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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
Entstehung
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Die Sculptur.

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bildung der Form; befonders des letzteren Spartacus" war von grofsartiger Wir­kung und die Geftalt des Jünglings in Bezug auf Anatomie ein Meiſterſtück. Dieudonné's verlorenes Paradies"- Eva, die Schuldbeladene, finkt Adam mit thränenfchwangeren Augen in die Arme, während zu ihren Füfsen zwei Kinder mit dem verhängnifsvollen Apfel fpielen- baute fich als Gruppe in fchönen Linien auf, erinnerte aber in den Formen lebhaft an die antikifirende Richtung Bofio's. Dasfelbe wäre Millet's ,, Mercur" nachzufagen, obfchon diefer Künftler als Schüler David's im Uebrigen weniger den Idealiften angehört.

Als äufserft anmuthige und lebensvolle Figur ift aus diefem Saale noch Cailles ,, Bacchus"( Bronce), der mit einer emporgehaltenen Traube einen jungen Tiger neckt, zu erwähnen. Bei folchen heiteren, harmlofen Vorwürfen kommt es denn freilich vorzugsweife auf die virtuofe, elegante Mache an, der wir bei den franzöfifchen Bildnern durch die Reihe begegnen; wahre Bravourftücke befon. ders in Bronce waren in den eigentlichen Sälen der franzöfifchen Kunft zu finden, die wir denn in flüchtigem Gange durchwandern wollen.

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Lequesne's Nègre romain" mit Souvenirs vom Bacchusfefte( laufend dar­geftellt) erinnerte in der lebendigen, charaktervollen Auffaffung und in der breiten, ficheren Behandlung der Musculatur lebhaft an den borghe fifchen Fechter; trotz­dem die Figur im Ganzen genommen nur ein groteskes Genreftück genannt werden mufste, war fie durch die technifchen Vorzüge von fchöner plaftifcher Wirkung.

Das harmonifche Ineinandergreifen der Formen über dem feften Knochen­bau und vor Allem der Ausdruck des pulfirenden Lebens im äufseren Relief gaben diefer und in gleich hohem Grade der Statue von C. Bourgeois, dem ,, Schlangenbändiger", jenen hohen Reiz, welchen ftets die Wahrheit der Darftel­lung auf das Auge auszuüben vermag. Ein Neger tanzt vor einer kleinen Schlange und feffelt das Thier durch die Töne feiner Flöte; zugleich aber übt er die Dreffur mit einem Stäbchen in feiner Linken. Das Balanciren der Geftalt in der tanzenden Bewegung hatte der Künftler in eminenter Weife für die Schönheit der Linien ausgebeutet, was bei der mufterhaften Ausführung den höchften Effect erzielte. In graciöfer Auffaffung wetteiferte mit den genannten Geftalten auch E. Dela­planche's ,, Knabe auf der Schildkröte"; das Motiv wurde feit Rud e's" Neapoli­tanifcher Fifcherknabe"( Muſeum Luxemburg) von verfchiedenen Künftlern wieder­holt. Delaplanche läfst den Knaben auf dem Rücken des Thieres balanciren, welches fich vergebens abmüht, mit feiner ungewohnten Laft weiter zu kommen. Wie felten verirren fich doch die deutfchen Plaſtiker zu ähnlichen, naiven, aber ihre Wirkung nie verfehlenden Vorwürfen! Das plaftifche Genre bewegt fich bei den Franzofen durchwegs in der Sphäre des Anmuthigen und bewahrt bei der würdevollen, idealen Auffaffung dennoch ftets den Reiz der Natur. Wie fehr die Plaftik fogenannte malerifche Elemente in fich aufnehmen kann, ohne ihre beding­ten Tendenzen zu gefährden, hat wohl P. Dubois am eklatanteften in feinen Bronceftatuen gezeigt. Wer kennt nicht feinen Florentiner Sänger"? Das reizende Figürchen gehörte wieder zu den Perlen der Ausftellung; auch fein weltbekannter " Johannes" begegnete uns wieder. Minder glücklich war diefsmal der Künftler in feiner Marmorftatue ,, Narcifs", wie überhaupt das Sentimentale fich mit der fran­zöfifchen Kunft fo wenig vereinbart, als der ganze Charakter der Nation dazu inclinirt. Geiftreich in der Nonchalance und al fresco im Affect, ift die Devife; feine Nuancen des Seelenlebens in der Ruhe wiederzugeben, liegt ihrer bilden­den Kunft fo ferne wie der Poefie.

Als reizendes Figürchen, das durch die Wahrheit in der Bewegung zu dem Anziehendften der Ausftellung gehörte, ift hier auch J. Blanchard's Jeune Équilibrifte" zu erwähnen; die jugendlichen Formen waren mit dem feinften Ver­ftändniffe behandelt. Blanchard ift ein Schüler Jouffrois, des auf die jüngere Künftlergeneration vielleicht eiuflufsreichften Meifters der Gegenwart, und zeichnen fich alle feine Werke befonders durch feines Gefühl und lebensvolle charakteriſti­

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