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Baumwolle und Baumwoll-Waaren : (Gruppe V, Section 2) ; Bericht und Die Wirkwaaren : ( Gruppe V, Section 5) ; Bericht / von Alexander Peez / von Ludwig Glogau
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Baumwolle und Baumwoll- Waaren.

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Erwerbszweig angewiefenen Bevölkerungsgruppen zu fo traurigen Folgen geführt hat. Gründlicher und dauernder noch ift die Abhilfe, wenn die Eifenbahnen, wie es in den letzten Jahren in Oefterreich vielfach gefchah, zahlreicher an die Gebirge herantreten, fie durchfchneiden und durch den Handel und die Gewerbe, die fich an ihnen anfiedeln, die Arbeitsgelegenheit in kurzer Zeit verdoppeln und ver­dreifachen. Jetzt war die Errichtung von Etabliffements ermöglicht, welche ja gerade die Gegenden mit billigem Taglohn auffuchen, und die Arbeit erhielt theils in Fabriken ihre natürliche Organiſation, theils wurde fie, wenn vereinzelt als Hausinduftrie verbleibend, weit zugänglicher, und es konnte an ihre Veredlung gedacht werden. Dadurch ward auch bei uns jene fo fehr wünfchenswerthe Arbeitstheilung angebahnt, vermöge deren die Production der einfachen, glatten Stoffe den mit Mafchinenkraft ausgerüfteten Etabliffements anheimfällt, während die façonnirten Stoffe für die Hausinduftrie und Handarbeit verbleiben, welche Letztere durch praktiſch eingerichtete Fachſchulen einer höheren Leiftung fähig wird.

Dafs feit dem Jahre 1867 der Fachunterricht in unferer Branche eine wefentliche Vermehrung erfuhr, das gehört zu den erfreulichften Fortfchritten, die in der öfterreichifchen Baumwoll- Induftrie zu verzeichnen find. Es wurde nämlich nicht blofs in den aus einer älteren Zeit herrührenden Webfchulen für Schafwolle auch der Baumwoll- Weberei eine gröfsere Beachtung gefchenkt, fondern es find auch, dank der einfichtsvollen Förderung des Handelsminifteriums und unter rühmlicher Mitwirkung der Induftriellen, in Rumburg- Warnsdorf, in Rochlitz, Aufsig, Afch bei Eger, in Zwittau und Landskron Lehr- Werkstätten errichtet worden, welche in erfter Reihe der Baumwoll- Induftrie zu dienen berufen find.

Eifenbahnen und Lehr- Werkftätten werden in den Weberbezirken der öfterreichifchen Gebirge, diefen Sitzen eines gewiffermafsen hiftorifchen Elends, der Noth ein Ende machen, indem fie einerfeits die Grofsinduftrie beflügeln und anderfeits für die Hausinduftrie wieder lohnende, vor den Hochfluthen der Mafchineninduftrie gefchützte Zufluchtsftätten eröffnen. Diefe ganze Entwicklung ift aber erft in der Entstehung begriffen; von ftaatlicher Seite fpät nach ihrer Bedeutung erkannt,*) und erft vom Handelsminifter Dr. Banhans kräftig gefördert, bedarf fie noch fortwährend der forgfamften Pflege, wird aber dann zur Erhebung unferer Baumwoll- Induftrie auf eine höhere Stufe von gröfstem, heilfamftem Einfluffe fein.

Während in folcher Weife die Handweberei ihrer Veredlung entgegengeht, ift anderfeits die Mafchinenweberei in Oefterreich feit 1867 nicht unbedeutend vorangefchritten. Die Zahl der Kraftftühle wird mit ungefähr 17.500 zu beziffern fein, wovon auf Böhmen circa 10.000 die Gegend von Rochlitz allein zählt auf Nieder- Oefterreich 3500 und auf Vorarlberg- Tirol 4000

deren 3000

fallen mögen.

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Die Erzeugniffe der öfterreichifchen Mafchinenweberei find theilweife vor­trefflich. In der Appretur find grofse Fortfchritte gemacht worden. Die bunten und geftreiften Futtercattune, mit denen die Firmen S. Barlow in Manchefter zuerft auf der Parifer Ausftellung von 1867 erfchien, werden jetzt auch bei uns ( z. B. in Trumau- Marienthal) in guter Qualität producirt. Befonders er­freulich ift auch die Zunahme der mechanifchen Buntweberei, deren Erzeugniffe fowohl in Trumau- Marienthal( Nieder- Oefterreich), als auch in Bludenz ( Vorarlberg), letztere nach Schweizer Art für den Orient gefertigt, auf der Welt­ausftellung von 1873 als öfterreichifche Novitäten erfcheinen.

Afch und Auffig in Böhmen find der Sitz einer Handweberei, welche aus Baumwoll, Schaffwoll- und Seidengarnen Frauenkleider erzeugt, die theilweife dem Exporte übergeben werden.

*) Die erften eingehenden Vorfchläge über Errichtung eines Syftems von fachlichen Lehr- Werkstätten in Oefterreich f. im ,, Jahrbuch" des Vereines der Induftriellen, Jahrgang 1866, Seite 201.

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