns herum linicn- dick. Auch durch unsere Teppiche und Decken drängte er sich hindurch. Es gehörte eine geraume Zeit dazu, sich in diese Unannehmlichkeit zu finden. Zuletzt machte sich, trotz der kläglichen Situation, Einer über den Anderen lustig. Zum zweiten Male schliefen wir ein und wurden zum zweiten Male durch ein viel unangenehmeres Gefühl aufgestört. Es regnete fürchterlich. Das pras- 283 sclnste Donnerwetter umtobte uns, die Blitze zischten in unserer Nähe in den Nil. Und welch elenden Schutz hatten wir gegen das Ungewitter! Ein einfaches Strohmattenzelt. Der Regen sammelte sich auf demselben und fiel in um so größeren Massen auf unsere Lagerstätten nieder. Drei Teppiche und meine ungarische Wildschur, das beste Schutzmittel, welches ich noch besaß, waren in einer Viertelstunde vollkommen durchnäßt. Obgleich ich bei jeder Bewegung Wasserbäche von der letzteren abschüttelte, lag ich doch wie im Wasser gebadet. — ,,Baucrhorst, wie geht es Dir?" „,,O mein Gott, entsetzlich schlecht, ich bin schon patschnaß!" " Und dann — eine lange, lange Pause, und jeder schlief „patschnaß" wieder ein. Der naßkalte Westwind weckte am Morgen die gebadete Reisegesellschaft. Da stand August Tischendorf schon nackt im Sturme da und durchsuchte seinen Koffer nach wenigstens halbtrockcnen Kleidern; Bauerhorst versuchte sich in seinem nassen Pelze zu wärmen, nachdem er seine triefenden Decken von sich abgeschüttelt hatte; ich sprang im tiefsten Neglige ohne Umstände dem nächsten Hause zu nnd ließ mir dort ein Feuer anzünden. Tischendorf folgte, Bauerhorst ging nach dem La Fargue'schcn Hause. Es war eine Höllcnnacht gewesen, der Morgen war teuflisch. Was wir ansahen, war naß, was wir anziehen wollten, ebenfalls. Der Koch Man fuhr blickte mit Wehmuth nach dem Holze, welches, allen seinen Bemühungen Trotz bietend, nicht brennen wollte, obgleich wir wiederholt starken Kasse verlangten; M aha m m e d suchte mit Verzweiflung in allen Kisten nach trockener Wäsche herum; die Matrosen saßen mit kläglichen Mienen stumm, regungslos auf dem Verdeck der Barke. Ueber unser Aussehen schweige ich lieber still. Unsere Anzüge glichen so ziemlich denen betrunkener Gesellen, welche die Nacht im Rinnstein zubrachten. Erst nach und nach wurde unser Zustand erträglicher. Wir erhielten endlich Kasse und Pfeifen. Die Kleider trockneten an dem in der Hütte brennenden Feuer. Der naßkalte Wind wurde allmählig schwächer, am Horizonte trat die Sonne hinter dem Gewölk hervor und sandte uns ihre freund- 284 lichcn Strahlen zu. Dennoch konnten wir die große Unbchaglich- keit, welche wir fühlten, nicht sogleich verbannen. Es fror uns bei aller Sonncnwärme. — In Berber hatte das Unwetter viel Schaden angerichtet. Unter Anderem waren auch drei mit arabischem Gummi beladene Barken untergegangen. Gegen Mittag ging ich wieder zu unserem Gastfrcunde. Er behielt uns zum Mittagessen bei sich. Vor unserem Weggange stellte er uns seiner Frau vor. Sie ist eine der schönsten Abyssi- nicrinnen, welche ich gesehen habe. Ihr Gatte kaufte sie als sechsjähriges Mädchen, brachte sie nach Kairo und ließ sie dort erziehen. Später nahm er sie zu sich, machte mit ihr mehrere Reisen, deren Beschwerden sie mit großer Standhaftigkcit ertrug, deren Gefahren sie mit männlicher Entschlossenheit überstand. Einmal rettete sie ,,ihrem Herrn" durch ihre seltene Geistesgegenwart das Leben und erschoß einen Menschen, welcher diesen angreifen wollte, mit eigener Hand. Sie liebt den Franzosen und dieser hat alle Ursache, seine Wahl nicht zu bereuen. Ein hübscher Junge, Kahmil, zu Deutsch: der Vollkommene, ist die Frucht ihrer Ehe. La Farque lebt alö Kaufmann in Berber ziemlich glücklich. Er hat sich durch seine oft sehr gewinnbringenden Handelsreisen ein hübsches Vermögen erworben und gedenkt, damit später nach Frankreich zurückzukehren. So Viel ich erfahren habe, soll er ein rechtlicher, biederer Mann und somit eine seltene Ausnahme unter den Kaufleuten Ost-Sudahns sein. Wir verließen Berber Nachmittags, ohne die Barken, mit denen zugleich wir die Reise durch die Schellalaht machen wollten, gesehen zu haben. Eine von ihnen gehört La Farque und ist mit vierhundert Ccntnern arabischem Gummi beladen. Der einzige tüchtige, d. h. des Stromes kundige, Re'rS, ein gewisser Solimahn, mit dem Beinamen cl Mahassi, befindet sich auf einer dem neidischen Kaufmannc Aabd cl Hamihd gehörigen Barke. Am 26. August. Nachdem wir bei dem Dorfe Bannke über Nacht geblieben waren, setzten wir heute Morgen mit dem Frühesten unsere Reise fort. Schon nach einer Stunde fanden wir 285 die übrig«: Barken, welche auf uns gewartet hatten und sich bei unserem Erscheinen segelfcrtig machten. Vor unö lag der Schcl- lahl Akabat el Humahr. Er war bei dem jetzigen Wasserstande nicht gerade gefährlich, verlangt aber immer eine sichere Führung des Schiffes. Während der trockenen Jahreszeit ist er kaum zu befahren. Wir legten die bedenklichen Stellen der Stromschnelle rasch und leicht zurück. In der Nähe eines Dorfes der Landstrccke Bakhehr suchten die Matrosen der anderen Schiffe das Ufer des Stromes. Man legte an und ging in's Dorf. Die Einwohner waren gerade mit Einsammeln der Datteln beschäftigt, welche hier von vorzüglicher Güte sind. Für wenige Para kauften wir mehrere hundert Stück dieser lieblichen Früchte. Unsere Matrosen erholten sich von der ziemlich anstrengenden Arbeit des Tages und lagen, Datteln essend, bis vier Uhr Nachmittags im Schatten der Palmen. Dann fuhr man weiter, aber nur bis zum Anfange des Schcllahl Bakhehr, wo man zu übernachten beschloß. In der Nähe liegt das Dorf gleichen Namens. Vom anderen Ufer des hier ungefähr eine starke Viertelstunde breiten Stromes schwammen Männer und Frauen auf großen, mit Luft aufgeblasenen Schläuchen zu uns herüber. Krokodile brauchen sie nicht zu fürchten, weil diese Thiere, wie oben bemerkt, nur das ruhige Wasser, aber nicht die heftigen Stromschnellcn der Katarakten lieben. Nach günstiger und rascher Fahrt erreichen wir am folgenden Tage die fruchtbare Insel Mograhd, nicht weit oberhalb Abu- Hammcd, wohin wir am 18 . August nach anderthalbstündigcr Fahrt gelangen. Wie gewöhnlich, wollen auch unsere Schiffsleute hier mehrere Tage liegen bleiben, uin die Barken zur bevorstehenden Reise durch die sehr gefährlichen Schellalaht erst gehörig auszurüsten. Da mir der Schech M aham med - Aali, Wekihl oder Stellvertreter des Wüstenschcch Hussein Ehaliefe, erklärt, daß Kamele zu finden seien, besckloß ich, einen großen Theil meiner Sammlungen durch die nubische Wüste nach Korosko zu schicken. Mahammed-Aali findet sich das durch bloße Ansehen des Siegels der ,,Essend! kebihr" oder des Vizekönigs auf meinem Firmahn auch bewogen, meine Kisten nur nach der Tare der Regierung 286 und zwar bis Korosko mit fünfzehn Piaster für den Ccntner zu berechnen. Die Erzählungen des Schech sind mir von großem Interesse, vorzüglich die Schilderung des Innern der Wüste. Er kennt die nubische Wüste von Abu-Hammed bis an das rothe Meer oder von da bis nach Korosko genau. Ich erfahre, daß es in ihrem Innern viele Brunnen gibt, an denen die heerdcnreichen Nomaden, meistens dem Stamme der Aababde angehörend, ihre Zelte aufgeschlagen haben. Der im Charief herabfallende Regen genügt, in den Niederungen eine zwar spärliche, aber hinreichende Vegetation, welche die Kamele, Ziegen und Schafe der Nomaden mit Nahrung versorgt, hervorzurufen und die Brunnen zu füllen. Selten oder nie dringen türkische Beamtete in diese Auadie ein. Die Bewohner derselben leben daher im ruhigen Besitze ihres Eigenthums. Sie haben nur an ihren Schech, den erwähnten Hussein-Eh aliefe, mäßige Abgaben zu entrichten; mäßige, weil die Türken ihren Reichthum — wenn ich überhaupt dieses Wort gebrauchen darf — nicht kennen. Die nubische Wüste ist die Vor- rathSkammer oder das Ersatzmagazin für die vielen Kamele, welche auf der Straße von Korosko nach Abu-Hammed zu Grunde gehen. Ohne sie würde jene Straße gar nicht unterhalten werden können, weil die Zahl der aus ihr fallenden Kamele so bedeutend ist, daß sie im ganzen türkischen Reiche diejenige Straße sein soll, Welche die meisten Lastthicre fordert. Hussein-Chaliese kennt alle Wohnplätze der Beduinen. Die kleinen Schiuhch derselben sind ihm untergeordnet. Er hütet sich aber wohl, die Türken mit den Umständen derselben vertrauter zu machen, als es bisher geschah, um die sich ihm dadurch bietenden großen Vortheile nicht zu verringern. Am 30. August. Der Aufenthalt in Abu-Hammed fängt an, uns recht zu langweilen. Wir müssen uns gegen unseren Willen den Bestimmungen des stromkundigen Reis Saline ahn unterordnen. Es kommt Alles zusammen, um uns miß- muthig zu stimmen. Ich leide seit mehreren Tagen an heftigen rheumatischen Zahnschmerzen, der Gebieter Solimahn's erwartet 287 langweiliger Weise seinen langweiligen Bruder, Bancrhorst hat schlechte Laune, die Jagd ist erbärmlich und dabei pfeift uns noch der kalte Nordwind um die Ohren. Der Araber nennt so Etwas „Bclaui". Es war uns heute noch mehr von diesem Artikel vorbehalten. Manfuhr wirft zwei silberne Löffel, noch ein Andenken aus dem Vaterlande, in den Nil; Bauerhorst badet die Affen, wobei diese fürchterliche Grimassen schneiden; Tischendorf findet das allerliebst und badet deshalb auch seinen eigenen mit, ist aber so ungeschickt, den Strick loszulassen, weshalb der gute Pavian auch alsobald ertrinkt und gar nicht wieder zum Vorschein kommt. Nun will Bauerhorst ,,seinen Aerger auslasten". Er geht zu dem versammelten Schiffsvolke und fordert dieses, mit der Peitsche in der Hand, zur Weiterreise auf. Die Leute lassen sich das aber nicht so gefallen und prügeln ebenfalls darauf los; 'es entsteht ein allgemeiner Spektakel und ich komme noch eben dazu, um Mißhandlungen meines Freundes zu verhüten. Kaum ist die Sonne untergegangen, erhebt sich ein heftiger Wind, wächst zum Sturme an, reißt uns unser Strohzclt über den Haufen, wirft cS in den Nil und bringt uns ein Gewitter über den Hals, dessen Regengüsse uns zwingen, in das Dorf zu flüchten. Hier bietet sich mir ein Asyl. Ich trete in eine Hütte, der Raum ist leer. Schon bin ich im Begriff, mich behaglich einzurichten, da öffnet sich die Thüre und hcreintritt die Besitzerin der Spelunke, ein Weib, so alt und häßlich, wie etwa Macbcth'ö Zau- berschwestern gewesen sein mögen: „Um sich verbreitend Schreck und Grauen, Gleichwie der Helle Bild zu schauen." Am Liebsten wäre ich wieder entflohen, aber es regnete und stürmte draußen gewaltig, ich mußte bleiben! Eigentlich hätte ich meine Leser mit dergleichen Erzählungen nicht behelligen sollen. Ich fühle das recht wohl, aber ich kann mich entschuldigen. Ich wollte nämlich das vielsagende, umfassende Wort „Bclaui" erklären. Am 31. August. Unter Absingen der Fathcha verlassen wir am frühen Morgen mit den übrigen Barken Abu-Hammed. 288 Der Nil wendet sich eine Viertelstunde unterhalb des Dorfes nach West. In dieser Richtung läuft er fast fünfundzwanzig Meilen weit fort. Wir biegen am rechten Ufer in einen Arm des Flusses ein und passtren schnell die drei Stromschnellen des Schcllahl Mühhr oder Abu-Hammed. Gegen Mittag kommen wir zu einer Insel mit den Ruinen eines alten Schlosses, Wöd-Äbü-Htzdjön. Nachdem wir neben schmalen Streifen Kulturlandes im oberen Theile des WZ,di-GLmmLr wieder einige Dattelpalmcm zu Gesicht bekommen haben, erreichen wir das Kastell gleichen Namens. Es liegt prachtvoll und äußerst romantisch. Schwarzglänzend, schroff und steil thürmt sich ein kolossaler Fclsblock empor, wild umbraust von den sich an ihm mit Macht brechenden Wogen. Wie eine Krone deckt daö Schloß sein dunkles Haupt. Es ist aus Steinen und Lehm erbaut und für Kanonen eine leicht Annehmbare Feste, widerstand aber etwaigen Angriffen zur Zeit seiner Erbauung. Der eine, wahrscheinlich ältere Theil des Schlosses liegt in Trümmern; die Mauern sind aus großen Steinen roh zusammengesetzt. Am unteren Ende des Felsens hat der Strom eine kleine fruchtbare Insel angeschwemmt, auf welcher sich mehrere Familien der Nubier Hütten und Felder angelegt haben. Man findet in hiesiger Gegend diese Ruinen ähnlichen Festungen in ziemlicher Anzahl. Derlei befestigte Wohnplätze hatten hauptsächlich den Zweck, die Bewohner dieser armen Gegend mit ihren Hcerden gegen die räuberischen Einfälle der Scheikre zu schützen. Oft unternahm die kriegerische Mannschaft jenes Stammes Raubzüge, welche sich sogar bis el Muche'tref erstreckten. Sie raubten Menschen und Vieh, Getraide und andere Früchte und kehrten damit nach ihrer Heimath zurück. Der Strom ist hier ganz von Felsen eingeschlossen. Zu beiden Seiten einen und erheben sich die zerklüfteten Gesteine in den seltsamsten Gestalten zu Gebirgen. Nur dann und wann deuten einige Palmen an, daß es dem Fleiße des hier geborenen, armen Menschen gelang, der unwirthbaren Natur ein karges Stückchen Kulturland abzuringen. Wenige Beete eines schmalen, sich an dem Ufer hinziehenden Feldes sind mit Durrah bepflanzt worden, aber 289 kaum hinreichend, eine einzige Familie zu ernähren. Darüber hinausgehend, kommt man unmittelbar in das Reich der Steine. Von den Gipfeln der Berge aus steht man nichts Anderes, als Felsen und Sand vor sich. Es scheint, als ob der Zorn Gottes diese Einöde erschaffen hätte. Chaotisch verwirrt liegen die schwarz- glühenden Felsmassen in ungemessener Ausdehnung vor dem Auge. Erschreckt wendet man immer und immer wieder den Blick dem Strome zu. Er ist das einzige Lebende in dem Reiche des Todes. — Nach dem Aassr legt man bei einigen Hütten an, welche Sa- lamaht genannt werden. Um dem kulturfähigen Lande nicht Abbruch zu thun, sind sie auf den Felsen gebaut. Ihre Bewohner sind unaussprechlich arm. Und dennoch genießen sie eines großen Glückes: sie sind so gesund, daß man Krankheiten nur dem Namen nach kennt. Der Mensch wird hier geboren, wächst empor, zählt seine Jahre nach dem Steigen und Fallen des Nil und weiß nur, daß er alt geworden, wenn sich sein Haar bleicht, sein Rük- kcn krümmt und wenn die Glieder ihre Dienste versagen. Und wenn dann seine Zeit abgelaufen, stirbt er dahin, ohne zu wissen wie, ohne es gefühlt zu haben, daß der Tod sich naht. — Wir haben heute eine Wegstrecke von zwanzig Stunden zurückgelegt. Der heftig wehende Nordwind des anderen Morgens zwingt uns, gegen Mittag bei dem Dorfe Suhr anzulegen. Die wenigen Hütten desselben werden von den Matrosen in Beschlag genommen. Gegenüber liegt am anderen Ufer das Schloß Kahb. Unsere Löwin, Bachieda, kommt uns in das Dörfchen nachgelaufen und will sich ein Schaf rauben. Glücklicher Weise rette ich noch das schon erfaßte Lamm vom Tode. Nachmittag fahren wir noch eine kurze Strecke weiter hinab und legen oberhalb eines Schel« lahl an. Am 2. September. Reis Solimahn mahnt sehr früh zur Abfahrt. Wir überfahren einen ziemlich jähen Wassersturz trotz des uns hindernden Gegenwindes mit großem Glücke, gelangen III. 19 290 aber später in eine gefährliche Schema*), aus der wir uns erst nach Verlaus einer Stunde herausarbeiten können. Die Kraft des Wirbels ist so bedeutend, daß unser Schiff mehrere Male um sich selbst herumgedreht und in die Nachbarschaft der halb vom Wasser bedeckten Felsen geschleudert wird. Des starken Windes halber wird angelegt. Erst nach dem Slafsr geht es weiter. Man passtrt die erste Stromschnelle des gc- fürchtcten Schcllahl Rakabat cl Djcmmcl, „Kamelhals." Unsere Barke fliegt dicht an dem Felsen vorüber. Alle Ruder werden eingezogen, Tischcndors macht sich schwimmfertig. Wir kommen jedoch an den schlimmsten Stellen glücklich vorüber und erreichen bald die übrigen Barken, welche bereits das rechte Stromufer gewonnen und angelegt haben. Die Fclsmassen an beiden Ufern sind wilder, die Gegend ist öder und trauriger, als je. Wir besteigen die Gebirgsreihe unseres Ufers und sehen uns die Felsen etwas näher an. Sie bestehen aus Porphyr und Syenit, sind aber sehr zerklüftet, so sonderbar über einander gcthürmt und geschichtet, daß man nicht begreifen kann, welche Kräfte hier thätig waren, um die hier stattgefunden Revolution herbeizuführen. Selbst die ohne Zweifel am Meisten gegründete Annahme, daß nur das Wasser gewirkt habe, scheint gewagt. Man sieht losgerissene Felsblöcke von tausend und mehr Kubikfuß auf kleinen kubischen oder runden Steinen aufliegen, welche durch die Kraft weniger Menschen auS ihrem Schwerpunkte gehoben werden können. Wir benutzten die Ruderstangen unserer Barke als Hebel und waren mit Hilfe einiger Matrosen im Stande, kolossale Fclsmassen von ihren Unterlagen hcrabzuhe- ben. Donnernd wälzten sich die fast kugelrunden Blöcke die steilen Wände hinab und stürzten, mit ungeheurer Gewalt alles in ihrem *) Unter Schema versteht der Araber einen großen Wafferstrudel oder eine Stelle des Stromes, wo das Wasser sich mit Heftigkeit in einem gewissen Raume kreisförmig herumdreht, ohne eigentlich ein Wirbel genannt werden zu können. Der Kürze wegen werde ich Schema mit Wirbel übersetzen. 