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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Die Malerei.

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ftrenger häuslicher Kunftzucht und im feften Glauben an die hohen italienifchen Vorbilder aufgewachſener Deutfcher Raphael Mengs, nach Italien, um die allerletzte Nachlefe des Eklekticismus zu halten, die letzten noch übrigen Halme vom Rande des Feldes abzulefen und als Fremder jene Kunftzeit, die fchon den Einheimifchen fremd zu werden begann, hiftorifch abzufchliefsen. Es täufcht und beirrt zwar bei einem noch lebenden und thätig wirkenden Volke, das fogar nach anderer Seite einen neuen vielverfprechenden Auffchwung nimmt, von einer grofsen Kunft aus noch ziemlich naher Vergangenheit reden zu hören, die ganz hiftorifch fertig fein foll, ohne mit dem Volke, das fie erzeugt hat, gleichmäfsig wieder fort- und auf­zuleben. Und doch ift es nicht anders. Die Malerei der italienifchen Renaiffance ift ebenso eine gefchichtlich abgefchloffene Kunftwelt, wo nichts mehr hinzu noch hinweg zu thun ift, wie es in ähnlicher Weife die in der Zeit uns fo fern­ftehende claffifche Sculptur des Alterthums ift. Mit folchen ganz fertigen grofsen Epochen gibt es keinen anderen Zufammenhang, als jenen, den man felbft auf­fucht, den der Studien. Diefe find rein eine Angelegenheit des perfönlichen Bildungsganges; der allgemeine Kunftzuftand im Grofsen und Ganzen kann nicht lediglich das Gepräge folcher Studien tragen. Was der kunftbegabte Nachbar im Augenblicke malt und wie er es malt, wirkt da ganz ungleich entfcheidender, als was der grofse Vorfahr, fogar bei einem Volke vom älteften Kunftadel gefchaffen haben mag. Denn noch einmal: die Gefammtproduction kann nur von unmittel­baren, lebendigen Anregungen leben; fie mufs directe Einflüffe und Impulfe er­erfahren, fo fehr es dem Einzelnen für feine Kunftbildung auch frommen mag, auf eine gewiffe Strecke weit den hiftorifchen Weg einzufchlagen und in die Schule der älteren Vorbilder zu gehen.

Diefs Alles nun vorausgefetzt, wie fteht es da um die moderne italienifche Malerei? Was ift ihr bezeichnender Charakter, wenn fie nicht an die eigene Renaiffance anknüpft und doch dabei echt italienifch, wirklich national fein foll? Es ift eben eine ganz junge, aus den Bedingungen der Gegenwart neu heraus­gewachfene Kunft, nur bedingt originell, und diefs mehr in der Auffaffungsweife gewiffer nationaler Stoffe und in dem allenthalben durchbrechenden italienifchen Naturell, als in der künftlerifchen Behandlungsweile felbft, worin viel des An­gelernten, ja felbft des flüchtig Abgeguckten unterlaufen mag; eine Kunft voll unruhigen juvenilen Drangs fo zwar, dafs diefe Gährung kaum anders verlaufen könnte, wenn man dort in neuerer Zeit ganz von vorne angefangen und nicht large glorreiche Jahrhunderte voll der höchften Thaten des künftlerifchen Schaffens hinter fich hätte. Wo hätte fich auch da zunächft anknüpfen laffen? Jene claffi­ciftifche Richtung, dem Bonaparteftil Jacques L.David's verwandt, welche in Mailand bei Andrea Appiani, in Florenz bei P. Benvenuti, in Rom bei Vincenzo Camuccini ihre vornehm kühle, malerifche Phrafeologie ausbildete, die fo bis in die dreifsiger Jahre nachhielt: fie war durch die rafcheren Pulfe unferer Zeit über­holt, die abfolut keinen Formalismus, kein akademifches Wefen mehr verträgt. Frifche Anregungen gingen in neuerer Zeit von Oberitalien aus; wieder war es das farbenfreudige Venedig, dann Mailand ein wichtiger Vorort neuitalieniſcher Kunft, wo von Franco Hayez, von feinen Schülern Domenico und Gugl. Induno für den Sieg des Realismus und der wärmeren coloriftifchen Behandlung tapfer gewirkt wurde. Nun malte man fich in die kleineren, dem Leben näher ftehenden Gattungen ein: man ftudirte die Strafse und ihre Gruppen, man bildete fich ein da kam dem Italiener über Nacht das Zeitereignifs und die politifche Wendung feiner nationalen Zustände ins Haus und die Morgenfonne der neuen Epoche fchien auch den Malern in ihre Ateliers, direct auf ihre Lein­wanden, die nun mit einem Male in gröfserem Format befchafft werden mussten. diefs kaum zur Abklärung der italienifchen Kunftzuftände bei, ja es ftörte geradezu ihre normale Entwicklung.

Genrefach aus

Es trug

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Der moderne Italiener hält fich nun auch mit dem Pinfel in der Hand feinem politifch- nationalen Pathos verpflichtet und macht fich demgemäss an Stoffe, die

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