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Wein : (Gruppe IV, Section 3) ; Bericht / von Franz Leibenfrost
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Wein

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und die Manipulation, durch Aus- und Spätlefe, forgfältiges Sortiren der edelften Traubenforten, durch geregelte Vergährung und rationelle Kellerbewirthschaftung das Product immer mehr und mehr zu veredeln. Das feinfte und edelfte Product in haltbarfter Weife auf den Markt zu bringen, das ift der Grundfatz, welcher die Weinwirthschaft unferer Zeit leitet oder wenigftens leiten foll. Von diefem Gefichtspunkte aus wollen wir die deutfchen Weine betrachten und müffen gleich hier erwähnen, dafs man fich heute in Deutfchland nicht mehr mit den oben ausgefprochenen Grundfätzen begnügt und mit aller Haft darauf losarbeitet, um in der Richtung der Liebhaberei die enormften Preife zu erzielen und ganz füfse Weine zu erzeugen. Die dabei angewendete Manipulation befchränkt fich auf die Anwendung von fehr viel Schwefel, wie diefs in Frankreich längft gebräuchlich ift, dann auf die unterdrückte Gährung, um die Weine auf Jahre hinaus füfs zu erhalten, eine Manipulation, welche trotz aller Mühe und Sorge niemals ein ganz fertiges Product, das man mit ficherer Ueberzeugung von feinem Gehalte in den Handel bringen könnte, fchafft; eine Manipulation, welche das grofse Renommée, welches die Rheinweine von jeher genoffen haben und noch geniefsen, fchädigen mufs.

Nach diefer kurzen Betrachtung wollen wir die ausgeftellten Weine einer Prüfung unterziehen und zuerft die viel wichtigeren Sorten der weifsen Weine durchgehen.

Baden und Württemberg pflanzt zum grofsen Theil in ziemlich bedeutenden Quantitäten billige und gewöhnliche Tifchweine, welche dem Lande eine bedeu­tende Grundrente abwerfen. Die zur Ausstellung eingefandten mittleren und geringen Weifsweine blieben jedoch nicht klar, eine Eigenfchaft, die den Wein überhaupt auf ein enges Handelsgebiet einfchliefst. In der That gelangen diefe Weine felten über Süd- Deutfchland hinaus. Manipulation und Kellerwirthschaft find übrigens recht gut.

Die Mofelweine find wegen der Lieblichkeit ihres Bouquets, der Schön­heit ihrer Farbe und ihrer Dünnflüffigkeit wegen fehr beliebt und allgemein begehrt. Einige Sorten der Mofelweine gehören mit zu dem Feinften, was Deutfch­land producirt, und werden wie die beften Rheinweine bezahlt. Eigenthümlich ift es, dafs es doch wieder Mofelweine gibt, die ohne befondere Farbe ein ganz unbedeutendes Bouquet haben und ganz gewöhnlichen Gefchmackes find. Die Aus­ftellung brachte übrigens wenig Neues und zeigte uns nur die altbekannten Sorten in gleichem, gleichfalls bekanntem Gefchmacke. Ein Fortfchritt dagegen war in den mouffirenden Mofelweinen zu erkennen, wovon einige Sorten, auffallend glän­zend und gut im Gefchmacke, allgemeinen Beifall fanden. Diefe Weine dürften in nächfter Zukunft fchon von befonderer Wichtigkeit werden. Der Handel mit Mofelweinen erftreckt fich über ganz Deutfchland, hat jedoch in Nord- Deutfch­land feine Haupt confumenten.

Die Saarweine, von denen auch einige zur Ausftellung gefchickt waren, ftehen den Mofelweinen bedeutend nach und finden auch nirgends einen folchen Anwerth wie diefe, obgleich die Weine ganz angenehm und kräftig in Gefchmack und Bouquet find.

Von befonderer Wichtigkeit aber werden in neuerer Zeit die Elfafs- und Lothringer Weine, die durch ihren vermehrten Abfatz in Deutfchland fehr bedeutend im Preife geftiegen find. Es find durchwegs gute Mittelweine, welche aber im Handel gerade fowie auf der Ausftellung manches Mal trüb werden und auch öfters im Gefchmacke verlieren, was offenbar ein Zeichen ift, dafs die Weine nicht mit der genügenden Sorgfalt behandelt werden.

Was nun die Rheinweine anbelangt, fo haben fich faft alle und auch die fchönften Sorten auf der Weltausftellung eingefunden. Die Rheingau- Weine, aus der edlen Frucht des heimatlichen Riesling, gehören, wie fattfam bekannt, zu den werthvollften und hochfeinften Bouquetweinen der Welt. Sie wurden auf der Ausftellung 1873 eben fo hoch gehalten wie 1867 und zu anderen Zeiten.