291 Wege Liegende zertrümmernd oder mit sich fortreißend, zuletzt in das Strombett. Unsere Beschäftigung belustigte die Matrosen; in kurzer Zeit waren mehr als zwanzig Menschen bemüht, uns zu unterstützen und Fclsblöcke in den Nil zu rollen. Am 3. September. Kurz nach der Abreise fahren wir wieder in die sich vor uns ausbreitenden Felsenberge hinein. Mit eingezogenen Rudern eilt unser Schifflein den uns vorausgegangenen Barken nach. Wir überfahren eine jach abstürzende, brausende und wellenwerfende Stromschnclle, die erste des bedeutenden Schcl- lahl Sabiecha. Dann steuern wir nach Norden. An der äußersten Wendung der Krümmung, welche wir zu durchführen haben, ist das Fahrwasser durch niedere, unsichtbare Felsen gesperrt und äußerst gefährlich. Unsere Barke folgt genau der von dem ReiS Solimahn geleiteten und windet sich, wie diese hart am rechten Ufer hinabführend, rasch und leicht durch die Felsen hindurch. Die kleinste der fünf Barken, welche noch mit uns vereinigt sind, kann jedoch das Fahrwassrr nicht halten und stößt, in die Felsen gera- thend, so heftig auf einen unter dem Wasser verborgenen Stein, daß alle Ruderer zu Boden stürzen und ein Matrose über Bord geschleudert wird. Er erreicht schwimmend das Ende eines der Ruder und wird gerettet. Wunderbar glücklich arbeitet sich die festgefahrene Barke wieder los und gelangt an das Ufer, wo sie anhält, um den erhaltenen, nicht unbedeutenden Leck auszubessern. Dies veranlaßt einen Aufenthalt von anderthalb Stunden, welchen wir theilen müssen. Von Neuem setzen sich die verschiedenen Barken in Bewegung und fahren einige Stunden weiter stromabwärts bis zu wenigen Hütten, wo die ermüdeten Matrosen anlegen, um auszuruhen und sich für die noch bevorstehenden Beschwerden zu stärken. Unsere Umgebung ist wie gestern und vorgestern schauerlich wild, die Schwärze der Felsen beengend. Rauschend wälzt sich der Nil in seinem engen Bette dahin. Die Strömung ist sehr stark und heftig. Auf einer mitten aus dem Nil sich erhebenden Felsen- insel sehen wir eine der erwähnten Festen, Tulka, kühn wie einen Adlerhorst auf die Spitze des Felsens geklebt, merkwürdig durch Gestalt und Anlage. Die gefährlichste Stelle deS Schellahl liegt 19* 292 vor uns. Der Strom wendet sich zuerst westlich, geht dann südlich und kehrt, die Gestalt eines 8 bildend, wieder nach Westen zurück. An der ersten Biegung stehen Felsen im Wasser, welche der Reis Solimahn, sich an der rechten Uferscite haltend, umfährt. Auch wir streben mit allen Kräften dahin, jene Richtung einzuschlagen. Die Gewalt des Wassers ist zu groß, wir werden nach links verschlagen und rauschen vom kräftigsten Wogcnzuge ergriffen, umtobt und bespritzt von den schäumenden, brausenden Welle», leicht und schnell an dein Felsen vorüber. Eine dicht hinter uns herfahrende Barke folgt mit gleichem Glück. Durch dieses kühne Wagstück haben wir einen großen Bogen abgeschnitten und uns den vorausgegangenen Barken genähert. Da hören wir rechts einen furchtbaren Krach. Das im tollsten Wogcnzuge hinsagende Schiff Solimahns ist auf einen Felsblock aufgefahren. Händeringend, rath- und thatlos steht die Mannschaft am Bord. Man ruft um Hülfe; Niemand ist im Stande, sie zu gewähren. Keine Barke ist in der Gewalt ihres Steuermannes, der Strom reißt sie willkürlich, allen Ruderkräften Trotz bietend, mit sich fort. Mit einem „ei llamäi lillslii" für unsere eigene Rettung, das gestrandete Schiff dem Schutze Gottes und seines Propheten empfehlend, durchschiffen wir die zweite Biegung des Stromes und gehen unterhalb derselben mit den nach und nach sich sammelnden Barken an's Land. Während wir uns anschickten, dem in größter Gefahr schwebenden Schiffe zu Hilfe zu kommen, war dieses glücklich losgekommen und arbeitete mit Anstrengung aller Kräfte der sehr starken Mannschaft, das Ufer zu gewinnen. Ich bemerkte sogleich, daß es viel tiefer ging als gewöhnlich und trieb zur Eile. Jetzt erreichte es das Ufer; cS war über die Hälfte mit Wasser gefüllt und mußte ausgeladen werden. Die Araber arbeiteten ohne Sinn und Verstand, ohne alle Uebcrlegung und verschlimmerten mehr, als sie gut machten. Wir, Bauerhorst und ich, bemächtigten uns des Kommandos. Nun wurde gerettet, was zu retten war. Ueber fünfzig Menschen waren in regster Arbeit. Es gelang uns, das arabische Gummi, die Hauptfracht der Barke, auszuladen. Die geschnürten Ballen gaben einen kläglichen Anblick; die aufgelöste Masse lief in dicken Strömen heraus und dein Strome zu. Einige Ballen waren beim Einladen schon vorher in den Nil gestürzt. Am Meisten bemitleidete ich einen armen Teufel, der für mehr als zweitausend Piaster Schaden erlitten hatte. Der ganze Verlust wurde auf fünftausend Piaster geschätzt. Der mahammcdanische Glaube an das Datum ist recht poetisch ausgebucht, aber, wie wir heute gesehen haben, doch so tröstend nicht, als er es sein sollte; der Mensch ist viel zu egoistisch, als daß er alle Schläge des Schicksals mit Gleichmuth ertragen könnte. Jener arme Kaufmann, welcher vielleicht den sechsten Theil seines Vermögens verloren hatte, klagte und weinte über seinen Verlust; die Tröstungen der Uebrigcn fruchteten nicht Viel. Wie immer, wußte die arabische Gelehrsamkeit auch für das heutige Unglück Grund und Ursache aufzufinden. So fühlte sich die Mannschaft der kleinen Barke, welche heute Morgen auf die Steine lief, der Schuld bewußt, einem Fakhie eine junge Katze entwendet und mitgenommen zu haben. Dieses Vergehen mußte die Gefahr herbeiführen, in der das Schiff geschwebt hatte. Bei unserem Aufenthalte zu Mittage, wurde das arme Thier mitten in der Wüste ausgesetzt, um nicht neue Unfälle herbeizuführen und grausam seinem Schicksale überlassen. Ich wollte es tödten und meinem lebenden Geier füttern, allein der Reis bat mich flehentlich, dies zu unterlassen. Gewiß, sagte er, würden wir dann dieselbe Schuld auf uns laden, von der sich die anderen zu befreien gesucht hätten. Auf einen zufällig vorübcrfliegendcn Adler vertrauend, gab ich zuletzt den Bitten des Schiffers nach. Von der anderen, fast gescheiterten Barke wurde erwähnt, daß die sich auf ihr befindlichen braunen und schwarzen Sklavinnen längst eine Strafe Gottes verdient, weil sie die Mannschaft mit ihren Liebesbezcugungen beglückt hätten. Da nun nach arabischen Grundsätzen ein Weib dem Manne nur selten, auf Reisen nie Glück bringen kann, mußte es für ganz erklärlich gefunden werden, daß das Schiff scheiterte. Nur die „Xaralunot lillalri", die Barmherzigkeit Gottes, verhütete größeres Unglück. Ich benutzte meine 294 arabischen Kenntnisse, um dem Besitzer der Barke eine zwar sehr ironische, aber nichtsdestoweniger eindringliche Warnungsrcde zur Vermeidung von ähnlichen schlimmen Thaten, zu halten, welche derselbe mit großem Ernste, aber der feierlichen Versicherung: daß das Gerede der Leute völlig unbegründet sei, hinnahm. Man erklärte dies für arge Verstocktheit und fand, als das Schiff im Katarakt von Wadi-Haifa noch einmal strandete und völlig zu Grunde ging, nur eine neue Bestätigung des vorgefaßten Aberglaubens. Tags darauf wird die verunglückte Barke ausgebessert und wieder reisefertig gemacht. Da wir sehr starken Gegenwind haben, fahren wir nur bis zum Dorfe Bcnebini oberhalb des Schellahl Kaab el Aabid. Hier kann ich glücklicher Weise für meine lebenden Geier, welche seit sechs Tagen Nichts gefressen haben, einen Hund erlegen und für Bachicda eine Ziege kaufen. Am 5. September. Der Morgen brachte uns die erwünschte Windstille. Wir passtren bald den Schellahl Kaab cl Aabid mit heftig rauschendem Wogenzug, aber ohne besondere Gefahr. Am unteren Ende des Wassersturzes liegen die Trümmern eines Schlosses, welches dem Schellahl den Namen gab. Kaab cl Aabid bedeutet das viereckige Haus*) des Sklaven. Die Sage meldet, daß ein Sklave die Gattin seines Herrn, eines Schech der Scheik'lc, gewaltsam entriß, sich mit ihr hierher in die Einöde flüchtete und jenes Kastell erbaute. Er führte nun ein wahres Blaubartlebcn, raubte, schändete und ermordete die Mädchen der um ihn her angesiedelten Nubier, stahl ihnen die Schafe und Ziegen und war der Schrecken der Umgegend, bis ihn die Scheitle todteren, die schöne Frau wieder mit sich nahmen und das zweite Troja zerstörten. Nachdem wir kurze Zeit später auch den ganz unbedeutenden Schellahl Mähhühns übcrschifft hatten, kamen wir zu dem letzten des sogenannten dritten Katarakts, dem Schellahl el Tihn. Der Nil zertheilt sich kurz unter der unbedeutenden Stromcnge in ') Eigentlich den Würfel. 295 drei Arme, von denen der eine völlig von Felsen frei ist. Alle vor uns hinfahrenden Barken erreichten diesen Arm. Unsere Leute arbeiteten aber so ungeschickt, daß wir in den mittleren und in ein Labyrinth von Felsen gericthcn, aus welchem uns nur die meisterhafte Gcschicklichkcit unseres alten Reis herausführte. Früher als die übrigen Barken waren wir in dem ganz freien Fahrwasser angelangt und begrüßten jene mit Flintenschüssen. Wie wir später erfuhren, hatte man uns für ganz verloren gegeben. In der That war die Gefahr groß gewesen. Selbst der alte besonnene Reis Jhsa rief einmal über das andere: „la 8smck siob ol tsralulj!" (O Saa'rd bring uns die Freude!) Von hier an wurde die Gegend mit jeder Viertelstunde besser. Wir näherten uns dem Lande der schönsten Männer Nubiens, den Scheikre*). Sie bilden einen kräftigen Menschenschlag und zeichnen sich Vortheilhaft vor allen Dongolawistämmen aus. Früher waren sie die Herrn des Landes und beherrschten die übrigen Nu- bicr vollständig. Noch heute kränkt man diese mit dem Vorwürfe, daß ihre Väter von den tapferen, aber sehr übermüthigen Scheikre mit Stricken aus den Blättern der Zwiebeln gebunden worden wären, ohne daß sie gewagt hätten, ihre haltlosen Fesseln zu zerreißen. Sie haben sich ihre Sprache, die arabische, bewahrt und sind noch immer zu stolz, sich mit den umwohnenden Berbern, welche sie verachten, zu vermischen. Ihre Francn sind schön, stehen aber denen des Dahr el Mahhaß, den schönsten Nubiens, bedeutend nach. Die Palmenwäldcr werden üppiger, die Durrahfelder besser und größer, je mehr wir uns dem Djcbel Baikal nähren. Das Dorf Barkal gilt für den Mittelpunkt des Dahr el Scheikre. Dieses ist der fruchtbarste Landstrich Nubiens. Gegen Abend landen wir in der Nähe des berühmten Berges und besichtigen die großartigen, jetzt aber ganz in Schutt und Trümmern liegenden Ueberrestc der Tempel am Fuße desselben. Der Wüstensand soll die Eingänge zu mehreren in die Felsen gehauenen Räumen verschüttet haben; wir fanden nur noch zwei kleine Kammern niit we- ') S. 140 d. 1. Th. 296 nigen Säulen offen. An der Nordwestseite des Berges stehen Pyramiden, welche wir nicht besuchen. Die Lage des Djebel Baikal wurde von Rüppell und Anderen astronomisch bestimmt und unter 180 30' nördlicher Breite und 29" 48' östlicher Länge vvn Paris angenommen. Der heutige Barkal soll die Napata der Alten gewesen und durch die Römer zerstört worden sein. Am linken User liegen die uns bekannten, aus späterer Zeit stammenden Pyramiden von Nuhri. Am 7. September kamen wir bei guter Zeit in Korti an. Wir waren Tags vorher von Barkal abgefahren und in einem kleinen Dorfe über Nacht geblieben. An vielen Stellen zeigten sich zum Theil wahrhaft romantisch gelegene Ruinen alter Bauwerke. In Korti bekommen die Matrosen, nach glücklicher Passage des Katarakts, Bilbil und Mcriesa. Korti ist ein ganz unbedeutender Ort, hat aber trotzdem viele Bilbilkncipcn, in denen öffentliche Mädchen ihr Wesen treiben. Gewöhnlich sind es Sklavinnen, welche nicht selten von ihren Herrn gezwungen worden sind, dem schnöden Erwerbe nachzugehen. Wir fahren nach dem Aassr weiter und übernachten auf der Insel Gän litte. Sie ist wie die übrigen, an denen wir heute vorübergefahren sind, sehr sorgfältig kultivirt und mit Durrah, welche sich jetzt der Reife nähert, bebaut. Um die kleinen körnerfressenden Vögel, die sich in ungeheuren Schaaren cinfinden, aus den Feldern zu verjagen, bedient man sich einer besonderen Vorrichtung. Man errichtet in den Ecken und in der Mitte der Getreidefelder überdachte, zwei Fuß über die Kolben der Durrah erhöhte Gerüste. Diese werden unter sich durch Stricke, in denen Lappen und Federn hängen, in Verbindung gesetzt. Frauen und Kinder besteigen sie und vertreiben, durch Anziehen und Bewegen der Leinen, die einfallenden Vögel. Andere Leinen sind an den im Felde stehenden Bäumen befestigt, um sie zu schütteln, wenn sich Vögel auf ihnen niedergelassen haben. Von Morgens bis Abends sieht man die Leute bemüht, die ungebetenen Gäste zu entfernen und kann daraus beurtheilen, wie bedeutend der durch sie herbeigeführte Schaden sein muß. 297 Am 8. September. Schon vor Sonnenaufgang setzen wir die Reise fort. Die Wüste tritt auf beiden Stromusern vor und verdrängt das Kulturland. Dennoch zeigt sich eine ziemlich lebhafte Vegetation. Gegen zehn Uhr erreichen wir das Dorf el Tabbe, die Einbruchsstation nach Kordofahn. Fünfzehn bis zwanzig Hütten liegen im Sande der Wüste zerstreut, eben fo viele Mc- riesakneipen sind mehr abgesondert. Auch in ihnen treiben sich öffentliche Mädchen herum. Sie sind beschäftigt, Herz und Mund der aus der Wüste Kommenden mit Liebe und Mcriesa zu erquicken. Man hielt heute gerade Markt. Leute der verschiedensten Gattungen und Farben wogten durch einander, um sich gegenseitig ihre, in unseren Augen sehr unbedeutenden Waaren anzupreisen. Unter ihnen befand sich eine Wahrsagerin, welche mir für wenige Para eine großartige Gunst des Geschicks in Aussicht stellte und eine so glückliche Zukunft versprach, daß ich froh sein könnte, wenn sich nur der zehnte Theil ihrer Prophezcihungen verwirklichen sollte. Ihre ganze Kunst bestand in einfachem Punktiren. Eine größere Portion Verstand, als die anderen besitzen mochten, sicherte ihr hohes Ansehen. Die Dongolawi hingen, dem ihnen geoffenbarten Geschick vertrauend, an ihrem Munde und glaubten ihr jedes Wort. Am 9. September. Zwei unserer Matrosen wohnten auf der Insel Hamuhr, oberhalb Dongola el Adjuhs oder Alt- Don gola. Wir landeten heute Morgen dort und gingen, die Matrosen im Schooße ihrer Familie zurücklassend, auf die Jagd. Durch Hülfe der Jugend einiger kleiner Dörfer erhielt ich viele Nester des Feuer sinken, welche ich mit wenigen Para bezahlte. Bei unserer Zurückkunft trafen wir in dem elterlichen Hause unserer Matrosen viele Leute versammelt. Man hatte ein Schaf geschlachtet, wie einstens bei der Zurückkunst des verlorenen Sohnes, und gab ein kleines Fest. Sogar die Verwandten aus einem Dorfe des gegenüberliegenden Ufers waren auf ihren mit Luft gefüllten Schläuchen hcrübcrgeschwommen. Die Araber uud Nubier sind im Stande, mit sehr erhöhter Stimme ausgestoßene Worte über den Strom hinüber zu rufen, selbst wenn er eine Viertelstunde breit sein sollte. 298 Aus diese Weise hatte man Jenen sogleich Nachricht von dem Erscheinen Mahammeds gegeben: „Und wo ein Bär den andern sah'. Da hieß es: Petz ist wieder da!" Nachdcm^wir um Mittag wieder abgefahren sind, müssen wir schon unterhalb Alt-Dongola wieder anlegen, um einem anderen Matrosen den Besuch seiner dort wohnenden Familie zu gestatten. Von Alt-Dongola aus soll eine unterirdische Höhle bis zum Djebel Barkal führen. Obgleich ich an der Wahrheit dieser Mittheilung zweifle, halte ich doch das Vorhandensein einer tiefen und ausgedehnten Höhle für möglich, weil ich von verschiedenen Eingeborenen, so oft ich Alt-Dongola berührte, immer Dasselbe hörte. Man erzählt sich, daß ein Kalb zufällig in den in der Nähe der Moschee Alt-Dongola's sich befindlichen Eingang gerathen und abgemagert, mit abgestumpften Hörnern, abgeschabtem und blutendem Fell am Djebel Barkal wieder zum Vorschein gekommen sei. Leider hatte ich nie Gelegenheit gehabt, mich von der wahren Beschaffenheit der Sache zu überzeugen. Am 10. September haben wir heftigen Gegenwind und kommen fast gar nicht von der Stelle. Um Mittag wird bei dem alten Kastell Schech Rheahme angelegt. In der Nähe dieses Ortes wohnt ein berühmter Heiliger, Saard-Aali, welcher, nach den Versicherungen der Nubier nicht weniger als zweihundertundzwanzig Jahre zählt und seine Ur-Uren« kel um sich spielen sieht. Wenn man so Etwas von ehrwürdigen, ernsthaften Leuten erzählen hört, begreift man erst, wie Methu- salah ncunhundertncunundsechzig Jahre alt geworden ist. Abends landen wir in dem Ufersteige des Unglücksortes Dongola. Der erste meiner Gänge war für mich der wichtigste nnd traurigste. Ich besuchte das Grab meines armen Bruders. Mit welchen Gefühlen ich den Ort betrat, an welchem wir diesen guten Menschen vor sechszehn Monaten in die heiße Erde betteten, wage ich nicht zu schildern. Sie kann nur Derjenige beurtheilen, welcher seinen theuersten Freund ohne die Hoffnung, ihn auf Erden 299 jemals wieder zu sehen, zurückläßt. Mein Abschied war noch schmerzlicher; ich nahm ihn nicht von dem Lebenden mehr, ich nahm ihn von seinem Grabe. Der unersetzliche Verlust, den ich erlitten, trat mir noch einmal in seiner ganzen Herbheit vor die Seele; ich fühlte ihn von Neuem wieder und verließ den Fricdhof weit trauriger, als ich ihn betreten hatte. Dann besuchte ich den seines Amtes entsetzten Gouverneur der Provinz, Schirmn-Bei, und brachte ihm die Grüße und Danksagungen, welche mir mein Vater für ihn aufgetragen hatte. Er schien sich über meinen Besuch zu erfreuen und bat mich, mehrere Briefe, die er gern sicher gehen lassen wollte, mit nach Kairo zu nehmen. Ich that dies mit dem Vergnügen, welches wir empfinden, wenn wir uns Jemanden, der uns einen großen Dienst erzeigte, dankbar erweisen können. Herzlich froh waren wir, als wir am 13. September der Stadt Dongola den Rücken kehren konnten. Die Erinnerung an die Vergangenheit drückte mich und meinen treuen Freund Bauer- horst. Am Abend des 14. Septembers landeten wir in der Nähe des großen Dorfes Hafiera, um dort zu übernachten. Eine Gerichtsscene hielt uns auch am anderen Morgen bis Mittag dort auf. In Charthum hatten wir einen jungen Burschen, Ach- med, der gern die Maheruhset sehen wollte, in Dienst genommen. Der Vater desselben, ein Scheiki, kam in Dongola zu uns, um sich der Abreise seines Sohnes zu widersetzen und diesen zurückzufordern. Achmcd klagte, weinte und bat uns flehentlich, ihn nicht von uns zu stoßen, weil seine Eltern und zwar vorzüglich die Mutter ihn fortwährend mißhandele. Wir verwiesen Vater und Sohn an den Diwahn, welcher den Bescheid ertheilte, daß der Bursche hingehen könne, wohin er wolle. Dieser entfloh hierauf aus der Stadt, um flußabwärts wieder zu uns zu stoßen, wurde aber von seinen Verwandten eingeholt, in Ketten gelegt, seines Geldes und seiner Kleider beraubt und geschlagen. Mit Hülfe eines Bekannten entfloh er zum zweiten Male und langte zu gleicher Zeit mit seinem ihm nachgeeilten Vater bei uns an, um ein Asyl zu suchen. Jetzt nahm ich mich des 300 Knaben an. Der Alte verklagte mich im Diwahn. Zum Unglück für ihn erkannte ich in dem Hahkim el Belled oder Ortslichter einen alten Freund, Aabd el Wehahl Effcndi aus Dongola, und trug ihm die Geschichte vor. Er entschied zu Gunsten des Sohnes und ermächtigte diesen, mit uns zu reisen, was er mit großem Vergnügen that, obgleich ihm seine Verwandten den im Sudahn weit verbreiteten Glauben: daß die Europäer die schwarzen Leute schlachteten, um mit ihrem Blute die rothen Tarabiesch zu färben, warnend mitgetheilt hatten. Am Mittag reisten wir ab und erreichten Nachts die dattcl- reichc Insel Bad ihn, deren Bewohner ungeachtet der ihnen gehörigen ausgedehnten Palmenwäldcr sehr arm sind. Die Regierung hat auch hier die hohe Steuer von fünfzig Para oder fünfundzwanzig sächsischen Pfennigen auf jeden Palmenbaum gelegt. Da nun alle Palmen besteuert sind, gleichviel ob sie Früchte tragen oder nicht, ist es erklärlich, daß die Steuer kaum zu erschwingen ist. Häufig tritt Mißwachs ein oder eS können die armen Nubier ihre Früchte gar nicht verwerthen; dann bleiben sie im Rückstände mit ihren Steuern und sind allen Bedrückungen der Regierung ausgesetzt. Man muß sich billig wundern, daß sie leben können. Am 17. September. Nachdem wir Mittags abgefahren sind, durchschiffen wir bald darauf den Schcllahl Hannik, den ersten des sogenannten zweiten Katarakts. Das Schiff windet sich mit großer Schnelligkeit und Sicherheit zwischen den vielen Felseninseln, welche überall aus dem Wasser hervorragen, hindurch. Auf den größeren Inseln sieht man wieder ähnliche Kastelle, wie im Wadi Gam m a r. So erheben sich auf jedem Ende der großen Insel Simmit stattliche