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Die Kurzwaaren-Industrie : (Gruppe X) ; Bericht / von Ludwig Hartmann, J. Weidmann und C. Th. Richter
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Galanteriewaaren aus Bronce, Leder- und Tafchnerwaaren.

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in der Blüthezeit einer Kunftepoche leben, noch die Talente befitzen, wie fie jene Zeiten gebaren.

Die Erfindung eines kunftinduftriellen Gegenftandes, das ift, die Aufgabe: die Form eines Gegenftandes dem Zwecke, zu dem er beſtimmt, und dem Materiale, aus dem er verfertigt ift, angemeffen fchön zu geftalten, ift als erfte und wichtigſte Arbeit Aufgabe der Zeichner und werden namentlich Zeichner von architectoni­fcher Bildung in diefer Richtung wohl ftets die gröfsten Erfolge erzielen.

Volle Kenntnifs der Technik, der Effecte jener Arbeitszweige, welche er verwendet, mufs man beim Zeichner für kunftinduftrielle Zwecke unbedingt vor­ausfetzen; zu verlangen jedoch, dafs derfelbe diefe Arbeitszweige felbft alle ausübe, wäre ebenfo widerfinnig, als würde man von einem Compofiteur für Orchefter das Spielen aller Inftrumente erwarten.

Halten wir Rundfchau, wo auf die Compofition am meiften befonderes und ftetes Bemühen gerichtet ift, fo müffen wir im Allgemeinen und namentlich auch, was die Broncen betrifft, die Franzofen, welche, wie ja längst bekannt, ihre Haupterfolge ihren Deffinateuren verdanken, in erfte Reihe ftellen.

Bei uns würdigten nur die erften Firmen diefes Hauptmoment, erreichten aber dann auch in Verbindung mit unferen tüchtigen Architekten Erfolge und erzielten in manchen Zweigen, wie der Glas-, Ledergalanterie-, Möbel- und felbft der Bronce- Induftrie Leiftungen von weitaus künftlerifchem Werthe, als die bezüg­lichen franzöfifchen Arbeiten. In jenen Zweigen des Kunstgewerbes aber, wo die Aufgaben des Entwurfes dem eigentlichen Baufach ferner ftanden und unfere Architecturen weniger verwendet werden konnten, war bei dem Mangel an gefchulten Fachzeichnern auch fogleich das Uebergewicht franzöfifcher, englifcher und anderer Arbeiten zu merken. Diefs ift beifpielsweife bei den Porzellan­Fayencen, Majoliken, Stoffmuftern etc. der Fall gewefen.

Zurückkehrend zu den bei den Broncen zunächft wichtigen Erforderniffen, finden wir als zweites wefentlichftes derfelben das Modell.

In diefem hat fich die geiftige Auffaffung des Entwurfes auszufprechen und findet demnach der Ausführende genug der künftlerifchen Vorwürfe, welche meift noch durch die Rückfichtnahme auf die Beftimmung des Gegenftandes, fowie auf die Art des Materials und der Ausführung wefentlich beeinflusst werden. Die Vorzüglichkeit der Modelle gibt nun wieder bei den Leiftungen der Parifer Bronce Induftrie den Hauptausfchlag. Es fanden fich unter denfelben eine grofse Anzahl, welche, wären fie nicht ihrer Dimenfionen wegen unter Gruppe X Kurzwaaren eingereiht worden, in der Kunfthalle hätten exponirt werden können. Diefe Figuren und Gruppen, deren Hauptbeftimmung nur die ift, zu decoriren, und die immer die Hauptfache bilden, felbft wenn fie bei einem Leuchter, einer Uhr etc. angeordnet find und denen Architektur und Ornament nur als Folie dienen, diefe find es, welche den derartigen Arbeiten der Fran­zofen den Hauptreiz verleihen, und welche denfelben den Vorrang auf dem Weltmarkte und den Triumph auf allen Ausftellungen verfchafften.

Man denke fich z. B. bei den franzöfifchen Broncen alles Figuralifche weg oder nehmen an, wir hätten ebenfo tüchtige Modelleure, wie die Franzofen, fo wird man die Ueberzeugung erlangen, dafs man mit dem übrigen Beiwerk das Rivalifiren fchon unternehmen könnte.

Aber eben mit tüchtigen Modelleuren wird es im Allgemeinen bei uns noch lange fein Bewenden haben, denn wenn auch das öfterreichifche Muſeum den von der Akademie lange unbeachtet helaffenen Mangel an zu kunftinduftriellen Aufgaben herangebildeten Bildhauern abzuhelfen fucht, fo liegen die Hinderniffe auch darin, dafs fich unfere Bildhauer lieber der einträglicheren Bau- und Deco­rationsarbeit widmen, dafs unfere Fabrikanten wegen Mangel an genügendem Abfatz die guten Modelleure nicht entſprechend honoriren können und dafs der Deutfche überhaupt weniger Sinn und im grofsen Ganzen auch den Kunftfinn nicht hat für folche Luxusgegenstände.