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Thierzucht : (Gruppe II, Section 2) ; Bericht / von Johann Pohl
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Thierzucht.

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Arbeit ift es ihm endlich gelungen, fein Ziel zu erreichen und den Seidenzüchtern gegen die Seuche ficher wirkfame Mafsregeln an die Hand zu geben. Die Wiener Weltausftellung ift die erfte diefer Art, die diefen grofsen Fortfchritt documentirte und diefem Triumphe des Geiftes einen Altar errichtete. In feiner Wefenheit befteht er in dem Vorfchlage eines Selectionsverfahrens, bei dem nur die Eier ganz gefun­der Eltern zur Zucht Verwendung finden und Alles, was nur die geringfte Spur von Krankheit, refpective Körperchen zeigt, entfernt wird. Für diefen Zweck mufs jedes zur Samengewinnung dienende Schmetterlingspaar feparirt werden- Zellen­grainirung und die Eier werden erft dann als vollkommen brauchbar erkannt, wenn die Eltern nach mehrfacher mikrofkopifcher Unterfuchung körperchenfrei gefunden find. Auf diefelben Gedanken geftützt, gibt es mehrerlei Methoden, die eine gegen die andere auf einfachere Weife dasfelbe erreichen laffen wollen. Damit ift allerdings die Nothwendigkeit eines gröfseren Aufwandes von Mühe und Koften in den Betrieb der Seidenzucht herübergetragen; das fteht aber lange in keinem Verhältniffe zur Sicherheit des Erfolges, und der Nutzen der Zellengrainirung läfst fich am allerbeften aus der Rafchheit erkennen, mit welcher fie fich verbreitet. Zur Verallgemeinerung diefer wichtigen Entdeckung exiftiren heute fpecielle Schulen oder Lehrcurfe, in welchen die Candidaten theoretifch und praktifch unterrichtet werden. Grofse Anerkennung hat fich die unter Profeffor Haberlandt in Görz zu dem Zwecke ins Leben gerufene erworben, und in der italienifchen Abtheilung konnten wir eine Photographie, dem agrario conuzio in Bergamo gehörig, gewahren, die eine Schaar Mädchen darftellte, welche in der nothwendigen mikrofkopifchen Unterfuchung der todten Schmetterlinge unterrichtet wird.

Dadurch, dafs fich in den letzten Jahren die Wiffenfchaft überhaupt mehr mit dem Studium des Lebens der Seidenraupe befafst hat, ift man auch zu Fort­fchritten in anderen Beziehungen gelangt. Diefelben laffen fich zwar nicht in eine Linie mit Pafteur's Entdeckung ftellen, müffen aber gewifs als geeignet bezeichnet werden, dem Betriebe der Seidenzucht mehr eine naturgemäfse Methode und damit gröfsere Sicherheit zu geben. Die internationale Ausftellung von Roveredo und die der k. k. Seidenbau Verfuchsftation in Görz bringen in diefer Beziehung Lehrreiches. Transport- und Aufbewahrungsmittel des Samens bafiren auf der Anerkennung der Nothwendigkeit des unausgefetzten Luftzutrittes. Haberlandt conftruirt einen Apparat zur Abtödtung der Cocons mittelft Schwefelkohlenftoffs, dann einen Serimeter und gemeinsam mit Bolle einen Brutofen mit Petroleumheizung. Aufserdem war in beiden Ausftellungen ein einfaches Geräthe zur Entfernung der Floretfeide zu fehen, und ebenfo beachtens­werth müffen die Hürden und Hürdengeftelle genannt werden, die meiſtens im Modell da waren. Als Beitrag zur Bekämpfung der augenblicklich noch wirkfamen Schlaffucht ift der Chlorentwickler anzufehen, und die mühfamen anatomifchen Präparate von Profeffor H aberlandt und Bolle, dann die mikrofkopifchen Präparate der k. k. Seidenbau Verfuchsftation, ferner die Arbeiten von Themi­ftocle Azolini und Dr. Ruggero Cobelli gewährten einen lehrreichen Einblick in die Natur der Seidenraupe.

Auch diefsmal find die Rivalen der Seidenraupe nicht vergeffen; der inter­nationale Congrefs von Roveredo und die k. k. Seidenbau- Verfuchs ftation in Görz theilen fich mit einigen Privaten in das Verdienft, fie beigebracht zu haben. Seinerzeit hatte man bedeutende Erwartungen in fie gefetzt, und abwechselnd war bald dem einen, bald dem anderen eine grofse Zukunft in Ausficht geftellt; feit­dem fich jedoch die urfprünglichen Anfchauungen der Seidenzüchter durch die gemachten Erfahrungen ernüchtert haben, und nunmehr auch in der Zellengrai nirung ein wirkfames Mittel gefunden ift, der Körperchenkrankheit, diefer ver­heerenden Geifsel, mit Erfolg entgegenzutreten, kommen fie mehr aufser Beach­tung. Nur der bivoltine erft 1871 aus China nach Europa gelangte Bombyx Per­nyi ein Eichenfpinner fcheint nach den bisherigen Beobachtungen noch eine

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Ausnahme zu machen. Wenn auch fein Product, gleich dem aller anderen Rivalen