Der internationale Congrefs der Flachsintereffenten.
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Antrage durch Einfchaltung der Worte:„ mit Beobachtung der Anftammung" genug gethan.
Drittens ift zu bedenken, dafs jene Gegenden, deren Boden und wohl auch klimatifche und ökonomifche Verhältniffe zwar zur Erzeugung guter Säe- Leinfaat geeignet find, aber nicht fo fehr, dafs nicht im Laufe der Jahre eine Entartung einträte, mindeftens periodifch die Erneuerung des Samens, den Samenwechfel bewirken müffen, wobei fich allerdings die Anzahl der felbft abzubauenden Abfaaten wirthschaftlicher Weife nach dem Fortfchritte der Entartung richten mag. Hierin darf uns Holland als Vorbild dienen; es bezieht ruffifchen Samen Puik- Puik, fäet nicht mehr als zwei Abfaaten davon wieder und verkauft die dritte Abfaat( Revelaars Enkel) zum Theil auch fchon die zweite Abfaat( Revelaars Kind) als„ Zeeländer" zu fehr lohnenden Preifen ins Ausland.
Aber fogar in jenen Landfchaften, welche mit fo ausnahmsweifen Vorausetzungen ausgeftattet find, dafs ihr heimifcher Flachs keiner bis zur Deutlichkeit. fchädlichen Entartung unterliegt, erweift fich ein periodifcher Samenwechfel von Ort zu Ort oder doch von Gut zu Gut häufig von Vortheil und wird auch in der That in Rufsland, Tirol etc. nicht felten beobachtet Alfo fcheint die allgemeine Anempfehlung der Samenerneuerung gerechtfertigt.
Auf den zweiten Abfatz des erften Antrages übergehend, mufs ich bemerken, dafs ein erfter Uebelftand des gegenwärtigen Zwifchenhandels in Leinfaat die Fälfchungen derfelben find. Es ift bekannt, wie wenig allerlei Verordnungen verfchiedener Regierungen, welche diefem Uebel zu steuern verfuchten, gefruchtet haben. Die neuzeitliche Macht der Publicität bietet aber in gewiffem Mafse ein Mittel dagegen, das fich allerdings mit Vorficht anwenden liefse.
Abgefehen von den Fälfchungen der Leinfaat ift die gegenwärtige Bezugs. weife zum Schaden des Flachsbaues noch anderen Schwierigkeiten unterworfen. Wo, wie in Oefterreich und theilweife auch in Deutfchland fehr gewöhnlich ift, der Bezug der Leinfaat aus entfernten Gegenden blofs durch kleine ländliche Kaufleute vermittelt wird, welche den Leinfamen nebenher vertreiben und unmittelbar, das ift: ohne Dazwifchentreten gröfserer Importgefchäfte aus den Exportländern beziehen, dort ift es mit diefem Handel nicht zum beften beftellt; denn kleine Kaufleute haben erftens nicht die gehörige Platzkenntnifs an den Exportplätzen, fie befitzen zweitens dafelbft keinen oder nicht hinreichenden Credit, und weil fie die Waare und fomit ihr Capital fo kurz als möglich liegen laffen wollen, fo machen fie drittens ihre Beftellungen erft unmittelbar vor dem Anbau, das ift zu einer Zeit, da die erfte und befte Waare fchon lange von energifcheren Händen vorweggenommen worden, fo dafs fie nur noch die letzte und geringfte Waare um denfelben Preis erhalten, um welchen jene weitfichtigen Speculanten das Befte erwarben. Dem letzteren Mifsftande unterliegt auch die Vermittlung des LeinfamenBezuges durch Landwirthfchafts- Vereine und ähnliche patronifirende Organe, welche in der Regel die Waare nicht beftellen können, fo lange nicht die Anmeldungen der Auftraggeber, das ift der patronifirten Land- und Flachswirthe erfolgt find.
Es wäre darum wünſchenswerth, dafs gröfsere Importgefchäfte den Handel zwifchen den Confumenten und Detail liften einerfeits und dem Erzeugungslande anderfeits vermitteln.
Ich darf hier wohl daran erinnern, dafs fchon vor einem Jahrhundert der praktiſche Patriot Juftus Möfer in feinen„ Phantafien", im 6. Stück des I. Bandes: ,, Man forge auch für guten Leinfamen, wenn der Linnenhandel fich beffern foll" die Uebelftände des Leinfamen Handels einfah, und zu deren Behebung die Errichtung einer Handelscompagnie, welche den Bezug aus den ruffifchen Oftfee- Provinzen vermitteln follte, vorfchlug.
Aber auch das Genoffenfchaftswefen darf mit gutem Fuge zu einer vortheilhaften Organiſation des Samenbezuges herangezogen werden; um fo mehr, da der Flachsbau mehrere Gelegenheiten darbietet( wie Beforgung von