Schlösser von denen das eine, am unteren Ende befindliche, schon verfallen ist. Sie liefern uns den Beweis, daß die Raubzüge der Scheikie auch bis hierher ausgedehnt wurden. Zu beiden Seiten des Stromes tritt die Wüste wieder einmal bis zu den Ufern heran. Oberhalb des eben überfahrcnen Schcllahl liegt das Schechsgrab Suktahn-Mohke, unterhalb des vor uns rauschenden Schabahn der Djebel Aaschkahn und links der 301 breitrückige Djebcl Aali-Barsi. Der Schcllahl Schabn hn ist nur bci niederem Wasserstande gefährlich. Wir passiren ihn am 18. September und erreichen Vormittags das Schcchsgrab des Fakhi - Bcndcr. Von hier aus wendet sich der Nil östlich und beschreibt einen großen Bogen, dessen Sehne wir von Kos aus zu Kamel verfolgt hatten. Die Aussicht öffnet sich und während zu beiden Seiten wieder ausgedehnte Palmenwälder sichtbar werden, schließen vor uns in blauer Ferne sechs zackig gcgipfelte, malerische Berge den Prospekt. Unsere heutige Fahrt fördert. Die Djcbahl Nauer und Kisbetta liegen schon zu Mittage hinter uns. Bald darauf erscheint das Dorf Kuhke, von wo aus sich der Nil, wenn auch nur auf kurze Zeit, wieder nördlich wendet. Schon bei den etwa eine Meile stromabwärts gelegenen Bergen Sehsi und Berber geht er nach Westen zurück. In der Wüste links sieht man vier aufrecht stehende Säulen eines Tempels, auf dem Djcbcl Sehsi eine, diesmal den ganzen Berg einnehmende und seinen Gipfel mit malerischen Ruinen krönende Festung. Hier überrascht uns ein Orkan und zwingt uns, Land zu suchen. Nach kurzem Aufenthalte können wir die Reise fortsetzen und landen erst spät in der Nacht bei dem herrlichsten Wetter in der Nähe des Dorfes Gorgath, am Fuße einer Bergkette gleichen Namens. Am 19. September. Der Fluß wendet sich von unserem Nachtlager aus nordwestlich; er ist von Fclsenbergcn eingeschlossen und wälzt sich langsam in seinem ziemlich engen Bett dahin. Wir brechen sehr früh auf, kommen um 8 Uhr Morgens an dem Dorfe Kos vorüber und erreichen zwei Stunden später bei dem Tempel Sobbe das Dahr el Mäh aß. Um Mittag landet man bei dem Dorfe Soahrte, um Datteln und Fleisch zu kaufen. Man- suhr hat für den Löwen eine kleine Ziege gekauft, geräth aber mit dem Verkäufer derselben, welchen der Verkauf gereut, in Streit. Bald versammeln sich viele Männer um unsere Barke und suchen diese an dem nach dem Ufer gehenden Haftseile festzuhalten. Unsere Bemühungen, die Barke flott zu machen, sind fruchtlos. Der Haufen am Ufer wird immer größer. Man fängt an, mit sehr großen Steinen nach dem Schiffe zu werfen. Ich zeige mich mit Waffen versehen und drohe, Feuer zu geben, wenn man uns nicht in Ruhe lassen werde, lege das Gewehr an und schieße über die Köpfe der Leute weg; es hilft Nichts. Das Werfen wird ärger, das Volk wüthender. Wiederholte Warnungen fruchten nicht; ich muß mich am Ende entschließen, unter den Haufen scharf zu feuern. Um jedoch Niemanden zu tödten, wähle ich nur Schrotgewchre und ziele nach den Füßen. Die Wirkung ist vortrefflich, der Strand wird frei, aber nur auf Augenblicke. Ein wüthendes Ulululul-Geheul durchtönt das ganze Dorf, in wenigen Minuten ist das Ufer mit mehr als fünfzig mit Aerten, Lanzen, Hacken, Knütteln und ähnlichen Werkzeugen bewaffneten Männern bedeckt, welche uns mit grimmigen Geberden zum Kampfe herausfordern. Da wir fürchten müssen, bei einem Kampfe mehrere Menschen zu tödten, nehmen wir ihre Herausforderung nicht an und fahren ruhig weiter. Um ihnen aber alle Lust zu weiterem Kampfe zu nehmen, sende ich mehrere Büchsenkugcln dicht an ihnen vorüber und diese tanzen so verständlich auf dem Wasser dahin, daß sie wirklich von ihrem Vorhaben abstehen. Nach einer halben Stunde kommt auf dem rechten Ufer der ungefähr achthundert Fuß hohe, breitrückige Djebel Debchdj zum Vorschein; links sieht man den Djebel Sai auf der durch die Mammelukcn berühmt gewordenen Insel gleichen Namens. Wir übernachten in dem Dorfe Koike. Die hohe, von allen bisher gesehenen abweichende Kuppel eines Grabmales erhebt sich über die Kronen der Palmen. Sie deckt die Ruhestätte eines großen Heiligen, dessen Bruder Jdrieß noch hier lebt, ebenfalls im Rufe der Heiligkeit und fast in derselben Achtung als der Verstorbene steht. Dieser machte sich hauptsächlich durch große Wohlthaten an den Armen beliebt und wurde wegen sieben Wallfahrten nach Mekka bald allgemein verehrt. Sein noch lebender Bruder errichtete ihm das erwähnte Grabmal und wurde dabei durch reichliche Geschenke von Seiten des Vizekönigs und anderer wohlhabenden Türken unterstützt. Mahammed-Aali erklärte ihn für steuerfrei und gab ihm seine Hochachtung vielfältig zu erkennen. Schech Jdrieß war 303 nur einmal in Mekka, macht aber in der festen Ueberzeugung der Nubier jedes Jahr die heilige Wallfahrt „sirran", d. h. so geheimnißvoll mit, daß er immer in Koike gesehen wird, obgleich er sich bei der Pilgcrkarawanc befindet. Ich sah Schech Jdrieß aus seinem hübschen Hause heraustreten, um den Morhrcb zu beten. Alle unsere Leute gingen ehrfurchtsvoll auf ihn zu, küßten ihm die Hand und baten um seinen Segen. Dann reihten sie sich den Dorfbewohnern an, verrichteten die Waschungen und beteten dem Schech, welcher die Stelle des Jmahn übernahm, das Abendgebet nach. Unser alter Reis Jhsa versicherte mich, daß keine Barke hier vorüberfahre, ohne daß die Matrosen und der Nc'rS Schech Jdrieß um seinen Segen und „die Erlaubniß" zur Weiterreise gebeten hätten. Schech Jdrieß lebt fast nur von den Gaben, welche ihm die Milde der Türken und Nubier spendet. Er sammelt aber keine Reichthümer. Was er besitzt, verwendet er an die Armen oder an Reisende. Auch uns sandte er mehrere Schüsseln seines Abendessens mit seinen besten Segenswünschen. Wir belächelten die Nubier nicht, welche einem so ausgezeichneten Manne eine Achtung zollen, die wir selbst ihm nicht verweigert haben. So ließ er unter Anderem am linken Stromufcr, einige Stunden unter Koike in der Wüste ein Häuschen bauen, um darin durch einen Sklaven und dessen Frau Reisende beherbergen und bewirthen zu lassen. Wir sahen daö Werk ancrkcnnungswcrther Gastfreundschaft und Barmherzigkeit am folgenden Tage. Weit und breit ist keine menschliche Wohnung zu erblicken, die Gegend wüste und unwirthsam; da zeigt sich dem Reisenden ein Ort der Ruhe und Erquickung, auf dein der Segen eines heiligen oder in unseren Augen wenigstens geachteten Mannes liegt. Ein so edler Mann muß Ehrfurcht erwecken ! Bauerhorst besuchte das Innere des Grabmals. Er fand ein sehr einfaches, von Lehmziegeln überwölbtes, mit arabischen Inschriften geziertes Grab. Ein Holzgitterwerk mit einer Kuppel überdacht, dessen Ecksäulen versilberte Knäufe tragen, umschließt es. Wollene und seidene Decken zieren den Boden und das Gitterwerk. 30L Das ist die Ruhestätte des verehrten Geistlichen oder Heiligen von Koikc. Am 2 0. September. Der Morgen ist sehr neblig und verspricht einen stürmischen Tag. Bald nach unserer Abfahrt erreichen wird die Insel Sai und später das von den Mameluken befestigte, von den Türken eroberte Schloß derselben. Es war der letzte Hauptpunkt der schon überall geschlagenen adeligen Krieger- schaar. Die Metzelei bei Einnahme der Festung soll schrecklich gewesen sein; wenigstens sagt man, daß die Ströme des Blutes der Erschlagenen von der Feste aus über einen, jetzt vielleicht vierzig Fuß den Wasserspiegel überragenden Felsen dem Nil zuliefen. Dicke schwarze Streifen, welche man an den Mauern des Schlosses noch heute sehen kann, bezeichnet man als die Spuren des Blutes. — Gegen Mittag passircn wir den unbedeutenden Schellahl Abihr, in der Nähe eines eben so benannten hohen Berges, dessen Formen durch den dichten Nebel hindurch nur in groben Unwissen bcmerk- lich sind. Wir sehen die Sonne kaum, so blaß und klein erscheint sie. Um zwei Uhr Nachmittags gehen wir in den langen, heftig erregten Schellahl Dahle ein, den wir in der kurzen Zeit von dreiviertel Stunden hinter uns haben, obgleich er über anderthalb Meilen lang sein mag. Jetzt ragen nur die grünen Spitzen der bei niederem Wasserstande sichtbaren Bruchweidcn über das Wasser empor. Unterhalb Dahle wird der Strom von steilen und ziemlich hohen Felsen sehr eingeengt und wendet sich eine kurze Strecke direkt nach Osten. Unter dieser Stromcnge liegt die gefährliche Schema Jsbe, oberhalb des Schellahl von Akahsche. Wir pas- siren Beides schnell und landen unterhalb des Schechsgrabes Akahsche, in welchem die Schiffsmannschaft den Morhreb betet. Am anderen Morgen fahren wir sehr früh weiter. Das Häuschen der thcrmalischen Quelle von Okme ist kaum sichtbar. Der gefährliche Schellahl Tanguhr liegt hinter uns, ehe wir wissen wie; Mittags durchschiffen wir die Stromschnelle von Ambukohl und gelangen zum Aassr in die Nähe von Semmne mit seinem wogenden Wassersturz. Acht Barken haben angelegt und rufen uns zu, ihnen Gesellschaft zu leisten. Reis Jhsa antwortet ihnen: „L. II all maana" „Gott ist mit uns" und leitet das Schiff mit sicherer Hand in die brausenden Wellen hinein. Unter dem lauten Rufe der Matrosen: „cks 8ol,svk .4,kallsoks l> auen saleina," „Hilf uns, o Schech Akahschc!" gleitet es pfeilgeschwind über die Stromschnelle, sucht das User und ruht nach wenigen Minuten in stiller, sicherer Bucht. Am 22. September. Wenn man in einer elenden Barke mit schlechten Rudern und unzuverlässigen Matrosen, von Charthum kommend, glücklich mehr als zwanzig Schellalaht hinter sich und nur noch zwei Wasserfalle, vor denen die werthvollen Sachen ausgeschifft werden, vor sich sieht, bemächtigt sich ein freudiges Gefühl der ganzen Reisegesellschaft und ein, von Allen gleich lebhaft empfundenes „Ll llamcki lilkslli!" gibt diesem Gefühle Worte. So war es bei uns, als wir Semmne hinter uns wußten. Vor uns lag die freudige Gewißheit, nun bessere Landstriche zu erreichen. Während wir bisher nur die Beschwerden und Gefahren einer Katarakteufahrt, einer Reise durch unbebaute Ländcr- strecken oder unbebaubare Felscnbcrge und Wüsten ertragen mußten, empfanden wir schon jetzt das Vorgefühl des Genusses, sorglos und ruhig auf einem der kolossalsten Ströme durch eins der merkwürdigsten Länder der Erde hinabzuschwimmen. Bloß der Katarakt von Wadi-Halfa lag noch zwischen uns und dem sicheren, felsen- freien Strombette des Wadi-Aarrab, Wadi-Kennuhs und E g p p t e n s. Wir waren heute wieder sehr früh abgefahren und hatten schon manche Schema, manche kleine Stromschnclle durchschifft, da zeigten sich die Mauern des Kastells von Abke. Wir mochten noch eine Viertel- meile von diesem uns bekannten Landungsplätze entfernt sein, als die Ungeschicklichkeit der Schiffsmannschaft noch einen beinahe tragischen Schluß der ganzen Reise herbeiführte. Oberhalb der Stelle, an welcher wir uns befanden, nimmt der durch Felsen in drei Arme getheilte Nil eine Breite von mehr als einer halben Meile an. Reis Jhsa will den rechten Arm wählen, wird aber von einem uns begleitenden, stromkundigen m. 20 3ÜÜ Nubier, Mäh am m ed - A ali, gewarnt, weil sich unter der zu erwählenden StromschneUe ein Strudel befindet. Jetzt wendet man sich dem mittleren Arme zu und erreicht ihn auch glücklich zur Durchfahrt. Da glaubt Jhsa, auf dem linken Ufer noch besseres Fahrwasser zu benicrken und leitet dorthin das Schiff. Nur die äußerste Kraftanstrengung der Ruderer überwindet den Wasserzug des mittleren Armes und führt die Barke dem linken Ufer zu. Der Ruderschlag siegt zwar über das wogende Element, kann es jedoch nicht verhindern, daß die Barke an die beide Arme trennende Felseninsel geschleudert wird, wo sie mit starkem Getös über mehrere Steine hinwegglcitet. Jetzt erfaßt sie die volle Gewalt des linken Stromarmeö und treibt sie unabwendbar einem halb aus dem Wasser hervorragenden Felsblocke zu, den jetzt erst Alle bemerken. Der dieser Wahrnehmung folgende Schrecken ist allgemein, „cka i-sbb lisusn ssloina, ga Saaiägiok, ol karalräs, In 11 lalrr» il äU- Isli, Icksllammeä rassukl ^Ilak*)! erschallt von den Lippen der bestürzten Matrosen, aber nur, um einem Verzweiflungsgeschrei der ganzen Schiffsgesellschaft Raum zu geben: — die Barke ist mit furchtbarem Krachen auf den Felsblock gestoßen und festgefahren. Ein bedeutender Leck ist die Folge. StromweiS ergießt sich das Wasser in das Schiff, welches, wie wir Alle wissen, auS dem im Wasser sinkenden Mimosenholze gezimmert ist. Alle haben die Geistesgegenwart verloren und laufen ohne Plan und Zweck auf dem Schiffe herum. Die Matrosen entkleiden sich, um beim gänzlichen Sinken des Schiffes davon zu schwimmen. Da erkennen wir Beide, Bauerhorst und ich, die Größe der Gefahr und damit kehrt auch unser volles Bewußtsein und die Kraft zum Handeln zurück. Ich verbiete den Matrosen bei Todesstrafe, das Schiff zu verlassen, und schwöre ihnen zu, dem Ersten, der sich entfernen würde, eine Kugel durch den Kopf zu jagen, was ich, wie sie wohl wissen, gewiß auch thun werde. Wir fürchten Nichts für uns, denn wir Beide sind *) Herr, hilf uns! o Saüd, bring uns Freude (Rettung)! es ist nur ein Gott und Muhammed sein Prophet. 307 rüstige Schwimmer, wohl aber für das Leben Tisch end orfS, welcher nicht schwimmen kann. Deßhalb gebiete ich einem Bedienten, für diesen einen luftdichten Wasserschlauch nach Art der Nu- bicr aufzublasen, unterweise ihn, wie er ihn zu befestigen und was er dann weiter zu thun habe, und befehle ihn dem Schutze Gottes und seines guten Genius. Dann übergebe ich dem Diener Man - fuhr unser Reisegeld, einem anderen, Mahammed, unsere wichtigsten Papiere in einem ziemlich wasserdichten Kästchen, mit dem Auftrage, Beides zu retten, falls es Noth thun sollte. Das ist das Nöthigste. Auf der Barke geht Alles nach wie vor durch einander. Noch trägt der Felsen das Schiff und verhindert es am weiteren Sinken. Das Schiffsvolk hat die Besinnung immer noch nicht erlangt. Einige versuchen, die Barke flott zu machen, Andere schöpfen Wasser. Ich wende mich nach dem Steuer und finde dort bereits Baucrhorst, welcher dasselbe, wie er selbst sagt, ohne bestimmte Absicht hin und her bewegt. Nur das Steuer kann uns retten! Wir Beiden drücken den Hebelarm desselben nach der Seite hin, von welcher wir den heftigsten Widerstand fühlen, und bemerken, daß das Vordertheil der Barke sofort seine Lage verläßt. Die Kraft des an die breite Fläche des Steuers wirkenden Wassers schleudert uns aber gewaltsam zurück und Baucrhorst über Bord, wo er sich glücklicher Weise noch festhält. Von Neuem wiederholen wir unsere Kraftanstrengungen und überwinden glücklich den unglaublich starken Gegendruck des Steuers. Das Vordertheil der Barke bewegt sich langsam vom Felsen ab, dreht sich dein Strom entgegen, steht einen Augenblick bewegungslos und wird nun plötzlich von ihm auf der günstigsten Seite erfaßt und herumgeworfen. Das geschieht so schnell, daß die auf dem Felsen stehenden und dort arbeitenden Matrosen das Schiff nicht geschwind genug erreichen können und von den Wellen in einem Strudel herumgetrieben werden. Wir retten sie durch Stangen, welche wir ihnen entgegenhalten. Alle sind noch bestürzt und lassen das Schiff sich erst zwei- bis dreimal um sich herumdrehen, ehe sie Hand an die Ruder legen. Wir übernehmen daS Kommando und sorgen mit der Peitsche in der Hand für schnelle Befolgung 20 * der gegebenen Befehle. Die Matrosen arbeiten mit allen Kräften. Wir schöpfen mit den Bedienten Wasser, müssen aber sehen, wie das Schiff mit jedem Rudcrschlage schwerer und unbeweglicher wird. Es sinkt immer tiefer; das Wasser steht bereits zwei Fuß hoch i'm Schiffsraum und füllt mehr als die Hälfte desselben an. Endlich erreichen wir das linke User des Stromes. Wir sind gerettet. Sogleich werden mächtige Pfähle in das Erdreich gerammt und an diese das Schiff mit starken Seilen so befestigt, daß es nicht tiefer sinken kann. Dann werden die Waarenballen und Kisten ausgeladen. Wir schöpfen in größerer Anzahl eifrig fort und können nach und nach einen Leck nach dem anderen oberflächlich verstopfen. Die Kisten und Gummisäcke sehen erbärmlich aus, doch ist, wie sich bei genauerer Besichtigung herausstellt, der Schaden immer noch nicht so groß, als er hätte sein können. Ich habe, wie ich später berechnete, in den mir zu Grunde gegangenen Naturalien einen Verlust von ungefähr sechshundert Thalern erlitten, Reis Jhsa verliert verhältnißmäßig weit mehr. Er hatte vor vierundzwanzig Monaten seine Heimath, das Dorf Schcllahl bei Assuan, verlassen, hatte sich die ganze Zeit hindurch geplagt und abgemüht und zwanzig Centner arabischen Gummi erworben. Jetzt steht mehr als die Hälfte im Wasser. Er zerrrauft sich seinen weißen Bart und weint. Alle Trostgründe sind vergeblich; der Arme kann sich nicht in sein Schicksal ergeben. Während wir noch in voller Arbeit sind, kommen die acht Barken, welche wir gestern bei Semmne gesehen haben, von Oben herab und passtren, eine nach der anderen, den mittleren Arm, welchen Jhsa unkluger Weise nicht gewählt hatte. Wir rufen ihnen zu, uns zu Hilfe zu kommen und nehmen mit großem Verdruß den Vortheil, welchen sie durch ihre Segel vor uns haben, wahr. Sie spannen dieselben auf und sind nach wenig Minuten bei uns *). *) Im Schellahl selbst werden oft nur diese Rautensegel die Mittel zur Rettung jener kleinen Boote, weil die zur Zeit des hohen Wasserstandes wehenden Paffatwinde eine Barke immer wieder stromaufwärts treiben können. 