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Schuhwaaren - Schmuckfedern, künstliche Blumen und Haararbeiten - Tapezirarbeiten und Decoration : (Gruppe V, Section 9) - (Gruppe V, Section 10) - (Gruppe V, Section 11) ; Bericht / von S. Goldschmidt - Carl Th. Richter - Anton Fix
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Dr. C. Th. Richter.

zufammengenommen, wie wir fie hier zu befchreiben haben, wenig gegenüber der Spinnerei, Weberei u. dgl. m. Diefs und der Zwang der Verhältniffe, durch welchen der Redacteur des officiellen Berichtes durch den oft fehr fpät gemeldeten Rück­tritt der gewählten Berichterstatter von der zu erfüllenden und übernommenen Aufgabe in letzter Stunde genöthigt war, fein eigenes gefammeltes Material zu fichten und für die Berichterstattung zu benützen, mögen von vornherein die Kürze der Betrachtung und den Verfuch, einzelne Gebiete der Arbeit knapp zufammen­zufaffen, rechtfertigen und wenn es Noth thut, entfchuldigen.

Im Uebrigen haben wir, insbefonders was die Kunftblumen- Fabrication anbelangt, in dem officiellen Berichte Oefterreichs über die Parifer Ausstellung 1867 eine ausgiebige Unterſtützung, und wir verweifen hier gleich auf den darin enthaltenen Bericht von Friedrich Uhl, in welchem die Technik der auf einer grofsartigen Arbeitstheilung aufgebauten Blumenfabrication Frankreichs bis in's Detail gefchildert ift. Es fei defsgleichen hier fchon erwähnt, dafs nach diefer Richtung hin fich nichts verändert hat. Dagegen ift diefe grofsartige Art der Erzeugung auch in anderen Staaten allmälig eingebürgert worden und Deutſch­iand wie Oefterreich betreiben die Blumenfabrication heute gleichfalls auf Grund einer glücklichen Arbeitstheilung ziemlich ausgedehnt. Zählt doch Wien heute fchon 20 Etabliffements für Blumenbeftandtheile und 150 Etabliffements für fertige Blumen. Das ganze Gebiet von Nixdorf, Heinspach, Schluckenau und die umliegenden Ortfchaften des nordweftlichen Böhmens erzeugen nun feit faft einem Jahrhundert ganz erftaunliche Maffen flacher Bouquets, Guirlanden und Blumen aus Wachspapier und Flittergold, aus gefärbten Woll- und Seidenftoffen, aus allen möglichen Arten Papier, Stroh u. f. w. Es ift auch gar kein Zweifel, dafs diefe Entwicklung und heute noch unbefchränkte Entwicklungsfähigkeit durch das franzöfifche Mufter allmälig angeregt wurde und die Erkenntnifs Adam Smith's, dafs die Arbeitstheilung die Quelle des nationalen Reichthums ift, in einem kleinen Gebiete einen glücklichen Schritt vorwärts gemacht hat. Fehlt uns doch die Erkenntnifs diefes Satzes auf manchen Gebieten der Induftrie und hemmt deren Entwicklung. Selbft in der Blumenerzeugung ging es nur langfam vorwärts und es bedurfte, um nur ein Bei­fpiel zu geben, mehr als ein Jahrzehnt, ehe man den Arbeiter des läftigen und zeitraubenden Umwickelns des Drahtes mit Papier enthob und das Ueberfpinnen des Drahtes mit Papier fabriksmäfsig eingeführt werden konnte. Wie alles Neue," fo berichtet der Erzeuger folchen überfponnenen Drahtes, Wenzel Gothtelt aus Nieder- Einsiedel in Böhmen, hatte auch diefer Artikel feinen Kampf zu beftehen; jedoch hat derfelbe fich nun im In- und Auslande Bahn gebrochen, wird auch als fchöner, beffer und billiger erachtet, als der durch Handarbeit und neben anderen Thätigkeiten erzeugte."

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Indem wir diefs vorauszufchicken für nothwendig erachteten, wollen wir des Federfchmuckes, der künftlichen Blumen, und zum Schluffe des Haarhandels und Frifeurgewerbes foweit die Ausftellung Neues zeigte und uns zu neuen Studien anregte, gedenken. Dabei ift nicht zu vergeffen, dafs heute nur die künftliche Blume eine befondere und bedeutende Stellung in der Bekleidung der Menfchen oder vielleicht beffer im Schmucke einnimmt, während die Feder ihren einft bedeutenden Werth eingebüfst hat, ebenfo wie die fociale Beziehung des Haar­und Bartwuchfes nur felten noch in unferer Cultur, hervortritt und Werth und Be­deutung des Frifeurgewerbes auf einen geringen Wirkungskreis eingefchränkt ift.

Die Feder war felbft nach den wenigen gefchichtlichen Nachrichten, die uns erhalten find, ficherlich zuerft nicht blos ein Theil des Schmuckes, des Ge­wandes, fondern als Gewand felbft ausgenützt worden. In Afien bildet die glän­zende Feder des Pfaues, ebenfo wie das Gefieder des Schwanes die Grundlage einer ganz befonderen und, wie es fcheint, hochentwickelten Kunftinduftrie, die bis in die Zeit Carl's des Grofsen und in die Handelsblüthe Venedigs hinaufreicht. Oft erfchienen die venetianifchen Kaufleute mit dem koftbaren Producte eines