Die Malerei,
27 Fauft bei den Bauern unter der Linde von Claudius Schraudolph j. in München; ,, Ueberfall Weifslingen's durch Götz von Berlichingen" von A. Wagner in München.
Die Lifte ift kaum noch vollſtändig. Wenn wir da eine Auslefe treffen, fo zeigen fich da die gemalten Opernmotive als die leerften und ungünftigften; fie haben den mindeſten geftaltbaren Fonds und fagen vielleicht defshalb den geftaltungsunfähigen Malern am meiften zu: fo insbefondere die aus dem breiten Mufikbrei Richard Wagner's herauffteigenden Figuren, auf die fich Th. Pixis geworfen hat. Aeufserlich am wirkfamften und wohl auch am meiften lebensfähig ift jene Form des Illuftrationsbildes, die völlig in der genreartigen Auffaffung aufgeht; Barth's Porzia und Baffanio" gehört hieher, ein Bild, das fich ganz in die Reihe des coloriftifch beliebten venetianifchen Coftumegenres ftellt. Als humo riftifche Genrefigur mufs immer wieder der dicke Ritter Sir John herhalten, der nicht nur felbft witzig war, fondern auch der verfchuldende Anlafs zahllofer Malerwitze wurde. Grützner's" Falftaff" hat da alle Eigenfchaften eines populären Genrebildes, und in der Charakteriſtik des Helden das richtige fchlemmerhafte Behagen, während die für die Beleibtheit des Ritters fo unbehagliche Wafchkorbsfcene bei Lindenfchmidt mehr mit geiftreichem Pinfel als mit vollem Humor vorgetragen ift. Zu einem altdeutfchen Genrebilde voll gemüthlichen Gehaltes und treffender Charakteriſtik wufste Schraudolph d. j. die Bauernfcene aus Fauft's Ofterfpaziergang zu beleben. Die Situation der Dichtung ift hier nur das anregende Motiv, das dann felbftftändig in malerifchem Sinne durchgebildet ift. Das, Gretchen" von Max ift eine gemalte Vifion, als folche freilich viel zu farbendeutlich und körperlich, aber immer von ergreifendem Eindrucke. Das Gefpenftige liegt da im Ausdruck dem krankhaft Gequälten ziemlich nahe. Diefes Gretchen ift in malerifchem Sinne ganz eine Schwefter jener blinden Chriftin an der Pforte der Katakomben, die der Maler ebenfalls ausgeftellt hat. Uebrigens durchfchritt die Geftalt Gretchens faft alle Säle der Kunfthalle; feit Ary Schefer hat fie es der Illuftrationsluft der Maler angethan.
Gabriel Max gefällt fich überhaupt in der Dämmerfphäre poetifcher Stim mungen, mag nun die Anregung dazu literarifch entlehnt oder eine felbftftändige Eingebung fein. Er träumt und dichtet gern, aber doch immer als Maler, und wenn feine Phantafien ganz ins Bild hineinwachfen und in ihm Körper und Farbe bekommen, kann man fie fich wohl gefallen laffen. Ein überreizter Zug der Empfindung, ein Pulsfchlag der Phantafie, der nicht ganz normal ift, zeigt fich wohl überall; er geht den Bildern des Schmerzes, der Sehnsucht, felbft der Luft auf eigenen Wegen nach und verwechfelt wohl das Ungewöhnliche und Frappante manchmal mit dem Bedeutenden. Das Letztere hat trotz der ungeheuren Diftanz mit dem Alltäglichen und Gewöhnlichen das gemein, dafs es ebenfo natürlich und felbftverständlich erfcheint, wenn es einmal in einem Kunftwerke erreicht und ausgefprochen ift. Gabriel Max ift ein Maler der krankhaften und überreizten Exiftenzen, des fahlen, matten Teints, ob er fchon von frommem Martyrium oder der ermüdeten, weltlichen Sünde herrührt. Seine geblendete Chriftin, fein Gretchen mit dem Blutftreifen um den Hals, die junge, frühverblühte Dame von fehr zweifelhaftem Rufe, die nach dem Balle entkleidet im fahlen Frühdämmerfchein auf dem Bette fitzt, gehören der malerifchen Grundftimmung nach in dasfelbe Gefchlecht; krank find fie eben Alle. Auch fein ,, Mädchen im Frühlingsgrün" ift nicht gefund und felbft der Mai, der fie fproffend umgibt, fcheint uns hektiſch angehaucht zu fein. Max ift ein bedeutendes, ernft ftrebendes Talent, aber die höchfte Göttergunft der Begabung, die freiathmende Gefundheit fcheint ihm nicht
verliehen zu fein.
Die deutfche Kunft fcheint fich deffen bewufst zu fein, dafs fie der fortgefetzten Auffrifchung durch das Volksleben bedarf. Sie begibt fich auf das Land, wenn fie das Bedürfnifs der gründlichen Genefung fo recht dringend fühlt. Was die Dorfgefchichte in unferer Literatur, das ift das Bauerngenre in der modernen