309 Unsere ermüdeten Matrosen werden nun durch fast zwanzig Männer von den anderen Schiffen abgelöst. In Zeit von einer Stunde hat man alle Lecke verstopft und das im Schiffe befindliche Wasser ausgeschöpft. Dann beladet man das Boot von Neuem und fahrt nach dreistündigem Aufenthalte dem gewöhnlichen Landungsplätze am anderen Ufer zu. Hier werden die Kisten aws Land gebracht, ihres Inhaltes entleert und die durchnäßten Vogel- bälge getrocknet, so gut es gehen will. Hiermit bringen wir drei Tage zu. Wahrscheinlich in Folge des in die Barke eingcdrungencn Wassers sterben drei meiner lebenden großen Geier, wodurch mir der allerempfindlichste Verlust bereitet wird. Erst am 2 3. September verließ uns Bauerhorst, welcher den großen Katarakt zu Schiffe passtrcn wollte. Ich blieb bei dem Gepäck zurück und zog mit ihm am folgenden Tage nach Wadi - Halfa. Schon mit Sonnenaufgang saßen wir im Sattel; die Paviane und andere Affen hockten in den posstrlichstcn Stellungen auf den Kisten, mit denen die Kamele beladen waren, und zankten sich mit diesen ohnehin selten gut gelaunten Thieren ohne Unterlaß. Nach beinahe drei Stunden kamen wir mit unseren Rcitkamelen in Wabi -Haifa an; die Lastlhierc folgten erst später. Ich hatte die glückliche Ankunft Bauerhorsts schon gestern erfahren. Mit wirklicher Freude begrüßten wir uns gegenseitig. Mein Freund erzählte mir das Nähere der Fahrt. Es war so ziemlich dasselbe, was ich früher auch erlebt hatte, wenn auch die Nebcn- umstände verschieden sein mochten. Die Gefahr, zu scheitern, war für das Schiff sehr nahe gewesen. Man hatte an dem Felsen des engen Thores, Kussukohl, zwei Ruder zerbrochen und war weiter unten auf Felsen aufgelaufen, wobei ein Matrose in'S Wasser stürzte und ertrunken wäre, wenn ihm Baucrhorst nicht den mit. Luft gefüllten Schlauch zugeworfen und ihn durch denselben gerettet hätte. Letzterer war ganz meiner Ansicht, daß Der, welcher den Katarakt von Wadi-Haifa einmal ü'oerschifft hat, es, ohne dazu gezwungen zu sein, zum zweiten Male nicht wieder thut. Um so auffallender war cS unS, wenige Tage später einen Nubicr ganz vergnügt aus einem Floß ankommen zu sehen, womid 310 er nicht nur den vor uns liegenden Katarakt, sondern von Do rigol« aus alle übrigen Stromschnellen durchschwömmen hatte. Er befand steh auf der von mir genannten Insel Badihn und wollte diese eben verlassen, um nach Kairo zu reisen, als wir ankamen. Vergeblich suchte er bei uns und bei den übrigen Barken um Aufnahme nach. Da baute er sich aus Durrahstängeln ein vorn zugespitztes, zehn Fuß langes und fünf Fuß breites Floß, setzte sich darauf und vertraute sich den Wogen des Stromes. Die Stiele zweier Palmen- blätter dienten ihm in den Schcllalaht als Ruder. In dem Katarakt von Wadi - Half« zog ein heftiger Strudel sein gebrechliches Fahrzeug in die Tiefe und zwang unseren Nubier, so lange in der Stromschncllc herumzuschwimmen, bis das leichte Floß wieder zu Tagö kam. Er bestieg es von Neuem, fischte einen im Strome schwimmenden Waarenballcn aus dem Wasser, brachte diesen nach Wadi-Haifa und setzte dann seine weite Reise fort. Den Bedarf seiner Nahrung nimmt er sich aus den Dörfern mit, in denen er anlegt. So durchreisen die Nubier manchmal eine Landstreckc von mehr als hundert deutschen Meilen. Am 28. Septeinber. Gegen Mittag kam eine der Barken, mit denen wir unsere Kataraktenrcise angetreten hatten, in Wadi- Halfa an und brachte die Nachricht, daß das Boot, welches schon am 3. September bedeutend beschädigt wurde, oberhalb des Schellahl Kussukohl oder Gas kohl in dem Katarakt von Wadi-Half« vollkommen gescheitert und mit fünfzehn Kamelladungcn oder beiläufig sechzig Centnern Gummi untergegangen sei. Die Mannschaft hatte sich mit genauer Noth gerettet. Kurz darauf langte eine zweite, meinem Gönner und Beschützer, Latief-Pascha, gehörende Barke an. Ihre Ladung bestand aus einem prachtvllcn Löwenpaare, welches Latief-Pascha Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich zum Geschenk gemacht hatte, und fünfzehn bis zwanzig abysstnischen Sklavinnen. Die Leute lagerten sich in unserer Nähe unter Palmen. Wir sahen sehr schöne Mädchen unter den für den Haushalt des Pascha bestimmten Sklavinnen, welche zusammen wohl über tausend Speciesthaler gekostet haben mögen. Der die Sklavinnen und Löwen begleitende Diener 311 war deshalb auch so vorsichtig gewesen, sie durch die Wüste zu transportiren. Gegen Abend verlassen wir Wadi-Haifa und fahren bis zu dem ungefähr vier Stunden entfernten Dorfe Jschkeht, wo wir eine Nacht bleiben, weil Reis Jhsa seine dort ansässigen Verwandten besuchen will. Tags darauf hindert ein heftiger Gegenwind die schnelle Fahrt. Wir verweilen den größten Theil deS Tages bei den Felsentempeln von Abu-Simbil und benutzen die windstille Nacht zur Weiterfahrt. Am 3V. September. Mit Sonnenaufgang waren wir bei der uns schon bekannten Mammelukenfestung Jbrihm angekommen. Während eines nothwendig gewordenen Aufenthaltes von wenigen Minuten jagte ich in dem schönen Palmenwalde des Dorfes Jbrihm, hatte aber das Mißgeschick, einen an Krämpfcn leidenden Knaben durch einen Schuß so zu erschrecken, daß er augenblicklich einen Anfall seiner Krankheit bekam. Fühllos und unthätig umstanden die Nubier das unglückliche Kind und überließen eS kaltblütig seinem Schicksale. Um zehn Uhr Vormittags landen wir in Derr oder Dirr, um Fleisch zu kaufen. Man findet im ganzen Dorfe kein Schaf; da beschenkt uns der Kahschef des Orts, ein alter freundlicher Türke aus der Gegend von Belgrad, mit einem fetten Hammel. Nach kurzein Aufenthalte fahren wir weiter und kommen schon Mittags in Korosko an. Meine Kisten sind glücklich angelangt und werden eingeladen. Außerdem empfangen wir mit großem Vergnügen einen Brief von unserem Freunde Reitz aus Carthum. Mit Sonnenuntergang setzen wir unsere Reise fort und fahren die ganze mondhelle Nacht hindurch. Am 1. October besichtigen wir die altegyptischen Tempel von Gurda, Tahke und Djcrf - Hussein. Sie liegen sämmtlich auf dem linken Ufer, sind ziemlich klein, aber sorgfältig ausgearbeitet. Am 2. October. Noch vor Mittag erreichen wir Kalabsche und besuchen den großartigen, leider fast ganz in Trümmern lie- « 312 genden Tempel. Er ist einer der schönsten, welche ich gesehen habe, sehr groß und ausgedehnt und mit vielen Bildwerken und Hieroglyphen geziert. Die ganze Umgegend ist mit Trümmern bedeckt. An den Farben auf den Sculpturen kann man die Jahrtausende, welche an dem Bauwerke vorübergegangen sind, nicht ahnen; ihre alte Schönheit hat sich noch ganz erhalten. Mit Gewehrschüssen und freudigen Hurrahrufcn passiren wir kurz nach unserer Abfahrt den Wendekreis des Krebses. Ich that es zum vierten Male. Unterhalb desselben verengt sich der Nil und bildet das sogenannte Thor von Kalab sehe (Bahb el Ka- labsche). Weiter stromabwärts liegt links der Tempel Hindahf und eine Meile von diesem der Schcllahl Tuboht. Er ist nur bei vollem Nile gefährlich und wird im Sommer ganz unbedeutend. Der in der Nähe desselben liegende Tempel gleichen Namens bietet wenig Bcmerkenswcrthcs dar. Es fehlt ihm sowohl das Großartige und Massenhafte der Anlage, als auch der Reichthum an Sculpturen, welche alle egyptischen Alterthümer auszeichnen. Die wenigen hier vorhandenen sind schlecht und liederlich ausgearbeitet. Am 3. October. Philä. Wir besehen die Ruinen der „Fccninscl" zum zweiten Male, sind aber, trotz unseres ziemlich langen Aufenthaltes, nicht im Stande, unserem Gedächtniß ein kleines Bild all' des Herrlichen einzuprägen. Die Pracht des Tempels im Ganzen genommen ist so groß, die Sculptur und Verzierung der einzelnen Hallen so mannichfaltig, daß der Geist den Ge- sammteindruck nicht sogleich zu erfassen vermag. Am 4. October ging ich mit allem Gepäck zu Kamel durch die Wüste nach Assuan. Baucrhorst blieb auf der Barke und passierte mit ihr den unbedeutenden Schcllahl oder den sogenannten ersten Katarakt des Nil. Wir verweilten bis zum 7. October in Assuan. Ueber unsere Reise durch Obcregypten habe ich nicht Viel zu berichten. Am 8. October erreichten wir Morgens Kohm-Ombos, Nachmittags den Djcbel elSelseli, Abends das zerstörte Dorf Silwe, Tags darauf E d fu. Der bisher von mir wenig beachtete Tempel daselbst überraschte mich. Er ist in je- 3l3 der Beziehung großartig angelegt. Die hohen Pylonen sind noch recht wohl erhalten; wahrscheinlich waren sie die Wohnungen der Priester. Man sieht an der Vorderseite drei Reihen von Sculptu- ren, männliche und weibliche Figuren en rolle 5. Diese nehmen von Oben nach Unten an Größe zu. Die der oberen Reihe erscheinen von Unten gesehen in Lebensgröße, die der unteren sind kolossal. Durch den, wie gewöhnlich, mit der geflügelten Schlange gezierten Eingang hindurch gehend, gelangt man in einen von Kolonaden umschlossenen Hof, in dessen Hintergründe der leider fast ganz verschüttete Tempel seine mit vorzüglicher Sorgfalt gearbeiteten Säulen zeigt. Ein mit Sculpturen reich verzierter Gang läuft, gleichsam einen Hinterhof bildend, um den Tempel herum. Auf dem platten Dache des Bauwerkes haben mehrere Fcllah- familicn ihre Hütten aufgebaut; hinier demselben liegen Schuttberge, welche höher sind, als der Tempel selbst. Allem Anscheine nach sind sie erst nach der Erbauung des Tempels durch wiederholte Zerstörung der Stadt entstanden und liefern uns so einen, wenn auch nur indirekten Beweis des enormen Alters altegyptischcr Monumente. ^ In der Wüste des anderen (rechten) Ufers sind in neuester Zeit von dem Elsasser Nöttinger durch Bohrvcrsuchc sporadisch vorkommende Kohlenlager entdeckt worden. Die egyptischc Regierung läßt unter der Dircction eines Franzosen auf sie bauen, doch hat man bis jetzt noch keine Kohlen zu Tage gefördert. Die Abnahme der Wärme macht sich hier in Egypten sehr fühlbar; Morgens und Abends wird es oft empfindlich kalt. Während in Nubien zu beiden Ufern des Flusses Fclsenberge die Sonnenstrahlen auffangen, zurückwerfen und so eine größere Wärme verbreiten, drückt in dem jetzt überschwemmten Egypten eine starke Ausdünstung des Wassers die Temperatur bedeutend herab. Dazu lassen die niederen Bergrücken, welche das Nilthal hier in weiten Bogen einschließen, den Nordwinden freien Zutritt. Wir frieren und finden unsere Pelze manchmal höchst nothwendig. Wo wir anhalten, versammelt sich sogleich eine große Men- 314 . schenmcnge um unsere Barke, die lebenden Thiere zu betrachten. Die Leute sind bei ihrer Begierde, sich „zu erfreuen", oft so zudringlich, daß sie mit dem Stocke von dem Schiffe getrieben werden müssen. In Esneh war gewiß der dritte Theil der Bevölkerung auf den Beinen, um uns mit ihrer Gegenwart zu belästi- stigen. In einem Dorfe rettete ich mit genauer Noth einen Knaben aus den Klauen der Löwin. Er hatte sich so nahe an das an einen Palmenbaum angebundene Thier herangewagt, daß er von Bachieda ergriffen worden war und eben verzehrt werden sollte. Glücklicherweise war die Löwin satt und spielte noch mit dem Knaben, wie eine Katze mit der Maus, als ich hinzu kam und ihr den Jungen aus den Tatzen riß. Am 11. Oktober. Gestern verließen wir Esneh und legten in der Nacht bei Arment, einer von Musthafa-Pascha (dem Sohn Jbrahihm-Paschcrs) neu angelegten Zuckerfabrik an. Hier arbeiteten zwei Europäer an dem Aufstellen der Maschinen, der Engländer For und der Franzose Rollet. Wir besuchten Ersteren in seiner Wasserhebedampfmaschine, welche in einem sehr soliden Gebäude aufgestellt ist. Er empfing uns freundlich, aber ruhig kalt, der Franzose dagegen, vollkommen mit ihm kon- trasti'rend, mit ausgelassener Freude. Nicht leicht sah ich zwei Europäer, welche einander gegenüber so ihre Nation vertraten, wie diese Beiden. So war Jeder von Beiden zu stolz, die Sprache des Anderen zu lernen; sie unterhielten sich deshalb — in arabischer Sprache. Jeder von ihnen hatte an dem Anderen fortwährend etwas auszusetzen, Jeder mußte den Anderen achten und Beide bemühten sich doch, das Gegentheil zu thun. Unsere Ankunft wurde für sie ein Fest. Wir wurden zuerst von Rollet mit Beschlag belegt und zum Mittagöessen bei ihm eingeladen. Natürlich sagten wir dankbar zu, mußten aber zugleich dem Engländer das Versprechen geben, bei ihm zu Abend essen zu wollen. Rollet lebte mit einer Italienerin, welche nach dem Tode seiner Frau dein Hauswesen vorstand, in ziemlich guter Eintracht; doch konnte das Verhältniß Beider zu einander kein häusliches genannt werden. Ganz anders war es bei dem Engländer. Seine liebenswürdige Frau, eine geborne Engländerin, gab mit ihren drei lieblichen Kindern ein freundliches Bild häuslicher Zufriedenheit und Glückseligkeit. Wie wohl that uns die Zartheit und Aufmerksamkeit bei Bedienung der Gäste! Wir hatten Das nicht erwartet, was wir fanden und waren daher um so angenehmer überrascht. Lächelnd erinnerten wir uns später in Kairo daran, wie sehr uns die blendende Weiße der Europäerin auffiel. Bisher hatten wir unsere Hautfarbe sehr weiß und die der Italienerin auch eben nicht bleicher gefunden, da wurden wir beim Erscheinen der Mistreß For eines Anderen belehrt und bemerkten plötzlich, daß wir mit unseren sonnenverbrannten Gesichtern eher angehenden Mohren, als Europäern glichen. Erst nach Mitternacht verließen wir diese gastfreien Häuser. Am Morgen des 12. Oktober waren wir in Luksor angekommen. Wir verweilten hier zwei Tage und benutzten diese Zeit zu Ausflügen nach den verschiedenen Ruinen. Interessant wurde uns die Bekanntschaft mit dem französischen Grafen de Sayve, welcher die Einsamkeit Luksors benutzte, um ein politisches Werk zu schreiben. Der neu angestellte englische Konsularagent Musthafa- Arha lud ihn, uns und den koptischen Bischof von Esneh, Abuh- na Michael, zum Abendessen ein. Am 15. Oktober landeten wir in Khenneh, am 17. in Djirdjeh, Tags darauf in Siut. Hier trafen wir einen deutschen Schmied aus Laibach, welcher uns die baldige Ankunft meines früheren Reisegefährten, des wackern Don Jgnatio oder Pater Knoblecher, meldete und den blühenden Zustand der Mission schilderte. Nachdem ich in Gesellschaft Bauerhorst'ö am 21. Oktober zum zweiten Male die Krokodilhöhlen besichtigt hatte, begegneten wir am 22. dem auf seiner schönen eisernen Da- habie, „Stolls watutina", den Strom hinauf segelnden Geistlichen und erfreuten uns eben so sehr an dem uns zu Theil werdenden freundlichen Empfang, als an der prachtvollen und praktischen Einrichtung des Schiffes. Die jungen Geistlichen, welche den vr. Knoblecher begleiteten, waren nur Deutsche, wie er versicherte, junge, gediegene und anspruchslose Männer; sie waren geistig und 316 materiell mit Allein ausgerüstet, was für den Sudahn erforderlich scheint. Eine schöne, genußreiche Stunde verbrachten wir bei den liebenswürdigen, wüthigen Verkündigten des Christenthums, dann schieden wir und wandten, der Heimath zueilend, den nach dem fernen, heißen Süden Ziehenden den Rücken. Unsere weitere Fahrt war rasch und glücklich. Am 26. Oktober. Der erste Strahl der jungen Sonne beleuchtete die Spitzen der schlanken Minarets der Moschee Maham- med - Aalis. Freudig begrüßten wir die Maheruhset. Wir landeten bald darauf in Fostat und trabten auf raschen Eseln der Muh Ski zu. Es war heute Sonntag. Die Glocken des Klosters ,,zur heiligen Erde" läuteten zur Frühmesse. Jeder Ton klang melodisch in unserem Inneren wieder. Und mit dem Klingen dämmerten der Heimath Bilder in uns auf. Das waren dieselben Glocken, welche uns als Knaben getönt, dieselben, welche uns die Abschiedsstunde vom Vaterlande geschlagen hatten und jetzt uns seinen Willkommen entgegenliefen. Monate, Jahre lang mußten wir von allem Dem, was an die Heimath mahnt, entfernt gewesen sein, um ihre Sprache verstehen zu lernen; jetzt riefen sie uns klare, helle Worte zu: „Das ferne Glockengeläute zog träumerisch durch die Luft. Es sprach von vergangenen Tagen, von Lenz und Blüthendnft." Und wieder berauschte mich das Wogen und Leben der unvergleichlichen Stadt. Ich konnte von Neuem in den Gärten ,,dcr Siegreichen" schwelgen und schwärmen. Mein durch das Fieber entkräfteter Körper stärkte, mein so oft darniedergedrücktcr Geist erhob sich. Ich lebte in Kairo wieder auf. Schon früher habe ich diese herrliche Stadt mein Ideal genannt. Ich wiederhole es, um die Fülle meines Glückes beschreiben zu können. Wie nahe war ich der Heimath! In anderthalb Monaten erhielt ich Antworten auf Briefe, die ich den Lieben geschrieben. Wie freundlich kamen mir ehrliche, biedere Landslcute entgegen! Ich versöhnte mich durch sie wieder mit dem Europäer, wieder mit dem Christen. — 317 Mein treuer Freund Bau erhörst bezog mit mir eine Wohnung in dem Tarb el Tiahb, „Weg der Schakale", einem engen Gäßchcn im arabischen Viertel, nahe der Muhski. Nur wenige Schritte brauchten wir zu machen, um unter den Platanen der blumenduftcndcn Esbeki'e in stiller Behaglichkeit eine Schiesche*) zu rauchen und ein Täßchen köstlichen Mochatrankcs zu schlürfen. Es ist so schön unter den schattigen Alleen der Esbekrc! Von fern her tönen gegen Abend sanfte, vom leisen Abcndwinde getragene Klänge europäischer Hornmusik oder arabischer Minnclieder. Lustwandelnde Europäer und kühlcsuchcnde Europäerinnen gehen vorüber, manchmal auch Levantiner mit ihren verschleierten Frauen. Wie blitzen die dunklen Augen hinter dem Schleier hervor; wie ruhen sie bisweilen so sonderbar fragend auf dem Fremdling! Und darüber blaut der herrliche Himmel Egyptens, bis ihn die scheidende Sonne in Purpur kleidet. Die hin und her wandelnden Damen und Herrn verschwinden, aber die Blumcngcister werden wach mit der Nacht. Die Sterne funkeln so herrlich vom dunklen Himmclsdome herab, die Lust ist so kühl und doch so unendlich mild. Man sitzt träumend auf der harten Bank aus Palmenstic- len, aber alle Sinne sind geschäftig, die Herlichkeit der Nacht zuin Throne des Geistes zu bringen. Oft war Niemand mehr auf den Spazicrgängcn zu sehen, außer uns. Wir blieben noch, wenn schon alle Ucbrigen heimgegangen waren. Nicht wahr, Bauerhorst? In Kairo hatten wir drei liebenswürdige Deutsche kennen gelernt, in deren Gesellschaft wir manche frohe Stunde zubrachten. Es war der Naturforscher Dr. Theodor von Heuglin aus Würtcmberg, der Kaufmann Sauer aus Hannover und der Dr. meä. Theodor Billharz aus Sigmaringen. Heuglin würzte durch wissenschaftliche Mittheilungen oder Sauer durch seine Gesprächigkeit und Billharz durch sein gcmüthvollcs Wesen die genußreichen Abende unseres Vereins. Billharz war die Seele der Gesellschaft. Ich bin unentschieden geblieben, ob ich seinem treffli- *) Arabischer Name der Wasserpfeife (Nargileh). 