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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

Darftellung des Nackten mit ihrem gefuchteren finnlichen Reiz. Wir konnten auf dem, Triumph Flora's" von Cabanel feine gefallenen weiblichen Engel durch die frühlingshellen Lüfte jubiliren und in reizendem Reigen in die Höhe fchweben fehen, während gegenüber der düftere Wiertz die gefallenen Engel männlichen Gefchlechtes mit biblifch ftrenger Unerbittlichkeit in den flammenden Abgrund ftürzte. Wir konnten weiter die entkleideten Halbweltideale der modernen fran­zöfifchen Malerei in den verfchiedenften finnlich herausfordernden Stellungen zumeist in jener der Venus Anadyomene" von Cabanel abgelaufchten Lieblings­Attitüde mit dem fchwimmenden Blicke, der weichlichen Schlaffheit der Glieder und der heftig gewölbten Wellenlinie der einen Hüfte, immer und immer fchauen und wieder fchauen. Auch die keufche Sufanne, die Jean Jacques Henner fchon 1864 aus Rom eingefchickt, ftieg abermals vor unferen Augen aus dem Bade, um ihre Reize auch vor dem Wiener Weltausftellungs- Publicum zu ent hüllen, und jene nackte Schläferin Antigna's, eines Schülers von Delaroche, über der eine braunrothe Teufelsfratze hockt und den fpitzen Arm in ihr weiches fchwellendes Fleiſch ſtemmt jenes feltfame Un Cauchemar" benannte Bild aus dem Parifer Salon von 1866 hatte fich gleichfalls bei uns eingefunden. Endlich kamen wir wieder unter angekleidete Menfchen und zu jenen Malern, die das Sittenbild in der modern- realiftifchen Richtung vertreten. Aus den Boudoirs, wo hinter feidenen Vorhängen mit halbverfchloffenen Augen die lüfterne Sinnlichkeit laufcht, geleiteten uns die Socialiften des Pinfels, die Darfteller der niederen Volksclaffen, in die Manfarden, welche die Armuth bewohnt. Das Eine ftellte fich als Raffinement dar wie das Andere und Beides erwies fich als echt franzöfifch, die fexuelle wie die focialiftifche Malerei, die forcirte Sinnenluft wie das forcirte Elend. Auch hier begegneten wir wieder demfelben Antigna, deffen Scene aus einer Feuersbrunft" wohl das Bild von 1850 im Luxembourg fein dürfte. Aus der Enge der Strafsen, aus den dunftigen Wohnungen des Proletariats führte uns zuletzt Jules Ad. Breton hinaus ins Freie in feine fo ftimmungsvollen und malerifchen Bauernidyllen aus Artois, über die fich bald warmer Mittagsfonnen­glanz, bald weicher Dämmerungsfchein verbreitet, um uns da auch wieder in feiner Segnung der Felder" von 1857 und in den Aehrenleferinen" von 1859 die früheren Zeugniffe feiner erften Erfolge vorzuführen. Zwifchendurch konnten wir, um uns durch die Einkehr in den Naturfrieden von den ftachelnden und erregenden Eindrücken vollends zu erhohlen, vor dem prachtvoll normannifchen Weidevieh Troyon's verweilen oder unter den Eichengruppen Theodor Rouffeau's in feinen fchönen Waldpartien von Fontainebleau uns finnend ergehen. Diefe beiden berühmten Todten waren gar wackere und emfige Aus­fteller. Troyon( geftorben 1865) war mit nicht weniger als 12 Bildern( Katalog Nr. 614 bis 625), Rouffeau( geftorben 1867) mit 9 Bildern( Katalog Nr. 565 bis 573) vertreten.

Diefe Werke der älteren Meifter, mit denen man die Ausstellung fo reich lich ftaffirte, brachten allerdings Haltung und erhöhte Bedeutung in diefelbe und gaben auch Gelegenheit, den Zufammenhang der neueften Production mit der unmittelbar vorangegangenen prüfend zu verfolgen. Je mehr wir uns dem gegen wärtigen Zeitpunkte nähern, defto bedenklicher wird freilich ein entfcheidendes Symptom: es ift das offenbare Mifsverhältnifs der zunehmenden Gewandtheit und Verve im Machwerk zu dem inneren künftlerifchen Gehalt, der gleichmässig im Sinken begriffen ift. Die Malerei, wie es jetzt in Frankreich um fie fteht, ift eine technisch glänzend eingefchulte Kunft, der aber die Gefinnung und das Ideal, die felbftſtändige künftlerifche Ueberzeugung faft gänzlich abhanden gekommen. Daher auch das willkürliche Umhertaften nach Gegenständen der Darstellung, bei deren Wahl zuletzt nur die Speculation, nicht ein inneres Bedürfnifs, am wenigften die fchon obfolet gewordene Begeisterung entfcheiden; daher auch oft die Rathlofig keit in diefer Richtung, da man doch nicht immer wieder die beliebten Halbwelt. ideale ohne jeden plaufiblen Vorwand zu reproduciren vermag.