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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Die Malerei.

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Technik ein höheres Ziel wies, fo geht die Genremalerei dort grofsentheils in dem technifchen Ziele auf. Sie ift zunächft eine Domäne der malerifchen Ge­fchicklichkeit.

Die bedeutenden Ausnahmen hievon find meift von älterem Datum. Nur feltener erhebt fich das Genre zu einem inhaltsreicheren Situationsbild, das durch Energie und humoriftifche Schärfe der Charakteriſtik oder durch Ernft des Gefühles, durch ftimmungsvolle Haltung über die gewöhnlichere Behandlung diefer Gattung hinausginge. Das vorzügliche Bild von Jofef Lies, Der Feind naht, ift eben nicht mehr das Werk eines lebenden Meifters. Franz Vinck's ,, Einzug eines Schützenkönigs" übertrug die achaifirende Manier des Henri Leys mit grofsem Gefchicke auf eine heitere Epifode des guten altniederländifchen Bürgerlebens. Gegenüber diefen hellen farbigen Bildern breitet fich ein tiefer Ernft über Conftantin Meunier's ,, Begräbnifs eines Trappiften" aus. Die Stim­mung diefes Bildes ift in malerifchem wie in poetifchem Sinne gleich bedeutfam. Intereffant ift es, die Belgier fich einmal auch zur Allegorie rückwenden zu fehen, in welcher einft die flandrifche Kunft fich fo vielfach erging. Man weifs, wie fiegreich das üppige Fleiſch von Rubens auch in diefes abftracte Kunftgebiet eindrang. So kühn geht Eugen Smits in feinem Gang der Jahreszeiten" aller dings nicht ins Zeug; gleichwohl weht uns aus diefem edel componirten Bilde, was Umriffe und Stellung der Figuren, ja auch die coloriftifche Haltung betrifft, fo ein Hauch aus dem XVII. Jahrhunderte der flandrifchen Kunft an. Wenn auch nicht an das Gröfste, fo gemahnt uns das Bild doch an das Gute jener Zeit.

Die religiöfe Hiftorie ift durch eine fehr würdig gehaltene Mater dolorofa von Meunier ziemlich vereinzelt vertreten; wo bringt fonft Belgien feinen vielen Katholicismus in der Kunft unter? Wie Anton Jofef Wiertz in feiner ungeheue­ren Leinwand den Engelfturz darftellt und die biblifche Mythe nach feiner Weife ins ungeheuerlich Phantaftifche emportreibt, fteht diefem Berichte nicht an, weiter auseinanderzufetzen. Es war wohl lehrreich, jenes riefige Gemälde und die Photo­graphienfammlung nach den Hauptwerken von Wiertz auf unferer Weltausftel­lung zu finden übrigens gehört aber die nähere Beleuchtung diefes bereits 1863 verftorbenen Malers, der fich felbft eigenfinnig weit ab vom Wege ftellte und bei dem Genialität und mit Methode betriebener Wahnfinn hart aneinander grenzen, fchon völlig der Kunftgefchichte an.

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Sowie die belgiſche Gefchichtsmalerei fich an der porträtartigen Auffaffung kräftigt und von ihr Beftimmtheit und Lebensfülle leiht, fo erhebt fich das Por­trät felbft in fo vornehmer Nachbarfchaft zu einer edleren und bedeutfameren Gattung. Das Erbe und der Kunftfegen der alten flanderifchen Maler fcheint da noch immer nachzuwirken; wenn uns auch bei Gallait in dem Porträt des Staatsminifters Dumortier und jenem des Herrn Saint Paul de Sinçay ganz moderne Menfchen entgegentreten, fo find fie doch mit jener malerifchen Beob­achtungsgabe erfafst, die fich in Flandern und Holland von Van Dyk, Frans Hals etc., wenn auch mit fehr veränderter Technik bis heute in gerader Linie ver­erbt zu haben fcheint. Noch immer find die hervorragenden Belgier die Maler des Individuellen, aber mehr in feiner ruhigen Erfcheinung, als in feiner activen Aeufserung; daher der eminente Beruf zum Porträt. Hinter den Franzofen mögen fie hierin an Verve und geiftreich kühner Behandlung, nicht aber an beftimmter Kraft der Individualifirung zurückſtehen; die Perfönlichkeit tritt klar und voll aus dem Bilde in felbftredender Gegenwart. Alexander Robert's Porträt des dänifchen Malers Hägelftein, de Keyfer's Porträt des Sir John Murray Naesmyth und andere wären unter den wenigen, aber trefflichen Bildniffen in den belgifchen

Sälen da zunächft zu nennen.

In der Landfchaft der Belgier ift es auch wieder die Technik in beffe­rem Sinne, welche die Wirkung meiftens entfcheidet. Ein klarer und fcharfer Sinn für locale Motive und Naturerfcheinungen, die bei ihrer nicht allzugrofsen Mannigfaltigkeit um fo genauer ftudirt werden können- ftatt der eigentlichen