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Jakob Falke.
Ausftellung von 1867 der Fall gewefen war. Den ganzen Orient, deffen ehemalige Glasinduftrie nur in Parifer Imitationen fich noch mit ihrem Werthe und ihrer Bedeutung ahnen liefs, vertrat in diefem Zweige allein das ferne Japan, übri gens nur mit wenigen Gegenftänden, und diefe hatten nur culturgefchichtliches, nicht auch künftlerifches oder commerzielles Intereffe. Es ift bekanntlich eine höchft auffallende Erfcheinung, dafs in jenen techniſch fo hoch entwickelten Ländern Oftafiens, China und Japan, die Glasfabrikation fo gut wie ganz und gar überfehen worden und nicht zur Entfaltung gekommen ift.
Der Unterfchied jener drei Kunftprincipien des Glafes, welche fich in der englifchen, böhmifchen und venetianifchen Induftrie ausgefprochen finden, gründet fich auf die Bearbeitung und das Material.
Zunächft fcheidet fich alles Kunftglas in zwei grofse Gruppen dadurch, dafs die eine geblafen, die andere gefchliffen, oder richtiger gefagt, geblafen und gefchliffen ift. In Wirklichkeit ift eigentlich alles Kunftglas geblafen, aber das eine erhält feine Form blos auf diefe Weife, bei dem anderen wird fie wefentlich alterirt und in feinem künftlerifchen Charakter erft beftimmt durch die nachträglich hinzutretende Schleifung. Infofern kann man das gefchliffene Glas dem geblafenen als ein wefentlich anderes aus dem künftlerifchen Gefichtspunkt gegenüber ftellen.
Die venetianifche Induftrie vertritt nun das geblafene Glas, die englifche und böhmifche das gefchliffene. In dem letzteren aber liegt ein fernerer Unterfchied darin, dafs das eine, das englifche, fogenanntes bleihältiges oder Flintglas ift, das böhmifche aber nicht. Diefer Unterfchied im Material, der zunächſt nichts weiter zu bedeuten fcheint, als dafs jenes im Gewicht fchwerer ift als diefes, führt doch weiter auch zu künftlerifcher Verfchiedenheit, bedeutend genug, um wieder das böhmifche und das englifche, die vereint dem venetianifchen gegenüber ftehen, principiell zu fcheiden. Beide ahmen den Kryftall nach, aber indem das englifche Glas durch feine Compofition die Fähigkeit gewinnt, bei kryftallinifcher Schleifung fein Licht in Farben zu brechen, fteht es dem Diamant nahe, während das böhmifche Glas, das jene Fähigkeit nicht befitzt, fich mehr wie der reine, farblofe Bergkryftall verhält, aus deffen Nachahmung es auch hervorgegangen ift. Auf der Ausbeutung jener Fähigkeit auf der einen Seite und dem Mangel derfelben auf der anderen Seite beruht der künftlerifche Unterfchied des englifchen und des böhmifchen Glafes. Man kann fagen, als Kryftall- Imitation haben beide, das engliſche wie das böhmifche Glas, viel Verwandtes, das in der gemeinfamen Art der Bearbeitung, in der Schleifung, zum Ausdruck kommt; in den verfchiedenen Beftandtheilen aber find auch ihre künftlerifchen Verfchiedenheiten begründet und vorgebildet.
Wenn man wollte, könnte man noch ein viertes Kunftprincip des Glafes aufftellen und diefes als das franzöfifche bezeichnen, nämlich die farbige Bemalung des Glafes. Diefe aber liegt nicht im Wefen des Glafes, fondern ift nur von dem Porzellan durch den franzöfifchen Gefchmack auf das Glas übertragen. Es ift nöthig für diefe Malerei, das Glas erft undurchfichtig zu machen, alfo ihm feine wefentlichfte Eigenfchaft zu nehmen. Man kann daher diefes Kunftverfahren auch nur als Decorationsart, nicht als Princip auffaffen. Dasfelbe gilt von verfchiedener anderer Decoration, fo von der Aetzung, die einen Erfatz für das gefchliffene oder gravirte Ornament bilden foll, oder von der Verzierung mit Emailfarben auf durchfichtigem Grunde, die von dem deutfchen Glafe der Renaiffancezeit, wie von dem orientalifchen geübt wurde. Wir werden ihrer jedoch nach Befprechung der drei Hauptprincipien zu gedenken haben.