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Dr. Carl Th. Richter.
und wir tragen feit dem Einzuge in das neue Gebäude den Wunfch in uns, dafs mit der Vergröfserung und Verherrlichung der Anftalt auch die Kraft in gleichem Mafse wachfe, zu nützen und zu entwickeln.
Oefterreich hat durch die Gründung und Ausbildung diefes Muſeums nicht nur für fich felbft, fondern für ganz Deutfchland die Ziele feftgefetzt, die zu erreichen, und die Mittel geordnet, durch welche diefelben erreicht werden können Deutfchland wird diefem Vorbilde nacheifern müffen und wird es jetzt auch können, nachdem es durch die grofsen Kriegsereigniffe der jüngften Ver. gangenheit fich von den franzöfifch- romanifchen Einflüffen auf kunftinduftriellem Gebiete befreit hat. Die Zeit der Belebung ift günftig, da Deutſchland durch die aus Frankreich vertriebenen deutfchen Arbeiter ein Heer von glücklichen Arbeitskräften gewonnen und durch ein auf dem Schlachtfelde errungenes Selbſtvertrauen auch feinen geiftigen Stolz gewonnen hat, auch die gröfsten Hinderniffe zu bewältigen und ein einmal gefetztes Ziel zu erreichen.
Und was haben diefe kühnen Schöpfungen des Geiftes, was hat insbefondere das Mufeum für Kunft und Induftrie in Wien erreicht? Man kann es mit voller Genugthuung fagen, dafs es eine Induftrie grofsgezogen hat, welche jeder Rivalität Stand zu halten geeignet ift, es hat Wien zu einem Mittelpunkte der Kunftinduftrie gemacht, der im Weltverkehre ebenfo wie der Wiener Gefchmack heute anerkannt ift, es hat mit feinen Bemühungen und Beftrebungen die Aufmerkfamkeit der übrigen Welt auf fich gezogen, es hat das Bewufstfein im ganzen Volke grofsgezogen, dafs nur Wiffen und Bildung, Kennen und Können die Kräfte der Arbeit glücklich erzieht und die Fähigkeit fchafft, im Kampfe um die Reichthümer der Erde glücklich zu beftehen. Endlich waren es diefe Beftrebungen, welche Oefterreich auf der Ausftellung des Jahres 1867 fo glänzend repräfentirten und welche zum grofsen Theile den Anfpruch reiften, die nächfte Weltausftellung in dem Weichbilde feiner Haupt- und Refidenzftadt zu fchaffen.
Das ift die jedem Gebildeten bewufste Gefchichte der Gefchmacksentwicklung der Kunftinduftrie, oder, wenn man will, der Mufeen feit den letzten zwei Jahrzehnten.
Niemand, auch nicht der verftocktefte Praktiker verkennt heute den Werth diefer Bewegung und der Satz, dafs Wiffen Macht ift, ift auch dem Gewerbetreibenden und Induftriellen für die Entwicklung in feinem Gewerbe und feiner Induftrie vollkommen klar geworden. Und diefes Bewufstfein, die klare und fichere Erkenntnifs von alledem, was Schulen und Mufeen für Gewerbe und Induftrie gethan haben und was fie noch nicht zu thun und zu fchaffen vermochten, hat die Gruppe XXII der Wiener Weltausftellung erzeugt, die Darftellung der Wirkfamkeit der Muſeen für Kunstgewerbe.
Wir find mit unferem Berichte zu Ende. Die Gruppe XXII wurde von keinem Staate beachtet und felbft von Oefterreich auch nicht ein Verfuch gemacht, diefelbe zu vertreten. Das Muſeum für Kunft und Induftrie hat in feinen eigenen Räumen diefe Wirkfamkeit der Muſeen in einer flüchtig zufammengerafften Ausftellung darzuftellen verfucht. Der Verfuch ift unferer Anficht nach vollſtändig mifslungen und die gewifs nicht beabfichtigte Concurrenz des Muſeums mit der Weltausftellung fpurlos vorüber gegangen. Kaum, dafs der erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in der Zeit vom 1. bis 4. September mit feiner reichen Beredfamkeit etwas Leben in die Räume brachte. Und doch hat das Programm der Generaldirection für die Gruppe XXII in einer Darftellung, in welcher die gelehrten Ausfprüche eines Max Müller und eine weitblickende Kenntnifs der Verhältniffe zu Hilfe genommen wurden, grofse Gefichtspunkte aufgeftellt und zu gleicher Zeit die Mittel angegeben, wie fie die Durchführung diefer Ausftellungsgruppe fich gedacht hat. Wie nirgends entwickelte fie auch hier die Fragen, welche der von ihr veranlafste erfte kunftwiffenfchaftliche Congrefs in Wien zu erörtern haben foll. Es ist wie erwähnt aufser diefem Congreffe nichts von den Hoffnungen der