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Wein : (Gruppe IV, Section 3) ; Bericht / von Franz Leibenfrost
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Wein.

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höchfte Durchfchnittserträgnifs per Joch mag in Ungarn und auch in Oefterreich 20 Eimer fein, eine Angabe der amtlichen ungarifchen Statiſtik, welche fehr geeignet und auch fehr günftig ift, um die fchädlichen Irrthümer und Illufionen über die Productionsfähigkeit Ungarns zu zerftören. Die reiche Menge producir­ten Weines reicht felbft in ungünftigen Jahren hin, den fteigenden Confum des Inlandes zu decken und dabei auch noch gröfsere oder kleinere Mengen zum Export zu bringen.

In Betreff der Preife find alle öfterreichifch- ungarifchen Weine trotz der grofsen Preisauffchläge in den letzten Jahren doch noch fo billig, dafs man noch niemals Veranlaffung gehabt hat, zur Erzeugung von Kunftweinen zu fchreiten. In Betreff der Adjuftirung, der Wahl der Flafchen und der forgfältigen Verkor kung der Flafchenweine kann man den günftigen Urtheilen der Confumenten glauben, dafs man allen Anforderungen gerecht zu werden fich bemüht. Die Ausstellung gab übrigens auch Gelegenheit, über den guten Gefchmack und die nette Ausftattung fich ein vollkommen felbftftändiges und gewifs günftiges Urtheil zu bilden. Um nun fchliefslich unfer Urtheil zufammenzufaffen, können wir getroft behaupten, dafs trotz der ungünftigen Jahre feit 1867 ein wefentlicher Fortfchritt zu verzeichnen ift, der auch auf der Weltausftellung zu Wien vollkommen hervor­trat. Die Producenten und Weinhändler haben gezeigt, dafs fie die Entwicklung und den Bedarf der Zeit verftehen und geneigt find, jeden Fortfchritt anzuneh­men, und jede neue Geftaltung der Production und des Handels auszubeuten. So hat man das Verfahren Pafteur's gründlich ftudirt und bei nicht haltbaren. kleineren und feineren Weinen, ebenfo wie bei überfeeifchen Sendungen anzu­wenden verfucht.

So hat man erkennen gelernt, dafs der Weinhandel nicht blofs darin befteht, dafs man Wein kauft und wieder verkauft, fondern dafs er auf einem ganz beftimmten Studium der Bedürfniffe und Wünfche der Menfchen, die im Often und Weften, im Süden und Norden ganz verfchieden find, beruht, und dafs dar­nach die verfchiedenen Arten und Sorten der Weine beftimmt ausgewählt, ganz befonders behandelt und ausgeftattet, und fo dem Verkehr übergeben werden müffen. Ift diefs überall von Wichtigkeit, fo ift es für den öfterreichifch- ungari­fchen Weinhändler geradezu die Grundlage feiner ganzen Exiſtenz und feiner Gefchäftsentwicklung. Mit hundert verfchiedenartigen Sorten hat er es zu thun, mit exportfähigen Weinen und mit folchen, die einen Transport nicht vertragen, mit Vorurtheilen, die bewältigt werden müffen, mit einer Gefchmacksrichtung, die erft erzogen und dann erhalten werden mufs. So hat der öfterreichifch- unga­rifche Weinhändler eigentlich Alles erft neu zu begründen und Bahnen erft zu eröffnen, welche noch grofse Opfer koften, aber dann auch gewifs lohnend fein werden.

Nach all diefen Richtungen, welche wir als unfere Aufgabe gekennzeichnet haben, hat die Klofterneuburger Weinbau- Schule ganz fichere Anregungen gegeben und fchon bedeutende Erfolge erzielt. Aber auch der öfterreichifche Weinhändler war in den letzten Jahren nicht müffig und hat, was Fachkenntnifs, Bewirthschaftung und Kellermanipulation anlangt, den deutfchen und franzöfifchen, den fpanifchen und portugiefifchen Weinhändler bereits eingeholt und durch eine Anzahl grofser Firmen im Auslande alle Anerkennung fich verfchafft.

Die internationale Jury hat diefs auch vollkommen anerkannt und durch eine grofse Reihe von Auszeichnungen der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, dafs der öfterreichifche Wein für den Weltmarkt beftimmt und auf denfelben hinzu­ftreben vollkommen berechtigt ift. Wir entnehmen der Koblenzer Zeitung Nr. 186 den 30. Juli 1873, die Aeufserung eines Mitgliedes der internationalen Jury, wel­cher über die öfterreichiſch- ungarifchen Weine zu dem Schluffe kommt,, dafs der deutfche Weinbau wohl einfehen werde, dafs ihm durch Oefterreich eine grofse Concurrenz, begünftigt von klimatifchen Verhältniffen entſtehen mufs, und dafs es nicht gerathen ift, auf den erreichten Lorberen zu ruhen, fondern ftets fort­

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