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Bildende Kunst der Gegenwart : (Gruppe XXV) ; Bericht / von Josef Bayer und Josef Langl
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Jofef Langl.

Diefelbe Vollendung in technifcher Hinficht zeigte uns der Künftler auch an feiner Afrikanerin"; fo realiftifch die Formen gehalten waren, fo fchön waren fie auch.

Ein ganz fonderbares Effectftück hatte Grilla in feiner lefenden Blinden" gebracht: das arme unglückliche Wefen taftete mit den Fingern in einem Buche mit erhabenen Lettern, und dem Befchauer blieb es überlaffen, das Bild fich aus. zumalen, wozu ihr ftarres Antlitz die Folie bot.inques ishlo

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Von den Römern hatte Maffini in feiner Fabiola" ein Meifterftück in der Drapirung geliefert; wie überhaupt in der ganzen Geftalt die Natur fozufagen abgefchrieben erfchien. Bottinelli's ,, Eitelkeit", Rofetti's, Naivetät, die Quelle der Liebe" etc., fowie Rondoni's" Bacchantin" waren anmuthige Ge­ftalten, bei denen die Formen fich zumeift an die ideale Richtung hielten. Anfiglioni's Sculpturen gingen nur auf technifche Bravour aus; viel mehr war an ihnen nicht zu bewundern. Zur Erinnerung an Monti's" Traum der Freude" brachte er neben Anderem auch eine ganz verfchleierte fchwebende Geftalt als Flora". Die blinde Nidia", Blumen pflückend, von Dinotti, mufs wohl als unplaftifches Motiv bezeichnet werden, war aber durch die reizvolle Behandlung des Details von anfprechender Wirkung.

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Es dürfte das Angeführte für die Charakteriſtik der gegenwärtigen italie­nifchen Sculptur genügen; denn, was fich unter den nahe 300 ausgeftellten Wer­ken Weiteres vorfand, war weniger bedeutend und fchlofs fich der einen oder anderen der localen Richtungen an, die übrigens, wie aus dem Gefchilderten erfichtlich fein mag, unter fich nur geringe Unterfchiede zeigen.

Die Sculpturen der übrigen Staaten.

Den befprochenen Grofsmächten der Kunft gegenüber bot die Plaftik der anderen Staaten keine auffallenden Sonderheiten in Bezug auf die allgemeinen Beftrebungen. Die Künftler erhalten ja ausfchliefslich ihre Ausbildung auf deut­fchem, franzöfifchem oder italienifchem Boden, und ift es begreiflich, dafs fie fich in ihren Productionen je den betreffenden Schulen anfchliefsen. Vielfach ift es denn auch die nationale Verwandtfchaft mit einer diefer drei Hauptvölkerfchaf­ten, dafs die Künftler fchon von Haufe aus ähnlichen Tendenzen ergeben find. So finden wir beiſpielsweife in der Schweiz die deutfche, franzöfifche und italienifche Richtung vertreten; Belgien hält fich an Frankreich, England an Italien, Rufsland an Deutfchland und Italien etc. Nur die Künftler Dänemarks correfpondiren feit Thorwaldfen direct mit dem alten Griechenland; wie auch die modernen Bildner diefes einftigen Kunftlandes noch Reflexe des goldenen Zeit­alters zur Erfcheinung zu bringen fuchen. Griechenland hatte Sculpturen aus dem Alterthume und der neueften Zeit auf der Ausftellung repräfentirt; die Ueberrefte von den Bauten der Akropolis und Anderes aus Attica wurden in Gypsabgüffen vorgeführt, an denen freilich das Gros des Weltausftellungs- Publicums mit gerin gem Intereffe vorübereilte; höchftens zogen hie und da die Photographien des ehrwürdigen Burgfelfens einen Philhellenen an, die Gedanken in der Vergangen heit fchweifen zu laffen doch wie wenige waren diefs!

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Als der begabtefte unter den Bildnern der Gegenwart, die in Attica ihre Werkstätte haben, ift Leonidas Droffis hier anzuführen. Seine Werke, die in bedeutender Anzahl auf der Ausftellung erfchienen waren, lehnen fich unmittel­bar an die alten Vorbilder an und find durchwegs vom edelften Geifte getragen. Glücklicher ift der Künftler jedoch in Einzelftatuen als in gröfseren Compofitio. nen, welchen( wie bei den Giebelfculpturen der Sina'fchen Akademie) der orga­nifche Zufammenhang fehlt und wo die Geftalten nur aneinandergereiht ausfehen.