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Baumwolle und Baumwoll-Waaren : (Gruppe V, Section 2) ; Bericht und Die Wirkwaaren : ( Gruppe V, Section 5) ; Bericht / von Alexander Peez / von Ludwig Glogau
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Die Wirkwaaren.

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Wir machen hiebei eine ganz merkwürdige Wahrnehmung. Während die übrigen Producte der Textilinduftrie von den oberen Schichten fich mehr nach unten in der Bevölkerung verallgemeinern, finden wir bei den Wirkwaaren das umgekehrte Verhältnifs. Gewirkte Artikel, ohne Gefchmack in der Ausführung aus mittelmäfsigem Material hergeftellt, waren bis vor Kurzem nur Confum­tionsartikel der arbeitenden Claffen. Heute finden wir in allen Kreifen der bürger­lichen Gefellfchaft Wirkwaaren, theils als Luxus-, theils als Verbrauchsartikel. Die feinften Materialien werden hiezu verarbeitet, diefe Induftrie hat es ver­ftanden, für alle wirklichen und eingebildeten Bedürfniffe ftets Neues und Gefchmack­volles zu fchaffen und fo ein Terrain zu erobern, welches jährlich an Ausdehnung gewinnt und in Folge der ftets wechfelnden Mode eine hübfche Zukunft haben dürfte. Und wie es nun bei allen Modeartikeln der Fall ist, hat nicht die billigfte Waare den Vorzug, fondern jenes Fabricat, welches bei gediegenem Materiale eine gelungene moderne Ausführung bietet, eine Thatfache, die mit Rückficht auf den Gewinn der Unternehmer nicht zu unterfchätzen ift.

Der zweite Fortfchritt der Wirkwaaren- Induftrie feit 1867 befteht in der Mannigfaltigkeit des zur Verarbeitung kommenden Materiales Faft alle Gattungen von Seide, Woll- und Baumwoll- Garn finden ihre maffenhafte Verwendung. Eine fehr bedeutende, obgleich nicht zu wünſchende Ausdehnung hat die Verarbeitung von Shoddygarnen in der Wirkwaaren- Production gefunden. Solche Abfallgarne, felbft der ordinärften Sorte, werden zu ftarken Winterjacken für Männer verarbeitet und wird dadurch den ärmeren Claffen der Bevölkerung zu ftaunend billigen Preifen ein relativ haltbarer Winterartikel geboten.

Neben diefen wichtigen Momenten fortfchreitender Entwicklung der Wirk waaren- Induftrie dürfen wir nicht vergeffen, dafs die techniſchen Hilfsmittel fich ftetig verbeffern, wenn auch nicht gerade eine ganz neue Mafchine feit der Parifer Ausftellung vom Jahre 1867 aufgetaucht ift. Denn feit der Erfindung des Rund­ftuhles, der für diefe Induftrie epochemachend war, ift keine Mafchine erdacht worden, welche in der Productionsweife fo tief eingegriffen hätte, wie der von Jacquin zu Ende der dreifsiger Jahre diefes Jahrhunderts erfundene Rundftuhl. Was in den letzten Jahren Neues und Zweckmäfsiges gefchaffen wurde, bafirt auf dem Principe des Rundftuhles, wenn auch die Conftruction eine verbefferte und die Leiftungsfähigkeit der betreffenden Mafchine eine gröfsere und fichere geworden ift.

Die Lamb'fche Strickmafchine, von Amerika aus im Jahre 1868 mit grofser Reclame in die Welt gefchickt, hat eine fehr begrenzte Verwendung, fie leidet an zwei Hauptgebrechen. Das erfte und gröfsere Uebel ift ihr ziemlich complicirter Mechanismus, welcher einen geübten Arbeiter erfordert, der zweite, vielleicht nach und nach zu befeitigende Uebelftand befteht in der Nadeleintheilung, welche vornemlich nur fich für die Herftellung von ftärkeren Waaren eignet, während ein feines baumwollenes Gewebe bei der gegenwärtigen Conftruction noch nicht darauf gearbeitet werden kann.

Nichts deftoweniger hat fich die Induftrie diefer Mafchine, welche vom Erfinder gleich der Nähmaschine für den Hausgebrauch gefchaffen fein follte, bemäch­tigt, und fie ift in vielen Fabriken Oefterreichs und Deutfchlands im Betriebe. Speciell die Wiener Vorftadt- Induftrie hat Strickmafchinen im Gange und verforgt mit den auf denfelben erzeugten, guten wollenen Strümpfen den Stadtconfum. Eine billige Waare läfst fich auf der Strickmafchine fchon in Folge des hohen Arbeitslohnes und der geringen Leiftungsfähigkeit derfelben gegenüber den Rundftühlen nicht herftellen.

Die Ausftellung ift mit Strickmafchinen fehr reich befchickt worden, wir fanden in der Mafchinenhalle 7 Ausfteller von Strickmafchinen, und zwar: