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Eduard Schelle.
Holz- und Blech- Blasinftrumente. Unter den erfteren lenkt die Flöte ein allgemeines Intereffe auf fich, als das Inftrument des„ füfsen, irdifchen Verlangens", wie es Schelling in feiner Aeſthetik der Tonkunft bezeichnet, und in der That war fie ja, namentlich in unferer Wertherperiode, das mufikalifche Symbol der modernen Sentimentalität. Ueberdiefs hat die Flöte auch ein glänzender, hiftorifcher Nimbus gefchmückt, denn ihre Anfänge follen parallel mit der Orgel und fich an die Pansflöte knüpfen, ja noch mehr, fie follen fogar bis in den Olymp der unfterblichen Götter hineinreichen; denn, wie uns die Mythe fagt, hat Pallas Athene die Flöte erfunden. Die Göttin warf fie aber fort und verfluchte den, der fie aufheben würde, weil fie in der Quelle des Ida fah, wie beim Spielen des Inftrumentes ihre Backen auf Koften der Schönheit fich aufbliefen. Das Flötenfpiel mufste alfo damals grofse Anftrengungen verurfachen, denn es ift bekannt, dafs auch Alcibiades eine Antipathie gegen das Inftrument hatte, weil das Flötenfpiel das Geficht fo verunftaltet. So ift unfere moderne Flöte das unfchuldige Opfer der Phantafie geworden. Denn aus diefen Andeutungen, wie aus anderen Nachrichten geht hervor, dafs die fogenannte Flöte der Alten durch ein keffelartiges Mundftück angeblafen wurde und alfo mit dem Inftrumente, welches wir jetzt unter diefem Namen kennen, gar keine Aehnlichkeit haben konnte. In Wahrheit abėr ift wohl die Flöte aus der Schwegel, der Schweizer oder Querpfeife entstanden und wahrfcheinlich eine deutfche Erfindung und bei den Franzofen, wo fie fchon frühzeitig Eingang fand, zum Unterfchiede von der auch in Deutfchland bis in die Mitte des XV. Jahrhundertes in Gebrauch ſtehenden Schnabelflöte, flûte Allemande und in England German flûte genannt. An Alter ift ihr die aus der Schalmei hervorgegangene Oboë überlegen. Schon in den beiden erften Jahrzehnten des vorigen Jahrhundertes fehen wir die Technik an diefem Inftrumente bedeutend entwickelt, wie aus den Concerten Haendl's auf der Oboë hervorgeht. Ihr fcharfer, dabei keufcher und heller Ton hatte fie fchon frühzeitig fehr beliebt gemacht; fo äufsert Matthefon( Orchefter I. 268),„ fie käme nach der flûte Allemande der Menfchenftimme wohl am näheften, wenn fie manierlich und nach der Singart tractirt werde, wozu ein grofser Habitus und fonderlich die gantze Wiffenfchaft der Singekunft gehöret. Werden aber die Hautbois nicht auf das Allerdelicatefte angeblafen( es fei denn im Felde oder inter pocula, wo mans eben fo genau nicht nimmt), fo will ich lieber eine gute Maultrummel oder ein Kammftückchen davor hören und glaube, es werden ihrer mehr alfo verwehnet feyn". Und fo verhält es fich noch und die Oboë verlangt fowie das Fagot einen feinen, gewiegten Künftler, wenn fie ihre Reize entfalten foll, und zwifchen den Lippen eines nicht hinreichend gebildeten Spielers erklingt fie leicht bis zum Unleidlichen fcharf und rauh. Auch die Clarinette, das jüngfte unter diefen Inftrumenten, erfunden gegen Ende des XVII. Jahrhundertes von dem Nürnberger Flötenmacher Denner, dürfte als eine Variation der alten Schalmei aufzufaffen fein, obwohl fie fich durch eine weitere Bohrung und einen runden, üppigeren Ton von der Oboë, welch' letztere mittelft eines doppelten Rohrblattes, der fogenannten Röhre, intonirt wird, während das Mundftück der Clarinette nur ein, aber viel breiteres Blättchen enthält, unterfcheidet. Der Familie der letzteren gehört das Fagot an, eines der älteften unferer jetzt gebräuchlichen Orchefterinftrumente; es iſt aus dem Bombard, dem gewöhnlichen Bafspommer, welcher durch eine Röhre in Form eines S intonirt wurde, entftanden.
Auch bei diefen genannten Blasinftrumenten treten jene Unvollkommenheiten des Mechanismus, auf welche bereits hingewiefen wurde, jetzt noch ftark zu Tage, wenngleich die gröfsten Uebelftände befeitigt find. Die Hauptfchwierigkeit für den Spieler befteht darin, dafs er den Ton zum Anfchlag nicht vorfindet, fondern ihn fich gewiffermafsen künftlich fchaffen mufs. So ftehen manche Töne von Natur zu tief und müffen durch ftärkeres Anblafen ins richtige Verhältnifs gebracht werden, bei anderen findet das Gegentheil ftatt. Der Geigenfpieler befindet fich freilich in einer ähnlichen Lage, auch er mufs den Ton bilden; bei