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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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der Ausdruck des Affectes befchränkt fich zu fehr nur auf die Stellung und Bewe­gung, auf ,, Geberden, die man auch ſpielen könnte", und fällt eben dadurch ins Theatralifche, das fich mit jener äufserlichen, techniſch exacten Vollendung ganz wohl verträgt. Mehr wirklicher leidenfchaftlicher Gehalt fcheint in der Beichtftuhl. fcene Angeli's zu liegen; die Verzweiflung der händeringenden Bäuerin, die clericale Erbarmungslofigkeit des Paters find da, fo möchten wir beim ersten Blicke glauben, fehr eindringlich zur Anfchauung gebracht. Wenn wir aber näher zufehen, müffen wir hinzufügen: eindringlich wohl, aber zugleich mit einer fich vordrängenden Abficht. Der Geiftliche erfcheint uns, je genauer wir feine Züge ftudiren, wie ein Charakterfpieler, der feine Rolle chargirt fpielt. Es bekommt eben der Wiener Kunftrichtung nicht wohl das fehen wir gerade bei ihren namhafteren Repräfentanten wenn fie aus dem ruhigen finnlichen Behagen an der Erfcheinung, aus dem geniefsenden Anfchauen und Darftellen in die Schil­derung des Affectes übergeht; fie bleibt auch da finnlich und äufserlich und erfetzt durch grelle Züge das, was ihr an Tiefe und Energie mangelt.

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Jenes völlig ungetrübte, ruhige Behagen, den hellen, weltfreudigen Blick, der mit heiterer Objectivität ins Leben fieht und das frifch Angefchaute, unbe­fangen Wahrgenommene mit bewunderungswürdiger Farbenfrifche wiedergibt, befitzt in feltenem Mafse Ludwig Paffiny. Obgleich er derzeit dem Berliner Künftlerkreife angehört und feine herrlichen Aquarell- Meifterftücke theils der königlichen Nationalgallerie in Berlin angehören, theils fich fonft in Dresden oder in Berlin im Privatbefitz befinden, fo hat er fie doch, feiner Wiener Herkunft eingedenk, den öfterreichifchen Sälen als werthvolle Zierde zugedacht. Italien ift die Welt, in der Paffiny's beobachtendes Auge heimifch ift. Seine mannigfachen Volkstypen, feine Kinder auf der Strafse und in der Schule, feine Frauen und Pfaffen ftellt er unermüdlich vor den Pinfel, den er mit fo feiner und ficherer Meifterhand führt. Die weichere Natur des Wieners zieht es überhaupt nach dem Süden; er hat fich dort eine zweite Heimat für feine Genrekunft gefchaffen, und Venedig fcheint da das nächfte malerifche Abfteigquartier, wie etwa bei Rudolf Geyling, wenn nicht eine dauernde Niederlaffung zu fein, wie bei Eugen Blaas. Andere öfterreichifche Maler gehen in Italien zunächft nur auf colo­riftifche Abenteuer aus, wie etwa der oben befprochene Al. Schönn. Paffiny dagegen ift ebenfo bedeutender Colorift wie geiftvoller Beobachter; ja unter den Eroberungen, die die Kunft feit jeher am Leben gemacht hat, ift die feine eine der überraschendften und vollſtändigften und zugleich eine der liebenswürdigften. Es gibt keinen erfreulicheren Eindruck in der Kunft, als wenn ein Maler mit fo klarem Gemüth und Auge fich ganz in feinen Stoffkreis einlebt und fich fo einen malerifchen Fonds anlegt, aus dem er bei aller beftimmten Art der Geftaltung immer etwas Neues herauszufchöpfen vermag. Er fchildert uns das temperament­volle, leicht erregte, aber in feiner Erregbarkeit gutmüthige Volk Oberitaliens und Venedigs, das für den Beobachter von Wiener Herkunft, der doch auch Tempe­rament hat, fo manche verwandte Seite darbietet. Die Fifcher von der Riva dei

Schiavoni oder von Chioggia, die Jungen, die in der Chriftenlehre katechifirt werden, die Frauen, felbft aus der befferen Gefellfchaft, die fich von ihrem geift­lichen Berather einen Stachel aus ihrem wunden Gewiffen ziehen laffen, fie gehören Alle zu demfelben lenkfamen, beſtimmbaren, halbkindlichen Gefchlecht, für das fich Paffiny eine unvergleichliche malerifche Menfchenkenntnifs gebildet hat, und zur Vervollſtändigung gehören die Volksdeclamatoren und Vorlefer dazu, die ihr naives und empfängliches Auditorium mit mässigem Aufwande enthufias­miren, die Priefter geringeren oder höheren Ranges, die es klug lenken oder fchlau überliften. Wie prächtig ift der fenfationelle Erfolg gefchildert, den der Vorlefer in Chioggia vor feinem Publicum von Fiſchern und Schiffsknechten feiert. Die Volksfeele offenbart fich fo recht da, wo eine gemeinfame ftarke Erregung auf fie wirkt; in den fcharf individualifirten Gefichtern spiegelt fich der Eindruck auf die mannigfachfte Weife; es ift gar fchön zu fehen, wie in folchen Naturen, die