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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Dr. Jofef Bayer.

Abgang gewinnt; im Uebrigen ein ausdruckvoll und energifch concipirtes Bild. Michel Dumas fteht mit feiner Verfuchung Chrifti"( Nr. 219) noch innerhalb der Schranken der Ingres'fchen Schule, ohne doch ihren vollen Inhalt aufgenom men zu haben. Dem Compofitionsfchema, dem eintönigen Colorit fehlt bei allem formalen Sinne für das Bedeutfame des Gegenftandes die individuelle Seele. Jean Gigoux, der allenthalben herummalende franzöfifche Eklektiker, der in der nackten Geftaltenwelt der Mythologie heimifcher ift, als in den erbaulichen Stoffen des Evangeliums, ftellte gleichwohl neben feiner Galathea" und fterbenden Cleopatra" auch einen barmherzigen Samaritaner"( Nr. 287) aus. Ein zweiter von Theodule Ribot( 549) übt das Werk der Barmherzigkeit an einem Wanderer, der als verkürzte Actfigur behandelt ift. Eugène Leygue, ein Schüler Delacroix's, brachte eine Samaritanerin"( Nr. 452), doch ziemlich entfernt von der genialen Manier des Meifters; von dem älteren Charles Lefébvre( Nr. 420 und 421) fahen wir eine Erziehung der heiligen Jungfrau" und eine Magdalena", die letztere natürlich eine echt franzöfifche Büfserin. Auch Cabanel ftellte etwas Religiöfes aus, einen Johannes Baptifta; malerifch eine glücklich wirkende Figur, doch ohne befondere Empfindung. Legendarifche Stoffe brachten de Conninck, Douillard, le Camus Duval, Merfon, Jean Nemo z; für manche diefer Darftellungen, z. B. die ,,, Vogelpredigt des heiligen Franz von Aflifi" von L. Pros per Roux, dem trefflichen Schüler von Delaroche, fehlt freilich uns modernen Menfchen nachgerade die nöthige Einfalt des Herzens, um da ganz ernsthaft in den Sinn der Legende einzugehen. Unter den verfchiedenen Heiligen, welche fich mitten unter das nackte Frauenvolk und die fonftige frivole Bildernachbar­fchaft der Ausftellung hineingewagt haben, find die beiden hei.igen Einfiedler St. Paul und St. Anton, dann der St. Severinus von Eugène Thirion( Nr. 600 und 601) die bedeutendften und ftilmäfsigften, auch im Colorit breit und ernft gehalten.

Beinahe nur fcherzweife erwähne ich in diefem Zufammenhange das präch tige Bild ,, La tentation"( Nr. 643) von G. Vibert. Eigentlich follte es nicht in einem Zuge nach fo ernfthaft gemeinten Heiligenbildern genannt werden; denn faft macht es den Eindruck einer parodirten Legende. Wenn die Verfuchung des heiligen Antonius fchon von den Niederländern her auch für die Einbildungskraft der Maler eine Verfuchung war, ins Wüftabenteu­erliche oder Grellfinnliche zu gehen, fo regt fich bei Vibert diefem Stoffe gegenüber der Schäker. Er gibt der Legende eine pikante moderne Nu­ance; frivole Carnevalsmasken fetzen mit Weinbechern und neckendem Spotte dem geängftigten Mönche zu, der fich vor diefem phantasmagorifchen Befuche aus dem Ball der grofsen Oper, der ihn in feiner Zelle überfällt, in fein Gebet hinein­flüchtet, um finnliche Brunft durch andächtige Inbrunft niederzukämpfen. Wenn wir nun wieder ganz ins ascetifche Chriftenthum zurück wollen, fo finden wir uns bei Alph. Maraton's", betendem Mönch" und", Philipp II., der im Escurial Reli quien betrachtet" gerade am rechten Orte. Beide Bilder( Nr. 510, 511) haben bei namhaftem künftlerifchen Verdienft jenen Zug unangenehmer, pfäffifch- tendentiöfer Bigotterie, von der man in der modernen Kunft ab und zu eine neue Auflage zu machen verfucht. Georges Becker's, Witwe des Märtyrers"( Nr. 27) fchlägt wieder in die fentimentale Religiofität hinüber, in jene chriftlich- melodramatifche Stimmung, die aus den Katakomben, an den Märtyrergräbern und ihren theil weife fehr unorthographifchen Infchriften melancholifche Nahrung fchürft. Uebri gens ift Becker ein Schüler Gérôme's; feine Chriftenwitwen find alfo in der Ateliernachbarfchaft von türkifchen Almehs und nackten Hetären aufgewachſen. Das Raffinement in der Kunft grenzt immer zufammen, liege es nun auf der welt­

lichen oder der religiöfen Seite.

Einmal fieht uns die franzöfifche Malerei mit dem lüfternen Hetärenblicke an, das andere Mal zeigt fie uns das bethränte Magdalenenauge; jetzt entblöfst fie herausfordernd den üppigen Leib, dann kafteit fie wieder das finnliche Fleiſch.