Die Thonwaaren- Induftrie.
47
Auch diefsmal brachte das Etabliffement die fchon feit der Ausstellung 1871 her bekannten Sgraffiatoarbeiten, fo vier trefflich ausgeführte Teller auf ,, chocolate coloured body", der mit einer helleren, ja mit zwei Schichten anders gefärbter Thone überzogen ift. Im trockenen Zuftande wird durch Einritzen und mehr oder minder tiefes Herausnehmen mittelft eines Griffels nach Bedarf die eine oder andere Schichte entblöfst und deren Färbung wirkfam gemacht. Die ganze Zeichnung deckt hierauf die Glafur. So befcheiden die Mittel find, mit denen der Künftler hier nur zu arbeiten vermag, fo eigenthümlich und intereffant find die erzielten Effecte mit diefer Technik, die der italienifchen Renaiffancezeit entftammt und von der noch heut zu Tage, namentlich die nationalen Töpfer viele Anwendung zu einer allerdings meift ganz anfpruchslofen Gefäfsdecoration machen.
Erinnern wir uns endlich noch an die fehr fchönen Service, namentlich Teller, dann aber auch einiger Nippes, zumeift in cream colrured- Waare ausgeführt, und von Coleman's gewandter Hand mit flüchtig und fkizzenhaft gezeichneten Genrebildchen und Thiergeftalten zierlich und reizvoll decorirt.
Auch von der eigenthümlichen Imitation der Henri- deux- Waare, von der uns diefsmal Minton mehrere Stücke vorführte, fei hier noch Erwähnung gethan. Meift find diefe Gefäfse, welche eben nur als Curiofitäten gelten können und eigentlich mit zu den undankbarften Producten des Thonkünftlers zählen, gelblichweifs im Grund gehalten und darauf mit farbigen Thonen eine Art von Intarfiatur hergeftellt.
Wir haben es hier mit einer feltenen und lange nicht geübten Technik zu thun, die fozufagen verloren gegangen war. Nur wenige alte Exemplare folcher Gefäfse zieren die Sammlungen unferer Amateurs. Die meiften Originale find im Baron Rothfchild'fchen Befitze in Paris. Das Ornament wird in den Grundton eingeprefst, die entstandenen Vertiefungen mit andersfarbiger Maffe gefüllt und fo fortgefahren. Durch Hinzufügen plaftifcher, meift fehr reizvoller und ftilgerechter Ornamente, figürlicher Darſtellungen und der durchfichtigen Glafur als Ueberzug werden diefe, meift im kleinen Mafsftabe nur ausgeführten Stücke zu wahren Bijoux der Keramik. Minton verfteht es vorzüglich, fich an diefe alte Technik anzulehnen, wenn er ihr auch nicht alle Effecte noch abgewinnt. Erft gegen Ende der Ausftellung completirte Minton feine Sammlung von Henry- deuxWaare durch das gröfste je erzeugte Stück diefer Art, durch ein Schild mit Umrahmung, beftimmt an die Wand gehangen zu werden und eine Uhr, fowie ein Aneroidbarometer zu tragen. Es ift diefe letzte Einfendung als ein Meifterftück in jeder Richtung zu bezeichnen. Jedenfalls zeugen diefe Imitationen von einer ungemein delicaten Hand des Anfertigers Charles Toft. Die Preife, welche hiefür jedoch gefordert werden, fcheinen uns aber trotz alledem enorm hoch gegriffen.
Minton's Wandverkleidungs- Platten haben Weltruf und hätten, wäre nicht auch hier der fehr hohe Preis im Wege, eine allgemeinere Verwendung auch am Continente gefunden. Zum gröfsten Theile find Minton's Platten mit flachem Reliefornament verfehen und mit all' den reizenden Farben gefchmückt, die der Fabrik zu Gebote ftehen. Die gewählten Mufter wechfeln fehr und hat die Ausftellung diefsmal wieder mehrere neue Deffins gebracht und gezeigt, dafs namentlich der orientalifche Stil cultivirt wird.
Nach wie vor ift der vorzügliche Keramiker Léon St. Arnoux der Director und die Seele des ganzen grofsartigen Gefchäftes, das feines Gleichen nirgends findet und in dem mit Recht von Jahr zu Jahr ein unverkennbarer Fortfchritt zu conftatiren ift. Der Firma wurde das Ehrendiplom von der Jury zuerkannt.
Nächft Minton haben die englifchen Fabrikanten relativ viel zu wenig von glafirter Thonwaare in unferem Sinne gefandt. Wie fchön und prächtig vollkom men war in diefer Richtung Englands Ausftellung im Jahre 1871.