Die Thonwaaren- Induſtrie.
77
Verſtändnifs der alten Formenwelt fehlte, weil kein Kunftfinn bei der Auswahl nichts denfelben zur Seite ftand und weil die Technik zur Reproduction nicht ausreichte. So aber wurde wenigftens das Studium guter alter Vorbilder eingeleitet. Das Streben nach einer, auch heute noch nur allzuhäufig beliebten fklavifchen Nachbildung folcher Gegenftände, führte zur Wiederaufnahme alter, längft in Vergeffenheit gerathener Fabricationsproceffe und zur Entdeckung neuer.
Minton in England, Ginori in Florenz und auch unfer Landsmann Fifcher in Herend gehen beiſpielsweife in folcher Weife vor. Die Ausftellung zeigte daher eine grofse Zahl von Porzellanen aus den verfchiedenften Stilepochen, die Formenwelt des Orients wird geplündert, aber felten nur wahrhaft verftanden und dem modernen Gefchmacke affimilirt.
Aber auch hierin ift ein Fortfchritt unverkennbar und beifpielweife find die Compofitionen Binn's von der Worceſter Company im japanifchen Stile, was man im Allgemeinen auch gegen diefe Gefchmacksrichtung fagen möchte, doch fehr verftanden und ein Beiſpiel von dem Hineinleben des Künftlers in eine Stilrichtung, ohne in eine geiftlofe Imitation zu verfallen.
Jedenfalls ift die techniſche Seite der Porzellaninduftrie heute weiter ausgebildet als die äfthetifche, wenn auch eine wefentliche Bereicherung der letzteren feit 1871 nicht ftattgefunden hat, ja kaum ftattfinden konnte. Uns möchte es zudem bedünken, dafs es vielleicht gerathener wäre, nicht allzu vielerlei Arten der Technik in einem Etabliffement, mitunter nicht ohne mancherlei Schwierigkeiten, einzuführen, und dafür lieber Specialitäten zu cultiviren, deren man vollſtändig Herr wird und auf deren technifche und künftlerifche Durchbildung und Vollendung die ganze, ungetheilte Kraft gelegt wird. Die Sucht nach immer Neuem führt zudem nicht felten auf Abwege.
Greifen wir fofort ins Volle, da ift wieder die Worcefter- Company mit ihren Terracotta- Imitationen in Porzellan. Verdient es fchon in gewiffen Fällen Tadel, einem unedleren Stoffe in der Induftrie die Rolle eines feinen anzuweifen, wozu ihm jede Eigenfchaft fehlt, fo ift es bitter zu beklagen, wenn man fich beifallen läfst, die guten Eigenfchaften des Porzellans zu mafkiren und diefem reizenden Stoffe die Rolle der ordinären gebrannten Erde, der Terracotta, ſpielen zu laffen. Der Gedanke an die überwundene Schwierigkeit des matten, höchft gleichförmigen, braunen Auftrages über die Fleifchtheile kann hiefür nicht entfchädigen und die wirklich anerkennenswerth gute Modellirung der Stücke läfst nur bedauern, dafs der fchön durchbildeten Form nicht auch der Reiz des trefflichen Materiales zu Gute kommt.
Die Sucht der Imitation führt aber weiters auch zu Fehlern, welche ihren Grund darin finden, dafs hartem Porzellan die Decorationsweife des weichen, der berühmten Pâte- tendre von Sèvres zugemuthet wird. Die Natur des zu behandelnden Stoffes fträubt fich dagegen, der Chemismus der ganzen Fabrication ſteht dem entgegen. Es iſt unmöglich die Farbenpalette, welche unter der Bedingung des geringeren Hitzegrades, des leichten Flufsmittels und der auffaugenden Unterlage des weichen Porzellans die Anwendung der herrlichften Halbtöne und die Verfchmelzung der Uebergänge zuläfst, auf das harte Porzellan zu übertragen. Der Künftler ift durch die erforderliche, enorme Feuerbeftändigkeit feiner Farben befchränkt, diefelben bleiben auf der Oberfläche der Glafur ftehen und zarte Uebergänge find kaum oder nur mit Aufwand aller Technik möglich. Ein unfruchtbares Bemühen! Ein Effect der Farbe, eine Wärme und Sattigkeit der Töne, wie fie der Fayence eigen ift, bleibt aus denfelben Gründen dem Porzellan überhaupt unerreichbar. Warum alfo immer und immer wieder Majolicas in Porzellan copiren, warum nicht einen richtigen decorativen Stil desfelben verfolgen und durchführen. Die öfterreichifche Ausftellung zeigt beifpielsweife bei Fifcher in Herend folche gequälte Malerei auf Hartporzellan, welcher die Sèvreswaare zum Vorbilde diente.
Einen ehrenvollen Platz in der Porzellanfabrication nimmt Oefterreich ein. Wie in England dem Einfluffe des South- Kenſingthon- Mufeums ein wefentlicher