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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

Bedenken, die man gegen fie erheben mufs, Eines mit den beften Kunftzeiten gemein: fie befitzt das richtige Gleichgewicht zwifchen künftlerischer Abficht und techniſchem Vermögen, fie hat für ihre Intentionen die richtigen malerifchen Ausdrucksmittel, und fie kennt überhaupt, wenigftens der Regel nach, keine anderen Intentionen, als folche, die malerifch auszudrücken find.

Diefs ift es, was die Franzofen im Augenblicke noch immer als das erfte Kunftvolk der Gegenwart erfcheinen läfst, obgleich ihre Leiftungen von der Ver derbnifs ihres Gefellſchaftslebens fehr deutlich fignirt find. Wir haben in Deutſch­land, und auch nicht mehr im letzten Moment, einzelne genialere Künftler, als fie die Franzofen aufweifen können; bei uns ift der Werth des Individuums für das künftlerifche Schaffen zu erfragen, was aber die umfaffende Kunftübung, die lebensvolle Ausbreitung der Schuleinflüffe bedeutet, das zeigt fich nur fo ganz in Frankreich. Dazu kommt der Vortheil gewiffer nationaler Eigenfchaften, die leicht in den malerifchen Ausdruck übergehen: die Grazie, das Pathos, der Affect, die fich lebhaft und gleichfam mit einer gewiffen finnlichen Fertigkeit äussern, die Seelenbewegungen, die nicht innerlich gebunden find und rafch und bezeichnend fich der Bewegung und Stellung mittheilen. Hat auch Alles diefes einen über­reizten Zufatz, jenen eigenthümlichen modernen Charakter, in dem die Berech­nung des Effectes mitinbegriffen ift, fo darf man doch den fpecififch künft­lerifchen Werth davon nicht unterfchätzen. Man darf fich mit einem Worte durch dasjenige, was uns an der franzöfifchen Malerei aus ethifchen Gründen oder aus folchen der verfchiedenen nationalen Empfindungsweife heterogen oder wohl auch abftoffend erfcheinen mag, nicht im objectiven Kunfturtheil als folchem beirren laffen.

Ich berührte früher die Schuleinflüffe, die aus der letzten Zeit des Auf­fchwunges der franzöfifchen Malerei fehr ftark und nachdrücklich bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt herüberwirken. Es ift diefs ein befonders wichtiges Moment zum Verſtändnifs des franzöfifchen Kunftlebens. Unfere bedeutendften deutfchen Meifter, welche die Kunft am tiefften durchdachten und durchempfanden, finden wir bald in freiwilliger und wohl auch unfreiwilliger Ifolirung; fo wie fie fich fchwer dazu entfchloffen, vom Malergerüfte zur Staffelei herabzufteigen, fo wurde es um fie herum bald ftille in ihren Ateliers. In unferen Tagen gibt fo ziem lich nur die Schule Piloty's in München einen Mittel- oder Durchgangspunkt für gewiffe Kunftbeftrebungen ab. Im Uebrigen hat die deutfche Kunft weniger ihre ftetigen Lehrjahre, als ihre experimentirenden Wanderjahre mit wechfelnden Verfuchsftationen. Hie und da fpringt ein frifcher Quell in der deutfchen Kunft hervor, zeigt fich in der Nähe feines Urfprungs als ein gar munteres Gebirgswaffer, aber er bildet in feinem weiteren Laufe kein tieferes Rinnfal und nimmt nur wenig von den benachbarten Zuflüffen in fich auf. Der deutfche Particularismus und Individualismus in der Kunft( der von der energifch ausgeprägten Individualität wohl unterſchieden werden mufs, denn diefe fammelt, wo jener zerftreut) zeigt ſich vornehmlich darin, dafs fo wenige Ateliers einen entfcheidenden und weithin fichtbaren Einfluss ausüben.

Die officiellen Meifterfchulen an den Akademien und das Kunftprofefforen­thum bieten keinen Erfatz für die Schule, die fich durch fpontane Anziehungs­kraft bildet. Auch der bedeutendfte Meifter wirkt nicht mehr im rechten leben­digen Sinne, wenn er nur als beftallte Lehrkraft" zu wirken hat.

In Frankreich theilt fich das Kunfleben nach grofsen und breiten Strö mungen, die von namhaften Meiftern ausgehen. Der Strom trübt fich in feinem weiteren Laufe; er ift dann in weniger reinliche Ufer gefafst, aber fein Bett ift breit und voll. Die Originalität der hervorragendften Künftler zog fich da nicht auf fich felbft zurück, fondern wirkte triebkräftig nach Aufsen; fie fchuf neue überraschende Auslegungen des Begriffs der nationalen Kunft, fie wirkte mit der vollen Ueberredungskraft neuer glänzender Manieren, und was fo in die Welt hinaustritt, fchafft fich immer in ihr Raum und gewinnt lebendigen Einfluss.