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Die Stickerei und die Spitzen : (Gruppe V, Section 8) ; Bericht und Die Frauenarbeiten (Anhang zu Gruppe V) : Bericht / Von Dr. Ferdinand Stamm / von Helene Freiin v. Roditzky
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Helene Freiin v. Roditzky.

konnte wohl bewundernd davor ftehen, doch fehlt uns die Zeit und das herrliche Material, um folche Stickereien nur annäherungsweife nachbilden zu können. In den europäiſchen Staaten, Schweden ausgenommen, tritt an die Stelle der Haus­induftrie nun immer mehr und mehr die fabriksmäfsig organifirte Induftrie auch für die zarteften Arbeiten und fehen wir diefelbe in der Schweiz, in Frankreich, im böhmifch- fächfifchen Erzgebirge am ausgeprägteften ausgebildet. Dort werden die Arbeiten von den Fabriksherren vertheilt, die Einwohner find befchäftigt und finden Verdienft; damit geht freilich das Befondere im Allgemeinen unter; die Hausinduftrie zieht fich immer mehr in entlegenere Winkel zurück und wird uns in Jahren vielleicht nur durch einzelne Mufter in Muſeen zur Anfchauung gebracht werden können. Aber ficherer Verdienft, geordnete Befchäftigung zieht in das Haus ein.

Ferne von der Bewegung, die fich in Europa vollzieht, bei den Staaten und Völkern anderer Welttheile, hat fich noch manche eigenartige Blüthe der Frauenarbeit behauptet, und wir können uns nicht enthalten, hier noch darauf hin­zuweifen, obgleich fie in den Bericht der Kunftblumen wohl auch Erwähnung finden werden, ähnlich wie mancher Gegenftand unferer Betrachtung fchon im Berichte von Ferdinand Stamm zur Geltung kam. Wo aber die Ordnung der Arbeitsleiftung ebenfo wie die geleiftete Arbeit felbft fo innig ineinander greift, läfst fich eine mathematiſch genaue Trennung wohl nicht einhalten und die Wieder­holung ift der Vollständigkeit halber geboten.

Doch wollen wir uns fehr kurz faffen:

In der brafilianifchen Abtheilung nämlich erregten die Federblumen von Mademoiſelle Nathé allgemeine Bewunderung. Diefes Gefchäft nimmt fchon Mädchen mit 8 Jahren auf, um ihnen diefe Arbeit zu lehren, in welcher fie es bald zu einer ftaunenswerthen Fertigkeit bringen, um entweder zu Haufe oder in einem Gefchäfte die Arbeit als Erwerb zu üben. Oft nimmt diefes Etabliffement auch Waifenkinder auf, die dann dort ganz erzogen werden. Ihre gefchicktefte Arbei­terin ift gegenwärtig ein folches, eine junge Mulattin, die noch nicht 16 Jahre alt ift. Die jungen Arbeiterinen müffen nach der Natur ihre Arbeit bilden. Man gibt ihnen eine Blume zum Mufter und fie copiren fie dann in Federn. Die Myrthen­bouquets, Camelien, Nachtfchatten und ein kleiner Zweig rother Blüthen, wie fie die Ausftellung zeigte, waren Kunſtwerke. An den befonders gefuchten Fächern war die feine Biegung der Federn bemerkenswerth, ebenfo wie die wohlthuende fanfte Mifchung der Farben.

Gegenüber in der amerikanifchen Abtheilung waren mehrere aus Wachs verfertigte Blumenbouquets von Mifs Bloody vod ausgeftellt, die mit unendlicher Weichheit modellirt waren.

So fehen wir in der kurzen Skizze, die wir gegeben, dafs der Satz, den Dr. Ferdinand Stamm in feinem Berichte aufftellt, der Satz: dafs der weiblichen Hand noch viel zu thun übrig bleibt, vollkommen wahr ift. Die weibliche Hand hat damit den Stolz, dafs fie behaupten kann, daſs, wenn auch die Mafchine ihr allenthalben nachdringe, diefe doch nimmer Alles wird fchaffen können, was die weibliche Hand leiftet, und wenn fie es einmal thut, wird die Hand doch fchon längft wieder das Neuere gefchaffen haben.