Die Sculptur.
35
Von belgifcher Plaftik machten fich zunächft die Arbeiten Ch. A. Fraikin s bemerkbar. Seine Marmorgruppe„ ein erftes Kind" war mit viel Leben aufgefafst; nur drängte fich bei dem fchon an und für fich unplaftifchen Motive das Sinnliche etwas zu derb in den Vordergrund. Des Künftlers Büfte der Königin und Dutrieux Büfte des Königs waren hübfch modellirt, weiteres Intereffe boten fie nicht. Glänzend war von den Belgiern die Medailleurkunft in den Namen Sandoz, Jacques und Charles Wiener und J. Danfe vertreten.
Von den Schweizer Plaftikern waren F. Schlöth aus Bafel( derzeit in Rom) und Rob. Dorer( Baden, Argau) mit bedeutenden Arbeiten auf der Ausftellung erfchienen. Von Schlöth ift zunächft das für Bafel beftimmte Jakobsdenkmal zu verzeichnen, welches in der Rotunde ausgeftellt war. Die fchlechte Beleuchtung, fowie die ftörende Umgebung vereitelten wohl einen ruhigen Totaleindruck des Werkes, wie es überhaupt ftets mifslich bleibt, fürs Freie beftimmte Plaftik im gefchloffenen Raume zu beurtheilen.
So viel konnte jedoch wahrgenommen werden, dafs die äufserft lebendig componirten Figuren ihren Effect nicht verfehlen werden; die Geftalten am Piedeftal dürften unferes Erachtens nur zu bewegt gehalten fein, und das Auge von der Hauptgeftalt, welche denn doch zunächft imponiren mufs, zu fehr ablenken. Ob die Wirkung nicht einheitlicher wäre, wenn die gigantifche Helvetia, ftatt mit fliegender, in ruhiger Drapirung erfchiene, wollen wir hier blos berühren; zum Mindeften erreichte Dorer mit feinem„ Genfer Nationaldenkmal" in der ruhigen, würdevollen Auffaffung feiner Geftalten denfelben, wenn nicht noch grösseren Effect. Dorer's Werk baute fich auch fchon vom Piedeftal an in fchöner Harmonie auf, und wäre dafür nur ein befferer Ort der Aufftellung( als in der Rotunde) wünschenswerth gewefen. Von Schlöth ift dann noch ein Marmorrelief„ Ganymed vom Adler in dem Olymp getragen" als lebendig componirt und fleifsig durchgeführt zu erwähnen; feine Marmorgruppe„ Adam und Eva" erhob fich jedoch nicht viel über akademifch ftilifirte Actftudien. Recht zart behandelt und gelungen, in die Kreisform componirt, waren Ruf's Marmorreliefs die vier Tageszeiten".
" 9
Von Spanien, dem Heimatlande Murillo's und Velasquez's, wo heutzutage wohl die Kunft im tiefen Schlummer ruht, hatten nur zwei Bildner aus Barcelona, A Vallmiyana und R. Nobas, ausgeftellt, und zwar erfterer einen fehr fchön gearbeiteten Chriftus im Grabe"( Marmor) und letzterer eine charaktervolle Büfte des Dichters des Don Quixote.
90
Längft find die Hallen im Prater gefchloffen und in alle Welt zog wieder heimwärts oder ging dem Orte feiner Beftimnung zu, was fich zum internationalen Fefte als Culturzeugnifs eingeftellt hatte. Rafch blättert die Zeit im Buche der Ereigniffe und fchlägt im Fluge in die Vergangenheit, was in der Zukunft verborgen ruht. Manches Blatt fällt wohl der Vergeffenheit anheim, und manches erlebte Ereignifs ftreift fpäter in der Erinnerung nur einem Irrwifch gleich durch die Gedankenwerthlos dem Streben und Ringen unferes Dafeins! Wohl Keinem von all' den Taufenden, die im Sommer 1873 von Nah und Fern nach den Paläften des Praters hinab gewandert, werden jedoch die Tage des dortigen Aufenthaltes fobald aus dem Gedächtniffe entfchwinden; das Riefenwerk, wie es in niedagewefener Pracht vor Augen lag, hat in feiner Grofsartigkeit und feinem Reichthume gewifs auf Jeden den unvergesslichften Eindruck gemacht. Theilte fich das Intereffe auch zunächft in Fachgruppen und fuchte jeder vorerft das„ Seine" unter dem Ausgeftellten: in den Hallen der Kunft traf fich alle Welt und wird ihr Andenken allerorts am lebendigften bleiben; fand doch ein Jeder in den mannigfachen Reflexen des Lebens und der Natur, was feinem Empfinden fympathifch war und die Funken wohlthuend entflammte, die das Leben fonft gebunden hält.
Gleichgiltig wandeln wir oft an Dingen vorbei, die, von des. Künftlers Hand dargestellt, uns anregen und zum Nachdenken auffordern; felbft das Unbe