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Appreturmittel und Harzproducte : (Stärke und Stärkeproducte, Albumin, Casein, Leim, Hausenblase, dann Lacke, Firnisse, Siegellacke etc.) ; (Gruppe III, Section 7) ; Bericht / von Wilhelm Friedrich Gintl, Prof. am dt. polytechn. Landesinst. zu Prag
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Appreturmittel und Harzproducte.

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allenthalben auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten ftöfst, die der Entfaltung eines Grofsbetriebes ganz wefentlich abträglich fein können. So ift es namentlich die Rückficht auf das öffentliche Sanitätsintereffe, die die Behörden in der Regel veranlaffen mufs, gegen Fabriksunternehmungen von in fanitärer Beziehung fo üblem Rufe, wie ihn die Leimfiederei hat, mit allerhand befchränkenden Bedingun­gen aufzutreten, wo nicht gar die Bewilligung zur Errichtung folcher in bewohn­ten Gegenden gänzlich zu verfagen, und fie in Einöden zu verweifen, wo die Arbeitskraft rar und theuer und die Verkehrsmittel meift fehr koftfpielig find. Indefs duldet es keinen Zweifel, dafs auch in diefer Richtung die Einführung gewiffer Fortfchritte manchen Vortheil im Gefolge haben würde; denn mit der Vervollkommnung der Methode geht meift auch eine Verringerung jener beläfti­genden, die öffentliche Salubrität mindeſtens nicht fördernden Momente Hand in Hand, die das Gewerbe des Leimfieders nicht ganz mit Unrecht in den Ver­dacht der eminenter Sanitätswidrigkeit gebracht haben.

Die gegenwärtig allenthalben übliche Methode der Leimgewinnung ift, abgefehen von den nach der Natur des Rohmateriales verfchiedenen Vorberei tungsarbeiten des Leimgutes, die des Siedens in gefchloffenen Gefäfsen unter erhöhtem Drucke, wie fie vor etwa 15 Jahren zuerft von Vickers in Mancheſter zur Ausführung gebracht worden ift. Das Kochen in offenen Sudkeffeln ist, wenn auch noch nicht gänzlich aufgegeben, fo doch nur mehr in ganz kleinen Betriebs­ftätten üblich.

Zweifellos ift das Extrahiren des Leimgutes unter erhöhtem Drucke nicht blos in Hinficht auf Erhöhung der Ausbeute, fondern auch in Bezug auf Herab­fetzung des Mafses der Beläftigung unbedingt dem älteren Verfahren vorzuziehen, und der Einwand, dafs bei Anwendung gefpannter Dämpfe die Qualität des reful­tirenden Leimes leide, hat fich als ein völlig haltlofer erwiefen.

Als Rohmaterialien kommen neben den Abfällen der Gerbereien vornehm­lich die Knochen in Betracht, während andere thierifche Abfälle nur eine unter­geordnete Rolle spielen. Ebenfo werden Abfälle lohgaren Leders nicht fehr allgemein als Rohmateriale für Leimgewinnung verwendet. Die im Jahre 1859 für Jennings patentirte Idee der Verarbeitung von Fifchen auf Leim fcheint keine Anhänger gefunden zu haben.

Die Hauptbezugsquellen für das Rohmateriale des Leimfieders find Rufs­land, die Walachei und feit dem Auffchwunge, den die Fleifchextract- Induſtrie dort genommen hat, Südamerika. Rufsland fpeciell exportirt die gröfsten Mengen Knochen nach Deutfchland, Oefterreich, England und Frankreich, und betrug beifpielsweife im Jahre 1871 die Ziffer des Exportes* an rohen Knochen für England 688.488 Pud, für Deutfchland 146.597 Pud, für Frankreich 7782 Pud, wovon die gröfste Menge( 641.078 Pud) via St. Petersburg ausgeführt wurde.

Diefe Zahlen find allerdings in den letzten Jahren, theils in Folge der Concurrenz der füdamerikanifchen Knochen, theils durch die Hebung der heimi­fchen Induftrie in etwas gefunken und im erften Quartale 1873 betrug der ruffifche Export an Rohknochen nur mehr 476 Pud, während er im gleichen Quartale 1872 noch 3348 Pud betragen hatte.**

Betreffs der Verwerthung der Knochen für die Zwecke der Leimfabrika­tion ift bekannt, dafs gegenwärtig fehr häufig die Spodiumfabrikation neben der Leimgewinnung, die allerdings einen fehr lohnenden Theil der Knochenverwerthung bilden dürfte, hergeht. Es find demzufolge die andernfalls zuläffigen Methoden der

* Rohe Thierknochen zahlen in Rufsland einen Ausgangszoll von 10 Kopeken per Pud. Das Erträgnifs diefes Zolles betrug im Jahre 1872 101.553 Rubel gegen 29.721 Rubel im Jahre 1861.( Siehe Matthäi ,, Der auswärtige Handel Rufslands" 1874.)

** Siehe übrigens Matthäi ,, Der auswärtige Handel Rufslands". Hermann Fries, Leipzig 1872 und 1874.