Westen
- Glossareintrag„Der Westen“ ist kein natürlich gegebener geografischer Raum, sondern ein historisch konstruiertes Konzept. Es bezeichnet ein Ensemble von Vorstellungen, Bildern und Zuschreibungen, die im Zuge kolonialer Expansion, wissenschaftlicher Klassifikationen und politischer Diskurse entstanden sind und sich stark auf Stereotype stützen. Zu den meist damit verbundenen Ländern zählen die (west)europäischen Staaten, die USA, Kanada sowie Australien und Neuseeland. Als kulturelle Repräsentation steht der „Westen“ für Werte wie Rationalität, Fortschritt, Individualismus und Modernität, die in Abgrenzung zum vermeintlich „Anderen“ – dem „Rest“ – definiert wurden. Gleichzeitig ist der „Westen“ mehr als nur ein abstraktes Konstrukt: Über Jahrhunderte hat sich dieses Deutungsmuster in sozialen Institutionen, Machtverhältnissen und globalen Ungleichheiten verfestigt. Der Diskurs „Der Westen und der Rest“ (the West and the Rest) hat reale Effekte hervorgebracht – von kolonialer Herrschaft über ökonomische Abhängigkeiten bis hin zu heutigen geopolitischen Strukturen. Der „Westen“ fungiert zudem als politische Kategorie, die in internationalen Beziehungen, Entwicklungspolitik und geopolitischen Ordnungen als Maßstab dient und Machtasymmetrien stabilisiert. Der „Westen“ ist also zugleich ein ideologisches Konstrukt und eine sozial wirksame Kategorie: Er existiert, weil er im Diskurs immer wieder hergestellt wird, und er wirkt real, weil er politische, ökonomische und kulturelle Ordnungen nachhaltig geprägt hat.
- Weiterführende InformationenStuart Hall, The West and the Rest. Discourse and Power, in: David Morley (Hg.), Stuart Hall. Essential Essays, Volume 2: Identity and Diaspora, Durham 2018 [1992], 141–184, 142, 145, 160, 171.Jasper M. Trautsch, „Der Westen“. Theoretisch-methodische Überlegungen zu einer Begriffsgeschichte, in: Archiv für Begriffsgeschichte (2018), 409–440, 410, 430, 431.
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