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Die chemische Großindustrie : (Gruppe III, Section 1) ; Bericht / von A. Bauer
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Die chemifche Grofsinduftrie.

17 Methoden, um Chlor ganz ohne Braunftein zu bereiten, wurden mehrere in Vorfchlag gebracht; fo eine, nach welcher, wenn man Kochfalz oder Chlormetalle überhaupt, mit fchwefelfaurem Eifenoxyd erhitzen foll, eine andere, nach welcher das Kochfalz mit Eifenoxyd, Waffer und gepulverten Pyriten zu Ziegeln geformt und geröftet wird. Es entwickelt fich Chlor und entſteht Sulfat nebft Eifenoxyd. W. Weldon empfiehlt Salzfäuregas mit Luft gemengt über mit Platinfchwamm belegten, Asbeft zu leiten, Aubertin ftellt Chlorgas dar, indem er über roth­glühendes Kaliumbichromat ein Gemifch von Luft und falzfaurem Gafe leitet und Henderfon, indem er Salzfäuregas mit Luft gemengt über Ziegel leitet, die aus viel Eifenoxyd und wenig Thon beftehen. Gas und Materialien werden bis 200 Grad Celfius erhitzt.

Die gröfste Beachtung unter diefen Vorfchlägen verdient jedoch die bereits in der Praxis ausgeführte Methode Deacon's.

Diefe Methode ftützt fich auf die Vorfchläge von Oxland, nach welchen man aus chlorwafferftofffaurem Gas Chlor erhält, indem man I Volumen des trockenen Gafes mit 2 Volumen Luft gemifcht durch ein glühendes Rohr ftreichen läfst, wo fich Chlor und Waffer bilden, und auf die Methoden von A. Vogel, Laurens und Mallet, welche darauf beruhen, dafs fich das Kupferchlorid in der Hitze in Chlor und Kupferchlorür zerfetzt, diefes bei Gegenwart von Luft wieder Sauerftoff aufnimmt und fich in Oxychlorid verwandelt, welches neuerdings in Chlorid verwandelt und wieder zu Chlorür reducirt werden kann u. f. w.

Deacon leitet nun ein Gemenge von Salzfäuregas und Luft über erhitzte grobkörnige Thonftücke, welche früher mit Kupferfulfat Löfung getränkt und geglüht wurden, wobei Chlor und Waffer gebildet werden. Bei der Ausführung im Grofsen wird das Salzfäuregas mit Luft gemengt, durch ein Röhrenfyftem geleitet, hier erwärmt und tritt in ein zweites Röhrenfyftem, in welchem die mit Kupfervitriol imprägnirten poröfen Thonftücke( Kugeln) fich befinden, die auf 370 bis 400 Grad Celfius erhitzt find. Hier geht die Zerlegung vor fich, und die Gafe, nunmehr aus Chlor, Wafferdampf, Stickftoff, überfchüffiger Luft und etwas Salzfäure beftehend, gehen weiter durch einen Wafchapparat und ftreichen durch mehrere mit Schwefelfäure( oder Chlorcalcium) gefüllte Trockenapparate und treten endlich in die grofsen Abforbirkammern. Der Zug des Gasftromes wird durch, am anderen Ende der Kammern befindliche Exhauftoren unterſtützt und unterhalten.

Die Schwierigkeiten, welche mit der Durchführung diefes Verfahrens im Grofsen verbunden find, find jedenfalls nicht unbedeutend und erfordern die Beauffichtigung und Leitung durch intelligente Arbeiter. Zunächft handelt es fich um möglichft genaue Einhaltung einer beftimmten Temperatur von nahezu 384.6 Grad Celfius, ferner um möglichft vollkommene Trocknung des Chlores, da, wenn diefes feucht in Verwendung tritt, nur ein wenig hochgradiger Chlorkalk refultirt. Da übrigens das Chlor immer mit viel Stickftoff gemengt, alfo fehr ver­dünnt erhalten wird, fo erfolgt die Abforption in den Kalkkammern überhaupt langfam und diefe müffen daher von viel gröfseren Dimenfionen angewendet werden, als bei dem gewöhnlichen Verfahren. Die Anlage der Vorrichtungen felbft ift ziemlich koftfpielig, allein die Vortheile, welche in der gänzlichen Umgehung des Braunfteines und der vollständigen Verwendung des durch die Sulfatöfen gelieferten Salzfäuregafes liegen, find fo bedeutende, dafs diefer Procefs alle Beachtung ver­dient, zumal er in England bereits in grofsem Mafsftabe durchgeführt iſt.

Gegen Weldon's Regenerationsverfahren liegt Deacon's Vortheil darin, dafs er die ganze Menge des in der Salzfäure enthaltenen Chlors nutzbar macht, während Weldon nur einen Bruchtheil desfelben erhält. Allein Weldon's Vor­fchlag, Magnefia anftatt des Kalkes anzuwenden, verfpricht in diefem Falle das Gleichgewicht herzuftellen, nämlich, durch Bildung und Zerfetzung von Chlor­magneſium, auch alles Chlor als folches in den Kreislauf der Proceffe zu ziehen. Gelingt diefs vollkommen und liefert der Magnefiumprocefs Weldon's das Chlor in einer Form, in welcher es in gewöhnlichen Kammern angewendet werden

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