318 chen Charakter vder seinen tiefen, gründlichen Kenntnissen größere Anerkennung und Achtung zollte. Im Anfange des November saßen wir im Diwahn Sauer's zusammen und schlürften den Rauch des köstlichen Krautes Djc- beli. Cyperwein funkelte in den krystallenen Gläsern. Heug- lin sprach von einer beabsichtigten Reise an daS rothe Meer. ,,Gehen Sie mit mir", sagte er zu uns. Wir überlegten und beriethen. Bald waren wir übereingekommen. Bauerhorst und ich wollten Heuglin nach dem rothen Meere, er dagegen sollte uns nach dem Sinai begleiten. Die Gläser klangen zusammen: „Auf eine glückliche Reise!" Reise von Kairo nach dem Sinai. „Die Mönche, so weder Gott, noch die Menschen kennen, sind gekrochen in die Wüste und haben darin für sich selbst gelebet, welches denn gar nicht christlich ist; sondern das ist christlich, daß Du bleibest in der Welt und unter den Leuten. Luther. Am 9. November. Beduinen von der peträischen Halbinsel ArabienS brachten die gesattelten Reit- und Lastkamele vor unsere Wohnung. Wir bestiegen sie und verließen, unserem Gepäck vorausreitend, die Hauptstadt durch das nach Norden gelegene ,,eiserne Thor", wandten uns dann aber auf einer zwischen hohen Schuttbergen und Stachelfeigenhecken dahinführenden, staubigen Straße östlich, umritten den nördlichen Theil der Stadt und betraten in der Nähe des Bühb öl Nässr die Wüste auf einer vortrefflichen, mit Bäumen bepflanzten Hochstraße. Links lag das neuerstandene A bah sie, rechts der Djebel el achmar und vor uns die erste Posthalterei der englisch-ostindischen Poststraße mit dem in ihrer Nähe erbauten Telegraphen. Die Freunde begleiteten uns zu Esel bis zu letzterem Orte und verließen uns erst mit einbrechender Nacht. Wir setzten die Reise fort und ritten bei angehendem Mon« denscheine noch einige Stunden in die Nacht hinein. Bei der vierten Posthalterei lagerten wir, um uns zur Ruhe zu begeben. Die von Kairo nach Suös führende Straße wurde vor mehr als einem Jahrzehnt von den Engländern mit den erwähnten Posthaltereien erbaut und nach einer ziemlich langen Benutzung an die egyptische Regierung abgetreten. Wenn ich von „Erbauung" der Straße spreche, meine ich damit mehr die Einrichtung der Stationshäuser, als einen eigentlichen Wegebau. Man räumte die größten Steine weg, welche an der für die Straße erwählten Stelle 320 der Wüste lagen und warf sie bei Seite; das war die ganze Arbeit. Erst jetzt läßt die egyptischc Regierung eine wirkliche Hochstraße herstellen, ist aber zugleich auch genöthigt, neue StationShäuscr zu errichten, weil die, welche die Engländer erbaut hatten, aus Holz bestanden und nur für die Zeit, während welcher die Benutzung der Straße den Engländern ausschließlich zugehören sollte, berechnet waren. Nach Ablauf einer mit der cgyptischcn Regierung durch Vertrag festgestellten Reihe von Jahren übergab die Compagnie ihr Werk an die egyptischc Regierung. Diese hatte dann das Vergnügen, eine sogenannte Straße in eben demselben Zustande zu erhalten, in welchem sich die Wüste früher befunden hatte, bemerkte, daß sie von den schlauen Söhnen Albions recht anständig betrogen worden war und fing nun an, dasselbe zu thun, was sie vor mehr als fünfzehn Jahren auch härte thun können: eine wirkliche Straße und massive Posthäuser anzulegen. Jedes der Stationshäuser besteht aus einem langen Gebäude mit zwei Vordcrflügcln, welche durch eine ziemlich hohe Mauer wiederum mit einander verbunden sind. Das Hauptgebäude enthält Stallung zu vicrunddreißig Pferden und Maulthieren für den Postdienst; in den Flügeln wohnen die Postknechte und der Postbeamte. Zwei große gußeiserne Kasten werden vorn Nil aus durch Kamele mit Wasser versehen und müssen fortwährend den nöthigen Bedarf für drei Tage enthalten. Die Gebäude liegen ungefähr eine deutsche Meile von einander. Sie sind numerirt und werden von Kairo aus gezählt. In der Nähe der Stationen Vier, Acht und Zwölf hat man Gasthäuser für die Postrciscndcn errichtet. Der bloße Eintritt in dieselben muß aber erst mit einer Guinee erkauft werden; die Lebensrnittel sind natürlich ebenfalls enorm theuer. Am 10. November. Die Wüste ist sehr einförmig, der Weg bietet wenig Unterhaltung. Selbst von einer Wüstenvegeta- tion steht man fast keine Spur. Es ist Alles todt. Nur die zwei- bindige, die isabellfarbene Wüstenlerche oder eine versprengte Gazelle zeigt sich manchmal dem Reisenden. Erst in der Nähe der hohen Gebirge am rothen Meere wird es besser. Dort erhält der dann und wann fallende Regen in den durch 321 das Wasser ausgehöhlten Chuahr einzelne Büsche am Leben. Zu Bäumen erstarken sie nicht. In der Nähe des Stationshauses Acht liegt auf einem niederen Berge das Wüstenschloß Aabahs-Pascha's, Dahr el Bch- de, „das weiße Haus." Es ist ein unbedeutendes Gebäude. Der Vizekönig ließ das ganz aus Holz bestehende Haus aus Schweden kommen und in der Wüste aufstellen, weil Aerzte ihm versichert hatten, daß die reine Luft der Wüste sehr gesund wäre. Niemand pflegte seinen Leichnam mit so erstaunlicher Sorgfalt, wie der edle Vizckönig. Man brauchte, wenn er in Dahr el Behde residirte, täglich für hundert Marien-Theresien-Thaler Nilwasser zum Bedarf seines Hofstaates. Der Beamtete der Station Neun gibt uns, auf unsere Bitte, dicht neben seiner Wohnung in kaum vier Fuß Tiefe gegrabenes Steinsalz. Chemische Untersuchungen, welche wir im Vaterlande mit ihm angestellt haben, ergaben, daß es aus stebenundneunzig Prozent reinem Chlor-Natrium besteht und also unter das chemisch reinste Salz der Erde gerechnet werden kann. Wir übernachten bei der Station Elf. Am 11. November. Beim Erwachen zeigt uns der hohe Djcbel Ataka seine von Wolken umlagerten zackigen Gipfel. Die Stationen sind heute sehr groß, der Weg ist uneben und beschwerlich. Er würde für uns sehr langweilig geworden sein, wenn nicht schon nach der Station Dreizehn ein anziehendes Bild uns gefesselt hätte. Vor uns lagen in blauer Ferne die Gebirge Asiens, rechts die leuchtende Fläche des rothen Meeres. Weiter nach Suös zu, fast gegenüber der Station Vierzehn, sahen wir um Mittag eine kleine Festung. Es ist die Khslsäh el Ädjtzrüht. Man hat sie früher zum Schutze der Pilgcrkarawane errichtet und mit Geschützen und einer ziemlich starken Besatzung versehen. Jetzt sind die Kanonen verrostet; die Besatzung ist, weil sie nicht mehr nöthig erscheint, verringert worden. In der Nähe des Forts befindet sich ein Brunnen mit Bitterwasser. Von hier aus hat man noch zwei deutsche Meilen bis Suös. Der Weg führt immer bergab. Nach zwei Stunden kommt man III 21 zu der letzten Station der Wüste. Eine Stunde weiter nach dem Meere zu liegt der Brunnen, welcher die Bewohner deS Städtchens mit Wasser versteht. ES wird durch ein Schöpfrad aus der Tiefe emporgehoben, ist aber ebenfalls bitter. Noch ehe wir Suvs erreichten, war die Nacht hereingebrochen. Beim Eintrittc in das von Soldaten bewachte Thor wurden wir von einem Quarantäncbeamtcn um unsere Pässe befragt. Obgleich dies in arabischer Sprache geschah, wußten wir doch sogleich, daß wir es mit einem Europäer zu thun hatten. Der ruhige Türke behelligt die Reisenden mit solchen Geringfügigkeiten nie. Wir stiegen in dem Gasthause eines Italieners, des Signore Antonio Pachini, ab und fanden gute Aufnahme. Die Wellen des rothen Meeres bespülten fast die Grundmauern des Hauses. Am 12. November. Hinter den Gebirgen Asiens stieg die Sonne an dem klaren Himmel empor und sandte uns ihre ersten Strahlen in das wohnliche Zimmer, in welchem wir die Nacht zugebracht hatten. Wir warfen die Gewehre über die Schultern und wanderten nach dem Meere hinaus. Es war die Zeit der Ebbe. Ueber eine halbe Meile Wegs konnte man auf einer jetzt trocken liegenden Sandbank in das Meer hinein gehen. Arabische Fischer waren beschäftigt, mit spitzen Stöcken die Krabben anzuspießen, welche in den Lachen zurückgeblieben waren. Reiche Muschclbänke gaben uns Beschäftigung. Wir sammelten und aßen austcrnartig schmeckende Konchylien, welche wir lebendig gefangen hatten. Der Djebel Ataka lag im schönsten Sonnenglanzc vor uns, scheinbar in einer Nähe von nur einer Viertelmcile, obgleich die Entfernung wohl das Sechsfache betragen mochte. Von der Spitze der Sandbank aus sandten wir mit unseren Büchsen Kugeln nach Asten hinüber. Um zehn Uhr trieb uns die ankommende Fkuth zurück. Die Küste des Meeres flacht sich so sanft ab, daß das Wasser zur Fluthzcit so schnell, als ein Mensch gehen kann, dem Ufer zuläuft. Wir mußten uns vor den herankommenden Wellen flüchten. Der Unterschied zwischen Ebbe und Fluth beträgt im rothen Meere sechs Fuß. Nur bei letzterer können die in einer Art von Hafen im Anfange des Pharaonenkanals liegenden kleineren Schiffe 323 in das offene Meer hinausfahren. Seeschiffe und Dampfer der englisch - ostindischcn Gesellschaft liegen auf der Rhede beiläufig eine halbe Meile von Suös entfernt; zur Verbindung mit ihnen dient ein kleines Dampfboot, welches die Reisenden und Waarenballen herein und heraus befördert. Man nennt die Küstenfahrzeuge des rothen Meeres, wie die mit Kajüten versehenen Nilbarken, Dahab'ie, obgleich sie fich von diesen hinlänglich unterscheiden. Sie sind fester als die Nilschiffe gebaut, haben kein Verdeck und nur ein kleines Kajüten- häuschen, gehen tief und segeln, obgleich sie gewöhnlich bis an den Rand des Bords beladen werden, vortrefflich. Viele der reicheren Bewohner von Suös besitzen ihren hauptsächlichsten Reichthum in diesen Dahabraht. Der Handel würde sich deshalb bloß in ihren Händen befinden, wenn nicht Mahammed-Aali durch ein wohlthätiges Gesetz Diesem gesteuert hätte. Die Schiffe dürfen nämlich nur in der Reihenfolge, in welcher sie angekommen sind, den Hafen verlassen. Dann kommt es freilich vor, daß einzelne Schiffe Monate lang unbenutzt liegen bleiben*'). Allein bloß durch dieses Gesetz ist es möglich, daß den Anmaßungen der Levantiner oder dem Einflüsse, welchen sie sonst mit ihrem Gelde leicht ausüben dürften, einigermaßen entgegengearbeitet wird und sich auch andere Bewohner des rothen Meeres an der Schifffahrt betheiligen können. Suös ist ein sehr kleines Städtchen und dürfte kaum mehr als dreitausend Einwohner zählen. Es ist schmutzig, wie alle egyp- tischen Städte, wird aber dem Fremden noch besonders durch den Mangel an gutem Trinkwasser unangenehm. Dieses ist bitter, übelschmeckend und selbst mit Essig wenig zu verbessern. Im Sommer ist der Aufenthalt in Suös für den Fremden kaum zu ertragen; der Genuß des Wassers verursacht dann entweder Erbrechen oder erzeugt Krankheiten. Die geographische Lage des Städtchens ist 290 57' n. Br. und 30" 11' östl. Länge von Paris. Nur wenige Christen sind hier ansässig. Sie sind, wie der *1 Nach neuesten Nachrichten soll dar Gesetz aufgehoben sein. 21 * 324 größte Theil unserer im Oriente lebenden Glaubensgenossen, falsch, treulos, heuchlerisch und betrügerisch. In dieser Hinsicht soll unter ihnen der Konsular-Agent Kosta obenan stehen. Dieser Mann vertritt die Unterthanen Frankreichs, Rußlands und Oesterreichs und betreibt einen bedeutenden Handel nach dem glücklichen Arabien. Wir lernten mehrere Europäer kennen, welche sich uns natürlich nur von ihrer liebenswürdigen Seite zeigten. Es waren Angestellte der Quarantäneanstalt oder der ostindischen Dampfschiff- fahrts-Gesellschaft. Am 13. November. Heute fuhren wir in einer kleinen Barke nach dem offenen Meere hinaus, landeten zuerst in Asien und kehrten dann nach Afrika zurück. In der Nähe des Djcbel Ataka, jenes prächtig geformten, 6400 Fuß hohen Gcbirgsstockes, suchten wir Konchylien und erlegten mit der Büchse fünf Stück der von den Arabern sehr gefürchteten Zitterrochen. Die Böge! waren ohne Ausnahme sehr scheu. Ich erkannte unter den großen Flügen der Strandvögel Austernfischer und Flammings. Kleinere Strandläufer waren häufig; ebenso auch die in großer Anzahl die Schiffe umschwärmenden Mövc n und Sccschwalbcn. Ganz in unserer Nähe lag ein englisches Beobachtungsschiff. Es war eine Dampffrcgatte von vierundzwanzig Kanonen, zum Schutze der englischen Postdampfschiffe. Letztere fahren monatlich einmal nach Bomben und einmal nach Kalkutta. Sie brauchen bis zum Bahb el Mandeb neun und bis nach Bomben fünfzehn Tage Fahrzeit. Am 15. November. Ein gerade nach dem glücklichen Arabien abgehendes Schiff bot uns Gelegenheit, den größten Theil unserer Reise nach dem Sinai mit aller Annehmlichkeit einer Seefahrt zurücklegen zu können. Wir mietheten die Kajüte einer großen Dahab'tc für hundertundfunfzig Piaster oder zehn Thaler preußisch bis Tohr und schifften uns mit unserem Gepäck Nachmittags ein. Außer uns fanden sich mit dem Schiffövolke nach und nach so viele Reisende ein, daß die ganze Schiffsgcsellschaft aus mehr als neunzig Köpfen bestand, obgleich die Dahabre bis an den Rand deS BordS mit Waaren beladen war. In den verschiedensten Stellungen und Lagen saß und kauerte die bunt zusammengewürfelte Menschenmenge durch einander. Es war eine wirkliche Musterkarte verschiedener Nationen. Man fand Europäer, Türken, Araber aus Jemen und dem Hcdjahs, von der peträischcn Halbinsel und aus Massohwa, Beduinen und Egypter, Morharbi, Perser, Nubier und Dahr-Fuhr-Neger auf einem kleinen Schiffe vereinigt. Die meisten der Reisenden wollten sich nach Djetta begeben. Jetzt besahen wir uns das Schiff etwas näher. Es mochte neunzig Fuß lang und zwanzig Fuß breit sein. Die niedrige und enge Kajüte hatte verschließbare, sehr kleine Luken, enthielt eine Masse von verschiedenartigen Geräthschaften, war schmutzig und stank abscheulich. Doch war sie immer noch der beste Platz auf der ganzen Dahab'ie. Einzelne Reisende hatten sich elastische, den Anakharihb deö Ost-Sudahn ganz ähnliche Rahmen an die Seiten des Bordes gebunden, um auf ihnen frei über dem Wasser des Meeres zu sitzen oder zu schlafen. Ein einziger jäher Stoß würde sie in das Meer hinabgeworfen haben. Sie besaßen die zweitbesten Plätze. Die übrige Reisegesellschaft lag oder kauerte, fortwährend durch die Arbeiten der zahlreichen Schiffsmannschaft belästigt, auf den Waarenballcn herum, so gut eö eben gehen wollte. Bei jedesmaligem Scgclwcnden müssen hier die Naacn erst heruntergelassen, die Segel losgebunden und wieder befestigt werden. Es geht, trotz der damit verbundenen Umstände, ziemlich rasch von Statten, ist aber für die auf dem Deck sich Befindlichen eben nichts Angenehmes. Weiter nach Vorn stand ein mit Erde gefüllter Kasten, welcher als Küche diente. Große thönerne Gefäße enthielten das nöthige Wasser. Der Steuermann hockte hinten auf dem Deck der Kajüte und richtete sein Schiff nach seiner Ortskenntniß; wenigstens schien er den Gebrauch des Kompasses nicht zu kennen. Nach dem Signalschusse von dem auf der Rhede liegenden Kriegsdampfer lichtete das Schiff den Anker. Unter einem höchst unangenehmen Geschrei der Matrosen, wobei Einer mit seiner unbeschreiblich widerlichen Fistelstimme die Anderen überheulte oder ihrem Gebrüll vorschric, wurden die Segel aufgehißt und die Daha- b'ie durchglitt rasch die dunklen Wogen. A m 16. Nove m b e r. Auf dem rothen Meere. Rechts und 326 links ficht man die hohen, prächtig gestalteten Gebirge der afrikanischen und asiatischen Küste des Meerbusens von Sues. Sie bringen Leben in die Oede der Küsten. Der Meerbusen ist sehr schmal; man kann zu beiden Seiten die kleinsten Hügel am Meercsufer wahrnehmen. Es ist, als ob wir auf einem großen Strome schwämmen, so nahe ist das Land auf beiden Seiten. Nur die Farbe des Wassers zerstört diesen Traum. Sie ist ein prachtvolles Ultramarin, die ganze Kraft der südlichen Sonne liegt auf ihm. Das lichte Blau des Himmels spiegelt sich in dem dunklen Blau des Meeres. Wie schwarze Flecken schimmern die Korallenbänke vom Grunde desselben zu uns herauf. Aber sie liegen tief, tief unter uns; das Schiff segelt, von dem frischem Nordwinde rasch dahineilend, ungefährdet über sie hinweg. Nach Einbruch der Nacht wirft man den Anker in der Nähe der gefürchteten Korallenbank Schahb el Chahsa unweit des Rahs Abu Selihme. Am 17. November. „Lustige Delphnie»schaareii, Scherzen i» dem silberklaren. Reinen Element umher." sie umkreisen unser Schiff, Scharben und Tölpel schwimmen und tauchen im Wasser herum. Der Morgen ist so klar, so mild, so schön! Die Sonne beleuchtet Afrika's niedere Gebirge, nachdem sie mühsam über die zackigen Häupter des Djebel Serbal heraufgestiegen. Man sieht nur Himmel und Wasser, Berge und Sand, Wüste und Meer und dennoch lebt es und regt es sich. Wir stehen auf dem höchsten Punkte der Kajüte und lassen unsere Blicke herumschwcifen. Das Auge findet immer einen Gegenstand, auf dem es mit Interesse hasten bleibt. Gegen zehn Uhr Vormittags zeigt sich uns der armselige Flecken Tohr. Mit einer geschickten Wendung fahren wir in den gefährlichen Hafcncingang hinein und werfen, nachdem wir uns hart an Korallenriffen dahingezogen hatten, bald den sicheren Anker. Vor uns liegen die Gebirge des steinigen Arabien in einer langen, malerischen Reihe, mehr zur Linken erhebt der riesige Serbal seine Häupter und hart am Meeresstrande bezeichnet ein schattiger Hain die Lage des griechischen Klosters Raito. Es liegt nördlich von Thor in der Nähe des HrldjLr el Mit und einer Therme, welche der edle Vizekönig Aabahs bereits ausgewählt und beschlossen, dort sich ein Haus zu bauen, um seinen wollüstigen Leichnam zu baden und zu stärken. Tohr selbst ist öde und arm. Es besteht aus kaum zwanzig, meist von griechischen Familien bewohnten Häusern. Was der Mensch hier dem Meere abgewinnt, besitzt er, weiter Nichts! Korallenriffe liefern ihm den Baustein zu seinen elenden Hütten, Fische und wenige Dattelpalmen im Sande der Wüste am Saume des Gebirges Nahrung und Geld zur Nothdurft des Leibes. Ein einziger Brunnen mit ziemlich gutem Trinkwasser versorgt ihn und durchziehende Pilger mit diesem nöthigen Lebcnsclemente. Wenige für Trinkwasser, welches er an die in den Hafen kommenden Schiffe verkaufte, eingenommene Piaster wendet er an, um sich Getreide zu seinem Brode zu kaufen. Und trotzdem, daß er sich unter der« ihm nahcwohncnden Beduinen noch einen Schutzherrn erwählen und diesen besolden muß, um ruhig und sicher das Wenige zu genießen, lebt er still und glücklich, zufrieden mit seinem kargen Schicksale, zufrieden mit den geringen Gaben der Natur, welche er empfängt. „Er vermeint, sein Haus auf heiligen Boden gegründet zu haben und glaubt den Worten seines würdigen Geistlichen ElesiuS, der ihm sein Glück zu schildern bemüht ist. Doch nicht lange schweifen unsere Blicke über die öde und dennoch anziehende Landschaft dahin. Ein kleines Boot nähert sich unserer Dahabte. Der Grieche, welcher das Ruder handhabt, ladet uns ein, an's Land zu gehen. Er geleitet uns in seine dürftige Wohnung, breitet geschäftig ärmliche Teppiche auf dem Boden aus, bringt uns mit Mandeln durchknetetes Dattel- und frisches Wai- zenbrod, Mandeln, köstliches Wasser und bereitet uns einen festlichen, gastfreundlichen Empfang. Verwundert schauen wir seinem Beginnen zu und erhalten auf unser Befragen, aus welcher Absicht er Alles gethan habe, die Antwort, daß es auf Befehl eines in seinem Hause wohnenden Europäers geschehen sei. Dieser habe ihn beauftragt, bei jedem ankommenden Schiffe nach Europäern zu 328 forschen und falls sich deren fänden, sie herüber zn holen und gastlich aufzunehmen. Dann übergibt uns der Grieche einen Pakt Zeugnisse, um deutlich darzuthun, daß sein Haus schon von Vielen gekannt sei. Die Papiere durchblätternd, sehen wir, daß wir uns auf einem für uns klassischen Boden befinden. Rüppell's und Ehrenberg's Namen befinden sich unter den Unterschriften der vielen Zeugnisse, welche Naturforscher hier zurückließen. Auch der jetzt hier wohnende Franzose beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Sammlungen. Wir sind begierig, ihn kennen zu lernen. Mittlerweile ist ein Mann hcreingetreten, den ich meinen Lesern zuerst in seinem Kostüm vorführen will. Ein zerfetzter, breitrandiger, früher grau gewesener Hut beschattet eine verrostete Stahlbrille; der Aermel eines Hemdes ist um einen sehnigen, sonnenverbrannten Hals gewunden, um als Tuch zu dienen; die Weste, an welcher man noch aus Spuren wahrnehmen kann, daß sie früher aus Sammet bestand, ist, mit zwei Knöpfen zusammengehalten, nicht im Stande, ein schmutziges, grobes und zerrissenes Tuch zu verhüllen, das die Stelle des