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Der Blinden- und Taubstummenunterricht : (Theilbericht der Gruppe XXVI) ; Bericht / von Eduard Kaltner
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Der Blinden- und Taubftummen- Unterricht.

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Für den Unterricht in der Phyfik fanden wir nur bei Dresden das Modell eines Saugwerkes, des Auges und des Ohres, eine Locomotive mit beweglichen Beftandtheilen.

Für den Gefchichtsunterricht dienen Lehrbücher und für Taubftumme Abbildungen wichtiger Begebenheiten.

Zum Unterrichte in der Geometrie fanden wir von Schwarz aus Brünn auf einem Brete die verfchiedenen geometrifchen Formen aus dünnen Blechftreifen ins Holz eingelaffen, fo wie in Druckfabriken oder zum Vordrucken für weibliche Handarbeiten, als: Schlingen, Sticken die Modelle herge richtet werden.

Geometrifche Körper aus Holz waren ausgeftellt vom Blindeninftitute in Brünn und Dresden. Von letzterer Anftalt lagen auch hölzerne Dreiecke zur Zufammenftellung verfchiedener geometrifcher Formen auf.

Einfache, taftbar dargeftellte Zeichnungsvorlagen waren von Glötzl, Hauptlehrer des Wiener Blindeninftitutes, ausgeftellt. Blinde ftellen ihre Nach­ahmungen geometrifcher oder anderer Zeichnungen mittelft Stecknadeln auf Kiffen oder auch dadurch her, dafs fie in Wachsflächen mit einem Stifte die Figuren einzeichnen. Auch benützen Blinde dünne Holzftäbchen zur Zufammen­fetzung geometrifcher Formen( Stäbchenlegen und Erbfenarbeiten) oder Streifen aus Papier oder Pappe, oder fie fchneiden Figuren aus Pappe u. f. w.

Handarbeiten.

Arbeit und Sparfamkeit führen zum Wohlftand und zur Zufriedenheit; Arbeit fchützt aber auch gegen Müffiggang und bewahrt vor einer Menge von Sünden und Laftern und ift ein vortreffliches Mittel zur Erhaltung der Gefundheit; Arbeit gibt reichen Stoff zur Geiftesthätigkeit und bietet reines, unverfälschtes Vergnügen.

Auch der Blinde fühlt in fich den natürlichen Trieb zu körperlicher und geiftiger Thätigkeit; wird diefer Trieb nicht befriedigt, fo verfällt er in Trübfinn, endlich in Stumpffinn und Lafter.

Der Unterricht in allen Blinden und Taubftummen Inftituten führt ftufen­weife auch zur nützlichen Befchäftigung, und fucht allmälig die Zöglinge dahin za bringen, dafs fie in fpäteren Jahren als nützliche Glieder menfchlicher Gefell­fchaft daftehen, dafs fie nicht mehr ihren Mitmenschen zur Laft fallen, fondern felbft für ihren Lebensunterhalt zu forgen im Stande find; ja, dafs fie eine gewiffe innere Ruhe des Gemüthes erlangen und fich mit innerer Selbftbefriedigung fagen können: Auch ich bin kein dürrer Aft an dem unendlichen Baume der irdifchen Welt, auch ich trage nützliche Früchte!" Wenn wir es dahin gebracht

haben, dann erft ift unfer Werk gelungen und wir können fagen:

" Wir haben dem Blinden das Auge, dem Taubftummen das Ohr und die Sprache gegeben, die ihnen die Natur verfagt hat!"

Schon während des eigentlichen Schulunterrichtes beginnen die Zöglinge irgend eine Arbeit zu lernen. Bei Taubftummen find die Schwierigkeiten viel geringer als bei den Blinden.

Die Anfichten, welche Arbeiten die Blinden lernen follen, find verfchieden. So lernen die männlichen Zöglinge des Blindeninftitutes in Dresden nur Seilerei und Korbflechterei. Mit Schuhmacher- Arbeiten wurde der Verfuch gemacht, es wurde aber davon wieder abgegangen, während diefe Profeffion im Blinden­inftitute in Wien, Kopenhagen und anderen mit Vortheil betrieben wird. fo manchen divergirenden Anfichten hat der von Dr. Frankl einberufene Blinden­lehrer- Congrefs eine Einigung erzielt oder wenigftens angebahnt.

In

Es fei uns hier geftattet, einige Grundfätze, die bei dem Erlernen von Handarbeiten leitend fein follen, und die theilweife auch beim Congreffe aus­gefprochen und angenommen wurden, aufzuftellen.