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Musikalische Instrumente : (Gruppe XV) ; Bericht / von Eduard Schelle
Entstehung
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Mufikalifche Inftrumente.

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faales nicht wohl eignet. Stainer ift der eigentliche Begründer einer ſpecififch deutfchen Geigenbau- Schule. Seine Violinen galten lange als Vorbilder bei den deutfchen Geigenmachern, bis man in neuerer Zeit wiederum zu den italienifchen Meiftern zurückgekehrt ift. In Wien waren es namentlich Eifenhofer, Stadelmann und Stofs, welche diefe Reaction hervorriefen. So geftaltet fich alfo der Fortfchritt auf diefem Gebiete, der feit jener grofsen Periode gemacht ift, eigentlich zu einem Rückfchritt; der Hauptwerth der Arbeiten unferer heutigen Meifter beruht ja im Wefentlichen darin, dafs diefelben möglichft treue Copien jener alten italienifchen Originale liefern.

Man hat nun auch hier einen neuen Weg anbahnen wollen, hat an der Violine, und vielleicht mehr als an einem anderen Inftrument experimentirt, um ein neues Syftem für die Conftruction aufzufinden und zu begründen. So glaubte der berühmte Akuftiker Savart in Paris dem Geheimnifs auf die Spur zu kommen, indem er der Geige eine viereckige Form gab und ftatt der gewölbten Refonanz­böden geradflächige verwendete und die F- Löcher durch gerade Schlitzen erfetzte. Savart hielt zwar diefes Inftrument für den Ausdruck fanfter Gefühle ganz befon­ders geeignet, aber in Wahrheit hatte es gar keinen Ton und zu einem gleichen Refultate haben bisher alle derartigen Verfuche geführt. Der Toncharakter der Geige ift mit deren hiftorifchen Form fo innig verwachfen, dafs eine Veränderung an der letzteren eine Alteration der erfteren bewirkt. Die Ausftellung felbft lieferte uns einen fehr intereffanten Beweis dafür in einem nach dem netien Syfteme des Fürften Gregor Stourdza von dem Wiener Geigenmacher Zach gebauten Streichquartette, das wir bei einer mufikalifchen Production hören konnten. Nach der Mittheilung im Programm beabfichtigte der Fürft, mittelft feines erfundenen Syftems nicht nur eine Steigerung der quantitativen Fülle und Tonkraft gegenüber den Inftrumenten, fondern auch eine Klangfarbe zu erzielen, welche fich dem Timbre der menfchlichen Singftimme möglichft charakteriftifch nähert. Durch eine Vergröfserung des beftehenden Formats wäre der Grundcharakter der Inftru­mente geopfert worden. Der Erfinder nahm daher feine Zuflucht zu der elliptifchen Form, als der günftigften für die Klangreflexionen und geftaltete die beiden Aus­bauchungen der Geige in zwei in der Richtung der Queraxe zufammenftofsende Ellipfen um. Unglücklicherweife aber verhinderten die Forderungen der Appli catur, hier die Gefetze der Symmetrie gehörig einzuhalten. Die eine Ellipfe mufste eine Verfchiebung nach links hin erfahren, fo erhielten die Inftrumente jene barocke Geftalt, die unwillkürlich das Bild eines kropfartigen Auswuchfes wachruft. Sie find in der That die drolligften Mifsgeburten, welche die Familie der Ton- Werkzeuge bis jetzt in die Welt gefetzt hat.

Diefer Umftand der Dinge liefse fich aber immerhin ertragen, wenn er durch eine Steigerung der Klangfchönheit aufgewogen wäre, allein die Erfindung kommt eigentlich nur der Bratfche etwas zu Gute. Mag auch der Ton der Geige etwas an Breite und Intenſivität gewonnen haben, fchöner ift er wahrlich nicht geworden; er erlitt vielmehr durch eine dunklere, bratfchenartige Färbung eine beträchtliche Einbufse an feinem normalen Charakter. Bei ihrem Zufammenfpiel im Quartett erzeugen diefe Inftrumente eine Monotonie in der Klangwirkung, welche auf die Dauer geradezu unerträglich wird; mit einem Wort, durch diefe Erfindung find wir wohl um ein Experiment, aber nicht um ein Refultat reicher geworden.

Die Erfahrung lehrt, dafs gut conftruirte Geigen mit den Jahren an Klang­fchönheit gewinnen, namentlich wenn fie ftets von gefchickten Virtuofen geſpielt werden. Wir können uns leider durch das Medium ihres jetzigen Tones nur eine fehr unfichere Vorftellung machen, wie die hier ausgeftellt gewefenen alten Cre­monefer Geigen geklungen haben, als fie frifch aus der Werkstätte hervorgingen. Es liegt nun die Frage auf der Hand, ob es nicht möglich wäre, durch einen künftlichen Procefs dem Einfluffe des Alters zuvorzukommen und eine Geige ohne gewaltfamen Eingriff in der herkömmlichen Form von vornherein mit allen den