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Dr. Julius Wiefner.
europäiſchen Induftrie noch fremden Körper darlegen, fo müfste man wohl ein ganzes Buch fchreiben. Ich werde mich in den nachfolgenden Zeilen blos damit begnügen, auf jene in unferem Handel noch ganz oder faft ganz unbekannte Pflanzenftoffe aufmerksam zu machen, deren Einführung leicht und empfehlenswerth wäre, und verweife im Uebrigen auf ein gröfseres, kürzlich erfchienenes Werk, in welchem ich den Verfuch machte, alle in der Induftrie verwendbaren Rohftoffe des Pflanzenreiches ausführlich und von wiffenfchaftlichen Gefichtspunkten aus zu bearbeiten.*
Auf die in ihrem Werthe für uns noch fehr problematifchen Materialien von China und Japan wollen wir hier nicht eingehen. Es muss einem späteren Zeitpunkte vorbehalten bleiben, über diefe Körper zu referiren, bis wir uns durch eigene Unterfuchungen ein Urtheil über die gewerblichen Eignungen diefer Rohftoffe werden gebildet haben. Aus den eben angedeuteten Gründen nehmen wir hier nur auf die Pflanzenftoffe der warmen und heifsen Länder Rückficht. Es fei erlaubt, an diefer Stelle darauf aufmerksam zu machen, dafs die Sammlungen der franzöfifchen Colonien auf der Ausftellung unter allen ähnlichen Collectionen den erften Rang einnahmen, weil deren Producte überfichtlich angeordnet, genau und wiffenfchaftlich beftimmt waren und ein trefflich redigirter Katalog uns über die einzelnen Objecte die nöthigen Auskünfte gab.
Im Nachfolgenden befpreche ich blos die für die Einführung zu empfehlenden Pflanzenfafern, Stärkeforten, Oelmaterialien, Gummi und Harze. Andere Rohftoffe, zum Beiſpiel vegetabilifches Wachs, Rohkautfchuk, Catechu, Farbflechten etc. laffe ich in diefer kleinen Skizze unbefprochen, weil mir über diefe Körper auf der Ausftellung nichts Neues bekannt wurde, was von allgemeinerem technifchen Intereffe wäre. Die Gruppe Holz und einige andere übergehe ich hier, weil das mannigfaltige, fehr heterogene Intereffe, das fich an diefe Rohftoffe knüpft, zur Veranlaffung wurde, hierüber in anderen Abtheilungen des Berichtes abzuhandeln.
Pflanzenfafern.
Wer von den Befuchern der Ausftellung die mannigfaltigen Producte der warmen Länder, namentlich die von den englifchen, franzöfifchen, holländifchen und portugiefifchen Colonien zur Schau gebrachten Rohftoffe aufmerkſam betrachtet hat, dem werden gewifs die zahlreichen, im europäiſchen Verkehre zumeift. unbekannten Faferftoffe zum Spinnen, Weben, für die Papierfabrication und andere Zwecke aufgefallen fein. Die vegetabilifchen Faferftoffe, welche fich da vorfanden, zählten nach beiläufiger Schätzung- nach Hunderten.
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Den Laien, der nur die gewöhnlichften vegetabilifchen Spinnmaterialien: Hanf, Flachs und Baumwolle kennt, fetzt der grofse Reichthum an Fafern, den die Natur darbietet, in Erftaunen; der mit Textilen befchäftigte Induftrielle betrachtet fie leider nur meift als intereffante Curiofa, denen eine praktiſche Bedeutung nicht zukommt.
Dem Botaniker, welcher den feinen Bau der Pflanze kennt, imponirt das Heer von Pflanzenfafern weniger als dem Laien und dem Induftriellen; er weifs, wie viele Pflanzen eine reichliche Menge von feinen, ſpinnbaren Fafern führen, und dafs man aus Taufenden von Gewächfen Faferftoffe darzuftellen im Stande ift. Schon ein Blick auf unfere drei bekannteften vegetabilifchen Spinnmaterialien lehrt uns ihre grofse Verfchiedenartigkeit kennen und legt den Gedanken nahe, dafs die aus den heterogenften Pflanzen dargestellten Fafern fehr ungleichwerthig fein müssen. Diefs beftätigt nun auch eine eingehende Prüfung, und fie lehrt auch, dafs viele diefer Fafermaterialien durchaus nicht fo gering find, dafs fie nicht in Bezug auf Qualität mit Baumwolle, Hanf oder gar Flachs concurriren
* Die Rohftoffe des Pflanzenreiches. Leipzig. Wilh. Engelmann 1873.