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Graveur- und Guillochirarbeiten : (Gruppe XII, Section 3) ; Photographie : (Gruppe XII, Section 4) ; Musterzeichnungen und Decorations-Malerei : (Gruppe XII, Section 6) ; Berichte / von Johann Schwerdter ; Josef Löwy ; F. Lieb
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Mufterzeichnungen und Decorationsmalerei.

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mich an fehr viele italienifche Veranden in Berlin, an welchen der wuchernde bunte Wein des Südens fehlt. Theilweife ift fie erft im Werden, denn bisher war Norddeutſchland noch immer zu fehr von feiner Arrondirung in Anfpruch genommen.

Weitaus anfprechender, reicher an Muth und Wärme im Colorit, mannig­faltiger in den Stilarten und Formen erblickten wir Süd- Deutfchland vertreten; nur fei hier mein Bedauern ausgedrückt, dafs wahrfcheinlich zufällig in die hübfche Zimmerdecoration eines Münchners ein ultramarinblauer Ofen mit Silberornament gerieth, welcher mehr den Eindruck einer Kanzel in einer Dorfkirche als den eines Ofens macht.

Seidenwaare und Möbelftoffe, wie die Teppiche, wo fie façonnirt vorkommen, Stickereien in Bunt und Weifs, Vorhänge, kurz Alles, was zur Textil- Kunstinduſtrie gehört, fteht zumeift auf hoher Stufe, und kennzeichnet fich durch ernftes Stil­ftudium, welches immer das Rechte trifft, wozu der Stoff fich eben eignet.

Wir wiederholen es nochmals, und können diefs nicht oft genug thun: Deutſchland ift uns Oefterreichern ein gefährlicherer Concurrent als alle anderen Länder der Erde.

Die Schweiz und Italien wiefen in Gruppe XII von Mufterzeichnungen nichts auf, obwohl man annehmen musste, dafs nicht alle die vielen Deffins, die man in ihren Ausftellungen fah, ausnahmslos von franzöfifchen Künftlern herrühren. Mehr Gefchmack in den Deffins der Weifswaaren, Vorhänge, Störes und Weifs­ftickereien als die Maifon blanche in Paris hatte die Schweiz nicht aufzuweifen, auch bot das genannte, weltberühmte Parifer Haus eine koloffale Menge der fchönften Deffins, als dafs ein anderes Land im gleichen Genre mit Erfolg hätte auf­treten können. Allein, näher betrachtet, ward die Ausführung in vieler Hinficht in der Schweiz präcifer, vor Allem reiner in der Zeichnung gehalten.

Wir erinnern an den figuralifchen Theil der franzöfifchen Störes, welche nahezu ans Fra nhafte grenzten, fo leichthin waren die Gefichtszüge und Kör­perdetails gehalten. Die Zeichnungen aber auf den Schweizer Bändern waren geradezu von überrafchender Schönheit und reizendem Colorit.

Italiens Seidenwaaren erregten die allgemeine Aufmerkfamkeit, wie über­haupt diefes Land bei Künftlern und Kunftliebhabern mit Recht die ungetheilte Bewunderung erregte. Auf dem kleinftmöglichen Terrain war das Beftmögliche zufammengedrängt, und doch konnte man nicht leicht etwas überfehen, denn Alles feffelte unwiderftehlich und hielt den Befchauer gebannt.

Rufsland bot eine Fülle des eben fo Schönen wie Charakteriftifchen. Indem diefes Land in feinen Zeichnungen, namentlich in der Textilinduftrie einen eigenen Stil verfolgt, bot fich eine vollkommene, erfrifchende Quelle des Schönen dem müden Auge des Befchauers dar. Eine glückliche Wahl des bizantinifchen Ornamentes geftattete ebenfowohl reiche Farben- Zufammenftellung, wie gelungene und ftilgerechte Anwendung der Edelmetalle in den Geweben, während ihre Leinenftickereien die beften Motive hiefür verarbeiten. Waren da die Formen auch roh und eckig, fie zogen doch eigenthümlich an, und indem fie den füdfla­vifchen Stickereimuftern fich im Charakter fehr näherten, bildeten fie doch eine Eigenart, welche nicht genug eingehalten wurde, und wir müffen es zur Ehre Rufslands geftehen, es war in feltenen Ausnahmen der Fall, da war aber auch der Gefchmack ein fchlechter. Die Silber- und Goldwaaren zeigten in ihren Zeichnungen gleichfalls in keinem anderen Lande eine beffere Wahl, einen entfchiedenen, eigenthümlichen Stil.

Die in Rufsland ausgeftellten Mufterzeichnungen aber zeugten von bedeu tendem Gefchmacke und find es gewifs nicht jene Quellen, aus denen die ruffifchen Induftriellen fchöpften.

Einen traurigen Eindruck machte Griechenland und man wendete fich mit Bedauern von einem Lande ab, um welches nur die Erinnerung an die fernfte

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