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Dr. Erasmus Schwab.
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lichen Unterricht befchränkten, hat die öfterreichifche Mufterfchule den Verfuch gemacht, die ganze neue Erziehungsidee, wie fie feit Peftalozzi bis auf die Gegenwart fich geftaltet hat, in eine concrete Form zu bringen und fie auf das fchwerfte Problem auf die einclaffige Volksfchule anzuwenden. Die geiftige Leitung des Ganzen war fich dabei gar wohl bewufst, dafs viele auf das Volkswohl abzielende Gedanken, die ihr am Herzen liegen, gewifs in die Stadtfchule dringen werden, fobald durch diefes Object jedem denkenden Befucher klar geworden war, dafs diefe Mittel einer forgfältig und grofsartig gedachten Volkserziehung felbft in der Bauernfchule nicht entbehrlich find.
Die öfterreichifche Mufterfchule hat darum bei der Darftellung der dem Comité vorfchwebenden Erziehungsidee nicht auf das vorfchulpflichtige Kindesalter vergeffen; fie hat in dem Zimmer für weibliche Handarbeiten, wie in dem Obftgarten des Schulgartens die Keime der Bewahranftalt und des Kindergartens feftgehalten; fie hat, der öfterreichifchen Schulgefetzgebung in etwas vorgreifend, die ländliche Fortbildungsfchule in Schule und Schulgarten, welcher zunächſt als ein lebendiges Stück Heimatskunde im knappften Rahmen aufgefafst ift, zu formen verfucht; fie hat endlich mit Bezug auf die eigentliche Volksfchule fich an die Löfung des fchwierigen pädagogifchen Problems gemacht, wie die Arbeit als erziehendes Moment in den Organismus der Volksfchule einzubeziehen ift, ohne den Charakter derfelben zu fchädigen. Sie hat weiter eine theilweife Reform der Lehrmittel unferer Volksfchule als nothwendig nachgewiefen und gezeigt, nach welcher Richtung und wie diefe Reform ohne grofse Koften durchgeführt werden könne. Ueberdiefs hat fie der Bibliothek für Lehrer und Schüler eine kleine Sammlung gewählter Bücher für die Erwachfenen des Dorfes und fpeciell eine kleine landwirthschaftliche Bibliothek beigefügt.
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So hielt fich diefes Object von Allem, was nur zu müffiger Schau oder zur Blendung des Laien dienen konnte, fern und lud zu liebevoller Vertiefung und ernfter Geiftesarbeit ein. Jedes Volk fpiegelt fich in feiner Volksfchule charakteriftifch ab. Die öfterreichifche Schule bildete das ausgefprochenfte Widerfpiel des amerikanifchen Schulhaufes. Diefes trug den Stempel des praktiſchen Sinnes, aber auch der Nüchternheit; jene zeigte fo recht die deutſche Art zu fühlen und zu denken, und feine Stärke lag ausgefprochenermafsen in der innigen Verfchmelzung der Poefie des Kinderlebens mit dem Principe der Unterrichtsund Erziehungsmethode, fowie des Lebens im Allgemeinen. Die ganze Welt des Schulkindes wurde hier vorgeführt und gezeigt, dafs die Schule das Kind- während eines Theiles der Arbeit dorthin zu bringen vermag, wo fein Paradies ift, ins Grüne, zwifchen Blumen und Bäume und Schmetterlinge und Vogelfang. Die Sprüche im Schulzimmer, am Fries des Vorhaufes, beim Eingange u. f. w. legten faft das ganze neue Erziehungsprogramm vor, zurechtgelegt für den Mund des Schulkindes. Das farbige Glas der hohen gothifchen Fenſter des Stiegenhaufes, die mufikalifche Sammlung des Schulhaufes, der Garten, in welchem jedes Mädchen fein Blumenbeetchen hatte, diefs und Anderes erwies fich als ein Stück poetifchen Elementes diefer Schule, welche fich auch die Aufgabe gefetzt hatte, in Allem und Jedem eine Schule des Gefchmackes für das Volk zu
werden.
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Trotzdem die öfterreichiſche Mufterfchule das idealfte unter den Schulhäufern der Ausftellung war, verabfäumte es nicht, den Gemeinden zu zeigen, woher die Mittel zur Hebung der Schulen befchafft werden können( Schulgarten und im Anfchluffe an denfelben die Verfchönerung des Dorfes durch Obftbaumpflanzungen längs der Strafsen und Wege, die Einführung von Befchäftigungen für die Kinder in der„ Schulwerkſtatt").
Das Comité liefs eine Befchreibung feines Objectes herausgeben, welche, nur II Seiten umfaffend, beftimmt war, jedem denkenden und guten Menfchen kräftige Anregungen zu geben, die Herzen für die dargestellte Idee zu erwärmen und die Hände für deren Ausführung im Leben zu öffnen. Defsgleichen erſchienen