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Dr. Carl Th. Richter.
ftens gefchützt werden, haben eine grofse Entwicklung erreicht. Wenn die Schulbibliotheken heute in Frankreich bei den 30.000 öffentlichen Schulen wenigftens bei einem Drittel eingeführt find, fo zählen Paris und die gröfseren Städte Frankreichs nach Hunderten ihre Arbeiter und Volksbibliotheken. Auch ift es bekannt, wie viel der Franzofe, zumeift von der rafch auftretenden Tagesliteratur lieft, und dafs gerade dadurch die Schriftfteller Frankreichs fo rafch populär werden. Es wäre daher gewifs höchft fchätzenswerth gewefen, wenn man von Frankreich eine Darftellung feines Volks- und Arbeiter- Bibliothekswefens, aber auch dabei der Benützung der Bibliotheken erhalten hätte. Wir meinen damit, diefs fei hier gleich erwähnt, keineswegs blofs die Angabe der Zahl der benützten Bücher, denn diefelbe hat nur einen verfchwindenden Werth. Wir meinen damit eine Statiſtik der Bücher und der Zahlen, nach denen man erkennt, wie oft gewiffe Bücher ausgeliehen und benützt worden find. Es ift gewifs charakteriftifch, dafs man nur felten in den Lefecabineten von Paris, die zu gleicher Zeit kleinere oder gröfsere Bibliotheken haben, in den letzten fechziger Jahren, alfo in einer Zeit, in welcher das napoleonifche Regiment die Gemüther fehr düfter ftimmte, dafs in diefer Zeit nur felten Thiers' franzöfifche Revolutionsgefchichte vorhanden und zu haben war. Und das wäre die Aufgabe einer Darftellung des allgemeinen Volksund Bildungswefens, fo weit es eben das Bibliothekswefen betrifft. Man mufs zeigen, welche Bücher und wie vielfach diefelben Bücher vom Volke begehrt werden. Nur dadurch läfst fich aus dem Bibliothekswefen ein richtiger Schlufs auf Verbreitung und Nutzen der Literatur ziehen.
Wie weit die übrigen romanifchen Völker, Portugal, Spanien, Italien fich in diefem Gebiete feit den letzten Jahren entwickelt und hervorgethan haben, wiffen wir nicht. Die Ausftellung hat uns in Nichts darüber einen Auffchlufs gegeben. Bedeutend dagegen find feit den letzten Jahrzehnten die Fortfchritte des Volkes und Arbeiter- Bildungswefens in Schweden, und wenn es wahr ift, dafs das Verfchwinden des Branntwein- Trinkens mit der Verbreitung der Bildung in den niederen Volksclaffen gleichen Schritt hält, dann kann in der That die Verminderung der Branntwein- Production auf die Entwicklung des Volks Schulwefens und die Vermehrung der Volksbibliotheken zurückgeführt werden. In den fünfziger Jahren betrug die Zahl der Branntwein Brennereien in Schweden 4500 und betrug die gefammte Production mehr als 30 Millionen Kannen. In den fechziger Jahren war die Anzahl der Brennereien auf 4- bis 600 gefunken und betrug die Production kaum mehr als 14 Millionen Kannen. Diefs Verhältnifs ift heute noch geltend und, fagt die amtliche Statiſtik Schwedens, die Zahl der Verbrechen hat in dem nämlichen Verhältniffe abgenommen, wie der Branntweinverbrauch. ,, Das ift ein grofser, gefellfchaftlicher Vortheil." Eines der befonderen Lafter der nördlichen Länder hat fomit in Schweden an Boden verloren und wenn auch die fortgefetzte Erhöhung der Branntwein- Steuer und die Vergröfserung des Bierconfums den gröfsten Antheil an diefem günftigen Verhältniffe haben, fo hat doch die Verbreitung einer allgemeinen Bildung die Sittlichkeit des Verhältniffes und das zufriedene Ertragen desfelben fehr befördert. Es gibt in Schweden kaum zwei von je hundert Kindern, welche keinen Unterricht empfangen und wie eigenthümlich das Elementar- Unterrichtsfyftem zumeift in den nördlichen Theilen des Landes durch den wandernden Schullehrer, der von Flecken zu Flecken, von Haus zu Haus für einige Wochen feinen Unterricht ertheilt, auch fein mag, die Unterrichtsentwicklung ift doch in Schweden eine äufserft glückliche und günftige. Jedermann kann lefen und die Buchdrucker- Preffen find dauernd und vollauf befchäftigt. Im Verhältniffe zur Bevölkerung hat Schweden die meiſten Zeitungen. Es ift daher natürlich, dafs auch das Volks- Bibliothekswefen eine entsprechende Entwicklung erfahren hat, und fehr anmuthig und anziehend war die faubere Ausftellung einzelner Mufterwerke der fchwedifchen Schul- und Volksbibliotheken im fchwediſchen Schulhaus. Seit ungefähr fünfzehn Jahren hat man, die Nützlichkeit der Volksbibliotheken erkennend, folche in allen Gemeinden anzulegen begonnen