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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
Entstehung
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Eduard Schelle

die Grenzen des Pianinos durchbricht und dasfelbe mit der Orgel und dem Harmonium verbindet. Es handelt fich mithin um eine Combination der Saiten mit Pfeifen und Zungen. Die Idee ift zwar nicht neu; ähnliche Verbindungen iſt das Piano fchon mehrmals eingegangen, und zwar nie zum Frommen der Kunft, jedoch ift wenigftens der Gedanke glücklich durchgeführt, was dem Erbauer um fo mehr zur Ehre gereicht, als er auf dem Gebiete des Inftrumentenbaues nur ein Dilettant ift. Der Flügel repräfentirt die Wiener Mechanik und bietet als folcher eben nichts Hervorragendes. Dagegen find Harmonium und Pfeifen von fchöner Wirkung. Das erftere beſteht aus 2 Spreizungen und umfafst 5 Octaven, das letztere ift aus 37 Orgelpfeifen zufammengefetzt, und umfchreibt 3 Octaven von Fan nach der Höhe zu. Die Conftruction ift derart, dafs man fowohl das Clavier als auch jeden der beiden anderen Factoren völlig ifoliren, mithin den Flügel in ein Har­monium u. f. w. leicht umwandeln, auf der anderen Seite wiederum deren wechfel­feitige Verbindung nach Belieben erzielen kann. Für derlei Manipulationen finden fich verfchiedene Züge vor. Das Werk zählt im Ganzen 12 Regifter, vermittelft welcher fich mannigfaltige Farbenmifchungen im Tonwefen ermöglichen laffen. Weit höher als diefe Combination ift ein vom Erbauer erfonnenes Mittel, das Stimmen der Pfeifen zu erleichtern, anzufchlagen, weil es auch bei der Orgel feine Anwendung finden dürfte. Es befteht in einem Blättchen aus dem Metall der Pfeifen, welches am Ausfchnitt derart angebracht ift, dafs es fich über die Kern­fpalte fchieben läfst und man in Folge deffen diefelbe ohne Mühe nach Belieben vereinigen, den Ton alfo mit leichter Mühe um ein Komma umftimmen kann. Das Werk ift überhaupt trefflich und fauber gearbeitet. Der Mechanismus ift, fo complicirt er auf den erften Blick auch fcheint, im Grunde einfach und die Errich­tung des Ganzen fehr freundlich.

Die deutfche Abtheilung zählt nicht weniger als 67 Firmen, als deren Spitzen J.& P. Schiedmayer in Stuttgart, Julius Blüthner in Leipzig, Richard Lipp in Stuttgart und J. S. Duyfen in Berlin nach dem Werthe der ausgeftellten Inftrumente zu bezeichnen find. Zunächft fällt fchon die erfte durch die Auffchrift Hors de concours" in die Augen. Schied mayer bekleidete nämlich das Amt eines Jurors und konnte fich aus diefem Grunde an der Preis­bewerbung nicht betheiligen. Seine Fabrik, deren bereits bei Gelegenheit der Harmoniums gedacht wurde, hat einen Concert- und einen Salonflügel, beide mit kreuzfaitigem Bezug, Repetitionsmechanik und maffiven, gufseifernen Rahmen geliefert, beide höchft preiswürdige Inftrumente von folider Bauart und fchönem Klangcharakter. Befonders fympathifch muthet der Salonflügel in kleinem Format mit feinem weichen, fein egalifirten, gefangvollen Ton und feiner überaus ange­nehmen Spielart an. Aufserdem feffelt er das Intereffe noch in anderer Beziehung; an ihm ftellt fich nämlich die neue, bereits erwähnte Erfindung, das fogenannte Kunftpedal des Herrn Zachariä in Stuttgart vor, welches der Erfinder mit diefem Inftrument in Verbindung gefetzt hat. Die beiden Flügel koften, der erfte, der Concertflügel im mittelgrofsen Format gehalten und 714 Octaven umfaffend, 1750 fl., der kleinere 1200 fl. Im Weiteren hat Schiedmayer noch ausgeftellt ein Pianino, dreichörig, mit halboblique laufenden Saiten und überliegenden Bafsfaiten, maffiver Vorderplatte zu 900 fl.; ein Pianino, dreichörig mit halb­oblique laufenden Saiten und überliegenden Bafsfaiten, mit maffivem eifernen Gufsftock und zufammenhängender Rückenwand zu 900 fl.; ein Pianino, drei­chörig mit fenkrecht laufenden Saiten, eifernem Gufsftock und zufammenhängen dem Rücken, Vorderplatte mit Compreffion, zu 1000 fl. öfterreichifcher Währung. Auch diefe Inftrumente gereichen der Firma fowohl nach Bauart, wie nach Ton zur grofsen Ehre. Wenn Herr Schiedmayer aus angeführten Gründen vom Wettkampf um den Preis abftehen mufste, fo hat ihn dafür Herr Blüthner, ebenfalls eine im deutfchen Reiche oben anftehende Firma, muthig und fiegesbewufst angenommen.