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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
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Eduard Schelle.

welchem fie zu den modernen Pianos in der öfterreichifchen Abtheilung ftehen; denn das Clavier war bereits im vorigen Jahrhunderte der eigentliche Träger des Mufiklebens, wie es derfelbe heutigen Tages ift, und an feiner Conftruction, über­haupt an feinem ganzen Wefen verfinnlicht fich am getreueften der Charakter der herrfchenden Gefchmacks- und Stilrichtung. Man war umfomehr berechtigt zu diefem Unternehmen, als nach Bach und Händel Oefterreich in der mufikalifchen Kunft das Banner geführt und feinen Namen mit denen der gröfsten Tonheroen verwebt hat. Unter diefen Clavieren befanden fich überdiefs einige Exemplare, welche für uns die Bedeutung koftbarer Reliquien haben. So begegnete uns ein kleines, tragbares Spinett, erbaut von Johann Andreas Stein in Augsburg 1762, deffen fich Mozart laut Angabe auf feinen Reifen bedient hat; auch ein Clavier in Flügelformat, und zwar mit Hammermechanik und Stiefeldämpfung macht Anspruch auf die Ehre, einft im Befitze des hochberühmten Meifters gewefen zu fein. Ferner trafen wir ein kleines Tafelclavier mit Hammermechanik und Dämpfung aus dem Jahre 1790 an, welches uns als das einftige Eigenthum Haydn's bezeichnet wird. In ähnlicher Weife fahen wir einen Flügel von Erard mit dem Namen Beethoven's, einen anderen von Gräf mit dem Schubert's in Verbindung gefetzt. Unmerklich haben wir an diefen wenigen Inftrumenten die wefentlichften Phafen des Clavier­baues bis zur modernen Zeit hin durchlaufen. Jenes Spinett Mozart's, zu dem fich noch ein anderes, herrührend von Johann Schanz, gegenwärtig Johannes Brahms zugehörig, gefellt, weifen auf den primitiven Standpunkt des Inftrumentes hin. Der Ton wird hier noch mittelft Meffingplättchen oder auch Federkiel- Stückchen erzeugt, welche auf dem Clavis befeftigt find, und durch Oeffnung im Refonanz­boden beim Niederdruck der Tafte an die Saite fchlagen. Und wahrlich, der dünne, zirpende Klang jenes gedachten Inftrumentes von Schanz bildet zum Klang des angeblich aus dem Befitze Beethoven's ftammenden Flügels von Erard keinen gröfseren Abftand, als das Tonvermögen eben diefes Erard zu der Klangkraft eines Ehrbar mit gewölbtem Refonanzboden. Ja auch die Mutter unferes heutigen Pianos entdeckten wir hier in einem alten Hackebret, welches fich in demfelben Zimmer zeigte; denn aus diefem merkwürdigen Inftrumente ift nicht nur das. Clavichord, fondern auch die Hammermechanik hervorgegangen, durch welche fich das Clavier bis zu feiner jetzigen Vollkommenheit emporgebildet hat. Ein Mufiker aus Eisleben, Pantaleon Hebenftreit, hatte nämlich fchon in früher Jugend eine fo grofse Vorliebe für jenes, noch heutigen Tages bei den Zigeunern unter dem Namen Cymbal vorkommende Inftrument, dafs er es fich zur Aufgabe machte, demfelben eine für den künftlerifchen Gebrauch verwendbare Einrichtung zu geben. Sein Ziel fuchte er dadurch zu erreichen, dafs er den Kaften um das Vierfache vergröfserte und auf beiden Seiten Refonanzböden anbrachte, von denen der eine mit Draht- und der andere mit Darmfaiten bezogen. war, fo dafs jetzt dem Spieler alle Dur- und Moll- Tonarten zur Verfügung ftanden. Hebenftreit machte mit feinem Inftrumente um fo mehr Auffehen, als er felbft eine fehr grofse Fertigkeit auf demfelben fich angeeignet hatte. Ein gewiffer Schröter, ebenfalls ein Mufiker, hatte Gelegenheit, den Virtuofen öfter zu hören. Ihn fascinirte vornehmlich die Wahrnehmung, dafs der Spieler vermittelft der mit der Hand geführten Klöppel die Klangkraft der Saiten nach den verfchiedenen Graden ihrer Stärke leicht zu entfalten vermochte, was auf dem damaligen Claviere nicht zu erzielen war. Es trieb ihn nun zu dem Verfuche, diefe Ausdrucksfähigkeit auch dem letzteren zuzuwenden und in der That brachte er endlich das Modell für einen Mechanismus zu Stande. in welchem fich das Syftem der heutigen Hammer­mechanik deutlich zu erkennen gibt. Man hat diefe Erfindung lange dem Floren­tiner Chriftofali zugefchrieben; Dr. Oskar Paul hat indefs in feiner vortrefflichen Gefchichte des Clavierbaues documentarifch nachgewiefen, dafs diefe Ehre unferem Deutſchen Schröter gebühre. Jedenfalls fteht es feft, dafs das Modell des letzteren in Deutfchland bald Anerkennung fand, und die eigentliche Bafis für die Ent­wicklung des Pianobaues bildet.