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Das gewerbliche Unterrichtswesen : (Gruppe XXVI, Section 4) ; Bericht / von Armand von Dumreicher
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Armand Freiherr von Dumreicher.

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eine in fich abgefchloffene Bildung für den praktifchen Beruf zu geben, als auch für das Studium an einem Polytechnicum vorzubereiten eine Verquickung zweier Ziele, welche manche Nachtheile mit fich bringen mag, aber auch nicht ohne gute Seiten in focialer Beziehung fein dürfte.

Die verhältnifsmäfsig liebevollfte Pflege finden in Baiern die Kunstgewerbe. Die königlichen Kunstgewerbe- Schulen in München und Nürnberg nehmen einen fehr bedeutenden Rang unter den ähnlichen Anftalten Deutfchlands ein; ja die letztgenannte Schule hat innerhalb der deutfchen Reichsgrenze überhaupt kaum eine ebenbürtige Rivalin..

An der Münchener Kunftgewerbe- Schule wird fowohl im Ornamentenzeich­nen nach plaftifchen Vorbildern als auch im Zeichnen, Coloriren und Entwerfen von Flachornamenten für die in der Textilinduftrie nothwendige Decoration, für Tapeten etc Unterricht ertheilt; ferner im Modelliren in Thon und Wachs, im Schnitzen, Treiben, Cifeliren und Emailliren. Eine erhöhte allgemeine künft­lerifche Bildung der Gewerbetreibenden fucht die Schule durch Unterricht im architektonifchen Zeichnen wie durch Vorträge über Kunftgefchichte und Stillehre zu erzielen.

Unter den Aufnahmsbedingungen findet fich neben der Forderung genü­gender Vorkenntniffe im elementaren Freihand- und Linearzeichnen auch der Nachweis über zurückgelegte Lehrjahre eines Kunftgewerbes vorgefchrieben.

Ziele von bedeutendfter Höhe ftellt fich die unter v. Krelings Leitung blühende königliche Kunftgewerbe- Schule in Nürnberg. Der Zeichenunterricht an diefer Anftalt umfafst Ornamentzeichnen, Zeichnen nach dem lebenden Modelie, Ausführung von Cartons für Gemälde u. f. w. Gemalt wird nach plaftifchen Gegen­ftänden wie nach dem lebenden Modelle und die Ausführung eigener Compofi­tionen bildet den Höhepunkt der künftlerifchen Leiftungen diefer Gruppe. In der Abtheilung für Sculptur reicht der Unterricht gleichfalls bis zum Modelliren nach dem lebenden Modelle und nach eigener Compofition, und wird aufserdem die Technik der Holzfchnitzerei, des Gravirens und Cifelirens und des Erzgiefsens gelehrt. Die Architekturabtheilung endlich leitet ihre Schüler zu ftilgerechter Löfung kunftgewerblicher Aufgaben an und bewegt fich hiebei faft ausschliesslich in den Formen der Renaiffance und Gothik.

Wenn wir von allen gleichartigen Lehranstalten Deutfchlands nur der Nürn berger eine eigenthümliche und ziemlich felbftftändige ftiliftifche Richtung zuer­kennen dürfen, fo mag fich folche Thatfache aus alten und glänzenden reichs­ftädtifchen Traditionen erklären, welche für die künftlerifchen Strebungen der Gegenwart einen unerfchöpflichen Boden abgeben.

Ein rühriges gewerbliches und künftlerifches Leben der Umgebung kömmt der Nürnberger Schule mannigfach zu Statten, und aus dem Beftande der neu­angelegten Gallerie auf dem Rathhaufe, wie des germanifchen Muſeums, der Merkel'fchen Sammlung und vor Allem des vor wenigen Jahren gegründeten baieri fchen Gewerbemuſeums erwächft dem kunftgewerblichen Unterrichte reichliche Anregung und Unterstützung.

Württemberg. Gröfsere Aufmerkſamkeit als irgend welcher andere Staat wendet Württemberg feit einigen Decennien dem gewerblichen Unter­richtswefen zu.

Die königliche Baugewerk- Schule in Stuttgart, eine reich dotirte, von etwa 700 Schülern befuchte Anftalt, ertheilt im Winterhalbjahre einen nur die Bildung der Volksfchule und einige praktiſche Verwendung in einem Baugewerbe voraus­fetzenden fyftematifchen Unterricht in den bau- und mafchinen- technifchen Fächern. Die Lehrgegenftände der einzelnen Fachabtheilungen find in der Regel auf fünf halbjährige Curfe vertheilt. Aufser den Mafchinenbauern und Bau Handwerkern fteht die Schule auch den Arbeitern anderer mehr oder minder verwandter Gewerbe offen: als Schieferdeckern, Schloffern, Glafern, Schreinern und Drechs lern, Stuccateuren, Graveuren, Gold- und Silberarbeitern u. f. w. Der von der