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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
Entstehung
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Mufikalifche Inftrumente.

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Zunächft dürfte fchon der Name des Erbauers genügen, jeden Verdacht einer Charlatanerie fernzuhalten. Das Orgelatelier von Weigle& Söhne in Stuttgart geniefst einen fehr guten Ruf, der fich nicht nur auf Württemberg befchränkt, fondern bis auf Amerika hinausdehnt. Weigle felbft ift aus der Schule Walker's hervorgegangen und gehört zu den glücklichften Vertretern des Kegelladen- Syftems. Bereits als Gehilfe jenes berühmten Meifters hatte er fich bei der Aufftellung der grofsen Orgel desfelben in der Stiftskirche in Stuttgart fo trefflich bewährt, dafs ihm die Stadtgemeinde als befondere Auszeichnung das Ehrenbürgerrecht verlieh. Seine Orgeln empfehlen fich namentlich durch eine fchöne Intonation.

Die Idee, die Kräfte der Elektricität und des Magnetismus für den Bau eines fo complicirten Inftrumentes, wie es die Orgel ift, zu verwenden, hat in unferem Telegraphen- Zeitalter nichts Befremdliches und ift auch nicht erft fozufagen heute aufgetaucht. Schon vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren hatten Telegraphen­mechaniker auf die grofsen Vortheile aufmerkfam gemacht, welche dem Orgelbau erwachfen würden, wenn man, ftatt der befonders bei grofsen Werken äufserft verwickelten, fchwergehenden und durch Temperaturwechfel fo fehr beeinflufsten Holzmechanik ein anderes Syftem mittelft Hinzuziehens des Elektromagnetismus einführen könnte. Es wurden in der That einzelne Verfuche im Kleinen gemacht, die fich zum Theil zu koftfpielig erwiefen, und zum Theil kein zuverläffiges Refultat ergaben, wefshalb man davon abftand. Allein der Gedanke war doch zu ver­führerifch, als dafs man ihn hätte gänzlich aufgeben mögen. Man nahm ihn von Neuem, und zwar anfangs in England und Frankreich, dann fpäter in Deutſchland wieder auf, und fchritt nun zu Experimenten in gröfserem Mafsftabe, an denen fich auch Walker in Ludwigsburg betheiligte. Die Frucht davon war der elektro­magnetifch pneumatifche Hebel, der in Frankreich erfunden, und hier bei kleineren Werken eingeführt wurde, während in Deutfchland die angeftellten Ver­fuche wieder aufgegeben wurden, weil fie fchon in Betracht des Koftenpunktes keinen lohnenden Erfolg in Ausficht ftellten. Jene elektro- magnetifch- pneumatifchen Hebel beftehen in einem kleinen Blafebalg, dem fogenannten Frofchmaul, mit zwei kleinen Ventilen, welche durch einen Elektromagnet geöffnet und gefchloffen werden können, fonft aber gerade wie die pneumatifchen Hebel angebracht find. Mittelft derfelben konnten nun zwar die Orgelwerke mit Hilfe der Elektricität gefpielt werden; eine Vervollkommnung des Inftrumentes hatte man dadurch nicht gewonnen, wohl aber eine Vertheuerung desfelben.

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Die Idee lag nun einmal in der Luft der Zeit, der Unternehmungsgeift liefs fich nicht durch diefe winzigen Erfolge abfpeifen, fondern fühlte fich vielmehr zu neuen Experimenten angeftachelt. So ging man im Jahre 1869 an das Werk, jene berückende Idee zu verwirklichen, und war es diefsmsl G. Ch. Weigle in Stuttgart, welcher fich diefer fchwierigen und wenig Dank verheifsenden Arbeit unterzog. Diefem endlich gelang es nach drei Jahren fchweren Mühens, im Februar des Jahres 1872 ein elektro- magnetifches Orgelwerk mit 10 klingenden Stimmen ohne pneumatifche Hebel herzuftellen. Die fragliche Erfindung kann nicht verfehlen, auf dem Gebiete des Orgelbaues und in Folge davon felbft des Orgelfpieles höchft bedeutende Fortfchritte herbeizuführen, wenn den Erfindern, welche Inftrumente der verfchiedenften Gröfse bis herab zu den kleinften Salon­orgeln von eleganter Möbelform in folcher vervollkommneter Weife zu verfertigen bereit find, von Seite der Behörden und Privaten die gehörige Würdigung ihrer verdienftvollen Leiftungen entgegengebracht wird", fo lautet das Urtheil, welches Sachverständige über das Werk fällten. Die Erbauer fanden fich nun ermuthigt, die anerkannte Bedeutung ihrer Erfindung durch eine gröfsere Orgel zu bewähren, welche fie für die Wiener Weltausftellung beftimmten. In Folge grofser Schwierig­keiten, welche zu befiegen waren, verzögerte fich leider die Vollendung des Werkes bis zum Juli; als es hier endlich aufgeftellt war, hatte die Jury längst ihre Arbeiten vollendet.