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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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malenswerth, was fich zu irgend einer Zeit in Ungarn zugetragen hat. M. Than, der in der Schule Rahl's etwas gelernt hat, macht wohl auch hier eine rühmliche Aus­nahme und hat in der That ein Gefühl für dasjenige, was der hiftorifche Stil be. deutet. Wenn wir uns jetzt zu den Polen zurückwenden, fo nimmt da freilich Jan Matejko eine durchaus eminente, eigenthümliche Stellung ein. Wir können ihn den malenden Epiker der vaterländifchen Gefchichte feines Volkes nennen; er hat dem hiftorifchen Leben desfelben wie Keiner auf den Puls gefühlt. Ohne alle formalen Stilrückfichten geht er direct auf den Gegenftand los und fafst ihn mit energifcher Hand; er ift der Charakteriſtiker oder, wenn ich fo fagen darf, der Phyfiognomiker der polnifchen Gefchichte und fieht den Königen, den Magnaten, den Staroften und den Pfaffen feines Vaterlandes auf Jahrhunderte zurück ſcharf ins Geficht, als ob fie leibhaftig vor ihm ftänden. Obgleich in leidenfchaftlicher Theilnahme, in Liebe wie im Schmerz ganz in dem Gegenftande befangen und dahingenommen, den er fchildert, völlig ein fubjectiver Parteimaler durch und durch hat er doch eine Schärfe und Beftimmtheit der Charakteriſtik, eine ganz aufsergewöhnliche Energie der Geftaltung, mit der er Menfchen und Vorgänge in faft beängftigender Nähe vor unfere Augen rückt. Er verräth uns die intimften Züge des polnifchen Volks­charakters und deutet ihn, legt uns ihn im Bilde aus, ohne es eben zu beab­fichtigen wir, die wir als ruhigere Befchauer vor jenen grofsen, figurenreichen Haupt- und Staatsactionen aus der polnifchen Gefchichte ftehen, fehen dann in diefen leidenfchaftlich unftäten oder unklar hinbrütenden Blicken, in diefen Stirnfalten und Gebärden den Schickfalszug, der durch die Erlebniffe des ganzen Volkes bis zu feinem ftaatlichen Ausgange hindurchzieht.

Etwas Dumpfes und Gebundenes, in der Intelligenz fowohl wie im Willen, geht durch jene Charaktertypen; man lieft es in ihren Mienen, wie bei dem Nationalhelden Stephan Bathory in der Scene mit den Gefandten Iwan des Graufamen heraus, dafs fie im entfcheidenden Augenblicke, felbft auf der Höhe glänzender Erfolge, nicht das Schlagwort des richtigen Entfchluffes in ihrer Bruft finden werden. Da tritt die fchlangenkluge Vermittlung, welche die Wirkung der That im letzten Moment abzufchwächen und zu fälfchen verfteht, fofort in ihr Gefchäft ein; fo hier der geiftvoll charakterifirte päpftliche Legat, der mit den feinen, fegnenden Diebsfingern fo gefchickt den Erfolg des Schwertes zum gröfs­ten Theile wieder zu entwenden weifs. In der That find eben diefelben Polen, die wie die Palatine, Magnaten und Landboten des Reichstages auf einem anderen Meifterbilde Matejko's, fich von der Predigt eines rhetorifchen Jefuiten, des Scarga, fo kinderweich zerknirfchen liefsen, gelegentlich der Ueberliftung eines diplomatifchen Jefuiten, wie jenes Antonio Poffevini, immer zugänglich ge­wefen. Die kirchliche Abhängigkeit, ein fo bezeichnender Zug in dem Staatsleben Polens tritt faft überall in den Bildern Matejko's heraus: fo auch in der, Union der Polen und Lithauer zu Lublin"( 1569), einem ceremoniellen Staatsact, der mit allem erdenklichen religiös theatralifchen Pomp in Scene gefetzt ift, wo die Verbindung des kirchlich- feierlichen mit einem naiven politifchen Pathos, das Weihevolle und Aufgeregte fo durcheinander gehend faft fchon einen kindifch barbarifchen Eindruck hervorrufen. Aber gerade in diefer charakteriftifchen Wiedergabe ift das grofe Gemälde durchaus meifterhaft, und das Feftliche der Situation gibt auch der Farbenpracht Matejko's den Anlafs, hier in ihrer vollen intenfiven Kraft fich zu zeigen, obgleich er die Technik hier noch nicht mit fo freier Meifterfchaft beherrfcht, wie auf feinem Bilde von Stephan Bathory. Auch als Colorift ift übrigens Matejko zunächft Charakteriſtiker; die Farbe, fo glänzend und kräftig fie bei ihm leuchtet, ift bei ihm Ausdrucksmittel, nicht eitel Selbft­zweck; fie gehört eben mit zur finnlichen Erfcheinung der an fich fo bunten, farbenprunkenden polnifchen Gefchichtswelt, die uns der Künſtler von innen und aufsen fo wahrheitsgetreu vorführt.

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In der Art, wie er feine Technik handhabt, zeigt fich wohl auch der kühne aber auch unruhige Zug feines echt nationalen künftlerifchen Naturells; fo bringt

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