Hemdes vertritt; die Unterbeinkleider blicken durch viele Löcher der oberen und verschmelzen mit grauen, in riesigen Schuhen steckenden Strümpfen zu einem wunderlichen Ganzen. Auf den Schultern des Hereingetretenen hängt eine zerrissene Jacke mit mächtigen Seitentaschcn, aus denen Tücher herausschauen, welche lange des reinigenden Wassers entbehrt haben; in der einen Hand trägt er einen Knotenstock, während die andere eine Pfeife hält, die nur aus einem Thonkopfe besteht, den man an einem Stückchen Rohr befestigt hatte. Das zweite Ende des Rohres steckt in einem von röthlichcn Barthaaren umdüstcr- tcn Munde, welcher Dampfwolkcn stinkenden Tabaks von sich bläst und mit ihnen die ganze Gestalt in ein magisches Dunkel hüllt. Erstaunt blicken wir den räthsclhaften Fremdling an und halten ihn höchstens für einen im Dienste des Franzosen stehenden Vagabunden. Doch müssen wir diese Meinung bald aufgeben, als der Fremde sich uns nähert und unter dem Namen und Titel: Non- kiivur cks Alalrrao, natui-slmts st ataoks L l'aml> 388 k»cks lrsn- ssise ä koms vorstellt. Und nun drückt er in französischer Sprache 329 lein Vergnügen aus, uns zu sehen und löst unser Erstaunen ob seines Aufzuges mit der Erzählung, daß er von Räubergesindcl überfallen und aller seiner Kleider beraubt worden wäre. Das Kleid machte auch hier den Mann nicht. Der zerlumpte Franzose war der artigste und interessanteste Mann, den wir finden konnten. Bald waren mehrere Kamele zur Reise nach dem Sinai auf- getrieben * **) ). Schon nach dem Aassr verließen wir Tohr und wandten uns dem schönen el Wadi zu, in dem wir dann nach kurzer Unterbrechung bis zehn Uhr Nachts dahin ritten. Erst als die Müdigkeit uns zur Ruhe mahnte, stiegen wir aus dem Sattel und lagerten uns in der Nähe des Gebirges unter Mannabäumcn. Am 18. November. Mit dem Grauen des Morgens wecken uns die Kameltreiber und mahnen zur Weiterreise. Das Gebirge liegt vor uns. Es ist zerklüftet, zerspaltet und zeigt uns Schluchten und Thäler, Berge und Felsen in mannigfacher Abwechselung. Scheinbar ist es nur eine Viertclmeilc von uns entfernt und dennoch liegt noch die ganze Breite der Wüste Sin zwischen uns und dem Fuße der ersten Verberge. Wenn ich das Wadi vor uns die Wüste Sin nenne, folge ich der Meinung von Lcpsius, welcher gewiß nicht mit Unrecht den Serbal für den Sinai der Bibel hält *'*). So hoch der majestätische Berg auch die umliegen- *) Man bezahlt von Tohr bis auf den Sinai dreißig Piaster für das Stück. **) Reise des Professor Dr. Lepsius von Theben nach der Halbinsel des Sinai, vom 4. März bis zum 14. April 1845. In der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 3. Januar 1846 fand ich darüber folgende Stelle: „Wenn manche andere Neuerungen der Art zum ersten Eindruck ein bedenkliches Mißtrauen haben mögen, so macht die vorliegende uin so gespannter, da ein Name, welcher der Wissenschaft bereits so theuer geworden, für den Ernst der Forschung bürgt, mit dem sie gemacht worden ist. Den Beweis für seine Ansicht führt Lepsius auf die einzige Weise, welche wahre Geltung verdient. Von einer genauen Untersuchung des Terrains nämlich, auf dem ganzen Wüstenstriche, der in Betracht kommt, geht er aus und stellt mit den gewonnenen Ergebnissen den biblischen Text vom Zuge der Jsraeliten zusammen. Er glaubt, daß sich Beides vollkommen vereinigt, um als den einstigen Sinai den heutigen Serbal nachzuweisen, von dessen Fuße bis zum Katharinenkloster am Fuße des setzt allgemein gefeierten Sinai der natürlistche Weg noch gegen zwei Tagereisen beträgt. 330 den Gebirge überragt, er scheint uns niedriger vorzukommen, als vom Meere aus und dennoch wissen wir, daß seine Höhe sechstausend Fuß beträgt. Die Beduinen erzählen mir von dem „Schech el Serbal", dem „Bödden" oder arabisch en Stcin b ock und die Lust wird in mir rege, den Gipfel des Mächtigen zu besteigen, wenn auch das Fernrohr mir sagt, wie hoch und steil er ist. Doch ich bin ja nicht allein und muß mich dem Willen meiner Reisegefährten, welche schnurstracks auf das Gebirge zueilen, unterordnen. Nach dreistündigem Ritte sind wir am Fuße desselben angelangt und wenden uns links, dem Eingänge des Wadi-He- brahn zu. Um zehn Uhr betreten wir es und gelangen nach einer klei- Ganz besonderes Gewicht legt Lepsius noch darauf, daß das durch seine üppige Vegetation vor allen anderen Wadi's der arabischen Wüste ausgezeichnete Fe'tranthal allein den gehörigen Reichthum an Wasser und Weide besitzen konnte, das fast eine Million starke Heer der Jsraeliten auf längere Zeit zu fesseln. Das Feiranthal, dies glückliche Kleinod der Wüste, müsse, so glaubt er, die Niederlassung der Amalekiter in sich gefaßt haben; die Besitznahme desselben habe Amalek den Jsraeliten in Raphidim, nahe am Eingänge des Thales, mit dem Schwerte streitig gemacht. Zur Lagerung im Felranthale stimme aber vortrefflich der Serbal, der mit seinen majestätischen Felsengipfeln die ganze Lagerstätte beherrscht und zum großen Akte der Offenbarung das herrlichste Terrain dargeboten habe. Aus der biblischen Beschreibung des Jsraelitenzugs hebt Lepsius besonders hervor, daß es heißt: die Wüste Ein liege zwischen Elim und dem Sinai. Diese Ausdrucksweise bestätigt, wie er glaubt, sowohl seine Ansicht von der Lage Elims im heutigen Kaibethal an, Rahs Abu Selihme, als auch seine Geltendmachung des Serbal als des mosaischen Sinai. Der Name des Berges Sinai nämlich, der zur Zeit des Moses nur Sini gelautet habe, hänge offenbar mit dem Namen der Wüste Sin zusammen und bezeichne den Sin-Berg. Mit Elim aber im Kaibetbale und dem Serbal als Sinai lasse sich in der Thal die Wüste Sin abgrenzen. Auch in den übrigen Theilen der mosaischen Aufzeichnungen von der israelitischen Wü- stenreise findet sich »ach Lepsius durchaus Nichts, was seine Hypothese beeinträchtige. Dieser neuen Ansicht über den Sinai läßt sich die wissenschaftliche Bedeutsamkeit nicht absprechen. Die Eregeten der Bibel so gut, wie die Kenner der biblischen Geographie sind ihr eine sorgfältige Prüfung schuldig. Künftige Reisende werden sie weiter zu begründen oder auch mit Nachdruck zu widerlegen suchen müssen" u. s. w. 331 nm halben Stunde zu einer schönen, palmenbeschattetcn Quelle, nach Lepsius der Maral) der Bibel. Nur kurze Zeit weilen wir, die Glieder an dem kühlerü Wasser, das Herz an der romantischen Lage der Quelle zu erfrischen und lagern uns nach einer weiteren Stunde Wegs mitten im Thale unter Palmen. Wir bereiten uns ein einfaches Mittagsmahl und ruhen uns von den Beschwerden des NitteS aus. Heuglin zeichnet die malerischen Felsenpartien, welche wir von unserem Ruhepunkte aus erblicken können. Dann setzen wir die Reise fort. Jede Biegung des Thales rollt ein anderes Panorama vor uns auf. Eng läuft es in fortwährenden Windungen zwischen hohen Granitmauern, welche es fast senkrecht einschließen, dahin. Immer ueue Schönheiten des wechselvollen Bildes fesseln das Auge. Und dennoch weilt es nicht lange auf ihnen, nicht auf den Spuren der durch daö Wasser hervorgerufenen Zerstörungen, sondern schweift über die Häupter der Palmen hinweg, an den Felsenwänden empor und verliert sich in der ruhigen Bläue des azurnen Gewölbes, das auf den Felsen ruht. Am 19. November. Ein äußerst steiniges Terrain beginnt bald nach unserem Lagerplatze der vergangenen Nacht. Der Weg wird den Kamelen so beschwerlich, daß wir genöthigt sind, abzusteigen und zu Fuße zu gehen. Das Wadi-Hebrahn wird enger und steiniger, je weiter wir fortschreiten. Zuletzt theilt es sich in zwei Arme, von denen der eine an einem Berge ausläuft. Wir übersteigen ihn und gelangen durch ein kurzes Thal in das Wadi- SälLfö. Es ist breiter als das Wadi-Hebrahn und mit viel Gestrüpp bewachsen. Nicht weit oberhalb der Einmüdungsstelle des Thales, von welchem aus wir das Wadi-Salafc betraten, sehen wir Araberzelte aufgeschlagen: es sind die Wohnungen unserer Beduinen. Der Djcbel Serbal zeigt uns jetzt seine Rückseite; noch malerischer und steiler als die Vorderseite krönt sie den Berg zum wahren Könige des Gebirges. Drei Stunden der Mittagshitze verbringen wir in den Zelten der gastfreien Beduinen, dann setzen wir unsere Reise fort, jedoch nicht, ohne bei den Beduinen Bestellungen auf seltene Thiere gemacht zu haben. 332 Wir sind vom Meere aus fortwährend gestiegen und jetzt schon in einer Alpcnregion angekommen. Selbstverständlich meine ich damit nicht die des Schnees, weil es nur höchst selten vorkommt, daß die Spitzen der höchsten Berge einmal mit Reif bedeckt werden, sondern die, in der sich eine Alpenvegetation zeigt. Ich bin kein Pflanzenkcnner und weiß nicht, mit welchen Gewächsen wir eS zu thun haben, wohl aber, daß ich die hier vorkommenden noch nirgends gesehen habe. Die Pflanzen duften allesammt; die meisten riechen so stark, daß sie von den Beduinen benutzt werden, um Fleisch längere Zeit frisch zu erhalten, gerade als ob es einbalsa- mirt werden sollte. Einzelne Hasen und schwache Ketten zweier Arten von Rebhühnern laufen unter ihnen herum. Sonst sieht man außer den Zicgcnhcerdcn und Kamelen der Beduinen, welche an den Felsen oder Abhängen herumklettern und die würzigen Kräuter abfressen, nur wenige Thiere. Gerade heute aber hatten wir das Vergnügen, einen der seltneren Felsenbewohner beobachten zu können: den südlichen Bart- oder Lämmergeier (K^psLtos wsriäionslis, und L/az.). Um den Gipfel des Djcbkl Üm- säläf schweben fünf Stück dieser kühnen Räuber der Alpcnge- birge. In schönen Schwenkungen lassen sie sich allmählich in das Thal herab und kommen zuletzt so tief herunter, daß ich nach einem ruhig fliegenden einen Schuß mit der Büchse machen kann. Nur eine Feder fällt aus den Schwingen des herrlichen Vogels herab; er selbst setzt unbekümmert der ernstlichen Drohung seinen Weg fort. Nicht leicht habe ich einen so schönen Flug gesehen, wie den des Lämmergeiers: er ist der des behenden Falken und nicht der des trägen Geiers. Stolz auf seine Kraft scheint der mächtige Vogel, die Heerdcn der Ziegen mit seinen Angriffen bedrohend, das kleinliche Treiben der Menschen in der Tiefe betrachten zu dürfen; er sucht seine Ruhe den Wolken näher in der schwindelnden Höhe der Felsspitzen das Djebel Serbal, Muhsa und Katharina. Dort baut er sich seinen uncrstciglichcn Horst und von dort aus beginnt er seine kühnen Räubereien. Wo er erscheint, ist er das Schrecken der Hirten und der Mütter; ihm gilt es gleich, seiner Brüt eine Ziege oder ein kleines Kind zum Fraße vorzulegen. 333 Zum Abend erreichen wir die zwischen den Granitfelscn cl Rhasi und cl Faräkh hinlaufende, steinige Schlucht Abu Tokh und winden uns in ihr auf künstlichen Wegen bis zur Hälfte hinan. Dann machen wir auf einem sandigen Plätzchen Halt und legen uns zur Ruhe nieder. Rechts und links sind wir von den senkrechten Wänden der genannten Berge eingeschlossen. Sie werfen den Schall unserer abgefeuerten Gewehre unwillig von sich und theilen ihn dröhnend der ganzen Runde mit. Welch' hehre Nacht im Schoße der Felsen, inmitten der unbewohnten Gebirge! Am 20. November. Auch heute müssen wir wieder zu Fuße über die Stcinblöcke im Wege hinwegklettern. Die Kamele sind kaum im Stande, uns auf den schmalen, überaus beschwerlichen, gewundenen Pfaden nachzufolgen. Noch liegt das Dunkel der Nacht über unserer engen Schlucht. Erst hoch oben sehen wir die ersten Strahlen der schon längst am Himmel aufgestiegenen Sonne. Nach einer Stunde Weges haben wir die Spitzen deS Berges Gottes vor uns. Bald darauf erscheint auch das Kloster St. Katharina, zwischen ihm und dem Horeb (ar. Djc- bel Charuhf) liegend, fast verdeckt von den hohen Cyprcfsen des Klostcrgartcns. Wir erwarten die langsam uns nachkeuchenden Kamele auf einer mit duftigen Kräutern bewachsenen, sandigen Ebene, besteigen sie und reiten im Trabe dem Kloster zu. Um neun Uhr erreichen wir eine von Mahammcd-Aali hier stationirte militärische Klosterwache und kommen wenige Minuten später unter der luftigen Pforte des Klosters an. Es ist ein hohes, großes, fast quadratisches Gebäude mit starken Mauern und Schießscharten, aus denen kleine Kanonen her- vorlugcn. Der Haupteingang befindet sich ungefähr vierundzwanzig Fuß über den Boden erhöht und wird durch eine mit Eisen beschlagene Thüre verschlossen. Man gelangt vermittelst eines Glo- bcnzugcS der in einem Krahncn befestigt ist und herabgelassen wird, zu ihr, indem man sich von den Pfaffen Hinaufwinden läßt. Ein anderes kleines Pförtchen führt zu ebener Erde in einen ebenfalls gut verschlossenen Hofraum und von da in'ö Kloster, eine dritte 334 Thür steht mit dem von hohen Mauern umschlossenen Garten durch einen unterirdischen Gang in Verbindung. Bei unserer Ankunft feuerten wir einige Schüsse ab. Die Hauptthüre öffnete sich; ein Klosterpfaffe mit weißem Barte erschien oben und rief uns ein heißeres „boa vonuto" herab, fragte uns aber doch erst nach Empfehlungsbriefen. Glücklicher Weise hatte uns der Pater Elesius aus Tohr mit einem derartigen Instrumente versehen. Der Pförtner ließ einen eisernen Haken herab und forderte uns auf, den Brief daran zu befestigen und zu warten. Nach einiger Zeit setzte sich ein stärkerer Globenzug in Bewegung, ein dickeres Seil wurde herabgelassen. Ich war der Erste, welcher sich daran hing und die Luftfahrt antrat. Dank meiner nicht ganz verlernten Uebung im Klettern, ich kam schnell und wohlbehalten oben an. Die Anderen folgten; Kaspar, Heug- lin's Diener und Mahammed besorgten das Aufwinden unseres Gepäckes. Wir befanden uns jetzt im Kloster und wurden zwei Stockwerke höher in bequem eingerichtete, neuerlich erbaute Fremdenzimmer geführt. Von hier aus konnten wir das ganze Kloster übersehen. Es ist ein Chaos von mehreren, während verschiedener Jahrhunderte entstandener, von unwissenden Mönchen ihren jedesmaligen Bedürfnissen gemäß aufgebauten, wirr durch einander geworfenen Gebäuden, ohne Symmetrie, Bequemlichkeit oder Geschmack. Nur die Kirche ist schön. Sie steht mitten im Klosterhofe und ist wenigstens aus einem Stücke gearbeitet und vollendet. Die nähere Besichtigung des ganzen Gebäudes mußten wir jetzt einstweilen verschieben. Man brachte uns Kaffe, Oliven, Datteln aus Tohr und Branntwein. Später bereitete uns ein Klostergeistlicher das Mittagsessen. ES war eher teufels- als mönchsmäßig einfach und sehr schmacklos. Dazu hatten wir bedeutenden Hunger und hörten gleich beim Eintritte, daß hier das ganze Jahr kein Fleisch gegessen werde. Das waren schöne Aussichten! Wir fanden, daß die heilige Luft des Berges eben nicht gerade satt mache und bedauerten innig, unsere Provisionen nicht besser bestellt zu haben. Einst- 335 weilen streckten wir uns jedoch recht behaglich auf dem weichen Di- wahn aus und trösteten uns durch den Genuß des unentbehrlichen Tschibuhk. Nachdem wir ausgeruht hatten, erschien ein anderer Mönch bei uns und redete uns in deutscher Sprache an. Es war ein in Wien erzogener Grieche, Namens Pietro, welcher von seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmanne, hierher geschickt worden war, weil er Spuren von Geistcszerrüttung gezeigt hatte. Schon seit mehreren Jahren theilte er gezwungen das traurige Loos zwi' schcn Felsen vergrabener Menschen und schien darüber höchst unglücklich zu sein. Er wurde später unser Führer im Kloster. Ich begann mit ihm noch heute einen Spaziergang durch das ganze Institut zu machen. Zuerst besichtigten wir sechsundzwanzig verschiedene Kapellen, welche in allen Winkeln des Klosters nutzlos angelegt und meist mit abscheulichen Heiligenbildern ausgeschmückt waren. Dann gingen wir zusammen durch das Speisezimmer oder Refektorium nach den unteren Geschossen, in denen man ein Wasch- und Backhaus, eine Mahlmühle, Küche, Remisen und dergleichen Räumlichkeiten zeigte. Die Gänge liefen kreuz und quer durch das ganze Kloster hindurch, ohne daß man sich in dem Wirrwarr von Ställen, Schuppen, Gängen, Zellen u. s. w. zurccht finden konnte. Plötzlich trafen sonderbare Töne mein Ohr; erst langsam, dann immer schneller erschallend, glichen sie zuletzt einem Trommeln. Einzelne Glockenschläge beschlossen die sonderbare Musik, welche die Stunde der Vesper anzeigen sollte. Anstatt der Glocken, die nur Feiertags geläutet werden, bedient man sich eines aufgehangenen, keilförmig gestalteten, tönenden Bretts von hartem Holze, auf welches mit mehreren Hämmern geschlagen wird. Die Schwingungen desselben erzeugen einen ziemlich starken Ton, der sich, vom Sinai und Horeb abspringend, schallend in dem engen Felscnthale verbreitet. Die Kirche war geöffnet. Wir traten mit dem Beginne der Messe in das Innere derselben ein und befanden uns in einem mit Mormorplatten getäfelten Schiffe, in welchem zu beiden Seiten mehrere mit hölzernem Schnitzwcrk gezierte Stühle standen. Nach 336 Osten zu enden es mit einem Chor, in dessen Halbkuppel wir ein Mosaikbild bemerkten. Einzelne Kruzefire und Rcliquienschreine waren reich mit Edelsteinen geschmückt. An den Wänden der Kirche hingen viele Heiligenbilder. Die Amtshandlung begann. Jeder der Mönche hatte einen der Stühle eingenommen und bekreuzigte sich, während ein Geistlicher die Messe las, häufig und andächtig. Nur der alte Prior saß in seinem Lehnsessel; alle Nebligen standen und neigten sich mehrere Male fast bis auf den Fußboden. Uns war der Gottesdienst vollkommen unverständlich. Zum Schlüsse ertheilte der Abt allen Anwesenden seinen Segen, worauf sich die Meisten entfernten. Wir blieben, um uns noch die Merkwürdigkeiten der Kirche zeigen zu lassen. Zuerst führte man uns nach einer Kapelle, welche die Stelle des heiligen Busches bezeichnen sollte, wie überhaupt die Unwissenheit der Pfaffen für jede in der Bibel erzählte Begebenheit die wirkliche Stelle anzugeben weiß. So sieht man in der Nähe des Klosters auf fast allen hervorragenden Punkten Kreuze aufgerichtet, ohne daß man eigentlich weiß, wozu. Beim Eintrittc in die Kapelle mußten wir die Schuhe ausziehen und durften nur in bloßen Strümpfen die auf dem Fußboden liegenden Teppiche betreten. Wenn ich nicht irre, zeigte man unS in einem Glasschranke den heiligen Busch selbst. Dann gab es noch mit Diamanten geschmückte Meßbücher, Teppiche, Bilder, Bischofsstäbe, Kelche, WcihrauchSbcckcn, Kannen und andere Gcräthschaften zu sehen. In der Nähe des Altars machte uns der Mcßner auf eine steinerne Truhe aufmerksam, welche die Ucberreste Katherina's, der Schutzheiligen dcS Klosters , enthalten sollen. Die Lebens - und Leidensgeschichte der Einsiedlerin ist kurz folgende: Katharina war die einzige Tochter eines Königs von Egyp- ten, gleich ausgezeichnet durch Verstand, Schönheit und Tugend, allein eitel auf diese Vorzüge, ein unerreichbares Kleinod für alle die königlichen Freier, welche sich ihr nahten; denn nur Der, welcher ihr an Verstand und