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Schafwolle und Schafwoll-Waaren (Gruppe V, Section 1) : Bericht / von Carl Th. Richter ; C. Falk ; Emanuel Thieben
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Emanuel Thieben.

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betreffende Mufter ergibt. Eine Anzahl von mindeſtens 200 Commiffionären, welche in der ganzen Welt den Abfatz der verfchiedenften Modeartikel beforgen, erhalten jeder einen Probefhawl; kommen hiezu Nachbeftellungen ein Fall, der häufig eintritt fo reducirt fich die Regie auf einen kaum nennens­werthen Betrag, ſteigert den Gewinn und diefe fyftematifche Gefchäftsgebarung erlaubt den Franzofen nicht nur leicht zu arbeiten, fondern auch ftets Neues zu fchaffen.

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Der Wiener Fabrikant ift, und zumal im Augenblicke, nur auf die Detail­liften angewiefen, aufser diefen find nur wenige Kaufleute, welche Shawls führen. Noch vor wenigen Jahren waren einige Exporteure, welche Mufter ver­fchickten, vorhanden; diefe wenigen find an ungenügenden Capitalkräften, an gefchäftlichem Unverſtändniffe und an der Börfe zu Grunde gegangen.

So mufs der Fabrikant mit vieler Mühe fich feinen Kundenkreis felbft fuchen, kann daher nur ihm felbft billige" Waare machen, weil er die grofsen Regiekoften für einen kleinen Abfatz nicht erfchwingen kann.

Zu diefen gefchäftlichen Uebelftänden gefellen fich noch techniſche und der Fabrikant fieht in Bezug auf das Materiale als Halbfabricat mit Bangen einer Zeit entgegen, in welcher er bereits durchwegs in diefer Beziehung vom Aus­lande abhängig fein wird. Seit jeher müffen leider Kettengarne in feinen Num­mern, wie 30/60, 35/70, 40/80. ferner Cachemirgarne aus Frankreich bezogen werden, ja felbft unfere Kamm- und Streichgarn- Spinnereien laffen fich nun zum grofsen Theile von Deutfchland, Schweiz und Belgien verdrängen. Wir fenden Wolle in bedeutenden Mengen ins Ausland, um Garne und fertige Waare zu beziehen eine traurige Anomalie!

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Vieles läfst unfere Färberei und Appretur zu wünfchen übrig; es fehlt uns hier der Raum, näher darauf einzugehen.

Noch fchwierger geftaltet fich die Arbeiterfrage in Bezug auf Leiftung und Entlohnung. Es ift kaum anzunehmen, dafs Shawls je anders als durch Handwebe erzeugt werden; die Art der Webe in Bezug auf das Deffin läfst die mechanifche Weberei wohl kaum als vortheilhaft oder auch nur anwendbar erfcheinen; die unumgängliche Nothwendigkeit in diefem Verhältniffe wären demnach tüchtig gefchulte Weber. Leider aber werden gerade die gefchulteften Weber aus Mangel an Arbeit zu anderen Nahrungszweigen gedrängt und gehen für das Fach faft ausnahmslos verloren.

Die Arbeitslöhne find, obwohl niedrig( der Arbeitslohn trägt verhältnifs­mäfsig im Calcul wenig bei, wie ich oben erläuterte; wo derfelbe fchon fchmerz­lich empfunden wird, dort ift das Sympton einer Krankheit im Zweige fichtbar geworden), dennoch für ordinäre und Mittelwaare fo hoch, dafs alle Erzeuger die leichte Waare auf dem Lande in Böhmen, Mähren und Niederöfterreich arbeiten laffen; wie viele Nachtheile daraus refultiren, bedarf wohl keines näheren Commentars.

Der Arbeitslohn beträgt heute:

für den Weber: Wochenarbeiter, der befferen Mädchen zum Spulen, Winden, Schweifen.

10 bis 12 fl. per Woche. 4" 6 fl."

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für Weber die nach Stück arbeiten, denen die Mafchinen und die Zeuge gegeben werden:

Per 1000 Schufs auf 500 und 600 Mafchinen 20 kr.

IOOO IOOO

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99 700 900

99

800 IOOO

22

17

" 9

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27

30

feinere Arbeiten, complicirterer Natur 30 bis 60 kr.

Auf dem Lande in Böhmen, Mähren, Niederöfterreich, wo jedoch nur ordinäre Waare gearbeitet wird, per taufend Schufs 400 und 500 Mafchinen 12 kr. Trotz alledem wird die in Wien herrfchende Wohnungsnoth, die Abneigung der Hausbefitzer, Weber in Miethe zu nehmen, in nicht langer Zeit diefen Arbeits­zweig ganz von Wien verdrängen.