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Armand Freiherr von Dumreicher.
Augen führten und fie auf Bemühungen aufmerkfam machten, durch welche fremde Unternehmer mittelft vervollkommneter Technik ihnen einen bisher ficher beherrfchten Markt abzujagen drohten, regten fie die Einen zu frifchem Nach- und Aufftreben an, rüttelten Andere aus felbftbefpiegelndem Narcifsdafein auf und wirkten befruchtend und anfpornend in taufendfacher Beziehung. So hat denn auch das Intereffe an den Fragen des gewerblichen Unterrichtes von Ausstellung zu Ausftellung eine Steigerung erfahren, und heute wird bereits von keiner Seite mehr verkannt, wie bedeutfam für jeden Staat das Studium des induftriellen Bildungswefens feiner Concurrenten ift.
In den dem Unterrichte gewidmeten Abtheilungen der Wiener Weltausftellung entfalteten fich lehrreiche Bilder der Pflanz- und Pflegeftätte jener gewerblichen Kräfte, deren mächtiges Schaffen wir in fo vielen anderen, den Gewerben angewiefenen Gruppen exponirt fahen. Doch zeigte die Ausftellung anderfeits, dafs faft in ganz Europa, einige kleinere Länder ausgenommen, das GewerbefchulWefen noch in anfänglichen Entwicklungsftadien befangen ift und eine allfeitig befriedigende Ausgeftaltung erft von der Zukunft erwarten läfst.
Aber gerade diefes Werden der heranwachfenden Schöpfungen zu verfolgen, wie es von einer Ausftellung zur anderen ftets deutlichere Umriffe und feftere Form gewinnt, bietet ja der Beobachtung die belehrendften Erfcheinungen und dem Studium den feffelndften Reiz.
Neben allen diefen in knappfter Kürze angedeuteten focialen und national ökonomifchen Gefichtspunkten, welche heute der Werthfchätzung des gewerblichen Unterrichtes fo fehr zu Statten kommen, macht endlich zu deren Gunften noch ein ftärkster Zug der Zeit fich geltend, welcher, Hoffnungen fchwellend, fchon jetzt unfere Tage verfchönt: mit der ganzen Macht einer rein geiftigen, von idealem Bedürfniffe getriebenen Bewegung vollzieht das Abendland eine Wandlung und Läuterung feines Gefchmackes. In einigen der gröfseren Brennpunkte europäifcher Cultur fieht die Gegenwart eine begeiſterte Schaar beredter Verkünder der Reform unermüdlich thätig; fie wirkt in Wort, in Schrift, in Bild auf die Zeitgenoffen und verfteht fich mit wunderbarem Eifer und Gefchick darauf, das Volk für ihre äfthetifche Ueberzeugung zu erwärmen.
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Ihre rafche Entfaltung hatten auch diefe Beftrebungen der Entwicklung des Ausstellungswefens zu danken. Was die feineren und reicheren Geifter fchon vorher mit Unbehagen empfunden: die jämmerliche Zerrüttung und Verwahrlofung des Gefchmackes im europäiſchen Gewerbe, das ftellte die erfte internationale Ausftellung zu London in craffer Realität und Vollständigkeit vor aller Welt Augen. Man erkannte nicht blofs den Mangel an Einheit und Originalität, die charakterlofe Mannigfaltigkeit der Imitationen, die Verwirrung und Vermifchung der Stile, fondern man fah auch, dafs in aller induftriellen Thätigkeit das Kunftgefühl überhaupt zu Grunde gegangen fei, dafs man die Gefetze der Farben verkenne, dafs man vom Relief kein Verſtändnifs, fo wenig wie Gefühl für die Linie habe, dafs man überhaupt gar nicht mehr wiffe, was fchön fei, ja was nur Wirkung mache."( J. Falke.
Die Erfahrungen jener erften Weltausftellung, welche unter Anderem unferen Gewerbetreibenden auch die werthvolle Bekanntfchaft mit der künftlerifch weit überlegenen Induſtrie der orientalifchen Völker eingetragen hatte, zeitigten alsbald ihre Früchte. England ging mit der epochemachenden Gründung des South- Kenfington- Muſeums und einer mit felbem verbundenen KunstgewerbeSchule voran. Oefterreich folgte im Jahre 1864 als der erfte der Staaten des Feftlandes mit der Errichtung eines ähnlichen Muſeums nach, und adjungirte diefem einige Jahre fpäter gleichfalls eine Schule, welche alsbald folche überrafchende Erfolge erzielte und darum auch fo grofse, alle Erwartung überbietende Theilnahme fand, dafs ihr bereits feit mehr als Jahresfrift der in einem ausgedehnten neuen Gebäude reichlich zur Verfügung geftellte Raum zu enge und die Führung eines abermaligen Neubaues nachgerade unabweisbar geworden ift.