Schönheit gleichkomme, sollte ihr Gatte werden. Und wo fand sich unter den hundert Prinzen, die 337 um sie warben, auch nur ein Einziger, der entfernt ihr geglichen hätte. Da erscheint ihr nach langem Harren und Wählen die heilige Jungfrau und verspricht, ihr Den zu zeigen, der sie in Allem überträfe. „Folge mir", spricht die Heilige, „ich will die Sehnsucht Deines Herzens stillen; allein sei ihm, dem Unvergleichlichen, auch treu und gehorsam, sei ihm Braut, er wird Dir Bräutigam sein und Dir der Kronen höchste, der Diademe schönstes auf Deine dunklen Locken drücken." Und sie nimmt die freudig zagende Jungfrau bei der Hand und führt sie durch Länder und Wüsten; lange nnd weit entfernt von Eltern und Vaterhause irrt sie bang dem Traumbilde ihrer Hoffnung nach; ihr Stolz beugt sich unter der Last ihrer Mühen, ihre Eitelkeit schwindet, sobald sie ihrer Bewunderer ledig geworden und noch immer hat sie den Bräutigam nicht gefunden. Klagend und ermüdet sinkt sie in einen tiefen Schlaf; da erscheint ihr die Heilige des Himmels zum zweiten Male, an der Hand ihren Sohn, den Herrn der Welt. Und befriedigt erkennt sie die Hoheit des Unübertrefflichen und dient ihm, in tiefster Oede ihre Wohnung aufschlagend, treu ihr ganzes gottseliges Leben hindurch. Fromm erwartet sie ihr Stündlein in einer Felsenhöhle des dem Berge Gottes gegenüberliegenden Djcbel Katharina. Erst Jahre lang nach ihrem Tode finden die Mönche des ncucr- richtcten Klosters den Leichnam der Heiligen und begraben ihn ehrenvoll in ihre Kirche. So erzählte mir Pietro. — Nur frommen und reichen Russen oder Griechen wird der Sarg der Heiligen geöffnet. Wir bekamen die Gebeine nicht zu sehen, weil wir keine Lust hatten, mehrere Thaler dafür auszugeben, wie bessere Gläubige, als wir waren, wohl thun mögen. Einzelne Russen haben der Kirche des Sinai große Geschenke gemacht. Man zeigt eine Gabe des Kaisers Alexander von sehr bedeutendem Werthe. Am 21. November. Unser heutiger Ausflug galt hauptsächlich dem Besuch des Klostcrgartcns. Schon von Weitem war er uns gestern erschienen; sein freundliches Grün inmitten der rothbraunen Felsenmasscn that dem Auge so wohl, daß das Herz sich sehnte, unter den schattigen Laubgängcn dahin zu wandeln und sich an dem klaren Wasser der Fclsquellen zu erquicken. Hk. 22 Wir betraten den Garten durch den unterirdischen Gang, von welchem ich oben gesprochen habe, und kamen zuerst in einen ziemlich in der Mitte des Gartens sich hinziehenden Weg, welcher uns zu einer Ruine führte. Nach Aussage unseres Führers diente das durch ein Erdbeben zertrümmerte Gebäude früher zu einer Sternwarte. Nebenan liegt eine kleine Kapelle mit dem sich unter ihr befindlichen Grabgewölbe der im Kloster verstorbenen Mönche. Die Leichen werden aber erst beigesetzt, nachdem sie vorher in bloßer Erde begraben und durch die Verwesung zum Skelet geworden sind. Man nimmt hierzu einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren an. Die ganze Gartenanlage zeugt von dem Siege des Fleißes über die rohe Natur. Es war wahrlich kein Kleines, den Granitfelsen ein Stückchen urbaren Erdreiches abzugewinnen; hier galt es, zu arbeiten. Früher wirr durch einander geworfene Stcinblöcke und Fels- massen wurden zu Mauern für Terrassen umgewandelt; der von den Steinen befreite Raum wurde mit fruchtbarer Erde bedeckt, diese geebnet und zu Beeten umgeschaffcn. Weithin sich erstreckende Kanäle wurden angelegt, um das von den Felsen herabrinncnde Wasser aufzufangen, zu sammeln und dem Garten zuzuführen. Sorgfältig wird es dort gehütet und bewacht, damit kein Tropfen des so nothwendigen Elements verloren gehen kann. Mit berechneter Sparsamkeit wird täglich nur eine bestimmte Menge verbraucht und so ist es möglich geworden, einen Garten herzustellen. Hohe Eypressen geben ihm ein klösterliches Ansehen. Fortwährend werden neue Stämmchen angepflanzt, um sie zu Bäumen zu erziehen. Diese werden dann gefällt, zu Brettern und Pfosten zertheilt und im Kloster z. B. zum Ausbau von Kapellen verwendet. Es scheint, als ob seit Jahrhunderten nur ein einziger Gärtner hier gearbeitet habe. Alles wird nach bestimmten, unabänderlichen Regeln betrieben. Man baut in dem Garten Mandeln, Feigen, Stachel- feigen, Trauben und Gemüse von ziemlicher Güte, einzig und allein zum Bedarf des Klosters. Interessant war mir ein uralter Feigen- kaktus, auf dessen verschiedenen Blättern die einzelnen Mönche Zeit und Ort ihrer Geburt und den Tag ihres Eintrittes in's Kloster 339 eingeschnitten hatten. Pietro zeigte mir mit einem Seufzer das Blatt mit seinem Namen und der Jahreszahl seiner Ankunft auf dem Sinai. Gegenwärtig befanden sich sechs und zwanzig Mönche im Kloster. Sie waren, mit Ausnahme eines Rüsten, Griechen und theils aus Griechenland, theils aus der Levante gebürtig. Man sah viele alte Leute unter ihnen, die noch rüstig und frisch umhergingen. Pietro versicherte mich, daß Jemand, der längere Zeit auf dem Sinai gelebt habe, selten weniger als ein Alter von achtzig Jahren erreiche. Dies mag seinen Grund in der reinen, gesunden Alpenluft des heiligen BergcS und der strengen Fastenkost haben, welche, obgleich nahrhaft, doch so einfach ist, daß man sich, wenn man sie einmal gekostet hat, denken kann, was Adam und Eva im Paradiese gekocht haben mögen. Die Mönche essen täglich nur einmal warme Speisen und kommen hierzu auf ein gegebenes Zeichen im Refektorium zusammen. Ich war bei einer ihrer Mahlzeiten zugegen. Nach einem kurzen, von dem dienstthuenden Geistlichen vor dem im Refektorium stehenden Altare gesprochenen Gebete setzten sie sich in einer gewissen Reihenfolge an die langen Tafeln des gewölbten Speisesaalcs zum Essen nieder. Still und lautlos ging die Mahlzeit vorüber. Der Prior erhob sich zuerst, dann folgte der Geistliche und schlug dreimal an eine hclltöncnde Glocke. Hierauf erhoben sich Alle; der Geistliche sprach wieder ein Gebet und ging dann, sich vor dem am Eingänge stehenden Prior so tief verneigend, daß er mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände den Fußboden erreichte, zur Thüre hinaus. Alle Uebrigen folgten in derselben Weise und empfingen den Segen des Priors. So gastfrei und zuvorkommend uns die Mönche im Anfange vorgekommen waren, ebenso habsüchtig, geldgierig und verstockt zeigten sie sich später. Auch hier auf dem Sinai blieben sie ihrem Nationalcharakter -treu. Man verlangte von uns enormen 22 * 3L0 Bakhschicsch in Gestalt „milder Gaben für die arme Kirche," als Bezahlung der uns zu Theil gewordenen gastlichen Aufnahme. Jeden Dienst ließ man sich bestens bezahlen und drängte sich deßhalb mit Dienstleistungen aller Art in widerlicher Weise auf. So wurde unter Anderem als unumgänglich feststehend angenommen, daß wir den Sinai nur in Begleitung eines Klosterbruders besteigen könnten und daß für diese Begleitung Jeder von uns siebenundzwanzig egyptische Piaster zahlen müsse; daß wir die Kamele zur Rückreise nur durch Diener des Klosters bestellen und idafür dem Besteller achtzehn Piaster „für neue Schuhe" bezahlen sollten und dergleichen mehr. Alles Dies wurde uns in einer Art und Weise gesagt, als ob es so sein müsse und garnicht anders sein könne. Die Pfaffen kamen aber an die Unrechten. Ich war leider zu lange gereist, als daß ich mich allen unverschämten Forderungen so gutmüthig unterworfen hätte. Zuvörderst fand ich es für unnöthig, „der armen Kirche die geringe Summe von achtundvierzig Spcciesthalern, wobei ja täglich nur drei Thaler auf die Person gerechnet wären," zu schenken, weil wir gerade in dieser armen Kirche Edelsteine gesehen hatten, von denen ein einziger uns alle Drei zu reichen Leuten gemacht hätte; zweitens glaubten wir den Weg auf den heiligen Berg auch ohne Pfaffenbegleitung finden zu können und drittens hatte ich meinen Firmahn bei mir und war entschlossen, das Herz des Hauptmannes der Klosterwache zu rühren und wäre es härter gewesen als die Felsen, auf denen er seine Hütte erbaut hatte. Wir theilten ihnen unsere Ansicht ruhig mit und riefen mit ihr auf allen Gesichtern ein für uns höchst komisches Entsetzen hervor, zumal da ich zugleich bemerkte, daß wir trotzdem die Gastfreundschaft des Klosters noch einige Tage lang zu genießen wünschten und noch zu bleiben gedächten. ,Msl»cketti ers- tici," murmelte der Eine, „k»te oows volste" der Andere. Das Letztere schien uns in der That vernünftig zu sein. Am 22. November. Meine Bestellungen im Wadi- Sa- lafe waren nicht ohne Erfolg geblieben. Der Vater des berühmten Jägers Aam ehr brachte heute in aller Frühe zwei Klippschliefer (kl^rax s^risous); später folgte der Sohn selbst und 3L1 überlieferte uns einen prächtigen Steinbock, für welchen wir einen Spcciesthaler bezahlten. Das Fleisch pökelte Kaspar für die bevorstehende Rückreise sehr sorgfältig ein; Fell und Ekelet kamen als werthvolle Stücke in meine Sammlung. Obgleich der Stcinbock im pcträischen Arabien nicht häufig ist, kann ihn der Naturforscher doch bald genug erhalten, wenn er, unserem Beispiele folgend, die Beduinen mit seiner Jagd beauftragt. Diese kennen nicht nur alle Plätze, an denen sich die Thiere aufhalten, genau, sondern sind auch viel ausdauernder und enthaltsamer bei dieser schwierigen Jagd, als es der Europäer zu sein im Stande ist. Ein Stückchen Brod in der Tasche, seine Luntenflinte über den Rücken, verläßt der Beduine sein Zelt, wandert über Berg und Thal und verfolgt sein Ziel Tage lang, vielleicht ohne zu trinken. Seine schlechten Gewehre vermehren die Schwierigkeit, eins der scheuen Thiere zu erlegen. Nur in einer Entfernung von fünfzig Schritten schießt er, weiter nie, und braucht, bevor er schießen kann, um seine Lunte zurccbt zu machen, wenigstens zwei Minuten. Und dennoch erreicht er seinen Zweck. Wie viel leichter würde uns die Jagd mit unseren trefflichen Büchsen werden! Für heute Nachmittag hatte uns der Jusbaschi oder Hauptmann der Klosterwache zu einer Jagd auf Steinhülmer eingeladen. Es kam aber nur zu einem Scheibenschießen mit Büchsen. Unser Türke blieb, zu seinem Erstaunen, mit seiner langen, persischen Büchse hinter unseren kurzen Stutzen zurück; er konnte nicht begreifen, daß kurze Gewehre zuweilen besser schießen können als lange. — Der Mann führt übrigens ein trauriges Leben. Er ist auf seine fünfzig Mann egyptische Soldaten beschränkt und findet Niemanden, mit dem er seine Muttersprache reden kann. Eigentlich ist er viel mehr Einsiedler, als es die Mönche deS Klosters sind. Am 23. November. Banerh orst hatte gestern den Sinai bestiegen und machte uns eine so anziehende Beschreibung der Partie, daß wir Beide, Hcuglin und ich, heute seinem Beispiele zu folgen beschlossen. Ich schicke der kurzen Schilderung unseres Wegs, des bessern Verständnisses halber, zuerst etwas Geographisches voraus. 342 Dabei sage ich ganz offen, daß ich die verschiedenen Zahlen anderen Büchern entlehnt und dazu hauptsächlich Nussegger's genaue Angaben benutzt habe. Das Kloster „zur heiligen Katharina" liegt unter 28" 32 ^ nördlicher Breite und 31" 54^ östlicher Länge von Paris in einer Höhe von 5115 pariser Fuß über der Fläche des rothen Meeres und ist von Suös 3-4^, von Kairo 56^ deutsche Meilen entfernt. Westlich von demselben thürmcn sich die Felsendes Horeb zu noch 2000, südlich die des Sinai zu noch 1982 pariser Fuß über die Thalsohle auf, so daß also die ganze Höhe des Sinai zu 7097 pariser Fuß über dem Meere angenommen werden muß. Der Dje- bel Katharina ist nach Russegger 8168 Fuß hoch, der Djebel Uin - Schober noch über hundert Fuß mehr. Mehrere Reisende wollen jedoch noch zwei andere Berge, deren Namen ich nicht kenne, gemessen und 8300 pariser Fuß hoch gefunden haben. Diese dürften als die höchsten Bergspitzen der peträischcn Halbinsel betrachtet werden. Wir verließen das Kloster gegen neun Uhr Vormittags. Der Weg beginnt sogleich ziemlich steil, wird es aber immer mehr, je weiter man in die Höhe gelangt. Er führt in Zickzacklinien den Berg hinan und ist stellenweise künstlich hergestellt. Die Kloster- brüdcr nennen diese Strecke „den Weg der Engel," weil diese es waren, welche Moses eine gangbare Straße erbauten. Sie ist aber so schlecht, daß sie jedem deutschen Pflasterergesellen Schande machen würde. Wenn man ungefähr ein Drittel der Berghöhe erstiegen hat, erblickt man eine schon fast ganz verfallene, über und über mit Namen bedeckte Kapelle, welche der heiligen Jungfrau geweiht ist. Von hier aus führt der Weg auf groben Stufen weiter. Man kommt, wenn man durch zwei Portale durchgegangen ist, auf eine kleine Ebene, in deren Mitte sich ein Becken mit trefflichem Ouellwasser befindet, und hat jetzt ungefähr zwei Dritttheile des Weges oder eine Höhe von 6200 Fuß über dem Meere erreicht. Eine hohe Cypreffe steht einsam trauernd am Rande deS BeckenS, 343 nicht weit davon eine kleine, dem Ellas geweihte Kapelle. Nun hat man den letzten Gipfel des Sinai vor sich und etwa noch sechshundert Fuß zu steigen. Dort liegen eine kleine Moschee und eine christliche Kapelle friedlich neben einander. Auch sie sind mit europäischen und arabischen Namen beschrieben worden. Die Aussicht von Oben ist ziemlich schön, leider aber im Süden durch den höheren Djebcl Katharina sehr behindert. An hellen Tagen kann man den Meerbusen von A kaba und den von Suös sehen; wir konnten heute blos die Wasserfläche des ersteren wahrnehmen. Ich habe den Weg nicht belohnend gefunden. Das Interesse an der Geschichte des Berges ist das Einzige, was ihn anziehend machen kann und dieses wird durch die gräuliche Ignoranz der Klosterpfassen, welche den ganzen Berg mit ihren Traditionen in Stücke zertheilen zu wollen scheinen, sehr geschwächt. Der Schwung der Phantasie wird durch Kreuze und andere Zeichen, die überall angebracht sind, aufgehalten; der aufgezwungene Glaube stört die Betrachtungen Dessen, der da glaubt, ohne beständig Mahnungen s zu bedürfen, daß er glauben soll. Am 2 4. November. Am frühen Morgen erschienen die Pfaffen in feierlichem Aufzuge in unserem Zimmer, um uns zu erklären, daß es heute der fünfte Tag sei, den wir im Kloster zubrächten und da auf einen glänzenden Bakhschiesch von unserer Seite nicht zu rechnen sei, so-die Thüre stände uns offen. Wir nahmen diesen wohlmeinenden Borschlag ohne Weiteres an. Doch fühlte ich ein lebhaftes Bedürfniß in mir, ihnen aus einander zu setzen, daß sie doch eigentlich, bei Lichte betrachtet, die ärgsten Schufte wären, welche jemals in einer Mönchskutte gesteckt hätten, und ihnen zu versichern, daß ich alle Reisende vor ihren Gaunereien warnen würde. Sie erwiderten Nichts, bedauerten aber, wie mir Pietro sagte, im Stillen einmüthig meine grenzenlose Verdorbenheit. Nun ging ich zum Jusbaschi der Klosterwache und brachte ^ es durch ein sehr energisches Auftreten bald dahin, daß uns Kamele geliefert wurden. Wir beschenkten den Geistlichen, der uns bedient hatte, sehr reichlich, schnürten unser Gepäck, zankten uuS nochmals i 344 mit dem Pförtner, welcher ein Lösegeld verlangte, ließen uns eigenhändig an dem Globcnzuge herab, bcluden die unten lagernden Kamele und verließen nach dem Aassr den ungastlichen Ort, dessen Staub ich von den Füßen schüttelte. „4 Hak gonarlll ckgin- sedum" — Gottt verdamme ihre Art! — sagte der brummende Mahammcd, welcher, mit der Klostcrkost höchst unzufrieden, freudig die Luftreise antrat. Die Nacht ereilte uns in der Felscnschlucht Abu - Tohk, wo wir den schon einmal benutzten Lagerplatz auch heute wieder zur Nachtruhe wählten. Am 25. November. Bei guter Zeit bricht man auf. Heug- lin und ich gehen den Kamelen durch die steinige, unwegsame Schlucht zu Fuß voran, um zu jagen. Die Gegend war, wenn auch reichlich mit Gestrüpp bewachsen, doch sehr arm an Thieren. Um Mittag erreichen wir das Wadi Salafe, rasten unter den Zelten der uns bekannten Beduinen und setzten dann unsere Reise durch das Wadi Rubehk weiter fort. Erst spät in der Nacht lagern wir bei einem freundlichem Feuer unter Mannabäumen. Am anderen Morgen erreichen wir schon nach kurzem Ritte das reich bewaldete und bewässerte Wadi Fcirahn, „das Kleinod der Wüste" des peträischen Arabien. Uns erschien es wie ein großer Garten. Früher nie gesehene Vögel sangen in den Wipfeln der Mimosen oder bargen sich vor dem sie verfolgenden Jäger in den Kronen der Palmen, welche hier zu einem ausgedehnten Walde vereinigt sind. In der Mitte desselben steht ein ziemlich großes Dorf, dessen Bewohner Viehzucht und Gartenbau treiben, d. h. Dattelpalmen pflanzen, Pflegen und deren Früchte verkaufen. Ich hätte hier Tage lang weilen mögen, allein Bauerhorst wollte gern bald wieder nach Kairo zurückkommen und trieb zur Eile an. Am unteren Ende des Thales lagerten wir uns. Am 27. November. Nach kurzem Ritte gelangen wir in das Wadi meketebe oder zu Deutsch : in „daS beschriebene Thal;" so genannt, weil man in den Felsenwänden desselben viele kufische Inschriften eingegrabcn steht. Hierauf führt uns unser Weg durch das Wadi-Sitri nach dem Wadi el Rharakit, einem Bc- gräbnißplatze der Beduinen. Es ist ein eigener, aber wirklich hehrer 3L5 Fricdhof. Hohe Berge schließen ihn ein. Und da liegen im Sande, auf dem ihr luftiges Haus gestanden, die Kinder der Wüste; so, gar die, welche sich im Leben befeindet und befehdet, werden hier vereint. Das Kamel, welches den Beduinen während seines Lebens trug, bringt auch seine Leiche hierher, selbst aus meilenwcitcr Ferne und schreitet später gleichgültig über das mit weißen Steinen bezeichnete Grab seines Herrn hinweg. Nur selten wird die Ruhe dieses Gottesackers durch eine vorüberziehende Karawane unterbrochen. Gewöhnlich herrscht hier immerdar das recht eigentliche Schweigen des Todes. In der Nähe dieses Begräbnißplatzes machen uns die Beduinen auf einen nach ihrer Meinung sehr weiten Schuß aufmerksam. Der Großvater Aamchr's hatte hier einen Steinbock in einer Entfernung von etwa hundertundzwanzig Schritten erlegt und beide Endpunkte der Schußlinie durch große, weiße Kieselsteine bezeichnet. Wahrscheinlich ist dieser Schuß der weiteste, den jemals ein Beduine gemacht hat. Von hier aus führen uns die Beduinen durch ein Wadi, dessen Namen ich vergessen habe, in der Gegend des Birket el FLrLühn — „See der Pharaonen" —, einer Einbuchtung der Meeresküste an den Golf von Suvs. Ueber die weite, spärlich mit Kräutern bewachsene Ebene „Wadi-Marhha" hin- wegrcitend, gelangen wir an den Bittcrwasserbrunncn gleichen Namens und übernachten dort. Am 28. November. Nach dem Aufbruche der Karawane gehen wir länger als zwei Stunden neben dem Kamele zu Fuße her, um an der Küste des Meerbusens Konchylicn zu suchen. Dann geht es durch das Wadi Ta'ibe wieder in die Berge, welche jetzt nicht mehr den Primitivgebirgs-, sondern der Sandstcinformation angehören, hinein. Ganz in der Nähe unseres Weges