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Johann Newald.
Nachhaltig die ftärkfte Einnahme aus Seegras bezog die Stadt Freiburg aus einem 814 Hektaren grofsen Mittelwald, genannt der Mooswald, wofelbft die Nutzung am längften und rationellften betrieben wird. Sie wurde im Jahre 1835 mit einer Einnahme von 433 Gulden begonnen, und hat fich mit geringen Unterbrechungen bis zu dem im letzten Jahre erfolgten Erlös von 13.853 Gulden fortwährend gefteigert. Seit dem Jahre 1835 ergab der Mooswald aus der fraglichen Nebennutzung eine Gefammt- Reineinnahme von 83.665 Gulden.
In den Forften des Rheinthales findet fich Carex brizoides L., am häufigften in den mit Efchen, Erlen, Aspen und anderen Weichhölzern beftockten Mittelund Niederwaldungen. Sie liebt einen feuchten, humofen, kräftigen Boden; trockene, bündige Bodenarten, fowie ftark verfumpfte Orte fagen derfelben nicht zu. Sie tritt auf etwas eingefenkten muldigen Stellen in der Regel nefterweife auf, und fagt ihr fowohl die Bodenbefchaffenheit, als auch der Lichtgrad der vorhandenen Holzbeftockung zu, dann ift das Vorkommen gewöhnlich maffenhaft.
Das Gedeihen des Seegrafes, fomit auch die Hebung des Erträgniffes aus demfelben, ift von einer feuchten, warmen Frühjahrswitterung wefentlich abhängig. Spätfröfte und rauhe Winde wirken fehr nachtheilig; fie beeinträchtigen den Längenwuchs und dadurch die Güte und Menge, da die Qualität vorzugsweife nach der Zartheit und Länge der Waare bemeffen wird.
Die Befchattung darf nur eine mäfsige fein. Die geeignetften Orte find in diefer Beziehung ein- bis zehnjährige Schläge. Mit zunehmendem Alter der Holzbeftände nimmt der Ertrag ab, und verfchwindet Carex brizoides L. mit Eintritt des volleren Waldfchluffes beinahe ganz.
Das Seegras ift gewöhnlich gegen Ende des Monates Juni ausgewachſen, um welche Zeit auch feine Gewinnung beginnt und je nach der Witterung und den verfügbaren Arbeitskräften bis Ende October fortgefetzt wird.
Der Verkauf findet am Halme ftatt. Die gefammte Arbeitsleiftung bleibt dem Käufer überlaffen.
Die Einfammlung erfolgt durch Ausrupfen. Diefer Vorgang ift durch die Rückficht auf die Schonung der jungen Holzpflanzen geboten, er liegt aber auch im Intereffe der Käufer, indem beim Rupfen mehr und längere Waare gewonnen wird. Auch wurde beobachtet, dafs das Rupfen den nachhaltigen Ertrag eher fördert als fchmälert, da bei fonft gleichen Verhältniffen gerupfte Schläge in den darauf folgenden Jahren ungleich reichere Ernten liefern, als gefchonte Orte. Es fcheint, dafs durch das Ausrupfen der Halme der Wurzelftock zum Austreiben neuer Ausläufer angeregt wird.
Das Einfammeln des Seegrafes findet in der Regel durch Weibsperfonen ftatt. Zum Zwecke des Trocknens wird das eingefammelte Material an fonnigen Orten, an Wegen und Waldrändern ausgebreitet. Bei guter Witterung iſt es in etwa zwei Tagen vollſtändig gedörrt", worauf es gereinigt und mittelft einfacher Mafchinen in Seile gedreht und in diefer Form in den Handel gebracht wird.
Tritt während der Einfammlung Regen ein, fo wird das Rupfen unterbrochen, die zum Trocknen ausgebreitete Waare wird auf Haufen zufammengebracht, weil durch die Näffe das Seegras gelblich und brüchig wird und an Werth erheblich verliert.
Im Ganzen werden in Baden jährlich durchfchnittlich mindeftens 2,500.000 Kilogramm Seegras mit einem Bruttowerthe von über 200.000 Gulden gewonnen, wovon die Zurichtungskoften 50- bis 60.000 Gulden betragen, ein Arbeitsverdienft, welcher gröfstentheils der ärmeren Bevölkerung zugute kommt.
Im Allgemeinen wird angenommen, dafs bei guter Beftockung auf dem Hektare beiläufig 500 Kilogramm Seegras ftehen. Das Erträgnifs kann aber unter ganz günftigen Umständen auf 1000 bis 1250 Kilogramm vom Hektare anfteigen.
150 Kilogramm trockenes Seegras liefern beiläufig 125 Kilogramm gefponnene Waare, wie folche in den Handel kommt.