befindet sich eine unter dem Namen Hain ahm el Fa rauhn — „Bad der Pharaonen" — bekannte Therme, auf welche uns die Beduinen erst aufmerksam machen, nachdem wir sie bereits seit mehreren Stunden hinter uns haben. Um Mittag rasten wir bei den Sandstein- bergen Schöblkv, oberhalb des Thales Usel't und genießen später von der Höhe eines sehr steil in daS Thal abfallenden Weges 346 einen prachtvollen Ueberblick der sich mehr und mehr verflachenden Berge. In weiter Ferne zeigt sich der Spiegel des Meerbusens und scheint mit dem blauen Aetherduft der afrikanischen hohen Porphyrgebirge in Eins zu verschmelzen. Auf dem steilen Pfade, welchen die Kamele nur mit äußerster Vorsicht zu? betreten im Stande sind, gehen wir zu Fuße in das Wadi Ufert hinab, kosten von dem Wasser der dort zu Tage kommenden Salzquellen und beenden unseren heutigen Weg in dein nicht allzu weit von hier entfernten Wadi Rharandel, wo wir unter wildwachsenden Palmen unser Lager aufschlagen. Tags darauf kommen wir auf einem höchst langweiligen Wege bis zum Wadi Ward ahn. Ein freundlicher Beduine, in dessen Nähe wir unS lagern, erfährt, daß uns der Kasse ausgegangen ist und bereitet deßhalb sogleich von diesem so nothwendigen Tränke, um uns damit zu erquicken, obgleich er selbst nicht viel Vorrath besitzt. Das ist arabische Gastfreundschaft und wahrlich himmelweit von der verschieden, welche uns auf dem Sinai zu Theil wurde. Am 3 0. November. Wie gestern, war auch heute der Weg höchst einförmig. Wir hatten eine weite, sterile Ebene zu durchreiten, auf welcher wir Mittags nicht einmal Schatten finden konnten. Gegen Abend bekamen wir in weiter Ferne Suös und nahe vor uns die Mosis-Quellen, „ALuhn-Muhsa," zu Gesicht. Heuglin und ich übernachteten hier, Baucrhorst ritt nach Suös voraus. Die reichern Einwohner von Sues haben sich in Aeuhn- Muhsa Gärten angelegt. Diese werden durch die Quellen, deren Wasser man in künstlichen Becken sammelt, getränkt und erzeugen ein gutgedcihendcs Gemüse. Hohe, durch Tarfabäume gebildete Hecken umzäunen sie und geben ihnen ein freundliches Ansehen. Kleine Landhäuser liegen unter den Bäumen zerstreut umher. Die Anlage erscheint von Weitem wie eine Oase der Wüste. Es ist sonderbar, daß die Quellen, deren man sieben zählt, fast alle auf der Spitze nicht allzu niederer, kegelförmig zugespitzter Sandhügel zum Vorschein kommen. Man hält sich zu der Annahme berechtigt, daß sie mineralhaltig und heilkräftig sind. Ob 347 das begründet ist, weiß ich nicht. In der That sah ich aber selbst die Quellen von Zeit zu Zeit heftig sprudeln und Gasblasen auswerfen. Obgleich die Vegetation nicht ausgedehnt ist, fanden wir doch in der Nähe der Quellen viele Fährten von wilden Thieren, unter denen wir hauptsächlich die von Hyänen und Antilopen herrührenden unterscheiden konnten. Ein in den Gärten arbeitender Araber erzählte uns, daß fast jede Nacht Hyänen erschienen, um von dein Aase eines in der Nähe der Gärten gefallenen Kameles zu fressen. Heuglin legte sich deßhalb Abends hinter einen Sandhügcl auf den Anstand und erlegte nach kurzem Harren wirklich eins der heranschleichenden Raubthiere. Am 1. Dezember. Von Aöuhn Muhsa aus gingen wir zu Fuße dem Mccresstrande entlang, um Konchylicn zu suchen. Mittags kamen wir SuLs gegenüber bei dem auf asiatischer Seite erbauten Quarantänchäuschen an, mußten dort aber trotz unserer über eine halbe Stunde lang ununterbrochen abgefeuerten Signalschüsse zwei Stunden verharren, bis es dem Quarantänebeamten gefiel, uns nach Afrika hinüber zu holen. Bauerhorst erwartete uns, vor seinem schon gesattelten Kamele stehend, am Wirthshause, verließ bald darauf Sues und ritt nach Kairo voraus. Wir dagegen beschlossen, noch einige Tage hier zu verweilen, um auf interessante Vögel, welche wir an und auf dem Meere gesehen hatten, Jagd zu machen. Unter ihnen fesselte unS besonders eine Mövcnart mit schönem silbcrgraucn Rücken, weißem Hals und Kopf und roscnroth überflogcncm Unterkörper, der auch in Europa zuweilen vorkommende Usrns §vla8to8. Erst am 5. Dezember verließen wir Nachmittags bei heftigem und kaltem Nordwinde Sülls, um nach Kairo zurückzukehren. Wir erreichten die Station Zwölf und setzten am anderen Morgen den Ritt weiter fort. Das Wetter blieb ebenso unfreundlich, wie cS Tags vorher gewesen war. Zum Aassr kamen wir an der Station Acht vorüber. Der Vizekönigresidirtegerade in seinem Wüsten- schlosse. Von den Zinnen „des weißen Hauses" flatterten roth- seidene Fahnen mit weißem Halbmond und Stern, den Symbolen 348 EgyptenS, in der Mitte. Die Wüste wimmelte von Reitern, Soldaten, Stallknechten, Bedienten und Pferden des Pascha; wahrscheinlich verfluchten sie heimlich insgesammt das sonderbare Gelüst ihres Herrn. Auf der Station Sechs lagerten wir uns für die Nacht. Der Postbeamte erschien, um uns zu begrüßen, wurde von uns zu einem Glase Wein geladen und folgte unserer Aufforderung so bereitwillig und gewissenhaft, daß in kurzer Zeit die Reste unseres Vorrathes seinen unersättlichen Schlund passirt hatten. Später langte noch der Beduincnschech Cheir-Allah des in der Gegend von Nedjihle (einer Stadt Untcregyptens) in der Wüste wohnenden Beduinenstammes Aulahd-Aali mit mehreren Leuten seines Stammes bei uns an. Wir baten ihn, abzusteigen und eine Tasse Kasse und einen Tschibuhk mit uns „zu trinken." Er that dies und bat um Gegenbesuch. Bei dieser Gelegenheit kam eine von mir längst schon projektirte Reise nach der Oase Sibah oder Siwah zur Sprache. Schech Cheir-Allah sagte, daß er mit dem Schech der Oase wohl bekannt sei und erbot sich, mich dahin zu begleiten. Ich wurde verhindert, mein Projekt auszuführen. Sollte aber einer meiner geehrten Leser den Tempel des Jupiter Ammon besuchen wollen, dann rathe ich ihm, vorerst zum Schech Cheir-Allah zu gehen und mit diesem die wegen der Raublust mehrerer Bcduincnstämme höchst gefährliche Reise anzutreten. Am 7. Dezember. Das Wetter war den ganzen Tag so abscheulich, daß wir uns sehr freuten, als Nachmittags die Minarets der Moscheen Kairos aus dein Nebel auftauchten. Freudig und übermüthig, der Maheruhsct wieder so nahe gekommen zu sein, trabten wir, so schnell die Kamele laufen wollten, der Es- bekie zu. Da begegnete uns ein Araber mit einem Maulthicre, auf welches er ein anderes, gefallenes geladen hatte, um es in der Wüste zu verscharren. Er versperrte uns mit seiner Ladung den engen Weg und dies veranlaßte mich zu der spöttischen, aber, wie ich bald merkte, sehr albernen Frage: „Ist dein Todter auch als Mahamedaner gestorben, lieber Freund? Ohne sich zu besinnen, antwortete der 349 Mann: „Nein, Herr, das nicht, denn der Todte war ein Christ" und rief mit dieser treffenden Antwort hellen Frohsinn in uns hervor, der auch durch Nichts weiter gestört wurde. Mit Sonnenuntergang langte ich in unserer Wohnung an, begrüßt von meinem Wirth, dem Bedienten Mansuhr, Bachieda, der Löwin, den lebenden Affen und anderem Gcthiere. Schluß. „Gut scheint noch Alles; endet's so, begrüße, Nach Bitter'm um so lieber ich das Süße." Ende gut, Alles gut. Ich bin am Ende meiner Erzählung. Der Winter bannte mich an Eghpten; bei meiner zerrütteten Gesundheit durste ich es nicht wagen, mich plötzlich allen Einflüssen des rauhen Klimas unseres Vaterlandes preis zu geben. Eine angenehme Reise in Gesellschaft liebenswürdiger Landslcute kürzte mir die Zeit. Am frühen Morgen des 9. Dezember saßen wir in unserer Wohnung im „Scbakalswege" beim Kasse. Heuglin war bei uns über Nacht geblieben und demnach die fröhliche Reisegesellschaft vom Sinai versammelt. Die Tschibukaht dampften*). Wir besprachen die eben zurückgelegte Reise in ihren Einzelheiten. Da meldete der dienstthuende Mabammed zwei Fremde, welche uns zu sprechen wünschten. Der Eine von ihnen war unser Franzose aus Tohr, jetzt aber unter den Händen des Schneiders, Schuhmachers, Wcißzeughändlers, Haarkünstlers und wer weiß wessen sonst noch zum Gcntleinen umgeschafsen, daher auch kaum wiederzuerkennen; der Andere stellte sich uns als den Pfarrer vr. Liebe- trut aus der Nähe von Wittcnberg mit der Bitte vor, ihm die nöthige Auskunft über eine Reise nach dem Sinai, welche er vor *) Die langen Pfeifen sind so unerläßlich bei jeder Unterhaltung, daß ich sie hier unmöglich übergehen kann. hatte, zu geben. Ich erwähne der Bekanntschaft dieses Herrn, weil sich daran meine letzte egyptische Reise knüpft. Nach einer ziemlich langen Unterhaltung bat mich der Pfarrer, ihn in sein Gasthaus, das Uotol äu lM, zu begleiten, um dort mit ihm zu Mittag zu essen. Wir traten zusammen in das ziemlich besetzte Gastzimmer, welches heute Franzosen, Italiener, Deutsche und Engländer vereinigte. Von meiner in orientalische Kleidung gehüllten Persönlichkeit schien man nicht eben große Notiz zu nehmen; wahrscheinlich hielt man mich für einen von irgend einem Reisenden angenommenen Dolmetscher. Man sprach anfangs Französisch, später wurde von Einigen die Unterhaltung in deutscher Sprache geführt, wobei ich Gelegenheit bekam, meine Landsleute kennen zu lernen. Ein mich interessirendes Gespräch eines jungen Mannes mit einem Anderen, den man sofort als Künstler erkennen konnte, führte zu gegenseitiger Bekanntschaft. Ich erfuhr, daß ich mit dem Grafen Schäsberg aus Nheinprcußcn und dem kön. preußischen Hofmaler Hildeb rankt gesprochen habe. Der Graf war in Begleitung des Pfarrers in Kleinasien und Palästina gewesen und wollte jetzt eine Reise durch Obcrcgyptcn machen, um „zu jagen und dabei on ps8sant die Monumente anzusehen." Nachdem wir genauer zusammen bekannt geworden waren, lud er mich zu der „Jagdpartie" in so freundlicher Weise ein, daß ich sein Anerbieten nicht abschlagen konnte. So wendete ich mich also noch einmal dem Süden zu. — Am Abende jenes für mich nicht unwichtigen Tages trafen wir bei dem k. k. österreichischen Generalkonsul von Huber wieder zusammen. Ich hatte diesen würdigen Vertreter der österreichischen Unterthanen, welcher sich stets bereitwillig zeigte, jedem Deutschen zu helfen, erst heute persönlich kennen gelernt; seinen Namen und edlen Charakter kannte ich längst. Herr von Huber hat mir in jeder Beziehung hülfreiche Hand geboten und mir so viele Beweise seiner Güte gegeben, daß ich es für eine angenehme und heilige Pflicht halte, ihm nochmals öffentlich meinen tief gefühlten Dank zu bringen. Obgleich Ausländer, habe ich von Sei- 352 tcn Oesterreichs einen Schutz genossen, welchen ich nicht genug rühmen kann. Wir verbrachten zusammen einen höchst genußreichen Abend bei dem auch als Wirth äußerst liebenswürdigen Manne. Unser guter Pfarrer war ein ganz vortrefflicher und gewiß sehr gelehrter Mann, für Egyptcn aber leider etwas zu alt. Nicht leicht habe ich einen so unentschlossenen Reisenden kennen gelernt, als ihn. Was er heute wollte, verwarf er morgen gewiß. Ucber- all um Rath fragend, nahm er gleichwohl keinen an und schwebte deshalb fortwährend zwischen bangen Zweifeln. Ich gab mir alle Mühe, ihm die Ausrüstungen zu seiner Reise zu beschaffen, brauchte aber acht volle Tage dazu, um mit ihm das Nöthige einzukaufen. Am 17. Dezember reiste er, trotz unserer Warnungen, bei heftigem Regenwetter von Kairo ab. Die Kameltreiber, welche uns vom Sinai zurückgeführt hatten, waren uns als brave Leute bekannt und ihm von mir dringend empfohlen worden. Er schien sehr zufrieden zu sein, sichere Leute gefunden zu haben, nahm aber ungeachtet alles Abrathens andere und trat mit diesen seine Reise an. Nach wenig Tagen kehrte er, durch Aergcr, ungewohnte Strapatzcn und das fortwährend ungünstige Wetter erkrankt, nach Kairo zurück. Er hatte nur SuöS erreicht und war von seinem infamen Dragoman, einem Malteser, noch ärger als von den Kameltreibern gepeinigt, systematisch gequält worden. Die Abscheulichen hatten mit dem widerstandsunfähigen Manne mitten in der Wüste gemacht, was sie gewollt hatten. In Kairo lag der Pfarrer mehrere Wochen lang krank darnieder und dankte es wahrscheinlich nur den Bemühungen meines Freundes, des als Arzt und Mensch gleich ausgezeichneten vr. Bill harz, daß er überhaupt mit dem Leben davon kam. Das ist eins der Beispiele von Reiscunannehmlichkcitcn, welche durch die Schuld böswilliger Bedienten, denen der Reisende mehr oder weniger in die Hände gegeben ist, häufig vorkommen. Man kann mit der Wahl seiner Bedienung nicht vorsichtig genug 353 sein und darf, wenn diese sich vergangen hat, keine Milde kennen, sondern muß dann bei der türkischen Obrigkeit stets auf strenge Bestrafung dringen. Das ist man späteren Reisenden schuldig! Am 19. Dezember beschick mich der österreichische Generalkonsul zu sich, um mir Vergleichungsvorschläge des Baron Müller mitzutheilen. Jetzt, nachdem ich mich durch alles erdenkliche Ungemach mühsam durchgearbeitet, gedarbt und entbehrt, dabei aber fleißig und glücklich gesammelt hatte, wollte derselbe die von mir nachgedrungen gemachten Schulden großmüthig — gegen Uebergabe meiner Sammlungen übernehmen! Ich wies seine „Friedensvorschläge" entrüstet zurück. An mir und nicht an ihm war eS, Bedingungen zu stellen. Von nun an hatte ich vollauf zu thun, unsere Abreise nach Möglichkeit zu beschleunigen und die Gaunereien und Langweiligkeiten des im Dienste des Grafen stehenden Dragoman durch sorgfältiges, diesem höchst unangenehmes Ueberwachen zu verhüten. Ein äußerst praktischer Reisender, der Herr Leopold Buvry aus Berlin, wurde als unser Reisegefährte noch aufgenommen. Ende Dezembers hatte ich eine hübsche Dahalüe für uns gemiethet, die uns nöthigen Provisionen eingekauft und meine Privatgeschäfte beendet. Die heilige Weihnacht brachten wir in Gesellschaft meiner mir sehr werth gewordenen Bekannten bei Sauer zu. Wir saßen gemüthlich zusammen, schwatzten, rauchten, tranken Cyperwcin und gingen um Mitternacht in die nahe Kirche des Klosters zur heiligen Erde, wo wir die Christmessc mit anhörten. Das war die einfache Feier des Christabends, die rechte war es nicht, aber wie sollten wir das heilige Fest anders begehen? Zwei Tage später verließen wir Bulakh, wandten uns aber nördlich, weil wir in der Nähe des „varsZe" oder Nil- m 23 staudammcsH auf Wildschweine jagen wollten. Im Balln cl B ahhr legten wir mit Einbruch der Dunkelheit an, um die Schleu- senthore nicht zur Nachtzeit passiren zu müssen, fuhren am anderen Morgen bis Sihdi-Jbrahihm herab und kehrten nach mehreren glücklichen Jagdtagen nach Kairo zurück. Unsere Jagdbeute krönte das Mahl, welches wir am Svlvcstcrabend im Kreise unserer Freunde genossen. Mit dem Abende des 1. Januar 1852 traten wir unsere Jagd- reise nach Oberegyptcn an. Sie war heiter und glücklich. Der Graf fand immer Gelegenheit, seine Jagdlust zu befriedigen, zumal er sich für meine Sammlungen sehr intcrcssirte und an der Vergrößerung derselben thätig half. Wir machten von Beni-Suöf aus einen Abstecher nach dem Mörissee, hielten dort mehrere ergiebige Sauhatzen, schliefen in Beduincnzclten unter Ziegen und Schafen und setzten nach vierzchntägigcm Aufenthalte in der Oase Fa- jum die Nilreise fort. Im Schcllahl von Assuan wandten wir unser Schiff wieder nach Norden und gaben es den Wellen des Stromes preis, welche es am 27. März glücklich bei Bulakh an's Land trieben. Nun gedachte ich ernstlich der Heimreise und arbeitete deshalb eifrig an der gehörigen Verpackung meiner Schätze. Mein mir während der Reise Freund gewordener Gefährte B u v r» unterstützte Der St an d a »> IN ist ein kolossaler Brückenbau mit Schleuscntho- rcn, welcher dazu dienen soll, das Wasser des Nil während seines niederen Standes aufzustauen und die Bewässerung llntcregvptens beliebig regu- liren zu können. Er wurde unter M a h a ni in ed - Aa l i am Theilungs- vunktc der Arme von Re schied und D am iaht durch französische und englische Ingenieure angelegt, ist jetzt vollendet und ein Werk, welches man den Pyramiden würdig zur Seite stellen kaun. Man gedenkt nächst dem das Delia durchschneidenden Hauptkaual noch einen zweiten, direkt nach Alerandrien führenden und auf dein anderen Stromufer eine» dritten dem Khalicdj Wasser zuführenden zu graben. Der Gesamiiiteili- druck der Brückeusayade ist trotz der Großartigkeit des Baues nicht befriedigend , weil man im Mittel der Brücke merkwürdiger Weise arabische Minarets mir gothischen Thürmen zusammengestellt hat. mich bei diesem mühseligen Geschäft. Um diese Zeit machte mir der kön. preußische Generalkonsul, Baron von Pcntz, den Vorschlag, eine für den zoologischen Garten in Berlin bestimmte, von ihm in Egypten zusammengebrachte Menagerie in der Eigenschaft eines die Wärter Beaufsichtigenden bis Trieft zu begleiten, wozu ich mich gern bereit fand. Ich verwandte meine mit der Pflege der Thiere vertrauten Bedienten zu den nöthigen Wärtern und segelte am 26. April in Gesellschaft Bnvry's mit den Bestien, unter denen sich auch meine liebenswürdige Bachieda befand, von Kairo ab. Am 28. erreichte ich die Schlcusenthore von Adfch, ließ meine Fracht auf vier kleine Barken verladen und gelangte, obgleich diese bei dem großen Wassermangel im Kanal auf dem feuchten Schlamme fortgeschleift werden mußten, am 30. April nach Alerandrien. Von da aus konnte ich wegen Ueberfüllung des Postschiffes erst am 22. Mai abreisen. Meine beiden Diener Manfuhr und Mahammed, von denen der erste anderthalb, der letztere fast drei Jahre in meinen Diensten gestanden hatte, begleiteten mich bis auf s Schiff, schluchzten und weinten beim Abschiede und riefen den Segen Allahs auf meine Pfade herab. Das Meer war spiegelglatt und blieb es während der kurzen, nur fünf Tage langen Fahrt. Am zweiten Tage derselben hatten wir Kandia, am dritten das herrliche Korfu vor uns. Die letzten Tage segelten wir so nahe an den dalmatinischen Küsten dahin, daß ich, um das entzückende Panorama nach Herzenslust genießen zu können, fast den ganzen Tag auf dem Verdeck zubrachte. Am Nachmittage des 28. Mai stieg Trieft aus den blauen Fluchen empor. Die Gefühle, welche mich beim Anblicke der ersten Stadt des ersehnten Vaterlandes durchwogten, will ich nicht beschreiben! Mit Sonnenuntergang rollte der Anker in den Grund des Hafens der adriatischen Meereskönigin. Weil wir unsere Reise in Gesellschaft zweier Beamteten der Quarantäne gemacht hatten, erhielten wir noch denselben Tag „Pratika" und standen eine Stunde nach unserer Ankunft auf dem Malo grandc der Hafenstadt. 23* ^ 356 Meine Bestien übergab ich einem mir von Berlin entgegen- gesandten Thierwärter. Nach einigen Tagen Aufenthalt reiste ich weiter. In Wien nahm ich zärtlichen Abschied von meiner lieben Bachieda, dann eilte ich über Prag und DrcSden der theuren Heimath zu. Am 16. Juli 1852 drückte ich meine theuren Eltern und Geschwister nach mehr als fünfjähriger Abwesenheit an'S Herz. Die lange Fahrt hatte ihr Ende erreicht. I'IHW-Sibiiotksk 0057824 O